/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Die Berliner Mauer – ein Märchen für das Mädchen

Евгений Перепечаев

Was wissen unsere Kinder und Enkelkinder über den Mauerfall, woran erinnern wir uns selbst? Auf diese Fragen gibt unerwartete Antworten ein Schriftsteller, der aus Kijew kommt und der 1989-91 Jahren in Deutschland arbeitete. Diese Erzählung besteht nicht aus Erinnerungen, es ist eine witzige Geschichte im extravaganten Still des Magischen Theaters von H.Hesse, eine Parodie auf Spionen Filme, die von einem russischen «Diplomat»  erzählt wird – er mag «Warsteiner», schöne Frauen und Hard Rock, und er hat zusammen mit Gorbi die Mauer zerstört. Diese kurze Erzählung wird Ihnen garantiert die Stimmung heben. Die Erzählung gehört zu dem Zyklus «Das Hohelied des alten Rockers», dass im Herbst dieses Jahres erscheinen wird.

Die Berliner Mauer – Märchen für Mädchen

Dunst über dem Wasser

und Feuer im Himmel

(„Smoke on the Water“, Deep Purple)

Wir trinken Kaffee, rauchen, und sie zeichnet mit dem Finger die auf meinem schwarzen T-Shirt gedruckten Buchstaben nach:

- „Hard Rock Cafe, Berlin“ … du warst in Berlin?

- Weißt du, was die Berliner Mauer ist?

- Natürlich … das ist doch … also ..., weiß ich nicht genau.

- Das war die Betonmauer zwischen West- und Ostberlin.

Vor zwanzig Jahren habe ich sie auseinandergenommen.

- Du?! Ernsthaft?

- Klar, ich – Gorbi und ich; und dann waren da noch Deutsche.

- Hattest du vor denen keine Angst? Warst du sowas wie James Bond? Hattest du eine Pistole?

Und Gorbi war dein Partner? Nun erzähl doch schon!!

Sie rutscht aufgeregt hin und her; Wolken verdecken die Sonne, es wird dunkel, die Geräusche des Ventilators in unserem Rücken erinnern an das Knattern eines Projektors, Schatten ziehen herauf. ...Ein roter „Ferrari“ und ein schwarzer „Porsche“ brausen von Nizza nach Monaco, dunkle Brillen verbergen die Gedanken, das Bein tritt das Gaspedal durch, der Wind zerzaust das Haar der schönen Brünetten...leichter Dunst zieht sich über dem Meer zusammen...

* * *

...in der Hand hielt ich - nein, keine Pistole – ein Glas Sekt und schritt, bemüht, niemanden anzustoßen, über das Parkett des Festsaales der Botschaft auf der Unter den Linden; Gorbatschow war bereits abgeflogen, Honecker war schlafen gefahren, und die „Spione wie wir“, die Einfacheren, bemühten sich, noch irgendetwas köstlich-exotisches zu finden, oder wenigstens einfach schwarzen Kaviar, - der Empfang zu Ehren des 40.Jahrestages ging zuende. Die Stimmung bei allen war schon leicht bedenklich, und ich begab mich, nachdem ich mir den Bauch mit den Delikatessen der Botschaft vollgestopft hatte, hinaus in die Herbstnacht. Ich musste nach rechts, zündete mir eine Zigarette an: Berlin schlief auch noch nicht, eine Gruppe deutscher Genossen bewegte sich singend nach links Richtung Friedrichstraße, man hörte Rufe: „Gorbi, Gorbi!“; Dunst stieg von unten auf, der Himmel färbte sich bunt von der Explosion von Feuerwerkskörpern; ich bog nach links ab.

Die Deutschen waren in heller Aufregung, aber das war nicht der fröhliche Lärm von Betrunkenen, obwohl sie natürlich auch genug Bier getrunken hatten; sie strahlten irgendetwas für mich Unverständliches aus: so etwas wie Übermut; man hörte Lieder, sah Fahnen, und es wurden immer mehr, ein ruhiger Bach verwandelte sich in einen reißenden Strom.

...dort scheint es Freibier zu geben … Bier auf Whisky schafft manches Risiko … ach … da ist der Bahnhof … Sackgasse … Checkpoint Charly … die Grenze … die Mauer.

Wir schwammen mit dem Strom, hoben und senkten uns mit der Welle, drehten uns im Strudel … irgendetwas dämmerte mir, als ich in das Gesicht eines großen Negers in amerikanischer Uniform blickte, der mich anlächelte; der Strom verbreitete sich in der Ebene und ich begriff, dass wir schon in Westberlin waren … aber der Vorhang … wo war der eiserne VVV... mir klapperten vor Aufregung die Zähne; ich bin durch die Mauer gegangen, es gab keinen eisernen Vorhang mehr. „Freiheit, Gorbi!“ Freiheit? Für alle … auch für mich? Ich bin frei … alles ist erlaubt … für immer? Glauben konnte man es nicht, aber leugnen ebensowenig. Ich sah mich um, sah die Mauer und den Kran, der eines ihrer Teile abtrug; …die Mauer fällt … Ordnung … System …

- Willst du einen Schluck? - unbekannte Menschen hielten mir einen Plastebecher hin, ich trank ihn aus – billiger deutscher Schaumwein, Sekt, - was Schmackhafteres habe ich in meinem ganzen Leben noch nie getrunken; - sie lachten, spritzten den Wein umher, seiften mit dem Schaum vor allem die Mädchen ein, die wehrten sich nicht, jauchzten vor Freude und küssten alle und jeden; mir wurde schwindlig im Kopf, es zog mich hinein in diesen Strudel … Luft … Freiheit …

***

In einer schwarzen halb zerfallenen Kirche kam ich wieder zu mir; Fröhlichkeit auch hier

Kurfürstendamm … hierhin hat es mich verschlagen, ich atmete tief durch – es war eine andere Luft, ich zündete mir eine Zigarette an und lief, wohin mich meine Füße trugen. Nach einem Block oder zwei wandten sich meine Füße nach links, machten noch ein paar Schritte, blieben stehen: Genau über mir, sechs Meter über meinem Kopf, ragte aus der Wand ein Auto …tja … die Feier hat tatsächlich geklappt…was soll^s … Hard Rock Cafe? … ich atmete erleichtert auf und ging hinein. Erregender Sound drang mir durch den Rauchvorhang entgegen:

“Another Brick In the Wall“, es waren viele Menschen da, die Wände mit Postern geschmückt, „Goldene Schallplatten“ und Gitarren lagen in erleuchteten Glasvitrinen. Ein gutes Endergebnis für die Freiheit … einen Platz zu finden wäre nicht schlecht.

- Hej, Bursche, setz dich zu uns und trink einen Schluck mit uns.

Nach einer Minute stand ein Bierkrug mit einer gotischen Aufschrift WARSTEINER vor mir,

ich trank ihn gleich zur Hälfte leer und schaute mich nach allen Seiten um. Was für sympathische Burschen, diese Deutschen sind, und warum liebt man sie bei uns nur nicht … Deep Purple lösten Pink Floyd ab, und alle stimmten bei Gillan ein: „Smo...o..oke on the Water...“, irgendwer trat als Blackmore  mit Gitarre auf, ein anderer sang in sein langes Bierglas hinein. Ich sang mit allen mit und war bereit, für immer hier zu bleiben – wenn sie mich aufnehmen würden.

…ich ging die Wand entlang und betrachtete die Hardrocktrophäen: ein Foto mit den Unterschriften vonJimmi Hendrix und Jim Morrison; weiter zu einer Lightbox mit einer Gitarre – irgendetwas gab mir einen Stoß in der Brust … der weiße Fender Stratocaster … woher komme ich… eine Aufschrift auf dem Korpus … ich kann sie nicht lesen … strenge meine Augen an … Warsteiner stört Ritchie Blackmore? DIESE Gitarre hörte ich fünfzehn lange Jahren hinter dem eisernen Vorhang; genau diese? Dieses bezaubernde Btrett half mir Breshnew, Tschernenko, Andropow zu überleben … ich bin in Rom … der heilige Stuhl … der Papst … Du lieber Gott … ich knie mich nieder, für heute reicht es.

… ich fühle eine Hand auf meiner Schulter … ER…selbstpersönlich … mit einem Ruck erhebe ich mich und drehe mich um – vor mir steht eine Kellnerin: eine echte Brunhilde, ihr goldenes Haar umspielt den Montblanc ihrer Brust im quadratischen Ausschnitt … irgendwo bin ich … sie … schon … eine Alpenwiese … eine Weide … ja … wie aus der Werbung!

- Bist du Ossi?

- Ozzi?! Osbourne? …sehen wir uns denn so ähnlich?...erleichtert atme ich aus – ich habs kapiert: „Nein, ich bin Russisch“

- Russisch…guuut … und wo ist Gorbi?

- Gorbi? Der ist kurz ausgetreten, er kommt gleich – bist du bereit?

- Ich bin immer bereit, du rrrussisher … Wüüüstling!

Wüstling? Schnell senke ich den Blick auf meine Hose– alles in Ordnung. Sie schaut mir gerade in die Augen, gibt einen undefinierbaren Ton aus dem Unterleib von sich, packt mit beiden Händen den Aufschlag meiner Jacke, zieht an ihren Montblanc und saugt sich so an meinen Lippen fest, als wäre die Arche Noah zerschlagen, alle umgekommen, und nur wir zwei stehen auf der Spitze des Ararat; ich drücke mich gegen die Scheibe der Lichtbox … die Gitarre! … nehme sie über die Schulter, um zu drehen und rette das Heiligtum - Ich hätte besser ein Streichholz an ein Pulverfass halten sollen – wir fallen auf das Ledersofa; man hört Gejohleund Gejubel …so ist das also … Theater … Harri der Steppenwolf … ich … jetzt verstehe ich alles … ich habe es kapiert … woher sie kommt … diese Freiheit …

***

Jetzt, nach zwanzig Jahren, verstehe ich: weder Gorbi noch ich oder selbst die Deutschen waren in der Lage, die Mauer einzureißen und das ganze Durcheinander anzurichten, - das hat der alte Hermann gemacht: er hat uns alle in sein magisches Theater gesteckt, aber mir tut es leid, das Mädchen enttäuscht zu haben, und ich fange an:

… ich hielt ein Glas Sekt in der Hand und schritt, bemüht, niemanden anzustoßen, über das Parkett des Festsaales der Botschaft auf der Unter den Linden. Unser Mann kam zu mir und sagte: „Genosse Gorbatschow wartet im Auto auf Sie.“

Ich schlug leise die Hacken zusammen, stellte mein Glas ab und verließ das Gebäude – Dunst stieg von unten auf, der Himmel färbte sich bunt von der Explosion der Feuerwerkskörper ...