/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary,

Ein Kampf

Patrick Süskind


Patrick Süskind

Ein Kampf

An einem frühen Abend im August, als die meisten Menschen den Park bereits verlassen hatten, saßen sich im Pavillon an der Nordwestecke des Jardin du Luxembourg noch zwei Männer am Schachbrett gegenüber, deren Partie von einem guten Dutzend Zuschauer mit so gespannter Aufmerksamkeit verfolgt wurde, daß, obwohl die Stunde des Aperitifs schon näher rückte, niemand auf den Gedanken gekommen wäre, die Szene zu verlassen, ehe der Kampf sich nicht entschieden hätte.

Das Interesse der kleinen Menge galt dem Herausforderer, einem jüngeren Mann mit schwarzen Haaren, bleichem Gesicht und blasierten dunklen Augen. Er sprach kein Wort, bewegte keine Miene, ließ nur von Zeit zu Zeit eine unangezündete Zigarette zwischen den Fingern hin und her rollen und war überhaupt die Nonchalance in Person. Niemand kannte diesen Mann, keiner hatte ihn bisher je spielen sehen. Und doch war vom ersten Augenblick an, da er sich nur bleich, blasiert und stumm ans Brett gesetzt hatte, um die Figuren aufzustellen, eine so starke Wirkung von ihm ausgegangen, daß jeden, der ihn sah, die unabweisbare Gewißheit überkam, man habe es hier mit einer ganz außergewöhnlichen Persönlichkeit von großer und genialer Begabung zu tun. Vielleicht war es nur die attraktive und zugleich unnahbare Erscheinung des jungen Mannes, seine elegante Kleidung, seine körperliche Wohlgestalt; vielleicht waren es die Ruhe und Sicherheit, die in seinen Gesten lagen; vielleicht die Aura von Fremdheit und Besonderheit, die ihn umgab – jedenfalls sah sich das Publikum, ehe noch der erste Bauer gezogen war, schon fest davon überzeugt, daß dieser Mann ein Schachspieler ersten Ranges sei, der ein von allen insgeheim ersehntes Wunder vollbringen würde, welches darin bestand, den lokalen Schachmatador zu schlagen.

Dieser, ein ziemlich scheußliches Männlein von etwa siebzig Jahren, war in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil seines jugendlichen Herausforderers. Er trug die blauhosige und wollwestige, speisefleckige Kluft des französischen Rentners, hatte Altersflecken auf den zitternden Händen, schütteres Haar, eine weinrote Nase und violette Adern im Gesicht. Er entbehrte jeglicher Aura und war außerdem unrasiert. Nervös paffte er an seinem Zigarettenstummel, wetzte unruhig auf dem Gartenstuhl hin und her und wackelte ohne Unterlaß bedenklich mit dem Kopf. Die Umstehenden kannten ihn bestens. Alle hatten sie schon gegen ihn gespielt und immer gegen ihn verloren, denn obwohl er alles andere als ein genialer Schachspieler war, hatte er doch die seine Gegner zermürbende, sie aufbringende und geradezu hassenswerte Eigenschaft, keine Fehler zu machen. Man konnte sich bei ihm nicht darauf verlassen, daß er einem durch die kleinste Unaufmerksamkeit entgegenkam. Es mußte einer, um ihn zu besiegen, tatsächlich besser spielen als er. Dies aber, so ahnte man, würde noch heute geschehen: ein neuer Meister war gekommen, den alten Matador aufs Kreuz zu legen – ach was! – ihn niederzumachen, niederzumetzeln, Zug um Zug, ihn in den Staub zu treten und ihn die Bitterkeit einer Niederlage endlich kosten zu lassen. Das würde manche eigne Niederlage rächen!

»Sieh dich vor, Jean!« riefen sie noch während der Eröffnungszüge, »diesmal geht's dir an den Kragen! Gegen den kommst du nicht auf, Jean! Waterloo, Jean! Paß auf, heute gibt's ein Waterloo!«

»En bien, en bien…«, entgegnete der Alte, wackelte mit dem Kopf und bewegte mit zögernder Hand seinen weißen Bauern nach vorn.

Sobald der Fremde, der die schwarzen Figuren hatte, am Zug war, wurde es still in der Runde. An ihn hätte niemand das Wort zu richten gewagt. Man beobachtete ihn mit scheuer Aufmerksamkeit, wie er stumm am Brett saß, seinen überlegenen Blick nicht von den Figuren nahm, wie er die unangezündete Zigarette zwischen den Fingern rollte und mit raschen sicheren Zügen spielte, wenn die Reihe an ihm war.

Die ersten Züge des Spiels verliefen in der üblichen Weise. Dann kam es zweimal zum Abtausch von Bauern, dessen zweiter damit endete, daß Schwarz auf einer Linie einen Doppelbauern zurückbehielt, was im allgemeinen nicht als günstig gilt. Der Fremde hatte jedoch den Doppelbauern gewiß mit vollem Bewußtsein in Kauf genommen, um in der Folge seiner Dame freie Bahn zu schaffen. Diesem Ziel diente offenbar auch ein sich anschließendes Bauernopfer, eine Art verspätetes Gambit, das Weiß nur zögernd, beinahe ängstlich annahm. Die Zuschauer warfen sich bedeutende Blicke zu, nickten bedenklich, schauten gespannt auf den Fremden.

Der unterbricht für einen Moment sein Zigarettenrollen, hebt die Hand, greift nach vorn – und in der Tat: er zieht die Dame! Zieht sie weit hinaus, weit in die Reihen des Gegners hinein, spaltet gleichsam mit seiner Damefahrt das Schlachtfeld in zwei Hälften. Ein anerkennendes Räuspern geht durch die Reihen. Was für ein Zug! Welch ein Elan! Ja, daß er die Dame ziehen würde, man ahnte es – aber gleich so weit! Keiner der Umstehenden – und es waren durchweg schachverständige Leute – hätte einen solchen Zug gewagt. Aber das machte eben den wahren Meister aus. Ein wahrer Meister spielte originell, riskant, entschlossen – eben einfach anders als ein Durchschnittsspieler. Und deshalb brauchte man als Durchschnittsspieler auch nicht jeden einzelnen Zug des Meisters zu verstehen, denn… in der Tat verstand man nicht recht, was die Dame dort sollte, wo sie sich befand. Sie bedrohte nichts Vitales, griff nur Figuren an, die ihrerseits gedeckt waren. Aber der Zweck und tiefere Sinn des Zuges würde sich bald enthüllen, der Meister hatte seinen Plan, das war gewiß, man erkannte es an seiner unbeweglichen Miene, an seiner sicheren, ruhigen Hand. Spätestens nach diesem unkonventionellen Damezug war auch dem letzten Zuschauer klar, daß hier ein Genie am Schachbrett saß, wie man es so bald nicht wiedersehen würde. Jean, dem alten Matador, galt bloß noch hämische Anteilnahme. Was hatte er solch urkräftiger Verve schon entgegenzusetzen? Man kannte ihn doch! Mit Klein-Klein-Spiel würde er wahrscheinlich versuchen, sich aus der Affäre zu ziehen, mit vorsichtig hinhaltendem Klein-Klein-Spiel. …Und nach längerem Zögern und Wägen schlägt Jean, anstatt auf den großräumigen Damezug eine entsprechend großräumige Antwort zu geben, ein kleines Bäuerlein auf H4, das durch das Vorrücken der schwarzen Dame seiner Deckung entblößt war.

Dem jungen Mann gilt dieser abermalige Bauernverlust für nichts. Er überlegt keine Sekunde lang – dann fährt seine Dame nach rechts, greift ins Herz der gegnerischen Schlachtordnung, landet auf einem Feld, von wo sie zwei Offiziere – ein Pferd und einen Turm – gleichzeitig angreift und darüber hinaus in bedrohliche Nähe der Königslinie vorstößt. In den Augen der Zuschauer glänzt die Bewunderung. Was für ein Teufelskerl, dieser Schwarze! Welche Courage! »Ein Professioneller,« murmelt es, »ein Großmeister, ein Sarasate des Schachspiels!« Und ungeduldig wartet man auf Jeans Gegenzug, ungeduldig vor allem, um den nächsten Streich des Schwarzen zu erleben.

Und Jean zögert. Denkt, martert sich, wetzt auf dem Stuhl hin und her, zuckt mit dem Kopf, es ist eine Qual, ihm zuzusehen – zieh endlich, Jean, zieh und verzögere nicht den unausweichlichen Gang der Ereignisse!

Und Jean zieht. Endlich. Mit zitternder Hand setzt er das Pferd auf ein Feld, wo es nicht nur dem Angriff der Dame entzogen ist, sondern sie seinerseits angreift und den Turm deckt. Nunja. Kein schlechter Zug. Was blieb ihm auch anderes übrig in dieser bedrängter Lage als dieser Zug? Wir alle, die wir hier stehen, wir hätten auch so gespielt. – »Aber es wird ihm nichts helfen!« raunt es, »damit hat der Schwarze gerechnet!«

Denn schon fährt dessen Hand wie ein Habicht über das Feld, greift die Dame und zieht… – nein! zieht sie nicht zurück, ängstlich, wie wir es getan hätten, sondern setzt sie nur ein einziges Feld weiter nach rechts! Unglaublich! Man ist starr vor Bewunderung. Niemand begreift wirklich, wozu der Zug nützt, denn die Dame steht jetzt am Rande des Feldes, bedroht nichts und deckt nichts, steht vollkommen sinnlos – doch steht sie schön, irrwitzig schön, so schön stand nie eine Dame, einsam und stolz inmitten der Reihen des Gegners… Auch Jean begreift nicht, was sein unheimliches Gegenüber mit diesem Zug bezweckt, in welche Falle es ihn locken will, und erst nach langem Überlegen und mit schlechtem Gewissen entschließt er sich, abermals einen ungedeckten Bauern zu schlagen. Er steht jetzt, so zählen die Zuschauer, um drei Bauern besser da als der Schwarze. Aber was sagt das schon! Was hilft dieser numerische Vorteil bei einem Gegner, der offenbar strategisch denkt, dem es nicht auf Figuren, sondern auf Stellung ankommt, auf Entwicklung, auf das urplötzliche, blitzschnelle Zuschlagen? Hüte dich, Jean! Du wirst noch nach Bauern jagen, wenn im Folgezug dein König fällt!

Schwarz ist am Zug. Ruhig sitzt der Fremde da und rollt die Zigarette zwischen den Fingern. Er überlegt jetzt etwas länger als sonst, vielleicht eine, vielleicht zwei Minuten. Es ist vollkommen still. Keiner der Umstehenden wagt es zu flüstern, kaum einer schaut noch aufs Schachbrett, alles starrt gespannt auf den jungen Mann, auf seine Hände und auf sein bleiches Gesicht. Sitzt da nicht schon ein winziges triumphierendes Lächeln in den Winkeln seiner Lippen? Erkennt man nicht ein ganz kleines Schwellen der Nasenflügel, wie es den großen Entschlüssen vorangeht? Was wird der nächste Zug sein? Zu welchem vernichtenden Schlag holt der Meister aus?

Da hört die Zigarette zu rollen auf, der Fremde beugt sich vor, ein Dutzend Augenpaare folgen seiner Hand – was wird sein Zug sein, was wird sein Zug sein?.. und nimmt den Bauern von G7 – wer hätte das gedacht! Den Bauern von G7! – den Bauern von G7 auf… G6!

Es folgt eine Sekunde absoluter Stille. Selbst der alte Jean hört für einen Moment zu zittern und zu wetzen auf. Und dann fehlt wenig, daß unter dem Publikum Jubel ausbricht! Man bläst den angehalteten Atem aus, man stößt dem Nachbarn mit dem Ellbogen in die Seite, habt ihr das gesehen? Was für ein ausgebuffter Bursche! Ça alors! Läßt die Dame Dame sein und zieht einfach diesen Bauern auf G6! Das macht natürlich G7 frei für seinen Läufer, soviel steht fest, und im übernächsten Zug bietet er Schach, und dann… Und dann?.. Dann? Nunja – dann… dann ist Jean auf jeden Fall in kürzester Zeit erledigt, soviel steht fest. Seht doch nur, wie angestrengt er schon nachdenkt!

Und in der Tat, Jean denkt. Ewig lange denkt er. Es ist zum Verzweifeln mit dem Mann! Manchmal zuckt seine Hand schon vor – und zieht sich wieder zurück. Nun komm schon! Zieh endlich, Jean! Wir wollen den Meister sehen!

Und endlich, nach fünf langen Minuten, man scharrt schon mit den Füßen, wagt es Jean zu ziehen. Er greift die Dame an. Mit einem Bauern greift er die schwarze Dame an. Will mit diesem hinhaltenden Zug seinem Schicksal entgehen. Wie kindisch! Schwarz braucht seine Dame doch nur um zwei Felder zurückzunehmen, und alles ist beim alten. Du bist am Ende, Jean! Dir fällt nichts mehr ein, du bist am Ende…

Denn Schwarz greift – siehst du, Jean, da braucht er gar nicht lange nachzudenken, jetzt geht es Schlag auf Schlag! – Schwarz greift zur… – und da bleibt allen für einen Moment das Herz stehen, denn Schwarz, wider alle offenbare Vernunft, greift nicht zur Dame, um sie dem lächerlichen Angriff des Bauern zu entziehen, sondern Schwarz führt seinen vorgefaßten Plan aus und setzt den Läufer auf G7.

Sie sehen ihn fassungslos an. Sie treten alle einen halben Schritt zurück wie aus Ehrfurcht und sehen ihn fassungslos an: Er opfert seine Dame und stellt den Läufer auf G7! Und er tut es in vollem Bewußtsein und unbeweglichen Gesichts, ruhig und überlegen dasitzend, blaß, blasiert und schön. Da wird ihnen feucht in den Augen und warm ums Herz. Er spielt so, wie sie spielen wollen und nie zu spielen wagen. Sie begreifen nicht, warum er so spielt wie er spielt, und es ist ihnen auch egal, ja sie ahnen womöglich, daß er selbstmörderisch riskant spielt. Aber sie wollen trotzdem so spielen können wie er: großartig, siegesgewiß, napoleonesk. Nicht wie Jean, dessen ängstliches zögerndes Spiel sie begreifen, da sie selber nicht anders spielen als er, nur weniger gut; Jeans Spiel ist vernünftig. Es ist ordentlich und regelrecht und enervierend fad. Der Schwarze dagegen schafft mit jedem Zug Wunder. Er bietet die eigene Dame zum Opfer, nur um seinen Läufer auf G7 zu stellen, wann hätte man so etwas schon einmal gesehen? Sie stehen zutiefst gerührt vor dieser Tat. Jetzt kann er spielen, was er will, sie werden ihm Zug für Zug folgen bis zum Ende, mag es strahlend oder bitter sein. Er ist jetzt ihr Held, und sie lieben ihn.

Und selbst Jean, der Gegner, der nüchterne Spieler, als er mit bebender Hand den Bauern zum Damenschlag führt, zögert wie aus Scheu vor dem strahlenden Helden und spricht, sich leise entschuldigend, bittend fast, daß man ihn zu dieser Tat nicht zwingen möge: »Wenn Sie sie mir geben, Monsieur… ich muß ja… ich muß…«, und wirft einen flehenden Blick zu seinem Gegner. Der sitzt mit steinerner Miene und antwortet nicht. Und der Alte, zerknirscht, zerschmettert, schlägt.

Einen Augenblick später bietet der schwarze Läufer Schach. Schach dem weißen König! Die Rührung der Zuschauer schlägt um in Begeisterung. Schon ist der Damenverlust vergessen. Wie ein Mann stehen sie hinter dem jungen Herausforderer und seinem Läufer. Schach dem König! So hätten sie auch gespielt! Ganz genau so, und nicht anders! Schach! – Eine kühle Analyse der Stellung würde ihnen freilich sagen, daß Weiß eine Fülle von möglichen Zügen zu seiner Verteidigung hat, aber das interessiert niemand mehr. Sie wollen nicht mehr nüchtern analysieren, sie wollen jetzt nur noch glänzende Taten sehen, geniale Attacken und mächtige Streiche, die den Gegner erledigen. Das Spiel – dieses Spiel – hat für sie nur noch den Sinn und das eine Interesse: den jungen Fremden siegen und den alten Matador am Boden vernichtet zu sehen.

Jean zögert und überlegt. Er weiß, daß keiner mehr einen Sou auf ihn setzen würde. Aber er weiß nicht, warum. Er versteht nicht, daß die andern – doch alle erfahrene Schachspieler – die Stärke und Sicherheit seiner Stellung nicht erkennen. Dazu besitzt er ein Übergewicht von einer Dame und drei Bauern. Wie können sie glauben, daß er verliert? Er kann nicht verlieren! – Oder doch? Täuscht er sich? Läßt seine Aufmerksamkeit nach? Sehen die anderen mehr als er? Er wird unsicher. Vielleicht ist schon die tödliche Falle gestellt, in die er beim nächsten Zug tappen soll. Wo ist die Falle? Er muß sie vermeiden. Er muß sich herauswinden. Er muß auf jeden Fall seine Haut so teuer wie möglich verkaufen…

Und noch bedächtiger, noch zögernder, noch ängstlicher an die Regeln der Kunst sich klammernd, erwägt und berechnet Jean und entschließt sich dann, einen Springer so abzuziehen und zwischen König und Läufer zu stellen, daß nun seinerseits der schwarze Läufer im Schlagbereich der weißen Dame steht.

Die Antwort von Schwarz kommt ohne Verzögerung. Schwarz bricht den gestoppten Angriff nicht ab, sondern führt Verstärkung heran: sein Pferd deckt den angegriffenen Läufer. Das Publikum jubelt. Und nun geht es Schlag auf Schlag: Weiß holt einen Läufer zu Hilfe, Schwarz wirft einen Turm nach vorn, Weiß bringt sein zweites Pferd, Schwarz seinen zweiten Turm. Beide Seiten massieren ihre Kräfte um das Feld, auf dem der schwarze Läufer steht, das Feld, auf dem der Läufer ohnehin nichts mehr auszurichten hätte, ist zum Zentrum der Schlacht geworden – warum, man weiß es nicht, Schwarz will es so. Und jeder Zug, mit dem Schwarz weiter eskaliert und einen neuen Offizier heranführt, wird jetzt vom Publikum ganz offen und laut bejubelt, jeder Zug, mit dem Weiß sich notgedrungen verteidigt, mit unverhohlenem Murren quittiert. Und dann eröffnet Schwarz, wiederum gegen alle Regeln der Kunst, einen mörderischen Abtauschreigen. Für einen an Kräften unterlegenen Spieler – so sagt es das Lehrbuch – kann ein solch rigoroses Gemetzel schwerlich von Vorteil sein. Doch Schwarz beginnt es trotzdem, und das Publikum jauchzt. Eine solche Schlachterei hat man noch nicht erlebt. Rücksichtslos mäht Schwarz alles nieder, was sich in Schlagweite befindet, achtet die eignen Verluste für nichts, reihenweise sinken die Bauern, sinken unter frenetischem Beifall des kundigen Publikums Pferde, Türme und Läufer…

Nach sieben, acht Zügen und Gegenzügen ist das Schachbrett verödet. Die Bilanz der Schlacht sieht verheerend für Schwarz aus: Es besitzt nur noch drei Figuren, nämlich den König, einen Turm, einen einzigen Bauern. Weiß hingegen hat neben König und Turm seine Dame und vier Bauern aus dem Armageddon gerettet. Für jeden verständigen Betrachter der Szene konnte nun wirklich kein Zweifel mehr darüber herrschen, wer die Partie gewinnen würde. Und in der Tat… Zweifel herrschen nicht. Denn nach wie vor – den noch von kampfeslüsterner Erregung glühenden Gesichtern ist es anzusehen – sind die Zuschauer auch im Angesichte des Desasters davon überzeugt, daß ihr Mann siegen wird! Noch immer würden sie jede Summe auf ihn setzen und die bloße Andeutung einer möglichen Niederlage wütend zurückweisen.

Und auch der junge Mann scheint völlig unbeeindruckt von der katastrophalen Lage. Er ist am Zug. Ruhig nimmt er seinen Turm und rückt ihn um ein Feld nach rechts. Und wieder wird es still in der Runde. Und tatsächlich treten jetzt den erwachsenen Männern die Tränen in die Augen vor Hingebung an dies Genie von einem Spieler. Es ist wie am Ende der Schlacht von Waterloo, als der Kaiser die Leibgarde in das längst verlorene Gefecht schickt: Mit seinem letzten Offizier geht Schwarz erneut zum Angriff über! 

Weiß hat nämlich seinen König auf der ersten Linie auf G1 postiert und drei Bauern auf der zweiten Linie vor ihm stehen, so daß der König eingeklemmt und daher tödlich bedroht stünde, gelänge es Schwarz, wie es dies offenbar vorhat, im nächsten Zug mit seinem Turm auf die erste Linie voranzustoßen.

Nun ist diese Möglichkeit, einen Gegner schachmatt zu setzen, wohl die bekannteste und banalste, fast möchte man sagen, die kindischste aller öglichkeiten im Schachspiel, beruht ihr Erfolg doch allein darauf, daß der Gegner die offenkundige Gefahr nicht erkennt und keine Gegenmaßnahmen einleitet, deren wirksamste darin besteht, die Reihe der Bauern zu öffnen und so dem König Ausweiche zu verschaffen; einen erfahrenen Spieler, ja sogar einen fortgeschrittenen Anfänger mit diesem Taschenspielertrick matt setzen zu wollen ist mehr als frivol. Jedoch das hingerissene Publikum bewundert den Zug des Helden, als sähe es ihn heute zum ersten Mal. Sie schütteln den Kopf vor grenzenlosem Erstaunen. Freilich, sie wissen, daß Weiß jetzt einen kapitalen Fehler machen muß, damit Schwarz zum Erfolg kommt. Aber sie glauben daran. Sie glauben wirklich daran, daß Jean, der Lokalmatador, der sie alle geschlagen hat, der sich nie eine Schwäche erlaubt, daß Jean diesen Anfängerfehler begeht. Und mehr noch: Sie hoffen es. Sie ersehnen es. Sie beten im Innern dafür, inbrünstiglich, daß Jean diesen Fehler begehen möge…

Und Jean überlegt. Wiegt bedenklich den Kopf hin und her, wägt, wie es seine Art ist, die Möglichkeiten gegeneinander ab, zögert noch einmal – und dann wandert seine zitternde, von altersflecken übersäte Hand nach vorn, ergreift den Bauern auf G2 und setzt ihn auf G3.

Die Turmuhr von Saint-Sulpice schlägt acht. Die andern Schachspieler des Jardin du Luxembourg sind längst zum Aperitif gegangen, der Mühlebrettverleiher hat längst seine Bude geschlossen. Nur in der Mitte des Pavillons steht noch um die zwei Kämpfer die Gruppe der Zuschauer. Sie schauen mit großen Kuhblicken auf das Schachbrett, wo ein kleiner weißer Bauer die Niederlage des schwarzen Königs besiegelt hat. Und sie wollen es noch immer nicht glauben. Sie wenden ihre Kuhblicke von der deprimierenden Szenerie des Spielfeldes ab, dem Feldherrn zu, der bleich, blasiert und schön und unbeweglich auf seinem Gartenstuhl sitzt. »Du hast nicht verloren«, spricht es aus ihren Kuhblicken, »du wirst jetzt ein Wunder vollbringen. Du hast diese Lage von Anfang an vorausgesehen, ja herbeigeführt. Du wirst jetzt den Gegner vernichten, wie, das wissen wir nicht, wir wissen ja überhaupt nichts, wir sind ja nur einfache Schachspieler. Aber du, Wundermann, kannst es vollbringen, du wirst es vollbringen. Enttäusche uns nicht! Wir glauben an dich. Vollbringe das Wunder, Wundermann, vollbringe das Wunder und siege!«

Der junge Mann saß da und schwieg. Dann rollte er die Zigarette mit dem Daumen an die Spitze von Zeige- und Mittelfinger und steckte sie sich in den Mund. Zündete sie an, nahm einen Zug, blies den Rauch übers Schachbrett. Glitt mit seiner Hand durch den Rauch, ließ sie einen Moment über dem schwarzen König schweben und stieß ihn dann um.

Es ist eine zutiefst ordinäre und böse Geste, wenn man den König umstößt zum Zeichen der eigener Niederlage. Es ist, wie wenn man nachträglich das ganze Spiel zerstört. Und es macht ein häßliches Geräusch, wenn der umgestoßene König gegen das Brett schlägt. Jedem Schachspieler sticht es ins Herz.

Der junge Mann, nachdem er den König verächtlich mit einem Fingerschlag umgestoßen hatte, erhob sich, würdigte weder seinen Gegner noch das Publikum eines Blicks, grüßte nicht und ging davon.

Die Zuschauer standen betreten, beschämt, und blickten ratlos auf das Schachbrett. Nach einer Weile räusperte sich der eine oder der andre, scharrte mit dem Fuß, griff zur Zigarette. – Wieviel Uhr ist es? Schon Viertel nach acht? Mein Gott, so spät! Wiedersehn! Salut Jean! und sie murmelten irgendwelche Entschuldigungen und verdrückten sich rasch.

Der Lokalmatador blieb alleine zurück. Er stellte den umgestoßenen König wieder aufrecht hin und begann, die Figuren in ein Schächtelchen zu sammeln, erst die geschlagenen, dann die auf dem Brett verbliebenen. Während er das tat, ging er, wie es seine Gewohnheit war, die einzelnen Züge und Stellungen der Partie noch einmal in Gedanken durch. Er hatte nicht einen einzigen Fehler gemacht, natürlich nicht. Und dennoch schien ihm, als habe er so schlecht gespielt wie nie in seinem Leben. Nach Lage der Dinge hätte er seinen Gegner schon in der Eröffnungsphase matt setzen müssen. Wer einen so miserablen Zug wie jenes Damengambit zuwege brachte, wies sich als Ignorant des Schachspiels aus. Solche Anfänger pflegte Jean je nach Laune gnädig oder ungnädig, jedenfalls aber zügig und ohne Selbstzweifel abzufertigen. Diesmal aber hatte ihn offenbar die Witterung für die wahre Schwäche seines Gegners verlassen – oder war er einfach feige gewesen? Hatte er sich nicht getraut, mit dem arroganten Scharlatan, wie er es verdiente, kurzen Prozeß zu machen?

Nein, es war schlimmer. Er hatte sich nicht vorstellen wollen, daß der Gegner so erbärmlich schlecht sei. Und noch schlimmer: Fast bis zum Ende des Kampfes hatte er glauben wollen, daß er dem Unbekannten nicht einmal ebenbürtig sei. Unüberwindlich wollten ihm dessen Selbstsicherheit, Genialität und jugendlicher Nimbus scheinen. Deshalb hatte er so über die Maßen vorsichtig gespielt. Und nicht genug: Wenn Jean ganz ehrlich war, so mußte er sich sogar eingestehen, daß er den Fremden bewundert hatte, nicht anders als die andern, ja daß er sich gewünscht hatte, jener möge siegen und ihm, Jean, auf möglichst eindrucksvolle und geniale Weise die Niederlage, auf die zu warten er seit Jahren müde wurde, endlich beibringen, damit er endlich befreit wäre von der Last, der Größte zu sein und alle schlagen zu müssen, damit das gehässige Volk der Zuschauer, diese neidige Bande, endlich seine Befriedigung hätte, damit Ruhe wäre, endlich…

Aber dann hatte er natürlich doch wieder gewonnen. Und es war ihm dieser Sieg der ekelhafteste seiner Laufbahn, denn er hatte, um ihn zu vermeiden, ein ganzes Schachspiel lang sich selbst verleugnet und erniedrigt und vor dem erbärmlichsten Stümper der Welt die Waffen gestreckt.

Er war kein Mann großer moralischer Erkenntnisse, Jean, der Lokalmatador. Aber soviel war ihm klar, als er mit dem Schachbrett unterm Arm und dem Schächtelchen mit den Figuren in der Hand nach Hause schlurfte: daß er nämlich in Wahrheit heute eine Niederlage erlitten hatte, eine Niederlage, die deshalb so furchtbar und endgültig war, weil es für sie keine Revanche gab und sie durch keinen noch so glänzenden künftigen Sieg wieder würde wettzumachen sein. Und daher beschloß er – der im übrigen auch nie je ein Mann großer Entschlüsse gewesen war, – Schluß zu machen mit dem Schach, ein für allemal.

Künftig würde er Boules spielen wie all die andern Rentner auch, ein harmloses, geselliges Spiel von geringerem moralischem Anspruch.