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Der Kapitän der Polestar und andere unheimliche Abenteuer

Arthur Conan Doyle


Der Kapitän der >Polestar< (The Captain of the Polestar)

11. SEPTEMBER - 81° 40' N. 2° O. Wir liegen immer noch zwischen endlosen Eisfeldern fest. Das eine im Norden, an dem wir ankern, ist bestimmt nicht kleiner als Yorkshire. Rechts und links weißes Eis, so weit das Auge reicht. Heute morgen meldete der Maat, daß sich von Süden her Packeis ankündigte. Sollte das dick genug werden und uns den Rückweg abschneiden, dann wird unsere Lage gefährlich, denn wie ich gehört habe, wird die Nahrung schon knapp. Es ist spät im Jahr, und es wird auch wieder dunkel. Heute morgen sah ich über dem Vorschiff einen Stern funkeln, den ersten seit Anfang Mai. Die Mannschaft ist ziemlich unruhig, viele müssen pünktlich zur Heringzeit wieder zu Hause an der schottischen Küste sein, wo netzeweise Arbeit auf sie wartet. Bis jetzt äußert sich ihr Unbehagen nur in sauren Gesichtern und finsteren Blicken, doch der zweite Steuermann hat mir erzählt, daß sie den Gedanken wälzten, eine Abordnung zum Kapitän zu schicken, die ihm ihre Sorgen darlegen soll. Ich weiß nicht, wie er das aufnehmen wird, denn er kann ganz schön wild werden, besonders wenn jemand seine Rechte antasten will. Nach dem Abendessen werde ich versuchen, ihn darauf anzusprechen. Ich weiß, daß ich mir bei ihm Dinge erlauben kann, die kein anderer aus der Mannschaft wagen würde. Steuerbord sehe ich Amsterdam Island, das NordwestEnde Spitzbergens - eine zackige Linie aus Vulkangestein, die von vielen Gletschern durchbrochen ist. Seltsam, vor den dänischen Siedlungen im Süden Grönlands würde man wahrscheinlich keinen Menschen treffen - gut neunhundert Meilen den Möwen nach. Ein Kapitän nimmt eine große Verantwortung auf sich, wenn er in einer solchen Situation sein Schiff riskiert. Kein Walfänger ist je so spät in diesen Breiten geblieben.

21 Uhr - Ich habe mit Kapitän Craigie gesprochen, und obwohl ich mit dem Ergebnis nicht zufrieden sein kann, muß ich sagen, daß er mir wenigstens ruhig und aufmerksam zugehört hat. Als ich fertig war, nahm er den Ausdruck eiserner Entschlossenheit an, den ich schon so oft in seinem Gesicht beobachtet habe, und rannte in der engen Kabine minutenlang auf und ab. Zuerst fürchtete ich, ihn ernstlich gekränkt zu haben, doch dann setzte er sich wieder und legte fast liebevoll eine Hand auf meine Schulter. Er schaute auch so sanft aus seinen müden dunklen Augen, daß ich ganz überrascht war. »Schauen Sie, Doktor«, sagte er, »ich bedaure es, Sie jemals an Bord genommen zu haben, wirklich, ich würde sofort fünfzig Pfund geben, wenn ich Sie dafür sicher auf dem Kai von Dundee sehen könnte. Im Norden sind Wale - wie können Sie den Kopf schütteln, mein Herr, wenn ich Ihnen sage, daß ich die Fontänen vom Mastkorb aus gesehen habe?« - Plötzlich war er wütend, obwohl ich mir, jedenfalls bewußt, keinen Zweifel anmerken ließ. »Zweiundzwanzig Tiere auf einmal, und keiner unter zehn Fuß[1]. Glauben Sie denn, Herr Doktor, daß ich hier weg kann, wenn nur ein lächerliches Eisband zwischen mir und meinem Glück liegt? Wenn der Wind morgen von Norden kommt, können wir die Bunker füllen und vor dem Frost hier weg sein. Kommt er von Süden, kann ich das auch nicht ändern - die Männer werden schließlich dafür bezahlt, ihr Leben zu riskieren, und was mich betrifft: Ich habe keine Angst, mich bindet mehr an die andere Welt als an diese. Nur um Sie mache ich mir Sorgen. Ich wünschte, ich hätte wieder den alten Angus Tait mitgenommen, den würde bestimmt keiner vermissen, aber Sie - sagten Sie nicht einmal, Sie seien verlobt?«

»Ja«, antwortete ich, ließ den Deckel meiner Taschenuhr aufschnappen und hielt ihm das kleine Portrait von Flora unter die Nase.

Seine Barthaare sträubten sich vor Wut. »Verdammt!« schrie er und sprang von seinem Stuhl auf. »Was habe ich mit Ihrem Glück zu schaffen. Wie kommen Sie dazu, mir ihr Photo vors Gesicht zu halten?« Ich dachte schon, er wolle mich schlagen, doch er fuhr nur fort, mich zu verfluchen, stieß die Kabinentür auf und stürzte auf Deck. Ziemlich erschrocken von seiner unvermittelten Aggressivität blieb ich in der Kabine zurück. Zum erstenmal hat er sich mir gegenüber anders als freundlich und entgegenkommend benommen. Während ich diese Zeilen schreibe, höre ich ihn über mir ruhelos auf und ab rasen.

Ich sollte den Charakter dieses Mannes vielleicht näher beschreiben, doch solange ich selbst nur eine bestenfalls vage und unsichere Vorstellung davon habe, scheint es mir voreilig zu sein, darüber zu schreiben. Manchmal dachte ich schon, den Schlüssel zu seinem Geheimnis gefunden zu haben, doch stets zeigte er sich mir wieder in einem anderen Licht, so daß ich all meine Überlegungen verwerfen mußte. Vielleicht wird kein Mensch außer mir diese Zeilen lesen. Trotzdem will ich aber meine Aufzeichnungen über Kapitän Nicholas Craigie gleichsam als psychologische Studie fortsetzen.

Das Äußere liefert im allgemeinen Anhaltspunkte über die Seele eines Menschen. Der Kapitän ist groß und stark gewachsen, die Augen in seinem dunklen, hübschen Gesicht zwinkern ständig, vielleicht aus Nervosität, vielleicht auch nur als Ausdruck seiner überschüssigen Energie. Seine Bewegungen, sein ganzes Benehmen bedeutet Männlichkeit und Tatkraft, doch die Augen sind das Auffallendste in seinem Gesicht. In ihrem strahlenden Dunkelbraun spiegelt sich eine einzigartige Mischung aus Tollkühnheit und etwas anderem, Grauenhaften, so glaube ich manchmal. Meistens dominiert die Tollkühnheit, nur gelegentlich, besonders wenn er in Gedanken versunken ist, schreit eine tiefe Angst aus seinen Augen und scheint sein ganzes Verhalten zu prägen. Gerade in solchen Phasen ist er am empfindlichsten für Anfälle von Raserei, und das weiß er auch, denn ich habe schon gesehen, daß er sich dann einschließt, damit ihm keiner zu nahe kommen kann, bis die Laune verflogen ist. Er schläft schlecht und schreit im Traum, doch seine Kabine ist weit genug von meiner entfernt, daß ich bisher noch kein Wort verstehen konnte.

Dies ist die unangenehmste Seite seines Charakters, die ich nur kennengelernt habe, weil ich jeden Tag mit ihm Zusammensein muß. Ansonsten ist er ein belesener und unterhaltsamer Gesprächspartner und vielleicht der tapferste Seemann, der je die Weltmeere befahren hat. Ich werde nicht so schnell vergessen, wie er das Schiff im Sturm Anfang April durch das Treibeis geführt hat. Ich habe ihn nie so gutgelaunt, geradezu heiter gesehen wie in jener Nacht, als er in Donner, Blitz und Sturmgeheul von der Brücke aus das Schiff beherrschte. Mehrmals schon hat er mir erzählt, daß der Tod für ihn keinen Schrecken bedeutet. Keine gesunde Einstellung für einen jungen Mann, würde ich sagen, denn viel älter als dreißig kann er kaum sein, obwohl sein Haar und sein Schnäuzer schon gräulich schimmern. Irgendein Ereignis, ein großer Schmerz scheint sein ganzes Leben vergiftet zu haben. Vielleicht würde ich genauso werden, wenn Flora mich verließe - weiß der Himmel! Ich glaube, wenn es sie nicht gäbe, wäre es mir ganz egal, ob der Wind morgen von Norden oder von Süden kommt. Da, er steigt die Kajütentreppe herunter und schließt sich ein, ein sicheres Zeichen, daß er immer noch in gefährlicher Stimmung ist. Und nun ins Bett, wie Old Pepys sagen würde, denn die Kerze ist niedergebrannt und der Steward schlafengegangen, ohne den ich keine neue bekommen kann.

12. SEPTEMBER - Ein klarer, ruhiger Tag, wir liegen noch an derselben Stelle. Das bißchen Wind, das wir haben, weht schwächlich von Südosten. Der Kapitän hat jetzt bessere Laune, und sich beim Frühstück bei mir wegen seiner Grobheit entschuldigt. Trotzdem sieht er immer noch etwas verstört aus. Der wilde Blick ist geblieben. Ein Hochländer würde sagen, er sieht »fey« aus, wie ein dem Tod Geweihter. Jedenfalls sagte das unser Chefingenieur zu mir, der beim keltischen Teil der Mannschaft ein hohes Ansehen als Seher und Deuter von Vorzeichen genießt.

Seltsam, daß gerade über dieses eigensinnige und praktische Volk der Aberglaube eine solche Macht haben kann. Ich hätte nicht geglaubt, wie weit sie geht, wenn ich nicht selbst dabeigewesen wäre. Auf dieser Fahrt ist der Aberglaube zu einer regelrechten Seuche ausgewachsen, so daß ich mit dem Samstagsquantum Rum schon Baldriantinktur und Beruhigungstabletten ausgeben mußte. Das erste Symptom war, daß kurz nach der Abfahrt von Shetland die Steuerleute ständig behaupteten, während der Wachen klagendes Stöhnen und Schreie zu hören, als ob irgend etwas hinter dem Schiff her wäre und es nicht einholen könnte. Das Gerede hatte nicht aufgehört, und in dunklen Nächten zu Beginn der RobbenSaison ließen sich die Männer nur sehr widerwillig zur Arbeit bewegen. Was sie gehört hatten, konnte zweifellos nur das Krachen der Ruderketten oder der Schrei eines Seevogels sein. Mehrmals hat man mich aus dem Bett geholt, um mir den Spuk vorzuführen, doch ich brauche wohl kaum zu sagen, daß ich nie etwas Unnatürliches feststellen konnte. Die Männer glauben dagegen so fest daran, daß man nicht mehr vernünftig mit ihnen reden kann. Als ich die Angelegenheit einmal dem Kapitän gegenüber erwähnte, nahm er sie zu meiner Überraschung sehr ernst. Mein Bericht schien ihn tatsächlich zu beunruhigen. Ich hatte gedacht, wenigstens er sei über solch läppische Sinnestäuschungen erhaben.

Wie dem auch sei: Letzte Nacht hat Mr. Manson, unser zweiter Steuermann, einen Geist gesehen - sagt er wenigstens, und dann stimmt es natürlich auch. Ein neues Gesprächsthema finde ich ganz erfrischend nach all den endlosen Wal- und Bärengeschichten der vergangenen Monate: Manson schwört, daß es auf dem Schiff spukt und daß er noch heute von hier verschwinden würde, wenn er könnte. Bestimmt ist der Gute ehrlich erschrocken. Heute morgen mußte ich ihn mit einigen Pillen beruhigen. Meine Frage, ob er vielleicht am Abend zuvor ein Glas zuviel getrunken hatte, nahm er ziemlich pikiert auf, so daß ich bei seiner Erzählung so ernst wie möglich bleiben mußte, um ihn nicht aufzuregen. Wie er so redete, klang seine Geschichte wirklich wie ein Tatsachenbericht.

»Ich war auf der Brücke«, begann er. »Es hatte gerade vier Glasen geschlagen, die dunkelste Stunde der Nacht. Die Wolken pfiffen vor dem dünnen Mond vorbei, man konnte nicht weit sehen. John M'Leod, der Harpunier, kam aus der Bugkajüte und meldete ein seltsames Geräusch hinter der Steuerbordwand. Ich ging mit nach vorne und hörte es auch. Manchmal klang es wie das Brüllen einer Kuh, manchmal wie ein schreiendes Mädchen. Ich kenne die Gegend seit siebzehn Jahren und habe noch nie eine Robbe, alt oder jung, so brüllen gehört. Wir standen auf dem Vordeck, und als der Mond hinter den Wolken hervorschaute, sahen wir beide in derselben Richtung, aus der wir die Schreie gehört hatten, eine weiße Gestalt über das Eis huschen. Wir schickten einen Matrosen, Flinten zu besorgen. M'Leod und ich dachten, es könnte vielleicht ein Bär sein, und gingen aufs Eis. Dort verlor ich M'Leod aus den Augen und lief allein weiter in Richtung der Schreie, die gar nicht aufhören wollten. Plötzlich stand es vor mir, wie aus dem Eis gewachsen. Ich weiß nicht, was es war, jedenfalls kein Bär. Es war groß und weiß, weder Mann noch Frau, beim Beelzebub, es war kein Mensch, etwas viel Schlimmeres. Ich rannte so schnell ich konnte zum Schiff zurück und war heilfroh, als ich ankam. Ich habe einen Vertrag unterschrieben, meine Pflicht auf dem Schiff zu tun, doch nach Sonnenuntergang kriegt ihr mich nicht mehr aufs Eis, so wahr ich hier stehe.«

Das ist seine Geschichte, soweit ich sie in seinen eigenen Worten wiedergeben kann. Wie dem auch sei, ich glaube, es war nur ein junger Bär, der sich auf die Hinterbeine gestellt hatte, wie sie es oft tun, wenn sie Gefahr wittern. Die Dunkelheit läßt einen ängstlichen Mann, dessen Nerven ohnehin schon zerrüttet sind, leicht in einem solchen Geschöpf ein Monstrum sehen. Jedenfalls war das Ereignis, was immer es auch war, nicht gut für die Crew. Die Stimmung ist noch düsterer als vorher. Sie fürchten nicht nur, die Heringsaison zu verpassen, sie fühlen sich auch auf einem Spukschiff gefangen. Hoffentlich tun sie nichts Unüberlegtes. Sogar die ältesten und abgebrühtesten Harpuniere können sich nicht mehr der allgemeinen Unruhe entziehen.

Abgesehen von den Geistern gibt es aber für die Leute keinen Grund zur Panik. Das Packeis im Süden hat sich teilweise aufgelöst, und das Wasser ist so warm, wie es nur in einem der Seitenarme des Golfstroms sein kann, auf die man zwischen Grönland und Spitzbergen trifft. Um das Schiff tummeln sich kleine Medusen, Quallen und Krabben im Überfluß, so daß auch jeden Augenblick damit gerechnet werden kann, daß »Fisch« auftaucht. Um die Mittagszeit wurde tatsächlich schon einer gesichtet, doch er war so weit weg, daß es unmöglich war, ihn in den Booten zu verfolgen.

13. SEPTEMBER - Vom ersten Steuermann, Mr. Milne, habe ich ein paar interessante Dinge erfahren. Anscheinend gibt unser Kapitän den Seeleuten, ja sogar den Schiffseignern, ebenso Rätsel auf wie mir. Mr. Milne sagt, daß Craigie nach jeder Fahrt spurlos verschwindet und erst zu Beginn der nächsten Saison wieder auftaucht, um der Gesellschaft ruhig und bescheiden seine Dienste anzubieten. In Pundee hat er keine Freunde, es weiß dort auch kein Mensch, wo er herkommt und was er früher gemacht hat. Sein Ansehen beruht allein auf seinen Fähigkeiten als Seemann. Bevor er sein erstes eigenes Kommando bekam, hatte er sich als Steuermann auf verschiedenen Schiffen den Ruf eines mutigen und kaltblütigen Mannes erworben. Die Leute scheinen sich einig zu sein, daß er kein Schotte ist und daß, er einen falschen Namen benutzt. Mr. Milne glaubt, Craigie hätte sich nur der Walfängerei verschrieben, weil sie die gefährlichste Beschäftigung war, die er finden konnte, weil er dem Tod ins Auge sehen wollte, wann immer es möglich war. Er erzählte mir mehrere Geschichten, um seine Ansicht zu belegen. Zum Beispiel erschien er vor einigen Jahren einmal nicht bei den Reedern, so daß sie einen Ersatzmann anheuern mußten. Auf der Krim tobte gerade der letzte russisch-türkische Krieg. Als er im nächsten Frühjahr wieder auftauchte, hatte er eine frische Narbe am Hals, die er unter einem Schal zu verstecken versuchte. Ob der Schluß des Steuermanns, Craigie habe im Krieg gekämpft, richtig ist, weiß ich nicht zu sagen. Auszuschließen ist es jedenfalls nicht.

Der Wind dreht jetzt um östliche Richtungen, ist aber immer noch sehr schwach. Das Eis scheint mir wieder dichter zu sein als gestern. So weit das Auge reicht, sind wir von makellosem Weiß umgeben, auf das nur selten Schatten von einzelnen Eisblöcken fallen. Unser einziger Fluchtweg, die tiefblaue Wasserstraße nach Süden, wird von Tag zu Tag schmaler. Der Kapitän nimmt eine schwere Verantwortung auf sich. Ich habe gehört, daß die Kartoffelkiste schon leer ist, sogar die Kekse werden schon knapp, doch er läßt sich keine Beunruhigung anmerken und verbringt die meiste Zeit des Tages im Mastkorb, von wo er mit seinem Fernrohr ununterbrochen den Horizont entlangfährt. Seine Stimmung ist sehr schwankend. Seit jenem Abend scheint er mir aus dem Weg zu gehen, vielleicht würde er mich sonst wieder angreifen.

19.30 h - Jetzt glaube ich endgültig, daß wir von einem Verrückten kommandiert werden. Anders kann ich mir die unglaublichen Launen Kapitän Craigies nicht mehr erklären. Zum Glück habe ich dieses Tagebuch geführt, das vielleicht zu unserer Rechtfertigung dienen kann, falls wir ernsthafte Maßnahmen gegen ihn ergreifen müssen, wo Gott vor sei. Eigenartig jedenfalls, daß er selbst zuerst von Wahnsinn als Erklärung für sein exzentrisches Benehmen sprach. Vor etwa einer Stunde, ich lief auf dem Hauptdeck auf und ab, stand er auf der Brücke und schaute wie gewöhnlich durch sein Fernrohr. Die meisten Männer saßen unter Deck beim Tee, da noch keine regulären Spätwachen aufgestellt worden waren. Des Umherlaufens müde, lehnte ich mich gegen die Brüstung und bewunderte das herrliche, sanfte Licht, das die untergehende Sonne auf die gigantischen Eisfelder warf, die uns umgaben. Plötzlich riß mich eine rauhe Stimme aus meinen Träumereien: Der Kapitän war heruntergekommen und stand neben mir. In seinem Gesicht rangen Schrecken, Verwunderung und so etwas wie Freude miteinander, während er ins Nichts starrte. Trotz der Kälte standen dicke Schweißperlen auf seiner Stirn; offenbar war er in einem Zustand grauenhafter Erregung. Er zitterte am ganzen Körper wie auf dem Höhepunkt eines epileptischen Anfalls, sein Gesicht war von tiefen Falten zerschnitten.

»Da...!« stöhnte er und packte mich am Handgelenk, sein Blick immer noch in die eisige Ferne gerichtet, sein Kopf drehte sich langsam mit einem Objekt, dessen Bewegung auf dem Eis er zu verfolgen schien. »Schau, da, Mann, da! Jetzt kommt sie hinter dem Eisblock ganz hinten hervor! Siehst du sie? - Du mußt sie sehen! Mein Gott, sie flieht vor mir - sie verschwindet!«

Die letzten Worte flüsterte er in höchster Qual, Worte, die ich nie mehr vergessen kann. Er klammerte sich an Leinen und versuchte verzweifelt, die Brüstung zu erklimmen, wie um der schwindenden Erscheinung nachzueilen. Doch seine Kräfte schwanden, er taumelte zurück und fiel gegen eine Lukentür, wo er um Atem ringend liegen blieb. Sein Gesicht war so fahl, das jeden Augenblick damit gerechnet werden mußte, daß er in Ohnmacht, fiel. Ich verlor also keine Zeit und führte ihn die Kajütentreppe hinunter. Schließlich legte ich ihn auf eine der Liegen in der Kabine. Der Brandy, den ich ihm vor die Lippen hielt, hatte die wunderbare Wirkung, daß er wieder etwas Farbe bekam und das Zittern aufhörte. Er stützte sich auf seine Ellbogen und sah sich um, ob wir allein waren. Dann bat er mich, neben ihm Platz zu nehmen.

»Du hast sie gesehen, nicht wahr?« fragte er mich. Das unterdrückte Grauen, das so gar nicht zu diesem Mann paßte, war noch nicht aus seiner Stimme verschwunden.

»Nein, ich habe nichts gesehen.«

Sein Kopf sank zurück auf das Kissen. »Wie sollte er auch etwas sehen können. ohne Fernglas. Das Glas hat sie mir gezeigt, und das Auge der Liebe - das Auge der Liebe. Bitte, Doc, laß den Steward nicht herein! Er wird denken, ich sei verrückt. Verriegele die Tür, ja, tu das!«

Ich tat, wie mir geheißen.

Offenbar gedankenverloren lag er einen Moment ruhig, dann richtete er sich wieder auf und bat um mehr Brandy.

»Glauben Sie, daß ich verrückt bin, Doktor?« Er schien jetzt wieder ganz klar zu sehen. »Sagen Sie, von Mann zu Mann, glauben Sie, ich bin wahnsinnig?«

»Ich denke, Sie haben ein großes Problem, das Sie sehr aufregt und Sie ganz schön mitnimmt«, antwortete ich.

»Genau richtig, mein Junge!« schrie er, seine Augen glänzten vom Brandy. »Das ist es - fürwahr, ein Problem! Doch Längen- und Breitengrade kann ich noch berechnen, ich kann den Sextanten bedienen und mit meinen Logarithmen umgehen. Vor keinem Gericht könnten Sie beweisen, daß ich wahnsinnig bin, oder?« Es war eigenartig, mitzuerleben, wie der Mann auf dem Sofa lag und freimütig über seinen eigenen Geisteszustand diskutierte.

»Vielleicht könnte ich das nicht«, sagte ich; »doch trotzdem meine ich, daß es das beste für Sie wäre, so schnell wie irgend möglich Richtung Heimat zu fahren und sich für eine Weile an einen ruhigen Platz zurückziehen.«

»Nach Hause, hä?« Er zog eine Grimasse. »Das ist eine Sache für mich und eine andere für dich, Kleiner. Nach Hause fahren und mich zurückziehen mit Flora - die liebe kleine Flora. Sind schlechte Träume ein Zeichen von Wahnsinn?«

»Manchmal«, antwortete ich.

»Was gibt es noch für Symptome? Was ist das erste?«

»Kopfschmerzen, Ohrensausen, Dunkelheit und Blitze vor den Augen, Halluzinationen.«

»Aha, weiter!« unterbrach er. »Was würdest du eine Halluzination nennen?«

»Dinge sehen, die nicht da sind, das ist eine Halluzination.«

»Aber sie war da!« brummte er und erhob sich. Mit langsamen, unsicheren Schritten ging er hinüber zu seiner eigenen Kabine, die er sicherlich vor morgen früh nicht mehr verlassen wird. Was immer es war, was er zu sehen geglaubt hatte, es hat ihn schwer erschüttert. Jeden Tag wird mir das Geheimnis um diesen Mann unheimlicher, obwohl ich fürchte, daß seine eigene Erklärung richtig und sein Verstand angeschlagen ist. Ich glaube nicht, daß ein schlechtes Gewissen der Grund für sein Verhalten ist. Die Idee ist zwar populär unter den Offizieren, und soweit ich beurteilen kann, auch bei der Mannschaft, doch ich sehe keinen Anhaltspunkt dafür. Er macht nicht den Eindruck eines Mannes, der Schuld auf sich geladen hat. Ich kann mir eher vorstellen, daß das Schicksal ihm übel mitgespielt hat und daß er nicht als Täter, sondern als Opfer betrachtet werden muß.

Der Wind dreht nach Süden. Gott steh uns bei, wenn er uns den einzigen schmalen Pfad in die Sicherheit versperrt! In unserer Lage am Rande des arktischen Hauptmassivs treibt Wind aus nördlichen Richtungen das Eis um uns auseinander und macht uns den Rückweg frei, während uns südliche Winde zwischen zwei Eisfeldern einschließen können. Dann, wie gesagt, gnade uns Gott!

14. SEPTEMBER - Sonntag, Ruhetag. Meine Befürchtungen haben sich bestätigt, die schmale Wassergasse nach Süden ist verschwunden. Nichts mehr um uns als die riesigen Eisfelder mit ihren bizarren Kristallbergen und Eisspitzen. Die Stille scheint tödlich und erfüllt mich mit Schrecken. Keine Welle klatscht mehr gegen den Schiffsrumpf, keine Möwe, kein Lebewesen begleitet uns mehr, nur noch diese allumfassende Stille, in der die Stimmen der Matrosen und ihre Schritte auf dem strahlend weißen Deck wie Fremdkörper wirken. Unser einziger Besucher war ein Polarfuchs, ein Tier, das sich recht selten vom Festland aufs Packeis wagt. Er beobachtete uns aus sicherer Entfernung und machte sich dann schnell aus dem Staub. Ein ungewöhnliches Verhalten für einen Polarfuchs, denn normalerweise hat er keine Scheu vor Menschen, da er sie nicht kennt, und läßt sich leicht fangen. Es klingt unglaublich, doch sogar dieser unbedeutende Vorfall wurde von der Crew als schlechtes Zeichen gewertet. »Jaujau, du und ich, mein Tierchen, riechen, wo es stinkt - nach Tod!« war der Kommentar eines der ältesten Harpuniere, und die anderen nickten nur. Jeder Versuch, gegen solchen Aberglauben anzureden, muß vergeblich sein. Sie haben sich einmal entschieden, daß ein Fluch auf dem Schiff liegt, und nichts wird sie jemals mehr vom Gegenteil überzeugen.

Bis auf eine halbe Stunde am Nachmittag, als er kurz aufs Hauptdeck kam, blieb der Kapitän den ganzen Tag in seiner Kabine. Ich sah, daß er die ganze Zeit auf den Punkt starrte, wo er gestern die Erscheinung erblickt hatte, und war darauf vorbereitet, daß er jeden Moment einen neuen Anfall bekommen würde. Doch nichts passierte. Anscheinend sah er mich gar nicht, obwohl ich dicht neben ihm stand. Der Gottesdienst wurde für gewöhnlich vom Chefingenieur abgehalten. Fürwahr eine seltsame Sitte, daß auf Walfangschiffen stets das Gebetbuch der Anglikaner benutzt wird, obwohl diese Konfession weder bei Offizieren noch in der Mannschaft vertreten ist. Unsere Männer sind alle entweder römisch-katholisch oder Presbyterianer, wobei erstere in der Mehrheit sind. Da die englische Zeremonie beiden Gruppen fremd ist, kann sich keine zurückgesetzt fühlen; alle hören aufmerksam und voller Andacht zu, was eindeutig für dieses System spricht.

Ein herrlicher Sonnenuntergang ließ die Eisfelder wie ein Meer von Blut aussehen. Ich kann mich an keinen Anblick erinnern, der so schön und gleichzeitig so irrsinnig wirkt. Der Wind dreht wieder. Wenn er jetzt vierundzwanzig Stunden von Norden bläst, wird am Ende alles noch gut.

15. SEPTEMBER - Floras Geburtstag. Mein Mädchen! Leider ist ihr Schatz, wie sie mich immer nannte, jetzt nicht bei ihr, weil er mit einem verrückten Kapitän und Proviant für ein paar Wochen im Packeis festsitzt. Bestimmt liest sie jeden Morgen im »Scotsman« die Schiffslisten, ob endlich unsere Ankunft bei Shetland gemeldet wird. Ich muß den Männern ein gutes Beispiel sein und froh und unbesorgt aussehen, doch Gott allein weiß, wie es manchmal in meinem Herzen aussieht.

Das Thermometer zeigt neunzehn Grad Fahrenheit. Es gibt nur schwachen Wind aus ungünstiger Richtung. Der Kapitän ist bester Laune. Wahrscheinlich hat er diese Nacht wieder jemanden übers Eis huschen sehen, der arme Mann, denn heute morgen früh kam er an meine Koje und flüsterte mir etwas zu: »Es war keine Täuschung, Doc, es ist alles in Ordnung!« Nach dem Frühstück bat er mich, zu prüfen, wieviel Proviant noch da ist. Der zweite Steuermann und ich gingen sofort an die Arbeit. Es sieht noch schlimmer aus, als wir erwartet hatten. Vorne stehen noch ein Kanister Kekse, drei Fässer Pökelfleisch und ganz wenig Kaffee und Zucker. Im Achterbunker und in den Boxen gibt es noch eine Menge Luxusgüter wie Lachs in Dosen, diverse Suppen, Hammelragout und ähnliches, doch das Zeug wird bei einer Mannschaft von fünfzig Köpfen nicht lange vorhalten. In der Speisekammer stehen noch zwei Fässer Mehl und unbegrenzte Vorräte an Tabak. Alles zusammen kann sich die Mannschaft, auf halbe Ration gesetzt, noch achtzehn oder zwanzig Tage ernähren, länger bestimmt nicht. Als wir dem Kapitän den Stand der Dinge gemeldet hatten, befahl er sofort alle Mann an Deck. Noch nie sah er in meinen Augen überzeugender aus. Mit seiner hohen, edlen Figur und dem finster entschlossenen Ausdruck in seinem Gesicht sah er wie ein Mann aus, der zum Befehlen geboren war. Auf abgeklärte, seemännische Art, die andeutete, daß er zwar die Gefahr suchte, aber auch ein Auge für jede kleinste Chance hatte, ihr zu entkommen, begann er seine Ansprache.

»Jungs, ihr denkt bestimmt, ich habe euch in diese Klemme gebracht, wenn es denn eine Klemme ist, und vielleicht sind einige von euch deswegen böse auf mich. Aber ihr müßt auch daran denken, daß all die Jahre kein Schiff mehr Öl-Schillinge eingefahren hat als die alte Polestar; und jeder von euch hat immer seinen Anteil kassiert. Eure Frauen waren immer bestens versorgt, und ihr konntet sie beruhigt zurücklassen, während andere arme Kerle ihre Weiber auf dem Friedhof suchen mußten, wenn sie zurückkamen. Wenn ihr das eine haben wollt, müßt ihr auch mit dem anderen zufrieden sein, dann sind wir quitt. Wir haben schon früher waghalsige Touren unternommen und hatten immer Erfolg, beklagt euch also nicht, wenn es jetzt einmal nicht klappt. Wenn es zum Schlimmsten kommt, gehen wir übers Eis zum Festland und bringen uns mit Robbenfleisch über den Winter. Doch dazu wird es nicht kommen, denn bevor drei Wochen vergangen sind, werdet ihr die schottische Küste wiedersehen. Vorerst müßt ihr aber auf halbe Ration gehen, ihr müßt alles teilen, keiner darf bevorteilt werden. Haltet die Ohren steif, und ihr werdet diese Sache genauso durchstehen wie die Gefahren der letzten Jahre.« Diese wenigen, einfachen Worte hatten eine wunderbare Wirkung auf die Mannschaft. Die Unbeliebtheit Craigies war vergessen. Der alte Harpunier, dessen Aberglauben ich schon erwähnt habe, rief dreimal hoch, und alle fielen in den Jubel ein.

16. SEPTEMBER - Über Nacht hat der Wind nach Norden gedreht, das Eis scheint sich allmählich aufzulösen. Trotz der knappen Rationen ist die Stimmung in der Mannschaft gut. Die Maschine steht unter Dampf, so daß wir uns bei der ersten Gelegenheit unverzüglich davonmachen können. Der Kapitän ist nur noch bester Laune, obwohl in seinen Augen immer noch das Jenseitige, »fey«, schimmert, von dem ich früher sprach. Der derzeitige Ausbruch von Frohsinn verwirrt mich noch mehr als seine frühere Schwermut. Ich verstehe es einfach nicht. Ich glaube, ich habe schon in einem früheren Kapitel dieser Aufzeichnungen erwähnt, daß es einer seiner Ticks war, keinen Menschen in seine Kabine zu lassen, auch keinen Steward, daß er sogar sein Bett selbst herzurichten pflegte. Zu meiner Überraschung übergab er mir nun heute den Kabinenschlüssel und trug mir auf, an seinem Chronometer die Zeit abzulesen, während er die Höhe des Sonnenzenits messen wollte. In dem kleinen, kahlen Raum befindet sich neben einer Waschschüssel und einigen Büchern kaum etwas, das zur Wohnlichkeit beitragen könnte. Nur an den Wänden hängen eine Anzahl Bilder, die meisten davon billige Öldrucke, doch auch eine Aquarellzeichnung, die den Kopf einer jungen Dame darstellt. Offensichtlich handelt es sich um ein Originalportrait, nicht eine der Standard-Schönheiten, die sich Seeleute gern über die Koje hängen. Kein Maler könnte aus seiner Phantasie eine solch eigenartige Mischung aus Stärke und Zartheit entworfen haben. Die schläfrigen Traumaugen mit ihren schweren Lidern, und die tiefe, breite Stirn, die von keinem Gedanken oder Kummer getrübt zu sein schien, standen in scharfem Kontrast zu dem klar gezeichneten, energischen Kinn und dem eindeutigen, entschlossenen Mund. Rechts unten war die Zeichnung signiert: »M. B. 19«. Daß jemand von dieser Jugend eine solche Willenskraft entwickelt haben kann, wie sie sich in diesem Portrait ausdrückt, halte ich für schlechterdings unglaublich. Sie muß eine außergewöhnliche Frau gewesen sein. Ihre Züge haben sich meinem Gedächtnis so eingebrannt - obwohl ich nur einen ganz kurzen Blick auf das Bild werfen konnte -, daß ich sie Strich für Strich in diesem Heft nachzeichnen könnte, wenn ich ein Künstler wäre. Ich frage mich, welche Rolle sie wohl in Craigies Leben gespielt hat. Ihr Bild hängt so, daß er es ununterbrochen anschauen muß, wenn er auf seinem Lager ruht. Wüßte ich nicht genau, daß es ihn wütend machte, bestimmt würde ich ihn fragen, welche Bewandtnis es mit der Frau hat. Die anderen Dinge in seiner Kabine sind kaum der Erwähnung wert - Uniformröcke, ein einfacher Hocker, ein Vergrößerungsglas, eine Tabakdose und unzählige Pfeifen, darunter auch eine orientalische Wasserpfeife, vielleicht ein Hinweis darauf, daß er wirklich an dem Krieg teilgenommen hat, wie Mr. Milne erzählte, man weiß ja nie.

23.20 h - Nach einem langen und interessanten Gespräch über allgemeine Themen ist der Kapitän eben zu Bett gegangen. Wenn er will, kann er wirklich ein faszinierender, und charmanter Mann sein. Seine Belesenheit ist bemerkenswert, und die Art, wie er eine Meinung vertritt, ist stark, ohne überheblich zu sein. Ich hasse es nämlich, wenn mir jemand intellektuell auf die Füße tritt. Wir sprachen über die Natur der Seele, und er entwarf ein meisterliches Bild der Ansichten, die Aristoteles und Plato darüber hatten. Er scheint gleichermaßen der Theorie der Seelenwanderung wie der Denkweise des Pythagoras anzuhängen. Schließlich kamen wir zum modernen Spiritismus, ich macht einige scherzhafte Bemerkungen über Slade, worauf er mich eindringlich warnte, Propheten und Betrüger in einen Topf zu werfen. Er argumentierte, daß man das Christentum auch nicht als einen Irrweg brandmarken kann, nur weil Judas als Anhänger Christi ein Verräter wurde. Kurz darauf wünschte er mir eine gute Nacht und zog sich zurück.

Der Wind frischt auf und weht beständig von Norden. Die Nächte sind jetzt so dunkel wie in England. Ich hoffe, der morgige Tag wird uns von unseren eisigen Fesseln befreien.

17. SEPTEMBER - Schon wieder das Gespenst. Gott sei Dank habe ich starke Nerven! Der Aberglaube dieser armen Irren und die Geschichten, die sie voller Ernst und Überzeugung erzählen, würden jeden, der sie nicht kennt, in den Wahnsinn treiben. Es gibt viele Versionen der Geschehnisse der letzten Nacht, doch die Essenz von alldem ist, daß sich bis in den Morgen etwas Unsägliches beim Schiff herumgetrieben hat und daß nicht nur Sandy McDonald aus Peterhead und »der Lange« Peter Williamson es gesehen haben, sondern auch Mr. Milne von der Brücke aus. Das heißt, es gibt drei Zeugen, und die geben der Sache für die Mannschaft mehr Gewicht als vor ein paar Tagen der zweite Steuermann. Nach dem Frühstück habe ich mit Milne gesprochen und ihm gesagt, daß er eigentlich über diesem Unsinn stehen sollte und er als Offizier der Mannschaft ein Vorbild sein müsse. Er aber schüttelte nur seinen verwitterten Kopf und antwortete in seiner gewohnten bedächtigen Art.

»Vielleicht, Doktor, vielleicht auch nicht. Ich hab' nicht gesagt, daß es ein Geist war. Vielleicht würde ich keinen Schilling darauf verwetten, daß es Seeungeheuer und so was gibt, aber viele schwören Stein und Bein darauf. Ich bin nicht leicht zu erschrecken, obwohl Ihnen wahrscheinlich das Blut in den Adern gefroren wäre, hätten Sie letzte Nacht neben mir gestanden, Mann, und das Monstrum, weiß und riesengroß, husch-husch, mal hier, mal dort, wie ein verirrtes Kalb nach seiner Mutter schreien gehört. Jetzt, wo es hell ist, haben Sie leicht reden und können sagen: Altweiber-Gewäsch. So ist das.« Ich sah, daß es hoffnungslos war, mit ihm zu streiten, also hielt ich mich zurück und bat ihn lediglich, mich das nächste Mal zu wecken, wenn ein Gespenst erscheint, worauf er mich mit den inbrünstigsten Beschwörungen überschüttete, daß dieser Fall niemals eintreten möge.

Wie ich gehofft hatte, ist die weiße Wüste hinter uns aufgebrochen. Überall erscheinen jetzt dünne Wasseradern, die sie kreuz und quer zerschneiden. Unsere Position ist jetzt 80° 52' N. was zeigt, daß das Packeis schnell nach Süden driftet. Sollte der Wind günstig bleiben, so wird es sich so schnell auflösen, wie es entstanden ist. Im Augenblick können wir nur rauchen und warten und das Beste hoffen. Ich werde hier zum Fatalisten. Es bleibt mir sowieso nichts anderes übrig, wenn alles von so unsicheren Faktoren abhängt wie Wind und Eis. Vielleicht waren es der Wind und der Sand der arabischen Wüsten, die die ersten Jünger Mohammeds dazu trieben, sich dem Kismet zu ergeben.

Diese Geistererscheinungen haben eine sehr negative Wirkung auf den Kapitän. Ich fürchtete, sie könnten seine empfindlichen Nerven erschüttern und versuchte, die ganze Angelegenheit vor ihm zu verheimlichen, doch unglücklicherweise hörte er zufällig, wie die Leute davon sprachen und bestand darauf, informiert zu werden. Wie ich erwartet hatte, brachte es seine latente Geistesstörung wieder in einen akuten Zustand. Ich kann kaum fassen, daß dies derselbe Mann ist, mit dem ich gestern vollkommen rational über Philosophie diskutiert habe. Er läuft auf Deck herum wie ein Tiger im Käfig, ab und zu bleibt er stehen und schlägt stöhnend die Hände über dem Kopf zusammen, um dann unruhig aufs Eis hinaus zu starren. Er spricht ständig leise zu sich selbst, und einmal rief er aus, »noch ein bißchen Zeit, Liebe - gib mir noch ein bißchen Zeit!« Armer Kerl, es ist traurig, mitanzusehen, wie ein Mann von Welt, ein vollendeter Gentleman zu solch einem Wrack verkommt, traurig der Gedanke, daß Phantasie und Phantasterei einen Kopf zermürben können, für den früher die Gefahr nur das Salz des Lebens war. War je einer in meiner Lage, zwischen einem verwirrten Kapitän und einem ersten Offizier, der Gespenster sieht? Manchmal denke ich, ich bin der einzige Normale auf dem ganzen Schiff - ausgenommen vielleicht den zweiten Ingenieur, eine Art Wiederkäuer, den alle Teufel des Roten Meeres nicht schrecken könnten, solange sie seine Geräte in Ruhe lassen.

Immer noch löst sich das Eis, und aller Wahrscheinlichkeit nach können wir morgen früh versuchen, abzupfen. Zu Hause werden sie wohl denken, ich hätte all die Solchen erfunden, die mir passiert sind.

MITTERNACHT - Ich habe ganz schön gezittert, doch dank des Brandys fühle ich mich jetzt schon ruhiger. Trotzdem bin ich kaum mehr ich selbst, meine Handschrift wird es beweisen. Ich hatte ein eigenartiges Erlebnis, und ich beginne zu zweifeln, ob ich das Recht hatte, jeden an Bord als verrückt zu bezeichnen, nur weil er Behauptungen aufstellte, die ich nicht verstehen konnte. Ach, ich bin ein Narr, daß mich solch eine Lappalie aus der Fassung bringt, und dennoch, nach all den Geschichten von Mr. Manson und dem Steuermann, über die ich vorher noch gelacht habe, hat mein eigenes Erlebnis doch eine besondere Bedeutung. Die Geschichten waren wahr.

Eigentlich war es nichts - nur ein Geräusch, das war alles. Ich erwarte nicht, daß irgendjemand, der dies liest, wenn es ihn gibt, mit mir fühlen kann oder zu begreifen vermag, welche Wirkung, dieser Laut auf mich hatte. Nach dem Vesper war ich auf Deck gegangen, um vor dem Schlafengehen noch in Ruhe eine Pfeife zu rauchen. Die Nacht war sehr dunkel - so dunkel, daß ich vom Hauptdeck aus nicht den Mann auf der Brücke sehen konnte. Die außerordentliche Stille, die über dem Eismeer herrscht, habe ich sicher schon erwähnt.

In anderen Gegenden der Welt, mögen sie noch so öd und leer sein, liegt immer eine leichte Schwingung in der Luft - ein fernes Wispern, sei es vom Getriebe der Menschen, vom Laub, das leise raschelt, vom Flügelschlag ferner Vögel oder nur das Rauschen des Grases, das die Erde bedeckt. Wenn man die Geräusche auch nicht aktiv wahrnimmt, so wird man sie doch vermissen, wenn sie plötzlich verschwunden wären. Nur hier in den arktischen Gewässern umschließt dich diese dichte, undurchdringliche Stille mit all ihrer Grausamkeit. Die Trommelfelle beginnen nach dem leisesten Ton zu lechzen, der Sinn stürzt sich gierig auf jedes zufällige Geräusch an Bord. In dieser Situation stand ich über die Brüstung gebeugt, als direkt unter mir vom Eis ein scharfer, schriller Schrei ertönte, mitten in die stille Nachtluft, am Anfang so hoch, wie ihn keine Primadonna singen könnte, dann immer schriller, ein Schrei der Qual, vielleicht die letzte Klage einer verlorenen Seele. Das gräßliche Heulen klingt noch in meinen Ohren. Schmerz, unerträglicher Schmerz schien sich in ihm auszudrücken, großes Verlangen auch, und immer wieder ein Anflug von Frohlocken, wildem Jubel. Es schien von direkt neben mir zu kommen, und doch konnte ich nichts erkennen, als ich in die Dunkelheit starrte. Ich wartete einen Moment, ohne daß noch etwas passierte, und schließlich, tiefer erschüttert als je zuvor in meinem Leben, ging ich nach unten. Dort traf ich Mr. Milne, der auf dem Weg zur Wachablösung war. »Hallo, Doktor«, sagte er, »Altweibermärchen, nicht wahr? Haben Sie es kreischen gehört? Ist doch alles nur Aberglaube, oder? Was meinen Sie?« Ich fühlte mich verpflichtet, mich bei dem guten Mann zu entschuldigen und zuzugeben, daß ich genauso erschrocken war wie er. Vielleicht sehen die Dinge morgen schon anders aus, im Moment kann ich aber kaum zu Papier bringen, was mir alles durch den Kopf geht. Wahrscheinlich werde ich mich selbst für meine Schwäche verachten, wenn alles vorbei ist und ich diese Zeilen lese.

18. SEPTEMBER - Ich habe eine schlimme, ruhelose Nacht hinter mir, in der mich das unheimliche Geräusch ständig verfolgte. Der Kapitän scheint auch nicht viel Schlaf bekommen zu haben, denn sein Gesicht ist eingefallen und seine Augen blutunterlaufen. Ich habe ihm nichts von meinem nächtlichen Abenteuer erzählt, habe auch nicht die Absicht, dies zu tun. Er ist ohnehin ruhelos und verstört, er kann einfach nicht mehr stillsitzen.

Wie ich erwartet hatte, erschien heute morgen eine schmale Gasse im Packeis, und wir konnten den Eisanker lichten. Wir waren schon zwölf Meilen Richtung Süd-Südwest gefahren, als wir von einem Eisfeld aufgehalten wurden, das mindestens so massiv war wie das, dem wir eben entkommen waren. Wir liegen wieder fest, und es bleibt uns nichts übrig, als zu ankern und zu warten, bis wir wieder freikommen, was wahrscheinlich innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden geschehen wird, wenn der Wind sich hält. Zahlreiche plattnasige Robben schwimmen um uns herum; diese grimmigen, kampflustigen Tiere können sogar einem Bären große Schwierigkeiten bereiten, doch zum Glück sind sie auf dem Eis langsam und schwerfällig, so daß man sie dort gefahrlos angreifen kann.

Der Kapitän ist offensichtlich nicht der Meinung, daß wir schon alle Schwierigkeiten überwunden haben, obwohl ich nicht begreifen kann, warum er unsere Situation noch so kritisch sieht, denn jeder andere an Bord glaubt, wir seien schon auf wunderbare Weise gerettet, und ist sicher, daß wir bald die offene See erreichen werden.

»Ich nehme an, Sie denken, jetzt ist alles in Ordnung, Doktor?« sagte er nach dem Essen zu mir.

»Ich hoffe es«, antwortete ich.

»Wir dürfen nicht zu sicher sein - trotzdem, Sie haben bestimmt recht. Nicht mehr lange, und wir alle werden unsere Lieben in die Arme schließen können, nicht wahr, mein Junge?

Aber wir dürfen uns nicht zu sicher fühlen - das dürfen wir nicht.«

Ex hielt eine Weile inne und rückte seinen Stuhl zurecht. »Schauen Sie«, fuhr er fort, »dies ist ein gefährlicher Ort, wenn der Wind auch noch so günstig ist - ein hinterhältiger, gefährlicher Ort. Ich habe Männer gekannt, die in einer Gegend wie dieser plötzlich verschwanden. Ein Ausrutscher kann schon reichen - Sie rutschen nur einmal aus und verschwinden zwischen den Eisschollen. Das einzige, was von ihnen übrigbleibt, sind ein paar Luftblasen dort, wo Sie versunken sind.«

»Seltsam«, er lachte nervös auf, »aber solange ich mich hier herumtreibe, habe ich nie daran gedacht, mein Testament zu machen - nicht, daß ich irgend etwas Besonderes zu hinterlassen hatte, aber wenn ein Mann sich in Gefahr begibt, sollte er zu Hause alles geregelt haben, meinen Sie nicht auch?«

Ich fragte mich, worauf er hinauswollte. »Richtig«, antwortete ich.

»Man fühlt sich besser, wenn man weiß, daß alles geregelt ist«, fuhr er fort. »Ich hoffe, daß Sie sich für mich darum kümmern, wenn mir etwas passieren sollte. Die wenigen Dinge aus meiner Kabine sollen Sie verkaufen und den Erlös wie das Ölgeld unter der Mannschaft aufteilen. Den Chronometer sollen Sie als kleine Erinnerung an Ihre Reise behalten. Natürlich meine ich das alles nur als Vorsichtsmaßnahme, doch ich dachte, ich nehme die Gelegenheit wahr und spreche mit Ihnen darüber. Kann ich mich auf Sie verlassen?«

»Ich verspreche es Ihnen hoch und heilig«, antwortete ich; »und wenn Sie schon daran denken, sollte ich vielleicht auch.«

»Sie - Sie!« unterbrach er mich. »Mit Ihnen ist alles in Ordnung. Was zum Teufel soll Ihnen schon passieren?

Entschuldigen Sie, ich wollte nicht schreien, aber ich mag es nicht, wenn ein junger Mann, dessen Leben kaum begonnen hat, mit dem Tod spekuliert. Gehen Sie lieber auf Deck, und schnappen Sie ein wenig frische Luft, als hier unten Unsinn zu reden und mich auch noch dazu zu verleiten.«

Je länger ich über dieses Gespräch nachdenke, desto unwohler fühle ich mich dabei. Warum sollte ein Mann gerade dann seine Hinterlassenschaft regeln, wenn seine Rettung unmittelbar bevorsteht? Der Wahnsinn muß Methode haben. Kann es sein, daß er an Selbstmord denkt? Dabei erinnere ich mich, wie er einmal mit tiefstem Ekel von der Verwerflichkeit des Verbrechens Selbstvernichtung sprach. Ich werde ihn jedenfalls im Auge behalten. In die intime Sphäre seiner Kabine kann ich nicht eindringen, doch ich habe mir vorgenommen, wenigstens so lange in seiner Nähe zu bleiben, wie er sich außerhalb seiner Kammer aufhält.

Mr. Milne focht meine Ängste noch an; er sagt: »Das ist ganz allein Sache des Skippers.« Unsere eigene Zukunft sieht er rosig. Wenn es nach ihm geht, werden wir übermorgen aus dem Eis heraus sein, zwei Tage später Jan Meyen passieren und nach kaum einer Woche Shetland sichten. Hoffentlich ist er nicht zu optimistisch. Seine Meinung muß sorgfältig gegen die düsteren Vorahnungen des Kapitäns abgewägt werden, denn der ist auch ein alter, erfahrener Seemann, der seine Worte wohl überlegt, bevor er spricht.

Schließlich kam es doch zu der drohenden Katastrophe. Ich weiß gar nicht, was ich darüber schreiben soll. Der Kapitän ist fort. Vielleicht sehen wir ihn noch lebendig wieder, doch ich weiß nicht - ich habe ein schlechtes Gefühl. Jetzt ist es sieben Uhr morgens am 19. September. Die ganze Nacht bin ich mit einer Gruppe von Matrosen auf dem Eisfeld vor uns umhergestreift. Wir hofften, eine Spur von ihm zu finden, doch vergeblich. Ich will versuchen, die Umstände seines Verschwindens zu schildern. Sollte irgendjemand diese Worte lesen, so vertraue ich auf sein Bewußtsein, daß ich mir nichts aus den Fingern gesaugt oder vom Hörensagen schreibe, sondern daß ich, ein gesunder und gebildeter Mann, das niederschreibe, was ich wirklich mit eigenen Augen gesehen habe. Ich ziehe zwar meine eigenen Schlüsse, doch für die Fakten stehe ich ein.

Nach dem Gespräch, das ich beschrieben habe, blieb der Kapitän bei bester Laune. Er schien jedoch nervös und ungeduldig zu sein. Er ist ruhelos und läuft ziellos mit zitternden Gliedern auf dem Schiff umher. Innerhalb einer Viertelstunde kam er siebenmal auf Deck, nur um hastig wieder hinunterzusteigen. Jedesmal folgte ich ihm, denn in seinem Gesicht war etwas, das mich in meinem Entschluß bekräftigte, ihn nicht aus den Augen zu lassen. Anscheinend bemerkte er die Aufmerksamkeit, mit der ich ihn beobachtete; durch übertriebene Heiterkeit und lautes Lachen über die dümmsten Scherze versuchte er mich zu beruhigen.

Nach dem Abendessen ging er noch einmal auf die Achterhütte, und ich folgte ihm. Die Nacht war sehr dunkel und ruhig, nur das melancholische Seufzen des Windes zwischen den Spieren war zu hören. Eine große Wolke näherte sich von Nordwesten, Fetzen, die ihr voranflogen, trieben schon über die Mondscheibe. Der Kapitän raste auf und ab, und als er sah, daß ich wie ein treuer Hund hinter ihm herlief, kam er zu mir und bedeutete mir, ich sollte besser nach unten gehen - ich brauche kaum zu sagen, daß ich dadurch nur noch in meiner Entschlossenheit bestärkt wurde, auf Deck zu bleiben.

Ich glaube, danach vergaß er meine Anwesenheit, denn er stand ruhig an der Heckreling gelehnt und schaute auf die unendliche Schneewüste, die zum Teil im Schatten lag und an anderen Stellen silbrig im Mondlicht schimmerte. Ich konnte beobachten, wie er mehrmals auf die Uhr schaute, und einmal murmelte er einen kurzen Satz, von dem ich nur das eine Wort »fertig« verstand. Ich gestehe, es lief mir ein kalter Schauer den Rücken hinunter, als ich die mächtigen Umrisse dieses Mannes in der Dunkelheit betrachtete, und mir fiel auf, daß er haargenau wie jemand aussah, der ein Rendezvous mit seiner Geliebten hat. Seine Geliebte? Stück für Stück formte sich eine Idee in mir, ich reihte eine Beobachtung an die andere, und die Lösung des Rätsels begann mir zu dämmern, doch auf das, was nun passieren sollte, war ich noch gänzlich unvorbereitet.

An einer plötzlichen Bewegung Craigies merkte ich, daß er etwas gesehen haben mußte. Ich kletterte auf die Hütte, und stellte mich hinter ihn. Sein starrer, fragender Blick war auf etwas gerichtet, das wie ein Nebelschwaden aussah, der am Schiff entlangtrieb. Ein unbestimmter, formloser Dunstkörper, manchmal mehr, dann wieder weniger gut zu erkennen, je nachdem, wie das Licht auf ihn fiel. Das Mondlicht war gedämpft durch eine Wolke, dünn wie ein Seidenschleier.

»Ich komme, Kleines, ich komme«, rief der Skipper, seine Stimme war so süß und voller Leidenschaft, als wolle er einem geliebten Menschen endlich und mit Freuden einen langgehegten Wunsch erfüllen.

Dann ging alles sehr schnell. Ich hatte keine Chance, einzugreifen. Mit einem Satz sprang er auf die Brüstung und schwang sich aufs Eis fast direkt zu Füßen der fahlen Nebelgestalt. Er streckte ihr die Arme entgegen, als wolle er sie fassen, um dann in dieser Haltung, mit ausgestreckten Armen und liebevollen Worten auf den Lippen, hinaus in die Finsternis zu laufen. Ich blieb wir gelähmt zurück und versuchte, den Unglücklichen in der Dunkelheit auszumachen, bis seine Stimme in der Ferne erstarb. Ich glaubte nicht, ihn noch einmal sehen zu können, doch im gleichen Augenblick schien der Mond hell durch eine Lücke in der Wolkendecke und tauchte das Eis in sattes Licht. Ich sah, daß er schon sehr weit weg war, in erstaunlichem Tempo rannte er über die starre Einöde. Dann verschwand er am Horizont - vielleicht für immer. Es wurde ein Suchtrupp aufgestellt, dem ich mich anschloß, doch im Herzen glaubten die Männer nicht an einen Erfolg. Wir fanden keine Spur. In ein paar Stunden wollen wir noch einmal losgehen. Wenn ich diese Zeilen niederschreibe, kann ich kaum glauben, was ich mit eigenen Augen gesehen habe; vielleicht habe ich doch nur geträumt oder bin einer Sinnestäuschung erlegen.

19.30 h - Soeben sind wir mutlos und erschlagen vom zweiten erfolglosen Versuch zurückgekehrt, den Kapitän zu finden. Das Eisfeld muß eine enorme Ausdehnung haben, denn obwohl wir uns bestimmt zwanzig Meilen vom Schiff entfernt haben, sind wir nicht an sein Ende gestoßen. Am späten Nachmittag wurde der Frost so streng, daß die Schneedecke hart wie Granit gefroren ist. Die Crew dringt darauf, sofort den Anker zu lichten und um das Eisfeld herum Richtung Süden zu dampfen, denn dort ist das kühle Leichentuch zerrissen. Am Horizont kann man das offene Meer erkennen. Sie sagen, der Kapitän sei sicher schon tot, es hätte keinen Zweck, sinnlos unser Leben zu riskieren, wenn wir jetzt die Chance hätten, zu entkommen. Mr. Milne und ich hatten größte Schwierigkeiten, sie zu überreden, bis morgen abend zu warten. Wir mußten uns verpflichten, den Termin auf keinen Fall noch einmal aufzuschieben. Deshalb haben wir beschlossen, jetzt ein wenig zu schlafen und dann zu einer letzten Suchexpedition aufzubrechen.

20. SEPTEMBER, abends - Heute morgen bin ich mit einer kleinen Gruppe Richtung Süden und Mr. Milne nach Norden gegangen. Wir kämpften uns zehn oder zwölf Meilen vor, ohne auch nur die Spur eines Lebewesens zu entdecken, abgesehen von einem einzigen Vogel, der einige Zeit über unseren Köpfen kreiste, nach seiner Flugweise zu urteilen wahrscheinlich ein Falke. Im Süden lief das Eisfeld in eine lange Spitze aus, die im Meer verschwand. Als wir die Basis dieses äußersten schmalen Dreiecks erreichten, blieben die Männer stehen, doch ich flehte sie an, bis ans Ende weiterzugehen, um wenigstens ganz sicher zu sein, daß wir alles versucht haben.

Nach kaum hundert Metern rief McDonald, da wäre etwas und begann zu laufen. Jetzt sahen wir es alle und folgten ihm. Zuerst war es nur ein dunkler Fleck auf dem Eis, doch als wir näher kamen, erkannten wir die Umrisse eines Körpers, vielleicht des Mannes, den wir suchten. Er lag mit dem Gesicht nach unten auf einer Eisscholle. Viele kleine Eiskristalle und Schneeflocken bedeckten seine dunkle Seemannsjacke. Als wir direkt neben ihm standen, kam ein kleiner, wandernder Luftwirbel, erfaßte diese Flocken und schleuderte sie hoch, hielt noch kurz inne, um dann Richtung offene See zu entschweben. In meinen Augen nichts anderes als eine gewöhnliche Schneeverwehung, doch viele meiner Kameraden waren sicher, daß sie die Form einer Frau hatte, die den Leichnam küßte und dann über das Eis verschwand. Ich habe gelernt, mich über niemanden mehr lustig zu machen, mag er auch noch so seltsame Dinge erzählen. Fest steht, daß Kapitän Craigie einen leichten Tod gestorben ist, denn auf seinem blau gefrorenen Gesicht stand ein strahlendes Lächeln, und seine Hände streckten sich immer noch dem unbekannten Boten entgegen, der ihn in die dämmrige Welt abberufen hat, die hinter dem Tode liegt.

Wir bestatteten ihn noch am selben Nachmittag in der Flagge des Schiffes und feuerten einen Dreißigpfünder zu seinen Ehren ab. Ich hielt die Grabrede, während die wilden Seemänner wie Kinder weinten, denn viele von ihnen hatten seiner Güte einiges zu verdanken und konnten ihm jetzt erst ihre Zuneigung zeigen, wovor sie sich zu seinen Lebzeiten wegen seiner eigensinnigen Art immer gescheut hatten. Mit einem dumpfen Klatschen ging er schließlich von uns, und als ich ins grüne Wasser schaute, sah ich ihn versinken, tiefer und immer tiefer, bis er nur noch ein weiß flackernder Fleck in ewiger Finsternis war. Dann war gar nichts mehr zu sehen, er war verschwunden. Dort liegt er jetzt, sein Geheimnis und all sein Schmerz sind immer noch in seiner Brust begraben, bis er eines Tages vielleicht aus dem Eis wieder auftaucht mit seinem Lächeln und seinen steifen, zur Begrüßung ausgestreckten Armen. Ich bete für ihn, er möge in jenem Leben glücklicher sein, als er es in diesem war.

Ich werde hiermit mein Tagebuch abschließen. Der Heimweg liegt klar und offen vor uns, und das große Eisfeld wird bald nicht mehr sein als eine zwielichtige Erinnerung an vergangene Abenteuer. Ich werde einige Zeit brauchen, bis ich den Schock überwunden haben werde, den mir die vergangenen Ereignisse zugefügt haben. Als ich anfing, dieses Reisetagebuch zu führen, ahnte ich nicht, daß es so enden würde. Diese letzten Worte schreibe ich in der einsamen Kajüte, manchmal schrecke ich noch auf und meine, die schnellen, hastigen Schritte des Kapitäns auf Deck über mir zu hören. Heute abend bin ich in seiner Kabine gewesen, wie es meine Pflicht war, um für das offizielle Logbuch eine Liste seiner Habseligkeiten aufzustellen. Alles war noch, wie ich es vorher schon gesehen hatte, nur das Bild, das ich beschrieben habe, welches am Fußende seines Bettes hing, war wie mit einem Messer aus dem Rahmen geschnitten und verschwunden. Mit diesem letzten Glied in einer Kette der Beweise für das Unfaßbare schließe ich das Tagebuch der Fahrt der Polestar.

(ANMERKUNG von Dr. John M'Alister Ray Senior - Ich habe die Aufzeichnungen meines Sohnes über die seltsamen Umstände des Todes des Kapitäns der Polestar durchgelesen und bin der festen Überzeugung, daß sich alles genau so zugetragen hat, wie er es darstellt, ja, ich bin mir dessen sogar absolut sicher, denn ich kenne meinen Sohn als einen konsequenten Rationalisten mit starken Nerven, der absolut nicht zur Aufschneiderei neigt. Dennoch war ich lange gegen die Veröffentlichung dieser Geschichte, da sie auf den ersten Blick absolut unwahrscheinlich und unglaublich wirkt. Seit einigen Tagen verfüge ich jedoch über eine Aussage von unabhängiger Seite, die ein neues Licht auf die Angelegenheit wirft. Als ich in Edinburgh weilte, um an der Tagung des britischen Ärzteverbandes teilzunehmen, traf ich zufällig Dr. E... einen alten Studienkollegen, der jetzt in Saltash, Devonshire, praktiziert. Nachdem ich ihm von den Erlebnissen meines Sohnes erzählt hatte, erklärte er mir, daß er den Mann, um den es geht, gut kannte; zu meiner größten Überraschung beschrieb er ihn mir genau so, wie ich ihn aus dem Tagebuch meines Sohnes kenne, nur das Alter war ein anderes. Nach seiner Schilderung war er mit einer jungen Lady von außergewöhnlicher Schönheit verlobt, die an der Küste von Cornwall lebte. Während Craigies Abwesenheit auf See kam sie unter besonders schrecklichen Umständen zu Tode.)

»Lot No. 249«

(Lot No. 249)

Mit letzter Sicherheit wird man wohl nie erfahren, was zwischen Edward Bellingham und William Monkhouse Lee geschah und was das Grauen ausgelöst hat, das Abercrombie Smith widerfuhr. Wir können uns nur auf seinen eigenen, ausführlichen Bericht stützen und auf die Aussagen des Dieners Thomas Styles und des Pastors Plumptree Peterson und eben solcher Leute, die zufällig einen kleinen Teil dieser unglaublichen Kette von Ereignissen bezeugen können. Im wesentlichen müssen wir uns allein auf Smith verlassen, und die meisten von Ihnen halten es sicherlich für wahrscheinlicher, daß auch ein noch so klares Gehirn einmal seinen kleinen Fehlem und Schwächen unterliegen kann, als daß an einem Ort der Wissenschaft, wie ihn die Universität von Oxford zweifellos darstellt, in so flagranter Weise grundlegende Naturgesetze verletzt werden konnten. Wenn wir jedoch bedenken, wie schwach das Licht ist, mit dem unsere Wissenschaft den unüberschaubaren Raum dieser Gesetze beleuchten kann, wie in allen Winkeln Irrtümer wie Irrlichter aufblitzen und uns für lange Zeit erblinden lassen können, so hieße es, die Augen freiwillig zu verschließen, wenn wir jedes unerwartete Ereignis kurzerhand und nur scheinbar skeptisch als Halluzination abtäten.

An einem Flügel der Universitätsgebäude gibt es ein Ecktürmchen, das besonders alt sein soll. Der schwere Steinbogen, der seinen offenen Eingang überspannt, scheint nur noch von dem Netz aus Flechten und Efeuranken, die ihn überwuchern, vor dem Zusammenstürzen bewahrt zu werden. Von der Tür windet sich über zwei Absätze eine grobe Steintreppe nach oben, deren Stufen von Generationen wissensdurstiger Studenten ganz rund und formlos getreten sind, wie Steine in einem Flußbett, die die Zeit rundgeschliffen hat. Was mag heute noch übrig sein von all dem jungen, englischen Leben, all den Hoffnungen und Anstrengungen, die dieser Turm seit den Tagen der Plantagenets gesehen haben mag? Ein paar unleserliche Kerben auf irgendwelchen verwitterten Grabsteinen, vielleicht noch eine Handvoll Staub unter modrigen Sargresten, und eben auch diese abgetretenen Stufen, diese grauen Mauern, die in ihrer eigenen Sprache von vergangenen Zeiten künden.

Im Monat Mai des Jahres 1884 bewohnten drei junge Männer die kleinen Zimmer, jeweils ein Schlafraum und ein Wohnraum, die in dem Turm für Studenten zur Verfügung standen. Zu ebener Erde wohnte der Diener oder Bursche, Thomas Styles, der für die drei jungen Herren über ihm zu sorgen hatte. Unter den fleißigeren Kandidaten erfreuten sich diese Räume einer gewissen Beliebtheit, da man sich dort, umgeben von Hörsälen und Bibliotheken, gut zur Klausur zurückziehen konnte. Zu diesen Kandidaten zählten auch die drei, die nun dort wohnten - in der Turmspitze Abercrombie Smith, eine Treppe tiefer Edward Bellingham, und im ersten Stock William Monkhouse Lee.

Es war zehn Uhr, ein strahlender, blauer Frühlingsabend war zu Ende gegangen. Abercrombie Smith saß in seinem Lehnstuhl vor dem Kamin und rauchte schweigend seine Bruyerepfeife. Ihm gegenüber saß genauso entspannt in einem ganz ähnlichen Sessel sein alter Schulfreund Jefferson Hastie. Beide trugen noch Wolljacken, denn sie hatten den Abend am Fluß verbracht, zwei Naturburschen mit frischen, klaren Gesichtern, denen man ansah, daß sie stets für das Männliche und Starke waren. Hastie war denn auch Schlagmann seines College-Bootes, und Smith war ein ebenso starker Ruderer, doch ein bevorstehendes Examen warf schon seinen Schatten voraus und fesselte ihn an seine Bücher, bis auf die wenigen Stunden in der Woche, die er seiner Gesundheit schuldig zu sein glaubte. Die medizinischen Bücher auf seinem Tisch sowie verstreute Knochen und Gipsmodelle und anatomische Tafeln wiesen auf Art und Umfang seiner Studien hin, während die Ruder und ein Paar Boxhandschuhe an der Wand jedem, der das Zimmer betrat, zeigten, womit er sich in Form hielt: stark und männlich. Und Hastie half ihm dabei. Sie kannten sich sehr gut - so gut, daß sie oft, wie auch an diesem Abend, schweigend zusammensitzen konnten. Weiter kann sich eine Freundschaft nicht entwickeln.

»Ich habe noch Whisky«, sagte Abercrombie Smith zwischen zwei Rauchwolken. »Scotch in dem Krug und Irischen in der Flasche.«

»Nein danke. Wir haben bald ein Rennen. Kein Schnaps während des Trainings! Wie steht es mit dir?«

»Ich muß noch sehr viel lesen. Ich glaube, ich trinke besser auch nichts.«

Hastie nickte, die beiden fielen wieder in ihr zufriedenes Schweigen.

»Übrigens«, fragte Hastie plötzlich, »,hast du inzwischen einen der Jungs, die unter dir wohnen, kennengelernt?«

»Mehr als ein >Guten Tag< war bisher noch nicht drin.«

»Hm! Vielleicht ist es am besten so. Ich kenne die beiden zwar nicht gut, aber mir reicht es. An deiner Stelle würde ich sie nicht gerade an meine Brust drücken. Nichts gegen Monkhouse Lee, aber.«

»Du meinst den Schmächtigen?«

»Genau; er ist ein feiner kleiner Kerl, ich glaube schon, er ist in Ordnung. Doch er ist ständig mit Bellingham zusammen.«

»Das ist also der Dicke.«

»Genau, und den möchte ich lieber nicht kennen.«

Abercrombie Smith sah seinen Kameraden neugierig an.

»Was ist denn mit ihm los?« fragte er. »Trinkt er? Oder ist er ein Spieler, ein Schuft? Du bist doch sonst nicht so kritisch.«

»Ach, du kennst ihn eben nicht, sonst würdest du nicht so fragen. Er hat etwas an sich - wie eine Kröte. Mein Ekel vor ihm wird immer größer. Für mich ist er ein richtig ekelhafter kleiner Verklemmter, obwohl er kein Idiot zu sein scheint. In seinen Fächern soll er sogar einer der besten sein, die das College jemals hatte.«

»Medizin oder Philologie?«

»Orientalische Sprachen. Er ist ein wahrer Teufel auf dem Gebiet. Chillingworth traf ihn in den letzten Ferien irgendwo am Nil, wie er mit den Arabern sprach, als sei er einer von ihnen oder zumindest unter ihnen aufgewachsen. Er sprach koptisch mit den Kopten, hebräisch mit den Juden und arabisch zu den Beduinen, und alle hätten ihm am liebsten den Rocksaum geküßt, sogar die Typen, die sonst nur auf Steinen hocken und jeden Fremden, der vorbeikommt, mit den Blicken töten wollen und vor ihm ausspucken. Doch als sie diesen Bellingham sahen, wälzten sie sich vor ihm im Staub, bevor er fünf Worte ausgesprochen hatte. Chillingworth erzählte, daß er so etwas noch nie erlebt hätte. Und für Bellingham schien es ganz selbstverständlich zu sein, zwischen ihnen herumzustolzieren und sie zu behandeln, als seien sie seine Sklaven. Ganz gut für einen Studenten, nicht wahr?«

»Du sagtest, man könne an Lee nicht herankommen, ohne auch mit Bellingham zu tun zu bekommen; wieso?«

»Weil Bellingham mit Lees Schwester Evelyn verlobt ist. Sie ist ein so hübsches, fröhliches Mädchen! Ich kenne die ganze Familie sehr gut, und ich finde es furchtbar, mitansehen zu müssenA wie sie sich mit dieser Kröte abgibt. Die Kröte und die Taube, daran erinnern mich die beiden immer.«

Smith grinste und klopfte seine Pfeife am Kaminsims aus.

»Ich habe dich durchschaut, Alter«, sagte er, »das Ganze liegt einfach zu klar auf der Hand, Bellingham würde dich gar nicht stören, wenn er nicht zufällig mit Evelyn verlobt wäre.« .

»Naja, ich kenne sie von klein auf, und ich will nicht, daß sie ein Risiko eingeht; das tut sie bestimmt. Er sieht einfach unheimlich aus. Und er hat unheimliche, gefährliche Launen. Erinnerst du dich an seinen Streit mit dem langen Norton?«

»Nein; du vergißt immer, daß ich noch nicht solange hier bin.«

»Ach ja, es war im letzten Winter. Aber du kennst sicher den schmalen Pfad unten am Fluß. Ein paar Studenten, Bellingham vorne weg, gingen in die eine Richtung, aus der anderen kam ihnen eine alte Marktfrau entgegen. Es hatte geregnet, du weißt, was das dort unten heißt, der Weg ist sehr schmal und ringsherum nichts als Schlamm und Pfützen. Doch was tut dieses Schwein Bellingham? Er bleibt auf dem Weg und stößt die Alte mit all ihrem Plunder in den Schmutz. Es war eine wirklich gemeine Szene, und Norton wurde so wütend, daß er Bellingham ins Gesicht sagte, was er davon hielt. Ein Wort gab das andere, und die beiden hätten sich fast geprügelt, es war ein Riesenärger. Du mußt mal sehen, wie Bellingham Norton anschaut, wenn er ihm heute einmal über den Weg läuft, es ist wirklich furchterregend. Himmel, es ist ja schon elf Uhr!«

»Keine Eile! Zünde dir deine Pfeife ruhig wieder an.«

»Das geht nicht, ich bin doch im Training und sollte eigentlich schon längst im Bett sein. Und was tu ich statt dessen? Ich sitze hier und schwätze. Ich nehme deinen Schädel mit, wenn du ihn im Moment nicht brauchst. Meiner liegt schon seit einem Monat bei Williams. Du könntest mir auch die Ohrknöchelchen borgen, aber nur, wenn du sie wirklich nicht brauchst. Vielen Dank. Eine Tasche brauche ich nicht, ich nehme das Zeug unter den Arm. Gute Nacht, mein Sohn, und denke daran, was ich dir über deinen Nachbarn erzählt habe.«

Als Hastie mit seinem Anatomiekram verschwunden war, leerte Abercrombie Smith seine Pfeife in den Papierkorb, schob seinen Sessel näher zur Lampe und griff nach einem prächtigen, grün eingebundenen Wälzer, der all die großen, bunten anatomischen Karten enthielt, Karten eines Landes, dessen macht- und hilflose Könige wir sind. Wenn er auch in Oxford erst angefangen hatte, als Mediziner war er schon fortgeschritten, denn er hatte vier Jahre in Glasgow und Berlin gearbeitet, und nach seiner nächsten Prüfung würde er als fertiger Arzt dastehen. Der entschlossene Mund, die breite Stirn und das klar geschnittene, etwas harte Gesicht ließen sofort vermuten, daß er zäh und geduldig genug war, auch ohne brillantes Talent manchen glänzenden Kopf am Ende in den Schatten stellen zu können. Ein Mann, der sich unter Schotten und Preußen behaupten kann, läßt sich nicht so leicht in die Ecke stellen. Smith hatte sich in Glasgow und Berlin einen guten Namen geschaffen, und jetzt wollte er in Oxford soviel erreichen, wie mit Fleiß und Engagement möglich war.

Er hatte etwa eine Stunde gelesen, die Zeiger seines geräuschvollen Reiseweckers würden sich bald auf der Zwölf treffen, als ein seltsames Geräusch ihn aufschreckte - ein lautes, fast schrilles Geräusch, wie ein gequältes, schmerzvolles Stöhnen. Smith ließ das Buch sinken und spitzte die Ohren. Links und rechts nebenan war nichts, das Geräusch konnte nur von seinem Nachbarn unter ihm kommen -demselben Bellingham, von dem sein Freund ein so ungünstiges Bild gezeichnet hatte. Smith kannte ihn nur als einen schwabbeligen, blassen Kerl, der ganz in seinen Studien aufzugehen schien; oft brannte bei ihm sogar noch Licht, wenn ringsherum schon längst alle schlafen gegangen waren. Dadurch fühlte sich Smith ihm irgendwie verbunden, denn auch er studierte oft bis tief in die Nacht. Es beruhigte ihn, zu wissen, daß ganz in der Nähe noch jemand war, dem seine Arbeit so wichtig war, daß er den Schlaf darüber vergaß. Sogar jetzt waren seine Gedanken an ihn noch freundlich. Hastie war ein guter Kumpel, doch er war auch ziemlich grobgestrickt und hatte wenig Phantasie. Abweichungen von seinem Idealbild reiner Männlichkeit konnte er nicht ertragen. Fiel einmal ein Student ein wenig aus der Reihe seiner frisch gewaschenen, sportlichen Kommilitonen, so war er Hastie gleich suspekt. Wie viele Sportler neigte er dazu, die körperliche Erscheinung eines Menschen mit seinem Charakter zu verwechseln. Smith kannte diesen Fehler seines Freundes sehr wohl und war sich dessen bewußt, als er jetzt an seinen Nachbarn dachte.

Smith wollte sich gerade wieder an die Arbeit machen, als ein Schrei die Stille der Nacht durchbrach - eindeutig der Schrei eines verzweifelten Menschen, der alle Selbstkontrolle aufgegeben hatte. Smith war mit einem Sprung aus seinem Sessel und legte sein Buch beiseite. Er hatte starke Nerven, doch in diesem ungehemmten Schreckensschrei war etwas, das das Blut in seinen Adern erstarren und seine Haare zu Berge stehen ließ. Zu dieser Stunde, an diesem Ort kamen ihm sofort tausend unglaubliche Ideen in den Kopf. Sollte er schnell hinunterlaufen und nachsehen, oder sollte er lieber abwarten? Wie alle Engländer haßte er jede Art unnötigen Aufsehens, er kannte seinen Nachbarn kaum und scheute davor zurück, sich in dessen Angelegenheiten zu mischen. Er schwankte immer noch zwischen Hilfsbereitschaft und Zurückhaltung, als der junge Monkhouse Lee, halb angezogen und aschfahl im Gesicht, die Treppe heraufgestürzt kam und seine Tür aufriß.

»Kommen Sie herunter!« keuchte er. »Bellingham ist krank.«

Sie gingen zusammen ein Stockwerk tiefer, wo Bellingham seine zwei Zimmer hatte, und als sie über dessen Schwelle traten, blieb Abercrombie Smith nichts anderes übrig, als seinen Blick durch die fremde Behausung schweifen zu lassen. Ein solches Zimmer hatte er noch nie gesehen - es war eher ein Museum als eine Studierstube. Wände und Decke waren über und über bedeckt mit Erinnerungsstücken aus dem Orient, aus Ägypten. Auf einem Fries marschierten hohe, kantige, schwer bewaffnete Gestalten in einem wunderlichen Reigen um das Zimmer herum, das mit storchen-, stier-, katzen- oder eulenköpfigen Statuetten, mit käferhaften ägyptischen Lapislazuli-Gottheiten bis an die Decke gefüllt war. Aus jeder Nische, von jedem Regal starrten ihn Horus und Isis und Osiris an, und mitten im Raum hing ein wahrer Sohn des Nils, ein riesiges Krokodil, in zwei Schlingen von der Decke.

In der Mitte der Kammer stand ein quadratischer Tisch, der mit Papieren, Flaschen und getrockneten Blättern einer palmähnlichen, zierlichen Pflanze beladen war. Alles war zu einem großen Haufen zusammengeschoben worden, um Platz zu schaffen für einen Mumiensarg, der vorher offensichtlich seinen Platz an einer Wand hatte und jetzt quer über dem Tisch lag. Die Mumie, ein abstoßendes, schwarz verschrumpeltes Etwas, das seinen Kopf vielleicht in einen brennenden Busch gehalten hatte, hing halb aus ihrer Kiste heraus, ihre krallige Hand und der knochige Unterarm ruhten auf der Tischplatte. Daneben lag eine alte, vergilbte Papyrusrolle, und davor saß auf einem kleinen Holzthron der Inhaber des Zimmers; sein Kopf hing nach hinten über die Lehne, die weit aufgerissenen Augen waren erschrocken auf das Krokodil fixiert, und durch die dicken blauen Lippen kamen vereinzelte, röchelnde Atemstöße.

»Mein Gott, er stirbt!« schrie Monkhouse Lee.

Er war ein schlanker, hübscher Junge mit olivfarbener Haut und dunklen Augen, eher ein spanischer als ein englischer Typ. Seine keltische Impulsivität stand in scharfem Kontrast zum echt sächsischen Phlegma des Abercrombie Smith.

»Es ist nur ein Schock, glaube ich«, sagte der Medizinstudent.

»Auf das Sofa mit ihm. Packen Sie seine Füße. Können Sie vielleicht die kleinen Holzteufel dort beiseite schaffen? Welche Unordnung! Es wird ihm sofort bessergehen, wenn wir seinen Kragen öffnen und ihm etwas Wasser geben. Was ist eigentlich passiert?«

»Ich weiß nicht. Ich hörte ihn schreien. Ich lief hinauf. Ich kenne ihn sehr gut, wissen Sie. Es war sehr nett von Ihnen, herunterzukommen.«

»Sein Herz hört sich an wie eine Kinderrassel.« Smith hatte sein Ohr an die Brust des bewußtlosen Bellingham gelegt.

»Ich glaube, irgend etwas hat ihn fast zu Tode erschreckt. Spritzen Sie ihm etwas Wasser ins Gesicht. Oh, dieses Gesicht überhaupt!«

Es war ein seltsames, ein wirklich abstoßendes Gesicht, unnatürlich sowohl in Farbe als auch in den Konturen. Es war weiß, nicht einfach vor Angst erblaßt, sondern blutleer weiß wie weißes Wachs. Er war sehr fett, doch er schien früher noch fetter gewesen zu sein, denn seine Haut hing in Säcken und Falten an ihm herab. Seinen mit struppigem, braunem Kurzhaar geschmückten Schädel zierten seitlich zwei kleine, fette Schweineohren. Seine hellgrauen Augen waren immer noch offen, krampfhaft unbeweglich mit erweiterten Pupillen. Smith schien es, als wolle die Natur mit dem Zustand dieses Mannes ein Warnzeichen setzen: Bis hierher und nicht weiter. Und ihm begann zu dämmern, wie ernst es Hastie vor einer Stunde mit seinen Worten gewesen war.

»Was zum Henker kann ihn so erschreckt haben?« fragte er.

»Die Mumie.«

»Die Mumie? - Wieso?«

»Ich weiß nicht. Sie ist unheimlich und böse. Ich wünschte, er würde sie zerstören. Dies ist schon das zweite Mal, daß er mich so erschreckt. Letzten Winter war es dasselbe. Ich fand ihn in genau demselben Zustand, und er war mit derselben schrecklichen Sache beschäftigt.«

»Was hat er mit der Mumie vor?«

»Oh, er ist ein Fanatiker in diesen Sachen. Er weiß mehr darüber als irgendwer sonst in England. Doch ich wollte, es wäre nicht so! Ah, er kommt zu sich!«

Blasses Rosa hatte sich auf Bellinghams speckige Wangen zurückgeschlichen, seine Augenlider flatterten wie Segel im Wind. Mit einem langen, pfeifenden Atemzug füllte er seine Lungen, dann hob er ruckartig den Kopf und warf einen ersten, prüfenden Blick in die Runde. Als sein Auge auf die Mumie fiel, sprang er auf, raffte die Papyrusrolle zusammen, stopfte sie in eine Schublade, drehte den Schlüssel und stolperte zurück auf das Sofa.

»Was gibt's?« fragte er. »Was wollt ihr, Jungs?«

»Du hast geschrien und dich angestellt wie eine Leiche«, sagte Monkhouse Lee. »Wenn unser Nachbar nicht so freundlich gewesen wäre, herunterzukommen, hätte ich gar nicht gewußt, was ich mit dir machen sollte.«

»Aha, Sie sind also Abercrombie Smith.« Bellingham sah ihn an. »Sehr gut, daß Sie gekommen sind. Was bin ich doch für ein Narr! Mein Gott, ich bin ein Idiot!«

Er schlug die Hände vors Gesicht und verfiel in stoßartiges, hysterisches Gelächter.

Smith schrie ihn an und schüttelte ihn. - »Wachen Sie auf! Sie müssen aufhören! Ihre Nerven hängen in Fetzen. Sie müssen Schluß machen mit Ihren mitternächtlichen Mumienspielchen, oder Sie werden noch total verrückt. Sie sind auf dem besten Weg dahin!«

Bellingham hörte auf zu lachen. »Ich glaube nicht, daß Sie noch so ruhig wären wie ich, wenn Sie gesehen hätten, was.«

»Was denn?«

»Ach, nichts. Ich wollte sagen, daß Sie wahrscheinlich auch nicht nachts mit einer Mumie zusammenhocken könnten, ohne nervös zu werden. Aber Sie haben recht. Ich habe es bestimmt zu weit getrieben, doch es geht mir schon wieder besser. Bitte gehen Sie jetzt nicht. Bleiben Sie noch ein paar Minuten, bis ich wieder ganz ich selbst bin.«

»Die Luft ist sehr stickig hier«, bemerkte Lee und riß das Fenster auf, um die kühle Nachtluft herein zu lassen.

»Das Harz der heiligen Pflanze«, sagte Bellingham. Er nahm eines der getrockneten Blätter vom Tisch und hielt es in die Gluthitze über der Petroleumlampe. Es verpuffte zu schweren Rauchwolken, ein scharfer, beißender Geruch erfüllte die Kammer. »Die Pflanze der Priester. Kennen Sie sich in den orientalischen Sprachen ein wenig aus, Smith?«

»Nein. Ich kenne kein einziges Wort.«

Dem Ägyptologen schien ein Stein vom Herzen zu fallen.

»Wie lang hat es überhaupt gedauert, bis ich zu mir kam, nachdem Sie heruntergekommen waren?« fragte er weiter.

»Nicht lange. Vielleicht vier oder fünf Minuten.«

Bellingham seufzte erleichtert. »Was für eine seltsame Sache die Bewußtlosigkeit doch ist. Ich könnte selbst wirklich nicht sagen, ob sie Sekunden oder Wochen gedauert hat. Den hohen Herrn auf dem Tisch dort hat man jedenfalls zur Zeit der elften Dynastie zu Grabe getragen, was gut viertausend Jahre her ist. Doch wenn er noch sprechen könnte, würde er uns bestimmt erzählen, daß ihm diese Zeit nicht mehr war als ein kurzer Schlaf. Er ist eine außerordentlich schöne Mumie, Smith.«

Smith ging zum Tisch hinüber und betrachtete die schwarze, faltige Gestalt mit dem geschulten Auge eines Mediziners. Wenn auch alles schwarz wie verkohlt war, so war das Gesicht noch deutlich zu erkennen, sogar zwei kleine Äuglein schimmerten noch schwach tief in ihren schwarzen Höhlen. Die getrocknete Haut spannte sich straff von Knochen zu Knochen, und ein Gestrüpp schwarzer, buschiger Haare fiel über ihre Ohren. Zwei kleine Rattenzähne preßten sich in die Unterlippe. Von dem schrecklichen Leichnam mit eingeknickten Gliedmaßen und verdrehtem Kopf schien eine Energie auszugehen, vor der Smith instinktiv Ekel empfand. Unter der ledrigen Haut zeichneten sich die Rippen klar ab, und auf dem eingesunkenen Leib war noch der Schnitt des Präparators zu erkennen; der Unterleib war mit gelben, vermoderten Bandagen umwickelt. Kleine Stückchen Myrrhe und Kassia waren über die Mumie und in der Kiste verstreut.

»Ich kenne seinen Namen nicht«, sagte Bellingham, während er mit einer Hand den schrumpligen Schädel streichelte. »Der Außensarg mit den Inschriften fehlt leider. Objekt Nr. 249 ist jetzt seine Bezeichnung. Sie sehen die Zahl auf seiner Kiste. Das ist die Nummer, unter der er bei der Auktion geführt wurde, wo ich ihn erworben habe.«

»Für seine Zeit war er bestimmt ganz gut dabei«, bemerkte Abercrombie Smith.

»Er war ein Riese. Die Mumie ist über zwei Meter groß, und die Ägypter hätten einen Mann dieser Größe sicherlich als Riesen bezeichnet, da sie im allgemeinen nicht gerade großwüchsig waren. Schauen Sie sich die stabilen, schweren Knochen an; er war sicher einmal ein furchterregender Kämpfer.«

»Vielleicht haben diese Hände mitgeholfen, Stein auf Stein zu Pyramiden aufzutürmen«, sinnierte Monkhouse Lee, während er voller Abscheu die langen schmutzigen Fingernägel der Mumie betrachtete.

»Keine Angst. Unser Freund ist vollkommen steril. Er war in Natron eingelegt, auch sonst ist er aufs sorgfältigste behandelt worden. Die Einbalsamierer waren damals wirkliche Spezialisten. Man hat ausgerechnet, daß eine ähnlich gute Arbeit heutzutage etwa siebenhundert Pfund kosten würde. Dieser Kerl muß jedenfalls ein Adliger gewesen sein. Wofür würden Sie die kleine Inschrift dort an seinem Fuß halten, Smith?«

»Ich sagte Ihnen schon, daß ich kein einziges ägyptisches Wort kenne.«

»Ach ja. Ich meine, es ist der Name des Präparators. Er muß ein sehr gewissenhafter Arbeiter gewesen sein. Glauben Sie, von unserer heutigen Welt wird in viertausend Jahren noch etwas übrig sein?«

So plapperte er immer weiter, doch Abercrombie Smith merkte natürlich, daß der dicke Mann immer noch ganz außer sich vor Angst war. Seine Hände zitterten, und immer wieder verfing sich sein gehetzter Blick an seinem düsteren Zimmergenossen. Bei aller Angst war aber in seiner Stimme ein triumphierender Unterton nicht zu überhören. Seine Augen glänzten, und wie er in der Kammer hin und her hetzte, waren seine Schritte groß und entschlossen. Er machte den Eindruck eines Mannes, der durch eine Folter gegangen war, deren Narben er zu tragen hatte, die ihn aber seinem Ziel einen Schritt näher gebracht hatte.

»Sie gehen doch noch nicht?« schrie er, als Smith von dem Sofa aufstehen wollte.

Bei dem Gedanken, bald wieder allein zu sein, schienen all seine Ängste wieder auf ihn zurückzufallen. Er lief auf ihn zu, um ihn festzuhalten.

»Ich muß jetzt gehen. Ich habe noch zu arbeiten, und Ihnen geht es anscheinend besser. Ich gebe Ihnen den Rat, schonen Sie Ihre Nerven ein wenig, diese Art Studien macht Sie krank.«

»Oh, normalerweise sind meine Nerven ganz in Ordnung; dies ist auch nicht die erste Mumie, die ich ausgepackt habe.«

»Das letzte Mal bist du in Ohnmacht gefallen«, bemerkte Monkhouse Lee.

»Ja, das stimmt. Ich brauche wohl Tabletten oder Stromstöße. Du gehst doch nicht, Lee?«

»Ich werde tun, was du willst, Ned.«

»Dann schlafe ich bei dir auf dem Sofa. Gute Nacht, Smith. Es tut mir wirklich leid, Sie mit meiner Dummheit belästigt zu haben.«

Sie gaben sich die Hand, dann stolperte der Medizinstudent die krumme Wendeltreppe hinauf. Unten verhallten die Schritte seiner beiden neuen Bekannten auf dem Weg zum ersten Stockwerk. Auf diese seltsame Weise begann die Bekanntschaft zwischen Edward Bellingham und Abercrombie Smith, eine Bekanntschaft, die zumindest der letztere nicht zu vertiefen beabsichtigte. Nur Bellingham schien Gefallen gefunden zu haben an seinem wortkargen Nachbarn. Seine Annäherungen waren derart, daß man sie nicht abwehren konnte, ohne unfreundlich zu werden. Zweimal kam er herauf, um Smith für seine Hilfe zu danken, und danach stand er oft mit Büchern, Papieren und anderen Sachen vor der Tür, die man unter Nachbarn austauschen kann. Wie Smith bald herausfand, war er ein außerordentlich belesener Mann mit weitläufigen Interessen und einem erstaunlichen Gedächtnis. Sein Benehmen war so taktvoll und angenehm, daß man nach einer gewissen Zeit sein abstoßendes Äußeres einfach übersah. Für einen müden und abgespannten Mann war er eine angenehme Gesellschaft, und bald schon war Smith soweit, daß er sich auf die Besuche freute und sie sogar erwiderte.

Doch der Medizinstudent war nicht so dumm, den Abgrund des Wahnsinns nicht zu bemerken, an dem Bellinghams Geist sich zu bewegen schien. Der Kontrast zwischen den abgehobenen, aufgeblasenen Reden, die er manchmal führte, und seinem einfachen Leben war einfach zu groß.

»Es ist wundervoll«, rief er einmal, »zu fühlen, daß man die Kräfte des Guten und des Bösen beherrschen kann - man kann Engel sein oder Teufel.« Und über Monkhouse Lee sagte er einmal: »Lee ist ein guter Freund, ein treuer Kamerad, doch er hat keine Kraft, keinen Ehrgeiz. Er paßt nicht zu einem Mann, der etwas Großes vor hat. Er paßt nicht zu mir.«

Bei solchen Anfällen von Größenwahn pflegte Smith verträumt an seiner Pfeife zu ziehen und mit gerunzelter Stirn den Kopf zu schütteln. Manchmal riet er ihm auch, früher schlafen zu gehen und sich mehr frische Luft zu gönnen.

Seit kurzem hatte sich Bellingham angewöhnt, ständig zu sich selbst zu sprechen. Spät nachts, wenn Bellingham bestimmt allein war, hörte er von unten leise, zuweilen nur geflüsterte endlos eintönige Monologe, für Smith ein bekanntes Symptom einer akuten Geistesstörung. Das nächtliche Gemurmel beunruhigte ihn so sehr, daß er seinen Nachbarn des öfteren darauf ansprach. Bellingham wurde jedesmal rot dabei und bestritt barsch, auch nur einen Ton von sich gegeben zu haben. Er regte sich jedenfalls mehr über die Sache auf, als man für normal halten würde.

Hätte Abercrombie Smith irgendeinen Zweifel an seinen Wahrnehmungen gehegt, so hätte er auch ohne Mühe einen Zeugen finden können. Tom Styles, der kleine, krumme Diener, der schon länger für die wechselnden Bewohner des Turmes sorgte, als irgend jemand sich erinnern konnte, hatte auch seinen Kummer mit Bellingham.

Eines Morgens beim Saubermachen fragte er Smith: »Verzeihen Sie, Sir, glauben Sie, daß es Mr. Bellingham gutgeht?«

»Was meinen Sie damit, Styles?«

»Ich meine, ob er ganz richtig im Kopf ist, Sir.«

»Warum bezweifeln Sie das?«

»Naja, ich weiß nicht. Sein Benehmen ist in letzter Zeit so seltsam. Er ist nicht mehr der alte, wenn er auch nie so war wie meine anderen jungen Herren, um die ich mich gekümmert habe, wie Mr. Hastie oder Sie, Sir. In letzter Zeit hat er aber angefangen, irgendwelche schlimmen Selbstgespräche zu führen. Stört Sie das eigentlich nicht? Ich weiß nicht, was ich mit ihm machen soll, Sir.«

»Was geht Sie das überhaupt an, Styles?«

»Es interessiert mich einfach, Mr. Smith. Vielleicht ist es aufdringlich von mir, doch ich kann es nicht ändern. Manchmal meine ich, ich müsse meinen jungen Herren Vater und Mutter gleichzeitig sein. Wenn irgend etwas passiert, bin ich für die Verwandten an allem schuld. Was ist nur mit Mr. Bellingham, Sir? Wer läuft in seinem Zimmer herum, wenn er ausgegangen ist und die Tür von außen abgeschlossen?«

»Was? Sie phantasieren wohl, Styles.«

»Vielleicht, Sir; doch meinen Ohren kann ich noch trauen, und die Schritte habe ich mehr als einmal gehört.«

»Unsinn, Styles!«

»Sehr wohl, Sir. Sie läuten, wenn Sie mich brauchen.«

Smith gab nicht viel um das Geschwätz des greisen Hausdieners, doch ein Vorfall, der sich einige Tage später zutrug und ihm äußerst unangenehm war, ließ ihn unwillkürlich wieder an Styles' Worte denken. An einem späten Abend saß Bellingham bei ihm und erzählte interessante Geschichten über die Felsengräber von Beni Hassan in Oberägypten. Plötzlich hörte Smith ganz deutlich, wie sich im unteren Stockwerk eine Tür öffnete. Auf sein Gehör konnte er sich Verlassen, so daß kein Zweifel möglich war.

»Da hat jemand Ihre Tür geöffnet. Haben Sie noch Besuch?«

Bellingham sprang auf und wußte einen Moment lang, halb ungläubig, halb ängstlich, nicht, was er machen sollte.

»Ich habe die Tür doch abgeschlossen. Ich bin ganz sicher, daß ich sie abgeschlossen habe«, stammelte er. »Kein Mensch könnte die Tür öffnen.«

»Jedenfalls höre ich jemand die Treppe heraufkommen«, sagte Smith.

Bellingham stürzte hinaus, schlug die Tür hinter sich zu und jagte die Treppe hinunter. Ungefähr auf halbem Weg hörte Smith ihn stehenbleiben und sich im Flüsterton mit jemandem unterhalten. Im nächsten Augenblick fiel die Tür unten krachend ins Schloß, und Bellingham kam mit dicken Schweißperlen auf dem Gesicht zurück.

»Alles in Ordnung«, sagte er und fiel erschöpft in einen Sessel. »Es war nur der blöde Hund. Er hat die Tür aufgestoßen, ich hatte vergessen, sie abzuschließen.«

»Ich wußte gar nicht, daß Sie einen Hund halten«, sagte Smith langsam und sah seinem Gegenüber skeptisch in das verstörte Gesicht.

»Ich habe ihn noch nicht lange, und ich muß ihn bald wieder loswerden. Er ist eine richtige Plage.«

»Das glaube ich gern, wenn er schon so geschickt im Öffnen von Türen ist. Eigentlich sollte es doch nicht nötig sein, die Tür zu verriegeln, um einen Hund daran zu hindern, frei herumzulaufen.«

»Ich wollte verhindern, daß der alte Styles ihn herausläßt. Das Tier ist ziemlich wertvoll, und es wäre sehr ärgerlich, wenn es davonliefe.«

»Ich habe Hunde auch ganz gern«, sagte Smith, während er seinen Nachbarn aus dem Augenwinkel beobachtete. »Darf ich ihn mir einmal ansehen?«

»Natürlich, doch heute abend geht es leider nicht. Ich habe noch eine Verabredung. Geht diese Uhr richtig? Dann bin ich schon eine Viertelstunde zu spät. Sie entschuldigen mich bitte.«

Er nahm seinen Hut und eilte aus dem Zimmer. Trotz der Verabredung hörte Smith, wie er in sein eigenes Zimmer zurückging und die Tür hinter sich verriegelte.

Nach diesem Vorfall wußte Smith sicher, daß er mit seiner neuen Bekanntschaft äußerst vorsichtig sein mußte. Bellingham hatte ihn angelogen, und das hatte er in einer so plumpen Art getan, daß er triftige Gründe haben mußte, sich so bloßzustellen. Smith wußte, daß sein Nachbar keinen Hund hatte. Er war sich auch ganz sicher, daß die Schritte auf der Treppe nicht von einem Tier stammten. Doch was konnte es dann gewesen sein? Da war die Aussage des alten Styles, der jemand im Zimmer auf und ab laufen gehört hatte, als eigentlich niemand zu Hause war. Vielleicht eine Frau? Der Gedanke gefiel Smith. Wenn es so wäre, würde das für Bellingham Schande und Verbannung bedeuten, sobald die Verwaltung dahinterkäme. Das könnte auch der Grund für seine Nervosität und seine dummen Ausflüchte sein. Doch schließlich erschien es ihm mehr als unwahrscheinlich, daß ein Student eine Frau in seinem Zimmer verbergen konnte, ohne daß das sofort auffiel. Wie dem auch sei, die ganze Geschichte war ihm so zuwider, daß er beschloß, jede weitere Vertraulichkeit seines schwammigen, am Ende bestimmt für sich und andere ungesunden Nachbarn unerbittlich abzublocken.

Doch in dieser Nacht sollte er nicht mehr zum Arbeiten kommen. Kaum hatte er wieder ein Buch in der Hand, als er schnelle Schritte, immer drei Stufen auf einmal, die Treppe hinaufstürmen hörte: Sportsmann Hastie stattete ihm noch einen Besuch ab.

»Immer noch an der Arbeit!« sagte er und plumpste in seinen Lieblingssessel. »Was bist du nur für ein Kerl, daß du gar nicht aufhören kannst, zu pauken! Ein Erdbeben könnte dich wohl nicht von deinen Büchern aufschrecken, du würdest zwischen den Trümmern von Oxford hocken bleiben und weiterbüffeln. Ich will dich aber nicht lange stören. Ein Pfeifchen, dann bin ich wieder weg.«

»Was gibt's also Neues?« fragte Smith, während er mit dem Zeigefinger seine Pfeife stopfte.

»Nichts Besonderes. Wilson hat siebzig Punkte für die Erstsemester gegen die Elfer gemacht. Er soll jetzt wohl für Buddicomb in die Mannschaft, denn der ist total außer Form. Früher war er mal ein ganz guter Werfer, doch heute bringt er absolut nichts mehr.«

»Ein absolut schwacher Patzer, das sieht man doch sofort.« Smith war wie die meisten seiner Kommilitonen ein eingefleischter Kricketfan.

»Naja«, erwiderte Hastie, »auf nassem Boden war er früher ein echt gefährlicher Mann. Übrigens, hast du davon gehört, was dem langen Norton passiert ist?«

»Was denn?«

»Er ist überfallen worden.«

»Überfallen?«

»Ja, direkt an der Ecke High Street, hundert Meter vor dem Tor der alten Uni.«

»Und? Wer war es?«

»Tja, das ist der Punkt. Du hättest besser gefragt, was war es! Norton schwört, daß es kein Mensch war, und als ich die Abdrücke an seinem Hals sah, war ich sehr geneigt, ihm zu glauben.«

»Was soll denn das jetzt? Glaubt ihr jetzt schon an Gespenster?«

Abercrombie Smith paffte verächtlich seinen Knaster.

»Nein, natürlich nicht. Ich glaube eher, daß es ein Menschenaffe gewesen sein könnte, der irgendeinem Zirkus stiften gegangen ist. Norton geht diesen Weg jeden Abend ungefähr zur selben Zeit. Über dem Weg hängt ein Ast der großen Ulme aus Rainys Garten. Norton glaubt, daß die Kreatur auf diesem Ast auf ihn gewartet hat, um sich auf ihn zu stürzen. Jedenfalls hätten ihn fast zwei Arme umgebracht, von denen er sagt, sie seien so stark und so dünn wie Stahlseile gewesen. Sehen konnte er nichts, nur diese beiden unheimlichen Arme, die versuchten, ihm das Genick zu brechen. Er schrie, was er konnte, ein paar Jungs kamen schließlich zu Hilfe, und die Gestalt sprang wie eine Katze über die Gartenmauer, ohne daß Norton sie nur einen Augenblick lang in voller Größe sehen konnte. Ich kann dir sagen, er war zu Tode erschrocken. Er sah aus, als sei ihm der Teufel persönlich begegnet.«

»Wahrscheinlich war es nur ein ganz gewöhnlicher Würger«, sagte Smith.

»Höchstwahrscheinlich. Nur Norton sagt nein, doch was der sagt, ist ja egal. Jedenfalls hatte der Würger lange Fingernägel und war ein ziemlich geschickter Turner. Da fällt mir ein, dein hübscher Nachbar wird seinen Spaß haben, wenn er die Geschichte hört. Er hatte mit Norton ja noch eine Rechnung zu begleichen, und soweit ich ihn kenne, ist er nicht der Typ, der so etwas auf sich beruhen läßt. - Hallo, Alter, was geht dir jetzt im Kopf herum?«

»Nichts«, antwortete Smith knapp.

Er saß steif in seinem Sessel und sah wirklich aus wie ein Mann, dem gerade eine furchtbare Idee durch den Kopf ging.

»Habe ich irgend etwas Falsches gesagt? Übrigens, wie ich gehört habe, hast du nach meinem letzten Besuch die Bekanntschaft des guten Herrn B. gemacht, nicht wahr? Monkhouse Lee hat mir so etwas erzählt.«

»Ja; ich kenne ihn flüchtig. Er war ein- oder zweimal bei mir.«

»Immerhin bist du groß und gehässig genug, auf dich selbst aufzupassen. Ich würde ihn nicht gerade zu den angenehmsten Zeitgenossen zählen, obwohl er bestimmt sehr klug und ein interessanter Gesprächspartner ist. Doch du wirst ihn schon noch selbst kennenlernen. Lee ist in Ordnung, ein sehr netter kleiner Kerl. So, ich gehe jetzt. Wir treffen uns nächsten Mittwoch, wenn ich gegen Mullins um den Kanzlerpokal rudere. Komm doch vorbei, wenn du Zeit hast. Bis dann.«

Smith legte die Pfeife weg und stürzte sich wie ein Ochse wieder auf die Bücher. Doch so sehr er sich auch mühte, war es ihm doch unmöglich, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Immer wieder schweiften seine Gedanken zu dem Mann, der unter ihm wohnte und zu dem Geheimnis, das ihn umgab. Dann dachte er an den unglaublichen Überfall, von dem Hastie erzählt hatte, und an den Groll, den Bellingham auf Norton gehabt hatte. Je länger er daran dachte, desto klarer wurde ihm, daß ein Zusammenhang bestehen mußte, und gleichzeitig sträubte sich sein Verstand gegen den wahnsinnigen Verdacht, der in ihm aufstieg.

»Zum Teufel mit dem Kerl!« schrie Smith und warf sein Pathologiebuch gegen die Wand. »Er hält mich von der Arbeit ab, und das allein wäre schon Grund genug, ihn in Zukunft zu schneiden, wenn es nicht noch andere gäbe.«

Zehn Tage lang schloß er sich nun mit seinen Büchern ein, ohne sich von einem seiner Hausgenossen stören zu lassen. Zu Zeiten, wenn Bellingham ihn gelegentlich besucht hatte, verzog er sich in die hinterste Ecke seiner Behausung, an der Außentür konnte dann klopfen, wer wollte, er reagierte nicht. Doch manchmal mußte er doch hinaus, und so geschah es, daß Bellinghams Tür aufflog, gerade, als er die Treppe hinunterging. Monkhouse Lee kam herausgestürzt, seine Augen funkelten, seine Wangen waren zorngerötet. Auf den Fersen folgte ihm Bellingham mit vor schwitzender Leidenschaft glänzendem Gesicht.

»Du Narr«, zischte er. »Das wird dir noch leid tun.«

»Mag sein«, schrie der andere. »Paß auf, was ich sage. Es ist vorbei! Ich will nichts mehr davon hören!«

»Du hast es mir versprochen.«

»Ja, keine Angst! Ich werde nicht reden. Aber ich werde auch nicht zulassen, daß du Evi ins Grab bringst. Ein für allemal, es ist aus. Sie wird tun, was ich sage. Wir wollen dich nicht mehr sehen.«

Soviel bekam Smith von der Unterhaltung mit, ob er wollte oder nicht, und er beeilte sich, weiterzukommen, um nicht in den Streit verwickelt zu werden, denn daß sie ernsthaften Streit hatten, war schon nach diesen wenigen Worten klar.

Lee würde alles tun, um die Verlobung zwischen seiner Schwester und Bellingham zu lösen. Smith dachte an Hasties Vergleich von der Taube und der Kröte, und er war froh, daß diese Verbindung nun zu Ende sein würde. Wenn Bellingham wütend war, sah er noch widerwärtiger aus als sonst, so einem sollte man auf keinen Fall das Leben eines unschuldigen Mädchens in die Hand geben. Er hätte gern gewußt, was den Streit ausgelöst hatte. Was war das für ein Versprechen, das Monkhouse Lee unbedingt halten sollte?

An jenem Tag sollte das Rennen zischen Hastie und Mullins stattfinden, die Studenten strömten zum Ufer der Isis hinunter. Die Maisonne glänzte am Himmel und warf lange Ulmenschatten auf den sandigen Weg. Hinter den Bäumen standen die grauen Gebäude der ehrwürdigen Alma Mater wie Felsen in der Brandung des jungen Lebens, das sie fröhlich umströmte. Tutoren in Schwarz, magere Büroleute, bläßliche Jünglinge, die noch beim Gehen in ein Buch vertieft waren, und braungebrannte junge Sportler mit Strohhüten, in weißen Pullovern oder bunten Blazern, jeder ging in seinem Tempo hinunter zu den Wiesen, die den Flußbogen bei Oxford säumten.

Smith als alter Ruderer eilte natürlich schnurstracks auf die Stelle am Fluß zu, wo es, wenn überhaupt, spannend werden könnte. In der Ferne hörte er den Startschuß, die Massen kamen am Ufer entlang auf ihn zugelaufen, auf dem Fluß schaukelten einige Boote in Erwartung der Wettkämpfer, die jetzt, begleitet von einer Gruppe halbnackter, schnaufender Läufer, vor ihm auftauchten. Hastie zog in einem kraftvollen Sechsunddreißiger-Takt an ihm vorbei, während sein Gegner mit einem angestrengten Vierziger-Schlag eine gute Bootslänge hinter ihm lag. Das Rennen war gelaufen, Smith schaute auf seine Uhr und wollte sich auf den Rückweg zu seiner Klause machen, als ihn jemand an die Schulter tippte. Es war der junge Monkhouse Lee, der plötzlich neben ihm stand.

»Ich habe Sie zufällig hier stehen sehen«, fing er ängstlich und unsicher zu reden an. »Ich würde gern mit Ihnen sprechen, wenn Sie eine halbe Stunde für mich übrig hätten. Die Hütte dort gehört mir zusammen mit Harrington vom King's College. Kommen Sie auf eine Tasse Tee mit hinein?«

»Eigentlich muß ich sofort wieder zurück«, sagte Smith. »Ich habe noch ein Riesenpensum vor mir. Doch ein paar Minuten Pause sollten noch drin sein. Wäre Hastie nicht mein Freund, wäre ich gar nicht hergekommen.«

»Ich kenne ihn auch ganz gut. Ist sein Stil nicht wundervoll? Mullins hatte keine Chance. Doch kommen Sie bitte herein. Es ist etwas primitiv, doch während der Sommermonate kann man dort angenehm arbeiten.«

Die weiße, rechteckige Hütte mit ihren grünen Türen und Fensterläden und einer kleinen Veranda stand nur etwa fünfzig Meter vom Ufer entfernt. Der einzige größere Raum darin war als Studierzimmer eingerichtet, mit einem Schreibtisch, einem rohen Bücherregal und einigen billigen Öldrucken an den Wänden. Über einer Spiritusflamme kochte das Teewasser, und auf dem Tisch stand alles bereit, was man für den Nachmittagstee benötigt.

»Setzen Sie sich doch und rauchen Sie eine Zigarette«, bat Lee. »Nehmen Sie Zucker zum Tee? Es ist sehr nett von Ihnen, daß Sie meiner Einladung gefolgt sind, ich weiß, daß Sie im Moment sehr wenig Zeit haben. Was ich Ihnen sagen wollte, ist, daß Sie sich am besten sofort um eine neue Wohnung kümmern sollten.«

»Was?«

Smith war konsterniert, in seiner einen Hand brannte ein Streichholz, in der anderen hielt er die kalte Zigarette.

»Ja; sicher, es muß für Sie seltsam klingen, zumal ich Ihnen nicht den Grund für meinen Ratschlag sagen kann, ein feierliches Gelübde verbietet mir das - ein Versprechen, das ich unter keinen Umständen brechen darf. Ich kann Ihnen nur soviel verraten, daß es nicht ungefährlich ist, in der Nähe von Bellingham zu wohnen. Ich werde jedenfalls für eine Zeit aus Oxford verschwinden, sobald es möglich ist.«

»Nicht ungefährlich! Was meinen Sie damit?«

»Das darf ich eben nicht sagen. Doch nehmen Sie meinen Rat ernst, ziehen Sie um. Ich hatte heute Streit mit Bellingham, Sie haben uns bestimmt gehört, als Sie die Treppe hinuntergingen.«

»Ja, ich sah Sie aus seinem Zimmer kommen.«

»Er ist ein furchtbarer Mensch, Smith, ja furchtbar, anders kann man ihn nicht beschreiben. Seit jener Nacht, Sie erinnern sich, als Sie herunterkommen mußten, war er mir nicht mehr geheuer. Heute war ich noch einmal bei ihm, und er erzählte mir Dinge, daß mir die Haare zu Berge standen; er wollte, daß ich bei ihm bleibe. Ich bin bestimmt kein Sonntagsschüler, aber ich bin, wie Sie wissen, der Sohn eines Priesters, und ich glaube, daß es eine Grenze gibt zwischen gut und böse, die man nicht überschreiten darf. Ich kann nur Gott danken, daß ich ihn noch früh genug durchschaut habe, denn fast wäre er mein Schwager geworden.«

»Das ist ja alles schön und gut, Lee«, sagte Smith. »Doch ich finde, Sie reden entweder viel zu viel oder viel zu wenig.«

»Ich will Sie nur warnen.«

»Gäbe es wirklich einen Grund dafür, brauchten Sie sich an kein Versprechen gebunden zu fühlen. Mich jedenfalls könnte kein noch so heiliges Gelübde dazu zwingen, einen Verbrecher zu decken.«

»Gut, aber ich kann nichts gegen ihn ausrichten, ich kann Sie nur warnen.«

»Sie müßten mir schon sagen, wovor.«

»Vor Bellingham.«

»Das ist doch kindisch. Warum sollte ich mich vor ihm oder vor irgend jemand anderem fürchten?«

»Ich kann es Ihnen nicht sagen. Ich kann Sie nur inständig bitten, sich ein anderes Zimmer zu suchen. Sie sind in Gefahr. Ich will noch nicht einmal sagen, daß Bellingham es darauf anlegt, Ihnen zu schaden. Doch ob er will oder nicht, er ist ein gefährlicher Mann für jeden, der in seiner Nähe ist.«

»Vielleicht weiß ich mehr, als Sie glauben«, sagte Smith und sah gerade in Lees besorgtes Jungengesicht.

»Was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen erzählte, daß Bellingham nicht allein in seinem Zimmer ist?«

Monkhouse Lee sprang erschrocken von seinem Stuhl auf.

»Was? Sie wissen es?« hauchte er.

»Eine Frau.«

Lee ließ sich seufzend auf seinen Stuhl zurückfallen. »Meine Lippen sind versiegelt«, sagte er. »Ich darf nicht reden.«

»Wie dem auch sei«, sagte Smith und erhob sich, »ich kann es mir nicht erlauben, vor Angst aus einer Wohnung zu fliehen, die ansonsten optimal für mich ist. Ich würde mir zu komisch dabei vorkommen, mit meinen ganzen Büchern und Gerümpel umzuziehen, nur weil Sie mir erzählen, daß Bellingham irgendwie, wie, wollen sie ja nicht sagen, gefährlich ist. Ich werde einfach mein Glück versuchen und bleiben, wo ich bin, außerdem ist es schon fast fünf, ich muß Sie bitten, mich zu entschuldigen.«

Er verabschiedete sich kurz und machte sich in der milden Frühlingsluft auf den Heimweg. Wie jeder andere kräftige Mann, der, ganz der Realität verhaftet, in seiner Situation wäre, bedroht von einer unwirklichen, unfaßbaren Gefahr, fühlte er sich halb beunruhigt und halb belustigt.

Einen kleinen Luxus mochte sich Abercrombie Smith nicht verwehren, steckte er auch noch so tief in der Arbeit. Zweimal die Woche, dienstags und freitags, spazierte er hinaus nach Farlingford, anderthalb Meilen außerhalb von Oxford, um Doktor Plumptree Peterson zu besuchen. Peterson war ein alter Freund seines älteren Bruders Francis, und er war ein glücklicher Junggeselle mit allem, was dazugehört, einem guten Weinkeller und einer noch besseren Bibliothek, was ihn zum geeigneten Mann machte, einen überarbeiteten Studenten aufzumuntern. Zweimal die Woche ging Smith also auf die schattige Landstraße, um eine entspannende Stunde bei einem Glas Portwein in Petersons Studierzimmer zu verbringen, wo man den neuesten Universitätsklatsch und die aktuellen Entwicklungen in, der Medizin besprach.

Am Tage nach seinem Gespräch mit Monkhouse Lee schloß Smith seine Bücher um Viertel nach acht, um sich auf den Weg zu seinem Freund Peterson zu machen. Zufällig fiel sein Blick aber auf die Bücher, die Bellingham ihm geliehen hatte, und das Gewissen plagte ihn, weil er sie noch nicht zurückgegeben hatte. Mochte der Mann auch ein Ekel sein, die Gebote des Anstands mußte er auch ihm gegenüber einhalten. Er ging also hinunter und klopfte an seine Tür. Keine Antwort; doch die Tür war nicht abgeschlossen. Smith war erleichtert, sich nicht mit seinem Nachbarn unterhalten zu müssen. So ging er hinein und legte die Bücher mit seiner Visitenkarte auf Bellinghams Schreibtisch.

Obwohl das Licht nur schwach brannte, konnte er alle Einzelheiten im Zimmer erkennen. Alles war, wie er es kannte - der Fries, die Götterstatuen, das Krokodil an der Decke und die Papiere und getrockneten Blätter, die auf dem Tisch verstreut lagen. Der Mumiensarg stand aufrecht an der Wand, nur die Mumie selbst war nirgendwo zu entdecken. Nichts deutete darauf hin, daß außer Bellingham noch jemand in dem Zimmer wohnte, und als er den Raum verließ, hatte er das Gefühl, daß er ihm vielleicht Unrecht getan hatte. Wenn Bellingham irgend etwas zu verbergen hätte, würde er sich bestimmt hüten, seine Tür offen zu lassen, so daß jeder ein-und ausgehen konnte, wie er wollte.

Im Treppenhaus war es stockfinster, Smith ging vorsichtig die ausgetretenen Stufen hinunter. Plötzlich merkte er, wie irgend etwas in der Dunkelheit an ihm vorbei huschte. Es war kaum wahrnehmbar, nur ein Luftzug, der ihn streifte. Er blieb stehen und lauschte; draußen spielte der Wind im Laub, sonst konnte er nichts hören.

»Sind Sie es, Styles?« rief er.

Keine Antwort. Vielleicht war es nur eine Windböe, die das alte Gebälk ächzen und krachen ließ. Und doch hätte er schwören können, daß soeben jemand direkt an ihm vorbei die Treppe hinaufgelaufen war und ihn am Ellbogen gestreift hatte. Er war immer noch ganz benommen, als er ins Freie trat und den Eingang des Turmes hinter sich schloß.

»Bist du es, Smith?« Ein Mann kam über die sanft gewehte Wiese auf ihn zugelaufen.

»Hastie, Hallo!«

»Um Gottes willen, Smith, komm sofort mit! Man hat Lee aus dem Fluß gefischt! Der Arzt ist nicht zu erreichen. Du mußt unbedingt helfen, vielleicht lebt er noch.«

»Habt ihr Brandy?«

»Nein.«

»Wir müssen welchen mitnehmen. Auf meinem Tisch steht noch eine Flasche.«

Smith hetzte die Treppe hinauf, nahm immer drei Stufen auf einmal, ergriff die Schnapsflasche und wollte schnellstens wieder unten sein, doch als er an Bellinghams Zimmer vorbei wollte, bot sich ihm ein Anblick, der ihn auf dem Treppenabsatz erstarren ließ.

Die Tür, die er vorher hinter sich geschlossen hatte, stand jetzt weit offen, das spärliche Licht fiel direkt auf den Mumiensarg. Vor drei Minuten war er noch leer gewesen, das konnte er schwören. Nun aber starrte er dem grausigen Leichnam, der aufrecht in seiner Kiste stand, ins grimmige, schwarze Gesicht. Der Körper war vollkommen steif und leblos, doch diese Augen - war da nicht noch ein Funken Leben, ein Schimmer von Bewußtsein in diesen bösen kleinen Augen, die tief in ihren schwarzen Höhlen steckten? - Smith war so erschrocken und verwirrt, daß er alles vergaß und erst wieder zu sich kam, als er die Stimme seines Freundes hörte.

»Wo bleibst du, Smith!« rief er. »Es geht um Leben und Tod. Beeil dich!« Als der Medizinstudent endlich unten war, redete er aufgeregt weiter. »Wir müssen einen Sprint einlegen. Es ist keine Meile, in fünf Minuten sollten wir da sein. Jetzt geht es um mehr als einen Pokal.« Nebeneinander schossen sie durch die Dunkelheit und ließen nicht nach, bis sie dampfend und erschöpft die kleine Hütte am Fluß erreicht hatten. Lee lag schlaff und durchnäßt wie eine angespülte Wasserpflanze auf dem Sofa, sein schwarzes Haar war bedeckt mit Wasserklee, und auf seinen stahlblauen Lippen lag feiner, weißer Schaum. Neben ihm kniete sein Studienfreund Harrington und versuchte, die durchgefrorenen Glieder warmzureiben.

»Ich glaube, er lebt noch«, sagte Smith, während seine Hand auf Lees Brust lag. »Halte dein Uhrglas vor seine Lippen. Da, es beschlägt. Nimm du den anderen Arm, Hastie, und mache es wie ich, dann werden wir ihn bald zurückgeholt haben.«

So füllten und leerten sie die Lungen des Bewußtlosen zehn Minuten lang. Dann lief ein Zittern durch den schlaffen Körper, seine Lippen zuckten, und er öffnete schließlich die Augen. Die drei Studenten ließen einen Freudenschrei los.

»Wach auf, Alter. Du hast uns schon genug erschreckt.«

»Nimm einen Schluck aus der Flasche, das wird dir guttun.«

»Ein Glück, er lebt«, sagte sein Hausgenosse Harrington. »Mein Gott, was für ein Schreck! Ich saß hier und habe gelesen, er wollte sich am Fluß etwas die Füße vertreten. Plötzlich ein Schrei und Platsch! Ich rannte sofort hinunter, doch als ich ihn schließlich fand, schien er schon alles Leben ausgehaucht zu haben. Zu allem Unglück konnte ich Simpson nicht nach einem Doktor schicken, da er sich den Knöchel verstaucht hat, so mußte ich selbst los. Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn ihr nicht zu Hilfe gekommen wärt. So ist es richtig, mein Freund, komm hoch.«

Monkhouse Lee hatte sich aufgerappelt. Auf allen vieren gestützt hockte er auf dem Sofa und schaute wild um sich.

»Was ist passiert?« fragte er. »Ach ja, ich war im Wasser, ich erinnere mich.«

Furchtbares Grauen schien auf ihn zurückzufallen, wie man in seinen Augen lesen konnte, und er verbarg sein Gesicht mit den Händen.

»Wie konntest du ins Wasser fallen?«

»Ich bin nicht gefallen.«

»Wie ist es denn sonst passiert?«

»Ich bin hineingeworfen worden. Ich stand am Ufer, da packte mich etwas von hinten, hob mich auf wie eine Feder und warf mich im hohen Bogen in den Fluß. Ich konnte weder etwas sehen, noch hören. Aber trotzdem, ich weiß, was es war.«

»Ich weiß es auch«, flüsterte Smith. Lee sah ihn überrascht an.

»Sie wissen jetzt, worum es geht? Erinnern Sie sich an den Rat, den ich Ihnen gegeben habe?«

»Ja, und ich glaube, ich werde ihn in Zukunft befolgen.«

»Zum Teufel, wovon redet ihr eigentlich?« fragte Hastie. »Lee gehört jetzt ins Bett. Ihr habt noch Zeit genug, über das Warum und Wieso zu reden, wenn er wieder etwas bei Kräften ist. Smith und ich lassen euch jetzt besser allein. Ich gehe zurück zum College; wenn du in dieselbe Richtung mußt, können wir ja noch etwas schwatzen.«

Doch daraus wurde nichts. Smith war einfach zu beschäftigt mit den Ereignissen dieses Abends. Alles paßte zu gut zusammen - zuerst der leere Sarg, dann die schemenhafte Begegnung auf der Treppe, das Wiederauftauchen der Mumie, all diese unglaublichen Vorgänge - und schließlich der Mordanschlag auf Lee, dem ein Überfall auf einen anderen Mann vorausgegangen war, mit dem Bellingham im Streit lag. All das, zusammen mit den Beobachtungen, die er schon vorher im Turm gemacht hatte, die Schritte, die Geräusche, die Umstände, unter denen er Bellingham kennengelernt hatte, wurde in seinen Gedanken zum schlüssigen Bild einer unglaublichen Wirklichkeit. Was vorher ein vager Verdacht, nichts als eine düstere, unheimliche Vermutung war, stand jetzt vor ihm als grausige Tatsache, an der er nicht mehr vorbei konnte. Doch wie unerhört diese Wirklichkeit war, wie weit jenseits aller menschlichen Vorstellung. Jeder unvoreingenommene Richter, ja sogar der Freund, der neben ihm ging, würde ihm schlicht erklären, daß er sich getäuscht haben muß, daß die Mumie ihren Sarg nie verlassen hat, daß Lee ganz einfach in den Fluß gefallen ist, wie es jedem passieren kann, und daß er, Smith, besser nicht soviel arbeiten sollte. Er wußte, daß dies genau seine Worte wären, wenn Hastie an seiner Stelle wäre und ihm diese Geschichte auftischte. Und trotzdem war er jetzt ganz sicher, daß Bellingham im Grunde seines Herzens ein Mörder war, ein Mörder, der sich einer Waffe zu bedienen wußte, die die lange und grausige Geschichte des Verbrechens bisher noch nicht kannte.

Hastie machte ein paar neckische Bemerkungen über die Unleidlichkeit seines Freundes und bog zu seiner Wohnung ab, während Abercrombie Smith mit einem starken Gefühl des Widerwillens gegen seine Behausung und alles, womit er dort zu tun hatte, den Platz vor seinem Turm überquerte. So bald wie möglich wollte er Lees Rat befolgen und sich eine andere Bleibe suchen, denn wie sollte ein Mensch studieren, wenn er unwillkürlich jedem Geräusch im Zimmer unter ihm lauschen mußte. Von der Wiese aus sah er, daß in Bellinghams Zimmer noch Licht brannte, und als er die Treppe hinaufschlich, öffnete sich die Tür im zweiten Stock. Der dicke Mann grinste ihn an. Mit seinem fetten, bösen Gesicht sah er aus wie eine Giftspinne, die gerade ein Opfer verspeist hatte.

»Guten Abend«, sprach er, »wollen Sie nicht hereinkommen?«

»Nein!« schrie ihn Smith an.

»Warum nicht? Sind Sie immer noch so fleißig wie stets? Ich wollte Sie fragen, wie es Lee geht. Ich habe so ein Gerücht gehört, daß etwas mit ihm nicht in Ordnung ist. Das tut mir sehr leid.«

Der Ernst in seiner Stimme wirkte aufgesetzt, denn seine Augen lachten verstohlen. Smith bemerkte das sofort, und er hätte ihn dafür niederschlagen können.

»Es wird Ihnen noch mehr leid tun, daß es Monkhouse Lee ganz gutgeht, er ist außer Gefahr«, antwortete er. »Ihre teuflischen Tricks haben diesmal nicht funktioniert. Sie brauchen gar nicht versuchen, sich herauszureden. Ich weiß alles.«

Bellingham wich vor dem wütenden Mann einen Schritt zurück und versteckte sich halb hinter seiner Tür. Er schien wohl zu spüren, daß ihm Prügel drohten.

»Sie sind ja verrückt«, sagte er. »Was wollen Sie überhaupt? Glauben Sie etwa, ich hätte irgend etwas zu tun mit Lees Unfall?«

»Ja!« donnerte Smith, »Sie und dieser Knochenhaufen hinter Ihnen, den Sie für Ihre schmutzigen Mordanschläge benutzen. Ich will Ihnen etwas sagen, Sie Stinktier: Man hat zwar hierzulande aufgehört, solche wie Sie auf dem Scheiterhaufen zu schmoren, aber einen Henker haben wir immer noch. Und bei Gott, wenn irgend jemand in diesem College umkommt, solange Sie hier sind, werden Sie dafür hängen, so wahr ich hier stehe. Sie werden schon noch merken, daß Ihre schmutzigen ägyptischen Tricks in England nicht ziehen.«

»Sie sind ja wahnsinnig«, sagte Bellingham. »Wie Sie wollen. Sie werden schon an meine Worte denken, wenn Sie auf der Falltür stehen.«

Die Tür knallte ihm ins Gesicht, und er ging wutschnaubend hinauf in seine Kammer. Er verriegelte die Tür und verbrachte die halbe Nacht damit, an seiner Pfeife zu paffen und über die seltsamen Ereignisse des Abends nachzudenken.

Am nächsten Morgen sah und hörte er nichts von seinem Nachbarn, statt dessen kam Harrington vorbei, um ihm zu sagen, daß Lee schon fast wieder der Alte war. Den ganzen Tag über blieb er in seine Studien vertieft, doch am Abend beschloß er, den Besuch bei seinem Freund Peterson nachzuholen, zu dem er am Tag zuvor schon unterwegs gewesen war. Ein strammer Fußmarsch und eine nette Unterhaltung würden seinen strapazierten Nerven wohltun.

Bellinghams Tür war geschlossen, als er vorbeiging, doch als er aus einiger Entfernung zurückblickte, sah er den Rundschädel seines Nachbarn am Fenster, der sich anscheinend die Nase an der Scheibe plattdrückte. Es war eine Wohltat, aus seinem Dunstkreis zu entkommen, wenn auch nur für wenige Stunden. Smith ging schnell weiter und genoß die frische Frühlingsluft. Im Westen, zwischen zwei gotischen Türmen, stand die Mondsichel und tauchte die Landstraße in silbernes Licht, durchbrochen von zackigen Kernschatten der Bäume und Häuser. Es wehte eine frische Brise, und hoch unter dem Himmel trieben langsam wattige Eiswolken. Das Collage steht am Stadtrand, so daß er schon nach fünf Minuten inmitten der Maidüfte einer mittelenglischen Landstraße wandelte.

Die Straße, die zum Haus seines Freundes führte, war einsam und kaum benutzt. Obwohl es noch nicht spät war, traf Smith keine Menschenseele. Er ging zügig weiter, bis er zum Tor des Parkweges kam, der in Farlingford endete. Von ferne schimmerte das trauliche, rote Licht der Wohnstuben durchs Geäst. Einen Moment lehnte er an dem Eisentor und schaute zurück auf die Straße, über die er gekommen war. Nun sah er es: Er wurde verfolgt.

Eine dunkle, gebückte Gestalt bewegte sich lautlos im Schatten der Hecke, kaum wahrnehmbar vor dem dunklen Hintergrund. Innerhalb eines Augenblicks kam es zwanzig Schritt näher, schon war es ganz dicht hinter ihm. In der Finsternis erspähte er einen dünnen Hals und zwei Augen, Augen, die ihn ewig im Schlaf verfolgen sollten. Langsam drehte er sich um, von blankem Entsetzen gepackt, begann er zu laufen, er lief um sein Leben, denn dort, kaum mehr als einen Steinwurf entfernt, war die Rettung: Häuser, Menschen. Er war als ausgezeichneter Läufer bekannt, doch so schnell wie an diesem Abend war er noch nie gelaufen.

Das schwere Tor fiel hinter ihm zu, doch er hörte bald, wie sein Verfolger es wieder aufstieß. Er rannte wie von Sinnen, denn hinter sich hörte er immer die federleichten, schnellen Schritte des Monstrums, und als er einen schnellen Blick zurückwarf, sah er, daß das Ungeheuer wie ein Tiger an seinen Fersen klebte, ein Schlag seines sehnigen Armes hätte genügt, den verzweifelten Mann zu Fall zu bringen. Gott sei Dank, die Tür war nur angelehnt, im Flur brannte Licht. Direkt an seinem Ohr hörte er ein kehliges Gurgeln. Mit letzter Anstrengung stürzte er durch die Tür, knallte sie ins Schloß und versiegelte sie hastig: Gerettet. Halb betäubt fiel er in den nächsten Sessel.

»Mein Gott, Smith, was ist passiert?« Peterson erschien in der Tür seiner Bibliothek und lief auf ihn zu.

»Ich brauche einen Brandy, bitte.«

Peterson verschwand für einen Augenblick und kam mit einer Karaffe und einem Glas zurück. Smith trank eine anständige Füllung in einem Zug leer.

»Anscheinend hast du wirklich einen gebraucht. Mann, du bist ja weiß wie die Wand, was ist denn los?«

Smith stellte sein Glas ab, stand auf und holte tief Luft. »Jetzt geht es mir schon besser«, sagte er. »So bin ich noch nie vor etwas weggelaufen. Wenn Sie erlauben, möchte ich heute nacht hier schlafen. Ich glaube nicht, daß ich mich jemals wieder auf diese Straße trauen werde, höchstens bei Tageslicht. Ich weiß, es hört sich feige an, aber ich kann einfach nicht mehr.«

Peterson blickte seinem Gast fragend in die Augen.

»Natürlich kannst du hier schlafen, wenn du es wünschst. Ich werde Mrs. Burney Bescheid sagen, sie wird das Gästebett fertigmachen. Doch sag mir endlich, was ist passiert?«

»Kommen Sie nur mit zum Fenster, von dem man den Eingang sehen kann. Ich möchte, daß Sie es sehen.«

Sie gingen ins Obergeschoß, von wo sie den Zugang zum Haus überblicken konnten. Der Weg und die Felder ringsum lagen friedlich im Mondlicht.

»Wirklich, Smith, ich weiß genau, daß du kein Trinker bist, sonst würde ich denken, die Weingeister sind hinter dir her. Was in aller Welt kann dich nur so erschrecken?«

»Ich erzähle es Ihnen sofort. Doch wo kann es nur sein? Ah, da, sehen Sie, in der Kurve direkt hinter dem Tor!«

»Ja, ja, ich sehe ja; du brauchst mir nicht gleich den Arm auszureißen. Da geht ein Mann entlang; er ist offenbar sehr dünn und groß, sehr sehr groß. Doch was soll mit ihm sein? Was ist mit dir? Du zitterst ja immer noch wie Espenlaub.«

»Um ein Haar hätte mich der Teufel erwischt, das ist alles. Aber gehen wir doch besser in die Bibliothek, dort kann ich Ihnen alles von Anfang an erzählen.«

In dem warmen Zimmer saß er also bei einem Glas Wein seinem vertrauten Freund gegenüber und beruhigte sich allmählich. Alles, was er seit dem Abend, als er Bellingham bewußtlos vor dem Mumiensarg fand, bis zu dem Schrecken, der ihn vor wenigen Minuten ereilt hatte, die ganze Kette der mehr oder weniger bedeutenden Ereignisse, die ihn seiner Sache so sicher machten, trug er dem geduldigen Zuhörer nach und nach vor.

»Das ist die ganze, schreckliche Wahrheit«, schloß er nach einer Stunde, »so ungeheuerlich und unglaublich sie auch klingen mag, es ist die Wahrheit.«

Für einen langen Augenblick verharrte Dr. Plumptree Peterson in Schweigen. Sein Gesicht drückte ungläubige Verwirrung aus.

»So etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehört!« sagte er schließlich. »Du hast mir die Fakten vorgetragen, nun sag mir, welche Schlüsse du aus dem Ganzen ziehst.«

»Sie können Ihre eigenen Schlüsse daraus ziehen.«

»Ich möchte aber gern hören, was du davon hältst. Du hast sicher schon viel darüber nachgedacht, ich aber nicht.«

»Gut, für mich ist die Sache in den wichtigsten Punkten, wenn auch nicht in allen Details, sonnenklar. Dieser Bellingham ist im Laufe seiner orientalistischen Studien in den Besitz eines teuflischen Geheimnisses gelangt, das ihm erlaubt, Mumien - vielleicht auch nur eine bestimmte Mumie -zeitweise zum Leben zu erwecken. An dem Abend, als er in Ohnmacht fiel, hat er die Methode ausprobiert. Als es funktionierte und die widerliche Gestalt sich bewegte, muß er selbst so schockiert gewesen sein, daß seine Nerven versagten, obwohl er darauf vorbereitet war. Das erklärt seine ersten Worte, als er sich, kaum war er aufgewacht, einen Idioten nannte. Nun gut, das passierte ihm kein zweites Mal, danach konnte er die schauerliche Prozedur ausführen, ohne in Ohnmacht zu fallen. Das Leben, das er der Kreatur einhauchen konnte, war offensichtlich nicht von Dauer, denn die meiste Zeit war die Mumie so tot wie dieser Tisch und stand regungslos in ihrer Kiste. Wie ich vermute, kann er sie aber jederzeit wieder aufwecken, und von dort bis zu der Idee, sie als sein Werkzeug zu benutzen, war es nicht mehr weit, denn das Ungeheuer ist intelligent und stark wie ein Bär. Aus irgendeinem Grund zog er Lee ins Vertrauen, doch der wollte als rechtschaffener Christ nichts mit dieser Sache zu tun haben. Schließlich bekamen sie Streit, und Lee drohte, seine Schwester über Bellinghams wahren Charakter aufzuklären. Das wollte Bellingham unter allen Umständen verhindern, und fast hätte er es auch geschafft, indem er sein Monstrum auf Lee hetzte. Er wußte, daß es ihm gehorchte, denn vorher hatte er es schon auf Norton losgelassen, mit dem er noch ein Hühnchen zu rupfen hatte. Hätte das Ungeheuer nicht letztlich versagt, so hätte er schon zwei Morde auf dem Gewissen. Als ich ihn schließlich zur Rede gestellt hatte, war es natürlich sein dringendstes Anliegen, mich aus dem Weg zu räumen, bevor ich etwas von dem ausplaudern konnte, was ich wußte. Als ich heute abend ausging, bekam er auch seine Chance, denn er kennt meine Gewohnheiten und wußte, wohin ich wollte. Ich bin dem Verhängnis nur haarscharf entgangen, hätte ich nicht solch ein unglaubliches Glück gehabt, dann hätten Sie mich morgen früh tot vor Ihrer Tür gefunden. Sie wissen, ich bin für gewöhnlich kein Angsthase, nie hätte ich gedacht, daß man mich so zu Tode erschrecken kann wie heute abend.«

»Mein lieber Junge, du nimmst die Sache zu ernst«, sagte sein väterlicher Freund. »Offenbar hast du soviel gearbeitet, daß deine Nerven dir einen Streich spielen. Es ist doch unmöglich; wie könnte diese Satansgestalt selbst nachts mitten durch Oxford spazieren, ohne gesehen zu werden?«

»Man hat sie gesehen. Die ganze Stadt redet von einem ausgebrochenen Affen, für den man die Mumie wohl hält.«

»Gut, mein Junge, die Kette von Ereignissen ist wirklich frappierend, doch trotzdem mußt du zugeben, daß es für jedes einzelne Glied auch eine natürliche Erklärung geben kann.«

»Ach was, ich weiß doch, was ich heute abend erlebt habe!«

»Wirklich? - Deine Nerven hängen doch in Fetzen, in deinem Kopf dreht sich alles nur noch um deine absonderliche Theorie. War es nicht nur ein dürrer, halb verhungerter Landstreicher, der hinter dir her war und der sich ermutigt fühlte, dich zu verfolgen, als er sah, daß du vor ihm davonliefst? - Und den Rest, die glühenden Augen und den Tigergang, wird deine Angst und deine Phantasie dazugetan haben.«

»Nein und nochmals nein; Sie kennen mich doch, Peterson.«

»Und weiter, die Sache mit dem leeren Mumiensarg, dessen Bewohner nach wenigen Minuten plötzlich wieder da war. Du sagtest, die Lampe in dem Zimmer sei halb abgedreht gewesen, und du hattest keinen Grund, genau hinzusehen. Es wäre also ohne weiteres möglich, daß du die Mumie beim ersten Mal einfach im Halbdunkel nicht gesehen hast.«

»Nein, nein, nein; das ist ausgeschlossen.«

»Und außerdem: Lee kann gestürzt sein, Norton das Opfer eines ganz gewöhnlichen Halsabschneiders gewesen sein. Die Anschuldigungen, die du gegen Bellingham vorbringst, sind einfach zu phantastisch; jeder Polizist, dem du diese Geschichte auftischen würdest, würde dich auslachen.«

»Das weiß ich. Deswegen werde ich die Sache auch selbst in die Hand nehmen.«

»Wie bitte?«

»Ja; ich weiß genau, es ist meine Pflicht, die Allgemeinheit von dieser unglaublichen Gefahr zu befreien, und außerdem muß ich auch an meine eigene Sicherheit denken. Ich kann mich doch nicht von dieser Bestie vom College vertreiben lassen. Ich weiß schon, was ich machen werde. Zunächst, können Sie mir für eine Stunde Feder und Papier zur Verfügung stellen?«

»Natürlich; auf dem Tisch dort findest du alles, was du brauchst.«

Eine Stunde lang saß Smith vor dem leeren Blatt, dann jagte die Feder nur so über das Papier. Er füllte Seite um Seite, während sein Freund in seinem Lehnstuhl saß und ihm geduldig dabei zusah. Am Ende sprang Smith mit einem Seufzer der Erleichterung auf, sortierte seine Papiere und legte die letzte Seite vor Peterson auf den Tisch.

»Würden Sie bitte hier als Zeuge unterschreiben?« sagte er.

»Als Zeuge? Wofür?«

»Ich möchte nur, daß Sie meine Unterschrift und das Datum beglaubigen. Das Datum ist das Wichtigste. Vielleicht hängt mein Leben davon ab.«

»Mein lieber Smith, was redest du da. Bitte, geh doch zu Bett und schlafe dich einmal richtig aus!«

»Ich verspreche, daß ich sofort schlafen gehen werde, wenn Sie unterschrieben haben. Ich bin mir meiner Sache wirklich sicher.«

»Was hast du da überhaupt geschrieben?«

»Auf diesen Seiten habe ich noch einmal alles festgehalten, was ich Ihnen heute abend erzählt habe. Ich möchte nur noch, daß Sie meine Unterschrift beglaubigen und gegebenenfalls bezeugen, daß ich Ihnen alles heute so erzählt habe, wie es hier steht.«

»In Ordnung«, sagte Peterson und setzte seinen Namen unter den seines jungen Freundes. »So, das war's. Doch sag mir: Was führst du im Schilde?«

»Nehmen Sie die Aufzeichnungen nur in Verwahrung, und gehen Sie damit zur Polizei, falls ich verhaftet werde.«

»Weswegen sollte man dich verhaften?«

»Vielleicht wegen Mord. Es ist alles möglich, ich möchte auf alles vorbereitet sein. Es bleibt mir keine andere Wahl, ich muß etwas unternehmen.«

»Um Himmels willen, tue bitte nichts Unüberlegtes!«

»Unüberlegt wäre, jetzt noch stillzuhalten, glauben Sie mir. Ich hoffe, es wird nicht nötig sein, doch es beruhigt mich, zu wissen, daß Sie über meine Motive Bescheid wissen und notfalls diese Aufzeichnungen vorlegen können. Und jetzt werde ich Ihren Rat befolgen und schlafen gehen; morgen früh muß ich ausgeruht sein. Gute Nacht, mein Freund.«

Abercrombie Smith war nicht gerade der Mann, den man sich als Feind gewünscht hätte. Er war gewöhnlich kaum aus der Ruhe zu bringen, doch wenn er einmal gezwungen war, zu handeln, konnte ihn nichts mehr aufhalten. Alles, was er unternahm, tat er mit derselben geradlinigen Entschlossenheit, die ihn auch als Student auszeichnete. Für einen Tag ließ er seine Arbeit ruhen, und diesen Tag wollte er auf keinen Fall verschwenden. So war er am nächsten Morgen schon um neun Uhr unterwegs nach Oxford, nachdem er sich von Peterson verabschiedet hatte, ohne ihm aber von seinen weiteren Plänen zu erzählen.

In der High Street ging er in Cliffords Waffenladen und kaufte einen schweren Revolver und eine Schachtel Patronen. Sechs davon schob er in die Trommel, dann spannte er den Hahn und steckte die Waffe in seine Manteltasche. Er mußte noch bei Hastie vorbei, den er beim Frühstück antraf, zwischen Kaffee und »Spotting Times«.

»Hallo! Was gibt's? Kaffee gefällig?«

»Nein danke. Ich möchte, daß du mitkommst, du kannst mir helfen.«

»Aber sicher, mein Junge.«

»Nimm am besten einen schweren Knüppel mit.«

»Heihei!« Hastie sah ihn verdutzt an. »Ich habe noch einen Totschläger, mit dem ich einen Ochsen umhauen könnte.«

»Noch etwas. Du hast doch einen Satz Amputiermesser. Ich hätte gern das längste davon.«

»Mann, o Mann, du scheinst wohl auf dem Kriegspfad zu sein. Aber bitteschön. Brauchst du noch etwas?«

»Nein; das sollte reichen.« Er schob das Messer unter seinen Mantel und ging voraus Richtung Turm. Als sie davor angekommen waren, sagte er zu Hastie: »Ich glaube zwar, daß ich allein fertig werde, doch zur Sicherheit ist es besser, wenn du hier unten wartest. Ich habe ein paar Worte mit Bellingham zu reden. Bekomme ich es nur mit ihm zu tun, werde ich dich natürlich nicht brauchen. Andernfalls komm herauf, wenn ich schreie, du wirst dann schon sehen, was los ist, und schlage mit deiner Keule zu, so fest du kannst. Hast du verstanden?«

»In Ordnung. Ich komme, sobald ich dich brüllen höre.«

»Gut, warte jetzt hier. Es kann etwas dauern, aber gehe nicht, bevor ich wieder herunterkomme.«

»Du kannst dich auf mich verlassen.«

Smith ging die Treppe hinauf riß Bellinghams Tür auf und ging hinein. Bellingham saß an seinem Tisch und schrieb. Neben ihm, inmitten seines fremdartigen Gerumpels, stand der Mumiensarg. Die Versteigerungsnummer 249 klebte immer noch auf dem Deckel. Ohne sich um Bellingham zu kümmern, schloß er die Tür hinter sich, ging quer durch das Zimmer und machte ein Feuer im Kamin. Bellingham starrte ihn aus seinen Schweineäuglein wütend an.

»Fühlen Sie sich nur wie zu Hause, Sie Schwachkopf«, zischte er.

Smith setzte sich unbeeindruckt an den Tisch, legte seine Uhr vor sich hin, zog die Pistole, spannte sie und hielt sie locker in der rechten Hand. Dann zog er das lange Amputiermesser unter seinem Mantel hervor und knallte es vor Bellingham auf den Tisch.

»Los jetzt«, sagte er, »an die Arbeit. Mit dem Messer können Sie Ihre stinkende Mumie leicht in handliche Teile zerlegen.«

»Oh, das ist es, was Sie wollen.« Bellingham grinste verächtlich.

»Ja, das ist es. Ich habe gehört, daß das Gesetz Ihnen nichts anhaben kann. Es gibt aber auch noch andere Möglichkeiten. Zum Beispiel kann ich Ihnen versprechen, daß Sie in fünf Minuten eine Kugel in Ihrem schmierigen Kopf haben werden, wenn Sie bis dahin noch nicht gespurt haben.«

»Sie würden mich umbringen?«

Bellingham lehnte verkrampft über dem Tisch. Sein Kopf war puterrot.

»Ja, das würde ich«, sagte Smith ruhig.

»Und wozu?«

»Um Ihr Treiben zu beenden. Eine Minute ist schon vorbei.«

»Was habe ich denn getan?«

»Ich weiß es, und Sie wissen es auch.«

»Sie können mich nicht einschüchtern.«

»Aufgepaßt, gleich sind schon zwei Minuten vorbei.«

»Aber warum? - Sie sind ein Irrer - ein gefährlicher Irrer. Warum sollte ich mein Eigentum zerstören? Die Mumie ist sehr wertvoll.«

»Sie werden sie zerschneiden und verbrennen.«

»Nichts werde ich tun!«

»Vier Minuten.«

Sein Gesicht war unerbittlich, sein Griff um die Pistole wurde fester, langsam hob er den Arm, sein Finger lag auf dem Abzug.

»Nein, bitte nicht!« schrie Bellingham; er schaute jetzt genau in die Mündung des schweren Revolvers. - »Ich mache es, ich mache es ja schon!«

In panischer Hast griff er das Messer und hackte damit auf die Mumie ein, wobei er sich immer wieder ängstlich zu seinem Nachbarn umsah, der immer noch gnadenlos die Waffe auf ihn gerichtet hatte. Unter den Hieben der scharfen Klinge krachte und knirschte der verschrumpelte Körper, der durch die Kunst des Präparators die Jahrtausende überdauert hatte, dicker, gelber Staub wirbelte auf, getrocknete Kräuter und Essenzen fielen zu Boden, und plötzlich gab mit einem Krachen das Rückgrat nach, die Figur stürzte in sich zusammen, übrig blieb nur ein bräunlicher Haufen spröder Knochen und ledriger Hautfetzen auf dem Fußboden.

»Nun ins Feuer damit!« sagte Smith.

Die getrockneten Leichenreste brannten wie Zunder, und sofort pufften dicke, schwere Rauchwolken in das kleine Zimmer, der Geruch verbrannten Harzes und versengter Haare verpestete die Luft. Und immer noch arbeitete der dicke Mann wie ein Besessener, um alle Überreste der Mumie ins Feuer zu bringen, während der andere ruhig hinter ihm saß und ihn beobachtete. Nach einer Viertelstunde schließlich zog der Rauch ab; übrig blieb nicht mehr als ein Häufchen schwarzer Asche.

»Sind Sie jetzt zufrieden?« schnappte Bellingham. Sein Gesicht war nur noch Haß und Furcht vor seinem Peiniger.

»Nein; ich muß endgültig aufräumen in Ihrer verfluchten Zauberküche. Die Schwarze Magie muß ein Ende haben. Weg mit diesen getrockneten Blättern, wer weiß, wozu die gut sein können.«

Bellingham ließ auch sie in Rauch aufgehen. - »Und was noch?«

»Jetzt die Papyrusrolle, die damals auf Ihrem Tisch lag. Sie ist in der Schublade dort, nicht wahr?«

»Nein, nein!« schrie Bellingham, »das dürfen wir nicht! Sie wissen ja nicht, was Sie tun; die Rolle ist unwiederbringlich, einmalig; sie enthält ein Wissen, das man sonst nirgendwo finden kann.«

»Her damit!«

»Das kann doch nicht Ihr Ernst sein, Smith. Ich werde das Wissen mit Ihnen teilen, ich werde Sie alles lehren, was darin verborgen ist. Oder warten Sie, lassen Sie mich nur schnell eine Kopie machen, bevor Sie sie verbrennen!«

Doch Smith ließ sich nicht beirren. Er ging zu der Konsole, holte die zerknitterte Papierrolle heraus und stieß sie mit dem Fuß ins Feuer. Bellingham schrie auf und versuchte sie noch zu retten, doch Smith stieß ihn zurück und blieb vor dem Kamin stehen, bis nur noch ein graues Aschenhäufchen übrig war.

»So, Mr. Bellingham, den Zahn habe ich Ihnen gezogen.

Sollten Sie noch andere Tricks auf Lager haben, werden Sie wieder von mir hören. Und nun guten Morgen, ich muß zurück zu meinen Büchern.«

Soweit die unglaublichen Ereignisse, die sich im Frühjahr '84 nach dem Bericht des Abercrombie Smith im alten College zu Oxford zugetragen haben sollen. Da Bellingham sofort danach die Universität verlassen hat - zuletzt wurde er im Sudan gesehen -, gibt es niemand, der dieser Version widersprechen könnte. Der Mensch ist klein, und die Natur ist unergründlich, und niemand kann sagen, was man auf ihren dunklen Wegen noch alles finden wird, wenn man nur danach sucht.

Der Ring des Thoth

(The Ring of Thoth)

Mit seiner Energie, seiner Ausdauer und der ihm eigenen Klarheit der Gedanken hätte sich Mr. John Vansittart Smith wahrscheinlich unter die führenden Wissenschaftler seiner Generation einreihen können, wäre er nicht Opfer eines universellen Wissensdurstes gewesen, der ihn zwang, sich auf so vielen Gebieten zu betätigen, daß er es in keinem Fach zu wirklicher Erstklassigkeit brachte. In seiner Jugend richtete sich sein Interesse auf Zoologie und Botanik, so daß seine Freunde ihn schon für einen zweiten Darwin hielten, doch als ein Ruf auf eine Professur in greifbarer Nähe war, brach er plötzlich seine Studien ab und widmete seine ganze Aufmerksamkeit der Chemie. Seine spektroskopischen Studien an Metallen brachten ihm die Mitgliedschaft in der Royal Society ein; doch wieder spielte er der Wissenschaft einen Streich. Er kehrte dem Labor den Rücken zu, und ein Jahr später trat er der Gesellschaft für Orientalistik bei. Er veröffentlichte einen Artikel über die hieroglyphischen und demotischen Inschriften von El Kab und setzte damit seinem Ruf als unbeständiges, aber auch vielseitiges Talent die Krone auf. Sie werden sagen, daß auch der vielfältigste Geist, gerade wenn er so genialisch ist, irgendwann seine wirkliche Berufung findet, so wie auch der sprunghafteste Liebhaber irgendwann »seiner« Frau ins Netz geht, und John Vansittart Smith machte da tatsächlich keine Ausnahme. Je tiefer er in die Ägyptologie einstieg, desto stärker war er beeindruckt von dem riesigen Gebiet, das sich dem Wissenschaftler hier eröffnete, und von der großen Wichtigkeit einer Forschung, deren Ziel es war, Licht in die Keimzelle unserer Zivilisation, in den Ursprung des größten Teils unserer Künste und Wissenschaften zu bringen. Smith war so fasziniert, daß er nicht zögerte, eine junge Ägyptologin zu heiraten, die über die sechste Dynastie promoviert hatte und somit versprach, ihm eine wichtige Hilfe bei der Fertigstellung seines Werkes zu sein, in dem er die Exaktheit eines Lepsius und die Genialität Champollions vereinigen wollte. Die Vorbereitung seines »Magnum Opus« machte viele kurze Aufenthalte in der großartigen ägyptischen Sammlung des Louvre nötig. Während der letzten dieser Visiten, die erst im Oktober vorigen Jahres stattfand, wurde er in höchst seltsame, bemerkenswerte Ereignisse verwickelt, von denen hier die Rede sein soll.

Die Züge waren kalt und langsam gewesen, und er hatte eine rauhe Überfahrt über den Kanal hinter sich, als er müde und leicht erkältet in Paris ankam. Als er in seinem Zimmer im Hotel de France an der Rue Laffitte war, warf er sich sofort aufs Sofa, um ein paar Stunden zu ruhen, doch er konnte einfach nicht schlafen, und so beschloß er, doch noch in den Louvre zu gehen, dort alles zu erledigen, was er sich vorgenommen hatte, und den Abendzug zurück nach Dieppe zu nehmen. Als er diesen Entschluß gefaßt hatte, schlüpfte er in seinen Mantel, denn draußen herrschte ein ungemütliches, regnerisches Wetter, und machte sich auf den Weg über den Boulevard des Italiens, die Avenue de l'Opera hinunter. Im Louvre angekommen, befand er sich auf vertrautem Gelände und ging eilig in die Sammlung der Papyrusrollen, wo er etwas nachzulesen hatte.

Selbst seine größten Bewunderer mußten zugeben, daß John Vansittart Smith nicht gerade ein hübscher Mann war. Sein Gesicht mit der dünnen Hakennase und dem vorspringenden Kinn hatte etwas von der Schärfe und Genauigkeit, die auch seinen Verstand auszeichneten. Er trug seinen Kopf hoch wie ein Vogel; dieser Eindruck wurde noch unterstrichen von den pickenden Bewegungen, mit denen er in Diskussionen seine Einwände und Gegenthesen vorzubringen pflegte. Wenn er sich in seinem Regenmantel mit hochgeschlagenem Kragen in dem Schaufenster vor ihm betrachtete, so konnte er jedenfalls sagen, daß er nicht aussah wie ein x-beliebiger Zeitgenosse. Und gerade als er mit diesem Gedanken sein Spiegelbild betrachtete, hörte er hinter sich eine unüberhörbare Stimme auf Englisch sagen: »Schau dir nur diese Figur dort an. Sieht er nicht komisch aus?«

Smith kannte seine Qualitäten, was natürlich ein gehöriges Maß an Eitelkeit mit sich brachte. So schaute er unentwegt auf die Papyrusrolle in der Vitrine vor ihm, doch sein Gesicht verfinsterte sich, und in seinem Herzen stieg Haß auf gegen dieses ganze Geschmeiß, diese Engländer auf Reisen.

»Ja«, sagte eine andere Stimme, »so etwas habe ich auch noch nicht gesehen, wirklich ein seltsames Kerlchen.«

»Man könnte fast meinen«, sagte die erste Stimme, »daß er durch ständiges Nachgrübeln über Mumien selbst fast zur Mumie geworden ist.«

»Der ägyptische Einschlag ist jedenfalls unverkennbar«, sagte der andere.

John Vansittart Smith drehte sich auf dem Absatz um und wollte seine beiden Landsleute mit ein oder zwei ätzenden Bemerkungen abfertigen, doch zu seiner Überraschung und Erleichterung sah er, daß die beiden jungen Burschen ihm den Rücken zuwendeten und sich offensichtlich über einen Museumswärter unterhielten, der am anderen Ende des Raumes damit beschäftigt war, Messingrahmen zu polieren.

»Carter wird schon auf uns warten«, sagte der eine Tourist zu seinem Begleiter, während er auf seine Uhr sah, dann schlenderten sie davon und ließen den Forscher mit seiner Arbeit allein.

»Ich möchte gern wissen, was diese Schwätzer einen ägyptischen Einschlag nennen«, dachte Smith und versuchte, einen Blick auf das Gesicht des Wärters zu werfen. Doch siehe da, es war tatsächlich genau so ein Gesicht, wie es ihm durch seine Arbeiten vertraut war. Die gleichmäßigen, statuesken Züge, die breite Stirn, das runde Kinn und der schwärzliche Teint waren das genaue Ebenbild der unzähligen Statuen, Mumienköpfe und Bilder, die die Wände der Halle schmückten. Es gab keinen Zweifel, der Mann mußte ein Ägypter sein. Allein die geraden, breiten Schultern und die schmalen Hüften hätten ausgereicht, ihn als solchen zu identifizieren.

Mit der Absicht, ihn irgendwie anzusprechen, schlich er sich an den Wärter heran. Die Kunst, ein Gespräch zu beginnen, lag ihm nicht besonders, er hatte stets Schwierigkeiten, den goldenen Mittelweg zwischen Überheblichkeit und Unterwürfigkeit im Ton zu finden. Jetzt konnte er das Profil des Mannes sehen, der immer noch in seine Arbeit vertieft war und ihn nicht bemerkte. Sofort hatte Vansittart Smith den Eindruck, daß etwas Unmenschliches an diesem Mann war, seine Haut erschien ihm ganz und gar unnatürlich, wie sie sich straff und glänzend wie gegerbtes Leder über Stirn und Wangenknochen spannte, ohne daß er Poren oder den geringsten Schweißtropfen darauf erkennen konnte. Statt dessen war das Gesicht vom Haaransatz bis zum Kinn von Millionen winziger Fältchen zerfurcht, ganz anders als die Spuren des Alters, die man an jedem Menschen feststellen kann.

»Ou est la collection de Memphis?« fragte der Forscher, und man konnte ihm anmerken, daß er lediglich peinlich darum bemüht war, ein Gespräch anzufangen.

»C'est la«, antwortete der Mann abweisend und deutete zum anderen Ende der Halle.

»Vous etes un Egyptien, n'est-ce pas?« fragte der Engländer.

Der Wärter schaute auf und wandte ihm seine seltsamen, dunklen Augen zu. Es waren glasige, verschleiert schimmernde Augen, wie Smith sie noch nie an einem Menschen gesehen hatte. In ihrer unergründlichen Tiefe schien sich etwas zu sammeln, ein starkes Gefühl, das sich immer mehr verschärfte und konzentrierte, bis es sich in einem offenen Blick voller Angst und Haß entlud.

»Non, monsieur; je suis fran9ais.« Abrupt drehte sich der Mann um und beugte sich wieder über seine Putzarbeit. Einen Moment lang blieb der Forscher verdutzt stehen, dann begab er sich zu einem Stuhl in einer versteckten Ecke hinter einer der Türen und fuhr fort, Notizen über seine Erkenntnisse aus den Papyrusschriften in sein Tagebuch einzutragen. Doch es gelang ihm einfach nicht, seine Gedanken zusammenzuhalten, immer wieder schweiften sie ab zu jenem rätselhaften Museumsdiener mit dem Sphinxgesicht und der Pergamenthaut.

»Wo habe ich schon einmal solche Augen gesehen?« murmelte Vansittart Smith in sich hinein. »Sie haben etwas Saurierhaftes, etwas Reptilisches an sich. Sie scheinen wie Schlangen eine Membrane nictitans zu haben, das würde das seltsame Schimmern erklären. Doch da war noch mehr, war es nicht Kraft, Weisheit und ja, Müdigkeit, bleierne Müdigkeit und unendliche Verzweiflung, die aus ihnen sprach? -Vielleicht ist alles nur Einbildung, doch so etwas habe ich noch nie gesehen, noch nie so deutlich. Bei Gott, ich muß ihn mir noch einmal ansehen!« Er sprang auf und jagte durch die ägyptische Sammlung, doch der Mann, den er suchte, war verschwunden.

Er setzte sich wieder in seine Ecke und arbeitete an seinen Notizen weiter. Er hatte in den Papyri gefunden, was er gesucht hatte, und mußte es nur noch aufschreiben, solange es noch frisch in seinem Gedächtnis war. Eine Zeitlang jagte sein Stift nur so über die Seiten, doch bald wurde seine Schrift immer größer und unleserlicher, schließlich fiel der Stift zu Boden, der Kopf des Forschers wurde schwerer und schwerer, bis er ihn nicht mehr aufrechthalten konnte. Erschöpft von der Reise schlief er so fest auf seinem Stuhl hinter der Tür, daß weder das Schlüsselrasseln der Wärter, noch das Fußgetrappel der Touristen, noch nicht einmal die laute Schelle, die die Schließzeit ankündigte, ihn wecken konnte.

Aus Dämmerung wurde Finsternis, das Gewimmel der Rue de Rivoli erstarb, die fernen Glocken von Notre Dame schlugen Mitternacht, und immer noch saß die einsame Figur schlafend zwischen den Schätzen des alten Ägypten. Erst kurz vor ein Uhr morgens kam Vansittart Smith schnaufend und nach Luft schnappend zu sich. Zuerst dachte er, er sei zu Hause an seinem Schreibtisch eingenickt, doch als er den Mond durch die hohen Fenster scheinen sah und sein Blick auf die langen Reihen von Mumien und auf Hochglanz polierten Vitrinen fiel, wußte er genau, wo er war und wie er dorthin gekommen war. Er war nicht ängstlich, im Gegenteil, er liebte geradezu solche Situationen, die sonst nur in phantastischen Erzählungen vorkommen. Er reckte seine steifen Glieder und kicherte amüsiert, als er auf seiner Uhr sah, wie spät es war. Dieses Erlebnis würde eine treffliche Anekdote abgeben, die er als kleine Auflockerung in seinen nächsten wissenschaftlichen Artikel einbringen konnte. Er fror ein wenig, doch ansonsten fühlte er sich wach und ausgeruht. Kein Wunder, daß die Wachen ihn übersehen hatten, denn er saß direkt im Schatten einer großen Flügeltür. Die Stille war eindrucksvoll, kein Laut war zu hören, weder draußen noch drinnen. Er war allein mit den toten Überresten einer vergangenen Zivilisation, und all das in der lärmenden Betriebsamkeit des neunzehnten Jahrhunderts. Alles Strandgut, was der Zeitenstrom von versunkenen Imperien angespült hatte, Relikte vom mächtigen Theben, vom königlichen Luxor, aus den berühmten Tempeln von Heliopolis und aus Hunderten versteckter Grüfte kündeten von ehemaliger Pracht und Weisheit und versetzten den jungen Forscher in eine andächtige, nachdenkliche Stimmung. Er fühlte sich klein und unbedeutend wie noch nie zuvor, als er durch die vom Mond silbern beleuchteten Zimmerfluchten des Museums spähte. Doch er war nicht mehr allein. In einer entfernten Ecke schimmerte gelbes Lampenlicht.

Das Licht näherte sich langsam, verharrte von Zeit zu Zeit und kam dann schnell auf ihn zu. Kein Laut war zu hören von dem, der die Lampe trug, kein Schritt, kein Atmen. Der Engländer dachte sofort an Einbrecher und zog sich tiefer in seine Ecke zurück. Bald war das Licht in der übernächsten Kammer, jetzt im Nachbarraum, und immer noch war kein Laut zu vernehmen. Nun sah er das Gesicht, das hinter der Lampe frei im Raum zu schweben schien, und sein Herz krampfte sich zusammen. Es gab keinen Zweifel, die metallisch funkelnden Augen, die pergamentene Haut: Es war der Wärter, mit dem er am Nachmittag gesprochen hatte.

Vansittart Smith' erster Gedanke war, sich zu zeigen und ihn anzusprechen. Nach einer kurzen Erklärung würde der Wärter ihn ohne Zweifel zu einem Seitenausgang führen und ihn hinauslassen. Doch als der Mann die Halle betrat, war in seinen Bewegungen etwas so Geheimnisvolles, Verstohlenes, daß er sich eines anderen besann. Es war ganz offensichtlich, daß dies kein normaler, dienstlicher Rundgang war. Der Bursche schlich auf Kreppsohlen herum und blickte ständig hektisch nach links und rechts, während sein keuchender Atem die Lampe flackern ließ. Vansittart Smith zog sich lautlos in seine Ecke zurück, um ihn heimlich zu beobachten, denn er war sicher, daß der Kerl irgend etwas vorhatte, bei dem er bestimmt nicht gesehen werden wollte.

Der Wärter wußte anscheinend genau, was er wollte. Er ging zielstrebig auf eine der großen Vitrinen zu, zog einen Schlüssel aus seiner Tasche und schloß sie auf. Vom obersten Regal holte er eine der Mumien und legte sie vorsichtig, geradezu liebevoll auf den Boden; die Lampe stellte er daneben, dann setzte er sich in orientalischer Weise auf den Boden und begann mit langen, zitternden Fingern, die Leichentücher und Bandagen aufzuwickeln, in denen die Mumie verpackt war. Eine Lage Leintücher nach der anderen sowie getrocknete Rinden und Blätter fielen auf den Marmorboden, und ein scharfer, aromatischer Duft erfüllte den Raum.

John Vansittart Smith wußte, daß diese Mumie noch nie enthüllt worden war. Die Prozedur faszinierte ihn, er schwitzte vor Neugier, und sein Vogelkopf schob sich immer weiter hinter der Tür hervor. Als es schließlich soweit war und der viertausend Jahre alte Schädel offenlag, konnte er nicht mehr an sich halten, ein verzückter Schrei entrang sich seiner Kehle. Er sah, wie sich zuerst ein dichter Strom glänzender, schwarzer Haare über die Arme des geheimnisvollen Wärters ergoß, dann die zierliche, weiße Stirn mit wunderbar geschwungenen Augenbrauen, schließlich zwei große, dunkel umrandete Augen, die fein geschnittene Nase und ein süßer, voller, sinnlicher Mund über einem lieblich gerundeten Kinn. Das Gesicht war von außerordentlicher Schönheit; das einzige Makel war nur ein formloser, kaffeebrauner Fleck auf der Mitte ihrer Stirn. Jedenfalls hatte der Einbalsamierer hier ein Kunststück vollbracht. Smith' Augen wurden immer größer, und seine Kehle wollte sich vor Entzücken zusammenschnüren.

Die Reaktion des Ägyptologen war jedoch nichts gegen das, was der seltsame Museumsdiener jetzt aufführte. Er warf seine Arme in die Höhe und ließ einen wirren Wortschwall los, er wälzte sich vor ihr im Staub, umarmte sie und küßte sie ununterbrochen auf Lippen und Stirn. »Ma petite!« stöhnte er auf französisch, »Ma pauvre petite!« Die Stimme zitterte vor Rührung, nur seine Augen sahen, trocken und tränenlos, immer noch aus wie zwei blanke Stahlkugeln, wie der Engländer im Licht der Lampe erkennen konnte. Minutenlang lag er mit zuckendem Gesicht heulend und stöhnend über dem Kopf der ägyptischen Schönheit. Plötzlich erhellte ein Lächeln sein Gesicht; er sagte einige Worte in einer unbekannten Sprache, dann sprang er auf wie jemand, der Kraft gesammelt hatte für ein weiteres, großes Vorhaben.

In der Mitte des Raumes war ein großes, rundes Kästchen ausgestellt, in dem sich eine großartige Sammlung altägyptischer Ringe und Schmucksteine befand, die der Forscher schon oft bewundert hatte. Der Wärter schlich hinüber und öffnete sie, nachdem er seine Lampe und ein kleines Tonfläschchen, das er aus seiner Tasche geholt hatte, auf dem Sims daneben abgestellt hätte. Nun nahm er eine Handvoll Ringe aus der Schatulle und beträufelte einen nach dem anderen mit einer Flüssigkeit aus dem Fläschchen, wobei er ein höchst ernsthaftes und angespanntes Gesicht machte. Er ließ die Flüssigkeit einen Moment auf jeden der Ringe einwirken und hielt ihn dann gegen das Licht. Offensichtlich war er bei dem ersten Dutzend mit dem Ergebnis nicht zufrieden, denn er warf die Ringe ärgerlich zurück in den Kasten und; nahm eine weitere Handvoll heraus. Nachdem er einen davon, einen schweren Ring mit einem großen Stein, auf diese Weise getestet hatte, sprang er jubelnd in die Höhe, und dabei stieß er das Tonfläschchen um, worauf die Flüssigkeit über den Boden direkt vor die Füße des Engländers floß. Der Wärter wollte wohl keine Spuren hinterlassen; er zog daher ein rotes Taschentuch aus seiner Jackentasche und begann, die Flüssigkeit aufzuwischen. So folgte er dem dünnen Bächlein auf Händen und Knien bis in jene dunkle Ecke hinter der Tür, wo er unvermeidlich an die Füße seines heimlichen Zuschauers stoßen mußte.

»Ich bitte um Verzeihung«, sagte John Vansittart Smith mit der seinem Volk eigenen Höflichkeit; »ich war leider so ungeschickt, hinter dieser Tür einzuschlafen.«

»Haben Sie mich beobachtet?« fragte der andere, der offensichtlich auch das Englische beherrschte; sein maskenhaftes Gesicht sah dabei höchst feindselig aus.

Smith scheute sich nicht, die Wahrheit zu sagen. »Ich muß gestehen«, sagte er, »daß ich all ihre Bewegungen verfolgt habe und daß Sie in allerhöchstem Maße meine Neugier und mein Interesse geweckt haben.«

Der Mann zeigte ihm ein langes, altertümliches Messer, dessen Klinge wie ein Flammenschwert geschmiedet war. »Sie sind nur haarscharf dem Tod entronnen«, sagte er; »hätte ich Sie vor zehn Minuten entdeckt, dann hätte diese Klinge Ihr Herz durchbohrt. Und Sie können ganz sicher sein, wenn Sie mich anfassen, sind Sie ein toter Mann.«

»Ich will nicht mit Ihnen streiten«, antwortete der Ägyptologe. »Ich bin nur rein zufällig Zeuge Ihrer erstaunlichen Aktivitäten geworden. Alles, worum ich Sie bitten möchte, ist, daß Sie vielleicht die Freundlichkeit haben, mir den Weg nach draußen zu weisen.« Er sprach sehr ruhig, denn der Mann drückte die Spitze des Dolches immer noch gegen seinen linken Handballen, wie um sich von seiner Schärfe zu überzeugen, und sein Gesicht war auch noch nicht freundlicher geworden.

»Meinen Sie. - ach nein. Wie war doch Ihr Name?«

»Vansittart Smith«, antwortete der Brite.

»Sind Sie derselbe Vansittart Smith, der in London den Artikel über El Kab veröffentlicht hat? Ich habe ihn überflogen. Sie scheinen sich ja ganz gut auszukennen auf dem Gebiet.«

»Sir!« Der Ägyptologe wußte nicht, was er sagen sollte.

»Ja, Sie scheinen jedenfalls mehr zu wissen als manch anderer, der sich für einen großen Kenner hält. Der Schlüssel unseres Lebens im alten Ägypten war nämlich tatsächlich nicht unsere Kunst oder irgendwelche Schriften, die jeder lesen konnte, nein, das überschätzen auch Sie gewaltig. Viel wichtiger waren die hermetischen Wissenschaften, unsere Mystik, von der Sie kaum oder gar nicht sprechen.«

»Unser Leben im alten Ägypten!« wiederholte der Forscher mit großen Augen. Und dann plötzlich: »Mein Gott, schauen Sie sich die Mumie nur an!«

Der Mann drehte sich um und hielt seine Lampe an das Gesicht der toten Schönheit, doch die frische Luft hatte schon das Ihrige getan, um alle Kunst des Balsamierers zunichte zu machen. Die Haut war zerfallen, die Augen waren in den Schädel gesunken, und keine Lippen bedeckten mehr die gelben Zähne. Nur der braune Fleck auf der Stirn zeigte noch, daß dies dasselbe Gesicht war, das noch vor wenigen Minuten in so strahlender Jugend und Schönheit erschienen war.

Der seltsame Museumswärter schlug seine Hände über dem Kopf zusammen, sein langer schmerzvoller Schrei schallte durch die Hallen, Mit größter Anstrengung gelang es ihm, sich wieder zu fassen, dann wandte er seine kalten Augen wieder dem Engländer zu.

»Es ist nicht so schlimm«, sagte er mit zitternder Stimme, »es macht eigentlich nichts aus. Ich hatte diese Nacht etwas zu erledigen, und das habe ich getan. Ich habe gefunden, was ich suchte, der Bann ist gebrochen. Ich kann wieder bei ihr sein. Was kümmert mich ihre sterbliche Hülle, solange ich weiß, daß ihre Seele jenseits des Vorhangs auf mich wartet.«

»Das sind starke Worte«, sagte Vansittart Smith. Er wurde immer sicherer, daß er es mit einem Verrückten zu tun hatte.

»Die Zeit drängt«, fuhr der Mann fort. »Der Augenblick ist nah, auf den ich die ganze furchtbare Zeit warten mußte. Doch zuerst will ich Sie hinausbegleiten. Kommen Sie.«

Er nahm die Lampe und führte den Forscher eilig durch lange Gänge und Hallen mit ägyptischen, assyrischen und persischen Stücken. Am Ende stieß er eine schmale Tür auf und führte ihn eine gewundene Steintreppe hinab. Er fühlte schon die kühle, frische Nachtluft, und bald standen sie vor einer Tür, die auf die Straße zu führen schien. Daneben gab es noch eine andere Tür, die nur angelehnt war. Der Wärter zögerte kurz, dann sagte er: »Kommen Sie mit, hier entlang.«

Vansittart Smith schwankte zwischen Neugier und Überdruß. Er hatte gehofft, bald endlich in sein Hotel zu kommen. Doch andererseits wollte er zu gern wissen, wie die Sache weiterging. Schließlich folgte er seinem eigenartigen Begleiter in eine kleine, beleuchtete Kammer.

Das Zimmer erinnerte an eine Portiersloge. Auf einem Rost brannte ein Holzfeuer. An Möbeln gab es ein einfaches Bett, einen Holzstuhl und in der Mitte einen runden Tisch, auf dem die Reste einer Mahlzeit standen. Doch als der Besucher sich umsah, konnte er sich des absonderlichen Eindrucks nicht erwehren, daß er sich in der Werkstatt eines antiken Handwerkers befand. Alles stimmte, jedes Detail war vorhanden; die Kerzenhalter, die Vasen auf dem Kaminsims, die Ornamente an den Wänden, alles schien in eine ferne Vergangenheit zu gehören. Der vertrocknete Mann setzte sich auf die Bettkante und bat seinen Gast, auf dem Stuhl Platz zu nehmen.

»Vielleicht ist es Vorsehung«, sagte er, immer noch in exzellentem Englisch. »Vielleicht ist es so beschlossen, daß ich etwas hinterlassen soll, daß jemand von meinem Schicksal erfahren soll, das allen Sterblichen eine Warnung sein wird, sich nur nicht gegen die Kräfte der Natur aufzulehnen. Ich überlasse es Ihnen; Sie können mit Ihrem Wissen anfangen, was Sie wollen. Jetzt, wo ich zu Ihnen spreche, stehe ich auf der Schwelle zu der anderen Welt.

Sie haben richtig vermutet, ich bin Ägypter - nicht einer von diesem heruntergekommenen Sklavenvolk, das heute das Nildelta bewohnt, sondern ein Überlebender der starken, überlegenen Rasse, die die Juden gebändigt, die Äthiopier in die Wüste geschickt und die mächtigen Bauwerke erschaffen hat, die von allen Generationen nach uns bestaunt und bewundert wurden. Es war die Zeit des Tuthmosis, sechzehnhundert Jahre vor Christi Geburt, daß ich das Licht der Welt erblickte. Ich sehe, Sie erschrecken, doch warten Sie. Sie werden merken, daß ich eher zu bemitleiden als zu fürchten bin. Man nannte mich Sosra. Mein Vater war der Oberpriester des Osiris im großen Tempel von Abaris. Ich wurde im Tempel großgezogen und erlernte all die mystischen Künste, von denen in Ihrer Bibel die Rede ist. Ich war ein besessener Schüler. Mit sechzehn konnte ich schon alles, was der weiseste Priester mir beibringen konnte. Von der Zeit an studierte ich die Geheimnisse der Natur für mich allein, ohne Anleitung, und ich teilte mein Wissen mit keinem anderen Menschen.

Von allen Dingen, mit denen ich mich damals beschäftigte, war ich am brennendsten interessiert an der Frage nach dem Leben selbst. Ich drang tief ein in das Geheimnis, das Prinzip des Lebens. Die Medizin hatte zum Ziel, Krankheiten zu heilen, wenn sie schon in Erscheinung getreten waren. Ich aber wollte einen Weg finden, den Körper zu stärken, daß weder Krankheit noch Tod je von ihm Besitz ergreifen konnten. Es wäre zwecklos, Ihnen von meinen Experimenten zu erzählen. Sie würden sie doch nicht verstehen; ich selbst habe sie kaum verstanden. Ich habe sie zum Teil an Tieren, an Sklaven, aber auch an mir selbst ausgeführt. Ich kann Ihnen sagen, daß ich schließlich eine Substanz gewann, die, in die Blutbahn gebracht, den Körper unempfindlich machte für die Zeit, für Krankheiten und Verletzungen. Sie schenkte letztlich keine Unsterblichkeit, doch ihre Wirkung sollte reichen für viele Jahrtausende. Ich spritzte die Mixtur einer Katze, und danach gab ich ihr das tödlichste Gift, das es gab. Und diese Katze lebt noch heute irgendwo in Unterägypten. Es war nichts Geheimnisvolles oder Magisches an der Sache, es war einfach eine chemische Entwicklung, eine Formel, die vielleicht irgendwann neu entdeckt wird.

Wenn man jung ist, liebt man das Leben. So dachte ich auch, ich wäre von allen menschlichen Sorgen befreit, nun, wo ich den Schmerz besiegt und den Tod in so weite Ferne gerückt hatte. Frohen Mutes spritzte ich den verfluchten Stoff in meine Vene. Dann sah ich mich nach jemand um, den ich noch beglücken konnte. Ich kannte einen jungen Priester des Thoth-Kultes, den ich sehr schätzte wegen seiner Ernsthaftigkeit und Hingabe für seine Studien. Sein Name war Parmes.

Ihm verriet ich mein Geheimnis, und auf seinen Wunsch gab ich ihm mein Wunderelixier. Ich dachte, so würde er für immer mein Freund und mit mir zusammenbleiben.

Nach dieser großartigen Entdeckung ließ ich meine Studien eine Zeitlang etwas schleifen, doch Parmes forschte mit doppelter Energie weiter. Jeden Tag arbeitete er unermüdlich in seinem Labor im Tempel des Thoth, doch er erzählte mir nur wenig über seine Ergebnisse. Ich für meinen Teil spazierte nur noch durch die Stadt und war ganz berauscht von dem Gedanken, daß alles vergehen würde, nur ich nicht. Die Leute verbeugten sich vor mir, ich war bekannt als großer Wissenschaftler.

Zu jener Zeit wütete ein Krieg an der Ostgrenze des Landes. Der große König schickte einen Statthalter nach Abaris, um es zu verteidigen, und mit diesem Soldaten kam auch seine Tochter, von deren Schönheit ich schon viel gehört hatte. Eines Tages, als ich mit Parmes durch die Straßen flanierte, sah ich sie dann und war sofort in Liebe entflammt. Mein Herz wollte zerspringen, ich hätte mich vor den Sklaven, die sie auf ihren Schultern trugen, in den Staub werfen können. Das war sie, das war meine Frau, ohne sie konnte ich nicht weiterleben. Ich schwor beim Kopf des Horus, daß sie mein werden würde. Ich schwor es dem Priester des Thoth, der sich mit finsterem Gesicht von mir abwandte.

Meine Bemühungen um sie führten schließlich dazu, daß sie mich liebte, so wie ich sie liebte. Ich erfuhr auch irgendwann, daß Parmes schon vor mir bei ihr gewesen war und ihr seine Liebe gestanden hatte, doch das machte mir keine Sorgen, denn ich wußte, daß ich ihr Herz gewonnen hatte. Die weiße Pest war über die Stadt gekommen, und ich konnte die Kranken pflegen, ohne Angst oder Ekel empfinden zu müssen. Schließlich erzählte ich der Angebeteten von meinem Geheimnis und bat sie, sie möge sich meiner Behandlung unterziehen.

>Deine Schönheit wird dann nie verblühen, Atmac, so sprach ich zu ihr. >Alles wird vergehen, doch du und ich und unsere große Liebe werden - sogar das Grab des König Chefru überdauern.<

Doch sie war voller Zweifel und Angst. Wäre es denn recht?« fragte sie, >wäre es nicht ein Frevel am Willen der Götter? Wenn der große Osiris wollte, daß wir so lang leben, würde er nicht selbst dafür sorgen?<

Mit sanften, liebenden Worten konnte ich ihre Zweifel zerstreuen, und trotzdem zögerte sie noch. Es sei eine schwere Entscheidung, sagte sie. Sie wollte noch eine Nacht darüber nachdenken. Am nächsten Morgen wollte sie sagen, wie sie entschieden hätte. Nur eine Nacht, bat sie. Sie wollte zu Isis beten, ihr zu einem Entschluß zu helfen.

Schweren Herzens und mit düsteren Vorahnungen im Sinn ließ ich sie allein. Am nächsten Morgen eilte ich sofort nach dem Gebet zu ihr. Auf der Treppe kam mir ein verstörter Sklave entgegen. Die Herrin sei krank, sagte er, sehr krank. Wilde Panik ergriff mich, vorbei an den Wachen bahnte ich mir den Weg durch schier endlose Gänge und Hallen, bis ich in ihrem Zimmer war.

Dort lag sie auf dem Bett, ihr Gesicht war wachsbleich, ihr Auge matt, und auf ihrer Stirn brannte wütend das schreckliche, purpurne Mal, das ich nur zu gut kannte. Es war das Zeichen der Pest, das Siegel des Todes.

Was soll ich von dieser furchtbaren Zeit erzählen? Monatelang trieb es mich umher, ich war wahnsinnig, ich fieberte, phantasierte, nur ich konnte nicht sterben! Noch nie hat sich ein Verdurstender so nach Wasser gesehnt, wie ich mir damals den Tod wünschte. Hätte Stahl oder Gift den Schrecken meiner Existenz beenden können, so wäre ich meiner Liebe sofort gefolgt in das Land, dessen Eingang so schmal ist. Ich versuchte alles, doch ich war unverwundbar. Meine verfluchte Droge war einfach zu stark. Eines Abends, als ich mutlos und müde auf meiner Couch lag, kam Parmes, der Priester des Thoth, zu mir. Er stand vor mir im Lichtschein der Lampe, in seinen Augen funkelte das Feuer des Wahnsinns.

>Warum hast du das Mädchen denn sterben lassen?< fragte er grinsend. >Warum hast du ihr nicht gegeben, was du mir gegeben hast?< >Es war zu spät<, antwortete ich. >Doch du hast sie ja auch geliebt, du teilst mit mir das Unglück. Ist der Gedanke nicht furchtbar, all die Jahrhunderte, die wir warten müssen, bevor wir sie wiedersehen können? Oh, was waren wir für Narren, uns den Tod zum Feind zu machen!<

>Das gilt vielleicht für dich!< rief er mit einem wilden Lachen. >Es freut mich, diese Worte von dir zu hören. Für mich haben sie keine Bedeutung mehr.<

>Was meinst du damit?< Ich stützte mich auf meine Ellbogen und schrie ihn an. >Die Trauer muß deinen Geist umnachtet haben!< Er brannte vor Freude. Er zitterte und sprang umher wie vom Teufel besessen.

>Weißt du, wohin ich jetzt gehe?< fragte er.

>Nein!< antwortete ich.

>Ich gehe zu ihr<, geiferte er. >Sie liegt einbalsamiert in einer Gruft bei den zwei Palmen hinter der Stadtmauer.<

>Was willst du dort?< fragte ich.

>Sterben!< schrie er, >sterben! Ich habe die irdischen Fesseln abgestreift.<

>Aber du hast doch das Elixier in deinem Blut<, rief ich.

>Ich kann es brechen<, sagte er; >ich habe ein mächtigeres Prinzip gefunden, ich kann es brechen. Jetzt, in diesem Augenblick, arbeitet es in meinen Venen, und in einer Stunde werde ich tot sein, tot! Ich werde bei ihr sein, und du mußt hierbleiben.<

Das Feuer in seinen Augen sagte mir, daß er die Wahrheit sprach. Mein Elixier hatte seine Kraft in ihm verloren.

>Gib es mir, sag mir die Formel!< schrie ich.

>Niemals!< antwortete er.

>Ich flehe dich an, bei der Weisheit des Thoth, bei Anubis!< Ich war verzweifelt.

>Es ist zwecklos<, sagte er kalt.

>Dann werde ich es selbst herausfindend schrie ich.

>Das kannst du nicht<, antwortete er, >ich habe es nur durch Zufall entdecken können. Niemand wird jemals diesen Stoff herstellen können, alles, was es davon gibt, ist im Ring des Thoth.<

>Im Ring des Thoth! Sag mir, wo finde ich diesen Ring?<

>Auch das wirst du niemals erfahren<, erwiderte er hämisch. >Du hast ihre Liebe gewonnen, doch was hast du jetzt davon? Ich lasse dich jetzt mit deinem jämmerlichen Erdenleben allein. Ich bin frei. Ich muß jetzt gehen.< Er drehte sich um und rannte weg. Am nächsten Morgen hörte ich, daß der Priester des Thoth gestorben war.

Die Tage danach verbrachte ich in meinem Labor. Ich mußte dieses Gift finden, das stärker sein sollte als mein Lebenselixier. Von früh bis Mitternacht saß ich über meinen Reagenzgläsern. Ich raffte alle Papiere zusammen, alles, was der Priester des Thoth besessen hatte, doch ich fand nichts. Hier und da weckte ein Hinweis oder eine vage Andeutung Hoffnung in mir, doch es führte zu nichts. Ich arbeitete weiter, Monat für Monat verstrich, und wenn ich ganz mutlos war, ging ich zu der Gruft bei den Palmbäumen. Dort fühlte ich mich ihr nah, und ich versprach ihr, daß ich alles tun würde, was Menschenkraft vermag, um das Rätsel zu lösen.

Parmes hatte gesagt, daß seine Entdeckung mit dem Ring des Thoth zusammenhing. Ich kannte das Schmuckstück. Es war ein großer, schwerer Reif, nicht aus Gold, sondern aus einem selteneren und schwereren Metall, das aus den Minen am Berg Harbal stammte. Sie nennen es Platin. Ich erinnerte, daß in den Ring ein Hohlkristall gefaßt war, in dem einige Tropfen Flüssigkeit Platz haben könnten. Ohnehin konnte das Geheimnis nicht allein in dem Metall ruhen, denn im Tempel befanden sich mehrere Ringe aus Platin. War es nicht viel wahrscheinlicher, daß er sein wertvolles Gift in der Höhlung des Steines untergebracht hatte? Kaum war ich auf diese Idee gekommen, da fand ich in seinen Papieren auch schon die Bestätigung, daß es wirklich so war und daß noch etwas von der Flüssigkeit übrig sein mußte.

Nur, wie konnte ich den Ring finden? Er trug ihn jedenfalls nicht am Finger, als er einbalsamiert wurde, dessen vergewisserte ich mich. Er war auch nicht unter seinen privaten Habseligkeiten zu finden. Vergeblich durchsuchte ich jeden Raum, den er je betreten hatte, jede Schachtel und Vase, die er besessen hatte. Ich siebte den Wüstensand längs der Wege, die er zu nehmen pflegte; doch ich konnte machen, was ich wollte, vom Ring des Thoth fand ich keine Spur. Und trotzdem wäre ich vielleicht zum Ziel gekommen, hätten sich mir nicht unerwartete, ungünstige Umstände in den Weg gestellt.

Der Krieg, von dem ich gesprochen habe, weitete sich aus, unsere Truppen mit allen Reitern und Bogenschützen waren in der Wüste abgeschnitten. Die Nomaden waren hinter uns her wie die Heuschrecken in einem trockenen Jahr. Von der Wildnis von Shur bis zu dem großen Salzmeer gab es nichts als Feinde. Abaris war das Bollwerk Ägyptens, doch wir konnten die Wilden nicht länger aufhalten. Die Stadt fiel. Der Statthalter und die Soldaten wurden getötet, und ich wurde wie viele andere in die Sklaverei verschleppt.

Jahrelang hütete ich das Vieh auf den riesigen Weiden im Euphratgebiet. Mein Herr starb, und sein Sohn wurde alt, doch ich war dem Tod so fern wie je. Schließlich floh ich auf einem Kamel zurück nach Ägypten. Die Barbaren hatten sich am Nil niedergelassen, nachdem sie das ganze Land unterworfen hatten, Abaris war niedergebrannt worden, und vom großen Tempel war nichts mehr übrig als ein Schutthaufen. Die Grabstätten waren geplündert, kein Stein lag mehr auf dem anderen. Auch Atmas Grab war spurlos verschwunden. Die Schriften des Parmes und die Überreste des Thoth-Tempels waren entweder zerstört oder weit über die Wüsten Syriens verstreut. Alle Suche war umsonst.

Damals gab ich alle Hoffnung auf, jemals den Ring zu finden oder das Geheimnis des Gegengifts zu lüften. Ich fand mich damit ab, weiterzuleben und geduldig auf den Tag zu warten, wo die Wirkung des Elixiers endlich nachließe. Wie können Sie ermessen, welch schreckliches Phänomen die Zeit sein kann, Sie, der Sie doch nur die kurze Spanne zwischen Wiege und Grab kennen! Ich jedenfalls weiß, wovon ich rede, ich, der den Lauf der Weltgeschichte von den Anfängen bis heute miterlebt hat. Ich war alt, als Ilium zugrunde ging. Ich war sehr alt, als Herodot nach Memphis kam. Ich war ein Greis, als der neue Messias auf die Erde kam. Und noch heute sehe ich wie ein Mensch aus, noch immer fließt das süße Elixier mit meinem Blut, das mich vor dem beschützt, nach dem ich mich so sehr sehne. Heute nun, endlich, ist das Ende meines qualvollen Weges in Sicht!

Ich war in allen Ländern, habe mit allen Völkern zusammengelebt. Alle Sprachen sind mir einerlei, ich habe sie alle gelernt, um mir die Zeit zu vertreiben. Ich brauche nicht zu sagen, wie träge der Fluß der Zeiten war, die nicht enden wollende Dämmerung der modernen Zivilisation, das finstere Mittelalter, die freudlosen Zeiten der Barbarei. Ich habe alles hinter mir, und nie habe ich eine andere Frau angeschaut. Atma weiß, daß ich ihr immer treu geblieben bin.

Ich hatte mir zur Angewohnheit gemacht, alles zu lesen, was die Wissenschaftler über das alte Ägypten verbreiten. Ob ich arm war oder reich, immer hatte ich genug, um mir die einschlägigen Zeitschriften kaufen zu können. Vor ungefähr neun Monaten, ich war in San Franzisko, las ich einen Bericht über neue Entdeckungen, die man bei Abaris gemacht hatte. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als ich es las. Einige Archäologen hatten sich mit dem Inhalt von Grabstätten beschäftigt, die kürzlich freigelegt worden waren. In einer hatte man eine unversehrte Mumie gefunden, die nach der Inschrift auf dem Schrein die Tochter eines Statthalters von Abaris zu Zeiten von Tuthmosis gewesen sein sollte. Als man den äußeren Schrein entfernte, fand man auf der Brust der einbalsamierten Frau einen großen Platinring mit einem Kristall. Dort also hatte Parmes den Ring des Thoth versteckt, und er hatte sich nicht getäuscht, dort war der Ring sicher, denn kein Ägypter hätte es jemals gewagt, auch nur den äußeren Sarg eines einbalsamierten Freundes zu öffnen.

Am selben Abend verließ ich San Franzisko, und wenige Wochen später war ich wieder in Abaris, wenn man den Namen noch benutzen will für die Sandhaufen und Viehzäune, die man heute dort vorfindet. Ich lief zu den Franzosen, die dort gruben, und fragte nach dem Ring. Sie antworteten mir, daß man sowohl die Mumie als auch den Ring ins Boulak Museum nach Kairo gebracht hätte. Ich machte mich sofort auf den Weg, nur um dort zu erfahren, daß das Museum die Funde an Mariette Bey abgeben mußte, die damit auf dem Weg zum Louvre war. Ich folgte ihnen, und schließlich fand ich hier nach fast viertausendjähriger Suche in der ägyptischen Sammlung des Louvre die Überreste meiner geliebten Atma und den Ring, den ich so dringend brauche.

Doch wie konnte ich die Dinge in meinen Besitz bringen? Diesmal hatte ich Glück. Zufällig war der Posten eines Wärters frei geworden. Ich ging also zum Direktor und überzeugte ihn davon, daß ich viel über Ägypten weiß. In meiner Aufregung redete ich viel zuviel, so daß der Direktor bemerkte, ein Lehrstuhl würde mir besser anstehen als der Posten eines Museumsdieners. Er sagte, ich wüßte mehr als er. Ich mußte dann noch viel Unsinn erzählen, um ihn glauben zu machen, er hätte mein Wissen überschätzt. Doch am Ende konnte ich mit meinen Habseligkeiten in diese Kammer einziehen. Es wird meine erste und letzte Nacht hier sein.

Das ist meine Geschichte, Mr. Vansittart Smith. Einem Mann Ihrer Intelligenz brauche ich nicht mehr zu erzählen. Durch einen seltsamen Zufall haben Sie heute nacht das Antlitz der Frau gesehen, die ich in jenen fernen Tagen einmal geliebt habe. In der Schatulle waren viele Ringe mit Steinen, deshalb mußte ich erst den Platintest machen, um den richtigen zu finden. Ein Blick auf den Kristall genügt dann, um zu sehen, daß er tatsächlich die Flüssigkeit enthält, die mir helfen kann, meine verfluchte Gesundheit zu zerstören, die für mich schlimmer war als die grausamste Krankheit. Mehr habe ich Ihnen nicht zu sagen. Sie können meine Geschichte weitererzählen, Sie können sie auch für sich behalten, wenn Sie wollen. Sie haben die Wahl. Ich muß mich bei Ihnen entschuldigen, denn Sie sind heute nacht nur haarscharf dem Tod entgangen. Ich war verzweifelt und hätte Sie bestimmt umbringen müssen, wenn Sie irgendwie versucht hätten, mich an meinem Vorhaben zu hindern. Dort ist die Tür. Sie führt auf die Rue de Rivoli. Gute Nacht.«

Der Engländer schaute noch einmal zurück auf die gebeugte Gestalt des alten Ägypters Sosra, der noch einen Augenblick in der Tür verharrte, bevor er sie krachend zufallen ließ und den Schlüssel umdrehte.

Zwei Tage, nachdem er nach London zurückgekommen war, blätterte Mr. John Vansittart Smith in der Times und stieß auf folgenden knappen Bericht des Pariser Korrespondenten:

»Seltsame Geschehnisse im Louvre. - Gestern morgen machte man eine seltsame Entdeckung in der Haupthalle der Mittelost-Sammlung. Angestellte, die vor Öffnungszeit die Räume des Museums zu reinigen hatten, fanden einen der Wärter in inniger Umarmung mit einer Mumie tot auf dem Boden vor. Die Umklammerung war so fest, daß sie nur unter äußersten Schwierigkeiten getrennt werden konnten. Eine Schatulle, die wertvolle Ringe enthält, war geöffnet worden. Einer der Ringe fehlt. Die Polizei ist der Meinung, daß der Wärter die Mumie entwenden und an einen privaten Sammler verkaufen wollte, im Zuge der Tat aber einem Herzschlag erlag. Es soll sich um einen Mann unbestimmten Alters gehandelt haben, der durch sein exzentrisches Benehmen auffiel. Nach Angaben der Behörden hinterläßt er keine lebenden Verwandten, die sein dramatisches und unzeitiges Ende beweinen könnten.«

Der Schrecken aus der Tiefe

(The Terror of Blue John Gap)

Die folgende Geschichte fand man unter den Papieren des verstorbenen Dr. James Hardcastle, der am vierten Februar 1908 in seiner Wohnung in South Kensington der Schwindsucht erlag. Alle, die ihn gut kannten, bezeugen einstimmig, er sei ein Mann von nüchterner, wissenschaftlicher Geisteshaltung gewesen, alles andere als ein Spinner, der eine abnorme Folge von Ereignissen erfinden könnte. Die Unterlagen befanden sich in einem Briefumschlag, der wie folgt beschriftet war: »Eine kurze Zusammenfassung der Begebenheiten, die sich im letzten Frühjahr in der Nähe der Allerton-Farm im Nordwesten Derbyshires zutrugen.« Der Umschlag war versiegelt. Auf der anderen Seite war mit Bleistift geschrieben:

»Lieber Seaton,

Es mag Dich interessieren und vielleicht peinlich berühren, zu erfahren, daß Deine Ungläubigkeit bezüglich meiner Geschichte bewirkt hat, daß ich in dieser Sache seither nie mehr den Mund aufgemacht habe. Nach meinem Tod wird man diesen Bericht finden, und vielleicht werden Fremde mir mehr Vertrauen schenken als mein Freund.«

Alle Nachforschungen konnten nicht erleuchten, wer dieser Seaton gewesen sein könnte. Ich darf hinzufügen, daß der Aufenthalt des Kranken auf Allertons Farm sowie die allgemeinen Umstände der Aufregung dort auch ohne diese besondere Darstellung eindeutig bestätigt sind. Nach diesem Vorwort werde ich nun die Zusammenfassung genau so wiedergeben, wie er sie hinterlassen hat. Sie hat die Form eines Tagebuches, in dem einige Eintragungen mit Zusätzen versehen sind, während andere gestrichen wurden.

17. April - Ich fühle schon, wie wohl mir diese wundervolle Höhenluft tut. Die Farm der Allertons liegt vierzehnhundertzwanzig Fuß über dem Meeresspiegel, es dürfte also ein gesundes Klima für mich herrschen. Über den normalen Morgenhusten hinaus hatte ich kaum Beschwerden, und bei frischer Milch und hausgeschlachtetem Hammel habe ich alle Chancen, kräftig Gewicht zuzulegen. Ich glaube, Saunderson wird zufrieden sein.

Die beiden Miss Allertons sind in reizender Weise zuvorkommend und höflich, zwei hart arbeitende, kleine alte Mädchen, die bereit sind, alle LiebeA die sie sonst für Ehemann und Kinder gehabt hätten, einem leidenden Fremdling zu schenken. Wahrlich, die alte Jungfer ist ein höchst nützliches Mitglied, eine der Reservekräfte der Gesellschaft. Man nennt sie oft überflüssige Weibsbilder, aber was sollte ein armes überflüssiges Mannsbild ohne sie anfangen? Nebenbei: In ihrer Einfalt sind sie schnell mit dem Grund herausgerückt, weswegen Saunderson mir ihre Farm empfohlen hat. Der Professor stammt selbst aus der Gegend, und ich bin sicher, daß er in seiner Jugend genau auf diesen Feldern spaziert ist und die Krähen erschreckt hat.

Es ist ein sehr einsamer Fleck Erde, jeder Spaziergang ist ein landschaftliches Erlebnis. Die Farm besteht aus Weideland, das eine bucklige Talsohle bedeckt. Auf beiden Seiten ist das Tal von phantastischen Kalksteinhügeln begrenzt. Das Gestein ist so weich, daß man es mit der bloßen Hand abbrechen kann.

Das ganze Land ist unterspült. Könnte man mit einem gigantischen Hammer daraufschlagen, so würde es dröhnen wie ein Paukenschlag, oder es würde alles zusammenstürzen und sich ein großer unterirdischer See auftun. Ein solcher befindet sich mit Sicherheit dort, denn von allen Seiten fließen Bäche in den Berg, ohne ihn je wieder zu verlassen. Überall sind Felsspalten, durch die man in große Höhlen gelangt, welche sich zum Bauch der Erde hinunterwinden. Ich habe eine kleine Fahrradlampe, und es ist mir jedesmal ein Vergnügen, mit ihr in diese unheimlichen Einöden hinabzusteigen. Sie erzeugt die herrlichsten Lichteffekte, schwarz und silbern, wenn ihr Lichtkegel die Stalaktiten streift, welche die hohen Gewölbe schmücken. Lösche deine Lampe und du bist in der schwärzesten Finsternis. Schalte sie an, dann siehst du eine Szenerie wie aus Tausendundeiner Nacht.

Aber eine Stelle am Farmland ist von besonderem Interesse. Denn dort hat nicht die Natur, sondern Menschenhand die Erde geöffnet. Bevor ich in diese Gegend kam, hatte ich nie von Blue John gehört. Das ist der Name eines besonderen Minerals von violetter Färbung, das nur an ein oder zwei Plätzen auf der ganzen Welt zu finden ist. Es ist so rar, daß eine simple Vase aus Blue John ein Vermögen wert wäre. Die Römer entdeckten mit dem ihnen eigenen Instinkt, daß man es in diesem Tal finden kann; sie trieben einen horizontalen Schacht tief in den Hang. Den Eingang ihrer Mine hat man Blue John Gap genannt, ein sauber aus dem Felsen gehauenes Portal, von Büschen überwuchert. Es ist ein hübscher Stollen, den die Römer dort gegraben haben. Er schneidet einige der großen schwimmenden Höhlen, so daß es ratsam ist, seinen Weg zu markieren und einen ausreichenden Vorrat an Kerzen bei sich zu haben, wenn man Blue John Gap betritt, oder man läuft Gefahr, nie mehr zum Tageslicht zurückzufinden. Bis jetzt bin ich noch nie tiefer hineingestiegen, aber gerade heute habe ich im Torbogen des Tunnels gestanden und in die schwarzen Abgründe dahinter gespäht. Ich schwor mir, daß ich eines Tages, wenn ich wieder gesund sein würde, einmal meine Ferien der Erforschung dieser geheimnisvollen Tiefen widmen würde. Ich würde selbst herausfinden, wie weit die Römer die Hügel von Derbyshire angebohrt hatten.

Seltsam, wie abergläubisch diese Dörfler sind! Ich hätte mehr vom jungen Armitage gehalten, denn er ist ein Mann von Erziehung und Charakter, ein sehr feiner Bursche für sein Alter. Ich stand am Blue John Gap, als er quer über die Weide auf mich zukam.

»Na, Doktor«, sagte er, »ängstlich sind Sie jedenfalls nicht.«

»Angst!« antwortete ich. »Wovor?«

»Davor«, sagte er und zeigte mit dem Daumen auf den schwarzen Schlund, »vor dem Grauen, das in der Blue-John-Höhle wohnt.«

Wie lächerlich einfach sich doch in einer einsamen Gegend eine Legende entwickeln kann! Ich fragte ihn nach den Gründen für seinen verrückten Glauben. Glaubt man Armitage, so sind von Zeit zu Zeit Schafe von der Weide verschwunden, spurlos. Die Erklärung, daß sie einfach fortgelaufen und in den Bergen verschwunden sein könnten, wollte er nicht hören. Einmal hatte man eine Blutlache entdeckt und einige Wollflocken. Auch das, gab ich zu denken, könnte eine ganz natürliche Erklärung haben. Ferner sind die Schafe alle in dunklen, wolkigen, mondlosen Nächten verschwunden. Dem begegnete ich mit der einfachen Erwiderung, daß dies die normale Arbeitszeit eines jeden gewöhnlichen Schafdiebs sei. In einem Fall war eine Lücke in eine Mauer geschlagen und einige Steine weit verstreut worden. Meiner Meinung wiederum Menschenwerk. Schließlich trumpfte Armitage noch mit der Geschichte auf, daß er das Ungeheuer wirklich gehört hatte - daß es tatsächlich jeder hören könnte, der sich lang genug beim Gap aufhielte. Es war ein fernes Brüllen von immenser Lautstärke. Darüber konnte ich nur lächeln, da ich doch um die seltsamen akustischen Phänomene weiß, die ein unterirdisches Gewässersystem inmitten einer Kalksteinformation hervorrufen kann. Meine Ungläubigkeit ärgerte Armitage, so daß er sich umdrehte und mich ziemlich abrupt verließ.

Und jetzt kommt der Dollpunkt an der ganzen Geschichte. Ich stand noch immer am Höhleneingang und dachte über die verschiedenen Behauptungen Armitages nach, wie einfach man sie doch widerlegen konnte, als plötzlich aus der Tiefe des Tunnels neben mir ein absonderlicher Ton an mein Ohr drang. Wie soll ich ihn beschreiben? Zunächst, er schien aus großer Entfernung zu kommen, tief aus den Eingeweiden der Erde. Zweitens: Trotz dieses Eindrucks der Ferne war er sehr laut. Letztlich war es auch kein dumpfes Dröhnen, kein Krachen, so wie man sich das Geräusch auf lose Felsbrocken fallenden Wassers vorstellt, vielmehr war es ein schrilles Winseln, zitternd und vibrierend, fast ein Wiehern. Dies war sicherlich eine höchst bemerkenswerte Erfahrung, die, das muß ich zugeben, Armitages Behauptungen für einen Augenblick eine neue Bedeutsamkeit gaben. Ich wartete noch eine halbe Stunde oder länger an der Höhle, das Geräusch wiederholte sich jedoch nicht, so daß ich schließlich zum Farmhaus zurückwanderte, ganz gefangen von dem geheimnisvollen Vorfall. Daß ich, sobald meine Gesundheit wiederhergestellt sein wird, diese Höhle erforschen werde, ist jetzt beschlossene Sache. Ein Monster, das Armitage in den Tiefen der Erde vermutet, ist natürlich eine zu absurde Erklärung für dieses zweifellos eigenartige Geräusch, aber dennoch, während ich schreibe, hallt es in meinen Ohren wider.

20. April - In den letzten drei Tagen habe ich mehrere Expeditionen zum Blue John Gap unternommen und bin dabei sogar ein kleines Stück hineingegangen, aber meine Fahrradlampe ist so klein und schwach, daß ich mich nicht sehr weit vortraue. Ich sollte mehr systematisch an die Sache herangehen. Ich habe gar keinen Ton mehr gehört, ich könnte fast glauben, daß ich Opfer einer Halluzination geworden bin, hervorgerufen vielleicht durch Armitages Gerede. Natürlich ist die ganze Idee absurd, doch trotzdem muß ich gestehen, daß jene Büsche am Eingang der Höhle aussehen, als ob irgendein schwergewichtiges Lebewesen sich seinen Weg hindurch gebahnt hätte. Ich beginne, mich ernsthaft für das Phänomen zu interessieren. Den Miss Allertons habe ich nichts erzählt, da sie schon abergläubisch genug sind, aber ich habe einige Kerzen gekauft und mir vorgenommen, für meinen Teil Nachforschungen anzustellen.

Heute morgen beobachtete ich, daß unter den zahlreichen Schafswollbüscheln, die an den Sträuchern in der Nähe der Höhle hängen, eines blutverschmiert ist. Natürlich sagt mir mein Verstand, daß sich Schafe leicht verletzen können, wenn sie sich in so felsiges Gelände begeben. Und dennoch versetzte mir dieser karmesinrote Farbspritzer einen plötzlichen Schock. Im selben Augenblick schreckte ich vor dem altrömischen Eingangsportal zurück. Stinkender Atem schien mir aus den schwarzen Tiefen, in die ich blickte, entgegenzuwehen. Könnte es tatsächlich möglich sein, daß irgend etwas Unbekanntes, Gräßliches dort unten lauerte? In den Tagen meiner Stärke war ich wohl unempfänglich für solche Gefühle, doch man wird nervös und wunderlich, wenn die Gesundheit angeschlagen ist.

Im Moment war ich in meiner Entschlossenheit geschwächt und bereit, das Geheimnis der alten Mine, wenn eines existiert, für immer ungelöst zu lassen. Doch heute abend sind Interesse und Nerven, stärker und fester als zuvor, zurückgekehrt. Ich bin zuversichtlich; morgen werde ich tiefer in die Angelegenheit eingedrungen sein.

22. April - Lassen Sie mich versuchen, mein außergewöhnliches Erlebnis von gestern, so genau ich kann, wiederzugeben. Am Nachmittag machte ich mich zum Blue John Gap auf. Ich gestehe, daß mein Unbehagen wiederkehrte, als ich in seine Tiefen starrte, und ich wünschte, ich hätte einen Begleiter bei der Expedition. Schließlich erholte ich mich aber, zündete eine Kerze an, schlug mich durch die Dornbüsche und stieg in den felsigen Schacht hinab.

Für ungefähr fünfzig Fuß ging es steil abwärts über Geröll. Dann kam ich zum Eingang eines langen, geraden Ganges, der durch härtesten Fels gehauen war. Ich bin kein Geologe, aber die Wände dieses Korridors waren sicher aus härterem Material als Kalkstein, denn es gab Stellen, wo ich auf dem Fels die Spuren der Werkzeuge der antiken Bergleute sehen konnte, so frisch, als ob sie gestern noch hier gearbeitet hätten. Ich stolperte den eigentümlichen Korridor hinunter; das schwache Licht meiner Kerze erzeugte einen Kreis dämmrigen Lichts um mich herum, das alle Schatten furchterregend und geheimnisvoll erscheinen ließ. Endlich kam ich zu einer Stelle, wo der römische Tunnel sich in eine verwitterte Höhle öffnete - eine hohe Halle, behängt mit langen weißen Eiszapfen aus Kalk. Im Halbdunkel konnte ich mehrere, von unterirdischen Bächen glattgewaschene Gänge ausmachen, die sich in den Tiefen der Erde verloren. Ich stand da und fragte mich, ob es besser sei, umzukehren oder ob ich das Unternehmen in diesem gefährlichen Labyrinth fortsetzen sollte. Da fiel mein Blick auf etwas zu meinen Füßen, das meine ganze Aufmerksamkeit gefangennahm.

Der größere Teil des Höhlenbodens war bedeckt mit Geröll oder harten Kalkkristallen, aber an dieser speziellen Stelle war etwas von der fernen Höhlendecke getropft und hatte einen Fleck aus weichem Schlamm zurückgelassen. Genau in der Mitte davon befand sich ein deutlicher Abdruck - ein unförmiger Fladen, tief, breit und unregelmäßig, als ob ein großer Felsblock in den Schlamm gefallen und zersprungen wäre. In der ganzen Umgebung lag jedoch kein einziger Stein noch irgend etwas anderes, das den Abdruck erklären konnte. Er war viel zu groß, um von einem Tier stammen zu können; außerdem gab es nur einen Abdruck, und der Schlammfleck war von solcher Ausdehnung, daß kein bekanntes Lebewesen ihn mit einem Schritt überbrücken könnte. Als ich mich von der Betrachtung dieser einzigartigen Spur wieder erhob und auf die schwarzen Schatten blickte, die mich rings umgaben, hatte ich, zugegeben, für einen Augenblick das äußerst unangenehme Gefühl, mein Herz sei mir in den Bauch gerutscht. Ich konnte es nicht ändern, die Kerze zitterte mir in der Hand.

Bald hatte ich meine Nerven aber wieder beisammen, als ich mir klarmachte, wie abwegig es war, einen so großen und formlosen Abdruck mit irgendeinem Lebewesen in Verbindung zu bringen. Nicht einmal ein Elefant könnte ihn produziert haben. Deshalb beschloß ich jetzt endgültig, mich nicht von vagen und unvernünftigen Ängsten an meiner Exploration hindern zu lassen. Bevor ich weiterging, prägte ich mir eine markante Steinformation an der Höhlenwand gut ein, mit deren Hilfe ich den Eingang des römischen Tunnels wiederfinden konnte. Diese Vorsichtsmaßnahme war notwendig, denn soweit ich sehen konnte, endete eine ganze Reihe von Gängen in der großen Höhle. Nachdem ich mich meiner Position sowie meines Kerzen- und Streichholzvorrats versichert hatte, ging ich über felsigen, unebenen Boden langsam voran.

Und nun komme ich zu dem Punkt, von dem an die Katastrophe ihren Lauf nahm. Ein Bach, vielleicht zwanzig Fuß breit, kreuzte meinen Weg, und ich lief ein Stück an seinem Ufer entlang, um eine Stelle zu finden, wo ich ihn trockenen Fußes überwinden konnte. Schließlich kam ich zu einer Stelle, wo ein einzelner flacher Stein nahe der Mitte lag, so daß ich ihn mit einem Sprung erreichen konnte. Als ich das versuchte, löste sich jedoch bei meiner Landung der Stein und geriet durch die Strömung des Baches ins Rollen, so daß ich stürzte und ins eiskalte Wasser fiel. Die Kerze ging aus, ich zappelte in absoluter Dunkelheit umher.

Ich war eher amüsiert als beunruhigt durch das Abenteuer, nachdem ich wieder auf die Füße gekommen war. Die Kerze war mir im Bach aus der Hand gefallen, aber ich hatte noch zwei in meiner Tasche, so daß das nicht wichtig war. Ich nahm eine von ihnen und holte meine Streichhölzer hervor, um sie anzuzünden. Erst da erkannte ich meine Situation. Die Streichhölzer waren natürlich naß geworden. Es war unmöglich, sie zu entzünden.

Eine kalte Hand schien sich um mein Herz zu schließen, als mir meine Lage klar wurde. Die Dunkelheit war undurchsichtig und fürchterlich. Man konnte absolut nichts erkennen, nicht die Hand vor Augen. Ich blieb stehen, und mit einiger Mühe beruhigte ich mich. Im Geiste versuchte ich eine Karte des Höhlenbodens zu rekonstruieren, so, wie ich ihn zuletzt gesehen hatte. O weh! Die Wegmarken, die ich mir eingeprägt hatte, befanden sich alle hoch an der Höhlenwand, so daß ich sie nicht ertasten konnte. Immerhin, ich erinnerte mich, wie die Seiten im allgemeinen verliefen, und hoffte, daß ich letztlich zum Eingang des römischen Tunnels gelangen würde, indem ich mich an der Wand entlanghangelte. Dieser Hoffnung folgte ich, indem ich mich sehr langsam immer an der Wand zurückbewegte.

Doch bald mußte ich einsehen, wie unmöglich das war. In der samtig-schwarzen Dunkelheit verlor man sofort jede Orientierung. Bevor ich zehn Schritte getan hatte, war ich völlig verunsichert. Das Plätschern des Baches war mein einziger Anhaltspunkt, aber sobald ich sein Ufer verließ, kannte ich mich nicht mehr aus. Die Idee, in vollständiger Dunkelheit aus diesem Kalksteinlabyrinth zu finden, war undurchführbar.

Ich setzte mich auf einen Stein und dachte über meine unglückliche Lage nach. Ich hatte keinem erzählt, daß ich vorhatte, zur Blue-John-Mine zu gehen, und es war unwahrscheinlich, daß man einen Suchtrupp nach mir schicken würde. Deshalb mußte ich auf meine eigenen Möglichkeiten bauen, der Gefahr zu entkommen. Es gab nur eine Hoffnung: Die Streichhölzer würden trocknen. Als ich ins Wasser fiel, wurde ich nur halb durchnäßt. Meine linke Schulter war über Wasser geblieben. Ich nahm deshalb die Streichholzschachtel und steckte sie unter meine linke Achselhöhle. Meine Körperwärme könnte vielleicht der Wirkung der feuchten Luft in der Höhle entgegenwirken, aber selbst dann konnte ich vor Ablauf vieler Stunden nicht auf Licht hoffen. Inzwischen konnte ich nichts anderes tun als warten.

Glücklicherweise hatte ich einige Kekse eingesteckt, bevor ich das Farmhaus verließ. Die spülte ich jetzt mit einem Schluck, Wasser aus diesem verdammten Bach hinunter, der die Ursache aller meiner Schwierigkeiten war. Dann fühlte ich nach einem bequemen Platz zwischen den Felsen und, nachdem ich eine Stelle gefunden hatte, wo ich meinen Rücken anlehnen konnte, ließ ich mich nieder und wartete.

Es war elend feucht und kalt aber ich versuchte mir Mut zu machen mit dem Gedanken, daß die moderne Medizin bei meiner Krankheit offene Fenster und Spaziergänge bei ledern Wetter verordnet. Allmählich, eingelullt vom monotonen Gurgeln des Baches und von der absoluten Dunkelheit, versank ich in tiefen Schlaf.

Wie lange ich schlief, kann ich nicht sagen. Vielleicht eine Stunde, vielleicht mehrere. Plötzlich schnellte ich von meiner Felsencouch hoch, bebende Nerven und alle Sinne augenblicklich auf der Hut. Ich hatte ein Geräusch gehört - ein Geräusch, das nicht mit dem Gurgeln des Wassers zu verwechseln war. Es war vorbei, aber sein Nachhall schwappte mir immer noch in die Ohren. War es ein Suchtrupp? Die würden sicherlich gerufen haben, aber der Laut, der mich geweckt hatte, war sehr verschieden von der menschlichen Stimme. Mein Herz schlug rasend, und ich wagte kaum zu atmen. Da war es wieder! Und wieder! Nun hörte ich es fortwährend. Es waren Schritte - ja bestimmt, es waren Schritte einer lebendigen Kreatur. Doch welche Schritte! Sie klangen nach schwammartigen Füßen, die ein enormes Gewicht trugen, wobei sie ein gedämpftes, aber raumfüllendes Geräusch abgaben. Es war unverändert dunkel, aber der Schritt war regelmäßig und entschlossen. Und ohne Frage kam er in meine Richtung.

Meine Haut wurde kalt, meine Haare standen mir zu Berge, als ich diesen ausdauernden und festen Schritten zuhörte. Dort war irgendein Lebewesen, ein Lebewesen, das, so schnell es näherkam, mit Sicherheit im Dunkeln sehen konnte. Ich kauerte flach, auf meinem Felsblock und versuchte, mich mit ihm zu verschmelzen. Immer noch kamen die Schritte näher, dann hörte es auf, und im selben Augenblick erfüllte ein lautes Schlürfen und Gurgeln den Raum. Die Kreatur trank am Bach. Dann war wieder Ruhe, unterbrochen nur von langgezogenen Schnief- und Schnarchgeräuschen von unheimlicher Lautstärke und Energie. Hatte es mich erspäht? Meine Nase war voll von einem abscheulichen, ranzigen Pestgeruch. Dann hörte ich wieder die Schritte. Sie waren auf meiner Seite des Baches.

Die Steine knirschten wenige Meter von mir entfernt. Kaum atmend kauerte ich auf meinem Felsen. Dann entfernten sich die Schritte. Ich hörte das Platschen, als es durch den Bach zurückging, und der Laut verklang in die Richtung, aus der er gekommen war.

Lange Zeit lag ich auf dem Felsblock, zu erschrocken, mich zu bewegen. Ich dachte an das Geräusch, das ich aus den Tiefen der Höhle hatte kommen hören, an Armitages Befürchtungen, an den seltsamen Abdruck im Schlamm, und jetzt dieser endgültige, absolute Beweis, daß es ein schauderhaftes Monster gibt, das, gar nicht von unserer Welt, im hohlen Bauch des Berges haust. Ich habe keine Vorstellung von seiner Art oder Gestalt, ich kann lediglich sagen, daß es gigantisch, aber leichtfüßig ist. Der Kampf zwischen meinem Verstand, der sagte, daß es solche Dinge nicht geben kann, und meinen Sinnen, die sagten, es existiert, tobte in mir, als ich so lag. Schließlich war ich fast bereit, mir einzureden, daß dieses Erlebnis Teil eines bösen Traumes gewesen sei und daß meine Krankheit und die ungewöhnliche Situation eine Halluzination gezaubert haben. Doch es sollte noch ein letztes Erlebnis folgen, das die letzten Zweifel vertrieb.

Ich nahm die Streichhölzer aus meiner Achselhöhle und fühlte, daß sie vollkommen hart und trocken waren. Hinter einem Felsen geduckt, probierte ich eins. Zu meiner Freude entflammte es sofort. Ich zündete die Kerze an und eilte mit einem schaudernden Blick zurück in die dunklen Tiefen der Höhle in Richtung des römischen Gangs. Ich kam auch wieder an der Schlammlache vorbei, in der ich den riesigen Abdruck gesehen hatte. Nun blieb ich erstaunt davor stehen, denn es befanden sich jetzt drei ähnliche Spuren auf ihrer Oberfläche, enorm groß und von unregelmäßiger Kontur. Ihre Tiefe deutete auf das Tonnengewicht hin, das in ihnen geruht hatte. Da erfaßte mich großes Grauen. Ich rannte geduckt, mit einer Hand das Kerzenlicht schützend, zu dem Schacht hinauf, ohne anzuhalten, bis ich mit schweren Füßen und pfeifenden Lungen das letzte Stück des Abhangs hinter mir hatte, brach durch das Dornengestrüpp und warf mich erschöpft auf das weiche Gras unter friedlichem Sternenlicht. Es war drei Uhr morgens, als ich das Farmhaus erreichte. Heute bin ich ganz abgespannt, ich zittere nach meinem schrecklichen Abenteuer. Bis jetzt habe ich mit keinem darüber geredet. Ich muß aufpassen in dieser Angelegenheit. Was würden die armen einsamen Frauen oder die ungebildeten Bauerntölpel hier davon halten, wenn ich ihnen von meinem Erlebnis erzählte? Ich will zu jemand gehen, der verstehen und raten kann.

25. April - Zwei Tage war ich ans Bett gefesselt nach meinem unglaublichen Abenteuer in der Höhle. Ich benutzte das Adjektiv »unglaublich« sehr bewußt, denn inzwischen hatte ich ein Erlebnis, das mich fast so tief schockiert hat wie das vorangegangene. Wie gesagt war ich auf der Suche nach jemand, der mir einen Rat geben konnte. Es gibt einen Dr. Mark Johnson, der einige Meilen von hier praktiziert und an den ich eine Empfehlungsnote von Professor Saunderson besaß. Ich suchte ihn auf, als ich stark genug war, mich zu bewegen, und erzählte ihm meine ganze seltsame Geschichte. Er hörte mir konzentriert zu, dann untersuchte er mich genau, wobei er besonderes Augenmerk auf Reflexe und Pupillen richtete. Als er fertig war, weigerte er sich, über mein Abenteuer zu reden, er sagte, er hätte keine Ahnung von der Angelegenheit, gab mir jedoch die Karte eines Mr. Picton in Castleton und riet mir, ich sollte sofort zu ihm gehen und ihm die Geschichte genau so erzählen, wie er sie gehört hatte. Laut Dr. Johnson war er genau der richtige Mann, mir zu helfen. Ich ging also zum Bahnhof und machte mich auf den Weg in die kleine Stadt, die ungefähr zehn Meilen entfernt ist. Mr. Picton schien ein wichtiger Mann zu sein, sein Messingschild war an der Eingangstür eines stattlichen Gebäudes am Stadtrand angebracht. Als ich gerade seine Glocke läuten wollte, kam mir eine böse Ahnung in den Sinn. Ich ging in einen Laden gegenüber und fragte den Mann hinterm Ladentisch, ob er mir irgend etwas über Mr. Picton erzählen könnte. »Warum«, sagte er, »er ist der beste Irrenarzt in Derbyshire, seine Anstalt ist dort drüben.« Sie können sich vorstellen, daß ich nicht zögerte, den Staub von Castleton abzuschütteln und zur Farm zurückkehrte. Unterwegs verwünschte ich alle phantasielosen Pedanten, die nicht erkennen können, daß die Natur Geschöpfe hervorbringen kann, die zufällig noch nicht an ihrem Maulwurfshügel vorbeigelaufen sind. Am Ende kann ich mir jetzt, wo ich ruhiger bin, leisten, zuzugeben, daß ich zu Armitage nicht freundlicher gewesen war als Dr. Johnson zu mir.

27. April - Als Student galt ich als mutiger und entschlossener Mensch. Ich erinnere, daß ich es war, der bei einer Gespensterjagd in Coltbridge im Spukhaus ausgeharrt hat. Sind es die fortschreitenden Jahre (eigentlich bin ich aber erst fünfunddreißig), oder ist es die Krankheit, was ist die Ursache meines Verfalls? Jedenfalls bebt mein Herz, wenn ich an jene schreckliche Höhle und ihren unheimlichen Bewohner denke. Was soll ich tun? Es gibt keine Stunde am Tag, in der ich nicht diese Frage wälze. Tue ich nichts, so bleibt das Geheimnis ungelöst. Erzähle ich etwas, dann wird entweder im ganzen Sprengel eine idiotische Panik ausbrechen, oder es wird mir keiner glauben und ich werde am Ende möglicherweise in eine Anstalt eingeliefert. Alles in allem glaube ich, daß es für mich am besten sein wird, zu warten und eine Expedition vorzubereiten, die überlegter und besser durchdacht sein soll als die letzte. Als ersten Schritt unternahm ich einen Einkaufsbummel in Castleton und besorgte einige unverzichtbare Gegenstände - eine große Gaslampe zum einen, zum anderen eine gute doppelläufige Sportflinte. Letztere habe ich mir geborgt, doch ein Dutzend schwere Jagdpatronen, die ein Nashorn in die Knie zwingen würden, habe ich gekauft. Jetzt bin ich bereit für meinen Freund, den Höhlenbewohner. Gebt mir bessere Gesundheit und ein wenig Energie, dann werde ich schon mit ihm fertig werden. Aber wer und was ist er? Ah! Das ist die Frage, die zwischen mir und dem Schlaf steht. Wie viele Theorien stelle ich auf, nur um sie wieder zu verwerfen! Alles ist so undenkbar. Und dennoch: der Schrei, die Fußabdrücke, die Schritte in der Höhle - an diesen Tatsachen kommt man nicht vorbei. Ich denke an die alten Legenden von Drachen und anderen Ungeheuern. Waren das vielleicht nicht die reinen Märchen, für die wir sie ewig gehalten haben? Kann es sein, daß sie auf bestimmten Fakten beruhen, und bin ich der einzige unter allen Sterblichen, der Auserwählte, der sie zu enthüllen hat?

3. Mai - Mehrere Tage wurde ich von den Launen des englischen Frühlings aufgehalten, und in diesen Tagen gab es Entwicklungen, deren wahre, abgründige Bedeutung allein von mir gewürdigt werden kann. Ich darf sagen, daß wir in letzter Zeit bewölkte, mondlose Nächte hatten; in solchen Nächten verschwanden nach meinen Informationen gewöhnlich Schafe. So geschah es auch: Zwei von den Allertons, eines aus der Herde des alten Pearson und ein weiteres von Mrs. Moulton. Im ganzen vier, innerhalb von drei Nächten. Alle sind spurlos verschwunden, und die ganze Region schallt von Gerüchten über Zigeuner und Schafdiebe.

Aber es gibt noch etwas Ernsteres. Der junge Armitage ist ebenfalls verschwunden. Er verließ seine Moorhütte am frühen Mittwochabend und ist seitdem nicht mehr gesehen worden. Er war ein alleinstehender Mann, deshalb hat sein Verschwinden weniger Aufsehen erregt als sonst in solchen Fällen. Die gängige Erklärung ist, daß er Schulden hatte und in einem anderen Teil des Landes eine Stellung gefunden hat, von wo aus er bald seine Angelegenheiten schriftlich regeln wird. Aber ich habe eine schlimme Ahnung. Ist es nicht viel wahrscheinlicher, daß die besagte Schafsaffäre ihn veranlaßt hat, Schritte zu unternehmen, die in seine eigene Vernichtung geführt haben könnten? Vielleicht hat er, zum Beispiel, dem Ungeheuer aufgelauert und ist von ihm in die Berggrüfte verschleppt worden. Welch unfaßbares Los für einen zivilisierten Engländer des zwanzigsten Jahrhunderts! Und doch fühle ich, daß es möglich und sogar wahrscheinlich ist. In diesem Fall aber muß ich mich fragen, wieweit ich verantwortlich bin für seinen Tod und für alle Katastrophen, die noch folgen mögen? Da ich schon soviel weiß, ist es sicherlich meine Pflicht, dafür zu sorgen, daß etwas geschieht oder, wenn nötig, selbst zu handeln. Es muß schon spät sein, denn heute vormittag war ich unten im Polizeirevier und habe meine Geschichte erzählt. Der Inspektor trug zwar alles in ein großes Buch ein und begleitete mich unter tiefen Verbeugungen hinaus, doch als ich auf seinem Gartenweg war, hörte ich ihn in lautes Gelächter ausbrechen. Ohne Zweifel gab er meine Erzählung an seine Familie weiter.

10. Juni - Während ich dies schreibe, sechs Wochen nach meiner letzten Eintragung in dieses Journal, sitze ich aufrecht im Bett. Mein Körper und Geist haben furchtbare Erschütterungen durchgemacht, Erfahrungen, die nur wenige Menschen vor mir machen mußten. Aber ich habe mein Ziel erreicht. Die Gefahr des Grauens, das in Blue John Gap lauert, ist unwiderruflich vorbei. Soviel wenigstens habe ich, der gebrochene Kranke, für das Allgemeinwohl getan. Lassen Sie mich nun, so klar ich kann, rekapitulieren, was sich zugetragen hat.

Die Nacht von Freitag, dem dritten Mai, war dunkel und wolkig, wie geschaffen für einen Spaziergang des Monsters. Ungefähr um elf Uhr verließ ich das Farmhaus mit meiner Laterne und der Flinte. Auf meinem Schlafzimmertisch hatte ich einen Zettel hinterlassen, auf dem ich bat, in Richtung der Höhle nach mir suchen zu lassen, wenn ich nicht wieder auftauchen sollte. Ich begab mich zum Eingang des römischen Schachts, kroch zwischen die Felsen in der Nähe der Öffnung und wartete geduldig, die geladene Flinte in der Hand. Es war eine melancholische Wache. Überall in den Wendungen und Nischen des Tales konnte ich die verstreuten Lichter der Bauernhäuser sehen, der Stundenschlag von Chapel-le-Dale drang leise an mein Ohr. Die Signale meiner Mitmenschen ließen mich meine Einsamkeit nur noch stärker fühlen; sie forderten mich aber auch zu größerer Entschlossenheit auf, das Grauen zu überwinden, das mich immer wieder zur Farm zurücktrieb, und die gefährliche Suche für immer abzuschließen. Und doch ist tief in jedem Menschen die Selbstachtung verwurzelt, die es ihm schwer macht, etwas aufzugeben, das er sich einmal vorgenommen hat. Dieses Gefühl persönlichen Stolzes war jetzt meine Rettung. Allein dieser Stolz hielt mich hier, während alle meine Instinkte mich von hier fortzuziehen versuchten. Jetzt bin ich froh, daß ich so stark war. Was es mich auch gekostet haben mag, ich habe bewiesen, daß ich ein Mann bin.

Zwölf Uhr schlug die ferne Kirchturmuhr, dann eins, dann zwei. Es war die dunkelste Stunde der Nacht. Die Wolken hingen tief, kein Stern war am Himmel. Ein Uhu heulte irgendwo zwischen den Felsen; das war das einzige Geräusch, abgesehen vom leisen Rauschen des Windes. Doch dann hörte ich es plötzlich! Von weit entfernt unten im Tunnel kamen jene gedämpften Schritte, so weich und doch so schwer. Ich hörte auch das Klacken der Steine, die von den Riesenfüßen getreten wurden. Die Schritte kamen näher, sie waren ganz dicht bei mir. Ich hörte das Krachen der Büsche vor dem Eingang, dann konnte ich durch die Dunkelheit schwach die Umrisse eines enormen Körpers erkennen, eine riesige, primitive Kreatur, die schnell und sehr leise aus dem Tunnel kam. Ich war gelähmt von Furcht und Erstaunen. Solange ich schon gewartet hatte, war ich doch jetzt nicht auf sein Erscheinen gefaßt. Ich lag bewegungslos, ohne zu atmen, während die große dunkle Masse an mir vorüberstrich und von der Nacht verschlungen wurde.

Doch jetzt fieberte ich seiner Rückkehr entgegen. Kein Laut kam aus der schlafenden Landschaft, der darauf hindeutete, daß ein Ungeheuer dort frei herumlief. In keiner Weise konnte ich beurteilen, wie weit es entfernt war, was es tat oder wann es zurückkommen würde. Aber kein zweites Mal sollten meine Nerven versagen, kein zweites Mal soll es ungehindert an mir vorbeilaufen. Diesen Schwur preßte ich durch meine zusammengebissenen Zähne, als ich auf dem Felsblock mein Gewehr anlegte.

Und doch wäre es beinahe wieder passiert. Völlig unbemerkt hatte sich mir das Monstrum über die Weide wieder genähert. Plötzlich, wie ein dunkler, schwebender Schatten, zeichnete sich der große Brocken wieder vor mir ab und bewegte sich auf den Eingang der Höhle zu. Wieder war mein Wille gelähmt, mein Zeigefinger lag verkrampft und nutzlos auf dem Abzugshebel. Mit verzweifelter Anstrengung überwand ich diesen Zustand. Gerade, als die Büsche raschelten und das unheimliche Monster mit dem Schatten der Felsenöffnung verschmolz, feuerte ich auf die sich entfernende Silhouette. Im Blitz des Gewehrfeuers sah ich für einen Augenblick eine große scheckige Masse, etwas rauh und stoppelig Behaartes, oben grau wie Stein, nach unten in weiß übergehend, das auf kurzen, dicken Krummbeinen lief. Ich hatte nur diesen kurzen Blick, dann hörte ich am Rasseln der Steine, daß das Wesen in seinen Bau hinabstieg. Augenblicklich hatte ich in einem triumphalen Gefühl von Stärke meine Ängste vergessen, mit der Flinte in der Hand und der Laterne vor mir sprang ich von meinem Felsen herunter und eilte dem Ungeheuer hinterher, hinunter in den alten römischen Schacht.

Die gute Laterne ließ eine glänzende Flut lebendigen Lichts vor mir strömen, ganz anders als der gelbliche Schimmern der mir denselben Weg nur zwölf Tage vorher beleuchtet hatte. Das große Untier sah ich vor mir hertaumeln, der hohe Balg füllte den ganzen Raum von Wand zu Wand. Sein Haar hing, wie krauses Werg, in langen, dicken Büscheln herunter und schwang beim Laufen auf und ab, Es sah aus wie ein riesiges ungeschorenes Schaf in seinem vollen Vlies, war jedoch weit größer als dei größte Elefant; es schien fast so breit wie hoch zu sein, jetzt erfüllt es mich mit Erstaunen, daß ich gewagt haben soll, solch einem Ungeheuer in den Schlund der Erde zu folgen, doch wenn das Blut einmal in Wallung ist und wenn die Beute zu entkommen droht, erwacht der urzeitliche Jagdinstinkt, und die Vernunft bleibt zurück. Die Flinte in der Hand, folgte ich, so schnell ich konnte, der Spur des Monsters.

Ich hatte gesehen, daß das Wesen flink war. Nun sollte ich zu meinem Schaden noch lernen, daß es auch schlau war. Ich hatte gedacht, es sei in wilder Flucht, so daß ich es nur zu verfolgen hätte. Der Gedanke, es könnte etwa umkehren, kam mir nie in den Sinn. Ich habe schon gesagt, daß der Gang, den ich hinunterlief, in eine große Zentralhöhle mündete. Ängstlich besorgt, die Spur des Untiers nicht ganz zu verlieren, stürzte ich dort hinein. Aber es war auf der eigenen Spur umgekehrt, in diesem Augenblick standen wir uns von Angesicht zu Angesicht gegenüber.

Dieses Bild, im strahlend weißen Licht der Laterne, hat sich meinem Hirn für immer eingebrannt. Das Ungetüm hatte sich wie ein Bär auf seinen Hinterbeinen aufgerichtet und stand über mir, riesig, drohend - ein Unwesen, wie es mir noch kein Alptraum beschert hatte. Wie ich schon sagte, stand es wie ein Bär auf den Hinterbeinen, es hatte überhaupt Ähnlichkeiten mit einem Bären, in seiner ganzen Pose und Bewegung - nur etwa zehnmal so groß: seine massigen krummen Vorderläufe mit elfenbeinweißen Klauen, sein zerzaustes Fell und sein rotes, weit offenes Maul mit riesigen Fangzähnen. Nur in einem Punkt unterschied es sich vom Bären sowie von allen anderen Lebewesen, die auf Erden wandeln. Es hatte große, vorspringende Glubschaugen, die im Licht meiner Laterne weißlich, offensichtlich blind, schimmerten. Im Moment schwangen seine mächtigen Tatzen über meinem Kopf. Im nächsten Augenblick fiel es vorwärts auf mich, ich stürzte mit der zerbrochenen Lampe zu Boden, weiter kann ich mich nicht erinnern.

Als ich zu mir kam, war ich wieder im Hause der Allertons. Zwei Tage waren vergangen seit meinem schrecklichen Abenteuer in der Höhle. Scheinbar hatte ich die ganze Nacht, bewußtlos von der Gehirnerschütterung, mein linker Arm und zwei Rippen mehrfach gebrochen, in der Höhle gelegen. Morgens hatte man meinen Zettel entdeckt und mit einem Dutzend Farmern einen Suchtrupp zusammengestellt. Ich war herübergetragen und in mein Bett gebracht worden, wo ich stark delirierend die folgenden beiden Tage verbracht hatte. Wie es aussieht, gibt es keine Spur des Ungeheuers, kein Blutfleck, der gezeigt hätte, daß meine Kugel es getroffen hat. Abgesehen von meinem eigenen Zustand und den Fußabdrücken auf dem Schlammfleck gab es keinen Beweis dafür, daß ich die Wahrheit sagte.

Sechs Wochen sind nun verstrichen, und ich kann wieder in der Sonne sitzen. Direkt gegenüber ist der Steilhang, felsengrau, und am Fuß ist der dunkle Spalt, der die Öffnung von Blue John Gap markiert. Aber das ist nicht länger eine Quelle des Schreckens. Nie wieder wird durch diesen verwunschenen Tunnel ein fremder Schatten in die Welt des Menschen gleiten. Die gebildeten Menschen und die Wissenschaftler, die Dr. Johnsons und wie sie alle heißen, mögen lächeln über meine Geschichte, aber die einfachen Leute vom Lande haben nie an ihrer Wahrheit gezweifelt. Einen Tag, nachdem ich wieder bei Bewußtsein war, versammelten sie sich zu Hunderten vor Blue John Gap. Der »Castleton-Kurier« schrieb:

»Die Angebote unseres Korrespondenten sowie mehrerer Abenteurer aus Matlock, Buxton und von ferneren Orten, in die Höhle hinabzusteigen und sie bis zum Ende zu erforschen, um die außergewöhnliche Geschichte des Dr. James Hardcastle zu prüfen, waren zwecklos. Das Landvolk hatte die Sache, selbst in die Hand genommen. Seit dem frühen Morgen hatten sie den Eingang des Tunnels in harter Arbeit verstopft. Wo der Schacht beginnt, ist ein steiler Abhang. Dahinunter warf man so lange große Felsblöcke, die von vielen Freiwilligen herbeigerollt worden waren, bis der Felsspalt absolut zu war. So endet die Episode, die eine solche Aufregung im ganzen Land verursacht hat. Die örtlichen Meinungen über diese Affäre sind tief gespalten. Zum einen gibt es die, welche auf Dr. Hardcastles angeschlagene Gesundheit hinweisen und für möglich halten, daß eine Geistesschwäche tuberkulösen Ursprungs bei ihm starke Halluzinationen verursacht hat. Diese Herrschaften vermuten, daß irgendeine fixe Idee den Doktor veranlaßt hat, in den Tunnel hinabzusteigen, und daß er sich seine Verletzungen bei einem Sturz zwischen die Felsen zugezogen hat. Andererseits gibt es seit einigen Monaten Gerüchte über eine seltsame Kreatur in der Höhle, die Farmer jedenfalls sehen Dr. Hardcastles Geschichte und seine Verletzungen im Zusammenhang damit. Das ist der Stand der Dinge, das wird er auch bleiben, denn eine endgültige Lösung scheint uns unmöglich zu sein. Der Versuch, irgendeine wissenschaftliche Erklärung für die angeführten Fakten zu finden, übersteigt wohl den menschlichen Geist.«

Vielleicht wäre es klug vom Kurier gewesen, erst einen Vertreter zu mir zu schicken, bevor sie diese Sätze veröffentlichten. Ich habe die Angelegenheit durchdacht, wie kein anderer dazu Gelegenheit hatte, und möglicherweise konnte ich einige der eher offensichtlichen Schwierigkeiten der Geschichte beseitigen, so daß sie jetzt der Möglichkeit einer wissenschaftlichen Anerkennung ein wenig nähergekommen ist. Lassen Sie mich deshalb die einzige Erklärung angeben, die für das, was ich am eigenen Leibe als Reihe von Geschehnissen erfahren habe, einleuchtend ist. Meine Theorie mag abstrus und unwahrscheinlich anmuten, doch wenigstens kann niemand wagen zu sagen, sie sei unmöglich.

Nach meiner Ansicht - die sich vor meinem Abenteuer gebildet hat, wie durch mein Tagebuch belegt wird - ist dieser Teil Englands von einem ausgedehnten unterirdischen See oder Meer unterspült, welches von einer großen Anzahl von Bächen, die durch den Kalkstein fließen, gespeist wird. Wo große Wassermassen sind, muß es auch in irgendeiner Form Niederschlag, Nebel oder Regen geben sowie möglicherweise auch eine Vegetation. Dies legt den Gedanken nahe, daß es dort auch tierisches Leben geben kann, das sich wie die Pflanzen aus den Samen und Urformen entwickelt hat, die in einer frühen Periode der Erdgeschichte dorthin gelangt sind, als die Verbindung zur Außenwelt noch einfacher war. Dort haben sich dann eine eigene Flora und Fauna entwickelt, auch solche Monster wie das, welches ich gesehen habe, vielleicht ein alter Höhlenbär, enorm vergrößert und verändert durch seine besondere Umgebung. Zahllose Jahrtausende lang waren die unter- und die überirdischen Evolutionen getrennt, haben sich immer mehr auseinanderentwickelt. Dann hat sich in den Tiefen des Berges ein Spalt gebildet, der es einem Wesen ermöglichte, hinaufzuwandern und durch den römischen Tunnel ans Freie zu gelangen. Wie alles unterirdische Leben hatte es die Sehfähigkeit verloren, was aber zweifellos durch andere Entwicklungen der Natur ausgeglichen worden war. Sicher kannte es Methoden, seinen Weg zu finden und auf der Weide Schafe zu schlagen. Da es dafür immer stockdunkle Nächte wählte, nehme ich an, daß Licht den großen weißen Augenkugeln weh tat und es nur absolute Dunkelheit vertragen konnte. Tatsächlich war es vielleicht nur der Lichtschein meiner Laterne gewesen, der mein Leben gerettet hat, als ich ihm Auge in Auge gegenüberstand. Das scheint mir des Rätsels Lösung zu sein. Ich hinterlasse die Darstellung der Tatsachen jedem, der möchte, zur Deutung; von mir aus können Sie sie auch anzweifeln. Weder Ihr Glaube noch Ihr Unglaube kann daran rütteln. Einer, der fast am Ende seines Weges angelangt ist, wird darüber nicht betrübt sein.

So endet die seltsame Geschichte des Dr. James Hardcastle.

Der Käfersammler

(The Beetle Hunter)

Wie sagte doch der Doktor, »ein seltsames Erlebnis«? Ja, meine Freunde, in der Tat hatte ich ein sehr seltsames Erlebnis. Ich erwarte nicht, noch jemals ein zweites zu haben, denn es widerspricht allen Lehrsätzen der Wahrscheinlichkeitstheorie, daß einem Menschen während seines Lebens zwei solche Ereignisse widerfahren werden. Sie können mir glauben oder nicht, aber es geschah genau so, wie ich es erzähle.

Ich war gerade frischer Mediziner, hatte aber noch nicht begonnen zu arbeiten und lebte in einem Zimmer in der Gower Street. Die Hausnummern dort haben sich seitdem geändert, aber es war das einzige Haus mit verglastem Portal, auf der linken Seite, wenn man von der Metropolitan Station kommt. Damals bewohnte eine Witwe Murchison das Haus, zusammen mit drei Medizinstudenten und einem Ingenieur als Untermietern. Mein Zimmer im obersten Stockwerk war das billigste, für mich jedoch immer noch nicht billig genug. Meine spärlichen Quellen waren dabei, zu versiegen, und mit jeder Woche wurde es dringlicher für mich, eine Tätigkeit zu finden. Ich war überhaupt noch nicht willens, in eine allgemeine Praxis einzutreten, denn alle meine Interessen gingen in Richtung Wissenschaft, besonders Zoologie, zu der ich immer eine starke Neigung verspürt hatte. Ich hatte schon fast den Kampf aufgegeben und mich damit abgefunden, lebenslang ein kleiner Arzt zu bleiben, als ich auf höchst ungewöhnliche Weise an den Wendepunkt meines Schicksals kam.

Eines Morgens hatte ich mir den »Standard« geschnappt und warf einen Blick auf die Schlagzeilen. Es gab absolut keine Neuigkeiten, und ich wollte die Zeitung gerade wieder weglegen, als mein Blick auf eine Anzeige an der Spitze der Stellenangebote fiel. Sie war wie folgt verfaßt:

»Mediziner für einen oder mehr Tage gesucht. Voraussetzungen: Er sollte starke Nerven haben, kräftig und entschlossen sein. Er muß Fachmann für Insektenkunde sein, Spezialgebiet Käfer bevorzugt. Persönliche Vorstellung im Haus Nr. 77 B, Brook Street, heute bis Zwölf Uhr.«

Nun, ich habe schon gesagt, daß ich der Zoologie verfallen war. Von allen Bereichen der Zoologie war das Studium der Insekten der attraktivste für mich. Und von allen Insekten waren die Käfer diejenige Spezies, mit der ich am vertrautesten war. Viele Leute sammeln Schmetterlinge, Käfer gibt es jedoch in viel mehr Arten, außerdem findet man sie auf diesen Inseln leichter als Schmetterlinge. Diese Tatsache hatte meine Aufmerksamkeit auf sie gelenkt. Meine Käfersammlung umfaßte einige hundert verschiedene Arten. Was die anderen in der Anzeige genannten Voraussetzungen betrifft, so wußte ich, daß ich mich auf meine Nerven verlassen konnte und daß ich den Kugelstoß-Wettkampf bei den Krankenhausmeisterschaften gewonnen hatte. Ganz klar, ich war der richtige Mann für die Stellung. Fünf Minuten, nachdem ich das Inserat gelesen hatte, saß ich in der Droschke und war auf dem Weg zur Brook Street.

Während der Fahrt überlegte ich hin und her und fragte mich, was das für ein seltsamer Job sein könnte, für den so seltsame Qualifikationen vonnöten sind. Eine starke Physis, entschlossenes Wesen, eine medizinische Ausbildung und Kenntnisse über Käfer - welche Verbindung könnte zwischen diesen verschiedenen Erfordernissen bestehen? Dann war da noch der beunruhigende Umstand, daß es sich nicht um eine Dauerstellung handelte, sondern, wie ich aus der Anzeige las, um Tagesjobs. Je länger ich grübelte, um so unverständlicher wurde es mir; am Ende meiner Meditation kam ich jedoch immer zu den Tatsachen zurück, daß ich, mag da kommen, was will, nichts zu verlieren hatte, vollkommen pleite und bereit zu jedem Abenteuer war, ganz gleich wie gewagt, wenn es mir nur ein paar ehrlich verdiente Sovereigns einbrächte. Wer für seine Fehler bezahlen muß, wird sich hüten, welche zu begehen, ich aber hatte eine Strafe vom Schicksal zu fürchten. Ich war der Spieler mit leeren Taschen, der immer noch sein Glück versuchen kann.

Nr. 77 B, Brook Street, war eines jener schmuddeligen, trotzdem imposanten Häuser. Seine schwarzbraune, schnörkellose Fassade machte jenen respektablen, soliden Eindruck, der für die georgianischen Baumeister charakteristisch war. Als ich aus der Kutsche kletterte, kam ein junger Mann aus der Tür und ging schnell die Straße hinunter. Als er an mir vorbeiging, bemerkte ich, daß er einen forschenden und irgendwie mißbilligenden Blick auf mich warf. Ich nahm den Vorfall als gutes Omen, denn er sah aus wie ein abgewiesener Kandidat, und wenn er mir die Bewerbung übelnahm, bedeutete das, daß die Stelle noch frei war. Voller Hoffnung sprang ich einige breite Stufen hinauf und betätigte den schweren Türklopfer.

Ein Diener in Puder und Livree öffnete die Tür. Offensichtlich war ich bei Leuten mit Geld und Geschmack.

»Ja bitte?« sagte der Diener.

»Ich komme wegen der - «

»Ganz recht, Sir«, sagte der Diener. »Lord Linchmere wird Sie sogleich in der Bibliothek empfangen.«

Lord Linchmere! Ich hatte den Namen schon irgendwo gehört, konnte mich aber im Moment an nichts Genaues erinnern. Ich folgte dem Diener in einen großen Raum voller Bücher; dort saß hinter einem Schreibtisch ein kleiner Mann mit einem hübschen, glattrasierten, beweglichen Gesicht und langem, graumeliertem Haar, das ganz nach hinten gekämmt war. Er betrachtete mich von oben bis unten mit einem sehr scharfen, bohrenden Blick, während er die Karte, die der Diener ihm gegeben hatte, in der rechten Hand hielt. Dann lächelte er, wirklich hübsch, und ich fühlte, daß ich jedenfalls äußerlich die Qualifikationen besaß, die er wünschte.

»Sie kommen auf mein Inserat hin, Dr. Hamilton?« fragte er.

»Ja, Sir.«

»Sie erfüllen die Bedingungen, die dort aufgeführt sind?«

»Das nehme ich an.«

»Sie sind ein kräftiger Mann, oder Sie sehen jedenfalls so aus.«

»Ich glaube, ich bin ziemlich stark.«

»Und energisch?«

»Ich glaube wohl.«

»Haben Sie jemals erfahren, was es heißt, einer akuten Gefahr ausgesetzt zu sein?«

»Nein, nicht daß ich wüßte.«

»Aber Sie glauben, Sie könnten in einer solchen Situation schnell und überlegt handeln?«

»Das hoffe ich.«

»Gut, ich glaube, Sie könnten es. Ich habe um so mehr Vertrauen in Sie, weil Sie nicht vorgeben, sicher zu sein, was Sie tun würden in einer Lage, die Ihnen neu wäre. Mein Eindruck ist, daß Sie, soweit es um persönliche Qualitäten geht, genau der Mann sind, nach dem ich gesucht habe. Nachdem das nun geregelt ist, können wir zum nächsten Punkt übergehen.«

»Welcher wäre?«

»Erzählen sie mir etwas über Käfer.«

Ich sah ihn an, um zu sehen, ob er scherzte, doch im Gegenteil, er saß angestrengt über seinen Schreibtisch gebeugt, in seinen Augen eine gewisse Unruhe.

»Ich fürchte, Sie wissen nichts über Käfer«, schrie er.

»Ganz im Gegenteil, Sir, das ist ein Forschungsgebiet, in dem ich in der Tat einiges zu wissen meine.«

»Ich bin überglücklich, das zu hören. Bitte erzählen Sie mir etwas über Käfer.«

Ich erzählte. Ich behaupte nicht, irgend etwas Neues über den Gegenstand gesagt zu haben, aber ich gab einen kurzen Abriß der Charakteristika des Käfers und nannte die bekannteren Arten, nicht ohne einige Anspielungen auf die Exemplare meiner eigenen kleinen Sammlung sowie auf den Artikel über Wühlkäfer einfließen zu lassen, den ich im »Journal of Entomological Science« veröffentlicht hatte.

»Was! Ein Sammler?« rief Lord Linchmere. »Sie meinen, Sie sind selbst ein Sammler?« Bei dem Gedanken tanzten seine Augen vor Vergnügen.

»Sie sind sicher für meinen Zweck der einzige Mann in London. Ich dachte mir, unter fünf Millionen Menschen muß es einen solchen Mann geben, das Problem ist nur, ihn herauszusuchen. Ich hatte außerordentliches Glück, Sie zu finden.« Er läutete eine Glocke, die auf dem Tisch stand, und der Diener betrat den Raum.

»Bitte Lady Rossiter um die Güte, sich hierher zu begeben«, sagte Seine Lordschaft, und wenige Augenblick später wurde die Lady ins Zimmer geführt. Sie war eine kleine Frau mittleren Alters, Lord Linchmere sehr ähnlich, mit den gleichen flinken, gleitenden Bewegungen und grauschwarzem Haar. Der Ausdruck der Unruhe, den ich in seinem Gesicht beobachtet hatte, war jedoch auf ihrem weitaus deutlicher. Irgendein großer Kummer schien seinen Schatten auf ihre Züge zu werfen. Als Lord Linchmere mich vorstellte, wandte sie mir ihr Gesicht voll zu, und zu meinem Schrecken sah ich eine halb verheilte, fünf Zentimeter breite Narbe über ihrer rechten Augenbraue. Zum Teil war sie von einem Pflaster bedeckt, doch nichtsdestotrotz konnte ich sehen, daß es eine schwere Wunde war, nicht allzu alt.

»Dr. Hamilton ist der Mann, den wir gesucht haben, Evelyn«, sagte Lord Linchmere. »Er ist tatsächlich ein Käfersammler, er hat auch Artikel darüber geschrieben.«

»Wirklich!« sagte Lady Rossiter. »Dann müssen Sie von meinem Mann gehört haben. Jeder, der nur etwas mit Käfern zu tun hat, muß von Sir Thomas Rossiter gehört haben.«

Zum ersten Mal kam etwas Licht in diese dunkle Angelegenheit. Hier war endlich die Verbindung zwischen diesen Leuten und den Käfern. Sir Thomas Rossiter - das war die bedeutendste Autorität der Welt auf diesem Gebiet. Er hatte sein Leben lang die Käfer studiert und ein erschöpfendes Werk darüber geschrieben. Ich beeilte mich, der Lady zu versichern, daß ich es natürlich gelesen hätte und sehr schätzte.

»Sind Sie je meinem Gatten begegnet?« fragte sie.

»Nein, nie.«

»Sie werden ihm begegnen«, sagte Lord Linchmere entschieden.

Die Dame stand neben dem Tisch und legte eine Hand auf seine Schulter. Als ich ihre Gesichter nebeneinander sah, war mir sofort klar, daß sie Geschwister waren.

»Bist du wirklich bereit dazu, Charles? Es ist großzügig von dir, doch du machst mir angst.« Ihre Stimme zitterte vor Furcht, und er schien mir das gleiche zu fühlen, obwohl er sich bemühte, seine Aufregung zu verbergen.

»Ja, ja, meine Liebe; alles steht fest, alles ist beschlossen, wirklich, ich sehe keine andere Möglichkeit.«

»Es gibt eine Möglichkeit.«

»Nein, nein, Evelyn, ich werde dich niemals im Stich lassen -niemals. Es wird schon gut werden - vertraue darauf; es wird schon werden, ja, es sieht aus, als ob uns durch den Einfluß der Vorsehung ein so perfektes Werkzeug in die Hände gelegt werden soll.«

Ich war verlegen, denn ich fühlte, daß Sie im Moment meine Anwesenheit vergessen hatten. Doch Lord Linchmere kam plötzlich auf mich und mein Engagement zurück.

»Ihre Aufgabe wird es sein, Dr. Hamilton, sich absolut zu meiner Verfügung zu halten. Ich möchte, daß Sie mich auf eine kurze Reise begleiten und immer an meiner Seite bleiben. Sie sollen mir versprechen, ohne Fragen alles zu tun, worum ich Sie bitten werde, egal wie unvernünftig es Ihnen auch erscheinen mag.«

»Sie verlangen einiges von mir«, sagte ich.

»Unglücklicherweise kann ich keine ausführlicheren Erklärungen abgeben, da ich selbst nicht weiß, welche Wendung die Dinge nehmen können. Jedenfalls können Sie sicher sein, daß ich Sie um nichts bitten werde, was Sie mit Ihrem Gewissen nicht vereinbaren können; und ich verspreche Ihnen, daß Sie, wenn alles vorbei sein wird, stolz sein werden, an einem so guten Werk beteiligt gewesen zu sein.«

»Wenn es gutgeht«, sagte Lady Evelyn.

»Genau, wenn es gutgeht«, wiederholte der Lord.

»Und die Bedingungen?« fragte ich.

»Zwanzig Pfund pro Tag.«

Ich war erstaunt über die Summe, und meine Miene muß die Überraschung wohl verraten haben.

»Wir verlangen eine seltene Kombination von Fähigkeiten, wie Ihnen beim Lesen der Anzeige aufgefallen sein wird«, sagte Lord Linchmere; »solche verschiedenen Begabungen bedingen eine angemessene Gegenleistung, und ich will Ihnen nicht verbergen, daß Ihre Pflichten schwierig, wenn nicht gefährlich sein werden. Außerdem ist es möglich, daß die Sache in ein oder zwei Tagen abgeschlossen sein wird.«

»So Gott will!« seufzte seine Schwester.

»Nun, Dr. Hamilton, kann ich mich auf Ihre Unterstützung verlassen?«

»Jawohl«, sagte ich. »Sie müssen mir nur sagen, was ich zu tun habe.«

»Zuerst sollen Sie wieder nach Hause gehen und ein paar Sachen zusammenpacken, was immer Sie für einen kurzen Besuch auf dem Lande benötigen. Wir fahren zusammen vom Paddington-Bahnhof, heute nachmittag um drei Uhr vierzig.«

»Fahren wir weit weg?«

»Bis Pangbourne. Um drei Uhr dreißig treffen wir uns am Bahnhofskiosk. Die Tickets werde ich dabeihaben. Auf Wiedersehen, Dr. Hamilton! Übrigens, ich wäre sehr froh, wenn Sie zwei Dinge mitbringen könnten, falls Sie sie haben. Das eine ist Ihr Kästchen zum Käfersammeln, das andere ein Knüppel, je dicker und schwerer, desto besser.«

Ihr könnt euch vorstellen, daß ich bis zu der ausgemachten Zeit eine Menge Stoff zum Nachdenken hatte. In meinem Kopf setzte sich das Puzzle, das der ganze phantastische Fall darstellte, zu immer neuen Bildern zusammen, bis ich mir schließlich ein Dutzend Erklärungen zurechtgelegt hatte, eine grotesker und unwahrscheinlicher als die andere. Trotzdem fühlte ich, daß die Wahrheit genauso grotesk und unwahrscheinlich sein mußte. Schließlich gab ich alle Versuche auf, eine Antwort zu finden, und konzentrierte mich darauf, die Instruktionen, die ich erhalten hatte, genau auszuführen. Mit Reisetasche, Käferkasten und einem schweren, gefüllten Rohr wartete ich am Kiosk in Paddington, bis Lord Linchmere eintraf. Er war noch kleiner, als ich gedacht hatte - zart und kränklich benahm er sich noch nervöser als am Morgen. Er trug einen langen, dicken Reisemantel; in der Hand hielt er einen schweren Schwarzdorn-Knüttel.

»Ich habe die Fahrkarten«, sagte er und schlug den Weg zum Bahnsteig ein.

»Dies ist unser Zug. Ich habe einen Wagen reservieren lassen, denn ich muß Ihnen unterwegs unbedingt ein, zwei Dinge erklären.«

Dennoch, alles, was er mir erklären wollte, hätte er in einem Satz sagen können, er wollte mich nämlich lediglich daran erinnern, daß ich zu seinem Schutz da war und daß ich ihn auf keinen Fall auch nur für einen Augenblick alleinlassen durfte. Das wiederholte er immer wieder mit einer Eindringlichkeit, die zeigte, daß seine Nerven ernsthaft angeschlagen waren.

»Ja«, sagte er zum Schluß, indem er eher meinen Blicken als meinen Fragen antwortete. »Ja, ich bin nervös, Dr. Hamilton. Ich war immer ein ängstlicher Mensch, meine Ängstlichkeit hängt mit meinem zerbrechlichen Gesundheitszustand zusammen. Aber meine Seele ist stark, und ich kann mich dazu überwinden, einer Gefahr ins Auge zu sehen, vor der ein weniger ängstlicher Mann vielleicht zurückschreckt. Keiner zwingt mich zu dem, was ich jetzt tue, es ist nur mein Pflichtgefühl, das mich dazu treibt, ein unabsehbares Risiko einzugehen. Wenn die Sache schiefgeht, darf ich mich getrost Märtyrer nennen lassen.«

Dieses ewige Reden in Rätseln war zuviel für mich. Ich mußte dem ein Ende setzen.

»Ich denke, es wäre viel besser, Sir, wenn Sie mir Ihr volles Vertrauen schenken würden«, sagte ich. »Es ist mir unmöglich, effektiv zu handeln, wenn ich nicht weiß, womit wir es zu tun haben werden oder wenigstens, wohin die Reise geht.«

»Oh, aus unserem Ziel brauche ich kein Geheimnis zu machen«, erwiderte er; »wir fahren nach Delamere Court, dem Sitz von Sir Thomas Rossiter, dessen Werk Sie so gut kennen.

Was den genauen Zweck unseres Besuches betrifft, so weiß ich nicht, Dr. Hamilton, ob in diesem Stadium des Unternehmens irgend etwas gewonnen würde, indem ich Sie vollständig einweihte. Ich kann Ihnen sagen, daß alles, was wir tun - ich sage >wir<, weil meine Schwester, Lady Rossiter, denselben Standpunkt einnimmt wie ich - darauf ausgerichtet ist, jede Art eines Familienskandals zu vermeiden. Deshalb können Sie verstehen, daß ich nicht willens bin, Erklärungen abzugeben, die nicht unbedingt notwendig sind. Eine andere Sache wäre es, Dr. Hamilton, wenn ich Sie um Rat fragen würde. Wie die Dinge liegen, benötige ich lediglich Ihre tatkräftige Hilfe, und ich werde Ihnen von Zeit zu Zeit klarmachen, wie Sie mir am besten helfen können.«

Dem war nichts hinzuzufügen, ein armer Mann kann viel schlucken für zwanzig Pfund pro Tag, nichtsdestoweniger fühlte ich mich aber recht gemein behandelt. Er wollte mich als passives Werkzeug, wie der Knüppel in seiner Hand. Ich konnte mir jedoch bei seiner psychischen Disposition immerhin vorstellen, daß ein Skandal für ihn das Schrecklichste war. Es war mir klar, daß er mich nicht ins Vertrauen ziehen würde, bis ihm kein anderer Ausweg blieb. Ich mußte mich auf meine eigenen Augen und Ohren verlassen, um das Geheimnis zu lüften, ich war mir jedoch sicher, daß das nicht umsonst sein würde.

Delamere Court liegt gut fünf Meilen vom Bahnhof in Pangbourne entfernt. Diese Strecke legten wir in einer offenen Kutsche zurück. Auf dem Weg war Lord Linchmere tief in Gedanken, er sprach nicht, bis wir nahe am Ziel waren. Dann gab er mir eine Information, die mich überraschte.

»Vielleicht wissen Sie nicht«, sagte er, »daß ich Mediziner bin wie Sie?«

»Nein, Sir, das wußte ich nicht.«

»Ja, ich absolvierte die Ausbildung in jüngeren Jahren, als ich in der Erbfolge meines Titels noch weit hinten stand. Ich hatte zwar nie Gelegenheit, zu praktizieren, hielt die Ausbildung aber für jedenfalls nützlich. Ich habe die Jahre nie bereut, welche ich dem Studium der Medizin widmete. Dort ist die Einfahrt von Delamere Court.«

Wir waren an zwei hohen, von heraldischen Ungeheuern gekrönten Säulen angekommen, die den Anfang einer gewundenen Fahrstraße flankierten. Über Lorbeerbüsche und Rhododendron hinweg konnte ich ein langgestrecktes Landschloß mit vielen Seitenflügeln sehen, das, von Efeu umwachsen, in der wannen, freundlichen Farbe alten Backsteins glühte. Ich starrte noch voller Bewunderung auf dieses wunderschöne Haus, als mein Begleiter nervös an meinem Ärmel zupfte.

»Dort ist Sir Thomas«, flüsterte er. »Bitte reden Sie nur über Käfer, alles, was Sie wissen.«

Eine lange, dünne Gestalt, seltsam spitz und knochig, war durch eine Lücke in der Lorbeerhecke geschlüpft. Er hatte einen Spaten in der Hand und trug abgewetzte Gärtnerkleidung. Ein breitrandiger, grauer Hut hielt sein Gesicht im Schatten, doch es fielen mir sofort die außerordentliche Strenge, ein schlecht gepflegter Bart und die harten, unregelmäßigen Gesichtszüge darin auf. Die Kutsche fuhr vor, und Lord Linchmere sprang ab.

»Mein lieber Thomas, wie geht es dir?« fragte er herzlich.

Doch die Herzlichkeit wurde keineswegs erwidert. Der Eigentümer der Ländereien funkelte mich über die Schulter seines Schwagers hinweg an, ich hörte Satzfetzen -»wohlbekannte Wünsche, hasse Fremde, nicht zu rechtfertigendes Eindringen. vollkommen unentschuldbar.« Dann gab es ein Gemurmel, und die beiden kamen zusammen an die Kutsche.

»Dr. Hamilton, ich möchte Sie Sir Thomas Rossiter vorstellen«, sagte Lord Linchmere. »Sie werden sehen, wie stark die Gemeinsamkeit Ihrer Interessen sein wird.«

Ich verbeugte mich. Sir Thomas sah mich unter seiner breiten Hutkrempe mit ernsten Augen an.

»Lord Linchmere erzählt mir, daß Sie etwas über Käfer wissen«, sagte er. »Was wissen Sie über Käfer?«

»Ich weiß, was ich aus Ihrem Buch über die Coleoptera gelernt habe, Sir Thomas«, antwortete ich.

»Zählen Sie mir die Namen der bekannteren britischen Skarabäen auf«, forderte er.

Ich hatte nicht mit einer Prüfung gerechnet, doch glücklicherweise war ich durchaus präpariert dafür. Meine Antworten schienen ihn zu befriedigen, denn seine steifen Züge entspannten sich.

»Mir scheint, Sie haben mein Buch nicht umsonst gelesen, Sir«, sagte er. »Ich treffe nur selten jemanden, der sich in vernünftigerweise für diese Dinge interessiert. Die Leute finden Zeit für solche Trivialitäten wie Sport oder Tanzen, dabei werden die Käfer übersehen. Ich kann Ihnen versichern, daß der größte Teil der Idioten in diesem Teil des Landes überhaupt nicht weiß, daß ich jemals ein Buch geschrieben habe - ich, der erste Mensch, der jemals die wahre Funktion der Elytra beschrieb. Ich freue mich, Sie zu sehen, Sir, und bin sicher, Ihnen einige Exemplare zeigen zu können, die Sie interessieren werden.« Er stieg in die Kutsche und fuhr mit uns zum Haus. Unterwegs erläuterte er mir einige neuere Forschungen, die er über die Anatomie des Marienkäfers angestellt hatte.

Ich sagte schon, daß Sir Thomas Rossiter einen großen Hut trug, den er tief in die Stirn gezogen hatte. Als wir nun die Halle betraten, entblößte er seinen Kopf, und ich sah sofort, was der Hut verbergen sollte. Seine Stirn, welche von Natur schon hoch war und durch sein schütteres Haar noch höher erschien, war in ständiger Bewegung. Ein Nervenleiden verursachte ein ununterbrochenes Muskelzucken, manchmal auch eine Art Drehbewegung der Stirnhaut, ganz anders als alles, was ich kannte. Als wir sein Studierzimmer betreten hatten, wandte er sich uns zu; jetzt fiel die Anomalie besonders ins Auge und wirkte im Kontrast zu den harten, ruhigen, grauen Augen, die unter den zuckenden Brauen hervorblickten, um so einzigartiger.

»Es tut mir leid«, sagte er, »daß Lady Rossiter zu Ihrer Begrüßung nicht anwesend ist. Übrigens, Charles, sagte sie irgend etwas über einen Termin für ihre Rückkehr?«

»Sie wollte noch einige Tage in der Stadt bleiben«, antwortete Lord Linchmere. »Du weißt, wie sich die gesellschaftlichen Pflichten einer Lady häufen, wenn sie längere Zeit auf dem Land, verbracht hat. Meine Schwester trifft im Moment viele alte Freunde in London.«

»Gut, sie ist ihre eigene Herrin, und ich sollte nicht versuchen, ihre Pläne zu ändern. Ich werde jedoch froh sein, sie wiederzusehen. Ohne ihre Gesellschaft ist es sehr einsam hier.«

»Das habe ich befürchtet und war einer der Gründe, weswegen ich mich hierher auf den Weg gemacht habe. Mein junger Freund, Dr. Hamilton, ist so interessiert an dem Thema, das du zu dem deinen gemacht hast, daß ich dachte, es würde dich nicht stören, wenn er mich begleitet.«

»Ich führe ein zurückgezogenes Leben, Dr. Hamilton, und meine Abneigung gegen Fremde wächst ständig«, sagte unser Gastgeber. »Manchmal hielt ich meine Nerven für schlechter, als sie sind. Meine Käferexpeditionen in jüngeren Jahren haben mich in viele malariaverseuchte, ungesunde Gegenden geführt. Ein Forschungskollege wie Sie ist mir jedoch immer ein willkommener Gast. Ich würde mich freuen, wenn Sie meine Sammlung durchsehen wollten, die ich, glaube ich, ohne Übertreibung als die beste in Europa bezeichnen kann.«

Das war sie ohne Zweifel. Er besaß einen großen Eichenschrank, der mit flachen Schubfächern ausgestattet war, in denen sich, jeder einzelne akkurat bezeichnet und klassifiziert, Käfer aus allen Ecken der Welt befanden, schwarze, braune, blaue, grüne und gepunktete. Hin und wieder, als er mit der Hand die Reihen und Reihen präparierter Insekten entlangfuhr, nahm er ein seltenes Exemplar heraus und reichte es mir mit solcher Sorgfalt und Ehrerbietung herüber, als handele es sich um eine wertvolle Reliquie; dann hielt er jeweils einen kleinen Vortrag über seine Besonderheiten und die Umstände, unter denen es in seinen Besitz kam. Offensichtlich war es für ihn ein seltener Anlaß, mit einem geneigten Zuhörer zusammenzusitzen, er redete und redete bis in den Abend, als ein Gong verkündete, daß es Zeit war, sich zum Dinner umzuziehen. Die ganze Zeit über sagte Lord Linchmere nichts, er blieb lediglich an der Seite seines Schwagers und blickte ihm von Zeit zu Zeit ein wenig fragend ins Gesicht. Seine eigenen Züge drückten starke Gefühle aus, Furcht, Zuneigung, Erwartung. Ich war sicher, daß Lord Linchmere etwas fürchtete und erwartete, aber ich hatte keine Ahnung, was das wohl sein könnte.

Der Abend verlief ruhig und angenehm, und ich hätte unbeschwert sein können, wäre da nicht diese ständige Anspannung im Benehmen Lord Linchmeres gewesen. Was unseren Gastgeber betraf, so wurde er mir immer sympathischer, je näher ich ihn kennenlernte. Er hörte nicht auf, liebevoll von seiner Frau und seinem kleinen Sohn zu reden, der seit kurzem eine Schule besuchte. Er sagte, das Haus sei nicht mehr dasselbe ohne die beiden. Hätte er nicht seine wissenschaftlichen Studien, so wüßte er nicht, wie er über die Tage kommen sollte. Nach dem Dinner rauchten wir etwas im Billardraum und gingen schließlich früh zu Bett.

Und dann schoß zum ersten Mal der Verdacht durch meinen Kopf, daß Lord Linchmere wahnsinnig war. Als sich unser Gastgeber zurückgezogen hatte, folgte er mir in mein Schlafzimmer.

»Doktor«, sprach er zu mir in leiser, hastiger Stimme, »Sie müssen mit mir kommen. Sie müssen die Nacht in meinem Schlafgemach verbringen.«

»Wie meinen Sie?«

»Ich möchte das nicht erklären. Aber das ist ein Teil Ihrer Pflichten. Mein Zimmer ist in der Nähe, morgen früh, bevor der Diener Sie weckt, können Sie in Ihres zurückkehren.«

»Aber warum?« fragte ich.

»Weil ich Angst habe, allein zu sein«, sagte er. »Das ist der Grund, wenn Sie einen hören wollen.«

Es schien der blanke Wahnsinn zu sein, aber die zwanzig Pfund sind ein besseres Argument als alle Einwände.

Ich folgte ihm in sein Zimmer.

»Nun«, sagte ich, »in diesem Bett ist nur Platz für einen.«

»Es wird auch nur einer darin liegen.«

»Und der andere?«

»Der andere wird Wache halten.«

»Warum?« sagte ich. »Man könnte denken, Sie fürchten, angegriffen zu werden.«

»Vielleicht ist es so.«

»Warum verriegeln Sie dann nicht die Tür?«

»Vielleicht will ich überfallen werden.«

Es sah immer mehr nach Irrsinn aus. Jedenfalls konnte ich nichts anderes tun als gehorchen. Ich zuckte mit den Schultern und setzte mich in den Armsessel neben dem leeren Kamin.

»Ich soll dann also wach bleiben?« sagte ich kummervoll.

»Wir werden die Nacht in zwei Schichten aufteilen. Wenn Sie bis zwei Uhr wachen, werde ich die restliche Zeit übernehmen.«

»Sehr gut.«

»Wecken Sie mich also um zwei.«

»Wie Sie wünschen.«

»Halten Sie die Ohren offen, und wenn Sie irgendein Geräusch hören, wecken Sie mich auf der Stelle - auf der Stelle, hören Sie?«

»Sie können sich darauf verlassen.« Ich versuchte, so ernst auszusehen wie er.

»Und schlafen Sie um Gottes willen nicht ein«, beschwor er mich; dann legte er sich zur Ruhe, nachdem er nur den Mantel ausgezogen und sich mit, der Überdecke zugedeckt hatte.

Es war eine traurige Wache, und das um so mehr, weil ich mir wie ein Narr vorkam. Angenommen, Lord Linchmere hatte irgendeinen Grund, sich im Hause von Sir Thomas Rossiter in Gefahr zu wähnen, warum in aller Welt konnte er sich dann nicht schützen, indem er die Tür abschloß? Seine Antwort, daß er sich vielleicht wünschte, angegriffen zu werden, war absurd. Warum sollte er sich das wünschen? Und wer wollte ihn angreifen? Klarer Fall, Lord Linchmere litt an einer eigenartigen Verwirrung, und ich wurde aus einem schwachsinnigen Grund meiner Nachtruhe beraubt. So verrückt es auch war, ich hatte seine Vorschriften zu befolgen, solange ich von ihm bezahlt wurde. Deshalb saß ich neben einer leeren Feuerstelle und hörte einem lautstarken Uhrwerk irgendwo am Ende des Korridors zu, das alle Viertelstunden knatterte und schlug. Die Wache nahm kein Ende. Abgesehen von der Uhr herrschte im ganzen Haus absolute Stille. Eine kleine Lampe stand auf einem Tisch neben mir und warf einen Lichtkreis rings um meinen Sessel, ließ jedoch die Ecken des Raumes im Schatten. Auf dem Bett hörte ich Lord Linchmere friedlich schnaufen. Ich neidete ihm seinen ruhigen Schlaf, und meine Augen fielen mir immer wieder zu, doch jedesmal kam mir mein Pflichtgefühl zu Hilfe, und ich setzte mich aufrecht, rieb meine Augen und zwickte mich, um meine unsinnige Wache zu Ende zu bringen.

Und ich schaffte es. Vom Korridor schlug es zwei, ich legte meine Hand auf die Schulter des Schlafenden. Er saß sofort aufrecht im Bett, in seinem Gesicht war der Ausdruck höchster Aufmerksamkeit zu sehen.

»Sie haben etwas gehört?«

»Nein, Sir, es ist zwei Uhr.«

»Sehr gut. Ich werde aufstehen. Sie können schlafen gehen.«

Ich legte mich unter die Zierdecke, wie er es getan hatte, und war sofort bewußtlos. Meine letzte Wahrnehmung war der Lichtkreis der Lampe und die kleine, aufrechte Gestalt mit dem angestrengten, ängstlichen Gesicht Lord Linchmeres in seiner Mitte.

Ich weiß nicht, wie lange ich schlief; aber durch einen heftigen Ruck an meinem Ärmel wurde ich plötzlich geweckt. Der Raum war jetzt dunkel, aber ein scharfer Ölgeruch sagte mir, daß die Lampe gerade erst gelöscht worden war.

»Schnell, schnell!« flüsterte Lord Linchmeres Stimme in mein Ohr. Ich sprang aus dem Bett, während er immer noch an meinem Ärmel zerrte.

»Hier 'rüber!« flüsterte er und zog mich in eine Ecke des Zimmers. »Pst! Hören Sie!«

In der Stille der Nacht konnte ich genau hören, daß jemand den Gang herunterkam. Verstohlene Schritte, leise, mit Pausen, wie von einem Mann, der nach jedem Schritt anhielt. Manchmal hörte man eine halbe Minute lang keinen Ton, doch dann kam von ganz nahe ein Schlürfen und Knarren. Mein Partner zitterte vor Aufregung. Seine Hand, die immer noch meinen Ärmel festhielt, wehte wie ein Blatt im Wind.

»Was ist das?« flüsterte ich.

»Das ist er!«

»Sir Thomas?«

»Ja.«

»Was will er?«

»Leise! Tun Sie nichts, bevor ich es Ihnen sage.«

Ich hörte jetzt, daß jemand versuchte, die Tür zu öffnen. Die Klinke machte nur ein ganz leises Geräusch, dann sah ich einen dünnen Streifen gedämpften Lichts. Irgendwo, weit weg im Gang, brannte ein Licht, das gerade ausreichte, es von der Dunkelheit des Zimmers zu unterscheiden. Der lichtgraue Streifen wurde breiter und breiter, sehr langsam, sehr vorsichtig, und dann sah ich die Umrisse eines Mannes gegen ihn abgezeichnet. Er kauerte am Boden wie ein mißgebildeter, buckliger Zwerg. Bald konnte man den ominösen Schatten in der Mitte der weit offenen Tür erkennen. Plötzlich schoß die kauernde Gestalt auf und sprang wie ein Tiger quer durch den Raum. Dann hörte ich vom Bett her drei mächtige Schläge mit einem schweren Gegenstand.

Ich war so gelähmt vor Erstaunen, daß ich bewegungslos dastand und vor mich hinstarrte, bis ein Hilferuf meines Begleiters mich alarmierte. Durch die Türöffnung drang genug Licht, so daß ich Umrisse erkennen konnte. Dort sah ich den kleinen Lord Linchmere, seine Arme um den Hals seines Schwagers geschlungen, wie ein tapferer Jagdhund, der seine Zähne in den Nacken seiner übergroßen Beute geschlagen hat. Der große, magere Mann warf sich herum und wand sich, um seinen Gegner in den Griff zu kriegen; der andere aber hatte ihn immer noch von hinten gefaßt, obwohl seine schrillen, erschrockenen Schreie zeigten, wie unterlegen er sich fühlte. Ich eilte zu Hilfe, und gemeinsam schafften wir es, Sir Thomas zu Boden zu werfen, obwohl er mir in die Schulter biß. Bei all meiner Jugend, meinem ganzen Gewicht und meiner Kraft, es war ein verzweifelter Kampf, bevor wir seine rasende Gegenwehr gemeistert hatten; doch schließlich banden wir seine Arme mit dem Gürtel des Morgenmantels zusammen, den er trug. Ich hielt seine Beine fest, während Lord Linchmere damit beschäftigt war, Licht zu machen. Das Getrappel vieler Füße kam jetzt den Gang herunter, der Butler und zwei Diener, die die Schreie alarmiert hatten, stürzten in den Raum. Mit deren Hilfe hatten wir keine weiteren Schwierigkeiten, unseren Gefangenen, der mit Schaum vor dem Mund und glänzenden Augen auf dem Boden lag, unter Kontrolle zu halten. Ein Blick in sein Gesicht genügte, um zu sehen, daß er ein gefährlicher Amokläufer war, und der kurze, schwere Hammer neben dem Bett zeigte, wie mörderisch seine Absichten gewesen waren.

»Gebrauchen Sie keinerlei Gewalt!« sagte Lord Linchmere, als wir den tobenden Mann auf seine Füße hoben. »Nach seinem Anfall wird er eine Zeitlang betäubt sein. Ich glaube, es fängt schon an.« Als er das sagte, ließen die Konvulsionen nach, und der Kopf des Wahnsinnigen fiel auf seine Brust, als ob er vom Schlaf besiegt wäre. Wir trugen ihn den Gang hinunter und legten ihn ausgestreckt auf sein Bett, wo er schwer atmend in Bewußtlosigkeit fiel.

»Zwei von euch werden ihn bewachen«, sagte Lord Linchmere. »Und nun, Dr. Hamilton, wenn Sie mich auf mein Zimmer begleiten wollen, werde ich Ihnen alles erklären, woran meine Angst vor einem Skandal mich vielleicht zu lange gehindert hat. Komme was wolle, Sie werden niemals Ihren Anteil an der Arbeit dieser Nacht zu bereuen haben.

Man kann den Fall vielleicht in wenigen Worten erklären«, fuhr er fort, als wir allein waren. »Mein armer Schwager ist einer der besten Menschen auf Erden, ein liebender Gatte und treusorgender Vater, aber er kommt aus einem Stall, in dem der Wahnsinn Tradition hat. Mehr als einmal hatte er schon

Anfälle von Mordlust, die um so schmerzlicher sind, da seine Aggression sich immer gegen die Person richtet, welche ihm am nächsten steht. Seinen Sohn schickten wir aus dem Haus, um ihn vor dieser Gefahr zu schützen, doch dann kam ein Angriff auf meine Schwester, seine Gattin, den sie mit den Verletzungen überlebte, die Sie vielleicht bemerkt haben, als wir in London zusammentrafen. Sie verstehen, daß er sich an nichts erinnern kann, wenn er bei Sinnen ist, er würde über die Annahme lachen, daß er unter irgendwelchen Umständen die, welche er so sehr liebt, verletzen könnte. Wie Sie wissen, ist es typisch für solche Krankheit, daß man einen Menschen, der von ihr befallen ist, absolut nicht davon überzeugen kann, daß sie existiert.

Unser Hauptziel war es natürlich, ihn davon abzuhalten, seine Hände mit Blut zu beflecken, doch wir stießen auf lauter Schwierigkeiten. Er lebt sehr zurückgezogen und wollte keinen Arzt empfangen. Außerdem war es für unseren Zweck nötig, daß der Arzt ihn von seiner Krankheit überzeugt; und er ist so gesund wie Sie und ich, abgesehen von solchen sehr seltenen Gelegenheiten. Glücklicherweise zeigen sich aber vor seinen Anfällen immer bestimmte warnende Symptome, Gefahrensignale, die uns anhalten, auf der Hut zu sein. Das Hauptsymptom sind jene nervösen Verzerrungen der Stirn, die Sie beobachtet haben müssen.

Dieses Phänomen erscheint immer drei bis vier Tage vor seinen Anfällen von Raserei. In dem Moment, wo es sich zeigte, kam seine Gattin unter einem Vorwand in die Stadt und nahm Zuflucht in meinem Haus in der Brook Street.

Es mußte mir gelingen, einen Mediziner von Sir Thomas' Krankheit zu überzeugen, sonst war es unmöglich, ihn an einen Ort zu bringen, wo er keinen Schaden anrichten konnte. Das erste Problem war, einen Arzt in dieses Haus zu bringen. Ich besann mich seines Interesses für Käfer und seiner Liebe für jeden, der sein Interesse teilte. Ich inserierte deshalb und hatte das große Glück, in Ihnen genau den Mann zu finden, den ich brauchte.

Ein standhafter Begleiter war notwendig, denn ich wußte, daß der Wahnsinn sich nur durch einen Mordanschlag beweisen konnte, und ich hatte allen Anlaß, zu glauben, daß der Anschlag mir gelten würde, da er in den Augenblicken der Klarheit die wärmste Zuneigung für mich empfand. Ich glaube, den Rest können Sie sich selbst zusammenreimen. Ich wußte nicht, daß der Angriff nachts kommen würde, hielt es aber für sehr wahrscheinlich, da die Krisen in solchen Fällen für gewöhnlich in den frühen Morgenstunden auftreten. Ich selbst bin ein sehr ängstlicher Mann, sah aber keinen anderen Weg, meine Schwester von dieser schrecklichen Gefahr für ihr Leben zu befreien. Ich brauche wohl nicht zu fragen, ob Sie die Einweisungspapiere unterzeichnen wollen.«

»Ohne Zweifel. Doch es sind zwei Unterschriften nötig.«

»Sie vergessen, daß ich selbst einen medizinischen Grad innehabe. Ich habe die Papiere hier liegen, wenn Sie also jetzt so gut sein wollen, zu unterschreiben, können wir den Patienten morgen abtransportieren lassen.«

Das war also mein Besuch bei Sir Thomas Rossiter, dem berühmten Käfersammler. Das war auch gleichzeitig mein erster Schritt auf der Erfolgsleiter, denn Lady Rossiter und Lord Linchmere haben sich als zuverlässige Freunde erwiesen und mir meinen Beistand zu Zeiten ihrer Not nie vergessen. Sir Thomas ist wieder draußen, man sagt, er sei geheilt. Dennoch würde ich wohl meine Tür von innen verriegeln, sollte ich noch eine Nacht in Delamere Court verbringen.

Das Manuskript aus den Wolken

(The Horror of the Height)

Der Gedanke, die außergewöhnliche Geschichte, genannt das Joyce-Armstrong-Fragment, sei ein ausgemachter Scherz eines unbekannten Witzboldes, getrieben von einem perversen und bösen Sinn für Humor, ist jetzt von allen, die die Sache geprüft haben, verworfen worden. Selbst der makaberste und phantasievollste Lügner würde zögern, seine krankhaften Eingebungen mit den unerhörten, tragischen Fakten in Verbindung zu bringen, welche die Angaben bekräftigen. Sind die dort aufgestellten Behauptungen zwar erstaunlich, ja ungeheuerlich, so muß doch jeder erkennen, daß sie wahr sind und daß wir unser Denken der neuen Situation anpassen müssen. Diese unsere Welt scheint durch eine schwache, durchlässige Sicherheitsgrenze von einer höchst einzigartigen und unerwarteten Gefahr getrennt zu sein. In dieser Darstellung, welche das Originaldokument in seiner notwendigerweise etwas bruchstückhaften Form wiedergibt, will ich mich bemühen, alle bis heute bekannten Fakten vor dem Leser auszubreiten. Allen, die den Bericht von JoyceArmstrong anzweifeln mögen, sei vorweg gesagt, daß die Aussagen bezüglich Lieutenant Myrtle, R. N. und Mr. Hay Connor, die mit Sicherheit ihr hier beschriebenes Ende fanden, über jeden Zweifel erhaben sind.

Das Joyce-Armstrong-Fragment wurde auf einem Gelände namens Lower Haycock, eine Meile westlich des Dorfes Withyham, an der Grenze zwischen Kent und Sussex gefunden. Am fünfzehnten September letzten Jahres sah James Flynn, Landarbeiter im Dienst des Farmers Mathew Dodd, Chauntry Farm, Withyham, eine Tabakpfeife nahe dem Weg liegen, der die Umhegung in Lower Haycock säumt. Ein paar Schritte weiter fand er eine zerbrochene Brille. Schließlich entdeckte er im Gebüsch ein dünnes Büchlein mit gewebtem Einband, das sich als ein Notizheft erwies, aus dem sich einige Blätter gelöst hatten und am Fuß der Hecke umherflatterten. Die sammelte er auf, aber einige, einschließlich des ersten, wurden nie gefunden und hinterlassen eine beklagenswerte Lücke in diesem so überaus wichtigen Bericht. Der Arbeiter trug das Notizheft zu seinem Herrn, der es wiederum einem Dr. J. H. Atherton aus Hartfield zeigte. Dieser Gentleman erkannte sofort die Notwendigkeit einer fachmännischen Prüfung, und das Manuskript wurde dem Aeroclub in London übergeben, wo es sich jetzt befindet.

Die ersten beiden Seiten des Manuskripts, ferner eine Seite am Ende, fehlen, was aber den allgemeinen Zusammenhang der Geschichte nicht beeinträchtigt. Man vermutet, daß der fehlende Anfang eine Aufstellung der fliegerischen Qualifikationen des Mr. Joyce-Armstrong enthält, welche auch anderen Quellen entnommen werden können und unter den Fliegern Englands als unübertroffen gelten. Seit vielen Jahren war er als einer der waghalsigsten und zugleich klügsten Flieger bekannt, eine Kombination, die ihn befähigte, mehrere neue Konstruktionen sowohl zu erfinden als auch zu testen, darunter der gebräuchliche gyroskopische Apparat, der nach ihm benannt ist. Der größte Teil des Manuskripts ist sauber mit Tinte geschrieben, die letzten Zeilen jedoch mit Bleistift; diese sind fast zur Unleserlichkeit verschmiert - kein Wunder, da sie in höchster Eile an Bord eines Flugzeuges gekritzelt worden sein müssen. Ich darf hinzufügen, daß sowohl auf der letzten Seite als auch auf dem Einband mehrere Flecke zu erkennen sind, welche die Experten im Innenministerium als Blut -vielleicht von einem Menschen, mit Sicherheit Säugetierblut -identifizieren konnten. Die Tatsache, daß in diesem Blut etwas entdeckt wurde, das dem Malariaerreger sehr ähnlich ist, und daß Joyce-Armstrong bekanntlich unter Fieberanfällen litt, ist ein bemerkenswertes Beispiel für die neuen Waffen, welche die moderne Wissenschaft in die Hände unserer Detektive gelegt hat.

Und nun ein Wort zur Persönlichkeit des Verfassers dieses epochalen Berichtes. Nach Aussage der wenigen Freunde, die wirklich etwas über diesen Mann wußten, war Joyce Armstrong sowohl ein Poet und Träumer als auch ein Bastler und Erfinder. Er besaß ein ansehnliches Vermögen, von dem er viel für seine Flugleidenschaft ausgab. Er hatte vier Privatflugzeuge in seinen Hangars bei Devizes stehen; man sagt, er habe im Laufe des vergangenen Jahres nicht weniger als einhundertsiebzig Starts hinter sich gebracht. Er war ein zurückhaltender Mann mit düsteren Stimmungen, in denen er die Gesellschaft der Kameraden mied. Captain Dangerfield, der ihn besser kannte als irgendjemand, sagt, es hätte Zeiten gegeben, in denen seine Exzentrizität in etwas Schlimmeres umzuschlagen drohte. Seine Gewohnheit, nie ohne Gewehr zu fliegen, war ein Ausdruck davon.

Ein weiterer war seine überspannte Reaktion auf den Absturz von Lieutenant Myrtle. Bei einem Höhenrekordversuch stürzte Myrtle aus über dreißigtausend Fuß. Eine furchtbare Geschichte: Sein Schädel war restlos verschwunden, während Rumpf und Gliedmaßen ihre Gestalt behalten hatten. Immer, wenn Flieger zusammensaßen, erzählte Dangerfield, fragte Joyce-Armstrong mit rätselhaftem Lächeln: »Und wo, bitte, ist Myrtles Kopf?«

Bei anderer Gelegenheit, nach einem Essen im Kasino der Flugschule von Salisbury, begann er einen Disput darüber, was die größte ständige Gefahr sei, der sich die Piloten stellen müßten. Nachdem er verschiedene Meinungen gehört hatte -man nannte Luftlöcher, Fehlkonstruktion der Maschinen und Überlastung der Motore -, zuckte er, als letzter gefragt, nur mit den Schultern und weigerte sich, seine eigene Ansicht auszusprechen, obwohl er den Eindruck erweckte, er denke an ganz andere Gefahren als seine Kameraden.

Erwähnenswert ist noch, daß man nach seinem vollständigen Verschwinden seine persönlichen Angelegenheiten äußerst wohlgeordnet vorfand, was zeigen mag, daß er eine starke Vorahnung von seinem Verhängnis hatte. Nach diesen grundsätzlichen Erklärungen will ich nun die Geschichte Wort für Wort wiedergeben, beginnend auf Seite drei des blutgetränkten Notizbuchs:

»Immerhin, als ich bei Rheims mit Coselli und Gustav Raymond zusammen speiste, sah ich, daß sich keiner von ihnen irgendeiner besonderen Gefahr in den höheren Schichten der Atmosphäre bewußt war. Ich habe nicht direkt gesagt, was meine Gedanken waren, aber ich war so nahe daran, daß sie sicherlich geredet hätten, wenn sie nur annähernd gleicher Meinung gewesen wären. Aber sie sind eben nur zwei hohle, aufgeblasene Kerle, die nichts im Kopf haben außer dem Wunsch, ihre blöden Namen in der Zeitung lesen zu können. Man muß wissen, daß keiner von ihnen jemals über die Zwanzigtausend-Fuß-Marke hinausgekommen ist. Natürlich waren Menschen mit Ballons oder beim Bergsteigen höher gewesen als diese beiden. Der Punkt, an dem das Flugzeug die Gefahrenzone erreicht, muß deutlich darüber liegen - immer vorausgesetzt, meine Warnungen sind berechtigt.

Wir fliegen jetzt seit mehr als zwanzig Jahren, und man kann wohl fragen: Warum sollte sich diese Gefahr gerade heutzutage offenbaren? Die Antwort ist offensichtlich. In den alten Tagen der schwachen Motore, als man einen Hundert-PS-Gnome oder -Green als ausreichend für alle Zwecke erachtete, waren die Möglichkeiten des Fliegens sehr begrenzt. Jetzt, wo dreihundert PS eher Regel als Ausnahme sind, werden Besuche der höheren Luftschichten einfacher und häufiger. Einige von uns können sich erinnern, wie in unserer Jugend Garros mit seinem Neunzehntausend-Fuß-Flug weltweite Anerkennung erlangte, und es war ein bemerkenswertes Unterfangen, die Alpen zu überfliegen. Der Standard hat sich seitdem gewaltig erhöht, und auf einen früheren Höhenflug kommen heute zwanzig. Viele davon blieben ungestraft. Die dreißigtausend Fuß wurden immer wieder erreicht, ohne daß man größere Unannehmlichkeiten als Verkühlung oder Atemnot hinzunehmen hatte. Was beweist das? Ein Besucher könnte tausendmal auf unseren Planeten herabsteigen, ohne einen einzigen Tiger zu sehen. Trotzdem gibt es Tiger, und geriete er zufällig in einen Urwald, womöglich würde er verschlungen werden. Es gibt Dschungel in der oberen Atmosphäre, und dort sind schlimmere Phänomene als Tiger zu Hause. Ich glaube, irgendwann wird man über genaue Karten dieser Dschungel verfügen. Schon heute könnte ich zwei davon nennen.

Einer liegt über der Gegend um Pau-Biarritz in Frankreich. Ein anderer befindet sich jetzt, wenn ich diese Zeilen in meinem Haus in Wiltshire niederschreibe, genau über meinem Kopf. Ein dritter liegt, glaube ich, über dem Gebiet HamburgWiesbaden.

Das Verschwinden der Piloten gab mir als erstes zu denken. Natürlich sagte jeder, sie seien ins Meer gefallen, aber das war für mich keine befriedigende Erklärung. Der erste war Verzier in Frankreich; man fand seine Maschine in der Nähe von Bayonne, aber seine Leiche blieb verschwunden. Es gab auch den Fall Baxter, der verschwand, obwohl sein Motor und einige Eisenteile in einem Waldstück in Leicestershire gefunden wurden. In jedem Fall erklärte Dr. Middleton aus Amesbury, der den Flug durch ein Teleskop beobachtete, er hätte die Maschine, die in enormer Höhe flog, kurz bevor sie in den Wolken verschwand, noch gesehen; in einer Folge von Sprüngen in einer Art, wie er sie nicht für möglich gehalten hätte, sei sie plötzlich senkrecht nach oben geschossen. Das war das letzte, was man von Baxter gesehen hat. In den Zeitungen wurde einiges geschrieben, aber es führte zu nichts. Es gab dann noch mehrere andere, ähnliche Fälle und schließlich den Tod von Hay Connor. Welches Geschnatter über ungelöste Mysterien der Lüfte, was für Schlagzeilen in den Groschenblättern gab es da, und wie wenig wurde getan, um der Sache auf den Grund zu kommen! In einem fürchterlichen Sturzflug kam er aus unbekannter Höhe herunter. Er ist nie aus seiner Maschine herausgekommen und starb in seinem Pilotensitz. Woran? »Herzschlag«, sagten die Ärzte. Unsinn! Hay Connors Herz war so gesund wie meines. Was sagte Venables? Venables war als einziger bei dem Sterbenden. Er sagte, daß er zitterte und wie ein Mann aussah, der böse erschrocken war. »Vor Schreck gestorben«, sagte Venables, aber er konnte sich nicht vorstellen, was ihn so erschreckt hatte. Er sprach nur noch ein Wort zu Venables, das klang wie »monströs«. Bei der Untersuchung konnten sie nichts damit anfangen, aber ich konnte. Monster! Das war das letzte Wort des armen Harry Hay Connor. Und er starb wirklich vor Entsetzen, genau wie Venables gedacht hatte.

Und dann war da Myrtles Kopf. Glauben Sie wirklich - kann irgendjemand wirklich glauben, die Gewalt eines Aufpralls könne den Kopf eines Menschen sauber in seinen Rumpf treiben? Gut, vielleicht ist es möglich, aber ich jedenfalls habe niemals geglaubt, daß es bei Myrtle so war. Und der Schleim auf seinem Anzug - »Alles voller Schleim« -, sagte jemand bei der Untersuchung. Verrückt, daß keiner sich dabei etwas gedacht hat! Außer mir - aber ich hatte mir bis dahin schon einiges gedacht. Ich bin seitdem noch dreimal aufgestiegen -wie Dangerfield sich lustig machte wegen meines Gewehrs -, aber ich bin nie hoch genug gewesen. Jetzt, mit dieser neuen, leichten Paul-Veroner-Maschine und ihrem hundertfünfundsiebziger Triebwerk, sollte ich morgen mit Leichtigkeit die dreißigtausend Fuß erreichen. Ich werde den Rekord aufs Korn nehmen. Vielleicht nicht nur den. Natürlich ist es gefährlich. Will ein Mann der Gefahr aus dem Weg gehen, so soll er sich am besten ganz aus der Fliegerei heraushalten und sich in Filzpantoffeln und Morgenmantel zur Ruhe setzen. Ich werde morgen den Dschungel der Lüfte besuchen - und wenn dort irgend etwas existiert, ich werde es erfahren. Wenn ich zurückkomme, werde ich eine kleine Berühmtheit sein. Wenn nicht, so möge dieses Notizheft erklären, was ich zu tun versuchte und wie ich dabei umkam. Aber kein Gefasel über Unfälle oder Mysterien, ich bitte darum.

Ich nehme meinen Paul-Veroner-Eindecker für diese Aufgabe. Wenn man wirklich etwas schaffen will, geht nichts über einen Eindecker. Beaumont fand das schon sehr früh heraus. Jedenfalls stört Feuchtigkeit eine solche Maschine nicht, und nach dem Wetter zu urteilen, werden wir uns die ganze Zeit in Wolken bewegen. Es ist ein hübsches kleines Modell und gehorcht meiner Hand wie ein straff gezügeltes Reitpferd. Das Triebwerk ist ein Zehn-Zylinder-Sternmotor, der bis zu einhundertfünfundsiebzig PS leistet. Das Flugzeug hatte alle modernen Verbesserungen - abgeschlossene Kabine, Landeklappen, Bremsen, gyrostatische Stabilisatoren und eine Einrichtung zur Veränderung des Tragflächenwinkels in drei Stufen für verschiedene Geschwindigkeitsbereiche. Ich nahm ein Gewehr und ein Dutzend Schuß schwere Jagdmunition mit auf die Reise. Sie hätten das Gesicht meines alten Mechanikers Perkins sehen sollen, als ich ihm befahl, die Sachen einzuladen. Ich war gekleidet wie für eine Nordpolexpedition, mit zwei Hemden unter meinem Overall, dicken Socken in den gefütterten Stiefeln, einer Sturmmütze mit Ohrenklappen und meiner Schutzbrille. Vor den Hangars war es drückend heiß, aber ich war auf dem Weg zum Dach der Welt und mußte mich entsprechend anziehen. Perkins wußte, daß irgend etwas im Gange war und bedrängte mich, ihn mitzunehmen. Das würde ich vielleicht tun, wenn wir mit dem Doppeldecker starteten. Doch ein Eindecker ist ein Instrument für Solisten, wenn man das letzte an Steigleistung herausholen will. Natürlich nahm ich auch Sauerstoff an Bord; ein Mann, der sich ohne Sauerstoffgerät am Höhenrekord versucht, wird entweder erfrieren oder ersticken - oder beides.

Bevor ich einstieg, checkte ich noch einmal Tragflächen, Rudergestänge und den Steigflughebel. Soweit ich sehen konnte, war alles in Ordnung. Ich startete den Motor und war von seinem Lauf entzückt. Die Maschine rollte sofort langsam los, als die Bremsklötze entfernt waren. Nach ein oder zwei Aufwärmrunden um den Platz stellte ich den flachsten Flügelwinkel ein, dann winkte ich Perkins und den anderen noch einmal zu und gab Vollgas. Acht bis zehn Meilen weit strich das Flugzeug wie eine Schwalbe dicht über den Erdboden. Als ich dann seine Nase ein wenig nach oben richtete, begann es sich in einer großen Spirale zu der Wolkenbank über mir hinaufzuschrauben. Es ist lebenswichtig, langsam zu steigen, um sich dem sinkenden Luftdruck anzupassen. Es war ein sehr warmer Tag für den englischen September, und es herrschte die gewisse Ruhe, die einem Wolkenbruch vorausgeht. Dann und wann kamen plötzliche Windstöße von Südwesten; als ich gerade meinen Gedanken nachhing, traf mich einer so stürmisch und unvermittelt, daß ich mich für einen Augenblick in Seitenlage befand. Ich erinnere mich an Zeiten, als Sturmböen, Wirbel und Luftlöcher noch gefährlich waren - bevor wir lernten, unseren Motoren souveräne Leistungsfähigkeit zu geben. Als ich eben die Wolkenbänke erreichte, das Altimeter zeigte dreitausend Fuß, begann es zu regnen. Auf mein Wort, und wie es goß! Es trommelte auf die Flügel und klatschte mir ins Gesicht. Die Tropfen auf meinen Brillengläsern nahmen mir fast alle Sicht. Weil es so qualvoll war, gegen den Regen anzufliegen, drosselte ich das Tempo. Weiter oben begann es zu hageln, und ich mußte zusehen, daß ich weiterkam. Ein Zylinder hatte ausgesetzt - eine verrußte Zündkerze, dachte ich mir, aber die Maschine leistete immer noch mehr als genug, und ich gewann weiter stetig an Höhe. Welcher Art der Schaden auch immer gewesen war, nach einer Weile lief der Motor wieder rund. Ich hörte wieder das volle, kehlige Schnurren - ein Konzert für zehn Zylinder, Das ist der wahre Vorteil unserer modernen Schalldämpfer. Wir können unsere Triebwerke heute mit den Ohren unter Kontrolle halten. Wie sie klagen und kreischen, wenn sie in Schwierigkeiten sind! In alten Zeiten waren alle diese Hilferufe vergebens, weil jeder Laut vom unheimlichen Getöse des Motors verschlungen wurde. Könnten nur die Pioniere der Luftfahrt wiederauferstehen und die Schönheit und Perfektion der Triebwerke betrachten, die wir mit ihrem Leben bezahlt haben!

Gegen neun Uhr dreißig näherte ich mich den Wolken. Unter mir lag, dunkel verschleiert vom Regen, die Ebene von Salisbury in ihrer ganzen Ausdehnung. Auf etwa tausend Fuß Höhe entdeckte ich ein halbes Dutzend Flugmaschinen, die mit ihren Propellern die Luft zerhackten und dabei aussahen wie kleine schwarze Schwalben vor grünem Hintergrund. Bestimmt fragten sie sich, was ich hier oben im Wolkenland wohl trieb. Plötzlich schloß sich ein grauer Vorhang unter mir, und feuchte Dunstschwaden wirbelten vor meinem Gesicht. Es war naßkalt und ungemütlich. Aber ich war über dem Hagelsturm, womit etwas gewonnen war. Die Wolke war dick und düster wie Londoner Nebel. Um nur schnell herauszukommen, richtete ich die Maschine steil auf, bis die automatische Alarmglocke ertönte. Sofort begann ich zurückzufallen. Meine triefenden, tropfenden Flügel waren schwerer geworden als ich dachte, aber im Augenblick war ich in leichterer Bewölkung, bald hatte ich die erste Schicht hinter mir. Die zweite, opalfarbene Flocken, lag in großer Höhe über mir, einförmig weißer Himmel oben und ein ungebrochener, dunkler Teppich unter mir. Dazwischen der Einflügler, der sich in einer weiten Spirale aufwärts zieht. Tödliche Einsamkeit in diesen Wolkenräumen. Einmal begegneten mir irgendwelche kleinen Wasservögel, ein ganzer Schwarm, der sehr schnell westwärts flog. Das Flügelgeschwirr und ihre Schreie, die wie Musik waren, taten meinen Ohren wohl. Ich glaube, es waren Krickenten, aber ich bin ein erbärmlicher Zoologe. Jetzt, wo wir Menschen zu Vögeln geworden sind, müssen wir unsere Brüder wirklich anschaulich kennenlernen.

Der Wind unter mir brachte das weite Wolkenmeer zum Brodeln. Plötzlich bildete sich darin ein riesiger Wirbel, ein Dampfstrudel, und wie durch einen Schlauch konnte ich für einen Augenblick die ferne Erde sehen. Ein großer weißer Doppeldecker flog tief unter mir vorüber. Ich glaube, es war die Morgenpost Bristol-London. Dann schloß sich das Wirbelauge, die Einsamkeit war wieder ungestört.

Kurz nach zehn berührte ich die Unterkante der höheren Wolkendecke. Sie bestand aus feinem, durchsichtigem Dunst, der schnell von Westen einströmte. Während der ganzen Zeit war der Wind ständig stärker geworden, jetzt wehte eine scharfe Brise - achtundzwanzig Meilen in der Stunde nach meiner Schätzung. Es war schon sehr kalt, obwohl mein Höhenmesser erst neuntausend anzeigte. Die Aggregate arbeiteten wundervoll, und dröhnend ging es weiter nach oben.

Die Wolkenbank war dicker, als ich erwartet hatte, schließlich aber verdünnte sie sich vor mir zu einem goldenen Nebel, im nächsten Augenblick war ich aus ihr herausgeschossen, und über meinem Kopf stand eine strahlende Sonne am wolkenlosen Himmel - oben Blau und Gold, unten alles schimmerndes Silber, eine unendliche, glitzernde Fläche, so weit mein Auge reichte. Es war ein Viertel nach zehn, die Nadel des Barographen zeigte auf zwölftausendachthundert. Ich kam höher und höher, meine Ohren hörten nur auf das Brummen des Motors, meine Augen waren immer mit Uhr und Drehzahlmesser, Benzin- und Ölpumpe beschäftigt. Kein Wunder, daß man Flieger für furchtlos hält. Wenn an so viele Dinge gedacht werden muß, bleibt keine Zeit, mit sich zu hadern. Um diese Zeit stellte ich fest, wie unzuverlässig der Kompaß wird, wenn man eine bestimmte Höhe überschreitet. Bei fünfzehntausend Fuß zitterte meiner zwischen Süd und West. Sonne und Wind gaben mir die wahre Richtung.

Ich hatte gehofft, in diesen Höhen ewige Ruhe vorzufinden, aber der Sturm wurde immer stärker, je höher ich kam. Meine Maschine stöhnte und zitterte in allen Verstrebungen, als sie sich ihm entgegenstellte; wie ein Fetzen Papier wurde sie weggeweht, sobald ich sie in den Wind drehte. Ich segelte jetzt vielleicht schneller als jemals ein Sterblicher vor mir. Früher oder später mußte ich aber wieder dem Sturm ins Auge blicken, denn es war nicht nur ein Höhenrekord, hinter dem ich her war. Nach allen Berechnungen lag der luftige Urwald direkt über meinem Wiltshire, und alle Mühe könnte umsonst sein, wenn ich die äußeren Luftschichten an einer anderen Stelle erreiche.

Um die Mittagszeit, bei neunzehntausend Fuß, war der Wind so stark, daß ich mit einiger Sorge auf die Tragflächen schaute, deren Halterungen sich jeden Moment lösen konnten. Ich warf sogar einen schnellen Blick auf den Fallschirm hinter mir und hakte ihn an meinem Ledergürtel ein. Ich war auf das Schlimmste vorbereitet. Nun war die Zeit gekommen, wo der geringste Pfusch des Mechanikers mit dem Leben des Piloten bezahlt werden müßte. Aber die Maschine hielt sich tapfer. Alle Leinen und Streben summten und zitterten wie Harfensaiten, doch bei allen Schlägen und Püffen blieb sie der Eroberer der Natur und die Herrin der Lüfte. Sicher ist etwas Göttliches im Menschen selbst, der die Grenzen, die die Schöpfung zu setzen schien, so weit verschieben konnte -gerade durch solche selbstlosen, heldenhaften Taten wie diese Luftexpedition. Wer sagt, die Menschheit sei degeneriert! Wann ist in ihren Annalen jemals eine solche Geschichte verzeichnet gewesen?

Das waren meine Gedanken, als ich diese unheimliche schiefe Ebene erklomm; manchmal schlug der Wind mir ins Gesicht, manchmal pfiff er hinter meinen Ohren, während das Wolkenland in solcher Entfernung unter mir versank, daß alle silbernen Falten und Hügel zu einer schimmernden Fläche eingeebnet waren. Plötzlich erlebte ich etwas Schreckliches, Einmaliges. Ich hatte schon gehört, was es heißt, in einen sogenannten Tourbillon zu geraten, aber dieser Luftstrom war gigantisch und hatte zudem noch ebenso riesige Verwirbelungen aufzuweisen. Ohne jede Vorwarnung wurde ich in einen hineingezogen. Minutenlang drehte ich mich rasend im Kreise, so daß ich fast von Sinnen war, dann stürzte ich plötzlich, den linken Flügel voraus, durch einen Vakuum schlauch ins Zentrum des Wirbels. Ich fiel wie ein Stein und verlor fast tausend Fuß. Nur der Gurt hielt mich im Sitz. Atemlos und halb bewußtlos hing ich seitlich aus der Kabine. Aber ich bin stets zu äußersten Anstrengungen fähig -das ist mein großer Vorteil als Flieger. Ich bemerkte, daß der Sturz langsamer wurde. Der Wirbel bildete eher einen Trichter als einen Schlauch; ich war am Ende angekommen. Ein furchtbarer Ruck warf mein ganzes Gewicht auf eine Seite. Ich stellte die Maschine gerade und zog ihre Nase aus dem Wind. Augenblicklich schoß ich aus den Strudeln hinaus und glitt langsam abwärts. Gebeutelt wie ich war, aber siegreich, zog ich die Maschine dann wieder hoch und begann von neuem meine Schleifen zu ziehen. In weitem Bogen umflog ich die gefährliche Stelle und war bald in sicherer Höhe über dem Wirbel. Kurz nach ein Uhr war ich einundzwanzigtausend Fuß über Meeresniveau. Zu meiner großen Freude hatte ich den Sturm hinter mir, mit jeden hundert Fuß kam ich in ruhigere Gefilde. Andererseits war es sehr kalt, und ich wußte um die besondere Übelkeit, die Sauerstoffmangel verursacht. Zum ersten Mal öffnete ich meinen Sauerstofftank und nahm gelegentlich einen Hauch des wunderbaren Gases. Ich fühlte es durch meine Adern sprudeln, bis ich fast berauscht davon war, und rief und sang auf meinem Weg zur kalten, stillen Außenwelt.

Es ist mir vollkommen klar, daß die Bewußtseinsstörungen, die Glaisher und in geringerem Maße auch Coxwell befielen, als sie im Ballon auf dreißigtausend Fuß stiegen, auf die hohe Geschwindigkeit zurückzuführen waren, mit der sie senkrecht nach oben fuhren. Diese verhängnisvollen Symptome bleiben aus, wenn man langsam steigt und sich kontinuierlich dem sinkenden Luftdruck anpaßt. In derselben großen Höhe fand ich, daß ich sogar ohne Sauerstoffmaske angenehm atmen konnte. Es war jedoch bitter kalt, mein Thermometer zeigte null Fahrenheit. Um halb zwei war ich nahezu sieben Meilen über der Erdoberfläche, weiterhin ständig steigend. Ich merkte jedoch, daß die dünne Luft meine Flügel deutlich schlechter trug, so daß ich den Anstiegswinkel stark verringern mußte. Es war schon klar, daß trotz des geringen Gewichts und der hohen Motorleistung ein Punkt kommen würde, wo ich nicht mehr weiterkäme. Schlimmer noch, eine meiner Zündkerzen machte wieder Ärger, und es gab ständig Fehlzündungen. Mein Herz war schwer, ich hatte Angst vor dem Versagen.

Ungefähr um diese Zeit hatte ich ein ganz außergewöhnliches Erlebnis. Etwas flitzte an mir vorbei, ein Schweif von Rauch, dann eine laute, zischende Explosion, die eine Dampfwolke hinterließ. Zunächst konnte ich mir nicht erklären, was geschehen war. Dann erinnerte ich mich, daß die Erde schon immer von Meteoren bombardiert wird und daß sie wohl kaum bewohnbar wäre, wenn nicht die meisten dieser Klötze in der oberen Atmosphäre verdampft würden. Hier zeigt sich eine neue Gefahr für den Höhenrekordler, denn zwei weitere Blöcke begegneten mir in der Nähe der Vierzigtausend-FußMarke. Zweifellos kann ich am Rande der Erdhülle diese Gefahr nicht vernachlässigen.

Die Barographennadel zeigte einundvierzigtausend-dreihundert, als mir klar wurde, daß es nicht weiterging. Die körperliche Anstrengung war nicht größer, als ich aushalten konnte, aber die Maschine stieß an ihre Grenze. Die verdünnte Luft konnte sie nicht mehr tragen, das Flugzeug schien träge zu werden, und bei der letzten Schleife fiel es zur Seite ab. Möglicherweise wären noch tausend Fuß drin gewesen, wenn das Triebwerk optimal funktioniert hätte, aber es gab immer noch Fehlzündungen, zwei der zehn Zylinder schienen ausgefallen zu sein. Hätte ich die anvisierte Zone nicht schon erreicht, dann würde ich sie auf dieser Reise wohl niemals sehen. Aber war es nicht durchaus möglich, daß ich angekommen war? Wie ein ungeheurer Adler schwebte ich auf vierzigtausend Fuß im Kreise. Den Eindecker überließ ich sich selber, während ich durch mein Mannheim-Glas die Umgebung genau beobachtete. Der Himmel war vollkommen klar; es gab kein Anzeichen der Gefahren, die ich mir vorgestellt hatte.

Ich sagte, daß ich in Kreisen flog. Plötzlich fiel es mir ein, daß es klug sein könnte, einen weiteren Bogen zu schlagen, um ein größeres Luftgebiet abzudecken. Betritt auf dem Erdboden ein Jäger den Urwald, so wird er ihn so lange durchstreifen, bis er sein Wild gefunden hat. Meine Überlegungen hatten dazu geführt, daß ich den Urwald der Atmosphäre irgendwo über Wiltshire suchen mußte. Das sollte südwestlich von mir sein. Ich orientierte mich an der Sonne, da der Kompaß hoffnungslos unbrauchbar war und kein Stückchen Erde zu sehen war - nichts als der ferne, silberne Wolkenteppich. Wie dem auch sei, ich orientierte mich so gut ich konnte und flog direkt in die ermittelte Richtung. Mein Benzinvorrat würde nicht länger als für eine weitere Stunde oder so reichen, aber ich konnte mir leisten, ihn bis zum letzten Tropfen zu verbrauchen, da ich jederzeit zur Erde zurückgleiten konnte.

Plötzlich bemerkte ich etwas Neues. Die Luft vor mir hatte ihre kristallene Klarheit verloren. Sie war voller langer, verwischter Streifen irgendeiner Substanz, die ich nur mit sehr feinem Zigarettenrauch vergleichen kann. In der Luft hingen Schlingen und Windungen, die sich im Sonnenlicht langsam drehten und teilten. Als ich hindurchschoß, hatte ich einen undeutlichen Geschmack von Öl auf den Lippen, auf den Holzteilen der Maschine war ein schleimiger Schaum. Irgendeine unendlich feine organische Materie schien in der Atmosphäre verteilt zu sein. Es gab dort kein Leben. Es war elementar und diffus, erstreckte sich über eine große Fläche, um dann in der Leere zu verschwinden. Nein, es war kein Leben. Aber könnten es nicht die Überreste von Leben gewesen sein? Ja, könnte es nicht Nahrung für Leben sein, für eine unheimliche Lebensform, so wie das Plankton im Ozean den Walen als Nahrung dient? Der Gedanke hatte mich erfaßt, und als ich meinen Blick nach oben wandte, sah ich die wundervollste Erscheinung, die je ein Mensch erblickt hat.

Kann ich hoffen, sie Ihnen so vermitteln zu können, wie ich sie am Donnerstag selbst gesehen habe?

Stellen Sie sich eine Qualle vor, wie sie an unseren Badestränden herumschwimmt, glockenförmig und von enormer Größe - ich würde sagen, viel größer als der Dom von St. Paul's. Die Kreatur war hellrosa mit feinen grünen Streifen, das Ganze aber so zart gezeichnet, daß es nur als schemenhafte Kontur vor dem dunkelblauen Himmel zu erkennen war. Es pulsierte schwach in regelmäßigem Rhythmus. Zwei lange grüne Tentakel hingen lose an ihm herunter und schwangen langsam vor und zurück. Dieses grandiose Bild zog allmählich in stiller Würde über mir vorbei, leicht und zerbrechlich wie eine Seifenblase.

Als ich das Flugzeug halb gewendet hatte, um dieser schönen Kreatur nachzublicken, fand ich mich plötzlich in einer ganzen Flotte von ihnen, alle Größen, doch keine so groß wie die erste. Einige von ihnen waren recht klein, die Mehrzahl jedoch so groß wie ein durchschnittlicher Ballon, auch ähnlich rund. Die Feinheit ihrer Zeichnung und Färbung erinnerte mich an bestes venezianisches Glas. Fahles Rosa und Grün waren die beherrschenden Töne, doch alles leuchtete wundervoll auf, wenn die Sonne hindurchschien. Einige hundert von ihnen trieben an mir vorüber, eine bezaubernde, märchenhafte Gruppe fremdartiger, unbekannter Himmelskreuzer -Geschöpfe, deren Form und Beschaffenheit in solchem Einklang mit dieser Höhenwelt waren, daß man sie vom Erdboden aus niemals erblicken konnte.

Doch bald wurde meine Aufmerksamkeit von einem neuen Phänomen angezogen - die Schlangen der Außenwelt. Sie waren lang und dünn, phantastische Windungen eines dunstartigen Stoffes. Sie umschlängelten mich mit so großer Geschwindigkeit, daß meine Augen ihnen kaum folgen konnten. Einige dieser gespenstischen Kreaturen waren zwanzig oder dreißig Fuß lang, es war jedoch schwer, ihren Umfang zu erkennen, da ihre Konturen so flüchtig waren, daß sie in der Luft zu verschwinden schienen. Diese Luftschlangen waren hellgrau oder rauchfarben mit einigen dunkleren Streifen darin, welche ihnen das Aussehen fest umschriebener Organismen verlieh. Eine von ihnen zischte direkt an meinem Gesicht vorbei, und ich spürte eine kalte, feuchte Berührung, aber ihre Physis war so ungreifbar, daß ich mich nicht im geringsten bedroht fühlte, nicht mehr als von den schönen, glockengleichen Geschöpfen, die ihnen vorhergegangen waren. Sie waren so körperlos wie die Gischt einer Brandung.

Ein Erlebnis, das noch vor mir lag, sollte viel schrecklicher sein. Aus großer Höhe bewegte sich ein purpurner Dunstfleck auf mich zu, der schnell größer wurde, als er näher kam. Schließlich schien er hunderte Quadratmeter groß zu sein. Obwohl er aus einer transparenten, geleeartigen Masse bestand, hatte er nichtsdestoweniger viel schärfere Konturen und eine weit festere Konsistenz als alles, was ich vorher gesehen hatte. Auch waren mehr Körperteile zu erkennen, besonders zwei unheimlich dunkle, runde Flecken an den Seiten, welche die Augen gewesen sein mögen, sowie ein vollkommen fester weißer Vorsprung zwischen ihnen, der so krumm und grausam war wie ein Geierschnabel.

Der ganze Anblick dieses Monsters war erschreckend, es veränderte sein Aussehen von hell malvenfarbig bis zu einem dunklen, bösen Violett, das dicht genug war, einen Schatten zu werfen. An der Oberseite seines Körpers waren drei große Ausbuchtungen, die ich nur als riesige Blasen beschreiben kann. Als ich sie ansah, war ich überzeugt, daß sie mit einem extrem leichten Gas gefüllt waren, das dazu diente, die formlose, halbfeste Masse in der dünnen Luft zu tragen. Die Kreatur hielt leicht die Geschwindigkeit meiner Maschine und war für zwanzig Meilen mein schrecklicher Begleiter, der über mir schwebte wie ein Raubvogel, bereit zuzuschnappen. Sie bewegte sich vorwärts, indem sie, so schnell, daß man es nur schwer verfolgen konnte, ein klebriges Band ausspuckte, an dem sich der restliche, sich krümmende Körper nach vorne zog. Es war so gallertartig elastisch, daß es jede Minute seine Form änderte, und nach jeder Veränderung sah es erschreckender und ekelhafter aus als vorher.

Ich wußte, daß es Ärger bedeutete. Jede purpurne Verdunklung seines widerwärtigen Körpers sagte mir das. Die verschwommenen, glotzenden Augen, immer auf mich gerichtet, waren kalt und gnadenlos in ihrem klebrigen Haß. Um ihm zu entkommen, tauchte ich ab. In diesem Augenblick kam aus der brodelnden Masse blitzschnell ein langer Tentakel herausgeschossen, der sich wie ein feuchtes Tuch um den Bug meiner Maschine legte. Als er den heißen Motor für einen Augenblick berührte, gab es ein lautes Zischen, und er zog sich wieder zurück, während sich der große flache Körper in schnellem Schmerz zusammenzog. Ich tauchte nochmals steil ab, aber wieder schnellte ein Fangarm zum Flugzeug und wurde, so leicht, wie man eine Rauchfahne zerschneidet, vom Propeller abgehackt. Ein langer, glitschig-glatter, schlangenartiger Arm kam jetzt von hinten, umgriff meine Taille und zog mich aus der Kabine. Ich zog an ihm, meine Finger sanken ein in der weichen, leimigen Oberfläche, für einen Augenblick war ich befreit, bevor ein anderer Arm einen Stiefel umschlang und mich fast umriß.

Im Fallen feuerte ich aus beiden Läufen meines Gewehres, obwohl die Vorstellung, dieser mächtige Brocken könnte von irgendeiner menschlichen Waffe angekratzt werden, nicht vernünftiger ist, als mit einer Erbsenschleuder auf Elefantenjagd zu gehen. Ich zielte aber besser, als mir bewußt war, denn mit lautem Knall platzte eine der großen Blasen auf dem Rücken des Monstrums. Ganz klar, meine Theorie war richtig: Die großen Hohlräume waren gefüllt mit Treibgas. Augenblicklich fiel der mächtige, wolkengleiche Körper auf die Seite und versuchte verzweifelt das Gleichgewicht wiederzufinden, während der weiße Schnabel auf- und zuschnappte. Schon war ich im steilsten Sturzflug, den ich wagen konnte. Die volle Motorkraft und die Gravitation zogen mich hinunter wie einen Stein. Weit hinter mir sah ich einen mattvioletten Fleck, der schnell kleiner wurde und im blauen Himmel verschwand. Ich war in Sicherheit, außerhalb des tödlichen Dschungels der Außenwelt.

Einmal außer Gefahr, drosselte ich meinen Motor, denn nichts schlägt eine Maschine schneller in Stücke als ein Sturzflug bei Vollgas. Es war ein herrlicher, spiralförmiger Abwärtsflug von mehr als acht Meilen Höhe - erst zum Niveau der silbernen Wolkenbank, dann zu der Sturmbewölkung darunter und schließlich im prasselnden Regen auf den Erdboden zurück. Ich hatte den Bristol-Kanal unter mir, als ich die Wolkendecke durchstieß, aber mit meinem restlichen Benzin flog ich noch zwanzig Meilen landeinwärts, bevor ich mich auf einem Feld, eine halbe Meile vom Dorf Ashcombe entfernt, wiederfand. Da besorgte ich mir drei Kanister Benzin von einem vorbeifahrenden Auto, und um zehn nach sechs landete ich sanft auf meiner eigenen Wiese bei Devizes. Ich hatte eine Reise hinter mir, die kein Sterblicher vor mir jemals unternommen oder überlebt hatte, um davon zu berichten. Ich habe die Schönheit und die Schrecklichkeit der Höhen gesehen - und größere Schönheit oder größeren Schrecken sind dem Menschen nicht bekannt.

Und jetzt plane ich, noch einmal zu starten, bevor ich der Welt meine Erkenntnisse mitteilen werde. Denn bevor ich diese Geschichte meinen Mitmenschen vorlegen kann, muß ich sicher etwas in Händen haben, was ich als Beweis vorzeigen kann. Es ist wahr, daß bald andere folgen und meine Aussagen bestätigen werden; trotzdem möchte ich als erster den direkten Beweis erbringen. Diese lieblich leuchtenden Seifenblasen sollten nicht schwer zu fangen sein. Sie treiben langsam ihres Weges, so daß ein schneller Eindecker ihren gemächlichen Lauf leicht beenden könnte. Zwar würden sie sich sehr wahrscheinlich in dichteren Atmosphärenschichten auflösen, vielleicht wäre ein kleines Häufchen amorpher Masse das einzige, was ich mitbringen könnte, mit Sicherheit aber würde irgend etwas übrigbleiben, womit ich meine Geschichte, stützen könnte. Ja, ich werde starten, selbst wenn ich damit ein Risiko eingehe. Diese purpurnen Schreckgespenster schienen nicht so zahlreich zu sein. Wahrscheinlich werde ich überhaupt keines sehen. Wenn doch, werde ich eben wieder tauchen. Ansonsten habe ich immer noch mein Gewehr und das Wissen um.«

Unglücklicherweise fehlt hier eine Seite des Manuskripts. Auf der nächsten Seite steht:

»Dreiundvierzigtausend Fuß. Ich werde die Erde niemals wiedersehen. Sie sind unter mir, drei von ihnen. Gott steh mir bei; ein furchtbarer Tod!«

Dies ist das Joyce-Armstrong-Fragment in Gänze. Von dem Mann hat man seitdem nichts mehr gesehen. Teile seines zerschellten Eindeckers wurden auf dem Grundstück des Mr.

Budd-Lushington, an der Grenze zwischen Kent und Sussex, wenige Meilen von der Stelle, wo das Notizheft lag, entdeckt. Wenn die Theorie des unglücklichen Fliegers stimmt, daß dieser Urwald der Lüfte, wie er ihn nannte, nur über SüdwestEngland existierte, dann schien er in höchstem Tempo aus ihm geflohen, jedoch irgendwo in der äußeren Atmosphäre, über der Stelle, wo die grausamen Überreste gefunden wurden, von diesen schrecklichen Kreaturen überholt und verschlungen worden zu sein. Kein Mensch, der an seinem Verstand hängt, wird gern bei dem Bild verweilen, wie das Flugzeug von namenlosen Ungeheuern, die ihm den Weg zur Erde abgeschnitten haben, bis zum bitteren Ende gejagt wird. Wie ich weiß, spotten immer noch viele über die Tatsachen, welche ich hier niedergelegt habe, aber sogar die müssen zugeben, daß Joyce-Armstrong verschwunden ist. Ich möchte ihnen mit seinen eigenen Worten sagen: »Dieses Notizheft möge erklären, was ich zu tun versuchte und wie ich dabei umkam. Aber kein Gefasel über Unfälle oder Mysterien, ich bitte darum.«