/ Language: Deutsch / Genre:antique / Series: Shades of Grey - 1

Shades of Grey - Geheimes Verlangen

Эрика James)


antiqueЭрикаЛеонард Джеймс (E LJames)Shades of Grey - Geheimes VerlangendeЭрикаЛеонард Джеймс (E LJames)calibre 0.9.1619.2.20132f20f925-3e94-4608-87b2-f328411b97621.0

Inhaltsverzeichnis

Widmung

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

DREIUNDZWANZIG

VIERUNDZWANZIG

FÜNFUNDZWANZIG

SECHSUNDZWANZIG

DANK

Copyright

Für Niall,

den Herrn und Meister meines Universums

EINS

Frustriert betrachte ich mich im Spiegel. Verdammte Haare, die einfach nicht so wollen, wie ich will, und verdammte Katherine Kavanagh, die krank ist, weswegen ich diese Tortur auf mich nehmen muss. Eigentlich sollte ich für die Abschlussprüfung nächste Woche lernen, aber was mache ich stattdessen? Ich versuche, meine Haare zu bändigen. Ich darf nicht mit nassen Haaren ins Bett gehen. Wie ein Mantra sage ich mir das immer wieder vor, während ich mich mit der Bürste abmühe. Verzweifelt schaue ich das blasse Mädchen mit den braunen Haaren und den viel zu großen Augen im Spiegel an und gebe mich geschlagen. In der Hoffnung, halbwegs passabel auszusehen, binde ich meine widerspenstige Mähne zu einem Pferdeschwanz zusammen.

Ausgerechnet heute kämpft Kate mit einer Grippe. Deshalb kann sie nicht für die Studentenzeitung zu dem Interview mit dem megawichtigen Industriemagnaten fahren, von dem ich noch nie gehört habe, und ich muss für sie einspringen. Ich sollte für die Abschlussprüfung büffeln und eine Seminararbeit schreiben, aber nein: Ich muss über zweihundertfünfzig Kilometer nach Seattle fahren und mich mit diesem mysteriösen CEO von Grey Enterprises Holdings, Inc. treffen. Für einen Unternehmer und wichtigen Gönner unserer Universität wie ihn ist Zeit kostbar – bedeutend kostbarer als für mich. Dass er Kate einen Interviewtermin gewährt hat, ist ein echter Coup, behauptet sie. Verfluchte Studentenzeitung!

Kate lümmelt auf dem Sofa im Wohnzimmer herum. »Ana, tut mir echt leid. Ich hab neun Monate gebraucht, diesen Termin zu bekommen. Es würde noch einmal sechs dauern, einen neuen zu finden, und bis dahin haben wir beide unseren Abschluss. Als Herausgeberin der Studentenzeitung kann ich das nicht abblasen. Bitte«, krächzt sie.

Wie macht sie das bloß? Trotz ihrer Grippe sieht sie mit ihren ordentlich frisierten rotblonden Haaren und ihren strahlend grünen Augen, die momentan rot gerändert sind, auf androgyne Art umwerfend aus. Mein Mitleid verpufft in null Komma nichts.

»Ja klar fahr ich hin, Kate. Soll ich dir ein Aspirin bringen?« »O ja, bitte. Hier sind die Interviewfragen und der Rekorder. Zum Aufnehmen drückst du auf den Knopf da. Und mach dir Notizen, ich schreibe später alles ins Reine.«

»Ich weiß nichts über ihn«, gebe ich zu bedenken und kann nur mühsam meine aufsteigende Panik unterdrücken.

»Halt dich einfach an die Fragen. Du musst los, du darfst auf keinen Fall zu spät kommen.«

»Okay. Leg dich wieder ins Bett. Ich hab dir eine Suppe gekocht. Die kannst du dir aufwärmen.« Für niemanden sonst würde ich das tun, Kate.

»Gut. Viel Glück. Und danke, Ana. Du bist ein Schatz.« Ich schnappe mir meinen Rucksack, verabschiede mich und gehe hinaus zum Wagen. Ist das zu fassen, dass ich mich von Kate habe breitschlagen lassen? Aber Kate könnte jeden überreden. Bestimmt wird sie mal eine tolle Journalistin. Sie kann sich gut ausdrücken, besitzt Überzeugungskraft, ist willensstark, streitlustig und attraktiv – und meine allerbeste Freundin.

Als ich mich von Vancouver, Washington, zur Interstate 5 auf den Weg mache, ist auf den Straßen Gott sei Dank noch nicht viel los, denn um zwei muss ich in Seattle sein. Zum Glück hat Kate mir ihren spritzigen Mercedes CLK geliehen. Ob ich es mit Wanda, meinem alten VW-Käfer, pünktlich schaffen würde, ist fraglich. Doch mit dem Mercedes macht die Sache Spaß, und ich trete das Gaspedal durch.

Mein Ziel ist die Zentrale von Mr. Greys weltweit operierendem Unternehmen. Es handelt sich um ein zwanzigstöckiges Bürogebäude aus Glas und Stahl, die ultimative Phantasie eines Architekten von einem Zweckbau. Über den gläsernen Eingangstüren steht in diskreten Stahllettern GREY HOUSE. Um Viertel vor zwei betrete ich, erleichtert darüber, dass ich nicht zu spät dran bin, das riesige, ziemlich beeindruckende Foyer aus Glas, Stahl und weißem Sandstein.

Am massiven Sandsteinempfang lächelt mich eine ausgesprochen attraktive, gepflegte junge Blondine freundlich an. Sie trägt einen todschicken anthrazitfarbenen Blazer und eine makellos weiße Bluse.

»Ich habe einen Termin bei Mr. Grey. Anastasia Steele für Katherine Kavanagh.«

»Einen Moment, bitte, Miss Steele.« Sie taxiert mich und hebt die Augenbrauen.

Hätte ich mir doch nur einen von Kates Business-Blazern ausgeliehen, statt meine marineblaue Jacke anzuziehen! Ich trage meinen einzigen Rock, meine bequemen Kniestiefel und einen blauen Pullover. Für meine Verhältnisse ist das ultraelegant. Ich schiebe eine Haarsträhne hinters Ohr und bemühe mich, mich nicht von der Blondine einschüchtern zu lassen.

»Mr. Grey erwartet Sie. Bitte unterzeichnen Sie hier, Miss Steele. Es ist der letzte Aufzug auf der rechten Seite, zwanzigster Stock.« Sie lächelt freundlich und vermutlich auch ein wenig belustigt, als ich unterschreibe. Dann reicht sie mir einen Besucherausweis.

Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Es liegt auf der Hand, dass ich zu Besuch da bin; ich passe nicht hierher und komme mir völlig fehl am Platz vor. Das ist oft so. Ich stoße einen stummen Seufzer aus. Nach einem Dankeschön an die Blondine gehe ich an zwei Sicherheitsleuten vorbei, die in ihren gut geschnittenen Anzügen beide deutlich schicker gekleidet sind als ich.

Der Lift bringt mich mit Schallgeschwindigkeit ins oberste Stockwerk. Die Türen gleiten lautlos auf, und ich betrete einen weiteren riesigen Vorraum – ebenfalls aus Glas, Stahl und weißem Sandstein. Erneut sehe ich mich einer Rezeption aus Sandstein und einer jungen, makellos in Schwarz und Weiß gekleideten Blondine gegenüber, die sich zur Begrüßung erhebt.

»Miss Steele, würden Sie bitte hier warten?« Sie deutet auf eine weiße Ledersitzgruppe.

Hinter den Ledersesseln befindet sich ein geräumiges Sitzungszimmer mit Glaswänden, einem riesigen dunklen Holztisch und mindestens zwanzig dazu passenden Stühlen. Dahinter ein vom Boden bis zur Decke reichendes Fenster mit Blick auf die Skyline von Seattle und den Sund. Die Aussicht ist atemberaubend. Wow.

Nachdem ich Platz genommen habe, fische ich die Liste mit den Fragen aus meinem Rucksack. Dabei verfluche ich Kate innerlich dafür, dass sie mir keinen kurzen Lebenslauf beigelegt hat. Ich weiß absolut nichts über den Mann, den ich gleich interviewen soll. Er könnte neunzig sein oder dreißig. Diese Unsicherheit macht mich nervös. Interviews unter vier Augen sind mir nicht geheuer. Ich mag lieber Gruppendiskussionen, bei denen ich mich im Hintergrund halten kann. Offen gestanden, sitze ich am liebsten mit einem britischen Klassiker allein in der Unibibliothek. Viel lieber als in einem Monstrum aus Glas, Stahl und Sandstein.

Ich verdrehe die Augen. Reiß dich zusammen, Steele. Dem Gebäude nach zu urteilen, das ich zu steril und modern finde, ist Grey über vierzig: durchtrainiert, braungebrannt und blond, passend zu seinen Angestellten.

Noch eine elegante, makellos gekleidete Blondine tritt aus einer Tür zu meiner Rechten. Was hat es nur mit diesen makellosen Blondinen auf sich? Ich komme mir vor wie bei den Stepford Wives in dem Roman von Ira Levin. Ich hole tief Luft und stehe auf.

»Miss Steele?«, fragt die Blondine.

»Ja«, krächze ich und räuspere mich. »Ja.« Gut, das klang selbstbewusster.

»Mr. Grey wird Sie gleich empfangen. Darf ich Ihnen die Jacke abnehmen?«

»Ja, gern.« Unbeholfen ziehe ich sie aus.

»Hat man Ihnen schon eine Erfrischung angeboten?«

»Äh … nein.« Oje, kriegt Blondine Nummer zwei jetzt meinetwegen Probleme?

Blondine Nummer drei runzelt die Stirn und sieht zu der jungen Frau am Empfang hinüber.

»Möchten Sie Tee, Kaffee oder Wasser?«, fragt sie, wieder an mich gewandt.

»Ein Glas Wasser, bitte. Danke«, murmle ich. »Olivia, bitte holen Sie Miss Steele ein Glas Wasser«, weist sie ihre Kollegin mit strenger Stimme an.

Olivia springt auf und huscht zu einer Tür auf der anderen Seite.

»Sie müssen entschuldigen, Miss Steele, Olivia ist unsere neue Praktikantin. Nehmen Sie doch bitte Platz. Mr. Grey ist in fünf Minuten bei Ihnen.«

Olivia kehrt mit einem Glas eisgekühltem Wasser zurück.

»Bitte sehr, Miss Steele.«

»Danke.«

Blondine Nummer drei marschiert zu ihrem Schreibtisch; das Klacken ihrer Absätze hallt auf dem Sandsteinboden wider. Sie setzt sich, und beide wenden sich wieder ihrer Arbeit zu.

Vielleicht besteht Mr. Grey darauf, dass alle seine Angestellten blond sind. Ich denke gerade darüber nach, ob das politisch korrekt ist, als die Bürotür aufgeht und ein groß gewachsener, elegant gekleideter, attraktiver Afroamerikaner mit kurzen Dreadlocks herauskommt. Ich habe mich eindeutig für das falsche Outfit entschieden.

Er fragt ins Zimmer gewandt: »Spielen wir diese Woche Golf, Grey?«

Die Antwort höre ich nicht.

Als der Mann mich bemerkt, lächelt er. Dabei legt sich die Haut um seine dunklen Augen in Fältchen.

Olivia ist aufgesprungen und holt den Aufzug. Immerhin scheint sie das Aufspringen vom Schreibtisch ja schon sehr gut zu beherrschen.

»Auf Wiedersehen, meine Damen«, verabschiedet der Afroamerikaner sich, bevor er durch die Tür verschwindet.

»Mr. Grey wird Sie jetzt empfangen, Miss Steele. Gehen Sie doch bitte hinein«, sagt Blondine Nummer drei.

Ich stehe mit zittrigen Knien auf, stelle das Wasserglas ab, stecke die Fragenliste zurück in den Rucksack und trete an die halb offene Tür.

»Sie brauchen nicht zu klopfen – gehen Sie einfach hinein.« Sie bedenkt mich mit einem freundlichen Lächeln.

Ich drücke die Tür auf, stolpere über meine eigenen Füße und falle hin.

Scheiße! Zwei linke Hände, zwei linke Füße! Ich lande auf Knien in Mr. Greys Büro und spüre sanfte Hände, die mir aufhelfen. Mein Gott, wie peinlich! Ich nehme all meinen Mut zusammen und hebe den Blick. Wow, ist der Mann jung!

»Miss Kavanagh.« Sobald ich wieder auf den Beinen bin, streckt er mir seine langfingrige Hand hin. »Ich bin Christian Grey. Alles in Ordnung? Möchten Sie sich setzen?«

Jung – und attraktiv, sehr attraktiv. Er ist groß, trägt einen eleganten grauen Anzug, ein weißes Hemd und eine schwarze Krawatte und hat widerspenstiges, kupferfarbenes Haar und wahnsinnig graue Augen, mit denen er mich mustert. Ich brauche einen Moment, um meine Stimme wiederzufinden.

»Äh … eigentlich …«, stammle ich. Wenn dieser Mann über dreißig ist, fresse ich einen Besen. Benommen lege ich meine Hand in die seine, und er schüttelt sie. Als unsere Finger sich berühren, habe ich das Gefühl, dass Funken sprühen. Verlegen ziehe ich die Hand zurück. War wohl statische Energie. Ich blinzle, ungefähr so schnell, wie mein Herz schlägt.

»Miss Kavanagh ist indisponiert und hat mich geschickt. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, Mr. Grey.«

»Und wer sind Sie?« Seine Stimme klingt freundlich, vielleicht auch belustigt. Wegen seiner Gelassenheit lässt sich das schwer beurteilen. Er wirkt halbwegs interessiert, vor allen Dingen jedoch höflich.

»Anastasia Steele. Ich studiere mit Kate … äh … Katherine  … äh … Miss Kavanagh Englische Literatur an der Washington State University in Vancouver.«

»Aha«, lautet sein Kommentar. Ein Lächeln spielt um seine Mundwinkel. »Möchten Sie sich nicht setzen?« Er dirigiert mich zu einer L-förmigen, weißen Ledercouch.

Sein Büro ist viel zu groß für einen einzelnen Menschen. Am Panoramafenster steht ein moderner Schreibtisch aus dunklem Holz, an dem bequem sechs Leute essen könnten. Er passt genau zu dem Beistelltisch neben dem Sofa. Alles andere ist weiß – Decke, Boden und Wände, nur nicht die Wand an der Tür, an der ein Mosaik aus kleinen Gemälden hängt, sechsunddreißig Stück, zu einem Quadrat arrangiert. Eine Serie banaler Objekte, so detailliert gemalt, dass sie aussehen wie Fotos. In ihrer Gesamtheit sind sie atemberaubend schön.

»Ein örtlicher Künstler, Trouton«, erklärt Grey, als er meinen Blick bemerkt.

»Toll. Sie verwandeln das Gewöhnliche in etwas Außergewöhnliches«, stelle ich fest.

Er stutzt. »Ich bin ganz Ihrer Meinung, Miss Steele«, pflichtet er mir mit so sanfter Stimme bei, dass ich rot werde.

Abgesehen von den Bildern wirkt das Büro steril. Ich frage mich, ob es die Persönlichkeit des leibhaftigen Adonis spiegelt, der anmutig in einen der weißen Ledersessel sinkt. Ich schüttle den Kopf, beunruhigt über die Richtung, die meine Gedanken nehmen, und hole Kates Fragenliste und den Rekorder aus dem Rucksack. Dabei stelle ich mich so ungeschickt an, dass mir das Aufnahmegerät zweimal auf den Beistelltisch fällt. Mr. Grey wartet geduldig, während ich immer verlegener und nervöser werde. Als ich den Mut aufbringe, ihn anzusehen, merke ich, dass er mich beobachtet, die eine Hand locker im Schoß, die andere um sein Kinn gewölbt. Sein langer Zeigefinger zeichnet seine Lippen nach. Ich habe den Eindruck, dass er nur mit Mühe ein Lächeln unterdrücken kann.

»T…tut mir leid«, stottere ich. »Ich mache das nicht so oft.«

»Lassen Sie sich Zeit, Miss Steele«, sagt er.

»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Ihre Antworten aufnehme ?«

»Das fragen Sie mich jetzt, nachdem es Sie so viel Mühe gekostet hat, den Rekorder aufzustellen?«

Lacht er mich etwa aus? Was soll ich darauf erwidern?

»Aber nein, ich habe nichts dagegen.«

»Hat Kate, ich meine Miss Kavanagh, Ihnen erklärt, wofür das Interview ist?«

»Ja. Es soll in der letzten Ausgabe der Studentenzeitung erscheinen, weil ich dieses Jahr bei der Abschlussfeier die Zeugnisse überreiche.«

Ach. Das ist mir neu. Ich soll mein Zeugnis von jemandem bekommen, der kaum älter ist als ich? – Na ja, vielleicht sechs Jahre oder so und megaerfolgreich. Erstaunlich, denke ich, runzle die Stirn und zwinge mich, mich auf das Interview zu konzentrieren.

»Gut.« Ich schlucke nervös. »Ich habe einige Fragen an Sie, Mr. Grey.«

»Das habe ich mir schon gedacht«, entgegnet er trocken.

Also macht er sich doch über mich lustig. Ich straffe die Schultern, als würde ich jeden Tag zehn solcher Interviews führen, und drücke den Aufnahmeknopf des Rekorders.

»Für ein solches Imperium sind Sie sehr jung. Worauf gründet sich Ihr Erfolg Ihrer Ansicht nach?« Ich sehe ihn an.

Er lächelt wehmütig und irgendwie enttäuscht. »Im Geschäftsleben geht es um Menschen, Miss Steele, und ich bin ein guter Menschenkenner. Ich weiß, wie sie ticken, was ihren Erfolg oder Misserfolg ausmacht, was sie antreibt und wie man sie motiviert. Ich beschäftige ein außergewöhnliches Team, das ich großzügig entlohne.« Er fixiert mich mit seinen grauen Augen. »Meiner Überzeugung nach lässt sich Erfolg auf einem bestimmten Gebiet nur erzielen, wenn man dieses Gebiet voll und ganz beherrscht, es bis ins letzte Detail erforscht. Dafür arbeite ich hart. Ich treffe Entscheidungen, die auf Logik und Fakten basieren, und besitze einen gesunden Instinkt, der gute, realistische Ideen und fähige Leute erkennt. Am Ende kommt es immer auf die fähigen Menschen an.«

»Vielleicht haben Sie einfach nur Glück.« Das steht zwar nicht auf Kates Liste, aber er provoziert mich mit seiner Arroganz.

Seine Augen blitzen erstaunt auf. »Ich verlasse mich nicht auf Glück oder Zufall, Miss Steele. Je härter ich arbeite, desto mehr Glück scheine ich zu haben. Im Endeffekt geht es nur darum, die richtigen Leute im Team zu haben und ihre Energie in die richtigen Bahnen zu lenken. Ich glaube, Harvey Firestone hat einmal gesagt: ›Die Entwicklung und das Über-sich-Hinauswachsen von Menschen sind das höchste Ziel fähiger Führung.‹«

»Hört sich an, als wären Sie ein Kontrollfreak.« Die Worte rutschen mir heraus, bevor ich es verhindern kann.

»Ich übe in der Tat in allen Bereichen des Lebens Kontrolle aus, Miss Steele«, bestätigt er ohne einen Funken von Humor in seiner Stimme und starrt mich an.

Mein Puls beschleunigt sich. Wieso bringt er mich so aus der Fassung? Liegt es an seinem unverschämt guten Aussehen? An seinem durchdringenden Blick? Oder daran, dass er mit seinem Zeigefinger andauernd seine Unterlippe nachzeichnet? Kann er damit nicht endlich aufhören?

»Außerdem erwirbt man sich große Macht, indem man seinen Traum von Kontrolle lebt«, fährt er mit sanfter Stimme fort.

»Haben Sie denn das Gefühl, große Macht zu besitzen?« Mr. Kontrollfreak.

»Miss Steele, ich beschäftige mehr als vierzigtausend Menschen. Das verleiht mir ein gewisses Gefühl der Verantwortung – und der Macht, wenn Sie so wollen. Wenn ich zu dem Schluss käme, dass mich das Telekommunikationsgeschäft nicht mehr interessiert, und ich es abstoßen würde, hätten zwanzigtausend Menschen Probleme, ihre Hypothekenzahlungen zu leisten.«

Sein Mangel an Bescheidenheit verblüfft mich. »Sind Sie denn nicht dem Vorstand und Aufsichtsrat Rechenschaft schuldig ?«, frage ich erstaunt.

»Das Unternehmen gehört mir. Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig.« Er hebt eine Augenbraue.

Natürlich wüsste ich das, wenn ich mich vorher informiert hätte. Ich wende mich einem anderen Thema zu.

»Haben Sie außer Ihrer Arbeit noch andere Interessen?«

»Eine ganze Menge, Miss Steele. Und sehr unterschiedliche.«

Abermals macht mich sein Blick nervös, denn in seinen Augen schimmert etwas Dunkles.

»Was tun Sie zum Chillen nach der Arbeit?«

»Zum Chillen?« Er lächelt. Dabei kommen ebenmäßige weiße Zähne zum Vorschein. Es verschlägt mir den Atem. Er ist wirklich unverschämt attraktiv. So gut darf kein Mensch aussehen.

»Zum ›Chillen‹, wie Sie es nennen, segle und fliege ich und genieße diverse körperliche Vergnügungen.« Er schlägt die Beine übereinander. »Ich bin ein sehr wohlhabender Mann, Miss Steele, und pflege äußerst teure Hobbys.«

Ich werfe einen Blick auf Kates Fragen, um von diesem Thema wegzukommen.

»Sie investieren in die Produktion. Warum?«, frage ich. Wieso fühle ich mich in seiner Gegenwart so unsicher?

»Ich schaffe gern Dinge. Mich interessiert, wie sie funktionieren, wie man sie zusammensetzt und auseinanderbaut. Und ich liebe Boote.«

»Das klingt eher nach dem Herzen als nach Logik und Fakten.«

Seine Mundwinkel deuten ein Lächeln an, er betrachtet mich abschätzend. »Möglich. Obwohl es Menschen gibt, die behaupten, dass ich kein Herz besitze.«

»Warum behaupten sie das?«

»Weil sie mich gut kennen.« Nun lächelt er spöttisch.

»Würden Ihre Freunde sagen, dass Sie ein offener Mensch sind?« Ich bedauere diese Frage, sobald sie heraus ist. Sie steht ebenfalls nicht auf Kates Liste.

»Ich lege Wert auf eine gesicherte Privatsphäre, Miss Steele, und gebe nicht oft Interviews.«

»Warum haben Sie sich auf dieses eingelassen?«

»Weil ich die Universität finanziell unterstütze und Miss Kavanagh nicht abwimmeln konnte. Sie hat meine PR-Leute ziemlich lange bearbeitet, und solche Hartnäckigkeit nötigt mir Bewunderung ab.«

Ich weiß, wie beharrlich Kate sein kann. Deshalb sitze ich ja hier und winde mich unter seinem durchdringenden Blick, während ich eigentlich für meine Prüfungen lernen sollte.

»Sie investieren auch in landwirtschaftliche Technologie. Warum?«

»Geld kann man nicht essen, Miss Steele, und auf diesem Planeten gibt es zu viele Menschen, die hungern.«

»Sie scheinen ja ein wahrer Menschenfreund zu sein. Ist es Ihnen tatsächlich ein Anliegen, die Armen der Welt mit Nahrung zu versorgen?«

Er zuckt mit den Achseln. »Es ist ein einträgliches Geschäft.«

Ich halte diese Antwort für unaufrichtig. Sie ergibt keinen Sinn – die Armen der Welt mit Nahrung versorgen? Ich kann den finanziellen Nutzen nicht erkennen, nur die idealistische Seite. Verwirrt werfe ich einen Blick auf meine Fragenliste.

»Haben Sie eine bestimmte Geschäftsphilosophie? Und wenn ja, wie sieht sie aus?«

»Nein, nicht im engeren Sinne, eher einen Leitsatz, der sich an Carnegie orientiert: ›Wer die Fähigkeit erwirbt, seinen eigenen Geist voll und ganz zu beherrschen, wird auch alles andere beherrschen, auf das er ein Anrecht besitzt.‹ Ich bin sehr eigen, ein Getriebener. Ich liebe Kontrolle – über mich selbst und die Menschen, die mich umgeben.«

»Dann besitzen Sie gern Dinge?« Kontrollfreak.

»Ich möchte ihrer würdig sein … Und ja, letztlich haben Sie Recht.«

»Sie klingen wie der ideale Verbraucher.«

»Der bin ich.« Ein Lächeln umspielt seine Mundwinkel, aber es erreicht seine Augen nicht.

Seine Aussage steht im Widerspruch zu seinem Wunsch, die Welt mit Nahrung zu versorgen, und ich werde den Verdacht nicht los, dass wir über etwas anderes reden, worüber, weiß ich allerdings nicht. Ich schlucke. In dem Raum ist es ziemlich warm, finde ich und sehne das Ende des Interviews herbei. Bestimmt hat Kate schon genug Material. Sicherheitshalber sehe ich mir aber die nächste Frage auf der Liste an.

»Sie wurden adoptiert. Wie sehr, glauben Sie, hat das Ihre Persönlichkeit beeinflusst?« Oje, das ist ziemlich persönlich. Hoffentlich nimmt er mir die Frage nicht übel.

Er runzelt die Stirn. »Das kann ich nicht beurteilen.«

Ach, wie interessant. »Wie alt waren Sie denn, als Sie adoptiert wurden?«

»Das können Sie auf Ämtern recherchieren, Miss Steele.« Er klingt streng.

Scheiße, ich hätte mich echt besser informieren sollen. Verlegen wende ich mich der nächsten Frage zu.

»Sie mussten das Familienleben der Arbeit opfern.«

»Das ist keine Frage.«

»Entschuldigung.« Ich rutsche unruhig hin und her, komme mir wie ein unartiges Kind vor, wage aber dennoch einen neuen Versuch. »Mussten Sie das Familienleben der Arbeit opfern?«

»Ich habe eine Familie, einen Bruder und eine Schwester und Eltern, die mich lieben. Und ich habe keinerlei Interesse, meine Familie darüber hinaus zu vergrößern.«

»Sind Sie schwul, Mr. Grey?«

Er holt deutlich hörbar Luft.

O Gott, wie peinlich! Mist. Warum habe ich die Fragen nicht vorher durchgelesen? Wie soll ich ihm das erklären? Verdammt, Kate!

»Nein, Anastasia, das bin ich nicht.« Seine Augen schimmern kühl.

»Entschuldigung. Es … äh … steht hier.« Zum ersten Mal hat er mich beim Vornamen genannt. Mein Puls rast. Nervös schiebe ich eine Haarsträhne hinters Ohr.

»Das sind nicht Ihre eigenen Fragen?«

Ich werde blass. »Äh … nein. Kate – Miss Kavanagh – hat sie zusammengestellt.«

»Sind Sie beide in der Redaktion der Studentenzeitung?« Oje. Ich habe nichts mit der Studentenzeitung zu tun. Die ist Kates Baby. Mein Gesicht glüht.

»Nein, ich lebe mit ihr in einer WG.«

Er reibt sich nachdenklich das Kinn und taxiert mich mit seinen grauen Augen. »Haben Sie sich freiwillig bereiterklärt, dieses Interview mit mir zu führen?«

Moment, wer soll hier wem Fragen stellen? Sein Blick ist so durchdringend, dass ich mich gezwungen sehe, die Wahrheit zu sagen.

»Nein, sie hat mich abkommandiert. Sie ist krank«, gestehe ich mit leiser Stimme.

»Das erklärt manches.«

Es klopft an der Tür, und Blondine Nummer drei tritt ein.

»Mr. Grey, entschuldigen Sie die Störung, aber Ihr nächster Termin beginnt in zwei Minuten.«

»Wir sind noch nicht fertig, Andrea. Bitte sagen Sie den nächsten Termin ab.«

Andrea sieht ihn mit großen Augen an. Er runzelt die Stirn. Sie wird tiefrot. Gut. Es geht also nicht bloß mir so.

»Wie Sie meinen, Mr. Grey«, murmelt sie und verschwindet.

Er wendet sich mir zu. »Wo waren wir stehen geblieben, Miss Steele?«

Aha, jetzt bin ich wieder Miss Steele.

»Bitte lassen Sie sich von mir nicht aufhalten.«

»Ich möchte mehr über Sie erfahren. Das ist, glaube ich, nur fair.« Er wirkt neugierig. Junge, Junge, wo soll das hinführen? Er stützt die Ellbogen auf die Armlehnen des Sessels und faltet die Finger vor seinem Mund. Sein Mund … verwirrt mich. Ich schlucke.

»Da gibt’s nicht viel zu erfahren.«

»Was haben Sie nach dem Abschluss vor?«

Ich zucke, verblüfft über sein Interesse, mit den Achseln. Mit Kate nach Seattle ziehen, mir einen Job suchen. Über die Zeit nach der Abschlussprüfung habe ich mir keine Gedanken gemacht.

»Ich habe noch keine genaueren Pläne, Mr. Grey. Zuerst muss ich die Abschlussprüfung bestehen.« Für die ich lernen sollte, statt in deinem protzigen, sterilen Büro zu sitzen.

»Unser Unternehmen offeriert ein ausgezeichnetes Praktikantenprogramm«, erklärt er.

Ich sehe ihn überrascht an. Ist das ein Jobangebot? »Gut zu wissen«, entgegne ich. »Allerdings glaube ich nicht, dass ich hierher passen würde.« O nein, wieso rutscht mir nur dieses ganzes Zeugs heraus?

»Warum sagen Sie das?«

»Das liegt doch auf der Hand, oder?« Ich habe zwei linke Hände, außerdem zwei linke Füße und bin alles andere als blond und gut gekleidet.

»Für mich nicht«, widerspricht er ohne die geringste Spur von Ironie.

Plötzlich ziehen sich mir bisher unbekannte Muskeln in meinem Unterleib zusammen. Ich wende den Blick von ihm ab und betrachte stattdessen meine ineinander verschlungenen Finger. Was läuft hier eigentlich ab? Ich muss hier weg – und zwar sofort. Ich beuge mich vor, um den Rekorder einzupacken.

»Soll ich Ihnen alles zeigen?«, erkundigt er sich.

»Sie haben sicher Wichtigeres zu tun, Mr. Grey, und ich habe noch eine lange Fahrt vor mir.«

»Sie wollen zurück nach Vancouver?« Er sieht überrascht, sogar ein wenig besorgt zum Fenster hinaus. Es hat zu regnen begonnen. »Seien Sie vorsichtig, fahren Sie nicht zu schnell.« Sein Tonfall ist streng, duldet keinen Widerspruch. Wieso kümmert ihn das? »Haben Sie alle Informationen, die Sie wollten?«, fragt er.

»Ja, Sir«, antworte ich und stecke den Rekorder in meinen Rucksack. »Danke für das Interview, Mr. Grey.«

»Das Vergnügen war ganz meinerseits«, sagt er, höflich wie eh und je.

Als ich aufstehe, erhebt er sich ebenfalls und streckt mir die Hand entgegen.

»Bis bald, Miss Steele.«

Das klingt wie eine Herausforderung oder Drohung. Ich runzle die Stirn. Wo sollten wir uns noch mal über den Weg laufen? Ich schüttle seine Hand und spüre wieder dieses seltsame Knistern zwischen uns. Das müssen meine Nerven sein.

»Mr. Grey.« Ich nicke ihm zu.

Mit geschmeidigen Schritten geht er zur Tür und hält sie mir auf. »Nur um sicher zu sein, dass Sie es durch die Tür schaffen, Miss Steele.« Er schenkt mir ein kleines Lächeln.

Offenbar denkt er an meinen alles andere als eleganten Auftritt, und ich kann nicht verhindern, dass ich knallrot werde.

»Danke, sehr zuvorkommend, Mr. Grey«, zische ich zurück.

Sein Lächeln wird breiter. Schön, dass du mich amüsant findest. Ich betrete das Vorzimmer und wundere mich, dass er mich begleitet. Andrea und Olivia heben ebenfalls perplex den Blick.

»Hatten Sie einen Mantel?«, erkundigt sich Grey.

»Eine Jacke.«

Olivia springt auf – das kann sie sogar ziemlich gut – und holt meine Jacke, die Grey ihr abnimmt, dann hilft er mir hinein. Einen Moment lang ruhen seine Hände auf meinen Schultern, so dass mir der Atem stockt. Falls er meine Reaktion auf seine Berührung überhaupt wahrnimmt, lässt er es sich nicht anmerken. Er betätigt den Aufzugknopf, und wir warten – ich unsicher, er kühl und selbstbeherrscht. Als die Lifttüren sich öffnen, schlüpfe ich erleichtert hinein. Endlich komme ich hier raus. Während er mich nicht aus den Augen lässt, schießt mir noch einmal durch den Kopf, wie unfassbar gut er aussieht.

»Anastasia«, sagt er zum Abschied.

»Christian«, antworte ich.

Gott sei Dank schließen sich die Türen.

ZWEI

Mein Herz klopft wie wild. Als der Lift im Erdgeschoss ankommt, haste ich stolpernd am Empfang vorbei, lande aber zum Glück nicht auf dem blitzblanken Sandsteinboden. Ich eile durch die breiten Glastüren, und kurz darauf hebe ich das Gesicht in den kühlen, erfrischenden Regen. Ich schließe die Augen und atme tief durch, um mich zu beruhigen.

Kein Mann hat je eine solche Wirkung auf mich ausgeübt wie Christian Grey, und ich begreife nicht, warum. Liegt es an seinem Aussehen? An seinen guten Manieren? Seinem Reichtum? Seiner Macht? Ich verstehe nicht, wie er mich so durcheinanderbringen konnte. Ich stoße einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus, lehne mich an eine der Stahlsäulen des Gebäudes und bemühe mich tapfer, meine Gedanken zu sammeln.

Was um Himmels willen war das?

Erst als ich wieder in der Lage bin, normal zu atmen, gehe ich zum Wagen.

Auf dem Weg aus der Stadt lasse ich die Begegnung noch einmal gedanklich Revue passieren und komme mir allmählich albern vor. Bestimmt habe ich mir alles nur eingebildet. Gut, er ist sehr attraktiv, selbstbewusst und gelassen – aber auch arrogant und trotz seiner tadellosen Manieren selbstherrlich und kühl. Jedenfalls an der Oberfläche. Unwillkürlich bekomme ich eine Gänsehaut. Er mag arrogant sein, doch mit Recht – er hat in jungen Jahren viel erreicht, und Dummheit ist ihm ein Gräuel. Erneut ärgere ich mich darüber, dass Kate mir keinen kurzen Lebenslauf mitgegeben hat.

Während der Fahrt kreisen meine Gedanken weiterhin um Mr. Grey, und ich frage mich, was jemanden dazu bringen kann, so sehr auf Erfolg aus zu sein. Einige seiner Antworten waren hintergründig – als hätte er etwas zu verbergen. Und Kates Neugierde  – puh! Die Sache mit der Adoption und die Frage, ob er schwul ist. Nicht zu fassen, dass ich die tatsächlich gestellt habe. Am liebsten wäre ich im Erdboden versunken. Daran werde ich mich bestimmt noch lange voller Scham erinnern. Verdammte Katherine Kavanagh!

Ein Blick auf den Tacho sagt mir, dass ich verhaltener fahre als sonst. Das hat mit den grauen Augen zu tun, die mich so eindringlich angesehen haben, und mit der Stimme, die mich so streng ermahnt hat, vorsichtig zu sein und nicht zu schnell zu fahren. Ich schüttle den Kopf. Christian Grey benimmt sich wie ein Mann, der doppelt so alt ist wie er.

Vergiss es, Ana, ermahne ich mich selbst. Ich komme zu dem Schluss, dass es alles in allem eine sehr interessante Erfahrung war, mit der ich mich nicht länger auseinandersetzen sollte. Hak das Kapitel ab. Zum Glück muss ich ihn nie wiedersehen. Ich schalte die Stereoanlage ein und drehe auf volle Lautstärke, lehne mich zurück und lausche wummerndem Indie-Rock, während ich das Gaspedal durchdrücke. Als ich die Interstate 5 erreiche, habe ich endlich wieder einen klaren Kopf, der mir nur eines sagt: Hey, ich kann so schnell fahren, wie ich will.

Kate und ich wohnen in einer kleinen Anlage mit zweistöckigen Apartments in der Nähe des Vancouver-Campus der Washington State. Ich kann mich glücklich schätzen – Kates Eltern haben ihr die Wohnung gekauft, und ich zahle so gut wie keine Miete, schon vier Jahre lang. Mir ist klar, dass ich Kate alles haarklein erzählen muss. Sie ist, wie Mr. Grey erwähnte, tatsächlich ziemlich beharrlich. Ich hoffe nur, dass ich ihrer für sie so typischen Inquisition auf irgendeine Art entkommen kann.

»Ana! Da bist du ja wieder.« Kate lernt im Wohnzimmer für die Abschlussprüfung. Sie trägt den pinkfarbenen Flanellpyjama mit den süßen Häschen, den sie nur anhat, wenn sie sich gerade von einem Freund getrennt hat, krank oder irgendwie niedergeschlagen ist. Sie springt auf und drückt mich.

»Ich hab mir schon Sorgen gemacht. Ich hatte dich früher zurückerwartet.«

»Angesichts dessen, dass das Interview länger gedauert hat, bin ich gut durchgekommen.« Ich halte den Rekorder hoch.

»Ana, ganz herzlichen Dank. Du hast was gut bei mir. Und wie war’s? Wie ist er?« Oje – und schon beginnt die Katherine-Kavanagh-Inquisition.

Ich versuche, eine angemessene Antwort zu finden. Was soll ich sagen?

»Ich bin froh, dass ich’s hinter mir habe und ihn nicht mehr sehen muss. Er war ziemlich einschüchternd.« Ich zucke mit den Achseln. »Er ist sehr selbstgefällig – und dabei so jung. Echt jung.«

Kate sieht mich mit unschuldigem Augenaufschlag an.

»Tu nicht so. Warum hast du mir keinen Lebenslauf mitgegeben? Ich bin mir wie der größte Idiot vorgekommen, weil ich absolut nichts über ihn wusste.«

Kate schlägt die Hand vor den Mund. »Oje, Ana, tut mir leid, das hab ich glatt vergessen.«

Ich schnaube verärgert. »Er war höflich, sachlich, ein bisschen steif und wirkt älter, als er ist. Wie alt ist er überhaupt?«

»Siebenundzwanzig. Ana, tut mir wirklich leid. Ich hätte dich vorbereiten sollen, aber ich war in Panik. Gib mir den Rekorder, dann schreibe ich das Interview ab.«

»Du siehst besser aus als heute Morgen. Hast du die Suppe gegessen?«, frage ich, um das Thema zu wechseln.

»Ja. Sie war köstlich wie immer. Und mir geht’s wirklich schon viel besser.« Sie dankt mir mit einem Lächeln.

Ich werfe einen Blick auf die Uhr. »Ich muss zu Clayton’s.«

»Aber du bist doch sicher müde.«

»Kein Problem. Bis später.«

Ich arbeite bei Clayton’s, seit ich an der WSU studiere. Clayton’s ist der größte unabhängige Baumarkt in der Gegend von Portland, und in den vier Jahren dort habe ich mir, obwohl ich keinerlei Begabung fürs Heimwerken besitze – Reparaturarbeiten überlasse ich meinem Dad –, Wissen über fast alle unsere Artikel angeeignet.

Ich bin froh, dass ich in die Arbeit muss, weil mich das von Christian Grey ablenkt. Es ist viel zu tun – wie immer zu Beginn der Sommersaison, denn alle renovieren ihre Wohnungen. Mrs. Clayton wirkt erleichtert, als sie mich sieht.

»Ana! Ich hatte schon befürchtet, dass Sie es heute nicht schaffen.«

»Der Termin hat nicht so lange gedauert, wie ich dachte. Ich kann noch ein paar Stunden hier mithelfen.«

»Sehr schön.«

Sie schickt mich ins Lager, Regale auffüllen, eine Arbeit, die mich tatsächlich von allen anderen Gedanken ablenkt.

Als ich später nach Hause komme, tippt Katherine, mit roter Nase und Kopfhörer über den Ohren, auf ihren Laptop ein. Hundemüde von der langen Fahrt, dem aufreibenden Interview und der Schicht bei Clayton’s falle ich aufs Sofa und denke an meine Seminararbeit und das Lernpensum, das ich heute nicht bewältigen konnte, weil ich bei … ihm war.

»Supermaterial, Ana. Gut gemacht. Nicht zu fassen, dass du sein Angebot, dir alles zu zeigen, ausgeschlagen hast. Offenbar wollte er mehr Zeit mit dir verbringen.« Sie sieht mich fragend an.

Ich werde rot, und mein Puls beschleunigt sich. Das war bestimmt nicht der Grund! Er wollte mich herumführen, um mir seine Macht zu demonstrieren. Ich ertappe mich dabei, wie ich auf meiner Lippe kaue. Hoffentlich merkt Kate das nicht. Zum Glück scheint sie ganz in ihre Arbeit vertieft zu sein.

»Jetzt verstehe ich, was du mit sachlich gemeint hast. Hast du dir irgendwelche Notizen gemacht?«, erkundigt sie sich.

»Äh … nein.«

»Egal. Aus dem Material kann ich trotzdem einen Bombenartikel basteln. Schade, dass wir keine Fotos haben. Er ist attraktiv, oder?«

»Ich denke schon.« Ich bemühe mich, nicht allzu interessiert zu klingen, und habe das Gefühl, dass mir das gelingt.

»Ach, Ana – nicht mal du bist immun.« Sie hebt eine perfekt gezupfte Augenbraue.

Scheiße! Da meine Wangen rot werden, versuche ich, sie mit Schmeichelei abzulenken. Das ist immer eine gute Strategie.

»Du hättest wahrscheinlich viel mehr aus ihm herausgekitzelt.«

»Das bezweifle ich. Er hat dir doch praktisch ein Jobangebot gemacht. Angesichts der Tatsache, dass ich dir das Interview im allerletzten Moment aufgehalst habe, ist es absolut prima gelaufen.«

Hastig ziehe ich mich in die Küche zurück.

»Was hältst du denn wirklich von ihm?«

O Mann, kann sie nicht lockerlassen? Warum gibt sie keine Ruhe? Denk dir was aus – schnell.

»Er ist kontrollsüchtig, arrogant, unheimlich, aber sehr charismatisch. Ich kann verstehen, warum die Leute von ihm fasziniert sind«, füge ich wahrheitsgetreu hinzu, in der Hoffnung, dass sie endlich mit der Fragerei aufhört.

»Du, fasziniert von einem Mann? Das ist ja mal ganz was Neues«, spottet sie.

Ich hole die Zutaten für ein Sandwich aus dem Kühlschrank, so dass sie mein Gesicht nicht sehen kann.

»Warum wolltest du wissen, ob er schwul ist? Die Frage war mir schrecklich peinlich, und er war sauer.«

»Zu gesellschaftlichen Anlässen kommt er immer ohne Begleitung.«

»Es war eine scheißpeinliche Situation, und ich bin heilfroh, dass ich nie wieder etwas mit ihm zu tun haben werde.«

»Ana, so schlimm kann’s doch nicht gewesen sein. Ich finde, er klingt richtig angetan von dir.«

Angetan von mir? Kate, das ist absurd!

»Möchtest du ein Sandwich?«

»Ja, gern.«

An dem Abend reden wir Gott sei Dank nicht mehr über Christian Grey. Nach dem Essen setze ich mich mit Kate an den Tisch, und während sie an ihrem Artikel schreibt, wende ich mich meiner Seminararbeit über Thomas Hardys Tess von den d ’Urbervilles zu. Verdammt, die Frau hat am falschen Ort, zur falschen Zeit und im falschen Jahrhundert gelebt. Als ich fertig bin, ist es Mitternacht und Kate längst im Bett. Erschöpft schleppe ich mich in mein Zimmer, bin jedoch froh, dass ich an diesem Tag so viel geschafft habe.

Ich rolle mich in meinem Bett mit dem weißen Metallgestell zusammen, schlinge den Quilt meiner Mutter um meinen Körper und schlafe sofort ein, träume jedoch von düsteren Orten, weißen Böden und grauen Augen.

Den Rest der Woche lerne ich für die Prüfung und arbeite bei Clayton’s. Auch Kate hat viel zu tun. Sie stellt die letzte Ausgabe der Studentenzeitung zusammen, bevor sie sie der neuen Herausgeberin übergibt, und büffelt ebenfalls für die Abschlussprüfung. Am Mittwoch fühlt sie sich deutlich besser, und ich muss nicht länger den Anblick des pinkfarbenen Flanellpyjamas mit den Häschen ertragen.

Als ich mich bei meiner Mutter in Georgia melde, um mich zu erkundigen, wie es ihr geht, erzählt sie mir von ihrem neuesten Projekt, dem Kerzenziehen – Mom versucht sich ständig an neuen Geschäftsideen. Im Grunde langweilt sie sich und sie ist stets auf der Suche nach etwas, mit dem sie sich die Zeit vertreiben kann, aber leider besitzt sie die Konzentrationsfähigkeit eines Goldfischs. Nächste Woche hat sie sich garantiert schon dem nächsten Projekt zugewendet.Trotzdem mache ich mir ihretwegen Sorgen. Hoffentlich hat sie zur Finanzierung der Kerzensache nicht das Haus beliehen. Und hoffentlich hat Bob – ihr vierter, noch relativ neuer, jedoch älterer Ehemann – ein Auge auf sie, nicht so wie Ehemann Nummer drei.

»Wie läuft’s bei dir, Ana?«

Als ich zögere, sehe ich förmlich vor mir, wie Mom die Ohren spitzt.

»Gut, danke.«

»Ana? Hast du jemanden kennen gelernt?«

Wow – wie macht sie das? Die Erregung in ihrer Stimme ist fast mit Händen zu greifen.

»Nein, Mom. Du wärst die Erste, die’s erfahren würde.«

»Ana, Schätzchen, du musst mehr ausgehen. Ich mache mir Sorgen um dich.«

»Mom, bei mir ist wirklich alles in Ordnung. Wie geht’s Bob?« Ablenkung ist wie immer die beste Strategie.

Später am Abend rufe ich Ray, meinen Stiefvater, an, Moms Ehemann Nummer zwei, den ich als meinen Vater erachte und dessen Namen ich trage. Das Gespräch dauert nicht lange. Letztlich handelt es sich weniger um ein Gespräch als um eine Reihe von Grunzern seinerseits auf vorsichtige Fragen meinerseits. Ray ist grundsätzlich maulfaul. Er schaut gern Fußball im Fernsehen, geht Kegeln oder Fliegenfischen und schreinert Möbel, worin er sehr geschickt ist. Von ihm wusste ich schon vor Clayton’s, was ein Fuchsschwanz ist. Bei ihm scheint alles in bester Ordnung zu sein.

Am Freitag, gerade als Kate und ich darüber diskutieren, was wir mit dem Rest des Abends anfangen sollen, klingelt es an der Tür. Es ist José mit einer Flasche Champagner.

»José! Schön, dich zu sehen!« Ich umarme ihn zur Begrüßung. »Komm rein.«

José war der Erste, den ich an der Washington State kennen lernte; er irrte genauso einsam und verloren herum wie ich. Wir erkannten einander sofort als Seelenverwandte und sind seitdem befreundet. Wir lachen nicht nur über dieselben Dinge, sondern haben außerdem festgestellt, dass Ray und José Senior in derselben Einheit der Armee waren. Deshalb sind unsere Väter ebenfalls gute Freunde geworden.

José, ein kluger Kopf, studiert Maschinenbau und ist bisher der Einzige in seiner Familie, der es auf die Uni geschafft hat. Seine wahre Leidenschaft gilt jedoch der Fotografie. Er hat den richtigen Blick dafür.

»Ich habe Neuigkeiten.« Er grinst, seine dunklen Augen funkeln.

»Lass mich raten – du hast’s geschafft, wieder eine Woche nicht rausgeschmissen zu werden«, necke ich ihn.

Er reagiert gespielt schockiert. »Nächsten Monat werden meine Fotos in der Portland Place Gallery ausgestellt.«

»Toll – Gratuliere!« In meiner Freude umarme ich ihn ein zweites Mal.

Kate strahlt. »Super, José! Das muss in die Zeitung. Es geht doch nichts über neue Artikel in allerletzter Minute.« Sie tut so, als wäre sie ihm böse.

»Lasst uns feiern. Du musst zur Ausstellungseröffnung kommen.« José sieht mir tief in die Augen. »Ihr seid natürlich beide eingeladen«, fügt er mit einem unsicheren Blick in Richtung Kate hinzu.

José und ich sind gute Freunde, doch ich ahne, dass er mehr möchte. Er ist witzig und irgendwie süß, aber nicht der Richtige für mich. Ich sehe in ihm eher den Bruder, den ich nie hatte. Kate zieht mich oft auf, dass mir das Ich-brauche-unbedingteinen-Freund-Gen fehlt, doch in Wahrheit ist mir einfach noch keiner begegnet, bei dem ich weiche Knie und Schmetterlinge im Bauch kriege.

Manchmal frage ich mich, ob mit mir etwas nicht stimmt. Vielleicht verbringe ich zu viel Zeit mit den romantischen Helden in meinen Büchern und stecke meine Erwartungen zu hoch.

Bis vor Kurzem, flüstert die Stimme meines Unterbewusstseins. NEIN! Sofort schiebe ich den Gedanken beiseite. Nach dem katastrophalen Interview will ich mich damit nicht mehr befassen. Sind Sie schwul, Mr. Grey? Bei der Erinnerung daran verziehe ich das Gesicht. Mir ist bewusst, dass ich seit der Begegnung mit ihm fast jede Nacht von ihm geträumt habe – vermutlich, um diese schreckliche Erfahrung zu bewältigen.

José öffnet die Flasche Champagner. Er ist groß, und unter seiner Jeans und dem T-Shirt zeichnen sich seine Muskeln und breite Schultern ab. Er hat sonnengebräunte Haut, dunkle Haare und Glutaugen. Ja, José ist ziemlich heiß. Vielleicht begreift er ja allmählich, dass wir nur Freunde sind. Der Korken knallt, und José strahlt übers ganze Gesicht.

Der Samstag im Baumarkt ist der Horror. Er wird von Heimwerkern gestürmt, die ihre Häuser auf Vordermann bringen wollen. Mr. und Mrs. Clayton, John und Patrick – die beiden anderen Teilzeitkräfte – und ich werden von Kunden belagert. Als es mittags etwas ruhiger wird, bittet Mrs. Clayton mich, die Bestellungen zu überprüfen, also verschwinde ich hinter die Ladentheke neben der Kasse. Während ich die Katalognummern mit den Produkten, die wir bestellt haben oder brauchen, vergleiche, gönne ich mir einen Bagel. Mein Blick huscht zwischen dem Bestellbuch und dem Bildschirm des Computers hin und her. Irgendwann hebe ich den Kopf … und sehe in die grauen Augen von Christian Grey, der mich beobachtet.

Vor Schreck bleibt mir fast das Herz stehen.

»Miss Steele, was für eine angenehme Überraschung.«

Was zum Teufel macht der denn hier? Mit seinen zerzausten Haaren, dem cremefarbenen Pullover, der Jeans und den bequemen Schuhen wirkt er, als wollte er Wandern gehen.

Ich starre ihn mit offenem Mund an, kann keinen einzigen vernünftigen Gedanken fassen.

»Mr. Grey«, presse ich schließlich hervor.

Ein Lächeln spielt um seine Lippen, und seine Augen funkeln belustigt. »Ich war gerade in der Gegend«, erklärt er. »Ich brauche ein paar Dinge. Freut mich, Sie wiederzusehen, Miss Steele.« Seine Stimme klingt warm und verführerisch wie dunkler Schokoladenkaramell.

Mein Herz schlägt rasend schnell, und unter seinem durchdringenden Blick werde ich wieder einmal tiefrot. Er bringt mich völlig aus der Fassung. Das Bild, das ich von ihm hatte, wurde ihm nicht gerecht. Er ist nicht nur attraktiv, sondern der Inbegriff männlicher Schönheit, und er steht hier vor mir. In Clayton’s Baumarkt. Wie das?

»Ana«, murmle ich. »Mein Name ist Ana. Womit kann ich Ihnen dienen, Mr. Grey?«

Er lächelt amüsiert. Das verunsichert mich. Ich hole tief Luft und setze meine Profimiene auf, die sagt: Ich arbeite seit Jahren in diesem Laden. Ich bin kompetent.

»Ich brauche einige Dinge, zum Beispiel Kabelbinder.«

Kabelbinder?

»Wir führen unterschiedliche Längen. Darf ich sie Ihnen zeigen?«, frage ich mit zitternder Stimme. Reiß dich zusammen, Steele.

Grey runzelt die Stirn. »Gern, Miss Steele.«

Während ich hinter der Theke hervortrete, versuche ich, den Anschein von Lässigkeit zu erwecken, obwohl ich mich mächtig darauf konzentrieren muss, nicht über die eigenen Füße zu stolpern – plötzlich sind meine Beine wacklig. Zum Glück trage ich meine beste Jeans.

»Gang acht, bei den Elektroartikeln«, verkünde ich ein wenig zu fröhlich. Ich sehe Grey an und bedaure es sofort. Gott, ist der Mann schön!

»Nach Ihnen.« Er signalisiert mir mit seiner langfingrigen, manikürten Hand, dass er mir den Vortritt lässt.

Was macht er in Portland? Warum ist er hier bei Clayton’s? Aus einem kleinen, selten benutzten Teil meines Gehirns – wahrscheinlich irgendwo am unteren Ende der Medulla oblangata, ganz in der Nähe meines Unterbewusstseins – steigt der Gedanke hoch: Er ist da, um dich zu sehen. Vergiss es! Warum sollte dieser attraktive, mächtige, weltläufige Mann mich sehen wollen? Absurd!

»Sind Sie geschäftlich in Portland?«, frage ich. Meine Stimme klingt zu hoch, als hätte ich mir den Finger in der Tür eingeklemmt. Versuch, cool zu sein, Ana!

»Ich habe gerade die landwirtschaftliche Abteilung der Washington State in Vancouver besucht, weil ich deren Forschungsarbeit über Bodenbeschaffenheit und wechselnde Bewirtschaftung von Feldern finanziell unterstütze«, erklärt er sachlich.

Siehst du? Er ist nicht deinetwegen da, spottet mein Unterbewusstsein, ziemlich laut und schadenfroh.

»Gehört das auch zu Ihrem Welternährungsprogramm?«, erkundige ich mich.

»So ähnlich.« Seine Lippen verziehen sich zu einem leichten Lächeln.

Er betrachtet die Auswahl an Kabelbindern, die Clayton’s zu bieten hat. Was will er bloß mit denen? Ich kann ihn mir nicht als Heimwerker vorstellen. Seine Finger gleiten über die Packungen, er bückt sich und wählt eine aus.

»Die da«, sagt er.

»Brauchen Sie sonst noch etwas?«

»Ja, Kreppband.«

Kreppband?

»Wollen Sie malern?«, platze ich heraus. Bestimmt erledigen das Handwerker für ihn.

»Nein, das will ich nicht«, antwortet er mit einem süffisanten Grinsen.

Ich habe das bittere Gefühl, dass er sich über mich lustig macht. Findet er mich komisch? Oder sehe ich irgendwie merkwürdig aus?

»Hier entlang«, nuschle ich verlegen. »Das Kreppband ist bei den Malersachen.«

»Arbeiten Sie schon lange hier?«, will er wissen.

Wieder werde ich rot. Warum, verdammt, übt er eine solche Wirkung auf mich aus? Ich komme mir wie eine Vierzehnjährige vor – linkisch wie immer und fehl am Platz. Augen geradeaus, Steele!

»Seit vier Jahren«, murmle ich, als wir unser Ziel erreichen und ich zwei Rollen mit unterschiedlich breitem Kreppband aus dem Regal hole.

»Das da«, sagt Grey und deutet auf das breitere.

Ich reiche es ihm. Dabei berühren sich unsere Finger kurz – wieder dieses Knistern. Ich schnappe nach Luft, als ich spüre, wie sich alles in meinem Bauch zusammenzieht. Verzweifelt versuche ich, meine Fassung wiederzuerlangen.

»Darf es sonst noch etwas sein?«, hauche ich.

Seine Pupillen weiten sich ein wenig. »Ein Seil, denke ich.« Seine Stimme klingt genauso kehlig wie meine.

»Hier entlang.« Ich gehe mit gesenktem Kopf voran. »Was genau haben Sie sich vorgestellt? Wir haben Seile aus synthetischen und aus natürlichen Fasern … Taue … Kordeln …« Ich verstumme, als ich merke, wie seine Augen dunkler werden. Hilfe!

»Fünf Meter von dem Naturfaserseil, bitte.«

Mit zitternden Fingern messe ich fünf Meter ab. Dabei wage ich nicht, ihn anzusehen. Herrgott, sehr viel nervöser könnte ich nicht sein. Ich ziehe mein Teppichmesser aus der Gesäßtasche meiner Jeans, schneide das Seil ab, rolle es auf und verschlinge es zu einem Schlippstek. Wie durch ein Wunder gelingt es mir, mir dabei nicht in den Finger zu schneiden.

»Waren Sie mal bei den Pfadfindern?«, fragt er, die sinnlichen Lippen belustigt verzogen.

Schau nicht auf seinen Mund!

»Organisierte Gruppenaktivitäten sind nicht so mein Ding, Mr. Grey.«

Er hebt eine Augenbraue. »Was ist denn dann Ihr Ding, Anastasia?« Wieder dieses geheimnisvolle Lächeln.

Ich sehe ihn mit großen Augen an, unfähig, etwas Vernünftiges zu antworten. Ich habe das Gefühl, die Erde tut sich vor mir auf. Ganz ruhig, Ana, fleht mein gequältes Unterbewusstsein mich an.

»Bücher«, flüstere ich, doch mein Unterbewusstsein kreischt: Dich will ich! Ich bringe es zum Schweigen, entsetzt darüber, dass es zu solcher Vehemenz fähig ist.

»Was für Bücher?« Er legt den Kopf ein wenig schief.

Warum interessiert ihn das?

»Ach, das Übliche. Klassiker. Hauptsächlich britische Literatur.«

Er streicht nachdenklich mit Zeigefinger und Daumen über sein Kinn. Vielleicht ist ihm langweilig, und er versucht, das zu überspielen.

»Benötigen Sie sonst noch etwas?« Ich muss das Thema wechseln – die Finger an seinem Kinn sind zu verführerisch.

»Ich weiß es nicht. Könnten Sie mir denn noch etwas empfehlen ?«

Empfehlen? Ich weiß ja nicht mal, was du mit dem Zeug vorhast!

»Hier von den Werkzeugen?«

Er nickt. Wieder dieser belustigte Ausdruck in seinen Augen.

Mein Blick wandert zu seiner engen Jeans. »Einen Overall«, antworte ich, ohne nachzudenken.

Er hebt fragend eine Augenbraue.

»Sie wollen sich sicher nicht die Kleidung ruinieren.« Ich mache eine vage Geste in Richtung seiner Jeans.

»Die könnte ich ausziehen.« Er grinst spöttisch. »Hm.« Wieder schießt mir die Röte ins Gesicht. Wahrscheinlich leuchte ich wie das Kommunistische Manifest. Halt den Mund. AUF DER STELLE.

»Okay, einen Overall. Schließlich will ich mir nicht die Kleidung ruinieren«, wiederholt er trocken.

Ich versuche, mir nicht vorzustellen, wie er ohne Jeans aussieht.

»Brauchen Sie sonst noch etwas?«, krächze ich, als ich ihm den blauen Overall reiche.

Ohne auf meine Frage einzugehen, erkundigt er sich: »Wie kommen Sie mit dem Artikel voran?«

Endlich etwas Klares ohne Andeutungen und verwirrende Doppeldeutigkeiten … eine Frage, die ich beantworten kann. Ich klammere mich mit beiden Händen daran fest wie an einem Rettungsring und entscheide mich für Aufrichtigkeit.

»Den verfasse nicht ich, sondern Katherine, Miss Kavanagh, meine Mitbewohnerin. Sie schreibt gern und ist die Herausgeberin der Studentenzeitung. Sie war ganz geknickt, dass sie das Interview nicht selbst führen konnte.« Ich habe das Gefühl, wieder frei atmen zu können – endlich ein normales Gesprächsthema. »Sie findet es nur schade, dass sie keine Fotos von Ihnen hat.«

»Was für Fotos hätte sie denn gern?«

Mit dieser Antwort hatte ich nicht gerechnet. Ich zucke mit den Achseln, weil ich es nicht weiß.

»Ich bleibe fürs Erste in der Gegend. Vielleicht morgen …«

»Sie wären zu einem Fotoshooting bereit?« Kate wäre im siebten Himmel, wenn ich das hinkriege, flüstert dieser dunkle Ort in meinem Gehirn. Mein Gott, wie albern …

»Kate würde sich freuen – vorausgesetzt, wir treiben so schnell einen Fotografen auf.«

Sein Mund öffnet sich, als wollte er tief Luft holen, und er blinzelt. Den Bruchteil einer Sekunde wirkt er irgendwie verloren.

Wow, Christian Grey kann auch verloren aussehen! Wer hätte das gedacht?

»Lassen Sie es mich wissen, ob es morgen klappt.« Er zieht seine Brieftasche hervor. »Meine Visitenkarte mit meiner Handynummer. Sie müssen vor zehn Uhr morgens anrufen.«

»Okay.« Kate wird aus dem Häuschen sein.

»Ana!«

Am anderen Ende des Gangs taucht Paul auf, Mr. Claytons jüngster Bruder. Ich hatte zwar schon gehört, dass er von Princeton auf einen Besuch nach Hause kommen würde, ihn aber nicht heute erwartet.

»Entschuldigen Sie mich bitte einen Augenblick, Mr. Grey.«

Er runzelt die Stirn, als ich mich von ihm abwende.

Paul ist ein Kumpeltyp. In diesem merkwürdigen Augenblick mit dem reichen, mächtigen, hyperattraktiven Kontrollfreak Grey finde ich es wunderbar, mit einem normalen Menschen wie ihm sprechen zu können. Paul umarmt mich zur Begrüßung.

»Ana, hallo, schön, dich zu sehen!«

»Hi, Paul, wie geht’s? Bist du zum Geburtstag deines Bruders da?«

»Ja. Du siehst gut aus, Ana, wirklich gut.« Er mustert mich lächelnd und legt einen Arm um meine Schulter.

Verlegen trete ich von einem Fuß auf den anderen, denn Paul ist wie immer einen Tick zu vertraulich.

Christian Grey beobachtet uns mit zusammengepressten Lippen. Mit einem Mal ist aus dem seltsam aufmerksamen Kunden ein kühler, distanzierter Mann geworden.

»Paul, ich habe gerade einen Kunden, den ich dir vorstellen möchte«, sage ich, um der Feindseligkeit, die ich in Greys Blick erkenne, entgegenzuwirken. Ich schleife Paul zu ihm, und sie taxieren sich gegenseitig. Plötzlich ist die Atmosphäre arktisch.

»Paul, das ist Christian Grey. Mr. Grey, das ist Paul Clayton. Seinem Bruder gehört der Baumarkt.« Aus mir unerklärlichen Gründen habe ich das Gefühl, weitere Erklärungen abgeben zu müssen. »Obwohl ich Paul kenne, seit ich hier arbeite, sehen wir uns nicht oft. Er studiert in Princeton Business Administration.« Ich gerate ins Plappern … Halt die Klappe!

»Mr. Clayton.« Grey streckt ihm mit undurchdringlicher Miene die Hand hin.

»Mr. Grey.« Paul erwidert seinen Händedruck. »Moment – doch nicht der Christian Grey von Grey Enterprises Holdings?« , fragt Paul zutiefst beeindruckt. Grey bedenkt ihn mit einem Lächeln, das seine Augen nicht erreicht. »Wow – kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?«

»Danke, Anastasia ist sehr aufmerksam, Mr. Clayton.« Er wirkt ruhig, doch seine Worte … Ich habe den Eindruck, dass sie etwas vollkommen anderes bedeuten – wie verwirrend.

»Okay«, antwortet Paul. »Bis später, Ana.«

»Ja, Paul.« Ich sehe ihm nach, wie er ins Lager verschwindet. »Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Mr. Grey?«

»Danke, das wäre alles.« Er klingt kühl.

Mist … habe ich etwas falsch gemacht? Ich hole tief Luft, drehe mich um und gehe zur Kasse. Was hat der Mann bloß für ein Problem?

Ich gebe die Preise für das Seil, den Overall, das Kreppband und die Kabelbinder in die Kasse ein.

»Macht dreiundvierzig Dollar.« Ich sehe direkt in Greys Augen und bereue es sofort, denn er beobachtet mich mit einem Adlerblick, der mich völlig aus der Fassung bringt.

»Wollen Sie eine Tüte?«, frage ich, als ich seine Kreditkarte entgegennehme.

»Ja, bitte, Anastasia.« Seine Zunge liebkost meinen Namen, und mein Herzschlag setzt einen Moment aus. Ich bekomme fast keine Luft mehr. Hastig verstaue ich seine Sachen in einer Plastiktüte.

»Sie rufen mich an, wenn Sie über den Fototermin Bescheid wissen?« Nun ist er wieder ganz Geschäftsmann.

Ich nicke und gebe ihm seine Kreditkarte zurück.

»Gut. Vielleicht bis morgen.« Er wendet sich zum Gehen und hält inne. »Ach, und Ana: Ich bin froh, dass Miss Kavanagh das Interview nicht führen konnte.«

Mit energischen Schritten verlässt er den Laden, und ich bleibe als zitterndes Häuflein weiblicher Hormone zurück. Mehrere Minuten starre ich wie benommen auf die geschlossene Tür, durch die er soeben gegangen ist, bevor ich auf die Erde zurückkehre.

Na gut, ich mag ihn. Es hat keinen Sinn, mir noch länger etwas vorzumachen. Und ja, ich finde ihn attraktiv, sehr attraktiv. Doch das Ganze ist aussichtslos, das weiß ich, und ich seufze in bittersüßer Verzweiflung. Es war reiner Zufall, dass er hier aufgetaucht ist. Aber okay, dann werde ich ihn eben aus der Ferne anhimmeln. Das ist ungefährlich. Und falls ich einen Fotografen auftreibe, kann ich ihn morgen weiter anhimmeln. Ich grinse wie eine verliebte Vierzehnjährige, dann ermahne ich mich, Kate anzurufen, um mit ihr einen Fototermin zu organisieren.

DREI

Kate ist völlig aus dem Häuschen.

»Was wollte er bei Clayton’s?«, fragt sie.

Ich telefoniere vom Lagerraum aus mit ihr und versuche, so lässig wie möglich zu klingen. »Er war gerade in der Gegend.«

»Das ist aber ein ziemlich großer Zufall, Ana. Meinst du nicht, dass er da war, weil er dich wiedersehen wollte?«

Mein Herz macht bei dem Gedanken einen Sprung, doch die Freude währt nur kurz, weil ich weiß, was Sache ist.

»Er war wegen der WSU hier. Er unterstützt die landwirtschaftliche Forschungsabteilung«, erkläre ich.

»Stimmt. Er hat der Fakultät 2,5 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt.«

Wow.

»Woher weißt du das?«

»Ana, ich bin Journalistin und habe ein Feature über den Typ geschrieben. Es ist meine Aufgabe, so etwas zu wissen.«

»Okay, okay, Miss Pulitzer-Preisträgerin in spe, reg dich ab. Willst du nun Fotos von ihm?«

»Klar. Aber wer macht sie und wo?«

»Wir könnten ihn fragen, wo. Er hat gesagt, er würde in der Gegend bleiben.«

»Kannst du ihn denn erreichen?«

»Ich habe seine Handynummer.«

Kate schnappt nach Luft. »Der reichste, unnahbarste und mysteriöseste Junggeselle von Washington State hat dir so einfach mal eben seine Handynummer gegeben?«

»Äh … ja.«

»Ana! Er mag dich. Das liegt auf der Hand.«

»Kate, er ist eben nett.« Ich weiß, dass das nicht stimmt – Christian Grey ist nicht nett. Höflich, ja. Eine leise Stimme in meinem Innern flüstert: Vielleicht hat Kate Recht. Ich bekomme eine Gänsehaut bei dem Gedanken, dass er möglicherweise doch etwas an mir findet. Immerhin hat er gesagt, er sei froh, dass nicht Kate das Interview geführt habe. Kate reißt mich aus meinen Gedanken.

»Keine Ahnung, wer das Fotografieren übernehmen soll. Levi, der das sonst macht, ist übers Wochenende daheim in Idaho Falls. Der beißt sich sicher in den Hintern, wenn er hört, dass er einen der führenden Unternehmer von Amerika hätte ablichten können.«

»Hm … Was ist mit José?«

»Superidee! Frag ihn – für dich tut er alles. Und ruf Grey an und finde heraus, wo wir hinkommen sollen.« Kates Unbekümmertheit im Hinblick auf José ärgert mich.

»Ruf lieber du ihn an.«

»Wen, José?«, spottet Kate.

»Nein, Grey.«

»Ana, du hast doch die Beziehung zu ihm.«

»Beziehung?«, quäke ich mehrere Oktaven zu hoch. »Ich kenne den Mann kaum.«

»Immerhin hast du schon persönlich mit ihm gesprochen«, erwidert sie mit Verbitterung in der Stimme. »Und es sieht ganz so aus, als wollte er dich besser kennen lernen. Ana, ruf ihn an«, zischt sie und legt auf.

Was für eine Tyrannin! Ich strecke meinem Handy die Zunge heraus.

Gerade als ich José auf den Anrufbeantworter spreche, betritt Paul auf der Suche nach Schmirgelpapier das Lager.

»Draußen ist ziemlich viel los, Ana«, stellt er fest.

»Ja, tut mir leid«, sage ich und gehe zur Tür.

»Woher kennst du Christian Grey?«, erkundigt er sich ein wenig zu beiläufig.

»Ich musste ihn für unsere Studentenzeitung interviewen. Kate war krank.« Ich zucke mit den Achseln, als wäre das die normalste Sache der Welt, stelle mich jedoch genauso dumm an wie er.

»Christian Grey bei Clayton’s. Ist das zu fassen?« Paul schüttelt verwundert den Kopf. »Egal. Hast du Lust auf einen Drink heute Abend?«

Jedes Mal, wenn er hier ist, will er mit mir ausgehen, und jedes Mal handelt er sich einen Korb ein. Das ist fast schon ein Ritual zwischen uns. Ich halte es für keine gute Idee, etwas mit dem Bruder des Chefs anzufangen. Außerdem ist Paul ein süßer, typisch amerikanischer Junge von nebenan, kann aber meinen Romanhelden nicht das Wasser reichen. Kann Grey das?, fragt mein Unterbewusstsein mich. Ich bringe es zum Schweigen.

»Findet da nicht ein Familienessen oder so was für deinen Bruder statt?«

»Das ist morgen.«

»Vielleicht ein anderes Mal, Paul. Heute Abend muss ich lernen. Nächste Woche sind die Prüfungen.«

»Ana, eines Tages wirst du schon noch Ja sagen.« Er schmunzelt, als ich in den Verkaufsraum entschwinde.

»Ich fotografiere Orte, nicht Menschen, Ana«, stöhnt José.

»José, bitte«, bettle ich. Ich laufe im Wohnzimmer unseres Apartments auf und ab, das Handy in der Hand, den Blick durch das Fenster auf den abendlichen Himmel gerichtet.

»Gib mir das Telefon.« Kate reißt es mir aus den Händen und wirft ihre rotblonde Mähne über die Schulter zurück.

»Hör zu, José Rodriguez, wenn du möchtest, dass unsere Zeitung über deine Vernissage berichtet, machst du morgen das Fotoshooting für uns, kapiert?«

Die harte Kate, wie sie leibt und lebt. »Gut. Ana ruft dich noch mal an, wann und wo. Wir sehen uns morgen.« Ohne ein weiteres Wort beendet sie das Gespräch.

»Gebongt. Jetzt müssen wir den Treffpunkt und die Uhrzeit ausmachen. Ruf ihn an.« Sie reicht mir das Handy. Mir zieht sich der Magen zusammen. »Ruf Grey an, und zwar ein bisschen plötzlich!«

Mit finsterem Gesicht hole ich seine Visitenkarte aus meiner Tasche hervor und wähle seine Nummer.

Er antwortet nach dem zweiten Klingeln. »Grey.«

»Äh … Mr. Grey? Anastasia Steele.« Ich bin so nervös, dass mir meine eigene Stimme fremd vorkommt.

Kurzes Schweigen.

»Miss Steele. Wie schön, von Ihnen zu hören.« Er klingt überrascht und irgendwie … verführerisch.

Mir verschlägt es den Atem. Plötzlich wird mir bewusst, dass Kate mich mit offenem Mund anstarrt, und ich haste in die Küche, um ihrem Blick zu entfliehen.

»Ähm … Wir würden gern das Fotoshooting für den Artikel machen.« Atme, Ana, atme. »Morgen, wenn’s Ihnen recht ist. Wo würde es Ihnen passen, Sir?«

Ich kann mir sein Sphinxlächeln vorstellen.

»Ich bin im Heathman in Portland. Halb zehn morgen früh?«

»Okay, wir … äh … kommen hin«, stammle ich wie ein Kind, nicht wie eine erwachsene Frau.

»Ich freue mich darauf, Miss Steele.«

Wie können so wenige Worte nur so verlockend klingen? Ich beende das Gespräch, und Kate kommt in die Küche gerannt.

»Anastasia Rose Steele. Er gefällt dir! So kenne ich dich überhaupt nicht. Du bist ja knallrot.«

»Kate, du weißt, dass ich andauernd rot werde«, herrsche ich sie an. Sie blinzelt überrascht – ich neige normalerweise nicht zu lauten Worten –, und schon werde ich wieder etwas versöhnlicher. »Er schüchtert mich irgendwie ein.«

»Das Heathman, hm? Wie passend«, sagt Kate nur. »Ich rufe den Geschäftsführer an und vereinbare mit ihm einen Ort für das Fotoshooting.«

»Ich koche uns was. Und hinterher muss ich lernen.« Nur schwer kann ich meinen Ärger auf Kate im Zaum halten.

In der Nacht wälze ich mich im Bett herum und träume von rauchgrauen Augen, Overalls, langen Beinen, langen Fingern und dunklen, unerforschten Orten. Ich schrecke zweimal hoch. Verdammt, morgen sehe ich bestimmt toll aus, so übernächtigt, wie ich bin, schießt es mir durch den Kopf. Ich boxe in mein Kissen und versuche, wieder einzuschlafen.

Das Heathman liegt im Stadtzentrum von Portland. Das eindrucksvolle rötlichbraune Sandsteingebäude wurde knapp vor dem großen Crash Ende der Zwanzigerjahre fertig gestellt. José, Travis und ich fahren in meinem VW-Käfer und Kate mit ihrem Mercedes CLK, weil wir nicht alle in meinen Wagen passen. Travis ist Josés Freund und soll ihm bei der Ausleuchtung helfen. Kate ist es gelungen, für eine Erwähnung im Artikel die Gratisnutzung eines Raums im Heathman für den ganzen Morgen herauszuhandeln. Als sie an der Rezeption erklärt, dass wir da sind, um Christian Grey zu fotografieren, bekommen wir sogar eine Suite zugeteilt. Eine von normaler Größe, weil Mr. Grey die größte im Haus bewohnt. Ein junger, nervöser Marketingmensch führt uns hinauf zu der Suite. Kates Schönheit und bestimmte Art entwaffnen ihn; er ist Wachs in ihren Händen.

Es ist erst neun Uhr, so dass wir noch eine halbe Stunde haben, um alles aufzubauen. Kate ist ganz in ihrem Element.

»José, ich glaube, wir machen die Fotos vor dieser Wand, was meinst du?« Sie wartet nicht auf seine Antwort. »Travis, rück die Stühle weg. Ana, könntest du unten anrufen und sie bitten, was zu trinken raufzubringen? Und Grey zu sagen, wo wir sind?«

Ja, o Herrin. Ich verdrehe die Augen.

Eine halbe Stunde später betritt Christian Grey unsere Suite. Er trägt ein weißes Hemd mit offenem Kragen und eine graue Flanellhose. Seine widerspenstigen Haare sind feucht vom Duschen. Ich bekomme einen trockenen Mund, als ich ihn sehe … Gott, ist er sexy. Hinter Grey kommt ein Mann Mitte dreißig mit kurz geschorenen Haaren und Dreitagebart, schickem Anzug und Krawatte herein, stellt sich wortlos in die Ecke und beobachtet uns mit ausdrucksloser Miene.

»Miss Steele, so sieht man sich wieder.« Grey streckt mir die Hand entgegen, und ich ergreife sie blinzelnd. Als ich sie berühre, spüre ich abermals dieses köstliche Knistern, das mich erröten lässt und mir die Luft raubt.

»Mr. Grey, das ist Katherine Kavanagh.« Ich mache eine Geste in Richtung Kate, die sich zu uns gesellt und ihm direkt in die Augen sieht.

»Die beharrliche Miss Kavanagh. Wie geht es Ihnen?« Er schenkt ihr ein kleines, belustigtes Lächeln. »Sie scheinen wieder gesund zu sein. Anastasia hat erzählt, dass Sie sich letzte Woche nicht wohlfühlten.«

»Danke der Nachfrage, Mr. Grey, mir geht es gut.« Sie schüttelt ihm fest die Hand, ohne mit der Wimper zu zucken. Kate hat die besten Privatschulen Washingtons besucht. Ihre Familie hat Geld, und sie ist selbstbewusst und im sicheren Wissen um ihre gesellschaftliche Position aufgewachsen. Sie lässt sich nicht so leicht ins Bockshorn jagen, und dafür bewundere ich sie.

»Danke, dass Sie sich die Zeit für das Fotoshooting nehmen.« Sie schenkt ihm ein höfliches, professionelles Lächeln.

»Es ist mir ein Vergnügen«, versichert er ihr und sieht mich an.

Erneut werde ich rot. Verdammt.

»Das ist José Rodriguez, unser Fotograf«, erklärt Kate und grinst José an, der mich liebevoll anlächelt. Sein Blick kühlt deutlich ab, als er von mir zu Grey wandert.

»Mr. Grey.« Er nickt.

»Mr. Rodriguez.« Auch Greys Miene verändert sich, als er José taxiert.

»Wo soll ich mich hinstellen?«, fragt Grey ihn. Sein Tonfall hat etwas leicht Bedrohliches, doch Katherine will José nicht die Show überlassen.

»Mr. Grey – würden Sie sich bitte hier hinsetzen? Vorsicht, Kabel. Und anschließend hätte ich gern ein paar Aufnahmen im Stehen.« Sie dirigiert ihn zu einem Stuhl an der Wand.

Travis schaltet das Licht ein, blendet Grey damit und nuschelt eine Entschuldigung. Dann treten Travis und ich einen Schritt zurück und sehen zu, wie José zu fotografieren beginnt. Er macht einige Aufnahmen, während er Grey bittet, sich hierhin, dann dorthin zu wenden, den Arm zu heben und wieder zu senken. Später verwendet er das Stativ. Grey sitzt ihm zwanzig Minuten lang geduldig und ganz natürlich Modell. Mein Wunsch ist in Erfüllung gegangen: Ich darf Grey anhimmeln, sogar aus ziemlicher Nähe, nicht nur aus der Ferne. Zweimal treffen sich unsere Blicke, und es fällt mir schwer, mich von seinem loszureißen.

»Genug gesessen«, mischt sich Kate ein. »Würden Sie bitte aufstehen, Mr. Grey?«

Er erhebt sich, und Travis nimmt den Stuhl weg. Der Auslöser von Josés Nikon klickt.

»Ich glaube, wir haben genug Material«, verkündet er fünf Minuten später.

»Prima«, sagt Kate. »Vielen Dank, Mr. Grey.« Sie reicht ihm die Hand; José tut es ihr gleich.

»Ich freue mich schon auf den Artikel, Miss Kavanagh«, erklärt Grey und wendet sich an der Tür um. »Begleiten Sie mich hinaus, Miss Steele?«

»Natürlich«, antworte ich überrascht.

Unsicher werfe ich einen Blick zu Kate, die mit den Achseln zuckt. Dabei fällt mir auf, dass José hinter ihr ein finsteres Gesicht macht.

»Auf Wiedersehen«, sagt Grey, öffnet die Tür und lässt mir den Vortritt.

Himmel … was soll das? Was will er? Nervös bleibe ich auf dem Hotelflur stehen, als Grey, gefolgt von Mr. Bürstenschnitt, aus der Suite tritt.

»Ich rufe Sie, wenn ich Sie brauche, Taylor«, teilt er Mr. Bürstenschnitt mit leiser Stimme mit.

Als Taylor sich entfernt, richtet Grey seinen durchdringenden Blick auf mich.

Äh … hab ich irgendetwas falsch gemacht?

»Hätten Sie Lust, einen Kaffee mit mir zu trinken?«

Wie bitte? Vielleicht glaubt er ja, dass du noch nicht richtig wach bist, spottet mein Unterbewusstsein. Ich räuspere mich, versuche, meine Nervosität in den Griff zu bekommen.

»Ich muss alle heimfahren«, entschuldige ich mich händeringend.

»Taylor«, ruft er, und ich zucke zusammen.

Taylor, der bereits am anderen Ende des Flurs ist, kehrt sofort zu uns zurück.

»Müssen alle zur Universität?«, erkundigt sich Grey.

Ich nicke stumm.

»Taylor kann sie hinbringen. Er ist mein Chauffeur. Wir haben einen großen Geländewagen; da passt auch die Fotoausrüstung rein.«

»Mr. Grey?«, fragt Taylor, als er uns erreicht.

»Fahren Sie bitte den Fotografen, seinen Assistenten und Miss Kavanagh nach Hause?«

»Natürlich, Sir«, antwortet Taylor.

»Gut. Würden Sie mich jetzt auf einen Kaffee begleiten?« Grey grinst siegessicher.

Ich runzle die Stirn. »Äh … Mr. Grey, Taylor muss sie nicht zurückfahren.« Ich werfe Taylor einen kurzen Blick zu, dessen Miene ausdruckslos bleibt. »Wenn Sie mir einen Augenblick Zeit geben, tausche ich das Auto mit Kate.«

Grey bedenkt mich mit einem atemberaubenden Lächeln. Hilfe! Er öffnet die Tür der Suite für mich. Ich husche an ihm vorbei in den Raum, wo Katherine ins Gespräch mit José vertieft ist.

»Ana, eins steht fest: Er interessiert sich für dich«, sagt sie ohne Umschweife. José mustert mich missbilligend. »Aber ich traue ihm nicht über den Weg«, fügt sie hinzu.

Ich hebe die Hand, um sie zum Schweigen zu bringen. Wie durch ein Wunder funktioniert es. »Kate, könnte ich deinen Wagen haben, und du nimmst Wanda?«

»Warum?«

»Christian Grey hat gefragt, ob ich einen Kaffee mit ihm trinken gehe.«

Ihr fällt die Kinnlade herunter. Eine sprachlose Kate, na so was! Sie packt mich am Arm und zieht mich ins Schlafzimmer auf der anderen Seite der Suite.

»Ana, er ist irgendwie komisch«, warnt sie mich. »Du hast Recht, er sieht toll aus, aber ich halte ihn für gefährlich. Besonders für jemanden wie dich.«

»Wie meinst du das?«, frage ich beleidigt.

»Für ein unerfahrenes Mädchen wie dich, Ana. Du weißt genau, was ich meine.«

»Kate, es ist nur ein Kaffee. Ich muss mich auf die Prüfungen vorbereiten, also wird’s nicht lange dauern.«

Sie schürzt die Lippen, nimmt nach kurzem Zögern ihre Autoschlüssel aus der Tasche und reicht sie mir. Ich gebe ihr meine.

»Bis später. Mach nicht so lang, sonst schicke ich einen Suchtrupp aus.«

»Danke.« Ich drücke sie.

Als ich aus der Suite trete, wartet Christian Grey an die Wand gelehnt wie ein Model für ein teures Männermagazin.

»Okay, gehen wir einen Kaffee trinken«, murmle ich und werde puterrot.

»Nach Ihnen, Miss Steele.« Grinsend stößt er sich von der Wand ab, und ich gehe mit wackligen Knien und Schmetterlingen im Bauch voraus. Mein Herz schlägt rasend schnell und unregelmäßig. Ich werde mit Christian Grey Kaffee trinken … und dabei hasse ich Kaffee!

Wir nähern uns den Aufzügen. Was soll ich mit ihm reden? Mein Verstand hat völlig ausgesetzt. Worüber sollen wir uns unterhalten? Was habe ich schon mit ihm gemein? Seine sanfte Stimme reißt mich aus meinen Gedanken.

»Wie lange kennen Sie Katherine Kavanagh?«

Eine einfache Frage zum Aufwärmen.

»Seit dem ersten Semester. Wir sind gut befreundet.«

»Hm«, lautet sein unverbindlicher Kommentar.

Was ihm wohl durch den Kopf geht?

Kaum hat er am Lift den Knopf gedrückt, ertönt ein leises Ping. Die Türen gleiten auf und geben den Blick auf ein junges Paar in leidenschaftlicher Umarmung frei, das überrascht auseinanderspringt.

Während wir den Aufzug betreten, bemühe ich mich um einen ernsten Gesichtsausdruck und senke den Blick. Als ich dann aber doch Grey verstohlen ansehe, spielt die Andeutung eines Lächelns um seine Mundwinkel. Schweigend fahren wir ins Erdgeschoss, nicht einmal nichtssagende Berieselungsmusik bietet Ablenkung.

Die Türen öffnen sich, und zu meiner Überraschung umfasst Grey meine Hand mit seinen langen, kühlen Fingern. Wieder spüre ich dieses Knistern, und mein ohnehin schon schneller Puls beschleunigt sich noch mehr. Als er mich hinausführt, hören wir das gedämpfte Kichern des Paares hinter uns. Grey grinst.

»Was haben diese Aufzüge nur an sich?«, schmunzelt er.

Wir durchqueren das riesige, von Menschen wimmelnde Foyer des Hotels in Richtung Ausgang, wo Grey nicht die Drehtür nimmt. Ob das damit zu tun hat, dass er meine Hand loslassen müsste?

Es ist ein milder Sonntag im Mai. Die Sonne scheint, auf der Straße sind nicht viele Autos unterwegs. Grey wendet sich nach links und schlendert zur Kreuzung, wo wir auf Grün warten. Ich stehe auf der Straße, und Christian Grey hält meine Hand. Niemand hat je zuvor meine Hand gehalten. Mir ist schwindelig, und meine Haut prickelt. Ich versuche, das dümmliche Grinsen zu unterdrücken, das auf mein Gesicht zu treten droht. Bleib ruhig, Ana, fleht mein Unterbewusstsein mich an. Endlich wird es grün.

Erst beim Portland Coffee House lässt Grey meine Hand los, um mir die Tür aufzuhalten.

»Suchen Sie schon mal einen Tisch aus, während ich uns etwas zu trinken hole. Was möchten Sie?«, fragt er höflich wie immer.

»Äh … englischen Frühstückstee, den Beutel extra.«

Er hebt die Augenbrauen. »Keinen Kaffee?«

»Ich mag Kaffee nicht besonders.«

Er lächelt. »Okay, Tee also, Beutel extra. Süß?«

Ich stutze, weil ich das im ersten Moment für ein Kosewort halte, aber zum Glück meldet sich mein Unterbewusstsein mit spöttisch geschürzten Lippen zu Wort. Nein, du Idiotin – er will wissen, ob du Zucker möchtest.

»Nein, danke.« Ich betrachte meine ineinander verschlungenen Finger.

»Etwas zu essen?«

»Nein, danke.«

Er macht sich auf den Weg zur Theke, und ich beobachte ihn verstohlen, wie er sich in die Schlange stellt. Ich könnte ihm den ganzen Tag zusehen … Er ist groß und schlank und hat breite Schultern und wie die Hose auf seinen Hüften sitzt … Wow! Ein- oder zweimal fährt er sich mit seinen langen Fingern durch die nach wie vor zerzausten Haare. Hm … das würde ich auch gern machen. Der Wunsch schleicht sich unaufgefordert in mein Gehirn. Ich beiße mir auf die Lippe, weil es mir nicht gefällt, welche Richtung meine Gedanken nehmen.

»Na, was geht in Ihrem hübschen Kopf vor?«, reißt Grey mich aus meinen Überlegungen.

Ich erröte. Och, ich habe mir nur gerade vorgestellt, mit den Fingern durch deine Haare zu fahren, und mich gefragt, ob sie weich sind. Ich schüttle den Kopf. Er stellt das Tablett auf dem kleinen, runden Tisch mit Birkenholzfurnier ab und reicht mir Tasse und Untertasse, eine kleine Teekanne sowie einen Teller mit einem einzelnen Teebeutel, auf dem steht: Twinings English Breakfast  – meine Lieblingssorte. Für sich selbst hat er Kaffee mitgebracht, auf dessen Milchschaum sich ein hübsches Blattmuster abzeichnet. Wie machen die das?, überlege ich. Außerdem hat er sich ein Blaubeer-Muffin geholt. Nachdem er das Tablett beiseitegestellt hat, setzt er sich und schlägt die langen Beine übereinander. Ich beneide ihn um seine elegante Lässigkeit – das komplette Gegenteil von mir.

»Und, was denken Sie?«, hakt er nach.

»Das ist mein Lieblingstee«, antworte ich leise. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich in einem Coffeeshop Christian Grey gegenübersitze. Ich gebe den Teebeutel in die Kanne und hole ihn kurz darauf mit dem Löffel wieder heraus. Als ich den feuchten Beutel auf den kleinen Teller lege, sieht Grey mich fragend an.

»Ich mag den Tee schwarz … und, äh, schwach«, stammle ich.

»Verstehe. Ist er Ihr Freund?«

Was? Wie bitte?

»Wer?«

»Der Fotograf. José Rodriguez.«

Ich lache nervös. Wie kommt er denn auf die Idee?

»Nein. José ist ein guter Freund, nicht mehr. Warum glauben Sie, dass wir ein Paar sind?«

»Weil er Sie angelächelt hat und Sie ihn.« Er mustert mich intensiv.

Das macht mich noch nervöser. Ich würde gern den Blick abwenden, aber das gelingt mir nicht – ich starre ihn an wie das Kaninchen die Schlange.

»Er ist eher so etwas wie ein Bruder für mich«, erkläre ich mit leiser Stimme.

Grey nickt, offenbar zufrieden mit meiner Antwort, und entfernt mit seinen langen Fingern geschickt das Papier von dem Blaubeer-Muffin.

Fasziniert sehe ich ihm zu.

»Möchten Sie ein Stück?«, fragt er, und wieder tritt dieses belustigte, geheimnisvolle Lächeln auf seine Lippen.

»Nein, danke.«

»Und der junge Mann gestern im Baumarkt? Der ist auch nicht Ihr Freund?«

»Nein. Paul und ich sind befreundet. Das habe ich Ihnen doch gestern schon gesagt.« Allmählich wird es albern. »Warum interessiert Sie das?«

»Sie wirken nervös in Gegenwart von Männern.«

Junge, jetzt wird’s aber persönlich! Ich bin nur bei dir nervös, Grey.

»Sie schüchtern mich ein.« Ich werde tiefrot, klopfe mir aber innerlich wegen meiner Offenheit auf den Rücken und starre meine Hände an. Ich höre, wie er deutlich vernehmbar Luft holt.

»Soso. Sie sind sehr ehrlich. Bitte heben Sie den Kopf. Ich möchte Ihr Gesicht sehen.«

Ich tue ihm den Gefallen, und er lächelt mir aufmunternd zu.

»So kann ich mir besser vorstellen, was Sie denken, Sie rätselhaftes Wesen.«

Ich – rätselhaft?

»An mir ist nichts Rätselhaftes.«

»Sie sind sehr zurückhaltend«, stellt er fest.

Tatsächlich? Ich, zurückhaltend? Von wegen.

»Nur nicht, wenn Sie rot werden, was ziemlich oft passiert. Ich wünschte, ich wüsste, weswegen.« Er steckt ein kleines Stück Muffin in den Mund und beginnt, bedächtig zu kauen, ohne den Blick von mir zu wenden.

Wie aufs Stichwort werde ich rot. Mist!

»Machen Sie oft so persönliche Bemerkungen?«

»War das persönlich? Bin ich Ihnen zu nahe getreten?« Er klingt erstaunt.

»Nein«, antworte ich wahrheitsgemäß.

»Gut.«

»Sie sind ziemlich überheblich.«

Er hebt die Augenbrauen, und wenn ich mich nicht täusche, errötet nun er.

»Ich bin es gewohnt, meinen Willen durchzusetzen, Anastasia«, erklärt er. »In allen Dingen.«

»Das glaube ich Ihnen gern. Warum haben Sie mir noch nicht angeboten, Sie beim Vornamen zu nennen?« Ich bin überrascht über meine Unverfrorenheit. Wieso ist dieses Gespräch plötzlich so ernst? Woher kommt meine Aufmüpfigkeit? Es ist, als wollte er mich warnen.

»Beim Vornamen nennen mich nur meine Eltern und Geschwister sowie einige enge Freunde. Und das ist gut so.«

Aha. Wieder sagt er nicht, dass ich ihn Christian nennen soll. Er ist tatsächlich ein Kontrollfreak; eine andere Erklärung gibt es nicht. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, wenn Kate ihn interviewt hätte. Zwei Kontrollfreaks. Außerdem ist sie beinahe blond – na ja, rotblond –, wie alle Frauen in seinem Büro. Und sie ist schön, erinnert mein Unterbewusstsein mich. Die Vorstellung von Christian und Kate zusammen gefällt mir nicht. Ich nippe an meinem Tee, und Grey nimmt einen weiteren kleinen Bissen von seinem Muffin.

»Sind Sie ein Einzelkind?«, erkundigt er sich.

Hoppla … Ein erneuter Richtungswechsel.

»Ja.«

»Erzählen Sie mir von Ihren Eltern.«

Wieso interessieren ihn die? Wie langweilig!

»Meine Mom lebt mit ihrem neuen Mann Bob in Georgia und mein Stiefvater in Montesano.«

»Und Ihr Vater?«

»Mein Vater ist gestorben, als ich ein Baby war.«

»Tut mir leid.« Ein bekümmerter Ausdruck huscht über sein Gesicht.

»Ich erinnere mich nicht an ihn.«

»Ihre Mutter hat wieder geheiratet?«

Ich schnaube verächtlich. »Ja, könnte man so ausdrücken.«

»Sie lassen sich nicht gern in die Karten schauen, was?« Er reibt nachdenklich sein Kinn.

»Sie auch nicht.«

»Ich erinnere mich an einige sehr indiskrete Interviewfragen.« Ein spöttisches Grinsen zeigt sich auf seinem Gesicht.

Oje, die Schwulen-Frage. Wie peinlich! Schnell fange ich an, nun doch von meiner Mutter zu erzählen, denn daran will ich beim besten Willen nicht erinnert werden.

»Meine Mom ist ein wunderbarer Mensch, eine unverbesserliche Romantikerin. Momentan ist sie mit Ehemann Nummer vier verheiratet.«

Christian hebt erstaunt die Augenbrauen.

»Sie fehlt mir«, fahre ich fort. »Sie hat jetzt Bob. Ich hoffe nur, dass er auf sie achtet und die Scherben aufsammelt, wenn wieder mal eins ihrer verrückten Projekte scheitert.« Bei dem Gedanken lächle ich. Ich war so lange nicht mehr bei meiner Mutter. Christian beobachtet mich intensiv, während er an seinem Kaffee nippt. Ich darf seinen Mund nicht ansehen; das macht mich nervös.

»Haben Sie ein gutes Verhältnis zu Ihrem Stiefvater?«

»Natürlich. Er ist der einzige Vater, den ich kenne.«

»Wie ist er?«

»Ray? Schweigsam.«

»Das ist alles?«

Ich zucke mit den Achseln. Was erwartet dieser Mann? Meine Lebensgeschichte?

»Schweigsam wie seine Stieftochter«, sagt Grey.

Ich verkneife es mir, die Augen zu verdrehen. »Er mag Fußball, Kegeln und Fliegenfischen und schreinert gern. Er ist Tischler und war in der Armee.«

»Sie haben bei ihm gelebt?«

»Ja. Mom hat Ehemann Nummer drei kennen gelernt, als ich fünfzehn war. Ich bin bei Ray geblieben.«

»Sie wollten nicht bei Ihrer Mutter leben?«, fragt er mit gerunzelter Stirn.

Das geht ihn nun wirklich nichts an.

»Ehemann Nummer drei wohnt in Texas. Ich war in Montesano daheim. Und … Mom war frisch verheiratet.« Ich halte inne, denn meine Mutter spricht nie über Ehemann Nummer drei. Viel kann ich also nicht über ihn sagen. Aber worauf will Grey hinaus? Schließlich geht ihn das echt nichts an. Dieses Spiel können auch zwei spielen.

»Erzählen Sie mir von Ihren Eltern«, bitte ich ihn.

Er zuckt mit den Achseln. »Mein Dad ist Anwalt, meine Mutter Kinderärztin. Sie leben in Seattle.«

Oh, er kommt also aus einer wohlhabenden Familie. Ich stelle mir ein erfolgreiches Paar vor, das drei Kinder adoptiert, von denen eines zu einem attraktiven Mann heranwächst, der die Welt des Big Business im Sturm erobert. Was hat ihn zu dem gemacht, was er ist? Seine Eltern sind bestimmt stolz auf ihn.

»Was machen Ihre Geschwister?«

»Elliot ist im Bauwesen, und meine kleine Schwester lebt in Paris, wo sie von einem berühmten französischen Küchenchef ausgebildet wird.« Sein Blick verrät, dass er nicht gern über seine Familie oder sich selbst spricht.

»Paris soll wunderschön sein«, stelle ich mit leiser Stimme fest. Warum möchte er nicht über seine Familie reden? Weil er adoptiert ist?

»Es ist tatsächlich sehr schön. Waren Sie schon mal dort?«, fragt er.

»Ich habe das Festland der Vereinigten Staaten noch nie verlassen.« Nun wären wir also wieder bei Banalitäten. Was verbirgt er vor mir?

»Würden Sie gerne einmal hinfahren?«

»Nach Paris?«, krächze ich. Wer würde nicht gern nach Paris fahren? »Natürlich. Aber noch lieber würde ich England sehen.«

Er legt den Kopf ein wenig schief und lässt den Zeigefinger über seine Unterlippe gleiten … Oje.

»Warum?«

Ich blinzle. Reiß dich zusammen, Steele. »Weil das die Heimat von Shakespeare, Jane Austen, den Brontë-Schwestern und Thomas Hardy ist. Ich würde gern die Orte besuchen, die diese Schriftsteller inspiriert haben.« Das erinnert mich daran, dass ich eigentlich lernen sollte. Ich sehe auf die Uhr. »Ich muss los, lernen.«

»Für die Abschlussprüfung?«

»Ja. Sie beginnt am Dienstag.«

»Wo ist der Wagen von Miss Kavanagh?«

»Auf dem Hotelparkplatz.«

»Ich bringe Sie hin.«

»Danke für den Tee, Mr. Grey.«

Wieder dieses geheimnisvolle Lächeln.

»Gern geschehen, Anastasia. War mir ein Vergnügen. Kommen Sie.« Er streckt mir die Hand entgegen.

Ich ergreife sie verwirrt und folge ihm aus dem Coffeeshop. Schweigend schlendern wir zum Hotel zurück. Zumindest an der Oberfläche wirkt er ruhig und beherrscht. Ich für meinen Teil versuche verzweifelt zu beurteilen, wie unser kleines Tête-à-Tête beim Kaffee gelaufen ist. Ich habe das Gefühl, ein Bewerbungsgespräch hinter mir zu haben, wofür, weiß ich allerdings nicht.

»Tragen Sie immer Jeans?«, fragt er plötzlich.

»Meistens.«

Er nickt.

Mir schwirrt der Kopf. Was für eine merkwürdige Frage … Das war’s also, und ich hab’s vermasselt, das weiß ich. Vielleicht hat er eine Freundin.

»Haben Sie eine Freundin?«, platzt es aus mir heraus. O Gott, hab ich das gerade laut gesagt?

Er verzieht die Mundwinkel zu einem angedeuteten Lächeln und sieht mich von oben herab an. »Nein, Anastasia. Eine feste Freundin, das ist nichts für mich«, teilt er mir mit sanfter Stimme mit.

Was bedeutet das wieder? Er ist nicht schwul. Oder vielleicht doch? Wahrscheinlich hat er mich in dem Interview angelogen. Kurz habe ich den Eindruck, dass er mir eine Erklärung, einen Hinweis auf diese rätselhafte Äußerung, liefern will, aber er tut es nicht. Ich sollte jetzt wirklich gehen und außerdem dringend meine Gedanken ordnen. Hastig mache ich einen Schritt vorwärts und stolpere auf die Straße.

»Scheiße, Ana!«, ruft Grey aus und zieht mich mit einem Ruck zurück, gerade als ein Fahrradfahrer vorbeisaust, in falscher Richtung die Einbahnstraße entlang, und mich beinahe erwischt.

Es passiert alles so schnell – in der einen Sekunde stürze ich noch, in der nächsten liege ich schon in seinen Armen, und er drückt mich so fest gegen seine Brust, dass ich seinen Geruch einatmen kann. Er duftet berauschend nach sauberer Wäsche und teurem Duschgel. Gierig sauge ich den Geruch ein.

»Alles in Ordnung?«, flüstert er. Er drückt mich mit einem Arm an sich, während die Finger der anderen Hand zärtlich die Konturen meines Gesichts nachzeichnen. Als sein Daumen über meine Unterlippe streicht, stockt ihm der Atem. Er sieht mir in die Augen, und ich erwidere seinen besorgten, glühenden Blick, bevor sein wohlgeformter Mund meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Zum ersten Mal in meinem einundzwanzigjährigen Leben möchte ich geküsst werden.

VIER

Verdammt, küss mich !, flehe ich ihn stumm an. Ich bin wie gelähmt, vollkommen von ihm gefangen. Gebannt starre ich auf seinen Mund, und Christian Grey sieht mit dunkel verschleiertem Blick auf mich herab. Er atmet schwerer als sonst – mir hat es den Atem ganz verschlagen. Ich liege in deinen Armen. Bitte küss mich. Er schließt die Augen, holt tief Luft und schüttelt kaum merklich den Kopf, als wollte er meine unausgesprochene Frage beantworten. Als er die Augen wieder öffnet, liegt ein Ausdruck stählerner Entschlossenheit darin.

»Anastasia, du solltest dich von mir fernhalten. Ich bin nicht der Richtige für dich«, flüstert er.

Wie bitte? Wo kommt das jetzt wieder her? Das ist doch wohl meine Entscheidung. Meine Gedanken wirbeln aus Enttäuschung über seine Zurückweisung durcheinander.

»Tief durchatmen, Anastasia, tief durchatmen. Ich stelle dich jetzt wieder auf die Füße«, verkündet er und schiebt mich sanft weg.

NEIN !, schreit mein Unterbewusstsein auf, als er sich von mir löst. Plötzlich fühle ich mich sehr einsam. Seine Hände liegen auf meinen Schultern; ich bin eine Armeslänge von ihm entfernt. Er beobachtet aufmerksam meine Reaktion. Und nur ein Gedanke schießt mir durch den Kopf: Ich wollte geküsst werden, habe das verdammt offen gezeigt, und er hat’s nicht getan. Er begehrt mich nicht.

»Habe verstanden«, flüstere ich, als ich meine Stimme wiederfinde, und füge gedemütigt »Danke« hinzu. Wie hatte ich die Situation so gründlich missverstehen können?

»Wofür ?« Er runzelt die Stirn, ohne die Hände von meinen Schultern zu nehmen.

»Dafür, dass du mich gerettet hast«, antworte ich mit leiser Stimme.

»Der Idiot ist in die falsche Richtung gefahren. Gott sei Dank war ich zur Stelle. Ich will mir lieber nicht vorstellen, was hätte passieren können. Möchtest du dich einen Moment im Hotel hinsetzen?« Seine Hände sinken herab, und ich stehe vor ihm da wie ein Volltrottel.

Ich schüttle den Kopf, will nur noch weg. Alle meine vagen, unausgesprochenen Hoffnungen haben sich zerschlagen. Er begehrt mich nicht. Was habe ich mir nur gedacht?, rüge ich mich selbst. Was sollte jemand wie Christian Grey schon von dir wollen?, verspottet mein Unterbewusstsein mich. Ich schlinge die Arme um den Körper und stelle dabei erleichtert fest, dass die Ampel Grün anzeigt. Hastig überquere ich die Straße. Grey folgt mir. Vor dem Hotel wende ich mich ihm kurz zu, ohne ihm in die Augen zu sehen.

»Danke für den Tee und das Fotoshooting«, murmle ich.

»Anastasia … ich …«

Sein besorgter Tonfall lässt mich stutzen. Widerwillig hebe ich den Blick. Seine grauen Augen sind düster, als er sich mit einer Hand durch die Haare fährt. Er wirkt hin- und hergerissen, frustriert. Seine sorgfältig kultivierte Kontrolle ist dahin.

»Was, Christian?«, herrsche ich ihn an, als er schweigt. Ich will nur noch weg, meine Wunden lecken.

»Viel Glück bei den Prüfungen«, wünscht er mir mit leiser Stimme.

Wie bitte? Deshalb blickt er so traurig drein? Ist das der Rausschmeißer? Dass er mir Glück für die Prüfungen wünscht?

»Danke.« Es gelingt mir nicht, meinen Sarkasmus zu kaschieren. »Auf Wiedersehen, Mr. Grey.« Ich drehe mich um, ein wenig überrascht, dass ich nicht stolpere, und haste in Richtung Tiefgarage.

Sobald ich in dem dunklen, kühlen Betonbau mit dem kalten Neonlicht bin, lehne ich mich an die Wand und stütze den Kopf in die Hände. Was habe ich mir bloß dabei gedacht? Unwillkürlich treten mir Tränen in die Augen. Warum heule ich? Ich sinke zu Boden, wütend auf mich selbst, ziehe die Knie an, möchte mich so klein machen wie möglich. Vielleicht wird der Schmerz kleiner, wenn ich kleiner bin. Ich lege den Kopf auf die Knie und schluchze hemmungslos, weine über den Verlust von etwas, das mir nie gehört hat. Wie lächerlich. Und ich trauere um etwas, das von Anfang an aussichtslos war – Hoffnungen, Träume und Erwartungen.

Ich bin noch nie zurückgewiesen worden. Okay … Möglicherweise war ich immer die Letzte, die fürs Basketball- oder Volleyballteam ausgewählt wurde, aber das konnte ich verstehen  – laufen und gleichzeitig einen Ball werfen oder damit dribbeln ist einfach nicht meine Sache. Auf dem Sportplatz stelle ich eine ernsthafte Gefahr für meine Mitmenschen dar.

In der Liebe habe ich mich nie so weit aus dem Fenster gelehnt. Das liegt an meiner lebenslangen Unsicherheit – ich bin zu blass, zu dünn, zu linkisch und so weiter und so fort. Also habe ich immer potenzielle Verehrer abgewiesen. In meinem Chemiekurs gab es einen Jungen, der mich mochte, aber mich hat niemals jemand wirklich interessiert – nur dieser verdammte Christian Grey. Vielleicht sollte ich zu Männern wie Paul Clayton oder José Rodriguez netter sein, obwohl von denen bestimmt keiner je meinetwegen heulend in irgendeinem dunklen Winkel gesessen hat.

Hör auf ! Hör auf damit, und zwar sofort!, blafft mein Unterbewusstsein mich an. Fahr heim, setz dich an den Tisch und lerne. Vergiss ihn … Auf der Stelle! Und hör auf, dich in Selbstmitleid zu suhlen.

Ich hole tief Luft und stehe auf. Reiß dich zusammen, Steele. Auf dem Weg zu Kates Wagen wische ich mir die Tränen aus dem Gesicht. Ich werde nicht mehr an ihn denken, die Begegnung mit ihm als heilsame Erfahrung verbuchen und mich voll und ganz auf die Prüfungen konzentrieren.

Kate sitzt mit dem Laptop am Esstisch. Ihr Begrüßungslächeln erlischt, als sie mich sieht.

»Ana, was ist los?«

Nein, jetzt bitte nicht die Katherine-Kavanagh-Inquisition. Ich schüttle den Kopf, doch das nützt ungefähr so viel wie bei einer taubstummen Blinden.

»Du hast geweint.« Sie besitzt ein ungewöhnliches Geschick, das Offensichtliche auszusprechen. »Was hat das Schwein dir angetan?«, knurrt sie, und ihr Gesicht … Hilfe, ich bekomme es mit der Angst zu tun.

»Nichts, Kate.« Genau das ist das Problem. Der Gedanke lässt mich spöttisch lächeln.

»Warum hast du dann geweint? Du weinst sonst nie«, sagt sie in sanfterem Tonfall. Sie steht auf, die grünen Augen voller Sorge, schlingt die Arme um mich und drückt mich. Ich muss irgendetwas sagen, damit sie Ruhe gibt.

»Fast hätte mich ein Radler umgenietet.« Etwas Besseres fällt mir nicht ein. Immerhin lenkt sie das fürs Erste von ihm ab.

»Um Gottes willen, Ana – alles in Ordnung? Bist du verletzt ?« Sie tritt einen Schritt zurück, um mich zu begutachten.

»Nein. Christian hat mich gerettet. Aber ich hatte ziemlich wacklige Knie.«

»Das wundert mich nicht. Wie war’s beim Kaffee? Ich weiß, dass du Kaffee hasst.«

»Ich hab Tee getrunken. Es war okay. Letztlich gibt’s nichts Aufregendes zu erzählen. Keine Ahnung, warum er mich gefragt hat.«

»Er mag dich, Ana.«

»Nein, ich werde ihn nie wieder treffen.« Es gelingt mir tatsächlich, sachlich zu klingen.

»Ach?«

Verdammt, sie spitzt die Ohren, also gehe ich in die Küche, damit sie mein Gesicht nicht sieht.

»Ja … Er spielt in einer anderen Liga als ich, Kate«, stelle ich so nüchtern wie möglich fest.

»Wie meinst du das?«

»Kate, das liegt doch auf der Hand.« Sie kommt zur Küchentür, und ich drehe mich zu ihr um.

»Nicht für mich«, erklärt sie. »Okay, er hat mehr Geld als du, aber schließlich ist er reicher als die meisten Leute in Amerika !«

»Kate, er ist …« Ich zucke mit den Achseln.

»Ana! Herrgott – wie oft soll ich dir das noch sagen? Du bist eine tolle Frau«, fällt sie mir ins Wort.

Nein, nicht wieder diese Leier.

»Kate, bitte. Ich muss lernen«, unterbreche ich sie.

Sie runzelt die Stirn. »Möchtest du den Artikel lesen? Er ist fertig. Die Fotos von José sind toll geworden.«

Brauche ich wirklich eine Erinnerung an den attraktiven Christian-ich-will-dich-nicht-Grey?

»Klar.« Ich zaubere ein Lächeln auf mein Gesicht und schlendere zum Laptop. Und da ist er, schwarz auf weiß auf dem Monitor. Seine Miene sagt mir, dass ich seinen Ansprüchen nicht genüge.

Ich tue so, als würde ich den Artikel lesen. Dabei ruht mein Blick die ganze Zeit über auf seinem Gesicht, und ich suche darin nach Erklärungen dafür, warum er nicht der Richtige für mich ist – das waren seine Worte. Plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Er sieht einfach zu unverschämt gut aus. Wir sind Äonen voneinander entfernt und stammen aus zwei verschiedenen Welten. Ich komme mir wie Ikarus vor, der sich an der Sonne die Flügel verbrennt und abstürzt. Jetzt ergeben seine Worte einen Sinn. Er ist nicht der Richtige für mich. Nun fällt es mir leichter, seine Zurückweisung zu akzeptieren. Damit kann ich leben. Endlich begreife ich.

»Sehr gut, Kate«, presse ich hervor. »Ich geh jetzt lernen.« Und denke erst einmal nicht mehr an ihn, nehme ich mir vor, während ich meine Seminarunterlagen aufschlage.

Erst im Bett lasse ich meine Gedanken zu dem seltsamen Morgen zurückwandern. Immer wieder lande ich bei seinem Satz: Eine feste Freundin, das ist nichts für mich. Es ärgert mich, dass ich das nicht früher begriffen habe, bevor ich in seinen Armen lag und ihn mit Blicken anflehte, mich zu küssen. Er hat mir nichts vorgemacht. Er will mich nicht als Freundin. Der Gedanke, dass er sexuell enthaltsam leben könnte, schießt mir durch den Kopf. Vielleicht spart er sich für jemanden auf. Aber nicht für dich. Mein Unterbewusstsein versetzt mir noch diesen letzten Stich, bevor es sich in meinen Träumen austobt.

In der Nacht träume ich von grauen Augen und Milchschaum mit Blattmustern. Ich renne durch dunkle Orte mit unheimlichem Neonlicht und weiß nicht, ob ich auf etwas zulaufe oder davon weg …

Ich lege den Stift weg. Fertig. Ende der Abschlussprüfung. Ich grinse wie ein Honigkuchenpferd, vermutlich zum ersten Mal in dieser Woche. Es ist Freitag, und am Abend wollen wir feiern, richtig abfeiern. Vielleicht werde ich mich sogar betrinken! Ich bin noch nie betrunken gewesen. Ich sehe zu Kate hinüber, die wie eine Wilde schreibt, fünf Minuten vor der Abgabe. Das ist es, das Ende meiner Zeit an der Uni. Nie wieder werde ich inmitten von eifrigen, einsamen Studenten sitzen. Innerlich – das ist der einzige Ort, an dem ich das kann – schlage ich vor Freude Rad. Kate hört auf zu schreiben und schaut zu mir herüber, ebenfalls mit einem Honigkuchenpferdgrinsen.

Wir fahren miteinander in ihrem Mercedes zu unserem Apartment zurück, ohne über die Prüfung zu reden. Kate beschäftigt mehr, was sie am Abend in der Kneipe tragen soll. Ich suche in meiner Tasche nach den Schlüsseln.

»Ana, da ist was für dich.« Kate hebt ein Päckchen von den Stufen vor der Tür auf.

Seltsam. Ich habe nichts bei Amazon bestellt. Kate gibt mir das Päckchen und nimmt meinen Schlüssel, um die Tür zu öffnen. Das Paket ist an Miss Anastasia Steele adressiert und trägt keinen Absender. Vielleicht ist es von Mom oder Ray.

»Wahrscheinlich von meinen Eltern.«

»Mach’s auf!«, weist Kate mich an, als sie in die Küche eilt, um zur Feier des Tages den Champagner aus dem Kühlschrank zu holen.

Ich öffne das Päckchen und finde darin eine Lederbox mit drei auf den ersten Blick identischen alten Büchern im Bestzustand, dazu eine schlichte Karte. Auf ihr steht in ordentlicher Schreibschrift:

Warum sagtest du mir nicht,

dass von männlichen Wesen Gefahren drohen?

Warum warntest du mich nicht?

Die vornehmen Damen wissen,

wovor sie sich zu hüten haben,

weil sie Romane lesen,

die ihnen diese Schliche schildern.

Ich erkenne das Zitat aus Tess. Und bin verblüfft über den Zufall, weil ich gerade in der Abschlussprüfung drei Stunden lang über die Romane von Thomas Hardy geschrieben habe. Vielleicht ist es gar kein Zufall, sondern Absicht. Ich inspiziere die Bücher genauer, Tess von den d ’Urbervilles, eine dreibändige Ausgabe. Ich schlage einen der Bände auf. Auf dem Schmutztitel steht in altmodischer Schrift:

LONDON:

JACK R. OSGOOD, MCALVAINE AND CO., 1891

Himmel – Erstausgaben. Die sind bestimmt ein Vermögen wert. In diesem Moment fällt der Groschen, und ich weiß, von wem sie sind. Kate schaut mir über die Schulter und nimmt mir die Karte aus der Hand.

»Erstausgaben«, flüstere ich.

»Nein.« Kate sieht mich ungläubig an. »Grey?«

Ich nicke. »Wer sonst?«

»Was hat die Karte zu bedeuten?«

»Ich glaube, sie ist eine Warnung – er warnt mich ständig. Keine Ahnung, warum. Schließlich versuche ich nicht, ihm die Tür einzutreten.«

»Ich weiß, dass du nicht über ihn reden möchtest, Ana, aber er fährt total auf dich ab. Warnungen hin oder her.«

In den letzten Tagen habe ich keine Gedanken an Christian Grey zugelassen. Okay, seine grauen Augen verfolgen mich im Traum, und mir ist klar, dass es Ewigkeiten dauern wird, das Gefühl seiner Arme um meinen Körper und seinen köstlichen Geruch aus meiner Erinnerung zu verbannen. Aber warum hat er mir die Bücher geschickt? Er hat mir doch gesagt, dass ich nicht die Richtige für ihn bin.

»Hier gibt es eine Erstausgabe von Tess in New York, für vierzehntausend Dollar. Aber deine ist in deutlich besserem Zustand. Sie muss mehr gekostet haben.« Kate konsultiert ihren treuen Freund Google.

»Dieses Zitat – das sagt Tess zu ihrer Mutter, nachdem Alec d’Urberville sie brutal verführt hat.«

»Ich weiß«, brummt Kate. »Was will er dir damit mitteilen?«

»Keine Ahnung, und es interessiert mich auch nicht. Die Bände kann ich nicht annehmen. Ich schicke sie ihm mit einem ähnlich mysteriösen Zitat aus einem wenig bekannten Teil des Buchs zurück.«

»Zum Beispiel die Stelle, wo Angel Clare sagt, sie soll sich verpissen?«, fragt Kate mit todernstem Gesicht.

»Ja, genau.« Ich kichere. Ich liebe Kate; sie ist eine treue Freundin, die mir in jeder Lebenslage beisteht. Ich packe die Bücher wieder ein und lege sie auf den Esstisch.

Kate reicht mir ein Glas Champagner. »Auf das Ende der Prüfungen und unser neues Leben in Seattle.« Sie grinst.

»Auf das Ende der Prüfungen, unser neues Leben in Seattle und tolle Noten.« Wir stoßen an und trinken.

In der Kneipe herrscht Chaos. Sie ist voller Studenten, die bald das Zeugnis bekommen werden und im Moment nur noch feiern wollen. José gesellt sich zu uns. Er macht den Abschluss zwar erst im nächsten Jahr, stimmt uns aber auf unsere neu gewonnene Freiheit ein, indem er einen großen Krug Margarita für alle spendiert. Beim fünften Glas merke ich, dass das nach dem Champagner keine gute Idee war.

»Was hast du jetzt vor, Ana?«, fragt José mich mit lauter Stimme, um den Lärm zu übertönen.

»Du weißt doch, Kate und ich ziehen nach Seattle. Kates Eltern haben ihr dort eine Eigentumswohnung gekauft.«

»Dios mío, was die Reichen sich alles leisten können. Aber du kommst zu meiner Vernissage?«

»Klar, José, die würde ich mir doch nicht entgehen lassen.« Ich lächle, und er legt den Arm um meine Taille und zieht mich zu sich heran.

»Es ist mir wichtig, dass du kommst, Ana«, flüstert er mir ins Ohr. »Noch einen Margarita?«

»José Luis Rodriguez – willst du mich betrunken machen? Ich habe den Eindruck, dass deine Strategie aufgeht.« Ich kichere. »Ein Bier wäre mir lieber. Ich hole uns eins.«

»Nachschub, Ana!«, bellt Kate.

Kate hat die Konstitution eines Ochsen. Ihr Arm liegt um Levi, das ist der Englisch-Kommilitone, der normalerweise die Fotos für die Studentenzeitung schießt. Er hat es aufgegeben, die Betrunkenen rund um ihn herum zu fotografieren, und hat nur noch Augen für Kate. Sie trägt ein winziges Mieder, eine knallenge Jeans und High Heels und hat die Haare nach oben gesteckt. Ein paar Locken umrahmen ihr Gesicht. Sie sieht wie immer atemberaubend aus. Ich bin eher der Typ Converse und T-Shirt, habe aber meine vorteilhafteste Jeans an. Ich entwinde mich Josés Griff und stehe vom Tisch auf.

Hoppla. Mir dreht sich alles.

Ich muss mich an der Rückenlehne eines Stuhls festhalten. Drinks auf Tequila-Basis sind heimtückisch.

Ich arbeite mich zur Bar vor und beschließe, auch gleich die Toilette aufzusuchen. Guter Plan, Ana. Ich stolpere durch die Menge. Natürlich steht eine Schlange vor dem Klo, aber immerhin ist es ruhig und kühl auf dem Gang. Ich ziehe mein Handy heraus, um mir die Zeit zu vertreiben. Hm … wen hab ich als Letzten angerufen? José? Davor eine Nummer, die ich nicht kenne. Ach ja, Grey. Ich glaube, das ist seine Nummer. Ich kichere. Keine Ahnung, wie viel Uhr es ist; vielleicht wecke ich ihn. Er soll mir verraten, warum er mir die Bücher und die geheimnisvolle Botschaft geschickt hat. Wenn er will, dass ich ihm fernbleibe, muss er mich auch in Ruhe lassen. Ich verkneife mir ein beschwipstes Grinsen und drücke auf die Schnellwahltaste. Er geht beim zweiten Klingeln ran.

»Anastasia?« Er klingt überrascht.

Offen gestanden, bin ich selbst erstaunt, dass ich ihn anrufe. Plötzlich frage ich mich: Woher weiß er, dass ich es bin?

»Warum hast du mir die Bücher geschickt?«, lalle ich.

»Anastasia, alles in Ordnung? Du klingst seltsam«, fragt er besorgt.

»Nicht ich bin seltsam, sondern du.« Ha – der Alkohol macht mich mutig.

»Anastasia, hast du getrunken?«

»Was kümmert dich das?«

»Ich bin nur … neugierig. Wo bist du?«

»In einer Kneipe.«

»In welcher?« Er klingt verärgert.

»In einer Kneipe in Portland.«

»Und wie kommst du nach Hause?«

»Ich finde schon eine Möglichkeit.« Das Gespräch läuft nicht ganz in die Richtung, die ich mir vorgestellt habe.

»In welcher Kneipe bist du?«

»Warum hast du mir die Bücher geschickt, Christian?«

»Anastasia, wo bist du? Sag es mir, auf der Stelle.«

Sein Tonfall ist … herrisch, ganz der Kontrollfreak. Ich stelle ihn mir als altmodischen Filmregisseur mit Reithose, Gerte und Flüstertüte vor. Bei dem Gedanken muss ich laut lachen.

»Du bist so was von … tyrannisch«, kichere ich.

»Verdammt, Ana, nun sag endlich: Wo steckst du?«

Christian Grey flucht!

Wieder kichere ich. »In Portland … weit weg von Seattle.«

»Wo in Portland?«

»Gute Nacht, Christian.«

»Ana!«

Ich lege auf. Ha! Obwohl er meine Frage mit den Büchern nicht beantwortet hat. Ich runzle die Stirn. Mission nicht erfüllt. Ich habe wirklich einen ganz schönen Schwips – mir dreht sich alles, als ich mich mit der Schlange vorwärtsbewege. Nun, das war ja der Zweck der Übung: Ich wollte mich betrinken, und das ist mir gelungen. So fühlt es sich also an – eine Erfahrung, die ich wahrscheinlich nicht wiederholen möchte. Jetzt bin ich an der Reihe. Ich starre das Poster an der Rückseite der Toilettentür an, das die Vorteile von Safer Sex preist. O Mann, hab ich gerade Christian Grey angerufen? Scheiße. Mein Handy klingelt. Vor Überraschung stoße ich einen spitzen Schrei aus.

»Hallo«, blöke ich in den Apparat. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet.

»Ich hole dich ab«, sagt er und legt auf. Nur Christian Grey kann gleichzeitig so ruhig und so bedrohlich klingen.

O Gott. Ich ziehe meine Jeans mit wild pochendem Herzen hoch. Er holt mich ab? O nein. Mir ist schlecht … nein … es geht wieder. Moment. Er will mich bloß verwirren. Ich habe ihm nicht gesagt, wo ich bin. Hier kann er mich nicht finden. Außerdem würde er Stunden brauchen, von Seattle herzukommen, und bis dahin wären wir alle nicht mehr da. Ich wasche mir die Hände und schaue in den Spiegel. Ich habe ein rotes Gesicht, und mein Blick ist verschwommen. Hm … Tequila.

An der Bar warte ich eine gefühlte Ewigkeit auf das Bier, so dass es eine Weile dauert, bis ich zum Tisch zurückkehre.

»Warst ganz schön lange weg«, rügt Kate mich. »Wo hast du dich rumgetrieben?«

»Ich musste vor dem Klo warten.«

José und Levi unterhalten sich angeregt über unser örtliches Baseballteam. José unterbricht die Diskussion gerade lange genug, um uns allen ein Bier einzuschenken. Ich nehme einen großen Schluck.

»Kate, ich glaub, ich muss mal raus, frische Luft schnappen.«

»Ana, du verträgst wirklich nichts.«

»Bin in fünf Minuten wieder da.«

Erneut kämpfe ich mich durch die Menge. Nun wird mir tatsächlich übel, mir dreht sich der Kopf, und ich bin unsicher auf den Beinen. Noch unsicherer als sonst.

Als ich die kühle Abendluft auf dem Parkplatz einatme, merke ich, wie betrunken ich bin. Ich sehe tatsächlich alles doppelt wie in den alten Folgen von Tom und Jerry. Mir ist sterbenselend. Warum nur habe ich so über die Stränge geschlagen?

»Ana.« José gesellt sich zu mir. »Bist du okay?«

»Ich glaube, ich hab zu viel getrunken.« Ich lächle schwach.

»Ich auch«, murmelt er und betrachtet mich mit einem intensiven Blick aus seinen dunklen Augen. »Soll ich dich stützen?«, fragt er und tritt näher, um einen Arm um mich zu legen.

»José, ich hab alles im Griff.« Halbherzig schiebe ich ihn weg.

»Ana, bitte«, flüstert er und zieht mich näher zu sich heran.

»José, was soll das?«

»Du weißt, dass ich dich mag, Ana. Bitte.« Eine Hand wandert auf meinen Rücken und drückt mich an ihn. Mit der anderen berührt er mein Kinn und schiebt meinen Kopf nach hinten. Oje … Er will mich küssen.

»Nein, José, stopp – nein.« Ich versuche, mich ihm zu entwinden, aber er ist stärker als ich und hält meinen Kopf fest.

»Bitte, Ana«, flüstert er noch einmal, dicht an meinen Lippen. Sein Atem riecht süßlich nach Margarita und Bier. Sanft arbeitet er sich mit Küssen von meinem Kinnbogen zu meinem Mundwinkel vor.

Panik! Ich fühle mich machtlos, und dieses Gefühl erstickt mich fast.

»José, nein«, flehe ich ihn an. Ich will nicht. Du bist mein Freund, und ich muss kotzen.

»Ich denke, die Dame hat Nein gesagt«, ertönt eine leise Stimme aus der Dunkelheit. Mist! Christian Grey. Wo kommt der her?

José lässt mich los. »Grey«, stellt er bitter fest.

Ich sehe Christian voller Angst an. Er mustert José mit finsterer Miene und ist stinksauer. Ich würge, krümme mich zusammen und übergebe mich.

»Igitt – Dios mío, Ana!« José springt angewidert zurück.

Grey dagegen schiebt meine Haare vom Mund weg und dirigiert mich sanft zu einem Blumenbeet am Rand des Parkplatzes. Dankbar stelle ich fest, dass es im Halbdunkel liegt.

»Wenn du dich nochmal übergeben musst, dann mach’s hier. Ich halte dich.« Er legt einen Arm um meine Schultern – mit der anderen Hand fasst er meine Haare zu einer Art Pferdeschwanz zusammen, so dass sie mir nicht ins Gesicht fallen.

Und tatsächlich muss ich schon wieder kotzen … wieder … und wieder. O Gott … Wie lange wird das so weitergehen? Selbst als mein Magen leer ist und nichts mehr hochkommt, erschüttert noch trockenes Würgen meinen Körper. Ich schwöre mir insgeheim, nie mehr Alkohol zu trinken. Endlich hört es auf.

Mit wackligen Beinen stütze ich mich an der Ziegeleinfassung des Blumenbeets ab. Sich so heftig zu übergeben ist ganz schön anstrengend. Grey löst die Hände von mir und reicht mir ein frischgewaschenes Stofftaschentuch mit Monogramm: CTG. Ich wusste gar nicht, dass man so etwas noch kaufen kann. Während ich mir den Mund abwische, überlege ich trotz allem, wofür das »T« steht. Es gelingt mir nicht, ihn anzusehen. Ich schäme mich so, finde mich selbst absolut Ekel erregend.

José beobachtet uns vom Eingang der Kneipe aus. Ich lege ächzend den Kopf in meine Hände. Dies ist vermutlich der schlimmste Moment in meinem Leben. Mir dreht sich immer noch alles, als ich versuche, mich an eine noch peinlichere Situation zu erinnern – mir fällt nur Christians Zurückweisung ein. Doch das hier ist viel demütigender. Grey mustert mich mit ausdrucksloser Miene. Ich schaue zu José hinüber, der ziemlich verlegen wirkt und wie ich von Grey eingeschüchtert zu sein scheint. Ich bedenke ihn mit einem wütenden Blick. Mir würden schon ein paar saftige Worte einfallen für meinen sogenannten Freund, aber die kann ich in Gegenwart von Christian Grey, CEO, nicht aussprechen. Ana, wem machst du was vor? Er hat gerade miterlebt, wie du die Blumen vollgekotzt hast. Dass du keine Lady bist, dürfte ihm spätestens jetzt klar sein.

»Äh … wir sehen uns drinnen«, murmelt José. Grey und ich schenken ihm keine Beachtung. Er schleicht zurück ins Gebäude.

Ich bin allein mit Grey. Verdammt, was soll ich ihm sagen? Ich muss mich wohl für den Anruf entschuldigen.

»Tut mir leid«, sage ich kleinlaut und starre das Taschentuch an, an dem ich hektisch herumnestle.

»Was tut dir leid, Anastasia?«

Mist, er erspart mir aber auch gar nichts.

»Hauptsächlich der Anruf. Und das Kotzen. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.« Ich spüre, wie ich rot werde. Erde, tu dich auf.

»Das haben wir alle schon mal erlebt, vielleicht nicht ganz so drastisch wie du«, erwidert er trocken. »Man muss seine Grenzen kennen, Anastasia. Ich bin ja dafür, Grenzen auszuloten, aber das geht nun wirklich zu weit. Machst du das öfter?«

Mir brummt der Kopf von dem vielen Alkohol. Was zur Hölle geht ihn das an? Ich habe ihn nicht hergebeten. Er klingt wie jemand, der ein unartiges Kind zurechtweist. Am liebsten würde ich ihm antworten, dass es ganz allein meine Entscheidung wäre, mich jeden Abend zu betrinken, aber dazu fehlt mir, nachdem ich mich vor ihm übergeben habe, der Mut. Was will er noch hier?

»Nein«, sage ich zerknirscht. »Ich bin noch nie zuvor betrunken gewesen, und im Moment habe ich auch nicht das Bedürfnis, die Erfahrung zu wiederholen.«

Ich begreife einfach nicht, warum er hier ist. Mir wird schwummerig. Er merkt es, packt mich, bevor ich hinfalle, und drückt mich an seine Brust wie ein Kind.

»Ich bringe dich heim.«

»Ich muss Kate Bescheid sagen.« Das zweite Mal in seinen Armen …

»Das kann mein Bruder machen.«

»Wie bitte?«

»Mein Bruder Elliot spricht gerade mit Miss Kavanagh.«

»Ach.«

»Er war bei mir, als du angerufen hast.«

»In Seattle?«, frage ich verwirrt.

»Nein, im Heathman.«

»Wie hast du mich gefunden?«

»Ich habe den Anruf zurückverfolgt, Anastasia.«

Natürlich. Aber wie ist das möglich? Ist das legal? Stalker, flüstert mein Unterbewusstsein mir durch eine Wolke aus Tequila zu. Doch weil er es ist, stört es mich nicht.

»Hast du eine Jacke oder eine Handtasche?«

»Ja, beides. Christian, bitte, ich muss Kate Bescheid sagen, sonst macht sie sich Sorgen.«

Sein Mund wird hart, und er stößt einen tiefen Seufzer aus. »Wenn’s sein muss.«

Er nimmt meine Hand und führt mich zurück in die Kneipe. Ich fühle mich schwach und betrunken, bin erschöpft, verlegen und auf merkwürdige Weise total aufgedreht. Er hält meine Hand fest – was für verwirrende Gefühle! Ich werde mindestens eine Woche brauchen, um die alle zu verdauen.

Kate sitzt nicht mehr an unserem Tisch, José ist verschwunden, und Levi wirkt verloren und einsam.

»Wo ist Kate?«, brülle ich ihm zu, um den Lärm zu übertönen. Mein Kopf beginnt, im Rhythmus mit dem wummernden Bass der Musik zu dröhnen.

»Tanzen!«, brüllt Levi zurück, und ich merke, dass er wütend ist. Er beäugt Christian misstrauisch.

Ich mühe mich ab, in meine schwarze Jacke zu schlüpfen, und schnappe mir meine kleine Tasche. Sobald ich mit Kate gesprochen habe, können wir gehen.

Ich berühre Christians Arm und schreie ihm ins Ohr: »Sie ist auf der Tanzfläche!« Dabei berührt meine Nase seine Haare, und ich rieche seinen sauberen, frischen Duft. All die verbotenen, unbekannten Gefühle, die ich zu leugnen versucht habe, drängen an die Oberfläche. Ich werde rot, und tief in mir ziehen sich die Muskeln auf höchst angenehme Weise zusammen.

Er verdreht die Augen und dirigiert mich zur Bar. Er wird sofort bedient; Mr. Kontrollfreak Grey muss natürlich nicht warten. Fliegt ihm alles so zu? Ich kann nicht hören, was er bestellt. Wenig später reicht er mir ein sehr großes Glas eisgekühltes Wasser.

»Trink«, befiehlt er mir mit lauter Stimme.

Die Lichter tanzen im Takt der Musik und werfen bunte Reflexe und Schatten auf Theke und Gäste. Grey ist abwechselnd grün, blau, weiß und dämonisch rot. Er beobachtet mich mit Argusaugen. Ich nehme zögernd einen Schluck.

»Runter damit!«, brüllt er.

Gott, ist der Mann herrisch! Grey fährt sich mit der Hand durch die widerspenstigen Haare. Er wirkt frustriert und wütend. Was hat er jetzt wieder für ein Problem? Abgesehen von dem albernen betrunkenen Mädchen, das ihn mitten in der Nacht anruft, damit er denkt, er müsste es retten. Am Ende musste er das tatsächlich, und zwar vor dem zudringlichen Freund. Und dann sieht er zu, wie es sich vor ihm auskotzt. O Ana … wie willst du das jemals verdauen? Mein Unterbewusstsein gibt missbilligende Geräusche von sich und bedenkt mich über die Lesebrille hinweg mit finsteren Blicken.

Ich schwanke ein wenig. Grey legt mir stützend die Hand auf die Schulter. Ich tue, was er sagt, trinke das Glas leer, woraufhin er es auf der Theke abstellt. Wie durch einen Nebel hindurch registriere ich, was er anhat: ein weit geschnittenes, weißes Leinenhemd, eng anliegende Jeans, schwarze Converse-Sneakers und ein dunkles Jackett mit Nadelstreifen. Das Hemd steht am Kragen offen, darunter entdecke ich ein paar Haare.

Erneut ergreift er meine Hand und führt mich auf die Tanzfläche. Hilfe, nein, ich kann nicht tanzen. Er spürt mein Zögern. In dem bunten Licht erkenne ich sein amüsiertes Lächeln. Er zieht mich mit einem Ruck an sich, und zum dritten Mal liege ich in seinen Armen. Grey beginnt, sich zu bewegen, und reißt mich mit. Mann, kann der tanzen! Und noch erstaunlicher: Ich folge ihm Schritt für Schritt. Vielleicht liegt es daran, dass ich betrunken bin. Er drückt mich an sich; ich spüre seinen Körper an dem meinen … hielte er mich nicht so fest gepackt, würde ich ihm sicher zu Füßen sinken. Ich meine, die Lieblingswarnung meiner Mutter zu hören: Trau keinem Mann, der tanzen kann.

Er schiebt uns durch die Masse der Tanzenden zur anderen Seite der Tanzfläche, wo wir auf Kate und Elliot, Christians Bruder, stoßen. O nein, Kate zieht alle Register und tanzt sich die Seele aus dem Leib. Das tut sie nur, wenn sie wirklich auf jemanden abfährt. Was bedeutet, dass wir morgen früh zu dritt frühstücken. Kate!

Christian beugt sich zu Elliot hinüber und brüllt ihm etwas ins Ohr. Ich verstehe nicht, was. Elliot ist groß, hat breite Schultern, lockiges blondes Haar und spöttisch funkelnde Augen. Im pulsierenden Licht kann ich ihre Farbe nicht erkennen. Elliot zieht Kate grinsend in seine Arme, und sie lässt es sich nur zu gern gefallen … Kate! Trotz meines betrunkenen Zustands bin ich schockiert. Sie hat ihn doch gerade erst kennen gelernt! Sie nickt bei allem, was Elliot sagt, und winkt mir fröhlich zu. Christian zieht mich hastig von der Tanzfläche herunter.

Aber ich bin gar nicht dazu gekommen, mit ihr zu reden! Ist bei ihr alles in Ordnung? Ich sehe, wo das mit ihr und Elliot hinführen wird. Ich muss sie an die Sache mit dem Safer Sex erinnern. Hoffentlich liest sie das Poster an der Innenseite der Toilettentür. Meine Gedanken bahnen sich einen Weg durch dieses beschwipste, benebelte Gefühl. Es ist so warm hier drin, so laut und bunt – zu grell. Mir dreht sich alles … o nein … ich spüre, wie der Boden näher kommt, so fühlt es sich jedenfalls an. Das Letzte, was ich höre, bevor ich in Christian Greys Armen das Bewusstsein verliere, ist sein gezischtes: »Scheiße!«

FÜNF

Es ist sehr still, das Licht gedämpft. Ich fühle mich behaglich in diesem Bett. Hm … Ich schlage die Augen auf und genieße einen Moment die Ruhe der mir ungewohnten Umgebung. Ich habe keine Ahnung, wo ich bin. Das Kopfteil des Betts hat die Form einer riesigen Sonne. Es kommt mir merkwürdig bekannt vor. Der Raum ist groß und luftig und feudal in Braun-, Gold- und Beigetönen gehalten. Irgendwoher kenne ich ihn. Woher? Mein Gehirn kämpft sich durch die aktuellsten Erinnerungen. Himmel! Ich bin im Heathman Hotel… in einer Suite. Mit Kate war ich in einem ähnlichen Zimmer, nur das hier sieht größer aus. Scheiße. Ich bin in Christian Greys Suite. Wie bin ich hier gelandet?

Erinnerungssplitter aus der vergangenen Nacht: der Alkohol – o nein –, der Anruf – o nein –, das Kotzen – o nein. José und dann Christian. O nein. Mich schaudert. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich hierhergekommen bin. Ein schneller Check: Okay, ich trage T-Shirt, BH und Slip. Keine Socken. Keine Jeans. Junge, Junge.

Ich werfe einen Blick auf das Nachtkästchen. Darauf steht ein Glas Orangensaft mit zwei Tabletten. Aspirin. Er denkt wirklich an alles. Ich setze mich auf und schlucke die Tabletten. Eigentlich fühle ich mich gar nicht so schlecht. Deutlich besser als ich nach einem solchen Exzess erwartet hätte. Der Orangensaft ist köstlich und erfrischend.

Es klopft an der Tür. Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Obwohl ich nichts gesagt habe, spaziert Grey herein.

Teufel, er war im Fitness-Studio! Er trägt eine graue Jogginghose, die auf diese spezielle Art auf seinen Hüften sitzt, und ein graues, ärmelloses T-Shirt, das wie seine Haare dunkel von Schweiß ist. Christian Greys Schweiß – der Gedanke daran stellt seltsame Dinge mit mir an. Ich atme tief durch und schließe die Augen wie eine Zweijährige: Wenn ich ihn nicht sehe, sieht er mich auch nicht. »Guten Morgen, Anastasia. Wie fühlst du dich?« »Besser als verdient«, antworte ich kleinlaut.

Er stellt eine große Einkaufstüte auf einen Stuhl und packt die beiden Enden des Handtuchs, das um seinen Hals hängt. Er blickt mich mit seinen grauen Augen an, und wie üblich habe ich keine Ahnung, was er denkt oder fühlt.

»Wie bin ich hierhergekommen?«, frage ich.

Er setzt sich auf die Bettkante, so nahe, dass ich ihn rieche und berühren könnte. Wow … Schweiß und Duschgel und Christian. Ein berauschender Cocktail – so viel besser als Margarita, das weiß ich jetzt.

»Als du ohnmächtig geworden bist, wollte ich nicht riskieren, dich auf dem Ledersitz meines Wagens bis zu deiner Wohnung zu fahren. Also hab ich dich hierher gebracht«, erklärt er.

»Hast du mich ins Bett gelegt?«

»Ja.« Sein Gesichtsausdruck verrät nichts.

»Hab ich mich nochmal übergeben müssen?«, frage ich verlegen.

»Nein.«

»Hast du mich ausgezogen?«, flüstere ich.

»Ja.«

Ich werde tiefrot.

»Wir haben nicht …?«, flüstere ich mit trockenem Mund und starre meine Hände an.

»Anastasia, du warst praktisch komatös. Ich steh nicht auf Nekrophilie. Ich mag’s, wenn Frauen sinnlich und empfänglich sind«, erklärt er.

»Sorry.«

Seine Mundwinkel verziehen sich zu einem spöttischen Grinsen. »Es war ein sehr amüsanter Abend, der mir in Erinnerung bleiben wird.«

Mir auch – ach, er lacht mich aus, der Mistkerl. Herrgott, ich habe ihn nicht gebeten, mich zu holen. Ich komme mir wie eine Verbrecherin vor.

»Du hättest mich nicht mit einem James-Bond-Spielzeug aus deinem Unternehmen aufspüren müssen«, herrsche ich ihn an.

Er sieht mich überrascht an, und wenn ich mich nicht täusche, auch ein wenig eingeschnappt.

»Erstens: Die technischen Hilfsmittel zum Zurückverfolgen von Handy-Anrufen sind im Internet erhältlich. Zweitens: Mein Unternehmen stellt keine Überwachungsgeräte her. Und drittens: Wenn ich dich nicht geholt hätte, wärst du wahrscheinlich im Bett des Fotografen aufgewacht, und soweit ich mich erinnere, warst du nicht sonderlich erpicht auf seine Avancen«, bemerkt er in beißendem Tonfall.

Seine Avancen! Ich sehe Christian an. Er bedenkt mich mit einem finsteren Blick. Ich versuche, mir auf die Lippe zu beißen, muss aber kichern.

»Aus was für einer mittelalterlichen Chronik bist du denn entsprungen? Du hörst dich wie ein galanter Ritter an.«

Seine Stimmung verändert sich. Sein Blick wird weicher, seine Miene freundlicher.

»Eher ein schwarzer Ritter.« Er lächelt anzüglich. »Hast du gestern Abend etwas gegessen?«, fragt er dann vorwurfsvoll.

Ich schüttle den Kopf. Was habe ich jetzt wieder verbrochen?

Seine Kiefer mahlen, doch seine Miene bleibt ausdruckslos. »Trinkregel Nummer eins: Essen nicht vergessen. Deswegen war dir so übel.«

»Willst du mich weiterhin beschimpfen?«

»Tue ich das denn?«

»Ich denke schon.«

»Du hast Glück, dass ich dich nur beschimpfe.«

»Was soll das heißen?«

»Wenn du mir gehören würdest, könntest du nach dem, was du dir gestern geleistet hast, eine Woche lang nicht sitzen. Du hast nichts gegessen, dich betrunken und dich in Gefahr gebracht.« Er schließt die Augen. Kurz scheint so etwas wie Furcht in seiner Miene aufzuflackern. Als er die Augen öffnet, wirkt er wütend. »Nicht auszudenken, was dir hätte passieren können.«

Ich erwidere seinen finsteren Blick. Was hat er jetzt wieder für ein Problem? Was zur Hölle geht ihn das an? Wenn ich ihm gehören würde … Tu ich aber nicht. Obwohl es einem Teil von mir gar nicht so unrecht wäre. Ich erröte angesichts meines Unterbewusstseins  – es führt bei der Vorstellung, ihm zu gehören, einen Freudentanz auf.

»Mir wär schon nichts passiert. Schließlich war Kate dabei.«

»Und der Fotograf ?«, knurrt er.

Der gute José. Mit dem habe ich noch ein Hühnchen zu rupfen.

»José hat die Kontrolle verloren.« Ich zucke mit den Achseln.

»Wenn er das nächste Mal die Kontrolle verliert, sollte ihm jemand Manieren beibringen.«

»Du führst dich auf wie ein Tyrann«, zische ich.

»Anastasia, du hast keine Ahnung …« Seine Augen verengen sich, und er grinst wölfisch.

Das macht mich total an. In der einen Minute bin ich verwirrt und wütend, in der nächsten gaffe ich mit offenem Mund sein Wahnsinnslächeln an. Wow! … Ich bin völlig hin und weg, hauptsächlich deshalb, weil dieses Lächeln so selten auf seinem Gesicht zu sehen ist. Ich bekomme nicht mehr mit, was er sagt.

»Ich gehe jetzt duschen. Es sei denn, du möchtest zuerst?« Er legt den Kopf, nach wie vor lächelnd, schief. Mein Puls beschleunigt sich, und meine Medulla oblongata vergisst, die Synapsen zu aktivieren, die zum Atmen nötig sind. Sein Grinsen wird breiter, und er streckt die Hand aus, um seinen Daumen über meine Wange und meine Unterlippe gleiten zu lassen.

»Vergiss das Atmen nicht, Anastasia«, flüstert er. »Frühstück in fünfzehn Minuten hier. Du hast sicher einen Bärenhunger.« Er geht ins Bad und schließt die Tür.

Ich stoße die Luft aus, die ich angehalten habe. Warum sieht er so unverschämt gut aus? Am liebsten ginge ich zu ihm unter die Dusche. So sexy habe ich noch nie jemanden gefunden. Meine Hormone schlagen Purzelbäume, und meine Haut prickelt, wo sein Daumen mein Gesicht und meine Unterlippe nachgezeichnet hat. Ich winde mich vor Verlangen, nein Begierde. So also fühlt sich Begierde an.

Ich lehne mich in die weichen Daunenkissen zurück. Wenn du mir gehören würdest. Gott, was würde ich alles anstellen, um die Seine zu werden. Aber er ist kompliziert und verwirrend. In der einen Minute weist er mich zurück, in der nächsten schickt er mir sauteure Bücher und verfolgt mich wie ein Stalker. Die Nacht habe ich in seiner Hotelsuite verbracht und mich sicher und beschützt gefühlt. Er macht sich genug aus mir, um mich aus einer vermeintlichen Gefahr zu retten. Er ist kein schwarzer Ritter, sondern ein weißer in glänzender Rüstung – ein klassischer romantischer Held –, ein Sir Gawain oder Sir Lancelot.

Ich wälze mich aus seinem Bett und suche hektisch nach meiner Jeans. Er tritt, feucht und glänzend vom Duschen, aus dem Bad, unrasiert, nur ein Handtuch um die Hüfte. Ich stehe mit nackten Beinen da, unbeholfen wie immer. Es scheint ihn zu überraschen, dass ich aufgestanden bin.

»Falls du nach deiner Jeans suchst, die habe ich in die Reinigung gegeben.« Sein Blick wird dunkel. »Sie war voll mit deinem Erbrochenen.«

»Oje.« Ich werde tiefrot. Warum, warum nur erwischt er mich immer in peinlichen Situationen?

»Ich habe Taylor losgeschickt, eine neue kaufen, und ein Paar Schuhe. Ist alles in der Tüte auf dem Stuhl.«

Wie bitte?

»Ich glaube, ich möchte jetzt duschen«, murmle ich. »Danke.« Was soll ich sonst sagen? Ich nehme die Tüte und husche ins Bad, weg von dem fast nackten Christian. Michelangelos David ist ein Dreck gegen ihn.

Im Bad ist es warm und dampfig. Ich ziehe mich aus und klettere voller Vorfreude auf das reinigende Wasser in die Dusche. Als es sich in Kaskaden über mich ergießt, halte ich das Gesicht hinein. Ich will Christian Grey. Dringend. So einfach ist das. Zum ersten Mal im Leben möchte ich mit einem Mann ins Bett. Ich will seine Hände und seinen Mund auf meinem Körper spüren.

Er hat gesagt, er mag es, wenn seine Frauen sinnlich und empfänglich sind. Dann lebt er vermutlich nicht sexuell enthaltsam. Aber er hat mich, anders als Paul oder José, nicht angemacht. Ich verstehe das nicht. Begehrt er mich? Letzte Woche wollte er mich nicht küssen. Bin ich ihm zuwider? Doch er hat sich um mich gekümmert und mich hierher gebracht. Ich durchschaue ihn einfach nicht. Du hast die Nacht in seinem Bett geschlafen, und er hat dich nicht angerührt, Ana. Was das bedeutet, dürfte klar sein. Mein Unterbewusstsein reckt seinen hässlichen Kopf. Ich schenke ihm keine Beachtung.

Das Wasser ist warm und entspannend. Hm … Ich könnte bis in alle Ewigkeit unter dieser Dusche, in seinem Bad, stehen. Das Duschgel riecht nach ihm. Ein himmlischer Duft. Ich verteile es auf meinem Körper und stelle mir dabei vor, dass er das macht, es auf meinen Brüsten und meinem Bauch verreibt, mit seinen langgliedrigen Fingern zwischen meinen Oberschenkeln. O Gott. Wieder beschleunigt sich mein Puls. Es fühlt sich so gut an.

»Frühstück.« Er reißt mich mit seinem Klopfen aus meinen erotischen Tagträumen.

»O…kay«, stottere ich.

Ich steige aus der Dusche und winde ein Handtuch im Carmen-Miranda-Stil um meinen Kopf. Hastig trockne ich mich ab und bemühe mich zu ignorieren, wie angenehm das Handtuch sich auf meiner überempfindsamen Haut anfühlt.

Taylor hat nicht nur Jeans und neue Converse-Sneakers für mich besorgt, wie ich mit einem Blick in die Tüte feststelle, sondern auch eine hellblaue Bluse und Socken. Und oh, là, là – einen sauberen BH und einen sauberen Slip, wobei eine so nüchterne und sachliche Beschreibung ihnen nicht gerecht wird. Es handelt sich um exquisite europäische Designerwäsche mit hellblauer Spitze. Wow. Sie flößt mir Respekt und auch ein wenig Angst ein. Und noch erstaunlicher: Sie passt genau. Natürlich. Ich erröte bei dem Gedanken daran, wie Mr. Bürstenschnitt in einem Damenwäschegeschäft die Sachen für mich kauft, und frage mich unwillkürlich, wie seine Stellenbeschreibung aussieht.

Auch die übrige Kleidung passt wie angegossen. Hastig rubble ich mir die Haare trocken und versuche verzweifelt, sie zu bändigen. Doch wie üblich sträuben sie sich. In meiner Handtasche müsste ein Haarband sein, aber wo die ist, weiß ich nicht. Ich hole tief Luft. Zeit, Mr. Verwirrend gegenüberzutreten.

Erleichtert stelle ich fest, dass das Schlafzimmer leer ist. Ich suche nach meiner Handtasche – ohne sie zu finden. Nach einem tiefen Atemzug betrete ich den Wohnbereich der Suite. Er ist riesig. Es gibt eine elegante Sitzecke mit mehreren dick gepolsterten Sofas und weichen Kissen, einen reich verzierten Beistelltisch mit einem Stapel überformatiger Hochglanzbildbände sowie einen Arbeitsbereich mit dem neuesten iMac-Modell und einem riesigen Plasmafernseher an der Wand. Christian sitzt am Esstisch auf der anderen Seite des Zimmers und liest Zeitung. Der Raum ist so groß wie ein Tennisplatz. Nicht dass ich Tennis spielen würde, aber ich habe Kate ein paar Mal dabei zugesehen. Kate!

»Scheiße, Kate«, krächze ich.

Christian hebt den Blick. »Sie weiß, dass du hier und am Leben bist. Ich habe Elliot eine SMS geschickt«, teilt er mir mit einem Hauch von Belustigung mit.

O nein. Ihre Tanzorgie vom Vorabend, um ausgerechnet Christians Bruder zu verführen, fällt mir wieder ein! Was wird sie davon halten, dass ich hier bin? Ich habe noch nie die Nacht woanders verbracht. Sie wird wahrscheinlich denken, dass ich auch einen One-Night-Stand hatte.

Kate hat das in der Zeit, die wir uns kennen, nur zweimal gemacht, und beide Male musste ich hinterher eine Woche lang den scheußlichen pinkfarbenen Pyjama mit den Häschen ertragen.

Christian betrachtet mich mit Gebietermiene. Er trägt ein weißes Leinenhemd, Kragen und Manschetten offen. »Setz dich«, weist er mich an und deutet auf einen Stuhl am Tisch.

Ich gehe zu ihm und nehme wie befohlen ihm gegenüber Platz. Der Tisch ist mehr als reichlich gedeckt.

»Ich wusste nicht, was du magst, also habe ich eine Auswahl von der Frühstückskarte kommen lassen.« Er entschuldigt sich mit einem schiefen Lächeln.

»Opulent.« Ich bin überfordert von dem Angebot, stelle aber fest, dass ich tatsächlich Hunger habe.

»Ja.« Er klingt schuldbewusst.

Ich entscheide mich für Pfannkuchen mit Ahornsirup, Rührei und Speck. Christian bemüht sich, ein Lächeln zu verbergen, als er sich seinem Omelett zuwendet. Das Essen schmeckt köstlich.

»Tee?«, fragt er.

»Ja, bitte.«

Er reicht mir eine kleine Teekanne mit heißem Wasser und einen Unterteller mit einem Teebeutel Twinings English Breakfast Tea. Er hat sich tatsächlich meinen Lieblingstee gemerkt.

»Deine Haare sind sehr feucht«, rügt er mich.

»Ich hab den Föhn nicht gefunden«, murmle ich verlegen. In Wahrheit habe ich nicht einmal danach gesucht.

Christian presst die Lippen zusammen, verkneift sich jedoch einen Kommentar.

»Danke für die Klamotten.«

»Gern geschehen. Die Farbe steht dir.«

Ich werde rot und starre meine Finger an.

»Du solltest lernen, besser mit Komplimenten umzugehen.« Er klingt vorwurfsvoll.

»Ich sollte dir Geld für die Kleidung geben.«

Er sieht mich finster an, als hätte ich ihn beleidigt.

»Du hast mir die Bücher geschenkt, die ich natürlich nicht annehmen kann. Aber die Sachen zum Anziehen … bitte lass mich sie bezahlen.« Ich versuche es mit einem Lächeln.

»Anastasia, glaube mir, ich kann es mir leisten.«

»Darum geht’s nicht. Warum kaufst du mir die Klamotten?«

»Weil ich es kann.« Seine Augen blitzen dämonisch.

»Dass du es kannst, bedeutet nicht, dass du es sollst«, erwidere ich. Plötzlich habe ich das Gefühl, dass wir über etwas anderes reden, aber ich weiß nicht, worüber. Was mich daran erinnert …

»Warum hast du mir die Bücher geschickt, Christian?«, frage ich.

Er legt das Besteck weg. In seinen Augen lodern so unergründliche Gefühle, dass ich einen trockenen Mund bekomme.

»Als du nach der Episode mit dem Fahrradfahrer in meinen Armen lagst und mich angeschaut hast mit diesem flehenden Blick – ›Küss mich, bitte küss mich, Christian‹ …« Er schweigt kurz und zuckt mit den Achseln. »… hatte ich das Gefühl, dass ich dir eine Warnung schuldig bin.« Er fährt sich mit der Hand durch die Haare. »Anastasia, ich bin kein Mann für Herzchen und Blümchen … Romantik liegt mir nicht. Mein Geschmack ist sehr speziell. Du solltest dich von mir fernhalten.« Resigniert schließt er die Augen. »Leider kann ich die Finger nicht von dir lassen. Aber das hast du vermutlich schon gemerkt.«

Schlagartig ist mein Hunger vergessen. Er kann die Finger nicht von mir lassen!

»Dann lass sie einfach nicht von mir«, flüstere ich.

Er sieht mich mit großen Augen an. »Du weißt nicht, was du sagst.«

»Dann klär mich auf.«

Wir blicken einander an, ohne unser Essen anzurühren.

»Du lebst also nicht sexuell enthaltsam?«, frage ich mit leiser Stimme.

Ein belustigter Ausdruck tritt auf sein Gesicht. »Nein, Anastasia, ich lebe nicht enthaltsam.«

Er gibt mir etwas Zeit, diese Information zu verdauen, und ich werde wieder einmal rot. Die Worte sind ungefiltert aus meinem Mund gekommen. Ist das zu fassen, dass ich sie ausgesprochen habe?

»Wie sehen deine Pläne für die kommenden Tage aus?«, erkundigt er sich.

»Heute arbeite ich ab Mittag. O Gott, wie viel Uhr ist es?« Plötzlich bekomme ich Panik.

»Kurz nach zehn, du hast jede Menge Zeit. Was ist morgen?« Er hat die Ellbogen auf dem Tisch abgestützt, und sein Kinn ruht auf seinen langen Fingern.

»Kate und ich wollen mit dem Packen anfangen. Wir ziehen nächstes Wochenende nach Seattle, und ich arbeite die ganze Woche bei Clayton’s.«

»Habt ihr schon eine Wohnung in Seattle?«

»Ja.«

»Wo?«

»Die Adresse weiß ich nicht auswendig. Irgendwo im Pike Market District.«

»Nicht weit von mir weg. Was willst du in Seattle arbeiten?«

Was bezweckt er mit all diesen Fragen? Die Christian-Grey-Inquisition ist fast genauso nervig wie die von Katherine Kavanagh.

»Ich habe mich um Praktikantenstellen beworben und warte auf Nachricht.«

»Auch bei meinem Unternehmen, wie ich es dir vorgeschlagen habe?«

Ich erröte. Natürlich nicht. »Äh … nein.«

»Was stört dich an meinem Unternehmen?«

»An deinem Unternehmen oder an dir?«, frage ich spöttisch.

»Höre ich da Spott, Miss Steele?«

Ich habe das Gefühl, dass er amüsiert wirkt, aber genau lässt sich das nicht beurteilen. Ich senke den Blick, weil ich ihm nicht in die Augen sehen kann, wenn er in dem Tonfall mit mir redet.

»An dieser Lippe würde ich gern knabbern«, flüstert er mit rauer Stimme.

Mir verschlägt es den Atem. Das ist das Erotischste, was je jemand zu mir gesagt hat. Mein Puls beschleunigt sich, und ich habe das Gefühl, wie ein Hund hecheln zu müssen, dabei hat er mich nicht mal angerührt. Unruhig rutsche ich auf meinem Stuhl hin und her.

»Warum tust du’s nicht?«, fordere ich ihn heraus.

»Weil ich dich nicht berühren werde, Anastasia – nicht bevor ich nicht deine schriftliche Einwilligung habe.« Er verzieht den Mund zu einem Lächeln.

Wie bitte?

»Was soll das heißen?«

»Genau das, was ich gesagt habe.« Er schüttelt seufzend den Kopf, belustigt, jedoch auch ein wenig verzweifelt. »Ich muss es dir zeigen, Anastasia. Wann bist du heute Abend mit der Arbeit fertig?«

»Gegen acht.«

»Wir könnten heute Abend oder nächsten Samstag zum Essen zu mir nach Seattle fahren. Da würde ich dich dann mit den Fakten vertraut machen. Es liegt bei dir.«

»Warum kannst du es mir nicht jetzt erklären?«

»Weil ich mein Frühstück und deine Gesellschaft genieße. Wenn du Bescheid weißt, willst du mich vielleicht nicht mehr wiedersehen.«

Wie meint er das? Verschachert er kleine Kinder in irgendeinen gottverlassenen Winkel der Erde? Ist er ein Mafiaboss? Das würde seinen Reichtum erklären. Ist er zutiefst gläubig? Impotent? Bestimmt nicht – das könnte er mir gleich demonstrieren. Nein, so komme ich nicht weiter. Ich möchte das Rätsel Christian Grey lieber früher als später lösen. Wenn das, was er vor mir verbirgt, so krass ist, dass ich nichts mehr mit ihm zu tun haben möchte, wäre das, offen gestanden, eine Erleichterung. Mach dir nichts vor, keift mein Unterbewusstsein, es muss schon ziemlich übel sein, damit du dich aus dem Staub machst.

»Heute Abend.«

»Wie Eva kannst du es anscheinend gar nicht erwarten, vom Baum der Erkenntnis zu kosten«, bemerkt er mit einem spöttischen Grinsen.

»Höre ich da Spott, Mr. Grey?«, frage ich mit zuckersüßer Stimme. Aufgeblasenes Arschloch.

Seine Augen verengen sich. Er greift zum BlackBerry und drückt auf eine Taste.

»Taylor. Ich werde Charlie Tango brauchen.«

Charlie Tango? Wer ist das?

»Von Portland aus, um, sagen wir, zwanzig Uhr dreißig … Nein, Stand-by in Escala … die ganze Nacht.«

Die ganze Nacht !

»Ja. Auf Abruf morgen. Ich fliege von Portland nach Seattle.«

Fliegen?

»Stand-by von zweiundzwanzig Uhr dreißig ab.« Er legt den BlackBerry weg. Ohne Bitte oder Danke.

»Tun die Leute immer, was du ihnen sagst?«

»Wenn sie ihren Job behalten wollen, schon«, antwortet er todernst.

»Und wenn sie nicht für dich arbeiten?«

»Ich kann ziemlich überzeugend sein, Anastasia. Iss dein Frühstück. Dann bringe ich dich nach Hause. Ich hole dich um acht von Clayton’s ab. Wir fliegen nach Seattle.«

Ich blinzle. »Fliegen?«

»Ja. Ich besitze einen Helikopter.«

Ich sehe ihn mit großen Augen an. Mein zweites Date mit dem ach so mysteriösen Christian Grey – von einer Einladung zum Kaffee gleich zum Hubschrauberflug. Wow.

»Wir fliegen mit dem Helikopter nach Seattle?«

»Ja.«

»Warum?«

Er grinst schelmisch. »Weil ich es kann. Iss fertig.«

Wie soll ich jetzt noch essen? Ich fliege mit Christian Grey im Hubschrauber nach Seattle. Und er will an meiner Lippe knabbern … Bei der Vorstellung rutsche ich wieder unruhig auf dem Stuhl hin und her.

»Iss«, sagt er in forscherem Tonfall. »Anastasia, ich kann’s nicht leiden, wenn Essen verdirbt … iss.«

»Das krieg ich nicht alles runter.« Ich starre das Essen auf dem Tisch an.

»Iss, was auf deinem Teller liegt. Wenn du gestern ordentlich gegessen hättest, wärst du jetzt nicht hier, und ich müsste meine Karten nicht schon so bald aufdecken.« Er presst verärgert die Lippen zusammen.

Ich runzle die Stirn und wende mich dem kalt gewordenen Essen zu. Ich bin zu aufgeregt zum Essen, Christian. Begreifst du das nicht?, erklärt mein Unterbewusstsein. Aber ich bin viel zu feige, das laut auszusprechen. Er macht so ein mürrisches Gesicht. Wie ein kleiner Junge. Der Gedanke amüsiert mich.

»Was ist so komisch?«, erkundigt er sich.

Ich schüttle den Kopf, weil ich es nicht wage, ihm die Wahrheit zu sagen, und halte den Blick auf das Essen gerichtet. Nachdem ich den letzten Bissen Pfannkuchen hinuntergeschluckt habe, hebe ich den Kopf.

»Braves Mädchen«, lobt er mich. »Ich bringe dich nach Hause, sobald du dir die Haare geföhnt hast. Ich will nicht, dass du krank wirst.«

In seinen Worten liegt ein unausgesprochenes Versprechen. Was soll das heißen? Bevor ich vom Tisch aufstehe, überlege ich kurz, ob ich ihn um Erlaubnis fragen soll, verwerfe den Gedanken aber. Ich darf die Weichen nicht falsch stellen. Auf dem Weg zum Schlafzimmer halte ich inne.

»Wo hast du heute Nacht geschlafen?« Ich wende mich ihm zu. Im Wohn- und Essbereich sehe ich nirgends Bettzeug – vielleicht hat er schon alles wegräumen lassen.

»In meinem Bett.«

»Ach.«

»Ja, für mich war das auch eine Premiere.« Er lächelt.

»Was? Ohne … Sex?« Nun habe ich das Wort ausgesprochen. Natürlich werde ich rot.

»Nein.« Er schüttelt den Kopf und runzelt die Stirn, als würde er sich an etwas Unangenehmes erinnern. »Dass ich mit jemandem in einem Bett geschlafen habe.« Er wendet sich seiner Zeitung zu.

Was um Himmels willen soll das wieder heißen? Dass er noch nie mit jemandem geschlafen hat? Dass er Jungfrau ist? Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich starre ihn ungläubig an. Er ist der rätselhafteste Mensch, den ich kenne. Erst jetzt dämmert mir, dass ich mit Christian Grey in einem Bett geschlafen habe. Ich versetze mir innerlich einen Tritt – was hätte ich darum gegeben, so wach zu sein, dass ich ihn beim Schlafen beobachten und ihn verletzlich hätte sehen können! Mir das vorzustellen, fällt mir schwer. Nun, angeblich wird sich ja heute Abend alles klären.

Im Schlafzimmer entdecke ich in einer Kommode den Föhn. Mithilfe meiner Finger trockne ich meine Haare, so gut ich kann. Als ich fertig bin, gehe ich ins Bad, um mir die Zähne zu putzen. Ich beäuge Christians Zahnbürste. Das wäre, als hätte ich ihn im Mund. Hm … Mit einem schuldbewussten Blick Richtung Tür lasse ich einen Finger über die Borsten gleiten. Sie sind feucht. Er hat sie benutzt. Entschlossen gebe ich Zahnpasta darauf und putze mir die Zähne in rasender Geschwindigkeit. Dabei komme ich mir ziemlich unartig vor. Junge, Junge, wie aufregend!

Ich stecke T-Shirt, BH und Slip vom Vortag in die Einkaufstüte, die Taylor gebracht hat, und kehre zurück in den Wohnbereich, um nach meiner Handtasche und meiner Jacke zu suchen. Gott sei Dank finde ich in meiner Tasche ein Haarband. Christian beobachtet mich mit unergründlicher Miene, wie ich mir die Haare zurückbinde und mich setze. Er spricht in seinen BlackBerry.

»Zwei? … Wie viel wird das kosten? … Okay, und welche Sicherheitsmaßnahmen sind bereits getroffen? … Über Suez?  … Wie sicher ist Ben Sudan? … Wann kommen sie in Darfur an? … Okay, dann machen wir das so. Halten Sie mich auf dem Laufenden.« Er beendet das Gespräch. »Fertig?«

Ich nicke und frage mich, worum es in der Unterhaltung ging. Er schlüpft in ein marineblaues Jackett mit Nadelstreifen, schnappt sich die Autoschlüssel und macht sich auf den Weg zur Tür.

»Nach Ihnen, Miss Steele«, murmelt er und hält mir lässig die Tür auf.

Ich verharre einen Augenblick, um seinen Anblick zu genießen. Dass ich die letzte Nacht im selben Bett verbracht habe wie er, nach dem ganzen Tequila und der Kotzerei … und er ist immer noch da. Und will sogar mit mir nach Seattle. Warum ich? Ich begreife es nicht. Ich trete mit einem Echo seiner Worte im Ohr hinaus – Ich kann die Finger nicht von dir lassen –, tja, das beruht auf Gegenseitigkeit, Mr. Grey!

Schweigend gehen wir zum Aufzug. Beim Warten riskiere ich einen verstohlenen Blick auf ihn. Er beobachtet mich aus den Augenwinkeln. Ich lächle, und seine Lippen zucken.

Als der Lift kommt, steigen wir ein. Wir sind allein. Plötzlich verändert sich die Atmosphäre zwischen uns, vielleicht weil wir auf so engem Raum so nahe beieinander stehen. Gespannte, freudige Erwartung liegt in der Luft. Meine Atmung und mein Puls beschleunigen sich. Er dreht mir den Kopf ein wenig zu; seine Augen schimmern wie flüssiges Silber. Ich beiße mir auf die Lippe.

»Ach, Scheiß auf den Papierkram!«, knurrt er, packt mich und drückt mich gegen die Wand des Aufzugs. Ehe ich mich’s versehe, hebt er meine Hände in schraubzwingenähnlichem Griff über meinen Kopf und presst seine Hüften gegen mich. Mein Gott! Mit der freien Hand packt er meine Haare und zieht meinen Kopf hoch, und schon berühren seine Lippen meine. Es ist hart an der Schmerzgrenze. Ich stöhne auf und öffne den Mund so weit, dass seine Zunge meinen Mund erforschen kann. So bin ich noch nie geküsst worden. Meine Zunge gleitet vorsichtig über seine und beginnt einen langsamen, erotischen Tanz mit ihr. Er umfasst mein Kinn und hält mich fest. Ich kann mich nicht rühren, weder Hände noch Gesicht, und seine Hüften drücken mich fest gegen die Wand. Ich spüre seine Erektion an meinem Bauch. Wow … Er begehrt mich. Christian Grey, der griechische Gott, begehrt mich, und ich begehre ihn, hier … jetzt, im Aufzug.

»Du. Bist. Der. Wahnsinn«, bringt er keuchend hervor.

Als die Lifttüren sich plötzlich öffnen, löst er sich in Windeseile von mir. Drei Männer in Business-Anzügen mustern uns spöttisch. Mein Puls ist auf hundertachtzig; ich fühle mich, als wäre ich einen Berg hinaufgerannt. Am liebsten würde ich mich nach vorn beugen und die Hände auf den Knien abstützen, aber das wäre zu offensichtlich.

Ich schaue Christian an. Er wirkt kühl und ruhig, als hätte er gerade das Kreuzworträtsel der Seattle Times gelöst. Wie unfair. Bringt ihn meine Gegenwart denn gar nicht aus der Fassung? Er sieht mich aus den Augenwinkeln an und atmet deutlich hörbar aus. Aha, ganz spurlos ist die Sache doch nicht an ihm vorübergegangen. Meine winzig kleine innere Göttin wiegt sich triumphierend im Sambarhythmus. Die Geschäftsleute steigen im ersten Stock aus, wir müssen noch eine Etage weiter.

»Du hast dir die Zähne geputzt«, stellt er fest.

»Mit deiner Zahnbürste.«

Er verzieht den Mund zu einem kleinen Lächeln. »Anastasia Steele, was soll ich bloß mit dir machen?«

Als die Lifttüren im Erdgeschoss aufgehen, ergreift er meine Hand und zieht mich hinaus.

»Was haben diese Aufzüge nur an sich?«, murmelt er, mehr zu sich selbst als zu mir, während er mit seinen langen Beinen das Foyer durchquert. Ich habe Mühe, mit ihm Schritt zu halten, weil ich in Gedanken noch in Aufzug Nummer drei des Heathman Hotels bin.

SECHS

Christian öffnet die Beifahrertür des schwarzen Audi SUV, und ich steige ein. Was für ein Riesengefährt! Er hat bis jetzt kein Wort über die Sache im Aufzug verloren. Soll ich damit anfangen? Sollen wir darüber reden oder so tun, als wäre nichts geschehen? Fast erscheint er mir nicht real, mein erster hemmungsloser Kuss. Als die Minuten verstreichen, verbanne ich ihn ins Reich der Mythen, der Artussage, des untergegangenen Atlantis. Er ist nie passiert. Vielleicht habe ich mir alles nur eingebildet. Nein. Ich berühre meine Lippen, die von seinem Kuss geschwollen sind. Er ist definitiv passiert. Der Kuss hat mich verändert. Ich will diesen Mann, und er will mich.

Ich sehe ihn an. Christian wirkt wie üblich höflich und ein wenig distanziert.

Mann, wie verwirrend.

Er lässt den Motor an, fährt rückwärts aus dem Parkplatz und schaltet die Stereoanlage ein. Sogleich wird das Innere des Wagens vom engelsgleichen Gesang zweier Frauen erfüllt. Puh! In meinem konfusen Zustand berührt mich diese Musik derart, dass ich eine Gänsehaut bekomme. Christian lenkt den Audi lässig und selbstbewusst auf die Southwest Park Avenue.

»Was hören wir da gerade?«

»Das ›Blumenduett‹ von Delibes, aus der Oper Lakmé. Gefällt es dir?«

»Es ist wunderschön.«

»Ja, nicht wahr?« Er grinst mich an. Einen kurzen Moment wirkt er so jung, wie er tatsächlich ist, unbekümmert und atemberaubend schön. Ist Musik der Schlüssel zu seinem Wesen? Ich lausche den verführerischen Stimmen.

»Kann ich das nochmal hören?«

»Natürlich.« Christian betätigt einen Knopf, und schon umschmeichelt mich der Gesang erneut.

»Magst du klassische Musik?«, frage ich, weil ich mir dadurch einen seltenen Blick in sein Wesen erhoffe.

»Mein Geschmack ist breit gefächert, Anastasia. Ich mag alles von Thomas Tallis bis zu den Kings of Leon. Das hängt von meiner Stimmung ab. Und du?«

»Mir geht es ähnlich. Aber Thomas Tallis sagt mir nichts.«

Er sieht kurz zu mir herüber. »Irgendwann spiele ich dir was von ihm vor. Er war ein britischer Komponist des sechzehnten Jahrhunderts, Tudorzeit, hat hauptsächlich Motetten geschrieben. Ich weiß, das klingt esoterisch, doch seine Musik ist magisch.«

Er drückt auf einen Knopf, und die Kings of Leon erklingen. Hm … das kenne ich. Sex on Fire. Wie passend! Doch dann wird die Musik von Handyklingeln übertönt. Christian betätigt einen Schalter am Lenkrad.

»Grey«, bellt er in den Lautsprecher. Er kann wirklich sehr schroff sein.

»Mr. Grey, Welch hier. Ich habe die Information, die Sie wollten«, höre ich eine raue Stimme sagen.

»Gut. Mailen Sie sie mir. Sonst noch was?«

»Nein, Sir.«

Christian beendet das Gespräch, und wieder ertönt die Musik. Kein Auf Wiedersehen oder Dankeschön. Gott sei Dank habe ich nie ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, für ihn zu arbeiten. Schon bei der Vorstellung überläuft mich ein Schauder. Sein Kontrollbedürfnis ist übermächtig, und seine Untergebenen behandelt er schrecklich kühl. Erneut wird die Musik durch das Klingeln des Handys unterbrochen.

»Grey.«

»Man hat Ihnen die Verschwiegenheitsvereinbarung gemailt, Mr. Grey.« Eine Frauenstimme.

»Gut. Das wäre alles, Andrea.«

»Auf Wiederhören, Sir.«

Christian betätigt abermals den Knopf am Lenkrad. Die Musik erklingt sehr kurz, bevor das Handy ein weiteres Mal klingelt. Gütiger Himmel, sieht sein Leben so aus – permanent nervende Anrufe?

»Grey«, knurrt er ins Telefon.

»Hallo, Christian. Na, hattest du eine heiße Nacht?«

»Hallo, Elliot. Das Telefon ist laut geschaltet. Ich bin nicht allein im Wagen.« Christian seufzt.

»Wer ist bei dir?«

Christian verdreht die Augen. »Anastasia Steele.«

»Hi, Ana!«

Ana?

»Hallo, Elliot.«

»Hab schon eine Menge von dir gehört«, erklärt Elliot mit kehliger Stimme.

»Glaub kein Wort von dem, was Kate sagt.«

Elliot lacht.

»Ich bringe Anastasia gerade nach Hause. Soll ich dich dann mitnehmen?«

»Gern.« »Bis gleich.« Christian beendet das Gespräch, und wieder erklingt die Musik.

»Warum nennst du mich die ganze Zeit Anastasia?«

»Weil du so heißt.«

»Mir ist Ana lieber.«

»Ach, tatsächlich?«

Wir sind fast vor meinem Haus. Das ist schnell gegangen. »Anastasia«, wiederholt er. Ich mache ein finsteres Gesicht, das er ignoriert. »Was vorhin im Aufzug passiert ist, wird nicht mehr geschehen, jedenfalls nicht ohne vorherige Absprache.«

Erst vor dem Apartment fällt mir auf, dass er mich nicht gefragt hat, wo ich wohne – trotzdem weiß er es. Nun, er hat die Bücher geschickt; natürlich weiß er, wo ich wohne. Das ist so bei geschickten Stalkern, die Anrufe zurückverfolgen und einen Helikopter besitzen.

Warum will er mich nicht mehr küssen? Ich begreife es nicht und mache einen Schmollmund. Der Familienname Kryptisch würde besser zu ihm passen als Grey. Er steigt aus und eilt auf meine Seite, um mir die Tür zu öffnen – wie immer ganz der Gentleman, abgesehen von seltenen, kostbaren Momenten in Aufzügen. Ich erröte bei der Erinnerung an seinen Kuss, und nachträglich wird mir bewusst, dass ich ihn nicht berühren konnte. Gern hätte ich ihm mit den Fingern die widerspenstigen Haare noch mehr zerzaust, aber ich war nicht in der Lage, meine Hände zu bewegen. Im Nachhinein frustriert mich das.

»Mir hat das im Aufzug gefallen«, sage ich beim Aussteigen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ein tiefes Luftholen höre, während ich die Stufen zur Eingangstür hinaufgehe.

Kate und Elliot sitzen an unserem Esstisch. Die superteuren Erstausgaben sind Gott sei Dank verschwunden. Auf Kates Gesicht liegt ein für sie höchst untypisches Grinsen, und sie sieht auf sexy Art müde aus. Christian folgt mir ins Wohnzimmer. Trotz ihres Grinsens, das von einer tollen Nacht zeugt, beäugt sie ihn argwöhnisch.

»Hi, Ana.« Sie springt auf, um mich zu umarmen, und tritt dann einen Schritt zurück, damit sie mich besser begutachten kann.

»Guten Morgen, Christian«, sagt sie anschließend ein wenig feindselig.

»Miss Kavanagh«, erwidert er in seiner steifen, förmlichen Art.

»Christian, sie heißt Kate«, brummt Elliot.

»Kate.« Christian bedenkt sie mit einem höflichen Nicken und Elliot mit einem wütenden Blick.

Elliot steht schmunzelnd auf, um mich ebenfalls mit einer Umarmung zu begrüßen. »Hi, Ana.« Seine blauen Augen strahlen.

Ich mag ihn sofort. Offenbar ist er anders als Christian, aber sie sind ja auch nur Adoptivbrüder.

»Hallo, Elliot.« Als ich sein Lächeln erwidere, merke ich, dass ich auf meiner Lippe kaue.

»Elliot, wir sollten gehen«, sagt Christian.

»Ja.« Elliot wendet sich Kate zu, nimmt sie in die Arme und küsst sie lange und intensiv.

Gott … sucht euch irgendwo ein Zimmer. Ich starre verlegen auf meine Füße. Als ich den Blick hebe, merke ich, dass Christian mich genauestens beobachtet. Meine Augen verengen sich. Warum kannst du mich nicht so küssen? Ohne seine Lippen von den ihren zu lösen, reißt Elliot Kate von den Beinen und schultert sie, so dass ihre Haare den Boden berühren.

»Ciao, ciao, Baby.«

Kate schmilzt dahin. So habe ich sie noch nie erlebt – mir fallen Worte wie »anmutig« oder »zahm« ein. Kate – und zahm? Junge, Junge, Elliot muss wirklich was auf dem Kasten haben. Christian verdreht die Augen und sieht mich mit unergründlicher Miene an. Er streicht eine Haarsträhne, die sich aus meinem Pferdeschwanz gelöst hat, hinter mein Ohr. Ich halte den Atem an, als ich seine Berührung spüre, und drücke meinen Kopf leicht gegen seine Hand. Sein Blick wird weicher, und er lässt seinen Daumen über meine Unterlippe gleiten. Das Blut pocht in meinen Adern. Leider endet die Liebkosung viel zu schnell.

»Ciao, ciao, Baby«, murmelt er, und ich muss lachen, weil das so gar nicht zu ihm passt. Obwohl ich weiß, dass es ironisch gemeint ist, bringt es tief in mir etwas zum Klingen.

»Ich hole dich um acht ab.« Er wendet sich zum Gehen, öffnet die Haustür und tritt hinaus.

Elliot folgt ihm zum Wagen. Unterwegs dreht er sich um und wirft Kate eine Kusshand zu, was mir einen eifersüchtigen Stich versetzt.

»Und, habt ihr?«, fragt Kate neugierig, während wir ihnen nachsehen.

»Nein«, herrsche ich sie verärgert an, in der Hoffnung, dass sie das von weiteren Fragen abhält. »Ihr aber offenbar schon.« Ich kann meinen Neid nicht verhehlen. Kate schafft es immer, die Männer in ihren Bann zu schlagen. Sie ist unwiderstehlich, schön, sexy, witzig … alles, was ich nicht bin. Das Grinsen, das sie mir zur Antwort gibt, ist ansteckend.

»Und ich sehe ihn heute Abend wieder.« Sie klatscht in die Hände und springt vor Aufregung auf und ab wie ein kleines Mädchen. Ich muss mich einfach mit ihr freuen. Eine glückliche Kate … das wird interessant.

»Christian bringt mich heute Abend nach Seattle.«

»Nach Seattle?«

»Ja.«

»Vielleicht dort

»Ich hoffe es.«

»Dann stehst du also auf ihn?«

»Ja.«

»Genug, um zu …?«

»Ja.«

Sie hebt die Augenbrauen. »Wow. Ana Steele verguckt sich doch noch in einen Mann, und ausgerechnet in Christian Grey, einen sexy Milliardär.«

»Genau, es geht mir bloß ums Geld.« Ich verziehe verächtlich den Mund, und wir brechen beide in Kichern aus.

»Ist das eine neue Bluse?«, erkundigt sie sich, und ich erzähle ihr die weniger interessanten Ereignisse der vergangenen Nacht.

»Hat er dich schon geküsst?«, fragt sie beim Kaffeekochen.

Ich werde rot. »Einmal.«

»Einmal!«, wiederholt sie spöttisch.

Ich nicke verlegen. »Er ist sehr zurückhaltend.«

Sie runzelt die Stirn. »Merkwürdig.«

»Gelinde ausgedrückt.«

»Heute Abend musst du unwiderstehlich aussehen«, sagt sie entschlossen.

O nein … Das klingt nach Zeitaufwand, Erniedrigung und Schmerz.

»Ich muss in einer Stunde in der Arbeit sein.«

»Mit einer Stunde lässt sich schon was anfangen. Komm.« Kate ergreift meine Hand und zerrt mich in ihr Zimmer.

Bei Clayton’s zieht sich der Tag hin, obwohl viel los ist. Wir sind jetzt in der Sommersaison, was bedeutet, dass ich nach Ladenschluss zwei Stunden lang Regale auffüllen muss. Hirnlose Arbeit, die mir viel Zeit zum Grübeln lässt. Dazu hatte ich den ganzen Tag über keine Gelegenheit.

Unter Kates unermüdlicher und ziemlich aufdringlicher Anleitung wurden meine Beine und Achseln glatt rasiert, meine Augenbrauen gezupft, und außerdem wurde ich am ganzen Körper auf Hochglanz poliert. Eine ausgesprochen unangenehme Prozedur. Kate versicherte mir dabei, dass Männer das heutzutage erwarten. Was wird er sonst noch erwarten? Ich muss Kate davon überzeugen, dass es mein freier Wille ist, denn sie misstraut ihm, möglicherweise weil er so steif und förmlich ist. Sie behauptet, sie könne sich ihre Abneigung selbst nicht so genau erklären. Ich habe ihr versprochen, ihr eine SMS zu schicken, sobald ich in Seattle bin. Von dem Hubschrauber habe ich ihr nichts erzählt, sonst wäre sie wahrscheinlich ausgeflippt.

Und dann ist da noch die Sache mit José. Er hat drei Nachrichten und sieben Anrufe in Abwesenheit auf meinem Handy hinterlassen. Und zweimal zuhause angerufen. Kate hat auf seine Frage, wo ich sei, ausweichend geantwortet. Er weiß bestimmt, dass etwas im Busch ist, denn normalerweise hält Kate sich nicht so bedeckt. Ich habe beschlossen, ihn schmoren zu lassen, weil ich ziemlich sauer auf ihn bin.

Außerdem hat Christian etwas von Papierkram erwähnt. Ich habe keine Ahnung, ob das ein Scherz war oder ob ich tatsächlich etwas unterschreiben muss. Ich finde das frustrierend. Dazu kommen meine Angst, meine Aufregung und meine Nerven. Diese Nacht wird die Nacht aller Nächte! Bin ich nach all den Jahren bereit? Meine winzig kleine innere Göttin tippt ungeduldig mit ihren Füßchen auf den Boden. Sie ist seit Jahren bereit, und mit Christian Grey sowieso bereit zu allem, obwohl ich nach wie vor nicht begreife, was er in mir sieht … in dem Mäuschen Ana Steele.

Natürlich wartet er schon auf mich, als ich Clayton’s verlasse. Er steigt aus dem hinteren Teil des Audi aus, um mir die Tür zu öffnen, und begrüßt mich mit einem freundlichen Lächeln.

»Guten Abend, Miss Steele.«

»Mr. Grey.« Ich nicke ihm zu.

Taylor chauffiert den Wagen.

»Hallo, Taylor«, sage ich.

»Guten Abend, Miss Steele.« Er klingt höflich und professionell.

Christian steigt auf der anderen Seite ein und drückt meine Hand. Die Berührung löst ein sanftes Beben in meinem Körper aus.

»Wie war die Arbeit?«, erkundigt er sich.

»Sie hat sich hingezogen«, antworte ich. Meine Stimme klingt zu sehnsuchtsvoll.

»Für mich war es auch ein langer Tag.«

»Was hast du gemacht?«, frage ich.

»Ich war mit Elliot wandern.« Sein Daumen streicht über meine Fingerknöchel, vor und zurück, und mein Herz setzt einen Schlag aus. Wie macht er das bloß? Er berührt nur einen winzigen Teil meines Körpers, und trotzdem explodieren die Hormone.

Die Fahrt zum Hubschrauberlandeplatz dauert nicht lange. Bevor ich mich’s versehe, sind wir da. Ich frage mich, wo der sagenhafte Helikopter wartet, denn wir befinden uns in einer dicht bebauten Gegend der Stadt, und sogar ich weiß, dass Hubschrauber Platz zum Starten und Landen brauchen. Taylor stellt den Wagen ab, steigt aus und hält mir die Tür auf. Christian ist sofort neben mir und nimmt wieder meine Hand.

»Bereit?«, fragt er.

Ich nicke. Am liebsten würde ich sagen: zu allem. Doch dazu bin ich zu nervös und aufgeregt.

»Taylor.« Christian nickt seinem Fahrer kurz zu, bevor wir uns in das Gebäude begeben, geradewegs zu den Aufzügen. Aufzüge ! Ich habe den ganzen Tag an nichts anderes gedacht als an unseren Kuss im Lift. Zweimal musste Mr. Clayton meinen Namen rufen, um mich in die Realität zurückzuholen. Zu behaupten, ich sei nicht bei der Sache gewesen, wäre die Untertreibung des Jahres gewesen. Christian sieht mich an, ein leichtes Lächeln spielt um seine Mundwinkel. Ha! Also denkt auch er daran.

»Es sind nur drei Stockwerke«, bemerkt er trocken, doch seine Augen funkeln belustigt.

Ich bemühe mich um eine ausdruckslose Miene, als wir den Aufzug betreten. Sobald die Türen geschlossen sind, ist da wieder dieses merkwürdige Knistern zwischen uns. Ich schließe die Augen in dem vergeblichen Versuch, es zu ignorieren. Er umfasst meine Hand fester, und fünf Sekunden später öffnen sich die Türen zum Dach des Gebäudes. Da steht er, der weiße Helikopter mit der Aufschrift GREY ENTERPRISES HOLDINGS, INC. in blauen Buchstaben, daneben das Firmenlogo. Missbrauch von Firmeneigentum fällt mir dazu ein.

Er führt mich zu einem kleinen Büro, in dem ein älterer Mann hinter einem Schreibtisch sitzt.

»Ihr Flugplan, Mr. Grey. Alle äußeren Vorflugkontrollen sind durchgeführt. Fertig und startklar, Sir. Sie können jederzeit losfliegen.«

»Danke, Joe.« Christian schenkt ihm ein freundliches Lächeln.

Oh, jemand, der einer höflichen Behandlung durch Christian würdig zu sein scheint. Vielleicht ist er kein Angestellter von ihm. Ich empfinde Hochachtung für den alten Mann.

»Lass uns gehen«, sagt Christian und dirigiert mich zum Helikopter. Er ist viel größer, als ich ihn mir vorgestellt habe. Ich hatte so etwas wie eine Roadster-Version für zwei erwartet, aber in dem Ding befinden sich mindestens sieben Sitze. Christian öffnet die Tür und weist mir einen der Plätze vorn zu.

»Setz dich – und lass die Finger von den Armaturen«, ermahnt er mich, als er hinter mir hineinklettert.

Dann knallt er die Tür zu. Ich bin froh, dass es hier oben Flutlicht gibt, denn sonst fiele es mir schwer, mich im Cockpit zurechtzufinden. Ich setze mich, und er geht neben mir in die Hocke, um mir den Gurt anzulegen. Es handelt sich um einen Vier-Punkt-Gurt, bei dem alle Teile an der Mittelschnalle zusammenlaufen. Er zurrt die beiden oberen Gurte fest, so dass ich mich kaum bewegen kann. Wenn ich mich ein wenig nach vorne beugen könnte, wäre meine Nase in seinen Haaren. Er riecht sauber, frisch, einfach himmlisch, doch ich bin mehr oder weniger bewegungsunfähig. Er hebt amüsiert den Blick. Seine Augen glühen. Gott, wie verführerisch.

»Du bist sicher, hast keine Fluchtmöglichkeit«, flüstert er mir zu, während er auch die unteren Gurte festzurrt. »Vergiss das Atmen nicht, Anastasia«, fügt er hinzu, hebt die Hand, streichelt meine Wange, lässt seine langen Finger zu meinem Kinn gleiten, nimmt es zwischen Daumen und Zeigefinger. Dann beugt er sich vor und drückt mir einen kurzen, keuschen Kuss auf den Mund, der mir die Sinne raubt.

»Das Geschirr gefällt mir«, gesteht er mit leiser Stimme.

Wie bitte?

Er setzt sich neben mich und schnallt sich ebenfalls an. Anschließend folgt eine langwierige Prozedur des Überprüfens, Umlegens von Hebeln und Drückens von Knöpfen an dem blinkenden Armaturenbrett vor mir.

»Setz die Kopfhörer auf«, weist er mich an.

Ich tue ihm den Gefallen. Die Rotorblätter beginnen sich mit ohrenbetäubendem Lärm zu drehen. Er setzt ebenfalls die Kopfhörer auf und legt weitere Schalter um.

»Ich mache nur alle nötigen Kontrollen vor dem Start«, informiert Christian mich über Kopfhörer.

»Weißt du auch, was du tust?«, frage ich.

»Ich habe den Pilotenschein seit vier Jahren, Anastasia. Du bist in sicheren Händen.« Er grinst wölfisch. »Jedenfalls solange wir in der Luft sind«, fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu.

Christian zwinkert mir zu!

»Bereit?«

Ich nicke.

»Okay, Tower. Charlie Tango Golf-Golf Echo Hotel an PDX, Startfreigabe bitte bestätigen.«

»Charlie Tango – Start frei. Steigen Sie auf viertausend, Kurs null eins null.«

»Roger, Tower, Charlie Tango bereit, Ende. Los geht’s«, fügt er an mich gewandt hinzu, und der Helikopter erhebt sich langsam in die Luft.

Portland verschwindet unter uns, als wir aufsteigen, doch mein Magen weigert sich, von Oregon Abschied zu nehmen. Puh! All die bunten Lichter schrumpfen, bis sie nur noch schwach flimmern. Es ist, als würde man aus einem Goldfischglas hinausschauen. Weiter oben gibt es nicht viel zu sehen. Dort ist es pechschwarz; nicht einmal der Mond erhellt den Himmel. Woher weiß Christian, wohin wir fliegen?

»Unheimlich, was?«, höre ich seine Stimme über Kopfhörer. »Woher weißt du, dass du in die richtige Richtung fliegst?« »Hier.« Er deutet mit seinem langen Zeigefinger auf einen elektronischen Kompass. »Dies ist ein EC135 Eurocopter, eines der sichersten Modelle seiner Klasse, nachtflugtauglich.« Christian grinst zu mir herüber. »Auf dem Gebäude, in dem ich wohne, ist ein Hubschrauberlandeplatz. Der ist unser Ziel.«

Natürlich gibt es auf seinem Haus einen Hubschrauberlandeplatz. Mann, er spielt wirklich in einer komplett anderen Liga als ich. Sein Gesicht wird sanft von den Lichtern am Armaturenbrett erhellt. Er lässt die Instrumente daran nicht aus den Augen. Ich mustere ihn verstohlen. Er hat ein unglaubliches Profil. Gerade Nase, kantiges Kinn – ich hätte Lust, meine Zunge über seinen Kiefer gleiten zu lassen. Er ist nicht rasiert; der Bartschatten macht ihn noch verführerischer. Hm … Ich würde gern das raue Gefühl an meiner Zunge spüren, an meinen Fingern, meinem Gesicht.

»In der Nacht fliegt man blind. Man muss den Instrumenten vertrauen«, erklärt er und reißt mich aus meinen erotischen Träumen.

»Wie lange dauert der Flug?«, frage ich.

»Weniger als eine Stunde – wir haben Rückenwind.«

Weniger als eine Stunde nach Seattle … Nicht schlecht. Kein Wunder, dass wir fliegen.

Und weniger als eine Stunde bis zur großen Enthüllung. In meinem Unterleib ziehen sich sämtliche Muskeln zusammen. In meinem Bauch wimmelt es von Schmetterlingen. Mein Gott, was mich wohl erwartet?

»Alles in Ordnung, Anastasia?«

»Ja.« Mehr bringe ich in meiner Nervosität nicht heraus.

Ich habe das Gefühl, dass er lächelt, doch in der Dunkelheit ist das schwer zu beurteilen. Christian legt erneut einen Schalter um.

»Charlie Tango an PDX, jetzt auf viertausend.« Er tauscht Informationen mit dem Tower aus. In meinen Ohren klingt das hoch professionell. Soweit ich das verstehe, wechseln wir vom Portlander Luftraum in den des Seattle International Airport. »Verstanden, Sea-Tac, bleibe auf Frequenz.«

»Schau, da drüben.« Er deutet auf einen kleinen Lichtpunkt in der Ferne. »Das ist Seattle.«

»Beeindruckst du die Frauen immer so? Indem du sie zu einem Flug in deinem Helikopter einlädst?«, frage ich.

»Ich habe noch nie eine Frau mit hier herauf genommen, Anastasia. Wieder eine Premiere.« Er klingt ernst.

Eine unerwartete Antwort. Wieder eine Premiere? Ach so, wahrscheinlich meint er das gemeinsame Schlafen in seinem Bett.

»Bist du denn beeindruckt?«

»Zutiefst, Christian.«

Er lächelt.

»Zutiefst?« Und ein weiteres Mal wirkt er einen Moment lang so jung, wie er tatsächlich ist.

Ich nicke. »Du bist so … kompetent.«

»Danke fürs Kompliment, Miss Steele.«

Ich glaube, meine Bemerkung freut ihn, aber sicher bin ich mir nicht.

Eine Weile fliegen wir schweigend in der Dunkelheit dahin. Der helle Punkt – Seattle – wird größer.

»Sea-Tac Tower an Charlie Tango. Flugplan nach Escala liegt vor. Bleiben Sie auf Frequenz.«

»Charlie Tango an Sea-Tac, verstanden. Bleibe auf Frequenz.«

»Das scheint dir Spaß zu machen«, murmle ich.

»Was?«

»Das Fliegen«, antworte ich.

»Dafür sind Kontrolle und Konzentration erforderlich … ich muss es einfach lieben. Aber noch lieber mag ich das Segelfliegen.«

»Segelfliegen?«

»Ja.«

»Oh.« Teure Hobbys. Ich erinnere mich: Das hat er in dem Interview erwähnt. Wieder einmal fühle ich mich fehl am Platz. Ich lese gern und gehe ab und zu ins Kino.

»Charlie Tango, bitte kommen.« Die körperlose Stimme der Flugverkehrskontrolle reißt mich aus meinen Überlegungen. Christian antwortet. Er klingt, als hätte er alles im Griff.

Seattle kommt näher. Wir sind jetzt über den Randbezirken, und es sieht absolut atemberaubend aus. Seattle in der Nacht, von oben …

»Schön, was?«, fragt Christian mit leiser Stimme.

Ich nicke begeistert. Es wirkt nicht real, irgendwie nicht von dieser Welt. Ich fühle mich wie in einer riesigen Filmkulisse, vielleicht in der von Josés Lieblingsstreifen Blade Runner. Dabei fällt mir Josés Kussversuch wieder ein. Allmählich komme ich mir ein wenig grausam vor, weil ich ihn nicht zurückrufe. Ach was, das kann bis morgen warten.

»Wir sind in ein paar Minuten da«, informiert mich Christian.

Das Blut pocht in meinen Ohren, mein Puls beschleunigt sich, ein Adrenalinstoß durchzuckt meinen Körper. Er spricht wieder mit dem Tower, aber ich höre nicht mehr zu. Ich fürchte, gleich ohnmächtig zu werden. Mein Schicksal liegt in seinen Händen.

Wir fliegen zwischen Wolkenkratzern hindurch; vor uns erkenne ich einen mit Hubschrauberlandeplatz. Das Wort »Escala« steht in weißen Lettern oben auf dem Gebäude. Es wird größer und größer … wie meine Angst. Gott, hoffentlich enttäusche ich ihn nicht. Bestimmt entspreche ich nicht seinen Erwartungen. Hätte ich doch nur auf Kate gehört und mir eines ihrer Kleider ausgeliehen, aber ich mag nun mal lieber meine schwarze Jeans, und dazu trage ich eine minzgrüne Bluse und Kates schwarzen Blazer. Das finde ich schick genug. Ich umklammere den Rand meines Sitzes fester und fester. Ich schaffe das. Ich schaffe das. Das sage ich mir immer wieder vor, während der Wolkenkratzer näher kommt.

Die Rotorblätter des Helikopters drehen sich langsamer; Christian setzt auf dem Hubschrauberlandeplatz auf. Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Ich weiß nicht, ob das an meiner nervösen Vorfreude liegt, an der Erleichterung darüber, dass wir heil gelandet sind, oder an meiner Versagensangst. Christian schaltet den Motor aus, und die Rotorblätter kommen zum Stillstand. Jetzt ist es so leise, dass ich nur noch meinen eigenen unregelmäßigen Atem höre. Christian nimmt die Kopfhörer ab und zieht mir auch die meinen von den Ohren.

»Wir sind da«, verkündet er.

Sein Blick ist sehr intensiv, so halb im Schatten und halb im grellen Licht der Landelichter. Schwarzer und weißer Ritter – eine passende Metapher für Christian. Er wirkt angespannt. Seine Kiefer mahlen, und er kneift die Augen zusammen. Er löst zuerst seinen Sicherheitsgurt und dann meinen, dabei ist sein Gesicht nur wenige Zentimeter von meinem entfernt.

»Du musst nichts tun, was du nicht möchtest. Das weißt du doch, oder?« Er klingt sehr ernst, fast verzweifelt, und seine Augen glühen. Seine Worte überraschen mich.

»Ich würde nie etwas machen, was ich nicht will, Christian.« Kaum habe ich das über die Lippen gebracht, bin ich mir da nicht mehr ganz so sicher, denn im Moment würde ich vermutlich alles für diesen Mann tun. Meine Antwort scheint ihn zufrieden zu stellen.

Trotz seiner Größe gelingt es ihm, sich anmutig zur Tür des Helikopters zu drehen und sie zu öffnen. Er springt hinaus und nimmt meine Hand, als ich hinausklettere. Hier oben auf dem Gebäude geht ein sehr starker Wind. Es macht mich nervös, dass ich mindestens dreißig Stockwerke hoch an einem nicht durch Mauern geschützten Ort stehe. Christian legt den Arm um meine Taille und zieht mich zu sich heran.

»Komm«, ruft er mir über den heulenden Wind hinweg zu, dirigiert mich zum Aufzug und gibt den Sicherheitscode ein. Sofort öffnen sich die Türen. Drinnen ist es warm; alle Wände sind aus Spiegelglas. Darin sehe ich Christian in endloser Wiederholung und mich daneben. Er gibt einen weiteren Code ein, woraufhin sich die Türen schließen und der Lift sich nach unten in Bewegung setzt.

Wenig später erreichen wir einen weißen Empfangsbereich. In der Mitte befindet sich ein runder, dunkler Holztisch, auf dem ein großer Strauß mit weißen Blumen steht. An den Wänden hängen überall Gemälde. Christian öffnet eine Doppeltür. Die Farbe Weiß setzt sich jenseits eines breiten Flurs mit dem Eingang zu einem gewaltigen Raum fort. Dies ist der Wohnbereich, doppelte Raumhöhe. »Riesig« ist ein zu kleines Wort dafür. Die Wand am anderen Ende besteht aus Glas und führt auf einen Balkon mit Blick auf Seattle.

Rechts steht ein imposantes U-förmiges Sofa, auf dem bequem zehn Erwachsene sitzen könnten. Ihm gegenüber befindet sich ein hochmoderner Edelstahlkamin – vielleicht ist er auch aus Platin, was weiß ich schon. Das Feuer knistert leise vor sich hin. Links von uns, beim Eingang, ist der Küchenbereich, ebenfalls ganz in Weiß mit dunklen Holzarbeitsflächen und einer Frühstückstheke für sechs Personen.

Vor der Glaswand steht ein Esstisch mit sechzehn Stühlen, und in einer Ecke entdecke ich einen schwarzen Flügel. Wahrscheinlich spielt Christian auch noch Klavier. An den Wänden hängen Kunstwerke in allen Formen und Größen. Das ist weniger eine Wohnung als eine Kunstgalerie.

»Darf ich dir die Jacke abnehmen?«, fragt Christian.

Ich schüttle den Kopf, weil mir von dem Wind auf dem Hubschrauberlandeplatz kalt ist.

»Möchtest du was trinken?«, erkundigt er sich.

Ich blinzle. Nach letzter Nacht? Soll das ein Scherz sein? Einen Moment lang spiele ich mit dem Gedanken, ihn um einen Margarita zu bitten – aber den Mumm besitze ich nicht.

»Ich werde mir ein Glas Weißwein genehmigen. Leistest du mir Gesellschaft?«

»Ja, gern.«

Ich fühle mich in dem riesigen Raum fehl am Platz und gehe hinüber zu der Glaswand, deren untere Hälfte sich ziehharmonikaförmig auf den Balkon öffnet. Seattle liegt hell und belebt unter uns. Anschließend kehre ich in den Küchenbereich zurück  – das dauert ein paar Sekunden –, wo Christian eine Flasche Wein öffnet. Er hat seine Jacke ausgezogen.

»Ist dir Pouilly Fumé recht?«

»Ich kenne mich mit Wein nicht aus, Christian. Er ist bestimmt gut.« Meine Stimme klingt zögernd. Am liebsten würde ich weglaufen. Christian ist superreich. Reich wie Bill Gates. Was mache ich hier? Du weißt ganz genau, was du hier machst, spottet mein Unterbewusstsein. Ja, ich will in Christian Greys Bett.

»Hier.« Er reicht mir ein Glas Wein.

Sogar die Gläser zeugen von seinem Reichtum … schweres, modernes Kristall. Ich nehme einen Schluck. Der Wein ist leicht, spritzig, einfach köstlich.

»Du bist sehr still, wirst nicht einmal mehr rot. Ich glaube, so blass habe ich dich noch nie gesehen, Anastasia«, stellt er fest. »Hast du Hunger?«

Ich schüttle den Kopf. Jedenfalls nicht nach Essen. »Du hast eine sehr große Wohnung.«

»Groß?«

»Ja, groß.«

»Stimmt«, pflichtet er mir bei. Seine Augen funkeln belustigt.

Ich trinke noch einen Schluck Wein und deute dann mit dem Kinn in Richtung Flügel. »Spielst du?«

»Ja.«

»Gut?«

»Ja.«

»Natürlich. Gibt es eigentlich irgendetwas, was du nicht gut kannst?«

»Ja … so einiges.« Er trinkt seinerseits einen Schluck Wein, ohne den Blick von mir zu wenden, während ich mich in dem riesigen Raum umsehe. »Raum« ist einfach das falsche Wort. Das hier ist ein Statement.

»Möchtest du dich setzen?«

Ich nicke. Er ergreift meine Hand und führt mich zu der cremefarbenen Couch. Als ich Platz nehme, komme ich mir wie Tess Durbeyfield vor, als sie sich das neue Haus des berüchtigten Alec d’Urberville ansieht. Der Gedanke lässt mich schmunzeln.

»Was ist so komisch?« Christian setzt sich neben mich und wendet mir sein Gesicht zu.

»Warum hast du mir ausgerechnet Tess von den d ’Urbervilles geschenkt?«, frage ich.

Meine Frage scheint ihn zu wundern. »Du hast gesagt, du magst Thomas Hardy.«

»Ist das der einzige Grund?« Sogar ich höre die Enttäuschung in meiner Stimme.

Er presst die Lippen zusammen. »Es schien mir passend. Ich könnte ein unerreichbar hohes Ideal in dir sehen wie Angel Clare oder dich erniedrigen wie Alec d’Urberville«, erklärt er mit leiser Stimme, und seine Augen blitzen dunkel und gefährlich.

»Wenn es nur zwei Wahlmöglichkeiten gibt, entscheide ich mich für die Erniedrigung«, flüstere ich und blicke ihm in die Augen. Mein Unterbewusstsein starrt mich verblüfft an, und er schnappt nach Luft.

»Anastasia, bitte kau nicht immerzu auf deiner Lippe. Das verwirrt mich. Du weißt nicht, wovon du sprichst.«

»Deshalb bin ich hier.«

Er runzelt die Stirn. »Ja. Würdest du mich einen Augenblick entschuldigen?« Er verschwindet durch eine breite Tür auf der anderen Seite des Raums. Einige Minuten später kehrt er mit einem Schriftstück zurück.

»Dies ist eine Verschwiegenheitsvereinbarung.« Er zuckt ein wenig verlegen mit den Achseln. »Mein Anwalt besteht darauf.« Er reicht mir das Dokument.

Ich bin total verwirrt.

»Wenn du dich für Alternative zwei, die Erniedrigung, entscheidest, musst du das unterschreiben.«

»Und wenn ich nicht unterschreiben will?«

»Dann geht’s um hohe Ideale à la Angel Clare, jedenfalls den größten Teil des Buches.«

»Was hat diese Vereinbarung zu bedeuten?«

»Dass du kein Sterbenswörtchen über uns verraten darfst. Niemandem.«

Ich starre ihn ungläubig an. So ein verdammter Mist. Es ist also übel, richtig übel. Aber jetzt will ich es natürlich erst recht wissen.

»Okay, ich unterschreibe.«

Er reicht mir einen Stift.

»Willst du’s nicht zuerst lesen?«

»Nein.«

»Anastasia, du solltest nichts unterschreiben, ohne es gelesen zu haben«, ermahnt er mich.

»Christian, ich würde sowieso mit niemandem über uns sprechen. Nicht mal mit Kate. Also spielt’s keine Rolle, ob ich die Vereinbarung unterzeichne oder nicht. Wenn es dir und deinem Anwalt so viel bedeutet, mit dem du offenbar sprichst, soll mir das recht sein. Ich unterschreibe.«

Er nickt ernst. »Ein berechtigter Einwand, Miss Steele.«

Ich unterzeichne mit großer Geste auf der gepunkteten Linie beider Blätter und gebe ihm eines zurück. Das andere falte ich zusammen und stecke es in meine Handtasche. Ich nehme einen großen Schluck Wein. Mein Unterbewusstsein starrt mich immer noch verblüfft an, denn ich gebe mich sehr viel mutiger, als ich es tatsächlich bin.

»Heißt das, dass du heute Nacht mit mir schlafen wirst, Christian?« Äh, habe ich das gerade gesagt?

Ihm bleibt der Mund offen stehen, aber er fängt sich schnell wieder. »Nein, Anastasia, das heißt es nicht. Erstens: Ich schlafe nicht mit jemandem. Ich ficke … hart. Zweitens: Wir haben noch eine Menge Papierkram vor uns. Und drittens: Du hast keine Ahnung, worauf du dich einlässt. Möglicherweise wirst du die Beine in die Hand nehmen und abhauen. Komm, ich zeige dir mein Spielzimmer.«

Mir fällt die Kinnlade herunter. Er fickt hart! Gott, klingt das … heiß. Aber wieso soll ich mir sein Spielzimmer ansehen?

»Hast du eine Xbox?«, frage ich etwas ratlos.

Er lacht schallend. »Nein, Anastasia, keine Xbox, keine Playstation. Komm.« Er steht auf und streckt mir die Hand entgegen.

Ich lasse mich von ihm zum Flur zurückführen. Rechts von der Doppeltür, durch die wir hereingekommen sind, führt eine andere zu einer Treppe. Wir gehen in den ersten Stock und wenden uns nach rechts. Christian nimmt einen Schlüssel aus seiner Tasche, schließt eine weitere Tür auf und fährt sich mit seinen Händen nervös durchs Haar.

»Du kannst jederzeit gehen. Der Hubschrauber steht bereit. Du kannst aber auch die Nacht hier verbringen und am Morgen heimfliegen. Es liegt bei dir.«

»Nun mach die verdammte Tür schon auf, Christian.«

Er öffnet die Tür und tritt einen Schritt beiseite. Ich sehe ihn ein letztes Mal an. Was verbirgt sich nur hinter dieser Tür? Ich hole tief Luft und gehe hinein.

Und fühle mich ins sechzehnte Jahrhundert zurückversetzt, zur Spanischen Inquisition.

SIEBEN

Als Erstes fällt mir der Geruch auf: nach Leder, Holz, Politur mit leichtem Zitrusduft. Ich empfinde die Atmosphäre als sehr angenehm. Die indirekte Beleuchtung ist gedämpft. Die burgunderfarbenen Wände und die Decke verleihen dem großen Raum etwas Uterusähnliches. Der Boden besteht aus altem, lackiertem Holz. An der Wand gegenüber der Tür hängt ein großes Andreaskreuz. Es besteht aus poliertem Mahagoni, an allen Ecken sind Ledermanschetten angebracht. Darüber befindet sich ein großes, von der Decke hängendes Metallgitter, an dem Seile, Ketten und glänzende Hand- und Fußfesseln baumeln. Bei der Tür entdecke ich zwei mit Schnitzwerk verzierte Stangen, die an ein Geländer oder an Vorhangstangen erinnern, jedoch länger sind. Daran ein ganzes Sortiment von Paddles, Peitschen, Reitgerten und seltsamen Gegenständen mit Federn.

Neben der Tür steht eine massive Mahagonikommode, alle Schubladen schmal, wie für Exponate in einem alten Museum. Was sich wohl in den Schubladen befindet? Will ich das wirklich wissen? Mein Blick fällt auf eine mit ochsenblutfarbenem Leder bezogene, gepolsterte Bank. An der Wand ist ein Holzgestell befestigt, das aussieht wie ein Billard-Queue; bei genauerem Hinsehen erkenne ich, dass darin Stöcke unterschiedlicher Länge und Breite stecken. In der gegenüberliegenden Ecke steht ein massiger, fast zwei Meter langer Holztisch, dessen Beine mit geschnitzten Ornamenten verziert sind, darunter zwei dazu passende Hocker.

Beherrscht wird der Raum von einem Bett. Es ist größer als Kingsize, ein wiederum reich mit Schnitzwerk verziertes Himmelbett, das aus dem späten neunzehnten Jahrhundert stammen könnte. Unter dem Baldachin sehe ich weitere schimmernde Ketten und Handschellen. Es gibt kein Bettzeug … nur eine Matratze mit rotem Lederbezug und einige rote Satinkissen.

Vielleicht einen Meter vom Fußende des Betts entfernt steht eine große, ebenfalls ochsenblutfarbene Chesterfield-Couch mitten im Raum. Ein eigenartiges Arrangement … ein Sofa gegenüber vom Bett … Unwillkürlich muss ich schmunzeln, dass ich ausgerechnet die Couch als merkwürdig empfinde, obwohl sie das unspektakulärste Möbelstück ist. Ich hebe den Blick zur Decke. In unregelmäßigen Abständen sind Karabiner angebracht. Wofür sind die? Das dunkle Holz, die dunklen Wände, das gedämpfte Licht und das ochsenblutfarbene Leder erzeugen eine weiche, romantische Stimmung … Ich weiß aber, dass der Eindruck trügt; dies ist Christians Version von weich und romantisch.

Als ich mich ihm zuwende, mustert er mich wie erwartet mit undurchdringlicher Miene. Ich gehe weiter in den Raum hinein, und er folgt mir. Das Federding fasziniert mich. Ich berühre es vorsichtig. Es ist aus Wildleder, wie eine kleine neunschwänzige Katze, allerdings buschiger, und am Ende befinden sich winzige Plastikperlen.

»Das ist ein Flogger«, informiert Christian mich.

Ein Flogger, aha. Meinem Unterbewusstsein hat’s komplett die Sprache verschlagen, oder es ist umgekippt und hat sein Leben ausgehaucht. Auch ich bin wie betäubt. Ich betrachte alles und nehme es auf, kann jedoch meine Gefühle über das, was sich mir da präsentiert, nicht in Worte fassen. Was ist die angemessene Reaktion, wenn man feststellt, dass der potenzielle Lover ein perverser Freak, ein Sadist oder Masochist ist? Angst … ja … das scheint das vorherrschende Gefühl zu sein. Aber merkwürdigerweise nicht vor ihm – ich glaube nicht, dass er mir wehtun würde, jedenfalls nicht ohne meine Einwilligung. So viele Fragen wirbeln durch mein Gehirn. Warum? Wie? Wann? Wie oft? Wer? Ich trete an das Bett und lasse die Hände an einem der verzierten Pfosten hinabgleiten. Er ist sehr stabil, eine beeindruckende Schreinerarbeit.

»Sag etwas«, verlangt Christian mit trügerisch sanfter Stimme.

»Machst du das mit Leuten, oder machen sie es mit dir?«

Seine Mundwinkel zucken, ob belustigt oder erleichtert, weiß ich nicht.

»Leute?« Er denkt blinzelnd über seine Antwort nach. »Ich mache das mit Frauen, die es von mir wollen.«

Das verstehe ich nicht.

»Wenn du Freiwillige hast, was mache ich dann hier?«

»Ich würde es gern mit dir tun.«

»Ach«, hauche ich. Warum?

Ich gehe zum anderen Ende des Raums, klopfe auf die hüfthohe Bank und lasse die Finger über das Leder gleiten. Er fügt Frauen gern Schmerz zu. Der Gedanke deprimiert mich.

»Du bist Sadist?«

»Ich bin dominant.« Seine Augen schimmern wieder wie flüssiges Silber.

»Was bedeutet das?«, flüstere ich.

»Es bedeutet, dass du dich mir freiwillig unterwerfen sollst, in allen Dingen.«

Ich runzle die Stirn, versuche zu begreifen, was ich da gerade gehört habe.

»Warum sollte ich das tun?«

»Um mir Vergnügen zu bereiten.« Er legt den Kopf schief. Um seine Mundwinkel spielt die Andeutung eines Lächelns.

Er möchte, dass ich ihm Vergnügen bereite! Ich glaube, mir fällt die Kinnlade herunter. Christian Grey Vergnügen bereiten. In dem Moment wird mir klar, dass es genau das ist, was ich möchte. Ich will, dass er verdammt nochmal entzückt von mir ist. Das ist eine Offenbarung für mich.

»Einfach ausgedrückt, ich möchte, dass du mir Vergnügen bereiten möchtest.« Seine Stimme ist hypnotisch.

»Und wie soll ich das anstellen?« Mein Mund ist trocken; ich wünschte, ich hätte noch Wein. Okay, ich verstehe den Teil mit dem Vergnügen, aber die Kombination aus Boudoir und elisabethanischer Folterkammer verwirrt mich. Will ich die Antwort überhaupt erfahren?

»Ich habe Regeln, die du befolgen musst. Sie sind zu deinem Nutzen und zu meinem Vergnügen gedacht. Wenn du diese Regeln zu meiner Zufriedenheit befolgst, belohne ich dich. Wenn nicht, bestrafe ich dich, und du lernst daraus«, flüstert er.

Ich spähe zu dem Gestell mit den Stöcken hinüber, während er das sagt.

»Und was hat das alles damit zu tun?« Ich mache eine Handbewegung, die den ganzen Raum umfasst.

»Sowohl Belohnung als auch Strafe sind Teil des Verlockungsangebots.«

»Du holst dir also deine Kicks, indem du mir deinen Willen aufzwingst.«

»Es geht eher darum, dass ich mir dein Vertrauen und deinen Respekt verdiene und du dich freiwillig meinem Willen beugst. Deine Unterwerfung wird mir Freude bereiten … Je mehr du dich unterwirfst, desto größer mein Vergnügen – das ist eine sehr einfache Gleichung.«

»Okay, und was habe ich davon?«

Er zuckt fast ein wenig entschuldigend mit den Achseln. »Mich.«

Puh.

Christian fährt sich mit der Hand durch die Haare. »Warum sagst du nichts, Anastasia? Lass uns wieder nach unten gehen, wo ich mich besser konzentrieren kann. Es lenkt mich zu sehr ab, dich hier drin zu sehen.« Er streckt mir die Hand entgegen, doch ich zögere, sie zu ergreifen.

Kate hat mich gewarnt, dass er gefährlich ist, und sie hatte Recht, so Recht. Woher wusste sie das? Er ist gefährlich für mich, weil ich weiß, dass ich mich darauf einlassen werde. Obwohl ein Teil von mir das nicht will. Ein Teil von mir würde am liebsten schreiend aus diesem Raum rennen, weg von allem, wofür er steht. Wieder einmal fühle ich mich fehl am Platz – wenn auch ganz anders als sonst.

»Ich werde dir nicht wehtun, Anastasia.«

Da ich ihm das glaube, ergreife ich seine Hand, und er führt mich zur Tür hinaus.

»Falls du Ja sagen solltest, möchte ich dir etwas zeigen.« Statt nach unten zurückzukehren, wendet er sich nach rechts, weg von seinem »Spielzimmer«, wie er es nennt. Wir gehen den Flur entlang, an mehreren Türen vorbei, bis wir eine am anderen Ende erreichen. Dahinter verbirgt sich ein Schlafzimmer mit einem großen Doppelbett, ganz in Weiß … alles – Möbel, Wände, Bettzeug. Es ist steril und kühl, hat aber durch die Glaswand einen atemberaubenden Blick auf Seattle.

»Dies wird dein Zimmer sein. Du kannst es einrichten, wie du möchtest.«

»Mein Zimmer? Du erwartest, dass ich hier einziehe?« Ich kann mein Entsetzen nicht verbergen.

»Nicht ganz. Nur, sagen wir, von Freitagabend bis einschließlich Sonntag. Darüber müssen wir noch verhandeln. Falls du bereit bist, dich darauf einzulassen«, fügt er leise hinzu.

»Ich werde hier schlafen?«

»Ja.«

»Nicht mit dir.«

»Nein. Ich habe dir schon gesagt, dass ich mit niemandem in einem Bett schlafe, nur mit dir, wenn du dich ins Koma getrunken hast.« Er klingt vorwurfsvoll.

Ich presse die Lippen aufeinander. Wie soll ich diese beiden Christians in Einklang bringen: den freundlichen, fürsorglichen Christian, der mich hält, während ich in die Azaleen kotze, und das Ungeheuer mit den Peitschen und Ketten in diesem Raum?

»Und wo schläfst du?«

»Mein Zimmer ist unten. Komm, du hast sicher Hunger.«

»Merkwürdig, mir scheint der Appetit vergangen zu sein.«

»Du musst etwas essen, Anastasia.« Er nimmt meine Hand und führt mich zurück nach unten.

Wieder in dem großen Raum, übermannt mich tiefe Beklommenheit. Ich stehe am Rand eines Abgrunds und muss mich entscheiden, ob ich springe.

»Mir ist bewusst, dass ich dich einen dunklen Pfad entlangführe, Anastasia, und deshalb möchte ich, dass du gründlich darüber nachdenkst. Du hast sicher Fragen«, sagt er, als er in den Küchenbereich tritt und meine Hand loslässt.

Allerdings. Aber wo soll ich anfangen?

»Du hast die Verschwiegenheitsvereinbarung unterschrieben. Du kannst fragen, was du willst. Ich werde dir auf alles antworten.«

Ich beobachte ihn von der Frühstückstheke aus, wie er die Kühlschranktür öffnet und einen Teller mit Käse, grünen und blauen Trauben herausholt. Er stellt den Teller auf die Arbeitsfläche und schneidet ein Baguette auf.

»Setz dich.« Er deutet auf einen der Hocker an der Frühstückstheke, und ich gehorche ihm. Wenn ich mich auf seinen Vorschlag einlasse, werde ich mich daran gewöhnen müssen. Erst jetzt wird mir bewusst, dass er von Anfang an herrisch gewesen ist.

»Du hast etwas von Papierkram erwähnt.«

»Ja.«

»Wie sieht der aus?«

»Zusätzlich zu der Verschwiegenheitsvereinbarung gibt es einen Vertrag, in dem festgelegt wird, was wir tun und lassen. Wir müssen beide unsere Grenzen kennen. Das beruht auf Gegenseitigkeit, Anastasia.«

»Und wenn ich nicht will?«

»Dann ist das auch okay.«

»Aber wir werden keine Beziehung haben?«, frage ich.

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Das ist die einzige Art von Beziehung, die mich interessiert.«

»Warum?«

Er zuckt mit den Achseln. »So bin ich nun mal.«

»Wie bist du so geworden?«

»Warum ist man, wie man ist? Schwierige Frage. Wieso mögen manche Leute Käse, und andere hassen ihn? Magst du Käse? Mrs. Jones – meine Haushälterin – hat das zum Abendessen vorbereitet.« Er holt weiße Teller aus einem Schrank und stellt mir einen hin.

Wir reden über Käse … Was für ein Quatsch.

»Wie sehen die Regeln aus, die ich befolgen muss?«

»Die sind schriftlich formuliert. Wir gehen sie nach dem Essen durch.«

Essen. Wie kann er jetzt an Essen denken?

»Ich habe wirklich keinen Hunger«, flüstere ich.

»Du wirst essen.« Der dominante Christian, klar. »Möchtest du noch ein Glas Wein?«

»Ja, bitte.«

Er schenkt mir nach und setzt sich neben mich. Ich trinke hastig einen Schluck.

»Iss, Anastasia.«

Ich nehme eine kleine Traube. Mehr schaffe ich nicht. Seine Augen verengen sich.

»Bist du schon lange so?«, frage ich.

»Ja.«

»Findet man leicht Frauen, die sich auf so etwas einlassen?«

»Du würdest dich wundern«, antwortet er trocken.

»Warum dann ich? Ich verstehe das wirklich nicht.«

»Anastasia, ich habe es dir doch erklärt. Du bist etwas Besonderes. Ich kann die Finger nicht von dir lassen.« Er lächelt spöttisch. »Ich werde von dir angezogen wie die sprichwörtliche Motte von der Flamme.« Seine Stimme wird dunkler. »Ich begehre dich sehr, besonders jetzt, da du wieder auf deiner Lippe kaust.« Er schluckt.

Mein Magen schlägt Purzelbäume – er begehrt mich … auf merkwürdige Weise, zugegeben, aber dieser attraktive, seltsame, perverse Mann will mich.

»Ich glaube, es ist genau andersherum«, grummle ich. Die Motte bin ich und er das Feuer, und ich werde mir die Flügel oder was auch immer verbrennen.

»Iss!«

»Nein. Ich habe noch nichts unterschrieben. Wenn’s recht ist, halte ich noch eine Weile an meinem freien Willen fest.«

Sein Blick wird sanfter, seine Lippen verziehen sich zu einem Lächeln. »Wie Sie meinen, Miss Steele.«

»Wie viele Frauen?«, platze ich heraus.

»Fünfzehn.«

Ach. Nicht so viele, wie ich gedacht hatte.

»Immer längere Zeit?«

»Manche von ihnen, ja.«

»Hast du jemals jemandem wehgetan?«

»Ja.«

Oha.

»Schlimm?«

»Nein.«

»Wirst du mir wehtun?«

»Wie meinst du das?«

»Wirst du mir körperliche Schmerzen zufügen?«

»Ich werde dich, wenn nötig, bestrafen, und es wird wehtun.«

Mir wird ein bisschen schwummerig. Ich trinke noch einen Schluck Wein. Alkohol macht Mut.

»Bist du jemals geschlagen worden?«, frage ich.

»Ja.«

Ach … Das überrascht mich. Bevor ich nachhaken kann, unterbricht er meinen Gedankengang.

»Sprechen wir in meinem Arbeitszimmer weiter darüber. Ich möchte dir etwas zeigen.«

Ganz schön viel zu verdauen! Ich hatte erwartet, eine Nacht unvergleichlicher Leidenschaft im Bett dieses Mannes zu verbringen, und nun verhandeln wir über sein merkwürdiges Arrangement.

Ich folge ihm in sein Arbeitszimmer, einen großen Raum, wieder mit einem vom Boden bis zur Decke reichenden Fenster, das auf einen Balkon geht. Er setzt sich an den Schreibtisch, signalisiert mir mit einer Geste, dass ich auf einem Ledersessel vor ihm Platz nehmen soll, und reicht mir ein Blatt Papier.

»Das sind die Regeln. Sie können sich verändern und gehören zu dem Vertrag, den ich dir ebenfalls geben werde. Lies sie, damit wir sie besprechen können.«

REGELN

Gehorsam:

Die Sub befolgt sämtliche Anweisungen des Dom, ohne zu zögern, vorbehaltlos und umgehend. Die Sub stimmt allen sexuellen Aktivitäten, die der Dom als angemessen und angenehm erachtet, ausgenommen die in Abschnitt »Hard Limits« aufgeführten (Anhang 2) zu. Sie tut dies bereitwillig und ohne Zögern.

Schlaf:

Die Sub stellt sicher, dass sie pro Nacht mindestens acht Stunden schläft, wenn sie nicht mit dem Dom zusammen ist.

Essen:

Die Sub isst regelmäßig, orientiert sich an einer vorgegebenen Liste von Nahrungsmitteln (Anhang 4), um ihre Gesundheit und ihr Wohlergehen zu bewahren. Abgesehen von Obst nimmt die Sub zwischen den Mahlzeiten nichts zu sich.

Kleidung:

Innerhalb der Vertragsdauer trägt die Sub ausschließlich vom Dom genehmigte Kleidung. Der Dom stellt der Sub ein Budget für Kleidung zur Verfügung, das die Sub nutzt. Der Dom begleitet die Sub ad hoc beim Kleiderkauf. Wenn der Dom das wünscht, trägt die Sub während der Vertragsdauer von ihm ausgewählten Schmuck, in Gegenwart des Dom und zu allen anderen Zeiten, die der Dom für angemessen hält.

Körperliche Ertüchtigung:

Der Dom stellt der Sub einen Personal Trainer viermal die Woche für jeweils eine Stunde zu Zeiten zur Verfügung, die zwischen dem Personal Trainer und der Sub zu vereinbaren sind. Der Personal Trainer informiert den Dom über die Fortschritte der Sub.

Hygiene/Schönheit:

Die Sub ist zu allen Zeiten sauber und rasiert und/oder gewaxt. Die Sub sucht zu Zeiten, die der Dom bestimmt, einen Kosmetiksalon auf, den der Dom auswählt, um sich Behandlungen zu unterziehen, die der Dom für angemessen hält. Sämtliche Kosten übernimmt der Dom.

Persönliche Sicherheit:

Die Sub unterlässt übermäßigen Alkoholkonsum, raucht nicht, nimmt keine Drogen und begibt sich nicht in unnötige Gefahr.

Persönliches Verhalten:

Die Sub unterhält keine sexuellen Beziehungen mit anderen als dem Dom. Das Verhalten der Sub ist zu allen Zeiten respektvoll und züchtig. Ihr muss klar sein, dass ihr Benehmen auf den Dom zurückfällt. Sie muss sich für sämtliche Missetaten und Verfehlungen verantworten, derer sie sich in Abwesenheit des Dom schuldig macht.

Ein Verstoß gegen irgendeine der oben aufgeführten Vereinbarungen hat sofortige Bestrafung zur Folge, deren Art durch den Dom festgelegt wird.

Ach du liebe Scheiße!

»Hard Limits?«, frage ich, als mein Blick auf den nächsten Punkt fällt.

»Ja. Wozu du nicht bereit bist und wozu ich nicht bereit bin, müssen wir in unserer Vereinbarung festlegen.«

»Ich weiß nicht, ob ich Geld für Kleidung annehmen will. Das erscheint mir falsch.«

»Ich würde dich gern mit Geld überschütten. Lass mich Kleidung für dich kaufen. Es könnte sein, dass du mich zu offiziellen Anlässen begleiten musst, und da solltest du schick angezogen sein. Dein Gehalt wird, sobald du einen Job hast, mit ziemlicher Sicherheit nicht für die Art von Kleidung ausreichen, die ich mir für dich vorstelle.«

»Ich muss sie nicht tragen, wenn ich nicht mit dir zusammen bin?«

»Nein.«

»Okay.« Betrachte das Ganze als Uniform. »Aber ich will nicht viermal die Woche Sport machen.«

»Anastasia, ich erwarte Gelenkigkeit, Kraft und Ausdauer. Und glaub mir, du wirst trainieren müssen.«

»Aber bestimmt nicht viermal die Woche. Wie wär’s mit dreimal?«

»Ich möchte, dass du viermal trainierst.«

»Ich dachte, dies sind Verhandlungen?«

Er schürzt die Lippen. »Okay, Miss Steele, wieder einmal ein berechtigter Einwand. Wie wär’s mit dreimal wöchentlich eine Stunde und einmal eine halbe?«

»Drei Tage, drei Stunden. Ich vermute, dass ich bei dir genug Training kriegen werde.«

Er schmunzelt anzüglich, und seine Augen glühen, als wäre er erleichtert.

»Ja, stimmt. Okay, abgemacht. Willst du wirklich kein Praktikum in meinem Unternehmen machen? Du bist ein harter Verhandlungspartner.«

»Nein, das halte ich für keine gute Idee.« Ich sehe mir die Regeln genauer an. Waxing? Was? Alles? Oje.

»Nun zu den Limits. Das hier sind meine.« Er reicht mir ein weiteres Blatt Papier.

HARD LIMITS

Kein Feuer.

Kein Urin oder Kot.

Keine Nadeln, Messer, Schnitte, Stiche oder Blut.

Keine gynäkologischen Instrumente.

Keine Handlungen mit Kindern oder Tieren.

Keine Handlungen, die dauerhafte Spuren auf der Haut hinterlassen.

Keine Atemkontrolle.

Kein elektrischer Strom (egal, ob Wechsel- oder Gleichstrom), keine Flammen am Körper.

Puh. Das muss er eigens schriftlich fixieren? Natürlich klingt das sehr vernünftig und, offen gestanden, auch nötig … Kein Mensch, der noch alle beieinander hat, würde sich wohl auf so etwas einlassen. Ich bekomme weiche Knie.

»Möchtest du etwas hinzufügen?«, fragt er.

Scheiße. Keine Ahnung. Mir fehlen die Worte.

»Gibt es irgendetwas, wozu du nicht bereit bist?«

»Ich weiß es nicht.«

»Was soll das heißen?«

Ich kaue auf meiner Lippe herum. »Ich habe so etwas noch nie gemacht.«

»Wenn du mit jemandem geschlafen hast – gab’s da irgendetwas, das dir nicht gefallen hat?«

Zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit werde ich wieder rot.

»Du kannst es mir ruhig sagen, Anastasia. Wir müssen ehrlich miteinander sein, sonst funktioniert das nicht.«

Ich starre meine ineinander verschlungenen Finger an.

»Sag es mir«, weist er mich an.

»Ich habe noch nie mit jemandem geschlafen, also weiß ich es nicht«, gestehe ich kleinlaut. Als ich den Blick hebe, sehe ich, dass er leichenblass ist und mich mit offenem Mund anstarrt.

»Noch nie?«, flüstert er.

Ich nicke.

»Du bist noch Jungfrau?«

Ich nicke erneut.

Er schließt kurz die Augen, scheint bis zehn zu zählen. »Warum zum Teufel hast du mir das nicht gesagt?«, herrscht er mich an.

ACHT

Christian läuft in seinem Arbeitszimmer auf und ab und fährt sich mit den Händen durch die Haare. Mit beiden Händen, soll heißen, doppelt verzweifelt.

Seine Beherrschtheit scheint ihm vorübergehend abhandengekommen zu sein.

»Ich begreife nicht, warum du mir das nicht gesagt hast«, schreit er mich an.

»Es hat sich nicht ergeben. Und ich pflege den Stand meiner sexuellen Erfahrungen nicht an die große Glocke zu hängen. Schließlich kennen wir uns kaum.« Ich starre meine Hände an. Warum habe ich ein schlechtes Gewissen? Wieso ist er so wütend? Ich riskiere einen Blick auf ihn.

»Über mich weißt du jetzt jedenfalls eine ganze Menge«, knurrt er. »Mir war klar, dass du wenig Erfahrung hast, aber eine Jungf rau!« Es klingt wie ein Schimpfwort. »Himmel, Ana, ich habe dir gerade alles gezeigt …« Er stöhnt auf. »Möge Gott mir vergeben. Bist du vor mir schon mal von jemandem geküsst worden?«

»Natürlich.« Ich gebe mein Bestes, beleidigt zu wirken. Na ja  … vielleicht zweimal.

»Dich hat noch nie ein netter junger Mann umgehauen? Das begreife ich nicht. Du bist einundzwanzig, fast zweiundzwanzig. Und schön.«

Schön. Das Kompliment treibt mir die Röte in die Wangen. Christian Grey findet mich schön. Ich verschlinge die Finger ineinander, versuche, mein dümmliches Grinsen zu verbergen. Vielleicht sieht er schlecht. Mein Unterbewusstsein hebt schwach den Kopf. Immerhin lebt es noch. Aber wo bitte war es, als ich es gebraucht hätte?

»Trotz deiner Unerfahrenheit diskutierst du mit mir meine Pläne.« Er runzelt die Stirn. »Wie hast du dich bis jetzt um den Sex herumgedrückt? Bitte verrat mir das.«

Ich zucke mit den Achseln. »Bisher hat niemand …« Außer dir meine Erwartungen erfüllt. Und du entpuppst dich als Monster. »Warum bist du so wütend auf mich?«, flüstere ich.

»Ich bin nicht wütend auf dich, sondern auf mich. Ich bin davon ausgegangen …« Er schüttelt seufzend den Kopf. »Willst du gehen?«

O nein, ich will nicht gehen. »Nein, es sei denn, du möchtest es.«

»Natürlich nicht. Ich habe dich gern hier.« Er wirft einen Blick auf seine Uhr. »Es ist spät.« Als er mich ansieht, fügt er hinzu: »Du kaust auf deiner Lippe.« Seine Stimme klingt rau.

»Sorry.«

»Du musst dich nicht entschuldigen. Am liebsten würde ich sie auch beißen, ganz fest.«

Mir verschlägt es den Atem … Wie kann er solche Dinge zu mir sagen und erwarten, dass mich das kalt lässt?

»Komm«, murmelt er.

»Was?«

»Wir werden die Situation sofort bereinigen.«

»Was soll das heißen? Was für eine Situation?«

»Deine Situation. Ana, ich werde mit dir schlafen, sofort.«

»Oh.« Der Boden kippt unter meinen Füßen weg. Meine Situation. Ich halte die Luft an.

»Vorausgesetzt, du willst. Ich möchte mich nicht aufdrängen.«

»Ich dachte, du schläfst nicht mit Frauen, sondern fickst sie … hart.« Plötzlich ist mein Mund sehr trocken.

Er bedenkt mich wieder mit diesem wölfischen Grinsen, woraufhin ich prompt erneut dieses merkwürdige Ziehen im Unterleib spüre.

»Ich kann eine Ausnahme machen oder beides miteinander verbinden, wir werden sehen. Ich will wirklich mit dir schlafen. Bitte, komm mit mir ins Bett. Ich würde mir wünschen, dass das mit unserem Arrangement klappt, aber du musst eine Ahnung von dem Wagnis haben, auf das du dich einlässt. Wir können heute Abend mit den Grundlagen deiner Erziehung anfangen. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich dir mein Herz und einen Strauß Blumen zu Füßen lege. Es ist vielmehr ein Mittel zum Zweck, zu einem Zweck, der mir und hoffentlich auch dir am Herzen liegt.« Er mustert mich intensiv.

Wieder werde ich rot … Wünsche können also doch wahr werden.

»Aber ich habe nicht alles gemacht, was auf deiner Liste steht«, wende ich unsicher ein.

»Vergiss die Regeln heute Nacht. Ich begehre dich, seit du in mein Büro gestolpert bist, und ich weiß, dass du mich auch willst. Du würdest nicht hier sitzen und mit mir seelenruhig über Strafen und Hard Limits diskutieren, wenn es nicht so wäre. Bitte, Ana, verbring die Nacht mit mir.« Er streckt mir die Hand mit glühenden Augen entgegen, ich ergreife sie. Er zieht mich zu sich heran und in seine Arme, so dass ich seinen Körper spüre. So schnell, dass es mich überrascht. Er lässt seine Finger über meinen Nacken gleiten und windet meinen Pferdeschwanz um sein Handgelenk, so dass ich gezwungen bin, ihm in die Augen zu sehen.

»Du bist eine bemerkenswert mutige Frau«, flüstert er. »Das bewundere ich.«

Seine Worte wirken wie ein Brandbeschleuniger auf mich; mein Blut kocht. Er beugt sich zu mir herab, küsst mich sanft auf den Mund und saugt an meiner Unterlippe.

»Ich würde so gern diese Lippe beißen«, murmelt er und zieht spielerisch mit den Zähnen daran. Ich stöhne auf, und er lächelt. »Bitte, Ana, schlaf mit mir.«

»Ja«, flüstere ich.

Er lässt mich mit triumphierendem Lächeln los und führt mich durch die Wohnung.

Sein Schlafzimmer ist riesig. Die deckenhohen Fenster gehen auf die erleuchteten Wolkenkratzer von Seattle. Die Wände sind weiß, die Möbel fahlblau. Das gewaltige Bett ist ultramodern, aus rauem, grauem Holz, das aussieht wie Treibholz. Es hat vier Pfosten, jedoch keinen Baldachin. An der Wand darüber hängt ein atemberaubend schönes Gemälde vom Meer.

Ich zittere wie Espenlaub. Die Nacht aller Nächte – es ist so weit. Endlich wage ich den Schritt, mit keinem Geringeren als Christian Grey. Mein Atem geht flach; ich kann den Blick nicht von ihm wenden. Er legt seine Uhr auf die Kommode, die zum Bett passt, schlüpft aus dem Jackett und legt es auf einen Stuhl. Jetzt trägt er nur noch sein weißes Leinenhemd und die Jeans. Er sieht unverschämt gut aus. Seine kupferfarbenen Haare sind zerzaust, das Hemd hängt ihm aus der Hose – seine grauen Augen blitzen herausfordernd. Er schlüpft aus seinen Converse-Sneakers und zieht die Socken einzeln aus. Christian Greys Füße … wow … was haben nackte Füße nur an sich?

»Vermutlich nimmst du nicht die Pille.«

Wie bitte? Scheiße.

»Hab ich mir schon gedacht.« Er holt eine Packung Kondome aus der obersten Schublade der Kommode. Dabei hält er den Blick auf mich gerichtet.

»Allzeit bereit«, sagt er mit leiser Stimme. »Soll ich die Jalousien herunterlassen?«

»Ist mir egal«, flüstere ich. »Ich dachte, in deinem Bett darf niemand schlafen außer dir.«

»Wer sagt denn, dass wir schlafen werden?«

»Ach.« Mein Gott!

Er kommt langsamen Schrittes auf mich zu, selbstbewusst und sexy. Ein Gefühl heißer Lust durchzuckt mich. Er steht vor mir, sieht mir in die Augen. Er ist so verdammt sexy.

»Wollen wir nicht die Jacke ausziehen?«, fragt er mit leiser Stimme, ergreift das Revers, schiebt mir vorsichtig den Blazer von den Schultern und legt ihn auf den Stuhl.

»Ahnst du eigentlich, wie sehr ich dich begehre, Ana Steele?«

Ich schnappe nach Luft.

Er lässt zärtlich seine Finger über meine Wange zu meinem Kinn gleiten. »Und ahnst du, was ich mit dir machen werde?«, fügt er hinzu, während er mein Kinn streichelt.

Die Muskeln tief in meinem Innern ziehen sich aufs Köstlichste zusammen. Am liebsten würde ich die Augen schließen, aber sein Blick hypnotisiert mich. Er beugt sich zu mir herunter und knöpft meine Bluse auf, während er federleichte Küsse auf meine Wange, mein Kinn und meine Mundwinkel haucht. Er schält mich ganz langsam aus meiner Bluse und lässt sie auf den Boden fallen. Dann tritt er einen Schritt zurück, um mich zu betrachten. Ich trage den hellblauen Spitzen-BH mit der perfekten Passform. Zum Glück.

»Gott, Ana, ist deine Haut schön, so hell und makellos. Ich möchte jeden Quadratzentimeter davon küssen.«

Ich werde rot. Warum hat er zuvor gesagt, er könnte das mit der Liebe nicht? Ich bin Wachs in seinen Händen. Er löst meine Haare und stößt den Atem deutlich hörbar aus, als meine Haare sich über meine Schultern ergießen.

»Ich liebe braune Haare«, murmelt er, schiebt seine Hände darunter und wölbt sie um meinen Kopf. Sein Kuss ist fordernd, seine Zunge und seine Lippen necken meine. Ich ertaste mit meiner Zunge seine. Er legt die Arme um mich und drückt mich gegen seinen Körper. Eine Hand bleibt in meinen Haaren, die andere wandert meinen Rücken hinunter zu meiner Taille und meinem Hinterteil. Als er mich gegen sich drückt, spüre ich seine Erektion.

Ich stöhne gedämpft auf. Fast kann ich die chaotischen Gefühle  – oder sind das die Hormone? –, die durch meinen Körper jagen, nicht mehr bezähmen. Ich will ihn so sehr. Ich lege die Hände um seine Oberarme und fühle seinen festen Bizeps. Vorsichtig streichle ich sein Gesicht und seine Haare. Sie sind weich und dennoch widerspenstig. Ich ziehe sanft daran, und auch er stöhnt auf. Er schiebt mich in Richtung Bett, bis ich die Kante in der Kniekehle spüre. Ich erwarte, dass er mich darauf drückt, doch das tut er nicht. Er lässt mich los, sinkt auf die Knie, umfasst meine Taille mit beiden Händen und lässt seine Zunge um meinen Bauchnabel kreisen. Sanft knabbert er sich zu meinem Hüftknochen und über meinen Bauch zu meinem anderen Hüftknochen vor.

Wieder stöhne ich auf.

Ihn vor mir auf den Knien zu sehen und seinen Mund auf meiner Haut zu spüren ist unerwartet und erregt mich total. Ich versuche, meinen lauten Atem zu beherrschen. Er blickt mit seinen grauen Augen unter seinen unglaublich langen Wimpern zu mir herauf, öffnet den Knopf meiner Jeans und zieht lässig den Reißverschluss herunter. Ohne den Blick von mir zu wenden, gleiten seine Hände unter den Hosenbund und wandern nach hinten, über meinen Po hinunter zu meinen Oberschenkeln. Dabei streift er mir die Jeans herunter. Er leckt sich die Lippen, beugt sich nach vorn und schiebt seine Nase zwischen meinen Oberschenkeln hoch. Ich spüre ihn. Dort.

»Du riechst so gut«, murmelt er und schließt verzückt die Augen, während in mir etwas zu explodieren scheint. Er zieht die Bettdecke weg und drückt mich sanft auf die Matratze.

Immer noch kniend, nimmt er meinen Fuß, löst die Schnürsenkel von meinen Converse und zieht mir Schuh und Socke herunter. Ich keuche vor Lust auf und stütze mich mit den Ellbogen ab, um zu sehen, was er tut. Er hebt meinen Fuß an der Ferse an und zieht seinen Daumennagel über meinen Rist. Obwohl das hart an der Schmerzgrenze ist, spüre ich den Nachhall seiner Bewegung bis in meinen Unterleib. Ich schnappe nach Luft. Ohne den Blick von mir zu wenden, lässt er seine Zunge über meinen Spann gleiten und dann seine Zähne. Ich seufze auf… wie kann ich das da spüren? Als ich stöhnend auf das Bett zurücksinke, höre ich sein leises Kichern.

»Ach, Ana, was ich für dich tun könnte«, flüstert er. Dann zieht er mir den anderen Schuh und die andere Socke aus, steht auf und streift die Jeans ab. Nun liege ich nur in BH und Slip auf seinem Bett.

»Wie schön du bist, Anastasia Steele. Ich kann es gar nicht erwarten, in dich einzudringen.«

Puh … mir bleibt die Spucke weg.

»Zeig mir, wie du dich selbst befriedigst.«

Wie bitte?

»Zier dich nicht, Ana. Zeig’s mir«, flüstert er.

Ich schüttle den Kopf. »Ich weiß nicht, was du meinst«, sage ich mit heiserer Stimme.

»Wie bringst du dich zum Orgasmus? Das will ich sehen.«

Ich schüttle erneut den Kopf. »Das hab ich noch nie gemacht«, gestehe ich.

Er hebt erstaunt die Augenbrauen und sieht mich ungläubig an. »Tja, dann müssen wir das eben gemeinsam herausfinden.« Seine Stimme klingt butterweich und gleichzeitig herausfordernd, eine köstliche, sinnliche Drohung. Er knöpft seine Jeans auf und zieht sie langsam herunter. Dabei sieht er mir die ganze Zeit in die Augen. Dann packt er mich an den Knöcheln, spreizt meine Beine und schiebt sich dazwischen. Ich winde mich vor Lust.

»Halt still«, murmelt er und küsst die Innenseite meines Oberschenkels. Seine Lippen wandern hinauf, über die dünne Spitze meines Slips.

Ich kann nicht stillhalten. Wie soll das gehen?

»Du wirst lernen müssen stillzuhalten, Baby.«

Er haucht Küsse auf meinen Bauch, und seine Zunge schlängelt sich in meinen Nabel. Und weiter geht’s nach oben. Meine Haut glüht. Mir ist heiß und kalt zugleich; ich verkralle mich in das Laken. Er legt sich neben mich. Seine Finger wandern von meiner Hüfte zu meiner Taille und hinauf zu meiner Brust. Mit unergründlicher Miene wölbt er sanft die Hand um meine Brust.

»Passt genau, Anastasia«, wispert er, schiebt seinen Zeigefinger in meinen Büstenhalter und zieht ihn vorsichtig herunter, so dass meine Brust frei daliegt, jedoch durch die Verstärkung und den Stoff des Büstenhalters nach oben gedrückt wird. Sein Finger gleitet zu meiner anderen Brust und wiederholt den Vorgang. Meine Brüste schwellen an, und meine Brustwarzen werden hart unter seinem unverwandten Blick. Mein BH schnürt mich ein wie ein Geschirr.

»Sehr schön«, flüstert er anerkennend, und meine Brustwarzen werden noch härter.

Er bläst ganz leicht auf die eine, während er die andere langsam mit dem Daumen rollt. Ich stöhne auf, spüre das Ziehen in meinem Unterleib und wie feucht ich bin. Bitte, flehe ich stumm, während meine Finger das Laken noch fester umklammern. Seine Lippen umschließen eine Brustwarze, und als er daran zieht, drohe ich zu zerspringen.

»Versuchen wir mal, dich so zum Orgasmus zu bringen«, bemerkt er leise und setzt seinen langsamen, sinnlichen Angriff fort. Alle Nervenenden sind in Alarmbereitschaft, mein ganzer Körper singt in süßer Qual. Er lässt nicht locker.

»Bitte«, flehe ich und werfe den Kopf zurück. Mein Mund öffnet sich zu einem Stöhnen, und meine Beine erstarren. Junge, Junge, was passiert da mit mir?

»Lass los, Baby.« Seine Zähne schließen sich um die eine Brustwarze, und mit Daumen und Zeigefinger zieht er ruckartig an der anderen. Mein Körper bäumt sich auf und zerbirst in tausend Teile. Er küsst mich so leidenschaftlich, dass seine Zunge meine Lustschreie erstickt.

Wahnsinn! Jetzt weiß ich, wovon alle schwärmen. Er sieht mich mit einem zufriedenen Lächeln an. Ich erwidere seinen Blick dankbar und voller Bewunderung.

»Du reagierst sehr intensiv. Aber du wirst lernen müssen, das zu beherrschen. Es wird mir großen Spaß machen, dir das beizubringen.« Wieder küsst er mich.

Keuchend komme ich von meinem Orgasmus herunter. Seine Hand wandert über meine Taille und meine Hüften und wölbt sich um mich, da unten … Oh. Sein Finger schlüpft unter die feine Spitze und beginnt, langsam zu kreisen. Er schließt kurz die Augen, und sein Atem kommt schneller.

»Wie feucht du bist! Gott, wie ich dich begehre!« Er schiebt seinen Finger in mich hinein, wieder und wieder. Als er meine Klitoris umfasst, schreie ich vor Lust auf. Sein Finger wird immer drängender, bis er sich plötzlich aufrichtet, mir den Slip auszieht und ihn auf den Boden wirft. Dann streift er seine Boxershorts ab, und seine Erektion kommt zum Vorschein. Wow! Er nimmt das Kondompäckchen vom Nachttisch, drängt sich zwischen meine Beine und spreizt sie weiter auseinander, bevor er auf die Knie geht und das Kondom über seinen beachtlichen Penis rollt. O nein … Wie soll das? Wie?

»Keine Sorge«, flüstert er und sieht mich an. »Auch bei dir weitet sich alles.« Er beugt sich über mich, die Hände zu beiden Seiten meines Kopfes, und verharrt mit brennendem Blick über mir. Erst jetzt fällt mir auf, dass er nach wie vor sein Hemd trägt.

»Willst du es wirklich?«, fragt er.

»Ja, bitte.«

»Zieh die Knie an«, weist er mich an, und ich gehorche. »Ich werde Sie jetzt ficken, Miss Steele«, murmelt er, während er die Spitze seines Schwanzes vor meiner Vagina positioniert. »Hart.« Und mit einem Ruck dringt er in mich ein.

»Ah!« Ich schreie auf, als mein Jungfernhäutchen reißt.

Er hält inne, sieht mich an. In seinem Blick liegen Ekstase und Triumph, und er atmet schwer. »Du bist so eng. Alles in Ordnung?«

Ich nicke mit weit geöffneten Augen, die Hände auf seinen Unterarmen. Ich fühle mich vollkommen ausgefüllt, aber er lässt mir Zeit, mich an das überwältigende Gefühl von ihm in mir zu gewöhnen.

»Jetzt werde ich mich bewegen, Baby«, erklärt er mir kurz darauf mit kehliger Stimme.

Oh.

Er zieht sich ganz langsam zurück, schließt die Augen und stößt wieder zu. Ich schreie ein zweites Mal auf, und er verharrt. »Mehr?«, flüstert er.

»Ja«, flüstere ich zurück.

Er macht es noch einmal und verharrt erneut. Mein Körper beginnt allmählich, sich an ihn zu gewöhnen.

»Noch mehr?«

»Ja«, flehe ich.

Und wieder bewegt er sich, doch diesmal macht er keine Pausen mehr. Er verlagert sein Gewicht auf die Ellbogen, so dass ich ihn auf mir spüre. Anfangs ist der Rhythmus noch langsam. Ich wölbe ihm meine Hüften entgegen, woraufhin er schneller wird. Ich stöhne, und er stößt weiter seinen Penis in mich hinein, immer schneller, unerbittlich. Er packt meinen Kopf zwischen die Hände und küsst mich hart. Seine Zähne ziehen an meiner Unterlippe. Als er seine Position leicht verlagert, spüre ich, wie sich alles in mir beinahe bis zum Bersten zusammenzieht, genau wie zuvor. Zitternd bäumt mein Körper sich auf. Ein Schweißfilm tritt auf meine Haut. O Gott … Ich hatte ja keine Ahnung, dass es sich so anfühlen würde … so gut. Meine Gedanken zerfließen … nur noch reines Gefühl … nur noch er … und ich … bitte … ich erstarre.

»Komm für mich, Ana«, flüstert er schwer atmend, und bei seinen Worten zerspringe ich in eine Million Stücke. Als er kommt, ruft er meinen Namen, stößt noch einmal fest zu und ergießt sich schließlich in mir.

Während ich versuche, meine Atmung und meinen Herzschlag zu beruhigen, versinken meine Gedanken im Chaos. Wow … das war der Wahnsinn.

Er hält die Stirn gegen meine gepresst, die Augen geschlossen, und sein Atem geht unregelmäßig. Er ist nach wie vor in mir drin, öffnet die Augen und sieht mich mit dunklem Blick an. Dann küsst er mich sanft auf die Stirn und zieht sich langsam aus mir zurück.

»Oh.« Wegen des ungewohnten Gefühls zucke ich zusammen.

»Hab ich dir wehgetan?«, fragt Christian, als er sich neben mich legt und auf einen Ellbogen stützt. Er schiebt mir eine Haarsträhne hinters Ohr.

Ich muss lachen. »Du fragst mich, ob du mir wehgetan hast?«

»Die Ironie der Situation ist mir durchaus bewusst«, sagt er spöttisch lächelnd. »Aber mal im Ernst, alles okay?«

Ich strecke mich neben ihm aus. Meine Knochen sind weich wie Wachs, aber ich bin entspannt, zutiefst entspannt. Ich lächle ihn an. Und kann gar nicht mehr damit aufhören. Jetzt weiß ich endlich Bescheid. Zwei Orgasmen … völlige Auflösung, wie im Schleudergang der Waschmaschine. Wow. Ich hatte keine Ahnung, wozu mein Körper in der Lage ist, dass er sich so anspannen und dann so heftig und befriedigend entladen kann. Ein unbeschreibliches Gefühl.

»Du kaust auf deiner Lippe, und du hast mir keine Antwort gegeben.« Er runzelt die Stirn.

Ich grinse ihn schelmisch an. Er sieht phantastisch aus mit seinen zersausten Haaren, den glühenden Augen und dem ernsten Gesichtsausdruck.

»Das würde ich gern öfter machen«, flüstere ich. Einen kurzen Moment glaube ich, einen Ausdruck der Erleichterung auf seinem Gesicht zu erkennen, bevor er wieder dichtmacht.

»Tatsächlich, Miss Steele?«, fragt er trocken und küsst mich zärtlich auf den Mundwinkel. »Sie sind unersättlich, meine Liebe. Drehen Sie sich auf den Bauch.«

Ich blinzle kurz, bevor ich mich umdrehe. Er löst die Haken meines BHs und lässt seine Hand über meinen Rücken zu meinem Hinterteil gleiten.

»Du hast wirklich ausgesprochen schöne Haut«, murmelt er und schiebt ein Bein zwischen meine, so dass er halb auf meinem Rücken liegt. Die Knöpfe seines Hemds drücken sich in meine Haut, als er meine Haare hochhebt und meine nackte Schulter küsst.

»Warum hast du dein Hemd noch an?«, frage ich.

Abrupt hält er in der Bewegung inne. Nach kurzem Zögern schlüpft er aus seinem Hemd und legt sich wieder auf mich. Nun spüre ich seine warme Haut auf meiner. Hm … Himmlisch! Seine Brust ist leicht behaart und kitzelt mich am Rücken.

»Ich soll dich nochmal ficken?«, erkundigt er sich und beginnt, mit federleichten Küssen von meinem Ohr zu meinem Nacken zu wandern.

Seine Hände streichen über meine Taille, meine Hüfte und meinen Oberschenkel hinunter zur Rückseite meines Knies. Er drückt mein Knie nach oben. Mir stockt der Atem … Was hat er vor? Seine Finger wandern über meinen Oberschenkel hinauf zu meinem Hintern. Er streichelt meine Pobacke und gleitet mit der Hand zwischen meine Beine.

»Ich werde dich jetzt von hinten nehmen, Anastasia«, erklärt er, packt mit der freien Hand meine Haare im Nacken und zieht daran, so dass ich meinen Kopf nicht rühren kann. Hilflos stecke ich unter ihm fest.

»Du gehörst mir«, raunt er. »Mir allein. Vergiss das nicht.«

Seine Stimme ist berauschend, betörend, verführerisch, und ich kann seine Erektion an meinem Oberschenkel fühlen.

Seine langen Finger beginnen, sanft meine Klitoris zu umkreisen. Ich spüre seinen Atem an meinem Gesicht, während er meinen Hals mit leichten Bissen und Küssen verwöhnt.

»Du riechst himmlisch.«

Er knabbert an meinem Ohr. Seine Hand reibt ohne Unterlass an mir. Unwillkürlich beginnen meine Hüften seine Bewegung zu spiegeln. Höchste Lust quält mich.

»Halt still«, befiehlt er mir, schiebt langsam seinen Daumen in mich hinein und lässt ihn kreisen. Dabei streicht er immer wieder über meinen Kitzler. Die Wirkung ist erstaunlich – meine ganze Energie konzentriert sich auf diesen einen kleinen Punkt in meinem Körper. Ich stöhne auf.

»Gefällt dir das?«, fragt er leise und streift mit den Zähnen mein Ohrläppchen. Dann spannt er langsam seinen Daumen an, rein, raus, rein, raus … Gleichzeitig beschreiben seine Finger weiterhin kreisende Bewegungen.

Ich schließe die Augen, versuche, meine Atmung zu kontrollieren und mir über die chaotischen Empfindungen klar zu werden, die seine Berührungen in mir auslösen. Flammen durchzucken meinen Körper. Wieder stöhne ich auf.

»Du bist so feucht. Anastasia, das gefällt mir. Sogar sehr«, keucht er.

Ich würde gern meine Beine anziehen, kann mich aber nicht bewegen. Sein Körpergewicht lässt es nicht zu, und er erhält seinen quälend beharrlichen Rhythmus aufrecht. Etwas Köstlicheres habe ich noch nie erlebt.

»Koste, wie du schmeckst«, haucht er mir ins Ohr. »Saug, Baby.«

Sein Daumen drückt auf meine Zunge. Ich schließe die Lippen um ihn und sauge wie wild. Ich schmecke Salz und Blut. Mein Gott! Wie verrucht … aber höllisch erotisch.

»Ich möchte deinen Mund ficken, Anastasia, und bald werde ich das auch tun.« Seine Stimme ist rau und heiser, seine Atmung unregelmäßig.

Meinen Mund ficken! Ich beiße zu. Ihm verschlägt es den Atem. Er zieht stärker an meinen Haaren, bis es schmerzt, und ich lasse ihn los.

»Unartiges Mädchen«, flüstert er und greift nach einem Kondom auf dem Nachtkästchen. »Halt still«, befiehlt er mir.

Er reißt die Folie auf. Ich atme schwer; das Blut kocht in meinen Adern. Er legt sich wieder auf mich, packt meine Haare und hält meinen Kopf so, dass ich ihn nicht rühren kann.

»Diesmal lassen wir uns Zeit, Anastasia«, raunt er mir ins Ohr.

Er schiebt seinen Penis ganz langsam in mich hinein, bis er tief in mir drin ist. Er füllt mich vollkommen, erbarmungslos aus. Ich seufze laut. Diesmal fühlt es sich tiefer an. Er kreist mit den Hüften, gleitet ein Stück heraus, hält kurz inne und gleitet wieder hinein. Wieder und wieder. Mit seinen neckenden, absichtlich trägen Stößen treibt er mich schier in den Wahnsinn.

»Du fühlst dich so gut an«, wispert er, und ich beginne zu zittern. Er zieht sich zurück und wartet. »Nein, Baby, noch nicht«, murmelt er, und erst als das Zittern aufhört, fängt er wieder von vorne an.

»Bitte«, bettle ich. Ich weiß nicht, ob ich das noch länger aushalte. Mein Körper sehnt sich nach Erlösung.

»Ich will, dass du wund bist von mir, Baby.« Er setzt seine unerträglich langsame Folter fort, vor und zurück, vor und zurück. »Morgen sollst du dich bei jeder Bewegung an mich erinnern. Nur an mich. Du gehörst mir.«

»Bitte, Christian«, flehe ich.

»Was möchtest du, Anastasia? Sag es mir.«

Wieder stöhne ich.

Er zieht sich aus mir zurück, gleitet erneut hinein und lässt seine Hüften kreisen.

»Sag es mir«, wiederholt er.

»Dich, bitte.«

Er steigert das Tempo ein klitzekleines bisschen. Die Muskeln in meinem Innern ziehen sich zusammen, und Christian passt sich an den Rhythmus an.

»Du. Bist. Der. Wahnsinn«, presst er zwischen den einzelnen Stößen hervor. »Ich. Begehre. Dich. So. Sehr.«

Ich seufze.

»Du. Gehörst. Mir. Komm für mich, Baby«, knurrt er.

Seine Worte explodieren in meinem Kopf. Mein Körper bäumt sich auf, und als ich komme, rufe ich laut eine entstellte Version seines Namens. Christian folgt mit zwei harten Stößen und erstarrt, als er sich in mir ergießt. Dann sinkt er auf mir zusammen, sein Gesicht in meinen Haaren.

»Himmel, Ana«, ächzt er, gleitet aus mir heraus und rollt auf seine Seite des Betts.

Vollkommen erschöpft rolle ich mich zusammen und schlafe sofort ein.

Als ich aufwache, ist es dunkel. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich geschlafen habe. Ich strecke mich unter der Bettdecke und spüre, wie wund, wie köstlich wund ich bin. Keine Spur von Christian. Ich setze mich auf und betrachte das Panorama der Stadt. Zwischen den Wolkenkratzern brennen nur wenige Lichter, und im Osten bricht die Morgendämmerung an. Ich höre Musik. Das Klavier, eine traurig-süße Klage. Bach, glaube ich, bin mir aber nicht sicher.

Ich schlinge die Decke um mich und tappe den Flur entlang. Christian sitzt am Piano, vollkommen in das Stück vertieft. Er spielt atemberaubend gut. Ich lehne mich gegen die Wand neben der Tür und lausche verzückt. Er sitzt nackt am Klavier, sein Körper im warmen Licht der freistehenden Lampe daneben. Da es im übrigen Raum dunkel ist, sieht es so aus, als würde er in seinem eigenen kleinen Lichtschein sitzen, unerreichbar einsam, wie in einer Blase.

Ich nähere mich ihm leise, angelockt von der Melancholie der Musik. Fasziniert beobachte ich seine langen Finger beim Spielen. Und muss daran denken, wie diese Finger meinen Körper liebkost haben. Bei der Erinnerung daran werde ich rot und presse unwillkürlich die Oberschenkel zusammen. Er hebt den Blick. Seine unergründlichen grauen Augen leuchten.

»Sorry«, flüstere ich. »Ich wollte dich nicht stören.«

Er runzelt die Stirn. »Das müsste ich eigentlich zu dir sagen«, erwidert er, hört auf zu spielen und legt die Hände auf die Oberschenkel.

Erst jetzt bemerke ich, dass er eine Pyjamahose trägt. Er fährt sich mit den Fingern durch die Haare und steht auf. Die Pyjamahose sitzt so sexy auf seinen Hüften … Wow. Ich bekomme einen trockenen Mund, als er lässig um das Klavier herum zu mir schlendert.

»Du solltest schlafen«, rügt er mich.

»Das war wunderschön. Bach?«

»Eine Transkription von Bach, ursprünglich ein Oboenkonzert von Alessandro Marcello.«

»Herrlich, aber ziemlich traurig.«

Er verzieht die Lippen zu einem halben Lächeln. »Marsch ins Bett. Am Morgen wirst du erschöpft sein.«

»Ich bin aufgewacht, und du warst nicht da.«

»Ich habe Probleme mit dem Schlafen und bin es nicht gewohnt, mit jemandem das Bett zu teilen«, erklärt er mit leiser Stimme.

Ich weiß nicht, was ich von seiner Stimmung halten soll. Er wirkt irgendwie niedergeschlagen, aber so genau kann ich das in der Dunkelheit nicht beurteilen. Vielleicht liegt es an dem Stück, das er gerade gespielt hat. Er legt den Arm um mich und dirigiert mich zurück ins Schlafzimmer.

»Wie lange spielst du schon Klavier? Das war wunderschön.«

»Seit meinem sechsten Lebensjahr.«

»Oh.« Christian mit sechs … Ich stelle mir einen hübschen Jungen mit kupferfarbenen Haaren und grauen Augen vor, der traurige Musik liebt, und schmelze dahin.

»Wie fühlst du dich?«, erkundigt er sich, als wir wieder im Schlafzimmer sind. Er schaltet ein kleines Licht an.

»Gut.«

Wir schauen beide gleichzeitig das Bett an. Blut ist auf dem Laken – der Beweis meiner verlorenen Unschuld. Ich werde schamrot.

»Stoff zum Nachdenken für Mrs. Jones«, bemerkt Christian, legt die Hand unter mein Kinn und schiebt meinen Kopf zurück, so dass er mir in die Augen blicken kann. Da merke ich, dass ich seine nackte Brust noch niemals zuvor gesehen habe. Unwillkürlich strecke ich die Hand nach den dunklen Haaren darauf aus. Sofort weicht er einen Schritt zurück.

»Geh ins Bett«, sagt er in scharfem Tonfall, dann wird seine Stimme weicher. »Ich lege mich zu dir.«

Ich lasse die Hand sinken und runzle die Stirn. Ich glaube nicht, dass ich seinen Oberkörper je berührt habe. Er zieht eine Schublade auf, holt ein T-Shirt heraus und schlüpft hastig hinein.

»Ab ins Bett«, befiehlt er noch einmal.

Ich lege mich hin und versuche, nicht an das Blut zu denken. Er gesellt sich zu mir, zieht mich so in seine Arme, dass ich mit dem Rücken zu ihm liege, drückt mir einen sanften Kuss auf die Haare und atmet tief ein.

»Schlaf, beste Anastasia«, murmelt er, und ich schließe die Augen, selbst ein wenig melancholisch, sei es von der Musik oder seinem Verhalten. Christian Grey hat auch eine traurige Seite.

NEUN

Das Licht lockt mich aus tiefem Schlaf. Ein strahlender Maimorgen, Seattle liegt mir zu Füßen. Was für ein Ausblick! Neben mir schläft Christian Grey tief und fest. Was für ein Anblick! Es wundert mich, dass er noch im Bett ist. Mit dem Gesicht zu mir, so dass ich das erste Mal Gelegenheit habe, ihn eingehend zu betrachten. Im Schlaf wirkt er entspannt und jünger. Seine sinnlichen Lippen sind leicht geöffnet, seine glänzenden Haare zerzaust. Wie kann jemand ungestraft so schön sein? Das Zimmer oben fällt mir ein … Vielleicht bewegt er sich doch am Rande der Legalität. So viele Überlegungen. Es wäre verlockend, die Hand auszustrecken und ihn zu berühren, aber er sieht so friedlich aus, wenn er schläft, wie ein kleiner Junge. Und ich muss mir mal einen Moment lang keine Gedanken darüber machen, was ich sage oder was er sagt oder was er mit mir vorhat.

Ich könnte ihn den ganzen lieben langen Tag anschauen. Leider meldet sich meine Blase. Ich schlüpfe aus dem Bett, sehe sein weißes Hemd auf dem Boden, ziehe es an und gehe, wie ich glaube, ins Bad, finde mich aber in einem riesigen begehbaren Kleiderschrank wieder, der so groß ist wie mein Schlafzimmer. Reihen um Reihen teurer Anzüge, Hemden, Schuhe und Krawatten. Wie kann jemand nur so viele Klamotten brauchen? Das erinnert mich an Kate. Ihre Garderobe kann sich mit seiner durchaus messen. O nein. Ich habe den ganzen Abend nicht an sie gedacht, und dabei hätte ich ihr eine SMS schicken sollen. Scheiße. Das gibt Probleme. Wie wohl die Sache mit Elliot läuft?

Als ich ins Schlafzimmer zurückkehre, schläft Christian immer noch. Ich versuche es mit der zweiten Tür. Diesmal ist es tatsächlich das Bad; es ist ebenfalls größer als mein Schlafzimmer. Wozu braucht ein einzelner Mensch so viel Platz? Zwei Waschbecken. Da er mit niemandem die Nacht verbringt, muss eines davon unbenutzt sein.

Ich betrachte mich in dem riesigen Spiegel. Sehe ich irgendwie anders aus? Jedenfalls fühle ich mich anders. Ein bisschen wund, das muss ich zugeben, und meine Muskeln – mein Gott, als hätte ich in meinem Leben niemals Sport getrieben. Du bist total unsportlich, erinnert mich mein Unterbewusstsein, das gerade aufgewacht ist, mit geschürzten Lippen und klopft mit dem Fuß auf den Boden. Du hast mit ihm geschlafen, ihm deine Unschuld geschenkt, einem Mann, der dich nicht liebt. Der ziemlich merkwürdige Dinge mit dir vorhat und dich zu seiner Sexsklavin machen will. BIST DU VERRÜCKT?, keift es.

Als ich in den Spiegel blicke, zucke ich unwillkürlich zusammen. Ausgerechnet ich habe mich in einen mehr als schönen Mann verliebt, der reicher ist als Krösus und bei dem eine Kammer der Qualen auf mich wartet. Ich bekomme eine Gänsehaut. Meine Haare sind wie immer widerspenstig. Postkoitale Haare stehen mir nicht. Ich versuche ohne Erfolg, mit den Fingern Ordnung hineinzubringen, und gebe mich geschlagen – vielleicht finde ich ein Haarband in meiner Handtasche.

Mir knurrt der Magen. Ich kehre ins Schlafzimmer zurück. Da der schöne Prinz noch schläft, mache ich mich auf den Weg in die Küche.

O nein … Kate. Ich habe meine Handtasche in Christians Arbeitszimmer gelassen. Ich hole sie und nehme mein Handy heraus. Drei SMS.

Alles O.K., Ana?

Wo steckst du, Ana?

Verdammt, Ana!

Ich wähle Kates Nummer. Als sie sich nicht meldet, hinterlasse ich eine Nachricht, in der ich ihr mit schlechtem Gewissen mitteile, dass ich lebe und nicht Opfer von Blaubart geworden bin, jedenfalls nicht so, wie sie denkt – oder vielleicht doch? Gott, ist das alles verwirrend. Ich muss dringend meine Gefühle für Christian Grey sortieren, doch die Aufgabe überfordert mich im Moment. Ich schüttle resigniert den Kopf. Ich brauche Zeit für mich allein, zum Nachdenken.

In meiner Tasche finde ich zwei Haarbänder. Ich binde mir Zöpfe. Ja! Je mädchenhafter ich aussehe, desto sicherer bin ich hoffentlich vor Blaubart. Ich nehme meinen iPod aus der Handtasche und stecke meine Stöpsel ins Ohr. Beim Kochen gibt es nichts Besseres als Musik. Ich verstaue den iPod in der Brusttasche von Christians Hemd, stelle ihn laut und beginne zu tanzen.

Meine Güte, hab ich einen Kohldampf!

Seine moderne Küche flößt mir Respekt ein. Keiner der Schränke hat Griffe. Ich brauche ein paar Sekunden, bis ich den Dreh raus habe: Zum Öffnen muss man dagegendrücken. Ich werde für Christian Frühstück machen. Gestern im Heathman hat er ein Omelett gegessen … Mann, wie viel seitdem passiert ist! Ich schaue in den Kühlschrank, entdecke darin jede Menge Eier und merke, dass ich Lust auf Pfannkuchen und Speck habe. Während ich den Teig zubereite, tanze ich durch die Küche.

Beschäftigung tut gut. Die dröhnende Musik hilft mir, tiefgründige Gedanken zu verscheuchen. Ich bin hierhergekommen, um die Nacht in Christian Greys Bett zu verbringen. Und das ist mir gelungen, obwohl er normalerweise niemanden in sein Bett lässt. Mission erfüllt. Und zwar auf elegante Weise. Bei der Erinnerung an letzte Nacht lächle ich. Seine Worte, sein Körper, der Sex … Ich schließe die Augen, und die Muskeln in meinem Unterleib ziehen sich auf köstliche Weise zusammen. Mein Unterbewusstsein korrigiert mich finster … Ficken, nicht einfach Sex, kreischt es. Ich ignoriere es, obwohl ich in meinem tiefsten Innern weiß, dass es Recht hat. Stattdessen konzentriere ich mich aufs Kochen.

Nach einer Weile glaube ich zu verstehen, wie der ultramoderne Herd funktioniert. Amy Studt singt unterdessen von Außenseitern. Der Song bedeutet mir viel, weil ich auch nirgendwo hinpasse. Ich bin immer schon irgendwie schräg gewesen, und jetzt werde ich mit einem ausgesprochen schrägen und unmoralischen Angebot konfrontiert. Warum ist er so? Ist das angeboren oder anerzogen?

Ich gebe den Speck in die Pfanne, und während er vor sich hin brutzelt, schlage ich mit dem Schneebesen die Eier. Als ich mich umdrehe, sitzt Christian auf einem der Barhocker an der Frühstückstheke, den Kopf auf seine Hände gestützt. Er trägt noch das T-Shirt, in dem er geschlafen hat. Ihm stehen die postkoitalen Haare ziemlich gut, genau wie der Dreitagebart. Er wirkt belustigt und verwirrt zugleich. Ich ziehe die Stöpsel aus den Ohren.

»Guten Morgen, Miss Steele. Ganz schön munter so früh am Morgen«, bemerkt er trocken.

»Ich … äh, ich habe gut geschlafen«, stammle ich.

Er versucht, sein Lächeln zu kaschieren. »Soso. Ich auch, nachdem ich mich wieder ins Bett gelegt hatte.«

»Hunger?«

»Riesenhunger«, antwortet er mit einem intensiven Blick, und ich habe den Eindruck, dass er nicht das Frühstück meint.

»Pfannkuchen, Speck und Eier?«

»Klingt verlockend.«

»Ich weiß nicht, wo du die Tischsets aufbewahrst.« Ich bemühe mich sehr, nicht allzu nervös zu wirken.

»Darum kümmere ich mich schon. Koch du. Soll ich Musik auflegen, damit du weiter … tanzen kannst?«

Ich starre meine Finger an, als ich merke, dass ich feuerrot werde.

»Meinetwegen musst du nicht aufhören. Ich finde es sehr unterhaltsam.«

Ich schürze die Lippen. Unterhaltsam, aha. Mein Unterbewusstsein lacht sich schlapp über mich. Ich wende mich von Christian ab, um die Eier fertig zu schlagen, möglicherweise ein wenig heftiger als unbedingt nötig. Sogleich gesellt er sich zu mir und zieht sanft an meinen Zöpfen.

»Die Zöpfe gefallen mir«, flüstert er. »Aber sie werden dich nicht schützen.« Hm, Blaubart …

»Wie möchtest du deine Eier?«, frage ich in scharfem Tonfall.

Er grinst. »Am liebsten windelweich.«

Ich unterdrücke ein Schmunzeln. Lange kann ich ihm nicht böse sein. Besonders, wenn er in so verspielter Stimmung ist. Er nimmt zwei anthrazitfarbene Sets aus einer Schublade. Ich gebe die Eier in eine Pfanne und wende den Speck.

Als ich mich umdrehe, steht Orangensaft auf dem Tisch, und Christian kocht Kaffee.

»Möchtest du Tee?«

»Ja, bitte. Wenn du welchen hast.«

Ich hole zwei Teller aus dem Schrank und schiebe sie zum Wärmen in den Ofen. Christian zaubert unterdessen Twinings English Breakfast Tea hervor.

Ich schürze die Lippen. »Ich bin ziemlich durchschaubar, was?«

»Meinst du? Ich weiß nicht, ob ich Sie schon durchschaut habe, Miss Steele«, murmelt er.

Was meint er? Unsere Verhandlungen? Unsere … äh … Beziehung … wie immer die auch aussehen mag? Er ist mir nach wie vor ein Rätsel. Ich gebe das Essen auf die warmen Teller und stelle alles auf die Sets. Im Kühlschrank finde ich Ahornsirup.

Christian wartet, dass ich mich setze.

»Miss Steele.« Er deutet auf einen der Barhocker.

»Mr. Grey.« Ich nicke und klettere auf den Hocker. Dabei zucke ich leicht zusammen.

»Wie wund bist du?«, erkundigt er sich, während er selbst Platz nimmt.

Ich werde abermals rot. Warum stellt er so intime Fragen?

»Ehrlich gesagt, habe ich keine Vergleichsmöglichkeiten. Wolltest du mir dein Mitleid bekunden?«, frage ich mit zuckersüßer Stimme.

»Nein. Ich habe nur überlegt, ob wir mit deiner Grundausbildung weitermachen sollen.«

»Ach.« Ich sehe ihn verblüfft an. Mir stockt der Atem, und die Muskeln in meinem Unterleib ziehen sich zusammen. Was für verlockende Aussichten!

»Iss, Anastasia.«

Wieder vergeht mir der Appetit auf Essbares, aber auf Sex  … hm, ja bitte.

»Es schmeckt übrigens köstlich«, bemerkt er grinsend.

Ich probiere von dem Omelett, schmecke jedoch kaum etwas. Grundausbildung! Ich will deinen Mund ficken. Gehört das zur Grundausbildung?

»Kau nicht ständig auf deiner Lippe. Das lenkt mich ab. Außerdem weiß ich, dass du unter meinem Hemd nichts anhast, und das lenkt mich noch mehr ab.«

Ich hänge meinen Teebeutel in die kleine Kanne, die Christian mir hingestellt hat. In meinem Kopf wirbeln die Gedanken durcheinander.

»Was für eine Grundausbildung hast du im Sinn?«, will ich mit etwas zu hoher Stimme wissen, während die Hormone in meinem Körper Purzelbäume schlagen.

»Da du unten wund bist, dachte ich, wir sollten uns auf die mündlichen Fertigkeiten konzentrieren.«

Da ich mich an meinem Tee verschlucke, klopft er mir auf den Rücken und reicht mir ein Glas Orangensaft.

»Vorausgesetzt, du willst bleiben«, fügt er hinzu.

»Heute würde ich gern noch bleiben. Wenn dir das recht ist. Aber morgen muss ich arbeiten.«

»Um wie viel Uhr musst du in der Arbeit sein?«

»Um neun.«

»Ich bringe dich bis neun hin.«

Soll ich noch eine Nacht bleiben?

»Ich muss heute Abend nach Hause – ich brauche frische Kleidung.«

»Die können wir dir auch hier besorgen.«

Ich habe kein Geld für neue Klamotten.

Seine Hand umfasst mein Kinn so fest, dass ich aufhöre, an meiner Lippe zu kauen. »Was ist?«, fragt er.

»Ich muss heute Abend zuhause sein.«

Er presst den Mund zusammen. »Okay, dann also heute Abend«, sagt er schließlich. »Und jetzt iss.«

Meine Gedanken und mein Magen sind völlig durcheinander, der Appetit ist mir vergangen. Ich starre mein kaum angetastetes Frühstück an.

»Iss, Anastasia. Du hast seit gestern Abend nichts gegessen.«

»Ich habe wirklich keinen Hunger«, erwidere ich mit leiser Stimme.

Seine Augen werden schmal. »Es wäre mir lieb, wenn du dein Frühstück essen würdest.«

»Wieso bist du so versessen aufs Essen?«, platze ich heraus.

»Ich habe dir doch gesagt, dass ich es nicht leiden kann, wenn Essen verdirbt. Iss«, herrscht er mich an. In seinen dunklen Augen liegt ein gequälter Ausdruck.

Was ist denn jetzt wieder los? Ich nehme einen Bissen und kaue bedächtig, woraufhin seine Miene weicher wird. Für die Zukunft nehme ich mir vor, mir nicht mehr so viel auf den Teller zu laden.

»Du hast gekocht, ich räume ab«, sagt er, als ich schließlich fertig bin.

»Sehr demokratisch.«

»Ja, obwohl das sonst nicht mein Stil ist. Anschließend nehmen wir ein Bad.«

»Ach, okay.« Oje … ich würde viel lieber duschen.

Mein Handy klingelt. Es ist Kate.

»Hi.« Ich gehe zu den Glastüren des Balkons.

»Ana, warum hast du mir keine SMS geschickt?« Ihre Stimme klingt verärgert.

»Tut mir leid, die Ereignisse haben sich überschlagen.«

»Alles in Ordnung?«

»Ja.«

»Und, habt ihr?«, fragt sie neugierig.

Ich verdrehe die Augen. »Kate, ich will das nicht am Telefon besprechen.«

Christian sieht mich an.

»Ihr habt, das höre ich dir doch an.«

Wie macht sie das nur? Leider kann ich nicht über das Thema reden, denn ich habe eine Scheißverschwiegenheitsvereinbarung unterschrieben.

»Kate, bitte.«

»Wie war’s? Bist du okay?«

»Das habe ich dir doch schon gesagt.«

»War er zärtlich?«

»Kate, bitte!«

»Ana, das kannst du mir nicht antun. Auf diesen Tag warte ich seit fast vier Jahren.«

»Wir sehen uns heute Abend.« Ich beende das Gespräch.

Das wird schwierig werden. Sie will sicher alles haargenau wissen, aber ich darf es ihr nicht verraten. Sie wird ausflippen, und das nicht ohne Grund. Ich kehre zu Christian zurück, der gerade den Tee wegräumt.

»Diese Verschwiegenheitsvereinbarung, wie umfassend ist die?«, erkundige ich mich.

»Warum?« Er sieht mich eindringlich an.

»Na ja, ich hätte da ein paar Fragen zum Thema Sex.« Ich werde rot. »Und die würde ich gern Kate stellen.«

»Du kannst mich fragen.«

»Christian, bei allem gebotenen Respekt …« Meine Stimme wird leiser. Ich kann dich nicht fragen. Von dir bekomme ich nur verzerrte, perverse Ansichten zu dem Thema. Ich brauche eine neutrale Meinung. »Mich interessieren nur ein paar technische Details. Ich erwähne nichts von der Kammer der Qualen.«

»Kammer der Qualen? Dort geht es hauptsächlich um Lust, Anastasia, glaub mir. Außerdem«, fügt er schroff hinzu, »ist deine Mitbewohnerin gerade mit meinem Bruder zugange. Mir wäre es lieber, wenn du sie nicht fragst.«

»Weiß deine Familie Bescheid über deine … äh … Vorlieben ?«

»Nein. Die sind allein meine Sache.« Er schlendert zu mir. »Was möchtest du denn wissen?«, fragt er, lässt die Finger sanft über meine Wange zu meinem Kinn gleiten und drückt meinen Kopf ein wenig nach hinten, so dass ich ihm in die Augen sehen muss.

Ich winde mich innerlich. Diesen Mann kann ich nicht belügen. »Im Moment nichts Bestimmtes«, flüstere ich.

»Wir könnten mit einer einfachen Frage anfangen: Wie war letzte Nacht für dich?« In seinen Augen liegt brennende Neugierde.

Die Antwort liegt ihm am Herzen. Wow.

»Gut«, murmle ich.

»Für mich auch. Ich hatte noch nie zuvor Blümchensex. Vieles spricht dafür. Aber vielleicht liegt es daran, dass ich ihn mit dir erlebt habe.« Er lässt den Daumen über meine Unterlippe gleiten.

Ich sauge scharf die Luft ein. Blümchensex?

»Komm, wir nehmen ein Bad.« Er küsst mich. Mein Herz macht einen Sprung, und in meinem Unterleib braut sich wieder Begierde zusammen.

Die eiförmige, tiefe Badewanne ist aus weißem Stein, ein richtiges Designerding. Christian lässt Wasser einlaufen und gibt einen vermutlich ziemlich teuren Badezusatz hinein. Als es aufschäumt, riecht es süß und sinnlich nach Jasmin. Christian mustert mich mit dunklen Augen, bevor er sein T-Shirt auszieht und auf den Boden fallen lässt.

»Miss Steele.« Er streckt mir die Hand entgegen.

Als ich seine Hand ergreife, bedeutet er mir, in die Wanne zu steigen. Ich trage immer noch sein Hemd. Ich tue, was er sagt. Daran werde ich mich gewöhnen müssen, wenn ich seinen Vorschlag annehme … wenn! Das Wasser ist warm und verlockend.

»Dreh dich mit dem Gesicht zu mir«, befiehlt er mir, und ich gehorche ihm. »Ich weiß, dass diese Lippe köstlich ist. Das kann ich bezeugen. Doch würdest du bitte aufhören, darauf herumzukauen? Wenn du das tust, will ich dich ficken, aber du bist wund.«

Ich schnappe nach Luft, so dass meine Lippe sich unwillkürlich aus meinen Zähnen löst.

»Ja, genau«, knurrt er. Seine Augen funkeln.

Ich hatte keine Ahnung, dass ich ihn so beeindrucken kann.

»Gut.« Er nimmt meinen iPod aus der Brusttasche seines Hemds und legt ihn neben das Waschbecken.

»Wasser und iPods passen nicht zusammen«, murmelt er, packt den Saum des weißen Hemds, zieht es mir über den Kopf und lässt es auf den Boden fallen.

Er tritt einen Schritt zurück, um mich zu bewundern.

Mein Gott, ich bin vollkommen nackt – und werde tiefrot vor Scham. Am liebsten würde ich mich auf der Stelle in das heiße Wasser und den Schaum verkriechen, aber ich weiß, dass er das nicht will.

»Hey, Anastasia, du bist eine sehr schöne Frau. Halt den Kopf nicht gesenkt. Es gibt nichts, wofür du dich schämen müsstest. Es ist wunderbar, dich zu betrachten.« Er umfasst mein Kinn, damit ich ihm in die Augen blicke. Sie sind warm und freundlich. »Du kannst dich jetzt setzen«, sagt er, und ich schlüpfe in das angenehm warme Wasser.

Aua … das brennt. Doch es riecht himmlisch. Der anfängliche Schmerz ebbt schnell ab. Ich lehne mich zurück, schließe kurz die Augen und entspanne mich in der wohltuenden Wärme. Als ich sie aufmache, sieht er mich von oben an.

»Wieso kommst du nicht rein?«, frage ich mit heiserer Stimme.

»Warum nicht? Rutsch ein Stück nach vorn«, weist er mich an.

Er streift seine Pyjamahose ab und klettert hinter mir in die Wanne. Das Wasser steigt, als er sich setzt und mich an seine Brust zieht. Er legt seine langen Beine über meine, die Knie angezogen, die Knöchel auf gleicher Höhe mit meinen. Dann spreizt er mit den Füßen meine Beine. Mir stockt der Atem. Seine Nase ist in meinen Haaren; er saugt ihren Geruch tief ein.

»Du riechst so gut, Anastasia.«

Ein Zittern durchläuft meinen Körper. Ich liege mit Christian Grey nackt in der Badewanne. Wenn mir gestern, als ich in der Hotelsuite aufgewacht bin, jemand gesagt hätte, dass ich das jetzt tun würde, hätte ich ihm nicht geglaubt.

Er nimmt eine Flasche Duschgel von der Ablage, spritzt etwas auf seine Finger und reibt sie aneinander, so dass es aufschäumt. Dann legt er die schaumigen Hände um meinen Hals und beginnt, meinen Nacken und meine Schultern zu massieren. Ich stöhne auf. Seine Hände fühlen sich auf meiner Haut so verdammt gut an.

»Gefällt dir das?« Fast kann ich sein Lächeln hören.

»Hm.«

Seine Hände wandern meine Arme entlang zu meinen Achseln. Gott sei Dank hat Kate darauf bestanden, dass ich sie mir rasiere! Seine Finger gleiten nach vorn zu meinen Brüsten, und ich sauge scharf die Luft ein, als sie sie umkreisen und sanft kneten. Unwillkürlich bäumt sich mein Körper auf, so dass meine Brüste gegen seine Hände drücken. Meine Brustwarzen sind wund von der unsanften Behandlung der vergangenen Nacht. Er hält sich nicht lange dort auf und schiebt seine Hände über meinen Bauch und meinen Unterleib. Ich atme schneller, und ich spüre seine Erektion an meinem Hinterteil. Was für ein antörnendes Gefühl zu wissen, dass mein Körper das mit ihm anstellt. Ha … bestimmt nicht dein Geist, spottet mein Unterbewusstsein. Ich schiebe es weit von mir.

Er greift nach einem Waschlappen. Meine Hände ruhen auf seinen festen, muskulösen Oberschenkeln. Er spritzt Duschgel auf den Lappen, beugt sich vor und wäscht mich zwischen den Beinen. Ich halte den Atem an. Seine Finger stimulieren mich geschickt durch den Stoff hindurch, ein himmlisches Gefühl. Meine Hüften fangen an, sich in ihrem eigenen Rhythmus zu bewegen und gegen seine Hand zu pressen. Seufzend lege ich den Kopf nach hinten. Angespannte Erregung baut sich langsam und unaufhaltsam in mir auf … Wow!

»Spürst du’s?«, haucht Christian mir ins Ohr und lässt sehr sanft die Zähne über mein Ohrläppchen gleiten. »Spür’s für mich.« Er drückt meine Beine mit seinen gegen die Wand der Wanne. Sie halten mich gefangen und verschaffen ihm freien Zugang zu meiner intimsten, empfindlichsten Körperstelle.

»Bitte«, flüstere ich. Ich versuche, meine Beine anzuziehen, doch er lässt es nicht zu, dass ich mich bewege.

»Ich glaube, jetzt bist du sauber genug«, erklärt er und hört schlagartig auf, mich zu waschen.

Was? Nein! Nein! Nein! Mein Atem geht unregelmäßig. »Warum hörst du auf?«, keuche ich.

»Weil ich etwas anderes mit dir vorhabe, Anastasia.«

Was? Aber ich war kurz davor … Wie ungerecht.

»Dreh dich um. Ich muss auch gewaschen werden«, flüstert er.

Oh! Als ich mich ihm zuwende, weiten sich meine Augen, denn ich sehe, dass seine Hände fest um sein erigiertes Glied greifen.

»Ich möchte, dass du dich mit dem Teil meines Körpers, der mir besonders lieb und teuer ist, vertraut machst, sozusagen auf Du und Du mit ihm stehst.«

Er ist so groß. Sein erigierter Penis ragt aus dem Wasser, das an seinen Hüften leckt. Als ich den Blick hebe, sehe ich sein anzügliches Grinsen. Er genießt meinen verblüfften Ausdruck sichtlich. Ich schlucke. Das Ding war in mir drin! Unmöglich. Er will, dass ich ihn anfasse. Hm … na gut.

Lächelnd greife ich nach dem Duschgel, gebe ein wenig in meine Hand, folge seinem Beispiel und schäume es auf. Dabei sehe ich ihm tief in die Augen. Mein Mund ist leicht geöffnet, ich kaue ganz bewusst an meiner Unterlippe und lecke dann mit der Zunge darüber. Seine Augen werden dunkel, als meine Zunge über meine Unterlippe gleitet. Ich lege eine Hand um seinen Penis. Er fühlt sich viel härter an als erwartet. Er wölbt seine Hand um meine.

»So«, flüstert er, bewegt meine Finger auf und ab, und seine Augen schimmern dabei wie flüssiges Silber. »Genau so, Baby.«

Er lässt meine Hand los und schließt genüsslich die Augen, während meine Finger sein Glied massieren. Als er mir seine Hüften leicht entgegenhebt, packe ich unwillkürlich fester zu. Ein tiefes Stöhnen entringt sich seiner Brust. Fick meinen Mund … Ich erinnere mich, wie er mir seinen Daumen in den Mund gesteckt hat, also beuge ich mich nach vorn, wölbe die Lippen um seinen Penis, sauge vorsichtig daran und lasse gleichzeitig die Zunge über die Eichel gleiten.

»Wow … Ana.« Er öffnet die Augen, und ich sauge fester.

Er ist zugleich hart und weich, wie Stahl, von Samt umhüllt, und schmeckt erstaunlich gut, ein wenig salzig.

Christian stöhnt auf.

Ich nehme ihn ganz in den Mund, und er seufzt wohlig. Ha! Meine winzig kleine innere Göttin ist begeistert über mein Geschick. Ich kann ihn mit dem Mund ficken. Wieder lasse ich meine Zunge um die Spitze kreisen, schiebe seinen Penis noch tiefer in meinen Mund und stütze mich an seinen Oberschenkeln ab. Ich spüre, wie die Muskeln seiner Beine sich unter meinen Händen anspannen. Er packt meine Zöpfe und bewegt sich schneller.

»Baby, das ist gut, richtig gut«, flüstert er. Ich sauge heftiger und züngle über die Spitze seiner beeindruckenden Erektion. Die Lippen über den Zähnen, klemme ich meinen Mund um ihn. Er stößt einen zischenden Atemzug aus.

»Mein Gott, wie weit kannst du ihn noch in deinen Mund nehmen?«, fragt er verblüfft.

Ich weiß es nicht, aber ich stecke ihn tiefer in meinen Mund, so dass ich ihn ganz hinten im Rachen spüre, dann lasse ich ihn wieder nach vorn rutschen. Dabei kreist meine Zunge um seine Eichel. Ich sauge fester und fester, lasse meine Zunge immer wieder um ihn gleiten. Wow, wer hätte gedacht, dass es mich so erregen würde, ihm Vergnügen zu bereiten und zu beobachten, wie er sich vor Lust windet. Meine innere Göttin legt einen Salsa aufs Parkett.

»Anastasia, ich werde gleich in deinem Mund kommen«, warnt er mich keuchend. »Wenn du das nicht möchtest, dann hör jetzt bitte auf.« Wieder ein Stoß mit den Hüften. Seine Augen weiten sich voller Lust – Lust auf mich. Auf meinen Mund.

Ich sauge noch fester, und in einem Moment seltenen Selbstvertrauens entblöße ich die Zähne. Er schreit auf und wird dann ganz still. Ich spüre, wie warme, salzige Flüssigkeit meinen Rachen hinunterrinnt. Ich schlucke. Hm … Ob ich das mag, weiß ich nicht so genau. Aber ein Blick auf ihn, und es ist mir egal, denn er liegt völlig aufgelöst in der Wanne – weil ich ihm solche Lust bereitet habe. Ich lächle triumphierend.

»Hast du denn keinen Würgereflex?«, fragt er erstaunt. »Ana … das war gut … echt gut. Und unerwartet. Du überraschst mich jedes Mal aufs Neue.«

Ich kaue lasziv auf meiner Lippe.

Er stutzt. »Hast du das schon mal gemacht?«

»Nein«, antworte ich stolz.

»Toll«, sagt er ein wenig gönnerhaft, jedoch offenbar auch erleichtert. »Wieder eine Premiere, Miss Steele.« Er bedenkt mich mit einem anerkennenden Blick. »In der mündlichen Prüfung bekommst du eine Eins. Komm, lass uns ins Bett gehen, ich schulde dir einen Orgasmus.«

Orgasmus! Noch einer!

Er klettert aus der Wanne, so dass ich den Adonis Christian Grey zum ersten Mal in voller Pracht sehe. Meine innere Göttin, die zu tanzen aufgehört hat, starrt ihn mit offenem Mund an. Seine Erektion ist gebändigt, aber nach wie vor beachtlich  … wow. Er schlingt ein kleines Handtuch um die Hüfte, so dass das Wesentliche bedeckt ist. Ich lasse mir von ihm aus der Wanne helfen, dann hüllt er mich in ein größeres Handtuch und schiebt mir leidenschaftlich die Zunge in den Mund. Ich habe das Gefühl, dass er mir mit dem Kuss seine Dankbarkeit bekundet  – vielleicht für meinen ersten Blowjob? Wie gern würde ich die Arme um ihn schlingen … ihn berühren, doch sie sind unter dem Tuch gefangen. Er löst sich von mir und mustert mich. Irgendwie wirkt er verloren.

»Sag Ja«, flüstert er rau.

Ich verstehe nicht, was er meint.

»Wozu?«

»Zu unserer Vereinbarung. Dazu, mir zu gehören. Bitte, Ana«, bettelt er und küsst mich noch einmal, bevor er blinzelnd einen Schritt zurücktritt, meine Hand nimmt und mich in sein Schlafzimmer führt.

Ich folge ihm artig. Er wünscht sich das wirklich.

»Vertraust du mir?«, fragt er, als wir neben dem Bett stehen.

Ich nicke, erstaunt über mich selbst, denn es stimmt. Ich vertraue ihm. Was will er jetzt mit mir anstellen?

»Gutes Mädchen«, haucht er und berührt mit dem Daumen leicht meine Unterlippe. Er verschwindet kurz in seinem begehbaren Schrank und kehrt mit einer silbergrauen Seidenkrawatte zurück. »Halt die Hände vor dem Körper zusammen«, weist er mich an, während er mich aus dem Handtuch wickelt und es auf den Boden fallen lässt.

Ich tue, was er mir sagt. Er bindet mir die Handgelenke mit der Krawatte zusammen und verknotet sie fest. Seine Augen leuchten vor Erregung, während er den Knoten überprüft. Was jetzt? Mein Herz rast.

Er lässt die Finger über meine Zöpfe gleiten. »Du siehst so jung aus damit«, sagt er und macht einen Schritt auf mich zu.

Instinktiv bewege ich mich zurück, bis ich die Bettkante in den Kniekehlen spüre. Mit glühendem Blick streift er sein Handtuch ab.

»Anastasia, was soll ich nur mit dir machen?«, flüstert er, als er mich aufs Bett drückt, sich neben mich legt und meine Hände über meinen Kopf hebt.

»Lass deine Hände oben und beweg sie nicht, verstanden?« Sein Blick droht mich zu durchbohren; mir verschlägt es den Atem. Diesem Mann möchte ich nicht wütend begegnen.

»Antworte mir«, fordert er.

»Ich werde meine Hände nicht bewegen«, verspreche ich atemlos.

»Braves Mädchen«, murmelt er und leckt träge seine Lippen. Ich bin fasziniert von seiner Zunge, wie sie so langsam über seine Oberlippe gleitet. Er sieht mir in die Augen, beobachtet, taxiert mich, bevor er sich zu mir herunterbeugt und mir hastig einen keuschen Kuss auf die Lippen drückt.

»Ich werde Sie jetzt am ganzen Körper küssen, Miss Steele«, verkündet er mit sanfter Stimme, wölbt die Hand um mein Kinn und schiebt es nach oben, so dass mein Hals freiliegt. Seine Lippen gleiten an ihm hinunter, küssen, saugen und beißen, bis zu der kleinen Kuhle am unteren Ende. Plötzlich ist mein Körper hellwach. Das Bad hat meine Haut sensibilisiert. Mein erhitztes Blut sammelt sich in meinem Unterleib, zwischen meinen Beinen. Ich stöhne.

Ich möchte ihn berühren. Trotz der Fessel gelingt es mir, seine Haare zu fühlen. Er hört auf, mich zu küssen, sieht mich finster an, schüttelt den Kopf und gibt ein missbilligendes Geräusch von sich. Dann greift er nach meinen Händen und schiebt sie wieder über meinen Kopf.

»Beweg die Hände nicht, sonst müssen wir nochmal von vorn anfangen«, rügt er mich.

»Ich will dich anfassen.« Meine Stimme klingt heiser.

»Ich weiß. Behalt die Hände über dem Kopf«, befiehlt er.

Wie frustrierend!

Erneut küsst er meinen Hals wie zuvor. Seine Hände gleiten über meine Brüste, als er mit den Lippen die Kuhle unter meinem Hals erreicht. Er lässt die Nasenspitze darum kreisen, bewegt sich gemächlich mit dem Mund nach unten, folgt dem Weg, den seine Hände genommen haben, über mein Brustbein zu meinen Brüsten. Er küsst beide, nagt sanft daran und saugt zärtlich an meinen Brustwarzen. Unwillkürlich beginnen meine Hüften, sich im Rhythmus mit seinem Mund zu bewegen. Ich versuche verzweifelt, meine Hände über dem Kopf zu halten.

»Halt still«, ermahnt er mich, sein Atem warm auf meiner Haut. Als er meinen Nabel erreicht, taucht seine Zunge hinein, und er lässt seine Zähne sanft über meinen Bauch gleiten. Mein Körper bäumt sich auf.

»Sie sind der Wahnsinn, Miss Steele.« Seine Nase streicht über meinen Bauch zu meinem Schamhaar hinunter; er beißt mich sanft, neckt mich mit der Zunge. Plötzlich setzt er sich auf, packt meine Fußknöchel und spreizt meine Beine weit. Er ergreift meinen linken Fuß und hebt ihn an seinen Mund. Ohne mich aus den Augen zu lassen, küsst er jede meiner Zehen einzeln und beißt sanft in die Ballen. Beim kleinen Zeh beißt er fester zu, und ich stoße ein Wimmern aus. Mit der Zunge zeichnet er meinen Rist nach. Gott, gleich werde ich explodieren. Die Augen fest zugedrückt, versuche ich, all diese Sinneseindrücke zu bewältigen. Er küsst meinen Knöchel und haucht Küsse auf meine Wade bis zum Knie hinauf. Kurz darüber hält er inne. Dann wiederholt er das Ganze am rechten Fuß.

»Bitte«, stöhne ich, als er in meinen kleinen Zeh beißt, denn ich spüre den Nachhall sogar in meinem Unterleib.

»Nur mit der Ruhe, Miss Steele«, flüstert er.

Diesmal stoppt er nicht bei meinem Knie, sondern setzt seine Reise an der Innenseite meiner Oberschenkel fort und drückt meine Beine auseinander. Ich ahne, was er tun wird. Ein Teil von mir würde ihn am liebsten wegschieben, weil es mir peinlich ist. Er wird mich dort küssen! Ein anderer Teil vergeht fast vor Vorfreude. Er wendet sich dem zweiten Knie zu und küsst meinen Oberschenkel, küsst, leckt, saugt, und dann ist er zwischen meinen Beinen und reibt seine Nase an meiner Scham, sehr sanft, sehr vorsichtig. Ich winde mich …

Er hält inne, wartet, bis ich mich beruhigt habe. Ich hebe den Kopf, um ihn anzusehen.

»Ist Ihnen klar, wie betörend Sie riechen, Miss Steele?«, fragt er, drückt seine Nase erneut in mein Schamhaar und atmet tief ein.

Ich werde am ganzen Körper tiefrot und schließe die Augen.

Er bläst sanft auf mein Geschlecht. O Gott …

»Wie schön.« Er zieht zärtlich an meinem Schamhaar. »Vielleicht sollte das doch bleiben.«

»Bitte«, flehe ich.

»Es gefällt mir, wenn du mich anbettelst, Anastasia.«

Ich stöhne auf.

»Wie du mir, so ich dir, ist normalerweise nicht mein Stil, Miss Steele«, flüstert er, während er weiter auf meine Scham bläst. »Aber Sie haben mir gerade großes Vergnügen bereitet, und dafür sollen Sie belohnt werden.« Ich höre sein anzügliches Grinsen in seiner Stimme, und während ich bei seinen Worte erschaudere, umkreist seine Zunge langsam meine Klitoris. Meine Oberschenkel hält er mit den Händen fest.

»Ah!«, seufze ich, als mein Körper sich unter seiner Zunge aufbäumt.

Wieder und wieder bewegt sich seine Zunge um meine Klitoris, süße Folter. Ich verliere jegliches Ich-Gefühl und konzentriere mich mit jeder Faser meines Körpers auf jenen kleinen Punkt zwischen meinen Beinen, während er einen Finger in mich hineingleiten lässt.

»Baby, wie feucht du für mich bist.«

Er beschreibt einen weiten Kreis mit seinem Finger, dehnt mich, zieht an mir, und seine Zunge spiegelt die Bewegungen seines Fingers, ohne Unterlass. Ich stöhne auf. Es ist zu viel … Mein Körper bettelt um Erlösung, und ich lasse los. Alle Gedanken verflüchtigen sich, als der Orgasmus meine Eingeweide durchwühlt. Ich stoße einen Lustschrei aus und höre wie aus der Ferne, dass er die Kondomverpackung aufreißt. Ganz langsam gleitet er in mich hinein und beginnt, sich zu bewegen. Obwohl es sich wund anfühlt, ist es zugleich köstlich.

»Wie ist das?«, haucht er.

»Herrlich«, wispere ich.

Er stößt wieder und wieder zu, schnell, hart und groß, unerbittlich, so dass ich nur noch wimmere.

»Komm für mich, Baby.« Seine Stimme klingt schroff, und ich zerberste in tausend Teile.

»Was für ein Fick«, flüstert er, stößt noch einmal zu und kommt stöhnend zum Höhepunkt. Dann wird er ganz still.

Er sinkt mit seinem vollen Gewicht auf mich. Ich schiebe meine gefesselten Hände über seinen Kopf und halte ihn, so gut ich kann. In dem Moment weiß ich, dass ich alles für diesen Mann tun würde. Ich gehöre ihm. Er hat mir eine Welt voller Wunder eröffnet. Und er will noch weiter gehen, an einen Ort, den ich mir in meiner Naivität nicht einmal vorstellen kann. Was soll ich bloß tun?

Er stützt sich auf die Ellbogen und sieht mich mit seinen grauen Augen eindringlich an.

»Merkst du, wie gut wir harmonieren?«, fragt er. »Und wenn du dich mir ganz hingibst, wird es noch viel besser. Vertraue mir, Anastasia, ich kann dich an Orte führen, von deren Existenz du nichts ahnst.« Seine Worte spiegeln meine Gedanken.

Mir ist ganz schwindelig von meiner außergewöhnlichen körperlichen Reaktion auf ihn. Ich blicke ihn auf der Suche nach einem zusammenhängenden Gedanken an.

Plötzlich erklingen vom Flur Stimmen. Ich brauche einen Moment, um zu verstehen, was ich da höre.

»Wenn er noch im Bett ist, muss er krank sein. Um diese Zeit ist er sonst immer auf. Christian verschläft nie.«

»Mrs. Grey, bitte.«

»Taylor, Sie können mich nicht daran hindern, zu meinem Sohn zu gehen.«

»Mrs. Grey, er ist nicht allein.«

»Was soll das heißen: Er ist nicht allein?«

»Jemand ist bei ihm.«

»Oh …« Ich höre die Ungläubigkeit in der Stimme.

Christian blinzelt hektisch. »Scheiße! Meine Mutter.«

ZEHN

Er zieht sich mit einem Ruck aus mir zurück, so dass ich zusammenzucke, setzt sich auf und streift das gebrauchte Kondom ab.

»Komm, wir müssen uns anziehen – das heißt, falls du meine Mutter kennen lernen willst.« Er springt aus dem Bett und schlüpft in seine Jeans – ohne Unterwäsche! Ich habe wegen meiner gefesselten Hände Mühe, mich aufzurichten.

»Christian, ich kann mich nicht rühren.«

Breit grinsend löst er die Krawatte. Der Stoff hat ein Muster auf der Haut meiner Handgelenke hinterlassen. Das ist irgendwie … sexy. Er drückt mir einen Kuss auf die Stirn.

»Wieder eine Premiere«, gesteht er.

Ich habe keine Ahnung, was er meint.

»Ich habe nichts Sauberes zum Anziehen hier.« Mich überkommt Panik. Seine Mutter! Ach du liebe Güte! »Vielleicht sollte ich im Bad bleiben.«

»O nein, das tust du nicht«, knurrt Christian. »Du kannst was von mir haben.« Er hat ein weißes T-Shirt übergezogen und fährt sich mit der Hand durch die postkoitalen Haare. Seine Schönheit bringt mich noch mehr aus dem Konzept.

»Anastasia, du würdest selbst mit einem Sack über dem Kopf noch hübsch aussehen. Bitte mach dir keine Gedanken. Ich möchte, dass du meine Mutter kennen lernst. Zieh dir was an. Ich gehe inzwischen hinaus und versuche, sie zu beruhigen.« Sein Mund verhärtet sich. »Ich erwarte dich in fünf Minuten drüben, sonst zerre ich dich höchstpersönlich raus, und zwar, egal was du anhast. Meine T-Shirts sind in der Schublade da und meine Hemden im begehbaren Schrank. Nimm dir, was du möchtest.«

Christians Mutter. Damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet. Doch möglicherweise hilft mir die Begegnung mit ihr, wieder ein Teilchen von dem großen Puzzle Christian an die richtige Stelle zu legen … Plötzlich freue ich mich darauf, sie kennen zu lernen. Als ich meine Bluse vom Boden aufhebe, stelle ich erfreut fest, dass sie die Nacht fast knitterfrei überstanden hat. Meinen blauen BH entdecke ich unter dem Bett. Ich ziehe ihn hastig an. Wenn ich eines hasse, dann schmutzige Slips. In Christians Kommode finde ich seine Boxershorts. Nachdem ich in graue von Calvin Klein geschlüpft bin, ziehe ich meine Jeans und meine Converse-Sneakers an.

Dann nehme ich meine Jacke, eile ins Bad und starre in meine leuchtenden Augen und mein gerötetes Gesicht. Mein Gott, meine Haare … postkoitale Zöpfe stehen mir überhaupt nicht. Ich sehe mich im Badschrank nach einer Bürste um und entdecke einen Kamm. Der muss genügen. Ich binde mir die Haare zurück und betrachte verzweifelt mein Outfit. Vielleicht sollte ich Christians Angebot, mir Kleider zu kaufen, doch annehmen. Mein Unterbewusstsein schürzt die Lippen. Ich schenke ihm keine Beachtung. Während ich mich in meine Jacke kämpfe, deren Ärmel über die verräterischen Abdrücke seiner Krawatte reichen, wage ich einen letzten Blick in den Spiegel. Besser geht’s im Moment nicht, also mache ich mich auf den Weg in den Wohnbereich.

»Da ist sie ja.« Christian erhebt sich vom Sofa.

Die Frau mit den sandfarbenen Haaren dreht sich zu mir um, strahlt mich an und steht ebenfalls auf. Sie trägt ein schickes kamelfarbenes Strickkleid und dazu passende Schuhe. Sie wirkt gepflegt, elegant, attraktiv. Ich würde am liebsten im Erdboden versinken, so sehr schäme ich mich für meinen Aufzug.

»Mutter, das ist Anastasia Steele. Anastasia, das ist Dr. Grace Trevelyan-Grey.«

Sie streckt mir die Hand hin. Christian T. Grey … T. für Trevelyan?

»Freut mich, Sie kennen zu lernen«, begrüßt sie mich.

Wenn ich mich nicht täusche, liegen Verwunderung und Erleichterung in ihrer Stimme. Ihre haselnussbraunen Augen schimmern warm. Ich ergreife ihre Hand und erwidere ihr Lächeln.

»Dr. Trevelyan-Grey«, murmle ich.

»Sagen Sie doch Grace zu mir.« Sie schmunzelt. Christian runzelt die Stirn. »Für die meisten bin ich Dr. Trevelyan. Mrs. Grey ist meine Schwiegermutter.« Sie zwinkert mir zu. »Wie habt ihr zwei euch kennen gelernt?« Sie sieht Christian an.

»Anastasia hat mich für die Studentenzeitung der WSU interviewt, weil ich diese Woche die Zeugnisurkunden verteilen werde.«

Mist. Das hatte ich völlig vergessen.

»Bei der Abschlussfeier?«, erkundigt sich Grace.

»Ja.«

Mein Handy klingelt. Bestimmt Kate.

»Bitte entschuldigen Sie mich.« Das Handy liegt in der Küche. Ich gehe hinüber und nehme es von der Frühstückstheke, ohne die Nummer auf dem Display zu überprüfen.

»Kate?«

»Dios mío! Ana!« Scheiße, José. Er klingt verzweifelt. »Wo steckst du? Ich habe schon so oft versucht, dich zu erreichen. Ich muss dich sehen, mich für mein Benehmen am Freitag entschuldigen. Warum hast du nicht auf meine Anrufe reagiert?«

»José, im Moment ist’s gerade sehr schlecht.« Ich blicke besorgt zu Christian hinüber, der mich aufmerksam beobachtet, während er seiner Mutter etwas zuflüstert. Ich wende ihm den Rücken zu.

»Wo bist du? Von Kate kriege ich nur ausweichende Antworten«, jammert José.

»In Seattle.«

»Was machst du denn in Seattle? Bist du bei ihm?«

»José, ich rufe dich später zurück. Im Augenblick kann ich nicht mit dir reden.« Ich drücke auf den roten Knopf.

Ich kehre zu Christian und seiner Mutter zurück.

»… Elliot hat angerufen und mir erzählt, dass du da bist«, sagt Grace gerade. »Ich habe dich zwei Wochen lang nicht gesehen, mein Lieber.«

»Tatsächlich?«, brummt Christian und mustert mich mit unergründlicher Miene.

»Ich dachte, wir könnten zusammen Mittag essen, aber wie ich sehe, hast du andere Pläne, und ich will dich nicht weiter stören.« Sie nimmt ihren langen cremefarbenen Mantel und hält Christian die Wange hin. Er küsst sie kurz und zärtlich. Sie berührt ihn nicht.

»Ich muss Anastasia nach Portland zurückbringen.«

»Natürlich, mein Lieber. Anastasia, es war mir ein Vergnügen. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder.« Sie streckt mir die Hand entgegen.

Da erscheint wie aus dem Nichts Taylor.

»Mrs. Grey?«, fragt er.

»Danke, Taylor.« Er begleitet sie hinaus. Taylor war die ganze Zeit über hier? Wie lange? Und wo?

Christian sieht mich wütend an. »Der Fotograf ?«

Scheiße. »Ja.«

»Was wollte er?«

»Sich entschuldigen, für Freitag.«

Christians Augen verengen sich. »Aha.«

Taylor kommt zurück. »Mr. Grey, es gibt Probleme mit der Lieferung für Darfur.«

»Ist Charlie Tango wieder auf Boeing Field?«

»Ja, Sir.«

Taylor nickt mir zu. »Miss Steele.«

Ich erwidere sein Nicken, und er wendet sich ab und geht.

»Wohnt er hier? Ich meine Taylor.«

»Ja«, knurrt Christian.

Was hat er jetzt wieder für ein Problem?

Christian holt seinen BlackBerry aus dem Küchenbereich, um seine Mails zu überprüfen. Dann wählt er mit zusammengepressten Lippen eine Nummer.

»Ros, was ist los?«, fragt er in den Apparat. Er lauscht, ohne mich aus den Augen zu lassen, während ich mir mal wieder völlig fehl am Platz vorkomme.

»Die Crews dürfen nicht in Gefahr geraten. Nein, blasen Sie die Sache ab … Wir werfen die Lieferung aus der Luft ab … Gut.« Er beendet das Gespräch, geht nach einem kurzen Blick auf mich in seinen Arbeitsbereich und kehrt wenig später zurück.

»Hier ist der Vertrag. Lies ihn durch, damit wir uns nächstes Wochenende darüber unterhalten können. Ich würde dir raten, die Dinge zu recherchieren, damit du weißt, was Sache ist. Ich hoffe, dass du zustimmst«, fügt er in sanfterem, ein wenig besorgtem Tonfall hinzu.

»Recherchieren?«

»Du würdest dich wundern, was sich im Internet alles finden lässt.«

Internet! Ich habe selbst keinen Computer. In unserem Haushalt gibt es nur den Laptop von Kate, und den bei Clayton’s kann ich nicht benutzen, jedenfalls nicht für diese Art von »Recherche«.

»Was ist?«, erkundigt er sich.

»Ich besitze keinen Computer. Ich arbeite normalerweise an einem in der Uni. Aber ich kann Kate fragen, ob ich ihren Laptop benutzen darf.«

Er reicht mir einen braunen Umschlag. »Ich kann dir sicher  … einen leihen. Pack deine Sachen, wir fahren zurück nach Portland. Unterwegs essen wir etwas. Ich muss mich anziehen.«

»Ich möchte kurz anrufen«, sage ich. Ich will Kates Stimme hören.

»Wen, den Fotografen?« Seine Kiefer mahlen, und seine Augen glühen. »Ich teile nicht gern, Miss Steele. Vergessen Sie das nicht«, warnt er mich in eisigem Tonfall, bevor er ins Schlafzimmer verschwindet.

Oje. Ich will doch bloß Kate anrufen, würde ich ihm gern nachrufen, aber seine unvermittelte Unnahbarkeit lähmt mich. Was ist nur aus dem großzügigen, entspannten, lächelnden Mann geworden, der vor kaum einer halben Stunde mit mir geschlafen hat?

»Fertig?«, fragt Christian, als wir uns an der Doppeltür zum Vorraum treffen.

Ich nicke unsicher. Er ist distanziert, höflich und verschlossen wie eh und je, trägt wieder seine Maske. In der Hand hält er eine Kuriertasche aus Leder. Wozu braucht er die? Vielleicht will er in Portland bleiben. Mir fällt die Abschlussfeier ein. Genau, er wird am Donnerstag dort sein. In seiner schwarzen Lederjacke sieht er überhaupt nicht wie ein Multimillionär oder -milliardär aus, sondern wie ein Junge aus den Slums, ein Rocker oder ein Model für ein Männermagazin. Ich würde mir nur ein Zehntel seiner Selbstsicherheit wünschen. Er wirkt so ruhig und beherrscht. Sein Ausbruch wegen José fällt mir ein … Nun ja, zumindest an der Oberfläche.

Taylor wartet im Hintergrund.

»Bis morgen dann«, sagt Christian zu ihm.

»Ja, Sir. Welchen Wagen nehmen Sie, Sir?«

Christian sieht mich an. »Den R8.«

»Gute Fahrt, Mr. Grey. Miss Steele.« Taylor bedenkt mich mit einem freundlichen Blick, in dem möglicherweise Mitleid mitschwingt.

Bestimmt glaubt er, ich wäre Mr. Greys fragwürdigen sexuellen Neigungen erlegen. Noch nicht, hätte ich ihm gern gesagt, lediglich seinen außergewöhnlichen sexuellen Fähigkeiten, aber vielleicht ist Sex ja für jeden etwas Außergewöhnliches. Ich habe keinerlei Vergleichsmöglichkeiten, und Kate kann ich nicht fragen. Das werde ich Christian gegenüber erwähnen müssen. Ich muss mich mit einer neutralen Person beraten – mit ihm ist das wegen seines ständigen Wechsels zwischen Offenheit und Arroganz nicht möglich.

Taylor hält uns die Tür auf. Christian holt den Aufzug.

»Was ist los, Anastasia?«, fragt er.

Woher weiß er, dass mich etwas beschäftigt?

»Nicht auf der Lippe herumkauen, sonst muss ich dich im Lift ficken, und dann ist es mir egal, wer einsteigt.«

Ich werde rot. Die Ahnung eines Lächelns spielt um seine Mundwinkel. Endlich scheint sich seine Laune zu bessern.

»Christian, ich habe ein Problem.«

»Ja?« Er ist ganz Ohr.

Der Aufzug kommt. Wir gehen hinein, und Christian drückt auf den Knopf fürs Erdgeschoss.

Wo soll ich anfangen? »Ich muss mit Kate reden. Ich habe so viele Fragen über Sex, und du stehst mir in dieser Hinsicht zu nahe. Woher soll ich wissen …?« Ich versuche, die richtigen Worte zu finden. »Ich habe keine Vergleichsmöglichkeiten.«

Er verdreht die Augen. »Dann sprich mit ihr. Aber sorg dafür, dass sie Elliot gegenüber nichts erwähnt.«

So ist Kate nicht, denke ich wütend.

»Das würde sie nie tun, und ich würde dir auch nichts von dem erzählen, was sie mir über Elliot anvertraut – falls sie das überhaupt tut«, füge ich hastig hinzu.

»Sein Sexleben interessiert mich nicht. Aber Elliot ist schrecklich neugierig. Erzähl ihr nur von dem, was wir bis jetzt gemacht haben«, ermahnt er mich. »Wenn sie wüsste, was ich mit dir vorhabe, würde sie mir wahrscheinlich die Eier abschneiden.«

»Okay.« Ich lächle erleichtert. Der Gedanke an Kate mit Christians Eiern gefällt mir nicht.

Er schüttelt den Kopf. »Je eher du dich mir unterwirfst, desto besser. Dann hat das ein Ende.«

»Was hat dann ein Ende?«

»Dass du dich mir ständig widersetzt.« Er küsst mich kurz auf die Lippen, als die Aufzugtüren sich öffnen. Dann ergreift er meine Hand und führt mich in die Tiefgarage.

Ich, mich ihm widersetzen … wie?

Neben dem Lift steht ein schwarzer Sportwagen, dessen Lichter kurz aufleuchten, als Christian die Türen mit der Fernbedienung entriegelt. Es handelt sich um eines jener Autos, auf deren Kühlerhaube man sich unwillkürlich eine langbeinige, halb nackte Blondine vorstellt.

»Hübscher Wagen«, sage ich trocken.

Er grinst. »Ja«, pflichtet er mir bei, und kurz ist er wieder der junge, unbekümmerte Christian. Er ist ganz aufgeregt. Jungs und ihre Spielsachen. Ich verdrehe schmunzelnd die Augen. Er öffnet die Tür für mich, und ich steige ein. Wow, ganz schön tief. Er geht eleganten Schrittes um den Wagen herum und setzt sich hinters Steuer. Woher kommt nur diese Anmut seiner Bewegungen?

»Was für ein Auto ist das?«

»Ein Audi R8 Spider. Es ist schönes Wetter, also fahren wir mit offenem Verdeck. Im Handschuhfach liegt eine Baseballkappe, nein zwei. Und eine Sonnenbrille, falls du eine brauchst.«

Er lässt den Motor an, schiebt seine Tasche zwischen die Sitze, betätigt einen Knopf, und das Dach öffnet sich. Ein weiterer Knopfdruck, und die Stimme von Bruce Springsteen ertönt.

»Bruce muss man einfach mögen.« Grinsend lenkt er den Wagen aus dem Parkplatz und die steile Rampe hinauf.

Kurz darauf sind wir oben im hellen Licht des strahlenden Seattler Maimorgens. Ich nehme die Baseballkappen aus dem Handschuhfach. Die Mariners. Er mag Baseball? Ich reiche ihm eine, und er setzt sie auf. Ich ziehe meine Haare durch die Öffnung an der hinteren Seite und schiebe den Schirm tief ins Gesicht.

Menschen sehen uns nach, während wir durch die Straßen fahren. Zuerst glaube ich, die Blicke gelten ihm, doch dann kommt ein ziemlich paranoider Teil von mir auf die Idee, dass sie mich anstarren, weil sie wissen, was ich in den letzten zwölf Stunden getrieben habe. Am Ende wird mir klar, dass sich die Leute für den Wagen interessieren. Christian wirkt nachdenklich.

Es ist nicht viel Verkehr, und schon bald befinden wir uns auf der Interstate 5 in südlicher Richtung. Der Wind streicht über unsere Köpfe. Bruce singt über seine flammende Begierde. Wie passend! Christian schaut kurz zu mir herüber. Da er seine Ray-Ban trägt, sehe ich seine Augen nicht. Sein Mund zuckt. Er legt seine Hand auf mein Knie und drückt es sanft. Mir stockt der Atem.

»Hunger?«, fragt er.

Nicht nach Essbarem.

»Keinen großen.«

»Du musst essen, Anastasia. Ich kenne ein tolles Lokal in der Nähe von Olympia. Da halten wir.« Abermals drückt er mein Knie, bevor seine Hand zum Lenkrad zurückkehrt und er das Gaspedal durchtritt. Ich werde in meinen Sitz gedrückt. Wow, dieser Wagen hat Power.

Es handelt sich um ein kleines, familiäres Holzchalet mitten im Wald mit rustikaler Inneneinrichtung: willkürlich angeordnete Stühle und Tische mit karierten Tischdecken, dazu Wildblumen in kleinen Vasen. CUISINE SAUVAGE steht über der Tür.

»Ich bin länger nicht hier gewesen. Man kann sich nichts aussuchen. Es gibt nur das, was sie gerade im Wald gefangen oder auf den Wiesen gesammelt haben.« Er hebt die Augenbrauen in gespieltem Entsetzen, und ich muss lachen. Die blonde Kellnerin nimmt unsere Getränkebestellung auf.

In Gegenwart von Christian wird sie rot. Sie meidet den Blickkontakt mit ihm. Er gefällt ihr! Es geht also nicht nur mir so!

»Zwei Gläser Pinot Grigio«, ordert Christian souverän.

Ich verziehe den Mund.

»Was?«

»Mir wäre eine Cola light lieber.«

Er schüttelt den Kopf. »Der Pinot Grigio hier ist anständig, und er wird gut zum Essen passen, egal was es gibt«, erklärt er geduldig.

»Egal, was es gibt?«

»Ja. Übrigens, du gefällst meiner Mutter«, bemerkt er.

»Tatsächlich?«

»Ja. Sie hält mich nämlich für schwul.«

Ich bekomme große Augen. Die Interviewfrage fällt mir ein. Oje.

»Warum?«

»Weil sie mich noch nie mit einer Frau zusammen gesehen hat.«

»Mit keiner der fünfzehn?«

Er lächelt. »Das hast du dir gemerkt. Nein, mit keiner der fünfzehn.«

»Ach.«

»Anastasia, für mich war das auch ein Wochenende voller Premieren«, stellt er mit leiser Stimme fest.

»Ja?«

»Ich habe noch nie zuvor mit jemandem die Nacht verbracht, noch nie mit jemandem in meinem Bett Sex gehabt, geschweige denn Blümchensex, meiner Mutter noch nie eine Frau vorgestellt und bin noch nie mit einer Frau in Charlie Tango geflogen. Was stellst du bloß mit mir an?«

Die Kellnerin bringt unseren Wein, und ich trinke sofort einen Schluck.

»Mir hat dieses Wochenende sehr gefallen«, gestehe ich.

»Nicht auf der Lippe kauen«, ermahnt er mich. »Mir auch.«

»Was ist Blümchensex?«, frage ich, um mich von seinem intensiven sexy Blick abzulenken.

Er muss lachen. »Schlichter, einfacher Sex, Anastasia. Ohne Toys und Brimborium. Wie schlichte Wald- und Wiesenpflanzen, wenn du so willst, da wir schon ausgerechnet hier essen.«

»Ach.« Ich hätte unseren Sex zwar nicht gerade mit einem Strauß Gänseblümchen, sondern eher mit einem extravaganten Bukett aus sauteuren Rosen verglichen, aber was verstehe ich schon davon?

Die Kellnerin serviert Suppe, die wir skeptisch betrachten.

»Brennnesselsuppe«, klärt sie uns auf, bevor sie wieder in die Küche verschwindet.

Ich glaube, es gefällt ihr nicht, von Christian ignoriert zu werden. Ich probiere einen Löffel von der Suppe, die köstlich schmeckt. Christian und ich sehen einander an. Ich kichere, und er neigt den Kopf ein wenig.

»Dein Kichern klingt hübsch.«

»Warum hast du nie zuvor Blümchensex gehabt? Machst du immer schon, was du … machst?«, frage ich.

Er nickt. »Schon irgendwie.« Er scheint mit sich zu ringen. »Eine Freundin meiner Mutter hat mich verführt, als ich fünfzehn war.«

»Oh.« So jung!

»Sie hatte einen sehr eigenwilligen Geschmack. Ich war sechs Jahre lang ihr Sklave.«

»Oh.« Abermals fällt mir nicht mehr als Antwort ein.

»Also weiß ich, wie sich das anfühlt, Anastasia.«

Ich sehe ihn stumm an – sogar meinem Unterbewusstsein hat es die Sprache verschlagen.

»In puncto Sex bin ich also nicht gerade auf die übliche Weise sozialisiert worden.«

»Du bist am College nie mit einem Mädchen gegangen?«

»Nein.«

Die Kellnerin räumt unsere Teller ab.

»Warum?«, frage ich, als sie weg ist.

Er lächelt süffisant. »Möchtest du das wirklich wissen?«

»Ja.«

»Weil ich es nicht wollte. Sie war alles, was ich wollte und brauchte. Außerdem hätte sie mich windelweich geschlagen.« Bei der Erinnerung spielt ein Lächeln um seine Mundwinkel.

Wow, so viel Information auf einmal – aber ich möchte noch mehr.

»Wie alt war die Freundin deiner Mutter?«

»Alt genug, um es besser zu wissen.«

»Triffst du dich noch mit ihr?«

»Ja.«

»Und seid ihr nach wie vor …?« Ich werde rot.

»Nein.« Er schüttelt nachsichtig den Kopf. »Sie ist eine sehr gute Freundin.«

»Aha. Weiß deine Mutter Bescheid?«

Er sieht mich an, als wollte er sagen: Für wie dumm hältst du mich? »Natürlich nicht.«

Die Kellnerin serviert Wild, aber mir ist der Appetit vergangen. Was für eine Neuigkeit. Christian als Sklave … Ich trinke einen großen Schluck Pinot Grigio – natürlich hat er wie üblich Recht: Der Wein ist köstlich. So viel Stoff zum Nachdenken. Ich brauche Zeit, das alles zu verdauen, allein, ohne ihn. Er weiß, wie das Sklavendasein ist.

»Du warst doch nicht die ganze Zeit ihr Sklave, oder?«, frage ich verwirrt.

»Doch, obwohl ich nicht ständig mit ihr zusammen war. Es hat sich … schwierig … gestaltet. Immerhin war ich zuerst in der Schule und dann am College. Iss, Anastasia.«

»Ich habe wirklich keinen Hunger, Christian.« Mir schwirrt der Kopf.

»Iss«, wiederholt er mit mörderisch leiser Stimme.

Ich sehe ihn an. Dieser Mann, der als Heranwachsender sexuell missbraucht wurde … er klingt so bedrohlich.

»Gib mir noch ein bisschen Zeit«, bitte ich ihn.

»Okay«, murmelt er und isst weiter.

So wird es sein, wenn ich die Vereinbarung unterschreibe: Er wird mich herumkommandieren. Will ich das? Ich schneide ein Stück von dem Wild ab und stecke es in den Mund. Es schmeckt mir.

»Wird unsere … äh … Beziehung so laufen?«, flüstere ich. »Dass du mich herumkommandierst?« Ich schaffe es nicht, ihm in die Augen zu sehen.

»Ja.«

»Verstehe.«

»Und du wirst es wollen«, teilt er mir mit.

Das wage ich zu bezweifeln. Ich schneide einen weiteren Bissen Fleisch ab. »Es ist ein großer Schritt«, gebe ich zu bedenken, bevor ich kaue.

»Ja.« Er schließt kurz die Augen. »Anastasia, hör auf deinen Bauch. Lies den Vertrag durch, mach deine Recherche – ich bespreche gern alle Einzelheiten mit dir. Ich bin bis Freitag in Portland, wenn du bis dahin mit mir darüber reden möchtest. Ruf mich an. Vielleicht können wir miteinander zu Abend essen, sagen wir, am Mittwoch? Ich möchte wirklich, dass es klappt. Ich habe mir noch nie etwas sehnlicher gewünscht.«

Ich begreife es immer noch nicht: Warum ich? Warum keine der fünfzehn? O nein … werde ich auch eine Nummer bekommen? Sechzehn von vielen?

»Was ist mit den fünfzehn passiert?«, platze ich heraus.

Er hebt erstaunt die Augenbrauen. »Unterschiedliche Dinge, aber im Wesentlichen …« Er scheint nach den richtigen Worten zu suchen. »… läuft es wohl darauf hinaus, dass wir nicht zusammengepasst haben.«

»Und du glaubst, dass ich zu dir passen könnte?«

»Ja.«

»Dann triffst du dich mit keiner der anderen mehr?«

»Nein. Innerhalb meiner Beziehungen lebe ich monogam.«

Ach … Das ist ja mal was Neues. »Verstehe.«

»Widme dich der Recherche, Anastasia.«

Ich lege Messer und Gabel weg, weil ich keinen weiteren Bissen hinunterbringe.

»Das war’s schon? Mehr willst du nicht essen?«

Ich schüttle den Kopf. Er sieht mich finster an, sagt jedoch nichts. Ich stoße einen kleinen Seufzer der Erleichterung aus. Von all den neuen Informationen habe ich ein flaues Gefühl im Magen, und der Wein hat mich beschwipst gemacht. Ich beobachte, wie er seinen Teller leer isst. Er hat einen gesunden Appetit. Um trotzdem einen solchen Körper zu haben, muss er Sport treiben. Die Erinnerung an seinen nackten Körper lässt mich unruhig auf meinem Stuhl hin und her rutschen. Als er mich ansieht, werde ich rot.

»Ich würde viel darum geben zu wissen, was du gerade denkst«, bemerkt er mit einem anzüglichen Grinsen und fügt hinzu: »Obwohl ich es mir vorstellen kann.«

»Gott sei Dank kannst du meine Gedanken nicht lesen.«

»Deine Gedanken nicht, Anastasia, aber deine Körpersprache – die kenne ich seit gestern ziemlich gut.« Seine Stimme klingt beinahe drohend.

Wie kann seine Stimmung nur so schnell umschlagen? Er ist schrecklich sprunghaft … Ich schaffe es kaum, seine Schwankungen nachzuvollziehen.

Er winkt die Kellnerin heran und bittet sie um die Rechnung. Sobald er bezahlt hat, steht er auf und streckt mir die Hand hin.

»Komm.« Er ergreift sie und führt mich zurück zum Wagen. Diese vertraute Berührung überrascht mich immer wieder aufs Neue. Es fällt mir schwer, eine solche normale, zärtliche Geste mit dem in Einklang zu bringen, was er in der Kammer der Qualen mit mir vorhat.

Während der Fahrt von Olympia nach Vancouver schweigen wir, beide vertieft in unsere eigenen Gedanken. Als er den Wagen vor meinem Haus anhält, ist es fünf Uhr nachmittags. Drinnen brennt Licht – Kate ist daheim. Bestimmt packt sie. Es sei denn, Elliot ist noch da. Als Christian den Motor ausschaltet, wird mir bewusst, dass ich mich gleich von ihm verabschieden muss.

»Willst du mit reinkommen?«, frage ich, um unsere gemeinsame Zeit zu verlängern.

»Nein, ich muss arbeiten.«

Plötzlich bin ich den Tränen nahe. Christian nimmt meine Hand, hält sie an seinen Mund und küsst sanft ihren Rücken. Was für eine altmodische, aber liebevolle Geste. Mein Herz macht einen Sprung.

»Danke für dieses Wochenende, Anastasia. Das war das schönste seit Langem. Bis Mittwoch? Ich hole dich von der Arbeit ab«, verspricht er.

»Mittwoch«, flüstere ich.

Er küsst meine Hand noch einmal und legt sie zurück in meinen Schoß. Dann steigt er aus, geht um den Wagen herum und öffnet mir die Tür. Warum fühle ich mich plötzlich einsam? Ein Kloß bildet sich in meinem Hals. Er darf mich nicht so sehen. Lächelnd klettere ich aus dem Auto und gehe zum Haus. Auf halbem Weg drehe ich mich zu ihm um. Kinn hoch, Steele, ermahne ich mich.

»Übrigens trage ich deine Unterwäsche«, teile ich ihm mit einem kleinen Lächeln mit und ziehe den Bund der Boxershorts ein wenig hoch, so dass er ihn sehen kann. Christian fällt die Kinnlade herunter. Was für eine Reaktion! Sofort bessert sich meine Laune. Ich stolziere ins Haus. Am liebsten würde ich vor Freude einen Luftsprung machen. Meine winzig kleine innere Göttin ist begeistert.

Kate packt im Wohnzimmer ihre Bücher in Kisten.

»Du bist wieder da. Wo ist Christian? Wie geht’s dir?«, fragt sie besorgt, kommt auf mich zu und betrachtet mich eingehend, bevor ich sie überhaupt begrüßt habe.

Scheiße … Jetzt muss ich mich mit Kates Inquisition auseinandersetzen, obwohl ich eine juristische Vereinbarung unterzeichnet habe, die mich zum Schweigen verpflichtet. Keine gute Mischung.

»Und, wie war’s? Sobald Elliot weg war, hab ich die ganze Zeit an dich gedacht.« Sie grinst spitzbübisch.

Ich schmunzle angesichts ihrer Sorge und ihrer brennenden Neugierde, werde aber verlegen. Die Sache mit Christian war sehr intim. Ich muss sie mit Informationen füttern, weil sie mir sonst keine Ruhe lässt.

»Es war gut, Kate, sogar sehr gut, glaube ich«, antworte ich mit leiser Stimme.

»Du glaubst?«

»Ich habe schließlich keine Vergleichsmöglichkeiten, oder?« Ich zucke entschuldigend mit den Achseln.

»Hat er dich zum Orgasmus gebracht?«

Gott, sie nimmt wirklich kein Blatt vor den Mund.

Ich werde tiefrot. »Ja«, murmle ich.

Kate zieht mich auf die Couch und nimmt meine Hände. »Das ist doch super, immerhin war es das erste Mal für dich. Christian scheint echt sein Handwerk zu verstehen.«

Kate, wenn du wüsstest …

»Für mich war das erste Mal schrecklich«, gesteht sie mir mit traurigem Gesicht.

»Ach.« Das hat sie mir noch nie erzählt.

»Ja, mit Steve Patrone, an der Highschool. Sportskanone, aber keine Eier. Er war grob und ich nicht bereit. Wir waren beide betrunken. Typisches Desaster nach dem Schülerball. Hab Monate gebraucht, bis ich wieder einen Versuch gewagt habe. Natürlich nicht mit ihm. Ich war einfach zu jung. Du hast schon Recht gehabt, so lange zu warten.«

»Kate, das klingt furchtbar.«

»Ja, es hat fast ein Jahr gedauert, bis ich durch Penetration zum ersten Mal einen Orgasmus hatte, und du kriegst schon beim ersten Mal einen.«

Ich nicke verlegen. Meine innere Göttin sitzt mit einem verschmitzten, selbstgefälligen Lächeln im Lotossitz da und scheint mit einem Mal gewachsen zu sein.

»Gott sei Dank hast du deine Unschuld an jemanden verloren, der wusste, was er tut.« Sie zwinkert mir zu. »Wann siehst du ihn wieder?«

»Am Mittwoch. Zum Abendessen.«

»Dann liegt dir was an ihm?«

»Ja. Aber ich weiß nicht … wie sich die Zukunft gestalten wird.«

»Warum?«

»Er ist kompliziert und lebt in einer vollkommen anderen Welt als ich.« Prima Erklärung. Und plausibel. Viel besser als: Er hat eine Kammer der Qualen und möchte mich zu seiner Sexsklavin machen.

»Bitte sag jetzt nicht, dass es am Geld scheitert, Ana. Elliot behauptet, es ist ausgesprochen ungewöhnlich, dass Christian mit jemandem ausgeht.«

»Tatsächlich?«, frage ich mit viel zu hoher Stimme.

Reiß dich zusammen, Steele! Mein Unterbewusstsein bedenkt mich mit einem wütenden Blick, droht mir mit einem dürren Finger und verwandelt sich unvermittelt in Justitia, um mich daran zu erinnern, dass er mich verklagen kann, wenn ich zu viel verrate. Ha … was will er denn machen? Mir mein ganzes Geld wegnehmen? Ich darf nicht vergessen zu googeln, welche Strafen zu erwarten sind, wenn man sich nicht an eine Verschwiegenheitsvereinbarung hält. Klingt ein bisschen wie Hausaufgaben für die Schule. Vielleicht bekomme ich sogar eine Note. Ich werde rot, als mir meine Eins in der mündlichen Prüfung heute Morgen im Bad einfällt.

»Ana, was ist los?«

»Mir ist gerade was eingefallen, das Christian gesagt hat.«

»Du siehst verändert aus«, erklärt Kate.

»Ich fühle mich auch anders. Wund«, gestehe ich.

»Wund?«

»Ja, ein bisschen.« Wieder werde ich rot.

»Ich auch. Männer«, meint sie mit gespieltem Ekel. »Tiere.«

Wir müssen beide lachen.

»Du bist wund?«, wiederhole ich erstaunt.

»Ja, vom vielen Vögeln.«

Ich pruste los. »Erzähl mir von Elliot, dem wilden Vögler«, bitte ich sie, nachdem ich mich halbwegs gefangen habe. Zum ersten Mal seit Tagen entspanne ich mich. Was für glückliche, unkomplizierte Zeiten waren das noch vor ein paar Tagen!

Kate wird rot. Na so was … Katherine Agnes Kavanagh macht einen auf Anastasia Rose Steele. So habe ich sie noch nie auf einen Mann reagieren sehen. Ich bin verblüfft. Wo ist Kate? Elliot, was hast du mit ihr angestellt?

»Ach, Ana. Er ist einfach … unglaublich. Und wenn wir … Mann, er ist echt gut.« Sie bringt kaum einen zusammenhängenden Satz heraus, so hin und weg ist sie von Elliot.

»Soll das heißen, dass du ihn magst?«

Sie nickt dümmlich grinsend. »Ich sehe ihn am Samstag wieder. Er hilft uns beim Umzug.« Sie klatscht in die Hände, springt vom Sofa auf und dreht Pirouetten zum Fenster.

Der Umzug. Den hatte ich glatt vergessen, trotz der Kisten überall.

»Das ist aber nett von ihm«, bemerke ich. Bei der Gelegenheit werde ich ihn besser kennen lernen. Vielleicht erhalte ich durch ihn neue Einblicke in das Wesen seines merkwürdigen Bruders.

»Was habt ihr gestern Abend gemacht?«, erkundige ich mich.

»So ziemlich das Gleiche wie ihr. Allerdings haben wir uns zuvor ein Abendessen gegönnt.« Sie grinst mich an. »Ist wirklich alles in Ordnung? Du wirkst irgendwie überfordert.«

»So fühle ich mich auch. Christian ist ziemlich anstrengend.«

»Das habe ich gemerkt. Aber er hat dich anständig behandelt?«

»Ja«, versichere ich ihr. »Ich habe einen Mordshunger. Soll ich uns was kochen?«

Sie nickt und wendet sich wieder den Büchern und Kisten zu.

»Was willst du mit den Erstausgaben machen?«, fragt sie.

»Die gebe ich ihm zurück.«

»Echt?«

»Ein viel zu teures Geschenk. Ich kann es nicht annehmen.«

»Verstehe. Es sind ein paar Briefe für dich gekommen, und José ruft stündlich an. Er klingt verzweifelt.«

»Ich rufe ihn zurück«, verspreche ich. Wenn ich Kate die Sache mit José erzähle, reißt sie ihm den Kopf ab. Ich nehme die Briefe vom Esstisch und öffne sie.

»Hey, ich bin zu Vorstellungsgesprächen eingeladen! Übernächste Woche, in Seattle.«

»Bei welchem Verlag?«

»Bei beiden.«

»Ich hab dir doch gesagt, dass dein Abschluss dir Tür und Tor öffnet, Ana.«

Kate hat natürlich bereits eine Praktikantenstelle bei der Seattle Times. Ihr Vater kennt jemanden, der wiederum jemanden kennt …

»Wie findet Elliot es, dass du wegfährst?«, frage ich.

Kate kommt in die Küche. Zum ersten Mal an diesem Abend wirkt sie niedergeschlagen.

»Er hat Verständnis. Ein Teil von mir würde am liebsten nicht verreisen, aber die Aussicht, ein paar Wochen lang in der Sonne zu liegen, ist verlockend. Außerdem meint Mom, dass das unser letzter richtiger Familienurlaub wird, bevor Ethan und ich uns in die Arbeitswelt verabschieden.«

Ich habe das amerikanische Festland noch nie verlassen. Kate wird mit ihren Eltern und ihrem Bruder Ethan zwei Wochen auf Barbados verbringen. Was heißt, dass ich in unserem neuen Apartment erst einmal ohne sie zurechtkommen muss. Das wird sicher seltsam. Ethan reist seit seinem Abschluss vergangenes Jahr in der Welt herum. Ob ich ihn vor ihrem Urlaub noch sehen werde? Ich kann ihn gut leiden. Das Klingeln des Telefons reißt mich aus meinen Überlegungen.

»Das ist bestimmt José.«

Seufzend nehme ich den Apparat in die Hand. »Hi.«

»Ana, du bist wieder da!«, ruft José erleichtert aus.

»Ganz offensichtlich«, antworte ich sarkastisch und verdrehe die Augen.

»Kann ich dich sehen? Tut mir leid wegen Freitagabend. Ich hatte zu viel getrunken … und du … na ja. Ana, bitte verzeih mir.«

»Natürlich verzeihe ich dir, José. Aber bitte mach das nicht wieder. Du weißt, dass ich nicht so für dich empfinde.«

Er stößt einen tiefen Seufzer aus. »Ja, Ana. Ich dachte nur, wenn ich dich küsse, ändert das vielleicht was an deinen Gefühlen.«

»José, ich mag dich wirklich sehr, und du bedeutest mir viel. Du bist wie der Bruder, den ich nie hatte. Daran wird sich nichts ändern. Das dürfte dir klar sein.«

»Dann bist du jetzt mit ihm zusammen?«, fragt er voller Verachtung.

»José, ich bin mit niemandem zusammen.«

»Aber du hast die Nacht mit ihm verbracht.«

»Das geht dich nichts an!«

»Liegt’s am Geld?«

»José! Wie kannst du es wagen!«, brülle ich ihn an, verärgert über seine Dreistigkeit.

»Ana«, jammert er und entschuldigt sich.

Im Moment kann ich mich wirklich nicht mit seiner kleinlichen Eifersucht beschäftigen, auch wenn er verletzt ist. Ich habe alle Hände voll mit Christian Grey zu tun.

»Vielleicht trinken wir morgen einen Kaffee zusammen. Ich ruf dich an«, versuche ich einzulenken. Schließlich ist er mein Freund, und ich mag ihn.

»Gut, dann also morgen. Du rufst an?«

Sein hoffnungsvoller Tonfall versetzt mir einen Stich.

»Ja. Gute Nacht, José.« Ich lege auf, ohne auf seine Antwort zu warten.

»Was war denn das?«, fragt Katherine, die Hände in die Hüften gestemmt.

»Er hat mich am Freitag angemacht.«

»José? Und Christian Grey? Ana, deine Pheromone scheinen Überstunden zu machen. Was hat der Idiot sich dabei gedacht?« Sie wendet sich kopfschüttelnd wieder den Büchern und Kisten zu.

Fünfundvierzig Minuten später machen wir eine Pause, um uns über die Spezialität des Hauses, meine Lasagne, herzumachen. Kate öffnet eine Flasche billigen Rotwein, und wir setzen uns zum Essen zwischen die Kisten und schauen uns ein paar echt schlechte Fernsehsendungen an. Das ist die Normalität. Wie schön nach den vergangenen achtundvierzig Stunden des … Wahnsinns. Meine erste friedliche Mahlzeit ohne Eile und Genörgel seit einigen Tagen. Was hat er nur für ein Problem mit dem Essen? Kate räumt das Geschirr ab, und ich packe die letzten Sachen aus dem Wohnzimmer ein. Am Ende sind nur noch das Sofa, der Fernseher und der Esstisch übrig. Bleiben die Küche und unsere Zimmer, doch dazu haben wir den Rest der Woche Zeit.

Wieder klingelt das Telefon. Es ist Elliot. Kate zwinkert mir zu und hüpft in ihr Zimmer wie eine Vierzehnjährige. Eigentlich sollte sie ihre Abschiedsrede schreiben, aber Elliot scheint ihr wichtiger zu sein. Was haben diese Grey-Männer nur an sich? Was macht sie so unwiderstehlich? Ich trinke noch einen Schluck Wein.

Beim Zappen durch die Fernsehprogramme wird mir klar, dass ich das Unangenehme nur hinauszögere. Der Vertrag brennt ein leuchtend rotes Loch in meine Handtasche. Werde ich die Kraft besitzen, ihn heute Abend zu lesen?

Ich lege den Kopf in die Hände. José und Christian, sie wollen beide etwas von mir. José ist kein Problem. Aber Christian … Mit ihm muss ich völlig anders umgehen. Ein Teil von mir würde am liebsten weglaufen oder sich verstecken. Was soll ich nur tun? Seine grauen Augen kommen mir in den Sinn, und unwillkürlich ziehen sich die Muskeln in meinem Unterleib zusammen. Ich schnappe nach Luft. Er törnt mich sogar an, wenn er nicht da ist. Nur um den Sex kann es doch nicht gehen, oder? Ich erinnere mich an sein sanftes Necken heute Morgen beim Frühstück, an seine Begeisterung über meine Freude an dem Helikopterflug und an sein melancholisches Klavierspiel.

Er ist so schrecklich kompliziert. Allmählich beginne ich zu ahnen, warum. Ein junger Mann, um die Jugend gebracht, missbraucht von der Hexe Mrs. Robinson … Kein Wunder, dass er älter wirkt, als er ist. Bei der Vorstellung, was er durchgemacht haben muss, werde ich traurig. Noch weiß ich zu wenig, doch meine Recherchen werden Licht in die Sache bringen. Will ich es wirklich erfahren? Möchte ich seine Welt kennen lernen? Es ist ein großer Schritt.

Wäre ich ihm nicht begegnet, würde ich immer noch in seliger Ahnungslosigkeit leben. Meine Gedanken wandern zur letzten Nacht und zu diesem Morgen … und zu dem unglaublich sinnlichen Sex, den ich erlebt habe. Will ich auf den verzichten? Nein!, kreischt mein Unterbewusstsein … und meine innere Göttin stimmt ihm mit einem stummen Zen-Nicken zu.

Kate kehrt, von Ohr zu Ohr grinsend, ins Wohnzimmer zurück. Vielleicht ist sie verliebt. So war sie noch nie.

»Ana, ich gehe ins Bett. Ich bin hundemüde.«

»Ich auch, Kate.«

Sie drückt mich. »Ich bin froh, dass du heil wieder da bist. Christian hat so etwas …«

Ich versuche, sie mit einem Lächeln zu beruhigen, und denke dabei: Woher zum Teufel weiß sie das? Ihr untrüglicher Instinkt wird sie eines Tages zu einer großartigen Journalistin machen.

Ich schnappe mir meine Handtasche und gehe in mein Zimmer. Ich bin ausgelaugt von den körperlichen Anstrengungen des vergangenen Tages und von dem schrecklichen Dilemma, in dem ich stecke. Ich setze mich aufs Bett, nehme vorsichtig den braunen Umschlag aus der Tasche und drehe ihn in den Händen hin und her. Will ich das Ausmaß von Christians Verderbtheit tatsächlich kennen lernen? Es ist so beängstigend. Ich hole tief Luft und reiße den Umschlag auf.

ELF

In dem Umschlag befinden sich mehrere Blatt Papier. Ich nehme sie mit klopfendem Herzen heraus, lehne mich in die Kissen zurück und beginne zu lesen.

VERTRAG

Geschlossen am 2011 (»Beginn«)

zwischen

MR. CHRISTIAN GREY,

301 Escala, Seattle, WA 98889

(»Dom«)

und

MISS ANASTASIA STEELE,

1114 SW Green Street, Apartment 7,

Haven Heights, Vancouver, WA 98888

(»Sub«)

DIE PARTEIEN EINIGEN SICH AUF FOLGENDE

VEREINBARUNGEN:

1. Die folgenden Ausführungen stellen eine bindende Vereinbarung zwischen dem dominanten Partner (im Folgenden Dom genannt) und dem devoten (im Folgenden Sub genannt) dar. GRUNDVEREINBARUNGEN

2. Ziel dieses Vertrags ist es, der Sub ein Ausloten ihrer Sinnlichkeit und ihrer Grenzen unter angemessener Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse und Grenzen sowie ihres Wohlergehens zu ermöglichen.

3. Dom und Sub einigen sich darauf und bestätigen, dass alles, was im Rahmen dieses Vertrags stattfindet, in beiderseitigem Einvernehmen, vertraulich und unter Berücksichtigung der in diesem Vertrag vereinbarten Grenzen und Sicherheitsbestimmungen geschieht. Zusätzliche Grenzen und Sicherheitsbestimmungen können schriftlich vereinbart werden.

4. Dom und Sub versichern, dass sie unter keinen schweren, ansteckenden oder lebensbedrohlichen Krankheiten wie HIV, Herpes, Hepatitis oder anderen leiden. Falls bei einer der Parteien während der (unten festgelegten) Dauer oder einer Verlängerung des vorliegenden Vertrags eine solche Krankheit diagnostiziert oder von einer der Parteien bemerkt werden sollte, muss der Betreffende die andere Partei unverzüglich und auf jeden Fall vor jeglichem körperlichem Kontakt zwischen den beteiligten Parteien in Kenntnis setzen.

5. Die Befolgung der oben beschriebenen Garantien, Vereinbarungen und Zusicherungen (sowie aller zusätzlichen unter Punkt 3 vereinbarten Grenzen und Sicherheitsbestimmungen) sind Grundbestandteil dieses Vertrags. Jeglicher Verstoß dagegen führt zur sofortigen Auflösung. Beide Parteien erklären sich als der anderen gegenüber voll verantwortlich für die Konsequenzen eines solchen Vertragsbruchs.

6. Alle Punkte dieses Vertrags sind im Rahmen des Grundzwecks und der Grundbedingungen, wie in den Punkten 2–5 oben beschrieben, zu lesen und zu deuten. ROLLEN

7. Der Dom übernimmt die Verantwortung für das Wohlergehen und die angemessene Erziehung, Leitung und Disziplinierung der Sub. Er entscheidet über die Art dieser Erziehung, Leitung und Disziplinierung sowie über den Zeitpunkt und den Ort ihrer Anwendung unter Berücksichtigung der in diesem Vertrag oder zusätzlich unter Punkt 3 vereinbarten Bedingungen, Beschränkungen und Sicherheitsbestimmungen.

8. Falls der Dom sich zu irgendeinem Zeitpunkt nicht an die in diesem Vertrag oder zusätzlich unter Punkt 3 vereinbarten Bedingungen, Beschränkungen oder Sicherheitsbestimmungen hält, hat die Sub das Recht, diesen Vertrag sofort aufzulösen und ohne Vorankündigung aus den Diensten des Dom auszuscheiden.

9. Vorbehaltlich dieser Bedingung und der Punkte 2–5 muss die Sub dem Dom in allen Dingen zu Willen sein und gehorchen. Vorbehaltlich der in diesem Vertrag oder zusätzlich unter Punkt 3 vereinbarten Bedingungen, Beschränkungen und Sicherheitsbestimmungen erfüllt sie alle Wünsche des Dom und akzeptiert ohne Nachfrage oder Zögern ihre Erziehung, Leitung und Disziplinierung in jeglicher Form. BEGINN UND DAUER

10. Dom und Sub treten in diesen Vertrag am Tag des Beginns im vollen Bewusstsein seiner Beschaffenheit ein und verpflichten sich, sich ausnahmslos an seine Bedingungen zu halten.

11. Dieser Vertrag gilt vom Tag des Beginns an drei Kalendermonate lang (»Dauer«). Nach Ablauf der Dauer besprechen die Parteien, ob dieser Vertrag und seine Vereinbarungen befriedigend sind und den Bedürfnissen beider Parteien Rechnung getragen wurden. Jede der Parteien kann die Verlängerung dieses Vertrags abhängig von Veränderungen der getroffenen Vereinbarungen oder Bedingungen vorschlagen. Kommt es zu keiner Einigung über eine Verlängerung, endet dieser Vertrag, und beiden Parteien steht es frei, wieder getrennte Leben zu führen. VERFÜGBARKEIT

12. Die Sub hält sich innerhalb der Vertragsdauer jede Woche von Freitagabend bis Sonntagnachmittag zu Zeiten für den Dom bereit, die der Dom festlegt (»vereinbarte Zeiten«). Darüber hinausgehende Zeiten können bei beiderseitigem Einverständnis ad hoc vereinbart werden.

13. Der Dom behält sich das Recht vor, die Sub jederzeit und aus beliebigem Grund aus seinen Diensten zu entlassen. Die Sub kann ihrerseits jederzeit ihre Entlassung verlangen, wobei es im Ermessen des Dom liegt, ihre Bitte im Rahmen der Rechte der Sub nach den Punkten 2–5 und 8 zu erfüllen. ORT

14. Die Sub stellt sich zu den vereinbarten und zusätzlich vereinbarten Zeiten an vom Dom bestimmten Orten zur Verfügung. Der Dom übernimmt sämtliche Reisekosten, die der Sub dafür entstehen. DIENSTBEDINGUNGEN

15. Folgende Dienstbedingungen wurden besprochen und vereinbart und werden während der Vertragsdauer von beiden Parteien eingehalten. Beide Parteien akzeptieren, dass sich Umstände ergeben können, die durch diesen Vertrag und die Dienstbedingungen nicht abgedeckt sind, oder bestimmte Punkte neu verhandelt werden müssen. In solchen Fällen können weitere Punkte in einen Zusatz aufgenommen werden. Sämtliche darüber hinausgehenden Punkte oder Zusätze müssen von beiden Parteien bestätigt, dokumentiert und unterzeichnet werden und unterliegen den Grundbedingungen, wie unter den Punkten 2–5 beschrieben. DOM

15.1 Für den Dom haben Gesundheit und Sicherheit der Sub jederzeit oberste Priorität. Der Dom darf von der Sub zu keinem Zeitpunkt fordern, verlangen, erbitten oder ihr erlauben, sich auf Aktivitäten einzulassen, die in Anhang 2 aufgeführt sind, oder auf solche, die die Parteien als unsicher erachten. Der Dom lässt keine Handlung zu und praktiziert nichts, was die Sub ernsthaft verletzen oder ihr Leben gefährden könnte. Die übrigen Unterpunkte zu diesem Punkt 15 sind vorbehaltlich dieser Bedingung und der Grundvereinbarungen in den Punkten 2–5 zu sehen.

15.2 Der Dom akzeptiert die Sub als seine Sklavin, die er während der Vertragsdauer besitzen, kontrollieren, dominieren und disziplinieren darf. Der Dom darf den Körper der Sub während der vereinbarten Zeiten oder während zusätzlich vereinbarter Zeiten so benutzen, wie es ihm angemessen erscheint, sexuell oder anderweitig.

15.3 Der Dom erzieht und leitet die Sub so an, dass sie dem Dom auf angemessene Weise dienen kann.

15.4 Der Dom sorgt für eine stabile, sichere Umgebung, in der die Sub ihren Pflichten im Dienst des Dom nachkommen kann.

15.5 Der Dom darf die Sub so disziplinieren, wie es ihm nötig erscheint, damit die Sub ihrer devoten Rolle gerecht und inakzeptables Verhalten verhindert wird. Der Dom darf die Sub schlagen, versohlen, auspeitschen oder körperlich züchtigen, wie es ihm angemessen erscheint, um sie zu disziplinieren, zu seinem persönlichen Vergnügen oder aus anderen Gründen, die er nicht erklären muss.

15.6 Bei der Erziehung und Disziplinierung stellt der Dom sicher, dass auf dem Körper der Sub keine bleibenden Spuren zurückbleiben und ihr keine Verletzungen zugefügt werden, für deren Behandlung ein Arzt nötig ist.

15.7 Bei der Erziehung und Disziplinierung stellt der Dom sicher, dass die Disziplinierungsmaßnahmen und die Werkzeuge, die zur Disziplinierung verwendet werden, sicher sind, keinen ernsthaften Schaden verursachen und in keiner Weise die Grenzen überschreiten, die in diesem Vertrag festgelegt und ausgeführt sind.

15.8 Falls die Sub erkrankt oder verletzt wird, kümmert sich der Dom um sie, sorgt für ihre Gesundheit und Sicherheit und empfiehlt oder ordnet, wenn er es für nötig hält, medizinische Versorgung an.

15.9 Der Dom gewährleistet seine eigene Gesundheit und begibt sich, falls nötig, in medizinische Behandlung, um risikofreie Bedingungen zu gewährleisten.

15.10 Der Dom leiht seine Sub nicht an einen anderen Dom aus.

15.11 Der Dom darf die Sub zu jedem Zeitpunkt innerhalb der vereinbarten Zeiten oder zusätzlich vereinbarten Zeiten aus jeglichem Grund und über längere Zeiträume fesseln, binden oder mit Handschellen festmachen, immer jedoch unter der Bedingung, dass Gesundheit und Sicherheit der Sub gewährleistet sind.

15.12 Der Dom stellt sicher, dass die gesamte Ausstattung, die der Erziehung und Disziplinierung dient, jederzeit sauber, hygienisch und sicher ist. SUB

15.13 Die Sub akzeptiert den Dom als ihren Herrn und Meister und versteht sich als Eigentum des Dom, das der Dom innerhalb der Vertragsdauer im Allgemeinen, jedoch besonders während der vereinbarten Zeiten und während zusätzlich vereinbarter Zeiten, benutzen kann, wie er möchte.

15.14 Die Sub unterwirft sich den Regeln (»Regeln«), die in Anhang 1 dieses Vertrags vereinbart sind.

15.15 Die Sub dient dem Dom in jeglicher dem Dom als angemessen erscheinenden Weise und bemüht sich, dem Dom im Rahmen ihrer Möglichkeiten jederzeit Vergnügen zu bereiten.

15.16 Die Sub unternimmt alles Nötige, um ihre Gesundheit zu erhalten, und erbittet medizinische Behandlung oder begibt sich in diese, wann immer es erforderlich ist. Sie setzt den Dom jederzeit über auftauchende gesundheitliche Probleme in Kenntnis.

15.17 Die Sub sorgt für orale Empfängnisverhütung und befolgt die Einnahmeanweisungen, um eine Schwangerschaft zu verhindern.

15.l8 Die Sub akzeptiert ohne Widerrede alle Disziplinierungsmaßnahmen, die der Dom für nötig hält, und ist sich ihrer Stellung und Rolle gegenüber dem Dom jederzeit bewusst.

15.19 Die Sub darf sich ohne Erlaubnis des Dom nicht selbst befriedigen.

15.20 Die Sub unterwirft sich ohne Zögern und Widerworte jeder sexuellen Aktivität, die der Dom verlangt.

15.21 Die Sub akzeptiert Auspeitschen, Schlagen, Versohlen, Rohrstockhiebe, Schläge mit dem Holzpaddle sowie sämtliche anderen Disziplinierungsmaßnahmen des Dom ohne Zögern, Nachfrage oder Klage.

15.22 Die Sub darf dem Dom nicht direkt in die Augen sehen, es sei denn, dieser wünscht dies. Die Sub hält den Blick gesenkt und verhält sich in Gegenwart des Dom ruhig und respektvoll.

15.23 Die Sub verhält sich dem Dom gegenüber immer respektvoll und spricht ihn ausschließlich mit Sir, Mr. Grey oder einer anderen Anrede an, die der Dom bestimmt.

15.24 Die Sub berührt den Dom nicht ohne ausdrückliche Erlaubnis. AKTIVITÄTEN

16. Die Sub nimmt nicht an Aktivitäten oder sexuellen Handlungen teil, die eine der oder beide Parteien als unsicher erachten oder die in Anhang 2 aufgeführt sind.

17. Dom und Sub haben sich über die in Anhang 3 aufgeführten Aktivitäten verständigt und in Anhang 3 schriftlich ihre Zustimmung dazu erklärt. SAFEWORDS

18. Dom und Sub sind sich einig, dass der Dom Forderungen an die Sub stellen kann, die sich nicht ohne körperlichen, psychischen, emotionalen, seelischen oder sonstigen Schmerz erfüllen lassen. In solchen Situationen kann die Sub ein Safeword (»Safeword/s«) verwenden. Zwei Safewords kommen, abhängig von der Härte der Forderungen, zum Einsatz.

19. Das Safeword »Gelb« signalisiert dem Dom, dass die Sub sich der Grenze des Erträglichen nähert.

20. Das Safeword »Rot« signalisiert dem Dom, dass die Sub keine weiteren Forderungen erfüllen kann. Wird dieses Wort ausgesprochen, beendet der Dom die Handlung sofort und vollständig. SCHLUSS

21. Wir, die Unterzeichneten, haben die Bedingungen dieses Vertrags gelesen und in ihrer Gänze verstanden. Wir akzeptieren die Bedingungen dieses Vertrags aus freien Stücken und bestätigen dies mit unseren Unterschriften.

Der Dom: Christian Grey

Datum

Die Sub: Anastasia Steele

Datum ANHANG 1 REGELN

Gehorsam:

Die Sub befolgt sämtliche Anweisungen des Dom, ohne zu zögern, vorbehaltlos und umgehend. Die Sub stimmt allen sexuellen Aktivitäten, die der Dom als angemessen und angenehm erachtet, ausgenommen die in Abschnitt »Hard Limits« aufgeführten (Anhang 2), zu. Sie tut dies bereitwillig und ohne Zögern.

Schlaf:

Die Sub stellt sicher, dass sie pro Nacht mindestens acht Stunden schläft, wenn sie nicht mit dem Dom zusammen ist.

Essen:

Die Sub isst regelmäßig, orientiert sich an einer vorgegebenen Liste von Nahrungsmitteln (Anhang 4), um ihre Gesundheit und ihr Wohlergehen zu bewahren. Abgesehen von Obst nimmt die Sub zwischen den Mahlzeiten nichts zu sich.

Kleidung:

Innerhalb der Vertragsdauer trägt die Sub ausschließlich vom Dom genehmigte Kleidung. Der Dom stellt der Sub ein Budget für Kleidung zur Verfügung, das die Sub nutzt. Der Dom begleitet die Sub ad hoc beim Kleiderkauf. Wenn der Dom das wünscht, trägt die Sub während der Vertragsdauer von ihm ausgewählten Schmuck, in Gegenwart des Dom und zu allen anderen Zeiten, die der Dom für angemessen hält.

Körperliche Ertüchtigung:

Der Dom stellt der Sub einen Personal Trainer viermal die Woche für jeweils eine Stunde zu Zeiten zur Verfügung, die zwischen dem Personal Trainer und der Sub zu vereinbaren sind. Der Personal Trainer informiert den Dom über die Fortschritte der Sub.

Hygiene/Schönheit:

Die Sub ist zu allen Zeiten sauber und rasiert und/oder gewaxt. Die Sub sucht zu Zeiten, die der Dom bestimmt, einen Kosmetiksalon auf, den der Dom auswählt, um sich Behandlungen zu unterziehen, die der Dom für angemessen hält. Sämtliche Kosten übernimmt der Dom.

Persönliche Sicherheit:

Die Sub unterlässt übermäßigen Alkoholkonsum, raucht nicht, nimmt keine Partydrogen und begibt sich nicht in unnötige Gefahr.

Persönliches Verhalten:

Die Sub unterhält keine sexuellen Beziehungen mit anderen als dem Dom. Das Verhalten der Sub ist zu allen Zeiten respektvoll und züchtig. Ihr muss klar sein, dass ihr Benehmen auf den Dom zurückfällt. Sie muss sich für sämtliche Missetaten und Verfehlungen verantworten, derer sie sich in Abwesenheit des Dom schuldig macht.

Ein Verstoß gegen irgendeine der oben aufgeführten Vereinbarungen hat sofortige Bestrafung zur Folge, deren Art durch den Dom festgelegt wird. ANHANG 2 HARD LIMITS

Kein Feuer.

Kein Urin oder Kot.

Keine Nadeln, Messer, Schnitte, Stiche oder Blut.

Keine gynäkologischen Instrumente.

Keine Handlungen mit Kindern oder Tieren.

Keine Handlungen, die dauerhafte Spuren auf der Haut hinterlassen.

Keine Atemkontrolle.

Kein elektrischer Strom (egal ob Wechsel- oder Gleichstrom), keine Flammen am Körper. ANHANG 3 SOFT LIMITS

Folgende Soft Limits sind von den Parteien zu besprechen:

Erklärt sich die Sub einverstanden mit:

– Masturbation

– Vaginalverkehr

– Cunnilingus

– Vaginalfisting

– Fellatio

– Analverkehr

– Spermaschlucken

– Analfisting

Stimmt die Sub der Verwendung zu von:

– Vibratoren

– Dildos

– Analstöpseln

– anderen vaginalen/analen Toys

Willigt die Sub ein bei:

– Bondage mit Seil

– Bondage mit Klebeband

– Bondage mit Ledermanschetten

– Bondage mit anderem

– Bondage mit Handschellen/Hand- und Fußfesseln

Stimmt die Sub folgenden Fesselungsarten zu:

– Hände vor dem Körper gefesselt

– Handgelenke am Knöchel gefesselt

– Knöchel gefesselt

– Fesselung an feste Gegenstände, zum Beispiel Möbel

– Ellbogen gefesselt

– Hände hinter dem Rücken gefesselt

– Fesselung an Spreizstange

– Knie gefesselt

– Suspension

Lässt die Sub sich die Augen verbinden?

Lässt die Sub sich knebeln?

Wie viel Schmerz ist die Sub bereit zu ertragen?

1 steht für: sehr gern, 5 für: sehr ungern:

1–2 – 3–4 – 5

Erklärt sich die Sub bereit, die folgenden Formen des Schmerzes /der Bestrafung/der Disziplinierung hinzunehmen:

– Versohlen

– Schläge mit dem Holzpaddle

– Auspeitschen

– Schläge mit dem Rohrstock

– Beißen

– Brustwarzenklemmen

– Genitalklemmen

– Eis

– Heißes Wachs

– Andere Methoden, Schmerz zuzufügen.

Ach du Scheiße, hiernach kann ich mich nicht mal überwinden, mir die Liste mit den Nahrungsmitteln anzuschauen. Ich schlucke und gehe die anderen Punkte noch einmal durch.

Mir schwirrt der Kopf. Wie soll ich so etwas zustimmen? Angeblich dient das Ganze ja mir, damit ich meine Sinnlichkeit und meine Grenzen in einem sicheren Rahmen ausloten kann … Aber, ich soll ihm in allen Dingen dienen und gehorchen. In allen Dingen! Ich schüttle ungläubig den Kopf. Ist nicht die Formel bei der Eheschließung ganz ähnlich? Nur drei Monate – hatte er deshalb vor mir so viele Frauen? Weil er sie nie lange behält? Oder hatten sie alle nach drei Monaten die Schnauze voll? Jedes Wochenende? Zu viel. Das würde bedeuten, dass ich Kate und Leute, die ich eventuell in meinem neuen Job kennen lerne, nie zu Gesicht bekomme. Ich sollte ein Wochenende pro Monat für mich heraushandeln. Am besten, wenn ich meine Periode habe – das klingt … praktisch. Er ist mein Herr und Meister! Und er kann mit mir verfahren, wie er möchte!

Ich erschaudere bei dem Gedanken, mit Flogger oder Peitsche bearbeitet zu werden. Versohlen ist vermutlich nicht so schlimm, auch wenn ich es als demütigend empfinde. Und fesseln? Die Hände hat er mir ja schon mal zusammengebunden. Und das war … heiß, richtig heiß, also wird’s möglicherweise gar nicht übel. Er wird mich nicht an einen anderen Dom ausleihen  – das will ich ihm auch geraten haben. Wieso zerbreche ich mir überhaupt den Kopf über so etwas?

Ich darf ihm nicht in die Augen sehen. Hallo, wie schräg ist das? Nur so kann ich ahnen, was in seinem Kopf vorgeht. Wem mache ich etwas vor? Ich weiß sowieso nie, was er denkt, aber ich schaue ihm gern in die Augen. Sie sind wunderschön – klug, dunkel und voller Dom-Geheimnisse. Bei der Erinnerung an seinen glühenden Blick presse ich vor Lust unwillkürlich die Oberschenkel zusammen.

Ich darf ihn nicht berühren. Das überrascht mich nicht. Und diese albernen Regeln … Nein, nein, das geht nicht. Ich stütze den Kopf in die Hände. Wie soll man so eine Beziehung führen? Ich bin hundemüde. Die Verrenkungen der vergangenen vierundzwanzig Stunden haben mich, offen gestanden, erschöpft. Auch geistig … Mann, ist das eine harte Nuss. Wie José es ausdrücken würde: ein echter Kopf-Fick. Hoffentlich liest sich am Morgen alles nicht mehr wie ein schlechter Scherz.

Ich ziehe mich um. Vielleicht sollte ich mir den pinkfarbenen Flanellpyjama mit den Häschen von Kate borgen. Ich sehne mich nach etwas Kuscheligem und Tröstendem. In T-Shirt und Schlafshorts putze ich mir die Zähne.

Ich starre mein Spiegelbild an. Das kann nicht dein Ernst sein … Mein Unterbewusstsein klingt kühl und vernünftig, nicht so schnippisch wie sonst. Meine innere Göttin dagegen springt händeklatschend auf und ab wie eine Fünfjährige. Bitte unterschreib … sonst enden wir allein mit jeder Menge Katzen und deinen klassischen Romanen.

Ausgerechnet der einzige Mann, den ich je sexy gefunden habe, muss mit einem verdammten Vertrag, einem Flogger und allen möglichen anderen Problemen daherkommen. Immerhin habe ich am Wochenende meinen Willen durchgesetzt. Meine innere Göttin hört mit dem Hopsen auf und lächelt gelassen. O ja, formt sie mit den Lippen und nickt mir selbstgefällig zu. Ich erröte bei der Erinnerung an das Gefühl von ihm in mir und spüre wieder dieses köstliche Ziehen in meinem Unterleib. Den Sex möchte ich nicht missen. Vielleicht kann ich mich ja nur dafür entscheiden … Würde er sich darauf einlassen? Vermutlich nicht.

Bin ich devot? Möglicherweise wirke ich so und habe ihn bei dem Interview getäuscht. Ich bin schüchtern, ja, aber devot? Ich lasse mich von Kate herumkommandieren – ist das das Gleiche? Und die Soft Limits – na ja, immerhin kann man sie diskutieren.

Ich kehre in mein Zimmer zurück. So viel Stoff zum Grübeln. Ich brauche einen klaren Kopf – am Morgen sieht die Welt hoffentlich anders aus. Ich stecke den Vertrag in meinen Rucksack, lege mich ins Bett und starre die Decke an. Wäre ich ihm doch nie begegnet! Meine innere Göttin schüttelt den Kopf. Mach dir nichts vor! Ich habe mich noch nie so lebendig gefühlt.

Ich schlafe ein und träume von Himmelbetten, Hand- und Fußfesseln und intensiven grauen Augen.

Am nächsten Tag werde ich von Kate geweckt.

»Ana, ich habe dich gerufen. Du musst verdammt tief geschlafen haben.«

Ich öffne widerwillig die Augen. Sie ist nicht nur auf, sondern war schon joggen. Ich werfe einen Blick auf meinen Wecker. Acht Uhr morgens. Mein Gott, ich habe neun Stunden durchgeschlafen.

»Was ist los?«, murmle ich.

»Da ist jemand mit einem Paket für dich. Du musst den Empfang bestätigen.«

»Wie bitte?«

»Komm. Es ist riesig. Und sieht interessant aus.« Sie hüpft aufgeregt ins Wohnzimmer zurück.

Ich schäle mich aus den Federn, nehme meinen Morgenmantel von dem Haken an der Tür und schlüpfe hinein. Ein smarter Typ mit Pferdeschwanz steht, die Hände um eine große Kiste gelegt, in unserem Wohnzimmer.

»Hi«, begrüße ich ihn.

»Ich mach dir einen Tee.« Kate verschwindet in der Küche.

»Miss Steele?«

Ich weiß sofort, von wem das Paket ist. »Ja«, antworte ich vorsichtig.

»Ich habe ein Paket für Sie. Man hat mir gesagt, ich soll den Inhalt aufstellen und Ihnen zeigen, wie man ihn benutzt.«

»Ach. Um diese Uhrzeit?«

»Ich befolge nur meine Anweisungen, Ma’am.« Sein freundliches Profilächeln signalisiert mir, dass er keinen Widerspruch duldet.

Hat er gerade Ma’am zu mir gesagt? Bin ich über Nacht zehn Jahre gealtert? Wenn ja, liegt’s an diesem blöden Vertrag. Ich verziehe den Mund. »Okay, was ist es?«

»Ein MacBook Pro.«

»Natürlich.« Ich verdrehe die Augen.

»Der letzte Schrei von Apple. Das Modell gibt’s im Laden noch gar nicht.«

Wieso überrascht mich das nicht? Ich stoße einen tiefen Seufzer aus. »Stellen Sie das Ding auf dem Esstisch da drüben auf.«

Ich geselle mich zu Kate in der Küche.

»Was ist es?«, erkundigt sie sich neugierig.

»Ein Laptop von Christian.«

»Warum schickt er dir einen Laptop? Du weißt doch, dass du meinen benutzen kannst.« Sie runzelt die Stirn.

Aber nicht für das, was er vorhat.

»Eine Leihgabe. Er möchte, dass ich ihn ausprobiere.« Meine Ausrede klingt ziemlich fadenscheinig. Kate nickt. Na so was … Es ist mir gelungen, Katherine Kavanagh hinters Licht zu führen. Das ist mal was Neues. Sie reicht mir meinen Tee.

Der Mac-Laptop ist flach, silberfarben, ziemlich elegant und hat einen sehr großen Monitor. Christian Grey liebt es groß – ich denke an seine Wohnung.

»Er hat das neueste Betriebssystem mit sämtlichen wichtigen Programmen, dazu eine 1,5-TB-Festplatte mit jeder Menge Speicherplatz und einen 32-GB-Arbeitsspeicher – wofür wollen Sie ihn verwenden?«

»Äh … für E-Mails.«

»Für E-Mails!«, wiederholt er entsetzt.

»Und vielleicht für ein paar Recherchen im Internet«, füge ich mit einem entschuldigenden Achselzucken hinzu.

Er seufzt.

»Er hat Wireless N. Außerdem habe ich Ihnen einen Me-Account eingerichtet. Das Baby ist einsatzbereit, praktisch überall auf diesem Planeten.« Er schmachtet den Laptop an.

»Me-Account?«

»Ihre neue E-Mail-Adresse.«

Ich habe eine E-Mail-Adresse?

Er deutet auf ein Icon auf dem Bildschirm, während er weitererklärt. Für mich hört sich alles wie Chinesisch an. Ich habe keine Ahnung, wovon er spricht, und ehrlich gesagt, interessiert es mich auch nicht. Sag mir nur, wie man das Ding ein- und ausschaltet  – den Rest finde ich selbst heraus. Schließlich benutze ich den Laptop von Kate seit vier Jahren.

Kate stößt beeindruckt einen Pfiff aus, als sie das Gerät sieht. »Ganz schön spacig.« Sie hebt die Augenbrauen. »Die meisten Frauen bekommen nur Blumen oder Schmuck geschenkt«, lautet ihr Kommentar.

Ich versuche, ein finsteres Gesicht zu machen. Wir brechen beide in schallendes Gelächter aus, und der Computertyp sieht uns verwundert an. Als er fertig ist, bittet er mich, die Empfangsbestätigung zu unterschreiben.