/ Language: Deutsch / Genre:thriller

Irre Seelen

Graham Masterton

Die alte aufgegebene Irrenanstalt im Wald ist nicht verlassen. Oh nein. In den Wänden wimmelt es vor ... vor Wahnsinn? Jack Reed stößt im Wald von Wisconsin auf ein verlassenes Gebäude, das einst eine bekannte Heilanstalt war. Vor fast 60 Jahren wurde sie aus düsteren Gründen aufgegeben. Jack will das alte Haus sanieren, um dort ein Ferienhotel zu eröffnen. Doch es beherbergt gefährliche Geheimnisse: 135 geisteskranke Patienten verschwanden mithilfe von Druiden-Magie »in die Wände« - und dort leben sie noch immer. Nun hält sie nichts mehr auf ... Angeführt von dem bösartigen Quintus kidnappen sie Jacks kleinen Sohn und fordern die Rückkehr des Priesters, der sie damals einfing ...

Vorm Irrenhaus im hellen Schein

Schallt bärtig die Glocke die Wiese am Wald entlang.

Für mich das letzte Grabgeläut.

—Gregory Corso, »In the Fleeting Hand of Time«

Reicht mir der Tod die Hand … so find ich

In reicher Erde reich’ren Staub verborgen vor.

—Rupert Brooke, »The Soldier«

Merrimac klingt wie die gälischen Worte »mor-riomach«,

was »von großer Tiefe« bedeutet.

—Barry Fell, America BC

E I N S

Er hatte den Blick nur für wenige Sekunden von der Straße abgewandt, um seine Santana-Kassette aus dem Handschuhfach zu fischen. Da nahm er aus dem Augenwinkel einen grau-weißen Umriss wahr, der aussah wie ein Kind im Regenmantel. Und es flitzte direkt vor ihm über die Straße.

»Ah!«, schrie er und trat aufs Bremspedal, rutschte ab und versuchte es erneut. Sein Kombi schlitterte mit quietschenden Reifen über den rutschigen Asphalt. Das Auto ruckelte auf die mit Blättern übersäte Böschung zu und krachte dann gegen den Stamm einer dicken Eiche.

Jack würgte den Motor ab und zitterte am ganzen Körper. Herrgott! Herrgott im Himmel!, dachte er. Sprühregen trommelte auf die Windschutzscheibe. Natürlich war Jack schnell gewesen. Mit fast 100 Kilometern pro Stunde hatte er bergauf geradewegs auf eine unübersichtliche Kurve zugehalten. Aber so schlecht war die Sicht nun auch wieder nicht – und sein Blick nur für den Bruchteil einer Sekunde zur Seite abgeschweift. Er konnte sich absolut nicht erklären, wie er ein Kind übersehen haben konnte, das vom Straßenrand auf die Fahrbahn gerannt kam.

»Herrgott noch mal!«, fluchte Jack erneut. Seine Stimme klang schwach und wenig überzeugend. Er atmete tief durch, schnallte sich ab und stieg aus dem Auto. Es hatte sich einmal um 180 Grad gedreht und zeigte jetzt wieder in die Richtung, aus der Jack ursprünglich gekommen war, das Heck durch einen Baum völlig lädiert. Auf der Straße und im angrenzenden Wald war es merkwürdig still, jetzt, wo das Motorengeräusch verstummt war. Nichts zu hören, außer dem Regen, der von den überhängenden Bäumen tropfte, und dem gelegentlichen Ruf eines Vogels aus der Ferne.

Wald, Wald, nichts als Wald. Sein Großvater hatte Wisconsin immer gehasst, besonders wegen der vielen Bäume. Der Vater seiner Mutter war Farmer gewesen und konnte ihnen lediglich in Form von Baumstümpfen etwas abgewinnen. »All diese verdammten Bäume!«, lamentierte er stets, selbst als er schon längst in Rente gegangen war.

Jack schnaubte, schüttelte sich und sah sich seine Umgebung genauer an. Da lag kein Kind auf der Straße, Gott sei Dank, auch am Seitenstreifen konnte er keinen leblosen Körper erkennen. Kein grau-weißer, blutverschmierter Regenmantel in Sicht – ebenso wenig wie ein zerfetzter Turnschuh.

Er stellte den Kragen seines Sakkos auf und bahnte sich einen Weg durch den Matsch. Dabei versuchte er tunlichst, seine neuen sattelbraunen Schuhe nicht dreckig zu machen. Dank des Gummis verschonte der Nieselregen die Reifenspuren. So konnte Jack genau erkennen, wo er auf die Bremse getreten und an welcher Stelle er ins Schlittern geraten war. Vier chaotische Muster, die an von krakeliger Kinderhand gezeichnete Achten erinnerten, hatten ihre Spuren auf dem Asphalt hinterlassen. Jack ging in die Hocke, um sie genauer zu inspizieren. Nichts deutete darauf hin, dass er jemanden angefahren hatte.

Jack glaubte auch nicht wirklich daran, dass er einen Menschen erwischt hatte, denn außer der Kollision mit dem Baum ganz am Schluss hatte er keinen Zusammenprall wahrgenommen. Er drehte sich um, schirmte die Augen mit der Hand gegen den Regen ab und inspizierte die Vorderseite seines Kombis. Die Stoßstange war intakt, alle Leuchten funktionierten noch. Er konnte nur hoffen, dass er niemandem einen ordentlichen Stoß versetzt und ihn in hohem Bogen ins Dickicht befördert hatte. Man hörte ja schließlich immer wieder von Unfällen mit Fahrerflucht. Da lagen die Opfer nur wenige Meter von viel befahrenen Bundesstraßen entfernt im Unterholz und erfroren irgendwann jämmerlich.

Er lief ein Stück der Straße ab, legte seine Hände trichterförmig um den Mund und rief: »Hallo? Ist da jemand? Hallo?«

Jack hielt inne und lauschte. Der Vogel sang pii-juu, pii-wuu, dann pii-widdi. Der Regen fiel so sanft wie der Schleier einer sterbenden Braut hinab. Schwer zu glauben, dass Madison, die Hauptstadt des Bundesstaats Wisconsin, nur eine halbe Stunde Fahrt entfernt lag. Bis nach Milwaukee brauchte man von hier aus auch weniger als zwei Stunden.

Weitere drei- oder viermal rief er: »Hallo?« Immer noch keine Antwort. Sein Herzschlag beruhigte sich allmählich wieder und sein Atem ging normal. Er fühlte sich ruhiger, zog ein Taschentuch heraus, wischte sich damit über die Stirn und putzte sich die Nase. Trotz der Kälte waren sein Hemd und seine Unterwäsche von Schweiß durchtränkt.

War bestimmt ein Reh, oder? Vielleicht auch eine Ziege. Jedenfalls irgendein Tier. Du hast es schließlich nicht besonders gut sehen können, stimmt’s? Mann, komm schon, Jack, mal ganz im Ernst: Was hätte denn ein Kind an einem verregneten Donnerstagnachmittag hier draußen im Wald verloren, quasi am Arsch der Welt? Du bist ja schließlich selbst auch nur hier, weil du nach Dads altem Sommerhaus am Devil’s Lake sehen musst. Und du hast diese Straße nur deshalb genommen, weil du gegenüber der Route 51 locker 20 Meilen Strecke wettmachst.

Warum zum Teufel sollte sich ein Kind in diese Einöde verirren?

Wirklich beunruhigend fand Jack allerdings, dass er sich sicher war, rennende Beine, schwingende Arme und eine aufgestellte Kapuze gesehen zu haben. Sein gesunder Menschenverstand wollte ihm einreden, dass es sich um ein Tier gehandelt haben musste. Aber vor seinem inneren Auge sah er weiterhin ein Kind in grau-weißem Regenmantel vor sich auftauchen, mit wilden und unkoordinierten Bewegungen. Es hatte die Gefahr falsch eingeschätzt, wie Kinder es häufig taten.

Er wartete noch einen Moment lang. Dann ging er langsam zu seinem Auto zurück, drehte sich dabei aber alle paar Meter um. Auf dem Kombi, einem 81er Electra in Rotmetallic, hatte der Sprühregen einen durchgehenden Wasserfilm hinterlassen. Es war Dads letzter Wagen gewesen. Jack hatte ihn zusammen mit dem Sommerhaus geerbt, dessen Zimmer mit vergilbten Büchern und unzähligen Tageszeitungen vollgestopft waren. Er hatte das Apartment am Jackson-Park verkaufen müssen, um die Schulden und die Beerdigung seines Vaters bezahlen zu können. (Es war ihm nicht gelungen, Maggie zu überreden, dort einzuziehen. Sie hätte sich nicht einmal mit Diamanten bestechen lassen, weil sie die feste Überzeugung vertrat, dass es sich bei Krebs um eine ansteckende Krankheit handelte.) Ein ganzes Leben mit harter Arbeit und unerfüllten Träumen hatte ihm nichts weiter eingebracht als einen fahrbaren Untersatz und einen Haufen Lektüre.

Die Rücklichter des Wagens waren zersplittert, Bruchstücke aus dunkelrotem Plastik verteilten sich auf dem vermodernden Blattwerk in der Umgebung. In der Heckklappe prangte eine riesige Delle. Jack fühlte sich unweigerlich an Elvis Presleys schiefes Grinsen erinnert. Er versuchte, sie mit roher Gewalt zu schließen, aber sie verweigerte sich. Trotzdem hätte es ihn deutlich schlimmer treffen können. Schwere Verletzungen beispielsweise, wenn er frontal in die Eiche gekracht wäre. Sein vergeblicher Versuch, das blockierte Vorderrad unter Kontrolle zu bekommen, mochte ihm sogar das Leben gerettet haben. Vielleicht wäre ein anderer Fahrer umgekommen.

Jack kletterte wieder ins Wageninnere und startete den Motor. Der Keilriemen quietschte, aber abgesehen davon klang alles noch ganz passabel. Solange ihn der Electra heil zurück nach Milwaukee brachte, hatte er auch kein Problem damit, wenn das Ding Geräusche produzierte wie eine Blaskapelle im Bierzelt.

Gerade als er die Scheibenwischer anstellen wollte, bildete er sich ein, durch den silbrigen Nieselregen, der auf das Glas tröpfelte, etwas gesehen zu haben. Ein weißliches Flimmern im Waldstück zu seiner Rechten. Er betätigte den Wischer und sah erneut in die Richtung, aber da war nichts. Er öffnete die Fahrertür und lehnte sich aus dem Wagen, um mehr erkennen zu können. Da war sie wieder, eine kaum wahrzunehmende Regung, ein verschwommener, grau-weißer Fleck, kein Zweifel.

Mit einem Griff auf den Rücksitz angelte er nach seiner Regenjacke. Da war jemand im Wald, gar keine Frage – jemand oder etwas. Und er hätte es um ein Haar auf dem Gewissen gehabt. Wenn es ein Tier war, konnte er nicht viel tun, außer den Vorfall zu melden. Aber wenn es sich um ein Kind handelte, dann musste er herausfinden, was um alles in der Welt es sich dabei dachte, mutterseelenallein durch den Wald zu rennen.

Jack stieg aus dem Auto, knallte die Tür hinter sich zu und lief die seitlich der Straße verlaufende Böschung hinunter. Sie war von einer dicken Schicht aus nassen, verrottenden Blättern bedeckt, die dafür sorgten, dass er ständig wegrutschte. Als er ebenen Boden erreichte, waren seine Schuhe völlig durchgeweicht und Dornenzweige hatten ihm die Anzughose aus Mohair zerfetzt. Er hielt kurz inne, um wieder zu Atem zu kommen und sich noch einmal das Gesicht abzuwischen.

»So eine Scheiße!«, murmelte er in sich hinein. Er wusste nicht, welcher Teufel ihn geritten hatte, sich auf der Suche nach einem Kind, das vermutlich noch nicht mal eines war, allein durch das nasse Gestrüpp zu zwängen. Vermutlich eher eine verdammte Ziege, die irgendwo ausgebüxt war. Er konnte eigentlich genauso gut zurück nach Hause fahren und Santanas Abraxas-Album auf volle Lautstärke aufdrehen, um den quietschenden Keilriemen zu übertönen.

»And I hope you’re feeling better … and I hope you’re feeling good!« Ich hoffe, es geht dir wieder besser … ich hoffe, es geht dir gut!

Er hielt kurz inne, schniefte und warf einen Blick zurück. Hinter sich konnte er oben auf der Bundesstraße gerade noch den dunkelroten Kotflügel seines Kombis ausmachen. Vor ihm ging es weiter abwärts, mitten hinein in eine dunkle, zugewachsene Spalte, die von Dornenzweigen und nassem Farn überwuchert war. Irgendwo sprudelte Wasser, das plätschernde Geräusch eines kleinen Bachs, aber an diesem verregneten Nachmittag ließ das in Kombination mit dem bewölkten, grauen Himmel eher keine Glücksgefühle aufkommen, sondern klang hohl und deprimierend.

Er konnte jederzeit umkehren. Es ist unlogisch, die Mission fortzusetzen, Captain. Selbst wenn es sich bei der grau-weißen Gestalt wirklich um ein Kind handelte, war es ja offensichtlich noch am Leben. Und eine Ziege würde ihm ohnehin davonlaufen, Hügel und Täler erklimmen, für die seine schicken Florsheim-Treter nicht nur ungeeignet, sondern sogar hochgradig gefährlich erschienen.

»Hallo!«, rief er zum letzten Mal. »Ist da jemand?«

Jack begann wieder zu zittern, diesmal vor Kälte. Außerdem musste er dringend pinkeln. Er brachte sich vor einer Ansammlung von Farnen in Position und ließ seinen dampfenden Urinstrahl in den kühlen Nachmittag hineinschießen. Der Druck auf die Blase wollte gar nicht mehr nachlassen. Aber er war noch nicht einmal halb fertig, als er zwischen den Bäumen ganz unten am Fuß der Schlucht plötzlich wieder die grau-weiße Gestalt erblickte, wenn auch nur für eine Sekunde.

»Hey!«, schrie er. »Hey du!« Er zog den Reißverschluss seiner Hose hoch und begann, der Gestalt hinterherzustolpern. »Hey, Bürschchen, warte mal!«

Der Boden unter seinen Füßen wurde unvermittelt steiler. Drei- oder viermal rutschte Jack aus und musste sich an dornigen Zweigen festklammern, um nicht hinzuschlagen. Dabei riss er sich die Hand auf. Humpelnd und fluchend versuchte er, das Blut wegzunuckeln, während er tiefer und immer tiefer in das enge Tal hineinstolperte.

Du Volltrottel!, schimpfte er mit sich selbst. Es wird Stunden dauern, bis du wieder zum Auto hochgekraxelt bist. Und jetzt ist der Regen auch noch deutlich heftiger geworden. Verdammter Mist!

Er rutschte auf einer Reihe loser Steine aus, klammerte sich an einen Farn, um das Gleichgewicht zurückzuerlangen, und fiel dann mit voller Wucht auf den Rücken.

Scheiße!, wetterte er. Scheiße und noch mal Scheiße!

Unter Schmerzen kam er wieder auf die Beine. Seine Hose war hinten vollkommen durchnässt und mit Matsch verschmiert. Die neuen Schuhe waren ein Fall für die Mülltonne. Seine rechte Hand blutete immer noch und er hatte sich außerdem den linken Ellenbogen aufgeschrammt.

Jetzt reicht’s mir! Ob da jetzt ein Kind ist oder nicht, ich dreh um und mach mich auf den Weg nach Hause.

Jack richtete sich zu seiner vollen Größe auf, atmete tief durch und brüllte: »Bürschchen! Kannst du mich hören? Das war’s! Vergiss es! Wenn du dich verlaufen hast, ist das jetzt dein Problem! Hast du mich verstanden?«

Er lauschte, aber er vernahm nur den Widerhall seiner eigenen Stimme, den Regen und den plätschernden Bach.

»Dummes Kind, verflucht!«, murmelte er in sich hinein. »Verdammtes blödes – was auch immer du bist. Ziege. Scheiße. Wen juckt’s?«

Er wollte gerade mit dem Aufstieg zurück zur Straße beginnen, als er nur etwa 20 Meter über sich am Abhang zu seiner Linken den vertrauten grau-weißen Schemen entdeckte. Er bewegte sich nicht, rannte nicht, sondern stand einfach mit gesenktem Kopf zwischen dem Farn, der im Wind wogte. Jack hielt inne und starrte die Erscheinung an. Seine Zähne klapperten vor Kälte. Diesmal verspürte er nicht den Drang, laut zu rufen.

»So, jetzt hab ich dich, du Bastard!«, murmelte er und bahnte sich den Weg nach oben durch Farn und Dornengestrüpp. Diesmal verharrte die Gestalt in ihrem gräulich-weißen Regenmantel an Ort und Stelle. Sie hatte sich die Kapuze über den Kopf gezogen und stand mit gekrümmten Schultern einfach da. Irgendwie seltsam, dass sie sich nicht zu ihm herumgedreht hatte, fand Jack. Oder dass sie sich überhaupt nicht rührte. Sie musste ihn doch schließlich gehört haben. Er preschte den Hügel hinauf und ging dabei ähnlich subtil ans Werk wie General Patton im Zweiten Weltkrieg mit seiner dritten Panzerdivision.

Fast hatte er die Gestalt erreicht. Sie bewegte sich immer noch nicht, sondern stand ganz still neben einem zweigliedrigen Stacheldrahtzahn, der diagonal ins Tal führte. Es war definitiv ein Kind, kein Tier. Aber er erkannte, dass es auf merkwürdige Weise entstellt zu sein schien und einen kleinen Buckel besaß. Zum ersten Mal verspürte Jack ein ziemlich ungutes Gefühl im Magen.

»Hey Bürschchen!«, rief er schroff, aber mehr aus Unsicherheit als tatsächlich verärgert. »Hey, du bist dran schuld, dass wir beide da oben auf der Straße beinahe den Löffel abgegeben hätten.«

Noch immer blieb das Kind, wo es war, verharrte ganz dicht am Zaun. Schließlich tat Jack einen Schritt darauf zu, musste sich aber am Stacheldraht festhalten, um nicht erneut den Hügel hinabzuschlittern.

Erst als er das Kind schon fast berühren konnte, wurde ihm klar, dass es keins war. Es war noch nicht mal ein Tier. Er griff nach der »Kapuze« und zog sie vom Zaun weg. In seiner Hand hielt er lediglich eine völlig durchnässte Ausgabe des Milwaukee Sentinel vom vergangenen Sonntag. Irgendwie hatte sie der Wind aufgefächert und gegen einen der Zaunpfosten geblasen, wo sie in ihrer bizarren Form verdächtig nach einem Kind mit Kapuze aussah.

Jack stand lange im Regen, runzelte die Stirn und hielt einige durchnässte Seiten des Sportteils in jeder Hand. Er verstand überhaupt nichts mehr und war noch beunruhigter, als wenn er hier tatsächlich auf ein Kind gestoßen wäre. Schließlich hatte er doch diese Gestalt genau vor sich über die Landstraße rennen sehen. Dann war sie den Hügel hinabgehuscht und im Tal verschwunden. Aus der Furche weiter unten hatte es wirklich wie ein Kind in grau-weißem Regenmantel gewirkt. Wie konnte es sich jetzt als verkrumpelte Zeitung entpuppen?

Er trennte die von der Nässe verklebten Zeitungsbögen voneinander und warf einen Blick auf das Datum. Tatsächlich, die Ausgabe vom letzten Wochenende. Sonst keine Auffälligkeiten. Langsam knüllte er sie zusammen, nahm Schwung und schleuderte sie weg. Sonst sah er nichts, das auch nur im Entferntesten Ähnlichkeit mit dem Kind besaß, an dessen Fersen er sich geheftet hatte. Kein verräterisches Aufblitzen eines grau-weißen Regenmantels im Farn weit und breit. Er schniefte, wischte sich die Stirn mit dem Handrücken ab und wappnete sich für den mühsamen Aufstieg zurück zum Auto.

Doch just in diesem Moment entdeckte er über den Wipfeln des benachbarten Waldes die Umrisse von etwas, das verdächtig an das Dach eines Hauses erinnerte. Er kraxelte ein paar Meter weiter den Hügel hinauf und konnte es jetzt ganz genau erkennen: ein riesiges Gebäude mit Türmen aus gelben Backsteinen, glänzenden, blaugrauen Schieferplatten und Reihe um Reihe von Fenstern in gotischem Stil. Was zur Hölle war das denn für ein seltsamer Bau?

Jack drückte den Stacheldraht auseinander, zog den Kopf ein und zwängte sich vorsichtig hindurch. Das Anwesen befand sich an dem Ende des Tals, das am weitesten von der Straße entfernt lag. Seine Türme verbargen sich hinter gewaltigen Weißeichen. Obwohl es eine beeindruckende Sicht über die umliegenden Wälder bieten mochte, würde es vermutlich niemand, der auf dem Highway vorbeifuhr, entdecken, wenn er nicht ganz genau hinsah.

Die Natur, die das imposante Bauwerk umschloss, verbarg es ähnlich wie Dornröschens Märchenschloss auf wundersame Weise vor den Blicken der Außenwelt. Jack konnte erkennen, dass der Wald in unmittelbarer Umgebung einmal gerodet worden war, vor vielleicht 20 oder 30 Jahren; aber nun musste er sich seinen Weg durch Dornen und wilde Rosenbüsche bahnen. Als er endlich eine Ansammlung von Eichen rund 180 Meter entfernt an den südwestlichen Ausläufern des Gebäudes erreicht hatte, war seine Regenjacke am unteren Ende an zwei Stellen eingerissen und seine Socken völlig zerfetzt. Die 170-Dollar-Schuhe konnte man inzwischen komplett vergessen.

Was Jack ganz besonders faszinierte, war das nicht näher bestimmbare Gefühl, gezielt hierher gelockt worden zu sein. Als ob es sein Leben lang vorbestimmt war, dass er das Haus genau an diesem Nachmittag und genau zu dieser Stunde finden würde. Als ob es auf ihn gewartet hätte.

Als Junge war er fast jeden Sommer in den Ferien hier oben am Mirror Lake, am Devil’s Lake oder am benachbarten Lake Wisconsin gewesen und hatte die Gegend mit seinen Freunden bei Hunderten von Bergwanderungen und »Dschungelexpeditionen« durchstreift.

Und doch hatte er das Gebäude trotz seiner beachtlichen Größe noch nie zuvor zu Gesicht bekommen, geschweige denn von seiner Existenz gewusst. Es war so imposant, geheimnisvoll und mit Atmosphäre aufgeladen, dass Jack fast bedauerte, es nicht bereits als Elfjähriger entdeckt zu haben. Er und Dougie McLeish hätten hier wunderbar spielen können! Prinz Eisenherz! Der Mann mit der eisernen Maske! Dracula! Sie hätten unglaublich viel Spaß haben können! Warum hatte er auf diese Entdeckung bis heute warten müssen, wo er als 43-jähriger verheirateter Mann in Milwaukee lebte und eine bescheidene Kette von Expresswerkstätten für defekte Schalldämpfer leitete?

Das Bauwerk sah aus wie ein Schloss, ein Hotel oder ein feudales Bahnhofsgebäude. Es bestand aus dem gleichen gelben Backstein wie die alte Pabst-Brauerei im Westen von Milwaukee – der charakteristische Baustoff hatte der Stadt den Spitznamen »Cream City« eingebracht. Es war im Stil der österreichischen Gotik erbaut und wies an jedem Ende seiner 60 Meter breiten Fassade eine Ansammlung von fünf Spitztürmchen auf. Eine dekorative schmiedeeiserne Brüstung begrenzte auf der gesamten Länge die Dachrinne.

Und dann waren da überall diese Gesichter. Aus Blei gegossene, graue Konterfeis säumten die Entwässerungsleitungen. Über den Fenstern leisteten ihnen ockergelbe Geschwister, in Stein gemeißelt, Gesellschaft. An den Rändern des Dachfirsts prangten schwarze Fratzen aus Eisen. Insgesamt wahrscheinlich mehr als 100 an der Zahl. Doch anders als gewöhnliche Wasserspeier wirkten sie weder hässlich noch grotesk, sondern allesamt eher würdevoll, andächtig, gelassen, fast schon heilig. Doch seltsamerweise hielten sie die Augen geschlossen, als ob sie schliefen, blind oder tot waren.

Jack kämpfte sich durch die Bäume, ehe er den Zufahrtsweg aus weißem Kieselstein erreichte, der das Gebäude umgab. Der Weg war mit Efeu und Bluthirse überwachsen. Am Westturm war der Efeu so weit emporgerankt, dass er die Fenster im zweiten Stock erreichte und wie eine düstere, besitzergreifende Liebhaberin an den Steinen klebte.

Ohne Zweifel stand der Bau schon seit Jahren, vielleicht schon seit Jahrzehnten leer. Die Regenrinnen waren stark verrostet und Wasser, das neben dem Haupteingang hinabtropfte, hatte überall auf dem Mauerwerk Rostflecken hinterlassen. Alle Fenster wirkten dunkel, staubig und blind; etliche der rautenförmigen, bleiernen Gitter vor den Scheiben waren kaputtgegangen. An fast jeden Schornstein sowie zwischen die Turmspitzen hatten Vögel ihre Nester gequetscht, diese aber offensichtlich schon vor geraumer Zeit verlassen.

Über dem gesamten Anwesen, wie es im sanft hinabprasselnden Regen thronte, lag ein Hauch von leiser Verzweiflung, längst verblassten Erinnerungen und stilvollem Bedauern.

Jack lief zum Haupteingang, erklomm die steinernen Stufen und rüttelte am schweren Türgriff aus Bronze. Das Portal war verschlossen – und wahrscheinlich auch verriegelt. Nicht dass man sich hier mitten im Wald große Sorgen um Vandalismus hätte machen müssen, schließlich war das Gebäude ideal vor neugierigen Blicken abgeschirmt.

Direkt neben dem Eingang befand sich eine altmodische Seilzugklingel mit einem Gesicht aus Bronzeguss am Zugbalken, dem Gesicht eines Heiligen mit geschlossenen Augen. Jack zerrte einmal daran, doch außer einer Menge Rost, die zu Boden rieselte, passierte nichts. Er zog erneut kräftig und hörte diesmal ein schrilles Klirren irgendwo im Inneren. Es schien gar kein Ende nehmen zu wollen, als ob jemand wie ein Verrückter mit einer Glocke bimmelte.

Verlegen trat er einen Schritt zurück. Grundgütiger! Was, wenn jetzt doch noch jemand hier wohnte? Es hätte ihn nicht gewundert, wenn das Gesicht an der Türklingel plötzlich die Augen geöffnet und ihn vorwurfsvoll angestarrt hätte.

Doch dann verebbte das Geräusch und in dem gewaltigen Bauwerk kehrte wieder Stille ein. Das Gesicht an der Tür blieb gutmütig und blind. Jack schüttelte den Kopf und schimpfte mit sich selbst: »Du Feigling!« Er musste in sich hineingrinsen, weil er so hysterisch reagiert hatte.

Er ließ den Haupteingang hinter sich zurück und lief weiter an der Vorderseite des Anwesens entlang, bis er den Ostturm erreichte. Er versuchte, in eines der Fenster hineinzuspähen, doch die Scheibe war so dreckig und das Glas so stumpf, dass man unmöglich mehr als einen schattenhaften Umriss ausmachen konnte, der ein Sofa hätte sein können. Gras und Unkraut ragten an den Mauern fast in Brusthöhe empor. Jack besorgte sich einen Ast, von dem er die vorstehenden Zweige abbrach, und benutzte ihn, um sich einen Weg durch das Dickicht zu bahnen. Indiana Jones. Stanley auf der Suche nach Livingstone.

Stille, klamme Nässe und die durch die Bäume verstärkte Abgeschiedenheit weckten in Jack eine zügellose Erregung, wie er sie seit seiner Kindheit nicht mehr verspürt hatte. Er begann leise eine dramatische Begleitmusik zu pfeifen, die seinen Fortschritt durchs Unterholz akustisch untermalte. Als er dabei ein Eichhörnchen aufschreckte, hielt er seinen Stock wie ein Gewehr vor sich und tat, als würde er auf das Tier schießen. Es flitzte panisch eine Eiche ganz in der Nähe hinauf. Kawumm! Kawumm! Kawumm!

Jack passierte die Tür, die einst zur Küche geführt haben musste. Der blaue Anstrich war längst abgeblättert. Er presste die Stirn gegen die Fenster und konnte eine riesige altmodische Küchenzeile und zwei geräumige Spülbecken mit nach oben ragenden Wasserhähnen ausmachen. An der Wand stand ein Schrank mit Glastüren, hinter denen sich noch immer flache Teller und Tassen stapelten.

Wie unheimlich! Es sah aus, als hätte jemand das Haus mit seinem kompletten Inventar überstürzt zurückgelassen – Möbel, Geschirr, Teppiche, alles war noch da! Auf dem Fensterbrett der Küche stand sogar eine gläserne Blumenvase mit einem Strauß vertrockneter Chrysanthemen darin.

Jack erreichte die Rückseite des Gebäudes. Über die gesamte Länge erstreckte sich ein mit schmiedeeisernen Gittern eingefasstes Gewächshaus. Das Metall schien völlig verrostet zu sein und Dutzende Scheiben waren zerbrochen. Auf dem Glasdach lag eine dicke Schicht aus Blättern und Erde. Vom Anbau führten Steinstufen in einen überwucherten Garten, durch den sich ein kleeblattförmiger Kiesweg wand. Die Blumenbeete waren verwahrlost, Unkraut hatte das Regiment übernommen. Eine Rosenpergola in der Mitte des Gartens war teilweise in sich zusammengefallen. Hinter den abgestorbenen Pflanzungen erhob sich das Gelände in mehreren terrassenförmig angelegten Stufen zum Wald hin. Ein Teilstück im Westen war als Tennisplatz angelegt worden. Daneben befand sich ein von Fliesen umgebenes Schwimmbecken.

Jack lief am Gewächshaus vorbei bis zum Tennisplatz. Der elende, kalte Sprühregen blies ihm durch das Tal entgegen. Jack schirmte mit den Händen das Gesicht ab, um seine Augen vor dem Wasser zu schützen. Fast fünf Minuten stand er einfach nur da und starrte in die Ferne. An einem Sommertag wäre der Blick auf den Wald sicher atemberaubend.

Über die nasse, grasbedeckte Böschung kämpfte er sich zu den Courts vor. Die verwitterten Tennisnetze hingen durch. In ihnen hatten sich Vögel verfangen und waren zu vertrockneten Kadavern erstarrt. Aber der rote Asphalt befand sich noch in erstaunlich guter Verfassung. Es würde nicht viel Arbeit bedeuten, den Platz wieder bespielbar zu machen.

Er näherte sich dem Schwimmbecken. Es war weiß gekachelt und am Rand befanden sich versiffte braune Weinrebenmuster aus der Zeit Eduards VII. Der Pool war zu gut einem Viertel angefüllt mit schwärzlich-grünem Wasser. Etwas schwamm direkt unter der Oberfläche, formlos und vage. Er versuchte es mit seinem Stock zu berühren, aber es war zu weit weg. Es wippte, tanzte und drehte sich im Wasser. Es konnte alles Mögliche sein.

Also irgendwie hat der Laden echt eine Menge Potenzial, dachte Jack, als er sich wieder aufrichtete und die Rückseite des Gebäudes in Augenschein nahm. Ein schönes Anwesen, größtenteils intakt. Eine umwerfende Lage. Ausreichend Platz für Sportanlagen. Wenn man es clever anstellt, könnte man das Areal zur schönsten Ferienanlage im gesamten Mittleren Westen aufpeppen.

Gemächlich schlenderte er über den Tennisplatz zurück zum Eingang des Haupthauses. In seinem Kopf formte sich eine Idee. Eine Geschäftsidee. Ein Traum von einer Karriere. Eine Vision, die ihn aus den Fängen der Stadt und seinem langweiligen Arbeitsalltag bei Reed Muffler & Tire befreien würde. Eine Idee, die Freiheit, Erfüllung, Prestige und Spaß versprach – alles auf einen Schlag.

Wenn das Gebäude schon so lange verwaist war, dann ganz offensichtlich deshalb, weil sich niemand dafür interessierte oder niemand das unglaubliche Potenzial erkannte, das darin schlummerte. Er konnte es bestimmt für – was? – eine halbe Million Dollar kaufen? 300.000? Vielleicht sogar weniger. Sein Kumpel Morris Tucker von der Bank in Menomonee Falls würde ihm sicher gerne bei der Finanzierung behilflich sein. Die beiden kannten sich aus dem Wisconsin Business College und hatten dort 1967 gemeinsam ihren Abschluss gemacht. Drei- oder viermal trafen sie sich in jedem Sommer und gingen zusammen zum Angeln an die Whitefish Bay. Dabei trugen sie labbrige Sonnenhüte, schlürften Sixpacks mit Pabst Blue Ribbon und ließen sich vom Gettoblaster mit den Beatles die Ohren zudröhnen.

Klar, er würde Millionen benötigen, um das Gebäude nach internationalen Hotelstandards zu restaurieren. Aber wenn Morris ihm das richtige Finanzierungspaket zusammenstellen konnte – tja, es war ein Mordsrisiko. Ein Mordsrisiko. Doch was hatte er schon zu verlieren, selbst wenn alles in die Binsen ging? Ein Haus in einem Vorort von Milwaukee, einen zerbeulten Kombi und eine schrecklich vorhersehbare Zukunft, in der er anderen Leuten die defekten Schalldämpfer ihrer Autos austauschte. Es wäre kein Verlust, sondern eine Befreiung, selbst wenn alles vor die Hunde ging und er am Ende einen langweiligen Bürojob annehmen musste.

Jack erreichte die Kieselauffahrt, lief auf das Haus zu und streifte mit der Hand das nasse Mauerwerk. Jedem Menschen eröffnet sich einmal im Leben, und zwar wirklich nur einmal, eine unglaubliche Chance. Jack war sich ganz sicher, dass in der Entdeckung dieses Hauses seine große Chance lag. So musste es einfach sein. Wenn ich nur an die merkwürdige Art und Weise denke, wie ich hierher geführt wurde. Von einer weggewehten Zeitung, die aussah wie ein rennendes Kind. Wenn das nicht Schicksal ist, meine Fresse, dann weiß ich’s auch nicht …

Er konnte es ganz deutlich vor sich sehen. Das restaurierte Anwesen, die Wege sorgfältig gesäubert, strahlender Sonnenschein und elegant gekleidete Pärchen, die im umgebauten Gewächshaus eine elegante Cocktailparty feierten. Helikopter landeten auf der Terrasse und brachten Gäste direkt aus Chicago oder Milwaukee hierher. Ein Squashplatz, ein Glasdach für den Swimmingpool und hinten am Waldrand durfte natürlich eine schmucke Golfanlage nicht fehlen.

Er würde die Anlage Merrimac Court Country Club taufen. Eigentümer und Geschäftsführer John T. Reed junior. Das klang doch gut.

Langsam entfernte er sich vom Gebäude, rieb sich die Hände und schniefte vor Kälte. Sobald er nach Hause kam, würde er herausfinden, wem das Anwesen gehörte und wie viel er dafür verlangte. Dann würde er alles prüfen lassen, nur um sicherzugehen, dass es nicht irgendwelche verdeckten Mängel gab, deren Reparatur massive Folgekosten nach sich zog. Komm schon, sei mal vernünftig und denk logisch. Lass dich nicht von deiner eigenen Begeisterung überwältigen.

Doch Jack wusste, dass es kein Zurück gab. Sein Leben war schon jetzt dabei, sich völlig zu verändern. Selbst wenn man dieses Anwesen nicht mehr restaurieren konnte, würde er sich ein anderes suchen, bei dem es möglich war, und seinen eigenen Country Club eröffnen, so oder so, selbst wenn es ihn Kopf und Kragen kostete.

Er gönnte dem Grundstück einen ausgiebigen letzten Blick und versuchte, es sich vollständig instand gesetzt vorzustellen. Da erblickte er hoch oben auf dem Dach ein Gesicht in einem der Gaubenfenster. Ein kleines, blasses Gesicht, wie das eines Kindes.

Jack stand einfach nur da, starrte zum Fenster und blinzelte sich den Regen aus dem Gesicht. Ihm war unheimlich kalt und er fühlte sich matt und erschöpft. Aber er hatte es sich nicht eingebildet, sondern ganz deutlich gesehen, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde: Ein Kind hatte von dort oben zu ihm heruntergeschaut.

Er wusste nicht genau, was er jetzt tun sollte. Es musste sich um dasselbe Kind handeln, das er bereits vorhin auf der Straße gesehen hatte, das Kind, das ihn hierher geführt hatte. Die Zeitung am Zaun war wohl lediglich ein Zufall gewesen. Aber selbst wenn sich dort oben ein Kind aufhielt, was sollte er bitteschön unternehmen? Es war schließlich nicht sein Haus und er war auch nicht der Vater. Vielleicht sollte er die örtliche Polizeidienststelle anrufen und sie darüber in Kenntnis setzen, falls der Dreikäsehoch irgendwo ausgebüxt oder vor einer realen oder eingebildeten Gefahr geflüchtet war. Aber damit hätte er seine Bürgerpflicht dann wirklich mehr als zur Genüge erfüllt.

Und doch: Der Junge – zumindest glaubte Jack, dass es einer war – musste ja irgendwie ins Gebäude gelangt sein. Das wiederum bedeutete, dass es irgendwo ein Schlupfloch geben musste, durch das der Kleine hineingeklettert war. Selbst wenn er es nicht fand, konnte er zumindest durch ein Fenster oder eine verrottete Tür nach innen gelangen und nachsehen, in welchem Zustand sich die Bausubstanz drinnen befand.

Jack lief erneut um das Anwesen herum und versuchte es an der Terrassentür neben dem Westturm, doch sie war fest verschlossen und, wie er sehen konnte, sogar verriegelt.

Er bahnte sich den Weg zum Eingang des Gewächshauses und versuchte es dort. Zuerst tat sich nichts, doch als er die Griffe fest nach unten drückte und daran zog, öffnete sich eine der Schwingtüren zögerlich.

Unentschlossen blieb Jack stehen. Streng genommen hatte er das Grundstück schon ohne Erlaubnis betreten, indem er nur darauf herumlief, doch wenn er jetzt eintrat, würde er sich auch noch des Einbruchs schuldig machen. Obwohl alles ziemlich heruntergekommen wirkte, konnte doch immer noch jemand hier wohnen. Und falls der Besitzer zu Hause war, würde Jack sich ziemlich umständlich erklären müssen.

Er klopfte ans Fenster. »Hallo? Jemand zu Hause?«, rief er. Das Gewächshaus war innen mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Im schummrigen Halbdunkel herrschte völlige Stille. Ein gusseiserner Tisch lag auf die Seite gekippt. Daneben befanden sich die Scherben eines grünen Keramiktopfs, der hinuntergefallen war. Auf der gegenüberliegenden Seite des Anbaus stand eine Vielzahl von Tontöpfen, aus denen tote Pflanzen mit vergilbten Blättern ragten. Die feuchte Luft roch abgestanden und irgendwie sauer, so wie Essig.

»Jemand zu Hause?«, wiederholte Jack. Aber es blieb still, bis auf das kontinuierliche Tropfen von Regenwasser, das durch die verrostete Außenverkleidung heruntersickerte.

Benutz deine grauen Zellen, Reed, ermahnte Jack sich selbst. Hier lebt niemand mehr. Höchstens ein paar Hausbesetzer. Vielleicht Landstreicher oder weggelaufene Kinder. Niemand, der sich hier eher aufhalten dürfte als du. Niemand, der rechtmäßig hier ist.

Jack schob die Tür etwas weiter auf und trat ein. Der Boden war mit Erde und Steinen bedeckt und seine Schuhe knirschten und knarzten darauf. Er zögerte kurz und lief dann durch das Gewächshaus und die zwei Stufen hinauf zu der Pforte, die den Anbau mit dem Wohnhaus verband. Zwar war sie auch eingerostet, doch es gelang ihm, sie zu öffnen.

Wird schon schiefgehen, dachte er sich und öffnete sie gerade so weit, dass er sich hindurchzwängen konnte.

Bei dem Zimmer, das er betrat, schien es sich um eine große Lounge oder einen Aufenthaltsraum zu handeln. Überall standen cremefarbig lackierte Rohrsessel herum. Insgesamt mussten es zwischen 50 und 60 sein. Dazu passend gab es Tische im gleichen Farbton. Auf einigen davon standen Tassen und Untertassen, die längst eingetrockneter Kaffee an der Innenseite mahagonifarben verfärbt hatte. Auf dem grünen Teppichboden lagen Magazine und Zeitungen verstreut. Jack bückte sich und hob eine Ausgabe der Zeitschrift Collier’s auf. Die Titelgeschichte – »Walter Camps All-American Team« war auf 1926 datiert. Dann griff Jack nach einer der Zeitungen. Die Schlagzeile verkündete: MORDPROZESS IM FALL HALL-MILLS ERÖFFNET. Sie stammte vom 21. Juni 1926.

Für einen Moment stand Jack bewegungslos in der Mitte des Zimmers. Dann legte er das Magazin und die Zeitung sorgfältig auf einen der Tische. Mit einem Mal hatte er einen merkwürdigen Anfall von Klaustrophobie und wurde das Gefühl nicht los, dass die Lounge ihn einengte. Sein erster Impuls war, sofort wieder an die frische Luft zurückzukehren. Denn, großer Gott, im Juni 1926 musste dieses Zimmer voll mit Menschen gewesen sein, die aus unerfindlichen Gründen plötzlich alles stehen und liegen ließen und gegangen waren. Das Gebäude war danach 62 Jahre lang verschlossen geblieben und in all dieser Zeit schien niemand in diesem Raum irgendetwas angerührt zu haben.

Jack zwang sich, einmal tief Luft zu holen. Hier drinnen war es sogar noch kälter als draußen. Der beißende Geruch von Essig stahl sich erneut in seine Nase.

Er lauschte, aber bis auf den Regen, der auf das Dach des Gewächshauses trommelte, blieb alles ruhig. Nach einem Rundumblick durch die Lounge dachte Jack bei sich: Das hier würde eine hervorragende Cocktailbar abgeben. Ein antiker Spiegel, der die gesamte hintere Wand einnahm, dazu ein Tresen aus Marmor und vergoldete antike Stühle malte er sich aus. Er ging durch das riesige Zimmer hindurch zur nächsten Tür, die leicht offen stand. Das hier könnte richtig stilvoll werden.

Jack schritt hindurch und fand sich in einer gewaltigen gewölbeartigen Diele wieder, die rundum von einer Galerie umgeben war. Von zwei Seiten aus führte eine Marmortreppe in den ersten Stock. Das würde einen großartigen Empfangsbereich abgeben! Von der hohen Decke hing ein riesiger, eiserner Leuchter herab, unter dem ein Baldachin aus Spinnweben zu sehen war. Der Bodenbelag bestand aus einem rot-weißen Schachbrettmuster, das jedoch unter der dicken Schicht aus Staub und Schmutz kaum noch zu erkennen war. Der Putz hatte sich teilweise von der Wand gelöst und Zweige aus Vogelnestern lagen über den Boden verstreut.

Am Fuß jeder Treppe stand eine lebensgroße Steinstatue einer Heiligenfigur in biblischer Gewandung. Die zwei identischen Statuen hatten die Augen ebenfalls geschlossen. Jack näherte sich einer der beiden Repliken und betrachtete sie aufmerksam. Er wusste nicht, weshalb er all diese Gesichter mit den geschlossenen Augen so beunruhigend fand, doch er konnte es nicht ändern. Wer zum Teufel fertigt denn Statuen mit geschlossenen Augen? Soll das Tod oder Schlafen symbolisieren? Oder will uns der Künstler damit sagen, dass sie einfach unseren Blick nicht erwidern möchten, während wir sie anschauen?

Egal wie es sich wirklich verhielt, es gefiel ihm nicht. Es vermittelte ihm das ungute Gefühl, dass sich die Augen öffneten und ihn anstarrten, sobald er ihnen den Rücken zuwandte.

Jack ging drei Stufen nach oben und rief: »Hallo? Hallo! Ist da oben jemand?«

Es gab kein Echo. Doch irgendwo im Haus war ein leises, schlurfendes Geräusch zu vernehmen. Vielleicht ein Eichhörnchen. Oder ein Vogel. Oder ein kleiner Junge, der wusste, dass er etwas falsch gemacht hatte, als er einfach über die Straße gerannt war und sich bei seiner Flucht dann in einem der oberen Räume versteckt hatte.

»Hallo!«, schrie Jack. »Kannst du mich hören? Denn ich komme jetzt hoch und hol dich, ob es dir passt oder nicht!«

Jack stieg die Stufen hinauf, nahm immer mehrere auf einmal und erreichte so in Windeseile den ersten Stock. Als er oben ankam, schaute er zurück auf die zwei Statuen im Gang. Das Licht wurde jetzt schwächer, doch sie strahlten in einem fast schon unnatürlichen Glanz. Keines der Standbilder öffnete allerdings die Augen oder bewegte sich. Jack, mein Freund, du solltest deine Fantasie lieber im Zaum halten.

Am Ende der Treppe zweigten zwei lange Gänge ab, einer in Richtung des Westturms und einer zu seinem Konterpart im Osten. Beide lagen im Dunkel, doch auf dem Linoleumboden erkannte Jack ganz schwach eine Lichtreflexion. Er holte eine Münze aus der Tasche seiner Regenjacke und warf sie in die Luft. »Kopf nach Westen, Zahl nach Osten«, sagte er zu sich selbst. Die Münze fiel mit der Zahl nach oben auf den Boden.

Jack schlug den Weg zum östlichen Trakt ein. Er war lang, dunkel und beengt, doch da konnte man später sicher immer noch ein paar zusätzliche Fenster oder Lichtschächte einbauen. Zu beiden Seiten gingen zahlreiche cremefarben lackierte Türen ab. Sie waren allesamt verschlossen, doch jede verfügte über ein kleines Guckloch mit beweglichem Messingdeckel als Abdeckung. Jack spähte in ein paar Räume hinein. Es waren nur Betten und Stühle zu sehen. In einem der Zimmer lag sogar nichts weiter als eine Matratze auf dem Boden.

Nach jeder sechsten Tür führte ein kurzer Seitengang zur rückwärtigen Seite des Gebäudes und gab den Blick auf ein Fenster frei. Doch sie waren samt und sonders mit einem schwarzen, rautenförmigen, sehr feinen Stahlnetz gesichert, das kaum Licht durchließ. Außergewöhnlich erschien ihm, dass das Netz nicht nur hineingeschraubt, sondern sogar verschweißt worden war. Schon seltsam, dass der Eigentümer so sicherheitsbewusst war, dass er alle Fenster des oberen Stockwerks sorgsam verriegelte, aber nicht an ein einziges der unteren Fenster gedacht hatte.

Jack lief den ersten Seitengang ab, bis er die Öffnung erreichte. Durch das verstaubte Gitter und das schmierige Glas waren ein Teil des Tennisplatzes, eine Ecke des Schwimmbads und der verwilderte, vernachlässigte Garten zu erkennen. Jack blieb ein paar Minuten am Fenster stehen und spähte hinaus. Es regnete nach wie vor. Der Himmel hatte die Farbe von Naturstein angenommen und das Gras sah giftgrün aus. Jack blickte auf die Uhr. Es war schon 16:30 Uhr. Er würde erst deutlich nach Einbruch der Dunkelheit zu Hause ankommen.

Am Ende des Gangs langte Jack vor einer Doppeltür aus gebeiztem Eichenholz an, die er nicht nur verschlossen vorfand, sondern sogar durch einen zusätzlichen Stahlriegel samt robustem Schloss gesichert. Er rüttelte daran, aber es tat sich nichts. Was auch immer sich im Ostturm befand, die Eigentümer wollten ganz offensichtlich, dass es dort blieb. Vielleicht eine wertvolle Bibliothek oder eine Kunstsammlung? Vielleicht war auch die Decke eingefallen und man wollte, dass niemand dort hineinlief und sich verletzte. Doch zu seiner Linken ging eine weitere Treppe ab. Mitten durch die Dunkelheit führte sie hinauf ins nächste Stockwerk.

Links an der Wand befand sich ein Lichtschalter, den er betätigte, aber natürlich funktionierte er nicht mehr. Vermutlich musste das gesamte Haus für den Hotelbetrieb von oben bis unten neu verkabelt werden.

Auf dem Treppenabsatz erwartete ihn auf halber Höhe ein weiteres Fenster, doch auch dieses war mit einem Stahlnetz gesichert, das an einigen Stellen verbeult war, als ob sich ein massiger Körper mit roher Gewalt dagegengeworfen hatte.

Jack setzte einen Fuß auf die nächste Treppenstufe und zögerte. Es wurde immer später und düsterer. Eine Taschenlampe hatte er auch nicht dabei. Vielleicht sollte er es gut sein lassen und sich auf den Rückweg machen. Bestimmt machte sich Maggie schon Sorgen um ihn und der Truthahn zum Abendessen lief akut Gefahr, auszutrocknen. Bisher war er immer pünktlich nach Hause gekommen oder hatte Maggie bei einer drohenden Verspätung rechtzeitig angerufen, um ihr Bescheid zu geben.

Auf der anderen Seite hatte er noch nie so etwas wie dieses Haus gefunden, nie zuvor der Chance seines Lebens gegenübergestanden. Das war es wert. Was bedeutete schon ein verkochtes Tiefkühlessen im Vergleich zum Schicksal eines Menschen?

Er stapfte die Treppe hinauf. Seine Schuhe schlurften über den Marmor. Ihm war, als höre er erneut ein Geräusch, weshalb er kurz innehielt, den Atem anhielt und lauschte.

Es klang wie etwas Schweres, das kratzte, etwas, das schleifte. Es erinnerte ihn an einen Betonmischer, doch war es sehr leise, sodass er nicht genau ausmachen konnte, aus welcher Richtung es kam. Da war es auch schon wieder verklungen und er konnte noch nicht einmal beschwören, dass er wirklich etwas gehört hatte.

Jack verharrte auf der Stelle und lauschte, bis er vor Anspannung fast platzte, doch der Ton wiederholte sich nicht. Vielleicht das Regenwasser, das durch die Rinnen sickerte, oder Eichhörnchen, die durch die Traufen tollten.

Er setzte seinen Weg fort und bemühte sich, leiser zu sein. Die nächste Etage war sogar noch dunkler und roch noch stärker nach Essig. Wahrscheinlich handelte es sich um Ausscheidungen von Tieren. Er ging davon aus, dass sich das ganze Gebäude in eine Zuflucht für Iltisse, Stinktiere, Eichhörnchen und Vögel verwandelt hatte. Einmal war er Zeuge geworden, wie bei einem Haus am Rande von Madison das Dach abgenommen wurde. Eichhörnchen hatten darin fünf Jahre lang Kobel gebaut und im Gebälk fanden sich überall riesige Stücke zerfetzter Dämmung aus Glaswolle, in denen sich halb verrottete Überreste von verendeten Jungtieren stapelten. Der Geruch nach Verwesung war überwältigend gewesen. Danach war es ihm nie wieder gelungen, Eichhörnchen anzusehen und niedlich zu finden.

Jack warf einen kurzen Blick auf den Gang im zweiten Stock. In einem der Dachfenster hatte er das Gesicht des Kindes gesehen (wenn es sich denn überhaupt um ein kleines Kind und nicht um eine Eule, eine Taube oder die merkwürdige Reflexion einer Fensterscheibe gehandelt hatte). Also kletterte er die Stufen weiter bis ganz nach oben. Auch hier befand sich auf halber Höhe ein Fenster, das ebenfalls mithilfe eines massigen Stahlnetzes gründlich verriegelt worden war.

Ihm fiel eine weitere Merkwürdigkeit auf: Normalerweise wurden Stahlnetze außen an den Fenstern angebracht, damit die Scheibe nicht mithilfe von Steinen eingeworfen werden konnte oder Einbrecher durch Hochklettern an der Fassade ins Innere des Hauses gelangten. Dieses Netz war offensichtlich eher deshalb angebracht worden, damit die Scheiben nicht von innen beschädigt werden konnten.

Aber wer lebte in einem so prächtigen Anwesen und musste dabei die Fenster vor sich selbst schützen?

Er erreichte das oberste Podest. Hier bogen sich die Traufen nach innen und formten so ein Mansardendach. Obwohl sich Jack jetzt an einer der höchsten Stellen des Hauses aufhielt, fühlte er sich dort sogar noch eingeengter als in den unteren Stockwerken. Falls er fliehen musste, lagen drei Treppen vor ihm, ein langer, enger Korridor, gefolgt von einem weiteren Treppenlauf, dann einem weiteren Gang, den er passieren musste, um durch die Lounge wieder in das Gewächshaus zu gelangen.

Er wartete einen Moment ab und zwang sich, ruhig zu bleiben. Noch nie zuvor in seinem Leben hatte er zu klaustrophobischen Anfällen geneigt, doch irgendetwas an diesem Anwesen vermittelte ihm das untrügliche Gefühl, gefangen zu sein. Wahrscheinlich waren es die Fenster, die Tatsache, dass sie alle mit einem Netz gesichert waren. Und die verschlossenen Türen. Er hatte bisher noch kein einziges Zimmer im oberen Bereich unverschlossen vorgefunden.

Jack machte sich auf den Weg durch den Gang, der sich unter dem Dach über die komplette Distanz des Hauses erstreckte. Es war inzwischen ziemlich dunkel geworden und er konnte kaum mehr als ein paar Schritte vor sich etwas erkennen. Jack tastete sich mit den Händen oben an der Wandbekleidung aus gebeiztem Eichenholz vorwärts, um nicht die Orientierung zu verlieren. An jeder Tür hielt er an und versuchte, den Griff herunterzudrücken. Wenn das Kind an einem der Dachfenster gestanden hatte, musste es ja irgendwie in einen der Räume hineingelangt sein. Und solange es keinen Schlüssel besaß, um sich selbst einzuschließen, würde Jack herausfinden, wo es sich versteckte.

»Hallo!«, rief er. »Ist da jemand?«

Jack zerrte an einem weiteren Türgriff. Verschlossen. Er versuchte es beim nächsten. Ebenfalls abgeriegelt.

Jack war schon den halben Gang entlanggelaufen, als er sich einbildete, das kratzende Geräusch wieder zu hören. Er hielt inne und lauschte. Es schien von hinten zu kommen. Ein tiefes, dunkles Geräusch, als wenn jemand einen Sack Zement vor sich herschob. Es schien sich zu nähern.

Alarmiert drehte er sich um. Seine Nackenhaare stellten sich auf. Doch da war niemand. Er konnte ja selbst sehen, dass der Gang absolut leer war.

Und dennoch dauerte das Geräusch an. Sssschhhhhhhhh-sssschhhhhh-ssssschhhhhh; es klang nachdrücklich, unbarmherzig und durchdrang jede Faser seines Körpers.

Jack stand einen Moment lang wie versteinert da und lauschte. Dann begann er schneller durch den Gang zu laufen, sich von dem Geräusch weg zum Westende des Hauses zu bewegen. Er versuchte sich an den ersten zwei Türgriffen, doch das Rauschen war immer noch hinter ihm zu hören, also ignorierte er die restlichen Türen und rannte los. Ssssschhhhhhh-ssssschhhhhh-sssschhhhhh hallte es die Wand entlang und an jeder Tür erklang ein merkwürdig dumpfes Klopfen.

Er gewann den Eindruck, dass etwas Riesiges, Unsichtbares ihm den Gang hinterherjagte, mit dem Körper an den Wänden entlangschleifte und an den Türen rüttelte. Es begann immer lauter und schneller zu werden, Sssschhhh-rumms! Ssschhhhh-rumms! Ssschhhh-rumms!

Jack rannte jetzt, so schnell er konnte. Der düstere Gang verschwamm vor seinen Augen. Er betete zu Gott, dass am anderen Ende eine Treppe zu finden war. Als er loslief, wäre ihm gar nicht in den Sinn gekommen, dass es möglicherweise nur eine pro Etage geben konnte.

Das Geräusch drängte ihm hinterher, Sssschhhh-rrrumms! Sssschhhh-rrrumms! Er wusste nicht, was es war oder was zum Teufel es mit ihm anstellen würde. Jack wollte nur noch raus aus diesem Haus, und zwar so schnell ihn seine Beine trugen.

Fast hatte Jack das Ende des Gangs erreicht. Da war noch eine Treppe, Gott sei Dank! Er hechtete sie hinab, nahm vier oder fünf Stufen auf einmal und schnappte bei jedem Sprung nach Luft. Doch das Geräusch wich nicht aus seinem Rücken, schakka-takka-schakka-takka, glitt hinter ihm her.

Er hielt sich am Geländer fest und schwang sich die letzten sechs Stufen nach unten, rutschte aus und verstauchte sich den Knöchel. Trotzdem spurtete er den Korridor in der ersten Etage bis zur nächsten Treppe, den letzten Treppenlauf hinunter, den großen Gang entlang durch die Lounge und schließlich über die Stufen hinab zum Gewächshaus und raus in den nassen, abendlichen Nieselregen.

Keuchend wandte er sich zum Haus um. Was immer es war, hier draußen konnte er sich ihm stellen. Doch um auf der sicheren Seite zu sein, angelte er sich zunächst einen herabgefallenen Backstein aus der Rinne neben dem Kiesweg und wog ihn in der Hand.

Jack bildete sich ein, dass sich das Ssschhhhhhh-Geräusch aus dem Raum hinter dem Gewächshaus näherte. Es war nicht zu überhören, wie sich die Türen lautstark öffneten. Dann wurde der Anbau erschüttert und erbebte, als wäre er von einem Auto erwischt worden. Einige Glasscheiben zerbrachen klirrend und die Scherben prasselten auf den Marmorboden.

Jack trat einen Schritt zurück und schwang seine improvisierte Waffe. Doch plötzlich herrschte Stille. Das Geräusch war verstummt. Er wartete und wartete, doch es kam nichts mehr. Er hörte den Regen durch die verwitterten Rinnen sickern und den Vogel, der von weit weg sein Pi-wuu, Pi-wuu schmetterte, doch das war alles!

Vorsichtig tat er einige Schritte zurück in Richtung Gewächshaus und spähte hinein. »Hallo?«, fragte er vorsichtig, doch niemand antwortete, denn da war niemand.

Eine Weile lauschte er seinem eigenen Herzschlag und ging dann wieder nach drinnen. Von einem Haus ließ er sich doch keine Angst einjagen! Erst recht nicht von seiner eigenen Fantasie, die offensichtlich mit ihm durchging. Ja, etwas hatte ihn hierher geführt, das stimmte, aber es war das Schicksal höchstpersönlich gewesen. Er würde dieses Gelände zum Merrimac Court Country Club umbauen lassen und er, John T. Reed junior, würde als Eigentümer und Geschäftsführer fungieren. Und damit basta!

Du Feigling, schalt er sich selbst. Es war dein eigener Atem, dein eigenes Blut, das durch deine Ohren gerauscht ist. Genau wie das Meer, das man hört, wenn man sich eine Muschel ans Ohr hält. Dir ist einfach nur mal wieder der Verstand durchgegangen.

Er hob den Splitter einer Glasscheibe auf, die aus einem der Rahmen des Gewächshauses herausgefallen war. Das ist auch kein besonders mysteriöses Vorkommnis. Die Türen sind hinter mir zugefallen und die Eisenkonstruktion ist derart marode, dass es nicht wirklich erstaunlich ist, wenn dann ein paar Scheiben das Zeitliche segnen.

Jack ging wieder zurück in die Lounge. Leer. Nichts hatte sich verändert. Nicht einmal ein Stuhl war umgekippt. Wenn wirklich etwas hinter ihm her gewesen wäre, hätte er es doch wohl gesehen, richtig? Er hob eine der Zeitungen auf, ging wieder in den Anbau zurück und zog die Tür hinter sich zu.

Also gut, er war immer noch nicht absolut davon überzeugt, dass das, was er gehört hatte, wirklich nur sein eigenes Blut gewesen war, das in seinen Ohren rauschte. Aber sei doch bitte mal vernünftig, Jack. Es gibt keine Geister; und etwas, das du nicht sehen kannst, wird dir ja wohl kaum etwas antun können. Das Schlimmste, was es gewesen sein kann, ist ein Eichhörnchen, das die Hohlwände hochgekraxelt ist. Ja, das war es ganz bestimmt. Ein Eichhörnchen, verflucht noch mal, das hinter ihm her gejagt war, um seine Jungen zu schützen. Da konnten die ja ziemlich wild werden, oder? Besonders hier mitten im Wald.

Seine Eichhörnchentheorie gefiel ihm. Wenn er das Gebäude prüfen ließ, würde er darauf achten, dass jemand die Hohlwände sorgfältig nach Tieren absuchte.

Es wurde bereits dunkel. Der Regen ließ langsam etwas nach. Jack lief noch einmal um das Gebäude herum und versuchte es so pessimistisch wie möglich zu schätzen, die schlimmsten Aspekte in Augenschein zu nehmen: die eingefallenen Rinnen, die fehlenden Fliesen, die verrosteten Eisenhalterungen.

Ach komm, Jack, hier steckt ein Haufen Arbeit drin; und wahrscheinlich auch ein Haufen Ärger, bevor das alles fertig ist. Du kannst einfach weggehen und es vergessen. Zurück nach Milwaukee, zurück zu Reed Muffler & Tire.

Doch Jack wusste, dass es nie wieder so sein würde wie vorher. Eine ältere, aber überaus reizende Lady hatte ihn verführt und er konnte sie jetzt nicht mehr aus dem Kopf bekommen.

Müde trabte er weg vom Haus, lief an den Bäumen entlang durch Farn und Dornendickicht bis hin zum Stacheldrahtzaun. Er hatte ihn schon fast erreicht, als er ein Schild flach im Gras liegen sah. Er humpelte hin und wollte es gerade aufheben, als er feststellte, dass es von einer Schicht schleimiger schwarzer Schnecken bedeckt war. Daher benutzte er seinen Fuß, um es vorsichtig umzudrehen.

Unter der grünlich-schwarzen Flechte, die das Schild fast vollständig bedeckte, konnte er eben noch die Worte EIGENE GEFAHR ausmachen. Er ließ es ins Unterholz fallen, warf einen letzten Blick auf das Dach des zukünftigen Merrimac Court Country Clubs, duckte sich dann zwischen dem Stacheldraht hindurch und machte sich auf den Rückweg zum Auto.

Z W E I

Die ganze Rückfahrt hatte er damit verbracht, sich eine Entschuldigung zurechtzulegen, aber Maggie tobte trotzdem. Sie marschierte in der Küche auf und ab, während er mit einem Bier in der Hand am Küchentisch saß. Das Truthahn-Fertiggericht aus der Gefriertruhe inklusive Toffee-Brownie als Gratisbeigabe hatte schon zwei Stunden vorher ein jähes Ende in der Mülltonne gefunden.

»Sag’s mir!«, schnaubte sie. »Na los! Nenn mir doch nur ein Argument, das mich davon überzeugt, dass du Ahnung vom Management eines Country Clubs hast! Nur ein einziges, das würde mir schon reichen. Vielleicht kann ich dann endlich anfangen, dich ernst zu nehmen!«

Jack zuckte die Achseln. Er versuchte mit aller Macht, vernünftig und gelassen zu bleiben und sich nicht aufzuregen. Denn erstens schlief Randy schon und zweitens verlor er jeden Streit mit Maggie, wenn ihm der Kragen platzte, denn dann musste er sich hinterher immer dafür entschuldigen, dass er durchgedreht war. Maggie widmete das dann immer flugs zur Entschuldigung um, dass er überhaupt Streit angefangen hatte, völlig egal, ob er im Recht war oder nicht.

»Erstens habe ich Ahnung, wie man ein erfolgreiches Geschäft führt!«, konterte er. Beim Wort erfolgreich verzog sie spöttisch das Gesicht.

»Zweitens weiß ich zufällig ganz genau, was ich von einem solchen Club erwarte, wenn ich dort als zahlender Kunde auftauche.«

»Wie kannst du auch nur die geringste Vorstellung davon haben, was man von einem Country Club erwarten kann?«, schnaubte sie. »Schließlich warst du ja noch nie in einem.«

Jack starrte auf sein Bier. »Na ja«, erwiderte er, »sorry, aber das beweist nur wieder, dass du keine Ahnung hast. Ich war schon mal mit Harry Whiteman im Kenosha Golf Club, und als wir den Kongress für Schalldämpfer-Händler in Madison organisiert haben, bin ich im Mud Lake Tennis and Racquet Club abgestiegen.«

»Oh, das hätte ich fast vergessen«, antwortete Maggie. »Der Mud Lake Tennis and Racquet Club. Ein halbes Dutzend bierbäuchiger Männer in Hawaiihemden, die versuchen, Plastikfederbälle über eine Reihe von Klappstühlen zu schlagen.«

»Das Netz wurde gerade repariert!«, protestierte er und dachte dann: Scheiße, sie kriegt mich immer mit den Details dran.

»Das ist also deine Idealvorstellung von einem Country Club? Mud Lake?«

Jack hob den Kopf und warf ihr einen finsteren Blick zu, doch er schaffte es, die Beherrschung nicht zu verlieren. Er hatte sie enttäuscht, das war ihm schon klar. Seit sie geheiratet hatten, bot er ihr nichts als eine Serie von Enttäuschungen. Sie hatte ihn für einen anderen gehalten, für eine andere Sorte von Mann. In elf Jahren Ehe war es ihm nicht gelungen, herauszufinden, welche Erwartungen genau sie an einen solchen Mann stellte.

Er hatte versucht, hinter das Geheimnis zu kommen, indem er sie immer dann, wenn er zu tief ins Glas geschaut hatte, anbrüllte: »Was zum Teufel willst du von mir?« Doch sie antwortete ihm nie. Sie verschanzte sich in solchen Situationen einfach im Schlafzimmer und rollte ihr Haar in Lockenwickler ein. Wahrscheinlich wusste sie es selbst nicht so genau.

Doch sie liebten sich noch immer, obwohl es Jack schwerfiel, diese Liebe in Worte zu fassen. Sie machten einen auf Traumpaar, wenn sie zusammen ausgingen. Jack war groß und schlank, hatte kastanienbraunes Haar, das immer aussah, als müsste es mal geschnitten werden, und eines dieser gutmütigen, makellosen Gesichter, das man nie wirklich ernst nehmen konnte – so wie das von Dick Van Dyke. Er zog sich öfter mal zu gut an und trug eine Krawatte, wenn alle anderen sich mit einem Hemd begnügten. Selbst im Alter von 43 Jahren hatte er es noch nicht geschafft, die übermächtige Förmlichkeit abzulegen, die er von seinem Vater geerbt hatte. Viel zu spät war ihm bewusst geworden, dass dessen Förmlichkeit kein Anzeichen für Traditionalismus und Stärke gewesen war, sondern er seine Schüchternheit und chronische Unsicherheit damit kaschierte.

Maggie (oder Margaret-Ann, wie er sie nannte, wenn er sich wirklich über sie ärgerte) war ein Milwaukee-Eigengewächs mit deutschen Wurzeln in zweiter Generation. Ihr Haar war silberblond, die Augen smaragdgrün und ihr Kinn stark ausgeprägt, typisch deutsch und stark gespalten wie das ihres Vaters. Wenn es ihr gut ging, trat ihre weibliche Seite in den Vordergrund. Dann wirbelte sie ausgelassen auf ihren vollschlanken nackten Füßen durch die Wohnung. Doch bei einem Wutausbruch kam das Männliche in ihr durch. Sie hatte große Brüste und stämmige Arme. Im Sommer war ihr Körper über und über mit Sommersprossen bedeckt. Und immerzu beschwerte sie sich über ihre zu breiten Hüften.

Ihr Vater war ein Drucker im Ruhestand, der schon immer unter der Trugvorstellung gelitten hatte, ein europäischer Intellektueller zu sein. Seine Bücherregale quollen über mit Literatur wie Narziss und Goldmund oder Die Fahrt der Beagle und er war treuer Abonnent von Psychology Today. Er rauchte Zigarillos und schwadronierte von »Welten in Welten«.

Maggie, die irgendwann mal ziemlich zufrieden mit ihrem Teilzeitjob als Klavierlehrerin an der Marquette University gewesen war, schien seit einiger Zeit unter ähnlichen Wahnvorstellungen zu leiden. Sie hatte sich an der Abendschule für einen Kurs in Expressionismus eingeschrieben, der im März beginnen sollte. Jack wusste nicht einmal, was sich hinter dem Begriff verbarg. Er sagte immer nur: »Was zum Teufel ist Expressionismus überhaupt?«, doch sie wollte es ihm nicht sagen oder konnte es nicht.

»Wir könnten einen Lebensstil pflegen, wie du ihn dir in deinen kühnsten Träumen nicht erhofft hast«, erklärte Jack ihr.

»Findest du unseren aktuellen nicht schlimm genug?«, konterte sie, während sie von einer Seite der Küche zur anderen marschierte.

»Findest du ihn schlimm?«, erkundigte er sich. »Du findest unsere Art zu leben wirklich schlimm?«

»In Gottes Namen, Jack, ich hab’s nicht so gemeint. Nicht so schlimm. Ich meinte eher, keine Ahnung ... stressig.«

»Was denn für ein Stress?«, wollte er wissen. »Was für ein Stress? Der einzige Stress ist, dass wir keinen haben. Es gibt keine Herausforderungen.«

»Und du hältst die Leitung eines Country Clubs für eine Herausforderung? Herrgott! Manche Leute haben wirklich komische Vorstellungen.«

Sie trabte sechs Schritte in die eine, dann wieder sechs Schritte in die andere Richtung. Vor genau fünf Monaten und vier Tagen hatte sie von einem Tag auf den anderen das Rauchen aufgegeben. Die Vorderseite des Eichenholzschranks im Kolonialstil war durch Wasserflecken verschandelt. Die elektrische Wanduhr hing nie ganz gerade und so wirklich genau ging sie auch nicht.

Jack schüttelte den Kopf und versuchte, sie mit einer mitleidigen Miene zu mustern, weil sie ihn ganz offensichtlich nicht verstand. »Schatz, dieses Gebäude … es ist wie aus einem Märchen. Kannst du dich an Dornröschen erinnern? Das von Dornen umrankte Schloss? Du musst es dir ansehen, damit du verstehst, was ich meine.«

»Ich will es gar nicht sehen«, klärte Maggie ihn auf. »Ich hab überhaupt nicht das geringste Interesse daran. Die ganze Geschichte, diese Idee – es kommt mir vor, als hättest du deinen Verstand verloren. Es ist so, als wärst du hier reingeplatzt und hättest mir eröffnet, dass du an AIDS erkrankt bist oder so.«

»AIDS?« Er musste sich beherrschen, um nicht zu schreien. »AIDS? Es ist ein Haus, Maggie. Es ist ein riesiges altes Grundstück mitten im Wald. Es hat so viel Potenzial, dass es kaum zu fassen ist! Es hat alles, was man sich nur wünschen könnte! Jetzt mach mal halblang, Herrgott noch mal!«

Er hielt inne, schüttelte sich und sagte dann: »AIDS, du meine Güte!«

Maggie hörte auf durch die Küche zu marschieren und drückte eine Hand an die Schläfe. »So etwas Blödes hab ich echt noch nie gehört«, spöttelte sie, als ob sie gerade mit jemandem telefonieren würde. »Ich kann’s nicht glauben, dass du mit zweieinhalb Stunden Verspätung nach Hause kommst und mir dann erzählst, dass du einen Country Club eröffnen willst. Vielleicht wache ich morgen früh auf und stelle fest, dass es nur ein durchgeknallter Traum war.«

Jack stand auf. Vater im Himmel, bitte. Er war kurz vorm Durchdrehen. »Maggie«, begann er in möglichst versöhnlichem Tonfall. »Glaubst du allen Ernstes, dass ich 25 Jahre Reed Muffler & Tire für eine Schnapsidee opfern würde? Glaubst du das wirklich? Ich bin kein Volltrottel, Maggie. Ich bin jemand, der die Dinge anpackt. Du musst mir schon zugestehen, dass ich über eine gewisse Vorstellungskraft verfüge. Ich habe einen Traum. Auch wenn ich schon 43 bin, habe ich doch immer noch Träume.«

»Träume«, wiederholte sie und nickte, als ob sie immer noch mit ihrem imaginären Gesprächspartner telefoniere.

»Was ist so falsch daran, Träume zu haben?«

Ihre grünen Augen fokussierten ihn ernst. »Es sind deine Träume, über die du hier sprichst, mein Freund. Deine Träume, nicht meine.«

Jack schlug mit der Faust auf die Theke und verschüttete dabei sein Bier. »Na gut, verdammt! Es ist mein Traum! Aber wie zum Teufel soll ich dir deine Wünsche erfüllen, wenn ich sie noch nicht einmal kenne, verdammter Mist!«

Die Schlafzimmertür fiel krachend ins Schloss. Putz rieselte von der Decke. Jack saß alleine in der Küche und starrte sein übergeschwapptes Bier an. Wieder verkackt, dachte er mit einer Bitterkeit, die ihm inzwischen schon vertraut vorkam. Wieder verkackt. Jetzt bleiben mir noch zwei Möglichkeiten, nämlich entweder die Sache mit dem Country Club abzuschreiben oder gleich die Scheidung einzureichen.

Er saß immer noch so da, als sich die Tür wieder öffnete. Für einen Moment dachte er schon, es sei Maggie, die zurückgekommen war, um ihm zu sagen, dass es ihr leidtat. Doch es war Randy, der mit zerzausten Haaren und verquollenen Augen hineinschlurfte. Er trug seinen geliebten »A-Team«-Schlafanzug und hielt das schreckliche beigefarbene, geschlechtslose Ding in der Hand, das eine Feministenfreundin von Maggie für ihn gestrickt hatte, weil es in keiner Weise diskriminierend war.

Randy nannte es Waffel, da es die Oberflächenstruktur einer Waffel aufwies. Für Jack war es die Kackwurst.

»Wie geht’s dir, Großer?«, erkundigte sich Jack bei Randy und hob ihn auf die Theke.

»Du und Mom, ihr habt mich aufgeweckt!«, beklagte sich Randy.

»Oje, da haben wir wohl etwas zu laut gesungen«, sagte Jack.

Randy schüttelte den Kopf. »Ihr habt euch gestritten.«

»Nee. Es war kein Streit, sondern eher eine Art Diskussion.«

»Mami hat die Tür abgeschlossen und als ich durchs Schlüsselloch geschaut habe, hat sie sich Lockenwickler reingedreht.«

Jack seufzte. »Also gut, Officer, ich gestehe: Es war ein Streit.«

»Worum ging es denn diesmal?« Für einen neunjährigen Jungen war Randy ganz schön abgeklärt.

»Ach, ich weiß nicht. Dies und das. Das Übliche. Einfach zwei Erwachsene, die nicht in der Lage sind, zu etwas anderem als dem Wetter die gleiche Meinung zu vertreten und friedlich miteinander umzugehen. Wir sind uns nicht einig, ob das Universum eine Donut-Form hat und wenn ja, wo sich die Marmelade befindet. Deine Mutter und ich, wir können über alles Mögliche streiten.«

Jack schwieg einen Moment, trank einen Schluck Bier und fragte dann: »Randy, würdest du gerne von hier wegziehen?«

Randy presste die Kackwurst enger an sich und runzelte die Stirn.

»Meinst du woanders hinziehen?«

»Klar. Zum Beispiel – keine Ahnung – in den Wald vielleicht.«

»In den Wald?«

Jack nickte eifrig. »Genau, in den Wald. Du klingst schon fast wie deine Mutter. Ich sage ›Wald‹ und dann sagt sie ›Wald?‹ und dann sage ich ›Wald‹. So geht’s dann endlos weiter bis zum Sankt Nimmerleinstag.«

Randy starrte ihn entgeistert an. Schließlich erlaubte sich Jack ein Grinsen und sagte: »Weißt du was, Randy? Ich werde dir die Schätze des Waldes zeigen.«

Es regnete immer noch, als Jack am nächsten Morgen zu Reed Muffler & Tire neben der Wisconsin Cuneo Press auf der West Good Hope Road einbog. Er stellte den Wagen auf dem Parkplatz mit dem RESERVIERT-Schild ab und eilte über den von Pfützen übersäten Betonboden zur Reparaturwerkstatt. Seine Mechaniker sahen aus, als hätten sie alle Hände voll zu tun. Auf den Hebebühnen standen zwei Autos, deren Auspuffsystem ausgetauscht werden sollte, während in der Reifenmontagehalle das laute Kreischen von Bohrern und das ohrenbetäubende Knallen widerhallte, das beim Aufpumpen von Reifen unvermeidlich war.

Jacks Schichtleiter Mike Karpasian hob seine ölverschmierte Hand zum Gruß und walzte dann seinen massigen Körper, der in einem Overall in Übergröße steckte, durch die Werkstatt. Mike war früher mal Profiboxer gewesen und sprach äußerst undeutlich, was bei Gesprächspartnern den Eindruck vermittelte, als wäre er nicht besonders hell im Kopf, doch unter den Angestellten war er mit Abstand der zuverlässigste und schlagfertigste.

»Was ist denn mit deinem Auto passiert?«, erkundigte sich Mike, während sein Kopf in Richtung des Kombis nickte.

»Ins Schlingern geraten und gegen einen Baum gekracht!«, erklärte Jack. »Hast du den ganzen Tag so viel zu tun?«

»Sieht ganz danach aus. Wir haben heute Morgen noch fünf weitere Termine: zwei Auspufftöpfe, die ausgetauscht werden müssen, und drei Abgasuntersuchungen. Reifen sind nicht ganz so viele zu wechseln, aber man weiß ja nie. Die Leute fangen an, sich über ihre Reifen Gedanken zu machen, sobald die Straßen rutschig werden.«

Er schniefte und fuhr dann fort: »Mein Cousin Waldo kann dir das Heck reparieren. Ihm gehört eine Karosseriewerkstatt drüben in Cudahy. Der macht dir einen Vorzugspreis.«

»Wenn er so arbeitet wie der Cousin von dir, der mir die Schrottpresse repariert hat, dann verzichte ich dankend. Ich hab jetzt vermutlich die einzige Schrottpresse in ganz Amerika, die den Müll vergrößert.«

Jack ging durch die Werkstatt ins Büro. Karen schrieb gerade Rechnungen, doch sie schaute auf, als er die Tür öffnete, und lächelte ihn an.

»Hab nicht damit gerechnet, dass du heute reinkommst!«, erklärte sie ihm. »Wolltest du nicht nach Wauwatosa?«

»Ich wollte dich sehen!«, antwortete er und schloss die Bürotür hinter sich.

Karen arbeitete nun schon seit drei Jahren für ihn. Sie war 26 Jahre alt und hatte braunes, fülliges Haar. Auf ihre püppchenhafte Art wirkte sie mit ihrem Schmollmund und ihren künstlichen Wimpern sehr attraktiv. Meistens trug sie tief ausgeschnittene Strickwesten, keinen BH und enge Miniröcke. Wenn sie lief, wackelte sie mit dem Hintern. Die männliche Kundschaft von Reed Muffler & Tire fühlte sich stark zu ihr hingezogen, doch sie hatte nur Augen für Jack.

Nicht dass sie miteinander rumgemacht hätten. Karen hatte gerade erst eine Verfügung gegen ihren zweiten Ehemann erwirkt, einen Truckerfahrer mit 140 Kilogramm Lebendgewicht namens Cecil, der ihr an zwei Stellen den Kiefer gebrochen hatte. Momentan gönnte sie sich eine »emotionale Auszeit«, wie sie es nannte, und kümmerte sich statt um Männer mit viel Hingabe um ihre Tochter aus erster Ehe, Sherry (eine Abkürzung für Sherrywine, die nichts mit dem alkoholischen Getränk zu tun hatte, wie sie stets eilig versicherte).

Karen und Jack gingen gelegentlich kurz nach Feierabend auf ein Bier in die Kneipe gegenüber. Dann sprachen sie gefühlsduselig über alles, was geschah oder eben auch nicht und das, was niemals geschehen konnte.

»Hast du dich wieder mit Maggie gezofft?«, erkundigte sie sich.

»Na ja, nicht direkt.« Jack setzte sich an seinen Schreibtisch und fuhr sich über das Gesicht. Hinter ihm hing ein Kalender mit Nacktmodels, der in eher ungewöhnlicher Weise die Vorzüge eines Niederquerschnittsreifens vom Typ HRS-71 anpries.

»Willst du einen Kaffee?«, erkundigte sich Karen. »Du siehst aus, als könntest du dringend einen gebrauchen.«

Jack schüttelte den Kopf. »Ich brauche eher einen Jack Daniel’s und ein Bier zum Nachspülen.«

»Na, so schlimm kann das Leben doch gar nicht sein«, entgegnete Karen und zog ihren pinken Cardigan aus Angorawolle ein Stück herunter, wodurch neben noch mehr Dekolleté auch eine vergoldete Halskette sichtbar wurde, auf deren Anhänger ihr Name stand.

»Ich weiß nicht«, antwortete Jack. »Vielleicht doch. Also stell dir mal vor, du hättest gerade etwas entdeckt, das genau das ist, was du immer gesucht hast, auch wenn dir das vorher gar nicht klar war. Aber du kannst es einfach nicht bekommen. Jedenfalls nicht, ohne alles andere in deinem Leben zu verlieren!«

»Soll das jetzt ein Rätsel werden oder was?«, erkundigte sich Karen.

»Na ja, so ungefähr!«, meinte Jack.

Karen sah ihn lange an und kaute schweigend ihren Kaugummi. Dann sagte sie: »Willst du mir nicht einfach erzählen, was los ist?«

»Ich bin mir nicht sicher, ob ich das kann!«, stellte Jack fest. Ihm war plötzlich ein Gedanke gekommen: Wenn er Karen eröffnete, dass er Reed Muffler & Tire verkaufen wollte, um einen Country Club zu eröffnen, würde er ihr die Sicherheit um ihren Arbeitsplatz unter den Füßen wegziehen wie einen billigen Teppich. Sie musste sich schließlich um Sherry kümmern. Auch die Jungs im Laden hatten ihre Familien, für die sie sorgen mussten. Wer würde Mike Karpasian anstellen? Schließlich war er bereits 75 Jahre alt, nuschelte extrem und sein Talent beschränkte sich auf das Anbringen von neuen Auspufftöpfen an Autos.

Vielleicht verhielt sich Jack egoistischer, als er bislang gedacht hatte. Im Reader’s Digest hatte er etwas über die Wechseljahre bei Männern gelesen. Nach Jahren voller Verantwortung und Bescheidenheit neigten Männer mittleren Alters plötzlich zu einem Verhalten, das an pubertierende Teenager erinnerte. Sie stellten Frauen nach, fuhren zu schnell und träumten von unerreichbarem Luxus – etwa der Leitung eines Country Clubs.

Da riss ihn Karen aus seinen Gedanken heraus: »Ich habe das Rätsel gelöst. Du hast etwas gefunden, was du schon immer haben wolltest. Vielleicht warst du dir dessen vorher nicht bewusst – erst, als es direkt vor deiner Nase auftauchte – und als du es dann gesehen hast, da wurde dir sofort klar: Das ist es, das ist das, was ich schon immer gewollt habe.«

Jack nickte und lächelte dann.

»Also, was ist es?«, erkundigte sich Karen. »Spann mich doch nicht so auf die Folter!«

Nach kurzem Nachdenken sagte Jack: »Ich bin gestern zum Devil’s Lake gefahren. Eigentlich wollte ich nur im Sommerhaus meines Vaters nach dem Rechten sehen. Auf dem Rückweg hatte ich einen Unfall. Nichts Ernstes. Einen Baum gestreift, mehr nicht. Aber als ich ausstieg, um mir den Schaden anzusehen, habe ich dieses unglaubliche Gebäude entdeckt.«

Karen sagte nichts, sondern schob lediglich ihren Kaugummi auf die andere Seite des Mundes, was verriet, dass sie aufmerksam zuhörte.

»Es lässt sich schwer beschreiben«, verriet ihr Jack. »Es ist riesig, wirklich riesig, und alt. Aber auch sehr eindrucksvoll. Und seit Jahren wohnt niemand mehr darin.«

»Und du willst es«, folgerte Karen mit zarter Stimme.

»Ja«, antwortete er. »Ich will es.«

»Das habe ich mir schon gedacht«, erwiderte sie. »In deiner Stimme schwang der gleiche Unterton mit, den Cecil immer draufhatte, wenn er über seinen 1968er Barracuda mit Stufenheck sprach.«

Jack grinste schief. »Ich sag dir eins, Karen. Wenn das Haus erst mir gehört, wird es mein ganzes Leben verändern.«

»Aber Maggie will nicht, dass du es kaufst, habe ich recht? Warum eigentlich nicht?«

»Ohne Grund. Sie will einfach nicht, dass ich es kaufe.«

»Aha.« Karen setzte ihre füllige Haarpracht mit einem Nicken in Bewegung und sagte dann wieder: »Aha.« Nach einer Weile fuhr sie fort: »Tut mir leid, dass ich frage, aber warum genau willst du es noch mal kaufen?«

»Ich, äh – ich will mich beruflich weiterentwickeln, weißt du? Abwechslung, das ist das richtige Wort. Klar, mit Reed Muffler & Tire setze ich alles auf eine Karte. Deshalb will ich jetzt auch in der Hospitalität mitmischen.«

»Du willst ein Krankenhaus eröffnen?«

»Nein, nein, ein Hotel. Einen Country Club. Einen Ort, an dem man auch Fachkongresse abhalten kann, Tennis spielen, schwimmen, saunieren und so weiter. Einen Ort der Eleganz, wenn du verstehst, was ich meine, mit einem Nobelrestaurant und exquisitem Wein.«

»Klingt wie der Himmel auf Erden«, bemerkte Karen.

»Ja, nicht wahr?«, bestätigte Jack. »Doch Maggie ist absolut dagegen. 100 Prozent dagegen. Ihrer Meinung nach bin ich nicht dazu in der Lage, einen Country Club zu leiten.«

Karen sah ihn an und kaute angestrengt auf ihrem Kaugummi herum. »Was hast du jetzt also vor?«, fragte sie dann.

»Ich weiß es nicht!«, gestand er ihr. Er sah durch das Bürofenster auf einen Buick Riviera, der gerade auf den mit Ölflecken übersäten Werkstattboden abgelassen wurde, auf die Silhouetten seiner Mechaniker, die sich gegen das graue Licht eines regnerischen Tages abzeichneten. Das Haus hatte ihn verführt, gar keine Frage. Es tauchte in allen Einzelheiten vor seinem inneren Auge auf, wie es so einsam und verlassen im Nieselregen stand.

Rette mich!, hatte es ihn angefleht. Mach mich wieder zu der Attraktion, die ich einmal war.

Vielleicht sprach es ihn deshalb so an, weil er sein eigenes Leben aufgegeben und seine eigenen Ziele nie verwirklicht hatte.

Karen sagte: »Lass uns was trinken gehen, ja? Du siehst aus, als könntest du einen Drink gut gebrauchen. Du wirkst momentan eher wie ein Zombie als wie ein Mensch.«

Gemeinsam überquerten sie im Regen die West Good Hope Road, Jack mit aufgestelltem Kragen und Karen auf ihren lächerlich hohen Pfennigabsätzen.

»Zeig es mir!«, rief Karen, als ein Lastwagen an ihnen vorbeibrauste.

»Was?«, schrie er zurück.

»Das Haus! Bring mich dorthin, ich will es sehen!«

Jack verbrachte den Großteil des Nachmittags im Büro. Der Reihe nach rief er die Makler in Madison an, um herauszufinden, wer das Gebäude vermittelte. Doch er hatte keinen Erfolg. Sobald er erklärte, für welches Objekt er sich interessierte, antworteten alle: »Oh, dieses Haus!«, als ob er einen Verwandten erwähnt hätte, der auf Abwege gekommen war und dessen Porträt man deshalb jetzt verschämt auf dem Speicher verwahrte.

»Ja, dieses Haus!«, sagte er zu einer kühl klingenden Frau des Maklerbüros Capitol Realtors. Sie bat ihn, kurz zu warten. Nachdem er fast drei Minuten in der Leitung gehangen hatte, während eine zerkratzte Endlosversion des Posthorn-Galopps abgenudelt wurde, meldete sie sich mit einem wie Karens Kaugummi in die Länge gezogenen Ja-a-a-aa! zurück. Capitol sei im Grunde für das Gebäude zuständig, doch müsse er einen Termin vereinbaren, um einen gewissen Mr. Daniel Bufo zu treffen.

»In Ordnung, großartig. Dann mache ich einen Termin mit Mr. Daniel Bufo.«

Jack war abends schon früh zu Hause und hatte Blumen mitgebracht. Sie sahen etwas zu sehr nach diesen in Eile ausgewählten Sträußen aus, die Ehemänner gelegentlich mitbrachten, um sich bei ihren Ehefrauen zu entschuldigen. Er bestand aus eindeutig zu vielen dekorativen Zweigen und einigen Gewächshaus-Rosen. Nachdem Maggie zur Tür hereingekommen war, stand sie im unvorteilhaften Licht des Gangs und starrte die Blumen einen Moment lang an, als erwartete sie, dass sie vor ihren Augen welk würden. Dann hängte sie ihre myrtengrüne Baskenmütze und ihren Strickmantel an die Garderobe – eine Kombination, die Jack immer spöttisch als ihr Mudschahedin-Outfit bezeichnete – und ging mit schnellen Schritten in die Küche, ohne das Bouquet eines weiteren Blickes zu würdigen.

»Blumen!«, sagte Jack und deutete mit dem Kopf in Richtung Gang.

Sie lächelte gezwungen. »Hast du noch nichts gegessen?«

Er sah zu Randy, der auf einem der Küchenstühle saß und fernsah. »Randy hat schon eine Schüssel Cornflakes gefuttert. Ich wusste nicht genau, wann du zurückkommst.«

»Meine Frauenrunde geht bis halb sieben, das weißt du doch. Hast du nicht mal eine Pizza mitgebracht?«

»Tut mir leid. Ich dachte, wir könnten vielleicht essen gehen. Ins Schneider’s oder so, hmm? Würstchen mit Sauerkraut? Deutschland einig Vaterland? Nichts ist schöner als ein gelegentliches Treffen mit den eigenen Landsleuten.«

In Wahrheit hatte er vorher keinen einzigen Gedanken an das Abendessen verschwendet. Seine Gedanken kreisten zu sehr um den Merrimac Court Country Club und seinen Termin mit Mr. Daniel Bufo am nächsten Vormittag um elf Uhr. Er hatte sogar bereits einen kunstvollen Briefkopf für den Club skizziert – der Buchstabe M für Merrimac und dahinter die aufragenden Türme des Clubs.

»Hast du einen Babysitter bestellt?«, wollte Maggie wissen. Grüne, ausdruckslose Augen blickten ihn erwartungsvoll an. Randy drehte sich um und schien erst jetzt zu bemerken, dass sie nach Hause gekommen war, doch er sagte nichts. Ihm war bewusst, dass der aufziehende Streit im Moment wichtiger war als er. Erwartungsvoll sah er seinen Vater an.

»Nun … ich habe noch nichts festgemacht«, gab Jack zu.

»Du wolltest mich ins Schneider’s ausführen, aber du hast noch nichts festgemacht?«

»Ich dachte, dass Randy vielleicht mitkommen kann.«

Maggies Stimme bekam diesen schrecklich herablassenden Unterton, der ihn immer fast die Beherrschung verlieren ließ. »Er hat schon seinen Pyjama an, Jack. Morgen muss er in die Schule. Und du willst ihn ins Schneider’s mitnehmen?«

»Ja und?«, konterte er. »Ja und, verdammt! Er ist schon neun und er kann mit ins Schneider’s.«

»Jack, er muss in die Schule.«

»Er kann sie mal ausfallen lassen.«

»Jack«, sagte sie. »Du bist verrückt.«

Fast hätte er gesagt: Ja, ich bin verrückt, dabei sein Bierglas von der Theke gestoßen und ihr eine gescheuert, doch stattdessen senkte er den Kopf, atmete tief durch und unterdrückte den Drang, die Vorstellung in die Tat umzusetzen.

Randy schaute erst seine Mutter, dann seinen Vater an. Erwartungsvoll, aber nicht ängstlich.

Nach einer Weile gab Maggie nach: »Na gut«, seufzte sie, als ob ihr der ganze Streit sowieso egal gewesen war. »Doch wenn er die Schule schwänzt, wirst du auf ihn aufpassen müssen. Und du musst ihm eine Entschuldigung schreiben.«

»Mach ich, in Gottes Namen«, versicherte ihr Jack. »Du willst eine Entschuldigung? Ich schreib dir eine Entschuldigung!«

»Du hast getrunken!«, tadelte ihn Maggie.

Er bedeckte seine Augen mit der Hand, als ob er müde wäre und das Licht ihn blendete. Aber gib’s zu, Jack, du hoffst, dass du die Augen wieder aufmachst und sich alles zum Guten gewendet hat. Dass Maggie dann lächelt und Randy glücklich ist und diese Gehässigkeiten nie ausgetauscht worden sind.

»Nun … wenn wir wirklich ins Schneider’s gehen, sollte ich mich besser frisch machen«, bemerkte Maggie. »Randy – zieh dich um. Und zieh dir etwas Anständiges an, hörst du? Nicht wieder dieses ausgeblichene ALF-T-Shirt.«

Randy schaltete den Fernseher aus und rannte in sein Zimmer, um die Anweisung seiner Mutter in die Tat umzusetzen. Jack sah Maggie an und Maggie sah Jack an.

»Weißt du was?«, meinte Jack schließlich. »Wir sind doch gar kein so übles Paar, du und ich. Passen eigentlich ganz gut zusammen. Wir reden nur manchmal etwas aneinander vorbei, das ist alles. Verstehen einander nicht hundertprozentig, wenn du weißt, was ich meine.«

»Denkst du das wirklich?«, wollte Maggie wissen. Er konnte in ihren klaren grünen Augen nichts erkennen, was darauf hindeutete, dass er sie für sich gewonnen hatte.

Jack nickte. Ihm fiel nichts ein, was er seiner kleinen Ansprache noch hinzufügen konnte. Maggie stand eine Weile da, sah ihn einfach nur an und ging dann ins Bad, um sich frisch zu machen. Er hörte, wie sie die Tür hinter sich abschloss.

Herrgott, sagte er zu sich selbst. Diese Ehe ist am Ende. Aus und vorbei. Ich sollte dieses Bier austrinken, schnurstracks zur Tür hinausgehen und nie wieder zurückkommen.

Doch dann betrat Randy das Zimmer. Er trug seine nagelneue Levi’s-Jeans und einen hellroten Rollkragenpulli, grinste über beide Ohren und freute sich darauf, mit Mom und Dad ins Schneider’s zu gehen. Jack empfing ihn mit ausgebreiteten Armen und drückte ihn fest an sich. Er atmete diesen heißen, irgendwie an Kekse erinnernden Jungengeruch ein und verfluchte Gott dafür, dass er Väter dazu brachte, ihre Söhne zu lieben.

Es regnete stark, als sie die auf einer Anhöhe gelegene Abzweigung erreichten, die knapp eine Meile hinter Lodi lag. Und tatsächlich wartete Mr. Daniel Bufo in seinem sattelbraunen Cadillac Sedan Deville auf sie. Jack parkte hinter ihm und schaltete den Motor ab. Er öffnete das Fenster seines Kombis einen Spaltbreit, weil die Windschutzscheibe beschlug. Der Regen prasselte auf die Lorbeerbäume am Straßenrand und trommelte in unregelmäßigen Abständen auf das Autodach. Nach einem Moment öffnete sich die Tür des Cadillacs. Eine korpulente Gestalt in grauem Plastikmantel und -hut kam zum Vorschein. Sie bahnte sich den Weg ins Freie und bewegte sich schwerfällig auf sie zu.

»Oh mein Gott!«, hauchte Karen mit gespielter Dramatik. »Es ist Moby Dick!«

Daniel Bufo erreichte ihr Auto und tauchte mit seinem regennassen Gesicht vor Jacks geöffnetes Fenster hinab.

»Mr. Reed? Wie geht es Ihnen heute? Und Mrs. Reed? Schön, Sie kennenzulernen, Madam.«

Karen schlug ihre Beine übereinander, zog den Saum ihres Minirocks herunter und stieß ein besonders schrilles Lachen aus.

»Und wen haben wir da hinten?«, fragte Daniel Bufo. »Ist das der Kleinste der Reed-Familie?«

»Das ist Randy!«, stellte Jack seinen Sohn vor.

Daniel Bufo wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht. »Randy, hm? Hatte mal ’nen Hund, der hieß auch Randy. Ist nicht böse gemeint. War ein großartiges Tier. Ich schwöre, der Racker hätte sprechen können, wenn sein Maul nicht ständig voll mit Fressen gewesen wäre.« Jack sah Wurstfinger und dicke Goldringe.

»Folgen Sie mir den Hügel runter und dann nach links. Die Abfahrt ist leicht zu übersehen, also fahren Sie besser langsam.«

Daniel Bufo ging zu seinem Wagen zurück. Beide Fahrzeuge starteten und bahnten sich vorsichtig ihren Weg die gewundene Straße zwischen den Bäumen hindurch. Manchmal war es im Schatten der Allee so dunkel, dass die Automatik von Jacks Kombi die Scheinwerfer anschaltete. Kaum zu glauben, dass es erst elf Uhr war.

Vorstehende Äste knarzten und zerkratzten den Lack des Kombi. Dann wurde die Straße etwas breiter und Jack erkannte schwarze Eisengitter, die mit Ketten behangen und durch ein Vorhängeschloss gesichert waren.

Daniel Bufo hielt an, hievte sich aus seinem Cadillac heraus und ging zum Tor, um aufzuschließen. Bevor er sich wieder auf den Fahrersitz zwängte, signalisierte er Jack, dass alles okay war.

Sie fuhren eine weitere lange Allee mit überhängenden Bäumen entlang. Karen sagte: »Irgendwie düster hier, oder?«

»Hat sich seit Urzeiten keiner mehr drum gekümmert!«, gab Jack, dessen Mund vor Aufregung ganz trocken war, zurück. »Wenn diese Bäume erst mal zurückgeschnitten sind und das Gras gemäht ist ...«

Die Allee schien endlos lang zu sein. Sie erstreckte sich über beinahe eine Meile. Dann tauchte ohne Vorwarnung das Gebäude vor ihnen auf. Es war sogar noch größer und imposanter, als Jack es in Erinnerung hatte. Irgendwie kam es ihm mürrisch vor, schien zu schmollen, weil Jack noch mehr Menschen anschleppte, die es in seiner Ruhe stören wollten. »Es ist fan-tas-tisch!«, rief Karen aus, doch Randy lehnte sich nur mit weit aufgerissenen Augen in seinem Sitz zurück, als ob ihm der Anblick gar nicht schmeckte.

Sie parkten vor dem Haupteingang. Daniel Bufo erklomm keuchend die Stufen zur Tür und durchforstete lautstark einen Schlüsselbund, der sogar den Geist des ollen Marley aus Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichte neidisch gemacht hätte. »Das ist ein schönes, historisches Gebäude, wirklich schön. Man baut heutzutage einfach nicht mehr in diesem Stil. Finden sich keine Handwerker mehr dafür.«

»Wie lange steht es denn nun schon leer?«, erkundigte sich Jack. Er hatte schon am Telefon gefragt, doch Daniel Bufo war der Frage ausgewichen. »Eine Weile«, hatte er geantwortet. »Vielleicht weiß es jemand anders genauer.«

Daniel Bufo fand den richtigen Schlüssel und hielt ihn triumphierend in die Höhe. Er war anders als alle Schlüssel, die Jack je gesehen hatte – glich eher einem balinesischen Dolch als einem Instrument zum Öffnen von Türen. »Schlüssel wie diese gibt’s auch nicht mehr heutzutage. Das ist vielleicht ein Mördergerät, was?«

»Was meinen Sie? 20 Jahre, 30 Jahre?«, insistierte Jack.

Daniel Bufo zuckte die Achseln. »Na ja, mein Partner meinte, dass es kurz vor der Jahrhundertwende erbaut wurde. Zuerst war es ein privates Anwesen. Adolf Krüger, der später die Brauerei Krüger Beer gründete, hat es in Auftrag gegeben. Er scheint es kurz nach dem Ersten Weltkrieg verkauft zu haben. Danach wurde es in ein Pflegeheim umgewandelt.«

Er drehte den Schlüssel in der Tür und stieß sie auf. Sie knarrte weder noch klemmte sie. Die Scharniere bewegten sich, als ob sie frisch geölt wären.

Als sie hineingingen, sah Randy auf die blinden Flachrelief-Gesichter und flüsterte: »Warum haben sie alle die Augen geschlossen?«

Daniel Bufo sah hoch und schüttelte dann den Kopf, sodass seine Wangen schwabbelten. »Das kann ich mir genauso wenig erklären wie Sie, mein Freund.«

»Sie sehen aus wie diese Masken«, warf Karen ein. »Wissen Sie, wenn jemand gestorben ist und man sein Gesicht nachbildet.«

»Totenmasken«, sagte Jack.

»Genau, Totenmasken. Unheimlich, oder? Was, wenn es wirklich welche sind? Ein ganzes Haus voller toter Gesichter von Menschen, die zu Lebzeiten genauso ausgesehen haben.«

Sie betraten den riesigen, nachhallenden Gang mit den elfenbeinfarbenen Statuen. Bis auf das Schlurfen ihrer Schuhe über den Boden war es völlig still im Haus. Randy umklammerte die Hand seines Vaters. Karen war sichtlich nervös und fröstelte.

»Na ja, wohnlich ist es nicht gerade«, bemerkte sie.

»Mr. Reed, nach dem, was Sie mir am Telefon verraten haben, spielen Sie mit dem Gedanken, dieses Anwesen in eine Art – was war es? – Urlaubsressort umzuwandeln?«, erkundigte sich Daniel Bufo, während er sich umsah.

»Stimmt genau«. Jack hielt inne und lauschte. Was erwarte ich zu hören?, fragte er sich selbst. Flüsterstimmen? Regenwasser, das ins Gebäude eindringt? Etwa das gleiche Sssschhh-Geräusch, das mich gestern die Treppen hinuntergejagt hat?

»Dafür ist das Anwesen wirklich wie geschaffen!«, sagte Daniel Bufo. »Es gibt einen sehr geräumigen Aufenthaltsraum, ausgesprochen beeindruckend. Man kann es sich alles sehr gut vorstellen, nicht wahr? Licht. Menschen. Leben.«

»Also, ich kann nur Staub und Dreck erkennen!«, mischte sich Karen ein.

»Na jaaaaa!« Daniel Bufo lachte. »Mr. Reed dürfte sich darüber im Klaren sein, dass man ein bisschen Fantasie braucht, um das Beste aus diesem Ort herauszuholen, ganz zu schweigen von einer ordentlichen Stange Geld. Das Haus steht seit den 20er-Jahren leer, sagt mein Partner. Also machen wir uns nichts vor, nicht wahr, Mr. Reed? Sie werden hier neue Kabel verlegen müssen, Klempnerarbeiten durchführen lassen, das Dach ausbessern und isolieren und das Gebäude den örtlichen, bundesstaatlichen und landesweiten Vorgaben anpassen. Wer weiß, was sonst noch alles notwendig ist. Das ist das erste Mal, dass ich selbst hier bin.«

Jack sah sich um und räusperte sich. »Donald Trump hat es geschafft. Es gibt keinen Grund, warum es nicht auch mir gelingen sollte.«

Daniel Bufo sah Karen an und verzog unauffällig das Gesicht. Inzwischen war ihm klar geworden, dass es sich bei Karen nicht um Jacks Frau handelte, weshalb er sie beim Verkaufsgespräch weitgehend außen vor ließ. Außerdem war nicht zu übersehen, dass Jack in Gedanken bereits mit der Renovierung anfing und er das Haus unbedingt haben wollte. Mit einem Käufer wie Jack musste man sehr sensibel umgehen.

Jack trat auf die Statue zu, die am Fuße der Osttreppe postiert war. Ein groß gewachsener, unbeweglicher Koloss mit geschlossenen Augen. Was hast du alles miterleben müssen?, fragte er sich. Was ist hier passiert, dass du deine Augen für immer geschlossen hast?

»Da Sie gerade Donald Trump erwähnten«, warf Daniel Bufo ein. »Es ist möglich, dass der Bundesstaat Wisconsin Ihnen dieses Haus ohne Grundsteuer überlässt, weil Sie beabsichtigen, ein historisches Gebäude umzustrukturieren und den Ortsansässigen Arbeitsplätze zu verschaffen. Zumindest mal für einen begrenzten Zeitraum. Das ist der Deal, den Trump in New York schließen konnte. Erzählen Sie bloß niemandem in Madison, dass ich Sie auf den Trichter gebracht habe, sonst …«

Jack nickte. Karens Pfennigabsätze klapperten laut und hallten an sämtlichen Wänden wider, da ihre Schuhe so abgetragen waren, dass sie bereits auf den Metallspitzen lief. Randy drehte sich immer und immer wieder im Kreis, starrte an die Decke und an den riesigen, mit Spinnweben behangenen Leuchter. Irgendwann hörte er damit auf, weil ihm schwindelig wurde.

»Und? Wollen Sie sich noch ein bisschen genauer umsehen?«, erkundigte sich Daniel Bufo. »Tun Sie sich keinen Zwang an. Ich werde in der Zwischenzeit mal den Keller checken und nachsehen, in welcher Verfassung die Haustechnik ist.«

Er zog eine riesige, vergilbte Skizze des Kellers hervor und breitete sie auf dem Tisch im Korridor aus, während Randy die Treppe hinaufstieg und Jack und Karen sich Hand in Hand in der Halle umsahen.

»Jack, meinst du es wirklich ernst, dass du das hier kaufen willst?«, wollte Karen mit gerümpfter Nase wissen. »Es ist so alt. Und so schmutzig.«

Jack fuhr mit der Hand über die elfenbeinfarbenen Kleider der Marmorstatue, als ob er davon ausging, dass es sich um Leinen handelte. »Es wird verdammt teuer werden, Karen, aber denk mal drüber nach. Stell dir vor, wie es aussehen wird, wenn es renoviert ist. Die Leute werden aus aller Welt herbeiströmen. Der Merrimac Court Country Club, da muss man einfach mal gewesen sein.«

»Meinst du echt?« Sie sah sich in der Halle um und man merkte ihr deutlich an, dass sie es sich überhaupt nicht vorstellen konnte. Sie hatte fast ihr gesamtes Leben in einem Wohnwagen verbracht und besaß deshalb eine sehr pragmatische Einstellung.

Jack grinste und nickte. »Es ist wie ein Traum, der in Erfüllung geht, Karen. Glaub mir.«

»Und was ist mit Reed Muffler & Tire?«, wollte sie wissen. »Wirst du die Firma weiterhin am Laufen halten, hmm? Du wirst den Laden doch nicht etwa dichtmachen, oder? Hierfür, meine ich.«

»Das weiß ich noch nicht«, log er. »Es ist noch zu früh, um eine solche Entscheidung zu treffen. Aber ich will das hier durchziehen, Karen, das kannst du mir glauben. Dieser Laden hat was.«

»Ja, irgendwas von Friedhof!«, antwortete Karen, während sie demonstrativ auf ihrem Kaugummi herumkaute.

Randy erklomm die Stufen zum ersten Stock und spähte dann von der Galerie aus nach unten. Er winkte seinem Vater zu, verkniff sich aber das Rufen, weil es in den Gängen zu sehr hallte und ihm das Angst einjagte. Echos waren ihm unheimlich, denn er bekam dabei immer das Gefühl, dass Wildfremde ihm die eigenen Worte ins Gesicht zurückbrüllten.

Jack winkte zurück und Karen auch. Von oben sahen beide sehr klein aus. Randy mochte Karen. Sie war lustig, roch gut und gab ihm immer Kaugummi. Ihm war nicht ganz klar, was für eine Rolle sie im Leben seines Vaters spielte. Manchmal verhielt Jack sich Karen gegenüber viel liebevoller als gegenüber seiner eigenen Mutter. Randy hatte ein- oder zweimal gesehen, wie er sie geküsst hatte, mehr aber nicht. Sein Vater kam jeden Abend nach Hause und küsste auch seine Mutter und sagte ihr, dass er sie liebte. Manchmal schrie er sogar, dass er sie liebte. Randy wurde aus alledem nicht schlau, aber er sagte nichts, denn das schien sein Vater von ihm zu erwarten.

Er spähte in die langen Gänge mit Linoleum-Fußböden hinein, die von der Treppe nach Osten und Westen führten. Sie waren dunkel, aber irgendwie ging auch eine seltsame Verlockung von ihnen aus. Nie zuvor hatte er Dunkelheit als so verlockend empfunden. In der Regel nahm er Finsternis als Bedrohung wahr. Jede Nacht bestand er darauf, dass sein Vater das Licht im Gang eingeschaltet ließ (obwohl es doch merkwürdigerweise am Morgen immer gelöscht war). Er näherte sich dem östlichen Trakt und starrte lange Zeit in die Schwärze, die vor ihm lag. Zaghaft sagte er: »Hallo?«

Keine Antwort. Aber auch kein Echo. Er rief noch einmal »Hallo?«, ohne zu wissen, warum er auf eine Antwort wartete. Irgendwie empfand er eine gewisse Enttäuschung, als jegliche Erwiderung ausblieb.

Randy wollte sich gerade umdrehen, um wieder hinunter in die Halle zu laufen, als er aus den Augenwinkeln eine kleine, grau-weiße Gestalt erspähte, die aus seiner Richtung ans andere Ende des Ganges tapste. Schockiert drehte er sich zu ihr um. Sein Herz schlug babumm, babumm, babumm. Jetzt rührte sich nichts mehr. Doch da war ein anderes Kind gewesen, er war sich absolut sicher. Ein kleines Mädchen mit einer Kapuze und einem knisternden Regenmantel. Er hatte es nicht knistern hören, sondern es vielmehr knistern gefühlt – Sssssschhhhhh, ssssschhhhh, sssssschhhhhh, durch den Gang.

»Dad!«, rief er, doch da wurde ihm klar, dass er nur geflüstert und nicht laut gerufen hatte. »Dad!«, rief er erneut, doch es kam wieder nur ein leises Flüstern heraus.

Zögernd betrat er den Korridor und tastete sich mit den Fingern die Wand und die Türen an jeder Seite vorwärts. Die grau-weiße Gestalt war nicht mehr zu sehen, aber er war sich sicher, dass sie noch da sein musste, auf ihn wartete, irgendwo dort in der Dunkelheit. Er war davon überzeugt, dass er keine Angst vor ihr haben musste.

»Kleines Mädchen?«, rief er. »Kleines Mädchen?«

Er passierte ein Fenster nach dem anderen. Jedes war mit einem Metallnetz verbarrikadiert. Endlich erreichte Randy das Ende des Ganges und fand sich auf einem Podest wieder. Eine weitere Treppe erstreckte sich zu seiner Linken. Aus einem der vergitterten Fenster fiel ein schwaches Licht darauf. Randy konnte den Regen gegen die Scheibe trommeln hören. Er wartete und lauschte. Diesmal verzichtete er auf ein lautes Hallo. Vor ihm befand sich eine Doppeltür. Er wollte sie öffnen, aber sie war abgeschlossen. Das kleine Mädchen musste die Treppe hinaufgegangen sein. Er sah schnell zurück auf den Korridor und entschied sich dann, ihr zu folgen. Weit konnte sie nicht gekommen sein.

Während er die Stufen hochkraxelte, glaubte er, ein Lied aus weiter Ferne zu hören:

Lavendelblau, dideldei;

Lavendel, hier gehör ich hin.

Hier bin ich König, dideldei;

Und du wirst Königin.

Dieses Lied hatte Randy schon gefallen, als er noch ganz klein gewesen war. Aus irgendeinem Grund fand er es schön und traurig zugleich. Und jetzt hörte er, wie es jemand hier sang! Er erreichte den nächsten Treppenabsatz. Von dem kleinen Mädchen auch dort keine Spur, doch er konnte sich denken, dass sie weiter nach oben gelaufen war und er sie dort finden würde.

Als Randy den Dachboden erreichte, schnaufte er ziemlich heftig. Er stemmte die Arme in die Hüften und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Dann sah er sich um und blinzelte, so wie Kinder blinzelten, wenn sie besorgte Erwachsene nachzumachen versuchten.

»Wo bist du bloß?«, wollte er wissen.

Er begann den Gang entlangzustapfen. Seine roten Schuhe quietschten auf dem Linoleum. Randy versuchte, eine der Türen zu öffnen, dann noch eine, aber sie waren beide fest abgeschlossen. Immer noch konnte er jemanden singen hören. »Lavendelblau, dideldei ... Lavendel, hier gehör ich hin ...«

Auf halbem Weg machte er halt. Vor ihm stand eine der Türen offen. Nur ein ganz klein wenig, doch weit genug, dass ein schwacher Lichtschein den Fußboden erhellte. Randy war verunsichert, verspürte aber keine Angst. Er lauschte auf die Geräusche im Haus. Es knarzte und ächzte überall um ihn herum wie auf der Arche Noah. Er hörte seinen eigenen Atem. Und die Stimme seines Vaters, die ganz dumpf von unten zu ihm drang. Und da vor ihm war die einen Spaltbreit geöffnete Tür, das schwache Licht auf dem Boden und ein unbestimmbares Gefühl: Ich bin hier, Randy! Wir sind hier!

Alles schien wie in Zeitlupe abzulaufen. Vorsichtig drückte Randy gegen die Klinke und ging ins Innere. Er hörte undeutliche Geräusche, sein Blick war wie benebelt. Ich bin hier, Randy! Wir sind hier! Ein kleines Zimmer. An der Wand eine Tapete mit braunen Blumen; ein Bett mit eisernem Rahmen, cremefarben lackiert, darauf eine durchgelegene Matratze, die während unzähliger Nächte, die der bettnässende Zimmerbewohner auf ihr verbrachte, hässliche Flecken bekommen hatte. Ein schief hängendes Bild an der Wand, Susanna und die Alten von Thomas Hart Benton, gezupfte Augenbrauen, wohlgeformte Brüste, eine deutlich sichtbare Vagina und Männer, welche die Frau betrachteten. Randy! Ich bin hier, Randy!

Randy sah zur Wand hin. Auf halber Höhe erkannte er im schwachen Morgenlicht, dass die Tapete sich gewölbt hatte. Die Wölbung sah aus wie das Gesicht eines Mannes – fast, als ob die Dekorateure die Tapete einfach darübergeklebt hätten. Die Augen des Mannes waren geschlossen, aber er lächelte. Er sah nett aus, aber besaß eine Ausstrahlung, die einen misstrauisch werden ließ; so wie einer dieser Witzbolde, die einem den Stuhl wegzogen, wenn man sich gerade hinsetzen wollte.

Randy starrte die Visage an und zitterte. Er wusste nicht, ob da wirklich ein Mann war oder nicht. Wie sollte er echt sein, wenn man ihn hinter einer Tapete eingekleistert hatte? Man konnte schließlich nicht atmen mit Tapete auf der Nase, oder? Außerdem bewegte er sich nicht, also war er nicht real, sondern nur eine Statue aus brauner Pappe.

Randy hielt auf ihn zu. Der Linoleumboden war grün gestreift und wies an manchen Stellen schwarze und weiße Quadrate auf, die an die geschlitzten Augen einer Katze erinnerten. Der Mann lächelte und rührte sich immer noch nicht. Erstaunlicherweise zeichnete sich jedes Detail seines Gesichts auf der Tapete ab: seine Augenlider, seine Lippen, das gespaltene Kinn. Randy starrte ihn an und wusste nicht, was er tun sollte.

Hast du Angst, Randy? Du brauchst keine Angst zu haben.

»Bist du echt?«, erkundigte er sich mit vor Furcht ganz brüchiger Stimme.

Es kam keine Antwort. Randy stand da, starrte das Gesicht des Mannes an und wusste nicht, was er davon halten sollte. Er konnte ja nicht echt sein, oder? Und doch schien er zu atmen. Man konnte ihn nicht wirklich atmen sehen und doch tat er das offensichtlich. Man konnte es hören und fühlen. Ein – aus. Ein – aus. Eine hastige, unauffällige Atmung wie bei jemandem, der sich vor einer Bedrohung in einem Schrank versteckte.

»Du bist nicht echt!«, rief er laut. »Du kannst nicht echt sein!«

Was ist denn für dich echt, Randy? Hältst du dich für echt, so wie du da draußen in der Kälte stehst?

Randy biss sich auf die Lippe. Er war kurz davor, aus dem Zimmer zu stürmen und wieder nach unten zu rennen. Aber obwohl der Tapetenmann ihm merkwürdig erschien, flößte er ihm doch keine Furcht ein. Er hatte etwas Kindliches an sich, wie der verrückte George, der für den alten Hamner im Laden an der Ecke arbeitete.

»Kannst du sprechen?«, fragte Randy ihn, während er einen zögerlichen Schritt nach vorne wagte. »Kannst du die Augen öffnen?«

Es gibt keinen Grund für mich, die Augen zu öffnen. Niemand ist so blind wie die, die nicht sehen wollen.

»Wer bist du?«, wollte Randy wissen. »Wieso ist dein Gesicht in der Wand eingemauert?«

Ich heiße Lester. Na ja, manchmal heiße ich Lester. Oft auch Belphegor. Ist ein cooler Name, oder? Belphegor.

»Warum ist dein Gesicht in der Wand?«

Warum bist du überhaupt hier, Randy? Du heißt doch Randy, oder? Ich habe gehört, wie dein Vater dich Randy genannt hat.

»Mein Dad will dieses Haus kaufen und zu einem Hotel umbauen.«

Will er das? Nun, da wird sich so mancher ziemlich drüber freuen. Manche nicht, denn manche wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Aber einige werden sich freuen.

»Ich weiß nicht. Mir gefällt dieser Ort nicht. Es ist alles so alt hier und es stinkt.«

Nun, das mag sein. Aber wenn du herkommen würdest, um hier zu leben, hättest du etliche neue Freunde.

»Aber wir sind doch mitten in der Pampa!«, protestierte Randy. »Wer lebt denn schon hier draußen?«

Wir. Wir alle. Und wir könnten deine Freunde sein. Und ich könnte dein ganz besonderer Freund werden.

Randy zögerte. Er konnte die Schritte seines Vaters hören, der die Treppe erklomm, gefolgt vom Klipp-Klapp von Karens abgewetzten Absätzen.

»Ich muss los!«, sagte er zu dem Gesicht.

Komm mal her, komm näher zu mir, bat ihn das Gesicht.

»Lieber nicht.«

Komm näher. Willst du, dass wir Freunde werden?

»Klar, aber …«

Dann komm näher.

Randy trat auf die Wand zu und legte vorsichtig eine Hand darauf, genau unter das Gesicht, das sagte: Magst du Geheimnisse, Randy? Magst du Zaubertricks? Magst du nackte Frauen?

Randy wusste nicht, was er darauf erwidern sollte.

Der Mund des Gesichts verzog sich langsam zu einem verschwörerischen Lächeln. Ich kann dir Geheimnisse verraten, Randy. Ich kann dir Zaubertricks beibringen, von denen du noch nicht einmal zu träumen gewagt hast. Und nackte Frauen kann ich dir auch zeigen.

Randy schauderte, ohne zu wissen, woran es lag.

Jacks Stimme hallte im Gang wider. »Randy? Bist du da? Randy, wo zum Teufel steckst du?«

Wenn du das alles willst, dann komm wieder hierher zurück, Randy, komm in dieses Zimmer und sprich mit mir. Aber erzähl niemandem, dass du mich gesehen hast. Überhaupt niemandem. Nicht deinem Vater, nicht deiner Mutter, niemandem. Und ganz besonders niemand anderem, der in der Wand ist.

»Randy!«, rief Jack, diesmal mit entschieden mehr Nachdruck.

»Was meinst du damit, niemand anderem, der in der Wand ist?«, beeilte sich Randy zu fragen.

Merk dir eins: Manche von uns sind nicht so nett wie ich. Manche sind regelrecht gemein. Und einige sind wirklich gefährlich. Man sollte sie hinter Schloss und Riegel bringen.

In diesem Moment stieß Jack die Tür weit auf und rief: »Randy? Bist du da drinnen?« Das Gesicht, das sich Lester nannte, zerschmolz, als ob es aus Gelee bestand. Als Jack das Zimmer betrat und Randy sah, war die Tapete wieder glatt, absolut eben.

»Kannst du nicht antworten, wenn ich dich rufe?«, wollte Jack wissen. »Ich hab überall nach dir gesucht.«

Von der Fußbodenleiste ertönte ein schwaches Sssssschhhhhhhh – ssssschhhhhhh. Jack legte Randy die Hand auf die Schulter, runzelte die Stirn und forderte ihn auf zu lauschen.

Randy sah erwartungsvoll zu ihm auf.

»Hast du das gehört?«, wollte Jack wissen. »So ein Pst-Geräusch.«

Daniel Bufo hatte zu ihnen aufgeschlossen. Seine Kreppsohlen schmatzten auf dem Linoleumboden. »Wahrscheinlich Ratten!«, bemerkte er, während er sich mit einem Taschentuch den Hals abwischte.

»Na ja, könnten auch Eichhörnchen sein!«, erwiderte Jack.

Daniel Bufo sah sich im Zimmer um und rümpfte die Nase. »Hier müsste man dringend mal ein bisschen sauber machen.«

Sie verließen den Raum. Randy drehte sich um, als er die Tür erreichte, und sah zurück zur Wand mit dem braunen Tapetenblumenmuster. Er wusste nicht, ob er seinem Daddy von Lester erzählen sollte oder nicht. Wenn er es sich genauer überlegte, klang es regelrecht verrückt. Und sein Daddy würde ein Riesendrama daraus machen, zuerst die Wände abtasten und, wenn er nichts finden konnte, die Hand auf Randys Stirn legen und sich erkundigen, ob er sich krank fühlte. Und wie sollte er das mit den nackten Frauen erklären? Sein Vater würde ihn keine nackten Frauen sehen lassen, das stand ja wohl fest.

Also entschloss sich Randy, sein Geheimnis für sich zu behalten, zumindest für den Augenblick. Vielleicht würden sie ja nie wieder hierhin zurückkehren. Und Lester hatte ihn schließlich gebeten, niemandem von ihm zu erzählen. Merk dir eins. Manche sind regelrecht gemein. Und einige sind wirklich gefährlich.

»Ich höre dann also bald von Ihnen?«, erkundigte sich Daniel Bufo. »Aber sicher doch!«, bestätigte Jack. Sie standen draußen im Regen, während Karen und Randy bereits im Auto warteten. Karen zog sich mithilfe des Rückspiegels die Lippen nach; Randy malte mit dem Finger Bilder auf die beschlagene Scheibe.

»Ich habe heute Morgen mit den jetzigen Eigentümern gesprochen«, erzählte ihm Daniel Bufo, während er die Augen leicht zusammenkniff. »Ich muss Ihnen sagen, dass sie ziemlich zugeknöpft sind.«

»Meinen Sie damit, dass sie nicht verkaufen wollen?«

»Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Sie geben keine eindeutige Antwort, wenn Sie wissen, was ich meine. Ich habe ihnen mitgeteilt, dass ich Kundschaft aus Milwaukee habe, die an dem Objekt interessiert ist. Aber sie haben nicht darauf reagiert, nur ›hmmm‹ gemacht und dann aufgelegt.«

»Nur hmmm?«, vergewisserte sich Jack.

Daniel Bufo beugte sich zu ihm vor. Von der Nasenspitze des Immobilienmaklers hing ein Tropfen Regenwasser und sein Atem roch nach ungarischer Salami und Mundspray. »Es würde mir helfen, wenn ich ihnen einen Preis nennen könnte.«

»Wollen Sie damit sagen, dass sie keinen bestimmten Preis im Kopf haben?«

»Ich bin mir nicht sicher, ob sie wirklich verkaufen wollen, um ehrlich zu sein.«

»Aber sie haben Ihnen auch nicht klar und deutlich gesagt, dass sie gar nicht verkaufen wollen?«

»Nein, Sir. Sie sagten ›hmmm‹.«

»Nun«, sagte Jack, »ich dachte an 500, vielleicht 550, etwas um den Dreh.«

Daniel Bufo verzog das Gesicht. »Das ist ein ziemlich niedriges Angebot, Mr. Reed«, sagte er ohne große Begeisterung. »Hier gibt es knapp sieben Hektar Wald und dann noch das Gebäude selbst.«

»Hat denn sonst noch jemand ein Angebot abgegeben?«

»Nein, Sir.«

»Also, dann ist das mein Angebot. Fragen Sie die Eigentümer und lassen Sie mich wissen, was sie davon halten. Schlimmstenfalls sagen sie dazu ›hmmm‹.«

»Ja, wahrscheinlich.« Daniel Bufo nahm sein Taschentuch heraus und putzte sich die Nase. »Das wäre wirklich etwas, wenn wir dieses Gebäude aus unseren Büchern streichen könnten, glauben Sie mir. Das ist bei uns im Büro ein Running Gag, wissen Sie? Immer wenn jemand sich beschwert, dass ein Objekt kaum an den Mann zu bringen ist, kommt als Antwort, dass es fast so schwierig läuft wie bei The Oaks

»So heißt das Anwesen? The Oaks – die Eichen?«

»So wurde es getauft, als es ein Pflegeheim war.«

»The Oaks!«, wiederholte Jack langsam. Er trat einen Schritt zurück und sah noch einmal auf das Gebäude, seine dunklen, im Regen glitzernden Türme. Er wusste nicht, weshalb es ihn dermaßen ansprach, aber er hatte sich in das Haus verliebt, in seinen baufälligen Charme und seine Geheimnisse. Er drehte sich zum Auto und Karen winkte ihm zu. Randy drückte sich gelangweilt die Nase am Fenster platt. Wahrscheinlich wünschte er sich gerade, doch lieber in die Schule gegangen zu sein.

»Also gut!«, sagte Jack und schüttelte Daniel Bufo die Hand. »Unterbreiten Sie den Eigentümern meine Offerte. Dann werden wir sehen, was sich tun lässt. Ach so, können Sie mir eigentlich sagen, wer die Eigentümer sind?«

Daniel Bufo schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, Mr. Reed. Das würde ich gerne tun, glauben Sie mir. Aber die Verschwiegenheitspflicht, Sie wissen ja, wie es ist.«

»Es ist aber nicht die Mafia?«

Daniel Bufo gab ein Geräusch von sich, als spiele er Dudelsack und versuche gleichzeitig zu lachen. »Nein, Sir. Es ist nicht die Mafia.«

Jack stieg ins Auto und schlug die Tür hinter sich zu. »Wie wäre es mit einem Hamburger?«, schlug er vor, als er den Motor anließ.

»Was immer du willst«, antwortete Karen, die am Saum ihres Rocks zupfte. »Mein Gott, sieh dir mal meine Haare an!«

Im Schritttempo fuhren sie die Allee mit den regennassen Bäumen entlang. Randy drehte sich in seinem Sitz um, damit er das Gebäude noch einmal sehen konnte, das nach und nach hinter den schwarzen, schattigen Blättern verschwand. Sie hatten schon fast das Tor erreicht, als er die grau-weiße Gestalt des kleinen Mädchens noch einmal sah. Sie stand genau zwischen den Bäumen und hatte einen Arm erhoben, um ihm zu winken.

Komisch war nur, dass ihr Gesicht von einer Kapuze verborgen war, als ob es falsch herum am Kopf saß. Entweder das oder sie hatte überhaupt kein Gesicht.

D R E I

Als er drei Tage später nach Hause zurückkehrte, erwartete ihn Maggie im Wohnzimmer. Sie trug ihren Regenmantel und ihr blauer Vinylkoffer stand ordentlich gepackt neben ihr. »Was soll das?«, wollte er von ihr wissen, als ob es nicht offensichtlich war.

Maggie antwortete mit sorgfältig einstudierter Tapferkeit: »Ich würde sagen, man nennt es etwas frische Luft schnappen gehen.«

»So nennt man es also?«, erwiderte er. »Aha, so nennt man es!« Er hatte drüben in der Hunting Lodge mindestens ein Bier zu viel getrunken. »Das ist ja lustig. Ich würde eher sagen, man nennt das: den Ehemann im Stich lassen.«

»Jack«, sagte sie, und als seine Frau zu ihm aufsah, erkannte er zum ersten Mal, dass all die Auseinandersetzungen im Laufe ihres Zusammenlebens sich deutlich in ihrem Gesicht abzeichneten. Oder vielleicht war es auch einfach nur das unvorteilhafte Deckenlicht.

Er sagte nichts und blickte sich im Raum um. Das Zimmer besaß nicht einen Hauch von Charme. Ausdruckslose, beige Wände, ein Zottelteppich in einer Farbe, die wohl einmal honiggelb gewesen war, aber mit der Zeit ebenfalls eine beige Färbung angenommen hatte. Verblasste Bilder an der Wand, eine ebenfalls beige Couch mit braunen und weißen Flecken darauf; davor stand eine Ehefrau, die er nicht wirklich liebte und die ihre wenigen Habseligkeiten in einem Koffer verstaut hatte.

Maggie hielt ihre einstudierte Rede, während sie an ihren Fingernägeln herumspielte. »Ich habe mich wirklich bemüht, dich zu verstehen, Jack. Ich habe versucht zu begreifen, was du vom Leben erwartest, und es dir zu geben. Zumindest dir zu helfen, dass du findest, wonach du suchst. Aber du scheinst trotzdem nicht zu wissen, was du willst.

Und wenn du es schon nicht weißt, wie soll ich dir da helfen, es herauszufinden? Ich fühle mich so, als würde ich meine ganze wertvolle Zeit und Energie dafür verschwenden, dir zu helfen, um etwas zu finden, was es noch nicht einmal gibt.«

Jack wartete. Vielleicht rechnete sie mit einer Antwort. »Ja?«, brachte er schließlich hervor.

»Ich werde nicht jünger«, fuhr sie mit Tränen in den Augen fort. »Ich will mein Leben genießen, bevor ich zu alt dafür bin.«

»Oooh …«, sagte Jack. »Davon wusste ich ja noch gar nichts! Du willst das Leben genießen! Warum zum Teufel hast du mir das nicht vorher gesagt? Ich hätte dich nicht meine Hemden waschen lassen, Herrgott noch mal, geschweige denn darum gebeten, mir Essen zu kochen oder das Haus zu putzen! Ich hätte dir Randy nicht geschenkt! Schließlich kannst du dich ja schlecht amüsieren mit einem Kind im Nacken, was?«

»Randy wartet draußen vor der Tür im Auto«, sagte Maggie, stand auf und nahm ihren Koffer.

»Was meinst du damit? Wessen Auto?«

»Wir werden bei meiner Schwester unterkommen.«

»Oh Gott. Die gute Velma. Ganz zu schweigen vom guten Herman.«

»Jack, ich muss von dir weg. Du erstickst mich. Ich will dich nicht verlassen, nicht endgültig. Ich liebe dich, aber du machst mich verrückt. Seit du dieses Haus gefunden hast, ist alles noch viel schlimmer geworden. Du redest nur noch darüber, wie du das Hotel finanzieren und das Wasser aus dem Swimmingpool abpumpen willst. Wie du es deinen Leuten in der Firma verklickern willst, dass du ans Verkaufen denkst, oder davon, wie du den verdammten Marmor sauber bekommst oder das Dach abdecken wirst. Jack, ich kann es einfach nicht mehr ertragen!«

Jack packte sie am Arm. »Maggie, hörst du mir mal zu, verdammt noch mal?«

»Velma wartet.«

»Hör mir zu, verdammt!«

Sie befreite sich aus seinem Griff. »Ich hab dir jahrelang zugehört, Jack. Das war nie eine gute Idee und jetzt wäre es noch schlechter. Wenn du dieses dieses Urlaubshotel – oder wie auch immer du es nennst – bauen willst, nur zu, dann tu’s, aber lass Randy und mich nicht darunter leiden. Lebe dein Leben! Los doch! Aber erwarte nicht von mir, dass ich es mit dir teile! Du bist zu erbärmlich, zu besessen und überhaupt, verdammt noch mal! Und abgesehen davon hast du mit Karen geschlafen, oder nicht?«

»Was?«, brüllte er sie an. »Was? Du denkst, dass ich mit Karen ins Bett steige?«

»Du bist betrunken«, entgegnete sie mit zusammengekniffenen Lippen. »Und ich gehe. Ich kann schlecht mit dir diskutieren, wenn du betrunken bist. Auf Wiedersehen, Jack.«

Er ergriff sie am Ärmel und verdrehte ihr den Arm. Voller Hass starrte Jack sie an. Am liebsten hätte er sie auf der Stelle umgebracht.

»Lass mich los!«, verlangte sie. Er konnte die Angst in ihrer Stimme hören und das machte ihn noch wütender.

»Du denkst, dass ich mit Karen ins Bett steige?«, wiederholte er mit so sanfter, vernünftiger Stimme, dass Maggie es sogar noch mehr mit der Angst zu tun bekam.

»Randy hat gesagt …« Sie wandte den Kopf ab. Allein der Gedanke daran ließ sie zusammenzucken.

»Randy hat was gesagt? Sag’s mir, was hat Randy gesagt?«

»Randy hat gesagt, dass du Karen mitgenommen hast, um das Haus anzusehen. Und er hat gesagt … dass du sie geküsst hast.«

Ohne ein Wort ließ Jack Maggies Ärmel los, hob beschwichtigend die Hände und trat zurück. Er war nicht mehr wütend, sondern fast schon erleichtert darüber, dass Maggie sich zum Gehen entschlossen hatte. Er war nicht mit Karen im Bett gelandet und es sah ganz danach aus, als würde es auch nie dazu kommen. Jack konnte nicht wütend sein. Man brauchte Schuldgefühle, um Wut zu empfinden. Schuldgefühle, Frustration und Verzweiflung, doch er fühlte nichts von alledem.

Stattdessen konnte er nur denken: Wenn Maggie und Randy eine Weile bei Velma bleiben, kann ich mich voll und ganz auf The Oaks konzentrieren. Ich kann die Werkstatt in aller Ruhe abwickeln. Und wenn ich das Anwesen erst gekauft habe und wir eröffnen, braucht mir doch keiner erzählen, dass Maggie dann nicht glücklich ist. Kann mir keiner erzählen, dass sie nicht auf der Veranda herumspaziert wie die Königin des Merrimac Court Country Clubs, während die Sonne scheint und der Pool glitzert und die Gäste sie alle mit einem Kopfnicken begrüßen.

Maggie riss ihn aus seinen Gedanken: »Übrigens, jemand namens Bufo hat angerufen. Er sagte, dass sie dein Angebot akzeptiert haben, wer auch immer sie sind.«

»Daniel Bufo, das ist der Immobilienmakler«, erklärte Jack. »Sie haben es akzeptiert? Das hat er gesagt?«

Maggie öffnete die Eingangstür und starrte ihn einen Moment lang an. »Gott steh dir bei, Jack!«, sagte sie zum Abschied, verließ das Haus und zog die Tür mit lobenswerter Gelassenheit hinter sich zu. Jack blieb, wo er war. Dann – als er hörte, wie Velmas Volkswagen draußen losknatterte – ging er zum Kühlschrank, öffnete ihn und besah sich den Inhalt mit dem philosophischen Blick eines Mannes, der weiß, dass er sich vermutlich für eine Weile auswärts ernähren muss.

Denn was konnte selbst der beste Chefkoch aus einem halben Päckchen Lyonern, fünf Kumquats, einer Sprühdose Sahne und einem Stück sehr altem Roquefort zaubern? Jack starrte immer noch gedankenverloren in den offenen Kühlschrank, als er hörte, wie der Volkswagen wieder vor dem Haus hielt. Er schloss den Kühlschrank, ging aber nicht zur Tür. In der Küche wartete er, bis Maggie aufgeschlossen hatte und wieder hereinmarschiert kam. Sie zog Randy an der Hand hinter sich her und trug in der anderen seine Reisetasche. Randys Wimpern waren mit Tränen verklebt. Maggies Gesicht wirkte angespannt und blass.

»Er will bei dir bleiben!«, verkündete sie mit einer Stimme, die an jemanden erinnerte, dem ein teures Weinglas auf eine Betonveranda gedonnert war.

Jack sagte nichts, drehte sich jedoch um, um sie anzusehen.

»Er sagt, dass ihm das Haus gefällt, dass er dort einen Freund gefunden hat und dass er bleiben will.«

Jack sah Randy fragend an. »Einen Freund? Was für einen Freund?«

Randy zuckte die Achseln. »Da war so ein Mann dort, nichts weiter.«

Jack sah Maggie an. »Was hat Randy getan? Einen Aufstand gemacht?«

»Einen Aufstand? Ein Cop ist hergekommen und wollte unsere Ausweise sehen. Er dachte, dass wir ihn entführen wollten, in Gottes Namen.«

Ihre Nasenlöcher weiteten sich.

Jack nickte. Doch wie ein großer Sieger konnte er sich nicht fühlen. Tatsächlich wäre es ihm lieber gewesen, wenn Randy mit Maggie gegangen wäre. Aber er wollte sich nicht streiten, nicht jetzt. Ihm war klar geworden, dass sein bisheriges Leben zumindest teilweise so erfolglos verlaufen war, weil er unmöglich mit mehr als einer Sache gleichzeitig fertig werden konnte. Er war dazu imstande, ein liebender Gatte, ein guter Liebhaber und ein fürsorglicher Vater zu sein. Er besaß auch die Gabe, als Chef vertrauenerweckend zu wirken und sich ein Immobilienprojekt in allen Details auszumalen. Aber er konnte nicht beides auf einmal angehen. Zu versuchen, seine Frau zu lieben, seinen Sohn zu erziehen, seine Angestellten zu trösten und gleichzeitig in die Zukunft zu investieren, das brachte ihn nur durcheinander. Dann trank er nur zu viel mit Karen und erreichte letztlich keines seiner Ziele.

Diesmal schlug Maggie die Tür so schwungvoll hinter sich zu, dass das Glasfenster klirrte. Randy stand unbeholfen im Gang und stemmte die Hände in die Hüften. Er trug ein Sweatshirt mit dem passenden Aufdruck: »Man kann es Fehler nennen ... oder wichtige Erfahrung!«

»Wie alt bist du, Kumpel?«, fragte Jack ihn. Zum ersten Mal nahm er Randy als gleichwertiges Gegenüber wahr, als Menschen, der ihn genauso musterte wie er ihn.

»Neun!«, antwortete Randy. Im Gegensatz zu Erwachsenen ärgerten sich Kinder nicht, wenn man ihnen Fragen stellte, auf die man ganz offensichtlich selbst die Antwort kannte. Lehrer machten das ja schließlich den ganzen Tag lang.

»Neun!«, wiederholte Jack. »Herrgott! Wenn ich nur deinen Mumm gehabt hätte, als ich so alt war wie du.«

Er hob Randys Rambo-Tasche hoch und öffnete den Reißverschluss. Darin befanden sich Pyjamas, eine saubere Jeans, ein roter Sweater und ein T-Shirt sowie drei Paar sorgfältig zusammengelegte Socken.

»Wenn du bei mir bleiben willst, musst du deine Socken selbst sortieren, verstanden, Partner?«

»Ja, Sir.«

»Willst du ein Chili-Hotdog?«

»Nichts dagegen.«

Im fluoreszierenden Licht des Cap’n Dogg stützten sie ihre Ellenbogen mit prahlerischer Geste auf dem Resopaltisch auf, während die Jukebox leichtfüßige Sommerhits aus der Hippie-Ära wie Salisbury Hill oder Bummer in the Summer schmetterte. Sie gönnten sich eine großartige kulinarische Vater-und-Sohn-Orgie mit riesigen Chili-Dogs, einem gewaltigen Haufen Pommes und einem Nachtisch mit neun verschiedenen, ineinandergeschmolzenen Eiscreme-Sorten und Kakifrucht, bei dem sie sich mächtig einsauten.

»Mir ist schlecht«, stöhnte Jack, als er den letzten Schluck Bier austrank.

»Mir nicht«, erwiderte Randy.

»Du bist neun, deshalb ist dir nicht schlecht. Niemandem, der neun Jahre alt ist, wird schlecht, wenn er nicht gerade Essen für Erwachsene wie Tintenfisch oder Escargots futtert. Davon wird ihm schlecht.«

»Was ist ein Escargot?«

»Eine Schnecke. Das ist das französische Wort für Schnecke. Man backt sie in ihrem Haus und serviert sie in Knoblauchbutter, weißt du? Und das ist etwas Besonderes. Mmmmh! Die solltest du bei Gelegenheit unbedingt mal probieren!«

»Und du hast sie mal gegessen? Schnecken?!«

»Nicht mehr, seit ich Mitglied bei Greenpeace bin. Da habe ich mir geschworen, dass ich nie wieder etwas esse, das langsamer ist als ich selbst.«

Randy löffelte den Rest seines Eisbechers aus. Jack beobachtete ihn stolz, aber auch mit einer gewissen Unsicherheit. Es war nicht leicht, einen Sohn von seiner Mutter zu trennen. Wenn man das tat, musste man mit ihm vorsichtiger als gewöhnlich umgehen. Man musste Vater und Mutter zugleich sein und noch irgendetwas dazwischen. Freund, guter Zuhörer und Schmusedecke.

Als Randy fertig war, lehnte sich Jack in seinem Stuhl zurück, sah ihn an und lächelte. »Was für ein Freund?«, wollte er schließlich wissen.

Randy lief rot an.

»Komm schon«, drängte Jack, »was für ein Freund? Du weißt, wovon ich rede. Du hast deiner Mutter erzählt, dass du in The Oaks einen Freund gefunden hättest. Das war ja wohl eine faustdicke Lüge, wie sie im Buche steht.«

»Ich darf es dir eigentlich nicht erzählen«, brachte Randy hervor.

»Was darfst du mir nicht erzählen?«

Randy schwieg lange. Da tauchte die Kellnerin vor ihrem Tisch auf und fragte: »Seid ihr beiden Jungs denn auch satt geworden?«

Sie trug einen sehr kurzen Rock und gewährte tiefen Einblick in ihr Dekolleté. Sie hatte schwarzes, wuscheliges Haar und eine Nase, mit der man eine Dose Tomaten hätte öffnen können. Als sie sich über ihn beugte, um das leere Geschirr abzuräumen, fragte sich Jack, ob sie jemals mit jemandem ins Bett gestiegen war und falls ja, was sie davon gehalten hatte. Es lag eine gewaltige Kluft zwischen dem Abräumen von eingesautem Geschirr und dem Erreichen eines sexuellen Höhepunkts.

Plötzlich wurde ihm bewusst, dass man ihm seine Frustration deutlich ansehen konnte. Er setzte sich aufrecht hin und versuchte mit aller Macht, desinteressiert und distinguiert zu wirken.

»Ist dir wirklich schlecht?«, wollte Randy wissen.

Er verfluchte Gott dafür, dass Kinder so feine Antennen besaßen. Jack schüttelte den Kopf. »Ich will wissen, was für ein Freund. Und wer sagt, dass du es mir nicht verraten sollst?«

»Lester«, antwortete Randy zögernd.

»Lester? Wer zum Teufel ist Lester?«

»Na ja, manchmal nennt er sich Lester und manchmal so etwas wie … Belfried.«

Jack drehte seinen Eislöffel zwischen den Fingern.

»Randy … ich will, dass du mir jetzt die Wahrheit sagst. Diesen – wie heißt er gleich – Lester, den hast du erfunden, oder? Du hast ihn erfunden, damit Mom dir erlaubt, bei mir zu bleiben, richtig?«

Randy schüttelte den Kopf. »Ich habe ihn gesehen.«

»In The Oaks?«

Randy nickte. »Er hat gesagt, dass ich es niemandem verraten darf. Nicht meiner Mutter oder meinem Vater oder irgendjemandem sonst.«

»Warum nicht?«

»Ich weiß es nicht. Eben drum. Er hat gesagt, dass ich es auch den anderen nicht sagen darf, denn die sind gemein und gefährlich. Er sagte, dass man einige von ihnen hinter Schloss und Riegel bringen sollte.«

Eine elterliche Alarmglocke begann in Jacks Kopf zu läuten. Es wurde ihm bewusst, dass Randy durchaus die Wahrheit sagen mochte oder eine Geschichte erzählte, die teilweise aus kleinen Flunkereien bestand und teilweise den Tatsachen entsprach. Kinder in Randys Alter verwendeten in der Regel keine Ausdrücke wie »hinter Schloss und Riegel«, es sei denn, ein Erwachsener hatte sie ihnen in den Mund gelegt.

Es war durchaus möglich, dass Randy jemanden getroffen hatte, während sie The Oaks besichtigten. Das Haus war groß genug und Randy war allein unterwegs gewesen. Aber wer zum Teufel war es? Vielleicht ein Hausbesetzer? Oder ein Perverser, der sich in der Gegend herumtrieb? Mal ehrlich, wie vertrieben sich denn die Hell’s Angels, Pädophile oder Serienmörder bei schlechtem Wetter die Zeit?

Das Sssschhhhhh-Geräusch – vielleicht war er das gewesen, vielleicht war das Lester, der irgendwelche Geheimgänge entlanglief. Ein verdammter Perversling namens Lester, der versucht hatte, Randy mit gutem Zureden und merkwürdigen Drohungen für sich einzunehmen.

Und Herrgott noch mal, wer konnte wissen, was für makabre Dummheiten jemandem wie ihm im Kopf herumspukten?

»Randy«, sagte Jack, »bist du dir da ganz sicher? Dass du einen Mann dort gesehen hast? Das ist eine ernste Angelegenheit, du würdest mich doch nicht anschwindeln?«

Randy nickte. »Ich schwöre es bei meinem Leben.«

»Na ja, das musst du jetzt auch wieder nicht sagen«, erklärte ihm Jack und legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter. »Ich würde sagen, du und ich, wir sollten The Oaks noch mal einen Besuch abstatten. Was hältst du davon? Einen Überraschungs-Besuch, sodass Lester gar nicht weiß, dass wir kommen.«

»Wann denn?«, wollte Randy wissen.

Jack sah auf seine Rolex. Sie hatte seinem Vater gehört und war immer etwas zu langsam gegangen. Sein Vater hatte behauptet, dass diese Uhr ihn unsterblich machte. Wann immer seine Zeit gekommen war, blieben ihm auf der Rolex immer noch zwei Minuten übrig.

»Es ist jetzt halb neun. Wenn wir uns sofort auf den Weg machen, könnten wir gegen zehn dort sein. Meinst du, dass du so lange wach bleiben kannst?«

Randy senkte den Kopf. »Und du wirst es Lester nicht verraten?«

»Was? Dass du ihn verpfiffen hast? Herrgott, ich bin dein Vater. Und das Gebäude gehört jetzt mir. Na ja, fast jedenfalls. Daniel Bufo hat mein Angebot angenommen; ich muss ihn nur noch ein oder zwei Wochen hinhalten, bis ich die finanziellen Mittel aufgetan habe, dann haben wir es geschafft. Und dann sollte sich im Haus besser kein Lester oder Belfried oder wie auch immer du ihn nennst mehr herumtreiben. Dann habe ich nämlich das volle Recht, ihn rausschmeißen zu lassen.«

»Müssen wir wirklich hingehen?«, jammerte Randy.

Jack zog zwei Dollarscheine aus der Tasche, faltete sie zusammen und legte sie unter seinen Teller. »Eines musst du noch lernen, Randy, und zwar, dich allem zu stellen, was dir Angst einjagt. Ob es nun Ratten sind oder Hunde oder Spinnen. Jetzt musst du dich Lester stellen, wer auch immer er ist, und ihn in die Schranken weisen. Und ich werde dort sein, direkt an deiner Seite, um dich zu unterstützen.«

»Aber er ist …«, setzte Randy an.

»Er ist nichts, mit dem du und ich nicht fertig werden könnten«, unterbrach ihn Jack.

»Er ist in der Wand«, beendete Randy verzweifelt seinen Satz, viel zu leise, als dass Jack es hätte hören können.

Sie waren nach Westen unterwegs, als Jack plötzlich seine Meinung änderte und auf der 76. Straße in die West Good Hope Road Richtung Norden einbog. Die Scheibenwischer schabten mit ihrem Gummi stotternd über die Scheibe. Es regnete zu stark, um sie komplett auszuschalten, aber das Glas wurde doch nicht wirklich nass, sodass sich das Wischen kaum lohnte. Vor ihnen spiegelten sich auf dem Asphalt die scharlachroten Rücklichter anderer Autos wie Auspuffflammen aus Buck Rogers’ Raketenantrieb.

»Dachte, wir können vielleicht noch Karen mitnehmen«, erklärte Jack, der mit nur einer Hand den Wagen lenkte.

Randy nickte. Schließlich blieb ihm sowieso nichts anderes übrig. Wenn sie Karen mitnahmen, bedeutete das, dass er allein nach hinten auf den Rücksitz verbannt wurde. Er starrte aus dem Fenster auf die Läden und Tankstellen und die hell erleuchteten Straßenkreuzungen und vermisste seine Mutter mehr, als er jemals hätte zugeben können – jedenfalls nicht, ohne sofort in Tränen auszubrechen. Und weinen wollte er definitiv nicht.

Jack legte eine Kassette ein. Die Eagles mit Hotel California.

Sie erreichten Karens Haus. Es stand genau an der Ecke einer Seitenstraße, zwei Blocks nördlich der West Good Hope Road. Es war klein und heruntergekommen, erbsengrün angestrichen, konnte eine riesige Antenne auf dem Dach als einziges Prunkstück vorweisen und erinnerte mehr an eine Hütte als an ein vollwertiges Haus. Das Dreirad eines Kindes stand verlassen auf dem Bürgersteig. Als einziges Lebenszeichen flimmerte ein Fernseher hinter den Vorhängen.

Jack sagte: »Warte kurz, Großer. Ich brauche nicht lang!« Randy blieb geduldig im Wagen sitzen. Der Regen trommelte unaufhörlich und hartnäckig gegen die Windschutzscheibe und vernebelte ihm die Sicht. Er glaubte nicht, dass er sich in seinem Leben jemals zuvor so elend gefühlt hatte.

Nach zehn Minuten erschien sein Vater Arm in Arm mit Karen unter dem Vordach. Sie eilten schnell zum Auto, damit sie nicht nass wurden. Ohne die Anweisung abzuwarten, schnallte sich Randy los und kletterte auf den Rücksitz. Sein Vater schien es noch nicht einmal zu bemerken. Karen sprang mit einem kurzen, spitzen Schrei auf den Beifahrersitz und quietschte dann: »Oh Gott, meine Haare!«

»Deine Haare sitzen perfekt!«, versicherte ihr Jack und startete den Motor.

Karen schnallte sich an und drehte sich dann zu Randy um.

»Hi Randy! Was ein Abenteuer mitten in der Nacht, hmm?«

Randy nickte wortlos. »Er ist müde«, erklärte Jack. »Nicht besonders überraschend, so wie die Dinge gelaufen sind.« Er steuerte den Kombi wieder Richtung Süden und hielt auf die 94 zu. »Wenn ich doch nur früher gewusst hätte, wie sich seine Mutter fühlt. Wenn sie es mir nur gesagt hätte, mit mir kommuniziert hätte, weißt du?«

»Na ja, einige Frauen tun das halt nicht«, antwortete Karen, die ihre in schwarzen Netzstrumpfhosen verhüllten Beine übereinandergeschlagen hatte. Ihre goldenen Reifenohrringe reflektierten das Licht der Straßenlaternen, eine orangefarbene Kurve nach der anderen. »Meine Schwester war genauso, sie konnte über solche Dinge nicht reden.«

Jack schielte in den Rückspiegel. »Das Problem ist, dass man, wenn man einen Country Club führt, einfach kommunizieren muss, 24 Stunden am Tag mit den Menschen interagieren. Die Leute gehen an einen solchen Ort, um sich verwöhnen zu lassen, weißt du, wie ich meine? Genau so ist es ja auch, wenn sie einen Auspuff kaufen wollen. Sie wollen kein ›Vielleicht‹ hören oder stundenlang warten, geschweige denn erst am Dienstag wiederkommen. Sie wollen den richtigen Schalldämpfer und sie wollen ihn sofort.«

Karen leckte sich über die Lippen, sodass sie glänzten. »Glaubst du nicht, dass Du-weißt-schon-wer es dir vermasseln könnte?«

Jack zuckte die Achseln. »Ich will ihr doch gar nichts Böses. Glaub mir, ich will ihr um nichts auf der Welt wehtun.«

Sie fuhren auf die 94 und im Regen weiter Richtung Westen. Waukesha, Oconomowoc, Johnson Corner. Die Wegweiser rauschten schemenhaft an ihnen vorbei wie in einer Traumsequenz. Randy legte sich auf dem Rücksitz hin und schloss die Augen. Er hörte das Surren der Reifen auf dem Highway, das kratzende Gummi der Scheibenwischer und das Wusch-wusch des Windes, der gegen das verbeulte Heck blies, dort wo Jack mit dem Baum kollidiert war.

Jack war zwar ebenfalls müde, steckte aber gleichzeitig voller Tatendrang, als ob er zur Abwechslung einmal etwas Positives täte. Wenn es in The Oaks einen Hausbesetzer gab oder einen perversen Sexualstraftäter oder was auch immer, würde er ihn aufscheuchen und ihm eine saftige Tracht Prügel verpassen. Jack war entschlossen, jetzt die Kontrolle über sein Leben und sein Umfeld zu übernehmen. Vielleicht scherte sich Maggie nicht um ihn, doch Karen tat es und Randy auch. Es ging nicht länger um Schalldämpfer und Reifen, sondern um die Durchführung von Umbaumaßnahmen und Börsennotierungen. Herrje, es ging jetzt tatsächlich um Macht.

Bevor sie Madison erreichten, änderte er den Kurs in Richtung Nordost und bog 20 Meilen später links ab nach Lodi. Die Scheinwerfer flackerten im Regen und die Reifen ließen das Wasser aus den Pfützen am Straßenrand aufspritzen.

Schließlich erreichten sie das gusseiserne Tor und Jack parkte direkt davor. Er öffnete die Fahrertür. Der Regen war jetzt nur noch ein leichtes Nieseln. Jack wog das Schloss in seiner Hand. Es war zu massiv, als dass er es gewaltsam hätte öffnen können. Abgesehen davon war es vermutlich ohnehin besser, sich dem Gebäude zu Fuß zu nähern. So konnten sie nachschauen, ob dort jemand herumlungerte, ohne durch den lauten Motor ihr Kommen anzukündigen.

Hier draußen in den nassen Wäldern von Wisconsin, meilenweit weg von jeglicher Zivilisation, erschien ihm die Idee, einen gesellschaftlichen Außenseiter aus einem dunklen, verlassenen Gebäude zu vertreiben, plötzlich nicht mehr ganz so verlockend. Erst jetzt kam ihm der Gedanke, dass dieser Lester ja durchaus bewaffnet sein konnte. Jack hatte ihn sich als herumschnüffelnden, gedrungen umherschleichenden Kinderschänder vorgestellt. Aber was, wenn es nun ein Zweimetermann mit der Statur eines Arnold Schwarzenegger war, der an jeder Seite seines Jackenaufschlags eine Handgranate baumeln hatte und eines dieser riesigen Messer mit sägeartiger Klinge mit sich herumtrug, das Kommandosoldaten benutzten, um ihre eigenen fauligen Füße abzuschneiden?

Karen kam um den Wagen herumgelaufen und stellte sich neben ihn. Sie zitterte in ihrem kurzen, scharlachroten Regenmantel. »Gehst du wirklich rein?«, wollte sie wissen.

Er räusperte sich. »Natürlich gehe ich rein. Willst du vielleicht hier draußen warten?«

»Willst du mich auf den Arm nehmen? Ich warte ganz bestimmt nicht mutterseelenalleine hier draußen.«

»Ich frage mich nur gerade, ob es das wirklich wert ist.«

Jack legte einen Arm um Karens Schulter. Sie gab ihm einen Schmatzer auf die Wange. Er drehte sich zu ihr um und küsste sie auf den Mund. Sie schmeckte nach Pfirsichlippenstift und Salz. Er fühlte, wie das Gewicht ihrer Brüste durch ihren Regenmantel hindurch gegen seinen Arm drückte und erkannte erst jetzt, wie sehr er sie begehrte. Na ja, jedenfalls brauchte.

»Hey, hoppla!«, protestierte sie und löste sich aus seiner Umarmung. Randy war aufgewacht. Seine Haare standen in alle Himmelsrichtungen ab. Er hatte das Licht im Auto angeschaltet und saß da wie Alfalfa aus Die kleinen Strolche, während er sie feierlich mit blassem Gesicht beobachtete.

»Karen, ähm, warum wartest du nicht einfach hier?«, schlug Jack vor. »Ich schnapp mir eine Taschenlampe und seh mich mal kurz um, okay?«

»Auf keinen Fall!«, widersprach Karen ihm. »Wo auch immer du hingehst, ich bin dabei.«

Randy kletterte ebenfalls aus dem Wagen. Jack ermahnte seinen Sohn: »Hey, Großer, mach die Tür leise zu. Wir wollen niemandem ankündigen, dass wir kommen.«

»Ich habe Durst«, stellte Randy fest.

»Tja, hör mal, wir schauen uns einfach kurz um, damit wir wissen, ob sich hier jemand versteckt und dann schauen wir mal, ob wir noch irgendwo in einem Diner was zu trinken auftreiben, okay?«

»Okay.« Randy nickte.

Jack berührte ihn aufmunternd an der Schulter. »Also gut. Lasst uns gehen. Aber sobald wir jemanden sehen, hauen wir sofort ab, verstanden?«

Jack holte seine Taschenlampe aus dem Handschuhfach. Dann quetschten sie sich einer nach dem anderen durch die Lücke in der Hecke neben dem Tor. Sie pirschten wie Indianer die schattige Allee entlang. Ihre Füße knirschten auf dem Schotter. Karen trug wie üblich ihre Schuhe mit den hohen Absätzen und wäre zweimal fast hingefallen. Jack wartete deshalb, bis sie ihn eingeholt hatte, und bot ihr dann seinen Arm als Stütze an. Randy trottete hinter ihnen her. Den Kragen seines Anoraks hatte er aufgestellt. Er spähte immer wieder nervös zu den Baumreihen hinüber, wo er das kleine Mädchen ohne Gesicht neulich gesehen hatte. Auf ein Wiedersehen hätte er eigentlich gerne verzichtet.

Der Strahl von Jacks Taschenlampe huschte mal hierhin, mal dorthin. Hauptsächlich, um den Kies vor Karens Füßen zu beleuchten, sodass sie sehen konnte, wohin sie lief.

Allmählich zeichnete sich der Umriss von The Oaks vor ihnen ab. Die Türme und Schornsteine ragten düster und geheimnisvoll in den Nachthimmel hinauf. Jack war jetzt nüchtern, völlig klar im Kopf und bereute es zutiefst, dass er sie alle hierher gebracht hatte, wo sie sich doch gemütlich Die Bill Cosby Show anschauen und eine Schüssel frisches Popcorn dazu teilen konnten, anstatt durch die Nacht zu schleichen und sich dabei die Schuhe zu ruinieren.

Sie liefen um das Gebäude herum auf das Gewächshaus zu. Karen nahm das vom Regen glitschig gewordene Dach und die verrottenden Brüstungen in Augenschein und schmiegte sich enger an Jack heran. »Hier ist es total unheimlich, Mann. Dabei habe ich echt schon gruselige Orte gesehen, aber das hier toppt alles.«

Sie erreichten die Tür des Anbaus. Sie war geschlossen. Vermutlich Daniel Bufos Werk. Wenn es ganz dumm lief, hatte er auch abgeschlossen. Jack ertappte sich dabei, dass er sich das insgeheim sogar wünschte. Drinnen sah es sehr finster aus, so dunkel wie unter der Haube eines altmodischen Fotografen. Was sollte er tun, wenn Lester ihre Ankunft bemerkt hatte und ihnen auflauerte?

Seltsamerweise wirkte der riesige Komplex zwar furchteinflößend, übte zugleich aber eine unglaublich starke Anziehungskraft auf Jack aus. Der Bau war ziemlich heruntergekommen und im Inneren befiel ihn stets eine Art Klaustrophobie, doch in den vergangenen vier Tagen hatte er an nichts anderes mehr denken können. Jetzt, wo er wieder hier war, spürte er ein Kribbeln wie beim allerersten Mal, als er es für sich entdeckt hatte. Sich dem Eingang des Gewächshauses zu nähern, fühlte sich an, als hielte er auf dem Dach eines Hochhauses auf den Abgrund zu und verspürte beim Blick in die Tiefe den irrationalen Drang zu springen. Oder als nähme er ein Küchenmesser mit frisch geschärfter Klinge zur Hand, um sich zu fragen, wie es sich wohl anfühlte, damit über die eigene Zunge zu fahren.

Als er den Türgriff berührte, erkannte er, dass er nicht wirklich gekommen war, um nach einem Hausbesetzer namens Lester Ausschau zu halten. Definitiv nicht. Er war hergekommen, weil er ohne das Haus einfach nicht sein konnte.

Jack drehte den Knauf. Mit einem leisen Knarzen schwang die Tür auf.

Willkommen zurück, Jack.

Er atmete tief ein und nahm den eigenartigen Geruch in sich auf, den er als Mischung aus Essig, Staub und Feuchtigkeit bereits kannte. Er war unangenehm und doch seltsam verlockend, ganz ähnlich wie bei Rollmops. Jack suchte das Gewächshaus mit seiner Taschenlampe ab, aber mehr als zerbrochenes Glas und umgeworfene Töpfe konnte er im schmalen Lichtkegel nicht erkennen.

Randy und Karen zögerten noch, das Haus zu betreten. Jack drehte sich zu ihnen um und sagte: »So weit, so gut. Kommt ihr rein?«

Er trat selbst entschlossen ins Innere und ging die Stufen hinauf in die Empfangshalle. Randy und Karen folgten ihm zögernd. »Kannst du mal in meine Richtung leuchten? Ich kann gar nichts sehen, verdammt«, forderte ihn Karen auf.

Sie erreichten die Halle, in der die zwei blinden Statuen postiert waren. Jack richtete den Strahl der Taschenlampe auf die Decke. Er tauchte kurz den Leuchter und seinen Spinnwebenteppich in schummriges Licht. Für den Bruchteil einer Sekunde sah es so aus, als ob eine riesige, durchsichtige Spinnenhaut von dem staubigen Glas herabhing.

Jack lauschte. »Kann nichts hören«, bemerkte er.

Karen öffnete ihre Handtasche und nahm Kaugummis mit Zitronengeschmack heraus. Einen gab sie Randy und wickelte dann einen weiteren für sich selbst aus. Sie standen in der riesigen, dunklen Halle und lauschten auf den heruntertropfenden Regen und das unablässige Kaugummi-Geschmatze von Karen.

»Wo, hast du gesagt, hast du Lester getroffen?«, erkundigte sich Jack, der seine Maglite jetzt auf die linke Treppe richtete.

»Oben«, flüsterte Randy, »ganz oben unterm Dach.«

»Also gut«, antwortete Jack, »dann gehen wir jetzt mal dorthin und sagen Hallo.«

Er erklomm entschlossen die Stufen. Karen und Randy folgten ihm weitaus zögerlicher. Karens hochhackige Schuhe warfen ein endloses Echo durch das Gebäude. »Das nenne ich ein sinnloses Unterfangen«, bemerkte Karen. »Ich muss verrückt sein, dass ich in einer Nacht wie dieser an einen solchen Ort mitkomme. Wisst ihr das? Bei mir tickt’s nicht mehr richtig.«

Randy sagte gar nichts. Jetzt, da sie tatsächlich in The Oaks waren, machte er sich schreckliche Sorgen, dass Lester sauer auf ihn sein würde, weil er seinem Vater von ihm erzählt hatte. Und was war mit den anderen, den gemeingefährlichen Leuten in der Wand, die hinter Schloss und Riegel gehörten?

Sie erreichten das erste Stockwerk. Einen Moment lang dachte Randy, dass er wieder jemanden singen hörte:

Lavendelblau, dideldei;

Lavendel, hier gehör ich hin.

Hier bin ich König, dideldei;

Und du wirst Königin.

Jack hielt inne, legte den Kopf schräg und lauschte.

»Hast du das gehört?«, fragte er Karen.

»Jack, Schätzchen, deine Fantasie geht mit dir durch«, erwiderte sie nur.

Doch Randy mischte sich ein: »Ich habe etwas gehört. Jemanden, der singt.«

»Ich auch«, bestätigte Jack. Er begann, langsam den östlichen Gang entlangzulaufen, und rüttelte an sämtlichen Türen, obwohl er von seinem letzten Besuch noch wusste, dass sie allesamt verschlossen waren. Von Zeit zu Zeit leuchtete er mit der Taschenlampe durch eines der Schlüssellöcher und spähte hinein.

»Hier ist jemand«, sagte er leise. »Da bin ich mir ganz sicher.«

»Na, und wer?«, wollte Karen wissen. »Und wo ist er?« Trotz ihrer Ungewissheit kam sie klipp-klapp auf ihn zustolziert, um ihn am Arm zu packen. »Weißt du was? Ich hasse diesen Ort wirklich. Er erinnert mich an das Krankenhaus, in dem meine Großmutter gestorben ist.«

Doch Jack lief weiter durch den Gang und rüttelte an sämtlichen Türgriffen, lugte durch die Schlüssellöcher, beschleunigte dabei seinen Schritt. Er konnte regelrecht spüren, dass da jemand war. Das ganze Gebäude schien ein lebendiges Wesen zu sein, wie während eines Erdbebens. Die Wände hallten dumpf; es war ein tiefes, polterndes Rumpeln. Ein Gefühl gespannter Erwartung, das so stark war, dass er es fast schon einzuatmen schien.

»Daddy!«, schrie Randy. Jack richtete den Lichtkegel auf das Ende des Gangs, gerade noch rechtzeitig, um einen Blick auf einen grau-weißen Umhang zu erhaschen, der in Richtung Treppe verschwand.

Karen hatte nichts gesehen. »Was war denn da?«, rief sie mit vor Schreck geweiteten Augen.

Doch Jack hatte schon ihre Hand gepackt und zog sie hinter sich her, während er in halsbrecherischem Tempo die Verfolgung aufnahm. Randy kam ihnen nachgelaufen und schnaufte vor Angst und Anstrengung.

Sie erreichten das Ende der Treppe. Jack sah einen grau-weißen Schemen. Das Kind war nach oben geflohen. Er wollte ihm gerade folgen, als Karen ihn am Ärmel zog und aufhielt. »Meine Schuhe!«, jammerte sie, während sie auf einem Bein hüpfte und versuchte, sie auszuziehen. »Ich kann doch nicht mit hohen Absätzen rennen.«

»Schon gut, schon gut.« Jack hielt sich am Treppengeländer fest und stützte sie, während sie sich im Eiltempo die Schuhe auszog. Randy stand neben ihnen und versuchte, wieder zu Atem zu kommen.

»Hast du dieses Kind schon mal gesehen?«, wollte Jack von seinem Sohn wissen.

Randy nickte. »Es war oben und ich habe es auch draußen im Garten gesehen, als wir weggefahren sind. Es winkte mir zu, aber es hatte kein Gesicht.«

»Hatte kein Gesicht?«, wiederholte Karen und rümpfte die Nase. »Was meinst du damit? Es hatte kein Gesicht?!«

»Ich weiß nicht. Es trug einen Umhang oder so.«

Jack sagte: »Ich habe dasselbe Kind auch schon gesehen. Wenn es ein Kind ist. Erst auf dem Highway. Das war das Kind, von dem ich euch erzählt habe, das, wegen dem ich den Unfall gebaut habe.«

»Du meinst den Balg, der sich hinterher als Zeitung entpuppt hat?«, hakte Karen nach.

Jack sagte: »Genau den.«

»Und diesmal soll es keine Zeitung sein? Oder eine Eule? Oder in diesem Fall noch viel wahrscheinlicher eine Ratte?«

Jack sah Randy an und zuckte die Achseln. »Vielleicht hast du recht, vielleicht ist es so. Nur ein paar Überreste einer Zeitung.«

»Aber es ist hochgerannt«, protestierte Randy. »Ich habe es genau gesehen. Es ist hochgerannt.«

»Könnte auch ein Eichhörnchen gewesen sein, das eine Zeitung zu seinem Nest schleppt«, gab Jack zu bedenken.

Randy starrte ihn im Schein der Taschenlampe an. Es war eindeutig zu sehen, dass er seinem Vater das nicht abkaufte. Ein Eichhörnchen, das eine Zeitung nach oben schleppte? Aber was zum Teufel sollte es denn sonst sein? Niemand konnte Jack ernsthaft erzählen, dass hier wirklich ein Kind hauste, das in einem grau-weißen Regenmantel von Stockwerk zu Stockwerk flitzte. Nicht dass es hinterher noch ein Geist war, verflixt noch mal.

Karen erklärte: »Ich will nach Hause. Dieser Ort ist mir nicht geheuer.«

Jack ergriff ihre Hand und drückte sie aufmunternd. Dann leuchtete er mit der Mini-Maglite nach oben. »Na kommt, es wird schon nichts Schlimmes sein. Selbst wenn es ein Kind sein sollte, wir haben ja wohl keine Angst vor Kindern, oder?«

»Jack«, sagte Karen. »wenn es ein Kind ist, dann wird es sicher nicht allein hier leben, meinst du nicht auch? Dann sind seine Eltern sicher ganz in der Nähe. Zumindest ein Elternteil. Vielleicht dieser Gruseltyp Lester.«

Jack nahm eine Stufe nach oben. »Ach, komm«, redete er auf sie ein. »Hier gibt es nichts, wovor man Angst haben müsste. Das ist doch nur ein altes Gemäuer, weiter nichts.«

»Jack, nein!«, widersprach sie und versuchte, ihre Hand freizubekommen. »Ich habe Angst.«

Jack wollte sie wieder hinter sich herziehen, aber sie hielt dagegen. Er wandte sich an Randy. »Und was ist mit dir, Randy? Hast du auch Angst?«

Randy schluckte. »Nein, Sir«, antwortete er mit dünner, tonloser Stimme.

»Na also«, grinste Jack. »Zwei zu eins. Wir haben keine Angst. Du bist überstimmt, Karen. Wir haben keine Angst, also wagen wir uns weiter vor.«

»Jack …«, protestierte Karen.

»Was willst du denn stattdessen tun?«, wollte er von ihr wissen. »Allein und ohne Taschenlampe wieder die Treppe hinunterschleichen?«

Sie zögerte und nickte dann. »Okay, okay. Aber das werde ich nicht so schnell vergessen. Ich habe Dunkelheit schon immer gehasst. Mein Daddy hat mich nämlich immer im Dunkeln eingeschlossen und ich schrie und schrie, aber er kam nie.«

Sie erklommen die nächste Treppe, dann die übernächste, bis sie den Dachboden erreichten. Der Essiggeruch war überwältigend stark und in der Luft lag eine merkwürdige, undefinierbare Spannung. Jack leuchtete den Flur ab. Der Lichtstrahl reflektierte im Zickzack von den Türen zu den Wänden und zur Decke.

»Es war irgendwo in der Mitte«, erklärte Randy. »Die erste Tür, die offenstand.«

Karen sagte: »Wenn wir hier jemanden finden, Jack, dann bin ich weg. Ich hau sofort hier ab, Taschenlampe hin, Taschenlampe her, das sag ich dir.«

Er klopfte ihr mit gespielter Gelassenheit auf die Schulter. »Ach, komm schon, Karen, wird schon alles gut gehen.« Ihm selbst schnürte nackte Angst regelrecht die Luft ab, aber gleichzeitig verspürte er einen starken Drang weiterzugehen. Wenn da jemand war, wollte er mit ihm reden. Er wollte wissen, was derjenige hier zu suchen hatte und was er über das Gebäude wusste. Hier gab es so viele unerforschte Geheimnisse. Warum hatten alle Skulpturen ihre Augen geschlossen? Warum waren die Fenster mit Netzen versehen und alle Türen verriegelt?

Und warum hatte man das Haus 1926 so abrupt geräumt und seither weder betreten noch ernsthaft nach einem Käufer gesucht, sondern einfach sich selbst überlassen?

Das ungleiche Trio ging den Gang hinunter, Jack vorneweg. Schließlich erreichten sie die halb geöffnete Tür und den Raum, in dem Randy auf Lester gestoßen war. Sie hielten an. Jack fragte: »Da drin?«, und leuchtete hinein. Das Zimmer schien völlig verlassen zu sein.

»Hallo?«, rief er. »Ist da jemand?«

»Na klar«, antwortete Karen. »Der Geist der zukünftigen Weihnacht.«

Jack streckte seine linke Hand aus, um die Tür ein Stück weiter zu öffnen. Sie schwang ohne große Probleme auf, obwohl die Scharniere etwas schwergängig waren. Er wartete. Drinnen war alles still. Leichter Regen prasselte gegen die Fensterscheiben. Lavendelblau, dideldei. Lavendel, hier gehör ich hin … Jack betrat das Zimmer, drehte sich um und machte zwei schnelle Schritte rückwärts, für den Fall, dass sich Lester hinter der Tür versteckt hielt. Mit der Taschenlampe suchte er jeden Winkel ab.

»Es ist leer«, erklärte er lächelnd. »Hier ist niemand und hier war auch niemand.«

»Woher willst du das denn so genau wissen?«, erkundigte sich Karen.

»Ach, Mensch, denk doch mal drüber nach. Hast du schon mal ein besetztes Haus gesehen? Müll, wo man nur hinsieht: Decken, leere Flaschen, dreckige Windeln, Campingkocher. Dieser Raum wurde 60 Jahre lang nicht mehr benutzt.«

Randy stand ernst und mit vor Schreck geweiteten Augen im Türrahmen und sagte nichts. Jack beugte sich zu ihm hinunter und wuschelte ihm durch die Haare.

»Vielleicht war dieser Lester nicht ganz so real, wie du gedacht hast, hm?«

»Bist du böse auf mich?«, fragte Randy.

Jack schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht. War doch ein ordentliches Abenteuer, oder etwa nicht? Und glaub mir, Partner, mir ist es wesentlich lieber, dass wir hier drinnen niemanden gefunden haben.«

Randy antwortete: »Das glaube ich.« Er sah beinahe ein wenig enttäuscht aus. Vielleicht hatte er sich Lester wirklich nur eingebildet. Und das kleine, gesichtslose Mädchen, das ihm durch die Bäume hindurch zugewinkt hatte.

Jack sagte: »Lasst uns bis ganz zum Ende durchlaufen, nur um sicherzugehen.«

Randy sah sich stirnrunzelnd um. »Kann ich hier warten?«

»Allein? In der Dunkelheit?«

»Es ist hell genug.«

»Und was willst du hier drin machen, so ganz allein?«

»Mich ausruhen, mehr nicht. Meine Füße tun weh.«

Als Beweis dafür, dass es ihm ernst war, lehnte er sich mit dem Rücken an die Wand und ließ sich langsam herabgleiten, bis er auf dem Boden saß. Jack sah Karen an, die meinte: »Es wird ihm schon nichts passieren. Er muss völlig erschöpft sein. Und wir sind doch nur eine Minute weg.«

»Also gut«, sagte Jack. »Aber du bleibst genau da, wo du bist. Kein Herumspazieren. Der Boden ist teilweise nicht so sicher, wie er sein sollte, verstanden? Besonders dort am hinteren Ende.«

»Ja, ist gut!«, stimmte ihm Randy zu. Er umfasste seine Knie und legte den Kopf in den Schoß. Er sah so klein und müde aus, dass Jack sich fühlte wie ein blöder, egoistischer, grobmotorischer Unmensch. Er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er seinen Sohn so spät nachts hierher gebracht hatte, wo er doch längst in seine Bettdecke gekuschelt sein sollte.

»Hör mal«, forderte ihn Jack auf. Er zog die Kackwurst aus Randys Jackentasche und schmiegte sie an die Wange seines Sohns. »Wir sind gleich wieder da. Waffel wird auf dich aufpassen und du kannst uns sofort rufen, wenn du uns brauchst. Ich will nur absolut sichergehen, dass hier niemand ist.«

»Ja, ist gut!«, wiederholte Randy und gähnte.

Dicht aneinandergedrängt gingen Jack und Karen weiter den Gang entlang. Sie rüttelten an jedem Türgriff und sahen durch jedes Schlüsselloch.

Als sie fast am Ende des Korridors angelangt waren, meinte Karen: »Du glaubst doch nicht wirklich, dass hier jemand ist, oder? Man müsste schon völlig meschugge sein, um freiwillig an einem solchen Ort zu leben.«

Jack antwortete: »Sieht nicht danach aus, oder? Schätzungsweise ist ›Lester‹ nur eine Ausgeburt von Randys blühender Fantasie. Armer Junge. Maggie ist abgehauen … Na ja, das hat ihm schon ganz schön zugesetzt. Vielleicht ist ›Lester‹ so eine Art imaginärer Freund, jemand, mit dem er reden kann, wenn ich gerade keine Zeit für ihn habe.«

»Klar!«, meinte Karen. Sie sah den Gang zurück.

»Wenn sich Eltern trennen, ist das für die Kinder immer am schlimmsten. Ich weiß noch genau, wie übel es Sherrywine mitgenommen hat. Sie schloss sich damals eine ganze Woche lang heulend in ihr Zimmer ein und fing dann an, im Supermarkt Sachen zu klauen.«

Ganz plötzlich berührte sie Jacks Wange. Er zuckte zusammen, da er erst nicht wusste, was es war, doch dann streichelte sie ihn sanft und fuhr durch sein Haar. Er wandte sich ihr zu und küsste sie am Handgelenk.

»Und wie ist es dir ergangen?«, wollte sie von ihm wissen.

Er küsste sie noch einmal am Handgelenk. »Ich hab mich da einfach irgendwie durchgemogelt.«

»Na ich weiß nicht«, erwiderte sie. Ihre Augen leuchteten in der Dunkelheit. »Manchmal reicht es nicht aus, sich einfach nur ›durchzumogeln‹.«

Jack hielt ihren Arm fest und zog sie dann ungeschickt näher zu sich heran, zögerte kurz und küsste sie auf die Lippen. Es war ein forschender Kuss, ganz zaghaft. Doch da öffnete sie ihren Mund weit und er drängte seine Zunge hinein. Sie küssten sich heftig und leidenschaftlich.

»Das sollten wir nicht tun«, keuchte Karen. »Jack, wir sollten aufhören.«

Doch sie machte keinen Versuch, sich von ihm zu lösen, sondern küsste ihn weiter – auf den Mund, das Gesicht und seinen Hals. »Gott, du weißt gar nicht, wie lange ich dich schon gewollt habe!«, verriet sie ihm.

Jack fummelte an den Knöpfen ihres Cardigans herum. Der Strahl der Taschenlampe wanderte hierhin und dorthin, auf Karens Gesicht, dann auf die Wand, die Decke, das glatte, schwarze Nylon ihres BHs. Jack schob eine Hand in ihre Strickweste und streichelte ihren Busen. Sie knöpfte sie daraufhin vollständig auf. Dann schob er ihren BH hoch, sodass ihre Brust ganz frei war. Sie fühlte sich in Jacks Hand warm und schwer an und die Nippel waren in der kalten Nachtluft ganz hart geworden.

»Nicht hier!«, ermahnte sie ihn. »Wir können es hier nicht tun.«

Ihr kurzer, enger Rock war die Schenkel hochgerutscht. Jack schob ihn sogar noch weiter hoch, bis rauf zu ihrer Hüfte. Darunter trug sie nichts als ihre schwarze Netzstrumpfhose. Er streichelte über ihre Schenkel. Sie fröstelte und knabberte mit ihren Zähnen an seinem Hals. Er berührte sie zwischen den Beinen. Ihre geschwollenen Schamlippen zeichneten sich durch das Rautenmuster der Strumpfhose ab. Jack steckte seinen Finger hinein. Sie war glitschig, heiß und feucht.

»Karen«, keuchte er. »Oh Gott, Karen.«

Im selben Moment hörte er das Geräusch, als es an ihnen vorbeizog. Sssschhhhhhh – sssschhhhh – ssssschhhh. Dieses lang gezogene, schwere, zementartige Schleifen.

Sie erstarrten alle beide. Ihre Atemluft verdampfte in der Dunkelheit.

»Was war das?«, fragte Karen.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Jack, der immer noch lauschte und in Alarmbereitschaft war. Sein Steifer fiel in sich zusammen. Er zog den Finger aus Karens Scheide.

»Randy?«, rief er. Dann lauter: »Randy?«

Keine Antwort. Er wartete, lauschte. Dann schrie er fast schon hysterisch: »Randy!«

»Oh Gott«, keuchte Karen. »Was ist mit ihm passiert?«

Jack rannte durch den dunklen Gang zurück. Karen zog ihren Rock herunter, stopfte ihre Brüste wieder in den BH und setzte ihm nach.

»Randy! Bist du da?«, rief Jack.

Sie erreichten die offene Tür des Zimmers, in dem Randy sich eben an die Wand gehockt hatte. Es war leer. Jack suchte mit der Taschenlampe jeden Zentimeter gründlich ab, leuchtete von einer Ecke zur anderen, nahm sogar die Decke in Augenschein. Braune Blumentapete, eine verschimmelte Kopie von Susanna und die Alten. Ein Bett, auf dem sich braun verkrustete Spuren von Inkontinenz fanden. Doch kein Randy, nirgendwo.

»Randy!«, schrie Jack in den Gang. Seine Stimme wurde von der abgestandenen Luft gedämpft.

»Wahrscheinlich war ihm langweilig«, meinte Karen. »Weit kann er ja nicht gekommen sein.«

»Ich habe ihm befohlen, hier zu warten!«, erwiderte Jack. »Ich habe ihm befohlen, hier zu warten und sich nicht zu bewegen. Herrgott! Hätten wir ihn doch besser mitgenommen!«

»Jack, es ist nicht deine Schuld.«

»Ich weiß nicht, welcher Teufel mich geritten hat, ihn dort allein zurückzulassen.«

Karen streckte die Hand aus und berührte ihn sanft am Arm. »Ach, komm schon, Jack, du weißt, woran du gedacht hast. Und ich ebenfalls.«

Jack schrie: »Randy! Randy! Kannst du mich hören! Randy!«

Er lauschte. Keine Antwort. Er hörte nur den Regen, der in den Rinnen gurgelte, und das leise Knarzen eines Gebäudes, um das sich seit mehr als 60 Jahren niemand mehr gekümmert hatte. Willkommen zurück, Jack!, schien es ihm zuzuflüstern.

»Wir müssen nach ihm suchen«, entschied Jack. »Allmächtiger Gott! Wie lange waren wir weg? Zwei Minuten? Drei? Habe ich ihm nicht gesagt, dass er dort sitzen bleiben und warten und sich nicht von der Stelle rühren soll? Hast du gehört, wie ich das zu ihm gesagt habe? Randy!«

Sie liefen den Gang zurück bis zur Treppe. Jack war kalt und er war gereizt. Er musste immer wieder schlucken. Was, wenn Randy recht behalten hatte und sich doch ein Perverser hier im Haus vergnügte? Er konnte Randy jetzt schon ermordet und seinen Körper weggeschleift haben. Wie sollten sie ihn jemals finden?

Und falls sie ihn doch fanden, war es vielleicht schon zu spät. Randy konnte gequält, missbraucht oder stranguliert worden sein. Und währenddessen hatte Jack den Finger in seine Sekretärin gesteckt. Was sollte er bloß der Polizei erzählen? Und Maggie erst?

Sie rannten die Stufen hinunter. Ihre Schritte hallten in der bedrückenden Stille. Karen sagte atemlos: »Er wird schon irgendwo stecken, Jack. Hat sich bestimmt nur umgesehen.«

»Randy!«, brüllte Jack und leuchtete mit der Taschenlampe den Gang im zweiten Stock ab. Er wartete, doch es kam keine Antwort.

»Weißt du, wie viele Zimmer es in diesem Haus gibt, verflucht noch mal?«, fragte er Karen.

Sie antwortete: »Tut mir leid, Jack. Es ist auch meine Schuld.«

»Natürlich ist es nicht deine Schuld. Ich bin sein Vater. Ich hätte ihn nicht hierher bringen dürfen. Diese ganze Fahrt heute Abend war eine absolute Schnapsidee. Ich weiß nicht, was mich auf diese bescheuerte …«

Aus weiter Entfernung erscholl schlagartig der dumpfe Schrei eines kleinen Kindes, das einen nachtschwarzen Brunnen herabfällt. Er hörte eine Stimme, die Aaaaaaaahi-Auuuuuuu! schrie und dann abrupt wieder verstummte.

»Hast du das gehört?«, erkundigte er sich bei Karen.

»Ja, da war was, keine Ahnung. Vielleicht eine Katze.«

»Katze? Das war Randy. Randy!«

Keine Antwort. Jack rannte den Gang im zweiten Stock entlang, bis er zur Treppe am anderen Ende des Gebäudes gelangte. »Randy? Randy? Randy, ich bin’s, Daddy!«

Sie verbrachten zwei Stunden damit, jede einzelne Etage abzusuchen, an jedem Türgriff zu rütteln. Das Haus hatte über hundert Zimmer und lediglich das, in dem sie Randy zurückgelassen hatten, war nicht abgeschlossen gewesen. Nirgendwo eine Spur von dem Jungen – nicht in den Gängen, nicht in der Küche, nicht im gesamten ersten Stockwerk.

Schließlich kamen sie die Treppe hinunter in die Halle. Es war inzwischen fast 02:00 Uhr morgens und die Batterien in Jacks Taschenlampe begannen zu schwächeln. Karen meldete sich zu Wort: »Ich muss Bessy anrufen und ihr sagen, dass ich nicht zurückkomme.« Bessy war eine Kellnerin mit dicken Knöcheln, die seit Karens Scheidung bei ihr eingezogen war und Sherrywine beaufsichtigte, wann immer Karen tanzen oder etwas trinken gehen wollte.

»Hier gibt es kein Telefon«, merkte Jack an.

»Aber an der Tankstelle in Lodi gab es ein Telefon.«

»Na, und was denkst du, was ich jetzt mache? Meinst du vielleicht, ich lasse Randy hier zurück, damit du deine Babysitterin anrufen kannst? Herrgott, Karen, vielleicht ist er ermordet worden!«

»Hier ist er nicht, Jack! Er läuft irgendwo herum! Wir sind die Gänge Dutzende Male rauf und runter gelaufen! Wahrscheinlich ist er zum Auto zurückgegangen, um sich ein wenig hinzulegen. Wir haben noch gar nicht im Auto nachgesehen.«

»Den Keller haben wir auch noch nicht überprüft.«

Karen massierte sich kräftig den Arm – eine Geste unterdrückter Nervosität. »Jack, ich habe Angst!«, gab sie zu.

»Ich meine, was, wenn es Lester wirklich gibt?«

»Es dauert nicht lang, im Keller nachzusehen.«

»Jack, ich hasse Keller. Ich hasse sie wirklich.«

»Na gut, willst du vielleicht lieber hier auf mich warten?«

Karen sah sich um, sah auf die blinden, schweigenden Statuen, die an jedem Treppenaufgang aufgestellt waren. »Hier? In der Dunkelheit?«

»Dann warte eben draußen.«

Karen biss sich auf die Unterlippe. »Nein, ich komme mit. Solange die Taschenlampe ihren Geist noch nicht aufgibt.«

Die Kellertür befand sich auf der Westseite der Halle. Sie war breiter als die meisten anderen im Haus. Ihre Eichentäfelung war verblichen. Jack zog am Griff und erwartete, dass abgeschlossen war, hoffte es sogar, doch sie schwang ihnen federleicht entgegen. Feuchte, kalte Zugluft drang aus der Dunkelheit zu ihnen herauf und Karen zitterte am ganzen Körper.

»Meinst du wirklich, er steckt da unten?«

Jack richtete die funzelnde Maglite durch die Türöffnung. Das immer schwächer werdende Licht schälte eine Steintreppe und ein primitives Eichengeländer aus der Finsternis.

»Randy!«, rief er. Seine Stimme hallte nicht im Geringsten. Er hätte genauso gut in ein Kissen schreien können. »Randy?«

»Hier wäre er niemals freiwillig hinuntergegangen!«, meinte Karen und klammerte sich an Jacks Arm fest.

»Sonst ist er aber auch nirgendwo«, erwiderte Jack und kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können.

»Er muss zum Auto zurückgelaufen sein. Hier hätte er sich nicht runtergetraut.«

»Karen, tut mir leid. Ich muss auf Nummer sicher gehen.«

Seine Begleiterin atmete tief durch. »In Ordnung. Ich kann dich ja verstehen. Tut mir leid.«

Sie blieben dicht beisammen und stiegen gemeinsam die Stufen herab. Im schwächelnden Lichtkegel erkannte Jack, dass der Keller riesig sein musste. Er erstreckte sich über die ganze Länge des Hauses und verfügte über eine gewölbte Decke aus Kalkstein, die von gewaltigen Steinsäulen abgestützt wurde.

Hier, direkt unterhalb der Halle, stand ein uralter Kenwood-Boiler, dessen Messingrohre grün korrodiert waren. Die Bedienelemente konnte man aufgrund einer dicken Schmutzschicht kaum noch erkennen. Der Rest des Kellers war vollgestopft mit Umzugskartons, zusammengerollten Seilen, eingetrockneten Farbeimern, verblichenem, braunem Packpapier, leeren Ballonflaschen, auf denen »Essig zum Einlegen« stand, Schachteln mit Nägeln, Kisten voller schmutzig aussehender Flaschen mit Leinsamenöl, durchgesessenen Sofas, demontierten Eisenbetten, verdreckten Matratzen, Fahrradreifen und einer Sammlung von 50 oder 60 schweren Akkumulatorenbatterien aus schwerem Glas.

Von Randy hingegen keine Spur.

»Ruf ihn. Ruf ihn noch mal«, ermutigte Karen Jack.

»Randy!«, schrie er. »Randy! Bist du irgendwo hier unten?«

Die Taschenlampe flackerte nun wiederholt kurz ganz hell auf, um dann noch schwächer zu werden. Irgendwo musste ein Kellerfenster offen stehen, denn es kam ein feuchter, kalter Luftzug bei ihnen an, der nach Regen roch. »Hier ist er nicht«, sagte Karen. »Wir sollten besser draußen nach ihm suchen.«

Als Jack gerade wieder die Treppe hochstapfen wollte, blieb sein Blick an einem beigefarbenen Klumpen ganz dicht an der Rückseite des Boilers hängen. Zuerst hielt er es für einen Pilz, doch als die Batterie der Maglite sich noch einmal kurz aufbäumte, erkannte er etwas, das seltsam vertraut schien.

»Warte!«, forderte er Karen auf und ging vorsichtig die restlichen Stufen hinunter durch den Raum. Er hielt geradewegs auf die Wand zu und richtete die Taschenlampe auf seine Entdeckung.

»Was ist denn das?«, wollte Karen wissen. Ihre Stimme klang vor Angst ganz gebrochen.

Jack berührte das Ding. Es war beigefarben, aus Wolle und formlos. Es besaß die Konsistenz einer Waffel. Es war die Kackwurst, die auf halber Höhe an der Wand hing und sich untrennbar mit ihr verbunden zu haben schien.

»Das ist Randys Kuscheltier!«, rief Jack Karen zu.

Langsam kam sie durch den Keller näher. Sie stellte sich neben ihn und starrte verwundert auf die Kackwurst.

»Was macht das denn hier?«

Jack zerrte daran. Die Kackwurst steckte nicht nur fest, sondern sie war regelrecht mit dem Mauerwerk verschmolzen, als ob ihre Atome sich mit denen der Wand verbunden hätten.

»Hast du so was schon mal gesehen?«, fragte Jack Karen. »Ich kriege das Ding nicht raus.«

Er zog noch einmal. Diesmal zerriss die Kackwurst und er hielt eine Handvoll kaputter Wolle samt Füllung in der Hand.

Gott!, dachte er. Randy wird mich umbringen.

»Wie hat er denn das fertigbekommen?«, fragte Karen verwundert. »Und vor allem: Warum?«

»Und noch viel wichtiger: Wo ist er jetzt?«, erwiderte Jack nachdenklich.

»Vielleicht sollten wir besser zurückkehren, wenn es wieder hell ist«, schlug Karen vor. »Schließlich könnte er überall sein. Und hier unten sehe ich ihn definitiv nicht.«

Jack entfernte die letzten Wollfetzen, die sich noch am Backstein befanden. »Wir sollten die Polizei rufen. Je eher sie mit der Suche beginnen, desto besser.«

Jack schwenkte mit der Taschenlampe den Keller ab, hob einige Hartfaserplatten an und verschob die eine oder andere Kiste. Er betete zu Gott, dass er Randy nicht irgendwo reglos auf dem Boden liegen sah. Er verrückte eine Chaiselongue, auf der ein zusammengekrachter Stuhl lag, und war gerade damit beschäftigt, einige Linoleumrollen zur Seite zu räumen, als er das vertraute Geräusch wieder hörte.

Sssssschhhhhhhh – sssssschhhhhh – ssssssschhhhhhh!, machte es an der Wand.

Er versteifte sich und seine Nackenhaare richteten sich auf. Das Geräusch zog sich langsam durch den ganzen Keller und kehrte dann wieder zurück.

»Komm schon! Ich denke, wir sollten jetzt besser hier abhauen«, erklärte Jack.

Sie machten sich auf den Rückweg, zunächst langsam und vorsichtig. Doch das Geräusch kam näher und näher, immer schneller, wie Beton, der umgerührt wird, wie ein Körper, der durch Kies geschleift wird, dumpf und düster, aber irgendwie auch sehr verhalten. Als sie die Treppe erreichten, rannten sie schon fast.

»Was ist das?«, keuchte Karen und drehte sich entsetzt um.

»Ich werde nicht anhalten, um es herauszufinden«, keuchte Jack zurück. »Komm, lass uns von hier verschwinden!«

Sie stolperten die Stufen hinauf. Das Geräusch war jetzt fast über ihnen, so ohrenbetäubend wie eine heranrauschende Dampflok. Jack schob Karen vor sich her, während er sich am Holzgeländer festklammerte und mehrere Stufen auf einmal nahm. Sie waren fast oben angekommen, als das Licht der Taschenlampe erlosch. Und im gleichen Moment, ohne Vorwarnung, fiel die Kellertür zu.

Sofort wurden sie von der Dunkelheit verschluckt. Karen schrie: »Nein!« Und das Geräusch kam die Treppe hinter ihnen hergepoltert – schakkkka-takkka-schaaakkkka-takkkka.

Auf der obersten Stufe rutschte Jack aus und prallte gegen die Wand. Dabei spürte er, dass jemand seinen linken Knöchel packte. Zuerst dachte er, es wäre Karen, die versuchte, sich festzuhalten, um nicht selbst hinzufallen. Doch dann ergriff etwas auch noch seinen rechten Knöchel und begann, ihn die Stufen wieder hinunterzuziehen.

»Karen!«, brüllte er. »Karen, irgendetwas hält mich fest!«

Große, kräftige Hände umklammerten seine Beine. Jack griff nach dem Geländer, doch er schaffte es nicht, festen Halt daran zu finden. Er wurde vier oder fünf Stufen herabgezogen, wobei er sich die Wange aufscheuerte und sein Kinn schmerzhaft auf der Treppe aufschlug.

»Karen!«, schrie er. In diesem Moment erreichte Karen die Kellertür und riss sie auf, sodass ein ganz schwacher Lichtstrahl hineinfiel.

Jack drehte und wand sich und trat nach den Händen, die seine Füße festhielten.

Was er sah, ließ ihn vor Schreck aufschreien. Die Pranken, die ihn da so entschlossen umklammerten, waren grau und staubig, eine Farbe wie Beton, und sie schienen direkt aus dem Boden zu ragen.

Ein Stück weiter lugte ein Gesicht aus der Tiefe. Es war das Gesicht eines Mannes mit vorstehender Stirn und markantem Unterkiefer, das ihn triumphierend angrinste. Der Mann schien vollständig von getrocknetem Zement bedeckt zu sein. Um seinen Mund zeichneten sich feine Falten und Schrunden ab. Seine Augenhöhlen waren tiefschwarz, schwarz wie die Nacht, ohne einen einzigen Funken Weiß, als ob sein Kopf innen leer war. Aber er lebte, daran gab es keinen Zweifel. Er war direkt aus dem Betonboden aufgetaucht; wie ein Schwimmer aus tiefem, staubbedecktem Wasser.

Der Mann lebte, grinste ihn an und versuchte vergnügt, ihn ebenfalls unter die Betonoberfläche zu ziehen.

V I E R

Einen panischen Moment lang glaubte Jack, dass sein letztes Stündchen geschlagen hatte. Die Hände umklammerten ihn mit einer solchen Kraft, dass seine Beine schon fast taub waren. Seine linke Ferse wurde immer weiter in Richtung Boden gezogen und gegen den Beton gepresst. Der Schmerz war nahezu unerträglich – als wenn man seinen Fuß ungeschützt an einen sich drehenden Schleifstein hielt. Er schrie, trat um sich und wand sich, doch die Hände zogen ihn erbarmungslos weiter, bis beide Fersen den Boden erreicht hatten.

Seine Finger tasteten nach dem Holzgeländer. Das erste Mal verfehlte er es, doch dann streckte er sich bis zum Äußersten und es gelang ihm, sich mit den Fingerspitzen an der untersten Wandhalterung festzuhalten, an der das Geländer befestigt war. Er dehnte sich weiter, bis er es endlich schaffte, seinen Griff zu fixieren.

Karen schrie: »Jack! Jack!«, doch der Schmerz in seinen Füßen brachte ihn an den Rand einer Ohnmacht, sodass er sie kaum hören konnte.

Er trat immer und immer wieder um sich. Einen Moment lang lockerte sich der Griff um einen seiner Knöchel. Er bekam den rechten Fuß frei und schlug nach der Hand, die seinen linken festhielt. Die staubige, graue Fratze grinste jetzt noch irrer, als ob ihr der Kampf unbändigen Spaß bereitete, als ob sie sich an dem Schmerz regelrecht aufgeilte. Dann öffnete sie ihren Mund weit und stieß einen Laut aus, der Jack bis ins Mark erschütterte.

Es klang wie der gleichzeitige Schrei von 300 mit einem Flugzeug abstürzenden Menschen. Wie eine U-Bahn, die auf altertümlichen Gleisen quietschend aus einem Tunnel brauste. Es klang nach entsetzlicher Angst, grenzenloser Wut und erbärmlicher Qual.

»Jack!«, kreischte Karen, deren Stimme durch den ohrenbetäubenden Lärm trotzdem kaum hörbar war.

Indem er mit dem rechten Fuß um sich trat, konnte sich Jack von den Händen befreien, die ihn festhielten. Er rollte sich von seinem Angreifer weg und stolperte erneut die Kellertreppe hoch, wobei er sich übel das Knie aufschlug. Karen schlang die Arme um ihn und half ihm so schnell sie konnte durch die Kellertür. Sie wollte schon aus dem Haus rennen, doch Jack hielt sie zurück: »Warte, langsam, warte!« Er schlug die Kellertür zu und drehte den Schlüssel herum.

»Das sollte ihn etwas aufhalten«, keuchte er.

»Aber er kam direkt aus dem Boden!«, kreischte Karen panisch. »Er kam direkt aus dem Boden!«

Jack zitterte. Er wusste nicht, wo er sich befand, geschweige denn, ob er ausharren oder wegrennen sollte. Er war sich auch nicht sicher, ob er rennen konnte, selbst wenn er gewollt hätte. Sein ganzer Körper kam ihm völlig unkoordiniert vor. Karen stand ein Stück entfernt und hatte die Arme eng um ihre Brust geschlungen. Angst und Unsicherheit standen ihr ins Gesicht geschrieben.

»Das war wohl das, was Randy gemeint hat«, sagte er, doch seine Stimme klang noch nicht mal wie er selbst. »Du weißt schon, Lester.«

»Aber wie konnte er aus dem Boden kommen? Wie konnte er das?«

Jack schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. Ich weiß es einfach nicht. Aber er wollte mich auch hineinziehen. Zumindest hat er das versucht. Ich konnte es an meinen Füßen spüren, den Schmerz, meine ich. Ich habe noch nie zuvor solche Schmerzen gehabt. Und er wollte mich wirklich in den Boden zerren.«

»Das ist unmöglich!«, widersprach ihm Karen.

»Natürlich ist es unmöglich! Mit Logik nicht zu begreifen und wissenschaftlicher Unsinn. Menschen können nicht durch Wände gehen und auch nicht … aus dem Boden wachsen.«

»Was sollen wir bloß tun?«, wollte Karen von ihm wissen. »Meinst du, dass er Randy erwischt hat?«

Jack lehnte sich gegen die Kellertür und kniff die Augen zusammen, doch er konnte trotzdem nicht vermeiden, dass ein grünlich-graues, zementfarbenes Gesicht vor ihm auftauchte. Er wollte gar nicht darüber nachdenken, was es mit Randy angestellt haben konnte.

»Jack, wenn er Randy erwischt hat …«, begann Karen.

Jack öffnete die Augen wieder. »Ich bete einfach zu Gott, dass das nicht der Fall ist. Weißt du, wie stark dieses Ding war? Randy hätte nicht den Hauch einer Chance, sich dagegen zu wehren.«

»Also was sollen wir tun?«

»Ich weiß es nicht. Die Polizei rufen, würde ich sagen.« Er wünschte sich, dass sein Zittern am ganzen Körper endlich aufhörte.

Randy, mein armer Randy! Ich bete zu Gott, dass das Ding dich nicht erwischt hat; und ich bete zu Gott, dass du wenigstens nicht leiden musstest, falls doch.

Nach einer Weile gelang es Jack, sich ein wenig zu beruhigen. »Also komm!«, sagte er zu Karen, schniefte und räusperte sich. »Lass uns zu diesem Telefon fahren. Mehr können wir alleine ohnehin nicht ausrichten.«

Sie gingen durch die Halle in die Lounge und auf das Gewächshaus zu. Als sie sich ihren Weg zwischen den Lesetischen im Aufenthaltsraum hindurch bahnten, glaubte Jack, wieder dieses seltsame Schleifgeräusch zu hören. Sssssschhhhhhh – ssssssschhhhhhh – ssssschhhhhh! raste es die Wand entlang.

»Hör mal!«, befahl er Karen und legte ihr die Hand auf den Arm. Sie starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Das Geräusch erstarb, als ob jemand ihnen gefolgt wäre und nun darauf wartete, dass sie weitergingen. Jemand, der mit angehaltenem Atem in seinem Versteck lauerte und sie beobachtete.

»Lass uns einfach hier abhauen!«, drängte ihn Karen.

»Nein, warte. Hör mal hin. Kannst du etwas hören?«

»Ich kann nichts hören und ich will auch nichts hören. Oh Gott, Jack, ich habe solche Angst.«

Doch Jack stand ganz reglos da. Der Regen tropfte durch die zerbrochenen Scheiben des Gewächshauses und benetzte die Lorbeerbüsche im dunklen Garten. Doch da war noch etwas anderes zu hören, ganz leise und unscheinbar; wie uralter Putz, der durch die mit den Jahren steif gewordene Tapete rieselte, wie jemand, der sich hinter einem Vorhang versteckte und dabei nicht zu atmen wagte.

Jack drehte sich ganz langsam um. In der Empfangshalle war es so dunkel, dass man die Hand kaum vor Augen sehen konnte. Rattansessel, umgefallene Tische. Zeitschriftenständer voller vergilbter Zeitungen. Das bekannte Bild. Doch zwischen dem Bücherregal und der Tür glaubte er, eine Art Klumpen auf der cremefarben gestrichenen Wand zu erkennen.

»Jack!«, flehte Karen. Sie war inzwischen so verängstigt, dass sie sich schon fast in einer Schockstarre befand.

Schweigend trat Jack drei oder vier langsame Schritte auf die Tür zu und starrte die ganze Zeit auf die klumpige Kontur an der Wand. Für eine Taschenlampe mit frischen Batterien hätte er in diesem Moment sein letztes Hemd gegeben.

»Jack, bitte!«, flehte Karen erneut.

»Hast du Streichhölzer dabei?«, fragte Jack sie. Sein Mund war so trocken, dass er nur noch flüstern konnte.

»Streichhölzer?«

»Ja, Streichhölzer. Mit denen man Zigaretten anzündet.«

»Ich glaube, ich habe ein paar in meinem Geldbeutel, aber den habe ich im Auto gelassen.«

Jack machte noch einen Schritt in Richtung Tür, aber er wollte nicht zu dicht an die Öffnung herantreten. Seine Knöchel waren immer noch wund von der Umklammerung der Hände, die ihn im Keller erwischt hatten.

Karen wühlte in den Taschen ihres Regenmantels. »Ich hab noch ein paar Zündholzbriefchen gefunden.«

»Wunderbar, das ist perfekt.« Jack langte hinter sich, um die Streichhölzer in Empfang zu nehmen, ohne dabei den Blick von der Wand abzuwenden. Er öffnete das Briefchen, bog die Streichhölzer zurück und entzündete alle auf einmal. Sie loderten hell auf. Jack hob das Zündholzheftchen und hielt es in die Luft, so hoch wie er nur konnte.

Im kurzen, flackernden Feuerschein erkannte er, dass die cremefarbene Wand tatsächlich nach vorne ausgebeult war, und zwar in Form einer nackten jungen Frau. Sie hatte breite Hüften, dralle Brüste, enge Schultern und ein Gesicht, das afrikanisch wirkte. Ihr Haar stand von ihren Kopf ab wie Sonnenstrahlen.

»Oh Gott«, flüsterte Karen. »Oh Gott, sie ist direkt in der Wand.«

Tatsächlich sah die Wand so aus, als wäre sie nur ein dünner, glänzender, cremefarbener Gummiüberzug, dem sich das Mädchen von der anderen Seite aus entgegendrückte. Ihre ebenfalls cremefarbenen Augen waren geöffnet und sie starrte Jack regungslos und ohne erkennbaren Atemzug an.

»Wer bist du?«, flüsterte er und konnte sich nicht erinnern, jemals in seinem Leben schon einmal so viel Angst verspürt zu haben.

Das Mädchen starrte ihn einfach weiter an, ohne zu blinzeln, und schwieg.

»Wer bist du?«, wiederholte Jack seine Frage.

Sie lebte, daran bestand kein Zweifel. Sie lebte und starrte ihn an. Aber wie konnte sie lebendig sein, wo sie doch in der Wand ... hmm ... steckte.

Jack unternahm zwei weitere zögerliche Schritte in ihre Richtung. Die Streichhölzer waren mittlerweile fast erloschen.

»Wer bist du?«, brüllte er das Mädchen an. »Wo ist mein Sohn?«

Das Mädchen drehte sich plötzlich mit einem schwachen Sssssschhhhhh-Geräusch um. Jack sprang verängstigt zurück. Doch sie versuchte nicht, ihn zu packen. Sie drehte sich lediglich um und er starrte ihre nackte Gestalt von hinten an. Dann glättete sich die Wand, die Flammen versengten seine Finger und sie war verschwunden.

Jack berührte die Wand mit seiner Handfläche. Sie war kalt und unnachgiebig. Er konnte sogar die Pinselspuren ertasten, die beim Streichen zurückgeblieben waren. Nur eine Wand, mehr nicht. Er hörte, wie der Ssssssschhhhhhh-Laut wieder erstarb.

»Hast du das gesehen?«, fragte er Karen mit zittriger Stimme.

»Habe ich«, antwortete sie. »Ein Mädchen, das einfach so dastand. Und dann ist es verschwunden.«

Jack trat von der Wand weg und ergriff Karens Hand. »Was denkst du, haben wir was Falsches gegessen und dabei den Verstand verloren? Vielleicht entweicht ja auch irgendwo im Haus Gas oder etwas anderes, wovon man Halluzinationen bekommt.«

»Ich habe es gesehen«, beharrte Karen. »Es war real. Ein echtes Mädchen, das einfach aus dem Nichts aufgetaucht ist.«

Sie verließen den Aufenthaltsraum in Richtung des Gewächshauses. Draußen auf dem Kiesweg sah Jack auf die Uhr. Es war fast drei. Sie standen einige Minuten im Regen und atmeten die kühle Nachtluft ein. Jack sah hoch zu den dunklen Türmen des Hauses. Seine Augen hielt er halb geschlossen, um sie vor den Tropfen zu schützen. Er wusste nicht recht, was er von The Oaks halten sollte; ob er es immer noch kaufen wollte oder sich inzwischen davor fürchtete. Er wusste nur, dass er Randy um jeden Preis zurückbekommen musste. Am liebsten hätte er geweint, so entsetzt und hilflos fühlte er sich, weil sein Sohn spurlos verschwunden war.

»Meinst du, dass es Geister waren?«, fragte Karen ihn.

Jack wischte sich mit der Hand den Regen aus den Haaren. »Ich weiß es nicht. Vielleicht. Ich habe noch nie vorher einen Geist gesehen und ich kenne auch niemanden, der schon mal einen zu Gesicht bekommen hätte. Wer sagt, dass sie nicht aus der Wand hervortreten können? Schließlich kennt man das aus vielen Filmen, dass sie durch Wände gehen können. Vielleicht ist das ja ganz typisch für sie.«

»Die Bullen werden uns jedenfalls nicht glauben, so viel steht fest. Sie werden denken, dass wir völlig den Verstand verloren haben«, gab Karen zu bedenken.

»Aber es stimmt, es ist passiert und wir haben es mit eigenen Augen gesehen.«

»Vergiss es!«, sagte Karen. »Ich hab die Schnauze voll von Bullen, seit Cecil mich damals regelmäßig verprügelt hat. Die meiste Zeit verbrachten sie damit, mir einreden zu wollen, es sei meine Schuld gewesen, weil ich ihn ja schließlich provoziert hätte. Er war ein Bär von einem Mann! Und den soll ich provoziert haben? Ein Bulle wollte mir sogar erzählen, das geschehe mir ganz recht, dass Cecil mich verdrischt. Und wenn ich seine Frau wäre, würde er mir eine Tracht Prügel verpassen, die ich meinen Lebtag nicht mehr vergesse.«

»Uns bleibt aber gar keine andere Wahl, Karen. Falls jemand Randy entführt hat oder er sich irgendwo in der Nähe des Hauses versteckt hält, werden wir ihn ohne die Hilfe der Polizei niemals finden.«

»Und was willst du ihnen erzählen? Dass da ein Mann im Boden steckt, der versucht, einen an den Füßen zu packen, und eine nackte Frau in der Wand?«

»Ich werde ihnen die Wahrheit erzählen.«

»Jack …«, unterbrach ihn Karen. »Denk doch mal nach. Randy wird vermisst und du musst ihnen erklären, warum wir ihn mitten in der Nacht zu diesem merkwürdigen, alten Gebäude geschleppt haben.«

»Wir waren auf der Suche nach einem Landstreicher namens Lester, hast du das schon vergessen?«

»Ja, ja, schon klar. Ein Hausbesetzer. Aber du hast doch selbst gesehen, dass hier niemand untergeschlüpft ist, oder? Warum haben wir Randy also allein in dem Zimmer zurückgelassen?«

Jack sah sie kurz an. »Das müssen wir der Polizei ja nicht auf die Nase binden.«

»Natürlich nicht. Aber wir müssen erklären, warum wir ihn zwischenzeitlich aus den Augen verloren haben.«

»Er war müde, mehr nicht. Komm schon, Karen, er ist mein Sohn, Herrgott noch mal. Ich hoffe und bete, dass er nicht hinunter in den Keller gegangen ist. Die Polizei wird mir sofort ansehen, wie elend mir zumute ist.«

»Klar geht’s dir schlecht, aber das hilft uns auch nicht weiter. Die Bullen werden denken, wir hätten Randy hierher geschleppt, um ihn loszuwerden. Du hast dich mit Maggie gestritten, wolltest sie verletzen und dann wurde dir noch die Verantwortung für ein Kind aufgebürdet, was du gar nicht wolltest. Den Rest kannst du dir selbst ausmalen.«

»Ja, du vergisst dabei nur eins«, unterbrach sie Jack, »nämlich, dass es nicht wahr ist.«

»Die Wahrheit war den Bullen, mit denen ich bisher zu tun hatte, immer herzlich egal.«

Jack fuhr sich müde mit der Hand durchs nasse Haar. »Wir kümmern uns später um die Bullen, okay? Jetzt sollten wir mal den Swimmingpool genauer unter die Lupe nehmen. Vielleicht streunt er irgendwo dort in der Nähe herum.«

»Jack … es tut mir leid!«, sagte Karen. »Bitte, Schatz, sei nicht sauer auf mich. Mir liegt genauso viel daran, Randy wiederzufinden, wie dir. Aber ich weiß, wie es ist, wenn die Bullen ins Spiel kommen. Sie drehen einem die Worte im Mund herum. Nach einer Weile weißt du selbst nicht mehr so genau, was du getan hast und was nicht.«

»Herrgott, er könnte überall sein!«, fügte Jack hinzu, mehr an sich selbst als an Karen gerichtet. Die Nässe unter seinen Augen rührte nicht nur vom Regen her. »Lass uns noch die Umgebung vom Pool ablaufen, dann gehen wir zum Auto zurück.«

Hand in Hand wanderten sie an den Tennisplätzen vorbei zum Schwimmbecken. Es war so dunkel, dass Jack sich mit der Hand am Netz orientieren musste. Der Stoff fühlte sich klamm, labbrig und unangenehm an. Sie sagten nichts, bis sie den Pool erreichten. Man konnte kaum die Wasseroberfläche erkennen, auf der die herabfallenden Tropfen Muster bildeten. Das Wasser war schwarz, abgestanden und stank nach Ammoniak.

»Du hast nicht zufällig noch mehr von diesen Streichhölzern dabei?«, fragte Jack.

»Vielleicht noch ein angebrochenes Briefchen«, erwiderte Karen, während sie erneut in ihren Manteltaschen wühlte. »Ich trag sie immer bei mir, weißt du? Ist so eine Macke von mir. Ich hatte mal eine ganze Sammlung davon. Weißt du was? Ich hatte sogar welche aus William Holdens Haus. Allerdings aus der Zeit, bevor er sich betrunken den Kopf aufschlug und dadurch selbst ins Jenseits beförderte.«

Sie zog das Zündholzbriefchen heraus. Das erste Streichholz war zu feucht. Der Kopf zerbröselte, als Jack versuchte, es anzuzünden. Beim zweiten Holz klappte es schließlich. Er hielt es in die Luft und spähte durch den Rauch auf das Wasser im Becken.

»Da drin schwimmt etwas!«, bemerkte Karen. »Schau, da drüben!«

Jack starrte angestrengt ins dunkle Nass, doch das Streichholz erlosch. Er wollte ein weiteres anzünden, ohne Erfolg, und dann noch eins. Es war das letzte, brannte aber zumindest lange genug, dass er eine dunkle, gekrümmte Gestalt erkennen konnte, die auf der Oberfläche trieb.

»Glaubst du etwa, dass das Randy ist?«, erkundigte sich Karen besorgt. »Vielleicht hat er etwas im Haus gesehen und war so verängstigt, dass er ins Freie rannte und den Pool übersehen hat.«

Jack blieb, wo er war, und zitterte vor Kälte und Unschlüssigkeit. »Als ich das erste Mal hier war, habe ich auch schon etwas im Wasser gesehen. Nur aus dem Augenwinkel. Keine Ahnung, was genau. Vielleicht ist es das Gleiche. Ein Baumstumpf oder etwas anderes, das jemand irgendwann mal reingeworfen hat.«

»Aber was, wenn es doch Randy ist?«, wollte Karen wissen.

Jack zögerte noch einen Moment. Dann knöpfte er hastig seinen Mantel auf und zog ihn aus. Er legte auch Sakko, Krawatte und Hemd ab. Der Regen prasselte auf seine entblößte Brust. Er zog sich Schuhe und Socken und schließlich auch Hose und Boxershorts aus.

»Oh Jack, Liebling, sei bloß vorsichtig!«, flehte ihn Karen an.

»Vorsichtig? Willst du mich verarschen?« Er zitterte, nahm seine Rolex-Uhr ab und gab sie ihr. »Lass sie nicht fallen, es ist ein Erbstück von meinem Vater.«

Nackt rannte er zur anderen Seite des Pools, wo sich die Stufen befanden. Karen sagte: »Es war ungefähr da … vielleicht zwei oder drei Meter von der Stelle, wo du stehst.«

Seine Zähne klapperten heftig. Er kletterte die Metallleiter herab, bis sein Fuß das Wasser berührte. Es war eiskalt und stank so übel, dass es einen Würgereiz in ihm auslöste. Jack spähte in die Dunkelheit. Gott allein wusste, was da unter der Oberfläche lauerte. Er bewältigte zwei weitere Sprossen, bis das Wasser seine Knöchel wie Strumpfhalter aus kaltem Stahl umschloss. Seine Hoden schrumpften so stark zusammen, dass sie fast in seiner Leiste zu verschwinden schienen.

Während er die Leiter immer noch mit einer Hand festhielt, lehnte er sich über das Wasser und tastete mit der anderen durch das kalte Nass in der Hoffnung, den mysteriösen Klumpen im Dunklen zu erfühlen.

»Ich glaube, ich kann es sehen!«, sagte Karen. »Es ist etwa einen Meter von dir entfernt. Du wirst wohl hinschwimmen müssen.«

Er schluckte und erwiderte dann: »Na gut, ich versuch’s.«

Jack wollte eine weitere Stufe auf der Leiter herabklettern, doch auf einmal gab es keine Sprossen mehr, sodass er hineinfiel und mit dem Kopf untertauchte. Jack schrie unter Wasser, ein blubberndes Gurgeln aus Luftblasen. Er fühlte, wie weiche, unförmige Dinge in der Dunkelheit gegen ihn stießen, und kam schließlich voller Angst, Ekel und Verzweiflung wieder an die Oberfläche.

»Ah!«, schrie er und sog gierig Luft ein.

»Jack, ist alles in Ordnung?«, rief Karen. »Jack!«

»Ah!«, rief er erneut. »Ah! Ah! Scheiße, ich ertrinke! Bah, ist das widerlich!«

Karen rief: »Es ist da drüben, ich kann es sehen. Schau mal, genau dort. Du bist schon direkt davor.«

»Ich kann gar nichts sehen, verflucht noch mal.«

»Da! Schau, da!«

Widerwillig versuchte Jack die Stelle zu erreichen, welche Karens ausgestreckter Finger ihm anzeigte. Das Wasser klebte an seiner Haut, die Konsistenz glich eher eiskaltem Gelee, und dann hing plötzlich etwas Glitschiges zwischen seinen Beinen. Er zappelte und wand sich voller Abscheu.

Schließlich berührten seine Finger etwas, das im Schleim umhertrieb. Etwas, das in strapazierfähige Baumwolle eingepackt war. Das könnte Randys Anorak sein. Es trieb weich und leblos auf der Oberfläche wie ein ertrunkener Junge.

Jack bekam es zu packen. Dann schwamm er langsam wieder zum Rand des Pools zurück, während er das Ding hinter sich herzog. Seine Arme waren schon ganz steif vor Kälte.

Karen kam herüber, um ihm zu helfen. Er zitterte, nicht nur weil er völlig durchgefroren war, sondern auch vor Ekel. Er kletterte zuerst selbst die Leiter herauf und hievte dann sein Mitbringsel auf die Fliesen. Es gab ein tiefes, schmatzendes Geräusch von sich. Danach war das stetige, leichte Tropfen von Wasser zu hören.

Es war ein Postsack, kein Junge, doch war er schwer genug, um den Körper eines Jungen enthalten zu können. In seinem Inneren befand sich etwas, das so abscheulich weich und unförmig war und so bestialisch nach Verfall stank, dass Jack ein Teil seines letzten Essens wieder hochkam.

»Es ist nicht Randy«, flüsterte Karen, ihr regennasses Gesicht aschfahl in der Dunkelheit. »Es kann nicht Randy sein.«

»Ich ziehe mir wieder was an«, sagte Jack zu ihr. »dann müssen wir das Scheißteil einfach aufmachen, um zu sehen, was drin ist.«

Karen erwiderte nichts, doch sie reichte Jack seine Klamotten, die sie unter ihrem Regenmantel trocken gehalten hatte. Er zitterte wie Espenlaub, sodass er kaum noch klar denken konnte, Hemd und Hose klebten auf seiner nassen Haut. Aber als er erst einmal seine Socken und Schuhe wieder angezogen und seinen Mantel zugeknöpft hatte, wurde ihm etwas wärmer und er fühlte sich nicht mehr ganz so erbärmlich.

»Also gut!« Schnaubend ging er neben dem Postbeutel in die Hocke. »Lass uns rausfinden, was ich da aus dieser trüben Brühe gefischt habe.«

Mit steifen Fingern löste er das Band um den Sack und zog ihn weit auf.

»Oh Gott!«, stöhnte er. Das widerwärtig süßliche Aroma von verrottetem Fleisch drang ihm in Mund und Nase.

»Ich kann«, keuchte er, »ich kann noch nicht einmal erkennen, was es ist.«

Jack hielt sich eine Hand vors Gesicht und spähte angestrengt in den dunklen Sack hinein. Er konnte etwas Glänzendes ausmachen, aber das war auch schon alles. Karen hielt sich in sicherer Distanz.

»Herr im Himmel, es muss etwas Schreckliches sein, was auch immer es ist«, flüsterte sie.

Jack erhob sich wieder. »Du hast nicht zufällig noch ein paar Streichhölzer?«

Sie schüttelte den Kopf, doch dann rief sie triumphierend aus: »Mein Schlüsselbund! Mensch, warum ist mir das nicht längst eingefallen! Guck mal, da ist eine kleine Taschenlampe dran!«

Ihre Finger tasteten, fanden, wonach sie suchten, dann erleuchtete ein schmaler Kegel die Nacht. »Cecil hat sie mir gekauft. Vor meiner Haustür war es immer so dunkel, dass ich nie das Schlüsselloch finden konnte.«

Jack nahm die Lampe entgegen und kniete sich wieder neben den Sack. Er richtete den runden Strahl darauf und versuchte zu erkennen, was er da vor sich hatte.

Es war ein Wirrwarr aus blassem, grau-rosafarbenem Fleisch, das hier und da von hellen Blau- und Grüntönen als Zeichen des einsetzenden Verfalls durchsetzt war. Ein breiter Fellstreifen, ein unnatürlich in die Höhe ragendes Bein, dessen Haut am Knochen verfaulte. Irgendein Hund, vermutlich ein Schäferhund. Definitiv kein kleiner Junge.

Doch als er sich mit dem Strahl der Taschenlampe weiter in die Tiefen des Sacks vorwagte, bekam er eine Gänsehaut vor Entsetzen. Zwar befand sich nur ein Körper darin, aber zwei halb verrottete Köpfe starrten ihn an; zwei Mäuler; zwei gewaltige Gebisse mit schiefen Zahnreihen; zwei schwarze Zungen. Vier gelbe, mit Schleim verschmierte Augen.

Abrupt schaltete er die Taschenlampe aus und stand auf. »Ein Hund«, sagte er zu Karen. »Jemand hat seinen Hund ertränkt.«

»Wie kann man nur so grausam sein?«, erwiderte sie zitternd.

Jack konnte ihr in diesem Moment nicht antworten. Sein Mund war voller Gallenflüssigkeit und Speichel. »Es handelt sich um eine Art Missbildung. Wahrscheinlich war es besser so.«

Karen berührte ihn am Arm. »Zumindest ist es nicht Randy.«

»Lass uns zum Auto zurückgehen!«, schlug Jack vor.

Karen sah auf den Postsack. »Und was hast du damit vor?«

»Ich weiß es nicht. Erst mal hierlassen. Was soll ich sonst damit machen?«

Doch genau in diesem Augenblick blendete sie ein greller Lichtstrahl und eine Stimme sagte trocken: »Sie könnten ihn wegwerfen, Mister, und sich um Ihre eigenen Angelegenheiten scheren.«

Die Taschenlampe ruckelte näher. Jack hob schützend die Hand vor die Augen, doch er konnte nur die dunkle Silhouette eines Mannes in einer schwarzen, wasserdichten Feuerwehrjacke mit einem riesigen, schlottrigen Regenhut erkennen. An einer kurzen Leine befand sich etwas, das aussah wie ein Dobermann, der schnaufte und winselte und darauf drängte, dass sein Besitzer ihn endlich laufen ließ.

»Das war mein Hund!«, bemerkte die trockene Stimme und richtete die Lampe kurz auf die gegenüberliegende Seite des Swimmingpools. »Vielleicht haben Sie schon von Hunden mit zwei Schwänzen gehört, denen es gut ging. Aber ein Hund mit zwei Köpfen, das ist nicht mehr witzig. Er lebte sieben Monate und ich habe noch nie eine Kreatur Gottes so leiden sehen.«

Der Mann hielt inne und fuhr dann fort: »Darf ich Sie fragen, was Sie um 03:00 Uhr nachts auf fremdem Gelände verloren haben?«

»Wer sind Sie?«, erkundigte sich Jack.

»Tut mir leid, Freundchen. Ich hab zuerst gefragt.«

»Ich heiße Jack Reed. Ich kaufe The Oaks.«

Der Mann schwieg erneut, diesmal deutlich länger. Dann: »Sie kaufen The Oaks?«

»Ganz recht. Das können Sie sich von Mr. Bufo von Capitol Realtors bestätigen lassen.«

»Davon hat mir Mr. Bufo nie etwas gesagt.«

»Tja, vermutlich, weil das Geschäft noch nicht offiziell abgeschlossen wurde. Doch die Eigentümer haben mein Angebot akzeptiert.«

»Hm-hm!«, sagte der Mann. »Das haben sie bestimmt.«

»Was wollen Sie denn damit sagen?«

»Genau das, was ich gesagt habe. Das haben sie bestimmt, das war zu erwarten. Wahrscheinlich konnten sie ihr Glück kaum fassen.«

Gereizt entgegnete Jack: »Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir zu verraten, wer Sie sind?«

»Kein Problem«, antwortete der Mann. Er richtete unvermittelt den Strahl der Taschenlampe auf sein eigenes Gesicht. Er war ziemlich alt, Jack schätzte ihn auf Mitte 70, trug deutsche oder auch slawische Züge im Gesicht. Seine Augen waren blassblau und seine Haut besaß die Farbe von Leberwurst. An beiden Seiten der Nase zogen sich zwei Reihen blutroter Narben nach unten.

»Ich heiße Joseph Lovelittle«, stellte er sich vor. »Meine Eltern haben den Namen Kleinlieb während des Ersten Weltkriegs abgelegt. Nicht klein genug, zu wenig Liebe. So ziemlich die Einzigen in Milwaukee, die das getan haben. Denn die meisten von ihnen sind stolz auf ihre deutsche Abstammung. Auch heute noch.«

Er senkte die Taschenlampe. »Ich sah Ihren Wagen da hinten auf der Straße stehen. Wissen Sie, ich schlafe so gut wie gar nicht, damit habe ich echte Probleme. Das war schon immer so. Und deshalb bekam ich den Job als Wachmann. Um etwa 02:00 Uhr morgens drehe ich mit Boy hier üblicherweise meine Runde. Er geht gerne nachts spazieren, genau wie ich. Nachts sieht man einfach mehr.«

»Haben Sie einen kleinen Jungen bei meinem Auto gesehen?«, erkundigte sich Jack. »Neun Jahre alt, helles Haar, blauer Anorak?«

Joseph Lovelittle schien darüber nachzudenken. »Nein, kann ich nicht behaupten«, antwortete er schließlich. »Ich habe auch durchs Fenster reingespäht. Vermissen Sie ihn?«

Jack nickte.

»Nun«, fuhr Joseph Lovelittle fort, »The Oaks ist kein idealer Ort, um nachts herumzustreunen. Ab und zu kommen Hausbesetzer hierher. Na ja, sagen wir besser Möchtegern-Hausbesetzer. Hippies, Drogensüchtige, Rocker, Sie wissen schon. Doch Boy und ich, wir geben unser Bestes, um sie von dort zu vertreiben. Und The Oaks ist wirklich kein Fleckchen Erde, an dem man sich gerne dauerhaft aufhält, selbst wenn man ein hartgesottener Rocker ist.«

»Haben Sie eine Idee, wo mein Sohn sich verstecken könnte?«, wollte Jack wissen. »Wir haben das ganze Gebäude nach ihm abgesucht.«

Jack sah zu Karen und fragte sich, ob er Joseph Lovelittle von den Händen erzählen sollte, die aus dem Kellerboden gekommen waren, und von dem Abdruck der Frau in der Wand, die sie angestarrt hatte. Sie schüttelte fast unmerklich den Kopf. Sie wussten ja noch gar nicht so genau, wer dieser »Joseph Lovelittle« überhaupt war, und durften bei einem Wildfremden auf keinen Fall einen exzentrischen oder ausgetickten Eindruck hinterlassen. Schließlich konnte er jederzeit die Polizei rufen, die sie dann wegen Hausfriedensbruch drankriegen konnte. Und außerdem: Vielleicht lag Jack mit seiner Vermutung gar nicht so falsch, dass irgendwo Gas austrat oder eine atmosphärische Besonderheit im Gebäude daran schuld war, dass man kurzzeitig erschreckende Halluzinationen durchlitt.

Hier draußen auf dem verregneten Tennisplatz kam selbst Jack die Vorstellung völlig bescheuert vor, dass ihn ein graugesichtiger Mann, der aus dem Betonboden gekommen war, gepackt hatte.

Joseph Lovelittle schnappte sich den durchnässten Postsack und warf ihn erstaunlich geschickt mit nur einer Hand zurück in den Pool. Dann setzte er sich in Richtung Haus in Bewegung und zerrte seinen halb erstickten Dobermann hinter sich her. Jack und Karen folgten ihm.

»Es hat keinen großen Sinn, nachts das Haus zu durchsuchen«, bemerkte Joseph Lovelittle. »Erst recht nicht ohne Schlüssel.«

»Randy kann ja wohl schlecht in einen Raum gelangen, der verschlossen ist«, gab Jack zu bedenken.

Joseph Lovelittles Regenmantel gab ein gummiartiges Quietschen von sich, während er lief. »Da bin ich mir nicht so sicher«, verriet er Jack. »Die Türen besitzen eine Selbstverriegelung, wenn Sie verstehen, was ich meine. Sie schließen automatisch, sobald man sie hinter sich zuzieht, und lassen sich dann nur noch von außen mit einem Schlüssel öffnen. Also kann es durchaus sein, dass Ihr Junge eine offene Tür entdeckt hat, in das entsprechende Zimmer lief und sich dann selbst eingeschlossen hat.«

»Ich bin mir sicher, dass wir ihn rufen oder klopfen gehört hätten, wenn das passiert wäre.«

Joseph Lovelittle grunzte amüsiert. »Diese Zimmer sind ziemlich schalldicht, wenn sie geschlossen sind. Das wurde damals extra so gemacht. Spezialanfertigung.«

Als sie den Kiesweg hinter dem Gewächshaus erreichten, sah Jack auf die Uhr. »Hören Sie! Wenn wir zurückkommen, sobald es wieder hell ist, würden Sie uns dann dabei helfen, das Gebäude zu durchsuchen?«

»Nur gegen Bezahlung«, antwortete Joseph Lovelittle sofort.

Jack griff hinten in seine Hosentasche und zog seine Geldklammer hervor. Er nahm einen 20-Dollar-Schein und reichte ihn Joseph Lovelittle wortlos. Joseph Lovelittle inspizierte ihn im Licht seiner Taschenlampe.

»In Ordnung, kommen Sie um sieben Uhr zurück. Bis dahin ist es hell genug, vorausgesetzt, dass der Regen irgendwann mal aufhört.« Er nieste zweimal in seine Hand und fuhr dann fort. »Ich werde genau hier auf Sie warten. Kommen Sie pünktlich, okay? Ich habe schon genug zu tun, ohne nach Kindern zu suchen, die eigentlich gar nicht hier sein sollten.«

»Ich könnte auch immer noch die Polizei rufen«, meinte Jack provozierend, obwohl er es nicht wirklich ernst meinte.

Joseph Lovelittle lachte. »Den Bullen müssten Sie fünfmal so viel zahlen wie mir, damit sie überhaupt erst mal hier rausfahren. Tsss! Sie hassen diesen Ort. Sie hassen ihn wirklich.«

»Wir werden um Punkt sieben hier sein«, bestätigte Jack. »In der Zwischenzeit – halten Sie doch nach meinem Jungen Ausschau, ja?«

Joseph Lovelittle leuchtete Jack direkt ins Gesicht. »Sie sind ziemlich nass, oder? Gehen Sie lieber mal ganz schnell duschen, bevor Sie sich noch eine Lungenentzündung einfangen.« Er schwieg und fügte dann hinzu: »Wissen Sie, an wen Sie mich erinnern? An Dick Van Dyke, an den erinnern Sie mich.«

»Ich bin etwas jünger als Dick Van Dyke«, verriet ihm Jack.

»Ich meine Dick Van Dyke in der Zeit, als er noch in seiner eigenen Sitcom, der Dick Van Dyke Show, mitspielte. Sie wissen schon, mit Morey Amsterdam, dieser Rosemary – wie hieß die noch gleich? – und Mary Tyler Moore.«

Der Dobermann namens Boy zerrte an seiner Leine und schlug mit dem Schwanz gegen Joseph Lovelittles Regenmantel.

»Bis später dann!«, verabschiedete sich Jack. Er fühlte sich wie gerädert, ihm war eiskalt und eine bleierne Müdigkeit steckte ihm in den Knochen. Er hätte alles dafür gegeben, Randy in Sicherheit zu wissen, sich für die nächsten zwei Tage ins Bett verkriechen zu dürfen und einfach nur durchzuschlafen.

»Ich werde da sein!«, sagte Joseph Lovelittle. »Darauf können Sie sich verlassen.«

Er richtete die Taschenlampe pflichtbewusst auf die Allee aus Eichenbäumen, die zurück zum Auto führte. Jack drehte sich ein- oder zweimal zu ihm um, konnte aber nur den blendenden Strahl seiner Taschenlampe erkennen.

»Na der war ja mal wirklich unheimlich, oder?«, bemerkte Karen, als sie den unregelmäßig beleuchteten Zufahrtsweg auf ihren 15-Zentimeter-Absätzen entlangstöckelte.

Jack entgegnete: »Ich würde zu gern wissen, warum er meint, die Eigentümer wären so verdammt entzückt darüber, einen Käufer für The Oaks zu finden.«

»Ach komm, Jack!«, sagte Karen. »Du hast doch gesehen, was im Keller passiert ist. Erzähl mir nicht, dass die Besitzer nichts davon wissen.«

»Da bin ich mir nicht so sicher … wenn jemand das schon mal gesehen hat … glaubst du nicht, dass er sich mit der Presse oder dem Fernsehen in Verbindung gesetzt hätte? Schließlich ist das ein Gebäude, in dem es ganz ordentlich spukt.«

»Wahrscheinlich haben wir das alles nur geträumt. Hast du noch nie einen dieser Schocker mit Freddy Krueger gesehen?«

»Mensch, Karen, das sind doch nur Filme. Das hier ist die Realität.«

Sie quetschten sich durch die Lücke im Zaun und Jack schloss den Wagen auf. Wie Joseph Lovelittle ihnen schon prophezeit hatte, war er leer. Sie stiegen ein, um dem Regen endlich zu entkommen. Jack startete den Motor und die Scheibenwischer. Es war 03:37 Uhr morgens.

»Zurück in Richtung Madison ist auf der 94 ein Motel«, sagte Jack. »Du kannst von dort aus Bessy anrufen und dann duschen wir beide heiß und versuchen, ein bisschen zu schlafen.«

Karen beugte sich zu ihm herüber und küsste ihn. »Es tut mir leid, Jack. Es tut mir leid, wie alles gekommen ist. Aber wir werden Randy finden, glaub mir. Wenn man ihn finden kann, werden wir ihn finden.«

»Und was ist mit den Geistern?«, fragte Jack. Er sah sich selbst im Rückspiegel an. Blass und erschöpft, das war er.

»Was ist mit den Dingern, die aus dem Boden kommen und einen packen? Was ist mit nackten Frauen in gottverdammten Wänden?«

»Jack, Liebling, wir werden in aller Ruhe eine Lösung finden, okay? Dieser merkwürdige Wachmann hatte absolut recht. Wenn es hell ist, sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.«

Jack schaltete das Automatikgetriebe seines Electra in den Rückwärtsgang, wendete und stellte den Hebel dann auf »Drive«.

»Weißt du was?«, meinte er. »Es wird nie aufhören zu regnen. Nie wieder, solange wir leben. Nie mehr.«

Jack nahm einen gelben Plastikbarhocker mit unter die Dusche und setzte sich mit vorgestrecktem Kinn und fest geschlossenen Augen unter das heiße Wasser. Karen packte einen neuen Kaugummi aus und ließ sich mit nichts weiter als ihrem schwarzen Nylon-BH aufs Bett fallen, um mit Bessy mit den dicken Knöcheln zu telefonieren.

»Glaub mir, Bessy – wenn ich gewusst hätte, was passiert! Bessy! Du bist ein Engel, Bessy, weißt du das? Erinnerst du dich an die Kette, die dir so gut gefiel? Ich werde sie dir kaufen, ich verspreche es dir! Ich weiß, dass ich dir Umstände mache! Bessy, es tut mir leid! Aber Sherrywine liebt dich doch so sehr!«

Als Jack schließlich aus der Dusche kam, legte sie auf. »Blöde Kuh!«, schimpfte sie und schmatzte laut.

»Was – hat sie dir das Leben schwer gemacht?«, erkundigte sich Jack, während er sich die Haare trocken rubbelte.

»Oh, nicht direkt. Zumindest nicht mit Worten. Sie versucht mir einzureden, dass ich eine schlechte Mutter bin, nichts weiter.«

»Du bist aber keine schlechte Mutter.«

»Du hast blaue Flecken an den Knöcheln, hast du das schon bemerkt?«

Jack sah an sich hinunter. Beide Knöchel waren über und über mit rot-blauen Stellen bedeckt.

»Das Ding war wirklich da, oder?«

Jack nickte. »Ja, es war wirklich da. Kein Geist. Keine Halluzination. Alles verdammt real.«

Er setzte sich direkt neben ihr auf die billige grüne Nylon-Tagesdecke. Sie drehte sich zu ihm und sah ihn an, während ihre Kiefer den Kaugummi zermalmten. Sie war sehr hübsch, und das, obwohl sich ihre falschen Wimpern an einer Stelle gelöst hatten und über einem Auge herabhingen. Sie hatte feste, spitze Brüste mit braun-rosa Nippeln, die so groß waren wie Untertassen; obwohl ihr Bauch nach der Geburt etwas schlaffer geworden war, wirkte sie sehr schlank. Zum ersten Mal fiel ihm die herzförmige Rasur ihrer Schamhaare auf. Das musste sie sich bei den Mädchen im Playboy abgeschaut haben.

»Du kannst die Bullen anrufen, wenn du willst«, sagte sie. »Es ist schließlich dein Sohn und du solltest dich von mir nicht davon abhalten lassen. Wenn das mit Sherrywine passiert wäre …«

»Zuerst möchte ich The Oaks noch einmal gründlich durchsuchen«, erklärte Jack. Seine Stimme klang schroff und ganz erbärmlich. So mochte sich Richard Burton auf dem Sterbebett anhören. »Ich weiß nicht – ich bin mir ziemlich sicher, dass er noch da ist. Diese Leute in der Wand. Und die Kackwurst, wie sie da in den Mauersteinen hing.«

»Der Wachmann – wie hieß er noch gleich?«, fragte Karen.

»Littlelove, Lovelittle?«

»Genau, das war’s, Lovelittle. Hast du gehört, was er gesagt hat? Selbst die Bullen sind nicht gern in The Oaks. Du müsstest ihnen fünfmal mehr zahlen als ihm. Tja, und warum bloß, wenn sich da nicht etwas total Merkwürdiges abspielt? Ich meine, da muss doch etwas abgehen, das ihnen Angst einjagt?«

Jack warf das kratzige Motel-Handtuch auf den Boden und legte sich im Bett auf den Rücken. Eine Weile starrte er an die Decke und schloss dann die Augen. Es war 04:40 Uhr morgens und hinter den orangeroten, lose wehenden Vorhängen wurde es bereits hell. Allerdings eher in einem trüben Grau, weil es immer noch regnete.

Karen kniete eine Weile neben ihm und beobachtete ihn. Sie schob ihren Kaugummi von einer Seite zur anderen. Sie mochte Jack. Wahrscheinlich würde sie ihn sogar lieben, wenn das Schicksal es erlaubte. Jeden Sonntag las sie in der Zeitung ihr Horoskop, doch sie traute dem Schicksal nicht recht über den Weg. Nach ein paar Minuten bemerkte sie, dass er eingedöst war. Seine Finger entspannten sich und er begann zu schnarchen. Mit einem Griff öffnete sie ihren BH.

Jack murmelte im Schlaf etwas vor sich hin. Nichts, was man verstehen konnte. Karen strich ihm mit den Fingerspitzen übers Gesicht, berührte seine Lider und fuhr ihm über den Mund. Er schürzte die Lippen, während er träumte. Sie glitt mit den Fingernägeln über sein Brustbein, kratzte sanft über seinen Bauch. Dann nahm sie seinen Penis in die Hand, drückte ihn und fing an, ihn zu massieren. Als er steif wurde, umfasste Karen ihn noch fester, doch Jack wachte trotzdem nicht auf. Er war viel zu erschöpft, stand unter Schock, war verängstigt und völlig ausgelaugt.

Karen fuhr mit der Fingerspitze immer wieder über seine feuchte Eichel, doch dann ließ sie es bleiben und legte sich neben ihn. Sie beobachtete, wie die Lichter von vorbeifahrenden Lastwagen über die Decke huschten.

Sie sah erneut auf Jack. Er würde ihr niemals gehören. Sie war sich nicht sicher, ob sie es überhaupt mit einem Mann aushalten konnte, der so ein ausgeprägtes Gewissen besaß. Doch sie schmiegte sich eng an ihn, als es im Zimmer langsam heller wurde. Schlafen konnte sie nicht. Als er um 06:20 Uhr wieder die Augen öffnete und sie anstarrte, lächelte sie, küsste ihn und sagte: »Guten Morgen, mein Liebling.«

Bei Tageslicht wirkte Joseph Lovelittle noch einmal deutlich älter und verwahrloster. Er erwartete sie im Windschatten des Gewächshauses. Den Kragen seiner Feuerwehrjacke hatte er hochgestellt. Sein Dobermann Boy saß neben ihm und zitterte wie im Fieber. Der Himmel war relativ klar, wenn auch immer noch grau, und der Regen prasselte herunter wie Wasser aus einem Springbrunnen. Ihre Schuhe knirschten auf dem Kies.

»Aha«, schnaubte Joseph Lovelittle. »Ich dachte schon, Sie würden gar nicht kommen.«

»Ich suche nach meinem Sohn«, erinnerte ihn Jack mit ernster Miene.

»Das tun Sie, das tun Sie.« Joseph Lovelittle wandte sich der Tür des Anbaus zu. An der Spitze seiner gebogenen Nase hing ein Tropfen durchsichtiger Rotz. »Sind Sie hier das letzte Mal reingegangen? Manchmal ist da abgeschlossen, manchmal auch nicht.«

»Schließen Sie ab?«, wollte Jack wissen.

Joseph Lovelittle drehte sich in seine Richtung um, ohne die Schultern nachzuziehen. Das sah ziemlich beunruhigend aus. »Manchmal ja, manchmal nein.«

Der alte Mann schwang die Tür auf. Jack fragte: »Wer schließt ab, wenn Sie es nicht tun? Daniel Bufo?«

»Manchmal.«

»Und wer noch?«

Joseph Lovelittle sah ihn aus seinen blassblauen Augen herausfordernd an.

»Was glauben Sie?«

Sie betraten das Gewächshaus. Joseph Lovelittle atmete mühsam tief ein. »Sie hätten das hier mal sehen sollen, damals 1925. Tropische Pflanzen, Kakteen, wie Sie die Welt zuvor noch nicht gesehen hatte. Dr. Estergomys ganzer Stolz.«

»Wer war Dr. Estergomy?«

Joseph Lovelittle wandte sich wieder zu Jack um und starrte ihn an.

»Sie wollen dieses Haus kaufen und kennen Dr. Estergomy nicht?«

»Sollte ich ihn denn kennen?«

Joseph Lovelittle dachte darüber nach und zuckte dann die Achseln. »Vermutlich nicht, wenn man genauer darüber nachdenkt.«

»Aber wer war er denn?«, wollte Karen wissen.

»Sie wissen, dass das hier ein Heim war? Das hat Ihnen Mr. Bufo doch bestimmt erzählt?«

»Das stimmt. Pflegeheim The Oaks, so hat er es gesagt.«

»Nun … Estergomy war der Chefarzt. Wissen Sie, was ich meine? Der absolute Herr im Haus.«

»Alles klar«, antwortete Jack. »Und dieses Gewächshaus hier …«

Joseph Lovelittle lächelte ihn geduldig an, als wäre er etwas schwer von Begriff.

»So ist es, Mr. Reed; Sie haben es verstanden. Dr. Estergomys ganzer Stolz.«

»Sie erinnern sich daran?«, erkundigte sich Jack, während er auf die verwelkten Blätter, das zerbrochene Glas und die kaputten Blumentöpfe blickte.

»Klar. Ich fing 1923 an, hier zu arbeiten. War damals zwölf Jahre alt. Ich putzte, spülte Geschirr, half hier und da. Mädchen für alles, könnte man sagen. Ich las den Patienten auch Geschichten vor, zumindest denen, die was damit anfangen konnten.«

Er nahm seinen Hut ab und seine Augen wirkten blasser denn je.

»Dr. Estergomys ganzer Stolz. Er baute hier drin sogar Trauben an. Kleine, grüne Trauben. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mich im Sommer immer hier reingeschlichen habe, um sie zu klauen.«

Der Alte öffnete die Tür zum Salon und ließ Karen und Jack eintreten. Boy, der Dobermann, fuhr mit seinem Maul hinten an Karens Rock hoch. Sie herrschte ihn an: »Hau ab, Kaltschnauze!« Joseph Lovelittle lachte und zwinkerte ihr zu.

Sie betraten die Halle. Der Alte knöpfte seinen Regenmantel auf und hängte ihn übers Geländer. Darunter trug er eine schlabbrige orangefarbene Strickweste und eine Jeans, die an seinen dürren Beinen herumschlotterte.

»Am besten wir fangen auf dem Dachboden an und arbeiten uns von dort nach unten vor.« Er hielt einen Bund mit einem halben Dutzend merkwürdig geformter Schlüssel hoch. »Das sind Generalschlüssel, einer für jede Etage.«

Sie erklommen die Stufen bis zum Dachboden. Auf dem Weg sagte Joseph Lovelittle: »Als dieses Haus Mr. Krüger gehörte, nannte man es das Labyrinth. Niemand wusste genau warum, denn es gab gar kein Labyrinth. Deshalb änderte Dr. Estergomy den Namen, als er es übernahm. Dr. Estergomy war ziemlich praktisch veranlagt. Ihm gefiel es nicht, wenn sich etwas nicht erklären ließ.«

»Wann wurde das Heim geschlossen?«, fragte Jack. »Ich habe ein paar Zeitungen im Salon gesehen, die von 1926 stammten.«

»Genau, das stimmt. Am 25. Juni 1926. Um 23:30 Uhr.«

Jack sah stirnrunzelnd in Karens Richtung hinüber. »Das ist eine sehr merkwürdige Zeit, um ein Heim zu schließen, 23:30 Uhr.«

Sie waren im zweiten Stock angelangt. Joseph Lovelittle ließ seinen Dobermann von der Leine, der sofort die Treppe hinaufflitzte. Seine Pfoten kratzten dabei über das Linoleum. »Wenn Ihr Sohn hier irgendwo ist, Mr. Reed, können Sie darauf wetten, dass Boy ihn aufspürt.«

»Und er wird ihm nicht wehtun?«

»Wollen Sie mich auf den Arm nehmen, Mr. Reed? Dieser harmlose Köter?«

Sie hörten, wie Boy den ganzen Weg zum Dachboden hoch wie wild tollte. Dort angekommen, bellte er zweimal vernehmlich, um ihnen mitzuteilen, dass er das Ziel erreicht hatte. Sie trabten hinter ihm her. Joseph Lovelittle war ziemlich außer Atem und musste immer wieder Pausen einlegen. Seine Augen traten hervor und Luft strömte pfeifend in seine Lungen und entwich dann wieder ähnlich geräuschvoll. »Als ich noch jünger war, rauchte ich 100 Zigaretten am Tag. Ich wünschte bei Gott, ich hätte es nicht getan.«

»Haben Sie hier schon mal ein kleines Mädchen spielen sehen? Eines, das eine Art weißen Regenmantel mit Kapuze trug?«, erkundigte sich Jack.

Joseph Lovelittle hielt einige Schritte vor dem Treppenende jäh inne, atmete schwer und starrte ihn an. »Ein kleines Mädchen? Ganz allein, meinen Sie?«

»Genau. Nicht älter als sechs oder sieben Jahre, würde ich mal schätzen.«

Joseph Lovelittle schnaubte. »Was sollte ein Kind in diesem Alter ohne seine Eltern hier draußen tun?«

»Ich weiß es nicht. Ich wollte nur wissen, ob Sie es gesehen haben. Oder ihn. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es wirklich ein Mädchen ist.«

»Tja, Mr. Reed, die Dinge sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen.«

»Nein, vermutlich nicht.«

Joseph Lovelittle holte seinen Schlüsselbund hervor und begann, die Türen zu öffnen, eine nach der anderen. Er ließ sie offen stehen. Jack und Karen folgten ihm und spähten in jeden Raum hinein. Die meisten waren völlig leer, doch in einigen standen noch Betten und Nachttische. In einem Zimmer entdeckten sie sogar eine Pinnwand aus Kork, an der Postkarten hingen, außerdem ein zusammengerolltes Aktfoto, das Eine Ägyptische Huri, 1926 zeigte.

Karen rollte das Pin-up auf und lächelte. »Sexy, was?«

Sie gingen weiter. Joseph Lovelittle sagte: »Noch keine Spur. Boy bellt immer wie verrückt, wenn er Witterung aufnimmt.«

Jack sah in ein weiteres verwaistes Zimmer. »War das hier eine private Einrichtung? Oder gehörte sie dem Staat?«

»Sie war privat, aber Dr. Estergomy wurde vom Bundesstaat Wisconsin für einige der Patienten bezahlt.«

»War sie immer gut belegt?«

»Oh, sicher, sie war immer gut belegt. Brechend voll. In der Nacht, als sie schloss, hatten wir 137 Patienten.«

»Estergomy muss ein ziemlich guter Arzt gewesen sein.«

»Na ja, sicher. Er hatte all diese neumodischen Behandlungsmethoden. Zumindest waren sie das 1926. Heutzutage sind sie sicher genauso antiquiert wie ich.«

Sie erreichten das Ende des Dachbodens, doch von Randy keine Spur. »Lassen Sie es uns ein Stockwerk weiter unten versuchen«, schlug Joseph Lovelittle vor und suchte den passenden Generalschlüssel heraus.

Schlurfend ging er als Erster die Stufen hinunter. Jack sagte zu Karen: »Wenn wir Randy im Haus nicht finden, dann rufe ich die Bullen und fertig. Selbst wenn ich sie bestechen muss, damit sie herkommen.«

Joseph Lovelittle drehte sich zu ihm um und sagte: »Haben Sie etwas, das Ihrem Sohn gehörte, Mr. Reed? Vielleicht würde es Boy helfen, ihn aufzuspüren.«

Jack griff in seine Manteltasche und zog die zerfetzten Überreste der Kackwurst hervor. Er hielt sie dem Hund unter die Nase und Boy schnüffelte daran, leckte sie ab und biss dann hinein.

»Was war das mal?«, fragte Lovelittle, während er einen skeptischen Blick auf die waffelförmigen Wollreste warf.

»Ein konfessionsloses, nicht-rassistisches, asexuelles, ganz natürliches Spielzeug«, antwortete Jack.

Joseph Lovelittle starrte ihn an. »Ich bekam eine Jack-Armstrong-Spielzeugpistole mit Propeller geschenkt, als ich neun war.«

»Tja, das Glück hat halt nicht jeder«, gab Jack trocken zurück. Die Müdigkeit ließ ihn leichtsinnig, fast schon hysterisch werden.

Sie schritten den ganzen nächsten Gang ab, während Joseph Lovelittle jede Tür öffnete und Boy schnüffelnd zwischen ihren Beinen umherlief. Wieder fanden sie nichts. Doch Jack war überrascht, dass die Wände in jedem der Zimmer auf dieser Etage dick mit einem grau-weißlichen Stoff ausgelegt waren.

»Ruheräume«, bemerkte ihr Begleiter mit einem schiefen Lächeln, als er sah, dass Jack die Wände berührte. »So nannte sie Dr. Estergomy gern.«

Sie gingen wieder zurück ins Erdgeschoss. Dort gelangten sie an die Doppeltür, die zu dem Turm führte, den Jack bei seinem letzten Besuch so sorgfältig abgeriegelt vorgefunden hatte.

»Vermutlich konnte er hier nicht hinein!«, bemerkte er.

»Wollen Sie trotzdem nachschauen?«, wollte Joseph Lovelittle wissen. Er schnaubte und der Rotztropfen, der vorher an seiner Nase gehangen hatte, verschwand wie von Zauberhand. »Das war Dr. Estergomys Klinik, Sie wissen schon, wo er all seine Behandlungen vornahm. Er hielt die Tür wegen der Medikamente und dem ganzen anderen Zeug immer gut verschlossen.«

Joseph Lovelittle fuchtelte mit den Schlüsseln herum und fand schließlich den richtigen. Er schloss auf und öffnete die rechte Pforte. Jack zögerte. »Gehen Sie nur«, ermutigte ihn Joseph Lovelittle. »Nichts, wovor man Angst haben müsste.«

Jack trat ein und fand sich in einer trüben, staubigen Halle wieder, deren Decke zwei Stockwerke hoch war. Fenster mit schweren Vorhängen gaben den Blick auf die Allee frei, die von der Straße zum Haus führte. Die Äste mit den nassen Eichenblättern bogen sich unter der Last des Regens.

In einer Ecke stand ein großer Schreibtisch mit Lederbespannung. Darauf lagen vergilbte Papiere, als hätte noch heute Morgen jemand dort gearbeitet. Ein Füllfederhalter lag mit offener Kappe auf dem tintenbefleckten Untergrund. Die verrostete Feder war das einzige Indiz dafür, dass er schon seit Ewigkeiten nicht mehr benutzt worden war.

Nicht weit vom Schreibtisch entfernt stand eine hohe Untersuchungsliege, auf der ein Laken mit ausgefranstem Saum ausgebreitet lag. Vermutlich hatten sich Mäuse daran zu schaffen gemacht. In der Mitte des Raumes thronte das mit Abstand beeindruckendste Möbelstück: ein riesiger, quadratischer Stuhl aus Eichenholz. An seiner Rückseite war mithilfe einer gebogenen Messinghalterung eine Metallhaube befestigt worden. Für die Fuß- und Handgelenke gab es Lederbänder zum Fixieren. Ein Kabel, das in dicken, braunen Stoff eingehüllt war, verband den Stuhl mit einem riesigen, elektrischen Schaltpult. Es wirkte wie das Cockpit eines altmodischen Flugboots. Es gab unzählige Reihen von Hebeln und anderen Bedienelementen sowie etliche kleine, rote Signallämpchen. Weitere Kabel führten zu einer Reihe von gläsernen Akkumulatorenbatterien. Die meisten davon waren eingestaubt, zerbrochen und mit Chlorsalz verkrustet.

Jack blickte nach oben. Über dem Stuhl schwebte eine Ansammlung schwarz bemalter Scheinwerfer, die in verwaiste Spinnennetze eingehüllt waren. Selbst die achtbeinigen Bewohner hatten diesem Ort den Rücken gekehrt.

»Erinnert mich an eine Szene aus Frankenstein«, stellte Jack fest.

»Für mich sieht es aus wie ein elektrischer Stuhl!«, warf Karen ein.

Joseph Lovelittle lehnte sich altklug und mit verschränkten Armen gegen die Tür und sah sich im Behandlungszimmer um. Boy steckte seinen Kopf in einen Weidenpapierkorb und brachte einige zusammengekrumpelte Notizen durcheinander.

»Ich würde sagen, Sie haben beide recht«, äußerte sich Joseph Lovelittle.

»Das war eine von Mr. Estergomys großen neuen Behandlungsmethoden. Man konnte damit Hirnzellen so manipulieren, dass sie sich anders anordneten. Er hat es mir einmal mit einem Magneten und ein paar Eisenspänen demonstriert. Er fuhr mit dem Magneten über die Eisenspäne und sie ordneten sich nach einem bestimmten Muster an. So hat er es mir zumindest zu erklären versucht. Ich war wahrscheinlich zu jung, um es zu begreifen, vielleicht auch zu dumm, oder beides. Ich bin eher der Typ fürs Grobe. Denken ist nicht so meine Stärke.«

»Das war also ein Irrenhaus?«, fragte Jack.

»Hat Mr. Bufo Ihnen das nicht gesagt? Es war ein berühmtes Irrenhaus. Drüben in der Universität nannten sie es nicht The Oaks, sondern The Walnuts. Wegen der vielen tauben Nüsse, hehe.«

»Das erklärt natürlich die gepolsterten Wände in den Krankenzimmern und die Türen, die sich nicht von innen öffnen lassen«, bemerkte Jack. »Was für ein Idiot ich bin, das hätte mir doch auffallen müssen.«

»Sie waren alle gewalttätig«, erzählte Joseph Lovelittle. »Jeder einzelne von ihnen, totale Scheißkerle, bitte entschuldigen Sie meine Wortwahl. Das Staatsgefängnis hat sie hierhin abgeschoben, weil die Wächter nicht mit ihnen fertig wurden. Alle Sorten von Verbrechern hatten wir hier. Axtmörder, welche, die ihre Mutter erstickten oder Babys erwürgten, Brandstifter und so weiter. Männer, Frauen und sogar Kinder. 137 waren’s in der Nacht, als wir dichtmachten.«

»Ich hatte ja keine Ahnung«, erwiderte Jack kopfschüttelnd. »Von dieser Anstalt höre ich gerade zum ersten Mal.«

»Ist doch völlig klar. Dafür hat damals niemand die Werbetrommel gerührt. Die Anwohner wären sicher nicht sonderlich begeistert über ein Ferienheim für gefährliche, verrückte Kriminelle in ihrer direkten Nachbarschaft gewesen, oder? Und nach dem, was dann passiert ist, gab’s erst recht keinen Grund mehr, die Angelegenheit an die große Glocke zu hängen.«

»Was ist denn passiert?«, hakte Jack nach.

Joseph Lovelittle ignorierte ihn und pfiff durch die Zähne, um Boy zu rufen.

»Sind Sie hier fertig?«, wollte er dann von Jack wissen.

»Ja, ich denke, wir sind fertig.«

Sie verließen das großzügige Behandlungszimmer der Klinik und Joseph Lovelittle schloss wieder hinter ihnen ab. »Sie können auch einen Blick in den Westturm werfen, wenn Sie möchten, aber da gibt es nur Bücher. Mr. Krüger hat den Großteil seiner Bibliothek zurückgelassen, als er das Haus verkaufte. Ich glaube, er ist nach Europa ausgewandert oder so. Er zog sich auch aus dem Biergeschäft zurück.«

»Wäre es denn möglich, dass Randy in den Westturm gelangt ist? Oder ist der auch so gut verriegelt wie hier?«

»Auch so gut verriegelt.«

»Also gut, dann belassen wir es dabei und schauen uns erst mal noch die restlichen Räume unten und dann den Keller an.«

Karen sagte: »Du willst doch nicht wieder runter in den Keller gehen?«

»Ich muss. Die Kackwurst war dort.«

Joseph Lovelittle sah Jack fragend von der Seite an. Jack konnte sich immer noch nicht erklären, wie sein Gegenüber den Kopf drehen konnte, ohne seine Schultern zu bewegen.

»Das Spielzeug meines Sohns, das ich Ihnen vorhin gezeigt habe«, erklärte Jack.

Mit einem bellenden Husten führte Joseph Lovelittle sie in die Empfangshalle zurück und schlurfte dann vor ihnen durch Küchen, Toiletten, Kunstwerkstätten und Kämmerchen, in denen einmal Mäntel und Stiefel aufbewahrt worden waren.

Schließlich gelangten sie zum Badehaus am Ende des Gebäudes. Darin gab es ein Echo, es war kalt und fühlte sich an wie in einer Höhle. Es gab lediglich ein paar winzige Fenster, durch die man die dahinterliegenden Tennisplätze erkennen konnte. In fünf weiß gefliesten Öffnungen im Boden befand sich jeweils eine riesige emaillierte Badewanne. Jede von ihnen war mit einem hölzernen Deckel mit ovaler Öffnung versehen – gerade eben groß genug, dass ein Kopf hindurchpasste. Am Ende der Deckel waren jeweils vier Messinghalterungen angebracht, vermutlich, um den Badenden am Rand der Wanne fesseln zu können, damit er nicht herausklettern konnte. Sie waren allesamt völlig zerkratzt, zerborsten und mit dunklen Flecken besprenkelt.

»Falls einer der Patienten mal total durchdrehte, ließ Mr. Estergomy ihn hier drin bis zum Hals in kaltem Wasser schmoren. Mann, wie die schrien! Manchmal konnte man sie noch draußen am Swimmingpool hören. Sie brüllten, kratzten, schlugen um sich; wenn die Schwestern sie später aus der Wanne holten, war meistens das ganze Wasser voll Blut und ihre Finger bis auf die Knochen abgeschabt.«

Karen schüttelte sich. »Das ist ja grausig.«

Boy, der Dobermann, schlich um die Wannen herum und tappte dabei mit seinen Pfoten über die Fliesen. »Sieht nicht so aus, als ob Ihr Sohn hier drin wäre«, bemerkte Joseph Lovelittle. »Der letzte Ort, an dem er noch sein könnte, ist der Keller.«

»Haben Sie hier im Haus schon jemals jemanden gesehen?«, erkundigte sich Jack, als sie das Badehaus wieder verließen.

»Drogensüchtige und Rocker, aber nicht besonders viele.«

»Nein, nein. Ich meinte eher, ob Sie jemals etwas Ungewöhnliches bemerkt haben?« Er konnte sich nicht zu der Bemerkung durchringen, die ihm auf der Zunge lag: »Jemanden in der Wand.«

Joseph Lovelittle schloss die Kellertür auf. »Kommt darauf an, was Sie unter ungewöhnlich verstehen. Ich könnte zum Beispiel sagen, dass Sie und Ihre Freundin ziemlich ungewöhnlich sind, weil Sie herkommen und nach einem Sohn suchen, von dem Sie nicht einmal beweisen können, dass Sie ihn jemals hatten. Woher soll ich wissen, weshalb Sie wirklich hier sind?«

»Jetzt machen Sie aber mal halblang«, sagte Jack. »Ich habe Sie sogar bezahlt, oder nicht? Dafür, dass Sie mir helfen, meinen Sohn wiederzufinden. Sie haben das Geld dankend angenommen. Also erwarte ich ein bisschen mehr Kooperation von Ihrer Seite, wenn’s Ihnen nichts ausmacht.«

Joseph Lovelittle steckte sofort zwei Finger in die Tasche seiner Strickjacke und klaubte Jacks 20-Dollar-Schein heraus.

»Sie sind nicht zufrieden? Dann bekommen Sie Ihr Geld zurück. Ich würde nie Geld von jemandem annehmen, der nicht zufrieden ist.«

Jack wollte es nicht zurück. »Schon gut, es tut mir leid. Ich will doch nur meinen Jungen wieder.«

Karen sagte: »Jack … ich denke, ich bleibe hier. Ich will nicht noch mal runter in diesen Keller.«

»Hey … es gibt nichts, wovor man sich fürchten müsste.« Joseph Lovelittle grinste und entblößte dabei Zähne, die die Farbe von alten Klaviertasten hatten. »Es ist nur ein Keller, mehr nicht.«

»Trotzdem«, meinte Karen mit einer Stimme, die vor Aufregung ganz schräg klang. »Ich würde dann doch lieber hierbleiben.«

»Wie Sie möchten«, entgegnete Joseph Lovelittle schnaubend. Er fasste in eine Nische neben der Kellertür und zog eine grün-emaillierte Stablampe hervor. Gott, dachte Jack, wenn wir bloß letzte Nacht gewusst hätten, dass da eine Lampe ist!

»Kommen Sie, Mr. Reed? Oder haben Sie etwa auch Angst?«

Der alte Wachmann schritt entschlossen die Kellertreppe hinunter und schwenkte den breiten Strahl der Lampe beunruhigend von einer Seite des Gewölbes zur anderen, sodass es aussah, als würden die Wände wackeln. Einen Moment lang beschien die Lampe seine Ohren, sodass sie rot und haarig aussahen und dunkelrote Adern hervortraten.

»Ich komme hier nicht mehr so oft hinunter«, sagte er über seine Schulter zu Jack. »Es gab mal eine Zeit, da war ich für die Wartung des Boilers zuständig. Aber während des Krieges war kein Heizöl mehr zu kriegen und es hatte sowieso nicht schrecklich viel Sinn, ein Gebäude zu beheizen, in dem nie wieder jemand leben würde.«

Am Fuß der Kellertreppe drehte er sich plötzlich um und sah Jack an, als ob er ihn noch nie in seinem Leben gesehen hätte. »Warum wollen Sie diesen Laden hier eigentlich kaufen?«, fragte er mit anklagender Stimme. »Man muss schon ziemlich bescheuert sein, um sich so etwas in den Kopf zu setzen.«

»Wollen Sie, dass ich Sie als Angestellten behalte?«, fragte Jack ihn. »Als Hausmeister, Sicherheitschef oder irgendwas in der Art?« Er hoffte, dass Joseph Lovelittle von der unterschwelligen Drohung beeindruckt genug sein würde, um sich ein wenig entgegenkommender zu verhalten.

Irgendwo tief unten im Keller begann Boy zu bellen.

Joseph Lovelittle wandte Jack den Rücken zu und sagte: »Sicherheitschef? Ist mir scheißegal, um die Wahrheit zu sagen. Ich geh eh bald in Rente.«

Jack folgte ihm über den mit Müll bedeckten Kellerboden, vorbei an dem gewölbten, schweigenden Boiler. Sie knirschten und knarzten über Sperrholzplatten und kletterten über drei kaputte Sofas. Joseph Lovelittle schien egal zu sein, worauf er trat. Er kickte zwei Glasakkumulatoren aus dem Weg und einer davon zerbrach, sodass sich Batteriesäure über den Betonboden ergoss. Jack kletterte so vorsichtig wie möglich über den Unrat, schwieg aber.

Boy stand vor der Kalkwand in einer der Nischen und bellte laut.

»Hast du etwas gefunden, Boy?«, fragte Joseph Lovelittle ihn. Er leuchtete mit der Stablampe auf die Mauersteine, doch an der Wand war nichts zu sehen. »Der Hund ist so dumm wie Brot, glauben Sie mir. Jeder andere Dobermann ist schlau wie ein Fuchs. Doch meiner nicht. Wenn er Eindringlinge sieht, was tut er dann? Er bringt ihnen Stöckchen, damit sie mit ihm spielen. Mit Hunden habe ich noch nie Glück gehabt. Hatte noch nie einen, mit dem es gut ausgegangen ist.«

»Vielleicht ist da etwas hinter der Mauer«, mutmaßte Jack. Ihm war heiß und gleichzeitig kalt und er wischte sich die Hände an seiner Hose ab.

»Hinter der Mauer, Mr. Reed, ist massiver Felsen. Das und nichts anderes befindet sich dahinter.«

Jack nahm die zerfetzten Überreste der Kackwurst heraus und hielt sie Boy vor die Schnauze, um seine Erinnerung aufzufrischen. Boy schnüffelte und schnappte eifrig danach, dann sprang er zur Kellerwand, bellte unaufhörlich und wedelte mit dem Schwanz.

»Wirst du wohl das Maul halten, du dummer Köter!«, brüllte Joseph Lovelittle ihn an und schlug mit der Leine nach ihm.

»Hab noch nie einen so blöden Köter gesehen!«

»Aber er glaubt, dass da etwas ist«, gab Jack zu bedenken.

»Ach ja?«, erwiderte Joseph Lovelittle. Er schien jetzt ernsthaft verärgert zu sein. »Was denn? Was glaubt er denn, was dort ist? Kommen Sie, Mr. Reed, was zum Teufel glaubt er denn, was dort ist?« Er trampelte über einen Haufen alter, hölzerner Kleiderbügel hinweg und stellte sich direkt an die Wand.

»Das ist eine unnachgiebige Mauer, absolut stabil! Ist seit 1924 nicht mehr gestrichen worden, nicht mehr angerührt worden. Hier ist nichts, Mr. Reed, glauben Sie mir. Nur eine extrem robuste Mauer!«

Er schnappte nach Boys Halsband, doch der Hund wich ihm aus, lief im Kreis, bellte und zog sich zurück.

»Jetzt reicht’s mir aber, du blöder Köter! Hör auf mit dem gottverdammten Lärm! Hörst du! Hör auf mit dem Krawall!«

Da war sich Jack plötzlich sicher, dass er das gruselige, altbekannte schleifende Geräusch wieder hörte. Das tiefe, zarte Sssssschhhhhhh – ssssssssschhhhhhh – ssssssschhhhhhh. Er drehte sich rasch um, um auszumachen, woher es kam. Doch Boys Gebell hallte von den Wänden wider, sodass Jack unmöglich den Ausgangspunkt festmachen konnte.

Doch es kam näher. Ein leiser, dumpfer, düsterer Ton.

»Mr. Lovelittle!«, rief er.

»Was? Was ist denn?«, fuhr ihn Joseph Lovelittle an.

»Mr. Lovelittle, ich glaube wirklich, dass wir besser daran täten, hier so schnell wie möglich zu verschwinden.«

»Was? Wovon zum Teufel reden Sie? Boy – hör auf mit dem verdammten Gebell, ich verstehe ja mein eigenes Wort nicht mehr!«

Sssssschhhhhh – sssssssschhhhhhh – sssssschhhhhh. Das schleifende Geräusch wurde immer noch lauter. Jack sah sich schnell und ängstlich um und wartete darauf, dass sich jede Sekunde der Müll teilen, eine graue Hand daraus hervorragen und seinen Fußknöchel packen würde.

»Mr. Lovelittle, kommen Sie!«, rief er und versuchte, seine Stimme besonders überzeugend klingen zu lassen. »Ich glaube, hier unten sind wir nicht wirklich sicher, wissen Sie? Kommen Sie! Ihr Hund wird schon nachkommen, wenn er sich wieder beruhigt hat.«

»Scheißblöder Hund!«, zeterte Joseph Lovelittle weiter.

In diesem Moment war das Ssssssschhhhhhh-Geräusch hinter dem alten Mann so laut, dass er sich überrascht umdrehte und zur Wand sah.

»Haben Sie das gehört?«, fragte er Jack. »Vielleicht ist …«

Zwei kräftige kalksteinfarbene Hände schnellten aus der Wand hervor und ergriffen Joseph Lovelittles Kopf.

»Hilfe!«, schrie er. Doch dann schmetterten die Hände sein Gesicht gegen das Mauerwerk. Jack hörte das entsetzliche Krachen, als seine Nase brach.

Mit gnadenloser Gewalt zogen die Hände Joseph Lovelittle unaufhörlich auf und ab, ritsch-ratsch, ritsch-ratsch, sodass sein Gesicht wie ein Kohl gegen eine Küchenreibe geschabt wurde. Er schrie und brüllte in hilfloser Pein, ein einziges lang gezogenes, schrilles Heulen. Seine Schreie brachten selbst Boy zum Verstummen, der reglos mit aufgestellten Ohren neben dem Müll stand.

»Halten Sie durch! Halten Sie durch!«, kreischte Jack hysterisch, polterte über die Kleiderbügel und versuchte, Lovelittle an den Schultern zu packen und ihn von der Mauer wegzuziehen. Doch der alte Mann wurde so brutal auf und nieder gezerrt, dass seine wild rudernden Arme den herannahenden Retter mit Wucht zur Seite stießen.

Joseph Lovelittles Gesichtshaut wurde in blutigen Fetzen über die Wand geschrammt, wo sie sich in Windeseile abscheuerte. Dann drang der sandige Mörtel durch die letzten Hautfetzen in das darunterliegende Fleisch und das Mauerwerk verwandelte sich in ein Gemälde aus grellroten, glänzenden Blutflecken.

Die grau-weißen Hände zerrten ihn von rechts nach links, von links nach rechts, immer und immer wieder. Ein Auge wurde aus dem Schädel des alten Mannes gerissen; ein blasses, farbloses Auge. Es hing einen Moment lang mit dem klebrigen Sehnerv an der Mauer und starrte auf surrealistische Weise nach unten. Doch dann fiel es plötzlich zu Boden und verschwand zwischen den verstreuten Kleiderbügeln.

Jack wich zurück, erst langsam und dann zunehmend schneller. Joseph Lovelittle schrie immer noch, versuchte nach wie vor, sich an der Wand festzukrallen, damit ihn die Hände nicht weiter über die Mauer schaben konnten. Doch Jack erkannte schnell, dass es hoffnungslos war und nichts gab, was er für den Wachmann tun konnte.

»Jack!«, brüllte Karen aus der Halle. Sie musste sich vorher schon bemerkbar gemacht haben, doch über Lovelittles Schmerzensschreie und das schreckliche Kohlschaben seines Kopfes an der Wand hinweg hatte er sie nicht gehört.

Jack war fast schon bei der Treppe angelangt, als Joseph Lovelittle den markerschütterndsten Schrei von allen ausstieß. Er klang in diesem Moment nicht einmal mehr wie ein Mensch. Die erbarmungslosen Hände schleiften ihn durch die komplette Kellerwand, zerfetzten seine Strickjacke, kratzten das fette, weiße, hervortretende Fleisch seines Bauchs auf, zerrissen seine Cordhose und verschmierten die Kalksteinmauer mit einer anderthalb Meter dicken Blutspur.

»Jack!«, schrie Karen. »Jack, was ist da unten bei euch los? Jack, um Gottes willen!«

Vor Angst hyperventilierend schwankte Jack so schnell er konnte auf den Treppenstufen nach oben. Als er dort angelangt war, hatte Joseph Lovelittle aufgehört zu schreien. Jack sah nicht mehr zurück. Er hechtete aus der Kellertür und kam in der Mitte der Halle zwischen den beiden blinden Statuen zum Stehen. Er schwankte wie ein Mann, der kurz vor dem Kollaps stand.

Karen hatte neben dem Durchgang zur Lounge Position bezogen, um jederzeit wegrennen zu können, wenn es nötig war. Er drehte sich zu ihr um und starrte sie an.

»Jack?«, flüsterte sie. »Jack, was ist passiert?«

Jack konnte lediglich den Kopf schütteln und den Mund wie ein Fisch auf- und zuschnappen lassen.

F Ü N F

Jack fischte eine Miniflasche Jack Daniel’s aus dem Handschuhfach seines Wagens. Er trank einen Schluck, hustete und gab sie dann an Karen weiter.

»Nein, danke«, lehnte sie sein Angebot ab. »Mir ist echt schon schlecht genug.«

»Wir müssen die Polizei alarmieren«, sagte Jack. Er konnte seine Stimme kaum unter Kontrolle halten. Sein Gehirn fühlte sich an, als ob es bei einer rasanten Achterbahnfahrt Schaden genommen hätte. »Uns bleibt keine andere Wahl.«

»Okay«, stimmte Karen zu, während sie sich einen neuen Kaugummi in den Mund schob. »Wenn du das wirklich willst.«

»Na ja, was bleibt uns schon anderes übrig, verdammt noch mal? Da unten im Keller ist etwas, das Menschen jagt und erbarmungslos tötet.«

»Klar«, antwortete Karen. Ihre Stimme klang auffallend neutral. »Etwas, das aus massivem Beton herausspringt.«

»Karen – die Polizei wird doch selbst sehen können, was passiert ist.«

»Aber sicher doch.«

»Er wurde an der Wand hochgezogen, Liebling, und dann daran entlanggeschleift, bis er in Fetzen zerschreddert war, Herrgott noch mal.«

Karen beobachtete ihn aus zusammengekniffenen Augen. Der Regen prasselte auf die Windschutzscheibe und die verbeulte Motorhaube des Electra. Karens Make-up war verwischt und hatte unter ihren Augen dunkle Ränder gebildet. Zum ersten Mal, seit er sie kannte, fand er, dass sie alt aussah.

»Was glaubst du, was die Beamten zu der ganzen Sache sagen werden?«, fragte sie ihn. »Vor allem dazu, dass Lovelittle gegen die Wand geraspelt wurde?«

»Die Beweise sind doch da, Karen. Die Leiche. Alles. Sie müssen doch einfach nur auf die Wand schauen.«

»Und du meinst, sie glauben dir, wenn du ihnen erzählst, dass ihn etwas auf dem Gewissen hat, das sich in der Mauer versteckt hält?«

»Worauf willst du hinaus?«

»Sie werden also nicht unterstellen, dass du es warst, der ihn getötet hat?«

Jack nahm einen weiteren Schluck Jack Daniel’s. Inzwischen befand sich nur noch ein winziger Rest in der Flasche. Er zögerte kurz und leerte sie dann komplett.

»Ach komm …«, sagte Jack. »Ich denke schon, dass die Polizei mit Logik an die Sache herangeht.« Er schraubte die leere Flasche zu und legte sie ins Handschuhfach zurück. »Sie müssen mich ja bloß ansehen, um zu erkennen, dass ich nicht stark genug wäre, um einen Mann von Lovelittles Größe eine 60 Meter lange Wand entlangzuschleifen. Und selbst, wenn ich vorgehabt hätte, ihn zu töten, warum ausgerechnet auf diese Weise? Ich hätte ihn ja schließlich genauso gut erschießen oder mit einem Baseballschläger erschlagen können. Ich bin ja kein Verrückter.«

»Tja, vielleicht bin ich wirklich einfach voreingenommen«, bemerkte Karen.

Sie saßen eine Weile schweigend im Auto. Von The Oaks war hier nichts außer einem nebligen Umriss hinter den Eichenbäumen zu sehen.

Nach einiger Zeit sagte Jack: »Ich bin mir ziemlich sicher, dass Randy irgendwo da unten ist.«

»Im Keller?«

»Der Hund hat gebellt; es war das einzige Mal, dass er gebellt hat. Ich habe ihn an der Kackwurst schnüffeln lassen und er ist danach schnurstracks auf die Wand zugelaufen.«

»Glaubst du, dass Randy auch in der Wand steckt?«

»Ich weiß es nicht«, gestand Jack, während er sich die Augen rieb. »Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich glauben soll. Ich weiß, was ich gesehen habe, aber ich will es immer noch nicht wahrhaben.«

»Aber du bist trotzdem überzeugt, dass die Polizei dir glauben wird?«

»Karen, die Indizien …«

»Jack, Schätzchen, wenn’s nach meiner bescheidenen Erfahrung geht, schert sich die Polizei einen Scheißdreck um Indizien.«

Wieder schwiegen sie sich an. Der Regen rieselte auf die Bäume. Jack kramte seinen Autoschlüssel hervor und steckte ihn in die Zündung. »Er ist mein Sohn, Karen«, sagte er. »Alleine schaffe ich es nicht, ihn zu finden. Ich denke, dass er sich tatsächlich in der Wand verbirgt und Gott allein weiß, wie er da hineingeraten ist. Dieser Lester, über den er die ganze Zeit redete …«

»Schau!«, keuchte Karen.

Stirnrunzelnd sah Jack auf. Zwischen den dunklen Eichenstämmen konnte er eben noch eine grau-weiße, gesichtslose Gestalt mit Kapuze erkennen, die allein im Regen stand. Sie war nicht größer als ein siebenjähriges Kind. Doch warum sollte ein siebenjähriges Kind hier draußen sein und sie beobachten?

Jack öffnete die Tür des Kombis, doch in diesem Moment hielt ihn Karen am Arm fest. »Warte, es winkt uns zu.«

Die kleine Gestalt hatte beide Arme erhoben. Es winkt nicht nur, dachte Jack. Es winkt uns zu sich.

»Es will, dass wir ihm folgen«, stellte er fest.

»Was, hast du jetzt völlig den Verstand verloren? Du willst doch nicht noch mal dorthin zurück?«

»Du musst ja nicht mit«, erklärte ihr Jack. »Aber Karen … solange es auch nur den Hauch einer Chance gibt, dass ich Randy finde …«

Müde sah Karen ihn an. Sie wusste, dass er gehen musste. »Ich werde das Radio einschalten und auf dich warten, Jack. Aber wenn du in 20 Minuten nicht zurück bist …«

»Wenn ich in 20 Minuten nicht zurück bin, dann ruf die Bullen. Ich mein es ernst. Das musst du tun. Komm bloß nicht hinterher, um mich zu suchen.«

Er stieg aus dem Auto. Die kleine grau-weiße Gestalt stand immer noch zwischen den Eichen und gab ihm Zeichen. Jack zwängte sich durch die Lücke neben dem Tor und stapfte mit hochgestelltem Kragen die Kieseinfahrt entlang. Die Gestalt ließ die Hände herabsinken und wartete auf ihn. Durch die Bäume und den Regen konnte man sie kaum erkennen, doch es schien, dass Randy recht gehabt hatte. Die Gestalt besaß kein Gesicht. Vielleicht war es wieder nur eine Zeitung, die völlig durchgeweicht im Wind flatterte.

Bevor er noch näher herankommen konnte, hielt die Gestalt auf die Rückseite von The Oaks zu. Sie bewegte sich merkwürdig ruckhaft, so ähnlich wie ein Kind in einem neuen Regenmantel, der ihm viel zu groß war, gleichzeitig wirkten die Gesten seltsam unkoordiniert. Ein bisschen wie eine Zeichentrickfigur im Zeitraffer.

Jack näherte sich ebenfalls dem hinteren Teil des Gebäudes. Die kleine Erscheinung wartete neben der geöffneten Tür des Gewächshauses auf ihn. Sie gestikulierte nicht mehr. Als Jack nur noch 20 Meter von ihr entfernt war, sprang sie ins Innere und verschwand aus seinem Blickfeld.

Jack graute es, denn er wusste genau, wohin ihn dieses Versteckspiel führen würde. Am Eingang zum Anbau zögerte er und atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Du musst nicht wieder hineingehen. Du könntest genauso gut die Polizei anrufen.

Die kleine grau-weiße Gestalt war nirgendwo in Sicht. Sie konnte sich höchstens direkt hinter der Tür verstecken, falls sie noch in der Nähe war. Auf dem Boden des Gewächshauses zeichneten sich zu seinem Erstaunen keine nassen Fußstapfen ab.

Doch Randy war irgendwo im Haus, da war Jack sich absolut sicher. Er konnte es regelrecht spüren. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich auf die Suche nach seinem Sohn zu machen.

Er durchquerte das verlassene Gewächshaus und betrat durch den Empfangsraum die Halle. Es schien noch stiller als sonst zu sein. Die Kellertür stand immer noch halb offen, so wie er sie vorhin zurückgelassen hatte. Er näherte sich ihr mit schnellen Schritten und öffnete sie mit den Fingerspitzen. Das Herz schlug ihm bis zum Hals.

Er wollte gerade hinuntersteigen, als eine Stimme zu flüstern begann.

Willkommen zurück, Jack.

Er wirbelte herum. Die blinde Statue gegenüber der Halle hatte ihre Marmoraugen geöffnet und blickte ihm direkt ins Gesicht.

Schön, dass du kommen konntest, Jack, sagte die Statue.

Jack zwang sich dazu, die Halle in ihre Richtung zu durchqueren. Seine Füße schienen kaum vorwärtszukommen, als ob er gelähmt wäre. Er stellte sich vor der Skulptur auf und starrte sie ebenfalls an. Ihr Gesicht war weiß, kalt und schien ihn spöttisch zu mustern. Sie lebte und sah aus wie eine Frau – und doch hatte sie etwas sehr Unmenschliches an sich. Eine marmorne Visage mit einem Herz aus Stein.

Du bist auf der Suche nach Randy, mutmaßte die Statue.

»Er ist hier?«, brachte Jack mit heiserer Stimme hervor.

Natürlich ist er hier. Wir haben ihn versteckt.

»Wer sind ›wir‹?«

Nun, mein Name ist Lester … aber es gibt noch viele von uns hier. Mach dir keine Sorgen, Jack, deinem Randy geht es gut.

»Wo ist er? Ich will ihn sehen.«

Alles zu seiner Zeit.

»Ich will ihn zurück, verdammt! Mir ist es egal, wer oder was ihr seid, ihr besitzt kein Recht, ihn hier festzuhalten!«

Heldenhafte Worte, Jack! Aber jetzt übertreib es mal nicht. Wir haben Randy, vergiss das nicht, und einige von uns brennen darauf, ihm etwas anzutun! Einige der Frauen … nun, selbst Quintus hat Schwierigkeiten, einige von ihnen unter Kontrolle zu halten.

»Quintus? Wer ist Quintus?«

Lass es mich so ausdrücken, Jack – die Statue schielte ihn an – jede soziale Gruppe hat einen Anführer. Quintus ist zufällig unserer. Natürlich nur, solange es uns passt.

»Was wollt ihr?«, wollte Jack wissen. »Geht es um Geld? Sag mir einfach, was zur Hölle ihr verlangt!«

Wir wollen den Priester, zischelte die Statue. Jetzt schien sie über jemanden zu sprechen, den sie wirklich verabscheute. Du musst uns den Priester bringen. Sonst wird Randy zermalmt; genauso wie wir Joseph Lovelittle den Garaus gemacht haben. Und auch dir würde dann etwas Schreckliches zustoßen.

»Priester? Was denn für ein Priester? Wovon redest du?«, wollte Jack von dem Standbild wissen.

Wir wollen den Priester! Bring uns den Priester! Wenn du uns nicht den Priester bringst, wird dein Randy zermalmt, zermalmt, zu Staub zermalmt!

Jack hob beide Hände. »Bitte! Hör mir zu! Wenn du willst, dass ich euch einen Priester bringe, werde ich euch einen bringen! Aber welchen genau? Einen bestimmten? Oder ist euch jeder Priester recht?«

Den Priester!, schrie die Statue und riss dabei den Mund so weit auf, dass man ihre weiße Marmorzunge sehen konnte. Den Priester! Den Priester! Du musst uns den Priester bringen!

Jack brüllte zurück: »Ich bringe euch gar niemanden – nicht, bevor ihr den Beweis angetreten habt, dass Randy wirklich bei euch ist – zeigt mir, dass es ihm gut geht! Habt ihr mich verstanden? Sonst könnt ihr es vergessen! Dann verschwinde ich jetzt und komme nie wieder zurück!«

Du Narr!, schalt ihn die Statue. Und in diesem Moment hörte Jack Randys Stimme. Sie klang unnatürlich hoch und gurgelte, als würde er versuchen, unter Wasser zu schreien. Randys Kopf schoss aus dem schwarz-weißen Marmorboden hervor, dann seine Schultern, seine Arme und schließlich seine Hüfte, als ob der Junge in einem flachen See stand.

Daddy!, rief er und hob beide Hände, um auf sich aufmerksam zu machen. Daddy, rette mich!

»Randy! Halt durch!«, schrie Jack und rannte durch die Halle auf ihn zu. Doch bevor er Randys ausgestreckte Hände ergreifen konnte, versank sein Sohn wieder im Marmorboden, als ob ihm jemand die Beine weggezogen hätte.

Jack fiel auf die Knie und hämmerte mit seinen bloßen Fäusten verzweifelt auf das Kalkgestein ein. Es war hart, glatt und kalt – und gab keinen Zentimeter nach.

»Lasst ihn gehen!«, brüllte er den Boden an. »Ihr Dreckskerle! Ihr Dreckskerle! Lasst ihn gehen!«

Es kam keine Antwort. Nach einigen Minuten, die ihm sehr lange vorkamen, wischte sich Jack die Tränen aus den Augen, stand auf und ging wieder zur Statue zurück. Ihre Augen waren wieder geschlossen und sie rührte sich nicht.

»Welcher Priester?«, fragte er erschöpft und bekümmert. »Welcher Priester, verdammt noch mal?«

Doch die Statue schwieg. Im Haus war es still. Die Menschen aus der Wand hatten ihm ihre Lösegeldforderung mitgeteilt und auf die eine oder andere Art musste er selbst herausfinden, welcher Priester der richtige war.

Jack machte sich auf den Rückweg. Gerade als er die Halle verlassen wollte, ging die Kellertür auf. Überrascht wich er einen Schritt zurück.

Boy, der Dobermann, trottete ihm entgegen. Ein Klicken und Klacken ertönte, als das Tier auf dem gefliesten Boden auf ihn zuhielt. Es trug etwas im Maul.

»Boy … guter Junge … was hast du denn da?«

Der Dobermann legte das Objekt, das er trug, vorsichtig zu Jacks Füßen ab und sah ihn dann flehentlich an, als ob sein Leben davon abhinge, dass Jack jetzt Hol das Stöckchen! mit ihm spielte.

Jack sah sich das Ding zu seinen Füßen genauer an. Es war blau-weiß und glänzte und an jedem Ende befanden sich ein paar rote Knorpelstücke. Es war einer von Joseph Lovelittles Hüftknochen.

»Also keine Polizei?«, erkundigte sich Karen, während sie ihren Rock hochzog, um bequemer zu sitzen.

»Keine Polizei. Noch nicht. Ich will ihnen erst einen Priester suchen.«

»Aber sie haben dir doch gar nicht gesagt, welchen Priester sie wollen.«

»Keine Ahnung. Vielleicht irgendeinen. Wer weiß. Wir müssen es einfach herausfinden.«

»Jack … ich muss zurück nach Hause. Bessy wird sonst an die Decke gehen.«

Sie erreichten die Hauptstraße. Jack sagte: »Klar. Tut mir leid. Ich hätte dich gar nicht erst überreden dürfen, mit uns mitten in der Nacht hier rauszufahren.«

Karen beugte sich zu ihm hinüber und küsste ihn auf die Wange. »Ich bin mitgekommen, weil ich es wollte

Jack küsste sie auf den Rücken und drückte ihren Oberschenkel. »Weißt du was? Ich hätte dich ein paar Jahre früher kennenlernen sollen.«

»Wenn du meinst …«, erwiderte Karen, aber es war offensichtlich, dass sie sich über diese Aussage freute. Vielleicht, nur vielleicht, wenn Randy wieder in Sicherheit war …

Er fuhr sie nach Madison. Es sah idyllisch aus, als der Lake Mendota mit dem grauen Himmel vor ihnen auftauchte. Wie ein Postkartenmotiv. Studenten radelten durch die nassen Straßen. Sie hielten sich ihre Umhängetaschen als Regenschirmersatz über den Kopf. Im Zentrum rief Jack Karen ein Taxi und reichte dem Fahrer 75 Dollar, damit er sie zurück nach Milwaukee fuhr. »Du«, sagte er zu Karen, »ich ruf dich später an, okay? Richte Mike bitte aus, dass ich mich heute Abend bei ihm melden werde. Sag ihm, dass ich Familienangelegenheiten zu erledigen habe.«

»Na ja, damit tischst du ihm ja nicht mal eine Lüge auf!«, erwiderte Karen. Mit kalten Lippen küsste sie ihn durch das halb geöffnete Taxifenster. Keiner von beiden traute sich »Ich liebe dich!« zu sagen, nicht solange Randy immer noch verschwunden war und das Leben so bedrohlich und befremdlich schien.

Jack sah zu, wie das Taxi wegfuhr, und ging dann über die Straße zur Buchhandlung, um sich eine Tasse Kaffee zu gönnen und einen Donut zu essen. Im Laden wimmelte es von Studenten, die rauchten, sich unterhielten und lachten. Jack setzte sich alleine an einen Tisch und zwang sich, seinen Donut zu essen, obwohl er sich nicht wie Essen anfühlte, sondern wie dickflüssiger, vertrockneter Kleber. Eine hübsche Studentin mit hüftlangen blonden Haaren und einer Brille mit Drahtgestell kam zu ihm herüber und erkundigte sich, ob es ihm gut ging.

Er hob den Kopf. »Klar geht’s mir gut. Stimmt was nicht?«

Sie lächelte ihn an. Sie war so jung, dass sie fast schon seine Tochter hätte sein können. »Sie weinen, deshalb. Haben Sie das gar nicht bemerkt?«

Jack tastete nach seinen Augen und war überrascht, als er feststellte, dass ihm tatsächlich Tränen über die Wangen liefen. Er sagte nichts, sondern kramte sein Taschentuch hervor und wischte sich das Gesicht ab. Das Mädchen betrachtete ihn noch eine Weile besorgt und verließ dann den Laden.

Capitol Realtors war nicht schwer zu finden. Der Makler hatte sein Quartier nur zwei Blocks vom Buchladen entfernt in einem eleganten kleinen Bürokomplex mit getönten Scheiben, Klimaanlage und einer von Bäumen gesäumten Vorhalle mit Mosaikboden bezogen. Daniel Bufo saß an seinem Schreibtisch und frühstückte, als Jack in sein Büro geführt wurde. Er gönnte sich zwei riesige Plunderteilchen mit Zitronenfüllung und eine heiße Schokolade. Auf der Tasse prangte das Logo der Green Bay Packers, eines Football-Teams aus Wisconsin. Er schob die Teilchen auf ein herumliegendes Exposé und ließ es vorsichtig in der obersten Schublade seines Schreibtischs verschwinden.

»Lassen Sie sich von mir nicht stören!«, sagte Jack.

Daniel Bufo wischte mit der Hand die Krümel von seinem Notizblock. Hinter ihm konnte man durch die Jalousien ganz deutlich ein anderes Bürogebäude erkennen, in dem ein Mann sich ein hitziges Wortgefecht mit seiner Sekretärin lieferte. Auf Daniel Bufos Schreibtisch stand eine gerahmte Tafel, die ihn als besten Immobilienmakler von Madison im Jahr 1975 auswies.

»Hab nicht mit Ihnen gerechnet!«, begrüßte ihn Daniel Bufo mit einem breiten, doch gleichzeitig nicht besonders überzeugenden Lächeln.

»Ich benötige ein paar Informationen!«, ließ Jack ihn wissen. Es war unübersehbar, dass Daniel Bufo an seiner äußeren Erscheinung Anstoß nahm. Jack war unrasiert, seine Kleidung völlig zerknittert und er machte einen übernächtigten Eindruck.

»Wie wär’s mit einer Tasse Schokolade?«, bot Daniel Bufo ihm an. »Es ist belgische – so nahrhaft wie eine ganze Mahlzeit.«

Jack lehnte dankend ab. »Ich will nur ein paar Hintergrundinformationen, mehr nicht.«

»Über The Oaks? Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass es da nicht viel zu erzählen gibt. Das Haus steht seit 1926 leer.«

»Und damals war es ein Irrenhaus.«

»Ah!«, machte Daniel Bufo und rieb sich die Wange.

»Na es stimmt doch, oder nicht? Es war ein Zuhause für geistesgestörte Kriminelle.«

Daniel Bufo nahm einen Kugelschreiber und drehte ihn zwischen seinen dicken Fingern. »Es war ein Pflegeheim, sicher.«

»Eine Irrenanstalt. Eine Klapsmühle.«

»Na gut, es war ein Irrenhaus. Aber ich verstehe nicht, was das für einen Unterschied macht. Es wurde seit über 60 Jahren nicht mehr bewohnt. Und Sie werden doch den Namen ohnehin ändern, oder?«

»Ich muss wissen, wo ich die Eigentümer finde«, platzte Jack heraus.

»Ich glaube nicht, dass sie das gutheißen würden, Mr. Reed, bei allem Respekt. Sie leben, nun ja, sehr zurückgezogen. Ich denke, das habe ich Ihnen deutlich zu verstehen gegeben.«

Jack senkte einen Moment lang den Kopf. Daniel Bufo nippte an seiner Tasse und wartete auf eine Reaktion.

Schließlich antwortete Jack: »Entweder Sie stellen den Kontakt zu den Eigentümern her oder das Geschäft ist geplatzt.«

»Wie bitte?«

»Sie haben mich schon verstanden. Ich will jetzt sofort Adresse und Telefonnummer der Besitzer oder wir blasen die ganze Sache ab.«

»Mr. Reed, Sie bringen mich damit in eine ausgesprochen schwierige Situation. Ich muss die Privatsphäre meiner Klienten wahren. Sie haben den ausdrücklichen Wunsch geäußert, diesen Verkauf nur mithilfe von Anwälten und nicht von Angesicht zu Angesicht abzuschließen.«

Jack stand auf. »Okay, das war’s. Vergessen Sie’s. Was mich angeht, gibt es keinen Immobilienverkauf mehr.«

»Mr. Reed, bitte glauben Sie mir, die Eigentümer möchten Ihnen sehr gerne das Grundstück verkaufen. Der Preis passt ihnen auch und sie freuen sich über Ihren Entschluss, das ursprüngliche Gebäude zu erhalten und in ein Ferienressort zu verwandeln. Sie unterstützen diesen Plan ausdrücklich! Aber wenn mich ein Kunde darum bittet, seine Privatsphäre zu wahren – nun, was bleibt mir denn da anderes übrig? Es gibt im Immobiliengeschäft einen Ehrenkodex, wissen Sie? Es ist fast so, als ob ich ein Arzt wäre.«

»Dann aber wohl eindeutig ein Proktologe!«, konterte Jack und öffnete die Tür. Daniel Bufo sprang auf, um ihm zu folgen, doch Jack hob abwehrend die Hand.

»Falls Ihre Klienten die Meinung doch noch ändern sollten, erreichen Sie mich im Howard-Johnson’s-Motel an der Route 94.« Er griff in seine Manteltasche und warf Daniel Bufo ein Zündholzheftchen zu. »Da steht die Nummer drauf.«

»Mr. Reed, ich glaube wirklich nicht …«

»Mr. Bufo, ich brauche ganz dringend Informationen. Es geht um Leben und Tod. Fragen Sie Ihre so auf Privatsphäre bedachten Klienten doch wenigstens mal, ob sie sich vorstellen könnten, mich zu treffen. Ob sie es zumindest in Erwägung ziehen würden, okay?«

Er zog die Tür hinter sich zu und ließ einen ausgesprochen nachdenklichen Daniel Bufo wie einen frustrierten Dreikäsehoch vor seiner Tasse Schokolade zurück.

Seine nächste Station war das Archiv der Madison Times. Der Verlag war in einem unansehnlichen Betongebäude untergebracht, das sich in unmittelbarer Nachbarschaft einiger halbseidener Ersatzteilhändler und Chinarestaurants befand. Jack brachte den Großteil des Nachmittags in einem winzigen Hinterzimmer zu, um sich durch die Zeitungen von 1926 zu wühlen. Das Mikrofilm-Archiv reichte lediglich bis 1943 zurück.

Eine ältere Dame in einer schwarzen Wolljacke und einem grauen Rock war damit beschäftigt, Zeitungsausschnitte aufzukleben. Sie gackerte und schnaufte jedes Mal, wenn er einen neuen Band aus dem Regal zog. Das Zimmer roch nach modrigem Papier und Alte-Damen-Parfüm. Der Regen prasselte gegen das einzige Fenster und Jack wurde langsam von Müdigkeit übermannt.

»Essen Sie eigentlich nie?«, wollte die alte Dame gegen 14:00 Uhr von ihm wissen.

Jack versuchte zu lächeln. »Es gibt Wichtigeres im Leben als Essen.«

Schließlich entdeckte er in einem Sammelband mit kaputtem Rücken, auf dem ein Zettel mit dem Vermerk »Bitte neu binden!« klebte, die Ausgaben der Madison Times aus dem Juni 1926. Er legte sie auf den Tisch und studierte sie in aller Gründlichkeit – Seite für Seite, Spalte für Spalte.

Doch auch nach einer geschlagenen Stunde hatte er nirgendwo eine Meldung über The Oaks oder Dr. Estergomy gefunden.

Er lehnte sich zurück und ließ den Band frustriert zuklappen.

Da erkundigte sich die alte Jungfer bei ihm: »Nicht gefunden, was Sie gesucht haben?« Es war inzwischen fast 16:00 Uhr.

Jack schüttelte den Kopf. »Da drin steht wirklich alles Mögliche. Babywettbewerbe, Heiratsanzeigen, wer gestorben ist und wer nicht. Ich hätte nur gedacht – ach, ich weiß auch nicht.«

Sie sah ihn durch ihre verschmierten Brillengläser an. »Nach was genau haben Sie denn gesucht? Um welches Jahr geht es denn?«

»1926.«

»1926 lebte ich schon hier in Madison. Mein Vater war Professor für Geschichte an der Universität. Douglas Manfield, vielleicht haben Sie schon von ihm gehört. Er hat ein berühmtes Standardwerk über etruskische Inschriften verfasst.«

Sie stand auf, ging zu ihm hinüber und streckte ihm die Hand entgegen. »Helena Manfield«, stellte sie sich vor.

Jack erhob sich von seinem Stuhl und gab ihr die Hand. »Jack Reed.«

»Sie sind nicht von hier?«

»Nein, aus Milwaukee. Reed Muffler & Tire. Es gibt fünf Läden in der Stadt.«

Helena Manfield ließ sich auf der Kante seines Schreibtischs nieder. Trotz ihres Alters wirkte sie dabei graziös wie eine Tänzerin. Ihr graues Haar hielt sie mit einer schwarzen Samtschleife zusammen und obwohl ihre Haut mit Falten überzogen war, musste sie einmal wunderschön gewesen sein. Irgendwie fühlte sich Jack an Katharine Hepburn erinnert, wenn er sie ansah.

»Warum wühlt sich ein Werkstattbesitzer hier in Madison durch die Zeitungen von 1926?«

»Ich habe nach Artikeln über The Oaks gesucht. Es ist ein Pflegeheim in der Nähe des Lake Wisconsin.«

»Ich kenne The Oaks. Oder besser: Ich kenne die Geschichte von The Oaks.«

»Wirklich? Die scheint fast niemand zu kennen. Und wenn doch, dann rückt er nicht mit der Sprache raus.«

»Na ja, weil es ein Irrenhaus und kein Pflegeheim war, deshalb. Viele der Ortsansässigen waren strikt dagegen, als sie von den Plänen erfuhren. Aber letzten Endes wurde es dann ja sowieso geschlossen.«

»Das weiß ich«, sagte Jack. »Ich will wissen, weshalb es geschlossen wurde und unter welchen Umständen.«

Helena Manfield legte fragend den Kopf auf die Seite.

»Wissen Sie, ich hatte vor, das Anwesen zu kaufen. Mein Plan war, das Gebäude in ein Luxushotel umzubauen. Deshalb wollte ich etwas mehr über seine Geschichte erfahren«, klärte Jack sie auf.

Helena Manfield dachte eine Weile nach, während sie den Diamantring an ihrem linken Finger musterte. Dann sagte sie übertrieben höflich: »Bitte verzeihen Sie mir, Mr. Reed, wenn ich neugierig erscheine. Doch ich habe den Eindruck, dass Sie sich mit einem Eifer durch die Aufzeichnungen gewühlt haben, der geschäftliches Interesse weit übersteigt.«

Jack lächelte schief. »Ist das so offensichtlich?«

»Na ja … Sie haben fast den ganzen Nachmittag hier verbracht, ohne etwas zu essen. Sie sehen etwas ungepflegt aus für jemanden, der ein Luxushotel kaufen will, muss ich sagen. Und außer sich. Bitte entschuldigen Sie meine offenen Worte.«

»Miss Manfield …«, begann Jack. »Wissen Sie zufällig, wer die Eigentümer von The Oaks sind?«

»Aber sicher. Ich kenne die Eigentümerin seit Jahren, schon seit sie hierhergekommen ist. Olive Estergomy. Sie war die Mittlere der drei Estergomy-Schwestern.«

»Und das sind sicherlich die Töchter von Dr. Estergomy, dem früheren Besitzer von The Oaks?«

»Das stimmt. Wunderschöne Mädchen, alle drei. Alice, Olive und Lucy. Bildhübsch! Aber ihre Mutter war ja schließlich auch ausgesprochen gut aussehend.«

»Wissen Sie zufällig, warum Dr. Estergomy The Oaks so plötzlich geschlossen hat?«, erkundigte sich Jack.

Helena Manfield schüttelte den Kopf. »Das weiß niemand so genau. Es dauerte viele Monate, bis wir davon erfuhren. Es kam erst heraus, als einer der Ladenbesitzer im Ort sich verplapperte und jemandem erzählte, dass die Estergomys all ihre Lieferungen abbestellt hatten.«

Sie stand auf und ging zu dem Tisch zurück, an dem sie beschäftigt gewesen war. »Die Estergomys kehrten der Gegend zu dieser Zeit den Rücken. Die einzige von ihnen, die jemals zurückkehrte, war Olive. Sie hielt sich bedeckt, wenn ich mich bei ihr nach The Oaks erkundigte. Und über ihre Familie sprach sie auch nicht gern. Irgendwann sah ich ein, dass sie das Thema nervös machte, also ließ ich sie damit in Ruhe. Aber es war trotzdem traurig. Früher einmal waren die Estergomys sehr gute Freunde von uns gewesen. Mein Vater und Dr. Estergomy verstanden sich prächtig. Doch als sie weggingen, hielten sie es nicht einmal für nötig, sich von uns zu verabschieden.«

»Also haben Sie nie herausgefunden, was damals passiert ist?«

»Nein!«, sagte Helena Manfield. »Die Gerüchteküche brodelte natürlich. Aber ich würde darauf tippen, dass die Ortsansässigen es geschafft haben, genügend Druck auf den Staat auszuüben, sodass die Subventionen gestrichen wurden.«

Für eine Weile schwieg Jack. Während Helena Manfield geredet hatte, war plötzlich und ganz unerwartet ein Bild von Randy vor seinem geistigen Auge aufgetaucht. Seine großen, ernsthaften Augen, das kurze Zögern, bevor er anfing zu reden. Er konnte ihn beinahe fühlen, ihn fast riechen. Sein warmes Haar, das immer nach Keksen zu duften schien.

»Sie weinen«, stellte Helena Manfield nüchtern fest.

»Ich bin müde, das ist alles.« Diesmal versuchte er nicht, die Tränen wegzuwischen.

»Sie müssen mir erzählen, wo der Schuh drückt. Vielleicht kann ich Ihnen helfen.«

»Ich weiß nicht recht«, antwortete Jack. »Ich fürchte, das kann niemand.«

»Na ja, wir können es doch zumindest einmal miteinander versuchen«, schlug Helena Manfield im Plauderton vor. »Ich glaube, von Herzschmerz verstehe ich eine ganze Menge.«

»Wissen Sie, wie es sich anfühlt, einen Menschen zu verlieren?«, erkundigte sich Jack.

Helena Manfield richtete sich auf. »Ich bin eine unverheiratete Frau, wissen Sie? Aber es hätte anders kommen sollen. Mein Verlobter fiel im Zweiten Weltkrieg. Er war bei der Luftwaffe und wurde über Ploieşti in Rumänien abgeschossen. In jener Nacht starben über 300 junge Soldaten der Luftwaffe; und das nur, weil die Alliierten behauptet hatten, dass dort kaum Einheiten stationiert seien.«

Sie atmete scharf ein. Nach 45 Jahren war sie noch immer verbittert über die Geschehnisse der Vergangenheit. »Und danach – na ja, niemand konnte ihm das Wasser reichen. Ich habe es vorgezogen, alleine zu bleiben.«

Jack sagte: »Das tut mir leid.«

Helena Manfield lächelte abwesend. »Das muss es nicht. Es ist schon so lange her. Ich sollte nicht so viel herumjammern. Haben Sie auch jemanden verloren?«

»Meinen Sohn, Randy. Er ist neun Jahre alt. Ich habe ihn zu The Oaks mitgenommen.«

»Und?«

»Na ja, ich weiß, dass es völlig verrückt klingt. Aber er ist spurlos verschwunden.«

»Wann?«, wollte Helena Manfield wissen.

»Letzte Nacht. Spät in der letzten Nacht. Wir haben das Gebäude zweimal von oben bis unten durchsucht, aber wir konnten ihn nicht finden. Er versteckt sich vermutlich Gott weiß wo.«

»Haben Sie die Polizei verständigt?«

Jack schüttelte den Kopf. »Er ist immer noch im Haus, da bin ich mir absolut sicher. Und abgesehen davon wurde mir sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass ich nicht mit der Kooperation der örtlichen Beamten rechnen darf. Nicht, wenn es um The Oaks geht.«

»Sie haben Ihren neunjährigen Sohn verloren und wollen nicht die Polizei alarmieren?«

Jack zuckte die Achseln. »Wenn man es so betrachtet, klingt es unverantwortlich, nicht wahr? Doch ich bin ganz ehrlich der Meinung, dass die Polizei mir in diesem konkreten Fall nicht helfen kann.«

Helena Manfield betrachtete ihn schweigend.

»Lassen Sie es mich mal so sagen«, fuhr Jack fort. »Zuallererst würden mich die Polizisten mit der Frage konfrontieren, was ich zu so später Stunde mit einem Neunjährigen in The Oaks verloren hatte. Danach würden Sie wissen wollen, warum ich ihn umgebracht habe.«

»Sie glauben nicht, dass er tot ist?«

»Nein, er ist nicht tot. Zumindest glaube ich, dass er nicht tot ist. Ich bete darum, dass er noch lebt. Aber die Angelegenheit ist nicht so einfach, wie sie sich anhört.«

»Glauben Sie mir«, antwortete Helena Manfield. »Sie hört sich auch alles andere als einfach an.«

Sie dachte einen Moment nach und sagte dann: »Was halten Sie davon, wenn ich Sie mit Olive bekannt mache? Sie ist zwar sehr schüchtern, aber sie redet Klartext. Vielleicht kann sie Ihnen ein paar Tipps geben, wo sich Ihr Junge versteckt halten könnte. Vielleicht gibt es in The Oaks ein verborgenes Zimmer oder einen Geheimgang oder so etwas.«

»Olive Estergomy lebt immer noch hier in der Gegend?«

»Aber sicher, sie hat ein Haus draußen in Sun Prairie.«

Jack erwiderte: »Das ist ja tatsächlich ganz in der Nähe. Höchstens 15 oder 20 Meilen. Können Sie sie anrufen?«

»Natürlich kann ich sie anrufen.« Sie hob ihre Tasche vom Boden auf, öffnete sie und nahm ein kleines Adressbuch mit einem Einband aus Krokodilleder heraus. »Und bevor Sie mich fragen, weshalb ich sie anrufe, verrate ich Ihnen gerne, das ich schon seit ewigen Zeiten nach einem Vorwand suche, um mich bei ihr zu melden. Ich langweile mich hier zu Tode und stecke außerdem liebend gerne meine Nase in Dinge, die mich nichts angehen.«

»Klingt doch gut«, stellte Jack fest.

Sie ging zum Münztelefon im Gang. Jack stand neben ihr, als sie eine Münze in den Schlitz warf und die Nummer wählte. Aus dem nächstgelegenen Büro konnte er das monotone Klappern von Plastik hören; vermutlich ein Redakteur, der eine Story in die Tastatur hackte.

Schließlich sprach die alte Dame in den Hörer: »Olive? Bist du das? Olive, hier ist Helena! Helena Manfield, ganz genau!«

Sie fuhren unter einem dunklen, wolkenverhangenen Himmel nach Sun Prairie, vorbei an rot gestrichenen Schuppen und dunkelgrünen Kohlfeldern, an silberfarbenen Silos und mit Regentropfen besprenkelten Gewächshäusern. Helena Manfield war ausgesprochen wortkarg und boykottierte den Sicherheitsgurt. Ihre Hände lagen im Schoß wie zwei extrem unruhig schlafende Vögel.

Jacks Fahrstil ließ sehr zu wünschen übrig. Vor Kreuzungen trat er oft erst in buchstäblich letzter Sekunde auf die Bremse und zweimal überfuhr er eine rote Ampel. Erst jetzt wurde ihm seine enorme Müdigkeit richtig bewusst.

Es war schon fast dunkel, als sie Sun Prairie erreichten. Helena lotste Jack von der 151 auf die 19 und dann ein holpriges, unasphaltiertes Sträßchen herunter, das sich auf den höchsten Punkt eines Hügels schlängelte, auf dem nur ein einziges, grün gestrichenes Haus stand. Es war von Gras und Blumen umgeben und schien geradewegs vom Himmel gefallen zu sein wie Dorothys Bauernhaus im Zauberer von Oz.

Jack parkte neben einer längst stillgelegten Egge und einem rostigen Futtertrog. Helena Manfield hakte sich bei ihm ein und gemeinsam kämpften sie sich im eisigen Regen zur Veranda durch.

Die Vordertür öffnete sich beinahe sofort. Auf den nassen Holzbrettern der Veranda spiegelte sich das Licht, das aus der Wohnung nach draußen drang. Die Stimme einer Frau ertönte: »Kommt rein! Kommt rein!«, und schon schälte sich Jack im kleinsten Gang, den er jemals gesehen hatte, aus seinem Mantel.

»Ach, Helena!«, rief Olive. Sie war groß und grobknochig, viel größer und weniger zierlich als Helena Manfield, aber doch ebenfalls attraktiv. Ihr graues Haar hatte sie mit einem blauen Seidenband zurückgebunden, die Augen wiesen eine geheimnisvolle Färbung in Lilatönen auf. Sie besaß das runde, intelligente Gesicht einer Frau, die sich nichts vormachen ließ, aber die Gabe besaß, über sich selbst lachen zu können.

Olive Estergomy trug ein weites Kleid mit blau-schwarzen Blumen darauf. Reizend, aber es wirkte doch irgendwie abgetragen und ein wenig schmuddelig.

»Kommt rein! Helena, meine Liebe! Ich habe mich so über deinen Anruf gefreut. Es ist viel zu lange her!«

Olive geleitete sie in ein Wohnzimmer, in dem hochwertige, allerdings schlecht aufeinander abgestimmte Möbel standen. Eine französische Chaiselongue, die mit grün gemusterter Seide gepolstert war, ein brauner Ledersessel und verschiedene Tische in allen erdenklichen Formen und Größen. An der Wand hingen grelle Aquarelle mit den größten Seen Wisconsins, eingerahmte Zeugnisse und Ehrendiplome. Jack beugte sich über die Couch, um eines der Diplome genauer zu inspizieren. Es handelte sich um eine Ehrendoktorwürde in klinischer Psychologie der Universität von Edinburgh, die am 12. März 1921 an Elmer J. Estergomy verliehen worden war.

Ein Feuer glomm schwach im Kaminrost. Olive Estergomy stocherte mit dem Schürhaken darin herum und erklärte dann: »Das Holz ist noch viel zu feucht.«

»Ich bin Jack Reed«, stellte sich Jack vor. »Ich bin derjenige, der sich für The Oaks interessiert.«

»Ich verstehe«, antwortete Olive Estergomy. Sie bedachte ihre Freundin mit einem fragenden Blick, während sie ihre lange Bernsteinkette zwischen den Fingern drehte. »Wie haben Sie Miss Manfield kennengelernt?« Als sie die Frage stellte, ließ sie durchklingen, dass sie davon ausging, Helena und er hätten sich gegen sie verschworen.

»Olive, wir haben uns im Archiv der Times kennengelernt. Es war purer Zufall«, erklärte ihr Helena. »Ich habe Ausrisse für den Pressespiegel aufgeklebt und Mr. Reed suchte zur selben Zeit nach Artikeln über The Oaks.«

»Ihre Pläne beeindrucken mich sehr, Mr. Reed«, sagte Olive Estergomy. »Ich würde das alte Gebäude gerne restauriert sehen.«

»Hat sich Mr. Bufo mit Ihnen in Verbindung gesetzt?«, erkundigte Jack sich.

»Er hat mir Ihren Preis genannt und ich habe ihn akzeptiert.«

»Hat er Sie heute angerufen?«

Olive Estergomy lehnte sich an den Kamin und vermittelte den Eindruck einer Sportlehrerin, die am liebsten eine Übung vorturnen würde. »Heute nicht, nein. Stimmt etwas nicht?«

»Ich habe ihm gesagt, dass ich Sie treffen muss. Und dass ich das Geschäft platzen lasse, wenn er sich nicht darum kümmert.«

Olive Estergomy ließ sich mit einer langsamen Bewegung auf das Sofa herabsinken. Das Feuer begann zu knistern und prasselte. »Mr. Bufo hat kein Wort davon gesagt. Kein einziges Wort.«

»Ich hatte zudem betont, dass es ausgesprochen dringend ist«, ergänzte Jack.

»Vielleicht hat er gedacht, dass es mich beunruhigen würde. Und tatsächlich bin ich in diesem Moment einigermaßen beunruhigt. Aus welchem Grund wollten Sie mich denn unbedingt sehen?«

Jack vollführte mit seiner linken Hand das alte britische Fingerspiel: Hier ist die Kirche, hier ist der Turm, öffne die Türe …

»Miss Estergomy, ich muss wissen, was in der Nacht geschehen ist, in der The Oaks geschlossen wurde.«

Olive Estergomy starrte Jack ausdruckslos an. Erst jetzt fiel ihm auf, dass ihr linkes Augenlid zuckte, ein dauerhaftes Signal unterdrückter Nervosität. »Nichts ist geschehen. Wir haben das Heim geschlossen, weiter nichts.«

»Aus einem bestimmten Grund?«

»Es gab nicht mehr genügend Patienten, um den Betrieb aufrechtzuerhalten, das ist alles. Es waren rein wirtschaftliche Gründe.«

Jack zückte sein Taschentuch und wischte sich die Nase ab. »Mir wurde aber gesagt, dass am Tag der Schließung 137 Patienten eingewiesen waren. Mehr als je zuvor.«

»Wer hat Ihnen das erzählt?«

»Joseph Lovelittle, der Hausmeister.«

»Oh, er. Ich hoffe doch, Ihnen ist bewusst, dass Joseph selbst lange Zeit zu unseren Patienten zählte?«

»Er war sich seiner Sache aber ziemlich sicher und macht inzwischen einen ausgesprochen stabilen Eindruck.«

Olive Estergomy senkte den Blick und antwortete nicht.

»Miss Estergomy …«, begann Jack. »Mein neun Jahre alter Sohn ist spurlos verschwunden. Ich habe ihn gestern Abend nach The Oaks mitgenommen und seitdem ist er weg. Ich bin ungeheuer verzweifelt.«

»Sie haben ihn nach The Oaks gebracht?«, erkundigte sich Olive Estergomy ungläubig.

»Miss Estergomy, etwas stimmt nicht mit dem Gebäude. Ich habe es selbst erlebt. Geräusche, Stimmen, Halluzinationen.« Er sagte nichts weiter, denn er wollte ihr nicht den Eindruck vermitteln, dass er selbst reif für die Klapsmühle war.

Olive Estergomy sagte lange Zeit überhaupt nichts. Dann schien sie sich zu einer Entscheidung durchgerungen zu haben und eröffnete ihm: »Sie sind verschwunden. Alle miteinander.«

Jack verstand nicht ganz. »Wer ist verschwunden, Miss Estergomy?«

Sie sah auf. »Die Patienten natürlich. Und zwar lückenlos. Erst waren sie noch alle da – und im nächsten Moment waren sie weg.«

Sie schwieg abermals sehr lange. Eine Minute, mehr als eine Minute.

»Können Sie mir erzählen, was genau passiert ist?«, drängte Jack. Es war kaum zu übersehen, dass die Erinnerung an die Vorfälle die alte Frau nach wie vor sehr stark aufwühlte.

»Da gibt es nicht viel zu erzählen. Wir saßen an dem Abend zusammen im Salon, als einer der Pfleger an die Tür klopfte – er schrie hysterisch und machte einen extrem verängstigten Eindruck. Er eröffnete uns, dass die Patienten entkommen waren. Natürlich konnte mein Vater es nicht glauben. Doch als wir in den zweiten Stock hinaufgingen, stellten wir fest, dass jedes einzelne Krankenzimmer leer stand.«

Helena Manfield setzte sich ebenfalls. »Olive«, rief sie. »Das hast du mir nie erzählt.«

»Niemand hätte es mir geglaubt, meine Liebe, nicht einmal du.«

»Aber wenn all die Verrückten entkommen wären …«

»Sie sind spurlos verschwunden, aber nicht entkommen. Sie haben jedenfalls nicht ihre Türen geöffnet oder sind aus den Fenstern geklettert. Jeder einzelne Raum war nach wie vor verriegelt, ein Öffnen von innen aufgrund des speziellen Mechanismus unmöglich. Auch die Fenster wiesen keine Beschädigungen auf, keine einzige Glasscheibe gesplittert. Im Foyer fanden wir lediglich halb geleerte Tassen mit heißem Kaffee vor, auf dem Boden lagen heruntergefallene Zeitungen. Als ob sie sich alle von einem Moment auf den nächsten in Luft aufgelöst hätten.«

»Aber wenn es über hundert waren, wo sind sie dann hin?«, erkundigte sich Helena Manfield ungläubig.

Olive Estergomy schüttelte den Kopf. »Bis heute weiß ich es einfach nicht, Helena. Mein armer Vater wurde auf der Suche nach ihnen bald selbst verrückt. Wohin mochten sie nur gegangen sein? Er rief die Polizei und die fand natürlich die Türen verschlossen und die Fenster unberührt vor. Also dachten sie, dass mein Vater einen Zusammenbruch erlitten und alle Patienten selbst auf freien Fuß gesetzt hätte. Die Polizei zeigte sich nicht besonders verständnisvoll, schließlich setzte sich mein Vater für die Resozialisierung geisteskranker Krimineller ein. Er glaubte tatsächlich, dass man sie heilen und wieder in die Gesellschaft integrieren könnte. Die Beamten hätten sie lieber auf dem elektrischen Stuhl enden sehen.«

»Und was passierte dann?«, wollte Jack wissen.

»Die Polizei durchkämmte die gesamte Gegend. Doch sie fand keinen einzigen Fußabdruck – nicht einen – geschweige denn irgendein anderes Indiz dafür, dass über hundert Menschen aus The Oaks geflohen waren. Die Polizei traf bereits weniger als eine Stunde nach dem Verschwinden der Patienten ein. Da viele sowohl mit physischen als auch geistigen Beeinträchtigungen zu kämpfen hatten, trugen sie in der Regel lediglich ihre Anstaltskleidung. Einige liefen sogar komplett nackt herum, da sie sich mit Hemden oder Hosen sonst selbst stranguliert hätten. Die Chance, dass sie den Zaun um das Anwesen aus eigener Kraft überwanden, lag bei nahezu null.«

»Aber?«, fragte Jack.

»Aber sie waren weg«, entgegnete Olive Estergomy. »137 Patienten schienen von jetzt auf gleich vom Erdboden verschwunden zu sein.«

»Und Sie haben keine Theorie?«

»Vielleicht hat Gott sie zu sich geholt. Oder auch der Teufel. Ich weiß es wirklich nicht«, sagte Olive Estergomy.

»Und was hat die Polizei dann unternommen?«, hakte Jack nach.

»Sie konnte nichts tun. Es gab keine Patienten. Es gab keine Spuren. Keiner der Patienten war auf der Straße oder in den Wäldern gesichtet worden oder hatte versucht, per Anhalter zu entkommen. Es gab keine auffälligen Diebstähle in der näheren Umgebung, keine Einbrüche. Rein gar nichts.«

Sie hielt einen Moment inne. Eine hübsche, kleine silberne Standuhr auf dem Kaminsims schlug sechs. »Um 22:30 Uhr am Abend des Verschwindens stattete eine ganze Delegation einflussreicher Persönlichkeiten aus dem Justizministerium der Anstalt einen Besuch ab und inspizierte das Gebäude. Sie sprachen zehn Minuten lang mit meinem Vater und erklärten dann The Oaks offiziell für geschlossen. Nun, natürlich mussten wir ohnehin schließen, denn es waren ja keine Patienten mehr da. Offiziell wurde die Schließung damit begründet, dass die Regierung das Vertrauen in das Resozialisierungsprogramm meines Vaters verloren habe.«

»Und wie erklärten sie das Verschwinden der Patienten? Gegenüber der Öffentlichkeit, meine ich?«

»Sie warteten eine ganze Woche lang ab, ob möglicherweise einzelne Vermisste wieder auftauchten. Als das nicht der Fall war, verkündete das Justizministerium, man habe sie in einen neuen Hochsicherheitstrakt am Lake Nokomis gebracht. Nach sechs Monaten, als weiterhin jede Spur von ihnen fehlte, erzählte man den Angehörigen der Patienten, sofern es noch welche gab und es sie überhaupt interessierte – und glauben Sie mir, das war eher die Ausnahme – dass ihre nicht ganz so lieben Verwandten einer Lebensmittelvergiftung erlegen seien. Ich glaube, dass sie sogar Beerdigungen inszenierten.«

»Sehr verwunderlich!«, befand Helena Manfield.

»Ja, aber was hätten sie sonst tun sollen? Wie sollten sie den Menschen vermitteln, dass sie 137 gemeingefährliche Geistesgestörte aus den Augen verloren hatten und jede Bemühung, sie wiederzufinden, im Sande verlaufen war?«

»Hatten sich die Ermittler der Polizei eine eigene Theorie zurechtgelegt?«, wollte Jack wissen.

»Nein«, antwortete Olive Estergomy. »Soweit ich weiß, haben sie sogar ihre Akten manipuliert, um den Fall komplett unter den Tisch zu kehren. Auch die Fallstudien und weitere Unterlagen meines Vaters wurden seinerzeit konfisziert. Sie können sich vorstellen, was damit passiert ist. Es brach ihm das Herz.«

»Was geschah mit Ihrem Vater?«, erkundigte sich Jack so taktvoll wie möglich.

»Er konnte nicht mehr arbeiten. Nach der Geschichte in The Oaks fand sich kein Bundesstaat mehr, der ihn praktizieren ließ. Wir gingen eine Weile nach England, wo er Geld an Schulen und Universitäten verdiente, dann zogen wir nach Frankreich. Mein Vater ertrank 1934 beim Schwimmen im Meer vor Arromanches. Meine Mutter starb im Jahr darauf.«

»Und Ihre Schwestern?«, fragte Jack.

»Sie blieben in Frankreich und lebten noch immer in der Nähe von Paris, als der Krieg ausbrach. Ich habe nie herausgefunden, was aus ihnen geworden ist.«

Mit sehr leiser Stimme fuhr sie fort: »An dem Abend im Jahr 1926, Mr. Reed, löste sich mein bisheriges Leben vollständig in Luft auf. Nicht nur die 137 Patienten, sondern auch der berufliche Erfolg meines Vaters, die Gesundheit meiner Mutter und meine zwei lieben Schwestern.«

»Es tut mir leid«, sagte Jack unbehaglich. »Es tut mir wirklich leid.«

»Aber Sie suchen Ihren Sohn«, wechselte Olive Estergomy abrupt das Thema.

»Er ist immer noch in The Oaks«, erwiderte Jack. »Deshalb wollte ich mit Ihnen reden.«

»Ich bin mir nicht sicher, wie Sie das meinen.«

»Ich weiß es selbst nicht genau. Doch ich glaube, dass ich weiß, wo er ist, und ich behaupte, auch zu wissen, was mit den Patienten Ihres Vaters geschehen ist.«

Olive Estergomy musterte ihn stirnrunzelnd. »Sie wissen, wohin sie gegangen sind?«

Jack nickte. »Ich habe eine Theorie – na ja, zumindest einige Anhaltspunkte. Sie werden vermutlich glauben, dass bei mir genauso viele Schrauben locker sind wie bei den Patienten Ihres Vaters.«

»Mr. Reed«, begann Olive Estergomy mit unverhohlener Neugier. »Möchten Sie vielleicht einen Drink?«

»Haben Sie Whiskey? Falls nicht: Ein Bier würde mir auch reichen. Und nennen Sie mich bitte Jack.«

»Olive«, sagte Olive Estergomy. »Aber meine Freunde sagen Essie zu mir.«

»Also gut, Essie«, nickte Jack. »Nur eine einzige Frage vorweg. Können Sie mir verraten, warum Sie sich all die Jahre nicht darum bemüht haben, The Oaks zu verkaufen?«

Essie öffnete eine Hausbar aus gebeiztem Eichenholz. »Ich hatte zwei oder drei Angebote«, antwortete sie. »Einmal habe ich sogar inseriert. Aber im Kaufvertrag gibt es eine Klausel, die besagt, dass das Gebäude nicht abgerissen werden darf. Bevor Sie kamen und ihre Idee mit dem Umbau präsentierten, konnte sich niemand dafür erwärmen, die Bausubstanz zu erhalten. Sie wissen selbst, dass es vermutlich Millionen kosten wird, das alte Gemäuer wieder in einen repräsentativen Zustand zu versetzen.«

»Waren Sie jemals wieder dort?«, fragte Jack. »Seit 1926, meine ich.«

»Vor etwa vier Jahren bin ich mal hingefahren, um einen Blick darauf zu werfen. Aber ich bin nicht reingegangen. Wie Sie sich vielleicht vorstellen können, verbinde ich keine allzu angenehmen Erinnerungen damit.«

»Sie sind übrigens immer noch dort«, sagte Jack.

Sie hielt mitten im Whiskey-Einschenken inne. Zwar hatte Olive ihm den Rücken zugewandt, doch an ihrer angespannten Körperhaltung konnte er sehen, dass sie genau verstand, worauf er anspielte. Sie wartete, dass er zu einer näheren Erklärung ansetzte.

»Der Grund, warum niemand die vermeintlich ausgebrochenen Patienten finden konnte, ist, dass sie nie wirklich ausgebrochen sind. Sie sind immer noch dort. Ich habe einige von ihnen gesehen. Sie befinden sich in den Wänden.«

Essie drehte sich zu ihm um und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. »Was meinen Sie damit, dass sie sich in den Wänden befinden?«, erkundigte sich Helena ängstlich. »Wie können sie denn noch da sein? Die ganze Sache ist jetzt über 60 Jahre her und inzwischen müssten die meisten längst an Altersschwäche gestorben sein. Von was sollten sie sich denn in der Zwischenzeit ernährt haben?«

Jack ließ Essie nicht aus den Augen. Ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sich in ihren Gedanken eine Tragödie abspielte. Mein Vater, meine Mutter, meine armen Schwestern. Und sie sind immer noch dort! Diese schreienden, wütenden Irren mit ihrem Schaum vor dem Mund! Sie sind immer noch dort!

»Ich wusste es«, keuchte sie. Sie zitterte am ganzen Körper. »Irgendwie habe ich es immer gewusst.«

»Aber wie kann das sein?«, erkundigte sich Helena. »Das ist doch unmöglich! In der Wand? In Geheimgängen oder was meinen Sie damit?«

Jack legte eine Hand auf ihren Arm. »Ich weiß nicht, wie sie in die Wand gelangt sind. Ich habe auch keine Ahnung, wie viele von ihnen tatsächlich noch am Leben sind. Aber sie befinden sich nicht in Geheimgängen, sondern leibhaftig in der Wand. Ich weiß, das klingt verrückt und widerspricht sämtlichen physikalischen Regeln und Naturgesetzen. Sie wissen schon, all diese Theoreme über materielle Gegenstände, die sich nicht zur selben Zeit im selben Raum befinden können. Und doch habe ich sie gesehen. Ich habe diese Wahnsinnigen wirklich gesehen. Mein Sohn ist in ihrer Gewalt. Und mich hätten sie auch beinahe erwischt.«

Er bückte sich, schob die Hosenbeine nach oben und zog seine Socken herunter. »Sehen Sie diese blauen Flecken? Einer der Irren kam mitten aus dem Betonboden heraus und attackierte mich.«

Essie reichte Jack ein Whiskeyglas. Helena sagte: »Dir macht es doch nichts aus, wenn ich mir einen Gin einschenke, meine Liebe? Ich zittere am ganzen Leib.«

»Nein, nein, mach ruhig«, antwortete Essie geistesabwesend. Dann sah sie Jack an und meinte: »Es ist Wahnsinn, oder? Vollkommener Irrsinn.«

»Ich weiß«, gestand er ihr. »Aber es ist wirklich passiert. Und Sie wissen, dass es wirklich passiert ist, weil Sie dabei waren, als all diese Menschen verschwunden sind, habe ich recht? Was für eine andere Erklärung gäbe es denn dafür?«

»So etwas habe ich noch nie gehört«, stellte Helena fest. »Das kommt mir alles völlig irreal vor.«

»Einer von ihnen heißt Lester«, berichtete Jack.

»Sie haben mit Ihnen geredet?«, staunte Essie.

Jack nickte. »Jedenfalls haben wir miteinander kommuniziert. Ich bin mir nicht sicher, ob man es wirklich reden nennen kann.«

»Lester Franks, so hieß er mit vollem Namen«, erklärte Essie. »Ich erinnere mich sehr gut an Lester. Er wirkte immer so harmlos und normal. Er sang mir oft vor oder erzählte mir Geschichten. Er konnte damals nicht viel älter als 18, vielleicht 19 gewesen sein. Und er war stets äußerst zuvorkommend! Immer dazu bereit, Botengänge zu erledigen, vor denen sich jeder andere drückte! Und jetzt raten Sie mal, weshalb er in der Anstalt war. Als er mit 14 auf seine kleineren Geschwister aufpasste, hackte er seiner dreijährigen Schwester den Kopf ab. Sie fanden ihn, als er damit im Hof Ball spielte, ihn in die Luft warf und wieder auffing. Der ganze Hof war mit Blut besudelt.«

»Oh mein Gott, Essie, mir wird übel!«, keuchte Helena.

»Ach was, die meisten von ihnen hatten noch weitaus mehr auf dem Kerbholz«, konstatierte Essie nüchtern. »Stellt euch vor, als meine Schwestern und ich noch klein waren, ergötzten wir uns an all den unappetitlichen Details. Es gab da einen Mann. Wie hieß er gleich? Holman oder Hofman oder so ähnlich. Er hielt seine Frau für zu geschwätzig, weshalb er sie mit Händen und Füßen an den Esszimmertisch fesselte und ihre Zunge daran festnagelte. Es dauerte etliche Tage, bis man sie dort fand.«

»Essie, ich muss wirklich gleich kotzen«, verkündete Helena wenig damenhaft.

Doch Essie fuhr unbeirrt fort. »Mein Vater versuchte, diesen Holman oder Hofman oder wie auch immer er hieß, zu resozialisieren, indem er ihm den einen oder anderen Auftrag gab. Eines Abends kam er nicht zum Kaffee zurück und sie entdeckten ihn schließlich im Garten. Er konnte sich nicht bewegen, weil er seinen eigenen Penis an einen Baum genagelt hatte.«

»Essie!«

»Tut mir leid, Helena«, sagte Essie. »Aber solche Menschen waren damals eben in The Oaks zu Hause. Sie waren nicht in der Lage, Gefühle für andere zu entwickeln. Sie kannten den Unterschied zwischen Schmerz und Freude nicht. Einige von ihnen machten sich einen Spaß daraus, sich die eigenen Gliedmaßen abzuschneiden und sie als Spielzeuge zu benutzen. Sie waren völlig plemplem, Helena! Du hast ja keine Ahnung!«

»Das ist nicht die Art von Mensch, die dort zu Hause war«, korrigierte Jack, »sondern die Art Mensch, die dort zu Hause ist.«

»Nun, Jack«, sagte Essie. »Ich bin mir nicht sicher, wie ich auf diese Enthüllung reagieren soll. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen kann, wie ich mich damit fühle. Einerseits bin ich überzeugt davon, dass Sie mir die Wahrheit sagen, andererseits erlaubt es mir mein Verstand im Moment noch nicht, diese Geschichte tatsächlich zu glauben.«

»Es gibt etwas, das ich wissen muss«, eröffnete Jack. »Gab es jemals einen Priester, der für The Oaks zuständig war? Oder einen Geistlichen, den die Patienten gekannt haben könnten?«

»Aber ja, sicher doch. Es gab Pater Bell. Er war noch ein ganz junger Priester, doch er kam jeden Sonntag wegen der Patienten nach The Oaks, die die heilige Kommunion feiern wollten. Einige von ihnen waren nämlich religiöse Fanatiker. Einer von ihnen hielt sich sogar für die Reinkarnation Gottes auf Erden. Jedes Mal, wenn Pater Bell sagte ›Lobet den Herrn‹, antwortete er: ›Vielen Dank!‹«

»Wissen Sie, ob der Geistliche noch lebt?«

»Leider nicht. Ich habe ihn nicht mehr gesehen seit jener Nacht, in der die Patienten spurlos verschwanden. Wenn er noch lebt, müsste er bereits auf die 90 zugehen.«

»Er war in dieser Nacht in The Oaks?«

»Ja. Er tauchte plötzlich dort auf. Ich weiß bis heute nicht, wieso.«

»Sie hatten nicht mit ihm gerechnet?«

»Nein, es war ein Montag. Normalerweise kam er immer sonntags zu uns. Oh, ich glaube, einmal auch an einem Samstagnachmittag, um einen Weihnachtsgottesdienst zu zelebrieren. Das war vielleicht ein Desaster! Können Sie sich 150 gemeingefährliche Schizophrene vorstellen, die versuchen, ›Ihr Kinderlein kommet‹ zu singen?«

Jack rang sich ein Lächeln ab. In der gefährlichen Halbwelt, in der die Estergomys in The Oaks gelebt hatten, musste es für sie fast schon lebensnotwendig gewesen sein, sich einen Sinn für Humor zu bewahren.

»Wissen Sie noch, aus welcher Gemeinde Pater Bell kam?«

»Oh ja. St. Ignatius war es, glaube ich, drüben in Portage.«

Jack trank seinen Whiskey aus. »Essie«, sagte er. »es tut mir leid, dass ich in Ihre Privatsphäre eingedrungen bin. Aber Sie verstehen hoffentlich, dass es nur aus reiner Verzweiflung geschah. Sie haben mir wirklich sehr geholfen.«

Essie lächelte. »Ich möchte Sie bitten, mich auf dem Laufenden zu halten, Jack. Und ich bete zu Gott, dass Sie Ihren Sohn zurückbekommen.«

Nach kurzem Zögern fügte sie hinzu: »Und wenn Sie mit diesen Menschen zu tun haben … den Patienten von damals ... dann seien Sie bloß vorsichtig. Sie wurden nach The Oaks geschickt, weil sie für alle anderen Einrichtungen ein zu großes Risiko darstellten. Ihnen mangelt es an jeglichem Gewissen und manche von ihnen verfügen über ungeheure Kräfte.

Es gab da einen ganz speziellen Insassen, Quintus Miller. Hüten Sie sich vor ihm. Er war unglaublich intelligent, überaus stark und völlig meschugge. Einmal hat er fast eine Patientin umgebracht. Die Details erspare ich Ihnen.«

Jack ging zur Tür und knöpfte seinen Mantel zu.

»Quintus Miller«, wiederholte er. »Lester hat jemanden namens Quintus erwähnt. Alles klar, ich werde aufpassen und Sie anrufen, sobald ich mehr herausgefunden habe.«

Nachdem Jack und Helena gegangen waren, stand Olive Estergomy regungslos mitten in ihrem vollgestopften Wohnzimmer und presste die Hände gegeneinander, als wolle sie beten. Das Gefühl von Furcht, das sie seit rund 60 Jahren nicht mehr verspürt hatte, war wieder zu ihr zurückgekehrt, vertraut und doch eiskalt. Es war eine Furcht, welche die Angst vor dem Tod bei Weitem überstieg. Eine Angst vor immerwährenden, unerträglichen Schmerzen, vor Schreien, Schluchzern und manischem Gelächter.

Es war die Angst vor The Oaks, vor dem völligen Wahnsinn und an allererster Stelle vor Quintus Miller.

S E C H S

Jack fuhr zurück ins Motel, duschte und zog eines der drei neuen Hemden an, die er in Madison gekauft hatte. Er rief in seinem Büro an. Es war bereits nach Geschäftsschluss, doch er ging davon aus, dass Mike Karpasian noch dort sein würde. Laut Mike hatten sie einen Haufen Schalldämpfer auszutauschen. Der Mechaniker fragte ungehalten, wann zum Teufel Jack gedachte, die Schecks für B. F. Goodrich zu unterschreiben, weil B. F. Goodrich sie ganz sicher erst mit neuen Reifen beliefern würde, wenn sie die letzte Rechnung beglichen. Abgesehen davon sei aber alles im grünen Bereich.

Karen war nicht zu Hause. Bessy erklärte Jack, Karen sei mit Sherrywine beim Arzt, weil die Kleine ihre Fischstäbchen mitten auf Mamis kleinen Lieblings-Flokati gekotzt hatte.

Er rief Maggie an. Maggie war stinksauer, weil er sich den ganzen Tag nicht gemeldet hatte und sie Randy am Samstag zu einer speziellen Gala zur Steigerung des Selbstwertgefühls von Frauen mitnehmen wollte. Jack erklärte ihr, dass er nicht besonders viel davon hielt, seinen leicht beeinflussbaren neunjährigen Sohn Zeit mit Lesben, Atomkraftgegnern und Frauen, die nichtsexistische Strickwaren herstellten, verbringen zu lassen. Doch dann musste er plötzlich an die Kackwurst denken und an Randy, dessen Körper aus dem Boden emporstieg. Seine Kehle wurde trocken und er musste den Hörer auflegen, ohne sich zu verabschieden.

Maggie konnte ihn natürlich nicht zurückrufen, weil sie nicht wusste, wo er sich gerade befand. Doch er wäre jede Wette eingegangen, dass sein Telefon zu Hause klingelte und klingelte und wahrscheinlich die ganze Nacht weiterklingeln würde. So war Maggie.

Er rief Daniel Bufo an, doch der hatte auch schon Feierabend.

Jack bestellte sich ein Steak und eine Flasche Rotwein aufs Zimmer und schaute mit dem Teller auf dem Schoß eine Folge der Bill Cosby Show. Es war das erste Mal, dass er dabei kein einziges Mal lachen konnte.

Er wusste nicht genau, wann er eingeschlafen war, doch er schreckte um kurz nach 22 Uhr auf und seine Kehle fühlte sich wie ausgetrocknet an. Sein halb aufgegessenes Steak lag auf dem Teller neben ihm auf dem Bett. Er rieb sich die Augen und setzte sich auf. So ging das nicht weiter. Er musste dringend mal ein paar Stunden richtig schlafen! Jack zog sich aus, putzte sich die Zähne, schaltete den Fernseher aus und kletterte wieder ins Bett.

Dann lag er schier endlos wach, starrte an die Decke und dachte an die Menschen, die mit ihren eigenen amputierten Fingern Kaspertheater spielten, und an Männer, die versuchten, Frauen auf so abscheuliche Art umzubringen, dass man es kaum mit Worten beschreiben konnte.

Jack dachte an Lester, das Gesicht auf der Statue. Lester kam einem immer so normal vor. Er dachte an Quintus Miller.

Es war fast drei Uhr morgens, als er sich einbildete, in seinem Zimmer ein Geräusch zu hören. Er hob den Kopf vom Kissen und starrte stirnrunzelnd in die Dunkelheit. Ihn umfing die absolute Stille der Nacht. Der Verkehr auf der 94 reduzierte sich zu dieser Zeit auf einen gelegentlichen Lastwagen, der in der Ferne vorbeirauschte. Im Motel war alles still.

Doch da war es wieder. Sssssschhhhhhh – sssssschhhhhhh – sssssschhhhhhh: genau wie das Geräusch in den Wänden von The Oaks.

Jack lief es eiskalt den Rücken hinunter. Vorsichtig hob er die Decke an und schob sich so leise er konnte seitwärts über das Bett. Doch das schleifende Geräusch war immer noch da – und es kam unaufhaltsam näher.

Sssssschhhhh – sssssschhhhh – sssssschhhhhh.

Jack erstarrte und versuchte, den Atem anzuhalten. Vielleicht würde man ihn auf diese Weise nicht bemerken. In der Hoffnung, dass das Schleifen verstummen würde, schloss er die Augen, öffnete sie dann aber direkt wieder, weil er vermeiden wollte, dass sich der Eindringling unbemerkt an ihn heranpirschte.

Bitte, Gott, mach, dass es wieder verschwindet.

Da sah er, wie sich etwas Dunkles neben dem Bett erhob. Es war der braune Teppich in seinem Zimmer, in Form eines Jungen. Es war Randy, der da aus dem Boden kam.

Jack ließ sich zurück aufs Bett fallen und starrte ihn entsetzt an.

»Randy?«, vergewisserte er sich fast tonlos. »Randy?«

Der Priester, Daddy. Wir wollen den Priester.

»Randy – bist du das? Randy!«

Bring uns den Priester. Wir brauchen ihn. Wir wollen ihm die Finger abhacken und seine Knochen abnagen.

Vor Furcht fast gelähmt fasste Jack mit beiden Händen nach den Teppichschultern seines Sohnes.

Du solltest mich nicht anfassen, Daddy. Du weißt nicht, was dann passiert.

»Randy, mein Gott, du fehlst mir so!«

Jack versuchte, seinen Sohn hochzuheben und aus dem Teppich zu ziehen. Doch da fiel Randys Teppichkopf ab und kugelte schwerfällig über das Bett. Eiskaltes Blut triefte aus seinem Hals und durchnässte die Laken.

Jack schrie und schrie. Er war starr vor Angst.

Er schrie so laut, dass er davon aufwachte. Tatsächlich glich es eher einem Krächzen. Er hatte um sich geschlagen und dabei das Glas Wasser neben seinem Bett umgeworfen. Die Feuchtigkeit breitete sich auf der Matratze aus. Es gab keinen enthaupteten Randy, der schwankend neben seinem Bett stand, und es lag auch kein Teppichkopf auf der Decke. Es war 06:10 Uhr, regnete immer noch, wurde aber langsam hell.

Jack blieb noch fünf Minuten lang auf dem Rücken liegen, um wieder zur Ruhe zu kommen. Er musste mindestens drei Stunden geschlafen haben und fühlte sich schon wesentlich besser. Er hatte noch nie viel Schlaf gebraucht. Schließlich erhob er sich aus dem Bett und rief den Zimmerservice, um Toast und Kaffee zu bestellen.

Jack zog die Vorhänge auf. Regentropfen bedeckten die Fensterscheiben. Hinter dem Parkplatz des Motels konnte er Lastwagen erspähen, die durch das Spritzwasser brausten, um ihre Fracht nach La Crosse, Eau Claire, Duluth oder nach Südosten Richtung Chicago zu bringen.

Heute würde er sich Randy zurückholen. Das schwor er sich. Koste es, was es wolle. Sobald die Abenddämmerung hereinbrach, würde er seinen Sohn sicher in seinen Armen wiegen.

Während er seinen Kaffee schlürfte, blätterte er das Telefonbuch durch. Es gab 22 Einträge unter dem Namen Bell, aber keinen einzigen in Portage. Immerhin fand er die Nummer für den Anschluss der Saint-Ignatius-Kirche. Als er dort anrief, meldete sich niemand. Aber hier in der Provinz konnte man wohl auch kaum damit rechnen, dass sich jemand bereits um sechs Uhr morgens hinter das Telefon klemmte. Die beste Lösung war wohl, einfach hinzufahren. Es waren ja nur knapp 30 Meilen bis dorthin.

Der Regen war schuld daran, dass er doch über eine Stunde benötigte, um Portage zu erreichen. Als er auf den teilweise rissigen Betonparkplatz vor St. Ignatius einbog, waren seine Augen müde vom konzentrierten Dauerstarren durch die regennasse Scheibe, sein Hals ganz steif und sein Rücken fühlte sich an, als hätte ihn jemand in einen Schraubstock eingespannt.

Jack stellte den Motor ab, löste den Gurt und streckte sich.

St. Ignatius war eine kleine Kirche am südlichen Rand von Portage, ein unscheinbares graues Betonziegelgebäude mit einem Dach aus Wellblech. Seitlich davon befand sich ein Holzlager und auf der anderen Seite eine Tankstelle. Die Kirche konnte einen Turm mit einer einzelnen Glocke sowie eine bogenförmige Holztür mit Fenstern aus Buntglas vorweisen, doch sonst hätte man sie ohne Weiteres mit einem Schuppen verwechseln können, in dem man Malerarbeiten verrichtete oder ein Boot aufbewahrte.

Jack stieg aus dem Wagen und eilte mit aufgestelltem Kragen über die betonierte Einfahrt. Er wollte gerade die Stufen zur Tür erklimmen, als eine Stimme ertönte: »Niemand da! Hey, Mister! Niemand da!«

»Was?«, fragte Jack, während er innehielt. Ein pickliger Teenager mit einer riesigen blonden Schmalztolle lehnte sich aus dem Kassenhäuschen der Tankstelle.

»Niemand da!«, wiederholte er, als Jack näher kam.

Der Junge verstummte, als ihm dämmerte, dass Jack möglicherweise einfach nur zur St. Ignatius gekommen war, um zu beten. »Na ja«, fügte er hinzu. »außer vielleicht Gott selbst.«

»Ich suche einen Priester«, verriet ihm Jack.

Der Kassierer schnaubte. »Pater Dermot, das ist Ihr Mann. Aber der ist heute nicht da.«

»Ich suche einen Pater Bell.«

»Pater Bell? Von dem hab ich noch nie etwas gehört. Sind Sie sicher, dass Sie die richtige Kirche erwischt haben?«

Jack nickte. »Pater Bell war der Priester, der vor dem Krieg hier gepredigt hat.«

»Mein Vater war im Krieg im 4. Marineinfanterie-Regiment.«

»Ich meine den Krieg zwei Kriege davor.«

»Hä?«, machte der Junge verwirrt und rümpfte die Nase.

In diesem Moment tauchte ein rundköpfiger Mann in einem öligen Overall auf, der sich die Hände an einem alten Lappen abwischte.

»Hey, was ist mit meinem Kaffee, Pickelgesicht?«, wollte er wissen. Mit einem Blick auf Jack fügte er hastig ein »Guten Tag!« hinzu.

»Ich hab’s vergessen!«, gestand der Junge.

»Er hat’s vergessen!«, wiederholte der Rundköpfige. »Er würde seinen eigenen Arsch vergessen, wenn er nicht zufällig an ihm festgewachsen wäre.«

Der Junge verschwand im Kassenhäuschen. Jack sagte: »Ich bin auf der Suche nach einem Priester, den es mal hier in St. Ignatius gegeben haben soll. Ich frage mich, ob Sie schon mal von Pater Bell gehört haben?«

»Aber sicher«, bestätigte der Rundköpfige ohne Zögern. »Ich kenne Pater Bell.«

»Lebt er noch?«

»Na klar, er wohnt jetzt in Green Bay in einer dieser Seniorenresidenzen. Seine Tochter Hilda ist mit meiner Frau befreundet – sie tauschen regelmäßig Kochrezepte aus.«

»Seine Tochter?«, hakte Jack nach.

»Aber ja. Er hat das Priesterdasein schon lange, bevor ich ihn kennenlernte, aufgegeben, aber trotzdem sprach ihn jeder noch als Pater Bell an. Eine Art Spitzname, wissen Sie? Wenn Sie aus der Armee austreten, nennen Sie die Leute ja auch weiterhin Colonel.«

Der Mann unterbrach seine Unterhaltung mit Jack, um zu brüllen: »Wie lang brauchst du denn noch, um eine verdammte Tasse Kaffee zu machen? Was zum Teufel treibst du denn? Züchtest du die Bohnen erst, oder was?« Er hörte auf, sich die Hände abzuwischen, knüllte den Lappen zusammen und pfefferte ihn mit beeindruckender Zielgenauigkeit in die Mülltonne auf der anderen Seite des Hofes. »Das verdammte Wetter, das bringt einen fast um, oder?«

Jack erkundigte sich zögerlich: »Pater Bells Tochter … können Sie mir sagen, wo sie lebt?«

Der Mann ergriff Jack am Arm. »Sie fahren hier entlang, bis zur nächsten Kreuzung. Da biegen Sie rechts ab. Direkt vor Ihnen befindet sich ein gelbes Haus. Na ja, ich sage aus Höflichkeit ›gelb‹. Sieht eher so aus, als ob einer das Abendessen beim Mexikaner drübergekübelt hätte. Das ist das Haus.«

Der Junge erschien mit einer dampfenden Tasse Kaffee.

»Mein Sohn«, erklärte der Mechaniker. »Was zum Teufel habe ich verbrochen, um so einen Sohn zu bekommen?«

»Ich bin dieses Jahr 88 geworden«, verriet Pater Bell. »Ich wurde am 6. September 1901 geboren, am gleichen Tag, als Präsident McKinley angeschossen wurde. Gestorben ist er natürlich erst acht Tage später.«

Der alte Mann drehte sich vom Fenster weg und blickte Jack aus traurigen, glänzenden Augen an. »Meine Kindheit steht mir bis ins kleinste Detail noch so deutlich vor Augen, als ob ich sie durch ein hell erleuchtetes Fenster betrachten würde. Und doch ist es schon über 80 Jahre her! So lange her und für immer verloren.«

»Ihre Tochter bat mich, Ihnen das hier mitzubringen«, sagte Jack.

Er hielt ein weiches, in rotes Papier eingewickeltes Päckchen hoch.

»Ah, Bettsocken!«, erklärte Pater Bell. »Ach, das ist ja nett von ihr. Sie schickt mir immer kleine Geschenke und bemüht sich, den Kontakt aufrechtzuerhalten. Ein nettes Mädchen, meine Hilda. Ein gutes, nettes Mädchen. Kennen Sie sie schon lange?«

»Ich habe sie heute zum ersten Mal getroffen«, antwortete Jack.

»Wirklich?«, vergewisserte sich Pater Bell überrascht und fragte dann noch einmal nach: »Wirklich?«

Pater Bell war ein großer und hagerer Mann ohne ein überflüssiges Gramm Fett am Körper. Seine runzlige Haut schien auf seinem Schädel zusammengeschrumpelt zu sein, wodurch seine Augenhöhlen und Wangenknochen tiefschwarz und eingefallen wirkten. Er hatte fast keine Haare mehr auf dem Kopf, doch seine Augenbrauen waren markant und buschig und seine Nase besaß die Form der ausgebreiteten Schwinge einer Fledermaus. Sie war von Adern und Knochen durchzogen.

Er trug einen maulwurfgrauen Rollkragenpullover und eine weite braune Schlaghose, die in den 70er-Jahren sicher einmal hochmodern gewesen war. »Imagine me and you, I do, I think about you day and night …«

»Gestern habe ich mit Miss Olive Estergomy gesprochen«, eröffnete Jack ihm.

»Essie! Wirklich? Das ist aber eine Überraschung! Ich nenne sie Essie, wissen Sie?«

»Ja«, antwortete Jack und konnte der Versuchung nicht widerstehen, ein »Ich auch!« hinzuzufügen. Nach kurzem Schweigen fügte er hinzu: »Essie hat mir verraten, dass Sie früher den Sonntagsgottesdienst in The Oaks abhielten, als es noch eine psychiatrische Anstalt war.«

Pater Bell sagte nichts, doch er betrachtete Jack aufmerksam, ohne ein einziges Mal zu blinzeln. Vor dem Fenster seines schattigen Zimmers fiel der Regen über den Bay Beach Park. Die Bucht verbarg sich hinter einem Schleier aus Sprühnebel.

Das Zimmer war sauber und modern eingerichtet. Ein orangefarbenes Schlafsofa stand darin, außerdem ein Tisch aus Kiefernholz, ein Sessel und ein penibel sortiertes Bücherregal. Aber abgesehen von dem gerahmten Schwarz-Weiß-Foto einer mondgesichtigen Frau, die in einem Haus lebte, das aussah, als hätte jemand sein mexikanisches Abendessen darüber entleert, fanden sich keine persönlichen Besitztümer. Wäre hier um 08:56 Uhr morgens jemand gestorben, hätte um 09:11 Uhr der nächste Bewohner einziehen können.

Auch die Büchersammlung verriet wenig über den Bewohner des Zimmers: alte Bestseller wie Der Holcroft-Vertrag oder Die Unersättlichen. Wenn man in Betracht zog, dass Pater Bell ein ehemaliger Priester war, schien es merkwürdig, dass im Regal keine Bibel stand.

Jack wagte einen Vorstoß: »Essie hat mir auch erzählt, dass Sie in der Nacht dort waren, als die Patienten verschwunden sind.«

Pater Bell atmete ein und aus, ein und aus, als ob es ihn besondere Mühe kostete, das zu tun, um am Leben zu bleiben.

Jack fuhr fort: »Pater Bell – ich weiß, dass ich mich ziemlich anmaßend verhalte. Aber Fakt ist, dass mein Sohn ebenfalls verschwunden ist. In The Oaks.«

Pater Bell drehte den Kopf zur Seite. Quälend lange Sekunden sagte er gar nichts und fuhr sich lediglich mit der Zunge über die Lippen.

»Pater Bell«, sagte Jack. »Ich weiß genau, dass mein Sohn noch dort ist. Und ich brauche Ihre Hilfe, um ihn zurückzubekommen.«

Endlich regte sich Pater Bell in seinem Sessel und verknotete die Hände in seinem Schoß wie zwei bis aufs Skelett abgemagerte Katzen. »Der Vorfall, den Sie da ansprechen, Mr. Reed … er liegt schon sehr lange zurück.«

»Sie sind immer noch da!«, verkündete Jack.

Man konnte erkennen, dass Pater Bell für einen Augenblick überlegte, ob er sich dumm stellen und so tun sollte, als wüsste er nicht, wen Jack mit »sie« gemeint hatte. Doch Jack war so direkt und mit Nachdruck zur Sache gekommen, dass Ausflüchte unmöglich schienen.

»Sie sind noch da?«, wiederholte er ungläubig.

»Sie wissen, was mit ihnen passiert ist, oder?«, fragte Jack. »Sie wissen, wohin sie verschwunden sind.«

»Ja, ich weiß, wohin sie verschwunden sind«, gab Pater Bell zu.

»Möchten Sie es mir erzählen?«

Plötzlich wurde Pater Bell bewusst, was für schreckliche Neuigkeiten er da gerade erfahren hatte. »Sie sind immer noch da drinnen, sagen Sie? Nach all diesen Jahren? Mein Gott … ich hätte nie geglaubt, dass sie das überleben. Sie müssten doch längst verhungert sein. Sie hätten innerhalb weniger Tage sterben sollen. Immer noch da! Mein Gott, immer noch da!«

»Erzählen Sie mir davon!«, insistierte Jack. »Das müssen Sie.«

»Oho, mein Freund, da bin ich mir nicht so sicher. Ich weiß nicht, ob ich es kann. Wenn sie immer noch dort sind … Der Herr stehe uns bei!«

»Pater Bell, ich muss meinen Sohn retten.«

»Ich bin kein Priester mehr, Mr. Reed. Ich bin nicht verpflichtet, Ihnen zu helfen.«

»Was meinen Sie damit, verpflichtet?«, wollte Jack wissen. »Er ist noch ein Kind!«

»Sie kennen sie nicht, Mr. Reed. Sie kennen sie nicht so gut wie ich.«

»Versuchen Sie mir gerade zu erklären, dass Sie mir Ihre Unterstützung verweigern wollen? Sie sind 88, mein Sohn ist 9. Zählt das überhaupt nicht? Er hat noch sein ganzes Leben vor sich!«

Ohne Vorwarnung klammerte sich Pater Bell an die Lehnen seines Sessels, wand sich von einer Seite zur anderen und bellte heiser: »Ich habe schreckliche Angst, Mr. Reed! Ich habe Todesangst! Mein Gott, wissen Sie, um was Sie mich da bitten? Sie sind verrückt! Sie sind verrückt! Sie sind fast schon so verrückt wie sie!«

Jack stand auf, ging durchs Zimmer und beugte sich über den alten Mann. Pater Bell sah zu ihm auf, mied dann aber hastig seinen Blick. Mit mühsam erzwungener Geduld sagte Jack: »Es tut Ihnen doch nicht weh, wenn Sie mir einfach nur davon berichten.«

»Ah, nein. Aber wenn sie es herausfinden …«

»Sie werden es nicht herausfinden. Wie zum Teufel sollten sie auch?«

Pater Bell schüttelte den Kopf. »Sie werden es wissen. Sie werden es spüren! Niemand außer mir weiß, was damals vorgefallen ist. Einer von ihnen hat es mir gebeichtet. Deshalb konnte ich es auch der Polizei nicht verraten. Es ist der Grund, weshalb ich meine Priesterschaft aufgegeben habe. Ich musste mit ansehen, wie der arme Elmer Estergomy vom Staat an den Pranger gestellt und seine ganze Familie in den Ruin getrieben wurde. Und ich konnte nichts zu seiner Verteidigung vorbringen, weil ich dann das Beichtgeheimnis verletzt hätte.«

»Verdammt, Pater Bell, Sie müssen es mir jetzt erzählen«, forderte Jack den ehemaligen Priester unwirsch auf. »Denn, bei Gott, wenn Sie es nicht tun, wird mein Sohn von diesen Irren umgebracht und dann werde ich Sie töten. Das verspreche ich, so wahr ich hier vor Ihnen stehe!«

Niemals zuvor hatte Jack jemanden derart bedroht und auf ihn wirkten seine eigenen Worte fast ebenso furchteinflößend wie auf Pater Bell. Doch als der alte Mann flüsterte: »Sie werden sie nicht freilassen, oder? Egal was passiert, Sie werden sie nicht freilassen?«, wusste er, dass Pater Bell ihm verraten würde, was er wissen musste.

Jack zog seinen Stuhl etwas näher heran und setzte sich wieder. »Der Patient, dem Sie damals die Beichte abgenommen haben, war das vielleicht Quintus Miller?«

»Woher wissen Sie das?« Pater Bells Stimme bebte vor Angst.

»Nur geraten. Essie Estergomy erzählte mir, dass er vermutlich der Härteste und auch der Intelligenteste der ganzen Gruppe war.«

»Ja, das war er eindeutig. Quintus Miller, mein Gott. Er war ein außergewöhnlicher Mann. Klein, aber ziemlich breit, unheimlich muskulös. Er sah aus wie ein Bodybuilder. Sein Hals war so dick wie der eines Stiers! Schwarzes, streng zurückgekämmtes Haar mit einem sorgfältig gezogenen Mittelscheitel. Das war damals gerade modern. Gesichtszüge hart wie Stein. Ein stechender Blick, völlig ausdruckslose Augen ohne jede Spur von Mitleid. Und ein Tattoo auf der Brust, wie Sie noch nie eins gesehen haben. Zwei tätowierte Hände, die von hinten nach ihm zu greifen schienen und dabei seinen Bauch weit aufrissen. Seine Eingeweide waren in Rot, Gelb und Blau tätowiert; sein Magen, seine Leber, seine Gedärme. Mir fuhr es eiskalt den Rücken runter, wenn ich es angesehen habe.«

Pater Bell atmete durch ein Nasenloch pfeifend aus. »Es war die Art, wie er seine eigene Sterblichkeit zur Schau stellte, die mich so sehr verängstigte. Es gibt nichts, was so furchteinflößend ist wie der Umgang mit einem Mann, der sich nicht darum schert, ob er lebendig oder tot ist. Es gab in The Oaks so einige von ihnen, sowohl Männer als auch Frauen, doch sie waren in der Regel eher selbstzerstörerisch. Keiner von ihnen weckte ein solches Gefühl der Furcht in mir wie Quintus Miller. Man konnte spüren, dass er alles Erdenkliche unternehmen würde, um so viele Menschen wie möglich mit in den Abgrund zu ziehen, wenn seine letzte Stunde einmal geschlagen hatte. Der Mann besaß die Moralvorstellungen eines Hammerhais.«

Jack schwieg für eine Weile, um Pater Bell Gelegenheit zu geben, sich wieder zu beruhigen. Dann forderte er ihn auf: »Sagen Sie mir, was Quintus Miller Ihnen gebeichtet hat.«

»Er legte viele Beichten ab. Zwei Jahre lang fast jede Woche. Ich warnte Dr. Estergomy einige Male, dass ich Quintus für hochgradig gefährlich hielt. Doch natürlich war das Dr. Estergomy längst bewusst. Schließlich bemühte er sich ja darum, ihn zu resozialisieren.

Es brachte einen ziemlich aus dem Gleichgewicht, wenn man Quintus zuhörte. Er machte zunächst einen so vernünftigen Eindruck, bis man plötzlich erkannte, dass er einem den scheußlichsten, von Wahnvorstellungen untermalten, absurdesten Unsinn erzählte. Während der Beichte gestand er mir belanglose Sünden wie das Stehlen von Süßigkeiten von anderen Patienten, Masturbieren, Lügen oder Gotteslästerung. Dann berichtete er im gleichen Atemzug, wie er die anderen Patienten gequält hatte, indem er ihnen die Finger brach oder ihre Hoden mit der Faust zerquetschte. Ihm fehlte das moralische Empfinden. Eine Zigarette auf dem Augenlid eines anderen auszudrücken war für Quintus Miller nicht schlimmer als der Diebstahl eines Schokoriegels.

Er hat sogar versucht, eine Patientin umzubringen, wussten Sie das? Er ging mit bloßen Händen auf sie los. Doch da er schon lebenslänglich erhalten hatte und das Gericht ihn als unzurechnungsfähig eingestuft hatte, war das Schlimmste, was sie ihm antun konnten, eine isolierte Unterbringung.«

Pater Bell zögerte und fuhr dann fort. »Nach einem Jahr in The Oaks fing Quintus plötzlich an, über Freiheit zu reden und dass er einen Ausbruch plante. Als ich nachhakte, gestand er mir, dass er eine Fluchtmöglichkeit gefunden hatte. Ich wies Dr. Estergomy an, die Gebäudesicherheit überprüfen zu lassen, doch er versicherte mir, selbst dem willensstärksten Patienten würde es nicht gelingen, aus The Oaks zu entkommen. Damals war das gesamte Gelände noch von einem drei Meter hohen Stacheldrahtzaun umgeben.

Dennoch hörte Quintus nicht auf mit seinem Gerede von Flucht. Er sagte, dass er etwas am Gebäude entdeckt hätte, das ihm dabei behilflich sein würde. Er faselte ständig von einem Labyrinth und von etwas, das er ›Erdmagie‹ nannte. Er war so besessen von der Vorstellung, dass ich die Pfleger manchmal bitten musste, ihn zurück auf sein Zimmer zu bringen, weil seine Tiraden manchmal bis zu einer halben Stunde andauerten.«

»Und dennoch glaubten Sie nicht, dass er wirklich entkommen könnte?«, wollte Jack wissen.

Pater Bell schüttelte den Kopf. »Ich glaubte nicht an diese sogenannte ›Erdmagie‹.«

»Und was meinte er mit ›Erdmagie‹? Hat er Ihnen das erklärt?«

»Ich wusste es schon vorher«, gestand Pater Bell. »Erdmagie ist die Magie der Urzeit, die Magie der Druiden. Heidnische Priester sind der Überzeugung, dass der Erde selbst spirituelle Kräfte innewohnen. Sie glauben, dass sich diese Energien an mystischen Stätten, die auf der ganzen Welt verteilt sind, besonders stark bündeln. In Großbritannien etwa in Stonehenge und Glastonbury. Hier in den Vereinigten Staaten haben wir Mystery Hill in New Hampshire, Gungywamp in Connecticut und die Stadt North Salem im Bundesstaat New York und – ach, es gibt noch etliche andere.«

»Zum Beispiel The Oaks, Wisconsin«, mutmaßte Jack.

Pater Bell nickte. »All diese magischen Orte sind dem Glauben zufolge durch ein Netz kerzengerader Linien miteinander verbunden. Man spricht auch von Leylinien. Quintus erklärte mir, dass man The Oaks absichtlich genau auf dem Kreuzungspunkt einiger dieser Linien errichtet habe. Dass es sich dabei um das Epizentrum der Erdmagie auf dem nordamerikanischen Kontinent handele.«

Jack dachte einen Moment lang nach und lehnte sich im Stuhl zurück. »Daraus schließe ich, dass … wie hieß der Kerl noch gleich? … dass sich dieser Bierkönig Adolf Krüger auch mit Erdmagie auskannte?«

»Mit ziemlicher Sicherheit«, bestätigte Pater Bell. »Es kann sich kaum um Zufall handeln, dass er The Oaks genau an der Stelle erbaut hat. Ich habe mir oft den Kopf darüber zerbrochen, wie Quintus Miller überhaupt etwas von Erdmagie wissen konnte. Er wollte es mir natürlich nicht verraten. Die einzige logische Erklärung schien mir, dass er ein Buch in Adolf Krügers Bibliothek entdeckt haben musste. Ich weiß nicht, ob Ihnen das bereits jemand erzählt hat, doch Krüger selbst hat das Haus unter sehr mysteriösen Umständen verlassen.«

»Aber wie zum Teufel konnte sich Quintus Miller Erdmagie für seine Flucht zunutze machen?«, fragte Jack.

Pater Bell beobachtete eine Weile, wie der Regen am Fenster hinabtropfte. Dann sagte er: »Damals, als er es mir erzählte, klang es wie das Gebrabbel eines Wahnsinnigen, weshalb ich nur mit halbem Ohr hinhörte. Doch ich erinnere mich noch gut daran, dass er das Gebäude selbst einmal als Schlüssel zur Unterwelt bezeichnete. Es sei ein Labyrinth, behauptete er, und wenn er dessen Mittelpunkt fand, an dem die Leylinien zusammenliefen und die vier Elemente des Universums sich vereinten, dann bekäme er Zugang zu diesen Linien und könnte entkommen, als ob er eine Landstraße entlangliefe. Das waren seine exakten Worte damals: ›Als ob man eine Landstraße entlangläuft‹.«

Jack fragte weiter: »Mich interessiert noch etwas. Wie kommt es, dass Sie sich in der Nacht, als alle verschwanden, in The Oaks aufhielten?«

»Das war eigentlich Zufall«, antwortete Pater Bell. »Ich rief Dr. Estergomy um etwa 19 Uhr an, um ihm mitzuteilen, dass ich am kommenden Sonntag etwas später kommen würde, weil ich einige der Kinder der Sonntagsschule zu einem Picknick fahren musste. Er sagte: ›Sie werden es nicht glauben, Pater, aber sie sind alle weg.‹ Nun, ich erinnerte mich sofort an das, was Quintus Miller mir erzählt hatte, also setzte ich mich ins Auto und fuhr hin.«

Etwas leiser fuhr er fort: »Was ich dort zu Gesicht bekam, beunruhigte mich ungemein. Die Zimmer der Patienten waren allesamt abgeschlossen, die Fenster immer noch verriegelt, und trotzdem war kein Einziger von ihnen zu sehen. Sie können sich vielleicht vorstellen, wie mir zumute war. Doch in meiner Bestürzung erinnerte ich mich an das, was Quintus mir erzählt hatte; dass das Gebäude ein Labyrinth sei – und dass er sein Zentrum finden müsse, bevor er mittels einer Leylinie daraus entkommen konnte. Ich betete, dass ihm und seinen Anhängern das noch nicht gelungen war.

Ich lief nach draußen, umrundete das Haus, weihte die Grenzlinie des Grundstücks und besprengte sie mit Weihwasser, während ich ein Gebet sprach, um böse Geister fernzuhalten. Ich war gerade damit fertig, als ich ein Geräusch hörte, ein schreckliches Schleifen wie von Hunderten Barfüßiger, die unter der Erde auf mich zuschlurften.

Sie waren es, die Insassen von The Oaks – und sie flüchteten, davon war ich überzeugt. Ich hatte schreckliche Angst. Doch das Schlurfen hörte abrupt auf, als sie den heiligen Bannkreis, den ich um das Gebäude gezogen hatte, erreichten. Es war mir zwar nicht gelungen, sie an ihrer Flucht zu hindern, doch ich konnte sie zumindest davon abhalten, das Anwesen zu verlassen.

Aus dem Boden erscholl ein Heulen, das mich bis zum heutigen Tag in meinen Albträumen verfolgt. Dazu erklang ein Trommeln von Fäusten gegen die Erde, bumm-ba-bumm-ba-bumm-ba-bumm, wie bei einem Erdbeben.«

Der alte Mann atmete mit einem ähnlichen Schnaufen wie der Dobermann von Joseph Lovelittle tief ein. »Ich rechnete damit, dass die Patienten nach einer Weile in ihre Zimmer zurückkehren würden, wenn sie erst erkannten, dass sie nicht entkommen konnten. Doch sie kehrten nie zurück. Vielleicht konnten sie das Labyrinth lediglich betreten und nicht wieder verlassen. Nachdem einige Wochen verstrichen waren, ging ich davon aus, dass keiner von ihnen überlebt hatte. Ein weiterer Grund für mich, das Priesteramt niederzulegen. Ich war der festen Überzeugung, für den Tod von 137 hilflosen Menschen verantwortlich zu sein, was schwer auf meinem Gewissen lastete.«

»Und was ist mit dem Kreis, dem heiligen Bannkreis? Ist der noch da?«, wollte Jack wissen.

»Natürlich ist er das. Und das wird er auch bleiben. Er kann ausschließlich von dem Priester aufgelöst werden, der ihn geschaffen hat, oder von drei Kardinälen gemeinsam.«

»Und Sie würden nicht im Traum daran denken, das zu tun?«

Pater Bell starrte ihn an. »Wenn ich Quintus Miller und den Rest dieser Kreaturen auf die Welt loslassen würde – so durchgedreht, wie sie schon immer gewesen sind, so rachsüchtig und verbittert, wie sie jetzt sein müssen – nun, das wäre völlig unverantwortlich. Damit würde ich mich wohl der Beihilfe zu einem Massaker schuldig machen.«

Die Tür ging auf und eine sommersprossige Schwester steckte ihren Kopf hinein. »Bereit fürs Abendessen, Billy?«

Pater Bell sah auf. »Was gibt’s denn heute?«

»Fischfrikadellen.«

»Verdammt, ich hasse Fischfrikadellen.«

»Lassen Sie sich nicht zu lange Zeit damit«, antwortete die Pflegerin fröhlich und schloss die Tür hinter sich.

»Billy, ist das Ihr Name?«, erkundigte sich Jack.

Pater Bells Mund verzog sich zu einem zynischen Lächeln.

»Mein Vater fand es wohl besonders witzig, seinen Sohn Bill Bell zu nennen. Das war die Art von Scherz, die sich Eltern damals mit ihren Kindern erlaubten. Nicht dass sie heutzutage wesentlich besser dran wären, wenn sie sich mit Namen wie Wentworth oder Chevy herumschlagen müssen.«

»Möchten Sie mit mir etwas essen gehen?«, fragte ihn Jack. »Ich habe den ganzen Tag noch nichts Ordentliches in den Bauch bekommen. Es muss hier in Green Bay doch ein paar anständige Restaurants geben?«

»Warum sollten Sie einen 88-jährigen Mann zum Essen ausführen wollen?«, erkundigte sich Pater Bell misstrauisch.

»Weil ich Hunger habe. Und weil ich es hasse, alleine zu essen. Und weil ich mehr über The Oaks erfahren will. Brauchen Sie noch weitere Gründe? Außerdem schmeckt Hummer bestimmt deutlich besser als Fischfrikadellen.«

Zum ersten Mal lächelte Pater Bell. »Sie sind ganz schön stur, Mr. Reed.«

»Das wären Sie auch, wenn Ihr Sohn mit Quintus Miller in einer Wand gefangen wäre.«

Pater Bell öffnete die Augen. »Wo sind wir?«, wollte er wissen, während er sich aufrecht hinsetzte. »Ich muss eine Weile weggedöst sein.«

Jack zog den Autoschlüssel aus der Zündung. »Ich habe mich entschlossen, die Route mit der besseren Aussicht zu nehmen«, antwortete er müde.

Pater Bell wischte mit der Hand über die beschlagene Fensterscheibe.

»Wo um alles in der Welt sind wir? Das ist nicht Green Bay!«

»Nein, da haben Sie recht, das ist es nicht. Wir sind in The Oaks.«

Pater Bell starrte ihn empört an. »The Oaks? Sie besitzen die Unverfrorenheit, mit mir einfach den ganzen gottverdammten Weg nach The Oaks zu fahren?«

»Sie sind eingeschlafen nach dem ganzen Hummer und Chablis. Ich bin einfach mal davon ausgegangen, dass Sie nichts dagegen haben.«

»Sind Sie wahnsinnig? Sind Sie absolut übergeschnappt? Sie haben mich gekidnappt, um Himmels willen! Lassen Sie mich sofort hier raus!«

Jack entriegelte die Tür des Kombis. »Nur zu! Es schüttet wie aus Eimern, es ist 03:30 Uhr morgens und wir befinden uns zehn Meilen von der nächsten menschlichen Siedlung entfernt. Einen Regenmantel haben Sie auch nicht dabei, wenn ich mich recht erinnere. Mal ganz davon abgesehen, dass Sie 88 Jahre alt sind und an einer Schleimbeutelreizung leiden.«

»Woher wissen Sie das?«, fragte Pater Bell gereizt.

»Das haben Sie mir beim Abendessen erzählt. Beim Abendessen haben Sie mir sehr viel über sich erzählt.«

»Das können Sie nicht tun«, protestierte Pater Bell. »Sie haben kein Recht dazu.«

»Mein Sohn gibt mir das Recht.«

Pater Bell entgegnete: »Hören Sie, mein Freund, es tut mir wirklich leid wegen Ihres Jungen. Aber ich kann Ihnen nicht helfen. Ich kann nichts für Sie tun. Ich bin seit 63 Jahren kein Priester mehr. Und ich habe auch nicht das geringste Interesse daran, zum Märtyrer zu werden.«

»Dass Sie einmal Priester werden wollten, beweist mir jedenfalls, dass Sie anderen Menschen Mitgefühl entgegenbringen.«

»Oh, sicher, und jetzt sehen Sie ja, wohin mich das gebracht hat.«

»Es hat Sie hierher gebracht, Pater Bell. Dorthin, wo Sie damals der Glaube an das Gute im Menschen verlassen hat. Wenn Sie Ihre Lektion lernen möchten, was es bedeutet, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, dann sind Sie genau am richtigen Ort.«

»Halten Sie mir keine Moralpredigt!«, tobte Pater Bell. »Ich habe getan, was ich konnte. Ich habe verhindert, dass diese Biester entkommen! Ich kann nichts mehr tun! Sie können wohl kaum noch mehr von mir verlangen! Herrgott im Himmel, das war 1926! Ich war damals erst 25 Jahre alt! Ich habe getan, was ich konnte!«

»Bitte – Sie können wenigstens mit ihnen reden!«, beschwor ihn Jack. Er wusste, dass Pater Bell schreckliche Angst hatte. Er wusste, dass es falsch gewesen war, ihn den ganzen Weg hierher zu bringen. Einen betagten Ex-Priester gegen seinen Willen mitten in der Nacht durch den halben Bundesstaat zu karren, war vermutlich eine Straftat, auf die 20 Jahre Knast standen, wenn das denn reichte; und wahrscheinlich verdiente er die auch.

Doch er war zu müde und zu verzweifelt, um deshalb ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Er wusste nur, dass Lester ihm befohlen hatte, den Priester nach The Oaks zu bringen, weil er Randy sonst genau wie den armen Lovelittle zermalmen würde.

Pater Bell beugte sich in seinem Sitz nach vorne und spähte durch das Dunkel in Richtung des Anwesens. »Ich kann nichts erkennen. Die Bäume müssen inzwischen ziemlich gewachsen sein.«

»Ich glaube nicht, dass sich viel verändert hat«, erwiderte Jack. Er öffnete seine Tür. »Kommen Sie mit?«

»Bleibt mir denn eine andere Wahl?«

Jack beugte sich ins Auto. »Sie sind hier, Pater Bell. Sie können das, was Sie damals begonnen haben, zu Ende bringen. Zumindest können Sie es versuchen.«

Pater Bell hockte auf dem Beifahrersitz wie ein Häufchen Elend und wirkte äußerst zerbrechlich und müde. Seine Haut hatte eine gelbliche Färbung angenommen. »Um Ihnen die Wahrheit zu sagen, Mr. Reed, ich bin nicht sicher, ob ich die Kraft dazu habe.«

»Werden Sie mit ihnen reden? Mehr verlange ich nicht von Ihnen. Wenn außer Ihnen niemand den Bannkreis um das Haus entweihen kann, worüber machen Sie sich dann Sorgen? Sie befinden sich in einer Machtposition.«

»Ich weiß nicht.« Pater Bell zögerte. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich Quintus Miller noch einmal begegnen möchte … nicht nach all den Jahren.«

Jack lief um den Kombi herum und öffnete die Tür. »Kommen Sie, Bill Bell. Tun wir ihnen etwas an, bevor sie uns etwas antun.«

Pater Bell zögerte einen Moment, doch dann schwang er seine Beine aus dem Electra und stützte sich auf Jack, der ihm beim Aussteigen behilflich war.

»Was für eine schreckliche Nacht!«, bemerkte er.

Die beiden liefen gemeinsam über die mit Schotter bedeckte Einfahrt. Pater Bell lehnte sich gegen Jack. Es wehte ein starker Wind und der Regen peitschte fast horizontal in die Dunkelheit hinein, wie eine eisige Heuschreckenplage. Jack hatte neue Batterien für seine Maglite besorgt und leuchtete mit ihrem Strahl mal hierhin, mal dorthin, um Pater Bell einen näheren Blick auf das Gebäude zu gestatten, um das er seit über 60 Jahren einen großen Bogen machte.

»Es ist alles ein wenig heruntergekommen«, bemerkte Pater Bell. »Aber abgesehen davon könnte ich nicht behaupten, dass es sich großartig verändert hat. Es sieht gleich aus, es riecht sogar gleich. Wenn Sie wüssten, wie sehr ich diesen Ort hasse.«

»Sie genauso wie ich inzwischen«, antwortete Jack.

Jack führte den früheren Geistlichen um das Gebäude herum bis zum Gewächshaus. Er öffnete die Tür und sie traten ein. Pater Bell spähte in der Finsternis umher.

»Alles kaputt«, stellte er fest, während er die zerbrochenen Blumentöpfe und die vertrockneten Pflanzen inspizierte. »Sie hätten es damals sehen sollen! Jede Art von tropischer Pflanze, die sie sich vorstellen können! Und Trauben wuchsen hier auch!«

»Kommen Sie!«, drängte Jack und lotste ihn in die Lounge.

Pater Bell zögerte, hielt an und sah sich um.

»Ich kann es nicht glauben. Es hat sich nichts verändert. Man hat es nicht mal angerührt. Können Sie sich vorstellen, wie es sich anfühlt, in ein Haus zurückzukehren, in dem Sie vor 60 Jahren ein und aus gingen, und festzustellen, dass es darin noch genauso aussieht wie an dem Tag, an dem Sie es verlassen haben? Das ist beunruhigend!«

Sie gingen durch die Halle. Jack leuchtete mit seiner Taschenlampe kurz die beiden Marmorstatuen an, doch sie waren so blind wie die Gerechtigkeit. Ihre eigenen Schritte knirschten auf dem dreckigen Marmorboden. Über ihren Köpfen knarzte der riesige eiserne Leuchter im frühen Morgenwind, der teilweise ins Innere des Hauses drang.

Plötzlich lief es Pater Bell eiskalt über den Rücken, und zwar nicht nur aufgrund der frostigen Temperaturen im Gebäude. »Wissen Sie, was für eine Nacht es war, in der sie alle entkamen? Der 21. Juni, Mittsommernacht. Das fiel mir erst einige Jahre später auf. Das ist die Zeit, in der die Erdkräfte am stärksten wirken. Sommersonnenwende. Ein besonderer Abschnitt des Jahres für die Druiden. Eine Phase, in der die Leylinien zum Leben erwachen und eins mit der Welt werden.«

»Ich repariere Schalldämpfer«, verriet Jack, um seinem Begleiter zu verdeutlichen, dass sein Vorstellungsvermögen relativ begrenzt war, wenn es um Magie ging.

»Aber sicher«, sagte Pater Bell. »Und ich verbringe meine Zeit damit, aus einem Fenster in Green Bay zu starren. Doch nur weil ich und Sie, mein Freund, eher praktisch und pragmatisch veranlagt sind, kommt die Sommersonnenwende trotzdem, denn die Elemente lassen sich von uns nicht beeinflussen. Erde, Feuer, Wasser und Luft. Und das fünfte Element, das sie alle in sich vereint – die Quintessenz.«

Sie kamen in der Mitte der Halle zum Stehen. Im Haus war es dunkel und totenstill. Doch Jack wusste jetzt, dass es sich um ungleich mehr als nur um ein Gebäude handelte. Es war vielmehr ein mystisches Labyrinth, erbaut an einem der magischsten Orte des ganzen Landes – einem Ort, der vermutlich damals, als Kelten, Wikinger und die alten Ägypter Amerika erforschten, eine unglaublich große Bedeutung besessen hatte. Jack verspürte eine Angst, die ihm völlig fremdartig erschien.

»Sie haben recht, sie sind hier«, flüsterte Pater Bell. »Ich kann sie fühlen.«

»Ich frage mich, ob sie umgekehrt auch wissen, dass wir hier sind?«, meinte Jack, während er den Kegel der Taschenlampe auf die Kellertür lenkte. Sie stand leicht offen.

Pater Bell bekreuzigte sich und rezitierte: »Crux sacra sit mihi lux; non draco sit mihi dux; vade retro, Satana; numquam suade mihi vana; ipse venena bibas.«

Jack sah ihn erstaunt an. »Sie haben offenbar nichts verlernt.«

»Es ist nichts, was man vergisst, nur weil man den Beruf an den Nagel hängt.«

Die Kellertür knarrte leise. Jack versuchte zu erkennen, ob sich dort etwas in der Dunkelheit versteckt hielt.

»Vielleicht sollte ich sie besser rufen«, schlug er vor.

Pater Bells Lippen wurden schmal, doch er sagte nichts. Er war zu sehr damit beschäftigt, sich umzusehen und mit alten Erinnerungen und Ängsten auseinanderzusetzen.

»Was meinen Sie?«, hakte Jack nach. »Soll ich nach ihnen rufen?«

Pater Bell nickte.

»Lester!«, schrie Jack. »Lester, bist du da?«

Seine Stimme hallte über die Treppe in den ersten Stock. Er wartete, doch es erfolgte keine Reaktion. Nicht die geringste Regung; keine Augen, die sich öffneten; keine schleifenden Geräusche.

»Lester, du hast verlangt, dass ich dir den Priester bringe. Nun, hier ist er!«

Immer noch keine Antwort. Pater Bell packte Jack am Ärmel und flüsterte nervös. »Sie haben es von Ihnen verlangt? Das haben Sie mir aber verschwiegen!«

»Wären Sie mitgekommen, wenn ich es Ihnen gesagt hätte?«

»Macht das einen Unterschied? Sie haben mich ohnehin gegen meinen Willen hergebracht.«

Jack hielt sich eine Hand wie einen Trichter vor den Mund und rief: »Lester! Lester, wo bist du?«

In diesem Moment flog die Kellertür auf und ein großer schwarzer Umriss raste auf sie zu.

Pater Bell schrie: »Herrgott!«, während Jack viel zu erschrocken war, um überhaupt etwas zu sagen.

Doch fast im gleichen Moment erkannte er, dass es sich bei der Erscheinung um Boy, den Dobermann von Joseph Lovelittle, handelte. Seine gelben Augen glühten und starrten in den Strahl der Taschenlampe. Aus seinen Lefzen quoll weißer Schaum hervor.

Das Tier hatte sie fast schon erreicht, als es abrupt abbremste. Seine Pfoten schlitterten über den Marmorboden. Es stieß einen gequälten Schrei aus. Jack hatte noch nie einen Hund schreien hören und der Laut erschütterte ihn bis ins Mark.

Eine kräftige, marmorweiße Hand war aus dem Boden geschnellt und hatte den Hund an einer Pfote gepackt. Langsam zog sie das Tier mit Gewalt in die Tiefe. Boy bellte, jaulte und scharrte verzweifelt auf den Fliesen, doch die Hand versank langsam im Marmor und riss ihn mit sich.

Jack drückte Pater Bell seine Maglite in die Hand, rannte zu dem sich windenden Hund und unternahm den Versuch, ihn zu retten. Beim ersten Anlauf zerkratzte ihm Boy noch mit den Krallen die Hand. Dann griff Jack erneut nach ihm und bekam ihn zu fassen.

»Domine sancte, Pater omnipotens, aeterne Deus …«, murmelte Pater Bell, während er sich in einem fort bekreuzigte.

Jack zog so fest er konnte an dem Dobermann. Er merkte, wie sich dessen Muskeln vor lauter Schmerzen und Angst verkrampften und er ihm beinahe das Rückgrat ausgerenkt hätte. Die Hand, die aus dem Boden ragte, besaß eine ungeheure Kraft. Jack konnte lediglich den verzweifelten Versuch unternehmen, nicht lockerzulassen, als der geschmeidige Körper des Hundes in den Untergrund gezogen wurde.

»Ab insidiis diaboli, libera nos, Domine!«, schrie Pater Bell in frommer Verzweiflung. Doch seine Gebete wurden nicht erhört, denn Boy sackte zunehmend tiefer in den Boden hinein.

Schließlich verschwand der Kopf des Tiers unter der Oberfläche. Sein Mund stand offen und die Augen quollen hervor. Er stieß ein letztes keuchendes Bellen aus. Dann war er verschwunden und der Boden lag glatt und unberührt vor ihnen wie vor dem grausamen Spektakel.

»Per Dominum nostrum Iesum Christum Filium tuum, qui tecum uiuit, et regnat in unitate Spiritus sancti Deus, per omnia saecula saeculorum, amen«, flüsterte Pater Bell. Vergeblich.

»Eine Warnung«, bemerkte Jack schaudernd. »Ich könnte schwören, dass es eine Warnung war. Macht keinen Unsinn, das wollten sie uns damit sagen, sonst wird etwas ganz Ähnliches auch mit euch passieren.«

Jack trat zurück. In diesem Moment drang ein Gurgeln und Schmatzen aus dem Boden vor ihm. Aus dem Marmor quollen die Überreste des Hundes hervor. Gräuliches Fleisch, Eingeweide in allen Farben des Regenbogens, Streifen abgerissener Haut. Ein einzelnes abgetrenntes Bein, dessen noch immer aktive Nerven dafür sorgten, dass es zitterte und unkoordiniert um sich trat.

Und irgendwo im Haus erscholl von weit her und doch deutlich der Klang eine Liedes:

Lavendelblau, dideldei;

Lavendel, hier gehör ich hin.

Hier bin ich König, dideldei;

Und du wirst Königin.

»Quintus Miller«, keuchte Pater Bell.

S I E B E N

Sie stiegen die Treppe hinauf. Pater Bell musste auf halber Höhe eine kleine Pause einlegen und Jack wartete geduldig, bis der alte Mann wieder zu Atem kam.

»Ich werde Ihnen Quintus’ Zimmer zeigen«, erklärte Pater Bell, als sie ihren Aufstieg fortsetzten. »Nachdem er diese Frau fast umgebracht hätte, war es immer verschlossen und er durfte nur für die Turnstunden herausgelassen werden. Und natürlich für die Therapiesitzungen mit Dr. Estergomy.«

»Dr. Estergomy hat ihn nach dem Vorfall weiterhin behandelt?«, erkundigte sich Jack.

Pater Bell räusperte seinen verschleimten Hals. »Oh ja, er brach die Therapie nicht ab. Elmer Estergomy vertrat die Auffassung, dass sich selbst das gestörteste Hirn heilen lasse. Ich war ein Priester, das wissen Sie ja. Ein Priester, den man als Exorzisten ausgebildet hatte – und ich vertrat eine völlig andere Meinung. Ich habe hier ein paar schreckliche Dinge erlebt, Mr. Reed. Ich sah Männer und Frauen, die der Herr ganz offensichtlich für immer aufgegeben hatte und denen nach ihrem Tode nichts weiter blieb als das ewige Fegefeuer. Die Hölle auf Erden und die Hölle im Jenseits.«

Sie schritten durch den Ostkorridor, bis sie das dritte Fenster erreichten. Pater Bell hielt an und lauschte. Im Gang war es schwül und stickig. Aus der Ferne konnten sie immer noch ganz schwach das Lavendelblau, dideldei … hören, leise und spöttisch wie eine unangenehme Erinnerung. Pater Bell sagte: »Er sang immer dieses Lied, immer und immer wieder, und er änderte stets die letzte Zeile in Hier bin ich König ab. Ich schätze mal, das war er in gewisser Weise auch. Es gab niemanden in The Oaks, der stärker oder entschlossener als Quintus Miller gewesen wäre.«

Er hob die Hand, als ob er etwas weihen wollte. Vor ihnen stand eine der Türen offen. Sie war wie alle anderen cremefarben lackiert, aber – wahrscheinlich durch Fußtritte – deutlich verbeulter und zerkratzter.

»Das war Quintus Millers Zimmer«, flüsterte Pater Bell. Er schien fast ein wenig erleichtert zu sein, es wiederzusehen. So als hätte er sein ganzes Leben lang damit gerechnet, eines Tages hierhin zurückzukehren.

Zumindest war das Warten vorbei.

»Die Tür war beim letzten Mal abgeschlossen. Ich habe sie alle überprüft«, stellte Jack fest.

Pater Bell sah ihn fast spöttisch von der Seite an. Dann stieß er die Tür auf, sodass sie einen Blick in Quintus Millers Zimmer werfen konnten.

Es gab keine Möbel, nur eine Matratze und eine heruntergekommene Toilette. Im Zimmer roch es säuerlich, faulig und irgendwie nach Unheil. Jack wollte gar nicht erst hineingehen.

»Dort! An der Wand!«, rief Pater Bell aus.

In der Dunkelheit erkannte Jack, dass ein riesengroßer sechszackiger Stern an der Wand prangte. Die bräunliche Farbe weckte bei ihm Assoziationen zu Brombeersaft, Blut oder Exkrementen.

»Was ist denn das?«, erkundigte er sich mit einem angewiderten Gesichtsausdruck. »Ein Davidstern?«

Pater Bell näherte sich der Wand. »Nicht ganz. Es ist Salomons Hexagramm, ohne Zweifel das mächtigste Symbol des Okkultismus, sogar noch mächtiger als das Kreuz. Im heidnischen Kult ist es von großer Bedeutung, genauso wie im Juden- und im Christentum. Es wirkt auf den ersten Blick wie ein Stern, doch eigentlich handelt es sich um zwei übereinandergelegte Dreiecke. Das erste zeigt nach oben – sehen Sie? – und steht für Feuer und Luft. Das zweite symbolisiert Erde und Wasser.

Dort, wo sich die Dreiecke überlappen, verbinden sie sich zur Gesamtheit der uralten Macht, dem fünften Element, der sogenannten Quintessenz. Ich gehe davon aus, dass sich Quintus dieser Kräfte bediente, um in die Wand zu gelangen.«

»Quintus? Quintessenz? Sie meinen, das ist kein Zufall?«, fragte Jack ihn.

Pater Bell zuckte die Achseln. »Der fünfte Sohn und das fünfte Element? Sie könnten recht haben. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass sich mein Wissen über Erdmagie und ihre Möglichkeiten in Grenzen hält. Ich war schließlich römisch-katholischer Priester, kein Druide.«

Pater Bell sah sich um. »Was für ein Höllenloch!«, bemerkte er. »Wie oft saß ich mit Quintus Miller hier und versuchte, vernünftig mit ihm zu reden und zu seinem gesunden Verstand durchzudringen. Doch daran scheiterte sogar Elmer Estergomy.«

»Und trotzdem sollten wir ihn vielleicht rufen«, schlug Jack vor.

Pater Bell erlaubte sich ein schwaches Lächeln. »Ich glaube nicht, dass wir ihn rufen müssen, Mr. Reed. Er weiß längst, dass wir hier sind, stimmt’s, Quintus?«

Der Regen prasselte hinter dem mit Staub bedeckten, im Laufe der Jahre wackelig gewordenen Schutznetz aus Stahl gegen das Fenster. Die Zeit hatte das Gebäude genauso bestraft wie seine Bewohner. Doch Quintus Miller drang mehr als je zuvor auf Freiheit und Rache, während Pater Bell ausgemergelt und zerbrechlich wirkte. Er wollte nichts weiter als seine Ruhe, seine Thriller vom Buchclub und sein langweiliges Zimmer in grellem Orange mit den schlichten Möbeln aus Kiefernholz. Selbst 60 Jahre voller Enttäuschungen und Langeweile hielt er für verlockender als 60 Sekunden Höllenqualen.

Es kam keine Antwort. Jack lauschte, doch diesmal rauschte kein Ssssschhhhh durch die Wand, kein verräterisches Schleppen menschlicher Körper durch Stein oder Zement.

»Vielleicht sollten wir es besser im Keller versuchen«, schlug Jack vor, obwohl er am liebsten einen riesigen Bogen um diesen schrecklichen Ort gemacht hätte. »Dort haben sie versucht, mich in den Boden hineinzuziehen, und da unten habe ich auch Randys Spielzeug entdeckt.«

Pater Bell bedeutete ihm mit einer Handbewegung, sich kurz zu gedulden. »Moment noch. Ich fühle etwas. Da bin ich mir absolut sicher.«

Jack wartete und lauschte. »Ich weiß nicht recht, Pater. Ich höre nichts.«

Einige Momente verstrichen in absoluter Stille. Nur ein leises Knistern war zu hören. So würde man es wohl auch auf einem verlassenen Platz mitten in der Nacht wahrnehmen, über den der Wind weggeworfene Zeitungen wehte. Der Regen und das nervenaufreibende Klappern einer Tür im Erdgeschoss komplettierten die Geräuschkulisse.

Pater Bell näherte sich dem auf die Wand gekritzelten Hexagramm. »Das ist der Eingang zur Unterwelt«, erklärte er. »Ein Portal, wenn Sie verstehen, was ich meine. Das Hexagramm ist der Zugang zum Labyrinth, das einen an die Stelle führt, an der sich die Leylinien kreuzen. Von dort, mein Freund, können Sie überall hingelangen.«

Er legte die Hand auf das Symbol und untersuchte es mit konzentrierter Miene. »Im 15. Jahrhundert waren Okkultisten ziemlich pragmatisch, was Reisen von einem Element zum anderen betraf. Sie betrachteten die Elemente lediglich als eine Art Leiter, über die man von der steinernen Unterwelt ganz unten bis zum Himmelreich ganz oben kletterte. Waren alle Bedingungen erfüllt, konnte die menschliche Seele in all diesen Elementen existieren, so wie Fische überall in den Weltmeeren herumschwimmen.«

Jack sah ihn beunruhigt an. »Was mich interessiert, ist, wie Quintus Miller und der Rest der Patienten in die Wand gelangt sind. Sie behaupten, das wäre ein Portal. Aber wie öffnet man es? Man kann ja schließlich nicht einfach in massiven Stein hineinspazieren!«

Pater Bell ließ seine Hände immer noch auf der Zeichnung auf dem Gips ruhen. »Es wäre nicht das erste Mal. Sie kennen sicher die uralte Legende von Theseus, der ein Labyrinth auf Kreta betritt, um dem Minotaurus entgegenzutreten. Dann gibt es natürlich auch deutlich jüngere Schilderungen. Denken Sie etwa an den Rattenfänger von Hameln, der alle Kinder der Stadt mitten in einen Berg hineinführte.«

»Ja, aber wie funktioniert es?«

»Es gibt Rituale für den Eintritt in die Unterwelt, genau wie es Rituale gibt, um in den Himmel zu gelangen. Im Grunde ist das kein großer Unterschied. Im Kirchenschiff der Kathedrale im französischen Chartres befindet sich ein Irrgarten, den man durchlaufen kann. Die Bewegungen, die man dabei absolviert, sind ein ritueller Tanz und zugleich Teil einer Prozedur, mit der man sich in einen Zustand göttlicher Spiritualität versetzt.«

Jack schlug mit der Faust gegen die Wand. »Aber das ist massiver Stein, verdammt noch mal! Ziegel sind wohl kaum besonders spirituell. Kein Geisteszustand, sondern nichts weiter als gebrannter Lehm!«

»Wenn Quintus Miller es geschafft hat, schaffen wir es auch«, beharrte Pater Bell. »Wir sollten in Elmer Estergomys Bibliothek nachsehen. Wahrscheinlich finden wir dort einen Hinweis über das notwendige Ritual.«

Jack trat zurück. Er fragte sich, ob es wirklich so eine gute Idee gewesen war, den Geistlichen mit nach The Oaks zu bringen. Obwohl es in der Wand knisterte und kratzte und sich das ganze Gebäude in ständiger Bewegung zu befinden schien, hielten sich Quintus Miller und seine Anhänger gut versteckt. Von Randy fehlte weiterhin jede Spur und weder Lester noch sonst jemand schien ihm helfen zu wollen, seinen Sohn zurückzubekommen.

»Lester!«, brüllte er noch einmal. »Lester, ich habe euch den Priester gebracht!«

Wieder kam keine Antwort. Jack fühlte, wie sich kalte Verzweiflung in seinem ganzen Körper breitmachte.

»Lester!«, rief er erneut. »Lester, kannst du mich hören, verdammt noch mal? Du hast mir versprochen, dass ihr mir meinen Sohn zurückgebt!«

Fast unmittelbar nach seinem Rufen beulte sich die Wand in der Mitte des Hexagramms aus. Sie nahm die Form eines menschlichen Gesichts an. Das Gesicht eines Jungen – Randys Gesicht. Jack starrte es regungslos an. Er wusste nicht, ob er entsetzt oder erfreut sein sollte. Vielleicht hielt Lester ja doch Wort und ließ Randy gehen. Doch die große Frage war: Was verlangte er dafür als Gegenleistung?

Randys Gesicht, blass wie die Wand, öffnete die ebenfalls weißen Augen.

Daddy? Mir gefällt es hier nicht. Bitte hilf mir! Es klang wie eine ausgeleierte Kassettenaufnahme von Randys Stimme.

Jack trat vor, doch Pater Bell hielt ihn zurück.

»Nicht, Mr. Reed – noch nicht. Es könnte sich um eine Täuschung handeln. Quintus war schon immer ausgesprochen hinterhältig.«

Daddy!, flehte Randy. Du musst mir helfen! Bitte, Daddy, hilf mir!

»Was soll ich tun, Raumflieger?«, erkundigte sich Jack. ›Raumflieger‹ war ein Kosename, den Jack seinem Sohn verpasst hatte, als der noch ganz klein war und sich mit Vorliebe und unter lautem Kichern von seinem Vater durch die Luft werfen ließ.

Daddy, sie wollen frei sein!

Pater Bell packte Jacks Arm noch fester. »Nein!«, keuchte er. »Sie dürfen sie nicht freilassen! Das wäre absoluter Irrsinn! Sie würden morden und vergewaltigen! Sie haben ja keine Ahnung! Diese Geisteskranken sind inzwischen keine Menschen mehr!«

Bitte, Daddy!, flehte Randys maskenhaftes Gesicht.

Jack wandte sich an den Pater. »Hören Sie mal zu. Sie behaupten also, dass sie außer Rand und Band geraten, wenn wir sie freilassen. Aber was sollen sie denn großartig anstellen? Sie sind geistig zurückgeblieben. Sie sind seit über 60 Jahren hier gefangen. Essie Estergomy hat uns erzählt, dass einige auch körperlich behindert sind. Und die Hälfte von ihnen ist splitternackt. Was können sie also tun? Wenn sie flüchten, werden sie ganz schnell von der Polizei aufgegriffen. Besonders, wenn wir die Beamten darauf vorbereiten.«

Pater Bell wollte Jacks Ärmel immer noch nicht loslassen.

»Mr. Reed, Sie haben keine Vorstellung von ihrer Stärke und ihrer Bösartigkeit. Was glauben Sie denn, warum man sie damals nach The Oaks gebracht hat? Haben Sie das Metallgitter an den Treppenfenstern gesehen? Sind Ihnen die Beulen darin aufgefallen? Im einen Moment lächelten, lachten oder unterhielten sie sich damals miteinander – eine Sekunde später warf sich dann einer von ihnen gegen das Netz und kugelte die Treppe herunter, schrie und zuckte mit Schaum vor dem Mund.«

Jack deutete mit dem Kopf auf Randys Gesicht in der Wand. »Das ist mein Junge, Pater Bell«, erklärte er mit müder, vor lauter Emotionen ganz brüchiger Stimme. »Das ist mein Sohn.«

»Ich weiß, Mr. Reed, und ich kann mir gut vorstellen, wie Sie sich fühlen. Aber wir müssen einen anderen Weg finden, um Randy zu befreien. Wir dürfen nicht das Risiko eingehen, Quintus Miller auf freien Fuß zu setzen.«

»Sie meinen, Sie wollen das Risiko nicht eingehen.«

Pater Bells Nasenflügel blähten sich. »Na gut, wenn Sie es so ausdrücken möchten: Ich möchte das Risiko nicht eingehen. Aber was viel wichtiger ist: Ich werde keinerlei Verantwortung übernehmen.«

»Hab ich Sie darum gebeten?«, konterte Jack.

Daddy!, flüsterte Randy. Bitte, Daddy, sie werden mir wehtun, wenn du ihnen nicht hilfst.

Jack befreite sich abrupt aus Pater Bells Griff und lief auf die Wand zu. »Hier, Randy – nimm meine Hände. Kannst du das? Kannst du die Hände hinausstrecken? Komm, Raumflieger, ich zieh dich raus!«

»Nein!«, schrie Pater Bell und kam ihm hinterher. Er warf sich mit voller Wucht mit seinen knochigen Schultern gegen Jack, um ihn von der Wand wegzustoßen. Doch da schnellten zwei schneeweiße Hände hervor, die viel zu groß waren, um Randy zu gehören. Eine davon ergriff Pater Bell am rechten Handgelenk. Der alte Mann schrie vor Angst und versuchte, seinen Arm loszureißen, doch sein Gegner war viel zu stark.

Jack stolperte, fand im letzten Moment das Gleichgewicht wieder und schnellte sofort vor, um Pater Bell zu helfen. Doch da wandte ihm Randy das Gesicht zu und fletschte seine Zähne.

Hau ab, du blöder Scheißkerl! Musst du denn deine Nase wirklich in alles hineinstecken!, tobte eine bedrohliche Stimme aus dem Zement.

Jack schrak zurück. »Randy?«, rief er. »Randy?«

Doch er musste zusehen, wie Randys Gesicht urplötzlich wie trockene Kreide in sich zusammenfiel und in der Mitte auseinanderbrach. Hinter ihm erschien das Gesicht eines Mannes. Es war genauso weiß und maskenhaft, doch mit einer engen Stirn und zwei Augen, die sich fast berührten. Die Lippen waren zurückgezogen und gaben den Blick auf lange Zähne in geschwundenem Zahnfleisch frei.

»Holman«, flüsterte Pater Bell. »Gordon Holman!«

Genau der, Pater Bell, krähte die Fratze ihm entgegen. Sie besitzen wirklich ein großartiges Gedächtnis für Gesichter!

Jack trat vorsichtig hinter Pater Bell und wartete auf eine Gelegenheit, Holmans Arm zu packen, um den ehemaligen Geistlichen zu befreien. Doch der schrie hysterisch und schrill: »Nein, nicht! Bleiben Sie weg! Das ist viel zu gefährlich!«

Ach, kommen Sie, Pater Bell. Wir sind alle gefährlich!

»Gordon, lass mich los!«, befahl Pater Bell. »Ich hab mich um dich gekümmert, Gordon, weißt du das nicht mehr? Ich hab dir Kaugummi mitgebracht. Und die ganzen Fernsehzeitschriften.«

Holman lächelte bei der Erinnerung. Sie waren ein guter Priester. Wir haben Sie alle gemocht, ganz ehrlich. Bis kurz vor dem Ende! Wir haben Ihnen vertraut.

»Komm schon, lass mich gehen«, appellierte Pater Bell. »Sei ein braver Junge. Du tust mir an der Hand weh.«

Doch das schmale, kreideartige Gesicht in der Wand verengte die Augen zu Schlitzen und setzte ein wissendes, überlegenes Lächeln auf. Sie haben gehört, was ich gesagt habe, Pater Bell – bis kurz vor dem Ende. Dann haben Sie uns betrogen und haben uns in diese Falle eingesperrt. In die Falle, Pater Bell! Wir kommen nicht vorwärts, aber wir kommen auch nicht mehr zurück.

Mit Panik in der Stimme verlangte Pater Bell: »Lass mich gehen, Gordon. Das führt doch zu nichts Gutem.«

Das Gesicht brach in wieherndes Gelächter aus. Da haben Sie recht, Pater Bell! Zu gar nichts Gutem!

In diesem Moment griff Jack nach Holmans Arm und versuchte, Pater Bells Handgelenk aus der Umklammerung zu lösen. Doch der gänzlich unmenschliche Arm war hart, eiskalt und voller Muskeln. Jack war bei Weitem nicht stark genug. Kurz darauf hörte Jack unmittelbar über seinem Kopf die panische Stimme von Randy: Daddy! Daddy! Nicht!

Verwirrt und vor Schreck wie erstarrt, trat Jack einen Schritt zurück. Randys Kopf und Schultern ragten aus der Decke. Die Hand eines unsichtbaren Mannes musste ihn am Nacken gepackt und in das Zimmer hineingedrückt haben, als ob sie versuchte, einen Welpen zu ertränken.

»Randy!«, schrie Jack und streckte sich, sprang mehrmals in die Luft, doch die Decke war etwas zu hoch – ihm fehlten einige Zentimeter, um sie berühren zu können.

Daddy! Bitte! Rette mich! Daddy, sie tun mir weh! Daddy, sie werden …

Randy wurde gewaltsam in die Decke zurückgezerrt. Sie schloss sich über ihm wie ein Eimer mit frisch angerührtem Gips. Wütend und verzweifelt drehte sich Jack wieder zu Pater Bell und dem starrenden, weißen Gesicht in der Mitte des Hexagramms um.

»Ihr miesen Schweine! Ihr lasst meinen Jungen gehen, habt ihr mich verstanden? Ich habe euch doch den Priester gebracht, verdammt noch mal. Was wollt ihr denn noch? Lasst ihn sofort gehen!«

Doch die Stimme erwiderte leise und mit einem verschlagenen, hinterhältigen Unterton: Quintus sagt – nur wenn ihr uns rauslasst!

»Ihr wollt raus?«, wollte Jack wissen. »Dann lassen wir euch eben frei! Kommen Sie, Pater Bell! Was für einen Unterschied macht das jetzt schon noch?«

Doch Pater Bell war gänzlich anderer Meinung. »Mr. Reed! Sie sollten noch nicht einmal daran denken, sie gehen zu lassen! Niemals! Nicht in tausend Jahren! Mr. Reed – hören Sie nicht auf das, was er sagt. Ich bitte Sie, Mr. Reed! Auf keinen Fall!«

Mit einer wütenden Geste zeigte Jack auf die Decke. »Haben Sie das eben gesehen? Haben Sie den Jungen gesehen? Das ist mein Sohn! Und was macht es schon für einen Unterschied, ob wir ihnen die Freiheit schenken? Los, verraten Sie’s mir! Und hören Sie auf, mich so anzubrüllen. Ich kann sie sowieso nicht freilassen. Das können nur Sie! Und was tun Sie? Halten mir hier eine verfluchte Moralpredigt, dass es wichtiger ist, irgendeine theoretische ›Rache der Bekloppten‹ zu verhindern. Sie halten das für wichtiger, als meinen Sohn zu retten! Mann, Sie hätten in die Politik gehen sollen, nicht in die Kirche.«

»Mr. Reed«, setzte Pater Bell an. Er versuchte, an Jacks Vernunft zu appellieren, verzog zugleich aber das Gesicht vor lauter Schmerzen. »Nichts ist Theorie, was diese Leute betrifft, schon gar nicht ihre Verrücktheit. Sie schätzen sie völlig falsch ein. Wenn sie erst mal draußen sind, kann man sie weder aufhalten noch unter Kontrolle bekommen. Wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, werden sie jeden abschlachten, der sich ihnen in den Weg stellt.«

Oh, aber zuerst werden wir unseren Spaß mit dem Opfer haben, mischte sich Holman ein. Etwa so!

Bei diesen Worten riss er Pater Bells rechten Arm nach hinten und schmetterte den alten Mann gegen die Wand. Pater Bell schrie auf der erbärmliche Schrei eines Menschen, der mit leeren Händen auf die Welt gekommen ist und sie mit leeren Händen wieder verlässt.

Sie haben unsere Flucht vereitelt, Pater Bell, flüsterte Holman. Wir hatten es durch das Labyrinth geschafft, kämpften ums Überleben und gegen die Panik. Keine leichte Übung. Einige der Frauen waren zu diesem Zeitpunkt völlig durchgeknallt! Aber da waren wir. Die Leylinien erstreckten sich vor uns – nördlich, südlich, östlich, westlich; wohin auch immer wir gehen wollten. Einfach wunderbar. Die meisten von uns hatten noch nie so etwas Schönes gesehen. Da standen wir nun, Huren, verrückte Massenmörder und Brandstifter, absolut einig über unsere Zukunft. Freiheit, Licht! Und Quintus Miller, was für ein Teufelskerl! Wir atmeten seinen Zauber ein, nahmen seinen Ruhm in uns auf.

Er schloss die Augen. Momente des Glücks! Momente der Hoffnung! Aber wissen Sie, was dann passierte? Schotten dicht! Eine Leylinie nach der anderen wurde abgeriegelt, von der Dunkelheit verschluckt – Dunkelheit, die mit tosendem Donnergrollen in die Erdoberfläche eindrang. Das waren Sie, Pater Bell! Das waren Sie mit Ihren verdammten Beschwörungsformeln und Ihrem Weihwasser! Und das war das Letzte, was wir von der Außenwelt zu sehen bekamen. Sie haben uns aufgehalten, Pater Bell, Sie haben uns in eine Falle gelockt! Aber nun wollen wir raus, mein Freund! Nun wollen wir raus!

Pater Bell hob den Kopf. Sein Adamsapfel hob und senkte sich langsam.

»Ich kann es nicht tun, Gordon. Ich kann euch nicht gehen lassen.«

Wollen Sie leiden?

»Ich leide seit mehr als 60 Jahren. Ich kann euch nicht freilassen.«

Das Gesicht öffnete die Augen. Unvermittelt schoss eine weitere Hand aus der Wand und schnappte nach Pater Bells Linker. Er wurde mit Gesicht und Körper gegen den Stein gedrückt, seine Arme überdehnten sich. Er drehte den Kopf zur Seite und starrte Jack schmerzerfüllt und ängstlich an.

»Holman!«, warnte Jack das kreidebleiche Gesicht. »Rühr ihn nicht an! Lass ihn los!«

Er braucht Schmerzen, entgegnete das Gesicht. Das Leid Christi. Quintus hat mich dafür ausgesucht. Ich bin gut darin, anderen Menschen Leid zuzufügen.

Es folgte ein ohrenbetäubender Knall, der Jack entsetzt zurückspringen ließ. Pater Bell schrie – und das in einer so hohen Tonlage, dass Jack sich anfangs nicht sicher war, ob er ihn wirklich gehört hatte. Der rechte Arm des alten Mannes war bis zum Ellbogen in der Wand versunken. Dann folgte ein weiterer Knall und sein linker Arm verschwand in derselben Weise.

Pater Bell brüllte unaufhörlich und versuchte verzweifelt, seine Arme aus der Wand zu befreien. Gordon Holmans Gesicht verschwand kurz, tauchte dann aber auf der anderen Seite des Zimmers wieder auf, direkt neben der Tür.

Die Kreuzigung von Pater Bell, freute sich Holman.

»Lass ihn gehen!«, forderte Jack. »In Gottes Namen, lass ihn gehen!«

In Gottes Namen? Wir tun gar nichts in Gottes Namen. Und warum sollte irgendeiner von uns Mitgefühl für Pater Bell empfinden? Denk mal daran, was er uns angetan hat – er hält uns seit über 60 Jahren hier gefangen.

Jack ging zu dem alten Mann, der wimmerte und am ganzen Körper zitterte. Er versuchte, Pater Bells Arme aus der Wand zu ziehen, doch genau wie Randys Wollpuppe waren sie untrennbar mit der Mauer verschmolzen. Fleisch und Stein waren eins geworden.

»Lass ihn gehen!«, wiederholte Jack an Gordon Holman gewandt.

Es gibt jetzt nur noch eine Möglichkeit, ihn herauszuholen, erklärte Holman. Dazu müsste man ihm die Arme amputieren.

»Er ist 88 Jahre alt!«, protestierte Jack. »Was auch immer er mit 25 getan hat, er ist jetzt ein alter, völlig hilfloser Greis!«

Das stimmt. Genauso hilflos, wie wir es die ganze Zeit waren.

»Oh Gott!« brabbelte Pater Bell. »Oh Gott, es tut weh, oh Gott, es tut so weh.«

»Bist du verrückt?«, brüllte Jack Gordon Holman an.

Holman kicherte. Selbstverständlich bin ich verrückt. Das sind wir hier alle. Was hast du denn in einem Irrenhaus erwartet?

»Lass ihn gehen!«

Wenn er uns gehen lässt, lassen wir ihn gehen.

»Und wenn nicht?«

Dann haben wir immer noch deinen Sohn, wir haben immer noch den kleinen Randy. Wenn Pater Bell uns also nicht ziehen lässt, musst du drei Kardinäle finden, um uns zu befreien, und das dürfte gar nicht so einfach werden. Wenn du dich weigerst, werden wir Randy in etwas verwandeln, was nicht mehr im Entferntesten an einen kleinen Jungen erinnert.

»Ich bitte dich, ich bitte dich«, wimmerte Pater Bell. Über seine eingefallenen Wangen kullerten Tränen.

Jack lehnte sich dicht neben ihm gegen die Wand. »Pater Bell, Sie müssen sie freilassen. Sie müssen den Bannkreis lösen. Um Himmels willen, Pater Bell, das ist Ihre einzige Chance, hier lebend herauszukommen.«

»Ich kann nicht!«, wimmerte Pater Bell. »Sie haben ja keine Ahnung, was dann passieren wird.«

Wird er uns helfen?, erkundigte sich Gordon Holman. Vielleicht ist noch etwas mehr Überzeugung nötig.

»Kannst du nicht sehen, dass er niemals nachgeben wird?«, wollte Jack wissen.

Oh … ich weiß nicht. Warte mal ab, bis wir seine Hände anzünden. Das können wir tun, weißt du? Alles, was mit den Elementen zusammenhängt. Erde, Wasser, Luft, Feuer. Schau dich mal im nächsten Zimmer um, dann wirst du sehen, wie er für Gott Kerzen anzündet.

Das weiße Gesicht löste sich erneut in Luft auf. Blind vor Wut stapfte Jack durch das Zimmer und hämmerte an der Stelle, wo es eben noch gewesen war, gegen die Wand.

»Er ist ein alter Mann, du Arschloch! Lass ihn gehen!« Sein Zorn war umso größer, weil er Pater Bell gegen seinen Willen und trotz zahlreicher Warnungen hergebracht hatte. Jack fühlte sich für Pater Bells Leiden voll verantwortlich.

»Vater im Himmel steh mir bei!«, flüsterte Pater Bell.

Jack wandte sich ihm zu: »Pater, hören Sie! Sie sind kein Priester mehr. Das haben Sie selbst gesagt. Sie müssen sich also nicht als Sünder fühlen, wenn Sie diese Menschen ziehen lassen! Das ist nicht mehr Ihre Baustelle! Sobald Sie das tun, sind Sie frei! Wollen Sie hier mit zwei in der Wand vergrabenen Armen jämmerlich krepieren? Wollen Sie das wirklich? Gefällt Ihnen die Vorstellung, als Märtyrer zu enden?«

Pater Bell drehte sich um und starrte Jack an. Da öffnete sich sein Mund zu einem lautlosen Schrei voller Höllenqualen. Er schauderte und schüttelte sich, stieß den Kopf gegen die Wand, konnte sich aber nicht befreien.

»Was ist denn los?«, fragte Jack voller Entsetzen. »Was tun sie Ihnen an?«

Schau dich mal im nächsten Zimmer um, dann wirst du sehen, wie er für Gott Kerzen anzündet.

Sofort rannte Jack aus Quintus Millers Zimmer zur benachbarten Tür. Sie war verschlossen. Verzweifelt rüttelte er am Griff, doch nichts tat sich.

Pater Bell jammerte: »Oh Gott, oh Gott, steh mir bei!«

Jack hob den Messingdeckel, der den Türspion bedeckte. Was er sah, ließ ihm die Haare zu Berge stehen und ihn würgte es. Pater Bells Hände ragten aus der Wand zu Quintus Millers Zimmer, als ob er an einem Pranger stünde. Sämtliche seiner Fingerspitzen brannten. Und obwohl Pater Bell hektisch damit herumfuchtelte, als ob er hoffte, dadurch die Flammen zu löschen, war Jack doch klar, dass das Feuer viel zu heiß, viel zu heftig war.

Mit aller Kraft rüttelte er so lange an der Tür, bis er den Rahmen knacken hörte. Doch die Zarge war viel zu robust und gab nicht nach. Man hatte sie konstruiert, um geistesgestörte Kriminelle ein Leben lang einzusperren. Selbst ein Mann in höchster Verzweiflung wäre daran gescheitert.

Ihm blieb nichts anderes übrig, als zuzusehen, wie sich das Fleisch an Pater Bells Fingerspitzen rötete, Blasen schlug und dann schwarz wurde. Seine Fingernägel kringelten sich wie angesengte Zwiebelschalen.

Schon jetzt traten bei jeder verzweifelten Bewegung Pater Bells Fingerknochen aus der Haut. Wenn das Feuer so weiterloderte, würde er in weniger als einer Minute gar keine Hände mehr haben.

»Ich mach’s!«, schrie Pater Bell. »Gordon! Gordon! Aaaahhhhhhhh, Gordon! Gordon, ich mach’s! Aaaaahhhhh! Gordon! Bitte, Gordon, ich tue es! Ich tue es ja!«

Sofort erstickte das Feuer, obwohl Pater Bells geschwärzte Finger noch immer schwelten wie Holzkohle und eine dichte Rauchwolke in der Luft hing. Jack ging wieder in Quintus Millers Zimmer zurück und sah, dass Pater Bell vor Schmerzen und Angst zitterte. Blut troff ihm aus den Mundwinkeln, weil er sich seine Zunge vor lauter Panik halb durchgebissen hatte. Die rote Flüssigkeit rann an der vor Alter labbrigen Haut herunter.

Jack legte einen Arm um Pater Bells Schultern. Er fühlte sich hilflos, wütend und verspürte massive Übelkeit. Pater Bells Augen waren glasig. Der Schmerz in seinen Händen und Armen schien so heftig, dass er immer wieder kurz das Bewusstsein verlor.

In einer Ecke des Zimmers kochte und blubberte der Gips wie heißer Schlamm. Der Umriss eines Mannes erschien in einer Ecke. Ein kleiner, dünner Mann, bis auf einen Schal um den Hals völlig nackt. Er betrachtete Pater Bell aus seinen weißen Gipsaugen. Auf seiner Miene zeichnete sich eine merkwürdige, irrwitzige Art von Mitleid ab.

Pater Bell keuchte. »Die Schmerzen – die Schmerzen, ich kann sie nicht länger ertragen.«

Jack wandte sich an die nackte Gestalt in der Ecke.

»Komm schon, bei Jesus und allen Heiligen, lass ihn aus der Wand raus.«

Jesus litt mehr, erklärte die Gestalt mit dem Schal, ohne den Blick von Pater Bell abzuwenden. Zumindest ist es das, was ihr Heiden einem immer wieder weismachen wollt.

Jack atmete tief durch. »Dann eben um der Menschlichkeit willen, lass ihn gehen.«

Wenn wir gehen, geht er auch. So lautet die Vereinbarung.

Jack hielt Pater Bell fest. »Pater Bell? Können Sie mich hören? Nicken Sie einfach, falls ja. Sie müssen den Bann jetzt lösen. Sie müssen die Beschwörungsformel sprechen.«

Pater Bell nickte. Dann trat eine längere Pause ein, in der er seine blutleeren Lippen befeuchtete, anschließend flüsterte er:

»Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes … Ich erkläre hiermit, dass dieser Ort, den ich geweiht und beschützt habe …«

Er zögerte und leckte sich über die Lippen, lehnte den Kopf an die Wand. »Ich kann es nicht tun«, sagte er. »Ich darf es nicht.«

Willst du noch mal das Feuer spüren?, erkundigte sich die Gestalt in der Ecke. Willst du, dass wir sie dir diesmal bis hinauf zum Handgelenk verbrennen?

»Pater Bell«, bedrängte ihn Jack, während er ihn noch fester packte, seine knochigen Schultern unter dem Mantel spürte. »Pater Bell, Sie müssen es tun. Es gibt keine andere Möglichkeit.«

Pater Bell nahm einen zittrigen Atemzug. Dann fuhr er fort. »Dieser Ort, den ich gegen die dunklen und teuflischen Mächte geweiht und vor denen ich ihn beschützt habe … möge hiermit entweiht werden und wieder den natürlichen Zustand der Schöpfung annehmen …«

Als er die Worte sprach, konnte Jack ein Schieben und Scharren im Haus spüren, als ob mehrere Tausend Kakerlaken in den Wänden aufgescheucht wurden. Die Gestalt mit dem Schal lächelte langsam und triumphierend.

»… und er möge vom Schutz seiner heiligen Vertreter entbunden werden …«

Das Schieben und Scharren wurde lauter. Wie das Geräusch einer großen, schweigenden Menschenmenge, die sich einem einzigen Ausgang nähert. Dann noch intensiver, überall um sie herum. Sssssschhhhh – sssssschhhhhh – sssssschhhhhh. Ein penetranter Laut wie von einem Betonmischer, der menschliche Moleküle aufwirbelte, die sich schleppend durch unnachgiebigen Stein bewegten. Die jahrzehntelang eingesperrten Insassen von The Oaks machten sich durch das Wandlabyrinth auf den Weg zurück zu dem uralten und schrecklichen Ort, an dem die mystischen Leylinien sich vereinten und alle vier Elemente zu einer Quintessenz verschmolzen.

»… für immer und ewig …«

Pater Bell beendete seine Rezitation. Sein Gesicht war feucht von Tränen und Schweiß. »Das war’s«, brachte er mühsam hervor. »Das war alles.« Doch kaum hatte er das gesagt, hörte das Schlurfen im Gebäude unerwartet auf. Jack trat einen Schritt von Pater Bell weg und lauschte mit erhobenem Kopf.

»Was ist?«, fragte er den gipsweißen Mann in der Ecke. »Warum ist es so still geworden?«

Wir sitzen immer noch in der Falle. Die Leylinien sind noch nicht geöffnet.

»Pater Bell?«, sagte Jack, doch dieser stöhnte lediglich.

Die Entweihung ist noch nicht vollendet, verkündete die Stimme in der Wand.

»Was meinst du damit? Er hat die Formel doch vollständig gesprochen, oder etwa nicht?«

Die Brachlandlinien sind noch nicht offen, beharrte die Gestalt. Wir sind nach wie vor Gefangene.

»Pater Bell?«, wiederholte Jack. »Pater Bell – Sie müssen etwas ausgelassen haben. Die Patienten sind immer noch im Haus gefangen. Pater Bell!«

Der Kopf des früheren Geistlichen rollte auf seinen Schultern hin und her. Er war nur halb bei Bewusstsein. Jack schüttelte ihn und wiederholte: »Pater Bell! Kommen Sie zu sich! Sie müssen etwas vergessen haben!«

Pater Bell starrte Jack aus trüben Augen an. »Ich muss – mich bekreuzigen.«

Jack wandte sich wieder an die Gestalt mit dem Schal. »Ihr müsst seine Hände freigeben! Er muss sich bekreuzigen, sonst werdet ihr niemals entkommen!«

Er muss sich bekreuzigen?

»So ist es, du hast schon richtig verstanden. Er muss das Zeichen des Kreuzes in die Luft machen, kapiert? Mit seiner Hand, du Dummbatz. Sonst Zauber nix wirke-wirke.«

Die Gestalt öffnete und schloss ihre puderweißen Augen wie eine Wüstenechse. Dann wölbte sich die Wand in der Zimmerecke und der Mann verschwand. Wahrscheinlich wollte er sich mit Quintus Miller beratschlagen, vermutete Jack, als er ihn mit einem eiligen Ssssschhhh-Geräusch durch das Mauerwerk rauschen hörte.

Jack wartete und stützte Pater Bells schlaffen Körper, so gut er konnte. Auch er war am Ende seiner Kräfte, sowohl geistig als auch körperlich. Ob es ihm wirklich gelingen konnte, diesen Albtraum zu beenden? Und was, wenn nicht? Würde er mit der Schuld leben können? Wie sehr er sich doch wünschte, Pater Bell aus dieser Wand herauszubekommen und Randy zu retten!

»Hilda?«, fragte Pater Bell im Schockzustand. »Bist du es, meine liebe Hilda?«

»Es ist alles gut«, versuchte Jack ihn zu beruhigen. »Hilda kommt gleich.«

Jack wartete fast fünf Minuten. Pater Bell mochte ausgemergelt sein, aber er besaß große, schwere Knochen, was dazu führte, dass Jacks Rücken aufgrund der Anstrengung, den alten Mann zu stützen, allmählich zu schmerzen begann.

»Herrgott noch mal!«, schrie er in Richtung Wand. »Lasst ihr ihn nun frei oder nicht?«

Er erhielt seine Antwort augenblicklich, wenn auch nicht wie erwartet.

Mit einem malmenden Geräusch, das an einen Fleischwolf erinnerte, wurden Pater Bells Arme dort abgeschnitten, wo sie die Wand berührten. Sein Körper sackte zu Boden – Jack schaffe es nicht, ihn rechtzeitig aufzufangen. Blut strömte am Ellenbogen aus dem Körper des alten Mannes. Jack sprang zurück, aber er war schon über und über mit klebrigem Rot besudelt. In dieser Sekunde schossen zwei blasse Hände so schnell wie Klapperschlangen aus der Wand, ergriffen Pater Bells blutenden rechten Armstumpf und bewegten ihn in einer höhnischen Parodie der Bekreuzigung in sämtliche Richtungen. Domine sancte, pater omnipotens, aeterne Deus.

Blut spritzte durch das Zimmer. Für einen Augenblick hing das blutige Symbol, das Pater Bell mit seinem verstümmelten Ellenbogen gezeichnet hatte, in der Luft wie bei einem Gartenschlauch, der statt mit Wasser mit geronnenem Blut eine Acht in die Luft malte. Dann war alles rot – der Boden, die Wände, die Decke – und Pater Bell rollte ohne einen Laut durch das Zimmer, während seine beschädigten Arme steif vor seinem Körper herunterbaumelten. Das Geräusch klang hohl und trommelnd.

Als er die Tür erreichte, war er bereits tot.

Jack stand da und hielt sprachlos vor Schock seine eigenen blutigen Hände von sich gestreckt.

»Herrgott im Himmel, was habe ich nur getan?«, hörte er sich selbst sagen, doch der Stress hatte ihn fast taub gemacht.

Er kniete sich neben Pater Bells reglosen Körper. Der ehemalige Priester lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden. Seine Augen standen offen – sie starrten ins Nichts. Jack hatte nicht einmal die Nerven, ihm die Lider zu schließen. Allmächtiger Gott, er war noch warm!

Jack sah sich im Zimmer um. Blut lief die Wände hinunter und klatschte vernehmlich auf den Boden. Die Luft roch nach einem gerade eingetretenen Tod, wie in einem Schlachthaus.

»Ihr habt versprochen, mir meinen Sohn zurückzugeben!«, sagte er ohne große Hoffnung.

Es kam keine Antwort. Nur der Regen und das langsame, zähflüssige Tropfen von Pater Bells Blut waren zu hören. Jack stand auf und atmete ein paarmal tief durch. Zum ersten Mal, seit er der grau-weißen Gestalt in das Tal nach The Oaks gefolgt war, wurde ihm bewusst, dass man ihn zum Narren hielt. Quintus Miller hatte ihn hergelockt und er hatte ihn indirekt auch dazu getrieben, zu Olive Estergomy zu gehen, die ihn dann auf Pater Bells Spur ansetzte.

An diesem allerersten Tag, als ihm die grau-weiße Gestalt vors Auto gelaufen war, musste Quintus Miller irgendwie gespürt haben, dass er seines bisherigen Lebens überdrüssig war, und hatte ihn deshalb an diesen Ort gelockt. Den Rest erledigten dann Angst, Schmeichelei, Erpressung und Gewalt. Das war Quintus Millers Art. So überzeugend konnte nur ein wahrer Verrückter sein!

Jack schrie die kahlen Wände an: »Ich will meinen Sohn zurück. Hört ihr mich, ihr verdammten Irren? Ich will meinen Sohn zurück! Ich will ihn zurück! Ihr habt es versprochen! Gebt ihn mir wieder!«

Es folgte ein lang gezogenes Schweigen. Dann dehnte sich die Wand aus und die Hälfte eines Frauenkörpers mit langem, gelocktem Haar erschien im Profil. Ihre Augen waren geschlossen und blieben es auch.

Quintus wird sein Versprechen halten. Das tut er immer. Ihre Stimme klang wie eine kleine Glocke, die durch den Nebel eines Sonntagmorgens drang.

»Ich will meinen Sohn jetzt!«, erklärte Jack.

Quintus wird dir dein Kind zurückgeben, sobald er frei ist.

»Quintus ist schon frei. Ihr seid alle frei. Los, öffne deine Augen! Schau dir die Leiche hier an! Das ist ein Mann, ein unschuldiger Mann! Ihr habt einen unschuldigen Mann gefoltert und getötet!«

Die Stimme der Frau klang kalt, als sie erklärte: Pater Bell war niemals unschuldig. Du hättest sehen müssen, was er einigen der Patientinnen angetan hat. Besonders den jüngeren. Sie waren erst zwölf oder dreizehn Jahre alt und konnten sich noch nicht wehren. Es gibt keinen Grund, um Pater Bell zu trauern.

»Hör mir mal gut zu«, echauffierte sich Jack. »Mir ist scheißegal, was 1926 vorgefallen ist. Quintus Miller interessiert mich einen feuchten Kehricht und für dich gilt das Gleiche. Ich will meinen Sohn zurück, mehr nicht. Ich will ihn hier bei mir haben, und zwar sofort. So lautete die Abmachung. Verstanden? Das war die verdammte Abmachung!«

Die junge Frau drehte ihren Kopf in Jacks Richtung, aber sie hielt die Augen weiter geschlossen. Sie wäre wunderschön gewesen, hätte ihre Stirn nicht ganz so weit vorgestanden. Und etwas an ihrem Mund kam ihm seltsam vor. Ihr Unterkiefer hing schlaff herab.

Quintus wird dir dein Kind zurückgeben, sobald er frei ist.

»Ich hab’s dir doch schon gesagt, verdammte Axt! Er ist bereits frei!«

Die junge Frau lächelte humorlos. Er ist nicht mehr an dieses Gebäude gebunden, das stimmt. Doch er kann sich noch nicht von der Erde lösen.

»Das verstehe ich nicht.«

Es braucht ein besonderes Opfer, um seine irdischen Fesseln zu lösen.

»Ach ja? Willst du damit etwa andeuten, dass er zwar durch die Wände und den Untergrund aus The Oaks entkommen kann, hinterher aber trotzdem noch im Boden festhängt?«

Ein spezielles Opfer ist notwendig, erklärte die junge Frau ihm. Nur so kann die Schuld beglichen werden.

Jack versuchte, die Augen von Pater Bell abzuwenden. Er bemerkte, dass dessen Blut noch immer an seinen Schuhsohlen klebte. Leise sagte er: »Ich will, dass du Quintus Miller sofort eine Nachricht von mir überbringst, verstanden? Entweder lässt er meinen Sohn gehen, und zwar sofort, oder ich werde dafür sorgen, dass ihm mehr Leid widerfährt als jemals zuvor in seinem Leben. Und damit eins klar ist: Ich bin kein freigeistiger Psychiater wie Elmer Estergomy und auch kein gutherziger Padre wie Pater Bell. Ich empfinde überhaupt kein Mitleid für Quintus Miller oder für dich – nicht die Bohne. Ich werde ihm kräftig Feuer unterm Arsch machen.«

Jack hielt inne und atmete tief durch. Dann erkundigte er sich: »Was meinst du übrigens mit speziellem Opfer?«

Schulden müssen beglichen werden, Jack. Nichts ist umsonst.

»Wovon redest du? Was für ein Opfer?«, schrie er sie an.

Ein Blutopfer. Was denn sonst? 800 Leben, eins für jeden Monat unserer Gefangenschaft.

»Was faselst du da? Das ergibt keinen Sinn!«

800 Leben müssen geopfert werden, Jack. Für jedes Leben, das aus der Erde zurückkehrt, erlöschen im Gegenzug 800 andere.

Jack stand da und starrte sie an, die Hände in die Hüfte gestemmt. Er war vor Ungläubigkeit wie gelähmt. »800 Menschen müssen getötet werden? 800 Opfer für jeden Patienten, der aus der Erde herauskommen will?«

Das weiße Gesicht nickte. 800 Leben für jedes unserer Leben.

»Aber das sind – Tausende von Menschen! Ihr könnt nicht einfach Tausende Menschen töten!«

Die Götter werden uns zu keinem geringeren Preis freigeben.

Jack hielt sich die Hand vor den Mund. Er begann allmählich zu verstehen, warum Pater Bell so verzweifelt versucht hatte, Quintus Miller nicht aus seinem Gefängnis zu entlassen.

800 für jeden von uns, beschwor die junge Frau ihn. Das ist nicht zu viel verlangt.

»Also wird Quintus Miller meinen Sohn nicht ziehen lassen, ehe er 800 Menschen umgebracht hat und sich damit aus der Erde befreien kann?«

Quintus Miller ist 8000 gewöhnliche Sterbliche wert. Quintus Miller ist so viel wert wie alles Leben auf der Welt.

Jack hatte sich noch nie so machtlos gefühlt wie in diesem Moment. »Was muss ich tun?«, wollte er von der jungen Frau wissen. »Darauf warten, dass Tausende Unschuldiger sterben? Und was passiert dann?«

Du hast einen Deal abgeschlossen, Jack. Ein Deal ist ein Deal. Die Freiheit deines Sohnes für die Freiheit von Quintus Miller.

»Aber Tausende Menschen, Gott im Himmel …«

Das war die Vereinbarung, Jack. Du hast dich darauf eingelassen. Damit musst du jetzt leben.

Jack eilte die Stufen hinab und stürzte durch die Halle in die Nacht. Blitze zuckten am Horizont in Richtung Baraboo und Mirror Lake auf. Er verließ The Oaks durch das Gewächshaus und rannte über den Kiesweg bis zur Vorderseite des Hauses. Als er um die Ecke des Gebäudes bog, erschütterte ein Donnerschlag sein Trommelfell und der Regen schoss in solchen Sturzbächen aus den Wolken, dass er sich unter dem Dachvorsprung des Küchenfensters Schutz suchte.

Jack stand da und schnaufte, während die Tropfen auf ihn herunterprasselten. Er betete darum, dass es sich lediglich um einen schrecklichen Albtraum handelte. Du wirst gleich aufwachen, Jack, zu Hause in deinem Bett. Maggie hat sich an dich gekuschelt und die Sonne dringt durch die rosafarbenen Schlafzimmervorhänge hinein. Du kannst das blecherne Geräusch des Fernsehers hören, den Randy im Wohnzimmer ganz leise eingeschaltet hat, um sich eine dieser Zeichentrickserien im Morgenprogramm anzuschauen. Speedy-bee, Speedy-bo, die schnellste Maus von Mexiko-o-hoo!

Er wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht. Sein Kombi stand am Ende der Allee. Sobald der Regen ein wenig nachließ, würde er schnell hinüberlaufen. Jack wurde das Gefühl nicht los, dass es seit dem Tag seiner Geburt ununterbrochen geregnet hatte. Er konnte sich nicht mehr an Sonnenschein oder Schnee erinnern. Nur an seinen Vater, der sich zu ihm beugte und ihm die Hand wie eine Pranke aufs Knie legte, während der Regen draußen auf den See klatschte. Und sein Vater sagte: »Wenn du nichts zu sagen hast – dann sag nichts. Das ist mein Motto.«

Jack fand später heraus, dass jemand namens Charles Colton genau das Gleiche gesagt hatte, nur etwa zwei Jahrhunderte früher. In diesem Moment verblasste die Erinnerung an seinen alten Herrn wie ein zu lange belichtetes Foto.

Er streckte eine Hand in den Regen. Da kam eine knochige Hand aus der Dunkelheit und hielt ihn am Handgelenk fest. »Wuaah!«, schrie er erschrocken auf und prallte schmerzhaft gegen die Mauer des Hauses.

Eine Taschenlampe blendete ihn. Dann erschien ein Gesicht. Es gehörte zu einer erschrockenen alten Dame, die eine Mütze wie Sherlock Holmes und einen braunkarierten Umhang trug.

»Mr. Reed? Ich wollte Sie nicht erschrecken.«

Es war Olive Estergomy – Essie. Jack hob abwehrend die Hände und sagte zu ihr: »Schon in Ordnung. Schon gut. Sie haben mich überrascht, das ist alles.«

»Mr. Reed, Sie sind ja voller Blut.«

Er blickte an sich hinunter. Sein Mantel war übersät mit Flecken von Pater Bells Blut. Es war inzwischen getrocknet und hatte eine rostige Färbung angenommen, aber es war Blut, daran bestand kein Zweifel.

»Es stammt nicht von mir«, erklärte er, »sondern von Pater Bell. Er ist … nun, es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber er ist tot.«

»Tot« erschien nach den Qualen, die Pater Bell erlitten hatte, wie ein Euphemismus. Das Feuer, die Schmerzen, dann die Amputation seiner Arme.

Essie leuchtete mit der Taschenlampe das Haus an. »Tot?«, fragte sie.

»Es ist alles meine Schuld!«, klärte Jack sie auf. »Er hat mich gewarnt, dass es gefährlich sein würde, aber ich wollte es einfach nicht wahrhaben.«

Essie zielte mit dem Lichtkegel wieder auf ihn. Sie schien tief in Gedanken versunken. »Mr. Reed, ich konnte nicht schlafen. Also habe ich bei Ihnen im Motel angerufen, aber man sagte mir, Sie seien nicht da. Deshalb bin ich hergekommen, um hier nach dem Rechten zu sehen.«

Jack antwortete: »Bitte begleiten Sie mich zurück zum Auto. Es ist etwas vorgefallen, etwas Schlimmes.«

»Etwas Schlimmes? Was meinen Sie damit?«

Jack erklärte: »Ich habe Pater Bell oben in Green Bay gefunden. Er war kein Priester mehr, doch nach wie vor sprachen ihn alle als Pater an. Er bestätigte meine Theorie, dass die Patienten all diese Jahre in der Wand gefangen waren. Quintus Miller, Lester Franks, Gordon Holman und der ganze Rest. Sie sind durch eine Art Magie dort festgehalten worden. Es ist nicht ganz einfach zu beschreiben. Er sprach von Erdmagie. Etwas, woran die Druiden glaubten.«

Essie Estergomy starrte ihn unter ihrer tropfenden Hutkrempe an.

»Sie haben ihn getötet«, fügte Jack hinzu. Er versuchte, ihr die genaueren Umstände begreiflich zu machen. Berichtete, wie Randys Gesicht in der Wand erschienen war, dann das von Gordon Holman. Dass Pater Bell gepackt, gequält und schließlich verstümmelt worden war. Doch in der kühlen Gewitternacht mitten in Wisconsin, begleitet von Blitzen, die zuckten, und Regen, der auf die Bäume fiel, kamen ihm seine eigenen Worte hohl und unglaubwürdig vor.

Ängstlich erkundigte sich Essie: »Haben Sie die Polizei verständigt?«

Jack sah zur Seite. »Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee wäre«, antwortete er ausweichend.

»Mr. Reed! Ein Mann ist ermordet worden!«

»Ja«, bestätigte er. Doch wie konnte er ihr offenbaren, dass Tausende weiterer Menschen geopfert werden mussten – 800 unschuldige Leben für jeden einzelnen Patienten, der aus The Oaks geflohen war? Und wie konnte er ihr beichten, dass dieses ganze Massaker allein dazu diente, sie wieder in die wahre Welt zurückzuholen, die Welt aus Luft und Feuer? Gott allein wusste, was sie anstellten, wenn sie ihre Freiheit wiedererlangt hatten.

Also sagte Jack nur: »Ich weiß, dass ich – Na ja, ich weiß, dass ich mich nicht wie andere in meiner Situation verhalte. Aber lassen Sie uns bis morgen warten, ehe wir die Polizei verständigen. Ich muss nachdenken, verstehen Sie? Die Polizei könnte die Lage noch verkomplizieren. Ich muss in Ruhe überlegen, was zu tun ist.«

»Sie steckten wirklich in der Wand? In den Backsteinen?«, hakte Essie nach. Sie leuchtete mit der Taschenlampe auf die Seite des Gebäudes. Der Lichtkegel fiel auf eine der Skulpturen mit ihren geschlossenen Augen.

»Ich glaube, hier draußen sind wir besser aufgehoben«, erklärte Jack ihr. »Sie sind nicht nur gefährlich, sondern auch ausgesprochen wütend. Die lange Gefangenschaft hat sie rachsüchtig gemacht.«

Essie zögerte, aber nur eine Sekunde lang, dann nickte sie. »Mein Auto parkt direkt neben Ihrem.«

Jack hakte sich bei ihr unter und gemeinsam gingen sie mit flottem Schritt durch die Eichenallee. Ihre Schuhe knirschten im Kies.

»Sicher wird uns die Polizei helfen können«, zeigte sich Essie überzeugt. »Wenn die Patienten tatsächlich entkommen sind, werden sie zur Fahndung ausgeschrieben und wieder eingefangen. Ich habe immer noch die Aufnahmeliste meines Vaters mit sämtlichen Fotos.«

»Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass die Polizei uns Glauben schenken wird, oder? 137 Irre waren mehr als 60 Jahre lang in der Wand einer ehemaligen psychiatrischen Anstalt eingesperrt und nun sind sie entwischt? Ich höre sie jetzt schon lachen.«

»Aber wir können es ihnen doch sicher beweisen«, wandte Essie ein. »Wir finden bestimmt eine Möglichkeit, um sie zu überzeugen.«

»Was sollen wir ihnen denn zeigen?«, wollte Jack wissen. »Pater Bells Leiche? Und wie werden sie Ihrer Meinung nach darauf reagieren? Sie werden mich sofort hinter Schloss und Riegel sperren, und zwar ohne Chance auf Bewährung, während Quintus Miller und seine durchgedrehten Kumpane da draußen rumlaufen.«

Essie hielt inne und ergriff Jacks Hand. »Sie haben Pater Bell nicht umgebracht, oder? Ich meine … Sie sagen mir doch die Wahrheit?«

Jack sah sie an und versuchte sich an einem Lächeln. »Essie«, bat er, »Sie müssen mir einfach vertrauen.«

Sie hatten schon zwei Drittel des Weges zurückgelegt, als sie eine Gestalt am Gatter stehen sahen. Klein gewachsen und in einem grau-weißen Regenmantel mit Kapuze. Sie hielt die Arme ausgestreckt, als ob sie ihnen den Weg versperren wollte, rührte sich aber nicht vom Fleck und winkte auch nicht. Sie hatte kein Gesicht.

»Das ist ja ein Kind!«, bemerkte Essie ungläubig.

Jack hielt an – und brachte damit auch seine Begleiterin zum Stehen. »Nein, das denke ich nicht«, erwiderte er.

»Aber ja, das ist ein kleines Mädchen … Herrgott, was tut denn ein kleines Mädchen mitten in der Nacht hier draußen?«

»Ich habe sie schon mal gesehen«, erklärte Jack. »Ich habe es schon mal gesehen. Ich weiß nicht genau, worum es sich handelt, aber es muss eine Verbindung zu Quintus Miller geben.«

Essie ließ Jacks Hand los und ging weiter auf das Gatter zu. Die grau-weiße Erscheinung bewegte sich nicht, obwohl ihr Umhang wie eine vom Regen durchtränkte Zeitung im Wind flatterte.

»He, junge Dame!«, rief Essie. Sie beschleunigte ihre Schritte, bremste dann aber plötzlich wieder ab. Unsicher rief sie erneut: »Junge Dame?«

Essie hielt inne und starrte die Gestalt irritiert an. Jack war einige Schritte zurückgeblieben. Essie leuchtete ihr mit der Taschenlampe ins Gesicht. Obwohl die Füße des Mädchens in ihre Richtung zeigten und die Knöpfe auf der Vorderseite ihres Mantels erkennbar waren, fiel der Strahl der Maglite auf die Rückseite der Kapuze. Essie warf Jack einen unsicheren Blick zu. »Ihr Kopf ist falsch herum«, stellte sie fest. »Wie kann ihr Kopf …«

Jack warnte sie: »Seien Sie bloß vorsichtig. Ich bin mir nicht sicher, ob es überhaupt ein Kind ist.«

Essie trat einige Schritte näher. »Junge Dame?«, rief sie. »Geht es dir gut, meine Kleine?«

Sie bewegte sich weiter nach vorne, doch dann tauchten zwei nackte Arme aus dem Kiesboden direkt vor ihr auf und umklammerten ihre Knöchel. Sie schrie auf und stürzte zu Boden. Zwei weitere Arme griffen nach ihr. Die Taschenlampe fiel aus der Hand der alten Dame und erlosch.

»Halten Sie durch!«, brüllte Jack und rannte zu ihr herüber. Er trat gegen einen Arm, der sich eilig in die Erde zurückzog. Jack hielt sie an der Hüfte fest und versuchte, sie wieder aufzurichten, doch weitere Hände stießen aus dem Boden und schleiften ihn von Essie weg. Verzweifelt schlug und trat er um sich und schaffte es schließlich, sich zu befreien. Er rollte über das nasse Gras.

Essie schrie vor Schmerzen, als zunächst ein Bein und gleich darauf das zweite unter die Erde gezogen wurden. »Helfen Sie mir! Meine Beine! Oh Gott, so helfen Sie mir doch!«

Zaghaft kam Jack wieder auf die Beine. Doch im gleichen Augenblick konnte er beobachten, wie sich unter dem Kiesweg Furchen bildeten, die sich rasant auf sie zubewegten. Arme tauchten aus dem Boden auf, mindestens fünf oder sechs von ihnen, und stürzten sich begierig und begleitet von einem schleifenden, mahlenden und knirschenden Geräusch auf den sich windenden Körper von Essie.

Indem er den Gliedmaßen auswich, die von allen Seiten versuchten, nach ihm zu greifen, packte er Essie unter den Achseln und hievte sie hoch. Der Widerstand war so gering, dass Jack rückwärts stolperte und sie auf ihn fiel. Sie kreischte laut und fuchtelte panisch mit den Armen, doch sie trat nicht länger um sich. Ihre Beine waren am oberen Ansatz der Schenkel abgetrennt worden. Aus ihren Oberschenkelarterien spritzten dunkle Blutfontänen auf den Boden und auch auf Jack.

Plötzlich rissen noch kräftigere Hände die alte Dame von ihm weg und schleiften sie über den Weg. Jack versuchte, sich aufzurappeln, doch sofort schoss ein weiterer Arm aus dem Boden und umklammerte seinen Hals. Halb würgte die Hand ihn, halb zog sie ihn in den Untergrund.

Er nahm wahr, wie weitere Hände ihn am Bein und an der Kleidung packten.

Sie haben mich! Diesmal haben sie mich! Sie werden mich zermalmen, genau wie Lovelittles Hund, um mich danach wieder auszuspucken.

Jack hörte, wie Essie einen letzten spitzen Schrei ausstieß. Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie sie in den Untergrund gezogen wurde und verschwand. Voller Panik trat er nach den Händen, die versuchten, ihn am Knöchel zu packen. Gleichzeitig griff er nach dem Arm, der sich um seinen Hals gelegt hatte, und zog ihn mit aller Kraft nach unten. Dann biss er zu, so fest er konnte.

Der Arm zuckte und peitschte zurück. Keuchend purzelte Jack aufs Gras, kam stolpernd auf die Füße und rannte wie ein zum Tode Verurteilter auf das Gatter zu. Er hörte, wie der Kies direkt hinter ihm mit einem vernehmlichen Ssssschhhhhh! die Versuche von Quintus Millers Getreuen begleitete, ihn zu erwischen. Ihre Arme ragten wie die Flossen eines Hais aus dem Boden heraus.

Jack quetschte sich durch die Lücke am Rande des Tors. Die Zweige zerkratzten ihm das Gesicht. Er rannte auf sein Auto zu, riss die Tür auf und startete den Motor. Eine Hand schob sich direkt neben dem Fahrersitz aus dem Boden und packte ihn am Fuß. Er rammte ihr das Blech entgegen und spürte, wie sie sich krümmte und ihren Griff lockerte. Fluchend und vor Ekel zitternd, öffnete er die Tür erneut und kickte die Hand nach draußen. Dann trat er das Gaspedal durch. Die Hinterräder des Kombis drehten durch und schlingerten. Dann schoss der Electra nach vorne.

Seine Scheinwerfer tanzten durch den Regen. Vor ihm tauchten Bäume, Böschungen und regennasse Kurven auf. Immer wieder warf er einen Blick in den Rückspiegel, um sicherzugehen, dass ihm niemand folgte. Etwa eine halbe Meile weiter rutschte er in eine tiefe Pfütze hinein. Der Wagen geriet ins Schlingern und wäre beinahe von der Straße abgekommen. Er fuhr an den Randstreifen, stoppte den Wagen und klammerte sich mit ganzer Kraft ans Lenkrad. Wenn doch nur endlich dieses Zittern aufhören würde!

Beruhige dich und versuche, in aller Ruhe nachzudenken. Wenn du in Panik gerätst, wird es niemanden mehr geben, der sich Quintus Miller entgegenstellen kann. Und niemand wird Randy vor seinem grausamen Schicksal bewahren.

Jack schaltete das Radio ein. Sein erster Kontakt mit der heilen Welt an diesem Tag, wenn man es denn so nennen konnte. Eine Frau krähte: »… und all das verdanke ich allein Gott dem Allmächtigen! Gestern noch wäre ich fast an Magenkrebs krepiert und heute schlage ich mir den Bauch schon wieder mit Fleischwurst voll!« Er drehte am Regler, bis er eine Station mit Countrymusik entdeckte. »He got fishing lines strung across the Louisiana River …«

Zehn Minuten später zitterte er zwar immer noch, hatte sich aber halbwegs beruhigt. Jack ließ den Motor wieder an und setzte die Fahrt fort. Er wollte jetzt nur noch nach Hause in sein Bett, um auszuschlafen und danach einen Schlachtplan zu schmieden. Vor lauter Schock konnte er momentan kaum noch einen klaren Gedanken fassen.

»It takes him every bit of a night and a day … to even reach a place where people stay …«

Jack hatte die Kreuzung bei Lodi schon fast erreicht, als eine kleine, grau-weiße Gestalt genau in der Mitte der engen Straße vor ihm auftauchte.

Oh Gott, stieß er ein Stoßgebet aus. Bitte lass es kein Kind sein! Bitte nicht! Er näherte sich der Gestalt mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit. Sie machte keinerlei Anstalten, auszuweichen oder von der Fahrbahn zu verschwinden. Kurz bevor er sie erwischte, dachte er: Vielleicht ist sie taub und hat auch das Licht der Scheinwerfer nicht gesehen? Instinktiv trat er in die Eisen. Die Räder blockierten, die Reifen quietschten und er prallte frontal mit der Gestalt zusammen. Es tat einen ordentlichen Schlag. Die Windschutzscheibe war mit Blut bedeckt. Das Auto kam nach kurzem Schlingern zum Stehen und der Motor wurde abgewürgt.

Auf wackligen Beinen stieg er aus. Auf der Kühlerhaube des Autos lagen tropfende, sehnige, blutige Klumpen und Innereien sowie weitere gelblich glänzende, zermatschte Überreste eines menschlichen Körpers. Sie dampften im schwachen Licht, das von den Scheinwerfern reflektiert wurde. Jack hatte in den letzten zwei Tagen zwar mehr Tote gesehen als je zuvor in seinem Leben, aber das war nun einfach zu viel für ihn. Er hatte fahrlässig ein Kind umgebracht. Er fiel am Straßenrand auf die Knie und beförderte seinen halb verdauten Hummer wieder nach draußen.

Nach ein oder zwei Minuten wischte er sich den Mund und die Augen ab und stand auf. Er musste die Leiche von der Windschutzscheibe herunterbekommen. Im Kofferraum lag ein Pappkarton. Vielleicht konnte er den zu einer primitiven Schaufel umfunktionieren.

Es war also doch ein Kind gewesen und er hatte es überfahren. Es war ein lebendiges Kind gewesen, genau wie Randy.

Jack hob die Heckklappe des Autos an. Im selben Moment konnte er durch das Seitenfenster auf der anderen Seite der Straße einen Schemen erkennen. Etwas Verschwommenes, etwas Grau-Weißes. Stirnrunzelnd ging er um den Kombi herum, um es sich genauer anzusehen.

Die kleine Gestalt stand nicht weit entfernt, schweigend und unverletzt. Er stand da, starrte sie an und wusste instinktiv, dass sie zurückstarrte, obwohl sie kein Gesicht besaß.

Erst als er einen Klumpen rohes Fleisch aus dem Spalt unter seiner Windschutzscheibe geschabt hatte und ein Gewirr aus bernsteinfarbenen Perlen neben den Scheibenwischern entdeckte, wurde ihm klar, wessen entstellte Überreste da quer über sein Auto verteilt lagen.

Es handelte sich um die von Essie, von Olive Estergomy.

Das wiederum bedeutete, dass Quintus Miller und der Rest der Patienten ihn die ganze Zeit unterirdisch verfolgt haben mussten, während er die Straße entlangfuhr und dem Radio lauschte. Und das hieß vermutlich, dass sie in der Lage waren, ihm überallhin zu folgen.

A C H T

In der grauen Morgendämmerung erreichte er Karens Haus und parkte den Wagen. Jack stieg aus und streckte sich. Er fühlte sich, als hätte man ihn windelweich geprügelt und sein ganzer Körper sei mit blauen Flecken übersät.

Jack beugte sich über die Motorhaube und untersuchte sie sorgfältig, um sicherzugehen, dass er keine verräterischen Blutspuren übersehen hatte. Es war ihm gelungen, den Großteil von Essies sterblichen Überresten in die Böschung zu schaffen, wo ihr hoffentlich Würmer und wilde Tiere den Rest gaben. Der Regen hatte anschließend seinen Teil dazu beigetragen, die letzten Rückstände vom Auto abzuwaschen.

Er befürchtete, dass die Polizei bereits nach ihm suchte. Pater Bell war bestimmt schon von seinem Altenheim in Green Bay als vermisst gemeldet worden und auch nach Olive Estergomy würde man in ihrem Haus in Sun Prairie bald vergeblich Ausschau halten. In beiden Fällen war er derjenige gewesen, den man zuletzt in ihrer Begleitung gesehen hatte.

Jack musste viermal klingeln, bis Karen endlich die Tür öffnete. Sie trug ein schwarzes Babydoll-Nachthemd und ihre Haare waren in Lockenwickler eingedreht. In ihrem Wohnzimmer war es düster und die Luft roch abgestanden. Auf dem neumodischen Couchtisch in Form einer Malerpalette standen neben der Porzellanfigur eines weinenden Kindes eine fast leere Flasche Smirnoff-Wodka und ein mit Lippenstift verschmiertes Glas.

Karen schlang ihm die Arme um den Hals und küsste ihn. Ihr Atem stank nach Alkohol. »Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht«, begrüßte sie ihn.

Jack pellte sich aus seinem Mantel und setzte sich auf das weiße Kunststoffsofa. »Ich weiß nicht mehr weiter, Teufel noch mal«, verriet er ihr. »Überall Leichen, es ist entsetzlich.«

»Ich koche uns erst mal einen Kaffee«, schlug sie vor. »Dann kannst du mich auf den neuesten Stand bringen. Wozu sind Freunde schließlich da?«

Jack erzählte ihr die ganze Geschichte und bemühte sich, nicht hysterisch, sondern gefasst und vernünftig zu klingen und keine wichtigen Details auszulassen. Karen saß neben ihm und hatte ihre Hand auf seine gelegt. Der knallrote Nagellack war teilweise abgebröckelt. Gelegentlich machte sie »Hm-mm, hm-mm« oder »Hm-mm?«, doch sie unterbrach ihn nicht und stellte keine Fragen. Jack war unsicher, ob sie ihm wirklich glaubte.

»Tja, jetzt solltest du besser nicht mehr die Polizei einschalten«, riet sie ihm, als er geendet hatte. »Das wäre – na ja – fast schon Selbstmord. Als würdest du dir selbst die Kehle durchschneiden.«

»Ich weiß aber nicht, was ich sonst machen soll.«

»Jack, Schatz, konzentrier dich drauf, Randy zurückzubekommen.«

»Aber Karen, sie werden Tausende Menschen töten, Tausende im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn sie nicht längst damit angefangen haben.«

»Jack, es ist nicht deine Schuld. Du hast getan, was du konntest.«

Doch er schüttelte den Kopf. »Es ist meine Schuld, verdammt noch mal, ja? Es ist meine Schuld, dass Joseph Lovelittle sterben musste, und ebenfalls meine Schuld, dass Pater Bell sein Leben ließ, und auch, dass es Olive Estergomy erwischt hat. Karen, es ist ganz und gar meine Schuld! Sie hätten ja niemals auch nur einen Fuß auf das Gelände gesetzt, wenn ich nicht in ihrem Leben aufgetaucht wäre.«

»Aber warum bist du dorthin gegangen? Weil Quintus Miller es so wollte. Denn wer immer dieses kleine, blasse Mädchen ist, er muss die Kontrolle über sie besitzen. Es kommt mir fast so vor, als könnte er ihre Gedanken steuern

»Das macht mich aber nicht weniger verantwortlich für das, was geschehen ist.«

»Na ja, vielleicht doch, vielleicht nicht. Aber eins sag ich dir: Um Cecil unter Kontrolle zu bekommen, musste ich erst herausfinden, wie viel stärker er war als ich. Und als ich das wusste, wurde mir bewusst, dass ich einfach klüger sein musste als er. Ich ließ einen Angestellten seiner Spedition immer dann bei mir anrufen, wenn Cecil sich mit den Jungs einen hinter die Binde kippte. In diesen Nächten hielt ich mich dann von zu Hause fern und kam selbst erst sehr spät zurück. Irgendwann wurde es ihm zu dumm, weil er niemanden mehr hatte, den er als menschlichen Sandsack missbrauchen konnte. Du kannst Quintus Miller besiegen, wenn du ihm einen Schritt voraus bist. Mensch, Jack, er ist geistesgestört. Du wirst doch wohl einen Irren übertrumpfen können?«

Jack nippte an seinem Kaffee. »Nein, ich glaube nicht.«

Karen kuschelte sich an ihn heran und meinte: »Du musst mehr über ihn herausfinden, weißt du? Wer er war, warum sie ihn eingebuchtet haben und so weiter. Finde heraus, was für eine Art Spinner er genau war, ob er vielleicht vor irgendetwas Angst hatte. Vor Spinnen oder davor, das Haus zu verlassen.«

Jack küsste sie. »Hey! Du bist gar nicht so blöd, wie du aussiehst!«, lobte er.

»Du hast mir noch nie gesagt, dass ich blöd aussehe.«

»Sorry, so hab ich das nicht gemeint. War doch nur eine Redewendung, mehr nicht.«

»So, so. Wie dem auch sei, du solltest auch mehr über diesen Hokuspokus mit der Erdmagie herausfinden«, schlug Karen vor. »Vielleicht muss dieser Quintus Miller ja nicht Hunderte von Menschen umbringen. Vielleicht ist das ja einfach eine Art Legende, wäre das nicht möglich?«

»Klar!«, pflichtete Jack bei. »Pater Bell hat mir erzählt, dass Adolf Krüger sich auch mit Erdmagie beschäftigte. Und dass Quintus Miller seine Informationen vielleicht aus Adolf Krügers Bibliothek bezogen hat.«

»Na also!«, triumphierte Karen. »Also musst du einfach nur in Adolf Krügers Bibliothek die passenden Bücher finden.«

»Bei dir klingt das alles so einfach.« Jack lächelte.

»Jack, Schätzchen, nichts ist einfach, das weißt du. Das Leben ist schließlich kein Ponyhof.«

Jack schloss die Augen. Karen strich ihm mit der Fingerspitze über die Stirn. »Mike hat sich gefragt, was aus dir geworden ist«, erzählte sie. »Ich habe ihm gesagt, dass er sich keine Sorgen machen soll, dass alles in Ordnung ist. Oh, und Maggie hat auch in der Firma angerufen. Sie plapperte die ganze Zeit irgendwas von wegen Frauenwochenende.«

Ohne die Augen zu öffnen, sagte Jack: »Ich habe Menschen sterben sehen. Zum ersten Mal in meinem Leben.«

»Du brauchst erst mal eine Mütze Schlaf«, entschied Karen.

Jack schlief drei Stunden auf der Couch. Als er aufwachte, dröhnte sein Kopf und er hatte einen fauligen Geschmack im Mund. Auf dem Wohnzimmertisch hatte Karen eine Nachricht hinterlassen: Bin auf Arbeit. Bis später!

Er öffnete die dünnen, lichtdurchlässigen Vorhänge. Es sah aus, als hätte es wenigstens aufgehört zu regnen, obwohl die Straßen immer noch nass waren. Er ging in die kleine Küche, öffnete den Kühlschrank und nahm sich ein Bier. Heineken. Karen hielt es für angesagt, Importprodukte zu kaufen. Jack öffnete die Dose, ging ins Badezimmer und drehte den Wasserhahn der Dusche auf. An die Kabine gelehnt, zog er seine Unterhose und Socken aus. Er roch nach Schweiß und nach etwas anderem: nach dem kalten, essigdurchtränkten Muff von The Oaks.

Nachdem seine Lebensgeister zurückgekehrt waren, rief er Karen im Büro an und bat sie darum, im Bierkeller gegenüber auf ihn zu warten. »Aber sag niemandem, dass du dich mit mir triffst. Sicher ist sicher, falls die Bullen schon nach mir suchen.«

»Im Kleiderschrank sind noch ein paar alte Hemden, Shorts und Jeans von Cecil, glaube ich. Schau mal ganz im unteren Fach nach«, forderte ihn Karen auf.

Jack fand ein riesiges, rot-weiß-kariertes Holzfällerhemd aus Schurwolle. Er musste die Ärmel hochkrempeln. Die Shorts waren so groß wie die aufgeblähten Segel eines Schiffes mitten auf dem Meer und die Jeans mit ihrer 56er-Bundweite groß genug für ihn und Karen zusammen, wenn jeder in eines der Hosenbeine stieg.

Er borgte sich den am wenigsten mit Rüschen besetzten Slip von Karen, den er finden konnte – ein weißes Satinhöschen mit einer Schleife vorn – und versuchte, möglichst viel Blut und Schmutz von seiner eigenen Hose zu entfernen. Dann glättete er sie mit Karens Reisebügeleisen, das er in der Küche fand. Während er bügelte, sah er fern. In den Nachrichten wurde über ein Feuer auf der Fähre von Milwaukee nach Ludington berichtet. Dann kam eine Meldung über ein paar Pfadfinderinnen, die auf mysteriöse Weise von einem Campingplatz am Mirror Lake verschwunden waren.

»Die Polizei fand die Zelte und die gesamte Campingausrüstung inklusive der Kleidung und persönlichen Besitztümer der Mädchen … doch auch am heutigen Morgen gibt es nach wie vor keine Spur von den 23 Mädchen und ihren vier Betreuerinnen … keine Anzeichen für einen Angriff oder etwas, das sie erschreckt oder zur Flucht bewogen hat … tatsächlich gab die Kriminalpolizei vor Kurzem bekannt, dass sie zwar Fußspuren der Mädchen fand, die in das Camp führen, aber keine in entgegengesetzter Richtung aus dem Camp heraus. Das macht den Fall noch mysteriöser und ist zudem äußerst merkwürdig, weil die letzten Regenschauer den gesamten Boden um den Zeltplatz herum aufgeweicht haben.«

Jack ließ das Bügeleisen sinken. Er fühlte sich, als hätte ihm jemand ins Gesicht geschlagen. Es hat schon angefangen, dachte er. Sie haben die Mädchen erwischt und in den Untergrund gezerrt, genau wie Essie Estergomy. Sie haben begonnen und meinen es todernst: 800 Opfer für jeden von ihnen. Und dann …

Jack zog die grob gereinigte Hose an, schaltete Bügeleisen und Fernseher aus, warf sich den Mantel über die Schultern und verließ das Haus. Es war noch kühl draußen, aber der Himmel klarte langsam auf. Jack stieg in seinen Wagen und fuhr mit quietschenden Reifen zurück in Richtung West Good Hope Road.

Er raste die mit Pfützen bedeckten Straßen entlang, bis er bei Reed Muffler & Tire ankam. Sein Kombi schepperte über die betonierte Auffahrt. Mike Karpasian stand neben der Werkstatt und sprach mit einem Kunden, doch als er Jack aus dem Auto steigen sah, entschuldigte er sich kurz und eilte zu ihm.

»Jack? Ist alles in Ordnung?«

»Nicht direkt. Ich habe einige dringende Familienangelegenheiten zu klären, aber sonst ist alles okay.«

»Du siehst ziemlich scheiße aus. Kann ich irgendetwas für dich tun?«

Jack klopfte ihm auf die Schulter. »Mach einfach die Kunden glücklich.«

»Klar, kein Problem. Aber ich brauche ein paar Unterschriften. Goodrich wird keine weiteren Reifen liefern, bis wir die letzte Rechnung bezahlt haben. Allwetterreifen sind gar keine mehr da.«

»Such einfach die Schecks raus, okay? Ich zeichne sie dir schnell ab.«

Jack durchquerte die Werkstatt, aus der laute Arbeitsgeräusche drangen, mit Mike Karpasian im Schlepptau. Als er das Büro betrat, sah Karen überrascht auf. Sie trug einen roten Sweater, den einer von Jacks Kunden »lebende Götterspeise« getauft hatte, dazu einen engen schwarzen Lederrock mit Korsettschnüren an der Seite.

»Was ist los?«, erkundigte sie sich und ließ die Finger über der Tastatur schweben.

»Wir müssen sofort los. Kannst du die Agentur anrufen und einen Zeitarbeiter bestellen? Und Mike will die Schecks unterschrieben haben.«

»Okay, kein Problem«, antwortete Karen. Sie reichte ihm einen Plastikschnellhefter, auf dem »Bitte abzeichnen!« stand, und wählte die Nummer von Milwaukee Office SOS, der Zeitarbeitsfirma, mit der sie meistens zusammenarbeiteten.

»Was ist passiert?«, erkundigte sie sich leise, während sie darauf wartete, dass jemand abnahm. »Ich dachte, wir wollten uns im Bierkeller treffen? Maggie hat heute Morgen dreimal angerufen und wollte wissen, wo du steckst. Sie meint, dass sie die Bullen ruft, wenn du Randy nicht bis zum Mittagessen nach Hause bringst.«

»Sie haben die ersten Menschen getötet«, erklärte Jack und warf einen vorsichtigen Blick auf Mike Karpasian, um sicherzugehen, dass er nicht zuhörte.

»Was? Was meinst du damit?«

»Eine ganze Gruppe Pfadfinderinnen ist heute Morgen am Mirror Lake verschwunden.«

»Bist du dir da sicher?«

»Es kam in den Nachrichten, als ich meine Hose gebügelt habe.«

»Vielleicht haben sie sich verirrt?«, schlug Karen vor.

Nachdem Jack alle Schecks unterschrieben hatte, hob er die Hand, um anzudeuten, dass er genau wusste, was Sache war. »Glaub mir, es ist Quintus Miller. Wir müssen zu dieser Bibliothek und herausfinden, wie zur Hölle wir ihn aufhalten können.«

Mike Karpasian drehte sich plötzlich um und sagte:

»Hey, Jack. Da ist Maggie!«

»Ach herrje«, entfuhr es Jack. Doch da war sie schon in ihrem breitschultrigen, braunen Anzug, der ihn immer an den Denver-Clan erinnerte, und stürmte durch die Werkstatt direkt auf ihn zu. Alle Mechaniker und Monteure drehten sich nach ihr um. Hey, das ist ja Jacks Alte … sieht so aus, als würde sie ihm gleich die Hölle heißmachen.

Maggie riss die Tür zum Büro so heftig auf, dass das Glas zitterte. »Wo ist Randy?«, wollte sie wissen.

Jack versuchte, sie zu ignorieren. »Hast du die Zeitarbeitsfirma schon erreicht?«, fragte er Karen.

»Wo ist Randy?«, wiederholte Maggie.

Ohne sie anzusehen, antwortete Jack: »Ihm geht’s gut, er ist bei einem Freund in Wauwatosa.«

»Was hat er denn in Wauwatosa zu suchen? Er muss doch in die Schule! Ich habe dort angerufen und sie haben ihn weder gestern noch heute dort gesehen.«

»Maggie, hör mal, er ist ganz leicht erkältet. Nichts Schlimmes, er schnieft nur ein bisschen. Ich konnte ihn schlecht allein zu Hause lassen und zur Arbeit mitnehmen konnte ich ihn auch nicht, also ist er bei einem Freund in Wauwatosa. In Ordnung? Man kümmert sich dort gut um ihn. Er kann mit anderen Kindern in seinem Alter spielen. Du musst dir also gar keine Sorgen machen.«

»Wo warst du gestern Nacht? Ich habe die ganze Zeit immer wieder bei dir angerufen.«

»Vielleicht hat das Telefon nicht funktioniert, keine Ahnung.«

»Ich will ihn sehen!«, beharrte Maggie.

»Na klar willst du das. Geht aber nicht. Du würdest Randy wahrscheinlich verärgern und meine Freunde ganz sicher auch. Und abgesehen davon: Woher soll ich wissen, dass du ihn mir nicht wegnehmen willst?«

»Weil ich dir mein Wort drauf gebe.«

Jack drehte sich zu ihr um und sagte: »Liebstes Weib, du hast mir früher auch schon dein Wort gegeben, dass du mich liebst, ehrst und zu mir stehst, in guten wie in schlechten Zeiten.«

»Und was ist mit Samstag?«, wollte Maggie wissen.

»Was soll sein?«, erkundigte sich Jack.

»Da ist die Gala, zu der ich Randy mitnehmen wollte.«

»Ich werde es mir überlegen. Wer wird eigentlich ausgezeichnet? Lesben?«

»Gott, du bist ein Arschloch, Jack. Das bist du schon immer gewesen. Es geht darum, das Selbstvertrauen von Frauen zu stärken. Zu lernen, dass wir uns nicht immer hirnlosen Chauvischweinen wie dir unterwerfen müssen.«

»Ich kann mich nicht daran erinnern, dass du mich bei Randys Geburt hirnloses Chauvischwein genannt hättest. In der Nacht, in der er gezeugt wurde, übrigens auch nicht.«

Karen hielt die Hand vor den Mund, um sich das Lachen zu verkneifen, und Maggie warf ihr einen vernichtenden Blick zu.

»Kann ich heute Abend vorbeikommen, um ihn zu sehen?«, erkundigte sich Maggie.

»Wenn du willst«, antwortete Jack.

»Passt dir 20:00 Uhr?«

Jack nickte.

»20:00 Uhr, hast du mich verstanden?«, wiederholte Maggie.

»Sicher, sicher, um acht«, versicherte Jack ihr. Er wandte sich ab, weil er ganz genau wusste, was Maggie als Nächstes tun würde, nämlich die Tür zuschlagen und in voller Montur wutentbrannt durch die Werkstatt poltern.

»Ach du Scheiße!«, bemerkte Karen. »Mensch, es tut mir leid. Ich wollte nicht lachen.«

»Hast du eine Sekretärin bei der Zeitarbeitsfirma auftreiben können?«, wollte Jack wissen.

Sein Herz schlug schneller als gewöhnlich und sein Mund fühlte sich ein wenig trocken an, dabei war es gar nicht Maggie, die ihn so sehr auf die Palme gebracht hatte. Randy zu retten und Quintus Miller aufzuhalten, war ihm momentan viel wichtiger, als sich mit seiner Noch-Ehefrau zu streiten. Und doch schoss ihm durch den Kopf: Warum kann Maggie nicht einfach …

»Er wird in einer Stunde hier sein«, antwortete Karen ihm, während sie ihre Textverarbeitung beendete und nach der Handtasche griff.

»Er wird in einer Stunde da sein?«

»Na ja, Sekretäre gibt es doch auch«, belehrte ihn Karen. »Du bist viel zu altmodisch, das ist dein Problem.«

»Willst du etwa, dass ich mich alt fühle?«

Jack öffnete die Tür zum Büro und folgte Karen nach draußen. Wenn es nach den anzüglichen Blicken seiner Mechaniker ging, glaubten sie wohl, er würde Karen für einen Quickie zur Mittagspause entführen. Aber momentan war es ihm reichlich egal, was die Leute über ihn dachten. Im Untergrund trieben sich 137 entflohene Irre herum und niemand außer ihm und Karen wusste davon. Alle anderen, die dem Geheimnis auf die Spur gekommen waren, lebten nicht mehr.

Sie fuhren wieder zurück in Richtung Madison. Vereinzelte Sonnenstrahlen drangen durch die dichte Wolkendecke. Karen stellte fest: »Mein Gott, ich wünschte, du hättest dieses Haus niemals zu Gesicht bekommen. Es ist verflucht.«

»Sowohl ich als auch das Haus«, antwortete ihr Jack.

Es war das erste Mal, dass er The Oaks im Sonnenschein sah, doch irgendwie wirkte das Gebäude so noch verwahrloster und weniger einladend. Seine Türme flirrten im Nebel des nachmittäglichen Hitzeschleiers und Hunderte von Tauben saßen auf dem Dach und wimmelten wie Läuse auf den Zinnen und Dachrinnen.

Jack konnte nicht mehr nachvollziehen, warum ihn das Haus bei seinem ersten Besuch regelrecht in Ekstase versetzt hatte. Mit seinem jetzigen Kenntnisstand schien ihm selbst das Staatsgefängnis ein geeigneterer Kandidat für den Umbau in ein Ferienressort zu sein als dieses Anwesen.

Vielleicht waren es die immer noch lebenden Insassen gewesen, die ihn angezogen hatten, die verführerische Verrücktheit von Quintus Miller. Jetzt, wo das wegfiel, war The Oaks nichts weiter als eine leere Hülle.

Jack hatte ein Stemmeisen aus dem Kofferraum für den Fall mitgenommen, dass man sie angriff. Doch er bezweifelte, dass es ihnen im Ernstfall weiterhelfen würde. Er hatte sogar mit dem Gedanken gespielt, sich eine Knarre zu besorgen, dann aber doch darauf verzichtet. Das eiserne Werkzeug in seiner Hand reichte ihm im Moment völlig und verlieh ihm ein deutlich größeres Selbstvertrauen.

Karen erkundigte sich: »Glaubst du, dass einige von ihnen im Haus zurückgeblieben sind?«

»Nein, das denke ich eher nicht«, antwortete Jack. »Zumindest hoffe ich es. Du musst ja bedenken, dass sie mehr als 60 Jahre lang eingesperrt waren. Die wollten alle raus, und zwar so weit weg wie möglich. Außerdem sind sie ja auf der Suche nach neuen Menschenopfern. Die dürften sie hier kaum finden.«

»Von uns mal abgesehen«, merkte Karen an.

Die Tür zum Gewächshaus stand halb offen. Jack zögerte, doch dann stieß er sie vollständig auf und trat ein.

»Gott, ich hasse diesen Ort«, meinte Karen.

Sie betraten die Halle durch die Lounge. Die blinden Statuen am Fuß der Treppe hießen sie willkommen. Die Sonne, die durch die oberen Fenster hereinschien, leuchtete auf sie herab. Karens Stöckelschuhe klackerten auf dem Marmorboden.

»Riechst du was?«, wollte Jack wissen.

Karen schnüffelte. »Ich habe entzündete Nebenhöhlen – ich rieche nichts.«

»Irgendwie verbrannt«, erklärte Jack. »Wie brennendes Papier.«

Sie stiegen die Westtreppe hinauf und liefen dann den Gang zum Turm hinüber. Karen hielt sich dicht bei Jack. Sie war eindeutig nervös. »Jetzt kann ich es auch riechen«, bemerkte sie. »Wie eine brennende Zeitung, findest du nicht?«

Jack schwieg. Er musste an Maggie denken. Er hatte sie nicht so anschreien wollen. Sie konnte nichts dafür, dass sie nicht miteinander klarkamen. Und natürlich machte sie sich Sorgen um Randy, schließlich war sie seine Mutter. Der einzige Grund, weshalb er so gebrüllt hatte, war sein Schuldgefühl, weil er Randy verloren hatte. Er hasste es, lügen zu müssen. Aber was hätte er ihr schon sagen können? Tut mir leid, unser Sohn wurde von einem mörderischen Irren gekidnappt und in den Untergrund gezogen. Mach dir keine Sorgen, ich werde ihn rechtzeitig für deine Emanzen-Gala am Samstag zurückholen?

Sie erreichten den Zugang zum Westturm, eine schwer verriegelte Doppeltür, genau wie bei seinem Konterpart im Osten.

»Oh Mann, hier riecht es aber ganz besonders stark verbrannt«, stellte Karen fest und musste prompt zweimal niesen.

Gesundheit, dachte Jack.

»Wie sollen wir da reinkommen?«, fragte Karen. »Wir besitzen ja keinen Schlüssel. Nur der dicke, fette Immobilientyp hat einen.«

Jack rammte das spitze Ende seines Stemmeisens hinter dem Schließband in die Tür. Dann hebelte er sie auf. Das Eichenholz knarzte und die Schrauben lockerten sich. Er setzte das improvisierte Werkzeug noch einmal an. Nach fünf anstrengenden und verschwitzten Minuten sprang die Halterung plötzlich aus dem Holz und die Tür stand offen.

Doch bereits bevor sie eintraten, bemerkten sie, weshalb es so verbrannt roch. Sie befanden sich in einer riesigen Bibliothek. Genau wie Elmer Estergomys Klinik erstreckte sie sich über zwei Ebenen. An jeder Wand waren bis unter die Decke vollgestopfte Regale mit Büchern zu finden, Tausende und Abertausende von Bänden auf engstem Raum. Doch mindestens hundert von ihnen lagen in der Mitte des Raums auf einem Teppich und waren angezündet worden. Beißender, blauer Rauch machte ihnen das Atmen schwer. Jack kniete sich neben die brennenden Bücher und fuhr mit der Hand durch ihre schwärzlichen Überreste. Ein Wunder, dass nicht das ganze Gebäude abgefackelt war. Der Rauch hatte die Fenster braun gefärbt und der Bibliothekssessel aus Pferdehaar schwelte nach wie vor. Im Teppich prangten riesige Löcher.

Jack stocherte mit dem Stemmeisen in der Asche herum und zog ein halb verbranntes Buch heraus.

»Wirf mal einen Blick auf den Titel!«, sagte er zu Karen. »Awen, der Göttliche Name.«

Er griff nach einem weiteren Lederband aus dem Scheiterhaufen und blätterte eine Reihe verkohlter Seiten durch. »Ursprung und Geschichte der Druiden. Oder das hier: Die Kuldeer im christlichen Britannien. Und hier haben wir Die Druiden im Gallischen Krieg.«

Karen streifte die Bücher nur mit einem kurzen Blick und konzentrierte sich dann darauf, mit der Hand den Rauch wegzufächeln und Kaugummi zu kauen. »Mensch, stinkt das hier. Ekelhaft!«

»Druiden«, sagte Jack und hob weitere zerfallende, schwarze Seiten vom Boden auf. »All diese Werke haben etwas mit Druiden zu tun. Und sie sind absichtlich verbrannt worden, damit wir kein unbequemes Wissen zu diesem Thema sammeln können.«

»Was ist ein Druide?«, wollte Karen wissen.

Jack richtete sich auf. »Nun … Druiden waren so was Ähnliches wie Priester. Im alten Britannien. Das ist alles, was ich in der Schule darüber gelernt habe.«

Karen sah ihn lange schweigend an und meinte dann: »Und was hast du jetzt vor, wo sie alle Bücher verbrannt haben?«

Jack sah sich in der Bibliothek um. »Ich weiß es nicht. Ich schätze, ich muss eine andere Möglichkeit finden, mir Wissen über Druiden anzulesen. Eins steht jedenfalls fest: Sie haben uns mit der Nase auf ihre Schwäche gestoßen.«

»Das verstehe ich jetzt nicht, Jack. Welche Schwäche meinst du?«

»Denk doch mal nach! Warum hat Quintus Miller wohl all diese Bücher verbrannt? Weil er nicht wollte, dass wir sie lesen. Denn mit diesem Wissen könnten wir ihn vielleicht aufhalten, verstehst du? Und dann würden wir ihn dahin zurückschicken, wo er hergekommen ist. Zurück in die Wand oder wohin auch immer. Eigentlich sollte er ja schon seit Jahren tot sein.«

»Wie lautet also dein Plan?«

Jack schnappte sich drei der weniger verbrannten Exemplare. »Ein guter Ausgangspunkt wäre die Universität. Es muss jemanden auf dem Campus geben, der sich mit Druiden auskennt. Immerhin sind dort Gastprofessoren aus aller Welt zu finden.«

Karen streckte ihm die Hand entgegen. »Jack?«, sagte sie.

»Was denn?«

»Na ja, du weißt schon, dass das vielleicht schiefgeht, oder? Ich meine, wenn Quintus Miller wirklich so schlimm ist, wie der Priester dir prophezeit hat, dann ... na ja … dann könnte Randy längst tot sein.«

Jack hatte diese Option schon seit der Entdeckung der halb mit der Kellerwand verschmolzenen Kackwurst in Betracht gezogen.

»Ja«, erwiderte er. »aber das sollte uns nicht davon abhalten, es zumindest zu versuchen, oder?«

Sie verließen die Bibliothek und kehrten in den Gang zurück.

Karen hakte sich bei ihm ein. »Jack, hör mal, Schatz, egal wie das hier ausgeht, ich möchte, dass du weißt, dass ich dich liebe – und wenn du bei mir einziehen willst, also … das kannst du herzlich gern tun.«

Jack küsste eine ihrer Haarsträhnen und drückte ihre Hand. »Ich weiß nicht, ob ich in Cecils Fußstapfen treten kann. In seine Jeans passe ich ja schon mal nicht.«

Ihre Schritte hallten im Treppenhaus. Sie verließen The Oaks durch den hinteren Anbau und liefen wieder die Allee hinunter, wo Essie Estergomy ums Leben gekommen war. Jack sah sich immer wieder nervös um, aber der Kies blieb völlig eben und nichts rührte sich. Blut war auch keines zu sehen.

»Wir sollten schleunigst Nachrichten hören«, schlug Jack vor. »Ich will sichergehen, dass sie nicht schon wieder jemanden erwischt haben.«

»Und wenn doch?«, fragte Karen.

»Dann kann ich es auch nicht ändern.«

Sie küsste ihn auf die Wange. »Na dann hör auf, dir ständig Schuldgefühle zu machen, und lass uns zur Universität fahren.«

Als sie das Tor erreichten, sahen sie Daniel Bufos Cadillac neben ihrem Kombi parken. Der Makler saß im Wagen und wirkte verstimmt und unglücklich. Als sie sich durch die Lücke am Gatter quetschten, hievte er seinen massigen Körper heraus und kam mit entschlossenem Blick auf sie zu.

»Mr. Reed, ich habe ein Hühnchen mit Ihnen zu rupfen.«

»Ach ja?«, fragte Jack vorsichtig.

Daniel Bufo nickte Karen grüßend zu und zog eine Grimasse. »Mrs. Reed?«, sagte er und ließ seine Augen kurz auf der lebenden Götterspeise ruhen.

Karen erwiderte nichts. Jack öffnete ihr die Wagentür, sodass sie einsteigen konnte.

»Bevor Sie gehen, Mr. Reed«, begann Daniel Bufo, während er seine Oberarme auf das Dach des Kombis legte und Jack dadurch am Einsteigen hinderte: »Ich bin nicht glücklich über den Verlauf unserer Gespräche, was den Verkauf dieses Hauses angeht. Gar nicht glücklich. Ich glaube fast, Sie sind gar nicht mehr so sicher, ob Sie wirklich kaufen möchten.«

»Ach ja? Wie kommen Sie denn auf die Idee?«

»Nun, bitte verstehen Sie mich nicht falsch, Mr. Reed, ich möchte Sie nicht verärgern. Anfangs haben Sie großes Interesse an The Oaks gezeigt und auch wenn Sie ein Angebot unterbreitet haben, das weit unter dem Marktwert für das Anwesen lag …«

»Moment mal«, unterbrach ihn Jack. »sprechen wir jetzt über den Marktwert oder den Seltenheitswert?«

»Mr. Reed«, antwortete Daniel Bufo. »Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber ich würde gerne wissen, ob Sie immer noch Interesse daran haben, dieses Gebäude zu kaufen. Falls nicht, könnten Sie uns beiden viel Zeit und Arbeit ersparen. Sagen Sie’s einfach und wir lassen es gut sein.«

»Natürlich bin ich noch interessiert«, versicherte ihm Jack. »Alles im grünen Bereich. Ich werde heute Nachmittag mit meinem Anwalt telefonieren.« Daniel Bufo stand so dicht neben Jack, dass dieser den Schweiß auf der Oberlippe des Maklers erkennen konnte. Tatsächlich hätte er nach allem, was passiert war, nicht im Traum daran gedacht, The Oaks zu kaufen. Doch wenn er jetzt schon die Bombe platzen ließ, würde der Zugang zu The Oaks deutlich schwieriger. Bis er Quintus Miller erwischt hatte, wollte er nach Belieben kommen und gehen können.

»Nun, ich bin froh, das zu hören«, erklärte Daniel Bufo sichtlich erleichtert. »Nachdem Sie gestern gefordert haben, den Verkäufer persönlich zu treffen …«

»Ach, das wird nicht mehr nötig sein«, sagte Jack gönnerhaft. »Ich war wahrscheinlich etwas zu pedantisch. Ich habe in letzter Zeit ziemliche Zahnschmerzen – da neige ich dazu, über die Stränge zu schlagen.«

»Oh, das tut mir leid«, bemerkte Daniel Bufo, der nun, da er seinen Verkauf in trockenen Tüchern sah, wieder ganz dienstbeflissen tat. »Hoffentlich wird es bald wieder besser. Meiner Schwester machen ihre Zähne auch immer zu schaffen.«

Er lehnte sich in Jacks geöffnetes Fenster und schielte lüstern auf Karens Beine. »Schön, Sie wiederzusehen, Mrs. Reed.«

Jack schüttelte ihm widerstrebend die Hand und sagte: »Ich melde mich, ja? Sobald ich mit meinem Anwalt gesprochen habe.«

Daniel Bufo watschelte zurück zu seinem Auto. Sein Mantel wehte im Wind. Jack sah ihm hinterher. Karen erkundigte sich vorsichtig: »Du willst es doch nicht wirklich kaufen, nach allem, was passiert ist?«

Jack versicherte ihr: »Selbst wenn es das letzte Grundstück auf der ganzen Welt wäre, bekämen mich keine zehn Pferde dazu.«

Bufo winkte Jack ein letztes Mal zu, ehe er sich wieder in sein Auto quetschte. Jack wollte sich gerade abwenden, als er eine Bewegung im Gras neben der Straße wahrnahm. Er sah erneut hin und runzelte die Stirn. Es musste der Wind gewesen sein, weiter nichts. Doch dann sah er es erneut. Es konnte nicht der Wind sein, denn es huschte am Straßenrand entlang wie ein unsichtbarer Iltis und hielt direkt auf Daniel Bufos Auto zu.

»Was ist denn, Schatz?«, wollte Karen wissen, doch Jack war schon losgerannt.

»Mr. Bufo!«, schrie er. »Mr. Bufo! Hauen Sie ab so schnell Sie können!«

Daniel Bufo sah ihn fragend durch die Windschutzscheibe an und tat dann das Schlimmste, was er tun konnte. Er schaltete den Motor ab. Jack brüllte: »Weg mit Ihnen! Mr. Bufo! Weg!«

Die Wellen griffen vom Grünstreifen auf die Straße über. Plötzlich schoss ein Arm aus dem Boden und der harte Straßenbelag riss auseinander. Daniel Bufo kurbelte das Fenster herunter, lehnte den Kopf nach draußen und rief: »Was haben Sie gesagt, Mr. Reed? Stimmt etwas nicht?«

Jack hatte Daniel Bufos Wagen fast erreicht. »Weg hier!«, schrie er ihn an. »Sie sind da!« Plötzlich dämmerte ihm, dass sein Verhalten die Situation wahrscheinlich noch verschlimmerte. Hätte er nicht geschrien, um Daniel Bufo zu warnen, wäre dieser längst in Sicherheit.

Daniel Bufo sah ihn aus großen Augen geduldig an. »Tut mir leid, Mr. Reed, ich glaube, ich verstehe nicht ganz …«

Panisch spähte Jack um das Auto herum, wo sich der Boden nun ebenfalls wölbte. Die Straßenbelag hatte sich wieder geschlossen, als wäre alles nur Einbildung gewesen.

»Wer ist hier, Mr. Reed?«, wollte Daniel Bufo wissen.

Unter seinem Auto erklang ein lautes, metallisches Scheppern. Es folgte ein Geräusch, als ob jemand ein Stahlblech bearbeitete. Das ganze Auto wurde durchgeschüttelt und knarrte an seiner Aufhängung.

»Was zum Teufel ist das denn?«, fragte Daniel Bufo verärgert.

»Mr. Bufo, wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich …«

Etwas explodierte. Zumindest hörte es sich so an. Metall, Stoff und Federn zerbarsten und Daniel Bufo zuckte auf seinem Sitz zusammen. Eine geballte Faust mit roten, blanken Knöcheln schoss durch das braune Sitzleder direkt zwischen seine Schenkel.

»Was zum Teufel!«, schrie er mit schriller Stimme. Es war ein Quietschen, das an ein Schwein erinnerte, welches erst auf dem Schlachthof bemerkte, dass seine letzte Stunde geschlagen hatte.

Ein Arm kam aus dem Sitz, dann ein weiterer. Daniel Bufo wurde an der Kehle gepackt und mit Gewalt nach unten gezogen. Seine Nase schlug gegen das Lenkrad und Jack hörte, wie die Knochen brachen.

»Graaaaaaaaaaahhh!«, keuchte Daniel Bufo und streckte Hilfe suchend einen Arm aus dem Autofenster. Jack zerrte am Türgriff, doch es gab eine Zentralverriegelung. Als er versuchte, den Knopf hochzuziehen, packte ihn Daniel Bufo am Arm und ließ ihn nicht mehr los.

Die beiden starken Hände hatten den Kopf des Maklers zwischen seine Knie gezogen, sodass er vornübergebeugt war. Er gurgelte und kämpfte, doch er kam nicht lang genug zu Atem, um schreien zu können. Jack brüllte: »Mein Arm, lassen Sie meinen Arm los!«, doch Daniel Bufo war so panisch, dass er eher noch fester zupackte.

Zwei weitere Hände – diesmal gehörten sie einem Schwarzen – wühlten sich durch die Verkleidung und packten Daniel Bufo an der Hüfte. Sofort versuchten sie, ihn durch den Sitz nach unten zu ziehen.

Jack leistete Widerstand, so gut er konnte. Doch Zentimeter für Zentimeter verschwand Daniel Bufo, Zug um Zug ohne Hoffnung auf Rettung, immer weiter in den Tiefen des Sitzes. Die Hinterseite seines Mantels wölbte sich und der Mann begann sich plötzlich vor schier unerträglichen Schmerzen aufzubäumen. Sein bloßer Rücken schabte gegen das aufgerissene Metall an der Unterseite des Autos.

Jack versuchte, die Hände der Angreifer vom Hals des Mannes zu lösen, doch sie waren so kräftig, dass sie keinen Deut nachgaben. Die ganze Zeit behielt er die Umgebung im Auge, um sicherzugehen, dass sich nicht weitere Furchen in der Straße auftaten und weitere von Quintus Millers Anhängern die Jagd auf ihn eröffneten.

Dann kam der Moment, als das Tauziehen zwischen Jack und Daniel Bufo und den Händen, die ihn nach unten zogen, einen schauderhaften Stillstand erreichte. Daniel Bufo klammerte sich mit einer Hand an Jack, mit der anderen an das Steuer des Cadillacs, um zu verhindern, dass er in den Boden gezogen wurde. Seine Knöchel traten weiß hervor und sein ganzer Körper zitterte vor Schmerz und Anstrengung.

»Aaaaahhhhhh!«, gurgelte der dicke Makler. Dann nutzte er einen kostbaren Atemzug, um zu flehen: »Helfen Sie mir!«

Das waren seine letzten Worte. Sein Brustkorb wurde zertrümmert und sein Becken zerbarst mit einem Geräusch, das Jack nie mehr vergessen würde. Es klang wie ein großes Serviertablett, das von einem Kissen gedämpft in der Mitte durchgebrochen wurde.

Blut schoss aus Daniel Bufos Mund auf seine Füße. Mit einem letzten Kraftakt wurde er in die Tiefen seines Sitzes, dann weiter durch den Unterboden des Autos in den Abgrund gezogen. Nur zerrissene Kleidung und ein paar Streifen blutiges Fett, die noch an den Sprungfedern des Sitzes hingen, blieben zurück.

Jack ging zitternd und keuchend in die Knie, um unter das Auto zu schauen. Nur für den Bruchteil einer Sekunde war der Boden aufgewühlt wie ein Meer, in dem sich kurzzeitig ein Strudel bildet, wenn ein Hai sein Opfer einfordert.

Karen rief: »Jack? Jack? Was ist los? Was tust du da?«

Jack kam wieder auf die Beine und lehnte sich gegen Daniel Bufos Auto. Er wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn.

Ohne Vorwarnung schnellte eine Hand aus der harten Erde vor ihm und klammerte sich um seinen Schuh.

Er trat nach ihr und wich einen Schritt zurück, als er erkannte, dass es sich gar nicht um die Hand eines der Geisteskranken handelte. An den speckigen weißen Fingern prangten schwere Goldringe. Es war Daniel Bufo, der einen letzten verzweifelten Versuch unternahm, sich zu retten.

Jack griff nach der Hand, doch sie wurde von ihm weggezogen und entfernte sich über die Straße hinweg – erst ganz langsam, dann immer schneller. Sie rauschte mit einem wuseligen Rascheln ins Gras der gegenüberliegenden Böschung, dann war sie verschwunden.

Schnell, aber irgendwie hölzern ging Jack zurück zu seinem eigenen Wagen. Karen wartete mit vor Angst geweiteten Augen und offenem Mund auf ihn. Ihr Kaugummi hing bewegungslos im Mund.

»Was ist denn passiert? Wo ist Mr. Bufo?«

Jack kletterte auf den Fahrersitz und sagte: »Mach die Tür zu. Los, schnell. Wir müssen hier weg.«

Als er den Zündschlüssel drehte, sah er, dass die Straße links von ihnen Risse bekam. Der Motor heulte auf, doch der Wagen wollte nicht anspringen. Jack versuchte es erneut, aber es tat sich nichts.

»Komm schon, du blöde Karre!«, rief er verärgert.

»Ach ja, ich wollte dir noch sagen, dass deine Innenbeleuchtung die ganze Zeit gebrannt hat«, meldete sich Karen zu Wort.

»Was?«, rief er. »Meinst du das Lese- und das Türlicht? Das habe ich angelassen?«

»Ich habe es für dich ausgeschaltet«, erklärte Karen Beifall heischend.

Ach du Scheiße, die Batterie war sowieso schon die ganze Zeit am Schwächeln. Der Ersatz liegt längst im Schreibtisch in der Werkstatt. Wieso kümmern sich ausgerechnet Leute, die ihr Geld mit Autos verdienen, immer als Letzte um solche Macken?

Jack versuchte noch einmal, den Wagen zu starten. Diesmal stotterte der Motor zweimal und erstarb dann wieder. Die Furche in der Straße bewegte sich immer näher auf sie zu. Ein Arm brach durch den Asphalt, dann ein weiterer. Jack drehte sich um. Im Wald sah er Büsche, die erzitterten, und Blätter, die aufgewirbelt wurden, und weitere Spuren im Boden, die sich in ihre Richtung ausbreiteten.

»Zieh deine Schuhe aus!«, befahl er Karen.

»Was?«

»Zieh deine Schuhe aus, wir müssen rennen.«

»Willst du mich verarschen?«

»Zieh einfach deine Schuhe aus, steig aus dem Auto und renn so schnell du kannst weg von den Rissen im Boden! Jetzt! Los!«

Karen stand wie versteinert da und starrte ihn an. Doch dann fing der Kombi wie wild an zu ruckeln und sie hörten, wie das Seil der Handbremse riss. Fäuste bearbeiteten eifrig das Metall unter den Sitzen.

»Was ist das?«, schrie Karen. »Jack, was ist das?«

»Lauf!«, brüllte Jack und sie schleuderten die Türen auf und rannten los. Vorbei an Daniel Bufos Cadillac und der Mauer, die The Oaks umgab, hinauf zur Straße.

»Wovor … rennen wir … weg?«, keuchte Karen.

Jack streckte ihr die Hand entgegen. »Nicht … reden … rennen!«

Nur einmal drehte er sich um. Sein Kombi wackelte wild hin und her und er konnte hören, wie Metall auseinanderriss. Dann platzte einer der Reifen mit einem ohrenbetäubenden Knall, der die Krähen krächzend von den nächstgelegenen Eichen aufscheuchte.

Der schwarze Tankwart hatte sie bereits aus einer halben Meile Distanz kommen sehen: Sie liefen die von Bäumen gesäumte Straße entlang wie in der Schlussszene aus Der dritte Mann. Der einzige Unterschied war, dass Karen auf Strümpfen und in einem viel zu engen Minirock die Straße vorwärtshumpelte und kein Trevor Howard zur Stelle war, um sie mitzunehmen.

Als sie endlich die Exxon-Tankstelle erreichten, sagte der Tankwart nur: »Hi!«, erst zu Jack, dann zu Karen, und fragte anschließend: »Autopanne?«

»Wir müssen nur kurz Ihr Telefon benutzen, wenn das möglich ist«, bat Jack ihn.

»Ich kann Ihnen einen Abschleppwagen organisieren«, schlug ihm der Tankwart vor.

»Nein danke. Ein Telefon reicht. Und die Dame hier könnte ein paar vernünftige Schuhe gebrauchen, falls Sie etwas haben.«

Der Tankwart streckte seinen Unterkiefer vor und schielte auf Karens Füße. »Wir verkaufen die offizielle Fankleidung der Milwaukee Brewers. Bestimmt ist auch was in ihrer Größe dabei.«

Jack besorgte zwei Sprite aus dem Getränkeautomaten und ging zum Münzfernsprecher, während Karen sich auf der Toilette frisch machte. Er öffnete den Deckel einer Dose und trank fast die Hälfte in einem Schluck. Dann rief er bei der Auskunft an und fragte nach der Nummer der University of Wisconsin in Madison.

Man hatte ihn gerade mit dem Sekretariat verbunden, als Karen wieder auftauchte. Er musste grinsen, als sie in einem Paar Baseball-Schuhe in Größe 41 auf ihn zustakste.

»Ich finde das gar nicht witzig«, stellte sie klar, als sie die Falttür öffnete und sich neben ihm in die Telefonzelle drängte.

»Bist du für die Rückrunde ins Team aufgenommen worden?«, witzelte Jack.

Karen deutete mit dem Kopf in Richtung Telefon. »Wen rufst du an? Doch nicht etwa die Bullen, oder?«

»Aber nein. Die Universität. Wie gesagt, ich will mich mit einem Experten für Druiden unterhalten. Sie versuchen, mich zum Institut für Religionswissenschaften durchzustellen.«

»Glaubst du wirklich, dass das was bringt?«

»Es kann zumindest nichts schaden. Wir müssen wissen, auf was wir uns da eingelassen haben.«

Sie warteten fast fünf Minuten. Karen leerte in der Zeit geräuschvoll ihren Softdrink und Jack warf immer wieder Münzen nach. Endlich meldete sich eine geistesabwesende Stimme: »Institut für Religionswissenschaften?«

»Hallo!«, grüßte Jack. »Haben Sie jemanden, der sich mit Druiden auskennt? Nein, nein, Druiden. Ganz genau. Es ist dringend.«

Der Minibus-Fahrer ließ sie am Campus neben dem Lake Mendota aussteigen. Riesige Gewitterwolken brauten sich am Himmel zusammen. »Dieses Institut, das Sie suchen, befindet sich genau dort drüben, Kumpel«, erklärte ihnen der Minibus-Fahrer. Er musste Mitte 40 sein, hatte langsam ergrauendes, schulterlanges Haar und trug eine schwarze John-Lennon-Sonnenbrille sowie eine geschmacklose Batikhose. Den ganzen Weg von Waunakee bis hierher hatte er sie in ein Gespräch verwickelt. Er redete sogar irgendwie breit – typisch für Kerle wie ihn, die einfach nicht von den Doors, Jefferson Airplane oder Headshops lassen konnten. Er klang, als wäre er bekifft.

Jack verabschiedete sich von ihm: »Alles Gute und vielen Dank.«

»Peace«, rief ihm der Minibus-Fahrer hinterher.

Jack und Karen eilten Hand in Hand über den frisch gemähten Rasen. »Das ist das erste Mal seit über 25 Jahren, dass mich jemand mit ›Kumpel‹ angesprochen hat«, stellte Jack fest. Er hatte es sehr eilig, nicht weil er sich vor dem Regen fürchtete, sondern weil er sich außerhalb des Autos so schutzlos vorkam.

Karen fragte ihn: »Bringt das denn überhaupt was? Sollten wir nicht besser versuchen herauszubekommen, wohin sich dieser Quintus Miller aus dem Staub gemacht hat?«

»Schalt doch mal deinen Verstand ein«, schlug Jack ihr vor. »Wenn wir ihn finden, was machen wir dann mit ihm?«

»Na ja, können wir ihn nicht erschießen oder so? Du hast doch ein Jagdgewehr?«

»Ich glaube, du hast zu oft Rambo gesehen. Der Typ lebt im Untergrund, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Oder in Wänden und Fußböden. Wie soll man denn so jemanden erschießen?«

»Ich weiß es nicht«, gab Karen zu. Sie musste sich wirklich sputen, um mit ihm Schritt halten zu können. »Solche Unterredungen mit Dozenten … die finde ich einfach ätzend, weißt du?«

Sie passierten den geschwungenen, steinernen Torbogen mit dem Schild INSTITUT FÜR RELIGIONSWISSENSCHAFTEN und bahnten sich ihren Weg durch die schwere Drehtür. Im Gebäude war es kalt und die Luft roch abgestanden. In dem grün gestrichenen Gang lag überall Kopierpapier auf dem Boden. Jack hielt ein hageres blondes Mädchen mit Hakennase und Brille an.

»Ich suche Mr. Summers.«

»Er ist im Aufenthaltsraum direkt am Ende des Gangs«, verriet das Mädchen mit seltsam verträumter Stimme, als ob sie von Gott oder zumindest Robert Redford redete.

Jack und Karen gingen durch den Korridor und klopften an die bezeichnete Tür. Niemand antwortete. Also drückte Jack einfach die Klinke herunter und sie traten ein. Auf einem der vielen bunt zusammengewürfelten Sofas hatte ein schlaksiger Mann mit schwarzem Bart seine Füße hochgelegt. Er trug eine schlabbrige grüne Cordhose und einen zu großen braunen Sweater, rauchte Pfeife und schmökerte abwesend in einem Kochbuch.

»Mr. Summers?«, vergewisserte sich Jack.

»Der bin ich«, antwortete der Mann mit britischem Akzent, ohne zu ihm aufzusehen.

Jack streckte ihm die Hand entgegen. »Ich bin Jack Reed. Wir haben telefoniert.«

Mr. Summers musterte ihn. Seine Augen traten leicht hervor. Sie besaßen die Farbe von frisch gehäuteten weißen Trauben. »Richtig, Sie hatten angerufen. Wegen der Druiden, richtig? Weil Sie dringend etwas über Druiden erfahren wollen?«

»So ist es. Können wir reden?«

»Selbstverständlich. Auch wenn ich nicht sicher bin, ob ich Ihnen wirklich weiterhelfen kann.« Er schwang seine Füße, die in brauen Velourslederschuhen steckten, vom Sofa und stand auf. »Ich wollte herausfinden, weshalb mein Schmorfleisch immer so abscheulich schmeckt.«

»Wahrscheinlich kochen Sie es nicht lange genug«, mutmaßte Karen. »Den Fehler machen die meisten. Sie müssen es ganz langsam köcheln lassen, etliche Stunden lang, sonst wird es zu zäh und schmeckt wie Schuhsohlen.«

»Ah! Das wird vermutlich das Problem sein«, antwortete Mr. Summers. »Zu wenig Geduld! Man sollte nicht meinen, dass jemand, der sich dem Studium komparativer Religionswissenschaften verschrieben hat, ungeduldig ist, oder? Aber so ist es wohl.«

Er sah Jack stirnrunzelnd an und fragte dann: »Sie haben mich von einer Werkstatt aus angerufen, oder?«

»Aus einer Tankstelle, das stimmt. Aus Waunakee. Das Sekretariat hat mich zu Ihnen durchgestellt. Die Dame sagte mir, Sie seien ziemlich bewandert, was alte Kulte betrifft.«

»Verzeihen Sie mir«, sagte Mr. Summers, »aber wer ruft schon aus einer Werkstatt – entschuldigen Sie, einer Tankstelle – an und bittet um einen dringenden Termin, um über Druiden zu sprechen? Nicht dass ich etwas dagegen hätte, glauben Sie mir. Ich kann über Druiden reden, bis ich schwarz werde, aber warum ist die Angelegenheit so dringend für Sie?«

»Mr. Summers«, antwortete Jack, »ich möchte gleich zur Sache kommen. Haben Sie schon einmal etwas von Menschen gehört, die durch Wände gehen? Ich nehme an, dass es etwas mit den alten Druiden zu tun hat, aber ich bin mir nicht ganz sicher. Menschen, die sich unter der Erde bewegen?«

Mr. Summers musterte Jack interessiert. »Wer hat Ihnen davon erzählt?«, erkundigte er sich.

»Niemand hat es uns erzählt, wir …«, begann Karen, doch Jack gab ihr mit einem Händedruck zu verstehen, dass sie still sein sollte.

»Wir haben es herausgefunden, ganz einfach.«

»Nun, das ist wirklich sehr interessant«, bemerkte Mr. Summers. »Eines der klassischen Mysterien der vorchristlichen Zeit. Es gibt Hunderte alter Erzählungen von Menschen, die durch Stein wandeln konnten, und von Priestern, die in Baumstümpfen lebten, aber auch von Männern und Frauen, die durch Wände gingen.

Ob das nun tatsächlich möglich war oder nicht, es gibt so viele Berichte und so viele Inschriften, die es bis ins kleinste Detail beschreiben, dass zumindest die Druiden davon überzeugt zu sein schienen, dass es funktioniert.«

Mr. Summers spähte auf seine Armbanduhr. »Ich bin fertig für heute und es gibt eine nette kleine Bar nicht weit von hier. Wollen wir dort etwas trinken gehen?«

»Eine sehr gute Idee«, willigte Jack ein.

»Nennen Sie mich Geoff«, bat Mr. Summers. »Wenn mich jemand ›Mr. Summers‹ nennt, drehe ich mich immer um und schaue, ob mein Vater hinter mir steht.«

Jack, Karen und der Gelehrte liefen über den zugigen Parkplatz zu Geoff Summers altem Plymouth Valiant. Dann fuhr der Dozent sie zwei, drei Meilen aus der Stadt heraus zu einem kleinen, weiß gestrichenen Gebäude mit angeschlossenem Restaurant, das sich Lindstrom’s Farm nannte. Sie quetschten sich in eine unbequeme rustikale Nische mit Bänken aus massivem Eichenholz und bestellten ein Bier. Eine Kerze flackerte in einer roten Glaslampe. Jack bemerkte Geoff Summers’ Interesse an der vollbusigen, deutschstämmig aussehenden Bedienung, die er kaum aus den Augen ließ. Sie war vermutlich der Hauptgrund für sein Interesse an dieser Bar. Jack hatte da so einiges über Akademiker gehört.

Geoff Summers trank einen Schluck Bier. Der Schaum blieb an seinem Schnurrbart hängen. Er zog seine Pfeife aus der Tasche und sagte: »Diese ganze Geschichte mit dem Durch-die-Erde-Gehen ist schon uralt – sie stammt aus der Zeit vor den Druiden, und zwar aus der Ära der Megalith-Kulturen. Sie wissen schon, die Menschen, die Stonehenge und all die anderen mysteriösen steinernen Stätten erschaffen haben. Wir sprechen also von der Zeit um 2700 vor Christus.

Die Menschen entdeckten damals die magnetischen Kraftlinien, die unter der Erde liegen … tellurische Ströme nennt man sie, manchmal auch Leylinien. Und an Stellen, wo diese Linien sich kreuzen, findet man Orte mit außergewöhnlichem telekinetischen Einfluss.«

»Und das ist es, was Erdmagie genannt wird?«, fragte Jack.

Geoff Summers hatte ein Streichholz entfacht, um seine Pfeife anzuzünden, doch er ließ es zwischen seinen Fingern ausgehen. »Ich würde zu gerne wissen, weshalb Sie sich dafür interessieren, Mr. Reed.«

»Nenn mich Jack. Aber es ist ziemlich schwer für mich, dir das zu erklären.«

»Nun, Jack, hast du irgendwo einen Geist gehört, ist es das? Das ist der übliche Grund, warum Menschen plötzlich anfangen, sich für Erdmagie zu interessieren. Sie hören es an der Wand oder der Decke klopfen und vermuten, dass es sich um einen unsichtbaren Geist handelt. Fakt ist – in den allermeisten Fällen zumindest – dass ihr Haus auf einer Leylinie steht und sie tatsächlich hören, wie jemand durch ihre Wand geht. Ein sogenannter Erdenläufer.«

Unter dem rot-weiß karierten Tischtuch hielt Jack Karens Hand. »Das ist ziemlich genau unser Problem«, sagte er vorsichtig.

»Ich will euch mal was verraten«, meinte Geoff Summers. »Diese Leylinien sind weit mächtiger als moderne Wissenschaftler vermuten, besonders während bestimmter Zeiten im Jahr. Zum Beispiel stammten die Blausteine, die von den alten Britanniern beim Bau von Stonehenge verwendet wurden, aus den Preseli-Bergen im walisischen Pembrokeshire. Das liegt fast 200 Kilometer entfernt von dem Ort, an dem die Steine aufgestellt wurden. Und dabei wiegen einige von ihnen mehr als 50 Tonnen.

Die moderne Wissenschaft vermag nicht zu erklären, wie die alten Britannier diese schweren Steine überhaupt von der Stelle bewegen konnten, erst recht nicht über eine so große Distanz. Doch wenn man den Druiden Glauben schenkt, wurden die Steine einfach herbeigerufen und bewegten sich ganz von alleine auf den Leylinien unterirdisch von Wales nach Stonehenge.«

»Sehr merkwürdig«, bemerkte Karen. »Das ist wirklich sehr merkwürdig.«

»Leider lässt sich das nicht beweisen«, stellte Geoff Summers, der die Augen immer noch auf die Kellnerin gerichtet hielt, fest. »Doch so was ist auch in Amerika geschehen. Auf dem Mystery Hill in New Hampshire und in Arizona ebenfalls. Bei den Pima-Indianern gibt es eine Legende über Tcu-Wutu-Makai, den Erdmagier, der sich unter der Erde fortbewegen konnte. Und auch in unserer modernen Zeit wurde eine beachtliche Anzahl von Erdenläufern gesichtet.

1881 beobachtete eine Frau in Applebachsville, Pennsylvania, einen nackten Mann, der in der Wand ihres Bauernhauses verschwand. Und 1903 schwor ein Farmer in Pewamo, Michigan, Reportern der Lokalzeitung, dass er ein Feld gesehen hatte, in dem Dutzende Arme von Menschen aus dem Boden ragten. Er schwor Stein und Bein, dass sie seinen weißen Prachtbullen geschnappt und unter die Erde gezogen hätten.«

»Glaubst du das denn?«, erkundigte sich Jack vorsichtig.

»Ich weiß nicht so recht«, sagte Geoff Summers, entzündete ein weiteres Streichholz und setzte den frischen Tabak in seiner Pfeife in Brand. »Aber wir Religionswissenschaftler sind nicht so skeptisch wie etwa Anthropologen oder reine Historiker. Wir glauben an den mystischen Aspekt des Lebens. Und im Übrigen passt das, was der Farmer aus Michigan behauptet hat, wie die Faust aufs Auge zu den Überlieferungen der Druiden. Wenn ein Priester in die Erde eindrang, war ein Blutopfer notwendig, damit er an die Oberfläche zurückkehren konnte. Manchmal auch mehrere Blutopfer.«

Der Dozent stieß Rauch aus und fügte dann hinzu: »Die Druiden hielten ihre Rituale streng geheim, daher weiß niemand so genau, wie viele Menschen geopfert wurden. Es fanden sich auch kaum noch menschliche Überreste an einer ihrer Opferstätten, nur zwei oder drei Schädel und ein paar Hüftknochen. Daher nahmen die meisten Historiker an, dass sie nur wenige oder vielleicht gar keine Blutopfer brachten.

Doch die Geschichten und Legenden sind da schon eindeutiger. Die frühen Druiden haben angeblich Hunderte Männer und Frauen auf sehr unschöne Weise beseitigt. Quellen schildern, wie sie die Männer kastrierten und den Frauen ihre Gebärmutter herausrissen. Die Druiden rupften ihren Opfern Arme und Beine aus und verspritzten ihr Blut auf dem Boden. Ganze Dörfer wurden auf diese Weise fast ausgelöscht. Angeblich studierten sie die Schmerzen der Sterbenden, um mit ihrer Hilfe die Zukunft vorherzusagen.«

Karen fasste sich in instinktivem Entsetzen mit der flachen Hand an die Stirn. Geoff Summers sagte: »Oh, tut mir leid … ich wollte nicht, dass jemandem übel wird.«

Karen sah Jack an und dieser wusste ganz genau, dass sie nicht aus Überempfindlichkeit so bestürzt reagierte, sondern aus Angst vor Quintus Miller und seinen Anhängern. Diese kämpften sich durch die Dunkelheit mit einer Gier nach Blut, die gleichermaßen von Steinzeit-Mystik und kriminellem Wahnsinn entfacht wurde.

An Geoff Summers gewandt, sagte Jack: »Gibt es denn ein Mittel – kennst du irgendeine Möglichkeit, mit der man diese Erdenläufer aufhalten kann?«

Geoff Summers beobachtete ihn eine Weile aus seinen traubengrünen Augen. »Aufhalten? Was meinst du mit ›aufhalten‹?«

»Ich meine, sie töten. Könnte man sie jagen und töten?«

»Jack«, erwiderte Geoff Summers zögerlich. »Ich frage mich langsam, in was du dich da hineingeritten hast.«

»Ich finde das Thema nur interessant, nichts weiter. Wie tötet man sie?«

Geoff Summers schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Ich sage gar nichts mehr, bis du mir erklärt hast, was hier los ist.«

Jack atmete tief durch. »Ich kann dir nichts verraten, noch nicht. Es könnte jemand zu Schaden kommen. Ich habe einen kleinen Jungen. Ihm könnte etwas zustoßen. Können wir eine Abmachung treffen? Du erzählst mir das, was du über Erdenläufer weißt, und dafür werde ich, sobald ich kann, wieder herkommen und dir ausführlich berichten. Ich schreibe es dir sogar auf.«

»Du Schlawiner«, erwiderte Geoff Summers fröhlich. »Hast du etwa einen Erdenläufer gefunden?«

»Nein, nein«, antwortete Jack. »Ich weiß nicht genau, was ich gefunden habe. Aber deine Hilfe wäre mir sehr wichtig. Ich möchte gar nicht, dass du es umsonst tust. Ich werde dich dafür bezahlen. Klingen 2.500 in Ordnung? Bar auf die Kralle, gleich hier.«

»Hast du denn nun einen Erdenläufer gefunden?«, wiederholte Geoff Summers.

Jack schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, stand mühsam auf und kassierte dabei einen blauen Fleck von der Armlehne an seinem Schenkel. »Ich habe es dir doch gesagt, Geoff, ich brauche deine Hilfe. Ich brauche jede Hilfe, die ich kriegen kann. Aber ich kann dir im Moment noch nichts Genaueres sagen, weil ich selbst nichts Genaues weiß. Wenn du mir nicht hilfst, nun, dann muss ich eben jemand anders finden.«

Geoff Summers nahm mit einer schnellen Bewegung seine Pfeife aus dem Mund und hob die Hand. »Warte, Jack – Halt! Komm schon, lass uns nicht im Streit auseinandergehen. Beantworte mir einfach diese eine Frage – sag mir, ob du einen Erdenläufer gefunden hast. Egal, ob die Antwort Ja oder Nein lautet, ich werde dir dann erzählen, was ich über die Druiden weiß, das verspreche ich. Es ist allerdings nicht gerade viel – das meiste könntest du selbst herausfinden, wenn du die richtigen Bücher liest. Danach werde ich dir keine weiteren Fragen stellen, es sei denn, du forderst mich dazu auf. Was hältst du von diesem Vorschlag?«

Jack zögerte. Halb Amerika würde hinter ihm her sein, wenn die Polizei herausfand, was mit Joseph Lovelittle, Pater Bell, Essie Estergomy und Daniel Bufo geschehen war – ganz zu schweigen von den Pfadfinderinnen und all den anderen Menschen, die Quintus Miller und seine Bande von Verrückten vielleicht schon umgebracht hatten. Doch bevor er jemandem gestand, dass er in die Sache verwickelt war, wollte Jack zuerst Quintus Miller finden und alles versuchen, um ihn zu vernichten.

Und wenn Randy noch am Leben war, wollte er ihn um jeden Preis retten.

»Es ist eine ziemlich komplizierte Angelegenheit«, begann Jack und ließ sich wieder auf die Bank zurücksinken.

»Die Druiden waren auch sehr komplizierte Menschen«, versicherte ihm Geoff Summers. »Sie verstanden die Welt, in der sie lebten, sie verstanden ihre Kräfte und setzten sie mit verheerender Wirkung ein. Da sind wir nun, 4.700 Jahre später, und haben immer noch keine vernünftige wissenschaftliche Erklärung für die Errichtung von Stonehenge, die Osterinsel, Carnac in Frankreich oder Mystery Hill. Weder, warum sie all diese mystischen Stätten errichten, noch wie.«

»Geoff, es ist wahr, wir haben einen gefunden. Einen Erdenläufer. Na ja, eigentlich sogar mehr als einen«, mischte sich Karen ein.

»Karen«, protestierte Jack, doch sie entgegnete: »Es war doch nicht deine Schuld, Jack! Es war nicht deine Schuld! Was willst du denn sonst tun? Jemand muss davon erfahren. Sie machen mir Angst, Jack. Sie jagen mir echt verfluchte Angst ein.«

Geoffs Augen begannen zu glänzen. Er stützte sich auf den Tisch und blies in seine Pfeife wie eine alte Lokomotive. »Das ist ja großartig! Ihr wollt mich einweihen? Auf so was habe ich immer gewartet! Hör mal, Jack, falls das stimmt, falls du wirklich einen Erdenläufer entdeckt hast, dann ist das die mystische Sensation der letzten Jahrzehnte. Dann habe ich meinen Doktortitel in der Tasche.«

»Dein Doktortitel ist mir scheißegal!«, entgegnete Jack aggressiv. »Diese Menschen haben meinen Sohn in ihrer Gewalt!«

Betroffen lehnte sich Geoff wieder zurück. »Tut mir leid. Wirklich, es tut mir leid. Ich hatte ja keine Ahnung.« Doch dann beugte er sich erneut vor und war vor Begeisterung kaum noch zu bremsen. »Wenn du mich einweihst, werde ich alles tun, was in meiner Macht steht, um dir zu helfen, ihn wiederzubekommen, Jack.«

Mit erzwungener Geduld wiederholte Jack: »Sag mir einfach, wie man sie töten kann.«

»Tja …«, begann Geoff, »es ist eigentlich nur eine Legende. Es gibt keine historischen Nachweise dafür. Aber pah! Was soll’s? Es gibt ja schließlich auch keine historischen Beweise für die Erdenläufer selbst. Um einen Erdenläufer zu töten, musst du ihn nach Meinung der Druiden mit Beschwörungsformeln an einen Ort locken, an dem die Erde zu Ende ist. So ähnlich wie am Rand einer Klippe. Du musst ihn an eine Stelle bringen, von wo er nicht entkommen kann. Dann musst du die Erde oder den Stein, in dem er sich versteckt hält, sprengen und ihn im Rahmen eines exakt festgelegten Druidenrituals töten.«

»Verzeih mir meine Unwissenheit, aber was für ein Druidenritual soll das genau sein?«, wollte Jack wissen.

Geoff lächelte. »Du musst seinen Körper nach hinten biegen, bis die Wirbelsäule bricht.«

Jack schwieg sehr lange, zückte dann das Streichholzbriefchen, auf dem »Lindstrom’s Farm« stand, und ließ es wieder fallen. »Und diese, wie nennt man sie noch gleich, diese Beschwörungsformeln? Welche Beschwörung soll man denn genau dabei murmeln?«, hakte er nach.

»Das weiß niemand so genau. Tut mir leid. Die Druiden hatten wohl eine Schriftsprache, aber, na ja, du weißt schon. Wie bei so vielem gingen die Aufzeichnungen und das Wissen darum im Laufe der Geschichte verloren.«

»Gingen im Laufe der Geschichte verloren, hmm? Das hilft uns ja wirklich sehr weiter«, merkte Jack sarkastisch an.

»Tja, tut mir leid. Aber mehr weiß ich leider auch nicht. Das ist alles über 4.000 Jahre her. Es gibt keine Druiden mehr, die man fragen könnte. Nun ja, es gibt einen modernen Druidenorden, aber das ist lediglich ein Haufen von exzentrischen Walisern, die sich am Wochenende gerne mal ein Bettlaken überstreifen.«

Karen hatte wie wild Kaugummi gekaut und angestrengt nachgedacht. »Jack – hör mal – das Weihwasser hat sie doch dort festgehalten, oder?«

»Das Weihwasser hat wen wo eingesperrt?«, fragte Jack müde.

Karen schob ihren Kaugummi auf die andere Seite. »Hast du mir nicht erzählt, dass die Irren nicht aus dem Haus konnten, weil überall Weihwasser verspritzt war? Hast du das nicht erwähnt? Und weil der Priester die richtigen Formeln gesprochen hat. So was wie ›bleibt an Ort und Stelle, ihr unreinen Geister, sonst …‹«

Jack nickte. »Das stimmt!«, sagte er. »Stimmt ganz genau. Also, wenn sie nicht aus einem Bannkreis mit Weihwasser entkommen können … vielleicht klappt das dann auch damit und wir brauchen diese druidischen Beschwörungsformeln überhaupt nicht.«

In ihrer Erregung hatten sie Geoff Summers völlig vergessen, der sie immer faszinierter und mit wachsendem Erstaunen beäugte.

»Es muss Bücher mit den richtigen Gebeten und Ähnlichem geben«, sagte Jack zu Karen. »Also müssen wir nur etwas Weihwasser auftreiben – aus einem Taufbecken oder so – und dann können wir uns auf die Jagd nach diesen Schweinen machen.«

Geoff Summers mischte sich höflich ein: »Da kann ich helfen.«

Jack wandte sich zu ihm um. »Tut mir leid, glaub mir. Aber du solltest eigentlich gar nicht zuhören.«

»Ich kann helfen!«, insistierte Geoff. »Ich habe alle Bücher, die du brauchst. Alle Rituale, die nötig sind, alle Zaubersprüche, um Dämonen auszutreiben. Sogar ein Gebet, um eine Gemeinschaft von Menschen loszuwerden, die eine unorthodoxe Sicht auf die Bedeutung der Heiligen Schriften hat. Lass es mich so sagen – ich glaube nicht, dass ›bleibt an Ort und Stelle, ihr unreinen Geister, sonst …‹ in so einer Situation besonders wirkungsvoll wäre.«

Jack zögerte kurz und zeigte dann mit dem Finger auf ihn. »Du willst also wirklich dabei sein?«

»Selbstverständlich!« Geoff grinste. »Du brauchst einen Experten, ich bin ein Experte. Zumindest was komparative Religionswissenschaft betrifft.«

Da war etwas an Geoff Summers’ britischer Art, das Jack dazu brachte, sich mehr denn je wie Dick Van Dyke zu fühlen.

»Also gut«, entschied er. »Du bist dabei! Aber ich warne dich. Erstens: Wir wollen die Polizei noch nicht über die Vorkommnisse ins Bild setzen. Wenn wir das tun, wird alles nur noch schlimmer, als es ohnehin schon ist. Und zweitens: Es ist sehr gefährlich, und ich meine wirklich gefährlich. Ich kann also nicht garantieren, dass du heil aus der Sache rauskommst.«

»Nun … damit kann ich leben«, erklärte Geoff. »Ich lebe gern gefährlich. Motorrad fahren ohne Helm, Segeln ohne Schwimmweste, Ficken ohne Kondom und solche Sachen.«

»Eins noch«, unterbrach ihn Jack. »Das Ganze ist letztlich mein Bier. Es ist mein Sohn. Es ist meine Angelegenheit. Das bedeutet, dass du tust, was immer ich sage, und zwar sofort und ohne Widerworte.«

»Schon gut, schon gut«, versicherte Geoff Summers ihm. »Also … wirst du mich nun endlich einweihen?«

»Als Erstes brauche ich ein Auto«, stellte Jack fest. »Dann müssen wir einen Unterschlupf suchen, um zu schlafen und Nachrichten zu schauen.«

»Die Nachrichten? Erwartest du darin ernsthaft Berichte über Druiden?«

»Geoff«, begann Jack und sah ihm dabei tief in die Augen. »Du hast ja keine Ahnung, wie ernst die Lage ist.«

»Nein, scheinbar nicht.« Er grinste Karen an, zog die Augenbrauen hoch und sagte: »Krass!« Da wurde Jack bewusst, wie jung Geoff noch war.

N E U N

Um 17:30 Uhr an diesem Abend verließ eine 67 Jahre alte Frau namens Matilda Pancic den Discounter-Bioladen auf der Lincoln Avenue in West Milwaukee und machte sich auf den Weg nach Hause. Ihre Wohnung lag drei Blocks weiter westlich.

Beim Laufen summte sie fröhlich vor sich hin: »This is my lovely day … this is the day I will remember until the day I’m dying …«

Da wölbte sich plötzlich direkt hinter ihr der Gehsteig, was von einem tiefen, schleifenden Geräusch begleitet wurde, das sie allerdings nicht hören konnte, einerseits wegen des Verkehrs und anderseits, weil sie halb taub war. Sssssssschhhhhh – sssssschhhhhh – sssssschhhhhh.

Matilda Pancic war seit vier Jahren und neun Tagen Witwe. Ihr Mann Milton hatte als Konditor gearbeitet. Sein Foto stand auf ihrer Kommode. Ein glatzköpfiger Mann mit herabhängendem Schnurrbart, den in der Nacht vor ihrem Hochzeitstag der Tod ereilt hatte. Das Geschwulst in seinem Körper war zu groß geworden. Der Kuchen, den er für das Jubiläum gebacken hatte, stand hinter Glas neben seinem Foto. Für meine liebste Matti. Danke für 48 wundervolle Jahre. Für immer, dein Milton.

Er hatte den Kuchen um 18:00 Uhr nach Hause gebracht. Das Für immer hatte ganze 17 Minuten gedauert.

Die Kälte setzte Matilda Pancic zu. Sie hatte sich ein Kopftuch umgebunden, das mit den Niagarafällen bedruckt war. Dazu trug sie einen tristen, blauen Stepp-Regenmantel. Ihr Gesicht wirkte runder denn je, doch was konnte sie schon großartig anderes tun als vor dem Fernseher zu sitzen, Tropenfrucht-Joghurt aus dem Becher zu löffeln und an Milton zu denken? Manchmal in der Nacht bildete sie sich ein, seine Stimme aus der Küche zu hören, so laut und deutlich, als ob er noch am Leben wäre.

Sie machte in der Drogerie Halt, um ein Milwaukee Journal und eine neue Zahnbürste zu kaufen. Mr. Druker, der pferdegesichtige Verkäufer, beugte sich über den Tresen und erkundigte sich: »Haben Sie die Hautsalbe ausprobiert, die ich Ihnen empfohlen hatte? Was halten Sie davon?«

Matilda Pancic verzog angewidert die Lippen. »Ist mir zu fettig, Herman – war nichts für mich. Sie hat mir die Ärmel eingesaut.«

»Sie sollten sie aber mindestens einen Monat lang anwenden.«

Das Mädchen vor ihr konnte sich nicht für eine Haartönung entscheiden. Sie schwankte zwischen einem Hellblond mit der Bezeichnung »Honigtau« und einem Farbton namens »Dunkelblonde Verzückung«. Mrs. Pancic sah der jungen Frau über die Schulter und mischte sich ein: »Nehmen Sie das dunklere Blond. Das andere ist so hell, damit sehen Sie aus wie ein Schrubber.«

Das Mädchen wandte sich um, starrte sie an und schnaubte verlegen durch ein Nasenloch.

»Hören Sie auf mich«, drängte Mrs. Pancic, »ich kenn mich mit Haarfärbemitteln aus. Schauen Sie mal, welche ich benutze: ›Schneeüberraschung‹.«

Sie lachte über ihren eigenen Witz. Doch nur knapp 20 Zentimeter von ihrem linken Fuß entfernt begann sich der PVC-Boden mit Schachbrettmuster zu wellen und auszubeulen. Das schleifende Geräusch schien immer näher an die Oberfläche zu dringen.

»Nur die Zeitung und die Zahnbürste«, sagte Mrs. Pancic und hielt beides wie zur Bekräftigung hoch.

In diesem Moment riss wenige Zentimeter neben ihr der Boden auf. Eine riesige, haarige Hand schoss heraus und umfasste ihren Knöchel.

Die alte Frau schrie vor Schreck entsetzt auf und kippte vornüber auf den Tresen, wobei die gläsernen Trennwände zerbrachen. Packungen mit Aspirin, Paracetamol, Abführmittel und Tampons prasselten neben ihr herab.

Das Mädchen schrie ebenfalls auf und sprang mehrere Schritte zur Seite.

»Oh mein Gott!«, keuchte Mr. Druker.

Matilda Pancic klammerte sich in einem verzweifelten Rettungsversuch an die Fußleiste der Verkaufstheke. Doch eine weitere Hand, die aus dem Boden kam, ergriff ihre rechte Wade. Matilda Pancic gab keinen einzigen Laut von sich, streckte lediglich ihre Hand in Richtung des Ladentischs in der Hoffnung aus, irgendwo Halt zu finden.

Mr. Druker schrie seinen Assistenten an: »Rufen Sie die Polizei!«

»Was?«, entgegnete der Assistent, dessen Haar sich bereits lichtete.

»Rufen Sie die Polizei, verdammt noch mal!«, brüllte Mr. Druker erneut. Es war das erste Mal seit 1951, in Korea, dass er laut fluchte.

Die zwei riesigen Hände packten Matilda Pancic und schleuderten sie von einer Seite zur anderen – ließen sie Krach!!! gegen den Verkaufstresen knallen, dann Krach!!! auf den Boden und schließlich Krach!!! gegen den Ständer mit den Hallmark-Grußkarten. Ihr Tuch mit den Niagarafällen war plötzlich dunkelrot vor Blut. Ihre Arme schlackerten, weil sie gebrochen waren. Sie wurde wieder und wieder von einer Seite zur anderen geschmettert, bis sie nur noch hin- und herflog wie eine blutige Stoffpuppe.

Sirenen heulten auf der Straße wie Kinder. Schon hatte sich vor der Drogerie eine Menschenmenge eingefunden. Nicht um Matilda Pancic zu retten, sondern um sie beim Sterben zu begaffen. Ihr Blut und ihr Gehirn waren im Schaufenster und über den ganzen Tresen verteilt.

Hast du gesehen, wie das Blut rausgeschossen ist? Wie die Arme herumschlackern? Krass, wie ihr Gesicht aussieht!

Schließlich griffen die riesigen Hände wieder nach ihr. Vor allen Umstehenden, die ihren Augen kaum trauten, wurde sie als klägliches Häufchen aus Blut, Innereien und einem lose auf dem Hals sitzenden Kopf in den Beton hereingezogen. Ein mörderisches menschliches Puzzle, das sich niemand, der es sah, so recht erklären konnte.

Das Letzte, was im Boden verschwand, war ihr geschwollener linker Fuß – der bandagierte Fuß einer alten Dame. Er schrammte mit einem Geräusch nach unten, das einem die Haare zu Berge stehen ließ – Fleisch gegen Beton. Fleisch in Beton hinein.

Dann war sie verschwunden und der Boden wölbte sich ein letztes Mal. Die Polizei stürmte mit gezogener Waffe in die Drogerie. »Raus da! Keine Bewegung! Polizei!« Doch niemand konnte den Mann, der einst auf den Namen Lester getauft worden war, an seiner Flucht durch das Erdreich hindern.

Kurz nach 19:00 Uhr am gleichen Abend verließ ein 33 Jahre alter Versicherungssachverständiger namens Arnold Cohn in der Firmenzentrale der Wisconsin Mutual Assurance auf Parkdeck 3 den Aufzug und ging durch die Tiefgarage.

Er hatte an diesem Abend eine Verabredung zum Abendessen mit einer jungen Frau namens Naomi Breinstein. Er hoffte, sie anschließend in seine Wohnung in Shorewood mitzunehmen, um gemeinsam Opernarien zu lauschen. In seiner Aktentasche lag neben den Dokumenten zum hochgradig verdächtigen Ausbruch eines Feuers im Voight-Gemüsedepot eine neue Gesamtaufnahme des Kalifen von Bagdad von François-Adrien Boieldieu. Arnold war ein echter Opernkenner, dessen Kenntnisse weit über Verdi hinausgingen.

Er machte sich ernsthaft Sorgen um sein Haupthaar. Obwohl er erst 33 Jahre alt war, lichtete es sich am Hinterkopf bereits, und zwar so stark, dass die Kopfhaut durch seine schwarzen Locken schimmerte, wenn er sich im Badezimmerspiegel von hinten betrachtete.

Arnolds Vater hatte eine Vollglatze, aber bei Vätern war das irgendwie okay. Arnold war nie davon ausgegangen, dass auch ihm dieses Schicksal drohte. Besonders nicht jetzt, wo er ein Mädchen gefunden hatte, das er regelrecht vergötterte.

Naomi spielte Cello im Milwaukee Symphony Orchestra. Ihr Haar war dunkel und bedeckte ihren halben Rücken. Naomis Augen glänzten und waren so braun wie Schokoladen-M&M’s und ihre Oberschenkel straff. Arnold hatte nie zuvor eine Frau getroffen, die ein solches Feuer in ihm entfachte.

Arnold war fast an seinem Wagen angelangt, als ihn das sichere Gefühl beschlich, dass ihn jemand mit schlurfenden Schritten verfolgte. Er hielt inne und sah sich irritiert um, doch in der Tiefgarage war niemand. Er hatte Überstunden geschoben und abgesehen von seinem eigenen Volkswagen standen nur noch sechs oder sieben andere Fahrzeuge auf dem Deck. Eines davon war die Corvette, die seinem Kollegen John Radetzky gehörte und sorgsam mit einer Plane abgedeckt war.

Arnold rührte sich fast eine halbe Minute nicht vom Fleck und hielt sogar vorübergehend die Luft an. Aber in der Tiefgarage blieb es ruhig. Er hmpfte, schalt sich selbst einen Narren und lief weiter. Ob er Naomi wohl überreden konnte, die Nacht bei ihm zu bleiben? Er hatte gesehen, wie ihre Oberschenkel das Cello umschlossen. Der Gedanke daran, dass sie sich um seine Taille wickelten, trieb ihm Schweiß der Erregung auf die Stirn.

Als er seinen Autoschlüssel aus der Tasche fischte, hörte er wieder das Geräusch. Ssssssschhhh – ssssschhhhh – ssssschhhhh. Das klang wie jemand, der einen schweren Sack schleppte. Arnold sah auf. Das Geräusch schien von der Decke auszugehen, von Parkdeck 2. Aber Parkdeck 2 war verlassen und dunkel gewesen, als er mit dem Aufzug daran vorbeifuhr. Normalerweise wurde es nur tagsüber von Besuchern der Versicherung genutzt.

»Ist da jemand?«, rief er. Jemand?, wiederholte sein Echo.

Er schloss sein Auto auf. Ssssssssssssschhhhhhh, flüsterte das Geräusch. Diesmal drehte sich Arnold ganz schnell um.

»Also wenn hier jemand ist, dann sollten Sie besser wissen, dass Sie hier unbefugt eindringen und ich den Wachmann alarmieren werde, wenn ich das Gebäude verlasse.«

Just in dem Moment bemerkte er, wie sich die Plane auf John Radetzkys Auto minimal bewegte. Das war es also. Jemand versteckte sich in Radetzkys Corvette. Wahrscheinlich irgendein Penner. Entweder schlief er da drin oder wollte die Stereoanlage klauen.

Arnold schlich sich zu der abgedeckten Karosse. Mit einer Hand fuhr er sich nervös durchs Haar. Als er den Wagen erreichte, zögerte er nur einen ganz kurzen Augenblick. Dann beugte er sich nach vorn und ergriff die Plane mit beiden Händen.

Also gut, du Arschloch. Eins, zwei, drei! Er schlug die Plane zurück und rief: »Erwischt!«

Doch das Auto war leer. Niemand darin.

Verlegen – und froh, dass ihn niemand bei dieser peinlichen Aktion beobachtet hatte – spähte Arnold durch die blitzblanke Windschutzscheibe.

Während er das Innere ausgiebig inspizierte und dabei die Augen mit der Hand gegen die Leuchtstoffröhren abschirmte, die sich im Glas spiegelten, begann sich die Betondecke über seinem Kopf zu wölben, als ob sie wie Sand zerfloss.

Langsam teilten sich die Moleküle des Betons und gaben den Umriss einer nackten Frau frei, die ausgestreckt auf einem Deckenbalken lag. Sie war auf eine schwer zu beschreibende Art und Weise attraktiv, hatte feurige Augen und kleine Brüste und genau die Art geschwungener, stämmiger Hüften, die Arnold ausgesprochen attraktiv fand.

Sie fasste nach unten wie ein Schwimmer, dessen Hände ins Wasser eintauchten. Mit unglaublicher Sanftheit berührte sie Arnolds Haar.

Er kämmte sich mit einer ungeduldigen Geste die Strähne zurück. Er dachte, es wäre eine Fliege gewesen oder sein Haar hätte sich wieder einmal unerlaubterweise von seiner kahlen Stelle weggekräuselt.

Die Frau berührte ihn erneut. Diesmal sah er auf und runzelte die Stirn.

»Ahh!«, keuchte er. Mehr brachte er nicht heraus. Sein Magen fühlte sich an, als wäre er vor lauter Angst implodiert wie ein Ballon.

Die Frau im Beton ließ ihm keine Chance. Mit beiden Händen umfasste sie seinen Hals und zerrte ihn nach oben, sodass seine Füße den Halt verloren. Er trat um sich, schwang hin und her, würgte und versuchte zu schreien, aber sie zog ihn mühelos zur Decke, wobei sie ihre Daumen in seinen Adamsapfel bohrte und ihre Fingernägel ganz tief in seinen Hals rammte.

Rot vor Anstrengung drückte er mit beiden Händen gegen die Decke, um sich abzustoßen, doch sie zog ihn so weit zu sich hinauf, dass sich sein Gesicht gegen ihres presste.

Ihre Wangen und ihre Stirn fühlten sich beinahe so rau an wie der Beton, aus dem sie aufgetaucht war. Ihre leeren Betonaugen starrten in seine. Er konnte nicht atmen, konnte nicht schreien. Er fühlte sich, als ob das ganze Gebäude auf ihn fiel. Tatsächlich war es aber genau umgekehrt. Er wurde in das Fundament hineingezogen.

Küss mich, befahl ihm die Frau lächelnd, während sie ihre Nase gegen seine Wange rieb und sie dabei schmerzvoll abschabte. Findest du mich nicht wunderschön? Sieh dir meine Brüste an! Willst du nicht mit mir schlafen?

Sie rieb ihr Gesicht erneut an seinem, von einer Seite zur anderen, immer und immer schneller. Aus Kratzern wurden schnell Fleischwunden und die Fleischwunden wurden zu Furchen. Die Haut löste sich ab, als ob sie aus Seidenpapier bestünde. Nervenenden kamen zum Vorschein, rohes Fleisch wurde sichtbar. Rechts, links, rechts, links – schnipp, schnapp, schnipp, schnapp – den Letzten beißen die Hunde!

Die Betonfrau lachte ihn aus. Ihr Gesicht glänzte, weil es über und über mit Arnolds Blut besprenkelt war. Er öffnete den Mund und versuchte zu schreien, aber sie drückte seine Kehle fest zu. Als er es doch versuchte, riss sie ihm mit ihrer roh verputzten Stirn die Lippen ab wie zwei dicke rote, verstümmelte Würmer. Dann kam seine Nase dran, ein blutiger Klumpen aus Knorpeln und Knochen. Doch erst als sie sein Kinn bis aufs Skelett abschabte, zitterte er vor lauter markerschütterndem Schmerz so sehr, dass sie ihn fallen ließ.

Arnold sackte mit einem dumpfen Schlag zu Boden. Sein Blut spritzte quer über John Radetzkys Auto. Keuchend, würgend und mit Blasen im Mund kroch er vom Auto weg und hinterließ dabei eine Blutspur wie frisch verschüttete Farbe.

Mein Gesicht, dachte er durch einen Schleier aus Schmerzen. Was hat sie mit meinem Gesicht angestellt?

Blut lief ihm in die Augen, sodass er kaum noch etwas sehen konnte. Er traute sich nicht, sich ins Gesicht zu fassen, um es wegzuwischen, doch wenn er mit seinem linken Auge blinzelte, gelang es ihm, sich grob zu orientieren. Sein rechtes Augenlid hing nutzlos herab.

Er entdeckte seinen hellgrünen Volkswagen, der auf der anderen Seite der Tiefgarage geparkt war. Arnold schleppte sich darauf zu und bemühte sich, nicht darüber nachzudenken, was gerade geschehen war. Er versuchte einfach nur, dort anzukommen. Rette dich ans Steuer und du bist in Sicherheit!

Ihm war eiskalt und sein Körper schien doppelt so viel zu wiegen wie sonst. Immer wenn er mit dem linken Auge blinzelte, floss ein frischer Schwall Blut. Er versuchte, sich an die Worte aus einer seiner Lieblingsopern zu erinnern, Koanga von Frederick Delius.

Arnold war nur noch knapp zwei Meter von seinem Auto entfernt, als der Betonboden unter ihm plötzlich aufzugehen schien wie ein grauer Hefezopf. Ein Erdbeben, flüsterte sein Verstand. Doch dann fühlte er raue, kräftige Hände, die ihn in eine schreckliche Umarmung schlossen, und Brüste, die sich gegen seinen Oberkörper pressten. Er blinzelte mit seinem linken Auge und sah, dass sie ihn anlächelte – ein verrücktes, triumphierendes, furchteinflößendes Lächeln. Ihr Gesicht war mit dem Öl parkender Autos und Arnolds Blut besudelt.

Lass uns Liebe machen, verlangte sie. Komm schon, Süßer, lass uns Liebe machen.

Sie küsste seinen rauen, lippenlosen Mund und schabte ihre Betonzähne gegen seine. Dann verschwand sie wie ein Taucher mit einer ruckartigen Bewegung im Boden und zog ihn hinter sich her.

Eine Sekunde lang verspürte Arnold Schmerzen, die alles übertrafen, was er kannte. Es schien, als ob er bei lebendigem Leib in eine Batterie von Fleischwölfen geraten war. Als er zerfetzt, verstümmelt und entzweigerissen wurde, wunderte er sich noch, dass er so lange bei Bewusstsein blieb, wo doch sein Körper nur noch aus Fett, Schleim, zertrümmerten Knochen und zermahlenen Sehnen bestand. Er grübelte darüber nach, bis er starb. Und er starb unter höllischen Qualen.

Als ihn die Gnade des Todes ereilt hatte, herrschte wieder Schweigen in der Tiefgarage. Kaum hörbar entfernte sich das Sssssschhhhhh – sssssschhhhhh – sssssschhhh von menschlichem Fleisch, das durch feste Wände geschleppt wurde.

Officer Gene Spanier von der Milwaukee Police fuhr um 02:30 Uhr am nächsten Morgen von der Arbeit nach Hause in Richtung Norden, als er auf der Lisbon Avenue einen Betrunkenen zu sehen glaubte, der auf dem Gehsteig lag. Langsam lenkte er sein Auto an den Straßenrand, drehte sich in seinem Sitz herum und warf einen Blick zurück, während er den Motor im Leerlauf ließ. Entweder ein Betrunkener oder eine Leiche, soweit er das beurteilen konnte. Doch es war niemand als vermisst gemeldet worden. Obwohl die Anwohner ohne Hemmungen über Betrunkene hinwegsteigen würden, wollten sie doch keine Leichen auf ihrem schönen Trottoir liegen haben.

Officer Spanier war unheimlich müde. Er war um elf Uhr vormittags zu seiner Schicht angetreten und wollte nur noch ins Bett. Doch da war dieser Mensch, der mit dem Gesicht nach unten auf dem Bürgersteig lag. Seine Arme lagen eng am Körper. Was, wenn er wirklich tot war und Officer Spanier einfach weiterfuhr?

Er stieß ein zynisches Stoßgebet gen Himmel aus. Oh Herr, du schenkst Bankräubern Jachten und Zuhältern Cadillacs. Warum bleiben für mich immer nur Pommes und abgestandener Kaffee übrig? Amen. Er setzte mit seinem klapprigen, acht Jahre alten Oldsmobile ein Stück zurück, bis es genau neben der Gestalt zum Stehen kam, und begutachtete sie durch das verschlossene Fenster.

War sie betrunken oder tot? Das ließ sich von hier aus kaum beurteilen. Er sah nicht, ob sie atmete, und ihr Gesicht wies eine sehr merkwürdige Färbung auf – es war fast genauso grau wie der Beton, auf dem sie lag. Ihr Mantel hatte ebenfalls die Farbe von Beton.

Es handelte sich um einen stämmigen Mann, vielleicht 35 Jahre alt, möglicherweise einen Polen oder Deutschen.

Officer Spanier fuhr noch ein Stück weiter zurück und bemerkte, dass der Mann keine Schuhe trug. Seine Füße? Auch grau wie Beton.

Ein Betrunkener, was denn sonst? Kein Blut, keine Kopfverletzung zu sehen. Aber sein Gesicht wirkte aschfahl und sein Brustkorb schien sich nicht zu heben und zu senken, wenn er atmete. Und selbst wenn er nicht tot, sondern nur betrunken war, konnte er immer noch eine Alkoholvergiftung haben. Officer Spanier appellierte an sich selbst, auszusteigen, um dem Mann das Leben zu retten.

Wenn man überhaupt von Leben retten sprechen kann, wenn es um einen Mann geht, der um 02:30 Uhr morgens sturzbetrunken auf der Lisbon Avenue liegt, fügte er in Gedanken sarkastisch hinzu. Ihm hatte das Gleichnis vom barmherzigen Samariter noch nie gefallen. Den meisten Polizisten ging es ganz ähnlich. In der Regel wollten die Leute, die sie retteten, gar nicht gerettet werden – oder aber sie waren es einfach nicht wert. Landstreicher, Junkies, Möchtegern-Selbstmörder, arbeitslose Brauereiangestellte, verrückte Polacken.

Officer Spanier war 39 Jahre und 51 Wochen alt und hatte gerade seine zweite Scheidung hinter sich gebracht. Er wachte jeden Morgen zwei Stunden zu früh auf, lag dann lange wach und grübelte über sein Leben nach. Nächste Woche wurde er 40. Er lebte in einer Zweiraumwohnung. Über ihm wohnte ein Sopran-Saxofonist und gegenüber eine Prostituierte. Der Sopran-Saxofonist spielte besonders erbärmliche Versionen von Roland-Kirk-Nummern und die Prostituierte trug enge, weiße, ganz kurze Shorts, die ihr wie ein scharfes Messer in die Beine schnitten. Beide waren ihm herzlich egal. Er trank viel Jack Daniel’s, wenn er nicht im Dienst war, und amüsierte sich großartig über Miami Vice. Klar, denn weder ein weißer Armani-Anzug noch ein roter Ferrari Daytona waren zwangsläufig nötig, um ein glücklicher Cop zu sein. Man brauchte einfach nur eine tolle Ehefrau, die einen nicht nervte, nicht das Essen anbrennen ließ und sich nicht angewidert wegdrehte, wenn man zu ihr ins Bett stieg und aussah wie Frankenstein persönlich, der auf die Three Stooges trifft. Eine Frau, die nicht versuchte, dich mit einem Nachthemd aus dem Repertoire einer alten Jungfer ins Zölibat zu treiben. Außerdem brauchte kein Mensch diese verdammten Milwaukee-Winter mit Wind, der wie eiskalte, in Wodka eingelegte Rasierklingen über den See blies.

Grunzend und äußerst widerwillig hievte sich Officer Spanier aus dem Fahrersitz. Seit seiner Scheidung hatte er knapp sieben Kilo zugelegt und sich einen Schnurrbart wie Teddy Roosevelt stehen lassen. Sein größter Held war Burt Reynolds. Er besaß ein signiertes Foto, auf dem er Arm in Arm mit dem Hollywood-Star in den Universal Studios stand. Für Gene. Mit besten Schnörkeln, Burt Reynolds. Er hatte bis heute keine Ahnung, was es mit den Schnörkeln auf sich hatte.

Er ging neben der ausgestreckt daliegenden Gestalt in die Hocke. Sie stank nicht nach Alkohol. Sie roch nach überhaupt nichts. Betrunkene mieften normalerweise wie ein Schnapsladen und Leichen sonderten einen Geruch nach Scheiße ab, weil die Schließmuskelfunktion aussetzte. Aber dieser Mann da roch nach gar nichts. Officer Spanier betrachtete ihn eine Weile mit professionellem Desinteresse, schniefte dann und sagte: »Hey Junge, schläfst du oder was?«

Die Gestalt auf dem Bürgersteig regte sich nicht. Nicht betrunken, nicht tot, sondern völlig leblos.

Officer Spanier streckte vorsichtig die Hand aus und berührte den Mann am Arm. Du liebe Güte, er bestand aus Beton, war eine verfickte Statue. Jemand hatte eine Statue auf den Gehsteig gelegt.

Er drückte dagegen, doch das blieb ohne Wirkung. Er konnte nicht mal seine Finger darunterbekommen. Das Ding schien untrennbar mit dem Gehsteig verbunden. Herrgott! Jemand hatte ein Stück Straßenpflaster in eine Skulptur umgeformt. Da konnte locker jemand drüberfallen und sich sämtliche Knochen brechen. Was für eine verrückte Sache! Klar, in Kalifornien war so etwas fast schon an der Tagesordnung, aber hier in Milwaukee?

Doch der Künstler beherrschte sein Handwerk. Man musste sie schon aus nächster Nähe betrachten, um überhaupt zu erkennen, dass sie aus Beton bestand. Die Detailgenauigkeit war verblüffend. Wer auch immer dahintersteckte, konnte ein Vermögen machen, wenn er Gummipuppen als Zeitvertreib für geschiedene Cops herstellte.

Das Problem war, dass Officer Spanier zwangsläufig einen Bericht über seine Entdeckung schreiben musste. Und er musste nach dem Verantwortlichen fahnden und ihn verhaften lassen, sofern das Anfertigen von Skulpturen aus Gehwegplatten tatsächlich eine Straftat darstellte. Vielleicht konnte man es als Vandalismus oder Erregung öffentlichen Ärgernisses hindrehen.

Eventuell konnte er sich die ganze Mehrarbeit auch sparen, wenn er die Skulptur einfach verschwinden ließ. Er musste einfach nur die Asphaltdecke mit dem spitzen Ende seines Wagenhebers rundherum aufreißen und sie dann wegschaffen. Dann reichte es, das verdammte Ding in den nächsten Tümpel zu werfen und so zu tun, als ob es nie existiert hätte.

Er ging zurück zu seinem Oldsmobile, öffnete den Kofferraum und tastete unter der Abdeckung nach dem Werkzeug. Hatte er da nicht gerade ein Schaben gehört? Officer Spanier hielt inne und sah sich um, doch die Lisbon Avenue lag völlig verlassen da. Nichts, dachte er. Hast wohl Angst im Dunkeln.

Der Polizeibeamte drehte sich wieder zur Skulptur um. Ich kann es einfach nicht glauben. Ich sollte längst zu Hause im Bett liegen. Doch stattdessen bin ich hier und versuche, die Plastik eines Menschen vom Gehsteig zu schaben. Ich hätte doch auf Onkel Albie hören und den Wohnwagenhandel übernehmen sollen. Zumindest hätte ich damit mehr Geld verdient. Und ich würde nicht um drei Uhr morgens auf einem verdammten Trottoir kauern und mich mit der Arbeit eines verrückten Künstlers herumschlagen.

Etwas außer Atem bückte sich Officer Spanier und setzte das meißelförmige Ende des Wagenhebers passgenau an der Stelle an, wo die Wange der Statue den Boden berührte. Gerade als er mit der Arbeit beginnen wollte, öffnete sie die Augen und starrte ihn an. Officer Spanier ließ das improvisierte Werkzeug mit einem lauten Scheppern auf den Boden donnern. Er stand hektisch auf und wischte sich nervös die Hände an seiner Jeans ab.

»Du hast dich bewegt«, schimpfte er mit der Skulptur. »Du hast die Augen geöffnet.«

Die Statue lächelte. Der Schein trügt. Du bist ein Polizist. Du solltest das wissen.

Officer Spanier griff nach dem Wagenheber und fuchtelte damit in der Luft herum. »Ich warne Sie. Was auch immer Sie sind, ich werde Sie verhaften. Ich werde Ihnen Ihre Rechte vorlesen.«

Ich kenne meine Rechte. Awen, der Bedeutendste von allen, hat sie mir verliehen.

»Stehen Sie einfach auf, Mister. Stehen Sie ganz langsam auf. Hände vor den Körper, keine falsche Bewegung.«

Ich kann nicht aufstehen. Noch nicht.

»Aufstehen habe ich gesagt!«, blaffte Officer Spanier.

Das ist unmöglich. Der Beton besteht aus mir und ich bestehe aus Beton.

»Wenn Sie nicht freiwillig aufstehen, Mister, dann werde ich Sie hochziehen.«

Officer Spanier packte den Skulpturenmann am Kragen und versuchte, ihn auf die Beine zu stellen. Doch – »Scheiße!« – es war unmöglich. Entweder war der Fremde sehr schwer oder Officer Spanier nach 16 Stunden im Dienst einfach zu erschöpft, um ihn hochzuheben. Oder vielleicht war der Skulpturenmann tatsächlich ein Teil des Bürgersteigs.

Was zum Teufel sollte er jetzt tun?

Gib mir deine Hand!, befahl ihm der Skulpturenmann. Seine Stimme klang belegt und undeutlich, als ob er eine Handvoll feinen Sand im Mund hätte.

Officer Spanier nahm den Wagenheber in die linke Hand und bot der merkwürdigen Erscheinung seine rechte an. Der Skulpturenmann griff zu und hielt ihn fest. Sehr fest. In einem eisernen Handgriff.

»Okay, Mister, hoch jetzt!«, verlangte Officer Spanier.

Nein, mein Freund. Du kommst runter.

Officer Spanier zog an dem Fremden. Doch der war außergewöhnlich stark. Der Polizist hatte so etwas noch nie erlebt. Er versuchte, seine Hand loszureißen, doch es gelang ihm nicht.

»Hey! Lassen Sie meine …!«

Doch der Skulpturenmann drehte sich plötzlich lächelnd im Gehsteig herum, tauchte in den Beton hinab und verschwand. Officer Spanier schrie noch »Halt!«, doch dann wurde er auch in den Boden hineingerissen.

Officer Spanier war an einem Februarmorgen in den Lake Michigan gesprungen, um eine Ertrinkende zu retten. Er hatte sich durch lodernde Flammen gekämpft, um zwei kleine Kinder aus einer brennenden Wohnung zu retten. Er war durch ein Spiegelglasfenster gesprungen, um nicht von einem verrückten, drogenabhängigen Polacken mit einer abgesägten Schrotflinte erschossen zu werden. Doch niemals hätte er damit gerechnet, mit dem Kopf voran in den Gehsteig auf der Lisbon Avenue gezogen zu werden. Er wurde mit einer solchen Urgewalt in den Boden geschmettert, dass es ihm vorkam, als würde seine Seele in ihre Bestandteile zerspringen.

Es war absolut ausgeschlossen, dass ein menschlicher Körper tatsächlich in Beton eindrang, und doch schien genau das gerade zu passieren. Der Skulpturenmann zog ihn tief in den grauen Untergrund herein, drohte seine Haut auseinanderzureißen, Arterien zu durchtrennen und seinen ganzen Körper zu Brei zu zermalmen.

Er fühlte den Tod herannahen, als würde die Objektivabdeckung auf die Kamera seines Lebens gesteckt. Ich sterbe. Ich kann es nicht glauben. Das ist das Ende meines Lebens. Er glaubte zu schreien, aber wahrscheinlich spielte ihm sein Gehirn nur einen Streich, während es in tausend Stücke zerbröselte.

Officer Spanier verschwand im Gehsteig wie ein Taucher im Swimmingpool. Die Lisbon Avenue blieb still und verlassen zurück. Die Tür seines zurückgelassenen Streifenwagens stand offen und der Schlüssel steckte noch im Zündschloss.

Nach etwa einer Viertelstunde zeichnete sich ein nasser, dunkler Fleck auf dem Bürgersteig ab, gefolgt von Rissen im Beton.

Der Fleck wurde größer und größer. Dann quoll plötzlich eine dickflüssige Tomatensuppe aus dem Boden, die sich immer weiter ausbreitete. Bei der Suppe handelte es sich um die Überbleibsel von Officer Spanier – sein Fleisch, Blut und seine zerschmetterten Knochen hatten sich verflüssigt. Er floss über den Gehsteig in den Rinnstein und tropfte dann in die Kanalisation hinein.

In den Morgenstunden öffnete eine 19-jährige Psychologiestudentin namens Rhoda Greenberg im Zimmer 516 des Hyatt Regency auf der Grand Avenue von Milwaukee die Augen. Sie hob den Kopf vom Kissen, betrachtete stirnrunzelnd das Fenster und fragte sich, wo um alles in der Welt sie sich befand. Da hörte sie ein Schnarchen. Mit der Sorgfalt eines Leichenbestatters hob sie die verknäulte Decke an und betrachtete den grauhaarigen Mann, der tief und fest neben ihr schlief. Da kehrte die Erinnerung zurück.

Du hast es wieder getan, Rhoda, du Schlampe.

Müde schob sie die Decke zur Seite und kletterte nackt aus dem Bett. Sie ging zum Fenster und kratzte sich gähnend an ihrem schwarzen Lockenschopf. Geräuschvoll zog sie die Vorhänge zurück. Draußen lag die Innenstadt von Milwaukee geisterhaft im Nebel des Lake Michigan. Der Glockenturm des Rathauses mit seinem charakteristischen grünen Dach wirkte durch den Schleier wie der Turm einer osteuropäischen Metropole. Die Turmuhr verriet ihr, dass es erst 06:05 Uhr war. Sie hatte eine mächtige Rotweinfahne und ihr Kopf dröhnte wie beim Spontanbesuch eines Bienenschwarms.

Rhoda schaute zurück in Richtung Bett. Ein fetter Arm, so weiß wie Fleischwurst und von einer dünnen grauen Haarschicht überzogen, lugte unter der Decke hervor. Eine Seiko-Uhr aus Edelstahl protzte am Gelenk. Am Ringfinger steckte ein Ehering. Rhoda wusste nicht, ob sie sich vor sich selbst ekeln sollte oder nicht – und wie stark. Sie hatte etwas Ähnliches schon so oft getan, dass ihr Schuldgefühl relativ abgestumpft war. Und sie würde es wieder tun, sobald sich die Gelegenheit ergab, keine Frage.

Rhoda verharrte lange im perlfarbenen Lichtschein am Fenster. Man konnte sie nicht unbedingt schön nennen. In ihrem Gesicht prangte eine viel zu große Hakennase und ihre Lippen waren extrem wulstig, ihr Kinn ähnlich schwach ausgeprägt wie bei Popeyes Olivia. Zu Hause hatte sie ein paar Fotos ihrer Großmutter aus Breslau aus jungen Tagen gesehen. Die Ähnlichkeit war verblüffend.

Doch sie besaß einen spektakulären Körper. Ihre Brüste waren riesig, rund und fest und ihre Hüfte so schmal, dass die meisten Männer sie mit den Händen umschließen konnten. Ihre langen Beine mit schlanken Schenkeln und wohlgeformten Knöcheln kamen der Perfektion nahe.

Mit 13 fiel ihr zum ersten Mal auf, dass die Männer geil auf sie waren. Sie wollten zwar nicht mit ihr gesehen werden und sie beispielsweise zum Tanzen ausführen, weil sie ihnen zu gewöhnlich, hasenzahnig und kraushaarig erschien. Außerdem klang es wie das Schreien eines Esels, wenn sie lachte. Doch die Männer gaben alles dafür, ihre Brüste berühren und die Hände unter ihren Rock schieben zu dürfen. Sie hatte sogar ihren Vater einmal dabei ertappt, wie er mit erschreckender Faszination durch die Badezimmertür gestiert hatte, als sie einen Spaltbreit offenstand. Eine Hand lag auf seinem Herzen, Whiskey vernebelte ihm den Verstand und seine Augen waren blutunterlaufen.

Rhoda sehnte sich nach Freundschaften, Partnerschaften, nach Zuneigung, Liebe und Leidenschaft, genau wie jedes andere Mädchen auch. Nur weil sie nicht das Gesicht einer Ballkönigin besaß, hieß das noch lange nicht, dass sie keine emotionalen Bedürfnisse hatte. Doch wenn Männer Rhoda ansahen, dann sahen sie ihr nie ins Gesicht. Und nicht ein einziges Mal hatte man sie auf eine Party mitgenommen. Mit 15 hatte sie einen Entschluss gefasst: Wenn die Männer ihr nicht das geben wollten, was sie brauchte, musste sie sich eben von ihnen holen, was sie konnte.

Sie war ganz offen hinter jedem einzelnen Jungen aus ihrer Abschlussklasse in der High School her gewesen (und hatte sie auch alle ins Bett bekommen), bis auf zwei, die schwul waren. Selbst drei ihrer Lehrer landeten mit ihr im Bett. Jetzt, wo sie an der University of Wisconsin in Milwaukee Psychologie studierte, hatte sie es sich zur Gewohnheit gemacht, ihre wenigen freien Abende im Hyatt oder im Sheraton zu verbringen oder in den Läden auf der Grand Avenue einsame Geschäftsleute aufzugabeln. Wenn es dort Kosmetika, Schmuck oder auch Dessous zu kaufen gab, waren sie eine gute Anlaufstelle. Denn dort machten sich die Männer ungeschickt auf die Suche nach Geschenken, die sie ihren Frauen zu Hause mitbringen konnten.

Rhoda gab sich stets nett und hilfsbereit. »Wissen Sie, was ich ihr kaufen würde, wenn ich Sie wäre …?«

Doch in den Hotelzimmern machte sie sich einen Spaß daraus, sie zu demütigen. Rhoda ließ die Männer kriechen. Sie nannte sie Abschaum, gab ihnen Schimpfnamen und ließ sie die widerwärtigsten Dinge tun, die ihr in den Sinn kamen. Und das Seltsame war: Sie taten immer, was sie von ihnen verlangte. Einige von ihnen bewunderten sie sogar so sehr, dass sie Rhoda als stets verfügbarer Domina ein eigenes Apartment finanzieren wollten.

Aber sie lehnte solche Angebote immer ab. Sie wollte niemandem gehören. Dennoch verdiente sie Tausende von Dollar und erwartete von jedem Mann ein teures Geschenk. Schmuck, Parfüm oder ein Kleid.

Rhoda trat vom Fenster zurück und ging ins Badezimmer, ohne den schlafenden Mann auf dem Bett eines weiteren Blickes zu würdigen. Sie wusste noch nicht einmal mehr, wie er hieß, sondern erinnerte sich nur an seinen kleinen, haarigen Körper und daran, dass er in Tränen ausgebrochen war, nachdem sie mit dem Sex fertig gewesen waren. Als »Liebe machen« betrachtete sie das, was sie tat, nie.

Rhoda schaltete das Licht im Badezimmer ein und sah sich im Spiegel an.

Unter ihren Augen lagen dunkle Schatten. Sie hatte an diesem Wochenende einiges an Schlaf nachzuholen. Rhoda putzte sich die Zähne, spuckte aus und putzte sie gleich noch mal.

Als sie sich den Mund ausspülte, hörte sie hinter sich ein Geräusch, als ob jemand gegen den Duschvorhang strich. Sssch.

Sie schaute in den Spiegel, aber niemand tauchte in der Reflexion hinter ihr auf. Sie ließ kaltes Wasser ins Waschbecken laufen, um ihren geschwollenen Augen etwas Entspannung zu gönnen. Sie verfluchte sich für ihre Vorliebe für Rotwein. Sie verschaffte ihr immer einen Kater, der sie den ganzen Tag über lahmlegte.

Dann hörte sie das Geräusch wieder. Diesmal kam es langsamer und dauerte länger an. Sssschh – sssschhhhh.

Stirnrunzelnd drehte Rhoda sich um. Im Bad war niemand zu sehen. Der Duschvorhang hatte sich nicht bewegt. Sie ging zur Tür und warf einen Blick ins Schlafzimmer, doch der haarige Zwerg schlief noch immer tief und fest – und schnarchte laut und vernehmlich.

Ach, was soll’s? Vielleicht sind es die Leitungen, dachte sie. Du weißt ja, wie es in diesen Hotels ist. Immer wenn jemand aufs Klo geht, bekommt es der Nachbar in allen dreckigen Details mit.

Rhoda wusch sich das Gesicht, trocknete sich ab und öffnete dann ihren Schminkbeutel. Sie ging ziemlich großzügig mit Make-up um. Falsche Wimpern und dunkelroten Lippenstift mochte sie am liebsten. Besser man sah wie eine Nutte aus als wie ein Mauerblümchen.

Sie brachte Kleber an einer der falschen Wimpern an. Bei der Erinnerung an einen der Kerle, der diese mal im Regal entdeckt hatte, musste sie schmunzeln. Der hatte sie nämlich in Toilettenpapier zerquetscht und sie in der Toilette runtergespült, weil er sie für Tausendfüßler gehalten hatte.

Sie lächelte immer noch in sich hinein, als das Wasser im Waschbecken plötzlich von selbst abfloss und im Abfluss gurgelte.

Rhoda rüttelte am Hebel, der den Stöpsel fixierte. Dann ließ sie erneut Wasser ein, doch wieder floss es sofort ab. Sie sah sich den Verschluss genauer an. Möglicherweise war er ja undicht? Sie versuchte immer noch herauszufinden, was mit dem Stöpsel nicht stimmte, als sie bemerkte, dass sich ihre Haare im Abfluss verfangen hatten. Verdammt, murmelte sie und versuchte, ihren Kopf zu heben, doch ihr langes, lockiges Haar steckte fest.

Vorsichtig versuchte sie es zu lösen. Doch je mehr sie versuchte, ihre Strähnen freizubekommen, desto mehr steckten sie fest. Ihr Kopf wurde inzwischen ziemlich schmerzhaft in das Waschbecken hinuntergezogen, ihre Stirn gegen die kalte Keramik gepresst.

»Verdammt noch mal«, fluchte Rhoda. Sie war nicht länger nur ungeduldig, sondern stand kurz davor, in Panik zu geraten. Sie wollte ihr Haar auf keinen Fall abschneiden, es war schließlich ihr Kapital. Außerdem begriff sie nach wie vor nicht, wie sie sich so hoffnungslos verheddert hatte.

»Hey!«, rief sie und versuchte, den haarigen Zwerg drüben im Schlafzimmer aufzuwecken. »Hey, hilf mir mal hier, ja? Hey!« Sie hätte sich gerne an seinen Namen erinnert. So was wie Herman oder Harry oder Herbert.

»Hey, Herman!«, rief sie. »Herman, ich hänge fest! Herman, hol mich hier raus! Bitte!«

Doch kaum hatte sie das gesagt, wurde ihr Haar mit roher Gewalt ins Abflussrohr gezerrt, als ob da drin jemand wäre, der sämtliche Kräfte mobilisierte und daran zog. Rhoda knallte mit der Stirn gegen das Waschbecken und schrie jetzt vor Angst. »Hilfe! Hilfe! Um Gottes willen, Herman, hilf mir!«

Rhodas Kopf wurde immer wieder gegen das Waschbecken geschlagen. Sie fühlte, wie ihre Kopfhaut bis aufs Äußerste gespannt und von ihrem Schädel weggezogen wurde. Sie schrie immer und immer wieder, doch das erbarmungslose Ziehen wollte einfach nicht aufhören.

»Was zum Teufel ist los, warum brüllst du denn so?«, hörte sie die Stimme des haarigen Zwergs Herman ganz in ihrer Nähe. Sie öffnete die Augen und sah sein besorgtes Gesicht falsch herum.

»Ich stecke fest, mein Haar ist eingeklemmt. Komm her und mach mich los!«

Herman packte sie am Kopf und versuchte, sie nach oben zu ziehen. Rhoda schrie noch schriller, woraufhin er sie wieder losließ.

»Nicht so, du verdammter Idiot!«, meckerte sie mit Tränen in den Augen. »Der Stöpsel, hol den Stöpsel raus!«

Herman kämpfte eine Weile damit, rüttelte am Hebel wie ein Kind, das Zug fahren spielt, doch dann keuchte er. »Es geht nicht. Dein Haar steckt zu fest, ich bekomme es einfach nicht los.«

»Scheiße, ich werde nach unten gezogen!«, schluchzte Rhoda. Sie sah auf Hermans großen, weißen, fetten Arsch. Unentschlossen öffnete und schloss er seine Faust. »Vielleicht sollte ich sie abschneiden?«, schlug er verunsichert vor. »Soll ich eine Schere holen?«

»Befrei mich einfach!«, flehte sie ihn an. Ihr Haar wurde mit solcher Kraft in den Abfluss gezerrt, dass es ihr vorkam, als würde es an den Wurzeln herausgerissen. Der Schmerz war so überwältigend, dass sie ihn nicht länger ertragen konnte. Sie fing wieder an zu schreien. Blind und sinnlos brüllte sie die kalte Keramik des Waschbeckens an.

Herman wich zurück. »Du!«, ließ er sich vernehmen. »Ich geh mal besser und hol Hilfe. Hältst du noch einen Moment durch? Geht das?«

Er eilte zurück ins Schlafzimmer und zog sich an. »Verdammt.« Wie ein Berserker durchstöberte er das Zimmer auf der Suche nach seinem Hemd und seinen Socken. »Was zum Teufel habe ich mit meiner Krawatte gemacht? Herrgott, hör auf zu schreien, meine Güte.«

Rhoda holte zitternd tief Luft und wollte erneut brüllen. Doch diesmal drang kein Laut aus ihrer Kehle. Zwei glänzend weiße Hände schälten sich aus dem Waschbecken, packten ihren Kopf und zogen ihn direkt in das weiße Material hinein.

Herman erschien wieder in der offenen Badezimmertür. Er war halb angezogen und seine Miene wirkte wie versteinert. Er sah Rhodas nackten, über das Waschbecken gebeugten Körper, der zitterte, als ob sie auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet würde. Das Becken selbst war randvoll gefüllt mit Blut, das teilweise über den Rand hinausschwappte.

Herman starrte Rhoda lange an. Er hatte noch nie gesehen, wie jemand getötet wurde. Er merkte nicht einmal, dass Rhoda auf eine Art starb, die gegen sämtliche Naturgesetze verstieß. Letzte Nacht hatte sie ihn gezwungen, auf dem Teppich entlangzukriechen. Nun ging sie vor ihm in die Knie. Ihre Arme und Beine waren steif vor Schmerz und das Leben wich langsam, aber unaufhaltsam aus ihrem Körper.

Herman fühlte eine perverse sexuelle Erregung in sich aufsteigen. Sie war nackt, sie wurde gerade getötet und er konnte einfach nicht wegschauen.

Schließlich packte er den Knauf der Badezimmertür und zog sie mit einer seltsamen kleinen Verbeugung zu. Herman atmete tief durch. Dann nahm er ein Taschentuch und wischte den Griff ab. Er hatte vermutlich im gesamten Zimmer Tausende von Fingerabdrücken hinterlassen, aber irgendwie vermittelte ihm diese Tat ein Gefühl von Sicherheit. Zumindest konnte ihm so niemand beweisen, dass er sie beim Sterben beobachtet hatte. Zitternd, schweißnass und kreidebleich ging er zurück ins Schlafzimmer, um seinen Koffer zu packen.

Als er fertig war, ging Herman zurück zur Badezimmertür und lauschte. Nur ein langsames, stetes Tropfen war zu hören. Ob er einen letzten Blick riskieren sollte? Herman entschloss sich dagegen. Wenn jemand ihn fragte, würde er leugnen, das Mädchen je gesehen zu haben – sie musste in sein Hotelzimmer eingebrochen sein, nachdem er schon ausgecheckt hatte, und dort Selbstmord begangen haben. Ganz offensichtlich handelte es sich um Selbstmord. Sie hatte sich im Waschbecken die Kehle aufgeschlitzt.

Herman wusste, dass seine Frau Marcia ihm Rückendeckung geben würde. Er konnte ihre Reaktion fast hören. »In 37 Jahren Ehe war mein Herman nicht ein einziges Mal untreu.« Bei diesen Worten würde sie bestätigend mit ihrer grauen Dauerwelle nicken. Er schwitzte wie ein Schwein und kam so schlecht zu Atem, dass er sich gegen die Wand lehnen und immer wieder ins Gedächtnis rufen musste: Atmen, atmen, verdammt noch mal, atmen.

Irgendwann schaffte er es, nicht mehr zu keuchen. Alles okay so weit, jetzt musst du einfach nur noch die Fläschchen aus der Minibar an der Rezeption bezahlen, lächeln und das Flugzeug zurück nach Indianapolis nehmen. Und keiner wird dir je beweisen können, dass du irgendwas mit der Sache zu tun hattest.

Er hievte seinen karierten Koffer hoch und wandte sich zur Tür.

Doch dort wartete eine böse Überraschung auf ihn, die ihn in der Bewegung erstarren ließ. Noch nie in seinem Leben hatte er eine solche Angst verspürt.

Die Tür selbst hatte sich gewölbt und die Form eines kleinen muskulösen Mannes angenommen. Dieser starrte ihn grinsend an. Die braungoldenen Muster des Holzfurniers zeichneten Streifen wie bei einer Kriegsbemalung auf sein Gesicht.

Herman stand regungslos da, starrte den Mann in der Tür an und wusste nicht, was er tun sollte. Er traute sich nicht, die Hand nach der Klinke auszustrecken.

»Was wollen Sie?«, flüsterte er schließlich.

Der Mann in der Tür grinste immer noch und glotzte ihn weiter an. Etwas an dem Lächeln ließ Herman keinen Moment daran zweifeln, dass er dieses Hotel nicht mehr lebend verlassen würde.

Es passierte überall in Milwaukee, Wauwatosa, Cudahy und Whitefish Bay. Auf der East Kilbourn Avenue fand man dreijährige Zwillinge, die offenbar von ihrer Mutter beim Shoppen zurückgelassen wurden, in ihrem Buggy. Auf der North Sixth Street verschwand ein bekannter Bierbrauer aus dem Auto, während er vor einer Ampel stand. Es gab keine Hinweise auf seinen Verbleib, nur den merkwürdigen Umstand, dass sämtliche Ledersitze der Limousine aufgeschlitzt waren.

Genau neben den Gewächshaus-Kuppeln des Mitchell Park Horticultural Conservatory wurden drei Gäste einer Hochzeitsgesellschaft vor Dutzenden völlig entsetzter, jedoch hilfloser Zeugen in den Boden hinabgezogen, während sie für ein Erinnerungsfoto posierten.

Ein 32 Jahre alter Architekt wollte gerade die Toilette im Mader’s Restaurant verlassen, tauchte aber nie wieder auf.

Jack schaute den ganzen Tag Nachrichten und versuchte zu zählen, wie viele Leute verschwanden. Am Nachmittag war die Zahl deutlich zweistellig und er konnte den Berichten entnehmen, dass sich in Milwaukee eine Panik ausbreitete. Gouverneur Earl hatte für die Region bereits den Notstand ausgerufen und die Nationalgarde alarmiert.

»Aber in Wahrheit wissen wir überhaupt nicht, womit wir es hier zu tun haben … ob die Fälle plötzlichen Verschwindens auf ein Naturphänomen, eine Art Erdbeben, zurückzuführen sind … oder ob diese Menschen einer kriminellen Verschwörung zum Opfer fielen …«

Jack sah Geoff Summers an.

Der zuckte nur die Achseln.

»Sollen wir es ihnen sagen?«, wollte Jack wissen.

»Meinst du, dass sie uns glauben würden?«, erwiderte Geoff.

»Ganz bestimmt nicht.«

»Dann sollten wir es besser für uns behalten und nach einer Möglichkeit suchen, diese Irren aufzuhalten, bevor es zu spät ist. Ich regle bestimmte Angelegenheiten am liebsten persönlich. Sobald man es über die offiziellen Kanäle versucht, ist man verloren.«

Geoff hatte ein kleines Hinterhaus in einem Vorort von Madison aufgetrieben, dessen Veranda mit Flaschenkürbissen überwuchert war. Darauf stand ein Schaukelstuhl, in direkter Umgebung wartete ein verwahrloster, leerer Parkplatz seit Jahren auf den nächsten Besucher. Das Haus gehörte einem Physikprofessor, der für zwei Jahre in Skandinavien unterrichtete. Geoff besaß den Schlüssel, weil er ab und zu hinfuhr, um die Pflanzen zu gießen. Er hielt es für unwahrscheinlich, dass sie jemand dort entdeckte.

Es war ein trüber, Kopfschmerzen verursachender Nachmittag und dunkle Wolken hingen tief am Himmel. Es roch, als ob es bald regnen würde. Sie saßen auf Sitzsäcken im Empfangszimmer des Physikprofessors und tranken Kaffee aus Garfield-Tassen. Jack war kurz davor aufzugeben. Er hatte eine Horde unkontrollierbarer, krimineller Irrer in die Freiheit entlassen und fühlte sich für jedes Leben, das sie auslöschten, persönlich verantwortlich. Langsam begann er zu glauben, dass selbst Geoff und Karen ihm die Schuld dafür gaben.

»Wenn wir sie nur irgendwie ausfindig machen könnten«, sagte er. »Sie irgendwie finden, bevor sie wieder zuschlagen und sich neue Menschen schnappen.«

Geoff blätterte durch einen voluminösen, muffig riechenden Schmöker mit dem Titel Rituale und Magie in vorchristlicher Zeit. »Ich habe versucht, das Ritual zu finden, mit dessen Hilfe die Druiden in den Boden gelangt sind. Vielleicht können wir sie mit eigenen Waffen schlagen.«

»Du meinst, indem wir selbst in den Boden gehen?«, fragte Jack.

»Na, wie sollen wir sie denn sonst finden?«

»Das weiß Gott allein«, erwiderte Jack.

»Wartet mal – da kommen wieder Nachrichten«, mischte sich Karen ein. Sie nahm die Fernbedienung und stellte den Ton lauter. Auf dem Bildschirm sah man ein paar Bauarbeiter mit Schutzhelmen, die mit der Polizei und Fernsehreportern redeten.

Einer der Arbeiter sagte: »… graben, um Elektrokabel zu verlegen, wissen Sie? Und plötzlich spielten meine Wünschelruten verrückt. Also wollte Louis hier wissen, was zum Teufel da los war – entschuldigen Sie, dass ich mich so derb ausdrücke –, und plötzlich fiel er direkt in den Bürgersteig und zack, weg war er.«

»Sie meinen, er ist direkt in Ihre Baugrube gefallen?«, fischte eine Fernsehreporterin nach einer rationalen Erklärung.

Der Arbeiter schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Nein, gute Frau. Er war gar nicht in der Nähe der Baugrube. Er ist direkt in die Straße hineingefallen. Er ist im festen Boden verschwunden.«

Die Reporterin wandte sich der Kamera zu: »Ein weiteres unerklärliches Verschwinden hier auf der East Wisconsin Avenue, der 18. Fall in der Region Milwaukee innerhalb von nur 24 Stunden. Ein Bauarbeiter versinkt im Boden und gibt seinen Arbeitskollegen und der Öffentlichkeit Rätsel auf. Die Polizei hält nach eigenen Worten ›Augen und Ohren offen‹. Schon jetzt mehren sich Stimmen, die das Einsetzen einer Sondereinheit fordern. Hunderte Einwohner von Milwaukee fliehen per Auto oder Flugzeug aus der Region, bis eine Erklärung für das plötzliche und massenhafte Verschwinden von Menschen gefunden ist. Alle Straßen in Richtung General Mitchell Field …«

Jack schnappte sich die Fernbedienung, schaltete auf stumm und wandte sich mit ernstem Gesicht an Geoff. »Weißt du, was jetzt passieren wird? Es kommt zu einer Massenhysterie. Wir müssen uns schnell was einfallen lassen.«

Doch Geoff wirkte nachdenklich. »Hast du gehört, was der Bauarbeiter sagte?«

»Klar. Sein Freund verschwand im festen Boden.«

»Ja, aber ich meine davor.«

»Keine Ahnung. Dass sie Elektrokabel verlegten?«

Geoff schloss sein Buch und legte es zur Seite. »Er sagte: ›Meine Wünschelruten spielten verrückt.‹«

»Ach ja?«, fragte Jack immer noch ratlos.

»Überleg doch mal …«, begann Geoff, »die Versorgungsunternehmen setzen Wünschelruten ein, bevor sie die Straße ausbaggern, um Wasser- und Gasleitungen aufzuspüren und Erdarbeiten durchzuführen, ohne etwas zu beschädigen. Aber die Druiden benutzten ebenfalls Wünschelruten, um Leylinien zu lokalisieren. Sie setzten dafür Haselnusszweige ein … aber das Prinzip war genau das gleiche.«

»Worauf willst du hinaus?«, wollte Jack wissen.

»Nun, wenn Quintus Miller und seine Kumpels die Wünschelruten verrückt spielen lassen, dann könnten wir vielleicht jemanden ins Boot holen, der weiß, wie man die Dinger benutzt, um Jagd auf diese Scheißkerle zu machen.«

»Und was ist mit dem Typen aus dem Fernsehen – dem Bauarbeiter?«, mischte sich Karen ein.

»Gute Idee«, meinte Geoff. »Jack, warum rufst du nicht bei den Elektrizitätswerken an und schaust, ob du herausfinden kannst, wie der Typ heißt.«

»Und was unternimmst du in der Zwischenzeit?«

Geoff nahm wieder sein Buch in die Hand. »Ich werde mir das Wissen anlesen, wie wir uns gegen diese Irren zur Wehr setzen können, wenn wir sie denn finden.«

»Ich dachte, wir müssten ihnen das Rückgrat brechen oder so?«, erkundigte sich Karen.

»Das stimmt … aber das muss genau so passieren, wie es im uralten Ritual der Druiden festgelegt ist. Ihr müsst bedenken, dass sie ihre Menschlichkeit einbüßen, wenn sie durch die Erde reisen. Sie sind fast so etwas wie Übermenschen. Wenn wir sie Awen als Opfer darbringen, müssen wir sicherstellen, dass sie auch geopfert bleiben. Sonst kehren sie vielleicht als noch wildere Kreaturen zurück und machen Jagd auf uns.«

Karen schauderte. Jack griff nach dem Telefonhörer.

Z E H N

Sie trafen Otto Schröder im Watertower Park neben dem knapp 50 Meter hohen gotischen Wasserturm, der diesen Teil des Ostens von Milwaukee verdächtig nach Disneyland aussehen ließ. Der Himmel war strahlend blau, doch es wehte ein kräftiger Wind. Otto Schröder trug eine gefleckte Wollmütze, die auch seine Ohren bedeckte, und eine lederne Fliegerjacke mit einem Kragen aus Lammwolle. Er trat hektisch auf der Stelle, um sich warmzuhalten.

»Ich friere unheimlich schnell«, sagte er zur Begrüßung. »Ich hätte mir besser einen Bürojob suchen sollen, glaube ich. Schlechte Durchblutung. Aber jetzt ist es zu spät dafür.«

»Kommen Sie, lassen Sie uns eine Tasse Kaffee auftreiben«, forderte Jack ihn auf.

»Schon gut. Ich habe gerade erst zu Mittag gegessen. Ich sollte mich sowieso nicht mit Ihnen treffen. Mein Vorarbeiter hat mir verboten, mit jemandem über die Angelegenheit zu sprechen.«

»Na ja, wir sind ja nicht irgendjemand«, klärte Geoff ihn auf. »Wir wissen zufällig ganz genau, was mit Ihrem Freund passiert ist.«

Otto Schröder schniefte und wischte sich mit dem Handrücken über die Nase. »Er ist im Asphalt versunken. War einfach weg. Keine Ahnung, ob die Bullen mir das abgekauft haben oder nicht.«

»Wir glauben Ihnen jedenfalls«, bestätigte ihm Jack. »Und abgesehen davon können wir wahrscheinlich sogar die Verantwortlichen ausfindig machen.«

Otto Schröder starrte Jack aus dem Auge, das er nicht wegen der Kälte zugekniffen hatte, misstrauisch an. Er war stämmig und breitschultrig und mindestens zehn Zentimeter kleiner als sein Gegenüber. Er hatte wettergegerbte, rote Wangen, hellgraue Augen und eine ausgeprägte germanische Nase.

»Sonst haben Sie niemanden dort gesehen?«

Otto Schröder schüttelte den Kopf. »Nein, Sir. Niemanden. Es war keiner auch nur ansatzweise in der Nähe, als er verschwand.«

»Haben Sie Hände gesehen, die ihn festhielten?«, erkundigte sich Jack.

»Was meinen Sie damit? Ich hab’s Ihnen doch gerade schon mal gesagt: Da war absolut keiner weit und breit.«

»Was Mr. Reed meint, ist, ob Sie Hände aus dem Beton ragen sahen?«, klärte Geoff den Mann auf.

Otto Schröder sah erst Jack, dann Geoff, dann wieder Jack an. »Was soll das? Wollen Sie mich verarschen? Oder sind Sie meschugge?«

Jack antwortete: »Wir meinen es absolut ernst. Es gibt da draußen einige sehr gefährliche Menschen, die eine Möglichkeit gefunden haben, sich unter der Erdoberfläche fortzubewegen. Sie können durch Wände, sogar durch Türen gehen. Durch Ziegelsteine, Beton oder sogar massive Felsen. Für sie macht das keinen Unterschied.«

»Sie sind meschugge«, stellte Otto Schröder fest. »Ich habe extra früher gegessen, um Sie zu treffen, eine volle Stunde meines Lebens verschwendet und jetzt stellt sich heraus, dass Sie verrückt sind.«

»Aber Sie haben doch selbst gesehen, was passiert ist. Wie Ihr Freund direkt vor Ihren Augen verschwand.«

»Eine optische Täuschung«, wich Otto Schröder aus. »Mehr war es nicht.«

Jack öffnete seinen Geldbeutel, nahm zwei 100-Dollar-Scheine heraus und steckte sie in Otto Schröders Jackentasche. Dieser erstarrte vor Verblüffung, nahm dann die Scheine heraus und strich sie sorgfältig glatt.

»Sie bekommen einen Tausender, wenn Sie uns helfen«, erklärte Jack. »Sie können ruhig weiterhin denken, dass wir verrückt sind. Tatsächlich ist mir völlig egal, was Sie glauben. Diese Leute haben Ihren Freund erwischt und sie haben Dutzende weiterer Menschen auf dem Gewissen – und damit noch nicht genug. Sie haben sich auch meinen neun Jahre alten Sohn geschnappt.«

Otto Schröder sah Geoff fragend an. »Es ist wahr, Mr. Schröder«, bestätigte der ihm. »Deshalb wollten wir mit Ihnen sprechen.«

»Und was kann ich tun?«, wollte Otto Schröder wissen.

»Sie wissen, wie man Wünschelruten einsetzt?«

»Aber sicher. Das hat mir mein Großvater beigebracht. Es ist nichts Besonderes, wenn man ein bisschen Gespür dafür hat.«

»Kurz bevor Ihr Freund verschwand, stellten Sie fest, dass die Wünschelruten außer Kontrolle gerieten, stimmt das? Sie haben im Fernsehen erzählt, dass sie verrückt gespielt hätten.«

Immer noch misstrauisch nickte Otto Schröder.

»Also«, fuhr Geoff fort, »ob Sie uns nun glauben oder nicht: Der Grund, weshalb Ihre Wünschelruten verrückt spielten, war, dass einer oder mehrere Menschen sich dort, wo Sie arbeiteten, unter der Erde aufhielten und die Magnetfelder durcheinanderbrachten. Was genau taten die Wünschelruten denn?«

»Sie drehten sich. Sie drehten sich wie verrückt. Die linke im Uhrzeigersinn, die rechte entgegengesetzt.«

»Haben Sie eine Veränderung an den Wünschelruten bemerkt, als Ihr Freund verschwand?«

»Ich schätze schon«, bestätigte Otto Schröder nickend. »Sie hörten auf, sich zu drehen. Sie bewegten sich gar nicht mehr. Das habe ich noch nie zuvor gesehen. Und sie berührten sich an ihren Enden, als ob sie sich küssen wollten. Ich hatte das merkwürdige Gefühl, dass da etwas war. Das kann man jemandem, der keine Wünschelruten einzusetzen weiß, schlecht erklären. Aber es fühlte sich so ähnlich an, als wenn man sich sehr dicht an einem großen Reservoir befindet, etwa einem unterirdischen Wasserspeicher oder einem Tunnel.«

Jack sagte: »Otto – ich darf Sie doch Otto nennen?«

»Na klar.«

»Otto, es gibt 137 von ihnen. 137 verrückte, kriminelle Schizophrene. Wir müssen sie finden, so schnell wie möglich, bevor sie mit noch mehr Menschen das anstellen, was sie Ihrem Freund angetan haben. Momentan können sie nicht aus der Erde oder aus den Wänden heraus. Und sie können nicht in der Gegend herumlaufen wie wir. Aber wenn es ihnen gelingt, genügend Opfer zu töten … tja, dann kommen sie frei … und dann sind sie gar nicht mehr aufzuhalten.«

Otto wischte sich erneut die Nase ab. »Was haben Sie mit ihnen vor, wenn Sie sie erwischen?«

»Um die Wahrheit zu sagen: Wir müssen sie …«, begann Jack, doch Geoff fiel ihm ins Wort.

»Wir haben eine ganz besondere Methode, mit ihnen fertigzuwerden«, erklärte er mit vertrauenerweckender Gelassenheit. »Mehr braucht Sie nicht zu interessieren. Sie müssen bei diesem Teil der Geschichte überhaupt nicht involviert sein. Also, helfen Sie uns nun oder nicht?«

Otto zögerte, überlegte sehr lange. »Ist das alles wirklich wahr?«, fragte er.

Jack nickte. »Wenn Sie mehr Geld wollen, zahle ich Ihnen das Doppelte. Und sehen Sie es mal so – wenn es nicht stimmt und da niemand ist, was haben Sie dann zu verlieren?«

»Da haben Sie wohl recht!«, gestand Otto.

Geoff lächelte und schlug dem Mann auf die Schulter. »Großartig. Und es freut mich ganz besonders, dass Sie uns helfen, denn wir brauchen noch etwas von Ihnen.«

»Ach ja?«, fragte Otto.

»Einen Kompressor und einen Presslufthammer«, spezifizierte Geoff. »Ihre Firma hat doch sicher nichts dagegen, wenn Sie sich beides für eine Weile ausleihen, oder?«

»Einen Kompressor und einen Presslufthammer? Wofür zum Teufel brauchen Sie das Zeug?«

»Zum Graben«, antwortete Geoff kurz und bündig. »Für den Fall, dass wir sie finden, wissen Sie? Wir müssen sie ausgraben wie Kartoffeln.«

Um 18 Uhr trafen sie sich erneut mit Otto, diesmal unter dem East-West-Freeway, nachdem sie Karen nach Hause gebracht hatten. Geoff parkte seinen lahmen Valiant gegenüber von Ottos ausgebeultem alten GMC-Kompressorwagen und hupte. Schröder kletterte vom Fahrersitz und überquerte die Straße.

»Ich weiß nicht, warum zur Hölle ich das überhaupt mache«, brüllte er über den Verkehrslärm der Schnellstraße hinweg, während er hinten in Geoffs Auto kletterte und die Tür zuknallen ließ. »Meine Güte, ich muss den Verstand verloren haben.«

»Würden Sie es bitte unterlassen, die Tür so laut ins Schloss fallen zu lassen?«, forderte Geoff ihn auf. »Diana ist ziemlich empfindlich.«

»Diana?«, fragte Otto stirnrunzelnd.

»Sein Auto«, klärte Jack ihn auf und fügte dann erklärend hinzu: »Er ist Brite.«

»Oh«, machte Otto, als ob damit alles gesagt sei.

»Der Laster da sieht ziemlich mitgenommen aus«, bemerkte Geoff.

»Ja, sorry. Es ist der einzige, den mir der Vorarbeiter leihen wollte. Ich hab ihm erzählt, ich will einen Swimmingpool in meinem Hinterhof anlegen. Er erklärte mich für verrückt. Da bin ich ganz seiner Meinung.«

»Haben Sie Ihre Wünschelruten dabei?«, erkundigte sich Geoff unbeeindruckt.

Otto griff in seine Lederjacke und präsentierte zwei jeweils etwa 30 Zentimeter lange Kupferruten mit gebogenen Enden. »Wunderschön, nicht wahr? Hab ich selbst gemacht. Manch einer benutzt Eisen oder Messing, aber mein Großvater schwor auf Kupfer. Er meinte, das sei viel feinfühliger.

Ich sag Ihnen mal was: Mit diesen Wünschelruten kann ich ein Rohr mit Nennweite 15 auf weniger als drei Zentimeter genau lokalisieren. Und das kann mir niemand mit einem Haselzweig nachmachen.«

»Könnte ich sie mir mal ansehen?«, wollte Jack wissen, woraufhin Otto sie ihm mit einer beinahe feierlichen Geste überreichte. Jack schwang sie in der Hand hin und her, aber er konnte gar nichts spüren. »Wie funktioniert das genau?«, erkundigte er sich bei Otto.

Geoff antwortete: »Das ist wissenschaftlich nicht zu erklären. Es funktioniert – selbst die skeptischsten unter den Wissenschaftlern müssen das zugeben. Aber niemand weiß, wie oder warum.«

»Und Sie, Otto, wissen Sie es denn?«, fragte Jack.

Doch Otto schüttelte nur den Kopf und sagte: »Absolut keine Ahnung. Es ist ein Gefühl, mehr nicht. Eine Art Vibrieren.«

»Es hat etwas mit den natürlichen Magnetfeldern der Erde zu tun«, erklärte Geoff. »Das habe ich heute Nachmittag gelesen. Die Druiden schnitzten Wünschelruten aus Weiden- oder Ebereschenzweigen, um die Leylinien zu lokalisieren. Und ich hab noch etwas Interessantes herausgefunden. Bis ins Mittelalter hinein wurden Wünschelruten eingesetzt, um Mörder zu stellen. Offensichtlich sind deren Körper nämlich von Natur aus stärker magnetisch aufgeladen als bei anderen Menschen. Niemand weiß, warum – aber es könnte uns helfen, Quintus Miller und den Rest dieser Verrückten aufzuspüren.«

»Und wie wollen Sie das anstellen?«, fragte Otto, während er seine Wünschelruten wieder entgegennahm und ihre Griffe sorgfältig mit einem Taschentuch polierte.

»Wir wissen, wo die letzten Menschen verschwunden sind«, verriet ihm Jack, während er einen Atlas von Milwaukee öffnete. »Da werden wir ansetzen … einfach mal schauen, ob Sie Vibrationen spüren können.«

»Und wenn das so ist?«

»Dann ziehen wir mit Weihwasser einen Kreis um das Areal und sprechen ein exorzistisches Gebet, das die bösen Mächte davon abhält, von diesem Ort zu verschwinden. Das sollte unseren mörderischen Freund an der Flucht hindern.«

»Und dann?«

»Graben wir den Schweinehund aus«, erklärte Geoff und rieb sich bei dem Gedanken voller Vorfreude die Hände.

»Und dann?«

»Den Rest brauchen Sie nicht zu wissen«, stellte Geoff klar. »Da können Sie dann wegsehen.«

»Hey – mit Mord will ich nichts am Hut haben«, protestierte Otto.

»Denken Sie an Ihren Freund Norman«, rief ihm Geoff in Erinnerung. »Haben Sie mit Normans Witwe gesprochen?«

»Er war nicht verheiratet. Ich habe mit seiner Schwester geredet.«

»Gut, dann denken Sie in diesem Fall eben an seine Schwester. Und an all die anderen Menschen, die auf die gleiche Art ums Leben kommen werden, wenn Sie, Jack und ich nichts dagegen unternehmen.«

Otto verzog unglücklich den Mund. »Meine Frau glaubt, ich sei bowlen. Ich habe sie bisher noch nie angelogen. Vielleicht sollte ich all diesen Irrsinn vergessen und wirklich ’ne ruhige Kugel schwingen.«

»Otto – das ist Ihre Chance, ein Held zu sein.«

»Danke, kein Interesse. Hab ich jemals gesagt, dass ich ein Held sein will?«

Jack sah auf die Uhr. »Es ist 18:10 Uhr. Wir sollten uns besser beeilen. Der erste Ort, an dem wir es versuchen, ist die North Fifth einen Block nördlich vom MECCA.«

Otto zögerte, doch Geoff sagte: »Kommen Sie, Mann! Lassen Sie es uns versuchen! Man weiß ja nie, vielleicht macht es Ihnen sogar Spaß!«

»Ich setze meine Wünschelrute für Psychos ein«, murmelte Schröder, während er sich aus dem Auto hievte. »Ich glaub’s nicht. Ich glaub’s nicht mal ansatzweise.«

»Hauen Sie nicht die …«, rief Geoff, gerade als Otto die Tür mit einem ordentlichen Krachen zufallen ließ.

»Tür zu«, beendete Geoff den Satz leise.

Fast zehn Minuten lang rannten sie auf dem Bürgersteig der North Fifth Street auf und ab, während Otto seine zwei Kupferwünschelruten vor sich hielt und auf das kleinste Zittern wartete, das als Indiz dafür gewertet werden konnte, dass sich einer dieser Irren aus The Oaks irgendwo in der Nähe befand.

Der Wind war noch unangenehmer geworden und Jack wünschte sich, er hätte einen Mantel dabei. Außerdem wünschte er sich, sie hätten sich einen weniger auffälligen Ort ausgesucht. Sie standen schräg gegenüber des Milwaukee Exposition and Convention Centers mit der angrenzenden Arena und gerade trafen elf Busladungen mit Teilnehmern für das Jubiläumstreffen der Bäcker und Konditoren ein. Einige von ihnen hielten ebenso wie eine Reihe Geschäftsleute und Einkaufende auf dem Heimweg inne, um Otto mit verhaltener Begeisterung zu beobachten, als er kreuz und quer über den Gehsteig lief und seine Wünschelruten schwang.

»Und, finden Sie was?«, erkundigte sich Jack bei ihm.

Otto schniefte. »Eine Abwasserleitung, die hier durchführt, ein Telefonkabel dort drüben. Aber sonst rührt sich nichts. Zumindest nichts, das am Leben sein könnte.«

»Versuchen Sie es weiter«, drängte ihn Jack.

»Und wenn ich dann immer noch nichts finde?«

»Dann versuchen wir es woanders noch mal.«

Ein Mann mit Hut, grauem Anzug und Hornbrille trat auf Jack zu und sprach ihn an: »Entschuldigen Sie, Sir?« Er sah aus, als wäre er gerade aus dem Jahr 1962 eingetroffen und hätte nur keine Zeit gehabt, sich umzuziehen. »Entschuldigen Sie, Sir, darf ich fragen, was Ihr Freund da macht?«

»Aber sicher«, antwortete Jack. »Er testet eine neue Art von Einkaufswagen. Nun ja, nur die Griffe, der Rest ist noch nicht ganz fertig.«

Der Mann beobachtete Otto ernst und respektvoll und mit offensichtlichem Interesse. »Die Leute aus den Entwicklungsabteilungen lassen sich wirklich was einfallen!«, sagte er schließlich und ging dann weiter.

Bald darauf erklärte Otto: »Dieser Ort ist eiskalt. Hier gibt es gar nichts.«

»Was meinst du?«, wollte Jack von Geoff wissen. »Aufgeben und es woanders versuchen?«

»Na gut«, stimmte Geoff zögerlich zu. »Ich hatte gehofft, dass wir zumindest auf eine Spur stoßen. Selbst, nachdem sie schon lange weg sind. Ich war davon ausgegangen, dass sie eine Art energetischen Fußabdruck hinterlassen, über den wir sie verfolgen können.«

»Nichts«, betonte Otto nachdrücklich.

Sie stiegen wieder in ihre Fahrzeuge, passierten den Milwaukee River im Osten und fuhren weiter nach Süden zu den großen, weißen Betonklötzen, bei denen es sich um Teile des Performing Arts Centers handelte. Eine 27-jährige Schauspielerin namens Millicent Horowitz war kurz nach 15 Uhr am gleichen Tag vom Dachgeschoss des Parkhauses verschwunden.

Sie parkten den Kompressorwagen und den Valiant Seite an Seite rückwärts ein, sodass die Fahrzeuge mit der Rückseite zum Fluss zeigten. Dann näherten sie sich auf dem oberen Parkdeck der Stelle, an der sich Millicent Horowitz scheinbar in Luft aufgelöst hatte. Der Bereich war noch immer weiträumig abgesperrt. Auf den flatternden Absperrbändern stand ZUTRITT POLIZEILICH UNTERSAGT, doch da war niemand, der Jack, Geoff und Otto daran hindern konnte, unter dem Band hindurchzukriechen und dorthin zu gehen, wo die junge Frau zuletzt gesehen worden war. Der Punkt war mit rotem Klebeband markiert.

»Ich war noch nie als Rutengänger in einem Parkhaus im Einsatz«, erklärte Otto, während er seine Wünschelruten wieder zur Hilfe nahm. Er stellte sich breitbeinig über die rote Markierung und bewegte sie sanft von einer Seite zur anderen.

»In den Nachrichten hieß es, dass sie mit ihrem Freund hier war«, berichtete Jack. »Er hat sich irgendwann kurz umgedreht, um einem Boot auf dem Fluss hinterherzuschauen, und als er sich wieder zurückdrehte, war sie weg. Spurlos verschwunden. Zuerst dachte er, sie hätte sich vom Dach gestürzt.«

»Ich hab was!«, warf Otto ein.

Geoff hatte die Hände in die Hüften gestemmt und sich gegen den Wind gestellt. »Ganz ehrlich, ich glaube so langsam, dass diese Idee mit der Wünschelrute nichts taugt. Besonders, wenn unser Spezialist nur Abwasserleitungen aufspürt. Vielleicht sollten wir unsere Verrückten lieber unter der Erde suchen gehen.«

»Hattest du denn Erfolg bei der Recherche nach dem Ritual?«, wollte Jack wissen.

»Ich habe einen Teil des Rituals gefunden. Ein Freund von mir aus Harvard hat Nestor Druggetts Buch Druidentum und die Bedeutung der Megalithen in der Universitätsbibliothek von Harvard aufgetrieben. Es handelt sich um eines der ältesten und ausführlichsten Werke über das Druidentum, die noch erhalten sind. Er hat mir alle wichtigen Passagen am Telefon vorgelesen. Anscheinend malten die Druiden ein großes Hexagramm aus Blut auf einen aufrecht stehenden Stein und rezitierten dann sämtliche geheiligte Namen von Awen. Ich weiß aber nicht, was danach kommt, was den Stein letztlich dazu brachte, sich zu öffnen und die Druiden leibhaftig in die Unterwelt einzulassen. Druggett sagt dazu nur, dass sie ›König spielten‹ und auf diese Weise das unterirdisch gelegene Königreich betreten konnten.«

»Ich hab was!«, wiederholte Otto aufgeregt. »Hier – hier, da ist was!«

»Was?«, wollte Jack wissen. »Was ist da?«

Die Wünschelruten bewegten sich jetzt ganz deutlich. Sie wiesen auf eine weit entfernt liegende Seite des Dachs. Noch während Jack sie beobachtete, schlugen sie nach links aus, als ob sie etwas aufspürten, das sich bewegte.

»Was spüren Sie?«, fragte Geoff und legte Otto neugierig die Hand auf die Schulter.

»So was habe ich noch nie gehabt. Es ist wie ein Kreisen irgendwo hier oben auf dem Dach. Es bewegt sich auf allen Seiten um uns herum. Als ob es uns beobachtet oder so. Wie ein Hai, der einen Schwimmer einkreist, verstehen Sie?«

»Können Sie einschätzen, ob es menschlichen Ursprungs ist?«, erkundigte sich Geoff.

Otto zog eine Grimasse: »Da bin ich mir nicht so sicher. Aber es bewegt sich unter der Erde. Es macht Lärm. Als ob es etwas zermahlen würde, wissen Sie, was ich meine? Als ob man am Strand Sand zwischen die Zähne bekommt, der dann im Mund knirscht.«

Sie beobachteten mit sorgenvollen Mienen, wie die Wünschelruten sich einmal komplett im Kreis drehten. Nirgendwo auf dem Parkplatz rührte sich etwas im Beton, doch Jack wusste, dass einer der Wahnsinnigen da war, sie umkreiste, sie beobachtete und auf eine geeignete Gelegenheit wartete.

»Ich fühle mich wie eine Ziege, die jemand als Lockvogel benutzt, um einen Tiger zu fangen«, bemerkte Geoff.

»Es kommt näher«, sagte Otto. »Ich spüre eine sehr tiefe Vibration. Wie der unterste Ton einer Orgel! Ich habe so was noch nie erlebt. Es fühlt sich eiskalt an und gibt dieses malmende, knirschende Geräusch von sich.«

»Teufel noch mal, ich wünschte, ich könnte das selbst nachvollziehen«, bemerkte Jack.

»Besser nicht, glauben Sie mir«, antwortete Otto. Die Wünschelruten schwangen wieder herum und ihre Spitzen bewegten sich zitternd näher aufeinander zu, als ob sie auf etwas deuteten, das mit jeder Umdrehung näher kam.

»Du kennst das Gebet sicher?«, vergewisserte sich Jack.

Geoff nickte und starrte auf den Beton. »Ich habe es auswendig gelernt, sind nur ein paar Zeilen.« Das unaufhaltsame Herannahen des Wahnsinnigen war jetzt deutlich hörbar. Das haarsträubende Ssssschhhhhh – sssssschhhhhhh –ssssschhhhhh, das er zum ersten Mal in The Oaks gehört hatte.

»Hast du auch das Weihwasser dabei?«, fragte Jack.

Geoff klopfte mit der Hand auf die Seitentaschen seines Mantels, dann auf die Brusttasche und schließlich auf die Innentasche. »Ach du Scheiße, ich hab’s im Auto gelassen!«

»Na dann geh es holen, verdammt noch mal!«, brüllte Jack ihn an. »Der Irre kann uns jeden Moment angreifen!«

Geoff sah auf die Wünschelruten. Sie zeigten nach rechts auf die gegenüberliegende Seite des Parkplatzes. Schnell machte er einen Satz nach links auf das Absperrband zu, duckte sich darunter durch und lief über das Dach auf sein Auto zu.

Im selben Moment schwangen die Wünschelruten ebenfalls nach links, als ob ihr Gegner unter der Erde durch die Vibration, die Geoff beim Rennen verursachte, aufgeschreckt worden war.

»Geoff!«, schrie Jack. »Er verfolgt dich! Renn!«

»Ach herrje, schauen Sie, wie schnell es sich bewegt!«, warf Otto ein.

Geoff erreichte sein Auto. Die Gummisohlen seiner Turnschuhe schlitterten über den Betonboden. Er riss die Fahrertür auf und griff nach der Flasche Perrier, die er mit Weihwasser gefüllt hatte. Doch im selben Moment krachte eine Faust wie eine Granate von unten durch den Beifahrersitz und packte ihn am Handgelenk.

»Jack!«, brüllte Geoff panisch. »Jack!«

Jack wand sich unter der Absperrung hindurch und spurtete über das Parkdeck auf Geoffs Auto zu.

»Es hat mich am Handgelenk erwischt!«, schrie der ihm zu.

Jack sprang zur Beifahrertür und riss sie auf. Obwohl Geoff sich am Türrahmen festkrallte, wurde seine Hand in den Sitz hineingezogen und die Haut von den kaputten Schrauben durchbohrt. Jack zögerte nur einen Moment, dann steckte er seinen Kopf ins Auto und biss dem Irren seitlich in den Daumen. Er zertrennte Muskeln und schabte gegen Knochen.

Für den Bruchteil einer Sekunde lockerte die Hand ihren Klammergriff. Das reichte Geoff, um sich zu befreien. Jack entfernte sich Blut spuckend vom Wagen.

»Das Wasser!«, ermahnte er Geoff lautstark. »Zieh mit Wasser einen Kreis um das Auto!«

Geoff öffnete die Perrier-Flasche und verteilte die Flüssigkeit großzügig um seinen fahrbaren Untersatz. Sein Gesicht war noch ganz blass vor Schock. Während er das tat, sprach er die Worte des Exorzismusgebets: »Ab insidiis diaboli, libera nos, Domine; ut Ecclesiam tuam secura tibi facias libertate servire, te rogamus, audi nos; ut inimicos sanctae Ecclesiae humiliare digneris, te rogamus, audi nos.«

Der Beton unter dem Fahrzeug bebte bei jedem Wort, als ob jemand mit einem Presslufthammer zu Werke ging. Doch als Geoff das Gebet beendet hatte, hörte das Beben auf. Nur das Pfeifen des Windes auf dem Parkplatz, das vom Lake Michigan herrührte, sowie das Hupen und Lärmen von den Straßen waren noch zu hören.

Otto kam mit den Wünschelruten zu ihnen herüber.

»Was ist passiert? Sitzt er in der Falle?«

Mit düsterer Genugtuung verkündete Jack: »Da können Sie Gift drauf nehmen, dass wir ihn in die Falle gelockt haben. Lasst uns das Auto hier wegschaffen und dann fangen wir an zu graben. Ich habe die leise Hoffnung, dass es Quintus Miller persönlich ist.«

Geoff kletterte vorsichtig zurück in den Valiant, startete den Wagen und fuhr ihn ein paar Meter weiter. Dann standen die drei Männer da und betrachteten den Beton an der Stelle, wo gerade noch das Auto geparkt hatte. Der Boden war an einigen Stellen aufgewühlt, sonst deutete nichts darauf hin, dass sich der Angreifer immer noch dort unten befand.

»Das ist bombenfester Stahlbeton«, stellte Otto fest. »Keine leichte Arbeit, den mit dem Presslufthammer aufzuhebeln.«

»Na dann sollten wir besser loslegen«, schlug Geoff vor.

»Und wenn uns jemand fragt, was wir hier machen?«, warf Otto ein. »Die Bullen zum Beispiel.«

»Wir erledigen dringende Wartungsarbeiten«, erklärte Geoff. »Das ist ein offizieller Lastwagen eines Versorgungsunternehmens, oder etwa nicht? Und Sie sind ein offizieller Angestellter eines Versorgungsunternehmens.«

»Herrgott, hoffentlich ist es das wenigstens wert«, knurrte Otto. Er ging um den Laster herum und hievte den Presslufthammer von der Ladefläche. Dann startete er den Kompressor, setzte sich einen Ohrenschutz auf und begann, den Betonboden zu malträtieren.

Der Lärm war ohrenbetäubend und die Vibration vernebelte Jack die Sicht. Doch Otto kam schneller voran, als Jack vermutet hätte. Der Presslufthammer hackte mit seiner meißelförmigen, großen Spitze auf den Belag ein und sprengte ihn auf. Jack und Geoff räumten die entstandenen Bruchstücke mit bloßen Händen aus dem Weg. Innerhalb von nur einer Viertelstunde legte Otto eine ovale Öffnung frei, die etwa in dem Bereich endete, wo Geoff den Bannkreis mit Weihwasser gezogen hatte. Nach 30 Minuten war der Rand des Ovals gründlich ausgehoben, eine weitere halbe Stunde später konnte er mit der Tiefenbohrung beginnen.

Wenn man bedachte, was sie mit dem Presslufthammer für einen Höllenlärm verursachten, der auch noch von den Wänden des Performing Arts Centers widerhallte, war es wirklich erstaunlich, dass niemand kam, um sie zu fragen, was sie da eigentlich veranstalteten. Dutzende Menschen fuhren in das obere Deck des Parkhauses, um dort ihr Auto abzustellen – das Ballett von Milwaukee führte an dem Abend Schwanensee auf –, doch niemand würdigte sie eines Blickes. Jeder, der mit so viel Lärm so ungeniert den Boden bearbeitete, musste einen öffentlichen Auftrag haben.

Mitten in ihrer provisorischen Ausgrabung stellte Otto den Presslufthammer ab, zog den Gehörschutz vom Kopf und sagte: »Der Teufel soll mich holen, wenn da irgendwas ist. Wir graben hier ganz umsonst.«

Geoff sah zu Jack und meinte: »Was meinst du? Glaubst du, dass wir ihn verpasst haben?«

Aber Jack kickte die letzten Betonreste zur Seite und entgegnete: »Hier kann sich ein Mann sehr gut verstecken, wenn er sich nur klein genug macht und ordentlich krümmt. Kommt, vielleicht haben wir Glück. Lasst uns weitermachen!«

»Sie sind der Boss«, bestätigte Otto seufzend und setzte den Gehörschutz wieder auf.

Der Presslufthammer schlug ein Betonstück nach dem anderen heraus und plötzlich spürte Jack, wie sich seine Nackenhaare vor lauter Angst und Anspannung aufrichteten. An einer Seite des Betonhaufens wurde die nackte Ferse eines Mannes erkennbar. Jack sprang in das Loch hinunter, zupfte Otto am Ärmel und deutete triumphierend auf das Körperteil.

»Wir haben ihn!«, brüllte er über den Lärm des Kompressors hinweg. »Wir haben ihn doch noch erwischt!«

Otto trat ein paar Schritte zurück: »Heilige Mutter Gottes!«, keuchte er.

»Los doch, Otto, graben Sie ihn aus!«, drängte Jack ihn. »Beeilen Sie sich! Bevor es dunkel wird!«

Doch Schröder schüttelte den Kopf. »Sie wollen ihn da raus haben? Dann müssen Sie das schon selbst erledigen. Herrgott. So was hab ich ja noch nie gesehen.« Er legte den Presslufthammer ab, zog sich die überdimensionierten Kopfhörer von den Ohren und kletterte aus der Grube.

»Kommen Sie, Otto, seien Sie vernünftig! Sie sind doch schon so weit gekommen!«, versuchte Geoff ihn zu überreden.

»Aber sicher«, entgegnete Otto. »Und ich bin derjenige, der sowieso schon viel zu viele Risiken eingegangen ist. Ich habe diesen Laster ausgeborgt, ich habe Stadteigentum beschädigt. Wer soll denn das Loch später wieder zuschütten, hm? Verraten Sie mir das mal! Und wer hält seine Rübe dafür hin, dass hier überhaupt gebuddelt wurde? Sie etwa? Mein Gefühl sagt mir nach allem, was ich bisher so mitbekommen habe, dass Sie abhauen, sobald die Situation brenzlig wird.«

»Meine Güte, geben Sie das Ding schon her. Ich mach es ja«, bot sich Jack an. Er setzte die überdimensionierten gelben Muscheln auf die Ohren, brachte den Presslufthammer in Position, was gar nicht so einfach war, und betätigte den Hebel. Mit einem ohrenbetäubenden brrr-brrrr-brrr-brrrrrrrrpp! sprang das Werkzeug zur Seite, hätte sich beinahe Jacks Griff entwunden und fiel um.

Jack wollte sich gerade bücken, um die Höllenmaschine wieder aufzuheben, als er Geoffs warnenden Ruf hörte: »Jack!«

Er sah auf. Mit einem dumpfen, schabenden Geräusch schälte sich ein betonfarbener Kopf gefolgt von betonfarbenen Schultern aus dem Boden. Der Kopf wirbelte herum und starrte ihn trotz geschlossener Augen an. Jack erkannte ihn auf Anhieb. Es war Lester – der Gefangene, der als Erster nach Pater Bell verlangt hatte.

Du Schweinehund!, fauchte Lester. Dafür wird dich Quintus umbringen.

Otto starrte Lesters Schädel ungläubig an und schluckte. »Da ist ein Kopf«, brachte er schließlich heraus. Er zog Geoff am Ärmel. »Sehen Sie das? Da ist ein Kopf!«

»Schon okay, Otto«, versuchte Geoff ihn zu beruhigen. »Keine Panik. Deshalb sind wir ja hier.« Und doch war es auch für Geoff das erste Mal, dass er einen der Irren aus The Oaks zu Gesicht bekam. Er konnte es selbst kaum glauben.

Lass mich frei!, forderte Lester an Jack gewandt. Lass mich frei oder Quintus wird deinen Sohn töten.

»Willst du damit sagen, dass er noch am Leben ist?«, fragte Jack.

Natürlich ist er am Leben. Er ist besonders wertvoll, dein lieber Sohn! Er wird unser letztes Opfer sein; der Unschuldige, den die alten Götter verlangt haben! Derjenige, dessen Leben uns alle befreien wird!

Jack stand auf und umfasste den Presslufthammer mit beiden Händen. »Du kommst nicht frei, Lester. Du kannst mir drohen, so viel du willst, aber ich denke nicht daran, dich aus deinem Gefängnis herauszuholen. Stattdessen werde ich deinen Scheißkopf mit dem Presslufthammer in Stücke zerfetzen.«

Du kannst meinen Körper ruhig auseinandernehmen, erwiderte Lester trotzig. Meinen Körper kannst du zerstören, aber nicht meine Seele! Quintus wird mich wiederherstellen! Das wirst du schon sehen! Solange meine Überreste noch auf dieser Erde zu finden sind, wird Quintus mich regenerieren können! Und Quintus sorgt dafür, dass dein Sohn langsam und qualvoll umkommt, glaub mir! Er zermalmt ihn wie ein wehrloses Vogelbaby in seinem Nest!

Da rief Geoff: »Jack?«, wandte sich dann an Otto und sagte: »Schalten Sie den Kompressor ab, Otto, ja? Wir brauchen den Presslufthammer nicht mehr.«

Der Kompressor kam ruckelnd zum Stehen. Auf einmal kam es ihnen auf dem Dach des Parkhauses so still wie auf einem Friedhof vor. Der Wind blies schwach, aber eisig, wie er einst über Stonehenge, die Osterinsel und die Steine in Carnac geweht hatte. Die meisten Parkplätze waren besetzt, aber niemand befand sich in der Nähe. Die Aufführung von Schwanensee musste bereits begonnen haben.

An Jack gewandt sagte Geoff: »Du musst mir jetzt vertrauen, Jack. Quintus Miller wird deinen Sohn nicht anrühren – noch nicht. Das traut er sich nicht, nicht, wenn Randy als letztes Opfer auserkoren wurde. Diese Verrückten kommen nicht frei, bevor sie dieses letzte Opfer dargebracht haben, so steht es zumindest in Druggetts Buch. Und wenn sie erst einmal ein Kind erwählt haben, müssen sie auch bei ihrer Entscheidung bleiben. Sie können nicht nachträglich ein anderes Opfer bestimmen. Randy ist sicher, zumindest für den Moment.«

Wenn du mich auch nur anrührst, du Dreckskerl, dann wird sich Quintus an dir rächen, knurrte Lester. Du wirst dir wünschen, deine Mutter hätte nie die Beine breitgemacht, um dich rauszulassen.

»Da wäre ich mir nicht so sicher, mein Freund. So wie Quintus Miller mit dir umgesprungen ist, tippe ich bei ihm auf einen klassischen Fall von Schizophrenie. Er ist offensichtlich ziemlich überzeugt davon, Awen zu sein, der Gott der Druiden. Awen war ein grausamer Gott, ein extrem unerbittlicher Gott. Insofern dürfte es ihn nicht sonderlich kümmern, was mit dir passiert.«

Ich bin unsterblich, flüsterte Lester. Was immer ihr mir antut, ihr könnt mich niemals vernichten.

»Na ja, auch in dieser Hinsicht gehe ich davon aus, dass du falsch liegst«, antwortete Geoff. Er wischte sich nervös die Hände an seiner Jeans ab, ging zu seinem Auto und schloss den Kofferraum auf: »Hilf mir mal, Jack«, bat er seinen Auftraggeber. Jack war klar, dass Geoff nicht halb so zuversichtlich war, wie er vorgab.

Geoff wuchtete einen dreieckigen Holzrahmen aus seinem heruntergekommenen Auto. Jedes der drei Bretter war etwa anderthalb Meter lang und grob aus schwerer Eiche gesägt. Anschließend hatte man sie provisorisch zusammengenagelt. Jack half Geoff, das Dreieck auf den Boden zu legen. Es wog fast 140 Kilo.

»Was zum Teufel ist das?«, erkundigte sich Otto misstrauisch.

»Die Schreinerei der Universität hat das für mich angefertigt«, erklärte Geoff lächelnd. »Kein besonders schwieriger Job. Es handelt sich um eine exakte Kopie eines druidischen Folterinstruments. Jedenfalls haben die Handwerker versucht, sich so genau wie möglich an die Skizze zu halten.«

»Ein was?«

»Ein Folterinstrument. Die Druiden bogen die Körper ihrer Opfer nach hinten über eine Seite des Dreiecks – siehst du das hier? – und banden ihre Hand- und Fußgelenke zusammen. Dann zogen sie die Knoten mithilfe von Aderpressen immer enger, bis die Opfer so weit nach hinten gezogen wurden, dass ihnen das Rückgrat brach. Anschließend sprachen die Druiden die Opferworte und sorgten so dafür, dass der Geist ihrer Opfer in Vergessenheit geriet, als ob er nie existierte.«

Jack starrte auf Lesters Kopf, der aus dem aufgerissenen Beton ragte. Der Wahnsinnige sah sie aufmerksam an.

»Es war gar nicht so einfach, die notwendigen Opferworte in der Literatur zu finden«, erklärte Geoff.

»Aber sie stehen in Druggetts Buch über die Druiden. Man fand sie auf einem Grabstein in Wales.

Caimich mi a nochd

Eadar uir agus eare,

Eadar run do reachd,

Agus dearc mo dhoille.«

Kaum hatte Geoff seine Rezitation beendet, fing Lester ohne Vorwarnung zu schreien an. Der Schrei war für menschliche Ohren zwar unhörbar, doch er erklang in ihren Köpfen wie eine Messerschneide, die über eine Schieferplatte gezogen wurde.

»Seht ihr?«, bemerkte Geoff triumphierend. »Es funktioniert! Wir haben den Dreh raus! Wir können diesen Schweinehunden ein vorzeitiges Ende bereiten!«

Lesters Kopf versank wieder im Boden. Doch Geoff sprang in das Loch, trommelte mit den Fäusten auf den Beton und schrie: »Hörst du mich? Wir haben dich! A Righ nan reula runach!«

Sofort erschien Lesters Gesicht erneut. Er schrie sogar noch schriller in ihrem Geist.

»Hab dich!«, schrie Geoff zurück. Er war ganz aufgeregt wegen der Durchschlagskraft seiner Magie und weil das, was sie hier taten, so spannend und gleichzeitig auch gefährlich war. »Hab dich, du mörderisches Stück Scheiße! A Dhe mheinnich nan dula!«

Mit seinem Betongesicht brabbelte Lester: Nicht, nicht! Schlag mich zusammen, wenn du willst! Aber 60 Jahre! 60 Jahre des Wartens! Ich will raus hier, ich will frei sein!

»Oh, es gibt nur einen Weg für dich in die Freiheit, mein Freund«, klärte Geoff ihn auf. »Und zwar solltest du uns restlos alles erzählen, was du über Quintus Miller und deine anderen irren Freunde weißt. Wenn du es nicht tust, dann geht’s ab aufs Foltergerät mit dir. Und dann wartet die völlige Vernichtung mit freundlicher Unterstützung von Awen, dem heiligen Namen, und von Bel, dem Sonnengott, auf dich. Für immer und ewig, Amen.«

Ihr könnt sie kriegen! Ihr könnt sie kriegen! Ich verrate euch, wie!

»Na dann los!«, forderte Geoff ihn auf. »Mir reißt heute Abend schnell der Geduldsfaden und ich habe verdammt Lust darauf, geistig Umnachtete wie dich zu vernichten.«

Es stand alles in den Büchern … in Krügers Bibliothek … er schrieb auch Tagebuch. Krüger hatte die Druiden ein Leben lang studiert. Quintus brach in die Bibliothek ein und stahl die Aufzeichnungen … er verriet uns, dass wir alle entkommen könnten. Monatelang planten wir unsere Flucht. Am schwierigsten war es, eine Flöte zu finden, die richtige Art von Flöte. Wir taten so, als wollten wir eine eigene Folk-Gruppe gründen … also kaufte uns Mr. Estergomy eine.

»Flöte? Wovon redest du da?«, fragte Geoff.

Ein Instrument, mit dem man rituelle Musik spielen kann, um das Hexagramm zu öffnen … um zu fliehen. Und genau das haben wir getan … Quintus ging zuerst, kam dann wieder durch die Wand und spielte Musik. Dann folgten wir ihm. Einer spielte, der Rest folgte, so funktionierte das Ritual. Und wir schafften es! Mitten in die Wand hinein!

Geoff stand reglos da. Der spätnachmittägliche Wind zerzauste ihm die Haare. »Einer spielte, der Rest folgte«, wiederholte er nachdenklich. Dann zitierte er:

»Als plötzlich die Schar sich seitwärts schob,

Dorthin, wo der Koppelberg sich erhob.

Steil stehet der Berg; die Kinder davor –

Da öffnet sich plötzlich ein weites Tor;

Hinein geht der Spielmann, die Kinder ihm nach;

Dann schließet der Berg sich mit lautem Krach.«

Selbst Otto erkannte das Gedicht wieder. »Der Rattenfänger von Hameln«, sagte er mit heiserer Stimme. »Herrgott, das hat sich niemand ausgedacht. Es ist wahr. Und ich erlebe es hier mit eigenen Augen.«

»Ja«, bestätigte Geoff. »Die verdammte Legende ist wahr. Und es ist im Laufe der Geschichte immer wieder passiert. Es gibt keine Geister, Poltergeister oder Dämonen, sondern nur Erden- und Wandläufer – Menschen, die wahrhaftig in der Unterwelt leben.«

Lass mich frei!, insistierte Lester. Ich hab dir alles gesagt, was ich wusste. Lass mich frei!

»Jack? Was meinst du dazu?«, wollte Geoff wissen.

Jack sah Lesters Betongesicht an und dachte an Randy, Pater Bell, Essie Estergomy, Daniel Bufo und Joseph Lovelittle. Er verspürte große Lust, Lesters Gesicht mithilfe des Presslufthammers zu zertrümmern. Und er hätte es auch wirklich getan, wenn es eine Garantie dafür gewesen wäre, dass Lesters unausgeglichene Seele dadurch vernichtet wurde.

»Ich bin dafür, dass wir ihn opfern«, antwortete er. »Zeigen wir Quintus Miller, dass wir es wirklich ernst meinen.«

Ihr habt mir euer Wort gegeben!, protestierte Lester.

»Und Pater Bell starb unter den schlimmsten Schmerzen, die man sich nur vorstellen kann«, konterte Jack.

Er wollte nicht nachgeben! Er wollte uns nicht gehen lassen! Es war nicht meine Schuld!

»Wie kriegen wir ihn aus dem Beton raus?«, fragte Jack.

Geoff hielt das Weihwasser hoch. »Weihwasser gemischt mit Weihsalz. Damit obsiegten die frühen Christen letztendlich über die Druiden. Der Weg des Geistes gegen den Weg des Fleisches.«

Nein!, schrie Lester. Nein, rührt meine Seele nicht an!

Geoff öffnete die Perrier-Flasche und hob sie hoch.

Nein!, kreischte Lester. Ich verrate euch, wie ihr sie findet! Ich verrate euch, wie ihr sie findet!

Jack ging zum Betonblock herüber und starrte Lester direkt ins Gesicht.

»Jack – geh nicht zu nah ran«, warnte Geoff ihn, doch dieser war zu wütend, um auf die Warnung zu hören.

»Also gut, Lester«, begann Jack. »Du sagst uns, wie wir sie finden, und wir werden dich dafür ziehen lassen. Aber ich warne dich, Freundchen. Wenn du versuchst, uns zu verarschen … dann werde ich dich höchstpersönlich aufspüren und dein Rückgrat auf dieser Foltervorrichtung brechen – und dabei werde ich mir alle Zeit der Welt lassen.«

Also hört zu, ich sage euch die Wahrheit … Ihr müsst zurück zum Portal gehen … dorthin, wo Quintus Miller damals zum ersten Mal in die Wand eingedrungen ist … Ihr müsst die Musik spielen … die Musik wird sie alle wieder zurücklocken. Sie müssen der Musik folgen, ob sie nun wollen oder nicht. Ihr kennt sie, es ist die Beschwörungsmusik für Grian-stad.

»Grian-stad?«, wiederholte Jack. »Was ist denn Grian-stad?«

»Das keltische Wort für ›Mittsommernacht‹«, klärte Geoff ihn auf. »Ich weiß nicht, ob unser Freund hier die Wahrheit sagt, aber er kennt zumindest die druidischen Sagen. In der Mittsommernacht spielten die Druiden Musik, um alle zu den heiligen Stätten zu rufen.«

»Also müssen wir sie nicht einzeln einfangen«, stellte Jack fest. »Wir können sie alle zurück nach The Oaks beordern und uns dann dort um sie kümmern.«

Er hatte keine präzise Vorstellung davon, wie er und Geoff sich um 137 durchgeknallte Kriminelle ›kümmern‹ würden, aber vielleicht half ihnen Druggetts Druidenbuch weiter. Und selbst, wenn es Ihnen nicht gelang, sie zu vernichten, sondern sie die Entflohenen lediglich wieder in die Mauern von The Oaks einsperren konnten, war das immer noch besser, als sie auf die Stadt loszulassen, wo sie unschuldige Menschen unter die Erde zerrten.

»Diese Musik – was für eine Musik soll das denn sein? Ist es eine besondere Melodie?«, erkundigte sich Geoff.

Flötenmusik, erklärte Lester. Musik aus einer Flöte. Sie geht ungefähr so …

»Ja, schon gut, Flötenmusik, aber wie geht die Melodie genau?«

Doch in diesem Moment schrie Lester lauter als je zuvor. Ein heiserer, greller Schrei, der nach Todesangst und Verzweiflung klang. Zwei riesige Hände schoben sich an beiden Seiten seines Kopfes aus dem Beton und zerrten ihn zurück in den Abgrund.

Sie sahen, wie Lesters Hände in einer verzweifelten Geste kurz wieder aus dem Boden auftauchten, als er mit allen Mitteln versuchte, sich an der Luft festzuhalten. Doch dann verschwanden sowohl sie als auch der Rest seines Körpers endgültig unter der Erdoberfläche.

»Was ist passiert?«, fragte Jack entsetzt. »Wo ist er hin?«

Geoff schrie: »Otto! Die Wünschelruten!«

»Was ist damit?«, fragte Jack.

»Raus aus dem Loch!«, befahl ihm Geoff. »Ich verwette meinen Arsch, dass das Quintus Miller war!«

Sie kletterten aus der Spalte und eilten zum Kompressorwagen zurück.

Otto fuchtelte mit seinen Wünschelruten herum, versuchte sie parallel voneinander zu halten und murmelte dabei in sich hinein: »Nichts als Ärger hat man hier. Ich wünschte, ich wäre nie mitgekommen.«

Jack suchte den Parkplatz in Windeseile mit den Augen ab, hielt Ausschau nach Wölbungen im Boden und nach Armen, die wie Haifischflossen aus dem Untergrund ragten.

»Irgendetwas stimmt nicht!«, stellte Otto entsetzt fest. »Sie spielen total verrückt!«

Die Wünschelruten drehten sich hektisch wie ein Kompass am Nordpol. Otto versuchte, sie ruhig zu halten, aber es gelang ihm nicht. »Die Kräfte sind zu stark! Sie kommen von überall! Ich kann nichts dagegen tun!«

Ganz abrupt hörten die Wünschelruten mit ihrem wilden Karussellspiel auf und berührten einander. Es folgte das laute, heftige Knistern einer elektrischen Entladung. Otto wurde heftig gegen die Seite seines Wagens geworfen. Sein Kopf schmetterte mit einem dumpfen, knirschenden Geräusch, das an ein überfahrenes Eichhörnchen erinnerte, gegen den Wagen. Er fiel zu Boden, zitterte und grummelte etwas in sich hinein.

Jack kniete sich neben ihn. Ottos Wollmütze war blutbefleckt und seine Augen nach oben verdreht.

»Fass ihn nicht an«, warnte Geoff ihn. »Natürlicher Magnetismus hat ihn erwischt … und zwar ziemlich heftig. Du würdest wohl selbst einen ziemlich starken elektrischen Schlag bekommen, wenn du ihn berührst.«

»Hast du noch Weihwasser?«, fragte Jack ihn, während er weiterhin den Parkplatz im Auge behielt. Sein Herz pochte fast so stark in der Brust, wie Lester gegen sein Betongrab geschlagen hatte.

»Klar, aber ich bin mir nicht mehr so sicher, ob es uns wirklich nützt«, antwortete Geoff. »Wer auch immer Lester da in den Boden hineingezogen hat … der Bannkreis schien ihn nicht davon abzuhalten.«

»Du musst bedenken, dass du kein Priester bist«, warf Jack ein. »Vielleicht hängt es damit zusammen. Vielleicht fehlt dir die nötige spirituelle Kraft.«

»Na gut, ich bin kein Priester«, bestätigte Geoff verärgert. »Aber verdammt noch mal, so ein großer Sünder bin ich nun auch wieder nicht.«

»Vielleicht sollten wir besser sehen, dass wir von hier wegkommen«, schlug Jack vor.

»Damit könntest du recht haben. Manchmal ist ein würdevoller Rückzug besser als eine Niederlage.«

Sie standen auf und gingen vorsichtig auf Geoffs Valiant zu. Doch genau in diesem Moment kam es zu einer ohrenbetäubenden Explosion. Der Betonberg, in dem sie Lester gefangen hatten, stob in einer Fontäne aus Kies und Schotter auseinander. Betonsteine prasselten gegen die um sie herum geparkten Autos, ließen die Scheiben zu Bruch gehen und zerbeulten das Blech.

Während er seine Augen mit den Händen gegen den entstandenen Staub abschirmte, warf Jack einen Blick auf das Loch, das sie gegraben hatten. Der Berg in der Mitte war komplett weggesprengt worden, doch genau an seiner Stelle stand jetzt ein gänzlich gehäuteter, nackter Mann, dessen Körper blutrot glänzte. Seine Adern pochten wild und unkontrolliert.

Im allmählich schwindenden Tageslicht sah er fast schön aus, wie eine surrealistische Skulptur, bei der Muskeln und Sehnen deutlich hervortraten. Arterien wanden sich um seinen Körper wie Schlangen. Trotz der Tatsache, dass seinem Gesicht die Haut fehlte, erkannte Jack sofort Lester in ihm wieder.

Dieser versuchte sich zu bewegen, zu schreien, doch die Schmerzen, die er erleiden musste, schienen zu stark. Er gab ein einziges gequältes Blöken von sich, das mehr nach einem Tier auf der Schlachtbank als nach einem Menschen klang. Dann griff eine Hand aus dem Boden nach oben an seine Füße, packte ihn an den Knöcheln und zog ihn in einer grässlichen Detonationswelle aus Fleisch und Blut wieder in den Schlund herab.

»Allmächtiger Gott!«, keuchte Jack.

»Jack, das Auto!«, erinnerte ihn Geoff mit einer Stimme, in der so viel Schock mitschwang, dass sie fast schon überdeutlich klang. »Lass uns hier abhauen, schnell!«

Sie rannten die letzten paar Schritte zum Valiant, rissen die Türen auf und kletterten hinein. Geoff holte mit zitternden Fingern seinen Schlüssel aus der Tasche und ließ ihn prompt fallen.

»Scheiße!«, rief er panisch, während er auf dem Boden herumtastete und versuchte, ihn wiederzufinden.

Im selben Moment hörte Jack ein Pochen und wandte sich nach rechts. Das in ihrer Reihe am weitesten entfernte Auto hob sich einen ganzen Meter in die Luft und kollidierte bei seiner Landung lautstark mit dem benachbarten Fahrzeug. Schon kam das nächste Auto, das hochgehoben wurde und mit dem Nachbarauto zusammenstieß, dann das übernächste und dann das daneben. Es sah aus, als ob etwas Großes, Starkes sich den Weg zu ihnen bahnte – eine Flutwelle aus Beton, die unweigerlich alles mitriss, was ihr in die Quere kam.

»Geoff, beweg diesen Blechhaufen hier raus!«, rief Jack ihm zu.

Geoff fand endlich den Schlüssel und stocherte ihn ins Zündschloss. Doch da spürte er bereits, wie der Valiant erbebte und das Metall am Boden der Karosserie auseinanderbrach. In Jacks Kopf überschlugen sich die Erinnerungen an Daniel Bufo. Er trat die Tür auf und sprang aus dem Auto. Geoff tat es ihm gleich.

Fast in der gleichen Sekunde hörte das Auto auf zu wackeln. Sie wichen einige Schritte zurück und verharrten.

»Der hier ist echt stark«, stellte Geoff fest, während er sich mit der Hand über die Stirn wischte. »Das ist Quintus Miller, daran gibt es keinen Zweifel.«

Vor ihren Augen begann sich die Windschutzscheibe von Geoffs Auto zu biegen und zu verformen. Ein Gesicht aus Glas erschien. Es war nur sichtbar, weil die Lichter der MECCA sich auf seinen Wangen, seiner Nase und seinen Lippen spiegelten. Es war eine scharfkantige, grausame Fratze; genau wie Pater Bell sie Jack damals in Green Bay beschrieben hatte. Eine Fratze wie ein Felsen. Ein stechender Blick und völlig ausdruckslose Augen ohne jede Spur von Mitleid.

»Quintus Miller«, flüsterte Jack.

Korrekt, antwortete eine schroffe, kultivierte Stimme. Quintus Miller höchstpersönlich. Sehr erfreut, Sie endlich kennenzulernen.

»Ich will meinen Sohn zurück«, forderte Jack. »Hast du mich verstanden? Ich will meinen Sohn wiederhaben! Ich will ihn hier und jetzt, sonst mache ich dir die Hölle heiß, das schwör ich dir.«

Ihr Sohn ist für mich sehr wichtig, Mr. Reed. Nun, nicht so sehr für mich persönlich, wenn Sie verstehen, was ich meine, sondern eher für meinen Glauben. Ihr Sohn wird in die Geschichte eingehen als das bedeutendste Opfer des Heidentums seit 2.000 Jahren. Geschichte, Mr. Reed! Nicht viele Jungen erhalten die Gelegenheit, Geschichte zu schreiben. Nicht in diesem Alter. Nicht, wenn sie noch so empfindlich sind.

»Ich will ihn sehen!«, verlangte Jack.

Sie können ihn gerne sehen, wenn Sie möchten.

Die Windschutzscheibe verzog sich, als ob sie von einem erfahrenen Glasbläser bearbeitet würde. Kopf und Schultern eines starken Mannes erschienen im Glas. Auf den Schultern von Quintus Miller, offensichtlich festgebunden oder mit Handschellen an ihn gekettet, saß ein Glasjunge, der genauso aussah wie Randy. Seine Augen schienen geschlossen zu sein, doch als Jack sich langsam dem Valiant näherte, konnte er sehen, dass der Junge noch atmete. Er musste vor lauter Erschöpfung eingeschlafen sein.

»Randy?«, rief er. »Randy?«

»Jack, halt bloß Abstand!«, warnte Geoff ihn. »Er will dich töten – er will uns beide töten!«

Jack hielt inne, zögerte und biss sich auf die Unterlippe. Quintus Millers Glaslippen hatten sich zu einem glänzenden Lächeln verzogen.

Kommen Sie ruhig näher, Mr. Reed. Oder darf ich Sie Jack nennen? Es macht keinen Unterschied, denn früher oder später werde ich dich umbringen, Jack, das verspreche ich dir. Genau wie Lester starb, als er versuchte, dir unsere heiligen Geheimnisse anzuvertrauen. Niemand betrügt Quintus Miller, Jack. Niemand stellt sich ihm in den Weg. Die Quintessenz gab mir ihren Namen – und genau das bin ich. Ich habe meine Brüder umgebracht, alle vier, ihnen die Augen mit einem glühenden Schürhaken ausgestochen. Was glotzt ihr mich so an, niemand darf einen Gott anstarren, jedenfalls nicht so! Das habe ich zu ihnen gesagt. Und als sie schliefen, waren sie fällig … einer nach dem anderen. Ich habe ihnen den ledernen Streichriemen meines Vaters zwischen die Zähne geklemmt, damit sie keinen Laut von sich geben konnten … dann rammte ich den glühenden Schürhaken genau durch das Lid ins Auge. Ob das gezischt hat? Darauf kannst du Gift nehmen! Hast du schon mal Augenflüssigkeit brutzeln gehört, Jack? Ich schon! Achtmal! Jeder meiner Brüder war blind und tot. Dann kam meine Mutter. Ich habe sie verätzt und ihr den heißen Schürhaken genau dorthin gerammt, wo ich aus ihrem Leib gekrochen war. Die Stelle versiegelt und gereinigt, damit keine Frau je damit prahlen konnte, mich auf die Welt gebracht zu haben.

Jack sah zur Seite. Eines der Betonstücke, das aus Lesters Grab herausgeschossen war, lag genau neben seinem Fuß. Er schaute zurück auf Quintus Miller, den Glasmann, der sich auf der Windschutzscheibe des Valiant abzeichnete, und kam zu dem Ergebnis, dass ihm genügend Zeit blieb, das Betonstück hochzuheben, auszuholen und es Quintus Miller gegen den Kopf zu rammen, bevor dieser ihn aufhalten konnte.

Eine Sekunde. Weniger als eine Sekunde. Heben, ausholen, treffen.

Mein Vater war nicht da … mein größter Fehler. Ich wollte auch ihm meine Läuterung zuteilwerden lassen. Aber er war in jener Nacht ohne mein Wissen außer Haus gegangen … sogar ohne dass meine Mutter davon wusste. Er schlief auf der anderen Seite der Stadt bei einer anderen Frau. Behauptete immer, dass er mit dem Hund spazieren ging, aber ich wusste es besser! Er kopulierte, das tat er! Mein Vater war stark … stark wie ein Löwe, genau wie ich. Mit einem großen Schwanz. An seinen Schwanz werde ich mich immer erinnern. Er flößte mir Angst ein, als ich ein kleiner Junge war. Ich wollte diesen Schwanz exorzieren, diese ganze Erinnerung exorzieren … aber er war nicht da …

Jack griff nach dem Betonstück. Holte aus. Und schlug zu.

… ich öffnete die Tür und – der Hund! …

Quintus Millers gläserner Schädel zerplatzte wie eine Glühbirne. Die Scherben fielen auf den Fahrersitz.

Doch zu Jacks grenzenlosem Entsetzen lachte das zertrümmerte Gesicht noch immer. Eine Glashand schoss aus der Windschutzscheibe und packte Jack am Hinterkopf. Jack grunzte, warf seinen Kopf hin und her und drückte sich gegen den Kotflügel des Wagens. Doch Quintus Millers Griff war zu brutal und zu fest. Jack wurde immer näher an die gebrochene Windschutzscheibe herangezogen, bis sein Gesicht genau vor dem Glasmund mit dem zertrümmerten Kopf hing.

Also wirklich, Jack … jetzt hast du mich echt enttäuscht. Ich wollte eine Jagd. Ich wollte ein Duell mit euch, bei dem es auf Geistesstärke, nicht auf reine Körperkraft ankommt. Ich müsste jetzt einfach nur deinen Hals über das Glas ziehen, dann wäre es aus mit dir … und denk ja nicht, dass ich es nicht tue, denn ich werde es tun. Ich bin ja nicht so blöd, dass mir das Jagen wichtiger wäre als das Erlegen meiner Beute … ich hab dich gefangen, Jack, und jetzt schlägt gleich dein letztes Stündlein.

Jack riss seinen Kopf zurück, so weit er konnte. Doch obwohl Quintus nur Glashände besaß, war er ungeheuer stark und Jack rutschte immer weiter auf die zertrümmerte Stelle genau über Quintus’ Lippen zu.

Hast du jemals gesehen, wie jemandem die Kehle vollständig durchtrennt wurde? Das ist mal in The Oaks passiert, als einer der Verrückten eine Kaffeetasse zerbrach und sich direkt vor Mr. Estergomys Augen damit aufschlitzte … es gibt kaum etwas Schärferes als zerbrochenes Porzellan. Es schneidet scharf wie eine Klinge, ganz gerade sogar … aber Glas taugt auch, mit dem Unterschied, dass die Schnittkanten meist gezackt sind …

»Uh«, grunzte Jack und versuchte mit aller Macht, seinen Kopf freizubekommen. Doch die Glashand umklammerte ihn so fest, dass er sich nicht losreißen konnte, während der transparente Mund ihn gefühllos anlächelte, um ihm beim Sterben zuzusehen.

Seine Kehle war lediglich noch einen Zentimeter weit von Quintus Millers zerborstenem Schädel entfernt, als Jack ein lautes, schmetterndes Geräusch hörte und Quintus’ Griff sich abrupt lockerte. Jack befreite sich, kam auf die Knie und rollte sich über den Boden ab. Dann fand er sich mit der Wange auf dem Beton wieder, direkt neben den Fragmenten von Quintus’ zerbrochenem Glasarm. Geoff stand mit einem Betonbrocken in der Hand neben ihm. Er musste Quintus’ Arm am Ellbogen zertrümmert haben.

»Lass uns hier abhauen«, sagte Geoff und half ihm auf. Die zerbrochene Scheibe des Valiant zersprang urplötzlich in tausend Stücke, eine Ansammlung von künstlichen Diamanten, die auf die Sitze prasselten. Zusammen rannten Jack und Geoff zur Ausfahrt. Von Zeit zu Zeit schauten sie zurück, um sich zu vergewissern, dass sich der Beton nicht wölbte und Quintus Miller bereits die Verfolgung aufgenommen hatte.

Keuchend und stöhnend liefen sie durch die East Kilbourn Avenue. Irgendwann meinte Jack: »Ich kann nicht mehr, Geoff. Sorry. Bin nicht mehr in Form.«

Geoff nickte und beugte sich vor, um seine Zehen zu berühren. »Ich auch nicht. Zu viel Pfeife geraucht. Ich hätte lieber weiter Squash spielen sollen.«

»Herrgott, ich könnte einen Drink gebrauchen!«, stellte Jack fest.

Gemeinsam humpelten sie immer noch schwitzend und keuchend die Straße entlang. »Glaubst du, Otto ist tot?«, erkundigte sich Jack bei seinem Begleiter.

Geoff nickte. »Sah zumindest ganz danach aus.«

»Diese ganze Geschichte ist meine Schuld«, stellte Jack fest. »So viele Menschen sind bereits umgekommen.«

Geoff berührte ihn aufmunternd an der Schulter. »Ach, weißt du … so läuft’s nun mal auf der Welt – ist schon immer so gewesen … und du hast es doch nur gut gemeint.«

»Gut gemeint? Herrje!«

Sie ließen die East Kilbourn Avenue hinter sich und hielten weiter aufmerksam nach Rissen im Gehweg Ausschau.

»Er wird alles dransetzen, uns zu töten, das weißt du.«

»Da hast du wohl recht. Wenn du ihm vorhin nicht den Arm gebrochen hättest, wäre ich von ihm wie ein Kartoffelsack aufgeschlitzt worden.«

»Zumindest wissen wir jetzt mit Sicherheit, dass Randy noch lebt.«

»Ja, Gott sei Dank!«, bestätigte Jack. »Und ich werde ihn da rausholen.«

Sie rannten keuchend den Gehweg entlang, als plötzlich ein Polizeiauto neben ihnen hielt. Es hatte das Blaulicht eingeschaltet. Zwei Polizisten stiegen aus und rannten auf sie zu.

»Polizei! Hände hoch! Hände gut sichtbar über den Kopf!«

Jack und Geoff kamen der Aufforderung wie in Zeitlupe nach. Einer der Beamten hielt die Waffe auf sie gerichtet, während der andere sich ihnen vorsichtig näherte.

»Sie sind Jack Reed, nicht wahr?«, fragte er Jack. Er war jung und sein Gesicht von Pickeln übersät. Über seinem Mund züchtete er einen spärlichen schwarzen Schnurrbart.

»Ich bin Jack Reed, das stimmt. Was soll das hier?«

»Sie sind verhaftet, weil Sie eine Anweisung des Bezirksgerichts missachtet haben. Ich werde Ihnen jetzt Ihre Rechte vorlesen.«

»Wovon reden Sie da? Ich habe keine Anweisungen missachtet.«

»Es geht um Ihren Sohn. Randolph Reed?«

Jack atmete lang und tief durch. »Kann ich die Hände jetzt wieder runternehmen? Oder war bei der Missachtung der Anweisung etwa von Schusswaffen die Rede? Und außerdem« – er warf einen Blick auf die Menschenmenge, die sich am Straßenrand zum Gaffen eingefunden hatte – »komme ich mir gerade wie im Zoo vor.«

»Mir wäre es lieber, wenn Sie Ihre Hände weiter hochhalten, Sir. Sie haben das Recht zu schweigen. Sie haben das Recht …«

Jack spähte verzweifelt zu Geoff herüber. Wenn die Polizei ihn jetzt verhaftete, musste er sich eine glaubwürdige Erklärung für Randys Verschwinden einfallen lassen. Und was konnte er da schon ins Feld führen? Dass Randy von einem Verrückten, der durch Wände ging, entführt worden war? Dass die Druiden ihn mitgenommen hatten? Dass er wusste, dass es Randy gut ging, weil er ihn vor Kurzem als Glasskulptur in der Windschutzscheibe eines Autos gesehen hatte?

»… kann und wird vor Gericht gegen Sie verwendet werden.«

E L F

Rund eine Stunde nach Mitternacht erhielt Geoff endlich die Erlaubnis, das Polizeihauptquartier von Milwaukee in der 749 West State Street zu verlassen und nach Madison zurückzukehren. Jack hingegen saß in einer Zelle im ersten Stock direkt neben einem Betrunkenen, der ununterbrochen »Oh baby, baby, it’s a world wide ...« zum Besten gab.

Jack kaute deprimiert auf einem Kaugummi herum, der seinen Geschmack längst verloren hatte, und tigerte unruhig in dem kleinen Raum auf und ab. Er stand körperlich und geistig kurz vor dem Zusammenbruch, aber er durfte jetzt nicht schlafen. Da er kein Intellektueller war, fiel es ihm schwer, sich auf andere Gedanken zu bringen. Einen spontanen Selbstdiskurs über die moralische Relevanz seiner Taten zu beginnen ober über die Religion der Druiden zu philosophieren, das war nicht sein Ding. Er konnte sich genau wie der Besoffene nicht mal fehlerfrei an irgendeinen Songtext erinnern, um sich abzulenken.

Aber er besaß ein für die Menschen in Wisconsin typisches Durchhaltevermögen und sprühte vor Energie, die von eisigen Wintern am Lake Michigan herrührte. Außerdem war er ein Mann, der die Sachen gern selbst anpackte und um sein emotionales Überleben kämpfte.

Er musste das jetzt durchziehen. Und er durfte nicht aufgeben. Jack glaubte nicht an Menschen, die durch Wände gingen. Zumindest fand er, dass Menschen nicht durch Wände gehen sollten. Es handelte sich um uralte Magie, die seit Jahrhunderten in Vergessenheit geraten sein sollte. Er lebte schließlich im 20., fast schon im 21. Jahrhundert.

Abgesehen davon hielt Jack nichts von Menschen, die anderen ihre Kinder wegnahmen und die Eltern vor lauter Sorge fast umbrachten.

»Oh baby, baby, it’s a world wide ...«

»Es heißt nicht ›world wide‹, sondern ›wild world‹!«, fuhr Jack den Sänger an.

»Hä?«, kam die undeutlich gebrabbelte Antwort.

»›It’s a wild world‹ – es geht verdammt stürmisch zu!«

Es folgte eine lange Pause – dann kam die fröhliche Antwort: »Ja, da hast du verdammt recht!«

Jack hockte auf der Bettkante. Seine größte Angst bestand darin, dass Quintus herausfand, wo er gerade steckte, ins Polizeigebäude eindrang und ihn in den Stahlbetonboden der Zelle zog. Außerdem befürchtete er, dass die Konfrontation auf dem Parkplatz dazu geführt hatte, dass Quintus wieder mit Feuereifer ans Werk ging, um die 800 Menschen abzuschlachten, die er brauchte, um wieder in die reale Welt zurückzukehren. Und dass Randy dann als letztes Opfer Awen zum Fraß vorgeworfen wurde.

Jack rieb sich die Augen. Er hatte seinen Anwalt, Maurice Lederman, angerufen, doch der war gerade nicht in der Stadt (sondern in Miami zum Angeln, verdammter Mist!). Laut seiner Frau gab es bis zum nächsten Morgen keine Möglichkeit, mit ihm in Kontakt zu treten. Jack war wegen Missachtung einer gerichtlichen Anordnung offiziell festgenommen worden, weil er Maggie den regelmäßigen Kontakt mit Randy verweigerte. Er sollte so lange hinter Schloss und Riegel bleiben, bis der Verbleib von Randy geklärt war.

Um etwa drei Uhr früh wurde die Tür zu seiner Zelle aufgeschlossen und ein elegant aussehender, dunkelhaariger Mann mit Drei-Uhr-Augenringen, dessen breite Schultern seinen grauen Anzugstoff arg strapazierten, betrat mit einem Klemmbrett unter dem Arm und zwei Plastikbechern voller Kaffee die Zelle.

»Na, wie geht es Ihnen, Mr. Reed? Ich bin Sergeant Charles Schiller. Dachte, Sie hätten vielleicht Lust auf ’nen Kaffee.«

»Wenn Sie mit mir plaudern wollen, müssen Sie sich leider noch ein paar Stunden gedulden. Mein Anwalt ist momentan leider damit beschäftigt, an der Küste von Miami Speerfische zu angeln«, klärte Jack ihn auf.

»Ja, Mr. Reed, das weiß ich«, entgegnete Sergeant Schiller.

In seiner Stimme schwang etwas so Schneidendes mit, dass Jack zu ihm hochschaute. Sergeant Schiller musterte ihn aufmerksam und gleichgültig, beinahe schon verächtlich.

»Stimmt was nicht?«, blaffte Jack ihn an.

»Stimmt was nicht?«, äffte Sergeant Schiller ihn nach. »Nun … sagen wir es mal so: Ich habe mein ganzes Leben in Milwaukee verbracht und bin stolz auf diese Stadt. Milwaukee versprüht ein Gefühl von Wärme und Freundschaft, wissen Sie, was ich meine? Gemütlichkeit, pflegte mein Vater immer zu sagen. Und bis jetzt hatte Milwaukee eine der niedrigsten Kriminalitätsraten des Landes.«

Er hielt kurz inne, um mit einem Plastikstäbchen in seinem Kaffee herumzurühren. Dann fuhr er fort: »Wir hatten eine ziemlich harte Woche. Überall in der Stadt sind Menschen verschwunden. Man munkelt schon, dass Milwaukee nicht mehr sicher ist. Die Leute kriegen Panik, sie werden aggressiv und misstrauisch. Das ist nicht das, was ich unter Gemütlichkeit verstehe, Mr. Reed. Das ist ein ziemlich unsoziales Verhalten. Und ich mache mir nicht besonders viel aus Leuten, die sich ›ziemlich unsozial‹ verhalten.«

Müde entgegnete Jack: »Man beschuldigt mich, meiner Frau das Recht zu verweigern, ihren neunjährigen Sohn zu sehen. Damit stehe ich wohl kaum auf der gleichen Stufe wie Al Capone, oder?«

»Verraten Sie mir, wo Ihr Sohn sich aufhält?«

»Erst wenn ich mit meinem Anwalt gesprochen habe.«

»Ist Ihr Sohn am Leben?«

»Natürlich ist er am Leben. Was zum Teufel wollen Sie mit Ihrer Frage andeuten?«

»Und Miss Olive Estergomy aus Sun Prairie, ist sie auch am Leben?«

Jack schluckte. Genau das hatte er befürchtet. Es sah ganz danach aus, als hätten ihn die schrecklichen Vorkommnisse aus The Oaks eingeholt.

»Sie kennen Miss Olive Estergomy also?«

»Ich möchte mit meinem Anwalt sprechen«, erklärte Jack.

»Aber Sie kennen sie?«

»Ja, ich kenne sie«, gab Jack zu.

»Wissen Sie, wo sie sich aufhält?«

Jack schüttelte den Kopf.

»Ist sie am Leben, Mr. Reed?«

»Ich will meinen Anwalt.«

Sergeant Schiller nippte an seinem Kaffee und blätterte in den Notizen auf seinem Klemmbrett. »Also gut«, lenkte er ein und fragte dann: »Und was ist mit Mr. Daniel Bufo aus Madison? Lebt er noch?«

»Das kann ich nicht sagen«, antwortete Jack.

»Wissen Sie, wo er ist? Das würde uns wirklich sehr interessieren.«

»Da kann ich Ihnen nicht helfen, tut mir leid.«

»Also gut … was ist mit Mr. William Bell aus dem Altenheim Bay Park in Green Bay? Lebt er noch?«

»Würden Sie mir bitte erklären, was das soll?«, bat Jack den Polizisten.

Sergeant Schiller ließ sein Klemmbrett sinken. »Aber sicher. Fakt ist, dass Ihr Sohn Randy, Miss Olive Estergomy, Mr. Daniel Bufo sowie Mr. William Bell alle zwei Dinge gemeinsam haben. Erstens sind sie alle verschwunden. Und zweitens waren Sie, Mr. Reed, nach unseren Informationen die letzte Person, die sie lebend zu Gesicht bekommen hat.«

»Und was soll das beweisen?«, wollte Jack wissen.

»Es beweist gar nichts«, erklärte Sergeant Schiller. »Aber es legt nahe, dass jeder Versuch der Aufklärung ihres mysteriösen Verschwindens bei Ihnen anfangen und vielleicht auch bei Ihnen enden sollte.«

»Werden Sie mich unter Anklage stellen?«

»Noch nicht. Morgen früh kommen ein paar Beamte aus Madison zu uns. Auch ich möchte mit Ihrem Anwalt sprechen und mit dem Sekretariat der Staatsanwaltschaft. Aber eines möchte ich hier und jetzt klarstellen, Mr. Reed: Falls Sie wissen, wo diese Menschen sich aufhalten, dann täten Sie gut daran, mir das möglichst bald mitzuteilen.«

»Kann ich jemanden anrufen?«, wollte Jack wissen.

»Sie wollen jetzt jemanden anrufen?«

Ein Beamter in Uniform eskortierte Jack durch den Gang in eines der Verhörzimmer. Jack wählte Geoffs Nummer und wartete, während es klingelte. Der uniformierte Beamte stand an der Tür und gähnte. Endlich hob Geoff ab. Er klang völlig fertig: »Hallo? Wer um alles in der Welt klingelt mich denn um diese Zeit aus dem Bett?«

»Geoff, ich bin’s, Jack.«

»Oh Gott. Jack, wie geht’s dir? Sie haben noch nicht angefangen, mit Gummiknüppeln auf dich einzuschlagen, oder?«

»Na ja, fast. Die Lage hat sich ziemlich verschlechtert. Sie haben mir Fragen über Olive Estergomy, Daniel Bufo und Pater Bell gestellt.«

»Jack, pass bloß auf, was du sagst«, warnte ihn Geoff. »Der Anruf hier wird ziemlich sicher abgehört.«

»Das ist mir scheißegal. Du musst mir helfen, Geoff. Sie werden mich hier tagelang festhalten, so wie ich das sehe. Bis dahin ist es vielleicht schon zu spät. Es wird sicherlich noch übler auf den Straßen werden. Mensch, Geoff, es hängt alles an mir! Ich muss da draußen sein und kämpfen.«

»Und was hat dein Anwalt bisher unternommen, um dich rauszuboxen?«, fragte Geoff ihn.

»Mein Anwalt befindet sich gerade auf der Rückreise aus Miami. Abgesehen davon glaube ich kaum, dass er mich auf Bewährung freikriegt. Nicht bis Randy wieder aufgetaucht ist und das Gericht sich davon überzeugt hat, dass er wohlauf ist. Und wenn die Polizei mich anklagt, all diese Menschen entführt zu haben, komme ich vielleicht gar nicht mehr auf freien Fuß.«

»Ich weiß nicht, was ich noch für dich tun kann, Jack«, entgegnete Geoff. »Ich werde nach dem Aufstehen versuchen, alles über Rituale herauszufinden, was ich kann … aber du musst bedenken, dass das alles vor über 2.000 Jahren passiert ist. Das meiste davon ist reine Legende und vieles ergibt überhaupt keinen Sinn.«

»Schon gut«, meinte Jack. Irgendwie fühlte er sich plötzlich völlig ermattet – und ihm war schlecht. »Lass uns später noch mal miteinander reden, sofern sie mir das erlauben. Momentan scheinen sie mich noch für eine kuriose Kreuzung aus Serienkiller David Berkowitz und Bruno Richard Hauptmann, den Entführer von Charles Lindberghs Sohn, zu halten.«

Jack wurde wieder zurück in seine Zelle geführt. Als er dort ankam, stellte er fest, dass Sergeant Schiller immer noch dasaß und auf ihn wartete.

»Wie wäre es mit einer Gutenachtgeschichte?«, erkundigte dieser sich.

Jack schüttelte den Kopf. »Morgen kommt mein Anwalt zurück. Bis dahin sage ich nichts.«

Sergeant Schiller verzog die Lippen zu einem dünnen Schlitz, der wohl ein Lächeln andeuten sollte. Es erinnerte Jack an den Abdruck eines sehr scharfen Meißels auf frisch gehobeltem Kiefernholz. »Eines verspreche ich Ihnen, Mr. Reed. Ich persönlich glaube, dass Sie etwas mit dem Verschwinden all dieser Menschen zu tun haben. Das gilt auch für Ihren Sohn. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass sie alle tot sind und Sie dafür verantwortlich sind. Wenn es so ist, dann verspreche ich Ihnen hoch und heilig, dass ich Ihren verdammten Arsch an die Wand nagle, Mr. Reed.«

Er ging zur Tür der Zelle und öffnete sie. »Sie werden dieses Gefängnis nie wieder verlassen.«

»Gute Nacht, Sergeant. Wir sehen uns morgen«, erwiderte Jack.

»Oh, sicher doch, keine Sorge. Darauf können Sie Gift nehmen«, beendete Schiller das Gespräch.

Jack schlief kaum mehr als zwei Stunden. Um 05:15 Uhr lag er hellwach auf seiner Pritsche und lauschte den Geräuschen, die aus dem Polizeigebäude zu ihm drangen, den verzerrten Schreien, ständig zufallenden Türen, dem Gepfeife und abrupt ausbrechenden Gelächter.

In der Ferne konnte er die Sirenen von Krankenwagen und Polizeiautos ausmachen. Er wollte gar nicht wissen, mit welcher Art von Notfällen sie es zu tun hatten. Noch mehr unschuldige Menschen, die in Gehsteige gezerrt oder gegen Wände geklatscht wurden. Noch mehr Seelen, die der grässlichen, glorreichen Wiederauferstehung von Quintus Miller zum Opfer fielen.

Er wühlte sich aus der Koje und klatschte sich am Waschbecken in der Ecke der Zelle kaltes Wasser ins Gesicht. Im Plastikspiegel sah er blass und verzerrt aus und seine Nase kam ihm riesig vor. Der Geist des Menschen, der einmal Jack Reed gewesen war.

Wenn er nur einfach hier rausmarschieren könnte, mitten durch die Wand, wie Quintus es zu tun pflegte.

Jack setzte sich wieder aufs Bett. Was, wenn er durch die Wand gehen konnte? Vielleicht gelang es Geoff ja, das komplette Druidenritual aufzuspüren. Quintus Miller hatte es ja schließlich auch geschafft und der war bekanntlich nicht ganz klar im Kopf. Ihr müsst die Musik spielen, so hatte Lester gesagt. Ihr müsst die Beschwörungsmusik spielen.

Es war ein Puzzle, bei dem bereits ein paar Teile zusammenpassten – etwa die Information, wie Quintus vom Druidentum erfahren hatte, und die Geschichte des Rattenfängers von Hameln. Aber es gab noch so viele offene Fragen und Unklarheiten. So viele Puzzlestücke, die sich anfühlten, als ob sie passten, es aber doch nicht taten.