/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Der Leopard

G Lampedusa


Der Leopard

G. Tomasi di Lampedusa

1958

1

Als bedeutendster Roman der italienischen Literatur seit Manzonis »Verlobten« gepriesen, schildert »Der Leopard« den Niedergang eines sizilianischen Adelsgeschlechts. Als Garibaldi mit den Rothemden in Marsala landet, bricht selbst in Sizilien, dem Land archaischer Mythen, eine neue Zeit an. Das uralte Feudalsystem gerat ins Wanken, und die Einigung des Landes bereitet sich vor.

Don Fabrizio, Fürst Salina, dessen Dynastie den Leoparden im Wappen führt, ein kluger, leidenschaftlicher und melancholischer Mann, verkörpert das alte Sizlien. Als sein hitzköpfiger Neffe Tancredi, vom Fürsten geliebt wie ein eigener Sohn, die schöne Tochter eines skrupellosen Emporkömmlings heiratet, wird der Untergang der alten Ordnung — der Löwen und Leoparden zugunsten der Schakale und Hyänen — eingeläutet. Mit schöpferischer Sprachgewalt und in dunkel glühenden Farben beschwört Tomasi di Lampedusa das geistige und seelische Klima Europas zwischen den Zeiten herauf.

Inhaltsverzeichnis

1 1

2 2

3 3

4 4

5 5

6 6

7 7

8 8

Kapitel 1

1

Rosenkranz und Vorstellung des Fürsten — Der Garten und der tote Soldat — Audienzen beim König — Das Diner — In der Kutsche nach Palermo — Besuch bei Mariannina — Rückfahrt nach San Lorenzo — Gespräch mit Tancredi — In der Verwaltung: Lehnbesitz und politische Erörterungen — Mit Pater Pirrone im Observatorium — Entspannung beim Mittagsmahl — Don Fabrizio und die Bauern — Don Fabrizio und sein Sohn Paolo — Die Nachricht von der Landung, und wieder Rosenkranz

Mai 1860

»Nunc et in hora mortis nostrae. Amen.«

Der tägliche Rosenkranz war zu Ende. Eine halbe Stunde hindurch hatte die gelassene Stimme des Fürsten den Versammelten die ruhm- und schmerzensreichen Mysterien ins Gedächtnis gerufen; eine halbe Stunde hindurch hatten andere Stimmen ein auf- und abwogendes Gesumm dazwischengewoben, aus dem sich die goldenen Blüten ungewohnter Worte heraushoben: Liebe, Jungfräulichkeit und Tod. Bei diesem Summen schien der Rokokosaal sein Aussehen geändert zu haben; selbst die Papageien, die ihre regenbogenfarbenen Flügel über die Seide der Wandbekleidung breiteten, schienen eingeschüchtert; sogar die Magdalena zwischen den beiden Fenstern war wohl nun eine Büßerin und nicht mehr die schöne, füllige, wer weiß welchen Träumen hingegebene blonde Frau, als die man sie sonst sah.

Jetzt schwieg die Stimme; alles trat in die gewohnte Ordnung — Unordnung — zurück. In der Tür, durch die die Diener hinausgegangen waren, erschien die Dogge Bendicò — traurig, daß sie ausgeschlossen gewesen — kam und wedelte mit dem Schwanz.

Langsam erhoben sich die Frauen, und wo ihre Röcke schwingend zurückwichen, wurden nach und nach die nackten mythologischen Gestalten frei, die sich auf dem milchigen Grunde der kleinen Fliesen abzeichneten. Bedeckt blieb nur eine Andromeda, die von dem Gewand Pater Pirrones — er verweilte noch bei seinen Supplementsgebeten — eine ganze Zeitlang daran gehindert wurde, den silbernen Perseus wiederzusehen, der sich, über die Fluten hinwegfliegend, beeilte, ihr Hilfe und Kuß zu bringen.

In den Fresken der Decke erwachten die Gottheiten. Die Scharen von Tritonen und Dryaden, die sich von den Bergen und aus den Meeren zwischen himbeer- und zyklamenfarbenen Wolken nach einer umgewandelten ‘Conca d’Oro’ hinabstürzten, um den Ruhm des Hauses Salina zu preisen, erschienen mit einemmal so übervoll von Jubel, daß sie die einfachsten Regeln der Perspektive getrost außer acht lassen konnten; und die höheren Götter, die Fürsten unter den Göttern, der blitzeschleudernde Jupiter, der finster blickende Mars, die schmachtende Venus, die den Scharen der minderen vorangeeilt waren, hielten mit Vergnügen den blauen Wappenschild mit dem Leoparden. Sie wußten, sie würden nun für dreiundzwanzig und eine halbe Stunde die Herrschaft über die Villa wieder antreten. An den Wänden begannen die Affen wieder die Kakadus zu necken.

Unterhalb dieses Palermitaner Olymps stiegen auch die Sterblichen des Hauses Salina eilig aus den mystischen Sphären herab. Die jungen Mädchen strichen sich die Röcke glatt, wechselten zartblaue Blicke und Worte, die ihre Herkunft aus dem Internat verrieten; seit reichlich vier Wochen, seit dem Tag der ‘Aufstände’ vom Vierten April, waren sie vorsichtshalber vom Kloster heimgeholt worden und entbehrten schmerzlich die Schlaf säle mit den Baldachinen und den vertrauten Ton im ’Salvatore‘. Die Knaben rauften schon um den Besitz eines Bildes des heiligen Franz von Paola; der Erstgeborene, der Erbe, Herzog Paola, hatte schon Lust zu rauchen, doch scheute er die Gegenwart der Eltern und betastete durch den Stoff hindurch die strohgeflochtene Zigarrentasche. Auf dem hageren Gesicht lag eine metaphysische Melancholie: der Tag war schlecht gewesen, es war ihm so vorgekommen, als sei Guiscardo, der irische Fuchs, nicht gut aufgelegt, und Fanny hatte es nicht einrichten können (oder wollen?), ihm das übliche veilchenfarbene Briefchen überbringen zu lassen. Wozu war dann der Erlöser Mensch geworden?

Die Fürstin in ihrer ängstlichen Anmaßung ließ den Rosenkranz mit klapperndem Geräusch in die mit Jett bestickte Tasche fallen, während ihre schönen, hysterischen Augen verstohlen auf die im Gehorsam gezähmten Kinder und auf den Gemahl blickten, diesen Tyrannen, nach dem sich ihr kleiner Körper reckte in der eitlen Begier, ihn mit ihrer Liebe zu beherrschen.

Der Fürst erhob sich jetzt mit einem Ruck; der Boden erzitterte unter seinem Riesengewicht, in seinen sehr hellen Augen spiegelte sich für einen Augenblick der Stolz auf diese kurze Bestätigung dafür, daß er der Gebieter war über Menschen und weiträumige Bauten.

Jetzt legte er das ungeheuer große, rote Meßbuch auf den Sessel, der vor ihm gestanden hatte, während er den Rosenkranz sprach; er faltete das Taschentuch zusammen, das er unter das Knie gebreitet hatte, und sah mit einem von leichter Mißstimmung getrübten Blick auf den kleinen Kaffeefleck, der sich seit dem Morgen erkühnt hatte, das geräumige Weiß der Weste zu unterbrechen.

Nicht daß er fett gewesen wäre: er war nur ungeheuer groß und stark; sein Kopf streifte (in den von gewöhnlichen Sterblichen bewohnten Häusern) die untere Rosette der Kronleuchter; seine Finger konnten einen Dukaten zusammendrücken wie Seidenpapier; und zwischen der Villa Salina und dem Laden eines Goldschmieds gab es ein häufiges Hin und Her, weil Gabeln und Löffel gerichtet werden mußten, die sein verhaltener Zorn bei Tisch oft rundbog. Diese Finger übrigens konnten, wenn sie etwas zärtlich berührten oder handhabten, dies äußerst delikat tun — dessen erinnerte sich einigermaßen betrübt Maria Stella, seine Frau; und auf den Schrauben, den Ringen, den blankgeputzten Knöpfen der Teleskope, Fernrohre und ’Kometensucher‘, die ganz oben in der Villa sein Privat-Observatorium füllten, blieb von seiner sie nur leicht anrührenden Hand nie eine Spur. Die Strahlen der schon sich neigenden, aber immer noch hochstehenden Sonne warfen an diesem Nachmittag im Mai ihr Feuer auf die rosige Haut, das honigfarbene Haar des Fürsten; beides wies auf den deutschen Ursprung seiner Mutter hin, jener Fürstin Carolina, deren Hochmut vor dreißig Jahren den recht lässigen Hof der beiden Sizilien hatte zu Eis erstarren lassen. Doch in seinem Blut gärten auch andere germanische Substanzen, im Jahre 1860 weit unbequemer für diesen aristokratischen Sizilianer, so anziehend auch in der Umwelt von Olivenfarbenen, Rabenschwarzen die ganz weiße Haut und das blonde Haar sein mochten: ein autoritäres Temperament, eine gewisse moralische Strenge, eine Neigung zu abstrakten Ideen, was alles sich im moralisch weichen habitat der Palermitaner Gesellschaft entsprechend umgewandelt hatte in launische Anmaßung, ständige moralische Bedenken und eine leise Verachtung seiner Verwandten und Freunde, die sich, wie er meinte, in den Mäanderwindungen des träge dahinschleichenden sizilianischen Regimes treiben ließen.

Der Fürst besaß als erster (und letzter) eines großen Geschlechtes, das sich Jahrhunderte hindurch nie darauf verstanden hatte, auch nur seine Ausgaben zusammenzurechnen und seine Schulden abzuziehen, eine starke, im Realen verwurzelte Neigung zu den mathematischen Wissenschaften; er hatte diese der Astronomie zugewandt und aus ihr hinlängliche öffentliche Anerkennungen gezogen und private Freuden, die ihm sehr behagten. Folgendes möge genügen: Stolz und mathematische Analyse hatten sich in ihm so weit verbunden, daß er die Illusion hegte, die Gestirne gehorchten seinen Berechnungen (wie sie tatsächlich zu tun schienen), und die beiden kleinen Planetoiden, die er entdeckt hatte (er hatte sie Salina und Svelto genannt nach seinem Lehnsbesitz und nach einer ihm unvergeßlichen, flinken Bracke), trügen den Ruhm seines Hauses weithin in die unfruchtbaren Himmelszonen zwischen Mars und Jupiter, und die Fresken der Villa wären darum eher eine Prophetie als eine Schmeichelei gewesen.

Umgetrieben hier von dem Stolz und dem Intellektualismus der Mutter, dort von der Sinnlichkeit des Vaters und seiner leichten Art, mit dem fertigzuwerden, was ihm begegnete, lebte der arme Fürst Fabrizio selbst dann, wenn er wie Zeus die Brauen runzelte, in einem ständigen Mißvergnügen und betrachtete den Verfall seines Standes und seines Erbes, ohne sich zu irgendeiner Tätigkeit aufzuraffen oder auch nur die geringste Lust zu verspüren, dem abzuhelfen.

Jene halbe Stunde zwischen Rosenkranz und Abendessen gehörte zu den Momenten des Tages, wo er nicht ganz so verstimmt war, und schon Stunden vorher genoß er diese doch zweifelhafte Ruhe im voraus.

__________

Er ging — und Bendicò lief höchst aufgeregt vor ihm her — die wenigen Stufen in den Garten hinunter. Diesen umschlossen drei Mauern und eine Seite der Villa — eine Abgeschlossenheit, die einen friedhofsmäßigen Eindruck hervorrief; er wurde noch verstärkt durch die parallel laufenden kleinen Dämme, die die Bewässerungsrinnen begrenzten und wie Grabhügel magerer Riesen erschienen. Auf dem rötlichen Ton wuchsen die Pflanzen dicht und wirr durcheinander: die Blumen trieben hervor, wo Gott wollte, und die Myrten-Einfriedungen schienen hierhergepflanzt, mehr um den Schritt zu hindern als ihn zu lenken. Im Hintergrund stellte eine mit gelb-schwarzen Flechten gesprenkelte Flora resigniert ihre mehr als hundertjährigen Reize zur Schau; zwei Bänke an den Seiten trugen gesteppte, gerollte Kissen, gleichfalls aus grauem Marmor; und in ein Ende brachte das Gold eines Akazienbaumes seine unzeitige Heiterkeit. Jede Scholle, so schien es dem Fürsten, strömte ein Verlangen nach Schönheit aus, das rasch von der Trägheit gedämpft wurde.

Aber der Garten, zwischen diesen Schranken eingezwängt und verbraucht, hauchte ölige, fleischige, leicht faule Düfte aus, etwas wie die würzigen Balsam-Flüssigkeiten, die von den Reliquien gewisser heiliger Jungfrauen tropfen; die Nelken übertönten mit ihrem Pfeffergeruch den protokollmäßigen der Rosen und den öligen der Magnolien, die schwerfällig in den Ecken standen; darunter verborgen war auch der Duft der Minze zu spüren, vermischt mit dem kindlichen der Akazie und dem Konditorduft der Myrte; und von jenseits der Mauer, von der Orangenpflanzung, kamen — ein Alkovengeruch — die Duftwellen der ersten Orangenblüten.

Es war ein Garten für Blinde: die Augen fühlten sich ständig beleidigt, aber der Geruchssinn konnte ihm ein starkes, wenn auch nicht feines Wohlgefühl abgewinnen. Die Paul-Neyron-Rosen, die er als kleine Pflanzen selber aus Paris mitgebracht hatte, waren entartet; erst angeregt, dann von den starken, träge machenden Säften der Erde Siziliens erschlafft, von den apokalyptischen Juli-Monaten verbrannt, hatten sie sich in eine Art fleischfarbenen, obszönen Kohl verwandelt; aber sie verströmten einen dichten, fast schamlosen Duft, wie ihn kein französischer Züchter zu hoffen gewagt hätte. Der Fürst hielt eine von ihnen unter die Nase, und er meinte den Schenkel einer Tänzerin von der Oper zu riechen. Bendicò, dem die Rose auch hingehalten wurde, wich angeekelt zurück und beeilte sich, zwischen Dünger und ein paar kleinen toten Eidechsen zuträglichere Sinneseindrücke zu suchen.

Für den Fürsten jedoch war der durchduftete Garten Anlaß für düstere Gedankenverbindungen. Jetzt riecht es gut hier; aber vor vier Wochen …

Er dachte zurück an den Schauder, den ihnen die penetranten, süßlichen Gerüche überall in der Villa erregt hatten, ehe die Ursache entdeckt wurde: die Leiche eines jungen Soldaten vom Fünften Jägerbataillon er war im Kampf gegen die Rebellentrupps verwundet worden und hatte sich hierhergeschleppt, allein, um unter einem Zitronenbaum zu sterben.

Man hatte ihn gefunden, auf dem Bauch liegend, im dichten Klee, das Gesicht in Blut und Erbrochenes getaucht, von großen Ameisen bedeckt, die Finger in die Erde gekrallt; und unter dem Wehrgehänge hatten die lila Eingeweide eine Lache gebildet. Russo, der Aufseher, war es gewesen, der dieses zerfallende Etwas entdeckt hatte; er hatte es umgedreht, das Gesicht mit seinem riesigen roten Taschentuch bedeckt, die Eingeweide mit einem Ästchen in den Riß im Bauch zurückgedrängt und dann die Wunde mit den blauen Falten des Mantels zugedeckt, aus Ekel bestandig spuckend — nicht gerade auf den Leichnam, aber recht nahe daneben. Alles besorgniserregend sachverständig.

»Der Gestank dieser Aase hört nicht einmal auf, wenn sie tot sind«, sagte er. Das war alles gewesen, was ihm jener einsame Tod bedeutet hatte.

Als ihn dann die stumpf blickenden Kameraden fortgebracht hatten (o ja, sie hatten ihn an den Schultern zum Karren geschleift, so daß das Werg wieder aus dem Popanz herausgekommen war), wurde dem abendlichen Rosenkranz ein De Profundis für die Seele des Unbekannten angefügt; und man sprach nicht mehr davon, das Gewissen der Damen hatte sich offensichtlich zufriedengegeben.

Der Fürst ging zur Flora, kratzte ihr ein paar Flechten von den Füßen und begann sodann auf und ab zu spazieren; die niedrigstehende Sonne warf seinen Schatten riesengroß über die traurigen Beete.

Von dem Toten hatte man wirklich nicht mehr gesprochen; und schließlich sind die Soldaten eben da als Soldaten, daß sie, um den König zu schützen, sterben. Das Bild jenes Körpers, aus dem die Eingeweide hingen, tauchte jedoch oft in seinen Gedanken auf, als fordere es, man solle ihm Frieden schaffen auf die einzige dem Fürsten mögliche Art: dadurch, daß er sein gräßliches Leiden mit einer allgemeinen Notwendigkeit überhöhte und rechtfertigte.

Und weitere Schreckbilder umgaben ihn, noch weniger anziehend als dieses. Denn sterben für jemanden oder für etwas — nun gut, das ist in Ordnung; man muß jedoch wissen oder wenigstens sicher sein, daß irgendeiner weiß, für wen oder was man gestorben ist; das forderte jenes entstellte Gesicht; und eben hier begann der Nebel.

’Aber er ist für den König gestorben, lieber Fabrizio, das ist doch klar‘, würde, wenn der Fürst ihn gefragt hätte, sein Schwager Màlvica geantwortet haben, Màlvica, der von der Schar der Freunde immer als Sprecher gebraucht wurde. ’Für den König, der die Ordnung darstellt, die Fortdauer, die Anständigkeit, das Recht, die Ehre; für den König, der allein die Kirche schützt, der allein die Auflösung des Eigentums verhindert, die doch das letzte Ziel des Geheimbundes ist.‘ Wunderschöne Worte das, die alles bezeichneten, was dem Fürsten bis in den tiefsten Grund des Herzens teuer war. Etwas aber stimmte noch nicht. Der König — nun schön. Er kannte ihn gut, den König, den wenigstens, der vor kurzem gestorben war; der jetzige war ja nur ein als General verkleideter Seminarist.

Und er taugte wirklich nicht viel. ‘Das heißt doch nicht vernünftig urteilen, Fabrizio’ gab Mälvica zu bedenken, ’bei einem einzelnen Herrscher kann es vorkommen, daß er nicht auf der Höhe ist, aber die monarchische Idee bleibt doch, was sie ist.

Wahr auch das; aber die Könige, die eine Idee verkörpern, dürfen und können nicht Generationen hindurch unter ein bestimmtes Niveau sinken; sonst, teurer Schwager, leidet darunter auch die Idee.’

Auf einer Bank sitzend, betrachtete er untätig die Verwüstungen, die Bendicò in den Beeten anrichtete; hin und wieder wandte der Hund ihm die unschuldigen Augen zu hin, als wolle er für die vollbrachte Arbeit gelobt werden: vierzehn Nelken geknickt, eine halbe Hecke herausgerissen, eine Rinne verstopft. Er war doch ein richtiger Christenmensch. »Gut, Bendicò. Hierher!«

Und das Tier kam herbeigerannt und legte ihm die erdigen Nüstern auf die Hand, eifrig bemüht, ihm zu zeigen, daß ihm der dumme Abbruch der schönen Arbeit, die er gerade leistete, verziehen werde.

Die Audienzen, die vielen Audienzen, die ihm König Ferdinand in Caserta, in Capodimonte, in Portici, in Napoli — und der Teufel weiß, wo noch — gewährt hatte!

Neben dem diensttuenden Kammerherrn, der ihn plaudernd führte, den Zweispitz unter dem Arm, die neuesten neapolitanischen Schwätzereien auf den Lippen, so durchschritt man endlose Säle mit großartiger Architektur und geschmacklosem Mobiliar (genau wie die bourbonische Monarchie), geriet in etwas unsaubere Gänge, auf schlechtgehaltene kleine Treppen und landete in einem Vorsaal, wo allerlei Leute warteten: verschlossene Polizeigesichter, gierige Gesichter empfohlener Bittsteller.

Der Kammerherr entschuldigte sich höflich, half das Hindernis dieses Packs überwinden und führte den Fürsten in einen anderen Vorsaal, der denen vom Hofe vorbehalten war: ein blau-silberner, kleiner Raum aus den Zeiten Karls III. Nach kurzem Warten kratzte ein Diener an der Tür, und man durfte vor dem Antlitz des Erhabenen erscheinen.

Der private Arbeitsraum war klein und absichtlich einfach: an den weißgetünchten Wänden ein Gemälde König Franz’ I. und eines der jetzigen Königin, die sauer und gallig dreinblickte; eine Madonna von Andrea del Sarto über dem kleinen Kamin schien erstaunt darüber, sich von farbigen Lithographien umgeben zu finden, die Heilige dritter Ordnung und neapolitanische Wallfahrtsorte darstellten; auf einer Konsole ein wächsernes Jesuskind mit dem brennenden Lämpchen davor; und auf dem bescheidenen Schreibtisch weiße Papiere, gelbe Papiere, blaue Papiere: das alles zusammen war die Verwaltung des Königreichs, die in ihre Endphase gelangt war: zur Unterschrift Seiner Majestät (D.G.)1 .

Hinter dieser Verbarrikadierung mit Papierkram der König. Schon aufgestanden, um nicht zeigen zu müssen, daß er sich erhob; der König mit dem massigen, welken Gesicht zwischen dem fast blonden Backenbärtchen, mit dieser Militärjacke aus rauhem Tuch, unter der der veilchenblaue Katarakt der schlotternden Hosen hervorquoll. Er machte einen Schritt auf den Besucher zu, die Rechte schon zum Handkuß, den er dann abwehren würde, nach unten geneigt. »Nun, Salina, selig diese Augen, die dich sehen.« Ein echt neapolitanischer Tonfall, weit schmackhafter noch als der des Kammerherrn. »Möchten Eure Königliche Majestät entschuldigen, wenn ich nicht die Hofuniform trage; ich bin nur auf der Durchreise in Neapel und wollte nicht verfehlen, herzukommen, um Eurer Majestät meine Ehrfurcht zu erweisen.« — »Salina, du redest verrücktes Zeug Du weißt doch, du bist in Caserta wie zu Hause. — Wie zu Hause, gewiß«, wiederholte er, als er hinter dem Schreibtisch saß und einen Augenblick zögerte, dem Gast das Zeichen zu geben, sich zu setzen.

»Und was machen die süßen kleinen Mädchen?« Hier meinte der Fürst dem Doppelsinn des Wortes, das gesalzen und bigott zugleich sein konnte, begegnen zu müssen. »Die süßen kleinen Mädchen, Majestät? In meinem Alter, und in den heiligen Banden der Ehe?« Um den Mund des Königs huschte ein Lächeln, während die Hände streng die Papiere ordneten. »Aber Salina, das hätte ich mir doch nie erlaubt!

Ich fragte nach deinen kleinen Mädchen, den Prinzessinnen. Concetta, unser liebes Patenkind, muß jetzt groß sein, eine Signorina.«

Von der Familie ging man über zur Wissenschaft.

»Du machst nicht nur dir selber Ehre, Salina, sondern dem ganzen Königreich! Etwas sehr Schönes, die Wissenschaft, wenn sie es sich nicht einfallen läßt, die Religion anzugreifen!« Hernach jedoch die Maske des Freundes beiseitegelegt und wurde die des gestrengen Herrschers vorgenommen. »Sage mir, Salina, was spricht man in Sizilien über Castelcicala?« Salina hatte über ihn die schlimmsten Dinge sagen hören, von königlicher wie von liberaler Seite; aber er wollte den Freund nicht verraten, er wehrte ab, er hielt sich ans Allgemeine. »Ein großer Herr, glorreich verwundet, für die Mühen der Statthalterschaft vielleicht ein wenig alt.« Der König verfinsterte sich: Salina wollte nicht den Spion machen. Salina taugte darum nicht für ihn. Die Hände auf den Schreibtisch gestützt, schickte er sich an, ihn zu verabschieden. »Ich habe sehr zu tun. Das ganze Königreich ruht auf diesen Schultern.« Es war an der Zeit, das Zuckerbonbon zu geben. »Wenn du wieder durch Neapel fährst, Salina, komm her und bringe der Königin Concetta. Ich weiß, sie ist zu jung für eine Vorstellung bei Hofe; aber ein kleines privates Diner verwehrt uns niemand. Makkaroni und hübsche junge Mädchen, wie man so sagt. Gruß, Salina. Bleib gesund!«

Einmal jedoch war der Abschied bös gewesen. Der Fürst hatte schon, rückwärtsgehend, die zweite Verbeugung gemacht, als ihn der König zurückrief: »Hör mal zu, Salina. Man hat mir gesagt, du hättest in Palermo schlechten Umgang. Dein Neffe, dieser Falconeri…warum setzest du ihm nicht den Kopf zurecht?« — »Aber Majestät, Tancredi kümmert sich um nichts als um Frauen und Kartenspiel.« Der König verlor die Geduld. »Salina, Salina, du redest verrücktes Zeug. Verantwortlich bist du, der Vormund. Sag ihm, er solle seinen Hals in acht nehmen. Leb wohl.«

Als er die Marschroute, die so pomphaft durchschnittlich war, wieder durchlief, um sich bei der Königin einzuzeichnen, überfiel ihn eine ziemliche Niedergeschlagenheit. Diese plebejische Herzlichkeit hatte ihn ebenso bedrückt wie die polizeihafte Grimasse. Glücklich die unter seinen Freunden, die familiäres Getue als Freundschaft deuteten, Drohung wie einen Ausdruck königlicher Macht. Er konnte es nicht. Und während er auf die Klatschereien des untadeligen Kammerherrn einging, fragte er sich, wer dieser Monarchie, die die Zeichen des Todes auf dem Antlitz trug, als Nachfolger bestimmt wäre. Der Piemontese, der sogenannte ‘Galantuomo’, der dort in seiner abgelegenen kleinen Hauptstadt so viel Lärm machte? Würde das nicht das gleiche sein? Turiner Dialekt statt des neapolitanischen. Das wäre alles.

Man war zum Eintragebuch gekommen. Er schrieb hinein: Fabrizio Corbera, Fürst von Salina.

Oder die Republik von Don Peppino Mazzini? ‘Danke. Dann würde ich der Herr Corbera sein.’

Auch die lange, im Trab zurückgelegte Heimfahrt beruhigte ihn keineswegs. Nicht einmal das mit Cora Danòlo schon verabredete Stelldichein konnte ihn trösten.

Wenn die Dinge so standen — was blieb dann zu tun? Sich an das klammern, was ist, ohne ins Dunkle zu springen?

Dann gab es eben die trockenen Schläge der Gewehrsalven, so, wie sie vor kurzem auf einem elenden Platz in Palermo gedröhnt hatten; aber auch die Gewehrsalven — wozu waren sie nütze? »Mit dem Bum-bum bringt man nie etwas zustande. Nicht wahr, Bendicò?«

Kling-ling-ling machte indes die Glocke, die das Abendessen anzeigte. Bendicò lief im Vorgeschmack der Mahlzeit das Wasser im Maul zusammen; er rannte los. ‘Ganz wie ein Piemonteser!’ dachte Salina, als er die Stufen wieder emporstieg.

__________

Das Diner in der Villa Salina wurde mit dem etwas fadenscheinigen Prunk serviert, der damals im Königreich der Beiden Sizilien üblich war. Schon die Zahl der Tischgenossen (vierzehn im ganzen, mit der Herrschaft, den Kindern, Gouvernanten und Erziehern) verlieh der Tafel Großartigkeit. Sie war von einem ausgebesserten, ganz feinen Tischtuch bedeckt und glänzte unter dem Licht einer mächtigen Öllampe, die vorläufig unter dem Murano-Kronleuchter angehängt war. Durch die Fenster kam noch viel Licht herein, aber die weißen Figuren auf dem dunklen Grunde der Sopraporten, der Ornamente über den Türen, die Basreliefs vortäuschten, verloren sich schon im Halbdunkel. Massiv das Silber, blinkend die böhmischen Gläser, gesteindelt und facettiert, die auf dem glatten Medaillon die Buchstaben F. D. trugen (Ferdinandus dedit), in Erinnerung an ein hochherziges königliches Geschenk; aber die Teller, ein jeder mit erlauchten, verschlungenen Initialen gezeichnet, waren nur Überbleibsel der von den Küchenjungen vollbrachten Verwüstungen und stammten je aus einem anderen Service. Die vom größten Format, äußerst köstliche Capodimonte mit dem breiten, mit kleinen, goldenen Ankern gezeichneten mandelgrünen Rand, wurden nur dem Fürsten aufgedeckt, dem es Freude machte, alles um sich her im rechten Maßstab zu haben — mit Ausnahme seiner Frau.

Als er in den Eßsaal trat, war alles schon versammelt; nur die Fürstin saß, die anderen standen hinter ihren Sesseln. Vor seinem Platz breitete sich silberbauchig die riesige Suppenterrine, deren Deckel vom tanzenden Leoparden gekrönt war, neben ihr eine Säule von Tellern. Der Fürst teilte die Minestra selbst aus, eine willkommene Mühe, Symbol der lebenspendenden Obliegenheiten des pater familias.

An jenem Abend jedoch hörte man, wie es seit geraumer Zeit nicht geschehen war, die Suppenkelle bedrohlich gegen die Wand der Terrine klirren: ein Zeichen großen, noch zurückgehaltenen Zornes, eines der schreckenerregendsten Geräusche, die es überhaupt gab, wie noch vierzig Jahre danach ein Sohn sagte, der den Vater überlebte: Fürst hatte bemerkt, daß der sechzehnjährige Francesco Paolo nicht auf seinem Platze saß. Der Knabe trat rasch in den Saal (»entschuldigt bitte, Papa«) und setzte sich. Er bekam keinen Vorwurf zu hören, doch Pater Pirrone, der mehr oder weniger die Funktionen eines Herdenhundes hatte, neigte das Haupt und empfahl sich dem Schutz des Himmels. Die Bombe war nicht geplatzt. Aber der Wind ihres Vorüberstreichens hatte die Tafel eisig berührt, und die Mahlzeit war natürlich verdorben. Während man schweigend aß, blickten des Fürsten blaue, unter den halbgeschlossenen Lidern etwas verengte Augen die Kinder, eines um das andere, scharf an und ließen sie dadurch vor Furcht endgültig verstummen.

Aber nein! Er dachte: Alles schöne Kinder. ‘ Die Mädchen hübsch rundlich, von blühender Gesundheit, mit ihren witzigen Grübchen, und zwischen Stirn und Nase diese kleine Falte, das Urahnen-Merkmal der Salina. Die Knaben, feingliedrig, aber kräftig, auf dem Gesicht die modische Melancholie, handhabten die Bestecke mit bezähmtem Ungestüm. Einer von ihnen fehlte seit zwei Jahren, Giovanni, der Zweitgeborene, der am meisten geliebte, widerspenstigste Sohn. Eines schönen Tages war er von zu Hause verschwunden, acht Wochen hatte man nichts von ihm gehört. Endlich kam ein respektvoller, kalter Brief aus London, in dem er sich für die Sorge, die er verursachte, entschuldigte, versicherte, daß er gesund sei, und merkwürdigerweise behauptete, er lebe lieber bescheiden als Gehilfe in einem Kohlenlager als in dem ‘allzu umsorgten’ (lies: angeketteten) Dasein in der Muße Palermos. Die Erinnerung, die Sorge um den jungen Menschen, der im rauchigen Nebel jener Ketzerstadt umherirrte, brannten dem Fürsten bös im Herzen; er litt sehr darunter. Seine Miene verdüsterte sich noch mehr.

Sie verdüsterte sich so sehr, daß die Fürstin, die neben ihm saß, ihre kindliche Hand ausstreckte und die mächtige Pfote, die auf dem Tischtuch ruhte, streichelte. Eine unbedachte Gebärde, die eine Reihe von Empfindungen auslöste: Ärger darüber, daß er bemitleidet werde, rege gewordene Sinnlichkeit, die aber nicht mehr auf die gerichtet war, die sie aufgeweckt hatte. Blitzartig erschien dem Fürsten das Bild von Mariannina, wie sie den Kopf im Kissen vergrub.

Er sagte laut und trotzig zu einem Diener: »Domenico, sage Don Antonio, er solle den Rotbraunen vors coupé spannen; ich fahre sogleich nach dem Essen nach Palermo hinunter.« Als er sah, wie die Augen seiner Frau gläsern geworden waren, bereute er, was er befohlen hatte; aber da es ja undenkbar war, daß er eine schon gegebene Anordnung zurückzog, blieb er dabei und fügte zur Grausamkeit gar noch den Spott: »Pater Pirrone, kommen Sie mit! Wir sind um elf Uhr zurück; Sie können zwei Stunden mit Ihren Freunden im Ordenshaus verbringen.«

Am Abend nach Palermo fahren, noch dazu in diesen unruhigen Zeiten, entbehrte offenkundig jeden Sinnes, wenn man den eines galanten Abenteuers niedrigen Ranges ausnahm; dann aber als Gefährten den Hausgeistlichen mitnehmen, das war ein beleidigender Mißbrauch der Gewalt. Wenigstens empfand es Pater Pirrone als solchen und war gekränkt; aber natürlich fügte er sich.

Die letzte Mispel war kaum hinuntergeschluckt, da hörte man schon den Wagen in den Torweg rollen. Während im Saal ein Kammerdiener dem Fürsten den Zylinder reichte und dem Jesuiten den Dreispitz, machte die Fürstin, nun schon mit Tränen in den Augen, einen letzten, natürlich vergeblichen Versuch: »Aber, Fabrizio, in diesen Zeiten …bei den Straßen voller Soldaten, voller Bösewichte … es kann ein Unglück geschehen.« Er lachte auf. »Unsinn, Stella, Unsinn! Was soll denn geschehen! Mich kennen alle; Männer, die lang sind wie ein Rohr, gibt es wenige in Palermo. Leb wohl.« Und er küßte eilig die noch glatte Stirn, die sich in Höhe seines Kinnes befand. Ob jedoch der Duft dieser Haut zärtliche Erinnerungen in ihm geweckt, ob hinter ihm der Büßerschritt Pater Pirrones fromme Mahnungen heraufbeschworen hatte: als er vor dem coupé anlangte, war er wieder nahe daran, die Fahrt abzusagen. Schon öffnete er den Mund, um zu befehlen, der Wagen solle wieder in den Marstall fahren — da, in diesem Augenblick, hörte er aus dem Fenster oben heftig rufen: »Fabrizio, mein Fabrizio!« und es folgten die schrillsten Schreie.

Die Fürstin hatte einen ihrer hysterischen Anfälle. »Los!« sagte er zum Kutscher, der, die Peitsche schräg über dem Bauch, auf dem Bock saß. »Los, wir fahren nach Palermo und lassen Seine Hochwürden im Ordenshaus.« Und er waif den Wagenschlag zu, bevor ihn der Kammerdiener schließen konnte.

Es war noch nicht Nacht; die Straße, zwischen die hohen Mauern gezwängt, zog sich ganz weiß hin. Sowie sie den Besitz von Salina hinter sich gelassen hatten, tauchte links die halbverfallene Villa der Falconeri auf, die Tancredi gehörte, des Fürsten Neffen und Mündel. Ein verschwenderischer Vater, der Mann seiner Schwester, hatte das ganze Vermögen durchgebracht und war dann gestorben. Es war ein vollständiger Ruin gewesen, von der Art wie die, in deren Verlauf man sogar das Silber der Livreentressen einschmelzen läßt; und beim Tod der Mutter hatte der König die Vormundschaft für den damals vierzehnjährigen Neffen dem Onkel Salina übertragen.

Der ihm anfänglich fast unbekannte Knabe war dem reizbaren Fürsten sehr ans Herz gewachsen; er bemerkte mit Vergnügen, wie er vor lauter Ausgelassenheit gerne stritt, wie gelegentlich überraschende Ausbrüche von Ernsthaftigkeit mit seiner angeborenen Spottsucht im Widerspruch standen. Ohne es sich einzugestehen, hätte er weit lieber ihn als Erstgeborenen gehabt als Paolo, diesen Einfaltspinsel. Jetzt, mit einundzwanzig Jahren, machte sich Tancredi gute Tage dank des Geldes, mit dem der Vormund nicht geizte, wobei er auch in die eigene Tasche griff. ‘Dieser Schlingel, wer weiß, was er gerade wieder anstellt’, dachte der Fürst, als man dicht an der Villa Falconeri vorüberfuhr; die ungeheure Bougainvillea, die ihre Kaskaden von bischofsfarbener Seide über das Gitter schüttete, verlieh ihr in der Dämmerung einen Anschein von Prunk.

‘Wer weiß, was er gerade anstellt.’ Denn es war zwar unrecht, daß König Ferdinand von dem schlechten Umgang des jungen Mannes überhaupt gesprochen hatte, aber rein den Tatsachen nach hatte er recht gehabt. Gefangen in einem Netz von Freunden, die spielten, von Freundinnen, die, wie man sagte, ‘leichtsinnig waren‘ — ein Kreis, den die Grazie seines anziehenden Wesens beherrschte —, war es mit Tancredi so weit gekommen, daß er mit dem ‘Geheimbund’ sympathisierte, daß er Beziehungen zu dem geheimen Nationalkomitee unterhielt; vielleicht nahm er auch Geld von da, wie er es auf der anderen Seite von der Königlichen Schatulle annahm. Und der Fürst hatte sich alle nur erdenkliche Mühe gegeben, hatte Besuche machen müssen bei dem skeptischen Castelcicala und dem allzu höflichen Marschall, um den Jungen nach dem Vierten April vor Schlimmerem zu bewahren. Das alles war nicht schön; andererseits konnte Tancredi in den Augen des Onkels nie unrecht haben; schuld waren daher die Zeiten, diese schwankenden Zeiten, in denen ein junger Mann aus guter Familie einfach keine Partie Pharao spielen konnte, ohne in kompromittierende Freundschaften hineinzugeraten. Schlimme Zeiten!

»Schlimme Zeiten, Exzellenz.« Die Stimme Pater Pirrones klang wie ein Echo auf seine Gedanken. In einen kleinen Winkel des coupé gedrückt, bedrängt von der Masse des Fürsten, von seiner Gewalttätigkeit unterjocht, litt der Jesuit am Leib und am Gewissen; und da er ein nicht durchschnittlicher Mann war, übertrug er sogleich seine Eintagsnöte in die auf Dauer angelegte Welt der Geschichte. »Sehen Sie, Exzellenz!« und er wies auf die in dieser letzten Dämmerung noch klaren, steil abfallenden Berge der Conca d’Oro. Auf ihren Flanken und auf den Gipfeln brannten Dutzende von Feuern, die Leuchtfeuer, die die Rebellenscharen jede Nacht anzündeten, eine schweigende Drohung für die königliche, klösterreiche Stadt. Sie sahen aus wie jene Lichter, die in den Räumen Schwerkranker schimmert, während der letzten Nächte.

»Ich sehe, Pater, ich sehe«, und er dachte, daß vielleicht Tancredi mit an einem dieser bösartigen Feuer stand, um mit den aristokratischen Händen die Glut anzufachen, die doch gerade Hände solcher Art ihres Wertes berauben sollte.

‘Ich bin wahrhaftig ein schöner Vormund, mein Mündel begeht jede nur mögliche Dummheit, die ihm in den Sinn kommt.’

Die Straße fiel jetzt leicht ab, und man sah Palermo ganz nahe, nun schon völlig im Dunkel. Seine niederen, eng zusammengedrängten Häuser wurden erdrückt von den übermächtigen Massen der Klöster. Deren gab es Dutzende, alle ungeheuer groß, oft in Gruppen von zweien oder dreien beieinander, Klöster für Männer und Klöster für Frauen, reiche Klöster und arme Klöster, vornehme Klöster und plebejische Klöster, Klöster von Jesuiten, Benediktinern, Franziskanern, Kapuzinern, Karmelitern, Liguorianern, Augustinern …Armselige Kuppeln mit unbestimmten Umrissen, leergesogenen Brüsten ähnlich, erhoben sich darüber; aber es waren eben die Klöster, die der Stadt ihre Düsternis und ihre Eigenart, ihren Schmuck, und dem Gefühl zugleich etwas wie Tod mitteilten, etwas, was nicht einmal das rasende sizilianische Licht jemals hatte auflösen können. Zu jener Stunde zumal — es war nahezu ganz finster geworden — beherrschten sie das Bild völlig. Und eben gegen sie richteten sich in Wirklichkeit die auf den Bergen brennenden Feuer, angefacht übrigens von Menschen, die denen, die in den Klöstern lebten, recht ähnlich waren, fanatisch wie verschlossen wie sie, wie sie gierig nach Macht, und das heißt im üblichen Sinne: nach Freiheit.

Diese Gedanken hegte der Fürst, während die Rotbraunen weiter im Schritt abwärts gingen; Gedanken, die im Gegensatz zu seinem wahren Wesen standen, hervorgerufen von der Sorge um Tancredis Schicksal und von Stachel in seinem Fleisch, der ihn dazu drängte, sich gegen den Zwang und den Druck zu empören, den die Klöster verkörperten.

Nun führte die Straße durch die blühenden Orangengärten, und der hochzeitliche Duft der Orangenblüten hob alles auf, wie der Vollmond eine Landschaft aufhebt: der Geruch der schwitzenden Pferde, der Geruch nach dem Leder der Wagenpolster, der Fürstengeruch, der Jesuitengeruch — alles war ausgelöscht von jenem Mohammedanerduft, der Huris und sinnliche Orgien nach dem Tode heraufbeschwor.

Auch Pater Pirrone war davon bewegt. »Was für ein schönes Land wäre dies, Exzellenz, wenn …« — ’Wenn es nicht so viele Jesuiten gäbe‘, dachte der Fürst, den die Stimme des Priesters aus den süßesten Vorgefühlen gerissen hatte. Aber sogleich bereute er die Unhöflichkeit, die ja nicht wirklich vollzogen war, und klopfte mit seiner großen Hand auf den Dreispitz des alten Freundes.

Bei der Einfahrt in die Vororte der Stadt, bei der Villa Airoldi, hielt eine Patrouille den Wagen an. Stimmen aus Apulien, Stimmen aus Neapel befahlen Halt, überlange Bajonette blinkten unter dem schwankenden Licht einer Laterne; aber ein Unteroffizier erkannte sogleich den Fürsten, der mit dem Zylinder auf den Knien dasaß. »Entschuldigen Exzellenz — können weiterfahren!« Er ließ sogar einen Soldaten auf den Bock klettern, damit der Fürst nicht von den anderen Absperrungsposten gestört würde. Das schwerer gewordene coupé kam langsamer voran, umfuhr die Villa Ranchibile, ließ Torrerosse und die Gemüsegärten von Villafranca hinter sich und fuhr durch die Porta Maqueda in die Stadt ein. Im Cafe Romeres an den ‘Quattro Canti di Campagna’ standen lachend die Offiziere der Wachabteilungen und schlürften Eisgetränke aus riesigen Gläsern. Aber das war in der Stadt das einzige Zeichen von Leben: die Straßen lagen verlassen, sie hallten nur vom gleichmäßigen Schritt der Streifwachen wider, die hier patrouillierten, die weißen Wehrgehänge über der Brust gekreuzt. Und an den Seiten der Kontrapunkt der Klöster, die Badia del Monte, die Stigmata, die Crociferi, die Theatiner, Dickhäutern gleich, schwarz wie Pech, in einen Schlaf versunken, der dem Nichts ähnelte.

»In zwei Stunden werde ich Euch wieder abholen, Pater. Wünsche gute Gebete.«

Und der arme Pirrone klopfte verwirrt an die Klostertür, während sich das coupé durch die Gassen entfernte.

Der Fürst ließ den Wagen beim Palast halten und wandte sich dann zu Fuß dorthin, wohin zu gehen er entschlossen war. Der Weg war kurz, aber das Viertel war verrufen. Soldaten in voller Ausrüstung, so daß man sogleich merkte, daß sie sich heimlich von den auf den Plätzen biwakierenden Abteilungen entfernt hatten, kamen mit stieren Augen aus den niedrigen, kleinen Häusern, auf deren zierlichen Baikonen Basilikumpflanzen erklären, wieso sie so leicht hineingekommen waren. Jugendliche Herumtreiber von üblem Aussehen, in weiten Hosen, stritten sich in dem tiefen Tonfall zorniger Sizilianer. Von weitem kam der Widerhall einiger Schüsse, die sich aus den Flinten aufgeregter Wachposten gelöst hatten.

Nachdem diese Gasse durchschritten war, führte der Weg an der Küste, der ’Cala‘ entlang: im alten Fischerhafen schaukelten halbverfaulte Barken; sie sahen trostlos aus wie räudige Hunde.

’Ich bin ein Sünder, ich weiß, ein doppelter Sünder, vor dem göttlichen Gesetz und vor Stellas menschlicher Zuneigung. Daran ist kein Zweifel. Und morgen werde ich Pater Pirrone beichten. ‘ Er lächelte in sich hinein bei dem Gedanken, daß das wohl überflüssig sein würde, so sicher war doch wohl der Jesuit seines heutigen leichtsinnigen Vorhabens. Dann bekam der Geist des sophistischen Hin und Her wieder Oberwasser: ’Ich sündige, das ist wahr, aber ich sündige, um nicht mehr weiterzusündigen, um mir diesen Stachel im Fleisch auszureißen, um mich nicht immerzu zu erregen, um nicht in größere Übel gezogen zu werden. Das weiß der Herr im Himmel. Eine Rührung über sich selbst packte ihn. ’Ich bin ein armer, schwacher Mensch‘, dachte er, während der gewichtige Schritt den schmutzigen Kies zusammendrückte, ’ich bin schwach, und keiner hält mich. Stella! Das ist leicht gesagt. Der Herr weiß, ob ich sie geliebt habe: wir haben geheiratet. Aber jetzt ist sie zu rechthaberisch; auch schon zu ältlich. ‘ Der Anflug von Schwäche war ihm vergangen. ’Ich bin noch ein kräftiger Mann; wie soll ich mich begnügen mit einer Frau, die sich im Bett vor jeder Umarmung bekreuzigt und hernach, in den Momenten größter Erregung, nichts zu sagen weiß als: Jesusmaria! Als wir geheiratet haben, als sie sechzehn Jahre alt war, hat mich das alles begeistert. Aber jetzt…Sieben Kinder habe ich mit ihr gehabt, sieben; und nie habe ich ihren Nabel sehen dürfen. Ist das recht¿ Er schrie beinahe, von seinem überspannten Verlangen aufgeregt. ’Ist das recht? Das frage ich euch alle! Und er wandte sich wieder dem Portico della Catena zu. ‘Die Sünderin ist sie selbst!’

Diese beruhigende Entdeckung tröstete ihn, und er klopfte entschlossen an Marianninas Tür.

Zwei Stunden später war er schon im coupé, mit Pater Pirrone auf der Heimfahrt. Dieser war bewegt: seine Ordensbrüder hatten ihn ins Bild gesetzt über die politische Lage, die sehr viel gespannter war, als sie ihnen in der abgesonderten Stille der Villa Salina erschien. Man befürchtete eine Landung der Piemontesen im Süden der Insel, in der Gegend von Sciacca; und die Behörden hatten im Volk eine stumme Gärung bemerkt: das städtische Pack wartete auf das erste Zeichen dafür, daß die Macht schwächer würde; es wollte sich aufs Plündern und Schänden stürzen. Die Patres waren beunruhigt, drei von ihnen, die ältesten, waren mit dem Postschiff vom Nachmittag nach Neapel geschickt worden; sie trugen die Klosterpapiere bei sich.

»Der Herr beschütze uns und schone dieses hochheilige Königreich.«

Der Fürst hörte ihm kaum zu, da er ganz eingetaucht war in eine satte Ruhe, die aber gewissermaßen gefleckt war mit widerstrebenden Gefühlen. Mariannina hatte ihn aus großen, verschleierten Bäuerinnen-Augen angeblickt, ihm nichts versagt, hatte sich als unterwürfig und gefällig erwiesen. Eine Art Bendicò im seidenen Unterröckchen. In einem Moment besonderen Zerflossenseins war ihr auch der Ausruf entwischt: »Ach, du Riesenfürst!« Darüber lächelte er noch, befriedigt. Gewiß besser dies, als die ‘mon chat’ oder ‘mon singe blond’, Ausrufe, die Sarah in ähnlich beschaffenen Momenten erfunden hatte, das Pariser Hürchen, das er vor drei Jahren aufgesucht hatte, als ihm auf dem Astronomiekongreß an der Sorbonne die Goldmedaille verliehen worden war. Zweifellos besser als ‘mon chat’; viel besser natürlich als ’Jesusmaria‘ — wenigstens kein Sakrileg. Mariannina war ein gutes Mädchen: er würde ihr, wenn er das nächstemal zu ihr ginge, drei Rohrellen feuerrote Seide mitbringen.

Aber wie traurig auch: dieses junge, allzuvielgebrauchte Fleisch, diese ergebene Unzucht. Und er selber, was war er? Ein Schwein, weiter nichts. Es kam ihm ein Vers in den Sinn, den er zufällig in einem Pariser Buchladen gelesen hatte, als er in einem Band blätterte von — er wußte nicht mehr von wem, von einem dieser Dichter, die Frankreich jede Woche liefert und vergißt. Er sah wieder die zitronengelbe Säule der unverkauften Exemplare vor sich, die Seite, eine mit ungerader Zahl, und hörte wieder die Verse, die den Schluß eines überspannten Gedichts bildeten:

donnez-moi la force et et le courage

de contempler mon coeur et mon corps sans dégoût,2

Und während Pater Pirrone sich weiter mit einem gewissen La Farina und einem gewissen Crispi beschäftigte, schlief der ’Riesenfürst‘ in einer Art verzweifelter Euphorie ein, gewiegt vom Trott der Rotbraunen, auf deren prallen Hinterbacken das Licht der Wagenlaternen schwankte. Er wachte auf bei der Wegbiegung vor der Villa Falconeri. ’Der dort ist auch ein schöner Kerl, schürt die Glut, die ihn verzehren wird.‘

Als er sich im ehelichen Schlafgemach befand, überkam ihn ein zärtliches Gefühl beim Anblick der armen Stella, die, das Haar ordentlich unter dem Häubchen, in dem riesengroßen, hohen Messingbett seufzend schlief. ’Sieben Kinder hat sie mir geschenkt und hat nur mir angehört.’ Ein Baldriangeruch strich durch das Zimmer, letzte Spur des hysterischen Anfalls. ’Meine arme Stelluccia‘, klagte er, als er das Bett bestieg. Die Stunden gingen hin, er konnte nicht schlafen. Gott mit seiner mächtigen Hand schürte in seinen Gedanken drei Brände: den der Zärtlichkeiten Marianninas, den der französischen Verse, den zornigen der Scheiterhaufen auf den Bergen.

In der ersten Frühe jedoch hatte die Fürstin Gelegenheit, sich zu bekreuzigen.

__________

Am Morgen danach beglänzte die Sonne einen wieder gleichmütigen Fürsten. Er hatte seine Tasse Kaffee getrunken und rasierte sich im roten, mit schwarzen Blumen durchwirkten Schlafrock vor dem kleinen Spiegel. Bendicò lehnte den großen, schweren Kopf auf seinen Pantoffel. Während er sich die rechte Wange rasierte, sah er im Spiegel hinter seinem Gesicht das eines jungen Mannes, schmal, vornehm, mit einem Ausdruck scheuen Spottes. Er drehte sich nicht um und rasierte sich weiter. »Nun,Tancredi, was hast du in der letzten Nacht angestellt?«

»Guten Tag, Onkel. Was ich angestellt habe? Nicht das geringste: ich bin mit den Freunden zusammengewesen.

Eine wahrhaft fromme Nacht. Nicht wie gewisse Bekannte, die in Palermo waren, um sich zu amüsieren.«

Der Fürst rasierte sich gerade aufmerksam die schwierige Stelle zwischen Lippe und Kinn. In der leicht nasalen Stimme des Neffen schwang so viel jugendliches Feuer, daß man ihm unmöglich zürnen konnte; aber sich harmlos zu stellen, war doch wohl zulässig. Er drehte sich um, das Handtuch unter dem Kinn, und betrachtete Tancredi; er war im Jagdanzug, enganschließendem Wams und Schaftstiefeln. »Und wer waren diese Bekannten, kann man das erfahren?«

»Du, großer Onkel, du. Mit diesen Augen habe ich dich gesehen, am Absperrungsposten an der Villa Airoldi, während du mit dem Unteroffizier sprachst. Schöne Geschichten, in deinem Alter! Und in Gesellschaft eines Hoch würdigen Herrn! Ja, die Überbleibsel vom lockeren Zeisig!« Er war doch zu frech. Meinte, sich alles erlauben zu dürfen. Durch die schmalen Spalten der Lider sahen diese Augen von dunklem Blau, die Augen seiner Mutter, seine eigenen Augen, so recht heiter zu ihm hin. Der Fürst fühlte sich beleidigt: der Junge wußte wahrhaftig nicht, wie weit er gehen durfte — aber er brachte es nicht über sich, ihn zu tadeln; im übrigen hatte er ja recht. »Warum bist du so angezogen? Was ist los? Ein Maskenball am Morgen?«

Der junge Mann war ernst geworden; sein dreieckiges Gesicht nahm einen unerwartet männlichen Ausdruck an. »Ich gehe fort, großer Onkel, gehe in einer Stunde fort. Ich bin gekommen, dir Lebewohl zu sagen.« Dem armen Salina wurde es eng ums Herz. »Ein Duell?« »Ein großes Duell, Onkel. Ein Duell mit ’Franceschiello Dio Guardi‘.3 Ich gehe in die Berge um Ficuzza; sag es niemandem, vor allem nicht Paolo. Es bereiten sich große Dinge vor, Onkel, und ich will nicht zu Hause bleiben: wo man mich übrigens, bliebe ich hier, unverzüglich festnehmen würde.«

Der Fürst hatte eine seiner üblichen plötzlichen Visionen: eine grausige Szene aus dem Guerillakrieg, Büchsenschüsse in den Wäldern, und sein Tancredi am Boden, die Eingeweide heraushängend wie bei jenem unglückseligen Soldaten. »Du bist verrückt, mein Sohn. Sich mit diesen Leuten einzulassen! Die gehören doch alle zur Mafia, die Gauner. Ein Falconeri muß bei uns sein, für den König.« In Tancredis Augen lag wieder ein Lächeln. »Für den König, gewiß, aber für welchen König?« Der junge Mann fiel plötzlich in die Ernsthaftigkeit zurück, die ihn ebenso undurchdringlich wie liebenswert machte. »Sind nicht auch wir dabei, so denken sich die Kerle noch die Republik aus. Wenn wir wollen, daß alles bleibt wie es ist, dann ist nötig, daß alles sich verändert. Habe ich mich deutlich ausgedrückt?« Er umarmte den Onkel ein wenig bewegt.

»Dann bald aul Wiedersehen. Ich kehre mit der Trikolore zurück.«

Die Rhetorik der Freunde hatte also ein wenig auch auf seinen Neffen abgefärbt; oder doch nicht, denn in der nasalen Stimme schwang ein Ton, der die Emphase Lügen strafte.

Was für ein Junge! Macht Dummheiten, und zugleich sagt er ihnen ab. Und Paolo, der eigene Sohn, der im selben Augenblick gerade sicher die Verdauung von Guiscardo überwachte! Der hier war sein wahrer Sohn. Der Fürst erhob sich rasch, riß sich das Handtuch vom Halse, kramte in einem Kästchen. »Tancredi, Tancredi, warte!« Er eilte hinter dem Neffen her, steckte ihm ein Röllchen Gold-Unzen in die Tasche, drückte ihn gegen die Schulter. Tancredi lachte. »Jetzt unterstützt du die Revolution! Aber ich danke dir, großer Onkel. Auf recht bald! Umarme für mich die Tante.« Und er stürzte los, die Treppe hinunter.

Bendicò wurde zurückgerufen; er war seinem Freunde gefolgt, wobei er die Villa mit Freudengebell erfüllt hatte. Die Rasur war beendet, das Gesicht abgewaschen. Der Kammerdiener kam, um dem Fürsten die Schuhe anzuziehen und ihn zu kleiden.

‘Die Trikolore! Prächtig, die Trikolore! Mit diesen Worten nehmen sie ordentlich den Mund voll, die Gauner! Und was bedeutet das geometrische Zeichen, diese Nachäfferei der französischen Fahne, so häßlich im Vergleich zu unserrer einweißen Farbe mit dem Gold des Lilienwappens in der Mitte? Was läßt dieser Mischmasch schreiender Farben sie hoffen?’ Jetzt war der Augenblick dafür gekommen, daß er sich die riesenhafte Halsbinde aus schwarzem Atlas um den Hals schlang. Ein schwieriges Werk, die politischen Gedanken schob man inzwischen besser auf. Einmal herum, ein zweitesmal herum, ein drittesmal herum. Die mächtigen Finger, die so zart anfassen konnten, legten die Falten, strichen glatt, wo es noch wolkig war, steckten auf die Seide das Medusenköpfchen mit den Rubinaugen. »Ein sauberes gilé. Siehst du nicht, daß dieses einen Fleck hat?« Der Kammerdiener hob sich auf die Zehenspitzen, um ihm in die redingote aus kastanienbraunem Tuch zu helfen; er reichte ihm das Taschentuch mit den drei Tropfen Bergamotteparfüm. Schlüssel, Uhr mit Kette, Geld steckte er sich selbst in die Tasche. Er sah in den Spiegel: nichts dagegen zu sagen — er war noch immer ein schöner Mann. ’Die Überbleibsel vom lockeren Zeisig! Er macht schwerverdauliche Scherze, dieser Tancredi! Ich möchte ihn in meinem Alter sehen, dieses Knochengestell!’

Der kraftvolle Schritt brachte die Fensterscheiben der Säle, durch die er ging, zum Klirren. Das Haus war heiter, hell und voller Zierat: vor allem gehörte es ihm. Als er die Treppe hinabschritt, begriff er plötzlich. ’Wenn wir wollen, daß alles bleibt wie es ist…’

Tancredi war ein großer Mann; er hatte es immer schon gedacht.

Die Räume der Güterverwaltung lagen noch verlassen, nur die Sonne leuchtete still durch die geschlossenen Jalousien. Obwohl dies in der Villa der Ort war, an dem die größten Leichtfertigkeiten begangen wurden, bot er den Anblick friedlichen Ernstes. Die Bilder an den gekalkten Wänden spiegelten sich auf dem gewachsten Fußboden — riesige, die Lehnsgüter des Hauses Salina darstellende Gemälde; aus den schwarz und goldenen Rahmen traten diese Güter in lebhaften Farben hervor: Salina, die Insel mit den Zwillingsbergen, umgeben von einem ganz aus Spitzengeweben von Schaum bestehenden Meer, auf dem flaggengeschmückte Galeeren hüpften; Querceta mit seinen niedrigen Häusern um die dicke Mutterkirche, zu der Gruppen von bläulichen Pilgern hinstrebten; Ragattisi, eingeengt zwischen den Bergschlünden; das winzige Argivocale in der Unermeßlichkeit der Kornebene, über die zahllose emsige Bauern verstreut waren; Donnafugata mit seinem Barockpalast, das Ziel scharlachroter Kutschen, hellgrüner Kutschen, goldener Kutschen, wie es schien, mit Frauen, mit Weinflaschen, mit Violinen; und noch viele andere Güter, alle beschirmt von dem sauberen, beruhigenden Himmel, von dem zwischen seinem langen, dichten Schnurrbart lächelnden Leoparden. Jedes Bild festlich, jedes eifrig bestrebt, den erlauchten Herrschaftsbereich des Hauses Salina, sei er ‘gemischt’ oder ‘rein’, auszudrücken. Harmlose Meisterwerke ländlicher Kunst aus dem vergangenen Jahrhundert; ungeeignet jedoch dafür, Grenzlinien zu ziehen und Flächen und Erträge genau zu bestimmen — Dinge, die in der Tat unbekannt blieben. Der Reichtum hatte sich in den vielen Jahrhunderten seines Bestehens in Zierat verwandelt, in Luxus, in Vergnügungen — in nichts als dies; die Abschaffung der Lehnsrechte hatte mit den Privilegien zugleich die Verpflichtungen abgelöst; der Reichtum hatte, wie ein alter Wein, auf den Boden des Fasses seine Hefe sinken lassen, Gewinnsucht, Eifer, auch die Umsicht, um nur noch Feuer und Farbe zu bewahren. Und auf die Art hob er schließlich sich selber auf: dieser Reichtum, der sein Ende selbst bewirkt hatte, bestand nur noch in Auszügen aus Ölen, und so verflog er, wie solche Auszüge, sehr rasch. Schon waren einige jener auf den Gemälden so festlichen Lehnsgüter davongeflogen und hatten Dauer nur noch auf der bunten Leinwand und im Namen. Andere waren wie die Septemberschwalben, die noch da sind, aber sich schon laut zwitschernd auf den Bäumen versammelt haben, zum Abflug bereit. Aber es gab ja noch so viele Güter! Es schien, als könnten sie nie ein Ende nehmen.

Trotzdem war das Gefühl, das der Fürst beim Betreten seines Arbeitsraumes empfand, wie immer unangenehm. Mitten im Zimmer ragte wie ein Turm ein Schreibsekretär mit Dutzenden von Kästchen, muschelförmigen Nischen, Höhlungen, Fächern und aufklappbaren Platten: seine gewaltige Masse aus gelbem Holz mit schwarzen Einlegearbeiten war vertieft und aufgeputzt wie eine Bühne, voller Fallen, leichtlaufender Platten, Geheimfächer, die — außer den Dieben — keiner mehr in Betrieb zu setzen wußte. Er war bedeckt mit Papieren; und obwohl der Fürst Vorsorge getroffen hatte, daß ein gut Teil von ihnen auf die von der Astronomie beherrschten, unverwirrbaren Regionen Bezug hatte, reichte doch das, was übrigblieb, hin, das fürstliche Herz mit Unbehagen zu erfüllen. Mit einemmal kam ihm wieder der Schreibtisch König Ferdinands in Caserta in den Sinn, auf dem ebensoviele geschäftliche Angelegenheiten und Sachen, die entschieden werden mußten, im Wege waren, Sachen, bei denen man sich einbilden konnte, man vermöge den Strom der Geschicke zu beeinflussen, der doch floß wie er wollte, in einem anderen Tal.

Salina dachte an eine vor kurzem in den Vereinigten Staaten von Amerika entdeckte Medizin, die es möglich machte, daß die Menschen während der schwersten Operationen nicht litten, daß sie im Unglück heiter blieben. Morphium hatte man ihn genannt, diesen rohen, chemischen Stellvertreter des alten Stoizismus, der christlichen Ergebung. Für den armen König nahm das Phantom der Verwaltung die Stelle des Morphiums ein; er, Salina, hatte dafür eines von erwählterer Zusammensetzung: die Astronomie. Und so verjagte er die Bilder des verlorenen Ragattisi oder des noch schwankenden Argivocale und tauchte unter in die Lektüre der neuesten Nummer des Journal des savants. »Les dernières observations de l’Observatoire de Greenwich présentent un intérêt tout particulier…«

Er mußte jene eisigen Sternenreiche jedoch sehr bald verlassen. Don Ciccio Ferrara trat ein, der Rechnungsführer. Er war ein trockener kleiner Mann, der die enttäuschte, habgierige Seele eines Liberalen hinter beruhigenden Brillengläsern und makellosen kleinen Halsbinden verbarg. An jenem Morgen war er noch munterer als sonst; es war offensichtlich: die gleichen Nachrichten, von denen Pater Pirrone bedrückt gewesen war, hatten auf ihn wie eine Herzstärkung gewirkt.

»Traurige Zeiten, Exzellenz«, sagte er nach der gebräuchlichen ehrerbietigen Begrüßung. »Bald wird großes Unheil geschehen; aber nach ein paar Unruhen und Schießereien wird sich alles aufs beste regeln; neue, ruhmreiche Zeiten werden für unser Sizilien kommen; müßten nicht so viele arme junge Menschen ihre Haut dabei zu Markte tragen, so könnten wir wahrhaftig zufrieden sein.«

Der Fürst grunzte, ohne eine Meinung zu äußern. »Don Ciccio«, sagte er dann, »man muß in die Eintreibung der Grundsteuern von Querceta ein wenig Ordnung bringen; seit zwei Jahren sieht man von da keinen Soldo.« »Die Buchführung ist in Ordnung, Exzellenz.« Das war die Zauberformel. »Man braucht nur an Don Angelo Mazza zu schreiben, daß er die Verfahren einleitet; noch heute werde ich Euch den Brief zur Unterschrift vorlegen.« Und er ging, um von neuem in den riesenhaften Registern zu wühlen. In ihnen waren — mit zwei Jahren Verspätung — sorgfältig und schön alle Rechnungen des Hauses Salina aufgeschrieben — ausgenommen die wirklich wichtigen.

Als der Fürst wieder allein war, kam er nicht sogleich dazu, abermals in den Sternennebel einzutauchen. Er war aufgebracht, nicht so sehr gegen die Ereignisse an sich, als gegen die Dummheit Don Ciccios, in dem er blitzartig die Klasse erkannt hatte, die nun herrschen würde. ’Was der gute Mann da sagt, ist gerade das Gegenteil von dem, was wahr ist. Er beklagt die jungen Menschen, die umkommen werden, aber das werden ja sehr wenige sein, wenn ich den Charakter der beiden Gegner recht kenne; bestimmt nicht einer mehr, als nötig ist, um eine Siegesbotschaft abzufassen, in Neapel oder in Turin, das ist schließlich dasselbe. Er glaubt hingegen an die ‘ruhmreichen Zeiten für unser Sizilien’, wie er sich ausdrückt — etwas, was uns versprochen wurde gelegentlich jeder der tausend Landungen, von Nikias an, und was nie geschehen ist. Warum übrigens hätte es geschehen sollen? Und was wird nun werden? Was schon! Unterhandlungen, interpunktiert von harmlosen Flintenschüssen, und hernach wird alles genauso sein, während alles verändert ist.‘ Ihm waren die doppelsinnigen Worte Tancredis wieder in den Sinn gekommen; jetzt aber verstand er sie von Grund auf. Er wurde ruhig und unterbrach das Durchblättern der Zeitschrift. Er betrachtete die Abhänge des Monte Pellegrino; sie waren ausgedörrt, zerklüftet, ewig wie das Elend.

Kurz darauf kam Russo, der Mann, der dem Fürsten als der bedeutendste seiner Untergebenen erschien. Schlank, nicht ohne Eleganz in die bunaca, die Jacke von geripptem Samt, gehüllt, gierige Augen unter einer bedenkenlosen Stirn — so war er für ihn der vollkommene Ausdruck eines Standes im Aufstieg. Ehrerbietig übrigens und ihm nahezu aufrichtig zugetan, denn er beging seine Diebstähle in der Überzeugung, damit ein Recht auszuüben. »Ich kann mir denken, wie leid es Eurer Exzellenz tun mag, daß der junge Herr Tancredi fort ist; aber seine Abwesenheit wird nicht lange dauern, dessen bin ich gewiß, und alles wird ein gutes Ende nehmen.«

Wieder einmal fand sich der Fürst einem der sizilianischen Rätsel gegenüber; auf dieser das Verborgene liebenden Insel, wo die Häuser verrammelt sind und die Bauern behaupten, sie kennten den Weg nicht, der zu dem Dorfe führt, in dem sie wohnen, das man doch dort auf dem Hügel, fünf Minuten entfernt, liegen sieht — auf dieser Insel ist, trotz des offensichtlichen Überflusses an Geheimnisvollem, die Zurückhaltung ein Mythos.

Er winkte Russo, er möge sich setzen, und blickte ihm fest in die Augen. »Pietro, sprechen wir von Mann zu Mann. Hast du auch mit diesen Angelegenheiten zu schaffen?« Zu schaffen habe er nicht damit, war die Antwort, er sei Familienvater, und diese Wagnisse seien Sache der jungen Leute wie des Herrn Tancredi. »Man stelle sich vor, daß ich etwas verbergen würde vor Eurer Exzellenz, der für mich wie ein Vater ist!« (Indes hatte er vor einem Vierteljahr in seinem Speicher dreihundert Körbe Zitronen, die dem Fürsten gehörten, verborgen, und er wußte, daß der Fürst es wußte.) »Aber ich muß sagen: mein Herz ist mit ihnen, mit den mutigen Jungen.« Er stand auf, um Bendicò hereinzulassen, dessen liebevolles Ungestüm die Tür erzittern ließ. Er setzte sich wieder hin. »Euer Exzellenz wissen es — man kann einfach nicht mehr: Durchsuchungen, Verhöre, Haufen von Papier um all und jedes, ein Aufpasser an jeder Hausecke; ein anständiger Mann kann sich nicht mehr ungestört um seine Sachen kümmern. Hernach aber werden wir Freiheit haben, Sicherheit, niedrigere Steuern, ein leichteres Leben, Handel. Uns allen wird es besser gehen; nur die Priester werden dabei verlieren. Der Herr schützt die Armen, wie ich einer bin, nicht sie.« Der Fürst lächelte: er wußte, daß gerade Russo sich durch einen Mittelsmann aufs eifrigste darum bemühte, Argivocale zu kaufen. »Es wird Tage geben mit Schießereien und Unruhen, aber die Villa Salina wird sicher sein wie ein Felsen; Eure Exzellenz ist unser Vater, und ich habe viele Freunde hier. Die Piemontesen werden nur mit dem Hut in der Hand hereinkommen, um Eurer Exzellenz ihre Aufwartung zu machen. Und dann — der Onkel und Vormund von Don Tancredi!«

Der Fürst fühlte sich gedemütigt; jetzt war er also in den Rang eines Schützlings der Freunde Russos abgestiegen; sein einziges Verdienst war, so viel ihm schien, das, der Onkel dieses Rotzjungen Tancredi zu sein. ‘In einer Woche ist es sicher so weit, daß mein Leben außer Gefahr ist, weil ich Bendicò im Hause habe.’ Er rieb ein Ohr des Hundes so kräftig zwischen den Fingern, daß das arme Tier aufwinselte — geehrt, ohne Zweifel, aber leidend.

Kurz darauf erleichterten den Fürsten einige Worte Russos. »Glauben Sie mir, Exzellenz, alles wird besser werden. Die Männer, die ehrenhaft und geschickt sind, werden vorankommen. Das übrige wird sein wie zuvor.« Diese Leute, diese elenden kleinen Liberalen vom Lande, wollten nichts als die Möglichkeit, leichter zu profitieren. Schluß, Punkt. Die Schwalben würden schneller davonfliegen — das war alles. Im übrigen waren ja noch so viele im Nest.

»Vielleicht hast du recht. Wer weiß!« Jetzt war er hinter den geheimen Sinn gekommen, bei allen: die rätselhaften Worte Tancredis, die rhetorischen Ferraras, die falschen, aber aufschlußreichen Russos hatten ihm ihr beruhigendes Geheimnis preisgegeben. Vielerlei würde geschehen, aber alles würde eine Komödie sein; eine lärmende, romantische Komödie mit ein paar Fleckchen Blut auf dem Narrenkleid. Dies war das Land der gütlichen Übereinkommen, hier gab es keine französische Raserei; andererseits: auch in Frankreich, wenn man den Juni des Jahres 48 ausnimmt — wann war dort je etwas Ernsthaftes geschehen?

Er hatte Lust, Russo zu sagen — aber die angeborene Höflichkeit hielt seine Worte zurück —: ’Ich habe sehr gut verstanden: vernichten wollt ihr uns, eure ‘Väter’ nicht; ihr wollt nur unsern Platz einehmen. Mit Sanftmut, mit guten Manieren, wobei ihr uns womöglich ein paar tausend Dukaten in die Tasche steckt. Ist es nicht so? Dein Enkel, teurer Russo, wird aufrichtig glauben, er sei Baron; und eines schönen Tages bist du gar, was weiß ich, der Nachkomme eines Großfürsten von Moskau, dank deines Namens — statt der Sohn eines ‘cafone’, eines Bauern mit rotgebrannter Haut zu sein, ganz so, wie es dein Name verrät. Und deine Tochter wird schon zuvor einen von uns geheiratet haben, womöglich gar eben diesen Tancredi mit seinen blauen Augen und seinen lässigen Händen. Sie ist übrigens recht hübsch, und wenn sie erst einmal gelernt haben wird, sich zu waschen…‘Damit alles bleibt, wie es ist.’ Wie es ist, im Grunde: nur daß, kaum merklich, ein Stand an die Stelle des andern tritt. Meine goldenen Kammerherrnschlüssel, das kirschrote Ordensband von San Gennaro werden im Kästchen bleiben müssen, und später enden sie wohl in einer Vitrine des Sohnes von Paolo; aber die Salina bleiben die Salina. Womöglich kriegen sie irgendeine Entschädigung: den Senat von Sardinien, das pistaziengrüne Band von San Maurizio. Flitterkram das eine, Flitterkram das andere.’

Er erhob sich: »Pietro, sprich mit deinen Freunden. Hier sind so viele junge Mädchen. Sie dürfen nicht erschreckt werden.« — »Ich war ja der Sache sicher, Exzellenz; ich habe schon mit ihnen gesprochen: Villa Salina wird ruhig sein wie ein Nonnenkloster.« Er lächelte mit gutmütigem Spott. Don Fabrizio verließ das Zimmer, gefolgt von Bendicò; er wollte hinaufsteigen, um Pater Pirrone aufzusuchen, aber der flehende Blick des Hundes zwang ihn, doch in den Garten zu gehen. Bendicò bewahrte in der Tat begeisterte Erinnerungen an die schöne Arbeit vom Abend vorher und wollte sie nach allen Regeln der Kunst vollenden. Der Garten duftete noch stärker als gestern, und in der Morgensonne wirkte das Gold der Akazie weniger störend. ‘Aber die Herrscher, unsere Herrscher? Und wohin kommen wir schließlich mit der Legitimität?’ Der Gedanke beunruhigte ihn einen Moment, man konnte ihm nicht ausweichen. Für einen Augenblick dachte er an Màlvica. Diese so verachteten Herrscher, wie Ferdinand, wie Francesco, erschienen ihm wie ältere Brüder, vertrauenswürdig, wohlwollend, gerecht, wahre Könige. Aber schon eilten dem Fürsten die Verteidigungskräfte der inneren Ruhe, die so wachsam in ihm waren, zu Hilfe mit der Infanterie des Rechts, mit der Artillerie der Geschichte. ‘Und Frankreich? Ist etwa Napoleon III. nicht illegitim? Und leben etwa die Franzosen nicht glücklich unter diesem aufgeklärten Kaiser, der sie gewiß zu ihrer höchsten Bestimmung führen wird? Im übrigen — verstehen wir uns recht. War etwa Karl III. völlig am rechten Platz? Auch die Schlacht von Bitonto war so etwas wie jene Schlacht von Bisacquino oder Corleone oder was weiß -ich welche sonst, in der die Unseren von den Piemontesen eins auf den Kopf kriegen werden; eine jener Schlachten, die gekämpft werden, damit alles bleibt wie es ist. Im übrigen war nicht einmal Jupiter der legitime König des Olymps.’

Es war nur natürlich, daß der Staatsstreich Jupiters gegen Saturn ihm die Sterne wieder ins Gedächtnis rufen mußte.

__________

Er überließ den eifrigen Bendicò seiner eigenen, selbsttätig wirkenden Kraft, stieg die Stufen wieder hinauf, durchschritt die Säle, in denen die Töchter von den Freundinnen vom ‘Salvatore’ sprachen (als er vorüberging, rauschte die Seide der Röcke, während sich die Mädchen erhoben), stieg eine lange, schmale Treppe empor und mündete ein in das große, blaue Licht des Observatoriums. Pater Pirrone saß mit dem befriedigten Gesicht des Priesters, der die Messe gelesen und den starken Kaffee mit den Biskuits von Monreale zu sich genommen hat, gänzlich versunken über seinen algebraischen Formeln. Die beiden Teleskope und die drei Fernrohre, hell von der Sonne beschienen, hockten mit ihrer schwarzen Kappe über dem Okular wohlverwahrt wie Hunde in ihrer Hütte, verwöhnte Tiere, die wußten, daß ihnen ihre Mahlzeit erst am Abend gegeben wird.

Der Anblick des Fürsten entzog den Pater seinen Berechnungen und rief ihm die schlechte Figur ins Gedächtnis, die dieser am Abend zuvor gemacht hatte. Er erhob sich, grüßte mit Ergebenheit, konnte sich jedoch nicht enthalten, zu sagen: »Euer Exzellenz kommen, um zu beichten?« Der Fürst, den der Schlaf und die Gespräche des Morgens die nächtliche Episode hatten vergessen lassen, war erstaunt. »Beichten? Aber heute ist doch nicht Samstag.« Dann entsann er sich und lächelte: »Wahrhaftig, Pater! Aber das wäre nicht einmal notwendig. Ihr wißt schon alles.« Daß der Fürst darauf bestand, ihm diese Mitwisserschaft aufzuerlegen, ärgerte den Jesuiten. »Exzellenz, die Wirksamkeit der Beichte besteht nicht nur darin, die Tatsachen zu erzählen, sondern darin, daß man alles bereut, was man Übles begangen hat. Und solange Ihr dies nicht tut und es mir zeigt, bleibt Ihr in der Todsünde, ob ich Eure Handlungen kenne oder nicht.« Sorgfältig blies er sich ein Härchen vom Ärmel und tauchte wieder in die Abstraktionen.

Die Ruhe, die die politischen Entdeckungen des Morgens in der Seele des Fürsten begründet hatten, war so groß, daß er über das, was ihm in einem anderen Augenblick als Unverschämtheit erschienen wäre, nur eben lächelte. Er öffnete eines der Fenster. Die Landschaft zeigte dem, der sie von dem kleinen Turm aus betrachtete, all ihre Schönheiten. Unter dem Ferment der starken Sonne schien jedes Ding ohne Gewicht: das Meer tief unten war ein Fleck von reiner Farbe, die Berge, die in der Nacht zum Fürchten voller Gefahren zu sein schienen, glichen jetzt zusammengeballten Dämpfen, die im Begriff sind, sich aufzulösen, und selbst das finstere Palermo breitete sich besänftigt um die Klöster wie eine Herde zu Füßen der Hirten. Die fremden, auf der Reede vor Anker liegenden Schiffe, die in Erv/artung von Unruhen hierher entsandt worden waren, vermochten in dieser majestätischen Ruhe kein Gefühl von Furcht zu erregen. Die Sonne war an jenem Morgen des 13. Mai zwar noch lange nicht zu ihrem höchsten Brand entflammt, aber sie offenbarte sich schon als der wahre Herrscher über Sizilien: die gewalttätige, unmenschliche Sonne, die narkotisch betäubende Sonne, die den Einzelwillen vernichtet und alles in einer knechtischen Unbeweglichkeit hält, alles hin und her gerissen in gewalttätigen Träumen, in Gewalttaten, die in ihrer Willkür ebenso heftig waren wie die der Träume.

»Es wird manch ein Vittorio Emanuele nötig sein, um den Zauber in dem Trunk umzuwandeln, der hier gereicht wird.«

Pater Pirrone war aufgestanden, hatte seinen Gürtel zurechtgezupft und ging mit ausgestreckter Hand auf den Fürsten zu: »Exzellenz, ich bin unfreundlich gewesen. Bewahrt mir Euer Wohlwollen, aber hört auf mich, beichtet!«

Das Eis war gebrochen, und der Fürst konnte Pater Pirrone von seinen politischen Erkenntnissen unterrichten. Der Jesuit war jedoch weit davon entfernt, seine Erleichterung zu teilen. Er wurde sogar wieder scharf: »Kurz gesagt, Ihr Herren setzt Euch ins Einvernehmen mit den Liberalen, was sage ich mit den Liberalen — mit den Freimaurern geradezu, auf unsere Kosten, auf Kosten der Kirche: Denn es ist klar, daß unsere Güter, diese Güter, die das Erbteil der Armen sind, uns mit Gewalt genommen und unter die frechsten Anführer verteilt werden; und wer wird hernach den vielen Unglücklichen den Hunger stillen, die die Kirche heute noch ernährt und führt?« Der Fürst schwieg. »Wie wird man es dann fertigbringen, diese verzweifelten Scharen zu beschwichtigen? Das will ich Euch sagen, Exzellenz. Man wird ihnen erst einen Teil Eurer Länder zur Speise vorwerfen, dann einen zweiten, und schließlich das Ganze. Und so wird Gott seine Gerechtigkeit vollbracht haben, sei es auch mittels der Freimaurer. Der Herr heilte die leiblich Blinden; aber wo werden die geistig Blinden enden?«

Der unglückliche Pater holte mühsam Luft: da hatte ihn doch der aufrichtige Schmerz über die Vergeudung des Erbteils der Kirche, die er voraussah, von neuem hingerissen! Dieser Vorwurf schmolz in ihm zusammen mit der Furcht davor, den Fürsten zu beleidigen; denn er war ihm ja zugetan, er hatte zwar seine geräuschvollen Zornausbrüche erlebt, aber auch seine Güte, die keinen Unterschied machte. Er saß also aufmerksam da und sah verstohlen nach Don Fabrizio hin, der mit einer kleinen Bürste die Verbindungsstücke eines Fernrohres blankputzte und in diese seine eifrige Tätigkeit vertieft schien. Nach einer Weile stand er auf und säuberte lange die Hände mit einem Lappen; das Antlitz war ohne jeden Ausdruck, seine hellen Augen schienen nur darauf gerichtet, ein Krümchen Fett aufzuspüren, das sich etwa an die Nagelwurzel geflüchtet hätte. Die lichterfüllte Stille unten im Umkreis der Villa war tief, herrschaftlich im höchsten Grad, eher betont als gestört von dem weit entfernten Bellen von Bendicò, der sich frech benahm gegen den Hund des Gärtners ganz hinten bei der Zitronenpflanzung; sie war eher betont als gestört auch von dem sich im Takt wiederholenden, dumpfen Schlag des Messers, mit dem ein Koch unten in der Küche auf dem Hackbrett Fleisch zerteilte für das nicht mehr ferne Mittagsmahl. Die mächtige Sonne hatte das Hin und Her der Menschen genauso aufgezehrt wie die Härte der Erde. Dann trat der Fürst an den Tisch des Paters, setzte sich and begann mit dem gutgespitzten Bleistift, den der Jesuit in seinem Zorn aus der Hand gelegt hatte, getüpfelte bourbonische Lilien zu zeichnen. Er zeigte eine ernste, aber so unbewölkte Miene, daß die Betrübnis Pater Pirrones sogleich verschwand.

»Wir sind nicht blind, lieber Pater, wir sind nur Mensehen. Wir leben in einer beweglichen Wirklichkeit, der wir uns anzugleichen suchen, so wie die Algen dem Druck des Meeres nachgeben. Der Heiligen Kirche ist die Unsterblichkeit ausdrücklich versprochen worden; aber uns, als sozialer Klasse, nicht. Für uns ist ein Palliativ, das hundert Jahre Dauer verspricht, gleichbedeutend mit Ewigkeit. Wir können allenfalls für unsere Kinder sorgen, vielleicht für die Enkel; aber über das hinaus, was wir mit diesen Händen zu liebkosen hoffen hönnen, haben wir keine Verpflichtungen. Und ich kann mich nicht bekümmern um das, was meine möglichen Nachkommen im Jahre 1960 sein werden. Die Kirche, ja, sie muß sich darum kümmern, denn sie ist dazu bestimmt, nicht zu sterben. In ihrer Verzweiflung ist der Trost mit inbegriffen. Glaubt Ihr, sie würde, wenn sie sich selber, jetzt oder in Zukunft, retten könnte mit unserm Opfer, das nicht tun? Gewiß würde sie es tun, und sie täte recht daran.«

Pater Pirrone war so froh darüber, den Fürsten nicht beleidigt zu haben, daß auch er sich nicht beleidigt fühlte. Zwar der Ausdruck ‘Verzweiflung der Kirche’ war unzulässig; aber die lange Übung im Beichtstuhl setzte ihn in den Stand, die Gemütsbeschaffenheit Don Fabrizios, der sich keiner Täuschung hingab, zu schätzen. Er durfte jedoch seinen Gesprächspartner nicht triumphieren lassen. »Exzellenz werden mir am Samstag zwei Sünden zu beichten haben: von gestern eine des Fleisches, von heute eine des Geistes. Erinnert Euch daran.«

Da nun beide besänftigt waren, begannen sie über einen Bericht zu sprechen, den man rasch an ein Observatorium im Ausland, Arcetri, senden mußte. Die Gestirne — gehalten, geführt wie es schien von den Zahlen —, zu dieser Stunde unsichtbar, aber gegenwärtig, durchzogen den Äther in ihren strenggeordneten Bahnen. Treu, wie vereinbart, pflegten sich die Kometen dem, der sie beobachtete, pünktlich auf die Sekunde zu zeigen. Und sie waren nicht Boten von Katastrophen, wie Stella glaubte: ihre vorgewußte Erscheinung war vielmehr der Triumph der menschlichen Vernunft, die sich bis in die erhabene Gesetzmäßigkeit der Himmel hinaufprojizierte und an ihr teilhatte. ‘Mögen hier unten Hunde wie Bendicò auf dem Land ihre Beute verfolgen, mag das Hackmesser des Kochs das Fleisch unschuldiger kleiner Tiere zerteilen: in der Höhe dieses Observatoriums fließen die Prahlereien des einen, der Blutdurst des andern in eine ruhige Harmonie zusammen. Das wahre Problem besteht hierin: dieses Leben des Geistes weiterleben zu können in seinen sublimiertesten, dem Tode ähnlichsten Momenten.’

So argumentierte der Fürst und vergaß dabei die Ängste eines jeden Tages, die fleischlichen Gelüste von gestern. Und für jene Augenblicke der Versenkung in seine Gedanken wurde er vielleicht ganz von innen her viel tiefer von seinen Sünden freigesprochen, das heißt, wieder mit dem All verbunden, als es der Segen Pater Pirrones hätte bewirken können. Die Gottheiten an der Decke und die Affen der Wandbekleidung wurden an jenem Morgen wieder für eine halbe Stunde zum Schweigen gebracht. Aber im Saal bemerkte es niemand.

Als die Glocke sie zum Essen nach unten rief, waren beide wieder heiter geworden sowohl durch die Einsicht in die politischen Verknüpfungen, als von der Überwindung dieser Einsicht selbst. In der Villa verbreitete sich eine ungewohnt entspannte Atmosphäre. Das Mittagsmahl war die Hauptmahlzeit des Tages, und es verlief Gott sei Dank ganz, glatt. Man stelle sich vor, daß der zwanzigjährigen Tochter Carolina eine der langen Hängelocken, die ihr das Gesicht einrahmten, von einer offenbar unsicheren Haarnadel gehalten, herabglitt und auf dem Teller endete. Der Vorfall, der an einem anderen Tage hätte Ärger hervorrufen können, mehrte diesmal nur die Vergnügtheit: als der Bruder, der neben dem Mädchen saß, das Löckchen nahm und es sich am Hals anheftete, so daß es da herabhing wie ein Skapulier, gönnte sich sogar der Fürst ein Lächeln. Tancredis Fortgang, Zweck und Ziel seiner Abwesenheit waren nunmehr allen bekannt, ein jeder sprach davon, nur Paolo nicht, der schweigend weiteraß. Im übrigen machte keiner sich Sorge außer dem Fürsten, der jedoch die ohnehin nicht starke Unruhe tief in seinem Herzen verbarg, und Concetta, die als einzige einen Schatten auf der schönen Stirn behielt. ‘Das Mädchen hat offenbar ein bißchen was für den Schelm übrig. Es wäre ein schönes Paar. Aber ich fürchte, Tancredi muß höher hinaus, ich meine: tiefer hinab.’ Da die politische Aufheiterung die Nebel verjagt hatte, kam die dem Fürsten im Grunde innewohnende Gutherzigkeit an die Oberfläche. Um die Tochter zu beruhigen, begann er zu erklären, wie wenig wirksam die Flinten des königlichen Heeres seien; er sprach davon, wie mangelhaft die Züge in diesen riesigen Flintenläufen und wie gering an Durchschlagskraft die Geschosse seien, die aus ihnen herauskämen; technische Erklärungen, gegen besseres Wissen obendrein, die wenige verstanden und von denen niemand überzeugt war, die aber alle, Concetta inbegriffen, trösteten; denn es war ihnen geglückt, den Krieg in ein sauberes Diagramm von Kraftlinien zu verwandeln, während er doch in Wirklichkeit ein äußerst konkretes, schmutziges Chaos ist.

Am Schluß des Essens wurde die Rum-Gelatine serviert. Diesen Nachtisch liebte der Fürst besonders, und die Fürstin, erkenntlich für die empfangenen Tröstungen, hatte ihn sorglich frühzeitig angeordnet. Diese Gelatine hatte ein nahezu bedrohliches Aussehen: sie hatte die Form eines auf Bastionen und Böschungsmauern gestützten, mit Zinnen geschmückten Wehrturmes, mit Wänden, so glatt und schlüpfrig, daß sie unmöglich zu ersteigen waren; dieser Turm wurde verteidigt von einer rot und grünen Garnison von Kirschen und Pistazien; er war jedoch durchsichtig, er zitterte, und der Löffel senkte sich mit verblüffender Leichtigkeit hinein. Als die ambraduftende Festung zu Francesco Paolo gelangte, dem Sechzehnj ährigen, dem zuletzt serviert wurde, bestand sie nur noch aus dem von Kanonen bestrichenen, schrägen Festungshang und dicken, aus ihm herausgebrochenen Blöcken. Erheitert von dem Duft des Likörs und dem köstlichen Geschmack des vielfarbigen Stückes Kriegskunst, hatte der Fürst eine rechte Freude daran, der raschen Schleifung der düsteren Bergfeste unter dem Ansturm der allgemeinen Eßlust beizuwohnen. Eines seiner Gläser war zur Hälfte voll Marsala geblieben. Er hob es hoch, blickte in der Familie rundum, wobei er auf Concettas blauen Augen ein ganz klein wenig länger verweilte, und sagte: »Auf die Gesundheit unseres Tancredi!« Er trank den Wein in einem einzigen Schluck. Die Buchstaben F. D., die sich zuvor ganz klar auf dem Gold des gefüllten Glases abgehoben hatten, waren nicht mehr zu sehen.

__________

Nach dem Essen ging er wieder in die Verwaltung hinunter; das Licht fiel jetzt schräg herein, die Bilder der Lehnsgüter lagen im Schatten, und so brauchte er von ihnen keine Vorwürfe zu befürchten. »Voscenza benedica«, Euer Exzellenz segne uns, murmelten Pastorello und Lo Nigro, die beiden Pächter von Ragattisi, die die ‘carnaggi’ gebracht hatten, jenen Teil der Abgaben, der in Naturalien bezahlt wurde. Sie standen schön gerade da, erstaunte Augen in den vollendet rasierten, von der Sonne stark verbrannten Gesichtern. Sie strömten Herdengeruch aus. Der Fürst sprach in seinem sehr stilisierten Dialekt freundlich mit ihnen, erkundigte sich nach ihren Familien, nach dem Stand des Viehs, nach den Ernteaussichten. Dann fragte er: »Habt ihr etwas mitgebracht?« Während die beiden mit Ja antworteten und sagten, daß die Sachen im Zimmer nebenan seien, merkte der Fürst etwas beschämt, daß die Unterredung eine Wiederholung der Audienzen König Ferdinands gewesen war. »Wartet fünf Minuten, Ferrara wird euch die Quittungen geben.«

Er legte jedem ein paar Dukaten in die Hand, was wohl mehr war als der Wert dessen, was sie gebracht hatten. »Trinkt ein Glas auf unsere Gesundheit«; und er ging, um die ‘carnaggi’ zu besehen: auf dem Boden lagen vier Käse primosale, zum erstenmal durchgesalzen, in zwölf Rollen, jede zehn Kilo schwer; er betrachtete sie gleichgültig, diesen Käse verabscheute er. Da lagen sechs Lämmchen, die letzten vom Jahr, ihre Köpfe waren rührend über dem breiten Messerstich, durch den das Leben vor wenigen Stunden entwichen war, zur Seite gesunken. Auch ihre Bäuche waren aufgeschnitten, die schillernden Eingeweide hingen heraus. ‘Der Herr sei seiner Seele gnädig’, dachte er in Erinnerung an den Schwerverwundeten von vor vier Wochen.

Vier Paar an den Beinen zusammengebundene Hühner krümmten sich aus Furcht vor der Schnauze von Bendicò, der sie neugierig beschnupperte. ‘Auch dies ein Beispiel unnützer Angst’, dachte er. ‘Der Hund bildet für sie keine Gefahr; auch nicht einen Knochen von ihnen würde er zu fressen bekommen, weil ihm davon der Bauch weh täte.’

Das Schauspiel von Blut und Schrecken berührte ihn jedoch unangenehm. »Du, Pastorello, trage die Hühner in den Stall, für den Augenblick brauchen wir keine in der Vorratskammer; und ein andermal trage die Lämmchen sofort in die Küche, hier machen sie Schmutz. Und du, Lo Nigro, sage Salvatore, er solle kommen, alles säubern und die Käse fortschaffen. Und mach das Fenster auf, damit der Geruch hinauszieht.«

Dann trat Ferrara ein, um ihnen die Quittungen zu geben.

__________

Als der Fürst wieder nach oben gegangen war, fand er in dem Arbeitszimmer, auf dessen rotem Diwan er Mittagsruhe zu halten pflegte, Paolo vor, den Erstgeborenen, den Herzog von Querceta, der auf ihn wartete. Der junge Mann hatte allen Mut zusammengenommen und wünschte ihn zu sprechen. Niedrig von Wuchs, schmächtig, mit olivfarbener Haut, wirkte er älter als der Vater. »Ich wollte dich fragen, Papa, wie wir uns zu Tancredi verhalten sollen, wenn wir ihn wiedersehen.«

Der Fürst verstand sofort und war schon gereizt. »Was willst du damit sagen? Was ist denn jetzt anders?«

»Aber, Papa, das kannst du doch sicher nicht billigen: er ist hingegangen, um sich mit diesen Gaunern zu vereinen, die Sizilien in Aufruhr halten; das sind Dinge, die man nicht tut.«

Die persönliche Eifersucht, die Empfindlichkeit des Frömmlers gegen den unvoreingenommenen Vetter, des Einfältigen gegen den geistig regen Jungen hatten sich in politische Argumentation vermummt. Der Fürst war darüber so empört, daß er dem Sohn nicht einmal einen Stuhl anbot. »Besser Dummheiten machen, als den ganzen Tag dastehen und Pferdeäpfel besehen! Tancredi ist mir lieber als zuvor. Und dann sind das gar keine Dummheiten. Wenn du dir einmal Visitenkarten machen läßt mit ‘Herzog von Querceta’ darauf und wenn du einmal nach meinem Tod etwas erbst, dann hast du es Tancredi und anderen seinesgleichen zu danken. Mach, daß du fortkommst, ich erlaube nicht, daß du noch einmal davon sprichst. Hier befehle nur ich.« Dann beruhigte er sich und vertauschte den Zorn mit Ironie. »Geh, mein Sohn, ich will schlafen. Geh und sprich mit Guiscardo von Politik, ihr werdet euch gut verstehen.«

Und während Paolo, zu Eis geworden, die Tür schloß, zog der Fürst redingote und Stiefeletten aus, legte sich auf den Diwan, daß dieser unter seinem Gewicht ächzte, und schlief ruhig ein.

__________

Als er erwachte, trat sein Kammerdiener ins Zimmer: er reichte ihm auf einem Tablett eine Zeitung und ein Briefchen. Beides war aus Palermo von seinem Schwager Màlvica geschickt worden, ein berittener Bote hatte es vor kurzem abgegeben. Noch ein wenig betäubt von seinem Nachmittagsschläfchen, öffnete der Fürst den Brief:

»Lieber Fabrizio, während ich dies schreibe, bin ich in einem grenzenlos elenden Zustand. Lies die entsetzlichen Nachrichten hier in der Zeitung. Die Piemontesen sind gelandet. Wir sind alle verloren. Noch heute abend suchen wir, ich mit der ganzen Familie, Zuflucht, auf den englischen Schiffen. Sicher wirst Du das gleiche tun wollen; wenn ja, werde ich Dir einige Plätze reservieren lassen. Der Herr möge imsern geliebten König noch retten. Es umarmt Dich Dein Ciccio.«

Er faltete das Briefchen zusammen, steckte es in die Tasche und begann laut zu lachen. Dieser Màlvica! Er war immer ein Karnickel gewesen. Begriffen hatte er nichts, und jetzt zitterte er. Und ließ den Palast in der Hand der Diener; diesmal würde er ihn leer wieder vorfinden, o ja! ’Übrigens — Paolo müßte doch wohl nach Palermo übersiedeln; verlassene Häuser sind in diesen Zeiten verlorene Häuser. Ich werde beim Abendessen mit ihm darüber sprechen.’

Er schlug die Zeitung auf.

»Eine Tat offenkundiger Seeräuberei wurde verübt am 11. Mai in Form der Landung bewaffneter Männer am Strande von Marsala. Aus späteren Berichten wurde bekannt, daß die Bande, die gelandet war, etwa achthundert Mann zählte und von Garibaldi befehligt wurde. Sowie diese Flibustier an Land gekommen waren, vermieden sie mit aller Sorgfalt einen Zusammenstoß mit den königlichen Truppen, indem sie sich, soweit uns berichtet wird, nach Castelvetrano wandten, wobei sie die friedlichen Bewohner bedrohten und es an Räubereien und Verwüstungen nicht fehlen ließen, usw. …usw. …«

Der Name Garibaldi störte ihn ein wenig. Dieser Abenteurer, nichts als Haare und Bart, war ein reiner Mazzini-Anhänger. Er würde Unheil anstiften. ‘Aber wenn der Galantuomo ihn hier hinunter hat kommen lassen, so heißt das, daß er seiner sicher ist. Man wird ihm den Zaum anlegen.’

Er beruhigte sich, kämmte sich, ließ sich Schuhe und redingote wieder anziehen. Die Zeitung warf er in einen Kasten. Es war fast Zeit für den Rosenkranz, aber der Saal war noch leer. Er setzte sich auf einen Diwan und bemerkte, während er wartete, wie der Vulkan an der Decke ein wenig den Lithographien von Garibaldi ähnelte, die er in Turin gesehen hatte. Er lächelte. ‘Ein Gehörnter.’

Die Familie begann sich zu versammeln. Die Seide der Röcke rauschte. Die Jüngeren scherzten noch untereinander. Von draußen, durch die Tür, drang der übliche Streit herein zwischen den Dienern und Bendicò, der um jeden Preis teilnehmen wollte. Ein mit Stäubchen beladener Sonnenstrahl beleuchtete die boshaften Äffchen.

Er kniete nieder. »Salve Regina, Mater misericordiae.«

Kapitel 2

2

Reise nach Donnafugata — Der Halteplatz — Was der Reise voran- und wie sie vor sich ging — Ankunft in Donnafugata — In der Kirche — Don Onofrio Rotolo — Gespräch im Bad — Der Brunnen der Amphitrite — Überraschung vor dem Essen — Das Essen und verschiedenartige Reaktionen — Don Fabrizio und die Sterne — Besuch im Nonnenkloster — Was man von einem Fenster aus sieht

August 1860

»Die Bäume! Da sind die Bäume!«

Der aus dem ersten Wagen kommende Ruf durchlief nach rückwärts die Reihe der vier anderen, die in der Wolke weißen Staubes nahezu unsichtbar waren; und auf jedem der schweißbedeckten Gesichter hinter den Wagenfenstern lag der Ausdruck einer müden Genugtuung.

Der Bäume, um die Wahrheit zu sagen, waren es nur drei — Eukalyptusbäume, die verkrüppeltsten Kinder der Mutter Natur. Aber es waren auch die ersten, die sich dem Blick zeigten, seit die Familie Salina um sechs Uhr morgens Bisacquino verlassen hatte. Jetzt war es elf Uhr, und man hatte diese fünf Stunden nichts anderes gesehen als träge, unter der Sonne gelbe Glut aushauchende Hügelrücken. Der Trab auf den Ebenen, die man durchfuhr, hatte rasch gewechselt mit dem langwährenden, langsamen, angespannten Gang bei den Steigungen, mit dem vorsichtigen Schritt bei Gefälle; Schritt und Trab übrigens in gleicher Weise wie aufgelöst vom beständigen Dahinfließen des Schellengeläutes, das man nur mehr wahrnahm als tönenden Ausdruck der ausgeglühten Luft ringsum. Man war durch zartblau angestrichene1 , wunderliche Dörfer gekommen; auf Brücken von seltsamer Großartigkeit hatte man völlig trockene Flußbette überquert; man war an hoffnungslos schroffen Abstürzen entlanggefahren, denen auch Mohrenhirse und Ginster nichts Tröstliches zu geben vermochten. Nie ein Baum, nie ein Tropfen Wasser: Sonne und in Wolken aufgewirbelter Staub. In den Wagen, die eben der Sonne und des Staubes wegen geschlossen waren, hatte die Temperatur gewiß fünfzig Grad erreicht. Diese drei verdursteten Bäume, die sich in den weißlichen Himmel reckten, verkündeten mancherlei: daß man nur mehr zwei Stunden vom Ziel der Reise entfernt war; daß man sich nun an den Grenzen der Güter Salina befand; daß man einen Imbiß nehmen und sich wohl auch mit dem von Würmern wimmelnden Wasser des Brunnens das Gesicht waschen könnte.

Zehn Minuten später hatte man die Faktorei von Rampinzèri erreicht; das riesige Gebäude war nur vier Wochen im Jahr von Taglöhnern, Maultieren und anderem Herdenvieh, das sich hier zur Ernte zusammenfand, bewohnt. Über dem sehr festen, aber beschädigten Tor tanzte ein steinerner Leopard, wiewohl ihm ein Steinwurf gerade die Beine zerschmettert hatte; neben dem Gebäude bot ein tiefer, von eben den Eukalyptusbäumen bewachter Brunnen stumm die mannigfachen Dienste an, deren er fähig war: er konnte Einweichtrog sein, Viehtränke, Kerker und Erbbegräbnis. Er stillte den Durst, er verbreitete den Typhus, er verwahrte eingesperrte Christenmenschen, er verbarg Leichname von Tieren und von Menschen so lange, bis sie sich in glattpolierte und namenlose Skelette verwandelt hatten.

Die ganze Familie Salina stieg aus den Wagen: der Fürst froh bei der Vorstellung, nun bald in seinem geliebten Donnafugata anzulangen, die Fürstin nervös und träge zugleich, aber immerhin erquickt durch die Heiterkeit des Gemahls; die jungen Mädchen müde; die kleineren Knaben aufgeregt, weil alles neu war — die Hitze hatte es nicht fertiggebracht, sie zu zähmen; Mademoiselle Dombreuil, die französische Gouvernante, ganz aufgelöst — sie seufzte in Erinnerung an die in Algier bei der Familie des Marschalls Bugeaud verbrachten Jahre: »Mon Dien, monDieu, cest pire qu’en Afrique!«, während sie sich das Stulpnäschen abwischte; Pater Pirrone — ihm hatte die Lektüre des Breviers, kaum begonnen, einen Schlaf geschenkt, der ihm die Fahrt hatte kurz erscheinen lassen, und jetzt war er von allen der Munterste; ein Kammermädchen und zwei Diener, Stadtleute, verwirrt vom ungewohnten Anblick des Landes; und schließlich Bendicò — sowie er sich aus dem letzten Wagen gestürzt hatte, fuhr er los auf die Krähen, die, begräbnistrübe Vorstellungen weckend, im Licht ihre tiefen Kreise zogen.

Alle waren weiß vom Staub bis an die Brauen, die Lippen oder die Schwänze; weißliche Wölkchen erhoben sich um die Menschen, als sie, am Halteplatz angelangt, einer dem andern den Staub abklopften.

Um so mehr glänzte unter all dem Schmutz die untadelige Eleganz Tancredis. Er hatte die Reise zu Pferd gemacht und, da er eine halbe Stunde vor der Karawane angelangt war, Zeit gehabt, sich vom Staub zu befreien, sich zu säubern und die weiße Halsbinde zu wechseln. Als er aus dem Brunnen, der so vielen Zwecken diente, das Wasser heraufgezogen, hatte er sich einen Augenblick im Wasser des Eimers gespiegelt und in Ordnung gefunden: die schwarze Binde über dem rechten Auge diente weniger der Wunde, die er vor einem Vierteljahr in den Kämpfen um Palermo empfangen hatte, als vielmehr der Erinnerung daran; das andere tiefblaue Auge schien die Aufgabe übernommen zu haben, den schalkhaften Spott auch des zeitweilig verdunkelten mit auszudrücken; die scharlachrote Litze oben an der Halsbinde deutete diskret auf das Rothemd hin, das er getragen hatte. Er half der Fürstin, als sie aus dem Wagen stieg, er wischte mit dem Ärmel den Staub vom Zylinder des Fürsten, er verteilte Karamellen unter die Cousinen und Witzworte unter die Cousins, machte eine beinahe kniefällige Verbeugung vor dem Jesuiten, erwiderte die stürmisch-leidenschaftliche Begrüßung von Bendicò, tröstete Mademoiselle Dombreuil, mokierte sich über alle, entzückte alle.

Die Kutscher führten die Pferde langsam umher, damit sie sich, bevor sie getränkt würden, abkühlten; die Kammerdiener breiteten die Tischtücher über das vom Dreschen übriggebliebene Stroh in dem schmalen rechteckigen Schatten, den die Faktorei warf. Nahe am dienstwilligen Brunnen begann die Mahlzeit. Ringsum wellte sich das Land, begräbnistraurig, gelb von Stoppeln, schwarz von verbrannten Getreidegrannen; die Klage der Zikaden erfüllte den Himmel; in ihr war etwas wie das Röcheln Siziliens, das Ende August, versengt, vergebens den Regen erwartet.

__________

Eine Stunde danach waren alle erfrischt wieder unterwegs. Obwohl die Pferde, müde, noch langsamer gingen, erschien der letzte Teil der Fahrt allen kurz; die nun nicht mehr unbekannte Landschaft hatte ihr düsteres Aussehen gemildert. Man erkannte vertraute Plätze wieder, dürftige Ziele vergangener Spaziergänge und Imbisse in den verflossenen Jahren; das trockene Flußbett der Dragonara, die Wegkreuzung von Misilbesi; binnen kurzem würde man bei der ‘Madonna delle Grazie’ angelangt sein; sie war von Donnafugata aus das Ende der längsten zu Fuß zurückgelegten Wege. Die Fürstin war eingeschlummert; der Fürst, allein mit ihr in dem geräumigen Wagen, fühlte sich glücklich. Nie war er es so zufrieden gewesen, ein Vierteljahr in Donnafugata zu verbringen, wie jetzt, in diesen letzten Augusttagen des Jahres 1860. Nicht nur, weil er in Donnafugata das Haus liebte, die Leute, das bestimmte Gefühl, das Feudalbesitz verleiht, wie es dort am Leben geblieben war, sondern auch, weil es ihm, im Unterschied zu anderen Malen, gar nicht leid tat um die friedlichen Abende im Observatorium, um die gelegentlichen Besuche bei Mariannina. Um aufrichtig zu sein — das Schauspiel, das Palermo in dem letzten Vierteljahr geboten, hatte ihn ein wenig angeekelt. Er wäre gern stolz darauf gewesen, daß er als einziger die Situation begriffen und dem ‘Wauwau’ im Rothemd gegenüber gute Miene gezeigt hätte; aber er hatte sich klarmachen müssen, daß die Hellsichtigkeit nicht Monopol des Hauses Salina war. Alle Palermitaner schienen glücklich — alle außer einer Handvoll Dummköpfe: seinem Schwager Màlvica, der sich von der Polizei des Diktators hatte einfangen lassen und zehn Tage im schwarzen Loch gewesen war, und außer seinem ebenso mißvergnügten, aber vorsichtigeren Sohne Paolo, den er in Palermo, in wer weiß welche kindlichen, heimlichen Machenschaften verwickelt, zurückgelassen hatte. Alle anderen zeigten offen ihre Freude, trugen ihre mit Trikoloren-Kokarden geschmückten Rockaufschläge spazieren, gingen von morgens bis abends in irgend jemandes Gefolge; vor allem aber redeten, predigten, deklamierten sie. Zwar hatte all dieser Lärm in den allerersten Tagen der Besetzung in gewisser Weise Sinn und Absicht erhalten in den Zurufen, die die wenigen Verwundeten begrüßten, wenn sie durch die Hauptstraßen gingen, und von den Jammerlauten der ‘Ratten’ her, der bourbonischen Polizeibeamten, die in den Gassen mißhandelt wurden; aber jetzt, da die Verwundeten genesen und die übriggebliebenen ‘Ratten’ sich in die neue Polizei eingereiht hatten, erschienen ihm diese Karnevalstreiche, deren unausweichliche Notwendigkeit er ja erkannte, dumm und geschmacklos. Er mußte jedoch zugeben, daß all das nur eben ein an die Oberfläche tretender Ausdruck schlechter Erziehung war; die Basis des Lebens, die ökonomische und soziale Behandlung, war zufriedenstellend, genau wie er es vorhergesehen hatte. Don Pietro Russo hatte seine Versprechungen gehalten, in Nähe der Villa Salina hatte man auch nicht einen Flintenschuß gehört; und wenn im Palast in Palermo ein großes Service von chinesischem Porzellan gestohlen worden war, so verdankte man das lediglich der Ungeschicklichkeit von Paolo: er hatte es in zwei Körbe verpacken und diese dann während des Bombardements im Hof stehen lassen — wahrhaftig eine Einladung an die Verpacker, zu kommen und das Service verschwinden zu lassen.

Die Piemontesen (auf dieser Namensgebung beharrte der Fürst, um sich darüber zu beruhigen, genauso wie andere sie Garibaldiner nannten, um sie zu preisen, oder Garibaldesker, um sie zu schmähen), die Piemontesen also hatten sich ihm vorgestellt, zwar nicht geradezu mit dem Hut in der Hand, wie ihm vorhergesagt worden war, so doch wenigstens mit der Hand am Schirm dieser ihrer lächerlichen roten Mützen, die genauso zerdrückt und zerknittert waren wie die der bourbonischen Offiziere.

Gegen den 20. Juni hatte sich, vierundzwanzig Stunden zuvor von Tancredi angekündigt, ein General vorgestellt, in der kurzen roten Jacke mit schwarzen Schnüren. Gefolgt von einem Offizier seines Stabes, hatte er höflich darum ersucht, die Deckengemälde bewundern zu dürfen. Seinem Wunsche wurde ohne weiteres entsprochen, denn die Ankündigung war so rechtzeitig erfolgt, daß man aus einem Salon ein Gemälde, das König Ferdinand II. in vollem Prunk zeigte, hatte entfernen und an seine Stelle eine neutrale Probatica piscina2 hatte hängen können — eine Tat, die die ästhetischen Vorteile mit den politischen vereinte. Der General war ein höchst gewandter Toskaner von etwa dreißig Jahren, ein großer Schwätzer und ziemlicher Prahlhans; gut erzogen übrigens und angenehm, hatte er sich mit der schuldigen Ehrerbietung betragen und den Fürsten sogar mit ‘Exzellenz’ angeredet, in klarem Widerspruch zu einem der ersten Erlasse des Diktators; der Stabsoffizier, ein elegantes Kerlchen von neunzehn Jahren, war ein Graf aus Mailand, der die jungen Mädchen mit seinen blanken Stiefeln und dem weich gesprochenen ’r‘ bezauberte. Sie waren in Tancredis Begleitung gekommen; dieser war zum Hauptmann im Stab befördert, vielmehr war die Stelle für ihn geschaffen worden: ein wenig erschöpft durch die von seiner Wunde verursachten Leiden, stand er da, rotgekleidet, unwiderstehlich in der Art, wie er sein vertrautes Verhältnis zu den Siegern zeigte — ein Verhältnis auf dem Grunde wechselseitiger ‘du’ und ‘mein tapferer Freund’, Ausdrücke, die von denen ’vom Kontinenz mit kindlichem Eifer reichlich angewandt und von Tancredi erwidert wurden, jedoch ziemlich durch die Nase — eine heimliche Ironie, die nur der Fürst bemerkte. Der Fürst hatte die Offiziere von der Höhe seiner unanfechtbaren Höflichkeit herab empfangen, doch war er über die Besucher wahrhaft amüsiert und vollkommen beruhigt gewesen, so sehr, daß drei Tage danach die beiden ‘Piemontesen’ zur Tafel geladen worden waren. Es war köstlich gewesen, zu sehen, wie Carolina am Klavier saß und den General begleitete, der sich, um Sizilien zu huldigen, sogar an das Lied ‘Vi ravviso, o luoghi ameni’ gewagt hatte, wahrend Tancredi selbstverständlich und geduldig die Notenblätter umwendete, als gäbe es auf dieser Welt keine überschnappenden Töne. Indes sprach das Mailänder Gräflein in gebeugter Haltung auf einem Sofa zu Concetta von Orangenblüten und enthüllte ihr die Existenz Aleardo Aleardis3 ; sie tat, als höre sie ihm zu, während sie sich über des Cousins elendes Aussehen grämte; doch ließen ihn die Kerzen am Klavier zarter erscheinen, als er in Wirklichkeit war.

Der Abend war vollendet idyllisch gewesen und hatte andere, gleichermaßen herzliche im Gefolge; an einem von ihnen wurde der General gebeten, sich dafür einzusetzen, daß der Ausweisungsbefehl für die Jesuiten nicht auf Pater Pirrone angewandt würde, den man ihm als mit Jahren und Gebresten überladen schilderte; der General, dem der ausgezeichnete Priester sympathisch geworden war, tat, als glaube er an seinen erbarmungswürdigen Zustand, sprach mit politischen Freunden — und Pater Pirrone blieb da. Eine Tatsache, die den Fürsten in der Richtigkeit dessen, was er vorausgesehen hatte, immer mehr bestärkte. Auch in der verwickelten Angelegenheit der Passierscheine, die damals notwendig waren für einen jeden, der sich anderswohin begeben wollte, war der General höchst nützlich; man verdankte es zum großen Teil ihm, wenn sich die Familie Salina auch in jenem Revolutionsjahr des sommerlichen Aufenthalts auf ihrem Landsitz erfreuen konnte. Der junge Hauptmann erhielt einen vierwöchigen Urlaub und brach mit Onkel und Tante auf. Ganz abgesehen vom Passierschein waren die Reisevorbereitungen der Salina lang und kompliziert gewesen. Man hatte in der Tat im Verwaltungsbüro Salina Verhandlungen mit ‘einflußreichen Personen’ aus Girgenti führen müssen, um durch das Gebiet der ‘Mafia’ reisen zu können — Verhandlungen, die mit Lächeln, Händedruck und dem Geklingel von Münzen endeten. So hatte man einen zweiten, gültigeren Passierschein erhalten; aber das war nichts Neues. Man mußte Berge von Gepäck und Vorräten aufstapeln und drei Tage früher einen Teil der Köche und Diener vorausschicken; man mußte ein kleines Fernrohr verpacken und Paolo davon überzeugen, daß er in Palermo bleiben müsse. Nach alledem hatte man aufbrechen können; der General und sein junger Adjutant waren gekommen, um gute Wünsche für die Reise und Blumen zu bringen; und als die Wagen von der Villa Salina abfuhren, winkten lange zwei rote Uniform-Arme, der schwarze Zylinder des Fürsten beugte sich aus dem Fenster, aber das Händchen im schwarzen Spitzenhandschuh, das zu sehen der junge Graf erhofft hatte, blieb im Schloß von Concetta.

Die Reise hatte mehr als drei Tage gedauert; sie war entsetzlich gewesen. Die Straßen, die berühmten Straßen Siziliens, auf Grund deren der Fürst von Satriano die Statthalterschaft verloren hatte, waren nichts als unbestimmte Spuren, holperig vor lauter Löchern und dick voll Staub. Die erste Nacht in Marineo, im Hause eines ihnen bekannten Notars, war noch erträglich gewesen; aber mühselig die zweite, die man in einer jämmerlichen Locanda in Prizzi hatte verbringen müssen: je zu dritt auf einem Bett und geplagt von ekelhaften Insekten. Die dritte in Bisacquino: dort gab es keine Wanzen, aber dafür hatte der Fürst dreizehn Fliegen im Glas mit dem Eisgetränk gefunden; ein starker Geruch nach menschlichen Exkrementen verbreitete sich in Dünsten sowohl von den Straßen aus als auch aus der anstoßenden Kammer, in der für die Nacht gewisse Gefäße standen, und das hatte im Fürsten peinigende Träume hervorgerufen. Als er in der allerersten Frühe erwacht war, schweißbedeckt, wie eingetaucht in den Gestank, hatte er nicht umhin gekonnt, diese abscheuliche Reise mit dem eigenen Leben zu vergleichen, das anfangs durch lachende Fluren geführt hatte, dann emporgeklettert war auf schroff ansteigende Berge, durch bedrohliche Hohlwege dahingeglitten, um sodann einzumünden in endloses Flachland von einem einzigen Farbton, öde wie die Verzweiflung. Solche Phantasien am frühen Morgen gehören zum Schlimmsten, was einem Manne mittleren Alters zustoßen kann, und obwohl der Fürst wußte, daß sie dazu bestimmt waren, mit der Tätigkeit des Tages zu verschwinden, litt er tief darunter; denn er war nun schon erfahren genug, um zu begreifen, daß diese Phantasien auf dem Grunde der Seele eine Ablagerung von Trauer zurückließen, die sich Tag um Tag aufhäufen würde: und die wäre dann am Ende die wahre Ursache des Sterbens.

Diese Ungeheuer hatten sich mit Sonnenaufgang in unbewußte Zonen verkrochen; Donnafugata war nunmehr nahe mit seinem Palast, seinen sprudelnden Wassern, den Erinnerungen an die heiligen Vorfahren, mit dem dort wiederkehrenden Gefühl einer immerwährenden Kindheit. Auch die Menschen dort waren angenehm, ihm ergeben und einfach. Aber hier lauerte ein Gedanke im Hinterhalt: Wer weiß, ob die Menschen ihm nach den neuesten ’Geschehnissen’ ebenso ergeben sein würden wie zuvor? ’Wir werden sehen.’

Jetzt war man wirklich nahezu angekommen. Tancredis kluges Gesicht beugte sich von draußen zum Wagenfenster. »Onkel, Tante, macht euch bereit: in fünf Minuten sind wir da.« Tancredi hatte zuviel Takt, um vor dem Fürsten im Ort anzugelangen. Er ließ sein Pferd Schritt ge— hen und ritt in äußerster Zurückhaltung neben dem ersten Wagen.

Jenseits der kurzen Brücke, die in den Ort führte, warteten die Honoratioren, umringt von ein paar Dutzend Bauern. Sowie die Wagen auf die Brücke einfuhren, stimmte die Gemeinde-Musikkapelle mit rasendem Ungestüm an: Noi siamo zingarelle4 , der erste, lächerliche und freundliche Gruß, den Donnafugata seit einigen Jahren seinem Fürsten entbot; und sogleich danach begannen die Glocken der Mutterkirche und die des Santo-Spirito-Klosters zu läuten — irgendein Dorfjunge auf dem Ausguck hatte ihnen das Zeichen gegeben — und erfüllten die Luft mit festlichem Getöse.

‘Gott sei Dank, mir scheint, alles ist beim altem, dachte der Fürst, als er aus dem Wagen stieg. Da standen Don Calögero Sedàra, der Bürgermeister, eine Trikolorenschärpe, funkelnagelneu wie sein Amt, eng um die Taille gewunden; Monsignor Trottolino, der Erzpriester, mit seinem großen, vertrockneten Gesicht; Don Ciccio Ginestra, der Notar, der in seiner Eigenschaft als Hauptmann der Nationalgarde in vollem Prunk, mit Federbusch, erschienen war; da stand Don Toto Giambono, der Arzt, und da die kleine Nunzia Giarritta, die der Fürstin einen schon auseinanderfaltenden Blumenstrauß überreichte — der übrigens eine halbe Stunde zuvor im Garten des Palastes gepflückt worden war. Da stand Ciccio Tumeo, der Domorganist, dessen Rang strenggenommen nicht hoch genug war, daß er sich mit den Honoratioren in eine Reihe stellen durfte; aber er war als Jagdfreund und -genosse trotzdem gekommen und hatte den Einfall gehabt, dem Fürsten zu Gefallen Teresina mitzubringen, die brandrote Bracke mit den beiden kleinen nußfarbenen Zeichen oberhalb der Augen; und seine Kühnheit wurde mit einem ganz besonderen Lächeln Don Fabrizios belohnt. Dieser war in bester Laune und aufrichtig liebenswürdig; er war mit seiner Gemahlin aus dem Wagen gestiegen, um sich zu bedanken, und während Verdi-Musik und Glockenlärm weitertobten, umarmte er den Bürgermeister und drückte allen anderen die Hand. Die Menge der Bauern war stumm, aber in den bewegungslosen Augen schimmerte eine nicht feindselige Neugier, denn die Landleute von Donnafugata hegten wirklich eine Art Neigung zu ihrem duldsamen Herrn, der so oft vergaß, die Abgaben und kleinen Pachtbeträge einzufordern; und dann — gewohnt, den schnurrbärtigen Leoparden aufgereckt über der Palastfassade zu sehen, über der Kirchenfront, oben auf den barocken Brunen, auf den Majolika-Kacheln der Häuser, waren sie vergnügt darüber, daß sie jetzt den authentischen Leoparden sahen, wie er in Hosen aus piqué freundschaftliche Tatzenhiebe an alle austeilte, als höfliches Katzentier ein Lächeln im gutmütigen Gesicht.

‘Nichts zu sagen — alles ist geblieben wie es war, ja besser als es war.’

Auch Tancredi war Gegenstand großer Neugier; alle kannten ihn schon lange, aber jetzt erschien er wie verklärt: man sah in ihm nicht mehr den ausgelassenen Knaben, sondern den aristokratischen Liberalen, den Gefährten von Rosolino Pilo, den in den Kämpfen um Palermo ruhmreich Verwundeten. Er schwamm in der geräuschvollen Bewunderung wie der Fisch im Wasser — diese ländlichen Bewunderer waren wirklich ein Vergnügen; er sprach mit ihnen im Dialekt, machte Späße, mokierte sich über sich und seine Wunde. Aber wenn er sagte »der General Garibaldi«, dann senkte er die Stimme um einen Ton und zeigte die versunkene Miene eines jungen Priesters vor der Monstranz; und zu Don Calögero Sedàra, der sich, wie er andeutungsweise gehört hatte, in den Tagen der Befreiung viel zu tun gemacht hatte, sagte er mit lauter Stimme: »Von Euch, Don Calögero, hat mir Crispi viel Gutes gesagt.« Danach reichte er seiner Cousine Concetta den Arm, ging davon — und alle verblieben in Entzücken.

__________

Die Wagen mit der Dienerschaft, den Kindern und Bendicò fuhren zum Palast; aber die andern mußten, wie es der uralte Ritus wollte, noch ehe sie den Fuß ins Haus setzten, ein Te Deum im Dom hören. Dieserwar übrigens nur zwei Schritt entfernt, und man wandte sich dahin mit Geleit, staubig, aber imponierend die neu Gekommenen, leuchtend sauber, aber bescheiden die Honoratioren. Voraus ging Don Ciccio Ginestra, der denen, die ihm folgten, mit der Macht seiner Uniform Raum schaffte; dann kam, die Fürstin am Arm, der Fürst, und er sah aus wie ein satter, zahmer Löwe; hinter ihm Tancredi, diesem zur Rechten Concetta, der dieses Schreiten auf eine Kirche zu, an der Seite des Cousins, große Verwirrung schuf und eine süße Lust, zu weinen: ein Seelenzustand, der gewiß nicht gelindert wurde durch den starken Druck, den der sorgliche junge Mann auf ihren Arm ausübte — allerdings natürlich nur, damit sie den Löchern und Schalen, die sich wie Sternbilder über den Weg breiteten, ausweichen konnte. Weiter hinten folgten, weniger geordnet, die anderen. Der Organist war davongeeilt, damit er Zeit hätte, Teresina daheim abzugeben und dann in dem Augenblick, da die Herrschaft die Kirche beträte, an seinem Orgel-Donnerplatz zu sein. Die Glocken hörten nicht auf zu lärmen, und die Inschriften auf den Wänden der Häuser, »Es lebe Garibaldi«, »Es lebe König Vittono« und »Tod dem Bourbonenkönig« , die ein ungeübter Pinsel vor acht Wochen hierhin gemalt hatte, waren verblichen; sie schienen wieder in die Mauer verschwinden zu wollen. Während man die Treppe hinaufstieg, krachten die Böller, und als die Herrschaft mit dem kleinen Gefolge die Kirche betrat, ertönte vom Platz Ciccio Tumeos her, der kurzatmig, aber rechtzeitig angelangt war, mit Schwung das Amami, Alfrede5 .

In der Mutterkirche standen dichtgedrängt neugierige Menschen zwischen den dicken Säulen aus rotem Marmor; die Familie Salina saß im Chor. Während der kurzen Zeremonie bot sich Don Fabrizio den Augen der Menge ganz herrlich dar; die Fürstin stand im Begriff, vor Hitze und Müdigkeit ohnmächtig zu werden, und Tancredi streifte unter dem Vorwand, die Fliegen fortzujagen, mehr als einmal das blonde Haupt Concettas. Alles war in Ordnung; nach der kurzen Ansprache Monsignor Trottolinos verneigte man sich vor dem Altar, wandte sich nach der Tür und trat auf die unter der Sonne wie gelähmt daliegende Piazza.

Unten auf der Treppe verabschiedeten sich die Honoratioren, und die Fürstin, die ihre Anordnungen während der Zeremonie flüsternd weitergegeben hatte, lud auf den gleichen Abend den Bürgermeister, den Erzpriester und den Notar zu Tisch. Der Erzpriesrer war Junggeselle von Berufs wegen, der Notar war es, weil er sich dazu berufen fühlte, und so konnte man die Frage hinsichtlich der Gattinnen an sie nicht stellen; lässig wurde die Einladung an den Bürgermeister ausgedehnt auf seine Frau: diese war nichts als eine Art Bäuerin, sehr schön, aber der Ehemann selber hielt sie in mehr als einer Hinsicht für nicht salonfähig. Niemand war daher überrascht, als er sagte, sie sei unpäßlich; aber groß war die Verwunderung, als er hinzufügte: »Wenn Eure Exzellenzen gestatten, werde ich mit meiner Tochter kommen, mit Angelica, die seit vier Wochen von nichts anderem mehr spricht als davon, wie sie sich freuen würde, von Euren Exzellenzen gekannt zu werden, jetzt, da sie groß ist.« Dem wurde natürlich zugestimmt; und der Fürst, der Tumeo hinter den anderen verstohlen hatte hervorblicken sehen, rief ihm zu: »Auch Ihr selbstverständlich, Don Ciccio, und kommt mit Teresina!« An alle anderen gewandt fügte er hinzu: »Und nach dem Essen, um neun Uhr, werden wir glücklich sein, alle Freunde bei uns zu sehen.« Donnafugata kommentierte diese letzten Worte lange. Der Fürst zwar hatte Donnafugata unverändert gefunden; ihn hingegen fand man sehr verändert, denn nie hätte er früher eine so herzliche Art, zu sprechen, angewandt; und mit diesem Augenblick begann, unsichtbar, sein Prestige zu schwinden.

Der Palast Salina grenzte an die Mutterkirche. Seine schmale Fassade, sieben Fenster auf die Piazza, ließ nicht vermuten, wie unermeßlich groß er war: er erstreckte sich zweihundert Meter nach hinten; es waren Bauwerke aus verschiedenen Stilepochen — jedoch harmonisch zusammengefügt — um drei sehr geräumige Höfe, und das Ganze endete in einen ausgedehnten Garten. Beim Haupteingang auf der Piazza wurden die Reisenden neuen Willkommenskundgebungen unterworfen. Don Onofrio Rotolo, der hiesige Verwalter, nahm an der öffentlichen Begrüßung beim Eintritt in den Ort nicht teil. Erzogen in der äußerst strengen Schule der Fürstin Carolina, betrachtete er den ‘vulgus’ als nicht vorhanden und den Fürsten als im Ausland weilend, solange er die Schwelle seines Palastes nicht überschritten hatte. Und darum stand er hier, zwei Schritt vor dem Tor, ganz klein, ganz alt, ganz bärtig, ihm zur Seite die Frau, sehr viel jünger als er und kräftig, hinter ihm die Diener und die acht Männer der fürstlichen Schutzwache6 mit dem goldenen Leoparden an der Mütze, in den Händen Flinten von nicht unbedingter Ungefährlichkeit. »Ich bin glücklich, Eure Exzellenzen in Ihrem Hause willkommen zu heißen. Ich übergebe den Palast in genau dem gleichen Zustand, in dem er verlassen wurde.«

Don Onofrio Rotolo war einer der wenigen Menschen, die der Fürst schätzte, und wohl der einzige, der ihn nie : bestohlen hatte. Seine Ehrlichkeit grenzte an Manie, und man erzählte sich von ihr so großartige Episoden wie die von dem Gläschen Likör, das die Fürstin einmal im Augenblick der Abreise halbvoll hatte stehen lassen und nach einem Jahr an genau derselben Stelle wieder vorgefunden hatte — der Inhalt zu einer zuckerigen Kruste verwandelt, aber nicht angerührt. »Denn dies ist ein unendlich kleiner Teil vom angestammten Besitztum des Fürsten und darf nicht zugrunde gehen.«

Nachdem die Förmlichkeiten mit Don Onofrio und Donna Maria beendet waren, ging die Fürstin, die sich nur noch mit größter Nervenanspannung aufrecht hielt, unverzüglich zur Ruhe, die jungen Mädchen und Tancredi eilten in die kühlenden Schatten des Gartens, der Fürst und der Verwalter machten den Rundgang durch die großen Räumlichkeiten. Alles war in vollkommener Ordnung: die Gemälde in ihren schweren Rahmen waren abgestaubt, die Vergoldungen der alten Büchereinbände strahlten ihr diskretes Feuer aus, die hochstehende Sonne brachte den grauen Marmor um jede Tür zum Erglänzen. Ein jedes Ding war in dem Zustand, in dem er sich seit fünfzig Jahren befand. Hier fühlte sich Don Fabrizio, jetzt, da er dem geräuschvollen Wirbel des Bürgerkriegs entflohen war, gleichmütig, voll ruhiger Sicherheit, und betrachtete Don Onofrio, der ihm zur Seite trottete, fast mit Rührung. »Don Nofrio, Ihr seid richtig einer jener Zwerge, die Schätze hüten; die Erkenntlichkeit, die wir Euch schulden, ist groß.« In einem anderen Jahr wäre das Gefühl genau das gleiche gewesen, aber die Worte wären ihm nicht über die Lippen gekommen; Don Nofrio sah dankbar und überrascht zu ihm hin. »Meine Pflicht, Exzellenz, meine Pflicht.« Und um zu verbergen, wie aufgeregt er war, kratzte er sich das Ohr mit dem sehr langen Nagel des linken kleinen Fingers.

Dann wurde der Verwalter der Marter des Tees unterworfen. Don Fabrizio ließ zwei Tassen kommen, und Don Nofrio mußte, den Tod im Herzen, eine davon schlucken. Danach begann er die Chronik von Donnafugata zu erzählen: vor vierzehn Tagen hatte er die Verpachtung des Lehnsgutes Aquila erneuert, zu Bedingungen, die ein wenig schlechter waren als vorher; er hatte hohe Kosten aufbringen müssen, um die Dachböden des Gästeflügels auszubessern; aber in der Kasse lagen — nach Abzug aller Ausgaben, der Steuer und seines Lohnes — zur Verfügung Seiner Exzellenz dreitausendzweihundertfünfundsiebzig Unzen.

Dann kamen die privaten Neuigkeiten, die sich um das große Geschehnis des Jahres rankten: die rasche Vermögenszunahme Don Calògero Sedaras. Vor einem halben Jahr war das Darlehen verfallen, das er dem Baron Tumino gewährt hatte, und er hatte das Land eingezogen; dank tausend geliehener Unzen gehörte ihm jetzt ein Besitz, der ihm fünfhundert im Jahr einbrachte; im April hatte er eine salma7 Land um ein Stück Brot erwerben können; und in jener salma war ein sehr begehrter Marmorbruch, den er ausbeuten wollte; er hatte äußerst vorteilhafte Getreideverkäufe getätigt in dem Augenblick der Verwirrung und Teuerung, der auf die Landung gefolgt war. In der Stimme Don Nofrios schwang jetzt ein heimlicher Groll. »Ich habe es mir an den Fingern abgezählt: die Einkünfte Don Calógeros werden in Kürze denen Eurer Exzellenz hier, in Donnafugata, gleichen.« Mit dem Reichtum wuchs auch der politische Einfluß: er war das Haupt der Liberalen im Ort geworden, ebenso in den benachbarten Dörfern; wenn dort die Wahlen sein würden, so war er sicher, als Abgeordneter nach Turin geschickt zu werden. »Und wie sie sich aufspielen, nicht er, er ist dafür zu durchtrieben, aber seine Tochter zum Beispiel, die aus dem Internat in Florenz zurück ist und nun im Ort umhergeht in gebauschtem Rock und mit Samtbändern, die ihr vom Hütchen herunterhängen.«

Der Fürst schwieg; die Tochter, ach ja, diese Angelica, die heute abend zum Essen kommen würde; er war neugierig darauf, die aufgeputzte kleine Schäferin wiederzusehen. Es stimmte nicht, daß nichts verändert war — Don Calògero ebenso reich wie er! Aber diese Dinge waren im Grunde vorauszusehen gewesen; sie waren der Preis, den es zu zahlen galt.

Das Schweigen des Herrn machte Don Nofrio bestürzt; er dachte, er habe den Fürsten mit der Erzählung der heimischen Klatschereien verstimmt. »Exzellenz, ich habe daran gedacht, ein Bad bereiten zu lassen; es muß jetzt fertig sein.«

Don Fabrizio merkte plötzlich, daß er müde war: es war fast drei Uhr, und neun Stunden schon war er in der brennendheißen Sonne unterwegs gewesen, nach dieser Nacht! Er spürte seinen Körper voll Staub bis in die letzten Falten. »Danke, Don Nofrio, daß Ihr daran gedacht habt; und auch für alles übrige. Wir sehen uns heute abend wieder, beim Essen.«

__________

Er stieg die innere Treppe hinauf; er schritt durch den Saal mit den Gobelins, durch den blauen, durch den gelben; die herabgelassenen Jalousien filterten das Licht; in seinem Arbeitsraum tickte leise der Pendel der Boulle-Uhr. ‘Welch ein Frieden, mein Gott, welch ein Frieden!’

Er betrat das Badezimmerchen: klein, weißgekalkt, der Fußboden rauhe Ziegel, in seiner Mitte das Loch, durch das das Wasser abfloß. Die Wanne war eine Art ovaler Zuber, ungeheuer groß, in lackiertem Eisenblech, außen gelb und innen grau, auf vier kräftigen Holzfüßen. An einen Nagel in der Wand war ein Badetuch gehängt; auf einem der Strohstühle die Wäsche zum Wechseln; auf einem anderen ein Kleidungsstück, das noch vom Koffer her die Falten aufwies. Neben der Badewanne ein mächtiges Stück rosa Seife, eine große Bürste, ein zusammengeknotetes Taschentuch, die Kleie enthaltend, die, ins Bad getan, einen milchigen Duft ausströmen würde, und ein riesiger Schwamm, wie sie ihm der Verwalter von der Insel Salina schickte. Vom Fenster her, das ohne Schutz war, drang die Sonne gewaltsam herein.

Er klatschte in die Hände; zwei Diener traten ein, jeder trug zwei Eimer, in denen das Wasser schaukelte, in dem einen das kalte, im andern kochendheißes; sie gingen etliche Male hin und her; die Wanne füllte sich; er prüfte mit der Hand die Temperatur: es war gut so. Er hieß die Diener hinausgehen, entkleidete sich, tauchte ein. Unter der übermäßigen Masse schwappte das Wasser ein wenig über. Er seifte sich, er striegelte sich: die Wärme tat ihm gut, sie lockerte ihn. Schon war er nahe daran, einzuschlafen — da wurde an die Tür geklopft. Mimi, der Kammerdiener, trat schüchtern ein. »Pater Pirrone fragt, ob er Euer Exzellenz sogleich sehen könne. Er wartet hier nebenan, bis Euer Exzellenz aus dem Bad kommen.«

Der Fürst war überrascht; war etwas Schlimmes geschehen, dann war es besser, es ohne Verzug zu erfahren. »Nichts da, laß ihn sogleich eintreten.«

Don Fabrizio war von der Eile Pater Pirrones beunruhigt; ein wenig darum und ein wenig aus Ehrfurcht vor dem priesterlichen Gewand beeilte er sich, aus dem Bad zu steigen: er rechnete damit, daß er das Badetuch umnehmen könne, bevor der Jesuit einträte. Aber das gelang ihm nicht — und Pater Pirrone trat gerade in dem Augenblick ein, da er, von dem seifigen Wasser nicht mehr verhüllt, von dem provisorischen Schweißtuch noch nicht umkleidet, sich völlig nackend aufrichtete wie der Farnesische Herkules, und dazu noch dampfend, während ihm vom Halse, von den Armen, vom Leib, von den Schenkeln das Wasser in Strömen herabfloß: wie die Rhone, der Rhein, die Donau, die Etsch kreuz und quer von den Alpenjochen laufen und sie netzen. Das Panorama des Riesenfürsten im adamitischen Zustand war für Pater Pirrone unerhört; vom Sakrament der Buße auf die Nacktheit der Seelen vorbereitet, war er es weit weniger auf die der Körper; und er, der nicht mit der Wimper gezuckt hätte beim Anhören der Beichte, nehmen wir an, eines blutschänderischen Liebeshandels, wurde beim Anblick dieser unschuldigen Titanen-Nacktheit verwirrt. Er stammelte eine Entschuldigung und machte Miene, sich zurückzuziehen; aber Don Fabrizio, verärgert, daß er sich nicht beizeiten hatte bedecken können, wandte natürlicherweise seine Mißstimmung gegen ihn: »Pater, seid nicht töricht! Gebt mir lieber das Badetuch und helft mir — wenn es Euch nicht mißfällt —, mich abzutrocknen.« Sogleich danach kam ihm ein Streit, den er einmal mit dem Jesuiten gehabt, wieder in den Sinn. »Und hört auf mich, Pater: nehmt auch Ihr ein Bad.« Befriedigt darüber, daß er jemanden, der ihm so viele moralische Ermahnungen zukommen ließ, eine hygienische hatte geben können, wurde er wieder ruhig. Mit dem oberen Rand des Tuches, das er endlich erhalten hatte, trocknete er sich Haar und Hals, während ihm der gedemütigte Pater Pirrone mit dem unteren Rand die Füße abrieb.

Als Gipfel und Hänge des Berges trocken waren, sagte der Fürst: »Nun setzt Euch, Pater, und sagt mir, warum Ihr mich so ungestüm habt sprechen wollen.« Und während sich der Jesuit setzte, begann der Fürst mit einigen intimeren Abtrocknungen. »Es ist dies, Exzellenz: man hat mich mit einer delikaten Mission betraut. Eine Eurer Exzellenz höchst teure Person hat mir ihr Herz öffnen und mir die Aufgabe anvertrauen mögen, dafür zu sorgen, daß ihre Gefühle offenbar würden, vielleicht zu Unrecht darauf vertrauend, daß die Achtung, deren ich gewürdigt werde…« Pater Pirrones Umständlichkeit löste sich in nicht enden wollende Sätze. Don Fabrizio verlor die Geduld: »Kurz, Pater, um wen handelt es sich? Um die Fürstin?« Sein erhobener Arm schien zu drohen; in Wirklichkeit trocknete er sich eine Achselhöhle.

»Die Fürstin ist ermüdet; sie schläft, ich habe sie nicht gesehen. Es handelt sich um das gnädige Fräulein Concetta.« Pause. »Sie — ist verliebt.«

Ein Mann von fünfundvierzig Jahren kann sich noch für jung halten bis zu dem Augenblick, da er gewahr wird, daß er Kinder hat, die in dem Alter sind, selbst zu lieben. Der Fürst fühlte sich mit einemmal gealtert; er vergaß die Meilen, die er auf der Jagd hinter sich zu bringen pflegte, die ‘Jesusmaria’, die er hervorzurufen wußte, seine jetzige Frische am Ende einer langen, mühseligen Reise. Mit einemmal sah er sich selbst als einen Mann im Silberhaar, der eine Schar Enkelkinder zur Villa Giulia begleitet, damit sie dort auf den Ziegen reiten.

»Und warum hat das Gänschen diese Dinge Euch erzählt? Warum ist sie nicht zu mir gekommen?« Er fragte nicht einmal danach, wer der Betreffende sei; das war gar nicht erst nötig. »Euer Exzellenz verbergen das Herz des Vaters zu gut unter der Autorität des Herrn. Da ist es nur natürlich, wenn das arme junge Mädchen Scheu empfindet und bei dem treu ergebenen Hausgeistlichen Hilfe sucht.«

Don Fabrizio fuhr in die mächtigen, langen Unterhosen und schnaubte: er sah lange Gespräche voraus, Tränen, Störungen ohne Ende. Dieses zimperliche Mädchen verdarb ihm den ersten Tag in Donnafugata.

»Ich begreife, Pater, ich begreife. Hier versteht mich kein Mensch. Das ist mein Unglück.« Er blieb auf einem Schemel sitzen, das blonde Vlies der Brust mit Tröpfchen beperlt. Kleine Wasserrinnsale schlängelten sich auf die Ziegel, der Raum war voll vom milchigen Dunst der Kleie und vom Mandelduft der Seife. »Und was sollte ich Eurer Ansicht nach sagen?« Der Jesuit schwitzte in der Gluthitze des kleinen Zimmers und wäre, da das Bekenntnis übermittelt war, gern gegangen; aber das Gefühl seiner Verantwortlichkeit hielt ihn fest. »Der Wunsch, eine christliche Familie zu gründen, erscheint der Kirche höchst willkommen. Die Gegenwart Christi bei der Hochzeit von Kana …« — »Schweifen wir nicht ab. Ich beabsichtige von dieser Ehe zu sprechen, nicht von der Ehe im allgemeinen. Hat Don Tancredi sich etwa deutlich erklärt, und wann?«

Pater Pirrone hatte fünf Jahre lang versucht, diesen Knaben das Latein zu lehren; sieben Jahre lang hatte er seine Zornausbrüche und Scherze erduldet; wie alle hatte er seinen Zauber verspürt. Aber die jetzige politische Haltung Tancredis hatte ihn gekränkt: die alte Zuneigung lag mit dem neuen, heimlichen Groll im Widerstreit. Jetzt wußte er nicht, was er sagen sollte. »Sich im eigentlichen Sinn erklärt — nein. Aber das gnädige Fräulein Concetta hegt keine Zweifel: seine Aufmerksamkeiten, seine Blicke, seine Andeutungen, alles Dinge, die immer häufiger werden, haben diese fromme Seele überzeugt. Sie ist sicher, daß sie geliebt wird; aber als gehorsame und ehrerbietige Tochter wollte sie Euer Exzellenz mittels meiner Person fragen, was sie antworten solle, wenn diese Erklärung käme. Sie spürt, sie steht nahe bevor.«

Der Fürst war etwas beruhigt: woher hätte denn dieses kleine Mädchen eine Erfahrung schöpfen sollen, die ihr erlaubte, klar zu sehen in der Haltung eines jungen Mannes, noch dazu eines jungen Mannes wie Tancredi! Es handelte sich wohl um bloße Phantasien, um einen jener ‘goldenen Träume’, dank derer die Kopfkissen in den Internaten zerwühlt zu werden pflegen. Die Gefahr war noch fern.

Gefahr. Das Wort hallte in ihm mit solcher Deutlichkeit, daß es ihn überraschte. Gefahr. Aber Gefahr für wen? Er liebte Concetta sehr: ihm gefiel an ihr die ständige Unterwerfung, die Sanftmut, mit der sie sich jeder Kundgebung des väterlichen Willens, auch wenn sie ihr zuwider war, beugte — eine Unterwerfung und Sanftmut allerdings, die er überschätzte. Seine natürliche Neigung, jede Bedrohung der eigenen Ruhe wegzuschieben, hatte es ihm verwehrt, das harte Licht zu beobachten, das das Auge des jungen Mädchens jäh durchfuhr, wenn die Launen, denen sie gehorchte, wirklich zu quälend waren. Der Fürst liebte diese seine Tochter sehr. Aber mehr noch liebte er seinen Neffen. Immer schon war es der spöttisch-herzlichen Art des Knaben gelungen, ihn zu erobern; seit einigen Monaten aber hatte er begonnen, auch seine Intelligenz zu bewundern: die rasche Anpassungsfähigkeit, der weltgewandte Scharfblick, die angeborene Kunst der feinen Nuancen, die ihm Gelegenheit gab, die Eingeweihten — auch wenn er in der modischen Demagogensprache redete — doch spüren zu lassen, daß dies nur ein Zeitvertreib war, dem er, der Fürst von Falconeri, sich einen Augenblick hingab — all das hatte ihn amüsiert; und bei Menschen vom Charakter und Stand Don Fabrizios macht die Fähigkeit, daß jemand sie amüsiert, vier Fünftel der Zuneigung aus. Tancredi hatte seiner Ansicht nach eine große Zukunft vor sich; er würde der Fahnenträger eines Gegenstoßes sein kennen, den der Adel — in geänderter Uniform — gegen den neuen Sozialstaat führen könnte. Um dies zu tun, fehlte ihm nur eines: das Geld; Geld hatte Tancredi überhaupt keines. Und um in der Politik voranzukommen, jetzt, da der Name weniger zählte, brauchte man viel Geld: Geld, um die Stimmen zu kaufen, Geld, um den Wählern Gefälligkeiten zu erweisen, Geld, um ein großes Haus zu führen, das die Menschen blendete. Ein großes Haus führen…Und würde Concetta mit all ihren passiven Tugenden imstande sein, einem ehrgeizigen, glänzenden Mann zu helfen, die schlüpfrigen Stufen der neuen Gesellschaft hinaufzusteigen? Scheu, zurückhaltend, störrisch wie sie war? Sie würde immer die schöne Internatsschülerin bleiben, die sie jetzt war, ein Bleigewicht am Fuß des Ehemannes.

»Könnt denn Ihr, Pater, Euch Concetta als Gattin des Botschafters in Wien oder Petersburg vorstellen?« Diese Frage verwirrte Pater Pirrone. »Aber was hat das damit zu tun? Das verstehe ich nicht.« Don Fabrizio machte sich nicht die Mühe, es zu erklären; lieber blieb er wieder mit seinen Gedanken allein. Geld? Concetta würde eine Mitgift bekommen, gewiß. Aber das Vermögen des Hauses Salina ging in sieben Teile, in nicht gleiche Teile, von denen die der Mädchen am kleinsten sein würden. Und dann? Tancredi brauchte etwas ganz anderes — Maria Santa Pau zum Beispiel mit den vier Lehnsgütern, die ihr schon gehörten, und all jenen Onkeln, die Priester und damit sparsam waren; eines der Mädchen Sutera, ebenso häßlich wie reich. Die Liebe! Gewiß, die Liebe. Feuer und Flammen für ein Jahr, Asche für dreißig. Er, oh, er wußte, was die Liebe war …Und dann Tancredi, dem die Frauen zufallen würden wie reife Früchte…

Auf einmal wurde ihm kühl. Das Wasser, das noch um ihn war, verdampfte, und die Haut der Arme war eiskalt. Die Fingerspitzen wurden runzelig. Und was für eine Menge peinlicher Gespräche in Aussicht! Es galt, zu vermeiden …»Jetzt muß ich mich ankleiden gehen, Pater. Bitte, sagt Concetta, ich sei gewiß nicht ärgerlich, aber wir würden von alledem wieder sprechen, wenn wir sicher seien, daß es sich nicht nur um Phantasien eines romantischen Mädchens handelt. Auf bald, Pater.«

Er erhob sich und ging ins Ankleidezimmer. Von der nahen Mutterkirche kamen traurig die Glockenschläge eines Begräbnisses. Irgendwer in Donnafugata war gestorben, irgendein ermatteter Körper, der der großen Trauer des sizilianischen Sommers nicht mehr widerstanden hatte, dem die Kraft gefehlt hatte, auf den Regen zu warten. ‘Wohl ihm’, dachte der Fürst, während er sich das duftende Wasser in den Bart rieb. ‘Wohl ihm, jetzt pfeift er auf Töchter, Mitgiften und politische Karrieren.’ Dieser flüchtige Augenblick, in dem er sich in einen unbekannten Verstorbenen hineinversetzte, genügte, um ihn zu beruhigen. ‘Solange man sterben kann, ist noch Hoffnung’, dachte er; dann fand er sich lächerlich, daß er in einen solchen Zustand von Niedergeschlagenheit geraten war, weil sich eine seiner Töchter verheiraten wollte. ’Ce sont leurs affaires, après tout‘, dachte er in Französisch, wie er immer tat, wenn seine Gedanken durchaus leichtsinnig sein wollten. Er setzte sich in einen Sessel und hielt ein Schläfchen.

__________

Nach einer Stunde erwachte er frisch und ging in den Garten hinunter. Die Sonne neigte sich schon, und ihre Strahlen, deren Gewalt jetzt gebrochen war, beschienen mit ihrem milden Licht die Araukarien, die Pinien, die kräftigen Steineichen, die den Ruhm des Ortes ausmachten. Hinten von der Hauptallee her, die langsam abwärtsführte zwischen hohen Lorbeerhecken, die als Rahmen um die Büsten irgendwelcher nasenloser Göttinnen dienten, hörte man den sanften Regen der Wasserstrahlen, die in den Brunnen der Amphitrite zurückfielen. Rasch wandte er sich dorthin, begierig, ihn wiederzusehen. Aus den großen Muscheln der Tritonen, aus den kleineren der Najaden, aus den Nasenlöchern der Meerungeheuer kamen die Wasser in feinen Fäden hervor, schlugen mit scharfem, weithin vernehmbarem Ton auf die grünliche Oberfläche des Beckens, prallten zurück, erregten Blasen, Schaum, Wellenlinien, leichte Schauer, lachende Strudel; dem ganzen Brunnen, den lauen Wassern, den mit samtigen Moosen umkleideten Steinen entströmte das Versprechen einer Lust, die sich nie in Schmerz würde wenden können. Auf einem Inselchen in der Mitte des runden Beckens packte ein von einem unerfahrenen, aber sinnlichen Meißel geformter Neptun eifrig und lächelnd eine willige Amphitrite; ihr von den Spritzern befeuchteter Nabel blinkte in der Sonne — binnen kurzem im Schatten unter Wasser eine Stätte heimlicher Küsse. Don Fabrizio hielt an, schaute, dachte zurück, beklagte Verlorenes. So blieb er lange.

»Großer Onkel, komm und besieh dir die ausländischen Pfirsiche. Sie sind sehr gut geraten. Und laß diese indezenten Dinge sein, die sind nichts für Männer deines Alters.«

Die herzliche, spottlustige Stimme Tancredis löste ihn aus der wollüstigen Betäubung. Er hatte ihn nicht kommen hören: er war wie eine Katze. Zum erstenmal meinte er beim Anblick des jungen Mannes einen heimlich quälenden Groll zu verspüren: dieser Geck mit der feinen, schmalen Taille unter dem dunkelblauen Anzug war die Ursache gewesen, daß er vor zwei Stunden so vorzeitig an den Tod gedacht hatte. Dann machte er sich klar, daß es kein Groll war, sondern nur eine vermummte Furcht; er hatte Angst, er spräche ihm von Concetta. Aber die ungezwungene Art, der Ton des Neffen ließen nicht vermuten, daß er sich anschicke, einem Manne wie ihm Liebesdinge anzuvertrauen. Er wurde ruhig. Tancredis Auge sah mit der spöttischen Heiterkeit zu ihm hin, wie sie die Jugend älteren Menschen zugesteht.

‘Sie können sich schon erlauben, ein wenig großmütig mit uns zu sein, sie sind ja sicher, daß sie am Tage nach unserm Begräbnis frei sein werden.’ Er ging mit Tancredi, um die ‘ausländischen Pfirsiche’ zu besehen. Das Aufpfropfen der deutschen Reiser, vor zwei Jahren vorgenommen, war völlig geglückt: es waren zwar nur wenige Früchte, ein Dutzend auf zwei gepfropften Bäumen, aber sie waren groß, samtig, von starkem Wohlgeruch; gelblich, auf beiden Wangen rosig getönt, schienen sie Köpfchen schamhafter kleiner Chinesenmädchen. Der Fürst betastete sie mit der berühmten Zartheit seiner fleischigen Fingerkuppen. »Mir scheint, sie sind wirklich reif. Schade, daß es zu wenige sind, um sie heute abend zu servieren. Aber morgen werden wir sie pflücken lassen und sehen, wie sie sind.« — »Siehst du wohl, Onkel, so gefällst du mir, so, in der Rolle des agricola pius, der die Früchte seiner Arbeit abschätzt und vorausschmeckt — und nicht, wie ich dich noch eben vorfand, in der Betrachtung skandalöser Nuditäten.« — »Und doch, Tancredi, ist auch solch ein Pfirsich ein Ergebnis von Liebe, von Vereinigung.« — »Gewiß, aber von legaler Liebe, gefördert von dir als Herrn und von dem Gärtner Nino als Notar. Von vorbedacht fruchtbringender Liebe. Was jene beiden dort betrifft«, und er wies auf den Brunnen, dessen leises Plätschern durch einen SteineichenVorhang zu ihnen drang, »meinst du wirklich, sie seien vor dem Pfarrer erschienen?« Die Fahrtgeschwindigkeit der Unterhaltung wurde bedenklich, und Don Fabrizio beeilte sich, den Kurs zu wechseln. Als sie wieder zum Hause hinanstiegen, erzählte Tancredi alles, was er von der galanten Chronik von Donnafugata erfahren hatte: Menica, die Tochter des Schutzwächters Saverio, hatte sich vom Bräutigam schwängern lassen; jetzt mußte man schleunigst heiraten. Und weiter: Calicchio war nur um ein Haar dem Flintenschuß eines mißvergnügten Ehemanns entgangen. »Aber wieso weißt du diese Dinge schon?« — »Ich weiß sie eben, großer Onkel, ich weiß sie. Mir erzählen sie alles, sie wissen, daß ich Mitgefühl habe.«

Als sie oben auf der Treppe angelangt waren, die mit sanften Windungen und langen, ausruhsamen Absätzen vom Garten zum Palast hinaufführte, sahen sie drüben über den Bäumen den Abendhimmel: von seiten des Meeres stiegen ungeheure, drohende, tintenfarbene Wolken auf. War der Zorn Gottes etwa gestillt, hatte der jährlich wiederkehrende Fluch Siziliens ein Ende erreicht? In jenem Augenblick betrachteten viele tausend andere Augen, gemahnt von Milliarden Samen im Schoß der Erde, diese trostbeladenen, drohenden Wolken. »Hoffen wir, daß der Sommer zu Ende ist, daß endlich der Regen kommt«, sagte Don Fabrizio; und mit diesen Worten offenbarte sich der stolze Edelmann, dem die Regenfälle persönlich nur Verdruß bringen würden, als ein Bruder seiner unwissenden Bauern.

__________

Der Fürst hatte immer darauf geachtet, daß das erste Diner in Donnafugata einen feierlichen Charakter trug: die Kinder unter fünfzehn Jahren wurden von der Tafel ausgeschlossen, es wurden französische Weine serviert, es gab vor dem Braten den Punsch auf römische Art; und die Diener waren in Perücke und Escarpins. Nur auf eine Besonderheit verzichtete er: er zog nicht den Abendanzug an, um die Gäste, die offensichtlich keinen besaßen, nicht in Verlegenheit zu bringen. An dem Abend erwartete die Familie Salina im sogenannten ‘Leopold-Saal’ die letzten Eingeladenen. Unter den mit Spitze überzogenen Schirmen verbreiteten die Petroleumlampen ein genau abgegrenztes, gelbes Licht; die ungeheuren Reitergemälde der dahingeschiedenen Salina waren nur noch imponierende Bilder, unbestimmt wie ihre Erinnerung. Don Onofrio war — zusammen mit seiner Frau — schon erschienen, und ebenso der Erzpriester, der, in seiner Mantilla aus ganz leichtem Stoff, die von den Schultern abwärts — als Festgewand — in kleine Falten gelegt war, mit der Fürstin von den Streitigkeiten im ‘Collegio di Maria’ sprach. Auch Don Ciccio, der Organist, war eingetroffen (Teresina hatte man bereits an ein Tischbein im Anrichteraum gebunden); er frischte mit dem Fürsten die Erinnerung an sagenhafte Büchsenschüsse auf, die ihnen in den Schluchten der Dragonara geglückt waren. Alles verlief glatt und wie üblich, als Francesco Paolo, der sechzehnjährige Sohn, auf eine unziemliche Art in den Saal stürmte: »Papa, Don Calògero kommt die Treppe herauf. Er ist im Frack!«

Tancredi wertete die Wichtigkeit der Nachricht eine Sekunde früher als die anderen; er war eifrig dabei, Don Onofrios Frau zu bezaubern. Aber als er das verhängnisvolle Wort vernahm, konnte er nicht an sich halten und lachte krampfhaft los. Nicht aber lachte der Fürst; auf ihn übte — wenn man es sagen darf — die Nachricht eine größere Wirkung aus als der Bericht von der Landung in Marsala. Jene war ein Ereignis gewesen, das nicht nur vorausgesehen, sondern auch fern und unsichtbar war. Jetzt — empfindsam. wie er war für Ahnungen und Symbole — betrachtete er diese kleine weiße Krawatte und diese beiden schwarzen Schöße, die die Stufen seines Hauses heraufstiegen, als eine Revolution. Nicht nur war er, der Fürst, nicht mehr der größte Grundbesitzer in Donnafugata, sondern er sah sich auch gezwungen, selber nachmittäglich gekleidet, einen Gast zu empfangen, der im Abendanzug vor ihn trat.

Seine Verstimmtheit war beträchtlich und dauerte noch an, während er mechanisch auf die Tür zuschritt, um den Gast zu empfangen. Als er ihn jedoch erblickte, milderte sich sein Kummer einigermaßen. Der Frack Don Calògeros war zwar als politische Demonstration vollkommen gelungen; eines jedoch konnte man mit Gewißheit sagen: als Schneider-Kunstwerk war er eine Katastrophe. Das Tuch war äußerst fein, die Machart neu, aber der Schnitt war einfach ungeheuerlich. Die Enden der beiden Rockschöße hoben sich in stummem Flehen gen Himmel, der breite Kragen war ohne Form, und — so schmerzlich es ist, so muß es doch gesagt werden — des Bürgermeisters Füße steckten in Knopfstiefelchen.

Don Calògero ging, die behandschuhte Hand ausgestreckt, auf die Fürstin zu: »Meine Tochter bittet um Entschuldigung — sie war noch nicht ganz fertig. Euer Exzellenz wissen, wie Weibsleute sind bei solchen Gelegenheiten«, fügte er hinzu und drückte nahezu im Dialekt einen Gedanken von pariserischer Leichtigkeit aus. »Aber sie wird in einem Augenblick hier sein; von unserm Hause sind es ja nur zwei Schritte, wie Exzellenz wissen.«

Der Augenblick dauerte fünf Minuten; dann öffnete sich die Tür, und herein trat Angelica. Der erste Eindruck war der einer alle blendenden Überraschung. Den Salina stockte der Atem; Tancredi spürte geradezu, wie ihm die Adern an den Schläfen klopften. Unter dem Stoß, den die Männer damals vom Ansturm ihrer Schönheit empfingen, blieben sie außerstande, die nicht wenigen Fehler, die diese Schönheit hatte, zu bemerken, so daß sie sie hätten analysieren können; es mochte viele Menschen geben, die zu solcher Anstrengung nie imstande waren. Angelica war groß und gut gewachsen — selbst nach hohem Maßstab geurteilt; ihre Haut besaß gewiß den Duft der frischen Sahne, der sie ähnelte, der kindliche Mund den von Erdbeeren. Unter der Fülle der nachtfarbenen, in lieblichen Wellen sie umfließenden Haare dämmerten die grünen Augen regungslos wie die von Statuen und, wie sie, ein wenig grausam. Sie schritt langsam, wobei sie den weiten, weißen Rock um sich schwingen ließ und in der ganzen Gestalt die Gelassenheit, die Unbesiegbarkeit der Frau zum Ausdruck brachte, die ihrer Schönheit gewiß ist. Erst viele Monate danach erfuhr man, daß sie in dem Augenblick dieses ihres siegreichen Einzuges im Begriff war, vor Angst in Ohnmacht zu fallen.

Sie beachtete nicht den Fürsten, der auf sie zueilte, sie ging vorüber an Tancredi, der ihr betroffen zulächelte; vor dem Sessel der Fürstin deutete ihr wunderbarer Rücken eine Verbeugung an, und diese in Sizilien ungewohnte Form der Huldigung verlieh ihr einen Augenblick zu dem Zauber ländlicher Schönheit noch den fremder Sitte. »Liebe Angelica, wie lange habe ich dich nicht gesehen! Du bist sehr verändert; und nicht zum Schlechten.« Die Fürstin traute ihren Augen nicht: sie erinnerte sich der wenig gepflegten, ziemlich häßlichen Dreizehnjährigen von vor vier Jahren und vermochte jenes Bild mit der sinnlich lockenden Jungfräulichkeit, die vor ihr stand, nicht zusammenzubringen. Der Fürst hatte keine Erinnerungen neu zu ordnen; er hatte sich nur kopfüber in Voraussagen zu stürzen. Der Schlag, den der Frack des Vaters seinem Stolz zugefügt hatte, wiederholte sich jetzt im Anblick der Tochter; aber diesmal handelte es sich nicht um schwarzes Tuch, sondern um eine zarte milchweiße Haut; und gut geschnitten, wie gut! Die Fanfare der weiblichen Anmut fand ihn, das alte Schlachtroß, bereit, und er wandte sich dem jungen Mädchen zu mit der vollen huldigenden Liebenswürdigkeit, die er der Herzogin von Bovino oder der Fürstin von Lampedusa gegenüber angewandt hätte: »Es ist ein Glück für uns, Signorina Angelica, eine so schöne Blüte in unserm Hause aufgenommen zu haben; und ich hoffe, wir werden die Freude haben, Sie hier oft wiederzusehen.« — »Danke, Fürst; ich sehe, Ihre Güte zu mir ist die gleiche, wie Sie sie meinem lieben Papa immer erzeigt haben.« Ihre Stimme war schön, tief im Ton, vielleicht ein wenig zu sehr überwacht, und das Internat in Florenz hatte das Schleppende des Akzents von Girgenti ausgelöscht; vom Sizilianischen blieb ihr nur die rauhe Aussprache der Konsonanten, was übrigens mit ihrer klaren, aber schweren Lieblichkeit vorzüglich zusammenstimmte. In Florenz hatte man sie auch gelehrt, das ‘Exzellenz’ fortzulassen. Schade, daß von Tancredi nicht viel zu sagen ist: nachdem er sich von Don Calògero hatte vorstellen, nachdem er den Leuchtturm seines blauen Auges hatte manövrieren lassen, nachdem er nur mit Mühe der Sehnsucht widerstanden hatte, Angelicas Hand zu küssen, war er dazu zurückgekehrt, mit der Signora Rotolo zu plaudern, und begriff nichts von dem, was er hörte. Pater Pirrone stand meditierend in einer dunklen Ecke und dachte an die Heilige Schrift, die sich ihm an diesem Abend nur als eine Aufeinanderfolge von Frauen wie Dalila, Judith und Esther darbot.

Die Haupttür des Saales öffnete sich, und der Oberaufseher sagte würdevoll: »Prann’ pronn«’ — geheimnisvolle Töne, mittels deren gemeldet wurde, daß das Pranzo pronto, das Diner serviert sei; und die ungleichartige Gruppe machte sich auf den Weg in den Speisesaal.

Der Fürst war zu erfahren, um sizilianischen Gästen in einem Ort im Landesinnern ein Mahl anzubieten, das mit einem potage anfing, und er durchbrach die Regeln der Hohen Küche um so leichter, als das seinem eigenen Geschmack entsprach. Aber die Kunde von der barbarischen fremden Sitte, als erstes Gericht eine dünne Suppe zu reichen, war zu den Oberen von Donnafugata viel zu beharrlich gedrungen, als daß nicht bei Beginn solcher feierlichen Diners ein Restchen Furcht ihr Herz hätte klopfen lassen. Als daher drei Diener in Grün, Gold und Perücke eintraten, jeder eine ungeheure Silberplatte tragend, die eine turmhohe Makkaroni-Pastete enthielt, unterließen es nur vier von den zwanzig Tischgenossen, eine leichte Überraschung zu zeigen: der Fürst und die Fürstin, weil sie es erwarteten, Angelica aus Affektiertheit, und Concetta aus Mangel an Appetit. Alle anderen (Tancredi, es muß leider gesagt werden, eingeschlossen) zeigten ihre Erleichterung auf verschiedene Art, von den verzückt grunzenden Flötentönen des Notars bis zum kleinen, hellen Schrei Francesco Paolos. Der ringsum drohende Blick des Hausherrn schnitt übrigens diese unziemlichen Kundgebungen sogleich ab.

Ganz abgesehen jedoch von guter Erziehung — der Anblick jener riesigen Makkaroni-Pastete verdiente sehr wohl, einem jeden summende Laute der Bewunderung zu entlocken. Das gebräunte Gold der Umhüllung, der starke Duft von Zucker und Zimt, der davon ausströmte, waren nichts als das Vorspiel zu dem Wonnegefühl, das einem im Innern aufstieg, wenn das Messer die Kruste auseinanderriß: zuerst brach ein mit Wohlgerüchen beladener Dampf daraus hervor, und dann bemerkte man die Hühnerleber, die harten Eier, die Streifen von Schinken, jungem Huhn und Trüffeln in der weichen, heißen Masse der kleinen, kurzen Makkaroni, denen die verdichtete Fleischessenz eine köstliche Gamslederfarbe verlieh.

Zu Beginn der Mahlzeit herrschte, wie es in der Provinz zu geschehen pflegt, gesammelte Stille. Der Erzpriester bekreuzte sich und warf sich kopfüber in den Genuß, ohne ein Wort zu sagen. Der Organist schlürfte die dicke Sauce mit geschlossenen Augen: er war dem Schöpfer dankbar, daß ihm die Geschicklichkeit, mit der er Hasen und Schnepfen unfehlbar traf, bisweilen solche Entzückungen verschaffte, und dachte daran, daß allein mit dem, was eine solche Pastete wert war, er und Teresina vier Wochen leben konnten; Angelica, die schöne Angelica vergaß die heißen Kastanienkuchen der Toskana und einen Teil ihrer guten Manieren und schlang mit dem Appetit ihrer siebzehn Jahre und mit dem Nachdruck, den ihr die in der Mitte des Griffs gehaltene Gabel verlieh. Tancredi — in dem Versuch, Galanterie und Eßlust zu vereinen — probierte schwärmend, ob er die Würze der Küsse seiner Nachbarin Angelica in den aromatischen Gabeln voll Makkaroni mitschmecken konnte, spürte aber sogleich, daß das Experiment nicht eben geschmackvoll war, und schob es auf, wobei er sich vorbehielt, diese Phantasien wieder zu beleben, sowie das Dessert serviert würde; der Fürst war, wiewohl entzückt in die Betrachtung Angelicas versunken, die ihm gegenübersaß, als einziger bei Tisch imstande, zu bemerken, daß die demi-glace zu mächtig sei, und nahm sich vor, es dem Koch am nächsten Tage zu sagen; die anderen aßen gedankenlos und wußten nicht, daß ihnen die Speise darum so köstlich erschien, weil ein sinnliches Lüftchen ins Haus geweht war.

Alle waren ruhig und zufrieden. Alle — außer Concetta. Sie hatte Angelica wohl umarmt und geküßt, hatte auch das ‘Sie’ zurückgewiesen, das jene ihr gegenüber gebrauchte, und auf dem ‘du’ ihrer Kindheit bestanden, aber hier — unter dem blaßblauen Leibchen — fühlte sie ihr Herz wie mit Zangen gefoltert; das gewalttätige Salina-Blut erwachte in ihr, unter der glatten Stirn brüteten Giftmordphantasien. Tancredi saß zwischen ihr und Angelica und verteilte ganz gerecht mit der peinlich genauen Höflichkeit eines Menschen, der sich schuldig fühlt, Blicke, Komplimente und Scherzworte unter seine beiden Nachbarinnen; aber Concetta spürte, spürte tierhaft den Strom von Verlangen, der von dem Cousin zu der hinlief, die sich hier eingedrängt hatte; die kleine Falte zwischen Stirn und Nase wurde schärfer: sie begehrte ebenso danach, zu sterben, wie sie danach begehrte, zu töten. Da sie Frau war, klammerte sie sich an Einzelheiten: sie bemerkte die nicht eben vornehme Grazie vonAngelicas rechtem kleinen Finger, den sie, während sie das Glas in der Hand hielt, nach oben spreizte; sie bemerkte ein rötliches kleines Muttermal auf der Haut des Halses, bemerkte den — auf halbem Wege unterdrückten — Versuch, ein Stückchen Speise, das zwischen den blendendweißen Zähnen hängengeblieben war, mit der Hand wegzuholen; sie bemerkte noch weit deutlicher eine gewisse Unbiegsamkeit des Geistes; und an diese Einzelheiten, die in Wirklichkeit unbedeutend waren, weil der sinnliche Zauber sie sozusagen ausglühte, klammerte sie sich vertrauensvoll und verzweifelt, wie ein Mann, der abstürzt, sich an eine Dachtraufe aus Blei anklammert; sie hoffte, Tancredi bemerke all das ebenfalls und fühle sich abgestoßen von diesen offensichtlichen Kennzeichen der unterschiedlichen Erziehung. Aber Tancredi hatte es schon bemerkt und — ach — ohne jedes Ergebnis. Er ließ sich von dem sinnlichen Anreiz, den das wunderschöne Mädchen auf seine feurige Jugend ausübte, fortreißen und auch von der — sagen wir: so in Zahlen ausdrückbaren — Erregung, die das reiche junge Mädchen in seinem Hirn hervorrief, dem Hirn eines ehrgeizigen Mannes ohne Vermögen.

Am Ende des Mahles war die Unterhaltung allgemein: Don Calògero schilderte in sehr schlechtem Italienisch, aber in schlauer Erkenntnis der Lage einige Hintergründe der garibaldinischen Eroberung der Provinz; der Notar erzählte der Fürstin von der kleinen Villa ‘außerhalb der Stadt’, die er sich bauen ließ; Angelica, aufgeregt von den Lichtern, von der Speise, vom chablis, von der offensichtlichen Zustimmung, die sie bei allen männlichen Wesen rings um die Tafel fand, hatte Tancredi gebeten, ihr ein paar Episoden von den ‘ruhmreichen Waffentaten’ um Palermo zu erzählen. Sie hatte einen Ellbogen auf das Tischtuch gestützt und die Wange auf die Hand gelehnt. Das Blut strömte ihr ins Gesicht, sie war gefährlich reizvoll anzusehen: die Arabeske, die der Unterarm, der Ellbogen, die Finger, der herabhängende weiße Handschuh zeichneten, erschien Tancredi köstlich und Concetta abgeschmackt. Der junge Mann erzählte, wobei er immer fortfuhr, Angelica zu bewundern, vom Kriege so, daß alles leicht und unwichtig erschien: von dem nächtlichen Marsch auf Gibilrossa, von der Szene zwischen Bixio und La Masa, vom Überfall auf Porta di Termini. »Ich habe mich mächtig amüsiert, gnädiges Fräulein, glauben Sie es mir. Am unbändigsten gelacht haben wir am Abend des 28. Mai. Der General brauchte einen Auslugposten oben im Origlione-Kloster: er klopft und klopft, er flucht, keiner macht auf: es war ein Nonnenkloster mit Klausur. Da versuchen Tassoni, Aldrighetti, ich und einige andere, das Tor mit den Flintenkolben einzuschlagen. Nichts. Wir laufen los, um einen Balken aus einem bombardierten Haus in der Nähe zu holen, und endlich, mit einem Höllenlärm, stürzt das Tor zusammen. Wir treten ein: alles verlassen; aber aus einer Ecke des Flurs hört man verzweifelte Schreie: eine Gruppe Nonnen war in die Kapelle geflüchtet, dort standen sie aneinandergedrängt neben dem Altar; wer weiß, was sie von diesem Dutzend aufgebrachter junger Männer befürchteten. Komisch waren sie anzusehen, häßlich, alt, in ihren schwarzen Kutten, die Augen aufgerissen, bereit und geneigt zum …Martyrium. Sie winselten wie Hunde. Tassoni, dieser schöne Kerl, schrie: ‘Nichts zu machen, Schwestern, wir müssen auf anderes achtgeben; wir kommen wieder, wenn ihr dafür sorgt, daß wir hier die Novizinnen vorfinden.’ Und wir alle halten uns den Bauch vor Lachen. Und lassen sie dort stehen, mit trockenem Mund, um oben von den kleinen Terrassen aus auf die Königlichen zu schießen. Zehn Minuten danach wurde ich verwundet.«

Angelica, noch auf den Arm gestützt, lachte und zeigte all ihre Zähne, weiß wie bei einem jungen Wolf. Der Scherz erschien ihr köstlich; jene Möglichkeit einer Schändung verwirrte sie; die schöne Kehle klopfte. »Prächtige Typen müßt ihr gewesen sein! Wie gern hätte ich mit euch sein mögen!« Tancredi schien verändert: der Eifer des Erzählens, die Kraft der Erinnerung, beides aufgepfropft auf die Erregung, in die ihn die sinnliche Aura des jungen Mädchens versetzte, verwandelten ihn einen Augenblick von dem verständigen jungen Mann, der er in Wirklichkeit war, in einen groben Soldaten.

»Wären Sie, gnädiges Fräulein, dort gewesen, hätten wir es nicht nötig gehabt, auf die Novizinnen zu warten.«

Angelica hatte zu Hause viele derbe Worte gehört; dies war jedoch das erste (und nicht das letzte) Mal, daß sie sich als Gegenstand eines frechen Doppelsinnes fand; die Neuheit gefiel ihr, ihr Lachen wurde um einen Ton höher, wurde schrill.

In dem Augenblick erhoben sich alle von der Tafel; Tancredi bückte sich, um den Federfächer aufzuheben, den Angelica hatte fallen lassen; als er sich wieder aufrichtete, sah er, daß Concetta ein glutrotes Gesicht und zwei kleine Tränen am Rand der Wimpern hatte: »Tancredi, diese häßlichen Dinge sagt man dem Beichtvater; man erzählt sie nicht bei Tafel den jungen Mädchen — wenigstens nicht, wenn auch ich dabei bin.« Und sie wandte ihm den Rücken.

__________

Ehe Don Fabrizio zu Bett ging, blieb er einen Augenblick auf dem kleinen Balkon des Ankleidezimmers stehen. Tief in den Schatten gesunken, schlief unten der Garten; in der reglosen Luft schienen die Bäume wie in Blei gegossen; vom ragenden Glockenturm kam, an Märchen gemahnend, der klagende Ruf der Käuzchen. Der Himmel war frei von Wolken: die, die sie am Abend begrüßt hatten, waren wer weiß wohin gezogen, in weniger schuldhafte Länder, über die der göttliche Zorn geringere Strafe verhängt hatte. Die Sterne erschienen trübe, ihre Strahlen hatten Mühe, das Bahrtuch von Schwüle zu durchdringen.

Des Fürsten Seele schwang sich zu ihnen hin, zu den Unberührbaren, den Unerreichbaren, die Freude schenkten, ohne eine Gegengabe zu fordern; wie schon so oft phantasierte er, er könne sich rasch in jenen eisigen Räumen einfinden, reiner Intellekt, bewaffnet mit einem Taschenbuch für Berechnungen: für äußerst schwierige Berechnungen, die jedoch immer aufgehen würden.

‘Sie sind die einzigen Reinen, die einzigen Edeln’, dachte er in seinen weltlichen Formeln. ‘Wer denkt daran, sich um die Mitgift der Plejaden zu kümmern, um die politische Karriere des Sirius, um die Alkoven-Attitüden der Wega?’ Der Tag war schlimm gewesen; er merkte es jetzt, nicht nur an dem Druck an der Magenpforte, sondern es sagten ihm auch die Sterne: statt daß sie sich ihm zu ihren gewohnten Zeichen zusammenfügten, bemerkte er jedesmal, wenn er den Blick hob, dort oben ein einziges Diagramm: zwei Sterne oberhalb — die Augen; einer darunter — die Spitze des Kinns: jenes höhnische Schema eines dreieckigen Gesichts, das seine Seele in die Sternbilder hinaufprojizierte, wenn sie in Aufruhr war. Der Frack Don Calògeros, die Liebesgeschichten Concettas, die offenkundige Bezauberung Tancredis, seine eigene Verzagtheit; sogar die bedrohliche Schönheit dieser Angelica: schlimme Dinge; kleine, rutschende Steine, die dem Bergsturz vorangehen. Und dieser Tancredi! Er hatte recht, natürlich, und er würde ihm auch helfen; aber man konnte nicht leugnen, daß er ein ganz klein wenig unvornehm war. Und er selbst war wie Tancredi.

‘Genug jetzt. Schlafen wir darüber.’

Bendicò im Schatten rieb den großen Kopf gegen sein Knie. »Siehst du, Bendicò: du bist ein wenig wie sie, wie die Sterne — in glücklicher Weise unverständlich, unfähig, Angst zu erregen.« Er hob den Kopf des Hundes, der in der Nacht nahezu unsichtbar war. »Und dann diese deine Augen in derselben Höhe wie die Nase, und daß dir das Kinn fehlt — nein, dein Kopf beschwört am Himmel keine bösen Geister herauf, das ist unmöglich.«

__________

Jahrhundertealte Gewohnheiten erforderten, daß die Familie Salina an dem auf ihre Ankunft folgenden Tag in das Santo-Spirito-Kloster ginge, um am Grabe der seliggesprochenen Corbera zu beten — einer Vorfahrin des Fürsten, die das Kloster gegründet und beschenkt, heiligmäßig dort gelebt hatte und heiligmäßig daselbst gestorben war.

Das Santo-Spirito-Nonnenkloster war einer strengen Klausur-Regel unterworfen, und der Eintritt war Männern unter keinen Umständen gestattet. Gerade darum war der Fürst besonders vergnügt darüber, es zu besuchen, denn für ihn, den direkten Nachkommen der Gründerin, galt der Ausschluß nicht, und auf dieses sein Vorrecht, das er nur mit dem König von Neapel teilte, war er eifersüchtig und kindlich stolz.

Dieses Recht der Kirchengewalt war der Hauptgrund — aber nicht der einzige — seiner Vorliebe für Santo Spirito. An diesem Ort liebte er alles, von der Bescheidenheit des höchst einfachen Sprechraumes an mit seiner halbkreisrunden Wölbung und dem Leoparden in der Mitte, mit den doppelten Gittern für die Unterredungen, mit dem kleinen Rad aus Holz, um die Botschaften hinein- und herauszulassen, mit dem in guten Maßen gebauten Tor, das der König und er, als einzige männliche Wesen auf der Welt, erlaubterweise durchschreiten durften. Er liebte den Anblick der Nonnen mit ihrem breiten Latz aus dem weißesten Linnen in kleinen, genauen Falten, der sich von der rauhen schwarzen Kutte abhob; er erbaute sich daran, wenn er hörte, wie ihm die Äbtissin zum zwanzigsten Male die harmlosen Wunder der Seligen erzählte, wenn er sah, wie sie ihm die Ecke des melancholischen Gartens wies, wo die Heilige Nonne in der Luft einen schweren Stein aufgehalten hatte, den der Teufel, von ihrer Strenge nervös gemacht, nach ihr geschleudert hatte; er staunte immer wieder, wenn er, eingerahmt auf der Wand einer Zelle, die beiden berühmten, unleserlichen Briefe sah, den einen, den die Selige Corbera dem Teufel geschrieben hatte, um ihn zum Guten zu bekehren, und die Antwort, die, scheint es, sein Bedauern ausdrückte darüber, daß er ihr nicht Folge leisten könne; er liebte das Mandelkonfekt, das die Nonnen auf Grund hundertjähriger Rezepte zubereiteten, er liebte es, die Messe im Chor zu hören, und er war es sogar zufrieden, dieser Gemeinschaft einen nicht ganz kleinen Teil seiner Einkünfte zukommen zu lassen, wie es die Gründungsakte wollte.

An jenem Morgen saßen daher nur zufriedene Menschen in den beiden Wagen, die zu dem nur eben außerhalb des Ortes gelegenen Kloster fuhren. Im ersten waren der Fürst mit der Fürstin und den Töchtern Carolina und Concetta; im zweiten die Tochter Caterina, Tancredi und Pater Pirrone, die beide natürlich extra muros bleiben und während des Besuches im Sprechraum warten würden, getröstet von dem Mandelkonfekt, das durch das Rad hindurch erscheinen würde. Concetta schien ein wenig zerstreut, aber gelassen, und der Fürst wollte durchaus hoffen, daß ihr die Flausen von gestern vergangen wären.

Das Betreten eines Klosters mit Klausur ist keine rasche Angelegenheit auch für jemanden, der das heiligste Recht dazu besitzt. Die frommen Jungfrauen halten darauf, ein gewisses Widerstreben zu zeigen, rein der Form wegen; jedoch verleiht es, in die Länge gezogen, im übrigen der schon gewährten Zulassung größere Würze; und obwohl der Besuch vorher angekündigt worden war, mußte man eine ganze Zeit im Sprechraum verweilen. Es geschah gegen Ende dieser Wartefrist, daß Tancredi überraschend zum Fürsten sagte: »Onkel, könntest du nicht bewirken, daß ich mit hinein darf? Schließlich bin ich zur Hälfte ein Salina, und hier bin ich noch nie gewesen.« Der Fürst freute sich im Grunde über die Bitte, aber er schüttelte entschlossen den Kopf. »Du weißt es doch, mein Sohn: nur ich darf hier hinein; für die andern ist es unmöglich.« Es war jedoch nicht leicht, Tancredi aus dem Sattel zu heben. »Entschuldige, großer Onkel: Es darf eintreten der Fürst von Salina und mit ihm zwei Edelleute seines Gefolges, wenn die Äbtissin es erlaubt — ich habe es gestern wieder gelesen. Ich mache den Edelmann deines Gefolges, ich mache deinen Schildträger, ich mache alles, was du willst. Frage die Äbtissin, ich bitte dich darum.« Er sprach mit ungewohnter Wärme; vielleicht wollte er jemanden die unbedachten Reden des letzten Abends vergessen lassen. Der Fürst fühlte sich geschmeichelt. »Wenn dir so viel daran liegt, mein Lieber, will ich sehen …« Aber Concetta wandte sich mit ihrem holdesten Lächeln an den Cousin: »Tancredi, wir haben einen Balken auf der Erde liegen sehen, als wir vorüberfuhren, vor dem Hause von Ginestra. Geh und hole ihn, dann kannst du schneller hineinkommen.« Tancredis blaues Auge wurde dunkel, sein Gesicht rot wie Mohn, ob aus Scham oder Zorn, blieb ungewiß. Er wollte zu dem überraschten Fürsten etwas sagen, aber Concetta trat wieder dazwischen, jetzt mit böser Stimme, ohne Lächeln: »Laß gut sein, Papa, er macht nur Scherz; in dem einen Kloster wenigstens ist er gewesen, das mag ihm genügen; daß er unseres hier betritt, ist nicht recht.« Die Riegel wurden lärmend zurückgestoßen, die Tür tat sich auf. In den schwülen Sprechraum drang mit der Kühle des Klosters zugleich das leise Getuschel der Nonnen, die sich hinten in einer Reihe aufgestellt hatten. Es war zu spät, um zu verhandeln; Tancredi blieb draußen und ging, um vor dem Kloster unter dem glühendheißen Himmel hin und her zu spazieren.

Der Besuch in Santo Spirito glückte vollkommen. Don Fabrizio hatte es, seiner Ruhe zuliebe, unterlassen, Concetta zu fragen, was ihre Worte zu bedeuten hätten: zweifelsohne handelte es sich um eine der Kindereien, wie sie unter Cousin und Cousine üblich sind; jedenfalls schob die Streiterei zwischen den beiden jungen Leuten Störungen hinaus, Gespräche, Entscheidungen, die zu treffen wären: daher war sie willkommen gewesen. Unter diesen Prämissen wurde dem Grabe der Seligen Corbera von allen die gebräuchliche Verehrung erwiesen, der dünne Kaffee der Nonnen mit Duldsamkeit getrunken und das rosa und hellgrüne, krachende Mandelkonfekt mit Befriedigung verzehrt. Die Fürstin besichtigte die Kleiderkammer, Concetta sprach zu den Schwestern mit ihrer gewohnten zurückhaltenden Güte, er selbst, der Fürst, hinterließ auf der Tafel des Refektoriums die zehn Unzen, die er jedesmal darreichte. Allerdings fand man, als man heraustrat, Pater Pirrone allein: aber da er sagte, Tancredi sei zu Fuß vorausgegangen, da er sich an einen dringlichen Brief erinnert habe, den er schreiben müsse, hielt es niemand für nötig, sich weiter darum zu kümmern.

__________

Als der Fürst in den Palast zurückgekehrt war, stieg er in die Bibliothek hinauf, die sich genau in der Mitte der Fassade befand, unter der Uhr und dem Blitzableiter. Von dem großen Balkon aus, dessen Fenster der Schwüle wegen geschlossen waren, sah man die Piazza von Donnafugata: geräumig, beschattet von den staubbedeckten Platanen. Einige Häuser gegenüber zeigten Fassaden, die von einem Baumeister vom Ort prätentiös gebaut worden waren: ländliche Ungeheuer in weichem Stein, von den Jahren geglättet, hielten, sich zusammenkrümmend, die allzu kleinen Balkone; andere Häuser, darunter das Don Calògero Sedàras, versteckten sich hinter schamhaften kleinen Empire-Fassaden.

Don Fabrizio schritt auf und ab in dem ungeheuren Raum; alle paar Schritte warf er einen Blick auf die Piazza: auf einer der Bänke, die er selber der Gemeinde geschenkt hatte, brieten in der Sonne drei alte Männer; vier Maultiere waren an einen Baum gebunden; ein Dutzend Dorfjungen rannte schreiend, Holzschwerter schwingend, hinter einander her. Unter der wütenden Hundstagssonne konnte das Schauspiel nicht ländlicher sein. Einmal jedoch, als er wieder vor dem Fenster vorbeiging, wurde sein Blick von einer sicherlich städtischen Gestalt angezogen: auf recht, schlank, gut gekleidet. Er sah scharf hin — es war Tancredi; er erkannte ihn, obwohl er schon ziemlich weit entfernt war, an den abfallenden Schultern, an der von der redingote gut umschlossenen schlanken Taille. Er hatte sich umgezogen: er war nicht mehr in Kastanienbraun wie in Santo Spirito, sondern in Preußischblau, ‘meiner Verführungsfarbe’, wie er selbst sagte. In der Hand hielt er ein Rohr mit emailliertem Knopf (gewiß war es das mit dem Einhorn der Falconeri und dem Motto Semper purus) und schritt, leicht wie eine Katze, wie jemand, der sich die Schuhe nicht staubig machen möchte. Zehn Schritt dahinter folgte ihm ein Diener, der einen schleifengeschmückten Korb trug; darin lagen ein Dutzend Pfirsiche, gelblich, mit roten Bäckchen. Tancredi umging einen schwertschwingenden Dorfjungen, vermied sorgfältig die Pfütze eines Maultiers. Er erreichte die Tür des Hauses Sedàra.

Kapitel 3

3

Aufbruch zur Jagd — Don Fabrizios Plagen — Brief von Tancredi — Die Jagd und die Volksabstimmung — Don Ciccio Tumeo gerät in Zorn — Wie man ‘eine Kröte schluckt’ — Kleines Nachspiel

Oktober 1860

Der Regen war gekommen, der Regen war vorübergezogen, und die Sonne hatte von neuem den Thron bestiegen wie ein absoluter König, der, auf eine Woche verjagt von den Untertanen, die auf die Barrikaden gegangen waren, nun wieder regiert — zornmütig, aber durch einschränkende Gesetze gezügelt. Die Wärme tat wohl, ohne zu brennen, das Licht war mächtig, aber es ließ die Farben am Leben, und aus der Erde kamen wieder Klee und vorsichtige Büschel von Minthe zum Vorschein, und auf den mißtrauischen Gesichtern dämmerte die Hoffnung.

Don Fabrizio verbrachte mit Teresina und Arguto, den Hunden, und Don Ciccio Tumeo, dem Gefolgsmann, lange Stunden auf der Jagd, vom frühen Morgen bis zum Nachmittag. Gewiß stand die Mühe in keinem Verhältnis zu den Ergebnissen, denn auch für die erfahrensten Schützen wird es schwierig, ein Ziel zu treffen, wenn sich so gut wie nie eines zeigt; und es war viel, wenn der Fürst bei der Heimkehr ein paar Rebhühner in die Küche tragen lassen konnte, so wie Don Ciccio sich glücklich schätzte, wenn er am Abend ein wildes Kaninchen auf den Tisch warf, das übrigens ipso facto zum Grad eines Hasen befördert wurde, wie es bei uns üblich ist.

Für den Fürsten bestand übrigens das Vergnügen erst in zweiter Linie in einer reichlichen Beute; die Freude der Jagdtage lag anderswo und war in viele kleine Episoden unterteilt. Sie begann mit dem Rasieren im noch dunklen Zimmer, beim Licht einer Kerze, das die Bewegungen übertrieben an die Decke zwischen die gemalten Architekturen warf; sie wurde intensiver, wenn er die großen, noch verschlafenen Säle durchschritt, wenn er im schwankenden Lichtschein den Tischen auswich, auf denen die Tarockkarten zwischen Spielmarken und leeren Gläschen umher lagen, wenn er unter den Karten die vom Roß mit den Schwertern bemerkte, das ihm einen männlichen Wunsch für den Tag zuwinkte; wenn er den unter dem grauen Licht reglos liegenden Garten rasch durchquerte, indes die aller frühesten Vögel den Tau aus dem Gefieder schüttelten; wenn er durch die kleine, vom Efeu verhangene Pforte schlüpfte: kurz — wenn er allem entfloh. Und dann auf der Straße, die im ersten Dämmerlicht noch voll Unschuld war, traf er Don Ciccio: dieser lächelte unter dem vergilbten Schnurrbart, während er — in aller Liebe — gegen die Hunde loswetterte; denen zitterten vor Erwartung die Muskeln unter dem Samt der Haut. Venus glänzte wie die aufquellende Beere einer Traube, durchscheinend und feucht, aber schon meinte man das Getöse des Sonnenwagens zu vernehmen, der steil am Horizont heraufstieg; bald begegnete man den ersten Herden, die von den fellbeschuhten Hirten mit Steinwürfen zusammengehalten wurden — ihr Sich-Vorwärtsschieben war wie das träge Auf und Ab von Meereswogen; die ersten Strahlen machten ihre Wolle zart und rosig. Dann mußte man den üblichen dunklen Streit schlichten zwischen den Herdenhunden und den empfindlichen Bracken, den Streit um den Vorrang, und nach diesem betäubenden Zwischenspiel stieg man über einen Hang in die Höhe und befand sich nun in der Stille des Hirtenlandes Sizilien, wo jede Erinnerung schwindet. Man war so gleich fern von allem, im Raum und mehr noch in der Zeit. Donnafugata mit seinem Palast und seinen Neureichen war kaum zwei Meilen entfernt, aber wenn man versuchte, daran zu denken, schien es blaß, gleich einer Landschaft, wie man sie manchmal im fernen Ausgang eines Eisenbahntunnels sieht; seine Mühen, seine Pracht erschienen bedeutungsloser, als wenn sie der Vergangenheit angehörten — denn im Vergleich zu der Unwandelbarkeit dieser weitab gelegenen Gegend war es, als gehörten sie noch der Zukunft an, nicht aus Stein und Leiblichkeit geschaffen, sondern aus dem Stoff einer geträumten, erst noch kommenden Zeit, einer Utopie entnommen, die, von einem ländlichen Piaton schwärmend erdacht, sich auch in ganz andere Formen hätte begeben oder geradezu gar nicht hätte erscheinen können: auf diese Weise auch des geringen fortwirkenden Gewichts beraubt, das alles Vergangene weiterhin besitzt, konnten sie nicht einmal mehr Plage mit sich bringen.

__________

Plagen hatte Don Fabrizio in diesen letzten acht Wochen etliche gehabt: von allen Seiten waren sie hervorgekrochen wie Ameisen, die eine tote Eidechse erobern wollen. Einige waren zum Vorschein gekommen aus den klaffenden Sprüngen der politischen Lage; andere waren ihm von den Leidenschaften des lieben Nächsten aufgebürdet worden; wieder andere (und das waren die allerbissigsten) waren aus seinem eigenen Innern hervorgetrieben, das heißt, aus seinen irrationalen Reaktionen auf die Politik und auf die Launen des Nächsten (‘Launen’ nannte er, wenn er verärgert war, das, was er im ruhigen Gemütszustand als ‘Leidenschaften’ bezeichnete); und diese Plagen ließ er jeden Tag an sich vorbeidefilieren, ließ sie manövrieren, in Kolonne marschieren oder sich auf dem Waffenplatze seines Bewußtseins in Reihen auflösen in der Hoffnung, er werde in ihren Bewegungen irgendeinen Sinn, einen Endzweck bemerken, der ihn beruhigen könne; und es gelang ihm nicht. In den vergangenen Jahren hatte es weit weniger Verdruß gegeben, und in jedem Fall hatte der Aufenthalt in Donnafugata eine Zeit der Ruhe dargestellt: die Ärgernisse warfen sozusagen das Gewehr weg, zerstreuten sich in die Talschluchten und verhielten sich wie Ackersleute, nur darauf gerichtet, ihr Brot und ihren Käse zu essen, so still, daß man ihre kriegerischen Uniformen vergessen und sie für ungefährlich halten konnte. In diesem Jahr hingegen waren sie — aufrührerische Truppen, die lärmten und die Waffen schwangen — beisammengeblieben und hatten ihn in seinem Hause erschreckt, wie ein Oberst erschrickt, der, nachdem er gesagt hat: »Rührt euch«, das Regiment geschlossener und bedrohlicher denn je vor sich stehen sieht.

Musikkapellen, Böllerschüsse, Glocken, zingarelle und Te Deum bei der Ankunft — ganz schön und gut: aber hernach! Die bürgerliche Revolution, die im Frack Don Calògeros seine Treppen hinaufstieg, die Schönheit Angelicas, die die verhaltene Anmut seiner Concetta in den Schatten stellte, Tancredi, der das Zeitmaß der vorgesehenen Entwicklung überstürzt nahm, ja, dem die sinnliche Bezauberung die Möglichkeit gab, seine realistischen Beweggründe mit Blüten zu schmücken; das Bedenkliche und Zweifel hafte dieser Volksabstimmung; die tausend Schlauheiten, zu denen er sich bequemen mußte, er, der Leopard, der Jahre hindurch die Schwierigkeiten mit einem Tatzenhieb weggefegt hatte.

Tancredi war schon vor mehr als vier Wochen abgereist und lag jetzt in Caserta im Quartier, in den Gemächern seines Königs; von da schickte er Don Fabrizio alle Augenblicke Briefe, die dieser abwechselnd mit Knurren und mit Lächeln las und dann in den geheimsten Schreibtischkasten tat. An Concetta hatte er nie geschrieben, aber er vergaß nicht, sie mit der gewohnten herzlichen Ironie grüßen zu lassen; einmal schrieb er sogar: »Ich küsse allen kleinen Leopardinnen die Hand, vor allem Concetta«, ein Satz, den die väterliche Vorsicht ausließ, als der Brief der vereinigten Familie vorgelesen wurde. Angelica kam fast jeden Tag zu Besuch, verführerischer denn je, begleitet vom Vater oder von einem Dienstmädchen, das dem bösen Blick wehren sollte; nach außen hin galten die Besuche den Freundinnen, den jungen Mädchen, aber in Wirklichkeit war ihr Höhepunkt, das spürte man, erreicht in dem Augenblick, da sie gleichgültig fragte: »Und gibt es etwas Neues vom Fürsten?« Das Wort ‘Fürst’ im Munde Angelicas galt — leider — nicht ihm, Don Fabrizio, sondern sie gebrauchte es, um diesen kleinen Garibaldi-Hauptmann heraufzubeschwören: und das weckte in Salina ein komisches Gefühl, gewoben aus der BaumwoUe des sinnlichen Neides und der Seide der Freude über den Erfolg des lieben Tancredi — ein im Grunde unangenehmes Gefühl. Auf die Frage gab immer er selbst die Antwort: in höchst überlegter Form berichtete er, was er wußte, wobei er jedoch darauf bedacht war, ein gut zugestutztes Pflänzchen von Nachrichten darzubieten, von dem seine vorsichtige Schere ebenso die Dornen entfernt hatte (Erzählungen von häufigen Ausflügen nach Neapel, sehr deutliche Anspielungen auf die schönen Beine von Aurora Schwarzwald, der kleinen Ballett-Tänzerin an San Carlo) wie die verfrühten Knöspchen (»gib mir Nachricht von der Signorina Angelica« — »im Arbeitszimmer Ferdinands II. sah ich eine Madonna von Andrea del Sarto, die mich an die Signorina Sedàra erinnert hat«). Auf die Art entwarf er ein langweiliges Bild von Tancredi, das der Wahrheit sehr wenig entsprach; aber so konnte man auch nicht sagen, er mache den Spielverderber oder Liebesvermittler. Diese Behutsamkeit in der Wortwahl entsprach sehr wohl seinen eigenen Gefühlen hinsichtlich der von der Vernunft diktierten Leidenschaft Tancredis, aber sie störte ihn ebenso wie sie ihn ermüdete; sie war übrigens nur ein Beispiel der hundert Listen in Sprache und Haltung, die zu erfinden er seit einiger Zeit gezwungen war: er dachte mit Neid an die Situation vor einem Jahr, da er alles sagte, was ihm durch den Kopf fuhr, sicher, daß jede Torheit aufgenommen würde als Wort des Evangeliums und jede Übertreibung als fürstliche Unbekümmertheit. Hatte er sich einmal auf den Weg begeben, zu beklagen, was vergangen war, dann drängte es ihn in den Augenblicken schlechterer Laune noch sehr viel weiter hinunter auf diesem gefährlich abschüssigen Hang: einmal, während er die Tasse Tee zuckerte, die Angelica ihm reichte, entdeckte er in sich ein Gefühl des Neides gegenüber den Fabrizio Salina und Tancredi Falconeri von vor dreihundert Jahren, weil sie dem Gelüste, mit den Mädchen Angelica ihrer Zeiten ins Bett zu gehen, folgen konnten, ohne mit ihnen vor dem Priester zu erscheinen, ohne daß sie sich um die Mitgift von Dorfmädchen — die im übrigen keine besaßen — zu kümmern brauchten; ebenso waren sie jeder Notwendigkeit enthoben, ihre hochachtbaren Onkel zu zwingen, wahre Eiertänze aufzuführen, um die geeigneten Dinge zu sagen oder zu verschweigen. Der Impuls urväterlicher Wollust (die ja nicht ganz nur Wollust war, sondern auch, in sinnlichem Gewände, Trägheit) war in einer solchen Weise roher Instinkt, daß der höchst kultivierte, fast fünfzigjährige Edelmann darüber errötete, und in seinem Gemüt, das sich, wenn auch durch zahlreiche Filter, am Ende mit Gewissensbedenken im Sinne Rousseaus durchtränkt hatte, empfand er tiefe Scham; hieraus aber entstand ein noch heftigerer Abscheu vor der sozialen Verknüpfung, in die er geraten war.

__________

Die Empfindung, gefangen zu sein in einer Situation, die sich rascher weiterentwickelte als vorgesehen, war an jenem Morgen besonders heftig. Wirklich — am Abend vorher hatte ihm der Kurierwagen, der in dem kanariengelben Kasten unregelmäßig die spärliche Post für Donnafugata heranschaffte, einen Brief gebracht: von Tancredi.

Schon bevor man ihn las, verkündete er deutlich seine Wichtigkeit dadurch, daß er auf prächtige Blättchen glänzenden Papiers geschrieben war, und durch die harmonische Schrift, in der die ‘starken’ Abstriche und die ‘feinen’ Aufstriche mit peinlicher Sorgfalt gezogen waren. Er offenbarte sich sogleich als die ‘Schönschrift’ wer weiß wie vieler Entwürfe. Der Fürst wurde in diesem Brief nicht mit dem Beinamen »großer Onkel« angeredet, der ihm lieb geworden war; der scharfsinnige Garibaldiner hatte sich die Formel »liebster Onkel Fabrizio« ausgedacht, und die besaß mancherlei Vorteile : einmal den, jeden Verdacht von Scherz schon aus der Vorhalle des Tempels zu entfernen, sodann den, von der ersten Zeile an die Wichtigkeit dessen, was folgen würde, im voraus spüren zu lassen, weiter den Vorteil, zu erlauben, daß man den Brief einem jeden zeige, und endlich den, anzuknüpfen an uralte religiöse, vorchristliche Traditionen, die der bestimmten Prägung des angerufenen Namens eine bindende Kraft zuerkannten.

Der »liebste Onkel Fabrizio« also wurde davon in Kenntnis gesetzt, daß sein »ihm in Liebe zugetaner und sehr ergebener Neffe« seit einem Vierteljahr eine Beute der heftigsten Liebe war, daß weder »die Gefahren des Krieges« (lies: Spaziergänge im Park von Caserta) noch »die vielen Lockungen einer großen Stadt« (lies: die Reize der Balletttänzerin Schwarzwald) auch nur einen Augenblick aus seinem Sinn und aus seinem Herzen das Bild der Signorina Angelica Sedàra hatten entfernen können (hier eine lange Aufeinanderfolge von Adjektiven, um die Schönheit, die Anmut, die Tugend, den Verstand des geliebten Mädchens zu preisen). Sodann wurde mittels sauberer Schnörkel von Tinte und Gefühlen gesagt, wie Tancredi selber, seiner Unwürdigkeit bewußt, versucht habe, seine Glut zu ersticken (»lange, aber vergebliche Stunden habe ich im Lärm Neapels oder im ernsten Beisammensein mit meinen Waffengefährten versucht, meine Gefühle zu unterdrücken« ) . Jetzt jedoch habe die Liebe seine Scheu überwunden, und er komme zu dem sehr geliebten Onkel, ihn zu bitten, er möge, in seinem Namen, von sich aus des Fräulein Angelica ‘hochachtbaren Vater’ um ihre Hand bitten. »Du weißt, Onkel, daß ich dem Gegenstand meiner Liebesglut nichts bieten kann außer meiner Liebe, meinem Namen und meinem Degen.« Nach diesem Satz — bei dem man nicht vergessen darf, daß man sich damals im lichten Mittag der Romantik befand — gab sich Tancredi langen Betrachtungen hin über den Vorteil, ja, über die Notwendigkeit, Vereinigungen zwischen Familien wie der der Falconeri und der der Sedàra (einmal fühlte er sich gar dazu gedrängt, kühn zu schreiben »das Haus Sedàra«) zu fördern wegen des neuen Blutes, das diese den alten großen Häusern zu führten, und um die Stände einander anzugleichen, was eines der Ziele der gegenwärtigen politischen Bewegung in Italien darstelle. Dies war der einzige Teil des Briefes, den Don Fabrizio mit Vergnügen las — und nicht nur, weil er das, was er selbst vorausgesehen hatte, bestätigte und ihm den Lorbeer des Propheten verlieh, sondern auch (es wäre hart, zu sagen: ‘vor allem’) darum, weil der Stil, überreich an einer zwischen den Zeilen spürbaren Ironie, die Gestalt des Neffen magisch in ihm heraufbeschwor: die spöttisch-nasale Stimme, die blauen Augen, malitiös sprühend, der höflich lächelnde Sarkasmus. Als er dann gemerkt hatte, daß dieser Jakobiner-Abschnitt sorgfältig auf einen Bogen für sich geschrieben war, so daß man, wenn man wollte, den Brief auch zum Lesen weitergeben konnte, indem man das Revolutionskapitelchen unterschlug — da erreichte seine Bewunderung für Tancredis Takt den Zenit. Nachdem der junge Mann noch kurz die neuesten Kriegsgeschehnisse erzählt und der Überzeugung Ausdruck verliehen hatte, binnen einem Jahr werde man Rom erreicht haben, ‘die vom Schicksal vorherbestimmte, hehre Hauptstadt des neuen Italien’, bedankte er sich für alle liebevolle Sorgfalt, die er in der Vergangenheit empfangen, und schloß mit der Entschuldigung, daß er die Kühnheit gehabt habe, ihm den Auftrag anzuvertrauen, »von dem sein künftiges Glück abhänge«. Dann kamen die Grüße (nur an ihn).

Als Don Fabrizio dieses außerordentliche Stück Prosa zum ersten Male las, schwindelte ihn ein wenig: wieder bemerkte er,’ wie verblüffend schnell die Geschichte ins Rollen kam. Wollten wir uns modern ausdrücken, so würden wir sagen: er fand sich im Seelenzustand eines Menschen, der glaubt, er sei soeben an Bord eines der höchst friedlichen Flugzeuge gegangen, die die Küstenstrecke zwischen Palermo und Neapel fliegen, aber mit einem Male merkt, daß er in einen Stratosphärenkreuzer eingeschlossen ist, und begreift, daß er am Ziel sein wird, noch ehe er die Zeit gehabt hat, das Kreuz zu schlagen. Die zweite Schicht in der Persönlichkeit des Fürsten, die liebevolle, brach sich Bahn: er freute sich über Tancredis Entschluß, der seine leibliche, kurzfristige Befriedigung und seine wirtschaftliche, dauernde, sicherstellte. Hernach aber bemerkte er doch das unglaubliche Selbstgefühl des jungen Mannes, der seinen Wunsch als von Angelica schon angenommen voraussetzte; aber am Ende wurden all diese Gedanken verschlungen von einem Gefühl der Demütigung, daß er sich gezwungen finde, mit Don Calògero so intime Gegenstände zu besprechen, und auch von einem gewissen Ärger darüber, daß er am nächsten Tage delikate Unterhandlungen in Angriff nehmen und jene Behutsamkeit und Umsicht anwenden müsse, die seiner — wie er stolz glaubte, löwenhaften — Natur widerstrebten.

Den Inhalt des Briefes teilte Don Fabrizio nur seiner Frau mit, als sie schon beim bläulichen Schein des mit einem Glasschirm verwahrten Öllämpchens im Bett lagen. Maria Stella sagte zunächst kein Wort, aber der Kreuzeszeichen, die sie schlug, waren eine ganze Menge; dann versicherte sie, sie hätte sich nicht mit der Rechten, sondern mit der Linken bekreuzigen müssen; nach diesem Ausdruck höchster Verwunderung brachen die Blitze ihrer Beredsamkeit los. Sie saß aufrecht im Bett, ihre Finger knüllten das Laken zusammen, während die Worte die Mondscheinatmosphäre des umhegten Zimmers durchzogen, rot wie zornige Fackeln. »Und wie habe ich gehofft, er heirate Concetta! Er ist ein Verräter wie alle Liberalen seiner Art; erst hat er den König verraten, jetzt verrät er uns! Oh, diese falschen Augen, diese honigsüßen Worte und die Taten voll Gift! Da sieht man, was geschieht, wenn man sich solche Leute ins Haus holt: nicht vom eigenen Blut!« Und hier ließ sie den ganzen Panzerreiter-Ansturm der Familienszenen los: »Ich habe es immer gesagt! Aber keiner hört auf mich. Ich habe diesen Gecken nie leiden mögen. Du hast seinetwillen den Kopf verloren, nur du!« In Wirklichkeit war auch die Fürstin Tancredis Schmeicheleien erlegen, auch sie liebte ihn noch; aber da die Wollust, zu rufen: »Ich habe es gesagt«, die stärkste ist, deren sich ein menschliches Wesen freuen kann, wurden nun alle Wahrheiten, alle Gefühle umgekehrt. »Und jetzt hat er noch die Unverfrorenheit, dich, seinen Onkel, den Fürsten von Salina, den Vater des Wesens, das er hintergangen hat, damit zu beauftragen, seine unwürdige Frage an diesen Gauner zu richten, den Vater dieser Dirne! Aber das darfst du nicht tun, Fabrizio, das darfst du nicht tun, nein, das wirst du nicht tun, das darfst du nicht tun!« Ihre Stimme kletterte in die Höhe, ihr Körper begann starr zu werden.

Don Fabrizio, der sich schon langgestreckt hatte, blickte nach der Seite, um sich zu vergewissern, daß der Baldrian auf der Kommode stand. Die Flasche war dort, und auch der silberne Löffel, quer über den Stöpsel gelegt; im bläulich grünen Halbdunkel des Zimmers glänzte das wie ein gegen die Stürme der Hysterie errichteter, beruhigender Leuchtturm. Schon wollte er sich erheben und beides holen; doch er begnügte sich damit, sich ebenfalls aufzusetzen; so gewann er einen Teil seines Nimbus wieder. »Stelluccia, rede nicht solchen Unsinn. Du weißt nicht, was du sagst. Angelica ist keine Dirne. Vielleicht wird sie einmal eine, aber im Augenblick ist sie nichts als ein junges Mädchen, nur schöner als die anderen; sie will sich einfach gut verheiraten; vielleicht ist sie auch, wie alle, in Tancredi ein bißchen verliebt. Geld aber wird sie haben: großenteils das unsere, das doch von Don Calògero nur allzugut verwaltet wird; und Tancredi hat Geld sehr nötig: er ist ein großer Herr, ist ehrgeizig, ist ein Verschwender. Zu Concetta hat er nie etwas gesagt, vielmehr ist sie es, die ihn, seit wir in Donnafugata sind, wie einen Hund behandelt. Und dann — ein Verräter ist er nicht; er geht mit der Zeit, das ist alles, in der Politik wie im persönlichen Leben. Im übrigen ist er der reizendste junge Mann, den ich kenne; das weißt du so genau wie ich, meine Stelluccia.« Fünf riesige Finger strichen über ihren winzigen Hirnkasten. Sie schluchzte nun; sie war so vernünftig gewesen, einen Schluck Wasser zu trinken, und das Feuer des Zorns hatte sich in stillen Kummer verwandelt. Don Fabrizio begann zu hoffen, es werde nicht notwendig sein, das warme Bett zu verlassen und mit nackten Füßen durch das schon ein wenig kühle Zimmer zu gehen. Um der künftigen Ruhe sicher zu sein, spielte er den Wütenden: »Und dann will ich kein Geschrei in meinem Haus, in meinem Zimmer, in meinem Bett! Nichts mit diesen: ‘das wirst du tun’ und ‘das wirst du nicht tun’. Die Entscheidung liegt bei mir. Und ich habe schon entschieden zu einer Zeit, da du es dir noch nicht hast träumen lassen. Genug jetzt!«

Er, der Geschrei haßte, schrie jetzt selbst mit so viel Atem, wie der ungeheure Brustkasten hergab. In dem Glauben, er habe einen Tisch vor sich, schlug er mit der Faust aus aller Kraft auf das eigene Knie, tat sich weh und wurde nun auch ruhig.

Die Fürstin war erschreckt, sie winselte leise wie ein bedrohtes Schoßhündchen. »Schlafen wir jetzt! Morgen gehe ich zur Jagd und muß früh aufstehen. Genug jetzt! Was entschieden ist, ist entschieden. Gute Nacht, Stelluccia.« Er küßte seine Frau zuerst auf die Stirn, dann auf den Mund. Dann legte er sich wieder hin und drehte sich nach der Wand. Auf der Seide, womit sie bespannt war, lag sein Schatten, langgestreckt wie das Profil einer Bergkette auf aschblauem Horizont.

Auch Stelluccia legte sich wieder zurecht, und während ihr rechtes Bein das linke des Fürsten streifte, fühlte sie sich ganz getröstet und stolz darauf, einen so willensstarken und kühnen Mann zum Gemahl zu haben. Was bedeutete schließlich Tancredi …und auch Concetta…

__________

Dieser Tänze auf des Messers Schneide war er für den Augenblick, wie auch der anderen Gedanken, völlig enthoben in der duftreichen, archaischen Welt des Landes wenn man die Orte, an denen er jeden Morgen zu jagen pflegte, Land nennen konnte. In dem Begriff Land ist der Sinn einer durch die Arbeit umgewandelten Erde mit enthalten; der Buschwald hingegen, der sich an eine steilaufsteigende Höhe klammerte, befand sich im gleichen Zustand eines aromatischen Gewirrs, in dem ihn Phönizier, Dorier und Jonier vorgefunden hatten, als sie in Sizilien landeten, diesem Amerika des Altertums. Don Fabrizio und Tumeo stiegen hoch, stiegen ab, rutschten und wurden von den Dornen genauso zerkratzt, wie irgendein Archedamos oder Philostratos vor zweitausendfünfhundert Jahren ermüdet oder zerkratzt worden war: sie sahen dieselben* Gegenstände, ein ebenso klebriger Schweiß feuchtete ihre Kleider, derselbe gleichgültige, nie nachlassende Wind, ein Seewind, bewegte die Myrten- und Ginsterbüsche, verbreitete den Duft des Thymians. Das jähe, ins Horchen vertiefte Innehalten der Hunde, ihre pathetische Gespanntheit in Erwartung der Beute war völlig dasselbe wie in den Tagen, da man Artemis’ Hilfe für die Jagd erflehte. Führte man das Leben auf diese wesentlichen Elemente zurück — nachdem man ihm die Schminke der Vorurteile vom Gesicht gewaschen hatte —, dann erschien es unter einem erträglichen Aspekt. An jenem Morgen schickten sich Arguto und Teresina, kurz bevor man oben auf der Höhe anlangte, zum andächtigen Tanz der Hunde an, die das Wild gewittert haben: ein Schleichen, ein Erstarren, ein vorsichtiges Heben der Pfote, ein unterdrücktes Bellen: nach wenigen Minuten sprang ein graufelliges Hinterteilchen zwischen die Gräser, zwei beinahe gleichzeitige Schüsse machten der schweigenden Erwartung ein Ende; Arguto legte dem Fürsten ein mit dem Tode kämpfendes Tierchen zu Füßen.

Es war ein wildes Kaninchen: der so bescheidene tonfarbene Rock hatte nicht genügt, es zu retten. Gräßlich waren ihm Schnauze und Brust zerfetzt. Don Fabrizio sah die großen, schwarzen Augen, über die sich rasch ein bläulich grüner Schleier zog; sie blickten ihn starr an, ohne Vorwurf, aber voll eines erstaunten Schmerzes, der sich gegen die ganze Ordnung der Welt richtete; die samtigen Ohren waren schon kalt, die kräftigen kleinen Läufe zogen sich im Rhythmus zusammen, Symbol einer nutzlosen Flucht, das den Tod überlebte: das Tier verendete in der Qual einer ängstlichen Hoffnung, daß es gerettet werde, in der Einbildung, es könne noch entrinnen, da es schon gepackt war — genau wie so viele Menschen. Während des Fürsten mitleidige Fingerkuppen das elende Schnäuzchen streichelten, zitterte das Tierchen ein letztes Mal und verendete; aber Don Fabrizio und Don Ciccio hatten ihren Zeitvertreib gehabt; der erstere hatte sogar, als Zugabe zur Lust des Tötens, auch die beruhigende Lust empfunden, Mitleid zu fühlen.

Als die Jäger oben auf dem Berg anlangten, tat sich zwischen den spärlichen Tamarisken und Korkeichen das Bild des wahren Sizilien vor ihnen auf, ein Bild, demgegenüber barocke Städte und Orangengärten nichts sind als unwesentlicher Flitter: eine Dürre, die sich rund ins Unendliche wellte von Höhenrücken zu Höhenrücken, und diese waren wie unwirklich, sie lähmten den Mut, ihre Hauptlinien konnte der Sinn nicht fassen, weil sie in einem Moment des Fieberwahns der Schöpfung geschaffen schienen: ein Meer, das plötzlich Stein geworden ist in dem Augenblick, da ein Umschwung des Windes es hochgepeitscht hat zu wahnwitzigen Wogen. Donnafugata, in sich zusammengesunken, verschwand in irgendeiner Falte der Erde; keine Menschenseele war zu sehen; nur ein paar dürftige Reihen Rebstöcke zeigten an, daß überhaupt Menschen hier durch kamen. Jenseits der Höhen auf einer Seite der indigofarbene Fleck des Meeres, noch mineralischer und unfruchtbarer als die Erde. Der leichte Wind fuhr über alles hin, machte die Gerüche von Mist, Aas und Salbeibüschen zu einem einzigen Duft, verwischte, zertrennte und fügte alles wieder zusammen, wie er so achtlos daherwehte; er trocknete die Blutströpfchen, das einzige, was das Kaninchen hinterlassen hatte; viel weiter drüben fuhr er durch den mächtigen Haarbusch Garibaldis, dann wirbelte er noch den Staub in die Augen der neapolitanischen Soldaten, die in Eile die Bastionen von Gaeta verstärkten, getäuscht von einer Hoffnung, die ebenso vergeblich war wie die gewaltsamen Fluchtbewegungen des Wildes, das schon am Boden lag.

Im umgrenzten Schatten der Korkeichen ruhten der Fürst und der Organist sich aus: sie tranken den lauwarmen Wein, den sie in hölzernen Feldflaschen mit sich führten, sie aßen zu einem gebratenen Huhn, das aus der Jagdtasche Don Fabrizios zum Vorschein kam, die ganz zarten, mit rohem Mehl gestreuten ‘muffoletti’1 , die Don Ciccio mitgebracht hatte; sie kosteten die süße ‘insòlia’, diese Traube, die ebenso unschön anzusehen wie gut zu essen ist; sie sättigten mit dicken Schnitten Brot den Hunger der Bracken, die ihnen gegenüberstanden, starr wie Gerichtsboten, die nur darauf aus sind, Schulden einzuziehen. Sodann waren Don Fabrizio und Don Ciccio unter der den Körper durchdringenden Sonne nahe daran, in Schlaf zu fallen.

Aber wenn ein Flintenschuß das Kaninchen getötet hatte, wenn die aufgereihten Kanonen Cialdinis den bourbonischen Soldaten schon den Mut nahmen, wenn die mittägliche Wärme die Menschen einschläferte, so war doch keine Macht der Welt imstande, die Ameisen aufzuhalten. Durch einige schon verdorbene Beeren, die Don Ciccio wieder ausgespuckt hatte, angelockt, eilten sie in dichten Scharen herbei, aufgeregt von dem Begehren, sich die geringe, faulige, vom Speichel des Organisten durchtränkte Masse einzuverleiben. Höchst keck, ungeordnet, aber entschlossen eilten sie herbei; in kleinen Gruppen von dreien oder vieren hielten sie eine Weile inne, um miteinander zu tuscheln — ganz gewiß priesen sie den zeitlichen Ruhm und künftigen Oberfluß des Ameisenhaufens Numero 2 unter der Korkeiche Numero 4 auf dem Gipfel des Monte Morco; sodann setzten sie sich gemeinsam mit den anderen wieder in Marsch auf die glückhafte Zukunft hin; die glänzenden Rücken dieser Imperialisten schienen vor Begeisterung zu beben — und zweifelsohne flogen über ihren Reihen die Klänge einer Hymne.

Als Folge einiger Ideenassoziationen, die genauer anzugeben nicht ratsam wäre, hinderte das geschäftige Hin und Her dieser Insekten den Fürsten am Schlaf; es rief ihm die Tage der Volksabstimmung ins Gedächtnis, die er vor kurzem in Donnafugata selber durchlebt hatte. Außer einem Gefühl von Verwunderung hatten ihm jene Tage etliche Rätsel hinterlassen, die gelöst werden mußten; jetzt, angesichts dieser Natur, die — außer den Ameisen — sich offensichtlich nicht darum kümmerte, war es vielleicht möglich, zu versuchen, eines dieser Rätsel zu lösen. Die Hunde schliefen langausgestreckt, flach wie ausgeschnittene Figuren, das kleine Kaninchen hing, den Kopf nach unten, an einem Zweig und pendelte, vom ständigen Wind getrieben, hin und her; aber Tumeo vermochte — mit Hilfe seiner Pfeife — noch die Augen offenzuhalten.

»Und Ihr, Don Ciccio — wie habt Ihr denn am Einundzwanzigsten gewählt?«

Der Arme fuhr zusammen; so unvorbereitet überfallen, in einem Augenblick, da er sich außerhalb des kleinen, von VorsichtsHecken umgrenzten Gebietes befand, in dem er sich gewöhnlich, wie jeder seiner Landsleute, be wegte, zögerte er und wußte nicht, was er antworten sollte.

Der Fürst nahm für Furcht, was nur Überraschung war, und wurde ärgerlich. »Na los! Vor wem habt Ihr Angst? Hier ist niemand als wir, der Wind und die Hunde.«

Die Liste der Zeugen, die Don Ciccio beruhigen sollten, war, die Wahrheit zu sagen, nicht eben glücklich aufgestellt: der Wind ist von Natur ein Schwätzer, der Fürst war zur Hälfte Sizilianer. Vollkommen vertrauenswürdig waren nur die Hunde, und auch die nur darum, weil ihnen keine artikulierte Sprache eigen war. Don Ciccio jedoch hatte sich wieder in der Hand, und die bäuerliche Schlauheit hatte ihm die rechte Antwort eingegeben, das heißt: eine, die keine war. »Entschuldigen Exzellenz — diese Frage ist überflüssig. Es ist doch bekannt, daß in Donnafugata alle mit Ja gestimmt haben.«

Das war Don Fabrizio natürlich bekannt; vor der Abstimmung waren viele Menschen zu ihm gekommen, um seinen Rat zu erbitten, und alle waren — aufrichtig — ermahnt worden, mit einem Ja zu stimmen. Don Fabrizio begriff in der Tat nicht einmal, wie man anders handeln könne: sei es der vollendeten Tatsache gegenüber, als auch hinsichtlich der theatralischen Banalität des Wahlaktes; mit Ja mußte gewählt werden der geschichtlichen Notwendigkeit gegenüber wie auch in Anbetracht der Schwierigkeiten, in die jene bescheidenen Menschen vielleicht geraten wären, wenn ihre ablehnende Haltung offenbar geworden wäre. Er hatte jedoch bemerkt, daß seine Worte viele von ihnen nicht überzeugt hatten: da hatte der abstrakte Machiavellismus der Sizilianer mitzuspielen begonnen, der diese von Natur großmütigen Menschen so oft dahin brachte, komplizierte Balkengerüste zu errichten, die auf höchst schwachem Grunde ruhten. Wie Kliniker, die, in ihren Kuren höchst geschickt, sich jedoch auf völlig verkehrte Blut- und Urin-Analysen gestützt haben und zu träge gewesen sind, sie zu korrigieren, so handelten — damals — die Sizilianer: sie töteten schließlich den Kranken, das heißt sich selbst, gerade infolge ihrer höchst raffinierten Schlauheit, die sich so gut wie nie auf eine wirkliche Kenntnis der Probleme oder wenigstens der Gesprächspartner gestützt hatte. Einige von denen, die die Reise ad limina gattopardorum unternommen hatten, hielten es für ganz unmöglich, daß ein Fürst von Salina zugunsten der Revolution stimmen konnte (als solche wurden die jüngsten Veränderungen an jenem entlegenen Orte noch bezeichnet), und deuteten seine Reden als ironische Ausfälle in der Absicht, praktisch ein Ergebnis zu erhalten, das dem, was er ihnen in Worten nahelegte, entgegengesetzt wäre. Diese Pilger (und es waren die Besseren) hatten sein Arbeitszimmer, soweit es ihnen der Respekt erlaubte, mit einem Zwinkern verlassen, stolz darauf, in den Sinn der fürstlichen Worte eingedrungen zu sein; sie rieben sich die Hände und beglückwünschten sich zu ihrem Scharfsinn just in dem Augenblick, da er sich ihnen verdunkelt hatte. Andere hingegen entfernten sich, nach dem sie ihm zugehorcht hatten, betrübt und davon überzeugt, er sei ein Überläufer oder nicht recht bei Sinnen, und mehr denn je entschlossen, nicht auf ihn zu hören, sondern dem tausendjährigen Sprichwort zu gehorchen, demzufolge ein schon bekanntes Übel einem noch nicht erprobten Guten vorzuziehen sei. Diesen Menschen widerstrebte es auch aus persönlichen Gründen, die neue nationale Wirklichkeit anzuerkennen: sei es aus Frömmigkeit, sei es, weil sie von dem verflossenen System Vergünstigungen angenommen und sich dann nicht rasch genug ins neue hatten einfügen können, sei es schließlich, weil ihnen während der Unruhe der Befreiung etliche Kapaune und etliche Maß Bohnen verschwunden und statt dessen etliche Hörner hervorgesproßt waren, entweder zwanglos freiwillig wie im Dienst der Garibaldi-Truppen, oder in Zwangsaushebung wie in den bourbonischen Regimentern. Kurz, er hatte bei etwa fünfzehn Menschen den peinlichen, aber klaren Eindruck gehabt, sie würden mit Nein stimmen — gewiß eine schwache Minderheit, die aber in dem kleinen Wahlbezirk von Donnafugata immerhin beachtet werden mußte. Wenn der Fürst weiter bedachte, daß die Menschen, die zu ihm gekommen waren, nur die Blüte des Ortes darstellten, und daß es manchen Nichtüberzeugten doch auch unter den Hunderten von Wählern geben mußte, denen es nicht im Traum eingefallen wäre, sich im Palast blicken zu lassen, so hatte er folgendermaßen gerechnet: das Gesamtbild der Ja-Stimmen von Donnafugata würde mit etwa vierzig Nein-Stimmen gleichsam gesprenkelt sein.

Der Tag der Volksabstimmung war windig und bedeckt gewesen, und auf den Dorfstraßen hatte man müde Grüppchen junger Leute umhergehen sehen, die sich ins Hutband ein Zettelchen gesteckt hatten, das ein großes Ja trug. Inmitten weggeworfener Papiere und von den Windstößen fortgewehter Stimmenthaltungen sangen sie ein paar Strophen der Bella Gigugin2 , aber verwandelt in arabische Klage-Gesänge, ein Schicksal, das jede kleine, lebhafte Melodie ereilt, soll sie in Sizilien gesungen werden. Man hatte auch zwei, drei ‘fremde Gesichten gesehen (das heißt: junge Leute aus Girgenti), die ihren Sitz in der Schenke von zzu Menico aufgeschlagen hatten und dort ihr Loblied sangen auf den »herrlichen, immer weiter in den Fortschritt führenden Schicksalsweg« eines mit dem wieder erstandenen Italien verbundenen Sizilien.

Ein paar Bauern standen stumm dabei und hörten zu — fast wieder zu Tieren geworden ebenso vom übermäßigen Gebrauch der schweren Rodehacke wie von den vielen Tagen erzwungener, vom Hunger gequälter Muße. Sie räusperten sich und spuckten häufig, aber sie schwiegen; sie schwiegen so ausgiebig, daß es wohl damals geschah (wie Don Fabrizio später sagte), daß die ‘fremden Gesichter’ beschlossen, unter den vier mittelalterlichen Künsten des Quadrivium der Rhetorik nur die zweite Stelle anzuweissen und der Mathematik die erste.

Gegen vier Uhr nachmittags hatte sich der Fürst zur Abstimmung begeben, zur Rechten Pater Pirrone, zur Linken Don Onofrio Rotolo; finsterblickend, hellhäutig schritt er langsam auf das Gemeindeamt zu und deckte die Hand oft schützend über die Augen, um zu verhindern, daß dieser lästige Wind, der allen unterwegs aufgesammelten ekelhaften Schmutz mit sich trug, bei ihm die Bindehautentzündung erregte, die ihn häufig befiel; und er sagte im Gehen zu Pater Pirrone, ohne Wind würde die Luft wie ein fauliger Tümpel sein, aber auch die heilkräftigen Wind stöße schleppten eine Menge Schweinereien daher. Er trug die gleiche schwarze redingote, in der er sich vor zwei Jahren nach Caserta begeben hatte, um dem armen König Ferdinand seine AufWartung zu machen — der war ja glücklicherweise zur rechten Zeit gestorben, um nicht zugegen zu sein an diesem von einem unreinen Wind gepeitschten Tage, da man unter seine Torheit das Siegel setzte. Aber war es denn wirklich Torheit gewesen? Dann konnte man genauso gut sagen, wer dem Typhus erliege, sterbe durch Torheit. Er dachte an diesen König zurück, wie er eifrig bemüht gewesen war, dem sich zu einem See erweiternden Strom der Papiere Dämme entgegenzusetzen: und plötzlich merkte er, welch ein unbewußter Appell an das Mitleid sich in jenem unsympathischen Antlitz kundgetan hatte.

Diese Gedanken waren unerfreulich, wie es Gedanken, die uns die Dinge zu spät erkennen lassen, immer sind; und der Fürst, seine ganze Erscheinung wurde so feierlich und düster, daß es aussah, als folge er einem unsichtbaren Leichenwagen. Nur an der Heftigkeit, mit der seine Füße die Kiesel der Straße mit wütendem Stoß beiseite schleuderten, wurden die inneren Konflikte offenbar; es ist überflüssig, zu sagen, daß keinerlei Wahlzettel das Band seines Zylinders berührte; aber die ihn kannten, meinten zu sehen, wie immer abwechselnd ein Ja und ein Nein einander auf der glänzenden Fläche des Filzes folgten.

Als der Fürst einen kleinen Saal des Gemeindeamtes betrat, in dem die Abstimmung stattfand, sah er überrascht, wie alle Mitglieder des Wahlkomitees aufstanden, als seine Gestalt in der Tür, sie bis zur Höhe ausfüllend, erschien; einige Bauern, die früher gekommen waren, wurden beiseitegeschoben, und so übergab Don Fabrizio sein Ja den patriotischen Händen Don Calògero Sedàras. Pater Pirrone hingegen wählte nicht, denn er hatte es klug vermieden, sich als im Orte wohnhaft einschreiben zu lassen. Don Nofrio allerdings bestätigte, dem ausdrücklichen Wunsch des Fürsten gehorchend, seine diese eine Silbe umfassende Meinung über die verwickelte italienische Frage: ein Meisterwerk an gedrängter Kürze, das mit der gleichen guten Miene ausgeführt wurde, mit der ein Kind das Rizinusöl nimmt. Danach wurden alle aufgefordert, sich oben im Arbeitsraum des Bürgermeisters »ein Gläschen zu genehmigen«; aber Pater Pirrone und Don Nofrio schützten gute Gründe vor, der eine die Abstinenz, der andere Bauchweh, und blieben unten. Don Fabrizio mußte der Erfrischung allein die Stirn bieten.

Hinter dem Schreibtisch des Bürgermeisters glänzte ein Bild von Garibaldi und (schon) eines von Vittorio Emmanuele, glücklicherweise rechts gehängt, ein schöner Mann der erste, ein äußerst häßlicher der zweite: beide jedoch verbrüdert durch den wunderbar üppigen Wuchs ihres Haares, das nahezu wie eine Maske wirkte. Auf einem niedrigen Tischchen ein Teller mit sehr alten Biskuits, die Fliegendreck mit Trauerstreifen versehen hatte, und zwölf dicke Gläschen voll Likör: vier rote, vier grüne, vier weiße — diese in der Mitte; ein harmloses Sinnbild der neuen Fahne, das dem Fürsten trotz seines Unbehagens ein Lächeln entlockte. Er wählte für sich den weißen Likör, weil dieser vermutlich weniger schwerverdaulich war, und nicht, wie es später hieß, um dem bourbonischen Banner nachträglich zu huldigen. Die drei verschiedenen Sorten Likör waren im übrigen gleicherweise zuckerig, klebrig und widerlich. Man hatte soviel Geschmack, keinen Trinkspruch auszubringen. Und große Freuden, wie Don Calògero sagte, sind ja stumm. Man zeigte Don Fabrizio einen Brief der Behörden von Girgenti, der den arbeitsamen Bürgern Donnafugatas die Gewährung eines Beitrags von zweitausend Lire ankündigte für die Kanalisation — ein Werk, das im Jahre 1961 fertiggestellt sein würde, wie der Bürgermeister versicherte, wobei er in einen jener Lapsus verfiel, deren Mechanismus Freud viele Jahrzehnte später erklären sollte; und die Gesellschaft löste sich auf.

Vor Sonnenuntergang erschienen die drei oder vier Hürchen von Donnafugata (die gab es auch hier, nicht ‘im Verein’, sondern in ihren privaten Wirtschaften tätig) auf der Piazza, die Mähne mit Trikolorenbändchen geziert, um dagegen zu protestieren, daß die Frauen von der Wahl ausgeschlossen waren; die Armen wurden auch von den begeisterten Liberalen mit Spott davongejagt und waren gezwungen, sich wieder zu verkriechen. Dies hinderte nicht, daß vier Tage danach das Giornale di Trinacria die Palermitaner wissen ließ, in Donnafugata »hätten einige Vertreterinnen des schönen Geschlechts ihren unerschütterlichen Glauben an den neuen, glänzenden Aufstieg des allergeliebtesten Vaterlandes kundtun wollen und seien auf der Piazza aufmarschiert unter der allgemeinen Zustimmung jener patriotischen Bevölkerung«.

Danach wurde das Wahllokal geschlossen, die Stimmenzähler machten sich ans Werk; nach Einbruch der Dunkelheit wurde die Tür zum Mittelbalkon des Gemeindeamts aufgetan, Don Calògero wurde sichtbar mit Trikoloren-Bauchbinde und allem sonst, flankiert von zwei Dienern mit brennenden Kandelabern, deren Kerzen jedoch der Wind flugs auslöschte. Der in der Finsternis unsichtbaren Menge verkündete er, daß in Donnafugata die Volksabstimmung folgende Ergebnisse gehabt habe: Eingeschrieben 515; abgestimmt 512; ja 512; nein keines.

Vom dunklen Grunde der Piazza stiegen Applaus und Hochrufe auf; auf dem kleinen Balkon ihres Hauses stand Angelica mit der düsteren Dienstmagd und klatschte in die schönen, habgierigen Hände; es wurden Reden gehalten: Eigenschaftsworte, mit Superlativen und doppelten Konsonanten beladen, schnellten hoch und stießen im Dunkeln gegen die Häuserwände, von der einen zur anderen; im Donner der Böllerschüsse sandte man Botschaften an den König (den neuen) und an den General; ein paar Trikoloren-Raketen kletterten von dem im Dunkel liegenden Ort in den Sternenlosen Himmel. Um acht Uhr war alles zu Ende, und es blieb nichts übrig als die tiefe Dunkelheit — wie an jedem anderen Abend, seit Urzeiten.

__________

Auf dem Gipfel des Monte Morco war jetzt alles hell, das Licht war groß; die Düsternis jener Nacht jedoch lag noch immer unbeweglich im Seelengrunde Don Fabrizios. Sein Mißbehagen nahm um so quälendere Formen an, je ungewisser diese waren; es war in keiner Weise in den wichtigen Fragen begründet, deren Lösung die Volksabstimmung eingeleitet hatte: die großen Interessen des Reiches (der Beiden Sizilien), die Interessen des eigenen Standes, seine privaten Vorteile gingen aus all diesen Ereignissen zwar zusammengedrückt, aber noch lebenskräftig hervor. Unter den gegebenen Umständen durfte man nicht mehr verlangen: das Mißbehagen war nicht politischer Natur, es mußte tiefere Wurzeln haben, eingesenkt in eine jener Ursachen, die wir irrational nennen, weil sie begraben sind unter Haufen von Unkenntnis unser selbst.

Italien war an jenem finsteren Abend in Donnafugata geboren worden; geboren hier, in diesem vergessenen Ort, wie im lässigen Palermo und im erregten Neapel; eine böse Fee jedoch, deren Namen man nicht kannte, mußte gegenwärtig gewesen sein; jedenfalls — geboren war es, dieses Italien, und man mußte hoffen, daß es in dieser Form würde leben können — jede andere würde schlechter sein. Einverstanden. Und doch hatte diese beharrliche Unruhe etwas zu bedeuten. Er spürte: während jener allzu trockenen Verkündung von Zahlen, wie während der all zu hochtrabenden Reden war irgend etwas, irgendwer gestorben, Gott allein wußte in welcher schmalen Gasse des Ortes, in welchem Winkeides Gewissens seiner Einwohner.

Die Kühle hatte Don Ciccios Schläfrigkeit gelöst, das mächtige, großartige Wesen des Fürsten hatte ihm seine Ängste genommen. Jetzt tauchte nur der Ärger an die Oberfläche seines Bewußtseins, gewiß unnütz, aber nicht unedel. Don Ciccio hatte sich erhoben, er redete im Dialekt und machte weitausholende Bewegungen, ein mit leiderregender Hampelmann, der lächerlicherweise recht hatte.

»Ich, Exzellenz, hatte Nein gestimmt. Nein, hundertmal Nein. Ich weiß, was Euer Exzellenz mir gesagt hatten: die Notwendigkeit, die Einheit, der günstige Augenblick. Exzellenz werden recht haben; ich verstehe nichts von Politik. Diese Dinge überlasse ich anderen. Aber Ciccio Tumeo ist ein Ehrenmann, zwar arm und dürftig, mit durchgestoßenen Hosen« (und er schlug sich auf die Hinterbacken, wo die Jagdhose sorgfältig geflickt war), »aber empfangene Wohltat hat er nicht vergessen. Und diese Schweine im Gemeindeamt schlucken meine Meinung, kauen sie und kacken sie aus — verwandelt, wie sie es wollen. Ich habe Schwarz gesagt, und sie lassen mich Weiß sagen! Das eine Mal, da ich sagen konnte, was ich dachte, macht mich dieser Blutsauger Sedàra zur Null, tut, als wäre ich nie vorhanden gewesen, als hätte ich nie mit einem Menschen zu schaffen gehabt, ich, Francesco Tumeo La Manna, Sohn vom seligen Leonardo, Organist an der Mutterkirche von Donnafugata, tausendmal so frei wie er — ich habe ihm auch eine von mir komponierte Mazurka gewidmet, als diese …« (und er biß sich auf den Finger, um sich zu beherrschen) »diese seine Tochter, dieses Frätzchen, geboren wurde …«

Hier, bei diesen Worten, senkte sich Ruhe in Don Fabrizios Seele; endlich hatte er das Rätsel gelöst; jetzt wußte er, wer in Donnafugata, in hundert anderen Orten im Laufe jener Nacht voll unsauberen Windes getötet worden war: ein Neugeborenes — die Redlichkeit, gerade das Wesen, das man am meisten hätte pflegen müssen, dessen wachsende Kraft andere unsinnige barbarische Verwüstungen, die begangen worden waren, gerechtfertigt hätte. Die Nein-Stimme Don Ciccios, fünfzig gleiche Stimmen in Donnafugata, hunderttausend Nein im ganzen Königreich! Sie hätten zwar am Ergebnis nichts geändert, hätten es vielmehr noch bedeutungsvoller gemacht; aber es wäre doch diese Seelenverstümmelung vermieden worden. Es war ein halbes Jahr her, da hatte man die harte, herrische Stimme sagen hören: »Tu, wie ich dir sage — oder es setzt Schläge.« Jetzt hatte man schon den Eindruck, daß die Drohung durch die geschmeidigen Worte des Wucherers ersetzt wurde: »Aber wenn du selber unterzeichnet hast! Siehst du es nicht? Es ist doch so klar. Du mußt handeln, wie wir sagen, denn — sieh dir den Wechsel an: dein Wille dem meinen gleich.«

Don Ciccio donnerte weiter: »Für euch Herren ist die Sache anders. Man kann undankbar sein, wenn man noch ein Lehnsgut dazubekommt — aber für ein Stück Brot ist Erkenntlichkeit Pflicht. Ganz etwas anderes ist es noch für Handeltreibende wie Sedàra, für die ist der eigene Vorteil Naturgesetz. Für uns kleine Leute sind die Dinge so, wie sie sind. Exzellenz wissen es — mein seliger Vater war Jagdhüter im königlichen Landgut S. Onofrio schon zur Zeit Ferdinands IV., als die Engländer hier waren. Es war ein hartes Leben, aber des Königs grüner Rock und das silberne Schildchen verliehen Ansehen. Die Königin Isabella, die Spanierin, die damals Herzogin von Kalabrien war — die hat mich studieren lassen, sie hat bewirkt, daß ich der wurde, der ich bin, Organist an der Mutterkirche, beehrt mit dem Wohlwollen Eurer Exzellenz; und wenn meine Mutter in den Jahren, da wir besonders nötig Hilfe brauchten, eine Bittschrift bei Hofe einreichte, dann kamen die fünf Unzen Unterstützung sicher wie der Tod, denn dort in Neapel war man uns gewogen, man wußte, wir waren ordentliche Leute und getreue Untertanen; wenn der König kam, schlug er meinem Vater kräftig auf die Schulter und sagte: ‘Don Lionà, ne vurria tante come a vuie, fedeli sostegni del trono e della Persona mia.’3 Der Adjutant verteilte dann die Goldmünzen. Almosen heißt man sie jetzt, diese Großmut wahrer Könige; man sagt es, damit man sie nicht selber zu geben braucht; aber sie waren ein gerechter Lohn für treue Ergebenheit. Und wenn diese heiligen Könige und schönen Königinnen heute vom Himmel herabsehen — was müßten sie sagen? ‘Der Sohn Don Leonardo Tumeos hat uns verraten!’ Nur gut, daß man im Paradies die Wahrheit kennt. Ich weiß, ich weiß, Menschen wie Euer Exzellenz haben es mir gesagt: diese Dinge von Seiten der Königlichen haben gar keine Bedeutung, sie gehören zu ihrem Handwerk. Es mag wahr sein ja, es ist wahr. Aber die fünf Unzen waren da, das ist eine Tatsache, und mit ihrer Hilfe kam man durch den Winter. Und jetzt, wo ich die Schuld wieder gutmachen konnte — nichts, ‘du bist gar nicht vorhanden’. Mein Nein wird ein Ja. Ich war ein ‘getreuer Untertan’, jetzt bin ich ein ‘abscheulicher Bourbone’!«

Don Fabrizio hatte Don Ciccio immer gern leiden mögen, aber dieses Gefühl hatte seinen Ursprung in dem Mitleid gehabt, das uns ein jeder einflößt, der sich in der Jugend zur Kunst berufen glaubte und als alter Mann, nachdem er gemerkt hat, daß es ihm an Talent fehlt, die gleiche Tätigkeit auf niedrigeren Stufen ausübt — in der Tasche seine verwelkten Träume —, und er hatte Mitgefühl auch mit seiner mit Würde getragenen Armut. Jetzt aber empfand er für ihn auch eine Art Bewunderung; und in der Tiefe, ganz in der Tiefe seines stolzen Selbstbewußtseins fragte eine Stimme, ob sich nicht etwa Don Ciccio herrenmäßiger betragen habe als der Fürst von Salina. Und die Sedàra, alle die Sedàra, von diesem winzigen, der die Rechenkunst in Donnafugata entehrte, bis zu den größeren in Palermo, in Turin — hatten die nicht etwa ein Verbrechen begangen, als sie diese Gewissen erwürgten? Don Fabrizio konnte es damals noch nicht erkennen — aber ein gut Teil der Trägheit, des allzu raschen Verzichts — Untugenden, die man während der folgenden Jahrzehnte den Menschen des Südens zum Vorwurf machen mußte — hatte seinen Ursprung in dieser Torheit, mit der man den Ausdruck der Freiheit, als sie sich ihnen das erstemal bot, zunichte machte.

Don Ciccio hatte sich Luft geschaffen. Nun kam zu seiner authentischen, immerhin seltenen Personifikation des strengen Ehrenmannes’ noch die andere hinzu, die sehr viel häufigere und nicht weniger unverfälschte des Snobs. Denn Tumeo gehörte zu der zoologischen Gattung der ‘passiven Snobs’, die heute zu Unrecht verachtet ist. Verstehen wir uns recht: das Wort ‘Snob’ war im Sizilien des Jahres 1860 natürlich nicht bekannt; aber wie es vor Koch Schwindsüchtige gab, so gab es in jener weit zurückliegenden Zeit Menschen, deren höchstes Lebensgesetz ist, zu gehorchen, nachzuahmen und vor allem denen, deren soziale Einsicht sie als der ihren überlegen erachten, keinen Kummer zu bereiten: der Snob ist in der Tat das Gegenteil vom neidischen Menschen. Damals trat er unter verschiedenen Namen auf: er nannte sich »ganz ergeben«, »in Liebe zugetan« oder »treu«; er führte ein glückliches Leben, weil schon das flüchtigste Lächeln eines Edelmannes genügte, ihm einen ganzen Tag mit Sonne anzufüllen; und da er in der Begleitung jener freundlichen Gattungsbezeichnungen auftrat, waren die ihn erquickenden Gnaden häufiger als jetzt. Die freundliche, snobistische Natur Don Ciccios also fürchtete, Don Fabrizio gelangweilt zu haben; sein Eifer suchte eilig nach Mitteln, die Schatten zu vertreiben, die sich, wie er glaubte, durch seine Schuld auf des Fürsten olympischer Stirn versammelt hatten: und das am unmittelbarsten geeignete Mittel war der Vorschlag, die Jagd wieder aufzunehmen; und so geschah es. Einige unglückliche Schnepfen und ein weiteres Kaninchen, alle in ihrem Mittagsschlaf überrascht, fielen unter den Schüssen der Jäger — Schüsse, die an jenem Tage besonders genau gezielt und mitleidslos waren, weil sowohl Salina wie Tumeo sich darin gefielen, diese unschuldigen Tiere mit Don Calògero Sedàra gleichzusetzen. Die Schießereien jedoch, die kleinen Fell- oder Federknäuel, die beim Schuß einen Augenblick in der Sonne aufglänzten, genügten an jenem Tage nicht, den Fürsten wieder gleichmütig zu stimmen; je mehr die Stunden verstrichen und die Heimkehr nach Donnafugata näherrückte, um so mehr bedrückten ihn die Sorge, der Ärger, die Demütigung wegen des Gespräches, das ihm mit dem plebejischen Bürgermeister bevorstand; und es hatte gar nichts geholfen, daß er zwei Schnepfen und ein Kaninchen in seinem Herzen »Don Calògero« genannt hatte. Obwohl er schon dazu entschlossen war, diese »höchst abscheuliche Kröte zu schlucken«, empfand er doch das Bedürfnis, umfänglichere Auskünfte über den Gegner einzuholen, oder, besser gesagt, die öffentliche Meinung hinsichtlich des Schrittes, den er zu tun gedachte, zu ergründen. So geschah es, daß Don Ciccio das zweitemal an jenem Tage von einer Frage überrascht wurde, die ihm sozusagen das Messer an die Kehle setzte.

»Don Ciccio, hört einmal zu: Ihr seht doch so viele Menschen im Ort — was denkt man in Donnafugata wirklich von Don Calògero?«

Tumeo schien es — die Wahrheit zu sagen — er habe seine Meinung über den Bürgermeister schon deutlich genug ausgedrückt, und er wollte soeben in diesem Sinne antworten, als in seinem Verstand die unbestimmten Gerüchte aufblitzten, von denen er überall hatte tuscheln hören: daß Don Tancredi Angelica mit recht freundlichen Augen anschaue. Daher überfiel ihn ein Unbehagen, daß er sich zu Bemerkungen über volkstribunenhafte Allüren hatte hinreißen lassen, die dem Fürsten — wenn das, was man annahm, stimmte — gewiß recht unangenehm in die Nase gestiegen waren; alles das, während er sich in einer anderen Ecke seines Verstandes darüber freute, wenigstens nichts Bestimmtes gegen Angelica gesagt zu haben; ja, der leichte Schmerz, den er noch in seinem rechten Zei gefinger empfand, wirkte dagegen wie Balsam.

»Alles in allem, Exzellenz, ist Don Calògero Sedàra nicht schlimmer als viele andere Leute, die in diesen letzten Monaten hochgekommen sind.« Die Huldigung war gemäßigt, aber doch deutlich genug, daß Don Fabrizio weiter in ihn dringen konnte: »Seht, Don Ciccio, mir liegt viel daran, die Wahrheit über Don Calògero und seine Familie zu erfahren.«

»Die Wahrheit, Exzellenz, ist folgende: Don Calògero ist sehr reich und hat auch sehr viel Einfluß; er ist geizig (als die Tochter im Internat war, haben er und seine Frau zu zweit ein Spiegelei gegessen); aber wenn es darauf ankommt, weiß er auch Geld auszugeben. Da nun jeder ausgegebene Tarì4 in der Tasche von irgend jemandem auf der Welt endet, so ist es nun so weit, daß viele Menschen von ihm abhängen. Und dann, das muß man sagen: wem er einmal Freund ist, dem ist er ein Freund; sein Land gibt er zu fünf ‘terraggi’ her, die Bauern müssen schier verrecken, um ihn zu bezahlen, aber vor vier Wochen hat er Pasquale Tripi fünfzig Unzen geliehen (der hatte ihm zur Zeit der Landung geholfen), und ohne Zinsen: das größte Wunder, das man erlebt hat, seit die heilige Rosalia die Pest in Palermo hat aufhören lassen. Im übrigen schlau wie der Teufel; Euer Exzellenz hätten ihn im letzten April und Mai sehen sollen — er zog wie eine Fledermaus hin und her im ganzen Gebiet: im Wägelchen, auf dem Maultier, zu Fuß, ob es regnete oder ob der Himmel hell war; und wo er durchgezogen war, bildeten sich geheime Zirkel, bereitete man denen, die kommen sollten, den Weg. Eine Strafe Gottes, Exzellenz, eine Strafe Gottes. Und noch sehen wir nur den Anfang von Don Calògeros Laufbahn: in ein paar Monaten ist er gewiß Abgeordneter im Parlament von Turin; in ein paar Jahren, wenn die Kirchengüter zum Verkauf kommen, steckt er gewiß um einige Soldi die Lehnsgüter von Marca und Fondachello ein, und dann ist er der größte Grundbesitzer in der Provinz. Das ist Don Calògero, Exzellenz, der neue Mann, wie er sein muß; daß es so sein muß, ist immerhin schade.«

Don Fabrizio erinnerte sich an das Gespräch vor einigen Monaten mit Pater Pirrone, in dem ganz in Sonne getauchten Observatorium. Was der Jesuit vorausgesagt hatte, erwies sich als wahr; aber war es denn nicht eine gute Taktik, sich in die neue Bewegung einzureihen, diese wenigstens zum Teil für einige Menschen des eigenen Standes zum Vorteil zu wenden? Der Verdruß über die ihm bevorstehende Unterredung mit Don Calògero wurde geringer.

»Aber die andern in seinem Hause, Don Ciccio, die andern — wie sind sie wirklich?«

»Exzellenz, Don Calògeros Frau hat seit Jahren kein Mensch gesehen — außer mir. Sie verläßt das Haus nur, um zur Messe zu gehen, zur ersten Messe morgens fünf Uhr, wenn kein Mensch da ist. Organistendienst gibt es zu der Stunde nicht: aber ich bin einmal ganz früh aufgestanden, nur um sie zu sehen. Donna Bastiana betrat die Kirche in Begleitung der Dienstmagd, und ich — behindert durch den Beichtstuhl, hinter dem ich mich versteckt hatte vermochte nicht viel zu sehen: aber am Ende der Messe wurde die Hitze stärker, als die arme Frau ertragen konnte, und sie schlug den schwarzen Schleier zurück. Auf Ehre, Exzellenz: sie ist schön wie die Sonne, und man kann Don Calògero nicht unrecht geben, wenn er, Mistkäfer, der er ist, sie von den anderen fernhalten will. Aber auch aus den bestbewachten Häusern sickert schließlich einiges heraus — die Dienstboten reden; und es scheint, Donna Bastiana ist so etwas wie ein Tier: sie kann nicht lesen, sie kann nicht schreiben, sie kennt nicht die Uhr, kaum daß sie sprechen kann: eine richtige schöne Stute, wollüstig und noch ganz roh; sie ist nicht einmal imstande, die Tochter zu lieben gut fürs Bett, das ist alles.« Don Ciccio, der als Königin-Mündel und Fürsten-Gefolgsmann sehr viel von seinen einfachen Manieren hielt und sie für vollkommen erachtete, lächelte wohlgefällig: er hatte entdeckt, wie er sich an dem Vernichter seiner Persönlichkeit ein wenig rächen könnte. »Im übrigen«, fuhr er fort, »kann es ja nicht anders sein. Wissen Exzellenz, wessen Tochter Donna Bastiana ist?« Er drehte sich um, er hob sich auf die Zehenspitzen, er wies mit dem Zeigefinger auf ein fernes Grüppchen dürftiger Häuser, die, wie mit Mühe nur mit einem jämmerlichen Glockenturm festgenagelt, von einer jäh abstürzenden Höhe hinabzugleiten schienen: ein Ort der Qual. »Sie ist die Tochter eines Halbpächters Eurer Exzellenz, des Peppe Giunta — so hieß er — von Runci, und er war so schmutzig und unzivilisiert, daß alle ihn ‘Peppe ‘Mmerda’ nannten, Stinkmist — entschuldigen Exzellenz das Wort.« Und befriedigt wickelte er um einen seiner Finger ein Ohr Teresinas. »Zwei Jahre, nachdem Don Calògero Bastiana entführt hatte, fand man den Alten tot auf dem Pfad, der nach Rampinzèri führt, mit zwölf Schüssen im Rücken. Immer hat er Glück, dieser Don Calògero: denn der Alte wurde unbequem und anmaßend.«

Viele dieser Dinge waren Don Fabrizio bekannt, sie waren schon mitgewogen worden; aber der Spitzname von Angelicas Großvater war ihm unbekannt geblieben: er öffnete eine tiefe geschichtliche Perspektive, er gewährte einen flüchtigen Blick in andere Abgründe, im Vergleich mit denen Don Calògero als ein Gartenbeet erschien. Der Fürst spürte wahrhaftig den Boden unter den Füßen schwinden; wie sollte Tancredi auch dies noch schlucken? Und er selbst? Sein Kopf begann zu rechnen, was für ein Verwandtschaftsband den Fürsten von Salina, den Onkel des Bräutigams, mit dem Großvater der Braut würde verbinden können: er fand es nicht, es gab keines. Angelica war Angelica, eine Blüte von einem jungen Mädchen, eine Rose; der Spitzname des Großvaters hatte nur dazu gedient, den Boden für sie zu düngen. Non olet, wiederholte er, non olet; vielmehr optime ioeminam ac contubernium olet.

»Von allem sprecht Ihr mir, Don Ciccio, von noch ganz rohen Müttern und Mist-Großvätern, aber nicht von dem, woran mir liegt: von der Signorina Angelica.«

Die geheimen Ehe-Absichten Tancredis wären, obwohl sie sich noch bis vor wenigen Stunden im Embryonalzustand befanden, sicher überall verbreitet worden, hätten sie nicht das Glück gehabt, getarnt zu sein. Zweifellos waren die häufigen Besuche des jungen Mannes im Hause Don Calògeros bemerkt worden und ebenso sein verzücktes Lächeln — und die tausend kleinen Aufmerksamkeiten, die, in der Stadt üblich und ohne Bedeutung, in den Augen der tugendhaften Einwohner von Donnafugata Symptome heftiger Begierden wurden. Der größte Anstoß war am Anfang erfolgt: die alten Männer, die in der Sonne brieten, die Schlingel, die im Staub ihre Duelle ausfochten, hatten alles gesehen, alles begriffen, alles den anderen wiederholt; und über die kupplerische und zur Liebe anreizende Bedeutung jenes Dutzend Pfirsiche waren höchst erfahrene böse Weiber und Spruch- und Zauberbücher befragt worden, an erster Stelle der Rutilio Benincasa, der Aristoteles der Bauernbevölkerung. Zum Glück war eine bei uns verhältnismäßig häufige Erscheinung aufgetreten: von der Begier nach böser Nachrede war die Wahrheit verdeckt worden; alle hatten sich den Popanz eines Lebemann Tancredi verfertigt, der seine freche Sinnlichkeit auf Angelica gerichtet hatte und alle Waffen gebrauchte, um das Mädchen zu verführen — weiter nichts. Nicht einmal der Gedanke an eine vorbedachte Heirat zwischen einem Fürsten von Falconeri und einer Enkelin von Peppe ‘Mmerda konnte jenen Landleuten in den Sinn kommen; auf solche Art erwiesen sie den Häusern des Feudaladels einen Respekt, der den gleichen Wert hatte wie der, den ein Mensch, der flucht, Gott erweist. Dann machte Tancredis Abreise solchen Phantasien ein Ende, und man redete nicht mehr davon. Tumeo hatte ganz das gleiche gedacht wie die anderen, und daher nahm er die Frage des Fürsten mit der ergötzten Miene auf, die ältere Männer aufsetzen, wenn sie von den Streichen der Jungen sprechen.

»Über die Signorina, Exzellenz, ist nichts zu sagen — sie spricht für sich: ihre Augen, ihre Haut, ihre prächtige Erscheinung sind offenkundig und für alle zu begreifen. Ich glaube, die Sprache, die sie sprechen, ist von Don Tancredi verstanden worden; oder denke ich darin zu kühn? In ihr steckt die ganze Schönheit der Mutter ohne den Ziegenbocksgeruch des Großvaters; und dann ist sie klug! Haben Exzellenz gesehen, wie die paar Jahre Florenz genügt haben, sie zu verwandeln? Eine wahre Dame ist sie geworden«, fuhr Don Ciccio fort, der für feine Unterschiede unempfindlich war, »eine vollendete Dame. Als sie aus dem Internat zurückkam, hat sie mich kommen lassen und mir meine alte Mazurka vorgespielt: sie spielte schlecht, aber sie zu sehen war eine Wonne, mit diesen schwarzen Flechten, diesen Augen, diesen Beinen, dieser Brust…Hoho! Alles andere als Bocksgeruch — ihre Bettlaken haben sicher den Duft des Paradieses!«

Der Fürst wurde verdrießlich: so eifersüchtig ist der Stolz auf den eigenen Stand auch in dem Augenblick, da er aus der Art schlagt, daß ihn diese orgiastischen Lobsprüche auf die kecken Reize der künftigen Nichte beleidigten; wie konnte Don Ciccio wagen, sich so lyrisch-lasziv auszudrücken über eine künftige Fürstin von Falconeri! Allerdings wußte ja der Arme nichts davon; man mußte ihm alles erzählen; im übrigen würde die Sache etwa nach drei Stunden bekannt werden. — Er entschloß sich rasch und wandte sich Tumeo mit einem — immerhin freundlichen Leopardenlächeln zu: »Beruhigt Euch, lieber Don Ciccio, beruhigt Euch; ich habe zu Hause einen Brief meines Neffen, der mich damit beauftragt, um die Hand der Signorina Angelica anzuhalten; von nun an werdet Ihr von ihr mit der gewohnten Ehrerbietung sprechen. Ihr seid der erste, der die Neuigkeit erfährt — aber für diesen Vorzug werdet Ihr bezahlen müssen: wenn wir in den Palast zurückgekehrt sind, werdet Ihr mit Teresina in die Gewehrkammer eingeschlossen; Ihr werdet Zeit haben, alle Flinten zu putzen und zu ölen, und werdet erst nach dem Besuche Don Calògeros in Freiheit gesetzt; ich will nicht, daß zuvor etwas durchsickert.«

Bei diesem unvorhergesehenen, überraschenden Angriff stürzten die hundert Behutsamkeiten, die hundert Snobismen Don Ciccios zusammen wie ein Satz Kegel von einem Volltreffer. Übrig blieb nur eine uralte Empfindung.

»Das, Exzellenz, ist eine Schweinerei! Ein Neffe von Euch dürfte nie die Tochter eines jener Menschen heiraten, die Eure Feinde sind: sie haben Euch immer den Boden unter den Füßen weggezogen. Versuchen, sie zu verführen, wie ich meinte — das wäre eine Eroberungstat; so ist es eine bedingungslose Übergabe. Es ist das Ende der Falconeri — und auch das der Salina.«

Nachdem er dies gesagt hatte, senkte er den Kopf und wünschte voller Angst, die Erde möge sich unter seinen Füßen auftun. Der Fürst war blaurot geworden bis an die Ohren, bis in die Augäpfel hinein, deren Äderchen sich mit Blut gefüllt hatten. Er ballte die Fäuste, diese schweren Hämmer, und machte einen Schritt auf Don Ciccio zu. Aber er war ein Mann der Wissenschaft, immerhin gewohnt, das Für und Wider bisweilen zu sehen; außerdem war er unter dem löwenhaften Aussehen ein Skeptiker. Er hatte heute schon vieles zu erdulden gehabt: das Ergebnis der Volksabstimmung, den Spitznamen von Angelicas Großvater, die Schüsse in den Rücken! Tumeo hatte recht — aus ihm sprach die reine Tradition. Und doch war er ein Dummkopf: mit dieser Ehe ging nichts zu Ende, sondern es fing alles erst an. Sie befand sich im Umkreis der besten Traditionen.

Die Fäuste öffneten sich wieder; die Eindrücke der Nägel blieben in den Handflächen stehen. »Gehen wir heim, Don Ciccio! Gewisse Dinge könnt Ihr nicht begreifen. Also — wie wir ausgemacht haben, nicht wahr?«

Und während sie nach der Straße zu abstiegen, wäre schwer zu sagen gewesen, wer von den beiden Don Quichotte und wer Sancho Pansa war.

Als dem Fürsten genau um halb fünf Uhr die höchst pünktliche Ankunft Don Calògeros gemeldet wurde, hatte er seine Toilette noch nicht beendet; er ließ den Herrn Bürgermeister bitten, einen Augenblick im Arbeitszimmer zu warten, und fuhr ruhig fort, sich schön zu machen. Er rieb sich das Haar mit dem Lemo-liscio, dem Lime-Juice von Atkinson ein, einer dichten, weißlichen Lotion, die er in Kästchen aus London bekam; sie mußte sich im Namen die gleiche ethnische Entstellung gefallen lassen wie die Lieder. Er verschmähte den schwarzen Gehrock und wählte statt seiner einen ganz zart fliederfarbenen, der ihm für die mutmaßlich festliche Gelegenheit geeigneter schien; er verweilte sich noch etwas, um mit einer Pinzette ein freches blondes Härchen auszureißen, dem es am Morgen beim eiligen Rasieren geglückt war, sich selbständig zu machen; er ließ Pater Pirrone rufen; bevor er das Zimmer verließ, nahm er von einem Tisch einen Auszug der Blätter für Himmelsforschung5 und machte sich mit dem zusammen gerollten dünnen Heftchen das Zeichen des Kreuzes — eine fromme Geste, die in Sizilien öfter, als man glaubt, eine nichtreligiöse Bedeutung hat.

Als er die beiden Räume durchschritt, die vor dem Arbeitszimmer lagen, gab er sich dem Wahne hin, er sei ein achtunggebietender Leopard mit glatter, parfümierter Haut, der sich anschickt, einen furchtsamen kleinen Schakal zu zerfleischen; aber durch eine der unwillkürlichen Ideenassoziationen, die die Geißel von Naturen wie der seinen sind, kam ihm eines jener historischen französischen Gemälde in den Sinn, auf denen österreichische Marschälle und Generäle, mit Orden und Federbüschen beladen, vor einem spöttischen Napoleon, sich ihm ergebend, vorbeimarschieren: sie sind zweifellos die Eleganteren, aber Sieger ist der kleine Mann im grauen Mantel. So also betrat ein von den unzeitigen Erinnerungen an Mantua und Ulm verletzter, gereizter Leopard das Arbeitszimmer.

Dort stand Don Calògero, sehr klein, dünn und unvollkommen rasiert; er hätte wirklich das Aussehen eines Schakals gehabt, wären nicht seine von Intelligenz funkelnden Äuglein gewesen; aber da dieser Geist ein materielles Ziel hatte, das dem abstrakten, dem der Fürst nachzustreben meinte, entgegengesetzt war, wurde ein solcher Blick als Bosheit gedeutet. Auch hatte der Bürgermeister, dem der Sinn dafür fehlte, daß die Kleidung den Umständen angepaßt werden könne — ein Sinn, der dem Fürsten angeboren war —, gemeint, er tue gut daran, sich nahezu in Trauer zu kleiden; er war beinahe so schwarz wie Pater Pirrone; aber während jener sich in eine Ecke setzte, wobei er die marmorn unbeteiligte Miene der Priester annahm, die nicht auf die Entschlüsse der anderen Einfluß nehmen wollen, drückte Don Calògeros Gesicht eine Empfindung gieriger Erwartung aus, die fast peinlich anzusehen war. Sogleich begannen die Scharmützel unbedeutender Worte, die den wahren Wortschlachten voranzugehen pflegen. Doch war es Don Calògero, der den großen Angriff unternahm.

»Haben Exzellenz«, fragte er, »gute Nachrichten von Don Tancredi?« In kleinen Orten hatte damals der Bürgermeister die Möglichkeit, die Post inoffiziell zu kontrollieren, und so hatte die ungewöhnliche Eleganz des Papiers vielleicht seine Aufmerksamkeit erregt. Als dem Fürsten das durch den Kopf ging, begann er gereizt zu werden.

»Nein, Don Calògero, o nein. Mein Neffe ist verrückt geworden …«

Aber es gibt einen Schutzgeist der Fürsten. Er heißt ‘Gute Manieren’. Und er tritt oft dazwischen, um die Leoparden vor schlimmen Schritten zu bewahren. Doch muß man ihm einen hohen Tribut zahlen. Wie Pallas dazwischentritt, um Odysseus’ heftige Ausbrüche zu zügeln, so erschienen die ‘Guten Manieren’ dem Don Fabrizio, um ihn am Rande des Abgrunds festzuhalten; aber der Fürst mußte die Rettung damit bezahlen, daß er ein einziges Mal in seinem Leben deutlich wurde. Mit vollkommener Natürlichkeit, ohne einen Augenblick innezuhalten, schloß er den Satz:

»…verrückt aus Liebe zu Eurer Tochter, Don Calògero. Und das hat er mir gestern geschrieben.«

Der Bürgermeister bewahrte einen überraschenden Gleichmut. Er lächelte kaum und begann sein Hutband zu untersuchen; Pater Pirrone hatte den Blick zur Decke gewandt, als wäre er ein Maurermeister, der beauftragt ist, ihre Festigkeit zu prüfen. Der Fürst war verstimmt: diese vereinte Schweigsamkeit nahm ihm selbst die armselige Genugtuung, seine Zuhörer verblüfft zu haben. Daher bemerkte er mit Erleichterung, daß Don Calògero zum Sprechen ansetzte.

»Ich wußte es, Exzellenz, ich wußte es. Man hat gesehen, daß sie sich küßten: Dienstag, den 25. September, am Abend vor der Abreise Don Tancredis. In Euerm Garten nahe dem Brunnen. Die Lorbeerhecken sind nicht immer so dicht, wie man glaubt. Ich habe vier Wochen auf einen Schritt Eures Neffen gewartet, und jetzt dachte ich schon daran, Euer Exzellenz zu fragen, welches seine Absichten waren.«

Zahlreiche stechende Wespen fielen über Don Fabrizio her, vor allem — wie es sich für jeden noch nicht altersschwachen Mann gehört — die der körperlichen Eifersucht: Tancredi hatte jenen Geschmack von Erdbeeren und Sahne gekostet, der ihm für immer unbekannt bleiben würde. Danach ein Gefühl sozialer Demütigung, daß er sich als Angeklagter fand, statt der Bote mit guten Nachrichten zu sein. Drittens ein persönlicher Ärger: der des Mannes, der sich eingebildet hat, er kontrolliere alle, und statt dessen gewahr wird, daß vieles sich entwickelt, ohne daß er davon weiß. »Don Calògero, wir wollen nicht die Karten vertauschen. Erinnert Euch, daß ich es gewesen bin, der Euch hat rufen lassen. Ich wollte Euch einen Brief mitteilen, der gestern gekommen ist, von meinem Neffen. Darin erklärt er seine Leidenschaft für Euer Fräulein Tochter, eine Leidenschaft, die ich …« (hier zögerte der Fürst ein klein wenig, denn das Lügen vor so bohrenden Augen wie denen des Bürgermeisters ist manchmal schwer) »…deren ganze Kraft ich bisher nicht kannte; und am Schluß des Briefes hat er mir einen Auftrag anvertraut: ich bitte Euch also um die Hand der Signorina Angelica.«

Don Calògero blieb weiter unbewegt; Pater Pirrone hatte sich vom bauverständigen Ädil in einen weisen Muselmann verwandelt: er hatte vier Finger der rechten und vier der linken Hand ineinandergeschlungen und rollte die bei den Daumen, wobei er ihre Richtung mit einem großen Aufwand an choreographischer Phantasie ständig umkehrte und änderte. Das Schweigen dauerte lange, der Fürst wurde ungeduldig: »Jetzt bin ich es, Don Calògero, der wartet, daß Ihr darlegt, wie Ihr darüber denkt.«

Der Bürgermeister hielt den Blick noch immer auf die orangenfarbene Franse am Sessel des Fürsten gerichtet; jetzt bedeckte er die Augen einen Moment mit der Rechten, dann hob er sie wieder: sie erschienen voll Unschuld, ganz verblüfft und überrascht, gerade als hätte er sie mit dieser Gebärde ausgewechselt.

»Entschuldigt mich, Fürst.« (An der blitzartigen Auslassung des ‘Exzellenz’ merkte Don Fabrizio, daß alles glücklich überstanden war.) »Aber die schöne Überraschung hatte mir die Sprache verschlagen. Ich bin jedoch ein moderner Vater, ich werde Euch eine endgültige Antwort erst geben können, nachdem ich diesen Engel gefragt habe, den Trost unseres Hauses. Die heiligen Rechte eines Vaters aber weiß ich schon auszuüben: ich kenne alles, was in Angelicas Herz und Sinn vor sich geht; und ich glaube sagen zu können, daß die Neigung Don Tancredis, die uns alle hoch ehrt, aufrichtig erwidert wird.«

Don Fabrizio wurde von einer ehrlichen Rührung überwältigt: die ‘Kröte war geschluckt’; der Kopf und die zerbissenen Gedärme rutschten die Kehle hinunter; es blieben noch die Beine zu kauen, aber das war dem übrigen gegenüber wenig: das meiste war getan. Nachdem er dieses Gefühl der Befreiung durchgekostet hatte, machte sich nun die Liebe zu Tancredi Bahn; er stellte sich die schmalen blauen Augen vor, wie sie funkelten, wenn er die freudige Antwort las; er dachte, vielmehr er erinnerte sich an die ersten Monate einer Liebesheirat, während derer die Rasereien, die Seiltänze der Sinne mit Schmelz überzogen und gehalten werden von allen Engelshierarchien — die wohl gesonnen, wenn auch überrascht zusehen. Noch weiter jenseits erblickte er flüchtig das gesicherte Leben, die Entwicklungsmöglichkeiten von Tancredis Talenten, denen ohne dies alles der Mangel an Geld die Flügel gestutzt hätte.

Der Edelmann erhob sich, tat einen Schritt auf den verdutzten Don Calògero zu, hob ihn vom Sessel, drückte ihn an die Brust: des Bürgermeisters kurze Beine blieben in der Luft. In diesem Zimmer weit hinten in der sizilianischen Provinz kam sozusagen ein japanischer Druck zur Darstellung: man sah auf ihm eine riesige violette Schwertlilie, von deren einem Blumenblatt eine große, behaarte Fliege herabhing. Als Don Calògero den Boden wieder berührte, dachte Don Fabrizio:

‘Ich muß ihm wirklich ein paar englische Rasiermesser schenken — so kann es nicht weitergehen.’

Pater Pirrone hörte ruckartig auf, seine Daumen umeinanderzuwirbeln; er erhob sich und drückte dem Fürsten die Hand: »Exzellenz, ich rufe den Schutz Gottes herab auf diese Heirat; Euer Exzellenz Freude ist die meine geworden.« Don Calògero streckte er die Fingerspitzen hin, ohne ein Wort zu sagen. Dann schlug er mit einem Knöchel an ein Barometer, das an der Wand hing: es fiel; schlechtes Wetter in Aussicht. Er setzte sich wieder und öffnete das Brevier.

»Don Calògero«, sagte der Fürst, »die Liebe der beiden jungen Leute ist die Grundlage von allem, der einzige Grund, auf dem ihr künftiges Glück erstehen kann. Genug davon — das wissen wir. Aber wir als ältere Männer, als lebenserfahrene Männer, sind gezwungen, uns um andere Dinge zu kümmern. Es ist überflüssig, Euch zu sagen, wie hochberühmt die Familie Falconeri ist: sie kam nach Sizilien mit Karl von Anjou, sie fand die Möglichkeit, weiterzublühen unter dem Hause Aragon, unter den Spaniern, den bourbonischen Königen (wenn es mir erlaubt ist, sie vor Euch zu nennen), und ich bin sicher, sie wird auch ihren glücklichen Fortgang nehmen unter der neuen Dynastie vom Kontinent (die Gott schützen möge).« (Man konnte nie genau wissen, wann der Fürst spottete oder wann er sich nur versprach.) »Sie waren Pairs des Reiches, spanische Granden, Ritter von Santiago, und sollte es ihnen plötzlich einfallen, auch Malteserritter sein zu wollen, so brauchen sie nur einen Finger zu heben — und Via Condotti liefert ihnen ohne mit der Wimper zu zucken die Diplome, als wären sie Fastenkuchen — wenigstens bis heute.« (Diese boshafte Insinuation war völlig vergeudet, denn Don Calògero hatte nicht die leiseste Ahnung von der Satzung des Jerusalemitaner Ordens vom Heiligen Johannes.) »Ich bin sicher, Eure Tochter in ihrer seltenen Schönheit wird den alten Stamm der Falconeri noch mehr zieren; sie wird mit ihrer Tugend derjenigen der frommen Fürstinnen nacheifern, deren letzte, meine verstorbene Schwester, das junge Paar gewiß vom Himmel herab segnen wird.« Und Don Fabrizio wurde von neuem gerührt, da er an seine liebe Giulia dachte, deren mißachtetes Leben angesichts der wahnwitzigen Narrheiten von Tancredis Vater ein ständiges Opfer gewesen war. »Was den jungen Mann betrifft, so kennt Ihr ihn; und wenn Ihr ihn nicht kenntet, bin ja ich da, der Euch für ihn in allem und für alles bürgen kann. Schiffstonnen an Güte sind in ihm, und ich bin nicht der einzige, der das sagt, nicht wahr, Pater Pirrone?«

Der ausgezeichnete Jesuit, der so aus seiner Lektüre gerissen wurde, fand sich plötzlich vor eine recht peinliche Wahl gestellt. Er war Tancredis Beichtvater gewesen, und er kannte mehr als eine seiner kleinen Sünden: keine war natürlich wirklich schwer, aber sie genügten immerhin, um etliche Doppelzentner von jener Masse an Güte abzuziehen, von der gesprochen wurde — alle übrigens so geartet, daß man sich verbürgen konnte (genau so mußte es heißen) für eine eiserne eheliche Untreue. Dies durfte man natürlich nicht sagen, einmal aus Gründen des Sakraments, und dann, weil es sich im weltlichen Leben nicht schickte. Andererseits mochte er Tancredi gut leiden, und wenn er auch diese Ehe von Herzensgrund mißbilligte, so hätte er doch nie etwas geäußert, was den glatten Verlauf auch nur hätte trüben, geschweige denn ihn hätte behindern können. Er fand Zuflucht in der Vorsicht, der dehnbarsten unter den Kardinaltugenden, zugleich die, die am leichtesten zu handhaben ist. »Der Grad von Güte bei unserm lieben Tancredi ist groß, Don Calògero, und er wird, gehalten von der göttlichen Gnade und von der irdischen Tugend der Signorina Angelica, eines Tages ein guter christlicher Ehemann werden können.« Die Prophezeiung, gewagt, aber klug durch Bedingungen eingeschränkt, ging glatt durch.

»Aber, Don Calògero«, fuhr der Fürst fort, die letzten Krötenknorpel kauend, »wenn es überflüssig ist, Euch da von zu sprechen, wie uralt das Haus Falconeri ist, so ist es unglücklicherweise auch überflüssig — denn Ihr werdet es schon wissen —, Euch zu sagen, daß die gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnisse meines Neffen der Größe seines Namens nicht entsprechen. Der Vater Don Tancredis, mein Schwager Ferdinando, war nicht das, was man einen fürsorglichen Vater nennt; seine Aufwendungen als großer Herr, die von dem Leichtsinn seiner Verwalter noch unterstützt wurden, haben das Erbteil meines lieben Neffen und gewesenen Mündels schwer erschüttert: die großen Lehnsgüter in Mazzara, die riesigen Pistazienflächen von Ravanusa, die Maulbeerbaumpflanzungen in Oliveri, der Palast in Palermo — alles ist fort; Ihr wißt es, Don Calögero.« Don Calògero wußte es in der Tat: es war die größte Schwalbenwanderung gewesen, deren man sich entsinnen konnte, und die Erinnerung daran flößte dem ganzen sizilianischen Adel noch immer Schrecken, aber keine Vorsicht ein, während sie gerade für alle Sedàra eine Quelle der Schadenfreude war. »Während der Zeit meiner Vormundschaft ist es mir gelungen, als einziges die Villa zu retten, die neben der meinen — durch viele juristische Kniffe und auch dank manchen Opfers, das ich übrigens freudig gebracht habe sowohl im Gedanken an meine fromme Schwester Giulia als auch, weil ich dem lieben Jungen herzlich zugetan bin. Es ist eine schöne Villa: die Treppe ist von Marvuglia entworfen, die Säle sind von Serenario ausgeschmückt; aber im Augenblick kann der Raum, der noch im besten Zustand ist, nur eben als Ziegenstall dienen.«

Die letzten Krötenknöchelchen waren unschmackhafter gewesen als erwartet; aber schließlich waren auch sie hin unter. Jetzt mußte man sich mit irgendeinem freundlichen — im übrigen aufrichtigen — Satz den Mund spülen. »Aber, Don Calògero, das Ergebnis all diesen Unheils, all dieser herzbrechenden Dinge war Tancredi. Wir andern wissen es ja: es ist wohl unmöglich, daß ein so ausgesucht feiner, so anmutiger, so bezaubernder Mensch wie er geboren wird, ohne daß seine Vorfahren ein halbes Dutzend großer Erbgüter vergeudet haben. Wenigstens in Sizilien ist es so; es ist eine Art Naturgesetz — wie die es sind, die Erdbeben und Dürre bestimmen.«

Er schwieg, weil ein Diener eintrat und auf einem Tablett zwei brennende Kerzen brachte. Während sie an ihre Stelle gesetzt wurden, herrschte im Arbeitszimmer — und dem Fürsten war es recht — ein nachdenklich-betrübtes Schweigen. Danach fuhr er fort: »Tancredi, Don Calògero, ist nicht ein beliebiger junger Mann, er ist nicht nur vornehm und elegant; er hat zwar wenig gelernt, aber erkennt alles, was man kennen muß: die Männer, die Frauen, Bewandtnisse und Farbe der Zeit. Er ist ehrgeizig, und er tut recht daran — er wird in die weite Welt ziehen: und Eure Angelica, Don Calògero, wird beglückt sein, wenn sie den Weg, der hinaufführt, mit ihm geht. Und dann — wenn man mit Tancredi zusammen ist, kann man sich wohl manchmal über ihn ärgern, aber langweilen kann man sich nie mit ihm; und das ist viel.«

Es wäre übertrieben, zu behaupten, daß der Bürgermeister die feinen weltmännischen Abstufungen zu schätzen wußte, die dieser Teil der Rede des Fürsten enthielt; sie bestärkte ihn nur im Ganzen in seiner summarischen Überzeugung von der Schlauheit und dem Opportunismus Tancredis; und einen schlauen, die Zeit nutzenden Mann brauchte er im Hause, weiter nichts. Er glaubte sich, er fühlte sich einem jeden gleich; es tat ihm sogar leid, daß er an der Tochter eine gewisse herzliche Empfindung für den schönen jungen Mann bemerkte.

»Diese Dinge, Fürst, waren mir bekannt, und andere auch. Aber sie sind mir nicht wichtig.« Wieder hüllte er sich in Gefühlsseligkeit. »Die Liebe, Exzellenz, die Liebe ist alles; ich muß es wissen.« Und vielleicht war er aufrichtig, der Arme, wenn man seine wahrscheinliche Definition der Liebe gelten ließ. »Aber ich bin ein Mann von Welt, und so will ich meine Karten ebenfalls auf den Tisch legen. Es wäre überflüssig, wenn ich von der Mitgift meiner Tochter spräche: sie ist das Blut meines Herzens, die Leber unter meinen Eingeweiden — ich habe keinen Menschen sonst, dem ich hinterlassen könnte, was ich besitze, und was mir gehört, das gehört mir. Aber es ist recht und billig, daß die jungen Leute wissen, womit sie sofort rechnen könne. Im Ehevertrag werde ich meiner Tochter bestimmen: das Lehnsgut Setesoli, 644 ‘salme’, das heißt 1010 Hektar, wie man es heute nennt, alles Getreideland, Ländereien erster Güte, im Wind gelegen und frisch; 180 ‘slame’ Wein- und Ölbaumland in Gibildocle; und am Tage der Eheschließung werde ich dem Ehemann zwanzig Leinensäckchen übergeben, jedes mit zehntausend Unzen. Mir bleibt nichts als ein Rohr in den Händen«, fügte er hinzu — überzeugt und willens, daß man ihm nicht glaube —, »aber eine Tochter ist eine Tochter. Damit können die jungen Leute alle Treppen von Marruggia und alle Decken von Sorcionario, die es auf der Welt gibt, erneuern. Angelica muß anständig wohnen.«

Die unwissende Vulgarität spritzte ihm aus allen Poren; trotzedem waren seine beiden Zuhörer geblendet. Don Fabrizio hatte all seine Selbstbeherrschung nötig, um zu verbergen, wie überrascht er war: Tracredis Coup war sehr viel größer gewesen als man hatte annehmen könne. Wieder wollte ihn ein Gefühl von Ekel anfallen; aber der Schönheit Angelicas, der Anmut des jungen Bräutigams gelang es noch einmal, die Roheit des Vertrages mit Poesie zu umhüllen. Pater Pirronen allerdings schnalzte mit der Zunge; dann, beschämt, sein Staunen offen gezeigt zu haben, suchte er den unbedachten Ton zu übertönen dadurch, daß er Stuhl und Schuhe knarren ließ und geräuschvoll im Brevier blätterte; es nutzte gar nichts: der Eindruck blieb bestehen.

Zum Glück zog eine unvorsichtige Äußerung Don Calògeros, die einzige im Gespräch, alle aus der Verlegenheit. »Fürst«, sagte er, »ich weiß, das, was ich sagen will, wird keinen Eindruck machen auf Euch, die Ihr abstammt von der Liebe zwischen dem Kaiser Titus und der Königin Berenice — aber auch die Sedàra sind von Adel: bis zu mir sind sie ein vom Mißgeschick verfolgtes Geschlecht gewesen, in der Provinz vergraben und ohne Glanz; aber ich habe die Papiere in meinem Kasten schon beisammen, und eines Tages wird man erfahren, daß Euer Neffe die Baroneß Sedàra del Biscotto geheiratet hat: ein Titel, den Seine Majestät Ferdinand IV. auf bestimmte Gebiete am Hafen von Mazzara verliehen hat. Ich muß mich darum bemühen, es fehlt mir nur noch ein Bindeglied.«

Das von den fehlenden Bindegliedern, von bestimmten verliehenen Gebieten, von den — fast — Gleichnamigkeiten war vor hundert Jahren ein wichtiger Bestandteil im Leben vieler Sizilianer und verschaffte Tausenden von mehr oder weniger tüchtigen Menschen abwechselnd Entzücken und Niedergeschlagenheit; aber das ist ein zu wichtiger Gegenstand, als daß er flüchtig behandelt werden dürfte. Hier wollen wir uns damit begnügen, zu sagen, daß der heraldische Ausbruch Don Calògeros dem Fürsten eine unvergleichliche künstlerische Genugtuung bereitete: er sah, wie sich ein Typ in allen seinen Einzelheiten verwirklichte, und er mußte das Lachen, das ihm warm den Mund füllte, so sehr unterdrücken, daß ihm fast übel wurde.

In der Folge löste sich das Gespräch in viele unnütze kleine Bäche auf; Don Fabrizio erinnerte sich daran, daß Tumeo im Dunkeln in der Gewehrkammer eingeschlossen war, beklagte zum xten Mal die lange Dauer ländlicher Besuche und verschloß sich am Ende in ein feindseliges Schweigen. Don Calògero begriff, versprach, am nächsten Morgen wiederzukommen, um die nicht zu bezweifelnde Zustimmung Angelicas zu überbringen, und nahm Abschied. Er wurde durch zwei Säle hinausbegleitet, wurde wieder umarmt und schickte sich an, die Treppen hinunterzugehen, während der Fürst, ein hochragender Turm, von oben zusah, wie er immer kleiner wurde — dieses Häufchen von Schlauheit, schlechtsitzenden Kleidern, Gold und Ignoranz, das jetzt sozusagen einen Teil der Familie bilden sollte.

Eine Kerze in der Hand, ging er dann hin, Tumeo zu befreien, der ganz ergeben im Dunkeln saß und seine Pfeife rauchte. »Es tut mir leid, Don Ciccio, aber Ihr werdet verstehen, daß ich es tun mußte.« — »Ich verstehe, Exzellenz, ich verstehe. Ist wenigstens alles gut gegangen?« — »Sehr gut, es konnte nicht besser gehen.« Tumeo murmelte Glückwünsche, befestigte die Leine wieder am Halsband Teresinas, die schlief, erschöpft von der Jagd, und hob die Jagdtasche auf. »Nehmt auch meine Schnepfen, es sind ja doch zu wenige für uns. Auf Wiedersehen, Don Ciccio, laßt Euch bald sehen. Und nichts für ungut.« Ein mächtiger Schlag auf die Schulter diente als Zeichen der Versöhnung und als neue Bekräftigung der Macht; und der letzte Getreue des Hauses Salina ging in seine ärmliche Behausung zurück.

Als der Fürst wieder in sein Arbeitszimmer trat, stellte es sich heraus, daß Pater Pirrone, um Erörterungen zu vermeiden, entwischt war. Er wandte sich nach dem Zimmer seiner Gemahlin, ihr die Geschehnisse zu berichten. Das Geräusch seiner kräftigen, raschen Schritte kündete ihn schon aus zehn Metern Entfernung an. Er durchschritt den Wohnraum der jungen Mädchen: Carolina und Caterina wickelten ein Knäuel Wolle auf und erhoben sich lächelnd, als er vorüberging; Mademoiselle Dombreuil nahm eilig die Brille ab und erwiderte förmlich seinen Gruß; Concetta saß mit dem Rücken zur Tür; sie stickte an ihrem Rahmen; und da sie den Vater nicht hatte hindurchgehen hören, wandte sie sich ihm nicht einmal zu.

Kapitel 4

4

Don Fabrizio und Don Calògero — Erster Besuch von Angelica, der Braut — Ankunft Tancredis und Cavriaghis — Angelica ersclieint — Der Liebes-Wirbelsturm — Ermattung nach dem Sturm — Ein Piemonteser taucht in Donnafugata auf — Ein kleiner Spaziergang im Dorf Chevalley und Don Fabrizio — Abreise in der ersten Morgenfrühe

November 1860

Aus den häufigeren Begegnungen wegen des Ehevertrags bildete sich in Don Fabrizio allmählich eine sonderbare Bewunderung für die Verdienste Sedàras. Der längere Umgang gewöhnte ihn an die schlechtrasierten Backen, an die plebejische Art der Aussprache, an die wunderliche Weise, sich zu kleiden, und an den ständigen Geruch nach altem Schweiß, und er begann die ungewöhnliche Intelligenz des Mannes zu bemerken. Viele Probleme, die dem Fürsten unlösbar schienen, wurden von Don Calògero im Handumdrehen gemeistert; da dieser frei war von den hundert Fesseln von Ehrenhaftigkeit, Anstand und auch guter Erziehung, Fesseln, die den Taten vieler anderer Menschen angelegt sind, schritt er im Walde des Lebens vorwärts mit der Sicherheit eines Elefanten, der, Bäume entwurzelnd und Hütten niederwuchtend, geradeaus weiterstampft und die Dornenkratzer und die Schmerzensschreie derer, die er mit Füßen tritt, nicht einmal gewahr wird. Der ganz anders erzogene Fürst hatte in lieblichen kleinen Tälern gelebt, die durchweht waren von den artigen Zephyrlüften der »würdest du wohl«, »ich wäre dir dankbar«, »du tätest mir einen Gefallen«, »das war sehr liebenswürdig von dir«; jetzt hingegen, wenn er mit Don Calògero plauderte, fand er sich ungeschützt im freien Gelände, über das dörrende Winde hinwegfegten; und wenn er auch in seinem Herzen den Bergen mit ihren schützenden Schluchten weiter den Vorzug gab, so konnte er doch nicht umhin, das Ungestüm dieses Luftstroms zu bewundern, der den Steineichen und Zedern Donnafugatas noch nie gehörte Harfenakkorde entlockte.

Ganz allmählich, fast ohne es zu merken, sprach Don Fabrizio zu Don Calògero von seinen eigenen Geschäften, die zahlreich und verwickelt waren und die er selbst schlecht kannte — letzteres nicht so sehr aus Mangel an Scharfblick, als dank einer gewissen verächtlichen Gleichgültigkeit solcherart Dingen gegenüber, die er für recht untergeordnet hielt: eine Gleichgültigkeit, die ihre tiefste Wurzel darin hatte, daß er lässig und erprobterweise immer wieder leicht aus bösen Lagen herausgekommen war durch den Verkauf einiger hundert Hektar von den Tausenden, die er besaß. Die Handlungen, zu denen Don Calògero riet, nachdem er vom Fürsten den Bericht gehört und von sich aus Ordnung in ihn gebracht hatte, entsprachen der jeweiligen Lage im höchsten Grade und wirkten unmittelbar; aber das Endergebnis der Ratschläge, die auf eine grausame Wirksamkeit hin ersonnen waren und von dem gutmütigen Don Fabrizio mit ängstlicher Weichheit angewandt wurden, war dieses, daß sich im Lauf der Jahre das Haus Salina den Ruf unleidlichen Geizes erwarb denen gegenüber, die von ihm abhingen — ein in Wirklichkeit höchst unverdienter Ruf, der aber das Ansehen des Fürsten in Donnafugata und in Querceta zerstörte; übrigens wurde der Bergrutsch des Besitztums dadurch in keiner Weise abgedämmt.

Es wäre unbillig, zu verschweigen, daß die wiederholten Besuche beim Fürsten eine gewisse Wirkung auch auf Sedàra ausgeübt hatten. Bis dahin war er Aristokraten nur bei geschäftlichen Zusammenkünften begegnet (das heißt bei Käufen und Verkäufen) oder zufolge äußerst seltener, sehr lange erwogener Einladungen zu Festen — beides Gelegenheiten, bei denen dieser höchst eigentümliche soziale Stand sich nicht von seiner besten Seite zeigt. Bei solchen Begegnungen hatte sich in ihm die Überzeugung gebildet, die Aristokratie bestehe einzig und allein aus Schafen, die nur dazu da seien, ihre Wolle seiner, Sedàras, Schurschere zu überlassen und ihren — von einem unerklärlichen Zauber erhellten — Namen seiner Tochter. Aber schon bei diesem Tancredi der nach-garibaldinischen Zeit, den er kannte, hatte er sich einem unerwarteten Exemplar jenes Standes gegenüber gefunden: ein junger Edelmann, der trocken war wie er, fähig, sein Lächeln und seine Titel sehr vorteilhaft gegen Gefälligkeiten und Vermögen anderer einzutauschen, wobei er jedoch seine ‘Sedàra-haften’ Handlungen mit einer Anmut und einem Zauber umkleidete, den er — Sedàra selbst —, wie er fühlte, nicht besaß, dem er unterlag, ohne daß er sich darüber klarwerden konnte und ohne daß er auch nur irgendwie zu erkennen vermochte, woher er rührte.

Als er dann Don Fabrizio besser kennenlernte, fand er wohl die Weichheit wieder und die Unfähigkeit, sich zu verteidigen, als die besonderen Kennzeichen des Adels Schafes, wie es in seiner Einbildung lebte; aber außerdem fand er eine Anziehungskraft, die anders im Ton, doch an Intensität der des jungen Falconeri ähnlich war, und darüber hinaus noch eine bestimmte, zum rein Geistigen hinstrebende Tatkraft, eine Neigung, die Lebensform in dem zu suchen, was von ihm selbst ausging, und nicht in dem, was er den anderen entreißen konnte. Von dieser rein aufs Geistige gerichteten Tatkraft blieb er stark beeindruckt, wenn sie sich ihm auch nur in groben Umrissen und nicht, wie hier versucht, klar in Worte gefaßt darbot. Er merkte, daß ein gut Teil dieses Zaubers von den guten Manieren herkam, und machte sich klar, wie angenehm ein guterzogener Mensch wirkt — denn er tut im Grunde nichts weiter, als die immer unangenehmen Kundgebungen eines großen Teils der menschlichen Bedingtheit fortzulassen und eine Art vorteilhaften Altruismus auszuüben (eine Formel, in der die Wirksamkeit des Eigenschaftswortes ihm die Nutzlosigkeit des Hauptwortes erträglich machte). Langsam begriff Don Calògero bestimmte Dinge: daß nämlich eine gemeinsame Mahlzeit nicht notwendig ein Orkan von Kaugeräuschen und Fettflecken sein müsse; daß ein Gespräch sehr wohl so geführt werden könne, daß es nicht einem Streit unter Hunden ähnlich sei; weiter, wenn man einer Frau den Vortritt lasse, so sei dies ein Zeichen von Kraft und nicht, wie er gemeint hatte, von Schwäche; auch könne man von einem Gesprächspartner mehr erhalten, wenn man zu ihm sage: ‘ich habe mich nicht klar genug ausgedrückt; statt: ‘du hast ja überhaupt nichts kapiert¡; und wenn man solche Vorsicht walten lasse, so gereichten Speise, Reden, Frauen, Gesprächspartner völlig dem zum Nutzen, der sie gut behandelt habe.

Es wäre vermessen, zu behaupten, Don Calògero habe aus allem, was er gelernt hatte, sogleich Nutzen gezogen; er verstand sich von da an ein wenig besser zu rasieren und sich weniger zu entsetzen über die Menge der Seife, die man zur Wäsche gebraucht hatte — das war alles. Aber von da an begann für ihn und die Seinen jenes ständige Sichverfeinern eines Standes, das im Laufe von drei Generationen einfache, grobe Bauern in Edelleute verwandelt, die sich nicht mehr zu verteidigen wissen.

__________

Der erste Besuch Angelicas als Braut in der Familie Salina hatte sich abgewickelt, als folge er den Regeln einer untadeligen Regie. Das Betragen des jungen Mädchens war dermaßen vollkommen gewesen, daß es schien, Tancredi habe ihr alles Wort für Wort so geraten; aber die langsamen Verbindungswege der Zeit machten so etwas unmöglich, und man war gezwungen, zu einer Annahme Zuflucht zu nehmen: vielleicht waren die Ratschläge der öffentlichen Verlobung selber vorausgegangen — eine gewagte Annahme auch für den, der die Voraussicht des jungen Fürsten recht gut kannte; aber gänzlich falsch war sie nicht. Angelica langte um sechs Uhr abends an, in Weiß und Rosa : die weichen schwarzen Flechten beschattet von einem großen, noch sommerlichen Strohhut, auf dem künstliche Weintrauben und goldene Ähren diskret die Weinberge von Gibildolce und die Kornböden von Settesoli heraufbeschworen. Im Eingangssaal ließ sie den Vater einfach stehen; sie stieg in ihrem wehenden weiten Rock leichtfüßig die nicht wenigen Stufen der inneren Treppe hin auf und warf sich Don Fabrizio in die Arme; sie gab ihm auf den Backenbart zwei schöne, herzliche Küsse, die mit natürlicher Zuneigung erwidert wurden; der Fürst verweilte vielleicht einen Augenblick länger als notwendig dabei, den Gardenienduft der jugendlichen Wangen einzuatmen. Darauf errötete Angelica und trat einen halben Schritt zurück: »Ich bin so, so glücklich …« Sie näherte sich ihm wieder, hob sich auf die Spitzen ihrer Schuhchen und hauchte ihm ins Ohr: »Großer Onkel!« — ein höchst glücklicher gag, an Wirksamkeit der Regie geradezu dem Kinderwägelchen von Eisenstein vergleichbar; jedenfalls bezwang er, deutlich und heimlich wie er war, das einfache Herz des Fürsten und setzte es in Entzücken, so daß er dem schönen jungen Mädchen endgültig zugetan blieb. Don Calògero stieg indes die Treppe hinauf und sagte, wie leid es seiner Frau tue, daß sie nicht dabeisein könne, aber sie sei gestern abend im Hause gestolpert und habe sich den linken Fuß recht schmerzhaft verzerrt. »Die Höhlung ihres Fußes, Exzellenz, ist wie eine Aubergine.« Don Fabrizio war von der Zärtlichkeit des Ausdrucks erheitert; anderseits hatten ihn Tumeos rächende Worte darüber beruhigt, daß eine höfliche Redensart für ihn nicht gefährlich werden könne; und so machte er sich das Vergnügen, zu sagen, er wolle sogleich selber zur Signora Sedàra gehen. Der Vorschlag erschreckte Don Calògero; um ihn zurückzuweisen, war er genötigt, seiner Frau ein zweites Leiden aufzubürden, diesmal ein Kopfweh, das die Ärmste dazu zwang, im Finstern zu sitzen.

Inzwischen reichte der Fürst Angelica den Arm. Man durchschritt etliche Säle nahezu im Dunkeln, sie waren von Öllämpchen so schwach erhellt, daß man nur eben den Weg finden konnte; hinten aber, am Ende der Säle, schimmerte der Leopold-Saal, worin sich die übrige Familie befand, und dieses Vorwärtsschreiten durch das einsame Dunkel hin zu dem hellen Mittelpunkt vertrauten Lebens hatte die abgemessene Bewegung einer Freimaurer-Einweihung.

Die Familie drängte sich in der Tür zusammen: die Fürstin hatte ihre Vorbehalte zurückgezogen angesichts des eheherrlichen Zornes, der diese, es genügt nicht zu sagen: zurückgewiesen, sondern geradezu ins Nichts geschleudert hatte; sie küßte die schöne künftige Nichte zu wiederholten Malen und preßte sie so eng an sich, daß die Konturen des berühmten Salinaschen Rubinenkolliers, das Maria Stella, obwohl es Tag war, zum Zeichen des großen Festes durchaus hatte tragen wollen, dem jungen Mädchen auf der Haut eingedrückt blieben. Francesco Paolo, der Sechzehnjährige, freute sich über die außergewöhnlich günstige Gelegenheit, daß auch er, unter dem ohnmächtig eifersüchtigen Blick des Vaters, Angelica küssen konnte. Concetta war auf eine besondere Art herzlich: ihre Freude schien so heftig, daß ihr Tränen in die Augen stiegen. Die anderen Schwestern umringten Angelica mit lauter Fröhlichkeit, eben weil sie nicht gerührt waren. Und Pater Pirrone, in aller Heiligkeit nicht unempfindlich gegenüber weiblichem Zauber, in dem er wohlgefällig einen unleugbaren Beweis für die Güte Gottes erkannte, fühlte all seine Widerstände vor der milden Wärme der Anmut dahinschmelzen; und er murmelte ihr zu: »Veni, sponsa de Libano.« (Danach mußte er ein wenig dagegen ankämpfen, daß ihm nicht andere, glutvollere Verschen wieder ins Gedächtnis kamen.) Mademoiselle Dombreuil weinte vor Rührung, wie es sich für Gouvernanten gehört, umklammerte mit ihren enttäuschten Händen die blühenden Schultern des jungen Mädchens und sagte dabei: »Angelicà, Angelicà, pensons à la joie de Tancrède.« Nur Bendicò, der sich im Gegensatz zur gewohnten Umgänglichkeit unter eine Konsole verkrochen hatte, knurrte tief in der Kehle, bis er von dem empörten Francesco Paolo, dem noch die Lippen zitterten, nachdrücklich zurechtgewiesen wurde.

Auf vierundzwanzig von den achtundvierzig Armen des Kronleuchters waren brennende Kerzen gesteckt worden, und eine jede Wachskerze, weiß und glühend zugleich, schien eine Jungfrau, die sich in Liebe verzehrt; die zweifarbigen Murano-Blüten auf ihrem gebogenen Glasstengel blickten nach unten, bewunderten sie, die Eintretende, und wandten ihr ein Lächeln zu, schillernd und zerbrechlich. Der große Kamin brannte mehr zum Zeichen des Jubels, als um den noch nicht kühlen Raum zu erwärmen, und der Widerschein der Flammen zuckte auf dem Boden und entlockte den mattgewordenen Vergoldungen der Möbel unregelmäßig aufglänzende Lichter; er stellte wahrhaftig den häuslichen Herd vor, das Symbol des Hauses, und seine brennenden Scheite deuteten hin auf funkensprühende Begierden, die Glut auf bezähmte Leidenschaft.

Die Fürstin, die in hervorragendem Maße die Fähigkeit besaß, Gemütsbewegungen auf den allerkleinsten Nenner zu bringen, erzählte treffliche Episoden aus Tancredis Kindheit; und sie blieb so hartnäckig bei diesen Geschichten, daß man wirklich hätte meinen können, Angelica müsse sich wahrhaft glücklich preisen: der Mann, den sie heiraten sollte, war mit sechs Jahren so vernünftig gewesen, sich den unerläßlichen Klistierchen zu unterziehen, ohne sich zu sträuben, und mit zwölf Jahren so keck, daß er gewagt hatte, eine Handvoll Kirschen zu mausen. Während diese Episode eines tollkühnen Räubertums erwähnt wurde, fing Concetta an zu lachen: »Das ist ein Laster, das sich Tancredi noch nicht abgewöhnt hat«, sagte sie. »Weißt du noch, Papa, wie er dir vor acht Wochen diese Pfirsiche weggeholt hat, an denen dir so viel lag?« Und dann verdüsterte sie sich mit einemmal, als wäre sie Vorsitzende einer geschädigten Obstzüchtereigesellschaft.

Bald stellte die Stimme Don Fabrizios diese Kindereien in den Schatten: er sprach von dem jetzigen Tancredi, von dem lebhaften jungen Mann, aufmerksam, immer bereit zu einem jener Ausbrüche, die den, der ihm wohl wollte, hinrissen, die anderen aber erbitterten; er erzählte, wie die Herzogin von San-Irgendwas,der er während eines Aufenthalts in Neapel vorgestellt wurde, von einer Leidenschaft zu ihm erfaßt worden sei und ihn immerzu in ihrem Hause habe sehen wollen, am Morgen, am Nachmittag und am Abend, ganz gleich, ob sie sich im Salon befand oder im Bett, weil, wie sie sagte, kein Mensch les petits riens so erzählen könne wie er; und obwohl Don Fabrizio deutlichkeitshalber rasch hinzufügte, Tancredi sei damals noch nicht sechzehn Jahre alt gewesen und die Herzogin über die fünfzig hinaus, blitzte es in Angelicas Augen auf — denn sie besaß genaue Angaben über die hübschen jungen Männer in Palermo und starke Intuitionen betreffs der Herzoginnen in Neapel.

Wollte man aus dieser Haltung Angelicas schließen, sie liebe Tancredi, so würde man sich täuschen: sie besaß viel zuviel Stolz und Ehrgeiz, um fähig zu sein zu jenem zeitweiligen völligen Aufgeben der eigenen Persönlichkeit, ohne das es Liebe nicht gibt; außerdem ließ es ihre jugendliche Erfahrung noch nicht zu, seine wirklichen Qualitäten zu schätzen, die nur in feinsten Nuancen bestanden. Doch wenn sie ihn auch nicht liebte, so war sie doch damals in ihn verliebt, was etwas ganz anderes ist; die blauen Augen, diese scherzhaft-herzliche Art, gewisse plötzlich tiefe Schwingungen in seiner Stimme schufen ihr, auch in der Erinnerung, eine genau umgrenzte Verwirrung, und sie sehnte sich in jenen Tagen nur danach, seinen sie biegenden Händen nachgeben zu können; nachdem sie ihnen nachgegeben hätte, würde sie sie vergessen und andere an ihre Stelle setzen, wie es in der Tat geschehen sollte; aber im Augenblick lag ihr viel daran, von Tancredi fest gepackt zu werden. Daher verursachte ihr die Enthüllung jener möglichen galanten Beziehung (die es übrigens gar nicht gab) einen Anfall rückschauender Eifersucht, diese unsinnigste aller Plagen — einen Anfall jedoch, der rasch behoben wurde durch eine kalt prüfende Erwägung der erotischen und nichterotischen Vorteile, die ihr die Hochzeit mit Tancredi brachten.

Don Fabrizio fuhr fort, Tancredi zu preisen. Von seiner Zuneigung hingerissen, sprach er von ihm wie von einem Mirabeau: »Er hat früh begonnen, und gut begonnen«, sagte er, »und er wird weit kommen.« Die glatte Stirn Angelicas neigte sich zustimmend. In Wirklichkeit kümmerte Tancredis politische Zukunft sie wenig; sie gehörte zu den vielen jungen Mädchen, die öffentliche Ereignisse so betrachteten, als trügen sie sich in einem fernen Universum zu, und sie konnte sich nicht einmal vorstellen, daß eine Rede Cavours — mit der Zeit, durch tausend winzige, ineinandergreifende Räder — auf ihr Leben Einfluß zu nehmen und es zu ändern vermöge. Sie dachte auch echt sizilianisch: ‘Wir haben das furmento, den Weizen, und damit genug; wozu noch ‘weit kommen’!’ Naive jugendliche Ideen, die sie später mit der Wurzel ausrotten sollte, als sie sich im Lauf der Jahre zu einer der giftigsten Zungen um das Parlament und bei den Ministerien entwickelte — wie einstens Egeria bei Numa Pompilius.

»Und dann, Angelica — Ihr wißt noch nicht, wie unterhaltsam Tancredi ist! Er kennt alles, er weiß allem eine unerwartete Seite abzugewinnen. Ist man mit ihm zusammen, wenn er so recht in Laune ist, dann erscheint die Welt närrischer, als sie so schon erscheint — manchmal auch ernsthafter.« Daß Tancredi unterhaltsam war, wußte Angelica; daß er fähig sei, ihr neue Welten zu offenbaren, war nicht nur ihre Hoffnung — sie hatte vielmehr allen Grund, es zu vermuten schon seit dem verflossenen 25. September, dem Tage des berühmten öffentlich festgestellten, aber nicht einzigen Kusses im Schutze der unzureichenden Lorbeerhecke — ein Kuß, der in der Tat etwas viel Feineres, Schmackhafteres und völlig anderes gewesen war als ihr bisher einziges Exemplar: der, mit dem sie vor mehr als einem Jahr von dem Gärtnerjungen in Poggio a Cajano beschenkt worden war. Doch für Angelica bedeuteten die Eigenschaften des Geistes, der Intelligenz bei ihrem Verlobten ja nicht eben viel, sehr viel weniger jedenfalls, als solche Dinge diesem lieben Don Fabrizio bedeuteten, der wirklich so lieb war, aber auch so »intelligent«. In Tancredi sah sie die Möglichkeit, einen schönen Platz in der Adelswelt Siziliens einzunehmen, einer Welt, die sie voll ganz anderer Wunder vermutete, als diese in Wirklichkeit enthielt; und in ihm ersehnte sie auch einen munteren Gefährten für Umarmungen. War er darüber hinaus auch geistig überragend — um so besser; ihr lag hieran nicht eben viel. Vergnügen konnte man sich immer. Im übrigen waren ihre Vorstellungen für die Zukunft diese: im Augenblick, mochte Tancredi nun geistreich oder dumm sein, hätte sie ihn gern hier gehabt, damit er ihr wenigstens den Nacken kitzelte unter den Flechten, wie er es einmal getan hatte.

»Himmel, wie gern hätte ich ihn jetzt hier, unter uns!«

Ein Ausruf, der alle rührte, einmal wegen seiner offenkundigen Aufrichtigkeit, und dann, weil niemand wußte, worin er eigentlich begründet war; er beschloß den höchst glücklichen ersten Besuch. Kurz danach verabschiedeten sich Angelica und ihr Vater. Vor ihnen her ging ein Stallbursche mit einer Laterne, deren Schein das Rot der abgefallenen Platanenblätter aufleuchten ließ; und so kehrten Vater und Tochter in ihr Haus zurück, das zu betreten Peppe ‘Mmerda verwehrt worden war von den Schüssen, die ihm die Lenden durchbohrt hatten.

__________

Eine Gewohnheit, die Don Fabrizio, nachdem er seine Ausgeglichenheit wiedererlangt, von neuem aufgenommen hatte, war die des abendlichen Vorlesens. Im Herbst sammelte sich die Familie nach dem Rosenkranz, da es zu dunkel war, um auszugehen, in Erwartung des Abendessens um den Kamin, und der Fürst las den Seinen, stehend, in Fortsetzungen einen modernen Roman vor; aus jeder seiner Poren strahlte würdevolles Wohlwollen.

Es waren dies eben die Jahre, in denen sich durch die Romane jene literarischen Mythen bildeten, die den Sinn der Europäer noch heute beherrschen; Sizilien jedoch teils dank der hier überlieferten Undurchlässigkeit dem Neuen gegenüber, teils dank dem verbreiteten Mangel an Kenntnis irgendeiner Sprache, teils auch, man muß es schon sagen, dank der schikanösen bourbonischen Zensur, die mittels der Zollämter wirkte — Sizilien wußte nichts vom Dasein eines Dickens, Eliot, der Sand und Flauberts; nicht einmal von dem eines Dumas. Ein paar Bände Balzac allerdings waren irgendwie insgeheim bis in Don Fabrizios Hände gelangt, der sich dem Amt des Familienzensors unterzogen hatte; er hatte sie gelesen und dann, angewidert, an einen Freund weitergegeben, dem er übelwollte, wobei er sagte, sie seien die Frucht eines zweifellos kraftvollen Geistes, der jedoch überspannt und »von einer fixen Idee besessen« sei (heute hätte er gesagt: monoman) — ein, wie man sieht, etwas rasches Urteil, das aber eines gewissen Scharfsinns nicht entbehrte. Das Niveau der vorgelesenen Romane war daher einigermaßen niedrig, da es bedingt war von der Rücksicht auf das jungfräuliche Schamgefühl der jungen Mädchen wie auf religiöse Bedenken der Fürstin, bedingt auch eben von dem Gefühl für Würde von Seiten des Fürsten, der sich entschieden geweigert hätte, seinen versammelten Familienmitgliedern ‘Schweinereien’ vorzusetzen.

Es ging auf den zehnten November zu; der Aufenthalt in Donnafugata sollte bald zu Ende sein. Es regnete ununterbrochen, es tobte ein feuchter Nordwest, der wütend den Regen an die Fenster warf; in der Ferne rollten Donner; immer wieder fanden einige Tropfen den Weg tief in die arglos sizilianischen Schornsteine hinunter, zischten einen Augenblick im Feuer und tüpfelten die glühenden Ölbaumscheite mit Schwarz. Man las Angiola Maria und war an jenem Abend zu den letzten Seiten gelangt: die Beschreibung der Schreckensreise der jungen Heldin durch die eisige winterliche Lombardei ließ das sizilianische Herz der jungen Mädchen — sogar in ihren warmen Sesseln erstarren. Plötzlich ein großer Lärm im Zimmer nebenan, und der Kammerdiener Mimi kam atemlos herein: »Eure Exzellenzen«, schrie er und vergaß all seinen guten Stil, »Eure Exzellenzen, der junge Herr Tancredi ist da! Er ist im Hof und läßt das Gepäck von der Kutsche abladen. O Madonna, schöne Muttergottes, bei diesem Wetter!« Und weg war er.

Die Überraschung riß Concetta mit sich fort in eine Zeit, die der Wirklichkeit nicht mehr entsprach, und sie rief: »Lieber!« Aber schon der Klang der eigenen Stimme führte sie in die trübe Gegenwart zurück, und — wie leicht zu begreifen — dieser rauhe Übergang von einer abgeschlossenen, warmen Zeitlichkeit in eine andere, offenbare und kalte, tat ihr sehr weh; zum Glück ging der Ausruf in der allgemeinen Erregung unter, es hörte ihn niemand.

Alle stürzten nach der Treppe zu, Don Fabrizio mit langen Schritten voraus; sie durchquerten rasch die dunklen Säle, sie gingen die Stufen hinunter; das Portal, das auf die äußere Freitreppe in den Hof hinabführte, stand weit offen; der Wind brach herein, er brachte die Leinwand der Gemälde zum Beben und stieß Feuchte und Erdgeruch vor sich her; vor dem flammenden Himmel schwangen die Bäume des Gartens hin und her und rauschten wie Stücke knatternder Seide. Don Fabrizio wollte gerade ins Portal treten, da erschien auf der letzten Stufe eine unförmige, schwere Masse: es war Tancredi, in den riesigen blauen Mantel der Piemonteser Kavalleristen gehüllt, der so viel Wasser aufgesogen hatte, daß er hundert Kilo schwer und schwarz erschien. »Sieh dich vor, großer Onkel — rühre mich nicht an, ich bin wie ein Schwamm!« Die Kerzen der Leuchte im Saal ließen sein Antlitz flüchtig aufschimmern. Er trat ein, hakte die kleine Kette los, die den Mantel geschlossen hielt, und ließ das Kleidungsstück fallen; es sank mit einem patschenden Geräusch schwer zu Boden. Er roch wie ein nasser Hund, er war seit drei Tagen nicht aus den Stiefeln gekommen — aber für Don Fabrizio, der ihn umarmte, war es Tancredi, der Junge, den er mehr liebte als die eigenen Söhne, für Maria Stella war es der geliebte, schmählich verleumdete Neffe, für Pater Pirrone das immer verirrte, immer wiedergefundene Schäfchen, für Concetta ein teures Trugbild, ähnlich ihrer verlorenen Liebe. Auch Mademoiselle Dombreuil küßte ihn mit ihrem der Zärtlichkeiten ungewohnten Mund und rief — das arme Mädchen —: »Tancrède, Tancrède, pensons à la joie d’Angelicà«, so wenige Saiten hatte sie auf ihrer Fiedel, da sie ja immer genötigt war, sich die Freuden der anderen vorzustellen. Auch Bendicò fand den ihm teuren Spielgefährten wieder, der sich wie kein anderer darauf verstand, ihm durch die geschlossene Faust in die Schnauze zu blasen; aber er zeigte auf echte Hundeart seine Begeisterung da durch, daß er wie rasend um den Saal jagte und sich um den geliebten Freund nicht kümmerte.

Es war wirklich ein herzbewegender Augenblick, als sich die Familie um den jungen Mann, der heimkehrte, zusammenfand; er war ihr um so lieber, als er nicht eigentlich zur engsten Familie gehörte, um so erfreulicher, als er erschien, um Liebe entgegenzunehmen zugleich mit dem Gefühl einer immerwährenden Sicherheit. Ein herzbewegender, aber auch ein ein wenig in die Länge gezogener Augenblick.

Nachdem die erste, stürmische Begrüßung vorüber war, bemerkte Don Fabrizio, daß auf der Portalschwelle noch zwei Gestalten standen, ebenso tropfnaß und ebenso lächelnd. Auch Tancredi bemerkte sie und begann zu lachen: »Ich bitte alle um Entschuldigung, aber vor Rührung habe ich den Kopf verloren. Tante«, sagte er zur Fürstin gewandt, »ich habe mir erlaubt, einen lieben Freund von mir mitzubringen, den Grafen Carlo Cavriaghi; übrigens kennt Ihr ihn, er ist oft in die Villa gekommen, als ich bei dem General im Dienst war. Und der andere ist der Ulan Moroni, mein Bursche.« Der Soldat lächelte über das ganze schwerfällig-ehrliche Gesicht und stand stramm, während vom groben Tuch des Mantels das Wasser auf den Boden troff. Aber der junge Graf stand nicht stramm — nachdem er die kleine, feuchte Mütze abgenommen, die ihre Form verloren hatte, küßte er der Fürstin die Hand, lächelte die jungen Mädchen an und betörte sie mit seinem blonden Schnurrbart und dem ununterdrückbaren weichen ‘r‘. »Wenn man daran denkt, daß es hieß, hier unten bei Euch regne es nie! Mamma mia — zwei Tage sind wir gereist, als befänden wir uns im Meer!« Danach wurde er ernst: »Nun aber, Falconeri — wo ist die Signorina Angelica? Du hast mich von Neapel hierhergeschleift, um sie mir zu zeigen. Ich sehe viele schöne Mädchen, aber nicht sie.« Er wandte sich an Don Fabrizio: »Wissen Sie, Fürst, wenn man ihn hört, so ist sie die Königin von Saba! Gehen wir sogleich, um der formosissima et nigerrima aufzuwarten. Los, du Dickkopf!«

So ließ er sich vernehmen und brachte in den finsteren Saal mit der doppelten Reihe Vorfahren in Harnisch oder bandgeschmücktem Kleid die Sprache der Offiziersmesse — und alle amüsierten sich. Aber Don Fabrizio und Tancredi wußten ja längst Bescheid, sie kannten Don Calògero, wußten von seiner Frau, dem schönen Tier, und von der unglaublichen Ungepflegtheit im Hause dieses steinreichen Mannes — alles Dinge, wie sie der harmlosen Lombardei unbekannt waren.

Don Fabrizio legte sich ins Mittel: »Hören Sie, Graf: Sie haben geglaubt, in Sizilien regne es nie, und jetzt erleben Sie diese Sintflut. Ich möchte nicht, daß Sie glauben, es gäbe in Sizilien keine Lungenentzündung, und lägen dann im Bett mit vierzig Grad Fieber. Mimì«, sagte er zu seinem Kammerdiener, »laß im Zimmer des jungen Herrn Tancredi und in dem grünen im Gästeflügel in den Kaminen Feuer machen. Laß das Zimmerchen daneben für den Soldaten herrichten. Und Sie, Graf, trocknen Sie sich