/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Lauf, Jane, lauf

Joy Fielding


Lauf, Jane, lauf

Joy Fielding

1991

1

So beginnen Alpträume: Eine Frau verläßt ihr Haus und findet sich wenig später auf den Straßen Bostons wieder — blutbefleckt, die Taschen voller Geld, ohne Erinnerungsvermögen. Nach einem Tag des Umherirrens sucht sie schließlich Hilfe. Bei der ärztlichen Untersuchung wird sie erkannt, und man holt ihren Mann, einen angesehenen Kinderarzt, zu Hilfe. Doch der ist ihr fremd — wie alles aus ihrem bisherigen Leben. Schon bald fühlt sie sich als Gefangene im eigenen Haus, von der Außenwelt abgeschirmt, auf Medikamente gesetzt. Will ihr Mann sie in den Wahnsinn treiben? Woran soll sie sich nicht erinnern? Und warum? Wo ist ihre Tochter? In ihr wächst der furchtbare Verdacht, daß sie einem teuflischen Plan ausgeliefert ist.

Inhaltsverzeichnis

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Für Warren

und für

Shannon und Annie

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An einem Nachmittag im Frühsommer ging Jane Whittaker zum Einkaufen und vergaß, wer sie war.

Sie stand an der Ecke Cambridge und Bowdoin Street mitten in Boston und wurde sich plötzlich ohne jede Vorwarnung bewußt, daß sie zwar genau wußte, wo sie war, aber keine Ahnung hatte, wer sie war. Sie wußte, daß sie auf dem Weg ins Lebensmittelgeschäft war, um Milch und Eier zu besorgen. Die brauchte sie für den Schokoladenkuchen, den sie backen wollte; warum sie ihn hatte backen wollen und für wen, konnte sie aber nicht sagen. Sie wußte genau, wieviel Gramm Schokoladenpulver das Rezept vorschrieb, aber ihr eigener Name fiel ihr nicht mehr ein. Sie konnte sich auch nicht erinnern, ob sie verheiratet oder alleinstehend, verwitwet oder geschieden, kinderlos oder Mutter von Zwillingen war. Sie wußte weder ihre Größe noch ihr Gewicht noch ihre Augenfarbe. Sie wußte ihren Geburtstag nicht und nicht ihr Alter. Sie konnte die Farben der Blätter an den Bäumen benennen, aber sie konnte sich nicht erinnern, ob sie blond oder brünett war. Sie wußte, wohin sie wollte, aber sie hatte keine Ahnung, woher sie kam.

Der Verkehrsstrom in der Bowdoin Street floß langsamer und kam zum Stillstand. Rechts und links lösten sich Menschen von ihrer Seite, wie von einem Magneten zur anderen Straßenseite hinübergezogen. Sie allein stand wie festgewachsen, nicht imstande, einen Schritt zu tun, kaum fähig zu atmen. Vorsichtig, bewußt langsam, den Kopf im Kragen ihres Trenchcoats versteckt, blickte sie verstohlen erst über die eine, dann über die andere Schulter. Passanten schossen an ihr vorbei, als sei sie gar nicht vorhanden, Männer und Frauen, deren Gesichter keinerlei äußere Zeichen von Selbstzweifel zeigten, deren Schritt kein Zögern verriet. Sie allein stand völlig still, nicht willens — nicht fähig —, sich zu bewegen. Sie nahm Geräusche wahr — Motorengebrumm, Hupen, das Gelächter von Menschen, den Klang ihrer Schritte, der abrupt abbrach, als die Autoschlangen sich wieder in Bewegung setzten.

Sie hörte das giftige Flüstern einer Frau — »diese kleine Nutte«, zischte sie — und glaubte einen Moment lang, die Frau spräche von ihr. Aber sie war offenkundig im Gespräch mit ihrer Begleiterin, und keine der beiden schien sich auch nur im geringsten bewußt, daß sie neben ihnen stand. War sie unsichtbar?

Eine irrwitzige Sekunde lang dachte sie, sie wäre vielleicht tot, so wie in einer dieser alten Twilight Zone Episoden, in der eine Frau sich mutterseelenallein irgendwo auf einer nächtlichen Straße wiederfindet und verzweifelt bei ihren Eltern anruft, nur um von ihnen hören zu müssen, daß ihre Tochter bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei und was ihr überhaupt einfiele, sie mitten in der Nacht aus dem Schlaf zu reißen? Aber dann bestätigte die Frau, deren Mund sich eben noch geringschätzig um das Wort »Nutte« gekräuselt hatte, ihre Existenz mit einem freundlichen Lächeln, wandte sich wieder ihrer Begleiterin zu und ging mit ihr über die Straße.

Tot war sie also offensichtlich nicht. Und unsichtbar auch nicht. Wieso konnte sie sich an etwas so Blödsinniges wie eine Szene aus Twilight Zone erinnern, aber nicht an ihren Namen?

Neue Menschen sammelten sich um sie und warteten, mit den Schuhspitzen aufs Pflaster trommelnd, ungeduldig darauf, die Straße überqueren zu können. Wer auch immer sie war, sie war nicht in Begleitung. Es war niemand da, bereit, ihren Arm zu nehmen; niemand, der besorgt von der anderen Straßenseite herüberspähte und sich wunderte, wieso sie zurückgeblieben war. Sie war allein, und sie wußte nicht, wer sie war.

»Bleib ruhig«, flüsterte sie sich zu und suchte im Klang ihrer Stimme nach einem Fingerzeig, aber selbst die Stimme war ihr fremd. Sie verriet nichts über Alter oder Personenstand, ihr Akzent war nichtssagend, bemerkenswert allenfalls der Unterton der Panik. Sie hob eine Hand zum Mund und sprach hinein, um nicht unnötig aufzufallen. »Keine Panik. In ein paar Minuten ist alles wieder klar.« War es eine Gewohnheit von ihr, mit sich selbst zu sprechen? »Alles schön der Reihe nach«, fuhr sie fort und fragte sich, was das bedeuten sollte. Wie sollte sie der Reihe nach vorgehen, wenn sie völlig im dunkeln tappte? »Nein, das stimmt nicht«, korrigierte sie sich. »Einiges weißt du. Du weißt sogar eine ganze Menge. Überleg mal«, ermahnte sie sich lauter und sah sich sofort hastig um, aus Angst, jemand könnte sie gehört haben.

Eine Gruppe von vielleicht zehn Personen bewegte sich auf sie zu. Die wollen mich holen und dorthin zurückbringen, von wo ich entsprungen bin, war ihr erster und einziger Gedanke. Aber dann begann die Führerin der Gruppe, eine junge Frau Anfang Zwanzig, in dem vertrauten breiten Bostoner Tonfall zu sprechen, der ihrer eigenen Stimme merkwürdigerweise fehlte, und sie erkannte, daß sie für diese Leute ebenso belanglos war wie zuvor für die beiden Frauen, deren Gespräch sie mitangehört hatte. War sie überhaupt für jemanden von Belang?

»Sie sehen«, sagte die junge Frau, »Beacon Hill ist ein Viertel, von dem aus die Bewohner bequem zu Fuß zur Arbeit gehen können. Es galt lange Zeit als das beste Wohnviertel der Stadt. Seine steilen Straßen sind mit Kopfstein gepflastert, und die Bauten, die sie säumen, sind teils private Stadthäuser aus Backstein, teils kleinere Mietshäuser, deren Erbauung in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts begann und bis zum Ende des Jahrhunderts fortgesetzt wurde.«

Alle nahmen die privaten Stadthäuser aus Backstein und die kleinen Mietshäuser gebührend zur Kenntnis, dann fuhr die junge Frau in ihrem sorgfältig eingeübten Vortrag fort. »Eine Anzahl der größeren und eleganteren Häuser ist in den letzten Jahren wegen der Wohnungsknappheit und der explodierenden Immobilienpreise in Eigentumswohnanlagen umgewandelt worden. Beacon Hill war früher eine Hochburg der Yankees, auch heute leben hier noch viele der alten Bostoner Familien, aber mittlerweile sind Mitbürger jeglicher Herkunft willkommen — vorausgesetzt, sie können die Hypotheken beziehungsweise die Mieten bezahlen.«

Mildes Gelächter und eifriges Nicken quittierten ihre Worte, ehe die Gruppe Anstalten machte weiterzugehen. »Entschuldigen Sie, Madam«, sagte die Führerin, wobei sie die Augen weit öffnete und den Mund zu einem übertrieben breiten Lächeln verzog, so daß ihr Gesicht einem dieser sonnengelben Smilie-Anstecker glich. »Ich glaube, Sie gehören nicht zu unserer Gruppe?« Die Feststellung kam als Frage heraus, bei der sich die letzten Worte parallel zu den Mundwinkeln der Sprecherin aufwärts schwangen. »Wenn Sie sich für einen Stadtrundgang interessieren, sollten Sie sich an den Bostoner Verkehrsverein wenden. — Madam?«

Die Strahlefrau war in ernster Gefahr, ihre gute Laune zu verlieren.

»Der Verkehrsverein?« fragte sie die junge Frau, deren selbstverständlicher Gebrauch der Anrede »Madam« die Vermutung nahelegte, daß sie sie für mindestens dreißig hielt.

»Gehen Sie die Bowdoin Street in südlicher Richtung bis zur Beacon Street — am State House vorbei, das ist das mit der goldenen Kuppel. Da ist es dann gleich. Es ist leicht zu finden.«

Hast du eine Ahnung, dachte sie, während sie der Gruppe nachsah, die die Fahrbahn überquerte und in der nächsten Seitenstraße verschwand. Wo ich mich nicht mal selbst finden kann!

Einen Fuß zaghaft vor den anderen setzend, als wate sie durch unbekannte und möglicherweise gefährliche Gewässer, ging sie die Bowdoin Street hinunter. Sie achtete kaum auf die ehrwürdigen Bauten aus dem vergangenen Jahrhundert, sondern konzentrierte sich auf den Weg, der vor ihr lag. Sie überquerte die Derne Street, dann Ashburton Place, alles ohne Zwischenfall, aber keine der Straßen und auch nicht das State House, das plötzlich vor ihr aufragte, weckten irgendeine Ahnung, wer sie sein könnte. Sie bog in die Beacon Street ein.

Vor ihr dehnte sich, genau wie die Strahlefrau verheißen hatte, der Boston Common. Ohne dem Granary-Friedhof Beachtung zu schenken, auf dem, wie sie sich ohne Mühe erinnerte, Berühmtheiten so unterschiedlicher Natur wie Paul Revere und Mother Goose ihre Gräber hatten, eilte sie am Besucherzentrum vorbei zum Park und wußte instinktiv, daß sie das in der Vergangenheit viele Male getan hatte. Die Stadt Boston war ihr nicht fremd, ganz gleich, wie fremd sie selbst sich war.

Sie merkte, wie ihr die Knie weich wurden, und dirigierte sich zu einer Bank, auf der sie sich niedersinken ließ. »Keine Panik«, wiederholte sie mehrmals laut, sprach die Worte wie ein Mantra vor sich hin, da sie wußte, daß niemand nahe genug war, sie zu hören. Dann begann sie eine lautlose Rekapitulation aller ihr bekannten — wenn auch größtenteils unwichtigen — Fakten. Es war Montag, der 18. Juni 1990. Die Temperatur, für die Jahreszeit ungewöhnlich kühl, lag bei 68 Grad Fahrenheit. 32 Grad Fahrenheit war der Gefrierpunkt von Wasser. Bei 100 Grad Celsius konnte man ein Ei kochen. Zweimal zwei war vier; vier mal vier war sechzehn; zwölf mal zwölf war 144. Das Hypotenusenquadrat war gleich der Summe der Kathetenquadrate. E = mc2. Die Quadratwurzel aus 365 war… sie wußte es nicht, aber irgend etwas sagte ihr, daß das ganz in Ordnung war — sie hatte es nie gewußt. »Keine Panik«, hörte sie sich von neuem sagen, während sie die Falten aus ihrem beigefarbenen Mantel strich und schlanke Oberschenkel unter ihren Händen fühlte. Die Tatsache, daß sie ein wahrer Quell an nutzlosen Informationen war, beruhigte sie; wenn ein Mensch solches Wissen behalten konnte, dann mußte er sich irgendwann auch seines eigenen Namens erinnern können. Sie würde sich erinnern. Es war lediglich eine Frage der Zeit.

Ein kleines Mädchen kam mit ausgebreiteten Armen über die Wiese auf sie zugelaufen, gefolgt von ihrer behäbigen schwarzen Kinderfrau. Flüchtig schoß ihr die Frage durch den Kopf, ob das ihr kleines Mädchen sein könnte, und sie streckte unwillkürlich die Arme aus. Aber die Kinderfrau zog die Kleine hastig weg und schleppte sie mit einem argwöhnischen Blick zur Bank zu den Schaukeln in der Nähe. Habe ich Kinder? überlegte sie und fragte sich, wie eine Mutter ihr Kind vergessen könnte.

Sie blickte auf ihre Hände. Ein Ring am Finger würde ihr wenigstens verraten, ob sie verheiratet war. Aber ihre Hände waren schmucklos, wenn auch am Ringfinger ihrer Linken eine dünne Linie zu erkennen war, vielleicht ein Zeichen, daß dort früher ein Ring gesessen hatte. Sie musterte die Stelle genau, aber es ließ sich nicht mit Sicherheit feststellen. Ihr fiel auf, daß der dezente korallenrote Nagellack stellenweise abgeblättert und ihre Fingernägel bis zum Fleisch hinunter abgenagt waren. Sie senkte den Blick zu ihren Füßen. Sie hatte flache, cremefarbene Lackschuhe an, von denen der rechte etwas eng war und an der großen Zehe drückte. Sie zog ihn aus, erkannte den Namen Charles Jourdan auf der Innensohle, stellte fest, daß er Größe 38 hatte, und schloß daraus, daß sie wahrscheinlich mindestens einsfünfundsechzig groß war. An der Art, wie ihre Arme an ihrem Körper entlangglitten, spürte sie trotz des zugeknöpften Mantels, daß sie schlank war. Was sonst wußte sie über sich selbst, abgesehen von der Tatsache, daß sie weißer Hautfarbe und weiblichen Geschlechts und, wenn die Strahlefrau und die Haut ihrer Hände ein Indiz waren, deutlich über zwanzig Jahre alt war?

Zwei Frauen kamen vorüber, eingehakt, große Handtaschen baumelten an ihrer Seite. Meine Handtasche! dachte sie voller Erleichterung und tastete nach einem Riemen über der Schulter. Die Handtasche würde ihr alle Fragen beantworten — wer sie war, wo sie lebte, welche Lippenstiftfarbe sie trug. Sie würde eine Brieftasche mit ihren Papieren enthalten, den Führerschein, die Kreditkarten. Sie würde ihren Namen und ihre Adresse wieder wissen, ihren Geburtstag, was für einen Wagen sie fuhr — wenn sie überhaupt Auto fuhr. In ihrer Handtasche steckten alle Geheimnisse ihres Lebens. Sie brauchte sie nur zu öffnen.

Sie brauchte sie nur zu finden.

Hastig schob sie den Fuß wieder in den Schuh, lehnte sich an die stumpfgrünen Leisten der Parkbank und blickte der Tatsache ins Gesicht, vor der sie in ihrer Angst bisher beharrlich die Augen verschlossen hatte — daß sie gar keine Handtasche hatte. Die Ausweispapiere, die sie vielleicht zu Beginn dieser verwirrenden Odyssee bei sich gehabt hatte, waren jetzt nicht mehr in ihrem Besitz. Nur um ganz sicher zu sein, um sich zu vergewissern, daß sie die Tasche beim Hinsetzen nicht achtlos hatte fallen lassen, sah sie sich aufmerksam zu ihren Füßen um. Sie ging sogar mehrmals um die Bank herum, wodurch sie erneut den argwöhnischen Blick der schwarzen Kinderfrau auf sich zog, die ihren kleinen Schützling auf der Schaukel anstieß. Sie lächelte der dunkelhäutigen Frau zu, fragte sich, was sie überhaupt zu lächeln hatte, und wandte sich ab. Als sie einige Sekunden später wieder hinübersah, war die Kinderfrau dabei, das laut protestierende Kind vom Schaukelplatz wegzuziehen. »Siehst du, du hast ihr angst gemacht«, sagte sie laut zu sich selbst und tastete automatisch ihr Gesicht nach Spuren von Entstellungen ab. Sie fand keine, versuchte jedoch weiter wie eine Blinde mit den Fingern in ihrem Gesicht zu lesen.

Es war schmal und oval, mit hohen Wangenknochen, die vielleicht eine Spur zu stark hervorsprangen, und kräftigen, ungezupften Augenbrauen. Die Nase war klein, und die Wimpern waren von Tusche verklebt. Vielleicht, dachte sie, hatte sie sich die Augen gerieben und dabei die Tusche verschmiert. Vielleicht hatte sie geweint.

Mit einem Ruck straffte sie die Schultern, sprang auf und rannte aus dem Park. Ohne auf das Rotlicht zu achten, lief sie durch den Verkehr zu einer Bank an der Ecke Beacon Street. Sie klopfte so kräftig an die Glastür, daß sie die Aufmerksamkeit des Filialleiters auf sich zog, eines vorzeitig kahlen jungen Mannes, dessen Kopf im Verhältnis zu seinem Körper um einige Nummern zu groß schien. Sie hielt ihn für den Filialleiter, weil er einen Anzug mit Krawatte trug und das einzige männliche Wesen in einem Raum voller Frauen war.

»Tut mir leid«, sagte er freundlich, wobei er die Tür gerade so weit aufzog, daß er seine große Nase durch den Spalt stecken konnte, »aber es ist nach vier. Wir schließen um drei.«

»Wissen Sie, wer ich bin?« fragte sie verzweifelt, erstaunt über die Frage, die sie gar nicht hatte stellen wollen.

Das Stirnrunzeln des Mannes verriet, daß er ihre Frage als eine Forderung nach Sonderbehandlung auslegte. »Es tut mir wirklich leid«, sagte er, einen Anflug unmißverständlicher Schärfe in der Stimme. »Wir sind gern bereit, Sie zu bedienen, wenn Sie morgen wiederkommen.« Dann lächelte er ein abschließendes Lächeln, das jede weitere Diskussion verbat, und kehrte zu seinem Schreibtisch zurück.

Sie blieb an der Glastür stehen und starrte in den Schalterraum, bis die Frauen drüben zu tuscheln begannen. Wußten sie, wer sie war? Wenn ja, so wurden sie ihres Anblicks bald müde und wandten sich, von ihrem wild gestikulierenden Chef angetrieben, wieder ihren Computern und Bilanzen zu. Sie schien für sie nicht mehr zu existieren.

Sie atmete ein paarmal tief durch, dann ging sie die Beacon Street hinunter zur River Street, zurück zu den von privaten Stadthäusern und kleinen Mietshäusern gesäumten Kopfsteinpflasterstraßen. Wohnte sie in einem dieser alten Häuser? Hatte sie genug Geld, um die Hypotheken beziehungsweise die Miete zu bezahlen? Arbeitete sie für ihren Lebensunterhalt, oder ließ sie andere für sich arbeiten? Vielleicht wohnte sie gar nicht in einem dieser edlen alten Häuser, sondern ging nur zum Putzen dorthin.

Nein, für eine Putzfrau war sie zu teuer gekleidet, und ihre Hände waren, wenn auch unbestreitbar ungepflegt, zu weich und zu glatt für jemanden, der körperliche Arbeit verrichtete. Vielleicht putzte sie diese Häuser nicht, sondern verkaufte sie. Vielleicht war sie hergekommen, um sich mit einem Interessenten zu treffen, um ihm ein kürzlich renoviertes Haus zu zeigen, und hatte — was? Einen herabfallenden Ziegelstein auf den Kopf bekommen? Unwillkürlich tastete sie ihren Kopf nach Beulen ab, fand keine, stellte nur fest, daß ihr Haar sich aus der Spange gelöst hatte und ihr nun in vereinzelten dünnen Strähnen in den Nacken hing.

Sie bog nach rechts in die Mt. Vernon Street ab, dann nach links in die Cedar Street, immer in der Hoffnung, daß irgend etwas ihrem Gehirn ein Startsignal geben würde. »Gebt mir doch bitte einen Anstoß«, flehte sie die baumbestandenen Straßen an, als sie an der Revere Street wiederum abbog und zur Embankment Road weiterging. Die Sonne war hinter einer dicken grauen Wolke verschwunden, und ihr war kalt, obwohl die Temperatur unverändert blieb. Sie erinnerte sich, daß der Winter verhältnismäßig mild gewesen war und die Experten einen weiteren heißen Sommer vorhersagten. Sie führten es auf den Treibhauseffekt zurück. Treibhaus. Treibgas. Ozonloch. Saurer Regen. Rettet den Regenwald. Rettet die Wale. Spart Wasser — duscht zu zweit.

Sie fühlte sich plötzlich völlig erschöpft. Die Füße taten ihr weh, die große Zehe ihres rechten Fußes war völlig taub. Ihr Magen knurrte. Wann hatte sie zuletzt etwas gegessen? Was aß sie übrigens gern? Konnte sie kochen? Vielleicht machte sie gerade irgendeine verrückte Diät, die ihr Hirn in Mitleidenschaft gezogen hatte. Oder vielleicht war sie high. Von Drogen. Oder von Alkohol. War sie betrunken? War sie jemals betrunken gewesen? Wie sollte sie merken, ob sie betrunken war oder nicht?

Sie bedeckte die Augen mit den Händen und wünschte sich den eindeutigen dumpfen Kopfschmerz, der einem Kater vorauszugehen pflegte. Ray Millands Verlorenes Wochenende, dachte sie und fragte sich, wie alt sie sein mußte, um sich an Ray Millands zu erinnern. »Helft mir doch«, flüsterte sie in ihre Hände. »Bitte, hilf mir doch einer.«

Reflexartig blickte sie auf ihr Handgelenk, um nach der Zeit zu sehen, und stellte fest, daß es fast fünf war. Seit beinahe einer Stunde irrte sie herum und hatte in der ganzen Zeit nichts gesehen, das ihr auch nur den geringsten Hinweis darauf geben konnte, wer sie war. Nichts erschien ihr vertraut. Niemand hatte sie erkannt.

Sie erreichte die Charles Street, eine bunte Vielfalt von Läden und Geschäften, das Lebensmittelgeschäft neben dem Juwelier, Haushaltswaren Tür an Tür mit Kunst und Antiquitäten. War sie auf dem Weg hierher gewesen, um ihre Milch und ihre Eier einzukaufen?

Ein Mann drängte sich an ihr vorbei und lächelte, aber es war das Lächeln, das am Ende eines anstrengenden Tages eine matte Seele mit der anderen tauscht, und sagte nichts von Bekanntschaft. Dennoch war sie versucht, den Mann festzuhalten und ihm ein Zeichen des Erkennens abzubetteln, wenn nötig eine Identität aus ihm herauszuschütteln. Aber sie ließ ihn unbelästigt vorübergehen, und die Gelegenheit war versäumt. Aber sie konnte ja auch nicht einfach wildfremde Menschen auf der Straße angehen. Die würden womöglich die Polizei holen und sie einsperren lassen. Schon wieder so eine Verrückte auf dem Selbstfindungstrip.

War sie vielleicht wirklich verrückt? Gerade aus einer Anstalt ausgebrochen? Aus dem Gefängnis? War sie auf der Flucht? Sie lachte über so viel Melodramatik. Wenn sie nicht schon verrückt gewesen war, bevor das alles angefangen hatte, würde sie es ganz bestimmt werden, ehe es vorüber war. Würde es überhaupt vorübergehen?

Sie stieß die Tür zu einem Tante-Emma-Laden auf und trat ein. Wenn sie in diesem Viertel wohnte, war es gut möglich, daß sie öfter hier einkaufte; oft genug hoffentlich, um dem Inhaber bekannt zu sein. Langsam ging sie zwischen den Regalen mit den Konserven auf ihn zu.

Der Inhaber, ein junger Mann mit Pferdeschwanz und schmalem Mund, war mit mehreren Kunden beschäftigt, von denen jeder behauptete, zuerst dagewesen zu sein. Sie stellte sich hinten an, hoffte auf einen Blick des Erkennens, wünschte sich inbrünstig ein freundliches »Hallo, Mrs. Smith. Ich komme sofort«. Aber sie hörte nur eine fremde Stimme, die eine Packung Zigaretten verlangte, und sah nur den mageren Rücken des Verkäufers, als dieser sich umdrehte, um die Zigaretten aus dem Regal zu holen.

Über die linke Schulter warf sie einen Blick auf eine Reihe unwahrscheinlich schöner junger Frauen, die sie von den Titelblättern diverser Zeitschriften anlächelten. Sie ließ sich hinüberziehen zum Zeitungsständer und starrte wie gebannt auf ein Gesicht von feuriger Schönheit. »Cindy Crawford« stand in leuchtend pinkfarbenen Lettern neben dem Gesicht. »Supermodel«. Kein Zweifel, wer sie war.

Sie zog das Heft heraus und studierte das Gesicht des Models: braune Augen, braunes Haar, links von den leicht geöffneten Lippen ein Leberfleck, der sie von den Hunderten gleichermaßen hübscher Gesichter ringsum unterschied. So schön, dachte sie. So jung. So selbstsicher.

Wieder wurde ihr bewußt, daß sie keine Ahnung hatte, wie sie selbst aussah, keine Vorstellung, wie alt sie war. Sie umklammerte die Zeitschrift so fest, daß ihre Ränder sich nach innen bogen. »Hey, Lady!« Sie drehte sich um und sah den warnend wackelnden Zeigefinger des Ladeninhabers. »Die Zeitschriften nur rausnehmen, wenn Sie sie kaufen wollen.«

Sie nickte schuldbewußt wie ein Kind, das beim Einstecken eines Kaugummis ertappt worden ist, und drückte die Zeitschrift an die Brust, als wäre sie ihr einziger Halt.

»Also, kaufen Sie sie oder nicht?« fragte der junge Mann. Die anderen Kunden waren gegangen, sie waren allein im Laden. Jetzt bot sich ihr die beste, vielleicht einzige Gelegenheit zur Konfrontation.

Sie stürzte zur Theke und sah, wie er hastig zurückwich. »Kennen Sie mich?« fragte sie, mit Mühe die Panik in ihrer Stimme unterdrückend.

Er musterte sie konzentriert, mit zusammengekniffenen Augen. Dann neigte er den Kopf zur Seite, so daß ihm der Pferdeschwanz auf die rechte Schulter hing, und ein Lächeln kroch ihm über den schmalen Mund und krümmte ihn leicht. »Sind Sie wer Berühmtes?« fragte er.

Sie sagte nichts, wartete mit angehaltenem Atem.

Er mißverstand ihr Schweigen als Bestätigung. »Ja, ich hab schon gehört, daß sie hier in Boston zur Zeit ein paar Filme machen«, sagte er und ging ein paar Schritte nach rechts, um sie im Profil zu begutachten, »aber ich geh selten ins Kino, und aus dem Fernsehen kenn ich Sie nicht. Spielen Sie in einer von den Seifenopern mit? Ich weiß schon, daß die Schauspieler immer in die Einkaufszentren kommen und so. Ich mußte mal mit meiner Schwester zu so ‘ner Veranstaltung. Sie wollte unbedingt Ashley Abbot aus Jung und Rastlos sehen. Jung und Nutzlos, sag ich immer. Machen Sie da mit?«

Sie schüttelte den Kopf. Welchen Sinn hatte es, diese Farce weiterzuführen? Er kannte sie offensichtlich so wenig wie sie sich selbst.

Sie sah, wie sein Körper sich straffte, abweisend wurde. »Aber für die Zeitschrift müssen Sie trotzdem bezahlen, auch wenn Sie noch so berühmt sind. Sie macht zwei fünfundneunzig.«

»Ich — ich habe meine Handtasche vergessen«, sagte sie leise.

Jetzt sah der Mann ärgerlich aus. »Ja, glauben Sie vielleicht, nur weil Sie in irgendeiner blöden Fernsehserie mitspielen, können Sie ohne Geld rumlaufen? Bilden Sie sich ein, bloß weil Sie ‘n ganz hübsches Gesicht haben, schenk ich Ihnen alles, was Sie haben wollen?«

»Nein, natürlich nicht…«

»Entweder Sie zahlen jetzt für das Heft, oder Sie verschwinden aus meinem Laden. Ich hab was Besseres zu tun, als meine Zeit mit Ihnen zu vertun. Und Leute, die mich verarschen, brauch ich schon gar nicht.«

»Das wollte ich doch gar nicht. Ehrlich.«

»Zwei Dollar fünfundneunzig«, sagte er wieder und hielt ihr die geöffnete Hand hin.

Sie wußte, sie hätte ihm einfach die Zeitschrift zurückgeben sollen, aber sie tat es nicht. »Cindy Crawford« sah so schön aus, so glücklich, so verdammt selbstsicher. Hoffte sie vielleicht, daß etwas von dieser grenzenlosen Selbstsicherheit auf sie abfärben würde? In der Hoffnung, etwas Kleingeld zu finden, griff sie hastig in die Taschen ihres Trenchcoats, erst in die eine, dann in die andere, und konnte nicht glauben, was sie fand. Ihre Hand war voll knisternder neuer Hundert-Dollar-Scheine.

»Wau!« Der Mann hinter der Theke pfiff durch die Zähne. »Haben Sie vielleicht ‘ne Bank ausgeraubt oder so was?« Dann: »Oder haben Sie die selbst gedruckt?«

Sie sagte nichts, starrte nur auf das Geld in ihrer Hand.

»Ist ja auch egal. Mit Hundert-Dollar-Scheinen kann ich jedenfalls nichts anfangen. Wenn ich Ihnen jetzt einen Hunderter kleinmach, hab ich nachher kein Wechselgeld mehr. Wieviele von den Dingern haben Sie überhaupt?«

Sie spürte, wie der Atem in kurzen, flachen Stößen aus ihrer Brust herausgepreßt wurde. Was in aller Welt tat sie mit zwei Taschen voller Hundert-Dollar-Noten? Woher kam das viele Geld?

»Hey, alles in Ordnung, Lady?« Der Mann hinter der Theke sah ängstlich zur Tür. »Sie werden mir doch hier nicht umkippen?«

»Haben Sie eine Toilette?«

»Nur privat«, sagte er stur.

»Bitte!«

Die Verzweiflung in ihrer Stimme überzeugte ihn offenbar, denn er hob hastig den Arm und wies zu dem Lagerraum zu seiner Rechten. »Aber da hab ich gerade saubergemacht. Versauen Sie mir nicht den frisch geschrubbten Boden, wenn’s geht.«

Sie fand die Toilette neben dem Lagerraum ohne Mühe. Es war eine enge Kammer mit einer alten Toilette und einem gesprungenen Spiegel über einem fleckigen Waschbecken. An den Wänden waren Kartons mit Vorräten gestapelt. Neben der Tür stand ein zur Hälfte mit Wasser gefüllter Eimer, daneben lehnte ein Schrubber.

Sie rannte zum Becken und drehte das kalte Wasser auf. Die Zeitschrift unter den Arm geklemmt, fing sie den eisigen Strahl mit beiden Händen und schwappte sich das Wasser ins Gesicht, bis sie das Gefühl hatte, wieder gerade stehen zu können, ohne ohnmächtig zu werden.

Langsam hob sie das Gesicht zum Spiegel und fuhr zurück. Die Frau, die sie anblickte, war eine Fremde. Nichts an ihren Zügen war auch nur vage vertraut. Sie betrachtete die helle Haut und die dunkelbraunen Augen, die kleine, etwas aufgeworfene Nase und den vollen Mund, der im gleichen Korallenton gemalt war wie ihre Nägel. Das braune Haar war vielleicht eine Nuance heller als die Augen, zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden und von einer straßbesetzten Spange gehalten, die sich gelockert hatte und herauszufallen drohte. Sie zog sie ganz heraus, schüttelte den Kopf und sah, wie ihr Haar weich und locker auf ihre Schultern fiel.

Ein anziehendes Gesicht, dachte sie, es mit Abstand taxierend, als ziere es wie Cindy Crawfords das Titelblatt einer Zeitschrift. Ganz hübsch, hatte der junge Mann gesagt. Vielleicht etwas mehr. Es war makellos. Nichts war zu groß oder zu klein. Nichts stach unangenehm heraus. Alles war da, wo es sein mußte. Sie schätzte ihr Alter auf Mitte Dreißig und fragte sich gleich darauf, ob sie älter oder jünger aussah, als sie wirklich war. »Das ist alles so verwirrend«, flüsterte sie ihrem Abbild zu, das den Atem anzuhalten schien. »Wer bist du?«

»Ich kenne dich nicht«, antwortete ihr Spiegelbild, und beide Frauen senkten die Köpfe und starrten in das fleckige Becken aus weißem Porzellan.

»O Gott«, flüsterte sie, als eine Hitzewallung in ihr hochschoß. »Werd jetzt nicht ohnmächtig!« rief sie sich zu. »Werd jetzt bloß nicht ohnmächtig.«

Doch die Hitzewelle flutete durch ihren ganzen Körper, durch die Beine und den Magen in die Arme und den Hals, und staute sich in ihrer Kehle. Sie hatte das Gefühl, von innen heraus zu schmelzen, ein Gefühl, als würde sie jeden Moment in Flammen aufgehen. Wieder spritzte sie sich Wasser ins Gesicht, aber es kühlte sie nicht ab und machte sie nicht ruhig. Sie riß an den Knöpfen ihres Mantels, um ihrem Körper Luft zu geben, mehr Raum zum Atmen. Die Zeitschrift unter ihrem Arm fiel zu Boden, sie bückte sich hastig nach ihr und zog im Aufstehen ihren Mantel auseinander.

Sie holte tief Luft und erstarrte.

Langsam, wie eine Marionette, die von fremder Hand geführt wird, senkte sie in nahtloser Bewegung den Kopf zur Brust. Was sie sah — schon gesehen, aber nicht zur Kenntnis genommen hatte, als sie in die Knie gegangen war, um die Zeitschrift aufzuheben —, war ein schlichtes blaues Kleid, das vorn blutdurchtränkt war.

Sie schnappte erschrocken nach Luft, ein Laut wie der eines kleinen Tiers, das in eine Falle geraten ist. Der Schreckenslaut wurde zum Stöhnen und steigerte sich zum Entsetzensschrei. Sie hörte Schritte, Stimmen, sah sich umringt, überwältigt.

»Was ist hier los?« begann der Ladeninhaber und brach ab, ohne den Mund zu schließen.

»Um Gottes willen!« rief ein Junge, der neben ihm stand.

»Wahnsinn!« sagte sein Begleiter.

»Was haben Sie getan?« fragte der Mann mit dem Pferdeschwanz, während sein Blick durch die Kammer schweifte, zweifellos auf der Suche nach zerbrochenem Glas.

Sie sagte nichts.

»Jetzt hören Sie mal her, Lady«, begann er von neuem, während er gleichzeitig seine zwei halbwüchsigen Kunden von der Tür wegscheuchte. »Ich weiß nicht, was hier vorgeht, und ich will’s auch nicht wissen. Verschwinden Sie aus meinem Laden, ehe ich die Polizei hole.«

Sie rührte sich nicht.

»Haben Sie nicht gehört, was ich gesagt hab? Ich hol die Bullen, wenn Sie nicht auf der Stelle abhauen.«

Sie starrte den verschreckten Ladeninhaber an, der plötzlich den Schrubber packte und damit auf sie losging, als wäre er ein Matador und sie der Stier. »Blut«, flüsterte sie und sah ungläubig an sich hinunter. Es war frisches Blut, sogar noch ein wenig feucht. War es ihr eigenes Blut oder das eines anderen? »Blut«, sagte sie wieder, als könnte die Wiederholung des Wortes alles ins Lot bringen.

»Sie haben genau zehn Sekunden, Lady, dann hol ich die Bullen. Ich will keine Scherereien. Ich will nur, daß Sie aus meinem Laden verschwinden.«

Ihr Blick ging zu ihm, und ihre Stimme war so leise, daß er sich vorbeugen mußte, um sie zu hören. »Ich weiß nicht, wohin«, sagte sie und spürte, wie sie zu schwanken begann.

»Nichts da, kommt nicht in Frage«, sagte der Mann hastig und hielt sie fest, ehe sie umfallen konnte. »In meinem Laden werden Sie nicht ohnmächtig.«

»Bitte«, stieß sie hervor und wußte selbst nicht, ob sie um Verständnis oder um Bewußtlosigkeit bettelte.

Der junge Mann war, obwohl weder sonderlich groß noch muskulös, überraschend kräftig. Er packte sie fest um die Taille und schleppte sie zur Tür. Dort machte er plötzlich halt und sah sich mißtrauisch um. »Ist das vielleicht so ‘ne Show wie ›Vorsicht Kamera‹?« fragte er argwöhnisch, einen Unterton von Verlegenheit in der Stimme, als fürchte er, hereingelegt worden zu sein.

»Sie müssen mir helfen«, sagte sie.

»Und Sie müssen aus meinem Laden verschwinden«, entgegnete er wieder beruhigt und stieß sie hinaus. Sie hörte die Tür hinter sich zufallen und sah ihn zornig die Arme schwenken, um sie zu vertreiben.

»Mein Gott, was soll ich denn jetzt tun?« fragte sie die geschäftige Straße. Wieder übernahm der Puppenspieler das Kommando, knöpfte ihren Mantel zu, klemmte ihr die Zeitschrift unter den Arm, lenkte ihren Blick auf die Fahrbahn. Als ein Taxi sich näherte, wurde der Faden, der ihren rechten Arm dirigierte, mit einem Ruck in die Höhe gezogen. Das Taxi hielt am Straßenrand vor ihr an. Ohne weitere Überlegung zog sie die hintere Wagentür auf und stieg ein.

2

Sie hätte nicht sagen können, warum sie das Lennox Hotel wählte. Vielleicht weil es eines der ältesten Bostoner Hotels und daher kleiner und irgendwie echter als seine modernen Konkurrenten war oder vielleicht weil schöne Erinnerungen an frühere Aufenthalte noch in ihrem Unterbewußtsein verankert waren; sie wußte es nicht. Es war sogar möglich, daß sie hier schon als Gast eingetragen war, sagte sie sich hoffnungsvoll, als sie zum Empfang ging und, wie zuvor in dem kleinen Laden, um ein Lächeln des Wiedererkennens betete.

Sie mußte warten. Vor ihr war ein Ehepaar mit seinen zwei kleinen Söhnen, flachsköpfigen kleinen Teufeln in Matrosenanzügen, die ihrer Mutter am Rockzipfel hingen und laut klagend dem ganzen Foyer ihr Ungemach mitteilten.

»Ich hab Hunger«, rief der Kleinere, vielleicht vier Jahre alt, und zog seiner Mutter den Rock bis über das Knie in die Höhe, als hätte er die Absicht hineinzubeißen.

»Ich will zu McDonald’s«, assistierte sofort der Bruder, der höchstens ein Jahr älter war.

»McDonald’s, McDonald’s!« Mit diesem Schlachtruf tobten sie um ihre hilflosen Eltern herum, die sich alle Mühe gaben, so zu tun, als wäre alles in bester Ordnung.

»Laßt Mama und Papa erst mal ein Zimmer nehmen, dann suchen wir uns ein schönes Restaurant, hm?« sagte die junge Mutter flehentlich und fixierte ihren Mann mit einem Blick, der ihn drängte, schneller zu machen.

»McDonald’s! McDonald’s!« schallte es augenblicklich.

Aber dann waren die Formalitäten endlich erledigt, die ganze Familie wurde von einem fürsorglichen Pagen zum wartenden Aufzug geführt, und über das Foyer legte sich wieder die Aura eines vornehmen Hotels europäischen Stils.

»Kann ich Ihnen behilflich sein, Madam? — Madam?«

»Oh, entschuldigen Sie«, sagte sie, als sie merkte, daß der junge Mann am Empfang sie meinte. »Ich hätte gern ein Zimmer.«

Er begann schon in seinen Computer zu tippen. »Für wie lange?«

»Ich weiß nicht genau.« Sie räusperte sich einmal, dann noch einmal. »Für wenigstens eine Nacht. Vielleicht zwei.«

»Ein Einzelzimmer?« Er spähte an ihr vorbei, um zu sehen, ob sie allein war, und sie drehte automatisch den Kopf.

»Ja, ein Einzelzimmer. Bitte.« Denk an deine Manieren, sagte sie sich und hätte beinahe gelacht.

»Ich habe ein Zimmer«, sagte der junge Mann, den Blick auf den Bildschirm gerichtet, »zu fünfundachtzig Dollar. Es ist in der achten Etage, Nichtraucher, mit Doppelbett.«

»Wunderbar.«

»Und wie bezahlen Sie?«

»Bar.«

»Bar?« Zum ersten Mal sah der junge Mann sie direkt an. Nie zuvor hatte sie Augen von einem so intensiven Blau gesehen. Glaubte sie jedenfalls. Mit Sicherheit konnte sie es nicht sagen. Gott allein wußte, was sie alles in ihrem Leben gesehen hatte.

»Ist Ihnen Barzahlung nicht recht? Nehmen Sie kein Bargeld?«

»Doch, doch, natürlich. Es kommt nur selten vor, daß jemand bar bezahlt. Die meisten Leute zahlen mit Kreditkarten.«

Sie nickte stumm, dachte, daß sie in ihrem anderen Leben zweifellos auch zu diesen Leuten gehörte, und fragte sich, wie ein Mensch so unglaublich blaue Augen haben konnte.

»Ist etwas nicht in Ordnung?« fragte der junge Mann irritiert.

»Oh, entschuldigen Sie«, stammelte sie. »Es sind nur ihre Augen. Sie sind so unwahrscheinlich blau.« Dumme Gans, sagte sie sich, der Junge glaubt wahrscheinlich, du willst ihn anmachen.

»Ach, das sind gar nicht meine«, erwiderte er fröhlich und wandte sich wieder seinem Bildschirm zu.

»Wie bitte?« Der Verdacht rührte sich in ihr, daß sie von einem anderen Stern gekommen sei.

»Das sind Kontaktlinsen«, erklärte er unbekümmert. »Zwei Nächte, sagten Sie?«

Es bereitete ihr große Mühe, dem Gespräch zu folgen. Die Panik, die während der Taxifahrt allmählich nachgelassen hatte, kehrte wieder. »Ja, höchstens zwei Nächte.« Und dann? Wohin sollte sie gehen, wenn sie dann immer noch nicht wußte, wer sie war? Zur Polizei? Warum war sie nicht gleich dorthin gegangen?

»Bitte füllen Sie mir das noch aus.« Der junge Mann schob ein Blatt Papier über den Tisch. »Name, Adresse und so weiter«, erläuterte er, als er ihre Verwirrung sah. »Ist Ihnen nicht gut?«

Sie holte tief Atem. »Ich bin sehr müde. Ist das denn notwendig?« Sie stieß das Blatt Papier über den Tisch zurück.

Jetzt zeigte er Verwirrung. »Tut mir leid, aber wir brauchen wenigstens Name und Adresse.«

Ihr Blick huschte vom Gesicht des jungen Mannes zur Drehtür und blieb schließlich an der Zeitschrift hängen, die sie immer noch fest in den Händen hielt. »Cindy«, sagte sie allzu laut. Dann noch einmal, leiser, sicherer: »Cindy.«

»Cindy?«

Sie nickte und sah zu, wie er widerstrebend einen Stift nahm und den Namen auf die Karte schrieb.

»Und der Nachname?«

Warum tat er ihr das an? Hatte sie ihm nicht gesagt, sie sei müde? Hatte er nicht begriffen, daß sie bar zahlte? Warum mußte er nach Dingen fragen, die ihn gar nichts angingen? Sie dachte an das junge Paar und seine beiden kleinen Söhne, die nach McDonald’s gebrüllt hatten. Kein Wunder, daß die Jungen quengelig und ungeduldig gewesen waren. Hatte er diesen Leuten auch so zugesetzt?

»McDonald!« sagte sie, ohne zu überlegen. »Cindy McDonald.« Noch einmal holte sie Luft, ehe sie fortfuhr. »Memory Lane 123 — New York.«

Bei dem Wort Memory stockte seine Hand, und sie mußte sich auf die Lippe beißen, um das aufkommende hysterische Gelächter zurückzuhalten. Aber dann war das Formular ausgefüllt, sie brauchte nur noch zu unterschreiben und zu bezahlen. Sie sah, wie ihre Hand den fremden Namen unten auf das Blatt setzte, und war angenehm überrascht von Schwung und Kraft ihrer Unterschrift. Dann griff sie in ihre Manteltasche, zog zwei knisternde Hundert-Dollar-Scheine heraus und bemühte sich, nichts von ihrer Erheiterung über das sichtliche Unbehagen des jungen Mannes merken zu lassen.

»Gepäck?« Sein resignierter Ton verriet, daß er die Antwort schon wußte. Als sie den Kopf schüttelte, zuckte er auch nur die Achseln und reichte ihr zusammen mit dem Wechselgeld ihren Zimmerschlüssel. »Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt. Wenn wir noch irgend etwas für Sie tun können, lassen Sie es uns wissen.«

Sie lächelte. »Worauf Sie sich verlassen können.«

___________

Sobald sie die Zimmertür hinter sich geschlossen hatte, schleuderte sie die Zeitschrift auf das breite Bett, zog den Mantel aus und ließ ihn zu Boden fallen. Der Anblick des Blutes auf ihrem Kleid traf sie mit einer Gewalt, als hätte man ihr eine überreife Tomate ins Gesicht geworfen. »O Gott, nein!« stöhnte sie. »Das ist ja furchtbar!«

Sie riß und zerrte an dem Kleid wie ein Tier, das in einer Schlinge hängt. Im nächsten Moment lag es auf dem Boden, und sie suchte an ihrem Körper nach Verletzungen.

Es waren keine zu sehen.

»O Gott, was hat das zu bedeuten? Was hat das zu bedeuten?«

Mit heftiger Bewegung drehte sie sich um, als könnte sie die Antwort irgendwo innerhalb dieser blau-weiß gemusterten Wände finden. Aber die Wände sprachen nur von freundlich geblümter Behaglichkeit, von Blut und Verwundung sagten sie nichts. »Wessen Blut ist das, wenn es nicht meines ist?«

Sie lief zum Kleiderschrank, riß ihn auf und sah ihr angstvolles Gesicht im großen Spiegel an der Innenseite der Tür. »Wer bist du, verdammt noch mal? Und wessen Blut ist das an deinem Kleid?«

Die Frau im Spiegel sagte nichts, äffte sie nur stumm nach, während sie an ihrem Körper nach Spuren von Verletzungen suchte. Auf ihren Armen entdeckte sie zwar ein paar blaue Flecke, aber das war auch alles.

Hastig hob sie die Arme hinter den Rücken und öffnete den Verschluß ihres fleischfarbenen Büstenhalters, warf ihn weg und starrte auf die kleinen Brüste, die da recht stolz aus der Verhüllung sprangen. Flüchtig fragte sie sich, ob sie an diesen Brüsten je ein Kind gestillt hatte. Eigentlich ein ganz hübscher Busen, dachte sie, bewußt bemüht, sich durch Konzentration auf alltägliche Einzelheiten eines alltäglichen Lebens zu beruhigen. Würde solche Konzentration sie schließlich in ihr eigenes alltägliches Leben zurückführen?

Nein. Der eigentlich ganz hübsche Busen sagte ihr nichts. Nicht, ob je ein Säugling an ihm gelegen hatte; nicht, wann er zum ersten Mal die zärtliche Berührung eines Mannes gespürt hatte; nicht einmal, ob er je bewundert worden war. Sie stieß ein kurzes Lachen spöttischer Geringschätzung aus; sie war offensichtlich nahe daran durchzudrehen. Da stand sie in einem Hotelzimmer mitten in Boston, einer Stadt, die sie kannte, ohne zu wissen, wie sie dahingekommen war, hatte die Taschen voller Geld und das Kleid voller Blut und hatte nichts Besseres zu tun, als im Spiegel ihren nackten Busen anzugaffen und sich zu fragen, ob er je bewundert worden war.

Und warum nicht? dachte sie, faßte das Gummiband ihrer Strumpfhose und zog sie zusammen mit dem beigefarbenen Bikinihöschen herunter, um ihren nackten Körper in Augenschein zu nehmen. Was hoffte sie von ihm zu erfahren?

Gute Figur, stellte sie fest, während sie sich von allen Seiten betrachtete. Straff, muskulös, beinahe knabenhaft. Die Waden waren gut entwickelt, die Beine kräftig und wohlgeformt, der Bauch flach, die Taille nicht übermäßig betont. Mehr ein Kinderkörper als ein Frauenkörper, trotz ihres Alters. Ein Körper, der ganz bestimmt nicht auf der Titelseite einer Zeitschrift landen würde, dachte sie mit einem Blick auf das Heft auf dem Bett. Cindy Crawford starrte sie mit einer Mischung aus Mitleid und Nachsicht an. Ja, werd nur grün vor Neid, schien sie zu sagen, und die Frau vor dem Spiegel nickte in Anerkennung der Niederlage.

Sie griff nach dem blauen Kleid zu ihren Füßen und mied dabei sorgfältig das blutgetränkte Vorderteil. Konnte das Kleid ihr etwas verraten? Dem Etikett nach war es Größe 36, reine Baumwolle, ein Modell von Anne Klein. Es hatte einen runden Kragen und große weiße Knöpfe bis zur Taille, einen schlichten, leicht ausgestellten Rock, und war vermutlich so übertrieben teuer gewesen, wie es übertrieben einfach war. Wer immer sie auch war, sie hatte offensichtlich genug Geld, um sich das Beste zu leisten.

»Das Geld!« Sie rannte zu dem achtlos hingeworfenen Mantel und zog mit nur einem flüchtigen Gedanken daran, was für einen lächerlichen Anblick sie bieten mußte, die Scheine aus den tiefen Taschen. Das Reservoir an Hundert-Dollar-Noten schien unerschöpflich zu sein. Wieviel Geld hatte sie bei sich? Woher hatte sie es? »Was tue ich mit dem vielen Geld?« fragte sie laut, während sie die Scheine ordentlich auf dem Bett auszulegen versuchte.

Überrascht stellte sie fest, daß die meisten Scheine sauber gebündelt waren, wie direkt von der Bank. Aber wieso und warum? War es möglich, daß sie tatsächlich eine Bankräuberin war? Das sie bei einem Raubüberfall mitgemacht, das Geld eingesteckt hatte und mit fremdem Blut bespritzt worden war, als irgend etwas schiefgegangen war? War es möglich, daß sie einen Menschen erschossen hatte?

Eine tiefe Angst packte sie. Denn es erschien ihr möglich. Es erschien ihr möglich, daß sie fähig sein könnte, einen Menschen zu töten. »O Gott, o Gott«, stöhnte sie und rollte sich auf dem königsblauen Spannteppich zusammen wie ein kleines Kind. Hatte sie wirklich bei einem Raubüberfall einen unschuldigen Menschen getötet? Und war sie allein gewesen, oder hatte sie einen Komplizen gehabt? War sie vielleicht eine moderne Bonnie, der ihr Clyde abhanden gekommen war?

Sie hörte sich lachen, und das Gelächter trieb sie wieder in die Höhe. Obwohl es ihr durchaus möglich erschien, daß sie jemanden getötet hatte, erschien ihr die Vorstellung, sie könnte an einem Banküberfall teilgenommen haben, schlicht lachhaft. Da hätte sie schon in auswegloser Verzweiflung sein müssen. Und was konnte eine teuer gekleidete Frau Anfang bis Mitte Dreißig in solche Verzweiflung treiben, daß sie sogar zu töten bereit war?

Sie brauchte ihr Gedächtnis nicht, um sich diese Frage zu beantworten. Ein Mann konnte einen zu solcher Verzweiflung treiben. Und was für ein Mann? fragte sie sich, ohne auf diese Frage eine Antwort zu erwarten.

Mit zitternder Hand fuhr sie sich durch das schweißfeuchte Haar. Sie neigte sich wieder über das Bett, auf dem ordentlich im Karree aufgereiht neun Bündel Geldscheine lagen. Sie nahm das erste Bündel, zog die Heftklammer ab, die die Scheine zusammenhielt, und begann zu zählen. Sie zählte sie alle durch und stellte fest, daß jedes Bündel aus zehn Hundert-Dollar-Noten bestand. Neun Bündel zu je zehn Hundert-Dollar-Scheinen, das machte neuntausend Dollar. Zählte man das Geld dazu, das sie für Taxi und Hotel ausgegeben hatte, und die losen Hunderter, so kam man auf etwas über neuntausendsechshundert Dollar. Was hatten fast zehntausend Dollar in ihren Manteltaschen zu suchen?

Sie merkte plötzlich, daß ihr kalt war und sie auf den Armen eine Gänsehaut hatte. Sie stand auf, ging um das Bett herum und hob den Mantel vom Boden auf. Sie sah das getrocknete Blut an seinem Innenfutter, als sie hineinschlüpfte und die Hände in die Taschen steckte. Sie fand noch ein paar Scheine darin und warf sie zu dem Rest des Geldes aufs Bett.

An einem der Scheine haftete ein Zettel. Sie nahm ihn und glättete ihn und war froh, daß sie zum Lesen offensichtlich keine Brille brauchte. Sie erkannte die kraftvollen, flüssigen Züge auf dem Zettel wieder; sie waren von derselben Hand geschrieben, die unten am Empfang das Anmeldeformular unterzeichnet hatte. Sie selbst hatte also die wenigen, allem Anschein nach belanglosen Wörter niedergeschrieben, die sie nun vor sich hatte. Aber wann? Solche Zettel konnten sich wochen-, ja monatelang in vergessenen Manteltaschen herumtreiben. Es war unmöglich festzustellen, wann sie diesen hier geschrieben hatte. »Pat Rutherford, Z. 31, 12.30«, stand da, und darunter, »Milch, Eier«. Was hatte das zu bedeuten?

Nun, offensichtlich, daß sie Milch und Eier gebraucht hatte — sie war ja zum Einkaufen unterwegs gewesen, als ihr Gedächtnis plötzlich ausgesetzt hatte, aber wie lange war es her, daß sie losgegangen war? — und eine Verabredung mit einer Person namens Pat Rutherford gehabt hatte. Aber wer zum Teufel war Pat Rutherford?

Sie sprach den Namen mehrmals mit wachsender Frustration vor sich hin. War Pat Rutherford ein Mann oder eine Frau? Vielleicht war sie selbst Pat Rutherford. Aber weshalb hätte sie ihren eigenen Namen und eine Zimmernummer auf einen Zettel schreiben und einstecken sollen? Doch höchstens, wenn sie häufiger an diesen Gedächtnisstörungen litt und die Erfahrung sie gelehrt hatte, immer einen Zettel mit ihrem Namen bei sich zu tragen, damit sie sich jederzeit ihrer Identität vergewissern konnte. Klar, und sich mit sich selbst verabreden konnte! Schluß mit dem Quatsch.

Hatte sie die Verabredung eingehalten? Hatte sie Pat Rutherford zur vereinbarten Zeit aufgesucht, knapp zehntausend Dollar kassiert und den oder die Unglückliche dann getötet? War das Pat Rutherfords Blut auf ihrem Kleid? Hatte sie Pat Rutherford erpreßt? Oder hatte Pat Rutherford sie erpreßt? War sie völlig übergeschnappt? Woher kamen diese Hirngespinste?

»Pat Rutherford, wer bist du?«

Sie fand in der Nachttischschublade ein Telefonbuch von Boston und blätterte zu R: Raxlen, Rebick, Rossiter, Rumble, seitenweise Russels, Russo, Rutchinski, endlich Rutherford, eine halbe Seite Rutherfords allein im Stadtgebiet. Es gab einen Paul und zwei Peter, aber niemanden namens Pat, allerdings drei unerklärte P.’s. Sie spielte mit dem Gedanken, bei jeder dieser Nummern anzurufen, und verwarf ihn gleich wieder. Was würde sie denn zu Mr./Mrs./Miss P. Rutherford sagen? Guten Tag, Sie kennen mich wahrscheinlich nicht, ich kenne mich ja selbst nicht, aber haben wir uns vielleicht irgendwann in der letzten Zeit mittags um halb eins in Zimmer 31 getroffen? Und habe ich Sie bei dieser Zusammenkunft zufällig schwer verletzt?

Absurd.

Sie packte das Telefonbuch wieder weg. »So, und was mach ich jetzt?« fragte sie laut, den Blick zur Zimmerdecke gerichtet. Sie war todmüde und hungrig. »Geh ich zur Polizei, oder versuche ich, dieser Geschichte selbst auf den Grund zu kommen? Mach ich mich auf den Weg zur nächsten Irrenanstalt, oder nehm ich erst mal ein Bad? Soll ich gleich was unternehmen oder lieber bis morgen warten? Was soll ich tun?« Zerstreut blätterte sie in der großen Speisekarte des Etagenservice. »Im Zweifel erst mal was essen«, hörte sie sich antworten.

Sie hatte keine Ahnung, wo sie diese Weisheit herhatte, aber die Lösung war nicht schlecht. Sie griff zum Telefon, wählte den Etagenservice und bestellte sich ein Steak und einen großen Salat. Sie brauchte nur einen Moment, um die ihr gestellten Fragen zu beantworten: Das Steak halb durch, zur gebackenen Kartoffel saure Sahne, statt Wein lieber Mineralwasser. Vegetarierin war sie offenbar nicht, und sie konnte nur hoffen, daß sie nicht an irgendwelchen seltsamen Lebensmittelallergien litt. Für solche Komplikationen war sie jetzt viel zu hungrig.

Zwanzig Minuten, hatte man ihr gesagt. Zwanzig Minuten, um sich frisch zu machen. Sie hängte ihren Mantel über einen hohen gradlehnigen Stuhl und ging in das weiß gekachelte Bad.

Wie schön wäre es, einfach zu verschwinden, dachte sie, während ihr das Wasser aus der Dusche über das Gesicht strömte. Mein Geist ist sowieso schon weg; dann nehmt doch auch meinen Körper. Was immer ich getan habe, wer immer ich sein mag, vielleicht ist es besser, es nicht zu wissen. Vielleicht bin ich so besser dran. Vielleicht ist das, wovor ich davongelaufen bin, von solcher Art, daß es gut ist, ihm für immer fernzubleiben.

Sicher würde man sie vermissen. Sicher suchte man sie, auch wenn man so wenig wie sie wußte, wo man suchen sollte. Ihre Eltern oder ihr Mann, wenn sie einen hatte; ihr Chef oder jemand, der für sie arbeitete; ihr Lehrer oder ihre Schüler; ihre Freunde oder ihre Feinde; vielleicht sogar die Polizei! Ganz bestimmt suchte man sie. Warum ging sie nicht einfach zur Polizei? Dann würde sie schon sehen.

Weil sich bis morgen früh alles geklärt haben wird, sagte sie sich und sprang aus der Dusche, als sie es draußen klopfen hörte. Rasch wickelte sie sich in ein Badetuch, zog ihren Mantel darüber und ging zur Tür. Sie wußte, wer es war, fragte aber dennoch, mit heiserer, kaum hörbarer Stimme.

»Der Etagenkellner«, kam die Antwort wie erwartet.

»Einen Augenblick.« Ihre Stimme war jetzt fester, bestimmter.

Gerade als sie die Hand nach der Tür ausstreckte, fiel ihr Blick auf das Geld auf dem Fußende des Betts. Sie erstarrte. Einen Moment lang dachte sie daran, alles einfach so zu lassen, wie es war, dem ahnungslosen Kellner zu öffnen und ihn das bestellte Essen zum Tisch gegenüber vom Bett bringen zu lassen und sich anzusehen, wie er beim Anblick des vielen Geldes reagierte, das da so lässig vor ihm ausgebreitet lag. Würde er so tun, als wäre das Geld gar nicht da oder als wäre es das Normalste von der Welt, in einem Hotelzimmer fast zehntausend Dollar auf dem Bett herumliegen zu lassen? Machten das nicht alle Gäste so?

Es klopfte ein zweites Mal. Wie lange hatte sie hier dumm herumgestanden? Sie wollte auf ihre Uhr sehen, entsann sich vage, daß sie die Uhr mit dem Kleid abgelegt hatte, und erinnerte sich, daß das Kleid immer noch in einem blutbetränkten Bündel auf dem Boden lag. »Eine Sekunde«, rief sie, hob das Kleid auf und warf es in den Kleiderschrank. Sie legte die Uhr wieder an, zog das Badetuch unter dem Mantel heraus und warf es über die Geldbündel. Im letzten Moment nahm sie sich noch einen der losen Scheine.

Außer Atem, als hätte sie gerade einen Marathonlauf hinter sich, erreichte sie die Tür, zog sie mit Anstrengung auf und ließ den älteren Mann herein. Ihr Blick flog unruhig zwischen ihm und dem Bett hin und her, aber wenn er ihre Nervosität bemerkte oder sich wunderte, daß sie einen Mantel trug, obwohl sie darunter offensichtlich klatschnaß war, verlor er kein Wort darüber, und sein Blick blieb unverwandt auf den Servierwagen gerichtet, den er vor sich herschob.

»Wo hätten Sie es gern?« fragte er in angenehm nichtssagendem Ton.

»Gleich hier.« Sie wies auf den Schreibtisch am Fenster, erstaunt, wie leicht ihr die Worte über die Lippen kamen.

Er stellte das Tablett mit dem Essen auf den Schreibtisch, sie drückte ihm die zerknitterte Hundert-Dollar-Note in die Hand und sagte, es sei gut so. Er zögerte und blickte dann mißbilligend zum Bett.

Ihr wurde so mulmig, daß sie sich am Schreibtisch festhalten mußte, um nicht umzukippen. Hatte er das Geld bemerkt?

»Ich schicke Ihnen jemand, der das Bett aufschlägt«, sagte er.

»Nein!« rief sie so schrill, daß sie beide zusammenzuckten. Sie räusperte sich, hörte sich lachen, etwas davon murmeln, daß sie zu arbeiten habe und ungestört sein wolle. Er nickte, steckte das Geld ein und zog sich ziemlich eilig zurück.

Sie wartete, bis sie ganz sicher war, daß er weg war, ehe sie die Tür noch einmal öffnete und das Schild »Bitte nicht stören« hinaushängte. Dann kehrte sie zum Schreibtisch zurück, hob den silbernen Deckel von der Schale mit ihrem Abendessen und setzte sich. Aber schon nach wenigen Bissen überwältigte sie die Müdigkeit, und sie torkelte schwindlig vor Erschöpfung zum Bett. Ohne sich die Mühe zu machen, das Geld wegzuschieben oder den Mantel auszuziehen, schlug sie den Überwurf zurück und kroch unter die schwere blaue Decke. Morgen früh, dachte sie vor dem Einschlafen noch, wenn ich aufwache, ist bestimmt wieder alles in Ordnung.

Aber als sie am folgenden Morgen um sechs die Augen öffnete, hatte sich nichts geändert. Sie hatte noch immer keine Ahnung, wer sie war.

3

Die erste Stunde war die schlimmste. Bei der Erkenntnis, daß die angeblich belebenden Kräfte des Schlafs nichts dazu getan hatten, ihr Gedächtnis zu beleben, wurde ihr so flau, daß sie nur noch ins Bad taumeln konnte, um das bißchen Essen, das sie am Abend hinuntergewürgt hatte, wieder von sich zu geben. Als das Frühstück kam — frischer Orangensaft, Croissants und Kaffee —, sah sie, daß eine Zeitung mit auf dem Tablett lag. Ihr Blick flog zwischen Zeitung und Fernsehapparat hin und her und verweilte bei keinem.

Wovor hatte sie Angst? Fürchtete sie ernstlich, ihr Bild auf der Titelseite wiederzufinden? Glaubte sie etwa, man habe sie für eine Talkshow zum Thema des Tages erkoren?

Noch immer in der ängstlichen Erwartung, sich ihrem eigenen Konterfei gegenüberzusehen, zwang sie sich, den Fernseher einzuschalten. Aber sie bekam nur eine hübsche Blondine Mitte Zwanzig zu sehen, die die Nachrichten in so frischfröhlichem Ton vortrug, daß ihr gleich wieder übel wurde, und die mit keinem Wort eine hübsche Brünette Anfang bis Mitte Dreißig erwähnte, die verschwunden war; dafür berichtete ein Mann aus Nord Carolina, er hätte Elvis gesehen, als er den Mülleimer ausleerte.

Und auch die Morgenzeitung brachte nichts: keinen Hinweis auf eine aus dem Gefängnis entflohene Strafgefangene, kein Wort von einer geistesgestörten Patientin, die sich davongemacht hatte. Man suchte keine Zeugin in Verbindung mit irgendeinem unerquicklichen Vorfall und wußte nichts von einer Frau zu berichten, die sich im Schock vom Ort eines schweren Unfalls entfernt hatte. Es stand überhaupt nichts in der Zeitung.

Wenn sie gar nicht aus Boston stammte, dachte sie, wenn sie nun aus einem anderen Teil des Landes kam und nur in Boston gestrandet war, dann bestand für die Lokalblätter ja auch kein Grund, über sie zu berichten. Aber das Blut auf ihrem Kleid war noch feucht gewesen, als sie es entdeckt hatte, und das konnte nur bedeuten, daß das, was sich ereignet hatte, was immer es gewesen sein mochte, nicht allzu weit entfernt und vor nicht allzu langer Zeit geschehen sein mußte.

Sie erinnerte sich an den Zettel, den sie in ihrer Tasche gefunden hatte — »Pat Rutherford, Z. 31, 12.30«. Stand vielleicht über diese Person etwas in der Zeitung? Sie las das Blatt noch einmal durch und fand nichts. Wenn das Blut auf ihrem Kleid von Pat Rutherford stammte, dann hatte sich Pat Rutherford entweder in aller Stille und Unauffälligkeit wieder erholt oder lag noch immer irgendwo unentdeckt.

Da aus der Zeitung offensichtlich nichts zu erfahren war, konzentrierte sie sich auf den Fernsehapparat, schaltete von einem Programm zum anderen, sprang zwischen Good Morning America und der Today Show hin und her. Sie erfuhr, daß es Fachleute gab, die Wissenswertes über geschlagene Lesben und kleptomane Transvestiten zu berichten wußten, daß es ein wahres Heer junger Mädchen gab, die vor ihrem dreizehnten Geburtstag nicht nur ein, sondern mehrere Kinder geboren hatten, und daß es eine erschreckende Menge von Ehemännern gab, die keine Lust hatten, mit ihren Frauen zu schlafen. Sie erfuhr das alles von Leuten, die endlos darüber redeten und irgendwelchen Moderatoren im Fernsehen ihr Herz ausschütteten.

Sie dachte schon daran, beim Sender anzurufen. Ich habe eine super Idee für eine Show, würde sie sagen: Frauen, die nicht wissen, ob sie geschlagene Lesben oder kleptomane Transvestiten sind, die nicht wissen, wieviele Kinder sie vielleicht bis zu ihrem dreizehnten Lebensjahr zur Welt gebracht haben, die keine Ahnung haben, ob ihre Ehemänner öfter als zweimal im Jahr mit ihnen schlafen. Frauen, die nicht wissen, wer sie sind. Alter Hut, konnte sie die Leute vom Sender sagen hören. Solche Frauen gibt’s doch wie Sand am Meer.

Vielleicht, stimmte sie zu. Aber wieviele von ihnen haben fast zehntausend Dollar in den Manteltaschen und die Kleider voller Blut?

Ja, warum haben Sie das denn nicht gleich gesagt? hörte sie die Moderatoren in erregtem Einklang gurren. Reiche, blutbefleckte Frauen, die nicht wissen, wer sie sind! Mann, das ist eine Idee, die wirklich noch nicht da war.

Den Talkshows folgten Spielsendungen, dann kamen die Seifenopern. Die Bilder schicker und gepflegter Männer und Frauen flimmerten über den Bildschirm, und eine sonore Männerstimme kündete den Auftritt der Jungen und Rastlosen an. Jung und nutzlos, hörte sie den jungen Mann im Tante-Emma-Laden sagen, als sie sich zurücklehnte, um sich die Sendung anzusehen. Wer waren all diese problembeladenen schönen Menschen, und wieso waren sie am hellichten Nachmittag so aufgedonnert?

Widerstrebend holte sie ihr eigenes Kleid aus dem Schrank und betrachtete das blutdurchtränkte Vorderteil wie ein modernes Kunstwerk, vielleicht von Jackson Pollock. Aber es sagte ihr genausowenig wie ein abstraktes Bild. Heftig knüllte sie das Kleid zusammen und schleuderte es an die Wand. Wie zum Hohn entfaltete es sich im Herabfallen wieder. Sie kehrte zu ihren Platz am Fußende des Bettes zurück und starrte blind vor sich hin, bis die schräg durch das Fenster einfallenden Sonnenstrahlen ihr sagten, daß es Abend war.

Die Nachrichten um halb sieben meldeten neue Probleme, aber immer noch nichts von einer verschwundenen Frau mit Blut auf dem Kleid und viel Geld in den Taschen.

»Wer bin ich?« rief sie, schaltete zornig den Fernsehapparat aus und bestellte sich beim Etagenservice ein Abendessen, wobei sie sich über die Unverwüstlichkeit ihres Appetits wunderte. »Was ist mir passiert? Wo habe ich mein Leben hingepackt?«

Zu Beginn des nächsten Tages wußte sie, daß sie sich auf die Suche machen mußte.

___________

Copley Place ist ein beeindruckender Komplex von Büro- und Geschäftsbauten am Copley Square, dem Herzen der Back Bay. Es gibt dort ein großes Hotel, mehrere gute Restaurants und über hundert Läden und Kaufhäuser, die über zwei Ebenen verteilt sind.

Aber sie war nicht beeindruckt. Sie war verängstigt.

Unter dem Mantel nur die Unterwäsche, die bloßen Füße in die engen Schuhe gezwängt, näherte sie sich dem ultramodernen Kaufhaus am Ende des Einkaufszentrums. In der Hand hielt sie eine Plastiktüte für schmutzige Wäsche aus dem Hotel, die mit sauberen Bündeln von Hundert-Dollar-Scheinen gefüllt war. Unter dem Geld lag ein zweiter Wäschebeutel, der ihr blutverschmiertes Kleid enthielt.

»Kann ich Ihnen vielleicht helfen?«

Sie sah sich um, entdeckte, daß sie irgendwie in die Abteilung für Damenbekleidung gelangt war, und nickte der vogelähnlichen Frau an ihrer Seite zu. Wenn sie jetzt etwas gebrauchen konnte, dann Hilfe.

»Ich brauche ein paar neue Sachen«, sagte sie in täuschend ruhigem Ton. »Ich habe überhaupt nichts anzuziehen.«

Die Verkäuferin beugte sich interessiert vor. »Sie brauchen eine neue Garderobe?« fragte sie eifrig.

»Nein, ich brauche nur etwas für heute.«

Die Hoffnung auf eine dicke Provision erlosch im hageren Vogelgesicht der Frau. »Möchten Sie sich etwas Elegantes ansehen oder eher etwas Sportliches?« fragte sie zurückhaltend, als wäre sie nicht sicher, ob sie vielleicht zum besten gehalten wurde.

»Sportlich. Hosen vielleicht und einen leichten Pulli.«

»Dann kommen Sie bitte mit.« Die Frau führte sie in einen Teil der Etage mit einer verlockenden Auswahl an Sommersachen. »Welche Größe?«

Sie hielt den Atem an, während sie versuchte, sich an die Größe des blauen Kleids zu erinnern. »Sechsunddreißig?«

»Tatsächlich?« Die Frau musterte ihren Mantel so scharf, als könne sie durch ihn hindurchsehen. »Ich hätte auf vierunddreißig getippt.«

»Da haben Sie vielleicht recht. Ich habe in den letzten Tagen wahrscheinlich etwas abgenommen.«

»Gratuliere! Ich weiß, wie mühsam das sein kann. Ich selbst habe mein Leben lang nie mehr als fünfundvierzig Kilo gewogen, aber meine Tochter, die Ärmste, sie schlägt nach der väterlichen Seite der Familie und muß ständig aufpassen. Sie können, wirklich froh sein.«

So albern es war, sie war beinahe stolz.

»Und jetzt gönnen Sie sich eine Belohnung, hm?« fuhr die Verkäuferin fort. »Recht haben Sie. Die haben Sie sich verdient. Aber viel mehr sollten Sie nicht mehr abnehmen, finde ich. Wenn man als Frau ein gewisses Alter überschritten hat, sieht man mit ein paar Pfund mehr besser aus.« Sie nahm eine beigefarbene Hose von einem Ständer und einen kurzärmeligen cremefarbenen Baumwollpulli mit braunen Blumen auf einer Seite von einem anderen. »Gefällt Ihnen das?«

Gefiel es ihr?

»Probieren Sie die Sachen doch einfach mal an. Dann wissen wir gleich besser, wonach wir suchen.«

Sie nickte, nahm Hose und Pulli und folgte der Frau zu den Kabinen.

»Ich bin gleich hier draußen, wenn Sie mich brauchen sollten.«

Sie trat in die kleine Kabine und zog den Vorhang fest zu, ehe sie ihren Mantel ablegte. Dann schlüpfte sie in die beigefarbene Hose, Größe vierunddreißig, und zog den hellen, kurzärmeligen Pulli über den Kopf. Sie bekam die Hose ohne Mühe zu; der Pulli fiel locker und bequem von ihren Schultern. Sie trat einen Schritt zurück und musterte sich im Spiegel. Gar nicht übel. Die Verkäuferin hatte einen guten Blick.

»Na, wie sieht’s aus?« rief die Frau von der anderen Seite des Vorhangs.

»Gut«, antwortete sie und trat in ihren neuen Sachen aus der Kabine. »Ich nehme beides. Könnten Sie bitte die Schildchen abschneiden?«

»Sie wollen es gleich anlassen?«

Sie nickte. »Wenn es geht…«

Die Frau zuckte die Achseln. »Und wie wollen Sie bezahlen?«

»Bar.«

»Das habe ich mir fast gedacht.« Die Frau ging mit ihr zu einer Theke und zog einen Quittungsblock heraus. »Ich habe schon ewig keine Barzahlung mehr gehabt. Hoffentlich weiß ich überhaupt noch, wie das geht.« Sie sah sich unruhig um. »Ach, ich glaube, Sie haben Ihre Handtasche in der Kabine liegengelassen…«

»Ich habe keine Handtasche.«

Der Frau schien der Atem zu stocken.

»Ich habe Geld.« Sie tippte auf ihre Plastiktüte. »Ich habe nur keine Handtasche. Ich brauche eine neue.«

Die Verkäuferin bemühte sich nach Kräften, die Plastiktüte nicht anzustarren. »Sie brauchen anscheinend eine ganze Menge Sachen.«

»Ja, das stimmt.«

»Da sind Sie hier richtig. Handtaschen bekommen Sie im Erdgeschoß gleich neben der Kosmetikabteilung. — So, das macht zweihundertsiebenunddreißig Dollar und achtundzwanzig Cents.«

Sie griff langsam in die Plastiktüte und holte drei Hundert-Dollar-Noten heraus. Die Verkäuferin beobachtete sie mit aufgerissenen Augen, wandte dann hastig den Blick ab, wechselte und sah zu, wie das Wechselgeld in die Plastiktüte wanderte. Dann schnitt sie ohne weiteren Kommentar die Schilder von den neu gekauften Sachen. Sie hatte sich offensichtlich entschieden, lieber nicht wissen zu wollen, was da eigentlich vorging.

»Wie gesagt, Handtaschen gibt es im Erdgeschoß gleich neben der Kosmetikabteilung«, rief die Verkäuferin ihr nach, als sie ging.

Die folgende Stunde verbrachte sie mit Einkaufen. Erst vertauschte sie die Charles-Jourdan-Schuhe gegen offene Leinensandalen, erstand einen neuen Büstenhalter und ein Höschen in blaß rosa Seide, eine elegante kleine Handtasche aus cremefarbenem Leder, eine dunkelblaue Geldbörse und eine Sonnenbrille mit Schildpattgestell. Es ging alles ein wenig langsam, weil sie bar zahlte, was man hier längst nicht mehr gewöhnt war. Dann wanderte sie weiter in die Kosmetikabteilung, wo die eifrige junge Verkäuferin sie zum Kauf eines pfirsichfarbenen Rougepuders und eines persischrosa Lippenstifts überredete und ihr zum Schluß noch eine Wimperntusche mit Zobelhärchen aufschwatzte.

Mit ihren Einkäufen beladen verzog sie sich in die Toilette, schloß sich in einer der Kabinen ein, zog sich aus und vertauschte ihre Unterwäsche mit den zartrosa Dessous, die sie gerade gekauft hatte. Nachdem sie Hose und Pulli wieder angezogen hatte, steckte sie mehrere Scheine aus der Plastiktüte in die neu erstandene Geldbörse und verstaute die zusammen mit der neuen Sonnenbrille in der neuen Handtasche. Sie wickelte die alte Unterwäsche in ihren Mantel und trat aus der Kabine. Mit einem verlegen lächelnden Blick auf die blauhaarige alte Dame, die gerade vor dem Spiegel ihre Zahnprothese zurechtschob, ging sie zum Abfalleimer und warf das Kleiderbündel hinein.

Dann stellte sie sich neben die Frau vor den Spiegel, und trug mit leichten Pinselstrichen das Rougepuder auf ihre Wangen auf und sah zu, wie ihre unansehnlichen Wimpern sich mit Hilfe der Tusche zu exotischer Üppigkeit entfalteten. Der rosa Lippenstift wirkte auf ihren Lippen ähnlich spektakulär.

»Das ist ja eine wunderschöne Farbe«, sagte die blauhaarige Frau. »Wie heißt der Ton?«

Sie sah auf die Unterseite des Stifts. »Alles rosig«, las sie vor.

»Wie wahr«, sagte die Frau und verschwand.

»Wie wahr«, wiederholte sie und dachte dabei nicht an ihre Lippen, sondern an ihr Dilemma. »Wie wahr.«

Sie war erstaunt, wie gut sie die Stadt kannte. Sie wußte genau, wo alles war, ob sie zu Fuß gehen konnte oder den Bus nehmen mußte, ob es sich lohnte, ein Taxi zu nehmen. Sie fühlte sich zu Hause in dieser Stadt, und doch war ihr nicht ein einziges bekanntes Gesicht begegnet, keiner hatte sie angehalten, nichts von allem, was sie sah, hatte Anstoß zu einer bestimmten Erinnerung oder Reaktion gegeben. Sie fühlte sich anonym und allein wie ein Kind, das sich verlaufen hat und seit Tagen darauf wartet, von seinen nachlässigen Eltern abgeholt zu werden.

Sie kam an einem Zeitungskiosk vorbei, aber sie wußte schon, daß auch diesmal in der Zeitung nicht ein Wort über sie verloren wurde. Sie wurde nicht nur von keinem Menschen gesucht, es schien überhaupt niemand zu wissen, daß sie verschwunden war. »Alles rosig«, murmelte sie vor sich hin, als sie sah, daß sie vor dem Greyhound Busbahnhof gelandet war.

Sie ging hinein, drängte sich zwischen Menschen zum hinteren Teil der Halle durch, um die Tüte mit ihrem blutigen Kleid und dem größten Teil des Geldes in eines der Schließfächer zu sperren. Aber gerade, als sie die Münzen in den Zahlschlitz werfen wollte, bemerkte sie ein Schild, das besagte, daß die Schließfächer nach vierundzwanzig Stunden geleert wurden. Sie mußte sich etwas anderes suchen.

»Entschuldigen Sie«, sagte sie zu einem älteren Mann in tadellos gebügelter blauer Uniform. »Kann ich hier irgendwo für länger als vierundzwanzig Stunden etwas deponieren?«

»Gehen Sie rechts den langen Gang runter«, sagte er ihr, mit dem Arm den Weg weisend.

Die Plastiktüte leicht von sich abhaltend, als enthielte sie blutige Körperteile und nicht nur ihr blutiges Kleid, folgte sie dem langen Gang.

»Ich möchte das in die Aufbewahrung geben«, sagte sie zu der Frau, die mit gelangweiltem Gesicht hinter der Theke saß und in einer Zeitschrift blätterte.

Die Frau blickte nicht einmal auf. »Zwanzig Dollar Hinterlegungsgebühr.«

Erst als sie die Zwanzig-Dollar-Note über den Tisch schob, klappte die Frau widerwillig ihre Illustrierte zu und schrieb eine Quittung aus, ehe sie nach vorn kam und ihr einen Schlüssel in die Hand drückte.

»Man braucht zwei Schlüssel«, erklärte sie mit Automatenstimme, während sie ihr zu den Schließfächern vorausging. »Den einen bekommen Sie. Den anderen behalten wir. Aber man braucht beide, um das Fach zu öffnen. Verlieren Sie ihn also nicht. Rückerstattung oder Nachzahlung bei Abholung.«

Sie nickte und stieß schnell die Plastiktüte in das jetzt offene Schließfach. Sie sah, daß ihre Hände zitterten, und fragte sich, ob auch die Frau es bemerkt hatte. Würde sie es heimlich der Polizei melden? Verdächtig aussehende Frau mit zitternden Händen hinterlegt gerade verdächtig aussehendes Paket in Schließfach 362. Aber seien Sie vorsichtig. Sie scheint irgendwas auf dem Gewissen zu haben.

Es spielte keine Rolle. Sie hatte sowieso beschlossen, zur Polizei zu gehen. Sie hatte den Entschluß am Morgen gefaßt, als ihr endlich aufgegangen war, daß ihr Zustand vielleicht länger andauern würde, als sie zunächst geglaubt hatte. Sie konnte nicht noch einen weiteren Tag in diesem Niemandsland herumtappen. Wenn sie selbst nicht herausbekommen konnte, wer sie war, dann mußte sie sich von anderen helfen lassen, ganz gleich, wodurch ihr Zustand ausgelöst worden war, ganz gleich, woher das Blut auf ihrem Kleid kam, ganz gleich, wer ihr die Taschen mit Hundert-Dollar-Scheinen vollgestopft hatte. Was auch immer geschehen war, wessen auch immer sie schuldig war, es konnte nicht schlimmer sein als dies — dieses Nichtwissen.

Doch sie hatte sich überlegt, daß es vielleicht besser war, nicht gleich alles Beweismaterial zu übergeben. Die Polizei hätte zunächst einmal nur das viele Geld und das Blut gesehen, und man hätte es den Leuten nicht einmal verübeln können. Sie selbst hatte sich ja genauso irreführen lassen.

Nein, bevor sie die Sache komplizierte, indem sie der Polizei Beweise ihrer Schuld vorlegte, wollte sie wissen, welchen Verbrechens sie schuldig war, wenn überhaupt. Wenn sie gleich mit einer Tüte voll Geld und einem Kleid voller Blut ins Revier marschierte, würden die dort in Panik geraten, wie sie selbst in Panik geraten war. Es war besser, diese Dinge zunächst für sich zu behalten. Alles schön der Reihe nach. Und an erster Stelle in dieser Reihe stand die Notwendigkeit herauszufinden, wer zum Teufel sie eigentlich war.

Sie wartete, bis die Frau wieder hinter ihrer Theke und in die Zeitschrift vertieft war, ehe sie einen ihrer neuen Schuhe auszog, die Innensohle zurückklappte und den Schließfachschlüssel darunter schob. Sie zog die Innensohle wieder nach vorn und schlüpfte wieder in den Schuh. Es fühlte sich merkwürdig an, unrecht, wie so häufig bei Geheimnissen. Aber sie würde sich schon daran gewöhnen.

Sie warf die Quittung in einen Abfallkorb, an dem sie vorüberkam, und ging schnell aus der Halle hinaus. Während sie, verwundert über ihren unverwüstlichen Appetit, noch überlegte, ob sie irgendwo rasch etwas essen sollte, sah sie den jungenhaften Polizisten an der Ecke Stuart und Berkeley Street. Weg war der Appetit.

»Entschuldigen Sie«, begann sie zaghaft und vorsichtig. »Können Sie mir vielleicht helfen?«

4

»Okay, bleiben Sie ganz locker. Es tut nicht weh.«

»Was passiert denn jetzt?«

»Nur eine kleine Untersuchung. Nein, bleiben Sie ruhig liegen. Ich verspreche Ihnen, es tut überhaupt nicht weh. Versuchen Sie, sich zu entspannen. In zehn Minuten ist es vorbei.«

Sie war im Städtischen Krankenhaus Boston, einem 450-Betten-Krankenhaus vornehmlich für Sozialfälle und Mittellose. Die Polizei hatte sie hierher gebracht, nachdem festgestellt worden war, daß sie nicht auf der Fahndungsliste und auch nicht auf der Vermißtenliste stand. Sie hatten ihre Fingerabdrücke genommen, die nach Washington geschickt werden sollten, und ein Foto von ihr gemacht, das sie der Presse übergeben wollten; aber vorher sollte sie im Krankenhaus untersucht werden. Sie gaben dem Städtischen Krankenhaus den Vorzug vor dem elitären Allgemeinen Krankenhaus von Massachusetts, da sie sich sagten, daß jemand, der ohne Identität war, wahrscheinlich auch keine Krankenversicherung hatte.

Die Polizeibeamten ließen sie in der Obhut eines nervösen Assistenzarztes zurück, der aus ihr ebensowenig klug wurde wie sie selbst. Er stellte ihr die gleichen Fragen, die schon die Polizei ihr gestellt hatte. Wann haben Sie gemerkt, daß Sie eine Gedächtnisstörung haben? Wo genau befanden Sie sich? Wohin sind Sie gegangen? Hatten Sie getrunken? Können Sie uns irgend etwas über sich selbst sagen? Sie antwortete, so gut sie es vermochte.

Dann begann der Assistenzarzt, sie zu untersuchen. Zunächst wollte er feststellen, ob ihre Pupillen auf Licht reagierten. Das taten sie. Also ging er weiter zu Blutdruck und Puls, die beide in Ordnung waren. Er ließ ihren Urin untersuchen und tastete ihren Kopf nach äußeren Verletzungen ab. Nachdem er festgestellt hatte, daß alle Befunde normal waren, holte er den Stationsarzt, einen bärtigen und eisern humorlosen jungen Mann, der aussah, als hätte er noch nie in seinem Leben gelächelt, und dem auch in der Tat im Lauf der halben Stunde, die er für seine Untersuchung brauchte, kein einziges Lächeln entschlüpfte.

Auch Dr. Klinger, wie er sich ernst und gemessen vorstellte, prüfte ihre Pupillen, ihren Puls und ihren Blutdruck. Danach ordnete er eine ganze Batterie von Blutuntersuchungen an. Als sie fragte, wozu die gut seien, erklärte er mit einem merklichen Anflug von Ungeduld, man wolle versuchen, diverse körperliche Ursachen ihrer Amnesie auszuschließen. Als sie ihn drängte, sich genauer auszudrücken, reagierte er gereizt, als sei die Antwort selbstverständlich, und sagte, es ginge ihnen darum, Alkohol, Drogen, Aids und tertiäre Syphilis als Ursachen ihres Zustands auszuschalten. Sie riß erschrocken die Augen auf. An tertiäre Syphilis hatte sie überhaupt nicht gedacht.

»Glauben Sie im Ernst, ich könnte Syphilis haben?« Sie fand die Vorstellung beinahe erheiternd.

»Nein, eigentlich nicht«, antwortete er, und es hörte sich an, als mache ihm das Sprechen Mühe. »Wenn Sie schwarz wären, hielte ich es eher für möglich.«

Die gedankenlose Grausamkeit seiner Bemerkung empörte sie. Ich bin nur deshalb ein Kuriosum für sie, weil ich eine Weiße bin, dachte sie. Wäre meine Haut schwarz, würde man mich als Trinkerin oder Drogensüchtige oder Syphilitikerin im letzten Stadium abtun, die ihre Krankheit durch ihre Promiskuität selbst verschuldet hat. Unwillkürlich ballte sie die Hand unter ihrer Handtasche zur Faust. Am liebsten hätte sie sie dem ehrenwerten Doktor ins Gesicht gedonnert.

»Was untersuchen Sie noch?«

Sein Ton war trocken, unpersönlich. »Wir machen eine Reihe von Stoffwechseluntersuchungen, um Störungen der Schilddrüse, der Nieren und der Leber auszuschließen. Ebenso chemische Störungen und Vitaminmangel.«

»Und wie lange wird das dauern?«

»Die Ergebnisse müßten in ungefähr einer Stunde da sein. Inzwischen machen wir ein EEG.«

»Da werden mir doch ein Haufen Drähte in den Kopf gesteckt?«

Er würdigte sie erst einer Antwort, als die Drähte in angemessenen Abständen in ihrer Kopfhaut befestigt waren.

»Beim EEG werden die Hirnströme aufgezeichnet. Anormalitäten werden sofort sichtbar. Aber ich glaube nicht, daß wir bei Ihnen etwas finden werden.«

»Warum sagen Sie das?«

Er zuckte nur wortlos die Achseln.

»Sie halten mich für eine Alkoholikerin, nicht wahr?«

»Ich halte das für eine Möglichkeit.«

Sie war jetzt so zornig, daß es sie all ihre Beherrschung kostete, nicht vom Untersuchungstisch zu springen und ihm an die Gurgel zu gehen. Behandelte er alle seine Patienten mit dieser rücksichtslosen Geringschätzung?

»Wenn ich Alkoholikerin wäre«, sagte sie langsam, nachdem sie ihren Zorn hinuntergeschluckt hatte, »wären dann jetzt nicht Entzugserscheinungen bei mir feststellbar? Ich habe seit zwei Tagen nur Mineralwasser getrunken, und es hat mir überhaupt nichts ausgemacht.«

»Es hat wenig Sinn, herumzuspekulieren. Warten wir doch einfach, bis wir die Ergebnisse der Blutuntersuchungen bekommen.«

Schieben wir dir doch einfach so ein Reagenzglas mit Blut in den verklemmten Arsch, du eingebildeter, hochnäsiger Heini, dachte sie.

Das EEG zeigte, daß ihre Hirnströme absolut normal waren. Dr. Klinger zog ein Mündchen der Selbstzufriedenheit. »Und jetzt?« fragte sie, während er einige, zweifellos unleserliche Notizen auf seine Agenda warf.

»Wir warten auf die Ergebnisse der Bluttests«, sagte er wie zuvor. »In der Zwischenzeit spreche ich mit Dr. Meloff wegen eines CT’s.«

Er hatte ihr den Rücken zugewandt und war schon halb aus dem Zimmer, während er sprach, so daß sie erst verstand, was sie vorhatten, als Dr. Meloff es ihr einige Zeit später erklärte.

Dr. Meloff, ein Neurologe, wurde hinzugezogen, als die Blutuntersuchungen keine Hinweise auf Schilddrüsen-, Leber- oder Nierenstörungen zeigten, keine chemischen Störungen, keinen Vitaminmangel, keine Spur von Alkoholismus, Drogenmißbrauch, AIDS, Syphilis oder anderen gehirnschädigenden Krankheiten. Er war ein gutaussehender Mann mit vollem dunklen Haar, das an den Schläfen zu ergrauen begann, und einem natürlichen Lächeln, das gut zu seiner ungezwungenen Art paßte.

»Ich bin Dr. Meloff«, sagte er, während er ihre Karte ansah und den Kopf schüttelte. »Sie sind also heute nicht ganz auf dem Posten, hm?« meinte er mit einem leichten Lachen.

Sie mußte ebenfalls lachen.

»Das ist schon besser«, sagte er und prüfte ihre Pupillen wie vor ihm der Assistenzarzt und der Stationsarzt. Dann drehte er ihren Kopf hin und her. »Wer bin ich?« fragte er beiläufig.

»Dr. Meloff«, antwortete sie automatisch.

»Gut. Folgen Sie mit den Augen meinem Finger.« Er zog mit dem Finger einen Pfad durch die Luft. »Gut. Jetzt hier herüber.« Sein Finger entfernte sich aus ihrem Gesichtsfeld. »Nein, nicht den Kopf bewegen. Genau. Gut. Sehr gut.«

»Was ist sehr gut?«

»Auf den ersten Blick scheint organisch alles in Ordnung zu sein. Sie erinnern sich nicht an Schläge auf den Kopf? Oder an einen Sturz?« Seine Finger tasteten ihre Kopfhaut ab, massierten ihren Nacken.

»Nein, nichts. Zumindest kann ich mich nicht erinnern.«

»Und woran können Sie sich erinnern?«

Sie stöhnte. »Muß ich das alles noch mal wiederholen? Ich hab es doch schon der Polizei erzählt und den anderen Ärzten. Es steht bestimmt irgendwo auf dem Krankenblatt…«

»Tun Sie mir den Gefallen.«

Er sagte es so freundlich, daß sie nicht widerstehen konnte. Der gute Dr. Klinger kann sich von diesem Mann eine Scheibe abschneiden, dachte sie und bemerkte, daß Klinger das Zimmer verlassen hatte.

»Über mich selbst weiß ich überhaupt nichts«, erklärte sie Dr. Meloff. »Ich weiß nur, daß ich plötzlich an der Ecke Cambridge und Bowdoin Street stand und nicht wußte, was ich da zu suchen hatte, wie ich hingekommen war und wer ich war. Ich hatte keine Papiere bei mir; ich war allein, ich wußte nicht, was ich tun sollte. Erst bin ich ein paar Stunden herumgeirrt, dann habe ich mir ein Zimmer im Lennox Hotel genommen.«

»Unter welchem Namen?«

»Ich hab mir einen ausgedacht.« Sie zuckte die Achseln. »Cindy McDonald. Die Polizei hat ihn schon überprüft. Es gibt mich nicht.«

Er lächelte. »Oh, es gibt Sie. Sie sind vielleicht ein bißchen zu dünn, aber es gibt Sie. Wer bin ich?«

»Dr. Meloff.« »Gut. Sie sind also ein paar Tage im Lennox Hotel geblieben und dann zur Polizei gegangen?«

»Ja.«

»Wie haben Sie das Hotel bezahlt?«

»Ich fand etwas Geld in meinen Manteltaschen«, antwortete sie und hätte beinahe gelacht.

»Warum sind Sie nicht sofort zur Polizei gegangen?«

Sie holte tief Atem, um sich für die Lüge zu wappnen, die folgen würde. Auf der Polizei hatte man ihr die gleiche Frage gestellt. Sie gab dem Arzt dieselbe Antwort, die sie den Beamten gegeben hatte. »Ich war so durcheinander«, begann sie. »Ich glaubte fest, daß mein Gedächtnis gleich wiederkommen würde. Ich weiß eigentlich nicht, warum ich nicht sofort zur Polizei gegangen bin«, schloß sie und sah dabei die ordentlichen kleinen Bündel von Hundert-Dollar-Noten und ihr blutdurchtränktes Kleid vor sich. Sie wußte es genau.

Wenn er an ihrer Antwort Zweifel hatte, so gab er es nicht zu erkennen. »Aber an die Ereignisse der letzten Tage können Sie sich ohne weiteres erinnern?«

»Ja.«

»Wie steht es mit aktuellen Ereignissen? Wissen Sie, wer Präsident ist?«

»Ich weiß, wer Präsident ist«, sagte sie, »aber ich weiß nicht, ob ich ihn gewählt habe.«

»Stehen Sie auf.« Er half ihr vom Untersuchungstisch. »Schließen Sie die Augen und versuchen sie, auf einem Bein zu stehen. Gut. Jetzt auf dem anderen. Wer bin ich?«

»Dr. Meloff. Warum fragen Sie mich das dauernd? Ich kann mich an jeden erinnern, nur nicht an mich selbst.«

»Sie können die Augen wieder aufmachen.«

Sie tat es und begegnete dem unfreundlichen Blick Dr. Klingers. »Die Patientin kann jetzt zum CT«, sagte er, als wäre sie gar nicht da.

Dr. Meloff nahm ihren Arm. »Ist gut, Herr Kollege«, sagte er und führte sie aus dem Untersuchungsraum. »Ich begleite Mrs. McDonald zum Röntgen.«

Mit einem Lächeln der Erleichterung trat sie mit ihm in den Korridor hinaus.

Die Röntgenabteilung befand sich im Souterrain des Krankenhauses. Die Patienten, denen sie in den tristen Gängen begegneten, wirkten ängstlich und verwirrt, das Personal wirkte zerstreut, übermüdet, überarbeitet. Alle sahen sie aus, als wünschten sie, irgendwo anders zu sein, ganz gleich, wo.

In dem Raum, in dem sie untersucht werden sollte, stand in der Mitte ein massiges tunnelähnliches Monster. Man wies sie an, sich auf einem langen, schmalen Tisch niederzulegen, der in das Monster eingefahren werden sollte. Sie mußte die Arme dicht am Körper halten und ganz still liegen. Eine Assistentin griff ihr ins Haar, um festzustellen, ob sie Haarnadeln darin hatte, und gab ihre Handtasche einer Schwester.

»Was passiert denn jetzt?« Ihre Stimme klang ziemlich jämmerlich.

»Okay, bleiben Sie ganz locker. Es tut nicht weh.«

»Aber was machen Sie?«

»Nur eine kleine Untersuchung.«

Sie fuhr in die Höhe, um zu protestieren.

»Nein, bleiben Sie ganz ruhig liegen. Ich verspreche Ihnen, es tut nicht weh. Versuchen Sie, sich zu entspannen. In zehn Minuten ist es vorbei.«

»Und dann?« fragte sie, als sie schon in die Maschine hineingeschoben wurde.

»Ganz still liegen«, mahnte die Assistentin. »Schließen Sie die Augen. Machen Sie ein kleines Nickerchen.«

»Wir sehen uns in zehn Minuten«, rief Dr. Meloff, als die Dunkelheit sich wie eine weiche Decke über ihr Gesicht senkte.

Ihr Körper vibrierte zum leisen Summen der Maschine, während sie Zentimeter um Zentimeter tiefer in den Tunnel hineinglitt. Sie hätte gern die Augen geöffnet und sich umgesehen, getraute sich aber nicht. Sie konnte sich nicht erinnern, ob man ihr gesagt hatte, sie solle die Augen geschlossen lassen. Sie konnte nur die Ermahnung hören, still zu liegen.

Rühr dich nicht, flüsterte sie lautlos. Halt den Kopf ganz still. Hab keine Angst. Hab keine Angst. Hab keine Angst.

Es sind ja nur zehn Minuten, versuchte sie sich zu trösten und hätte am liebsten laut geschrien. Nur zehn Minuten, dann bist du wieder raus aus diesem verdammten Ding. Zehn Minuten würde sie es ja wohl aushalten können. Zehn Minuten waren eine winzige Zeitspanne gemessen an der Ewigkeit. Zehn Minuten war wirklich nicht zuviel verlangt.

Zehn Minuten waren eine Ewigkeit; eine endlose Folge von Sekunden, die man durchstehen mußte. Niemals hätte sie diesen Untersuchungen zustimmen sollen. Sie hätte gar nicht erst hierher kommen sollen. Sie hätte überhaupt nicht zur Polizei gehen sollen. Sie hätte im Lennox Hotel bleiben sollen, bis ihr das Geld ausgegangen wäre und sie keine andere Wahl mehr gehabt hätte.

Sie hätte davonlaufen sollen, verschwinden. Wieviele Menschen gab es schon, denen die Chance geboten wurde, ein ganz neues Leben anzufangen? Mancher wäre bereit, für eine solche Chance zu töten! Und sie — hatte sie dafür getötet?

Nein, sagte sie sich, fang nicht wieder an nachzugrübeln. Jetzt nicht. Sie mußte aufhören, sich den Kopf zu zerbrechen, wer sie vielleicht war und was sie vielleicht getan hatte. War das nicht der Grund, weshalb sie hier war? Damit die Leute hier ihre Fragen beantworten konnten?

Wieso war es überhaupt so ungeheuer wichtig zu wissen, wer man war? Man brauchte doch nur die unzähligen Menschen auf dieser Welt anzusehen, die genau wußten, wer sie waren, und dabei todunglücklich waren. Nein! Sie hatte die Chance bekommen, von vorn anzufangen, und hatte sie achtlos und gedankenlos zusammen mit ihrem Mantel und ihrer Unterwäsche auf den Müll geworfen. Und jetzt steckte sie fest. Steckte mitten in irgendeiner monströsen Maschine, die ihre Innereien fotografierte und zweifellos auch in ihre Seele linste. Steckte mitten in einem Geheimnis, das wahrscheinlich am besten ungelöst blieb.

Keine Panik, sagte eine feine Stimme immer wieder. In ein paar Minuten ist es vorbei.

Was ist vorbei? fragte sie die Stimme. Was ist dann vorbei?

Ruhig. Ruhig. Reg dich nicht auf. Mach dich nicht verrückt. Du bekommst höchstens Ärger, wenn du dich aufregst.

Was soll das heißen? Was für Ärger? Wieso bekomme ich Ärger, wenn ich mich aufrege?

Laß locker. Versuch, ganz ruhig zu bleiben. Du weißt doch, daß es gar nichts bringt, die Beherrschung zu verlieren.

Woher weiß ich das? Woher weißt du das? Wer bist du?

Die Stimme ging im Summen der Maschine unter. Sie hörte nichts mehr als Stille, fühlte sich in den Mutterleib zurückversetzt, als treibe sie in einem Zwischenzustand dahin und warte darauf, geboren zu werden. Hinter ihren geschlossenen Lidern sah sie Farben, große Kleckse in Violett und Lindgrün. Sie spielten vor ihren Augen wie in einem Kaleidoskop, kamen explosionsartig auf sie zu und zogen sich in die Dunkelheit zurück, nur um Sekunden später von neuem zu erscheinen. Folge uns, winkten sie. Wir führen dich durch die Finsternis.

Sie folgte ihnen, bis sie vom blendenden Licht einer strahlenden Sonne verschluckt wurden, und sie selbst sich in einem, wie ihr schien, tropischen Regenwald wiederfand. Große Blätter hingen feucht von exotischen Bäumen herab, unter denen sie durch wuchernden Dschungel stolperte. Die Erde schien an ihren Beinen emporzuwachsen. War sie im Begriff zu versinken? War sie in Flugsand geraten?

Ein leichter Wind umfächelte ihren Kopf, drohte sich um ihren Hals zu legen wie eine Boa Constrictor, löste sich dann plötzlich auf, verlor seine Kraft, verflüchtigte sich. Sekunden später trat er als stetiges Summen wieder in Erscheinung, aber nicht länger bedrohlich. Sie merkte, daß ihr Körper plötzlich aus dem engen Schacht befreit war.

»Na bitte. War das nun so schlimm?«

»Dr. Meloff?«

Er lächelte. »Und dabei habe ich Sie nicht einmal gefragt, wer ich bin.«

Verwirrt setzte sie sich auf. Wo war sie? Genauer — wo war sie gewesen? »Ich muß eingeschlafen sein.«

»Na wunderbar. Sie hatten wahrscheinlich ein bißchen Ruhe nötig.«

»Ich hatte einen ganz merkwürdigen Traum.«

»Wenn man bedenkt, was im Moment in Ihnen vorgeht, ist das nicht sehr verwunderlich.« Er tätschelte ihre Hand. »Die Schwester bringt Sie jetzt wieder nach oben. Ich werde inzwischen versuchen, die Ergebnisse der Untersuchung auszuwerten. Ich komme gleich nach.«

Knapp eine Stunde später kam er mit der Nachricht, daß alles normal und in Ordnung sei.

»Und wie geht es jetzt weiter?«

»Das weiß ich selbst noch nicht«, antwortete er, und sie lachte, dankbar für seine Aufrichtigkeit.

»Sie haben meine Frage vorhin nicht beantwortet«, sagte sie. Er zog eine Augenbraue hoch. »Ich meine, warum Sie mich dauernd fragen, wer Sie sind.«

»Ich wollte prüfen, ob Sie vielleicht an einer Krankheit leiden, die man Korsakoff-Syndrom nennt«, antwortete er etwas verlegen.

»Das klingt wie ein Buch von Robert Ludlum.«

Er lachte. »Stimmt. Haben Sie was von ihm gelesen?«

»Ich weiß nicht.«

»War nur eine Frage.«

»Und was ist dieses Korsakoff-Syndrom?«

»Es geht mit Gedächtnisverlust einher. Der Patient kann sich von einer Minute zur nächsten an nichts mehr erinnern und fabuliert daher ständig.«

»Er fabuliert? Sie meinen, er lügt?« Er nickte. »Fabulieren«, sagte sie. »Ein hübsches Wort.«

»Ja, nicht wahr?« stimmte er zu. »Jedenfalls, nennt man dem Patienten seinen Namen, und zwei Minuten später hat er ihn vergessen und denkt sich darum irgend etwas aus.«

»Aber warum denn?«

»Menschen, die an einer Amnesie leiden, finden es oft nützlich, anderen das Ausmaß ihrer Störung nicht preiszugeben. Auf diese Weise können sie alles mögliche über sich selbst erfahren, ohne daß die anderen etwas merken.«

»Das hört sich nach Schwerarbeit an.«

»Niemand hat behauptet, daß es eine Lappalie ist zu vergessen, wer man ist.«

Sie lächelte. »Und Sie sind zu dem Schluß gekommen, daß ich nicht am Korsakoff-Syndrom leide?«

»Ich würde sagen, wir können Mr. Korsakoff vergessen. Im übrigen stellt sich diese Störung meist im Zusammenhang mit Alkoholmißbrauch ein, und den haben wir definitiv ausgeschlossen.«

»Was haben Sie denn nicht ausgeschlossen?«

»Ich kann nur vermuten — und es ist wirklich nur eine Vermutung«, betonte er, »daß Ihre Amnesie auf ein seelisches Trauma zurückzuführen ist.«

»Sie halten mich für verrückt?«

»Das habe ich nicht gesagt.«

»Aber Sie meinen, es spielt sich alles nur in meinem Kopf ab«, sagte sie beinahe zornig.

»Ich meine, daß Sie möglicherweise an einem nichtpsychotischen Syndrom leiden.«

Sie spürte, wie sie ungeduldig wurde. »Würden Sie bitte Klartext mit mir reden, Dr. Meloff?«

Er wählte seine nächsten Worte mit Bedacht. »Jeder Mensch hat eine Angstgrenze. Wenn diese Grenze überschritten wird, flüchten sich manche Menschen in einen plötzlichen Gedächtnisverlust. Man nennt das eine hysterische Amnesie. Dieser Zustand ist meist durch den Zwang davonzulaufen charakterisiert. Wenn die Lebenssituation allzu belastend wird, entzieht sich der Betroffene durch Flucht.«

»Aber Dr. Meloff, unzählige Menschen leben tagtäglich unter schwersten seelischen Belastungen. Die laufen doch auch nicht einfach davon und vergessen, wer sie sind.«

»Manche schon. Andere bekommen einen Nervenzusammenbruch, schlagen ihre Kinder, haben Affären, rauben eine Bank aus, bringen vielleicht sogar jemanden um. Die Hysterie hat viele Erscheinungsformen.«

Sie schaute zur Zimmerdecke hinauf, unterdrückte ein paar unerwünschte Tränen und sah vor sich das Bild ihres blutbespritzten Kleides. »Sie halten mich also für eine Hysterikerin?«

»Zwischen einem Hysteriker und jemandem, der an einer hysterischen Amnesie leidet, besteht ein gewaltiger Unterschied. Die hysterische Amnesie ist ein Schutzmechanismus, eine Überlebensstrategie, wenn Sie so wollen. Es geht dabei um den Verlust der Erinnerung an eine bestimmte Zeitspanne im Leben eines Menschen, eine Zeitspanne, die häufig mit starken Gefühlen von Angst oder Wut oder mit tiefer Scham und Demütigung verbunden ist.«

»Das klingt, als hätten Sie das eben nachgelesen.«

Er lachte ein wenig. »Ich habe mich auf dem Weg hierher mit einem unserer Psychiater unterhalten.«

»Vielleicht sollte ich mich lieber mal mit dem Psychiater unterhalten.«

Er nickte zustimmend. »Zuerst würde ich gern noch einige Untersuchungen machen. Nur um ganz sicherzugehen, daß wir nichts übersehen haben.«

»Was für Untersuchungen?«

»Ich dachte an einige weitere Gehirnuntersuchungen. Es gibt da beispielsweise eine, bei der das Gehirn im Unterschied zum CT mit Hilfe eines Magneten abgebildet wird. Dann gibt es den sogenannten BEAM-Test, eine Computeranalyse der Gehirntätigkeit, die dem EEG recht ähnlich ist. Und schließlich käme auch noch ein PET in Frage, das ist eine Positronen-Emissions-Tomographie, bei der unter Einsatz von radioaktivem Material der Glukoseumsatz im Gehirn gemessen werden kann. Das wäre so ziemlich alles«, sagte er lächelnd.

»Und wenn die Ergebnisse dieser Untersuchungen in Ordnung sind?«

»Dann könnten wir noch eine Rückenmarkspunktierung vornehmen, um festzustellen, ob wir es mit einer Infektion des Nervensystems zu tun haben, und vielleicht ein Arteriogramm der zum Gehirn führenden Gefäße.«

»Oder wir könnten mich einfach zum Psychiater schicken«, meinte sie. Diese Alternative erschien ihr plötzlich sehr verlockend.

»Oder wir könnten Sie einfach zum Psychiater schicken, ja«, stimmte er zu.

»Und was könnte der Psychiater mit mir anfangen? Ich meine, ich habe schließlich nichts zu offenbaren.«

Und das Geld? Und das Blut auf deinem Kleid? hörte sie irgendwo in ihrem Kopf eine Stimme und wehrte sie mit einem kurzen Kopfschütteln ab.

»Es wird Sie vermutlich einer Reihe psychologischer Tests unterziehen«, antwortete Dr. Meloff.

»Noch mehr Tests«, murrte sie.

»Tja, darin sind wir eben Meister.«

»Und wie lange soll das alles dauern?«

»Kommt ganz darauf an, wie schnell es sich arrangieren läßt. Aber mit ein paar Tagen müssen Sie schon rechnen.«

Sie stöhnte.

»Was ist denn? Haben Sie es so eilig?«

»Ja, ich hatte gehofft, in ein paar Tagen wäre dieser Alptraum längst vorbei.«

Er trat neben sie und nahm ihre Hand. »Das ist ja auch nicht ausgeschlossen.« Sie sah ihn erwartungsvoll an. »Bei der hysterischen Amnesie, wenn wir es hier mit einer zu tun haben, kann die Rückwende jederzeit eintreten. Und ich habe nie von einem Fall gehört, bei dem dieser Zustand länger als zwei Monate anhielt.«

»Zwei Monate?«

»Diese Zustände geben sich im allgemeinen so plötzlich, wie sie auftreten, meist innerhalb weniger Tage oder Wochen.« Er gab ihr einen leichten Klaps der Ermunterung auf die Hand. »Kommen Sie, lassen wir die Ratespiele. Es ist gescheiter, wir nehmen gleich die notwendigen Untersuchungen in Angriff.« Er beugte sich zu einem Sessel hinüber und nahm von dort eine Zeitschrift, die jemand liegengelassen hatte. »Entspannen Sie sich, lesen Sie nach, was in der Welt passiert, die Sie vielleicht vergessen haben.« Er warf einen Blick auf das Datum auf dem Titelblatt der Illustrierten. »Hm, lesen Sie nach, was vor anderthalb Jahren passiert ist. Wenn ich wiederkomme, machen wir ein Quiz.«

Sie blieb in ihren neuen Kleidern, mit ihrer neuen Handtasche auf dem Schoß auf dem Untersuchungstisch sitzen, spürte den Druck des Schlüssels, den sie unter der Innensohle ihres neuen Schuhs verborgen hatte, an ihrem nackten Fuß und fragte sich, ob sie Dr. Meloff die ganze Wahrheit sagen solle. Ob sie ihm von dem Geld erzählen solle. Von dem Blut an ihrem Kleid. Das würde seine Theorie von der hysterischen Amnesie sicherlich untermauern. Und dann? Würde er schnurstracks zur Polizei gehen, oder war er an seine ärztliche Schweigepflicht gebunden? Was würde sie denn erreichen, wenn sie ihm ihr Herz ausschüttete? Doch nur, daß sie sich hinterher etwas erleichtert fühlen und vielleicht um eine Rückenmarkspunktierung und ein Arteriogramm herumkommen würde.

War das nicht Grund genug?

Mit einem tiefen Seufzer beschloß sie, Dr. Meloff reinen Wein einzuschenken, sobald er zurückkam. Inzwischen würde sie tun, was er vorgeschlagen hatte, und ihre Bekanntschaft mit der nicht allzu fernen Vergangenheit auffrischen, um ihr Erinnerungsvermögen zu prüfen.

Sie blätterte in den abgegriffenen Seiten der Illustrierten, grinste über ein Foto Dan Quayles bei einem Besuch in Latein-Amerika, versenkte sich einen Moment lang in den intensiven Blick von Tom Cruises blauen Augen, lächelte über die Gewagtheit der einst hochmodischen Entwürfe von Christian LaCroix. Und dann bemerkte sie plötzlich eine junge Frau, die an der offenen Tür stand und sie anstarrte. Sie ließ die Zeitschrift zu Boden fallen.

»Entschuldigen Sie«, sagte die junge Frau im blütenweißen Kittel und bückte sich hastig, um die Illustrierte aufzuheben. »Ich dachte schon vorhin, als ich vorbeikam, daß wir uns kennen, aber ich war mir nicht sicher. Sie erinnern sich wahrscheinlich nicht an mich —«

»Wer sind Sie?« unterbrach sie ungeduldig.

»Dr. Irene Borovoy. Wir sind uns vor gut einem Jahr im Kinderkrankenhaus begegnet. Ich war Assistenzärztin bei Ihrem Mann.« Sie brach abrupt ab und fragte leicht verlegen. »Sie sind doch Dr. Whittakers Frau? Jane Whittaker? Ich irre mich doch nicht?«

»Jane Whittaker«, wiederholte sie zögernd.

»Ihr Mann ist ein wunderbarer Mensch.«

»Jane Whittaker«, sagte sie wieder und lauschte dem Klang des unbekannten Namens nach.

»Kümmert sich jemand um Sie, Mrs. Whittaker?« fragte Dr. Borovoy besorgt. »Geht es Ihnen gut?«

Sie blickte in die klaren blauen Augen der jungen Ärztin. »Jane Whittaker«, sagte sie nachdenklich.

5

Sie wartete auf den Mann, der behauptete, ihr Ehemann zu sein, und im Augenblick noch mit Ärzten und Polizeibeamten sprach.

»Jane Whittaker«, sagte sie wieder, in der Hoffnung, daß sich der Name durch ständige Wiederholung einen Weg in ihr Gedächtnis bahnen und die Mauern des Vergessens sprengen würde. Aber die Worte klangen hohl und hatten keine Resonanz. Sie vibrierten nur so lange in ihrem Kopf, wie sie brauchte, um sie auszusprechen, dann verflüchtigten sie sich, ohne eine Spur zu hinterlassen. Sie brachten keine Offenbarung, keine plötzliche Erleuchtung. Sie lösten keine Emotionen aus, nur ein verwunderliches Gefühl der Gleichgültigkeit. »Jane Whittaker«, flüsterte sie, jede Silbe in die Länge ziehend, und fühlte nichts dabei. »Jane Whittaker.«

Wie passend, daß sie ausgerechnet Jane hieß. Das war doch der Name, den man unbekannten weiblichen Leichen zu geben pflegte, die man im Bostoner Hafen treibend fand? Unbekannten Frauen, die ermordet auf der Straße gefunden wurden. Jane Doe, das war doch der Name, der auf jeder Musterkreditkarte stand. »Jane Doe«, flüsterte sie.

Oder wie wäre es mit Jane Eyre, die auf das Erscheinen des geheimnisvollen Mr. Rochester wartet? Ob der Mann, der ihr Ehemann zu sein behauptete, einen ebenso dramatischen Auftritt hinlegen würde wie jener Gentleman, der hoch zu Roß herangaloppiert war, nur um dann vor den Augen seiner verwirrten Heldin vom Pferd zu stürzen und sich den Knöchel zu verstauchen? Würde er ebenso groß und dunkel und streng sein? Und würde sie ihn vielleicht so wenig erkennen, wie Jane Eyre die zukünftige große Liebe ihres Lebens erkannt hatte?

Und wie wäre es mit der anderen Jane, Lady Jane Grey, kindliche Anwärterin auf den englischen Thron, die enthauptet worden war, nachdem sie den Versuch gemacht hatte, jemand zu sein, der sie nicht war.

Oder Jane, die auf der Suche nach Tarzan durch den Urwald irrte: »Ich Tarzan, du Jane«. War das vielleicht die Erklärung für ihren seltsamen Traum beim CT? Hatte ihr Unbewußtes ihr über die Dschungelsymbolik den Weg zu sich selbst zeigen wollen? Du Jane. War es wirklich so einfach?

Du Jane. Such, Jane. Lauf, Jane, lauf.

Sie unterdrückte den plötzlichen Impuls, aus ihrem Sessel aufzuspringen und davonzulaufen, sich in die sichere Anonymität des Lennox Hotels zu flüchten und unter der Bettdecke zu verstecken. Ihre Tage in Gesellschaft der Jungen und Rastlosen zu verbringen, die langen Abende mit Johnny Carson und David Letterman. Sie wollte den Mann nicht sehen, der behauptete, ihr Mr. Rochester zu sein. Michael Whittaker, hatten sie ihr gesagt. Ein Arzt, hatten sie beeindruckt berichtet und sie mit neuem Respekt angesehen. Ein angesehener Kinderchirurg.

Sie zwang sich, im Sessel sitzenzubleiben. Wohin hätte sie denn auch fliehen können? Saßen nicht im Nebenzimmer die Polizei, die Ärzte und ihr Mann beisammen, um ihre Vergangenheit zu sezieren und über ihre Zukunft zu entscheiden? Wie hatte sie erwarten können, zu diesen Entscheidungen hinzugezogen zu werden, da sie doch so eindeutig alle Verantwortung für ihr eigenes Leben abgeschüttelt hatte? Da sie sich doch entschieden hatte, die Realität hinter sich zu lassen und ihr Heil in hysterischer Flucht zu suchen.

»Ach, verdammt!« rief sie laut und sah sich sofort schuldbewußt um. Aber niemand hatte sie gehört. Sie war allein im Zimmer, schon seitdem ein Polizeibeamter gemeldet hatte, Dr. Whittaker sitze im Wartezimmer, und die Ärzte hinausgegangen waren und sie wiederum zur nicht Existierenden reduziert hatten. Wenn dieser Mann mich nicht kennen sollte, bin ich dann weniger real? fragte sie sich unwillkürlich.

Was war er für ein Mensch, dieser Dr. Michael Whittaker, anerkannter Kinderchirurg, den alle Welt zu kennen und zu bewundern schien? Die Mediziner sprachen seinen Namen mit Respekt, nein, geradezu ehrfürchtig aus. Selbst Dr. Klingers steinernes Gesicht hatte einen Anflug von Wohlwollen gezeigt, und Dr. Meloff hatte augenblicklich entschieden, alle weiteren Untersuchungen aufzuschieben, bis er Gelegenheit gehabt hatte, mit dem hochgeachteten Kollegen zu sprechen.

»Ihr Mann ist ein wunderbarer Mensch«, hatte Dr. Irene Borovoy noch einmal beteuert, ehe sie losgelaufen war, um Dr. Meloff zu holen. Das schien die einhellige Meinung aller zu sein: daß sie mit einem wunderbaren Menschen verheiratet war. Wirklich, sie konnte sich glücklich schätzen.

Aber wieso trug sie nicht seinen Ring?

Es wäre doch normal gewesen, sagte sie sich, daß sie, wenn sie in der Tat die Ehefrau des bekannten Kinderchirurgen Michael Whittaker war, den Beweis dafür am Ringfinger ihrer linken Hand tragen würde. Aber ein solcher Beweis war nicht vorhanden. Abgesehen von ihrer Armbanduhr trug sie überhaupt keinen Schmuck. Höchstwahrscheinlich war also Dr. Michael Whittaker nicht ihr Ehemann. Er hatte ja auch bei der ersten Kontaktaufnahme vor mehreren Stunden zunächst behauptet, seine Frau sei verreist, zu Besuch bei ihrem Bruder in San Diego.

Ein Bruder in San Diego? überlegte sie verwundert. War das möglich? War sie auf der Fahrt zu ihm gewesen und unterwegs überfallen worden, beraubt und brutal mißhandelt? Vielleicht — nur erklärte das leider nicht, wie das Geld am Ende in ihre Taschen gekommen war und das fremde Blut auf ihr Kleid.

Ein Bruder. Ein Bruder und ein Ehemann. Zwei zum halben Preis. Aber zu welchem Preis?

Es klopfte, und die Tür ging auf. Dr. Meloff kam herein. Ihm folgten mehrere Polizeibeamte. Sie lächelten, aber sie sahen ernst aus. Sie lächeln mit ernster Miene, dachte sie, und erwiderte unwillkürlich das Lächeln. Sie hatte so viele Fragen, daß sie nicht wußte, welche sie zuerst stellen sollte. Also sagte sie gar nichts.

»Sie sind Jane Whittaker«, klärte Dr. Meloff sie freundlich und behutsam auf, und ihr schossen die Tränen in die Augen. »Ihr Mann wartet im Nebenzimmer auf Sie. Meinen Sie, Sie sind einer Begegnung jetzt gewachsen?«

Sie brauchte ihre ganze Kraft zum Sprechen, und selbst dann mußte Dr. Meloff sich ihr zuneigen, um ihre Worte hören zu können. »Sind Sie sicher? Wie können Sie es mit solcher Gewißheit sagen?«

»Er hat Fotos mitgebracht. Außerdem Ihren Paß und Ihre Heiratsurkunde. Sie sind es, Jane. Es gibt keinen Zweifel.«

»Ich dachte, Dr. Whittakers Frau wäre zu Besuch bei ihrem Bruder in San Diego.«

»Ja, das dachte er auch. Aber offenbar ist sie dort nie erschienen.«

»Hätte mein Bruder ihn dann nicht sofort angerufen? Ich meine, wenn ich schon vor ein paar Tagen eigentlich in San Diego hätte ankommen müssen?…«

Einer der Polizeibeamten lachte.

»Sie sind die reinste Detektivin«, sagte Dr. Meloff. »Officer Emerson hat die gleiche Frage gestellt.«

»Auf die er offensichtlich eine einleuchtende Antwort hatte«, meinte sie.

»Sie wollten Ihren Bruder mit Ihrem Besuch überraschen. Ihr Bruder erfuhr erst von Ihrer Absicht, ihn zu besuchen, als Ihr Mann bei ihm anrief, um zu fragen, ob Sie angekommen seien.«

Einen Moment war es still. »Dann bin ich also wirklich diese Jane Whittaker«, sagte sie beinahe resigniert.

»Ja, Sie sind wirklich Jane Whittaker.«

»Und mein Mann wartet im Nebenzimmer.«

»Er kann es kaum erwarten, Sie zu sehen.«

»Wirklich?«

»Er ist selbstverständlich sehr besorgt.«

Sie hätte beinahe gelächelt.

»Er war so sicher, daß Sie in San Diego sind.«

»Und jetzt ist er sicher, daß ich hier bin. Vielleicht irrt er sich dieses Mal auch.«

»Er irrt sich nicht.«

»Was hat er über mich gesagt?« fragte sie, um die unvermeidliche Konfrontation hinauszuzögern und um nicht so völlig im dunklen zu tappen.

»Ich finde, Sie sollten lieber mit ihm selbst sprechen.« Dr. Meloff wandte sich zur Tür.

»Bitte!« rief sie, und bei ihrem dringlichen Ton blieb er stehen. »Ich kann noch nicht.«

Dr. Meloff kam wieder zu ihr. »Jane«, sagte er beruhigend, »Sie brauchen keine Angst zu haben. Er ist Ihr Mann. Und er liebt Sie sehr.«

»Aber was ist, wenn ich ihn nicht erkenne? Wenn ich ihn anschaue, so wie ich jetzt Sie anschaue, und nur einen Fremden sehe? Haben Sie eine Ahnung, was für Angst mir diese Vorstellung macht?«

»Kann es denn viel schlimmer sein, als in den Spiegel zu sehen?« fragte er logisch, und sie hatte keine Erwiderung darauf. »Wollen Sie es jetzt versuchen, Jane? Ich finde, es ist nicht fair, ihn viel länger warten zu lassen.«

»Aber Sie bleiben, ja? Sie lassen uns nicht allein!« Die letzten Worte klangen wie ein Befehl.

»Ich bleibe, bis Sie mich bitten zu gehen.« Er wandte sich wieder zur Tür.

»Dr. Meloff!« Er drehte sich um. »Ich wollte Ihnen nur danken.«

»Es war mir ein Vergnügen.« Er schwieg einen Moment, dann sagte er: »Ich bin immer für Sie da, Jane.«

Dann öffnete er die Tür und trat in den Korridor hinaus. Sie wartete mit angehaltenem Atem, sprang auf, setzte sich hastig wieder, sprang von neuem auf, lief zum Fenster hinüber und blieb dort stehen. Die Polizeibeamten beobachteten sie mit freundlicher Neugier von der anderen Seite des Raumes.

»Nur keine Angst, Mrs. Whittaker«, sagte Officer Emerson. »Er ist wirklich ein sehr netter Mann.«

»Ja, aber wenn ich ihn nun nicht erkenne?« fragte sie angstvoll. »Was ist, wenn ich ihn nicht erkenne?«

Sie erkannte ihn tatsächlich nicht.

Der Mann, der vor Dr. Meloff ins Zimmer trat, war ihr völlig fremd. Er war vielleicht vierzig Jahre alt, groß, sicher einen Meter achtzig, schlank, mit ziemlich langem, hellen Haar, das früher, als er noch ein Kind war, sicher blond gewesen war. Selbst der Ausdruck ängstlicher Besorgnis auf seinem Gesicht konnte nicht verbergen, daß er sehr gut aussah, die Augen graugrün, der Mund voll und klar gezeichnet. Das Ebenmaß seiner Züge wurde einzig gestört von der Nase, die ein wenig schief war. Diese kleine Unvollkommenheit machte ihn menschlicher und augenblicklich sympathisch. Er war kein Adonis. Sie brauchte keine schöne Helena zu sein.

Er lief mit ausgestreckten Armen auf sie zu, ganz instinktiv. Ebenso instinktiv wich sie vor ihm zurück. Er blieb abrupt stehen. »Entschuldige«, sagte er hastig, und ihr fiel auf, daß seine Stimme zärtlich und fest zugleich war. »Ich bin nur so froh und erleichtert, dich zu sehen.« Er hielt inne. Sein Blick glitt von ihrem verängstigten Gesicht zu Boden. »Du erkennst mich nicht, nicht wahr?« sagte er, und sie hörte die Tränen in seiner Stimme.

»Ich möchte ja gern«, erwiderte sie leise.

»Wir lassen Sie jetzt allein«, verkündete Officer Emerson und marschierte mit seinem Kollegen zur Tür.

»Vielen Dank für alles«, rief sie ihnen nach und fixierte Dr. Meloff mit flehendem Blick.

»Wenn Sie nichts dagegen haben«, sagte der, »bleibe ich noch ein paar Minuten.«

»Ja, ich glaube, das wäre eine Erleichterung für Jane«, meinte Michael Whittaker sofort. Er versuchte zu lächeln, und es gelang ihm beinahe. »Für mich ehrlich gesagt auch.« Er holte tief Atem. »Ich bin ziemlich nervös.«

»Warum bist du nervös?« fragte sie. Der Gedanke, daß er so aufgeregt und ängstlich sein könnte wie sie, war ihr gar nicht gekommen.

»Ich komme mir vor wie beim ersten Rendezvous«, antwortete er freimütig. »Und ich möchte unbedingt einen guten Eindruck machen.« Er lachte unsicher. »Ich dachte, ich wäre auf alles gefaßt«, fuhr er fort, »aber ich muß gestehen, ich habe keine Ahnung, wie ich mit dieser Situation umgehen soll.« Er blickte vom Boden auf und sah ihr in das angespannte Gesicht. »Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll.«

»So etwas ist also noch nie vorgekommen.« Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

»Guter Gott, nein.«

»Und warum jetzt? Was glaubst du?«

Er schüttelte nur wortlos den Kopf.

Er war sportlich gekleidet, trug eine graue Hose und ein blaues Hemd mit offenem Kragen. Sie bemerkte, daß seine Schultern leicht nach vorn gekrümmt waren, vermutlich eine Folge langer angespannter Stunden am Operationstisch. Er stand mit hängenden Armen und schien nicht zu wissen, was er mit seinen Händen anfangen sollte. Chirurgenhände, dachte sie, als sie die sorgfältig gepflegten Nägel sah und sich vorstellte, wie diese langgliedrigen Hände geschickt und präzise am Operationstisch hantierten. Behutsame Hände, kräftige Finger. Ihr fiel plötzlich der schmale goldene Trauring an seiner linken Hand auf.

»Wieso trage ich keinen Ehering?« fragte sie unvermittelt und überraschte nicht nur ihn, sondern auch sich selbst mit der Frage. »Ich meine, du trägst einen und ich nicht. Ich finde das ein bißchen merkwürdig…«

Er antwortete erst nach einer kurzen Pause. »Du trägst schon eine ganze Weile keinen Ehering mehr«, erklärte er langsam, während sie ihn forschend ansah. »Du hast plötzlich eine allergische Reaktion gegen das Gold entwickelt. Du bekamst unter dem Ring starken Juckreiz, und deine Haut war gerötet und rauh. Eines Tages hast du den Ring abgenommen und nicht wieder angelegt. Wir sprachen dauernd davon, daß wir dir einen anderen kaufen würden, etwas mit Brillanten — gegen Brillanten sei schließlich kein Mensch allergisch, sagten wir immer lachend —, aber irgendwie sind wir nie dazu gekommen. Um ehrlich zu sein, ich hatte das ganz vergessen.« Er schüttelte den Kopf wie erstaunt darüber, daß er so etwas hatte vergessen können.

»Du würdest dich wundern, was man alles vergessen kann«, sagte sie mit dem Bemühen, ihm aus der Verlegenheit zu helfen.

Er lachte, und plötzlich lachte sie auch.

»Das ist jetzt vielleicht für mich der richtige Moment zu verschwinden«, bemerkte Dr. Meloff, und sie nickte. »Geben Sie jemandem vom Personal Bescheid, wenn Sie gehen wollen. Ich würde mich gern noch von Ihnen verabschieden.«

»Er scheint ein sehr netter Mann zu sein«, bemerkte Michael, nachdem Dr. Meloff gegangen war.

Sie lächelte. »Genau das sagen sie alle von dir.«

Er seufzte. »Was kann ich tun, um dir Sicherheit zu geben, Jane? Sag mir, wie ich dir helfen kann.«

Sie entfernte sich vorsichtig vom Fenster und trat näher zu ihm, achtete jedoch darauf, ein paar Schritte Abstand zu lassen.

»Wie lange sind wir verheiratet?« fragte sie und kam sich dabei ungeheuer töricht vor.

»Elf Jahre«, antwortete er schlicht, ohne den Versuch, irgend etwas auszuschmücken. Das gefiel ihr.

»Wann haben wir geheiratet? Wie alt war ich damals?«

»Wir haben am 17. April 1979 geheiratet. Du warst dreiundzwanzig.«

»Dann bin ich jetzt also vierunddreißig?« fragte sie, obwohl die Antwort eigentlich auf der Hand lag.

»Du wirst am 13. August vierunddreißig. Möchtest du unsere Heiratsurkunde sehen?«

Sie nickte und trat noch etwas näher zu ihm, als er in die Tasche griff und die Urkunde herauszog.

»Da steht, daß wir in Connecticut geheiratet haben«, stellte sie fest und spürte die Wärme, die von seinem Körper ausging.

»Da kamst du her. Deine Mutter lebt noch dort.«

»Und mein Vater?«

»Dein Vater starb, als du dreizehn Jahre alt warst.«

Sie war plötzlich traurig, nicht weil ihr Vater gestorben war, als sie noch ein halbes Kind war, sondern weil sie keinerlei Erinnerung an ihn hatte. Sie fühlte sich doppelt verlassen.

»Und wie bin ich in Boston gelandet?«

Er lächelte. »Du hast mich geheiratet.«

Sie schwieg. Sie wollte jetzt noch nicht über ihr gemeinsames Leben mit ihm sprechen. Erst mußte sie mehr über sich selbst wissen, die Fakten verarbeiten, ein Gefühl für ihre eigene Geschichte bekommen.

»Möchtest du deinen Paß sehen?« fragte er und hielt ihn ihr hin, als wäre er ein Beweisstück und dieses Krankenhauszimmer ein Gerichtssaal.

Sie blätterte eilig das Büchlein durch, sah, daß sie mit Mädchennamen Lawrence geheißen hatte, daß ihre Personenbeschreibung sich mit dem deckte, was sie selbst über sich herausgefunden hatte, und die Fotografie, wenn auch wahrhaftig nicht schmeichelhaft — sie sah aus wie ein verschrecktes Huhn —, in der Tat ein Bild von ihr war.

»Hast du noch andere Fotos?« fragte sie, obwohl sie bereits wußte, daß er welche bei sich hatte.

Er zog mehrere Aufnahmen aus seiner Hosentasche. Sie neigte sich zu ihm hinüber, so daß ihre Arme einander berührten, als er ihr die Fotos zeigte.

Das erste Bild zeigte sie zusammen an einem Strand. Er war braungebrannt; sie nicht ganz so dunkel. Sie trug einen schwarzen Badeanzug, er eine schwarze Badehose, und beide sahen sie aus, als könnten sie kaum die Hände voneinander lassen.

»Wo ist das aufgenommen?« fragte sie.

»Auf Cape Cod. Nicht weit vom Haus meiner Eltern. Vor ungefähr fünf Jahren«, fügte er hinzu, als wüßte er, daß das ihre nächste Frage sein würde. »Da glaubten wir noch, daß die Sonne uns nur guttun kann. Dein Haar war damals ein bißchen länger. Und ich hab wahrscheinlich ein paar Pfund weniger gewogen.«

»Du siehst aber nicht aus, als hättest du zugenommen.« Sie war sofort so verlegen, als wäre sie zu persönlich geworden. Hastig wandte sie ihre Aufmerksamkeit dem zweiten Foto zu.

Arm in Arm standen sie lächelnd vor der Kamera, diesmal jedoch feierlich gekleidet, er im Smoking, sie in einem cyclamfarbenen Abendkleid.

»Das ist ein jüngeres Bild«, stellte sie fest.

»Ja, es wurde Weihnachten aufgenommen. Wir waren auf der Weihnachtsfeier des Krankenhauses.«

»Wir sehen sehr glücklich aus«, meinte sie halb verwundert.

»Wir waren auch sehr glücklich«, sagte er mit Betonung, und dann leiser: »Und wir werden es auch wieder sein.«

Sie schloß die Hände über den Fotografien und gab sie ihm zusammen mit der Heiratsurkunde und dem Reisepaß zurück. Dann ging sie zum Fenster zurück und sah einen Moment zur Straße hinunter, ehe sie sich wieder dem Fremden zuwandte, mit dem sie seit elf Jahren — allem Anschein nach sehr glücklich — verheiratet war.

»Ich bin also in Connecticut aufgewachsen«, sagte sie nach einer langen Pause.

»Ja. Du hast dort gelebt, bis du aufs College gegangen bist.«

»Was habe ich im Hauptfach studiert? Weißt du das?«

Er lächelte. »Natürlich weiß ich das. Anglistik. Du hast ein hervorragendes Examen gemacht.«

»Und danach?«

»Danach hast du festgestellt, daß gute Stellen für gute Anglistinnen ziemlich dünn gesät sind. Lehrerin wolltest du aber auf keinen Fall werden, darum hast du schließlich bei Harvard Press angefangen.«

»In Boston?«

»Nein, in Cambridge.«

»Warum bin ich nicht nach Connecticut zurückgegangen oder habe mir etwas in New York gesucht?«

»Hm, ich hoffe, daß ich damit etwas zu tun hatte.«

Sie wandte sich wieder dem Fenster zu, noch immer nicht bereit, mit ihm über ihr gemeinsames Leben zu sprechen.

»Und mein Bruder?« fragte sie.

Die Frage schien ihn zu überraschen. »Tommy? Was möchtest du wissen?«

»Wie alt ist er? Was macht er beruflich? Warum lebt er in San Diego?«

»Er ist sechsundreißig«, begann er ruhig, eine Frage nach der anderen beantwortend. »Er hat die Generalvertretung für eine Yachtfirma und lebt seit zehn Jahren in San Diego.«

»Ist er verheiratet?«

»Ja. Zum zweiten Mal. Seine Frau heißt Eleanor. Aber ich weiß nicht genau, wie lange die beiden verheiratet sind.«

»Haben sie Kinder?«

»Ja, zwei kleine Jungen. Es ist mir peinlich, aber ich muß gestehen, daß ich nicht weiß, wie alt sie sind.«

»Ich bin also Tante?«

»Richtig.«

»Was bin ich noch?« fragte sie plötzlich, ohne es zu wollen.

»Wie meinst du das?«

Sie schluckte, als könnte sie so die Frage, die sie hatte vermeiden wollen, zurücknehmen. »Ich bin Tante«, wiederholte sie und nahm dann ihren ganzen Mut zusammen. »Bin ich auch Mutter?«

»Ja.«

»O Gott!« stöhnte sie leise. Wie hatte sie vergessen können, daß sie ein Kind hatte? Was war sie für eine Mutter? »O Gott!« Sie fing an zu zittern, und der Kopf sank ihr auf die Brust.

»Ist ja gut. Ist ja gut«, flüsterte er, und seine Stimme war wie Balsam, der Schutz und Linderung brachte. Er legte ihr den Arm um die Schultern und richtete sie auf. Als sie den Kopf an seine Brust drückte, hörte sie sein erregtes Herzklopfen. Seine Angst war nicht geringer als ihre.

Ein paar Minuten lang ließ er sie ungestört weinen und streichelte ihren Rücken, als wäre sie ein Kind. Dann fragte sie: »Wieviele Kinder haben wir?« Aber ihre Stimme war so leise, daß sie sich räuspern und die Frage wiederholen mußte.

»Nur eines. Ein Mädchen. Emily.«

»Emily«, wiederholte sie und kostete den Namen auf der Zunge wie Wein. »Wie alt ist sie?«

»Sieben.«

»Sieben«, flüsterte sie staunend. »Sieben.«

»Sie ist im Augenblick bei meinen Eltern«, sagte er. »Ich hielt es für besser, daß sie bei ihnen bleibt, bis sich alles geklärt hat.«

»Oh, danke dir.« Aus Scham wurde Erleichterung. »Es wäre bestimmt nicht gut für sie, wenn sie mich so sähe.«

»Natürlich. Ich verstehe dich.«

»Es wäre doch schrecklich für sie, ihrer Mutter ins Gesicht zu sehen und zu wissen, daß ihre Mutter sie nicht erkennt. Etwas Beängstigenderes kann ich mir für ein Kind kaum vorstellen.«

»Mach dir keine Sorgen. Das ist alles geregelt«, beruhigte er sie. »Meine Eltern haben sie in ihr Sommerhaus mitgenommen. Sie kann den ganzen Sommer dortbleiben, wenn wir das möchten.«

Sie räusperte sich wieder und wischte die Tränen von den Wangen. »Wann hast du das alles arrangiert?«

Er zuckte leicht die Achseln und breitete dabei die Hände aus. »Es hat sich eigentlich von selbst ergeben«, antwortete er wie in hilfloser Anerkennung der Tatsache, daß er im Augenblick über nichts in seinem Leben die Kontrolle hatte. »Wir hatten schon vereinbart, daß Emily bei meinen Eltern bleiben sollte, solange du in San Diego bist…«

»Sag mir mehr über mich selbst«, drängte sie.

»Was möchtest du denn wissen?«

»Das Gute«, antwortete sie augenblicklich.

Er zögerte nicht. »Hm, du bist intelligent, entschlossen, lustig —«

»Ich bin lustig?«

»Du hast einen köstlichen Humor.«

Sie lächelte dankbar.

»Du bist eine Meisterköchin, ein prima Kumpel und eine treue Freundin.«

»Das klingt zu schön, um wahr zu sein.«

»Du singst leidenschaftlich gern und leidenschaftlich falsch«, fügte er lachend hinzu.

»Ist das mein schlimmster Fehler?«

»Wenn du wütend bist, fliegen die Fetzen.«

»Ich bin unbeherrscht?«

Er grinste leicht verlegen. »Gelinde gesagt, ja.«

Sie brauchte einen Moment, um das zu verdauen, dann fragte sie: »Was ist meine Lieblingsfarbe? Was esse ich am liebsten?«

»Blau«, antwortete er, ohne zu zögern. »Alles Italienische.«

»Bin ich noch berufstätig? Du sagtest doch, ich hätte bei Harvard Press gearbeitet?« Die Fragen kamen jetzt rascher, eine schien die andere zu jagen.

»Du hast nach Emilys Geburt zu arbeiten aufgehört. Als Emily in den Kindergarten kam, konnte ich dich überreden, zwei Tage in der Woche bei mir in der Praxis zu arbeiten.«

»Bei dir in der Praxis?«

»Ja, dienstags und donnerstags. Du erledigst die Telefonate und die Korrespondenz und machst mir die Ablage.«

»Das klingt ja sehr anspruchsvoll.«

Sie hatte nicht sarkastisch sein wollen und war froh, daß er sich an ihrer Bemerkung nicht störte.

»Du hast die Arbeit hauptsächlich übernommen, damit wir beide mehr Zeit miteinander verbringen konnten. Ich habe eine sehr große Praxis und kann nicht jeden Tag pünktlich um fünf Schluß machen. Wir wollten nicht riskieren, daß wir uns auseinanderleben. Auf die Weise wußten wir, daß wir zwei Tage in der Woche auf jeden Fall zusammen sein können. An den anderen Tagen operiere ich.«

»Das klingt ja nach einer perfekten Ehe.«

»Na ja, nichts im Leben ist perfekt.« Er machte eine kleine Pause. »Wir hatten unsere Differenzen und Reibereien, genau wie alle anderen Ehepaare, aber insgesamt gesehen hatten wir, glaube ich, beide das Gefühl, daß unsere Beziehung etwas Besonderes war.«

Sie sehnte sich danach, ihm zu glauben. »Wo wohnen wir? In Beacon Hill?«

Er lächelte. »Nein, die Großstadt erschien uns für Kinder nicht gerade ideal. Wir haben ein sehr hübsches Haus in Newton.«

Sie wußte, daß Newton ein gepflegter Vorort von Boston war, mit dem Auto knapp zwanzig Minuten von der Stadtmitte entfernt.

»Hast du nicht Lust, nach Hause zu fahren?« fragte er.

»Jetzt?«

Er berührte leicht ihre Arme. Sie verspürte ein Kribbeln, das sich über ihre Haut bis in den Nacken fortpflanzte.

»Vertrau mir, Jane«, sagte er leise. »Ich liebe dich.«

Sie sah die Zärtlichkeit in seinem Gesicht, die Innigkeit seines Blicks, und wünschte sich, ihm sagen zu können, daß auch sie ihn liebte. Aber wie konnte sie einen Menschen lieben, den sie nicht kannte? Sie begnügte sich damit, ganz vorsichtig seine Lippen zu berühren. »Ich vertraue dir«, sagte sie.

6

»Tut mir leid, daß wir in diesen Stau geraten sind«, sagte er, als sei er für die endlose Schlange von Autos verantwortlich, die im Schneckentempo den Highway entlangkrochen.

»Wahrscheinlich hat es irgendwo da vorn einen Unfall gegeben«, meinte Jane sachlich. Was ihr wirklich durch den Kopf ging, verschwieg sie. Daß ihr alles willkommen war, was ihre Rückkehr in ihr bisheriges Leben verzögerte, ein Leben, für das sie noch immer überhaupt kein Gefühl hatte. Sie fing den verwunderten Blick auf, den er ihr bei dieser Bemerkung zuwarf. »Was ist?« fragte sie und fühlte sich von einer plötzlichen Angst gepackt, die sie nicht bestimmen konnte.

»Nichts«, antwortete er hastig.

»Doch, irgendwas ist. Ich hab es dir angesehen.«

Er schwieg, als konzentriere er sich auf den Verkehr. »Ich dachte nur gerade, unter normalen Umständen«, sagte er verlegen, »würdest du jetzt herüberlangen und kräftig auf die Hupe drücken.«

»Was! Ich würde dir einfach ins Steuerrad greifen und hupen, während du fährst?« fragte sie ungläubig.

»Es wäre nicht das erste Mal.«

»Bin ich denn so ungeduldig?«

»Manchmal schon. Wenn du irgendwohin wolltest, mußte es immer ruckzuck gehen. Ein Stau hat dich jedesmal verrückt gemacht.« Er sprach in der Vergangenheit, als wäre sie tot.

»Und wieso hatte ich es immer so eilig?«

»So bist du einfach«, antwortete er, ins Hier und Jetzt zurückkehrend.

»Erzähl mir etwas von dir«, bat sie.

»Was möchtest du denn wissen?«

»Alles.«

Er lächelte, warm und entspannt. Sie musterte sein Gesicht, während er überlegte, wo er anfangen sollte. Im Profil war die leichte Schrägstellung seine Nase deutlicher zu erkennen, und seine Stirn war fast verdeckt von dem blonden Haar, das ihm ins Gesicht fiel. Es erweckte den Eindruck, als lege er nicht viel Wert auf sein Äußeres. Dennoch strahlte er eine natürliche Autorität aus, die, wie sie bereits erfahren hatte, anderen Respekt abforderte, ganz gleich, in welcher Situation. Er selbst schien sich dieser Gabe gar nicht bewußt zu sein, was sie vermutlich nur noch wirkungsvoller machte.

»Hm, laß mich überlegen«, sagte er, während er sich entspannt in die Lederpolster des schwarzen BMW lehnte. »Ich bin in Weston geboren und aufgewachsen. Das ist keine zehn Minuten von unserem heutigen Wohnort entfernt. Ich hatte eine glückliche Kindheit«, fügte er lachend hinzu. »Ist es etwa das, was du wissen möchtest?«

»Genau. Warst du ein Einzelkind?«

»Ich hatte einen Bruder.«

»Lebt er nicht mehr?«

»Nein, er starb, als ich noch auf der Highschool war. Im Grunde«, fuhr er fort, ehe sie weitere Fragen stellen konnte, »habe ich meinen Bruder nie gekannt. Er war vier Jahre älter als ich und kam schwerstbehindert zur Welt. Er mußte gleich nach der Geburt in ein Heim.«

»Oh, das tut mir leid.« Es tat ihr wirklich leid.

»Gott, das ist alles so lange her.« Er zuckte die Achseln. »Und wie gesagt, er gehörte eigentlich nie wirklich zu meinem Leben. Als ich zur Welt kam, hatten sich meine Eltern schon einigermaßen damit abgefunden, daß er niemals zu Hause leben würde. Sie konzentrierten ihre ganze Liebe und Zuwendung auf mich — ich wurde das typische Einzelkind, das alles bekommt, was es haben will.«

»Und dazu die Verantwortung für das Glück seiner Eltern«, sagte Jane.

Er betrachtete sie mit einer Mischung aus Erstaunen und Respekt. »Es ist beruhigend festzustellen, daß du dich in mancher Hinsicht überhaupt nicht verändert hast.«

»Wie meinst du das?«

»Genau das hätte die alte Jane gesagt.«

»Die alte Jane«, wiederholte sie nachdenklich und lachte nervös, weil sie nicht recht wußte, wie sie reagieren sollte. »Erzähl mir von deinen Eltern«, sagte sie.

»Mein Vater war ein brillanter Wissenschaftler.« Jetzt lachte er. »Gibt es überhaupt andere? Wie dem auch sei, er ist jetzt im Ruhestand, aber als ich noch ein Kind war, war er von seiner Arbeit völlig absorbiert. Ich kann mich nicht erinnern, daß er viel mit uns zusammen war. Dafür war meine Mutter eine richtige Glucke.« Einen Moment lang schien er sich in Erinnerungen zu verlieren. »Mein Vater sagte oft, wenn er meiner Mutter freie Hand gelassen hätte, hätte sie mich wahrscheinlich bis zu meinem fünften Lebensjahr gestillt.«

»Aber sie hat es nicht getan.«

»Nicht daß ich wüßte. Aber zusammen gebadet haben wir — bestimmt bis ich in der zweiten Grundschulklasse war.« Er grinste breit. »Daran erinnere ich mich genau.«

»Du solltest wahrscheinlich so lange wie möglich ihr Baby bleiben«, meinte Jane. »Wegen deines Bruders.«

»Ja, vermutlich hat uns sein Schicksal alle weit mehr beeinflußt, als uns klar war. Ich meine, ganz zweifellos ist mein Bruder der Grund dafür, daß ich Medizin studiert und mich dann auf Kinderchirurgie spezialisiert habe. Ich habe in meiner Praxis fast nur mit Kindern zu tun, die an schweren Behinderungen oder Mißbildungen leiden. — Kurz und gut«, fuhr er nach einer langen Pause fort, »ich wurde in Harvard angenommen und war überglücklich, weil das bedeutete, daß ich nicht in einen anderen Staat mußte. Harvard war schon teuer genug, obwohl ich sogar ein ganz gutes Stipendium bekam.« Unerwartet lachte er, sah einen Moment lang aus wie ein Teenager. »Hey, das ist richtig toll. Ich habe seit Ewigkeiten nicht mehr über das ganze Zeug gesprochen. Es ist, als fingen wir ganz von vorn an.«

»Erzähl mir von unserer ersten Verabredung. Wie haben wir uns kennengelernt?«

»Wir wurden verkuppelt.«

»Und von wem?«

»Ich nehme an, von gemeinsamen Freunden. Ja, stimmt, es war Marci Tanner. Die gute alte Marci. Würde mich interessieren, was aus ihr geworden ist. Als wir das letzte Mal von ihr hörten, hatte sie gerade das dritte Mal geheiratet und lebte irgendwo in Südamerika.«

»Und war es Liebe auf den ersten Blick?«

»Von wegen! Wir haben einander gehaßt! Gehaßt, verabscheut, verachtet.«

Sie wollte sich von ihrer Überraschung nichts anmerken lassen, aber es gelang ihr nicht. Instinktiv rückte sie näher zum Fenster, als wolle sie zu einem Mann, den sie damals auf den ersten Blick gehaßt, verabscheut und verachtet hatte, mehr Abstand gewinnen.

»Mir hatte gerade irgendein Mädchen das Herz gebrochen«, erklärte er, »und du hattest die Nase voll von überheblichen Medizinstudenten. Wir waren beide sehr mißtrauisch. Wir gingen auf eine Party. Ich weiß sogar noch, was du anhattest. Es war ein graues Kleid mit einer kleinen rosa Schleife am Kragen. Ich fand dich hinreißend. Aber da mir gerade erst ein anderes Mädchen, das ich auch hinreißend gefunden hatte, schnöde den Laufpaß gegeben hatte, wollte ich mich auf keinen Fall gleich in die nächste Romanze stürzen. Ich nehme an, ich habe das deutlich durchblicken lassen. ›Hallo, schönes Kind, ich bin Dr. Michael Whittaker und habe nicht die geringste Lust auf eine feste Beziehung. Du kannst mich von ferne bewundern, aber mach dir ja keine Hoffnungen…‹«

Sie lachte. »Irgendwie kann ich mir das bei dir nicht vorstellen.« Vom Klang seiner Stimme eingelullt, entspannte sie sich und rückte wieder näher an ihn heran.

»Über nichts konnten wir uns einig werden. Ich mochte Actionfilme; du gingst nur in ausländische Filme. Ich lebte von Bier und Salamibroten; du hattest lieber Wein und Käse. Du schwärmtest für klassische Musik; ich stand auf Rhythm and Blues. Du konntest stundenlang über Literatur reden, das einzige Buch, das ich kannte, war Grays ›Anatomie‹. Ich interessierte mich für Sport, und du konntest nicht mal einen Football von einem Basketball unterscheiden.«

»Aber irgendwie scheinen wir doch zu einer Einigung gekommen zu sein.«

»Es dauerte eine Weile. An dem ersten Abend damals haben wir beide nur darauf gelauert, daß der andere kräftig ins Fettnäpfchen tritt, damit wir dann Grund gehabt hätten, schleunigst das Weite zu suchen. Aber das passierte nicht. Irgendwann haben wir dann wohl oder übel miteinander getanzt, und ich glaube, da ist es passiert. Es war ein langsamer Tanz, irgend so ein alter Schmachtfetzen, und da sind wir anscheinend beide dahingeschmolzen.«

»Es lebe die Sentimentalität«, sagte sie lächelnd.

»Ja, aber das war nur der Anfang. Nach einer Weile stellte ich fest, daß ich auch mit Untertiteln leben konnte, und du entdecktest, daß Salamibrote gar nicht so übel schmecken. Als du schließlich sogar einen Puck von einem Baseball unterscheiden konntest, mußte ich dich einfach lieben. Und als ich kapiert hatte, daß es neben medizinischen Fachzeitschriften noch andere Literatur gibt, war’s um dich auch geschehen.«

»Und da haben wir geheiratet und lebten glücklich und zufrieden bis an unser seliges Ende.«

»Ich hoffe, daß es so sein wird«, sagte er aufrichtig und neigte sich zu ihr, um ihre Hand zu nehmen, zog den Arm jedoch sofort wieder zurück, als er ihre Abwehr spürte. »Entschuldige«, sagte er. »Ich verspreche dir, ich werde dich nicht drängen.«

»Das weiß ich«, sagte sie. »Mir tut es auch leid. Ich möchte mich so gern erinnern können.« Sie sah zum Fenster hinaus und beobachtete eine Weile die entgegenkommenden Autos, die sie zügig passierten. »Ich möchte wissen, warum es auf unserer Seite nicht vorwärtsgeht.«

»Das werden wir bestimmt gleich wissen. Ich kann schon das Blaulicht sehen.« Er sah sie aufmerksam an, als suche er nach einer Reaktion.

»Was ist?« fragte sie wie zuvor, als sie den gleichen forschenden Blick von ihm aufgefangen hatte.

Er schüttelte den Kopf. »Nichts.«

»Na schön. Dann erzähl mir noch was.«

Er warf den Kopf zurück, als suche er an der Wagendecke nach Einfällen. »Also, du bist eine unheimlich engagierte Frau.«

»Wie meinst du das? Engagiert wofür?«

»In letzter Zeit ging es dir um die Umwelt und die Rettung der Regenwälder. Aber damit will ich nicht sagen, daß du zu den Leuten gehörst, die immer das aufgreifen, was gerade aktuell ist, um es dann sehr bald wieder fallenzulassen. So bist du nicht. Wenn dich etwas wirklich betrifft, dann engagierst du dich total. Wenn es darum geht, ein Unrecht gutzumachen, bist du immer da«, sagte er mit unverhohlener Bewunderung.

Augenblicklich sah sie vor sich ein blutbespritztes blaues Kleid und eine Plastiktüte voller Hundert-Dollar-Scheine. Hatte sie sich diese Gegenstände zugelegt, während sie damit beschäftigt gewesen war »Unrecht gutzumachen«? War sie vielleicht ein irregeleiteter moderner Robin Hood, der von den Reichen nahm, um den Armen zu geben?

»Und was tun wir so, wenn wir zusammen sind?« fragte sie, das blutige Bild verscheuchend.

»Wir spielen Tennis; wir gehen ins Kino; ins Theater; du hast mich sogar für klassische Konzerte begeistert. Wir treffen uns mit Freunden, und wenn wir die Zeit dazu haben, reisen wir gern…«

»Wohin?«

»Na ja, in den letzten zwei Jahren haben wir keinen richtigen Urlaub mehr gemacht, aber vor vier Jahren waren wir im Orient.«

»Waren wir auch mal im Dschungel?« fragte sie in Erinnerung an den merkwürdigen Traum, den sie bei der Untersuchung gehabt hatte.

»Im Dschungel?« Er schien verblüfft.

»Du sagtest doch, ich hätte mich für die Rettung der Regenwälder engagiert. Waren wir mal dort?«

»Ich glaube, du warst daran interessiert, sie zu erhalten, nicht, sie zu erforschen.«

Sie lächelte, während sie darüber nachdachte, was für seltsame Wege ihr Unbewußtes ging. Ein Interesse an der Erhaltung der Regenwälder hatte sich in einem ihrer Träume niedergeschlagen. Wenn ihr Unbewußtes solche relativ unbedeutenden Einzelheiten zutage förderte, würde es gewiß nicht lange dauern, ehe es Wesentliches an die Oberfläche stieß, vor allem wenn sie erst einmal in vertrauter Umgebung zurück war.

Sollte sie Michael von dem Geld und dem blutbespritzten Kleid erzählen? Sie hatte vorgehabt, mit Dr. Meloff darüber zu sprechen, aber in dem allgemeinen Wirbel nach ihrer Begegnung mit der jungen Ärztin, die sie erkannt hatte, hatte sich keine Gelegenheit mehr ergeben. Vielleicht wußte Michael etwas. Vielleicht war alles — so unwahrscheinlich das auch schien — ganz harmlos und hatte eine simple Erklärung. Vielleicht konnte er ihr helfen. Er war schließlich ihr Mann. Sie hatten ein gemeinsames Leben, sie hatten ein Kind zusammen. Er liebte sie. Daran hatte sie nicht den geringsten Zweifel. Warum also hatte sie sich ihm nicht anvertraut? Warum zögerte sie auch jetzt, es zu tun?

Sie wußte die Antwort, ohne sie formulieren zu müssen: Selbsterhaltungstrieb. Jetzt ging es erst einmal um sie selbst. Die Regenwälder würden warten müssen. Und Michael auch.

»Schau nicht hin«, sagte er.

Und wie ein Kind, dem man verbietet, einen fremden Menschen anzustarren, sah sie prompt hin. Drei Autos, mehrere Polizeifahrzeuge und ein Krankenwagen standen am Straßenrand. Sie sah im Vorbeifahren aufgeschlitztes Metall und gesplittertes Glas, einen jungen Mann, der, den Kopf in den Händen, auf dem Asphalt saß und weinte. Sie sah, wie eine Trage in den Krankenwagen geschoben wurde. Ein Polizeibeamter stand neben dem jungen Mann und versuchte, ihn in eines der wartenden Polizeifahrzeuge zu lotsen.

Der Verkehr kam zum Stillstand, als der Krankenwagen mit heulender Sirene anfuhr und davonbrauste. Der junge Mann ließ sich in einen der Polizeiwagen helfen, der danach ebenfalls abfuhr. Nur ein Polizeiauto blieb zurück, zweifellos um die Ankunft der Abschleppwagen zu erwarten. Jane fragte sich, wie es zu dem Unfall gekommen war und wieviele Menschen beteiligt gewesen waren, wieviele verletzt worden waren und wie sich dieser kurze Augenblick auf ihr Leben auswirken würde.

»Worüber denkst du nach?« fragte Michael, der sie angespannt beobachtete. Er machte ein Gesicht, als hätte er Angst, sie würde gleich aus dem Wagen steigen.

Sie sagte es ihm, und er schien erleichtert. Sie wollte ihn fragen, warum, überlegte es sich aber anders und fragte statt dessen: »Wo waren wir auf unserer Hochzeitsreise?«

Wenn er die Frage gerade in diesem Moment seltsam fand, so ließ er es sich nicht anmerken. »Auf den Bahamas«, antwortete er, den Blick auf die Straße gerichtet in der Erwartung, daß der Verkehr sich wieder in Bewegung setzen würde.

Ihre Phantasie zeigte ihr Bilder von weißen Sandstränden und glitzerndem blauen Wasser, von exotischen Fischen in leuchtenden Farben, die sich dicht unter der Wasseroberfläche tummelten, von flachen Häusern in Pastelltönen von Rosa und Gelb, von Liebespaaren, die eng umschlungen am Wasser entlangschlenderten.

Sie sah sich selbst in ihrem etwas biederen schwarzen Badeanzug, dem Foto entsprungen, das Michael ins Krankenhaus mitgebracht hatte. Und neben sich sah sie Michael, sah, wie sie Arm in Arm den Strand entlangliefen und sich dann in den kühlen weißen Sand warfen, um sich in enger Umschlingung darin zu wälzen.

Sie sah sich und Michael in ihrem Hotelzimmer, die Badesachen in einem hastig hingeworfenen Häufchen auf dem Boden. Sie sah das Bett, auf dem sie sich liebten, ihre schweißglänzenden Körper in rhythmischer Bewegung miteinander verschmolzen, und unwillkürlich stöhnte sie.

»Ist alles in Ordnung?« fragte er hastig.

Bitte frag mich jetzt nicht, woran ich gedacht habe, flehte ihr Blick, und er fragte nicht.

»Alles in Ordnung«, versicherte sie und versuchte, das Bild ihrer Umarmung wegzuzwinkern. Sie sah zum Seitenfenster hinaus und stellte überrascht fest, wie schnell sie jetzt fuhren.

Als könnte er ihre Gedanken lesen, sagte er: »In ein paar Minuten sind wir da.«

Sie wollte lächeln, aber ihre Lippen blieben starr. Neue Angst kroch durch ihren Körper wie ein eisiger Strom. Sie kroch ihr von der Brust in den Magen und den Darm, und einen Moment lang glaubte sie, sie müsse ihn bitten, am Straßenrand zu halten. Aber das Gefühl ging vorbei. Die Angst blieb.

»Erzähl mir von unseren Freunden«, sagte sie und hörte das Zittern in ihrer Stimme.

»Soll ich sie nach Beliebtheitsgrad aufzählen?« Er lachte, und sie lachte mit ihm, fand das einen herrlichen Einfall. »Okay, dann laß mal sehen. Die ersten auf der Liste wären Howard und Peggy Rose, die den Sommer über in Südfrankreich sind wie jedes Jahr. Dann kommen wahrscheinlich die Tanenbaums, Peter und Sarah, die wir beim Tennis jedesmal schlagen, die das aber immer sehr gelassen hinnehmen. Dann die Carneys, David und Susan — sie sind beide Ärzte, dann Ian und Janet Hart und Eve und Ross McDermott. Sagt dir irgendeiner dieser Namen etwas?«

Sie schüttelte den Kopf. »Und Freundinnen?« fragte sie.

»Meine oder deine?«

»Fangen wir mit meinen an«, meinte sie, sein Lächeln erwidernd. »Habe ich überhaupt welche?«

»Ein paar. Lorraine Appleby — du hast damals mit ihr zusammengearbeitet — und Diane — äh — ich kann mir ihren Nachnamen einfach nicht merken.«

Sie dachte an den Zettel, den sie in der Manteltasche gefunden hatte. »Ist auch eine Pat dabei?« fragte sie und wartete gespannt.

Er überlegte einen Moment. »Nein, von einer Pat weiß ich nichts«, sagte er dann. »Warum? Hat der Name Pat irgendeine Bedeutung für dich?«

»Nur ein Name«, log sie. Ein von meiner Hand geschriebener Name auf einem Zettel, den ich neben beinahe zehntausend Dollar in meiner Manteltasche fand. Ach, und mein Kleid war vorn ganz voll Blut, hatte ich vergessen, das zu erwähnen?

Er zuckte die Achseln, als sei eine Person namens Pat für sie beide nicht von Belang. Vielleicht hatte er ja recht. Wer konnte wissen, wie lange dieser Zettel schon in ihrer Manteltasche gesteckt hatte?

»Da vorn ist die Abfahrt.« Er wies auf das Schild der Gemeinde Newton, die, auf drei Seiten vom Charles River umflossen, aus vierzehn verschiedenen ineinander übergehenden Dörfern bestand. »Wir wohnen in Newton Highlands«, bemerkte er, als er vom Highway abbog. »Erkennst du irgend etwas wieder?«

Sie überlegte, ob sie vorgeben sollte, sie erkenne eine bestimmte Straße, hätte liebe Erinnerungen an einen gewissen hübsch angelegten Garten, verwarf diesen Gedanken jedoch mit einem Kopfschütteln, das eindeutig »nein« sagte. Gar nichts erkannte sie wieder. Die Hartford Street sagte ihr so wenig wie die Lincoln und die Standish Street. Ein Garten sah aus wie der andere. Die Häuser, stattliche, schöne Bauten mit viel Holz, sprachen von Ruhe und Wohlstand. Nirgends ein Zeichen, was für Nöte und Sorgen sich vielleicht hinter ihren Türen verbargen. Sie war gespannt, ob sie ihre eigene Straße wiedererkennen, ob sie sich an das Haus erinnern würde, in dem sie wohnte. Ob ihr Unbewußtes ihr einen Anstoß geben würde wie mit den Regenwäldern.

»Hier ist unsere Straße«, sagte er und machte ihren Spekulationen ein Ende. Forest Street stand auf dem Straßenschild. Die Straße war ihr so unbekannt wie die anderen zuvor. Zu ihren beiden Seiten standen die nun schon vertrauten Holzhäuser, eins grau mit einer großen Glasveranda, ein anderes blau, fast ganz hinter einer Gruppe mächtiger alter Eichen versteckt.

»Da sind wir.« Er streckte den Arm aus. »Das dritte Haus nach der Ecke.«

Das dritte Haus nach der Ecke auf der linken Straßenseite war so stattlich und solide wie seine Nachbarn ringsum, einstöckig, weiß getüncht, mit einer doppelreihigen Rabatte roter und rosafarbener Geranien rechts und links der Haustür, was den Bilderbuchcharakter noch verstärkte. Alle Fenster hatten schwarze Läden und Blumenkästen mit roten und rosaroten Geranien. Eine kurze Treppe führte zur schwarzen Haustür hinauf, und links vom Haus befand sich eine Doppelgarage mit ebenfalls schwarzem Tor. Im oberen Stockwerk fiel ihr ein Buntglasfenster auf.

Ein schönes Haus in einer schönen Gegend. Ein gutaussehender, allgemein respektierter Ehemann, ein schwarzer BMW neuesten Baujahrs — sie hätte es schlechter treffen können.

Was also hatte sie veranlaßt, ihr Glück in der Flucht und im Vergessen zu suchen? Was hatte sie aus ihrem komfortablen Haus in dieser höchst komfortablen Gegend getrieben?

»Wer ist das?« fragte sie, als sie im Garten des Hauses gegenüber eine Frau in alten Bermudashorts sah, die dabei war, den Rasen zu wässern. Der Anblick von Michaels Wagen hatte die Frau so fasziniert, daß sie völlig vergaß, was sie tat, und den Schlauch direkt auf ihre eigene Haustür richtete.

Michael hob den Arm zu einer Geste, die Gruß und beruhigendes Abwinken zugleich war. Als wollte er die Frau wissen lassen, daß er alles im Griff hatte.

»Sie heißt Carole. Carole Bishop«, sagte er. »Sie ist mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern vor ein paar Jahren aus New York hierhergezogen. Ihr alter Vater lebt auch noch bei ihnen. Leider ist ihr Mann letzten Herbst wieder ausgezogen.« Er steuerte den Wagen in die Einfahrt. »Das sagt dir wohl alles nichts?«

»Nein.«

»Du und Daniel habt jede Woche ein paarmal morgens zusammen gejoggt. Daniel ist ihr Mann. War ihr Mann«, korrigierte er sich. »Oder wird zumindest bald ihr Mann gewesen sein.«

»Ich jogge?«

»Ab und zu. Seit Daniel weggezogen ist, bist du allerdings nicht mehr viel gelaufen.«

»Warum hat sie uns so angestarrt?«

»Wie denn?«

»Ich glaube, du weißt genau, wie. Ich hatte den Eindruck, du wolltest ihr zu verstehen geben, daß alles in Ordnung ist.«

Er schüttelte den Kopf. »Dir entgeht aber auch gar nichts, hm?« In seinem Ton mischten sich Bewunderung und Erstaunen.

»Sie weiß wohl von meinem Verschwinden.«

»Ja, sie weiß Bescheid«, sagte er und betätigte die Fernsteuerung, die an der Sonnenblende seines Wagens befestigt war. Das Garagentor schwang langsam in die Höhe. Dahinter kam ein silbergrauer Honda Prelude zum Vorschein. Ihre Aufmerksamkeit wechselte von der Nachbarin zu dem Auto in der Garage.

»Ist das mein Wagen?«

»Ja.«

Sie hatte ihn also nicht irgendwo auf der Straße stehenlassen. Er war sicher und wohlbehalten zu Hause, so wie sie selbst eigentlich sicher und wohlbehalten hätte zu Hause sein müssen. Michael fuhr langsam in die Garage. Einen Moment lang hatte sie das Gefühl, in eine Gruft zu fahren.

»Hast du Angst?« fragte er.

»Ganz fürchterlich.«

Er nahm ihre Hand, und diesmal schreckte sie nicht zurück. »Laß dir einfach Zeit«, sagte er eindringlich. »Wenn du nichts wiedererkennst, dann mach dir deshalb kein Kopfzerbrechen. Ich bin ja da, und ich passe schon auf, daß dir nichts passiert.«

»Müssen wir schon reingehen?«

»Wir können hier sitzen bleiben, solange du willst.«

Ein paar Minuten lang saßen sie Hand in Hand schweigend nebeneinander, bis sie schließlich sagte: »Das ist ja lächerlich. Wir können nicht den ganzen Tag hier rumsitzen.«

»Was möchtest du denn tun?« fragte er.

»Ich will nach Hause«, antwortete sie.

7

Er stieß die Wohnungstür auf und wich zurück, um sie eintreten zu lassen. Aber sie zögerte; beinahe erwartete sie, er würde sie in die Arme nehmen und über die Schwelle tragen, wie sich das für ein jungverheiratetes Paar gehört, das zum ersten Mal sein neues Heim betritt.

In vieler Hinsicht war ihr genauso zumute. Sie hatte Herzklopfen vor nervöser Spannung und Aufregung, sie hatte Angst vor diesem ersten Schritt in eine unbekannte Welt. War es heute eigentlich noch Sitte, daß der junge Ehemann seine Frau über die Schwelle trug? Wahrscheinlich nicht, sagte sie sich, während sie im Gesicht des Mannes, mit dem sie seit elf Jahren verheiratet war, nach einem zärtlich beruhigenden Lächeln suchte und nicht enttäuscht wurde. Die Menschen waren heute viel zu verwöhnt, zu übersättigt und zu anspruchsvoll für so simple Vergnügen. Und nach allem, was sie in unzähligen Talkshows gehört und gesehen hatte, hatten die Frauen von heute weder den Wunsch noch das Bedürfnis, über irgendwelche symbolischen Schwellen getragen zu werden, und die Männer gar nicht die Kraft, ihr Gewicht auszuhalten.

»Was geht dir durch den Kopf?« fragte Michael. Seine Angst war spürbar, obwohl er sie zu verbergen suchte. »Möchtest du hineingehen?«

Jane atmete einmal tief durch und zwang sich, den Blick in das kleine Vestibül zu richten, dessen Tapete ein Muster aus zarten roten Streublumen hatte. Die Treppe, die nach oben führte, war weiß gestrichen und genau wie der Eingang mit einem blaßgrünen Teppich ausgelegt — insgesamt ein hübsches Entree. Es war ein einladendes Haus, das den Besucher freundlich empfing. Noch einmal holte sie Atem, wagte vorsichtig den ersten Schritt und trat ein.

Licht, war ihr erster Eindruck. Von überall schien es ins Haus zu strömen, durch die großen Fenster des Wohnzimmers zur Linken, durch die ebenso großen Fenster des Eßzimmers auf der rechten Seite, durch das riesige Oberlicht, das aus dem ersten Stockwerk hinunterblickte. Hinter der Treppe verengte sich der Eingang zu einem Flur, der zu den Räumen im hinteren Teil des Hauses führte.

Langsam ging Jane bis zur Mitte des Raumes und blieb mit zitternden Knien stehen.

»Wie wär’s mit einem Rundgang«, meinte Michael, ohne zu fragen, ob sie irgend etwas wiedererkenne.

Sie nickte und folgte ihm in das geräumige Eßzimmer mit der rot-weiß gestreiften Tapete, die gewagt war, aber dennoch nicht aufdringlich wirkte. Der Eßtisch hatte eine lichtgrüne Marmorplatte, die acht Stühle darum herum hatten rot-weiß gestreifte Bezüge. In einer Glasvitrine glänzte ein Service aus feinem Porzellan mit einem rot-weißen Blumenmuster, und am großen Fenster standen mehrere üppige Grünpflanzen in orientalischen Töpfen.

»Es ist alles sehr schön«, sagte sie und fragte sich, ob sie diese Töpfe von ihrer Reise in den Orient mitgebracht hatten.

Das Wohnzimmer, in das Michael sie als nächstes führte, nahm die ganze Längsseite des Hauses ein. Eine chintzbezogene Couchgarnitur gruppierte sich vor dem großen offenen Kamin, neben dem rechts ein hohes Bücherregal stand, während links die Stereoanlage ihren Platz hatte. An der Wand gegenüber stand ein glänzendes Ebenholzklavier. Zögernd trat Jane näher, legte ihre Finger auf die Tasten und klimperte eine Melodie von Chopin.

Die zarten Klänge überraschten sie. Sie sah zu ihren Fingern hinunter, die sofort tolpatschig und vergeßlich wurden. Ihr Klavierspiel war offenbar eine Reflexhandlung, die näherer Betrachtung nicht standhalten konnte.

»Keine Sorge«, sagte Michael. »Das kommt schon wieder. Du darfst nur nicht ständig darüber nachdenken, was du tust.«

»Ich hatte keine Ahnung, daß ich Klavier spielen kann.« Ihre Stimme klang wehmütig.

»Du hattest als Kind Unterricht. Ab und zu setzt du dich hin und spielst dieses alte Stück von Chopin.« Er lachte. »Ehrlich gesagt hatte ich gehofft, daß es vergessen bleiben würde.« Sein Lächeln erlosch sofort. »Entschuldige. Ich wollte nicht schnoddrig sein.«

»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen.« Ihr Blick fiel auf die Fotografien, die auf dem Klavier standen. Unter ihnen waren drei Gruppenaufnahmen von Kindern, die nach Größe in Reih und Glied aufgestellt waren und dem Fotografen zu Gefallen strahlend in die Kamera lächelten. Auf der kleinen Tafel, die einer der Jungen in der vorderen Reihe hielt, stand Arlington Private School. Zweifellos war unter diesen Kindern ihre Tochter.

»Weißt du, welche es ist?« fragte Michael, der anscheinend wieder einmal ihre Gedanken erraten hatte, und trat hinter sie. Sie fühlte seinen warmen Atem in ihrem Nacken.

Jane nahm einer der Aufnahmen zur Hand. Ihr Blick flog über die Lausbubengesichter der kleinen Jungen hinweg, um sich auf die strebsamer wirkenden kleinen Mädchen zu konzentrieren. Würde sie ihr Kind erkennen?

»Sie ist die zweite von links«, sagte Michael, ihrer Qual ein Ende bereitend. Er deutete auf ein zartes kleines Mädchen mit langem braunen Haar und großen Augen. Sie war ganz in Gelb gekleidet und schien ungefähr drei oder vier Jahre alt zu sein. »Das war im Kindergarten«, fuhr er fort. »Sie war damals vier.« Er nahm das nächste Foto, zeigte auf dasselbe kleine Mädchen, das diesmal in Rosa und Weiß gekleidet war und einen Pferdeschwanz trug. »Das war in der Vorschule.«

»Sie ist groß«, bemerkte Jane und hörte, wie brüchig ihre Stimme klang.

»Ja, sie muß immer in der letzten Reihe stehen. Hat sich nicht viel verändert seit unserer Kindheit.«

Sie nahm das dritte und letzte Bild, entdeckte diesmal ohne Mühe ihre Tochter, ganz in Schwarzweiß, mit offenem Haar, das Lächeln nicht mehr ganz so strahlend wie in den Jahren zuvor, der Blick eher befangen und scheu. Mein Kind, dachte Jane, aber sie fühlte nichts. Die sechsjährige Emily Whittaker war nichts weiter als eines von mehreren niedlichen kleinen Mädchen auf einem Klassenfoto. Die Erkenntnis trieb ihr die Tränen in die Augen.

»Wo ist das Foto von diesem Jahr?« fragte sie.

»Was?« Seine Stimme klang überrascht, beinahe erschrocken.

»Müßte nicht noch ein Bild da sein? Du hast doch gesagt, sie ist sieben. Da muß sie jetzt in der zweiten Klasse sein.«

»Ja, das stimmt, sie hat gerade die zweite Klasse beendet.« Sein Blick flog zu den Fotos auf dem Klavier. »Wir haben dieses Jahr anscheinend kein Klassenfoto bekommen«, sagte er langsam und nachdenklich. »Vielleicht war sie an dem Tag aus irgendeinem Grund nicht in der Schule.« Er zuckte die Achseln und nahm dann eine Fotografie zur Hand, die Emily bei einer Nikolausfeier zeigte. Jane bemerkte, daß seine Hand zitterte. »Das wurde vor ein paar Jahren aufgenommen. Und das hier«, fuhr er fort, als er ihr eine in Silber gerahmte Aufnahme reichte, »stammt vom vergangenen Juni.«

Jane starrte in die lächelnden Gesichter der drei Fremden: ihr Mann, ihre Tochter und sie selbst. Sie begann so heftig zu zittern, daß Michael ihr das Bild aus der Hand nahm und sie vom Klavier wegführte.

»Möchtest du dich hinlegen?« fragte er besorgt.

Das Angebot war verlockend, aber sie schüttelte den Kopf. »Zeig mir lieber den Rest des Hauses.«

Er legte ihr den Arm um die Taille und führte sie aus dem Wohnzimmer durch den Flur in den rückwärtigen Teil des Hauses. Sie kamen an einer Toilette und eine Reihe Einbauschränke vorüber, ehe sie die Küche erreichten, einen großen, sonnigen Raum mit Blick auf den Garten. Hier war alles weiß: ein runder weißer Tisch mit vier Stühlen; ein weiß gefliester Boden; weiß gestrichene Wände. Farbe lieferten einzig die grünen Bäume draußen und die bunten handgemalten Kacheln über dem Spülbecken und der Arbeitsplatte.

»Wie schön«, sagte sie und trat an das große Fenster, um in den Garten hinauszublicken. Auf der rechten Seite bemerkte sie eine Tür, die nach draußen führte, und mußte den Impuls niederkämpfen, hinzulaufen, sie aufzureißen und zu fliehen.

»Das ist noch gar nichts«, sagte er, und sie hörte an seiner Stimme, daß er lächelte. Durch eine Tür auf der linken Seite der Küche führte er sie in den nächsten Raum.

»Der Wintergarten der gnädigen Frau«, verkündete er stolz.

Sie trat in ein Wunderland aus Glas und Grün. »Wir haben das vor drei Jahren angebaut«, bemerkte er, während sie sich in der Mitte des Raumes langsam im Kreis drehte, um alles aufzunehmen.

»So einen schönen Raum habe ich noch nie gesehen«, sagte sie und wußte, daß es wahr war, ganz gleich, was sie sonst gesehen und vergessen haben mochte.

Sein Lächeln wurde noch breiter. »Das sagst du jedesmal, wenn du hier hereinkommst«, erwiderte er beinahe hoffnungsvoll.

Wer im Glashaus sitzt…, dachte sie. Aber nein, in diesem Raum waren bestimmt niemals Steine geworfen worden. In einem Haus mit einem so schönen Zimmer konnte nichts Schlimmes oder Böses geschehen sein.

Die Süd- und Westwand waren ganz verglast; der Boden war ein Mosaik aus sehr kleinen schwarzen und weißen Fliesen; überall standen Grünpflanzen und Bäume in großen Tontöpfen. An der Nordwand — auf deren anderer Seite sich das Wohnzimmer befand — stand eine Hollywoodschaukel aus weißem Korbgeflecht mit grünen und weißen Kissen, flankiert von mehreren Korbsesseln und kleinen Glastischen.

Langsam näherte sich Jane der Schaukel und ließ sich hineinsinken. Während sie sich sachte darin wiegte, fragte sie sich, wie sie dieses Paradies auf Erden hatte vergessen können.

»Mein eigener privater Regenwald«, sagte sie laut und sah Michael beifällig lächeln.

»Die Erinnerungen kommen bestimmt wieder«, sagte er. Er setzte sich in den Sessel zu ihrer Rechten und streckte die langen Beine vor sich aus. »Du mußt dir nur Zeit lassen. Versuch, die Dinge nicht zu forcieren.«

»Hat Dr. Meloff dir etwas darüber gesagt, wie lange dieser Zustand anhalten kann?« Es hätte sie interessiert, ob der Arzt ihrem Mann mehr anvertraut hatte als ihr selbst.

»Er sagte mir, daß sich die hysterische Amnesie — wenn wir es hier mit so einem Fall zu tun haben — in den meisten Fällen spontan wieder gibt. Das könnte Stunden oder Tage dauern.«

»Oder Wochen oder Monate.«

»Daß es Monate anhält, ist unwahrscheinlich, aber es ist schon wahr, feste Regeln gibt es da nicht. Solche Zustände brauchen einfach ihre Zeit.«

»Ja, aber was hat diesen Zustand überhaupt ausgelöst?« Ihr Blick flog gehetzt durch den Raum, als könnten Pflanzen und Bäume unerwünschte Bilder von Blut und Geldscheinen ausblenden. »Ich verstehe das nicht. Ich meine, ich bin doch anscheinend eine Frau, die alles hat, was ihr Herz begehrt. Ich habe ein schönes Haus, einen Mann, der mich liebt, eine hübsche, gesunde Tochter. Wieso wollte ich das plötzlich alles vergessen? Was kann denn nur geschehen sein, das mich dazu trieb, so zu tun, als existiere das alles nicht?«

Michael schloß einen Moment die Augen und strich sich mit einem Finger über den Nasenrücken. Als er die Augen wieder öffnete, sah er sie an, als versuche er, ihre Stärke einzuschätzen, als überlege er, wieviel von der Wahrheit sie ertragen könne.

»Was ist?« fragte sie. »Woran denkst du? Warum sagst du es mir nicht?«

Augenblicklich sprang er auf und setzte sich zu ihr. Die Schaukel geriet unter seinem Gewicht in leichte Schwingungen.

»Ich denke, wir haben einen langen, schweren und verwirrenden Tag hinter uns, und ich bin müde. Ich finde, wir sollten die Dinge ruhen lassen, bis wir beide uns gründlich ausgeschlafen haben. Morgen haben wir zum Reden noch genug Zeit.«

»Dann ist also wirklich etwas«, beharrte sie.

Er tätschelte beruhigend ihre Hand. »Nein«, versicherte er. »Nichts.«

Draußen läutete es.

»Wer kann das sein?« fragte Jane.

Michael stand auf. »Ich glaube, ich ahne es.«

Widerstrebend folgte Jane ihm aus dem Wintergarten hinaus, durch die Küche zurück in den Flur. Sie blieb zurück, als er zur Haustür ging, und wartete im Schatten der Treppe, während er öffnete und zurücktrat.

»Wie geht es ihr?« fragte die Frau, die hereinkam.

»Sie ist durcheinander«, antwortete Michael und führte die Frau ins Wohnzimmer. »Sie erinnert sich an nichts.«

»Mein Gott! An gar nichts?«

Er schüttelte den Kopf.

»Hat sie sich hingelegt?«

»Nein, ich bin hier«, sagte Jane zu Carole Bishop, die immer noch die alten Bermudas anhatte, unter der ihre fleischigen Knie zu sehen waren.

Carole Bishop war etwa Mitte Vierzig, klein, sicher nicht größer als einen Meter fünfundfünfzig, und zu dick, sie gehörte zu den Frauen, für die vermutlich Wörter wie »niedlich« oder »herzig« erfunden worden waren. Sobald sie Jane sah, wich alle Farbe aus ihrem runden Gesicht, das einen Ausdruck zwischen Besorgnis und Ängstlichkeit zeigte.

Weiß sie nicht, was sie sagen soll? fragte sich Jane. Oder hat sie Angst vor dem, was ich sagen könnte?

»Michael hat mir von deiner Amnesie erzählt«, bemerkte sie und warf Michael einen hilfesuchenden Blick zu.

»Ich habe Carole vom Krankenhaus aus angerufen und ihr in aller Kürze erklärt, was los ist«, warf Michael schnell ein. »Ich habe sie gebeten vorbeizukommen.« Er hob die Hände in einer Geste der Hilflosigkeit. »Ich dachte, du würdest dich weniger bedroht fühlen, wenn noch jemand hier ist.«

Wieder schossen Jane die Tränen der Dankbarkeit in die Augen. »Ich fühle mich nicht bedroht«, sagte sie leise und wünschte sich, er nähme sie in die Arme.

»Ich kann mir vorstellen, daß dir das alles ziemlich angst macht«, meinte Carole.

»Es ist mehr Verwirrung als Angst«, sagte Jane. »Ich wollte nur, ich wüßte, warum das passiert ist.« Sie begann unruhig im Zimmer hin- und herzugehen..»Ich habe das Gefühl, wenn ich das erst einmal weiß, klärt sich alles andere von selbst.«

»Du kannst dich an gar nichts erinnern?«

»Nein.«

»Vielleicht kann ich dir helfen«, erbot sich Carole und zog Jane mit sich zum Sofa, wo sie sich mit ihr setzte. »Ich heiße Carole Bishop. Wir sind Nachbarn seit wir vor — wie lange ist das jetzt her?« Sie sah Michael an, der stehen geblieben war. »Drei Jahre?«

»Ungefähr, ja.«

»— seit wir vor ungefähr drei Jahren hierherzogen. Wir waren gerade erst eingezogen, da kamst du mit einem tollen Schokoladenkuchen zu uns, den du selbst gebacken hattest. Du sagtest, er wäre deine Spezialität. Es war wirklich der beste Schokoladenkuchen, den ich je gegessen habe, und ich hab weiß Gott mehr gegessen, als mir guttut. Du hast mir sogar das Rezept gegeben, und ich habe den Kuchen seitdem x-mal gebacken.« Sie schluckte mehrmals und starrte zu Boden, ehe sie fortfuhr. »Natürlich bin ich ziemlich allein, seit Daniel ausgezogen ist. Es ist erstaunlich, wie schnell die sogenannten guten Freunde verschwinden, wenn der Ehemann weggeht. Daniel war mein Mann«, fügte sie erklärend hinzu. »Du bist mehrmals in der Woche morgens mit ihm joggen gegangen. Weißt du davon noch irgend etwas?«

»Nein, nichts.«

»Ich wollte, ich könnte dieses Schwein so leicht vergessen.« Carole seufzte so tief, daß ihr üppiger Busen zitterte. »Er ist Ende Oktober ausgezogen. Ich konnte ihn partout nicht dazu überreden, die Kinder mitzunehmen«, scherzte sie. »Dann nimm wenigstens den Köter, habe ich ihn angefleht. Oder meinen Vater! Aber er meinte, wenn ich das Haus behalten wolle, wäre ich auch für das Inventar zuständig. Und das war’s dann auch schon. Jetzt bist du auf dem laufenden.« Sie fuhr sich mit der Hand durch die kurzen blonden Locken. »Du kannst mir ruhig Fragen stellen, wenn du willst. Du siehst ja, daß ich nicht gerade eine reservierte Person bin. Ich habe keine Geheimnisse.«

Jane blickte auf Caroles Hände und bemerkte, daß die Frau noch immer Verlobungs- und Ehering trug. »Ich weiß nicht, was ich fragen soll«, gestand sie nach einer längeren Pause.

Carole sah von Jane zu Michael und dann zurück zu Jane. »Ich wollte dir nur sagen, daß ich jederzeit für dich da bin, wenn du etwas brauchst, wenn du irgendwelche Fragen hast…«

»Danke.«

»Eigentlich warst du mehr mit Daniel befreundet als mit mir«, fuhr Carole fort. »Aber du hast mir sehr geholfen, nachdem er gegangen war. Du hattest immer Zeit für mich. Ich konnte jederzeit zu dir kommen und mich bei dir ausweinen, wenn ich das Bedürfnis hatte. Schon deshalb sollst du wissen, daß ich jederzeit für dich da bin.«

»Danke«, sagte Jane wieder.

»Ich könnte euch etwas zu essen rüberbringen«, bot Carole an. »Ich hab viel zuviel gekocht. ›Im Zweifel erst mal was essen‹, sag ich immer.«

Jane starrte sie an.

»Was ist?« fragte Carole sofort. »Hab ich irgendwas gesagt?«

Jane konnte vor Erregung kaum noch stillsitzen. Michael lief zu ihr und kniete vor ihr nieder.

»Was ist, Jane?«

»Das, was Carole eben sagte«, erklärte Jane. Die Worte sprudelten ihr so hastig über die Lippen, daß sie kaum noch kenntlich waren und sie eine Pause einlegen, sich ein paar Sekunden Zeit nehmen mußte, um ihre Gedanken zu formulieren und dann von neuem zu beginnen. »Als ich im Lennox Hotel war und nicht wußte, was ich mit mir anfangen sollte, dachte ich plötzlich, ›Im Zweifel erst mal was essen‹. Es war so ähnlich, als hörte ich eine Stimme, die mir das sagte. Und ich überlegte, woher ich diesen Spruch hatte.«

»Mein Vermächtnis«, bemerkte Carole selbstironisch.

»Das ist ja großartig!« rief Michael und streichelte Jane behutsam den Kopf. »Das heißt doch, daß alles noch da drinnen ist, fest eingesperrt zur sicheren Aufbewahrung. Wir brauchen nur den richtigen Schlüssel zu finden.«

Jane lächelte zustimmend, beschwingt von plötzlicher Zuversicht.

»Okay, dann lauf ich schnell rüber und mach euch was zu essen zurecht«, sagte Carole.

»Für mich bitte nicht«, wehrte Michael ab. »Ich könnte jetzt keinen Bissen runterkriegen.«

»Ich auch nicht«, sagte Jane. Sie war zwar hungrig, aber zum Essen viel zu aufgeregt.

»Aber trotzdem vielen Dank«, fuhr Michael fort. »Es war nett von dir, es anzubieten.«

»Na, ihr könnt mich ja anrufen, wenn ihr es euch doch noch anders überlegen solltet. Zu essen hab ich immer genug im Haus.« Sie lachte, hart und ohne Heiterkeit. »Meine Kinder langen bei jeder Mahlzeit zu, als wären sie kurz vor dem Verhungern, und mein Vater gehört auch nicht zu den Leuten, denen im Alter der Appetit vergeht, ganz zu schweigen von unserem Köter, der sich einbildet, ein Mensch zu sein, und nur das frißt, was er uns essen sieht. Na ja, ich sollte mich wahrscheinlich nicht beklagen, wenigstens sind alle gesund, und die Kinder fahren ja demnächst ab ins Ferienlager. Also, wenn ihr später doch Hunger bekommen solltet, dann meldet euch.«

»Das werden wir tun.« Michael stand auf und ging zur Tür.

Carole nahm Janes Hand in die ihre und senkte die Stimme. »Du bist in guten Händen«, versicherte sie. »Du könntest dir keinen besseren Mann wünschen.« Sie kämpfte gegen plötzlich aufsteigende Tränen. »Es wird bestimmt alles wieder gut werden, Jane. Verlaß dich einfach auf Michael.«

Jane blieb reglos auf dem Sofa sitzen, während Carole mit Michael in den Flur hinausging.

»Du rufst an, wenn du mich brauchen solltest?« hörte sie Carole fragen, ehe die Haustür geschlossen wurde.

»Sie scheint sehr nett zu sein«, sagte sie, als Michael ins Wohnzimmer zurückkam.

»Ja, das ist sie.«

»Es ist sicher nicht einfach für sie, die Kinder und ihren alten Vater versorgen zu müssen.«

»Ja, sie hat’s nicht leicht, ständig zwischen diesen beiden Polen jonglieren zu müssen.«

Jane nickte. Ihr fiel eine Episode aus einer Serie ein, die genau das zum Thema gehabt hatte — das Leben von Frauen, die, zwischen den Forderungen ihrer Kinder und den Bedürfnissen ihrer alten Eltern hin- und hergerissen, kaum zu sich selbst kamen. Gehörte auch sie zu diesen Frauen?

Ihr Vater war gestorben, als sie dreizehn Jahre alt gewesen war, hatte Michael ihr im Krankenhaus erzählt. Aber was war mit ihrer Mutter? Lebte sie noch in Connecticut, oder war sie vielleicht in die Gegend von Boston gezogen, um ihrer einzigen Tochter näher zu sein? Oder vielleicht hatte sie das sonnige Kalifornien vorgezogen, und Sohn Tommy war derjenige, der in der Zwickmühle zwischen Familie und Mutter saß.

Ja, so mußte es sein, sagte sie sich. Hätte ihre Mutter irgendwo in der Gegend gelebt, so hätte Michael bestimmt sie hergebeten und nicht Carole Bishop.

»Lebt meine Mutter noch in Connecticut?« fragte sie.

Doch Michael, der sich in einen Sessel gesetzt hatte, antwortete nicht, sondern starrte gedankenverloren zum Fenster hinaus.

»Michael?« sagte sie in der Annahme, er hätte sie nicht gehört. »Lebt meine Mutter noch in Connecticut?«

Er schüttelte den Kopf und drückte die gefalteten Hände an den Mund.

»Michael?«

Da erst sah er sie an, und sie begriff augenblicklich, daß ihre Mutter tot war. Dennoch fand sie es notwendig, die Worte auszusprechen. »Meine Mutter ist tot, nicht wahr?«

Er nickte. »Ja.«

»Wann ist sie gestorben?«

»Letztes Jahr.«

»Wie alt war sie?«

»Dreiundsechzig.«

»Das ist aber jung«, bemerkte sie, ohne die Spur einer inneren Verbundenheit zu dieser Frau zu fühlen, die sie geboren hatte und nun tot war.

»Ja«, stimmte er ihr zu.

»Woran ist sie gestorben? Hatte sie Krebs? Oder einen Schlaganfall?«

»Nein.«

»Woran dann?« Von einer diffusen Angst getrieben, rutschte sie zur Kante des Sofas vor.

Er zögerte nur kurz. »Sie hatte einen Unfall.«

»Was für einen Unfall?«

»Einen Autounfall«, wiederholte sie und dachte an den Unfall, den sie auf der Heimfahrt gesehen hatte, erinnerte sich des merkwürdigen Blicks, mit dem Michael sie angesehen hatte, als warte er auf ein Zeichen der Erinnerung von ihr, als versuche er, ihre Reaktion abzuschätzen. »Erzähl es mir.«

Er wandte sich ihr ganz zu, ehe er begann. »Deine Mutter war ein paar Wochen bei uns zu Besuch. Wir wollten sie eigentlich überreden, nach Boston zu ziehen, aber sie wollte nichts davon wissen. Sie behauptete, ihr Bridge-Klub in Hartford könnte sie nicht entbehren, und basta. Ende der Diskussion. Wenn man mit deiner Mutter debattierte, konnte man nie gewinnen.« Er lächelte flüchtig bei der Erinnerung. »Kurz und gut, eines Nachmittags wollte sie nach Boston hineinfahren, um noch ein paar Dinge einzukaufen, ehe sie wieder nach Hause fuhr, und du —« Er brach ab und begann von neuem. »Du hattest an dem Tag mit Emily zu tun, ich glaube, es ging um irgendein Schulprojekt…« Wieder verstummte er und setzte ein drittes Mal neu an. »Sie nahm deinen Wagen…«

»Meinen Honda?« Jane sah vor sich den silbergrauen Prelude, der in der Garage stand.

»Nein. Du hattest einen Volvo. Einen dunkelgrünen«, erläuterte er, ohne daß sie danach zu fragen brauchte. »Sie nahm deinen Wagen und fuhr los.« Wieder hielt er inne, nicht willens oder vielleicht auch nicht fähig, gleich fortzufahren. Jane war nicht sicher, ob er ihr oder sich selbst den Schmerz dessen, was kommen mußte, ersparen wollte.

»Weiter.«

»Es passierte gar nicht weit von hier. Sie war noch nicht einmal auf dem Highway. Irgend so ein Kerl überfuhr ein Stoppschild und brauste mit achtzig Sachen in ihren Wagen hinein. Sie war sofort tot.«

Er stand aus seinem Sessel auf und kam zu ihr. Sie sah, daß seine Augen feucht waren.

Ihr selbst schossen die Tränen in die Augen, aber nicht Tränen des Schmerzes, sondern des Zorns und der Frustration. Wie konnte sie etwas so Tiefgreifendes wie den Tod ihrer Mutter vergessen? Wieso ergriff die schlimme Geschichte, die Michael ihr eben erzählt hatte, sie überhaupt nicht?

Genau wie zuvor, als er vom Tod ihres Vaters gesprochen hatte, empfand sie nicht mehr als eine flüchtige Traurigkeit, wie man sie empfindet, wenn man vom Tod eines Freundes erfährt, zu dem man vor langer Zeit den Kontakt verloren hat.

»Habe ich mich mit meiner Mutter gut verstanden?«

Er nickte. »Du warst untröstlich nach ihrem Tod.«

Jane sprang plötzlich auf. »Ach, verdammt! Warum kann ich mich nicht erinnern?«

»Das wird schon kommen, Jane«, versicherte er, bemüht, sie zu beruhigen. »Wenn es an der Zeit ist…«

»Du hattest Angst davor, mir das zu erzählen«, sagte sie herausfordernd. »Warum?«

»Ich fürchtete, es würde dich aufregen.«

»Nein, das war es nicht. Bitte, sag mir die Wahrheit.«

Er sah zum Flur hinüber, als hoffte er, Carole Bishop würde wieder erscheinen, um ihm zu helfen. »Der Unfall«, sagte er stockend. »Er geschah vor fast genau einem Jahr.«

»Was willst du damit sagen? Glaubst du, der Jahrestag des Todes meiner Mutter könnte die Amnesie ausgelöst haben?«

»Ich halte es jedenfalls für eine Möglichkeit, ja. Du warst sehr erregt; du konntest nicht schlafen; du warst rastlos und unruhig. Das war der Grund, weshalb ich dir vorschlug, für ein paar Tage wegzufahren und deinen Bruder zu besuchen.«

Sie ließ sich das durch den Kopf gehen. Michael fand diese Erklärung offenbar einleuchtend. Der Jahrestag des Todes ihrer Mutter hatte bevorgestanden; sie war erregt und unruhig gewesen, mit der Erinnerung nicht fertiggeworden und hatte sich schließlich einfach ins Vergessen gerettet. Perfekt. Nur erklärte es nicht die Blutflecken auf ihrem Kleid und nicht die geldgefüllten Manteltaschen. Sie war plötzlich unglaublich müde.

»Ich glaube, du brauchst jetzt erst mal Ruhe«, sagte Michael fürsorglich. »Komm«, drängte er sanft, »ich pack dich ins Bett, hm?«

8

Er führte sie die Treppe hinauf zu ihrem Schlafzimmer.

Unter dem riesigen Oberlicht blieb sie stehen und blickte zum immer noch sonnigen Himmel hinauf. Dann sah sie auf ihre Uhr. Es war fast acht. Bald würde es dunkel werden. Der Mond, der jetzt nur ein bleicher Fleck auf strahlend blauem Hintergrund war, würde an Kraft und Farbe gewinnen und die Herrschaft übernehmen. Wo war die Zeit geblieben?

»Komm«, sagte Michael und schob sie sachte ins Schlafzimmer am Ende des Flurs.

»Was sind das hier für Zimmer?« Sie blieb vor der ersten Tür rechts der Treppe stehen.

»Machen wir doch unseren Rundgang morgen zu Ende.« Sein Ton war leicht, aber sie hörte eine ernstere Schwingung, als meine er, der Enthüllungen seien genug für diesen einen Tag, und fürchte, weitere könnten sich auf ihr unsicheres seelisches Gleichgewicht ungünstig auswirken.

»Ich möchte es aber gern jetzt wissen«, beharrte sie. »Bitte.«

Seine Stimme war sanft. »Wie du willst.«

Sie traten in ein mittelgroßes Gästezimmer, das ganz in Hellgrün und Gelb gehalten war. Dem breiten Himmelbett gegenüber stand eine große antike Kommode, über der ein goldgerahmter Spiegel hing. Jane kopfte leicht auf die unverkennbar alte und kostbare Quilt-Decke, die über dem Bett ausgebreitet war, mied den Blick in den Spiegel, berührte flüchtig die Kommode, als sie zu dem Fenster mit der Buntglasscheibe ging. Inmitten eines grün-roten Feldes stand hoch aufgebäumt ein weißes Einhorn. Ihr Blick folgte ihren Fingern, die die schwarzen Umrandungen des geschliffenen Glases nachzeichneten. Das Einhorn ist ein Märchenwesen, dachte sie und fragte sich, ob man dasselbe von ihr sagen könnte. Jane Whittaker ist ein Märchenwesen, wiederholte sie, und das Bild gefiel ihr.

Lautes Kreischen riß sie aus ihrer Vergangenheit. Durch die einfache Glasscheibe neben dem Buntglasfenster sah sie zwei junge Leute in jugendlichem Ungestüm aus dem Haus Carole Bishops stürmen.

»Andrew und Celine«, bemerkte Michael, der zu ihr ans Fenster getreten war. »Andrew ist vierzehn, Celine wird, glaube ich, im Herbst sechzehn. Sie waren früher öfter zum Babysitten bei uns.«

»Früher?«

»Sie haben immer weniger Zeit. Du weißt ja, wie junge Leute sind. Sie sind der Meinung, sie haben ein Recht auf ein Eigenleben.«

Jane lächelte und drückte die Stirn an die Fensterscheibe, die sich angenehm kühl anfühlte. In diesem Augenblick stolperte ein alter Mann in einem zerknitterten gestreiften Pyjama aus der Tür. Ihm folgte mit ohrenbetäubendem Gebell ein großer Hund. Beide rannten mitten in ein Beet farbenprächtiger Petunien an der Seite des Gartenwegs. Dann kam Carole Bishop aus dem Haus geschossen, packte den Hund beim Halsband und den alten Mann an der Schlafanzugjacke, als dieser davonzulaufen versuchte. Jane hörte selbst hier oben noch die Gereiztheit und die Resignation in Caroles Stimme. »Geh wieder ins Haus, Dad!« schrie sie laut, um das Hundegebell zu übertönen, während ihre beiden Sprößlinge vom Bürgersteig aus die Szene beobachteten und sich vor Lachen bogen.

»Er sieht aus wie ein Gefangener, der fliehen möchte«, bemerkte Jane voller Mitleid mit dem Alten.

»So fühlt er sich wahrscheinlich auch«, meinte Michael. »Es ist schon traurig. Carole bemüht sich wirklich. Aber manchmal ist nichts, was man tut, genug.«

Jane fragte sich, ob Michael von Carole sprach oder von sich selbst.

»Bitte, geh wieder ins Haus, Dad!« flehte Carole mit lauter Stimme. »Komm schon, du inszenierst hier einen Riesenauftritt. Willst du denn die ganzen Nachbarschaft unterhalten?« Als wäre sie plötzlich aufmerksam geworden, daß sie beobachtet wurde, sah Carole direkt zu dem Fenster im ersten Stock hinauf, an dem Jane stand. Hastig fuhr diese zurück, trat Michael auf den Fuß und fiel stolpernd an seine Brust.

»Oh, entschuldige.« Sie spürte den Schlag seines Herzens und wäre am liebsten so geblieben, um sich von seiner Kraft und Stärke tragen zu lassen.

»Du brauchst dich doch nicht zu entschuldigen.«

Jane ging zur Tür zurück, den Kopf starr geradeaus gerichtet, um nicht in den Spiegel sehen zu müssen, an dem sie vorüberkam.

»Jane, du brauchst vor Spiegeln keine Angst zu haben«, sagte Michael tröstend. »Du existierst wirklich. Du bist doch kein Vampir oder so was.«

Sie überquerte den Flur zum Zimmer auf der anderen Seite und nahm ein Bild von sich selbst mit, wie sie lange spitze Zähne in den nackten Hals eines hilflosen Opfers grub, dessen Blut sich auf ihr blaues Kleid ergoß.

»Dein Arbeitszimmer?« fragte sie, bemüht, sich auf den schweren Schreibtisch aus massivem Eichenholz, das grüne Ledersofa gegenüber, die Bücherregale voll medizinischer Fachbücher zu konzentrieren.

»Erraten.«

Jane strich mit der Hand über das feingemaserte Holz seines Schreibtischs. Auf der einen Seite stand ein Computer, dessen großer schwarzer Bildschirm sie anstarrte wie ein Gesicht, dem erst noch Züge gegeben werden mußten. Die Tastatur war fast ganz versteckt unter einem auseinandergefallenen Stapel loser Blätter. Unter einem aufgeschlagen daliegenden Fachbuch sah ein silberner Kugelschreiber hervor.

»Du steckst wohl mitten in einer Arbeit?«

»Ja, ich muß im Herbst bei einem Medizinerkongreß einen Vortrag halten und bin dabei, ein bißchen Ordnung in meine Gedanken zu bringen.«

»Eine schöne Hilfe bin ich dir. Geh ausgerechnet jetzt völlig aus dem Leim.«

»Hauptsache, du bist bei mir. Das ist mir Hilfe genug.«

Sie versuchte, im Spiegel des schwarzen Bildschirms sein Gesicht zu erkennen. »Bist du immer so nett?«

Sein Bild verschwand aus ihrem Blickfeld. Sie spürte die flüchtige Berührung seines Arms und sah ihn, als sie den Kopf drehte, neben sich stehen und zum Fenster hinaussehen.

»Aha!« sagte er. »Jetzt hat sie es doch geschafft, ihn ins Haus zu lotsen.«

Jane wandte sich dem Fenster zu und sah gerade noch, wie Carole Bishop ihren Vater und den Hund durch die offene Haustür schob, um sie dann mit Wucht zuzuschlagen. Ihre Kinder standen immer noch lachend draußen auf dem Gehweg.

»Die Frage war ernst gemeint«, sagte Jane zu Michael und hätte über die Verwirrung auf seinem Gesicht beinahe gelacht.

»Welche Frage?«

»Ob du immer so nett bist.« Sie wartete auf seine Antwort.

»Na, sagen wir mal, ich hab meine netten Momente.«

»Viele nette Momente, wie mir scheint.«

»Es ist nicht schwer, nett zu dir zu sein«, sagte er einfach.

»Hoffentlich ist das wahr.«

»Warum sollte es nicht wahr sein?«

Sie tat so, als wäre sie ganz gefesselt von Andrew und Celine Bishop, die jetzt ihren Beobachtungsposten vor dem Haus ihrer Mutter aufgaben und immer noch lachend die Straße hinunterrannten. »Wo ist Emilys Zimmer?« fragte sie, nachdem die beiden um die Ecke verschwunden waren.

»Neben unserem.«

Sie folgte ihm durch den Flur, an einem freundlichen gelbweißen Badezimmer vorbei zu zwei weiteren Räumen, die links von der Treppe lagen.

»Hatten wir einen Innenarchitekten?« fragte sie beiläufig, angetan von der heiteren Wärme, die alle Räume ausstrahlten.

»Eine ganz phantastische Innenarchitektin«, bestätigte er. »Sie heißt Jane Whittaker.«

Jane lächelte, voll törichten Stolzes auf ihr Werk, auch wenn sie sich nicht daran erinnern konnte, es geschaffen zu haben.

»Das ist Emilys Zimmer.« Er folgte ihr hinein, blieb aber an der Tür stehen. »Ist es nicht schön?«

Jane sah sich aufmerksam um: eine frische weißgrundige Tapete mit einem grünen Rankenmuster; ein Messingbett mit einer weißen Überdecke aus Baumwollspitze; ein Wäschekorb in Gestalt eines großen Känguruhs; Stofftiere und Puppen überall; ein kleiner Tisch mit Stühlen vor dem Fenster, das auf den Garten hinuntersah; eine Buntglasscheibe ähnlich der im Gästezimmer; auf dem Boden der gleiche blaßgrüne Teppich wie in den übrigen Räumen des Hauses. An der Wand gegenüber vom Bett hingen mehrere gerahmte Drucke impressionistischer Gemälde von Monet, Renoir und Degas.

»Und das ist unser Zimmer.« Michael lotste sie so geschickt aus dem Kinderzimmer in ihr gemeinsames Schlafzimmer, daß sie sich des Wechsels kaum bewußt wurde.

Zaghaft betrat sie das Zimmer, plötzlich sehr bedacht darauf, dem Mann, dessen Bett sie elf Jahre lang geteilt hatte, nicht zu nahe zu kommen. Es war ein wohltuend ruhiger Raum in matten Grün- und Lilatönen. Das breite Himmelbett stand in der Mitte, rechts war das große Fenster, links ein langer Wandschrank mit Spiegeltüren, die das Grün des Gartens hereinholten, so daß man den Eindruck hatte, sich in einem Raum ohne Grenzen und Mauern zu befinden.

Jane fand es unmöglich, ihrem Spiegelbild auszuweichen. Obwohl sie sich anstrengte, sich ganz auf die Chagall-Lithographien zu konzentrieren, die die Wand gegenüber dem Bett schmückten, kehrte ihr Blick immer wieder zu den Spiegeln zurück.

»Was siehst du?« fragte Michael unerwartet, und sie sah sich zusammenzucken.

»Ein verängstigtes kleines Mädchen«, antwortete sie. Sie versuchte, sich ihrem Spiegelbild zu stellen, aber sie konnte es nicht. Beinahe zornig zog sie sämtliche Türen des langen Schranks auf und entledigte sich so wenigstens fürs erste ihres Bildes.

Die Kleider ihres vergangenen Lebens sprangen ihr entgegen. Sie betrachtete jedes einzelne Kleidungsstück, als wäre es ein kostbares Kunstwerk aus einer anderen Epoche. Sie ließ die Stoffe durch die Finger gleiten und las die Etiketten mit einer Aufmerksamkeit, als könnten sie ihr einen Hinweis auf ihre Geschichte geben. In den Schränken hingen vielleicht zehn Kleider, wahrscheinlich doppelt soviele Blusen, dazu Röcke und lange Hosen. Einige Stücke waren sehr modisch und elegant, andere wirkten viel zu mädchenhaft für eine Frau in ihrem Alter. Sie hatte beim Einkaufen offensichtlich ihre guten und ihre schlechten Tage.

Eine hohe Kommode mit Schubladen trennte ihren Kleiderschrank von dem ihres Mannes. Sie zog die Laden eine nach der anderen auf, bewunderte die zarte Unterwäsche aus Seide und Satin, schob hastig einen Strapsgürtel aus schwarzer Spitze nach hinten, ehe Michael ihn sah. Ziehe ich so was tatsächlich an? fragte sie sich beinahe peinlich berührt. Sie hatte Strumpfhosen angehabt, als sie sich in Bostons Straßen herumirrend wiedergefunden hatte. Vielleicht hatte sie ein Faible für Reizwäsche im Schlafzimmer. Wahrscheinlicher war, daß Michael ein Faible dafür hatte.

Sie senkte den Blick zum Schrankboden und zählte zwölf Paar Schuhe, ehe sie sich stark genug fühlte, ihn anzusehen. »Ich habe viele schöne Sachen«, sagte sie.

»Das finde ich auch«, stimmte er zu. »Die Sachen, die du jetzt trägst, kenne ich allerdings nicht.«

Jane blickte an den Kleidern hinunter, die sie an diesem Morgen gekauft hatte. »Ich auch nicht«, sagte sie und lachte.

»Bist du müde?«

Sie nickte. Sie konnte es kaum erwarten, ins Bett zu kriechen, aber sie war sich nicht sicher, ob sie Michael neben sich haben wollte.

»Mach dir keine Sorgen, Jane«, sagte er sofort. Er schien wirklich ein begabter Gedankenleser zu sein. »Ich schlafe im Gästezimmer, bist du es wieder anders willst.«

»Ich kann doch im Gästezimmer schlafen«, entgegnete sie rasch.

»Nein«, sagte er entschieden. »Das ist dein Zimmer.«

»Unser Zimmer«, korrigierte sie.

»Ja, bald wieder. Hab Vertrauen.« Er nahm ein langes weißes Baumwollnachthemd von einem Bügel. »Dein Lieblingsnachthemd.« Er legte es auf das Bett. »Zieh-dich ruhig schon aus. Das Bad ist gleich nebenan.« Er wies auf eine Tür jenseits der Reihe offener Schranktüren. »Ich geh inzwischen runter und mach uns eine Tasse Tee.«

Er war weg, ehe sie sagen konnte, ach ja, das wäre schön.

Langsam ließ sie sich auf das Bett sinken, mit der einen Hand den Pfosten am Fußende des Betts umfassend, mit der anderen zu dem weißen Baumwollnachthemd greifend, das neben ihr lag. Sie musterte es aufmerksam, erstaunt, daß eine Frau, der es Spaß machte, sich in schwarzer Reizwäsche zu produzieren, an so einem jungfräulich keuschen Ding Gefallen finden konnte. Und es auch noch zu ihrem Lieblingsnachthemd erkoren hatte. »Ach was«, sagte sie schließlich laut. »Immer noch besser als im Mantel zu schlafen.«

Zwei Minuten später war sie aus ihren Kleidern und in das bodenlange Baumwollhemd geschlüpft. Nachdem sie die Schuhe ausgezogen hatte, hob sie kurz die Innensohle des rechten hoch und stellte mit Erleichterung fest, daß der Schlüssel zu ihrem Schließfach noch sicher und wohlbehalten in seinem Versteck lag. Sie hängte ihre neue Hose auf einen Bügel, legte den Pulli in eine Schublade mit einem Stapel anderer, und schob die Schuhe ganz hinten in den Schrank, ehe sie ins Badezimmer eilte, um sich das Gesicht zu waschen und die Zähne zu putzen.

Welche Zahnbürste ihre war, war nicht schwer zu erraten. Michael hatte bestimmt keine Vorliebe für Blaßrosa. Sie putzte sich die Zähne mit großer Gründlichkeit und schrubbte sich das Gesicht, bis es so rosig war wie ihre Zahnbürste. Dann nahm sie die Haarbürste vom Toilettentisch neben den beiden Waschbecken und bürstete sich das Haar, bis ihre Kopfhaut prickelte.

Im Schlafzimmer zurück, hockte sie sich unschlüssig auf die Bettkante. Am liebsten wäre sie gleich unter die Daunendecke gekrochen, aber Michael wollte ja noch mit ihr Tee trinken. Sie wußte nicht, was sie mit sich anfangen sollte. Unruhig glitten ihre Hände vom steifen weißen Baumwollstoff des Nachthemds zum Nachttisch neben dem Bett. Sie nahm den Wecker, sah nach, wie spät es war, obwohl sie das eigentlich gar nicht interessierte, schob das weiße Telefon nach hinten und zog es gleich wieder nach vorn, rieb mit einem Finger über den Porzellansockel der Nachttischlampe, als glaubte sie, Aladins Wunderlampe vor sich zu haben.

Sie meinte, Michael die Treppe heraufkommen zu hören, aber als sie zur Tür blickte, sah sie niemanden. Sie stand auf, setzte sich wieder, richtete ihre Aufmerksamkeit erneut auf den Nachttisch. Sie überlegte, ob sie den Wecker stellen, die Lampe einschalten, telefonieren sollte, und zog schließlich, nur um irgend etwas zu tun, die obere Schublade des Nachttischs auf.

Sie sah es sofort und wußte auf Anhieb, was es war. Alle privaten Telefonbücher haben eine gewisse Ähnlichkeit. Dieses hier hatte die Größe eines Schulheftes und einen Stoffeinband mit Paisleymuster. Sie nahm es langsam heraus und kam sich dabei vor wie ein Hausgast, der heimlich schnüffelt. Sie legte es auf ihren Schoß und ließ es mehrere Sekunden ungeöffnet, ehe sie den Mut fand, einen Blick hineinzuwerfen. Nun stell dich doch nicht so an, sagte sie sich ungeduldig. Es ist doch dein Buch. Klapp es auf. Was ist denn los mit dir? Wovor hast du Angst? Es ist doch nichts weiter als ein Verzeichnis von Namen. Namen, die nichts bedeuten, sagte sie sich, während sie das Buch unter »A« aufschlug. »Lorraine Appleby«, las sie und erinnerte sich, daß Michael sie ihr als eine ihrer Freundinnen genannt hatte. »Arlington Private School«, stand direkt darunter. Arlington Private School? Natürlich! Emilys Schule. Na bitte, ist doch ganz einfach, sagte sie sich mutiger werdend und blätterte zu B, wo sie auf den Namen »Diane Brewster« stieß. Das mußte die andere Freundin sein, die Diane, deren Nachnamen sich Michael nicht merken konnte. Rasch hatte sie auch die anderen Namen gefunden, die er aufgezählt hatte: David und Susan Carney; Janet und Ian Hart; Eve und Ross McDermott; Howard und Peggy Rose; Sarah und Peter Tanenbaum. Alle waren sie da, schwarz auf weiß in alphabetischer Ordnung.

Sie fand einen Eintrag für ihren Bruder, Tommy Lawrence, Montgomery Street, San Diego, und merkte, wie ihre Hände zu zittern begannen, als sie noch einmal zu »R« blätterte.

Sie hatte ihn beim ersten Mal nicht gesehen, wieso also erwartete sie, ihn jetzt zu finden? Dennoch las sie die ganze Seite aufmerksam von oben bis unten, ohne Howard und Peggy Rose, die, wie sie sich erinnerte, in Südfrankreich Ferien machten, weitere Beachtung zu schenken. Die anderen Namen, die hier aufgeschrieben waren, kannte sie nicht. Sicherheitshalber sah sie auch noch unter »Q« und »S« nach, es hätte ja sein können, daß sie den Namen auf der falschen Seite eingetragen hatte, aber sie fand ihn nirgends. Wer immer Pat Rutherford war, er oder sie war allenfalls eine oberflächliche Bekanntschaft, nicht einmal bedeutsam genug, um in ihrem privaten Telefonbuch Platz zu finden.

Sie blätterte noch in dem Buch, als Michael zurückkam.

»Na, was Interessantes entdeckt?« fragte er und stellte das Tablett mit zwei Tassen Tee und einem Teller Kekse auf den kleinen runden Tisch beim Fenster.

Jane legte das Buch in die Schublade zurück und stand auf, um sich zu ihm an den Tisch zu setzen. Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück und nahm dankbar die Tasse entgegen, die er ihr reichte.

»Vielleicht sollte ich meinen Bruder anrufen«, sagte sie, nachdem die den ersten Schluck Tee getrunken hatte. »Er macht sich doch sicher Sorgen.«

»Das hab ich schon erledigt. Ich habe mit ihm gesprochen und ihm gesagt, daß alles in Ordnung ist. Es reicht, wenn du ihn morgen anrufst«, sagte er, und sie lächelte erleichtert. Sie fühlte sich noch gar nicht imstande, mit jemandem zu sprechen. Was hätte sie diesem Bruder, den sie nicht kannte und der am anderen Ende des Landes lebte, schon sagen können? »Es geht uns prächtig — schade, daß du nicht hier bist«? »Schade, daß ich nicht weiß, wer du bist«, wäre angemessener. Und würde ihn das nicht nur noch mehr beunruhigen, wenn er, wie sie vermutete, schon beunruhigt genug war? Nein, sie würde mit dem Anruf bei ihrem Bruder warten, bis sie sich wieder erinnerte, wer sie war. Und wenn er in der Zwischenzeit anrufen sollte, würde sie so tun, als kenne sie ihn. Sie würde einfach fabulieren.

»Der Tee schmeckt gut«, sagte sie und dachte, als sie sein Lächeln sah, wie leicht es war, ihn glücklich zu machen.

»Spezialität des Hauses. Hier, nimm die.« Er reichte ihr zwei kleine weiße Tabletten.

»Was ist das?«

»Ein leichtes Sedativum.«

»Ein Sedativum? Wozu? Ich habe keine Schlafprobleme.«

»Nur zur Entspannung.«

Jane musterte mit zusammengekniffenen Augen die zwei kleinen Tabletten, die schwer auf ihrer offenen Hand lagen. »Dr. Meloff hat aber nichts von einem Beruhigungsmittel gesagt.«

»Dr. Meloff hat es verschrieben«, erklärte er ohne eine Spur von Ungeduld oder Gereiztheit. »Sie sollen dir nur helfen, dich zu entspannen, Jane. Es ist ein ganz leichtes Mittel, wirklich. Ohne alle Nebenwirkungen.«

»Ich hab einfach was gegen Tabletten«, sagte sie.

Er lachte. »Ja, das weiß ich. Siehst du? Du bist schon auf dem Weg der Besserung. Sie wirken.«

Auch Jane lachte. Warum, fragte sie sich, mache ich es ihm so schwer? »Ich habe wahrscheinlich nur Angst, die Kontrolle zu verlieren«, bekannte sie, auf der Suche nach einer rationalen Erklärung für ihr Verhalten.

»Welche Kontrolle?« fragte er, und sie lachte wieder. Wie recht er hatte! Sie wußte nicht einmal, wer sie war, und da sprach sie von Kontrolle!

Ohne weitere Einwände schob sie die Tabletten in den Mund und spülte sie mit dem Rest ihres Tees hinunter.

»Iß doch ein Plätzchen«, drängte er. »Sie sind wirklich gut. Paula hat sie am Freitag gebacken.«

»Paula?«

»Paula Marinelli. Sie kommt ein paarmal in der Woche zum Saubermachen. Ich habe sie gebeten, jeden Tag zu kommen, bis es dir wieder besser geht.«

»Bis ich wieder weiß, wer ich bin, meinst du.«

»Okay, bis du wieder weißt, wer du bist«, stimmte er lachend zu.

Sie nahm einen großen Bissen von ihrem Plätzchen, und eine Kaskade von Bröseln rieselte auf den Teppich. »Ach du lieber Gott! Bin ich immer so ungeschickt?« Sie bückte sich hastig, um die Krumen aufzusammeln, und wurde von einem so heftigen Schwindel überfallen, daß sie beinahe das Gleichgewicht verloren hätte.

»Hoppla!«

Augenblicklich war er bei ihr, half ihr auf die Beine und führte sie zum Bett.

»Du mußt total erschöpft sein«, sagte er, während er die Daunendecke zurückschlug und ihr ins Bett half. »Die Wirkung der Tabletten ist das sicher noch nicht.«

»Ja, ich bin wirklich fertig«, bestätigte sie und schloß die Augen. Sie hatte zu lange gegen die Müdigkeit angekämpft und fühlte sich nun plötzlich von ihr überwältigt.

»Ruh dich aus. Schlaf schön«, sagte er leise und gab ihr einen Kuß auf die Stirn, als wäre sie ein kleines Kind. »Soll ich bei dir bleiben, bis du eingeschlafen bist?«

Sie lächelte mit Wohlbehagen. »Nein, nein, ist schon gut. Du hast sicher zu arbeiten.«

»Das kann warten.«

»Geh nur.« Ihre Stimme klang ihr fern und verschwommen. »Mir geht’s gut.«

Sie spürte, wie er aufstand. »Vergiß nicht, wenn du etwas brauchst, dann ruf mich. Ich bin sofort da.«

Das weiß ich, dachte sie, war aber zu matt, um es zu sagen. Sie versuchte noch einmal zu lächeln, hoffte, daß es ihr gelang, den Mund in die entsprechende Form zu bringen, und gab dann der wohligen Schwere nach, die durch ihre Glieder zu ihrem Gehirn hinaufzog. Sie fühlte, wie Michael die Decke glättete und dann vom Bett wegtrat. Flüchtig öffnete sie noch einmal die Augen und schloß sie gleich wieder. Im nächsten Moment war sie eingeschlafen.

___________

Sie träumte. Sie stand auf einer großen Wiese. Hinter ihr war ein niedriges Gebäude, es hätte ein Motel sein können, aber es hatte kein Schild, das darüber Aufschluß gab. Ein Motel ohne Namen, dachte sie und hörte Musik aus einem der Zimmer. Plötzlich war Michael neben ihr. Sie fühlte die beruhigende Berührung seiner Hände auf ihren bloßen Armen. »Hast du Lust auf einen Spaziergang?« fragte er.

Sie nickte und schmiegte sich an ihn.

»Nein! Nein!« schallte irgendwo hinter ihnen eine Stimme. »Du darfst da nicht gehen.«

»Wir können gehen, wo wir wollen«, entgegnete sie eigensinnig, bemüht, die Stimme zu erkennen.

»Nein.«

»Aber warum denn nicht?« rief sie ärgerlich. »Warum dürfen wir da nicht gehen?«

Erst Stille, dann wieder die Stimme. »Die Wiese ist voller Kobras.«

Sie wirbelte herum.

Michael war fort. Eine riesige Schlange, den Kopf auf langem Hals zum Angriff erhoben, lag zusammengerollt zu ihren bloßen Füßen. Sie fuhr erschrocken zurück und fiel in die Wiese, in der die Kobras warteten. Sie nahm wahr, daß sie sich wie auf Kommando alle gleichzeitig aufrichteten, ein Heer schwankender Leiber zwischen hohen gelblichen Gräsern, das ihr drohend näher rückte. Mit blitzschnellen Schlägen peitschten die Zungen der Schlangen ihre Beine, und sie sah, wie die Riesenschlange sich aufrichtete, um sie anzugreifen. Sie schrie laut.

___________

Sie schrie laut.

»Jane!« hörte sie ihn rufen, wagte aber in ihrer Todesangst nicht, die Augen zu öffnen. »Jane! Was ist los? Jane! Du hast geträumt. Es war nur ein Alptraum. Komm, Jane, wach auf!«

Zaghaft öffnete sie die Augen, schlug aber sofort wie wild um sich, als er sie anfaßte.

»Jane! Ich bin’s, Michael. Ich bin bei dir. Du brauchst keine Angst zu haben.«

Sie brauchte noch eine Minute, ehe sie sich beruhigen und die Kobras in die Geisterwelt verbannen konnte, in die sie gehörten; ehe sie sich klarmachen konnte, daß sie nicht ohne Hoffnung auf Rettung in einem gottverlassenen Motel ohne Namen saß, sondern zu Hause war, in ihrem eigenen Bett, sicher und geborgen.

»Ich hatte einen schrecklichen Traum«, begann sie mit kleiner Stimme. »Überall wimmelte es von Schlangen.«

»Aber jetzt sind sie weg«, tröstete er sie und nahm sie in die Arme. »Sie sind alle weg. Ich habe sie vertrieben.«

Sie klammerte sich an ihn. »Es war so echt. Ich hatte wahnsinnige Angst.« Sie merkte, daß sie von Kopf bis Fuß schweißgebadet war, und löste sich aus seinen Armen. »Ich bin klatschnaß.«

»Bleib liegen. Ich hole einen Waschlappen. Ich bin gleich wieder da.«

Immer noch zitternd unter den Nachwehen der Angst blieb sie im Bett sitzen, bis Michael zurückkam. Die Traumbilder begannen sich aufzulösen. Sie machte keinen Versuch, sie festzuhalten, wünschte vielmehr, sie würden sich so schnell wie möglich verflüchtigen. Aber das Gefühl nackter Angst, das sie im Traum gelähmt hatte, das Grauen, das sie beim Sturz unter die Giftschlangen überwältigt hatte, wurde sie nicht los. Sie schauderte voll Abscheu und Entsetzen.

»Atme tief durch«, riet Michael, während er ihr mit dem kühlen feuchten Lappen die Stirn wischte. »Ja, so ist es richtig. Schön durchatmen. Versuch, dich zu entspannen. Jetzt ist der Spuk vorbei.«

»Es war so fürchterlich.«

»Ich weiß.« Er sprach so sanft mit ihr, als wäre sie eine seiner kleinen Patientinnen. »Aber jetzt ist alles wieder gut.«

Sie sah, daß er nur eine Jeans anhatte. Wahrscheinlich hatte er sie in alle Eile übergezogen, als ihr Schrei ihn aus dem Schlaf gerissen hatte. Aus was für Träumen hatte sie ihn geholt, fragte sie sich, als sie sich in die Kissen zurücklegte und sich unter der kühlen Berührung des feuchten Waschlappens auf ihren Armen allmählich beruhigte.

Plötzlich spürte sie einen Stich und glaubte, die Schlangen wären in ihr Bett eingedrungen. Mit einem Aufschrei fuhr sie in die Höhe und sah gerade noch, wie die Viper sich eilig zurückzog.

»Es ist nur eine Spritze, damit du ruhig und ohne Alpträume schlafen kannst«, sagte Michael beruhigend. Er legte die Spritze aus der Hand und nahm sie wieder in die Arme. »Du brauchst dringend Schlaf, Jane.« Er küßte sie und strich eine feuchte Haarsträhne aus ihrer Stirn. »Das ist jetzt das Beste für dich.«

Sie nickte. Langsam ließ er sie in die Kissen niedersinken. Sie sah ihm im Halbdunkel ins Gesicht, sah die Angst und die Einsamkeit, die er so tapfer zu verbergen versuchte, und sehnte sich danach, die Arme nach ihm auszustrecken und ihn zu berühren, ihn an sich zu ziehen und sich von ihm halten zu lassen. Statt dessen fielen ihr die Augen zu. Sie wußte, daß er erst gehen würde, wenn sie fest eingeschlafen war, und sie bemühte sich krampfhaft, wach zu bleiben. Unter halb geschlossenen Lidern sah sie, wie er die Hand hob, um sich das Haar aus der Stirn zu streichen. Und da sah sie die lange frische Narbe, die sich unmittelbar oberhalb des Haaransatzes, der normalerweise von seinem Haar verborgen war, durch seine Kopfhaut zog.

Was ist das? wollte sie fragen, aber ihr Mund war wie ausgedörrt, und sie konnte kein Wort hervorbringen. Was hast du da für eine Verletzung am Kopf? wollte sie fragen, aber ehe sie die Worte herauspressen konnte, hüllte Dunkelheit sie ein, und sie fiel in den traumlosen Schlaf, den er versprochen hatte.

9

Sonnenschein sickerte durch die Ritzen der Fensterläden, als sie erwachte. Sie setzte sich langsam auf, lehnte sich auf die Ellbogen gestützt an das Kopfteil des Betts und wartete darauf, daß ihr Blick klar werden und das Summen in ihren Ohren aufhören würde. Sie schluckte mehrmals, um ihren Mund anzufeuchten, der so ausgetrocknet war, als hätte man einen Wattebausch in ihn hineingestopft. Dann schwang sie die Beine aus dem Bett, um aufzustehen.

Das Zimmer drehte sich; sie schwankte so heftig, daß sie zu stürzen fürchtete. Ihr Kopf erschien ihr ungeheuer schwer, ein Riesengewicht, das ihr gebrechlicher Körper kaum tragen konnte. Nieder mit Jane Whittaker, dachte sie, und ließ sich wieder auf das Bett zurückfallen.

Beide Hände auf die Bettkante gestützt, saß sie da und sah zu den Spiegeln hinüber. »Jane Whittaker«, sagte sie feierlich zu ihren schwankenden Spiegelbildern. »Wer zum Teufel bist du?«

Die Spiegelbilder schwankten noch stärker und entzogen sich ihrem Blick, als eine Welle von Schwindel und Übelkeit sie wieder in die Kissen zurückwarf. »Immer langsam voran«, ermahnte sie sich, wohl wissend, daß sie sonst überhaupt nicht auf die Beine kommen würde.

Sie stellte sich ein Gespinst von Spinnweben vor, das von der einen Seite ihres Gehirns zur anderen reichte, und sah sich mit der Hand in das Bild greifen, um sie alle wegzufegen. Aber sie wurden augenblicklich durch neue Spinnweben ersetzt, und ganz gleich, wie oft sie versuchte, sie wegzureißen, das Resultat war immer das gleiche.

Sie schüttelte den Kopf, als könne sie durch diesen Akt des Trotzes die Spinnweben zerreißen und sich von ihnen befreien, aber ihr wurde nur schwindlig, und sie mußte rasch die Augen schließen, um nicht ohnmächtig zu werden. Sie hatte den Eindruck, daß ihr Kopf völlig gefühllos war, betäubt, erstarrt. Er fühlte sich ungeheuer groß und weit an, mit giftigem Gas gefüllt, in Gefahr zu explodieren.

Mit geschlossenen Augen versuchte sie, Bestandsaufnahme zu machen: Ich bin in Jane Whittakers Haus, schlafe in Jane Whittakers Bett, Jane Whittakers Mann ist gleich nebenan, und das ist auch ganz in Ordnung so, weil ich selbst nämlich Jane Whittaker bin.

Sie hatte schließlich Beweise genug dafür. Michael hatte ihr ihren Paß und die Heiratsurkunde gezeigt. Sie hatte sich selbst auf den Familienfotos auf dem Klavier erkannt. Sie hatte sogar auf dem Klavier geklimpert, verdammt noch mal. Was für Beweise brauchte sie denn noch?

Gut, okay, sie war also Jane Whittaker, und Michael Whittaker, der gutaussehende und renommierte Kinderchirurg, war ihr liebender und treusorgender Ehemann. Sie hatte eine niedliche kleine Tochter, ein schönes Haus und massenhaft Freunde. Wieso fühlte sie sich angesichts all dieser erfreulichen Tatsachen plötzlich so deprimiert? Warum hätte sie sich am liebsten irgendwo verkrochen, um zu sterben?

Mit Schaudern erinnerte sie sich ihres Traums. Vor Schlangen hatte ihr immer gegraut. Sie rieb sich die Arme und spürte wieder den Einstich der Nadel, die unversehens ihre Haut durchbohrte. In der Erwartung, Michael an ihrem Bett zu finden, öffnete sie die Augen. Aber es war niemand da.

Er hatte ihr traumlosen Schlaf versprochen, und er hatte Wort gehalten. Sie war von Alpträumen verschont geblieben. Sie hatte tief geschlafen, ohne ein einziges Mal zu erwachen. Wieso fühlte sie sich so mies? Wieso hatte sie das Gefühl, ihr Kopf sei völlig zubetoniert?

Sie blickte zum Wecker auf dem Nachttisch und schaffte es mit Mühe, die Ziffern zu erkennen. »Zehn nach zehn!« rief sie ungläubig. Hatte sie tatsächlich mehr als zwölf Stunden geschlafen?

Sie nahm die Uhr und hielt sie sich dicht vor die Augen. Ja, es war eindeutig zehn nach zehn. Du lieber Himmel, der halbe Morgen futsch, dachte sie, fest entschlossen, sofort aufzustehen. Warum ich? fragte sie sich, als ihr bei dem Versuch aufzustehen der Fußboden entgegenzukommen schien. Hastig streckte sie den Arm aus. Ihre Hand stieß gegen etwas Kaltes, Glattes, das sie an eine Eisfläche erinnerte. Als sie den Blick hob, sah sie sich ihrem eigenen Bild gegenüber. Ihre rechte Hand deckte sich mit der im Spiegel, als wäre die Fremde im Spiegel ihr zu Hilfe gekommen und halte sie aufrecht.

Wo ist Michael? fragte sie sich, während sie ins Badezimmer wankte und sich auf die Toilette fallen ließ. Nicht einmal die Tür hatte sie geschlossen. Und wenn er jetzt hereinkam? Würde er in Verlegenheit geraten? Oder sie? Gehörten sie zu den Leuten, die immer peinlich darauf achteten, die Badezimmertür hinter sich zu schließen, oder ließen sie ungeniert alles offen, ohne sich darum zu kümmern, wer sie sah? Sie wußte es nicht; sie war zu benebelt, um sich ernsthaft Gedanken darüber zu machen. Sie würde es wahrscheinlich nicht einmal bemerken, wenn Michael jetzt hereinkommen sollte.

Aber es wunderte sie doch, daß er noch nicht gekommen war. Sie hatte damit gerechnet, ihn zu sehen, sobald sie die Augen öffnete. War sie enttäuscht? War das der Grund ihrer Niedergeschlagenheit?

Vielleicht war er unten und machte das Frühstück. Vielleicht verstand er sich aufs Kaffeekochen genauso gut wie aufs Teekochen. Vielleicht briet er Schinken und Eier, um sie ihr ans Bett zu bringen. Sofort hob sich ihre Stimmung, verdüsterte sich aber gleich wieder, als ihr klar wurde, wie abhängig sie sich bereits fühlte.

Sie betätigte die Toilettenspülung. Dieses Geräusch würde ihn doch bestimmt auf sie aufmerksam machen. Dann wusch sie sich Gesicht und Hände und spülte ihre Augen mit kaltem Wasser. Aber es war, als wären sie mit einem unsichtbaren Film überzogen. Sie konnte sie noch so oft mit dem Waschlappen ausreiben, die Nebelschleier ließen sich nicht wegwaschen.

Sie stellte mit Überraschung fest, daß sie trotz allem gar nicht so schlecht aussah. Das Haar fiel ihr glatt und glänzend auf die Schultern; ihr Teint war klar, wenn auch ein wenig bleich. Selbst die Schwellungen unter den Augen schienen geschrumpft zu sein. Sie putzte sich die Zähne und überlegte, ob sie sich ankleiden sollte. Aber sie war zu müde, um sich auch nur das Nachthemd über den Kopf zu ziehen; außerdem spielte es ja sowieso keine Rolle. Sie hatte nicht die Absicht auszugehen.

Mit einem energischen Ruck warf sie den Kopf zurück, um sich aus der Lethargie zu reißen, die ihren Körper gefangenhielt, aber durch die heftige Bewegung wurde ihr nur von neuem schwindlig. Mit Müh und Not schaffte sie es bis zum Bett und ließ sich darauf niederfallen.

»Ich bleib einfach noch ein paar Minuten liegen und ruh mich aus«, flüsterte sie in das lachsrosa Laken, das letzte, was sie sah, ehe sie in Bewußtlosigkeit versank.

___________

Als sie die Augen wieder öffnete, war fast eine Stunde vergangen. »Du meine Güte«, murmelte sie, straffte die Schultern und stemmte sich in die Höhe. Als sie diesmal aufstand, blieb der Boden unter ihren Füßen ruhig. Die Schwindelgefühle waren weg, nur eine vage Niedergeschlagenheit war geblieben. Sie sagte sich, das sei immerhin besser als Angst und Schrecken. »Du machst Fortschritte«, sagte sie laut und sah ihr Spiegelbild lächeln.

In ungewollter Nachahmung Michaels strich sie sich eine Haarsträhne aus der Stirn und hielt abrupt inne, als sie sich an die frische Narbe erinnerte, die sie am vergangenen Abend an seinem Kopf gesehen hatte. Was hatte die Narbe zu bedeuten? Hatte sie überhaupt Bedeutung?

Vielleicht hatte er sich einer kleinen Operation unterziehen müssen. Vielleicht war er gestürzt und hatte sich den Kopf aufgeschlagen. Das Bild ihres blutverschmierten Kleides drängte sich ihr auf. Kopfwunden pflegten stark zu bluten. War es möglich, daß das Blut auf ihrem Kleid Michaels Blut war?

Sie verwarf den Gedanken so rasch, wie er gekommen war. Wenn das zuträfe, hätte Michael gewiß etwas gesagt, auch wenn er aus Angst, sie in neue Unruhe zu stürzen, mit allen Auskünften sehr zurückhaltend gewesen war.

Vielleicht hatte er gar keine Narbe. Vielleicht war es nur ihre Einbildung gewesen. Sie war fast hysterisch vor Angst aus ihrem Alptraum erwacht; sie war verwirrt, und es war dunkel gewesen. Wenn ihre Phantasie Wiesen voller Giftschlangen hervorbringen konnte, warum dann nicht auch eine Narbe, die gar nicht vorhanden war?

Wie auch immer, es war ein leichtes, die Wahrheit herauszufinden. Sie brauchte sich Michael nur genau anzusehen, und wenn die Narbe wirklich da war, würde sie ihn fragen, wie er zu ihr gekommen war. Ganz einfach. Das Leben war wirklich sehr einfach, wenn man erst einmal auf den Dreh gekommen war.

Sie ging zu den Fenstern hinüber, klappte die Läden auf, starrte in den Garten hinunter und fragte sich, wo Michael so lange blieb. Schlief er etwa noch?

Sie hörte ihren Magen knurren und lachte, froh, daß manches sich niemals änderte. Nun, wenn Michael ihr das Frühstück nicht ans Bett brachte, mußte sie eben in die Küche hinuntergehen und es sich selbst machen. Vielleicht sogar ihn mit einem Frühstück im Bett überraschen.

Sie wandte sich zur Tür und schrie auf.

Die Frau, die dort stand, war jung und tief gebräunt. Sie war mittelgroß, vielleicht einen Meter fünfundsechzig, mit schwarzem Haar, das aus dem Gesicht gekämmt und im Nacken zu einem langen Zopf geflochten war. Sie war schlank, obwohl ihre Beine unter dem kurzen dunklen Jeansrock stämmig wirkten.

»Oh, das tut mir leid.«Ihre Stimme war erstaunlich kräftig. »Ich wollte Sie nicht erschrecken.«

Jane starrte die Frau an. Sie schätzte sie auf Ende Zwanzig. Das runde Gesicht war nicht hübsch im landläufigen Sinn. Man hätte es eher »apart« genannt, unter Umständen sogar »geheimnisvoll«. Die Augen waren unergründlich und so dunkel wie das Haar, die Nase über dem großen, rot gemalten Mund war lang und schmal.

»Ich bin Paula«, sagte die Frau. »Paula Marinelli.« Sie wartete auf ein Zeichen des Erkennens. Als keines kam, fuhr sie zu sprechen fort. »Ich komme zweimal in der Woche zum Saubermachen. Dr. Whittaker wollte Sie eigentlich daran erinnern.«

»Ja, das hat er getan«, antwortete Jane, die sich verschwommen an das Gespräch erinnerte. »Sie müssen entschuldigen. Ich bin ein bißchen durcheinander.« Sie hätte beinahe gelacht über diese Untertreibung.

Paula Marinelli war sichtlich verlegen. »Dr. Whittaker sagte, daß Sie an einem Gedächtnisausfall leiden.«

»Aber nur vorübergehend«, versicherte Jane. »Jedenfalls hat man mir das gesagt.« Sie räusperte sich. »Wo ist mein Mann überhaupt? Schläft er noch?«

Paula wirkte ehrlich schockiert. »Aber nein! Dr. Whittaker ist heute schon in aller Frühe in die Klinik gefahren.«

»In die Klinik?«

»Ja. Ein Notfall.«

Jane nickte. »Ach so. Natürlich. Das kommt sicher ziemlich häufig vor.«

»Die Leute wollen alle nur zu Dr. Whittaker. Ein Wunder ist es nicht«, fügte Paula Marinelli mit leisem Stolz hinzu. »Er ist wirklich der beste.« Sie sah sich flüchtig im Zimmer um. »Soll ich Ihnen das Frühstück heraufbringen?«

»Nein, nein, ich möchte unten in der Küche essen.«

Paula musterte sie argwöhnisch. »Dr. Whittaker sagte aber, daß Sie möglichst viel Ruhe haben sollen.«

»Na, bis zur Küche hinunter werde ich es schon noch schaffen«, erwiderte Jane. »Wirklich. Ich fühle mich ganz wohl.«

Sie gingen nach unten.

»Machen Sie es sich bequem. Ich richte inzwischen das Frühstück«, sagte Paula und führte Jane zu einem der Küchenstühle.

»Aber ich kann Ihnen doch helfen.« Die Vorstellung, untätig dazusitzen und sich von der jungen Frau, die offensichtlich sehr tüchtig war, bedienen zu lassen, behagte Jane gar nicht. »Ich glaube, wie man Kaffee kocht, weiß ich noch.«

»Der Kaffee ist schon fertig«, sagte Paula und schenkte ihr ein. »Wie trinken Sie ihn?«

»Ich weiß nicht mehr genau«, antwortete Jane. »In den letzten Tagen habe ich ihn schwarz getrunken.«

»Gut, dann schwarz.« Paula stellte die dampfende Tasse vor Jane auf den Tisch und wartete auf weitere Anweisungen.

»Trinken Sie nicht auch eine Tasse?«

»Später vielleicht. Was möchten Sie dazu haben? Rührei? Toast? Corn Flakes?«

»Toast wäre schön«, sagte Jane, die der Frau möglichst nicht zur Last fallen wollte. »Und dazu ein Glas Orangensaft, wenn es keine Mühe macht.«

»Aber nein, natürlich nicht. Dazu bin ich doch da!«

»Um mir Orangensaft zu bringen?« Jane hoffte auf ein Lächeln der ernsthaften jungen Frau, aber Paula Marinelli verzog keine Miene. Vielleicht ist sie mit Dr. Klinger verwandt, dachte Jane, die sich an den humorlosen jungen Arzt im Krankenhaus erinnert fühlte.

»Um Ihnen behilflich zu sein.«

»Was tun Sie denn normalerweise, wenn Sie hier sind?« Jane trank einen Schluck Kaffee.

Paula stand schon an der Arbeitsplatte, schon zwei Scheiben Brot in den Toaster, goß ein großes Glas Orangensaft ein, stellte die Flasche in den Kühlschrank zurück, wartete, bis der Toast fertig war, bestrich die beiden Scheiben mit Butter und brachte alles zusammen mit mehreren Gläsern Marmelade zum Tisch.

»Meistens räume ich auf, mache die Wäsche und bügle«, antwortete sie. Sie blieb am Tisch stehen und wartete, bis Jane in ihren Toast biß. »Nehmen Sie keine Marmelade?«

Um einer Diskussion aus dem Wege zu gehen, griff Jane zur Orangenmarmelade.

»Warten Sie, ich mach das schon.« Paula nahm ihr das Messer aus der Hand und bestrich beide Toastscheiben mit einer dicken Schicht Marmelade. Jane sah ihr mit dem ohnmächtigen Zorn eines kleinen Kindes zu. Das kann ich doch selber, Mami, hätte sie am liebsten gesagt, aber sie unterließ es. Die junge Frau hatte offensichtlich ihre Anweisungen und war entschlossen, sie bis aufs i-Tüpfelchen zu befolgen. Wozu ihr das Leben schwermachen, da sie doch nur helfen wollte.

»Wie lange kommen Sie schon zu uns?« fragte Jane, als Paula begann, die sowieso schon blitzblanke Arbeitsplatte abzuwischen.

»Ein gutes Jahr.«

»Ich wollte, ich könnte mich erinnern.«

»Es ist ganz normal, daß Sie sich nicht an mich erinnern«, erklärte Paula. »Ich bin immer dienstags und donnerstags hier, wenn Sie Ihrem Mann in der Praxis helfen. Wenn ich morgens komme, sind Sie immer schon weg, und ich mache Schluß, ehe Sie zurück sind.«

»Aber ich habe Sie doch eingestellt«, meinte Jane.

»Nein, eingestellt hat mich Ihr Mann.«

»Mein Mann?« Jane war erstaunt. Sie hatte zwar noch immer keine Vorstellung von der Art der Beziehung zwischen ihr und Michael, dennoch fand sie es merkwürdig, daß er die Hausangestellten aussuchte.

»Ich lernte Ihren Mann im Krankenhaus kennen«, teilte Paula ihr in sachlichem Ton mit. »Er hat meine Tochter operiert.«

»Ach, Sie haben eine Tochter?«

»Ja. Christine. Sie wird jetzt bald fünf. Dank Dr. Whittaker.«

»Sie meinen, er hat ihr das Leben gerettet?«

»Sie hatte spinale Aneurysmen. Eines Tages, als sie unten im Hof mit den andern Kindern spielte, fing sie plötzlich furchtbar zu weinen an und jammerte, sie könne nicht mehr gehen. Ich raste mit ihr ins Krankenhaus, wo man die Aneurysmen feststellte. Ihr Mann operierte sie. Die Operation dauerte acht Stunden, und ein paar Tage lang schwebte sie in Lebensgefahr. Ohne Ihren Mann wäre sie gestorben.«

»Aber jetzt geht es ihr wieder gut?«

»Sie muß ein Stützkorsett tragen. Wahrscheinlich für immer. Aber sie läßt sich davon kaum einschränken. Noch Toast?«

»Wie bitte?«

»Ob Sie noch etwas Toast möchten?«

Jane sah mit Überraschung, daß sie beide Scheiben Toast aufgegessen hatte. »Äh — nein, danke. Es hat wunderbar geschmeckt.«

»Sie könnten aber leicht ein paar Pfund mehr vertragen.«

Jane blickte an sich hinunter, sah die Konturen ihrer Brüste unter dem weißen Baumwollnachthemd. Sie hätte wahrscheinlich einen Morgenrock anziehen sollen.

»Wo ist Ihre Tochter jetzt?« fragte sie mit einem Blick zum Flur, als erwarte sie, das Kind dort zu sehen.

»Meine Mutter kümmert sich um sie.«

»Damit Sie sich um mich kümmern können.«

»Das tue ich doch gern.«

»In ein, zwei Tagen komme ich hier bestimmt wieder allein zurecht.«

»Nein, nein. Ich bleibe, bis alles wieder normal ist«, erklärte Paula in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.

»Aber wie kam es eigentlich dazu, daß mein Mann Sie einstellte?« fragte Jane, zu ihrer ursprünglichen Frage zurückkehrend.

Paula räumte den Tisch ab und begann, das Geschirr abzuwaschen. »Ihr Mann«, sagte sie, während sie einen der Teller mehrmals mit klarem Wasser spülte, »ist sehr empfindsam für die Nöte anderer Menschen. Er wußte, daß ich Christines Operation niemals hätte bezahlen können. Darum veranlaßte er, daß der größte Teil der Kosten von einer wohltätigen Organisation übernommen wurde, mit der er zu tun hat. Und dann bot er mir die Arbeit hier bei Ihnen an.«

»Und Ihr eigener Mann? Konnte der nicht helfen?« fragte Jane, die genau spürte, daß Paula in Michael verliebt war, und ahnte, daß Michael von Paulas Gefühlen keine Ahnung hatte.

»Ich war nie verheiratet.« Paula machte sich daran, das Geschirr zu trocknen, das sie gerade gespült hatte. »Der Mann, mit dem ich zusammen war, wollte von Ehe und Kindern nichts wissen. Das ging ihm zu weit. Für mich kam ein Schwangerschaftsabbruch nicht in Frage. Ich bin streng katholisch erzogen worden. Ich behielt das Kind und habe mich seither mehr oder weniger allein mit ihr durchgeschlagen.« Paula warf Jane einen Blick zu, um ihre Reaktion festzustellen.

»Ich war in der Schule keine Leuchte«, fuhr sie fort, »und konnte froh sein, daß ich nach dem Abgang überhaupt eine Anstellung fand. Und nach Christines Geburt bekam ich keine Arbeit mehr. Ich lebte von Sozialhilfe, als Christine operiert werden mußte. Die meisten Ärzte hätten sie sich nicht einmal angesehen. Denen geht’s doch allen nur darum, sich die Taschen zu füllen.«

Augenblicklich fielen Jane die Hundert-Dollar-Scheine in ihren eigenen Manteltaschen ein, und sie runzelte die Stirn.

»Oh, entschuldigen Sie«, sagte Paula sofort. »Sie haben wahrscheinlich viele Freunde, die Ärzte sind.«

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen.«

»Ich wollte Ihnen auch nur sagen, wie großartig sich Ihr Mann mir gegenüber verhalten hat. Er hat mein Kind gerettet, und er hat mich gerettet. Er half mir, in einer Abendschule unterzukommen, und er besorgte Christine einen Platz in einer Sonderschule für behinderte Kinder. Er setzte durch, daß mein Name ganz oben auf die Liste kam.« Sie stellte das Geschirr in die Schränke. »Anfangs wartete ich immer auf den Haken bei der Sache. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß jemand so nett ist und aus reiner Uneigennützigkeit hilft. Bin ja mal gespannt, was er dafür haben will, dachte ich. Aber der Haken zeigte sich nicht. Er wollte mir wirklich nur helfen. Er sagte, er sei ein überzeugter Anhänger dieser orientalischen Philosophie, die besagt, daß man für einen Menschen, dem man das Leben gerettet hat, auch in aller Zukunft verantwortlich ist.« Sie holte einmal tief Atem. »Er ist ein wunderbarer Mensch. Ich würde alles für ihn tun.«

»Wissen Sie, was er sich am Kopf getan hat?« hörte Jane sich fragen.

»Sie meinen die Narbe?«

Jane nickte.

»Eines von den Kindern hat was nach ihm geworfen«, erklärte Paula kopfschüttelnd. »Er hat einen Haufen Spielsachen in seinem Sprechzimmer. Puppen und Autos und so, damit die Kinder die Nervosität verlieren. Aber in dem Fall hat’s anscheinend nicht gewirkt. Eins von den Kindern hat ein Spielzeugflugzeug nach ihm geworfen. So eins mit einer ganz spitzen Schnauze. Er sagte, er hätte es kommen sehen, aber er konnte nicht mehr schnell genug ausweichen. Es waren fast vierzig Stiche nötig, um die Wunde zu nähen.«

»Das klingt ja abscheulich.«

»Ja, aber Sie wissen ja, wie er ist. Von Jammern hält er nichts.«

Jane lächelte. Sie hoffte, Paula würde ihr noch mehr von dem Mann erzählen, mit dem sie verheiratet war. Es freute sie, Gutes über ihren Mann zu hören, nicht nur, weil es angenehm war festzustellen, daß sie mit einem sympathischen Mann verheiratet war, sondern auch, weil es umgekehrt bedeutete, daß sie selbst so übel nicht sein konnte, wenn ein solcher Mann sie liebte. Warum dann aber die Flucht und die Amnesie?

»Möchten Sie jetzt wieder rauf ins Bett?« fragte Paula.

Jane schüttelte den Kopf. »Ich möchte mich gern in den Wintergarten setzen.«

Paula stützte sie, als sie ins Nebenzimmer hinübergingen. Obwohl Jane sich kräftig genug fühlte, um den Weg allein zu machen, ließ sie es sich gefallen. Sie wußte, daß Protest zwecklos gewesen wäre.

Das Zimmer war so schön, wie sie es in Erinnerung hatte. Die Sonne schien ihr entgegenzukommen, um sie einzuhüllen und zu wärmen. Paula führte sie zur Hollywoodschaukel und half ihr so behutsam in die Polster, als wäre sie aus Porzellan.

»Ich hole Ihnen eine Decke«, sagte sie und war verschwunden, ehe Jane sie davon abhalten konnte.

Sie hatte eine Pflegerin, ob sie es wollte oder nicht. Sie würde umsorgt und bemuttert werden, ob es ihr gefiel oder nicht. Michael und Paula waren entschlossen, dafür zu sorgen, daß es ihr besser ging; sie gewöhnte sich besser daran. Je eher, desto besser. Besser heute als morgen.

So was Albernes, dachte sie und kicherte. Ich bin richtig blöd. Ich benehme mich wie eines von den Kindern, die zu Michael in die Praxis kommen; wie der Kleine, der ihm das Flugzeug an den Kopf geschmissen hat. Nur weil die Frau in Michael verliebt ist, muß sie mir doch nicht unsympathisch sein. Ich bin ein großes undankbares Kind, das nicht weiß, wie gut es ihm geht, das sich nicht erinnern kann, wie man sich verhält, wenn andere nett zu einem sind, das nicht zu schätzen weiß, wenn andere ihm helfen wollen. Ich weiß nicht, was gut für mich ist. Ich weiß nicht, was von mir erwartet wird. Ich weiß nicht mal, was mit mir los ist. Ich weiß überhaupt nichts. Gottverdammich! Ich weiß gar nichts.

Sie brach in unkontrollierbares Gelächter aus, das sich in einer Tränenflut auflöste. Paula war sofort bei ihr und legte ihr eine weiche gelbe Decke um.

»Nehmen Sie Ihre Tabletten.« Sie hielt ihr zwei kleine weiße Tabletten hin und reichte ihr mit der anderen Hand ein Glas Wasser.

»Ich brauche keine Tabletten«, sagte Jane und wischte sich das Gesicht mit dem Handrücken wie ein Kind.

»Ihr Mann hat aber gesagt, daß Sie sie nehmen müssen.«

»Ich brauche sie nicht.«

»Aber Sie wollen doch Ihrem Mann keinen Kummer machen«, sagte Paula, das Undenkbare aussprechend.

Jane begriff, daß jede Widerrede sinnlos war. Sie wußte so gut wie Paula, daß sie früher oder später die Tabletten schlucken würde. Wozu also dieser jungen Frau, die es sowieso nicht leicht hatte, auch noch Schwierigkeiten machen?

Sie nahm die zwei Tabletten aus Paulas Hand, legte sie auf die Zungenspitze und spülte sie mit dem Wasser hinunter.

10

Im Traum sah Jane sich durch eine dunkle Straße gehen, die sie nicht wiedererkannte, an der Seite einer Frau, an deren Gesicht sie sich nicht entsinnen konnte.

Sie sprachen miteinander, lachten über einen Witz aus dem Film, den sie gerade gesehen hatten, stritten darüber, wer von ihnen Kevin Costner als erste entdeckt und daher größeres Anrecht auf ihn hatte, sollten sie ihm je von Angesicht zu Angesicht begegnen und er gezwungen sein zu wählen.

»Ich habe schon Monogramme in die Handtücher einsticken lassen«, erklärte die Frau und schüttelte den Kopf, daß die roten Locken flogen.

»Du bist ja verrückt, Diane!« rief Jane lachend.

Aha, die Frau heißt also Diane, wisperte es aus weiter Ferne. Diane Soundso, hörte sie Michael sagen. Diane Brewster, hatte sie in ihrem privaten Telefonbuch gesehen.

Jane hakte die andere Frau unter, und gemeinsam wollten sie die Straße überqueren.

»Da kommt einer ohne Licht.« Sie winkte dem dunkelhaarigen jungen Mann am Steuer des knallroten Trans Am. »Entschuldigen Sie, aber Sie haben kein Licht an«, sagte sie, als er sein Fenster herunterkurbelte.

Seine Erwiderung traf sie wie ein Schlag ins Gesicht.

»Du blödes Miststück. Was willst du überhaupt, du Luder?«

»Komm verschwinden wir«, flüsterte Diane und zog Jane am Arm.

Aber Jane blieb stur stehen. Ganz sicher hatte der junge Mann sie mißverstanden. »Ich wollte Ihnen nur sagen, daß Ihre Scheinwerfer nicht eingeschaltet sind«, wiederholte sie so freundlich wie möglich.

»Du beschissenes Miststück. Verpiß dich.«

Bei Jane hakte etwas aus. Ihre Entgegnung kam reflexhaft. »Verpiß doch du dich, Arschloch!«

»O Gott!« stöhnte Diane.

Dem jungen Burschen fielen fast die Augen aus dem Kopf. Mit dem Mittelfinger wutentbrannt in ihre Richtung stochernd, brauste er davon.

»Gott sei Dank«, sagte Diane aufatmend.

»Er kommt zurück!« rief Jane und sah wie versteinert, daß der rote Wagen mitten auf der Straße mit quietschenden Bremsen anhielt, dann im Rückwärtsgang wieder anfuhr, Geschwindigkeit zulegte und in rasendem Tempo auf sie zufuhr. Der Fahrer lehnte sich fast stehend zum offenen Fenster hinaus und brüllte. »Du beschissenes Miststück! Ich bring dich um!«

Jane packte Diane bei der Hand und rannte, verfolgt von den wütenden Beschimpfungen des Mannes. Als sie sich umdrehte, sah sie, daß er ihnen nachlief. Er hatte seinen Wagen auf dem Bürgersteig stehengelassen und rannte ihnen auf kurzen Beinen nach, so schnell er konnte.

»Ist hier denn niemand?« schrie Diane und blickte gehetzt die menschenleere Straße hinauf und hinunter.

»Hilfe!« kreischte Jane. »Hilfe!«

Ein Riese stand plötzlich vor ihnen, ein Mann von gewaltigen Proportionen, mindestens zwei Meter groß, mit breitem Brustkorb und massigem Hals. Und der dunkelhaarige junge Bursche mit den kurzen Beinen und dem schmutzigen Mundwerk rannte schmählich in die Flucht geschlagen mit wild wedelnden Fäusten zu seinem roten Wagen zurück.

»Ich glaube, meine Damen, Sie können jetzt einen Drink gebrauchen.« Der Hüne führte sie in das schummrig erleuchtete Restaurant, aus dem er gekommen war. »Rick, geben Sie diesen beiden Schönen in Not etwas zu trinken. Geht auf mich.« Irgendwo im Hintergrund begann ein Telefon zu läuten. »Ich geh nur mal schnell ran. Bin gleich wieder da.«

»Das ist Keith Jarvis, der Footballspieler!« rief Diane, sobald er außer Hörweite war. »Nicht zu fassen! Erst treibst du’s so weit, daß uns ein Verrückter beinahe umbringt, und dann schaffst du’s, daß Keith Jarvis uns auf den letzten Drücker aus der Patsche hilft. Ich möchte wissen, ob er verheiratet ist.«

»Wieso geht er nicht ans Telefon?« fragte Jane, die es immer noch läuten hörte.

Plötzlich brach das Läuten ab. »Hallo«, sagte jemand gedämpft. Es war keine Männerstimme, sondern die Stimme einer jungen Frau. »Nein, tut mir leid. Sie ist nicht zu Hause. Sie ist verreist. Sie ist für ein paar Wochen zu ihrem Bruder gefahren.«

Jane öffnete die Augen. Der Traum verblaßte schnell, als sie in die Realität zurückkehrte. Orientierung suchend, sah sie sich um. Sie hing halb liegend in der Hollywoodschaukel im Wintergarten. Sie mußte unter der gelben Decke eingeschlafen sein. Aber wie lange hatte sie geschlafen? Und wer war der Choreograph ihrer seltsamen Träume?

»Ja, es war ein ganz plötzlicher Entschluß«, hörte sie Paula sagen. Es war die Stimme, die sie am Ende ihres Traums gehört hatte. »Nein, nein, es ist alles in Ordnung. Sie wollte ihn überraschen.«

Jane stand so leise wie möglich aus der Schaukel auf und hielt sie dabei mit beiden Händen fest, um kein Geräusch zu machen. Auf Zehenspitzen schlich sie zur Küche, stieß die Tür zwischen den beiden Räumen einen Spalt auf und lauschte.

»Sie wird Sie sicher anrufen, sobald sie zurück ist«, sagte Paula, die mit dem Rücken zu Jane stand und ihre Anwesenheit nicht bemerkte. »Ja, ist gut. Auf Wiederhören.« Sie legte auf und drehte sich um.

Wenn Janes unerwartete Anwesenheit sie erschreckte, so faßte sie sich schnell. »Ich dachte, Sie schliefen noch«, sagte sie.

»Wer war das?« fragte Jane und zeigte auf das Telefon.

»Ich habe vergessen zu fragen«, sagte Paula betreten.

»Wieso haben Sie gesagt, ich wäre bei meinem Bruder?«

Jetzt sah Paula entschieden verlegen und unsicher aus. »Ihr Mann meinte, es wäre besser, wenn Sie nicht durch Anrufe gestört werden. Wenigstens vorläufig. Bis Sie wieder bei Kräften sind.«,

»Ich bin bei Kräften«, entgegnete Jane gereizt, obwohl sie sich ausgesprochen schwach fühlte. »Mir fehlt’s nicht an der Kraft, sondern am Gedächtnis.«

»Aber es hätte doch sowieso keinen Sinn, mit jemandem zu sprechen, an den Sie sich nicht erinnern können.«

Jane wurde ärgerlich. »Es könnte ja sein, daß so ein Gespräch Erinnerungen weckt.«

»Oder auch nicht. Und das würde Sie doch noch unsicherer machen. — Möchten Sie jetzt nicht etwas zu Mittag essen?«

»Wieso? Ich habe doch eben erst gefrühstückt.«

»Das ist Stunden her. Kommen Sie, Sie müssen…«

»… wieder zu Kräften kommen, ich weiß.«

Jane setzte sich an den Küchentisch und wartete, während Paula ihr Mittagessen zubereitete.

___________

Sie entdeckte die Fotoalben auf dem untersten Bord des Bücherregals im Wohnzimmer.

Einen nach dem anderen blätterte sie die sechs in Leder gebundenen Bände durch. In einer Folge manchmal alberner, größtenteils durchschnittlicher, gelegentlich bemerkenswerter Fotografien lag ihr Leben vor ihr. Ein Jahr trug sie das Haar lang, im nächsten trug sie es kurz, einmal lockig, einmal glatt, ein andermal hochgesteckt oder lose herabfallend. Sie trug ausgestellte Hosen und hautenge Jeans, Schuhe mit Plateausohlen und Stiefel bis über die Knie, Lederjacken und voluminöse Pullover. Die einzige Konstante war ihr Lächeln. Immer lächelte sie.

Viele Aufnahmen zeigten sie und Michael zusammen. Als unverheiratetes junges Liebespaar; bei der Hochzeit; auf Urlaubsreisen. Gemeinsam mit anderen oder zu zweit allein. Immer Arm in Arm, unverkennbar die Liebe, die sich in ihren Blicken spiegelte.

Eine Fotografie zeigte Michael mit einem älteren Paar, seine Eltern vermutlich. Zwei gutaussehende Menschen, beide groß und stattlich, der Vater schon grau, mit schütterem Haar, die Mutter strahlend blond, die Frisur wie gemeißelt. Auf einer anderen Seite waren Aufnahmen von Jane in herzlicher Umarmung mit einer Frau, die nur ihre Mutter sein konnte. Es gab Jane einen Stich, als sie sie sah. »Verzeih mir, Mutter«, flüsterte sie und zeichnete die Konturen der Frau mit einem Finger nach. »Ich möchte mich so gern an dich erinnern können.«

Sie klappte das Album zu. Die Tränen schossen ihr in die Augen, aber sie drängte sie zurück. »Verdammt noch mal, ich werde mich erinnern.« Sie schlug den Band wieder auf. »Natürlich erinnere ich mich an dich, Mutter«, sagte sie zu der Frau, die sie aus dem Foto anlächelte. »Und ich erinnere mich natürlich auch an meinen Bruder Tommy. Wie geht es dir, Tommy, hm?«

Ein junger Mann mit hellem Haar und einer kleinen Lücke zwischen den Schneidezähnen erwiderte ihr Lächeln. Rechts von ihm stand eine junge Frau, in der Jane sich selbst erkannte, links von ihm die ältere Frau, die ihre Mutter war. Besitzergreifend hielt er beide um die Taille. Aber die nächste Aufnahme zeigte einen anderen jungen Mann, dunkelhaarig, mit schmalem Mund, in ähnlicher Haltung, gleichermaßen besitzergreifend die Arme um die beiden Frauen gelegt. Vielleicht war das ja Tommy.

Sie schlug das nächste Album auf und sah sich einer hochschwangeren Frau in gestreiftem Hemd und Blue Jeans gegenüber. Das Gesicht unter dem zurückgekämmten Haar wirkte beinahe aufgedunsen, die Beine, die unter den aufgekrempelten Jeans hervorsahen, waren stark geschwollen.

Instinktiv strich sich Jane über den Bauch. Da stand sie, Inbegriff der werdenden Mutter, und jetzt saß sie hier und konnte sich nicht an einen einzigen winzigen Moment jener Zeit in ihrem Leben erinnern. Und da war Emily, ein süßes, rosiges Baby mit blondem Flaumhaar und kleinen Hamsterbäckchen. Jane sah ihre Tochter größer werden, eben noch ein Baby, das auf dem Wohnzimmerteppich herumkroch, nun schon ein kleines Mädchen, das beherzt in einen See sprang.

»Du bist ein bezauberndes kleines Ding«, sagte Jane leise und blätterte rasch das letzte Album durch. Lächelnd stellte sie fest, daß ihre Tochter sie als bevorzugtes Fotomodell von Michael verdrängt hatte. Hatte sie das übelgenommen? War sie auf ihre kleine Tochter eifersüchtig gewesen?

Sie rieb sich die Stirn, als sie beginnende Kopfschmerzen fühlte. Bitte gib, daß ich mich nicht als eine dieser schrecklichen, unsicheren Mütter entpuppe, die ihre eigenen Kinder hassen. »Tu mir nur das nicht an«, sagte sie laut, während sie dem Dröhnen des Staubsaugers über ihrem Kopf lauschte.

Paula war wirklich ein Ausbund an Fleiß. Wenn sie nicht kochte, machte sie sauber. Wenn sie nicht sauber machte, goß sie die Pflanzen. Wenn sie nicht die Pflanzen goß, schüttelte sie die Betten auf oder mahnte Jane, daß es Zeit war, ein Schläfchen zu machen oder Zeit, ihre Tabletten zu nehmen. Zeit zu verschwinden, hätte Jane ihr gern gesagt, die sich von der Tüchtigkeit dieser Frau bedrängt und eingeengt fühlte. Lieber Gott, bin ich so eine Frau? fragte sie sich. Eine Frau, die sogar auf die Zugehfrau eifersüchtig ist? Und ihren Fleiß und ihre Fürsorge nicht zu schätzen weiß? Kein Wunder, daß ich deprimiert bin, sagte sie sich. Ich bin eine ganz kleinliche, widerliche Person.

Sie versuchte, sich die junge Frau vorzustellen, die mit dem Staubsauger von Zimmer zu Zimmer wanderte. Dem Ton des Dröhnens nach zu urteilen war sie jetzt wahrscheinlich gerade in Michaels Arbeitszimmer, sehr besorgt darum, dem verehrten Dr. Whittaker alles recht zu machen.

Wie lange hatte sie schon gewußt, daß Paula in Michael verliebt war? Und wie sehr hatte ihr das zu schaffen gemacht? Konnte sie es Paula ernstlich übelgenommen haben? War es nicht ganz natürlich, daß man den Arzt anschwärmte, der dem eigenen Kind das Leben gerettet hatte, noch dazu, wenn er ein so attraktiver und liebenswerter Mann war wie Michael?

Dennoch flößte die Frau ihr Unbehagen ein. Konnte Paula etwas mit ihrer Amnesie zu tun haben?

Na klar, dachte sie. Du wolltest sie umbringen, und jetzt rächt sie sich, indem sie dir dein Haus von oben bis unten saubermacht. Eine ganz verschlagene Person, das.

Jane legte die Alben wieder an ihren Platz im Bücherregal und überlegte, was sie mit sich anfangen sollte. Sie konnte fernsehen, mal sehen, was sich inzwischen bei den Jungen und Nutzlosen getan hatte. Aber sie fühlte sich schon nutzlos genug; also kein Fernsehen. Ich könnte lesen, dachte sie und sah zu den Reihen von Büchern hinauf, fragte sich, welche Bücher sie schon gelesen hatte, ob sie Romane oder Sachbücher bevorzugte, Liebesgeschichten oder Krimis. Michael hatte ihr erzählt, daß sie im Hauptfach Englisch studiert und dann in einem Verlag gearbeitet hatte. Aber was genau hatte sie da gearbeitet? Was für eine Stellung hatte sie gehabt?

Sie wünschte, Michael würde nach Hause kommen, damit sie ihm all diese Fragen stellen konnte, die sie sich selbst nicht beantworten konnte; ob sie zu einem Psychiater gehen sollte, oder vielleicht sogar zu einem Hypnotherapeuten. Sie wünschte, er würde heimkommen, damit sie sich erkundigen konnte, wie sein Tag verlaufen war, und ihm von ihrem berichten konnte; damit sie so tun konnte, als führten sie ein ganz normales Leben. Mußte er denn wirklich gleich am ersten Tag ihrer Rückkehr bis zum Abend ausbleiben?

Rückkehr woher?

Sie ging wieder in den Wintergarten. Sie wußte rein gefühlsmäßig, daß dies der Raum war, in den sie sich zurückzuziehen pflegte, wenn sie nachdenken wollte. Sie hatte unverkennbar ein glückliches Zuhause. Was konnte sich ereignet haben, daß sie dies alles hatte verlassen und vergessen wollen?

Sie strich mit den Fingern über die Blätter der vielen Pflanzen und prüfte automatisch, ob sie genug Wasser hatten. Aber natürlich. Paula, die tüchtige, hatte dafür gesorgt.

Sie ließ sich in einen der Korbsessel sinken und starrte ins Leere. Ich sollte mich schämen, dachte sie. Wenn jemand ein schweres Leben hat, dann ist es Paula, eine ledige Mutter mit einem behinderten Kind, ohne Geld und ohne Aussichten, aber sie stellt sich dem Leben. Ich hingegen, eine wohlhabende Frau mit einem liebevollen Mann und einem gesunden Kind, fliehe vor dem Leben, sitze hier herum, suhle mich im Selbstmitleid. Nur- hatte nicht Dr. Meloff ihr erklärt, daß die hysterische Amnesie auch eine Art der Lebensbewältigung war, ein Mittel, um mit einer unerträglichen Situation überwältigender Angst, Wut oder Demütigung fertigzuwerden?

Aber was für eine Situation kann das gewesen sein? fragte sie sich und schlug mit der Faust auf die Armlehne ihres Sessels. Wie lange soll der jetzige Zustand noch dauern? Er ist doch unerträglicher als alles andere!

»Was ist denn?« Sie fuhr schreckhaft zusammen, als sie plötzlich Michaels Stimme hörte. »Geht es dir nicht gut? Hast du Schmerzen?«

»Nein, nein. Es geht mir gut«, versicherte sie hastig und sprang auf. »Ich bin so froh, daß du da bist.« Im nächsten Moment lag sie in seinen Armen. »Du hast mir gefehlt«, flüsterte sie halb verlegen. Sie war wie erlöst, ihn zu sehen.

»Das ist schön.« Er küßte sie auf die Stirn. »Das hatte ich mir erhofft.« Er trat einen Schritt zurück und sah sie prüfend an, ohne sie jedoch loszulassen. »Was ist los? Ist etwas passiert? Hat Paula sich nicht richtig um dich gekümmert?«

»Nein, nein, das ist es nicht«, antwortete Jane und fragte sich gleichzeitig, was es denn eigentlich war. »Vielleicht habe ich einfach zuviel erwartet. Ich weiß nicht. Ich dachte wahrscheinlich, sobald ich wieder zu Hause wäre, würde die Erinnerung wiederkommen.«

»Das kommt schon. Du mußt nur ein bißchen Geduld haben.«

»Wie war dein Tag?« fragte sie mit einem befangenen Lachen.

Er nahm sie wieder in die Arme. »Lang und anstrengend.« Er strich ihr über das Haar. »Es tut mir so leid, daß ich heute morgen schon in aller Frühe weg mußte. Ich hatte eigentlich freinehmen wollen, aber es kam ein Notfall nach dem anderen, und jedesmal, wenn ich anrief, sagte mir Paula, du schliefst.«

Jane stieß einen Laut aus, der halb Lachen, halb Prusten der Geringschätzung war. »Ich habe wirklich unheimlich viel geschlafen. Das müssen die Tabletten sein.«

»Nein, so schläfrig können die Tabletten dich nicht machen«, meinte er. »Ich glaube eher, du bist erschöpfter, als dir bewußt ist.«

»Ich hatte wieder so verrückte Träume.«

»Wieder von Schlangen?«

»Nein, Gott sei Dank. Diesmal waren es nur Bösewichter in roten Autos, die mich überfahren wollten.«

»Erzähl.«

Sie berichtete ihm den Traum in allen Einzelheiten. Er war ihr noch so präsent wie im Moment ihres Erwachens.

»Das war kein Traum«, sagte er leise, als sie geendet hatte.

»Wie meinst du das?«

»Das ist wirklich geschehen. Vor ungefähr zwei Jahren, glaube ich.«

»Da wollte so ein Irrer mich umbringen, nur weil ich ihm sagte, daß er kein Licht hat?«

»Da wollte so ein Irrer dich umbringen, weil du ihm sagtest, er solle sich verpissen.« Er lachte unwillkürlich. »Du bist ein ganz schöner Hitzkopf«, sagte er mit einem leichten Kopfschütteln. »Wir haben oft gesagt, daß du dich mit deinem Jähzorn eines Tages in ernste Schwierigkeiten bringen würdest.«

»Das ist wirklich passiert?« sagte sie verwundert und leistete keinen Widerstand, als er sie sachte in die Hollywoodschaukel drückte und ihr die Decke umlegte.

»Verstehst du, was das bedeutet, Jane? Du fängst an, dich zu erinnern. Du mußt dir nur Zeit lassen und darfst dich nicht entmutigen lassen. Es kommt bestimmt alles wieder ins Lot. So, und jetzt schlaf noch ein bißchen vor dem Abendessen. Vielleicht melden sich noch andere Erinnerungen.«

Vielleicht melden sich noch andere Erinnerungen, wiederholte sie in Gedanken und sah wieder den roten Wagen, der im Rückwärtsgang auf sie zuraste. Du bist ein ganz schöner Hitzkopf, hatte Michael gesagt. Wir haben oft gesagt, daß du dich mit deinem Jähzorn eines Tages in ernste Schwierigkeiten bringen würdest…

11

»Oh! Hallo! Wie geht’s denn?«

»Kann ich einen Moment reinkommen?«

Carole Bishop wich in den Flur zurück, um Jane hereinzulassen. »Aber natürlich, komm nur rein. Möchtest du eine Tasse Kaffee? Wie geht es dir?«

»Nicht schlecht«, log Jane, die sich hundeelend fühlte.

Sie folgte Carole in die Küche, die wie ihre eigene im rückwärtigen Teil des Hauses lag.

»Ich hab nicht angerufen, weil ich euch nicht stören wollte. Michael sagte, er würde sich melden, wenn ihr etwas brauchen solltet…«

»Ich brauche nichts.« Außer einem klaren Kopf, dachte Jane. »Ich werde bestens versorgt.« Ich bin eine Gefangene in meinem eigenen Haus, hätte sie gern gesagt, tat es aber nicht, da sie wußte, wie melodramatisch das klingen würde, und wie unfair es gewesen wäre. Michael hätte nicht fürsorglicher, nicht liebevoller sein können. Und Paula schmiß den ganzen Haushalt, spülte, putzte, kochte und bemühte sich, ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Nur den einen wahren Wunsch, einfach in Frieden gelassen zu werden, den erfüllte sie ihr nicht.

Beinahe eine Woche war vergangen, seit Michael sie aus dem Krankenhaus nach Hause geholt hatte. Sie hatte in dieser Zeit kaum etwas anderes getan als essen und schlafen. Wenn sie nicht schlief, mußte sie sich anstrengen, wach zu bleiben. Und wenn sie wach war, mußte sie gegen die Depression kämpfen. Je länger sie wach blieb, desto tiefer wurde die Depression. Das einzige Mittel, ihr zu entfliehen, war zu schlafen. Sie hatte es sogar geschafft, einen Termin zu verschlafen, den Michael bei einem führenden Bostoner Psychiater für sie vereinbart hatte. Aus kollegialem Entgegenkommen hatte der vielbeschäftigte Arzt ihr eine Stunde eingeräumt, doch als Michael nach Hause gekommen war, um sie abzuholen — nachdem er selbst seinen ganzen Terminkalender über den Haufen geworfen hatte —, hatte er sie nicht wach bekommen können. Es mußte ein neuer Termin vereinbart werden, diesmal jedoch mit einer Wartezeit von sechs Wochen, da der Psychiater nicht bereit war, ihr ein zweites Mal eine Extrawurst zu braten. Aber in sechs Wochen, dachte Jane flehentlich, würde sie seine Hilfe doch gewiß nicht mehr brauchen. Da mußte dieser Alptraum vorbei sein.

Sie hatte keine Träume mehr. Keine Erinnerungen meldeten sich mehr. Sie existierte, wenn sie überhaupt existierte, und daran begann sie langsam zu zweifeln, in einem Vakuum.

»Ich weiß nicht mehr, wie du deinen Kaffee trinkst«, sagte Carole.

»Schwarz. Und vielen Dank, daß du’s vergessen hast.«

Carole lachte. »Warte nur, bis du in meinem Alter bist. Da wirst du merken, daß dein Zustand nichts Besonderes ist. Ein bißchen extrem vielleicht, aber nichts Besonderes. Es gibt Tage, da kann ich mich an überhaupt nichts erinnern. Ich muß mir alles aufschreiben. Überall liegen Zettel herum.« Sie ging zu einem kleinen Schreibtisch an der gegenüberliegenden Wand und zeigte Jane ein halbes Dutzend Notizblätter. »Ich habe für alles eine Liste. Was ich mir nicht aufschreibe, vergesse ich prompt.«

Sie kehrte zum Tisch zurück und goß Jane eine Tasse Kaffee ein. »Ich mache jeden Morgen eine Riesenkanne«, bemerkte sie mit einer Geste zur Kaffeemaschine, »und laß sie einfach den ganzen Tag stehen. Es ist koffeinfreier Kaffee, da lieg ich nachts nicht wach. Es heißt zwar, daß man davon Krebs bekommt, aber wovon bekommt man den nicht? Also — Prost.«

Sie hob ihre Tasse und stieß mit Jane an, als tränken sie Champagner. Dann zog sie sich einen Stuhl heran und setzte sich Jane gegenüber. Eine Weile schwiegen sie beide, und Jane nutzte die Gelegenheit, sich umzusehen. Die Küche hatte etwa die gleiche Größe wie ihre eigene, aber sie hätte dringend einen frischen Anstrich gebraucht, und die Brandflecken auf Tisch und Arbeitsplatte wirkten auch nicht gerade gepflegt. Die geflochtenen Sitzflächen der Küchenstühle waren ausgefranst, dem völligen Zerfall nahe, und der Linoleumboden war voll vergessener Krümel. Das Radio an der Wand neben dem Telefon dudelte.

»Magst du Country Music?« fragte Jane zerstreut.

»Leidenschaftlich«, antwortete Carole. »Allein die Texte! ’Ich hol mir einen Penner als Gartenzwerg ins Haus‘. Das muß man doch mögen!«

Jane lachte und war froh und erstaunt, es zu hören. Sie hatte seit Tagen nicht mehr gelacht. Michael war die meiste Zeit nicht da, und Paula sprühte nicht gerade vor Witz. Sie sah durch das Fenster in den Garten hinaus, wo der große Hund der Familie einem Eichhörnchen hinterherjagte, und es hätte sie nicht gewundert, irgendwo im Gebüsch Paula lauern zu sehen.

Es war fast zwei Uhr. Im allgemeinen hielt sie um diese Zeit ihren Mittagsschlaf. Aber diesmal hatte sie so getan, als schliefe sie schon, als Paula hereingekommen war, um ihr ihre Tabletten zu geben, und hatte sich dann wie ein Kind, das etwas Verbotenes tut, aus dem Haus geschlichen. Wie lange würde es dauern, ehe Paula merkte, daß sie weg war?

Das ganze Haus dröhnte plötzlich unter polternden Sprüngen auf der Treppe. »Ich geh jetzt!« rief jemand aus dem Flur.

Carole sprang auf. »Einen Augenblick, Andrew. Andrew! Komm sofort her!«

An der offenen Tür erschien ein halbwüchsiger, schlaksiger Junge, der anscheinend keinen Augenblick stillstehen konnte. Er wippte, er hüpfte, er schlenkerte mit Armen und Beinen, er vibrierte praktisch von Kopf bis Fuß.

»Was ist denn noch, Mama? Ich bin sowieso schon spät dran.«

»Kannst du nicht guten Tag sagen?«

»Oh — Tag, Mrs. Whittaker. Wie geht’s?«

»Gut, danke.«

»Okay, Mama, ich muß los.«

Er war schon wieder im Flur, als Carole rief: »Moment mal! Du solltest doch mit deinem Großvater einen Spaziergang machen.«

»Das kann ja Celine tun.«

Die Haustür wurde geöffnet und zugeschlagen.

Carole sank resigniert in sich zusammen. »Na klar. Das kann ja Celine tun. Und wo ist die gute Celine? Natürlich nicht da. Sie mußte dringend einen Einkaufsbummel machen und wird nachher viel zu erschöpft sein, um mit ihrem Großvater spazierenzugehen — vorausgesetzt, sie gibt uns überhaupt die Ehre ihres Erscheinens. Hört sich das verbittert an?« Die Frage war nur teilweise rhetorisch.

»Es hört sich an, als wärst du sehr müde«, sagte Jane.

Carole lächelte und setzte sich wieder. »Ich nehm’s als Kompliment.«

»Carole?« Eine dünne Altmännerstimme drang in die kurze Stille. »Carole? Wo bist du?«

Carole schloß die Augen und legte den Kopf in den Nacken. »Der Nächste, bitte. Ich bin in der Küche, Vater.«

Jane erkannte den gebrechlich wirkenden alten Mann, der trotz des schmutzigen Hemdes und der schlotternden grauen Flanellhose noch eine gewisse Würde ausstrahlte, gleich wieder. Sie hatte ihn an ihrem ersten Abend zu Hause beobachtet, wie er versucht hatte, aus Caroles Haus zu entfliehen, und sie fühlte sich ihm augenblicklich zugetan. Sie konnte sich genau vorstellen, wie ihm zumute war.

»Ich hab Hunger«, sagte er. »Was ist mit dem Mittagessen?«

»Du hast doch eben erst gegessen, Vater«, erinnerte Carole ihn geduldig.

»Nein«, behauptete er. »Ich hab noch kein Mittagessen gehabt. Du hast mir nichts zu essen gegeben.« Er warf einen argwöhnischen Blick auf Jane, als verdächtige er sie, ihm sein Mittagessen weggegessen zu haben. »Und wer sind Sie?«

»Das ist Jane Whittaker, Vater. Sie wohnt im Haus gegenüber. Sie ist immer mit Daniel joggen gegangen. Du erinnerst dich doch an sie.«

»Wenn ich mich erinnern würde, hätte ich nicht gefragt.«

Logisch, dachte Jane und lächelte. Ihr gefiel Caroles Vater, immerhin schienen sie einiges gemeinsam zu haben.

»Nimm’s ihm nicht übel«, sagte Carole entschuldigend. »Er ist nicht immer so unhöflich.«

»Hast du was gesagt?« Caroles Vater stampfte zornig mit dem Fuß auf. Jane fühlte sich an Rumpelstilzchen erinnert. »Wenn du über mich reden willst, dann wär ich dir dankbar, wenn du lauter sprechen würdest.«

»Wenn du am Gespräch teilnehmen willst, solltest du dein Hörgerät tragen, Vater.«

»Ich brauche mein Hörgerät nicht. Ich brauch was zu essen.«

»Du hast gegessen.« Carole deutete auf sein bekleckertes Hemd. »Da ist der Beweis. Und da und da. Ich hab dir doch gesagt, du sollst raufgehen und dir was anderes anziehen.«

»Wieso? Gibt’s an meiner Kleidung was auszusetzen?«

Carole hob beide Hände, als säße ihr eine Pistole auf der Brust, und sie hätte beschlossen, sich lieber zu ergeben. »Ganz im Gegenteil. Dicke Flanellhosen und Hemden mit Senfflecken sind diesen Sommer in Boston der letzte Schrei. Stimmt’s, Jane?«

Jane lächelte mühsam. Senf ist immer noch besser als Blut, dachte sie, den Blick auf den gebeugten alten Mann gerichtet, dessen Haut so grau war, als wäre sie mit einer Staubschicht überzogen.

Caroles Vater begann zu nicken, als führte er ein Gespräch, das nur er hören konnte. Zerstreut schob er seine Zahnprothese mit der Zunge nach vorn und zog sie wieder zurück, vorwärts und rückwärts im Takt mit dem weinerlichen Lied aus dem Radio, Glen Campbell, der da irgend jemandem nachtrauerte, der auf immer und ewig gegangen war.

»Bitte hör auf, mit dem Gebiß zu wackeln, Vater.« Carole sah Jane an. »Das tut er nur, um mich zu ärgern.«

»Wo ist mein Mittagessen?« schimpfte der Alte.

Carole holte einmal tief Atem und ging zum Kühlschrank. »Was möchtest du haben?«

»Ein Steak-Sandwich.«

»Wir haben keine Steaks. Ich kann dir ein Salamibrot machen. Ist dir das recht?«

»Was hast du gesagt?«

»Setz dich, Vater.«

Caroles Vater setzte sich auf einen Stuhl. »Mach ihr auch eins.« Er wies mit dem Daumen auf Jane. »Sie ist zu mager.«

»Nein, danke«, sagte Jane hastig. »Ich bin wirklich nicht hungrig.«

»Er hat erst vor zwei Stunden gegessen«, bemerkte Carole, während sie zwei Scheiben Brot mit Senf bestrich und dann ein Stück Salami in dünne Scheiben schnitt. Sie legte das zusammengeklappte Brot auf einen kleinen Teller, den sie ihrem Vater hinstellte.

»Was ist das?«

»Dein Brot.«

»Das ist kein Steak-Sandwich.« Er stieß den Teller weg wie ein verzogenes Kind.

»Nein, das ist Salami. Ich hab dir doch gesagt, daß wir keine Steaks im Haus haben, Vater. In ein paar Stunden gibt’s sowieso Abendessen. Bis dahin mußt du dich eben mit Salami zufriedengeben.«

»Ich will aber keine Saiami.« Er schüttelte zornig den Kopf. »Werden Sie bloß nicht alt«, sagte er zu Jane, stand von seinem Stuhl auf und schlurfte aus der Küche. Sie hörte seine schwerfälligen Schritte auf der Treppe, dann direkt über ihrem Kopf, als er die Tür zu seinem Zimmer zuschlug.

»Wie lange ist er schon so?« fragte sie und wußte nicht, wer von den beiden ihr mehr leid tat.

»Es wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Er ist schwerhörig, aber er will auch gar nicht zuhören. Er ist aggressiv und streitsüchtig. Ich weiß nie, was er als nächstes tun oder sagen wird. Neulich nacht bin ich um drei aufgewacht — seit Daniel weg ist, schlafe ich schlecht — und wollte nach ihm sehen. Ich fand ihn im Flur. Er stand da und starrte die Tür an. Als ich ihn fragte, was er da täte, sagte er, er warte auf die Morgenzeitung, und wollte wissen, wieso sein Frühstück noch nicht fertig sei. Ich sagte ihm, daß wir normalerweise nicht mitten in der Nacht frühstücken. Gut, meinte er, wenn du mir kein Frühstück machst, mach ich es mir eben selbst. Und was tut er? Schmeißt ein paar Eier in die Mikrowelle und dreht voll auf. Ein paar Minuten später hör ich einen Mordsknall, und als ich in die Küche komme, sieht’s aus wie nach einem Bombenangriff. Kannst du dir das vorstellen — um drei Uhr morgens stehe ich in der Küche und kratze das Rührei von der Zimmerdecke. Es wär zum Lachen, wenn’s nicht so verdammt traurig wäre.« Sie schüttelte den Kopf, genau wie ihr Vater. »Aber Schluß jetzt damit. Ich will dir nichts vorjammern. Du hast schließlich ganz andere Probleme.«

»Wie lange lebt dein Vater schon bei euch?«

»Seit dem Tod meiner Mutter. Ungefähr sechs Jahre.«

»Wie ist deine Mutter gestorben?«

Caroles Stimme war leise, kaum hörbar. »An Krebs — was sonst? Im Magen fing es an und breitete sich dann im ganzen Körper aus.«

»Das tut mir Jeid.«

»Ja, es war schlimm.« Ihre Augen wurden feucht. »Ich weiß noch, wie ich sie ein paar Tage vor ihrem Tod im Krankenhaus besuchte. Sie hatte schreckliche Schmerzen, trotz der Mittel, die sie ihr gaben. Ich fragte sie, was ihr den ganzen Tag über durch den Kopf ginge, während sie in ihrem Bett lag und an die Decke starrte, und sie sagte: ›Mir geht gar nichts durch den Kopf. Ich möchte nur, daß es endlich vorbei ist.‹«

»Ich wollte, ich könnte mich an meine Mutter erinnern«, sagte Jane und bemerkte den Ausdruck der Überraschung, der die Traurigkeit auf Caroles Gesicht verdrängte. »Michael hat mir von dem Unfall erzählt.«

»Oh, wirklich?«

»Ja. Nicht viel. Nur daß sie auf der Stelle tot war, und daß es vor ungefähr einem Jahr passierte.«

»Ein Jahr ist das schon wieder her«, murmelte Carole. »Wie schnell die Zeit vergeht. Du kannst dich überhaupt nicht an sie erinnern?«

Jane schüttelte den Kopf. »Ich habe mir Fotos von ihr angesehen, aber sie sagen mir nichts. Ich komme mir so — so untreu vor.«

»Oh, das Gefühl kenn ich.« Carole rückte mit ihrem Stuhl so nahe an Jane heran, daß die Knie der beiden Frauen sich berührten. »Ich liebe meinen Vater. Aber in letzter Zeit habe ich manchmal das Gefühl, daß ich nur noch die Zeit absitze und darauf warte, daß er stirbt. O Gott, ich bin furchtbar. Du kennst mich noch nicht einmal, aber du mußt mich für die schlimmste Person auf der Welt halten.«

»Ich finde dich nicht schlimm. Ich finde dich menschlich.«

Carole lächelte dankbar. »Deswegen stand ich dauernd bei dir vor der Tür, nachdem Daniel gegangen war. Du konntest mir immer etwas sagen, das mich aufgemuntert hat.«

»Erzähl mir von Daniel. Ich meine, natürlich nur, wenn es dir nichts ausmacht, über ihn zu sprechen.«

»Wenn es mir nichts ausmacht?! Ich möchte am liebsten von nichts anderem reden! Ich habe keine Freundinnen mehr, weil ich ihnen mit meinem ständigen Gerede über Daniel so auf die Nerven gefallen bin. Sie sind alle der Meinung, ich sollte aufhören zu reden und endlich mein Leben anpacken, aber ich bin noch nicht so weit, daß ich einfach loslassen kann. Wir waren immerhin fünfzehn Jahre zusammen. Ich habe noch soviel zu reden.«

»Dann rede mit mir! Bitte«, drängte Jane. »Wenn die Leute mich behandeln würden wie immer«, setzte sie hinzu, zum ersten Mal die Gedanken der letzten Tage in Worte fassend, »würde ich vielleicht schneller wieder in mein Leben zurückfinden. Aber alle sind so fürsorglich und rücksichtsvoll und nehmen mir jeden Handgriff ab und achten so darauf, daß ich nur ja genug Ruhe bekomme, daß ich das Gefühl habe, in einem gläsernen Käfig zu sitzen. Bitte«, sagte sie noch einmal, »erzähl mir von Daniel.«

»Also gut. Aber sag hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.«

»Keine Angst.« Jane schüttelte den Kopf.

»Wir haben geheiratet, als ich achtundzwanzig war. Ich war wirklich reif für die Ehe, das kannst du mir glauben. Meine Freundinnen waren alle schon verheiratet, und ich hatte immer noch keinen abbekommen. Achtundzwanzig, ein bißchen rundlich und nicht gerade eine Schönheitskönigin — ehrlich, ich bekam langsam Torschlußpanik. Meine Eltern hatten die Hoffnung sowieso schon aufgegeben. Du bist zehn Jahre jünger als ich, du kannst dir das wahrscheinlich gar nicht mehr vorstellen, aber damals mußte man als Frau noch verheiratet sein, wenn man jemand sein wollte. Na, kurz und gut, da kreuzt eines Tages Daniel Bishop auf. Zahnarzt, gutaussehend, allerdings ein paar Jahre jünger als ich. Aber was macht das schon? Es waren nur fünf Jahre. Ich habe mich unsterblich in ihn verliebt.«

»Und dann habt ihr geheiratet«, sagte Jane.

»Nein, erst wurde ich schwanger. Danach haben wir geheiratet. Dann kam Celine und ein paar Jahre später Andrew. Anfangs hatten wir es nicht leicht, aber mit den Jahren wurde es immer besser. Daniels Praxis lief glänzend. Wir waren glücklich.

Aber dann gab’s die ersten Schwierigkeiten. Daniel entdeckte, daß einer seiner Partner ihn nach Strich und Faden betrog. Es gab fürchterliche Auseinandersetzungen, und das Ganze endete schließlich mit einem Prozeß. Dann wurde meine Mutter krank, und das war natürlich eine große Belastung für uns alle. Nach ihrem Tod nahmen wir meinen Vater zu uns. Ich glaube, es wurde Daniel einfach zuviel. Ich versuchte, mit ihm darüber zu sprechen, aber Daniel war immer schon sehr verschlossen. Wenn ihn etwas bedrückt, schafft er sich das lieber mit Sport von der Seele. Ich blieb dabei natürlich außen vor. Ich war nie sehr sportlich. Er fing an zu joggen und betrieb das mit wahrem Fanatismus. Jeden Tag mußte er laufen. Zuerst wollte er mich überreden, mit ihm zu laufen, aber ich sagte immer, dazu wäre ich zu alt, das Laufen überließe ich lieber den Jungen. War natürlich ein Fehler, nicht?

Dann bekam er von einem früheren Schulfreund ein Angebot, zu ihm in die Praxis zu kommen. Er nahm an. Für uns bedeutete das einen Umzug nach Boston, aber wir glaubten, ein neuer Anfang täte uns gut. Zumindest redeten wir uns das ein.

Wir kauften dieses Haus hier. Wir schafften uns einen Hund an. Die Kinder gingen hier zur Schule und lebten sich gut ein. Alles schien in Butter. Daniel kam mit seinen neuen Partnern gut aus und fühlte sich in seiner Praxis wohl. Er trat in einen Tennis- und in einen Golfclub ein und lief jeden Tag seine Runden. Manchmal nahm er den Hund mit. So lernte er dich kennen.«

»Erzähl«, sagte Jane begierig.

»Also, so weit ich mich erinnere, kam er eines Tages aus der Praxis nach Hause und erklärte, J. R. brauche dringend Bewegung. J. R. ist der Hund — nach dem Kerl aus Dallas genannt, du weißt schon. Na ja, und am Morgen nahm er den Hund mit raus. Aber noch ehe sie richtig losgelaufen waren, verspürte der Hund ein dringendes Bedürfnis und hockte sich zur Verrichtung mitten auf euren Rasen. Daniel stand nur untätig dabei, bis er plötzlich einen mörderischen Schrei hörte. Ich glaub, die ganze Nachbarschaft hat den Schrei gehört.«

»Und das war ich?« fragte Jane betreten.

»›Schaffen Sie gefälligst die Hundescheiße aus meinem Garten!‹ hast du geschrien. Es war toll, ehrlich. ›He, Sie, schaffen Sie die Scheiße aus meinem Garten weg!‹ Du kamst mit wedelnden Armen aus dem Haus gestürzt. Daniel sagte hinterher, er hätte geglaubt, du würdest auf ihn losgehen.«

»Ach, du lieber Gott!«

»Du warst eine Wucht! Total empört. ›In diesem Garten spielt meine kleine Tochter‹, hast du ihn angeschrien. Ich stand bei uns vor der Tür und dachte, na wunderbar, jetzt bringt sie mir bestimmt nie wieder einen Schokoladenkuchen. Daniel zuckelte brav nach Hause, holte eine Plastiktüte und sammelte den Haufen auf. Und ihr beide wurdet die besten Freunde und seid von da an miteinander gelaufen, sooft es ging.«

»Ich scheine ja ganz schön rabiat zu sein.«

Caroles Gesicht wurde ernst. »Das kann man wohl sagen.«

»Wann ist Daniel ausgezogen?«

»Am dreiundzwanzigsten Oktober. Wir hatten keinen Krach, keine Auseinandersetzung, es war überhaupt nichts, von dem man hätte sagen können, das war der Grund, das hat dazu geführt. Ich denke, er hatte einfach die Nase voll. Er hatte genug von meinem Vater, genug von seinen zwei Kindern und genug von mir. Er fand, er wäre noch jung genug, um den lebenslustigen Single zu spielen. Er kaufte sich eine Eigentumswohnung mitten in Boston, für die er mehr als eine Million Dollar bezahlte, und jetzt joggt er auf dem Freedom Trail statt durch die langweiligen Straßen von Newton Highlands. Er geht zu Fuß in die Praxis und trifft sich mit seinen Kindern, wenn er Lust dazu hat. Er führt genau das Leben, das ihm gefällt.«

Carole stand auf, ging zum Küchenschrank, schenkte sich noch eine Tasse Kaffee ein und nahm sich ein paar Kekse aus einer angeschlagenen Keramikdose. »Möchtest du auch was?«

Jane schüttelte den Kopf. »Es würde mich interessieren«, sagte Carole, »wie die Männer das schaffen. Ich meine, wie sie es schaffen, ihr Leben lang kleine Jungen zu bleiben. Sie schmeißen einfach alle Verantwortung hin und leben fröhlich in den Tag hinein, und wir dürfen zu Hause rumhocken und darauf warten, daß unsere Schamhaare grau werden. Ist das vielleicht fair?« Sie schob ein Keks in den Mund. »Aber dich betrifft das ja nicht. Du bist mit dem idealen Mann verheiratet.«

»Ja, er scheint wirklich nett zu sein«, stimmte Jane zu und kam sich vor wie eine Idiotin. War das alles, was sie über den Mann zu sagen wußte, mit dem sie seit elf Jahren verheiratet war? Er scheint wirklich nett zu sein.

Sie wandte sich Carole zu und bemerkte, daß die sie ansah, als wolle sie ihr etwas sagen.

»Was ist?« fragte sie.

Carole zuckte zusammen und reagierte mit einem Anfall sinnloser Geschäftigkeit. Sie kam wieder zum Tisch, setzte sich, hob ihre Kaffeetasse, stellte sie wieder hin, ohne getrunken zu haben, und schob sich das nächste Plätzchen in den Mund.

»Was ist?« sagte sie, Jane nachäffend. »Wie meinst du das?«

»Du sahst aus, als wolltest du mir etwas sagen.«

Carole schüttelte den Kopf. »Nein. Nichts.«

»Bitte sag es mir. War es über Michael? Über die Beziehung zwischen ihm und mir?«

Wieder führte Carole ihre Tasse zum Mund und diesmal trank sie einen großen Schluck Kaffee. »Ich finde, wenn du über deine Beziehung zu Michael Fragen hast, solltest du mit ihm selbst sprechen. Ich weiß wirklich nichts darüber.«

»Und wenn du etwas wüßtest, würdest du es mir dann sagen?« Jane beobachtete Carole angespannt, während sie auf die Antwort wartete. Im Radio sangen k. d. lang und Roy Orbison ein Duett.

»Ich dachte Roy Orbison wäre tot«, sagte Carole unvermittelt.

»Ja, ich glaube«, antwortete Jane, die plötzlich das Gefühl hatte, das Gespräch laufe an ihr vorbei. »Ist er nicht schon vor ein paar Jahren gestorben?«

»Ich kann mich überhaupt nicht erinnern. Aber da siehst du, was ich meine, wenn ich sage, daß man mit steigendem Alter immer vergeßlicher wird. Früher wußte ich immer ganz genau, wer tot ist und wer nicht.«

Aus dem Garten schallte lautes Hundegebell.

»Ach, halt die Klappe, J. R.«, bellte Carole durch das geschlossene Fenster zurück, und der Hund verstummte augenblicklich. »Ach, wäre das schön, wenn alle so folgsam wären«, meinte sie seufzend. »Hey, ich muß dir einen Witz erzählen, Jane.«

Jane, der klar war, daß das Gespräch beendet war, wartete schweigend.

»Also: Eine Frau findet eine Wunderlampe, und aus der Wunderlampe steigt plötzlich ein Geist auf. ›Du darfst einen Wunsch äußern‹, sagt er. ›Er wird dir erfüllt werden. Aber nur einen. Überleg also gut.‹ Na, die Frau überlegt eine Weile und sagt schließlich: ›Ich wünsche mir dünne Oberschenkel.‹ Der Geist starrt sie fassungslos an. ›Was? Das kann doch nicht dein Ernst sein. Ich sag dir, daß du dir wünschen kannst, was dein Herz begehrt, und du wünschst dir dünne Oberschenkel! In der Welt verhungern die Menschen, überall wüten Krankheit und Krieg, und du wünschst dir dünne Oberschenkel!‹ Der Frau ist das natürlich ziemlich peinlich, und sie überlegt noch mal eine Weile und sagt schließlich: ›Also gut. Dünne Oberschenkel für alle!‹«

Carole brach in schallendes Gelächter aus. Jane brachte nur ein kurzes, etwas künstliches Lachen zustande.

»Klar, du hast ja keine Ahnung«, sagte Carole. »Du hast Oberschenkel wie Streichhölzer. Mein Vater hat schon recht. Du bist zu mager. Komm, iß ein Plätzchen.«

Jane wollte sich gerade ein Keks nehmen, als sie lautes Klopfen an der Haustür hörte.

»Carole!« rief der alte Mann von oben. »Es ist jemand an der Tür.«

Carole war schon aufgesprungen. »Das ist entweder Andrew, der was vergessen hat, oder Celine.«

Jane wußte noch ehe Carole die Haustür erreichte, daß es weder Andrew noch Celine war.

»Ist Jane hier?« hörte sie Paula in erregtem Ton fragen.

»Ja«, antwortete Carole ruhig. »Wir sitzen gerade beim Kaffee. Möchten Sie auch eine Tasse?«

»Ich war schon ganz außer mir vor Sorge«, rief Paula, die sofort in die Küche rannte. »Warum haben Sie mir nicht gesagt, daß Sie weggehen?« fragte sie Jane atemlos.

»Ich dachte, das wäre nicht nötig«, log Jane. »Sie waren beschäftigt. Ich wollte Sie nicht stören.«

»Ich bin zu Tode erschrocken, als ich in Ihr Zimmer kam und Sie nicht da waren. Ich habe das ganze Haus von oben bis unten durchsucht, den Garten, die Garage. Ich bin zweimal die Straße rauf- und runtergelaufen, ehe mir einfiel, hier nach Ihnen zu fragen. Ich dachte, Sie wären vielleicht wieder fortgelaufen.« Sie war den Tränen nahe.

»Es tut mir leid, daß ich Sie so erschreckt habe«, sagte Jane aufrichtig. Es war wirklich rücksichtslos von ihr gewesen, einfach aus dem Haus zu gehen, ohne Paula Bescheid zu sagen. Warum hatte sie das getan? »Ich wollte nur eine Weile hinaus.«

»Natürlich, das verstehe ich«, sagte Paula, und Jane war überrascht. Sie hatte nicht erwartet, daß Paula sich zu Mitgefühl durchringen könnte. »Aber sagen Sie mir das nächste Mal bitte vorher Bescheid.«

»In Ordnung.«

»Aber jetzt«, fuhr Paula mit einem Blick auf ihre Uhr fort, »sollten wir wirklich nach Hause gehen. Sie müssen noch ein Stündchen schlafen, ehe Ihr Mann heimkommt, und…«

»Ich weiß«, unterbrach Jane. »Es ist Zeit für meine Tabletten.«

12

Sie erwachte mit Kopfschmerzen. Der dumpfe Schmerz wurzelte in ihrem Nacken und verästelte sich durch ihren ganzen Kopf, einem winterlichen Baum gleich, dessen kahle Äste und Zweige jeden feinsten Nerv erreichten. Sogar die Zähne taten ihr weh.

Ein ganz normaler Tag im Paradies, dachte sie und versuchte, die Beine aus dem Bett zu schwingen. Sie waren so schwer, als hätte jemand, während sie schlief, Bleigewichte an ihnen befestigt. Sie überprüfte den Eindruck. Ihre nackten Zehen krümmten sich unbeschwert unterhalb des weißen Baumwollnachthemds. Keine Bleigewichte, soweit sie feststellen konnte. Sie stand auf und lehnte sich haltsuchend an den Bettpfosten. Nur unsichtbare Bleigewichte in ihrem Kopf.

Sie seufzte. Am liebsten wäre sie sofort wieder ins Bett gekrochen. Wozu überhaupt aufstehen? Sie fühlte sich erbärmlich und würde sich mit fortschreitender Tageszeit nur noch erbärmlicher fühlen. Gleich würde Paula erscheinen, um nach ihr zu sehen, ihr weitere Tabletten zu verabreichen, ihr das Frühstück zu machen. Dann würde sie wieder schlafen, und wenn sie nicht schlief, würde sie sich wieder die Fotoalben vornehmen und versuchen, sich zu erinnern, wer all diese fremden Menschen waren, obwohl Michael die Alben mindestens ein dutzendmal mit ihr durchgeblättert und über jedes Foto mit ihr gesprochen hatte, bis sie den Namen jeder abgebildeten Person auswendig wußte. Zweifellos hätte sie jeden einzelnen von ihnen erkannt, wäre sie ihnen auf der Straße begegnet; das allerdings war unwahrscheinlich, da sie nur höchst selten außer Haus ging.

Sie blickte zur Schlafzimmertür und wartete darauf, daß ihre Gefängniswärterin erscheinen würde, aber es kam niemand. »Du bist ungerecht«, sagte sie laut zu ihrem Spiegelbild. »Paula ist nicht deine Gefängniswärterin. Du selbst bist es.«

Sie starrte die Fremde im Spiegel an, sah zu, wie sie widerwillig das weiße Nachthemd auszog. »Eins steht jedenfalls fest«, sagte die Fremde zu ihr, »Geschmack hast du überhaupt keinen. Der Fetzen da ist ungefähr so sexy wie eine Zwangsjacke.« Die im übrigen sowieso das angemessenere Kleidungsstück für mich wäre, fügte sie in Gedanken hinzu.

Warum ziehst du das Ding dann immer wieder an? fragte ihr Blick das Spiegelbild.

Weil es jedesmal, wenn ich es in den Wäschekorb werfe, prompt gewaschen wird und am Abend wieder frisch und jungfräulich auf meinem Bett ausgebreitet liegt. Und es ist einfacher, es brav anzuziehen, als Widerstand zu leisten. Und es ist ein sicherer Schutz, gestand sie sich ein. Sie brauchte keine Angst zu haben, daß es bei Michael Regungen hervorrufen würde, mit denen sie noch gar nicht umgehen konnte. Dieser Fummel war so brav, daß sie darin wahrscheinlich nicht mal Casanova höchstpersönlich angemacht hätte.

Sie strich mit beiden Händen über ihren Körper, über die Schwellung ihrer Brüste, die weiche Rundung ihres Bauches, den sanften Hügel ihrer Scham, und verspürte ein sachtes Kribbeln. Wie oft hatten sie und Michael miteinander geschlafen? Wie war er als Liebhaber?

Sie ließ die Arme sinken. Was sollten diese Fragen, die im Moment überhaupt nicht aktuell waren? Wozu diese Gefühle entfachen, wenn sie noch gar nicht bereit war, ihnen nachzugeben?

Oder war sie vielleicht doch bereit dazu? War sie bereit, mit einem Mann zu schlafen, den sie nicht kannte, nur weil sie mit ihm verheiratet war?

»Na, was ist?« fragte sie die Frau im Spiegel.

Die zuckte mit den Schultern.

»Flittchen«, sagte Jane und lachte. Beinahe schuldbewußt drehte sie sich zur Tür in der Erwartung, Paulas mißbilligendes Gesicht zu sehen.

Aber nein, heute war ja Samstag. An den Wochenenden hatte Paula frei. Sie und Michael würden allein sein. Zeit genug, diesen heimlichen Wünschen nachzugeben, wenn sie wollte. War es wirklich das, was sie wollte? Sollte es so einfach sein?

Vielleicht war die erzwungene Enthaltsamkeit der Grund ihrer Kopfschmerzen; der Grund ihrer fortdauernden Depression. Vielleicht war sie einfach nicht gewöhnt, solange ohne Sex auszukommen.

Was konnte es schon schaden, mit dem Mann ins Bett zu gehen? Sie fand ihn ungeheuer anziehend. Und er war schließlich ihr Ehemann. Sie hatte elf Jahre lang mit ihm geschlafen. Es war ja nicht so, als seien sie einander gerade erst vorgestellt worden. Es war nicht so, als hätte sie ihn gerade erst kennengelernt und eingewilligt, mit zu ihm nach Hause zu kommen.

Aber doch, genauso war es.

Sie kannte ihn heute nicht besser als vor einer Woche. Sie wußte einiges über ihn, gewiß. Sie wußte Einzelheiten aus seinem Leben, aus ihrem gemeinsamen Leben. Sie wußte, daß er liebevoll und einfühlsam und geduldig war, einfach alles, was man sich von einem Ehemann wünschen konnte.

Vielleicht brauchte sie gar nicht mehr zu wissen.

Was war denn schon dabei, wenn sie sich nicht an ihn erinnern konnte? War das denn unbedingt nötig? Sie kannte ihn jetzt seit etwas mehr als einer Woche. Es gab genug Männer und Frauen, die schon nach viel kürzerer Zeit miteinander ins Bett gingen. Und sie mochte ihn. Selbst in ihrem Zustand der Verwirrung und Depression fand sie ihn attraktiv. Sie konnte verstehen, daß sie sich vor elf Jahren in ihn verliebt hatte. Was konnte also schon dabei sein, wenn sie ihn in ihr Bett lockte? Darauf wartete er doch sicherlich nur, auch wenn er niemals ein Wort gesagt hatte. Sie wünschten es beide. Und sie waren miteinander verheiratet. Wem würden sie damit schaden, wenn sie miteinander schliefen? Vielleicht würde es ihr sogar helfen, sich zu erinnern, wenn sie mit ihm schlief. Und selbst wenn das nicht der Fall sein sollte, würde es vielleicht wenigstens bewirken, daß sie sich besser fühlte. Und was gab es daran auszusetzen?

»Ich weiß es nicht«, flüsterte sie leise vor sich hin. Sie zog einen der Schränke auf und kramte in der obersten Schublade nach dem schwarzen Strumpfhalter. Sie hielt ihn sich vor den Körper und sah mit Befriedigung den schockierten Ausdruck im Gesicht der Frau im Spiegel. »Das Ding würde ihn wahrscheinlich ganz schön heiß machen.«

Und willst du das? fragte ihr Spiegelbild lautlos. Willst du ihn heiß machen? Überleg es dir lieber genau, ehe du so etwas anzettelst.

»Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was ich will«, sagte Jane zornig. Sie legte den Strumpfhalter wieder in die Schublade und stieß sie heftig zu. »Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Mein Kopf fühlt sich an, als wäre er voller Wackersteine.« Sie hob die Hände zum Hinterkopf und grub die Fingernägel so tief in die Kopfhaut, daß es schmerzte. »Mein Kopf tut so weh!« rief sie weinend. »Mein Kopf tut so weh, und ich kann nicht denken und bin die ganze Zeit müde. Verdammt noch mal, was ist nur mit mir los?«

Es mußte an den Tabletten liegen. Trotz Michaels Versicherungen, daß es ein sehr mildes Mittel sei, war es offensichtlich zu stark für sie. Sie war wahrscheinlich an eine längere Einnahme von Medikamenten nicht gewöhnt. Die Tabletten waren schuld an ihrer Desorientierung und Depression, an der ständigen Müdigkeit und dem Gefühl der Aussichtslosigkeit. Aber jedesmal, wenn sie Michael darauf ansprach, jedesmal, wenn sie fragte, ob es wirklich notwendig wäre, sie zu nehmen, sagte er ihr, daß Dr. Meloff sie ausdrücklich verschrieben und angeordnet hatte, daß sie sie wenigstens mehrere Wochen lang nehmen solle.

Aber hatte Dr. Meloff das wirklich verordnet?

»Hey, was soll das heißen?« fragte sie ihr Spiegelbild, bestürzt über diesen Gedanken. »Was willst du damit sagen? Daß Michael dich belügt? Daß Dr. Meloff nie ein Medikament verschrieben hat? Daß Michael dich mit Paulas Hilfe absichtlich unter Drogen setzt, damit du dauernd müde und deprimiert bist? Aber warum? Wozu? Wie kannst du plötzlich so etwas über einen Mann denken, mit dem du eben noch schlafen wolltest?«

»Weil ich offensichtlich verrückt bin«, lautete die Antwort. »Kein normaler Mensch käme auf die Idee, mit seinem eigenen Spiegelbild zu streiten.«

Du kannst die Wahrheit ganz leicht herausfinden, sagte die Frau im Spiegel zu ihr. Du brauchst nur Dr. Meloff anzurufen.

»Was?«

Ruf Dr. Meloff an. Er hat dir doch gesagt, daß du dich jederzeit an ihn wenden kannst. Ruf ihn an und frag, ob er dir ein Medikament verschrieben hat.

Aber wie denn?

Na, das ist doch einfach. Du hebst den Telefonhörer ab und wählst.

Jane drehte den Kopf zum Telefon auf ihrem Nachttisch. War es wirklich so einfach? War das alles, was sie zu tun brauchte? Abheben und wählen?

Ihre Hand war schon auf dem Weg zum Telefon, als sie innehielt. Und wenn nun Michael hereinkam? Wo war er überhaupt? Es war nach neun. Schlief er vielleicht noch?

Zielstrebig ging sie aus dem Schlafzimmer in den Flur, bedacht darauf, kein Geräusch zu machen. Wenn er noch schlief, wollte sie ihn nicht stören. Wenn er irgendwo in einem anderen Zimmer beschäftigt war, wollte sie ihn nicht dazu bringen, ihr zu Hilfe zu kommen. Wenigstens noch nicht. Auf Zehenspitzen schlich sie durch den Flur, blickte erst in Emilys Zimmer, dann ins Bad, ins Gästezimmer und schließlich in Michaels Arbeitszimmer. Das Bett im Gästezimmer war gemacht, und er arbeitete auch nicht an seinem Computer. Von unten hörte sie Hundegebell und trat ans Fenster, um hinauszublicken.

Michael war drüben im Vorgarten der Bishops und unterhielt sich mit Carole. J. R. riß mit wütendem Gebell an der Leine, offensichtlich wenig erbaut darüber, daß er um seinen Spaziergang gekommen war. Jane hatte den Eindruck, daß Michael und Carole ein sehr ernstes Gespräch führten. Beide hielten die Köpfe gesenkt, ihre Blicke schienen auf das Gras zu ihren Füßen gerichtet zu sein. Sie sah, wie Carole nickte und Michael ihr fürsorglich den Arm tätschelte. Wahrscheinlich lamentiert sie wieder einmal über Daniel, dachte Jane. Oder ihren Vater. Und Michael war lieb und teilnahmsvoll, wie das seiner Art entsprach. Konnte sie ernstlich an ihm zweifeln?

Zornig und beschämt über sich selbst kehrte sie ins Schlafzimmer zurück. Hatte Michael auch nur das Geringste getan, was ihr das Recht gab, seine Motive in Frage zu stellen? Ihn zu verdächtigen, daß er ihr Drogen gab, die sie gar nicht brauchte? Nein! Er hatte die ganze Zeit nichts anderes getan, als sich um sie zu kümmern, für sie zu sorgen, ihr zu helfen. Und ihr rund um die Uhr Tabletten zu geben.

Wieder blickte Jane zum Telefon neben dem Bett. »Heb ab und wähl!« sagte sie laut.

Zaghaft langte sie hinüber und hob den Hörer ab. Sie hörte kein Amtszeichen. Ihr Blick folgte dem Kabel zur Steckdose in der Wand. Das Kabel war nicht eingesteckt; es lag zusammengerollt wie eine schlafende Schlange direkt unter der Dose. Michael mußte den Stecker herausgezogen haben, damit sie nicht vom Läuten des Telefons gestört wurde, wenn sie schlief. Er war nur um ihr Wohl besorgt, wie er das jeden Tag seit ihrer Heimkehr unzählige Male bewiesen hatte. Und sie war drauf und dran, ihm seine liebevolle Fürsorge mit mißtrauischer Schnüffelei zu vergelten.

Sie bückte sich, hielt sich am Bett fest, als plötzlicher Schwindel sie überkam, und steckte das Telefonkabel ein. Das Amtszeichen schrillte ihr durchdringend, mit scharfem Vorwurf ins Ohr. »Und jetzt?«

Jetzt rufst du die Auskunft an, befahl sie sich. Sie setzte sich aufs Bett und tippte 4-1-1.

»Welchen Ort wollen Sie?« fragte eine Telefonistin beinahe sofort.

»Boston«, antwortete sie genauso prompt. »Das Städtische Krankenhaus.«

Es folgte eine Pause. Die menschliche Stimme wurde durch einen Automaten ersetzt, der die Nummer zweimal wiederholte, während sie in der Schublade des Nachttischs nach ihrem Adreßbuch wühlte.

»Einen Moment bitte«, drängte sie den Automaten. »Ich möchte mir die Nummer gern aufschreiben. Wo ist denn nur das Buch?« Sie erinnerte sich ganz genau, das Buch mit dem PaisleyMuster Seite um Seite durchgegangen zu sein, nachdem sie aus dem Krankenhaus gekommen war. Aber jetzt war es nicht mehr da. »Ach bitte, könnten Sie das noch einmal wiederholen?« bat sie und gab die Suche auf, um sich ganz auf die Nummer zu konzentrieren, die der Automat durchsagte. »Na wunderbar, jetzt rede ich schon mit Maschinen.«

Sie wählte die Nummer sofort und konnte nur hoffen, daß sie sie richtig im Kopf behalten hatte.

»Städtisches Krankenhaus Boston«, meldete sich eine Stimme.

»Würden Sie mich bitte mit Dr. Meloff verbinden.«

»Bitte? Könnten Sie etwas lauter sprechen? Welchen Arzt suchen Sie?«

»Dr. Meloff«, wiederholte Jane lauter.

»Ich glaube nicht, daß Dr. Meloff heute im Haus ist. Aber

bleiben Sie einen Moment dran, ich versuch’s mal bei ihm.«

»Ach ja, natürlich. Heute ist Samstag. Samstags ist er sicher nicht da.« Jane wollte schon auflegen, als sie seine Stimme hörte. »Dr. Meloff?«

»Am Apparat. Was kann ich für Sie tun?«

»Hier spricht Jane Whittaker.«

Es kam keine Reaktion.

»Jane Whittaker. Die Frau von Dr. Michael Whittaker.«

»Aber ja, natürlich, Jane!« Er sprach ihren Namen mit besonderem Nachdruck, als wäre er froh, von ihr zu hören. »Normalerweise bin ich samstags nicht hier, darum erwarte ich auch keine Anrufe. Wie geht es Ihnen denn?«

»Sie müssen entschuldigen, daß ich Sie störe…«

»Aber wieso denn? Ich freue mich, von Ihnen zu hören. Ist alles in Ordnung?«

»Ich weiß nicht genau.«

»Ich habe einige Male mit Ihrem Mann gesprochen. Er sagte mir, daß er Ihren Termin mit dem Psychiater verschieben mußte, aber den Eindruck hätte, daß Sie Fortschritte machen. Er erzählte mir, Sie hätten sich an eine Begebenheit aus der Vergangenheit erinnert.«

»Das stimmt«, bestätigte sie und versuchte, sich von ihrer Verwirrung nichts anmerken zu lassen. »Ich wußte gar nicht, daß Sie mit meinem Mann gesprochen haben«

»Ich hoffe, Sie nehmen mir meine Neugier nicht übel. Und Ihr Mann macht sich verständlicherweise Sorgen. Deshalb vereinbarten wir, in Verbindung zu bleiben. Was kann ich für Sie tun, Jane?«

»Es geht um die Tabletten, die Sie mir verschrieben haben, Dr. Meloff«, begann sie und erwartete beinahe, daß er indigniert sagen würde: Was für Tabletten? Ich habe keine Tabletten verschrieben? Aber er sagte nichts. »Ich wollte gern wissen, was für ein Mittel das eigentlich ist.«

»Soweit ich mich erinnere, habe ich Ativan verschrieben. Haben Sie einen Moment Geduld, dann sehe ich mal nach.«

Es folgten mehrere Sekunden tiefer Stille. Dr. Meloff hatte ihr also doch ein Medikament verschrieben. Michael befolgte lediglich seine Anweisungen.

»Ja, Ativan«, sagte Dr. Meloff, als er wieder an den Apparat kam. »Die Basissubstanz ist Lorazepam. Ich weiß nicht, ob Ihnen das etwas sagt, aber im wesentlichen handelt es sich um ein sehr mildes Beruhigungsmittel, Valium nicht unähnlich, aber nicht auf gleiche Weise suchterzeugend.«

»Aber warum muß ich denn überhaupt etwas nehmen?«

»Ein leichtes Beruhigungsmittel wirkt erfahrungsgemäß bei hysterischer Amnesie sehr gut.« Er machte eine kurze Pause, und Jane glaubte, ihn lächeln zu sehen. »Schauen Sie, Jane, Sie stehen unter starker seelischer Belastung. Sie können sich nicht erinnern, wer Sie sind; Sie sind mit einem Mann verheiratet, den Sie nicht kennen. Sie sind von lauter Fremden umgeben. Das muß Ängste auslösen, die möglicherweise das Erinnerungsvermögen zusätzlich blockieren. Das Ativan soll diesen Ängsten entgegenwirken und der Erinnerung den Weg frei machen.«

»Aber ich bin ständig entsetzlich müde und deprimiert…«

»Das ist in einer solchen Situation nichts Ungewöhnliches. Je länger dieser Zustand andauert, desto mehr drückt das auf Ihre Stimmung. Das ist ganz normal. Darum ist ja das Ativan so wichtig. Und was Ihre Müdigkeit angeht, nun, ich glaube, Ihr Körper versucht, Ihnen ein Zeichen zu geben. Daß er Schlaf braucht nämlich. Kämpfen Sie nicht dagegen an, Jane. Hören Sie auf das, was Ihr Körper Ihnen sagt.«

»Sie glauben also nicht, daß die Depressionen und die Müdigkeit von dem Mittel kommen?« — Warum fragte sie ihn das? Hatte er ihr nicht eben erklärt, daß Ativan ein sehr mildes Beruhigungsmittel war? Daß er es für unerläßlich für ihre Genesung hielt?

»Ativan enthält nichts, was Depressionen verursachen könnte. Möglich, daß es Sie ein bißchen müde macht, denn Sie sind ja leicht untergewichtig, aber das müßte aufhören, wenn Ihr Körper sich daran gewöhnt hat.«

»Aber ich fühle mich irgendwie so ohnmächtig, als hätte ich überhaupt keine Kontrolle…« Sie brach ab, als sie Michaels Schritte auf der Treppe hörte. »Aber ich will Sie nicht länger aufhalten«, sagte sie hastig. »Ich habe Sie schon lange genug gestört.«

»Ich bin froh, daß ich da war, als Sie anriefen. Ach, Jane, wenn Ihr Mann gerade in der Nähe ist, würde ich gern einen Moment mit ihm sprechen.«

Michael stand an der offenen Tür.

»Er ist hier«, sagte sie ins Telefon, hielt ihrem Mann dann den Hörer hin. »Dr. Meloff«, sagte sie mit kopfendem Herzen. »Er möchte dich sprechen.«

Michael machte ein angemessen verwundertes Gesicht, als er ihr den Hörer aus der Hand nahm. Er sieht so verwirrt aus, wie ich bin, dachte Jane und fragte sich wieder, was sie veranlaßt hatte, Dr. Meloff anzurufen. Hatte sie allen Ernstes den Verdacht gehabt, ihr Mann verabreiche ihr Drogen, die sie gar nicht brauchte? Wieso? Dieser Mann war nur gut zu ihr gewesen. Er war so geduldig und hilfsbereit. War sie vielleicht gegen teilnahmsvolle Männer allergisch? Lag da ihr Problem? Sie hatte es nicht verkraftet, glücklich verheiratet zu sein, darum hatte sie sich in eine Art vorübergehenden Wahnsinn geflüchtet, und jetzt konnte sie seine unermüdliche Liebe und Zuwendung nicht verkraften und mußte sich deshalb einreden, daß er ihr übelwollte. Das ergab wirklich Sinn.

Aber wann hatte das letzte Mal etwas einen Sinn ergeben? Welcher Sinn war darin zu sehen, daß sie sich plötzlich mitten auf den Straßen Bostons wiedergefunden hatte, ohne auch nur eine Ahnung zu haben, wer sie war? Daß sie die Taschen voller Geld und das Kleid voller Blut gehabt hatte? Daß sie sich weder an die Geburt ihrer Tochter noch an den Tod ihrer Mutter erinnern konnte? Daß sie so mißtrauisch und ablehnend gegenüber den Menschen war, die ihr doch nur helfen wollten? Daß das mildeste Beruhigungsmittel sie in ein Zombie verwandeln konnte? Das sie sich in ihrem eigenen Haus wie eine Gefangene vorkam?

Welcher Sinn war darin zu sehen, daß ihr Rücken schmerzte und ihr Kopf dröhnte und der Hals ihr so weh tat, daß sie kaum schlucken konnte? Daß sie sich klar und deutlich daran erinnerte, ihr Adreßbuch in die Schublade ihres Nachttischs gelegt zu haben, und es jetzt nicht mehr finden konnte? Ergab irgend etwas von alledem einen Sinn? Wie konnte ein Mensch, der sich nicht einmal seines eigenen Namens erinnerte, überhaupt behaupten, sich an irgend etwas klar und deutlich zu erinnern?

»Wo ist mein Adreßbuch?« fragte sie, nachdem Michael aufgelegt hatte. Sie sah ihm an, daß er verletzt war, und versuchte, seinem Blick auszuweichen. Er versteht nicht, warum ich Dr. Meloff angerufen habe. Und was kann ich ihm sagen, wenn ich es doch selbst nicht verstehe?

»Es lag hier.« Sie zog die obere Schublade des Nachttischs auf. »Und jetzt ist es weg.«

»Ich weiß nicht, wo es ist«, sagte er einfach.

»Es lag hier, als ich vom Krankenhaus nach Hause kam.«

Warum insistierte sie? Warum machte sie aus einer Maus einen Elefanten? Weil Verteidigung der beste Angriff war. Weil sie so ihren Anruf bei Dr. Meloff nicht erklären mußte.

»Dann muß es auch dort sein«, sagte er.

»Es ist aber nicht da. Schau doch selbst nach.«

»Ich brauche nicht nachzuschauen. Wenn du mir sagst, daß es nicht da ist, glaube ich dir.«

Wenn du mir sagen würdest, daß Dr. Meloff mir ein Medikament verschrieben hat,