/ Language: Deutsch / Genre:thriller

Schau dich nicht um

Joy Fielding


Schau dich nicht um

Joy Fielding

1993

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Jess Koster ist Staatsanwältin in Chicago. Sie ist jung, engagiert und in der Lage, sich in einer harten Männerwelt zu behaupten. Die aufreibende Scheidung von ihrem Mann hat sie genauso überstanden wie das spurlose und ungeklärte Verschwinden ihrer Mutter. Doch sind ihre tiefen Wunden wirklich verheilt?

Seit einigen Tagen fühlt sie sich von kalten Augen verfolgt. Ist es nur Einbildung, oder hat sich der brutale Vergewaltiger Rick Ferguson an ihre Fersen geheftet? Gerade versucht sie, ihm den Prozeß zu machen, doch sie weiß, daß die Beweise auf wackligen Füßen stehen. Außerdem zögert sein letztes Opfer, vor Gericht auszusagen, weil Ferguson gedroht hat, die Frau umzubringen. Und dann ist sie eines Tages verschwunden…

Sicher, es gibt noch mehr Männer in Jess Kosters Leben. Doch niemandem kann sie sich anvertrauen: weder ihrem verheirateten Anwaltskollegen, dessen hartnäckiger Anmache sie sich kaum erwehren kann, noch ihrem Macho-Schwager, der seine Machtallüren an ihrer Schwester ausläßt, und auch nicht ihrem Ex-Mann mit seiner irritierenden Angewohnheit, plötzlich und unerwartet zu erscheinen. Aber dann taucht ein neuer Mann in ihrem Leben auf, und obwohl Jess geschworen hat, sich nie mehr zu verlieben, spürt sie, wie sie mit magischer Kraft zu einem Fremden hingezogen wird, einem Fremden mit einem dunklen Geheimnis…

Inhaltsverzeichnis

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Er wartete auf sie, als sie zur Arbeit kam. So schien es Jess jedenfalls, die ihn sofort sah. Er stand reglos an der Ecke California Avenue und 25. Straße. Sie spürte, daß er sie beobachtete, als sie aus der Parkgarage kam und über die Straße zum Administration Building lief. Seine dunklen Augen waren kälter als der Oktoberwind, der in seinem strähnigen hellen Haar spielte, seine bloßen Hände waren über den Taschen seiner abgetragenen braunen Lederjacke zu Fäusten geballt. Kannte sie ihn?

Seine Haltung veränderte sich leicht, als Jess näherkam, und sie sah, daß sein voller Mund zu einem halben Lächeln verzogen war, bei dessen Anblick es sie kalt überlief; als wüßte er etwas, das sie nicht wußte. Es war ein Lächeln ganz ohne Wärme, das Lächeln eines Mannes, dem es als Kind Spaß gemacht hatte, Schmetterlingen die Flügel auszureißen, dachte sie schaudernd und ignorierte das kaum wahrnehmbare Kopfnicken, mit dem er sie grüßte, als ihre Blicke sich trafen. Ein Lächeln voller Geheimnisse, begriff sie. Sie wandte sich hastig ab und hatte plötzlich Angst, als sie die Treppe hinauflief.

Sie spürte, wie der Mann hinter ihr sich in Bewegung setzte, wußte, ohne sich umzusehen, daß er hinter ihr die Treppe hinaufging. Als sie oben ihre Schulter gegen die schwere Drehtür aus Glas drückte, sah sie, daß der Fremde auf der obersten Stufe stehengeblieben war. Sein Gesicht spiegelte sich in den rotierenden Glasflächen, erschien, verschwand und erschien von neuem, und das wissende Lächeln wich nicht von seinen Lippen.

Ich bin der Tod, hauchte das Lächeln. Ich bin gekommen, dich zu holen.

Jess hörte sich nach Luft schnappen und merkte am Füßescharren hinter sich, daß sie die Aufmerksamkeit eines der Wächter auf sich gezogen hatte. Mit einem Ruck drehte sie sich herum und sah dem Mann entgegen, der sich ihr vorsichtig näherte und dabei zum Holster seiner Dienstwaffe griff.

»Stimmt was nicht?« fragte er.

»Ich weiß nicht«, antwortete Jess. »Da draußen ist ein Mann, der —« Der was? fragte sie sich stumm, während sie dem Wächter in die müden blauen Augen sah. Der ins Warme möchte, weil es draußen so kalt ist? Der ein Grinsen hat, daß man Gänsehaut bekommt? War das in Cook County neuerdings ein Verbrechen? Der Wächter sah an ihr vorbei zur Tür, und sie folgte mit den Augen langsam seinem Blick. Dort war niemand.

»Ich seh anscheinend Gespenster«, sagte Jess entschuldigend und fragte sich, ob das zutreffe, war froh, daß der junge Mann, wer immer er sein mochte, fort war.

»So was kann schon mal vorkommen«, sagte der Wächter und ließ sich Jess’ Ausweis zeigen, obwohl er wußte, wer sie war. Dann winkte er sie durch den Metalldetektor, wie er das seit vier Jahren jeden Morgen gewohnheitsmäßig tat.

Jess mochte feste Gewohnheiten. Sie stand jeden Morgen Punkt Viertel vor sieben auf und zog nach einer hastigen Morgentoilette die Sachen an, die sie am Abend zuvor sorgfältig zurechtgelegt hatte. Zum Frühstück schlang sie ein gefrorenes Stück Kuchen direkt aus der Tiefkühltruhe hinunter und saß eine Stunde später vor ihrem aufgeschlagenen Terminkalender und ihren Akten am Schreibtisch. Wenn sie gerade an einem Fall arbeitete, gab es immer etwas mit ihren Mitarbeitern zu besprechen, Strategien mußten entworfen, Fragen formuliert, Antworten abgestimmt werden. (Eine gute Staatsanwältin stellte niemals eine Frage, auf die sie die Antwort nicht schon wußte.) Wenn sie sich auf einen bevorstehenden Prozeß vorbereitete, galt es, Informationen zu sammeln, Spuren nachzugehen, Zeugen zu vernehmen, mit Polizeibeamten zu sprechen, Konferenzen abzuhalten, Pläne zu koordinieren. Alles mußte klappen wie am Schnürchen. Jess Koster liebte Überraschungen im Gerichtssaal so wenig wie außerhalb.

Hatte sie sich von dem vor ihr liegenden Tag ein vollständiges Bild gemacht, so pflegte sie bei einer Tasse schwarzen Kaffee und einem Krapfen eine kleine Pause einzulegen, um die Morgenzeitung zu lesen. Mit den Todesanzeigen fing sie an. Immer las sie zuerst die Todesanzeigen. Ashcroft, Pauline, im Alter von siebenundsechzig Jahren ganz plötzlich verstorben; Barrett, Ronald, neunundsiebzig Jahre alt, nach längerer Krankheit friedlich entschlafen; Black, Matthew, geliebter Ehemann und Vater… statt Kränzen Spenden an die Herzforschung von Amerika. Jess wußte selbst nicht mehr, wann sie angefangen hatte, die Todesanzeigen zur Routinelektüre zu machen, und sie wußte auch nicht, warum. Es war eine ziemlich ausgefallene Gewohnheit für jemanden, der knapp dreißig Jahre alt war, selbst für eine Anwältin bei der Staatsanwaltschaft von Cook County in Chicago. »Na, jemand gefunden, den Sie kennen?« hatte einer ihrer Kollegen einmal gefragt. Jess hatte den Kopf geschüttelt. Es war nie jemand darunter, den sie kannte.

Suchte sie nach ihrer Mutter, wie ihr geschiedener Mann einmal unterstellt hatte? Oder erwartete sie vielleicht, ihren eigenen Namen zu sehen?

Der Fremde mit dem strähnigen blonden Haar und dem bösen Lächeln drängte sich rücksichtslos in ihre Gedanken. Ich bin der Tod, sprach er höhnisch, und seine Stimme brach sich an den nackten Bürowänden. Ich bin gekommen, dich zu holen.

Jess senkte die Zeitung und ließ ihren Blick langsam durch das Zimmer wandern. Drei Schreibtische aus mehr oder weniger zerkratztem Walnußholz standen willkürlich verteilt vor mattweißen Wänden. Bilder waren keine da, weder Landschaften noch Porträts, nichts außer einem alten Poster von Bye Bye Birdie, das mit mittlerweile vergilbtem Tesafilm festgeklebt an der Wand gegenüber ihrem Schreibtisch hing. Die durch und durch zweckmäßigen Metallregale waren mit juristischen Fachbüchern vollgestopft. Die ganze Einrichtung wirkte so, als könnte sie jederzeit zusammengepackt und abtransportiert werden. Und so war es auch. Es kam häufig genug vor. Die Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft wurden turnusmäßig von Abteilung zu Abteilung versetzt. Es war nicht empfehlenswert, sich irgendwo zu heimisch zu fühlen.

Jess teilte sich das Büro mit Neil Strayhorn und Barbara Cohen, die ihr als Vertreter beziehungsweise Vertreterin beigeordnet waren. Jess war als Leiterin ihrer Gruppe für alle größeren Entscheidungen über Arbeits- und Vorgehensweise der Gruppe zuständig. In Cook County gab es siebenhundertfünfzig Staatsanwälte, über zweihundert waren allein in diesem Gebäude untergebracht; zu jeder Abteilung gehörten achtzehn Staatsanwälte, drei pro Zimmer, und alle waren sie Abteilungsleitern unterstellt. Spätestens um halb neun pflegte es in dem Labyrinth von Büros im zwölften und dreizehnten Stockwerk des Administration Building so lebhaft und laut zuzugehen wie auf dem Wrigley Field, so schien es Jess jedenfalls meistens, die diese kurzen Augenblicke des Friedens und der Ruhe vor der Ankunft der anderen im allgemeinen sehr genoß.

Heute allerdings war das anders. Der junge Mann hatte sie verstört, sie aus ihrem gewohnten Rhythmus geworfen. Was war es nur an ihm, das ihr so vertraut erschien, fragte sie sich. In Wahrheit hatte sie sein Gesicht ja gar nicht richtig gesehen, hatte über dieses schaurige Lächeln hinaus kaum etwas wahrgenommen, wäre niemals fähig gewesen, ihn einem Polizeizeichner zu beschreiben, hätte ihn bei einer Gegenüberstellung niemals erkannt. Er hatte sie ja nicht einmal angesprochen. Weshalb ging er ihr nicht aus dem Kopf?

Sie wandte sich wieder den Todesanzeigen zu. Bederman, Marvin, 74, nach langer Krankheit in Frieden heimgegangen; Edwards, Sarah, im einundneunzigsten Lebensjahr verschieden

»Du bist aber früh da!« sagte jemand von der Tür her.

»Ich bin immer früh da«, antwortete Jess, ohne aufzusehen. Die Mühe konnte sie sich sparen. Hätte nicht der aufdringliche Duft des Aramis Eau de Colognes Greg Oliver verraten, so hätte es auf jeden Fall der selbstbewußte, schwadronierende Ton seiner Stimme getan. Im Amt hieß es allgemein, Greg Olivers hohe Erfolgsquote im Gerichtssaal werde nur von seinen Rekorden im Schlafzimmer übertroffen. Aus eben diesem Grund achtete Jess stets darauf, daß ihre Gespräche mit dem vierzigjährigen Staatsanwalt von nebenan streng sachlich und unpersönlich blieben. Nach ihrer gescheiterten Ehe mit einem Anwalt stand für sie fest, daß eine neue Beziehung zu einem Kollegen nicht in Frage kam.

»Kann ich was für dich tun, Greg?«

Greg Oliver durchmaß den Raum zwischen der Tür und ihrem Schreibtisch mit drei schnellen Schritten. »Zeig mal, was du da liest.« Er beugte sich vor, um ihr über die Schulter zu sehen. »Die Todesanzeigen? Du lieber Himmel, was die Leute nicht alles tun, um ihren Namen in die Zeitung zu kriegen.«

Jess mußte wider Willen lachen. »Greg, ich hab einen Haufen zu tun…«

»Das sehe ich.«

»Nein, wirklich«, behauptete Jess mit einem raschen Blick in sein auf konventionelle Weise gutaussehendes Gesicht, das die flüssige Schokolade seiner Augen bemerkenswert machte. »Ich muß um halb zehn im Gerichtssaal sein.«

Er sah auf seine Uhr. Eine Rolex. Aus Gold. Sie hatte läuten hören, daß er vor kurzem Geld geheiratet hatte. »Da hast du noch massenhaft Zeit.«

»Die Zeit brauch ich, um Ordnung in meine Gedanken zu bringen.«

»Oh, ich wette, die sind schon längst in Ordnung«, entgegnete er und richtete sich auf, aber nur, um sich seitlich an ihren Schreibtisch zu lehnen und ganz offen sein Spiegelbild im Glas des Fensters hinter ihr zu prüfen, während er mit der Hand flüchtig über einen Stapel säuberlich geordneter Papiere strich. »Ich bin überzeugt, daß es in deinem Kopf genauso ordentlich zugeht wie auf deinem Schreibtisch.«

Er lachte, und dabei verzog sich der eine Winkel seines Mundes leicht nach unten. Jess fiel sofort wieder der Fremde mit dem unangenehmen Lächeln ein.

»Schau dich doch an«, sagte Greg, der ihre Reaktion falsch verstand. »Du bist total nervös und angespannt, nur weil ich versehentlich ein paar von deinen Papieren verschoben habe.« Er rückte sie demonstrativ wieder zurecht und wischte dann ein imaginäres Stäubchen von ihrer Schreibtischplatte. »Du magst es gar nicht, wenn jemand deine Sachen anrührt, nicht?«

Mit den Fingern strich er in kleinen Kreisen wie liebkosend über das Holz der Schreibtischplatte. Die Bewegung hatte eine beinahe hypnotische Wirkung. Ein Schlangenbeschwörer, dachte Jess, und fragte sich flüchtig, ob er der Beschwörer war oder die Schlange.

Sie lächelte, höchst verwundert über die seltsamen Gedanken, die ihr an diesem Morgen durch den Kopf gingen, und stand auf. Zielstrebig ging sie zu den Bücherregalen, obwohl sie in Wirklichkeit dort gar nichts zu tun hatte.

»Ich glaube, du gehst jetzt besser, damit ich hier noch etwas geschafft bekomme. Ich muß heute morgen mein Schlußplädoyer im Fall Erica Barnowski halten und —«

»Erica Barnowski?« Er mußte einen Moment überlegen. »Ach so, ja. Das Mädchen, das behauptet, es sei vergewaltigt worden…«

»Die Frau, die vergewaltigt wurde«, korrigierte Jess.

Sein Lachen füllte den Raum zwischen ihnen. »Du lieber Himmel, Jess, die hat doch nicht mal einen Schlüpfer angehabt! Glaubst du etwa, daß irgendein Gericht im ganzen Land einen Mann wegen Vergewaltigung verurteilen wird, weil er es mit einer Frau getrieben hat, die er in einer Kneipe aufgegabelt hatte und die nicht mal einen Schlüpfer anhatte?« Greg Oliver verdrehte kurz die Augen zur Decke, ehe er Jess wieder ansah. »Ich weiß nicht, aber die Tatsache, daß die Dame ohne Schlüpfer in ein bekanntes Aufreißerlokal ging, riecht mir doch stark nach stillschweigendem Einverständnis.«

»Ach, und ein Messer an der Kehle gehört dann wohl deiner Meinung nach zum Vorspiel?« Jess schüttelte den Kopf, eher bekümmert als angewidert. Greg Oliver war bekannt für seine zutreffenden Prognosen. Wenn es ihr nicht einmal gelang, ihren Kollegen davon zu überzeugen, daß der Angeklagte schuldig war, wie konnte sie da hoffen, die Geschworenen zu überzeugen?

»Es zeichnet sich gar nichts ab unter diesem kurzen Rock«, sagte Greg Oliver. »Verraten Sie mir mal, ob Sie ein Höschen tragen, Frau Anwältin?«

Jess strich sich unwillkürlich mit beiden Händen über den grauen Wollrock, der oberhalb ihrer Knie endete. »Hör auf mit dem Quatsch, Greg«, sagte sie nur.

Greg Olivers Augen blitzten mutwillig. »Was würde es denn brauchen, in dieses Höschen reinzukommen?«

»Da muß ich dich leider enttäuschen, Greg«, sagte Jess ruhig. »In diesem Höschen ist nur für ein Arschloch Platz.«

Die flüssige Schokolade von Greg Olivers Augen gefror einen Moment zu braunem Eis, dann jedoch schmolz sie sofort wieder, als sein Lachen erneut das Zimmer erfüllte. »Das liebe ich so an dir, Jess. Du bist so verdammt frech. Du nimmst es mit jedem auf.« Er ging zur Tür. »Eines muß ich dir lassen — wenn jemand diesen Fall gewinnen kann, dann du.«

»Danke«, sagte Jess zu der sich schließenden Tür. Sie ging zum Fenster und blickte geistesabwesend zur Straße hinunter. Riesige Plakatwände schrien zu ihr hinauf. Abogado, verkündeten sie. »Rechtsanwalt« auf Spanisch, gefolgt von einem Namen. Auf jedem Schild ein anderer Name. Rund um die Uhr geöffnet.

Es gab in diesem Viertel sonst keine Hochhäuser. Das Administration Building mit seinen vierzehn Stockwerken überragte alles, häßlich und hochmütig. Das anschließende Gerichtsgebäude war bloß sieben Stockwerke hoch. Dahinter stand das Gefängnis von Cook County, wo des Mordes und anderer Verbrechen Angeklagte, die entweder die Kaution nicht aufbringen konnten oder denen Sicherheitsleistung nicht zugestanden worden war, eingesperrt blieben, bis ihnen der Prozeß gemacht wurde. Ein finsterer, unheilvoller Ort, dachte Jess oft, für finstere, unheilvolle Menschen.

Ich bin der Tod, flüsterte es von den Straßen herauf. Ich bin gekommen, dich zu holen.

Sie schüttelte energisch den Kopf und sah zum Himmel hinauf, aber selbst der war stumpf und grau, von Schneewolken schwer. Schnee im Oktober, dachte Jess. Sie konnte sich nicht erinnern, wann es das letzte Mal vor Allerheiligen geschneit hatte. Trotz der Wettervorhersage hatte sie ihre Stiefel nicht angezogen. Sie waren nicht mehr wasserdicht und hatten rund um die Kappen häßliche Salzringe, wie die Jahresringe eines Baums. Vielleicht würde sie später kurz in die Stadt gehen und sich ein paar neue kaufen.

Das Telefon läutete. Gerade mal acht Uhr, und schon ging es los. Sie hob den Hörer ab, ehe es ein zweites Mal läuten konnte.

»Jess Koster«, sagte sie.

»Jess Koster, Maureen Peppler hier.« In der Stimme schwang mädchenhaftes Gelächter. »Störe ich dich?«

»Du störst nie«, versicherte Jess ihrer älteren Schwester und sah dabei Maureens vergnügtes Lächeln und ihre warmen grünen Augen vor sich. »Ich bin froh, daß du angerufen hast.«

Jess hatte Maureen immer mit den zart gezeichneten Ballettänzerinnen Edgar Degas’ verglichen, weich und verschwommen in den Konturen. Selbst ihre Stimme war weich. Die Leute sagten oft, die Schwestern sähen einander ähnlich. Das stimmte in gewisser Hinsicht, beide hatten sie das gleiche ovale Gesicht, beide waren sie groß und schlank, doch nichts an Jess war verschwommen. Ihr braunes schulterlanges Haar war dunkler als das Maureens, ihre Augen hatten einen tieferen, eindringlicheren Grünton, ihr zierlicher Körper war weniger gerundet, kantiger. Es war, als hätte der Künstler zweimal die gleiche Skizze angefertigt, die eine dann in Pastell ausgeführt, die andere in Öl.

»Was gibt’s?« fragte Jess. »Wie geht’s Tyler und den Zwillingen?«

»Den Zwillingen geht’s prächtig. Tyler ist immer noch nicht begeistert. Er fragt dauernd, wann wir sie endlich zurückschicken. Du hast dich nicht nach Barry erkundigt.«

Jess kniff einen Moment die Lippen zusammen. Maureens Mann, Barry, war ein erfolgreicher Wirtschaftsprüfer, und für seinen brandneuen Jaguar hatte er sich Nummernschilder mit der Aufschrift EARND IT pressen lassen. Mußte sie wirklich noch mehr von ihm wissen? »Wie geht es ihm?« fragte sie trotzdem.

»Gut. Das Geschäft läuft phantastisch trotz der Wirtschaftskrise. Oder vielleicht deswegen. Na, egal, er ist jedenfalls sehr zufrieden. Ich wollte dich für morgen abend zu uns zum Essen einladen. Bitte sag jetzt nicht, du bist schon verabredet.«

Jess hätte beinahe gelacht. Wann hatte sie das letzte Mal eine Verabredung gehabt? Wann war sie das letzte Mal ausgegangen, ohne daß berufliche Gründe dahintergesteckt hätten? Wie war sie auf den Gedanken gekommen, nur Ärzte seien vierundzwanzig Stunden am Tag im Dienst?

»Nein, ich bin nicht verabredet«, antwortete sie.

»Gut, dann kommst du also. Ich seh dich dieser Tage viel zu selten. Ich glaube, ich hab dich öfter zu Gesicht bekommen, als ich noch gearbeitet habe.«

»Dann fang doch wieder an zu arbeiten.«

»Nie im Leben. Also, morgen um sechs. Dad kommt auch.«

Jess lächelte. »Schön, wir sehen uns morgen.« Kurz bevor sie den Hörer auflegte, hörte sie aus der Ferne noch Babygeschrei. Sie stellte sich vor, wie Maureen vom Telefon ins Kinderzimmer lief, sich über die Bettchen ihrer sechs Monate alten Zwillinge beugte, die Kleinen wickelte und fütterte und dabei darauf achtete, daß auch der Dreijährige, der ihr nicht von der Seite wich, die Aufmerksamkeit bekam, die er sich so dringend wünschte. Welten entfernt von den heiligen Hallen der Harvard Business School, an der sie ihren Magister in BWL gemacht hatte. Jess zuckte die Achseln. Jeder von uns muß seine Entscheidung treffen, dachte sie. Maureen hatte ihre offensichtlich getroffen.

Sie setzte sich wieder an ihren Schreibtisch und versuchte, sich auf das bevorstehende Stück Arbeit zu konzentrieren. Sie hoffte inständig, sie könnte Greg Oliver beweisen, daß er sich geirrt hatte. Sie wußte allerdings, daß es nahezu unmöglich war, in diesem Fall eine Verurteilung zu erreichen. Sie und ihr Kollege würden schon sehr überzeugend sein müssen.

Bei einem Prozeß vor dem Geschworenengericht arbeiteten die Staatsanwälte immer paarweise. Ihr Vertreter, Neil Strayhorn, würde zunächst ein erstes Schlußplädoyer halten, in dessen Rahmen er den Geschworenen noch einmal die nackten, häßlichen Tatsachen des Falls ins Gedächtnis rufen würde. Dem würden die abschließenden Bemerkungen des Verteidigers folgen, und danach würde Jess selbst das replizierende Schlußplädoyer halten, das reichlich Gelegenheit zu kreativer moralischer Entrüstung bot.

»Jeden Tag werden in den Vereinigten Staaten 1871 Frauen vergewaltigt«, begann sie laut, um in der Geborgenheit ihres Büros ihren Vortrag noch einmal zu üben. »Das heißt, daß etwa alle 46 Sekunden eine erwachsene Frau vergewaltigt wird, was sich im Laufe eines Jahres zu 683000 Vergewaltigungen summiert.« Sie holte tief Atem und wendete die Sätze in ihrem Kopf wie Salatblätter in einer großen Schüssel. Sie wendete sie immer noch hin und her, als zwanzig Minuten später Barbara Cohen kam.

»Wie läuft’s?« Barbara Cohen, mit knallrotem Haar, das ihr in krausen Locken fast bis zur Rückenmitte herabfiel, war beinahe einen Kopf größer als Jess und sah mit ihren langen, dünnen Beinen aus, als ginge sie auf Stelzen. Jess mochte noch so schlecht gelaunt sein, sie brauchte Barbara, ihre zweite Mitarbeiterin, nur anzusehen, und schon mußte sie lächeln, ob sie wollte oder nicht.

»Ich bemühe mich, die Ohren steifzuhalten.« Jess sah auf ihre Uhr, eine schlichte Timex mit einem schwarzen Lederband. »Hör mal, Barbara, ich möchte gern, daß du und Neil diese Drogensache, den Fall Alvarez, übernehmt, wenn es zum Prozeß kommt.«

Barbara Cohens Gesicht zeigte eine Mischung aus freudiger Erregung und Unsicherheit. »Ich dachte, das wolltest du selbst machen.«

»Ich kann nicht. Mir schlägt die Arbeit über dem Kopf zusammen. Außerdem schafft ihr beide das bestimmt. Ich bin ja hier, wenn ihr Hilfe brauchen solltet.«

Barbara Cohen bemühte sich ohne Erfolg, das Lächeln zurückzuhalten, das sich auf ihrem Gesicht ausbreitete und alle professionelle Nüchternheit verdrängte.

»Soll ich dir einen Kaffee holen?« fragte sie.

»Wenn ich noch mehr Kaffee trinke, muß ich nachher im Gerichtssaal alle fünf Minuten raus. Glaubst du, daß mir das bei den Geschworenen viel Sympathie einbringen würde?«

»Wohl kaum.« Barbara lachte.

Neil Strayhorn traf ein paar Minuten später mit der frohen Botschaft ein, daß er das Gefühl habe, er brüte eine Erkältung aus. Er setzte sich unverzüglich an seinen Schreibtisch. Jess konnte sehen, wie sich seine Lippen bewegten, während er lautlos den Text seiner Schlußbemerkung hersagte.

In den sie umgebenden Büros der Staatsanwaltschaft von Cook County wurde es langsam lebendig. Jess registrierte automatisch jede neue Ankunft, während in den Nachbarräumen Stühle gerückt, Schubladen geöffnet und geschlossen, Computer eingeschaltet wurden, während Faxgeräte zu summen begannen und Telefone läuteten. Ohne sich dessen bewußt zu sein, vermerkte sie das Eintreffen jeder der vier Sekretärinnen, die den achtzehn Anwälten dieser Abteilung zur Verfügung standen, erkannte, ohne sich zu bemühen, den schweren Schritt Tom Olinskys, ihres Abteilungsleiters, als er zu seinem Büro am Ende des langen Korridors ging.

»Jeden Tag werden in den Vereinigten Staaten 1871 Frauen vergewaltigt«, begann sie von neuem, in dem Bemühen, ihre Konzentration wiederzufinden.

Eine der Sekretärinnen, eine Schwarze, die ebensogut zwanzig wie vierzig hätte sein können, schaute zur Tür herein. Ihre langen tropfenförmigen roten Ohrringe fielen ihr fast bis auf die Schultern.

»Connie DeVuono ist hier«, sagte sie und trat einen Schritt zurück, als befürchte sie, Jess würde den nächstbesten Gegenstand nach ihr werfen.

»Was soll das heißen, sie ist hier?«

»Das heißt, sie steht draußen vor der Tür. Sie ist anscheinend einfach am Empfang vorbeimarschiert. Sie behauptet, sie müßte unbedingt mit Ihnen reden.«

Jess warf einen Blick auf ihren Terminkalender. »Wir sind erst für vier Uhr verabredet. Haben Sie ihr gesagt, daß ich in ein paar Minuten bei Gericht sein muß?«

»Ja. Sie läßt sich nicht abwimmeln. Sie ist sehr erregt.«

»Das ist nicht weiter verwunderlich«, sagte Jess bei dem Gedanken an die junge Witwe, die auf brutalste Weise von einem Mann geschlagen und vergewaltigt worden war, der ihr danach gedroht hatte, sie zu töten, falls sie gegen ihn aussagen sollte. Der Termin für die Verhandlung des Falls war noch zehn Tage entfernt. »Führen Sie sie doch bitte ins Besprechungszimmer, Sally. Ich komme sofort.«

»Soll ich mit ihr reden?« erbot sich Barbara.

»Nein, nein, ich mach das schon.«

»Was meinst du, kann das Ärger bedeuten?« fragte Neil Strayhorn, als Jess in den Korridor hinausging.

»Was sonst?«

Das Besprechungszimmer war ein kleiner, fensterloser Raum, in dem der lange braune Walnußtisch und die acht Stühle um ihn herum gerade Platz hatten. Die Wände hatten den gleichen mattweißen Anstrich wie die in den übrigen Räumen, der beigefarbene Teppich war alt und abgetreten.

Connie DeVuono stand gleich an der Tür. Sie schien geschrumpft zu sein, seit Jess sie das letzte Mal gesehen hatte, ihr schwarzer Mantel fiel weit und formlos um ihren Körper. Ihr Gesicht war so weiß, daß es einen grünlichen Schimmer zu haben schien, und die Haut unter ihren Augen war schlaff und runzlig, trauriges Indiz dafür, daß sie vermutlich seit Wochen nicht mehr richtig geschlafen hatte. Allein die dunklen Augen sprühten in einem Feuer zorniger Energie und ließen von der früheren Schönheit dieser Frau ahnen.

»Bitte entschuldigen Sie die Störung«, begann sie.

»Es ist einfach so, daß wir im Moment nicht viel Zeit haben«, sagte Jess gedämpft, aus Sorge, der Frau, die unter starker Spannung zu stehen schien, könnten beim ersten lauteren Wort die Nerven durchgehen. »Ich muß in einer halben Stunde bei Gericht sein.« Jess schob ihr einen der Stühle hin. Die Frau brauchte keine weitere Aufforderung. Als versagten ihr ihre Beine plötzlich den Dienst, ließ sie sich auf den Stuhl hinunterfallen. »Geht es Ihnen nicht gut? Möchten Sie vielleicht eine Tasse Kaffee? Oder ein Glas Wasser? Kommen Sie, geben Sie mir Ihren Mantel.«

Connie DeVuono winkte bei jedem der Vorschläge mit zitternden Händen ab. Jess bemerkte, daß ihre Fingernägel bis zum Fleisch hinunter abgeknabbert waren, die Nagelhaut an allen Fingern blutig gerissen war. »Ich kann nicht aussagen«, sagte sie. Ihre Stimme war so leise, daß sie kaum zu hören war, und sie wandte sich ab, als sie sprach.

Dennoch wirkten die Worte wie ein Schlag. »Was?« fragte Jess, obwohl sie genau verstanden hatte.

»Ich habe gesagt, ich kann nicht aussagen.«

Jess setzte sich auf einen der anderen Stühle und rückte so nahe an Connie DeVuono heran, daß ihre Knie sich berührten. Sie nahm die Hände der Frau, die eiskalt waren, und umschloß sie mit den ihren.

»Connie«, begann sie langsam, während sie versuchte, die kalten Hände zu wärmen, »unsere ganze Beweisführung steht und fällt mit Ihnen. Wenn Sie nicht aussagen, kommt der Mann, der Sie überfallen hat, ungeschoren davon.«

»Ich weiß. Es tut mir wirklich leid.«

»Es tut Ihnen leid?«

»Ich kann nicht aussagen. Ich kann nicht. Ich kann nicht.« Sie begann zu weinen.

Jess zog hastig ein Papiertuch aus der Tasche ihrer grauen Jacke und hielt es Connie hin, doch die ignorierte es. Ihr Weinen wurde lauter. Jess dachte an ihre Schwester, wie mühelos es ihr zu gelingen schien, ihre weinenden Säuglinge zu beruhigen und zu trösten. Jess besaß keine solchen Talente. Sie konnte nur hilflos dabeisitzen, ohne etwas zu tun.

»Ich weiß, daß ich Sie im Stich lasse«, sagte Connie DeVuono schluchzend. »Ich weiß, daß das für alle eine kalte Dusche ist…«

»Machen Sie sich unseretwegen keine Sorgen«, sagte Jess. »Sorgen Sie sich um sich selbst. Denken Sie daran, was dieses Ungeheuer Ihnen angetan hat.«

Connie DeVuono hob den Kopf und sah Jess mit zornigem Blick an. »Glauben Sie, das könnte ich je vergessen?«

»Dann müssen Sie dafür sorgen, daß er so etwas nie wieder tun kann.«

»Aber ich kann nicht aussagen! Ich kann es einfach nicht. Ich kann nicht.«

»Okay, okay, beruhigen Sie sich. Es ist ja gut. Weinen Sie sich erst mal aus.«

Jess lehnte sich an die harte Stuhllehne und versuchte sich in Connie hineinzuversetzen. Seit dem letzten Mal, als sie miteinander gesprochen hatten, war offensichtlich etwas geschehen. Bei jeder ihrer früheren Zusammenkünfte hatte sich Connie trotz aller Angst fest entschlossen gezeigt auszusagen. Sie war die Tochter italienischer Einwanderer und im unerschütterlichen Glauben ihrer Eltern an das amerikanische Rechtssystem aufgewachsen. Jess war von diesem festen Glauben sehr beeindruckt gewesen. Sie hielt es durchaus für möglich, daß er stärker war als ihr eigener, der nach vier Jahren bei der Staatsanwaltschaft doch etwas gelitten hatte.

»Ist etwas passiert?« fragte sie und beobachtete Connie scharf.

Connie hob den Kopf und straffte die Schultern. »Ich muß an meinen Sohn denken«, sagte sie mit Nachdruck. »Er ist erst acht. Sein Vater ist vor zwei Jahren an Krebs gestorben. Wenn mir jetzt auch noch etwas passiert, hat er keinen Menschen mehr.«

»Aber Ihnen wird nichts passieren.«

»Meine Mutter ist zu alt, um sich um ihn zu kümmern. Außerdem spricht sie sehr schlecht Englisch. Was soll denn aus Steffan werden, wenn ich sterbe? Wer soll sich um ihn kümmern? Sie vielleicht?«

Jess verstand, daß die Frage rhetorisch gemeint war, antwortete aber dennoch. »Mit Männern hab ich’s leider nicht besonders«, sagte sie leise, in der Hoffnung, Connie zum Lächeln zu bringen. Die bemühte sich, wie sie sah, aber ohne Erfolg. »Aber, Connie, wenn wir Rick Ferguson erst hinter Schloß und Riegel haben, kann Ihnen gar nichts mehr passieren.«

Connie DeVuono zitterte. »Es war schlimm genug für Steffan, daß er seinen Vater so früh verlieren mußte. Gibt es etwas Schlimmeres, als dann auch noch die Mutter zu verlieren?«

Jess spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen. Sie schüttelte den Kopf. Nein, es gab nichts Schlimmeres.

»Connie«, begann sie und war selbst überrascht, als sie das Zittern in ihrer Stimme wahrnahm. »Glauben Sie mir, ich verstehe Sie. Ich kann mir vorstellen, wie Ihnen zumute ist. Aber wie kommen Sie auf den Gedanken, Sie seien sicher, wenn Sie nicht aussagen? Rick Ferguson ist schon einmal in Ihre Wohnung eingebrochen. Er hat Sie so brutal zusammengeschlagen, daß Sie einen ganzen Monat lang kaum die Augen öffnen konnten. Er wußte nicht, daß Ihr Sohn nicht zu Hause war. Das war ihm völlig gleichgültig. Wieso glauben Sie, daß er es nicht wieder versuchen wird? Besonders wenn er weiß, daß er nichts zu fürchten hat, weil Sie zu große Angst haben, um ihm das Handwerk zu legen. Wieso glauben Sie, daß er nicht das nächste Mal auch Ihren Sohn mißhandeln wird?«

»Das wird er nicht tun, wenn ich nicht aussage.«

»Aber das wissen Sie doch gar nicht.«

»Ich weiß nur, daß er gesagt hat, er würde mich umbringen, ehe ich aussagen könnte.«

»Aber damit hat er Ihnen doch schon vor Monaten gedroht, und das hat Sie nicht von Ihrem Entschluß abbringen können.« Einen Moment war es still. »Was ist passiert, Connie? Wovor haben Sie Angst? Hat er irgendwie mit Ihnen Kontakt aufgenommen? Wenn das der Fall ist, können wir seine Freilassung auf Kaution aufheben lassen —«

»Sie können gar nichts tun.«

»Wir können eine ganze Menge tun.«

Connie DeVuono griff in ihre große schwarze Ledertasche und entnahm ihr eine kleine weiße Schachtel.

»Was ist das?«

Ohne ein Wort zu sagen reichte Connie Jess die Schachtel. Jess öffnete sie und zog vorsichtig die Schichten von Seidenpapier weg, unter denen sie etwas Kleines, Hartes spürte.

»Das Kästchen stand vor meiner Tür, als ich sie heute morgen aufmachte«, sagte Connie, während sie zusah, wie Jess das letzte Papier wegzog.

Jess drehte sich der Magen um. Der Schildkröte, die leblos und nackt in ihren Händen lag, fehlten der Kopf und zwei Beine.

»Sie hat Steffan gehört«, sagte Connie tonlos. »Als wir vor ein paar Tagen abends nach Hause kamen, war sie nicht in ihrem Glas. Wir konnten nicht begreifen, wie sie da herausgekommen sein sollte. Wir haben sie überall gesucht.«

Jess begriff augenblicklich Connies Entsetzen. Vor drei Monaten war Rick Ferguson in ihre Wohnung eingebrochen, hatte sie geschlagen und vergewaltigt und ihr dann mit dem Tod gedroht. Jetzt wollte er ihr offenbar zeigen, daß es ihm ein leichtes sein würde, seine Drohungen wahrzumachen. Wiederum hatte er sich Zugang zu ihrer Wohnung verschafft, so mühelos, als hätte man ihm den Schlüssel gegeben. Er hatte das Haustier ihres Kindes getötet und verstümmelt. Niemand hatte ihn beobachtet. Niemand hatte ihn daran gehindert.

Jess hüllte die tote Schildkröte wieder in ihren Kokon aus Seidenpapier und legte sie zurück in ihren kleinen Sarg.

»Ich hab zwar wenig Hoffnung, daß uns das etwas bringen wird, aber ich möchte das doch mal im Labor untersuchen lassen.« Sie ging zur Tür und winkte Sally. »Würden Sie mir das bitte ins Labor bringen lassen.«

Sally nahm das Kästchen so vorsichtig entgegen, als hätte sie es mit einer Giftschlange zu tun.

Plötzlich sprang Connie auf. »Sie wissen doch so gut wie ich, daß Sie es nicht schaffen werden, da eine Verbindung zu Rick Ferguson herzustellen. Man kann ihm nichts nachweisen. Man kann ihm nie etwas nachweisen. Er kann sich alles erlauben.«

»Nur wenn Sie es zulassen.« Jess kehrte zu Connie zurück.

»Was hab ich denn für eine Wahl?«

»Sie haben eine Wahl«, entgegnete Jess, die wußte, daß ihr nur wenige Minuten blieben, um Connie umzustimmen. »Sie können sich weigern auszusagen und auf diese Weise dafür sorgen, daß Rick Ferguson ungestraft davonkommt und für das, was er Ihnen angetan hat, was er Ihnen noch immer antut, niemals zur Rechenschaft gezogen werden wird.« Sie machte eine Pause, um ihre Worte wirken zu lassen. »Oder Sie können vor Gericht gehen und dafür sorgen, daß dieser Mensch bekommt, was er verdient, und für lange Zeit ins Zuchthaus wandert, wo er niemandem mehr etwas antun kann.« Sie sah den Schimmer der Unschlüssigkeit in Connies Augen und wartete einen Augenblick. »Machen Sie sich nichts vor, Connie. Wenn Sie nicht gegen Rick Ferguson aussagen, helfen Sie niemandem, am wenigsten sich selbst. Sie geben ihm nur die Erlaubnis, es wieder zu tun.«

Die Worte hingen zwischen ihnen im Raum wie Wäsche, die jemand vergessen hatte von der Leine zu nehmen. Jess wartete mit angehaltenem Atem. Sie sah, daß sie Connie schwankend gemacht hatte, und wollte jetzt auf keinen Fall etwas sagen oder tun, was sie womöglich veranlassen würde, einen Rückzieher zu machen. Doch sie hatte schon die nächste Ansprache auf der Zunge. Es gibt die bequeme Tour, begann sie, oder es gibt die harte Tour. Die bequeme Tour ist, wenn Sie sich bereit erklären auszusagen wie vereinbart. Die harte Tour ist, wenn ich Sie zur Aussage zwingen muß. Ich erwirke einen Haftbefehl gegen Sie, zwinge Sie, vor Gericht zu erscheinen und als Zeugin auszusagen. Wenn Sie sich dann immer noch weigern, eine Aussage zu machen, wird der Richter Ihnen Mißachtung des Gerichts vorwerfen und Sie in Beugehaft nehmen. Wäre das nicht wirklich bitter — statt des Mannes, der Sie überfallen hat, Sie selbst hinter Gittern?

Jess wartete. Sie war entschlossen, diese Worte zu gebrauchen, wenn es sein mußte, aber im stillen betete sie darum, sie könnten ungesagt bleiben.

»Kommen Sie, Connie«, sagte sie schließlich, einen letzten Versuch machend. »Sie sind doch eine Kämpfernatur. Nach dem Tod Ihres Mannes haben Sie nicht klein beigegeben; im Gegenteil, Sie sind auf die Abendschule gegangen und haben sich eine Stellung gesucht, um für Ihren Sohn sorgen zu können. Sie sind eine Kämpfernatur, Connie. Lassen Sie sich das nicht von Rick Ferguson rauben. Schlagen Sie zurück!«

Connie sagte nichts, doch ihre Haltung wurde ein wenig aufrechter, ihre Schultern strafften sich. Schließlich nickte sie.

Jess drückte ihr die Hände. »Sie sagen aus?«

Connies Stimme war nur ein Flüstern. »Ja. Mit Gottes Hilfe.«

»Uns ist jede Hilfe willkommen.« Jess warf einen raschen Blick auf ihre Uhr und stand auf. »Kommen Sie, ich bringe Sie hinaus.«

Neil und Barbara waren bereits gegangen, um pünktlich zur Verhandlung zu kommen. Jess führte Connie durch den Korridor, an der Wand mit der langen Reihe voll abgeschnittener Krawatten vorbei, von denen jede den ersten Sieg eines Staatsanwalts vor einem Geschworenengericht symbolisierte. Die Gänge waren mit Blick auf Halloween schon mit großen orangefarbenen Papierkürbissen und Papphexen, die auf ihren Besen die Wände entlangritten, dekoriert. Wie in einem Kindergarten, dachte Jess, nahm nickend Greg Olivers gute Wünsche entgegen und ging weiter durch die Empfangshalle zu den Aufzügen draußen vor der Glastür. Durch das große Fenster am hinteren Ende der Vorhalle konnte man die ganze West- und Nordwestseite der Stadt sehen. An einem schönen Tag konnte man sogar ganz leicht den O’Hare-Flughafen ausmachen.

Die Frauen sprachen nichts, während der Aufzug sie nach unten trug. Alles Wichtige war bereits gesagt. Im Erdgeschoß verließen sie den Aufzug und bogen um die Ecke, auf dem Weg zu der verglasten Passage, die das Administration Building mit dem anschließenden Gerichtsgebäude verband.

»Wo haben Sie geparkt?« fragte Jess, die Connie noch hinausbringen wollte.

»Ich bin mit dem Bus gekommen«, begann Connie DeVuono. Sie brach plötzlich ab und drückte die Hand auf den Mund. »O Gott!«

»Was denn? Was ist los?« Jess folgte mit den Augen dem entsetzten Blick der Frau.

Der Mann stand am gegenüberliegenden Ende des Korridors, lässig an die kalte Glaswand gelehnt. Die Haltung seines schlaksigen mageren Körpers hatte etwas Bedrohliches. Sein Gesicht war teilweise von den langen ungekämmten Strähnen dunkelblonden Haars verdeckt, die auf den Kragen seiner braunen Lederjacke herabfielen. Als er sich langsam herumdrehte, um sie zu grüßen, sah Jess, wie sein Mund sich zu dem gleichen beklemmenden Lächeln verzog, mit dem er an diesem Morgen auf sie gewartet hatte.

Ich bin der Tod, sagte es.

Jess fröstelte unwillkürlich und versuchte dann so zu tun, als käme es von dem kalten Windstoß, der durch die Drehtür ins Foyer fegte.

Rick Ferguson.

»Ich möchte, daß Sie ein Taxi nehmen, Connie«, sagte sie auf dem Weg zur California Avenue hinaus, wo gerade eines vorgefahren war und jemanden absetzte. Sie drückte Connie zehn Dollar in die Hand. »Ich kümmere mich schon um Rick Ferguson.«

Connie sagte nichts. Es war, als hätte sie ihre ganze Energie bei dem Gespräch mit Jess verbraucht und hätte jetzt keine Kraft mehr zu widersprechen. Die Zehn-Dollar-Note in der zur Faust geballten Hand, ließ sie sich von Jess in das Taxi schieben und warf keinen Blick zurück, als der Wagen anfuhr. Jess blieb noch einen Moment auf dem Bürgersteig stehen und versuchte innerlich zur Ruhe zu kommen, dann machte sie kehrt und ging durch die Drehtür wieder ins Gebäude.

Er hatte sich nicht von der Stelle gerührt.

Durch den langen Flur ging Jess auf ihn zu. Die Absätze ihrer schwarzen Pumps klapperten auf dem harten Granitboden. Mit jedem Schritt, den sie machte, bekam sie seine Gesichtszüge schärfer in den Blick. Die vage Drohung, die von ihm ausging — ein junger Weißer Anfang Zwanzig, vielleicht einen Meter fünfundsiebzig groß, fünfundsiebzig Kilo schwer, blondes Haar, braune Augen —, wurde konkreter, persönlicher — leicht nach vorn gebeugte Schultern, ungepflegtes langes Haar, stechende Augen unter schweren Lidern, eine mehrmals gebrochene Nase, die niemals richtig behandelt worden war, und immer dasselbe schreckliche Lächeln.

»Ich verbiete Ihnen, sich Mrs. DeVuono zu nähern«, sagte Jess mit scharfer Stimme, als sie ihn erreichte, und fuhr zu sprechen fort, ehe er sie unterbrechen konnte. »Wenn Sie sich noch einmal in ihrer Nähe blicken lassen, und sei es nur rein zufällig, wenn Sie versuchen sollten, mit ihr zu sprechen oder auf andere Weise mit ihr Verbindung aufzunehmen, wenn Sie es noch einmal wagen sollten, ihr so ein grausiges kleines Geschenk vor die Tür zu legen, lasse ich Ihre Haftverschonung aufheben. Dann finden Sie Ihren Arsch im Knast wieder. Haben Sie mich verstanden?«

»Wissen Sie eigentlich«, sagte er sehr lässig und ohne Eile, so als befände er sich mitten in einem ganz anderen Gespräch, »daß es keine gute Idee ist, mir auf die Zehen zu treten.«

Jess hätte beinahe gelacht. »Was soll das heißen?«

Rick Ferguson verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen, zuckte die Achseln, machte ein gelangweiltes Gesicht. Er sah sich um, kratzte sich bedächtig an der Nase. »Na ja, Leute, die mir in die Quere kommen, neigen dazu… zu verschwinden.«

Jess wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Ein eisiger Schauder durchfuhr sie und schien sich in ihrem Magen festzusetzen. Einen Moment wurde ihr so übel, daß sie sich beinahe übergeben hätte. Als sie sprach, klang ihre Stimme dumpf und tonlos.

»Wollen Sie mir drohen?«

Rick Ferguson stieß sich von der Wand ab. Sein Lächeln wurde breiter. Ich bin der Tod, sagte das Lächeln. Ich bin gekommen, dich zu holen.

Dann ging er davon, ohne sich noch einmal umzusehen.

2

»Jeden Tag werden in den Vereinigten Staaten 1871 Frauen vergewaltigt«, begann Jess. Ihr Blick glitt langsam über die sechs Männer und sechs Frauen hin, die in zwei Reihen in der Geschworenenbank im Gerichtssaal 706 des State Court House in der California Avenue saßen. »Das heißt, daß etwa alle 46 Sekunden eine erwachsene Frau vergewaltigt wird, was sich im Laufe eines Jahres zu 683000 Vergewaltigungen summiert.« Sie machte eine kurze Pause, um die ungeheuerliche Zahl wirken zu lassen. »Manche Frauen werden auf der Straße überfallen; andere in der eigenen Wohnung. Manchen wird von dem viel zitierten Wildfremden in einer dunklen Gasse Gewalt angetan, weit häufiger jedoch werden Frauen von Menschen vergewaltigt, die sie kennen: von einem wütenden abgewiesenen Verehrer, einem Freund, dem sie vertraut haben, einem Bekannten. Vielleicht, wie Erica Barnowski«, sagte sie, mit dem Kopf auf die Klägerin deutend, »von einem Mann, den sie in einer Bar kennengelernt haben. Es trifft Frauen jeden Alters und jeder Hautfarbe, jeder Konfession und jeder Bildungsstufe. Das einzige, was sie alle gemeinsam haben, ist ihr Geschlecht. Es geht also um Sexualität, sollte man meinen, aber so ist es nicht. Bei der Vergewaltigung geht es nicht um Sexualität. Vergewaltigung ist ein Gewaltverbrechen. Da geht es nicht um Leidenschaft, nicht einmal um Lust. Es geht um Macht. Es geht um Herrschaft und Unterdrückung. Um Erniedrigung. Um das Zufügen von Schmerz. Die Vergewaltigung ist ein Akt der Wut, ein Akt des Hasses. Mit Sexualität hat sie nichts zu tun. Die Sexualität benutzt sie nur als Waffe.«

Jess sah sich in dem ehrwürdigen alten Gerichtssaal um, ließ ihren Blick zur hohen Decke und den hohen Fenstern schweifen, über die dunkle Holztäfelung an den Wänden, die schwarze Marmorumrandung der großen Flügeltüren. Rechts vom Richter verbot über einer Tür ein Schild alle Besucher im Gerichtssaal und Zellentrakt. Linker Hand verkündete ein zweites Schild: »Ruhe! Rauchen, Essen, das Mitbringen von Kindern verboten!«

Der Zuschauerraum mit den acht Sitzreihen, deren Holz von Graffiti zerkratzt war, hatte einen alten schwarz-weißen Fliesenboden. Genau wie im Film, dachte Jess, froh und dankbar, daß sie seit achtzehn Monaten der Kammer von Richter Harris zugeteilt war und nicht einer der anderen Kammern, zu denen die kleineren, neueren Säle in den unteren Stockwerken gehörten.

»Die Verteidigung möchte Sie etwas anderes glauben machen«, fuhr Jess fort und nahm ganz bewußt mit jedem einzelnen Geschworenen Blickkontakt auf, ehe sie ihre Aufmerksamkeit langsam auf den Angeklagten richtete. Douglas Phillips, weißer Mittelstand, ein Durchschnittstyp, recht ehrbar aussehend in seinem dunkelblauen Anzug mit der gedeckten Paisley-Krawatte, verzog beleidigt den Mund, ehe er den Blick zu Boden senkte. »Die Verteidigung möchte Sie glauben machen, daß das, was sich zwischen Douglas Phillips und Erica Barnowski abspielte, ein Geschlechtsakt war, der mit dem Einverständnis der Klägerin vollzogen wurde. Die Verteidigung hat Ihnen berichtet, daß Douglas Phillips Erica Barnowski am Abend des dreizehnten Mai 1992 in der Singles-Bar Red Rooster kennenlernte und sie zu mehreren Drinks einlud. Wir haben mehrere Zeugen gehört, die aussagten, die beiden zusammen gesehen zu haben, trinkend und lachend, wie sie sagten, und die unter Eid bezeugt haben, daß Erica Barnowski aus freien Stücken und ganz ohne Zwang die Bar gemeinsam mit Douglas Phillips verließ. Erica Barnowski selbst hat das bei ihrer Vernehmung zugegeben.

Aber die Verteidigung möchte Sie nun weiter glauben machen, daß das, was sich zwischen den beiden zutrug, nachdem sie die Bar verlassen hatten, ein Akt überwältigender Leidenschaft zwischen zwei erwachsenen Menschen war. Douglas Phillips behauptet, die Blutergüsse an Armen und Beinen der Klägerin seien die bedauerlichen Nebenwirkungen des Geschlechtsverkehrs in einem kleinen Auto europäischer Herkunft. Die nachfolgende Hysterie des Opfers, die von mehreren Leuten auf dem Parkplatz wahrgenommen und später von Dr. Robert Ives im Grant Hospital beobachtet wurde, tut er schlicht als Tobsuchtsanfall einer Frau ab, der es nicht paßte, nach Gebrauch weggeworfen zu werden wie — in seinen einfühlsamen Worten — ›ein benutztes Kleenex‹.«

Jess konzentrierte jetzt ihre ganze Aufmerksamkeit auf Erica Barnowski, die neben Neil Strayhorn am Tisch der Staatsanwaltschaft saß, der Geschworenenbank direkt gegenüber. Erica Barnowski war siebenundzwanzig Jahre alt, sie war sehr blaß und sehr blond und saß völlig unbewegt in dem braunen Ledersessel mit der hohen Lehne. Nur ihre Unterlippe bewegte sich, sie hatte während des ganzen Prozesses unaufhörlich gezittert, so daß ihre Zeugenaussage bisweilen beinahe unverständlich gewesen war. Dennoch hatte die Frau kaum etwas Weiches an sich. Das Haar war zu gelb, die Augen waren zu klein, die Bluse zu blau, zu billig. Sie hatte nichts Mitleiderregendes an sich, nichts, das war Jess klar, was den Geschworenen automatisch ans Herz gegangen wäre.

»Die Schnitte an der Kehle der Klägerin zu erklären, bereitete ihm etwas mehr Mühe«, fuhr Jess fort. »Er habe sie nicht verletzen wollen, behauptet er jetzt. Es sei ja nur ein kleines Messer gewesen, gerade einmal zehn Zentimeter lang. Und er habe es ja nur zum Spaß herausgezogen. Er habe den Eindruck gehabt, daß es sie errege, hat er Ihnen erzählt. Er glaubte, ihr gefiele das. Woher hätte er wissen sollen, daß es ihr nicht gefiel? Woher hätte er wissen sollen, daß sie nicht das gleiche wollte wie er? Woher hätte er wissen sollen, was sie wollte? War sie nicht schließlich in die Kneipe gekommen, weil sie einen Mann suchte? Hatte sie sich nicht von ihm einladen lassen? Hatte sie nicht über seine Witze gelacht und sich von ihm küssen lassen? Und vergessen Sie nicht, meine Damen und Herren, sie hatte keinen Schlüpfer an!«

Jess holte einmal tief Atem und richtete ihren Blick wieder auf die Geschworenen, die ihr jetzt mit gespannter Aufmerksamkeit zuhörten.

»Die Verteidigung hat die Tatsache, daß Erica Barnowski keine Unterwäsche trug, als sie an jenem Abend in das Red Rooster ging, ungeheuer hochgespielt. Eine eindeutige Aufforderung, möchte sie Sie glauben machen. Stillschweigendes Einverständnis. Einer Frau, die ohne Höschen in eine Aufreißerkneipe geht, geschieht nur recht, wenn ihr das Schlimmste widerfährt. Erica Barnowski wollte etwas erleben, behauptet die Verteidigung, und der Wunsch ist ihr erfüllt worden. Na schön, kann sein, daß das Erlebnis ein bißchen krasser war, als sie es sich vorgestellt hatte, aber hey, das hätte sie doch besser wissen müssen.

Gut, vielleicht hätte sie es tatsächlich besser wissen müssen. Vielleicht war es wirklich nicht sehr klug von Erica Barnowski, in eine Kneipe wie das Red Rooster zu gehen und ihren Schlüpfer zu Hause zu lassen. Aber glauben Sie doch bitte ja nicht, daß mangelnde Klugheit des einen einem anderen das Recht gibt, seine Menschenwürde mit Füßen zu treten. Glauben Sie ja nicht, daß Douglas Phillips die Signale mißverstanden hat. Lassen Sie sich nicht einreden, daß dieser Mann, der von Berufs wegen Computer repariert, der keinerlei Schwierigkeiten hat, komplizierte Softwareterminologie zu dechiffrieren, unfähig ist, zwischen einem einfachen Ja und Nein zu unterscheiden. Was an einem Nein ist für einen erwachsenen Mann so schwer zu verstehen? Nein heißt schlicht und einfach Nein!

Und Erica Barnowski hat an jenem Abend laut und deutlich Nein gesagt, meine Damen und Herren. Sie hat Nein nicht nur gesagt, sondern sie hat Nein geschrien. Sie hat es so laut und so oft geschrien, daß Douglas Phillips ihr ein Messer an die Kehle halten mußte, um sie zum Schweigen zu bringen.«

Jess merkte plötzlich, daß sie ihre Worte insbesondere an eine Geschworene richtete, die in der zweiten Reihe saß, eine Frau Ende Fünfzig mit kastanienbraunem Haar und kräftigen, dennoch seltsam zarten Zügen. Es war etwas am Gesicht dieser Frau, das sie faszinierte. Sie war schon zu Beginn des Prozesses auf sie aufmerksam geworden und hatte sich bereits früher gelegentlich dabei ertappt, daß sie das Wort beinahe ausschließlich an sie richtete. Vielleicht lag es an der Intelligenz, die sich in den weichen grauen Augen spiegelte. Vielleicht lag es an der Art, wie sie den Kopf leicht zur Seite zu neigen pflegte, wenn sie sich bemühte, einen schwierigen Punkt zu erfassen. Vielleicht lag es auch einfach an der Tatsache, daß sie besser gekleidet war als die meisten anderen Geschworenen, von denen mehrere Bluejeans anhatten und billige, schlecht sitzende Pullover. Oder vielleicht lag es daran, daß Jess das Gefühl hatte, zu dieser Frau durchzudringen, und hoffte, über sie auch die anderen zu erreichen.

»Es liegt mir fern zu behaupten, ich würde mich auskennen, was Männer angeht«, fuhr Jess fort und hörte das Lachen ihrer inneren Stimme, »aber es fällt mir ausgesprochen schwer zu glauben, daß ein Mann, der einer Frau ein Messer an die Halsschlagader halten muß, ehrlich davon überzeugt ist, sie wolle mit ihm schlafen.« Jess machte eine Pause und sprach ihre nächsten Worte mit sorgfältiger Betonung. »Ich behaupte hingegen, daß selbst in unserem angeblich so aufgeklärten Zeitalter die doppelte Moral blüht und gedeiht, jedenfalls hier, in Cook County. Der beste Beweis dafür ist das Bemühen der Verteidigung, Ihnen einzureden, daß Erica Barnowskis Versäumnis, an jenem Abend Unterwäsche zu tragen, weit verwerflicher sei als die Tatsache, daß Douglas Phillips ihr ein Messer an die Kehle hielt.«

Wieder ließ Jess ihren Blick langsam von einem Geschworenen zum anderen wandern. »Douglas Phillips«, fuhr sie dann fort, »behauptet, er habe geglaubt, Erica Barnowski sei einverstanden und wolle den Geschlechtsverkehr genau wie er. Aber ist es nicht Zeit, daß wir aufhören, die Vergewaltigung aus der Perspektive des Täters zu sehen? Ist es nicht Zeit, daß wir aufhören zu akzeptieren, was Männer glauben, und endlich anfangen, auf das zu hören, was Frauen sagen? Einvernehmen ist keine einseitige Sache, meine Damen und Herren. Einvernehmen erfordert beiderseitige Zustimmung. Das, was am Abend des dreizehnten Mai zwischen Erica Barnowski und Douglas Phillips geschah, geschah entschieden nicht in beiderseitigem Einvernehmen.

Erica Barnowski mag einer Fehleinschätzung der Lage schuldig sein«, sagte Jess abschließend. »Douglas Phillips ist der Vergewaltigung schuldig.«

Sie kehrte an ihren Platz zurück und tätschelte Erica Barnowski flüchtig die überraschend warmen Hände. Die junge Frau dankte ihr mit einem kurzen Lächeln.

»Gut gemacht«, flüsterte Neil Strayhorn.

Vom Verteidigungstisch kam kein solches Lob; dort saßen Douglas Phillips und seine Anwältin, Rosemary Michaud, kerzengerade, den Blick starr geradeaus gerichtet.

Rosemary Michaud war fünf Jahre älter als Jess, hätte aber ihrem Aussehen nach gut um das Doppelte älter sein können. Sie trug das dunkelbraune Haar in einem strengen Knoten, und wenn sie geschminkt war, dann so dezent, daß es nicht zu bemerken war. Jess fühlte sich jedesmal, wenn sie sie sah, an das Stereotyp der alten Jungfer erinnert, obwohl diese alte Jungfer dreimal verheiratet gewesen war und derzeit, so wurde gemunkelt, eine Affäre mit einem hohen Polizeibeamten hatte. Aber wie im Leben, so zählte im Gerichtssaal weniger das, was war, als das, was wahrgenommen wurde. Image war alles, wie in der Werbung behauptet wurde. Und Rosemary Michaud, in ihrem konservativen blauen Kostüm, mit dem ungeschminkten Gesicht und der schlichten Frisur, vermittelte genau das Bild einer Frau, die einen Mann, den sie einer so niedrigen Tat wie einer Vergewaltigung für schuldig hielt, niemals verteidigen würde. Es war von Douglas Phillips ein kluger Schachzug gewesen, ihr seine Verteidigung anzuvertrauen.

Rosemary Michauds Motive, Douglas Phillips’ Mandat zu übernehmen, waren schwerer zu ergründen, wobei Jess natürlich völlig klar war, daß es nicht Aufgabe des Anwalts war, Schuld oder Unschuld festzustellen. Dafür gab es die Geschworenen. Wie oft hatte sie das Argument gehört, hatte sie selbst das Argument vorgebracht, daß die Justiz einpacken könnte, wenn Anwälte begännen, sich als Richter und Geschworene aufzuspielen. Es war schließlich von der Unschuldsvermutung auszugehen; jeder hatte ein Recht auf bestmögliche Verteidigung.

Richter Earl Harris räusperte sich zum Zeichen, daß er sich anschickte, die Geschworenen zu belehren. Er war ein gutaussehender Mann Ende Sechzig, ein Schwarzer mit bronzebrauner Haut und krausem grauen Haar. Die Güte seines Gesichts, der weiche Glanz seiner dunklen Augen betonten die Ernsthaftigkeit seines Engagements für Recht und Gerechtigkeit.

»Meine Damen und Herren Geschworenen«, begann er und schaffte es irgendwie, selbst diese Worte frisch und lebendig klingen zu lassen, »ich möchte Ihnen für die Aufmerksamkeit und den Respekt danken, die Sie diesem Gericht in den vergangenen Tagen gezeigt haben. Fälle wie dieser sind niemals einfach zu behandeln. Die Emotionen schlagen da hohe Wellen. Aber Ihre Pflicht als Geschworene ist es, Ihre Emotionen auszuklammern und sich einzig auf die Fakten zu konzentrieren.«

Jess konzentrierte sich weniger auf die Worte des Richters als auf die Reaktion der Geschworenen auf sie. Alle saßen sie vorgebeugt auf ihren braunen Lederstühlen und hörten aufmerksam zu.

Welcher Auffassung würden sie sich anschließen, fragte sie sich, wohl wissend, wie schwierig es war, die Reaktionen der Geschworenen zu deuten, ihre Entscheidungen vorauszusagen. Als sie vor vier Jahren bei der Staatsanwaltschaft angefangen hatte, hatte sie kaum glauben können, daß sie sich in ihren Beurteilungen so oft und so gründlich irren konnte.

Die Geschworene mit den intelligenten Augen hustete hinter vorgehaltener Hand. Jess wußte, daß in Vergewaltigungsprozessen die Frauen unter den Geschworenen oft schwerer zu überzeugen waren als die Männer. Dahinter steckte wahrscheinlich ein Verleugnungsmechanismus. Wenn die Frauen sich einreden konnten, daß das Opfer das, was geschehen war, selbst verschuldet hatte, konnten sie sich beruhigt sagen, daß ihnen selbst niemals etwas Ähnliches widerfahren würde. Sie würden schließlich niemals so leichtsinnig sein, nach Einbruch der Dunkelheit allein durch den Park zu gehen, sich von einem flüchtigen Bekannten im Auto mitnehmen zu lassen, sich in einer Bar von einem Fremden ansprechen zu lassen, ohne Schlüpfer herumzulaufen. Nein, dazu waren sie zu klug. Sich der Gefahren allzusehr bewußt. Sie würden niemals vergewaltigt werden. Sie würden sich ganz einfach niemals in eine so riskante Situation begeben.

Die Geschworene wurde auf Jess’ forschend auf sie gerichteten Blick aufmerksam und wandte sich verlegen ab. Sie straffte ihre Schultern und stand kurz von ihrem Sitz auf, ehe sie es sich wieder bequem machte und ihren Blick auf den Richter konzentrierte. Im Profil wirkte die Frau imposanter, ihre Nase wirkte schärfer, die einzelnen Gesichtszüge stärker ausgeprägt. Sie hatte etwas Vertrautes, das Jess vorher nicht aufgefallen war; die Art, wie sie sich hin und wieder mit einem Finger leicht auf die Lippen klopfte; die Wölbung ihres Nackens, wenn sie sich bei gewissen Schlüsselsätzen vorbeugte, die schräge Fläche ihrer Stirn; die schmalen Augenbrauen. Jess wurde sich plötzlich bewußt, daß die Frau sie an jemanden erinnerte, und sofort versuchte sie, die Gedanken auszublenden, die sich formen wollten, versuchte, das Bild zu verbannen, das sich entfalten wollte. Nein, kommt nicht in Frage, dachte Jess, während ihr Blick gehetzt durch den Gerichtssaal flog und sie in Armen und Beinen das gefürchtete Kribbeln spürte. Sie kämpfte gegen den Impuls zu fliehen.

Beruhige dich doch, fuhr sie sich im stillen ungeduldig an, als sie fühlte, wie es ihr den Atem abschnürte, ihre Hände klamm wurden, ihre Unterarme feucht. Warum gerade jetzt? fragte sie sich, während sie gegen die wachsende Panik kämpfte und versuchte, sich zur Ruhe zu zwingen. Warum geschah ihr das gerade jetzt?

Sie zwang sich, wieder die Geschworene anzusehen, die vorgebeugt in ihrem Sessel saß. Als spürte sie Jess’ neuerliches Interesse und sei fest entschlossen, sich davon nicht einschüchtern zu lassen, drehte die Frau sich halb herum und sah ihr direkt in die Augen.

Jess wich dem Blick der Frau nicht aus, sondern erwiderte ihn, bis die Frau wegsah. Dann schloß sie voller Erleichterung die Augen. Was hatte sie da nur gesehen? Sie spürte, wie die Muskeln in ihrem Rücken sich entspannten. Wodurch konnte eine solche Assoziation ausgelöst worden sein? Die Frau besaß keinerlei Ähnlichkeit mit irgend jemand, den sie kannte oder je gekannt hatte. Ganz gewiß nicht mit der Frau, die sie flüchtig in ihr zu sehen gemeint hatte. Jess fand sich töricht und schämte sich ein wenig.

Nein, da war nicht einmal die entfernteste Ähnlichkeit mit ihrer Mutter.

Jess senkte den Kopf, so daß ihr Kinn beinahe im Kragen ihrer Bluse verschwand. Acht Jahre waren vergangen, seit ihre Mutter verschwunden war. Acht Jahre, seit ihre Mutter aus dem Haus gegangen war, um einen Arzttermin einzuhalten, und nie wieder gesehen worden war. Acht Jahre, seit die Polizei die Suche nach ihr mit der Begründung aufgegeben hatte, sie sei vermutlich das Opfer eines Verbrechens geworden.

In den ersten Tagen, Monaten, selbst Jahren nach dem Verschwinden ihrer Mutter hatte Jess oft geglaubt, ihr Gesicht irgendwo in einer Menge gesehen zu haben. Es geschah immerzu: Sie war im Supermarkt und sah plötzlich ihre Mutter, die einen überquellenden Einkaufswagen den Nachbargang hinunterschob; sie war bei einem Baseballspiel und hörte plötzlich die Stimme ihrer Mutter, die, drüben auf der anderen Seite des Wrigley Field sitzend, die Chicago Cubs anfeuerte. Ihre Mutter war die Frau hinter der Zeitung hinten im Bus; die Frau vorn im Taxi, das in der entgegengesetzten Richtung fuhr, die Frau, die mit ihrem Hund unten am Seeufer um die Wette joggte.

Im Laufe der Jahre waren diese Erscheinungen seltener geworden. Aber lange Zeit hatte Jess unter Alpträumen und Angstanfällen gelitten, die sie ganz plötzlich, wie aus heiterem Himmel zu packen pflegten, so bösartig und gewaltsam, daß sie sie allen Gefühls in ihren Gliedern, aller Kraft in ihren Muskeln beraubten. Im allgemeinen begannen sie mit einem leichten Kribbeln in Armen und Beinen und entwickelten sich dann zu einer richtiggehenden Lähmung, die von Wellen von Übelkeit begleitet wurde. Und wenn sie vorüber waren — manchmal nach Minuten, manchmal erst nach Stunden —, war sie völlig erschöpft, ausgelaugt, ein in Schweiß gebadetes Häufchen Elend.

Ganz langsam und unter Mühen, wie jemand, der nach einem Schlaganfall das Laufen wieder lernt, hatte Jess ihr inneres Gleichgewicht, ihr Selbstvertrauen, ihre Selbstachtung wiedergewonnen. Sie erwartete nicht mehr, daß ihre Mutter plötzlich zur Tür hereinkommen würde; fuhr nicht mehr jedesmal zusammen, wenn das Telefon läutete, weil sie erwartete, die Stimme am anderen Ende würde die ihrer Mutter sein. Die Alpträume hatten aufgehört. Sie hatte keine Panikattacken mehr. Jess hatte sich geschworen, sich nie wieder in solchem Maß auszuliefern.

Und nun hatte das vertraute, gefürchtete Kribbeln von neuem ihre Glieder befallen.

Warum gerade jetzt? Warum gerade heute?

Sie wußte, warum.

Rick Ferguson.

Jess beobachtete, wie er die Tür zu ihrem Gedächtnis aufstieß; sein grausames Lächeln umfing sie wie eine Schlinge um ihren Hals. »Es ist keine gute Idee, mir auf die Zehen zu treten«, hörte sie ihn sagen; seine Stimme klang belegt, seine Hände ballten sich zu Fäusten. »Leute, die mir in die Quere kommen, neigen dazu… zu verschwinden.«

Verschwinden.

Wie ihre Mutter.

Jess versuchte, sich zu sammeln, ihre ganze Aufmerksamkeit auf das zu richten, was Richter Harris sagte. Aber Rick Ferguson schob sich immer wieder zwischen sie und den Richter, und seine braunen Augen reizten sie mit höhnischem Blick, ihn doch nur herauszufordern.

Was ist das nur zwischen mir und Männern mit braunen Augen? fragte sich Jess, die plötzlich eine Collage aus braunäugigen Männergesichtern vor sich sah: Rick Ferguson, Greg Oliver, ihr Vater, ihr geschiedener Mann.

Das Bild ihres geschiedenen Mannes drängte die anderen Gesichter rasch in den Hintergrund. Wie typisch für Don, dachte sie, selbst wenn er nicht da war, so dominant zu sein, daß niemand neben ihm Platz hatte. Er war, elf Jahre älter als sie, ihr Mentor, ihr Geliebter, ihr Förderer und ihr Freund gewesen. Er wird dir keinen Raum zur Entfaltung lassen, hatte ihre Mutter gewarnt, als Jess damit herausgerückt war, daß sie beabsichtigte, diesen ungeheuer von sich überzeugten Mann zu heiraten, der im ersten Jahr ihres Studiums ihr Dozent gewesen war. Sieh dich doch erst mal um, hatte ihre Mutter gebeten. Es eilt doch nicht. Aber je mehr Einwände ihre Mutter vorgebracht hatte, desto mehr Entschlossenheit hatte Jess, die rebellische Tochter, an den Tag gelegt, bis am Ende die Opposition gegen ihre Mutter zum stärksten Band zwischen ihr und Don geworden war. Sie heirateten sehr bald nach dem Verschwinden von Jess’ Mutter.

Von Anfang an hatte Don in ihrer Ehe das Sagen. In den vier Jahren ihres Zusammenlebens bestimmte er alle ihre Unternehmungen; er suchte die Wohnung aus, in der sie lebten, die Möbel, mit denen sie sich einrichteten, er bestimmte, mit wem sie verkehrten, was sie unternahmen, ja, selbst was sie aß, wie sie sich kleidete.

Vielleicht war es ihre Schuld gewesen. Vielleicht hatte sie in den Jahren unmittelbar nach dem Verschwinden ihrer Mutter genau das gewollt und gebraucht: jemanden, der ihr alle Entscheidungen abnahm, sie umsorgte und verwöhnte. Vielleicht hatte sie die Möglichkeit gebraucht, selbst in einem anderen zu verschwinden.

Anfangs hatte Jess nichts dagegen gehabt, daß Don ihr Leben in die Hand nahm. Er wußte, was für sie am besten war. Er meinte es gut. Er war immer für sie da, trocknete ihre Tränen, half ihr über die schrecklichen Panikanfälle hinweg. Wie hätte sie ohne ihn überleben können?

Aber dann hatte sie in zunehmendem Maß, vielleicht sogar ohne bewußte Absicht, versucht, sich selbst zu behaupten; sie fing an, sich mit ihm zu streiten, trug plötzlich Farben, von denen sie wußte, daß er sie nicht mochte, stopfte sich, kurz bevor er sie in sein Lieblingsrestaurant führte, mit Süßigkeiten und Chips voll, weigerte sich, seine Freunde zu treffen, bewarb sich um einen Posten bei der Staatsanwaltschaft, anstatt zu Don in die Kanzlei zu gehen, zog schließlich aus der gemeinsamen Wohnung aus.

Jetzt wohnte sie in der obersten Etage eines dreistöckigen Stadthauses in einem alten Viertel und nicht im Penthaus eines Wolkenkratzers im Zentrum, und ihr bester Freund war, abgesehen von ihrer Schwester, ein leuchtend gelber Kanarienvogel namens Fred. Und wenn sie auch nicht mehr das unbeschwerte junge Ding war, das sie vor dem Verschwinden ihrer Mutter gewesen war, so war sie doch wenigstens auch nicht mehr die Kranke, zu der sie sich während ihrer Ehe mit Don hatte reduzieren lassen.

»Ihre Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, daß hier die Gerechtigkeit zu Wort kommt«, schloß Richter Harris. »Indem Sie gerecht und unparteiisch urteilen und sich nicht von persönlichen Sympathien für das Opfer oder den Angeklagten beeinflussen lassen, sondern den Fall einzig nach den Tatsachen bewerten, werden Sie dieses dunkle, alte Gebäude in einen helleuchtenden Tempel der Gerechtigkeit verwandeln.«

Viele Male hatte Jess in den vergangenen Jahren diese Worte aus Richter Harris’ Mund gehört, und sie ergriffen sie stets von neuem. Sie beobachtete ihre Wirkung auf die Geschworenen. Die Männer und Frauen marschierten aus dem Gerichtssaal, als folgten sie einem hellen Stern.

Erica Barnowski schwieg, während der Saal sich langsam leerte. Erst nachdem der Angeklagte und sein Anwalt hinausgegangen waren, stand sie auf und nickte Jess zu. Neil Strayhorn erklärte ihr, daß sie Bescheid bekommen würde, sobald die Geschworenen sich auf ein Urteil geeinigt hätten; das könnte Stunden dauern oder auch Tage, sie müsse sich auf jeden Fall zur Verfügung halten.

»Ich melde mich bei Ihnen, sobald ich etwas höre«, sagte Jess abschiednehmend und sah der jungen Frau nach, die mit raschem Schritt durch den Korridor zu den Aufzügen ging. Unwillkürlich glitt ihr Blick zu Erica Barnowskis vollen Hüften. »Es zeichnet sich gar nichts ab unter diesem Rock«, hörte sie Greg Oliver sagen. Mit einer heftigen Bewegung warf sie ihren Kopf zurück und schüttelte ihn, als wollte sie ihn von solch unerfreulichen Gedanken befreien.

»Du hast ausgezeichnet gesprochen«, sagte sie zu Neil Strayhorn. »Du hast dich klar und prägnant ausgedrückt; du hast den Geschworenen sämtliche notwendigen Fakten ins Beratungszimmer mitgegeben. Geh jetzt und iß eine schöne warme Suppe gegen deine Erkältung«, fuhr sie fort, ehe Neil etwas erwidern konnte. »Ich glaub, ich gehe ein bißchen an die frische Luft. Das kann ich jetzt gebrauchen.«

Sie nahm trotz der sieben Stockwerke die Treppe und nicht den Aufzug. Die Bewegung konnte ihr nur guttun. Vielleicht würde sie einen langen Spaziergang machen, sich die Winterstiefel kaufen, die sie brauchte. Vielleicht würde sie sich sogar ein Paar neue Pumps leisten.

Vielleicht würde sie sich aber auch nur beim Stand an der Ecke einen Hot Dog holen und dann wieder in ihr Büro hinaufgehen und mit der Arbeit am nächsten Fall beginnen, während sie auf die Entscheidung der Geschworenen wartete.

Die Oktoberluft schlug ihr unangenehm kalt ins Gesicht, als sie ins Freie trat. Sie zog die Schultern bis zu den Ohren hoch und eilte mit gesenktem Kopf die Treppe zur Straße hinunter, warf einen verstohlenen Blick zur Straßenecke und stellte aufatmend fest, daß Rick Ferguson nirgends zu sehen war.

»Einen Hot Dog mit allem«, rief sie dem Verkäufer am Stand erleichtert zu und sah zu, wie er eine riesige koschere Bockwurst in ein Sesambrötchen schob und Ladungen von Ketchup, Senf und relish darübergab. »Wunderbar, vielen Dank.« Sie drückte ihm das Geld abgezählt in die Hand und biß mit Appetit in ihren Hot Dog.

»Wie oft muß ich dir noch sagen, daß diese Dinger das reine Gift sind?« Die männliche Stimme, sonor und gutgelaunt, drang irgendwo von rechts zu ihr. Jess drehte sich um. »Sie bestehen doch nur aus Fett. Total ungesund!«

Jess riß ungläubig die Augen auf. »Du lieber Gott, eben hab ich an dich gedacht.«

»Nur das Beste, hoffentlich«, sagte Don Shaw.

Jess starrte ihren geschiedenen Mann an, als sei sie nicht sicher, ob er aus Fleisch und Blut sei oder eine Ausgeburt ihrer Phantasie. Was für eine unglaublich starke Ausstrahlung er hat, dachte sie, während das Straßenbild um ihn herum in grauer Konturlosigkeit zu verschwimmen schien. Obwohl er nur mittelgroß war, schien alles an ihm ein paar Nummern zu groß zu sein: seine Hände, seine Brust, seine Stimme, seine Augen, deren Wimpern den Neid aller Frauen erregten.

Was hat er hier zu tun? fragte sie sich. Obwohl sie sich beruflich in den gleichen Kreisen bewegten, war es bisher nicht ein einziges Mal vorgekommen, daß sich ihre Wege zufällig gekreuzt hatten. Sie hatte ihn seit Monaten nicht mehr gesprochen. Und jetzt brauchte sie nur an ihn zu denken, und schon war er hier.

»Du weißt doch, ich kann es einfach nicht sehen, wenn du dieses ungesunde Zeug ißt«, sagte er, nahm ihr das Brötchen mit der Wurst einfach aus der Hand und warf es in den nächsten Abfalleimer.

»Was soll das?«

»Komm, ich lad dich zu einem anständigen Mittagessen ein.«

»Was fällt dir eigentlich ein?« Jess gab dem Mann am Stand mit

einer Handbewegung zu verstehen, daß sie einen neuen Hot Dog wollte. »Wenn du den anrührst, riskierst du deine Finger«, sagte sie, nur halb im Scherz.

»Eines Tages wirst du als Dickmadam aufwachen«, versetzte er warnend. Dann lächelte er dieses irgendwie närrische Lächeln, das man erwidern mußte, ob man wollte oder nicht.

Jess biß von ihrem neuen Hot Dog ab und fand ihn nicht so gut wie den ersten.

»Und — wie geht’s so?« fragte sie. »Ich hab was von einer neuen Freundin läuten hören.« Sofort war ihr die Bemerkung peinlich, und sie fegte sich in ihrer Verlegenheit ein paar imaginäre Krümel vom Revers ihrer Jacke.

»Wo hast du denn das gehört?« Sie setzten sich zu gleicher Zeit in Bewegung und gingen langsam in Richtung 26. Straße, fanden so schnell und mühelos in einen gemeinsamen Rhythmus, als wären ihre Schritte im voraus geplant gewesen. Rund um sie herum wogte eine gleichgültige Menge von Polizisten, Zuhältern und Drogenhändlern.

»So was spricht sich herum, Herr Rechtsanwalt«, erwiderte sie, selbst überrascht festzustellen, daß sie tatsächlich neugierig war, vielleicht sogar ein wenig eifersüchtig. Sie hatte nie damit gerechnet, daß er sich ernsthaft für eine andere Frau interessieren würde. Don war schließlich ihr Rückhalt, der Mann, der, wie sie glaubte, immer für sie dasein würde. »Und wie heißt sie? Was ist sie für ein Mensch?«

»Sie heißt Trish«, antwortete er unbefangen. »Sie ist sehr intelligent, sehr hübsch, hat sehr kurzes, sehr blondes Haar und ein sehr verführerisches Lachen.«

»Das sind aber viele sehr auf einmal.«

Don lachte, ohne mehr zu verraten.

»Ist sie Anwältin?«

»Da sei Gott vor.« Er schwieg einen Moment. »Und wie geht’s dir? Gibt es einen Mann in deinem Leben?«

»Nur Fred«, antwortete sie, dann schlang sie den letzten Rest ihres Hot Dogs hinunter und zerknüllte das Papier in ihrer Hand.

»Du mit deinem verrückten Kanarienvogel!« Sie hatten die Straßenecke erreicht, warteten, während die Ampel von Rot auf Grün schaltete. »Ich muß dir ein Geständnis machen«, sagte er, während er ihren Ellbogen nahm und sie über die Straße führte.

»Du heiratest?« fragte sie hastig, obwohl sie diese Frage gar nicht hatte stellen wollen.

»Nein«, antwortete er leichthin, aber seine Stimme verriet ihn. Sie hatte Untertöne, die so beunruhigend waren wie eine gefährliche Unterströmung unter einem trügerisch glatten Wasserspiegel. »Es handelt sich um Rick Ferguson.«

Jess blieb mitten auf der Straße stehen, und das zusammengeknüllte Einwickelpapier fiel ihr aus der Hand. »Was?«

»Komm weiter, Jess«, drängte Don und zog sie mit sich. »Sonst werden wir hier noch überfahren.«

Sobald sie den Bürgersteig auf der anderen Straße erreicht hatten, blieb sie erneut stehen. »Was weißt du von Rick Ferguson?«

»Ich vertrete ihn.«

»Was?«

»Es ist kein Zufall, daß wir uns heute hier getroffen haben, Jess«, gestand Don einigermaßen verlegen. »Ich hab in deinem Büro angerufen. Man sagte mir, du seist bei Gericht.«

»Seit wann vertrittst du Rick Ferguson?«

»Seit vergangener Woche.«

»Ich kann’s nicht fassen. Warum?«

»Warum? Weil er mich beauftragt hat. Was ist das für eine Frage?«

»Rick Ferguson ist schlimmer als ein Stück Vieh. Ich kann nicht glauben, daß du dich dazu hergibst, ihn zu vertreten.«

»Jess«, sagte Don geduldig, »ich bin Strafverteidiger. Es ist mein Beruf.«

Jess nickte. Es stimmte, daß ihr geschiedener Mann sich mit der Verteidigung solcher Leute eine lukrative Praxis aufgebaut hatte, aber sie würde nie verstehen, wie ein so gütiger und rücksichtsvoller Mensch ausgerechnet für die Rechte jener eintreten konnte, denen Güte und Rücksichtnahme nichts bedeuteten; wie er seine scharfe Intelligenz ausgerechnet für jene einsetzen konnte, die glaubten, die Intelligenz mit Füßen treten zu können.

Sie wußte natürlich, daß die Randgruppen der Gesellschaft Don immer schon fasziniert hatten, doch in den Jahren seit ihrer Scheidung hatte sich diese Faszination wesentlich verstärkt. Immer häufiger übernahm er die scheinbar aussichtslosen Fälle, vor denen andere Anwälte zurückschreckten. Und gewann diese Prozesse meistens, wie sie unter anderem auch aus eigener Erfahrung wußte. Zweimal hatten sie sich in den letzten vier Jahren vor Gericht gegenübergestanden. Beide Male hatte er den Sieg davongetragen.

»Jess, ist dir schon mal der Gedanke gekommen, daß der Mann unschuldig sein könnte?«

»Der Mann, wie du ihn so freundlich nennst, ist von der Frau, die er überfallen hat, eindeutig identifiziert worden.«

»Und es ist nicht möglich, daß sie sich irrt?«

»Er ist in ihre Wohnung eingebrochen und hat sie fast bis zur Bewußtlosigkeit geprügelt. Dann hat er sie gezwungen, sich auszuziehen, ganz langsam, Stück für Stück, so daß sie mehr als genug Zeit hatte, sich sein Gesicht anzusehen, bevor er sie vergewaltigte.«

»Rick Ferguson hat für die Zeit des Überfalls ein unwiderlegbares Alibi«, sagte Don.

Jess prustete verächtlich. »Ich weiß — er war zu Besuch bei seiner Mutter.«

»Die Frau hat ihr Haus als Sicherheit für seine Kaution aufgeboten. Sie ist bereit, vor Gericht für ihn auszusagen. Ganz zu schweigen davon, daß es in dieser Stadt Tausende von Männern gibt, auf die Rick Fergusons Beschreibung ebenfalls paßt. Wieso bist du sicher, daß Rick Ferguson dein Mann ist?«

»Ich bin eben sicher.«

»Einfach so?«

Jess erzählte ihm von der Begegnung mit Rick Ferguson am Morgen, als sie zur Arbeit gekommen war, und von der nachfolgenden kurzen Auseinandersetzung im Foyer des Gerichtsgebäudes.

»Du sagst, er hat dir gedroht?«

Jess sah, daß Don sich bemühte, neutral zu bleiben, vorzugeben, sie wäre nur eine unter vielen Staatsanwältinnen und nicht eine Frau, die ihm offensichtlich noch immer sehr viel bedeutete.

»Ich sage, ich verstehe nicht, wieso du deine kostbare Zeit an solche Leute verschwendest«, entgegnete sie ruhig. »Du warst doch derjenige, der mir erklärt hat, daß die Praxis eines Anwalts letztlich seine eigene Persönlichkeit spiegelt.«

Er lächelte. »Schön zu wissen, daß du zugehört hast.«

Sie neigte sich zu ihm und küßte ihn leicht auf die Wange. »Ich muß zurück ins Büro.«

»Das heißt wohl, daß du nicht daran denkst, die Anklage zurückzunehmen?«

»Bestimmt nicht.«

Er quittierte ihre Worte mit einem bekümmerten Lächeln. Dann nahm er sie bei der Hand und führte sie zum Administration Building zurück, wo er ihr noch einmal kurz die Hand drückte, ehe er sie freigab.

Bitte bleib hier und warte, bis ich sicher und wohlbehalten drinnen bin, flehte sie stumm, während sie die Treppe hinaufeilte.

Aber als sie oben war und sich umdrehte, war er schon weg.

3

Der Alptraum begann immer auf die gleiche Weise: Jess saß im sterilen Empfangsraum einer Arztpraxis und blätterte in einer alten Zeitschrift, während irgendwo in ihrer Nähe ein Telefon läutete. »Es ist Ihre Mutter«, sagte der Arzt dann zu ihr und zog aus seinem großen schwarzen Aktenkoffer einen Telefonapparat, den er ihr reichte.

»Mutter, wo bist du?« fragte Jess. »Der Doktor wartet auf dich.«

»Komm in einer Viertelstunde ins John Hancock Building. Ich erwarte dich dort. Dann erkläre ich dir alles.«

Plötzlich stand Jess vor einer Reihe von Aufzügen, doch ganz gleich, wie oft sie den Knopf drückte, es kam kein Aufzug. Sie suchte die Treppe, fand sie, raste wie von Furien gehetzt die sieben Stockwerke hinunter, nur um unten zu entdecken, daß die Haustür abgesperrt war. Sie drückte, sie zog, sie rüttelte, sie weinte, sie schrie. Die Tür gab nicht nach.

Im nächsten Augenblick stand sie vor dem Art Institute in der Michigan Avenue, und das Sonnenlicht, das vom Bürgersteig reflektiert wurde, blendete sie. »Kommen Sie herein«, rief eine Frau mit kastanienbraunem Haar und grauen Augen von der obersten Stufe des imposanten Gebäudes herunter. »Die Besichtigung fängt jetzt an, und Ihretwegen müssen alle warten.«

»Ich kann wirklich nicht bleiben«, erklärte Jess den Leuten, deren Gesichter in einem Durcheinander brauner Augen und roter Münder verschwammen. Die Gruppe blieb mehrere Minuten vor Seurats Bild Sonntag nachmittag auf der Île de la Grand Jatte stehen.

»Spielen wir Punkte verbinden«, rief Don, als Jess sich aus der Gruppe löste und hinausrannte, um gerade noch auf einen Bus aufspringen zu können, der eben abfuhr. Doch der Bus fuhr in die falsche Richtung, und sie landete am Union-Bahnhof. Sie winkte einem Taxi, aber der Fahrer mißverstand ihre Anweisungen und fuhr sie in die Roosevelt Road.

Er erwartete sie, als sie aus dem Taxi stieg, eine gesichtslose Gestalt ganz in Schwarz, die reglos am Straßenrand stand. Jess wollte sofort wieder in den Wagen zurückspringen, aber das Taxi war schon verschwunden. Langsam und drohend ging die Gestalt in Schwarz auf sie zu.

Der Tod, begriff Jess und stürzte auf die offene Straße hinaus. »Hilfe!« schrie sie. »Helft mir doch!« Der Schatten des Todes jedoch kam mühelos immer näher, während sie die Treppe zum Haus ihrer Eltern hinaufstolperte. Sie riß die Fliegengittertür auf, schlug sie hinter sich zu und versuchte mit fliegenden Fingern, den Riegel vorzuschieben, als der Tod die Hand nach der Tür ausstreckte und sein Gesicht deutlich sichtbar wurde.

Rick Ferguson.

»Nein!« schrie Jess in höchstem Entsetzen und fuhr mit hämmerndem Herzen in die Höhe. Ihr Bettzeug war schweißnaß.

Kein Wunder, daß er ihr so vertraut erschienen war, sagte sie sich, schluchzend und keuchend mit hochgezogenen Knien in ihrem Bett kauernd. Eine Ausgeburt ihrer finstersten Phantasien war im wahrsten Sinne des Wortes aus ihren Träumen in ihr Leben eingedrungen. Die Alpträume, die sie früher so häufig gequält hatten, waren wieder da, und die schwarze Gestalt hatte einen Namen — Rick Ferguson.

Jess warf die feuchte Bettdecke zurück und stand auf. Aber kaum hatte sie die Füße auf den Boden gesetzt, da spürte sie, wie ihre Beine unter ihr nachgaben. Sie fiel neben dem Bett zusammen, keuchend, voll Angst, sich übergeben zu müssen.

»O Gott, o Gott«, stöhnte sie und sprach die Panik an, als wäre sie körperlich im Zimmer anwesend. »Bitte, hör doch auf. Bitte geh weg.«

Sie streckte sich zu der weißen Porzellanlampe hinauf, die auf dem Nachttisch neben ihrem Bett stand, und knipste das Licht an. Das Zimmer zeigte sich ihrem Blick: weiche Rosetöne mit zarten Nuancen von Grau und Blau kombiniert, ein Doppelbett, ein heller Teppich, ein weißer Korbstuhl, über dem ihre Sachen für den nächsten Tag hingen, eine Kommode, ein kleiner Spiegel, ein Poster von Niki de Saint Phalle und eines von Henri Matisse. Sie versuchte in die harmlose Alltäglichkeit ihres Lebens zurückzufinden, indem sie sich auf die Maserung der hellen Holzdielen konzentrierte, die langen pfirsichfarbenen Vorhänge, die hohe weiße Zimmerdecke. Das war das Schöne an diesen alten Häusern, versuchte sie sich abzulenken, daß man Luft zum Atmen hatte. Hohe Räume dieser Art gab es in modernen Glaspalästen nicht.

Die Strategie half nicht. Ihr Herz raste weiter wie verrückt, und die Brust war ihr so eng, daß sie kaum Luft bekam. Sie zwang sich aufzustehen, torkelte auf unsicheren Beinen, die dauernd unter ihr wegzusacken drohten, in das winzige, funktionelle Badezimmer. Sie drehte den Hahn auf und warf sich kaltes Wasser ins Gesicht und auf die Schultern, ließ das Wasser unter ihrem Nachthemd auf Busen und Bauch rinnen.

Sie setzte sich auf den Rand der Badewanne und starrte in die Toilettenschüssel. Nichts war ihr unangenehmer, als sich übergeben zu müssen. Seit ihr als kleines Mädchen nach der Geburtstagsfeier bei Allison Nichol nach zu viel Lakritze und Bananensplits übel geworden war, graute ihr davor, sich übergeben zu müssen. Jahrelang hatte sie danach ihre Mutter Abend für Abend vor dem Zubettgehen gefragt: »Muß ich auch nicht spucken?« Und jeden Abend hatte ihre Mutter geduldig versichert, daß sie ganz bestimmt nicht würde spucken müssen. »Versprichst du mir, daß nichts passiert?« hatte Jess beharrt. »Ich verspreche es dir«, hatte ihre Mutter jedesmal geantwortet.

Man konnte es unter diesen Umständen schon ironisch nennen, daß schließlich nicht dem Kind, sondern der Mutter etwas passiert war.

Und nun war der Alptraum, der sie nach dem Verschwinden ihrer Mutter gepeinigt hatte, wiedergekehrt, begleitet wie damals von der Kurzatmigkeit, dem Zittern der Hände, der lähmenden, namenlosen Angst, die jede Faser ihres Körpers ergriff. Wie gemein, dachte Jess, mit zusammengebissenen Zähnen über die Toilette gebeugt, und drückte eine Hand auf ihre Brust, als könnte sie so den Schmerz abfangen, der ihr durchs Herz stach wie die stumpfe Klinge eines langen Messers.

Ich könnte Don anrufen, dachte sie, die Wange auf den kühlen Rand der Toilette gedrückt. Er weiß immer, was zu tun ist. So oft hatte er sie nachts, wenn sie zitternd aus dem Schlaf gefahren war, tröstend an sich gedrückt, ihr mit sanften Händen das feuchte Haar aus der Stirn gestrichen und ihr, genau wie früher ihre Mutter, versichert, daß ihr nichts passieren würde. Ja, sie konnte Don anrufen. Er würde ihr helfen. Er würde genau wissen, was zu tun war.

Jess stemmte sich mühsam in die Höhe und tappte ins Schlafzimmer zurück. Schwankend auf der Bettkante sitzend, griff sie zum Telefon und hielt plötzlich inne. Sie wußte, daß sie Don nur anzurufen brauchte. Er würde alles stehen- und liegenlassen, ohne Rücksicht darauf, was er gerade tat, mit wem er gerade zusammen war, und zu ihr eilen, bei ihr bleiben, solange sie ihn brauchte. Sie wußte, daß Don sie immer noch liebte, nie aufgehört hatte, sie zu lieben. Das wußte sie, und darum konnte sie ihn nicht anrufen.

Er hatte jetzt eine ernstzunehmende Beziehung zu einer anderen Frau. Trish, wiederholte sie sich und dachte über den Namen nach. Wahrscheinlich eine Abkürzung von Patricia. Trish mit dem verführerischen Lachen. Dem sehr verführerischen Lachen, wie er gesagt hatte. Sie erinnerte sich an das Aufblitzen des Stolzes in seinen Augen. Hatte die Vorstellung, Don möglicherweise an eine andere zu verlieren, ausgereicht, um diesen Angstanfall auszulösen?

Die Attacke war vorbei, merkte sie plötzlich überrascht. Ihr Herz hatte sich beruhigt; ihr Atem ging wieder normal; der Schweiß auf ihrem Körper trocknete. Sie ließ sich dankbar in ihr Kissen zurücksinken und genoß das Gefühl neuen Wohlbefindens. Erstaunt entdeckte sie, daß sie hungrig war.

Sie ging durch den dunklen Flur in die Küche direkt zum Tiefkühlschrank. Sie machte ihn auf und schreckte vor dem plötzlich aufflammenden Licht zurück, nahm dann einen Karton mit gefrorenen Pizzas heraus, riß hastig die Zellophanverpackung einer davon auf und schob das steife Ding in den Mikrowellenherd. Sie drückte die notwendigen Knöpfe und lauschte dem leisen Summen der Mikrowellen, während sie darauf achtete, sich nicht direkt vor den Herd zu stellen.

Don hatte ihr das ans Herz gelegt. Aber das ist doch bestimmt nicht gefährlich, hatte sie widersprochen. Warum ein Risiko eingehen? hatte er augenblicklich gekontert, und sie hatte sich gesagt, daß er wahrscheinlich recht hatte, und sich seine Vorsicht zu eigen gemacht. Man konnte ja nie wissen, was für bösartige Strahlen in der Luft herumschwirrten und darauf warteten, einen anzugreifen.

Jess behielt die Uhr am Herd im Auge, die eine Sekunde nach der anderen heruntertickte, und stellte sich dann trotzig direkt vor das Gerät. »Na kommt doch und holt mich«, rief sie und lachte beinahe übermütig. Verrückt, verrückt, da stand sie um drei Uhr morgens in ihrer winzigen Küche und forderte die Mikrowellen zum Kampf.

Die Uhr piepte fünfmal zum Zeichen, daß die Pizza fertig war. Jess nahm das inzwischen heiße Stück vorsichtig heraus und trug es hinüber in den großen Wohnraum. Sie liebte ihre Wohnung, war von dem Moment an, als sie sie zum ersten Mal betreten hatte, von ihr hingerissen gewesen. Sie war alt und voller unerwarteter Ecken und Nischen. Das Erkerfenster im Westen blickte auf die Orchard Street hinunter, ganz nah dem Haus, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatte, und weit, weit entfernt von der modernen Luxuswohnung am Lake Shore Drive, die sie mit Don geteilt hatte.

Das Alleinsein fiel ihr oft schwer; niemanden zu haben, mit dem sie reden, an den sie sich ab und zu anlehnen, bei dem sie sich am Ende des Tages ausruhen konnte. Es war schön gewesen, große Pläne, kleine Triumphe, unnötige Sorgen teilen zu können. Es hatte ihr ein Gefühl der Sicherheit gegeben, Teil eines Paares zu sein, Teil der Konstellation Jess und Don.

Jess schaltete die Stereoanlage ein, die an der Wand gegenüber dem alten Plüschsofa stand, das sie in einem Second-Hand-Laden in der Armitage Avenue entdeckt hatte, und ließ sich von den Klängen von Cesar Francks Konzert für Geige und Klavier berauschen. Neben ihr begann der Kanarienvogel, dessen Käfig sie für die Nacht zugedeckt hatte, zu singen. Jess ließ sich tiefer in die weichen Polster ihres Plüschsofas sinken und aß, während sie den süßen Klängen lauschte, im Dunklen ihre Pizza.

___________

»Meine Damen und Herren Geschworenen, sind Sie zu einem Urteil gekommen?« fragte der Richter.

Eine Welle der Erregung überschwemmte Jess. Fast vierundzwanzig Stunden waren vergangen, seit sie ihr Schlußplädoyer gehalten hatte. Die Geschworenen hatten sich beinahe acht Stunden beraten, ehe sie festgestellt hatten, daß eine Einigung so bald nicht zu erwarten war. Richter Harris hatte sie ungeduldig für die Nacht in ein Hotel eingewiesen, nachdem er sie streng ermahnt hatte, mit keinem Außenstehenden über den Fall zu sprechen. Heute morgen um neun Uhr hatten sie ihre Beratungen wieder aufgenommen. Überraschenderweise waren sie schon eine Stunde später bereit, ihr Urteil zu verkünden.

Ja, sagte der Obmann, sie seien zu einem Spruch gekommen, und Richter Harris forderte den Angeklagten auf, sich zu erheben. Jess lauschte mit angehaltenem Atem, als der Obmann in feierlichem Ton sagte: »Wir, die Geschworenen, halten den Angeklagten, Douglas Phillips, für nicht schuldig.«

Nicht schuldig.

Jess hatte ein Gefühl, als hätte man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen.

Nicht schuldig.

»Mein Gott, sie haben mir nicht geglaubt«, flüsterte Erica Barnowski neben ihr.

Nicht schuldig.

Doug Phillips umarmte seine Anwältin. Rosemary Michaud warf Jess einen Blick diskreter Siegesfreude zu.

Nicht schuldig.

»Verdammt noch mal«, sagte Neil Strayhorn. »Ich hab wirklich gedacht, wir hätten eine Chance.«

Nicht schuldig.

»Soll das Gerechtigkeit sein?« fragte Erica Barnowski scharf. Ihre Stimme gewann durch die Entrüstung an Kraft. »Der Mann hat zugegeben, daß er mir ein Messer an den Hals gehalten hat, und da sind die Geschworenen der Ansicht, daß er nicht schuldig ist?«

Jess konnte nur nicken. Sie war schon zu lange eines der vielen Rädchen in dieser Maschinerie, um sich noch irgendwelchen Illusionen hinsichtlich der sogenannten Gerechtigkeit hinzugeben. Schuld war ein relativer Begriff, ein Gebilde aus Schatten und Gespenstern. Wie die Schönheit war sie im Auge des Betrachters. Wie die Wahrheit unterlag sie der Interpretation.

»Und was soll ich jetzt tun?« fragte Erica Barnowski. »Ich hab meine Stellung verloren, meinen Freund und meine Selbstachtung. Was soll ich jetzt tun?« Sie wartete nicht auf eine Antwort, sondern floh aus dem Gerichtssaal, ehe Jess Zeit hatte, sich eine passende Erwiderung zu überlegen.

Was hätte sie da sagen können? Machen Sie sich keine Sorgen, morgen ist auch noch ein Tag? Schlafen Sie drüber, morgen sieht alles ganz anders aus? Vor der Morgendämmerung ist es immer am finstersten? Oder vielleicht, er wird seine Strafe schon bekommen? Wenn es so sein soll, soll es eben so sein? Man konnte natürlich auch immer sagen, Pech gehabt, nächstes Mal läuft’s bestimmt besser, wer sich selbst hilft, dem hilft Gott. Und zum weiteren Trost, vertrauen Sie auf die Zeit, Sie haben richtig gehandelt, die Zeit heilt alle Wunden, das Leben geht weiter.

Genau, dachte sie, das ist es: Die Weisheit der Jahrhunderte in vier kleine Worte gefaßt — das Leben geht weiter.

Jess sammelte ihre Unterlagen ein und beobachtete aus dem Augenwinkel, wie der Angeklagte jedem der Geschworenen dankbar die Hand schüttelte. Die Geschworenen vermieden es tunlichst, sie anzusehen, als sie wenige Minuten später den Gerichtssaal verließen. Die Geschworene mit dem intelligenten Gesicht und den weichen grauen Augen war die einzige, die sich von Jess verabschiedete. Jess nickte ihr zu. Es hätte sie interessiert, welche Rolle diese Frau bei der Urteilsfindung der Geschworenen gespielt hatte. War sie von Anfang an von Douglas Phillips’ Unschuld überzeugt gewesen, oder war sie daran schuld gewesen, daß sich die Beratungen so in die Länge gezogen hatten, hatte sie vielleicht auf einem Schuldspruch beharrt und erst nachgegeben, als ihre Hartnäckigkeit ein Patt zu verursachen drohte, einen Prozeß ohne Ergebnis? Oder hatte sie vielleicht dagesessen und ungeduldig mit den Fingern auf den Tisch getrommelt, während sie darauf gewartet hatte, daß die anderen endlich zur Vernunft kommen und sich ihrer Auffassung anschließen würden?

Nicht schuldig.

»Möchtest du darüber reden?« fragte Neil.

Jess schüttelte den Kopf, nicht sicher, ob sie eher zornig oder traurig war. Später war noch Zeit genug, die Vorgänge zu analysieren und darüber zu debattieren, ob sie die Sache anders hätten anpacken können. Aber im Augenblick konnte man gar nichts tun. Es war vorbei. Sie konnte den Ausgang des Prozesses so wenig ändern, wie sie die Tatsachen ändern konnte, und Tatsache war, wie Greg Oliver am Tag zuvor klipp und klar gesagt hatte, daß kein Geschworenengericht im ganzen Land einen Mann wegen Vergewaltigung verurteilen würde, wenn das Opfer kein Höschen angehabt hatte.

Jess wußte, daß sie jetzt nicht gleich in ihr Büro zurückkehren konnte. Ganz abgesehen davon, daß es sie ärgerte, Greg Olivers überlegene Menschenkenntnis anerkennen zu müssen, brauchte sie jetzt Zeit für sich, um sich mit der Entscheidung der Geschworenen auseinanderzusetzen und sie zu akzeptieren; sie brauchte Zeit, um ihren Zorn und ihre Frustration zu verarbeiten. Und ihre Niederlage. Sie brauchte Zeit, um den Ballast abzuwerfen und sich innerlich freizumachen für die Arbeit an ihrem nächsten Fall.

Sie fand sich auf der California Avenue wieder, ohne sich klar erinnern zu können, daß sie das Gerichtsgebäude verlassen hatte. Sie war verblüfft, es war ganz untypisch für sie, nicht genau zu wissen, was sie tat. Sie fühlte die Kälte, die durch ihre dünne Tweedjacke drang. Die Meteorologen sagten immer noch möglichen Schneefall voraus. Eine Möglichkeit voraussagen, dachte sie und fand das ein interessantes Konzept. Sie zog ihre Jacke fester um sich und begann zu gehen. »Ich könnte ebensogut nackt sein«, sagte sie laut, wohl wissend, daß niemand darauf achten würde. Nur eines von vielen Opfern unseres Rechtssystems, dachte sie und stieg, einem plötzlichen Impuls folgend, in einen Bus der Linie 60, der in die Innenstadt fuhr.

»Was tu ich da?« murmelte sie vor sich hin. Sie setzte sich auf einen Platz in der Nähe des Fahrers. Impulshandlungen waren gar nicht ihre Art. Impulshandlungen waren Sache von Leuten, die ihr Leben nicht in der Hand hatten, dachte sie. Das eintönige Dröhnen des Busses fing sich vibrierend in ihrem Körper, und sie schloß die Augen.

Sie hätte nicht sagen können, wie lange der Bus schon unterwegs war, ehe sie die Augen wieder öffnete, oder wann sie zum ersten Mal bemerkte, daß die Geschworene mit dem kastanienbraunen Haar und den weichen grauen Augen hinten im Bus saß. Noch weniger hätte sie sagen können, in welchem Augenblick sie beschlossen hatte, ihr zu folgen. Bewußt geplant hatte sie das gewiß nicht. Und doch stieg sie etwa eine halbe Stunde später mit der Frau aus dem Bus und folgte ihr in die Michigan Avenue, ging mit einem Abstand von vielleicht fünf bis sechs Metern hinter ihr her.

Mehrere Straßen weiter blieb die Frau vor einem Schmuckgeschäft stehen, um sich das Schaufenster anzusehen, und Jess tat es ihr nach. Doch sie sah über die wertvollen Steine und goldenen Armbänder hinweg und fand im Glas den verwundert fragenden Blick ihres fröstelnden Abbilds, das ergründen zu wollen schien, wer sie war. An Schmuck hatte ihr nie etwas gelegen. Der einzige Schmuck, den sie überhaupt getragen hatte, war der einfache goldene Trauring. Don hatte aufgehört, ihr Schmuckstücke zu kaufen, als er feststellte, daß sie unweigerlich ganz hinten in ihrer Kommodenschublade landeten und dort blieben. Es sei nun einmal nicht ihr Stil, hatte sie erklärt. Mit Schmuck fühle sie sich immer wie ein kleines Mädchen, das in Mutters Sachen feine Dame spiele.

Bei dem Gedanken an ihre Mutter blickte sie auf und bemerkte, daß die Frau, die ihr heute in der Geschworenenbank gegenübergesessen hatte, weitergegangen war. Wie hatte sie sich auch nur einen Moment lang einbilden können, daß diese Frau Ähnlichkeit mit ihrer Mutter habe? Ihre Mutter war größer und schlanker gewesen, ganz zu schweigen von dem Unterschied in Haar- und Augenfarbe. Und niemals, dachte Jess, hätte ihre Mutter pinkfarbenen Lippenstift benutzt, niemals hätte sie das Rouge so dick aufgetragen. Diese Frau war im Gegensatz zu ihrer Mutter ganz offensichtlich wenig selbstsicher und eher scheu, und das dicke Make-up wohl eine Maske, die die Spuren der Zeit verdecken sollte. Nein, es bestand nicht die geringste Ähnlichkeit zwischen den beiden Frauen.

Wieder blieb die Frau vor einem Laden stehen, einem Schaufenster voll häßlicher Ledertaschen und Koffer, wie Jess sah. Würde sie in das Geschäft hineingehen? Sich ein kleines Geschenk machen? Zur Belohnung für gute Arbeit? Nun ja, warum nicht? dachte Jess und wandte sich ab, als die Frau die Tür aufstieß und zielstrebig zur Mitte des Ladens ging.

Jess fragte sich, ob sie ihr folgen sollte. Ich könnte eine neue Aktentasche gebrauchen, dachte sie. Ihre war sehr alt; Don hatte sie ihr zum bestandenen Examen gekauft und sich bei diesem Geschenk, anders als bei dem Schmuck, nie darüber beklagen müssen, daß sie es nicht verwendete. Das früher einmal glänzende schwarze Leder war mit der Zeit stumpf und fleckig geworden, die Nähte waren ausgefranst, der Reißverschluß klemmte dauernd, weil irgendwelche lose hängenden Fäden dazwischenkamen. Vielleicht war die Zeit gekommen, sich von der Tasche zu trennen und eine neue zu kaufen. Sich ein für allemal aus den Bindungen an die Vergangenheit zu lösen.

Die Frau kam mit nichts anderem als der braunen Handtasche aus dem Laden, die sie bei sich gehabt hatte, als sie hineingegangen war. Sie stellte den Kragen ihres dunkelgrünen Mantels auf und schob die behandschuhten Hände in ihre Manteltaschen. Jess ertappte sich dabei, daß sie das gleiche tat, während sie der Frau mit mehreren Schritten Abstand folgte.

Sie überquerten den Chicago River. Auf der einen Seite der breiten Straße ragte das Wrigley Building in die Höhe, auf der anderen der Tribune Tower. Das Zentrum von Chicago bot mit Bauten von Künstlern wie Mies van der Rohe, Helmut Jahn und Bruce Graham einen seltenen Reichtum an architektonischer Pracht. Jess hatte oft daran gedacht, an einer Besichtigungsfahrt auf dem Lake Michigan und dem Chicago River teilzunehmen. Aber irgendwie war sie nie dazu gekommen.

Die Frau ging noch einige Schritte weiter, dann blieb sie plötzlich stehen und drehte sich herum. »Warum verfolgen Sie mich?« fragte sie scharf und zornig und klopfte dabei mit den Fingern der einen Hand auf den Ärmel ihres Mantels wie eine ungeduldige Lehrerin, die ein unartiges Kind verhört.

Jess fühlte sich prompt tatsächlich wie ein kleines Mädchen, das große Angst hat, eins auf die Finger zu bekommen. »Entschuldigen Sie«, stammelte sie, während sie sich wieder fragte, was eigentlich mit ihr los war. »Ich wollte nicht…«

»Ich hab Sie schon im Bus gesehen, aber da habe ich mir weiter nichts gedacht«, erklärte die Frau, offenkundig erregt. »Dann habe ich Sie bei dem Juweliergeschäft gesehen, aber ich sagte mir, nun ja, jeder hat das Recht, sich ein Schaufenster anzusehen, es ist sicher nur ein Zufall. Aber als Sie dann immer noch hier waren, als ich aus dem Ledergeschäft kam, hab ich gewußt, daß Sie mich verfolgen. Nur, warum? Was wollen Sie von mir?«

»Ich will gar nichts. Wirklich, ich habe Sie nicht verfolgt.«

Die Frau kniff die Augen zusammen und sah Jess herausfordernd an.

»Ich — ich weiß selbst nicht, warum ich Ihnen gefolgt bin«, bekannte Jess nach einer kurzen Pause. Sie konnte sich nicht erinnern, sich je törichter vorgekommen zu sein.

»Es lag wirklich nicht an Ihnen«, bemerkte die Frau, jetzt etwas entspannter. »Ich meine, wenn es das ist, was Sie beschäftigt. Es hat nicht an irgend etwas gelegen, was Sie gesagt oder getan haben.«

»Was meinen Sie?«

»Wir fanden Sie großartig«, fuhr sie fort. »Die Geschworenen… wir fanden Ihre Bemerkung, daß mangelnde Klugheit niemandem das Recht gibt, die Menschenwürde mit Füßen zu treten, die fanden wir wirklich ganz großartig. Wir haben lange darüber debattiert. Sehr heftig sogar.«

»Aber Sie haben sie nicht akzeptiert«, stellte Jess fest, überrascht, wie sehr ihr daran lag zu verstehen, wie die Geschworenen zu ihrem Urteil gelangt waren.

Die Frau senkte den Blick. »Es war keine leichte Entscheidung. Wir haben das getan, was wir für richtig hielten. Uns war klar, daß Mr. Phillips Unrecht getan hatte, aber schließlich waren wir uns alle einig, daß es zu hart wäre, den Mann wegen einer Fehleinschätzung, wie Sie sagten, jahrelang ins Gefängnis zu schicken und —«

»Aber ich habe doch nicht von einer Fehleinschätzung des Angeklagten gesprochen!« Jess hörte selbst das Entsetzen in ihrer Stimme. Wie hatten sie sie nur so mißverstehen können?

»Ja, das wußten wir«, erklärte die Frau hastig. »Aber wir fanden eben, es könnte auch für ihn gelten.«

Wunderbar, dachte Jess und holte einmal tief Luft. Sie hatte Mühe, die Ironie der Situation zu würdigen.

»Wir waren alle ganz hingerissen von Ihren Sachen«, fuhr die Frau fort, als wollte sie sie trösten.

»Von meinen Sachen?«

»Ja. Besonders von der hübschen grauen Kombination. Eine der Frauen hat sich sogar überlegt, ob sie Sie fragen sollte, wo Sie sie gekauft haben.«

»Sie haben sich mit meinen Kleidern beschäftigt?«

»Die äußere Erscheinung ist sehr wichtig«, erklärte die Frau. »Das sage ich meinen Töchtern immerzu. Sie wissen schon, der erste Eindruck und so.« Sie streckte den Arm nach Jess aus und tätschelte ihre Hand. »Sie machen einen sehr angenehmen Eindruck, meine Liebe.«

Jess wußte nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Sie spürte, wie ihr Herz zu rasen anfing.

»Ganz gleich, wie es ausgegangen ist«, sagte die Frau, »Sie haben Ihre Sache sehr gut gemacht.«

Wie konnte jemand mit so klugen Augen so dumm sein? Jess hatte Mühe, Luft zu holen.

»Aber ich muß jetzt wirklich gehen«, sagte die Frau, der Jess’ Schweigen sichtlich Unbehagen einflößte. Sie ging ein paar Schritte, dann blieb sie stehen. »Alles in Ordnung? Sie sehen ein bißchen blaß aus.«

Jess wollte sprechen, konnte aber nur nicken, verzog ihre Lippen mit Anstrengung zu einem, wie sie hoffte, beruhigenden Lächeln. Die Frau erwiderte das Lächeln kurz, dann ging sie in flottem Tempo die Straße hinunter davon, wobei sie mehrmals rasch über die Schulter zu Jess zurücksah. Sie will sich wahrscheinlich vergewissern, daß ich ihr nicht wieder folge, dachte Jess, und fragte sich erneut, was in sie gefahren war. Wie war sie auf die Schnapsidee gekommen, dieser Frau hinterherzulaufen, Herrgott noch mal? Und was war jetzt wieder mit ihr los?

Sie hatte wieder einmal einen ihrer verdammten Angstanfälle, stellte sie fest. »Mein Gott«, stöhnte sie und kämpfte verzweifelt gegen die Angst an, die ihren Kopf schwimmen machte und ihre Beine lähmte. »Das ist ja lächerlich. Was soll ich tun?«

Die Tränen schossen ihr in die Augen, und sie wischte sie zornig weg. »Da stehe ich mitten auf der verdammten Michigan Avenue und heule«, beschimpfte sie sich selbst. »Mitten auf der verdammten Michigan Avenue und halte Selbstgespräche!« Dem betuchten Publikum in der Michigan Avenue würde so etwas viel eher auffallen als den Dealern und Pennern in der California Avenue, auch wenn sich hier genausowenig jemand um sie kümmern würde wie dort.

Sie schleppte sich Schritt für Schritt zu einer Bushaltestelle und lehnte sich gegen die Seitenwand. Selbst durch ihre Jacke fühlte sie die Kälte auf der Haut. Ich gebe nicht klein bei, dachte sie zornig. Ich laß mich von diesen blöden Anfällen nicht unterkriegen.

Denk an schöne Dinge, sagte sie sich. Stell dir vor, du wirst massiert, denk an einen Urlaub in Hawaii; denk an deine kleinen Nichten. Sie stellte sich vor, ihre weichen warmen Köpfchen lägen an ihren kalten Wangen, und erinnerte sich plötzlich, daß sie um sechs zum Abendessen bei ihrer Schwester sein sollte.

Unmöglich. Sie konnte doch nicht so zu ihrer Schwester hinausfahren. Was, wenn sie immer noch in diesem Zustand war? Oder vor versammelter Mannschaft wieder so einen Anfall bekam? Wollte sie denn gerade den Menschen, die ihr die liebsten waren, ihre Neurosen zumuten?

Wozu ist denn die Familie da? hätte Maureen zweifellos gefragt.

Gallebitterer Geschmack stieg in Jess’ Kehle auf. Du lieber Gott, würde sie sich etwa übergeben? Mitten auf der verdammten Michigan Avenue? Sie zählte bis zehn, dann bis zwanzig, schluckte hastig, einmal, zweimal, dreimal, ehe der Reiz sich endlich legte. Tief atmen, hatte Don in solchen Fällen immer zu ihr gesagt, und sie tat es, füllte ihre Lunge mit kalter Luft und hielt sich eisern aufrecht, obwohl sie sich am liebsten vor Schmerzen zusammengekrümmt hätte.

Niemand bemerkte ihre Qualen. Achtlos eilten die Fußgänger an ihr vorüber, einer fragte sie sogar, wie spät es sei. Doch nicht so anders als in der California Avenue, dachte sie, als ein Bus vor ihr anhielt und mehrere Leute sich durch die geöffnete Tür an ihr vorbeidrängten, als wäre sie gar nicht vorhanden. Der Fahrer wartete einige Sekunden darauf, daß sie einsteigen würde, zuckte die Achseln, als sie es nicht tat, schloß die Türen und fuhr weiter. Jess spürte die warme Wolke schmutziger Luft aus dem Auspuff des Busses in ihrem Gesicht, als das Fahrzeug sich entfernte. Sie fand es merkwürdig beruhigend.

Bald normalisierte sich ihr Atem. Sie fühlte, wie die Farbe in ihre Wangen zurückkehrte, die Lähmung nachließ. »Alles in Ordnung«, sagte sie leise zu sich selbst, schob einen Fuß vor den anderen und trat so vorsichtig, als steige sie in eine heiße Wanne, vom Bordstein hinunter. »Alles okay. Es ist vorbei.«

Das Auto kam aus dem Nichts.

Es ging so schnell, geschah so unerwartet, daß Jess, noch während es geschah, das merkwürdige Gefühl hatte, es widerführe einer anderen. Sie stand irgendwo neben sich und beobachtete die Ereignisse zusammen mit dem halben Dutzend Gaffer, die sich rasch am Ort des Geschehens einfanden.

Jess spürte einen Luftzug neben sich, sah, wie ihr Körper sich drehte wie ein Kreisel, nahm flüchtig den weißen Chrysler wahr, der um die Straßenecke verschwand. Erst dann kehrte sie in den Körper zurück, der am Straßenrand auf den Knien lag. Erst dann fühlte sie die brennenden Schrammen an Händen und Knien. Erst dann hörte sie die Stimmen.

»Ist Ihnen was passiert?«

»Mein Gott, ich dachte, er hätte Sie erwischt.«

»Er hat Sie nur um Haaresbreite verfehlt!«

»Mir ist nichts passiert«, sagte jemand, und Jess erkannte ihre eigene Stimme. »Ich hab anscheinend nicht aufgepaßt.« Sie fragte sich flüchtig, wieso sie die Schuld für etwas auf sich nahm, das ganz eindeutig nicht ihre Schuld war. Sie wäre beinahe von einem Verrückten in einem weißen Chrysler überfahren worden, der mit viel zu hoher Geschwindigkeit vorbeigerast war und nicht einmal angehalten hatte; sie hatte sich Hände und Knie aufgeschlagen, als sie aufs Pflaster gestürzt war; ihre Tweedjacke war voller Schmutz; ihre Strumpfhose an den Knien kaputt. Und ihr war es peinlich, Aufsehen erregt zu haben. »Ich war anscheinend mit meinen Gedanken woanders«, sagte sie entschuldigend und stand unsicher auf. »Aber mir ist nichts passiert. Es geht schon wieder.«

»Es geht schon wieder«, wiederholte sie, während sie zur gegenüberliegenden Ecke hinkte, einem vorüberfahrenden Taxi winkte und in den Wagen kroch. »Es geht schon wieder.«

4

Genau drei Minuten vor sechs bog Jess in ihrem roten Mustang in die Auffahrt vor dem großen, weißen Haus ihrer Schwester in der Sheraton Road in Evanston ein. »Es wird schon alles gutgehen«, versicherte sie sich selbst, während sie den Motor ausschaltete und vom Sitz neben sich den Wein und die Geschenke nahm. »Du brauchst nur ruhig und gelassen zu bleiben und dich von Barry nicht in irgendwelche albernen Diskussionen hineinziehen zu lassen.« Sie rutschte aus dem Wagen und ging den Fußweg hinauf zur Haustür. »Immer mit der Ruhe, es wird schon alles gutgehen.«

Die Tür wurde geöffnet, noch ehe sie läuten konnte.

»Ah, Jess«, sagte Barry, und seine Stimme fegte die baumbestandene Straße hinunter wie ein Windstoß. Welkes Laub wirbelte zu ihren Füßen. »Pünktlich wie immer.«

»Wie geht es dir, Barry?« Jess trat in das große Foyer mit dem cremefarbenen Marmorboden.

»Könnte nicht besser sein«, antwortete Barry prompt. Er sagte immer, »könnte nicht besser sein«. »Und wie schaut’s bei dir aus?«

»Mir geht es gut.« Sie holte tief Atem, hielt ihm die Flasche Wein hin. »Ein chilenischer Wein. Der Mann im Spirituosengeschäft sagte, er wäre sehr zu empfehlen.«

Barry musterte das Etikett aufmerksam, unverkennbar skeptisch. »Vielen Dank. Ich hoffe, du hast nichts dagegen, wenn wir ihn für ein andermal aufheben. Ich habe schon ein paar Flaschen teuren französischen kalt gestellt. Komm, gib mir deinen Mantel.«

Er stellte die Flasche auf einen kleinen Tisch an der Wand und fing an, ungeschickt an ihrem Ärmel zu ziehen.

»Laß nur, Barry. Ich schaff das schon allein.«

»Na gut, aber dann laß mich ihn wenigstens für dich aufhängen.«

Jess wollte keinesfalls ein Tauziehen mit Barry und reichte ihm den Mantel. »Ist Maureen oben?«

»Sie bringt gerade die Zwillinge zu Bett.«

Er hängte ihren Mantel in den Schrank und führte sie zum Wohnzimmer, in dem Weiß und Rosenholztöne vorherrschten und einige kräftige schwarze Blöcke besondere Akzente setzten: ein schwarzer Konzertflügel, der den vorderen Teil des großen Raums dominierte, obwohl niemand im Haus Klavier spielte; ein schwarzer Marmorkamin, in dem bereits ein Feuer brannte.

»Ich geh rasch nach oben und sag den Kindern guten Tag. Ich habe ihnen etwas mitgebracht.« Jess wies auf die Einkaufstüte in ihrer Hand.

»Sie werden sowieso in ein paar Stunden wieder wach. Da kannst du es ihnen dann geben.«

»Jess, bist du das?« rief Maureen von oben.

»Ich komm rauf«, antwortete Jess und wandte sich schon zur Treppe.

»Untersteh dich!« rief Maureen zurück. »Gerade hab ich sie alle ins Bett gepackt. Bleib unten und unterhalte dich mit Barry. Ich komme in zwei Minuten.«

»Sie kommt in zwei Minuten«, wiederholte Barry wie ein Papagei. »Also, was meinst du? Schaffst du’s, dich zwei Minuten mit deinem Schwager zu unterhalten?«

Jess lächelte und setzte sich in einen der beiden weißen Sessel gegenüber von Barry, der vorgebeugt auf der Kante des rosenholzfarbenen Sofas hockte, als sei er ganz Aufmerksamkeit. Eher als wollte er sich auf mich stürzen, dachte Jess, die bis heute nicht verstand, wieso sie und Barry es nicht geschafft hatten, Freunde zu werden. Was an diesem Mann geht mir nur so gegen den Strich? fragte sie sich; sie war sich bewußt, daß er mit seinen klaren blauen Augen jede einzelne ihrer Gesten registrierte. Er ist nicht häßlich. Er ist nicht dumm. Er ist nicht unfreundlich, jedenfalls nicht offen unfreundlich.

Sie hatte sich bemüht, ihn positiv zu sehen. Als er vor gut sechs Jahren ihre Schwester geheiratet hatte, hatte Jess angenommen, sie würde automatisch jeden mögen, der ihre Schwester glücklich machte. Aber sie hatte sich getäuscht.

Vielleicht störte sie die verstohlene Art und Weise, wie er versuchte, seine beginnende Glatze zu verbergen, indem er sein schütteres Haar von der einen Kopfseite zur anderen kämmte. Oder die Tatsache, daß seine Fingernägel gepflegter waren als ihre eigenen, daß er sich damit brüstete, nach jeder Mahlzeit seine Zähne mit Zahnseide zu säubern. Vielleicht störte sie auch seine Gewohnheit, stets Hemd und Krawatte zu tragen, selbst, wie heute abend, unter einem sportlichen Pullover.

Wahrscheinlicher war, dachte sie, daß sie den kaum verhüllten Chauvinismus, der in seinen Bemerkungen steckte, nicht ausstehen konnte, seine lässig herablassende Art, die Tatsache, daß er nie zugeben konnte, im Unrecht zu sein. Oder vielleicht nahm sie ihm auch übel, daß er aus einer intelligenten, interessierten Absolventin der Harvard Business School die perfekte Frau und Mutter gemacht hatte, die so eifrig damit beschäftigt war, ihm ein gemütliches Zuhause zu schaffen und Kinder in die Welt zu setzen, daß sie gar keine Zeit hatte daran zu denken, ihre vielversprechende berufliche Laufbahn wiederaufzunehmen. Was hätte ihre Mutter davon gehalten?

»Du siehst gut aus«, sagte Barry zu ihr. »Das ist ein sehr schöner Pulli. Du solltest häufiger Blau tragen.«

»Er ist grün.«

»Grün? Nein, er ist blau.«

Stritten sie sich jetzt allen Ernstes über die Farbe ihres Pullovers?

»Können wir uns auf Türkis einigen?« fragte sie.

Barry machte ein skeptisches Gesicht und schüttelte den Kopf. »Er ist blau«, erklärte er und warf einen Blick zum Feuer. Barry verstand wie kein anderer, ein gutbrennendes Feuer zu machen.

Jess holte tief Luft. »Und wie läuft das Geschäft, Barry?«

Er fegte ihre Frage mit einer lässigen Handbewegung weg. »Du willst doch nicht im Ernst von meinen Geschäften hören.«

»Nein?«

»Doch?«

»Barry, ich hab dir eine simple Frage gestellt. Wenn es zu kompliziert ist —«

»Die Geschäfte laufen hervorragend. Könnten gar nicht besser laufen.«

»Gut.«

»Nicht nur gut.« Er lachte. »Hervorragend. Könnten nicht besser sein.«

»Könnten nicht besser sein«, wiederholte Jess und sah zur Treppe. Wo blieb ihre Schwester?

»Gerade heute«, sagte Barry, »hatte ich einen sehr gelungenen Tag.«

»Und wieso war er so gelungen?« fragte Jess.

»Ich habe meinem ehemaligen Partner einen sehr wichtigen Kunden abspenstig gemacht.« Barry lachte befriedigt. »Und der Saukerl hat’s überhaupt nicht kommen sehen.«

»Ich dachte, ihr beide wärt Freunde.«

»Das dachte er auch.« Jetzt lachte er schallend. »Der Kerl hat sich eingebildet, er kann mich ungestraft in die Pfanne hauen.« Er tippte sich mit dem Zeigefinger an den Kopf. »Ich vergesse nie was. Ich vergelte Gleiches mit Gleichem.«

»Du vergiltst Gleiches mit Gleichem«, wiederholte Jess.

»He, ich hab nichts Verbotenes getan.« Er zwinkerte. »Übrigens hab ich heute nachmittag ein Informationsblatt über eine neue Art privater Lebens- und Rentenversicherung auf den Schreibtisch bekommen. Ich finde, du solltest dir so was mal ansehen. Wenn du möchtest, kann ich dir die Daten zuschicken.«

»Ach ja«, sagte Jess. »Das wäre nett.«

»Ich werd’s auch deinem Vater mal sagen.«

Sie sahen beide auf ihre Uhren. Wieso war ihr Vater noch nicht gekommen? Er wußte doch, wie sehr es sie stets beunruhigte, wenn er sich verspätete.

»Und wie war dein Tag?« erkundigte sich Barry und schaffte es, ein Gesicht zu machen, als interessierte es ihn wirklich.

»Hätte besser sein können«, antwortete Jess ironisch und war eigentlich nicht überrascht, als ihm das gar nicht auffiel. Ich hab einen Prozeß verloren, den ich unbedingt gewinnen wollte, ich hatte mitten in der Michigan Avenue eine Angstattacke und ich wäre beinahe überfahren worden, aber dafür hat mir eine Frau ein Kompliment über meine Kleidung gemacht, der Tag war also nicht ganz zum Heulen, fuhr sie im stillen fort.

»Ich weiß nicht, wie du das aushältst«, sagte Barry.

»Was denn?«

»Dich Tag für Tag mit diesem Gesindel herumschlagen zu müssen«, erläuterte er.

»Ich bin diejenige, die das Gesindel ins Gefängnis bringen darf«, entgegnete sie.

»Ja, wenn du gewinnst.«

»Richtig, wenn ich gewinne«, stimmte sie bekümmert zu.

»Eins muß ich dir lassen, Jess«, sagte er und sprang auf. »Ich hätte nie gedacht, daß du so lange durchhalten würdest. Was möchtest du trinken?« Er verband die beiden Sätze miteinander, als ob einer sich ganz natürlich aus dem anderen ergäbe.

»Wie meinst du das?«

»Ich meine, möchtest du ein Glas Wein oder etwas Härteres?«

»Wieso hättest du nie gedacht, daß ich durchhalten würde?« fragte Jess, ehrlich verwundert über seine Bemerkung.

Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß auch nicht. Ich dachte vermutlich, du würdest dich bald für etwas Lukrativeres entscheiden. Ich meine, mit deinen Noten hättest du doch nach Belieben wählen können.«

»Das habe ich getan.«

Jess sah die Verwirrung in Barrys Blick. Ihre beruflichen Entscheidungen gingen offensichtlich über sein Begriffsvermögen hinaus.

»Also, was möchtest du trinken?« fragte er wieder.

»Am liebsten eine Cola.«

Er reagierte nicht gleich. Dann sagte er: »Cola und Limonade gibt es bei uns nicht mehr. Wenn wir dieses süße Zeug nicht im Haus haben, kommt Tyler auch nicht in Versuchung. Außerdem bist du die einzige, die so was trinkt.«

Jetzt war Jess diejenige, die ein verdutztes Gesicht machte.

Auf der Treppe und dann im Flur waren schnelle Trippelschritte zu hören. Jess sah fliegendes dunkles Haar, große blaue Augen und aufgeregt gestikulierende kleine Hände. Im nächsten Augenblick warf sich ihr dreijähriger Neffe in ihre Arme. »Hast du mir was mitgebracht?« fragte er statt einer Begrüßung.

»Ich bring dir doch immer was mit.« Jess griff in die Einkaufstüte, die neben ihr stand, und bemerkte gleichzeitig unangenehm berührt, daß ihr Neffe Hemd und Krawatte trug wie sein Vater.

»Augenblick.« Barrys Stimme war streng. »Solange wir nicht richtig guten Tag gesagt haben, gibt’s keine Geschenke. Hallo, Tante Jess«, sagte er seinem Sohn vor.

Tyler sagte nichts. Ohne Barry weiter zu beachten, nahm Jess ein Modellflugzeug aus der Tüte und drückte es ihrem Neffen in die empfangsbereiten Hände.

»Super!« Tyler ließ sich von ihrem Schoß zu Boden fallen, um das kleine Flugzeug von allen Seiten zu mustern und es schließlich durch die Luft sausen zu lassen.

»Wie sagt man?« versuchte es Barry noch einmal in mühsam beherrschtem Ton. »Willst du dich nicht bei Tante Jess bedanken?«

»Ach, laß doch, Barry«, mischte Jess sich ein. »Er kann sich später bei mir bedanken.«

Barry wurde so rot im Gesicht, als sei sein Hemdkragen plötzlich zwei Nummern geschrumpft. »Mir gefällt das nicht, wie du versuchst, meine Autorität zu untergraben«, erklärte er wütend.

»Wie ich was versuche?« fragte Jess, die ihren Ohren nicht trauen wollte.

»Du hast gehört, was ich gesagt habe. Und sieh mich nicht so unschuldig an. Du weißt ganz genau, wovon ich rede.«

Tyler rannte mit seinem neuen Flugzeug in der Hand lachend zwischen seinem Vater und seiner Tante hin und her, ohne etwas von der Spannung im Raum zu bemerken.

Weder Barry noch Jess rührten sich von der Stelle. Beide standen wie angewurzelt, Barry am Sofa, Jess vor ihrem Sessel, als warteten sie darauf, daß etwas geschehen würde, plötzlich jemand erscheinen und die Szene auflösen würde.

»Müßte es jetzt nicht eigentlich draußen läuten?« fragte Jess und war froh, als Barrys verkniffener Mund sich entspannte und beinahe ein Lächeln zeigte. Wenn es schon zu einem Streit kommen sollte, und es kam immer zu einem Streit, wenn sie und Barry zusammen waren, sollte es nicht ihre Schuld sein. Das hatte sie sich auf der Fahrt von ihrer Wohnung hierher fest vorgenommen.

»Ach, wie schön«, sagte Maureen plötzlich von der Tür her. »Ihr zwei vertragt euch.«

Barry lief augenblicklich zu seiner Frau und gab ihr einen Kuß auf die Wange. »Eine meiner leichtesten Übungen«, versicherte er ihr.

Maureen lächelte strahlend. Obwohl sie sicherlich todmüde war, wirkte sie frisch und lebhaft. Sie hatte schon fast wieder ihre normale Figur, wie Jess bemerkte. Es hätte sie interessiert, ob Barry sie überredet hatte, wieder mit ihrer Gymnastik anzufangen. Als hätte sie mit dem großen Haushalt und drei kleinen Kindern nicht genug zu tun.

»Du siehst unheimlich gut aus«, sagte Jess aufrichtig.

»Und du siehst müde aus«, erwiderte Maureen und nahm Jess in den Arm. »Bekommst du auch genug Schlaf?«

Jess zuckte die Achseln, dachte flüchtig an den letzten Alptraum.

»Schau mal, was Tante Jess mir mitgebracht hat«, sagte Tyler, der auf dem Boden hockte, und zeigte stolz sein neues Flugzeug.

»Das ist ja toll! Du hast dich hoffentlich richtig bedankt.«

»Deine Schwester hält nichts davon, danke zu sagen«, sagte Barry und ging hinüber zum Barschrank, wo er sich einen Scotch mit Wasser einschenkte. »Möchte sonst jemand etwas?«

»Ich nicht«, sagte Maureen. »Du hast einen wunderschönen Pullover an, Jess. Du solltest öfter Blau tragen. Die Farbe steht dir glänzend.«

»Er ist grün«, verbesserte Barry und sah mit hochgezogener Augenbraue Jess an. »Das sagtest du doch, nicht wahr, Jess?«

»Aber nein, er ist eindeutig blau«, erklärte Maureen kategorisch. »Gar keine Frage.«

»Schlafen die Zwillinge schon?« fragte Jess.

»Jedenfalls für den Augenblick. Aber das hält nie lange an.«

»Ich habe ihnen auch eine Kleinigkeit mitgebracht.«

»Aber Jess, du sollst nicht jedesmal, wenn du zu uns kommst, etwas kaufen.«

»Aber ich will es. Wozu sind Tanten sonst da?«

»Na schön, vielen Dank.« Maureen nahm die Einkaufstüte, die Jess ihr hinhielt, und sah hinein.

»Es sind nur zwei Lätzchen. Ich fand sie so niedlich.«

»Wundervoll.« Maureen hielt die buntbestickten Lätzchen hoch. »Ach, schau sie dir doch mal an, sind sie nicht süß, Barry?«

Jess hörte Barrys Erwiderung nicht. War das wirklich ihre Schwester? Sie bemühte sich, Maureen nicht anzustarren. Hatten sie wirklich dieselbe Mutter gehabt? Konnte diese Frau, die an einer der besten Universitäten des Landes ein hervorragendes Examen abgelegt hatte, von zwei Fünf-Dollar-Lätzchen aus dem Kaufhaus wirklich so entzückt sein? Und so auf die Billigung ihres Mannes angewiesen, daß sie ihm die Dinger zur Begutachtung vorlegen mußte? Von summa cum laude zum Hausmütterchen?

»Und wie ist es heute bei Gericht ausgegangen?« fragte Maureen, als spürte sie Jess’ Unbehagen. »Ist das Urteil gesprochen?«

»Ja, aber das falsche.«

»Na ja, das hast du doch fast erwartet, nicht wahr?« Maureen nahm Jess bei der Hand und zog sie mit sich zum Sofa, ließ die Hand ihrer Schwester auch nicht los, nachdem sie beide sich gesetzt hatten.

»Aber ich hatte mir etwas anderes erhofft.«

»Ja, das ist sicher hart.«

»Genau wie deine Schwester«, warf Barry ein. Er führte sein Glas zum Mund und setzte es erst wieder ab, als es fast leer war. »Das stimmt doch, nicht wahr, Jess?«

»Und — gibt’s daran etwas auszusetzen?« Jess hörte den Ton der Herausforderung, der sich in ihre Stimme geschlichen hatte, obwohl sie es nicht gewollt hatte.

»Nein, solange es sich auf den Gerichtssaal beschränkt, sicher nicht.«

Nicht anbeißen, warnte sie sich. Laß dich nicht von ihm ködern. »Ah, ich verstehe«, entgegnete sie scharf trotz ihrer guten Vorsätze. »Für andere darf ich kämpfen, aber nicht für mich selbst.«

»Wer sagt denn, daß du immer kämpfen mußt?«

»Ich finde Jess gar nicht hart«, bemerkte Maureen mit einem fragenden Unterton in der Stimme.

»Kannst du mir mal verraten, Jess«, sagte Barry, »wie es kommt, daß Frauen sofort den ganzen Humor verlieren, wenn sie ein bißchen Macht bekommen?«

»Und wie kommt es, daß Männer einer Frau sofort mangelnden Humor vorwerfen, wenn sie nicht über ihre Witze lacht?« schoß Jess zurück.

»Zwischen stark sein und hart sein ist ein großer Unterschied«, erklärte Barry zum Ausgangspunkt zurückkehrend und unterstrich seine Feststellung mit emphatischem Kopfnicken, als handelte es sich um eine jener grundlegenden Wahrheiten, die sich angeblich von selbst verstehen. »Ein Mann kann es sich leisten, beides zu sein; eine Frau nicht.«

»Jess«, bemerkte Maureen behutsam, »du weißt doch, daß Barry dich nur neckt.«

Jess sprang auf. »Scheiße, von wegen necken!«

Tyler drehte sich mit aufgerissenen Augen nach seiner Tante um.

»Achte bitte in diesem Haus auf deine Ausdrucksweise«, sagte Barry spitz.

Jess empfand seine Zurechtweisung wie eine Ohrfeige. Sie hatte Angst, sie würde gleich zu weinen anfangen. »Ach, Kraftausdrücke sind bei euch auch nicht erlaubt«, entgegnete sie, nur um etwas zu sagen und nicht in Tränen auszubrechen. »Wir trinken keine Cola, und wir gebrauchen keine Kraftausdrücke.«

Barry sah seine Frau an und warf die Hände in die Luft, als wollte er sagen, ich kapituliere.

»Jess, bitte«, sagte Maureen flehentlich. Sie faßte die Hand ihrer Schwester fester und versuchte, sie aufs Sofa zurückzuziehen.

»Ich möchte nur sicher sein, daß ich sämtliche Regeln dieses Hauses verstanden habe.« Jess funkelte ihren Schwager wütend an, der plötzlich Vernunft und Gelassenheit in Person war. Er hatte es wieder geschafft, sie auf die Palme zu treiben, gestand sie sich ärgerlich und beschämt ein. »Ich weiß nicht, wie du es machst«, murmelte sie niedergeschlagen. »Du mußt schon ein besonderes Talent haben.«

»Weshalb rastest du denn jetzt schon wieder aus?« fragte Barry, einen Ausdruck echter Verwirrung im Blick.

»Ausrasten?« rief Jess empört und gab alle Bemühungen sich zu beherrschen auf. »Ausrasten nennst du das?«

»Tyler«, sagte Maureen und stand auf, um ihren Sohn sachte aus dem Zimmer zu schieben, »nimm doch dein neues Flugzeug mit nach oben, hm?«

»Ich will aber hier bleiben«, protestierte der Junge.

»Tyler, spiel oben in deinem Zimmer, bis wir dich zum Essen rufen«, befahl ihm sein Vater.

Der Junge gehorchte augenblicklich.

»Die Stimme seines Herrn«, bemerkte Jess ironisch, als das Kind die Treppe hinaufrannte.

»Jess, bitte!« sagte Maureen.

»Ich hab nicht angefangen.« Jess hörte das verletzte Kind in ihrer Stimme, war zornig und verlegen, daß sie es auch hören konnten.

»Es spielt keine Rolle, wer angefangen hat«, entgegnete Maureen, als hätte sie es mit zwei Kindern zu tun, jedoch ohne einen von ihnen anzusehen. »Wichtig ist, daß Schluß ist, bevor es ausufert.«

»Okay, es ist Schluß.« Barrys Stimme füllte den großen Raum.

Jess sagte nichts.

»Jess?«

Jess nickte nur, unfähig etwas zu sagen vor Zorn und Schuldgefühlen. Schuldgefühle wegen ihres Zorns, Zorn über ihre Schuldgefühle.

»Also, was hat die Frau Staatsanwältin als nächstes auf der Tagesordnung?« Maureen sprach mit so penetrant künstlicher Heiterkeit, als hätte sie eine auf den Tod kranke Patientin vor sich. Ihre normalerweise weiche und melodiöse Stimme war schrill und mehrere Töne höher als sonst. Sie kehrte zum Sofa zurück und klopfte fast verzweifelt neben sich auf den Sitz. Weder Jess noch Barry rührten sich.

»Mehrere Drogenprozesse, die wir hoffentlich durchbringen werden«, antwortete ihr Jess. »Und übernächste Woche hab ich den nächsten Vergewaltigungsprozeß. Ach, und am Montag treff ich mich mit dem Anwalt dieses Mannes, der seine Frau mit der Armbrust erschossen hat, weil sie sich von ihm trennen wollte.« Jess rieb sich die Nase, sie war betroffen über die Sachlichkeit ihres Tons.

»Mit einer Armbrust, um Gottes willen!« Maureen schauderte. »Das ist ja barbarisch!«

»Du mußt es doch vor ein paar Monaten in der Zeitung gelesen haben. Es war überall in den Schlagzeilen.«

»Ach, darum hab ich es nicht mitbekommen«, sagte Maureen. »Ich lese in letzter Zeit in der Zeitung nur noch die Kochrezepte.«

Jess gab sich alle Mühe, ihre Bestürzung zu verbergen, und wußte, daß es ihr nicht gelang.

»Alles übrige ist einfach deprimierend«, behauptete Maureen, ihr Ton so sehr Rechtfertigung wie Erklärung. »Und mir fehlt die Zeit.« Ihre Stimme versickerte in einem Flüstern.

»Was hast du denn heute abend Schönes für uns gekocht?« Barry setzte sich zu seiner Frau auf die Couch und nahm ihre Hände.

Maureen atmete einmal tief durch und sah gerade vor sich hin, als läse sie von einer unsichtbaren Tafel ab. »Zuerst gibt es eine Mockturtlesuppe, danach Hühnchen in Honigglasur mit Sesamkörnern, Süßkartoffeln und gegrilltes Gemüse, hinterher grünen Salat mit Nüssen und Gorgonzola und zum Abschluß eine Birnenmousse mit Himbeersoße.«

»Das klingt ja fabelhaft.« Barry drückte Maureen die Hand. »Das klingt, als hättest du die ganze Woche in der Küche gestanden.«

»Es klingt aufwendiger, als es in Wirklichkeit ist«, sagte Maureen bescheiden.

»Mir ist schleierhaft, wie du das machst«, sagte Jess und stolperte beinahe über das »wie«, weil sie eigentlich »warum« sagen wollte.

»Ich finde es sehr entspannend.«

»Du solltest es auch mal versuchen, Jess«, sagte Barry.

»Und du solltest endlich die Klappe halten, Barry«, gab Jess zurück.

Wieder standen sich Jess und Barry wie die Streithähne gegenüber.

»Das war’s«, rief er. »Ich hab genug.«

»Ja du, du hast mehr als genug«, sagte Jess. »Und schon viel zu lange. Alles auf Kosten meiner Schwester.«

»Jess, du irrst dich.«

»Ich irre mich nicht, Maureen.« Jess begann im Zimmer hin und her zu laufen. »Was ist nur aus dir geworden? Du warst mal diese tolle, unglaublich gescheite Frau, die die Zeitung von vorn bis hinten kannte. Und jetzt liest du nur noch die Kochrezepte? Herrgott noch mal, du hattest eine Riesenkarriere vor dir! Und jetzt hast du nur noch Kochtöpfe und schmutzige Windeln vor dir! Dank diesem wunderbaren Mann hier. Und du willst mir weismachen, daß dir das Spaß macht?«

»Sie hat es nicht nötig, dir irgend etwas weiszumachen«, fuhr Barry sie wütend an.

»Ich glaube, meine Schwester ist fähig, für sich selbst zu sprechen. Oder gehört das zu den neuen Regeln hier im Haus? Daß du für sie sprichst.«

»Soll ich dir mal sagen, was ich glaube, Jess?« fragte Barry und wartete gar nicht auf eine Antwort. »Ich glaube, du bist eifersüchtig.«

»Eifersüchtig?«

»Ja, eifersüchtig. Weil deine Schwester einen Mann und eine Familie hat und glücklich ist. Und was hast du? Einen Tiefkühlschrank voll Gefrierpizza und einen verfluchten Kanarienvogel.«

»Gleich wirst du mir sagen, daß ich nur mal richtig durchgebumst werden muß.«

»Jess!« Maureen fing an zu weinen.

»Nein, richtig versohlen müßte dich mal einer«, sagte Barry. Er ging zum Flügel vor dem großen Panoramafenster und schlug mit geballter Faust auf die Tasten. Das Geräusch schriller Disharmonie klang laut durch das Haus. Oben begannen die Zwillinge zu weinen.

Maureen senkte ihren Kopf auf ihre Brust und weinte lautlos in den gestärkten weißen Kragen ihrer Bluse. Dann rannte sie, ohne Jess oder Barry anzusehen, aus dem Zimmer.

»Verdammt!« flüsterte Jess, selbst den Tränen nahe.

»Eines Tages«, sagte Barry leise, »wirst du zu weit gehen.«

»Ich weiß.« Jess’ Stimme triefte vor Sarkasmus. »Du vergißt nie etwas. Du vergiltst Gleiches mit Gleichem.« Im nächsten Augenblick rannte sie ihrer Schwester hinterher die Treppe hinauf. »Maureen, bitte warte! Ich muß mit dir reden.«

»Es gibt nichts zu reden«, sagte Maureen und öffnete die Tür zum Kinderzimmer rechts von der Treppe. Der Geruch nach Babypuder stieg Jess in die Nase wie schweres Betäubungsmittel. Erneut überfielen sie Schwindel und Übelkeit, und sie wich zurück, blieb an den Türpfosten gelehnt stehen und sah zu, wie Maureen ihre beiden kleinen Töchter versorgte.

Die Kinderbetten standen im rechten Winkel an der gegenüberliegenden Wand, über ihnen drehten sich sachte zwei Mobiles mit kleinen Tieren. Neben einem großen Schaukelstuhl, der in der Mitte des Zimmers stand, gab es einen bequemen Sessel mit einem Bezug in weißen und kardinalroten Streifen, und an der Seitenwand stand der Wickeltisch. Maureen neigte sich über die kleinen Bettchen und redete einen Moment beruhigend auf ihre Kinder ein, ehe sie über die Schulter hinweg zu Jess sprach, energische Worte mit einer Sanftheit in der Stimme, die täuschte.

»Ich verstehe dich nicht, Jess. Wirklich nicht. Du weißt doch genau, daß Barry das alles nicht so meint. Er frotzelt dich einfach gern ein bißchen. Warum springst du jedesmal darauf an?«

Jess schüttelte den Kopf. Rechtfertigungen und Erklärungen wollten ihr auf die Zunge, aber sie schluckte sie alle hinunter und gestattete sich nur eine Entschuldigung. »Es tut mir leid. Wirklich. Ich hätte mich besser beherrschen müssen. Ich weiß auch nicht, was passiert ist«, fuhr sie fort, als die Entschuldigung nicht auszureichen schien.

»Das gleiche, was immer passiert, wenn ihr zusammen seid, du und Barry. Nur war’s diesmal noch schlimmer als sonst.«

»Er schafft es aber auch jedesmal, mich auf die Palme zu bringen, ganz gleich, wie sehr ich mich bemühe, friedlich zu sein.«

»Du bringst dich selber auf die Palme.«

»Ja, vielleicht.« Jess lehnte den Kopf an den Türpfosten zurück und lauschte dem Quengeln der beiden Säuglinge, die beim Klang der mütterlichen Stimme allmählich ruhiger wurden. Vielleicht sollte sie Maureen von Rick Fergusons Drohung erzählen, von ihrem Alptraum und den Angstanfällen, die diese Drohung ausgelöst hatte. Vielleicht würde Maureen sie in die Arme nehmen und ihr sagen, daß alles gut werden würde. Sie sehnte sich so sehr danach, daß jemand sie in die Arme nahm und tröstete. »Ich hab wirklich einen scheußlichen Tag hinter mir.«

»Scheußliche Tage haben wir alle mal. Das gibt einem noch lange nicht das Recht, ekelhaft und gemein zu sein.«

»Ich hab doch gesagt, daß es mir leid tut.«

Maureen hob eines der kleinen Mädchen aus dem Bett. »So, Carrie, geh mal zu deiner bösen Tante Jessica.« Sie legte Jess den Säugling in die Arme.

Jess drückte das kleine Bündel an ihre Brust. Sie fühlte die Weichheit des kleinen Köpfchens unter ihren Lippen und atmete den süßen Duft ein. Ach, hätte sie doch umkehren, noch einmal von vorn anfangen können. So vieles würde sie heute anders machen.

»Komm zu Mami, Chloe.« Maureen nahm den anderen Zwilling aus dem Bettchen. »Es gibt doch auch noch andere Möglichkeiten als die Konfrontation«, sagte sie zu Jess, während sie das Kind in ihren Armen wiegte.

»Davon haben wir beim Jurastudium nichts gehört.«

Maureen lächelte, und Jess wußte, daß alles vergeben und vergessen war. Maureen konnte niemals lange zornig sein. So war sie schon als Kind gewesen, immer auf Harmonie bedacht, ganz im Gegensatz zu Jess, die unglaublich nachtragend sein konnte, eine Eigenschaft, die ihre Mutter fast verrückt gemacht hatte.

»Geht’s dir auch manchmal so, daß du glaubst…«, begann Jess und zögerte dann, unsicher, ob sie fortfahren sollte. Sie hatte nie zuvor mit Maureen über dieses Thema gesprochen.

»Daß ich was glaube?«

Jess begann das Kind in ihren Armen hin und her zu wiegen. »Glaubst du manchmal, du hättest Mama gesehen?« fragte sie leise.

Ein Ausdruck der Bestürzung flog über Maureens Gesicht. »Was?«

»Bildest du dir manchmal ein, du hättest — Mutter gesehen?« wiederholte Jess. Sie bemühte sich, ruhig und förmlich zu sprechen, und wich dem Blick ihrer Schwester aus. »Ich meine, in einer Menschenmenge zum Beispiel. Oder auf der anderen Straßenseite.« Sie verstummte. Klang das auch so lächerlich, wie sie sich fühlte?

»Unsere Mutter ist tot«, sagte Maureen mit Entschiedenheit.

»Ich meinte ja nur…«

»Warum tust du dir das an?«

»Ich tue mir doch gar nichts an.«

»Sieh mich an, Jess«, befahl Maureen, und Jess drehte sich widerstrebend nach ihrer Schwester herum. Einen Moment standen sich die beiden Schwestern schweigend gegenüber, jede einen Säugling in den Armen, und sahen einander an. »Unsere Mutter ist tot«, wiederholte Maureen dann, und Jess merkte, wie sie am ganzen Körper steif und gefühllos wurde.

Sie hörten die Türklingel.

»Das ist Dad«, sagte Jess, die nur dem forschenden Blick ihrer Schwester entrinnen wollte.

Maureens Blick ließ sie nicht los. »Jess, ich finde, du solltest mal zu Stephanie Banack gehen.«

Jess hörte, wie unten die Haustür geöffnet wurde, wie ihr Vater und Barry im Vorsaal miteinander sprachen. »Stephanie Banack? Was soll ich denn bei ihr? Sie ist doch deine Freundin.«

»Sie ist außerdem Psychotherapeutin.«

»Ich brauche keine Psychotherapeutin.«

»Da bin ich anderer Meinung. Ich schreib dir ihre Telefonnummer auf, ehe du gehst. Ich finde, du solltest sie anrufen.«

Jess wollte widersprechen, unterließ es aber, als sie ihren Vater die Treppe heraufkommen hörte.

»Na, sieh sich das einer an!« rief ihr Vater vergnügt, als er an die Tür kam. »Alle meine süßen Mädchen in einem Raum versammelt.« Er nahm Jess in die Arme und küßte sie auf beide Wangen. »Wie geht’s dir, Schatz?«

»Mir geht’s gut, Dad«, antwortete Jess und hatte zum ersten Mal an diesem Tag das Gefühl, daß es vielleicht wirklich so war.

»Und wie geht es meinem anderen Schatz?« fragte er Maureen und drückte sie an sich. »Und meinen kleinen Schätzen?« fragte er weiter und umschloß sie alle mit seinen beiden Armen. Er nahm Chloe aus den Armen ihrer Mutter und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen. »Ach, du kleine Süße. Du kleine Süße«, rief er im Singsang. »Ich liebe dich. Ja, wirklich, ich liebe dich von ganzem Herzen.« Er hielt inne und sah lächelnd von einer Tochter zur anderen. »Das hab ich gestern abend zu einem größeren Mädchen gesagt«, verkündete er, trat einen Schritt zurück und wartete auf ihre Reaktion.

»Was hast du gesagt?« fragte Maureen.

Jess sagte nichts. Maureen hatte ihr die Worte aus dem Mund genommen.

5

In der ersten Stunde nach dem Besuch bei ihrer Schwester fuhr Jess nur ziellos durch die Straßen von Evanston und versuchte angestrengt nicht an das zu denken, was ihr Vater beim Abendessen erzählt hatte. Aber natürlich konnte sie an nichts anderes denken.

»Das habe ich gestern abend zu einem größeren Mädchen gesagt«, hatte er verkündet, und seine Stimme hatte absolut sicher und ruhig geklungen. Als wäre es nichts Besonderes, sich zu verlieben, als gäbe er jeden Tag eine solche Erklärung ab.

»Erzähl uns was von ihr«, drängte Maureen bei Tisch, während sie die Mockturtlesuppe auf die Teller verteilte und Jess verzweifelt das Bild einer enthaupteten Schildkröte aus ihren Gedanken zu vertreiben suchte. »Am besten gleich alles. Wie heißt sie? Wie ist sie? Wo habt ihr euch kennengelernt? Wann stellst du sie uns vor?«

Nein, dachte Jess. Hör auf. Sag nichts. Erzähl uns gar nichts. Bitte, sag kein Wort.

»Sie heißt Sherry Hasek«, erklärte ihr Vater und schaute voller Stolz in die Runde. »Sie ist ein kleines Persönchen, zierlich, ein bißchen mager, dunkles Haar, fast schwarz. Ich glaube, sie färbt es…«

Jess schob mit Anstrengung einen Löffel voll Suppe in ihren Mund, spürte, wie die heiße Flüssigkeit ihre Zunge pelzig machte und ihren Gaumen verbrannte. Ihre Mutter war groß gewesen, mit viel Busen, das braune Haar von ersten grauen Strähnen durchzogen. Sie hatte gefärbtes schwarzes Haar immer häßlich gefunden, gesagt, es sähe so unecht aus. Ihr Vater hatte ihr zugestimmt. Konnte er das wirklich vergessen haben? Sie schluckte den Wunsch, ihn daran zu erinnern, hinunter, während die Suppe brennend zu ihrem Magen hinunterrann. Bilder von verstümmelten Schildkröten drängten sich ihr wiederum auf.

»Wir haben uns vor ungefähr sechs Monaten im Zeichenkurs kennengelernt«, fuhr ihr Vater fort.

»Sag bloß nicht, daß sie da Modell gestanden hat.« Barry lachte in seine Suppe.

»Nein, sie wollte auch lernen, genau wie ich. Sie hat immer gern gezeichnet, aber nie die Zeit dazu gehabt. Genau wie ich.«

»Ist sie Witwe?« fragte Maureen. »Was ist denn los mit dir, Jess? Schmeckt dir die Suppe nicht?«

Sie war keine Witwe. Sie war geschieden. Seit beinahe fünfzehn Jahren. Sie war achtundfünfzig Jahre alt, Mutter dreier erwachsener Söhne, und sie arbeitete in einem Antiquitätengeschäft. Sie liebte leuchtende Farben, trug am liebsten lange wehende Röcke und Birkenstocksandalen und war diejenige, die eines Tages die Initiative ergriffen und vorgeschlagen hatte, nach dem Kurs noch gemeinsam eine Tasse Kaffee zu trinken. Sie war offensichtlich eine zielstrebige Person. Und Art Koster war ein Ziel, das anzupeilen sich lohnte.

Jess bog um eine Ecke und fand sich wieder in der Sheridan Road, stattliche Häuser auf der einen Seite, den Lake Michigan auf der anderen. Wie lange fuhr sie jetzt schon in den dunklen Straßen von Evanston im Kreis herum? Jedenfalls so lange, daß der Regen sie überrascht hatte. Sie schaltete die Scheibenwischer ein, sah, daß einer von ihnen klemmte und sich so mühsam über die Windschutzscheibe bewegte, als sei es eine Herkulesarbeit. Also Regen und nicht Schnee, dachte sie, nicht sicher, was ihr eigentlich lieber war. Vom See wälzte sich Nebel herein.

Der Oktober ist der unberechenbarste Monat, dachte sie, voller Geister und Schatten.

Die Leute schwärmten immer von den prachtvollen Herbstfarben, den vielfältigen Tönen von Rot, Orange und Gelb, die das allgegenwärtige Grün des Sommers zuerst aufbrachen und dann verdrängten. Jess hatte diese Begeisterung nie geteilt. Für sie bedeutete der Farbenwechsel nur, daß die Blätter welk wurden. Und jetzt waren die Bäume beinahe kahl. Die wenigen Blätter, die noch übrig waren, hatten Farbe und Kraft verloren. Nur noch traurige Erinnerung an einst sprühendes Leben. Wie Menschen, die in Altersheime abgeschoben waren, wo der Tod der einzige Besuch war, auf den sie sich verlassen konnten. Einsame Menschen, die allzu lange ohne Liebe hatten leben müssen.

Natürlich war ihrem Vater die Liebe zu gönnen, dachte Jess, während sie nach rechts abbog. Sie fand sich in einer Straße, die sie nicht kannte. Sie hielt nach einem Schild Ausschau, sah keines, bog an der nächsten Ecke nach links ab. Immer noch kein Straßenschild. Was war los mit den Leuten, die in den Vororten lebten? Wollten sie niemanden wissen lassen, wo sie zu finden waren?

Sie hatte stets im Herzen der Stadt gelebt, immer im Umkreis derselben drei Häuserblocks, außer während ihrer Ehe mit Don. Als sie noch ein Kind war und ihr Vater für eine Kette von Damenoberbekleidungsgeschäften als Einkäufer gearbeitet hatte, hatten sie in einem Doppelhaus in der Howe Street gewohnt. Als sie zehn Jahre alt war, ihr Vater mittlerweile mit Erfolg sein eigenes Geschäft leitete, waren sie umgezogen, in ein alleinstehendes Einfamilienhaus in der Burling Street, nur einen Häuserblock entfernt. Nichts Besonderes. Nichts irgendwie Avantgardistisches oder architektonisch Zwingendes. Entschieden kein Mies van der Rohe oder Frank Lloyd Wright. Es war einfach gemütlich. Ein Haus, in das man gern zurückkam. Sie liebten es, hatten vor, dort für immer zu bleiben. Bis ihre Mutter eines Nachmittags im August zu einem Arzttermin aus dem Haus ging und niemals zurückkehrte.

Danach gingen sie alle getrennte Wege — Maureen kehrte nach Harvard zurück, Jess beendete ihr Jurastudium und heiratete Don, ihr Vater unternahm ausgedehnte Geschäftsreisen nach Europa.

Das einst geliebte Haus stand leer. Schließlich fand ihr Vater die Kraft zu dem Entschluß, es zu verkaufen. Er hielt es nicht mehr aus, allein in diesem Haus zu leben.

Und jetzt hatte ihr Vater eine neue Frau gefunden. Eigentlich, dachte Jess, die abbog und schon wieder in der Sheridan Road landete, war das doch gar nicht so überraschend. Das Überraschende war vielmehr, daß er acht lange Jahre gewartet hatte. Frauen hatten ihn immer attraktiv gefunden. Gewiß, er war kein Adonis, und viel Haar hatte er auch nicht mehr, aber seine braunen Augen besaßen immer noch einen humorvollen Schimmer, und seiner Stimme hörte man an, daß er gern lachte.

Lange Zeit war alles Gelächter verstummt geblieben.

Tage-, ja monatelang hatte Art Koster nach dem Verschwinden seiner Frau den Ermittlern als Hauptverdächtiger, als einziger Verdächtiger gegolten. Obwohl er zur Zeit ihres Verschwindens auf Geschäftsreise gewesen war, hielt die Polizei beharrlich an ihrer Theorie fest, er könnte bei der Sache die Hand im Spiel gehabt haben. Er könnte ja jemanden angeheuert haben, hielt man ihm vor und beschäftigte sich nun gründlich mit der Ehe des Paares, verhörte Freunde und Nachbarn, zog Erkundigungen über Art Kosters Geschäfte und finanzielle Angelegenheiten ein.

Wie hatte das Ehepaar miteinander gelebt? Hatte es Streit gegeben? Wie oft? Wegen des Geldes? Wieviel Zeit hatte Art Koster außer Haus verbracht? Hatte es andere Frauen gegeben?

Natürlich habe es Streit gegeben, erklärte Art Koster. Nicht häufig, aber möglicherweise häufiger, als ihm bewußt war. Wegen Kleinigkeiten. Nicht wegen des Geldes. Nicht wegen seiner gelegentlichen Geschäftsreisen. Und ganz gewiß nicht wegen anderer Frauen. Andere Frauen habe es nie gegeben, erklärte er der Polizei. Er bestand darauf, sich einem Lügendetektortest zu unterziehen. Bestand ihn. Die Polizei schien enttäuscht zu sein. Schließlich war ihnen nichts anderes übriggeblieben, als ihm zu glauben.

Für Jess hatte es nie einen Zweifel gegeben. Ihr Vater war unschuldig. So einfach war das. Ganz gleich, was ihrer Mutter zugestoßen war, ihr Vater hatte damit nichts zu tun.

Art Koster hatte Jahre gebraucht, um wieder in den Rhythmus seines täglichen Lebens hineinzufinden. Eine Zeitlang stürzte er sich in die Arbeit. Er entfernte sich immer weiter von alten Freunden, bis keine Verbindung mehr bestand. Er ging selten unter Menschen, interessierte sich nicht für Frauen. Er zog in eine Wohnung am Wasser und brachte Stunden damit zu, auf den See hinauszustarren. Nur Jess und Don und Maureen sah er regelmäßig. Einer redete dem anderen gut zu. Na komm schon, es tut dir bestimmt gut. Du mußt nur raus. Wir wollen dich sehen.

Erst Maureens Heirat und Jess’ Scheidung hatten Art Koster wahrscheinlich aus seiner Lethargie gerissen und veranlaßt, sein normales Leben wiederaufzunehmen. Die Nachricht von Jess’ Trennung von Don hatte ihn genauso außer Fassung gebracht wie damals ihre Verlobung. Es war nicht etwa so, daß er Don nicht mochte. Im Gegenteil, er mochte ihn sehr. Er hatte nur gewünscht, Jess würde noch ein wenig warten. Sie war noch so jung. Sie fing gerade erst mit dem Studium an. Don war elf Jahre älter als sie, schon so etabliert. Jess brauchte Zeit für sich selbst, fand er und sagte das seiner Tochter auch, die Auffassung seiner Frau bestätigend, wie er das meistens tat.

Dennoch gestand er später, er sei froh gewesen, daß sie nach dem Verschwinden ihrer Mutter eine Stütze gehabt habe. Das habe ihn selbst etwas entlastet. Und Don hatte gut für Jess gesorgt. Art Koster war ehrlich bekümmert gewesen, als die Ehe in die Brüche gegangen war. Aber er hatte seine Tochter unterstützt. Wie immer. Er war für Jess da, als sie ihn brauchte, war wieder in die Vaterrolle hineingeschlüpft, hatte sich um sie gekümmert, sie ausgeführt, zum Essen, ins Theater, in die Oper. Hatte dafür gesorgt, daß sie sich nicht verkroch, in ihrer Arbeit vergrub, wie er das getan hatte.

Dann hatte Maureen ihr erstes Kind geboren, sein erstes Enkelkind, und plötzlich schien sich alles von selbst zu ordnen. Vielleicht war es nur eine Frage der Zeit, dachte Jess, während sie weiter in Richtung Norden fuhr, weg von der Stadt, weg von ihren Problemen. Nicht etwa, daß die Zeit alles heilte, wie man allseits hörte. Aber sie hatte eben tatsächlich die Eigenschaft, einfach weiterzulaufen. Letztlich blieb einem nichts anderes übrig, als mitzulaufen. Und jetzt hatte ihr Vater sich verliebt.

Das Campus der Northwestern University tauchte plötzlich zu ihrer Rechten auf. Sie fuhr an dem Observatorium mit dem riesigen Teleskop vorbei, das in den Weltraum gerichtet war, an den Wohnheimen, der Studio-Bühne, dem Art-Center, den vom Regen durchweichten Tennisplätzen. Sie fuhr weiter, am Lighthouse Beach vorbei, und blickte durch den strömenden Regen zu dem alten Leuchtturm hinüber, der früher einmal die Schiffe vor gefährlichen Felsriffen gewarnt hatte. An der Central Street bog sie nach links ab und fuhr zur Ridge Road. Langsam kroch sie die steile Steigung hinauf, an der Haltestelle der Hochbahn vorbei, die, wie Barry behauptete, das Verbrechen in die Vororte trug, dann vorbei am Krankenhaus, dem städtischen Golfplatz und über die Brücke, die hier den Chicago River überspannte. Nachdem sie das Dyche-Stadion passiert hatte, wo das Football-Team der Northwestern University den Gastmannschaften die Punkte abzuliefern pflegte, erreichte sie schließlich das Evanston-Kinozentrum, alles in allem ein Weg von nicht einmal einer Meile.

Auf der Straße war alles vollgeparkt. Jess mußte einmal um den Block fahren, ehe sie eine Parklücke fand. Es war fast zehn Uhr. Die Pizzeria war fast leer, die Eisdiele verlassen. Nicht gerade ein Abend für Eiscreme, dachte sie und erinnerte sich des Geschmacks von Maureens Birnenmousse mit Himbeersauce.

Nein, sie würde jetzt nicht an Maureen denken. Sie sprang aus dem Wagen und lief zu den Kinos. Sie hatte keine Ahnung, welche Filme gerade liefen. Es war ihr auch gleich. Lieber sich den größten Mist ansehen, als nach Hause zu fahren und den Enthüllungen des Abends ins Auge sehen zu müssen. Ihre Schwester hatte ein Recht auf ihr eigenes Leben und ebenso ihr Vater. Dieselbe Freiheit, die sie in Anspruch genommen hatte, ihr Leben so zu führen, wie sie es für richtig hielt, mußte sie auch ihnen zugestehen.

»Welches Kino?« fragte das junge Mädchen an der Kasse, als Jess ihr Geld hinlegte.

Jess versuchte, sich auf die Liste von Filmen zu konzentrieren, die hinter dem Mädchen hing, aber die Titel verschwammen und verwischten sich, wurden unleserlich, ehe ihr Gehirn sie registrieren konnte.

»Das ist mir gleich«, sagte sie zu dem Mädchen. »Geben Sie mir einfach eine Karte für den Film, der als nächstes anfängt.«

»Sie haben alle schon angefangen.« Das Mädchen schaffte es, gelangweilt und verwundert zugleich auszusehen.

»Dann suchen Sie eben einen aus. Ich hab Schwierigkeiten…« Sie ließ den Satz in der Luft hängen.

Das Mädchen zuckte die Achseln, nahm das Geld, tippte ein paar Zahlen in ihre Registrierkasse ein und reichte Jess eine Karte. »Höllenhunde. Kino eins, gleich links«, erklärte sie. »Der Film hat vor zehn Minuten angefangen.«

Eine Platzanweiserin war nicht da, niemand, der darauf achtete, daß sie nicht in den falschen Vorführsaal ging, niemand, den interessierte, was sie tat.

Sie öffnete die Tür zu Kino eins und tauchte augenblicklich in schwarze Finsternis. Was immer sich auch in diesem Moment auf der Leinwand ereignete, spielte sich offensichtlich. mitten in der Nacht ab. Sie sah überhaupt nichts.

Sie wartete ein paar Minuten, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, und war erstaunt, wie wenig sie vom Zuschauerraum erkennen konnte, selbst nachdem die Leinwand hell geworden war. Langsam ging sie auf der Suche nach einem Sitzplatz den Gang hinunter.

Ein paar Minuten lang sah es so aus, als gäbe es keine freien Plätze mehr. Na klar, dachte Jess, sie dreht mir eine Karte für einen Film an, der total ausverkauft ist. Aber dann entdeckte sie doch einen freien Platz — in der Mitte der vierten Reihe. Natürlich, es ist ja Freitagabend, sagte sie sich. Da geht man mit der Freundin ins Kino. Lauter Pärchen, dachte sie und fühlte sich in ihrem Alleinsein so auffallend wie eine Neonreklame, während sie sich an unwilligen Zuschauern vorbei zu dem freien Platz durchdrängte.

»Setzen Sie sich doch endlich«, zischte hinter ihr jemand ärgerlich.

»Mensch, wie lange brauchen Sie denn noch, Lady?«

»Entschuldigen Sie«, flüsterte Jess und stieg über ein Knie, das stur vorgeschoben blieb.

Im nächsten Augenblick sank sie auf den freien Platz. Aus Angst, neuerlichen Unwillen zu erregen, zog sie ihren Mantel nicht aus. Rund um sie herum tuschelte es ungehalten, dann wurde es wieder still.

Auf der Leinwand floh ein junger Mann, dessen blaue Augen vor Angst weit aufgerissen waren, vor einem wütenden Mob. Die Menschen verfolgten ihn mit wutverzerrten Gesichtern und drohenden Fäusten, beschimpften ihn, lachten, als er stolperte und stürzte, hetzten ihre zähnefletschenden Bullterrier auf ihn. Sekunden später stürzten sich die Hunde auf den unglücklichen jungen Mann, noch ehe er wieder richtig auf den Beinen war, und rissen ihn erneut zu Boden. Krallen schlugen sich in den Hals des jungen Mannes, und das Blut sprudelte aus der Wunde und tränkte die Leinwand. Die Zuschauer johlten.

Was, zum Teufel, sah sie sich da an?

Sie schloß die Augen, öffnete sie wieder und sah denselben jungen Mann im Bett mit einer sehr schönen Frau, deren lockiges blondes Haar verführerisch auf ihrem bloßen Busen ausgebreitet lag. Entweder eine Rückblende oder eine sehr schnelle Erholung, dachte Jess und sah zu, wie ihre Zungen im Mund des jeweils anderen verschwanden.

Was ist eigentlich mit dem Dialog? fragte sie sich. Seit sie hier saß, hatte kein Mensch auf der Leinwand auch nur ein Wort gesprochen. Man floh, man tötete, man küßte sich und man kopulierte. Aber niemand sprach.

Vielleicht ist es besser so, sagte sie sich. Stell dir nur vor, wie schön und angenehm es wäre, wenn kein Mensch redete. Ihre Arbeit als Staatsanwältin würde das ganz gewiß ungeheuer erleichtern. Sie würde die Bösewichte einfach erschießen anstatt zu versuchen, launische Geschworene von ihrer Schuld zu überzeugen. Was die Familienschwierigkeiten anging, so würde ein wohlgezielter Kinnhaken dem lästigen Schwager ein für allemal den Wind aus den Segeln nehmen. Und die beunruhigende Ankündigung ihres Vaters hätte sie niemals hören müssen.

Vater verliebt, dachte sie und sah plötzlich sein Bild auf der Leinwand erscheinen, überlebensgroß, als er den Platz des jungen Mannes einnahm und in dessen Rolle schlüpfte. Ihr Vater war es, der jetzt die nackte junge Frau umschlang, ihre vollen Lippen küßte, ihr seidiges blondes Haar um seine Finger wickelte. Jess wollte sich abwenden, aber sie konnte nicht, sie saß wie gebannt, machtlos, Gefangene ihrer eigenen Phantasiebilder. Sie sah, wie ihr Vater das Gesicht der jungen Frau mit seinen großen Händen umschloß, wie das Blond ihres Haares sich in ein von Grau gesprenkeltes Braun färbte. Fältchen von Lebensweisheit zeigten sich um Mund und Augen der jungen Frau. Die Farbe ihrer Augen vertiefte sich, wandelte sich vom hellen Blau zum dunklen Seegrün. Sie drehte den Kopf und sah von der Leinwand zu Jess herunter.

Es war ihre Mutter, wie Jess erkannte, als das träge Lächeln der Frau sie einhüllte. Ihre wunderschöne Mutter.

Sie beugte sich in ihrem Sitz nach vorn, schlang die Arme um ihren Körper und hielt sich ganz fest.

Eine zweite Frau, kleiner, zierlicher, mit rabenschwarzem Haar, in wehendem Chiffon und Birkenstocksandalen gekleidet, tänzelte plötzlich ins Bild und in die Arme ihres Vaters. Ihr Vater merkte nichts von dem Wechsel, während ihre Mutter immer weiter nach außen gedrängt wurde und ihr Bild verblaßte und schließlich verschwand.

Jess schrie unterdrückt auf und krümmte sich vornüber, die Hände auf den Magen gedrückt, als hätte ein Schuß sie getroffen.

»Was ist denn jetzt los?« murmelte jemand.

Jess versuchte, sich wieder aufzusetzen, trotz der Beklemmung, die sie in ihrer Brust spürte. Sie straffte ihre Schultern, drückte ihren Rücken durch, überlegte, ob sich nicht ihr Büstenhalter irgendwie unauffällig öffnen ließ, stellte fest, daß es keine Möglichkeit gab. Ihr war heiß und flau.

Aber ja, kein Wunder, daß ihr flau war. Kein Wunder, daß ihr heiß war. Sie hatte ja ihren Mantel noch an. Das Kino war voll. Sie saßen hier zusammengedrängt wie die Sardinen in der Dose. Kein Wunder, daß sie kaum atmen konnte. Sie konnte froh sein, daß sie nicht ohnmächtig geworden war. Jess krümmte ihre Schultern nach vorn und zog an ihren Ärmeln, riß sich den Mantel herunter, als stünde er in Flammen.

»Herrgott noch mal«, beschwerte sich jemand hinter ihr. »Können Sie nicht mal stillsitzen?«

»Entschuldigen Sie«, flüsterte Jess. Ihr war immer noch heiß, immer noch flau. Das Ablegen des Mantels hatte nichts bewirkt. Sie begann, an ihrem Pullover zu zerren. Blau, grün, türkis — welche Farbe auch immer das verdammte Ding hatte, es war zu warm. Sie erstickte ja fast darin. Wieso konnte sie nicht atmen?

Verzweifelt sah sich Jess nach dem Ausgangsschild um. Ihr Kopf schwang von rechts nach links, während ihr Blick gleichzeitig in alle Richtungen flog und ihr Magen rumorte. Die Schildkrötensuppe, dachte sie und riß am Rollkragen ihres Pullovers, sah sich plötzlich von einem Meer enthaupteter Schildkröten umgeben.

Gleich würde ihr übel werden. Nein, nein, übergib dich jetzt bloß nicht. Reiß dich zusammen. Sie richtete den Blick wieder auf die Leinwand. Der junge Mann lag tot auf dem Boden, sein Gesicht von den Hunden zerfleischt, so daß er nicht mehr zu erkennen war. Kaum noch ein Mensch. Der Mob, der seine Wut gestillt hatte, ließ ihn auf der verlassenen Landstraße liegen.

War ihrer Mutter ein ähnliches Schicksal widerfahren? Hatte sie mißhandelt und allein gelassen irgendwo auf einer einsamen Straße geendet?

Oder saß sie vielleicht irgendwo in einem Kino wie diesem hier, sah sich irgendein ähnlich groteskes Rührstück an und fragte sich, ob sie je nach Hause zurückkehren könnte, ob ihre Töchter ihr jemals vergeben könnten, daß sie sie verlassen hatte.

»Das habe ich nicht nötig, Jess«, hatte sie am Morgen ihres Verschwindens gerufen. »Das muß ich mir von dir nicht gefallen lassen!«

Jess spürte, wie sich ihr der Magen umdrehte. Sie schmeckte Schildkrötensuppe gemischt mit Hühnchen und Gorgonzola. Nein, bitte nicht, flehte sie lautlos, biß die Zähne zusammen und preßte die Lippen aufeinander.

Atme tief durch, ermahnte sie sich, wie Don sie immer ermahnt hatte. Tief durchatmen, aus dem Zwerchfell. Ein. Aus. Ein. Aus.

Es half nichts. Gar nichts half. Sie spürte, wie ihr auf der Stirn der Schweiß ausbrach und seitlich an ihrem Gesicht hinunterlief. Ihr war speiübel. Gleich würde sie sich übergeben, mitten in einem Film, mitten in einem randvollen Kino. Nein, unmöglich. Sie mußte hinaus. Sie mußte Luft haben.

Sie sprang auf.

»Hey! Hinsetzen!«

»Was, zum Teufel, soll das nun wieder?«

Jess packte ihren Mantel, drängte sich durch die Reihe zum Gang, ohne darauf zu achten, wem sie auf die Füße trat, wem sie ihre Schulter in den Rücken stieß.

»Entschuldigen Sie«, flüsterte sie immer wieder.

»Pscht!«

»Kommen Sie bloß nicht wieder zurück.«

»Entschuldigen Sie«, wiederholte sie und stürzte ins Foyer hinaus, wo sie gierig die Luft einatmete. Das Mädchen an der Kasse musterte sie mißtrauisch, sagte aber nichts. Jess rannte die Straße hinunter zu ihrem Wagen. Es regnete immer noch, stärker jetzt als vorher.

Sie kramte in ihrer Handtasche nach dem Wagenschlüssel, ließ ihn beinahe fallen, als sie versuchte, die Tür aufzusperren. Als sie endlich hinter das Steuer rutschte, war sie völlig durchnäßt, das Wasser lief ihr aus den Haaren in die Augen, ihr Pullover klebte klamm wie kalter Schweiß an ihrem Körper. Sie warf ihren Mantel auf den Rücksitz, dann legte sie sich quer über die Vordersitze, um sich von der Feuchtigkeit abkühlen zu lassen. Sie atmete tief die kalte Nachtluft ein, kostete sie wie einen edlen Wein. So blieb sie liegen, bis allmählich ihr Atem wieder ruhiger wurde.

Die Panik ließ nach, hörte auf.

Jess setzte sich auf und schaltete den Motor ein. Augenblicklich begannen die Scheibenwischer zu arbeiten. Oder, genauer gesagt, einer von ihnen begann zu arbeiten. Der andere schleppte sich stockend über das Glas wie Kreide über eine Schiefertafel. Sie mußte das unbedingt schnellstens richten lassen. Sie konnte ja kaum genug sehen, um zu fahren.

Sie lenkte den Wagen aus der Parklücke auf die Straße und fuhr in südlicher Richtung. Sie schaltete das Radio ein und hörte Mariah Carey zu, deren hohe dünne Stimme sich in dem kleinen Wagen fing und von Türen und Fenstern abprallte. Sie sang irgend etwas vom Fühlen von Gefühlen, und Jess fragte sich geistesabwesend, was man sonst fühlen sollte.

Sie sah den weißen Wagen erst, als er direkt auf sie zukam. Instinktiv riß sie ihr Auto zur Seite, die Reifen verloren die Haftung auf dem nassen Asphalt, und der Wagen drehte sich, ehe sie ihn zum Stehen bringen konnte.

»Du Wahnsinniger!« schrie sie wütend. »Du hättest uns beide umbringen können.«

Aber der weiße Wagen war verschwunden. Sie schrie ins Leere.

Das war schon das zweite Mal an diesem Tag, daß sie beinahe von einem weißen Auto umgebracht worden wäre, erst von einem Chrysler, dann — sie war nicht sicher, was es diesmal für ein Auto gewesen war. Vielleicht auch ein Chrysler, dachte sie, während sie versuchte, sich den Wagen ins Gedächtnis zu rufen. Aber er war zu rasch an ihr vorbei gewesen, außerdem regnete es, und es war dunkel. Und einer ihrer Scheibenwischer tat es nicht mehr. Was spielte es auch für eine Rolle? Es war wahrscheinlich ihre Schuld. Sie konzentrierte sich nicht auf das, was sie tat. Sie war zu beschäftigt mit anderen Dingen. So beschäftigt damit, nicht nachzudenken. Über ihre Schwester. Ihren Vater. Ihre Angstattacken.

Vielleicht sollte sie Maureens Freundin Stephanie Banack wirklich einmal anrufen. Jess griff in die Tasche ihrer schwarzen Hose und tastete nach dem Zettel, auf dem ihre Schwester ihr Adresse und Telefonnummer der Therapeutin aufgeschrieben hatte. Sie erinnerte sich Stephanie Banacks als einer strebsamen, ernsthaften Person mit leicht nach vorn gekrümmten Schultern und einer Nase, die für ihr schmales Gesicht zu breit war. Stephanie und Maureen, ihre Schwester, waren seit der High School miteinander befreundet und hatten die Verbindung nie abreißen lassen. Jess hatte sie seit Jahren nicht mehr gesehen, hatte vergessen, daß sie Psychotherapeutin geworden war, und beschloß jetzt, sie nicht aufzusuchen. Sie brauchte keine Therapeutin; sie brauchte einfach Schlaf.

Jess’ Anspannung lockerte sich allmählich, sie fühlte sich wesentlich besser, als sie sich dem Lincoln Park näherte, fast normal, als sie nach rechts in die North Avenue einbog. Gleich zu Hause, dachte sie und sah, daß der Regen in Schnee überzugehen begann.

Ihr Zuhause war die oberste Etage eines dreistöckigen alten Stadthauses in der Orchard Street. Man hatte begonnen, das alte Viertel zu sanieren, und die meisten der schönen alten Häuser waren im vergangenen Jahrzehnt umfassenden Renovierungsarbeiten unterzogen worden. Die Häuser bildeten eine bunte Mischung: groß und klein, Backstein und Holzschindeln, eine Vielfalt von Formen und Stilarten, Mietshäuser neben Einfamilienhäusern, wenige mit einem Vorgarten, noch weniger mit angebauten Garagen. Die meisten Anwohner parkten auf der Straße, ihre Parkgenehmigungen deutlich sichtbar auf den Armaturenbrettern ihrer Autos.

Die Klinkerfassade des Hauses, in dem Jess wohnte, war im Sommer gereinigt worden, die hölzernen Fensterläden waren mit glänzendem schwarzen Lack frisch gestrichen worden. Jess gefiel das alte Haus jedesmal von neuem, und sie wußte, daß sie sich glücklich preisen konnte, diese Wohnung gefunden zu haben. Nur schade, dachte sie, daß es keinen Aufzug gab, obwohl ihr sonst die drei Treppen überhaupt nichts ausmachten. Heute abend jedoch fühlte sie sich so schlapp, als hätte sie eine lange Joggingrunde hinter sich.

Dabei war sie seit ihrer Scheidung nicht mehr gelaufen. Sie und Don waren, als sie am Lake Shore Drive gewohnt hatten, regelmäßig das Stück Strand von der North Avenue bis zur Oak Street gelaufen, aber das Joggen war Dons Idee gewesen, und sie hatte es nach der Trennung ebenso aufgegeben wie die Gewohnheit, jeden Tag drei anständige Mahlzeiten zu essen und jede Nacht ihre acht Stunden zu schlafen. Es sah fast so aus, als hätte sie alles aufgegeben, was ihr guttat. Don eingeschlossen, dachte sie. Gerade heute abend wäre es schön gewesen, nicht in eine leere Wohnung heimzukehren.

Jess parkte ihren alten roten Mustang hinter dem nagelneuen grauen Lexus der Frau, die gegenüber wohnte, und rannte durch den leichten Nieselregen — oder war es schon Schnee? — zur Haustür. Sie sperrte auf, trat in das kleine Foyer, knipste das Licht an und sperrte die Tür hinter sich ab. Rechts von ihr war die geschlossene Tür der Parterrewohnung. Unmittelbar vor ihr befand sich die mit dunkelrotem Teppich bespannte Treppe nach oben. Die Hand leicht auf dem Geländer, begann sie den Weg nach oben. Aus der Wohnung in der ersten Etage drang Musik, als sie vorüberkam.

Sie sah die anderen Mieter selten. Der eine war Architekt bei der Baubehörde, zweimal geschieden, der andere ein Systemanalytiker, schwul. Was genau ein Systemanalytiker war, würde sie niemals verstehen, ganz gleich, wie oft und wie eingehend man es ihr erklärte.

Der Systemanalytiker war ein Jazzfan, und das Wimmern eines Saxophons begleitete sie zu ihrer Wohnungstür. Das Flurlicht ging aus, als sie den Schlüssel ins Schloß schob. Sobald sie drinnen war und die Tür geschlossen hatte, verdrängte der fröhlichere Gesang ihres Kanarienvogels das Klagelied des Saxophons.

»Hallo, Fred«, rief sie. Sie ging gleich zum Käfig und drückte ihr Gesicht an die dünnen Metallstangen. Als besuchte man einen Freund im Gefängnis, dachte sie. Hinter ihr spielte das Radio, das sie am Morgen eingeschaltet gelassen hatte, ein altes Tom Jones-Lied. »Why, why, why, Delilah…?« sang sie mit ihm, als sie zur Küche ging.

»Tut mir leid, daß ich so spät komme, Freddy. Aber glaub mir, du kannst froh sein, daß du zu Hause geblieben bist.« Jess öffnete den Tiefkühlschrank und nahm einen Vanillekuchen im Karton heraus. Sie schnitt sich ein breites Stück herunter und stellte den Karton wieder zurück. Den Kuchen hatte sie schon zur Hälfte gegessen, als sie die Tür zuschlug. »Mein Schwager war in Hochform, und ich bin ihm wieder mal auf den Leim gegangen«, erzählte Jess auf dem Rückweg ins Wohnzimmer. »Mein Vater hat sich verliebt, und ich kann mich einfach nicht für ihn freuen. Draußen fängt’s jetzt an zu schneien, und aus irgendeinem Grund nehm ich das als persönliche Beleidigung. Ich glaub, ich kriege einen Nervenzusammenbruch.« Sie schluckte den Rest des Kuchens hinunter. »Was meinst du, Fred? Glaubst du, daß ich langsam verrückt werde?«

Der Kanarienvogel flatterte zwischen seinen Stangen hin und her, ohne auf sie zu achten.

»Ganz recht«, sagte Jess. Sie ging zum großen Fenster und sah zur Orchard Street hinunter.

Direkt gegenüber stand ein weißer Chrysler auf der Straße. Jess fuhr vom Fenster zurück und drückte sich an die Wand. Schon wieder ein weißer Chrysler. Hatte der schon dagestanden, als sie nach Hause gekommen war?

»Mach dich nicht lächerlich«, sagte sie, um ihr lautes Herzklopfen zu übertönen, während der Kanarienvogel eine neue Strophe begann. »Hier in der Stadt gibt’s bestimmt eine Million weiße Chrysler.« Wenn im Laufe eines einzigen Tages einer sie beinahe überfahren hatte, ein zweiter beinahe ihren Wagen gerammt hatte und ein dritter jetzt draußen vor ihrem Haus auf der Straße stand, so konnte das noch immer reiner Zufall sein. Klar, und es schneit niemals vor Allerheiligen, dachte sie und hielt sich vor, daß sie nicht einmal mit Sicherheit sagen konnte, ob der Wagen, der in Evanston beinahe mit ihr zusammengestoßen wäre, wirklich ein Chrysler gewesen war.

Vorsichtig näherte sie sich wieder dem Fenster und spähte hinter dem Vorhang verborgen hinaus. Der weiße Chrysler stand immer noch da. Ein Mann saß reglos am Steuer. Sein Gesicht war im Schatten. Sie konnte ihn nur im Profil sehen. Er blickte geradeaus durch die Windschutzscheibe. Dunkelheit und Regen warfen einen Schleier über seine Gesichtszüge.

»Rick Ferguson?« fragte sie laut.

Der Klang seines Namens von ihren Lippen erschreckte Jess. Sie rannte aus dem Wohnzimmer durch den Flur in ihr Schlafzimmer. Sie riß die Schranktür auf, fiel auf die Knie und wühlte in ihren Schuhen, von denen viele noch im Originalkarton waren. »Wo, zum Teufel, hab ich das Ding hingetan?« schimpfte sie, sprang auf und streckte sich nach dem obersten Bord, auf dem auch noch Schuhe standen, alte Lieblingsschuhe, die augenblicklich nicht in Mode waren, von denen sie sich aber nicht trennen konnte. »Wo, zum Teufel, hab ich die verdammte Knarre versteckt?«

Sie fegte die Kartons mit einer einzigen großen Bewegung vom Bord und hielt schützend beide Hände über ihren Kopf, als es Schuhe zu regnen begann. »Wo ist sie?« rief sie und entdeckte dann etwas Glänzendes, Schwarzes unter zerknülltem weißen Seidenpapier.

Schwarze Lacklederpumps, stellte sie fest und fragte sich, wie sie auf die Schnapsidee gekommen war, sich Schuhe mit zehn Zentimeter hohen Absätzen zu kaufen. Sie hatte die Dinger genau ein Mal getragen.

Sie entdeckte den kleinen stupsnasigen Revolver schließlich unter den großen Stoffblumen, die ein Paar grauer Pumps zierten. Die Patronen steckten in den Schuhspitzen. Mit zitternden Händen steckte Jess sechs Patronen in die Trommel des Smith & Wesson Kaliber.38, den Don ihr aufgedrängt hatte, als sie sich ihre eigene Wohnung genommen hatte. »Nenn es mein Scheidungsgeschenk«, hatte er gesagt und sich auf keine weitere Diskussion eingelassen.

Vier Jahre hatte die Waffe in der Schuhschachtel gelegen. Funktionierte sie überhaupt noch? Oder gab es bei Waffen genau wie bei Molkereiprodukten und anderen verderblichen Waren ein. Verfallsdatum? Mit dem Revolver in der Hand kehrte sie ins Wohnzimmer zurück, schlug mit dem kurzen Lauf leicht auf den Lichtschalter und tauchte das Zimmer in Finsternis. Der Kanarienvogel hörte abrupt zu singen auf.

Mit der Waffe in der Hand näherte sich Jess dem Fenster. »Schieß dich nur nicht selber in den Fuß«, warnte sie sich und kam sich ausgesprochen albern vor. Aber die Angst war stärker. Mit zitternden Händen schob sie den dünnen Spitzenvorhang zur Seite.

Es war nichts zu sehen. Kein weißer Chrysler. Überhaupt kein weißes Auto. Nur der weiße Schnee, der Rasen und Pflaster sprenkelte. War überhaupt ein weißes Auto hier gewesen?

»Dein Frauchen ist eindeutig kurz vor dem Überschnappen«, erklärte Jess ihrem Kanarienvogel. Sie machte das Licht nicht wieder an. Sie breitete ein dunkelgrünes Tuch über den Vogelkäfig, schaltete das Radio aus und brachte die Waffe in ihr Schlafzimmer zurück, in dem jetzt überall Schuhe herumlagen. Warum sammle ich nicht lieber Briefmarken? dachte sie beim Anblick der Bescherung. Briefmarken waren leichter unterzubringen und nicht dem Diktat der Mode unterworfen. Bestimmt hätte kein Mensch Imelda Marcos kritisiert, wenn sie dreitausend Paar Briefmarken gesammelt hätte.

Sie kniete auf dem Teppich nieder und machte sich daran aufzuräumen. Niemals hätte sie schlafen können, wenn es in ihrem Schlafzimmer aussah wie auf einem Schlachtfeld. Falls sie überhaupt schlafen konnte.

Seufzend starrte sie auf die Waffe in ihrer Hand. Wäre sie tatsächlich fähig gewesen zu schießen? Sie zuckte die Achseln, froh, nicht auf die Probe gestellt worden zu sein, und legte den Revolver wieder in den Karton unter die alten Pumps.

Dann aber überlegte sie es sich anders und nahm die Waffe wieder heraus. Es war vielleicht gescheiter, sie irgendwo zu verstecken, wo man leichter an sie herankam. Auch wenn sie sie wahrscheinlich niemals benützen würde. Nur damit sie sich besser fühlte.

Sie zog die oberste Schublade ihres Nachttischs auf und schob den Revolver in die hintere Ecke hinter ein altes Fotoalbum. »Nur für heute nacht«, sagte sie laut und stellte sich vor, wie sie versuchte, einer Meute blutrünstiger Bullterrier zu entkommen.

Nur für heute Nacht.

6

Von den anderen war noch niemand da, als Jess im Scoozi in der Huron Street in River West eintraf. Anders als die kleinen dunklen Bars in der California Street, in denen sich Jess und ihre Kollegen normalerweise zu treffen pflegten, war das Scoozi ein riesiges altes Lagerhaus, das man in ein Restaurant mit Bar umgewandelt hatte. Von der hohen Decke hing ein gigantischer Art Deco Leuchter in die Mitte des Raumes herab, der in einer Art toskanischem Landhausstil eingerichtet war. Hinten stand ein großer Terracottatopf voll leuchtender künstlicher Blumen, vorn war die stets gut besuchte Bar. Nach Jess’ Schätzung hatten an den Tischen im großen Speisesaal des Restaurants leicht dreihundert Leute Platz. Aus unsichtbaren Lautsprechern strömte etwas aufdringlich italienische Musik. Insgesamt bot das Restaurant genau die richtige Kulisse, um Leo Pameters einundvierzigsten Geburtstag zu feiern.

Jess hatte Leo Pameter seit dem Jahr, als er von der Staatsanwaltschaft weggegangen war, um in eine private Anwaltskanzlei einzusteigen, nicht mehr gesehen. Ihr war klar, daß sie zu dieser Geburtstagsfeier nur eingeladen war, weil die gesamte zehnte und elfte Etage aufgefordert worden war. Warum sie angenommen hatte, war ihr weniger klar.

Um wieder einmal etwas vorzuhaben vermutlich. Sie nickte lächelnd, als der Ober ihr sagte, daß von ihrer Gesellschaft noch niemand hier sei, und fragte, ob sie an der Bar warten wolle. An der Bar war bereits Hochbetrieb, obwohl es gerade erst sechs Uhr war. Jess sah auf ihre Uhr, aber im Grunde nur, weil sie nichts Besseres zu tun hatte, und fragte sich zum zweiten Mal, warum sie hierhergekommen war.

Ich bin gekommen, sagte sie sich, weil ich Leo Pameter immer gern gehabt habe. Sie hatte es bedauert, als er gegangen war. Im Gegensatz zu vielen anderen ihrer Kollegen, unter ihnen Greg Oliver, war Leo Pameter ruhig und höflich, ein Mensch, der auf seine Umgebung ausgesprochen beruhigend wirkte, vielleicht weil er über seinem Ehrgeiz nie seine gute Erziehung vergaß. Alle mochten ihn, einer der Gründe, weshalb heute abend alle kommen würden. Jess hätte gern gewußt, wie viele Leute kommen würden, wenn es ihren Geburtstag zu feiern galt.

Sie nahm sich eine Handvoll kleiner Salzbrezeln und Käsecracker in Form kleiner Fische und schob sie in den Mund, wobei mehrere Fische ihr aus der Hand fielen und vorn auf ihrem braunen Pullover landeten.

»Warten Sie, ich mach das schon«, sagte ein Mann neben ihr in scherzhaftem Ton.

Hastig griff Jess sich mit beiden Händen an die Brust. »Danke, das mache ich lieber selber.«

Der junge Mann hatte einen dicken Hals, kurzgeschorenes blondes Haar und eine breite, gewölbte Brust, über der das grüne Seidenhemd spannte. Er sah aus wie ein Footballspieler.

»Sind Sie Footballspieler?« fragte Jess unwillkürlich.

»Darf ich Sie zu einem Drink einladen, wenn ich ja sage?« fragte er zurück.

Sie lächelte. Er war ganz nett. »Ich erwarte jemanden«, antwortete sie und wandte sich ab. Sie hatte in ihrem Leben keinen Platz für ganz nett.

Was ist eigentlich mit mir los? fragte sie sich und nahm sich noch eine Handvoll Cracker. Jeder sagte ihr, was für eine attraktive Frau sie sei, wie schick, wie klug, wie begabt. Sie war jung. Sie war gesund. Sie war ungebunden.

Sie war seit Monaten nicht mehr mit einem Mann ausgegangen. Sex war ein Fremdwort für sie. Ein Leben außerhalb des Büros gab es nicht für sie. Und da saß dieser nette Junge neben ihr, ein bißchen gigantisch vielleicht für ihren Geschmack, aber dennoch gutaussehend, und fragte sie, ob er sie zu einem Drink einladen könne, und sie lehnte ab.

Sie drehte sich wieder nach dem jungen Mann um, aber der unterhielt sich bereits angeregt mit einer Frau auf seiner anderen Seite. Na, das ist aber schnell gegangen, dachte Jess und hüstelte hinter vorgehaltener Hand, damit niemand ihr Erröten sah. Was hatte sie sich denn eingebildet? Hatte sie im Ernst daran gedacht, sich von einem wildfremden Kerl anquatschen zu lassen, nur weil er »ganz nett« war und sie ein bißchen einsam? »Eher ein bißchen blöd«, murmelte sie vor sich hin.

»Bitte?« fragte der Barkeeper, aber es war eigentlich gar keine Frage. »Sagten Sie, Sie wollten etwas trinken?«

Jess blickte dem Barkeeper in die unfreundlichen blauen Augen. »Ich nehme ein Glas Weißwein.« Sie stopfte sich noch einmal eine Handvoll Cracker in den Mund.

»Du lieber Gott, wie kannst du nur dieses Zeug essen!« Die Stimme hinter ihr war ihr vertraut.

Mit einem Ruck drehte sie sich herum, ließ einen kleinen Schwarm Fische in den Schoß ihres braunen Rocks fallen und sprang vom Barhocker. »Don! Das ist ja nicht zu fassen.«

Er nahm sie in die Arme und drückte sie an sich. Sie war enttäuscht, als er sich gleich wieder von ihr löste.

»Aber es ist auch diesmal kein Zufall, falls du das glauben solltest«, bemerkte er. »Leo und ich haben zusammen studiert. Weißt du noch?«

»Nein, das hatte ich ganz vergessen«, bekannte Jess. Wirklich? Hatte sie nicht vielleicht vermutet, daß Don heute abend hier sein würde? War das nicht wenigstens teilweise ein Grund für ihr Kommen? War er der Mann, auf den sie, wie sie dem vermeintlichen Footballspieler erklärt hatte, gewartet hatte?

»Ich hab gewußt, daß du als erste hier sein würdest. Darum sind wir extra pünktlich gekommen. Um dir Gesellschaft zu leisten.«

Wir? Das Wort traf Jess wie ein Keulenschlag.

»Jess, das ist Trish McMillan«, sagte Don und zog eine hübsche Frau mit kurzem blonden Haar und einem angenehmen Lächeln an seine Seite. »Trish, das ist Jess.«

»Hallo, Jess«, sagte die Frau. »Es freut mich, Sie kennenzulernen. Ich habe schon eine Menge von Ihnen gehört.«

Jess murmelte irgendeine Floskel. Sie sah nur, daß die Frau Don den Arm um die Taille gelegt hatte.

»Was trinkst du?« fragte Don.

Jess griff hinter sich nach ihrem Glas. »Weißwein.« Sie trank einen tiefen Schluck, schmeckte nichts.

Trish McMillan lachte, und Don strahlte. Jess war verwirrt. Sie hatte nichts Komisches gesagt. Verstohlen blickte sie auf ihren Pullover hinunter, um festzustellen, ob noch irgendwelche verirrten Fische an ihrem Busen hingen. Aber da war nichts. Vielleicht gehörte Trish McMillan zu diesen widerwärtig glücklichen Menschen, die keinen Grund brauchten, um laut heraus zu lachen. Don hatte die Wahrheit gesagt. Ihr Lachen klang wirklich verführerisch und außerdem so, als wüßte sie etwas, von dem der Rest der Welt keine Ahnung hatte; als wüßte sie etwas, von dem Jess keine Ahnung hatte. Wieder hob Jess ihr Glas zum Mund.

»Zweimal den Hauswein«, sagte Don zum Barkeeper. »Ich lade dich ein«, sagte er, als Jess in ihrer Handtasche nach ihrer Geldbörse kramte. »Bist du allein hier?«

Jess zuckte die Achseln. Die Frage erforderte keine Antwort. Warum hatte er sie überhaupt gestellt?

»Ich habe Leo nicht mehr gesehen, seit er bei uns weggegangen ist«, sagte sie, weil sie glaubte, etwas sagen zu müssen.

»Er ist sehr erfolgreich«, sagte Don. »Er ist zu Remington, Faskin gegangen, wie du weißt.« Remington, Faskin, Carter und Bloom war eine kleine, aber sehr wohlangesehene Kanzlei. »Er scheint sich dort sehr wohl zu fühlen.«

»Was machen Sie denn?« fragte Jess Trish McMillan und bemühte sich zu übersehen, daß ihr Arm noch immer Dons Taille umfangen hielt.

»Ich bin Lehrerin.«

Jess nickte. Na, das war wenigstens nicht allzu beeindruckend.

»Ja, aber keine Lehrerin im landläufigen Sinn«, fügte Don stolz hinzu. »Trish unterrichtet drüben im Kinderkrankenhaus. In der Gehirnchirurgie und der Dialyseabteilung.«

»Das verstehe ich nicht«, sagte Jess. »Was unterrichten Sie denn da?«

»Alles«, antwortete Trish und lachte.

Alles, dachte Jess. Natürlich.

»Ich unterrichte Kinder aller Altersstufen, die an der künstlichen Niere hängen und nicht zur Schule gehen können, oder Kinder, die Gehirnoperationen hinter sich haben. Diejenigen, die für lange Zeit im Krankenhaus sind.«

»Das klingt ziemlich bedrückend.«

»Ja, es kann bedrückend sein. Aber ich bemühe mich, meine gute Laune nicht zu verlieren.« Sie lachte wieder. Ihre Augen blitzten. Ihre Wangen bekamen Grübchen. Jess mußte sich anstrengen, sie nicht zu hassen. Mutter Teresa mit kurzem blonden Haar und einem verführerischen Lachen.

Jess griff wieder nach ihrem Glas, stellte überrascht fest, daß es leer war, winkte dem Barkeeper, um sich noch einen Wein zu bestellen, bestand darauf, ihn selbst zu bezahlen.

»Ich höre, du hattest heute nachmittag eine ziemlich hitzige Auseinandersetzung«, sagte Don.

»Wo hast du das gehört?«

»So was spricht sich herum.«

»Dieser Hal Bristol hat wirklich Nerven! Zwei Wochen vor dem Prozeß versucht er mich zu fahrlässiger Tötung rumzukriegen.« Jess hörte den Zorn in ihrer eigenen Stimme. Sie wandte sich Trish so plötzlich zu, daß die Frau zusammenfuhr. »Da schießt so ein Kerl seiner Frau mit der Armbrust mitten ins Herz, und sein Anwalt will mir weismachen, es sei ein Unfall gewesen.«

Trish McMillan sagte nichts, starrte sie nur mit großen dunklen Augen an.

»Bristol will auf Unfall hinaus?« Sogar Don schien überrascht zu sein.

»Ja, er behauptet, sein Mandant habe nicht die Absicht gehabt, sie zu erschießen, er habe ihr nur einen kleinen Schrecken einjagen wollen. Das ist doch schließlich ganz verständlich, oder? Ich meine, sie hat den armen Kerl ja über alles vernünftige Maß hinaus herausgefordert. Richtig? Was blieb ihm da anderes übrig, als sich eine Armbrust zu kaufen und sie mitten auf einer Straßenkreuzung abzuknallen?«

»Du weißt, daß Bristol wahrscheinlich nur versuchte, sich auf halbem Weg mit dir zu treffen.«

»Es gibt keinen halben Weg.«

Don lächelte bekümmert. »Nein, bei dir nicht.« Er drückte Trish McMillan fester an sich.

Jess leerte ihr zweites Glas Wein. »Ich bin froh, daß du hier bist«, verkündete sie in möglichst geschäftsmäßigem Ton. »Ich wollte dich etwas fragen.«

»Schieß los.«

Jess sah sich wieder am Fenster ihrer Wohnung, wie sie mit der Waffe in der Hand hinter den dünnen Vorhängen verborgen zur Orchard Street hinunterblickte. Sie wünschte, Don hätte ein anderes Wort gewählt.

»Was für einen Wagen fährt Rick Ferguson?«

Don hielt eine Hand hinter sein Ohr. »Bitte? Ich habe dich nicht verstanden.«

Jess sprach lauter. »Fährt Rick Ferguson einen weißen Chrysler?«

Don bemühte sich nicht, seine Verwunderung zu verbergen. »Wieso?«

»Ja oder nein?«

»Ich glaube, ja«, antwortete Don. »Aber noch mal, warum?«

Jess merkte, wie das leere Glas in ihrer Hand zu zittern begann. Sie führte es an ihre Lippen und hielt es mit den Zähnen fest. Es wurde plötzlich laut, Stimmengewirr und Gelächter schallten durch den Raum, Begrüßungsworte und Glückwünsche, allgemeines Schulterklopfen und Händeschütteln, und im nächsten Augenblick fand Jess sich mit einem frischen Drink in der Hand mitten in einer lebhaften Gesellschaft wieder.

»Ich habe gehört, du hast es dem alten Bristol kräftig gegeben«, brüllte Greg Oliver durch das Getöse.

Jess sagte nichts, suchte in der Menge nach Don, hörte irgendwo aus der Ferne Trishs verführerisches Lachen, das sie zu verspotten schien.

»So was spricht sich anscheinend herum«, sagte sie, Dons Worte gebrauchend, sah dann ihren geschiedenen Mann, der gerade seine neue Herzensdame mit den anderen Gästen bekannt machte.

»Und — was hast du beschlossen? Wirst du dich mit Totschlag zufriedengeben? Und dem Steuerzahler die Kosten für ein Geschworenengericht sparen, das sich nicht entscheiden kann?«

»Du glaubst offensichtlich nicht, daß ich eine Verurteilung erreichen werde«, stellte Jess fest und kämpfte gegen die aufkommende Hoffnungslosigkeit. Mußte er ihr denn immer sagen, was sie nicht hören wollte?

»Für Totschlag vielleicht, aber für Mord niemals.«

Jess schüttelte angewidert den Kopf. »Der Mann hat seine Frau kaltblütig ermordet.«

»Er war nicht bei Sinnen. Seine Frau ist fremdgegangen. Wochenlang hatte sie ihn als Versager verhöhnt. Es wurde einfach zuviel. Es kam zu einem Riesenkrach. Sie sagte, sie würde ihn verlassen, er würde seine Kinder nie wiedersehen, sie würde ihn zum armen Mann machen. Und da ist er ausgerastet.«

»Der Mann war ein brutaler Tyrann, der es nicht ertragen konnte, daß seine Frau endlich den Mut aufbrachte, ihn zu verlassen«, konterte Jess. »Versuch nicht, mir einzureden, es sei ein Verbrechen aus Leidenschaft gewesen. Es war Mord, schlicht und einfach Mord.«

»Alles andere als einfach«, widersprach Greg Oliver. Er machte eine Pause, wartete vielleicht darauf, daß Jess etwas sagen würde, und fuhr fort, als sie es nicht tat. »Sie hat sich über ihn als Mann lustig gemacht, vergiß das nicht. Viele von den männlichen Geschworenen werden seine Reaktion verstehen.«

»Das wollen wir doch mal festhalten«, sagte Jess. Sie trank ihr Glas mit einem Schluck leer und nahm sich vom Tablett eines vorüberkommenden Kellners ein frisches. »Du findest es akzeptabel, daß ein Mann seine Frau dafür umbringt, daß sie ihn in seiner Männlichkeit kränkt?«

»Ich halte es für möglich, daß es Bristol gelingen wird, die Geschworenen davon zu überzeugen, ja.«

Jess schüttelte angewidert den Kopf. »Was ist das eigentlich — sind Frauen Freiwild?«

»Ich will dich nur warnen. Beim Fall Barnowski hab ich auch recht gehabt, wenn du dich erinnerst.«

Jess sah sich verzweifelt im Saal um, wünschte, sie würde jemand entdecken, zu dem sie sich stellen konnte. Irgend jemanden. Aber es war niemand da. Jeder Topf schien hier bereits seinen Deckel gefunden zu haben. Kein Mensch warf auch nur einen Blick nach ihr.

Es war ihre eigene Schuld, das war ihr klar. Sie hatte noch nie leicht Freundschaften geschlossen. Sie war zu ernst, nicht spielerisch genug. Sie machte den Leuten angst, schreckte sie ab. Sie mußte hart arbeiten, um Freundschaften anzuknüpfen, noch härter, sie aufrechtzuerhalten. Sie hatte es aufgegeben. Sie arbeitete schon im Büro hart genug.

»Du siehst heute abend sehr verlockend aus«, sagte Greg Oliver und neigte sich so nahe zu ihr, daß seine Lippen ihr Haar streiften.

Jess drehte sich so ruckartig herum, daß ihr Haar Greg Oliver ziemlich unzart ins Gesicht flog. Sie sah, wie er zurückschreckte. »Wo ist deine Frau, Greg?« fragte sie so laut, daß sie von den Leuten in unmittelbarer Nähe gehört werden konnte. Dann wandte sie sich ab und ging davon, obwohl sie keine Ahnung hatte, wohin sie eigentlich wollte.

Die nächsten fünfzehn Minuten brachte sie in ernsthaftem Gespräch mit einem der Kellner zu. Das meiste, was er sagte, verstand sie nicht — der Saal begann ein wenig zu schwanken —, aber sie schaffte es, ein interessiertes Gesicht zu machen und zu nicken, wann immer ihr es angemessen schien.

»Trink nicht so viel«, flüsterte Don plötzlich hinter ihr.

Jess lehnte sich nach rückwärts an seine Brust. »Wo ist Mutter Teresa?« fragte sie.

»Wer?«

»Teresa«, wiederholte Jess hartnäckig.

»Du meinst Trish?«

»Natürlich, Trish. Entschuldige.«

»Sie mußte mal verschwinden. Jess, warum hast du mich vorhin nach Rick Fergusons Wagen gefragt?«

Jess erzählte. Von ihrem knappen Entkommen in der Michigan Avenue, dem beinahe erfolgten Zusammenstoß in Evanston, dem weißen Wagen vor ihrer Wohnung. Dons Gesicht spiegelte Interesse, Besorgnis, dann Zorn, alles in rascher Folge. Seine Reaktion war pragmatisch, wie typisch für ihn.

»Hast du dir das Kennzeichen aufgeschrieben?«

Jess wurde sich bestürzt bewußt, daß sie daran nicht einmal gedacht hatte. »Es ging alles so schnell«, erklärte sie, doch die Entschuldigung klang sogar in ihren eigenen Ohren ziemlich lahm.

»In Chicago gibt es viele weiße Chrysler«, sagte Don, und sie nickte. »Aber ich prüfe das nach, ich werde mit meinem Mandanten sprechen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß er so kurz vor dem Prozeß so etwas Dummes tun würde.«

»Ich kann nur hoffen, du hast recht.«

Jess hörte Trishs Lachen, sah, wie sie ihren Arm um Dons Mitte legte, ihn wieder für sich beanspruchte. Sie wandte sich ab, und der Saal drehte sich mit ihr. Eine junge Frau mit einem großen Kassettenrecorder in den Händen näherte sich zielstrebig der Geburtstagsgesellschaft. Irgend etwas stimmte nicht an ihr. Sie wirkte unecht, fehl am Platz. Das dickaufgetragene Make-up hatte etwas Verzweifeltes, als wollte sie verbergen, wer sie wirklich war. Ihre Beine wackelten unsicher auf den viel zu hohen Absätzen. Ihr Trenchcoat war abgetragen und paßte ihr nicht richtig. Und noch etwas glaubte Jess zu sehen, während sie die junge Frau beobachtete, die auf Leo Pameter zuging. Sie sah aus, als hätte sie Angst.

»Leo Pameter?« fragte die Frau. Ihre Stimme klang wie die eines Kindes, das sich verirrt hat.

Leo Pameter nickte mißtrauisch.

Die junge Frau, deren Gesicht von einer Mähne krauser schwarzer Locken umgeben war, schaltete ihren Kassettenrecorder ein, und plötzlich füllte die aufdringlich schwüle Musik einer Stripteaseshow den Raum.

»Alles Gute zum Geburtstag, Leo Pameter!« rief das junge Mädchen. Sie warf ihren Trenchcoat ab und drehte sich hüftewackelnd in Büstenhalter und Höschen, komplett mit Strumpfhalter und Strümpfen zwischen den Tischen.

Die Männer johlten laut, die Frauen lachten peinlich berührt, als die junge Frau aufreizend ihre großen Brüste schüttelte und dann ihre ganze Energie auf das unglückliche Geburtstagskind konzentrierte.

»Du lieber Gott«, stöhnte Jess und senkte ihren Blick in ihr Glas Wein.

»Die sind doch nie im Leben echt«, rief Trish irgendwo neben ihr.

Jess sah erst wieder auf, als die Musik aufhörte. Nackt bis auf ein Tangahöschen stand die junge Frau vor Leo Pameter, der reichlich verlegen aussah. Sie neigte sich ihm zu und drückte ihm einen schallenden Kuß auf die Stirn. »Von Greg Oliver«, sagte sie, dann sammelte sie rasch ihre Sachen ein, warf sich den Mantel um die Schultern und eilte unter dünnem Applaus davon.

»Einfach umwerfend«, murmelte Jess, als Greg Oliver zu ihr trat.

»Nein, umwerfen sollte dich das nicht gleich.« Oliver sah sie herausfordernd an. »Du nimmst das alles viel zu ernst. Du solltest lernen, ein bißchen Spaß zu haben, dich ab und zu mal gehenzulassen, auch mal einen Witz zu erzählen.«

Jess trank den Rest ihres Weins, holte tief Atem und kämpfte gegen das Schwindelgefühl. »Hast du schon von dem Wunderkind gehört, das im Northwestern Memorial Hospital zur Welt gekommen ist?« fragte sie und merkte, daß alle Blicke sich auf sie richteten.

»Wunderkind?« wiederholte Greg, der offensichtlich nicht verstand, was das mit ihm zu tun hatte.

»Ja«, antwortete Jess laut. »Es hat einen Penis und ein Gehirn.«

Der Saal begann sich plötzlich wie wild zu drehen, und Jess ging zu Boden.

___________

»Wirklich, Don, das ist nicht nötig«, beteuerte Jess. »Ich kann mir ein Taxi nehmen.«

»Sei nicht albern. Ich laß dich nicht allein nach Hause fahren.«

»Und was ist mit Mutter Teresa?«

»Trish«, sagte Don mit Betonung, »wartet in meiner Wohnung auf mich.«

»Es tut mir leid, ich wollte dir den Abend nicht vermasseln.«

»Es tut dir gar nicht leid, und du hast mir den Abend nicht vermasselt. Zerbrich dir also nicht den Kopf, sondern steig in den Wagen.«

Jess stieg in den schwarzen Mercedes und hörte, wie die Wagentür hinter ihr geschlossen wurde. Sie drückte sich in das weiche schwarze Leder und schloß die Augen. »Es tut mir wirklich leid«, begann sie von neuem, als Don den Motor angelassen hatte und losfuhr. Aber dann verstummte sie. Er hatte ja recht. Es tat ihr gar nicht leid.

Kaum waren sie losgefahren, hielten sie schon wieder an. Sie hörte, wie eine Autotür geöffnet und wieder geschlossen wurde. Was denn jetzt? dachte sie und öffnete die Augen.

Sie standen vor ihrem Haus. Don kam auf ihre Seite des Autos herüber, öffnete ihr die Tür und half ihr hinaus.

»Das ist aber schnell gegangen«, hörte sie sich verwundert sagen.

»Glaubst du, du kannst gehen?« fragte Don.

Jess bejahte, obwohl sie überhaupt nicht sicher war. Sie lehnte sich an Don, spürte, wie er ihr den Arm um die Taille legte, und ließ sich von ihm zur Haustür führen.

»Den Rest schaff ich schon allein«, erklärte sie, während er den Schlüssel aus ihrer Handtasche herauskramte.

»Sicher, sicher. Aber du hast doch nichts dagegen, wenn ich hier stehenbleibe, bis du oben bist?«

»Würdest du mir einen Gefallen tun?« sagte sie, als sie im Haus waren und sie an die drei Treppen dachte, die vor ihr lagen.

»Soll ich gehen?«

»Kannst du mich rauftragen?«

Don lachte. Er legte ihren linken Arm über seine Schultern und stützte sie mit seinem Körper. »Jess, Jess, was soll ich nur mit dir machen?«

»Das sagst du bestimmt zu allen Frauen«, murmelte sie, als sie den langsamen Aufstieg begannen.

»Nur zu Frauen namens Jess.«

Was, zum Teufel, war in sie gefahren, daß sie so viel getrunken hatte, fragte sich Jess, während sie sich Schritt für Schritt die Treppe hinaufschleppte. Sie war Alkohol nicht gewöhnt, trank selten mehr als ein einziges Glas Wein. Was ist eigentlich los mit mir? Ihr fiel plötzlich auf, wie oft sie sich diese Frage in den letzten Wochen gestellt hatte.

»Weißt du«, sagte Jess in Erinnerung an den Spott in Greg Olivers Ton, als er ihr gesagt hatte, sie müßte lernen, Spaß zu haben, »ich habe eigentlich gar nichts gegen Männer. Nur mit Juristen habe ich Probleme.«

»Soll das ein Wink mit dem Zaunpfahl sein?« fragte Don.

»Und mit Wirtschaftsprüfern«, fügte Jess hinzu, als ihr ihr Schwager einfiel.

Den Rest des Wegs schwiegen sie beide. Als sie endlich die letzte Treppe bewältigt hatten, fühlte sich Jess, als hätte sie den Mount Everest bezwungen. Ihr schlotterten die Knie, und ihre Beine waren wacklig. Don schob den Schlüssel in das Schloß ihrer Wohnungstür. Irgendwo läutete ein Telefon.

»Ist das dein Telefon?« fragte Don und stieß die Tür auf.

Das Läuten wurde lauter, fordernder.

»Geh nicht hin«, sagte Jess. Sie schloß vom Licht geblendet die Augen, als er sie sachte zum Sofa hinunterließ.

»Warum nicht?« Er schaute zur Küche, wo das Telefon immer noch läutete. »Es könnte doch was Wichtiges sein.«

»Ist es aber nicht.«

»Weißt du denn, wer es ist?«

»Mein Vater«, antwortete Jess. »Er möchte sich mit mir verabreden, um mir seine neue Freundin vorzustellen.« Aber ich hab für einen Abend genug neue Freundinnen gesehen, dachte sie, sagte es jedoch nicht.

»Dein Vater hat eine Freundin?«

»Scheint so«, antwortete Jess und kuschelte sich tiefer in ihr Sofa. »Ich bin fürchterlich«, klagte sie. »Warum kann ich mich nicht einfach für ihn freuen?«

Immer noch läutete das Telefon. Dann hörte es plötzlich auf. Sie öffnete erleichtert die Augen. Aber wo war Don?

»Hallo«, hörte sie ihn in der Küche sagen und glaubte einen Moment lang, es sei jemand in die Wohnung gekommen. »Tut mir leid«, fuhr er fort. »Ich kann Sie nicht verstehen. Können Sie etwas langsamer sprechen?«

»Ich hab dir doch gesagt, du sollst nicht hingehen«, rief Jess. Sie lief auf wackligen Beinen in die Küche und streckte die Hand nach dem Telefon aus.

Don reichte ihr den Hörer und schüttelte den Kopf. »Es ist eine Frau, aber ich verstehe nicht ein Wort von dem, was sie sagt. Sie hat einen unheimlich starken Akzent.«

Jess fühlte, wie die Nüchternheit an ihrem Bewußtsein zerrte. Aber ich will nicht nüchtern sein, dachte sie. Sie drückte den Hörer ans Ohr, und noch ehe sie hallo sagen konnte, überfiel die Stimme der Frau sie.

»Entschuldigen Sie, ich verstehe nicht. Was sagen Sie? Wer ist am Apparat?« Eine schreckliche Beklommenheit bemächtigte sich Jess’. »Mrs. Gambala? Sind Sie das, Mrs. Gambala?«

»Wer ist Mrs. Gambala?«

»Connie DeVuonos Mutter«, flüsterte Jess, die Hand auf der Sprechmuschel. »Mrs. Gambala, beruhigen Sie sich doch bitte. Ich kann ja nicht verstehen, was — was? Wie meinen Sie das, sie ist nicht nach Hause gekommen?«

Dem Rest des erregten Wortschwalls lauschte Jess stumm, wie vor den Kopf geschlagen. Als sie auflegte, zitterte sie am ganzen Körper. Sie wandte sich Don zu, der in unausgesprochener Frage die Augen zusammenkniff.

»Connie hat heute nach der Arbeit ihren Sohn nicht bei ihrer Mutter abgeholt«, sagte sie, Entsetzen in jedem Wort. »Sie ist verschwunden.«

7

»Ich kann nicht verstehen, wie ich so blöd sein konnte!«

»Jess —«

»So blöd und so verdammt egozentrisch!«

»Egozentrisch? Jess, was redest du da überhaupt?«

»Ich hab einfach angenommen, er spräche von mir.«

»Wer denn? Ich frag dich noch mal, wovon redest du?«

»Ich rede von Rick Ferguson.«

»Rick Ferguson? Jetzt mach mal langsam, Jess.« Dons Miene war eine Mischung aus Neugier und Gereiztheit. »Was hat Rick Ferguson denn mit dieser Sache zu tun?«

»Na hör mal, Don!« Jess gab sich keine Mühe, ihre Ungeduld zu verbergen. »Du weißt doch so gut wie ich, daß Rick Ferguson für Connie DeVuonos Verschwinden verantwortlich ist. Behaupte jetzt bloß nicht das Gegenteil. Versuch nicht, mit mir deine Spielchen zu machen. Wir sind hier nicht im Gerichtssaal.«

Jess rannte aus der Küche in ihr Wohnzimmer, wo sie wie gehetzt vor dem Vogelkäfig auf und ab ging. Der Kanarienvogel hüpfte zwischen seinen Stangen hin und her, als wollte er sie nachahmen.

Don war ihr gefolgt. Mit erhobenen Händen redete er auf sie ein. »Jess, wenn du dich doch nur mal eine halbe Sekunde beruhigen würdest…« Er umfaßte mit beiden Händen ihre Schultern. »Wenn du nur mal eine halbe Sekunde aufhören würdest, hier so rumzulaufen.« Der Druck seiner Hände zwang sie stehenzubleiben. Er sah ihr so lange in die Augen, bis ihr gar nichts anderes übrigblieb, als seinen Blick zu erwidern. »Also, kannst du mir jetzt mal erzählen, was eigentlich passiert ist?«

»Rick Ferguson —«, begann sie.

Er fiel ihr augenblicklich ins Wort. »Nicht was deiner Ansicht nach geschehen ist, sondern was deines Wissens nach geschehen ist.«

Jess holte einmal tief Atem und befreite ihre Schultern mit einer kurzen heftigen Bewegung aus seinen Händen. »Connie DeVuono hat heute nachmittag gegen halb fünf bei ihrer Mutter angerufen, um ihr zu sagen, daß sie jetzt mit ihrer Arbeit Schluß mache und in zwanzig Minuten dasein würde, um ihren Sohn abzuholen. Sie bat ihre Mutter, den Jungen fertig zu machen, damit sie gleich wieder gehen könnten. Der Junge hat jeden Montag um halb sechs Hockeytraining, und da muß es immer schnell gehen.«

»Der Junge wird also von Connies Mutter versorgt?«

Jess nickte. »Er geht nach der Schule zu ihr und wartet dort, bis Connie ihn nach der Arbeit abholt. Connie ruft immer an, bevor sie dort weggeht. Heute hat sie auch angerufen. Aber sie ist nie gekommen.«

Dons Blick sagte Jess, daß er noch mehr erwartete.

»Das ist alles«, sagte sie und hörte Dons spöttisches Prusten, obwohl er in Wahrheit überhaupt kein Geräusch von sich gab.

»Okay. Wir wissen also«, sagte Don mit Nachdruck, »daß Connie DeVuono heute nach der Arbeit ihren Sohn nicht abgeholt hat —«

»Nachdem sie angerufen und gesagt hatte, sie ginge jetzt los«, erinnerte Jess ihn.

»Und wir wissen nicht, ob jemand sie hat weggehen sehen, wir wissen nicht, in was für einer Stimmung sie war, als sie ging, oder ob sie vielleicht jemandem gesagt hat, sie hätte noch etwas zu erledigen, oder —«

»Wir wissen gar nichts. Die Polizei fängt erst nach vierundzwanzig Stunden an zu ermitteln. Das weißt du.«

»Wir wissen nicht, ob sie Depressionen oder Ängste hatte«, fuhr Don fort.

»Natürlich hatte sie Depressionen und Ängste. Sie ist vergewaltigt worden. Sie ist geschlagen worden. Der Mann, der sie so brutal überfallen hat, hat einen Richter davon überzeugt, daß er ein vorbildlicher Bürger ist, tief verwurzelt in dieser Gemeinde, einzige Stütze seiner alten Mutter und dergleichen Lügen mehr, also haben sie ihn auf Kaution freigelassen. Connie DeVuono sollte nächste Woche vor Gericht aussagen. Und dein Mandant hat ihr gedroht, er würde sie umbringen, wenn sie das tun wolle. Natürlich hat sie Depressionen und Ängste! Sie hat Todesangst!« Jess hörte, wie schrill ihre Stimme klang. Der Kanarienvogel begann zu singen.

»Angst genug, um einfach zu verschwinden?« fragte Don mit zusammengezogenen Brauen.

Jess wollte antworten, aber dann schluckte sie ihre Worte hinunter, bevor sie ihr über die Lippen kommen konnten. Sie erinnerte sich Connie DeVuonos, wie sie in der vergangenen Woche bei ihrem Gespräch gewesen war; wie stark ihre Angst gewesen war, wie heftig ihre Entschlossenheit, nicht auszusagen. Jess hatte sie umgestimmt. Überredet, wider ihr besseres Wissen zu handeln und ihren Peiniger vor einem Gericht herauszufordern.

Jess mußte die Möglichkeit, daß Connie es sich wiederum anders überlegt, sich entschieden hatte, angesichts des Risikos doch nicht auszusagen, mindestens in Betracht ziehen. Es konnte leicht sein, daß es ihr peinlich gewesen war, Jess ihre Sinnesänderung mitzuteilen, daß sie Angst gehabt hatte, Jess würde es neuerlich gelingen, sie zu überreden, daß sie sich ihrer Feigheit geschämt hatte.

»Sie würde sich niemals von ihrem Sohn trennen«, sagte Jess leise, und der Satz war schon halb zu Ende, ehe sie sich überhaupt bewußt wurde, daß sie sprach.

»Sie braucht wahrscheinlich nur Zeit, um mit sich ins reine zu kommen.«

»Sie würde sich niemals von ihrem Sohn trennen.«

»Wahrscheinlich sitzt sie irgendwo in einem Hotel. In ein, zwei Tagen, wenn sie sich beruhigt hat, die Möglichkeit hatte, in Ruhe nachzudenken und einen Entschluß zu fassen, ruft sie bestimmt an.«

»Du hörst mir überhaupt nicht zu.« Jess ging zum Fenster und blickte zur Straße hinunter. Rasen und Bürgersteige waren mit Schneeflecken gesprenkelt.

Don trat hinter sie und massierte mit seinen kräftigen Händen ihren Nacken. Plötzlich hörte er auf und legte seine Hände auf ihre Schultern. Jess spürte förmlich, wie er überlegte, im Geist formulierte, was er ihr zu sagen beabsichtigte.

»Jess«, begann er langsam und bedacht, »nicht jeder, der nicht rechtzeitig zu einer Verabredung kommt, verschwindet für immer.«

Sie standen beide, ohne sich zu rühren. Im Hintergrund hüpfte Jess’ Kanarienvogel zu den Klängen einer alten Beatlesmelodie in seinem Käfig hin und her. Jess wollte etwas sagen, konnte nicht, weil ihr plötzlich die Brust zu eng wurde. Schließlich gelang es ihr doch, die Worte herauszubringen.

»Das hat mit meiner Mutter nichts zu tun«, sagte sie zu ihm.

Wieder Schweigen.

»Nein?«

Jess ging von ihm weg, kehrte zum Sofa zurück, ließ sich wie leblos in seine weichen Polster sinken, vergrub das Gesicht in ihren Händen. Nur ihr rechter Fuß, der unablässig auf und nieder wippte, verriet ihre innere Unruhe. Sie blickte erst auf, als sie spürte, wie das Polster neben ihr einsank, wie Don ihre Hände in seine eigenen nahm.

»Es ist alles meine Schuld«, begann sie.

»Jess…«

»Nein, bitte versuch jetzt nicht, mich vom Gegenteil zu überzeugen. Es ist meine Schuld. Ich weiß es. Ich akzeptiere es. Ich habe sie davon überzeugt, daß sie aussagen muß, obwohl sie es in Wirklichkeit nicht wollte; ich habe sie unter Druck gesetzt, ich habe ihr versprochen, daß alles gutgehen würde. Und wer kümmert sich um meinen Sohn? hat sie mich gefragt, und ich hab irgendeinen dummen Scherz gemacht, aber sie meinte es ernst. Sie hat gewußt, daß Rick Ferguson seine Drohung ernst gemeint hat.«

»Jess —«

»Sie hat gewußt, daß er sie umbringen wird, wenn sie ihre Beschuldigungen nicht zurücknimmt.«

»Jess, jetzt bist du wirklich voreilig. Die Frau ist noch keine sechs Stunden verschwunden. Wir wissen doch gar nicht, ob ihr überhaupt etwas passiert ist.«

»Und ich war auch noch so stolz auf mich selbst. So stolz auf meine Fähigkeit, den Dingen eine andere Wendung zu geben, diese arme, verängstigte Frau davon zu überzeugen, daß sie aussagen müsse; daß sie nur sicher sei, wenn sie aussagte. O ja, ich war sehr stolz auf mich. Es ist ja schließlich auch ein großer Prozeß für mich. Ein möglicher Sieg für meine Akte.«

»Jess, du hast getan, was jeder tun würde.«

»Ich hab getan, was jeder Staatsanwalt tun würde. Wenn ich auch nur einen Funken echtes Mitgefühl mit dieser Frau gehabt hätte, hätte ich ihr geraten, ihre Klage zurückzunehmen und zu verschwinden. Mein Gott!« Jess sprang auf, obwohl sie nirgendwohin gehen konnte. »Und ich habe mit diesem brutalen Kerl gesprochen! Ich habe ihm gegenübergestanden und ihn aufgefordert, sich von Connie fernzuhalten. Und dieses Schwein sagt mir direkt ins Gesicht, nur war ich leider viel zu sehr mit meiner eigenen Wichtigkeit beschäftigt, um ihn zu hören, daß Leute, die ihm in die Quere kommen, dazu neigen zu verschwinden. Und ich hab mir eingebildet, er wollte mir drohen. Wem sonst hätte er drohen können? Schließlich ist Jess Koster doch der Nabel der Welt.« Sie lachte. Es war ein hartes, kaltes Lachen, das klirrend in der Luft hängen blieb. »Aber er hat nicht von mir gesprochen. Er hat Connie gemeint. Und jetzt ist sie weg. Verschwunden. Genauso, wie er es angedroht hat.«

»Jess —«

»Untersteh dich also ja nicht, mir einreden zu wollen, daß dein Mandant mit ihrem Verschwinden nichts zu tun hat! Untersteh dich ja nicht, mir einreden zu wollen, daß Connie sich von ihrem Sohn trennen würde, und sei es auch nur für ein oder zwei Tage. Ich weiß, daß sie das niemals tun würde. Wir wissen beide, daß Rick Ferguson für das verantwortlich ist, was Connie DeVuono zugestoßen ist. Und wir wissen beide, daß sie, wenn nicht ein Wunder geschehen ist, schon tot ist.«

»Jess —«

»Wissen wir das etwa nicht beide, Don? Wissen wir beide nicht, daß sie tot ist? O doch. Wir wissen es. Und wir müssen sie finden, Don.«

Tränen schossen Jess in die Augen und rannen ihr über die Wangen. Sie rieb sich mit dem Handrücken über das Gesicht, um sie wegzuwischen, aber sie konnte nicht aufhören zu weinen.

Don sprang auf, doch sie trat rasch von ihm weg. Sie wollte nicht getröstet werden. Sie verdiente es nicht.

»Wir müssen ihre Leiche finden, Don«, fuhr sie fort. Sie begann zu zittern. »Denn wenn wir sie nicht finden, wird dieser kleine Junge sich sein Leben lang mit der Frage quälen, was aus seiner Mutter geworden ist. Jahrelang wird er in jeder Menschenmenge nach ihr Ausschau halten, glauben, sie zu sehen, sich fragen, was er denn so Schreckliches getan hat, daß sie fortgegangen und nie wieder zurückgekommen ist. Und selbst wenn er erwachsen ist, wenn er verstandesmäßig die Tatsache akzeptieren kann, daß sie tot ist, wird er niemals ganz daran glauben. Ein Teil von ihm wird immer zweifeln. Niemals wird er Gewißheit haben. Niemals wird er von ihr Abschied nehmen können, so um sie trauern können, wie er um sie trauern muß. Wie er um sich selbst trauern muß.« Sie schwieg und ließ es zu, daß Don sie in die Arme nahm und festhielt. »Es muß eine Lösung geben, Don.«

Mehrere Minuten lang blieben sie so stehen, einander so nahe, daß ihr Atem aus einem Mund hätte kommen können.

»Mir fehlt sie auch«, sagte Don schließlich leise, und Jess wußte, daß er von ihrer Mutter sprach.

»Ich hab immer geglaubt, mit der Zeit würde es leichter werden«, sagte Jess. Sie ließ es sich gefallen, als Don sie zum Sofa zurückführte. Sie setzte sich mit ihm, von seinen Armen umfangen, während er sie sachte hin und her wiegte.

»Es ist nur immer weiter weg«, sagte er.

Sie lächelte traurig. »Ich bin so müde.«

»Leg deinen Kopf auf meine Schulter«, sagte er, und sie tat es, froh, daß ihr jemand sagte, was sie tun sollte. »Und jetzt mach die Augen zu. Versuch zu schlafen.«

»Ich kann nicht schlafen.« Sie machte einen schwachen Versuch aufzustehen. »Ich sollte zu Mrs. Gambala hinüberfahren.«

»Mrs. Gambala ruft dich bestimmt an, sobald sie von Connie hört.« Er drückte ihren Kopf behutsam wieder an seine Schulter. »Schsch. Schlaf ein bißchen.«

»Was ist mit deiner Freundin?«

»Trish ist eine erwachsene Frau. Sie wird das verstehen.«

»Ja, sie ist sehr verständnisvoll.« Jess hörte, wie dünn ihre Stimme klang, wußte, daß sie nahe daran war, das Bewußtsein zu verlieren. Ihre Augen schlossen sich. Sie zwang sich, sie wieder zu öffnen. »Wahrscheinlich weil sie im Krankenhaus arbeitet.«

»Schsch.«

»Sie scheint eine nette Frau zu sein.«

»Ja, das ist sie.«

»Ich mag sie nicht«, sagte Jess, schloß die Augen und blieb so.

»Das weiß ich.«

»Ich bin keine besonders nette Frau.«

»Das warst du nie«, sagte er, und Jess spürte sein Lächeln.

Sie hätte zurückgelächelt, aber ihre Gesichtsmuskeln gehorchten ihr nicht mehr. Sie sackten, der Schwerkraft nachgebend, langsam in Richtung zu ihrem Kinn ab.

In der nächsten Sekunde war sie eingeschlafen, und ein Telefon läutete.

Sie öffnete die Augen und sah, daß sie sich im sterilen Empfangsraum einer Arztpraxis befand. »Der Anruf ist für Sie«, sagte der Arzt und nahm ein schwarzes Telefon aus seinem Köfferchen. »Es ist Ihre Mutter.«

Jess nahm das Telefon. »Mutter, wo bist du?«

»Ich hatte einen Unfall«, teilte ihre Mutter ihr mit. »Ich bin im Krankenhaus.«

»Im Krankenhaus?«

»Ja, in der Gehirnchirurgie. Ich hänge an lauter Schläuchen.«

»Ich komme sofort.«

»Mach schnell. Ich kann nicht lange warten.«

Dann stand Jess plötzlich vor dem Northwestern Memorial Hospital, und wütende Streikposten versperrten ihr den Weg.

»Wogegen protestieren Sie?« fragte Jess eine der Schwestern, eine junge Frau mit sehr kurzem blonden Haar und tiefen Grübchen im Gesicht.

»Gegen die Falschheit«, sagte die Frau schlicht.

»Ich verstehe nicht«, murmelte Jess und sah sich schon in der nächsten Sekunde in ein Schwesternzimmer versetzt. Fünf oder sechs junge Frauen in gestärkten weißen Häubchen und Strumpfhaltern und Strümpfen standen, in ernstes Gespräch vertieft, hinter einem hohen Empfangstisch. Keine von ihnen beachtete sie.

»Ich möchte meine Mutter sehen«, rief Jess.

»Sie haben sie verpaßt«, antwortete eine der Schwestern, ohne daß ihre Lippen sich bewegten.

»Wohin ist sie gegangen?« Jess wirbelte herum und packte einen vorüberkommenden Pfleger beim Ärmel.

Greg Olivers Gesicht blickte sie finster an. »Ihre Mutter ist weg«, sagte er. »Sie ist verschwunden.«

Im nächsten Augenblick stand Jess auf der Straße vor dem Haus ihrer Eltern. An der Ecke wartete eine große weiße Limousine mit laufendem Motor. Jess sah, wie ein Mann die Wagentür öffnete und ausstieg. Es war dunkel, und Jess konnte sein Gesicht nicht erkennen. Aber sie spürte seine langen, langsamen Schritte, als er auf sie zukam, spürte, wie er hinter ihr die Treppe zur Haustür hinaufstieg, die Hand nach ihr ausstreckte, als sie die Tür aufzog und hinter sich zuschlug. Er drückte sein Gesicht an das Fliegengitter, und sein häßliches Grinsen sickerte langsam durch den Maschendraht.

Sie schrie. Ihre Schreie überbrückten die Dimension zwischen Schlafen und Wachen, und sie fuhr so heftig, als habe ein Wecker sie geweckt, aus dem Schlaf. Sie sprang auf und fuchtelte wie eine Wilde in der Dunkelheit herum. Wo war sie?

Don war sofort an ihrer Seite. »Jess, beruhig dich, es ist ja gut. Es war nur ein böser Traum.«

Da erinnerte sie sich an alles: an die Party, den Wein, Trish, Mrs. Gambala, Don. »Du bist noch hier«, sagte sie dankbar. Sie ließ sich wieder in seine Arme fallen und wischte sich die Feuchtigkeit von Schweiß und Tränen von den Wangen, während ihr Herz noch immer wie rasend schlug.

»Atme tief durch«, riet er ihr, als könnte er das Chaos sehen, das sich in ihrem Körper ausbreitete. Seine Stimme war schlaftrunken. »So ist es richtig. Ein und aus. Ganz ruhig. Gut so. So machst du es richtig.«

»Es war derselbe Traum, den ich früher schon immer gehabt habe«, flüsterte sie. »Weißt du noch? Der, in dem der Tod auf mich wartet.«

»Du weißt doch, daß ich niemals zulassen würde, daß dir jemand etwas antut«, versicherte er ihr, seine Stimme schon wieder klar und kontrolliert. »Es wird alles gut. Ich verspreche es dir.«

Wie Mutter, dachte sie und kuschelte sich bequemer in seine Arme.

Ungefähr eine halbe Stunde später führte er sie in ihr Schlafzimmer. »Ich finde, du solltest jetzt zu Bett gehen. Ist es in Ordnung, wenn ich dich allein lasse?«

Jess ließ es sich mit einem schwachen Lächeln gefallen, daß Don sie, vollbekleidet, in ihr Bett steckte und zudeckte. Halb wünschte sie, er würde bleiben; halb wünschte sie, er würde gehen; wie es immer war, wenn sie zusammen waren. Würde sie je dahinterkommen, was sie eigentlich wollte? Würde sie je erwachsen werden?

Wie sollte sie, ohne eine Mutter?

»Natürlich, es ist schon in Ordnung«, versicherte sie ihm, als er sich über sie neigte, um sie auf die Stirn zu küssen. »Don…?«

Er rührte sich nicht.

»Du bist ein netter Mann«, sagte sie.

Er lachte. »Ich bin gespannt, ob du das in ein paar Tagen auch noch so sehen wirst.«

Sie war zu müde, ihn zu fragen, was er meinte.

»Du gemeiner Hund!« schrie sie kaum achtundvierzig Stunden später. »Du Dreckskerl! Du ekelhaftes, gemeines Schwein!«

»Jess, beruhige dich doch!« Bestrebt, sich seine wütende Ex-Frau vom Leibe zu halten, wich Don mit ausgestreckten Armen vor ihr zurück.

»Ich kann einfach nicht glauben, daß du dir so was einfallen lassen würdest!«

»Kannst du nicht wenigstens deine Stimme etwas senken?«

»Du Scheißkerl! Du Ekel! Du — gemeiner Hund!«

»Ja, ich hab’s ja schon kapiert, Frau Anwältin. Halten Sie es für möglich, daß Sie sich jetzt ein wenig beruhigen können, damit wir diese Geschichte so sachlich besprechen können, wie sich das für zwei vernünftige Anwälte gehört?«

Jess verschränkte die Arme über der Brust und starrte zu dem blutroten Betonboden hinunter. Sie befanden sich in einem kleinen fensterlosen Raum in der ersten Etage des Polizeireviers im Zentrum von Chicago. Die in die farblosen Dämmplatten der Zimmerdecke eingelassenen Lampen warfen ein starkes Licht. An einer Wand stand eine Bank; an einer anderen stand ein Resopaltisch, der am Boden festgeschraubt war, neben ihm mehrere unbequeme Stühle. Im anschließenden Raum, der kleiner und noch bedrückender war, saß Rick Ferguson, mürrisch und stumm. Seit die Polizei ihn an diesem Morgen zum Verhör hereingebracht hatte, hatte er nicht ein Wort gesagt. Als Jess versucht hatte, ihn zu vernehmen, hatte er gegähnt und dann die Augen geschlossen. Er hatte sie noch nicht einmal wieder geöffnet, als sie ihm die Hände mit Handschellen an die Wand fesselten. Er hatte erst Gleichgültigkeit vorgegeben, dann Empörung, als sie ihn fragten, was er mit Connie DeVuono gemacht habe. Er hatte erst Interesse an den Vorgängen gezeigt, als sein Rechtsanwalt, Don Shaw, eingetroffen war, einem Tobsuchtsanfall nahe, über die, wie er meinte, bewußte Mißachtung der Rechte seines Mandanten. Er hatte damit gedroht, einfach die Tür aufzubrechen, wenn es ihm nicht erlaubt werden würde, sich mit seinem Mandanten zu beraten.

»Du hast überhaupt kein Recht hierzusein«, sagte Jess zu ihm, bemüht, ruhig zu sprechen. »Ich könnte dich der Anwaltskammer melden.«

»Wenn hier jemand jemanden der Anwaltskammer meldet«, schoß er sofort zurück, »dann ich dich.«

»Du mich?« Jess hätte es beinahe die Sprache verschlagen.

»Du bist diejenige, die hier das Berufsethos verletzt, Jess«, sagte Don. »Du hattest kein Recht, meinen Mandanten festzunehmen. Und du hattest auch kein Recht, ihn in Abwesenheit seines Anwalts vernehmen zu wollen.«

Es kostete Jess einige Mühe, ihre Ruhe zu bewahren. »Dein Mandant ist nicht festgenommen.«

»Ach so. Er sitzt hier mit Handschellen gefesselt in einem abgesperrten Raum, weil ihm das gefällt. Willst du mir das im Ernst erzählen?«

»Ich brauche dir gar nichts zu erzählen. Ich bin völlig im Recht.«

»Und was ist mit Rick Fergusons Rechten? Oder hast du beschlossen, daß er keine hat, weil du ihn nicht magst?«

Jess ballte ihre Hände zu Fäusten und entspannte sie wieder. Sie umfaßte fest die Rückenlehne eines Stuhls, um nicht die Beherrschung zu verlieren, und nahm sich einen Moment Zeit, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Sie sah ihren geschiedenen Mann wütend an. Er fuhr ungerührt mit seinem Vortrag fort.

»Du hast meinen Mandanten von der Polizei an seiner Arbeitsstätte abholen lassen; du hast ihn nicht auf seine Rechte aufmerksam gemacht; du hast ihm nicht erlaubt, seinen Anwalt anzurufen. Obwohl du genau weißt, daß er einen Anwalt hat. Einen Anwalt, der dir bereits mitgeteilt hat, daß sein Mandant nichts zu sagen hat, sondern sein ihm gesetzlich verbrieftes Recht ausübt zu schweigen. Du weißt bereits, daß das unsere Position ist. Es ist schriftlich niedergelegt. Aber das hindert dich nicht daran, ihn vor seinen Kollegen bloßzustellen, ihn hierher schleppen zu lassen, mit Handschellen an die Wand zu ketten… Herrgott noch mal, Jess, war das wirklich nötig?«

»Ja, ich habe es jedenfalls für nötig gehalten. Dein Mandant ist gefährlich. Und er war nicht sehr kooperativ.«

»Es ist nicht seine Pflicht, kooperativ zu sein. Aber es ist deine Pflicht, dafür zu sorgen, daß er fair behandelt wird.«

»Hat er etwa Connie DeVuono fair behandelt?«

»Darum geht es hier nicht, Jess«, entgegnete Don.

»Hast du mich fair behandelt?«

Einen Moment blieb es still.

»Du hast mich benützt, Don.« Jess hörte die Mischung aus Verletztheit und Ungläubigkeit in ihrer Stimme. »Wie konntest du mir das antun?«

»Wie konnte ich dir was antun? Was meinst du überhaupt, daß ich dir angetan habe?« Ein Ausdruck echter Verwirrung zeigte sich in Dons Gesicht.

Jess schüttelte den Kopf. »Du warst an dem Abend, an dem Connie DeVuono verschwunden ist, bei mir«, begann sie. »Du hast gewußt, daß ich Rick Ferguson verdächtige, daß wir vorhatten, ihn festzunehmen…«

»Ich wußte, daß du ihn verdächtigst, ja. Ich hatte keine Ahnung, daß du vorhattest, ihn festnehmen zu lassen«, erwiderte Don.

»Was sonst hätte ich vorhaben sollen?«

»Na, ich dachte, du würdest wenigstens noch ein paar Tage warten. Jess, seit dem Verschwinden der Frau sind keine achtundvierzig Stunden vergangen!«

»Du weißt so gut wie ich, daß sie nicht wieder auftauchen wird«, sagte Jess.

»Ich weiß nichts dergleichen.«

»Bitte! Beleidige nicht meine Intelligenz.«

»Beleidige du nicht die meine«, parierte Don. »Was erwartest du von mir, Jess? Daß ich dir freie Hand gebe, weil du früher einmal meine Frau warst? Ich mache hier sowieso die reinste Gratwanderung, indem ich versuche, so zu tun, als wärst du ein Mitglied der Staatsanwaltschaft wie alle anderen. Soll ich etwa meinen Gefühlen für dich vor meinen Pflichten gegenüber meinem Mandanten den Vorrang geben? Erwartest du das?«

Jess sagte nichts. Sie starrte auf die Wand, die die beiden kleinen Räume voneinander trennte. Sie hatte das höhnische Grinsen auf Rick Fergusons Gesicht gesehen, als sie aus dem Zimmer gegangen war, um sich mit Don auseinanderzusetzen. Sie wußte, daß ihm völlig klar war, was vorging, und daß er sich an ihrem Dilemma weidete.

»Also, entweder stellst du meinen Mandanten unter Anklage, oder du läßt ihn frei.«

»Ihn freilassen! Kommt ja nicht in Frage.«

»Dann willst du ihn also festnehmen? Mit welcher Begründung? Aufgrund von was für Beweisen? Du weißt genau, daß du absolut nichts in der Hand hast, um Rick Ferguson mit dem Verschwinden Connie DeVuonos in Verbindung zu bringen.«

Jess wußte, daß er recht hatte. Sie hatte keine Beweise, die eine Festnahme gerechtfertigt hätten. »Herrgott noch mal, Don, ich will ihn ja gar nicht festnehmen. Ich möchte nur mit ihm reden.«

»Aber mein Mandant möchte nicht mit dir reden.«

»Er würde es vielleicht wollen, wenn sein Anwalt sich nicht dauernd einmischen würde.«

»Aber ich werde nicht aufhören, mich einzumischen, Jess, das weißt du.« Jetzt war es an Don, tief Luft zu holen. »Du hast gegen Zusatzartikel fünf und sechs unserer Verfassung verstoßen, die einem Beschuldigten das Recht auf anwaltschaftliche Vertretung und das Recht zu schweigen garantieren. Ich habe jedes Recht, hierzusein.«

Jess wollte ihren Ohren nicht trauen. »Willst du mich für dumm verkaufen? Du kennst doch die letzte Entscheidung des Obersten Gerichtshofs so gut wie ich. Das Recht auf Belehrung und auf die Anwesenheit eines Anwalts gelten nur bei der ersten Festnahme. Sie gelten nicht bei nachfolgenden Vergehen.«

»Kann sein, kann auch nicht sein. Vielleicht sollten wir die Angemessenheit deiner Handlungen von der Anwaltskammer beurteilen lassen und von einem Gericht darüber befinden lassen, was für Rechte mein Mandant noch besitzt. Wenn überhaupt welche. Lassen wir die Gerichte darüber entscheiden, ob die Verfassung im Cook County noch in Kraft ist.«

»Eine echte Bravourrede, Herr Rechtsanwalt«, sagte Jess, wider Willen beeindruckt.

»Wie dem auch sei, Jess«, fuhr Don fort, und seine Stimme wurde etwas weicher, »du mußt dringenden Tatverdacht nachweisen, um meinen Mandanten festnehmen zu können. Und den hast du nicht.« Er machte eine kurze Pause. »Also, kann mein Mandant jetzt gehen?«

Wieder blickte Jess zu der Wand, die die beiden Vernehmungsräume voneinander abtrennte. Selbst durch die geschlossene Tür konnte sie Rick Fergusons Verachtung spüren. »Wie hast du eigentlich erfahren, daß wir ihn festgenommen hatten?« Sie hoffte, man hörte ihrer Stimme die Niederlage nicht allzu deutlich an.

»Seine Mutter hat bei mir in der Kanzlei angerufen. Sie hat Rick anscheinend in der Arbeit angerufen, und sein Vorarbeiter hat ihr erzählt, was passiert war.«

Jess schüttelte den Kopf. War es nicht immer so? Wahrscheinlich hatte die Frau ihren Sohn zum ersten Mal seit Jahren in der Arbeit angerufen, und dann natürlich ausgerechnet heute. »Wieso denn, ist ihr der Alkohol ausgegangen?«

»Ich möchte mit meinem Mandanten sprechen, Jess«, sagte Don, ohne auf ihren Sarkasmus einzugehen. »Also, läßt du mich jetzt mit ihm sprechen oder nicht?«

»Wenn ich dir erlaube, mit ihm zu sprechen, sagst du ihm doch nur, daß er den Mund halten soll«, stellte Jess fest.

»Und wenn du ihn hier festhältst, mußt du ihm einen Anwalt zugestehen.«

»Nennt man das eine Zwickmühle?«

»Das nennt man das Gesetz.«

»Du brauchst mich nicht über das Gesetz zu belehren«, sagte Jess bitter. Sie wußte, daß es keinen Sinn hatte weiterzumachen. Sie ging in den Flur hinaus und klopfte an die nächste Tür. Ein uniformierter Beamter öffnete ihr. Jess und Don traten rasch ein. Ein Kriminalbeamter in Zivil, mit resigniertem Gesicht, als hätte er von Anfang an gewußt, wie das Gespräch ausgehen würde, stand an der hinteren Wand und lutschte auf dem Mundstück einer nicht angezündeten Zigarette. Rick Ferguson, in schwarzen Jeans und brauner Lederjacke, saß auf einem kleinen Holzstuhl. Seine Hände waren an die Wand hinter ihm gekettet.

»Nehmen Sie die Dinger jetzt ab«, befahl Don ungeduldig. »Ich hab kein Wort gesagt, Herr Rechtsanwalt«, sagte Rick Ferguson und sah Jess herausfordernd ins Gesicht.

Jess gab dem Kriminalbeamten ein Zeichen, der seinerseits dem uniformierten Beamten zunickte. Gleich darauf wurde Rick Ferguson von den Handschellen befreit.

Er rieb sich nicht die Handgelenke und sprang auch nicht auf, was die meisten in seiner Situation getan hätten. Statt dessen erhob er sich langsam, beinahe lässig, und streckte sich, als hätte er es überhaupt nicht eilig; wie eine Katze, die gerade aus einem Nickerchen erwacht ist; als dächte er daran, noch ein Weilchen zu bleiben.

»Ich hab ihr gesagt, daß ich nichts zu sagen habe«, wiederholte er, den Blick immer noch auf Jess gerichtet. »Sie hat’s mir nicht geglaubt.«

»Gehen wir, Rick«, sagte Don von der Tür her.

»Wie kommt’s eigentlich, daß Sie mir nie glauben, Jess?« Rick Ferguson hielt die zwei S ihres Namens zwischen den Zähnen fest, so daß ein langes Zischen zwischen seinen Lippen hervorkam.

»Das reicht, Rick.« Der scharfe Unterton in Dons Stimme war unüberhörbar.

Rick Ferguson grinste dieses gemeine Grinsen, das sie schon kannte, und ließ seine Zunge obszön zwischen seinen Zähnen hin und her schnellen. Ohne ein weiteres Wort schob Don seinen Mandanten brüsk zur Tür hinaus. Jess hörte das Echo von Rick Fergusons Lachen noch lange, nachdem er den Raum verlassen hatte.

8

»Ich möchte, daß er wegen Mordes unter Anklage gestellt wird«, sagte Jess zu ihrem vorgesetzten Staatsanwalt.

Tom Olinsky saß hinter seinem Schreibtisch und sah sie durch die kleinen runden Gläser der Nickelbrille an, die für sein volles Gesicht viel zu klein war. Er war ein wuchtiger Mann, fast zwei Meter groß, mehr als zwei Zentner schwer. Er wirkte überwältigend. Die Nickelbrille jedoch, ein Relikt aus den sechziger Jahren, in denen er aufgewachsen war, verlieh seinem Gesicht einen sehr menschlichen, vertrauenerweckenden Zug.

Jess rutschte unruhig in dem großen Ledersessel vor Tom Olinskys überdimensionalem Schreibtisch hin und her. Wie der Mann selbst waren alle Möbelstücke in dem kleinen Büro am Ende des langen Flurs zu groß für ihre Umgebung. Immer wenn Jess diesen Raum betrat, fühlte sie sich wie Alice nach dem Genuß des falschen Pilzes. Sie fühlte sich klein, unbedeutend, inadäquat. Und sie kompensierte das unweigerlich, indem sie lauter, schneller und mehr als nötig sprach.

»Jess —«

»Ich weiß, was Sie mir gesagt haben«, fiel sie ihm störrisch ins Wort. »Ohne eine Leiche —«

»Ohne Leiche wird uns das Gericht ins Gesicht lachen.« Tom Olinsky kam hinter seinem Schreibtisch hervor nach vorn, als wollte er mit seinem mächtigen Körper Jess aus dem Zimmer drängen. »Jess, Sie sind überzeugt, daß dieser Mann einen Mord begangen hat, und Sie haben wahrscheinlich recht. Aber wir haben einfach keinerlei Beweise.«

»Wir wissen, daß er sie vergewaltigt und geschlagen hat.«

»Was vor Gericht niemals bewiesen worden ist.«

»Weil er sie getötet hat, ehe sie gegen ihn aussagen konnte.«

»Beweisen Sie es.«

Jess warf den Kopf zurück und starrte zur Decke hinauf. Hatte sie dieses Gespräch nicht schon einmal geführt?

»Rick Ferguson hat Connie DeVuono bedroht. Er hat ihr gesagt, sie würde nicht so lange leben, daß sie gegen ihn aussagen könnte.«

»Dafür haben wir nur ihr Wort.«

»Und das, was er zu mir gesagt hat?« fragte Jess. Zu laut. Zu herausfordernd.

»Nicht ausreichend.«

»Nicht ausreichend? Wie meinen Sie das, nicht ausreichend?«

»Es reicht einfach nicht aus«, wiederholte Tom Olinsky unverblümt. »Wir kämen nicht weiter als bis zu einer Vorverhandlung. Das wissen Sie so gut wie ich.«

»Es gibt doch zahlreiche Fälle, wo Personen wegen Mordes unter Anklage gestellt wurden, obwohl eine Leiche nie gefunden worden war«, beharrte Jess eigensinnig.

»Und wie viele Verurteilungen?« Tom Olinsky schwieg. Er lehnte sich an seinen Schreibtisch. Jess meinte, das Holz ächzen zu hören. »Jess, muß ich Sie erst daran erinnern, daß der Mann für die Zeit von Connie DeVuonos Verschwinden ein Alibi hat?«

»Nein, ich weiß — seine Mutter, die Heilige!« sagte Jess mit Verachtung. »Er sorgt dafür, daß ihr der Alkohol nicht ausgeht; sie sorgt dafür, daß ihm die Alibis nicht ausgehen.«

Tom Olinsky kehrte hinter seinen Schreibtisch zurück und ließ sich langsam in den gewaltigen Ledersessel sinken. Er sagte nichts. Sein Schweigen wirkte einschüchternder als seine Worte.

»Wir lassen ihn also davonkommen«, sagte Jess. »Das heißt es doch, nicht wahr?« Sie warf die Hände hoch und stand auf. Mit einer ruckartigen Bewegung drehte sie den Kopf, so daß er die Tränen in ihren Augen nicht sehen würde.

»Was ist eigentlich los, Jess?« fragte Tom Olinsky, als Jess zur Tür ging.

Sie blieb stehen, wischte sich die Augen, ehe sie sich herumdrehte. »Wie meinen Sie das?«

»Sie sind in diesen Fall tiefer verstrickt, als für alle Beteiligten gut ist. Verstehen Sie mich nicht falsch«, fuhr er fort, ohne auf einen Einwand von ihr zu warten. »Eben die Empathie, die Sie in vielen Fällen für die Opfer einer Straftat entwickeln, macht Sie zu einer Staatsanwältin von besonderem Format. Sie erkennen dadurch Dinge, die wir anderen manchmal übersehen; Sie sind dadurch um so stärker motiviert und kämpfen um so härter. Aber hier spüre ich noch etwas anderes. Habe ich recht? Und werden Sie mir sagen, was es ist?«

Jess zuckte die Achseln und wehrte sich verzweifelt gegen das aufsteigende Bild ihrer Mutter. »Vielleicht mag ich nur nichts Unerledigtes.« Sie versuchte zu lächeln und schaffte es nicht. »Oder vielleicht kämpfe ich einfach gern.«

»Aber selbst Sie brauchen eine Waffe, mit der Sie kämpfen können«, erwiderte Tom Olinsky. »Hier haben wir keine. Ein guter Verteidiger — und Ihr geschiedener Mann ist ein sehr guter Verteidiger — würde uns in Fetzen reißen. Wir brauchen Beweise, Jess. Wir brauchen eine Leiche.«

Jess sah Connie DeVuono vor sich, wie sie ihr mit blitzenden Augen in dem kleinen Besprechungszimmer gegenübergesessen hatte, und versuchte, sich die Frau kalt und leblos auf einer verlassenen Straße liegend vorzustellen. Das Bild ließ sich leichter imaginieren, als Jess vorausgesehen hatte. Es verursachte ihr Brechreiz. Sofort preßte sie die Lippen aufeinander und biß die Zähne zusammen, bis sie schmerzten.

Sie sagte kein Wort, nickte nur bestätigend und ging hinaus. Man hatte die Halloween-Dekorationen abgenommen und die Korridore im Hinblick auf das nahe Erntedankfest mit Darstellungen von Pilgervätern und gerupften Truthähnen neu geschmückt. Jess holte nur ihren Mantel aus ihrem Büro und verabschiedete sich von ihren Mitarbeitern, die, obwohl es bereits nach fünf war, Erstaunen darüber zeigten, daß sie so früh ging.

Sie wäre gern länger geblieben. An Arbeit mangelte es ihr nicht. Aber sie hatte keine Wahl. Sie hatte ihr Wort gegeben. Nach zehn Tagen ständiger Entschuldigungen: Ich kann wirklich nicht, ich kann vor Arbeit kaum aus den Augen schauen, hatte Jess schließlich dem Drängen ihrer Schwester nachgegeben, ein Treffen mit Sherry Hasek zu vereinbaren, der neuen Frau im Leben ihres Vaters. Um sieben zum Essen. Im Bistro 110. Ja, ich komme. Ganz bestimmt.

Ihren Schwager und die neue Liebe ihres Vaters an einem Abend zusammen, ein bißchen viel auf einmal. »Genau das was ich brauche«, schimpfte Jess laut und sah mit Erleichterung, daß sie den Aufzug für sich hatte. »Das hat mir als Krönung dieses herrlichen Tages gerade noch gefehlt.«

Im nächsten Stockwerk hielt der Aufzug an, und eine Frau stieg ein, als Jess noch mitten im Satz war. Jess verzog ihren Mund rasch zu einem Gähnen.

»Sie hatten wohl einen langen Tag?« fragte die Frau, und Jess hätte beinahe gelacht.

Die Ereignisse des Tages liefen wie ein auf schnellen Vorlauf geschaltetes Video vor ihrem inneren Auge ab. Sie sah sich vor Richter Earl Harris stehen, Seite an Seite mit ihrem geschiedenen Mann, der im Namen seines Mandanten dessen Recht auf einen schnellen Prozeß über die ihm zur Last gelegte Vergewaltigung Connie DeVuonos geltend machte. »Aufgeschobene Gerechtigkeit ist verweigerte Gerechtigkeit«, erklärte er.

Sie sah Rick Fergusons spöttisches Grinsen, hörte ihre eigene schwache Entgegnung. »Euer Ehren, wir müssen einen Vertagungsantrag stellen, weil unsere Zeugin für eine Verhandlung am heutigen Tag nicht zur Verfügung steht.«

»Welchen Tag wünschen Sie?« fragte Richter Harris.

»Geben Sie uns eine Frist von dreißig Tagen«, bat Jess.

»Da haben wir bald Weihnachten«, erinnerte der Richter sie.

»Ja, Euer Ehren.«

»Gut, dreißig Tage.«

»Na, hoffen wir, daß die gute Frau in dreißig Tagen wieder auftaucht«, sagte Rick Ferguson und gab sich keine Mühe, das Lachen in seiner Stimme zu unterdrücken. »Ich hab keine Lust, immer wegen nichts und wieder nichts hier reinzufahren.«

Jess lehnte sich an die Aufzugwand, prustete verächtlich und tat so, als hätte sie einen Husten.

»Alles in Ordnung?« fragte die Frau neben ihr.

»Ja, danke«, antwortete Jess und erinnerte sich des späteren Ärgers mit der Autowerkstatt, zu der sie gleich am frühen Morgen ihren Wagen gebracht hatte. »Wieso können Sie mein Auto nicht bis heute abend fertigmachen? Es ist doch nur ein Scheibenwischer!« Jetzt mußte sie die Hochbahn nach Hause nehmen, eine unangenehme, lange Fahrt, es würde bestimmt voll sein, und sie würde keinen Sitzplatz bekommen. Außerdem würde sie sich abhetzen müssen, um pünktlich um sieben im Restaurant zu sein.

Ich könnte ja ein Taxi nehmen, dachte sie, obwohl sie wußte, daß nirgends in der Gegend ein Taxi zu finden sein würde. Die Fahrer haßten es, auch nur in die Nähe der Gegend um die 26. Straße und die California Avenue zu kommen, ganz besonders nach Einbruch der Dunkelheit. Sie hätte natürlich von ihrem Büro aus ein Taxi anrufen können, aber das wäre zu einfach gewesen. Oder sie hätte Don anrufen können. Nein, das würde sie niemals tun. Sie war ihm böse, ja, sie war wütend auf ihn. Weshalb? Weil er objektiv war? Weil er glaubte, Rick Ferguson könnte unschuldig sein? Weil er es ablehnte, über seinen Gefühlen für sie die Rechte seines Mandanten zu vergessen? Weil er ein derart guter Anwalt war? Ja, das alles waren Gründe, gestand sie sich ein.

Es ist also gar nicht alles in Ordnung mit mir, dachte sie, als der Aufzug im dritten Stock anhielt und mehrere große Schwarze mit bunten Wollmützen hereinkamen. Sie war frustriert und verdrossen und wütend. »Scheiße«, murmelte einer der Schwarzen, als sich die Aufzugtür im Erdgeschoß öffnete.

Du sprichst mir aus der Seele, dachte Jess und schob ihre Handtasche unter ihren Mantel, als sie durch das Foyer zur Drehtür eilte.

Draußen war es sehr kalt. Die Meteorologen hatten einen ungewöhnlich kalten November vorausgesagt, und bisher hatten sie recht gehabt. Für Dezember hatten sie große Schneemengen angekündigt. Und Jess hatte noch immer keine neuen Winterstiefel gekauft.

Sie ging zur Bushaltestelle an der Ecke und war einen Moment überwältigt von dem, was die Dunkelheit nicht verbergen konnte: die Stadtstreicherinnen, die ihr gesamtes Hab und Gut zum Schutz gegen die Kälte auf dem Leib trugen; die Verrückten, die mit unsichtbaren Dämonen kämpften, mit Flaschen in den Händen und ohne Schuhe an den Füßen ziellos herumstreunten; die jungen Leute, die so vollgepumpt waren mit Drogen, daß sie weder die Energie noch die Neigung besaßen, sich die Nadeln aus den dürren Armen zu ziehen; die Zuhälter; die Prostituierten; die Dealer; die Desillusionierten. Das alles war hier, wie Jess wußte, und breitete sich von Jahr zu Jahr weiter aus. Als sähe man einer Krebsgeschwulst beim Wachsen zu, dachte sie.

Sie fuhr mit dem Bus bis zur 8. Straße, nahm dort die U-Bahn zur State Street, stieg in die Hochbahn um, alles ganz ruhig und selbstverständlich. Ich wollte, Don könnte mich jetzt sehen, dachte sie und hätte beinahe gelacht. Er hätte getobt. »Bist du denn total übergeschnappt?« konnte sie ihn brüllen hören. »Weißt du nicht, wie gefährlich die Hochbahn ist, besonders abends? Was willst du eigentlich beweisen?«

Ich will nur nach Hause, antwortete sie lautlos. Sie war nicht bereit, sich von jemandem einschüchtern zu lassen, der nicht da war.

Auf dem Bahnsteig der Hochbahn war es laut, schmutzig, und es wimmelte von Menschen. Ein junger Mann rammte Jess von hinten, entschuldigte sich nicht einmal, als er an ihr vorbeieilte. Eine ältere Frau trat ihr auf den Fuß, als sie sich an ihr vorbei nach vorn schob, und sah sie dann so wütend an, als müsse sich Jess bei ihr entschuldigen. Schwarze Gesichter, braune Gesichter, weiße Gesichter. Kalte Gesichter, dachte Jess und sah sie alle in Eisblau. Fröstelnde Menschen in der Dunkelheit. Jeder mit ein wenig Angst vor dem anderen. Als sähe man einer Krebsgeschwulst beim Wachsen zu, dachte sie wieder und sah plötzlich das Gesicht ihrer Mutter in einem der vorderen Fenster des einfahrenden Zugs.

Der Zug hielt an, und Jess wurde von der Menge zu den Türen gestoßen. Sie war sich kaum bewußt, daß ihre Füße den Boden berührten. Im nächsten Augenblick wurde sie wie von einer Welle hochgetragen und landete auf einer zerschlissenen Kunstlederbank, eingequetscht zwischen einem großen Schwarzen auf ihrer rechten und einer alten Mexikanerin mit einer großen Einkaufstasche am Arm auf ihrer linken Seite. Auf der anderen Seite des Ganges voller Menschen saß eine Filipina, die sich krampfhaft bemühte, ein zappelndes Kind auf ihrem Schoß festzuhalten. Eine Pfeife schrillte. Der Zug setzte sich mit einem Ruck in Bewegung, fuhr weiter. Körper schwankten im Rhythmus mit der Bewegung des Zugs. Wintermäntel versperrten Jess wie dichte Vorhänge die Sicht. Warmer Atem erhitzte die Luft rund um sie herum.

Jess schloß die Augen, sah sich als kleines Mädchen, das fest die Hand der Mutter umklammert hielt, während sie auf einem Bahnsteig standen und auf die Hochbahn warteten. »Es ist doch nur ein Zug, Schatz«, hatte ihre Mutter gesagt und die verängstigte Kleine in die Arme genommen, als der Zug donnernd angefahren kam. »Du brauchst keine Angst zu haben.«

Wo war ich, als du Angst hattest? fragte sich Jess jetzt. Wo war ich, als du mich gebraucht hast?

»Das muß ich mir von dir nicht gefallen lassen, Jess!« hörte sie ihre Mutter weinend rufen, ihr schönes Gesicht tränenüberströmt.

Der Zug hielt mit quietschenden Bremsen an. Jess ließ ihre Augen weiter geschlossen, hörte, wie sich die Türen öffneten, spürte den Wechsel der Passagiere, den Druck von noch mehr Menschen an ihren Knien. Wieder schrillte die Pfeife. Die Türen schlossen sich. Langsam fuhr der Zug an und legte Geschwindigkeit zu. Jess hielt die Augen geschlossen, während der Zug durch die Stadtmitte raste.

Sie erinnerte sich des Tages, an dem ihre Mutter verschwunden war.

Es war sehr heiß gewesen, selbst für August, schon vor zehn Uhr morgens fast dreißig Grad. Jess war in Shorts und einem alten T-Shirt in die Küche hinuntergekommen. Ihr Vater war auf Geschäftsreise; Maureen in der Bibliothek, um sich auf ihre Rückkehr nach Harvard vorzubereiten. Ihre Mutter stand am Telefon in der Küche. Sie trug ein Kostüm aus weißem Leinen, war sorgfältig geschminkt und frisiert, das Haar aus dem Gesicht gebürstet. Sie wollte offensichtlich ausgehen.

»Wohin gehst du?« hatte Jess gefragt.

Die Stimme ihrer Mutter klang leicht gereizt. »Nirgends«, antwortete sie.

»Seit wann machst du dich so schick, wenn du nirgends hin willst?«

Die Worte wiederholten sich im Rattern des Zuges. Seit wann machst du dich so schick, wenn du nirgends hin willst? Seit wann machst du dich so schick, wenn du nirgends hin willst? Seit wann machst du dich so schick, wenn du nirgends hin willst?

Der Zug ruckte und schlingerte, und jemand fiel über Jess’ Knie. Sie öffnete die Augen und sah eine ältere Schwarze, die sich bemühte, wieder auf die Beine zu kommen.

»Entschuldigen Sie vielmals«, sagte die Frau.

»Das macht doch nichts«, sagte Jess und gab ihr die Hand, um sie zu stützen, wollte aufstehen und ihr ihren Platz anbieten.

Da sah sie ihn.

»Mein Gott!«

»Hab ich Ihnen weh getan?« fragte die alte Frau. »Das tut mir wirklich leid. Der plötzliche Ruck vorhin hat mich einfach umgeworfen. Bin ich Ihnen auf den Fuß gestiegen?«

»Nein nein, es ist nichts«, flüsterte Jess. Sie brachte die Worte nur mit Mühe hervor und starrte an der Frau vorbei den höhnisch grinsenden jungen Mann an, der sich mit hängenden Armen störrisch weigerte, sich irgendwo festzuhalten, und nur ein paar Schritte hinter ihr stand, gestützt und aufrechtgehalten von seinem trotzigen Widerstand.

Rick Ferguson starrte zurück. Dann verschwand er hinter einer Woge von Leibern.

Vielleicht hatte sie ihn überhaupt nicht gesehen. Sie sah sich suchend in dem überfüllten Waggon um, um ihn wiederzufinden. Sie fühlte sich an das Erlebnis mit dem weißen Chrysler vor ihrer Haustür erinnert. Vielleicht hatte sie überhaupt nichts gesehen. Vielleicht spielte ihre Phantasie ihr grausame Streiche. Vielleicht aber auch nicht.

Ganz bestimmt nicht, sagte sich Jess; sie war es leid, so zu tun, als wäre Täuschung, was sie wußte. Sie stand auf. Sofort wurde ihr Platz von jemand anderem eingenommen. Sie drängte sich zur anderen Seite des Waggons durch.

Er stand mit dem Rücken an der Tür. Er hatte Blue Jeans und die braune Lederjacke an, die er an jenem Morgen bei Gericht getragen hatte. Das lange, schmutzig-blonde Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden, der Blick seiner stumpfen braunen Augen barg seine ganze Vergangenheit in sich: das zerrüttete Zuhause, den prügelnden Vater, die trunksüchtige Mutter, die vernichtende Armut, die häufigen Zusammenstöße mit dem Gesetz, die Aufeinanderfolge zermürbender Fabrikjobs, die häufigen Entlassungen, die Kette mißlungener Beziehungen zu Frauen, die Wut, die Bitterkeit, die Verachtung. Und immer dieses Lächeln, schmallippig, freudlos, falsch.

»Entschuldigen Sie«, sagte Jess zu einem schmächtigen Mann, der ihr den Weg versperrte, und der Mann machte ihr augenblicklich Platz. Rick Fergusons Lächeln wurde breiter, als Jess ihm direkt vor die Augen trat.

»Na so was«, sagte er. »In Fleisch und Blut.«

»Verfolgen Sie mich?« fragte Jess so laut, daß ihre Worte von allen im Wagen gehört werden konnten.

Er lachte. »Ich? Sie verfolgen? Weshalb sollte ich das tun?«

»Genau das sollen Sie mir sagen.«

»Ich brauche Ihnen gar nichts zu sagen«, erwiderte er und blickte über ihren Kopf hinweg zum Fenster hinaus. »Das hat mein Anwalt auch gesagt.«

Der Zug verlangsamte die Fahrt, als er sich der nächsten Haltestelle näherte.

»Was machen Sie in diesem Zug?« fragte Jess scharf.

Keine Antwort.

»Was machen Sie in diesem Zug?« wiederholte sie.

Er kratzte sich an der Nase. »Ich mache eine kleine Fahrt.« Seine Stimme war träge, als wäre der Akt des Sprechens eine beinahe zu große Anstrengung.

»Wohin?« fragte Jess.

Er sagte nichts.

»Wo steigen Sie aus?«

Er lächelte. »Das weiß ich noch nicht.«

»Ich möchte wissen, wohin Sie fahren.«

»Vielleicht fahre ich nach Hause.«

»Ihre Mutter wohnt in der Aberdeen Street. Das ist die andere Richtung.«

»Vielleicht fahr ich gar nicht zu meiner Mutter.«

»Dann verstoßen Sie gegen die Haftverschonungsbestimmungen. Ich kann Sie festnehmen lassen.«

»In meinen Kautionsbedingungen heißt es, daß ich bei meiner Mutter leben muß, solange ich auf Kaution frei bin. Aber es steht nicht drin, mit welchen Zügen ich fahren darf oder nicht«, versetzte er.

»Was haben Sie mit Connie DeVuono gemacht?« fragte sie in der Hoffnung, ihn mit ihrer Frage zu überraschen.

Rick Ferguson blickte zur Decke hinauf, als überlegte er sich tatsächlich eine Antwort. »Einspruch!« höhnte er dann. »Ich glaube nicht, daß mein Anwalt mit dieser Frage einverstanden wäre.«

Der Zug kam mit einem Ruck zum Stehen. Jess suchte nach einem Halt und fand keinen, sie verlor das Gleichgewicht und fiel vornüber, Rick Ferguson an die Brust. Er packte sie, umfaßte mit beiden Händen ihre Arme so fest, daß Jess förmlich spüren konnte, wie sich die Blutergüsse bildeten.

»Lassen Sie mich los!« schrie Jess. »Lassen Sie mich augenblicklich los!«

Rick Ferguson hob die Hände in die Luft. »Hey, ich wollte Ihnen doch nur helfen.«

»Ich brauche Ihre Hilfe nicht.«

»Aber Sie wären beinahe gestürzt«, sagte er, zog seine Lederjacke gerade und zuckte die Achseln. »Und wir möchten doch nicht, daß Ihnen etwas passiert. Nicht jetzt, wo es gerade anfängt, interessant zu werden.«

»Was soll das heißen?«

Er lachte. »Na so was!« rief er, den Blick an ihr vorbei zum Fenster hinaus gerichtet. »Hier muß ich raus.« Er drängte sich zur Tür durch. »Bis demnächst«, sagte er und glitt zur Tür hinaus, kurz bevor diese sich wieder schloß.

Als der Zug abfuhr, sah Jess Rick Ferguson auf dem Bahnsteig stehen und winken.

___________

Sie saß nackt auf dem Bett, ihre Kleider sorgfältig zurechtgelegt neben sich, und war nicht fähig, eine Bewegung zu machen. Sie war nicht sicher, wie lange sie schon so gesessen hatte, wieviel Zeit verstrichen war, seit sie aus der Dusche gekommen war, wie viele Minuten abgelaufen waren, seit sie gemerkt hatte, daß ihre Beine gefühllos wurden und ihr Atem mühsam und schwer. Das ist doch lächerlich, sagte sie sich. Das geht doch nicht. Alle warten auf dich. Du kommst zu spät. Das kannst du doch nicht machen.

Sie konnte nichts dagegen tun.

Sie konnte sich nicht rühren.

»Los, Jess«, sagte sie laut. »Stell dich nicht an. Setz dich in Bewegung. Du mußt dich anziehen.« Sie blickte zu dem schwarzen Seidenkleid hinunter, das neben ihr lag. »Komm schon! Du hast schon alles zurechtgelegt. Du brauchst es nur noch anzuziehen.«

Sie konnte nicht. Ihre Hände, die in ihrem Schoß lagen, waren wie gelähmt.

Der Anfall von Panik hatte in Form eines Kribbelns in einer Seite begonnen, als sie aus der Dusche gekommen war. Anfangs hatte sie versucht, es mit ihrem Handtuch wegzurubbeln, aber es hatte sich rasch in Magen und Brust, dann in Hände und Füße ausgebreitet. Sie begann sich benommen zu fühlen, ihre Beine wurden taub, sie mußte sich setzen. Bald bereitete jeder Atemzug ihr Schmerzen.

Das Telefon neben dem Bett begann zu läuten.

Jess starrte es an, unfähig, den Hörer abzunehmen. »Bitte hilf mir«, flüsterte sie. Sie zitterte am ganzen Körper vor Kälte. »Bitte, hilf mir doch jemand.«

Das Telefon klingelte einmal, zweimal, dreimal… Nach dem zehnten Mal hörte es auf. Jess schloß die Augen, schwankte, fühlte die Angst in sich aufsteigen wie eine drohende Flut. »Bitte hilf mir«, rief sie wieder. »Hilf mir doch.« Sie starrte in den Spiegel gegenüber vom Bett. Ein kleines verängstigtes Mädchen starrte zurück. »Bitte hilf mir, Mami«, jammerte das kleine Mädchen. »Versprich mir, daß mir nichts passiert.«

»O Gott«, stöhnte Jess. Sie krümmte sich so tief, daß sie mit der Stirn ihre Knie berührte. »Was ist nur los mit mir? Was ist nur mit mir?«

Wieder begann das Telefon zu läuten. Einmal… zweimal… dreimal.

Mit einer Anstrengung richtete Jess sich auf. Immer noch läutete das Telefon. Viermal… fünfmal. Mit eisernem Willen schob sie ihre Hand zum Telefon, beobachtete sie, als gehörte sie jemand anders, wie sie den Hörer an ihr Ohr führte.

»Hallo, Jess? Jess, bist du da?«

»Maureen?« flüsterte Jess verzweifelt.

»Jess, wo bleibst du denn? Was tust du noch zu Hause? Du müßtest längst hier sein.« Maureens Stimme klang ungeduldig.

»Wie spät ist es denn?«

»Es ist fast acht. Wir warten seit sieben Uhr. Wir sind alle völlig ausgehungert. Außerdem machen wir uns Riesensorgen um dich. Ich rufe seit einer halben Stunde unentwegt an. Was ist denn nur los? Du kommst doch sonst nie zu spät.«

»Ich bin gerade erst nach Hause gekommen«, log Jess, die ihre Beine immer noch nicht fühlen konnte.

»Ja los, dann komm endlich her.«

»Ich kann nicht«, antwortete Jess.

»Was?«

»Bitte, Maureen, ich kann nicht. Es geht mir nicht gut.«

»Jess, du hast es versprochen.«

»Ich weiß, aber…«

»Kein aber!«

»Ich kann nicht. Wirklich nicht.«

»Jess…«

»Bitte sag Dad, es tut mir wirklich leid, aber wir müssen das Treffen verschieben.«

»Das kannst du doch nicht machen, Jess.«

»Ehrlich, Maureen, ich glaube, ich brüte irgendwas aus.«

Sie konnte hören, daß ihre Schwester weinte.

»Wein doch nicht, Maureen. Bitte. Ich hab das doch nicht geplant. Ich hab mir schon meine Sachen alle zurechtgelegt. Aber ich schaff es einfach nicht.«

Eine Sekunde blieb es still. »Na schön, mach was du willst«, sagte ihre Schwester. Und legte auf.

»Mist!« schrie Jess und knallte den Hörer auf die Gabel. Die lähmende Lethargie war plötzlich verschwunden. Sie sprang auf. Was, zum Teufel, hatte das zu bedeuten? Was machte sie eigentlich mit sich selbst? Und mit ihrer Familie?

Haßte sie es nicht, wenn die Leute sich verspäteten? Achtete sie nicht immer darauf, pünktlich zu sein? Kam sie zu einer Verabredung nicht immer als erste? Acht Uhr, du lieber Gott! Anderthalb Stunden hatte sie da auf dem Bett gehockt. Nackt auf ihrem Bett gesessen, ihre Kleider neben sich, unfähig, sie anzuziehen, unfähig, eine Bewegung zu machen.

Anderthalb Stunden. Der schlimmste Anfall bisher. Der längste. Wie sollte das denn werden, wenn so etwas im Gerichtssaal passierte, so ein Anfall sie bei einem wichtigen Kreuzverhör lähmte? Was würde sie dann tun?

Sie konnte dieses Risiko nicht eingehen. Sie durfte so etwas nicht geschehen lassen. Sie mußte etwas unternehmen. Sie mußte sofort etwas unternehmen.

Jess ging zu ihrem Schrank, holte ihre lange schwarze Hose heraus und griff in sämtliche Taschen. Sie fand den Zettel, auf dem ihre Schwester ihr die Telefonnummer ihrer Freundin Stephanie Banack aufgeschrieben hatte.

»Stephanie Banack«, las Jess laut und fragte sich, ob die Therapeutin ihr überhaupt helfen konnte. »Ruf sie an, dann wirst du’s schon merken.«

Jess tippte die Nummer ein, und erst da fiel ihr plötzlich ein, wie spät es schon war. Sie würde wahrscheinlich nur den Anrufbeantworter erwischen. Während sie noch überlegte, ob sie eine Nachricht hinterlassen sollte oder nicht, wurde bereits abgehoben.

»Stephanie Banack.« Die Stimme klang angenehm.

Jess war verwirrt. »Oh, Entschuldigung, ist das ein Band?«

Stephanie Banack lachte. »Nein, das bin ich live. Was kann ich für Sie tun?«

»Hier spricht Jess Koster«, sagte Jess. »Maureens Schwester.«

Eine Sekunde blieb es still. Dann sagte Stephanie Banack: »Hallo, Jess, wie geht es dir? Ist alles in Ordnung?«

»Maureen geht es gut, falls du das meinen solltest. Es geht um mich«, fügte sie hastig hinzu, weil sie fürchtete, sie würde überhaupt nicht weitersprechen, wenn sie jetzt zögerte. »Ich wollte dich fragen, ob ich mal zu einem Gespräch zu dir kommen kann — möglichst bald. Natürlich nur, wenn du Zeit hast.«

»Oh, die Zeit nehme ich mir«, antwortete die Therapeutin. »Paßt es dir morgen mittag?«

Jess zögerte, stammelte. Eine so prompte Reaktion hatte sie nicht erwartet.

»Entschließ dich, Jess. Ich opfere meine Mittagspause nicht für jeden.«

Jess nickte. »Morgen mittag«, stimmte sie zu. »Um zwölf, okay?«

9

Stephanie Banack hatte ihre Praxis in der Michigan Avenue, direkt im Zentrum. »Sie ist offensichtlich sehr erfolgreich«, nuschelte Jess in ihren Mantelkragen, während sie auf einen Aufzug wartete, der sie in die dreizehnte Etage hinaufbringen sollte. Sie hatte Stephanie Banack seit Jahren nicht mehr gesehen, hatte auch nie das geringste Verlangen verspürt, sie zu sehen, hatte die andauernde Freundschaft ihrer Schwester mit der Frau nie verstanden. Aber es gab vieles an Maureen, das Jess nicht verstand. Besonders in letzter Zeit. Doch das war eine andere Geschichte. Das hatte mit den Gründen ihres Hierseins nichts zu tun.

Aber warum war sie überhaupt hier?

Jess sah sich in dem großen Foyer mit den Spiegelwänden und dem schwarz-weißen Marmorboden um, während sie nach einer Antwort suchte. Es gab keinen Grund, sagte sie sich sofort. Es gab nicht einen guten Grund für diesen Besuch bei Stephanie Banack. Sie vergeudete wertvolle Zeit und Energie für etwas, was weder das eine noch das andere erforderte. Sie sah auf ihre Uhr und stellte fest, daß es fünf vor zwölf war. Sie hatte noch Zeit, oben anzurufen und den Termin abzusagen, ohne der Freundin ihrer Schwester ernsthafte Ungelegenheiten zu bereiten. Die Frau hatte gesagt, sie würde auf ihre Mittagspause verzichten, um für Jess eine Stunde Zeit zu haben. Nun würde sie das nicht mehr tun müssen. Sie würde ihr also mit ihrer Absage einen Gefallen tun.

Jess sah sich gerade nach einem Telefon um, als sich die Türen des Aufzugs öffneten, dem sie am nächsten stand. Die leere Kabine sah sie an, als wollte sie sagen, nun, was wirst du tun? Ein Telefon ist nicht in der Nähe, und ich warte nicht ewig. Entschließ dich, komm endlich zu Potte. Also, was wirst du tun?

»Ich fahr mit dir rauf«, antwortete Jess, froh, daß niemand im Foyer war, der sie hören konnte. Das ist ja wohl das letzte, dachte sie, jetzt rede ich sogar schon mit Aufzügen. Sie trat in die Kabine, die Türen schlossen sich hinter ihr.

Innen war der Aufzug auf drei Seiten mit Spiegeln getäfelt, genau wie das Foyer, und Jess entdeckte, daß sie, ganz gleich, wie sie den Kopf drehte, unweigerlich ihrem Spiegelbild ins Auge sah. Hatten sich das die Therapeuten, die hier im Haus ihre Praxis hatten, extra ausgedacht? Wollten sie auf diese Weise ihre widerwilligen Patienten zwingen, sich mit sich selbst zu konfrontieren? »Laß mich bloß in Ruhe«, sagte Jess laut, entschlossen, sich nicht von ihrem eigenen Spiegelbild einschüchtern zu lassen.

Die Aufzugtüren öffneten sich im dreizehnten Stock. Jess blieb an die hintere Wand gedrückt stehen. In ihrem Rücken spürte sie das Vibrieren der Kabine. Es schien sie sachte vorwärts zu schubsen. Erst willst du nicht hereinkommen; jetzt willst du nicht aussteigen. Trotzig trat Jess in den Flur hinaus. Sie mußte sich regelrecht auf die Zunge beißen, um dem Aufzug nicht Lebwohl zu sagen. »Du hast soeben die Grenze von der Neurotikerin zur total Bescheuerten überschritten«, sagte sie zu sich, während sie auf dem weichen blaugrauen Teppich zur richtigen Tür am Ende des Korridors ging. STEPHANIE BANACK stand in goldenen Leitern auf dunkler Eiche, gefolgt von einem beeindruckenden Schwanz akademischer Grade.

Viel zu beeindruckend, dachte Jess, die sich des ungraziösen jungen Mädchens erinnerte, das ihrer Schwester zeitweise nicht von der Seite gewichen war. Sie konnte sie sich nicht als eine Frau vorstellen, die fähig war, so viele Buchstaben hinter ihrem Namen zu versammeln: M. A., Dr. phil., Dr. med. Die Frau leidet eindeutig unter einem Mangel an Selbstbewußtsein, sagte sich Jess. All diese kostspieligen akademischen Grade, wo sie doch wahrscheinlich nur eine Nasenkorrektur gebraucht hätte.

Jess streckte gerade die Hand nach dem Türknauf aus, als die Tür geöffnet wurde, und eine junge Frau mit blondem Pferdeschwanz und lila Lidschatten heraustrat. Sie lächelte, so ein unverbindliches Lächeln, das in sämtliche Richtungen zugleich strahlte.

»Sind Sie Jess Koster?« fragte sie.

Jess trat einen Schritt zurück und überlegte im stillen, ob sie sich zu ihrem Namen bekennen sollte. Dann nickte sie stumm.

»Ich bin Dr. Banacks Sprechstundenhilfe. Dr. Banack erwartet Sie. Sie können gleich hineingehen.«

Sie hielt Jess die Tür auf, und Jess trat tapfer, mit angehaltenem Atem, in die Praxis. Sie brauchte jetzt nur ein paar Sekunden zu warten, bis sie sicher sein konnte, daß die Sprechstundenhilfe weg war, dann konnte sie wieder gehen. Sie würde unten auf der Straße von einer öffentlichen Zelle aus bei Stephanie Banack, M. A., Dr. phil., Dr. med., anrufen und ihr sagen, daß eine Beratung nun doch nicht erforderlich sei. Niemand brauchte ihr zu sagen, daß sie verrückt war; das hatte sie schon ganz allein herausgefunden. Unnötig, Stephanie Banacks Zeit zu verschwenden. Unnötig, daß sie auf ihr Mittagessen verzichtete.

Das Vorzimmer war gar nicht übel, wie Jess feststellte, während sie in den Flur hinaushorchte, um das Öffnen und Schließen der Aufzugtür nicht zu überhören. Wände und Teppich waren in einem weichen Grau gehalten, die beiden Sessel an der einen Wand hatten einen Bezug in frischem Minzgrün mit grauen Streifen. Auf einem niedrigen Glastisch lagen die neuesten Nachrichtenmagazine und Modejournale. Der Schreibtisch der Sprechstundenhilfe, auf dem ein Computerbildschirm stand, war aus hellem Eichenholz. Mehrere Calder- und Miró-Poster zierten die Wände, und neben einem schmalen Wandschrank hing ein langer Spiegel. In der Ecke neben dem Fenster stand eine große Grünpflanze. Alles in allem sehr freundlich und einladend. Sogar beruhigend.

»Ich muß hier raus«, sagte Jess zu sich.

»Jess, bist du das?« Die Stimme aus dem anschließenden Raum war klar, freundlich, bestimmt.

Jess sagte nichts. Ihr Blick war auf die halb geöffnete Tür gerichtet.

»Jess?«

Jess hörte, wie drinnen jemand aufstand, nahm die Präsenz Stephanie Banacks wahr, noch ehe diese sich an der Tür zeigte.

»Jess?« fragte Stephanie Banack und zwang Jess, sie anzusehen.

»Mensch, du bist ja eine Schönheit«, rief Jess, ohne zu überlegen.

Stephanie Banack lachte, ein volles, sattes Lachen, das von seelischer Gesundheit strotzte, dachte Jess und gab Stephanie Banack die Hand.

»Du hast mich wohl nach meiner Nasenoperation nicht mehr gesehen.«

»Du hast dir die Nase operieren lassen?« fragte Jess scheinheilig.

»Ja, und ich hab mir das Haar heller färben lassen. Komm, gib mir deinen Mantel.«

Jess ließ sich von Stephanie Banack aus dem Mantel helfen und wartete, bis sie ihn im Schrank aufgehängt hatte. Sie fühlte sich plötzlich nackt trotz ihres Pullovers und des schweren Wollstoffs ihres Rockes.

Stephanie Banack wies mit einer lockeren Handbewegung auf ihr Zimmer. »Gehen wir hinein.«

Die weichen Grau- und Grüntöne des Vorzimmers wiederholten sich in dem großen, hellen Raum. Am Fenster stand ein großer Schreibtisch mit vielen gerahmten Fotografien dreier lachender Jungen. Davor stand ein Drehsessel. Das beherrschende Möbelstück im Zimmer jedoch war der große, mit grauem Leder bezogene Ruhesessel, der in der Mitte stand.

»Wir haben uns lange nicht mehr gesehen«, sagte Stephanie Banack. »Wie geht es dir?«

»Gut.«

»Bist du noch bei der Staatsanwaltschaft?«

»Ja.«

»Und du fühlst dich dort wohl?«

»Sehr.«

»Du bist hier nicht im Zeugenstand, Jess. Du brauchst deine Antworten nicht auf ein Wort zu beschränken.« Stephanie Banack klopfte auf dem Weg zu ihrem Schreibtisch leicht auf die hohe Rückenlehne des grauen Ledersessels. Sie setzte sich und drehte ihren Sessel in Jess’ Richtung. »Setz dich doch.«

Aber Jess blieb stur stehen. Sie sah die stolze Kopfhaltung Stephanie Banacks, die ruhige Gelassenheit ihrer Bewegungen, die Wärme und die Offenheit ihres Lächelns. Sie konnte nur in die falsche Praxis geraten sein. Oder vielleicht war sie in der richtigen Praxis, aber bei der falschen Therapeutin. Die Stephanie Banack, die Jess zu sehen erwartet hatte, zeichnete sich durch eine schlechte Haltung und muffige Verschlossenheit aus. Sie trug schlecht sitzende geerbte Kleider, keine eleganten Hosenanzüge von Armani. Diese Frau hier mußte eine andere Stephanie Banack sein. Es war nicht völlig ausgeschlossen, daß es im Zentrum von Chicago zwei Psychotherapeutinnen namens Stephanie Banack gab. Vielleicht waren sie beide gute Freundinnen ihrer Schwester. Oder vielleicht war diese Frau hier eine Betrügerin, eine Patientin, die die wahre Stephanie Banack ermordet hatte und in ihre Rolle geschlüpft war. Vielleicht war es das klügste, so schnell wie möglich von hier zu verschwinden.

Oder vielleicht sollte sie sich in die nächste Nervenklinik einweisen lassen. Sie war ja offensichtlich total plemplem.

»Es war wahrscheinlich ein Fehler«, hörte sie sich sagen, befremdet sogar vom Klang ihrer eigenen Stimme.

»Was?«

»Hierherzukommen.«

»Warum sagst du das?«

Jess schüttelte den Kopf, ohne zu antworten.

»Jess, nun bist du schon mal da, warum setzt du dich nicht? Du brauchst mir nichts zu sagen, was du nicht sagen willst.«

Jess nickte, aber sie rührte sich nicht von der Stelle.

»Als du gestern abend angerufen hast«, sagte Stephanie Banack vorsichtig, »wirktest du sehr erregt.«

»Ich habe überreagiert.«

»Worauf?«

Jess zuckte die Achseln. »Das weiß ich selber nicht genau.«

»Du hast mir eigentlich nie den Eindruck gemacht, als wärst du jemand, der zu Überreaktionen neigt.«

»Vielleicht war ich damals auch nicht so.«

»Vielleicht war es auch diesmal keine Überreaktion.«

Jess trat zögernd ein paar Schritte weiter in den Raum und berührte das weiche Leder des Ruhesessels. »Hast du mit Maureen gesprochen?«

»Wir telefonieren im allgemeinen jede Woche einmal miteinander.«

Jess zögerte. »Ich meine, hat sie mit dir gesprochen?«

Stephanie Banack neigte den Kopf ein wenig zur Seite. Jess fühlte sich an einen freundlichen Cockerspaniel erinnert. »Ich verstehe die Frage nicht ganz.«

»Über mich«, erklärte Jess. »Hat sie mit dir über mich gesprochen?«

»Sie erwähnte vor einigen Wochen, daß du möglicherweise anrufen würdest«, antwortete Stephanie Banack. »Sie sagte, du hättest einige Probleme.«

»Hat sie dir auch gesagt, was für welche?«

»Ich glaube nicht, daß sie das weiß.«

Jess kam um den großen Ruhesessel herum, ließ sich langsam in das weiche Leder sinken, hatte das Gefühl, daß es sie umschloß wie eine wärmende Hand. Der Sessel folgte ihren Bewegungen, ein Fußpolster kam wunderbarerweise ihren Füßen entgegen, als der Sessel sich nach rückwärts neigte. Jess hob ihre Füße und legte sie dankbar auf dem Polster ab. »Das ist ein toller Sessel.«

Stephanie Banack nickte.

»Und — was für einen Eindruck macht dir meine Schwester dieser Tage?« fragte Jess, die sich sagte, da sie sich nun schon einmal gesetzt habe, könnte sie auch freundlich sein und ein wenig Konversation machen.

»Es scheint ihr blendend zu gehen. Die Mutterrolle paßt zu ihr.«

»Findest du?«

»Du nicht?«

»Ich finde es eigentlich Verschwendung.« Jess sah zum Fenster. »Ich meine, natürlich finde ich nicht, daß es Verschwendung ist, Kinder großzuziehen«, erläuterte sie. »Aber jemand mit Maureens Intellekt und ihren Fähigkeiten, ganz zu schweigen von der Stellung, die sie aufgegeben hat — na ja, so ein Mensch sollte doch mehr aus seinem Leben machen, als den ganzen Tag Säuglinge zu wickeln und nach der Pfeife des Ehemanns zu tanzen.«

Stephanie Banack beugte sich vor. »Du findest, Maureen tanzt nach Barrys Pfeife?«

»Du nicht?«

Stephanie Banack lächelte. »Das ist mein Text.«

»Ich meine, meine Eltern haben ihr doch bestimmt nicht jahrelang das Studium bezahlt — und du weißt ja, wie teuer Harvard ist, auch wenn man einen Zuschuß bekommt —, nur damit sie dann alles hinschmeißt.«

»Glaubst du, euer Vater ist enttäuscht?«

»Ich weiß es nicht.« Jess blickte zu Boden. »Wahrscheinlich nicht. Er ist selig über seine Enkelkinder. Außerdem würde er sich nie was anmerken lassen, selbst wenn er enttäuscht wäre.«

»Und eure Mutter?«

Jess spürte, wie ihr Rücken sich verkrampfte. »Wie meinst du das?«

»Nun ja, du hast doch angedeutet, daß eure Eltern mit Maureens Entscheidung nicht glücklich wären…«

»Ich hab gesagt, ich glaube nicht, daß sie ihr jahrelang das Studium bezahlt haben, damit sie dann zu Hause bleibt und Kinder in die Welt setzt.«

»Was glaubst du, wie eure Mutter es sehen würde?«

Jess drehte den Kopf zur Seite und drückte ihr Kinn zur Schulter hinunter. »Die wäre wütend.«

»Wieso?«

Jess’ Füße auf dem Fußpolster zuckten ungeduldig.

»Na hör mal, Stephanie, du warst doch selbst dauernd bei uns. Du hast meine Mutter gekannt. Du weißt, wie wichtig es für sie war, daß ihre Töchter eine gute Ausbildung bekommen, damit sie es im Leben zu etwas bringen und auf eigenen Füßen stehen können.«

»Eine Frau, die ihrer Zeit voraus war. Ja, ich weiß.«

»Na also, dann müßtest du doch wissen, wie sie sich angesichts von Maureens Leben fühlen würde.«

»Wie würde sie sich denn fühlen?«

Jess suchte nach den richtigen Worten. »Sie wäre zornig. Verwirrt. Und sie würde sich verraten fühlen.«

»Sind das auch deine Gefühle?«

»Ich rede davon, wie meine Mutter sich meiner Meinung nach fühlen würde.«

»Du glaubst also nicht, daß deine Mutter gewollt hätte, daß Maureen eine Familie gründet?«

»Das meine ich nicht.«

»Was meinst du denn?«

Jess blickte zur Decke hinauf, dann zum Fenster hinüber, richtete schließlich ihren Blick auf die Frau, die ihr gegenübersaß. »Hör mal, du erinnerst dich doch bestimmt, wie außer sich meine Mutter war, als ich ihr damals sagte, daß ich Don heiraten würde…«

»Das waren aber ganz andere Umstände, Jess.«

»Wieso? Inwiefern waren sie anders?«

»Nun, zum einen warst du noch sehr jung. Don war wesentlich älter als du. Er arbeitete bereits als Anwalt in einer Kanzlei. Und du hattest gerade dein zweites Semester Jura hinter dir. Ich glaube nicht, daß deine Mutter gegen die Heirat an sich war; es war der Zeitpunkt, mit dem sie Probleme hatte.«

Jess begann, den durchsichtigen Lack auf ihren Fingernägeln abzuziehen. Sie sagte nichts.

»Maureen hingegen war fertig mit ihrer Ausbildung«, fuhr Stephanie fort. »Sie stand fest und sicher auf eigenen Füßen, als sie Barry kennenlernte und dann heiratete. Ich glaube nicht, daß eure Mutter etwas gegen ihre Entscheidung gehabt hätte, dem Berufsleben eine Weile den Rücken zu kehren, um Kinder großzuziehen.«

»Ich sag ja auch gar nicht, daß meine Mutter was dagegen gehabt hätte, daß Maureen heiratet und Kinder bekommt«, stellte Jess ärgerlich fest. »Sie hätte bestimmt nichts dagegen gehabt. Meine Mutter fand es herrlich, Kinder zu haben. Sie war gern verheiratet. Sie hatte es sich zum Ziel gemacht, die beste Ehefrau und Mutter zu sein, die man sich wünschen konnte. Aber —«

»Aber was?«

»Aber für ihre Töchter wollte sie mehr«, sagte Jess. »Ist das so schlimm? Muß man ihr das übelnehmen?«

»Das kommt darauf an, was die Tochter selbst will.«

Jess drückte einen Moment die Finger ihrer rechten Hand auf ihre Oberlippe und wartete, bis ihr Herz sich beruhigte, ehe sie wieder sprach. »Aber ich bin eigentlich nicht hergekommen, um mich über Maureen oder meine Mutter zu unterhalten.«

»Warum bist du denn hergekommen?«

»Das weiß ich eigentlich gar nicht.«

Einen Moment blieb es still. Zum ersten Mal bemerkte Jess die Uhr auf Stephanies Schreibtisch. Sie sah, wie der Minutenzeiger zum nächsten Teilstrich vorrückte. Wieder eine verlorene Minute. Verlorene Zeit. Sie dachte an all die Dinge, die sie zu erledigen hatte. Um halb zwei hatte sie einen Termin in der Gerichtsmedizin; um drei hatte sie einen Augenzeugen des Armbrustmords in ihr Büro bestellt; um vier hatte sie eine Besprechung mit mehreren Polizeibeamten. Sie hätte diese kostbare Mittagsstunde nutzen können, um sich vorzubereiten. Statt dessen saß sie hier und vertat die Zeit.

»Was hast du gestern abend, als du mich anriefst, gerade getan?« fragte Stephanie Banack.

»Wie meinst du das, was ich getan habe?«

Stephanie schien einen Moment verwirrt. »Das ist doch eine ganz klare Frage, Jess. Was hast du gestern abend getan, bevor du mich angerufen hast?«

»Nichts.«

»Nichts? Und da hast du dir aus heiterem Himmel plötzlich gedacht, ach, ich hab Stephanie Banack jahrelang nicht mehr gesehen, ich glaub, ich ruf sie mal an?«

»So ungefähr.«

Wieder Schweigen. »Jess, ich kann dir nicht helfen, wenn du mir nicht einmal eine Chance dazu gibst.«

Jess wollte sprechen und konnte nicht.

»Jess, warum hast du deine Schwester nach meiner Nummer gefragt?«

»Das habe ich gar nicht getan.«

»Also hat sie dir vorgeschlagen, mich anzurufen?«

Jess zuckte die Achseln.

»Warum?«

»Das mußt du schon sie fragen.«

»Jess, vielleicht ist es die Tatsache, daß ich mit deiner Schwester befreundet bin, die dir in dieser Situation Schwierigkeiten macht. Glaub mir, alles, was du hier sagst, wird von mir streng vertraulich behandelt. Aber vielleicht wäre es dir lieber, wenn ich dir jemand anders empfehle…«

»Nein«, sagte Jess schnell. »Es hat nichts mit dir zu tun. Es liegt an mir.«

»Dann erzähl mir von dir«, sagte Stephanie Banack mit freundlicher Aufforderung.

»Ich bekomme manchmal diese Angstanfälle.«

»Was meinst du mit Angstanfällen?«

»Panikgefühle.«

»Wie äußert sich das, wenn du diese Gefühle bekommst?«

Jess senkte den Blick und starrte in ihren Schoß. Die abgeblätterten Nagellackfetzen lagen wie glitzernde Pailletten auf ihrem schwarzen Rock. »Ich kriege Atemnot. Meine Glieder werden taub. Ich kann nicht mehr gehen. Meine Beine werden ganz kribblig und fangen an zu schlottern. Erst wird mir ganz leicht im Kopf, dann wird mir dumpf und schwer. Mein Herz fängt an zu rasen. Ich bekomme Beklemmungen, als drückte mir jemand die Brust zusammen. Ich bin wie gelähmt, kann mich überhaupt nicht mehr bewegen. Und mir wird speiübel.«

»Wie lange hast du diese Attacken schon?«

»Sie haben vor ein paar Wochen wieder angefangen.«

»Wieder?«

»Bitte?«

Stephanie Banack schlug die Beine übereinander. »Du hast gesagt, sie hätten vor ein paar Wochen wieder angefangen.«

»Ach ja?«

»Ja.«

»Das nennt man wohl eine Freudsche Fehlleistung.« Jess lachte bitter. War ihr Unterbewußtsein so begierig, all ihre Geheimnisse preiszugeben?

»Diese Anfälle sind also nichts Neues.« Die Bemerkung war mehr Feststellung der Tatsache als Frage.

»Nein.« Jess schwieg einen Moment, dann sprach sie weiter. »Nach dem Verschwinden meiner Mutter hatte ich sie mindestens ein Jahr lang fast jeden Tag, danach mehrere Jahre lang sehr oft.«

»Und dann haben sie aufgehört?«

»Ich habe seit ungefähr vier Jahren keine mehr gehabt.«

»Und jetzt haben sie wieder angefangen.«

Jess nickte. »Und sie kommen immer häufiger. Dauern immer länger. Werden immer schlimmer.«

»Und sie haben also vor ein paar Wochen wieder angefangen?«

»Ja.«

»Und was glaubst du, wodurch diese neuerliche Serie von Attacken ausgelöst worden ist?«

»Da bin ich mir nicht sicher.«

»Folgen diese Anfälle einem Muster?«

»Was meinst du mit einem Muster?«

Stephanie Banack überlegte einen Moment und rieb sich dabei die vollkommen geformte Nase. »Treten sie beispielsweise zu einer bestimmten Tages- oder Nachtzeit auf? Treten sie während deiner Arbeit auf? Oder wenn du allein bist? An einem besonderen Ort vielleicht? Im Beisein bestimmter Menschen?«

Jess ließ sich die einzelnen Fragen nacheinander durch den Kopf gehen. Die Attacken traten zu jeder beliebigen Tages- oder Nachtzeit auf. Sie überfielen sie bei der Arbeit, zu Hause, wenn sie allein war, wenn sie durch eine geschäftige Straße ging, wenn sie im Kino war, wenn sie aus der Dusche kam. »Es gibt kein Muster«, sagte sie resigniert.

»Hattest du gestern abend, ehe du mich anriefst, so einen Anfall?«

Jess nickte.

»Was tatest du da gerade?«

Jess berichtete ihr, daß sie sich zum Ausgehen fertiggemacht hatte. »Ich hatte mir die Kleider, die ich anziehen wollte, schon zurechtgelegt«, sagte sie leise.

»Und du solltest die neue Frau im Leben deines Vaters kennenlernen?«

»Ja«, bestätigte Jess.

»Ich kann mir vorstellen, daß so eine Situation Ängste auslöst.«

»Na ja, ich kann nicht behaupten, daß ich mich auf den Abend gefreut habe. Was nur beweist, daß ich eine ziemlich üble Person bin.«

»Warum sagst du das?«

»Weil ich doch eigentlich wünschen müßte, daß mein Vater glücklich ist.«

»Und das wünschst du nicht?«

»Doch!« Jess spürte, wie ihr die Tränen in die Augen sprangen. Sie unterdrückte sie krampfhaft. »Das ist es ja, was ich nicht verstehe! Ich möchte, daß er glücklich ist. Ich wünsche es ihm von Herzen. Und was ihn glücklich macht, sollte mich auch glücklich machen.«

»Wieso?«

»Wie bitte?«

»Seit wann muß etwas, das einen anderen Menschen glücklich macht, auch uns glücklich machen? Du verlangst sehr viel von dir, Jess. Vielleicht zuviel.«

»Maureen scheint mit der Situation nicht die geringsten Schwierigkeiten zu haben.«

»Maureen ist nicht du.«

»Aber es kann nicht allein mit meinem Vater zu tun haben«, wandte Jess ein. »Die Attacken hatten schon wieder angefangen, ehe ich von dieser neuen Frau hörte.«

»Wann genau haben sie denn angefangen?«

Jess dachte zurück zu der Nacht, in der sie schweißgebadet und am ganzen Körper zitternd aufgewacht war. »Ich war im Bett und hab geschlafen. Ich hatte einen Alptraum. Davon bin ich aufgewacht.«

»Erinnerst du dich, was das für ein Traum war?«

»Es ging um meine Mutter«, antwortete Jess. »Ich hab dauernd versucht, sie zu erreichen, aber ich konnte nicht.«

»Hattest du an deine Mutter gedacht, bevor du einschliefst?«

»Ich weiß nicht mehr«, log Jess. Der ganze Tag war angefüllt gewesen mit Gedanken an ihre Mutter. Tatsächlich war der erste Anfall gar nicht auf ihren Alptraum gefolgt. Er war schon früher am Tag aufgetreten, im Gerichtssaal, während des Barnowski-Prozesses, als sie geglaubt hatte, im Gesicht einer der Geschworenen ihre Mutter zu erkennen.

Sie wollte nicht mehr über ihre Mutter sprechen.

»Ich glaube, ich weiß, was los ist«, behauptete sie. »Ich glaube, es hat mit einem Mann zu tun, gegen den ich ermittle.« Sie sah plötzlich Rick Fergusons Gesicht im Glas des Bildes, das an der Wand in Stephanie Banacks Zimmer hing. »Er hat versucht, mich mit Drohungen einzuschüchtern…«

»Was waren das für Drohungen?«

Leute, die mir in die Quere kommen, neigen dazu zu verschwinden

Verschwinden.

Wie ihre Mutter.

Das habe ich nicht nötig, Jess. Das muß ich mir von dir nicht gefallen lassen!

Sie wollte nicht an ihre Mutter denken.

»Weißt du, ich glaube, es ist gar nicht so wichtig zu wissen, warum diese Anfälle auftreten; mich interessiert mehr, was ich tun kann, um sie abzustellen.«

»Ich kann dir ein paar einfache Entspannungsübungen empfehlen, mit denen du arbeiten kannst; Techniken, die den Anfällen die schlimmste Wirkung nehmen«, sagte Stephanie Banack, »aber ich denke, wenn du sie wirklich loswerden willst, mußt du dich mit den tieferliegenden Problemen auseinandersetzen, die diese Anfälle auslösen.«

»Du sprichst von einer langen Therapie?«

»Ich spreche von Therapie, ja.«

»Ich brauche keine Therapie. Ich brauch nur diesen Kerl hinter Gitter zu bringen.«

»Wieso kann ich nicht glauben, daß es so einfach ist?«

»Weil du’s nicht anders gelernt hast.« Jess sah auf ihre Uhr, obwohl sie bereits wußte, wie spät es war. »Ich muß zurück ins Büro.« Sie stand aus dem bequemen Sessel auf und ging so schnell, als hätte jemand Feueralarm gegeben, zur Tür des Vorzimmers.

»Jess, warte —«

Ohne stehenzubleiben, ging Jess ins Vorzimmer hinaus, nahm ihren Mantel aus dem Schrank und warf ihn sich auf dem Weg zur Korridortür über die Schultern. »Es war nett, dich wiederzusehen, Stephanie. Paß auf dich auf.« Sie trat in den Korridor hinaus und steuerte auf die Aufzüge zu.

»Ich bin immer hier, Jess«, rief Stephanie Banack ihr nach. »Du brauchst mich nur anzurufen.«

Da rechne mal lieber nicht mit, hätte Jess gern geantwortet, aber sie tat es nicht. Es war gar nicht nötig. Ihr Schweigen sagte alles.

10

»Kann ich etwas für Sie tun?«

»Ich schaue mich nur um, danke.«

Was tu ich denn jetzt wieder, fragte sich Jess, während sie ein Paar Bruno-Magli-Slipper aus grünem Wildleder musterte. Was hab ich hier in diesem Laden zu suchen? Schon wieder neue Schuhe sind das letzte, was ich brauche.

Sie sah auf ihre Uhr. Fast halb eins. In einer Stunde war sie mit der Leiterin der Gerichtsmedizin verabredet, die drüben in der Harrison Street saß, mindestens zwanzig Minuten mit dem Wagen, und ihr Auto stand immer noch in der Werkstatt. Die Leute hatten sie in aller Frühe angerufen und ihr etwas von einer weiteren kleineren, aber absolut notwendigen Reparatur erzählt. Sie würde sich ein Taxi nehmen müssen.

»Woran haben Sie denn in etwa gedacht?« Der Verkäufer ließ sich nicht abschütteln.

»Ich habe eigentlich an gar nichts gedacht«, antwortete Jess kurz.

Der kleine ältere Mann mit dem schlecht sitzenden braunen Toupet verneigte sich mit übertriebener Höflichkeit und ging dann eilig auf eine Frau zu, die eben in den Laden getreten war.

Jess ließ ihren Blick langsam über einen langen Tisch mit einer erstaunlichen Auswahl an sportlichen Schuhen in vielen Farben gleiten. Sie nahm ein Paar senfgelber Mokassins vom Tisch und drehte sie in den Händen. Nichts geht über ein Paar neue Schuhe, wenn man seine Probleme loswerden will, dachte sie, während sie über das weiche Wildleder strich. Das war im Grund die ganze Therapie, die sie brauchte. Auf jeden Fall billiger, stellte sie mit einem Blick auf das Preisschild fest, das auf der Sohle klebte. Neunundneunzig Dollar im Vergleich zu…

Im Vergleich wozu?

Über den Preis hatte sie mit Stephanie Banack nicht gesprochen, hatte gar nicht daran gedacht, sich nach den Kosten pro Sitzung zu erkundigen, war einfach gegangen, ohne die Frau auch nur zu fragen, was sie ihr schuldete. Nicht nur war Stephanie Banack um ihr Mittagessen gekommen, sie hatte auch keine Bezahlung erhalten. Zwei Unhöflichkeiten auf einmal.

Mit einem ärgerlichen Kopfschütteln stellte Jess die Schuhe wieder auf den Tisch. Sie war nicht nur unhöflich gewesen, sondern obendrein anmaßend. Sie hatte die Freundin ihrer Schwester sehr schlecht behandelt. Sie würde sich entschuldigen müssen, ihr vielleicht Blumen und einen kurzen Dankesbrief schicken müssen. Und was sollte sie schreiben? Danke für die Erinnerungen? Danke für nichts? Danke, aber nein danke?

Ich denke, wenn du sie wirklich loswerden willst, hörte sie Stephanie Banack sagen, mußt du dich mit den tieferliegenden Problemen auseinandersetzen, die diese Attacken auslösen.

Es gibt keine tieferliegenden Probleme, sagte sich Jess eigensinnig, während sie sich dem nächsten Tisch näherte, auf dem die eleganten Schuhe ausgestellt waren. Es gab nur ein Problem, und sie wußte genau, was für ein Problem das war.

Rick Ferguson.

Selbstverständlich war er nicht der erste Verbrecher, der ihr gedroht hatte. Haß, Beschimpfungen und Drohungen gehörten praktisch zu ihrem Beruf. In den letzten beiden Jahren hatte sie eine Weihnachtskarte von einem Mann erhalten, den sie für zehn Jahre hinter Gitter gebracht hatte. Er hatte ihr gedroht, sich an ihr zu rächen, sobald er wieder auf freiem Fuß sei. Mit den Weihnachtskarten, die auf den ersten Blick so harmlos wirkten, wollte er sie auf seine nicht allzu subtile Art daran erinnern, daß er nicht vergessen hatte.

Tatsächlich wurden solche Drohungen selten wahrgemacht. Sie wurden geäußert; sie wurden entgegengenommen; sie wurden früher oder später vergessen. Von beiden Seiten.

Bei Rick Ferguson lag die Sache anders.

Der Mann ihrer Träume, dachte sie ironisch in Erinnerung an den Alptraum, der stets damit begann, daß sie verzweifelt nach ihrer Mutter suchte und am Ende den Tod fand. Irgendwie war es Rick Ferguson gelungen, sie in ihren geheimsten Tiefen zu treffen und lang verdrängte Ängste und Schuldgefühle wieder hervorzurufen.

Ängste, ja, dachte Jess. Sie nahm einen glänzenden schwarzen Lacklederschuh in die Hand und drückte seine Spitze so fest, daß sie spürte, wie das Leder unter ihren Fingern brach. Aber keine Schuldgefühle. Wofür hätte sie sich schuldig fühlen sollen? »Mach dich nicht lächerlich«, murmelte sie unterdrückt, als ihr wiederum Stephanie Banacks Worte ins Gedächtnis kamen. »Es gibt keine tieferliegenden Probleme.« Sie begann, mit dem spitzen Pfennigabsatz auf ihre Handfläche zu schlagen.

»He, seien Sie vorsichtig«, rief jemand neben ihr. Eine Hand ergriff die ihre und hielt sie fest. »Das ist ein Schuh, kein Hammer.«

Jess starrte zuerst in ihre mißhandelte Handfläche, dann sah sie den zerknautschten Schuh in ihrer anderen Hand an, und schließlich blickte sie in das Gesicht des Mannes mit dem hellbraunen Haar und den braunen Augen, dessen Hand leicht auf ihrem Arm lag. Auf dem Namensschild am Revers seines dunkelblauen Sakkos stand der Name Adam Stohn. Weißer, Anfang bis Mitte Dreißig, ein Meter achtzig groß, ungefähr achtzig Kilo, faßte sie im stillen zusammen, als läse sie aus einem Polizeibericht ab.

»Oh, das tut mir leid«, sagte sie. »Ich bezahle sie natürlich.«

»Um den Schuh mache ich mir weniger Sorgen.« Er nahm ihn ihr behutsam aus der Hand und stellte ihn wieder auf den Tisch.

Jess sah, wie der hochhackige Schuh einen Moment hin und her wackelte, dann umkippte wie abgeschossen. »Aber ich habe ihn ja offensichtlich ruiniert.«

»Ach, mit ein bißchen Pflegemittel und einem Schuhspanner kriegen wir das schon wieder hin. Was ist mit Ihrer Hand?«

Sie schmerzte, wie Jess feststellte, und in ihrer Mitte war ein kreisrunder roter Fleck. »Die wird schon wieder.«

»Sieht fast aus wie ein kleiner Bluterguß.«

»Ach, lassen Sie nur. Es ist nichts«, versicherte sie, als sie sah, daß er wirklich besorgt war. War der Laden haftbar?

»Möchten Sie vielleicht ein Glas Wasser?«

Jess schüttelte den Kopf.

»Ein Bonbon?« Er zog ein in rot-weiß gestreiftes Papier eingewickeltes Bonbon aus seiner Tasche.

Jess lächelte. »Nein danke.«

»Wie wär’s mit einem Witz?«

»Seh ich so verzweifelt aus?« Sie spürte, daß er sie nicht sich selbst überlassen wollte.

»Sie sehen aus, als würde Ihnen ein netter Witz guttun.«

Sie nickte. »Da haben Sie recht. Also erzählen Sie.«

»Etwas Braves oder lieber ein bißchen gewagt?«

Jess lachte. »Na wenn schon, denn schon.«

»Also gut, leicht gewagt.« Er hielt einen Moment inne. »Ein Mann und eine Frau liegen gerade miteinander im Bett, als sie jemanden die Treppe heraufkommen hören. Die Frau ruft erschrocken, ›Mein Gott, das ist mein Mann!‹ Ihr Liebhaber springt augenblicklich zum Fenster hinaus in ein Gebüsch. Und da sitzt er nun, splitterfasernackt, und weiß nicht, was er tun soll. Natürlich fängt es an zu regnen. Plötzlich läuft eine Gruppe Jogger vorbei, der Mann packt die Gelegenheit beim Schopf und springt mitten in die Gruppe, um mit den Männern weiterzulaufen. Nach ein paar Sekunden dreht der Jogger neben ihm den Kopf, schaut ihn von oben bis unten an und sagt: ›Entschuldigen Sie, darf ich Ihnen eine Frage stellen?‹ Der Mann sagt: ›Bitte.‹ ›Joggen Sie immer nackt?‹ fragt der Jogger, und der Mann antwortet: ›Ja, immer.‹ Worauf der Jogger fragt: ›Und tragen Sie beim Joggen immer ein Kondom?‹ ›Nein‹, sagt der Mann, ›nur wenn es regnet.‹«

Jess stellte fest, daß sie laut lachte.

»Na, das ist ja schon viel besser. Kann ich Ihnen jetzt ein Paar Schuhe verkaufen?«

Jess lachte noch heftiger.

»Das sollte nicht komisch sein. Der komische Teil ist vorüber.«

»Tut mir leid. Sind Sie im Schuheverkaufen so gut wie im Witzeerzählen?«

»Stellen Sie mich auf die Probe.«

Jess sah auf ihre Uhr. Sie hatte noch ein wenig Zeit. Gegen ein Paar Schuhe war doch wirklich nichts einzuwenden. Das schuldete sie schon dem Laden, nachdem sie diese schwarzen Lackpumps so übel zugerichtet hatte. Außerdem wollte sie noch nicht gehen. Es war lange her, daß ein Mann sie zum Lachen gebracht hatte. Ein schönes Gefühl, es gefiel ihr.

»Also wenn, dann könnte ich ein Paar neue Stiefel gebrauchen«, sagte sie, froh, einen echten Grund zum Bleiben gefunden zu haben.

»Bitte, kommen Sie mit.« Adam Stohn führte sie zu den Stiefeln. »Nehmen Sie doch Platz.«

Jess setzte sich in einen kleinen rostfarbenen Sessel. Zum ersten Mal nahm sie ihre Umgebung zur Kenntnis. Der Laden war sehr modern, überall Glas und Chrom. Die Schuhe waren auf Glastischen, auf Spiegelborden, auf dem weichen goldfarbenen Teppichboden zur Schau gestellt. Ihr wurde bewußt, daß sie schon mehrmals hier eingekauft hatte, aber an Adam Stohn konnte sie sich nicht erinnern.

»Sind Sie neu hier?« fragte sie.

»Ich hab im Sommer angefangen.«

»Und gefällt es Ihnen?«

»Schuhe sind mein Leben«, antwortete er. In seiner Stimme schwang etwas wie ein verschmitztes Lächeln. »Also, was für Stiefel darf ich Ihnen zeigen?«

»Ich weiß selbst nicht genau. Ich möchte nicht einen Haufen Geld für Lederstiefel ausgeben, die innerhalb von Tagen vom Schnee und vom Salz völlig ruiniert sind.«

»Dann kaufen Sie doch kein Leder.« »Aber sie sollen auch ein bißchen schick sein. Und ich hab gern warme Füße.«

»Aja, sie sollen schick sein und warm dazu. Ich glaube, ich habe genau das, was Sie suchen.«

»Tatsächlich?«

»Habe ich Sie je belogen?«

»Wahrscheinlich.«

Er lächelte. »Ich sehe schon, ich habe es mit einer Zynikerin zu tun. Also dann, gestatten Sie.« Er trat zu einem kleinen Tisch mit elegant geschnittenen glänzenden schwarzen Stiefeln. »Die hier sind aus Vinyl, mit Webpelz gefüttert, wasserdicht und absolut pflegeleicht. Sie sind schick; sie sind warm; sie halten garantiert auch dem härtesten Winterwetter stand.« Er reichte Jess einen Stiefel.

»Und sie sind sehr teuer«, rief Jess überrascht, als sie sah, daß der Schuh zweihundert Dollar kosten sollte. »Für den Preis kann ich auch echtes Leder kaufen.«

»Aber Sie wollen doch kein echtes Leder. Echtes Leder müssen Sie einsprühen; Sie müssen es sorgfältig pflegen. Echtes Leder ist nicht wasserdicht und bekommt Flecken. Es hat all die Nachteile, die Sie vermeiden wollen. Diesen Stiefel«, sagte er und klopfte leicht auf den glänzenden Kunststoff, »ziehen Sie an und vergessen ihn. Er ist unverwüstlich.«

»Sie sind im Schuheverkaufen tatsächlich so gut wie im Witzeerzählen«, bemerkte Jess.

»Heißt das, daß Sie sie anprobieren möchten?«

»Größe achtunddreißig«, sagte Jess.

»Ich bin gleich wieder da.«

Jess blickte Adam Stohn nach. Ihr gefiel die ruhige Sicherheit seiner Bewegungen, die Geradheit seiner Haltung. Selbstbewußtsein ohne Arroganz, dachte sie, während ihr Blick über die Spiegelwände schweifte.

Gab es denn kein Entkommen vor dem eigenen Spiegelbild? Waren die Menschen wirklich so versessen darauf, sich jede Sekunde des Tages selbst ins Gesicht zu sehen? Jess fing im Spiegel den halb enttäuschten, halb ärgerlichen Blick des kleinen Verkäufers mit dem schlecht sitzenden Toupet auf. Sie schloß die Augen. Ich weiß, dachte sie, auf seinen schweigenden Vorwurf reagierend, ich bin oberflächlich und leicht zu beeinflussen. Auf ein hübsches Gesicht und einen guten Witz bin ich noch jedesmal hereingefallen.

»Sie werden es nicht glauben«, sagte Adam Stohn, als er mit zwei großen Kartons in den Armen zurückkam, »aber es ist kein einziges Paar in Größe achtunddreißig mehr da. Ich habe Größe siebenunddreißig und Größe neununddreißig.«

Sie probierte sie an. Wie vorhergesehen war siebenunddreißig zu klein, neununddreißig zu groß.

»Sie haben wirklich keine Achtunddreißiger mehr da?«

»Ich hab überall nachgesehen.«

Jess zuckte die Achsel, sah auf ihre Uhr und stand auf. Sie hatte keine Zeit mehr.

»Ich kann in einem unserer anderen Geschäfte anrufen«, erbot sich Adam Stohn.

»Ja, gut«, antwortete Jess rasch und fragte sich sogleich, was das nun wieder sollte.

Er ging zum Verkaufstisch vorn im Laden, griff zum Telefon, tippte eine Nummer ein und begann zu sprechen. Sie sah, wie er den Kopf schüttelte. Dann legte er auf und rief unter einer anderen Nummer noch einmal an. Und dann noch einmal.

»Das ist doch nicht zu fassen!« sagte er, als er zu ihr zurückkam. »Ich habe drei Geschäfte angerufen. Sie haben alle keine Achtunddreißiger mehr. Aber«, f