/ Language: Deutsch / Genre:det_classic / Series: SHERLOCK HOLMES CRIMINAL BIBLIOTHEK

Sherlock Holmes und der Fluch der Titanic

J. Preyer

Sherlock Holmes und Doktor Watson versuchen das Rätsel um den Untergang der Titanic im Jahr 1912 zu lösen. Dabei lernen sie Überlebende des Unglücks kennen, darunter den Kopf einer gefährlichen Verschwörung. Ihm ist die Frau auf den Fersen, die Holmes schon einmal hinters Licht geführt hat: Irene Adler, die Frau im Leben des großen Detektivs. Zwischen Holmes und Irene Adler entbrennt erneut ein erbitterter Kampf.

J. J. Preyer

SHERLOCK HOLMES

und der Fluch der Titanic

Nach den Charakteren

Sherlock Holmes und Dr. John H. Watson

von Sir Arthur Conan Doyle

DIE DREI DAVIDSKRIEGER

Kingsgate Castle, Wiltshire

29. Dezember 1902, Davidstag

Der athletisch wirkende junge Mann mit den wirren roten Haaren zog einen blühenden Kirschzweig aus der Vase und betrachtete ihn andächtig. Wasser tropfte auf die weiße Tischdecke.

Der Rothaarige hob an zu singen. Zuerst etwas zaghaft, dann fester im Ton und sicherer:

From Tender stem hath sprung,
Of Jesse's lineage coming,
As men of old have sung;
It came, a flow'ret bright,
Amid the cold of winter,
When halfspent was the night.

Es ist ein Ros entsprungen,
Aus einer Wurzel zart.

Nun schlossen sich die beiden anderen Zwanzigjährigen und ein älterer Mann, die mit dem Rothaarigen am Speisetisch saßen, dem Gesang an:

Wie uns die Alten sungen,
Aus Jesse kam die Art

Und hat ein Blümlein bracht,
Mitten im kalten Winter,
Wohl zu der halben Nacht.

»Wohl zu der halben Nacht«, wiederholte ein schmächtiger blonder Junge und trank das Glas mit dem Rotwein aus dem Süden Afrikas leer.

Der etwa vierzigjährige Colonel David King, ein kräftiger Mann mit gepflegtem Schnurrbart und einer kaum verheilten Schussverletzung an der linken Seite seiner Stirn, betätigte die Glocke, um den Butler zu rufen. »Das Mahl war vorzüglich, Jonathan. Danken Sie der Köchin und ihrem Gefolge in meinem Namen und im Namen meiner Gäste. Sie können die Teller abräumen. Und bringen Sie Nachschub! Der Wein ist alt, der Abend jung.«

Der Butler entfernte Geschirr und Servietten, dann kam er mit einem vollen Weinkrug zurück.

Colonel King füllte die Gläser und rief: »Auf den Sieg! Auf König David und seine Krieger!«

»Es lebe König David!«, jubelten die jungen Männer.

»Seid ihr bereit zur Lesung aus dem Heiligen Buch?«

»Wir sind bereit, Sir.«

Colonel King öffnete eine in dunkles Khaki gebundene Feldausgabe der Bibel. Mit etwas undeutlicher Stimme begann er: »Und David ward lüstern und sprach: Wer will mir Wasser zu trinken holen aus dem Brunnen zu Bethlehem unter dem Tor?

Da brachen die drei Helden ins Lager der Philister und schöpften Wasser aus dem Brunnen zu Bethlehem unter dem Tor und trugen's und brachten's David. Aber er wollte es nicht trinken, sondern gab es dem Herrn.

Und sprach: Das lasse der Herr fern von mir sein, dass ich das tue! Ist's nicht das Blut der Männer, die ihr Leben gewagt haben und dahingegangen sind? Und wollte es nicht trinken.«1

Colonel David King nahm einen tiefen Schluck aus seinem Trinkglas, dann wandte er sich wieder an seine Gäste: »Du bist Jasobeam, du Samma und du Eleasar. Ihr seid die drei Helden Davids, die die Philister besiegen, zu ihrem eigenen Ruhm und zum Ruhme ihres Königs. Denkt an die Worte des Heiligen Buches: Da brachen die drei Helden ins Lager der Philister und schöpften Wasser aus dem Brunnen zu Bethlehem unter dem Tor und trugen's und brachten's David.

Eure große Tat geschah vor exakt einem Jahr, am Davidstag des Jahres 1901. Ihr brachtet mir, eurem Colonel, zum Ehrentag den Wein aus der Mitte der Feinde, aus dem Lager der Buren in Ysterspruit. Wie es im Heiligen Buche steht, opferten wir den Wein unserem allmächtigen Gott, der unsere Wege lenkt, uns den Sieg geschenkt hat und mich überleben ließ, trotz der schweren Verwundung. Der euch, meine Krieger, nahezu unversehrt in die Heimat zurückführte.«

Der Colonel hatte sich von seinem Stuhl erhoben und schwankte leicht. Nicht unter dem Einfluss des Alkohols, sondern unter der Schwere seiner Gehirnverletzung, die auch seine Artikulation beeinträchtigte. »Mir wurde Anfang Dezember von Ihrer Majestät, der Queen unseres großartigen Landes, das Victoria-Kreuz verliehen, für Tapferkeit vor dem Feind …«

Die drei Soldaten klopften beifällig mit den Knöcheln ihrer Finger gegen die Tischplatte.

»Und weil ihr, meine Krieger, diese Auszeichnung mindestens so verdient habt wie ich, habe ich euch zu dieser Feier nach Kingsgate eingeladen. Die tapfersten Soldaten meiner Truppe bekommen hiermit das Kreuz aus meiner Hand verliehen. Das Victoria-Kreuz für heldenhafte Taten im Südafrikanischen Krieg geht an Private Jasobeam, an Private Eleasar und an Private Samma.«

Mit unsicherer Hand heftete Colonel King den jungen Männern die Bronzemedaillen an ihre dunklen Jacketts, genau über den Herzen. Dann nahm er die Kristallvase, der der Rothaarige den Kirschzweig entnommen hatte, goss das Wasser achtlos auf den Teppich des Speisesaals und füllte sie mit rotem Wein. Den Zweig tauchte er in die rote Flüssigkeit und stellte das Gefäß an das Fenster zum Park. Auf bunten Bleiglasscheiben wurde der Baum Jesse dargestellt, die Blutlinie des Hauses David, angefangen von Adam, über König David und dessen Sohn Salomon, über den Heiligen Josef und Jesus Christus, bis herauf zu den verstorbenen Eltern des Schlossherren.

»Für den Herrn«, bemerkte David King, und füllte sein Glas und die Becher der Gäste bis zum Rand mit Rotwein. »Und das für uns. Auf unsere Zukunft!«

»Ich bedanke mich in meinem Namen und im Namen meiner Kameraden für die Auszeichnung, Sir. Geben Sie einen Befehl, wir führen ihn aus!«, rief der blonde Junge mit den starken Brillengläsern.

»Wir treffen uns in einem Jahr wieder. Hier, in meinem Schloss. Bis dahin macht ihr euch unentbehrlich im Umkreis eurer Väter. Versucht in euren zivilen Berufen voranzukommen. Weit voran. Ich beobachtete euch lange im Krieg in Afrika und ich sah, dass ihr den Kameraden im Kopf und im Körper etwas voraus habt. Aber ich wählte euch auch wegen eures privaten Hintergrundes aus. Ihr könnt und werdet das Land verändern, verbessern.«

»Sagen Sie, was wir tun sollen, King David!«, rief der Blonde.

»Ihr könnt euch auf mich verlassen. Und ich mich auf euch, das weiß ich. Ich werde, sobald mein Kopf einigermaßen in Ordnung ist, wieder im Ministerium tätig sein. Ich trainiere täglich. Die Fortschritte sind zufriedenstellend.«

Dann sagte er noch: »Und vergesst nicht das Symbol über dem Ausgang dieser Halle, die Schweigerose. Sie soll euch daran erinnern, dass nichts von dem, was hier gesprochen wird, nach außen dringen darf.«

»Wir werden schweigen, King David!«, riefen die Männer.

Draußen hatte es zu schneien begonnen. Der Schnee schluckte die ohnehin spärlichen Geräusche in der Landschaft Wiltshires.

Zwölf Jahre danach

9. Jänner 1915, 19:34 Uhr

Tallis Street 11, London

Das Wasser in der Wanne war noch etwas zu heiß, also ließ der schlanke, fast hagere Mann noch kaltes Wasser nachfließen. Der Dunst legte sich auf die Kacheln des Badezimmers der gemieteten Wohnung in der Tallis Street, unweit der Londoner Fleet Street. Der Journalist Stanley R. Evans – das R. stand für Richard – hatte die schäbige Unterkunft in dem Backsteingebäude aus dem vorigen Jahrhundert bezogen, weil es von hier nicht weit zu seinem Arbeitsplatz war, dem Verlagsgebäude der Pall Mall Gazette. Ein besseres Quartier in dieser Gegend hatte sich der junge Lokalreporter mit seinem bescheidenen Gehalt damals nicht leisten können.

Doch das war anders geworden, seitdem ihm dieser amerikanische Schriftsteller sein Buch zugeschickt hatte: Hoffnungslos – oder das Wrack der Titan. Bevor Evans den Text von Morgan Robertson zu lesen begonnen hatte, hatte er gemeint, er handle vom Untergang der Titanic, die am 15. April 1912 auf ihrer Fahrt von England nach New York vor Halifax gesunken war.

Dann jedoch entdeckte der junge Journalist, dass Robertsons Novelle bereits vierzehn Jahre vor dem Unglück, im Jahr 1898, erschienen war. Das im Buch beschriebene Schiff Titan sank wie die Titanic im Nordatlantik nach der Kollision mit einem Eisberg. Der Lokalreporter erkannte die Chance, das Thema Untergang der Titanic neu zu beleben, und wandte sich an seinen erfahreneren Kollegen Conolly, der sofort einen Abdruck des Romans in Fortsetzungen in die Wege leitete.

Robertson, der Autor des Buches, lebte in den Vereinigten Staaten von Amerika, und er bewilligte für ein relativ bescheidenes Honorar den Nachdruck in der Gazette. Zudem versprach er weiteres sensationelles Material, den Untergang der Titanic betreffend.

Das war der Schneeball, der die Lawine auslöste. Von da an – es war Anfang Mai 1914 – überschlugen sich die Ereignisse.

Stanley Evans hatte seither keinen Augenblick der Ruhe gehabt, nicht einmal über Weihnachten. Der junge Journalist fühlte sich ausgelaugt. Er fand seit Tagen keinen Frieden mehr, konnte nicht schlafen. Seine Hände zitterten so stark, dass es ihm schwerfiel, auf seiner Remington zu schreiben oder sich eine Zigarette anzuzünden. Er würde sich, wenn das Ärgste vorüber war, mehr Zeit für sich selbst nehmen, in Ruhe essen, spazieren gehen.

Das Badewasser hatte nun die richtige Temperatur und Stanley Evans ließ sich in die mit den Jahren rau gewordene Wanne gleiten. Seine Haut gab vor dem Untertauchen verstärkt den Geruch von Zigarettenrauch ab.

Evans atmete durch. Die größte Hektik, die seine und Conollys Artikelserie über den Untergang der Titanic ausgelöst hatte, war ausgestanden. Kaum dass die Gazette mit dem Abdruck des Romans begonnen hatte, übermittelte ihm Morgan Robertson weitere Dokumente. Brisantes Material, das auf einen gigantischen Versicherungsbetrug schließen ließ.

Der Chefredakteur gab grünes Licht, so dass die Gazette den ganzen Dezember über die sensationelle Artikelserie veröffentlichen konnte. Und Evans und Conolly hatten noch einiges auf Lager. Material, das den Untergang der Titanic in neuem Licht zeigen würde. Diese Artikel sollten in den nächsten Tagen in Druck gehen. Dann würde er Urlaub machen und sich eine größere Wohnung suchen. Eine komfortablere Bleibe, etwas außerhalb des Stadtzentrums gelegen.

Evans spürte einen kalten Luftzug an den Schultern und drehte seinen Kopf in Richtung Tür. Er sah dort einen in dunklen Khaki gekleideten Mann. Einen Soldaten, der eine Colt-Browning M1895 auf ihn richtete, einen Gasdrucklader, wie er im Burenkrieg Verwendung gefunden hatte.

Eine Serie von Schüssen zerfetzte den Kopf des Journalisten.

Bedächtig legte der Soldat einen blühenden Kirschzweig auf den Rand der Wanne.

Fairmount Hotel, Sussex

21. Jänner 1915

In der Times, die im ersten Monat des Jahres 1915 voll von Kriegsmeldungen war, las Holmes über das Bombardement der Städte Great Yarmouth und King's Lynn durch die Deutschen. Diese Luftangriffe mit Starrluftschiffen, die nach ihrem Konstrukteur Zeppeline genannt wurden, hatten zwanzig Menschenleben gefordert.

Bereits der zweite spektakuläre Erfolg für die Deutschen in diesem jungen Jahr, überlegte Holmes. Am 1. Jänner hatte ein deutsches U-Boot das Kampfschiff HMS Formidable vor Lyme Regis in Dorset versenkt. Eine furchtbare Katastrophe für England und die ganze Welt, in die mittlerweile alle Staaten Europas, aber auch die USA, verwickelt waren.

Es war an der Zeit, dass England all seine Kräfte bündelte, dass alle politischen Lager zusammenarbeiteten, in einer einzigen Regierung. Ansonsten …

Mycroft Holmes, der Bruder des Detektivs, hatte Premier Asquith von der Liberalen Partei eine Konzentrationsregierung vorgeschlagen, an der auch die Konservativen beteiligt werden sollten. Wie sein Bruder sah auch Sherlock Holmes darin die einzige Chance für das Land. Interne Zwistigkeiten mussten überwunden werden, um den gemeinsamen Feind, die Deutschen, besiegen zu können.

Der Wind trieb den Regen, der an diesem Morgen mit Schnee vermischt war, vom Kanal her gegen das Fairmount Hotel an den Klippen von Sussex. Ein Wetter, das Luftangriffe der Deutschen erschweren würde, überlegte Holmes und blätterte in seiner einen Tag alten Ausgabe der Londoner Zeitung.

Das Fairmount Hotel lag zu weit entfernt von London, um eine täglich aktuelle Anlieferung der Times zu ermöglichen. So musste sich der Detektiv mit den Ausgaben des Vortages begnügen. Aber das war beinahe der einzige Nachteil seines neuen Zuhauses, in das er sich 1903 aus der Großstadt zurückgezogen hatte.

Mit einundsechzig Jahren hatte er es sich verdient, das Leben im Lande und in der Welt mit etwas Distanz zu betrachten, meinte er, wohl versorgt durch die jungen, bemühten Betreiber des Hotels, Mr. und Mrs. Bromham, die dafür sorgten, dass die vier Dauergäste des Hotels mit Wärme und ausgezeichneten Mahlzeiten versorgt wurden.

Ein Klopfen an der Tür riss Holmes aus seinen Gedanken. Molly Fernwick, das Zimmermädchen, holte das Frühstückstablett ab und schob Holz in den offenen Kamin, der angenehme Wärme spendete.

Als der Detektiv die Zeitung auf dem nun frei gewordenen Tisch am Fenster zum Meer ausbreitete, erregte ein unscheinbarer Bericht auf Seite fünf seine Aufmerksamkeit.

MORD AN JOURNALIST

Der junge Reporter Stanley R. Evans von der Pall Mall Gazette wurde am Abend des 9. Jänners im Badezimmer seiner Wohnung tot aufgefunden. Er starb nach Angaben der Metropolitan Police an einer Schussverletzung, verursacht durch ein Maschinengewehr militärischer Herkunft. Wie die Polizei berichtet, fand man neben der Leiche einen blühenden Kirschzweig.

Evans war mit seiner Artikelserie über die Hintergründe des Titanic-Unglücks, die er gemeinsam mit einem Kollegen verfasste, bekannt geworden. Die Kollegen der Pall Mall Gazette zeigen sich erschüttert über den Tod ihres Mitarbeiters.

Trotz des nassen Winterwetters wollte Holmes nicht auf seinen Morgenspaziergang verzichten. Dieses Mal jedoch wählte er einen Pfad, der in das Landesinnere führte. Der Weg die Klippen entlang, den er ansonsten nahm, war den Winterstürmen zu sehr ausgesetzt.

Als er nach einer Stunde durchnässt ins Hotel zurückkam, reichte ihm Mrs. Halliwell, die verwitwete Mutter der jungen Hotelbesitzerin, die Post, die Mr. Oliver, der Kutscher des Hotels, aus dem benachbarten Yapton abgeholt hatte.

Holmes erkannte die Handschrift seines Bruders Mycroft auf einem der Kuverts und öffnete dieses noch auf der Treppe zu seinen Zimmern im ersten Stock. Er vermutete, dass ihn Mycroft aus staatspolitischen Gründen kontaktierte, und dachte schon daran, abzulehnen. Immerhin lag die Schuld an der verfahrenen politischen Situation auch an der englischen Regierung und Holmes fühlte sich wenig geneigt, Position zu beziehen. Daher überraschte und beruhigte ihn der Inhalt von Mycrofts Schreiben.

Mycroft Holmes schlug seinem Bruder ein Treffen im Londoner Diogenes Club vor, in einer wichtigen Angelegenheit, die in Zusammenhang mit dem Untergang der Titanic und Anschuldigungen eines Journalisten gegen einen persönlichen Freund Mycrofts stand.

Sherlock Holmes bat Mrs. Halliwell, für elf Uhr eine Kutsche nach London kommen zu lassen. »Ein wasser- und sturmdichtes Modell, wenn es sich machen lässt.«

»Sehr wohl, Mr. Holmes. Simon wird Sie nach Yapton bringen und sich um ein geeignetes Gefährt für die Weiterfahrt kümmern.«

»Was würde ich wohl ohne Sie machen, Mrs. Halliwell«, bedankte sich der Detektiv.

»Jeder von uns ist ersetzbar, Mr. Holmes«, antwortete die Witwe, die etwa das Alter von Holmes hatte.

»Mit Ausnahmen«, sagte Holmes.

»Natürlich. Entschuldigen Sie, Mr. Holmes. Ich vergaß …«

»Ich denke ausnahmsweise nicht an mich, Mrs. Halliwell.«

Bevor Holmes den Brougham bestieg, verständigte er vom Postamt in Yapton aus seinen Bruder telefonisch, dass er ihn am nächsten Tag zum Lunch im Club treffen werde. Er wollte noch einen Abstecher nach Tunbridge Wells machen, zu seinem alten Freund und Biographen John Watson, der dort als Arzt für wohlhabende Londoner und Londonerinnen tätig war, die ihren Kuraufenthalt in der ruhigen Kleinstadt verbrachten. Der Doktor hatte sich, als er sechzig wurde, mit seiner dritten Frau, der charmanten Elsa, dorthin zurückgezogen.

Holmes war froh, als ihm der Turm von St. Swithun's in East Grinstead, etwa fünfzehn Meilen westlich von Tunbridge Wells, das bevorstehende Ende der Reise ankündigte. Es regnete heftig. Wenigstens der Schneefall hatte nachgelassen, der dem Kutscher am Anfang der Reise so sehr die Sicht genommen hatte, dass sie nur langsam vorangekommen waren. Im Sommer, bei trockenem Wetter, war Tunbridge Wells in drei Stunden zu erreichen.

Mrs. Elsa Watson, eine blühende Frau Ende vierzig, öffnete die Tür zu ihrem Haus, das in unmittelbarer Nachbarschaft zum Zentrum des eleganten Kurortes, den Pantiles, lag.

»James«, so nannte Mrs. Watson gelegentlich ihren Mann, »hat sich nach der Sprechstunde zurückgezogen. Ich werde ihn sofort rufen. Nehmen Sie doch Platz, Mr. Holmes. Ich freue mich so sehr, Sie endlich wieder bei uns begrüßen zu können. Wie geht es Ihnen? Wie war die Fahrt?«

Holmes ließ Mrs. Watson, die ohnehin auf keine Antwort wartete, geduldig ausreden und betrat das edle Haus.

»Holmes! Ich habe Ihre Stimme erkannt!« Watson kam etwas verschlafen die Treppe aus dem ersten Geschoss des Hauses herunter.

Der Detektiv wollte seinem Freund die Hand zur Begrüßung reichen, doch dieser umarmte ihn und drückte ihn fest an sich. Mrs. Watson entfernte sich diskret.

Im Salon des Hauses servierte sie den Männern Sherry.

»Das Essen ist in einer halben Stunde fertig«, kündigte sie an. »Sie mögen doch Haddock, Mr. Holmes? Ich muss auf die Gesundheit meines Mannes achten und da ist Fisch am geeignetsten.«

»Sie sehen jünger aus als noch vor zehn Jahren«, sagte Holmes zu seinem Freund, nachdem sich die Dame des Hauses Richtung Küche entfernt hatte. »Die Ehe tut Ihnen gut.«

»Ich war auch vor zehn Jahren verheiratet«, bemerkte der Doktor.

»Dann hat Ihr Aussehen andere Gründe. Womöglich hängt es damit zusammen, dass ich Sie nun mit meinen Fällen nicht mehr so strapaziere.«

»Das trifft in keiner Weise zu. Ihre detektivischen Fähigkeiten scheinen nachzulassen oder Sie wollen mich fernhalten von weiteren Ermittlungen, Holmes, und das gefällt mir gar nicht. Ich bin noch kein Greis und ich versichere Ihnen …«

»Es gibt keine weiteren Fälle, Watson, also auch keinen Grund, etwas vor Ihnen zu verbergen. Der Detektiv ist in den Ruhestand getreten und sieht keinen Anlass, daran etwas zu ändern.«

»Eine Lüge, eine glatte Lüge. Sie haben ein Leuchten in den Augen, das mir verrät, dass Sie einer interessanten Sache auf der Spur sind. Wie gern würde ich Sie wieder begleiten und die Praxis Praxis sein lassen und nach dem glücklichen Abschluss eines Falles darüber schreiben.«

»Und vernichtende Kritiken für die Bücher einstecken.«

»Ach, daher weht der Wind. Sie wollen nicht mehr, dass ich über Ihre Fälle schreibe, weil Sie meinen, dass meine schriftstellerischen Fähigkeiten ebenso bescheiden sind wie mein detektivisches Talent.«

»Aber nein, im Gegenteil«, beeilte sich Holmes zu sagen.

»Was meinen Sie damit?«

»Womit, teurer Freund?«

»Mit im Gegenteil

»Eine Phrase, Doktor. Nur so dahin gesagt. Sie haben meinen Ruhm mit Ihren wundervollen Textchen über die Welt verbreitet.«

»Textchen. Da haben wir es wieder. Sie selbst halten nichts von meinen Romanen.«

»Schluss jetzt. Wenn den Herren keine anderen Tischgespräche einfallen, verordne ich totales Stillschweigen während des Essens«, unterbrach Mrs. Watson ihren Mann und den Detektiv und servierte Gemüsesuppe.

Watson erwähnte das Thema nicht mehr bis zum frühen Nachmittag des nächsten Tages als der Detektiv einen Brougham nach London bestieg.

»Lassen Sie Mrs. Hudson grüßen«, sagte er noch, dann senkte er traurig den Blick und ging zurück in das Haus.

»Mr. Holmes, warum haben Sie mich nicht verständigt? Die Räume im ersten Stock sind ungeheizt. Ich hätte …«, klagte die Landlady des Hauses Baker Street 221b, doch Holmes unterbrach sie.

»Sehen Sie, Mrs. Hudson, das ist der Grund, warum ich unangemeldet komme. Ich werde mich um all das selbst kümmern.«

»Weil Sie meinen, dass ich in meinem Alter nicht mehr dazu fähig bin! Es ist ein Fluch, alt und hässlich zu werden.«

»Sie beleidigen mich. So deutlich müssten Sie es nicht ausdrücken«, lächelte Holmes.

Die Holmes-Hausdame begann zu weinen. »Entschuldigen Sie mich, Mr. Holmes! Die Freude. Sie überwältigt mich. Dass Sie nun wieder da sind! Ich hoffe, es wird sein wie früher, als …«

»Als mir Mrs. Hudson Tee und Gebäck servierte.«

»Aber doch nicht am Abend!«, protestierte die über Achtzigjährige. »Haben Sie etwas Geduld. Bald gibt es ein Festessen.«

»Bei dem Sie mir Gesellschaft leisten«, fügte Holmes hinzu.

»Ach, Mr. Holmes. Sie sind zu liebenswürdig. Ich weiß, was meine Aufgabe im Hause ist, der ich nun leider nicht mehr so wie früher nachkommen kann.«

»Sie fühlen sich krank, Mrs. Hudson?«, erkundigte sich Holmes.

»Alt und müde bin ich geworden. Ich muss gestehen, dass mir meine Nichte hilft, das Haus und Ihre Wohnung in Ordnung zu halten. Ohne Helen wüsste ich nicht, was ich täte.«

»Ich hoffe, ich bekomme eine Chance, Ihre Nichte kennenzulernen«, erwiderte Holmes.

»O ja, Helen wird Ihnen das Frühstück bereiten. Sie ist momentan unterwegs, mit einem jungen Mann, den sie …«

Aber da war Holmes schon die Treppe in den ersten Stock hoch geeilt. Er wollte in der vertrauten Umgebung nachdenken. Ein Detail der Zeitungsnotiz hatte seine Aufmerksamkeit erregt und beunruhigte ihn außerordentlich. Der blühende Kirschzweig, den man neben dem erschossenen Journalisten entdeckt hatte. Was für ein Kontrast! Tod und blühendes Leben, eine Waffe militärischer Herkunft und eine zarte Blüte.

Der Mord wich dadurch von den üblichen Verbrechen ab. Er hatte etwas Phantasievoll-Verrücktes. Ein Umstand, der den Detektiv an etwas erinnerte und ihn reizte.

DIOGENES CLUB

Das Frühstück, das Mrs. Hudson und Ms. Lomax zubereitet hatten, war besser als das im Fairmount Hotel und sogar reichhaltiger als das von Elsa Watson.

Holmes bat Helen, die Nichte von Mrs. Hudson, die die Teller und Tassen auf dem Tisch auftrug, sich einen Moment zu ihm zu setzen. Verlegen nahm das sechzehnjährige Mädchen am Frühstückstisch Platz.

»Sie kommen vom Land und sind harte Arbeit gewöhnt«, stellte der Detektiv fest. »Aber Sie sind glücklich bei Ihrer Tante, in der Großstadt.«

»Tante Jane hat Ihnen von mir erzählt?«, fragte das Mädchen.

»Wir hatten noch nicht die Gelegenheit zu einem längeren Gespräch. Leider«, heuchelte Holmes. »Ich schließe von der gesunden Gesichtsfarbe und den kräftigen Händen auf Ihren Hintergrund. Und die Tatsache, dass Ihnen die Tante große Freiheiten gewährt, was Ihren Umgang mit jungen Männern betrifft, lässt ahnen, dass Sie nicht unglücklich sein können, Miss Lomax.«

Das junge Mädchen war errötet und Holmes erlöste sie aus der unangenehmen Situation, indem er sie bat, eine Droschke für ihn zu bestellen, für halb zehn. Erleichtert eilte Helen Lomax die Stiegen hinunter in das Erdgeschoss.

Diogenes Club

Pall Mall, London

Mycroft Holmes, der 68-jährige Bruder des Detektivs, ein untersetzter Mann von beachtlicher Statur, empfing Sherlock im Stranger's Room, dem einzigen Platz im Gebäude des Diogenes Clubs, an dem Gespräche erlaubt waren.

»Ich gehöre zwar zu den Gründern des Clubs, doch selbst mir würde der unmittelbare Ausschluss drohen, sobald ich das wichtigste unserer Gesetz breche«, erklärte Mycroft Holmes.

»Sobald du in den Clubräumlichkeiten sprichst.«

»So ist es, Bruder. Ein Paradies für Männer. Man ist in Gesellschaft und muss nicht reden. Du bist in letzter Zeit fülliger geworden, Sherlock.«

Sherlock Holmes hatte sich erhoben. »Da du mir nichts Wesentliches mitzuteilen hast, wirst du verstehen, wenn ich mich entferne und dir die Möglichkeit gebe, in deinem Club weiter zu schweigen. Ein Verhalten, das ich dir angesichts dessen, was du vorzubringen hast, nur empfehlen kann.«

»Du entschuldigst, Sherlock. Ich dachte mir, gepflegte Scherze seien unter Brüdern möglich. Ich komme also zur Sache. Zu einer brisanten Sache, in der sich ein Clubmitglied an mich gewandt hat, mit der Bitte, dich zu beauftragen …«

»Ich nehme keine Aufträge mehr an", unterbrach Sherlock Holmes.

»Mit der Bitte, dich höflichst zu ersuchen …«

»Und dieses Clubmitglied«, sagte Holmes, »lauscht inzwischen an der halb geöffneten Tür zum Nebenraum.«

»Tritt ein, Bruce, der geniale Detektiv will es anders, als wir es uns gedacht haben«, sagte Mycroft Holmes.

Ein schlanker Mann mit dunklem Haar und einem beinahe verwegenen Schnurrbart betrat den Stranger's Room des Diogenes Clubs.

»Das ist mein Clubkollege Joseph Bruce Ismay, der Inhaber der White Star Line

Als Sherlock Holmes dem Mann die Hand schüttelte, bemerkte er, dass diese eiskalt und feucht war. Bruce Ismay stand unter psychischem Druck, was auch der starre Blick seiner eisgrauen Augen verriet.

»White Star Line. Das ist doch die Schifffahrtslinie, der die Titanic gehörte«, sagte der Detektiv.

»So ist es«, bestätigte Mycroft Holmes und zündete sich seine Bruyère-Pfeife an. Bald hüllte der aromatische Geruch des Royal Navy Flakes die Männer ein.

Der Cream-Sherry, den ein Butler des Clubs servierte, brachte in das bleiche Gesicht des etwa fünfzigjährigen Bruce Ismay die Farbe zurück.

»Ja. Die Titanic war der große Stolz von J. P. Morgan und mir.«

»John Pierpont Morgan ist der amerikanische Teilhaber Ihrer Firma, wenn ich mich nicht irre«, wandte Sherlock Holmes ein.

»Sein Sohn, John P. Morgan junior, ist Eigentümer der International Mercantile Marine, der Mutterfirma von White Star«, präzisierte Bruce Ismay. »Sein Vater starb ein Jahr nach dem Untergang der Titanic, im März 1913.«

Mycroft Holmes fuhr fort: »Um zum Kern der Sache zu kommen; die Gerüchte und Anschuldigungen gegen Bruce und seinen amerikanischen Freund sind seit dem Unglück nicht verstummt und haben durch die Sensationsartikel der Pall Mall Gazette neuen Auftrieb erhalten. Die verrückten Journalisten werfen Bruce und dem verstorbenen Pierpont Morgan vor, das Schiff versenkt zu haben, um für ihre Firma eine gigantische Versicherungssumme zu kassieren.«

Joseph Bruce Ismay ergriff mit zitternder Hand sein Sherry-Glas und trank es auf einen Zug leer. Dann sagte er: »Es ist mir aus geschäftlichen und privaten Gründen außerordentlich wichtig, von diesen Anschuldigungen reingewaschen zu werden. Deshalb, Mr. Holmes, habe ich mich mit der Bitte an Ihren Bruder gewandt, den Kontakt zu Ihnen herzustellen. Ihr Name hat Gewicht in weiten Teilen der Welt. Und wenn Sie nach eingehender Untersuchung zu dem Schluss kommen, dass es sich bei den Verdächtigungen um gemeine Lügen handelt, dann …«

Der Mann konnte nicht weitersprechen. Er zitterte am ganzen Körper.

»Sie sagten, dass Ihnen eine Klärung der Umstände aus geschäftlichen und privaten Gründen wichtig sei, Mr. Ismay«, sagte der Detektiv. »Ich frage Sie nun, welcher Art die privaten Gründe sind?«

»Ich weiß nicht, ob ich in der Lage bin, diese darzulegen«, antwortete der Mann, »aber ich will es versuchen.«

Mycroft Holmes unterbrach seinen Freund: »Ich werde Sherlock davon berichten. Bruce nahm selbst an der verhängnisvollen ersten Fahrt der Titanic teil. Er wurde gegen seinen Willen in ein Rettungsboot geworfen und überlebte.«

»Während ringsum Menschen um ihr Leben kämpften und viele diesen Kampf verloren«, ergänzte der Mann beinahe unhörbar.

»Bruce Ismay, der während der Fahrt nach New York an Bord der RMS Carpathia von einem Arzt mit Opium beruhigt werden musste, ist seither ein geschlagener Mann, obwohl er in peinlichen Untersuchungen vor amerikanischen und britischen Behörden seine Unschuld nachweisen konnte.«

»Mit Ausnahme der Schuld, überlebt zu haben, während Hunderte andere im Eiswasser umkamen«, wandte der Mann ein. »Ich höre die Schreie der Ertrinkenden, sobald ich mich zum Schlafen lege. Ohne Betäubung finde ich keine Ruhe mehr.«

»Und nun die neuerlichen, unerhörten Anschuldigungen der Journalisten«, ergänzte Mycroft Holmes.

»Einer von ihnen musste sein Leben lassen. Der Mann wurde erschossen«, stellte Sherlock Holmes fest.

»Was die Sache nur noch schwieriger macht«, sagte Bruce Ismay. »Man verdächtigt mich, auch daran Schuld zu tragen. Ich bitte Sie, Mr. Holmes, um alles in der Welt, befreien Sie mich von den Anschuldigungen. Ich werde Sie sehr gut bezahlen.«

»Ich werde alles unternehmen, Licht in das Dunkel zu bringen. Ich muss Sie aber warnen, Mr. Ismay. Sollte ich unehrenhaftes Verhalten auf Ihrer Seite oder auf der Seite Ihrer amerikanischen Geschäftspartner entdecken, werde ich meine Erkenntnisse keinesfalls verschweigen und sie den Behörden übermitteln.«

»Das ist ganz in meinem Sinn, Mr. Holmes«, bekräftigte der Reeder. »Damit Sie sehen, wie ernst es mir ist, werde ich Ihnen eine bedeutende Anzahlung zukommen lassen.«

»Gut. Das erleichtert die Ermittlungen«, sagte Holmes und fügte hinzu: »Als Erstes werde ich die Artikel über den angeblichen Versicherungsschwindel lesen. Sie können mir doch die Zeitungsausschnitte zur Verfügung stellen, Mr. Ismay?«

»Sehr ungern. Dieses elende Geschmiere ist wie Leichengift. Es breitet sich immer weiter aus und macht das Leben zur Hölle.«

»Ich muss darauf bestehen.«

»Ich werde Ihnen die Artikel noch heute zukommen lassen, Mr. Holmes. Es ist mir bewusst, dass ich nicht wehleidig sein darf, wenn ich je aus diesem dunklen Tal herauskommen will.«

»Eine letzte Frage für heute«, wandte sich Holmes erneut an sein Gegenüber. »Wo hielt sich Ihr amerikanischer Geschäftspartner auf, als das Schiff sank?«

»J. P. wollte auch an der Jungfernfahrt teilnehmen, aber er erkrankte. Ich war schon an Bord, als ich die Nachricht erhielt, dass er verhindert war.«

Das verschnürte Paket, das ein Kutscher am späten Nachmittag bei Mrs. Hudson abgab, blieb den ganzen Abend über und auch am nächsten Vormittag unberührt.

Holmes hatte sich mit seiner Stradivari in das Schlafzimmer zurückgezogen, wo er sich in Phantasiekompositionen verlor.

Alamac Hotel

Atlantic City, New Jersey

Vereinigte Staaten von Amerika

Der Tote bot selbst für den erfahrenen Arzt Jerry Brookman einen so makabren Anblick, dass er erst durchatmen musste, bevor er ihn untersuchte. Der Mann war im Stehen gestorben, angelehnt an einen Wäscheschrank von etwa derselben Höhe wie er. Sein Kopf, den er gegen die Ablagefläche des Möbelstücks gelehnt hatte, war die Stütze, die den Rest des Körpers aufrecht hielt. Er trug ein weites, langes Nachthemd und stand mit nackten Füßen auf dem Teppich.

Zunächst schloss der Doktor die vor Überraschung oder Entsetzen weit geöffneten Augen des Mannes. Sie waren von einem schmutzig-milchigen Grau wie der Atlantik, der an diesem Mittwoch, von kalten Winden aufgewühlt, gegen den Strand tobte, dann zog er den bereits steif gewordenen Körper nach vorne, bis sich die Verankerung zwischen dem Genick des Mannes und dem Schrank löste und der Tote auf den Boden fiel.

Mit einer Schere öffnete der Arzt das Nachthemd des kräftig wirkenden Mannes, den er auf Mitte fünfzig schätzte. Der Körper wies keine Spuren einer Gewalteinwirkung auf. Womöglich handelte es sich um Selbstmord oder die Überdosierung eines Medikaments, denn auf dem Wäscheschrank standen eine braune Flasche mit Paraldehyd, einem sehr wirkungsvollen Schlafmittel, und ein Likörglas.

Doch es gab keinen Abschiedsbrief und das Fläschchen war randvoll, als ob ihm noch nichts entnommen worden sei. Das Glas schien unbenutzt. Der Mann musste an Herzstillstand verstorben sein, entschied Dr. Brookham und hielt diese Diagnose, die letztlich auf jeden Todesfall zutraf, im Protokoll fest.

Seltsam erschien ihm der Umstand, dass auf den nackten Zehen des Mannes ein blühender Zweig lag, doch er konnte sich damit nicht länger aufhalten. Weitere unangenehme Aufgaben warteten auf ihn an diesem unfreundlich kalten Morgen.

Baker Street 221b, London

Pünktlich um acht Uhr brachten Mrs. Hudson und ihre Nichte das Frühstück in Sherlock Holmes' Wohnung im ersten Stockwerk, mit einem soeben eingetroffenen Brief. Holmes riss ungeduldig das an ihn adressierte Kuvert auf und brummte befriedigt, als er einen Scheck darin fand. Die Summe, die ihm Joseph Bruce Ismay übermittelt hatte, war beträchtlich.

Anschließend zündete er seine schwarze Tonpfeife an und blies dichte Rauchschwaden in den Wohnraum. Nunmehr erst öffnete er das Paket mit den Zeitungsausschnitten der Pall Mall Gazette, die mit dem Abdruck von Morgan Robertsons Roman Hoffnungslos – oder das Wrack der Titan begonnen hatte. Evans und Conolly wiesen darauf hin, dass der amerikanische Autor den Text bereits im Jahr 1898, also vierzehn Jahre vor dem Untergang der Titanic, veröffentlicht hatte.

Je tiefer Holmes in die Lektüre eintauchte, desto faszinierter war er. Die Parallelen waren frappierend. Beide Schiffe sanken etwa an der gleichen Stelle, nachdem sie mit Eisbergen kollidiert waren. Sowohl die Titan als auch die Titanic galten als unsinkbar und hatten aus diesem Grund nicht genügend Rettungsboote an Bord. Die Schiffe waren gleich groß und bestanden aus demselben Material, aus Stahl. Und beide Schiffe sanken im Monat April.

Holmes bewunderte auch das literarische Talent des Mannes, der eine menschlich berührende, spannende Geschichte entworfen und sie eindrucksvoll zu Papier gebracht hatte.

Als der gigantische Dampfer Titan mit voller Kraft gegen den Eisberg fuhr, hielt der Held, der von seinen Gegenspielern mit einer starken Droge geschwächt worden war, die kleine Tochter seiner Geliebten in den Händen. Myra war schlafwandelnd auf dem Schiff unterwegs gewesen, auf der Suche nach Sicherheit vor der unbewusst gefühlten nahenden Gefahr, von der sonst keiner wusste.

Holmes las in den Zeitungsausschnitten.

Rowland erwachte allmählich aus seiner Betäubung und stammelte die Worte: »Myras Tochter. Sie schläft.«

Er zog das nur in ein Nachthemd gekleidete Mädchen zu sich heran und hüllte den kalten, kleinen Körper in seinen Mantel. Das Kind schrie erschrocken auf, als es erwachte.

Da rief der Beobachtungsposten: »Eis. Eis voraus. Direkt vor dem Bug.«

Der Offizier rannte mittschiffs, der Kapitän betätigte den Fernschreiber zum Maschinenraum.

Innerhalb von fünf Sekunden begann sich der Bug der Titan zu heben und vor ihnen, zu beiden Seiten, tauchte aus dem Nebel ein Eisfeld auf, das, von der Meeresoberfläche ansteigend, allmählich eine Höhe von hundert Fuß erreichte.

Die Musik im Theatersaal verstummte. In der babylonischen Wirrnis von Rufen und Schreien und dem ohrenbetäubenden Knirschen, das Stahl erzeugt, der auf Eis entlangschrammt, hörte Rowland die verzweifelte Stimme einer Frau, die nach ihrer Tochter schrie.

75.000 Tonnen Masse, die mit einer Geschwindigkeit von fünfzig Fuß in der Sekunde durch den Nebel glitten, waren gegen den Eisberg gekracht. Wäre das Schiff gegen eine senkrechte Wand geprallt, hätten Stahlplatten und -streben dem plötzlichen Druck nachgegeben, indem sie sich verformten, und die Energie des Zusammenstoßes aufgefangen. Die Passagiere wären kräftig durcheinandergewirbelt worden, der Bug des Schiffes wäre eingedrückt worden, wobei das eine oder andere Mitglied der Besatzung ums Leben gekommen wäre. Die Titan hätte die Reise aus eigener Kraft, mit reduzierter Geschwindigkeit, fortsetzen können, wäre mit Versicherungsgeld repariert worden und hätte mit ihrer Unverwüstlichkeit werben können.

So lief die Titan jedoch auf den ebenen Teil des Eisbergs auf, in den sie wie ein Eisbrecher hineinschnitt. Ihr enormes Gewicht, das auf der Steuerbordseite lastete, hievte das riesige Schiff weit aus dem Meer heraus, immer höher, bis die Schiffsschrauben am Heck halb frei lagen. Dann wurde es von der Strömung unter dem Bug erfasst, gedreht und stürzte schließlich auf die Backbordseite.

In der senkrechten Lage brachen die Bolzen von zwölf Öfen und drei Dreifach-Maschinen. Gigantische Massen von Eisen und Stahl stürzten durch ein Gewirr aus Gittern, Leitern und Schotten nach unten und schlugen Löcher in die Flanken des Schiffes. Die Maschinen und die Heizräume füllten sich mit beißendem Dampf, der den hunderten Männern, die dort arbeiteten, einen schnellen, aber qualvollen Tod brachte.

Im Brüllen des entweichenden Dampfes, dem bienengleichen Summen tausender Stimmen von Menschen in Todesangst und dem Pfeifen der durch hunderte offene Luken entweichenden Luft bewegte sich die Titan langsam rückwärts und tauchte zurück in das Meer, in dem sie nun in starker Schräglage trieb. Ein sterbendes, brüllendes Monster, das eine tödliche Wunde erhalten hatte.2

Holmes war so sehr in die Lektüre des ihm übermittelten Materials versunken, dass er das Abendessen vergessen hätte, hätten ihn nicht Mrs. Hudson und ihre Nichte bei der Arbeit unterbrochen.

»Sie sehen doch, Mrs. Hudson, dass kein Platz für ein Gedeck vorhanden ist. Ich werde mich am morgigen Frühstück schadlos halten.«

Doch die Hausfrau gab sich nicht geschlagen. »Ich sehe sehr wohl, dass der gesamte Speisetisch von Zeitungen okkupiert ist, daher laden Helen und ich Sie zu einem kleinen Mahl in unsere Wohnung ein. Sie müssen nur eine kurze Pause machen.«

Widerwillig folgte Holmes den beiden Damen ins Erdgeschoss und war überrascht, wie gemütlich und zweckmäßig das Esszimmer von Mrs. Hudson eingerichtet war. Der Tisch war festlich gedeckt, mit Stoffservietten und brennenden Kerzen. Helen Lomax servierte Bouillon mit Ei.

»Die Baker Street hat sich sehr zum Nachteil verändert, seit Sie nicht mehr hier sind, Mr. Holmes«, plauderte Mrs. Hudson drauflos. »Und jetzt ist man seines Lebens nicht mehr sicher, seitdem die Deutschen begonnen haben, Krieg gegen uns zu führen. Ich habe keine Ahnung, wohin dies führen soll.«

»Sie sagen es, Mrs. Hudson. Eine schwierige Lage«, stimmte ihr Holmes zu, um die aufgeregte Frau zu besänftigen.

»Tante Jane ärgert sich in letzter Zeit über jeden und alles«, erklärte die Nichte.

Als die alte Frau protestieren wollte, meinte Holmes: »Ärger hält die Menschen jung. Nicht wahr, Mrs. Hudson? Bei mir ist dies zumindest der Fall.

Und natürlich die köstliche Hühnersuppe. Sie bringt mich wieder in Schwung.«

»Aber nicht, dass Sie wieder die ganze Nacht durcharbeiten, Mr. Holmes! Das hat Ihnen noch nie gutgetan. Und jetzt sind Sie ohne Begleiter. Erzählen Sie mir, wie es Doktor Watson geht. Wann haben Sie ihn das letzte Mal getroffen?«

Obwohl er von dem gefüllten Huhn und dem Apfelkuchen mit Sahne angetan war, war Holmes froh, nach eineinhalb Stunden wieder in seine Wohnung und zu seiner Arbeit, zurückkehren zu können. Erneut setzte er seine Pfeife in Brand. Nun konnte er sich den Artikeln zuwenden, die der ermordete Journalist Stanley R. Evans und sein Kollege Robert M. Conolly verfasst hatten.

Die beiden behaupteten darin, dass Bruce Ismay und J. P. Morgan in finanzielle Schwierigkeiten geraten waren. Das Interesse an Luxusreisen von und nach Amerika war nicht so groß, wie sie es sich erhofft hatten. Zudem war das Schwesterschiff der Titanic, die Olympic, im September 1911 in der Nähe von Southampton mit der HMS Hawke kollidiert. Die britische Navy versicherte damals, keine Schuld an dem Zusammenstoß zu haben. Somit hatten die White Star Lines die enormen Kosten für die Beschädigung zweier Schiffe allein zu tragen.

Zur selben Zeit war die Titanic fast vollständig fertiggestellt. Eine Reparatur der Olympic zu der Zeit hätte den Stapellauf verzögert. Nach Aussage der Journalisten entschlossen sich nun Ismay und Morgan, ganz einfach die Namensschilder der fast identischen Schiffe zu tauschen. Die unversehrte Titanic trug daraufhin den Namen Olympic und die beschädigte Olympic wurde als Titanic auf Jungfernfahrt geschickt mit der Absicht, sie gegen einen Eisberg fahren und sinken zu lassen und die Versicherungssumme zu kassieren. Ein doppelter Gewinn für die White Star Line.

»Eine gewaltige Anschuldigung«, überlegte der Detektiv laut. »Immerhin kamen bei der Kollision der Titanic mit dem Eisberg 1.635 Menschen ums Leben. Ismay und Morgan wären Massenmörder, hätten sie das in Kauf genommen. Und immerhin war Ismay selbst an Bord des Schiffes gewesen. Das Verhalten von J. P. Morgan andererseits war mehr als merkwürdig.«

Nach den Aussagen von Evans und Conolly war Mr. Morgan nicht wirklich krank, sondern verbrachte die entscheidenden Tage im Haus seiner Geliebten.

Jedenfalls hatten, so behaupteten die Journalisten, Ismay und Morgan vorgesorgt. Sie ließen die Titanic von einer ganzen Reihe von Schiffen ihrer Flotte begleiten, um die Passagiere nach dem Zusammenstoß mit einem Eisberg an Bord nehmen und retten zu können. Aber das Schiff war gegen ihre Erwartungen so schwer beschädigt worden, dass es viel schneller als geplant sank und seine Passagiere mit in die Tiefe riss.

Es wurde bereits hell, als Holmes den letzten Zeitungsausschnitt beiseite legte. Er hatte eine Idee, wie er an den Fall herangehen würde. Zuallererst würde er den Journalisten Conolly in der Redaktion der Pall Mall Gazette in der Fleet Street aufsuchen.

AN BORD DER OLYMPIC

Sehr früh am Morgen, um dem Frühstück der beiden Damen des Hauses zu entgehen, verließ der Detektiv das Haus. Er wanderte die Baker Street entlang in südlicher Richtung, winkte einen Hansom herbei und ließ sich zum Verlagsgebäude in der Fleet Street bringen.

Dort angekommen gratulierte Sherlock Holmes Robert M. Conolly für die interessanten, wirklich gut geschriebenen Artikel in der Gazette.

»Nicht dass ich Ihre Schlussfolgerungen teile, was die Ursache des Unglücks betrifft«, sagte der Detektiv zu dem 46-jährigen Journalisten mit dem vollen Gesicht, in das sich erste Falten eingegraben hatten.

»Nur zu, Mr. Holmes, wenn Sie andere Erkenntnisse haben. Meine Zeitung und ich sind offen für alles. Die veröffentlichten Details gehen vor allem auf die Recherchen von Stanley Evans und dem Amerikaner Morgan Robertson zurück. Meine Aufgabe beschränkte sich in erster Linie auf die eines journalistischen und rechtlichen Beraters.«

»Sie werden die Serie fortsetzen?«, erkundigte sich Holmes.

»Das war der Plan«, antwortete der Journalist. »Evans berichtete mir noch am letzten Tag des alten Jahres, dass er auf sensationelles neues Material gestoßen sei.«

»Wissen Sie, worum es sich dabei handelt, Mr. Conolly?«

»Leider nein. Ich fand nichts Wesentliches in seinem Schreibtisch in der Redaktion. Und die Polizei gibt an, dass auch in seiner Wohnung keine journalistischen Unterlagen gefunden wurden. Ich habe aber eine vage Idee.«

»Und die wäre?«

»Ich werde sie Ihnen gerne verraten, wenn Sie mir sagen, für wen Sie arbeiten und was genau Sie untersuchen, Mr. Holmes.«

»Meine Auftraggeber sind die White Star Lines. Mr. Joseph Bruce Ismay bat mich, die Anschuldigungen, die Sie und Mr. Evans gegen seine Reederei und ihn erhoben haben, zu prüfen und zu einem Ergebnis zu kommen.«

»Sie sollen ihn reinwaschen.«

»Hätte der Auftrag so gelautet, hätte ich den Fall nicht übernommen. Ich habe freie Hand«, versicherte der Detektiv. »Und ich fände es reizvoll, wenn wir einander bei den Ermittlungen unterstützen. Sie sagten zuvor, Sie hätten eine Vermutung, das neue Material betreffend, das Ihr ermordeter Kollege veröffentlichen wollte.«

»Das trifft zu, Mr. Holmes. Viel von dem, was wir abdruckten, stammte von einem Amerikaner …«

»Morgan Robertson?«, unterbrach ihn Holmes. »Ich las seinen Roman über den Untergang eines Ozeandampfers namens Titan, den Sie in der Gazette veröffentlichten. Ein wirklich gut geschriebener Text.«

»Und das war nicht alles. Robertson, ein Seemann, kennt sich wirklich aus auf diesem Gebiet. Seine Recherchen sind unbezahlbar.«

»Ich hoffe auf ein persönliches Gespräch mit ihm.«

»Sie planen eine Reise in die Vereinigten Staaten?«

»Mein Plan geht darüber hinaus.«

»Erzählen Sie, Mr. Holmes. Ich lasse uns Tee bringen.«

Bei starkem Tee und staubig-trockenen Biscuits legte Holmes dem Journalisten seine Überlegungen dar. »Ich werde Mr. Ismay vorschlagen, eine Commemoration Journey, eine Wiederholungsreise, mit dem Schwesterschiff der Titanic zu machen, um den 10. April herum. Ich kenne den Fahrplan der White Star Line noch nicht. Ideal wäre natürlich eine genaue Übereinstimmung der Daten mit jenen der Titanic.«

»Ich werde dabei sein und darüber berichten«, sagte Conolly mit einem begeisterten Beben in seiner Stimme.

»Das sollen Sie auch. Ich rechne damit, dass Ihre Artikel über diese Reise Bewegung in den Fall bringen. Es wird von einigem Interesse sein, wer sich für die Fahrt Tickets besorgt.«

»Ich verspreche, Sie ganz groß herauszubringen, Mr. Holmes. Was planen Sie als Nächstes?«

»Ich werde Mr. Ismay meinen Plan unterbreiten.«

»Und dann?«

»Dann werde ich den Leseraum des British Museum aufsuchen und das Zeitungsarchiv des Jahres 1912 durchforsten. Es interessiert mich, was die Zeitungen seinerzeit über den Untergang der Titanic zu berichten wussten.«

»Entschuldigen Sie, Chef, es ist wichtig«, unterbrach ein junger Mitarbeiter des Redakteurs das Gespräch der beiden Männer. »Ein Fernschreiben aus den Staaten.«

»Einen Augenblick«, entschuldigte sich Conolly bei Sherlock Holmes.

Als der Mann völlig aufgelöst zurückkam glänzte sein fülliges Gesicht vor Schweiß und Holmes fragte ihn besorgt, was vorgefallen sei.

»Robertson ist tot. Ermordet. Wie Evans.«

»Morgan Robertson. Das ist fürwahr eine erschreckende Nachricht«, sagte Holmes nachdenklich.

»Soeben über den Telegraph eingetroffen. Er starb in einem Zimmer des Alamac Hotels in Atlantic City«, berichtete Conolly. »Ich verstehe nicht, was er in dem Hotel machte. Der Mann lebte auf einem Schiff und war ständig in Bewegung. Wir erreichten ihn nur postlagernd. Robertson war auf der Spur der wahren Hintergründe des Titanic-Unglücks. Er wollte noch in diesem Monat einen Bericht an mich senden. Man hat ihn umgebracht, da bin ich mir völlig sicher.«

»Das sagten Sie schon. Ist Ihnen bekannt, woran er starb?«, fragte Holmes den Journalisten.

»Angeblich Herzversagen. Doch es ist Mord, ganz eindeutig Mord.«

»Umso wichtiger für die Klärung der Umstände wird unsere Reise in zwei Wochen«, versuchte Holmes den Mann zu beruhigen.

Die nächsten Tage verbrachte Holmes im Lesesaal des British Museums, wo er Berichte englischer und amerikanischer Zeitungen zum Untergang der Titanic studierte. Stunde um Stunde saß der Detektiv in jenem kreisrunden Dom aus Gusseisen und Glas in der Great Russell Street, in dem sich so trefflich arbeiten ließ. Dort las er auch den Nachruf, den Mr. Conolly auf seinen amerikanischen Kollegen verfasst hatte.

TITAN-AUTOR TOT

Bedienstete des Alamac Hotels in Atlantic City fanden den leblosen Körper des Schriftstellers und Seemanns Morgan Robertson. Er starb an Herzversagen.

Den Lesern der PALL MALL GAZETTE ist Mr. Robertson als Autor des Romans Hoffnungslos – oder das Wrack der Titan bekannt, einem Text, der im Jahre 1898 das Unglück der Titanic bis in Details voraussah.

Morgan Robertson gilt außerdem als Erfinder des Periskops, eines Gerätes, das die Navigation von U-Booten erheblich erleichtert. Viele Einzelheiten unserer Artikelserie über die wahren Hintergründe des Untergangs der Titanic stammen von ihm.

Die Redaktion der PALL MALL GAZETTE gedenkt voll Hochachtung ihres amerikanischen Kollegen und erneuert hiermit das Versprechen, das Bemühen um die Aufklärung der wahren Hintergründe des Untergangs der Titanic und seines Todes mit vollem Einsatz fortzusetzen.

Am Vormittag des 17. März 1915 betrat Sherlock Holmes das Gebäude der Royal-Maritime-Versicherung am Victoria Embankment in der City of Westminster, direkt am Ufer der Themse. Es handelte sich dabei um einen ausgedehnten dreistöckigen Bau aus hellem Portlandstein, über dessen Eingang der Bronzeguss eines Ankers hing.

Ein uniformierter Portier empfing Holmes und brachte ihn in den ersten Stock zum Office von Mr. Faber. Der Fußboden der Säle, in denen das Büro des Chefs der Royal Maritime untergebracht war, bestand aus spiegelndem hellem Marmor, die Wände und die Raumdecke waren mit geschnitzten Eichenpaneelen verkleidet, die den Räumlichkeiten eine beinahe freundliche, helle Atmosphäre verliehen.

Umso stärker hob sich die Sekretärin, Mrs. Liza Rollings, von ihrer Umgebung ab. Die Frau, zu der der Portier Holmes führte, wirkte finster mit ihren kurzen, fast schwarzen Haaren, außerdem war sie dunkel gekleidet. Sie betrachtete den Detektiv mit forschenden, ernsten Augen.

Holmes hätte nur zu gern gewusst, welches Geheimnis sich hinter der traurig wirkenden Frau verbarg.

Während Mrs. Rollings konzentriert Briefe auf ihrer Underwood tippte, hüllte sie sich und ihre Umgebung in den dichten Rauch ihrer selbst gedrehten Zigaretten. Mit dunkler, belegter Stimme begrüßte sie den Besucher überraschend freundlich. »Es freut mich, Sie persönlich kennenzulernen, Mr. Holmes. Sie müssen wissen, dass ich zu Ihren Bewunderern zähle.«

Sie schüttelte seine Hand und Holmes war überrascht, wie kräftig die zierliche Frau zupacken konnte.

»Ich führe Sie zu Mr. Faber. Er erwartet Sie bereits.«

Das Büro von James R. Faber war ähnlich eingerichtet wie der Raum der Sekretärin, es war aber etwa dreimal so groß. Die vier Fenster gewährten einen Blick auf die Themse. James Faber war ein jugendlich wirkender Mann mit dichtem dunklem Haar über dem sportlich gebräunten Gesicht.

Nach den ersten Sätzen der Begrüßung fragte ihn Holmes, seit wann er der Versicherung vorstand.

»Seit 1912. Seit dem Tod meines Vaters.«

»Sie wissen, warum mein Bruder Mycroft Sie um einen Gesprächstermin für mich gebeten hat?«, fragte Holmes.

»Mein Clubfreund Mycroft teilte mir mit, dass Sie auf seine Vermittlung hin klären wollen, inwieweit die Anschuldigungen der Journalisten der Wahrheit entsprechen.«

»Und was ist Ihre Meinung dazu? Immerhin geht es um Ihre Versicherungsgesellschaft, die den Artikeln von Evans und Conolly gemäß von den Inhabern der White Star Line betrogen wurde.«

»Entschuldigen Sie mich einen Augenblick. Ich werde Mrs. Rollings ersuchen, uns eine Erfrischung zu servieren. Sind Sie mit Tee und Brötchen einverstanden?«

Holmes nickte.

Als James Faber nach seiner Rückkehr schwieg, wiederholte Holmes seine Frage. »Wie sehen Sie die gegen die Schifffahrtsgesellschaft erhobenen Vorwürfe?«

»Ach ja, das war Ihre Frage. Nun, ich betrachte die Angelegenheit mit großer Gelassenheit. Die Royal Maritime war bei über dreißig kleineren Versicherungsagenturen weltweit rückversichert, so dass uns aus dem Unglück kein finanzieller Schaden entstand. Zudem war ausschließlich das Schiff bei uns versichert. Das Risiko der Fracht trugen andere Gesellschaften, ebenso wie die Versicherung der Menschenleben. Somit sehen wir keinen Grund, von uns aus tätig zu werden. Wenn unsere Konkurrenten eine Chance sehen, das verlorene Kapital zurückzugewinnen, werden sie das sicher tun. Ich bin froh, dass ich nicht gegen Bruce vorgehen muss. Er ist ebenso Mitglied im Diogenes Club wie Ihr Bruder, Mr. Holmes.«

»Und Sie selbst, Mr. Faber.«

»Natürlich.«

»Wäre es möglich, mir Einblick in die Abwicklung des mit dem Untergang einhergehenden Schadens zu gewähren?«

»Mrs. Rollings hat den Überblick über das gesamte Material. Sie kann Ihnen dabei behilflich sein. Und natürlich wird sie mein Assistent John Hatter dabei unterstützen. Mr. Hatter ist für die Kommunikation in unserem Unternehmen zuständig. Er hat dafür eine beinahe revolutionäre Technik entwickelt. Wenn es Sie interessiert …«

Holmes zeigte Interesse und wurde von Mr. Faber in das Arbeitszimmer von John Hatter geführt.

Der Mann saß an einem Holzkasten mit der Tastatur einer Schreibmaschine.

»Unser Fernschreiber. Eine Sendestation schickt die Radiosignale zu den Empfängern in unseren Niederlassungen, wo der Text ausgedruckt wird. Umgekehrt funktioniert es genauso«, sagte Mr. Faber stolz.

Mit einem strahlenden Lächeln begrüßte der Funker den Besucher und begann mit seinen Erklärungen. »Das System basiert auf einer sequenziellen digitalen asynchronen Datenübertragung, wobei ein bestimmter Code verwendet wird, der die Daten verschlüsselt, so dass sie nicht von Fremden gelesen werden können. Also einfacher ausgedrückt: Die Nachricht wird mit modulierten hochfrequenten elektromagnetischen Schwingungen zwischen Sender und Empfänger übertragen.«

»Welche Reichweite hat dieses System?«, erkundigte sich der Detektiv.

»Es hängt ab von der Größe der Tonfunkensender. Wir von der Zentrale können Nachrichten über den Atlantik bis in die Vereinigten Staaten übermitteln, die Reichweite der Nebenstellen erstreckt sich nur bis nach Frankreich.«

»Ein System, das uns einen enormen Vorsprung gegenüber unseren Konkurrenten beschert hat«, erklärte Mr. Faber stolz. »Wir sind unabhängig von schlecht funktionierenden Telefonverbindungen und haben selbst mit entlegenen Regionen unseres Landes ständigen Kontakt. Mr. Hatters Arbeit ist von großer Bedeutung für unseren Betrieb.«

Holmes studierte die nächsten zwei Tage Versicherungsakten, die in Zusammenhang mit der gesunkenen Titanic standen. Als er sich das nötige Wissen verschafft hatte, bedankte er sich bei Mrs. Rollings mit einer Schachtel Charbonnel & Walker-Pralinen für ihre Erklärungen, die ihm halfen, die schwierige Materie zu verstehen, und den Tee, den sie ihm täglich mit feinen Sandwiches servierte.

»Seit wann arbeiten Sie hier, Mrs. Rollings?«

»Seit undenklichen Zeiten. Mr. Faber, der Vater unseres Chefs, engagierte mich, als ich sechzehn war. Miss Gordon, seine damalige Sekretärin, bildete mich aus, und vor zehn, nein, vor neun Jahren, übernahm ich ihn von ihr.«

»Ich danke Ihnen für alles, Mrs. Rollings.«

»Ihre Gegenwart bedeutete eine begrüßenswerte Abwechslung in meiner täglichen Routine, Mr. Holmes.«

Sherlock Holmes und sein Begleiter, der Journalist Robert M. Conolly, waren bereits am 8. April nach Southampton gereist, wo sie im Hauptquartier der White Star Line die aktuelle Passagierliste der Olympic, mit der sie nach New York reisen würden, prüften. Holmes und Conolly verglichen sie mit jener des Schwesterschiffes Titanic, das dieselbe Reise drei Jahre zuvor angetreten, aber nicht vollendet hatte.

Der Detektiv übernahm die heikle Aufgabe, Mr. Ismay, den Besitzer der White Star Line, und den Journalisten, der die Anschuldigungen gegen ihn und seinen amerikanischen Partner erhoben hatte, einander vorzustellen.

Holmes sagte: »Ich versichere Ihnen, Mr. Ismay, dass Mr. Conolly keine weiteren Artikel gegen Sie veröffentlichen wird, bis ich den Fall gelöst habe. Stellt sich dabei die Unschuld der White Star Line heraus, wird er darüber berichten. Wir arbeiten eng zusammen.«

Joseph B. Ismay nickte stumm und sagte dann, ohne Conolly anzusehen: »Ich vertraue Ihnen, Mr. Holmes.«

Am Samstag, dem 10. April 1915, gegen zwölf Uhr Mittag, verließ der Dampfer Olympic bei kaltem und windigem Wetter den Hafen von Southampton. Der gigantische Schiffsrumpf mit einer Verdrängung von beinahe 60.000 Tonnen durchpflügte das Wasser des Hafens mit einer solchen Gewalt, dass die restlichen Schiffe mit Stahltrossen gesichert werden mussten, um nicht losgerissen zu werden.

Bruce Ismay, der wie Holmes durch Ölzeug gegen den Regen geschützt auf dem vorderen Schiffsdeck stand, erzählte, dass es am 10. April 1912, als die Titanic in See stach – es war ein Mittwoch, wie sich der Reeder erinnerte – schon bei der Abfahrt beinahe zu einem Zusammenstoß mit der New York gekommen wäre, die durch die Gewalt der Strömung losgerissen worden war und gegen die Titanic trieb. Zwei Schlepper konnten eine Kollision verhindern.

»Kein Mensch ahnte, dass dieses mächtige Schiff verletzbar wäre. Man hätte annehmen können, dass alles, was sich dem Giganten in den Weg stellte, zermalmt würde«, meinte Bruce Ismay. »Ich werde Sie mit dem Kapitän bekannt machen, Mr. Holmes, sobald wir die Isle of Wight hinter uns gelassen haben. Die Passage ist eng und stark befahren. Sie erfordert seine volle Aufmerksamkeit.«

Die Bordkapelle spielte Melodien aus The Chocolate Soldier, darunter Thank the Lord the War Is Over, eine musikalische Behauptung, die auf die gegenwärtige politische Lage nicht zutraf, und Holmes zog sich in seine Erste-Klasse-Suite im 6. Stockwerk des Schiffes zurück. Er bewohnte die Kabine gemeinsam mit Conolly.

Wie die Titanic verfügte die Olympic über einen Rauminhalt von über 46.000 Bruttoregistertonnen, eine Länge von 886 und eine Breite von 98 Fuß. Die mit weichen Teppichen ausgelegten Korridore erstreckten sich auf 4,4 Meilen. Die Höhe vom Kiel bis zu den vier Schornsteinen betrug 184 Fuß. Das Schiff konnte eine Höchstgeschwindigkeit von 22 Knoten erreichen, hatte eine Besatzung von 885 Mann und war in der Lage, 3.300 Passagiere, die in 762 Kabinen von drei Qualitätsklassen untergebracht waren, an Bord zu nehmen. Die Suite des Detektivs und seines Begleiters war im überladenen Belle-Époque-Stil ausgestattet.

Das Schiff bewegte sich ruhig vorwärts. Nur ein leichtes Beben des Bodens verriet die enorme Kraft der drei insgesamt 51.000 PS starken Dampfmaschinen.

»Wir werden uns enorm anstrengen müssen, in dieser einen Woche – bis wir New York erreichen – sowohl die Fahrt der Titanic zu rekonstruieren, als auch das Geschehen auf dem gegenwärtigen Schiff nicht aus den Augen zu verlieren«, sagte der Detektiv zu seinem Begleiter. »Ich zähle auf Sie, Conolly.«

»Ich werde mich bemühen, mein Bestes zu geben. Wenn Sie mir allerdings einen Hinweis geben könnten, worauf ich besonders achten soll, Mr. Holmes, wäre dies eine enorme Erleichterung für mich.«

»Das ist eine methodische Herangehensweise, die ich mir lobe. Ich habe tatsächlich eine spezielle Aufgabe für Sie. Den Unterlagen zufolge gibt es außer Bruce Ismay sechs weitere Passagiere, die schon an Bord der Titanic waren. Ein bemerkenswerter Umstand, nach einem solchen Unglück noch einmal mit einem beinahe identischen Schiff auf Reisen zu gehen. Dafür muss es Gründe geben. Ich ersuche Sie, diese Menschen mit den kritischen Augen des Journalisten zu beobachten und auf die Motive zu achten, die sie an dieser Gedenkreise teilnehmen lassen.«

»Das ist selbstverständlich. Ich habe mich bereits mit ihnen beschäftigt und einiges herausgefunden.«

»Hervorragend.«

»Es handelt sich bei diesen Personen um die Malerin Vera Oldman-Smythe aus Manchester, Sarah Harrison und ihre Tochter Alice aus Newhaven, die Schauspieler Gloria Reynolds und ihre Tochter Christine aus London und um Mrs. Hilda Farland, ebenfalls aus London. Bemerkenswert ist auch, dass sich Reginald und Bertram Smith an Bord der Olympic befinden.«

»Smiths gibt es viele. Es muss sich also, da Sie die Männer erwähnen, um ganz besondere Wesen dieses Namens handeln.«

»So ist es«, bestätigte der dickliche Journalist stolz. »Es sind die beiden Brüder des Kapitäns der Titanic, des mit seinem Schiff untergegangenen Edward John Smith.«

Holmes nickte. »Das klingt durchaus interessant.«

»Und worum werden Sie sich kümmern, Mr. Holmes?«

»Ich werde versuchen, Augen und Ohren für alles und jedes offen zu halten, ohne mich auf irgendein Detail einengen zu lassen, in der Hoffnung, entscheidende Hinweise für Schuld oder Unschuld von Bruce Ismay und J. P. Morgan zu bekommen. Vielleicht mehr als das.«

Die RMS Olympic überquerte bei starkem Seegang, der jedoch auf dem Dampfer kaum zu spüren war, den Kanal und erreichte gegen halb sieben Uhr den Hafen von Cherbourg im Norden von Frankreich. Einige Passagiere der 3. Klasse verließen das Schiff, neue Reisende bestiegen es über die Landebrücke.

Bruce Ismay führte Holmes auf die Kommandobrücke zu Kapitän Hayes, einen beinahe sechseinhalb Fuß großen Mann von etwa vierzig Jahren. Der Besitzer der Schifffahrtslinie stellte die Männer einander vor und der Kapitän wünschte eine angenehme und störungsfreie Reise.

»Das Wetter sollte einigermaßen passen, abgesehen von etwas Wind. Und zu Ihrer Beruhigung, Mr. Holmes: Die Olympic ist im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin mit ausreichend Rettungsbooten versehen. Aber wer hätte mit dem Desaster gerechnet? Sie kommen sich auf einem Monstrum wie diesem unbesiegbar vor und vergessen, dass auch die Saurier ausgestorben sind.«

»Sie meinen, dass Schiffe dieser Größe keine Zukunft haben?«, fragte Sherlock Holmes nach.

»Als Urlaubs- oder Kriegsschiffe durchaus. Nicht aber als Transportmittel für Menschen. Diese Aufgabe werden Luftschiffe übernehmen. Wie dieser unglückselige Zeppelin der Deutschen.«

»Der Krieg, Kapitän, ist der Vater aller Dinge«, zitierte Holmes.

»Heraklit von Ephesos«, ergänzte Mr. Ismay. »Ja, wir werden uns umstellen müssen, den neuen Zeiten anpassen. Die Olympic ist nur zu drei Viertel belegt. Besonders die erste und zweite Klasse sind halb leer. Würden wir nicht auch Güter befördern, wären die Fahrten ein Verlustgeschäft.«

»Ich kann Ihnen auf jeden Fall versichern, dass wir aus Vergangenem gelernt haben und sicher in New York ankommen werden«, beteuerte der Kapitän.

»Sie kannten Ihren Kollegen von der Titanic, Edward John Smith?«, erkundigte sich der Detektiv.

»Smith war um einiges älter als ich, ja, aber wir hatten uns getroffen. Er hatte schon die Majestic befehligt, dann die Baltic und die Adriatic. Man übertrug dem erfahrenen Mann die Jungfernreisen aller großen Schiffe von White Star, auch der Olympic, mit der es allerdings das Problem des Zusammenstoßes mit der HMS Hawke gab, ein Vorfall, der in meinen Augen die Verantwortlichen«, und bei diesen Worten wandte er seinen Blick auf Bruce Ismay, »hätte alarmieren müssen. Ein Kapitän, der die sechzig überschritten hat, sollte in den Ruhestand treten und nicht mit neuester Technik konfrontiert werden. Das könnte einen älteren Mann überfordern.«

Mr. Ismay wandte seinen Blick ab und schwieg.

»Wie auch immer«, setzte Kapitän Hayes fort. »Er war in meinen Augen nicht mehr in der Lage, ein Schiff zu steuern, eine Mannschaft zu befehligen. Doch keiner der Offiziere hatte den Mut, in den entscheidenden Minuten das Kommando zu übernehmen. So ging wertvolle Zeit verloren. Das Unheil nahm seinen Lauf.«

»Es wäre mir außerordentlich wichtig, wenn Sie den Hergang des Unglücks aus Ihrer Sicht im Detail schildern, Kapitän«, meinte Holmes.

»Ich muss mich um unsere Weiterfahrt kümmern, stehe Ihnen aber morgen, bei unserem Aufenthalt in Queenstown, zur Verfügung. Wir erreichen den Hafen im Süden von Irland morgen gegen Mittag. Ich lade Sie, Mr. Holmes, Mr. Ismay, ein, das Mittagsmahl mit mir einzunehmen.« Dann wandte er sich direkt an den Detektiv mit der Frage, wie weit er in seinen Ermittlungen vorangekommen sei.

»Wie dieses Schiff, wie die Olympic, arbeite ich mich voran, durch unbekannte, trügerische Gewässer in der Hoffnung, das Ziel zu erreichen und nicht wie das Schwesterschiff tragisch zu scheitern«, erwiderte dieser, dann fügte er, mehr an sich selbst gerichtet, hinzu: »Ich vermute, dass sich an Bord der Olympic auch Menschen befinden, die ihre wahre Identität verschleiern.«

DER STILLE JUNGE UND DAS STUMME MÄDCHEN

Als Holmes und Conolly den Rauchsalon betraten, klimperte ein Mann am Klavier Irving Berlins Play a Simple Melody. Der Journalist bot Holmes eine seiner Bradley-Zigaretten an, der Detektiv revanchierte sich, indem er den Steward zwei Gläser Amontillado bringen ließ.

Einige Passagiere blickten durch die großen Fenster auf das Meer. An einem der Tische saß eine elegante Dame um die vierzig, mit einem Collier, an dem ein funkelnder dunkler Stein hing. Sie mischte Spielkarten.

Holmes trat an sie heran. »Mrs. Oldman-Smythe, wenn ich nicht irre. Mein Name ist Sherlock Holmes. Weiterhin möchte ich meinen Reisebegleiter vorstellen, Mr. Robert Conolly, ein Journalist.«

»Ihre Namen sind mir bekannt, meine Herren. Es ist mir eine große Ehre, Sie kennenzulernen. Nehmen Sie doch Platz, wenn Sie an einem Blick in die Zukunft interessiert sind.«

»Sie können in die Zukunft blicken, Mrs. Oldman-Smythe?«, fragte Holmes lächelnd.

»Meine Karten können das. Sie wussten auch Bescheid, was auf der letzten Reise geschehen würde.«

»Sie meinen die Reise mit der Titanic, Madam?«

»So ist es. Ich warnte die Menschen um mich herum.«

»Und nahmen dennoch selbst daran teil.«

»Die Karten«, meinte Mrs. Oldman, »warnten in erster Linie Männer.«

»Frauen und Kinder zuerst, nicht wahr?«

»Sie wollten nicht einmal einen dreizehnjährigen Jungen in das Rettungsboot zu seiner Mutter kommen lassen, weil sie ihn als Mann betrachteten. Dabei war das Boot erst halb voll.« Mrs. Oldman-Smythe bedeckte ihre Augen mit der rechten Hand, als ob sie dadurch die belastende Erinnerung ausblenden könnte.

»Was bringt Sie dazu, die Reise zu wiederholen?«

»Ein Grund ist, dass ich in die Staaten reisen muss. Und als ich in der Zeitung von der Gedenkreise las, war mir sofort klar, dass ich teilnehmen musste. Ich habe mit einigem, was damals geschah, noch nicht abgeschlossen. Aber nun zu den Karten. Was fragen wir sie?«

»Ich überlasse das ganz Ihnen, Madam«, meinte Holmes.

»Gut. Das ist sehr gut so.«

»Und Sie verraten uns Ihre Frage an das Spiel?«

»Nein. Das bleibt mein Geheimnis. Die Antwort aber betrifft auch Sie, meine Herren.«

Mrs. Oldman-Smythe begann acht Karten in Form eines X auf den Tisch zu legen. »Das Mahaf-Kreuz.«

»Mahaf, der Fährmann des Himmels, der die Seelen der Toten auf einem Boot aus Papyrus durch stürmische Gewässer in die Unterwelt führt«, ergänzte Holmes.

Mrs. Oldman-Smythe blickte überrascht von ihren Karten auf und sagte zu dem Detektiv: »Ich bewundere Männer mit Bildung. Eine ausgesprochene Rarität in unseren Tagen. Sie wissen natürlich auch, mit welchen Karten ich in unsere Zukunft blicke.«

Holmes nickte und die Frau, aus deren dunklem Haar vereinzelt weiße Strähnen leuchteten, fuhr fort: »Ich arbeite mit dem Pierpont-Morgan-Bergamo-Tarocchi, das auf das 15. Jahrhundert zurückgeht.«

»Pierpont Morgan. Der Name des amerikanischen Eigentümers der White Star Line«, wandte Holmes ein.

»Er, und nun sein Sohn, bewahren das Original dieses Spiels in ihrer Bibliothek in New York auf.«

»Sie kannten den Vater?«

»Nicht persönlich. Ich warnte ihn brieflich davor, die Titanic zu betreten.«

»Und er gehorchte Ihnen.«

»Zu seinem Glück und Wohl.«

»Er überlebte das Unglück nicht lange. John Pierpont Morgan starb 1913.«

»Das war damals noch nicht zu erkennen. Und jetzt bitte ich die Herren um absolute Ruhe. Ich muss mich konzentrieren.«

Mrs. Oldman-Smythe betrachtete schweigend die Karten, lange, dann begann sie unsicher: »Ich kann nichts erkennen. Ich sehe nichts, ich höre nichts, ich spüre nichts. Eine lähmende Stille liegt über allem. Eine Stille, die alles Leben erstickt. Es ist kalt, sehr kalt. Still und kalt wie am 14. April 1912, als die Titanic sank und sich die Menschen schweigend ihrem Schicksal ergaben. Das Schweigen breitet sich als tödlicher Nebel aus, der in mich dringt, mir den Atem nimmt. Etwas greift nach mir, greift nach meinem Collier, greift nach meinem Leben. O Gott!«

Mrs. Oldman-Smythe begann hustend nach Luft zu ringen. »Entschuldigen Sie!« Mit heftigen Handbewegungen sammelte sie die Karten ein und verließ überstürzt den Raum.

»Sie trägt ein sehr wertvolles Schmuckstück. Einen schwarzen Diamanten aus Südafrika«, sagte Holmes zu Conolly, der ihn überrascht anschaute.

Eine Weile blickte der Detektiv versonnen vor sich hin. »Ich werde Mrs. Oldman-Smythe und eine Reihe anderer interessanter Passagiere zum Abendessen an unseren Tisch bitten.«

Der Speisesaal der ersten Klasse war spärlich besetzt. Wie auf der Titanic war die Halle mit Mahagoniholz getäfelt, das elfgängige Mahl wurde auf polnischem Porzellan serviert.

Holmes hatte sieben weitere Passagiere gebeten, das Abendessen mit ihm und Conolly einzunehmen. Conolly war auffallend bleich an diesem Abend. Der Journalist griff immer wieder zu einer Pillenschachtel.

»Ihr Magen rebelliert gegen die ungewohnte Bewegung des Schiffes?«, erkundigte sich Holmes bei ihm.

»Mit den Tabletten geht es einigermaßen. Ich werde mich aber davor hüten, allzu viel zu speisen«, erwiderte dieser und spülte eine weitere Pille mit Mineralwasser hinunter.

Mrs. Oldman-Smythe trug ihr Collier und ein Abendkleid aus dunkelblauem Brokat. Gegenüber von Joseph Bruce Ismay hatte Mrs. Hilda Farland Platz genommen, eine unscheinbare Frau Anfang Sechzig in einem dunkelgrauen Kostüm. Sie fixierte den Miteigentümer der White Star Line mit bösen, kalten Augen.

Mr. Ismay war aufgestanden, um Linda Hornby, die 22-jährige Schwester von John Pierpont Morgan jun., seinem amerikanischen Geschäftspartner, und ihren Mann Graham zu begrüßen. Die beiden hatten in der Vorwoche in London geheiratet und befanden sich nun auf der Hochzeitsreise nach New York.

»Ich hoffe, ich kann den Sohn des Konkurrenten mit unserer Olympic einigermaßen beeindrucken«, sagte Bruce Ismay an Graham Hornby gewandt.

»Mr. Hornbys Vater hat auch mit der Schifffahrt zu tun?«, erkundigte sich Sherlock Holmes interessiert.

»Ihm gehört die Northern Steamships Ltd. Mit der Hochzeit zwischen Pierpont Morgans Tochter und Hornbys Sohn haben sich nicht nur zwei wunderbare junge Menschen gefunden. Es sind sich damit auch zwei große Unternehmen näher gekommen.«

»Gewäsch! Elendes, verlogenes Gerede!«, unterbrach Mrs. Farland die Ansprache von Bruce Ismay, der verwundert aufblickte.

»Sie haben den Tod meines Mannes auf dem Gewissen, Sie, Mr. Ismay und all Ihre Verbündeten. Und das aus niedrigsten Beweggründen, wie ich den Zeitungen entnahm. Ich werde dafür sorgen, dass Sie auf diesem Schiff keine ruhige Minute haben.«

»Ich versichere Ihnen, dass Ihre Anschuldigung zu Unrecht erfolgt. Ich habe Mr. Holmes gebeten, zu ermitteln, ohne Rücksicht auf irgendjemanden. Und Sie werden eines hoffentlich nicht allzu fernen Tages erkennen, dass ich von dem furchtbaren Ereignis mindestens so getroffen bin wie Sie, Madam. Ich verlor einige meiner engsten Mitarbeiter auf jener Reise.«

»Aber Sie selbst leben.«

»Ich mache mir das immer wieder zum Vorwurf. Es war ein merkwürdiger Zufall, dass ich in das Rettungsboot gelangte. Ich weiß …«

»Mit Verlaub, Mrs. Farland«, wandte sich Sherlock Holmes an die verbitterte Witwe, »ich denke, wir sollten niemandem die Tatsache, dass er nicht in den eisigen Fluten umgekommen ist, zum Vorwurf machen. Auch Sie leben noch.«

»Und das ist manchmal schwer genug. Sie entschuldigen mich bitte«, sagte Hilda Farland und verließ den Tisch.

»Man kann von Glück reden, dass man das nicht miterleben musste«, sagte der achte Gast am Tisch. Es handelte sich dabei um den etwa 30-jährigen Assistenten von James R. Faber, um Mr. John Hatter, den Holmes bereits im Office der Royal-Maritime-Versicherung kennengelernt hatte.

»Mein Chef hat Interesse daran, dass ich das Ergebnis Ihrer Ermittlungen verfolge, Mr. Holmes. Zudem bedeutet die Reise eine willkommene Abwechslung in meinem Leben«, erklärte John Hatter dem Detektiv gegenüber seine Anwesenheit an Bord der Olympic.

Am Nebentisch fielen Holmes zwei kleine Mädchen auf. Die quirlige, etwa zehn Jahre alte Christine Reynolds und die im Gegensatz zu ihr stets ruhige und ernste Alice Harrison. Beide Mädchen und ihre Mütter hatten sich an Bord der Titanic befunden. Sie waren Halbwaisen, ihre Väter waren bei dem Unglück ums Leben gekommen. Mit Interesse beobachtete Holmes, auf welch merkwürdige Art sich Alice mit ihrer Mutter und deren Begleiter, einem Mann Anfang Vierzig, verständigte.

Alice nickte, wenn man mit ihr sprach, oder sie schüttelte verneinend den Kopf. Manchmal schrieb sie etwas auf einen Notizblock und reichte diesen den Erwachsenen, die mit ihr redeten. Sie selbst sprach kein einziges Wort.

»Die Mumie trägt Schuld am Fluch der Titanic. Ich weiß es aus den Karten«, beendete Mrs. Oldman-Smythe eine längere Erzählung.

»Sie erwähnten den Namen William Thomas Stead, Mrs. Smythe«, schaltete sich Robert Conolly in das Gespräch ein.

»Oldman-Smythe«, verbesserte ihn die Wahrsagerin.

Holmes, dem ein Dessertlöffel entglitten war und der sich unter den Tisch gebeugt hatte, um ihn aufzuheben, sah, dass Mrs. Oldman-Smythe körperlichen Kontakt mit dem Bräutigam von Pierpont Morgans Tochter hatte. Mit ihrem rechten Fuß berührte sie den linken Schuh von Graham Hornby. Linda Hornby bemerkte von alldem nichts, denn sie aß mit Genuss von der Gänsestopfleber und lauschte gebannt der Geschichte, welche die Wahrsagerin erzählte.

»Sie erwähnten den Namen William Thomas Stead, Madam«, wiederholte der Journalist. »Ich finde das so bemerkenswert, weil er ein Kollege von mir ist, beziehungsweise war. Er arbeitete wie ich für die Pall Mall Gazette und …«

»Das ist alles sehr interessant, junger Mann. Lassen Sie mich dennoch fortfahren«, unterbrach ihn Mrs. Oldman-Smythe, die nun ihre Stimme etwas verstärkt hatte, um sich gegen die Weisen durchzusetzen, die die Bordkapelle zur Unterhaltung der Speisenden angestimmt hatte. Das Orchester spielte in voller Lautstärke Elgars Land of Hope and Glory.

Holmes' spezielles Interesse galt der enormen Fingerfertigkeit des Mannes, der auf der Violine spielte, so dass er nicht ganz bei der Sache war, als Mrs. Oldman-Smythe ihre Geschichte vom Fluch der Titanic fortsetzte.

»Durch seine Rücksichtslosigkeit brachte der Mann den Fluch über die Passagiere der Titanic.«

»Ich möchte William Stead verteidigen. Auch wenn er tatsächlich die Mumie an Bord der Titanic gebracht hat«, sagte schließlich Mr. Conolly.

»Daran besteht wohl kein Zweifel. Er hatte den mumifizierten Körper der Prinzessin Amen-Ra in seinem Kraftwagen verborgen, der im Laderaum des Schiffes untergebracht war. Das British Museum war froh, das gespenstische Objekt, in dessen Venen sich noch Blut befand, endlich loszuwerden. Menschen, die längere Zeit in dem Raum des Museums verweilten, in dem die Mumie ausgestellt war, begannen unter mysteriösen gesundheitlichen Problemen zu leiden. Sie bluteten aus Mund und Nase.«

»Wie alt, sagten Sie, war diese Prinzessin?«, fragte Holmes.

»Ich erwähnte ihr Alter bisher noch nicht.«

Dazu, dachte Holmes, war Madame wohl zu sehr beschäftigt.

Immerhin hatte Graham Hornbys Kopf mittlerweile eine ungesunde rote Färbung angenommen. Ein Umstand, der auch John Hatter nicht entgangen war. Auch Mr. Hatter war, als ihm eine Serviette heruntergefallen war, kurz unter die Tischdecke abgetaucht. Das Orchester spielte ein Medley fröhlicher Shanties, als der nächste Gang des Abendessens, gebratene Wildmedaillons in Cranberry Sauce mit Kartoffelkroketten, aufgetragen wurde.

»Die Mumie stammte, eigentlich stammt, aus dem 11. Jahrhundert vor Christi Geburt.« »Sie ist nicht mit ihrem Eigentümer und dessen Auto untergegangen?«, fragte Holmes.

»Nein. Und das ist das Erschreckende«, flüsterte Mrs. Oldman-Smythe. »Ich sah sie vom Rettungsboot aus, auf dem Wasser treibend, umgeben von einer roten Flüssigkeit, die wie Blut wirkte.«

Robert Conolly war der Nächste, der sich entschuldigte und den Tisch verließ. Ihm schienen seine Tabletten gegen Reisekrankheit nicht mehr zu helfen. Er war sehr bleich geworden.

»Von einer Mumie, die angeblich Unglück über das Schiff brachte, ist uns nichts bekannt«, meldete sich Bruce Ismay zu Wort. »Die RMS Titanic transportierte eine Fracht von beinahe 600 Tonnen, darunter die Verpflegung für die Passagiere. Und natürlich Briefe, Pakete. RMS steht ja für Royal-Mail-Ship. Zudem wurden für diverse Firmen Maschinen, Tücher, Filme, Bücher und Zeitschriften transportiert, in einem Gesamtwert von 420.000 US-Dollars.« »Also keine Mumie?«, versicherte sich Holmes.

»Definitiv nicht. Richtig ist, dass der Journalist einen Wagen an Bord hatte, einen Albion 15.«

»Sehen Sie«, meldete sich die Wahrsagerin zu Wort. »Sie sagen es selbst. In diesem Wagen war die Mumie verborgen. Ich habe den Fluch sozusagen am eigenen Leib verspürt. Mein Diamant, ursprünglich weiß, wurde schwarz, nachdem ich die blutende Schreckensgestalt auf der See treiben sah.«

»Eine interessante Geschichte«, meinte John Hatter etwas skeptisch. »Durch den Fluch wurde also das Collier um einiges wertvoller.«

»Sie sagen es. Aber nun muss ich mich wirklich zurückziehen. Die Pflicht ruft. Und die heißt bei mir Kunst.«

»Sie sind Malerin, Mrs. Oldman-Smythe«, stellte Holmes fest.

»Endlich jemand, dem mein Name ein Begriff ist. Sie sind ein gebildeter Mann, Mr. Holmes.«

Dieser lächelte still vor sich hin. Er hatte von den Farbresten unter Mrs. Oldman-Smythes' ansonsten perfekt gepflegten Fingernägeln auf ihre Beschäftigung geschlossen.

»Ich male Stimmungen der See. Das war auch der Grund, warum ich mich auf der Titanic befand. Leider sind alle Bilder, die ich damals schuf, ein Raub der See geworden. Ich hoffe doch sehr, dass die Reise dieses Mal anders verläuft. Ich werde jedenfalls früh aufstehen. Morgenstimmungen, wenn die ersten Sonnenstrahlen auf dem Meer auftreffen, gehören zu den ergreifendsten Momenten eines Künstlerlebens.«

Nach dem Abgang der Malerin war es beinahe still an der Tafel.

Im Anschluss an das Mahl lauschte der Detektiv bei einem Glas Whisky den Klängen der Bordmusiker.

Christine, das Mädchen vom Nebentisch, kam in den Saal gelaufen und rief ihrer Mutter zu: »Kabine 23-C. Sie wohnt auf 23-C.«

»Nicht so laut, Kleines! Ich denke, es ist Zeit, dass du ins Bett kommst. Du bist selten so lange auf.«

»Ja, sonst«, erwiderte Christine. »Alice ist auch noch auf. Und die ist um ein Jahr jünger als ich.«

»Mit Alice ist das etwas anderes. Sie ist krank«, entgegnete ihre Mutter und erhob sich vom Tisch. »Du kannst noch bei ihr bleiben. In einer halben Stunde aber kommst du in unsere Kabine. Du kennst den Weg.«

Zurück blieben die blonde Christine, die dunkelhaarige Alice mit ihrer Mutter und deren Begleiter.

Die Mädchen zogen sich an einen leer gewordenen Tisch zurück, wo sie in einem Buch lasen. Christine las Alice aus A. E. Learys Der stille Junge vor.

Peter war durchaus kein stiller Junge in jenen Tagen, in denen unsere Erzählung beginnt. Er tollte mit seinen Freunden und Freundinnen durch den großen Garten, der dem mächtigen Herrn gehörte, den sie noch nie von Angesicht zu Angesicht gesehen hatten. Immer nur hörten oder lasen sie von ihm. Und was sie von ihm hörten oder lasen, war gut. Der Herr, dem all das gehörte, war nicht nur sehr mächtig, er war auch gütig und weise.

Die Kinder glaubten das, denn es fehlte ihnen an nichts in diesem Garten. Es gab genug zu essen, sie konnten schreiben, lesen und rechnen, obwohl es keine Schule gab, sie spielten den ganzen Tag. Eigentlich war ihnen alles erlaubt. Mit einer Ausnahme. Sie durften sich der alten Eiche in der Mitte des Gartens nicht nähern. Das hatte ihnen zwar niemand ausdrücklich verboten, denn es gab keine Verbote im Garten des mächtigen Mannes, doch hatten sie davon gehört und gelesen. In der alten Eiche, die so alt sein mochte wie der Garten selbst, hause ein böser Geist, hieß es. Und dieser Geist dürfe nicht geweckt werden. An manchen Tagen entfernte sich Peter von den anderen Kindern, näherte sich der Eiche und betrachtete ihr schütteres Laubwerk, durch das alte, abgestorbene Äste zu erkennen waren.

Der Baum war nicht böse, dachte Peter, er war nur alt. Sehr alt. So wie der Herr, dem dieser Garten gehörte.

Und er beschloss, eines Tages auf den Baum zu klettern und ihn zu befragen.

Die Weisen, die das Bordorchester spielte, vermischten sich mit der hellen Stimme des Mädchens, das vorlas.

Der Detektiv betrachtete die beiden in das Buch vertieften Mädchen und lächelte. Eine merkwürdige Erzählung, die die Mädchen da lesen, fand er.

Er hörte, wie Mrs. Harrison zu ihrem Begleiter sagte: »Alice ist glücklich, wieder bei Christine zu sein.«

»Die Wiederholung der Reise im bekannten Umfeld ist wichtig für sie«, meinte dieser.

»Du denkst, sie wird wieder reden können?«

»Eines Tages sicherlich. Mir ist noch nicht klar, was die Ursache für den Sprachverlust war.«

»Im Rettungsboot hörte sie zu reden auf. Das Chaos muss sie so mitgenommen haben.«

Als sich der Speisesaal geleert hatte und die Kellner die Tische abzuräumen begannen, stellte auch das Orchester mit einem abschließenden Tusch seine Tätigkeit ein. Holmes war angetan von der Qualität der Musiker, besonders vom Talent des Geigers, eines schlanken jungen Mannes, der in einem etwas zu kleinen dunklen Anzug steckte.

Etwas später am Abend hatte man die Aufführung des ersten und bisher einzigen Spielfilms über das Titanic-Unglück angesetzt. In der Bar für die erste Klasse im 6. Geschoss der Olympic zeigte man Gerettet von der Titanic.

Miss Gloria Reynolds, im rosa Abendkleid, mit einer Kette aus falschen weißen Perlen geschmückt, begrüßte aufgeregt die Besucher der Vorführung und drückte jedem einzelnen von ihnen die Hand.

»Sie müssen wissen, dass ich an den Dreharbeiten mitwirken durfte«, flüsterte sie Sherlock Holmes zu. »Meine erste Rolle in einem Film. Weil ich wie die Hauptdarstellerin auf der Titanic war. Auch Christine ist zu sehen. Kurz.«

Als alle Besucher Platz genommen hatten, begrüßte der Zweite Offizier, Mr. Charles Farrard, die anwesende Künstlerin und die sehr geehrten Gäste.

»Mr. Roger Baudry, Student des Conservatoire national supérieur de musique et de danse de Paris, wird das Geschehen, das in Gerettet von der Titanic gezeigt wird, mit seinem Geigenspiel begleiten. Alle wesentlichen Hinweise sind den Zwischentiteln zu entnehmen, die am Ende der Szenen eingeblendet werden. Die Vorführung dauert etwa zwanzig Minuten. Mrs. Reynolds, die in dem Film eine Freundin der Hauptdarstellerin mimt, war ebenso wie diese selbst Passagier der Titanic. Dasselbe trifft auf ihre Tochter Christine zu, die wegen der vorgerückten Stunde leider nicht anwesend sein kann. Sie hält sich schlafend in der Kabine auf. Die Hauptrolle in diesem teilweise in Farbe gedrehten Film spielt die amerikanische Schauspielerin Dorothy Gibson, der es ein persönliches Anliegen war, dass der Film auf dieser Gedenkfahrt vorgeführt wird. Sie lässt alle Damen und Herren, die sich hier eingefunden haben, grüßen. Ich wünsche Ihnen im Namen des Kapitäns und der gesamten Mannschaft interessante zwanzig Minuten.«

Das Licht erlosch, und auf der Leinwand erschien das ernste Gesicht einer jungen Frau in Großaufnahme. Sie bewegte unablässig den Mund, die Augen waren vor Schreck geweitet. Die eingeblendete Schrift verdeutlichte, dass Miss Dorothy ihrem Verlobten und ihren Eltern vom Untergang der Titanic erzählte, dem sie entronnen war.

Zum Glück, wie Holmes fand, kümmerte sich Monsieur Baudry kaum um das turbulente Geschehen auf der Leinwand. Er spielte in aller Ruhe Johann Sebastian Bachs Sonate No. 1 in g-Moll für Violine solo. Eine Rückblende zeigte die Heldin an Bord des Schiffes inmitten aufgeregter, Hände ringender Menschen. Ein leeres Rettungsboot wartete auf sie und weitere Passagiere. Aber keiner wollte es betreten.

Die Dramatik des Geschehens steigerte sich. Die Titanic geriet immer mehr in Schräglage, Miss Gibson wurde gegen die Reling gedrückt und sprang schließlich in das Letzte der Rettungsboote, die zu Wasser gelassen wurden. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin, dargestellt von Gloria Reynolds, die von ihrer kleinen Tochter Christine begleitet wurde. Das Boot glitt in die dunkle Weite des Ozeans.

Dann war die Schauspielerin wieder im Kreise ihrer Familie zu sehen. Vater und Mutter redeten heftig auf die Tochter ein. Die eingeblendeten Schrifttafeln zeigten, was sie ihr mitteilen wollten: »Du darfst diesen Mann nicht heiraten. Er ist ein Seemann. Sein Beruf ist zu gefährlich. Zu tückisch ist das Meer.«

»Ich werde ihn heiraten, trotz allem und ihm eine gute Frau sein. Ich liebe ihn und er liebt mich«, sagte die Schauspielerin am Schluss und fiel ihrem bärtigen Verlobten um den Hals.

Holmes, der die gesamte Filmvorführung unter der schlechten technischen und schauspielerischen Qualität des Streifens Qualen litt, hatte bereits nach der ersten Szene die Augen geschlossen und sich auf die Musik Bachs konzentriert.

Wenn er eine Vorhersage mit Sicherheit machen konnte, dachte der Detektiv, so war es diejenige, dass wohl dieser Kuriosität, die sich Film nannte, keine nennenswerte Zukunft beschieden sein würde. Eine Zumutung der Sonderklasse, so etwas!

Als sich am Ende der Vorstellung Mrs. Reynolds vor den Zuschauern verbeugte, verzichtete er auf Applaus, den er dem begleitenden Musiker umso begeisterter spendete. Schließlich ging er auf den jungen Violinspieler zu und stellte sich vor.

»Ich habe eine ungewöhnliche Bitte an Sie, Monsieur«, sagte der Detektiv. »Ich selbst bin leidenschaftlicher Geigenspieler. Wäre es möglich, mir heute Abend, gegen eine entsprechende Entschädigung, Ihr Musikinstrument leihweise zu überlassen?«

»Kein Problem. Das lässt sich machen.«

Holmes drückte dem anfangs widerstrebenden Mann eine Fünf-Pfund-Note in die Hand und ging, um mit seinem Spiel niemanden in der Nachtruhe zu stören, die Treppen hoch auf das offene Deck der Olympic. Er stellte sich an die Reling und blickte in die Dunkelheit des späten Abends, während er auf dem Musikinstrument improvisierte. Allmählich fand er die Ruhe, die er schon die ganze Zeit, da er sich an Bord dieses Schiffes befand, fast schmerzhaft herbeigesehnt hatte. Seine Gedanken ordneten sich, er hörte auf zu spielen und blickte nur mehr in die undurchdringlich dunkle Nacht. Kein Laut, nicht der Hauch eines Lautes, war zu vernehmen. Holmes trank die Stille wie kostbaren Wein.

Bei der Rückkehr in seine Suite bemerkte der Detektiv noch Licht im Nebenzimmer, das Robert M. Conolly bewohnte. Holmes klopfte an die Tür und vernahm eine ächzende Antwort. »Es geht mir nicht gut.«

»Die Seekrankheit?«

»Es ist mehr als das«, sagte der Journalist schwach.

»Was fehlt Ihnen, Conolly?«

»Ich fühle mich elend, schwach, zittrig, dem Tod nahe. Ich blute aus Mund und Nase …«

»Sie geben mir alle Tabletten, die Sie bei sich haben und legen sich sofort hin. Ich werde das Zeug untersuchen.«

»Sie meinen …«

»Ich vermute, dass man Sie wie Morgan Robertson und Ihren Kollegen Evans beseitigen will. Und ich habe eine leise Ahnung, auf welche Weise.«

Holmes nahm zwei Pillenschachteln entgegen.

»Ich habe die Tabletten von Miriam, meiner Freundin. Die sind in Ordnung«, sagte der Journalist. »Ich brauche dringend ein Mittel gegen die Seekrankheit, sonst …«

»Es ist gut, wenn Sie sich übergeben. Das Gift muss Ihren Körper verlassen.«

Conolly verschloss seinen Mund mit der rechten Hand und eilte in den Waschraum.

Holmes kehrte in sein Zimmer zurück, ließ aber die Tür zum Nebenraum offen, um den Zustand des Journalisten zu überwachen. Er entnahm einem seiner Koffer die Ausrüstung für ein provisorisches Laboratorium und platzierte die Tiegel, Gläser und den Brenner auf dem Tisch. Die Analyse des Inhalts der ersten Schachtel ergab einen leichten, ungefährlichen Anteil von Quecksilbersalz, wie es in vielen Mitteln, besonders solchen, die der Stärkung der Patienten dienten, durchaus üblich war. Die Pillen der zweiten Schachtel enthielten neben Stärke und Zucker eine wesentlich kräftigere Dosis, die aber noch keine gefährlichen Ausmaße annahm.

Quecksilber, überlegte Holmes, hat die Eigenschaft, sich im Körper zu speichern, anzureichern, so dass, wenn man diese Medikamente über einen längeren Zeitraum einnimmt, eines Tages die gefährliche Konzentration erreicht, die zu Blutungen führen kann. Eine sehr geschickte Methode, jemanden umzubringen. Niemand würde Verdacht schöpfen, weil die Werte der Medikamente normal waren.

»Die Gefahr liegt in der Regelmäßigkeit der Einnahme dieser Tabletten«, sagte Holmes zu Conolly, der sich in sein Bett gelegt hatte. »Wie geht es Ihnen jetzt?«

»Etwas besser. Ich fühle mich allerdings immer noch sehr schwach.«

»Ich werde einen Arzt kommen lassen, einen verlässlichen Mann, der alles Nötige veranlassen wird.« Bei diesen Worten setzte der Detektiv ein beinahe diabolisches Lächeln auf.

UNERWARTETES WIEDERSEHEN

Holmes bewegte sich den Gang entlang und dann ein Stockwerk tiefer zu Kabine 37-B. Als er klopfte, rief eine vertraute Stimme: »Moment, ich bin schon im Schlafrock.«

Es dauerte einige Minuten, bis geöffnet wurde. Vor Holmes stand ein Mann mit sehr starker Brille und einem grauen Vollbart.

»Kommen Sie, Watson! Conolly geht es nicht gut. Er hat Anzeichen einer Quecksilbervergiftung und benötigt ärztliche Hilfe.«

»Sie irren, mein Herr. Wen immer Sie suchen, ich bin es nicht«, sagte eine tiefe Stimme.

»Schluss mit der Maskerade. Ich erkenne Ihre Art zu gehen unter Tausenden.«

»Also gut. Ihnen bleibt auch nichts verborgen. Ich wollte sehen, von welchem Abenteuer Sie mich fernhalten wollten. Und meine Frau meinte, etwas Abwechslung könne mir nicht schaden. Da benutzte ich meinen detektivischen Verstand und ...«

»Ihr detektivischer Verstand heißt Londoner Presse, mit Verlaub. Ich muss aber gestehen«, und bei diesen Worten drückte Holmes seinem Freund die Hand, »dass ich nicht unglücklich darüber bin, Sie an Bord der Olympic zu wissen.«

»Wie erkannten Sie mich? Wir trafen seit der Abfahrt in Southampton nicht aufeinander.«

»Ich sah Sie aus der Ferne und erkannte, wie gesagt, Ihren Gang. Die kleinen, schnellen Schritte, immer in Eile, immer voll Bedeutung und Wichtigkeit. Aber jetzt kommen Sie, Watson! Kümmern Sie sich um meinen erkrankten Reisebegleiter!«

Gegen acht Uhr am Morgen alarmierte Sherlock Holmes einen der Stewards mit der dringenden Bitte, den Schiffsarzt unverzüglich zu ihm zu schicken. Gemeinsam mit Joseph Bruce Ismay und Watson erwartete er Dr. Samuel Wren in seiner Suite.

Beim Frühstück teilte Holmes den Mitreisenden mit, dass sein Reisebegleiter, der Journalist Robert Maurice Conolly, in den frühen Morgenstunden verstorben sei. Er habe einen Blutsturz erlitten.

Zwei Plätze am Speisetisch blieben an diesem Morgen leer. Der von Mr. Conolly und der von Mrs. Oldman-Smythe. Watson hatte auf dem Stuhl des Journalisten Platz genommen. Linda Hornby, die nicht hatte schlafen können, hatte Mrs. Oldman-Smythe schon früh am Morgen auf dem Promenadendeck gesehen, mit einer Feldstaffelei, die nun etwas stärker bewegte See malend.

»Ich ahnte es! Welch ein Unglück! Eine Katastrophe!«, rief die aufgeregte Malerin, als sie verspätet zum Frühstück erschien. Da alle annahmen, sie meine den Tod des Journalisten, fragte sie niemand, was geschehen sei.

»Mein Diamant. Meine Kette. Ich hatte sie auf dem Nachttisch neben meinem Bett abgelegt. Und heute früh war sie verschwunden. Ich beauftrage Sie hiermit, Mr. Holmes, mir dieses kostbare Stück wieder herbeizuschaffen.«

»Wenden Sie sich bitte an den Kapitän. Ich beschäftige mich derzeit mit Wichtigerem«, entgegnete dieser kühl.

»Arroganter alter Mhmm ...«, verschluckte die Frau das letzte Wort und enteilte.

Die Olympic steuerte am zweiten Tag ihrer Fahrt, am Sonntag, dem 11. April, gegen Mittag den im Süden Irlands gelegenen Hafen Queenstown an, in dem hauptsächlich Passagiere der dritten Klasse zustiegen. Auswanderer, die ihr wirtschaftliches Glück in Amerika suchten.

»Die Emigranten haben sich als die verlässlichste Einnahmequelle für unsere Gesellschaft erwiesen«, erklärte Joseph Bruce Ismay beim Dinner mit dem Kapitän, an dem auch Holmes und Watson teilnahmen. Die Herren speisten im Café de Paris und sahen durch eines der Fenster Vera Oldman-Smythe beim Malen auf dem Promenadendeck. Die Künstlerin trug einen grauen Seidenschal anstelle ihres wertvollen Colliers. Ein ausladender cremefarbener Hut schützte sie gegen die Strahlen der Sonne, die für Mitte April relativ kräftig schien.

»Schiffe wie die Titanic oder die Olympic machen nur Profit, wenn sie zu mindestens achtzig Prozent belegt sind«, führte Joseph B. Ismay weiter aus. »Wir haben, wie gesagt, keine Probleme mit der dritten Klasse, deren Passagiere trotz der geringen Ticketpreise auch am übrigen Luxus des Schiffes teilhaben. Sie können sowohl das Schwimmbad als auch die Trainingsräume benutzen. Die großen Suiten bleiben nahezu leer, und die Kabinen der ersten und zweiten Klasse lassen sich nicht einmal zur Hälfte füllen.«

»Das heißt, dass sich die White Star Line verschätzte, als sie die Olympic, die Titanic und die Britannic bauen ließ«, beteiligte sich Doktor Watson am Gespräch.

»Im Endeffekt ja. Aber niemand konnte das Unglück mit der Titanic voraussehen, und niemand konnte wissen, dass es zu diesem unseligen Krieg kommt, der die Passagiere dermaßen verunsichert und von Fahrten in die Vereinigten Staaten abhält. Als sich diese Entwicklung abzuzeichnen begann, hatten wir schon alles Geld in die großen Schiffe investiert, und die Konkurrenz, zu der ich vor allem Cunard und die Northern Steamships zähle, reagierte rasch mit kleineren Schiffen, die mit weniger Besatzung auskommen und daher billiger operieren können.«

»Graham Hornby, einer Ihrer Hauptkonkurrenten, befindet sich an Bord der Olympic«, stellte der Kapitän fest.

»Verheiratet mit der Tochter J. P. Morgans. Wie grotesk!«, stöhnte Bruce Ismay. »Im Übrigen bedaure ich es außerordentlich, dass Mr. Conolly nicht, wie vorgesehen, mit uns speist. Ich schätzte ihn, obwohl er in seinen Artikeln diese furchtbaren Anschuldigungen gegen mich und J. P. Morgan erhoben hatte. In anderen Worten: Ich bin zutiefst getroffen von seinem plötzlichen Ableben.«

»Auch ich bedaure das. Mr. Conolly war ein anregender Reisebegleiter«, sagte Holmes. »Und dann noch der Diebstahl von Mrs. Oldman-Smythes Kette. Die Dinge kommen in Bewegung.«

»Sie scheinen Gefallen an den Vorfällen zu finden, Mr. Holmes«, wunderte sich Bruce Ismay.

»Gefallen ist übertrieben. Wenn es um große Verbrechen geht, und ein solches vermute auch ich hinter dem Untergang der Titanic, kommt es zwangsläufig zu Begleiterscheinungen wie diesen, die es erst ermöglichen, wirklich in einen Fall zu blicken. Ich vergleiche Phänomene dieser Art mit Fieber, das auf eine tiefer liegende Erkrankung eines Organismus schließen lässt.«

»Sie meinen, Mr. Conolly wurde ermordet?«, fragte Mr. Ismay.

»Im weitesten Sinne, ja. Mehr kann ich im Augenblick nicht sagen.«

»Wenn Sie einen Verdacht bezüglich des Diebstahls der Kette von Mrs. Oldman-Smythe haben, Mr. Holmes, kann ich den Auftrag erteilen, die Kabinen zu durchsuchen«, meinte Kapitän Hayes.

»Ich habe eine leise Ahnung«, erwiderte Holmes, »werde diese aber noch genaueren Überprüfungen unterziehen, bevor ich mich an Sie wende. Vielen Dank, Kapitän. Hatten Sie übrigens schon ein Gespräch mit den Brüdern Ihres Vorgängers?«

»Mit den Brüdern von Kapitän Smith? Noch nicht. Wir haben uns auf Ersuchen der Herren für den Nachmittag verabredet. Sie kennen meine Ansicht zu Smith und ich bedaure, dass ich den Herren nichts anderes sagen kann.«

»Welche Route nehmen wir auf unserer weiteren Fahrt, Kapitän?«, brachte Watson das Gespräch auf ein anderes Thema.

»Die Winterroute. Wir steuern einen Korrekturpunkt bei 42 Grad Nord und 47 Grad West an und drehen dann auf westlichen Kurs, bis wir New York erreichen. Die Strecke verläuft so weit südlich, um die kalten Gewässer des Labradorstroms mit ihren Eisbergen zu vermeiden.«

»Wir befahren eine andere Route als die Titanic?«, erkundigte sich Watson.

»Nein. Es ist der übliche Weg aller Passagierschiffe. Sie können aber beruhigt sein, meine Herren. Wir haben seit dem Unglück zusätzliche Rettungsboote an Bord.«

»Und zwei Eisbrecher fahren einige Meilen voraus, um jedes Risiko auszuschließen. Wir sind in ständigem Funkkontakt mit ihnen«, ergänzte Mr. Ismay. »Was natürlich die Kosten weiter in die Höhe treibt.«

»Sie geben also der White Star Line keine Zukunft«, resümierte Holmes.

»Es fällt mir schwer, dies im Beisein des sehr geschätzten Kapitäns Hayes sagen zu müssen: Ich bin im Augenblick in großer Sorge und hoffe, dass eine Rehabilitation unserer Linie durch Sie, Mr. Holmes, nach den katastrophalen Zeitungsartikeln die Wende zum Besseren bringen wird.«

»Der Tod eines Passagiers erleichtert meine Aufgabe keineswegs.«

»Mr. Holmes, Mr. Holmes, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen«, rief Mrs. Vera Oldman-Smythe dem Detektiv vom Promenadendeck entgegen. Als dieser nicht reagierte, ließ sie die Seelandschaft im Morgenlicht, an der sie gerade arbeitete, im Stich und lief dem Detektiv nach. »Ich entschuldige mich in aller Form für meine unbedachte Äußerung am frühen Morgen. Der Diebstahl meiner Kette brachte meine Nerven derart in Aufruhr, dass ich nicht mehr Herrin meiner selbst war.«

»Entschuldigung angenommen«, sagte Holmes knapp und wollte weitergehen.

»Ich habe einen Verdacht, Mr. Holmes. Heute Morgen fiel mir ein Mann auf, den ich vorher nie gesehen hatte. Er wirkte wie ein Schauspieler, irgendwie unecht. Ich vermute, er hat etwas mit dem Diebstahl zu schaffen.«

»Beschreiben Sie ihn bitte, Mrs. Oldman-Smythe.«

»Ich fertige eine Skizze an.« Die Malerin zeichnete mit wenigen Strichen die Gestalt eines Mannes auf ein Blatt Papier.

»Interessant. Sie sind wahrlich eine Meisterin Ihres Faches. Auch mir ist dieser Mann bereits begegnet. Ich teile Ihre Meinung, dass er nicht das ist, was er vorgibt zu sein.«

»Ich werde mich erkenntlich zeigen, wenn Sie mir die Kette wiederbeschaffen. Sie ist mir sehr wichtig.«

»Erzählen Sie mir die Geschichte des Colliers. Wie ist es zu Ihnen gekommen, wem gehörte es vorher?«

»Viel davon ist sehr privat und delikat. Ich kann nur so viel sagen, dass ich es für … wie soll ich sagen … für meine Diskretion erhielt.«

»Dafür dass Sie etwas, das Sie wissen, nicht an die Öffentlichkeit bringen?«, ließ der Detektiv nicht locker.

»Ich bin keine Erpresserin.«

»Das habe ich damit auch nicht gemeint.«

»Dann lassen wir es gut sein. Ich bekam die Kette für, wie ich schon sagte, meine Diskretion.«

»Sie erzählten gestern Abend, als Sie uns die Karten legten, vom Fluch der Titanic, der den vormals hellen Diamanten dunkel verfärbte. Der Stein veränderte doch nicht tatsächlich die Farbe. Sie wollten jemandem an unserem Tisch oder in der Umgebung ein Zeichen geben. Verschlüsselt, symbolhaft.«

»Ihre Phantasie in Ehren, Mr. Holmes«, lachte die Wahrsagerin gekünstelt. »Ich werde mich nun wieder meiner eigenen Phantasie hingeben und an meinem Bild arbeiten.«

Es war früher Nachmittag, die Sonne schien noch immer und die See war bemerkenswert ruhig, als Holmes die Bibliothek in der vierten Etage der Olympic aufsuchte. Alice, ihre Mutter und deren Begleiter sowie Christine und deren Mutter hielten sich dort auf. Die Sonne schien mild in den Raum, auf dessen Teppichboden ausgestreckt die beiden Mädchen gemeinsam in einem Buch lasen.

»Entschuldigen Sie, meine Damen, mein Herr. Ich arbeite als Detektiv im Auftrag der White Star Line«, sprach Sherlock Holmes die drei Erwachsenen an, die an einem ausladenden Lesetisch saßen und in Zeitungen blätterten.

»Ich weiß, Mr. Holmes. Ich las darüber in der Presse«, sagte Mrs. Sarah Harrison.

»Darf ich Sie fragen, was der Grund für diese Reise ist?«, fuhr Sherlock Holmes fort und wurde mit einem Zischen von Seiten der Bibliothekarin bedacht, die einige Bücher in die Regale schichtete. Sie bekräftigte diesen Laut der Missbilligung, indem sie den rechten Zeigefinger an ihren dunkelrot geschminkten Mund führte und damit andeutete, dass in der Bibliothek nicht gesprochen werden dürfe.

»Ich lade Sie beide auf einen Drink in die Empfangshalle ein. Die Mädchen sind, so glaube ich, hier in besten Händen.«

Als Holmes in Begleitung des Ehepaares Harrison und Miss Reynolds sowie den beiden Mädchen den Raum verließ, nickte ihnen die für ihr Alter bemerkenswert attraktive Bibliothekarin freundlich zu.

»Ihre Frage nach dem Grund für die Reise ist nicht ganz leicht zu beantworten. Sie berührt ein Thema, das uns sehr beschäftigt, Mr. Harrison und mich. Ich verlor meinen ersten Mann beim Untergang der Titanic. Mit Raymond bin ich seit einem Jahr verheiratet. Er adoptierte Alice.«

»Das Mädchen ist stumm«, stellte Sherlock Holmes fest.

»Seit der Schiffskatastrophe spricht sie nicht mehr. Und wir … eigentlich war es die Idee meines Mannes … dachten …«

»Ich schlug Sarah vor, die Reise zu wiederholen, als ich von dieser Gedenkfahrt las«, sagte Mr. Harrison. »Vielleicht können Erinnerungen in Alice geweckt werden, die es uns ermöglichen, den Grund für ihre Aphasie zu verstehen und ihr zu helfen, sie zu überwinden.«

»Sie sind Arzt?«

»Nervenarzt. Es gelang mir auch, den Kontakt mit Miss Reynolds herzustellen, mit deren Tochter Christine unsere Alice während der Unglücksfahrt in ständigem, engem Kontakt gestanden hatte. Miss Reynolds war so freundlich, die Reise mit uns gemeinsam anzutreten, obwohl dadurch auch für sie unangenehme Erinnerungen geweckt werden.«

»Der Hauptgrund Ihrer Reise, Mrs. Reynolds, ist es also, Alice und ihren Eltern zu helfen?«, wandte sich Holmes an die Angesprochene.

Nach einer Pause des Nachdenkens sagte die Schauspielerin: »Es ist einer der Gründe, ja. Ich nutze die Reise aber auch beruflich. Ich habe ein zweimonatiges Engagement in New York.«

»Als Schauspielerin?«

»So ist es. Am Candler Theater. Ich reise gemeinsam mit einem Kollegen.«

»Wo hält sich Ihr Kollege auf, Mrs. Reynolds?«

»Eigentlich Miss Reynolds. Ich war nie verheiratet.« Nach einer Pause setzte sie fort: »Mein Kollege reist dritter Klasse. Mr. und Mrs. Harrison haben mir die Reise erster Klasse ermöglicht. Ich bin ihnen für die Unterstützung sehr dankbar.«

»Ich hoffe, dass alle Ihre Absichten für diese Reise, sofern sie nicht anderen Menschen schaden, in Erfüllung gehen«, schloss Sherlock Holmes das Gespräch.

Mr. und Mrs. Harrison bedankten sich für diesen Wunsch. Miss Reynolds jedoch war sehr ernst geworden und blickte lange forschend in seine unergründlichen grauen Augen.

Sie ist eine gute Schauspielerin, dachte Holmes. Sie beherrscht die Kunst des Timings, eine der wesentlichen Voraussetzungen für die Schauspielkunst. Sie setzt verschiedene Geschwindigkeiten des Handelns und eine Abfolge von Reden und Schweigen durchaus wirkungsvoll ein.

Beim großen Abendessen um sieben Uhr waren wieder alle vollzählig versammelt. Mrs. Oldman-Smythe war etwas stiller an diesem Abend. Sie machte Holmes darauf aufmerksam, dass sie den merkwürdigen Fremden wieder gesehen hatte, wie er die Gänge entlang gehuscht sei, verstohlen wie ein Dieb.

»Auch ich habe ihn beobachtet«, sagte Sherlock Holmes.

»Und? Haben Sie ihn verhört, ihn festgenommen, seine Kabine durchsuchen lassen?«, fragte die Malerin und verschluckte sich beinahe an einem Stück Heilbutt in Fenchelsauce. Dr. Watson kam der voluminösen Frau zu Hilfe, indem er sie aufforderte, beide Arme in die Höhe zu strecken, und ihr dann leicht auf den Rücken klopfte. Ein warmer, dankbarer Blick der Malerin und Wahrsagerin streifte Watson. Den Detektiv strafte sie mit einem bösen Blick, als er ihr knapp mitteilte, er werde sich des Mannes annehmen.

»Und wenn das Collier nicht über Bord gegangen ist, werde ich es finden.«

Das Orchester spielte Melodien aus Mozarts Zauberflöte, jener Oper, in der das Schweigen von besonderer Bedeutung war. Am Ende des Mahls verkündete der Dirigent des kleinen Bordorchesters, man lade alle Musikinteressierten herzlich zu einer konzertanten Aufführung der Zauberflöte in die Empfangshalle ein.

»Nach einer kurzen Einführung in den Inhalt der Oper werden Ms. Valentina Cologna und Mr. Fredrick Frenton, zwei hervorragende Sänger, begleitet von den Herren des Orchesters, Arien aus dieser humorvollen Oper zum Besten geben. Zum Abschluss der Aufführung, gegen halb zwölf Uhr, wird Champagner gereicht. Ich hoffe in meinem Namen und im Namen der Sänger und Musiker, dass Sie Interesse an dieser Veranstaltung haben.«

Holmes, den die Musik Mozarts an eine Dame seiner Vergangenheit erinnerte, nämlich an die Opernsängerin Irene Adler, war fest entschlossen, durchzuhalten, obwohl ihm die Seeluft gehörig zusetzte und er schon ziemlich müde war.

Dr. Watson konnte ebenfalls die Augen kaum mehr offen halten, er folgte aber Sherlock Holmes und war gewillt, weiter an seiner Seite auszuharren.

»Mrs. Watson lässt Sie grüßen«, sagte er zu Holmes.

»Soso. Und über welches technische Medium soll ihr das gelungen sein?« Holmes gab sich skeptisch.

»Über Funk natürlich. Per Telegramm. Zuerst von mir, dann die Antwort von Elsa. Der Funker, vor dessen Arbeitsplatz übrigens eine lange Schlange von Passagieren wartete, erzählte mir von den großen Fortschritten in der Nachrichtentechnik seit dem Jahr 1912. Die Grußbotschaften der Passagiere behinderten damals die eingehenden Warnungen vor Eisbergen. Der Funker versicherte mir, dass diese Fehlerquelle nun ausgeschaltet sei und dass es auf der Olympic ein eigenes System für die Passagiere gebe.«

»Lassen Sie Mrs. Watson von mir grüßen. Ich freue mich auf ein Wiedersehen auf meiner Heimfahrt in die South Downs. Falls ich diese je antreten werde.«

»Was meinen Sie damit, Holmes?«, erkundigte sich Watson erschrocken.

»Unsere Gegner werden sich soeben ihrer schwierigen, wenn nicht gar aussichtslosen Lage bewusst. Sie spüren den Bluthund, … ach entschuldigen Sie, Watson, die beiden Bluthunde, auf ihrer Spur und werden alles unternehmen, uns auszuschalten. Aber wir sind besser als die Gegner und werden triumphieren. Nicht wahr, Doktor?«

»Das hoffe ich doch sehr.«

Bald prangt, den Morgen zu verkünden,

Die Sonn' auf goldner Bahn –

Bald soll der finstre Irrwahn schwinden,

Bald siegt der weise Mann. –

O holde Ruhe, steig hernieder;

Kehr in der Menschen Herzen wieder;

Dann ist die Erd' ein Himmelreich,

Und Sterbliche den Göttern gleich. –

Als das Konzert gegen Mitternacht endete und John Watson sich in seine Kabine zurückgezogen hatte, begab sich Holmes noch auf das Promenadendeck. Der Himmel war klar, die Sterne leuchteten, der Mond nahm zu. Das Meer war so ruhig, dass sich das Licht des Mondes und der größeren Sterne darin spiegelte, in einer riesigen grauschwarzen, schimmernden Fläche, die den Detektiv an den Glanz von Mrs. Oldman-Smythes Diamanten erinnerte.

Ein Schrei, ein fürchterlicher Schrei, riss Holmes aus seiner Betrachtung. Mrs. Farland, die Witwe, die Bruce Ismay mit ihrem Zorn verfolgte, stürmte auf den Detektiv zu.

»Ich habe … ich habe einen Geist gesehen! Und sagen Sie nicht, dass ich wahnsinnig werde. Er stand vor mir so wie Sie jetzt, Mr. Holmes.«

»Beschreiben Sie die Erscheinung, Mrs. Farland.«

»Was gibt es da zu beschreiben. Er war es!«

»Wer?«

»Der Journalist. Mr. Conolly. Er kam mir entgegen, als ich meine Kabine aufsuchen wollte.«

»Glauben Sie an Geister, an Wesen, die noch nicht ins Jenseits eingegangen sind, die in einer Zwischenwelt hausen, bis Sie Ruhe finden?«

»Bisher nicht, Mr. Holmes. Obwohl …«

»Ja, Mrs. Farland?«

»Obwohl mir, seitdem ich mich auf diesem Schiff befinde, immer wieder mein Mann erscheint. Im Traum, als ob er leben würde. Ich bin so glücklich, ihn zu sehen. Und dann erwache ich und bin allein. Allein mit meinem Kummer und dem Hass auf mich selbst, dass es mir nicht gelungen ist, ihn an Bord des Rettungsbootes zu bringen, oder dieses zu verlassen und mit ihm gemeinsam zu sterben.«

»Wir alle sind keine Götter, die in jedem Augenblick ihres Lebens das Richtige tun«, sagte Holmes. »Und wenn wir die Unvollkommenheit der Welt betrachten, kommen uns selbst in Bezug der Unfehlbarkeit der Götter Zweifel. Erhebliche Zweifel.«

»Ich danke Ihnen, Mr. Holmes. Ihre Worte trösten. Es ist nicht leicht, alles allein bewältigen zu müssen.«

»Sehen Sie, Mrs. Farland, genau das ist es, was Ihnen diese Reise aufzeigt.«

»Was, Mr. Holmes?«

»Ich wiederhole Ihre Worte: Es ist nicht leicht, alles allein bewältigen zu müssen. Ich füge hinzu: Es ist nicht gut. Und es ist nicht gut, wenn Wut und Zorn die einzigen Gefühle im Leben einer Frau sind.«

»Ich werde darüber nachdenken. Danke!«, verabschiedete sich die trotz ihrer neunundfünfzig Jahre noch jugendlich wirkende Frau.

Den Vormittag des dritten Tages an Bord der Olympic verbrachte Holmes wieder in der Bibliothek, beschäftigt mit der Lektüre der Bordzeitung, die täglich neu gedruckt wurde.

Sie enthielt einen Überblick über das Weltgeschehen und Berichte über vergangene und künftige Ereignisse an Bord des Schiffes. Der Tod von Robert Conolly und der Verlust von Mrs. Oldman-Smythes Collier wurden nicht erwähnt. Sehr wohl aber enthielt die Zeitung eine Aufstellung der Passagiere, die an diesem Montag, dem 12. April, Geburtstag hatten, ohne Erwähnung des Alters, versteht sich.

Für den Nachmittag war eine Vernissage mit dem Titel Stimmungen der See von Mrs. Oldman-Smythe angekündigt, die um 15 Uhr vom Kapitän persönlich im Rauchsalon eröffnet werden sollte. Die Bibliothek war wiederum nur spärlich besucht. Außer Holmes waren noch drei Männer und zwei Frauen anwesend, und die beiden Mädchen Alice und Christine, dieses Mal ohne ihre Mütter. Sie saßen an einem der Tische, jede in ein Buch vertieft. Dicke Tränen liefen über Alices Wangen.

Holmes erhob sich aus seinem Ledersessel und begab sich zu der attraktiven Miss Ronstead, der etwa 60-jährigen Bibliothekarin mit den dunkelrot gemalten Lippen.

»Es ist nötig, mit den Mädchen zu sprechen. Aus verschiedenen Gründen. Ich werde flüstern und ersuche Sie höflich, nicht einzugreifen.«

Miss Ronstead schaute Holmes erstaunt an. »In diesem Fall werde ich mich für einige Zeit entfernen. Was Sie in dieser Viertelstunde hier machen, soll mein Problem nicht sein.«

»Ich danke Ihnen sehr.«

»Keine Ursache. Ich habe erfahren, wer Sie sind und dass Sie von Ihrem Biographen John Watson begleitet werden. Ich liebe seine Bücher, die über Ihre Fälle berichten. Ich habe alle in der Bibliothek aufgestellt. Denken Sie, es ist möglich, einen Leseabend zu veranstalten, bei dem Dr. Watson oder Sie, Mr. Holmes, aus den Büchern vorlesen?«

»Auf der Rückreise, Miss Ronstead, falls es uns vergönnt ist, diese anzutreten.«

»Ihr Wort?«

»Mein Wort.«

»Gut, dann überlasse ich Ihnen mein Reich für einige Zeit zu treuen Händen.«

Holmes begab sich zu den beiden Mädchen und stellte sich als der Detektiv Sherlock Holmes vor.

»Wenn ihr Sorgen oder Wünsche habt, wenn ihr ein Rätsel gelöst haben wollt, wendet euch an mich. Ich arbeite kostenlos für euch.«

Alice Harrison hob stumm ihren Kopf und wischte sich die Tränen von den Augen.

»Wer hat die Kette der komischen Malerin gestohlen?«, fragte Christine Reynolds.

»Ich bin der Täterin, oder dem Täter, auf der Spur. Ich glaube, dieses Rätsel wird bald gelöst.«

VERNISSAGE

»Wer war es?«, fragte das Mädchen den Detektiv und wirkte dabei gar nicht glücklich. »Wer hat den Edelstein der Frau gestohlen?«

»Du wirst doch nicht selbst dahinter stecken, Christine? Als Kopf einer Diebesbande?«

»Nein, ich schwöre, ich war es nicht«, beteuerte das blonde Mädchen und hatte Tränen in den Augen.

»Gut. Ich schenke dir Glauben. Was lest ihr, meine Damen, das euch so traurig macht?«

»Ich habe ein sehr spannendes Buch«, begann Christine, wurde dann aber verlegen.

»Arsène Lupin, der Meister der Diebe. Verdächtig, verdächtig«, murmelte Holmes. »Aber ich habe schon gesagt, dass ich von deiner Unschuld überzeugt bin. Und ein wirklich erfahrener Detektiv ändert seine Meinung nur im äußersten Notfall. In welches Buch hast du dich vertieft, Alice?«

Das Mädchen hielt einen Finger in das Büchlein, damit es nicht zuklappte, dann drehte sie es um, damit der Detektiv den Titel lesen konnte. A. E. Leary, Der stille Junge.

»Und was ist so traurig an dieser Geschichte, dass es dich zum Weinen bringt, Alice?« »Das Buch erinnert uns an Peter«, sagte Christine. »Peter. Ein Junge, den ihr beide gern habt.« Alice nickte heftig. »Peter Farland. Wir lernten ihn vor drei Jahren kennen. Er war schon fast erwachsen. Und so schön. Er hatte langes blondes Haar«, erzählte Christine. Dicke Tränen rollten aus Alices dunklen Augen. »Er kam bei dem Unglück ums Leben«, stellte Holmes fest. Beide Mädchen nickten und Alice barg ihr Gesicht in beiden Händen.

»Das ist eine wirklich traurige Geschichte, die auch mich fast zum Weinen bringt«, sagte Sherlock Holmes. »Was für eine schreckliche Katastrophe!«

»Wir haben seine Granny gesehen, aber …«

»Ihr habt noch nicht mit Mrs. Farland gesprochen?«

»Nein«, antwortete Christine. »Alice kann nicht mit ihr reden und ich habe es noch nicht gewagt. Sie ist so stolz, so abweisend. Schon bei der ersten Fahrt. Ihr Mann war viel freundlicher. Wir hatten viel Spaß mit ihm und Peter.«

»Seid ihr einverstanden, wenn ich euch zu einem Gespräch mit Mrs. Farland begleite?«

Christine zögerte, aber Alice nickte mehrmals und faltete bittend ihre Hände.

»Ich bringe euch zu ihr.« Holmes erhob sich. Alice eilte ihm nach, Christine folgte den beiden etwas zögernd.

Holmes klopfte an die Tür zu Hilda Farlands Kabine. »Zwei Damen würden gerne mit Ihnen reden, Mrs. Farland. Sie haben Ihren Enkel Peter gekannt und ihn sehr gemocht.«

Die schlanke Frau öffnete und in einer heftigen Bewegung hob sie beide Hände und hielt sie abwehrend gegen den Detektiv.

»Nein, bitte nicht«, flüsterte sie.

»Ich werde mich in dieses Gespräch unter Frauen nicht einmischen«, meinte Holmes, »und mich diskret zurückziehen.«

»Kommt herein, Mädchen«, sagte Mrs. Farland schließlich. »Wir können reden.«

Der Detektiv kehrte in die Bibliothek zurück, wo er sich an den Platz setzte, den die Kinder verlassen hatten. Er nahm das geöffnete Buch, das die Abenteuer des stillen Jungen erzählte, und begann zu lesen.

Sollte er oder sollte er nicht?

Peter, der Junge mit den langen blonden Haaren, stand wieder vor der uralten Eiche im Garten des mächtigen Mannes, in dem die Kinder so glücklich lebten. Sollte er sich dem verbotenen Baum, den ein böser Geist bewohnte, wie es in den Büchern hieß, nähern, oder sollte er das Verbot beachten und den Baum meiden?

Dieses Mal entschloss sich Peter – er war ein tapferer Junge, der vor nichts und niemandem Angst hatte –, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Was sollte schon passieren?

Er ging auf den alten Baum zu, hörte das leise Rauschen seiner spärlich gewordenen Blätter, berührte die raue Rinde des mächtigen Stammes.

Der Baum schien zu atmen, zu leben. Er schien gut zu sein.

Eine Öffnung, die in das Innere der Eiche führte, lud geradezu ein, hineinzuklettern.

Auch in der Höhle fühlte sich Peter wohl. Es war angenehm warm.

»Wer bist du? Was machst du hier?«, fragte eine tiefe Stimme.

Peter erschrak. Er dachte, die Eiche spreche zu ihm. Als er aber nach oben blickte, erkannte er die leuchtenden Augen eines Vogels. Sie gehörten zu einer Eule.

»Ich bin Peter. Ich gehöre zu den Kindern, die im Garten des mächtigen, weisen und gütigen Mannes wohnen.«

»Weise und gütig«, wiederholte der weiße Vogel mit verächtlichem Ton in der Stimme. »Das redet man euch ein. Willst du die Wahrheit wissen?«

Als Peter schwieg, wiederholte die Eule ihre Frage.

»Welche Wahrheit?«, fragte er schließlich etwas zaghaft.

»Die Wahrheit über den Alten.«

»Natürlich«, antwortete Peter.

»Ich bin so alt wie er, oder sogar älter. Ich kenne ihn von Anfang an. Und ich kann bestätigen, dass er sehr gescheit ist und auch mächtig. Er hat den Garten tatsächlich so geschaffen, wie er ist, mit Ausnahme dieses Baumes. Der ist älter als wir alle. Ja, der Mann ist mächtig, aber er ist nicht gütig und nicht weise. Er kann brutal sein, grob, und er hat schon getötet.«

»Was sagst du da?«

»Er hat im Zorn getötet.«

»Wen hat er getötet?«

»Das tut nichts zur Sache.«

»Aber …«

»Du hättest nicht hierher kommen sollen, wenn du die Wahrheit nicht erträgst.« »Aber …« Als die Eule schwieg, kletterte der Junge traurig aus dem Baum.

Auf dem Weg zu den anderen Kindern erkannte Peter mit einem Mal, dass die Eule recht hatte. Zum ersten Mal sah er tote Käfer, auch ein Reh lag reglos neben dem Bach. Und er erinnerte sich, dass immer wieder Kinder verschwunden und nie mehr zurückgekommen waren.

»Was ist los mit dir? Du schaust so traurig«, begrüßten ihn die Gefährten.

Der blonde Junge schwieg. Er spielte weiter mit ihnen, aber redete nicht mehr. Er wollte die anderen Kinder nicht beunruhigen.

Diese gewöhnten sich bald an das neue Verhalten ihres Freundes und nannten ihn den stillen Jungen.

Holmes hatte sich in den Zeilen dieses Buches verloren, als ihn die Stimme von Watson in die Gegenwart der Schiffsbibliothek zurückholte.

»Hier sind Sie, Holmes!«, sagte der Doktor mit einer für die Schiffsbibliothek beachtlichen Lautstärke. Als er die Bibliothekarin sah, die wieder ihren Platz eingenommen hatte, senkte er jedoch seine Stimme zu einem Flüstern und entschuldigte sich für die Störung.

»Sie dürfen alles, Dr. Watson«, beruhigte ihn die Bibliothekarin. »Ihr Freund Sherlock Holmes stellte mir in Aussicht, dass Sie auf der Rückreise einen literarisch-kriminalistischen Abend gestalten werden. Das heißt, dass Sie aus Ihren Romanen lesen und Sherlock Holmes einige Anmerkungen dazu abgeben würde.«

»So, also das überrascht mich wirklich. Mr. Holmes ist sonst nicht sehr angetan, im Zusammenhang mit meinen Romanen in Erscheinung zu treten. Obwohl dies natürlich die Verkaufszahlen heben würde.«

»Ich denke, die Bücher verkaufen sich auch so nicht schlecht«, unterbrach ihn Holmes. »Aber ich finde, im Falle von Miss Ronstead, der Hüterin der Ruhe und des geschriebenen Wortes auf diesem Luxusliner, ist eine Ausnahme durchaus angebracht. Darf ich nach Ihrem Vornamen fragen, Miss Ronstead?«

»Joyce. Joyce Alexandra Ronstead«, hauchte die Bibliothekarin.

»Wir sehen uns, Miss Joyce«, verabschiedete sich Holmes, der Watson auf den Gang folgte.

»Ich wollte Sie zur Vernissage abholen, nicht ahnend, dass ich Ihre delikaten Avancen störe«, erklärte Watson.

»Alles für die Lösung des Falles. Wie immer«, schmunzelte Holmes.

»Bis auf einige Ausnahmen.«

»Bis auf eine einzige Ausnahme. An die ich hier und heute nicht erinnert werden will. Sie haben den Fall Irene Adler weiß Gott in Ihren Romanen genug breitgetreten.«

»Da haben wir es wieder! Und nun wollten Sie den gegenwärtigen Fall, wohl einen der spektakulärsten Ihrer Karriere, von einem Journalisten dokumentieren lassen.«

»Hüten Sie Ihre Zunge, Watson, sonst lasse ich Sie festnehmen wegen Verdachts des Mordes an dem armen Mann. Mord aus schnöder literarischer Eifersucht.«

»Ja, wenn wir es beide nicht besser wüssten, bestünde die Gefahr einer solchen Verdächtigung. Ach, die Vernissage hat schon begonnen.«

»Wir versäumen nichts. Mrs. Oldman-Smythe ist mitten in ihrer Ansprache. Der Champagner ist noch in den Flaschen«, beruhigte Holmes seinen Begleiter, als sie die Empfangshalle betraten, an deren Wänden Bilder der Malerin hingen.

Eine kleine Gruppe von etwa dreißig Passagieren, angeführt von Kapitän Hayes, saß vor der Künstlerin, die in Beschreibungen der wilden Schönheit des Meeres schwelgte, während einige der anwesenden Damen und Herren schon sehnsüchtig auf die Lachs- und Kaviarbrötchen lugten, die sich gefällig zur Linken von Mrs. Oldman-Smythe türmten. Die Gläser und die Champagnerflaschen standen rechts von ihr.

»Das Meer, jene riesige Wasserfläche, die über zwei Drittel unseres Erdballs einnimmt, besitzt Sanftheit und Gewalt. Es gibt Leben, es tötet, es heilt und verstümmelt. Es ist Mutter, Vater, Gott und Teufel, Mann und Frau zugleich, wie alles Leben. In ewiger leidenschaftlicher Verbindung mit dem Wind und der Sonne wechselt es sein Aussehen von Minute zu Minute. Mal zeigt es sich unbewegt, unergründlich, dann wieder spielerisch. Ich habe in meinem Testament festgelegt, dass ich nach meinem irdischen Hinscheiden für immer mit diesem Element verbunden sein will. Ich habe verfügt, dass meine Asche ins Meer …«

»Ihre Bilder sind gar nicht so schlecht wie das, was sie darüber sagt«, flüsterte Holmes dem Doktor zu.

»Das ist bei Vernissagen leider so üblich«, meldete sich Bruce Ismay ebenfalls leise zu Wort. »Die Bilder sind wirklich gut. Die roten Punkte an den Rahmen zeigen, welche Gemälde schon verkauft sind.«

»Vier«, flüsterte Holmes. »Beachtlich. Und das schon vor Beginn der Ausstellung. Da wird sie sich bald eine neue Kette kaufen können.«

»… darauf hinweisen, dass sämtliche meiner Bilder zu erwerben sind, außer denen, die schon Interessenten gefunden haben. Ich möchte meine Schöpfungen, die wie Kinder für mich sind, jedem einzelnen von Ihnen ans Herz legen. Die Preise sind nicht niedrig, aber Sie erwerben damit nicht nur eines meiner Gemälde, sondern auch mein spezielles Wohlwollen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.«

Kapitän John Hayes las von einem kleinen Zettel eine fertige Rede über die Rolle der Kunst an sich ab. Sie klang, als ob er sie schon öfter gehalten habe.

»Es gibt da einen Ausspruch des französischen Schriftstellers Bruyère: Es ist ein Unglück, nicht genug Geist zu haben, um eine Rede zu halten und nicht genug, um zu schweigen. Ich hoffe, er ist als Kapitän etwas begabter«, brummte Holmes und ergriff ein Champagnerglas, das ihm ein Kellner reichte. Dann wandelte er mit den übrigen Gästen der Ausstellungseröffnung von Bild zu Bild und betrachtete wohlgefällig jene Aquarelle, die keine Gegenstände mehr zeigten, die nur aus Farbe und Stimmung bestanden.

Besonders lang verharrte der Detektiv vor einem Gemälde, das seiner Thematik wegen aus der Reihe der restlichen Bilder hervorstach. Es zeigte kein Wasser, keine Wolken und kein Schiff, sondern einen blühenden Kirschzweig.

Ein roter Punkt am Rahmen zeigte Holmes, dass das Bild bereits einen Abnehmer gefunden hatte.

Beim Abendessen attackierte Mrs. Farland erneut den Eigentümer der Schifffahrtslinie, Mr. Bruce Ismay. Dieser gab sich betroffen und schwieg, was den Zorn der Witwe deutlich abkühlte.

Sherlock Holmes erkundigte sich inzwischen bei John Hatter, dem Mann, der für die Royal-Maritime-Versicherung ein Netz von Funkkontakten errichtet hatte, wie weit der Schiffsfunk der Olympic reiche.

»Ich habe mich aus beruflichem Interesse für das Nachrichtensystem der Titanic interessiert. Sicherlich wurde dieses in den drei Jahren, die seither vergangen sind, weiterentwickelt«, beantwortete der Mann die Frage.

»Und wie sah dieses konkret aus?«, erkundigte sich Sherlock Holmes weiter.

»Die Titanic konnte über 350 bis 400 Seemeilen senden und empfangen. Bei besonders günstigen Bedingungen, besonders des Nachts, sogar bis zu 2.000 Meilen.«

»Das Problem bei der Titanic war«, schaltete sich Bruce Ismay in das Gespräch ein, froh darüber, auf ein anderes Thema zu kommen, »dass 1912 die Funktechnik erst in ihren Anfängen steckte und wir sie der Erzeugerfirma der Geräte, der Firma Marconi, überließen, die auch das Personal stellte. Das war einer der Gründe, warum die Kommunikation zwischen Funkstation und Kommandobrücke bei den Eiswarnungen nicht ideal funktionierte.«

»Die Namen der Funker von damals tauchen nicht in der Mannschaftsliste auf«, bemerkte Sherlock Holmes.

»Nein. Das überließen wir der Firma. Das ist, wie gesagt, heute anders. Wir haben auf der Olympic unsere eigenen Leute. Wenn Sie Interesse haben, organisiere ich eine Führung durch den sogenannten Bauch des Schiffes. Für mich ist das immer wieder ein gewaltiges Erlebnis.«

Holmes, Watson, Mrs. Vera Oldman-Smythe, John Hatter und Mr. Harrison, Alices Adoptivvater, meldeten sich zu dem Rundgang in Bereiche des Dampfers, die den Passagieren sonst nicht zugänglich waren. Auch Graham Hornby, der Juniorchef der Northern Steamships, Bruce Ismay und die Smith-Brüder schlossen sich an. Linda Hornby, die Tochter von J. P. Morgan, entschuldigte sich wegen heftiger Kopfschmerzen. Für eine Frau in den Flitterwochen wirkte die 22-Jährige wahrlich unglücklich.

»Der technische Bereich des Schiffes sowie die Laderäume nehmen die untersten drei Etagen ein. All dies ruht auf einem Doppelboden. Am gewaltigsten erscheinen die drei Vierzylinder-Kolben-Dampfmaschinen, deren Abdampf in eine Parsonsturbine geleitet wird, die über Schraubenwellen die drei Schiffsschrauben antreibt. Die Energie stammt von Heizkesseln, die mit Kohle befeuert werden.«

Hitze, Lärm, das Geschrei halbnackter, mit Kohlestaub und Öl bedeckter Männer empfingen die Besucher des Rundganges.

»Die Olympic«, erklärte der Kapitän weiter, »hat ein gewaltiges Kohlenlager für insgesamt 6.700 Tonnen. Wir verbrennen in 29 Kesseln mit 159 Feuerungen an die 640 Tonnen Kohle am Tag.«

»Die Männer haben komfortable Quartiere«, erklärte Bruce Ismay. »Wir haben zwei Mannschaften, die einander abwechseln, so dass genügend Zeit für Reinigung, Nahrungsaufnahme und Erholung bleibt.«

»Es erinnert mich von der Hitze und den Gerüchen her an Beschreibungen der Hölle. Eine faszinierende, aber Furcht erregende Welt«, sagte Mrs. Oldman-Smythe.

»Würde es Sie nicht reizen, die Unterwelt der Olympic zu malen?«, erkundigte sich Dr. Watson.

»Eine phantastische Idee, die durchaus etwas für sich hat«, kam die Antwort der Künstlerin.

Es folgten die Laderäume, der Postraum, die Kohlelager und Heizkessel, die Kolben-Dampfmaschinen, die Turbine, Provianträume mit Frischwassertanks, Schraubenwelle, Ersatzteillager, Propeller und Ruder am Heck des Dampfers. Die Gesamtlänge der Olympic vom Bug bis zum Heck betrug an die 886 Fuß.

»Alles was mit Navigation, aber auch mit Be- und Entladung zu tun hat, befindet sich in den obersten Etagen des Schiffes, von den Ladekränen über das Krähennest, die Kommandobrücke, den Funkraum bis hin zum Kompass«, bemerkte der Kapitän zum Abschluss des eineinhalbstündigen Rundgangs durch den Rumpf des Schiffes. »Vielleicht ergibt sich auf dieser Reise noch die Möglichkeit, Ihnen auch in diesen Teil des Schiffes Einblick zu geben.«

Als Holmes in seine Suite zurückkehrte, wurde er von einem Steward erwartet. Der Mann hatte es sich auf der Couch bequem gemacht. Auf dem Tisch stand ein leeres Whiskyglas.

»Der Bräutigam verbrachte die Nacht mit der Malerin«, teilte er Holmes mit.

»Sie meinen, Graham Hornby suchte die Kabine von Mrs. Oldman-Smythe auf.«

Der Steward nickte.

Der 13. Juni, ein Dienstagmorgen, machte einem Unglückstag alle Ehre. Mrs. Vera Oldman-Smythe war nicht zum Frühstück erschienen. Die Stewards fanden sie auch nicht in ihrer Kabine. Die Männer durchkämmten das Schiff systematisch von ganz oben nach unten, konnten aber außer der verlassenen Staffelei auf dem Promenadendeck mit einem unvollendeten Gemälde der nun immer stürmischer werdenden See keine Spur von Mrs. Oldman-Smythe entdecken.

»Frau über Bord«, hieß es daher. Die Malerin, die schon am frühen Morgen zu arbeiten begonnen hatte, musste in den Atlantik gestürzt und dort umgekommen sein.

Sherlock Holmes und Dr. Watson untersuchten die Stelle auf dem Promenadendeck, wo der Klappstuhl und das letzte Bild der Künstlerin standen.

»Der Seegang ist nicht schuld an Mrs. Oldman-Smythes Verschwinden«, stellte der Detektiv fest. »Staffelei und Stuhl stehen unverrückt nebeneinander. Ich vermute einen kräftigen Mann hinter dem Anschlag, einen Mann, der Mrs. Oldman-Smythe über die Reling katapultierte, was bei der etwas fülligen Dame durchaus einer beachtlichen sportlichen Leistung entspricht.«

»Mehr haben Sie dazu nicht zu sagen, Holmes?«, fragte Watson.

»Doch. Sie fehlt mir in ihrer Aufgewühltheit und Unruhe. Eine Frau, die glaubte, das eigentliche Leben stünde noch bevor, eine rastlose Kämpferin für das eigene Wohlbefinden. Andererseits verkündete sie öffentlich ihren Wunsch, eines Tages ihre Asche in das Meer zu streuen, und dem kommt die Tatsache, dass sie über Bord ging, doch ziemlich nahe.«

»Was für ein Nachruf!«, kritisierte der Doktor indigniert.

»Wenn Sie sich selbst äußern wollen, Watson, dann tun Sie es. Ich lausche Ihren Worten mit Interesse.«

»Möge ihr Ende nicht allzu schrecklich gewesen sein. Möge Gott sie in sein Reich aufnehmen!«, sagte Watson.

»An Ihnen ist ein Pastor verloren gegangen«, brummte Holmes. »Und nun nehme ich mir die Kabine der Verschollenen vor.«

Der Detektiv untersuchte in Kabine 23-C jedes Detail aus dem Gepäck der Malerin, besonders ihre Schreibutensilien und Briefe, fand aber nichts Außergewöhnliches. Als der Kapitän ihm mitteilte, dass im Tresorraum des Schiffes eine Kassette aus dem Besitz von Mrs. Oldman-Smythe aufbewahrt wurde, bat Holmes, ihm diese zu überlassen. Der Detektiv benötigte über eine halbe Stunde, das Schloss des Stahlbehälters zu öffnen. Darin befanden sich Ringe, Ohrgehänge und Ketten von beträchtlichem Wert. Auf einem Briefumschlag standen die Worte: Zu öffnen im Falle meines Todes.

Holmes dachte an ein Testament und brach das Siegel. Im Kuvert steckte ein einziges Blatt Papier, auf das die Malerin die Worte einer Bibelstelle geschrieben hatte.

Dies sind die Namen der Helden Davids: Jasobeam, der Sohn Hachmonis, ein Vornehmster unter den Rittern; er hob seinen Spieß auf und schlug achthundert auf einmal. Nach ihm war Eleasar, der Sohn Dodos, des Sohnes Ahohis, unter den drei Helden mit David. Nach ihm war Samma, der Sohn Ages des Harariters.

»Ein interessanter Hinweis«, fand der Detektiv, dann wandte er sich mit einer Bitte an den Kapitän. »Damit auf der weiteren Reise auf diesem Schiff nicht noch mehr tragische Ereignisse eintreten, muss ich ein Gespräch mit Mr. Ismay führen. Könnten Sie ihn bitte zu mir schicken lassen?«

Sherlock Holmes bat Bruce Ismay dringend, seine Suite aufzugeben und in die Kabine des Detektivs zu ziehen. Ohne Aufsehen und ohne, dass sonst jemand davon erfuhr.

»Und Sie verlassen den Raum nur in meiner Begleitung.«

»Warum diese Vorsichtsmaßnahme, Mr. Holmes? Ich fühle mich nicht gefährdet. Außer der unglücklichen Frau, die ihren Mann und ihren Enkel verlor, hat kein Passagier mich in irgendeiner Weise beschimpft. Und ich glaube nicht, dass Mrs. Farland zu einer Gewalttat fähig ist.«

»Es ist Ihre Entscheidung, Mr. Ismay. Ich habe Gründe, Ihnen diesen Vorschlag zu machen«, sagte Holmes ruhig.

»Dann werde ich selbstverständlich Ihrem Wunsch nachkommen.«

Beim dritten Abendessen der Erinnerungsfahrt gedachte die Tischgesellschaft des zweiten Menschen, der ihnen auf dieser Fahrt abhanden gekommen war. Dennoch nahm der Abend rasch den üblichen Verlauf. Man genoss ein erlesenes Mahl, begleitet von den Weisen der Bordkapelle.

Und Mrs. Farland startete einen ihrer schon zur Gewohnheit gewordenen Angriffe auf Bruce Ismay. »Was Sie an Unglück über so viele Menschen gebracht haben, durch Ihre Gier. Am liebsten würde ich Sie ohrfeigen!«, zischte sie diesem beim Abendessen zu.

»Darf ich Sie, Mrs. Farland, und Sie, Mr. Ismay, zu einem Gespräch in meinem Beisein in den Rauchsalon bitten?«, unterbrach Mr. Holmes die Tiraden der Frau. »Nach dem Abendmahl. Ich denke, es gibt viel zu sagen, und ich werde darauf achten, dass keiner die Grenzen des anderen überschreitet. Ich für meinen Teil – und wenn Sie damit einverstanden sind, dass mich Doktor Watson begleitet – erhoffe mir von der Aussprache einen Eindruck von der Gewalt des Unglücks, das die Titanic traf. Etwas, das auch meine Vorstellungskraft übersteigt.«

»Ich bin dazu bereit«, sagte Bruce Ismay. »Es ist mir ein Bedürfnis, endlich meine Sicht der Ereignisse darstellen zu können. Ich möchte jedoch zwei weitere Gesprächsteilnehmer einbinden, die Brüder des Kapitäns der Titanic, Reginald und Bertram Smith.«

»Von meiner Seite besteht kein Einwand dagegen«, meinte Holmes. »Ich begrüße es, die beiden Herren näher kennenzulernen.«

»Ich werde kommen, auch wenn es mir schwerfällt, besonders nach der berührenden Begegnung mit den beiden Mädchen, die meinen Enkel noch in so lieber Erinnerung haben.«

Mrs. Farland brach in Tränen aus und Watson reichte ihr ein Taschentuch.

FRAUEN UND KINDER ZUERST

»Frauen und Kinder zuerst«, sagte Mrs. Farland im Rauchsalon des Schiffes. »Jedes Mal, wenn ich diese Worte höre, glaube ich den Verstand zu verlieren. Frauen und Kinder zuerst. Man stieß mich in eines der Rettungsboote. Ich musste zusehen, wie mein Mann und mein Enkel weggedrängt wurden. Peter, schrie ich, Peter ist doch ein Kind. Wo ist Peter? Peter wurde mit seinen dreizehn Jahren als zu alt empfunden und durfte nicht im Rettungsboot bleiben, obwohl es nur halb voll war. Ein hässliches Durcheinander, die Hölle. Ich habe noch den unangenehmen Körpergeruch jener Frau in Erinnerung, die mich schlug, als ich wieder an Bord der Titanic zu meinem Mann, zu Peter, zurückwollte.«

»Auch ich wollte nicht gerettet werden«, meldete sich Joseph Bruce Ismay zu Wort. »Ich wollte mit dem Schiff untergehen. Mit meinem Schiff. Ein Matrose warf mich wie ein Gepäckstück in weitem Bogen in das Rettungsboot, dass ich vor Schmerz aufschrie …«

»Ich bitte Sie, verschonen Sie mich mit Mitleid heischenden Reden«, unterbrach ihn Mrs. Farland. »Einer der Hauptgründe, warum die Katastrophe derartige Ausmaße annahm, lag in der Tatsache, dass die Titanic nicht genügend Rettungsboote mit sich führte.«

»Das stimmt«, bestätigte Mr. Ismay. »Darf ich Ihnen aber den Grund dafür in aller Ruhe, aus meiner Sicht, darstellen?«

Mrs. Farland nickte stumm.

»Die Erbauer der drei Schiffe, der Titanic, der Olympic und der Britannic, beschritten natürlich mit dem Entwurf dieser größten Schiffe der Welt Neuland. Es waren aber nicht die ersten Passagierdampfer, die sie bauten. Harland & Wolff war eine erfahrene Werft. Jemand anderen hätte ich auch nicht damit beauftragt. Und diese Männer versicherten mir, dass es nichts auf der ganzen Welt geben könnte, das diesen Giganten aus Stahl gefährden könnte. Kein Sturm, kein Leck. Das Schiff sei absolut unsinkbar. Die Titanic, behaupteten sie, sei ihr eigenes Rettungsboot. Nun, ich glaubte den Aussagen der Ingenieure und beging den fatalen Fehler, nicht 64 Rettungsboote auf dem obersten Deck platzieren zu lassen, sondern nur 20. Ich wollte den Passagieren, die unser Schiff benutzten, beweisen, wie sicher es sei. Und ich wollte die Sicht der Passagiere vom Promenadendeck auf das Meer nicht durch zu viele Boote beeinträchtigen.«

»Sie Narr, Sie verdammter Narr«, beschimpfte ihn Mrs. Farland.

»Ja, Sie haben recht. Im Nachhinein teile ich Ihre harte Meinung. Ich kann zu meiner Verteidigung nur wiederholen, dass ich sicher war, das Schiff sei unverwundbar.«

»Wie haben Sie den Abend des 14. April 1912 erlebt, Mr. Ismay?«, fragte der Detektiv.

»Ja, das würde mich auch interessieren«, sagte Mrs. Farland.

»Wie jeder andere Passagier. Ich aß zu Abend mit meinen Mitarbeitern Mr. Fry, William Harrison und Ernest Freeman, und ich besprach mich mit Kapitän Smith. Die Fahrt verlief ungestört. Smith hatte, weil in diesem Jahr von ungewöhnlich großen Eisfeldern die Rede war, eine Route gewählt, die noch weiter südlich verlief, als dies üblich war. Das Meer war völlig unbewegt an diesem Abend, der Himmel sternenklar. Der Mond schien nicht. Es war Neumond.«

»Unser Bruder war ein erfahrener Seemann. Es ist auszuschließen, dass er das Unglück verursachte«, meldete sich Reginald Smith erstmals zu Wort.

Sein Bruder ergänzte: »Edward war seit 1880 bei der White Star Line, immer wieder auf Kurs nach New York. Sommer wie Winter. Kapitän wurde er 1887. Er arbeitete für die Navy im Burenkrieg.«

»Kein Zweifel, meine Herren«, sagte Bruce Ismay, »Edward John Smith war der erfahrenste Kapitän der White Star Line. Und genau das war der Grund, warum ich ihm das Kommando übertrug. Er ist in meinen Augen nicht schuld an der Katastrophe.«

»Wer dann? Wer ist schuld daran?«, fragte Mrs. Farland aufgebracht.

»Es gibt Verkettungen von unglücklichen Ereignissen, die letztlich zu schrecklichen Resultaten führen, ohne dass einzelne Menschen daran schuld sind.«

»Das sehe ich in diesem Fall nicht so«, sagte Sherlock Holmes und schloss eine Frage an: »Gab es Warnungen vor dem Eis, Mr. Ismay?«

Die Augen des Reedereibesitzers hatten einen traurigen Ausdruck angenommen, sein Schnurrbart hing kraftlos nach unten, als er zu erzählen begann: »Ja, die gab es. Andere Schiffe warnten vor einem Eisfeld, die Wassertemperatur war von plus sechs Grad auf Minusgrade gesunken. Kein Grund für Bedenken meinerseits, damals. Der Kapitän war erfahren, das Schiff ein Gigant. Und dann kam alles ganz, ganz anders. Auf der Titanic war es ruhig geworden an diesem schrecklichen Tag. Die letzten Passagiere bereiteten sich auf die Nachtruhe vor und auch ich hatte mich in meine Suite zurückgezogen. Das Schiff pflügte durch das Wasser.«

»Mit einer unverminderten Geschwindigkeit von 22 Knoten. Ohne Suchscheinwerfer und Ferngläser an Bord, wie die Journalisten der Gazette berichteten, als sie noch am Leben waren«, sagte Holmes.

»Ja, ja, all das ist richtig. Man darf aber nicht mit dem Wissen, das man heute, nach der schrecklichen Katastrophe, besitzt, an die Sache herangehen.«

»Erzählen Sie weiter, Mr. Ismay.«

»Es war kaum etwas zu spüren, als die Titanic mit dem Eis kollidierte, obwohl die Verwundung tödlich war. Zehn Fuß über dem Kiel, 290 Fuß lang. Meerwasser drang in den Kesselraum ein. Die schlafenden Passagiere wurden von dem schleifenden Geräusch nicht einmal geweckt.«

»Und Sie, Mr. Ismay?«, fragte Dr. Watson.

»Ich ahnte, dass etwas Bedeutsames geschehen war. Ich sah Eis vor dem Bullauge. Das Ausmaß der kommenden Katastrophe jedoch war mir nicht bewusst. Ich eilte zur Kommandobrücke, um dem Kapitän und seinen Offizieren beizustehen. Der Kapitän hatte sich entschlossen, mit halber Geschwindigkeit weiterzufahren. Man wollte dem Eisfeld ausweichen.«

»Ein schrecklicher Fehler«, meinte Holmes.

»Aus heutiger Sicht, ja. Durch die Bewegung gelangte immer mehr Wasser in das Schiffsinnere.«

»Mein Mann und ich erwachten nicht wegen eines Stoßes, sondern weil plötzlich absolute Stille herrschte. Das Schiff bewegte sich nicht mehr«, berichtete Hilda Farland. »Nur Peter schlief fest.«

»Wir hatten keine Ahnung, in welchem Ausmaß die Titanic beeinträchtigt war«, erklärte Mr. Ismay. »Ein Offizier war von seinem Rundgang zurückgekehrt und berichtete, dass das Schiff unversehrt sei. Wir konnten ihm keinen Glauben schenken. Also befahl ihm der Kapitän, die Inspektion zu wiederholen und begab sich selbst auf Tour. Thomas Andrews von Harland & Wolff und ich begleiteten ihn dabei. Kurz nach Mitternacht teilte uns Andrews mit, dass die Titanic sinken würde. Aber warum, fragten wir ihn, die Titanic galt als unsinkbar. Sie wird sinken, wiederholte Andrews, und Kapitän Smith begann die nötigen Schritte zu unternehmen. Rettungsboote klar machen, Reisende wecken und ihnen befehlen, die Korkwesten anzulegen.«

»Erst eine Viertelstunde nach Mitternacht ging der erste Hilferuf vom Schiff aus. Warum dauerte dies so lange?«, fragte Holmes.

»Sie haben sich detailliert mit den Berichten beschäftigt«, sagte Mr. Ismay.

Holmes nickte nur stumm und wartete auf eine Antwort. Als die nicht kam, wiederholte er seine Frage: »Warum kam der erste SOS-Ruf so spät?«

»CQD. Come quick, danger, und SOS«, sagte der Reedereibesitzer und fuhr stotternd fort: »Weil … ach, ich kann es nicht sagen. Es hat vermutlich mit der Psyche eines stolzen Kapitäns zu tun, der nicht glauben konnte, was da los war.«

»Tödlicher Dilettantismus. Erwachsene Männer, die sich wie kleine Jungs beim Indianerspiel aufführen. Unerträglich!«, schimpfte Mrs. Farland.

»Aber das ist doch nicht wahr!«, wehrte Bruce Ismay den Angriff ab. »Jeder Einzelne gab sein Bestes in der ausweglosen Situation. Die Titanic konnte nur deswegen die Funksprüche abgeben, weil die Heizer die Anweisung hatten, die Stromversorgung unter Einsatz ihres Lebens aufrecht zu erhalten. Und diese Anordnung kam von Kapitän Smith.«

»Was hat es mit dem Brand in einem der Kohlebunker auf sich, von dem die Journalisten berichteten, Mr. Ismay?«, fragte Holmes.

»Ein an sich nicht unüblicher Vorfall. Man versucht möglichst schnell zum Brandherd vorzudringen und verfeuert das glühende Material.«

»Evans und Conolly behaupteten, dass es diesen Schwelbrand vom Beginn der Reise an gegeben hatte. Er wurde bereits in Southampton entdeckt und ist einer der Gründe, warum das Schiff ständig mit Volldampf unterwegs war.«

»Es war nicht so dramatisch«, beschwichtigte Mr. Ismay.

»Und dann standen nur zwanzig Rettungsboote für die 2.208 Passagiere und Besatzungsmitglieder bereit, die sich auf dem Dach des Dampfers sammelten, wo die Rettungsboote hingen«, sagte Holmes.

»Der lange Zug der Menschen zu den Booten verlief dem Luxusliner angemessen ruhig und diszipliniert. Doch dann begann die eigentliche Katastrophe. Das Chaos, die Angst der Menschen. Gier und Angst. Gemeinheit und Heldentum«, sagte Mrs. Farland. »Das Bereitstellen der Boote erfolgte geordnet, wenn auch mit Schwierigkeiten. Zwei der Rettungsboote funktionierten nicht und blieben oben. Ein Glück wenigstens, dass das Meer ruhig war. Neben all dem Elend habe ich vor allem eine Erinnerung. Die Musiker der Bordkapelle waren an Deck gekommen und spielten, um uns zu beruhigen. Es klang heiter. Dann wurde das erste Boot hinuntergelassen, sieben Etagen weit, bis zum Wasser. Es war nicht ganz voll und Männer waren dabei. Verdammt, dachte ich mir. Warum wird ein Boot hinuntergelassen, das nicht voll besetzt ist? Warum übernahmen Sie nicht das Kommando, Mr. Ismay? Es fehlte eine ordnende Hand.«

»Wir hatten Angst, die Boote würden kippen, wenn sie voll besetzt wären. Wir mussten anfangs vorsichtig sein. Aber missverstehen Sie mich nicht, Mrs. Farland, ich will mich nicht verteidigen. Es ist unverzeihlich, was geschah. Meine eigene Erklärung, um nicht verrückt zu werden, ist die, dass wir mit unserem Schiff am Beginn einer Entwicklung standen, am Beginn dieses Jahrhunderts, und Lehrgeld zahlen mussten für die Zukunft.«

»Ich halte diese Aussage für unerträglich. Sie mussten gar nichts zahlen. Wir Passagiere zahlten zuerst mit Geld, dann mit dem Leben der liebsten Angehörigen«, fauchte Mrs. Farland.

»Ich gebe Ihnen wieder recht. Und ich nehme mich nicht aus von denen, die an ungeheuren Fehlern Schuld tragen. Es wurden zum Beispiel nicht alle Passagiere geweckt.«

Holmes wandte ein: »Nach den Artikeln von Conolly und Evans konzentrierte man sich zuerst auf die Rettung der Passagiere der ersten Klasse.«

»Es gab keinen Notfallplan, weil ein Notfall undenkbar war«, erklärte Bruce Ismay.

Mrs. Farland setzte fort: »Als das Schiff mit dem Bug immer tiefer ins Eiswasser tauchte, als sich alles auf dem Schiff in Schräglage befand, wurde mir klar, wie ernst die Lage war. Mein Mann hatte mich bisher beruhigt, der Junge wirkte gefasst, fast interessiert. Er plauderte mit den beiden Mädchen, die ihn so anhimmelten. Er wollte unerschrocken wirken. Ich muss gestehen, ich dachte, es seien Rettungsboote für alle vorhanden, und wir müssten nur geordnet warten, und alles werde gut. Signalraketen wurden in den sternenklaren Himmel abgefeuert und erhellten die Umgebung des Schiffes. Die Musikkapelle spielte weiter. Das zweite Boot wurde halb leer zu Wasser gelassen. Viele Frauen wollten nicht, dass ihre Männer allein zurückblieben, und Männer durften nicht mehr an Bord. Da schleuderte mich ein Mann aus der Besatzung mit voller Brutalität in das nächste, das dritte Boot. Seine Augen funkelten vor Zorn. Ihr werdet alle ersaufen, aus lauter Dummheit!, schrie er mit irischem Akzent. Peter!, rief ich. Peter ist ein Kind. Und dann wurde auch mein Enkelsohn in das Boot gestoßen, gemeinsam mit den beiden Mädchen. Ein Mann hat nichts im Boot zu suchen!, schrie ein erwachsener Mann, der schon im Boot war. Und er packte Peter an seinen langen blonden Haaren und schleuderte ihn in weitem Bogen auf das Schiff zurück, wo ihm mein Mann auf die Beine half.«

Alle schwiegen, jeder mit der Verarbeitung dessen beschäftigt, was Mrs. Farland soeben erzählt hatte. Es war unfassbar. Unerträglich.

Mit heiserer Stimme fuhr schließlich Bruce Ismay fort: »Wenigstens wurden die Passagiere der ersten Klasse nicht gegenüber den Zwischendeckleuten bevorzugt. Die fünf Millionäre an Bord kamen alle ums Leben: Colonel Astor, Benjamin Guggenheim, Charles Hays, George Widener, John Thayer.«

»Wie gelangten Sie selbst in eines der Rettungsboote?«, fragte Mrs. Farland.

»Ich war fest entschlossen, auf dem Schiff bis zum Ende auszuharren, als ich einen heftigen Stoß verspürte und im nächsten Moment in einem Boot landete, das bereits zu Wasser gelassen wurde. Es war das 15. Rettungsboot. Ich konnte nicht zurück auf das Schiff, ich konnte mich nicht um meine drei Begleiter kümmern, also tat ich trotz der Schmerzen in meinem linken Knie, mit dem ich nach dem tiefen Sturz auf Holz aufgekommen war, was ich konnte. Ich ergriff eines der Ruder und begann, unterstützt von einigen Männern der Besatzung, mit dem Boot vom Schiff, das sich in beträchtlicher Schieflage befand, weg zu rudern, um nicht im Sog der sinkenden Titanic in die Tiefe gerissen zu werden. Die Bewegung gegen die schneidende Kälte der Nacht tat gut. Das Schiff sank weiter. Und ich lebte. 109 Frauen, 52 Kinder kamen im Meer ums Leben. Von den Männern ganz zu schweigen, von denen nur 338 überlebten.«

»Davon 192 Männer der Besatzung«, bemerkte Holmes trocken.

»Mehr als 68 Prozent der Menschen an Bord starben«, sagte Joseph Bruce Ismay. »Wir entfernten uns vom Schiff, von dem wir noch die Band spielen hörten. Und ringsum keine Lichter anderer Schiffe. Keine Rettung in Aussicht. Obwohl sich die Carpathia bereits auf Kurs befand. Ich will nicht daran denken, was mit den Menschen geschah, die im Schiff zurückblieben. Dann sahen wir in der Entfernung, wie sich das Heck der Titanic aus dem Wasser hob. Das Schiff drehte sich wie eine Schraube in das tiefschwarze Wasser, rötlich beleuchtet von den Lichtmaschinen, die noch immer arbeiteten. Menschen fielen ins Meer, mit und ohne Schwimmwesten. Einer der Schlote riss aus seiner Verankerung und stürzte ins Meer, wo Menschen um ihr Leben kämpften, und erschlug sie. Die Höllenfahrt der Titanic hatte begonnen.«

»Ich schlage vor, Sie machen eine Pause«, schlug Doktor Watson dem schweißnassen Joseph Bruce Ismay vor. »Es ist zu schrecklich, was Sie zu berichten wissen.«

»Ja, gönnen Sie sich etwas Ruhe«, sagte Mrs. Farland in versöhnlichem Ton. Sie streckte ihre rechte Hand aus und legte sie beruhigend auf die von Bruce Ismay. Dieser atmete tief durch und begann zu weinen.

Die Brüder Smith entfernten sich schweigend.

Als der Detektiv mit Joseph Bruce Ismay in die Kabine zurückkehrte, wartete erneut der Steward auf ihn. Er berichtete: »Sie hatten recht, Mr. Holmes. Die Kette ist dort, wo Sie sie vermuteten.«

»Gute Arbeit, Conolly«, bedankte sich Holmes.

Der Journalist Robert M. Conolly legte die Uniform eines Schiffsstewards ab. Er teilte sich einen Raum mit Bruce Ismay in Holmes' Kabine.

»Wie fühlen Sie sich heute Abend, Conolly?«, erkundigte sich der Detektiv.

»Ausgezeichnet. Die Kur, die mir Dr. Watson verschrieben hat, greift. Die Blutungen haben aufgehört. Es geht voran.«

»Das freut mich zu hören. Watson wird noch vorbeikommen und Sie untersuchen. Aber nun zur Planung des morgigen Tages. Die Katastrophe der Titanic begann kurz vor Mitternacht des 14. Aprils. Wir werden eine Gedenkzeremonie abhalten, an den Rettungsbooten, um Mitternacht. Mit Bordmusik und Geistlichem, und alle entscheidenden Personen dazu einladen. Es wird, so wie vor drei Jahren, der Augenblick der Wahrheit sein. Ich gebe eines zu bedenken, Mr. Conolly: Es gibt Menschen, die diesen Augenblick der Wahrheit hinter sich haben, die wissen, wie sie sich in einer dermaßen entscheidenden Situation verhalten, wofür sie sich entscheiden. Mr. Ismay weiß es. Er hat in die Tiefen seines eigenen Wesens und in das vieler anderer Menschen geblickt. Im Gegensatz zu Ihnen. Und ich denke mir, dieses große Ereignis lässt sich symbolisch wiederholen.«

»Es bedeutet eine große seelische Belastung«, wandte Mr. Ismay ein. »Viele werden fernbleiben.«

»Das ist möglich. Muss aber nicht sein. Auf jeden Fall gibt uns das Verhalten entscheidender Personen an Bord dieses Schiffes wichtige Hinweise.«

»Sie wissen, was sich hinter der Katastrophe der Titanic verbirgt?«, fragte Conolly.

»Ich ahne was und wer dahintersteckt.«

»Könnten Sie uns einen Hinweis geben? Damit wir nicht völlig überrascht werden.«

»Ich habe Sie beide, meine Herren, in Sicherheit gebracht, und wache abwechselnd mit meinem Freund Watson über Ihr Leben. Das sollte genügen«, gab sich der Detektiv verschlossen. »Ich kann momentan nur so viel verraten: Zwischen dem Bräutigam, zwischen Graham Hornby und der Malerin bestand eine interessante Verbindung.«

»Ich verstehe nicht, was Sie meinen, Holmes«, gab sich Watson ratlos.

»Erklären Sie es dem Doktor, Mr. Conolly«, bat der Detektiv.

»Nun. Ich hatte den Auftrag von Mr. Holmes, nach meinem Hinscheiden in der Uniform eines Stewards verschiedene Beobachtungsaufträge zu übernehmen. Eine davon bezog sich auf die Kabine von Mrs. Oldman-Smythe. Gott hab' sie selig, die alte Fregatte! Dabei sah ich zu meiner großen Überraschung, dass der Bräutigam auf Hochzeitsreise doch sehr geraume Zeit mit der Malerin verbrachte.«

»Des Nachts«, ergänzte Holmes. »Von Bedeutung für die Klärung ihres Verschwindens ist eine Aussage von Mrs. Oldman-Smythe selbst, die sie anlässlich der Eröffnung ihrer Vernissage machte. Sie meinte sinngemäß, dass der Käufer ihrer Gemälde nicht nur die Bilder, sondern auch ihr spezielles Wohlwollen erwerbe. Das weist darauf hin, dass sie etwas wusste, was andere geheim halten wollten. Vier der Bilder waren schon vor dem Beginn der Ausstellung verkauft worden. Aber nun schlage ich vor, dass wir uns vor dem morgigen Tag ein wenig Ruhe gönnen. Es wird kein leichter Tag werden.«

»Was haben Sie vor, Mr. Holmes?«, erkundigte sich der Journalist interessiert.

»Ich werde mit Ihnen, meine Herren, den Gedenkabend organisieren und am Vormittag …«

»Was, Holmes?«, fragte Watson begierig.

»Am Vormittag werde ich mich auf die Suche nach der Kette von Mrs. Oldman-Smythe begeben.«

»Sie wissen …«

»Eine sehr junge Dame und Mr. Conolly in seiner Maske als Steward konnten mir entscheidende Hinweise geben.«

*

»Der Detektiv macht Probleme, Sir. Exakt wie Sie es vorausgesehen haben.«

Der Mann hatte Haltung angenommen, als er mit Colonel David King sprach, obwohl das gar nicht so leicht war bei dem heftiger gewordenen Seegang, der die Olympic beben und schwanken ließ.

»Ignorieren Sie ihn einfach, konzentrieren Sie sich einzig und allein auf Ihren Auftrag, Private Samma. Sie machen das vorzüglich. Sie beobachten ihn, berichten mir, und Sie begrenzen die Gefahr, die von ihm ausgeht, indem Sie ihn isolieren. Das heißt …«

»Ich weiß, Sir, indem ich die Ausbreitung der Krankheit, die von ihm ausgeht, verhindere, Sir.«

»Mit tiefen Schnitten ins kranke Fleisch, wenn möglich.«

»Aber wäre es, mit aller Hochachtung, Sir, nicht einfacher, die Wurzel des Übels zu packen und …«

»Noch nicht, Private Samma. Der Zeitpunkt wird kommen. Er ist der Kopf unserer Gegner, der Ordnung bringt ins Chaos ihrer Pläne und Wünsche, und das erleichtert unser Vorgehen gegen sie«, entschied der Colonel.

Colonel David King litt unter berstenden Kopfschmerzen, die noch immer, dreizehn Jahre danach, auf die Kriegsverletzung in Südafrika zurückgingen. Es gab Stunden, in denen er nicht fähig war, klar zu denken, dann wieder strömte der Geist in ihn, erfüllte ihn mit Zuversicht, zeigte ihm klar den Weg der Veränderung. Das Land würde sich verwandeln und mit ihm die Welt. Es gab kein Zögern, kein Zaudern. Um zum Ziel zu gelangen, mussten Opfer gebracht werden. Auch wenn die Umstände schwierig waren. Die blühende Jugend konnte das Land gestalten. Er hatte die richtigen Männer ausgesucht.

David King betrachtete den blühenden Kirschzweig in der Vase, den einer seiner Bediensteten von einem tatsächlich blühenden Baum aus dem geschützten Teil des Schlossgartens hereingebracht hatte.

Es ist ein Ros entsprungen,

Aus einer Wurzel zart.

Wie uns die Alten sungen,

Aus Jesse kam die Art

Und hat ein Blümlein bracht,

Mitten im kalten Winter,

Wohl zu der halben Nacht.

Es gab Augenblicke in seinem Leben, in denen David King an seiner auserwählten Abstammung zweifelte. Aus Jesse kam die Art. Er stammte, wie ihm sein Vater anvertraut hatte, von König David ab, dessen Blutlinie über König Salomon, Josef und Jesus bis zu ihm heraufführte.

Der Vater war überzeugt von dieser Verwandtschaft, symbolisiert durch den blühenden Kirschzweig in kalter Jahreszeit. Die Mutter sprach von einem Sinnbild, das man nicht zu wörtlich nehmen durfte, letztlich seien alle Menschen miteinander verwandt.

Nein, er durfte sich in dieser entscheidenden Phase nicht durch Zweifel schwächen lassen. Der Vater hatte recht! Die Kings waren etwas Besonderes, das die zugeheiratete Frau nicht verstehen konnte. Wie Jesus hatte David King keine Frau und keine Kinder. Seine Apostel waren die Soldaten, mit denen er das darbende Land in dunkler Zeit zur Blüte führen würde.

Er hatte dem Colonel viel zu verdanken, eigentlich alles, überlegte der Mann, den der Colonel Private Samma nannte. Erst der Colonel hatte aus ihm einen Mann gemacht. Aus einem verzärtelten Jungen, der viel mehr von seiner Mutter hatte als von seinem tüchtigen Vater. Ein kleines Mädchen in der Gestalt eines Jungen. Nun deckte sich sein Aussehen mit seinem innersten Wesen, bis auf die Träume. Ein Grund, warum er ungern schlief. In den Träumen lebte das Verweichlichte in ihm weiter, so sehr er auch dagegen ankämpfte.

Aber auch das würde er schaffen, eines Tages, gemeinsam mit dem Colonel und den Kameraden.

IRENE ADLER

Dies Bildnis ist bezaubernd schön,
Wie noch kein Auge je geseh'n!
Ich fühl' es, wie dies Götterbild
Mein Herz mit neuer Regung füllt.
Dies Etwas kann ich zwar nicht nennen!
Doch fühl' ich's hier wie Feuer brennen.
Soll die Empfindung Liebe sein?
Ja, ja! Die Liebe ist's allein. –
O wenn ich sie nur finden könnte!
O wenn sie doch schon vor mir stände!
Ich würde – würde – warm und rein –
Was würde ich! – Sie voll Entzücken
An diesen heißen Busen drücken,
Und ewig wäre sie dann mein.

Mittwoch, der 14. April 1915, begann stürmisch. Die Gischt des Ozeans wurde bis zum Promenadendeck geschleudert, und das war immerhin 160 Fuß hoch. Sherlock Holmes hatte nach dem Frühstück Mrs. Harrison und ihren Mann gebeten, sich am Vormittag um Christine Reynolds zu kümmern. Er müsse mit der Mutter ein Gespräch führen.

»Sie kann uns ins Schwimmbad begleiten«, sagte Mrs. Harrison.

Als Miss Reynolds protestieren wollte, nahm Holmes sie zur Seite und redete auf sie ein. Die Schauspielerin nickte mehrmals, dann verließ sie den Speisesaal an seiner Seite. Gemeinsam betraten sie ihre Kabine.

»Sind Sie bereit, das Collier von Mrs. Oldman-Smythe freiwillig herauszugeben, oder ist es nötig, Aufsehen zu erregen und den Kapitän beizuziehen? Nicht auszuschließen ist eine Befragung durch die New Yorker Polizei, inwiefern Sie Schuld am Tod der Malerin tragen.«

»Ich habe nichts mit dem Verschwinden von Mrs. Smythe zu tun. Und ich habe ihre Kette natürlich nicht in meinem Besitz.«

»Gut, dann lassen Sie mich entweder danach suchen, oder ich alarmiere den Kapitän.«

»Sie können danach suchen.«

Holmes begab sich sofort in das Badezimmer der Schauspielerin, wo er sich kurz umsah und dann einen Behälter öffnete, in dem sich Creme zum Abschminken befand. Mit einer Schere, die er in der weißen Paste bewegte, sondierte er den Behälter und zog tatsächlich das Collier mit dem wertvollen schwarzen Diamanten hervor. Er legte das Schmuckstück in das Waschbecken, nahm ein Stück Seife und ließ Wasser darüber laufen, dann trocknete er es mit dem Handtuch.

»Ich weiß nichts davon«, beteuerte die Schauspielerin. »Jemand muss mir das Ding in die Kabine geschmuggelt haben.«

»Wie Sie wollen, Miss Reynolds. In welcher Kabine der dritten Klasse wohnt Ihr Schauspielerkollege, mit dem Sie gemeinsam am Candler Theater arbeiten werden?«

»Er hat nichts damit zu tun.«

»Warum sind Sie sich dessen so sicher?«

»Weil … weil …«

»Weil Sie genau wissen, wer für den Diebstahl verantwortlich ist«, stellte Sherlock Holmes fest. »Ich schlage vor, Sie erzählen mir, was Sie dazu bewog, die Kette zu entwenden. Wenn Sie mich überzeugen, dass Sie mit der Ermordung der Malerin nichts zu tun haben, werde ich darauf verzichten, Sie bloßzustellen.«

»Das ließe sich wirklich machen? Ich meine, die Angelegenheit diskret zu behandeln?«

Holmes nickte. »Nur zu, Miss Reynolds!«

»Wie kamen Sie im Übrigen auf mich? Ich denke, dass ich so geschickt vorging, dass niemand …«

»Ich hatte einen Verdacht. Ihre Tochter Christine erwähnte unlängst Kabine 23-C. Sie hatte offenbar den Auftrag, herauszufinden, wo Mrs. Oldman-Smythe logierte. Als ich eine Bemerkung zum Diebstahl des Colliers machte, verriet mir die Reaktion von Christine, dass Sie darin verwickelt sind.«

»Christine weiß nichts davon. Ich bin doch nicht verrückt, mein Mädchen in die Sache hineinzuziehen.«

»Kinder ahnen und wissen mehr, als uns Erwachsenen lieb ist.«

»Mein Gott, worauf habe ich mich da eingelassen! Als diese eitle, hohle Person ständig damit prahlte und dann noch die dumme Geschichte erzählte, dass der Fluch der Titanic den Diamanten verfärbt habe, wuchs mein Wunsch, ihr das Collier abzujagen. Wer weiß, auf welche Weise sie es erworben hat.«

»Es wäre tatsächlich interessant, dies in Erfahrung zu bringen«, bemerkte Sherlock Holmes. »Besaß sie es schon auf der Reise mit der Titanic?«

»Nein, das wäre mir aufgefallen. Ich habe ein Auge für so etwas.«

»Die Kette nehme ich an mich. Ich werde Sie damit nicht in Verbindung bringen.«

»Ich danke Ihnen, Mr. Holmes.«

»Wobei ich zu bedenken gebe, dass Ihnen eine Anzeige viel Publicity bringen würde. Die amerikanische Presse würde Sie bei unserer Ankunft in New York mit großem Interesse empfangen.«

»Darauf verzichte ich. Auch mit Rücksicht auf meine Tochter. Eine Frage noch, Mr. Holmes. Wie konnten Sie wissen, dass ich das Collier in meinem Schminktiegel aufbewahre?«

»Ich versetze mich beim Lösen von Problemen gerne in die Gedankenwelt der Täter, deren Spur ich verfolge. In Ihrem Fall dachte ich: Wo wird eine Schauspielerin eine Schmuckkette verstecken? In ihrer Kleidung, im Futter eines Mantels? Kaum. Sie wird das Nähen nicht in der nötigen Perfektion beherrschen.«

»Schauspielerin – Schminke. Das war Ihre Überlegung.«

»Ja. Und ein Behälter, der groß genug sein musste.«

»Sie wären ein perfekter Dieb und Mörder geworden.«

»Sicher. Wenn ich mich nicht anders entschieden hätte. Im Leben der meisten Menschen gibt es die Möglichkeit, sich zu entscheiden.«

Die eigenen Worte lösten in Holmes plötzlich eine Flut von Gedanken aus und er eilte zurück zu seiner Suite. Mit einem schwarzen Etui in seiner Jacketttasche begab er sich anschließend zur Kabine von Doktor Watson.

»Watson. Ich brauche in den nächsten Stunden Ruhe, absolute Ruhe. Und die finde ich in Ihren Räumen. Es ist wichtig, dass Sie sich in meiner Suite um Ismay und Conolly kümmern. Die beiden dürfen die Räumlichkeiten bis ich wiederkomme nicht verlassen. Beschäftigen oder betäuben Sie sie. Und wenn das nicht hilft, erschießen Sie sie.«

»Was ist los, Holmes? Sie sind völlig außer sich. Was ist geschehen?«

»Ich sehe eine zweite Chance in einem alten Fall. Ich muss einen klaren Kopf bewahren.«

»Und das wollen Sie damit erreichen?«, fragte Watson, vorwurfsvoll auf das schwarze Etui zeigend, das aus Holmes' Tasche hervorlugte.

»In Ausnahmefällen hilft sie, die weiße Göttin«, antwortete Holmes.

Kopfschüttelnd entfernte sich der Doktor und Holmes betrat dessen Kabine. Hastig öffnete er den Behälter und entnahm ihm ein braunes Fläschchen, das eine milchig-weiße Flüssigkeit enthielt. Durch die Kanüle der Glasspritze sog Holmes 0,5 ml Kokain in den Hohlraum, dann stach er die Nadel in die Beuge seines linken Armes und injizierte sich die Droge. Innerhalb von Sekunden fühlte er, wie heißes Blut bis in die letzten Äderchen seines Körpers strömte und ihn mit pulsierendem Leben und Sauerstoff erfüllte.

Tiefe Zufriedenheit kam über den Detektiv. Er fühlte sich stark und tatkräftig wie in seinen besten Jahren.

IRENE. IRENE ADLER.

Holmes erinnerte sich an die geheimnisvoll-tiefe Stimme der amerikanischen Opernsängerin Irene Adler, der Frau seiner detektivischen Karriere, die ihn überlistet hatte, deren Foto er in seinem Schreibtisch im Fairmount Hotel aufbewahrte, als Erinnerung an einen Fall, den Watson Ein Skandal in Böhmen genannt hatte.

IRENE ADLER. Ihr Gesicht, ihr Haar, ihr Körper waren Holmes so gegenwärtig, als ob sie im Zimmer stünde. Sie war an Bord der Olympic. Irene Adler war an Bord des Schiffes. Holmes spürte das. Aber wer war sie? Faszinierend und klug wie in jungen Jahren, die Stimme eventuell noch dunkler als damals. Mrs. Oldman-Smythe?

NEIN. Keine Jahrmarktsfigur, die sich überlisten, bestehlen und töten ließ.

Oder war das nur Show? Lebte sie noch?

Natürlich lebte Irene noch. Aber nicht als Mrs. Oldman-Smythe.

Irene Adler war ihm wieder einen Schritt voraus. Sie konnte in seinem Gehirn lesen wie in einem offenen Buch. Offene Bücher. Sie war in eigener Sache an Bord der Olympic. Als Ermittlerin. In wessen Auftrag?

Er hatte eine zweite Chance. Und er würde aus dem Zweikampf mit IRENE ADLER nicht wieder als Verlierer hervorgehen. Dieses Mal musste er gewinnen! Dieses Mal!

Holmes wollte sich eine zweite Spritze mit einer geringeren Dosis setzen. Aber noch bevor die Nadel in die Vene drang, sah er das Gesicht jener Frau vor sich, die Irene Adler war. Sie war noch immer schön, obwohl sie sich getarnt hatte.

Holmes ließ die Spritze sinken. Er würde sich ausruhen und sie aufsuchen, sobald er dazu fähig war. Er legte sich auf die Couch in Watsons Kabine und schlief bis Mittag.

Holmes verschlang den Lunch mit besonderem Heißhunger, immer wieder misstrauisch beobachtet von Dr. Watson.

»Sie erinnern sich an Miss Adler?«, fragte der Detektiv schließlich seinen Biographen.

»Ach ja. Jetzt kommt wieder diese alte Geschichte hoch. Ich weiß nicht, ob es besonders empfehlenswert ist, während der Arbeit an einem Fall zu einem Mittel zu greifen, das nachweislich …«

»Hinter welcher Dame an Bord der Olympic«, setzte Holmes ungerührt fort, »würden Sie Irene Adler vermuten?«

»Ach, kommen Sie, Holmes. Welch ein Unsinn! Irene Adler ist tot. Sie haben es selbst gesagt.«

»Nie. Ich sprach, wenn ich sie erwähnte, von der vormaligen Irene Adler. Und damit meinte ich nicht ihren Tod, sondern eine Änderung ihres Namens.«

»Sie reden wirr, Holmes. Ich denke, wir beenden das Gespräch, bis es Ihnen wieder besser geht.«

»Sagte Adam zu seinem Schöpfer, der ihn des Paradieses verwies.«

»Das ist doch unter Ihrem Niveau, Holmes!«

»Begleiten Sie mich auf diesem gemeinsamen gedanklichen Spaziergang, der weit unter unser gewohntes Niveau führt. Also! Wer auf diesem Schiff könnte Irene Adler sein? Denken Sie dabei an eine außergewöhnliche Frau, die so außergewöhnlich ist, dass sie ihre Außergewöhnlichkeit geschickt verbirgt.«

»Die beiden Brüder Smith, vermutlich. Sie hat sich …«

»Wer hat sich nun mit der weißen Göttin eingelassen? Sie oder ich?«

»Nun, im Ernst gesprochen, fällt mir da eine einzige Frau ein.«

»Und genau zu dieser begebe ich mich jetzt, Doktor. Wie sehe ich aus? Würdig genug für diesen wichtigen Augenblick in meinem Leben?«

»Ich denke schon.«

»Dann ist es gut.«

»Soll ich Sie begleiten?«

Holmes lehnte dankend ab und begab sich in die Schiffsbibliothek, wo er sich bei Miss Ronstead erkundigte, in welchem Schrank sie die gesammelten Werke von Doktor Watson aufbewahrte.

»Wenn Sie mir bitte folgen, Mr. Holmes. In welche der Erzählungen wollen Sie Einsicht nehmen?«

»In den Skandal in Böhmen. Mir sind einige Details entfallen. Es ist schon lange her, seitdem ich daran arbeitete.«

»Einen Moment bitte. Wenn Sie inzwischen Platz nehmen wollen«, sagte Miss Ronstead, um wenige Augenblicke später mit dem Band Die Abenteuer des Sherlock Holmes wiederzukehren.

»So weit ich mich erinnere«, sagte sie, »ist es die erste Erzählung darin.«

»Sie kennen das Buch?«

»Ich kenne alle Geschichten von Doktor Watson. Und Ihnen natürlich.«

Holmes vertiefte sich in den Text.

Für Sherlock Holmes ist sie die Frau geblieben. Er hat sie, wenn er von ihr sprach, selten anders genannt. In seinen Augen ist sie die bedeutendste und wichtigste Vertreterin ihres Geschlechts. Nicht dass er Irene Adler liebte. Sein kalter, präziser, jedoch bemerkenswert ausgeglichener Geist verabscheute alle Gefühle, und das der Liebe vornehmlich. Er war, vermute ich, der perfekteste Denk- und Beobachtungsapparat, den die Welt je gesehen hatte. Als Liebender jedoch wäre er fehl am Platz gewesen. Er machte sich stets in abfälliger Weise lustig über die zarteren Gefühle, die er jedoch gern beobachtete, weil sie auf die Motive von Menschen und ihren Handlungen schließen ließen. Für ihn selbst kamen solche Verirrungen nicht in Frage. Sie hätten sein Denken in Unordnung gebracht. Und doch gab es für ihn eine einzige Frau und diese Frau von mehr als dubiosem Ruf war die vormalige Irene Adler.

Kein Zweifel, dachte Holmes, Watson hatte sich verliebt in die Sängerin und wollte das auf keinen Fall zugeben. Der treue Freund, der loyale Biograph, der Holmes in seinen Werken immer von der allerbesten Seite zeigte, schilderte genüsslich das Scheitern des Detektivs. Er porträtierte Holmes als gefühllose Detektivmaschine, die einer faszinierenden Frau unterlag.

Die Bewunderung des Autors galt in diesem einen Fall nicht dem Detektiv, sondern ausschließlich dieser Frau. IRENE ADLER.

Sie spielte mit den Männern, allen voran mit dem König von Böhmen, einem aufgeblasenen Adeligen mit sehr beschränkten geistigen und moralischen Eigenschaften. Aber sie war keine Erpresserin. Sie verlangte vom König kein Geld für das Foto, das ihn gemeinsam mit ihr zeigte, in einer nicht unverfänglichen Pose. Irene Adler spielte eine Weile mit ihm wie die Katze mit der Maus, um ihm letztendlich ein anderes Bild zu überlassen, das sie allein zeigte. Mit dem Versprechen, das ursprüngliche Foto für immer in sicherer Verwahrung zu halten und ihm damit nicht zu schaden.

Und sie spielte auch, der Darstellung von Watson zufolge, mit Holmes, der sie vergeblich mit einem Trick überführen und zur Herausgabe des Bildes bewegen wollte.

Am Ende dieser Geschichte besiegte Irene Adler den großen Detektiv.

Bevor Holmes das Buch schloss, las er noch einmal das Ende der Erzählung, in dem Watson den Abschied von Irene Adler beschrieben hatte.

Eine ältere Frau stand auf den Stufen zum Tor von Briony Lodge. Sie beobachtete unsere Ankunft mit boshaften Blicken.

»Mr. Holmes, wenn ich mich nicht irre?«, sagte sie.

»So ist es«, bestätigte mein Begleiter in fragendem Ton.

»Meine Herrin kündigte mir Ihr Kommen an. Sie nahm diesen Morgen einen Zug zum Kontinent.«

»Was!« Holmes' Gesicht hatte alle Farbe verloren. »Sie wollen doch nicht sagen, dass sie England verlassen hat!«

Obwohl der Detektiv diese Stelle aus Watsons Erzählung mehr als zur Genüge kannte, flammte der alte Ärger darüber erneut in ihm auf.

Das passte alles nicht zusammen! Hatte weder Hand noch Fuß! Am Anfang wurde er von Watson als gefühlloser Apparat beschrieben, nun erbleichte er vor einem Dienstmädchen.

Es war wirklich an der Zeit, jemand anderen zu finden, der in der Lage war, seine Fälle auf vernünftige und einigermaßen würdevolle Art zu porträtieren. Die Zusammenarbeit mit Watson war unbefriedigend geworden.

Sie wollen doch nicht sagen, dass sie England verlassen hat!«

»Um niemals wiederzukehren.«

»Und das Bild?«, fragte der König heiser. »Nun ist alles verloren.«

»Das bleibt abzuwarten«, sagte Holmes.

Er schob die Frau beiseite und eilte, gefolgt vom König und mir, in den Salon. Er steuerte zielstrebig auf ein Geheimfach zu, in dem er ein Foto und einen Brief fand. Das Bild zeigte Irene Adler, allein, im Abendkleid, der Brief war an Sherlock Holmes adressiert.

Mein Freund riss den Umschlag auf und begann zu lesen.

Was Watson mit diesem persönlichen Brief der breiten Öffentlichkeit präsentierte, war der Gipfel der Peinlichkeit, die Bloßstellung des Detektivs durch eine gerissene Frau und, unbewusst, eines in diese Frau verliebten, eifersüchtigen Biographen.

Na warte, Watson, dachte der Detektiv. Noch ist nicht aller Tage Abend! Für diese Zeilen wird er büßen!

Das Schreiben endete, Watsons Bericht zufolge, mit folgenden Zeilen.

Was die Fotografie betrifft, so kann Ihr Auftraggeber beruhigt sein. Ich liebe einen besseren Mann als ihn und werde von diesem geliebt. Der König soll tun und lassen, was er will, ohne von einer Frau daran gehindert zu werden, der er bitteres Unrecht angetan hat. Ich behalte das Bild, um mich in Zukunft gegen Angriffe von seiner Seite zur Wehr setzen zu können, und ersetze es durch ein Foto, das er vielleicht behalten will.

Ich verbleibe, mein lieber Mr. Sherlock Holmes, in Verbundenheit,

IRENE NORTON, vormalige ADLER.

»Welch eine Frau, oh, welch eine Frau!«, rief der König von Böhmen. »Habe ich Ihnen nicht gesagt, wie schnell und entschlossen sie ist? Sie wäre eine perfekte Königin! Schade, dass sie nicht meinem Niveau entspricht.«

»So wie ich die Dame einschätze«, erwiderte Holmes kühl, »hat sie tatsächlich ein anderes Niveau als Sie. Es tut mir leid, dass ich Ihren Auftrag nicht erfolgreicher abschließen kann.«

»Aber nein, Mr. Holmes«, versicherte der König. »Sie waren höchst erfolgreich. Ich vertraue dem Wort der Dame absolut. Das besagte Foto ist nun so sicher, als ob ich es dem Feuer anvertraut hätte.«

»Ich höre diese Worte Eurer Majestät mit Genugtuung.«

»Ich schulde Ihnen so viel, Mr. Holmes. Wie kann ich Ihnen nur danken?«

Mit diesen Worten zog der König von Böhmen einen mit einem Smaragd geschmückten Ring vom Finger und wollte ihn Holmes geben.

»Eure Majestät besitzen einen Gegenstand von höherem Wert«, sagte Holmes.

»Worum handelt es sich?«

»Das Foto Irenes«, rief Holmes.

»Natürlich. Wenn Sie es haben wollen.«

»Ich danke Eurer Majestät. Ich wünsche Ihnen einen sehr guten Morgen.«

Holmes verbeugte sich und ging, ohne die Hand zu beachten, die der König zum Gruß ausgestreckt hatte.

So endete ein großer Skandal, der das Königreich Böhmen bedrohte, und in dessen Verlauf die schlauesten Pläne von Mr. Sherlock Holmes durch die Intelligenz einer Frau zunichte gemacht wurden. Holmes, der gerne über die geistigen Fähigkeiten von Frauen spottete, verstummte für eine Weile, wenn dieses Thema zur Sprache kam. Und wenn er von Irene Adler spricht, so nennt er sie immer die Frau.3

Peinlich, wie dick der Doktor aufgetragen hatte, besonders in den letzten Absätzen der Geschichte, fand der Detektiv.

Und doch … Watson hatte natürlich im Kern der Sache recht. Irene Adler war wichtig für Sherlock Holmes gewesen. Und sie hatte noch immer Bedeutung.

»Die weiteren Texte, in denen dieser Fall erwähnt wird, befinden sich ebenfalls in diesem Band, bis auf Das letzte Problem, das in den Memoiren des Sherlock Holmes veröffentlicht wurde«, näherte sich die Bibliothekarin flüsternd dem Lesetisch des Detektivs.

»Sie überraschen mich mit Ihrer Detailkenntnis, Miss Ronstead.«

»Die Einsamkeit, Mr. Holmes, die Einsamkeit. Was bleibt einer alten Frau wie mir außer Phantasie und Büchern.«

Mit diesen Worten legte sie die Memoiren des Sherlock Holmes auf den Tisch.

Holmes blickte überrascht auf. »Eine Frage der Identität war mir bewusst. In dieser Erzählung konnte der Doktor es erneut nicht unterlassen, eine berufliche Niederlage meinerseits genüsslich auszuwalzen, wobei ihm der Fehler unterlief, ein Geschenk des Königs von Böhmen zu erwähnen, das ich nie erhalten hatte.«

»Die Schnupftabakdose mit dem Smaragd. Es ist die dritte Geschichte in diesem Band«, sagte Miss Ronstead.

»Dabei hatte der König nie eine solche Dose besessen. Der Smaragd war Teil eines Ringes, nicht wahr?«

»Ich weiß nicht«, meinte Miss Ronstead und blätterte weiter in dem Band der Abenteuer des Sherlock Holmes. »Im Falle der Fünf Orangenkerne nimmt Doktor Watson erneut Bezug auf diesen Fall.«

»Genau. Beinahe hätte ich auch diese Passage vergessen. Der gute Doktor widerspricht sich abermals. Plötzlich gibt es mehrere Menschen, die Holmes überlistet haben.«

»Nicht ganz. Irene Adler bleibt die einzige Frau, die Sherlock Holmes besiegte.«

»Watson erwähnt aber erstmals drei Männer, denen ich unterlag. Natürlich ohne Namen zu nennen. Das zählt zu seinen ständigen kleinen Spitzen, die er gegen mich abzuschießen pflegt.« Holmes streckte seine rechte Hand aus, legte sie auf die Hand der Bibliothekarin und drückte sie. »Nach all den Jahren. Ich bin tief bewegt, Sie wiederzusehen.«

Die Bibliothekarin erwiderte den Händedruck.

»Und ich bin beruhigt zu sehen, dass Ihre detektivischen Fähigkeiten ungebrochen vorhanden sind.«

Holmes betrachtete die Frau, die ihm gegenüber saß, lange und erkannte in ihr die Schönheit von Irene Adler. Wohl durch das Alter verändert, aber noch immer deutlich sichtbar.

Die leuchtend rot gemalten Lippen der beinahe Sechzigjährigen lächelten spöttisch. »Sollten wir die Rückreise tatsächlich gemeinsam antreten, darf ich doch mit der versprochenen Lesung aus Ihrem Werk rechnen, Mr. Holmes?«

»Aber selbstverständlich«, erwiderte dieser. »Ein Skandal in Böhmen würde sich besonders eignen.«

»Das finde ich auch«, meinte Irene Adler.

»Zumal die Protagonistin dieses bemerkenswerten Textes eine Wandlung zum Positiven erfahren hat. Als weiblicher Detektiv begeht sie keine Verbrechen mehr, sondern setzt nun ihr außergewöhnliches Talent ausschließlich zum Wohle der Menschheit ein.«

»Einspruch, Mr. Holmes! Verbrechen habe ich nie begangen. Ich benutzte nur, wie soll ich es sagen, die Dummheit, oder nennen wir es die Eitelkeit der Menschen, um gewisse Ziele zu erreichen.«

»Die Dummheit und die Eitelkeit der Männer«, verbesserte Holmes. »Wobei ich mich ausdrücklich nicht ausschließe.«

»In Ihrem Fall, Mr. Holmes, sehe ich das etwas anders. Ihr Problem ist nicht Dummheit, sondern eine zu große Konzentration auf die geistigen Kräfte, wobei Sie Instinkt und Kreativität vernachlässigen.«

»Ich arbeite daran. Und wie Sie sehen, nicht ganz ohne Erfolg. Immerhin habe ich Sie auf diesem Schiff aufgespürt. Für wen, wenn ich fragen darf, arbeiten Sie? Und wie lautet Ihr Auftrag?«

Miss Ronstead lächelte. »Ein Berufsgeheimnis, zum großen Teil. Ich vermute, wir sind hinter demselben Rätsel her. Ich möchte für mich und meinen Auftraggeber herausfinden, ob die Titanic mit Absicht versenkt wurde. Und wenn ja, mit welcher Absicht.«

»Und J. P. Morgan jr. zahlt so schlecht, dass Sie sich als Schiffsbibliothekarin verdingen müssen, Miss Ronstead?«

»Ich wüsste nicht, was J. P. Morgan mit meinem Aufenthalt an Bord dieses Schiffes zu tun hätte. Ein netter Versuch, Mr. Holmes. Aber nicht mehr als das. Zu Ihrer Aussage bezüglich meiner finanziellen Ressourcen: Meine Tätigkeit als Bibliothekarin hat einige Vorteile, unter anderem jenen, dass die Bücherei nur zu bestimmten Zeiten geöffnet hat, ganz abgesehen von der herrlichen Ruhe, die hier geherrscht hat, bevor Sie auftauchten.«

»Können Sie sich dennoch vorstellen, mich auf einen Drink zu begleiten?«

»In den Rauchsalon. Ich sterbe vor Gier nach einer Zigarette«, sagte Irene Adler und schloss sich dem Detektiv an.

»Was planen Sie Besonderes, um den Fall zu lösen, Mr. Holmes?«, fragte die Bibliothekarin und blies den Rauch ihrer Belair in die Luft.

»Ich entgegne Ihrer Frage mit einem Zitat aus Ihrem eigenen Mund: Das ist mein Berufsgeheimnis. Ich lade Sie jedoch zu einer Gedenkveranstaltung an Deck der Olympic ein. Heute gegen Mitternacht. Zu jener Zeit, zu der vor drei Jahren das Unglück geschah.«

»Bei den Rettungsbooten, unter freiem Himmel?«

»Bei hoffentlich trockenem Wetter.«

»Ich werde Ihrer Einladung folgen. Ich denke, das ist eine gute Idee.«

Nach einigen weiteren Drinks erkundigte sich Holmes bei Irene Adler, wie ihr weiteres Leben seit ihrem einzigen und letzten Treffen im Jahr 1888 verlaufen war.

»Ich verbrachte einige ruhige Jahre in Amerika mit meinem Mann und den Söhnen. Meine Karriere als Sängerin gab ich auf. Als Nero und Michael alt genug waren, auf eigenen Beinen zu stehen, begann ich in New York als Private Eye zu arbeiten.«

»Eine ungewöhnliche Tätigkeit für eine Frau«, bemerkte Holmes.

»Beeinflusst durch Dr. Watsons Bücher«, sagte Irene Adler. »Ich dachte mir …«

»Was dieser britische Detektiv zuwege bringt, kann eine Amerikanerin noch lange.«

»Nicht genau meine Worte, Mr. Holmes, aber sinngemäß haben Sie recht. Wie immer. Und wie läuft es bei Ihnen?«

»Ich habe meine Ruhe gefunden, im Süden Englands, am Meer.«

»Und dennoch befinden Sie sich an Bord dieses Schiffes und ermitteln.«

»Wer allzu konsequent ist, ist bereits tot. Aber nun möchte ich Sie nicht mehr von Ihrer Tätigkeit abhalten, Mrs. …?

»Wolfe. Ich nenne mich Irene Wolfe, nach meinem zweiten Mann, mit dem ich noch immer verheiratet bin. Und meine Kanzlei nennt sich I. Wolfe, um mögliche Kunden nicht zu früh davon abzuschrecken, zu mir zu kommen.«

»Sie meinen durch einen weiblichen Vornamen?«

»Exakt. Auch wirkungsvollste Drogen sind nicht in der Lage, Ihr klares Denken auszuschalten. Bevor Sie mich fragen, woher ich weiß, dass Sie etwas genommen haben: Ich sehe das an den erweiterten Pupillen Ihrer noch immer sehr reizvollen Augen.«

»Ich danke für das Kompliment, falls es eines ist.«

»Was haben Sie mit der Kette der Ermordeten vor?«, fragte die Detektivin unvermittelt.

»Das ist eine interessante Frage.«

»Die eine ebenso interessante Antwort verdient.«

»Neuerlich ein Berufsgeheimnis«, bedauerte Sherlock Holmes.

DIES IRAE

Nach dem Abendessen lud Holmes die Damen und Herren an seinem und am Nachbartisch zu der Gedenkzeremonie um viertel vor zwölf ein.

»Auf dem Bootsdeck, bei den Rettungsbooten. Um die Feier würdig zu gestalten, ersuche ich jemanden von Ihnen, mich bei der Vorbereitung zu unterstützen.«

»Das mache ich«, meldete sich Linda Hornby, die vernachlässigte Braut Graham Hornbys.

Bevor Sherlock Holmes mit der jungen Frau, mit Watson und Bruce Ismay den Speisesaal verließ, wurde er von den Mädchen vom Nachbartisch bestürmt.

Christine Reynolds sprach für sich und ihre stumme Freundin. »Wir wollen unbedingt an der Gedenkfeier teilnehmen, Mr. Holmes. Vielleicht können Sie mit unseren Eltern reden. Die wollen uns zwingen, in der Kabine zu bleiben.«

Zu Alice und Christine sagte Holmes: »Ich tue, was ich kann.« Dann wandte er sich an Miss Reynolds und die Harrisons: »Es wäre mir durchaus recht, wenn die beiden jungen Damen anwesend wären.«

»Wir schlafen vorher und nachher. Ganz fest und tief und lang«, versprach Christine.

Holmes, Watson, der Journalist Conolly, Joseph Bruce Ismay und Linda Hornby beratschlagten, wie das Gedenken um Mitternacht gestaltet werden sollte.

»Sie sprachen gestern von einem Augenblick der Wahrheit, Mr. Holmes«, wandte sich Mr. Ismay an den Detektiv. »Ich muss gestehen, dass ich große Angst davor habe.«

»Sie wurden schon vor drei Jahren mit dieser Wahrheit konfrontiert«, beruhigte ihn der Detektiv. »Ich denke mir, dass manch andere, manch anderer, viel mehr zu befürchten hat. Darum wird es wichtig sein, die Feier still und würdevoll zu begehen.«

»Ich schlage vor, auch einen Geistlichen beizuziehen«, meinte Mrs. Hornby. »Er soll mit uns beten.«

Holmes war einverstanden. »Auch ich habe daran gedacht. Kapitän Hayes wird uns einen geeigneten Mann vorschlagen.«

Bis ins Detail war der Ablauf der Gedenkstunde um Mitternacht geplant, als sich um halb zwölf der Kapitän, die beiden Brüder Smith, Graham Hornby, John Hatter, die Harrisons mit ihrer Tochter Alice, Miss Reynolds mit Christine, Mrs. Hilda Farland, Joseph Bruce Ismay, Sherlock Holmes und Dr. Watson in Begleitung von Father Riley, einem anglikanischen Priester, sowie vier Mann der Bordkapelle auf dem Bootsdeck aufstellten. Auch die Schiffsbibliothekarin war erschienen. Robert Conolly, offiziell als verstorben geltend, war auf Ersuchen von Sherlock Holmes in der Suite des Detektivs geblieben.

Die Band stimmte Dies Irae in der Vertonung von Guiseppe Verdi an. Father Riley und die Musiker sangen den Text in lateinischer Sprache.

Dies irae, dies illa,
Solvet saeclum in favilla,
Teste David cum Sibylla.
Quantus tremor est futurus,
Quando judex est venturus,
Cuncta stricte discussurus!

Tag der Rache, Tag der Sünden,
Wird das Weltall sich entzünden,
wie und künden.
Welch ein Graus wird sein und Zagen,
Wenn der Richter kommt, mit Fragen
Streng zu prüfen alle Klagen!

Das Meer war völlig ruhig. Wie vor drei Jahren. Alle, die das Unglück überlebt hatten, berichteten von der atemlosen Stille auf der Titanic und in ihrer Umgebung, der Ruhe und der Kälte des Todes. Im Gegensatz zum 14. April 1912 tauchte an diesem Abend die fast volle Mondkugel das Schiff und seine Umgebung in helles, kaltes Licht, das sich weiß auf der sonst dunklen Wasserfläche spiegelte. Die Menschen waren in Wintermäntel gehüllt und trugen Kopfbedeckung und Handschuhe.

Als die Musik verklungen war, begrüßte Sherlock Holmes die fünfzehn anwesenden Damen, Herren und Kinder. »Vor drei Jahren spielten sich an dieser Stelle des Schwesterschiffes der Olympic dramatische Szenen ab, an denen einige von Ihnen Anteil hatten. Ein Augenblick der Wahrheit, den wir in der Erinnerung wachrufen wollen. Wer von Ihnen das Wort ergreifen will, kann dies jederzeit tun.« Mit der Feststellung »Die Wahrheit geht manchmal unter, aber sie stirbt nicht«, beendete der Detektiv seine kurze Ansprache.

Joseph Bruce Ismay, der britische Eigentümer der White Star Line, wandte sich mit folgenden Sätzen an die Anwesenden: »Ich dachte viel über das Unglück nach und meinen Anteil daran. Mir fällt dabei immer wieder eine Stelle aus dem Alten Testament ein. Die Bibelstelle, die den Bau der Arche durch Noah beschreibt. Jenes Schiff aus Holz war, der Bibel zufolge, 300 Ellen lang, 50 Ellen breit und 30 Ellen hoch. Die Arche Noah hatte eine ähnliche Wasserverdrängung wie dieses Schiff oder wie sie die Titanic hatte. Die Arche war ein Schiff, das Leben ermöglichte, Tieren und Menschen das Überleben sicherte. Die Titanic war das nicht. Die Titanic brachte hundertfachen Tod. Warum?«

Mit dieser Frage beendete der Reedereibesitzer seine Ansprache, und der Geistliche öffnete ein schwarzes Buch mit einem goldenen Kreuz auf dem Einband und begann mit kräftiger Stimme zu lesen: »Da aber der Herr sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, da reute es ihn, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen, und er sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis auf das Vieh und bis auf das Gewürm und bis auf die Vögel unter dem Himmel; denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe. Aber Noah fand Gnade vor dem Herrn. [ … ] Da sprach der Herr zu ihm: Alles Fleisches Ende ist vor mich gekommen; denn die Erde ist voll Frevels von ihnen; und siehe da, ich will sie verderben mit der Erde. Mache dir einen Kasten von Tannenholz und mache Kammern darin und verpiche ihn mit Pech inwendig und auswendig. Und mache ihn also: Dreihundert Ellen sei die Länge, fünfzig Ellen die Weite und dreißig Ellen die Höhe. [ … ] Denn siehe, ich will eine Sintflut mit Wasser kommen lassen auf Erden, zu verderben alles Fleisch, darin ein lebendiger Odem ist, unter dem Himmel. Alles, was auf Erden ist, soll untergehen. Aber mit dir will ich einen Bund aufrichten, und du sollst in den Kasten gehen mit deinen Söhnen, mit deinem Weibe und mit deiner Söhne Weibern. Und du sollst in den Kasten tun allerlei Tiere von allem Fleisch, je ein Paar, Männlein und Weiblein, dass sie lebendig bleiben bei dir.«

»So ist es, Vater. So lautet die Bibelstelle, die mich so beschäftigt, mit der ich nicht zurande komme«, sagte Bruce Ismay. »Warum nur musste die Titanic zu einem Schiff des Todes werden?«

»Sie war«, begann der Geistliche, »nicht nur ein Schiff des Todes. Die Rettungsboote brachten Leben, neues, verändertes Leben für diejenigen, die nicht im eisigen Wasser zu Tode kamen. Eine Taufe für ein neues Leben.«

»Das sehe ich nicht so, Father Riley«, unterbrach ihn Mrs. Hilda Farland. »Ich möchte jeden Gedanken daran entschieden zurückweisen, dass die im Meer Ertrunkenen schlechtere Menschen waren als die Überlebenden. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass dies nicht zutrifft. Mein Enkelsohn Peter und mein Mann waren mindestens so wertvolle Menschen wie ich, wie andere, die sich hier zu dieser Feier eingefunden haben.«

»Das sehe auch ich so, Mrs. Farland«, meldete sich Bruce Ismay erneut zu Wort. »Und doch denke ich, dass Sterben und Überleben Sinn haben und hatten. Nicht auf vordergründige Weise, derzufolge es nur Hell und Dunkel, Gut und Böse gibt, sondern auf einer höheren Ebene. Mein Leben ist seit jenem Tag beinahe unerträglich geworden, aber es hat an Tiefe gewonnen. Ich bin erst in diesen drei Jahren Mensch geworden.«

»Danke, Mr. Ismay. Danke für diese Worte. Genau das trifft auch auf mich zu«, sagte Mrs. Farland und stellte sich demonstrativ an die Seite des Reeders. »Gott ist keine Marionette des beschränkten menschlichen Verstandes. Er ist, sollte er tatsächlich existieren, ein rätselhaftes Wesen, dessen Geheimnis sich uns nicht erschließt.«

Der Geistliche schwieg nach diesen Worten der Witwe. Schließlich wandte sich die junge Braut, Mrs. Linda Morgan-Hornby, an die Gedenkversammlung: »Wir stellten bei der Vorbereitung dieser Feierstunde verschiedene Überlegungen an. Ein Teil davon war die Idee, jeden der Anwesenden, sofern er dazu imstande ist und das auch will, einige Worte sprechen zu lassen. Wichtig ist es, diese Aussagen unkommentiert zu lassen, sie schweigend wirken zu lassen. Und – ich wiederhole – es besteht kein Zwang, etwas zu sagen.« Nach einer kurzen Pause setzte die junge Frau fort: »Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, indem ich über meinen Vater rede. Über John Pierpont Morgan, den amerikanischen Miteigentümer der Schifffahrtslinie, für die die Titanic fuhr. Als seine Tochter fühle ich mich mitbeteiligt an der Tragödie. Vater starb vor zwei Jahren, fast genau ein Jahr nach dem Unglück, das er überlebte, weil er nach der Warnung durch eine Wahrsagerin nicht an Bord des Schiffes gegangen war. So jedenfalls erklärte er sein Fernbleiben von der Jungfernfahrt der Titanic. Sein leidvolles, durch viele Krankheiten überschattetes Leben beendete er in Rom. Er war ein zurückgezogen lebender, scheuer Mensch, nicht zuletzt wegen einer Verunstaltung seines Gesichts. Und doch war er mehr als ein unersättlicher reicher Mann. Er gründete eine Kunstsammlung und eine Bibliothek, die mein Bruder und ich zu seinem Gedächtnis erhalten und ausbauen wollen. So viel über einen für die Titanic wichtigen Menschen. Ich komme nun zu mir. Ich befinde mich auf Hochzeitsreise, nachdem ich Graham Hornby von den Northern Steamships in London geheiratet habe. Auf einer Reise, die mich zurück in die Staaten, zu meiner Mutter und zu meinem Bruder bringen soll und zu ausgedehnten Feiern meiner Vermählung im Kreise meiner eigenen Familie. Die Reise auf diesem Schiff hat mir die Augen geöffnet. Ich weiß, dass ich mit der Heirat einen Fehler begangen habe, den ich keinen Augenblick fortsetzen werde. Ich werde mich, sobald wir New York erreichen, von Graham Hornby trennen. Er liebt mich nicht. Er hat mich aus wirtschaftlichen Gründen geheiratet, und ich bin nicht bereit, dies hinzunehmen.«

»Aber Linda! Das ist doch nicht wahr! Wir müssen darüber reden. Komm doch!«, rief Graham Hornby, dessen Gesicht vor Aufregung und Scham rot geworden war.

»Natürlich werde ich für ein Gespräch zur Verfügung stehen, falls du es nicht vorziehst, deine Nächte mit anderen Frauen in fremden Kabinen zu verbringen.«

»Ich schlage vor, dass wir zur Grundregel unseres Gedenkabends zurückkehren«, unterbrach Sherlock Holmes. »Wie Mrs. Hornby am Beginn ihrer Ausführungen so weise vorschlug: Die Aussagen der einzelnen sollen unkommentiert bleiben. Wir wollen sie schweigend auf uns wirken lassen. Nun zu den Eindrücken, die mich bisher auf dieser Schiffsreise bewegten. So gewaltig und unberechenbar wie das Meer, das scheinbar still und friedlich vor der Titanic lag und wie es sich auch uns soeben präsentiert, so arbeiteten und arbeiten auch die negativen Kräfte, die hinter dem Verderben der Menschen auf der Titanic standen und hinter einigen Ereignissen auf diesem Schiff, über die ich mich momentan nicht äußern möchte. Die negativen Kräfte, als die ich sie bezeichne, wirken schlau und ohne größeres Aufsehen. Und nur der- oder diejenige, die allzu unvorsichtig ist, verliert. Ein Schmuckstück oder gar das Leben. Die Bedrohung für die Übrigen ist schleichender, aber mindestens so effektiv. Mrs. Oldman-Smythe sagte bei der Eröffnung der Ausstellung ihrer bemerkenswerten Gemälde, dass sie sich wünsche, ihre Asche würde dereinst ins Meer gestreut werden. Nun, der Wunsch wurde erfüllt, zwar nicht wortwörtlich, aber dem Sinn nach. Ich denke, dass der Augenblick gekommen ist, der Künstlerin einen Gegenstand folgen zu lassen, der ihr gehörte.«

Holmes zog ein weißes Stoffsäckchen aus dem Jackett seines dunklen Anzugs und warf es über die Reling ins Meer.

Einige der Anwesenden bekreuzigten sich unbewusst.

»Überlebende des Unglücks«, wandte sich Holmes erneut an die versammelten Passagiere der Olympic, »erzählen immer wieder in beeindruckender Weise von der unheimlichen Stille, die beim Untergang der Titanic herrschte. Das Meer war nahezu unbewegt, niemand schrie. Ich ersuche Sie um einen Moment der Stille.«

Minutenlang wagte es niemand, als Erster die Ruhe zu brechen, bis sich Mrs. Hilda Farland zu Wort meldete. »Ich gedenke meines Mannes und meines Enkelsohnes Peter. Ich vermisse beide so sehr, dass es körperlich schmerzt. Immer wieder hoffe ich, dass es entweder ein Fortleben der Seele in einer jenseitigen Welt gibt, oder dass Menschen, deren Leben zu kurz war, eine zweite Chance bekommen, dass sie noch einmal geboren werden. Ich bete dafür, dass dies, besonders für Peter, der Fall ist. Ein schöner, gescheiter, mutiger Junge, der durch das Unglück am Weiterleben gehindert wurde.«

Während Mrs. Farland sprach, beobachtete Holmes die beiden Mädchen Alice und Christine. Er sah, dass Alice aufgeregt auf ihre Freundin einredete.

Leise bat er Dr. Watson, ihm zu folgen, und bewegte sich in Richtung Mr. und Mrs. Harrison. Von hinten flüsterte er Mrs. Harrison ins Ohr: »Täuschen Sie eine Ohnmacht vor. Sofort! Watson und ich werden Sie mit den Mädchen in Ihre Kabine bringen. Es ist lebensnotwendig.«

Gekonnt ging Mrs. Harrison in die Knie und fiel der Länge nach auf die Schiffsplanken.

»Machen Sie Platz, ich bin Arzt!«, rief Watson und kümmerte sich um die Frau.

Holmes nahm sich inzwischen der beiden Mädchen an und verließ mit ihnen und mit Mr. Harrison das Bootsdeck.

Mrs. Harrison wurde auf eine Tragbahre gelegt und von zwei Stewards abtransportiert.

Die Schiffsband spielte beruhigende Weisen.

In der Kabine der Harrisons erklärte der Detektiv, warum er die Gedenkfeier in dieser Form unterbrochen hatte.

»Ihre Tochter, Mrs. Harrison, kann wieder reden. Ich sah, dass sie sich an ihre Freundin Christine wandte, um ihr etwas sehr Wichtiges mitzuteilen. Stimmt das, Christine?«

Christine nickte. Sie hatte Tränen in den Augen.

»Und weil ich vermute, dass das, was Alice zu sagen hat, von weitreichender Bedeutung ist und ihr eigenes Leben und das ihrer Freundin gefährden könnte, bat ich Mrs. Harrison, uns durch einen vorgetäuschten Ohnmachtsanfall den Abgang zu ermöglichen.«

Dann wandte sich Holmes an Alice: »Dir fiel etwas während der Feier auf, das dich so bewegte, dass du es Christine mitteilen musstest. Und du hast bemerkt, dass dies tatsächlich möglich war. Du konntest wieder sprechen.«

Das Mädchen nickte mehrmals, dann sagte es mit heiserer, ungeübter Stimme: »Ich habe den Mann erkannt, der Schuld am Tod von Peter ist. Er schleuderte Peter, der schon im Rettungsboot war, zurück auf die Titanic.«

»Du bist dir sicher?«

»Ja, ich bin mir sicher. Ich spürte, dass mit dem Mann etwas nicht stimmte, wenn ich ihn im Speisesaal oder sonstwo traf. Er wich mir aus, er wich auch meinen Blicken aus. Aber jetzt, als Peters Großmutter sprach, erkannte ich ihn.«

Das Mädchen begann heftig zu weinen. Christine umarmte ihre Freundin und weinte mit ihr.

»Um nicht unnötig das Leben weiterer Menschen dadurch zu gefährden, dass sie am Wissen von Alice und Christine teilhaben, ersuche ich nun alle, außer den beiden Mädchen, die Kabine zu verlassen. Alice wird weiterhin die Stumme mimen. Niemand darf erfahren, dass sie wieder reden kann. Der Betreffende darf nicht ahnen, dass er entlarvt ist. Er wäre in seiner Angst eine tödliche Gefahr.«

»Und ich?«, fragte Dr. Watson.

»Auch Sie sind zu schonen. Sie sind ganz besonders wichtig«, antwortete Holmes.

»Das heißt …«

»Dass auch Sie den Raum verlassen.«

»Und um wen handelt es sich bei dem Mann?«, fragte Holmes, nachdem die Eltern die Kabine verlassen hatten.

Christine begann zögernd für ihre Freundin zu sprechen, die allmählich stockend selbst berichtete.

Am Ende des sehr aufschlussreichen Gesprächs bat Holmes die beiden Mädchen eindringlich: »Ich wiederhole: Alice darf bis zum Ende der Reise niemandem verraten, dass sie wieder sprechen kann. Über das, was sie herausgefunden hat, müsst ihr beide schweigen. Die Gefahr für euch wäre ansonsten viel zu groß. Ich verspreche euch, ich werde mich darum kümmern, dass die Person, die eurem Freund Peter das angetan hat, zur Verantwortung gezogen wird.«

DER SCHWARZE DIAMANT

Als ob nichts Wesentliches passiert sei, stießen Holmes und Watson wieder zu der kleinen Gruppe von Menschen auf dem Bootsdeck und nahmen weiter an der Gedenkveranstaltung teil. Die an der Reling Verbliebenen hatten ihre Statements fortgesetzt.

»… für mich unvorstellbar, einen Angehörigen zu verlieren. Ich spreche allen Betroffenen meine Anteilnahme aus«, sagte gerade Irene Adler. »Umso wesentlicher ist es, dass Mr. Holmes, wie er es schon vor Antritt der Reise über die Pall Mall Gazette verlauten ließ, tatsächlich alle Unklarheiten beseitigt und die Weltöffentlichkeit über die wahren Hintergründe informiert. Wer, wenn nicht er, wäre geeignet für eine wichtige Aufgabe wie diese.«

»Mir geht es wie meiner Vorrednerin«, sagte John Hatter, der Mitarbeiter von James Faber bei der Royal-Maritime-Versicherung. »Ich verneige mich demütig vor dem großen Geschehen vor drei Jahren, an dem ich selbst keinen Anteil hatte das mich jedoch von Berufs wegen einige Zeit beschäftigte. Die Royal Maritime war und ist in Zusammenarbeit mit vielen kleineren Instituten bestrebt, wenigstens die ärgsten finanziellen Probleme der Betroffenen zu lösen.«

»Klingt wie eine Werbebotschaft. Gefällt mir gar nicht«, zischte Watson.

Als sich sonst niemand mehr zu Wort meldete, schloss der Geistliche das Treffen mit dem Vaterunser, das er auf Latein betete. Manche der Anwesenden falteten dabei die Hände. Dr. Watson verschränkte seine Finger ineinander. Holmes senkte den Kopf. Er betete nicht. Die Musiker stimmten Lowell Masons Nearer My God to Thee an.

Ist mir auch ganz verhüllt

Mein Weg allhier:

Wird nun mein Wunsch erfüllt

Näher zu dir!

Schließt dann mein Pilgerlauf,

Schwing ich mich selig auf

Näher mein Gott zu Dir,

Näher zu Dir!

Als auch die Musiker den Weg in ihre Kabinen angetreten hatten, erkundigte sich Mr. Hatter bei Watson, wie es Mrs. Harrison gehe.

»Ein Schwächeanfall, nichts von Bedeutung«, antwortete dieser.

»Kein Wunder bei den Erinnerungen, die durch die Feier geweckt wurden.«

»Was ist los, Holmes? Was wissen Sie? Was planen Sie?«, fragte Dr. Watson gegen ein Uhr in der Suite des Detektivs, in der auch noch der Journalist Conolly und Bruce Ismay anwesend waren.

»Ich möchte nicht alles auf den Tisch legen. Das ist zu gefährlich im gegenwärtigen Stadium des Falles. Wenn jemand konkrete Fragen stellt, werde ich diese beantworten, so weit mir dies möglich ist. Ich sage aber eines zum heutigen Abend: Der Augenblick der Wahrheit brachte all das, was ich mir erwartet hatte. Es kam zu einer Läuterung, ohne dass ich wesentlich dazu beitrug. Sicher, es waren kleinere Eingriffe nötig, um Beteiligte zu schützen. Ich denke, dass alles seinen vorgegebenen Lauf nehmen wird.«

Auch Joseph Bruce Ismay wollte wissen, wie es Mrs. Harrison gehe und welche Bewandtnis es mit dem Collier von Mrs. Oldman-Smythe habe, das Holmes dem Meer übergeben hatte, ohne zu erwähnen, wo er es gefunden und wer es gestohlen hatte.

»Ich warf tatsächlich einen Gegenstand aus dem Besitz von Mrs. Oldman-Smythe über die Reling. Ich behauptete jedoch nie, dass es sich dabei um das Collier gehandelt hat. Die Kette befindet sich unversehrt in der Kabine eines Passagiers«, erklärte Sherlock Holmes. »Conolly fand sie, ich sicherte sie. Und nun ist sie an ihrem Ziel angelangt.«

Der Journalist protestierte: »Meinen Sie nicht auch, Mr. Holmes, dass ich als Finder dieses Schmuckstücks ein Recht habe zu wissen, wo es nun liegt?«

»Sie werden es erfahren. Noch ist die Zeit dafür nicht reif«, meinte Holmes und beobachtete, wie sich sowohl Watson als auch Conolly Notizen machten. »Sie führen Buch, Mr. Conolly, Doktor Watson?«

Beide Männer nickten.

»Das ist gut so. Es wäre außerordentlich reizvoll, morgen Abend in der Schiffsbibliothek für einen kleinen, interessierten Kreis eine Abschiedslesung aus Ihren Texten zu geben.«

»Da müssen Sie uns aber vorher in das Ergebnis Ihrer Ermittlungen einweihen, Mr. Holmes«, sagte Conolly. »Ich bin gegenüber Ihrem Biographen schwer benachteiligt, da ich nicht einmal die Kabine verlassen darf.«

»So hat jeder an seinem Geschick zu tragen«, stellte Holmes trocken fest. »Dafür leben Sie noch. Ist ja auch etwas. Nein, Sie schreiben nur das, was Sie selbst wissen, meine Herren. Der Gegner soll im Unklaren bleiben.«

»Können wir schreiben, dass das Mädchen durch einen Schock wieder sprechen kann?«, fragte Conolly.

»Sie haben geplaudert, Watson, und das Ihrem schriftstellerischen Konkurrenten gegenüber. Wie unklug, wie überaus unklug. Zu Ihrer Frage, Mr. Conolly: Ich lasse Sie das selbst entscheiden. Ist Ihnen eine journalistische Sensation wichtiger als das Wohlergehen eines kleinen Mädchens? Ist Ihnen ein momentaner Triumph wichtiger als die Gesamtlösung?«

»Aber … Ich habe vor dieser Reise groß berichtet. Und nun? Es scheint, als ob am Ende der Reise keine der wesentlichen Fragen beantwortet ist. Haben Mr. Ismay und sein amerikanischer Partner die Versicherung betrogen und die Titanic versenkt? Wenn ja, wie? Wenn nein, wer oder was steckt wirklich dahinter? Wer wollte mich vergiften? Wer hat meine Kollegen Evans und Robertson auf dem Gewissen?

Wer tötete Mrs. Oldman-Smythe und warum musste sie sterben? Wer stahl ihr Collier?«

»Sie haben wie ich dieselben Chancen, all diese Punkte zu klären. Ich lasse Ihnen völlig freie Hand. Sie können auch die Kabine verlassen, wenn Sie sich dementsprechend verkleiden. Es könnte jemand vor Schreck tot umfallen, Ihr Gespenst zu sehen. Und nach dieser Reise können Sie veröffentlichen, was immer Sie wollen. Wenn Sie der Meinung sind, dass ich versagt habe und nicht fähig war, den Fall zu lösen, dürfen Sie mich öffentlich bloßstellen. Ich werde mich nicht dagegen wehren.«

Holmes hatte sich in Rage geredet. Sein Gesicht war leicht gerötet.

»Aber … Aber warum erzählen Sie uns nicht, was Sie wissen? Wir könnten Sie weiterhin in jeder Weise unterstützen.«

»Der Grund dafür ist einfach. Der Fall darf noch nicht gelöst werden, weil sonst die Verantwortlichen untertauchen oder versuchen werden, uns zu vernichten. Der Fall wird am 30. Dezember dieses Jahres gelöst. Ich lade Sie, meine Herren, ein, mit mir ein Essen, ein Mittagsmahl, in unserer Wohnung in der Baker Street einzunehmen. Um Punkt 12 Uhr. Am nächsten Tag können Sie darüber in der Zeitung schreiben, Mr. Conolly. Aber damit Sie sehen, dass ich nicht alles vor Ihnen verberge, zwei Hinweise. Erstens: Warum wurde Mrs. Oldman-Smythe ermordet? Ich erinnere daran, was ich schon einmal feststellte. Die Frau wusste viel über die Hintergründe unseres Falls. Sie war mit den Verantwortlichen persönlich bekannt. Ihr ging es nicht darum, weitere Untaten zu verhindern. Mrs. Oldman-Smythe wollte persönlichen Nutzen aus ihrem Wissen ziehen.«

»Sie deuten damit an, dass sie die Täter erpresste«, stellte Watson fest.

»So ist es. Die unglaublich wertvolle Kette war ein solches Produkt ihrer törichten Drohungen. Auch der Verkauf von vier ihrer Bilder, noch vor der Vernissage. Ich erinnere an ihre Andeutung bei der Ansprache zur Eröffnung der Gemäldeausstellung. Sie wollte noch mehr Schweigegeld. Das war ihr Todesurteil.«

»Warum der 30. Dezember? Ist dieser Tag von besonderer Bedeutung?«, fragte Watson.

»Mehr erfahren Sie nicht von mir, meine Herren. Bemühen Sie sich selbst. Und sind Sie vernünftig in dem, was Sie schriftlich festhalten.«

»Ich werde beim Schreiben Vernunft beweisen. Nicht aber beim Ermitteln. Davon hält mich nun keiner mehr ab«, sagte Robert M. Conolly und eilte in sein Zimmer.

Einige Minuten später verließ er, als Steward verkleidet, die Kabine.

Conolly ahnte, welche Bedeutung der 30. Dezember, beziehungsweise der Tag davor, hatte. Er hatte eine Notiz dazu in den Unterlagen von Morgan Robertson gefunden. Und der Journalist hatte eine Vermutung, wer auf der Olympic in Zusammenhang mit den so genannten Davidskriegern stehen konnte, jener teuflischen Gruppe, die hinter dem Fluch der Titanic steckte.

Es war nicht schwer für ihn, die Tür zu der Kabine des von ihm Verdächtigten zu öffnen. Und tatsächlich, die zwei Räume, die von dem Mann bewohnt wurden, enthielten das, was er vermutet hatte. Er würde seinen eigenen Bericht schreiben und ihn per Funk an die Redaktion übermitteln lassen, so dass die Gazette noch lange vor Holmes und ihrer Ankunft in New York exklusiv darüber berichten würde.

Die einen Spalt breit offen stehende Tür war ins Schloss gefallen. Conolly drehte sich um und sah in die Augen der Person, die er verdächtigte. Bevor er reagieren konnte, beendete eine Salve von Schüssen aus einer Colt-Browning M1895, die ihn mitten in die Stirn trafen, sein Denken und sein Leben.

»Was ist mit Conolly geschehen? Wo ist er?«, fragte Dr. Watson.

»Er wurde ermordet und man wird ihn des Nachts über Bord werfen«, sagte Holmes zu Watson.

»Und was gedenken Sie zu unternehmen?«, fragte der Besitzer der White Star Lines.

»Nichts. Jedes Eingreifen würde das Ziel meines Auftrags gefährden. Und das wollen wir doch nicht riskieren, Mr. Ismay.«

»Ich habe Vertrauen zu Ihnen, Mr. Holmes, obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass der Kapitän ebenso besonnen bleibt wie Sie.«

»Kapitän Hayes wird die New Yorker Polizei einschalten müssen, um das Verschwinden von Mrs. Oldman-Smythe und ihres Colliers sowie von Mr. Conolly zu klären. Die Cops werden das Collier finden, aber keine Spur der beiden Ermordeten und keinen Hinweis auf die Täter. Und es würde mich außerordentlich überraschen, wenn nicht ein weiterer Passagier zu Tode kommen würde, bevor wir New York erreichen.«

»Ich bin empört, Holmes, dass Sie so leichtfertig über den Tod eines Menschen hinweggehen, der uns doch nahe gestanden hat. Mir war Mr. Conolly sehr wichtig. Ich habe ihn sehr geschätzt«, sagte Dr. Watson in vorwurfsvollem Ton.

»Ich versuchte ihn zu schützen. Ich warnte ihn. Er meinte, das in den Wind schlagen zu können. Ich wiederhole nun auch für Sie, Watson, Mr. Ismay: Wir haben es mit keinem alltäglichen Fall und keinem alltäglichen Gegner zu tun. Vorsicht und Klugheit sind gefragt, wollen Sie nicht auch noch Ihr Leben riskieren.«

»Also, was hast du zu sagen? Ich höre«, sagte Linda Hornby zu ihrem um ein Jahr jüngeren Bräutigam.

»Ich bedaure, wie ich mich bisher dir gegenüber verhalten habe, und ich bitte dich, mir eine Chance zu geben. Eine letzte Chance.«

»Du hast mir auf dieser Schiffsreise die Augen geöffnet. Du hast nicht mich geheiratet, sondern unsere Firma. Ich bin ein lästiges Anhängsel bei diesem Geschäft. Und jede verrückte Alte, wie diese unmögliche Malerin, ist für dich interessanter, als ich es bin.«

»Ich entschuldige mich und bitte dich um einen Neuanfang.«

»Hast du etwas mit dem Verschwinden von Mrs. Oldman-Smythe zu tun, Graham?«, fragte ihn die junge Frau.

»Nein. Aber du vielleicht?«

»Ich auch nicht.«

»Gut. Das ist wichtig«, sagte der Einundzwanzigjährige. »Ich hatte nichts mit der Frau, im eigentlichen Sinn.«

»Was meinst du damit?«

»Du weißt schon.«

»Mit mir hattest du auch noch nichts im eigentlichen Sinn.«

»Es ist schwer, Linda.«

»Was ist schwer?«

»Darüber zu reden. Ich … ich hatte Angst vor dir.

Und ich meinte, die ältere, erfahrene Frau könnte mir den Weg ebnen.«

»Den Weg in mein Bett?«

Graham Hornby schwieg.

»Was ist so Furcht erregend an mir, Graham?«

»Ich weiß nicht. Ich habe bisher alles getan, was meine Eltern von mir wollten. Ich arbeite in der Firma, ich habe dich geheiratet. Ja, ich gebe zu, dass ich damit nur den Wunsch meiner Eltern erfüllt habe. Aber dann stand ich dir gegenüber, einer Frau aus Fleisch und Blut, einem seltsamen, rätselhaften Wesen, wie es mir bisher noch nicht untergekommen war. Einer Frau, die Interesse an mir zeigte.«

»Die dir keine Befehle gab und dir nicht sagte, wo es lang ging, sondern auf Vorschläge von dir wartete. Die darauf wartete, dass du zu ihr kommst.«

»Ja, ungefähr so. Ich bin ratlos und nun habe ich alles verdorben. Gib mir Zeit. Ich muss …«

»Du musst ein Mann werden, bevor du wie ein Mann handeln kannst.«

»Ja, so ist es. Ich bemühe mich, aber es ist nicht leicht. Gib mir bitte Zeit!«

»Heißt das, dass du bei mir bleiben willst?«

»Ja, unbedingt.«

»Gut. Auch ich will bei dir bleiben. Wie viel Zeit brauchst du?«

»Ein Jahr.«

»Was willst du in diesem Jahr machen?«

»Ich möchte ganz normal mit dir leben, ohne …«

»Ohne mit mir ins Bett zu gehen.«

»Ich weiß nicht. Nein, das ist es nicht. Ich …«

»Also, worauf soll ich in diesem Jahr verzichten?«

»Gib mir die Freiheit, Fehler zu machen und daraus zu lernen. Ich werde mich sehr bemühen. Wenn ich es nicht schaffe, gehe ich.«

»Du wirst es schaffen. Ich werde dich unterstützen.«

»Danke. Ich liebe dich, Linda.«

Donnerstag, der 15. April, begann ruhig. Holmes schlief lange und ließ das Frühstück in seine Kabine bringen.

Zum Mittagsmahl, das er mit Bruce Ismay in der Suite einnahm, hatte er Watson und die Bibliothekarin eingeladen, unter dem Vorwand, Details für die Lesung am Abend besprechen zu wollen.

»Länger als eine Stunde dürfen Sie nicht lesen, Watson«, riet der Detektiv. »Das hält kein Publikum aus.«

»Ich habe nicht vor, die Ohren der Passagiere zu quälen«, sagte der Doktor etwas gekränkt. »Und ich will auch die Zeit nicht beschneiden, in der Sie selbst über Ihre Arbeit als der Welt größter Detektiv berichten.«

»Entnehme ich Ihrer Stimme so etwas wie bitteren Sarkasmus, Watson? Wenn das so ist, ersuche ich Sie dringend, etwas direkter zu werden.«

»Gern. Aber nicht im Beisein einer Dame und von Mr. Ismay.«

»Nach dem Mahl und der Besprechung des Abendprogramms stehe ich für ein Vieraugengespräch zur Verfügung. Im Augenblick jedoch nicht«, wehrte Holmes ab.

»Ich werde Sitzplätze für etwa 50 Passagiere bereitstellen lassen«, schlug Irene Adler-Wolfe, alias Joyce Alexandra Ronstead, vor. »Sie, Mr. Holmes und Sie, Doktor Watson, werden gemeinsam mit mir an einem Lesetisch Platz nehmen. Ich werde Sie den Gästen vorstellen, dann wird Doktor Watson aus seinen Büchern lesen. Wir haben alle wesentlichen Bände in der Bibliothek. Auch ich glaube, dass eine Stunde Vortrag ein ideales Maß ist, um die Zuhörer nicht zu überfordern. Dann soll Sherlock Holmes berichten, was immer er dem Publikum erzählen will. Eine Frage noch, meine Herren. Soll den Besuchern die Möglichkeit gegeben werden, an Sie beide Fragen zu stellen?«

Watson sah Holmes Hilfe suchend an, dieser sagte: »Von meiner Seite besteht kein Einwand dagegen. Ja, ich würde die Kommunikation mit den Zuhörern sogar begrüßen.«

»Sie führen etwas Besonderes im Schilde, Mr. Holmes?«, fragte die Bibliothekarin interessiert.

»Nichts von Bedeutung, Miss Ronstead. Das Außergewöhnliche an diesem Abend beschränkt sich auf die literarischen Werke meines Freundes Watson.«

»Beschränkt«, murrte dieser. »Sie können es nicht lassen, Holmes.«

»Ich bedaure die unglückliche Formulierung«, verbesserte sich dieser. »Der wahre Höhepunkt unserer gesamten Reise auf der Olympic wird heute Abend erreicht. Durch Doktor Watson und seinen literarischen Vortrag. Gut so, Watson?«

»Wenn Sie fertig sind mit Ihren Seitenhieben auf mich, vergessen Sie nicht das Gespräch, um das ich Sie gebeten habe«, antwortete dieser.

»Was wollen Sie mir unbedingt mitteilen, Doktor?«, fragte der Detektiv bei einem Glas Whisky seinen Begleiter in dessen Kabine.

»Was gedenken Sie mit Mr. Ismay zu tun? Werden Sie ihn der New Yorker Polizei übergeben oder bringen Sie ihn zurück nach London, um ihn an Scotland Yard auszuliefern?«

»Mr. Ismay? Was haben Sie gegen diesen Gentleman, Watson?«

»Es ist wohl klar, was ich meine. Ismay hat mit Conolly seinen letzten Widersacher ausgeschaltet, er steckt wohl auch hinter der Ermordung von Mrs. Oldman-Smythe. Und Sie selbst, Holmes, haben angekündigt, dass dies nicht der letzte Mord auf der Erinnerungsreise war.«

»Wer, glauben Sie, Watson, wird als Nächster daran glauben müssen, wenn wir, bescheiden, wie wir sind, anderen zunächst den Vortritt lassen?«

Der Doktor dachte nach, dann meinte er: »Daran habe ich noch nicht gedacht. Aber ich fühle mich durchaus nicht wohl in meiner Haut. Ismay ahnt, dass ich ihn verdächtige. Und dass er keine Skrupel kennt, wissen wir ja. Es wäre also zu empfehlen, ihn zu verhaften und ihn sicher zu verwahren.«

»Er ist sicher in meiner Kabine verwahrt, Watson. Im Übrigen teile ich Ihren Verdacht, dass Ismay in das mörderische Geschehen verwickelt ist, keineswegs.«

»Aber wer dann? Wer soll dahinter stecken? Die Brüder von Kapitän Smith etwa?«

»Das wäre nicht ganz auszuschließen. Ich denke mir, dass es einen Hintergrund der Geschehnisse gibt, der, ähnlich einem Eisberg, tief und gefährlich bisher im Verborgenen blieb. Etwas, das in die Vergangenheit reicht und mit dem schwarzen Diamanten von Mrs. Oldman-Smythe zu tun hat.«

»Den Sie ins Meer warfen.«

»Den ich symbolisch ins Meer warf, der sich jedoch noch auf diesem Schiff befindet und der Person, die ihn bei sich hat, kein Glück bringen wird.«

»Was haben der Untergang der Titanic und die Morde mit dem schwarzen Diamanten zu tun?«

»Der Stein ist südafrikanischer Herkunft. Black Tear wurde in den Wirren des Burenkrieges Ohm Krugers Frau gestohlen.«

»Kapitän Smith hatte mit dem Burenkrieg zu tun«, sagte Watson.

»Richtig. Er transportierte Truppen nach Südafrika, darunter vermutlich jene Männer, die für die Verbrechen verantwortlich sind, die wir nun klären wollen.«

»Seine Brüder?«

»Sie haben recht, Watson. Wir müssen allem und jedem Misstrauen entgegenbringen, brauchen aber hieb- und stichfeste Beweise, um den Gegner nachhaltig überführen und besiegen zu können.«

»Sagen Sie doch, was Sie alles wissen, Holmes!«

»Es ist wichtig, das Hauptziel, die vollständige Aufdeckung der Verbrechen, im Auge zu behalten und dabei auf kleine Triumphe zu verzichten. Ein langer Atem, ein sehr langer Atem, ist vonnöten. Ein langer Atem, zu dem es auch gehört, schweigen zu können.«

Nach einem Mittagsschläfchen besuchte der Detektiv Irene Adler in der Bibliothek, in der sich um zwei Uhr noch keine Besucher befanden. Die Passagiere schienen am vorletzten Tag ihrer Reise besonders ruhebedürftig.

»Ich freue mich auf den heutigen Abend«, sagte Irene Adler. »Was ich über Sie und Ihre Arbeit weiß, verdanke ich den Texten von Dr. Watson.«

»Watson hat die Bücher in seiner liebenswürdigen Art geschrieben und mich so dargestellt, wie er mich gerne sieht. Als kalten Analytiker, ohne menschliche Regungen, eine Art Detektivmaschine, die einen großen Teil ihrer Zeit damit verbringt, sich selbst bei der Lösung von meist belanglos-skurrilen Fällen darzustellen.«

»Und Watson irrt damit?«

»Das will ich nicht behaupten«, versuchte Holmes dem Gespräch eine andere Richtung zu geben. »Sie meinen zu wissen, wie mein Leben seit unserer denkwürdigen Begegnung verlief. Ich wiederum bin nur auf Vermutungen angewiesen und würde gerne aus Ihrem Mund vernehmen, was Ihnen widerfuhr.«

»Ich bin, wie gesagt, Mutter zweier wunderbarer Söhne, von denen einer viel versprechende detektivische Fähigkeiten besitzt.«

»Die er von Ihnen geerbt hat?«

»Vermutlich. Für mich war es wichtig, mich zu entscheiden. Ich fand es im Laufe der Jahre weniger gefährlich, auf der Seite des Gesetzes tätig zu sein, als weiblicher Detektiv …«

»Mit hochinteressanten Überschreitungen der Grenze zwischen Gut und Böse.«

»Wie meinen Sie das, Mr. Holmes?«

»Nur meine Phantasie, Mrs. Wolfe, wie ich schon sagte. In meiner inneren Vorstellung waren Sie sehr erfolgreich. In spektakulären Fällen. Aber Sie haben eine Tendenz, die Bestrafung derer, die Sie überführten, in die eigene Hand zu nehmen, wenn …«

»Wenn nicht gesichert ist, dass die zuständigen Instanzen ihrer Pflicht nachkommen.«

»War das auch im Falle des Thronfolgers so?«

»Sie meinen Prinz Albert Edward?«

»Nein. Ich beziehe mich auf ein Land im Zentrum Europas.«

»Ach. Ich konnte nicht ahnen, wie sehr Sie sich mit meiner Tätigkeit beschäftigten. Im von Ihnen angesprochenen Fall konnte ich nicht anders, Mr. Holmes. Es war klar, wer dahinter steckte. Und diese Person musste zur Rechenschaft gezogen werden, so mächtig sie auch war.«

»Es ist Ihnen aber auch klar, dass der derzeitige Krieg, das Chaos in Europa, das bis nach England und Amerika ausstrahlt, eine Folge Ihrer Ermittlungen ist«, stellte Holmes fest.

»Was wissen Sie konkret über die Ermordung des Thronfolgers und seiner jungen Freundin? Ich bin mir nicht sicher, ob Sie nicht bluffen, um Informationen aus mir herauszuholen. Ach verdammt, es ist sonst niemand hier.«

Mit diesen harschen Worten steckte sich die Bibliothekarin eine Zigarette an.

»Ich weiß«, sagte Holmes, als er ihr Feuer gab, »dass Sie von der Kaiserin beauftragt wurden, den Mord an ihrem Sohn zu klären. Und dass Ihnen das auch gelang, mit jenen weit reichenden Folgen, die ich schon erwähnte.«

»Ich widerspreche Ihnen nicht, Holmes, weigere mich aber, in Details zu gehen. Die Ordnung, die durch einen skrupellosen Mann gestört worden war, wurde wiederhergestellt«, antwortete Irene Adler knapp.

»Und Ihre Auftraggeberin verlor das Leben. Sowie der direkte Nachfolger des Kaisers.«

»Jahre später.«

»Und Sie fürchten, ebenso beseitigt zu werden, wenn Sie nicht schweigen.«

»Die Gefahr verringert sich von Jahr zu Jahr.«

»Gut. Lassen wir es dabei bewenden. Ich weiß, wer die wahre Macht in jenem Land ausübt, Sie wissen es. Und die Schmierenkomödie, die dem Rest der Welt vorgespielt wird, konnte nur in der gegenwärtigen Katastrophe enden.«

»Wir könnten dieses Spiel nun ewig weiterspielen, Mr. Holmes. Ich möchte es aber hiermit beendet wissen.«

»Sofort. Was geschah mit dem wirklichen Kaiser jenes Landes, nachdem er durch den Schauspieler ersetzt wurde?«

»Kein weiteres Wort, Holmes! Sie sind verrückt. Ich ersuche Sie zu gehen.«

»Es war sehr schön, es hat mich …«

»Schweigen Sie, Holmes!«

»Nicht ohne vorher mit Ihnen den Ablauf des heutigen Abends besprochen zu haben.«

»Das klingt wieder ganz vernünftig. Also …?«

»Wir werden die Person X weiter verunsichern. Sie soll glauben, dass ihre Lage ausweglos ist.«

»Und dann?«

»Dann lassen wir sie laufen und schauen, wohin sie läuft.«

»Das ist mir zu vage«, meinte Irene Adler. »Ich habe den Auftrag, den Fall zu lösen. Und ich werde das auch tun.«

»Wie Sie meinen. Jeder auf seine Weise. Watson wird jedenfalls am Ende seiner Lesung über den gegenwärtigen Fall berichten und dabei ein überraschendes Dokument präsentieren, das hoffentlich einige Wirkung hat.«

»Gut. Darauf bin ich gespannt. Wie ich überhaupt außerordentlich angetan bin von der Tatsache, dass die Bibliothek der Olympic heute Abend in das Zentrum des Interesses rücken wird.«

DER FLUCH DER TITANIC

»Behalten Sie die Nerven, Private Samma«, versuchte Colonel King den aufgeregten Mann zu beruhigen. »Sie haben bewiesen, dass Sie dazu imstande sind.«

»Da hatte ich Sie an meiner Seite.«

»Vergessen Sie nicht, es gehört zur Taktik dieses Detektivs, Sie zu beunruhigen, zu unüberlegten Handlungen zu treiben. Sie dürfen nicht darauf hereinfallen.«

»Er ist ein Teufel.«

»Da stimme ich Ihnen völlig zu. Ein Teufel, der vorgibt, Gutes zu tun.«

»Ich muss handeln und ich ersuche Sie um Ihren Befehl.«

»Mein Befehl lautet, die Ruhe zu bewahren, zu beobachten und mir exakte Berichte zukommen zu lassen.«

*

Nach dem Abendessen, gegen halb neun Uhr, begaben sich Sherlock Holmes, Dr. Watson und Bruce Ismay in die Schiffsbibliothek, die von Miss Ronstead stimmungsvoll dekoriert worden war. Mehrere Dutzend Kerzen tauchten den Raum in mildes Licht. Auf dem Tisch, an dem die Bibliothekarin, Holmes und Watson Platz genommen hatten, stand eine Vase mit weißen Rosen. Daneben lag ein Stapel mit allen Werken, die Watson je über seinen Freund, den Detektiv, verfasst hatte. Miss Ronstead begrüßte Holmes und den Doktor sowie die Besucher der Lesung. Sie kündigte einen großen Abend mit wirklichen Überraschungen an.

Dann begann Watson zu lesen. Das Publikum lauschte gebannt seinen Worten. Die bedächtig-ernste Art, in der der Autor seine Texte vortrug, verfehlte ihre Wirkung nicht. Auch auf Sherlock Holmes. Er dachte über die tiefe Freundschaft nach, die ihn seit 1881 mit dem Doktor verband. Der Mann verehrte ihn tief und zeichnete seinen Charakter in einer Weise, die Holmes einerseits schmeichelte, ihn andererseits auch verärgerte. Watson war offenbar zeitlebens auf der Suche nach einem Vorbild gewesen, einem Vater, einem allmächtigen, unerreichbaren Vater.

Und ich, dachte Holmes, hätte wohl gerne einen Sohn gehabt, an den ich mein Wissen und meine Erfahrungen weitergeben konnte. Wobei die Rollen manchmal wechselten. Besonders wenn der Doktor besorgt war wegen des Drogenkonsums, den Watson in seinen Schriften jedoch maßlos übertrieb. Holmes hatte sich und sein Leben immer voll im Griff gehabt. Zumindest in seinen eigenen Augen.

Watson entwarf ein umfassendes Bild von Holmes' Karriere bis zum Zweikampf mit dem großen Gegner, mit Professor Moriarty.

»Davon, meine Damen und Herren, dass Holmes überlebte und seine Tätigkeit fortsetzt, können Sie sich selbst überzeugen«, sagte der Doktor abschließend.

Die Zuhörer applaudierten und wandten ihre Aufmerksamkeit dem Detektiv zu, der sich verbeugte und seinem Freund ein Konvolut aus mehreren Blättern Papier zuschob.

»Mein Biograph und Freund Doktor Watson hat völlig richtig festgehalten, dass meine Arbeit als Detektiv durchaus nicht abgeschlossen ist. Sie setzt sich, wie Sie Presseberichten entnehmen konnten, auch auf diesem Schiff fort. Doktor Watson, unermüdlich tätig, wie er nun einmal ist, hat auch darüber Buch geführt und wird daraus vortragen.

Watson, dem Holmes' Handschrift so weit vertraut war, dass er sie ohne Schwierigkeiten entziffern konnte, begann zu lesen: »Der Kapitän der Titanic, Edward John Smith, hatte, um sicher zu gehen, für die erste große Fahrt des neuen Schiffes eine Route gewählt, die noch weiter südlich verlief, als dies für das Frühjahr üblich war. Große Eisberge waren auf diesem Weg auszuschließen. Smith wollte aber auch kleinere Beschädigungen an dem nagelneuen Dampfer vermeiden, denn Ausläufer von Eisfeldern waren tatsächlich von den Schiffen gemeldet worden, die diese Route mehrmals pro Woche befuhren.

Die Titanic war durchaus nicht das einzige Schiff, das zwischen Europa und den Vereinigten Staaten verkehrte. Dieser Eindruck, den ein laienhafter Leser aus den Zeitungsberichten, die dem Unglück folgten, gewinnen musste, war natürlich unrichtig. Was aber führte nun tatsächlich zu der fatalen Kollision mit einem ausgedehnten Eisfeld und der Zerstörung des angeblich unsinkbaren Schiffes? Warum gab es diesen Eisberg, der nicht vorhanden hätte sein dürfen?

»Ganz einfach«, meinte Sherlock Holmes und zündete seine Pfeife an. »Man hat ihn der Titanic in den Weg gestellt.«

»Das ist wohl nicht Ihr Ernst, Holmes«, wehrte Watson ab und leerte sein Glas Portwein.

»Denken Sie streng logisch, Doktor!«, insistierte der Detektiv. »Ein riesiges Eisfeld befindet sich dort, wo es nicht hingehört, wo seit Jahrzehnten keine Eisflächen vorkommen, und es versenkt das größte Schiff der Welt, dem kleinere Eisberge nichts anhaben können. Man muss sich also fragen, wie das riesige Eisfeld gerade dorthin gelangte.«

»Es hatte sich offenbar von einem noch größeren Massiv abgespalten und war nach Süden gedriftet.«

»So ist es, Doktor. Es freut mich, dass Sie so logisch denken. Neuerdings.«

Watson schenkte sich ein weiteres Glas Port nach und versuchte mit einem kräftigen Schluck den Ärger über Holmes' taktlose Bemerkung hinunterzuspülen.

»Sie können es nicht lassen«, sagte der Doktor.

»Sie wollen nicht gelobt werden, Watson? Das widerspricht allen meinen sonstigen Erfahrungen mit Ihrem Wesen. Aber auch ein Detektiv lernt nie aus.«

»Genug dieses Kleinkriegs, Holmes! Sagen Sie einfach und gerade heraus, was Sie vermuten!«

»Ich vermute nicht, ich weiß. Wie Sie selbst sagen, muss ein ausgedehntes Eisfeld nach Süden gedriftet sein. Und da diese Abspaltung im Monat April nicht auf eine Erwärmung des Atlantiks zurückgeführt werden kann, muss es sich um ein von Menschen ausgelöstes Phänomen handeln.«

»Unmöglich, wie sollte das funktionieren?«

»Denken Sie nach, in aller Ruhe.«

»Die einzige Möglichkeit wäre eine Sprengung. Aber das ist doch unmöglich.«

»Wieso?«

»Es müsste sich um gewaltige Sprengungen handeln, wie sie nur von Angehörigen einer Armee durchgeführt werden könnten.«

»Exakt. Wir sind am Ziel, Doktor. Die Titanic wurde von Menschen mit militärischem Hintergrund versenkt.«

»Sie deuten doch nicht etwa an, dass die Deutschen mit ihren U-Booten dahinterstecken?«

»Sehen Sie, Watson, Sie fragen nun logischerweise nach dem Motiv der Tat. Wer hatte Vorteile durch die Zerstörung der Titanic? Waren das die Deutschen? Wenn die deutsche Marine ihre Macht demonstrieren wollte, hätte sie sich zu dem Anschlag bekannt und versucht, durch Drohungen etwaige politische Ziele zu verfolgen. Nichts dergleichen geschah.«

»Vielleicht war der Tod so vieler Passagiere nicht beabsichtigt und man schwieg, als man das Ausmaß der tatsächlich eingetretenen Katastrophe erkannte«, wandte Doktor Watson ein.

»Ein sehr wichtiger Gedanke. Ja, ich glaube, man hatte wirklich nicht mit dem Tod so vieler Menschen gerechnet. Da war etwas schief gelaufen. Den Deutschen jedoch, gründlich wie sie nun einmal sind, wäre ein solcher Fehler nicht unterlaufen. Sie hätten die Schiffbrüchigen eingesammelt und die Geretteten der Weltöffentlichkeit präsentiert.«

»Worauf also wollen Sie hinaus, Holmes?«

»Hinter der Attacke auf die Titanic stand eine Gruppe mit militärischem Hintergrund, aber keine reguläre Armee. Eine wirkungsvolle, ihrem Anführer absolut ergebene Einheit.«

»Oder eine größere Truppe.«

»Aber …«

»Sie zweifeln zu recht daran, dass eine Sprengung genügt hätte, den Eisberg in Position zu bringen, nicht wahr, Watson. Die Männer hatten einen Schlepper zur Verfügung, der das Eis dorthin beförderte, wo die Titanic unterwegs sein würde. Ich sagte schon, dass es sich um Personen in nicht unwichtigen Positionen handelte.«

»Sie wissen also, was dahintersteckt, Holmes?«

Der Detektiv nickte bedeutungsvoll.

»Ich bedanke mich bei Sherlock Holmes und Doktor Watson für diesen hoch interessanten Abend«, sagte Irene Adler. »Die Herren haben sich großzügiger Weise bereit erklärt, Fragen zu beantworten. Fragen zum literarischen und faktischen Hintergrund der vorgetragenen Texte.«

»Wie ich sehe, machen Sie kaum Korrekturen an Ihren Texten. Sie sind also derartig geübt, dass Sie Ihre Sätze eins zu eins zu Papier bringen«, sagte eine Frau, die in der ersten Reihe saß und Ausblick auf das Manuskript hatte, das vor dem Doktor lag.

»Eine Ausnahme, gnädige Frau, ist dieser erst jüngst verfasste Text«, erklärte der Doktor das Manuskript, das ihm Holmes untergeschoben hatte. »Normalerweise plane ich meine Erzählungen bis ins kleinste Detail und schreibe und korrigiere so oft, bis die endgültige Form erreicht ist, die an den Verlag geht.«

»Eine Frage an Sie, Mr. Holmes. Entspricht der zuletzt gelesene Text Ihrem aktuellen Ermittlungsstand?«, fragte Bruce Ismay.

»Betrachten Sie den heutigen Abend als Auftritt eines Künstlers, eines Künstlers der Phantasie und der Worte, des Künstlers John H. Watson, dessen Wirkung auf das Lesepublikum daraus resultiert, dass er Märchen schreibt. Märchen für Erwachsene, voll Atmosphäre und Geist.«

»Sie vermuten doch nicht etwa Ihren alten Widersacher Professor Moriarty und einen gigantischen Plan der Weltverschwörung hinter dem Untergang der Titanic?«, fragte ein Mann aus dem dunklen Hintergrund der Bibliothek.

»Ein bestechender Gedanke. Ich danke Ihnen, Mr. Hatter, für diesen hoch interessanten Einwand. Doktor Watson wird ihn prüfen und gegebenenfalls übernehmen.«

Als sich sonst niemand zu Wort meldete, schloss die Bibliothekarin den Abend mit einer Frage an den Doktor. »Wie werden Sie das Buch nennen, das sich mit der Titanic-Katastrophe beschäftigt?«

»Fluch der Titanic, oder besser Sherlock Holmes und der Fluch der Titanic, der gesteigerten Verkaufschancen wegen.«

»Sie haben den Gegner mit diesem Text so sehr gereizt, dass ich größte Bedenken habe«, sagte Doktor Watson zu seinem Freund auf dem Weg zu Holmes' Kabine. »Ich lasse nicht zu, dass Sie die Nacht ungeschützt mit diesem Ismay in einer Kabine verbringen. Er wird alles versuchen, Sie unschädlich zu machen, bevor Sie ihn endgültig entlarven.«

»Was planen Sie, zu meinem Schutz zu unternehmen?«

»Ich werde an Ihrer Seite wachen, mit meinem treuen Webley.«

»Ihrem Revolver. Eine wunderbare Idee, und welch selbstloser Einsatz! Darf ich so unverschämt sein, Ihr großzügiges Angebot tatsächlich anzunehmen?«

Watson nickte erleichtert. Er hatte mit Widerstand von Seiten des Detektivs gerechnet.

»Was sagen Sie übrigens zu meinem Text?«, erkundigte sich Holmes bei seinem Freund.

»Perfekt. Und ganz ohne Korrekturen, wie das Publikum feststellte. Ich frage mich …«

»Was fragen Sie sich, werter Freund?«

»Warum Sie Ihre Fälle nicht selbst aufzeichnen.«

»Eine interessante Frage, Watson.«

»Und die Antwort darauf?«

»Auch andere historische Persönlichkeiten verzichteten darauf, Ihre Biographien selbst zu schreiben.«

»An wen denken Sie da?«

»Ach, ich werde verzichten, dies auszusprechen. Sie würden mich für überheblich halten.«

»Ich kenne Sie, Holmes. Sie meinen natürlich Jesus und die Evangelisten.«

»Aber Watson. Nie und nimmer würde ich …«, meinte Holmes, hinterhältig schmunzelnd. »Und der Tag wird kommen«, setzte der Detektiv ernst fort, »da jemand behaupten wird, dass es gar keinen Holmes und keinen Watson gab, sondern dass es sich um einen Romanschriftsteller handelte, der all das erfand.«

»Wie auch immer. Ich werde den Fluch der Titanic nicht zu Papier bringen«, sagte Watson.

»Sherlock Holmes und der Fluch der Titanic, wie Sie selbst sagten, Watson. Nun, das wird auch nicht möglich sein. Mycroft wird es uns nicht gestatten, mit der Lösung an die Öffentlichkeit zu gehen. Zu tief sind die Verstrickungen wichtiger Proponenten und Institutionen unserer Gesellschaft in die Verbrechen. Ich selbst protokolliere diesen Fall und werde die Aufzeichnungen in meinen Tresor einschließen, bis eines fernen Tages … Aber was rede ich. Es ist Zeit, meine Kabine aufzusuchen und etwas Ruhe zu finden, auch wenn Sie in selbstloser Weise darauf verzichten wollen.«

Watson, der am Schreibtisch Platz genommen hatte, war zwar nicht ganz wach, er schlief aber auch nicht, als er das Geräusch einer Handsirene vernahm, dem laute Rufe von Männern folgten, die an Holmes' Kabine vorbeieilten. Ein Blick auf seine Uhr zeigte dem Doktor an, dass es halb vier Uhr war. Auch Holmes war aufgewacht. Er bat Watson, Mr. Ismay, der, betäubt durch sein übliches Schlafmittel, fest schlummerte, zu bewachen, während er nachsehen wollte, was den Tumult auf den Korridoren verursacht hatte.

»Feuer. Es brennt in einer der Kabinen«, erfuhr Holmes kurz darauf von einem Steward.

Als er sich der Kabine von Watson näherte, wurde er bereits von Kapitän Hayes empfangen. »Mr. Holmes. In der Kabine Ihres Freundes brannte es. So weit wir feststellen konnten, war Dr. Watson zum Glück nicht anwesend. Sie können uns zu seinem Verbleib hoffentlich Näheres mitteilen.«

»Der Doktor zog es vor, die Nacht in meiner Suite zu verbringen, um mich zu bewachen.«

»Das beruhigt. Nun, das Feuer ist gelöscht, aber das Hab und Gut von Dr. Watson ist schwerst in Mitleidenschaft gezogen.«

»Ich danke in meinem Namen und in dem meines Freundes für das rasche Eingreifen Ihrer Mannschaft. Ich bedaure, dass die Reise einen derart unruhigen Verlauf nimmt, denke aber, dass diese Prozesse nötig sind, um zu einer endgültigen Klärung zu kommen.«

»Wir hatten bereits Funkkontakt zur Harbour Police in New York. Die Herren werden uns in einem Patrouillenschiff gegen Mittag des morgigen Tages erwarten und mit den Ermittlungen im Falle des ermordeten Mr. Conolly und der verschwundenen Mrs. Oldman-Smythe beginnen, so dass für unsere Passagiere keine Verzögerung bei der Ankunft am Morgen des 17. Aprils eintritt. Ich will der Arbeit der New Yorker Cops nicht vorgreifen, wäre aber sehr froh, wenn Sie, Mr. Holmes, den Herren Ihre Beobachtungen und Überlegungen mitteilen könnten.«

»Ich stehe selbstverständlich zur Verfügung.«

Als Holmes in seine Suite zurückkam, entschuldigte er sich bei Dr. Watson. »Es ist klar, dass mein Text über den Fluch der Titanic die Ursache des Brandanschlages ist. Was für ein Glück, dass Sie sich bei mir aufhielten. Ich werde für den materiellen Schaden aufkommen.«

»Danke. Das lässt sich alles verschmerzen. Ich werde mich in New York neu einkleiden.«

»Sie werden bei der Damenwelt Furore machen – als amerikanischer Gentleman.«

»Das tröstet ungemein.«

»Ismay jedenfalls scheidet als Täter aus. Sie wachten persönlich über ihn, während man Ihre Kabine in Brand setzte.«

»Ich habe meine Zweifel. Er könnte Komplizen haben, die für ihn tätig wurden. Finden Sie nicht auch, dass sein tiefer Schlaf verdächtig ist? Der Mann verschläft ganz einfach den Tumult.«

»Auch das lässt sich erklären. Er kann seit dem Untergang der Titanic nur mehr mit Hilfe von Opium Schlaf finden. Der Mann ist schwer betäubt«, erklärte Sherlock Holmes. »Aber nun ist es Zeit für Sie, Watson, etwas zu ruhen. Legen Sie sich nieder. Ich werde über Sie wachen.«

*

Eine bewährte Taktik von Samma, dem Davidskrieger, war es, an einem Ort Feuer zu legen, an einem anderen Ort weiteres Unheil anzustiften und an einem dritten Ort in aller Ruhe mit den Kameraden das Weite zu suchen. Auf diese Weise hatten sie in Südafrika Chaos in die Siedlungen der Buren gebracht und waren jeweils unversehrt entkommen. Dieselbe Methode wandte Samma nun an Bord der Olympic an. Während die Mannschaft der Olympic damit beschäftigt war, das Feuer in der Kabine des ältlichen Arztes zu löschen, der, wenn er nicht schlau genug war, darin umkommen würde, konnte er sich Aufgabe Nummer zwei widmen, um dann das Schiff in einem der Rettungsboote zu verlassen. In der Dunkelheit. Ungestört. Weil alle mit der Aufklärung der mysteriösen Ereignisse der Nacht beschäftigt waren.

Die Mannschaft der Loch Lomond, bereits per Funk verständigt, würde ihn nach einigen Meilen Ruderns sicher an Bord nehmen. Es würde nicht leicht sein, das allein zu schaffen, aber sie hatten es vor dem Antritt seiner Reise trainiert. Ein Mann im erfolgreichen Kampf gegen hunderte. Ein Davidskrieger zu Wasser, zu Land und in der Luft. Gegen die Goliathe dieser Welt. Das war Leben, das war Abenteuer!

Die Eltern der Kleinen schliefen, als Private Samma in der Verkleidung eines Stewards die Kabine der Reynolds betrat. Sie hatten nicht widerstehen können, von dem Imbiss zu kosten, den er ihnen am Abend in die Kabine gebracht hatte. Das Opium hatte seine Wirkung getan. Die Kleine war federleicht. Ein winziger Vogel, der sanft atmete, die Augen fest geschlossen. Ob sie träumte? Und wenn, was träumte sie?

Nein, Private Samma würde sie nicht über Bord werfen. Das kam nicht in Frage. Frauen und Kinder blieben verschont. Er würde sie in eine der leeren Kabinen bringen, dort konnte sie friedlich die Nacht verbringen und irgendwann am Vormittag erwachen.

Der kleine Engel.

Samma legte sie auf das Bett der unbenutzten Kabine und deckte sie zu. Mit seiner Hand streichelte er ihr dunkelbraunes Haar.

KIDNAPPING

Es mochte in dieser vorletzten Nacht der Jubiläumsreise der Olympic seit dem Feuer kaum eine Stunde vergangen sein, als an die Tür von Holmes' Suite geklopft wurde. Der Detektiv, der mit der Pistole im Anschlag vorsichtig öffnete, fand den Korridor leer. Ein Zettel, der sich aus dem Türspalt gelöst hatte, fiel zu Boden.

Die Kleine befindet sich in unseren Händen. Es wird ihr nichts geschehen, wenn Sie schweigen.

Der Detektiv dachte sofort an Alice und Christine und war alarmiert. Dennoch, beschloss er, würde er nicht das Nächstliegende tun und die Kabinen der beiden Mädchen aufsuchen. Damit rechnete der Gegner und plante womöglich in der Zwischenzeit einen Anschlag auf Holmes' Räumlichkeiten.

Der Detektiv bedauerte es sehr. Aber er musste den armen Doktor wecken. »Kontrollieren Sie bitte die Kabinen von Mr. und Mrs. Harrison und von Miss Reynolds.«

»Aber es ist mitten in der Nacht. Die Leute schlafen.«

Als Holmes dem Doktor den Zettel mit der Warnung zeigte, eilte dieser ohne Aufschub auf den spärlich beleuchteten Gang.

»Und kommen Sie wieder, auch wenn alles in Ordnung ist.«

Holmes verschloss die Kabinentür und dachte über das weitere Vorgehen nach.

Nach etwa zwanzig Minuten kehrte Watson mit dem Kapitän zurück. »Es handelt sich um Alice. Um Alice Harrison. Ihre Eltern sind nicht wach zu kriegen. Vermutlich ein starkes Schlafmittel im Abendimbiss. Und das Mädchen fehlt. Ihr Bett ist leer.«

»Wir dürfen keine Zeit verlieren, Kapitän«, sagte Holmes. »Das Schiff muss durchsucht werden, von oben bis unten, bis in den letzten Winkel. Ich muss Sie dringend ersuchen, jeden Mann Ihrer Mannschaft dafür zur Verfügung zu stellen. Nur so können wir das Mädchen eventuell retten.«

»Selbstverständlich, Mr. Holmes. Ich werde das Nötige veranlassen. Sie verstehen aber, dass ich jede Panik vermeiden werde. Alles muss so ruhig wie möglich ablaufen.«

»Das ist in meinem Sinn. Wie lange, rechnen Sie, wird die Durchsuchung des Schiffes dauern?«

»Eine Stunde. Nicht mehr als eine Stunde. Nicht alle Kabinen sind besetzt. Das lässt sich bewerkstelligen, wenn wir alle verfügbaren Kräfte einsetzen.«

Holmes, der sich an der Suche beteiligte, bestand darauf, dass der Doktor in der Kabine bei Joseph Bruce Ismay blieb, der noch immer tief und fest schlief.

Die Gänge waren hell erleuchtet. Männer der Schiffsmannschaft eilten von Tür zu Tür und erklärten den Passagieren, dass man jede Kabine durchsuchen müsse. Die Passagiere, die aus dem Schlaf gerissen wurden, zeigten zumeist Verständnis und gewährten dem Personal Zutritt.

Als sich ein Mann beharrlich weigerte, die Stewards in seine Räume zu lassen, wurde er festgenommen. In seinem Bett lag eine fremde Frau, die mit lautem Gekreische in spärlich bekleidetem Zustand auf den Gang flüchtete.

»Wir werden Ihren Mann erst wecken, wenn Sie in Ihre Kabine zurückgekehrt sind, Mrs. Summer«, versprach der Steward.

»Meine Leute haben etwas entdeckt«, sagte der Kapitän, als er auf Sherlock Holmes zueilte. »In Kabine 15-B.«

»In Mr. Hatters Räumlichkeiten«, spezifizierte der Detektiv.

»Ja. Kommen Sie bitte.«

John Hatter lag in einer Blutlache auf dem Teppich, das Gesicht dem Boden zugekehrt. Jemand hatte ihm von hinten in den Kopf geschossen. Das Blut war frisch, die Projektile steckten im Holzboden darunter. Holmes untersuchte die Geschosse, obwohl ihm bewusst war, dass der Täter seine Waffe vermutlich ins Meer geworfen hatte.

Es handelte sich um ein anderes Kaliber als bei der Waffe, mit welcher der Journalist getötet worden war. Bemerkenswert fand der Detektiv, der nun den Körper des Toten untersuchte, vor allem den Anhänger, den Mr. Hatter an einer Metallkette um den Hals trug, unter dem Hemd verborgen. Es handelte sich um die Nachbildung eines Bronzemedaillons, das die Queen verdienten Männern verlieh.

Auf dem Schreibtisch des Versicherungsmannes lag das Collier von Mrs. Oldman-Smythe mit dem wertvollen schwarzen Diamanten, dem Black Tear, als Anhänger. Holmes bat den Kapitän, das Schmuckstück bis zur Ankunft der New Yorker Polizei im Safe zu verwahren. Hinter dem Collier stand ein modernes Funkgerät, dem der Detektiv seine spezielle Aufmerksamkeit widmete.

Was für eine Reise! Ein weiterer Toter, nach dem Verschwinden von Mrs. Oldman-Smythe und der Ermordung von Robert M. Conolly. Ein Diebstahl, ein Brandanschlag und die Entführung eines kleinen Mädchens, das besonders dadurch gefährdet war, dass es wieder sprechen konnte.

Wo war Alice? War sie unversehrt oder ebenfalls tot?

Holmes machte sich Vorwürfe. Erwachsene Menschen waren für ihre Sicherheit selbst verantwortlich. Aber Kinder benötigten Schutz und Hilfe. Und die hatte er der kleinen Alice nicht gegeben.

Der Gegner drohte ihm in dem Schreiben an seiner Kabinentür mit der Ermordung des Mädchens, wenn er nicht schweige. Diese Nachricht musste mit der Lesung in der Bibliothek am Vorabend in Zusammenhang stehen. Ein wunder Punkt war getroffen, der in die Enge getriebene Feind war zu allem bereit.

Wo würde er ein kleines, entführtes Mädchen verbergen? Zunächst, überlegte Holmes, wäre es wichtig, das Kind ruhig zu stellen. Das Mädchen war vermutlich betäubt worden, so wie seine Eltern. Durch mit Opium versetzte Speisen. Und es lag … vermutlich in einer der nicht besetzten Kabinen. Also waren auch diese zu durchsuchen. Und zwar so rasch wie möglich.

Nach einer weiteren Stunde trug einer der Stewards ein Bündel zu Holmes' Suite. Den reglosen Körper von Alice Harrison. Doktor Watson fühlte den Puls des Mädchens und kontrollierte mit seiner flachen Hand die Atmung. Seine medizinischen Geräte hatte er beim Brand seiner Kabine verloren.

»Ich denke, Alice ist so weit in Ordnung. Sie wird, wie ihre Eltern, am späteren Morgen aufwachen und von den nächtlichen Umtrieben nichts wissen. Dennoch schlage ich vor, der Schiffsarzt kümmert sich um die Familie. Gerade ein kleiner Körper wie der von Alice könnte auf die Droge mit Atembeschwerden reagieren«, schlug der Doktor vor.

»Was war heute Nacht los?«, fragte Joseph Bruce Ismay. »Mir war, als ob sich das ganze Schiff in Aufruhr befinde. Ich fühle mich wie gerädert.«

»Watson wird Sie auf dem Laufenden halten. Ich empfehle Ihnen, das Frühstück mit ihm einzunehmen.«

»Und Sie, Mr. Holmes? Wollen Sie sich uns nicht anschließen?«

»Das ist leider nicht möglich. Ich muss noch vor dem Eintreffen der Hafenpolizei einen Bericht an meinen Bruder in London durchgeben, damit er die Kollegen in New York ersucht, sich bei den Ermittlungen etwas zurückzuhalten. Der Fall ist an sich geklärt. Mit den Ergebnissen muss allerdings vorsichtig umgegangen werden.«

»Aber …«

»Ich weiß, Mr. Ismay, dass Sie mein Auftraggeber sind. Und ich werde Sie nicht enttäuschen, wenn Sie Geduld haben, bis zum Ende dieses Jahres zu warten. Sollten Sie dazu nicht bereit sein, werde ich natürlich die Vorauszahlung, die Sie geleistet haben, retournieren.«

»Aber nein, Mr. Holmes. Ich habe volles Vertrauen zu Ihnen und Ihren Arbeitsmethoden. Ich bin mir sicher, dass alles gut werden wird. Für mich persönlich und meine Firma.«

»Watson wird Ihnen mitteilen, was in der Nacht geschah. Ich begebe mich in den Funkraum.«

Dort gab Holmes einen knappen Bericht an seinen Bruder Mycroft durch. Eine geheime, verschlüsselte Botschaft, von deren Wortlaut nicht einmal der damit befasste Funker wusste. Holmes selbst tippte den Bericht in den Fernschreiber.

Eine Stunde später kam die Antwort.

Gratulation. Kontakt mit amerikanischem Außenminister. Keine Komplikationen. Gruß, Mycroft.

Demgemäß problemlos verlief das Gespräch zwischen Holmes und dem amerikanischen Sonderermittler, Captain Roscoe, der den Einsatz der Hafenpolizei leitete. John Roscoe war nach der Untersuchung der beiden Toten einverstanden, diese in einem Kühlraum des Schiffes zurück nach England transportieren zu lassen, um ein Begräbnis in der Heimat zu ermöglichen.

Roscoe und Holmes einigten sich auch auf eine gemeinsame Stellungnahme gegenüber der New Yorker Presse am Morgen des folgenden Tages, bei der von großen Fortschritten bei der Lösung des Rätsels um die Titanic die Rede sein sollte. Um wichtige weitere Ermittlungsschritte nicht zu gefährden, werde man sich erst in einiger Zeit mit einem detaillierten Bericht an die Weltöffentlichkeit wenden können. Der Londoner Detektiv Sherlock Holmes, der für die Schifffahrtslinie White Star tätig sei, sowie die New Yorker Hafenpolizei, ersuchten dafür um Verständnis.

Doktor Watson wiederum war die Aufgabe zugefallen, per Fernschreiber einen Bericht an die Pall Mall Gazette durchzugeben. Die Redaktionskollegen von Conolly hatten sich in mehreren Funksprüchen besorgt gezeigt, als sie keine Nachrichten mehr von ihm erhalten hatten.

Watson übermittelte folgende Nachricht an die Londoner Zeitung.

DER FLUCH DER TITANIC!

Der Fluch der Titanic traf einen weiteren Mitarbeiter der Pall Mall Gazette. Nach dem Journalisten William Stead, der beim Untergang der Titanic ums Leben gekommen war, dem amerikanischen Schriftsteller Morgan Robertson, der den Untergang der Titanic so eindrucksvoll vorausgesehen hatte und der im heurigen Jahr verstarb, und nach der Ermordung des Journalisten Stanley R. Evans beklagt die Pall Mall Gazette nun ein weiteres Opfer des Fluchs der Titanic: Robert Maurice Conolly fiel auf der Gedächtnisreise nach New York an Bord der RMS Olympic einem Mordanschlag zum Opfer.

Die New Yorker Polizei und der Londoner Detektiv Sherlock Holmes ermitteln intensiv. Doktor John Watson, der Biograph von Sherlock Holmes, wird die Leser der Gazette mit regelmäßigen Berichten über die Fortschritte bei der Lösung des heiklen Falles informieren.

Holmes, der Watsons Artikel überflogen hatte, erklärte sich mit der Formulierung einverstanden, so dass die Nachricht in dieser Form nach London übermittelt werden konnte.

»Von einigen Wiederholungen abgesehen, ganz brauchbar«, sagte er. »Der zweite Satz ist zu lang, aber das soll die Redaktion reparieren.«

Watson wollte protestieren, zog es dieses Mal aber vor, zu schweigen.

Das Essen wurde an diesem Abend, mit Rücksicht auf den weiteren Todesfall, nicht von Musik begleitet.

Bevor Holmes sich zur Nachtruhe zurückzog, verabschiedete er sich von einigen der Passagiere.

»Auch wenn Ihr Freund Dr. Watson der Meinung ist, dass Joseph hinter all dem steckt, hoffe ich doch sehr, dass Sie das anders sehen, Mr. Holmes«, sagte Hilda Farland.

»Ich freue mich, dass Sie Mr. Ismay verzeihen konnten und dass Sie ihm damit einen Teil seiner schweren Bürde abgenommen haben«, sagte Holmes mit einer tiefen Verneigung vor den beiden. Dann wandte er sich an den Reedereibesitzer. »Sie können die letzte Nacht in Ihrer eigenen Kabine verbringen, Mr. Ismay. Die Schwierigkeiten an Bord dieses Schiffes sind endgültig ausgestanden.«

Die Augen Ismays leuchteten zum ersten Mal seit langem wieder, die Spitzen des Schnurrbarts wiesen verwegen nach oben, als der Reeder Hand in Hand mit Mrs. Farland den Speisesaal verließ.

Ein weiteres Paar hatte sich auf dieser Reise gefunden, wie für Holmes zu erkennen war. Das Ehepaar Graham und Linda Hornby.

»Wann reisen Sie zurück nach London, Mr. Holmes?«, fragte Linda Hornby den Detektiv.

»Am Montag, mit diesem Schiff.«

»Ich lade Sie ein, bis dahin hier in New York unser Gast zu sein. Sie und Ihr Reisebegleiter.«

»Wenn Sie Ihre großzügige Einladung auch auf den Geschäftspartner Ihres Bruders, Mr. Ismay, ausdehnen könnten, würde ich dieser sehr gerne Folge leisten. Und noch etwas …«

»Ja, Mr. Holmes?«

»Wäre es möglich, der Bibliothek Ihres Vaters, der Pierpont Morgan Library, einen Besuch abzustatten?«

»Ich denke mir, das lässt sich machen, auch wenn der Bibliothekar am Wochenende frei hat. Wir werden ihn schon irgendwo finden.«

»Du darfst ab jetzt über alles reden, Alice. Die Gefahr ist vorbei. Wie geht es dir?«, fragte Holmes beim Abschied das Mädchen.

»Ich bin noch etwas müde. Sonst aber bin ich sehr froh.« Verlegen senkte das Mädchen den Blick.

Holmes verabschiedete sich auch von Christina Reynolds und ihrer Mutter.

»Das Collier wurde in der Kabine eines Passagiers gefunden, der die Fahrt nach New York nicht überlebte. Es befindet sich in den Händen der New Yorker Polizei.«

»Ich danke Ihnen, Mr. Holmes, dass Sie mich auf diese Weise entlasten. Ich verspreche Ihnen …«

»Ich bin nicht Ihr Vater, Miss Reynolds. Versprechen Sie es sich selbst. Sie wissen nun, dass man durch eine kleine, unüberlegte Handlung sehr viel Schlimmes auslösen kann.«

Gegen neun Uhr suchte der Detektiv noch die bescheidene Kabine der Bibliothekarin der Olympic auf. Irene Adler öffnete Holmes mit einem strahlenden Lächeln.

»Dieses Mal ist es mir nicht möglich, einem Abschied zu entkommen«, meinte sie.

»Da Sie auf einen nächtlichen Abgang mit einem Rettungsboot verzichtet haben.«

»Welchen Grund hätte ich zu einer solchen Flucht?«, meinte die Detektivin.

»Ich denke mir, Gründe gäbe es genug.«

»Tatsächlich? Und was hat Sie daran gehindert, mich nicht der Polizei auszuliefern, wenn Sie mich irgendeiner Missetat verdächtigen?«

»Der Fall ist nicht abgeschlossen.«

»Sie haben die Hintergründe durchschaut. Ja, das weiß ich, seit Sie Ihrem Kollegen Ihren Text untergeschoben haben. Wie tief Sie allerdings in den Fall blicken, kann ich nicht sagen.«

»Ich bin mir sicher, dass Ihnen die wahren Täter bekannt sind. Die Menschen, die für die Morde auf diesem Schiff verantwortlich sind, und die Menschen, die die Titanic sinken ließen.«

»Also dieselben Personen.«

»Nicht in allen Fällen.«

»Um nicht wieder endlos im Kreis herum zu reden, schlage ich Ihnen ein kleines Spiel vor, Mr. Holmes. Wir bekennen Farbe. Jeder von uns schreibt ein Stichwort, das auf die Lösung des Falles hinweist, auf ein Blatt Papier. Ich weiß dann, ob Sie tatsächlich Kenntnis haben, worum es geht. Und Sie sehen es ebenfalls.«

Holmes war einverstanden und schrieb ein Wort auf einen Zettel, den er verkehrt auf den Tisch legte. Irene Adler legte ihr Stück Papier daneben, dann wendete sie beide.

Auf beiden Blättern stand das Wort David.

»Und Sie lassen ihn so einfach laufen«, sagte Watson zu Sherlock Holmes, als sie den Dampfer im New Yorker Hafen verließen.

»Aber nein. Ismay wird mit uns gemeinsam im Hause Pierpont Morgan logieren, bis zu unserer Rückreise nach England.«

»Das glaube ich nicht. Er wird untertauchen, um der gerechten Strafe zu entgehen.«

Watson irrte. Joseph Bruce Ismay verbrachte den Rest des Samstags und den Sonntag gemeinsam mit Holmes und Watson im Stadtpalais der Pierpont Morgans und trat am Montag, dem 19. April, mit den beiden Herren die Rückreise nach England an.

Als sich Mr. Ismay und Sherlock Holmes nach ihrer Rückkehr im Hafen von Southampton voneinander verabschiedeten, sagte der Inhaber der White Star Lines: »Auch wenn Ihre Bemühungen nicht zur Klärung der Umstände des Untergangs der Titanic führten, bin ich Ihnen dennoch zu tiefstem persönlichem Dank verpflichtet. Die Begegnung mit Mrs. Farland, mit Hilda, hat mir gezeigt, dass es möglich ist, dass … Nun, Mrs. Farland hat mir vergeben.« Mr. Ismay hatte Tränen in den Augen. »Obwohl sie auf meinem Schiff ihren Mann und ihren Enkelsohn verlor. Ich sehe darin einen möglichen Weg, mir selbst zu verzeihen, eines Tages, und vielleicht innere Ruhe zu finden. Und weil Sie mir diesen Weg geöffnet haben, Mr. Holmes, werde ich Ihnen den Rest Ihres Honorars umgehend überweisen.«

»Warten Sie damit noch, Mr. Ismay. Ich werde den Fall klären, wie ich es Ihnen versprochen habe. Sie müssen sich bis zum Ende dieses Jahres gedulden. Ich lade Sie schon heute für den vorletzten Tag des Jahres, den 30. Dezember, zu einem Mittagessen in die Baker Street 221b, bei dem ich Ihnen die Lösung des Falls präsentieren werde. Wenn Sie mir dann einen Scheck über den Rest des Honorars ausstellen, würde ich mich freuen. Wenn nicht, wäre das auch in Ordnung. Denn was ich Ihnen an diesem Tag mitteile, wird nicht veröffentlicht werden dürfen. Das heißt, Sie werden nicht reingewaschen werden von den Verdächtigungen der Journalisten.«

Joseph Bruce Ismay drückte Holmes fest die Hand, dann wandte er sich an Doktor Watson. »Ich weiß, dass Sie mir mit größtem Misstrauen begegnen, Doktor. Umso mehr schätze ich es, dass Sie von Beschimpfungen Abstand genommen haben. Ich hoffe sehr, dass Sie bei dem von Mr. Holmes in Aussicht gestellten Treffen anwesend sind, damit Sie erkennen können, dass ich kein Verbrecher bin.«

»Ich wünsche Ihnen alles Gute«, sagte Doktor Watson knapp und vermied einen Händedruck.

DIE GROSSE STILLE

Als Holmes am Vormittag des 28. Dezembers des Jahres 1915 die Fahrt von seinem Hotel nach London antrat, wehte ein schneidend kalter Wind vom Kanal her.

Holmes bedauerte den Kutscher, der dem winterlichen Wetter ausgesetzt war, während er selbst im Inneren des Broughams zwar nicht vor der Kälte, aber doch vor Wind und Feuchtigkeit geschützt war.

Er tröstete sich damit, dass Unannehmlichkeiten dieser Art Teil seines Berufes waren, wie das Fahren bei Wind und Wetter zu den Aufgaben von Mr. Ramsey, dem Kutscher, gehörte. Wie auch die englischen Soldaten angesichts der ununterbrochenen deutschen Feindseligkeiten auf weihnachtlichen Frieden, Komfort und Sicherheit verzichten mussten. Einen Höhepunkt der negativen Ereignisse stellte wohl die Hinrichtung der englischen Krankenschwester Edith Cavell wegen angeblicher Spionage dar.

Außerdem war Holmes freiwillig unterwegs. Niemand außer er selbst war verantwortlich für die Entscheidung, diese Reise anzutreten, die ihn zunächst in sein Quartier in der Baker Street führte, wo Dr. Watson zu ihm stoßen würde. Der treue Freund würde ihn auf der entscheidenden Fahrt begleiten. Auf der Reise zu jenen Personen, die hinter dem Anschlag auf die Titanic standen.

Ein recht heikles Unterfangen, bei dem er die Unterstützung seines Bruders Mycroft gesucht hatte. Der Gegner, der den Tod von hunderten Menschen zu verantworten hatte, würde nicht leicht zu besiegen sein. Eine gefährliche, entscheidende Schlacht stand bevor, deren Ausgang unsicher war.

Mycroft Holmes hatte seinen Bruder und den Doktor zu einem Abendessen in den Stranger's Room des Diogenes Clubs geladen, um die Taktik des Vorgehens zu besprechen.

»Das Schloss in Wiltshire wird von der Truppe umstellt und gesichert, um eine etwaige Flucht zu verhindern. Anschließend dringen unsere Männer ein und schreiten zur Festnahme.«

»Wobei darauf zu achten ist, dass sie lebend gefasst werden. Wir brauchen ihre Aussagen. Um diese werden sich Watson und ich kümmern.«

»Es ist den Herren aber klar«, wandte Mycroft Holmes ein, »dass nichts von dem, was du erfährst, nach außen dringen darf. Unser Land befindet sich im Krieg. Wir dürfen keine Schwächung unserer Institutionen riskieren.«

»Was also planst du, um das Ergebnis der Aktion geheim zu halten?«, fragte Holmes seinen Bruder.

»Die Betreffenden werden dorthin transportiert, wo sie schon lange hingehören, in ein Asyl für Geisteskranke, wo man sie bis zum Ende ihres unwürdigen Lebens sicher verwahren wird. Die Schiffe der White Star Lines, insbesondere die Olympic, werden in den Dienst des Staates gestellt, als Transporter im Krieg. Damit wird es zu keinen Härten für die Mannschaften kommen, und die Schifffahrtslinie vor dem Bankrott gerettet.«

»Also doch«, sagte Watson. »Ich wusste, dass Ismay hinter allem steckt.«

Sherlock Holmes und sein Bruder Mycroft schwiegen.

Die Droschkenfahrt zum Kingsgate Castle in Wiltshire verlief idyllisch. Es war unheimlich still. Außer dem Schnauben der beiden Rösser war nichts zu vernehmen. Der Schneefall nahm zu. Es schneite in dicken, weichen Flocken. Doktor Watson versorgte den Kutscher, Holmes und sich selbst aus einer Thermosflasche mit heißem Tee, der mit Brandy und Zucker versetzt war.

Wenn es so weiterging mit dem Schneefall, würden sie ihre Droschke gegen einen Schlitten eintauschen müssen, bemerkte der Doktor gerade, als ein mit hoher Geschwindigkeit entgegenkommendes Fuhrwerk ihre Aufmerksamkeit erregte. Die Kutsche fuhr den Hohlweg in hohem Tempo entlang. Der Fahrer war in einen schwarzen Mantel gehüllt und trug eine dunkle Mütze. Die Scheiben des Fuhrwerks waren mit Dunst beschlagen, so dass man nicht in das Innere blicken konnte.

Nach einiger Zeit verließ Brigadier Hurst, der Holmes' und Watsons Droschke mit viel Geschick lenkte, die Fahrstraße und steuerte auf einen Wald zu.

»Wir sind fast am Ziel«, rief der Mann vom Kutschbock. »Unsere Männer stehen bereit.«

Aus dem Unterholz tauchten die Köpfe von dreißig Soldaten im Tarnanzug auf. Brigadier Hurst und Colonel Thomson salutierten, dann drückten sie einander die Hände.

»Mr. Holmes gibt das Zeichen zum Einsatz gegen Kingsgate Castle«, stellte der Brigadier fest.

Der Brigadier und der Colonel begleiteten Holmes und Watson zum Rand des Wäldchens. In einer Entfernung von etwa einer Meile erhob sich das sechseckige, um einen Innenhof angeordnete Steingemäuer des Schlosses, das von Türmen mit Schießscharten und Toreinfahrten durchbrochen wurde.

»Wir würden einiges Aufsehen erregen, wenn wir uns jetzt mit der Truppe dem Schloss nähern. Wir müssen auf den Einbruch der Dunkelheit warten. Ich denke mir, dass wir gegen halb sechs Uhr losmarschieren können«, schlug Holmes vor.

»Das trifft sich mit unseren Überlegungen«, meinte Colonel Thomson.

»Die Tarnanzüge helfen bei Schneelage kaum«, gab der Detektiv zu bedenken. »Sie müssen weiße Überzüge für die Mannschaft organisieren.«

»Dafür ist gesorgt«, entgegnete der Colonel und Holmes war erleichtert zu sehen, dass er es mit Profis zu tun hatte.

»Wir haben Zelte aufgestellt und laden die Herren zu einer Erfrischung ein.«

In der geräumigen Unterkunft war es angenehm warm. Holmes und Watson ruhten nach einem deftigen Mahl, bis es langsam dunkel wurde.

Obwohl über dreißig Männer in den drei Zelten lagerten, war es still. Unheimlich still. Jeder wusste, was er zu tun hatte. Es wurde kein überflüssiges Wort gesprochen. Als Holmes das Zeichen zum Aufbruch gab, setzten sich die weiß gekleideten, mit Gewehren bewaffneten Männer in Bewegung. Brigadier Hurst hatte eine Trompete dabei, mit der er Holmes und Watson ein Signal übermitteln würde, sobald der Feind überwältigt war und sie sich dem Schloss nähern konnten.

Sherlock Holmes und Doktor Watson, die allein im Lager zurückgeblieben waren, warteten gespannt auf das Horn. Aber kein Laut war zu hören. Der heftiger werdende Schneefall schien alle Geräusche zu schlucken.

Gegen sieben Uhr, als das Trompetensignal noch immer nicht ertönt war, machten sich Holmes und Watson auf den Weg zum Schloss. Die Spuren der Soldaten waren im frisch gefallenen Schnee verschwunden. Als sich der Detektiv und sein Begleiter dem Schloss näherten, sahen sie Licht aus einigen Fenstern des Erdgeschosses dringen. Der Rest des dreistöckigen Gebäudes aus der Tudorzeit lag im Dunkeln.

Der dunkle Klang einer traurigen Melodie durchdrang plötzlich die Stille der winterlichen Landschaft. Brigadier Hurst gab das Trompetensignal.

»Arbeit für Sie, Doktor«, waren die ersten Worte, mit denen Brigadier Hurst und Colonel Thomson die Herren am Eingang zum Schloss begrüßten.

»Irgendwelche Verluste auf Ihrer Seite?«, erkundigte sich Sherlock Holmes.

»Keine Verluste. Wir trafen auf keine Gegenwehr«, berichtete der Colonel. »Das Personal, bestehend aus einem Butler, einer Köchin und zwei weiblichen Bediensteten wurde betäubt vorgefunden. Sie atmen, sind aber noch nicht wach. Wir schlagen vor, der Doktor kontrolliert ihren Zustand.«

»Und die Herren? Der Schlossbesitzer und seine Gäste?«, fragte Holmes.

»Kommen Sie, Mr. Holmes! Machen Sie sich selbst ein Bild.«

Als Holmes und Watson den mit Kerzen beleuchteten Speisesaal von Kingsgate Castle betraten, sahen sie drei Männer am gedeckten Tisch sitzen. Ihre Teller waren halb voll, von den Gläsern mit Rotwein war getrunken worden. In der Mitte des Tisches stand eine Vase mit einem blühenden Kirschzweig.

Die Männer waren vornüber auf die Tafel gesunken. Rote Flecken breiteten sich auf dem weißen Tischtuch aus. Blutflecken. Die drei Männer waren durch Schüsse in den Kopf getötet worden, von hinten, nachdem man sie betäubt hatte.

»Das Betäubungsmittel muss in den Getränken oder im Essen gewesen sein. Auch das Personal hatte davon genommen. Aber diese Herrschaften leben noch.«

»Das also ist das unspektakuläre Ende von König David und seinen zwei verbliebenen Kriegern«, sagte Holmes. »Von den ursprünglich vier Männern, die ausgezogen waren, unser Land zu verändern.«

»Ich sehe nur drei Männer«, sagte Watson. »Sie meinen, dass der Anführer entkommen ist oder sich im Gebäude verbirgt?«

Holmes schüttelte den Kopf. »Wenn Sie sich der unangenehmen Aufgabe stellen, die Gesichter der Herren zu betrachten, werden Sie bemerken, dass einer von ihnen beträchtlich älter ist als die anderen. Bei dem älteren Mann mit dem Schnurrbart handelt es sich um Colonel King. Um Colonel David King, der sich selbst King David nannte, weil er meinte, ein Nachkomme des biblischen Königs David zu sein, dessen Stammbaum über Jesus Christus bis herauf in unsere Tage reichte. Beachten Sie das Glasfenster mit der Abbildung des Baumes Jesse, der die Blutlinie des Hauses David darstellt, beginnend bei Adam, über König David, König Salomon, über Josef, den Mann Marias, Jesus Christus selbst, bis herauf zu Colonel King. Der Colonel ist, oder besser gesagt, war der stellvertretende Verteidigungsminister unseres Landes. Wohl ein Grund, warum das Trompetensignal, mit dem Sie Watson und mich herbeiriefen, so gedämpft im Ton ausfiel. Nicht wahr, Brigadier?«

»Die drei Männer tragen eine hohe militärische Auszeichnung, das Victoria-Kreuz, das von der Queen für vorbildliche Tapferkeit vor dem Feind verliehen wird. Wir wussten, dass wir eine schwere Aufgabe zu erfüllen haben würden«, sagte Brigadier Hurst. »Es wäre mir lieber gewesen, wir hätten Colonel King in einem fairen Kampf besiegen und gefangen nehmen können und ihn nicht auf diese Weise aufgefunden. Eine feige, hinterhältige Methode, einen Soldaten zu töten.«

»Jeder wählt die Methode, die ihm liegt. Von einer moralischen Bewertung würde ich persönlich Abstand nehmen. Die Herren kannten keine Gnade beim Erreichen ihrer Ziele. Mit Kumpanen ihrer ehemaligen Kompanie sprengten sie das Eisfeld, das die Titanic vernichtete. Hunderte Menschen kamen dabei um. Ich kann nichts Heldenhaftes daran erkennen.«

»Aber warum? Was wollten sie damit erreichen?«, fragte Doktor Watson.

»Das lässt sich in wenigen Sätzen erklären«, sagte Holmes. »In Sätzen, die Sie, Watson, leider nie zu Papier bringen werden, weil davon nie etwas an die Öffentlichkeit dringen darf. Zu groß wäre der Schaden für die Armee unseres Landes, deren Ruf gerade in Kriegszeiten nicht geschwächt werden darf. Nun, bei dem dunkelhaarigen Gentleman, dem Krieger Jasobeam, handelt es sich um Mr. James R. Faber, den Direktor der Royal-Maritime-Versicherung, die die Titanic versichert hatte.«

»Was es unmöglich erscheinen lässt, dass er am Untergang des Schiffes beteiligt war«, wandte Dr. Watson ein. »Viel wahrscheinlicher wäre es, Mr. Ismay an seiner Stelle vorzufinden.«

»Für Sie Watson, weil Sie sich mit der Kraft eines Bulldogs in den armen Mann verbissen haben. Aber die Realität spricht, wie Sie sehen, eine andere Sprache. Nun, James R. Fabers Versicherung erlitt keinen Schaden durch die Versenkung der Titanic. Im Gegenteil. Die Royal Maritime war bei vielen kleineren Agenturen rückversichert, die durch den Schadensfall ruiniert wurden. Faber selbst machte durch das Unglück einen bescheidenen Gewinn, den er zu optimieren suchte, indem er Ismay und seinen amerikanischen Kollegen Pierpont Morgan durch gezielte Dossiers an die Presse in Misskredit brachte. Hätte man die Verantwortlichen der White Star Line tatsächlich des Versicherungsbetrugs überführt, wie Conolly, Evans und ihr amerikanischer Kollege Robertson in ihren Zeitungsbeiträgen andeuteten, wäre Faber in Geld geschwommen und hätte finanziell zu den großen Plänen seines Colonels David King beitragen können. Auf diese Weise dienten die Reporter und der Romanautor Morgan Robertson, ohne sich dessen bewusst zu sein, als Werkzeug für King und seine so genannten Krieger. Bis sie auf Fakten stießen, die für die Herren gefährlich wurden. Das war ihr Todesurteil.«

Holmes holte tief Luft und fuhr fort: »Die detaillierte Anleitung zum Untergang der Titanic stammte übrigens aus Robertsons Roman Hoffnungslos – oder das Wrack der Titan. Der blonde Herr mit dem für einen Krieger so unehrenhaft von hinten durchschossenen Kopf ist Edward Hornby, Chef der Northern Steamship Ltd., einem Konkurrenzunternehmen der White Star Line. Wie dieser Herr vom Untergang der Titanic profitieren wollte, ist wohl einleuchtend. Durch die Vermählung seines Sohnes Graham mit der Tochter von Pierpont Morgan setzte er noch eines drauf. Der unbedarfte Sohn wusste von all dem nichts. Sein Vater wollte sich die White Star Line und ihre noch verbliebenen Schiffe einverleiben.«

»Wenn nun also«, meldete Watson erneut Zweifel an, »der Anführer und zwei seiner Krieger vor uns liegen, so fehlt doch der dritte Krieger. Ist er zu Verstand gekommen? Hat er den verrückten Mr. King und seine Kameraden umgelegt? Wo ist er?«

»Der dritte Krieger des König David«, fuhr Holmes in aller Ruhe fort, »wurde schon vor einigen Monaten auf unserer Gedenkreise getötet, an Bord der RMS Olympic. Es handelte sich dabei um Mr. Hatter, Mr. John Hatter, der als Funker der Titanic für die Logistik des Anschlages zuständig gewesen war. Alice erkannte ihn wieder als den Mann, der den kleinen Peter brutal aus dem Rettungsboot geworfen hatte. Hatter betäubte das Mädchen, dessen Mutter und den Adoptivvater, entführte Alice, um damit von seiner geplanten Flucht mit einem Rettungsboot abzulenken. Er hatte auch die Malerin Oldman-Smythe über Bord katapultiert. Sie bezahlte ihre Erpressungsversuche mit dem Leben. So wie unser Freund, der Journalist Conolly, den er erschoss. Damit, meine ich, wäre alles Wesentliche zu dem militärisch ehrenhaften Verhalten dieser Männer gesagt.«

»Wer aber steckt nun hinter der Liquidierung von David King und seinen Soldaten?«, fragte Watson.

»Cherchez la femme. Wie ich bereits sagte. Denken Sie an die Kutsche, die uns auf unserer Fahrt hierher begegnete. Sie erinnern sich, Watson, Brigadier Hurst? In ihr saß eine Frau, die von John Pierpont Morgan den Auftrag erhalten hatte, den Untergang der Titanic zu klären. Und das hat sie gemacht, mit bekannter List und Hartnäckigkeit. Irene Adler, als Bibliothekarin an Bord der Olympic, erschoss John Hatter.«

»Und hinterlegte das wertvolle Collier von Mrs. Oldman-Smythe in seiner Kabine, nachdem sie es Ihnen entwendet hatte.«

»Nicht ganz. Das Collier brachte ich in Abwesenheit des noch lebenden Hatter in dessen Unterkunft. Schließlich war er der rechtmäßige Besitzer, bevor er die Kette an Mrs. Oldman-Smythe abgetreten hatte.«

»Aber sie wollte mehr.«

»Und sie bekam es. Ich wollte den Mann mit der Rückgabe verunsichern, den Druck auf ihn schrittweise steigern. Dann aber schlug Irene Adler zu.«

»Und das wiederholte sich hier in Kingsgate Hall«, sagte Watson mit einem skeptischen Blick auf seinen Freund.

»So ist es. Die Frau ist mir einfach überlegen. Ich muss dies neidlos eingestehen.«

Nachdem sich Watson um das noch immer betäubte Personal gekümmert hatte – niemand von ihnen befand sich in Lebensgefahr –, zog die Truppe um Colonel Thomson ab.

»Ich danke Ihnen, meine Herren, für die Bereitschaft, Ihr Leben zu wagen. Es lag nicht in unserer Hand, dass es ganz anders kam.«

»Ich habe den Verdacht, dass Sie dieses Mal nicht von Mrs. Adler hinters Licht geführt wurden«, sagte Dr. Watson zu Holmes, nachdem die Soldaten den Saal verlassen hatten. »Ich beschuldige Sie hiermit, Holmes, dass Sie das Ihnen zur Genüge bekannte Wesen dieser Frau und ihre Taten benutzt haben, um genau das zu erreichen, was Sie eigentlich wollten: Die Vernichtung dieser Männer. Sie wollten nicht, dass sie, wie Ihr Bruder das plante, in ein Nobelasyl für Geisteskranke gebracht wurden, aus dem sie flüchten könnten oder in einigen Jahren freikämen, mit allen gefährlichen Folgen für das Land.«

»Und die Welt, Watson. Diese Männer wollten mehr als die Vernichtung von Versicherungsagenturen und von Schiffen. Sie planten die Übernahme der englischen Armee, eine Neuordnung Englands und darüber hinaus … Aber das werde ich am besten aufschreiben. Der Fluch der Titanic wird der erste und wohl auch letzte Fall sein, in dem ich mich als Schriftsteller versuche. Sie erhalten den Text um Ostern herum, wenn Sie versprechen, ihn nach der Lektüre zu vernichten.«

»Sie bestätigen also indirekt meine Vermutung.«

»Dass ich selbst gerne Schriftsteller geworden wäre?«

»Nein. Dass Sie Irene Adler in perfider Weise als Mordwerkzeug benutzten.«

»Von Mord kann keine Rede sein. Die Herren waren Verbrecher, Mrs. Adler war ihr Henker.«

»Und Sie der Richter?«

»Ich wiederhole: Ich habe in Irene, in Mrs. Wolfe, meinen Meister als Detektiv gefunden. Sie war mir immer einige Schritte voraus.«

»Ich traue Ihnen ganz und gar nicht.«

»Ich treffe mich übrigens morgen mit meinem Auftraggeber, mit Mr. Ismay. Haben Sie Interesse, dieser Begegnung beizuwohnen? Sie sind dazu herzlich eingeladen.«

»Nein, danke, Holmes. Man muss nicht alles haben.«

Als Holmes und Watson den Speisesaal von Kingsgate Castle verließen, zeigte Holmes auf die geschnitzte Rose über dem Ausgang.

»Eine Schweigerose, Watson. Sie erinnert uns daran, über das Erfahrene zu schweigen. Sie wissen, welches Symbol das Gegenteil davon ausdrückt?«

»Nein. Ich werde jedoch Ihrer Belehrung nicht entkommen, Holmes. Machen Sie es kurz«, seufzte Watson.

»Die Narrenmaske.«

SCHLUSSBEMERKUNG

In der Woche vor Ostern des Jahres 1916 traf bei Doktor Watson in Tunbridge Wells ein Paket ein, das ein umfangreiches Manuskript in der Handschrift von Sherlock Holmes enthielt.

Der Fluch der Titanic stand auf der ersten Seite.

Auf Seite zwei folgte eine Widmung.

Schweigen ist ein Zeichen von Weisheit, aber Schweigen allein ist noch keine Weisheit. Ich fand, es sei Zeit, die Rose beiseite zu legen und die Narrenmaske aufzusetzen. Für meinen geschätzten Freund Dr. John Watson.

Der Text begann mit folgenden Worten.

Der athletisch wirkende junge Mann mit den wirren roten Haaren zog einen blühenden Kirschzweig aus der Vase und betrachtete ihn andächtig. Wasser tropfte auf die weiße Tischdecke.

Der Rothaarige hob an zu singen. Zuerst etwas zaghaft, dann fester im Ton und sicherer.

From Tender stem hath sprung,

Of Jesse's lineage coming,

As men of old have sung;

It came, a flow'ret bright,

Amid the cold of winter,

When halfspent was the night.

Es ist ein Ros entsprungen,

Aus einer Wurzel zart.

Nun schlossen sich die beiden anderen Zwanzigjährigen und ein älterer Mann, die mit dem Rothaarigen am Speisetisch saßen, dem Gesang an:

Wie uns die Alten sungen,

Aus Jesse kam die Art

Und hat ein Blümlein bracht,

Mitten im kalten Winter,

Wohl zu der halben Nacht.

FUSSNOTEN

1 2. Samuel 23. Übersetzung Martin Luthers. Aus einer Ausgabe des Jahres 1914.

2 Morgan Robertson: Hoffnungslos – oder das Wrack der Titan. Übersetzt von J. J. Preyer.

3 Aus: Arthur Conan Doyle: Ein Skandal in Böhmen. Übersetzung J. J. Preyer