/ Language: Deutsch / Genre:sf_fantasy / Series: Harry Potter

Harry Potter und der Feuerkelch

Joanne Rowling


Joanne K. Rowling

Harry Potter und der Feuerkelch

Das Haus der Riddles

In Little Hangleton nannten sie es immer noch das»Riddle-Haus«, obwohl die Familie Riddle schon seit vielen Jahren nicht mehr dort wohnte. Das Haus stand auf einem Hügel mit Blick über das Dorf, einige Fenster waren mit Brettern vernagelt, das Dach war löchrig, und der Efeu rankte sich ungezügelt an den Mauern entlang. Das einst schöne Anwesen der Riddles, das mit Abstand großzügigste und beeindruckendste Haus im ganzen Umkreis, war nun feucht, heruntergekommen und menschenleer.

In Little Hangleton waren sich alle einig: das Haus war ihnen»nicht geheuer«. Ein halbes Jahrhundert zuvor war hier etwas Merkwürdiges, etwas Entsetzliches geschehen, über das die Älteren im Dorf immer noch zu munkeln pflegten, wenn es sonst wenig zu klatschen und zu tratschen gab. Sie hatten die Geschichte so oft aufgewärmt und an so vielen Stellen weitergestrickt, daß keiner mehr so recht wußte, was nun in Wahrheit geschehen war. Doch wer auch immer die Geschichte erzählte, sie begann unweigerlich am selben Ort: Vor fünfzig Jahren – damals führten die Riddles noch einen stattlichen Haushalt – war ein Hausmädchen bei Anbrach eines schönen Sommermorgens in den Salon getreten und hatte alle drei Riddles tot vorgefunden.

Schreiend war das Mädchen den Hügel hinab ins Dorf gestürzt und hatte die halbe Einwohnerschaft aus dem Schlaf gerissen.

»Da oben liegen sie mit offenen Augen! Eiskalt! Und haben noch ihre Abendgarderobe an!«

Die Polizei wurde gerufen und in ganz Little Hangleton breitete sich eine Mischung aus ängstlicher Neugier und kaum verhohlener Erregung aus. Niemand gab sich sonderliche Mühe so zu tun, als wäre er besonders traurig über den Tod der Riddles, denn sie waren ausgesprochen unbeliebt gewesen. Mr und Mrs Riddle, die älteren Herrschaften, galten als reich, hochnäsig und grob, und ihr erwachsener Sohn Tom hatte sie darin noch übertroffen. Die Menschen im Dorf wollten einzig und allein wissen, wer der Mörder war – denn natürlich fielen drei offenbar gesunde Menschen nicht eines Abends einfach tot um.

Im Gehängten Mann, dem Dorfpub, ging es an diesem Abend hoch her; alles, was Beine hatte, war gekommen, um über die Morde zu spekulieren. Und es hatte sich gelohnt, die heimischen Kaminfeuer zu verlassen, denn plötzlich tauchte die Köchin der Riddles in ihrer Mitte auf und verkündete dem schlagartig verstummten Publikum mit dramatischer Geste, ein Mann namens Frank Bryce sei gerade verhaftet worden.

»Frank!«, riefen einige Gäste.»Unmöglich!«

Frank Bryce war der Gärtner der Riddles. Er war mit einem stocksteifen Bein und einer großen Abscheu vor Menschenansammlungen und Lärm aus dem Krieg zurückgekehrt und hatte seither immer für die Riddles gearbeitet.

An der Theke gab es jetzt Gedrängel, denn man wollte die Köchin nicht auf dem Trockenen sitzen lassen und Genaueres von ihr hören.

»Mir ist er immer schräg vorgekommen«, verkündete sie nach dem vierten Glas Sherry den begierig lauschenden Dörflern.»Irgendwie unfreundlich. Ich hab ihm mal 'ne Tasse Tee angeboten, aber das hat mir gereicht. Der wollte nichts mit anderen zu tun haben, das hat man gleich gemerkt.«

»Nun ja«, sagte eine Frau an der Bar,»der Krieg war 'ne harte Zeit für Frank, er mag eben gern seine Ruhe. Das ist noch lange kein Grund -«

»Wer sonst hatte denn einen Schlüssel für die Hintertür?«, fauchte die Köchin zurück.»In der Gärtnerhütte hing immer ein Zweitschlüssel, das hab ich selbst gesehen! Gestern Nacht hat jedenfalls keiner die Tür aufgebrochen! Und die Fenster wurden auch nicht eingeschlagen! Frank mußte bloß ins Herrenhaus schleichen, während wir alle schliefen…!«

Die Dörfler wechselten viel sagende Blicke.

»Ich hab mir immer schon gedacht, der hat den bösen Blick, sag ich euch«, brummte ein Mann an der Bar.

»Der Krieg hat 'nen komischen Kauz aus ihm gemacht«, sagte der Wirt.

»Hab doch immer gesagt, ich will Frank lieber nicht in die Quere kommen, stimmt's, Dot?«, sagte eine aufgeregte Frau in der Ecke.

»Übles Temperament«, erwiderte Dot und nickte eifrig.»Ich hab ihn schon als Kind gekannt…«

Am nächsten Morgen zweifelte kaum noch jemand in Little Hangleton daran, daß Frank Bryce die Riddles ermordet hatte. Doch drüben im benachbarten Städtchen Great Hangleton, im dunklen und schäbigen Polizeirevier, behauptete Frank hartnäckig, er sei unschuldig. Der einzige Mensch, den er an jenem Tag, als die Riddles getötet wurden, in der Nähe ihres Hauses gesehen hatte, war ein Junge im Teenageralter, ein Fremder mit dunklen Haaren und blassem Gesicht. Im Dorf jedoch hatte kein Mensch diesen Jungen gesehen, und die Polizisten waren sich ziemlich sicher, daß Frank ihn erfunden hatte.

Schließlich, als es für Frank schon bitterernst aussah, traf der Untersuchungsbericht über die Leichen der Riddles ein, und mit einem Schlag änderte sich alles.

Die Polizisten hatten noch nie einen so merkwürdigen Befund gelesen. Ein Ärzteteam hatte die Leichen untersucht und war zu dem Schluß gekommen, daß keiner der Riddles vergiftet, erstochen, erschossen, erwürgt, erstickt oder (soweit sie dies sagen konnten) überhaupt verletzt worden war. Tatsächlich, so hieß es in dem Bericht mit deutlicher Verblüffung weiter, schienen die Riddles alle bei bester Gesundheit zu sein – abgesehen von der Tatsache, daß sie alle tot waren. Allerdings vermerkten die Ärzte, daß allen Toten das Entsetzen ins Gesicht geschrieben stand – doch einer der ratlosen Polizisten bemerkte dazu nur: Wer hat je von drei Menschen gehört, die zu Tode geängstigt wurden?

Da ein Mord an den Riddles nicht zu beweisen war, mußte die Polizei Frank laufen lassen. Die Riddles wurden auf dem Friedhof von Little Hangleton bestattet und noch eine ganze Zeit lang wurden die Gräber immer wieder von Neugierigen besucht. Daß Frank Bryce in seine Hütte auf dem Anwesen der Riddles zurückkehrte, überraschte dann alle, und es gab viel Gemunkel.

»Wenn ihr mich fragt, dann hat er sie umgebracht, ist mir doch egal, was die Polizei sagt«, verkündete Dot im Gehängten Mann.»Und wenn nur ein Funken Anstand in ihm steckte, dann würde er hier abhauen, wo ihm doch klar ist, daß er uns nichts vormachen kann.«

Doch Frank zog nicht weg. Er blieb, um den Garten für die nächste Familie, die ins Riddle-Haus einzog, zu besorgen, und dann auch für die übernächste – denn keine Familie blieb lange dort wohnen. Vielleicht hatte es etwas mit Frank zu tun, daß jeder neue Besitzer behauptete, dieses Haus verbreite eine düstere Stimmung. Und als keiner mehr dort wohnte, begann das Haus zu verfallen.

Der reiche Mann, dem das Riddle-Haus inzwischen gehörte, lebte nicht hier und nutzte es auch nicht; im Dorf hieß es, er würde es aus»steuerlichen Gründen«unterhalten, doch keiner wußte so recht, was das heißen sollte. Der reiche Besitzer entlohnte Frank jedoch regelmäßig für seine Arbeit im Garten. Frank war jetzt fast siebenundsiebzig, er war auf einem Ohr taub und sein schlimmes Bein war noch steifer geworden, doch bei schönem Wetter konnte man ihn in den Blumenbeeten harken und schnippeln sehen, auch wenn ihm das Unkraut allmählich die Beine hochkroch.

Doch Unkraut war nicht das Einzige, womit Frank sich herumärgern mußte. Jungs aus dem Dorf kamen öfter herauf und warfen Steine durch die Fenster des Riddle-Hauses. Sie fuhren mit ihren Fahrrädern über den Rasen, den Frank so mühsam hegte und pflegte. Und wenn sie übermütig wurden, brachen sie auch schon mal ins Haus ein. Sie wußten, daß der alte Frank sich mit Leib und Seele dem ganzen Anwesen verschrieben hatte, und sie lachten ihn aus, wenn er durch den Garten humpelte, mit seinem Stock fuchtelte und sie krächzend beschimpfte. Frank wiederum glaubte, die Jungen würden ihn belästigen, weil sie ihn, wie ihre Eltern und Großeltern, für einen Mörder hielten. So dachte sich Frank nichts weiter, als er in einer Augustnacht erwachte und oben am alten Haus etwas recht Merkwürdiges sah. Die Jungs, so glaubte Frank, waren eben noch einen Schritt weiter gegangen, um ihn zu zermürben.

Geweckt hatte ihn sein schlimmes Bein; so stark hatte es noch nie geschmerzt, selbst jetzt im Alter nicht. Er stand auf und humpelte nach unten in die Küche, um seine Wärmflasche aufzufüllen, mit der er seinem steifen Knie ein wenig Linderung verschaffen konnte. Er stand am Waschbecken und füllte den Kessel, als sein Blick zum Herrenhaus hochwanderte. In den oberen Fenstern glommen Lichter. Frank war nicht sonderlich überrascht. Die Jungs waren wieder mal ins Haus eingebrochen, und nach dem flackernden Licht zu schließen hatten sie ein Feuer entfacht.

Frank hatte kein Telefon, und der Polizei vertraute er ohnehin nicht mehr, seit sie ihn nach dem Tod der Riddles zum Verhör mitgenommen hatten. Er ließ den Kessel stehen, hastete, so rasch sein schlimmes Bein es ihm erlaubte, nach oben und brauchte nicht lange, um sich anzuziehen und in die Küche zurückzukehren. Er griff nach einem rostigen alten Schlüssel am Türhaken, packte seinen Stock und machte sich auf in die Nacht.

Die Tür des Riddle-Hauses war offenbar nicht aufgebrochen worden und auch die Fensterscheiben waren noch ganz. Frank humpelte um das Haus herum zu einem Eingang, der fast völlig von Efeu verborgen war, zog den alten Schlüssel aus der Tasche, steckte ihn ins Schloß und öffnete lautlos die Tür.

Sie führte ihn in eine große, gewölbeartige Küche. Frank hatte sie seit Jahren nicht mehr betreten; zwar war es stockdunkel, doch er wußte noch, wo die Tür zum Flur lag. Er tastete sich an der Wand lang, modriger Geruch stieg ihm in die Nase, und er spitzte die Ohren, um ja keine Schritte oder Stimmen von oben zu überhören. Er gelangte in den Flur, wo es dank der großen Sprossenfenster zu beiden Seiten der Haustür ein wenig heller war, und betrat die Treppe. Er konnte von Glück reden, denn die dicke Staubschicht auf den Steinstufen erstickte die Geräusche seiner Schritte und seines Stocks.

Oben auf dem Treppenabsatz wandte sich Frank nach rechts und sah sofort, wo die Eindringlinge steckten: ganz am Ende des Ganges stand eine Tür offen, ein flackerndes Licht fiel durch den Spalt und warf einen langen goldenen Streifen auf den schwarzen Fußboden. Frank umklammerte mit aller Kraft seinen Stock und schlich näher heran. Kurz vor der Tür konnte er ein schmales Stück von dem Zimmer dahinter einsehen.

Jetzt erkannte er, daß das Feuer im Kamin entfacht worden war. Das überraschte ihn. Er blieb stehen und lauschte angestrengt, denn drinnen begann ein Mann zu sprechen; seine Stimme klang schüchtern und ängstlich.

»Es ist noch ein Rest in der Flasche, Herr, wenn Ihr noch hungrig seid.«

»Später«, sagte eine zweite Stimme. Auch sie war die eines Mannes – doch klang sie merkwürdig hoch und kalt wie ein jäher eisiger Windstoß. Etwas an dieser Stimme ließ die spärlichen Haare auf Franks Nacken zu Berge stehen.»Rück mich näher ans Feuer, Wurmschwanz.«

Frank wandte sein rechtes Ohr zur Tür hin, um mehr zu verstehen. Er hörte das Klirren einer Flasche, die auf etwas Hartem abgestellt wurde, und dann das dumpfe Kratzen eines schweren Stuhls, der über den Boden gezogen wurde. Frank erhaschte einen kurzen Blick auf einen kleinen Mann, der mit dem Rücken zu ihm den Stuhl zum Kamin schob. Er trug einen langen schwarzen Umhang und hatte einen kahlen Fleck am Hinterkopf. Dann war er nicht mehr zu sehen.»Wo ist Nagini?«, sagte die kalte Stimme.»Ich – ich weiß nicht, Herr«, sagte die erste Stimme nervös.»Ich glaube, sie erkundet das Haus…«

»Du wirst sie melken, bevor wir uns zurückziehen, Wurmschwanz«, sagte die zweite Stimme.»Ich brauche heute Abend Nahrung. Die Reise hat mich sehr erschöpft.«Mit gerunzelter Stirn neigte Frank sein gutes Ohr noch ein wenig näher Richtung Tür und lauschte gebannt. Ein kurzes Schweigen trat ein und dann sprach erneut der Mann namens Wurmschwanz.

»Herr, darf ich fragen, wie lange wir hier bleiben werden?«

»Eine Woche«, sagte die kalte Stimme.»Vielleicht länger. Hier läßt es sich einigermaßen aushaken und mit dem Plan können wir noch nicht fortfahren. Es wäre eine Dummheit, wenn wir loslegten, bevor die Quidditch-Weltmeisterschaft zu Ende ist.«

Frank steckte sich einen knochigen Finger ins Ohr und fing an zu quirlen. Er hatte das Wort»Quidditch«gehört, zweifellos, weil sich so viel Ohrenschmalz angesammelt hatte, denn»Quidditch«war überhaupt kein Wort.

»Die… die Quidditch-Weltmeisterschaft, Herr?«, fragte Wurmschwanz. (Frank bohrte den Finger noch energischer ins Ohr.)»Verzeiht mir, aber – ich verstehe nicht – warum sollten wir warten, bis die Quidditch-Weltmeisterschaft vorbei ist?«

»Weil zu ebendieser Stunde Zauberer aus aller Herren Länder ins Land strömen, du Dummkopf, und alle Kleinkrämer aus dem Zaubereiministerium ausgeschwärmt sind, um nach ungewöhnlichen Vorkommnissen Ausschau zu halten und jeden doppelt und dreifach zu überprüfen. Die haben nur noch eins im Kopf, nämlich sicherzugehen, daß die Muggel von allem nichts mitkriegen. Deshalb warten wir ab.«

Frank gab es auf, sein Ohr zu putzen. Er hatte klar und deutlich die Wörter»Zaubereiministerium«,»Zauberer«und»Muggel«gehört. Natürlich bedeuteten all diese Ausdrücke etwas Geheimes, und Frank fielen nur zwei Sorten von Leuten ein, die eine Geheimsprache gebrauchten – Spione und Verbrecher. Frank umklammerte seinen Stock noch fester und spitzte die Ohren.

»Eure Lordschaft ist also immer noch entschlossen?«, sagte Wurmschwanz leise.

»Natürlich bin ich entschlossen, Wurmschwanz.«In der kalten Stimme war jetzt eine leise Drohung zu spüren.

Eine kurze Stille trat ein – und dann sprach Wurmschwanz. Die Worte stolperten ihm hastig aus dem Mund, als ob er sich zwingen müßte, sie auszusprechen, bevor ihn der Mut verließ.

»Es könnte auch ohne Harry Potter gehen, Herr.«Wieder trat Schweigen ein, es hielt ein wenig länger an, und dann -

»Ohne Harry Potter?«, hauchte die zweite Stimme kaum vernehmlich.»Ich verstehe…«

»Herr, ich sage dies nicht aus Sorge um den Jungen!«, sagte Wurmschwanz mit hoher, quiekender Stimme.»Der Junge bedeutet mir nichts, überhaupt nichts! Nur, wenn wir einen anderen Zauberer oder eine Hexe nehmen – irgendjemanden -, könnten wir die Sache sehr viel schneller erledigen! Wenn Ihr mir erlauben würdet, Euch für kurze Zeit zu verlassen – Ihr wißt, daß ich mich ganz wirksam tarnen kann -, dann könnte ich in zwei Tagen mit einer geeigneten Person zurück sein -«

»Ich könnte einen anderen Zauberer nehmen«, sagte die zweite Stimme leise,»das ist wahr…«

»Es wäre das Beste, Herr«, sagte Wurmschwanz und klang dabei ausgesprochen erleichtert.»Harry Potter in die Hände zu bekommen wäre so schwierig, er ist sehr gut geschützt«

»Und deshalb meldest du dich freiwillig und willst mir einen Ersatz besorgen? Merkwürdig… vielleicht ist dir die Aufgabe, mich zu pflegen, lästig geworden, Wurmschwanz? Kann dieser Vorschlag, den Plan aufzugeben, denn etwas anderes sein als der Versuch, mich im Stich zu lassen?«

»Herr! Ich… ich habe nicht den Wunsch, Euch zu verlassen, keineswegs -«

»Belüg mich nicht!«, zischte die zweite Stimme.»Mir entgeht nichts, Wurmschwanz! Du bereust, daß du überhaupt zu mir zurückgekommen bist. Bei mir wird dir übel. Ich sehe dich zusammenzucken, wenn du mich ansiehst, ich spüre, wie es dich schaudert, wenn du mich berührst…«»Nein! Meine Hingabe für Eure Lordschaft -«»Deine Hingabe ist nichts weiter als Feigheit. Du wärst nicht hier, wenn du eine andere Zuflucht hättest. Wie soll ich ohne dich überleben, wenn du mich alle paar Stunden füttern mußt? Wer soll Nagini melken?«

»Aber Ihr scheint mir deutlich kräftiger geworden, Herr -«»Lügner«, keuchte die zweite Stimme.»Ich bin nicht kräftiger geworden, und ein paar Tage auf mich allein gestellt würden reichen, um mich des wenigen an Kraft zu berauben, die ich unter deiner tölpelhaften Pflege gewonnen habe. Schweig!«

Wurmschwanz, der zusammenhanglose Worte hervorgesprudelt hatte, verstummte sofort. Ein paar Sekunden lang konnte Frank nichts weiter als das Knistern des Feuers hören. Dann sprach der zweite Mann erneut, mit einem Flüstern, das fast ein Zischen war.

»Ich habe meine Gründe, den Jungen zu verwenden, wie ich dir schon erklärt habe, und ich werde keinen anderen nehmen. Dreizehn Jahre habe ich gewartet. Ein paar Monate mehr schaden da auch nicht. Was den Schutz angeht, mit dem der Junge umgeben ist, so glaube ich, daß mein Plan funktionieren wird. Alles, was ich brauche, ist ein wenig Mut deinerseits, Wurmschwanz – und diesen Mut wirst du aufbringen, wenn du nicht das ganze Ausmaß von Lord Voldemorts Zorn spüren willst -«

»Herr, hört mich an!«, sagte Wurmschwanz, und Panik lag jetzt in seiner Stimme.»Während unserer Reise bin ich den Plan immer wieder durchgegangen – Bertha Jorkins' Verschwinden wird nicht lange unbemerkt bleiben, Herr, und wenn wir fortfahren, falls ich also tatsächlich den Fluch -«

»Falls?«, flüsterte die zweite Stimme.»Falls du den Plan befolgst, Wurmschwanz, braucht das Ministerium nie zu erfahren, daß noch jemand verschwunden ist. Du wirst es in aller Stille und ohne Aufsehen erledigen; ich wünschte nur, ich könnte es selbst tun, doch in meinem jetzigen Zustand… komm schon, Wurmschwanz, ein Hindernis mußt du noch beseitigen, und unser Weg zu Harry Potter ist frei. Ich verlange ja nicht, daß du es alleine machst. Bis dahin wird mein treuer Diener wieder zu uns gestoßen sein -«

»Ich bin Euer treuer Diener«, sagte Wurmschwanz, mit kaum vernehmlichem Trotz in der Stimme.

»Wurmschwanz, ich brauche jemanden mit Verstand, jemanden, der immer unerschütterlich zu mir gestanden hat, und du erfüllst diese Forderung leider nicht.«

»Ich habe Euch gefunden«, sagte Wurmschwanz, und nun war die Widerspenstigkeit in seiner Stimme deutlich zu hören.»Ich war es, der Euch gefunden hat. Ich habe Euch zu Bertha Jorkins gebracht.«

»Das stimmt.«Der zweite Mann klang belustigt.»Ein brillanter Zug, den ich von dir nie erwartet hätte, Wurmschwanz – allerdings, um der Wahrheit die Ehre zu geben, du wußtest doch nicht, wie nützlich sie sein würde, als du sie gefangen hast, nicht wahr?«

»Ich… ich dachte, sie könnte nützlich sein, Herr -«

»Lügner«, sagte die zweite Stimme nun mit unverhohlen grausamer Häme.»Allerdings bestreite ich nicht, daß ihr Wissen unschätzbar war. Ohne es hätte ich nie unseren Plan auf die Beine stellen können und dafür wirst du belohnt werden, Wurmschwanz. Ich werde dir erlauben, eine wichtige Aufgabe für mich zu erledigen, um die sich viele meiner Anhänger geradezu reißen würden…«

»W-wirklich, Herr? Was -?«Wieder schwang Angst in Wurmschwanz' Stimme mit.

»Aah, Wurmschwanz, du willst doch nicht, daß ich dir die Überraschung verderbe? Dein Auftritt kommt ganz am Schluß… aber ich verspreche dir, du wirst die Ehre haben, genauso nützlich zu sein wie Bertha Jorkins.«

»Ihr… Ihr…«Wurmschwanz klang plötzlich heiser, als wäre sein Mund völlig ausgetrocknet.»Ihr… werdet… auch mich töten?«

»Wurmschwanz, Wurmschwanz«, sagte die kalte Stimme schmeichlerisch,»warum sollte ich dich töten? Ich habe Bertha getötet, weil ich mußte. Nachdem ich sie ausgehorcht hatte, taugte sie zu nichts mehr, sie war überflüssig. Jedenfalls wären peinliche Fragen gestellt worden, wenn sie zurück ins Ministerium gegangen wäre und verkündet hätte, sie hätte im Urlaub dich getroffen. Zauberer, die angeblich tot sind, tun gut daran, unterwegs nicht in irgendwelchen Spelunken Hexen aus dem Zaubereiministerium zu treffen…«

Wurmschwanz murmelte etwas, so leise, daß Frank es nicht verstand, doch der zweite Mann fing an zu lachen – ein gänzlich freudloses Lachen, kalt wie seine Stimme.

»Wir hätten ihr Gedächtnis ummodeln können? Ein mächtiger Zauberer kann einen Gedächtniszauber brechen, wie ich ja selbst bei ihrem Verhör bewiesen habe. Wenn wir das Wissen nicht nutzten, das ich ihr abgepreßt habe, würden wir doch ihr Gedächtnis beleidigen, Wurmschwanz.«

Draußen im Korridor fiel Frank plötzlich auf, daß seine Hand, mit der er den Stock umklammerte, schweißnaß und glitschig war. Der Mann mit der kalten Stimme hatte eine Frau getötet. Er sprach darüber ohne jede Reue – es belustigte ihn. Er war gefährlich – ein Wahnsinniger. Und er plante noch mehr Morde – dieser Junge, Harry Potter, wer immer er war – er war in Gefahr -

Frank wußte, was er zu tun hatte. Jetzt oder nie, es war höchste Zeit die Polizei zu rufen. Er würde aus dem Haus schleichen und sich schnurstracks auf den Weg zur Telefonzelle im Dorf machen… doch die kalte Stimme sprach erneut, und Frank blieb, wo er war, starr wie ein Eiszapfen, und lauschte mit aller Kraft.

»Ein Fluch noch… mein treuer Diener in Hogwarts… Harry Potter ist so gut wie mein, Wurmschwanz. Es ist beschlossen. Kein Streit mehr. Doch still… ich glaube, ich höre Nagini…«

Und die Stimme des zweiten Mannes veränderte sich. Er gab nun Laute von sich, wie Frank sie noch nie gehört hatte; er zischte und fauchte ohne Luft zu holen. Er muß eine Art Krampf oder Anfall haben, dachte Frank.

Und dann hörte er, wie sich hinter ihm im dunklen Korridor etwas bewegte. Er drehte sich um und erstarrte vor Schreck.

Über den dunklen Boden des Korridors glitt etwas auf ihn zu, und als es sich dem Lichtstreifen des Feuers näherte, erkannte er mit einem Schauder des Entsetzens, daß es eine gigantische, gut vier Meter lange Schlange war. Versteinert vor Angst starrte Frank auf das Tier, das sich in weit ausladenden Wellenlinien durch den dicken Staub auf dem Boden bewegte und immer näher kam – was sollte er tun? Flüchten konnte er nur in das Zimmer, wo die beiden Männer saßen und einen Mord ausheckten, doch wenn er stehen blieb, würde ihn die Schlange gewiß töten -

Doch bevor er sich entschieden hatte, war die Schlange gleichauf, und dann, unglaubliches Wunder, glitt sie an ihm vorbei; sie folgte den fauchenden und zischenden Lauten jener kalten Stimme hinter der Tür, und in sekundenschnelle war die Spitze ihres diamantbesetzten Schwanzes durch den Türspalt verschwunden.

Auf Franks Stirn standen Schweißperlen und seine Hand am Stock zitterte. Drinnen im Zimmer zischte die kalte Stimme weiter, und Frank kam ein merkwürdiger Gedanke in den Sinn, ein unmöglicher Gedanke… Dieser Mann kann mit Schlangen sprechen.

Frank begriff nicht, was geschah. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als mit seiner heißen Wärmflasche behaglich im Bett zu liegen. Das Problem war nur, daß seine Beine keine Anstalten machten, sich zu bewegen. Am ganzen Körper zitternd stand er da und versuchte seine Glieder zu beherrschen, als die kalte Stimme plötzlich wieder Englisch sprach.»Nagini hat interessante Neuigkeiten, Wurmschwanz«, sagte sie.

»T-tatsächlich, Herr?«, sagte Wurmschwanz.

»In der Tat, ja«, sagte die Stimme.»Nagini zufolge steht draußen gleich vor der Tür ein alter Muggel und hört jedes Wort mit, das wir sprechen.«

Frank hatte keine Chance, sich zu verstecken. Er hörte Schritte, dann wurde die Tür zum Zimmer weit aufgestoßen.

Ein kleiner Mann mit schütterem grauem Haar, spitzer Nase und wäßrigen Augen stellte sich vor Frank auf, mit einer Mischung aus Angst und Mißtrauen in den Augen.

»Bitte ihn doch herein, Wurmschwanz. Wo bleiben deine Manieren?«

Die kalte Stimme kam von dem alten Lehnstuhl am Feuer her, doch Frank konnte nicht sehen, wer da sprach. Die Schlange hingegen hatte sich, wie die grausige Karikatur eines Schoßhündchens, auf dem verrotteten Kaminvorleger eingekringelt.

Wurmschwanz winkte Frank mit einer kleinen Verbeugung ins Zimmer. Frank steckte die Angst zwar immer noch in den Knochen, doch er umklammerte erneut seinen Stock und humpelte über die Schwelle.

Das Feuer war die einzige Lichtquelle im Zimmer; es warf lange, spinnengleiche Schatten an die Wände. Frank starrte auf den Rücken des Lehnstuhls; der Mann darauf schien noch kleiner zu sein als sein Diener, denn Frank konnte nicht einmal seinen Hinterkopf sehen.

»Du hast also alles mitgehört, Muggel?«, sagte die kalte Stimme.

»Warum nennen Sie mich so?«, sagte Frank widerspenstig, denn nun, da er in diesem Zimmer war, nun, da es an der Zeit war zu handeln, fühlte er sich mutiger; schon im Krieg war es so gewesen.

»Ich nenne dich einen Muggel«, sagte die Stimme kühl.»Das bedeutet, daß du kein Zauberer bist.«

»Ich weiß nicht, was Sie mit Zauberer meinen«, sagte Frank mit allmählich festerer Stimme.»Alles, was ich weiß, ist, daß ich heute Nacht was gehört hab, das sicher die Polizei interessieren wird. Sie haben einen Mord begangen und planen noch mehr Morde! Und ich sag Ihnen noch was«, fügte er in einer plötzlichen Eingebung hinzu,»meine Frau weiß, daß ich hier oben bin, und wenn ich nicht zurückkomme -«

»Du hast keine Frau«, sagte die kalte Stimme völlig ungerührt.»Keiner weiß, daß du hier bist. Du hast niemandem etwas gesagt. Belüge Lord Voldemort nicht, Muggel, denn er weiß… er weiß immer…«

»Stimmt das?«, sagte Frank barsch.»Lord, tatsächlich? Nun, ich halte nicht viel von Ihren Manieren, Sie Lord, Sie. Warum drehen Sie sich nicht um und schauen mir ins Gesicht wie ein Mann?«

»Ich bin kein Mann, Muggel«, sagte die kalte Stimme, die sich kaum über das Knistern des Feuers erhob.»Ich bin viel, viel mehr als ein Mann. Allerdings… warum nicht? Ich werde dir ins Gesicht sehen… Wurmschwanz, komm her und drehe meinen Stuhl um.«

Vom Diener her kam ein Wimmern.

»Du hast mich gehört, Wurmschwanz.«

Langsam, mit einer schrecklichen Grimasse, als wäre ihm nichts mehr zuwider als sich seinem Herrn und der vor dem Kamin zusammengerollten Schlange zu nähern, ging der kleine Mann auf den Stuhl zu und begann ihn zu drehen. Die Stuhlbeine streiften leicht den Kaminvorleger und die Schlange hob ihren häßlichen dreieckigen Kopf und zischte leise.

Und dann war der Stuhl auf Frank gerichtet, und er sah, was dort saß. Sein Stock fiel klappernd zu Boden. Er öffnete den Mund und stieß einen Schrei aus. Er schrie so laut, daß er die Worte, die das Etwas auf dem Stuhl sprach, als es seinen Zauberstab erhob, nicht hören konnte. Ein grüner Lichtblitz, ein Brausen, und Frank Bryce brach zusammen. Noch bevor er aufschlug, war er tot.

Dreihundert Kilometer entfernt fuhr der Junge namens Harry Potter erschrocken aus dem Schlaf.

Die Narbe

Harry lag flach auf dem Rücken und atmete schwer, als ob er gerannt wäre. Mit aufs Gesicht gepreßten Händen war er aus einem fiebrigen Traum erwacht. Die alte Narbe auf seiner Stirn, die aussah wie ein Blitz, brannte unter seinen Fingern, als ob ihm jemand einen weiß glühenden Draht auf die Stirn drücken würde.

Er richtete sich auf, die eine Hand immer noch auf der Narbe, mit der anderen im Dunkeln nach seiner Brille auf dem Nachttisch tastend. Jetzt sah er sein Zimmer klarer. Es lag in dem schwachen, dunstig-orangeroten Licht, das die Straßenlaterne von draußen durch die Vorhänge warf.

Harry fuhr noch einmal mit den Fingern über die Narbe. Sie tat immer noch weh. Er knipste die Lampe auf dem Nachttisch an, stieg aus dem Bett, durchquerte das Zimmer, öffnete seinen Schrank und blinzelte in den Spiegel an der Innenseite der Tür. Ein hagerer Junge von vierzehn Jahren schaute zurück, dessen hellgrüne Augen unter dem zerzausten schwarzen Haar leicht verwirrt dreinblickten. Er besah sich die Blitznarbe im Spiegelbild etwas näher. Sie sah aus wie immer.

Harry versuchte sich zu erinnern, was er geträumt hatte. Es war ihm so wirklich vorgekommen… zwei Personen waren in dem Traum erschienen, die er kannte, und dann noch eine dritte, die er noch nie gesehen hatte… er sammelte mit aller Kraft seine Gedanken, runzelte die Stirn und dachte nach…

Das verschwommene Bild eines abgedunkelten Zimmers kam ihm in den Sinn… eine Schlange hatte auf einem Kaminvorleger gelegen… ein kleiner Mann namens Peter, Spitzname Wurmschwanz… und eine kalte, hohe Stimme… die Stimme Lord Voldemorts. Beim bloßen Gedanken an ihn fühlte sich Harry, als würde ihm ein Packen Eiswürfel in den Magen gleiten…

Er drückte die Augen zu und versuchte sich zu erinnern, wie Voldemort ausgesehen hatte, doch er schaffte es nicht… Harry wußte nur eines. In dem Augenblick, da Voldemorts Stuhl herumgedreht wurde und er, Harry, gesehen hatte, was auf ihm saß, hatte ihn das Entsetzen gepackt und aus dem Schlaf gerissen… oder war es der Schmerz seiner Narbe gewesen?

Und wer war der alte Mann? Denn ganz sicher war ein alter Mann dabei gewesen; Harry hatte beobachtet, wie er zusammengebrochen war. – Alles drehte sich; Harry legte das Gesicht in die Hände, um sein Zimmer nicht mehr zu sehen, und versuchte das Bild des matt erleuchteten Raumes festzuhalten, doch es war, als ob er Wasser in hohlen Händen halten wollte; die Einzelheiten versickerten um so schneller, je angestrengter er versuchte, sie festzuhalten… Voldemort und Wurmschwanz hatten über jemanden gesprochen, den sie getötet hatten, doch Harry konnte sich nicht mehr an den Namen erinnern… und sie hatten sich verschworen, noch jemanden zu töten… ihn…

Harry hob den Kopf, öffnete die Augen und blickte in seinem Zimmer umher, als ob er erwartete, etwas Ungewöhnliches zu sehen. Tatsächlich waren außergewöhnlich viele ungewöhnliche Dinge in diesem Zimmer. Ein großer hölzerner Koffer stand mit geöffnetem Deckel am Fuß seines Bettes, und darin lagen ein Kessel, ein Besen, schwarze Umhänge und verschiedene Bücher mit Zaubersprüchen. Pergamentrollen waren über dem Schreibtisch verstreut, soweit der Platz nicht von dem großen leeren Käfig beansprucht wurde, in dem seine Schnee-Eule Hedwig für gewöhnlich hockte. Auf dem Boden neben seinem Bett lag ein aufgeschlagenes Buch; letzte Nacht hatte er vor dem Einschlafen darin gelesen. Alle Bilder in diesem Buch bewegten sich. Männer in leuchtend orangeroten Umhängen kamen auf Besen fliegend näher und verschwanden dann wieder, wobei sie sich einen roten Ball zuwarfen.

Harry ging hinüber zu dem Buch, hob es auf und sah zu, wie einer der Zauberer ein sagenhaftes Tor machte, indem er den Ball durch einen in zwanzig Meter Höhe angebrachten Ring beförderte. Dann schlug er das Buch zu. Selbst Quidditch – nach Harrys Ansicht der beste Sport der Welt – konnte ihn jetzt nicht ablenken. Er legte Fliegen mit den Cannons auf seinen Nachttisch, ging hinüber zum Fenster, zog die Vorhänge zurück und beobachtete die Straße vor dem Haus.

Der Ligusterweg sah genauso aus, wie eine achtbare Vorstadtstraße in den frühen Morgenstunden eines Samstags aussehen mußte. Alle Vorhänge waren zugezogen. Soweit Harry sehen konnte, war kein Lebewesen in der Nähe, nicht einmal eine Katze.

Und doch… und doch… Rastlos ging Harry zurück zum Bett, setzte sich und fuhr erneut mit dem Finger über die Narbe. Es war nicht der Schmerz, der ihn beschäftigte; Harry hatte seine Erfahrungen mit Schmerzen und Verletzungen. Einmal hatte er alle Knochen seines rechten Armes verloren und man hatte sie über Nacht unter Qualen wieder wachsen lassen. Derselbe Arm war nicht viel später von einem ellenlangen Giftzahn durchstochen worden. Erst letztes Jahr war Harry von einem fliegenden Besen aus etwa fünfzehn Meter Höhe in die Tiefe gestürzt. Er war an haarsträubende Unfälle und Verletzungen gewöhnt; sie waren nicht zu vermeiden, wenn man nach Hogwarts ging, auf die Schule für Zauberei und Hexerei, und wenn man Ärger wie magisch anzog.

Nein, Harry beunruhigte etwas anderes. Als seine Narbe das letzte Mal geschmerzt hatte, war Voldemort in der Nähe gewesen… doch Voldemort konnte nicht hier sein, nicht jetzt… die Vorstellung, Voldemort würde im Ligusterweg auf ihn lauern, war unsinnig, völlig abwegig…

Harry lauschte angestrengt in die Stille hinein. Erwartete er nicht doch das Knarren einer Treppe, das Rascheln eines Umhangs? Und dann zuckte er leise zusammen, als er seinen Cousin Dudley im Zimmer nebenan markerschütternd aufschnarchen hörte.

Harry schüttelte sich in Gedanken; das war doch albern; niemand war im Haus außer ihm, Onkel Vernon, Tante Petunia und Dudley, sie schliefen natürlich alle noch, sie träumten ungestört und litten keine Schmerzen.

So mochte Harry die Dursleys am liebsten: wenn sie schliefen; denn tagsüber waren sie Harry nicht besonders zugetan, um es höflich auszudrücken. Onkel Vernon, Tante Petunia und Dudley waren Harrys einzige lebende Angehörige. Sie waren Muggel (nichtmagische Menschen), die Magie in jedweder Form haßten und verachteten, was bedeutete, daß Harry in ihrem Haus ungefähr so willkommen war wie der Hausschwamm. In den letzten drei Jahren war Harry viele Monate in Hogwarts gewesen, doch anderen Leuten hatten sie vorgemacht, er stecke im St. -rutus-Sicherheitszentrum für unheilbar kriminelle Jungen. Sie wußten ganz genau, daß Harry, als minderjähriger Zauberer, außerhalb von Hogwarts nicht zaubern durfte, waren aber schnell dabei, ihm für alles, was bei ihnen schief lief, die Schuld zu geben. Harry hatte ihnen nie sein Herz ausschütten oder ihnen sein Leben in der Zaubererwelt schildern können. Die bloße Vorstellung, zu ihnen zu gehen, wenn sie aufwachten, und von seiner schmerzenden Narbe und von seinen Befürchtungen wegen Voldemort zu erzählen, war geradezu lachhaft.

Und doch war Voldemort der eigentliche Grund, warum Harry überhaupt zu den Dursleys gekommen war. Ohne Voldemort hätte Harry nicht die Blitznarbe auf seiner Stirn. Ohne Voldemort hätte Harry noch seine Eltern…

Harry war ein Jahr alt gewesen in jener Nacht, als Voldemort – der mächtigste schwarze Magier seit einem Jahrhundert, ein Zauberer, der elf Jahre lang stets seine Macht gemehrt hatte – in ihr Haus gekommen war und seinen Vater und seine Mutter getötet hatte. Daraufhin hatte Voldemort seinen Zauberstab gegen Harry gerichtet; er hatte den Fluch ausgesprochen, mit dem er viele gestandene Hexen und Zauberer auf seinem unaufhaltsamen Weg nach oben beseitigt hatte – doch unfaßlicherweise hatte der Fluch bei ihm nicht gewirkt. Statt den kleinen Jungen zu töten, war der Fluch auf Voldemort zurückgefallen. Harry hatte überlebt und nur eine blitzförmige Narbe auf der Stirn zurückbehalten, und Voldemort war auf etwas zusammengeschrumpft, das kaum noch Leben in sich hatte. Seiner Zauberkräfte beraubt, das Leben in ihm fast erloschen, war Voldemort geflohen; die Schreckensherrschaft, unter der die geheime Gemeinschaft der Hexen und Zauberer so lange gelebt hatte, war zusammengebrochen. Voldemorts Anhänger hatten sich zerstreut und Harry Potter war berühmt geworden.

Mit einem gewaltigen Schreck hatte Harry an seinem elften Geburtstag herausgefunden, daß er ein Zauberer war; und die Entdeckung, daß sein Name in der verborgenen Zaubererwelt allbekannt war, beunruhigte ihn noch mehr. Bei seiner Ankunft in Hogwarts mußte er feststellen, daß sich überall, wo er auftauchte, die Köpfe wandten und Getuschel ihm auf Schritt und Tritt folgte. Doch inzwischen hatte er sich daran gewöhnt: Ende des Sommers würde er sein viertes Schuljahr in Hogwarts beginnen und er zählte bereits die Tage bis dahin.

Doch noch waren es zwei Wochen bis zu seiner Rückkehr nach Hogwarts. Er sah sich noch einmal ratlos in seinem Zimmer um, und sein Blick blieb an den Geburtstagskarten hängen, die seine beiden besten Freunde ihm Ende Juli geschickt hatten. Was würden sie sagen, wenn er ihnen schriebe und von seiner schmerzenden Narbe berichtete?

Schon hallte Hermine Grangers Stimme in seinem Kopf wider, schrill und voller Panik:

»Deine Narbe tut weh? Harry, damit ist nicht zu spaßen… Schreib an Professor Dumbledore! Und ich werd auf der Stelle in ›Magische Hauskrankheiten und Gebrechen‹ nachsehen… Vielleicht steht da was über Fluchnarben drin…«

Ja, das würde Hermine raten: Geh sofort zum Schulleiter von Hogwarts und schlag vorher am besten noch in einem Buch nach. Harry blickte durch das Fenster auf den mit königsblauen Schleiern überzogenen Morgenhimmel. Er hatte große Zweifel, ob ein Buch ihm jetzt helfen würde. Soweit er wußte, war er der einzige Mensch, der einen Fluch wie den Voldemorts überlebt hatte; deshalb war es höchst unwahrscheinlich, daß er seine Leiden in Magische Hauskrankheiten und Gebrechen wiederfinden würde. Und was den Schulleiter anging, so hatte Harry keine Ahnung, wo Dumbledore in den Sommerferien hinfuhr. Einen Moment lang belustigte ihn die Vorstellung, daß Dumbledore mit seinem langen Silberbart, dem langen Zaubererumhang und dem Spitzhut irgendwo an einem Strand lag und sich Sonnenöl auf die lange Adlernase rieb. Allerdings, wo immer Dumbledore auch war, Hedwig würde ihn sicher finden; Harrys Eule hatte es bisher noch immer geschafft, ihre Briefe zu überbringen, sogar ohne Adresse. Doch was sollte er schreiben?

Lieber Professor Dumbledore, Verzeihung, daß ich Sie belästige, doch heute Morgen hat meine Narbe wehgetan. Mit freundlichen Grüßen, Harry Potter

Selbst in seinem Kopf klangen diese Worte albern.

So versuchte er sich vorzustellen, was Ron, sein anderer bester Freund, sagen würde, und schon tauchte vor Harrys Augen Rons lange Nase und sein sommersprossiges Gesicht mit nachdenklicher Miene auf.

»Deine Narbe tut weh? Aber… aber Du-weißt-schon-wer kann doch gar nicht in deiner Nähe sein, oder? Im Ernst… das würdest du doch merken? Er würde wieder versuchen dich zu erledigen, meinst du nicht? Ich weiß nicht, Harry, vielleicht zwicken Fluchnarben immer ein wenig… ich frag mal Dad…«

Mr Weasley war ein voll ausgebildeter Zauberer, der in der Abteilung gegen den Mißbrauch von Muggelartefakten im Zaubereiministerium arbeitete, doch soviel Harry wußte, war er in Sachen Flüche nicht einschlägig bewandert. Jedenfalls behagte Harry die Vorstellung nicht, die ganze Familie Weasley würde erfahren, daß er, Harry, schon wegen ein paar Wehwehchen nervös wurde. Mrs Weasley würde einen noch größeren Aufstand machen als Hermine, und Fred und George, Rons sechzehnjährige Zwillingsbrüder, dachten womöglich noch, Harry würde die Nerven verlieren. Die Weasleys waren für Harry die tollste Familie der Welt; er hatte die Hoffnung, daß sie ihn schon bald zu sich einluden (Ron hatte etwas von der Quidditch-Weltmeister-schaft erwähnt), und irgendwie wollte er nicht, daß sein Aufenthalt mit besorgten Nachfragen zu seiner Narbe gestört wurde.

Harry massierte seine Stirn mit den Handknöcheln. Was er wirklich wollte (und er schämte sich beinahe, es sich selbst einzugestehen), war so etwas wie eine Mutter oder einen Vater: ein erwachsener Zauberer, dessen Rat er erfragen konnte, ohne sich blöd vorzukommen, jemand, der ihn gern hatte und der Erfahrung hatte mit schwarzer Magie… Und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Es war so einfach und so offensichtlich, daß er kaum fassen konnte, wie lange er gebraucht hatte – Sirius.

Harry sprang vom Bett, stürzte durchs Zimmer und setzte sich an seinen Schreibtisch; er zog ein Blatt Pergament zu sich her, füllte seine Adlerfeder mit Tinte und schrieb: Lieber Sirius, hielt inne und überlegte, wie er sein Problem am besten ausdrücken konnte. Warum, so wunderte er sich immer noch, hatte er nicht sofort an Sirius gedacht? Doch wenn er genauer überlegte, war es vielleicht gar nicht so merkwürdig – schließlich hatte er erst vor zwei Monaten herausgefunden, daß Sirius sein Pate war.

Es gab einen einfachen Grund, warum Sirius bis dahin in Harrys Leben überhaupt nicht aufgetaucht war – Sirius hatte in Askaban gesteckt, dem schrecklichen Zauberergefängnis, das von Dementoren genannten Wesen bewacht wurde, blinden, Seelen saugenden Finsterlingen, die dann nach Hogwarts gekommen waren, um den entflohenen Sirius zu suchen. Doch Sirius war unschuldig – die Morde, für die er verurteilt worden war, hatte Wurmschwanz begangen, Voldemorts Helfer, den jetzt fast alle für tot hielten. Harry, Ron und Hermine wußten es jedoch besser; letztes Jahr waren sie Wurmschwanz von Angesicht zu Angesicht begegnet, doch nur Professor Dumbledore hatte ihnen diese Geschichte abgenommen.

Eine wunderbare Stunde lang hatte Harry geglaubt, endlich die Dursleys verlassen zu können, denn Sirius hatte ihm ein Zuhause angeboten, sobald sein Name rein gewaschen war. Doch diese Chance war ihm wieder geraubt worden – Wurmschwanz war entkommen, bevor sie ihn zum Zaubereiministerium hatten bringen können, und Sirius mußte fliehen, um sein Leben zu retten. Harry hatte ihm geholfen, auf dem Rücken eines Hippogreifs namens Seidenschnabel zu entkommen, und seither war Sirius auf der Flucht. Der Gedanke an ein Zuhause, das Harry vielleicht gewonnen hätte, wenn Wurmschwanz nicht entkommen wäre, hatte ihn den ganzen Sommer über nicht losgelassen. Mit der Vorstellung im Kopf, den Dursleys um ein Haar für immer entkommen zu sein, war es Harry besonders schwer gefallen, zu ihnen zurückzukehren.

Und doch hatte Sirius Harry in manchem geholfen, auch wenn er nicht bei ihm sein konnte. Dank Sirius hatte Harry jetzt all seine Schulsachen bei sich im Zimmer. Die Dursleys hatten ihm das noch nie zuvor erlaubt; sie hatten immer gewollt, daß es Harry so elend wie möglich ginge, und zugleich Angst vor seinen Fähigkeiten gehabt, deshalb hatten sie seinen Schulkoffer bisher im Schrank unter der Treppe eingeschlossen. Doch ihre Haltung hatte sich geändert, als sie herausgefunden hatten, daß Harrys Pate ein gefährlicher Mörder war – Harry hatte bequemerweise vergessen ihnen zu sagen, daß Sirius unschuldig war.

Harry hatte zwei Briefe von Sirius erhalten, seit er wieder im Ligusterweg wohnte. Nicht Eulen hatten sie überbracht (wie es unter Zauberern üblich war), sondern große, hellbunte tropische Vögel. Hedwig hatte diese glamoureusen Eindringlinge gar nicht gemocht; nur äußerst widerwillig erlaubte sie ihnen, aus ihrem Wassernapf zu trinken, bevor sie wieder davonflogen. Harry jedoch mochte die Vögel; sie erinnerten ihn an Palmen und weißen Sand, und er hoffte, Sirius, wo immer er war (was er in seinen Briefen nie verriet, falls sie abgefangen wurden), würde es sich gut gehen lassen. Harry konnte es sich kaum vorstellen, daß die Dementoren unter der strahlenden Sonne lange überleben würden; vielleicht war Sirius deshalb nach Süden gegangen. Seine beiden Briefe, unter dem äußerst nützlichen losen Dielenbrett unter Harrys Bett versteckt, klangen recht fröhlich, und er hatte Harry jedes Mal aufgefordert, ihm zu schreiben, falls er ihn brauchen sollte. Nun, jetzt brauchte er ihn wirklich…

Das kalte graue Licht, das den Sonnenaufgang ankündigte, drang allmählich ins Zimmer und Harrys Lampe schien zu verblassen. Schließlich, als die Sonne aufgegangen war und die Wände seines Zimmers in Gold getaucht hatte, als Geräusche aus Onkel Vernons und Tante Petunias Zimmer zu hören waren, räumte Harry die zerknitterten Pergamente von seinem Schreibtisch und las den fertigen Brief noch einmal durch.

Lieber Sirius,

danke für deinen letzten Brief, dieser Vogel war so riesig, daß er es kaum durch mein Fenster geschafft hat.

Hier geht es zu wie immer. Mit Dudleys Diät läuft es nicht besonders gut. Meine Tante hat ihn gestern erwischt, wie er Doughnuts in sein Zimmer schmuggelte. Sie haben gedroht, ihm das Taschengeld zu kürzen, wenn er das noch mal macht, und daraufhin ist er furchtbar wütend geworden und hat seine PlayStation aus dem Fenster geworfen. Das ist eine Art Computer, auf dem man spielen kann. Ziemlich dumm von ihm, wenn du mich fragst, denn jetzt hat er nicht mal Giga-Gemetzel Teil III, um sich abzulenken. Mir geht's ganz gut, vor allem weil die Dursleys schreckliche Angst haben, du könntest hier auftauchen und, wenn ich dich darum bitte, sie alle in Fledermäuse verwandeln.

Aber heute Morgen ist etwas Merkwürdiges passiert. Meine Narbe hat wieder wehgetan. Das letzte Mal hat sie geschmerzt, weil Voldemort in Hogwarts war. Aber ich glaube nicht, daß er irgendwo in meiner Nähe sein kann, oder? Weißt du, ob Fluchnarben manchmal noch nach Jahren wehtun?

Ich schick dir diesen Brief mit Hedwig, sobald sie zurückkommt, im Augenblick ist sie jagen. Grüß Seidenschnabel von mir. Harry

Ja, dachte Harry, das kann ich so lassen. Von seinem Traum wollte er lieber nichts erwähnen, sonst dachte Sirius womöglich noch, er sei mit den Nerven völlig am Ende. Er faltete das Pergament zusammen und legte den Brief an den Tischrand, bereit für Hedwig, wenn sie zurückkam. Dann stand er auf, streckte sich und öffnete noch einmal den Schrank. Ohne einen Blick auf sein Spiegelbild zu werfen, zog er sich an und ging hinunter zum Frühstück.

Die Einladung

Die drei Dursleys saßen bereits am Tisch, aber keiner von ihnen blickte auf, als Harry in die Küche kam und sich dazusetzte. Onkel Vernons breites rotes Gesicht war hinter der morgendlichen Tagespost versteckt und Tante Petunia, die Lippen über ihren Pferdezähnen gespitzt, viertelte eine Grapefruit.

Dudley saß mit zornigem Schmollmund da und schien noch mehr Platz einzunehmen als sonst. Und das sollte schon etwas heißen, denn er beanspruchte immer eine ganze Seite des quadratischen Tisches für sich. Als Tante Petunia mit einem zittrigen»Bitte sehr, Diddyschatz«ein ungezuckertes Viertel der Grapefruit auf Dudleys Teller legte, warf er ihr einen finsteren Blick zu. Sein Leben hatte eine höchst unerfreuliche Wendung genommen, seit er mit dem Jahreszeugnis in die Sommerferien gekommen war.

Wie üblich hatten Onkel Vernon und Tante Petunia viele Ausreden für seine schlechten Noten gefunden; Tante Petunia pflegte felsenfest zu behaupten, Dudley sei ein hoch begabter Junge, nur leider würden die Lehrer ihn einfach nicht verstehen. Onkel Vernon hingegen versicherte, er wolle ohnehin keinen kleinen streberhaften Weichling haben. Auch den im Zeugnis erhobenen Vorwurf, Dudley würde andere Schüler schikanieren, taten sie ab -»Er ist nun mal ein kleiner Rabauke, doch er würde keiner Fliege was zuleide tun!«, sagte Tante Petunia mit Tränen in den Augen.

Allerdings fanden sich am Ende des Schreibens einige sorgsam gewählte Bemerkungen der Schulkrankenschwester, die nicht einmal Onkel Vernon und Tante Petunia wegerklären konnten. Wie sehr Tante Petunia auch jammerte, Dudley habe eben große Knochen und bestehe ansonsten doch aus Babyspeck, er sei ein Junge, der noch wachse und viel zu essen brauche – es blieb dabei, daß die Schulausstatter keine Knickerbocker mehr führten, die ihm noch paßten. Der Schulkrankenschwester war nicht entgangen, was Tante Petunia – die so scharfe Augen hatte, wenn es darum ging, Fingerabdrücke auf ihren schimmernden Möbeln zu entdecken und das Kommen und Gehen der Nachbarn zu beobachten – einfach nicht sehen wollte: daß Dudley keineswegs Extraportionen zu essen brauchte, sondern ungefähr Größe und Gewicht eines jungen Killerwals erreicht hatte.

Und so kam es, daß nach vielen Streitereien und Wutanfällen, die Harrys Zimmerboden erschütterten, und nach vielen Tränen Tante Petunias der neue Speiseplan eingeführt wurde. Sie heftete den Diätzettel, den die Schulkrankenschwester aus Smeltings geschickt hatte, an den Kühlschrank, räumte sämtliche Lieblingsleckereien Dudleys aus – klebrige Softdrinks und Kuchen, Schokoriegel und Hamburger – und füllte ihn stattdessen mit Obst und Gemüse und all jenen Dingen, die Onkel Vernon als»Kaninchenfutter«bezeichnete. Um Dudley die Sache ein wenig schmackhafter zu machen, bestand Tante Petunia darauf, daß auch der Rest der Familie Diät hielt. So reichte sie Harry jetzt ebenfalls ein Viertel Grapefruit. Harry entging nicht, daß es viel kleiner war als Dudleys Stück. Tante Petunia schien zu glauben, um Dudley bei Laune zu halten, müsse sie zumindest dafür sorgen, daß er wenigstens mehr zu essen bekam als Harry.

Doch Tante Petunia wußte nicht, was unter dem losen Dielenbrett oben in Harrys Zimmer versteckt war. Sie hatte keine Ahnung, daß Harry sich keineswegs an die Diät hielt. Kaum hatte er Wind davon bekommen, daß er den Sommer über von Karotten würde leben müssen, hatte Harry Hedwig mit einem Hilferuf zu seinen Freunden geschickt, und sie hatten diese Herausforderung glänzend bewältigt. Von Hermine hatte Hedwig eine große Schachtel zuckerfreier Knabbereien zurückgebracht (Hermines Eltern waren Zahnärzte). Hagrid, der Wildhüter von Hogwarts, war mit einem Beutel voll selbst gebackener Felsenkekse in die Bresche gesprungen (Harry hatte sie noch nicht angerührt; Hagrids Backkünste kannte er zur Genüge). Mrs Weasley jedoch hatte die Familieneule Errol mit einem riesigen Früchtekuchen und verschiedenen Pasteten zu Harry geschickt. Der arme, schon etwas altersschwache Errol hatte ganze fünf Tage gebraucht, um sich von dem Flug zu erholen. Und schließlich hatte Harry an seinem Geburtstag (den die Dursleys glatt übergangen hatten) vier köstliche Geburtstagskuchen erhalten, je einen von Ron, Hermine, Hagrid und Sirius. Harry hatte immer noch zwei davon übrig, und so begann er in der Vorfreude auf ein herzhaftes Frühstück oben im Zimmer klaglos seine Grapefruit zu essen.

Onkel Vernon legte die Zeitung zur Seite, schnaubte tief durch und besah sich sein eigenes Stück Grapefruit.

»Das ist alles?«, sagte er ungnädig zu Tante Petunia.

Tante Petunia warf ihm einen strengen Blick zu und nickte mit gespitztem Mund hinüber zu Dudley, der sein Grapefruit-Viertel bereits aufgegessen hatte und nun Harrys Stück mit einem sehr sauren Ausdruck in den kleinen Schweinsäuglein ins Visier nahm.

Onkel Vernon ließ einen tiefen Seufzer vernehmen, der seinen ausladenden, buschigen Schnurrbart erzittern ließ, und nahm den Löffel zur Hand.

Jemand läutete an der Tür. Onkel Vernon wuchtete sich hoch und ging hinaus in den Flur. Während sich Tante Petunia am Teekessel zu schaffen machte, stibitzte Dudley blitzschnell Onkel Vernons restliche Grapefruit.

Harry hörte Stimmen an der Haustür, ein Lachen und eine barsche Entgegnung Onkel Vernons. Dann fiel die Tür ins Schloß und vom Flur kam das Geräusch zerreißenden Papiers.

Tante Petunia stellte die Teekanne auf den Tisch und sah sich verdutzt nach Onkel Vernon um; sie mußte nicht lange warten, denn kurz darauf erschien er mit zornrotem Gesicht.

»Du«, blaffte er Harry an.»Ins Wohnzimmer. Sofort.«

Verdutzt und ohne die geringste Ahnung, was zum Teufel er diesmal wieder verbrochen haben sollte, erhob sich Harry und folgte Onkel Vernon ins Zimmer nebenan. Onkel Vernon schlug die Tür hinter ihnen zu.

»So«, sagte er, marschierte hinüber zum Kamin, wandte sich um und fixierte Harry, als wolle er ihn auf der Stelle verhaften.»So.«

Harry hätte am liebsten»Na was denn«gesagt, doch er wollte Onkel Vernons Gemütsverfassung so früh am Morgen lieber nicht auf die Probe stellen, da sie durch Mangel an Nahrung ohnehin stark belastet war. So versuchte er ein wenig verwirrt auszusehen.

»Das hier ist gerade angekommen«, sagte Onkel Vernon. Er fuchtelte mit einem Blatt purpurroten Schreibpapiers in Harrys Richtung.»Ein Brief. Betrifft dich.«

Harry war nun tatsächlich verdutzt. Wer sollte seinetwegen an Onkel Vernon schreiben? Wen kannte er, der Briefe mit der normalen Post schickte?

Onkel Vernon starrte Harry zornig an, dann hob er den Brief und begann laut vorzulesen.

Liebe Mr und Mrs Dursley,

wir wurden einander nie vorgestellt, doch ich bin sicher, Sie haben von Harry eine Menge über meinen Sohn Ron gehört. Wie Harry Ihnen vielleicht gesagt hat, findet nächsten Montagabend das Finale der Quidditch-Weltmeisterschaft statt, und mein Mann Arthur hat es soeben geschafft, über seine Beziehungen zur Abteilung für Magische Spiele und Sportarten noch ein paar Karten zu besorgen.

Ich hoffe doch, daß Sie uns gestatten, Harry mit zum Spiel zu nehmen, denn ein solches Ereignis darf man sich keinesfalls entgehen lassen; England ist zum ersten Mal seit dreißig Jahren wieder Gastgeberland und Karten sind kaum noch zu bekommen. Natürlich würden wir uns freuen, wenn Harry für die restlichen Sommerferien bei uns bleiben könnte. Wir werden ihn dann zum Zug begleiten, der ihn zurück in die Schule bringt.

Am besten schickt Harry uns Ihre Antwort auf dem üblichen Wege, denn der Muggelbriefträger hat bei uns noch nie etwas eingeworfen, und ich bin mir nicht mal sicher, ob er weiß, wo unser Haus ist.

In der Hoffnung, Harry bald zu sehen, und mit freundlichen Grüßen Molly Weasley

PS: Ich hoffe doch, wir haben genug Marken draufgeklebt.

Onkel Vernon verstummte, schob die Hand in die Brusttasche und zog noch etwas hervor.

»Sieh dir das an«, knurrte er.

Er hob den Umschlag hoch, in dem Mrs Weasleys Brief gekommen war. Harry mußte sich einen Lachanfall verkneifen. Der Umschlag war über und über mit Briefmarken beklebt, mit Ausnahme eines kleinen Quadrats auf der Vorderseite, in das Mrs Weasley in Winzschrift die Adresse der Dursleys hineingekritzelt hatte.

»Na also, hat doch gereicht mit den Briefmarken«, sagte Harry, ganz so, als ob Mrs Weasleys Fehler jedem unterlaufen könnte. Onkel Vernons Augen blitzten.

»Der Briefträger war sehr interessiert«, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen.»Wollte unbedingt wissen, wo dieser Brief herkommt. Deshalb hat er auch geläutet. Hielt es offenbar für komisch.«

Harry sagt nichts. Andere Menschen mochten nicht verstehen, warum Onkel Vernon einen solchen Aufstand wegen ein paar überzähliger Briefmarken machte, doch Harry lebte nun lange genug bei den Dursleys, um zu wissen, wie gereizt sie auf alles reagierten, was auch nur ein wenig neben der Spur lag. Ihre schlimmste Befürchtung war, jemand könnte herausfinden, daß sie (wie entfernt auch immer) mit Leuten wie Mrs Weasley in Verbindung standen.

Onkel Vernen starrte Harry immer noch zornfunkelnd an, während Harry versuchte eine arglose Miene aufzusetzen. Wenn er jetzt nichts Dummes tat oder sagte, dann stand ihm vielleicht die tollste Zeit seines Lebens bevor. Er wartete darauf, daß Onkel Vernon den Mund aufmachte, doch Onkel Vernon starrte ihn nur unverwandt an. Harry beschloß, die Stille zu durchbrechen.

»Und – darf ich gehen?«, sagte er.

Ein flüchtiges Zucken huschte über Onkel Vernons breites, purpurnes Gesicht. Der Schnurrbart sträubte sich. Harry glaubte zu wissen, was hinter dem Schnurrbart vor sich ging: ein erbitterter Kampf zwischen zwei der stärksten Antriebe Onkel Vernons. Wenn er Harry erlaubte zu gehen, würde er ihn glücklich machen, und dagegen hatte Onkel Vernon sich seit dreizehn Jahren gewehrt. Wenn Harry jedoch für den Rest der Ferien zu den Weasleys verschwand, war er ihn zwei Wochen früher los, als er gehofft hatte, und Onkel Vernon konnte es nicht ausstehen, wenn Harry im Haus war. Offenbar um sich ein wenig Zeit zum Nachdenken zu verschaffen, betrachtete er noch einmal Mrs Weasleys Brief.

»Wer ist diese Frau?«, fragte er und starrte voller Abscheu auf die Unterschrift.

»Du hast sie schon mal gesehen«, sagte Harry.»Sie ist die Mutter meines Freundes Ron, sie hat ihn zu Ferienbeginn vom Hog-, vom Schulzug abgeholt.«

Fast hätte er»Hogwarts-Express«gesagt und damit Onkel Vernon sicher zur Weißglut gereizt. Im Haus der Dursleys wurde der Name von Harrys Schule niemals laut ausgesprochen.

Onkel Vernon verzog sein riesiges Gesicht zu einer Grimasse, als ob er versuchte sich an etwas sehr Unangenehmes zu erinnern.

»So ein plumper Typ von Frau?«, knurrte er schließlich.»Und 'ne Menge Kinder mit roten Haaren?«

Harry runzelte die Stirn. Es war schon ein starkes Stück von Onkel Vernon, jemanden»plump«zu nennen, wo doch sein eigener Sohn Dudley es endlich geschafft hatte, womit er seit dem Alter von drei Jahren gedroht hatte, nämlich breiter als lang zu werden.

Onkel Vernon überflog abermals den Brief.»Quidditch«, murmelte er in seinen Schnurrbart.»Quidditch – was ist das für ein Blödsinn?«Harry spürte zum zweiten Mal einen Anflug von Ärger.»Das ist eine Sportart«, sagte er knapp.»Wird auf Besen-«»Schon gut, schon gut!«, rief Onkel Vernon. Harry sah mit einiger Befriedigung einen Anflug von Panik auf Onkel Vernons Gesicht. Offenbar würden seine Nerven dem Klang des Wortes»Besenstiele«in seinem Wohnzimmer nicht standhalten. Er flüchtete sich wieder in den Brief. Harry sah, wie seine Lippen die Worte»Ihre Antwort auf dem üblichen Wege schicken«formten. Sein Blick verfinsterte sich.

»Was heißt, ›auf dem üblichen Wege‹?«, fauchte er.»Üblich für uns«, sagte Harry, und bevor sein Onkel ihn aufhalten konnte, fügte er hinzu:»Du weißt ja, Eulenpost. Das ist so üblich unter Zauberern.«

Onkel Vernon sah so empört aus, als hätte Harry gerade ein abscheuliches Schimpfwort ausgesprochen. Zitternd vor Zorn warf er einen nervösen Blick durchs Fenster, als fürchtete er, einer der Nachbarn hätte das Ohr an die Scheibe gedrückt.

»Wie oft muß ich dir noch sagen, daß du diese Abartigkeit unter meinem Dach nicht erwähnen sollst?«, zischte er, das Gesicht von der Farbe einer reifen Pflaume.»Da stehst du, in den Kleidern, die Tante Petunia und ich in deine undankbaren Hände gelegt haben -«

»Erst nachdem Dudley sie abgetragen hatte«, sagte Harry kühl, und tatsächlich trug er ein Sweatshirt, bei dem er die Ärmel fünfmal zurückschlagen mußte, um überhaupt seine Hände gebrauchen zu können, und das ihm bis über die Knie seiner sackbauchigen Jeans schlotterte.

»So sprichst du nicht mit mir!«, sagte Onkel Vernon bebend vor Wut.

Doch diesmal gab Harry nicht klein bei. Vorbei war die Zeit, da er gezwungen wurde, jede einzelne der bescheuerten Vorschriften der Dursleys zu befolgen. Er hielt sich nicht an Dudleys Diät, und er würde es nicht hinnehmen, daß Onkel Vernon ihm verbot, zur Quidditch-Weltmeisterschaft zu gehen, jedenfalls nicht, solange er sich wehren konnte.

Harry holte tief Luft, um sich zu beruhigen, dann sagte er:»Gut, ich darf nicht zur Weltmeisterschaft. Kann ich jetzt gehen? Ich muß noch meinen Brief an Sirius fertig schreiben. Du weißt ja – mein Pate.«

Er hatte es getan. Er hatte die magischen Worte ausgesprochen. Nun beobachtete er, wie das Purpurrot fleckweise aus Onkel Vernons Gesicht wich, so daß es aussah wie ein schlecht gemischtes Johannisbeereis.

»Du – du schreibst ihm, ja?«, sagte Onkel Vernon mit angestrengt ruhiger Stimme – doch Harry hatte bemerkt, wie sich die Pupillen seiner kleinen Augen in jäher Angst zusammenzogen.

»Jaah – sicher«, sagte Harry beiläufig.»Er hat schon lange nichts mehr von mir gehört, und, nun ja, wenn er ungeduldig wird, könnte er auf falsche Gedanken kommen.«

Er hielt inne, um die Wirkung seiner Worte zu genießen. Fast konnte er die Rädchen hinter Onkel Vernons dichtem, schwarzem, fein säuberlich gescheiteltem Haar arbeiten sehen. Wenn er Harry davon abhielt, Sirius zu schreiben, würde Sirius denken, Harry würde schlecht behandelt. Wenn er Harry verbot, zur Weltmeisterschaft zu gehen, würde Harry Sirius davon berichten, und dann wäre Sirius überzeugt, daß Harry schlecht behandelt wurde. Onkel Vernon konnte nur eines tun. Als wäre das große Schnurrbartgesicht durchsichtig, sah Harry, wie die Schlußfolgerung in Onkel Vernons Schädel einrastete. Harry unterdrückte ein Grinsen und mühte sich, eine Unschuldsmiene aufzusetzen. Und dann -

»Na schön, von mir aus. Du kannst zu diesem blödsinnigen – zu diesem idiotischen – dieser komischen Weltmeisterschaft gehen. Aber du schreibst diesen – diesen Weasleys, sie sollen dich abholen. Ich hab keine Zeit, dich in der Gegend rumzufahren und irgendwo abzuladen. Und du kannst die restlichen Sommerferien bei denen bleiben. Und du kannst deinem – deinem Patenonkel… sag ihm… sag ihm, daß du gehen darfst.«

»Einverstanden«, sagte Harry strahlend.

Er wandte sich um und ging zur Wohnzimmertür, während er gegen die Lust ankämpfte, jauchzend in die Luft zu springen. Er durfte fort… zu den Weasleys, zur Quidditch-Welt-meisterschaft!

Draußen im Flur prallte er fast mit Dudley zusammen, der hinter der Tür gelauert hatte, natürlich in der Hoffnung, belauschen zu können, wie Harry zur Schnecke gemacht wurde. Erschrocken sah er das breite Grinsen auf Harrys Gesicht.

»Das war ein tolles Frühstück, findest du nicht?«, sagte Harry.»Ich fühl mich so richtig satt, du auch?«

Harry lachte über die verdutzte Miene Dudleys, nahm drei Stufen auf einmal nach oben und stürzte in sein Zimmer.

Als Erstes fiel ihm auf, daß Hedwig zurück war. Sie saß in ihrem Käfig, starrte Harry mit ihren riesigen Bernsteinaugen an und klapperte mit dem Schnabel, wie sie es tat, wenn sie sich über etwas ärgerte. Worüber, wurde ihm im nächsten Moment klar.

»Autsch!«

Etwas wie ein kleiner, grauer, gefiederter Tennisball knallte gegen Harrys Schläfe. Harry rieb sich wütend den Kopf und sah sich nach dem Missetäter um. Eine winzige Eule, klein genug, um in eine hohle Hand zu passen, flatterte aufgeregt im Zimmer umher wie ein angezündeter Knallfrosch. Erst jetzt bemerkte Harry, daß sie ihm einen Brief vor die Füße geworfen hatte. Er bückte sich, erkannte Rons Handschrift und riß den Umschlag auf. Drin war ein hastig bekritzelter Zettel.

Harry – DAD HAT DIE KARTEN – Irland gegen Bulgarien, Montagabend. Mum schreibt an die Muggel und fragt, ob du zu uns kommen darfst. Vielleicht haben sie den Brief schon, ich weiß nicht, wie schnell die Muggelpost ist. Dachte, ich schick das hier lieber mit Pig.

Harry stutzte bei dem Wort»Pig«und sah zu der kleinen Eule hoch, die um den Lampenschirm herumschwirrte. Er hatte noch nie etwas gesehen, das weniger Ähnlichkeit mit einem Schwein hatte. Vielleicht hatte er Rons Gekritzel nicht richtig gelesen. Er las weiter.

Wir holen dich ab, ob die Muggel wollen oder nicht, damit du die Weltmeisterschaft nicht versäumst, nur denken Mum und Dad, es sei besser, wenn wir so tun, als ob wir sie erst um Erlaubnis fragten. Wenn sie ja sagen, schick Pig sofort mit deiner Antwort zurück und wir holen dich am Sonntagnachmittag um fünf Uhr ab. Wenn sie nein sagen, schick Pig sofort zurück und wir holen dich trotzdem am Sonntagnachmittag um fünf ab. Hermine kommt heute zu uns. Percy hat angefangen zu arbeiten – in der Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit. Sag kein Wort über andere Länder, solange du hier bist, wenn du dich nicht zu Tode langweilen willst.

Bis bald – Ron

»Beruhige dich!«, sagte Harry zu der kleinen Eule, die jetzt seinen Kopf umkreiste und wie verrückt zwitscherte. Vor Stolz, vermutete Harry, weil sie den Brief dem Richtigen überbracht hatte.»Komm her, du mußt jetzt meine Antwort zurückbringen!«

Die Eule ließ sich flatternd auf Hedwigs Käfig nieder. Hedwig sah mit kühlem Blick zu ihr auf, als wollte sie sagen: Komm mir ja nicht näher.

Harry nahm seine Adlerfeder und ein frisches Blatt Pergament zur Hand und schrieb:

Ron, alles in Ordnung, die Muggel sagen, ich darf gehen. Bis morgen um fünf. Kann es kaum erwarten.

Harry

Er faltete das Blatt klitzeklein zusammen und band es mühsam an dem winzigen Bein der Eule fest, die voll Aufregung hin und her flatterte. Kaum war die Nachricht sicher befestigt, machte sich die Eule davon. Sie schwirrte aus dem Fenster und verschwand.

Harry wandte sich Hedwig zu.

»Fühlst du dich fit für eine lange Reise?«, fragte er.

Hedwig ließ ein vornehmes Tröten hören.

»Könntest du das hier zu Sirius bringen?«, sagte er und hob seinen Brief hoch.

»Wart mal… ich muß ihn nur kurz zu Ende schreiben.«

Er entfaltete das Pergament noch einmal und setzte hastig einen Nachsatz hinzu.

Falls du Verbindung mit mir aufnehmen willst, ich bin für den Rest der Ferien bei meinem Freund Ron Weasley. Sein Dad hat uns Karten für die Quidditch-Weltmeisterschaft besorgt!

Den fertigen Brief band er an Hedwigs Bein; sie hielt ungewöhnlich still, als wäre sie entschlossen ihm zu zeigen, wie eine echte Posteule sich benehmen sollte.

»Ich bin bei Ron, wenn du zurückkommst, ja?«, erklärte ihr Harry.

Sie kniff zutraulich in seinen Finger, spannte dann mit einem leisen Rascheln ihre mächtigen Flügel und schwebte durchs offene Fenster davon.

Harry sah ihr nach, bis sie verschwunden war, kroch dann unter sein Bett, riß das lose Dielenbrett hoch und holte ein großes Stück Geburtstagskuchen hervor. Auf dem Boden sitzend und essend genoß er in vollen Zügen das Glücksgefühl, das ihn durchströmte. Er hatte Kuchen und Dudley hatte nichts als Grapefruit; es war ein strahlender Sommertag, morgen würde er aus dem Ligusterweg verschwinden, seine Narbe fühlte sich wieder völlig normal an und er würde die Quidditch-Weltmeisterschaft sehen. In diesem Moment war es schwer, sich wegen irgend etwas Sorgen zu machen – und sei es Lord Voldemort.

Zurück zum Fuchsbau

Am nächsten Tag um zwölf hatte Harry seinen Koffer gepackt, mit den Schulsachen und allem anderen, was er wie seinen Augapfel hütete – dem Tarnurnhang, den er von seinem Vater geerbt, dem Besen, den ihm Sirius geschenkt hatte, und der magischen Karte von Hogwarts, die ihm Fred und George Weasley letztes Jahr überlassen hatten. Er hatte alles, was noch zu essen übrig war, aus dem Versteck unter dem losen Dielenbrett geholt, noch einmal alle Ecken und Winkel seines Zimmers nach vergessenen Zauberbüchern oder Schreibfedern abgesucht und den Kalender von der Wand genommen, auf dem er immer gerne die Tage bis zur Rückkehr nach Hogwarts am ersten September durchgestrichen hatte.

Im Ligusterweg Nummer vier herrschte Hochspannung. Die bevorstehende Ankunft gleich mehrerer Zauberer machte die Dursleys reizbar und nervös. Onkel Vernon hätte fast der Schlag getroffen, als er von Harry erfuhr, daß die Weasleys am nächsten Nachmittag um fünf kommen würden.

»Du hast diesen Leuten hoffentlich geschrieben, sie sollen sich anständig anziehen«, knurrte er.»Ich hab ja gesehen, was für Klamotten dieses Pack trägt, mit dem du dich abgibst. Die sollten wenigstens so höflich sein und sich richtig einkleiden, basta.«

Harry schwante Unheil. Er hatte Mr oder Mrs Weasley kaum einmal in Sachen gesehen, welche die Dursleys als»anständig«bezeichnen würden. Ihre Kinder mochten während der Ferien Muggelsachen tragen, doch Mr und Mrs Weasley trugen meist lange Umhänge in mehr oder weniger zerschlissenem Zustand. Harry scherte sich nicht darum, was die Nachbarn denken würden, doch er fürchtete, die Dursleys könnten grob zu den Weasleys sein, wenn sie bei ihnen aufkreuzten wie ihr Wirklichkeit gewordener Alptraum von einer Zaubererfamilie.

Onkel Vernon trug seinen besten Anzug. Manche hätten dies als eine schöne Geste verstanden, doch Harry wußte, daß Onkel Vernon nur Eindruck schinden und die Weasleys einschüchtern wollte. Dudley hingegen wirkte ein wenig gestutzt. Nicht etwa, weil die Diät endlich Wirkung gezeigt hätte, sondern weil ihn die Angst umtrieb. Dudley hatte bei seiner letzten Begegnung mit einem ausgewachsenen Zauberer einen geringelten Schweineschwanz verpaßt bekommen, der aus dem Hosenboden hervorlugte, und Tante Petunia und Onkel Vernon hatten ihn für teures Geld in einer Londoner Privatklinik entfernen lassen müssen. Daher war es nicht sonderlich überraschend, daß Dudley sich ständig mit der Hand über den Hintern fuhr und an den Wänden entlang von einem Zimmer ins andere rutschte, um dem Feind ja keine Zielscheibe zu bieten.

Das Mittagessen war eine recht stumme Angelegenheit. Dudley protestierte nicht einmal gegen das, was auf den Tisch kam (Hüttenkäse mit geraspeltem Sellerie). Tante Petunia aß überhaupt nichts. Sie hatte die Arme verschränkt und die Lippen geschürzt und schien auf ihrer Zunge herumzukauen, als ob sie die wilde Schimpfkanonade, die sie Harry gern entgegenschleudern wollte, mühsam hinunterwürgte.

»Sie kommen natürlich mit dem Auto?«, blaffte Onkel Vernon über den Tisch hinweg.

»Hmh«, sagte Harry.

Daran hatte er nicht gedacht. Wie eigentlich wollten die Weasleys ihn abholen? Ein Auto hatten sie nicht mehr; ihr alter Ford Anglia war gerade auf Jagd im Verbotenen Wald von Hogwarts. Doch Mr Weasley hatte sich letztes Jahr einen Wagen des Zaubereiministeriums geliehen; vielleicht tat er dies auch heute?

»Ich glaub schon«, sagte Harry.

Onkel Vernon schnaubte in seinen Schnurrbart. Normalerweise hätte er gefragt, was für ein Auto Mr Weasley fuhr; andere Männer pflegte er danach zu beurteilen, wie groß und teuer ihre Autos waren. Doch Harry bezweifelte, daß Onkel Vernon sich mit Mr Weasley anfreunden könnte, selbst wenn dieser mit einem Ferrari vorfahren würde.

Harry verbrachte fast den ganzen Nachmittag in seinem Zimmer; er konnte es nicht mit ansehen, wie Tante Petunia alle paar Sekunden durch die Stores spähte, als ob das Radio vor einem entlaufenen Rhinozeros gewarnt hätte. Um Viertel vor fünf schließlich ging Harry nach unten ins Wohnzimmer. Tante Petunia zupfte zwanghaft die Kissen zurecht. Onkel Vernon gab vor, die Zeitung zu lesen, doch seine Winzaugen bewegten sich nicht, und Harry wußte, daß er mit gespitzten Ohren auf das Geräusch eines ankommenden Autos wartete. Dudley hatte sich in einem Sessel vergraben, die schweinsfleischigen Hände fest um den Hintern geschlungen. Harry konnte die Spannung nicht ertragen; er ging hinaus und setzte sich auf den Treppenabsatz im Flur, den Blick auf die Uhr gerichtet und das Herz erwartungsvoll und hibbelig pochend.

Doch fünf Uhr kam und ging. Onkel Vernon, der in seinem Anzug leicht schwitzte, öffnete die Haustür, spähte die Straße hinauf und hinunter und zog rasch den Kopf wieder herein.

»Sie kommen zu spät!«, raunzte er Harry an.

»Das weiß ich«, sagte Harry.»Vielleicht – ähm – stecken sie im Stau oder so.«

Zehn nach fünf… dann Viertel nach fünf… Harry wurde allmählich selbst unruhig. Um halb sechs hörte er Onkel Vernon und Tante Petunia im Wohnzimmer angespannt tuscheln.

»Keinerlei Rücksichtnahme.«

»Wir hätten ja verabredet sein können.«

»Vielleicht glauben sie, wir laden sie zum Abendessen ein, wenn sie zu spät kommen.«

Harry hörte ihn aufstehen und im Wohnzimmer auf und ab schreiten.»Sie nehmen den Jungen und verschwinden, keine Zeit für Nettigkeiten. Wenn sie überhaupt kommen. Haben vermutlich den Tag verwechselt. Diese Sorte Leute hält natürlich nichts von Pünktlichkeit. Entweder das oder sie fahren irgendeine Schrottlaube und haben eine P-«

AAAAAARRRRHH!

Harry sprang auf. Durch die Tür drang der Lärm dreier in Panik durchs Zimmer rasender Dursleys. Und schon kam Dudley mit angsterfülltem Blick in den Flur gestürzt.

»Was ist passiert?«, sagte Harry.»Was ist denn los?«

Doch Dudley schien es die Sprache verschlagen zu haben. Die Hände immer noch auf den Hintern gepreßt watschelte er, so schnell er konnte, in die Küche. Harry rannte ins Wohnzimmer.

Lautes Klopfen und Kratzen drang aus dem mit Brettern vernagelten Kamin der Dursleys, an dessen Frontseite sie ein Feuerimitat angebracht hatten.

»Was ist das denn?«, keuchte Tante Petunia, die mit dem Rücken zur Wand stand und entsetzt auf den Kamin starrte.

»Autsch! Fred, nein – zurück, zurück, irgendwas stimmt hier nicht – sag George, er soll nicht – AUTSCH! George, nein, hier ist es zu eng, geh schnell zurück und sag Ron -«

»Vielleicht kann Harry uns hören, Dad – vielleicht kann er uns hier rauslassen -«

Jemand hämmerte laut auf die Bretterverschalung hinter dem elektrischen Feuer.

»Harry? Harry, kannst du uns hören?«

Die Dursleys schlichen auf Harry zu wie ein Paar hungriger Wölfe.

»Was soll das denn?«, knurrte Onkel Vernon.»Was geht hier vor?«

»Sie haben versucht mit Flohpulver herzukommen«, sagte Harry und würgte ein Lachen hinunter.»Sie können per Feuer reisen – aber ihr habt den Kamin blockiert – einen Moment -«

Er trat auf den Kamin zu und rief durch die Bretter:

»Mr Weasley? Können Sie mich hören?«

Das Klopfen hörte auf. Drinnen im Kamin sagte jemand:»Schhh!«

»Mr Weasley, ich bin's, Harry… der Kamin ist zugenagelt. Da können Sie nicht rauskommen.«

»Verflucht!«, ertönte Mr Weasleys Stimme.»Weshalb, um Himmels willen, haben die den Kamin vernagelt?«

»Sie haben sich ein elektrisches Kaminfeuer angeschafft«, erklärte Harry.

»Wirklich?«, sagte Mr Weasley begeistert.»Ecklektisch, sagst du? Mit einem Stecker? Meine Güte, das muß ich sehen… laß mich mal nachdenken… autsch, Ron!«

Rons Stimme mischte sich nun unter die anderen.

»Was treiben wir hier? Ist was schief gegangen?«

»Wie kommst du denn darauf, Ron«, sagte Fred mit sarkastischem Unterton.»Nein, genau hier wollten wir hin.«

»Jaah, wir amüsieren uns prächtig«, sagte George, dessen Stimme so dumpf klang, als wäre sein Gesicht gegen die Mauer gepreßt.

»Jungs, Jungs…«, nuschelte Mr Weasley.»Ich versuch rauszufinden, was wir tun könnten… ja… da bleibt mir nichts anderes übrig… Harry, geh bitte ein paar Schritte zurück.«

Harry wich zum Sofa zurück. Onkel Vernon jedoch trat ein paar Schritte vor.

»Warten Sie einen Augenblick!«, brüllte er in Richtung Kamin.»Was genau wollen Sie tun -?«

PENG.

Der Bretterverschlag explodierte, das elektrische Feuer flog durchs Zimmer, und Mr Weasley, Fred, George und Ron wurden in einer Wolke aus Schutt und Holzspänen aus dem Kamin geschleudert. Tante Petunia stieß einen spitzen Schrei aus und fiel rücklings über das Kaffeetischchen; Onkel Vernon fing sie auf, bevor sie auf dem Boden aufschlug, und starrte dann mit offenem Mund die Weasleys an, die allesamt rote Haare hatten, auch Fred und George, die bis auf die letzte Sommersprosse genau gleich aussahen.

»Schon besser«, keuchte Mr Weasley, klopfte sich den Staub von seinem langen grünen Umhang und rückte seine Brille zurecht.»Aaah – Sie müssen Harrys Tante und Onkel sein!«

Groß, schlank und mit schütterem Haar ging er auf Onkel Vernon zu, die Hand ausgestreckt, doch Onkel Vernon wich ein paar Schritte zurück und zog Tante Petunia mit sich. Er brachte kein Wort heraus. Sein bester Anzug war mit weißem Staub bedeckt, und er sah aus, als ob er soeben um dreißig Jahre gealtert wäre.

»Ähm – ja – verzeihen Sie das hier«, sagte Mr Weasley, ließ die Hand sinken und sah über die Schulter zum zerfetzten Kamin.»Alles meine Schuld, ich konnte mir einfach nicht vorstellen, daß wir am anderen Ende nicht rauskommen würden. Ich hab Ihren Kamin ans Flohnetzwerk angeschlossen, müssen Sie wissen – nur für einen Nachmittag allerdings, damit wir Harry abholen können. Muggelkamine sollten eigentlich nicht angeschlossen werden – aber ich hab einen nützlichen Bekannten im Flohregulierungsrat, der hat das für mich gedeichselt. Ich kann die Sache im Nu wieder in Ordnung bringen, keine Sorge. Ich mache ein Feuer und schick die Jungs zurück, anschließend repariere ich Ihren Kamin und disappariere selbst.«

Harry hätte wetten können, daß die Dursleys kein einziges Wort davon verstanden hatten. Wie vom Donner gerührt starrten sie immer noch Mr Weasley an. Tante Petunia rappelte sich wieder hoch und versteckte sich hinter Onkel Vernon.

»Hallo, Harry!«, sagte Mr Weasley strahlend.»Deinen Koffer hast du bereit?«

»Er ist oben«, grinste Harry zurück.

»Wir holen ihn«, warf Fred ein. Harry zuzwinkernd gingen er und George nach draußen. Sie wußten, wo Harrys Zimmer war, da sie ihn einst mitten in der Nacht daraus gerettet hatten. Harry hatte den Verdacht, Fred und George hätten gerne einen Blick auf Dudley erhascht; Harry hatte eine Menge über ihn erzählt.

»Nun«, sagte Mr Weasley, leicht mit den Armen schwingend und nach Worten suchend, um die peinliche Stille zu durchbrechen.»Sehr – ähem – hübsche Wohnung haben Sie hier.«

Weil das ansonsten makellose Wohnzimmer mit Staub und Schutt übersät war, nahmen die Dursleys dieses Kompliment nicht besonders gut auf. Onkel Vernons Gesicht lief erneut purpurrot an und Tante Petunia begann wieder auf ihrer Zunge zu kauen. Allerdings schienen sie zu verängstigt, um tatsächlich etwas zu sagen.

Mr Weasley sah sich um. Er hatte einen Narren an allem gefressen, was die Muggel so besaßen. Harry sah, wie es ihn juckte, den Fernseher und den Videorecorder in Augenschein zu nehmen.

»Die laufen mit Eckelzitrität, nicht wahr?«, sagte er mit Kennermiene.»Ah ja, ich sehe die Stecker. Ich sammle Stecker«, fügte er zu Onkel Vernon gewandt hinzu.»Und Batterien. Hab eine sehr große Sammlung Batterien. Meine Frau hält mich für verrückt, aber was soll man machen.«

Onkel Vernon hielt Mr Weasley offensichtlich ebenfalls für verrückt. Er glitt kaum wahrnehmbar nach rechts, wobei er Tante Petunia verdeckte, als glaubte er, Mr Weasley könnte sich plötzlich wie wild auf sie stürzen.

Dudley tauchte plötzlich wieder im Zimmer auf. Das Rumpeln von Harrys Koffer auf der Treppe hatte ihn offenbar aus der Küche vertrieben. Er rutschte an der Wand lang, starrte mit angsterfülltem Blick auf Mr Weasley und versuchte sich hinter seinen Eltern zu verstecken. Leider war Onkel Vernons Rücken zwar breit genug, um die knochendürre Tante Petunia zu verdecken, doch für Dudley reichte es bei weitem nicht.

»Ah, das ist dein Cousin, Harry?«, sagte Mr Weasley in einem erneuten tapferen Anlauf, Konversation zu machen.

»Jep«, sagte Harry,»das ist Dudley.«

Er und Ron wechselten Blicke und sahen dann rasch woanders hin; der Versuchung, laut loszuprusten, konnten sie nur mit allergrößter Mühe widerstehen. Dudley umklammerte immer noch seinen Hintern, als hätte er Angst, er könne ihm abfallen. Mr Weasley jedoch schien wegen Dudleys eigenartigem Benehmen aufrichtig besorgt. Tatsächlich hörte Harry aus Mr Weasleys Tonfall heraus, daß er glaubte, Dudley sei verrückt, genau wie die Dursleys dachten, Mr Weasley sei es, allerdings verspürte Mr Weasley keine Angst, sondern aufrichtiges Mitleid.

»Genießt du die Ferien, Dudley?«, sagte er freundlich.

Dudley wimmerte. Harry sah, wie sich seine Hände noch fester um das massige Hinterteil klammerten.

Fred und George kamen mit Harrys Schulkoffer im Schlepptau herein. Sie sahen sich um und erblickten Dudley. Auch an ihrem Grinsen, das sich nun auf ihren Gesichtern zeigte, waren sie nicht zu unterscheiden.

»Ah, schön«, sagte Mr Weasley.»Wir machen uns jetzt am besten aus dem Staub.«

Er schob die Ärmel seines Umhangs hoch und zückte den Zauberstab. Harry sah die Dursleys im Gleichschritt zur Wand zurückweichen.

»Incendio!«, sagte Mr Weasley und richtete den Zauberstab auf das Sprengloch in der Wand.

Sofort schössen Flammen aus der Feuerstelle und begannen so munter zu knistern, als ob sie schon seit Stunden geflackert hätten. Mr Weasley nahm einen kleinen Schnürbeutel aus der Tasche, knüpfte ihn auf, nahm eine Prise Pulver heraus und warf es in die Flammen, die sich sofort smaragdgrün färbten und prasselnd in die Höhe schössen.

»Und los geht's, Fred«, sagte Mr Weasley.

»Komme«, sagte Fred.»O nein – wart mal -«

Ein Beutel Süßigkeiten war aus Freds Tasche gefallen und der Inhalt kullerte über den ganzen Fußboden – große, fette Toffeebohnen in buntem Einwickelpapier.

Fred rutschte auf den Knien umher und stopfte sie zurück in die Tasche, dann winkte er den Dursleys fröhlich zum Abschied, ging zum Kamin und trat mit den Worten»zum Fuchsbau«mitten ins Feuer. Von Tante Petunia kam ein leises, schauderndes Keuchen. Ein Rauschen war zu hören und Fred verschwand.

»Du bist dran, George«, sagte Mr Weasley,»du und der Koffer.«

Harry half George den Koffer in die Flammen zu tragen und ihn aufrecht zu stellen, damit er ihn besser halten konnte. Dann, unter abermaligem Rauschen, rief George»zum Fuchsbau!«und verschwand ebenfalls.

»Ron, du bist dran«, sagte Mr Weasley.

»Bis dann«, sagte Ron strahlend zu den Dursleys. Mit einem breiten Grinsen für Harry trat er ins Feuer, rief»zum Fuchsbau!«und verschwand.

Jetzt waren nur noch Harry und Mr Weasley übrig.

»Na dann… auf Wiedersehen«, sagte Harry zu den Dursleys.

Sie sagten kein Wort. Harry ging aufs Feuer zu, doch gerade als er den Rand des Kamins erreicht hatte, streckte Mr Weasley die Hand aus und hielt ihn zurück. Erstaunt sah er die Dursleys an.

»Harry hat Ihnen auf Wiedersehen gesagt«, sagte er.»Haben Sie ihn nicht gehört?«

»Ist schon gut«, murmelte Harry Mr Weasley zu.»Ehrlich gesagt, mir ist es egal.«

Doch Mr Weasley zog die Hand nicht von Harrys Schulter.»Sie sehen Ihren Neffen erst nächsten Sommer wieder«, sagte er mild entrüstet zu Onkel Vernon.»Sicher wollen Sie ihm auf Wiedersehen sagen?«

In Onkel Vernons Gesicht arbeitete es unter Hochdruck. Die Vorstellung, ein Mann, der gerade seine halbe Wohnzimmerwand gesprengt hatte, bringe ihm Manieren bei, schien ihm heftige Qualen zu bereiten.

Doch Mr Weasley hatte den Zauberstab immer noch in der Hand und Onkel Vernons kleine Augen huschten zu ihm hinüber, bevor er ein gequältes»Wiedersehen«hervorbrachte.

»Bis dann«, sagte Harry und setzte einen Fuß in die grünen Flammen; sie fühlten sich angenehm an wie ein warmer Hauch. In diesem Augenblick jedoch ertönte ein fürchterliches Würgen hinter ihm und Tante Petunia begann zu schreien.

Harry wirbelte herum. Dudley stand nicht mehr hinter seinen Eltern. Er kniete neben dem Kaffeetischchen und würgte und kaute an einem ellenlangen rötlichen und schleimigen Ding, das ihm aus dem Mund quoll. Eine verdutzte Sekunde später sah Harry, daß das ellenlange Ding Dudleys Zunge war – und daß ein grellbuntes Toffee-Papier vor ihm auf dem Boden lag.

Tante Petunia warf sich neben Dudley zu Boden, packte die Spitze seiner geschwollenen Zunge und versuchte sie aus Dudleys Mund zu ziehen; natürlich schrie und würgte und spuckte Dudley jetzt noch heftiger und versuchte sie abzuwehren. Onkel Vernon bellte ein paar Worte und fuchtelte mit den Armen, so daß Mr Weasley laut rufen mußte, um sich Gehör zu verschaffen.

»Keine Sorge, ich kann ihm helfen!«, rief er und ging mit ausgestrecktem Zauberstab auf Dudley zu, doch Tante Petunia begann noch lauter zu kreischen und warf sich auf Dudley, um ihn vor Mr Weasley zu schützen.

»Nein, so was!«, sagte Mr Weasley verzweifelt.»Das läßt sich ganz einfach erklären – es war die Toffeebohne – mein Sohn Fred – ein richtiger Scherzbold – aber es ist nur ein Schwellwürgzauber – hoffe ich wenigstens – bitte, ich bring ihn wieder auf die Beine -«

Doch die Dursleys ließen sich davon keineswegs beruhigen. In wachsender Panik packte Tante Petunia unter hysterischem Schluchzen Dudleys Zunge, wie wild entschlossen, sie herauszureißen. Dudley schien durch das, was seine Mutter und seine Zunge ihm antaten, dem Ersticken nahe, und Onkel Vernon, der die Fassung völlig verloren hatte, packte eine Porzellanfigur vom Beistelltisch und schleuderte

sie mit aller Kraft gegen Mr Weasley. Der duckte sich, und das Schmuckstück zersplitterte in dem Sprengloch, das vom Kamin übrig war.

»Nun aber wirklich!«, sagte Mr Weasley zornig und fuchtelte mit seinem Zauberstab.»Ich will ja nur helfen!«

Wie ein verletztes Nilpferd trompetend packte Onkel Vernon eine weitere Nippesfigur.

»Harry, geh! Verschwinde!«, rief Mr Weasley, den Zauberstab auf Mr Dursley gerichtet.»Ich erledige das schon!«

Harry wollte sich den Spaß eigentlich nicht entgehen lassen, doch Onkel Vernons zweites Schmuckstück surrte nur knapp an seinem linken Ohr vorbei, und daraufhin schien es ihm das Beste, die Sache Mr Weasley zu überlassen. Er trat ins Feuer, warf einen Blick über die Schulter und sagte:»Zum Fuchsbau!«; nur noch verschwommen nahm er wahr, daß Mr Weasley mit Hilfe des Zauberstabs eine dritte Porzellanfigur aus Onkel Vernons Hand fliegen ließ, daß Tante Petunia immer noch schreiend auf Dudley lag und Dudleys Zunge aus dem Mund hing wie ein großer schleimiger Python. Doch schon begann Harry sich rasend schnell um sich selbst zu drehen und das Wohnzimmer der Dursleys verschwand in den jäh aufzüngelnden Flammen.

Weasleys Zauberhafte Zauberscherze

Harry, die Arme fest an sich gepreßt, rotierte so rasend schnell um sich selbst, daß er nur ab und zu verschwommen einen Kamin vorbeifliegen sah. Allmählich wurde ihm übel und er schloß die Augen. Endlich spürte er den Wirbel nachlassen, er streckte die Hände aus und konnte sich gerade noch festhalten, sonst wäre er vor dem Küchenkamin der Weasleys auf die Nase geklatscht.

»Hat er angebissen?«, fragte Fred gespannt und reichte Harry die Hand, um ihm auf die Beine zu helfen.

»Jaah«, sagte Harry und richtete sich auf.»Was war das denn?«

»Würgzungen-Toffee«, strahlte Fred.»Haben George und ich selber erfunden, und den ganzen Sommer schon suchen wir jemanden, an dem wir es ausprobieren könnten…«

In der kleinen Küche brach schallendes Gelächter aus; Harry schaute sich um und sah Ron und George an dem polierten Holztisch sitzen, zusammen mit zwei anderen Rothaarigen, die Harry noch nie gesehen hatte. Doch wußte er sofort, wer sie waren: Bill und Charlie, die beiden ältesten Weasley-Brüder.

»Wie geht's, Harry?«, sagte der eine, der ihm am nächsten saß, und streckte seine große Hand aus. Als Harry sie schüttelte, spürte er Schwielen und Blasen an den Fingern. Das mußte Charlie sein, der in Rumänien lebte und mit Drachen arbeitete. Charlie war ähnlich gebaut wie die Zwillinge, kleiner und stämmiger als Percy und Ron, die beide groß und schlaksig waren. Sein gutmütiges Gesicht war breit und wettergegerbt und die vielen Sommersprossen ließen es noch gebräunter wirken. Auf einem seiner muskulösen Arme war ein großes, schimmerndes Brandmal zu sehen.

Auch Bill erhob sich jetzt mit einem Lächeln und schüttelte Harry die Hand. Harry, der wußte, daß er für die Zaubererbank Gringotts arbeitete und Schulsprecher in Hogwarts gewesen war, hatte sich Bill immer als einen älteren Doppelgänger von Percy vorgestellt: peinlich genau darauf bedacht, die Vorschriften einzuhalten, und mit Genuß dabei, die anderen herumzukommandieren. Tatsächlich jedoch war Bill – und es gab kein besseres Wort dafür – einfach cool. Er war hoch gewachsen und hatte sein langes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Er trug einen Ohrring, an dem etwas baumelte, das aussah wie der Giftzahn einer Schlange. Seine Kleidung hätte gut in ein Rockkonzert gepaßt, nur daß seine Schuhe, wie Harry auffiel, nicht aus Leder, sondern aus Drachenhaut waren.

Bevor jemand ein weiteres Wort sagen konnte, ertönte ein Plopp und Mr Weasley erschien wie aus dem Nichts an Georges Seite. Harry hatte ihn noch nie so zornig erlebt.

»Das war überhaupt nicht komisch, Fred!«, brüllte er.»Was zum Teufel hast du dem Muggeljungen gegeben?«

»Ich hab ihm gar nichts gegeben«, sagte Fred mit gemeinem Grinsen.»Ich hab nur was fallen lassen… ist doch sein Problem, wenn er es aufhebt und ißt, ich hab ihm jedenfalls nichts angeboten.«

»Du hast es absichtlich fallen lassen!«, polterte Mr Weasley.»Du wußtest, daß er es aufessen würde, du wußtest, daß er auf Diät war -«

»Und? Wie lang ist seine Zunge denn geworden?«, fragte George begierig.

»Sie war über einen Meter lang, als die Eltern mir endlich erlaubt haben, sie schrumpfen zu lassen!«

Harry und die Weasleys brachen erneut in Gelächter aus.

»Das ist nicht lustig!«, rief Mr Weasley.»Solches Verhalten beschädigt die Zauberer-Muggel-Beziehungen aufs Schwerste! Mein halbes Leben hab ich gegen die Mißhandlung von Muggeln gekämpft und da kommen meine eigenen Söhne -«

»Wir haben es ihm nicht deshalb gegeben, weil er ein Muggel ist!«, sagte Fred entrüstet.

»Nein, wir haben es ihm verpaßt, weil er ein tyrannisches Riesenschwein ist«, sagte George.»Stimmt doch, Harry?«

»Ja, das stimmt, Mr Weasley«, sagte Harry ernst.

»Darum geht es hier nicht!«, tobte Mr Weasley.»Wartet nur, bis ich es eurer Mutter erzähle -«

»Bis du mir was erzählst?«, fragte eine Stimme hinter ihnen.

Mrs Weasley stand in der Küche. Sie war eine kleine, rundliche Frau mit einem sehr freundlichen Gesicht, doch jetzt lag ihre Stirn in mißtrauischen Falten.

»Ach, hallo, Harry, mein Lieber«, sagte sie lächelnd, als sie ihn entdeckt hatte, dann wandte sie sich sofort mit blitzenden Augen ihrem Mann zu.»Arthur, erklär mir, was hier los ist.«

Mr Weasley zögerte. Harry spürte, daß er zwar ziemlich wütend auf Fred und George war, doch Mrs Weasley hatte er eigentlich nichts von der ganzen Geschichte erzählen wollen. In der eintretenden Stille musterte Mr Weasley nervös seine Frau. Dann erschienen hinter Mrs Weasley zwei Mädchen in der Küchentür. Die eine, mit sehr buschigem braunem Haar und recht großen Vorderzähnen, war Harrys und Rons beste Freundin, Hermine Granger. Die andere, klein und rothaarig, war Rons jüngere Schwester Ginny.

Beide lächelten Harry zu, Harry grinste zurück und Ginny lief scharlachrot an – sie hatte einen Narren an ihm gefressen, seit er zum ersten Mal den Fuchsbau besucht hatte.

»Sag mir, was los ist, Arthur«, wiederholte Mrs Weasley mit bedrohlichem Unterton in der Stimme.

»Ach nichts, Molly«, murmelte Mr Weasley.»Fred und George haben nur – aber ich hab schon mit ihnen geschimpft -«

»Was haben sie diesmal wieder ausgefressen?«, fragte Mrs Weasley.»Wenn es irgendwas mit Weasleys Zauberhaften Zauberscherzen zu tun hat -«

»Warum zeigst du Harry nicht, wo er schlafen kann, Ron?«, sagte Hermine von der Tür her.

»Er weiß, wo er schläft«, sagte Ron.»In meinem Zimmer, da hat er auch letztes Mal -«

»Wir können zusammen hochgehen«, sagte Hermine überdeutlich.

»Oh«, sagte Ron, bei dem der Groschen endlich gefallen war,»gute Idee.«

»Ja, wir kommen auch mit«, sagte George -

»Ihr bleibt, wo ihr seid!«, fauchte Mrs Weasley.

Harry und Ron verdrückten sich aus der Küche und machten sich gemeinsam mit Hermine und Ginny auf den Weg durch den engen Flur und die klapprige Treppe empor, die im Zickzack durch das ganze Haus bis hoch zu den Dachkammern führte.

»Was bedeutet Weasleys Zauberhafte Zauberscherze?«, fragte Harry, während sie die Stufen erklommen.

Ron und Ginny lachten, Hermine jedoch blieb stumm.

»Mum hat beim Putzen in Freds und Georges Zimmer einen Stapel Bestellformulare gefunden«, sagte Ron gedämpft.»Ellenlange Preislisten für das Zeug, das sie erfunden haben. Scherzartikel, du kennst das ja. Falsche Zauberstäbe und Süßigkeiten mit eingebauter Überraschung, 'ne ganze Menge davon. Einfach genial, ich hätte nie gedacht, daß sie so erfinderisch sind…«

»Schon seit langem hören wir es aus ihrem Zimmer ständig knallen«, sagte Ginny,»aber wir wären nie darauf gekommen, daß sie dieses Zeug wie am Fließband herstellen. Wir dachten, sie stehen einfach auf Krach.«

»Nur, das meiste davon – na ja, eigentlich alles – war ein wenig gefährlich«, sagte Ron,»und dann, mußt du wissen, wollten sie es auch noch in Hogwarts verkaufen. Da ist Mum an die Decke gegangen. Sie hat ihnen verboten, an den Sachen weiter zu basteln, und hat alle Bestellformulare verbrannt… Sie ist ohnehin sauer auf die beiden. Sie haben nicht so viele ZAGs gekriegt, wie sie erwartet hat.«

ZAGs waren Zauberergrade, die die fünfzehnjährigen Schüler bei den Prüfungen erwarben.

»Und dann hat es diesen Riesenkrach gegeben«, sagte Ginny,»weil Mum will, daß die beiden sich im Zaubereiministerium bewerben, wo Dad arbeitet, aber sie meinten, sie wollten eigentlich nur einen Scherzartikelladen aufmachen.«

In diesem Moment öffnete sich eine Tür auf dem zweiten Treppenabsatz und ein sehr genervt aussehendes Gesicht mit Hornbrille lugte hervor.

»Hallo, Percy«, sagte Harry.

»Ach, hallo, Harry«, sagte Percy.»Ich wollte nur wissen, wer so viel Lärm macht. Ich versuche hier drin zu arbeiten, mußt du wissen – ich muß fürs Büro noch einen Bericht schreiben – und es ist ziemlich schwer sich zu konzentrieren, wenn ständig Leute die Treppe rauf- und runterpoltern.«

»Wir poltern nicht«, sagte Ron verärgert.»Wir gehen. Verzeihung, wenn wir die streng geheime Arbeit des Zaubereiministeriums gestört haben.«

»Woran arbeitest du denn?«, sagte Harry.

»An einem Bericht für die Abteilung Internationale Magische Zusammenarbeit«, sagte Percy und reckte das Kinn.»Wir versuchen die Kesseldicken endlich zu vereinheitlichen. Manche von diesen ausländischen Importkesseln sind doch eine Spur zu dünn – die Tropfrate steigt jährlich um drei Prozent -«

»Dieser Bericht wird die Welt verändern«, sagte Ron.»Kommt sicher auf die Titelseite des Tagespropheten, dieses Kesseltropfen.«

Percys Gesicht nahm einen Hauch Rosa an.

»Mach du nur deine Witze, Ron«, sagte er entrüstet,»aber wenn wir nicht eine internationale Regelung durchsetzen, wird der Markt eines Tages womöglich von dünn-bödigen Billigprodukten überschwemmt, die eine ernste Gefahr für -«

»Ja, ja, ist schon gut«, sagte Ron und betrat die nächste Treppe. Percy knallte seine Zimmertür hinter sich zu. Während Harry, Hermine und Ginny drei weitere Treppen hinter Ron herstiegen, hallten Rufe aus der Küche zu ihnen hoch. Sie klangen, als hätte Mr Weasley seiner Frau von den Toffeebohnen erzählt.

Das Zimmer unter dem Dach des Hauses, wo Ron schlief, sah nicht viel anders aus als bei Harrys letztem Besuch, dieselben Spieler auf den Postern von Rons Lieblingsteam, den Chudley Cannons, wirbelten und winkten von den Wänden der schrägen Decke, und das Aquarium auf der Fensterbank, in dem damals noch Froschlaich gewesen war, beherbergte nun einen riesigen Frosch. Rons alte Ratte, Krätze, war nicht mehr da, stattdessen die winzige graue Eule, die Rons Brief zu Harry in den Ligusterweg geflogen hatte. Sie hüpfte in einem kleinen Käfig auf und ab und zwitscherte wie verrückt.

»Schnauze, Pig«, sagte Ron und drängte sich zwischen zwei der vier Betten hindurch, die in das Zimmer gequetscht worden waren.»Fred und George schlafen auch hier, weil Bill und Charlie ihr Zimmer bekommen haben«, erklärte er Harry.»Percy behält sein Zimmer für sich alleine, weil er ja arbeiten muß.«

»Ähm – warum nennst du diese Eule Pig?«, fragte Harry.

»Weil Ron doof ist«, warf Ginny ein.»Sein richtiger Name ist nämlich Pigwidgeon.«

»Ja, und das ist überhaupt kein doofer Name«, sagte Ron trocken.»Ginny hat ihm den Namen gegeben«, erklärte er Harry.»Sie findet ihn süß. Und ich wollte ihn noch ändern, aber es war zu spät, er hörte auf überhaupt nichts anderes mehr. Also heißt er jetzt eben Pig. Ich muß ihn hier oben behalten, weil er Errol und Hermes ständig ärgert. Mich übrigens auch, kann ich dir sagen.«

Pigwidgeon flatterte glücklich in seinem Käfig umher und schrie schrill. Harry kannte Ron gut genug, um ihn nicht ernst zu nehmen. Über seine alte Ratte Krätze hatte er sich ständig beklagt, doch als Hermines Kater, Krummbein, ihn vermeintlich gefressen hatte, war er untröstlich gewesen.

»Wo ist Krummbein?«, fragte Harry nun Hermine.

»Draußen im Garten, glaub ich«, sagte sie.»Er hat noch nie einen Gnomen gesehen und jagt sie wie die Mäuse.«

»Percy gefällt die Arbeit, nicht wahr?«, sagte Harry, setzte sich auf eins der Betten und sah den Chudley Cannons zu, wie sie auf den Postern an der Decke erschienen und wieder davonsausten.

»Gefallen?«, sagte Ron mit verdüsterter Miene.»Ich glaube, er würde gar nicht mehr nach Hause kommen, wenn Dad es nicht verlangen würde. Er ist wie besessen. Frag ihn ja nicht nach seinem Chef. ›Mr Crouch sagt dieses, Mr Crouch sagt jenes… wie ich immer zu Mr Crouch sage… Mr Crouch ist der Meinung… Mr Crouch hat mich beauftragt… ‹ Bald geben sie noch ihre Verlobung bekannt.«

»Hast du einen schönen Sommer verbracht, Harry?«, fragte Hermine.»Und sind die Freßpakete auch angekommen?«

»Ja, vielen Dank«, sagte Harry.»Diese Kuchen haben mir das Leben gerettet.«

»Und hast du was von -?«, setzte Ron an, doch Hermines Blick ließ ihn verstummen. Harry wußte, daß er nach Sirius fragen wollte. Ron und Hermine hatten bei Sirius' Flucht tatkräftig mitgeholfen und waren jetzt beinahe ebenso um seinen Paten besorgt wie er. Allerdings war es nicht gut, wenn Ginny alles hörte. Keiner außer ihnen und Professor Dumbledore wußte, wie Sirius entkommen war, und keiner glaubte an seine Unschuld.

»Sie haben aufgehört zu streiten«, sagte Hermine, um den peinlichen Moment zu überbrücken, denn Ginnys Blick wanderte neugierig von Ron zu Harry.»Sollen wir runtergehen und deiner Mum mit dem Abendessen helfen?«

»Ja, von mir aus«, sagte Ron. Alle vier verließen Rons Zimmer und stiegen nach unten in die Küche, wo sie Mrs Weasley allein und äußerst schlecht gelaunt vorfanden.

»Wir essen draußen im Garten«, sagte sie, als die vier eintraten.»Hier drin haben wir einfach keinen Platz für elf Leute. Könntet ihr die Teller raustragen, Mädchen? Bill und Charlie decken die Tische. Ihr beide nehmt bitte Messer und Gabeln«, sagte sie zu Ron und Harry und richtete ihren Zauberstab unversehens ein wenig zu energisch auf einen Haufen Kartoffeln im Waschbecken, die daraufhin so schnell aus ihren Pellen flutschten, daß sie gegen Wände und Decke klatschten.

»Ach, um Himmels willen«, seufzte sie und richtete ihren Zauberstab jetzt auf eine Kehrschaufel, die von der Wand hüpfte, über den Boden tänzelte und die Kartoffeln aufschaufelte.»Diese beiden!«, stieß sie zornig hervor, während sie Töpfe und Pfannen aus dem Schrank holte, und Harry war klar, daß sie Fred und George meinte.»Ich weiß nicht, was aus denen mal werden soll, ehrlich gesagt. Keinen Ehrgeiz, wollen anderen nur möglichst viel Ärger bereiten…«

Sie ließ einen großen Kupfertopf auf den Küchentisch knallen und begann mit dem Zauberstab darin herumzurühren, bis sich eine cremige Sauce aus der Spitze in den Topf ergoß.

»Es ist ja nicht so, daß sie keinen Grips hätten«, fuhr sie gereizt fort, trug den Topf hinüber zum Herd und entzündete diesen mit einem Stupser ihres Zauberstabs.»Sie verschwenden ihn einfach, und wenn sie sich nicht bald zusammenreißen, kriegen sie wirklich Probleme. Hogwarts hat mir mehr Eulen ihretwegen geschickt als wegen aller anderen zusammen. Wenn sie so weitermachen, landen sie noch vor dem Ausschuß gegen den Mißbrauch der Magie.«

Mrs Weasley tippte mit dem Zauberstab gegen die Besteckschublade, die prompt aufsprang. Ein paar Messer flogen heraus, so daß Harry und Ron sich rasch ducken mußten, surrten quer durch die Küche und begannen die Kartoffeln in Scheiben zu schneiden, die die Kehrschaufel soeben wieder ins Waschbecken befördert hatte.

»Ich weiß nicht, was wir bei den beiden falsch gemacht haben«, sagte Mrs Weasley, legte ihren Zauberstab beiseite und begann noch mehr Töpfe hervorzukramen.»Das geht nun schon seit Jahren so, immer wieder was Neues, und sie wollen einfach nicht zuhören – o nein, nicht schon wieder!«

Sie hatte ihren Zauberstab vom Tisch genommen und er hatte sich unter lautem Quieken in eine riesige Gummimaus verwandelt.

»Schon wieder einer von ihren falschen Zauberstäben!«, rief sie.»Wie oft hab ich den beiden schon gesagt, sie sollen sie nicht herumliegen lassen!«

Sie griff nach ihrem richtigen Zauberstab, drehte sich um und mußte feststellen, daß die Sauce auf dem Herd zu köcheln begonnen hatte.

»Komm mit«, sagte Ron hastig zu Harry und kramte eine Hand voll Besteck aus der Schublade,»wir gehen nach draußen und helfen Bill und Charlie.«

Sie ließen Mrs Weasley allein und gingen durch die Hintertür hinaus auf den Hof.

Sie waren nur ein paar Schritte gegangen, als Hermines säbelbeiniger rötlicher Kater Krummbein aus dem Garten gesaust kam, den Schwanz wie eine Flaschenbürste schnurgerade in die Luft gestreckt, auf der Jagd nach etwas, das aussah wie eine erdige Kartoffel auf Beinen. Das kaum armlange Wesen ließ seine verhornten kleinen Füße eifrig tapsen, hoppelte quer über den Hof und stürzte sich kopfüber in einen der Gummistiefel, die an der Tür lagen. Harry konnte den Gnomen wie irre giggeln hören, während Krummbein eine Pfote in den Stiefel steckte und nach ihm aushieb. Unterdessen begann es von der anderen Seite des Hauses her laut zu lärmen. Was den Krach verursachte, erkannten sie erst, als sie in den Garten kamen und sahen, daß Bill und Charlie mit gezückten Zauberstäben zwei arg ramponierte alte Tische hoch über dem Rasen fliegen und gegeneinander knallen ließen, um den des Gegners zum Absturz zu bringen. Fred und George feuerten sie an; Ginny lachte und Hermine stand an der Ecke und trat von einem Bein aufs andere, offenbar hin- und hergerissen zwischen Vergnügen und schlechtem Gewissen.

Bills Tisch knallte laut gegen den Charlies und schlug ihm ein Bein weg.

Oben am Haus klapperte etwas und sie sahen, wie Percy aus einem Fenster im zweiten Stock lugte.

»Hört auf damit!«, bellte er.

»Verzeihung, Perce«, sagte Bill grinsend.»Wie steht's mit den Kesselböden?«

»Ganz übel«, sagte Percy verdrießlich und schlug das Fenster zu. Bill und Charlie ließen die Tische im sicheren Gleitflug auf dem Gras landen, dann fügte Bill mit einem Schnippen des Zauberstabs das fehlende Bein wieder an und deckte die Tische von Zauberhand.

Um sieben Uhr ächzten die Tische unter der Last von Töpfen und Tellern, die gefüllt waren mit Mrs Weasleys herrlichen Gerichten, und die neun Weasleys, Harry und Hermine setzten sich und begannen unter dem klaren, tiefblauen Himmel zu essen. Für jemanden, der sich den ganzen Sommer von zunehmend muffiger werdendem Kuchen ernährt hatte, war dies das Paradies, und Harry hörte anfangs lieber zu als zu reden, da er sich an Hühnchen-und-Schinken-Pastete, Salzkartoffeln und Salat gütlich tat.

Am anderen Ende des Tisches erzählte Percy seinem Vater alles über seinen Kesselboden-Bericht.

»Ich hab Mr Crouch gesagt, am Dienstag bin ich fertig«, erklärte Percy mit Nachdruck.»Das ist ein wenig früher, als er erwartet hat, aber ich bin eben immer eine Nasenlänge voraus. Ich glaube, er wird mir dankbar sein, daß ich es in so kurzer Zeit geschafft habe. Immerhin ist bei uns in der Abteilung gerade die Hölle los, bei den ganzen Vorbereitungen für die Weltmeisterschaft. Wir bekommen einfach nicht die notwendige Unterstützung von der Abteilung für Magische Spiele und Sportarten. Ludo Bagman -«

»Ich mag Ludo«, sagte Mr Weasley sachte.»Er hat uns nämlich die guten Plätze für das Endspiel besorgt. Hab ihm einen kleinen Gefallen getan: sein Bruder, Otto, hatte sich ein kleines Problem eingehandelt – einen Rasenmäher mit übernatürlichen Kräften – und ich hab die Sache gerade gebogen.«

»Oh, Bagman, ganz nett, natürlich«, sagte Percy geringschätzig,»aber wie er jemals Abteilungsleiter werden konnte… wenn ich ihn mit Mr Crouch vergleiche! Ich kann mir bei Mr Crouch einfach nicht vorstellen, daß er einen Mitarbeiter seiner Abteilung verliert und nicht versucht herauszufinden, was mit ihm passiert ist. Ist dir klar, daß Bertha Jorkins jetzt schon seit über einem Monat vermißt wird? Die Frau, die nach Albanien in den Urlaub fuhr und nicht zurückkam?«

»Ja, ich hab Ludo nach ihr gefragt«, sagte Mr. Weasley stirnrunzelnd.»Er meint, Bertha sei schon öfter vermißt worden – obwohl ich zugeben muß, wenn es jemand aus meiner Abteilung wäre, würde ich mir Sorgen machen…«

»Bertha ist ein hoffnungsloser Fall, gewiß«, sagte Percy.»Wie ich höre, wurde sie seit Jahren von Abteilung zu Abteilung geschoben und richtete mehr Schaden als Nutzen an… und trotzdem, Bagman sollte versuchen sie zu finden. Mr Crouch interessiert sich persönlich dafür – sie hat früher bei uns gearbeitet, weißt du, und ich glaube, Mr Crouch war ganz angetan von ihr – aber Bagman lacht immer nur und sagt, sie hätte wahrscheinlich die Landkarte falsch gelesen und sei in Australien statt in Albanien gelandet. Allerdings«, Percy ließ einen gewichtigen Seufzer hören und nahm einen ausgiebigen Schluck vom Holunderblütenwein,»wir haben in der Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit genug am Hals und können nicht auch noch Leute aus anderen Abteilungen suchen. Du weißt ja, nach der Weltmeisterschaft müssen wir ein weiteres Großereignis organisieren.«

Er räusperte sich viel sagend und blickte hinüber zum anderen Ende des Tisches, wo Harry, Ron und Hermine saßen.»Du weißt schon, wovon ich rede, Vater.«Er hob leicht die Stimme.»Diese Topsecret-Geschichte.«

Ron rollte mit den Augen und murmelte zu Harry und Hermine gewandt:»Seit er angefangen hat zu arbeiten, will er uns dazu bringen zu fragen, was das für ein Ereignis ist. Wahrscheinlich eine Ausstellung für dickwandige Kessel.«

In der Mitte der Tafel stritt Mrs Weasley mit Bill über seinen Ohrring, den er offenbar erst seit kurzem trug.

»… mit einem fürchterlichen Riesenzahn dran, wirklich, Bill, was sagen sie in der Bank?«

»Mum, keiner in der Bank schert sich einen Pfifferling darum, wie ich mich anziehe, solange ich genug Schätze reinbringe«, sagte Bill geduldig.

»Und dein Haar sieht allmählich aus, mein Lieber«, sagte Mrs Weasley und befingerte liebevoll ihren Zauberstab.»Ich wünschte, du würdest mich mal kurz da ranlassen…«

»Mir gefällt es so«, sagte Ginny, die neben Bill saß.»Du bist so altmodisch, Mum. Außerdem ist es nicht halb so lang wie das von Professor Dumbledore…«

Neben Mrs Weasley unterhielten sich Fred, George und Charlie angeregt über die Weltmeisterschaft.

»Ich tippe auf Irland«, mampfte Charlie mit einem Mund voll Kartoffeln.»Die haben Peru im Halbfinale platt gemacht.«

»Aber Bulgarien hat Viktor Krum«, sagte Fred.

»Krum ist gerade mal ein brauchbarer Spieler, Irland hat sieben«, sagte Charlie schroff.»Wär schön gewesen, wenn England es geschafft hätte. Aber das war peinlich, wirklich sehr peinlich.«

»Was war denn?«, fragte Harry wißbegierig und ärgerte sich mehr denn je, daß er nichts von der Zaubererwelt erfuhr, solange er im Ligusterweg steckte. Harry war ein leidenschaftlicher Quidditch-Spieler. Seit seinem ersten Jahr in Hogwarts machte er den Sucher für das Team seines Hauses, Gryffindor, und er besaß einen der besten Rennbesen der Welt, einen Feuerblitz.

»Sind gegen Transsilvanien untergegangen, dreihundert-neunzig zu zehn«, sagte Charlie trübselig.»War grausam mit anzusehen. Und Wales hat gegen Uganda verloren, und Luxemburg hat Schottland abgeschlachtet.«

Mr Weasley beschwor Kerzen herauf, denn im Garten wurde es allmählich dunkel. Es gab Nachtisch (selbst gemachtes Erdbeereis), und als sie aufgegessen hatten, flatterten Motten tief über den Tisch und der Duft von Gräsern und Geißblatt erfüllte die warme Luft. Harry sah ein paar Gnomen nach, die mit irrem Lachen durch die Rosenbüsche rasten, dicht gefolgt von Krummbein, und fühlte sich so richtig satt und zufrieden mit der Welt.

Ron ließ den Blick über den Tisch schweifen, um sicherzugehen, daß die anderen sich alle eifrig unterhielten, dann sagte er sehr leise zu Harry:»Wie steht's – hast du in letzter Zeit was von Sirius gehört?«

Hermine wandte den Kopf und hörte gespannt zu.

»Jaah«, sagte Harry gedämpft,»zweimal. Er hört sich gut an. Ich hab ihm vorgestern geschrieben. Vielleicht antwortet er noch, während ich hier bin.«

Plötzlich fiel ihm wieder ein, aus welchem Grund er an Sirius geschrieben hatte, und einen Moment lang wollte er Ron und Hermine erzählen, daß seine Narbe wieder schmerzte, und von dem Traum berichten, der ihn aufgeweckt hatte… doch im Grunde wollte er sie jetzt nicht beunruhigen, nicht wenn er selbst sich so glücklich und zufrieden fühlte.

»Schon so spät!«, sagte Mrs Weasley plötzlich mit einem Blick auf ihre Armbanduhr.»Ihr solltet schon längst im Bettsein, die ganze Bande, ihr müßt morgen in aller Frühe aufstehen, damit ihr zum Endspiel kommt. Harry, wenn du mir die Liste mit deinen Schulsachen rauslegst, besorge ich sie dir morgen in der Winkelgasse, ich muß sowieso hin. Nach der Weltmeisterschaft ist vielleicht keine Zeit mehr, das letzte Mal hat das Endspiel fünf Tage gedauert.«

»Uff – diesmal hoffentlich auch!«, sagte Harry ganz begeistert.

»Nun, ich persönlich kann darauf verzichten«, sagte Percy scheinheilig.»Mich schaudert, wenn ich daran denke, wie mein Eingangskorb aussähe, wenn ich fünf Tage nicht ins Büro ginge.«

»Ja, vielleicht würde wieder jemand Drachenmist reinwerfen, Perce?«, sagte Fred.

»Das war eine Düngerprobe aus Norwegen!«, sagte Percy und lief puterrot an.»Nichts Persönliches!«

»War es doch«, flüsterte Fred Harry zu, als sie sich erhoben.»Wir haben sie geschickt.«

Der Portschlüssel

Harry schien es, als hätte er sich kaum schlafen gelegt, da kam auch schon Mrs Weasley in Rons Zimmer und rüttelte ihn wach.

»Zeit, aufzustehen, mein lieber Harry«, flüsterte sie und ging weiter, um Ron zu wecken.

Harry tastete nach seiner Brille, setzte sie auf und sah sich um. Draußen war es noch dunkel. Ron, den seine Mutter gerade geweckt hatte, murmelte unverständliche Worte. Am Fußende seines Bettes sah Harry zwei große, zerzauste Gestalten aus einem Gewirr von Laken auftauchen.

»Sch-schon Sseit?«, sagte Fred mit verschlafener Stimme.

Zu müde, um viele Worte zu wechseln, zogen sie sich rasch an und stiegen unter Gähnen und Ächzen hinunter in die Küche.

Mrs Weasley stand am Herd und rührte in einem großen Topf, Mr Weasley saß am Tisch und blätterte einen Stapel großer Pergamentkarten durch. Er sah auf, als die Jungen eintraten, und breitete die Arme aus, damit sie seine Kleidung begutachten konnten. Er trug so etwas wie einen Pullunder und eine steinalte Jeans, die, ein wenig zu groß für ihn, mit einem breiten Ledergürtel festgeschnürt war.

»Was haltet ihr davon?«, fragte er erwartungsvoll.»Wir sollen doch inkognito reisen – sehe ich aus wie ein Muggel, Harry?«

»Hmmh«, grinste Harry,»sehr gut.«

»Wo sind denn Bill und Charlie und Per-Per-Percy?«,sagte George und konnte ein abgrundtiefes Gähnen nicht unterdrücken.

»Ach ja, die wollen apparieren«, sagte Mrs Weasley, wuchtete den großen Topf auf den Tisch und schöpfte Haferbrei in die Schalen.»So können sie noch ein wenig ausschlafen.«

Harry wußte, daß Apparieren sehr schwierig war; es bedeutete, von einem Ort zu verschwinden und fast sofort an anderer Stelle wieder aufzutauchen.

»Die pennen also noch?«, grummelte Fred und zog eine Haferbreischale zu sich her.»Warum können wir nicht auch apparieren?«

»Weil ihr noch nicht alt genug seid und die Prüfung noch nicht abgelegt habt«, fauchte Mrs Weasley.»Und wo sind eigentlich die Mädchen?«

Sie ging hinaus und die anderen hörten, wie sie die Treppe hochstieg.

»Fürs Apparieren ist eine Prüfung nötig?«, fragte Harry.

»O ja«, sagte Mr Weasley und steckte die Karten sorgfältig in die hintere Tasche seiner Jeans.»Die Abteilung für Magischen Personenverkehr mußte vor kurzem einem Pärchen Bußgeld aufbrummen, weil die beiden ohne Erlaubnis appariert sind. Apparieren ist nicht einfach, und wenn man es nicht richtig macht, kann es üble Folgen haben. Das besagte Pärchen hat es doch tatsächlich geschafft, sich zu zersplintern.«

Alle am Tisch außer Harry zuckten zusammen.

»Ähm – zersplintern?«, sagte Harry.

»Sie haben je die Hälfte von sich zurückgelassen«, sagte Mr Weasley, während er Unmengen Sirup über seinen Haferbrei kippte.»Da saßen sie natürlich ganz schön in der Klemme. Konnten weder vor noch zurück. Sie mußten auf das Magische Unfallumkehr-Kommando warten, das sie dann rausgeholt hat. Hieß 'ne Menge Papierkram für mich, kann ich euch sagen, wegen all der Muggel, die über ihre zurückgelassenen Körperteile gestolpert sind…«

Harry überkam die jähe Vorstellung von zwei Beinen und einem Augapfel, die auf dem Bürgersteig des Ligusterwegs herumlagen.

»Haben sie es überstanden?«, fragte er bestürzt.

»O ja«, sagte Mr Weasley gelassen.»Aber 'ne saftige Geldbuße hat es gesetzt, und ich glaube nicht, daß sie es so schnell wieder versuchen. Mit dem Apparieren ist nicht zu spaßen. Es gibt genug erwachsene Zauberer, die dankend darauf verzichten. Nehmen lieber einen Besen – langsamer, aber sicherer.«

»Aber Bill und Charlie und Percy beherrschen es?«

»Charlie mußte die Prüfung zweimal machen«, sagte Fred grinsend.»Das erste Mal ist er durchgefallen. Apparierte acht Kilometer weiter südlich, als er eigentlich wollte, direkt auf dem Kopf von so 'ner armen Oma, die gerade beim Einkaufen war, wißt ihr noch?«

»Tja nun, beim zweiten Mal hat er es jedenfalls geschafft«, sagte Mrs Weasley, die unter herzhaftem Gekicher zurück in die Küche kam.

»Percy hat seine Prüfung erst vor zwei Monaten bestanden«, sagte George.»Seither appariert er jeden Morgen nach hier unten, nur um zu beweisen, daß er es beherrscht.«

Vom Flur her waren Schritte zu hören und Hermine und Ginny kamen in die Küche. Sie sahen blaß und verschlafen aus.

»Warum müssen wir so früh aufstehen?«, sagte Ginny, rieb sich die Augen und setzte sich an den Tisch.

»Wir haben einen kleinen Fußmarsch vor uns«, sagte Mr Weasley.

»Fußmarsch?«, sagte Harry.»Wie bitte, gehen wir etwa zu Fuß zur Weltmeisterschaft?«

»Nein, nein, das ist zu weit weg«, sagte Mr Weasley lächelnd.»Wir müssen nur ein kurzes Stück zu Fuß gehen. Es ist nämlich sehr schwierig, eine große Zahl von Zauberern an einem Ort zu versammeln, ohne daß es den Muggeln auffällt. Wir müssen ohnehin immer vorsichtig sein, und bei einem Riesenereignis wie der Quidditch-Weltmeisterschaft -«

»George!«, sagte Mrs Weasley scharf, und alle schraken zusammen.

»Was ist?«, sagte George in einem Unschuldston, der keinen täuschte.

»Was hast du da in der Tasche?«

»Nichts!«

»Lüg nicht!«

Mrs Weasley richtete den Zauberstab auf Georges Tasche und sagte»Accio!«.

Mehrere kleine, bunte Gegenstände schössen daraus hervor; George versuchte sie einzufangen, sie entwischten ihm jedoch und flogen geradewegs in die ausgestreckte Hand seiner Mutter.

»Wir haben euch doch gesagt, ihr sollt sie unschädlich machen!«, rief Mrs Weasley zornig und hielt offenbar einige weitere Würgzungen-Toffees hoch.»Schafft das Zeug fort, haben wir gesagt! Leert eure Taschen, aber dalli, und zwar beide!«

Es war peinlich mit anzusehen; die Zwillinge hatten offenbar beabsichtigt, möglichst viele Toffeebohnen aus dem Haus zu schmuggeln, und erst mit Hilfe ihres Sammelzaubers schaffte es Mrs Weasley, aller habhaft zu werden.

»Accio! Accio! Accio!«, rief sie, und die Toffeebohnen flogen von überall her auf sie zu, etwa aus dem Futter von Freds Sakko und aus den Aufschlägen von Georges Jeans.

»Wir haben ein halbes Jahr gebraucht, um sie zu entwickeln!«, schrie Fred seine Mutter an, als sie die Toffees wegwarf.

»Ach, ist ja 'ne tolle Art, ein halbes Jahr zu verbringen!«, kreischte sie.»Kein Wunder, daß ihr nicht mehr ZAGs geschafft habt!«

Alles in allem herrschte bei ihrem Aufbruch keine besonders fröhliche Stimmung. Mrs Weasley schaute immer noch finster, als sie ihren Gatten auf die Wange küßte, wenn auch längst nicht so finster wie die Zwillinge, die ihre Rucksäcke schulterten und ohne ein Abschiedswort für sie hinausgingen.

»Dann viel Vergnügen«, sagte Mrs Weasley,»und benehmt euch«, rief sie den Zwillingen nach, die ihr jedoch stur den Rücken kehrten.»Ich schicke Bill, Charlie und Percy gegen Mittag nach«, sagte Mrs Weasley an ihren Mann gewandt, dann gingen er, Harry, Ron, Hermine und Ginny hinaus und folgten Fred und George über den Hof.

Es war recht kühl und der Mond stand noch am Himmel. Nur ein grünlicher Schleier am östlichen Horizont kündigte den kommenden Tag an. Harry dachte an die Tausende von Zauberern, die alle zur Quidditch-Weltmeisterschaft kommen wollten, und beschleunigte seine Schritte, bis er Mr Weasley eingeholt hatte.

»Wie schaffen sie es eigentlich alle, dorthin zu kommen, ohne daß die Muggel es merken?«, fragte er.

»Das war ein gewaltiger Organisationsaufwand«, seufzte Mr Weasley.»Das Problem ist, daß etwa hunderttausend Zauberer zur Quidditch-Weltmeisterschaft kommen und wir einfach kein magisches Gelände haben, das groß genug wäre, um sie alle aufzunehmen. Es gibt Orte, zu denen die Muggel nicht vordringen können, doch stell dir vor, du versuchst hunderttausend Zauberer in der Winkelgasse oder auf dem Bahnsteig neundreiviertel unterzubringen. Deshalb mußten wir ein hübsches, einsames Moor ausfindig machen und möglichst viel Muggelabwehr einrichten. Das ganze Ministerium war monatelang damit beschäftigt. Zunächst mal müssen wir natürlich die Ankunft staffeln. Leute mit billigeren Karten müssen zwei Wochen vor der Zeit kommen. Einige von ihnen kommen mit den Verkehrsmitteln der Muggel, doch allzu viele dürfen natürlich auch nicht ihre Busse und Züge verstopfen – vergiß nicht, daß Zauberer aus der ganzen Welt kommen. Manche apparieren natürlich, aber wir müssen sichere Plätze einrichten, wo sie fern von den Muggeln auftauchen können. Ich glaube, sie haben einen geeigneten Wald gefunden, den sie als Apparationsplatz nutzen. Für alle, die nicht apparieren wollen oder können, verwenden wir Portschlüssel. Das sind Gegenstände, mit denen man Zauberer zu einem vereinbarten Zeitpunkt von einem Punkt zum anderen bringen kann. Wenn nötig, auch große Gruppen. Hundert Portschlüssel wurden an günstig gelegenen Orten in ganz Großbritannien abgelegt, und der für uns nächste liegt oben auf einem Hügel, dem Wieselkopf, und dort gehen wir jetzt hin.«

Mr Weasley deutete in die Ferne, wo sich eine große schwarze Masse über dem Dorf Ottery St. Catchpole erhob.

»Was ist das, ein Portschlüssel?«, fragte Harry wißbegierig.

»Nun, das kann alles Mögliche sein«, sagte Mr Weasley.»Unscheinbare Dinge natürlich, so daß die Muggel sie nicht einfach aufheben und mit ihnen spielen… Sachen, die sie für bloßen Abfall halten…«

Sie stapften den dunklen, feuchten Weg zum Dorf entlang und nur ihre Schritte störten die Stille. Während sie durch das Dorf gingen, erhellte sich der schwarze Himmel allmählich und nahm ein dunkles Blau an. Harrys Hände und Füße waren eiskalt. Mr Weasley blickte immer wieder auf die Uhr.

Keuchend und ohne viele Worte stiegen sie den Wieselkopf hoch, stolperten hin und wieder in ein verstecktes Kaninchenloch oder rutschten auf dicken schwarzen Grashöckern aus. Jeder Atemzug brannte Harry in der Brust, und seine Beine wollten gerade einknicken, als er endlich ein ebenes Stück Erde betrat.

»Puuuhhh«, schnaufte Mr Weasley, nahm die Brille ab und wischte die Gläser an seinem Pullunder trocken.»Immerhin, wir liegen gut in der Zeit – wir haben noch zehn Minuten…«

Hermine kam als Letzte über den Hügelkamm, die Hände mit schmerzverzerrter Miene in die Seite gepreßt.

»Jetzt fehlt uns nur noch der Portschlüssel«, sagte Mr Weasley, setzte die Brille wieder auf und ließ den Blick suchend über die Erde schweifen.»Er wird nicht groß sein… ihr könnt mir helfen…«

Sie verteilten sich über der Hügelkuppe, hatten jedoch erst ein paar Minuten gesucht, als ein Ruf die Stille durchbrach.

»Hier, Arthur! Hierher, alter Junge, wir haben ihn!«

»Amos!«, sagte Mr Weasley, und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Rasch schritt er hinüber zu dem Mann, der gerufen hatte. Die anderen folgten ihm.

Mr Weasley schüttelte die Hand eines Zauberers mit wettergegerbtem Gesicht und braunem Stoppelhaar, der einen verschimmelten alten Stiefel in der anderen Hand hielt.

»Darf ich vorstellen, Amos Diggory«, sagte Mr Weasley.»Arbeitet in der Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe. Und ich glaube, ihr kennt seinen Sohn Cedric?«

Cedric Diggory war ein außergewöhnlich hübscher Junge um die siebzehn Jahre. Er war Kapitän und Sucher des Quidditch-Teams der Hufflepuffs in Hogwarts.

»Hallo«, sagte Cedric und blickte in die Runde.

Alle antworteten»Hallo«, außer Fred und George, die nur nickten. Sie hatten Cedric nie ganz verziehen, daß er ihr Gryffindor-Team im ersten Quidditch-Spiel des letzten Jahres geschlagen hatte.

»War 'n langer Fußmarsch, Arthur?«, fragte Cedrics Vater.

»Nicht allzu schlimm«, sagte Mr Weasley.»Wir wohnen nicht weit von hier, auf der anderen Seite des Dorfes dort unten. Und ihr?«

»Wir mußten um zwei aufstehen, nicht wahr, Ced? Ich kann dir sagen, ich bin froh, wenn er seine Prüfung im Apparieren hinter sich hat. Na ja… ich will mich nicht beklagen… die Quidditch-Weltmeisterschaft, die würd ich nicht für einen Sack voll Galleonen verpassen wollen – und die Karten kosten ungefähr so viel. Dabei bin ich noch günstig weggekommen…«Amos Diggory wandte sich mit wohlwollendem Blick den drei Weasley-Jungen, Harry, Hermine und Ginny zu.»Alle von dir, Arthur?«

»O nein, nur die Rotschöpfe«, sagte Mr Weasley und deutete auf seine Kinder.»Das ist Hermine, eine Freundin von Ron – und Harry, auch ein Freund -«

»Beim Barte von Merlin«, sagte Amos Diggory, und seine Augen weiteten sich.»Harry? Harry Potter?«

»Aahm – ja«, sagte Harry.

Harry kannte es schon zur Genüge, daß Leute, die ihn zum ersten Mal trafen, ihn neugierig anstarrten, daß ihr Blick sofort zu der Blitznarbe auf seiner Stirn huschte, doch noch immer fühlte er sich unwohl dabei.

»Ced hat natürlich von dir gesprochen«, sagte Amos Diggory.»Hat mir alles von dem Spiel letztes Jahr gegen euch erzählt… Ich hab ihm gesagt – Ced, das kannst du mal deinen Kindern erzählen, hab ich gesagt… du hast Harry Potter geschlagen!«

Harry wußte nicht, was er darauf antworten sollte, und schwieg. Fred und George sahen schon wieder mißvergnügt drein. Cedric schien ein wenig verlegen.

»Harry ist von seinem Besen gefallen, Dad«, nuschelte er.»Ich hab dir doch gesagt… es war ein Unfall…«

»Ja, aber du bist nicht runtergefallen, nicht wahr?«, dröhnte Amos quietschvergnügt.»Immer so bescheiden, unser Ced, immer ein Ehrenmann… aber der Beste auf dem Platz hat gewonnen, sicher würde Harry das auch sagen, nicht wahr, Harry? Der eine fällt von seinem Besen, der andere bleibt oben, du mußt kein Genie sein, um rauszufinden, wer der bessere Flieger ist!«

»Wir müssen bald los«, warf Mr Weasley rasch ein und zog seine Uhr aus der Tasche.»Weißt du, ob wir noch auf jemanden warten müssen, Amos?«

»Nein, die Lovegoods sind schon seit 'ner Woche da und die Fawcetts haben keine Karten bekommen«, sagte Mr Diggory.»Hier in der Gegend wohnt sonst niemand mehr von uns, oder?«

»Nicht daß ich wüßte«, sagte Mr Weasley.»Ja, wir haben noch eine Minute… machen wir uns bereit…«

Er wandte sich Harry und Hermine zu.»Ihr müßt den Portschlüssel nur berühren, das ist alles, ein Finger reicht -«

Von ihren klobigen Rucksäcken ein wenig behindert traten sie auf den alten Stiefel zu, den Amos Diggory in die Höhe hielt.

Alle neun standen in einem engen Kreis zusammen, als eine kalte Brise über die Hügelkuppe blies. Keiner sprach. Harry fiel plötzlich ein, wie gespenstisch sie für einen Muggel aussehen würden, der zufällig hier auftauchte… neun Menschen, darunter zwei erwachsene Männer, die im Halbdunkel diesen vergammelten alten Gummistiefel berührten und warteten…

»Drei…«, murmelte Mr Weasley mit einem Auge auf der Uhr,»zwei… eins…«

Es passierte sofort: Harry hatte das Gefühl, als ob er an einem Haken direkt hinter seinem Nabel plötzlich mit unwiderstehlicher Gewalt nach vorne gerissen würde. Er hatte den Boden unter den Füßen verloren; er spürte, daß Ron und Hermine Seite an Seite mit ihm flogen und ihre Schultern gegen die seinen schlugen; durch wütende Böen und wirbelnde Farbspiralen rasten sie dahin; sein Zeigefinger klebte an dem Stiefel, als zöge er ihn magnetisch an, und dann -

Harry prallte mit den Füßen auf festen Grund; Ron stolperte und stürzte über Harry; der Portschlüssel schlug mit einem lauten dumpfen Geräusch neben seinem Kopf ein.

Harry blickte auf. Mr Weasley, Mr Diggory und Cedric standen auf den Beinen, sahen jedoch arg zerzaust aus; alle anderen lagen auf der Erde.

»Sieben nach fünf vom Wieselkopf«, sagte eine Stimme.

Bagman und Crouch

Harry befreite sich aus Rons Umklammerung und richtete sich auf. Sie waren auf einem nebelverhangenen Moor gelandet. Vor ihnen standen zwei müde und mißmutig dreinblickende Zauberer, der eine mit einer großen goldenen Uhr in der Hand, der andere mit einer dicken Pergamentrolle und einer Feder. Beide waren wie Muggel gekleidet, allerdings recht ungewöhnlich; der Mann mit der Uhr trug einen Tweed-Anzug mit kniehohen Galoschen, sein Kollege einen Kilt und einen Poncho.

»Morgen, Basil«, sagte Mr Weasley, hob den Stiefel auf und reichte ihn dem Zauberer im Kilt, der ihn in eine große Kiste mit gebrauchten Portschlüsseln warf; Harry konnte eine alte Zeitung erkennen, leere Getränkedosen und einen durchlöcherten Fußball.

»Ach, hallo, Arthur«, sagte Basil matt.»Nicht im Dienst, was? Manche sind fein raus… wir sind schon die ganze Nacht hier… ihr geht jetzt am besten aus dem Weg, wir erwarten um fünf Uhr fünfzehn eine große Gruppe aus dem Schwarzwald. Augenblick mal, ich suche euch Plätze raus… Weasley… Weasley…«Er zog seine Pergamentliste zu Rate.»Gut vierhundert Meter zu Fuß von hier, das erste Feld, auf das ihr stoßt. Der Platzaufseher heißt Mr Roberts. Diggory… zweites Feld… fragen Sie nach Mr Payne.«

»Danke, Basil«, sagte Mr Weasley und winkte den anderen, ihm zu folgen.

Sie machten sich auf den Weg durch das einsame Moor, ohne daß sie durch den dichten Nebel allzu viel sehen konnten. Nach etwa zwanzig Minuten tauchte ein kleines steinernes Haus aus dem Nebel auf. Neben dem Haus sahen sie ein Tor, und dahinter konnten sie die geisterhaften Umrisse Hunderter und Aberhunderter von Zelten erkennen, deren Reihen sich über ein sanft ansteigendes Feld bis zu einem dunklen Wald am Horizont emporzogen. Sie verabschiedeten sich von den Diggorys und gingen auf das Tor neben dem Haus zu.

Ein Mann stand am Torweg und spähte hinüber zu den Zelten. Harry war auf den ersten Blick klar, daß dies der einzige echte Muggel weit und breit war. Er hörte ihre Schritte, wandte sich um und musterte sie.

»Morgen!«, sagte Mr Weasley munter.

»Morgen!«, sagte der Muggel.

»Sie müssen Mr Roberts sein.«

»Genau der bin ich«, sagte Mr Roberts.»Und wer sind Sie?«

»Weasley – zwei Zelte, vor ein paar Tagen gebucht.«

»Alles klar«, sagte Mr Roberts und zog eine an die Tür geheftete Liste zu Rate.»Sie haben einen Platz dort oben am Wald. Nur eine Nacht?«

»Nur eine«, sagte Mr Weasley.

»Dann zahlen Sie sofort?«, fragte Mr Roberts.

»Aah – sofort – natürlich -«, sagte Mr Weasley. Er entfernte sich ein paar Schritte von dem Haus und winkte Harry zu sich her.»Du mußt mir helfen, Harry«, murmelte er, zog eine Rolle Muggelgeld aus der Tasche und fächerte die Scheine auf.»Das hier ist ein – ein – Zehner? Ah ja, jetzt seh ich die kleine Zahl da drauf… dann ist das ein Fünfer?«

»Nein, ein Zwanziger«, berichtigte ihn Harry mit gedämpfter Stimme. Ihm war peinlich bewußt, daß Mr Roberts mit gespitzten Ohren jedes ihrer Worte aufzuschnappen versuchte.

»Ah ja, dann macht das also… ich kenn mich mit diesen kleinen Papierfetzen einfach nicht aus…«

»Sind Sie Ausländer?«, fragte Mr Roberts, als Mr Weasley mit dem richtigen Betrag zurückkam.

»Ausländer?«, wiederholte Mr Weasley verdutzt.

»Sie sind nicht der Erste hier, der Probleme mit dem Geld hat«, sagte Mr Roberts und musterte Mr Weasley scharf.»Erst vor zehn Minuten haben zwei versucht, mich mit Goldmünzen zu bezahlen, die so groß waren wie Radkappen.«

»Was Sie nicht sagen!«, antwortete Mr Weasley zerstreut.

Mr Roberts stöberte in einer Blechdose nach Wechselgeld.

»Noch nie so voll gewesen hier«, sagte er plötzlich und ließ den Blick erneut über das neblige Feld schweifen.»Hunderte Vorausbuchungen. Normalerweise tauchen die Leute hier einfach auf…«

»Stimmt das so?«, fragte Mr Weasley und streckte die Hand nach seinem Wechselgeld aus, doch Mr Roberts gab es ihm nicht.

»Tjaah«, sagte er nachdenklich.»Leute von überall her. 'ne Menge Ausländer. Und nicht nur Ausländer. Spinner, sag ich Ihnen. Da ist so ein Kerl, der in 'nem Kilt und 'nem Poncho rumspaziert.«

»Darf er das nicht?«, fragte Mr Weasley beunruhigt.

»Kommt mir vor wie… weiß nicht… wie 'ne Art Versammlung«, sagte Mr Roberts.»Die scheinen sich alle zu kennen. Vielleicht 'ne Riesenparty.«

In diesem Moment erschien ein Zauberer in Knickerbockern aus dem Nichts neben Mr Roberts' Haustür.

»Obliviate!«, rief er schrill und richtete den Zauberstab gegen Mr Roberts.

Mr Roberts fing auf der Stelle an zu schielen, seine Stirn glättete sich und ein Ausdruck träumerischen Gleichmuts trat auf sein Gesicht. Wie Harry wußte, sah so ein Mensch aus, dessen Gedächtnis gerade verändert wurde.

»Eine Karte des Campingplatzes für Sie«, sagte Mr Roberts in aller Gelassenheit zu Mr Weasley.»Und Ihr Wechselgeld.«

»Vielen Dank«, sagte Mr Weasley.

Der Zauberer in den Knickerbockern begleitete sie zum Tor des Zeltplatzes. Er sah erschöpft aus; sein stoppeliges Kinn schimmerte bläulich, und dunkelrote Schatten lagen unter seinen Augen. Sobald Mr Roberts sie nicht mehr hören konnte, murmelte er Mr Weasley zu:»Hatte eine Menge Ärger mit ihm. Braucht zehnmal am Tag einen Gedächtniszauber, damit er bei Laune bleibt. Und Ludo Bagman rührt keinen Finger. Schlendert herum, hält den Leuten Vorträge über Klatscher und Quaffel und schert sich nicht im Geringsten um die Muggelabwehr. Meine Nerven, bin ich froh, wenn das hier vorbei ist. Bis später, Arthur.«

Er disapparierte.

»Ich dachte, Mr Bagman sei Chef der Abteilung für Magische Spiele und Sportarten?«, sagte Ginny mit überraschter Miene.»Er sollte doch wissen, daß man in der Nähe von Muggeln nicht über Klatscher reden darf, oder?«

»Das sollte er«, antwortete Mr Weasley lächelnd und führte sie durch das Tor auf den Zeltplatz,»aber Ludo war schon immer ein wenig… nun ja… lax in Sicherheitsfragen. Aber einen Chef für die Sportabteilung, der mit mehr Begeisterung dabei ist, gibt es einfach nicht. Er selbst hat Quidditch für England gespielt, mußt du wissen. Und er war der beste Treiber, den die Wimbourner Wespen je hatten.«

Sie wanderten die langen Zeltreihen entlang über das nebelverhangene Feld. Die meisten Zelte sahen ganz gewöhnlich aus; ihre Besitzer hatten sie offenbar ganz nach Muggelart gestalten wollen, hin und wieder jedoch ein wenig danebengegriffen und sie mit Kaminen, Klingelzügen oder Wetterfahnen ausstaffiert. Allerdings gab es hie und da ein Zelt, das so offensichtlich magisch war, daß Harry sich nicht über Mr Roberts' Mißtrauen wunderte. Auf halbem Weg die Anhöhe hinauf stand ein extravagantes Zelt aus gestreifter Seide, das mit seinen am Eingang angepflockten Pfauen wie ein kleiner Palast wirkte. Ein wenig weiter kamen sie an einem Zelt vorbei, das drei Stockwerke und mehrere Türmchen hatte; und kurz dahinter stand ein Zelt mit angehängtem Vorgarten, komplett mit Vogelbad, Sonnenuhr und Brunnen.

»Immer dasselbe«, sagte Mr Weasley lächelnd,»wir können es einfach nicht lassen, ein wenig zu prahlen, wenn wir zusammenkommen. Aha, wir sind da, seht, das ist unser Platz.«

Sie waren oben am Waldrand angelangt und hier fanden sie ihren Platz; auf einem kleinen, in die Erde gesteckten Schild stand»Weezly«geschrieben.

»Was Besseres hätten wir nicht kriegen können!«, sagte Mr Weasley glücklich.»Das Spielfeld liegt auf der anderen Seite dieses Waldes, näher geht's nicht.«Er ließ den Rucksack zur Erde gleiten.»Hört mal«, sagte er aufgeregt,»eigentlich ist keine Zauberei erlaubt, wenn wir in so großer Zahl auf Muggelland sind. Wir bauen diese Zelte von Hand auf! Sollte nicht allzu schwer sein. Die Muggel tun es ständig… Harry, schau dir das mal an, was meinst du, wo wir anfangen sollen?«

Harry hatte noch nie gezeltet; die Dursleys hatten ihn in all den Jahren nicht in den Urlaub mitgenommen und ihn lieber bei Mrs Figg, einer alten Nachbarin, abgeladen. Doch gemeinsam mit Hermine fand er heraus, wo die meisten der Stangen und Heringe hingehörten, und obwohl Mr Weasley eher hinderlich denn hilfreich war, weil er richtig aus dem Häuschen geriet, als er den Holzhammer benutzen durfte, hatten sie schließlich ein Paar abgenutzte Zweimannzelte vor sich stehen.

Sie traten einige Schritte zurück, um ihrer Hände Werk zu bewundern. Keiner, der diese Zelte ansah, würde auf den Gedanken kommen, sie gehörten Zauberern, überlegte Harry, doch das Problem war, daß sie mit Bill, Charlie und Percy zu zehnt sein würden. Auch Hermine schien sich zu wundern; sie warf Harry einen fragenden Blick zu, während Mr Weasley auf allen vieren ins erste Zelt kroch.

»Wird ein bißchen eng hier«, rief er nach draußen,»aber ich glaube, wir passen alle rein. Kommt und schaut.«

Harry bückte sich, kroch durch die Zeltluke und riß den Mund auf. Er befand sich in einer altmodisch möblierten Wohnung mit drei Zimmern, samt Bad und Küche. Seltsamerweise war die Wohnung genauso eingerichtet wie die von Mrs Figg; die bunt zusammengewürfelten Sessel waren mit Häkeldeckchen drapiert und es roch stark nach Katze.

»Macht nichts, es ist ja nicht für lange«, sagte Mr Weasley, rieb seine kahle Stelle mit dem Taschentuch und musterte die vier Bettkojen im Schlafzimmer.»Ich hab mir das Zelt von Mrs Perkins aus dem Büro geliehen. Sie zeltet nur noch selten, die Arme, seit sie Hexenschuß hat.«

Er griff nach dem staubigen Kessel und spähte hinein.»Wir brauchen Wasser…«

»Auf der Karte, die uns der Muggel gegeben hat, ist ein Wasserhahn eingezeichnet«, sagte Ron, der Harry ins Innere des Zeltes gefolgt war und von dessen erstaunlicher Geräumigkeit überhaupt nicht beeindruckt schien.»Auf der anderen Seite des Zeltplatzes.«

»Schön, wie war's also, wenn du, Harry und Hermine uns ein wenig Wasser holt -«, Mr Weasley reichte ihnen den Kessel und ein paar Töpfe,»- und wir anderen besorgen im Wald ein bißchen Feuerholz.«

»Aber wir haben doch einen Ofen«, sagte Ron,»warum können wir nicht einfach -«

»Muggelabwehr, Ron!«, sagte Mr Weasley, und sein Gesicht glänzte voller Vorfreude.»Wenn echte Muggel campen, kochen sie an Feuern unter freiem Himmel, das hab ich selbst gesehen!«

Nach einem kurzen Besuch im Mädchenzelt, das ein wenig kleiner als das der Jungen war, allerdings nicht nach Katze roch, machten sich Harry, Ron und Hermine mit Kessel und Töpfen auf den Weg über den Zeltplatz.

Die Sonne war aufgegangen und der Nebel lichtete sich, und nun konnten sie die Zeltstadt sehen, die sich in alle Himmelsrichtungen erstreckte. Gemächlich schlenderten sie durch die Zeltreihen und sahen sich neugierig um. Allmählich dämmerte es Harry, wie viele Hexen und Zauberer es auf der ganzen Welt geben mußte; an die in den anderen Ländern hatte er bisher kaum gedacht.

Nach und nach erwachten ihre Mitcamper. Als Erste regten sich die Familien mit kleinen Kindern; Harry hatte noch nie so junge Hexen und Zauberer gesehen. Ein kleiner Junge, nicht älter als zwei, kauerte vor einem pyramidenförmigen Zelt, hielt einen Zauberstab in der Hand und stocherte munter nach einer Schnecke im Gras, die langsam auf die Größe einer Salami anschwoll. Als sie neben dem Kleinen standen, kam seine Mutter aus dem Zelt gestürmt.

»Wie oft soll ich es dir noch sagen, Kevin? Rühr – Dad-dys – Zauberstab – nicht – an – uuhhtsch!«

Die Riesenschnecke war geplatzt, nachdem die Mutter auf sie getreten war. In der ruhigen Morgenluft hörten sie noch lange ihr Geschimpfe, vermischt mit den Rufen des Kleinen -»Du Schnecke puttmacht, Schnecke puttmacht!«

Ein Stück weiter sahen sie zwei kleine Hexen, kaum älter als Kevin, auf Spielzeugbesen reiten, die sie gerade hoch genug trugen, um ihre Füße über den taunassen Rasen gleiten zu lassen. Schon hatte ein Ministeriumszauberer die Kinder ins Visier genommen; als er an Harry, Ron und Hermine vorbeihastete, hörten sie ihn gereizt murmeln:»Am hellichten Tag! Die Eltern schlafen wohl bis in die Puppen -«

Hie und da erschienen erwachsene Zauberer und Hexen vor ihren Zelten und begannen ihr Frühstück zu bereiten. Manche sahen sich verstohlen um und beschworen dann Feuer mit ihren Zauberstäben herauf, andere versuchten es zweifelnden Blickes mit Streichhölzern. Drei afrikanische Zauberer saßen auf der Erde und waren in ein ernstes Gespräch vertieft, alle trugen lange weiße Umhänge und rösteten offenbar einen Hasen über einem purpurroten Feuer. Eine Gruppe amerikanischer Hexen mittleren Alters saß glücklich schwatzend unter einem Sternenbanner mit der Aufschrift Hexeninstitut von Salem. Im Vorbeigehen fing Harry Gesprächsfetzen in fremden Sprachen auf, die aus den Zelten drangen, und obwohl er kein einziges Wort verstand, war die Vorfreude am Tonfall zu spüren.

»Ahm – stimmt was nicht mit meinen Augen, oder ist hier alles grün geworden?«, sagte Ron.

Es lag nicht an Rons Augen. Sie waren zwischen ein paar Zelte geraten, die alle dicht mit Feldklee bedeckt waren, so als wären kleine, merkwürdig geformte Hügel aus der Erde gewachsen. Wo die Zeltluken geöffnet waren, konnten sie das eine oder andere grinsende Gesicht im Innern erkennen. Dann rief jemand hinter ihnen ihre Namen.

»Harry! Ron! Hermine!«

Es war Seamus Finnigan aus dem Gryffindor-Haus von Hogwarts, der jetzt mit ihnen in die vierte Klasse kam. Er saß vor einem kleebedeckten Zelt neben einer rotblonden Frau, offenbar seiner Mutter, und seinem besten Freund Dean Thomas, ebenfalls aus Gryffindor.

»Gefällt euch die Dekoration?«, fragte Seamus grinsend, als Harry, Ron und Hermine näher getreten waren und sie begrüßt hatten.»Das Ministerium ist nicht sonderlich begeistert.«

»Aach, warum sollten wir unsere Farben nicht zeigen?«, sagte Mrs Finnigan.»Ihr solltet sehen, was die Bulgaren alles an ihren Zelten hängen haben. Ihr seid natürlich für Irland?«, setzte sie hinzu und musterte Harry, Ron und Hermine mit ihren Perlaugen.

Sie versicherten ihr hoch und heilig, sie seien Irland-Fans, dann brachen sie wieder auf.»Als ob wir was anderes sagen würden, wenn wir von einem Haufen Iren umgeben sind«, meinte Ron nebenbei.

»Was die Bulgaren wohl an ihren Zelten hängen haben?«, fragte Hermine.

»Gehen wir hin und schauen nach«, sagte Harry und deutete auf eine große Gruppe Zelte ein Stück weiter oben, wo die bulgarische Flagge weiß, grün und rot in der Brise flatterte.

Die Zelte hier waren nicht mit Pflanzen geschmückt, doch an jedem einzelnen hing das gleiche Poster, ein Poster von einem sehr bärbeißigen Gesicht mit dichten schwarzen Augenbrauen. Natürlich bewegte sich das Gesicht, doch es schaute finster drein und die Augen blinzelten nur.

»Kram«, sagte Ron leise.

»Was?«, sagte Hermine.

»Krum!«, sagte Ron.»Viktor Kram, der bulgarische Sucher!«

»Sieht ziemlich mürrisch aus«, sagte Hermine und ließ ihren Blick über die vielen Krams schweifen, die böse blinzelnd auf sie herabsahen.

»Ziemlich mürrisch?«Ron schaute gen Himmel.»Wen kümmert es, wie er aussieht? Er ist phantastisch. Und noch ganz jung. Erst achtzehn, glaub ich. Er ist ein Genie, wartet nur, heute Abend seht ihr's selbst.«

Beim Wasserhahn an einer Ecke des Zeltplatzes hatte sich bereits eine kleine Schlange gebildet. Harry, Ron und Hermine reihten sich hinter zwei Männern ein, die erhitzt miteinander stritten. Der eine war ein steinalter Zauberer in einem langen Nachthemd mit Blümchenmuster. Der andere war offensichtlich ein Ministeriumszauberer; er hielt eine Nadelstreifenhose in Händen und war so entnervt, daß er fast weinte.

»Zieh sie doch an, Archie, ich bitte dich, so kannst du doch nicht rumlaufen, der Muggel am Tor wird schon ziemlich mißtrauisch -«

»Das hab ich in einem Muggelladen gekauft«, sagte der alte Zauberer stur.»Muggel tragen so was auch.«

»Muggelfrauen, Archie, nicht die -manner, die tragen so was«, sagte der Ministeriumszauberer und fuchtelte mit der Nadelstreifenhose vor Archies Nase herum.

»Die zieh ich nicht an«, sagte der alte Archie entrüstet.»Ich mag 'n frisches Lüftchen untenrum, danke.«

Ein Kicheranfall packte Hermine und schüttelte sie so heftig, daß sie sich aus der Schlange wegducken mußte und erst wieder zurückkehrte, als Archie sein Wasser geholt hatte und verschwunden war.

Etwas gemächlicher, da sie Wasser schleppten, machten sie sich auf den Rückweg durch das Zeltlager. Hie und da sahen sie weitere bekannte Gesichter: andere Hogwarts-Schüler mit ihren Familien. Oliver Wood, der frühere Kapitän von Harrys Quidditch-Team, der sein letztes Jahr in Hogwarts hinter sich hatte, zog Harry hinüber zum Zelt seiner Eltern, um ihn vorzustellen, und erzählte ihm aufgeregt, daß er gerade von Eintracht Pfützensee als Reservespieler verpflichtet worden war. Als Nächstes wurden sie lauthals von Ernie Macmillan begrüßt, einem Viertkläßler aus Hufflepuff, und ein paar Schritte weiter sahen sie Cho Chang, ein sehr hübsches Mädchen, das im Ravenclaw-Team Sucherin spielte. Sie winkte und lächelte Harry zu, der beim Zurückwinken eine Menge Wasser über seine Hose schüttete. Vor allem, um Ron das Grinsen zu verleiden, deutete er auf eine Gruppe Teenager, die er noch nie gesehen hatte.

»Was sind das wohl für Leute?«, sagte er.»Sie gehen nicht nach Hogwarts, oder?«

»Ich glaub, die gehen auf irgendeine ausländische Schule«, sagte Ron.»Ich weiß jedenfalls, daß es noch andere Schulen gibt, hab aber noch nie jemanden davon kennen gelernt. Bill hatte eine Brieffreundin auf einer Schule in Brasilien… das ist schon ewig lange her… und er wollte mal als Austauschschüler dorthin, aber Mum und Dad konnten es sich nicht leisten. Seine Brieffreundin war schwer sauer, als er absagte, und hat ihm einen verhexten Hut geschickt, der seine Ohren schrumpeln ließ.«

Harry lachte, verschwieg jedoch, wie spannend er es fand, daß es noch andere Zaubererschulen gab. Nun, da er so viele Länder auf dem Zeltplatz vertreten sah, kam er sich etwas dumm vor, nie daran gedacht zu haben, daß Hogwarts nicht die einzige Schule sein konnte. Er warf Hermine einen Seitenblick zu, doch sie schien von der Neuigkeit keineswegs überrascht zu sein. Sicher hatte sie in irgendeinem Buch etwas über andere Zaubererschulen gelesen.

»Ihr habt ja ewig gebraucht«, sagte George, als sie endlich wieder bei den Weasley-Zelten anlangten.

»Haben ein paar Bekannte getroffen«, sagte Ron und stellte seinen Wassertopf ab.»Und ihr habt immer noch kein Feuer gemacht?«

»Dad treibt so seine Spaße mit den Streichhölzern«, sagte Fred.

Mr Weasley gelang es nicht, ein Feuer zu entfachen, doch an Versuchen ließ er es nicht mangeln. Der Boden zu seinen Füßen war übersät mit zersplitterten Streichhölzern, doch Mr Weasley schien mit kindlichem Vergnügen bei der Sache zu sein.

»Uuuhps!«, stieß er aus, als er es schaffte, ein Streichholz zu entzünden, und vor Überraschung ließ er es prompt fallen.

»Lassen Sie mich mal, Mr Weasley«, sagte Hermine freundlich, nahm ihm die Zündholzschachtel aus der Hand und zeigte ihm, wie man es richtig machte.

Schließlich brannte das Feuer, auch wenn es noch mindestens eine Stunde dauerte, bis es groß genug war, um darauf etwas zu kochen. Beim Warten gab es jedoch eine Menge zu sehen. Ihr Zelt schien gleich an einem Fußweg zum Spielfeld zu liegen, und Leute aus dem Ministerium schritten hastig hin und her und grüßten Mr Weasley im Vorbeigehen höflich. Mr Weasley spielte unterdessen den Laufkommentator, vor allem für Harry und Hermine; seine eigenen Kinder wußten genug über das Ministerium und waren nicht übermäßig interessiert.

»Das war Knutbert Mockridge, Chef des Kobold-Verbindungsbüros… hier kommt Wilbert Gimpel von der Arbeitsgruppe für Experimentelles Zaubern, diese Hörner hat er jetzt schon seit einiger Zeit… Hallo, Arnie… Arnold Friedlich… ein Vergissmich – so nennen wir die Leute vom Magischen Unfallumkehr-Kommando – und das sind Bode und Croaker… sie sind Unsägliche…«

»Bitte was?«

»Von der Mysteriumsabteilung, alles streng geheim, keine Ahnung, was die so treiben…«

Endlich brannte das Feuer richtig und sie hatten gerade begonnen, Eier und Würste zu braten, als Bill, Charlie und Percy zwischen den Bäumen hervorkamen und ans Zelt traten.

»Eben mal kurz appariert, Dad«, sagte Percy unüberhörbar.»Aah, Mittagessen, trifft sich gut!«

Sie hatten ihre Teller mit Eiern und Würsten schon halb geleert, als Mr Weasley plötzlich aufsprang und lächelnd einem Mann winkte, der auf sie zugeschritten kam.»Aha!«, sagte Mr Weasley.»Der Mann der Stunde! Ludo!«

Ludo Bagman war mit Abstand der auffälligste von allen Zauberern, die Harry bisher gesehen hatte, er ließ selbst den alten Archie mit seinem geblümten Nachthemd blaß aussehen. Er trug einen langen Quidditch-Umhang mit breiten hellgelben und schwarzen Querstreifen. Das riesige Bild einer Wespe prangte auf seiner Brust. Er machte den Eindruck eines kräftig gebauten Mannes, der ein wenig in die Jahre gekommen war; der Umhang bauschte sich über seinem dicken Bauch, den er in seiner Zeit als Quidditch-Spieler für England gewiß noch nicht gehabt hatte. Ludos Nase war gebrochen (vermutlich von einem verirrten Klatscher, dachte Harry), doch seine runden blauen Augen, sein kurzes blondes Haar und sein rosiges Gesicht ließen ihn aussehen wie einen zu groß gewachsenen Schuljungen.

»Ahoi!«, rief Bagman munter. Er schritt einher, als hätte er Federn unter den Sohlen, und war offensichtlich in einem höchst euphorischen Zustand.»Arthur, altes Haus«, keuchte er, als er vor dem Lagerfeuer stand,»was für ein Tag! Was für ein Tag! Schöneres Wetter hätten wir uns nicht wünschen können! Heute Nacht bleibt's klar… und bei den Vorbereitungen läuft fast alles wie am Schnürchen… weiß gar nicht, was ich groß tun soll!«

Hinter ihm eilten ein paar ausgezehrt wirkende Ministeriumszauberer vorbei und deuteten in die Ferne, wo violette Funken zehn Meter in die Höhe stoben und auf eine Art magisches Feuer schließen ließen.

Percy sprang sofort auf die Beine und streckte die Hand aus. Offensichtlich hinderte ihn seine Mißbilligung der Art und Weise, wie Ludo Bagman seine Abteilung leitete, nicht daran, bei ihm Eindruck schinden zu wollen.

»Ah – ja«, sagte Mr Weasley grinsend,»das ist mein Sohn Percy, er hat gerade im Ministerium angefangen – und das ist Fred – nein, George, tut mir Leid – das ist Fred – Bill, Charlie, Ron – meine Tochter Ginny – und Rons Freunde Hermine Granger und Harry Potter.«

Bagman stutzte bei Harrys Namen fast unmerklich und seine Augen huschten, wie Harry es schon kannte, über die Narbe auf seiner Stirn.

»Darf ich vorstellen«, fuhr Mr Weasley fort,»Ludo Bagman, ihr wißt ja, wer er ist, ihm haben wir die guten Plätze zu verdanken -«

Bagman strahlte und winkte ab, als handele es sich um eine Selbstverständlichkeit.

»Kleine Wette ums Spiel gefällig, Arthur?«, sagte er beflissen und klimperte mit einer offenbar großen Menge Goldmünzen in den Taschen seines gelbschwarzen Umhangs.»Roddy Pontner ist schon dabei, hat auf Bulgarien gesetzt -hab ihm hübsche Quoten angeboten, wenn ich bedenke, daß die drei irischen Spitzen die stärksten sind, die ich seit Jahren gesehen habe – und die kleine Agatha Timms hat die Hälfte ihrer Eulenfarm auf ein wochenlanges Spiel gesetzt.«

»Aach… laß mal gut sein«, sagte Mr Weasley.»Wie war's mit… sagen wir, einer Galleone auf den Sieg von Irland?«

»Eine Galleone?«Ludo Bagman wirkte ein wenig enttäuscht, faßte sich jedoch rasch wieder.»Sehr schön, sehr schön… will noch jemand setzen?«

»Sie sind noch ein wenig jung fürs Wetten«, sagte Mr Weasley.»Molly würde das gar nicht gern -«

»Wir wetten siebenunddreißig Galleonen, fünfzehn Sickel, drei Knuts«, sagte Fred, der auf die Schnelle all sein Geld mit dem von George zusammengeworfen hatte,»daß Irland gewinnt – aber Viktor Kram den Schnatz fängt. Oh, und wir legen noch einen Juxzauberstab drauf.«

»Ihr wollt doch Mr Bagman nicht mit solchem Krempel belästigen -«, zischte Percy, doch Bagman schien offenbar nicht zu denken, der Zauberstab sei Krempel; im Gegenteil, sein jungenhaftes Gesicht strahlte vor Begeisterung, als er ihn aus Freds Hand nahm, und als der Zauberstab ein lautes Gackern hören ließ und sich in ein Gummihuhn verwandelte, brüllte Bagman vor Lachen.

»Hervorragend! So 'nen tollen Juxstab hab ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen! Für den würd ich fünf Galleonen hinlegen!«

Percy erstarrte, bestürzt und entrüstet.

»Jungs«, nuschelte Mr Weasley,»ich will nicht, daß ihr wettet… das sind eure ganzen Ersparnisse… eure Mutter -«

»Sei kein Spielverderber, Arthur!«, dröhnte Ludo Bagman und klimperte erregt mit seinem Tascheninhalt.»Sie sind alt genug, um zu wissen, was sie wollen! Ihr glaubt, Irland gewinnt, aber Krum fängt den Schnatz? Nie und nimmer, Jungs, nie und nimmer… Ich biete euch 'ne sagenhafte Quote dafür… und noch fünf Galleonen für den Juxzauberstab dazu, nicht wahr…«

Mr Weasley sah hilflos zu, wie Ludo Bagman ein Notizbuch und eine Feder zückte und die Namen der Zwillinge notierte.

»Alles klar«, sagte George, nahm den Pergamentzettel von Bagman entgegen und steckte ihn in die vordere Jackentasche.

Glänzend gelaunt wandte sich Bagman nun wieder Mr Weasley zu.»Hast du vielleicht etwas zu trinken für mich? Ich bin auf der Suche nach Barty Crouch. Mein bulgarischer Partner macht Schwierigkeiten, und ich versteh kein Wort von dem, was er sagt. Barty kann das sicher regeln. Er spricht ungefähr hundertfünfzig Sprachen.«

»Mr Crouch?«, sagte Percy, und mit einem Schlag belebte sich seine mißbilligende Miene und er hechelte geradezu vor Aufregung.»Er spricht über zweihundert Sprachen! Nixisch und Beamtenchinesisch und Troll…«

»Jeder kann Troll«, sagte Fred geringschätzig,»man muß nur fuchteln und grunzen.«

Percy warf Fred einen äußerst gehässigen Blick zu und stocherte energisch im Feuer, um das Wasser im Kessel wieder zum Kochen zu bringen.

»Was Neues von Bertha Jorkins, Ludo?«, fragte Mr Weasley, als Bagman sich auf dem Gras neben ihnen niederließ.

»Keine Spur«, sagte Bagman unbeschwert.»Aber die wird schon wieder auftauchen. Arme alte Bertha… Gedächtnis wie ein undichter Kessel und null Orientierungssinn. Hat sich verflogen, da wette ich mit dir. Irgendwann im Oktober spaziert sie wieder ins Büro und denkt, es sei immer noch Juli.«

»Meinst du nicht, es wäre an der Zeit, jemanden nach ihr suchen zu lassen?«, mahnte Mr Weasley vorsichtig, während Percy Bagman den Tee reichte.

»Barty Crouch redet auch immer davon«, sagte Bagman, und seine runden Augen weiteten sich in Unschuldsmanier,»aber im Augenblick können wir wirklich keinen entbehren. Oh – wenn man vom Teufel spricht! Barty!«

Ein Zauberer war gerade an ihrem Lagerfeuer appariert, und er hätte keinen größeren Gegensatz zu Ludo Bagman bilden können, der sich in seinem alten Wespenumhang im Gras fläzte. Barty Crouch war ein steif aufgerichteter älterer Herr in einem tadellos sitzenden Anzug mit Krawatte. Der Scheitel seines kurzen grauen Haares war fast unnatürlich gerade und sein schmaler Oberlippenbart sah aus, als würde er ihn mit dem Lineal stutzen. Seine Schuhe waren auf Hochglanz poliert. Harry war sofort klar, warum Percy ihn vergötterte. Percy glaubte fest an die strenge Einhaltung von Vorschriften, und Mr Crouch hatte die Vorschrift, Muggelkleidung anzuziehen, so gründlich befolgt, daß er als Filialleiter einer Bank hätte durchgehen können. Harry war sich nicht sicher, ob selbst Onkel Vernon ihn durchschaut hätte.

»Setz dich ein wenig zu mir, Barty«, sagte Ludo strahlend und strich über das Gras.

»Nein danke, Ludo«, sagte Crouch, und eine Spur Ungeduld lag in seiner Stimme.»Ich hab dich überall gesucht. Die Bulgaren bestehen darauf, daß wir noch zwölf Sitze in der oberen Loge anbringen.«

»Darauf sind die also aus?«, sagte Bagman.»Ich dachte, der Typ wollte sich 'ne Pinzette ausleihen. Ziemlich starker Akzent.«

»Mr Crouch!«, sagte Percy atemlos und versank in eine Art halbe Verbeugung, bei der er wirkte wie ein Buckliger.»Möchten Sie vielleicht eine Tasse Tee?«

»Oh«, sagte Mr Crouch und warf Percy einen milde überraschten Blick zu.»Ja – sehr aufmerksam, Weatherby.«

Fred und George prusteten in ihre Tassen. Percy, ganz rosa um die Ohren, machte sich eifrig am Kessel zu schaffen.

»Ach, und Sie würde ich auch gern kurz sprechen, Arthur«, sagte Mr Crouch und ließ seine scharfen Augen auf Mr Weasley ruhen.»Ali Bashir ist auf dem Kriegspfad. Er will ein Wörtchen mit Ihnen reden wegen Ihres Einfuhrverbots für fliegende Teppiche.«

Mr Weasley tat einen tiefen Seufzer.»Deswegen habe ich ihm doch schon vor einer Woche eine Eule geschickt. Ich hab's ihm einmal gesagt, ich hab's ihm hundertmal gesagt: Teppiche gelten gemäß der Liste Verbotener verhexbarer Gegenstände als Muggelartefakte, aber er will einfach nicht hören.«

»Da könnten Sie Recht haben«, sagte Mr Crouch und nahm eine Tasse Tee von Percy entgegen.»Er will diese Teppiche hier unbedingt einführen.«

»Nun ja, in Großbritannien werden sie die Besen nie verdrängen, oder?«, sagte Bagman.

»Ali glaubt, es gibt eine Marktnische für ein Familienfahrzeug«, sagte Mr Crouch.»Ich weiß noch, mein Vater hatte einen alten Perser, auf dem zwölf Personen Platz hatten – aber das war natürlich vor dem Verbot von Teppichen.«

Er sprach, als ob er niemanden darüber im Zweifel lassen wollte, daß all seine Vorfahren das Gesetz strikt befolgt hatten.

»Wie geht's sonst, Barty, viel zu tun?«, sagte Bagman gelassen.

»Ziemlich«, sagte Mr Crouch trocken.»Portschlüssel auf fünf Kontinente zu verteilen ist keine Kleinigkeit, Ludo.«

»Ich denke, dann sind Sie beide froh, wenn das hier vorbei ist?«, sagte Mr Weasley.

Ludo Bagman wirkte schockiert.»Froh! Ich weiß nicht, wann ich mehr Spaß hatte… immerhin, es ist ja nicht so, daß wir uns auf nichts anderes freuen könnten, oder, Barty? He? Bleibt noch viel zu organisieren, nicht wahr?«

Mr Crouch sah Bagman mit hochgezogenen Brauen an.»Wir haben uns doch geeinigt, nichts zu sagen, bevor nicht alle Einzelheiten -«

»Aah, Einzelheiten!«, sagte Bagman und verscheuchte das Wort mit einer Handbewegung wie einen Mückenschwarm.»Sie haben unterschrieben, oder? Sie haben zugestimmt? Ich wette mit dir, diese Kinder hier werden es ohnehin bald erfahren. Immerhin findet es in Hogwarts statt -«

»Ludo, wir müssen zu den Bulgaren, das weißt du doch«, sagte Mr Crouch, um Bagman abzuwürgen.»Danke für den Tee, Weatherby.«

Er schob seine unberührte Tasse Percy zu und wartete darauf, daß Ludo sich erhob: Bagman rappelte sich hoch, schluckte den Rest Tee und ließ das Gold in seinen Taschen fröhlich klimpern.

»Wir sehen uns später!«, sagte er in die Runde.»Ihr seid bei mir oben in der Ehrenloge – ich kommentiere das Spiel!«Er winkte, Barty Crouch nickte knapp und die beiden disapparierten.

»Was soll denn in Hogwarts stattfinden, Dad?«, fragte Fred auf der Stelle.»Worüber haben die gesprochen?«

»Das wirst du noch früh genug erfahren«, sagte Mr Weasley lächelnd.

»Es handelt sich so lange um eine geheime Information, bis das Ministerium beschließt, sie freizugeben«, sagte Percy steif.»Mr Crouch hatte vollkommen Recht, sie nicht preiszugeben.«

»Aaach, hält's Maul, Weatherby«, sagte Fred.

Der Nachmittag verging, und allmählich stieg die Spannung und breitete sich wie eine Wolke über dem Zeltplatz aus. Als es dämmerte, schien selbst die stille Sommerluft vor Vorfreude zu vibrieren, und als sich die Dunkelheit wie ein Vorhang über Tausende von wartenden Zauberern legte, fiel aller falsche Anschein in sich zusammen: das Ministerium beugte sich dem Unvermeidlichen und wehrte sich nicht mehr gegen die sich offensichtlich in Windeseile ausbreitende Magie.

An allen Ecken und Enden des Zeltplatzes apparierten Verkäufer mit Körben und Karren voll außergewöhnlicher Waren. Es gab leuchtende Rosetten – grün für Irland, rot für Bulgarien -, welche in kreischendem Ton die Namen der Spieler ausriefen, grüne Spitzhüte, die mit tanzenden Kleeblättern geschmückt waren, bulgarische Schals, mit wirklichen brüllenden Löwen verziert, Flaggen aus beiden Ländern, die ihre Nationalhymnen spielten, wenn man mit ihnen wedelte; kleine Modelle von Feuerblitzen, die tatsächlich flogen, und Sammelfiguren von berühmten Spielern, die einem mit stolzgeschwellter Brust über die Hand spazierten.

»Dafür hab ich den ganzen Sommer über mein Taschengeld gespart«, sagte Ron zu Harry gewandt, während sie mit Hermine durch die Reihen der Verkäufer schlenderten und Andenken kauften. Zwar kaufte sich Ron einen Hut mit tanzenden Kleeblättern und eine große grüne Rosette, doch auch eine kleine Nachbildung von Viktor Krum, dem bulgarischen Sucher. Der Mini-Krum ging auf Rons Hand hin und her und warf finstere Blicke auf die grüne Rosette über ihm.

»Irre, schau dir die an!«, sagte Harry und rannte hinüber zu einem Marktkarren, auf dem stapelweise Messingferngläser lagen, die allerdings mit vielerlei merkwürdigen Knöpfen und Zifferblättern versehen waren.

»Omnigläser«, sagte der Verkaufsmagier beflissen.»Man kann das Gesehene wiederholen… alles verlangsamen… und sie zeigen dir einen Kurzkommentar zu allen Spielzügen, wenn du ihn brauchst. Schnäppchenpreis – zehn Galleonen das Stück.«

»Hätt ich nur nicht den Kram hier gekauft«, maulte Ron, deutete auf seinen Hut mit dem tanzenden Klee und betrachtete dabei sehnsüchtig die Omnigläser.

»Drei Stück«, sagte Harry entschlossen zu dem Zauberer.

»Nein – das ist doch nicht nötig«, sagte Ron und lief rot an. Er war immer ein wenig empfindlich, wenn es darum ging, daß Harry, der ein kleines Vermögen von seinen Eltern geerbt hatte, viel mehr Geld hatte als er.

»Dafür kriegst du nichts zu Weihnachten«, antwortete Harry und drückte Ron und Hermine je ein Omniglas in die Hände.»Und das zehn Jahre lang.«

»Ist mir recht«, sagte Ron grinsend.

»Oooh, danke, Harry«, sagte Hermine.»Und ich besorg uns ein paar Programme, seht mal -«

Mit beträchtlich leichteren Geldbeuteln gingen sie zurück zu den Zelten. Auch Bill, Charlie und Ginny hatten grüne Rosetten vorzuzeigen und Mr Weasley trug eine irische Flagge. Fred und George hatten keine Souvenirs, da sie ihr ganzes Geld Bagman gegeben hatten.

Dann drang von irgendwo jenseits des Waldes ein tiefer, dröhnender Gong zu ihnen herüber, und plötzlich flammten auf den Bäumen grüne und rote Laternen auf und tauchten den Weg zum Spielfeld in ihr Licht.

»Es ist so weit!«, sagte Mr Weasley, genauso begeistert wie alle anderen.»Kommt, wir gehen!«

Die Quidditch-Weltmeisterschaft

Ihre neu erworbenen Schätze an sich geklammert folgten sie Mr Weasley den laternenbeschienenen Weg entlang in den Wald. Dem Lärm nach zu schließen waren Tausende auf den Beinen, sie hörten ihr Lachen und Rufen und gelegentlich wehte Gesang an ihre Ohren. Die fiebrige Erregung war höchst ansteckend; Harry konnte nicht aufhören zu grinsen. Zwanzig Minuten lang gingen sie durch den Wald, laut redend und scherzend, bis sie endlich auf der anderen Seite zwischen den Bäumen hervortraten und sich im Schatten eines gigantischen Stadions fanden. Obwohl Harry nur einen kleinen Teil der riesigen goldenen Mauer sah, die das Spielfeld einfaßte, war ihm klar, daß ins Innere des Stadions bequem zehn Kathedralen gepaßt hätten.

»Hunderttausend Plätze«, sagte Mr Weasley, als er Harrys schwer beeindruckte Miene sah.»Eine Spezialistengruppe von fünfhundert Ministeriumsleuten hat das ganze Jahr über daran gearbeitet. Auf jedem Quadratzentimeter ein Muggelabwehrzauber. Jedes Mal, wenn Muggel im letzten Jahr auch nur hier in die Nähe kamen, fielen ihnen plötzlich dringende Verabredungen ein und sie mußten schleunigst fort… besser für sie«, setzte er munter hinzu und führte sie zum nächstgelegenen Eingang, an dem sich schon ein Schwärm lärmender Zauberer und Hexen versammelt hatte.

»Erstklassige Plätze!«, sagte die Ministeriumshexe am Eingang, als sie ihre Karten kontrollierte.»Ehrenloge! Gleich die Treppe rauf, Arthur, bis es nicht mehr höher geht.«

Die Treppen ins Stadion waren mit Läufern in sattem Purpurrot ausgelegt. Sie stiegen mit den anderen aus dem Schwärm der Wartenden nach oben, die sich jedoch allmählich mal rechts, mal links in den Türen zu den Tribünen verloren. Mr Weasley und die Seinen gingen weiter, bis sie schließlich das Ende der Treppe erreichten und in eine kleine Loge traten. Sie bildete den höchsten Punkt des Stadions und lag genau in der Mitte zwischen den goldenen Torstangen. Etwa zwanzig rotgoldene Stühle waren hier in zwei Reihen aufgestellt, und Harry, der den Weasleys in die erste Reihe folgte, sah hinunter auf ein Schauspiel, wie er es noch nie erlebt hatte.

Hunderttausend Hexen und Zauberer nahmen ihre Plätze auf den Sitzen ein, die sich Reihe um Reihe entlang des ovalen Spielfelds emporrankten. Die Szene war in ein geheimnisvolles goldenes Licht getaucht, das aus dem Stadion selbst zu kommen schien. Von hoch oben, wo sie saßen, schien das Feld glatt und weich wie Samt. An den Enden des Feldes standen je drei Pfosten, auf denen in zwanzig Meter Höhe die Torringe angebracht waren; ihnen direkt gegenüber, fast auf Harrys Augenhöhe, befand sich eine gigantische schwarze Tafel. Goldene Schriftzeichen huschten über sie hinweg, als würde die Hand eines unsichtbaren Riesen darüber krakeln und die Schrift dann wieder abwischen; Harry sah eine Weile zu und stellte fest, daß die Tafel Werbesprüche über das Stadion blitzen ließ.

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Harry wandte sich mit Mühe von der Tafel ab, um nachzusehen, wer mit ihnen zusammen in der Loge saß. Noch war niemand da, nur ein winziges Geschöpf hockte auf dem zweitletzten Platz am Ende der hinteren Reihe. Das Wesen, mit so kurzen Beinen, daß sie steif aus dem Sitzpolster ragten, trug ein Geschirrtuch wie eine Toga um den Körper geschlungen und hatte das Gesicht in den Händen verborgen. Doch diese langen, fledermausähnlichen Ohren kamen ihm merkwürdig bekannt vor…

»Dobby?«, sagte Harry ungläubig.

Das kleine Wesen sah auf und spreizte die Finger, durch die hindurch Harry riesige braune Augen und eine Nase von genau der Form und der Größe einer Tomate erkennen konnte. Es war nicht Dobby – es war allerdings unverkennbar ein Hauself, wie Harrys Freund Dobby es gewesen war. Harry hatte Dobby aus den Händen seiner Besitzer, der Familie Malfoy, befreit.

»Haben Sie mich gerade Dobby genannt, Sir?«, piepste der Elf neugierig zwischen den Fingern hindurch. Seine Stimme war noch höher als die Dobbys, ein leises, zittriges Piepsen, und Harry vermutete – auch wenn es bei Hauselfen schwer zu sagen war -, daß er diesmal wohl eine Elfe vor sich hatte. Auch Ron und Hermine drehten sich jetzt neugierig um. Zwar hatten sie von Harry viel über Dobby gehört, doch gesehen hatten sie ihn noch nie. Selbst Mr Weasley wandte sich interessiert um.

»Verzeihung«, sagte Harry,»ich habe dich eben mit jemand verwechselt, den ich kenne.«

»Aber kennen tu ich Dobby auch, Sir!«, piepste die Elfe. Sie hielt die Hände vors Gesicht, als würde das Licht sie blenden, obwohl die Ehrenloge nur schwach erleuchtet war.»Mein Name ist Winky, Sir – und Sie, Sir -«ihre dunkelbraunen Augen verweilten auf Harrys Narbe und weiteten sich zur Größe von Platztellern -»Sie müssen Harry Potter sein!«

»Ja, der bin ich«, sagte Harry.

»Aber Dobby spricht immer und immer von Ihnen, Sir!«, sagte sie und ließ von Ehrfurcht ergriffen die Hände sinken.

»Wie geht es ihm?«, fragte Harry.»Wie bekommt ihm die Freiheit?«

»Aaah, Sir«, sagte Winky kopfschüttelnd,»aah, Sir, bei aller Wertschätzung, Sir, aber 's ist nicht sicher, ob Sie Dobby einen Gefallen getan haben, Sir, als Sie ihn befreit haben.«

»Warum?«, sagte Harry bestürzt.»Was fehlt ihm denn?«

»Die Freiheit steigt Dobby zu Kopf, Sir«, sagte Winky traurig.»Hat zu hohe Ansprüche, Sir. Findet keine Stelle, Sir.«

»Warum nicht?«, fragte Harry.

Winky senkte die Stimme um eine halbe Oktave und flüsterte:»Er will für seine Arbeit bezahlt werden, Sir.«

»Bezahlt?«, sagte Harry verdutzt.»Warum – warum sollte er nicht bezahlt werden?«

Winky schien diese Vorstellung geradezu Entsetzen einzujagen, und ihre Finger schlössen sich wieder, so daß ihr Gesicht nun halb verborgen war.

»Hauselfen werden nicht bezahlt, Sir!«, sagte sie mit ersticktem Piepsen.»Nein, nein, nein. Ich sag zu Dobby, sag ich, such dir 'ne nette Familie und bleib dort, Dobby. Will jetzt auf einmal das süße Leben genießen, Sir, und das bekommt einem Hauselfen nicht gut. Du treibst dich überall rum, Dobby, sag ich, und am Ende wirst du noch ins Amt zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe zitiert, wie ein dahergelaufener Kobold.«

»Nun, es wird allmählich Zeit, daß er ein wenig Spaß hat«, sagte Harry.

»Hauselfen sollten keinen Spaß haben, Harry Potter«,stieß Winky energisch hinter der Hand hervor.»Hauselfen tun, was man ihnen befiehlt. So weit oben mag ich gar nicht sitzen, Harry Potter -«, sie warf einen Blick zur Brüstung der Loge und würgte,»- aber mein Meister schickt mich zur Ehrenloge, und ich gehe, Sir.«

»Warum hat er dich hier hochgeschickt, wenn er weiß, daß dir die Höhe nicht bekommt?«, sagte Harry stirnrunzelnd.

»Meister – Meister will, daß ich ihm einen Platz besetze, Harry Potter, er hat so viel zu tun«, sagte Winky und nickte zu dem freien Platz neben sich.»Winky würde am liebsten wieder im Zelt vom Meister sein, Harry Potter, aber Winky tut, was man ihr befiehlt, Winky ist eine gute Hauselfe.«

Sie warf einen weiteren furchtsamen Blick zur Brüstung und verbarg dann erneut ihre Augen. Harry wandte sich den anderen zu.

»Das ist also eine Hauselfe?«, murmelte Ron.»Komische Kreaturen, oder?«

»Dobby war noch komischer«, sagte Harry trocken.

Ron zog sein Omniglas hervor und spähte hinunter in die Menge auf der anderen Seite des Stadions.

»Abgefahren!«, rief er und drehte am Wiederholungsknopf.»Ich kann diesen Opa da unten noch einmal in der Nase bohren lassen… und noch einmal… und noch einmal…«

Hermine blätterte unterdessen eifrig durch ihr samtgebundenes, mit Troddeln geschmücktes Programmheft.

»›Vor dem Spiel zeigen die Mannschaftsmaskottchen ihr Können‹«, las sie laut.

»Das lohnt sich immer«, sagte Mr Weasley.»Die Nationalmannschaften bringen nämlich Geschöpfe aus ihren Ländern mit, die vor dem Spiel eine kleine Show einlegen.«

Im Lauf der nächsten halben Stunde füllte sich die Logeallmählich. Mr Weasley war ständig damit beschäftigt, offenbar sehr wichtigen Zauberern die Hand zu schütteln. Auch Percy sprang jedes Mal auf, so daß es schien, als versuchte er, sich auf einen Igel zu setzen. Als Cornelius Fudge, der Zaubereiminister persönlich, hereintrat, verbeugte sich Percy so tief, daß seine Brille zu Boden fiel und zerbrach. Höchst verlegen reparierte er sie mit dem Zauberstab; danach blieb er sitzen und warf Harry, den Cornelius Fudge wie einen alten Freund begrüßte, neidische Blicke zu. Die beiden kannten sich, und Fudge schüttelte Harry väterlich die Hand, fragte, wie es ihm gehe, und stellte ihm die Zauberer in seiner Begleitung vor.

»Harry Potter, wissen Sie«, verkündete er lauthals dem bulgarischen Minister, der einen prächtigen goldbestickten Umhang aus schwarzem Samt trug und kein Wort Englisch zu verstehen schien.»Harry Potter… Oh, nun aber, Sie wissen doch, wer er ist… der Junge, der Du-weißt-schon-wen überlebte… gewiß kennen Sie ihn -«

Plötzlich bemerkte der bulgarische Zauberer Harrys Narbe und deutete unter lautem Geschnatter mit dem Finger auf sie.

»Wußte doch, wir schaffen es«, sagte Fudge entnervt zu Harry gewandt.»Ich bin kein großes Sprachgenie, für so etwas brauch ich Barty Crouch. Aah, seine Hauselfe besetzt ihm einen Platz… war auch nötig, diese bulgarischen Mistkerle haben versucht, sich die besten Plätze allesamt unter den Nagel zu reißen… ah, und hier kommt Lucius!«

Harry, Ron und Hermine wirbelten herum. Zu den drei noch freien Plätzen in der zweiten Reihe direkt hinter Mr Weasley drängten sich die alten Besitzer von Dobby, dem Hauselfen – Lucius Malfoy, sein Sohn Draco und eine Frau, die, wie Harry vermutete, Dracos Mutter sein mußte.

Harry und Draco Malfoy waren seit ihrer ersten Reise nach Hogwarts verfeindet. Draco, ein blasser Junge mit spitzem Gesicht und weißblondem Haar, hatte große Ähnlichkeit mit seinem Vater. Auch seine Mutter war blond; groß und schlank wie sie war, wäre sie hübsch gewesen, wenn sie nicht ein Gesicht gemacht hätte, als hätte sie einen üblen Geruch in der Nase.

»Ah, Fudge«, sagte Mr Malfoy und streckte dem Zaubereiminister die Hand entgegen.»Wie geht's? Ich glaube, meine Frau Narzissa kennen Sie noch nicht? Und unseren Sohn, Draco?«

»Angenehm, angenehm«, sagte Fudge lächelnd und verbeugte sich vor Mrs Malfoy.»Darf ich Ihnen Mr Oblansk vorstellen – Obalonsk – Mr – nun ja, er ist der bulgarische Zaubereiminister, und er versteht ohnehin kein Wort von dem, was ich sage, also egal. Und mal sehen, wer noch – Sie kennen Arthur Weasley, nehme ich an?«

Einen Moment lang herrschte äußerste Spannung. Mr Weasley und Malfoy musterten sich gegenseitig, und Harry stand noch lebhaft vor Augen, was passiert war, als sie sich das letzte Mal begegnet waren; es war in der Buchhandlung Flourish & Blotts gewesen, und die beiden hatten sich am Ende geprügelt. Mr Malfoys kalte graue Augen schweiften über Mr Weasley und dann die Sitzreihe entlang.

»Meine Güte, Arthur«, sagte er leise.»Was mußten Sie denn verkaufen, um Plätze in der Ehrenloge zu bekommen? Ihr Haus hätte sicher nicht genug gebracht?«

Fudge, der nicht zugehört hatte, sagte:»Lucius hat soeben eine sehr großzügige Spende für das St. -ungo-Hospital für Magische Krankheiten und Verletzungen gegeben, Arthur. Er ist mein Gast heute.«

»Wie – wie schön«, sagte Mr Weasley mit angespanntem Lächeln.

Mr Malfoys Augen waren zu Hermine zurückgekehrt, die leicht rosa anlief, doch seinem Blick entschlossen standhielt. Harry wußte genau, warum Mr Malfoy die Lippen schürzte. Die Malfoys brüsteten sich damit, Reinblüter zu sein; das hieß, sie hielten jeden, der von Muggeln abstammte, wie zum Beispiel Hermine, für zweitklassig. Unter den Augen des Zaubereiministers jedoch wagte Mr Malfoy es nicht, etwas zu sagen. Er nickte Mr Weasley herablassend zu und ging weiter die Reihe entlang zu seinem Platz. Draco warf Harry, Ron und Hermine einen verächtlichen Blick zu und ließ sich zwischen Mutter und Vater nieder.

»Schleimiges Pack«, murmelte Ron, und die drei Freunde wandten sich wieder dem Spielfeld zu. In diesem Augenblick platzte Ludo Bagman in die Loge.

»Alle bereit?«, rief er, und sein rundes Gesicht strahlte wie ein großer, erhitzter Edamer.»Minister – sind Sie bereit?«

»Von mir aus können Sie loslegen«, sagte Fudge gut gelaunt.

Ludo zückte seinen Zauberstab, richtete ihn gegen die eigene Kehle und sagte:»Sonorus!«Dann erhob er die Stimme über die Wolke aus Lärm, die das ausverkaufte Stadion erfüllte; seine Stimme hallte über dem Publikum wider und dröhnte in jede Ritze der Tribünen:»Meine Damen und Herren… willkommen! Willkommen zum Endspiel der vierhundertundzweiundzwanzigsten Quidditch-Weltmeis-terschaft!«

Die Zuschauer kreischten und klatschten. Tausende von Flaggen wehten, und die vielstimmig und falsch gesungenen Nationalhymnen steigerten den Trubel noch. Auf der riesigen Tafel gegenüber wurde der letzte Werbespruch gelöscht (Bertie Botts' Bohnen aller Geschmacksrichtungen – Russisch Roulette für Ihre Zunge!), und nun erschien in flammender Schrift: BULGARIEN: NULL, IRLAND: NULL.

»Und jetzt möchte ich Ihnen ohne weiteres Brimboriumunsere Gäste vorstellen… die bulgarischen Mannschaftsmaskottchen!«

Die rechte Kurve des Stadions, ein einziger scharlachroter Block, gab dröhnend und juchzend seine Freude kund.

»Was die wohl mitgebracht haben?«, sagte Mr Weasley und beugte sich über die Brüstung.»Aaah!«Auf einmal riß er sich die Brille von der Nase und putzte sie eilends an seinem Pullunder.»Veela!«

»Was sind Veel-?«

Hundert Veela glitten nun hinaus über das Spielfeld und beantworteten Harrys Frage. Veela waren Frauen… die schönsten Frauen, die Harry je gesehen hatte… nur daß sie nicht – das war unmöglich… wirkliche Menschen sein konnten. Harry versuchte einen Moment lang mit wirrem Kopf zu enträtseln, was sie denn sonst sein konnten; was konnte ihre Haut so mondhell schimmern lassen, was konnte ihr weißgoldenes Haar so wehen lassen, wo es doch windstill war… doch dann setzte die Musik ein und Harry war es gleich, ob sie menschlich waren oder nicht – in Wahrheit war ihm nun alles egal.

Die Veela hatten zu tanzen begonnen, und in Harrys Kopf, von allem Störenden leer gefegt, herrschte die reine Seligkeit. Das einzig Wichtige auf der Welt war, daß er unverwandt die Veela betrachtete, denn wenn sie aufhörten zu tanzen, würden schreckliche Dinge geschehen…

Und während die Veela immer schneller tanzten, begannen wilde, unausgegorene Gedanken durch Harrys benommenen Kopf zu jagen. Er wollte etwas sehr Beeindruckendes tun, und zwar auf der Stelle. Von der Loge aus ins Stadion springen schien ihm eine gute Idee… doch würde es genügen?

»Harry, was zum Teufel tust du da?«, hörte er Hermines Stimme von ganz, ganz fern.

Die Musik verstummte. Harry blinzelte. Er stand aufrecht, mit einem Bein auf der Brüstung der Loge. Neben ihm war Ron in einer Haltung erstarrt, als ob er gleich von einem Sprungbrett hüpfen wollte.

Wütende Rufe erfüllten das Stadion. Und Harry fand das richtig; natürlich war er für Bulgarien, und er fragte sich verschwommen, warum eine große grüne Rosette an seine Brust gepinnt war. Ron unterdessen zerpfriemelte geistesabwesend die Kleeblätter auf seinem Hut. Mr Weasley beugte sich mit einem milden Lächeln zu Ron hinüber und zog ihm den Hut aus den Händen.

»Den brauchst du sicher noch«, sagte er,»sobald Irland seinen Auftritt hat.«

»Huh?«, sagte Ron und starrte mit offenem Mund die Veela an, die sich nun an einer Seite des Spielfelds aufgestellt hatten.

Hermine ließ ein lautes»Tss, tss«hören. Sie hob den Arm und zog Harry zurück auf seinen Platz.»Also wirklich!«, sagte sie.

»Und nun«, dröhnte Ludo Bagmans Stimme erneut,»heben Sie bitte alle Ihre Zauberstäbe in die Luft… für die Maskottchen der irischen Nationalmannschaft!«

In diesem Augenblick schien ein großer grüngoldener Komet ins Stadion zu rauschen. Er drehte eine Runde und teilte sich dann in zwei kleinere Kometen, die jeweils auf eine Torseite des Spielfelds zusausten. Ein Regenbogen spannte sich plötzlich über das Spielfeld und verband die beiden Lichtkugeln. Die Menge rief»Oooh«und»Aaah«, wie bei einem Feuerwerk. Nun verblaßte der Regenbogen, die Lichtkugeln flogen aufeinander zu, verschmolzen und bildeten ein großes schimmerndes Kleeblatt, das in den Himmel stieg und über die Tribünen hinwegschwirrte. Eine Art goldener Regen schien sich daraus zu ergießen -

»Klasse!«, rief Ron, als das Kleeblatt über ihre Köpfe rauschte und schwere Goldmünzen auf sie herunterregnen ließ, die über Köpfe und Sitze kullerten. Harry spähte in die Höhe und erkannte, daß das Kleeblatt in Wahrheit aus Tausenden kleiner Männchen mit roten Schürzen bestand, von denen jedes eine winzige grün und rot leuchtende Laterne hielt.

»Leprechans – irische Kobolde!«, rief Mr Weasley durch den tosenden Beifall der Menge, in der viele noch immer hektisch unter ihren Sitzen und in den Gängen nach den Goldmünzen stöberten.

»Bitte sehr«, rief Ron glücklich und drückte Harry eine Faust voll Goldmünzen in die Hand.»Für das Omniglas! Jetzt mußt du mir doch ein Weihnachtsgeschenk kaufen, Harry!«

Das große Kleeblatt löste sich auf, die Leprechans schwebten hinunter auf das Feld und ließen sich mit gekreuzten Beinen gegenüber den Veela nieder, um sich das Spiel anzusehen.

»Und jetzt, meine Damen und Herren, ein herzliches Willkommen für – die bulgarische Quidditch-Nationalmannschaft! Ich sage nur – Dimitrow!«

Eine in Scharlachrot gekleidete Gestalt auf einem Besen, die so schnell flog, daß sie nur verschwommen zu sehen war, schoß aus einer Luke weit unten hinaus aufs Spielfeld, und wilder Applaus der bulgarischen Anhänger brandete auf.

»Iwanowa!«

Eine scharlachrot gewandete Spielerin sauste ins Stadion.

»Zograf! Lewski! Vulkanow! Volkow! Uuuuuund – Krum!«

»Das ist er, das ist er!«, rief Ron und folgte Krum mit seinem Omniglas; rasch stellte Harry sein eigenes Glas scharf.

Viktor Krum war schlank, dunkelhaarig und fahlgesichtig, hatte eine lange krumme Nase und dichte schwarze Augenbrauen. Er sah aus wie ein übergroßer Raubvogel. Es war kaum zu glauben, daß er erst achtzehn war.

»Und jetzt, begrüßen Sie bitte herzlich – die irische Quidditch-Nationalmannschaft!«, rief Bagman.»Ich stelle vor – Connolly! Ryan! Troy! Mullet! Moran! Quigley! Uuuuund – Lynch!«

Sieben nur verschwommen wahrzunehmende grüne Gestalten rasten auf das Spielfeld; Harry drehte einen kleinen Knopf an dem Omniglas und verlangsamte, was sich vor ihm abspielte, so daß er das Wort»Feuerblitz«auf dem Besen jedes Spielers erkennen konnte, die ihre Namenszüge in Silber auf den Rücken gestickt trugen.

»Und hier, aus dem fernen Ägypten, unser Schiedsrichter, der hoch angesehene Vorstandszauberer des Internationalen Quidditchverbandes, Hassan Mostafa!«

Ein kleiner, hagerer Zauberer, vollkommen kahlköpfig, doch mit einem Schnurrbart, der dem Onkel Vernons Konkurrenz gemacht hätte, in einem nichts als goldenen, zum Stadion passenden Umhang, schritt aufs Spielfeld hinaus. Eine silberne Pfeife ragte unter seinem Schnurrbart hervor und er trug eine große Holzkiste unter dem einen, seinen Besen unter dem anderen Arm. Harry drehte den Geschwindigkeitsknopf an seinem Glas zurück auf»normal«und sah gespannt zu, wie Mostafa seinen Besen bestieg und die Kiste mit dem Fuß aufklappte – vier Bälle schössen in die Luft: der scharlachrote Quaffel, die beiden schwarzen Klatscher und (Harry sah ihn nur einen kurzen Moment lang, denn er verschwand rasend schnell) den winzigen, geflügelten Goldenen Schnatz. Mit einem gellenden Pfiff rauschte Mostafa den Bällen nach in die Höhe.

»Looooooos geht's!«, schrie Bagman.»Mullet am Ball! Troy! Moran! Dimitrow! Wieder Mullet! Troy! Lewski! Moran!«

Es war ein Quidditch-Spiel, wie Harry es noch nie gesehen hatte. Er drückte das Omniglas so fest an die Augen, daß die Fassung in seine Nasenwurzel schnitt. Die Spieler waren unglaublich schnell – die Jäger warfen sich den Quaffel so rasch zu, daß Bagman nur Zeit blieb, ihre Namen zu nennen. Harry stellte den Knopf an der rechten Seite des Omniglases auf»langsam«und sah sofort alles in Zeitlupe. Purpurn glitzernde Buchstaben glitten nun über die Linsen, während das Toben der Menge gegen seine Trommelfelle pochte.

»Falkenkopf-Angriff«, las er, während die drei irischen Jäger dicht nebeneinander dahinschwebten. Troy in der Mitte, ein wenig vor Mullet und Moran, im Angriff auf die Bulgaren.»Porskoff-Täuschung«flammte als Nächstes auf, als Troy so tat, als wolle er mit dem Quaffel in die Höhe schießen und damit die bulgarische Jägerin Iwanowa ablenken, dann jedoch den Quaffel auf Moran fallen ließ. Einer der bulgarischen Treiber, Volkow, hieb knallhart mit seinem kleinen Stock gegen einen vorbeifliegenden Klatscher und trieb ihn auf Morans Flugbahn. Moran duckte sich, um dem Klatscher auszuweichen, und ließ den Quaffel fallen; Lewski, der unter ihr herflog, fing ihn auf -

»Troy trifft!«, donnerte Bagman, und das Stadion erzitterte unter dem rasenden Applaus und den Jubelschreien.»Zehn zu null für Irland!«

»Was?«, rief Harry und sah mit seinem Omniglas verwirrt umher.»Aber Lewski hat doch den Quaffel!«

»Harry, wenn du nicht in normaler Geschwindigkeit zuschaust, kriegst du nichts mit!«, rief Hermine, die mit schlackernden Armen umhertanzte, während Troy eine Ehrenrunde um das Stadion drehte. Rasch blickte Harry über den Rand seines Omniglases und sah, daß die Leprechans, die am Spielfeldrand gesessen hatten, alle aufgesprungen waren und jetzt erneut das große, glitzernde Kleeblatt bildeten. Von der anderen Seite des Feldes her sahen ihnen die Veela schmollend zu.

Schon wurde weitergespielt, und Harry, der sich über sich selbst ärgerte, drehte den Geschwindigkeitsknopf auf»normal«zurück.

Harry wußte genug über Quidditch, um zu erkennen, daß die irischen Jäger erste Sahne waren. Das Team fügte sich nahtlos zusammen und angesichts ihres Stellungsspiels konnte man meinen, sie könnten gegenseitig ihre Gedanken lesen; die Rosette auf Harrys Brust piepste ständig ihre Namen:»Troy – Mullet – Moran! Innerhalb von zehn Minuten traf Irland noch zweimal und baute seine Führung auf dreißig zu null aus, was bei den grün gekleideten Fans eine wahre Springflut aus Jubelschreien und Händeklatschen auslöste.

Das Spiel wurde noch schneller, doch auch härter. Volkow und Vulkanow, die bulgarischen Treiber, schmetterten die Klatscher mit aller Kraft gegen die irischen Jäger und waren schon im Begriff, deren beste Züge zu vereiteln; zweimal waren sie gezwungen, sich zu zerstreuen, und dann gelang es Iwanowa schließlich, die irischen Reihen zu durchbrechen, dem Hüter Ryan auszuweichen und das erste Tor für Bulgarien zu schießen.

»Finger in die Ohren!«, bellte Mr Weasley, als die Veela ihren Freudentanz begannen. Harry drückte auch noch die Augen zu; er wollte einen klaren Kopf für das Spiel behalten. Nach ein paar Sekunden wagte er einen Blick auf das Spielfeld. Die Veela hatten aufgehört zu tanzen und Bulgarien war wieder im Besitz des Quaffels.

»Dimitrow! Lewski! Dimitrow! Iwanowa – oho, kann ich da nur sagen!«, donnerte Bagman.

Hunderttausend Zauberer und Hexen stöhnten auf, als die beiden Sucher Krum und Lynch von oben mitten durch die Reihe der Jäger stürzten, so schnell, daß es aussah, als wären sie ohne Fallschirme aus dem Flugzeug gesprungen. Harry folgte ihrem Sturzflug mit seinem Omniglas und versuchte den Schnatz zu erspähen -

»Die knallen noch auf die Erde!«, kreischte Hermine neben Harry.

Sie hatte beinahe Recht – in der allerletzten Sekunde zog sich Viktor Krum aus dem Sturzflug und schwirrte spiralförmig in die Höhe. Lynch jedoch krachte mit einem dumpfen Aufschlag, der im ganzen Stadion zu hören war, auf das Feld. Ein markerschütterndes Stöhnen stieg aus den irischen Reihen auf.

»Idiot!«, ächzte Mr Weasley.»Krum hat geblufft!«

»Auszeit!«, rief Bagman.»Die Medimagier laufen aufs Spielfeld, um Aidan Lynch zu verarzten!«

»Er ist schon okay, ist nur reingerasselt!«, sagte Charlie beruhigend zu Ginny, die mit schreckensstarrem Blick über der Brüstung hing.»Genau das, was Krum wollte, natürlich…«

Hastig drückte Harry die»Wiederholungs«- und die»Kommentar«-Taste an seinem Omniglas, drehte am Geschwindigkeitsknopf und hielt sich das Glas wieder vor die Augen.

Er sah noch einmal in Zeitlupe Krum und Lynch im Sturzflug.»Wronski-Bluff – gefährliche Falle für den Sucher«, sagte die leuchtende Purpurschrift auf der Linse. Er sah Krums in höchster Konzentration verzerrtes Gesicht, als er sich im letzten Moment aus dem Sturzflug herauszog, während Lynch die Platte machte, und er begriff – Krum hatte den Schnatz überhaupt nicht gesehen, er wollte nur, daß Lynch ihm auf den Leim ging. So hatte Harry noch nie jemanden fliegen sehen; fast schien es, als benutzte Krumgar keinen Besen; er bewegte sich so behände durch die Luft, als ob er nichts zum Fliegen brauchte und schwerelos wäre. Harry stellte sein Omniglas wieder auf»normal«und die Schärfe auf Krum ein. Hoch über Lynch, den die Medimagier gerade mit einem Becher Zaubertrank aufpäppelten, drehte er seine Kreise. Harry beobachtete Krums Gesicht noch genauer und konnte sehen, wie seine dunklen Augen über den Boden in dreißig Meter Tiefe huschten. Er nutzte die Zeit, bis Lynch wieder auf dem Besen war, um in aller Ruhe nach dem Schnatz zu suchen.

Endlich kam Lynch unter lauten Jubelschreien der grün gekleideten Anhänger wieder auf die Beine, bestieg seinen Feuerblitz und stieß sich vom Boden ab. Seine Auferstehung schien Irland frischen Mut zu geben. Als Mostafa seine Pfeife trillern ließ, legten die Jäger los, mit einer Gewandtheit, die alles in den Schatten stellte, was Harry je gesehen hatte.

Nach fünfzehn Minuten schnellen und furiosen Spiels war Irland mit zehn weiteren Toren davongezogen. Die Iren führten jetzt mit hundertdreißig zu zehn Punkten und das Spiel wurde allmählich härter.

Als Mullet wieder einmal in Richtung Tor schoß, den Quaffel fest unter den Arm geklemmt, flog der bulgarische Hüter Zograf hinaus, um sie abzublocken. Was immer auch geschah, es war so rasch vorbei, daß Harry nichts mitbekam, doch ein Wutschrei von den irischen Zuschauern und Mostafas langer, schriller Pfiff machten ihm klar, daß ein Foul passiert war.

»Und Mostafa knüpft sich den bulgarischen Hüter vor wegen Schrammens – übermäßiger Einsatz der Ellbogen!«, teilte Bagman dem aufgeheizten Publikum mit.»Und ja – es gibt einen Freiwurf für Irland!«

Die Leprechans, die wie ein Schwärm glitzernder Hornissen wütend in die Luft gestiegen waren, als Mullet gefoult wurde, flitzten zusammen und bildeten die Wörter:»HA HA HA!«Die Veela auf der anderen Seite des Feldes sprangen hoch, warfen zornig das Haar in den Nacken und begannen wieder zu tanzen.

Wie auf Zuruf steckten sich die Weasley-Jungen und Harry sofort die Finger in die Ohren, doch Hermine, der die Veela schnuppe waren, zupfte einen Augenblick später an Harrys Ärmel. Er wandte sich um und sie zog ihm ungeduldig die Finger aus den Ohren.

»Sieh dir mal den Schiedsrichter an!«, sagte sie kichernd.

Harry sah hinunter aufs Feld. Hassan Mostafa war direkt vor den tanzenden Veela gelandet und gebärdete sich tatsächlich sehr merkwürdig. Erregt ließ er seine Muskeln spielen und strich sich über den Schnurrbart.

»Nun aber, so geht das nicht!«, sagte Ludo Bagman, klang dabei jedoch höchst belustigt.»Jemand muß den Schiedsrichter ohrfeigen, bitte!«

Ein Medimagier, der selbst die Finger in den Ohren hatte, kam über das Feld gerannt und kickte Mostafa scharf gegen das Schienbein. Mostafa schien wieder zu sich zu kommen; Harry, das Omniglas auf der Nase, erkannte, daß er äußerst verlegen dreinsah und die Veela anschrie, die aufgehört hatten zu tanzen und rebellisch gestikulierten.

»Und wenn ich mich nicht sehr irre, versucht Mostafa tatsächlich, die bulgarischen Mannschaftsmaskottchen vom Platz zu schicken!«, ertönte Bagmans Stimme.»Nun, so etwas haben wir noch nie gesehen… oh, das könnte ganz böse enden…«

In der Tat: die bulgarischen Treiber Volkow und Vulkanow landeten zu beiden Seiten Mostafas und begannen erzürnt mit ihm zu streiten; sie gestikulierten in Richtung der Leprechans, die inzwischen die Wörter»HEE HEE HEE«bildeten. Mostafa jedoch ließ sich von den Argumenten der Bulgaren nicht beeindrucken; er stieß mit dem Finger in die Luft, eine deutliche Anweisung für die Bulgaren, sich wieder davonzumachen, und als sie sich weigerten, ließ er zwei kurze gellende Pfiffe ertönen.

»Zwei Freiwürfe für Irland!«, rief Bagman, und die bulgarischen Zuschauer heulten vor Wut.»Und Volkow und Vulkanow sollten jetzt lieber wieder ihre Besen besteigen… ja… da fliegen sie wieder… und Troy holt den Quaffel…«

Im Stadion brodelte es jetzt und die Spieler kämpften so erbittert, wie sie es noch nie erlebt hatten. Die Treiber auf beiden Seiten ließen keine Gnade walten: vor allem Volkow und Vulkanow schwangen so heftig ihre Stöcke, als wäre es ihnen gleich, ob Mensch oder Klatscher getroffen wurde. Dimitrow schoß direkt auf Moran zu, die den Quaffel hatte, und schlug sie fast von ihrem Besen.

»Foul!«, röhrten die irischen Fans mit einer Stimme und erhoben sich zu einer riesigen grünen Welle.

»Foul!«, echote Ludo Bagmans magisch kraftvoll verstärkte Stimme.»Dimitrow häutet Moran – stößt absichtlich mit ihr zusammen – und das gibt einen weiteren Freiwurf – ja, da kommt der Pfiff!«

Die Leprechans waren erneut in die Höhe geschossen und diesmal bildeten sie eine riesige Hand, die eine sehr wüste Geste zu den Veela hin machte. Bei diesem Anblick verloren die Veela die Beherrschung. Sie stürzten über das Feld und bewarfen die Leprechans mit, wie es schien, Händen voll Feuer. Harry, der das ganze Geschehen durch sein Omniglas beobachtete, stellte fest, daß die Veela nun überhaupt nicht mehr schön aussahen. Im Gegenteil, ihre Gesichter waren in die Länge gezogen zu scharfen Vogelköpfen mit grausamen Schnäbeln, und nun brachen auch noch lange, schuppige Flügel aus ihren Schultern hervor.

»Und deshalb, Jungs«, rief Mr Weasley durch den aufbrausenden Lärm der Menge,»solltet ihr nie allein nach Schönheit gehen!«

Ministeriumszauberer strömten nun auf das Feld, um die Veela und die Leprechans zu trennen, doch mit wenig Erfolg; unterdessen war die offene Schlacht auf dem Feld nichts gegen das, was in der Luft vor sich ging. Harry, das Omniglas an die Augen gepreßt, konnte dem Geschehen kaum folgen, denn der Quaffel wechselte den Besitzer mit der Geschwindigkeit einer Gewehrkugel -

»Lewski – Dimitrow – Moran – Troy – Mullet – Iwa-nowa – wieder Moran – Moran – Moran macht ihn rein!«

Doch der Jubel der irischen Fans ging fast unter in den Schreien der Veela, den Explosionen aus den Zauberstäben der Ministeriumsmagier und den wütenden Rufen der Bulgaren. Das Spiel ging sofort weiter; Lewski hatte jetzt den Quaffel, dann Dimitrow -

Der irische Treiber Quigley hieb mit aller Kraft gegen einen vorbeifliegenden Klatscher, und Kram, der sich nicht rechtzeitig geduckt hatte, wurde mit voller Wucht ins Gesicht getroffen.

Ein ohrenbetäubendes Stöhnen stieg von der Menge unten herauf; Krums Nase schien platt, überall war Blut, doch Hassan Mostafa pfiff nicht. Er war gerade abgelenkt, und Harry konnte ihm deshalb keinen Vorwurf machen; eine Veela hatte ihm einen Feuerball entgegengeschleudert und seinen Besenschweif in Flammen gesetzt.

Jemand muß doch sehen, daß Krum verletzt ist, dachte Harry; eigentlich war er für Irland, doch Krum war der aufregendste Spieler auf dem Feld. Ron ging es offenbar genauso.

»Auszeit! Nun macht schon, er kann doch nicht spielen, so wie er aussieht -«

»Schau dir Lynch an!«, rief Harry.

Der irische Sucher war plötzlich in den Sturzflug gegangen, und Harry war sich ziemlich sicher, daß dies kein Wronski-Bluff war, hier ging es um den Sieg…

»Er hat den Schnatz gesehen!«, rief Harry.»Er hat ihn gesehen! Sieh mal, wie er loslegt!«

Die Hälfte des Publikums schien erkannt zu haben, was geschah; die irischen Anhänger erhoben sich in einer einzigen großen grünen Woge und feuerten ihren Sucher an… doch Krum war ihm auf den Fersen. Wie er sehen konnte, wo er hinflog, war Harry schleierhaft; hinter ihm spritzte Blut durch die Luft, doch jetzt holte er Lynch ein, und wieder stürzten sich die beiden in die Tiefe -

»Die krachen noch aufs Feld!«, kreischte Hermine.

»Tun sie nicht!«, polterte Ron.

»Lynch schon!«, rief Harry.

Und er hatte Recht – zum zweiten Mal schlug Lynch mit enormer Wucht auf die Erde und sofort trampelte eine Meute wütender Veela über ihn hinweg.

»Der Schnatz, wo ist der Schnatz?«, brüllte ein paar Plätze weiter Charlie.

»Er hat ihn – Krum hat ihn – das Spiel ist aus!«, rief Harry.

Krum, dessen roter Umhang vor Blut glänzte, stieg elegant in die Höhe, mit ausgestreckter Faust, in der es golden schimmerte.

Die Anzeigetafel ließ BULGARIEN: EINHUNDERT-SECHZIG; IRLAND: EINHUNDERTSIEBZIG in die Menge leuchten, die offenbar noch nicht begriffen hatte, was geschehen war. Dann, ganz allmählich, als würde ein Jumbojet zum Start anlaufen, begannen die irischen Fans immer lauter zu poltern und die Spannung löste sich in Freudenschreien auf.

»Irland gewinnt!«, rief Bagman, der offenbar wie die Irenvom plötzlichen Ende des Spiels überrascht worden war.»Krum holt den Schnatz – aber Irland gewinnt – mein Gott, ich glaube, keiner von uns hätte das erwartet!«

»Warum zum Teufel hat er den Schnatz gefangen?«, brüllte Ron, der vor Freude in die Luft sprang und mit den Händen über dem Kopf Beifall klatschte.»Dieser Idiot hat das Spiel beendet, als Irland hundertsechzig Punkte Vorsprung hatte!«

»Er wußte, daß sie nie aufholen würden«, rief ihm Harry, ebenfalls laut klatschend, durch den Lärm hindurch zu.»Die irischen Jäger waren einfach zu gut… er wollte das Spiel beenden, wie es ihm paßte, das ist alles…«

»Er war sehr tapfer, nicht wahr?«, sagte Hermine und beugte sich über die Brüstung, um Krum landen zu sehen. Ein Schwärm von Medimagiern blies die immer noch ineinander verbissenen Leprechans und Veela beiseite und bahnte sich einen Weg zu Krum.»Er sieht fürchterlich zermatscht aus…«

Harry hob erneut das Omniglas an die Augen. Es war schwer auszumachen, was dort unten geschah, weil die Leprechans ganz verrückt über das ganze Spielfeld sausten, doch eben noch konnte er Krum zwischen den Medimagiern erkennen. Verdrießlicher denn je wollte er es partout nicht zulassen, daß sie ihn flickten. Seine Mannschaftskameraden standen kopfschüttelnd und niedergeschlagen um ihn herum; nicht weit davon entfernt tanzten die irischen Spieler schadenfroh unter einem Regen aus Gold, den ihre Maskottchen niedergehen ließen. Flaggen wehten im ganzen Stadion, aus allen Himmelsrichtungen dudelte die irische Nationalhymne; die Veela schrumpften jetzt wieder zu ihrer üblichen, schönen Gestalt, doch sahen sie nun bedrückt und elend aus.

»Jaha, wir habe mutige gekämpft«, sagte eine traurige Stimme hinter Harry. Er drehte sich um; es war der bulgarische Zaubereiminister.

»Sie sprechen ja Englisch!«, sagte Fudge empört.»Und ich hab den ganzen Tag lang den Kasper für Sie gemacht!«

»Jaha, es wäre jedefalls serr lustik«, sagte der bulgarische Minister achselzuckend.

»Und während die irischen Spieler, begleitet von ihren Maskottchen, eine Ehrenrunde drehen, wird der Quidditch-Weltmeisterschaftspokal in die Ehrenloge gebracht«, donnerte Bagman.

Harry wurde jäh von einem gleißend weißen Licht geblendet; die Ehrenloge lag in magischer Helle da, so daß unten auf den Tribünen alle sehen konnten, was geschah. Er blinzelte zum Eingang hin und sah zwei keuchende Zauberer einen riesigen goldenen Pokal in die Loge tragen und ihn Cornelius Fudge aushändigen. Fudge schien immer noch sauer, weil er den ganzen Tag sinnloserweise die Zeichensprache verwendet hatte.

»Bitte einen ganz herzlichen Beifall für die edlen Verlierer – Bulgarien!«, rief Bagman.

Und die Treppe hoch in die Loge kamen die sieben geschlagenen bulgarischen Spieler. Die Menge klatschte anerkennend Beifall; Harry sah Tausende von Omnigläsern zur Loge herüberblitzen und -blinken.

Einer nach dem anderen gingen die Bulgaren durch die Sitzreihen, und Bagman rief laut den Namen eines jeden Spielers, während sie ihrem Minister und dann Fudge die Hand schüttelten. Krum, der Letzte in der Schlange, sah völlig geplättet aus. Zwei Veilchen blühten prächtig auf seinem blutunterlaufenen Gesicht. Immer noch hielt er den Schnatz in der Hand. Harry fiel auf, daß er sich auf festem Grund weit unsicherer bewegte als in der Luft. Er watschelte ein wenig und ließ unverkennbar die Schultern hängen. Doch als Krums Name ausgerufen wurde, schenkte ihm das ganze Stadion ein tosendes, ohrenzerfetzendes Brüllen.

Und dann kam das irische Team. Moran und Connolly stützten Aidan Lynch; seit dem zweiten Sturz schien er ein wenig weggetreten und die Augen sahen merkwürdigerweise in verschiedene Richtungen. Doch grinste er glücklich, als Troy und Quigley den Pokal in die Höhe hoben und die Menge unten donnernd ihre Anerkennung kundtat. Harrys Hände waren vom vielen Klatschen schon taub.

Endlich, als das irische Team die Loge verlassen hatte und eine weitere Besenrunde durch das Stadion drehte (Aidan Lynch machte den Sozius bei Connolly, die Arme fest um dessen Bauch geschlungen und immer noch leicht verwirrt grinsend) – nun endlich richtete Bagman den Zauberstab auf seine Kehle und murmelte:»Quietus.«

»Darüber wird man noch in vielen Jahren reden«, sagte er heiser,»eine wirklich unerwartete Wendung war das… schade, daß es nicht länger gedauert hat… ah ja… ja, ich schulde euch… wie viel?«

Fred und George waren soeben über die Rückenlehnen ihrer Sitze gestolpert und standen nun breit grinsend und mit ausgestreckten Händen vor Ludo Bagman.

Das Dunkle Mal

»Sagt bloß kein Wort zu eurer Mutter, daß ihr euer ganzes Geld verwettet habt«, schärfte Mr Weasley Fred und George ein, während sie langsam die mit purpurrot bespannte Treppe hinabstiegen.

»Mach dir keine Sorgen, Dad«, sagte Fred mit hinterlistigem Grinsen,»wir haben mit dem Geld was Großes vor und wollen nicht, daß es beschlagnahmt wird.«

Mr Weasley schien einen Augenblick lang nach diesen großen Plänen fragen zu wollen, nach kurzer Überlegung jedoch zu beschließen, es lieber nicht so genau wissen zu wollen.

Bald schwammen sie mit in den Scharen von Hexen und Zauberern, die aus dem Stadion hinausquollen, zurück zu den Zeltplätzen. Sie gingen den laternenbeschienenen Weg entlang, den sie gekommen waren; mit der nächtlichen Brise waberten heisere Gesänge an ihre Ohren, und immer wieder schwirrten irische Kobolde giggelnd und Laternen schwingend über ihre Köpfe hinweg. Als sie endlich zu ihren Zelten gelangten, hatte niemand Lust schlafen zu gehen, und da um sie herum ohnehin noch lautes Treiben herrschte, erlaubte ihnen Mr Weasley vor dem Schlafengehen noch eine letzte Tasse Kakao. Es dauerte nicht lange, und sie stritten sich ausgelassen über das Spiel; Mr Weasley und Charlie gerieten sich wegen der Rempelei in die Haare, und erst als Ginny an dem kleinen Tisch plötzlich wegnickte und die heiße Schokolade über den Boden verschüttete, gebot Mr Weasley den wortgewaltigen Spieldiskussionen Einhalt und schickte alle zu Bett. Hermine und Ginny gingen ins Zelt nebenan und Harry und die übrigen Weasleys schlüpften in ihre Pyjamas und kletterten in die Schlafkojen. Von der anderen Seite des Zeltplatzes wehte immer noch Gesang herüber und gelegentlich war ein laut in der Nacht widerhallender Knall zu hören.

»Meine Güte, bin ich froh, daß ich nicht im Dienst bin«, murmelte Mr Weasley schläfrig.»Ich kann mir was Schöneres vorstellen als dort rüberzugehen und den Iren zu sagen, sie sollen aufhören zu feiern.«

Harry, der in der Koje über Ron lag, starrte die Zeltdecke an, durch die hin und wieder die Laterne eines vorbeifliegenden Kobolds schimmerte. Noch einmal führte er sich Krums tollste Spielzüge vor Augen. Es juckte ihn, auf seinen eigenen Feuerblitz zu steigen und den Wronski-Bluff selbst auszuprobieren… irgendwie hatte es Oliver Wood mit all seinen kurvenreichen Schaubildern nie richtig geschafft zu zeigen, wie dieser Zug aussehen mußte… Harry sah sich selbst in einen Umhang gehüllt, der seinen Namen auf dem Rücken trug, und stellte sich das Gefühl vor, eine hunderttausendköpfige Menge brüllen zu hören, während Ludo Bagmans Stimme durch das Stadion hallte:»Und hier kommt… Potter!«

Harry konnte später nicht sagen, ob er eingenickt war oder nicht – seine lebhaften Vorstellungen, wie Krum fliegen zu können, mochten durchaus zu ausgewachsenen Träumen geworden sein -, er wußte nur, daß er plötzlich Mr Weasley rufen hörte.

»Steht auf! Ron – Harry – schnell, steht auf, das ist kein Scherz!«

Harry setzte sich rasch auf und stieß mit dem Kopf gegen die Zeltdecke.

»Was'n los?«, sagte er.

Er ahnte dunkel, daß etwas nicht stimmte. Die Geräusche im Zeltlager hatten sich verändert. Die Gesänge waren verstummt. Er konnte Schreie hören und hastiges Fußgetrappel.

Er rutschte aus seiner Koje, griff nach seinen Kleidern, doch Mr Weasley, der eine Jeans über den Pyjama gezogen hatte, hielt ihn auf:»Keine Zeit, Harry – wirf nur rasch eine Jacke über und geh raus – schnell!«

Harry tat wie ihm geheißen und krabbelte dicht gefolgt von Ron aus dem Zelt.

Im Licht der noch brennenden Feuer sah er Leute in den Wald rennen, offenbar auf der Flucht vor etwas, das über das Feld auf sie zukam, etwas, das merkwürdige Lichtblitze schleuderte und lärmte wie Gewehrfeuer. Lautes Gejohle, dröhnendes Lachen und die Schreie von Betrunkenen wehten zu ihnen her; dann flammte jäh ein starkes grünes Licht auf und erhellte das Geschehen.

Eine Gruppe von Zauberern, dicht aneinander gedrängt und mit zum Himmel gereckten Zauberstäben, marschierte im Gleichschritt langsam über das Feld. Harry spähte zu ihnen hinüber… sie schienen keine Gesichter zu haben… dann erkannte er, daß sie Kapuzen über die Köpfe gezogen und ihre Gesichter maskiert hatten. Hoch über ihnen, mitten in der Luft schwebend, sah er vier verzweifelt strampelnde, grotesk verzerrte Gestalten. Es kam ihm vor, als wären die maskierten Zauberer auf dem Feld Puppenspieler und die Menschen über ihnen Marionetten an unsichtbaren Fäden, die von den Zauberstäben aus in die Höhe stiegen. Zwei der Gestalten waren sehr klein.

Andere Zauberer schlössen sich der marschierenden Gruppe an, johlend und mit den Zauberstäben nach oben zu den schwebenden Körpern deutend. Die Menge schwoll an, Zelte auf dem Weg wurden umgerissen und niedergetrampelt. Hin und wieder beobachtete Harry, wie einer der Marschierer mit dem Zauberstab ein Zelt aus dem Weg blies. Einige fingen Feuer. Das Schreien wurde lauter.

Flammen, die aus einem Zelt schlugen, beleuchteten plötzlich die in der Höhe schwebenden Menschen, und Harry erkannte einen von ihnen – es war Mr Roberts, der Aufseher des Zeltlagers. Die anderen drei sahen aus, als könnten sie seine Frau und seine Kinder sein. Einer der Vermummten ließ Mrs Roberts kopfüber kippen; ihr Nachthemd rutschte herunter und enthüllte ihre bauschigen Schlüpfer; unter dem höhnischen Kreischen und Johlen der Menge am Boden versuchte sie verzweifelt, ihre Blöße zu bedecken.

»Das ist widerlich«, murmelte Ron und beobachtete, wie das kleinste Muggelkind zwanzig Meter über der Erde wie ein Kreisel zu wirbeln begann, das Köpfchen wehrlos von der einen auf die andere Schulter schlagend.»Das ist wirklich widerlich…«

Hermine und Ginny, die sich hastig Mäntel über ihre Nachthemden zogen, kamen auf sie zugerannt, dicht gefolgt von Mr Weasley. In diesem Moment kamen Bill, Charlie und Percy aus dem Jungenzelt, angezogen, mit hochgerollten Ärmeln und gezückten Zauberstäben.

»Wir helfen den Ministeriumsleuten«, rief Mr Weasley durch den Lärm und rollte nun ebenfalls die Ärmel hoch.»Und ihr – verschwindet in den Wald und bleibt zusammen.«

Schon liefen Bill, Charlie und Percy den näher kommenden Marschierern entgegen; Mr Weasley eilte ihnen nach. Aus allen Himmelsrichtungen rannten die Zauberer des Ministeriums auf die Quelle des Aufruhrs zu. Immer näher kam der Haufen, über dem die Familie Roberts in der Luft schwebte.

»Schnell«, sagte Fred, packte Ginny am Arm und zog sie zum Wald. Harry, Ron, Hermine und George folgten ihnen. Als sie unter den Bäumen angelangt waren, blickten sie zurück. Die Schar unter der Familie Roberts war weiter angeschwollen; sie konnten erkennen, wie die Ministeriumszauberer zu den Vermummten vorzudringen versuchten, doch offenbar hatten sie größte Schwierigkeiten. Es schien, als fürchteten sie, ein Zauberspruch aus der Menge würde die Roberts-Familie zu Boden stürzen lassen.

Die bunten Laternen am Weg zum Stadion waren erloschen. Dunkle Gestalten trieben sich zwischen den Bäumen herum; Kinder weinten; angsterfüllte Rufe und panische Schreie waberten durch die kalte Nachtluft. Harry spürte, wie er von Leuten, deren Gesichter er nicht sehen konnte, herumgeschubst wurde. Dann schrie Ron vor Schmerz auf.

»Was ist passiert?«, sagte Hermine erschrocken und blieb so plötzlich stehen, daß Harry gegen sie prallte.»Ron, wo bist du? Oh, ist das bescheuert – Lumos!«

Sie ließ ihren Zauberstab aufleuchten und richtete den dünnen Lichtstrahl auf den Weg. Ron lag, alle viere von sich gestreckt, auf dem Boden.

»Bin über eine Baumwurzel gestolpert«, sagte er wütend und rappelte sich auf.

»Mit solchen Riesenfüßen ist das auch kein Wunder«, sagte eine schnarrende Stimme hinter ihnen.

Harry, Ron und Hermine wirbelten herum. Draco Malfoy stand ein wenig entfernt von ihnen an einen Baum gelehnt, allein und in vollkommen entspannter Haltung. Offenbar hatte er das Geschehen auf dem Zeltplatz mit verschränkten Armen durch eine Lücke in den Bäumen hindurch beobachtet.

Ron schleuderte Malfoy etwas entgegen, das er, wie Harry wußte, vor Mrs Weasley nie zu sagen gewagt hätte.

»Zügle dein Mundwerk, Weasley«, sagte Malfoy mit einem Glitzern in den fahlen Augen.»Solltet ihr jetzt nicht besser verschwinden? Ihr wollt doch nicht, daß man die hier sieht, oder?«

Er nickte zu Hermine hinüber, und in diesem Moment hörten sie vom Zeltplatz her einen Knall wie von einer Bombe, und für einen Augenblick erhellte ein grüner Lichtblitz die Bäume um sie her.

»Was soll das denn heißen«, sagte Hermine herausfordernd.

»Die sind hinter Muggeln her, Granger«, sagte Malfoy.»Willst du vielleicht mitten in der Luft dein Höschen vorzeigen… sie kommen in diese Richtung, und das wär doch für uns alle ein Riesenspaß.«

»Hermine ist eine Hexe«, knurrte Harry.

»Wie du meinst, Potter«, sagte Malfoy heimtückisch grinsend.»Wenn du glaubst, die könnten eine Schlammblüterin nicht erkennen, dann bleibt, wo ihr seid.«

»Paß auf, was du sagst!«, rief Ron. Alle Beteiligten wußten, daß»Schlammblüter«ein sehr verletzender Ausdruck für eine Hexe oder einen Zauberer mit Muggeleltern war.

»Laß ihn reden, Ron«, warf Hermine ein und packte Ron, der einen Schritt auf Malfoy zutrat, beschwichtigend am Arm.

Von jenseits der Bäume hörten sie einen Knall, der lauter war als alles Bisherige. Einige im Umkreis schrien auf.

Malfoy kicherte leise.»Ihr kriegt es leicht mit der Angst zu tun, oder? Bestimmt hat Daddy gesagt, ihr sollt euch alle verstecken? Was hat er vor – will er die Muggel retten?«

»Wo sind deine Eltern?«, sagte Harry nun schon zorniger.»Dort drüben, nicht wahr, und zwar maskiert?«

Immer noch lächelnd wandte Malfoy das Gesicht Harry zu.»Nun, selbst wenn es so wäre, Potter, würde ich es doch nicht ausgerechnet dir erzählen?«

»Ach, laßt ihn«, sagte Hermine mit einem ekelerfüllten Blick auf Malfoy,»gehen wir lieber die anderen suchen.«

»Und versteck besser deinen großen buschigen Kopf, Granger«, höhnte Malfoy.

»Laßt ihn doch«, wiederholte Hermine und zerrte Harry und Ron auf den Weg zurück.

»Ich wette mit euch, daß sein Dad einer von diesen maskierten Banditen ist«, sagte Ron empört.

»Mit ein wenig Glück wird das Ministerium ihn kriegen!«, sagte Hermine erhitzt.»Nein, ich faß es nicht, wo stecken denn die anderen?«

Auf dem Weg herrschte ein großes Gedränge. Menschen warfen nervöse Blicke zum Treiben auf dem Zeltplatz, doch von Fred, George und Ginny war weit und breit keine Spur.

Ein Stück weiter trafen sie auf einen Schwärm Teenager, die sich lautstark und aufgeregt über etwas stritten. Als sie Harry, Ron und Hermine sahen, wandte sich ein Mädchen mit dichtem Lockenhaar um und sagte schnell:»Oû est Madame Maxime? Nous l'avons perdue -«

»Ähm – was?«, sagte Ron.

»Oh…«, das Mädchen, das gesprochen hatte, kehrte ihm den Rücken zu, und als sie weitergingen, hörten sie deutlich, wie sie»Ogwarts«sagte.

»Beauxbatons«, murmelte Hermine.

»Wie bitte?«, sagte Harry.

»Das müssen Beauxbatons sein«, sagte Hermine.»Ihr wißt doch… Beauxbatons, Akademie für Zauberei… Ich hab davon im Handbuch der europäischen Magierausbildung gelesen.«

»Oh… ja… natürlich«, sagte Harry.

»Fred und George können nicht so weit gekommen sein«, sagte Ron, zückte den Zauberstab und ließ den Lichtstrahl neben dem Hermines den Pfad entlangwandern. Harry grub in der Jackentasche nach seinem Zauberstab – doch er fand nur das Omniglas.

»Aah, nein, so ein Mist… ich hab meinen Zauberstab verloren!«

»Machst du Witze?«

Ron und Hermine hoben ihre Zauberstäbe, um das spärliche Licht besser auf dem Boden zu verteilen; Harry suchte überall, wo er gestanden hatte, doch sein Zauberstab war nirgends zu sehen.

»Vielleicht hast du ihn im Zelt gelassen«, sagte Ron.

»Vielleicht ist er dir aus der Tasche gefallen, als wir gerannt sind?«, überlegte Hermine beklommen.

»Jaah«, sagte Harry,»vielleicht…«

Normalerweise trug er seinen Zauberstab immer bei sich, wenn er in der Zaubererwelt war, und nun, da er inmitten dieses brenzligen Geschehens ohne ihn dastand, fühlte er sich ziemlich schutzlos.

Ein Geraschel ließ sie alle zusammenzucken. Winky, die Hauselfe, strampelte mühsam aus einem dichten Buschgeflecht am Wegrand hervor. Sie bewegte sich äußerst merkwürdig, offenbar fiel es ihr sehr schwer zu gehen; es war, als ob etwas Unsichtbares sie festhalten würde.

»Böse Zauberer sind überall!«, piepste sie verwirrt, während sie sich nach vorn beugte und mit aller Kraft zu laufen versuchte.»Leute oben – hoch oben in der Luft! Winky macht sich besser aus dem Staub!«

Und sie verschwand zwischen den Bäumen auf der anderen Seite des Weges, keuchend und piepsend gegen die Kraft ankämpfend, die sie zurückhielt.

»Was ist denn mit der los?«, sagte Ron und sah Winky neugierig nach.»Warum kann sie nicht richtig laufen?«

»Wahrscheinlich hat sie nicht gefragt, ob sie sich verstecken darf«, sagte Harry. Er dachte an Dobby: Jedes Mal, wenn er versucht hatte etwas zu tun, was die Malfoys nicht mochten, spürte er den unwiderstehlichen Drang, sich selbst zu verprügeln.

»Ihr wißt ja, mit den Hauselfen springen sie ganz übel um!«, sagte Hermine entrüstet.»Das ist Sklaverei, nichts anderes! Dieser Mr Crouch hat sie gezwungen, auf die höchste Tribüne zu steigen, wo sie doch furchtbare Angst hatte, und er hat sie verhext, so daß sie nicht einmal wegrennen kann, wenn sie anfangen die Zelte niederzutrampeln! Warum unternimmt eigentlich niemand was dagegen?«

»Was willst du, die Elfen sind doch glücklich, oder etwa nicht?«, sagte Ron.»Du hast doch vorhin beim Spiel die gute alte Winky gehört… ›Hauselfen sollen keinen Spaß haben‹… herumkommandiert werden ist doch genau das, was sie mag…«

»Es sind solche Leute wie du, Ron«, platzte Hermine aufgebracht los,»die morsche und ungerechte Ordnungen auch noch stützen, nur weil ihr zu lasch seid, um…«

Wieder knallte es laut vom Waldrand her.

»Laßt uns lieber weitergehen!«, sagte Ron, und Harry bemerkte, wie er Hermine einen nervösen Blick zuwarf. Vielleicht war etwas dran an dem, was Malfoy gesagt hatte; vielleicht war Hermine tatsächlich in größerer Gefahr als er und Ron. Während Harry immer noch seine Taschen durchwühlte, obwohl er wußte, daß sein Zauberstab nicht da war, machten sie sich wieder auf die Beine.

Immer tiefer in den Wald hinein folgten sie dem dunklen Weg, ständig auf der Ausschau nach Fred, George und Ginny. Sie kamen an einer Gruppe Leprechans vorbei, die kichernd einen Sack Gold begutachteten, den sie zweifellos bei einer Wette gewonnen hatten, und die von dem Aufruhr auf dem Zeltplatz völlig unberührt schienen. Noch ein Stück weiter sahen sie einen Fleck silbrigen Lichts, und als sie durch die Bäume spähten, sahen sie drei große, schöne Veela auf einer Lichtung stehen, umringt von einer laut schnatternden Schar Zauberer.

»Ich mach ungefähr hundert Sack Galleonen im Jahr«, rief einer von ihnen.»Ich bin ein Drachentöter beim Kommando für die Beseitigung Gefährlicher Geschöpfe.«

»Nein, red keinen Stuß«, rief sein Freund,»du bist Tellerwäscher im Tropfenden Kessel… aber ich bin ein Vampirjäger, ich hab schon an die neunzig Stück erlegt -«

Ein dritter junger Zauberer, dessen Pickel selbst in dem schwachen, silbrigen Licht der Veela zu erkennen waren, meldete sich nun zu Wort:»Ich werde demnächst zum jüngsten Zaubereiminister aller Zeiten ernannt, wißt ihr.«

Harry schnaubte vor Lachen. Er erkannte den pickligen Zauberer; sein Name war Stan Shunpike, und er war in Wirklichkeit Schaffner im Fahrenden Ritter, einem dreistöckigen Bus.

Er wandte sich um und wollte Ron davon erzählen, doch Rons Gesichtszüge waren merkwürdig schlaff geworden, und schon fing er an zu rufen:»Wißt ihr schon, daß ich einen Besen erfunden habe, mit dem man zum Jupiter fliegen kann?«

»Also wirklich!«, sagte Hermine von neuem, und sie und Harry packten Ron fest an den Armen, zerrten ihn herum und zogen mit ihm davon. Allmählich erstarb das Geschnatter der Veela-Verehrer und nun waren sie im Herzen des Waldes. Um sie her war es fast still, sie waren nun offenbar ganz allein.

Harry blickte sich um.»Ich schätze, wir können einfach hier warten, hier hören wir jeden, auch wenn er noch meilenweit entfernt ist.«

Kaum hatte er den Mund zugemacht, als hinter einem Baum direkt vor ihrer Nase Ludo Bagman auftauchte.

Selbst in dem schwachen Licht der beiden Zauberstäbe konnte Harry erkennen, daß Ludos Erscheinung sich deutlich gewandelt hatte. Er wirkte nun nicht mehr schwungvoll und rosig und auch sein Schritt federte nicht mehr. Er sah käseweiß und angespannt aus.

»Wer da?«, sagte er und versuchte blinzelnd ihre Gesichter zu erkennen.»Was treibt ihr hier ganz alleine mitten im Wald?«

Sie sahen sich überrascht an.

»Nun – es gibt eine Art Aufruhr«, sagte Ron.

Bagman starrte ihn an.»Was?«

»Auf dem Zeltplatz… einige Leute haben sich eine Muggelfamilie geschnappt…«

Bagman fluchte laut.»Verdammtes Pack!«, sagte er, offenbar recht beunruhigt. Und ohne ein weiteres Wort zu sagen disapparierte er mit einem leisen Plopp.

»Nicht gerade auf dem Laufenden, Mr Bagman, oder?«, sagte Hermine stirnrunzelnd.

»Immerhin war er mal ein großer Treiber«, sagte Ron und führte sie den Pfad entlang zu einer kleinen Lichtung, wo er sich auf einem Fleck trockenen Grases unter einen Baum setzte.»Die Wimbourner Wespen haben dreimal in Folge die Meisterschaft gewonnen, als er bei ihnen gespielt hat.«

Er holte die kleine Nachbildung von Krum aus der Tasche, setzte sie auf die Erde und sah ihr eine Weile beim Herumgehen zu. Wie der echte Krum watschelte das Modell ein wenig und ließ die Schultern hängen, und auf seinen gespreizten Füßen war es bei weitem nicht so beeindruckend wie auf dem Besen. Harry lauschte auf Geräusche, die vom Zeltplatz herüberwehten. Es schien alles ruhig, vielleicht war der Aufruhr vorüber.

»Ich hoffe, den anderen geht es gut«, sagte Hermine nach einer Weile.

»Wird schon«, sagte Ron.

»Stell dir vor, dein Dad nimmt Lucius Malfoy fest«, sagte Harry, ließ sich neben Ron nieder und beobachtete, wie die kleine Krum-Figur über die heruntergefallenen Blätter schlurfte.»Er hat ja immer gesagt, er würde ihm gerne etwas nachweisen können.«

»Dann würde dem ollen Draco das blöde Grinsen vergehen«, sagte Ron.

»Mir tun diese armen Muggel Leid«, sagte Hermine nervös.»Was ist, wenn sie es nicht schaffen, sie sicher herunterzuholen?«

»Das werden sie schon«, sagte Ron beruhigend,»irgendwie schaffen sie es.«

»Verrückt ist es schon, so etwas zu tun, wenn das ganze Zaubereiministerium hier draußen auf den Beinen ist!«, sagte Hermine.»Meinen die vielleicht, sie kommen einfach so davon? Glaubt ihr, sie haben sich betrunken, oder sind sie nur -«

Doch jäh brach sie ab und blickte über die Schulter. Auch Harry und Ron wandten sich um. Es klang, als ob jemand auf ihre Lichtung zustolperte. Gebannt lauschten sie auf die unregelmäßigen Schritte hinter den Bäumen. Doch die Schritte hielten plötzlich inne.

»Hallo?«, rief Harry.

Stille. Harry stand auf und spähte durch die Bäume. Es war zu dunkel, um weit sehen zu können, doch er spürte deutlich, daß dort in der Dunkelheit jemand stand.

»Wer ist da?«, rief er.

Und dann, ohne Vorwarnung, zerriß eine Stimme die Stille, wie er sie hier im Wald noch nicht gehört hatte; doch es war kein panischer Schrei, sondern etwas, das wie ein Zauberspruch klang.

»Morsmordre!«

Und etwas Riesiges, grün und glitzernd, brach aus den Schatten hervor, die Harrys Augen hatten durchdringen wollen; es stieg über die Baumspitzen hinaus und hoch an den Himmel.

»Was zum -?«, keuchte Ron, sprang auf die Beine und starrte auf das Etwas, das dort oben erschienen war.

Einen Augenblick lang dachte Harry, die irischen Kobolde hätten sich zu einer neuen Gestalt zusammengefügt. Dann erkannte er, daß es ein riesiger Totenkopf war, der, wie es schien, aus smaragdgrünen Sternen bestand. Und aus der Mundhöhle des Schädels quoll, wie eine Zunge, eine Schlange hervor. Sie sahen zu, wie der Schädel immer höher stieg, in grünlichen Dunst getaucht, doch strahlend hell, auf den schwarzen Himmel geprägt wie ein neues Gestirn.

Plötzlich war der Wald um sie her ein Meer von Schreien. Harry wußte nur, daß der einzige Grund dafür das plötzliche Erscheinen des Totenschädels sein konnte, der nun so hoch gestiegen war, daß er den ganzen Wald erleuchtete wie ein grauenhaftes Neonschild. Er suchte in der Dunkelheit nach dem Beschwörer des Schädels, doch er sah niemanden.

»Wer ist da?«, rief er noch einmal.

»Harry, komm, wir hauen ab!«Hermine hatte ihn hinten an der Jacke gepackt und zerrte ihn rücklings fort.

»Was ist los?«, fragte Harry und sah bestürzt in ihr weißes, verängstigtes Gesicht.

»Es ist das Dunkle Mal, Harry!«, keuchte Hermine und zerrte ihn mit aller Kraft fort.»Das Zeichen von Du-weißt-schon-wem!«

»Voldemorts -?«

»Harry, komm schon!«

Harry wandte sich jetzt um – Ron packte hastig seinen kleinen Krum ein – und die drei machten sich auf den Weg über die Lichtung – doch nach nur wenigen hastigen Schritten verriet ihnen ein leises Plopp nach dem anderen, daß zwanzig Zauberer aus dem Nichts aufgetaucht waren und sie umzingelten.

Harry wirbelte herum, und im Bruchteil einer Sekunde erkannte er eines: Jeder dieser Zauberer hatte seinen Zauberstab gezückt, und die Zauberstäbe waren auf ihn, Ron und Hermine gerichtet. Ohne weiter nachzudenken schrie er:»Deckung!«, packte die anderen beiden und riß sie zu Boden.

»Stupor!«, donnerten zwanzig Stimmen – es gab ein blendendes Blitzgeprassel und Harry spürte, wie sich das Haar auf seinem Kopf kräuselte, als ob ein kräftiger Wind über die Lichtung fegte. Er hob den Kopf nur wenige Zentimeter und sah rote Feuerstöße aus den Stäben der Zauberer über sie hinwegflammen, sich kreuzen, von Baumstämmen abprallen und sich in der Dunkelheit verlieren -

»Aufhören!«, schrie eine Stimme, die er kannte.»Stopp! Das ist mein Sohn!«

Der Wind, der Harrys Haar zerzaust hatte, legte sich. Er hob den Kopf ein wenig höher. Der Zauberer vor ihm hatte seinen Stab gesenkt. Harry setzte sich auf und sah Mr Weasley mit entsetztem Gesicht auf sie zugehen.

»Ron – Harry -«, seine Stimme zitterte,»- Hermine – seid ihr verletzt?«

»Aus dem Weg, Arthur«, herrschte ihn eine kalte Stimme an.

Es war Mr Crouch. Er und die anderen Ministeriumszauberer zogen den Kreis um sie enger. Harry stand auf, um sich ihnen entgegenzustellen. Mr Crouchs Gesicht war wutverzerrt.

»Wer von Ihnen hat es getan?«, bellte er, und seine scharfen Augen blitzten zwischen ihnen hin und her.»Wer von Ihnen hat das Dunkle Mal heraufbeschworen?«

»Das waren wir nicht!«, sagte Harry und deutete mit der Hand hoch zum Schädel.

»Wir haben überhaupt nichts getan!«, sagte Ron, rieb sich den Ellbogen und sah entrüstet seinen Vater an.»Warum habt ihr uns angegriffen?«

»Lügen Sie nicht, Sir!«, rief Mr Crouch. Sein Zauberstab war immer noch direkt auf Ron gerichtet und seine Augen quollen hervor – so wirkte er leicht übergeschnappt.»Sie sind am Tatort entdeckt worden!«

»Barty«, flüsterte eine Hexe in einem langen wollenen Morgenrock,»das sind doch noch Kinder, Barty, die wären doch nie in der Lage -«

»Wo kam denn das Mal her, ihr drei?«, warf Mr Weasley rasch ein.

»Von da drüben«, sagte Hermine zitternd und deutete auf die dunkle Stelle, wo die Stimme hergekommen war,»da war jemand hinter den Bäumen… er hat laut gesprochen – eine Beschwörung -«

»Oh, stand also da drüben, nicht wahr?«, sagte Mr Crouch und wandte seine hervorquellenden Augen Hermine zu; daß er ihr nicht glaubte, stand ihm im Gesicht geschrieben.»Hat eine Beschwörung gesprochen, soso? Sie scheinen sehr gut zu wissen, wie das Mal aufgerufen wird, Fräulein -«

Doch keiner der Ministeriumszauberer außer Mr Crouch schien es überhaupt für denkbar zu halten, daß Harry, Ron oder Hermine den Schädel heraufbeschworen hatte; im Gegenteil, bei Hermines Worten hoben sie alle wieder ihre Zauberstäbe, spähten durch die Nacht und richteten sie auf die besagte Stelle.

»Zu spät«, sagte die Hexe in dem wollenen Morgenrock kopfschüttelnd.»Die sind bestimmt schon disappariert.«

»Da bin ich anderer Meinung«, sagte ein Zauberer mit stoppligem braunem Bart. Es war Amos Diggory, Cedrics Vater.»Unsere Schocker sind doch direkt durch diese Bäume geflogen… vielleicht haben wir sie sogar erwischt…«

»Sei vorsichtig, Amos!«, warnten einige Umstehende, als Mr Diggory die Schultern straffte, den Zauberstab ausstreckte und die Lichtung überquerte. Die Hände an den Mund gepreßt sah Hermine ihn in den Schatten verschwinden.

Sekunden später hörten sie Mr Diggory rufen.

»Ja! Wir haben sie! Hier ist jemand! Bewußtlos! Es ist – aber – du meine Güte…«

»Sie haben jemanden?«, rief Mr Crouch mit zweifelndem Unterton.»Wen? Wer ist es?«

Sie hörten Zweige knacken und Blätter rascheln und dann die knirschenden Schritte Mr Diggorys, der wieder zwischen den Bäumen auftauchte. Er trug eine kleine, schlaffe Gestalt in den Armen. Harry erkannte sofort das Geschirrtuch. Es war Winky.

Mr Crouch schien zu Eis gefroren, als ihm Mr Diggory die Elfe vor die Füße legte. Die anderen Ministeriumszauberer starrten allesamt Mr Crouch an. Ein paar Sekunden lang blieb er wie gebannt stehen, die lodernden Augen auf die am Boden liegende Winky gerichtet.

»Das – kann – nicht – sein«, stieß er abgehackt hervor.»Nein -«

Plötzlich ging er schnell um Mr Diggory herum und marschierte auf die Stelle zu, wo dieser Winky gefunden hatte.

»Hat keinen Zweck, Mr Crouch«, rief ihm Mr Diggory nach.»Mehr sind nicht da.«

Doch Mr Crouch schien ihm nicht glauben zu wollen. Sie konnten ihn blätterraschelnd zwischen den Büschen umhersuchen hören.

»Ziemlich peinlich«, sagte Mr Diggory verbissen und sah hinunter auf die reglose Gestalt Winkys.»Barty Crouchs Hauselfe… schon ein starkes Stück…«

»Reg dich ab, Amos«, sagte Mr Weasley leise,»du glaubst doch nicht allen Ernstes, daß es die Elfe war? Das Dunkle Mal ist das Zeichen eines Zauberers. Dazu ist ein Zauberstab nötig.«

»Tja«, sagte Mr Diggory,»sie hatte einen Zauberstab.«

»Wie bitte?«, sagte Mr Weasley.

»Hier, schau.«Mr Diggory hob den Zauberstab und zeigte ihn Mr Weasley.»Hatte ihn in der Hand. Da hätten wir also schon mal einen Verstoß gegen Artikel drei des Gesetzes zum Gebrauch des Zauberstabs: Kein nichtmenschliches Wesen darf einen Zauberstab tragen oder gebrauchen.«

In diesem Augenblick gab es ein erneutes Plopp und Ludo Bagman apparierte direkt neben Mr Weasley. Erschöpft und verwirrt drehte er sich im Kreis und spähte kichernd zu dem smaragdgrünen Schädel hoch.

»Das Dunkle Mal!«, keuchte er und hätte um ein Haar Winky zertrampelt. Mit fragender Miene wandte er sich an seine Kollegen.»Wer war das? Habt ihr sie? Barty! Was geht hier vor?«

Mr Crouch war mit leeren Händen zurückgekehrt. Sein Gesicht war immer noch gespenstisch weiß und seine Hände und sein Oberlippenbärtchen zuckten.

»Wo warst du, Barty?«, sagte Bagman.»Warum warst du nicht beim Spiel? Deine Elfe hat dir doch einen Platz besetzt – würgende Wasserspeier!«Bagmans Blick war auf Winky zu Crouchs Füßen gefallen.»Was ist denn mit der passiert?«

»Ich hatte vorhin zu tun, Ludo«, antwortete ihm Mr Crouch, der immer noch am ganzen Leib zuckte und die Lippen kaum bewegte.»Und meine Elfe wurde betäubt.«

»Betäubt? Von euch hier, soll das heißen? Aber warum -?«

Plötzlich dämmerte es auf Bagmans rundem, glänzendem Gesicht; er blickte hoch zu dem Schädel, hinab auf Winky und fixierte dann Mr Crouch.

»Nein!«, sagte er.»Winky? Hat das Dunkle Mal heraufbeschworen? Die weiß doch nie und nimmer, wie das geht! Und erst einmal brauchte sie einen Zauberstab!«

»Sie hatte einen«, sagte Mr Diggory.»Als ich sie fand, hatte sie einen in der Hand, Ludo. Wenn Sie einverstanden sind, Mr Crouch, sollten wir hören, was sie selbst dazu zu sagen hat.«

Crouch ließ nicht erkennen, ob er Mr Diggory überhaupt verstanden hatte, doch Mr Diggory schien sein Schweigen für Zustimmung zu halten. Er hob seinen eigenen Zauberstab, richtete ihn auf Winky und sagte:»Enervate!«

Winky regte sich ein wenig. Ihre großen braunen Augen öffneten sich und sie blinzelte ein paar Mal recht verwirrt. Unter den stummen Blicken der Zauberer setzte sie sich zitternd auf den Hintern. Dann bemerkte sie Mr Diggorys Füße und sah langsam und bebend zu ihm auf; noch langsamer schließlich hob sie ihren Kopf zum Himmel. Harry sah den Schädel zweifach in ihren Augen gespiegelt. Sie keuchte, ließ den Blick verstört über die Lichtung voller Zauberer huschen und brach dann in angsterfülltes Schluchzen aus.

»Elfe!«, sagte Mr Diggory barsch.»Weißt du, wer ich bin? Ich bin ein Mitglied der Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe!«

Winky, in kurzen Stößen atmend, begann nun mit dem Oberkörper hin und her zu wippen. Sie erinnerte Harry deutlich an Dobby in seinen Momenten ängstlichen Ungehorsams.

»Wie du siehst, Elfe, wurde hier vor kurzem das Dunkle Mal heraufbeschworen«, sagte Mr Diggory.»Und du wurdest wenig später entdeckt, direkt darunter! Eine Erklärung, wenn ich bitten darf!«

»Ich – ich – ich hab nichts getan, Sir!«, keuchte Winky.»Ich weiß doch nicht, wie, Sir!«

»Du wurdest mit einem Zauberstab in der Hand gefunden!«, blaffte sie Mr Diggory an und fuchtelte mit dem Stab vor ihrem Gesicht herum. Und als das grüne Licht, das die Lichtung vom Schädel am Himmel her erfüllte, auf den Zauberstab fiel, traf Harry fast der Schlag.

»Hee – das ist meiner!«, sagte er.

Alle auf der Lichtung starrten ihn an.

»Wie bitte?«, sagte Mr Diggory ungläubig.

»Das ist mein Zauberstab!«, sagte Harry.»Ich hab ihn verloren!«

»Du hast ihn verloren?«, wiederholte Mr Diggory zweifelnd.»Ist das ein Geständnis? Du hast ihn fortgeworfen, nachdem du das Dunkle Mal heraufbeschworen hattest?«

»Amos, bedenk doch, mit wem du sprichst«, sagte Mr Weasley erzürnt.»Glaubst du vielleicht, Harry Potter würde das Dunkle Mal heraufbeschwören?«

»Hmmh – natürlich nicht«, murmelte Mr Diggory.»Verzeihung… hab mich gehen lassen…«

»Ich hab ihn ohnehin nicht dort drüben fallen lassen«, sagte Harry und wies mit dem Daumen hinüber zu den Bäumen unter dem Schädel.»Ich hab ihn schon vermißt, gleich nachdem wir im Wald waren.«

»Nun gut«, sagte Mr Diggory und wandte sich mit kalten Augen erneut an Winky, die zu seinen Füßen kauerte.»Du hast also diesen Zauberstab gefunden, Elfe? Und du hast ihn aufgehoben und dachtest, du könntest ein paar Spaße damit treiben, nicht wahr?«

»Ich hab keinen Zauber damit gemacht, Sir!«, piepste Winky, und Tränen kullerten jetzt an ihrer eingedellten Kugelnase herunter.»Ich hab… ich hab… ich hab ihn nur aufgehoben, Sir! Ich hab nicht das Dunkle Mal gemacht, Sir, ich weiß nicht, wie!«

»Sie war es nicht!«, sagte Hermine. Vor all diesen Ministeriumszauberern zu sprechen schien sie nervös zu machen, doch sie ließ sich nicht beirren.»Winky hat eine leise Piepsstimme und die Stimme, die wir bei der Beschwörung gehört haben, war viel tiefer!«Sie wandte sich Hilfe suchend an Harry und Ron.»Sie klang nicht wie Winky, oder?«

»Nein«, sagte Harry und schüttelte den Kopf.»Die Stimme klang bestimmt nicht nach der Elfe.«

»Ja, es war eine menschliche Stimme«, sagte Ron.»Nun, wir werden ja gleich sehen«, knurrte Mr Diggory mit unbeeindruckter Miene.»Es gibt eine einfache Möglichkeit, den letzten Zauber eines Zauberstabs festzustellen, wußtest du das, Elfe?«

Winky zitterte und schüttelte verzweifelt und ohrenschlackernd den Kopf. Mr Diggory hob erneut seinen Zauberstab und berührte mit ihm die Spitze von Harrys Zauberstab.

»Prior Incantado!«, rief er mit donnernder Stimme. Harry hörte Hermine vor Entsetzen aufkeuchen, als ein gewaltiger Schädel mit Schlangenzunge genau dort hervorbrach, wo sich die Spitzen der beiden Stäbe berührten, doch diesmal war es nur ein Schatten des grünen Schädels hoch über ihnen, der aussah, als bestünde er aus dichtem grünem Rauch: der Geist eines Zaubers.

»Deletrius!«, rief Mr Diggory, und der Schädel aus Rauch verpuffte zu einem Wölkchen.

»So«, sagte Mr Diggory, als hätte er einen grausamen Sieg errungen, und sah hinab auf Winky, die immer noch am ganzen Leib bebte.

»Ich hab's nicht getan!«, piepste sie und rollte entsetzt mit den Augen.»Ich weiß nicht, ich weiß nicht, ich weiß nicht, wie! Ich bin doch eine gute Elfe, ich mache nichts mit dem Zauberstab, ich weiß nicht, wie!«

»Du bist auf frischer Tat ertappt worden, Elfe!«, polterte Mr Diggory.»Ertappt mit dem Tatwerkzeug, dem Zauberstab, in der Hand!«

»Amos«, sagte Mr Weasley laut,»überleg doch mal… herzlich wenig Zauberer wissen, wie man diesen Zauber ausübt… wo sollte sie das gelernt haben?«

»Womöglich will Amos behaupten«, sagte Mr Crouch mit kalter Wut in jeder Silbe,»daß ich meinen Dienstboten regelmäßig beibringe, das Dunkle Mal zu beschwören?«

Ein zutiefst peinliches Schweigen trat ein.

Amos Diggory schien entsetzt.»Mr Crouch… nein… nein, keineswegs…«

»Und Sie hätten um ein Haar ausgerechnet die zwei Personen auf dieser Lichtung beschuldigt, die gewiß am wenigsten mit dem Dunklen Mal zu tun haben wollen!«, bellte Mr Crouch.»Harry Potter – und mich! Ich nehme an, Sie kennen die Geschichte des Jungen, Amos?«

»Natürlich – jeder kennt sie -«, murmelte Mr Diggory und schien sich in seiner Haut höchst unwohl zu fühlen.

»Und ich denke, Sie wissen bestimmt auch noch, wie oft ich in meiner langen Laufbahn bewiesen habe, daß ich die dunklen Künste und jene, die sie ausüben, hasse und verachte?«, rief Mr Crouch, und erneut quollen ihm die Augen aus den Höhlen.

»Mr Crouch – ich – ich habe nie auch nur eine Andeutung gemacht, daß Sie irgend etwas damit zu tun hätten!«, murmelte Amos Diggory unter seinem braunen Stoppelbart errötend.

»Wenn Sie meine Elfe beschuldigen, dann beschuldigen Sie mich, Diggory!«, rief Mr Crouch.»Wo sonst soll sie gelernt haben, das Mal zu beschwören?«

»Sie – sie könnte es überall mitgekriegt haben -«

»Genau, Amos«, sagte Mr Weasley.»Sie hätte es überall mitkriegen können… Winky?«, sagte er freundlich und wandte sich der Elfe zu, doch sie zuckte zusammen, als ob auch er sie angeschrien hätte.»Wo genau hast du Harrys Zauberstab gefunden?«

Winky zwirbelte so hartnäckig an der Spitze ihres Geschirrtuchs, daß es zwischen ihren Fingern ausfranste.

»Ich – ich hab ihn gefunden – gefunden dort, Sir…«, flüsterte sie,»dort… unter den Bäumen, Sir…«

»Siehst du, Amos«, sagte Mr Weasley.»Wer immer das Mal heraufbeschworen hat, könnte sofort danach verschwunden sein und Harrys Zauberstab zurückgelassen haben. Ein gerissener Schachzug, nicht den eigenen Zauberstab zu nehmen, der ihn hätte verraten können. Und Winky hier hatte das Pech, nur Augenblicke später auf den Zauberstab zu stoßen und ihn aufzuheben.«

»Aber dann wäre sie nur ein paar Meter vom wirklichen Schurken entfernt gewesen!«, sagte Mr Diggory ungeduldig.»Elfe? Hast du jemanden gesehen?«

Winky schüttelte es am ganzen Leib. Ihre Riesenaugen flackerten von Mr Diggory zu Ludo Bagman und weiter zu Mr Crouch.

Dann würgte sie hervor:»Ich hab niemanden gesehen, Sir… niemanden nicht…«

»Amos«, sagte Mr Crouch schroff.»Natürlich würden Sie Winky normalerweise zum Verhör ins Büro mitnehmen. Ich bitte Sie jedoch, mir zu gestatten, selbst mit ihr abzurechnen.«

Mr Diggory schien von diesem Vorschlag nicht besonders angetan, doch Harry war klar, daß Mr Crouch ein so hohes Tier im Ministerium war, daß er nicht wagte, den Vorschlag abzulehnen.

»Sie können sicher sein, daß sie bestraft wird«, fügte Mr Crouch kühl hinzu.

»M-M-Meister…«, stammelte Winky und sah mit tränenverquollenen Augen zu Mr Crouch auf.»M-M-Meister, b-b-bitte…«

Mr Crouch starrte sie an, seine Züge schienen noch schärfer, jede Falte auf seinem Gesicht tiefer geworden zu sein. In seinem Blick lag kein Erbarmen.

»Winky hat sich heute Nacht auf eine Weise benommen, die ich nicht für möglich gehalten hätte«, sagte er langsam.»Ich habe sie angewiesen, im Zelt zu bleiben. Ich habe sie angewiesen, dort zu bleiben, während ich unterwegs war, um dem Aufruhr Einhalt zu gebieten. Und ich stelle fest, daß sie mir nicht gehorcht hat. Das bedeutet Kleidung.«

»Nein!«, kreischte Winky und warf sich zu Mr Crouchs Füßen auf die Erde.»Nein, Meister! Nicht Kleidung, nicht Kleidung!«

Harry wußte, daß die einzige Möglichkeit, einen Hauselfen in die Freiheit zu entlassen, darin bestand, ihm richtige Kleider zu schenken. Es war ein Jammer mit anzusehen, wie Winky, das Geschirrtuch fest umklammernd, Tränen über Mr Crouchs Schuhe vergoß.

»Sie hatte doch Angst!«, stieß Hermine zornig hervor und starrte Mr Crouch verächtlich an.»Ihre Elfe hat Höhenangst und diese maskierten Zauberer ließen Leute in der Luft schweben! Sie können ihr nicht vorwerfen, daß sie das Weite suchen wollte!«

Mr Crouch schüttelte die Elfe ab, trat einen Schritt zurück und musterte sie, als ob sie etwas Schmutziges und Ekliges wäre, das seine polierten Schuhe besudle.

»Ich kann keine Hauselfe gebrauchen, die mir nicht gehorcht«, sagte er kalt und sah zu Hermine auf.»Ich kann keine Dienerin gebrauchen, die vergißt, was sie ihrem Meister und seinem Ruf schuldig ist.«

Winky weinte so heftig, daß ihr Schluchzen auf der ganzen Lichtung widerhallte.

Ein sehr unangenehmes Schweigen trat ein, das von Mr Weasley mit leisen Worten beendet wurde:»Nun, ich denke, ich nehme die Meinen zurück zum Zelt, wenn keiner etwas dagegen hat. Amos, dieser Zauberstab hat uns alles gesagt, was er kann – könnte Harry ihn bitte wieder zurückhaben -«

Mr Diggory reichte Harry den Zauberstab und Harry ließ ihn in die Tasche gleiten.

»Na, dann kommt, ihr drei«, sagte Mr Weasley leise. Doch Hermine schien keinen Schritt gehen zu wollen; ihr Blick ruhte immer noch auf der schluchzenden Elfe.»Hermine!«, sagte Mr Weasley etwas eindringlicher. Sie wandte sich um und folgte Harry und Ron über die Lichtung und hinein in den Wald.

»Was geschieht mit Winky?«, fragte Hermine, sobald sie die Lichtung hinter sich gelassen hatten.

»Ich weiß es nicht«, sagte Mr Weasley.

»Unglaublich, wie sie behandelt wird!«, sagte Hermine zornig.»Mr Diggory nennt sie die ganze Zeit ›Elfe‹… und erst Mr Crouch! Er weiß, daß sie es nicht getan hat, und trotzdem wirft er sie raus! Es war ihm doch gleich, daß sie furchtbare Angst hatte und ganz aus der Fassung war – als ob sie nicht mal ein Mensch wäre!«

»Nun ja, ist sie auch nicht«, sagte Ron.

Hermine sah ihn wutentbrannt an.»Das heißt noch lange nicht, daß sie keine Gefühle hat, Ron, es ist abscheulich, wie -«

»Hermine, du hast ja Recht«, warf Mr Weasley rasch ein und winkte sie weiter,»aber jetzt ist nicht die Zeit, über Elfenrechte zu diskutieren. Ich möchte so rasch wie möglich zum Zelt zurück. Was ist mit den anderen passiert?«

»Wir haben sie in der Dunkelheit verloren«, sagte Ron.»Dad, warum regen sich denn alle so furchtbar über diesen Schädel da oben auf?«

»Das erkläre ich dir, wenn wir wieder im Zelt sind«, sagte Mr Weasley angespannt.

Doch am Waldrand wurden sie aufgehalten.

Eine große Schar verängstigt aussehender Hexen und Zauberer hatte sich dort versammelt, und als sie Mr Weasley näher kommen sahen, hasteten ihm viele entgegen.»Was geht dort drin vor?«-»Wer hat das Mal heraufbeschworen?«-»Arthur – doch nicht etwa – er selbst?«

»Natürlich nicht«, sagte Mr Weasley ungehalten.»Wer es war, wissen wir nicht, und er ist verschwunden. Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich will schlafen gehen.«

Er bahnte Harry, Ron und Hermine einen Weg durch die Menge und schließlich gelangten sie zum Zeltplatz. Ruhe war eingekehrt; von den maskierten Zauberern war nichts mehr zu sehen, doch noch immer kokelten ein paar abgebrannte Zelte.

Charlie steckte den Kopf aus dem Jungenzelt.

»Dad, was ist los?«, rief er durch die Dunkelheit.»Fred, George und Ginny sind hier, ihnen ist nichts passiert, aber die anderen -«

»Die hab ich mitgebracht«, sagte Mr Weasley, bückte sich und schlüpfte ins Zelt. Harry, Ron und Hermine folgten ihm.

Bill saß an dem kleinen Küchentisch und drückte sich ein Leintuch auf den Arm, der stark blutete. Charlie hatte einen langen Riß im Hemd und Percy konnte eine blutige Nase vorzeigen. Fred, George und Ginny schienen nicht verletzt, jedoch arg mitgenommen.

»Hast du ihn gekriegt, Dad?«, sagte Bill scharf.»Den, der das Mal heraufbeschworen hat?«

»Nein«, sagte Mr Weasley.»Wir haben Barty Crouchs Elfe mit Harrys Zauberstab in der Hand gefunden, aber das sagt uns noch lange nicht, wer wirklich das Mal heraufbeschworen hat.«

»Was?«, sagten Bill, Charlie und Percy wie aus einem Mund.

»Harrys Zauberstab?«, sagte Fred.

»Mr Crouchs Elfe?«, sagte Percy wie vom Donner gerührt.

Mit ein paar ergänzenden Worten von Harry, Ron und Hermine schilderte Mr Weasley, was im Wald geschehen war. Als er geendet hatte, warf sich Percy entrüstet in die Brust.

»Natürlich hat Mr Crouch vollkommen Recht, eine solche Elfe davonzujagen!«, sagte er.»Läuft einfach davon, wo er ihr doch ausdrücklich gesagt hat… wie peinlich für ihn und das Ministerium… wie hätte das denn ausgesehen, wenn man sie vor der Abteilung zur Führung und Aufsicht…«

»Sie hat nichts getan – sie war nur zur falschen Zeit am falschen Ort«, fauchte Hermine den völlig perplexen Percy an. Hermine war immer recht gut mit Percy ausgekommen -im Grunde besser als die anderen.

»Hermine, ein Zauberer in Mr Crouchs Position kann sich keine Hauselfe leisten, die mit einem Zauberstab Amok läuft!«, sagte Percy mit gewichtiger Miene, nachdem er sich gefaßt hatte.

»Sie ist nicht Amok gelaufen!«, rief Hermine.»Sie hat ihn nur von der Erde aufgelesen!«

»Hört mal, kann mir jemand erklären, was es mit diesem Schädel auf sich hat?«, sagte Ron ungeduldig.»Er hat doch keinem was getan… warum dann dieser ganze Aufstand?«

»Ich hab dir doch erklärt, es ist das Symbol von Du-weißt-schon-wem, Ron«, sagte Hermine, bevor irgend jemand sonst antworten konnte.»Hab ich in Aufstieg und Fall der dunklen Künste gelesen.«

»Und der Schädel wurde dreizehn Jahre lang nicht gesehen«, sagte Mr Weasley leise.»Natürlich hat er die Leute in Angst und Schrecken versetzt… es war ja fast, als würden sie Du-weißt-schon-wen wieder sehen.«

»Ich versteh's trotzdem nicht«, sagte Ron stirnrunzelnd.»Ich meine… es ist nur ein Zeichen am Himmel…«

»Ron, Du-weißt-schon-wer und seine Anhänger haben das Dunkle Mal immer dann aufsteigen lassen, wenn sie gemordet haben«, sagte Mr Weasley.»Du hast ja keine Ahnung… welches Grauen es auslöste. Stell dir vor, du kommst nach Hause und findest das Dunkle Mal über deinem Haus schweben und du weißt genau, was du drin vorfinden wirst… das Schlimmste…«

Eine kurze Stille trat ein.

Schließlich nahm Bill seinen Verband ab, um sich seine Wunde am Arm anzusehen, und sagte:»Jedenfalls hat uns der Schädel heute Nacht nicht geholfen, wer immer ihn heraufbeschworen hat. Die Todesser hat er sofort in panische Angst versetzt. Sie sind alle disappariert, bevor wir nahe genug dran waren, um auch nur einem von ihnen die Maske abzureißen. Wenigstens konnten wir die Familie Roberts noch auffangen, bevor sie auf der Erde aufschlugen. Im Moment werden ihre Gedächtnisse verändert.«

»Todesser?«, sagte Harry.»Was sind Todesser?«

»So nannten sich die Anhänger von Du-weißt-schon-wem«, sagte Bill.»Ich glaube, heute Nacht haben sich die versprengten Überreste dieser Leute wieder zusammengefunden – die zumindest, die es geschafft haben, sich vor Askaban zu retten.«

»Wir können nicht beweisen, daß sie es waren, Bill«, sagte Mr Weasley.»Obwohl du wahrscheinlich Recht hast«, fügte er erbittert hinzu.

»Ja, darauf wette ich«, sagte Ron plötzlich.»Dad, wir haben Draco Malfoy im Wald getroffen, und er hat durchblicken lassen, daß sein Vater einer dieser Hirnis mit den Masken war! Und wir wissen alle, daß die Malfoys mit Du-weißt-schon-wem unter einer Decke steckten!«

»Aber das waren doch Anhänger Voldemorts -«, warf Harry ein. Die anderen zuckten zusammen – wie die meisten in der Zaubererwelt vermieden es die Weasleys, Voldemort beim Namen zu nennen.»Verzeihung«, sagte Harry rasch.»Warum eigentlich sollten diese Anhänger von Du-weißt-schon-wem Muggel in der Luft schweben lassen? Was war denn der Sinn des Ganzen?«

»Der Sinn?«, sagte Mr Weasley mit einem hohlen Lachen.»Harry, das verstehen diese Leute unter Spaß. Die Hälfte der Morde an Muggeln in der Zeit, als Du-weißt-schon-wer an der Macht war, wurden aus reinem Vergnügen begangen. Ich nehme an, sie hatten am Abend einiges getrunken und konnten dann einfach der Lust nicht widerstehen, uns daran zu erinnern, daß viele von ihnen immer noch auf freiem Fuß sind. Für die war es ein nettes kleines Wiedersehensfest«, schloß er angewidert.

»Aber wenn sie wirklich Todesser waren, warum sind sie dann disappariert, als sie das Dunkle Mal sahen?«, sagte Ron.»Eigentlich hätten sie sich doch freuen müssen, oder?«

»Ron, benutz doch mal deinen Grips«, sagte Bill.»Wenn sie wirklich Todesser waren, dann haben sie alles darangesetzt, nicht nach Askaban zu kommen, als Du-weißt-schon-wer die Macht verlor, und alle möglichen Lügengeschichten aufgetischt, von wegen er hätte sie gezwungen, Menschen zu töten und zu foltern. Ich wette, sie haben noch mehr Angst als wir anderen, daß er zurückkommt. Als er die Macht verloren hatte, bestritten sie doch, daß sie jemals wirklich etwas mit ihm zu tun hatten, und lebten weiter, als ob nichts gewesen wäre… Ich schätze, er wäre nicht besonders angetan von ihnen, oder?«

»Also… wer immer das Dunkle Mal heraufbeschworen hat…«, sagte Hermine langsam,»hatte er das Ziel, die Todesser anzufeuern oder ihnen Angst einzujagen und sie zu verscheuchen?«

»Wir können das auch nicht besser beurteilen als du, Hermine«, sagte Mr Weasley.»Ich kann dir nur eines sagen… einzig und allein die Todesser wußten, wie man es heraufbeschwor. Ich wäre sehr überrascht, wenn dahinter nicht ein früherer Todesser stecken würde, auch wenn er es jetzt nicht mehr ist… Übrigens, es ist sehr spät, und wenn eure Mutter erfährt, was passiert ist, wird sie keine ruhige Minute mehr haben. Wir brauchen jetzt noch ein paar Stunden Schlaf und dann versuchen wir einen der ersten Portschlüssel von hier weg zu kriegen.«

Harry legte sich mit schwirrendem Kopf in die Koje. Er wußte, daß er eigentlich erschöpft war – es war fast drei Uhr morgens -, doch er fühlte sich hellwach – und voll dunkler Ahnungen.

Vor drei Tagen – es schien viel länger her zu sein, doch es waren nur drei Tage – war er mit brennenden Schmerzen auf der Stirn aufgewacht. Und heute Nacht war zum ersten Mal seit dreizehn Jahren Lord Voldemorts Zeichen am Himmel erschienen. Was sollten diese Dinge bedeuten?

Er dachte an den Brief, den er noch vom Ligusterweg aus an Sirius geschrieben hatte. Hatte Sirius ihn schon erhalten? Würde er bald antworten? Harry lag da und starrte auf die Zeltplane, doch keine Träumereien vom Fliegen wiegten ihn nun in den Schlaf, und erst lange nachdem Bills Schnarchen das Zelt erzittern ließ, döste Harry endlich ein.

Wirbel im Ministerium

Sie hatten nur wenige Stunden geschlafen, als Mr Weasley sie weckte. Die Zelte verpackten sich an diesem Morgen von allein und hastig verließen sie den Campingplatz. Mr Roberts stand am Tor bei seinem Haus. Er sah sie mit einem seltsamen, leicht abwesenden Blick an und nuschelte zum Abschied»Fröhliche Weihnachten«.

»Er wird schon wieder«, sagte Mr Weasley gedämpft, während sie über das Moor gingen.»Bei solchen Gedächtnisveränderungen kommt es manchmal vor, daß die Leute für kurze Zeit etwas verwirrt sind… und diesmal war es sicher ein schweres Stück Arbeit, bei dem, was er erlebt hat…«

Schon von weitem hörten sie hektisches Stimmengewirr, und als sie zu der Stelle kamen, wo die Portschlüssel lagen, sahen sie eine große Schar Hexen und Zauberer, die Basil, den Hüter der Portschlüssel, bedrängten und lautstark den nächstmöglichen Transport verlangten. Mr Weasley sprach ein paar eindringliche Worte mit Basil, dann reihten sie sich in die Schlange ein und erwischten tatsächlich noch vor Sonnenaufgang einen alten Gummireifen zurück zum Wieselkopf. In der Morgendämmerung wanderten sie über Ottery St. Catchpole zum Fuchsbau zurück, recht schweigsam, denn sie waren erschöpft und dachten sehnsüchtig an das Frühstück. Als sie um eine Biegung gingen und der Fuchsbau in Sicht kam, hallte ihnen auf dem feuchten Weg ein Schrei entgegen.

»Oh, Gott sei Dank, Gott sei Dank!«

Mrs Weasley, die offensichtlich vor dem Haus auf sie gewartet hatte, kam, die Pantoffeln noch an den Füßen, auf sie zugerannt, mit bleichem, angespanntem Gesicht und einem zusammengeknüllten Tagespropheten in der Hand.»Arthur – ich hab mir ja solche Sorgen gemacht – fürchterliche Sorgen -«

Sie warf Mr Weasley die Arme um den Hals und der Tagesprophet fiel aus ihrer erschlafften Hand. Harry sah zu Boden und las die Schlagzeile: Szenen des Grauens bei der Quidditch-Weltmeisterschaft, dazu ein funkelndes Schwarzweißbild des Dunklen Mals über den Baumspitzen.

»Ihr seid alle wohlauf«, murmelte Mrs Weasley ein wenig abwesend, ließ Mr Weasley los und sah sie mit geröteten Augen an,»ihr lebt noch… o meine Jungs…«

Und zur Überraschung aller zog sie Fred und George an sich und herzte sie so heftig, daß ihre Köpfe gegeneinander schlugen.

»Autsch! Mum – du erwürgst uns noch -«

»Ich hab mit euch geschimpft, bevor ihr fort seid!«, sagte Mrs Weasley und begann zu schluchzen.»Daran mußte ich die ganze Zeit denken! Was wäre gewesen, wenn Du-weißt-schon-wer euch gekriegt hätte, und das Letzte, was ich euch gesagt hätte, wäre gewesen, daß ihr nicht genug ZAGs geschafft habt? O Fred… o George…«

»Nun ist aber gut, Molly, wir sind alle kerngesund«, sagte Mr Weasley beschwichtigend, zog sie sachte von den Zwillingen weg und führte sie zum Haus.»Bill«, fügte er in gedämpftem Ton hinzu,»heb doch bitte die Zeitung auf, mal sehen, was sie schreiben…«

Schließlich saßen sie alle eng aneinander gedrängt in der kleinen Küche. Hermine kochte Mrs Weasley eine Tasse sehr starken Tee, in die Mr Weasley unbedingt noch einen Schuß Ogdens Alten Feuerwhisky kippen wollte, und Bill reichte seinem Vater die Zeitung. Mr Weasley überflog die Titelseite, Percy las über seine Schulter gebeugt mit.

»Ich habs doch gewußt«, sagte Mr Weasley mit schwerer Stimme.

»Ministerium versagt…

Täter nicht gefaßt…

laxe Sicherheitsvorkehrungen…

unkontrolliertes Treiben schwarzer Magier…

Schande für das Land…

Wer hat das geschrieben? Ach… natürlich… Rita Kimmkorn…«

»Diese Frau hat es aufs Zaubereiministerium abgesehen!«, erzürnte sich Percy.»Letzte Woche schrieb sie, wir würden mit unseren Haarspaltereien über Kesselbodendicke nur Zeit verschwenden, wo wir doch Vampire erlegen sollten! Als ob in Paragraph zwölf der Richtlinien für die Behandlung nichtmagischer Teilmenschen nicht ausdrücklich festgelegt wäre, daß -«

»Tu uns 'nen Gefallen, Perce«, sagte Bill gähnend,»und halt die Klappe.«

»Mich erwähnt sie auch«, sagte Mr Weasley, und die Augen hinter seiner Brille weiteten sich, als er den Schluß des Berichts im Tagespropheten las.

»Wo?«, prustete Mrs Weasley und verschluckte sich an ihrem Tee mit Whisky.»Wenn ich das gesehen hätte, hätte ich gewußt, daß du am Leben bist!«

»Nicht namentlich«, sagte Mr Weasley.»Hört mal zu:

Sollten sich die zu Tode geängstigten Zauberer und Hexen, die am Waldrand atemlos auf Nachrichten warteten, beruhigende Worte vom Zaubereiministerium erhofft haben, dann wurden sie zutiefst enttäuscht. Ein Vertreter des Ministeriums erschien einige Zeit nach dem Aufstieg des Dunklen Mals und ließ verlauten, niemand sei verletzt worden, weigerte sich jedoch, weitere Informationen zu geben. Ob diese Stellungnahme ausreichen wird, um die Gerüchte zu zerstreuen, wonach eine Stunde später mehrere Leichen aus dem Wald getragen wurden, bleibt abzuwarten.

Nicht zu fassen«, sagte Mr Weasley empört und reichte die Zeitung an Percy weiter.»Niemand wurde verletzt, was sollte ich sonst sagen? ›Gerüchte, wonach mehrere Leichen aus dem Wald getragen wurden… ‹, tja, jetzt, wo sie das geschrieben hat, wird es natürlich Gerüchte geben.«

Er seufzte tief.»Molly, ich muß wohl gleich ins Büro, da muß doch einiges klargestellt werden, damit sich die Gemüter wieder beruhigen.«

»Ich komme mit, Vater«, sagte Percy mit schwellender Brust.»Mr Crouch wird sicher alle verfügbaren Kräfte benötigen. Und ich kann ihm meinen Kesselbericht persönlich übergeben.«Er wuselte aus der Küche.

Mrs Weasley schien völlig aus dem Häuschen.»Arthur, du bist im Urlaub! Das hat doch nichts mit deiner Abteilung zu tun, die können das sicher ohne dich regeln?«

»Ich muß gehen, Molly«, sagte Mr Weasley,»ich hab alles nur noch schlimmer gemacht. Ich zieh nur kurz meinen Umhang an und dann bin ich weg…«

Harry saß wie auf glühenden Kohlen.»Mrs Weasley«, warf er ein,»Hedwig ist nicht zufällig mit einem Brief für mich gekommen?«

»Hedwig, mein Lieber?«, sagte Mrs Weasley zerstreut.»Nein… nein, es ist überhaupt keine Post gekommen.«

Ron und Hermine sahen Harry neugierig an.

Er warf beiden einen viel sagenden Blick zu und fragte:»Was dagegen, wenn ich nach oben gehe und mein Zeug bei dir abstelle, Ron?«

»Ahm… ich glaub, ich geh mit«, sagte Ron sofort.»Hermine?«

»Ja«, sagte sie rasch, und die drei marschierten aus der Küche und die Treppe hoch.

»Was ist los, Harry?«, sagte Ron, kaum hatten sie die Tür zur Dachkammer hinter sich geschlossen.

»Da ist noch etwas, das ich euch nicht erzählt habe«, sagte Harry.»Als ich am Samstagmorgen aufgewacht bin, tat meine Narbe wieder weh.«

Ron und Hermine reagierten darauf fast genauso, wie Harry es sich in seinem Zimmer im Ligusterweg vorgestellt hatte. Hermine stockte der Atem und sie begann Harry sofort Ratschläge zu erteilen, nannte das eine oder andere Grundlagenwerk und die verschiedensten Namen, von Albus Dumbledore bis zu Madam Pomfrey, der Krankenschwester von Hogwarts. Ron hingegen schien einfach der Schlag getroffen zu haben.»Aber – er war doch nicht da, oder? Du-weißt-schon-wer? Ich meine – letztes Mal, als deine Narbe wehtat, war er doch in Hogwarts, oder?«

»Ich bin sicher, daß er nicht im Ligusterweg war«, sagte Harry.»Aber ich hab von ihm geträumt… und von Peter… ihr wißt schon, Wurmschwanz. Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern, aber sie haben sich verschworen… jemanden zu töten.«

Einen Moment lang hatte ihm das Wörtchen»mich«auf der Zunge gelegen, doch er brachte es nicht über sich, Hermine mit noch entsetzterer Miene zu sehen.

»Es war doch bloß ein Traum«, sagte Ron aufmunternd.»Nur ein Alptraum.«

»Jaah, ich weiß nicht recht…«, sagte Harry und wandte den Blick nach draußen, wo sich der Himmel langsam erhellte.»Es ist doch komisch, oder?… meine Narbe tut weh und drei Tage später sind die Todesser auf dem Marsch und Voldemorts Zeichen steht am Himmel.«

»Sag – seinen – Namen – nicht!«, zischte Ron mit zusammengebissenen Zähnen.

»Und wißt ihr noch, was Professor Trelawney gesagt hat?«, fuhr Harry fort, ohne auf Ron einzugehen.»Ende letzten Jahres?«

Professor Trelawney war ihre Lehrerin für Wahrsagen in Hogwarts.

Hermines Entsetzen wich einem hämischen Schnauben.»O Harry, du wirst doch nicht auf irgend etwas hören, was diese alte Schwindlerin sagt?«

»Du warst damals nicht dabei«, sagte Harry.»Du hast sie nicht gehört. Beim letzten Mal war es anders. Ich hab dir doch gesagt, sie ist in eine Trance gefallen – eine echte. Und sie sagte, der dunkle Lord würde wieder an die Macht gelangen ›… und schrecklicher herrschen denn je… ‹, er würde es mit Hilfe seines Dieners schaffen… und in derselben Nacht noch ist Wurmschwanz geflohen.«

Sie schwiegen; Ron fummelte zerstreut an einem Loch in seiner Chudley-Cannons-Tagesdecke.

»Warum hast du gefragt, ob Hedwig gekommen sei, Harry?«, fragte Hermine.»Erwartest du einen Brief?«

»Ich habe Sirius von meiner Narbe erzählt«, sagte Harry achselzuckend.»Ich warte auf seine Antwort.«

»Gute Idee!«, sagte Ron, und seine Miene hellte sich auf.»Ich wette, Sirius weiß, was du tun kannst.«

»Ich hatte ja gehofft, er würde rasch antworten«, sagte Harry.

»Aber wer weiß, wo er steckt… er kann in Afrika sein oder sonst wo«, sagte Hermine nachdenklich.»Für eine solche Reise braucht Hedwig schon mehr als ein paar Tage.«

»Ja, ich weiß«, sagte Harry, doch als er nach draußen auf den hedwiglosen Himmel sah, da spürte er eine bleierne Schwere im Magen.

»Los, komm, wir spielen 'ne Partie Quidditch im Obstgarten, Harry«, sagte Ron.»Komm schon – drei gegen drei, Bill und Charlie und Fred und George spielen alle – du kannst den Wronski-Bluff ausprobieren…«

»Ron«, sagte Hermine in ihrem Sei-doch-mal-vernünftig-Tonfall,»Harry will im Augenblick nicht Quidditch spielen… er macht sich Sorgen und er ist müde… und wir alle brauchen jetzt Schlaf…«

»Doch, ich will jetzt Quidditch spielen«, sagte Harry plötzlich.»Wartet, ich hol nur eben schnell mal meinen Feuerblitz.«

Hermine ging hinaus, etwas murmelnd, das deutlich nach»Jungs«klang.

Mr Weasley und Percy waren in der folgenden Woche kaum zu Hause. Beide gingen frühmorgens, bevor die anderen aufstanden, und kamen erst lange nach dem Abendessen wieder zurück.

»Im Büro herrscht praktisch Krieg«, verkündete Percy mit gewichtiger Miene am Sonntagabend vor ihrer Rückkehr nach Hogwarts.»Ich spiele schon die ganze Woche Feuerwehr. Die Leute schicken uns einen Heuler nach dem anderen, und wenn man einen Heuler nicht auf der Stelle öffnet, explodiert er. Mein Schreibtisch ist voller Brandflecken und von meinem besten Federkiel ist nur noch ein Häufchen Asche übrig.«

»Warum schicken sie denn Heuler?«, fragte Ginny, die auf dem Flickenteppich vor dem Wohnzimmerkamin saß und ihr aus dem Leim gegangenes Exemplar von Tausend magische Kräuter und Pilze mit Zauberband klebte.

»Sie beschweren sich über Sicherheitsmängel bei der Weltmeisterschaft«, sagte Percy.»Wollen Schadenersatz für ihr zerstörtes Eigentum. Mundungus Fletcher beantragt Entschädigung für ein Zwölf-Zimmer-Zelt mit eingebautem Whirlpool. Aber solche Späßchen treibt er nicht mit mir. Zufällig weiß ich genau, daß er unter einem an Holzpflöcke genagelten Umhang geschlafen hat.«

Mrs Weasley warf einen Blick auf die Standuhr in der Ecke. Harry mochte diese Uhr. Sie war vollkommen nutzlos, wenn man wissen wollte, wie spät es war, doch ansonsten sehr auskunftsfreudig. Sie hatte neun goldene Zeiger, und auf jedem war der Name eines Mitglieds der Weasley-Familie eingraviert. Auf dem Zifferblatt waren keine Ziffern, vielmehr stand hier, wo das jeweilige Familienmitglied gerade steckte.»Zu Hause«,»Schule«und»Arbeit«hieß es da, doch auch»Verirrt«,»Krankenhaus«,»Gefängnis«, und dort, wo sich auf einer gewöhnlichen Uhr die Ziffer Zwölf befindet, stand»Tödliche Gefahr«. Acht Zeiger deuteten gerade auf»Zu Hause«, doch der längste Zeiger, der von Mr Weasley, wies immer noch auf»Arbeit«. Mrs Weasley seufzte.»Euer Vater mußte seit den Tagen von Du-weißt-schon-wem nicht mehr an den Wochenenden ins Büro«, sagte sie.»Sie nehmen ihn zu hart ran. Sein Abendessen wird ungenießbar, wenn er nicht bald nach Hause kommt.«

»Vater hat das Gefühl, daß er seinen Fehler bei der Meisterschaft wieder gutmachen muß«, sagte Percy.»Um ehrlich zu sein, es war ein klein wenig dumm von ihm, eine öffentliche Stellungnahme abzugeben, ohne sie zuvor mit seinem Vorgesetzten abzusprechen -«

Mrs Weasley ging sofort an die Decke.»Jetzt gibst du auch noch deinem Vater die Schuld für das, was diese Kimmkorn-Ziege geschrieben hat!«, rief sie.

»Wenn Dad gar nichts gesagt hätte, dann hätte die olle Rita geschrieben, es sei eine Schande, daß sich niemand aus dem Ministerium zu einer Äußerung bereit gefunden hätte«, sagte Bill, der mit Ron Schach spielte.»Rita Kimmkorn läßt ohnehin an niemandem ein gutes Haar. Wißt ihr noch, einmal hat sie alle Fluchbrecher von Gringotts interviewt und mich einen langhaarigen Bruder Leichtfuß‹ genannt?«

»Ehrlich gesagt, dein Haar ist tatsächlich ein bißchen lang, Schatz«, sagte Mrs Weasley sanft.»Wenn du mich nur mal kurz -«

»Nein, Mum.«

Regen peitschte gegen das Wohnzimmerfenster. Hermine war ins Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 4, vertieft, das Mrs Weasley für sie, Harry und Ron in der Winkelgasse besorgt hatte. Charlie stopfte einen feuersicheren Kopfschützer. Harry hatte das Besenpflege-Set, das ihm Hermine zum dreizehnten Geburtstag geschenkt hatte, zu seinen Füßen liegen und polierte seinen Feuerblitz. Fred und George saßen hinten in der Ecke, unterhielten sich flüsternd und beugten sich mit gezückten Federkielen über ein Blatt Pergament.

»Was heckt ihr beiden da wieder aus?«, sagte Mrs Weasley streng und sah ihre Zwillinge scharf an.

»Hausaufgaben«, murmelte Fred.

»Mach keine Witze, ihr habt doch noch Ferien«, sagte Mrs Weasley.

»Ja, wir sind ein wenig spät dran«, sagte George.

»Ihr setzt nicht zufällig ein neues Bestellformular auf, oder?«, sagte Mrs Weasley mißtrauisch.»Ihr denkt nicht etwa daran, Weasleys Zauberhafte Zauberscherze wieder auf die Beine zu stellen?«

»Ich bitte dich, Mum«, sagte Fred und blickte mit einem gequälten Gesichtsausdruck zu ihr auf.»Wenn der Hogwarts-Express morgen entgleisen würde und George und ich sterben würden, wie würdest du dich bei dem Gedanken fühlen, daß das Letzte, was wir von dir gehört haben, unbegründete Anschuldigungen waren?«

Alle lachten, selbst Mrs Weasley.

»Da kommt euer Vater!«, sagte sie plötzlich mit einem Blick zur Uhr.

Mr Weasleys Zeiger war auf einmal von»Arbeit«auf»unterwegs«gesprungen; eine Sekunde später dann rastete er klappernd auf»Zu Hause«ein, wo die anderen Zeiger schon standen, und schon hörten sie Mr Weasley aus der Küche rufen.

»Ich komme, Arthur!«, antwortete Mrs Weasley und eilte davon.

Augenblicke später kam Mr Weasley mit dem Abendessen auf einem Tablett ins warme Wohnzimmer. Er sah vollkommen erschöpft aus.

»Tja, jetzt haben wir die Bescherung«, sagte er zu Mrs Weasley und ließ sich in einen Sessel am Feuer fallen. Nicht gerade begeistert stocherte er in seinem verschrumpelten Blumenkohl.»Rita Kimmkorn hat die ganze Woche bei uns im Ministerium rumgeschnüffelt und nach weiteren Skandalgeschichten gesucht. Jetzt ist sie auf die Sache mit der guten Bertha gestoßen, die vermißt wird, und morgen ist das sicher der Aufmacher im Tagespropheten. Ich hab Bagman doch gesagt, er hätte schon längst jemanden auf ihre Spur setzen sollen.«

»Mr Crouch sagt das schon seit Wochen«, warf Percy rasch ein.

»Crouch hat nun wirklich Dusel, daß Rita noch nicht von der Geschichte mit Winky erfahren hat«, sagte Mr Weasley verärgert.»Seine Hauselfe wird mit dem Zauberstab, der das Dunkle Mal heraufbeschworen hat, ertappt – das gäbe Schlagzeilen für eine Woche.«

»Ich dachte, wir wären uns einig, daß diese Elfe zwar verantwortungslos gehandelt, aber das Dunkle Mal tatsächlich nicht heraufbeschworen hat?«, bemerkte Percy steif.

»Wenn du mich fragst, dann kann Mr Crouch froh sein, daß keiner beim Tagespropheten weiß, wie übel er mit Hauselfen umspringt!«, sagte Hermine zornig.

»Hör mal zu, Hermine!«, sagte Percy.»Ein hochrangiger Ministerialbeamter wie Mr Crouch verdient unerschütterlichen Gehorsam von seiner Bediensteten -«

»Seiner Sklavin, meinst du wohl!«, sagte Hermine mit schriller Stimme.»Denn er bezahlt Winky doch nicht, oder?«

»Ich denke, ihr geht jetzt alle nach oben und schaut nach, ob ihr beim Packen nichts vergessen habt!«, unterbrach Mrs Weasley den Streit.»Nun los, und zwar alle…«

Harry räumte sein Besenpflege-Set zusammen, schulterte den Feuerblitz und ging mit Ron nach oben. Unter dem Dach war der Regen noch lauter zu hören, begleitet vom lauten Pfeifen und Stöhnen des Windes und nicht zu vergessen dem gelegentlichen Aufheulen des Ghuls, der unter dem Dachfirst hauste. Pigwidgeon begann zwitschernd in seinem Käfig herumzuflattern, als sie eintraten. Der Anblick der halb gepackten Koffer schien ihn vor Aufregung rasend zu machen.

»Wirf ihm ein paar Eulenkekse rein«, sagte Ron und warf Harry eine Tüte zu,»vielleicht stopft ihm das den Schnabel.«

Harry steckte ein paar Eulenkekse durch die Käfigstangen und wandte sich dann wieder seinem Koffer zu, neben dem der immer noch leere Käfig von Hedwig stand.

»Sie ist schon über eine Woche weg«, sagte Harry und betrachtete Hedwigs verlassene Vogelstange.»Ron, du glaubst doch nicht, daß sie Sirius erwischt haben, oder?«

»Nein, das hätte doch im Tagespropheten gestanden«, entgegnete Ron.»Das Ministerium hätte sicher zeigen wollen, daß ihnen zumindest ein Fang gelungen ist.«

»Jaah, schon möglich…«

»Sieh mal, hier sind die Sachen, die dir Mum aus der Winkelgasse mitgebracht hat. Und außerdem hat sie noch etwas Geld aus deinem Verlies geholt… und all deine Socken gewaschen.«

Er lüpfte einen Stapel Pakete auf Harrys Feldbett und legte den Geldbeutel und einen Haufen Socken daneben. Harry machte sich ans Auspacken. Außer dem Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 4, von Miranda Habicht waren da noch eine Hand voll neuer Federkiele, ein Dutzend Pergamentrollen und Nachfüllpackungen für seinen Zaubertrankkasten – Löwenfischgräten und Belladonna-Essenz waren in letzter Zeit knapp geworden. Gerade stopfte er Unterwäsche in seinen Kessel, als Ron hinter ihm ein lautes»Uääh«vernehmen ließ.

»Was soll das denn sein?«

Er hielt etwas in die Höhe, das aussah wie ein langes, kastanienbraunes Samtkleid. Es hatte einen verschlissenen Rüschenkragen und dazu passende Spitzensäume an den Ärmeln.

Es klopfte und Mrs Weasley trat mit einem Arm voll frisch gewaschener Hogwarts-Umhänge ein.

»Bitte sehr«, sagte sie und verteilte sie zwischen den beiden.»Und jetzt paßt auf, daß ihr sie richtig einpackt, damit sie nicht knittern.«

»Mum, du hast mir Ginnys neues Kleid gegeben«, sagte Ron und hielt seiner Mutter das Samtkleid hin.

»Wie kommst du darauf«, sagte Mrs Weasley.»Das ist für dich. Dein Festumhang.«

»Mein was?«, sagte Ron wie vom Donner gerührt.

»Dein Festumhang!«, wiederholte Mrs Weasley.»Auf der Schulliste heißt es, ihr braucht dieses Jahr einen Umhang… für festliche Anlässe.«

»Du machst Witze«, sagte Ron ungläubig.»Das Teil zieh ich nie und nimmer an.«

»Alle tragen so was, Ron!«, sagte Mrs Weasley verdrossen.»Die sehen nun mal so aus! Dein Vater hat welche für schicke Partys!«

»Bevor ich so was anziehe, geh ich lieber splitternackt«, sagte Ron verbissen.

»Stell dich nicht so an«, sagte Mrs Weasley,»du brauchst unbedingt einen Festumhang, das steht auf der Liste! Für Harry hab ich auch einen… zeig ihn mal, Harry…«

Mit leise bebender Hand öffnete Harry das letzte Paket auf seinem Feldbett. Es war jedoch nicht so übel, wie er befürchtet hatte; sein Festumhang hatte keine Rüschen; tatsächlich sah er ungefähr so aus wie seine Schulumhänge, nur war er nicht schwarz, sondern grün.

»Ich dachte, der bringt deine Augenfarbe gut zur Geltung, mein Lieber«, sagte Mrs Weasley vergnügt.

»Na also, der ist in Ordnung!«, sagte Ron und musterte zornig Harrys Umhang.»Warum hab ich nicht auch so einen gekriegt?«

»Weil… na ja, ich mußte deinen im Secondhandladen besorgen, und da hatten sie nicht so viel Auswahl«, sagte Mrs Weasley errötend.

Harry starrte auf seine Füße. Liebend gern hätte er all sein Geld im Gringotts-Verlies mit den Weasleys geteilt, doch er wußte, sie würden es niemals annehmen.

»Den zieh ich nicht an«, sagte Ron hartnäckig.»Nie und nimmer.«

»Schön«, fauchte Mrs Weasley.»Dann geh nackt. Und Harry, paß auf, daß du ein Foto von ihm machst. Damit ich mal was zu lachen hab, meine Güte aber auch.«

Sie ging hinaus und schlug die Tür hinter sich zu. Vom Fenster her kam ein merkwürdiges Spotzen und Keuchen. Pigwidgeon würgte an einem Eulenkeks, der zu groß für seinen Hals war.

»Warum hab ich eigentlich immer nur Schrott?«, sagte Ron zornig und ging hinüber, um Pigwidgeons Schnabel zu entrümpeln.

Im Hogwarts-Express

Düstere Stimmung lag in der Luft, als Harry am nächsten Morgen erwachte, denn die Sommerferien waren nun endgültig vorbei. Der Regen klatschte noch immer schwer gegen die Scheiben, während er in Jeans und Sweatshirt schlüpfte – die Umhänge wollten sie erst im Hogwarts-Express anziehen. Er machte sich mit Ron, Fred und George auf den Weg nach unten zum Frühstück und hatte gerade den Treppenabsatz im ersten Stock erreicht, als Mrs Weasley mit gequälter Miene am Fuß der Treppe erschien.

»Arthur!«, rief sie durchs Treppenhaus.»Arthur! Dringende Nachricht vom Ministerium!«

Mr Weasley erschien, den Umhang verkehrt herum an, trippelte an Harry vorbei, der sich an die Wand drücken mußte, und verschwand unten in der Küche. Als sie kurz danach hinzukamen, fanden sie Mrs Weasley aufgeregt in den Schubladen des Geschirrschranks wühlen -»Hier hatte ich doch irgendwo 'ne Feder liegen!«-, während sich Mr Weasley über das Feuer gebeugt mit jemandem unterhielt -

Harry schloß die Augen und öffnete sie wieder, denn er war sich nicht sicher, ob er richtig sah.

Inmitten der Flammen saß ein großes bärtiges Ei, und dieses Ei war Amos Diggory. Das Ei redete hastig auf Mr Weasley ein, ohne sich von den umherstiebenden Funken und den um seine Ohren züngelnden Flammen auch nur im Geringsten stören zu lassen.

»… Muggelnachbarn haben Lärm und Schreie gehört und deshalb diese, wie heißen sie noch mal – Blitzisten gerufen. Arthur, du mußt da unbedingt hin!«

»Hier, bitte!«, keuchte Mrs Weasley und drückte ihrem Mann ein Blatt Pergament, ein Fläschchen Tinte und eine zerzauste Feder in die Hand.

»- wir können wirklich von Glück reden, daß ich davon gehört hab«, sagte Mr Diggorys Kopf.»Ich mußte heute recht früh ins Büro, um ein paar Eulen wegzuschicken, und da hab ich all diese Leute von Mißbrauch der Magie losfliegen sehen – wenn Rita Kimmkorn Wind davon kriegt, Arthur -«

»Was hat Mad-Eye denn nun genau gesehen?«, fragte Mr Weasley, schraubte das Tintenfläschchen auf und füllte seine Feder, um sich Notizen zu machen.

Mr Diggory rollte mit den Augen.»Jemand habe sich in seinem Hof rumgetrieben, sagte er. Er sei auf sein Haus zugeschlichen, doch seine Mülleimer hätten sich auf ihn gestürzt.«

»Was haben die Mülleimer gemacht?«, fragte Mr Weasley eifrig kritzelnd.

»Einen Höllenlärm und den ganzen Müll durch die Gegend gepfeffert, soviel ich weiß«, sagte Mr Diggory.»Als dann die Blitzisten auftauchten, ist offenbar immer noch einer umhergetorkelt -«

Mr Weasley stöhnte auf.»Und was ist mit dem Eindringling?«

»Arthur, du kennst doch Mad-Eye«, sagte Mr Diggorys Kopf unter erneutem Augenrollen.»Jemand, der sich mitten in der Nacht in seinen Hof schleicht? Wahrscheinlich läuft irgendwo eine zu Tode erschreckte Katze herum, dekoriert mit Kartoffelschalen. Aber sobald Mad-Eye den Leuten von der Mißbrauchsbekämpfung in die Hände fällt, ist er erledigt – denk mal an seine Vorstrafen – wir müssen ihm irgendeine Kleinigkeit anhängen, etwas aus deiner Abteilung – was kriegt man für explodierende Mülleimer?«

»Eine Verwarnung wär drin«, sagte Mr Weasley stirnrunzelnd und schrieb immer noch hastig.»Mad-Eye hat seinen Zauberstab nicht benutzt? Er selbst hat niemanden angegriffen?«

»Ich wette, er ist aus dem Bett gesprungen und hat angefangen, alles zu verhexen, was er vom Fenster aus erreichen konnte«, sagte Mr Diggory,»aber die werden Schwierigkeiten haben, das zu beweisen; Verletzte gibt es nämlich nicht.«

»Gut, ich muß los«, sagte Mr Weasley, stopfte das Pergament mit den Notizen in die Tasche und huschte aus der Küche.

Mr Diggorys Kopf wandte sich Mrs Weasley zu.

»Tut mir Leid, Molly«, sagte er etwas ruhiger,»daß ich euch heute so früh stören mußte… aber Arthur ist nun mal der Einzige, der Mad-Eye da raushauen kann, und Mad-Eye sollte heute eigentlich seine neue Stelle antreten. Warum er ausgerechnet letzte Nacht…«

»Schon gut, Amos«, sagte Mrs Weasley.»Magst du nicht ein wenig Toast mit Butter, bevor du gehst?«

»O danke, da sag ich nicht nein.«

Mrs Weasley nahm ein Stück gebutterten Toast von einem Stapel auf dem Küchentisch, steckte es in die Feuerzange und schob es Mr Diggory in den Mund.

»Manke«, schmatzte Mr Diggory und verschwand mit einem leisen Plopp.

Harry hörte, wie sich Mr Weasley hastig von Bill, Charlie, Percy und den Mädchen verabschiedete. Fünf Minuten später tauchte er wieder in der Küche auf, sich hastig kämmend, den Umhang jedoch richtig herum an.

»Ich muß mich beeilen – ein gutes Schuljahr wünsch ich euch, Jungs«, rief er Harry, Ron und den Zwillingen zu, warf sich einen weiteren Umhang über die Schulter und machte Anstalten zu disapparieren.»Molly, macht es dir was aus, die Kinder nach King's Cross zu bringen?«

»Ist schon gut«, sagte Mrs Weasley.»Kümmere du dich um Mad-Eye, wir kommen schon klar.«

Kaum war Mr Weasley verschwunden, traten Bill und Charlie in die Küche.»Hat hier jemand was von Mad-Eye gesagt?«, fragte Bill.»Was hat er jetzt schon wieder ausgefressen?«

»Er behauptet, jemand habe versucht, letzte Nacht in sein Haus einzubrechen«, sagte Mrs Weasley.

»Mad-Eye Moody?«, sagte George nachdenklich, während er seinen Toast mit Marmelade bestrich»Ist das nicht dieser durchgeknallte -«

»Dein Vater hält sehr viel von Mad-Eye Moody«, unterbrach ihn Mrs Weasley steif.

»Jaah, nun, Dad sammelt auch Stecker, oder?«, sagte Fred leise, als Mrs Weasley hinausging.»Seelenverwandtschaft…«

»Moody war zu seiner Zeit ein großer Zauberer«, sagte Bill.

»Er ist doch ein alter Freund von Dumbledore?«, meinte Charlie.

»Auch Dumbledore ist ja nicht gerade das, was man normal nennen würde«, sagte Fred.»Sicher, er ist ein Genie und alles…«

»Wer ist denn nun Mad-Eye?«, fragte Harry.

»Früher hat er fürs Ministerium gearbeitet, heute ist er im Ruhestand«, sagte Charlie.»Ich hab ihn mal getroffen, als Dad mich zur Arbeit mitnahm. Er war ein Auror – einer der besten… ein Jäger schwarzer Magier«, fügte er mit einem Blick auf den fragend dreinblickenden Harry hinzu.»Zu seiner Zeit hat er praktisch die Hälfte der Zellen in Askaban gefüllt. Hat sich dabei allerdings eine Menge Feinde gemacht… vor allem die Familien von Leuten, die er gefangen hat… und wie ich höre, hat ihn auf seine alten Tage noch der Verfolgungswahn gepackt. Traut keinem mehr über den Weg. Sieht an jeder Ecke schwarze Magier.«

Bill und Charlie kamen überein, die anderen nach King's Cross zu begleiten und sich dort zu verabschieden. Percy jedoch entschuldigte sich wortreich, weil er unbedingt zur Arbeit müsse.

»Ich kann es einfach nicht verantworten, noch länger freizunehmen«, verkündete er.»Mr Crouch verläßt sich inzwischen ganz und gar auf mich.«

»Ja, und weißt du was, Percy?«, sagte George mit ernster Miene.»Ich denke, bald wird er sogar deinen Namen kennen.«

Mrs Weasley hatte sich ans Telefon im Dorfpostamt gewagt und drei gewöhnliche Muggeltaxis bestellt, die sie nach London fahren sollten.

»Arthur hat versucht Wagen aus dem Ministerium zu besorgen«, flüsterte Mrs Weasley Harry zu, als sie auf dem regennassen Hof standen und zusahen, wie die Taxifahrer sechs schwere Hogwarts-Schrankkoffer in ihre Autos luden.»Aber sie konnten keinen erübrigen… meine Güte, die sehen nicht gerade fröhlich aus, oder?«

Harry mochte Mrs Weasley ungern sagen, daß Muggeltaxifahrer selten überdrehte Eulen transportierten, und Pigwidgeon machte einen trommelfellzerfetzenden Lärm. Auch war es nicht besonders hilfreich, daß Freds Koffer aufsprang und überraschend eine Anzahl Dr. Filibusters hitzefreier, naß zündender Feuerwerksknaller losging. Woraufhin der Fahrer, dem Krummbein in Panik auch noch die Krallen in die Waden schlug, vor Schreck und Schmerz laut aufschrie.

Mitsamt ihren Koffern auf die Rückbänke der Taxis gequetscht, hatten sie eine unbequeme Fahrt. Krummbein brauchte eine ganze Weile, um sich von den Knallern zu erholen, und als sie endlich London erreichten, waren Harry, Ron und Hermine furchtbar zerkratzt. Erleichtert aufatmend stiegen sie vor King's Cross aus, auch wenn es jetzt aus Kübeln goß und sie pitschnaß wurden, als sie ihre Koffer über die belebte Straße in den Bahnhof trugen.

Harry fand es inzwischen recht einfach, auf Gleis neundreiviertel zu gelangen. Man mußte nur ganz lässig durch die scheinbar solide Absperrung zwischen den Gleisen neun und zehn gehen. Das einzig Schwierige war, möglichst nicht aufzufallen, damit die Muggel nicht mißtrauisch wurden.

Heute gingen sie in Gruppen; Harry, Ron und Hermine (die Auffälligsten, da sie Pigwidgeon und Krummbein bei sich hatten) waren als Erste dran; kaum hatten sie sich ganz entspannt und munter schwatzend gegen die Absperrung gelehnt, als sie auch schon seitlich hindurchglitten… und Gleis neundreiviertel vor ihren Augen auftauchte.

Der Hogwarts-Express mit seiner scharlachrot leuchtenden Dampflok stand schon bereit, und im Nebel der Dampfschwaden, die aus dem Schornstein zischten, wirkten die vielen Hogwarts-Schüler und ihre Eltern auf dem Bahnsteig wie dahingleitende Schatten. Pigwidgeon erwiderte die vielstimmigen Eulenschreie, die durch den Nebel drangen, mit besonders lautem und schrillem Gelärme. Harry, Ron und Hermine machten sich auf die Suche nach Sitzplätzen und konnten ihr Gepäck auch bald in einem Abteil ungefähr in der Mitte des Zuges verstauen. Dann sprangen sie noch einmal auf den Bahnsteig, um Mrs Weasley, Bill und Charlie auf Wiedersehen zu sagen.

»Vielleicht seht ihr mich schneller wieder, als ihr denkt«, grinste Charlie, während er Ginny zum Abschied umarmte.

»Warum?«, fragte Fred neugierig.

»Ihr werdet ja sehen«, sagte Charlie.»Aber sagt bloß Percy nicht, daß ich was erwähnt hab… es ist ja ›eine geheime Information, bis das Ministerium beschließt, sie freizugeben‹.«

»Ja, ich wünschte, ich könnte dieses Jahr noch mal in Hogwarts sein«, sagte Bill, der mit den Händen in den Taschen dastand und beinahe neidisch den Zug betrachtete.

»Warum?«, fragte George ungeduldig.

»Ihr werdet jedenfalls ein spannendes Jahr erleben«, sagte Bill augenzwinkernd.»Vielleicht nehm ich mir sogar mal frei, um es mir selbst kurz anzuschauen…«

»Was denn?«, fragte Ron.

Doch in diesem Moment hörten sie einen gellenden Pfiff und Mrs Weasley schubste sie zur Waggontür.

Sie stiegen ein, schlössen die Tür und lehnten sich aus dem Fenster.»Danke, daß wir bei Ihnen wohnen durften«, sagte Hermine.

»Es war mir ein Vergnügen, meine Lieben«, entgegnete Mrs Weasley.»Ich würde euch ja gerne zu Weihnachten einladen, aber… nun, ich denke, ihr wollt sicher alle in Hogwarts bleiben, wo doch so viel los sein wird…«

»Mum!«, sagte Ron gereizt.»Nun sagt uns schon, worum es geht!«

»Das werdet ihr wohl heute Abend erfahren«, sagte Mrs Weasley lächelnd.»Es wird sicher ganz spannend – ihr wißt ja nicht, wie froh ich bin, daß sie die Regeln geändert haben -«

»Welche Regeln?«, kam es von Harry, Ron, Fred und George wie aus einem Munde.

Doch jetzt begannen die Kolben laut zu zischen und der Zug setzte sich in Bewegung.

»Sag uns, was in Hogwarts passieren soll!«, schrie Fred aus dem Fenster, doch Mrs Weasley, Bill und Charlie entfernten sich rasch.»Welche Regeln haben sie denn geändert?«

Aber Mrs Weasley lächelte nur und winkte. Noch bevor der Zug um die Kurve gebogen war, war sie mit Bill und Charlie disappariert.

Harry, Ron und Hermine gingen zurück in ihr Abteil. Dichter Regen klatschte gegen das Fenster und draußen war kaum etwas zu sehen. Ron öffnete seinen Koffer, zog seinen kastanienbraunen Festumhang hervor und warf ihn über Pigwidgeons Käfig, um sein Geschrei zu dämpfen.

»Bagman wollte uns verraten, was in Hogwarts passiert«, grummelte er und setzte sich neben Harry.»Bei der Weltmeisterschaft, weißt du noch? Aber meine Mutter, meine eigene Mutter will es mir nicht sagen. Ich frag mich, was -«

»Schhh!«, flüsterte Hermine plötzlich, drückte einen Finger auf die Lippen und deutete auf das Nachbarabteil. Harry und Ron lauschten und hörten durch die offene Tür eine vertraute schnarrende Stimme.

»… Vater hat tatsächlich überlegt, ob er mich nach Durmstrang schicken soll und nicht nach Hogwarts. Er kennt nämlich den Schulleiter dort. Tja, ihr wißt ja, was er über Dumbledore denkt – der Kerl ist ein unglaublicher Liebhaber von Schlammblütern – und Durmstrang nimmt solches Gesindel gar nicht erst auf. Aber Mutter wollte nicht, daß ich so weit weg in die Schule gehe. Vater sagt, in Durmstrang haben sie eine viel vernünftigere Einstellung zu den dunklen Künsten als in Hogwarts. Durmstrang-Schüler lernen sie sogar und uns bringen sie nur diesen Verteidigungskram bei…«

Hermine stand auf, ging auf Zehenspitzen zur Abteiltür und schob sie zu; Malfoy war jetzt nicht mehr zu hören.

»Also denkt er, Durmstrang hätte besser zu ihm gepaßt«, sagte sie wütend.»Ich wünschte, er wäre tatsächlich dorthin gegangen, dann müßten wir uns nicht mit ihm rumschlagen.«

»Durmstrang ist auch eine Zaubererschule?«, fragte Harry.

»Ja«, sagte Hermine naserümpfend,»und sie hat einen fürchterlichen Ruf. Dem Handbuch der europäischen Magierausbildung zufolge legen sie dort großen Wert auf die dunklen Künste.«

»Ich glaub, ich hab schon davon gehört«, sagte Ron verschwommen.»Wo ist sie? In welchem Land?«

»Tja, das weiß keiner, ist doch klar«, sagte Hermine und hob die Augenbrauen.

»Hmm – wieso?«, fragte Harry.

»Es gibt seit jeher viel Rivalität zwischen den Zaubererschulen. Durmstrang und Beauxbatons ziehen es vor, sich zu verbergen, damit niemand ihre Geheimnisse stehlen kann«, sagte Hermine, als sei dies das Natürlichste von der Welt.

»Hör auf«, sagte Ron und fing an zu lachen.»Durmstrang muß ungefähr so groß sein wie Hogwarts, und wie willst du denn so ein irre großes Schloß verstecken?«

»Aber Hogwarts ist auch versteckt«, entgegnete Hermine überrascht,»jeder weiß es… nun ja, jeder, der die Geschichte von Hogwarts gelesen hat.«

»Also nur du«, sagte Ron.»Dann erklär mir mal – wie versteckt man ein Schloß wie Hogwarts?«

»Es ist verhext«, sagte Hermine.»Wenn die Muggel es anschauen, dann sehen sie nur eine vermoderte alte Ruine mit einem Schild über dem Eingang, auf dem steht: ACHTUNG, REIN ZUTRITT, EINSTURZGEFAHR.«

»Und Durmstrang sieht dann für Außenstehende auch aus wie eine Ruine?«

»Vielleicht«, sagte Hermine achselzuckend,»oder es hat Muggelabwehr-Zauber an den Mauern, wie das Weltmeisterschaftsstadion. Und damit fremde Zauberer es nicht finden, haben sie es sicher unortbar gemacht -«

»Wie bitte?«

»Nun, man kann ein Gebäude so verzaubern, daß es auf einer Karte nicht zu orten ist, oder?«

»Ähm – wenn du meinst«, sagte Harry.

»Aber ich glaube, Durmstrang muß irgendwo im hohen Norden sein«, sagte Hermine nachdenklich.»Wo es ganz kalt ist – bei denen gehören nämlich Pelzmützen zur Schuluniform.«

»Aah, denkt doch mal an die Möglichkeiten«, sagte Ron träumerisch.»Es wäre so einfach gewesen, Malfoy von einem Gletscher zu stoßen und die Sache wie einen Unfall aussehen zu lassen… jammerschade, daß seine Mutter ihn mag…«

Weiter nach Norden fuhr der Zug und der Regen wurde immer stärker. Der Himmel war dunkel und die Fenster waren beschlagen und deshalb gingen bereits gegen Mittag die Lampen an. Der Karren mit Speisen und Getränken kam den Gang entlanggerattert und Harry kaufte einen großen Stapel Kesselkuchen für alle.

Einige ihrer Freunde schauten im Laufe des Nachmittags bei ihnen vorbei, darunter Seamus Finnigan, Dean Thomas und Neville Longbottom, ein rundgesichtiger Junge, der von seiner Großmutter, einer stattlichen Hexe, erzogen worden und für seine Vergeßlichkeit berüchtigt war. Seamus trug immer noch seine Irland-Rosette. Ihr Zauber schien nun ein wenig nachzulassen; zwar piepste sie noch»Troy! Mullet! Moran!«, doch es klang recht schwachbrüstig und erschöpft. Nach einer guten halben Stunde hatte Hermine das endlose Quidditch-Gerede satt, sie vergrub sich in das Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 4, und versuchte sich einen Sammelzauber beizubringen.

Neville lauschte neiderfüllt, wie die anderen das Endspiel noch einmal Zug um Zug durchsprachen.

»Oma wollte nicht hingehen«, sagte er niedergeschlagen.»Und hat mir keine Karte gekauft. Klingt aber toll, was ihr erzählt.«

»War es auch«, sagte Ron.»Schau dir das an, Neville…«

Er stöberte in seinem Koffer auf der Gepäckablage und zog die kleine Nachbildung von Viktor Krum hervor.

»Wahnsinn«, sagte Neville neidisch, als Ron Krum einen kleinen Klaps auf den dicken Kopf gab.

»Wir haben ihn ganz aus der Nähe gesehen«, sagte Ron.»Wir waren in der Ehrenloge.«

»Zum ersten und letzten Mal in deinem Leben, Weasley.«

Draco Malfoy war in der Tür erschienen. Hinter ihm standen Crabbe und Goyle, seine fiesen bulligen Kumpels, die beide im Sommer offenbar um mehr als einen Kopf gewachsen waren. Wie es schien, hatten sie das Gespräch durch die Abteiltür, die Dean und Seamus offen gelassen hatten, belauscht.

»Ich erinnere mich nicht, dich eingeladen zu haben, Malfoy«, sagte Harry kühl.

»Hör mal, Weasley… was ist das denn?«, sagte Malfoy und deutete auf Pigwidgeons Käfig. Ein Ärmel von Rons Festumhang, der darüber hing, schwang im Fahrtrhythmus des Zuges hin und her, so daß der vergammelte Spitzenbesatz gut zur Geltung kam.

Ron wollte den Umhang rasch verschwinden lassen, doch Malfoy war schneller; er packte den Ärmel und zog ihn an sich.

»Seht euch das an!«, rief er ganz entzückt und hob Rons Festumhang hoch, damit Crabbe und Goyle ihn begutachten konnten.»Weasley, du hast doch nicht etwa die Absicht, den wirklich zu tragen? Immerhin – um 1890 herum war es sicher der letzte Schrei…«

»Friß Mist, Malfoy!«, sagte Ron, und sein Gesicht hatte, als er ihn Malfoy entriß, längst die Farbe des Umhangs angenommen. Malfoy wieherte hämisch und Crabbe und Goyle glotzten blöde.

»Aha… du willst dich also bewerben, Weasley? Willst den Namen deiner Familie mit ein wenig Ruhm bekleckern? Geld ist auch im Spiel, du weißt ja… könntest dir ein paar anständige Umhänge leisten, wenn du gewinnen würdest…«»Wovon redest du eigentlich?«, fuhr ihn Ron an.

»Machst du mit?«, wiederholte Malfoy.»Du, Potter, auf jeden Fall, schätze ich. Du läßt doch keine Gelegenheit aus, um den Angeber zu markieren, oder?«

»Entweder du erklärst, wovon du redest, oder du verschwindest, Malfoy«, sagte Hermine gereizt über den Rand ihres Lehrbuchs der Zaubersprüche hinweg.

Ein hämisches Grinsen breitete sich auf Malfoys Gesicht aus.

»Erzähl mir bloß nicht, daß du keine Ahnung hast, Weasley?«, höhnte er genüßlich.»Du hast einen Vater und einen Bruder im Ministerium und du weißt es nicht mal? Hör mal, mein Vater hat es mir schon vor einer Ewigkeit erzählt… hat es von Cornelius Fudge erfahren. So ist es eben, Vater hat immer mit den Topleuten im Ministerium zu tun… vielleicht ist deiner ein zu kleines Licht und darf es überhaupt nicht wissen, Weasley… tja… wenn er in der Nähe ist, reden sie wahrscheinlich nicht über wichtige Dinge…«

Malfoy lachte laut auf, nickte Crabbe und Goyle zu, und die drei verschwanden.

Ron erhob sich und knallte die Schiebetür des Abteils so wütend zu, daß die Scheibe zu Bruch ging.

»Ron!«, sagte Hermine vorwurfsvoll, zückte ihren Zauberstab und murmelte»Reparo!«; die Scherben flogen zu einer Scheibe zusammen, die sich wieder in die Tür einfügte.

»Das Aas… tut so, als ob er alles wüßte und wir nicht…«, knurrte Ron. ›Vater hat immer mit den Topleuten im Ministerium zu tun.‹… Mein Dad hätte sich jederzeit befördern lassen können… ihm gefällt eben die Arbeit, die er jetzt macht…«

»Natürlich, das wissen wir«, sagte Hermine beschwichtigend.»Laß dich doch nicht von Malfoy ärgern, Ron -«

»Er! Und mich ärgern! Schwachsinn!«, sagte Ron, packte einen der noch übrig gebliebenen Kesselkuchen und zerdrückte ihn zu Matsch.

Rons schlechte Laune hielt die restliche Fahrt über an. Er sprach nicht viel, als sie ihre Umhänge anzogen, und blickte immer noch finster, als der Hogwarts-Express endlich bremste und schließlich in pechschwarzer Dunkelheit am Bahnhof von Hogsmeade Halt machte.

Kaum waren die Waggontüren aufgegangen, hörten sie über sich ein Donnergrollen. Hermine wickelte Krummbein in ihren Umhang und Ron ließ seinen Festumhang über Pigwidgeons Käfig hängen. Mit gesenkten Köpfen, nur hin und wieder nach vorne blinzelnd, kämpften sie sich durch den Wolkenbruch. Es regnete so heftig, als würden Eimer um Eimer eiskalten Wassers über ihren Köpfen ausgeschüttet.

»Hallo, Hagrid!«, rief Harry; am Ende des Bahnsteigs hatte er eine hünenhafte Gestalt erspäht.

»Alles klar, Harry?«, brüllte Hagrid und winkte ihnen zu.»Sehn uns beim Festessen, falls wir vorher nicht absaufen!«

Wie es der Brauch war, fuhren die neuen Schüler mit Booten über den See hinüber nach Hogwarts.

»Uuuuuh, bei diesem Wetter hätt ich keine Lust, über den See zu fahren«, sagte Hermine und schüttelte sich ausgiebig. Inmitten der Schülerschar gelangten sie nur mühsam über den Bahnsteig und nach draußen vor den Bahnhof, wo bereits hundert pferdelose Kutschen auf sie warteten. Harry, Ron, Hermine und Neville stiegen erleichtert in einen der Wagen, die Tür schlug zu und wenige Augenblicke später setzte sich die lange Kutschenprozession mit einem kräftigen Ruck in Bewegung. Ratternd und Wasser zu allen Seiten verspritzend fuhren sie den Weg zum Schloß Hogwarts empor.

Das Trimagische Turnier

Die Kutschen rollten durch das von geflügelten Steinebern bewachte Schloßtor und kamen jetzt gefährlich ins Schlingern, denn aus dem Wind war ein Sturm geworden. Harry hatte den Kopf ans Fenster gelehnt und sah Hogwarts mit seinen vielen erleuchteten Fenstern, die verschwommen durch den dichten Regenschleier schimmerten, allmählich näher kommen. Blitze jagten sich am Himmel, als ihr Wagen an der steinernen Treppe anhielt, die zu dem großen Eichenportal hinaufführte. Ihre Mitschüler, die vor ihnen angekommen waren, stürmten bereits die Stufen zum Schloß empor; auch Harry, Ron, Hermine und Neville sprangen aus ihrer Kutsche und hasteten die Treppe hoch, und erst als sie endlich in der gewölbten, fackelbeleuchteten Eingangshalle mit ihrer beeindruckenden Marmortreppe standen, sahen sie auf.

»Oje«, sagte Ron, schüttelte den Kopf und spritzte Wasser auf die Umstehenden,»wenn das so weitergeht, läuft der See noch über. Ich bin pitsch… – AAARRH!«

Ein großer, roter, mit Wasser gefüllter Ballon war von der Decke herab auf Rons Kopf gefallen und geplatzt. Durchnäßt und prustend stolperte Ron zur Seite und rempelte Harry an, und genau in diesem Moment fiel die zweite Bombe – sie verfehlte nur knapp Hermine, platzte vor Harrys Füßen, und eine Welle eiskalten Wassers ergoß sich über seine Turnschuhe und durchweichte seine Socken. Die Umstehenden flohen kreischend und sich gegenseitig schubsend aus der Schußlinie – Harry hob den Kopf und erkannte, sieben Meter über ihnen schwebend, Peeves, den Poltergeist, einen kleinen Mann mit glockenförmigem Hut und orangeroter Fliege, der sie jetzt, das breite, heimtückische Gesicht vor Anspannung verzogen, erneut aufs Korn nahm.

»Peeves!«, rief eine zornige Stimme.»Peeves, kommen Sie runter, und zwar sofort!«

Professor McGonagall, die stellvertretende Direktorin und Leiterin des Hauses Gryffindor, kam aus der Großen Halle gestürmt, rutschte jedoch auf dem nassen Steinboden aus und konnte sich nur vor einem Sturz bewahren, indem sie sich an Hermines Hals festklammerte.

»Autsch – Verzeihung, Miss Granger -«

»Macht nichts, Professor!«, würgte Hermine und rieb sich die Kehle.

»Peeves, runter jetzt, sofort!«, bellte Professor McGonagall, rückte ihren Spitzhut zurecht und starrte durch ihre quadratischen Brillengläser zornig zur Decke.

»Tu doch gar nichts«, gackerte Peeves und warf mit großem Schwung eine Wasserbombe gegen eine Gruppe von Fünftkläßlerinnen, die schreiend in die Große Halle wegtauchten.»Sind doch eh schon naß, oder? Die kleinen Racker! Uuuiiiiiii!«Und mit einer weiteren Bombe nahm er ein paar Zweitkläßler aufs Korn, die gerade angekommen waren.

»Ich rufe den Schulleiter!«, rief Professor McGonagall.»Ich warne Sie, Peeves -«

Peeves streckte ihr die Zunge heraus, warf seine letzte Wasserbombe hoch in die Luft und rauschte unter irrem Kichern über die Marmortreppe hinweg davon.

»Also weiter jetzt«, sagte Professor McGonagall mit einer gewissen Schärfe in der Stimme zu der durchnäßten Menge.»In die Große Halle, Beeilung!«

Ron wischte sich das tropfnasse Haar unter wütendem Gemurmel aus dem Gesicht, und die drei schlitterten und rutschten durch die Eingangshalle und wandten sich dann nach rechts zur Flügeltür.

Wie immer zum Fest der Neuen war die Große Halle herrlich geschmückt. Im Licht unzähliger Kerzen, die über den Tischen schwebten, schimmerten goldene Teller und Kelche. An den vier langen Haustischen saßen dicht an dicht eifrig schwatzende Schüler; etwas erhöht an der Stirnseite der Halle saßen die Lehrer, den Schülern zugewandt, entlang einer fünften Tafel. Hier in der Großen Halle war es warm. Harry, Ron und Hermine gingen an den Slytherins, den Ravenclaws und den Hufflepuffs vorbei und setzten sich zu den Gryffindors auf der anderen Seite der Halle, neben den Fast Kopflosen Nick, das Gespenst von Gryffindor. Perlweiß und halb durchsichtig, trug Nick heute Abend sein übliches Wams, diesmal mit einer ungewöhnlich breiten Halskrause, die zum einen besonders festlich aussehen sollte und zum anderen dafür sorgte, daß sein Kopf auf dem fast durchtrennten Hals nicht über Gebühr eierte.

»Guten Abend«, sagte er und strahlte sie an.

»Schön war's«, sagte Harry. Er zog seine Turnschuhe aus und schüttete das Wasser aus.»Hoffentlich beeilen sie sich bei der Auswahl. Ich verhungere gleich.«

Zu Beginn jedes Schuljahres wurden die Neuen auf die vier Häuser von Hogwarts verteilt, doch durch eine unglückliche Fügung der Umstände war Harry seit seinem eigenen ersten Tag nie mehr bei einer Auswahl dabei gewesen. Im Grunde freute er sich darauf.

In diesem Moment rief jemand weiter oben am Tisch ganz aufgeregt und atemlos:»Holla, Harry!«

Es war Colin Creevey, ein Drittkläßler, für den Harry eine Art Held war.

»Hallo, Colin«, sagte Harry verhalten.

»Harry, rat mal, was heute los ist? Rat mal, Harry! Heute fängt mein Bruder an! Mein Bruder Dennis!«

»Hmmh – ist ja toll«, sagte Harry.

»Er ist furchtbar aufgeregt!«, rief Colin und hopste auf seinem Stuhl hin und her.»Ich hoffe, er kommt nach Gryffindor! Drück ihm die Daumen, ja, Harry?«

»Ähm – ja, mach ich!«, sagte Harry und wandte sich wieder Hermine, Ron und dem Fast Kopflosen Nick zu.»Geschwister kommen normalerweise zusammen in ein Haus, stimmt doch?«, fragte er. Er dachte an die Weasleys, die alle sieben nach Gryffindor gekommen waren.

»O nein, nicht unbedingt«, sagte Hermine.»Parvati Patils Zwillingsschwester ist in Ravenclaw und die beiden sind nicht zu unterscheiden. Da würdest du doch denken, sie gehörten auch hier zusammen, oder?«

Harry sah hoch zum Lehrertisch. Mehr Stühle als sonst schienen leer zu sein. Hagrid kämpfte sich natürlich immer noch mit den Erstkläßlern über den See; Professor McGonagall überwachte vermutlich das Aufwischen in der Eingangshalle, doch da war noch ein leerer Stuhl, und er kam nicht darauf, wer noch fehlen könnte.

»Wo ist der neue Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste?«, fragte Hermine, die ebenfalls zum Lehrertisch hochsah.

Sie hatten noch nie einen Lehrer in diesem Fach gehabt, der länger als ein Schuljahr geblieben war. Harrys mit Abstand liebster Lehrer war Professor Lupin gewesen, der letztes Jahr aufgegeben hatte. Er ließ den Blick am Lehrertisch entlangwandern. Eindeutig kein neues Gesicht.

»Vielleicht haben sie keinen gekriegt!«, sagte Hermine mit besorgter Miene.

Noch einmal musterte Harry alle, die dort oben saßen.

Der winzig kleine Professor Flitwick, Lehrer für Zauberkunst, saß auf einem großen Stapel Kissen neben Professor Sprout, der Lehrerin für Kräuterkunde, deren Hut schräg auf ihrem grauen Flatterhaar saß. Sie sprach gerade mit Professor Sinistra vom Fach Astrologie. Zur anderen Seite von Professor Sinistra saß der fahlgesichtige, fetthaarige Lehrer für Zaubertränke, Snape – den Harry am wenigsten von allen in Hogwarts ausstehen konnte. Harrys Haß auf Snape wurde nur von Snapes Haß auf Harry übertroffen, ein Haß, der sich letztes Jahr wohl noch gesteigert hatte, als Harry Sirius geholfen hatte, direkt unter Snapes übergroßer Nase zu entkommen – Snape und Sirius waren seit ihrer eigenen Schulzeit miteinander verfeindet.

Auf Snapes anderer Seite war ein leerer Stuhl, der sicher Professor McGonagall gehörte. Daneben, in der Mitte des Tisches, saß Professor Dumbledore, der Schulleiter. Sein wehendes Silberhaar und sein üppiger Bart schimmerten im Kerzenlicht und sein herrlicher dunkelgrüner Umhang war über und über mit Sternen und Monden bestickt. Professor Dumbledores Kinn ruhte auf den zusammengelegten Spitzen seiner langen dünnen Finger und er blickte offenbar gedankenversunken durch die Halbmondgläser seiner Brille hoch zur Decke. Auch Harry warf einen Blick zur Decke. Sie war verzaubert und sah aus wie der Himmel draußen, den er noch nie so sturmzerzaust gesehen hatte. Schwarze und purpurne Wolken wirbelten über den Himmel, und als es draußen einen erneuten Donnerschlag gab, erhellte ihn für einige Sekunden ein weit verästelter Blitz.

»Mensch, beeilt euch«, stöhnte Ron.»Ich könnte einen Hippogreif verspeisen.«Er hatte kaum den Mund zugemacht, da öffneten sich die Flügeltüren der Großen Halle. Alle verstummten. Professor McGonagall erschien an der Spitze einer langen Reihe von Erstkläßlern und führte sie an die Stirnseite der Halle. Harry, Ron und Hermine waren zwar ziemlich naß, doch das war nichts gegen die Neuen. Sie schienen nicht über den See gefahren, sondern geschwommen zu sein. Alle zitterten vor Kälte und Aufregung, als sie am Lehrertisch entlanggingen und sich in einer Reihe vor den älteren Schülern aufstellten – alle, nur der Kleinste von ihnen nicht, ein Junge mit mausgrauem Haar, der, wie Harry erkannte, in Hagrids Maulwurfmantel gewickelt war. Der viel zu große Mantel wirkte, als wäre der Junge in eine schwarze Pelzmarkise gehüllt. Sein kleines Gesicht lugte aus dem Kragen hervor und zeigte, daß er vor Aufregung fast Qualen litt. Als er sich bei seinen verängstigt umherblickenden Mitschülern eingereiht hatte, fing er Colin Creeveys Blick auf, reckte beide Daumen in die Höhe und formte mit den Lippen die Worte:»Ich bin in den See gefallen!«Darüber war er offensichtlich entzückt.

Professor McGonagall kam mit einem dreibeinigen Stuhl in der Hand und stellte ihn vor den Neuen ab. Auf dem Stuhl lag ein steinalter, schmutziger, geflickter Zaubererhut. Die Neuen starrten ihn an. Und alle anderen auch. Einen Moment lang herrschte Schweigen. Dann öffnete sich ein Riß gleich über der Krempe, ein Mund bildete sich, und der Hut begann zu singen:

Eintausend Jahr und mehr ist's her,

seit mich genäht ein Schneiderer.

Da lebten vier Zaubrer wohl angesehn;

ihre Namen werden nie vergehn.

Von wilder Heide der kühne Gryffindor,

der schöne Ravenclaw den höchsten Fels erkor.

Der gute Hufflepuff aus sanftem Tal,

der schlaue Slytherin aus Sümpfen fahl.

Sie teilten einen Wunsch und Traum,

einen kühnen Plan, ihr glaubt es kaum

junge Zauberer gut zu erziehn,

das war von Hogwarts der Beginn.

Es waren unserer Gründer vier,

die schufen diese Häuser hier

und jeder schätzte eine andere Tugend

bei der von ihm belehrten Jugend.

Die Mutigsten zog Gryffindor

bei weitem allen ändern vor;

für Ravenclaw die Klügsten waren

alleine wert der Lehrerqualen.

Und jedem, der da eifrig lernte,

bescherte Hufflepuff reiche Ernte.

Bei Slytherin der Ehrgeiz nur

stillte den Machttrieb seiner Natur.

Es ist vor langer Zeit gewesen,

da konnten sie noch selbst verlesen,

doch was sollte später dann geschehen,

denn sie würden ja nicht ewig leben.

's war Gryffindor, des Rates gewiß,

der mich sogleich vom Kopfe riß.

Die Gründer sollten mir verleihn

von ihrem Grips 'nen Teil ganz klein.

So kann ich jetzt an ihrer statt,

sagen, wer wohin zu gehen hat.

Nun setzt mich rasch auf eure Schöpfe,

damit ich euch dann vor mir knöpfe.

Falsch gewählt hab ich noch nie,

weil ich in eure Herzen seh.

Nun wollen wir nicht weiter rechten,

ich sag, wohin ihr paßt am besten.

Der Sprechende Hut verstummte und in der Großen Halle brandete Beifall auf.

»Das ist doch nicht das Lied, das er damals für uns gesungen hat«, sagte Harry und klatschte ebenfalls.

»Er singt jedes Jahr ein neues«, sagte Ron.»Muß ein ziemlich langweiliges Leben sein für diesen Hut, meint ihr nicht? Sicher verbringt er das ganze Jahr damit, ein neues Lied zu dichten.«

Professor McGonagall entrollte ein langes Pergament.

»Wenn ich euren Namen rufe, zieht ihr den Hut über den Kopf und setzt euch auf den Stuhl«, erklärte sie den Neuen.»Wenn der Hut euer Haus ausruft, geht ihr zum richtigen Tisch und setzt euch dorthin.

Ackerly, Stewart!«

Ein Junge, sichtlich am ganzen Leib zitternd, trat vor, nahm den Sprechenden Hut in die Hand, setzte ihn auf und ließ sich auf dem Stuhl nieder.

»Ravenclaw!«, rief der Hut.

Stewart Ackerly nahm den Hut ab und hastete zu einem Platz am Tisch der Ravenclaws, die ihn begeistert klatschend empfingen. Harry erhaschte einen kurzen Blick auf Cho, die Sucherin der Ravenclaws, die Stewart Ackerly herzlich begrüßte. Einen flüchtigen Moment lang hatte er das merkwürdige Gefühl, sich ebenfalls zu den Ravenclaws setzen zu wollen.

»Baddock, Malcolm!«

»Slytherin!«

Am Tisch auf der anderen Seite der Halle brach Jubel aus; Harry konnte Malfoy klatschen sehen, als Baddock sich den Slytherins anschloß. Harry fragte sich, ob Baddock wußte, daß das Haus Slytherin mehr schwarze Hexen und Magier hervorgebracht hatte als alle anderen Häuser. Fred und George pfiffen Malcolm Baddock aus, als er sich setzte.

»Branstone, Eleanor!«

»Hufflepuff!«

»Cauldwell, Owen!«

»Hufflepuff!«

»Creevey, Dennis!«

Der winzige Dennis Creevey trat über Hagrids Maulwurfmantel stolpernd vor, und in genau diesem Moment glitt Hagrid selbst durch eine Tür hinter dem Lehrertisch in die Halle. Hagrid, etwa doppelt so groß wie ein normal gewachsener Mann und mindestens dreimal so breit, sah mit seinem langen, wilden und zerzausten schwarzen Haar und seinem Bart ein wenig beängstigend aus – ein falscher Eindruck, wie Harry, Ron und Hermine wußten, denn Hagrid war von ausgesprochen freundlichem Gemüt. Er zwinkerte ihnen zu, setzte sich ans Ende des Lehrertisches und sah Dennis Creevey zu, der jetzt den Sprechenden Hut aufsetzte. Der Riß über der Krempe öffnete sich weit -

»Gryffindor!«, rief der Hut.

Hagrid stimmte in den Applaus der Gryffindors ein, und Dennis, übers ganze Gesicht strahlend, nahm den Hut ab, legte ihn auf den Stuhl und rannte zum Gryffindor-Tisch, wo sein Bruder ihn empfing.

»Colin, ich bin in den See gefallen!«, kreischte er und hopste auf einen freien Platz.»Es war toll! Und da war etwas im Wasser, das hat mich gepackt und ins Boot zurückgeworfen!«

»Cool!«, sagte Colin, nicht minder begeistert.»Das war sicher der Riesenkrake, Dennis!«

»Irre!«, sagte Dennis, als wäre es die Erfüllung der sehnlichsten Träume, in einen sturmgepeitschten, unergründlichen See zu fallen und von einem gewaltigen Seemonster wieder herausgefischt zu werden.

»Dennis! Dennis! Siehst du den Jungen dort drüben? Den mit dem schwarzen Haar und der Brille? Siehst du ihn? Weißt du, wer das ist, Dennis?«

Harry wandte den Kopf zur Seite und starrte angestrengt hinüber zum Sprechenden Hut, der gerade Emma Dobbs' Haus ausrief.

So ging es weiter mit der Aufteilung der Schüler; Jungen und Mädchen, alle mit mehr oder weniger ängstlichen Gesichtern, traten der Reihe nach vor den dreibeinigen Stuhl, und die Schlange der Wartenden war schon um einiges kürzer, als Professor McGonagall zum Buchstaben L kam.

»Aah, beeilt euch«, sagte Ron und massierte sich den Bauch.

»Ich bitte dich, Ron, die Auswahl ist viel wichtiger als das Essen«, sagte der Fast Kopflose Nick, als»Madley, Laura«, gerade zu einer Hufflepuff ernannt wurde.

»Natürlich, wenn man schon tot ist«, knurrte Ron.

»Ich hoffe inständig, daß die neuen Gryffindors erste Sahne sind«, sagte der Fast Kopflose Nick, während er»McDonald, Natalie«beklatschte, die jetzt zum Gryffindor-Tisch kam.»Wir wollen doch unsere Siegesserie fortsetzen, nicht wahr?«

Gryffindor hatte die Hausmeisterschaft die letzten drei Jahre in Folge gewonnen.

»Pritchard, Graham!«

»Slytherin!«

»Quirke, Orla!«

»Ravenclaw!«

Und endlich, nach»Whitby, Kevin!«(»Hufflepuff!«) verstummte der Sprechende Hut. Professor McGonagall nahm Hut und Stuhl hoch und trug sie davon.

»Wird allmählich Zeit«, sagte Ron, packte Messer und Gabel und blickte erwartungsvoll auf seinen goldenen Teller.

Professor Dumbledore hatte sich erhoben. Lächelnd sah er in die Runde und breitete die Arme zu einer Geste des Willkommens aus.

»Ich habe euch nur zwei Worte zu sagen«, verkündete er, und seine tiefe Stimme hallte von den Wänden wider.»Haut rein.«

»Hört, hört!«, sagten Harry und Ron laut, und schon füllten sich die leeren Schüsseln unter ihren Augen von Zauberhand mit Speisen.

Der Fast Kopflose Nick sah traurig zu, wie Harry, Ron und Hermine ihre Teller beluden.

»Mmmh, schom bescher«, sagte Ron, den Mund voll Kartoffelbrei.

»Ihr habt Glück, daß es heute Abend überhaupt ein Festessen gibt«, sagte der Fast Kopflose Nick.»Vorhin gab's nämlich Ärger in der Küche.«

»Warum? Wa'n paschiert?«, schmatzte Harry mit einem mächtigen Stück Steak im Mund.

»Peeves, natürlich«, sagte der Fast Kopflose Nick und schüttelte den Kopf, der dabei gefährlich ins Trudeln geriet. Er zog seine Halskrause ein wenig höher.»Der übliche Streit, ihr wißt schon. Wollte beim Essen dabei sein – und das kommt überhaupt nicht in Frage, ihr kennt ihn ja, ungehobelter Kerl, er kann keinen Teller mit Essen sehen, ohne ihn durch die Gegend zu werfen. Wir haben Geisterrat gehalten – der Fette Mönch wollte ihm unbedingt eine Chance geben – aber der Blutige Baron war strikt dagegen, völlig zu Recht, wenn ihr mich fragt.«

Der Blutige Baron war der Geist von Slytherin, ein ausgemergeltes und stummes Gespenst, das mit silbrigen Blutflecken bespritzt war. Als Einziger in Hogwarts hatte er Peeves wirklich im Griff.

»Ja, wir haben mitgekriegt, daß Peeves aus irgendeinem Grund völlig von der Rolle war«, sagte Ron stirnrunzelnd.»Also, was hat er in der Küche angestellt?«

»Ooch, das Übliche«, sagte der Fast Kopflose Nick achselzuckend.»Verwüstung und Chaos. Überall lagen Töpfe und Pfannen herum. Die ganze Küche schwamm in Suppe. Hat die Hauselfen fast zu Tode erschreckt -«

Klang. Hermine hatte ihren goldenen Trinkbecher umgestoßen. Der Kürbissaft breitete sich unaufhaltsam über das Tischtuch aus und ließ ein paar Meter weißen Linnens orangerot anlaufen, doch Hermine war das schnuppe.

»Hier gibt es Hauselfen?«, sagte sie und sah den Fast Kopflosen Nick starr vor Entsetzen an.»Hier in Hogwarts?«

»Natürlich«, sagte der Fast Kopflose Nick, völlig überrascht von der Wirkung seiner Worte.»Mehr als in jedem anderen Hause Britanniens, glaube ich. Über hundert.«

»Ich hab noch nie welche gesehen!«, sagte Hermine.

»Natürlich nicht, sie verlassen tagsüber kaum die Küche«, sagte der Fast Kopflose Nick.»Nachts kommen sie raus, um ein wenig sauber zu machen… nach den Feuern zu schauen und so weiter… außerdem soll man sie ja auch gar nicht sehen. Zeichnet es nicht gerade einen guten Hauselfen aus, daß man ihn überhaupt nicht bemerkt?«

Hermine starrte ihn an.

»Aber sie werden doch bezahlt?«, fragte sie.»Sie kriegen Urlaub, oder nicht? Und – sie sind krankenversichert und bekommen eine Rente?«

Der Fast Kopflose Nick gluckste so heftig, daß ihm die Halskrause herunterrutschte. Sein Kopf fiel zur Seite und blieb baumelnd an dem Fingerbreit Gespensterhaut und Muskelfaser hängen, der ihn noch mit dem Hals verband.

»Krankenversicherung und Rente?«, sagte er, setzte seinen Kopf zurück auf den Hals und befestigte ihn wieder mit der Krause.»Hauselfen wollen sich nicht krankschreiben lassen und auch nicht in Rente gehen!«

Hermine warf einen Blick auf ihr kaum berührtes Essen, legte Messer und Gabel auf den Teller und schob ihn von sich weg.

»Ey, 'ör mal, 'Ermine«, sagte Ron und besprühte Harry versehentlich mit Stückchen seines Yorkshire-Puddings.»Uuhps – Verzeihung, 'Arry -«Er schluckte den Bissen hinunter.»Selbst wenn du dich zu Tode hungerst, kriegen sie keinen Urlaub!«

»Sklavenarbeit«, sagte Hermine und atmete schwer durch die Nase.»Das steckt hinter diesem Abendessen. Sklavenarbeit.«

Und sie weigerte sich, einen weiteren Bissen zu sich zu nehmen.

Noch immer trommelte der Regen hart gegen die hohen, dunklen Fenster. Wieder ließ ein Donnergrollen die Scheiben klirren, am sturmgepeitschten Himmel blitzte es, und die goldenen Teller erstrahlten kurz, während die Reste des ersten Ganges verschwanden und sofort der Nachtisch erschien.

»Siruptorte, Hermine!«, sagte Ron und fächelte mit der Hand den Duft der Torte zu ihr hinüber.»Rosinenpudding, sieh mal! Und Schokoladenkuchen!«

Doch Hermine versetzte ihm einen Blick, der dem Professor McGonagalls um nichts nachstand, und Ron gab klein bei.

Als auch der Nachtisch verschlungen war, die letzten Krümel von den Tellern gefegt und diese wieder blitzblank waren, erhob sich noch einmal Albus Dumbledore. Das Gesumme und Geschnatter, das die Große Halle erfüllte, verstummte jäh, und nur noch das Heulen des Windes und das Trommeln des Regens waren zu hören.

»So!«, sagte Dumbledore und lächelte in die Runde.

»Nun, da wir alle gefüttert und gewässert sind (»Hmfff!«, machte Hermine), muß ich noch mal um eure Aufmerksamkeit bitten und euch einige Dinge mitteilen.

Mr Filch, der Hausmeister, hat mich gebeten, euch zu sagen, daß die Liste der verbotenen Gegenstände in den Mauern des Schlosses für dieses Jahr erweitert wurde und nun auch Jaulende Jo-Jos, Fangzähnige Frisbees und Bissige Bumerangs enthält. Die vollständige Liste zählt, soviel ich weiß, etwa vierhundertundsiebenunddreißig Gegenstände auf und kann in Mr Filchs Büro eingesehen werden, falls jemand sie zu Rate ziehen will.«

Dumbledores Mundwinkel zuckten.

»Wie immer«, fuhr er fort,»möchte ich euch daran erinnern, daß der Wald auf dem Schloßgelände für Schüler verboten ist, wie auch das Dorf Hogsmeade für alle Schüler der ersten und zweiten Klasse.

Ich habe zudem die schmerzliche Pflicht, euch mitzuteilen, daß der Quidditch-Wettbewerb zwischen den Häusern dieses Jahr nicht stattfinden wird.«

»Was?«, keuchte Harry. Er sah sich nach Fred und George um, seinen Mitspielern im Quidditch-Team. Sie waren offenbar zu entsetzt, um einen Ton hervorzubringen, und von ihren Lippen war nur ein stummes Flehen in Richtung Dumbledore abzulesen.

»Der Grund ist eine Veranstaltung, die im Oktober beginnt«, fuhr Dumbledore fort,»und den Lehrern das ganze restliche Schuljahr viel Zeit und Kraft abverlangen wird – doch ich bin sicher, ihr werdet alle viel Spaß dabei haben. Mit größtem Vergnügen möchte ich ankündigen, daß dieses Jahr in Hogwarts -«

Doch in diesem Moment gab es ein ohrenbetäubendes Donnergrollen und die Flügeltüren der Großen Halle schlugen krachend auf.

Ein Mann, auf einen langen Stock gestützt und in einen schwarzen Reiseumhang gehüllt, stand am Eingang. Jeder Kopf in der Großen Halle wirbelte zu dem Fremden herum, den ein spinnbeiniger Blitz am Himmel jäh ins Licht tauchte. Er nahm seine Kappe ab, befreite mit einem Kopfschütteln seine lange, grauweiße Haarmähne und wandte seine Schritte dem Lehrertisch zu.

Ein dumpfes Klonk wummerte bei jedem zweiten Schritt durch die Große Halle. Er bestieg das Podium, wandte sich nach rechts und humpelte auf Dumbledore zu. Erneut schoß ein Blitz über den Himmel. Hermine hielt den Atem an.

Der Blitz hatte ihnen das Gesicht des Mannes als scharfes Relief gezeigt, und es war ein Gesicht, wie Harry noch nie eines gesehn hatte. Es wirke, als wäre es aus einem Stück verwitterten Holzes geschnitzt, von jemandem, der nur eine ganz dunkle Ahnung von einem menschlichen Gesicht hatte und nicht allzu kunstfertig mit dem Breitel umgehen konnte. Jeder Zentimeter seiner Haut schien vernarbt zu sein, Der Mund war eine klaffende Wunde, die sich schräg über das Gesicht zog, und ein großes Stück der Nase fehlte. Doch es waren die Augen des Mannes, die einem wirklich Angst einjagten.

Das eine war eine kleine, dunkle Perle. Das andere war groß, rund wie eine Münze und von einem leuchtend stählernen Blau. Das blaue Auge bewegte sich unablässig, ohne Lidschlag, rollte nach oben, nach unten, zur Seite, ganz unabhängig vom normalen Auge – und dann drehte es sich ganz nach hinten und blickte in den Kopf des Mannes hinein, so daß sie nur noch das Weiße des Augapfels sehen konnten.

Der Fremde trat nun vor Dumbledore. Er streckte die Hand aus, die genauso schwer vernarbt war wie sein Gesicht, Dumbledore schüttelte sie und murmelte ein paar Worte, die Harry nicht verstand. Er schien den Fremden nach etwas zu fragen, der jetzt ohne ein Lächeln den Kopf schüttelte und mit gedämpfter Stimme antwortete. Dumbledore nickte und bot dem Mann den leeren Platz neben sich an.

Der Fremde setzte sich, warf die grauweißen Haare aus dem Gesicht, zog einen Teller Würste zu sich her, hob sie zum Rest seiner Nase hoch und beschnüffelte sie. Dann zog er ein kleines Messer aus der Tasche, spießte damit eine Wurst auf und begann zu essen. Sein normales Auge ruhte auf den Würsten, doch das blaue Auge huschte immer noch ruhelos in seiner Höhle umher und musterte die Halle und die Schüler.

»Ich möchte euch euren neuen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste vorstellen«, sagte Dumbledore strahlend in das Schweigen hinein.»Professor Moody.«

Normalerweise wurden neue Lehrer mit Beifall begrüßt, doch kein Lehrer und auch kein Schüler rührte die Hand, mit Ausnahme von Dumbledore und Hagrid. Beide klatschten, doch in der Stille klang es kläglich, und sie hörten schnell wieder auf. Alle anderen schienen so gebannt von Moodys außergewöhnlicher Erscheinung, daß sie ihn nur anstarren konnten.

»Moody?«, wisperte Harry Ron zu.»Mad-Eye Moody? Dem dein Dad heute Morgen zu Hilfe gekommen ist?«

»Das muß er sein«, sagte Ron mit leiser, beeindruckter Stimme.

»Was ist denn mit dem los?«, flüsterte Hermine.»Was ist mit seinem Gesicht passiert?«

»Keine Ahnung«, flüsterte Ron, der Moody immer noch fasziniert anstarrte.

Moody schien sein wenig überschwänglicher Empfang nicht im Mindesten zu stören. Ohne den Krug mit Kürbissaft vor sich zu beachten, steckte er die Hand abermals in seinen Reiseumhang, zog einen Flachmann heraus und nahm einen kräftigen Schluck. Als er den Arm hob, um zu trinken, verrutschte sein Umhang ein wenig, und Harry sah unter dem Tisch einige Zentimeter seines geschnitzten Holzbeines, das in einem Klauenfuß endete. Dumbledore räusperte sich erneut.

»Wie ich eben erwähnte«, sagte er und lächelte dem Meer von Schülern zu, die immer noch gebannt Mad-Eye Moody anstarrten,»werden wir in den kommenden Monaten die Ehre haben, Gastgeber einer sehr spannenden Veranstaltung zu sein, eines Ereignisses, das seit über einem Jahrhundert nicht mehr stattgefunden hat. Mit allergrößtem Vergnügen teile ich euch mit, daß dieses Jahr in Hogwarts das Trimagische Turnier stattfinden wird.«

»Sie machen Witze!«, sagte Fred Weasley laut.

Die Spannung, welche die Halle seit Moodys Ankunft erfüllt hatte, entlud sich mit einem Schlag. Fast alle lachten und Dumbledore gluckste zufrieden.

»Ich mache keine Witze, Mr Weasley«, sagte er,»obwohl, da fällt mir ein, im Sommer habe ich einen köstlichen Witz gehört; ein Troll, eine Vettel und ein irischer Kobold gehen zusammen in die Kneipe -«

Professor McGonagall räusperte sich vernehmlich.

»Ähm – aber vielleicht ein andermal… nein…«, sagte Dumbledore.»Wo war ich stehen geblieben? Ah ja, das Trimagische Turnier… nun, einige von euch werden nicht wissen, worum es bei diesem Turnier geht, und ich hoffe, daß die anderen mir verzeihen, wenn ich es kurz erkläre, sie können ja inzwischen weghören.

Das Trimagische Turnier fand erstmals vor etwa siebenhundert Jahren statt, als freundschaftlicher Wettstreit zwischen den drei größten europäischen Zaubererschulen -Hogwarts, Beauxbatons und Durmstrang. Jede Schule wählte einen Champion aus, der sie vertrat, und diese drei mußten im Wettbewerb drei magische Aufgaben lösen. Die Schulen wechselten sich alle fünf Jahre als Gastgeber des Turniers ab, und alle fanden, dies sei der beste Weg, persönliche Bande zwischen jungen Hexen und Magiern verschiedener Länder zu knüpfen – bis allerdings die Todesrate so stark zunahm, daß das Turnier eingestellt wurde.«

»Todesrate?«, flüsterte Hermine mit alarmierter Miene. Doch ihre Beklemmung schien von der Mehrheit der Schüler in der Halle nicht geteilt zu werden; viele von ihnen tuschelten aufgeregt miteinander, und auch Harry wartete gespannt darauf, mehr über das Turnier zu hören, und hatte keine Lust, sich über Hunderte von Jahren zurückliegende Todesfälle Gedanken zu machen.

»Es gab im Laufe der Jahrhunderte mehrere Versuche, das Turnier wieder einzuführen«, fuhr Dumbledore fort,»doch keiner davon war sehr erfolgreich. Nun allerdings hat unsere Abteilung für Magische Spiele und Sportarten beschlossen, daß die Zeit reif ist für einen neuen Versuch. Den ganzen Sommer über haben wir uns alle Mühe gegeben, dafür zu sorgen, daß diesmal kein Champion in tödliche Gefahr geraten kann.

Die Schulleiter von Beauxbatons und Durmstrang werden mit ihren Kandidaten engerer Wahl im Oktober hier eintreffen und der Ausscheidungskampf für die drei Champions wird an Halloween stattfinden. Ein unparteiischer Richter wird entscheiden, welche Schüler geeignet sind, im Trimagischen Turnier für den Ruhm ihrer Schule anzutreten und das ausgesetzte Preisgeld von tausend Galleonen zu gewinnen.«

»Ich mach mit!«, zischte Fred Weasley, so daß es alle am Tisch hörten, und er strahlte schon begeistert bei der Vorstellung so viel Ruhm und Reichtum ernten zu können. Er war offenbar nicht der Einzige, der sich bereits als Hogwarts-Champion sah. An jedem Haustisch sah Harry Schüler, die entweder traumverloren Dumbledore anstarrten oder fieberhaft mit ihren Nachbarn flüsterten. Doch dann erhob Dumbledore erneut die Stimme, und die Halle verstummte.

»Zwar weiß ich, wie begierig ihr alle darauf seid, den Trimagischen Pokal für Hogwarts zu holen«, sagte er,»doch die Leiter der teilnehmenden Schulen haben gemeinsam mit dem Zaubereiministerium beschlossen, in diesem Jahr eine Altersbegrenzung für die Bewerber festzusetzen. Nur Schüler, die volljährig sind – das heißt siebzehn Jahre oder älter -, erhalten die Erlaubnis, sich am Wettbewerb zu beteiligen. Dies ist ein Schritt«- und Dumbledore sprach ein wenig lauter, denn bei diesen Worten hatten einige Schüler empört aufgeschrien und die Weasley-Zwillinge schienen plötzlich mächtig zornig zu sein -»dies ist ein Schritt, den wir für notwendig halten, denn die Turnieraufgaben sind schwierig und trotz aller Vorkehrungen nur unter Gefahr zu lösen, und es ist höchst unwahrscheinlich, daß Schüler unterhalb der sechsten Klassenstufe damit zurechtkommen. Ich persönlich werde dafür sorgen, daß kein minderjähriger Schüler unseren unparteiischen Schiedsrichter hinters Licht führt, um Hogwarts-Champion zu werden.«Seine hellblauen Augen huschten zwinkernd über Freds und Georges rebellische Mienen.»Ich bitte euch daher, eure Zeit nicht mit einer Bewerbung zu verschwenden, wenn ihr noch nicht siebzehn seid.

Die Abordnungen aus Beauxbatons und Durmstrang werden im Oktober eintreffen und den größten Teil des Jahres bei uns bleiben. Ich weiß, daß ihr unsere ausländischen Gäste mit größter Herzlichkeit empfangen und den HogwartsChampion mit Leib und Seele unterstützen werdet, sobald er oder sie ausgewählt ist. Und nun ist es spät und ich weiß, wie wichtig es ist, daß ihr alle wach und ausgeruht seid, wenn ihr morgen in die Klassen geht. Schlafenszeit! Husch, husch!«

Dumbledore setzte sich und begann mit Mad-Eye Moody zu sprechen. Unter lautem Stuhlbeinscharren und Tischerücken erhoben sich die Schüler und schwärmten auf die Flügeltüren der Eingangshalle zu.

»Das können sie nicht machen!«, sagte George Weasley, der sich dem Strom zur Tür nicht angeschlossen hatte, sondern nur da stand und Zornfunkelnd zu Dumbledore hochstarrte.»Im April werden wir siebzehn, warum dürfen wir es nicht probieren?«

»Ich trete jedenfalls an, daran werden die mich nicht hindern«, sagte Fred verbissen und starrte ebenfalls mit finsterer Miene in Richtung Dumbledore.»Der Champion darf sicher alles Mögliche anstellen, was wir sonst nie tun dürfen. Und tausend Galleonen Preisgeld!«

»Jaah!«, sagte Ron mit abwesendem Blick.»Jaah, tausend Galleonen…«

»Kommt jetzt«, sagte Hermine,»sonst sind wir noch die Letzten hier.«

Harry, Ron, Hermine, Fred und George machten sich auf den Weg hinaus in die Eingangshalle, und Fred und George überlegten laut, wie Dumbledore es schaffen könnte, die unter Siebzehnjährigen vom Turnier fern zu halten.

»Wer ist dieser unparteiische Richter, der über die Champions entscheidet?«, fragte Harry.

»Keine Ahnung«, sagte Fred,»aber den müssen wir auf jeden Fall austricksen. Ich denke mal, ein paar Tropfen Alterungstrank werden genügen, George…«

»Aber Dumbledore weiß doch, daß ihr nicht alt genug seid«, sagte Ron.

»Schon, aber er entscheidet ja nicht, wer Champion wird, oder?«, sagte Fred mit hinterlistigem Lächeln.»Ich glaube, sobald dieser Richter weiß, wer mitkämpfen will, wählt er von jeder Schule den Besten aus, ohne daß er groß aufs Alter achtet. Dumbledore will doch nur verhindern, daß wir uns bewerben.«

»Aber es sind schon Leute dabei umgekommen!«, sagte Hermine mit besorgter Stimme, während sie durch eine hinter einem Wandvorhang verborgene Tür gingen und dann eine schmale Treppe erklommen.

»Tjaah«, sagte Fred lässig,»aber das ist doch schon ewig her. Und außerdem, wo bleibt der Spaß, wenn nicht ein bißchen Prickeln dabei ist? Hey, Ron, wie war's, wenn wir Dumbledore reinlegen? Hast du Lust mitzumachen?«

»Was meinst du?«, fragte Ron Harry.»Mitmachen wäre cool, oder? Aber ich glaube, die brauchen jemand Älteren… weiß nicht, ob wir schon genug gelernt haben…«

»Ich jedenfalls nicht«, ertönte Nevilles verzagte Stimme hinter Fred und George.»Aber Oma würde sicher wollen, daß ich mitmache, immer redet sie davon, daß ich die Familienehre verteidigen soll. Ich muß nur – uuuhps…«

Nevilles Fuß war geradewegs durch eine Stufe in der Mitte der Treppe gesunken. Von diesen Trickstufen gab es viele in Hogwarts; die meisten der älteren Schüler übersprangen sie bereits im Schlaf, doch Neville war berüchtigt für sein schwaches Gedächtnis. Harry und Ron packten ihn unter den Achseln und zogen ihn hoch, unter dem Kreischen und Klappern und pfeifenden Lachen einer Rüstung oben am Treppenabsatz.

»Klappe«, sagte Ron und knallte der Rüstung im Vorbeigehen das Visier zu. Schließlich gelangten sie zum Eingang des Gryffindor-Turms, der hinter dem großen Porträt einer fetten Dame in einem rosa Seidenkleid verborgen war.

»Paßwort?«, sagte sie, als sie näher kamen.

»Quatsch«, sagte George,»hat mir ein Vertrauensschüler unten verraten.«

Das Gemälde klappte zur Seite und gab ein Loch in der Wand frei, durch das sie kletterten. Ein knisterndes Feuer wärmte den runden Gemeinschaftsraum, der voller Tische und weicher Sessel war. Hermine warf den ausgelassen tanzenden Flammen einen düsteren Blick zu und Harry hörte sie deutlich»Sklavenarbeit«murmeln, bevor sie ihnen gute Nacht wünschte und durch die Tür zum Mädchenschlafraum verschwand.

Harry, Ron und Neville kletterten die letzte Treppe hoch, die sich spiralförmig nach oben wand, und gelangten schließlich in ihren eigenen Schlafsaal in der Turmspitze. Fünf Himmelbetten mit scharlachroten Vorhängen standen an den Wänden und davor lagen bereits ihre Schulkoffer. Dean und Seamus machten sich schon zum Schlafen fertig; Seamus hatte seine Irland-Rosette an das Kopfbrett des Bettes gepinnt und Dean hatte mit Reißzwecken ein Poster von Viktor Krum über seinem Nachttisch befestigt. Sein altes Poster der Mannschaft von West Ham hing gleich daneben.

»Verrückt«, seufzte Ron und schüttelte den Kopf angesichts der völlig unbeweglichen Fußballspieler.

Harry, Ron und Neville schlüpften in ihre Pyjamas und legten sich hin. Irgend jemand – zweifellos ein Hauself – hatte Wärmflaschen unter ihre Decken gesteckt, und so konnten sie höchst behaglich dem Wüten des Sturmes um das Schloß lauschen.

»Könnte schon sein, daß ich mitmache, weißt du«, sagte Ron schlaftrunken in die Dunkelheit,»wenn Fred und George herausfinden, wie… das Turnier… man weiß nie, oder?«

»Hast wohl Recht…«, murmelte Harry und rollte sich auf die Seite. Vor seinem geistigen Auge spielte sich Wunderbares ab… er hatte den unparteiischen Richter glauben gemacht, er sei siebzehn… er war Champion von Hogwarts geworden… er stand draußen auf dem Gelände, die Arme in Siegerpose erhoben, und alle, alle aus seiner Schule klatschten und kreischten… er hatte gerade das Trimagische Turnier gewonnen… und aus der verschwommenen Menge hob sich deutlich Chos Gesicht hervor, das ihn bewundernd anstrahlte…

Harry grinste in sein Kissen hinein, für diesmal äußerst froh, daß Ron nicht sehen konnte, was er sah.

Mad-Eye Moody

Am nächsten Morgen hatte sich der Sturm gelegt, doch die Decke der Großen Halle war immer noch dunkel verhangen und schwere, zinngraue Wolken wirbelten über den Himmel. Harry, Ron und Hermine saßen beim Frühstück und begutachteten ihre neuen Stundenpläne. Ein paar Plätze weiter fachsimpelten Fred, George und Lee Jordan eifrig über magische Alterungsmittel und diskutierten ihre Chancen, sich trotz allem ins Trimagische Turnier zu schmuggeln.

»Gar nicht übel, heute… wir sind den ganzen Vormittag draußen«, sagte Ron und fuhr mit dem Finger über die Spalte seines Stundenplans,»Kräuterkunde mit den Hufflepuffs und Pflege magischer Geschöpfe… verflucht, immer noch mit diesen Slytherins…«

»Heute Nachmittag dann 'ne ganze Doppelstunde Wahrsagen«, ächzte Harry und ließ den Kopf hängen. Einmal abgesehen vom Zaubertrankunterricht mochte er Wahrsagen am wenigsten. Professor Trelawney sagte andauernd seinen Tod voraus, was Harry äußerst lästig fand.

»Du hättest den Krempel hinschmeißen sollen, genau wie ich«, sagte Hermine frisch und munter und butterte sich ein Stück Toast.»Dann könntest du was Vernünftiges lernen wie zum Beispiel Arithmantik.«

»Du ißt ja wieder«, sagte Ron und sah zu, wie Hermine ihren Buttertoast großzügig mit Marmelade belud.

»Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß es bessere Wege gibt, für die Elfenrechte einzutreten«, sagte Hermine und reckte das Kinn.

»Sicher… und außerdem hattest du Hunger«, erwiderte Ron grinsend.

Über ihren Köpfen hörten sie plötzlich lautes Geraschel; an die hundert Eulen kamen mit der morgendlichen Post in den Krallen durch die offenen Fenster geflogen. Harry sah instinktiv auf, doch in dem dichten braunen und grauen Eulengeflatter konnte er keine weiße Feder erkennen. Die Eulen zogen Kreise über den Tischen, auf der Suche nach den Schülern, für die ihre Briefe und Päckchen bestimmt waren. Ein großer Waldkauz stürzte hinunter zu Neville Longbottom und warf ihm ein Paket in den Schoß – Neville vergaß beim Packen fast immer irgendwas. Drüben auf der anderen Seite der Halle ließ sich Draco Malfoys Uhu auf seiner Schulter nieder, offenbar mit dem üblichen Nachschub an Süßigkeiten und Kuchen von zu Hause. Harry versuchte nicht auf das flaue Gefühl in seinem Magen zu achten und wandte sich wieder seinem Haferbrei zu. War Hedwig womöglich etwas passiert und hatte Sirius seinen Brief gar nicht erhalten?

Während sie auf dem sumpfigen Weg zwischen den Gemüsebeeten hinüber zum Gewächshaus drei gingen, ließen Harry die Sorgen nicht los. Doch dann lenkte ihn Professor Sprout ab, die der Klasse die häßlichsten Pflanzen zeigte, die Harry je gesehen hatte. Tatsächlich ähnelten sie weniger Pflanzen als dicken schwarzen Riesenschnecken, die, sich leicht krümmend und windend, senkrecht aus dem Boden ragten. An den Stengeln hatten sie einige große, glänzende Geschwülste, die offenbar mit Flüssigkeit gefüllt waren.

»Bubotubler«, erklärte ihnen Professor Sprout putzmunter.»Die müssen ausgequetscht werden. Dann sammelt ihr den Eiter -«

»Den was?«, sagte Seamus Finnigan angewidert.»Den Eiter, Finnigan, den Eiter«, sagte Professor Sprout,»und er ist äußerst wertvoll, also verschüttet ihn nicht. Ihr sammelt also den Eiter, und zwar in diesen Flaschen. Zieht eure Drachenhauthandschuhe über, dieser Bubotubler-Eiter kann, wenn er unverdünnt ist, die lustigsten Dinge mit der Haut anstellen.«

Die Bubotubler auszupressen war eine eklige und doch eigenartig befriedigende Arbeit. Aus jeder Geschwulst, die sie ausdrückten, quoll eine große Menge gelblich grüner Flüssigkeit, die stark nach Benzin roch. Sie fingen sie in Flaschen auf, wie Professor Sprout gesagt hatte, und am Ende der Stunde hatten sie einige Liter beisammen.

»Madam Pomfrey wird ganz entzückt sein«, sagte Professor Sprout und stöpselte die letzte Flasche mit einem Korken zu.»Ein hervorragendes Mittel gegen die hartnäckigeren Formen der Akne, dieser Bubotubler-Eiter. Sollte einige von euch, die ihre Pickel loswerden wollen, von Verzweiflungstaten abhalten.«

»Wie die arme Eloise Midgen«, sagte Hannah Abbott, eine Hufflepuff, mit schüchterner Stimme.»Sie hat versucht ihre Pickel wegzufluchen.«

»Dummes Mädchen«, sagte Professor Sprout kopfschüttelnd.»Aber Madam Pomfrey hat ihr die Nase dann wieder ordentlich anwachsen lassen.«

Vom Schloß jenseits der regennassen Wiesen wehte eindringliches Glockengeläut herüber und verkündete das Ende der Stunde. Die Schüler trennten sich; die Hufflepuffs stiegen die Steintreppe zum Verwandlungsunterricht hoch, die Gryffindors gingen in die andere Richtung, den sanft abfallenden Rasen hinunter zu Hagrids kleiner Holzhütte am Rand des Verbotenen Waldes.

Hagrid erwartete sie bereits an der Tür, die eine Hand am Halsband seines riesigen schwarzen Saurüden Fang. Um ihn herum lagen mehrere offene Holzkisten, und der winselnde Fang, offenbar ganz scharf darauf, ihren Inhalt genauer in Augenschein zu nehmen, zog und zerrte an seinem Halsband. Als sie näher kamen, drang ein merkwürdiges Rasseln an ihre Ohren, offenbar durchsetzt mit kleineren Explosionen.

»Moin!«, sagte Hagrid und grinste Harry, Ron und Hermine an.»Wir warten besser auf die Slytherins, die wollen das sicher nicht verpassen, die Knallrümpfigen Kröter!«

»Wie bitte?«, sagte Ron.

Hagrid deutete auf die Kisten.

»Uuärrh!«würgte Lavender Brown hervor und sprang einen Schritt zurück.

»Uuärrh«war aus Harrys Sicht eine ziemlich treffende Beschreibung der Knallrümpfigen Kröter. Sie sahen aus wie mißgestaltete, schalenlose Hummer, scheußlich fahl und schleimig, mit Beinen, die an allen möglichen und unmöglichen Stellen aus dem Körper ragten, während Köpfe nicht zu erkennen waren. In jeder Kiste lagen etwa hundert dieser Geschöpfe, jedes um die fünfzehn Zentimeter lang, sie krabbelten blind durcheinander und stießen gegen die Kistenwände. Ein sehr starker Gestank nach verfaultem Fisch ging von ihnen aus. Hin und wieder stoben Funken aus dem Rumpf eines der Kröter und schleuderten ihn mit einem leisen ffhhht ein paar Zentimeter weiter.

»Frisch ausgebrütet«, sagte Hagrid stolz,»jetzt könnt ihr sie selbst großziehn! Dachte, wir machen so was wie 'n Projekt draus!«

»Und warum eigentlich sollen wir die großziehen?«, sagte eine kalte Stimme. Die Slytherins waren angekommen. Wer sprach, war Draco Malfoy. Crabbe und Goyle taten glucksend ihren Beifall für seine Worte kund.

Die Frage schien Hagrid in Verlegenheit zu stürzen.»Ich meine, wozu sind die denn nütze?«, fragte Malfoy.»Was ist der Witz dabei?«

Hagrid öffnete den Mund, offenbar angestrengt nachdenkend; ein paar Sekunden herrschte Schweigen, dann sagte er barsch:»In'ner nächsten Stunde, Malfoy. Heut füttert ihr sie nur. Probiert doch mal 'n paar verschiedene Sachen aus – ich hab sie noch nie gehabt, weiß nich, was sie lecker finden -hab Ameiseneier und Froschlebern und 'n Stück Ringelnatter – nehmt einfach von allem etwas.«

»Erst Eiter und jetzt das hier«, murrte Seamus. Einzig und allein ihre tiefe Zuneigung zu Hagrid brachte Harry, Ron und Hermine dazu, glitschige Froschlebern in die Hände zu nehmen und sie in die Kisten gleiten zu lassen, um die Knallrümpfigen Kröter zum Essen zu verführen. Harry konnte den Verdacht nicht unterdrücken, daß das Ganze vollkommen sinnlos war, denn die Knallrümpfigen Kröter schienen keine Mäuler zu haben.

»Autsch!«, schrie Dean Thomas nach etwa zehn Minuten.»Mich hat's erwischt!«

Hagrid eilte mit besorgtem Blick zu ihm hinüber.»Sein Rumpf ist explodiert!«, sagte Dean säuerlich und zeigte Hagrid eine Brandblase an seiner Hand.

»Hmh, ja, kann passieren, wenn sie losknallen«, nickte Hagrid.

»Uuärrh!«, kam es erneut von Lavender Brown.»Uuärrh, Hagrid, was ist das für ein spitzes Ding auf dem da?«

»Hmh, ja, 'n paar von denen ha'm Stacheln«, sagte Hagrid begeistert (Lavender zog rasch die Hand aus der Kiste).»Ich glaub, das sind die Männchen… die Weibchen haben so was wie 'n Saugnapf am Bauch… ich glaub, das könnte zum Blutsaugen sein.«

»Schön, jetzt weiß ich, warum wir sie unbedingt hätscheln sollten«, sagte Malfoy trocken.»Wer will nicht ein Haustier, das brennen, stechen und Blut saugen zugleich kann?«

»Nur weil sie nicht hübsch sind, heißt das noch lange nicht, daß sie nicht nützlich sind«, stieß Hermine hervor.

»Drachenblut hat sagenhafte magische Wirkungen, aber einen Drachen als Haustier willst du trotzdem nicht, oder?«

Harry und Ron grinsten Hagrid zu, der hinter seinem buschigen Bart flüchtig zurücklächelte. Hagrid hätte nur zu gerne einen Drachen als Haustier gehalten, wie Harry, Ron und Hermine sehr genau wußten – er hatte in ihrem ersten Jahr für kurze Zeit einen Drachen gehabt, einen angriffslustigen Norwegischen Stachelbuckel namens Norbert. Hagrid liebte einfach Monster – je tödlicher, desto besser.

»Na, wenigstens sind diese Kröter klein«, sagte Ron eine Stunde später auf dem Weg zum Mittagessen ins Schloß.

»Das sind sie jetzt noch«, sagte Hermine verärgert,»aber sobald Hagrid rausgefunden hat, was sie fressen, werden sie sicher zwei Meter lang.«

»Na und, das macht doch nichts, wenn sie am Ende die Seekrankheit oder so was heilen können!«, sagte Ron und grinste sie schlaumeierisch an.

»Du weißt ganz genau, daß ich das nur gesagt habe, um Malfoy abzuwürgen«, sagte Hermine.»In Wahrheit denke ich, daß er Recht hat. Das Beste wäre, die alle totzutreten, bevor sie anfangen, über uns herzufallen.«

Sie setzten sich an den Gryffindor-Tisch und taten sich Lammkoteletts mit Kartoffeln auf. Hermine begann so schnell zu essen, daß Harry und Ron sie mit offenem Mund anstarrten.

»Ähem – ist das dein neuer Feldzug für die Elfenrechte?«, sagte Ron.»Daß du futterst bis zum Erbrechen?«

»Nein«, sagte Hermine so würdevoll, wie es mit einem Mund voll Rosenkohl gerade noch ging,»ich will nur schnell in die Bibliothek kommen.«

»Wie bitte?«, sagte Ron ungläubig.»Hermine – wir sind gerade mal den ersten Tag hier! Wir haben noch nicht mal Hausaufgaben!«

Hermine zuckte die Achseln und spachtelte munter weiter, als hätte sie seit Tagen nichts gegessen. Dann sprang sie auf, sagte:»Bis zum Abendessen!«, und entschwand in höchster Eile.

Als die Glocke zum Nachmittagsunterricht läutete, machten sich Harry und Ron auf den Weg zum Nordturm. Am oberen Ende einer engen und schmalen Wendeltreppe führte eine silberne Trittleiter an die Decke und zu einer runden Falltür, hinter der Professor Trelawney lebte.

Nachdem sie die Trittleiter erklommen hatten, drang ihnen ein vertrauter süßlicher Parfümduft vom Feuer her in die Nasen. Wie immer waren alle Vorhänge zugezogen; die vielen mit Seidentüchern und Schals drapierten Lampen tauchten das Zimmer in ein mattes rötliches Licht. Harry und Ron schlängelten sich durch das dichte Gewirr bereits besetzter Chintz-Stühle und Sitzpolster und ließen sich an einem kleinen runden Tisch nieder.

»Guten Tag.«Die rauchige Stimme Professor Trelawneys ertönte direkt hinter Harry und ließ ihn zusammenzucken.

Professor Trelawney, eine sehr dünne Frau mit riesiger Brille, die ihre Augen über die Maßen groß erscheinen ließ, musterte Harry von oben herab, mit jener tragischen Miene, die sie bei seinem Anblick immer aufsetzte. Im Licht des Feuers glitzerte die übliche Menge an Perlen, Kettchen und Ringen an Hals, Armen und Fingern.

»Du bist in Sorge, mein Lieber«, sagte sie mit trauerschwerer Stimme zu Harry.»Mein inneres Auge sieht durch dein mutiges Antlitz hindurch auf die geplagte Seele in dir. Und ich muß dir leider sagen, daß deine Sorgen nicht völlig grundlos sind. Ich sehe leider, leider schwere Zeiten auf dich zukommen… die schwersten… ich fürchte, wovor dir graut, wird tatsächlich eintreten… und schneller vielleicht, als du denkst…«

Sie senkte ihre Stimme und flüsterte jetzt beinahe. Ron sah Harry an und rollte mit den Augen, doch Harry blickte mit steinerner Miene zurück.

Professor Trelawney schwebte an ihnen vorbei und setzte sich, der Klasse zugewandt, in einen großen geflügelten Lehnstuhl am Feuer. Lavender Brown und Parvati Patil, die Professor Trelawney zutiefst bewunderten, saßen auf Polstern zu ihren Füßen.

»Meine Lieben, es ist an der Zeit, daß wir uns den Sternen zuwenden«, sagte sie.»Den Bewegungen der Planeten und den geheimnisvollen Botschaften, die sie nur jenen entbergen, welche die Schritte des Sternentanzes zu deuten wissen. Das Schicksal der Menschen kann mit Hilfe der Planetenstrahlen entziffert werden, die sich kreuzen…«

Doch Harrys Gedanken waren abgeschweift. Das parfümierte Feuer machte ihn immer schläfrig und ein wenig bedröppelt, und Professor Trelawneys weitschweifige Reden über die Wahrsagerei schlugen ihn nie so richtig in Bann – obwohl er unweigerlich daran denken mußte, was sie ihm eben gesagt hatte.»Ich fürchte, wovor dir graut, wird tatsächlich eintreten…«

Doch Hermine hatte Recht, dachte Harry ärgerlich, Professor Trelawney war tatsächlich eine alte Schwindlerin. Im Moment hatte er vor nichts Angst… nun ja, wenn er von den Befürchtungen absah, daß Sirius gefangen war… doch was wußte Professor Trelawney? Er war schon lange zu dem Schluß gekommen, daß sie als Wahrsagerin im Grunde nur so lange herumrätselte, bis sie einen Treffer landete, und dies dann noch mit Geheimnistuerei garnierte.

Eine Ausnahme war natürlich jenes letzte Treffen am Ende des vorigen Schuljahrs gewesen, als sie vorausgesagt hatte, daß Voldemort wieder an die Macht gelangen würde… Dumbledore selbst, dem Harry ihre Trance beschrieben hatte, hatte gemeint, sie sei wohl nicht gespielt gewesen…

»Harry!«, murmelte Ron.

»Was denn?«

Harry sah sich um; die ganze Klasse starrte ihn an und er setzte sich kerzengerade hin. Fast wäre er eingedöst, versunken in der Wärme und verloren in seinen Gedanken.

»Ich sagte soeben, mein Lieber, daß du offenbar unter dem unheilvollen Einfluss des Saturns geboren bist«, sagte Professor Trelawney mit einem Hauch von Widerwillen in der Stimme, weil Harry offensichtlich nicht an ihren Lippen gehangen hatte.

»Geboren unter – Verzeihung, wem bitte?«, fragte Harry.

»Saturn, mein Lieber, Saturn!«, sagte Professor Trelawney und klang nun, da ihn diese Neuigkeit nicht vom Stuhl riß, offenkundig verärgert.»Ich sagte, Saturn war sicher in einer machtvollen Position am Himmel zur Stunde deiner Geburt… dein dunkles Haar… deine mickrige Statur… tragische Verluste schon so früh im Leben… ich denke, ich liege richtig, wenn ich sage, mein Lieber, daß du mitten im Winter geboren bist?«

»Nein«, sagte Harry,»ich bin im Juli geboren.«

Ron konnte gerade noch ein Lachen abwürgen, das zu einem trockenen Hüsteln gerann.

Eine halbe Stunde später saßen sie vor komplizierten kreisrunden Karten, auf denen sie die Position der Planeten im Augenblick ihrer Geburt einzeichnen sollten. Es war ein stinklangweiliges Geschäft, denn ständig mußten sie irgendwelche Tabellen zu Rate ziehen und Winkel berechnen.

»Ich habe hier zwei Neptune«, sagte Harry nach einer Weile und besah sich stirnrunzelnd sein Pergamentblatt,»das kann nicht stimmen, oder?«

»Aaaah«, sagte Ron, Professor Trelawneys geheimnisvoll waberndes Flüstern nachahmend,»wenn zwei Neptune am Himmel erscheinen, ist dies ein sicheres Zeichen, daß ein Zwerg mit Brille geboren wird, Harry…«

Seamus und Dean, die am Nebentisch arbeiteten, wieherten laut, wenn auch nicht laut genug, um das aufgeregte Kreischen Lavender Browns zu übertönen -»O Professor, sehen Sie! Ich glaube, ich habe einen aspektlosen Planeten! Uuuuh, welcher ist das, Professor?«

»Der Uranus, meine Liebe«, sagte Professor Trelawney mit einem Blick auf die Karte.

»Kann ich Uranus auch mal sehen, Lavender?«, fragte Ron.

Unglücklicherweise hörte ihn Professor Trelawney, und vielleicht war dies der Grund, daß sie ihnen am Ende der Stunde so viele Hausaufgaben gab.

»Eine genaue Untersuchung der Frage, auf welche Weise die Planetenbewegungen des kommenden Monats euch betreffen werden, mit Verweis auf eure persönliche Karte«, fauchte sie und klang dabei eher nach Professor McGonagall als nach ihrem üblichen windig-duftigen Selbst.

»Abgabe ist nächsten Montag, und keine Ausreden!«

»Biestige alte Fledermaus«, sagte Ron erbittert, als sie sich in die Scharen einreihten, die die Treppen hinunter in die Große Halle zum Abendessen strömten.»Das wird uns das ganze Wochenende kosten, sag ich dir…«

»'ne Menge Hausaufgaben?«, strahlte Hermine, die sie gerade eingeholt hatte.»Professor Vektor hat uns jedenfalls überhaupt keine gegeben!«

»Ist ja ganz toll von Professor Vektor«, sagte Ron mißgelaunt.

Sie gelangten in die Eingangshalle, wo sich schon eine lange Schlange für das Abendessen gebildet hatte. Sie hatten sich gerade angestellt, als hinter ihnen eine laute Stimme ertönte.

»Weasley! Hey, Weasley!«

Harry, Ron und Hermine wandten sich um. Hinter ihnen standen Malfoy, Crabbe und Goyle und schienen sich prächtig über etwas zu amüsieren.

»Was gibt's?«, sagte Ron schroff.

»Dein Dad steht in der Zeitung, Weasley!«, sagte Malfoy und wedelte mit einem Tagespropheten.»Hör dir das an!«, verkündete er so laut, daß es alle in der brechend vollen Eingangshalle hören konnten.

Weitere Pannen im Zaubereiministerium

Es scheint, als sei die Pannenserie im Zaubereiministerium noch längst nicht zu Ende. Das Ministerium, erst jüngst heftiger Kritik ausgesetzt wegen der mangelhaften Kontrolle der Besucher während der Quidditch-Weltmeisterschaft und immer noch nicht in der Lage, das Verschwinden einer seiner Hexen zu erklären, wurde gestern in neue Verlegenheit gestürzt durch das merkwürdige Gebaren von Arnold Weasley vom Amt gegen den Mißbrauch von Muggelartefakten.

Malfoy blickte auf.

»Stell dir vor, die haben nicht mal seinen Namen richtig geschrieben, Weasley, als ob er eine komplette Null wäre«, krähte er.

Die ganze Eingangshalle hörte jetzt zu. Malfoy glättete genüßlich das Blatt und las weiter:

Arnold Weasley, der vor zwei Jahren wegen des Besitzes eines fliegenden Autos angezeigt wurde, war gestern in eine Rangelei mit mehreren Gesetzeshütern der Muggel (»Polizisten«) verwickelt. Der Grund waren einige höchst angriffslustige Mülleimer. Mr Weasley war offenbar einem gewissen»Mad-Eye«Moody zu Hilfe geeilt, einem in die Jahre gekommenen Ex-Auroren, den das Ministerium in den Ruhestand versetzt hatte, als er den Unterschied zwischen einem Händedruck und einem Mordversuch nicht mehr zu erkennen vermochte. Es wird niemanden überraschen, daß Mr Weasley bei seiner Ankunft in Mr Moodys schwer bewachtem Haus feststellte, daß Mr Moody wieder einmal falschen Alarm geschlagen hatte. Mr Weasley war gezwungen, mehrere Gedächtnisse zu verändern, weigerte sich jedoch, auf die Frage des Tagespropheten zu antworten, warum er das Ministerium in ein so würdeloses und möglicherweise peinliches Geschehen verwickelt hatte.

»Und hier ist ein Bild, Weasley!«, sagte Malfoy, schlug das Blatt um und hob die Zeitung in die Höhe.»Ein Bild deiner Eltern vor ihrem Haus – wenn man das überhaupt Haus nennen kann! Deine Mutter könnte auch ein paar Pfunde weniger vertragen!«

Ron schüttelte es vor Zorn. Alle starrten ihn an.

»Verpiß dich, Malfoy«, sagte Harry.»Wir gehen, Ron…«

»Ach ja, du warst doch im Sommer zu Besuch bei denen, oder, Potter?«, höhnte Malfoy.»Also sag mal, ist seine Mutter wirklich so fett oder sieht es auf dem Bild nur so aus?«

»Und was ist mit deiner Mutter, Malfoy?«, zischte Harry -er und Hermine hatten Ron hinten am Umhang gepackt, damit er sich nicht auf Malfoy stürzte -»Warum macht sie ständig ein Gesicht, als ob sie Mist unter der Nase hätte? Hat sie immer schon so ausgesehen, oder ist es erst, seit es dich gibt?«

Malfoys bleiches Gesicht lief leicht rosa an.»Wag es bloß nicht, meine Mutter zu beleidigen, Potter.«

»Dann halt dein dreckiges Maul«, sagte Harry und wandte sich ab.

PENG!

Einige schrien auf – Harry fühlte etwas glühend Heißes an seinem Gesicht vorbeisirren – blitzschnell langte er in die Tasche nach seinem Zauberstab, doch bevor er ihn auch nur berührt hatte, hörte er ein zweites lautes PENG und ein Krachen, das die Eingangshalle erschütterte.

»O nein, das machst du nicht, Freundchen!«

Harry wirbelte herum. Professor Moody hinkte die Marmortreppe hinunter. Er hatte den Zauberstab gezückt und deutete unverwandt auf ein strahlend weißes Frettchen, das zitternd auf dem steingepflasterten Boden lag, genau dort, wo Malfoy gestanden hatte.

In der Eingangshalle herrschte schreckerfüllte Stille. Keiner außer Moody rührte auch nur einen Finger. Moody wandte sich um und sah Harry an – zumindest sein normales Auge sah Harry an; das andere war in seinen Kopf hineingedreht.

»Hat er dich erwischt?«, sagte Moody leise knirschend.

»Nein«, sagte Harry,»ging daneben.«

»Laß es liegen!«, bellte Moody.

»Was denn?«, fragte Harry verdutzt.

»Nicht du – er!«, knurrte Moody und warf die Hand kurz über die Schulter in Richtung Crabbe, der sich zu dem weißen Frettchen hinuntergebeugt hatte und jetzt erstarrte. Offenbar war Moodys rollendes Auge magisch und konnte auch aus seinem Hinterkopf hinaussehen.

Moody hinkte jetzt auf Crabbe, Goyle und das Frettchen zu, das ein verängstigtes Kreischen hören ließ und in Richtung Kerker davonflitzte.

»Hier geblieben!«, donnerte Moody und richtete den Zauberstab erneut auf das Frettchen – es flog drei Meter hoch in die Luft, klatschte wieder auf den Boden und schnellte dann erneut in die Höhe.

»Ich mag Leute, die angreifen, wenn ihnen der Gegner den Rücken zukehrt, überhaupt nicht«, knurrte Moody, während er das vor Schmerz kreischende Frettchen immer höher in die Luft schleuderte.»Widerlich, feige, gemein ist das…«

Das Frettchen flog wehrlos strampelnd und mit dem Schwanz schlackernd durch die Luft.

»Tu – das – nie – wieder -«, sagte Moody, und bei jedem Wort schlug das Frettchen auf den Steinboden und schleuderte wieder empor.

»Professor Moody!«, ertönte eine entsetzte Stimme.

Professor McGonagall kam mit den Armen voller Bücher die Marmortreppe herunter.

»Hallo, Professor McGonagall«, sagte Moody gelassen und ließ das Frettchen noch höher schleudern.

»Was… was tun Sie da?«, fragte Professor McGonagall und verfolgte mit den Augen das Auf und Ab des Frettchens.

»Unterrichten«, sagte Moody.

»Unter…, Moody, ist das ein Schüler?«, kreischte Professor McGonagall und die Bücher fielen ihr aus den Armen.

»Jep«, sagte Moody.

»Nein!«, schrie Professor McGonagall; sie rannte die letzten Stufen hinunter und zog ihren Zauberstab; mit einem lauten Knall erschien Draco Malfoy, in sich zusammengesunken auf dem Boden liegend, das glattseidene Blondhaarüber sein leuchtend rosarotes Gesicht gebreitet. Wimmernd rappelte er sich wieder hoch.

»Moody, wir setzen Verwandlungen niemals zur Bestrafung ein!«, sagte Professor McGonagall ermattet.»Das hat Ihnen Professor Dumbledore doch sicher gesagt?«

»Hat er vielleicht mal erwähnt, ja«, sagte Moody und kratzte sich ungerührt am Kinn,»aber ich dachte, ein kurzer Schock, der richtig wehtut -«

»Wir geben Strafarbeiten, Moody! Oder sprechen mit dem Leiter des Hauses, dem der Missetäter angehört!«

»Das werd ich schon noch tun«, sagte Moody und starrte Malfoy mit größter Abneigung an.

Malfoy, dessen blasse Augen immer noch vor Schmerz und Scham tränten, sah voller Haß zu Moody auf und murmelte etwas, aus dem die Wörter»mein Vater«herauszuhören waren.

»Ach ja?«, sagte Moody leise und humpelte ein paar Schritte vor, wobei das dumpfe Klonk seines Holzbeins von den Wänden widerhallte.»Gut, ich kenn deinen Vater schon sehr lange, Junge… sag ihm, daß Moody seinen Sohn jetzt scharf im Auge behält… sag ihm das von mir… und euer Hauslehrer ist sicher Snape?«

»Ja«, grollte Malfoy.

»Noch ein alter Freund«, knurrte Moody.»Ich freu mich schon die ganze Zeit auf ein Pläuschchen mit Snape… komm mit, du…«Er packte Malfoy am Oberarm und schleifte ihn in Richtung Kerker fort.

Professor McGonagall starrte ihnen einen Augenblick lang mit bangem Blick nach, dann ließ sie mit einem Schwung ihres Zauberstabs die auf dem Boden liegenden Bücher zurück in ihre Arme flattern.

»Im Augenblick will ich kein Wort von euch hören«, flüsterte Ron Harry und Hermine zu, als sie sich ein paar Minuten später an den Gryffindor-Tisch setzten, inmitten von aufgeregtem Getuschel über das eben Geschehene.

»Warum nicht?«, fragte Hermine überrascht.

»Weil ich das für immer in mein Gedächtnis einbrennen will«, sagte Ron mit geschlossenen Augen und einem Ausdruck von ungetrübter Glückseligkeit auf dem Gesicht.»Draco Malfoy, das sagenhafte hopsende Frettchen…«

Hermine und Harry lachten und Hermine tat allen dreien Rinderschmorbratenscheiben auf die Teller.

»Dabei hätte er Malfoy ernsthaft verletzen können«, sagte sie.»Eigentlich war es gut, daß Professor McGonagall eingeschritten ist -«

»Hermine«, sagte Ron zornig und öffnete die Augen wieder.»Du zerstörst gerade den schönsten Moment meines Lebens!«

Hermine murmelte etwas Unwirsches und begann schon wieder mit unglaublicher Geschwindigkeit zu essen.

»Erklär mir ja nicht, du willst heute Abend wieder in die Bibliothek?«, sagte Harry mit prüfendem Blick.

»Allerdings«, mampfte Hermine,»'ne Menge zu tun.«

»Aber du hast uns doch gesagt, Professor Vektor -«

»Es geht nicht um Hausaufgaben«, sagte sie. Fünf Minuten später hatte sie ihren Teller leer geputzt und war verschwunden.

Kaum war sie weg, als Fred Weasley auch schon ihren Platz einnahm.

»Moody!«, sagte er.»Wie cool ist er?«

»Ultracool«, sagte George und setzte sich Fred gegenüber.

»Supercool«, sagte der beste Freund der Zwillinge, Lee Jordan, und rutschte auf den Stuhl neben George.»Wir hatten ihn heute Nachmittag«, erklärte er Harry und Ron.

»Und wie war's?«, sagte Harry neugierig.

Fred, George und Lee tauschten bedeutungsschwere Blicke.

»So 'ne Stunde hab ich noch nie erlebt«, sagte Fred.

»Er weiß es, Mann«, sagte Lee.

»Weiß was?«, fragte Ron und beugte sich vor.

»Weiß, wie es ist, dort draußen zu sein und es zu tun«, sagte George eindringlich.

»Was zu tun?«, fragte Harry.

»Gegen die schwarzen Magier zu kämpfen«, sagte Fred.

»Er hat alles erlebt«, sagte George.

»Irre«, sagte Lee.

Ron stöberte in seiner Tasche nach dem Stundenplan.

»Wir haben ihn erst am Donnerstag!«, sagte er enttäuscht.

Die Unverzeihlichen Flüche

Die nächsten beiden Tage vergingen ohne größere Zwischenfälle, abgesehen davon, daß Neville in Zaubertränke bereits seinen sechsten Kessel zum Schmelzen brachte. Professor Snape, der im Sommer offenbar neue Höhen der Gemeinheit erklommen hatte, ließ ihn nachsitzen, und von dieser Stunde, in der er einen Bottich gehörnter Kröten hatte ausnehmen müssen, kehrte Neville als komplettes Nervenbündel zurück.

»Dir ist doch klar, warum Snape derart übellaunig ist, oder?«, sagte Ron zu Harry, während sie Hermine zusahen, die Neville gerade einen Putzzauber beibrachte, damit er die Froschinnereien unter seinen Fingernägeln los wurde.

»Jaah«, sagte Harry.»Moody.«

Es war kein Geheimnis, daß Snape in Wahrheit selbst Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste sein wollte, und jetzt hatte er es auch im vierten Jahr nicht geschafft. Snape hatte keinen ihrer bisherigen Lehrer in diesem Fach ausstehen können und daraus auch keinen Hehl gemacht – doch merkwürdigerweise schien er gegen Mad-Eye Moody lieber keine offene Abneigung zeigen zu wollen. Im Gegenteil, immer wenn Harry die beiden zusammen sah – beim Essen oder wenn sie sich auf dem Gang begegneten -, hatte er den deutlichen Eindruck, daß Snape Moodys Blick auswich, ob nun dem magischen oder dem normalen Auge.

»Ich glaube, Snape hat ein wenig Schiß vor ihm«, sagte Harry nachdenklich.

»Stell dir vor, Moody würde Snape in eine gehörnte Kröte verwandeln«, sagte Ron mit verschleiertem Blick,»und würde ihn zwischen den Mauern seines Kerkers hin und her klatschen lassen…«

Die Viertkläßler von Gryffindor waren so gespannt auf Moodys erste Stunde, daß sie am Donnerstag nach dem Mittagessen viel zu früh vor dem Klassenzimmer erschienen und davor Schlange standen.

Wer fehlte, war Hermine, die schließlich erst in letzter Sekunde auftauchte.

»War in der -«

»- Bibliothek«, ergänzte Harry.»Komm schnell, die besten Plätze sind gleich weg.«

Sie stürzten sich auf drei Stühle direkt vor dem Lehrertisch, nahmen Die dunklen Kräfte – Eine Anleitung zur Selbstverteidigung heraus und warteten ungewöhnlich leise auf das Kommende. Es dauerte gar nicht lange, dann hörten sie dumpfe, pochende Schritte den Gang entlanghallen, und schon kam Moody, unheimlich und Furcht erregend wie er war, zur Tür herein. Den hölzernen Klauenfuß konnten sie eben noch unter seinem Umhang hervorlugen sehen.

»Die könnt ihr wieder wegstecken«, knurrte er, humpelte zu seinem Tisch und setzte sich,»diese Bücher. Die braucht ihr nicht.«

Sie räumten die Bücher wieder in ihre Taschen und vor allem Ron schien davon schwer beeindruckt.

Moody zog eine Liste hervor, schüttelte seine lange grauweiße Haarmähne aus dem zerfurchten und vernarbten Gesicht und begann ihre Namen aufzurufen, wobei sein normales Auge langsam die Liste entlangwanderte, während das magische Auge umherhuschte und jeden Schüler, der sich meldete, scharf ansah.

»Gut denn«, sagte er, nachdem er den Letzten aufgerufen hatte.»Ich habe hier einen Bericht von Professor Lupin über den Wissensstand der Klasse. Sieht aus, als hättet ihr eine recht gründliche Ausbildung im Umgang mit schwarzen Kreaturen – ihr habt Irrwichte, Rotkappen, Hinkepanks, Grindelohs, Kappas und Werwölfe durchgenommen, stimmt das?«

Allseits zustimmendes Murmeln.

»Aber ihr liegt zurück – weit zurück – im Umgang mit Flüchen«, sagte Moody.»Daher will ich euch mal ausführlich beibringen, was Zauberer sich gegenseitig antun können. Ich habe ein Jahr, um euch zu lehren, wie man mit den dunklen -«

»Was, Sie bleiben nicht länger?«, platzte Ron heraus.

Moodys magisches Auge flutschte herum und starrte Ron an; Ron schien aufs Äußerste gespannt, doch einen Moment später breitete sich ein Lächeln auf Moodys Gesicht aus – wie Harry es noch nie bei ihm gesehen hatte. Sein vernarbtes Gesicht erschien dadurch nur noch zerfurchter und verzerrter, und dennoch war es eine Erleichterung zu sehen, daß er auch zu so etwas Freundlichem wie einem Lächeln fähig war. Ron wirkte, als wäre ihm ein Stein vom Herzen gefallen.

»Du bist doch Arthur Weasleys Sohn, he?«, sagte Moody.»Dein Vater hat mich vor ein paar Tagen aus einer ganz üblen Klemme rausgeholt… ja, ich bleibe nur dieses eine Jahr hier. Und das auch nur, um Dumbledore einen Gefallen zu tun… ein Jahr, und dann kehre ich wieder in den Frieden meines Ruhestands zurück.«

Er lachte rauh und schlug die knochigen Hände zusammen.

»Also, legen wir gleich los. Flüche. Es gibt sie in vielen Stärken und Gestalten. Dem Zaubereiministerium zufolge soll ich euch Gegenflüche lehren und es dabei belassen. Eigentlich darf ich euch die verbotenen schwarzen Flüche erst zeigen, wenn ihr in der sechsten Klasse seid. Vorher seid ihr angeblich noch zu jung, um damit fertig zu werden. Aber Professor Dumbledore hält mehr von eurem Nervenkostüm, er denkt, ihr schafft es, und ich sage, je früher ihr wißt, wogegen ihr antretet, desto besser. Wie sollt ihr euch denn gegen etwas verteidigen, was ihr nie gesehen habt? Ein Zauberer, der euch mit einem verbotenen Fluch verhext, wird euch nicht sagen, was er vorhat. Er wird euch dabei ins Gesicht lächeln. Ihr müßt darauf vorbereitet sein. Ihr müßt wachsam sein und ständig auf der Hut. Das sollten Sie lassen, während ich rede, Miss Brown.«

Lavender zuckte zusammen und wurde knallrot. Sie hatte Parvati unter dem Tisch ihr fertiges Horoskop gezeigt. Offenbar konnte Moodys magisches Auge auch durch eine Holzplatte sehen, nicht nur durch seinen Hinterkopf.

»Also… weiß jemand von euch, welche Flüche vom Zaubereigesetz mit den schwersten Strafen belegt werden?«

Ein paar hoben vorsichtig die Hände, darunter auch Ron und Hermine. Moody deutete auf Ron, doch sein magisches Auge fixierte immer noch Lavender.

»Ähm«, sagte Ron zögernd,»mein Dad hat mir von einem erzählt… heißt er Imperius-Fluch oder so?«

»Ah ja«, sagte Moody anerkennend.»Den kennt dein Vater natürlich. Hat dem Ministerium schon mal heftiges Kopfzerbrechen bereitet, dieser Imperius-Fluch.«

Moody stellte sich schwer atmend auf seine ungleichen Füße, öffnete die Schublade seines Tisches und nahm ein Einmachglas heraus. Drei große schwarze Spinnen krabbelten darin herum. Harry spürte, wie Ron neben ihm leicht zurückwich – Ron verabscheute Spinnen.

Moody langte in das Glas, fing eine Spinne ein und legte sie auf seinen Handballen, so daß alle sie sehen konnten.

Dann richtete er seinen Zauberstab auf sie und murmelte:»Imperio!«

Die Spinne schwang sich an einem dünnen Faden von Moodys Hand und begann hin- und herzuschwingen wie an einem Trapez. Sie streckte die Beine aus, legte einen Salto rückwärts ein, riß den Faden durch, landete auf dem Tisch und begann im Kreis Rad zu schlagen. Moody schwang seinen Zauberstab, und die Spinne stellte sich auf zwei Hinterbeine und legte, wie es aussah, einen Stepptanz hin.

Alle lachten – alle außer Moody.

»Lustig, nicht wahr?«, knurrte er.»Würdet ihr es auch lustig finden, wenn ich das mit euch machen würde?«

Das Lachen erstarb mit einem Schlag.

»Vollkommene Unterwerfung«, sagte Moody leise, während die Spinne sich zusammenrollte und über den Tisch kugelte.»Ich könnte sie dazu bringen, aus dem Fenster zu hüpfen, sich zu ersäufen, sich in einen von euren offenen Mündern zu stürzen…«

Ron erschauderte unwillkürlich.

»Vor einigen Jahren gab es eine Menge Hexen und Zauberer, die vom Imperius-Fluch beherrscht waren«, sagte Moody, und Harry wußte, daß er über die Tage sprach, in denen Voldemort auf dem Höhepunkt seiner Macht war.

»War keine leichte Aufgabe fürs Ministerium herauszufinden, wer unterworfen war und wer aus seinem freien Willen heraus handelte.

Der Imperius-Fluch kann bekämpft werden, und ich werde euch beibringen, wie. Doch das verlangt wirkliche Charakterstärke und nicht alle besitzen die. Paßt lieber auf, daß ihr nicht zum Opfer dieses Fluchs werdet. IMMER WACHSAM!«, bellte er, und alle zuckten zusammen.

Moody hob die Purzelbäume schlagende Spinne hoch und warf sie wieder in das Glas.»Weiß noch jemand einen? Einen verbotenen Fluch?«

Hermines Hand schoß erneut in die Höhe und auch, zu Harrys gelinder Überraschung, die Nevilles. Der einzige Unterricht, in dem Neville freiwillig etwas zum Besten gab, war Kräuterkunde, mit Abstand sein stärkstes Fach. Neville schien von seinem eigenen Wagemut überrascht.

»Ja?«, sagte Moody, und sein magisches Auge machte eine halbe Drehung und fixierte Neville.

»Es gibt noch den… den Cruciatus-Fluch«, sagte Neville leise, aber deutlich.

Moody sah Neville sehr aufmerksam an, diesmal mit beiden Augen.

»Dein Name ist Longbottom?«, sagte er, und sein magisches Auge stieß nach unten, um noch einmal die Liste zu prüfen.

Neville nickte nervös, doch Moody fragte nicht weiter nach. Er wandte sich wieder der Klasse zu, steckte die Hand in das Glas, zog die nächste Spinne heraus und legte sie auf den Tisch, wo sie reglos stehen blieb, offenbar starr vor Angst.

»Der Cruciatus-Fluch«, sagte Moody.»Die muß ein wenig größer werden, damit ihr euch eine Vorstellung davon machen könnt.«Er richtete den Zauberstab auf die Spinne.»Engorgio!«

Die Spinne schwoll an. Sie war jetzt größer als eine Tarantel. Alle falsche Gelassenheit fiel von Ron ab und er schob seinen Stuhl, so weit er konnte, von Moodys Tisch weg.

Moody hob erneut seinen Zauberstab und richtete ihn gegen die Spinne, dann murmelte er:»Crucio!«

Sofort falteten sich die Beine der Spinne über ihrem Körper zusammen; sie rollte auf den Rücken und begann unter fürchterlichen Krämpfen hin und her zu wippen. Sie gab keinen Laut von sich, doch Harry wußte, wenn sie eine Stimme gehabt hätte, dann hätte sie geschrien. Moody zog seinen Zauberstab nicht zurück und die Spinne begann jetzt noch heftiger zu zittern und zu zucken -

»Aufhören!«, kreischte Hermine.

Harry wandte sich zu ihr um. Hermines Blick galt nicht der Spinne, sondern Neville, und Harry sah jetzt, daß Neville die Hände an die Tischplatte geklammert hatte, die Knöchel weiß, die weit aufgerissenen Augen von Grauen erfüllt.

Moody hob den Zauberstab. Die Beine der Spinne erschlafften, doch sie hörte nicht auf zu zucken.

»Reducio«, murmelte Moody und die Spinne schrumpfte wieder auf ihre normale Größe zusammen. Er steckte sie zurück in das Glas.

»Schmerz«, sagte Moody leise.»Man braucht keine Daumenschrauben oder Messer, um jemanden zu foltern, wenn man den Cruciatus-Fluch beherrscht… auch dieser war einst sehr beliebt. Schön… kennt jemand noch einen?«

Harry sah sich um. Den Gesichtern seiner Mitschüler nach zu schließen fragten sie sich alle, was mit der letzten Spinne geschehen würde. Hermines Hand zitterte leicht, als sie sich zum dritten Mal meldete.

»Ja?«, sagte Moody und sah sie an.

»Avada Kedavra«, flüsterte Hermine.

Einige Schüler, darunter auch Ron, wandten sich voll Unbehagen zu ihr um.

»Aah«, sagte Moody, und ein weiteres leises Lächeln ließ seinen schräg sitzenden Mund zucken.»Ja, der letzte und schlimmste. Avada Kedavra… der tödliche Fluch.«

Er steckte die Hand in das Glas, und als wüßte sie, was ihr bevorstand, krabbelte die dritte Spinne panisch auf dem Boden herum und versuchte Moodys Fingern zu entkommen, doch er schnappte sie und legte sie auf den Tisch, wo sie verzweifelt hin und her lief.

Moody hob den Zauberstab und Harry spürte das jähe Kribbeln einer bösen Vorahnung.

»Avada Kedavra«, donnerte Moody.

Ein gleißend heller grüner Lichtstrahl, ein scharfes Sirren, als ob ein mächtiges, unsichtbares Etwas durch die Luft raste – und im selben Augenblick kullerte die Spinne auf den Rücken, unverletzt, doch offensichtlich tot. Einige Mädchen stießen erstickte Schreie aus; Ron hatte sich nach hinten geworfen und wäre fast vom Stuhl gefallen, als die Spinne auf ihn zu rollte.

Moody wischte die tote Spinne vom Tisch.

»Nicht nett«, sagte er gelassen.»Nicht angenehm. Und es gibt keinen Gegenfluch. Man kann ihn nicht abwehren. Wir kennen bislang nur einen Menschen, der ihn überlebt hat, und der sitzt hier vor mir.«

Harry spürte, wie er rot anlief, als Moodys Augen (diesmal beide) in die seinen blickten. Auch die Blicke aller anderen spürte er im Nacken. Harry starrte die leere Tafel an, als ob sie besonders spannend wäre, doch im Grunde sah er sie gar nicht…

So also waren seine Eltern gestorben… genau wie diese Spinne. Waren auch sie ohne die Spur einer Verletzung geblieben? Hatten sie einfach nur den grünen Lichtstrahl gesehen und das Sirren des rasenden Todes gehört, bevor ihr Leben ausgelöscht wurde?

Seit drei Jahren schon stellte sich Harry den Tod seiner Eltern immer wieder vor, seit er herausgefunden hatte, daß sie ermordet worden waren, und wußte, was in jener Nacht geschehen war: daß Wurmschwanz das Versteck seiner Eltern an Voldemort verraten hatte, der sie daraufhin in dem Haus aufgespürt hatte. Daß Voldemort zuerst Harrys Vater getötet hatte. Daß James Potter versucht hatte, ihn aufzuhalten, und seiner Frau zugerufen hatte, Harry an sich zu reißen und zu fliehen… doch Voldemort war auf Lily Potter zugegangen und hatte ihr befohlen, beiseite zu treten, damit er Harry töten konnte… sie hatte ihn angefleht, sie an Harrys statt zu töten, hatte sich geweigert, Harry preiszugeben… und so hatte Voldemort auch sie ermordet und dann den Zauberstab gegen Harry gerichtet…

Harry kannte diese Einzelheiten, weil er die Stimmen seiner Eltern gehört hatte, als er letztes Jahr gegen die Dementoren kämpfte – denn dies war die schreckliche Gabe der Dementoren: sie zwangen ihre Opfer, die schlimmsten Erinnerungen ihres Lebens noch einmal zu durchleiden und wehrlos in ihrer Verzweiflung zu ertrinken…

Moody begann erneut zu sprechen, doch für Harry klang es wie aus weiter Ferne. Mit äußerster Kraft riß er sich in die Gegenwart zurück, um Moodys Worten zu lauschen.

»Avada Kedavra ist ein Fluch, hinter dem ein mächtiges Stück Magie stehen muß – ihr könntet hier und jetzt eure Zauberstäbe hervorholen, sie auf mich richten und die Worte sagen, und ich würde mir vermutlich nicht mal eine blutige Nase holen. Aber das spielt keine Rolle. Ich bin nicht hier, um euch beizubringen, wie der Fluch funktioniert.

Wenn es keinen Gegenzauber gibt, warum zeige ich euch dann den Fluch? Weil ihr ihn kennen müßt! Ihr müßt das Schlimmste mit eigenen Augen gesehen haben. Ihr wollt euch doch nicht in eine Lage bringen, in der ihr es mit ihm zu tun bekommt. IMMER WACHSAM!«, polterte er und wieder zuckte die ganze Klasse zusammen.

»Nun… diese drei Flüche – Avada Kedavra, Imperius und Cruciatus – nennen wir die Unverzeihlichen Flüche. Wer auch nur einen von ihnen gegen einen Mitmenschen richtet, handelt sich einen lebenslangen Aufenthalt in Askaban ein. Dagegen steht ihr. Den Kampf gegen diese Flüche muß ich euch beibringen. Ihr müßt euch vorbereiten. Ihr müßt euch wappnen. Doch vor allem müßt ihr lernen, in eurer Wachsamkeit niemals nachzulassen. Holt eure Federn raus… und schreibt mit…«

Den Rest der Stunde verbrachten sie damit, sich zu jedem der Unverzeihlichen Flüche Notizen zu machen. Keiner sprach, bis es läutete – doch als Moody sie entlassen hatte und sie draußen vor dem Klassenzimmer standen, brach ein Schwall von Worten aus ihnen heraus. Die meisten redeten mit ängstlicher Stimme über die Flüche -»Hast du gesehen, wie sie gezuckt hat?«-»… und dann hat er sie getötet – einfach so!«

Sie sprachen über die Stunde, fand Harry, als ob sie eine atemberaubende Show gewesen wäre, doch er hatte sie nicht besonders unterhaltsam gefunden – und wie es schien, auch Hermine nicht.

»Beeilt euch«, sagte sie in angespanntem Ton zu Harry und Ron.

»Nicht schon wieder die blöde Bibliothek?«, sagte Ron.

»Nein«, sagte Hermine schroff und deutete in einen Seitengang.»Neville.«

Neville stand allein in der Mitte des Ganges und starrte auf die steinerne Wand gegenüber – mit denselben weit aufgerissenen, grauenerfüllten Augen wie vorhin, als Moody den Cruciatus-Fluch gezeigt hatte.

»Neville?«, sagte Hermine mit sanfter Stimme.

Neville wandte sich um.

»Oh, hallo«, sagte er mit ungewöhnlich hoher Stimme.»Interessante Stunde, nicht wahr? Bin gespannt, was es zu essen gibt, ich… ich verhungere gleich, du auch?«

»Neville, geht's dir gut?«, fragte Hermine.

»O ja, mir geht's blendend«, plapperte Neville immer noch mit unnatürlich hoher Stimme.»Sehr interessant, das Abendessen – der Unterricht, meine ich – was gibt's zu essen?«

Ron warf Harry einen verdutzten Blick zu.

»Neville… was -?«

Doch ein merkwürdig dumpfes Pochen ertönte hinter ihnen, sie wandten sich um und sahen Professor Moody auf sie zu hinken. Alle vier verstummten und sahen ihn beklommen an, doch so leise und sanft wie jetzt hatten sie ihn noch nicht sprechen gehört.

»Ist schon gut, Kleiner«, sagte er zu Neville.»Willst du nicht kurz mit mir hoch ins Büro kommen? Keine Sorge… wir trinken zusammen ein Täßchen Tee…«

Die Aussicht auf eine Tasse Tee mit Moody schien Neville noch mehr Angst einzujagen. Er blieb stumm und rührte sich nicht vom Fleck.

Moody ließ sein magisches Auge auf Harry ruhen.»Dir geht's gut, nicht wahr, Potter?«

»Ja«, sagte Harry, fast herausfordernd.

Moodys blaues Auge zitterte leicht in seiner Höhle, während er Harry mit prüfendem Blick ansah.

»Du mußt es erfahren«, sagte er schließlich.»Es kommt dir vielleicht hart vor, aber du mußt es erfahren. Hat keinen Sinn sich was vorzumachen… nun denn… komm mit, Longbottom, ich hab da ein paar Bücher, die dich interessieren werden.«

Neville warf den drei Freunden einen flehenden Blick zu, doch sie sagten kein Wort, und so hatte er keine Wahl, als sich, eine von Moodys knöchernen Händen auf der Schulter, mit sanfter Gewalt fortführen zu lassen.

»Was sollte das jetzt wieder?«, sagte Ron, als Neville und Moody um die Ecke verschwunden waren.

»Keine Ahnung«, sagte Hermine mit nachdenklicher Miene.

»Bestimmt 'ne Lektion für uns, oder?«, sagte Ron zu Harry auf dem Weg zur Großen Halle.»Fred und George hatten Recht, siehst du? Er kennt sich wirklich aus, dieser Moody. Wie er Avada Kedavra gebracht hat und diese Spinne dann tot umgefallen ist, so einfach den Löffel abgegeben hat -«

Doch Ron verstummte, als er den Ausdruck auf Harrys Gesicht sah, und sprach erst wieder, als sie in die Große Halle gelangten, wo er vorschlug, am Abend schon mal mit den Voraussagen für Professor Trelawney anzufangen, da sie sicher Stunden dafür brauchen würden.

Hermine hielt sich aus dem Gespräch zwischen Harry und Ron heraus, putzte in aller Hast ihren Teller leer und stürzte dann wieder in Richtung Bibliothek davon. Harry und Ron schlenderten zurück in den Gryffindor-Turm, und Harry, der beim Essen an nichts anderes gedacht hatte, sprach jetzt selbst die Sache mit den Unverzeihlichen Flüchen an.

»Würden Moody und Dumbledore nicht Schwierigkeiten mit dem Ministerium kriegen, wenn die erfahren, daß wir die Flüche gesehen haben?«, fragte Harry, als sie auf die fette Dame zugingen.

»Jaah, ziemlich sicher«, sagte Ron.»Aber Dumbledore hat immer seinen eigenen Kopf durchgesetzt, und Moody hat, glaube ich, schon seit Jahren Schwierigkeiten mit denen. Greift erst an und stellt dann Fragen – denk nur an seine Mülleimer. Quatsch.«

Die fette Dame klappte zur Seite und gab das Eingangsloch frei, und sie kletterten in den Gemeinschaftsraum der Gryffindors, der heute Abend überfüllt und lärmig war.

»Also, wie war's mit dem Wahrsagekram?«, sagte Harry.

»Muß wohl sein«, stöhnte Ron.

Sie gingen hoch in den Schlafsaal, um ihre Bücher und Karten zu holen, und fanden dort Neville allein auf dem Bett sitzend und lesend. Er sah um einiges ruhiger aus als nach Moodys Unterricht, wenn auch noch nicht ganz beisammen. Seine Augen waren noch ziemlich rot.

»Geht's dir gut, Neville?«, fragte Harry.

»Ja, ja«, sagte Neville,»mir geht's gut, danke. Ich lese gerade dieses Buch, das mir Professor Moody geliehen hat…«

Er hielt das Buch hoch: Magische Wasserpflanzen des Mittelmeeres und ihre Wirkungen.

»Professor Sprout hat nämlich Professor Moody erzählt, daß ich in Kräuterkunde wirklich gut bin«, sagte Neville. In seiner Stimme lag ein Hauch von Stolz, den Harry bei ihm kaum einmal wahrgenommen hatte.»Er dachte, dieses Buch würde mir gefallen.«

Neville zu sagen, was Professor Sprout berichtet hatte, war eine sehr taktvolle Art, ihn aufzumuntern, fand Harry, denn Neville bekam sehr selten zu hören, daß er in irgend etwas gut sei. Auf diese Weise hätte es auch Professor Lupin versucht.

Harry und Ron nahmen ihre Exemplare von Entnebelung der Zukunft mit nach unten, suchten sich einen freien Tisch und machten sich an ihre Vorhersagen für den kommenden Monat. Eine Stunde später war ihr Tisch zwar übersät mit Pergamentblättern voll Zahlen und Symbolen, und Harrys Kopf war vernebelt, als wäre er gefüllt mit den Ausdünstungen von Professor Trelawneys Feuer, doch eigentlich waren sie kaum vorangekommen.

»Ich hab keinen Schimmer, was dieses Zeug hier bedeuten soll«, sagte er und starrte auf eine lange Liste mit Zahlen und Formeln.

»Weißt du was«, sagte Ron, dem die Haare zu Berge standen, weil er vor Ärger ständig mit den Fingern durch seinen Schöpf fuhr,»ich glaube, wir probieren es mal wieder mit unserer alten Wahrsagekrücke.«

»Wie bitte – das Ganze erfinden?«

»Ja«, sagte Ron, wischte das Gewirr bekritzelter Pergamente vom Tisch, stippte seine Feder ins Tintenfaß und begann zu schreiben.

»Am nächsten Montag«, sagte er eifrig kritzelnd,»werd ich wahrscheinlich einen Schnupfen kriegen, und zwar weil Mars und Jupiter ganz ungünstig zueinander stehen.«Er sah zu Harry auf.»Du kennst sie doch – misch 'ne hübsche Portion Elend rein, und sie leckt es dir aus der Hand.«

»Stimmt«, sagte Harry, knüllte seinen ersten Versuch zusammen und warf den Pergamentball über die Köpfe einiger schnatternder Erstkläßler hinweg ins Feuer.»Gut… am Montag gerate ich in Gefahr – ähm – mich zu verbrennen.«

»Da kannst du Gift drauf nehmen«, sagte Ron mit finsterem Blick,»am Montag sehen wir die Kröter wieder. Schön, am Dienstag werd ich dann… ähm…«

»Etwas verlieren, das dir lieb und teuer ist«, sagte Harry, der auf der Suche nach Anregungen durch Entnebelung der Zukunft blätterte.

»Gute Idee«, sagte Ron und schrieb sie auf.»Wegen… ähm… Merkur. Wie war's, wenn dir jemand, den du für einen Freund gehalten hast, ein Messer in den Rücken stößt?«

»Jaah… cool…«, sagte Harry und ließ die Feder kratzen,»weil… Venus im zwölften Haus steht.«

»Und am Mittwoch, glaub ich, krieg ich bei einer Prügelei was auf die Nase.«

»Aaah, eigentlich wollte ich mich prügeln. Gut, dann verlier ich eine Wette.«

»Ja, du wettest, daß ich die Prügelei gewinne…«

So strickten sie noch eine Stunde weiter an ihren Vorhersagen (die immer tragischer wurden), während die anderen allmählich schlafen gingen.

Krummbein kam zu ihnen herübergeschlenzt, sprang leichtfüßig auf einen leeren Stuhl und starrte Harry mit unergründlichen Augen an, ganz so, wie Hermine schauen würde, wenn sie gewußt hätte, daß sie ihre Hausaufgaben nicht ordentlich erledigten.

Harry ließ den Blick durch das Zimmer schweifen und versuchte sich ein Unglück einfallen zu lassen, das er noch nicht aufgebraucht hatte, da sah er Fred und George an der Wand gegenüber sitzen, die Köpfe zusammengesteckt und mit gezückten Federn über einem Pergament brütend. Man sah die beiden nur ganz selten in einer Ecke versteckt und stumm bei der Arbeit; meist liebten sie den Trubel und waren dann auch der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Wie sie da gemeinsam an ihrem Pergament arbeiteten, hatten sie etwas Geheimnistuerisches an sich, und Harry fiel ein, daß sie schon im Fuchsbau zusammengesessen und etwas geschrieben hatten. Damals hatte er gedacht, es ginge um ein neues Bestellformular für Weasleys Zauberhafte Zauberscherze, doch diesmal sah es nicht danach aus, denn sonst hätten sie gewiß Lee Jordan an dem Spaß beteiligt. Er fragte sich, ob es etwas mit dem Versuch zu tun hatte, am Trimagischen Turnier teilzunehmen.

Harry sah jetzt, wie George den Kopf schüttelte, mit seiner Feder etwas durchstrich und mit ganz leiser Stimme, die dennoch durch den fast leeren Raum herüberwehte, zu Fred sagte:»Nein – das klingt, als würden wir ihn beschuldigen. Wir müssen vorsichtig sein…«

Dann sah George auf und bemerkte, daß Harry sie beobachtete. Harry grinste und wandte sich rasch wieder seinen Vorhersagen zu – er wollte nicht, daß George dachte, er würde lauschen. Kurz danach rollten die Zwillinge ihr Pergament zusammen, sagten gute Nacht und gingen zu Bett.

Die beiden waren gerade zehn Minuten fort, als das Porträtloch aufging und Hermine in den Gemeinschaftsraum kletterte, in der einen Hand ein Blatt Pergament und in der anderen ein Kästchen mit schepperndem Inhalt.

Krummbein machte einen Buckel und schnurrte.

»Hallo«, sagte sie,»ich bin gerade fertig geworden!«

»Ich auch!«, sagte Ron ausgelassen und warf seine Feder hin.

Hermine setzte sich, legte ihre Sachen auf einen leeren Sessel und zog das Blatt mit Rons Voraussagen zu sich her.

»Wird kein besonders guter Monat für dich, oder?«, sagte sie mit schrägem Lächeln, während Krummbein es sich auf ihrem Schoß gemütlich machte.

»Tjaah, wenigstens bin ich vorgewarnt«, gähnte Ron.

»Sieht aus, als ob du zweimal ertrinkst«, sagte Hermine.

»Ach nein, wirklich?«, sagte Ron und warf einen Blick auf seine Vorhersagen.»Dann ändere ich das eine lieber in Zertrampeltwerden von einem wild gewordenen Hippogreif.«

»Meinst du nicht, jeder merkt, daß ihr alles erfunden habt?«, fragte Hermine.

»Wie kannst du nur so etwas sagen!«, rief Ron mit gespielter Entrüstung.»Wir haben hier geschuftet wie die Hauselfen!«

Hermine hob die Brauen.

»Ist doch nur so 'ne Redewendung«, sagte Ron hastig.

Auch Harry legte jetzt seine Feder weg, nachdem er zum guten Schluß seinen Tod durch Enthauptung vorausgesagt hatte.

»Was ist dadrin?«, fragte er und deutete auf das Kästchen.

»So 'n Zufall, daß du fragst«, sagte Hermine und warf Ron einen garstigen Blick zu. Sie hob den Deckel des Kästchens ab.

Darin lagen etwa fünfzig Anstecker in verschiedenen Farben, doch alle mit derselben Aufschrift: B.ELFE.R.

»Belfer?«, sagte Harry, nahm einen Anstecker und betrachtete ihn.»Was ist das?«

»Nicht Belfer«, sagte Hermine höchst ungehalten.»Es heißt B-ELFE-R, Bund für ELFEnRechte.«

»Nie davon gehört«, sagte Ron.

»Natürlich nicht«, fauchte Hermine,»ich hab ihn eben erst gegründet.«

»Achja?«, sagte Ron milde überrascht.»Wie viele Mitglieder hat er?«

»Na ja – wenn ihr mitmacht – drei«, sagte Hermine.

»Und du glaubst im Ernst, wir wollen mit Ansteckern rumlaufen, auf denen ›Belfer‹ steht?«

»B-ELFE-R!«, zürnte Hermine.»Zuerst hatte ich ›Stoppt die schändliche Mißhandlung unserer magischen Mitgeschöpfe – Bewegung zur Stärkung der Elfenrechte‹, aber das hat nicht draufgepaßt. Dafür ist es jetzt der Titel unseres Manifests.«

Sie wedelte mit dem Pergament unter ihren Nasen.»Ich hab in der Bibliothek gründlich nachgeforscht. Die Elfenversklavung reicht schon Jahrhunderte zurück. Ich kann einfach nicht fassen, daß bisher niemand was dagegen unternommen hat.«

»Hermine – nun hör mal gut zu«, sagte Ron laut.»Sie. Mögen. Es. Sie mögen es, versklavt zu sein!«

»Unser kurzfristiges Ziel«, sagte Hermine, noch lauter sogar als Ron und scheinbar ohne ein Wort gehört zu haben,»ist die Durchsetzung fairer Löhne und Arbeitsbedingungen. Zu unseren langfristigen Zielen gehört die Änderung des Gesetzes über den Nichtgebrauch von Zauberstäben und der Versuch, eine Elfe in die Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe zu bringen, denn dort sind sie skandalös schlecht vertreten.«

»Und wie stellen wir das an?«, fragte Harry.

»Zuerst mal werben wir Mitglieder an«, sagte Hermine munter.»Ich dachte an zwei Sickel für die Mitgliedschaft -dafür gibt es einen Anstecker – und mit dem Erlös können wir unsere Flugblattkampagne bezahlen. Du bist der Schatzmeister, Ron – oben hab ich für dich eine Sammelbüchse -, und Harry, du bist der Sekretär, also wär's am besten, wenn du alles mitschreibst, was ich jetzt sage, um unser erstes Treffen festzuhalten.«

Eine Pause trat ein, in der Hermine die beiden anstrahlte und Harry nur dasaß, hin- und hergerissen zwischen Ärger über Hermine und Belustigung über Rons Miene. Nicht Ron brach das Schweigen, der ohnehin aussah, als hätte es ihm zeitweilig die Sprache verschlagen, sondern ein leises tok, tok am Fenster. Harry spähte durch den inzwischen leeren Gemeinschaftsraum und sah eine ins Mondlicht getauchte Schnee-Eule auf dem Fenstersims hocken.

»Hedwig!«, rief er, sprang aus dem Sessel, stürmte hinüber und riß das Fenster auf.

Hedwig flog herein, schwebte durch den Raum und ließ sich auf dem Tisch mit Harrys Vorhersagen nieder.

»Wird langsam Zeit!«, sagte Harry und rannte ihr nach.

»Sie hat eine Antwort!«, sagte Ron aufgeregt und deutete auf das schmuddelige Stück Pergament, das an Hedwigs Bein gebunden war. Hastig knüpfte Harry das Pergament los und setzte sich, um es zu lesen, woraufhin Hedwig ihm aufs Knie flatterte und leise schuhuhte.

»Was schreibt er?«, fragte Hermine atemlos.

Der Brief war sehr kurz und sah aus, als wäre er in großer Hast hingekritzelt worden. Harry las ihn laut vor:

Harry,

ich fliege sofort nach Norden. Diese Neuigkeit über deine Narbe ist nur das letzte Glied in einer Kette merkwürdiger Gerüchte, die mir hier zu Ohren gekommen sind. Wenn sie wieder anfängt zu schmerzen, geh unverzüglich zu Dumbledore – es heißt, er habe Mad-Eye aus dem Ruhestand zurückgeholt, was bedeutet, daß wenigstens er, wenn auch sonst keiner, die Zeichen liest.

Ich melde mich bald. Meine besten Wünsche an Ron und Hermine. Halt die Augen offen, Harry.

Sirius

Harry sah zu Ron und Hermine auf, die ihn mit großen Augen anstarrten.

»Er fliegt nach Norden?«, flüsterte Hermine.»Er kommt zurück?«

»Was sind das für Zeichen, die Dumbledore liest?«, fragte Ron vollkommen perplex.»Harry, was ist los mit dir?«

Harry hatte sich gerade mit der Faust gegen die Stirn geschlagen und Hedwig aus seinem Schoß geworfen.

»Ich hätt's ihm nicht sagen sollen!«, rief er wütend.

»Wovon redest du eigentlich?«, sagte Ron verdutzt.

»Jetzt denkt er, er muß zurückkommen!«, sagte Harry und donnerte seine Faust so heftig auf den Tisch, daß Hedwig auf Rons Stuhllehne flatterte und entrüstet grummelte.»Zurückkommen, weil er glaubt, ich sei in Schwierigkeiten! Aber mir geht's doch gut! Und für dich hab ich nichts«, fauchte er Hedwig an, die erwartungsvoll mit dem Schnabel klackerte,»da mußt du schon hoch in die Eulerei, wenn du was zu fressen willst.«

Hedwig warf ihm einen zutiefst beleidigten Blick zu, erwischte ihn mit ausgebreitetem Flügel unsanft am Kopf und flog zum offenen Fenster hinaus.

»Harry -«, setzte Hermine beschwichtigend an.

»Ich geh schlafen«, sagte Harry barsch.»Bis morgen früh dann.«

Oben im Schlafsaal zog er seinen Pyjama an und legte sich ins Himmelbett, doch er spürte nicht die geringste Müdigkeit.

Wenn Sirius zurückkäme und gefaßt würde, wäre es seine, Harrys, Schuld. Warum hatte er nicht den Mund gehalten? Ein paar Sekunden Schmerz und er mußte gleich losjammern… hätte er nur kühlen Kopf bewahrt und alles für sich behalten…

Kurze Zeit später hörte er Ron in den Schlafsaal kommen, doch er sprach ihn nicht an. Lange lag Harry wach und starrte auf den dunklen Baldachin über seinem Bett. Im Schlafsaal herrschte vollkommene Stille, und wäre Harry nicht so tief in Gedanken versunken gewesen, wäre ihm aufgefallen, daß Neville nicht wie üblich schnarchte und er daher nicht der Einzige war, der keinen Schlaf fand.

Beauxbatons und Durmstrang

Als hätte Harrys Kopf im Schlaf unermüdlich gearbeitet, erwachte er früh am nächsten Morgen mit einem glasklaren Plan im Sinn. Er stand auf, zog sich im blassen Dämmerlicht an und ging dann ohne Ron zu wecken hinunter in den verlassenen Gemeinschaftsraum. Er nahm ein Blatt Pergament vom Tisch, auf dem noch seine Hausaufgaben für Wahrsagen lagen, und schrieb den folgenden Brief:

Lieber Sirius,

ich glaube, ich habe mir nur eingebildet, daß meine Narbe wehtat, ich war noch ziemlich verpennt, als ich dir diesen Brief schrieb. Es hat keinen Zweck, daß du zurückkommst, hier ist alles in Ordnung. Mach dir keine Sorgen um mich, mein Kopf fühlt sich ganz normal an.

Harry

Dann kletterte er aus dem Porträtloch, stieg die Treppen des noch im Schlaf liegenden Schlosses hoch (nur ganz kurz von Peeves aufgehalten, der ihm in einem Korridor im vierten Stock eine große Vase über den Kopf stülpen wollte), bis er schließlich in die Eulerei in der Spitze des Westturms gelangte. Die Eulerei war ein kreisrunder Raum mit steinernen Wänden, und da die Fenster keine Scheiben hatten, war er recht kalt und zugig. Der strohbedeckte Boden war übersät mit Eulenmist und ausgewürgten Knochen von Mäusen und Maulwürfen. Hunderte von Eulen jeder erdenklichen Art hockten hier auf den Stangen, die sich bis hoch zum Turmgebälk zogen, und fast alle schliefen, auch wenn hie und da ein rundes Bernsteinauge Harry mit scharfem Blick folgte. Jetzt sah er auch Hedwig behaglich zwischen einer Schleiereule und einem Waldkauz schlafen, und er ging hastig zu ihr hinüber, wobei er fast auf dem mit Vogelkot übersäten Boden ausgerutscht wäre. Es dauerte eine Weile, bis er sie dazu bringen konnte, aufzuwachen und ihn überhaupt anzusehen, denn zunächst trippelte sie auf ihrer Stange umher und zeigte ihm nur den Schwanz. Offensichtlich war sie immer noch gekränkt wegen seiner undankbaren Art am Abend zuvor. Am Ende schaffte es Harry dann doch, sie zu überzeugen, indem er laut überlegte, daß sie wohl zu müde sei und er Ron bitten würde, ihm Pigwidgeon zu leihen; daraufhin streckte sie ein Bein aus und ließ ihn den Brief daran festbinden.

»Du findest ihn, nicht wahr?«, sagte Harry und streichelte ihr übers Gefieder, während er sie auf dem Arm zu einer der Mauerluken trug.»Bevor die Dementoren ihn finden.«

Sie kniff ihm in den Finger, vielleicht ein wenig kräftiger als sonst, schuhuhte jedoch leise, als wollte sie ihn trotz allem beruhigen. Dann breitete sie ihre Flügel aus und flatterte in den Sonnenaufgang hinein. Harry sah ihr mit dem schon vertrauten flauen Gefühl im Magen nach, bis sie verschwunden war. Er war sich so sicher gewesen, daß Sirius' Antwort seine Sorgen lindern und nicht noch steigern würde.

»Das war eine Lüge, Harry«, sagte Hermine in scharfem Ton beim Frühstück, als er ihr und Ron von seinem Brief erzählt hatte.»Du hast dir nicht bloß eingebildet, daß deine Narbe wehtat, das weißt du genau.«

»Na und?«, sagte Harry.»Meinetwegen soll er jedenfalls nicht wieder in Askaban landen.«

»Laß stecken«, fuhr Ron Hermine an, als sie den Mund öffnete, um noch ein wenig weiterzustreiten; und ausnahmsweise folgte ihm Hermine und verstummte.

Während der nächsten Wochen mühte sich Harry nach Kräften, sich keine Sorgen über Sirius zu machen. Gewiß, er konnte es einfach nicht lassen, mit bangem Gefühl aufzusehen, wenn am Morgen die Posteulen ankamen, noch konnte er verhindern, daß spät am Abend, bevor er einschlief, grauenhafte Bilder an seinem inneren Auge vorbeizogen, Bilder von Sirius, wie er in irgendeiner dunklen Londoner Straße von Dementoren in die Enge getrieben wurde. Doch ansonsten gab er sich Mühe, nicht an seinen Paten zu denken. Könnte er doch nur Quidditch spielen, um sich abzulenken; nichts hätte seinem aufgewühlten Gemüt so gut getan wie eine harte, fetzige Trainingsstunde. Andererseits war der Unterricht jetzt so anspruchsvoll und schwierig wie nie zuvor, besonders in Verteidigung gegen die dunklen Künste.

Zu ihrer Überraschung hatte Professor Moody angekündigt, daß er jeden Einzelnen von ihnen mit dem Imperius-Fluch belegen würde, um dessen Macht zu zeigen und zu prüfen, ob sie sich gegen seine Wirkungen zur Wehr setzen konnten.

»Aber, Sie sagten doch, er sei verboten, Professor«, sagte Hermine verunsichert, als Moody mit einem Schwung seines Zauberstabs die Tische fortrücken ließ und sich einen großen freien Platz in der Mitte des Raumes verschaffte.»Sie sagten – ihn gegen einen anderen Menschen einzusetzen, sei -«

»Dumbledore will, daß ich euch beibringe, wie es sich anfühlt«, sagte Moody, und sein magisches Auge schwamm zu Hermine hin und fixierte sie mit schaurigem Blick, ohne ein einziges Mal zu blinzeln.»Wenn du es lieber auf die harte Tour lernen willst – wenn dich jemand damit überrascht und dich vollkommen unterwirft – mir soll es recht sein. Du bist entschuldigt. Da geht's raus.«

Er wies mit seinem knochigen Finger zur Tür. Hermine lief rosa an und murmelte etwas von wegen, das hätte sie so nicht gemeint. Harry und Ron grinsten sich zu. Sie wußten, daß Hermine lieber Bubotubler-Eiter schlürfen würde als eine so wichtige Unterrichtsstunde zu verpassen.

Moody ließ sie der Reihe nach vortreten und belegte sie mit dem Imperius-Fluch. Harry beobachtete, wie seine Mitschüler unter Moodys Einfluss die erstaunlichsten Dinge vollführten. Dean Thomas hüpfte dreimal im Kreis durchs Zimmer und sang dabei die Nationalhymne. Lavender Brown ahmte ein Eichhörnchen nach. Neville zeigte eine Reihe ganz verblüffender Gymnastikübungen, bei denen er ansonsten sicher zusammengeklappt wäre. Nicht einer von ihnen schien fähig zu sein, den Fluch abzuwehren, und alle erholten sich erst, als Moody ihn wieder aufhob.

»Potter«, knurrte Moody,»du bist dran.«

Harry trat vor in die Mitte des Klassenzimmers, wo Moody Platz geschaffen hatte. Moody hob den Zauberstab, richtete ihn auf Harry und sagte:»Imperio.«Es war ein höchst wundersames Gefühl. Harry glaubte zu schweben, jeder Gedanke, alle Sorgen, die ihn Umtrieben, waren wie von sanfter Hand weggewischt, und zurück blieb nur ein vages, unergründliches Glücksgefühl. Da stand er, unendlich entspannt, nur leise ahnend, daß alle ihn ansahen. Und dann hörte er Mad-Eye Moodys Stimme in einer fernen Kammer seines leeren Kopfes widerhallen:»Spring auf den Tisch… spring auf den Tisch…«Harry ging folgsam in die Knie und setzte zum Sprung an.

»Spring auf den Tisch…«

Warum eigentlich?

Eine andere Stimme, weit hinten in seinem Kopf, war erwacht.»Wär doch ziemlich bescheuert, das zu tun«, sagte die Stimme.

»Spring auf den Tisch…«

»Nein, das werd ich lieber nicht tun, danke«, sagte die andere Stimme, ein wenig fester…»Nein, ich will nicht wirklich…«

»Spring! Sofort.«

Was Harry als Nächstes spürte, war ein heftiger Schmerz. Er war gesprungen und hatte zugleich versucht sich davon abzuhalten – woraufhin er mit dem Kopf auf den Tisch geschlagen war, ihn umgeworfen hatte und sich, nach dem Gefühl in seinen Beinen zu schließen, auch noch beide Kniescheiben zertrümmert hatte.

»Nun, das war doch schon mal was!«, hörte er Moodys knurrende Stimme, und plötzlich spürte Harry, wie das leere, hallende Gefühl in seinem Kopf verschwand. Er erinnerte sich genau daran, was passiert war, und der Schmerz in seinen Knien schien sich noch zu verdoppeln.

»Schaut euch das an, ihr Rasselbande… Potter hat gekämpft! Er hat gegen den Fluch angekämpft und ihn verdammt noch mal fast gebrochen! Wir versuchend noch mal, Potter, und die anderen passen gut auf – schaut ihm in die Augen, da seht ihr's – sehr gut, Potter, wirklich sehr gut! Die werden Schwierigkeiten haben, dich zu unterwerfen!«

»So, wie er redet«, murmelte Harry, als er eine Stunde später aus dem Klassenzimmer humpelte (Moody hatte darauf bestanden, Harry viermal in Folge an seine Grenzen gehen zu lassen, bis er schließlich den Fluch vollkommen abschütteln konnte),»so, wie er redet, sollte man meinen, wir könnten jeden Augenblick angegriffen werden.«

»Ja, ich weiß«, sagte Ron, der immer noch bei jedem zweiten Schritt hüpfte. Er hatte viel mehr Probleme mit dem Fluch gehabt als Harry, doch Moody versicherte ihm, die Wirkung würde bis zum Mittagessen abklingen.»Wenn wir schon beim Verfolgungswahn sind…«, Ron sah nervös über die Schulter, ob Moody auch ja außer Hörweite war, und fuhr fort:»Kein Wunder, daß sie im Ministerium froh waren, ihn loszuwerden. Hast du gehört, wie er Seamus erzählt hat, was er mit dieser Hexe angestellt hat, die am ersten April hinter seinem Rücken ›Buuh‹ gerufen hat? Und wann sollen wir denn alles über den Widerstand gegen den Imperius-Fluch nachlesen, wenn wir ohnehin so viel zu tun haben?«

Allen Viertkläßlern war aufgefallen, daß sie dieses Jahr eine ganze Menge mehr arbeiten mußten. Professor McGonagall erklärte ihnen auch, warum, als die Klasse in Verwandlung mit besonders lautem Stöhnen und Ächzen auf eine neue Ladung Hausaufgaben reagiert hatte.

»Für Sie beginnt jetzt eine besonders wichtige Zeit in Ihrer Ausbildung als Zauberer!«, verkündete sie und die Augen hinter ihren quadratischen Brillengläsern glitzerten gefährlich.»Ihre Prüfungen für die ZAGs stehen bevor -«

»Wir kriegen die ZAGs doch erst im fünften Jahr!«, sagte Dean Thomas entrüstet.

»Das mag sein, Thomas, aber glauben Sie mir, Sie brauchen alle Vorbereitung, die Sie bekommen können! Miss Granger ist bis heute die Einzige in der Klasse, die es schafft, einen Igel in ein gewöhnliches Nadelkissen zu verwandeln. Ich darf Sie daran erinnern, Thomas, daß Ihr Kissen immer noch vor Angst zusammenschrumpft, wenn sich jemand mit einer Nadel nähert!«

Hermine war wieder einmal rosa angelaufen und schien sich zu bemühen, nicht allzu geschmeichelt auszusehen.

Harry und Ron amüsierten sich köstlich, als Professor Trelawney in der nächsten Wahrsagestunde verkündete, sie hätten für ihre Vorhersagen Spitzennoten bekommen. Sielas ausgiebig aus ihren Arbeiten vor und lobte sie für ihren unerschrockenen Blick auf die Schrecken, die ihnen ins Haus standen – weniger erfreut waren sie jedoch, als Professor Trelawney ihnen aufgab, das Gleiche noch einmal für den übernächsten Monat zu machen; allmählich gingen den beiden die Ideen aus.

Unterdessen ließ sie Professor Binns, der Geist, der Geschichte der Zauberei lehrte, jede Woche einen Aufsatz über die Kobold-Aufstände im achtzehnten Jahrhundert schreiben. Professor Snape zwang sie, Gegengifte zu erforschen. Das nahmen sie sehr ernst, denn er deutete an, er könnte ja einen von ihnen noch vor Weihnachten vergiften, um festzustellen, ob das Gegengift wirke. Professor Flitwick verlangte von ihnen, zur Vorbereitung auf den Unterricht über Aufrufe- und Sammelzauber noch drei weitere Bücher nebenher zu lesen.

Selbst Hagrid bürdete ihnen zusätzliche Lasten auf. Die Knallrümpfigen Kröter wuchsen erstaunlich schnell, wenn man bedachte, daß noch keiner herausgefunden hatte, was sie fraßen. Hagrid war es eine Wonne und er schlug»im Rahmen ihres Projekts«vor, sie sollten doch jeden zweiten Abend zu seiner Hütte herunterkommen, um die Kröter zu beobachten und sich Notizen über ihr eigenartiges Verhalten zu machen.

»Ich jedenfalls nicht«, sagte Draco Malfoy lustlos, nachdem Hagrid ihnen diesen Vorschlag mit der Miene eines Weihnachtsmannes gemacht hatte, der ein besonders großes Päckchen aus dem Sack zieht.»Ich seh im Unterricht genug von diesen widerlichen Dingern, danke.«

Hagrids Lächeln erstarb.

»Du tust, was man dir sagt«, knurrte er,»oder ich red mal ein Wörtchen mit Professor Moody… hab gehört, du gibst 'n niedliches Frettchen ab, Malfoy.«

Die Gryffindors lachten schallend. Malfoy errötete vor Zorn, doch offenbar war die Erinnerung an die Bestrafung durch Moody immer noch schmerzhaft genug, um ihm den Mund zu versiegeln. Harry, Ron und Hermine kehrten nach dem Unterricht bestens gelaunt in das Schloß zurück; zu erleben, wie Hagrid Malfoy in die Schranken wies, war eine Genugtuung gewesen, vor allem, da Malfoy sich im letzten Jahr nach Kräften bemüht hatte, Hagrid aus der Schule werfen zu lassen.

In der Eingangshalle gerieten sie in ein dichtes Gewühle von Mitschülern, die sich alle um ein großes Schild drängelten, das am Fuß der Marmortreppe aufgestellt worden war. Ron, der Längste der drei, lugte auf Zehenspitzen stehend über die Köpfe hinweg und las den anderen beiden vor, was auf dem Schild stand.

Trimagisches Turnier

Die Abordnungen aus Beauxbatons und Durmstrang kommen am Freitag, den 30. Oktober, um sechs Uhr nachmittags an. Der Unterricht endet eine halbe Stunde früher.

»Toll!«, sagte Harry.»In der letzten Stunde am Freitag haben wir Zaubertränke! Dann hat Snape wenigstens keine Zeit mehr, uns alle zu vergiften!«

Die Schüler werden gebeten, Taschen und Bücher in die Schlafräume zu bringen und sich vor dem Schloß zu versammeln, um unsere Gäste vor dem Willkommensfest zu begrüßen.

»Nur noch eine Woche!«, sagte Ernie McMillan von den Hufflepuffs, der mit glänzenden Augen aus der Menge auftauchte.»Ob Cedric das schon weiß? Ich glaub, ich geh und sag's ihm…«

»Cedric?«, sagte Ron mit ahnungslosem Gesicht, als Ernie davonrannte.

»Diggory«, sagte Harry.»Er wird sicher am Turnier teilnehmen.«

»Dieser Idiot soll Hogwarts-Champion werden?«, sagte Ron, während sie sich durch die plappernde Menge zur Treppe schoben.

»Er ist kein Idiot, du kannst ihn nur nicht ausstehen, weil er Gryffindor im Quidditch geschlagen hat«, sagte Hermine.»Ich hab gehört, er sei richtig gut im Unterricht – und er ist Vertrauensschüler.«

Sie sprach, als ob die Angelegenheit damit erledigt wäre.

»Du magst ihn doch nur, weil er hübsch ist«, sagte Ron spöttisch.

»Entschuldige mal, ich mag niemanden, nur weil er hübsch ist!«, sagte Hermine entrüstet.

Ron ließ ein falsches Hüsteln hören, das merkwürdigerweise wie»Lockhart!«klang.

Das Schild in der Eingangshalle hatte erstaunliche Wirkung auf die Bewohner des Schlosses. In der folgenden Woche schien es, gleich, wo Harry hinkam, nur ein Thema zu geben: das Trimagische Turnier. Gerüchte flogen von Schüler zu Schüler wie ansteckende Bazillen: Wer würde für Hogwarts ins Rennen gehen, welche Turnieraufgaben warteten auf ihn oder sie, waren die Schüler von Beauxbatons und Durmstrang anders als die von Hogwarts? Harry bemerkte auch, daß im Schloß besonders gründlich geputzt wurde. Mehrere rußüberzogene Gemälde wurden geschrubbt, zum großen Mißvergnügen der Abgebildeten, die in ihren Rahmen kauerten und zusammenzuckten, wenn sie ihre frisch gewaschenen rosa Gesichter berührten. Die Rüstungen glänzten auf einmal und kreischten nicht bei jeder Bewegung, und Argus Filch, der Hausmeister, bekam jedes Mal, wenn jemand vergaß, sich die Schuhe abzuputzen, einen derartigen Wutanfall, daß zwei Mädchen aus der ersten Klasse vor Angst Schreikrämpfe bekamen. Auch die Mitglieder des Lehrkörpers schienen merkwürdig angespannt.

»Longbottom, seien Sie so nett und zeigen Sie den Leuten von Durmstrang ja nicht, daß Sie nicht einmal einen einfachen Verwandlungszauber beherrschen!«, blaffte Professor McGonagall Neville am Ende einer besonders schwierigen Stunde an, während deren er versehentlich seine eigenen Ohren auf einen Kaktus verpflanzt hatte.

Als sie am Morgen des dreißigsten Oktober zum Frühstück hinuntergingen, stellten sie fest, daß die Große Halle über Nacht geschmückt worden war. Riesige seidene Banner hingen an den Wänden, eines für jedes Hogwarts-Haus – ein goldener Löwe auf rotem Grund für Gryffindor, ein bronzener Adler auf Rot für Ravenclaw, ein schwarzer Dachs auf Gelb für Hufflepuff und eine silberne Schlange auf grünem Grund für Slytherin. Hinter dem Lehrertisch prangte auf dem größten Banner das Wappen von Hogwarts: Löwe, Adler, Dachs und Schlange um den großen Buchstaben»H«.

Harry, Ron und Hermine sahen schon vom Eingang aus Fred und George am Gryffindor-Tisch sitzen. Wieder einmal und ganz ungewohnt saßen sie abseits von den anderen und unterhielten sich flüsternd. Ron ging den anderen voraus auf sie zu.

»Es ist ein Reinfall, zugegeben«, sagte George mit trübseliger Miene zu Fred.»Aber wenn er nicht persönlich mit uns sprechen will, müssen wir ihm doch den Brief schicken. Oder wir drücken ihn ihm in die Hand, er kann uns ja nicht ewig aus dem Weg gehen.«

»Wer geht euch aus dem Weg?«, fragte Ron und setzte sich zu ihnen.

»Ich wünschte, du«, sagte Fred, verärgert über die Unterbrechung.

»Was ist ein Reinfall?«, fragte Ron George.

»'nen naseweisen Kerl wie dich als Bruder zu haben«, sagte George.

»Habt ihr beide schon irgendwelche Ideen, was ihr beim Trimagischen Turnier anfangen wollt?«, fragte Harry.»Habt ihr darüber nachgedacht, ob ihr doch noch teilnehmt?«

»Ich hab McGonagall gefragt, wie die Champions ausgewählt werden, aber sie hat nichts verraten«, sagte George erbittert.»Sie meinte nur, ich solle den Mund halten und endlich meinen Waschbären verwandeln.«

»Was das wohl für Aufgaben sein werden?«, sagte Ron nachdenklich.»Harry, ich wette, wir könnten es schaffen, mit gefährlichen Dingen kennen wir uns doch aus…«

»Wer sind die Schiedsrichter?«, fragte Harry.

»Jedenfalls sind die Leiter der teilnehmenden Schulen immer mit in der Jury«, sagte Hermine, und alle drehten sich erstaunt zu ihr um.»Das weiß ich, weil alle drei beim Turnier von 1792 verletzt wurden, als ein Basilisk, den die Champions eigentlich fangen sollten, auf Nahrungssuche ging.«

Es entging ihr nicht, daß alle sie ansahen, und da niemand außer ihr all die Bücher gelesen hatte, sagte sie wie üblich etwas hochnäsig:»Steht alles in der Geschichte von Hogwarts. Natürlich ist dieses Werk nicht ganz zuverlässig. Eine umgeschriebene Geschichte von Hogwarts wäre zutreffender. Oder Eine höchst einseitige und zensierte Geschichte von Hogwarts, welche die häßlicheren Seiten der Schule übertüncht.«

»Worauf willst du raus?«, sagte Ron, während Harry zu wissen glaubte, was jetzt kam.

»Hauselfen!«, sagte Hermine laut und bestätigte Harrys Ahnung.»Nicht ein einziges Mal auf über tausend Seiten erwähnt die Geschichte von Hogwarts, daß wir alle bei der Unterdrückung von hundert Sklaven mitwirken!«

Kopfschüttelnd machte sich Harry über sein Rührei her. Die mangelnde Begeisterung, die er und Ron zeigten, hatte Hermines Eifer, mit dem sie Gerechtigkeit für die Hauselfen erkämpfen wollte, nicht im Mindesten gedämpft. Gewiß, sie beide hatten zwei Sickel für den B.ELFE.R-Anstecker bezahlt, doch nur, um sie zu beschwichtigen. Ihr Geld hatte jedoch nichts genutzt, Hermine war eher noch eifriger geworden und hatte Harry und Ron seither ständig in den Ohren gelegen. Zunächst einmal sollten sie ihre Anstecker auch tragen, dann sollten sie auch andere dazu überreden, und zudem hatte Hermine es sich zur Gewohnheit gemacht, jeden Abend im Gemeinschaftsraum der Gryffindors umherzutingeln, ihre Mitschüler in die Enge zu treiben und mit der Sammelbüchse unter ihren Nasen zu klappern.

»Ihr wißt doch genau, daß eure Bettwäsche gewechselt, eure Feuer angezündet, eure Klassenzimmer geputzt und eure Mahlzeiten gekocht werden von einer Gruppe magischer Geschöpfe, die unbezahlt und versklavt sind?«, pflegte sie mit wütendem Blick zu sagen.

Manche, wie Neville, hatten bezahlt, nur damit Hermine sie nicht mehr finster ansah. Einige schienen oberflächlich interessiert an dem, was sie zu sagen hatte, zögerten jedoch, tatkräftiger für die Bewegung zu arbeiten. Viele hielten das Ganze für einen Scherz.

Ron ließ den Blick zur Decke schweifen, die sie alle in herbstliches Sonnenlicht tauchte, und Fred wandte sich mit enormem Interesse seinem Schinken zu (die Zwillinge hatten sich geweigert, einen B.ELFE.R-Anstecker zu kaufen). George jedoch beugte sich zu Hermine hinüber.

»Hör mal zu, Hermine, bist du jemals unten in den Küchen gewesen?«

»Nein, natürlich nicht«, erwiderte Hermine schroff,»ich glaube kaum, daß Schüler dort unten was -«

»Aber wir beide schon«, sagte George und deutete auf Fred,»und zwar öfters, um Essen zu klauen. Wir haben sie getroffen, und ich sag dir, sie sind glücklich. Sie glauben, sie haben die besten Jobs der Welt -«

»Weil sie ungebildet sind und eine Gehirnwäsche verpaßt bekamen!«, unterbrach ihn Hermine erhitzt, doch ihre nächsten Worte gingen in dem plötzlichen Rauschen über ihren Köpfen unter, das die Ankunft der Posteulen verkündete. Harry blickte sofort auf und sah Hedwig auf sich zuschweben. Hermine verstummte jäh; sie und Ron verfolgten mit bangem Blick, wie Hedwig sich auf Harrys Schulter niederließ, ihre Flügel einzog und ermattet das Bein ausstreckte.

Harry zog Sirius' Antwort von Hedwigs Bein und bot ihr die Speckschwarten seines Schinkens an, die sie dankbar auffraß. Dann, nachdem er sich mit einem Blick zu Fred und George vergewissert hatte, daß sie erneut im Gespräch über das Trimagische Turnier vertieft waren, las Harry Ron und Hermine im Flüsterton Sirius' Brief vor.

Netter Versuch, Harry,

ich bin wieder im Land und gut versteckt. Ich möchte, daß du mich über alles, was in Hogwarts vor sich geht, per Brief auf dem Laufenden hältst. Nimm nicht mehr Hedwig, wechsle ständig die Eulen und mach dir keine Sorgen um mich, paß nur auf dich selbst auf. Vergiß nicht, was ich über deine Narbe gesagt habe.

Sirius

»Warum sollst du ständig die Eulen wechseln?«, fragte Ron mit gedämpfter Stimme.

»Hedwig zieht zu viel Aufmerksamkeit auf sich«, erwiderte Hermine sofort.»Sie fällt auf. Eine Schnee-Eule, die ständig zu seinem Versteck fliegt… sie ist jedenfalls kein einheimischer Vogel, verstehst du?«

Harry rollte den Brief zusammen und steckte ihn in den Umhang. Ihm war nicht ganz klar, ob er sich jetzt mehr oder weniger Sorgen machen sollte. Daß Sirius es geschafft hatte, zurückzukommen ohne gefaßt zu werden, war immerhin etwas. Außerdem konnte er nicht leugnen, daß es ihn beruhigte, Sirius in seiner Nähe zu wissen; wenigstens würde er jetzt nicht mehr so lange auf eine Antwort warten müssen, wenn er ihm schrieb.

»Danke, Hedwig«, sagte er und streichelte sie. Sie schu-huhte schläfrig, tauchte den Schnabel kürz in seinen Becher mit Orangensaft und flatterte davon, offensichtlich mit dem dringenden Bedürfnis, sich in der Eulerei so richtig auszuschlafen.

An diesem Tag lag eine angenehm erwartungsvolle Stimmung in der Luft. Im Unterricht paßte niemand so recht auf, vielmehr waren alle gespannt auf die abendliche Ankunft der Delegationen aus Beauxbatons und Durmstrang; selbst Zaubertränke war erträglicher als sonst, denn der Unterricht war eine halbe Stunde kürzer. Als es dann früh läutete, rannten Harry, Ron und Hermine nach oben in den Gryffindor-Turm, legten ihre Taschen und Bücher ab, wie man sie geheißen hatte, zogen ihre warmen Umhänge an und eilten dann wieder hinunter in die Eingangshalle.

Die Hauslehrer wiesen ihre Schüler an, sich in Reihen aufzustellen.

»Weasley, richten Sie Ihren Hut gerade«, herrschte Professor McGonagall Ron an.»Miss Patil, nehmen Sie dieses lächerliche Ding da aus den Haaren.«

Parvati sah sie finster an und zog eine große Schmetterlingsspange von ihrer Zopfspitze.

»Folgen Sie mir, bitte«, sagte Professor McGonagall,»die Erstkläßler vorne an… und kein Gedrängel…«

Sie gingen im Gänsemarsch die Vortreppe hinunter und reihten sich vor dem Schloß auf. Es war ein kalter, klarer Abend; die Dämmerung brach an und der Mond, blaß und durchsichtig wirkend, war bereits über dem Verbotenen Wald aufgegangen. Harry, der zwischen Ron und Hermine in der vierten Reihe stand, sah, wie es Dennis Creevey vorn bei den Erstkläßlern vor gespannter Erwartung geradezu schüttelte.

»Fast sechs«, sagte Ron mit einem Blick auf seine Uhr und spähte dann ungeduldig die Auffahrt hinunter, die nach vorn zum Schloßtor führte.»Wie, glaubst du, werden sie kommen? Mit dem Zug?«

»Wohl kaum«, sagte Hermine.

»Wie dann? Auf Besen?«, überlegte Harry und blickte hoch zum sternbedeckten Himmel.

»Glaub ich auch nicht… wenn sie von so weit her kommen…«

»Mit einem Portschlüssel?«, rätselte Ron.»Oder sie könnten apparieren -«

»Du kannst nicht aufs Gelände von Hogwarts apparieren, wie oft soll ich dir das noch sagen?«, flüsterte Hermine unwirsch.

Aufgeregt suchten sie die Ländereien des Schlosses ab, über die jetzt die Nacht hereinbrach, doch nichts rührte sich; alles war friedlich, still und eigentlich wie immer. Harry wurde allmählich kalt. Wenn sie sich nur beeilen würden… vielleicht bereiteten die ausländischen Schüler einen dramatischen Auftritt vor… ihm fiel ein, was Mr Weasley im Zeltlager vor der Quidditch-Weltmeisterschaft gesagt hatte -»Immer dasselbe, wir können es einfach nicht lassen, ein wenig zu prahlen, wenn wir zusammenkommen…«

Und dann rief Dumbledore aus der hinteren Reihe, wo er mit den anderen Lehrern stand -»Aha! Wenn ich mich nicht sehr täusche, nähert sich die Delegation aus Beauxbatons!«

»Dort!«, schrie ein Sechstkläßler und deutete hinüber zum Wald.

Etwas Großes, viel größer als ein Besen – oder auch hundert Besen -, kam in sanften Wellen über den tiefblauen Himmel auf das Schloß zugeflogen.

»Ein Drache!«, kreischte eine Fünftkläßlerin und geriet völlig aus dem Häuschen.

»Blödsinn… es ist ein fliegendes Haus!«, sagte Dennis Creevey.

Dennis war mit seiner Vermutung schon näher dran… Als die gigantische schwarze Gestalt über die Baumspitzen des Verbotenen Waldes strich und ins Licht der Schloßfenster glitt, sahen sie, daß es eine riesige graublaue Kutsche war, groß wie ein stattliches Haus, die auf sie zurauschte, durch die Lüfte gezogen von einem Dutzend geflügelter Pferde, allesamt Palominos, jedoch so groß wie Elefanten.

Die ersten drei Schülerreihen wichen zurück, als die Kutsche sich neigte und mit ungeheurer Geschwindigkeit zum Landen ansetzte – dann, mit einem alles erschütternden Krachen, das Neville rückwärts auf den Fuß eines Slytherin-Fünftkläßlers springen ließ, schlugen die Pferdehufe auf festem Grund auf. Eine Sekunde später landete auch die Kutsche und federte auf ihren riesigen Rädern auf und ab, während die goldenen Pferde ihre riesigen Köpfe zurückwarfen und mit ihren großen feuerroten Augen rollten.

Harry konnte gerade noch erkennen, daß auf der Kutschentür ein Wappen prangte (zwei gekreuzte goldene Zauberstäbe, aus denen jeweils drei Funken stoben), als auch schon die Tür aufging.

Ein Junge in blaßblauem Umhang sprang aus der Kutsche, bückte sich, machte sich einen Moment lang auf dem Kutschboden zu schaffen, zog dann eine ausklappbare goldene Treppe heraus und sprang respektvoll einen Schritt zurück. Harry sah einen hochhackigen, schimmernd schwarzen Schuh aus der Kutsche auftauchen – ein Schuh von der Größe eines Kinderschlittens -, dem sogleich die größte Frau folgte, die er je gesehen hatte. Das erklärte natürlich die Größe der Kutsche und der Pferde. Einigen Umstehenden stockte der Atem.

Harry hatte bisher nur einen Menschen gesehen, der so groß war wie diese Frau, und das war Hagrid; er war sich nicht sicher, ob Hagrid auch nur um einen Zentimeter größer war. Doch irgendwie – vielleicht nur, weil er an Hagrid gewöhnt war – schien diese Frau (die sich jetzt am Fuß der Treppe zu der mit aufgerissenen Augen wartenden Menge umsah) von noch unnatürlicherer Größe zu sein. Als sie in das Licht trat, das aus der Eingangshalle flutete, zeigte sich, daß sie ein hübsches, olivfarbenes Gesicht hatte, große, schwarze, feucht schimmernde Augen und eine schnabelähnliche Nase. Ihr Haar war im Nacken zu einem glänzenden Knoten zusammengebunden. Sie war von Kopf bis Fuß in schwarzen Satin gekleidet und an Hals und Händen glitzerten viel prächtige Opale.

Dumbledore fing an zu klatschen; ihm folgend brachen auch die Schüler in Applaus aus, und viele stellten sich auf die Zehenspitzen, um diese Frau besser sehen zu können.

Die Anspannung in ihrem Gesicht wich einem dankbaren Lächeln und sie schritt auf Dumbledore zu und streckte ihm ihre funkelnde Hand entgegen. Dumbledore, der selbst nicht gerade klein war, mußte sich ein wenig recken, um sie zu küssen.

»Meine liebe Madame Maxime«, sagte er.»Willkommen in Hogwarts.«

»Dumblydorr«, sagte Madame Maxime mit tiefer Stimme.»Isch 'offe, Sie befinden sisch wohl?«

»In exzellenter Verfassung, danke, Madame«, sagte Dumbledore.

»Meine Schüler«, sagte Madame Maxime und wies mit ihrer riesigen Hand lässig nach hinten.

Harry, der wie gebannt auf Madame Maxime gestarrt hatte, sah jetzt, daß etwa ein Dutzend Jungen und Mädchen – offenbar alle ältere Teenager – aus der Kutsche geklettert waren und sich nun hinter Madame Maxime aufstellten. Sie bibberten, was angesichts ihrer feinseidenen Umhänge nicht überraschte. Einen Reiseumhang trug keiner von ihnen, ein paar jedoch hatten Tücher und Schals um die Köpfe geschlungen. Nach dem, was Harry von ihren Gesichtern erkennen konnte (sie standen im mächtigen Schatten Madame Maximes), sahen sie mit bangem Blick hinauf nach Hogwarts.

»Ist Karkaroff schon angekommen?«, fragte Madame Maxime.

»Er sollte jeden Moment eintreffen«, sagte Dumbledore.»Möchten Sie vielleicht hier warten und ihn begrüßen oder würden Sie lieber hineingehen und sich ein wenig aufwärmen?«

»Aufwärmen, würde isch sagen«, sagte Madame Maxime.»Aber die 'ferde -«

»Unser Lehrer für die Pflege magischer Geschöpfe wird sich mit Vergnügen um sie kümmern«, sagte Dumbledore,»sobald er sich von einem kleinen Notfall lösen kann, der sich bei einem seiner – ähm – anderen Schützlinge eingestellt hat.«

»Kröter«, murmelte Ron Harry ins Ohr und fing an zu grinsen.

»Meine Rosse verlangen – ahm – eine 'arte 'and«, sagte Madame Maxime mit einer Miene, als bezweifelte sie, daß der zuständige Lehrer in Hogwarts der richtige Mann dafür sei.»Sie sind serr stark…«

»Ich versichere Ihnen, daß Hagrid dieser Aufgabe vollkommen gewachsen ist«, sagte Dumbledore lächelnd.

»Serr gutt«, sagte Madame Maxime mit einer leichten Verbeugung,»würden Sie bitte diesem 'Agrid mitteilen, daß die 'ferde nur Single Malt Whisky saufen?«

»Dafür wird selbstverständlich gesorgt, Madame«, sagte Dumbledore ebenfalls mit einer Verbeugung.

»Kommt«, sagte Madame Maxime gebieterisch zu ihren Schülern, und das versammelte Hogwarts teilte sich, um ihr und ihrem Gefolge einen Weg die steinerne Treppe hinauf zu öffnen.

»Wie groß, glaubt ihr, werden die Pferde von Durmstrang sein?«, sagte Seamus Finnigan, der sich um Lavender und Parvati herumbeugte und Harry und Ron ansah.

»Tja, wenn sie noch größer sind als die hier, kann selbst Hagrid sie nicht mehr im Zaum halten«, sagte Harry.»Womöglich haben ihn die Kröter inzwischen schon verspeist. Was dahinten wohl los ist?«

»Vielleicht sind sie abgehauen«, sagte Ron hoffnungsvoll.

»Sag bloß nicht so was«, sagte Hermine schaudernd.»Stell dir vor, dieses Gekröse krabbelt auf den Ländereien rum…«

Sie standen jetzt bibbernd da und warteten auf die Ankunft der Schüler aus Durmstrang. Die meisten ließen die Blicke hoffnungsvoll über den Himmel schweifen. Ein paar Minuten lang wurde die Stille nur durch das Schnauben und Stampfen von Madame Maximes Pferden unterbrochen. Doch dann -»Kannst du was hören?«, sagte Ron plötzlich.

Harry lauschte; ein lautes, ganz und gar unvertrautes, schauriges Geräusch kam aus der Dunkelheit; ein gedämpftes Pochen und ein Saugen, als ob ein riesiger Staubsauger ein Flußbett entlangrauschte…

»Der See!«, rief Lee Jordan und deutete hinüber aufs Wasser.»Seht euch den See an!«

Dort, wo sie standen, oben auf der begrünten Anhöhe mit Blick über die Ländereien, konnten sie die glatte schwarze Wasseroberfläche gut sehen – nur daß diese Oberfläche plötzlich nicht mehr glatt war. Tief unten in der Mitte des Sees mußte sich etwas regen; große Blaseri drangen nach oben, Wellen spülten über die sumpfigen Uferbänke – und dann bildete sich mitten im See ein gewaltiger Strudel, als wäre soeben ein riesiger Stöpsel aus dem Seegrund gezogen worden…

Etwas wie ein langer schwarzer Pfahl begann nun langsam aus dem Herzen des Strudels emporzusteigen… und dann sah Harry die Takelage…

»Es ist ein Mast!«, sagte er zu Ron und Hermine.

Langsam und majestätisch erhob sich das Schiff aus dem Wasser und schimmerte im Mondlicht. Es hatte etwas merkwürdig Gerippehaftes an sich, als wäre es ein geborgenes Wrack, und die trüben, verschwommenen Lichter, die aus seinen Bullaugen schimmerten, sahen aus wie Geisteraugen.

Endlich, mit einem gewaltigen Schmatzen und Schwappen, tauchte das Schiff zur Gänze auf, tänzelte über das aufgewühlte Wasser und glitt auf das Ufer zu.

Nun gingen Leute von Bord; ihre Umrisse waren vor den Lichtern der Bullaugen zu sehen. Sie alle, fiel Harry auf, schienen ungefähr die Statur von Crabbe und Goyle zu haben… doch dann, als sie den Hang herauf näher kamen und das Licht der Eingangshalle auf sie fiel, sah er, daß ihre Gestalten deshalb so massig wirkten, weil sie Mäntel aus einer Art zottigem, verfilztem Pelz trugen. Doch der Mann, der sie hoch zum Schloß führte, trug einen ganz anderen Pelz: seidig und glänzend wie sein Haar.

»Dumbledore!«, rief er mit Inbrunst, als er die Anhöhe erreicht hatte,»wie geht's Ihnen, altes Haus, wie geht's?«

»Glänzend, danke, Professor Karkaroff«, erwiderte Dumbledore.

Karkaroff hatte eine sonore, ölige Stimme; als er in das Licht trat, das aus dem Schloßportal fiel, sahen sie, daß er groß und schlank war wie Dumbledore, doch sein weißes Haar war kurz und sein Spitzbart (der in einem kleinen Gekräusel endete) konnte sein fliehendes Kinn nicht ganz verbergen. Er ging auf Dumbledore zu und streckte ihm beide Hände entgegen.

»Das gute alte Hogwarts«, sagte er und sah lächelnd hoch zum Schloß; seine Zähne waren ziemlich gelb und Harry fiel auf, daß sein Lächeln sich nicht auf seine Augen erstreckte, deren Blick kalt und scharf blieb.»Wie schön, wieder hier zu sein, wie schön… Viktor, komm rein in die Wärme… Sie haben nichts dagegen, Dumbledore? Viktor hat einen leichten Schnupfen…«

Karkaroff winkte einem seiner Schüler. Als der Junge vorbeiging, erhaschte Harry einen Blick auf eine markante Adlernase und dichte schwarze Brauen. Er brauchte nicht erst Ron, der ihm einen Schlag auf den Arm versetzte, oder das Zischen in seinem Ohr, um dieses Profil zu erkennen.

»Harry – das ist Krum!«

Der Feuerkelch

»Nicht zu fassen!«, sagte Ron völlig entgeistert. Sie reihten sich jetzt mit den anderen Hogwarts-Schülern hinter den Durmstrangs ein und folgten ihnen die Treppe hoch zum Schloß.»Krum, Harry! Viktor Krum!«

»Um Himmels willen, Ron, er ist doch nur ein Quidditch-Spieler«, sagte Hermine.

»Nur ein Quidditch-Spieler?«Ron sah sie an, als hätte er sich verhört.»Hermine – er ist einer der besten Sucher der Welt! Ich hatte keine Ahnung, daß er noch zur Schule geht!«

Auf dem Weg durch die Eingangshalle hinüber zur Großen Halle sah Harry, wie Lee Jordan immer wieder in die Luft sprang, um wenigstens einen Blick auf Viktor Krum zu erhaschen. Einige Mädchen aus der sechsten Klasse stöberten unterdessen hektisch in ihren Taschen -»O nein, bin ich bescheuert, ich hab nicht mal 'ne Feder mit…«-»Glaubst du, er schreibt mir mit Lippenstift ein Autogramm auf den Hut?«

»Also wirklich«, sagte Hermine naserümpfend, als sie an den Mädchen vorbeigingen, die sich jetzt wegen des Lippenstifts kabbelten.

»Ich jedenfalls hol mir auch ein Autogramm, wenn's geht«, sagte Ron,»du hast nicht zufällig 'ne Feder dabei, Harry?«

»Nö, die sind oben in meiner Tasche«, erwiderte Harry.

Sie gingen hinüber zum Gryffindor-Tisch. Ron setzte sich mit Bedacht so hin, daß er den Eingang im Auge behalten konnte, da Krum und seine Mitschüler aus Durmstrang immer noch an der Tür standen, offenbar nicht sicher, wo sie Platz nehmen sollten. Die Schüler aus Beauxbatons hatten sich an den Ravenclaw-Tisch gesetzt und sahen sich verdrießlich in der Großen Halle um. Drei von ihnen hatten auch jetzt noch Schals und Tücher um die Köpfe geschlungen.

»So kalt ist es doch auch wieder nicht«, sagte Hermine und warf ihnen einen gereizten Blick zu.»Warum haben sie keine dicken Umhänge mitgebracht?«

»Hierher! Kommt und setzt euch hierher!«, zischte Ron.»Hierher! Hermine, rück auf und mach Platz -«

»Was?«

»Zu spät«, sagte Ron enttäuscht.

Viktor Krum und seine Mitschüler aus Durmstrang hatten sich am Slytherin-Tisch niedergelassen. Harry sah Malfoy, Crabbe und Goyle in die Runde feixen. Jetzt beugte sich Malfoy vor und sprach Krum an.

»Jaah, recht so, schleim dich nur bei ihm ein, Malfoy«, höhnte Ron.»Aber ich wette, Krum durchschaut ihn sofort… der hat doch ständig Leute, die um ihn rumscharwenzeln… wo, glaubst du, schlafen die eigentlich? Wir könnten ihm einen Platz in unserem Schlafsaal anbieten, Harry… mir würd's nichts ausmachen, ihm mein Bett zu geben, ich könnte auf einem Feldbett pennen.«

Hermine schnaubte.

»Sie sehen um einiges glücklicher aus als die anderen aus Beauxbatons«, sagte Harry.

Die Durmstrangs zogen ihre schweren Pelze aus und sahen mit interessierten Mienen zum Sternengewölbe hoch; einige nahmen die goldenen Teller und Schalen in die Hände und musterten sie offenbar recht beeindruckt.

Oben am Lehrertisch trug Filch, der Hausmeister, zusätzliche Stühle herbei. Zu dieser festlichen Gelegenheit trug er seinen muffigen alten Frack. Überrascht stellte Harry fest, daß er vier Stühle dazustellte, je zwei zur Linken und zur Rechten Dumbledores.

»Aber es sind doch nur zwei Leute dazugekommen«, sagte Harry.»Warum bringt Filch dann vier Stühle? Wer kommt denn noch?«

»Hmh?«, mummelte Ron. Noch immer starrte er voll Begeisterung auf Krum.

Als alle Schüler hereingekommen waren und ihre Plätze gefunden hatten, traten die Lehrer ein, gingen in einer Reihe hoch zu ihrem Tisch und setzten sich. Den Schluß bildeten Professor Dumbledore, Professor Karkaroff und Madame Maxime. Die Gäste aus Beauxbatons sprangen auf, sobald sie ihre Schulleiterin sahen. Einige Hogwarts-Schüler lachten. Den Beauxbatons schien es jedoch keineswegs peinlich, und sie nahmen ihre Plätze erst wieder ein, als sich Madame Maxime links von Dumbledore niedergelassen hatte. Dumbledore jedoch blieb stehen und die Große Halle verstummte.

»Guten Abend, meine Damen und Herren, Geister und – vor allem – Gäste«, sagte Dumbledore, sah in die Runde und strahlte die ausländischen Schüler an.»Ich habe das große Vergnügen, Sie alle in Hogwarts willkommen zu heißen. Ich bin sicher, daß Sie eine angenehme und vergnügliche Zeit an unserer Schule verbringen werden.«

Eines der Mädchen aus Beauxbatons, das immer noch einen Schal um den Kopf geschlungen hatte, lachte unverhohlen spöttisch.

»Keiner zwingt dich, hier zu sein!«, zischelte Hermine und warf ihr einen zornfunkelnden Blick zu.

»Das Turnier wird nach dem Festessen offiziell eröffnet«,sagte Dumbledore.»Nun lade ich alle ein, zu essen, zu trinken und sich wie zu Hause zu fühlen!«Er setzte sich, und Harry sah, wie Karkaroff sich sofort zu ihm neigte und ihn in ein Gespräch verwickelte.

Die Schüsseln und Teller vor ihnen füllten sich wie immer mit Speisen. Die Hauselfen in der Küche schienen alle Register ihres Könnens gezogen zu haben; noch nie hatte Harry so viele verschiedene Gerichte vor sich gesehen, darunter auch einige, die ganz eindeutig aus fremden Ländern stammten.

»Was ist das denn?«, sagte Ron und deutete auf eine große Schüssel mit einer Art Muscheleintopf, die neben einer mächtigen Beefsteak-und-Nieren-Pastete stand.

»Bouillabaisse«, sagte Hermine.

»Wenn wir dich nicht hätten«, sagte Ron.

»Es ist ein französisches Gericht«, sagte Hermine.»Ich hab es vorletzten Sommer in den Ferien gegessen, schmeckt ganz gut.«

»Das glaub ich dir aufs Wort«, sagte Ron und tat sich eine Portion Blutwurst auf.

In der Großen Halle schien viel mehr los zu sein als sonst, obwohl kaum zwanzig Gastschüler hier waren; vielleicht entstand der Eindruck, weil ihre farbigen Schuluniformen sich so auffällig von den schwarzen Umhängen der Hogwarts-Schüler unterschieden. Nun, da die Durmstrangs ihre Pelze abgelegt hatten, zeigte sich, daß sie Umhänge in sattem Blutrot trugen.

Hagrid kam zwanzig Minuten nach Beginn des Festessens durch eine Tür hinter dem Lehrertisch gehuscht. Er glitt auf einen Platz am Ende der Tafel und winkte Harry, Ron und Hermine mit einer dick bandagierten Hand zu.

»Die Kröter gedeihen, Hagrid?«, rief Harry.

»Prächtig«, erwiderte Hagrid glücklich.

»Tja, da kannst du Gift drauf nehmen«, sagte Ron leise.»Sieht ganz so aus, als hätten sie endlich rausgefunden, was sie fressen mögen. Hagrids Finger.«

In diesem Augenblick sagte eine Stimme:»Versei'ung, möchten Sie noch von dieser Bouillabaisse essen?«

Es war das Mädchen von Beauxbatons, das während Dumbledores Rede gelacht hatte. Sie hatte nun doch ihren Schal abgelegt. Ihr langer, silbrig blonder Haarschopf fiel ihr fast bis zur Taille. Sie hatte große, dunkelblaue Augen und ebenmäßige, makellos weiße Zähne.

Ron lief purpurrot an. Er starrte zu ihr hoch, öffnete den Mund, um zu antworten, doch er brachte nur ein schwächliches Gegurgel heraus.

»Nein, bitte sehr«, sagte Harry und schob dem Mädchen die Schüssel hin.

»Sie sind damit fertig?«

»Jaah«, hauchte Ron.»Jaah, wirklich ganz hervorragend.«

Sie nahm die Schüssel und trug sie umsichtig hinüber zum Ravenclaw-Tisch. Ron glotzte dem Mädchen nach, als hätte er noch nie eines gesehen. Harry fing an zu lachen, was Ron offenbar zur Besinnung brachte.

»Sie ist eine Veela!«, stieß er mit heiserer Stimme hervor.

»Natürlich nicht!«, sagte Hermine bissig.»Ich seh sonst keinen, der sie wie ein Idiot anglubscht!«

Doch damit hatte sie nicht ganz Recht. Als das Mädchen die Halle durchquerte, wandten sich viele Jungenköpfe nach ihr um, und einigen schien es ganz wie Ron die Sprache zu verschlagen.

»Ich sag euch, das ist kein normales Mädchen!«, sagte Run und lehnte sich zur Seite, damit er sie im Blick behalten konnte.»So was findest du in Hogwarts nicht!«

»Findest du wohl«, sagte Harry unwillkürlich. Zufällig saß Cho Chang nur ein paar Plätze von dem Mädchen mit dem Silberhaar entfernt.

»Wenn ihr beide eure Augen wieder eingesetzt habt«, sagte Hermine schroff,»dann schaut mal, wer gerade gekommen ist.«

Sie deutete hoch zum Lehrertisch. Die beiden vorhin noch leeren Plätze waren nun besetzt. Zur anderen Seite von Professor Karkaroff saß Ludo Bagman und neben Madame Maxime saß Percys Chef, Mr Crouch.

»Was tun die denn hier?«, fragte Harry überrascht.

»Sie haben doch das Trimagische Turnier organisiert«, sagte Hermine.»Ich vermute mal, sie wollten bei der Eröffnung dabei sein.«

Der Nachtisch kam, und auch hier waren, wie ihnen auffiel, eine Reihe unbekannter Speisen dabei. Ron nahm eine Art blaßweißen Käse näher in Augenschein, dann schob er ihn ein wenig zur Seite, damit er vom Ravenclaw-Tisch aus gut zu sehen war. Das Mädchen, das wie eine Veela aussah, schien jedoch genug gegessen zu haben und kam nicht herüber, um den Nachtisch zu holen.

Sobald die goldenen Teller leer geputzt waren, erhob sich Dumbledore von neuem. Die Halle war nun von angenehmer Spannung erfüllt. Harry fragte sich, was wohl kommen würde, und spürte ein leises, erwartungsvolles Kribbeln. Weiter unten am Tisch beugten sich Fred und George vor und spähten mit größter Konzentration zu Dumbledore hinüber.

»Der Augenblick ist gekommen«, sagte Dumbledore und lächelte in das Meer der ihm zugewandten Gesichter.»Das Trimagische Turnier kann nun beginnen. Ich möchte einige erläuternde Worte sagen, bevor wir die Truhe hereinbringen -«

»Die was?«, murmelte Harry.

Ron zuckte die Achseln.

»- nur um unser diesjähriges Verfahren zu erklären. Doch jenen, die sie noch nicht kennen, möchte ich zunächst Mr Bartemius Crouch vorstellen, Leiter der Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit«- hier und da hob sich ein Händepaar zu höflichem Applaus -»und Mr Ludo Bagman, den Leiter der Abteilung für Magische Spiele und Sportarten.«

Für Bagman gab es deutlich mehr Beifall als für Crouch, vielleicht weil er als Quidditch-Treiber berühmt war oder einfach deshalb, weil er so viel sympathischer wirkte. Er bedankte sich mit freundlichem Winken.

Bartemius Crouch jedoch lächelte nicht, noch hob er die Hand, als er vorgestellt wurde. Harry, der ihn in seinem tadellosen Anzug von der Quidditch-Weltmeisterschaft her in Erinnerung hatte, fand, daß ihm ein Zaubererumhang nicht so richtig stand. Sein Oberlippenbärtchen und der strenge Scheitel wirkten neben Dumbledores langem weißem Haar und Bart ganz unpassend.

»Mr Bagman und Mr Crouch haben in den vergangenen Monaten unermüdlich für die Vorbereitung des Trimagischen Turniers gearbeitet«, fuhr Dumbledore fort,»und sie werden neben mir, Professor Karkaroff und Madame Maxime die Jury bilden, die über die Leistungen der Champions befindet.«

Bei der Erwähnung der Champions schien das Publikum plötzlich aufzumerken.

Dumbledore war offenbar nicht entgangen, daß mit einem Schlag Stille eingetreten war, denn mit einem Lächeln sagte er:»Wenn ich bitten darf, Mr Filch, die Truhe.«

Filch, der bisher in einer dunklen Ecke der Halle herumgestanden hatte, trat auf Dumbledore zu, in den Händen eine große, mit Juwelen besetzte Holztruhe. Sie wirkte ungeheuer alt. Die Schüler begannen aufgeregt und neugierig zu murmeln und zu tuscheln; Dennis Creevey stellte sich tatsächlich auf seinen Stuhl, um alles sehen zu können, doch da er so klein war, ragte sein Kopf kaum über die der anderen hinaus.

»Mr Crouch und Mr Bagman haben die Aufgaben, die die Champions dieses Jahr lösen müssen, bereits geprüft«, sagte Dumbledore, während Filch die Truhe vorsichtig auf den Tisch stellte,»und sie haben die notwendigen Vorbereitungen für diese Herausforderungen getroffen. Wir haben drei Aufgaben über das ganze Schuljahr verteilt, die das Können der Champions auf unterschiedliche Weise auf die Probe stellen… ihr magisches Können – ihre Kühnheit – ihre Fähigkeit zum logischen Denken – und natürlich ihre Gewandtheit im Umgang mit Gefahren.«

Bei den letzten Worten legte sich wieder Stille über die Halle, so vollkommen, als würden alle auf einmal den Atem anhalten.

»Wie ihr wißt, kämpfen im Turnier drei Champions gegeneinander«, fuhr Dumbledore gelassen fort,»von jeder teilnehmenden Schule einer. Wir werden benoten, wie gut sie die einzelnen Aufgaben lösen, und der Champion mit der höchsten Punktzahl nach drei Aufgaben gewinnt den Trimagischen Pokal. Ein unparteiischer Richter wird die Champions auswählen… der Feuerkelch.«

Dumbledore zog seinen Zauberstab und schlug dreimal sachte auf den Deckel der Truhe. Langsam und knarrend öffnete er sich. Dumbledore steckte die Hand hinein und zog einen großen, grob geschnitzten Holzkelch heraus. Er selbst war nicht weiter bemerkenswert, doch er war bis an den Rand gefüllt mit tänzelnden blauweißen Flammen.

Dumbledore schloß die Truhe und stellte den Kelch vorsichtig auf den Deckel, wo ihn alle sehen konnten.

»Jeder, der sich als Champion bewerben will, muß seinen Namen und seine Schule in klarer Schrift auf einen Pergamentzettel schreiben und ihn in den Kelch werfen«, sagte Dumbledore.»Wer mitmachen will, hat vierundzwanzig Stunden Zeit, um seinen Namen einzuwerfen. Morgen Nacht, an Halloween, wird der Kelch die Namen jener drei preisgeben, die nach seinem Urteil die würdigsten Vertreter ihrer Schulen sind. Der Kelch wird noch heute Abend in der Eingangshalle aufgestellt, wo er für alle, die teilnehmen wollen, frei zugänglich ist.

Um sicherzustellen, daß keine minderjährigen Schüler der Versuchung erliegen«, ergänzte Dumbledore,»werde ich eine Alterslinie um den Feuerkelch ziehen, sobald er in der Eingangshalle aufgestellt ist. Niemand unter siebzehn wird diese Linie überschreiten können.

Schließlich möchte ich allen, die teilnehmen wollen, eindringlich nahe legen, mit ihrer Entscheidung nicht leichtfertig umzugehen. Sobald der Feuerkelch einen Champion bestimmt hat, wird er oder sie das Turnier bis zum Ende durchstehen müssen. Wenn ihr euren Namen in den Kelch werft, schließt ihr einen bindenden magischen Vertrag. Wenn ihr einmal Champion seid, könnt ihr euch nicht plötzlich anders besinnen. Überlegt daher genau, ob ihr von ganzem Herzen zum Spiel bereit seid, bevor ihr euren Zettel in den Kelch werft. Nun, denke ich, ist es Zeit schlafen zu gehen. Gute Nacht euch allen.«

»Eine Alterslinie!«, sagte Fred Weasley mit glänzenden Augen, während sie die Halle in Richtung Tür durchquerten.»Die kann man doch sicher mit einem Alterungstrank austricksen? Und wenn dein Name einmal in diesem Kelch ist, hast du gut lachen – er kann doch nicht wissen, ob wir siebzehn sind oder nicht!«

»Aber ich glaube nicht, daß jemand unter siebzehn eine Chance hat«, sagte Hermine,»wir haben einfach noch nicht genug gelernt…«

»Du kannst nur von dir reden«, sagte George unwirsch.»Aber du, Harry, du probierst es doch sicher?«

Harry dachte kurz an Dumbledores Mahnung, niemand unter siebzehn dürfe seinen Namen einwerfen, doch dann überkam ihn erneut die herrliche Vorstellung, er selbst würde das Trimagische Turnier gewinnen… er fragte sich, wie sauer Dumbledore sein würde, wenn jemand unter siebzehn tatsächlich eine Möglichkeit fand, über die Alterslinie zu kommen…

»Wo ist er?«, sagte Ron, der bisher kein Wort mitbekommen hatte, weil er andauernd nach Krum Ausschau gehalten hatte.»Dumbledore hat nicht gesagt, wo die Durmstrangs schlafen, oder?«

Die Antwort auf diese Frage ließ nicht lange auf sich warten. Als sie am Tisch der Slytherins vorbeigingen, kam Karkaroff gerade zu seinen Schülern herübergehastet.

»Zurück zum Schiff, Leute«, sagte er.»Viktor, wie fühlst du dich? Hast du genug gegessen? Soll ich dir ein Glas Glühwein aus der Küche bringen lassen?«

Harry sah, wie Krum den Kopf schüttelte, während er sich den Pelz überzog.

»Professor, ich hätte gern etwas Wein«, sagte ein anderer Durmstrang-Junge hoffnungsvoll.

»Dich habe ich nicht gefragt, Poliakoff«, herrschte ihn Karkaroff an, und von seiner warmen väterlichen Art war plötzlich nichts mehr zu spüren.»Ich sehe, du hast wieder deinen ganzen Umhang mit Essen bekleckert, das ist ja widerlich -«

Karkaroff wandte sich um, ging seinen Schülern voran zur Tür und erreichte sie genau im selben Moment wie Harry, Ron und Hermine. Harry blieb stehen, um ihm den Vortritt zu lassen.

»Danke«, sagte Karkaroff gleichgültig und warf ihm im Vorbeirauschen einen Blick zu.

Und dann erstarrte Karkaroff. Er wandte sich zu Harry um und sah ihn an, als würde er seinen Augen nicht trauen. Hinter ihrem Direktor stauten sich die Schüler aus Durmstrang. Karkaroffs Blick wanderte langsam hoch zu Harrys Stirn und blieb an seiner Narbe hängen. Auch die Durmstrangs musterten Harry neugierig. Aus den Augenwinkeln nahm Harry wahr, wie es einigen von ihnen allmählich dämmerte. Der Junge mit der bekleckerten Robe kniff dem Mädchen neben ihm in den Arm und deutete unverhohlen auf Harrys Stirn.

»Ja, das ist Harry Potter«, knurrte eine Stimme hinter ihnen.

Professor Karkaroff wirbelte herum. Hinter ihm stand Mad-Eye Moody, schwer auf seinen Stock gestützt; sein magisches Auge starrte den Durmstrang-Direktor finster und unverwandt an.

Harry sah, wie die Farbe aus Karkaroffs Gesicht wich und es zu einer zorn- und angsterfüllten Grimasse wurde.

»Sie!«, sagte er und starrte Moody an, als wäre er nicht sicher, ihn wirklich zu sehen.

»Ich«, sagte Moody grimmig.»Und wenn Sie Potter nichts zu sagen haben, Karkaroff, dann gehen Sie bitte schön weiter. Sie blockieren die Tür.«

Das stimmte; die halbe Halle wartete schon hinter ihnen und die Schüler lugten auf Zehenspitzen stehend zur Tür, um den Grund für den Stau auszumachen.

Ohne ein weiteres Wort winkte Professor Karkaroff seinen Schülern und führte sie davon. Moody sah ihm nach, das magische Auge unbewegt auf seinen Rücken gerichtet und mit einem Ausdruck lodernden Abscheus auf dem entstellten Gesicht.

Da der nächste Tag ein Samstag war, gingen die meisten Schüler spät zum Frühstück. Harry, Ron und Hermine jedoch waren nicht die Einzigen, die früher als sonst am Wochenende aufstanden. Als sie in die Eingangshalle hinunterkamen, sahen sie etwa zwanzig ihrer Mitschüler, einige noch an ihrem Toast kauend, im Kreis um den Feuerkelch herumstehen. Er war in der Mitte der Halle aufgestellt, auf dem Stuhl, der sonst immer den Sprechenden Hut trug. Auf dem Boden zog sich eine schmale goldene Linie in gut drei Meter Abstand um den Kelch herum.

»Hat schon jemand seinen Namenszettel eingeworfen?«, fragte Ron neugierig ein Mädchen aus der dritten Klasse.

»Der ganze Haufen aus Durmstrang«, erwiderte sie.»Aber aus Hogwarts hab ich noch keinen gesehen.«

»Ich wette, ein paar von uns haben ihre Zettel letzte Nacht eingeworfen, als wir alle schon im Bett waren«, sagte Harry.»Jedenfalls hätte ich es so gemacht… hätte keine Lust darauf gehabt, daß alle zusehen. Was wäre zum Beispiel, wenn der Kelch dich gleich wieder ausspucken würde?«

Hinter ihm hörte er Gelächter. Er wandte sich um und sah Fred, George und Lee Jordan die Treppe herunterstürmen, alle drei offenbar in größter Aufregung.

»Das war's«, flüsterte Fred mit Siegermiene Harry, Ron und Hermine zu.»Wir haben ihn geschluckt.«

»Wen denn?«, fragte Ron.

»Den Alterungstrank, ihr Dumpfbeutel«, sagte Fred.

»Jeder einen Tropfen«, sagte George und rieb sich feixend die Hände.»Wir müssen ja nur ein paar Monate älter werden.«

»Wenn einer von uns gewinnt, teilen wir die tausend Galleonen zwischen uns auf«, sagte Lee mit breitem Grinsen.

»Ich an eurer Stelle wär mir nicht so sicher, daß es klappt«, warnte Hermine.»Dumbledore hat das sicher schon bedacht.«

Fred, George und Lee würdigten sie keines Blickes.

»Fertig?«, sagte Fred zitternd vor Aufregung zu den anderen beiden.»Also dann – ich geh voraus -«

Harry sah gespannt zu, wie Fred einen Pergamentfetzen aus der Tasche zog, auf dem»Fred Weasley – Hogwarts«stand. Er trat genau bis an die Linie und stand da wie ein Taucher, der zu einem Sprung aus zwanzig Meter Höhe ansetzt. Dann, aller Augen in der Halle auf sich gerichtet, holte er tief Luft und trat über die Linie.

Für den Bruchteil einer Sekunde dachte Harry, Fred hätte es geschafft – George jedenfalls war sich dessen sicher, denn mit einem Triumphschrei sprang er Fred nach -, doch schon war ein lautes Zischen zu hören, und die Zwillinge flogen aus dem goldenen Kreis, als wären sie von einem unsichtbaren Kugelstoßer hinausgeschleudert worden. Sie schlugen schwer auf dem kalten Steinboden auf, vier Meter vom Kreis entfernt, und um alles noch schlimmer zu machen, ertönte ein lauter Knall und aus den Gesichtern der beiden sprossen lange, weiße und vollkommen gleich aussehende Barte.

Ihre Mitschüler brüllten vor Lachen, und selbst Fred und George stimmten mit ein, sobald sie sich aufgerappelt und ihre Barte ausgiebig begutachtet hatten.

»Ich habe euch gewarnt«, sagte eine tiefe, vergnügte Stimme, und alle wandten sich zu Professor Dumbledore um, der aus der Großen Halle kam. Er musterte Fred und George augenzwinkernd.»Ich schlage vor, ihr beide geht hoch zu Madam Pomfrey. Sie kümmert sich bereits um Miss Fawcett von Ravenclaw und Mr Summers von Hufflepuff, die ebenfalls auf die Idee kamen, sich ein wenig älter zu machen. Allerdings muß ich sagen, daß ihre Barte bei weitem nicht so schön geworden sind wie eure.«

Fred und George machten sich auf den Weg in den Krankenflügel, begleitet von Lee, der sich vor Lachen kaum auf den Beinen halten konnte, während Harry, Ron und Hermine kichernd zum Frühstück gingen.

Die Große Halle war am Morgen umgestaltet worden. Da Halloween war, flatterte eine Wolke echter Fledermäuse an der verzauberten Decke umher, und aus den Ecken heraus schielten und grinsten Hunderte ausgeschnitzter Kürbisse. Harry führte sie hinüber zu Dean und Seamus, die sich darüber unterhielten, welche volljährigen Hogwarts-Schüler sich wohl bewerben würden.

»Hier geht das Gerücht um, Warrington sei früh aufgestanden und habe seinen Namen eingeworfen«, berichtete Dean.»Dieser große Kerl von Slytherin, der aussieht wie ein Faultier.«

Harry, der Quidditch gegen Warrington gespielt hatte, schüttelte angewidert den Kopf.»Bloß keinen Slytherin-Champion!«

»Und alle Hufflepuffs reden von Diggory«, sagte Seamus verächtlich.»Aber ich hätte nicht gedacht, daß er sein gutes Aussehen riskieren würde.«

»Hört mal!«, sagte Hermine plötzlich.

Aus der Eingangshalle drang Jubelgeschrei herein. Sie wirbelten auf ihren Stühlen herum und sahen Angelina Johnson, ein wenig verlegen grinsend, durch die Tür kommen. Angelina war ein großes schwarzes Mädchen, das Jägerin für das Gryffindor-Team spielte; sie kam zu ihnen herüber, setzte sich und sagte:»Tja, ich hab's getan. Ich hab gerade meinen Namen eingeworfen!«

»Du machst Witze!«, sagte Ron, sah jedoch beeindruckt aus.

»Du bist also schon siebzehn?«, fragte Harry.

»Was fragst du noch? Siehst du 'nen Bart bei ihr oder was?«, sagte Ron.

»Ich hatte letzte Woche Geburtstag«, sagte Angelina.

»Mensch, bin ich froh, daß jemand aus Gryffindor teilnimmt«, sagte Hermine.»Ich drück dir die Daumen, daß du gewinnst, Angelina!«

»Danke, Hermine«, sagte Angelina und lächelte ihr zu.

»Ja, besser du als dieser Schönling Diggory«, sagte Seamus, woraufhin einige vorbeigehende Hufflepuffs ihn finster ansahen.

»Und was fangen wir mit dem Rest des Tages an?«, fragte Ron, als sie nach dem Frühstück die Große Halle verließen.

»Wir haben Hagrid noch gar nicht besucht«, sagte Harry.

»Gut«, sagte Ron,»solange er uns nicht bittet, den Krötern ein paar Finger zu opfern.«

Auf Hermines Gesicht breitete sich plötzlich helle Begeisterung aus.»Da fällt mir ein – ich hab Hagrid noch nicht gefragt, ob er bei B-ELFE-R mitmachen will!«, strahlte sie.»Wartet auf mich, bitte, ich renn nur mal kurz hoch und hol die Anstecker!«

»Was ist bloß in sie gefahren?«, sagte Ron halb verzweifelt, während Hermine die Marmortreppe hochstürmte.

»Hey, Ron«, sagte Harry plötzlich.»Da ist deine Freundin…«

Die Schüler aus Beauxbatons, unter ihnen das Veela-Mädchen, kamen gerade von draußen herein. Die Schar, die sich um den Feuerkelch versammelt hatte, wich zurück und machte ihnen unter neugierigen Blicken Platz.

Madame Maxime, die zuletzt hereingekommen war, wies ihre Schützlinge an, sich in einer Reihe aufzustellen. Dann traten die Beauxbatons nacheinander über die Linie und warfen ihre Pergamentzettel in die blauweißen Flammen. Kurz bevor sie im Feuer verschwanden, flammte der Namenszug rot auf und stob Funken aus.

»Was, glaubst du, geschieht mit denen, die nicht ausgewählt werden?«, murmelte Ron Harry zu, als das Veela-Mädchen sein Pergament in den Feuerkelch warf.»Meinst du, sie gehen zurück in ihre Schule, oder bleiben sie hier und sehen sich das Turnier an?«

»Weiß nicht«, sagte Harry.»Sie bleiben hier, nehm ich mal an… Madame Maxime jedenfalls ist doch Schiedsrichterin, oder?«

Als alle Beauxbatons ihre Namen eingeworfen hatten, führte Madame Maxime sie wieder hinaus ins Freie.

»Wo schlafen die wohl?«, fragte Ron, bewegte sich auf den Ausgang zu und starrte ihnen nach.

Ein lautes Scheppern hinter ihnen kündigte Hermine an, die mit ihrem Kästchen voll B.ELFE.R-Ansteckern zurückkehrte.

»Na schön, beeilen wir uns«, sagte Ron und rannte die steinerne Vortreppe hinunter, den Blick unverwandt auf dem Rücken des Veela-Mädchens, das in Madame Maximes Gefolge den Rasen schon halb überquert hatte.

Als sie sich Hagrids Hütte am Rande des Verbotenen Waldes näherten, löste sich auch das Rätsel, wo die Beauxbatons schliefen. Die gigantische graublaue Kutsche, in der sie angekommen waren, war keine zweihundert Meter von Hagrids Hütte entfernt abgestellt, und die Schüler stiegen gerade wieder hinein. Die elefantösen fliegenden Pferde, die die Kutsche gezogen hatten, grasten nebenan auf einer eilends umzäunten Koppel. Harry klopfte an Hagrids Tür, und sofort antwortete Fang mit freudigem Kläffen.

»Wird allmählich Zeit!«, sagte Hagrid, als er die Tür aufriß und sah, wer gekommen war.»Dachte, ihr Rasselbande hättet vergessen, wo ich wohne!«

»Wir hatten irre viel zu tun, Hag-«, begann Hermine, doch als sie Hagrid sah, verschlug es ihr die Sprache.

Hagrid trug seinen allerbesten (und ganz fürchterlichen)Braunhaar-Anzug und eine gelb-orange karierte Krawatte. Doch das war noch nicht das Schlimmste; er hatte offenbar versucht, seine Haarpracht zu zähmen, und zwar, wie es schien, mit einer gewaltigen Menge Schmierfett. Es fiel nun in zwei glitschigen Bündeln herunter – vielleicht hatte er es mit einem Pferdeschwanz versucht wie Bill einen hatte, doch festgestellt, daß er zu viel Haare besaß. Dieser neue Aufzug stand Hagrid gar nicht gut. Einen Moment lang betrachtete ihn Hermine mit großen Augen, dann kam sie offenbar zu dem Schluß, lieber nichts sagen zu wollen, und fragte nur:»Ähm – wo sind die Kröter?«

»Draußen beim Kürbisbeet«, sagte Hagrid vergnügt.»Die nehm'n allmählich richtig zu, müssen inzwischen mindestens 'n Meter lang sein. Das Problem ist nur, sie haben angefangen sich gegenseitig umzubringen.«

»Ach was, wirklich?«, sagte Hermine und warf Ron einen strengen Blick zu, der die ganze Zeit auf Hagrids neue Frisur geglotzt hatte und gerade den Mund aufmachte, um eine Bemerkung loszuwerden.

»Jaah«, sagte Hagrid traurig.»Ist schon wieder gut jetzt, ich hab sie in verschiedene Kisten gesperrt. Hab noch ungefähr zwanzig.«

»Na, was für ein Glück«, sagte Ron. Hagrid entging der spöttische Unterton.

Seine Hütte bestand aus einem einzigen Raum, in dessen einer Ecke ein gigantisches Bett mit einer Flickendecke stand. Ein ähnlich gewaltiger Tisch und Stühle standen vor dem Feuer, unter der Wolke aus geräucherten Schinken und toten Vögeln, die von der Decke hingen. Sie setzten sich an den Tisch, während Hagrid Tee kochte, und bald waren sie von neuem in ein Gespräch über das Trimagische Turnier vertieft. Hagrid schien nicht weniger begeistert zu sein als sie.

»Wartet's ab«, sagte er grinsend.»Wartet nur ab. Ich zeig euch gleich was, das habt ihr noch nie gesehn. Erste Aufgabe… aah, aber ich darf's ja nicht sagen.«

»Nur weiter, Hagrid!«, drängten ihn Harry, Ron und Hermine, doch er schüttelte nur den Kopf und grinste.

»Will euch ja nich die Spannung vermiesen«, sagte er.»Aber 's wird 'n Höllenspaß, sag ich euch. Diese Schämpions werden's ganz schön schwer haben. Hätt nie gedacht, daß ich je ein Trimagisches Turnier sehen würd!«

Sie blieben schließlich zum Essen, auch wenn sie nicht gerade herzhaft zulangten – Hagrid tischte seinen eigenen Worten zufolge Rinderbraten auf, doch nachdem Hermine eine große Kralle aus ihrem Stück gezogen hatte, verging den dreien ein wenig der Appetit. Sie machten sich stattdessen einen Spaß daraus, Hagrid die Aufgaben des Trimagischen Turniers zu entlocken, und überlegten wild hin und her, welche Bewerber es wohl zum Champion schaffen würden und ob Fred und George inzwischen schon bartlos waren.

Gegen Nachmittag setzte leichter Regen ein; behaglich saßen sie am Feuer, lauschten dem sanften Getrommel am Fenster und sahen Hagrid zu, wie er seine Socken stopfte und mit Hermine über die Hauselfen stritt – sie hatte ihm nämlich die Anstecker gezeigt, doch er weigerte sich strikt, bei B.ELFE.R mitzumachen.

»Da tät man ihnen keinen Gefallen mit, Hermine«, sagte er mit ernster Miene und fädelte einen dicken gelben Garnfaden in eine massige Knochennadel ein.»'s liegt in ihrer Natur, sich um Menschen zu kümmern, das mögen sie, verstehst du? Du würdest sie unglücklich machen, wenn du ihnen die Arbeit nimmst, und wenn du sie bezahlst, sind sie beleidigt.«

»Aber Harry hat Dobby befreit und der war überglücklich!«, sagte Hermine,»außerdem haben wir gehört, daß er jetzt für seine Arbeit Lohn verlangt!«

»Ja nu, Spinner gibt's überall. Ich sag ja nich, daß es nich den einen oder ändern Elf gibt, der sich befreien läßt, aber die meisten kriegst du nicht dazu – nö, da ist nichts zu machen, Hermine.«

Hermine war ziemlich sauer und steckte ihr Kästchen zurück in die Umhangtasche.

Gegen halb fünf wurde es dunkel, und Harry, Ron und Hermine fanden es an der Zeit, zum Halloween-Fest hoch ins Schloß zu gehen – zumal da heute Abend verkündet wurde, wer die Schul-Champions sein sollten.

»Ich komm mit«, sagte Hagrid und legte sein Nähzeug weg.»'ne Sekunde noch.«

Hagrid stand auf, ging hinüber zur Kommode neben seinem Bett und begann nach etwas zu suchen. Sie achteten nicht sonderlich auf ihn, bis ein wahrhaft fürchterlicher Geruch in ihre Nasen drang.

»Hagrid, was ist das denn?«, hüstelte Ron.

»Hmh?«, sagte Hagrid und wandte sich mit einer großen Flasche in der Hand um.»Mögt ihr's nicht?«

»Ist das Rasierwasser?«, sagte Hermine mit halb erstickter Stimme.

»Ähm – Kölnischwasser«, murmelte Hagrid. Er lief rot an.»Vielleicht 'n bißchen viel«, sagte er unsicher.»Ich mach's wieder ab, wartet kurz…«

Er stapfte aus der Hütte und sie sahen, wie er sich am Wassertrog vor dem Fenster ungestüm wusch.

»Kölnischwasser?«, sagte Hermine verdutzt.»Hagrid?«

»Und was ist mit dem Haar und dem Anzug?«, setzte Harry viel sagend hinzu.

»Seht mal!«, sagte Ron plötzlich und deutete aus dem Fenster.

Hagrid hatte sich aufgerichtet und wandte sich um. Wenn er vorher rot geworden war, dann war dies nichts im Vergleich zu dem, was ihm jetzt passierte. Harry, Ron und Hermine waren so leise wie möglich aufgestanden, damit Hagrid sie nicht bemerkte, und sahen jetzt, durchs Fenster spähend, Madame Maxime und ihre Schüler aus der Kutsche steigen, offenbar ebenfalls auf dem Weg zum Fest. Sie konnten nicht hören, was Hagrid zu Madame Maxime sagte, doch sein Blick hatte sich verschleiert und sein Gesicht hatte einen Ausdruck der Verzückung angenommen, wie Harry ihn bei Hagrid nur einmal beobachtet hatte – als er den Babydrachen Norbert betrachtet hatte.

»Er geht mit ihr zusammen hoch zum Schloß!«, sagte Hermine entrüstet.»Ich dachte, wir sollten auf ihn warten!«

Hagrid warf nicht einmal einen kurzen Blick zurück zur Hütte, sondern stapfte an Madame Maximes Seite die Anhöhe zum Schloß hoch, in ihrem Gefolge die Schüler von Beauxbatons, die im Laufschritt gingen, um mithalten zu können.

»Er steht auf sie!«, sagte Ron ungläubig.»Na ja, wenn sie dann noch Kinder kriegen, stellen sie einen Weltrekord auf – ich wette, ein Baby von denen würde über 'ne Tonne wiegen.«

Sie verließen die Hütte und schlössen die Tür. Draußen war es schon überraschend dunkel. Sie wickelten sich fest in ihre Umhänge und machten sich auf den Weg hoch zum Schloß.

»Uuh, schaut mal, da sind die anderen!«, flüsterte Hermine.

Die Durmstrangs kamen vom See her zum Schloß hoch. Viktor Krum ging an der Seite Karkaroffs, die anderen trotteten hinter ihnen her. Ron verfolgte Krum mit aufgeregten Blicken, doch Krum erreichte das Portal ein wenig vor Harry, Ron und Hermine und betrat, ohne sich noch einmal umzuschauen, das Schloß.

In der kerzenerleuchteten Großen Halle gab es schon fast keine freien Stühle mehr. Der Feuerkelch hatte einen anderen Platz bekommen; er stand jetzt vor Dumbledores leerem Stuhl am Lehrertisch. Fred und George – von ihren Barten befreit – schienen ihre Enttäuschung ziemlich gut verkraftet zu haben.

»Ich hoffe, es wird Angelina«, sagte Fred, als Harry, Ron und Hermine sich setzten.

»Ich auch!«, sagte Hermine.»Na, wir werden es ja gleich erfahren!«

Das Halloween-Festessen schien viel länger zu dauern als üblich. Vielleicht weil es sein zweites Festmahl in zwei Tagen war, konnte Harry sich nicht mehr so heftig für die raffiniert zubereiteten Speisen begeistern. Wie alle anderen in der Halle – jedenfalls angesichts der ungeduldigen Mienen, des allgemeinen Gezappels, der sich ständig reckenden Hälse und neugierigen Blicke, ob Dumbledore endlich aufgegessen hatte -, wie alle anderen wollte Harry nur, daß sich die Teller leerten, und dann endlich hören, wer Champion geworden war.

Endlich kehrten die goldenen Teller in ihren ursprünglichen makellosen Zustand zurück; der Lärm in der Halle schwoll rasch an und erstarb dann wieder, kaum daß Dumbledore aufgestanden war. Professor Karkaroff und Madame Maxime zu seinen Seiten wirkten nicht weniger gespannt und erwartungsvoll als alle anderen. Ludo Bagman strahlte und zwinkerte dieser und jener Schülerin zu. Mr Crouch jedoch schien recht wenig interessiert, ja fast gelangweilt.

»Nun, der Kelch ist gleich bereit, seine Entscheidung zu fällen«, sagte Dumbledore.»Ich schätze, er braucht noch eine Minute. Wenn die Namen der Champions ausgerufen werden, bitte ich sie, hier aufs Podium zu kommen und am Lehrertisch vorbei in diese Kammer dort zu gehen -«, er deutete auf die Tür hinter dem Lehrertisch,»- wo sie dann ihre ersten Anweisungen erhalten.«

Er zückte den Zauberstab und schwang ihn ausladend durch die Luft; sofort erloschen alle Kerzen, nur in den geschnitzten Kürbissen flackerten sie noch, so daß nun alles im Halbdunkel lag. Der Feuerkelch leuchtete jetzt heller als alles andere in der Halle, das gleißende, blauweiß funkelnde Licht der Flammen stach sogar ein wenig in die Augen. Alle starrten auf den Kelch und warteten… hie und da blickte jemand auf die Uhr…

»Gleich geht's los«, flüsterte Lee Jordan zwei Plätze neben Harry.

Die Flammen im Kelch färbten sich plötzlich wieder rot. Funken sprühten aus der Glut. Im nächsten Augenblick schoß eine Flammenzunge in die Luft, ein verkohltes Stück Pergament flatterte heraus – und die ganze Halle hielt den Atem an.

Dumbledore fing das Pergament auf und hielt es mit gestrecktem Arm von sich, damit er es im Licht des Feuers lesen konnte, das nun wieder blauweiß war.

»Der Champion für Durmstrang«, las er mit klarer und kräftiger Stimme,»ist Viktor Krum.«

»Keine Überraschung!«, rief Ron, während Beifall und Jubel durch die Halle wogten. Harry sah Viktor Krum vom Slytherin-Tisch aufstehen und zu Dumbledore hochschlurfen; er wandte sich nach rechts, ging am Lehrertisch vorbei und verschwand durch die Tür in der Kammer dahinter.

»Bravo, Viktor!«, polterte Karkaroff so laut, daß er den Beifall übertönte.»Wußte doch, du hast es in den Knochen!«

Das Plappern und Schnattern erstarb. Nun richteten sich alle Augen wieder auf den Kelch, dessen Flammen sich sogleich wieder rot färbten. Ein zweites Pergament flog, hochgeschleudert von der Hitze, aus der Glut.

»Champion für Beauxbatons«, sagte Dumbledore,»ist Fleur Delacour!«

»Das ist sie, Ron!«, rief Harry, als das Mädchen, das einer Veela so ähnlich sah, sich anmutig erhob, seinen silbrig blonden Haarschopf zurückwarf und zwischen den Tischen der Ravenclaws und Hufflepuffs hindurchglitt.

»Oh, schau mal, die sind alle enttäuscht«, rief Hermine durch den Lärm und nickte zu den anderen Beauxbatons hinüber.»Enttäuscht«war ein wenig untertrieben, fand Harry. Zwei der Mädchen, die es nicht geschafft hatten, zerflossen in Tränen und vergruben schluchzend die Köpfe in den Händen.

Als auch Fleur Delacour in der Kammer verschwunden war, legte sich erneut Stille über die Halle, doch diesmal war es eine Stille, die so starr vor Anspannung war, daß man sie fast schmecken konnte. Jetzt kam der Name des Hogwarts-Champions…

Und das Feuer des Kelches färbte sich wiederum rot; Funken sprühten aus der Glut; eine Flamme züngelte hoch und aus ihrer Spitze zog Dumbledore das dritte Stück Pergament.

»Der Hogwarts-Champion«, rief er,»ist Cedric Diggory!«

»Nein!«, sagte Ron laut, doch keiner außer Harry hörte ihn; der Tumult am Nachbartisch war zu gewaltig. Ausnahmslos alle Hufflepuffs waren aufgesprungen, schrien und stampften mit den Füßen, während Cedric mit breitem Grinsen an ihnen vorbei auf die Kammer hinter dem Lehrertisch zuging. Tatsächlich hielt der Beifall für Cedric so lange an, daß Dumbledore einige Zeit brauchte, um sich wieder Gehör zu verschaffen.

»Bestens!«, rief Dumbledore glücklich, als der Aufruhr sich endlich legte.

»Schön, wir haben nun drei Champions. Ich bin sicher, ich kann mich darauf verlassen, daß ihr alle, auch die nicht ausgewählten Schüler aus Beauxbatons und Durmstrang, euren Champion mit äußerster Kraft unterstützt. Indem ihr euren Champion anfeuert, könnt ihr durchaus dazu beitragen -«

Doch Dumbledore verstummte plötzlich und es entging keinem, was ihn ablenkte.

Das Feuer des Kelches hatte sich abermals rot verfärbt. Eine lange Flamme schoß jäh in die Höhe und mit sich trug sie wiederum ein Pergament. Wie in Trance, so schien es, streckte Dumbledore seinen langen Arm aus und griff nach dem Blatt. Er hielt es von sich und las stumm den Namen, der daraufgeschrieben stand. Eine lange Pause trat ein, während deren Dumbledore auf das Blatt in seiner Hand starrte und alle anderen Dumbledore anstarrten. Und dann räusperte sich Dumbledore und las laut -

»Harry Potter.«

Die vier Champions

Harry saß da und wußte genau, daß jedes Augenpaar in der Großen Halle auf ihn gerichtet war. Er war geschockt. Er war gelähmt. Er mußte träumen. Er hatte nicht richtig gehört.

Niemand klatschte. Plötzlich kam ein Summen wie von einem Schwärm wütender Bienen in der Halle auf und wurde immer lauter; einige standen auf, um Harry besser sehen zu können, wie er da vollkommen starr auf seinem Platz hockte.

Oben am Lehrertisch war Professor McGonagall aufgestanden und an Ludo Bagman und Professor Karkaroff vorbei zu Professor Dumbledore gerauscht, der ihr mit leichtem Stirnrunzeln das Ohr zuneigte.

Harry wandte sich zu Ron und Hermine um; hinter ihnen saßen die anderen Gryffindors in langer Reihe an der Tafel und starrten ihn mit offenen Mündern an.

»Ich hab meinen Namen nicht eingeworfen«, sagte Harry fassungslos.»Das wißt ihr doch.«

Die beiden sahen ihn nicht minder fassungslos an.

Am Lehrertisch nickte Professor Dumbledore seiner Kollegin zu und stand dann auf.

»Harry Potter!«, rief er.»Harry! Nach oben, wenn ich bitten darf!«

»Geh schon«, flüsterte Hermine und versetzte Harry einen kleinen Schubs.

Harry stand auf, verhedderte sich im Saum seines Umhangs und geriet kurz ins Stolpern. Der Weg zwischen den Tischen der Gryffindors und Hufflepuffs hindurch kam ihm vor wie ein ungeheuer langer Marsch; der Lehrertisch wollte und wollte nicht näher kommen und ihm war, als würden ihm die vielen hundert Augen wie Suchscheinwerfer Schritt für Schritt folgen. Das Summen schwoll weiter an. Dann endlich, es mußte eine Stunde vergangen sein, stand er vor Dumbledore und jetzt spürte er die Blicke sämtlicher Lehrer auf sich gerichtet.

»Nun… durch die Tür, Harry«, sagte Dumbledore. Er lächelte nicht.

Harry ging am Lehrertisch entlang. Ganz am Ende saß Hagrid. Er zwinkerte Harry nicht zu, winkte auch nicht und hob auch nicht wie sonst immer die Hand zum Gruß. Er sah vollkommen verdattert aus und starrte, wie all die anderen auch, den vorbeigehenden Harry an. Harry ging durch die Tür und befand sich nun in einem kleineren Raum, an dessen Wänden Gemälde von Hexen und Zauberern hingen. Ein stattliches Feuer prasselte hinten im Kamin.

Kaum war er eingetreten, wandten sich ihm die Gesichter auf den Gemälden zu. Eine verhutzelte Hexe huschte aus ihrem Bilderrahmen, tauchte im nächsten, bei einem Zauberer mit Walroßschnurrbart, wieder auf und begann ihm ins Ohr zu flüstern.

Viktor Kram, Cedric Diggory und Fleur Delacour saßen am Kamin. Vor dem flackernden Feuer wirkten ihre Profile ungewöhnlich beeindruckend. Kram, ein wenig abseits von den anderen, lehnte in sich versunken an der Kamineinfassung. Cedric hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt und stierte ins Feuer. Fleur Delacour wandte sich um, als Harry eintrat, und warf mit einer raschen Kopfbewegung ihr langes üppiges Silberhaar in den Nacken.

»Was ist los?«, sagte sie.»Sollen wir zurück in die 'alle?«

Sie dachte, Harry sei mit einer Nachricht gekommen. Harry wußte nicht, wie er erklären sollte, was soeben geschehen war. Er stand einfach da und sah die drei Champions an. Jetzt auf einmal fiel ihm auf, wie groß sie alle waren. Hinter sich hörte er hastige Schritte, dann trat Ludo Bagman ein. Er packte Harry am Arm und zog ihn beiseite.

»Unglaublich!«, murmelte er und drückte Harrys Arm.»Absolut unglaublich! Meine Herren… meine Dame«, ergänzte er und ging auf die anderen am Kamin zu.»Darf ich Ihnen – so unfaßlich es klingen mag – den vierten Champion unseres Turniers vorstellen?«

Viktor Krum richtete sich auf. Er sah Harry scharf an und sein mürrisches Gesicht verdüsterte sich noch mehr. Cedric schien vollkommen aus der Fassung geraten. Sein Blick wanderte von Bagman zu Harry und wieder zurück, als wäre er sich sicher, daß er Bagman soeben mißverstanden hatte. Fleur Delacour jedoch warf ihr Haar in den Nacken und sagte lächelnd:»Oh, sehr lustiger Wids, Miester Bagman.«

»Witz?«, echote Bagman verdutzt.»Nein, nein, keineswegs! Der Feuerkelch hat gerade Harrys Namen ausgegeben!«

Krams dichte schwarze Brauen zogen sich unmerklich zusammen. Cedric schien noch immer um Fassung zu ringen.

Fleur ranzelte die Stirn.»Aber offensischtlisch ist das ein Fehler«, sagte sie verächtlich in Richtung Bagman.»Är kann nischt teilnehmen. Är ist zu jung.«

»Nun ja… es ist höchst erstaunlich«, sagte Bagman. Er rieb sich das glatte Kinn und lächelte zu Harry hinunter.»Doch wie Sie wissen, wurde die Altersbegrenzung erst dieses Jahr eingeführt, als zusätzliche Sicherheitsvorkehrung. Und da der Kelch seinen Namen ausgegeben hat… es ist nun einmal so weit gekommen, und ich denke, dann darf man sich nicht drücken… es steht in den Regeln, er ist verpflichtet… Harry muß ganz einfach tun, was in seinen Kräften -«

Die Tür hinter ihm ging auf und eine größere Gruppe kam herein: Professor Dumbledore, dicht gefolgt von Mr Crouch, Professor Karkaroff, Madame Maxime, Professor McGonagall und Professor Snape. Harry hörte das Gesumme seiner Mitschüler hereindringen, bis Professor McGonagall die Tür schloß.

»Madame Maxime!«, rief Fleur und ging mit großen Schritten hinüber zu ihrer Lehrerin.»Man sagt, daß dieser kleine Junge 'ier ebenfalls teilnehmen soll!«

Irgendwo unter seiner Benommenheit und Ratlosigkeit spürte Harry einen zornigen Stich. Kleiner Junge?

Madame Maxime richtete sich zu ihrer stattlichen Größe auf. Mit ihrem schönen Kopf streifte sie den kerzenbesetzten Kronleuchter, und ihre mächtige, in schwarzen Satin gehüllte Brust hob sich.

»Was 'at das zu bedeuten, Dumbly-dorr?«, sagte sie in gebieterischem Ton.

»Das würde auch ich gerne wissen, Dumbledore«, sagte Professor Karkaroff. Er hatte ein stählernes Lächeln aufgesetzt und seine blauen Augen wirkten wie Eissplitter.»Zwei Champions für Hogwarts? Mir jedenfalls hat keiner gesagt, daß für die gastgebende Schule zwei Champions antreten dürfen – oder habe ich die Regeln nicht sorgfältig genug gelesen?«Er lachte kurz und gehässig auf.

»C'est impossible«, sagte Madame Maxime, deren gewaltige Hände mit ihren vielen herrlichen Opalen auf Fleurs Schulter ruhten.»'Ogwarts kann keine zwei Champions 'aben. Das ist 'öchst ungerescht.«

»Wir hatten darauf vertraut, daß ihre Alterslinie jüngere Bewerber fern halten würde, Dumbledore«, sagte Karkaroff noch immer stählern lächelnd, während seine Augen noch kälter wurden.»Denn sonst hätten wir natürlich eine größere Auswahl an Kandidaten aus unseren Schulen mitgebracht.«

»Dafür trägt einzig und allein Potter die Schuld, Karkaroff«, sagte Snape leise. Seine schwarzen Augen glühten heimtückisch.»Stellen Sie Dumbledore nicht an den Pranger, nur weil Potter so entschlossen ist, die Regeln zu brechen. Seit er an dieser Schule ist, übertritt er ständig Grenzen -«

»Danke, Severus«, sagte Dumbledore mit fester Stimme, und Snape verstummte, auch wenn seine Augen immer noch gehässig durch den Vorhang fettigen schwarzen Haares schimmerten.

Professor Dumbledore sah zu Harry hinunter, der ihm geradewegs in die Augen hinter den Halbmondgläsern schaute und versuchte, ihren Ausdruck zu entschlüsseln.

»Hast du den Zettel mit deinem Namen in den Feuerkelch geworfen, Harry?«, fragte Dumbledore ruhig.

»Nein«, sagte Harry. Er wußte, daß ihn alle scharf beobachteten. Snape ließ aus dem Hintergrund ein leises, unwilliges und ungläubiges Schnauben hören.

»Hast du einen älteren Schüler gebeten, deinen Namen für dich in den Feuerkelch zu werfen?«, fragte Professor Dumbledore ohne auf Snape zu achten.

»Nein«, sagte Harry nachdrücklich.

»Aah, aber natürlisch lügt er!«, rief Madame Maxime.

Snape schürzte die Lippen und schüttelte den Kopf.

»Er wäre nicht über die Alterslinie gekommen«, sagte Professor McGonagall schneidend.»Ich bin sicher, wir stimmen alle darin überein -«

»Dumbly-dorr muß einen Fehler bei der Linie gemacht 'aben«, sagte Madame Maxime achselzuckend.

»Das ist natürlich möglich«, entgegnete Dumbledore höflich.

»Dumbledore, Sie wissen genau, daß Sie keinen Fehler gemacht haben!«, sagte Professor McGonagall aufgebracht.»Nun aber wirklich, was für ein Unsinn! Harry hätte die Linie nicht selbst übertreten können, und wenn Professor Dumbledore ihm glaubt, daß er keinen älteren Mitschüler dazu angestiftet hat, dann möchte ich doch hoffen, daß Sie alle damit zufrieden sind!«

Sie warf Professor Snape einen sehr zornigen Blick zu.

»Mr Crouch… Mr Bagman«, sagte Karkaroff nun mit salbungsvoller Stimme,»Sie sind unsere – ähm – unparteiischen Richter. Sie stimmen sicher mit mir überein, daß es sich hier um eine offene Regelverletzung handelt?«

Bagman wischte sich mit dem Taschentuch über das runde, jungenhafte Gesicht und sah Mr Crouch an, der außerhalb des Feuerscheins stand, das Gesicht halb im Schatten verborgen. Er sah ein wenig schaurig aus, das Halbdunkel machte ihn viel älter und verlieh ihm ein fast totenkopfartiges Aussehen. Er sprach jedoch in seinem üblichen barschen Ton.»Wir müssen die Regeln befolgen und in den Regeln heißt es klar, daß die Schüler, deren Namen der Feuerkelch ausgibt, verpflichtet sind, am Turnier teilzunehmen.«

»Tja, Barty kennt das Regelwerk praktisch auswendig«, strahlte Bagman und wandte sich wieder Karkaroff und Madame Maxime zu, als ob die Sache damit entschieden wäre.

»Ich bestehe darauf, noch einmal die Namen meiner übrigen Schüler einzuwerfen«, sagte Karkaroff. Der salbungsvolle Ton und das Lächeln waren von ihm abgefallen. Dafür hatte sein Gesicht einen ungemein häßlichen Ausdruck angenommen.»Sie werden den Feuerkelch noch einmal aufstellen, und wir werfen weitere Namen, ein, bis jede Schule zwei Champions hat. Das ist nur fair, Dumbledore.«

»Aber Karkaroff, das wird nicht möglich sein«, sagte Bag-man.»Der Feuerkelch ist soeben, erloschen – er wird sich erst wieder zu Beginn des nächsten Turniers entzünden -«

»- an dem Durmstrang ganz sicher nicht teilnehmen wird!«, warf Karkaroff zornig ein.»Nach all unseren Treffen und gemeinsamen Absprachen Hätte ich nicht erwartet, daß so etwas passieren könnte! Ich behalte mir vor, Hogwarts sofort zu verlassen!«

»Leere Drohung, Karkaroff«, knurrte eine Stimme an der Tür.»Sie können Ihren Champion jetzt nicht im Stich lassen. Er muß kämpfen. Sie alle müssen kämpfen. Es ist ein bindender magischer Vertrag, wie Dumbledore gesagt hat. Das paßt Ihnen doch, oder?«

Moody war gerade hereingekommen. Er hinkte auf das Feuer zu und jedes Mal, wenn er den rechten Fuß aufsetzte, gab es ein lautes Klonk.

»Das soll mir passen?«, sagte Karkaroff.»Ich fürchte, ich verstehe Sie nicht, Moody.«

Harry spürte, daß er eigentlich verächtlich klingen wollte, als wären Moodys Worte eine Entgegnung überhaupt nicht wert, doch seine Hände verrieten ihn; er hatte sie zu Fäusten geballt.

»Nicht?«, sagte Moody leise.»Es ist ganz einfach, Karkaroff. Jemand hat Potters Namen in den Kelch geworfen, und dieser Jemand wußte genau, daß Harry teilnehmen muß, wenn der Kelch ihn erwählt.«

»Offensischtlisch jemand, der wollte, daß 'Ogwarts zwei Chancen bekommt!«, sagte Madame Maxime.

»Sie haben vollkommen Recht, Madame Maxime«, sagte Karkaroff und verneigte sich vor ihr.»Ich werde Beschwerde beim Zaubereiministerium sowie bei der Internationalen Zauberervereinigung einreichen -«

»Wenn hier jemand Grund hat sich zu beschweren, dann ist es Potter«, knurrte Moody,»aber… komisch… von ihm höre ich kein Wort…«

»Warum sollte er sisch beschweren?«, platzte Fleur Dela-cour los und stampfte mit dem Fuß auf.»Er 'at die Chance teilzunehmen, nischt wahr? Wir anderen 'aben wochenlang darauf ge'offt! Die Ehre für unsere Schulen! EintausendGalleonen Preisgeld – für diese Chance würden viele sogar sterben!«

»Vielleicht hofft jemand, daß Potter tatsächlich dafür stirbt«, sagte Moody mit kaum noch merklichem Knurren.

Diesen Worten folgte ein äußerst gespanntes Schweigen.

Ludo Bagman trippelte nervös hin und her und entgegnete beklommen:»Moody, altes Haus… was sagen Sie denn da!«

»Wir alle wissen, daß Professor Moody den Morgen für verschwendet hält, wenn er nicht vor dem Mittagessen sechs Mordverschwörungen gegen sich aufdeckt«, sagte Karkaroff laut.»Offenbar bringt er jetzt auch seinen Schülern die Angst vor einem Attentat bei. Ein merkwürdiger Zug bei einem Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste, Dumbledore, aber Sie hatten bestimmt ihre Gründe, ihn kommen zu lassen.«

»Ich bilde mir Dinge ein, tatsächlich?«, knurrte Moody.»Ich sehe schon Gespenster, oder? Es war eine fähige Hexe oder ein Zauberer, der den Namen dieses Jungen in den Kelch geworfen hat…«

»Aah, wo sind die Beweise dafür?«, sagte Madame Maxime und ihre riesigen Hände ruderten durch die Luft.

»Hier wurde ein kraftvoller magischer Gegenstand ausgetrickst!«, sagte Moody.»Ein ungewöhnlich starker Verwechslungszauber war nötig, damit dieser Kelch vergißt, daß nur drei Schulen am Turnier teilnehmen… Ich vermute, daß Potters Name für eine vierte Schule eingeworfen wurde, denn dann galt er als deren einziger Kandidat…«

»Sie scheinen ja ausgiebig darüber nachgedacht zu haben, Moody«, entgegnete Karkaroff kühl,»und das ist natürlich eine ausgefuchste Theorie – allerdings ist mir zu Ohren gekommen, daß Sie jüngst die fixe Idee hatten, eines Ihrer Geburtstagsgeschenke sei ein raffiniert getarntes Basiliskenei. Sie schleuderten es deshalb gegen die Wand und mußten dann leider erkennen, daß es nur ein Resiewecker war. Sie müssen daher verstehen, daß wir Sie nicht ganz ernst nehmen können…«

»Ich denke an gewisse Leute, die harmlose Veranstaltungen für ihre Zwecke ins Gegenteil verkehren«, entgegnete Moody in drohendem Tonfall.»Wie Sie eigentlich wissen sollten, Karkaroff, ist es meine Aufgabe, mich in das Denken schwarzer Magier einzufühlen…«

»Alastor!«, sagte Dumbledore mahnen. Harry wunderte sich einen Moment lang, wen er damit meinte, doch dann wurde ihm klar, daß»Mad-Eye«wohl kaum Moodys richtiger Vorname sein konnte. Moody verstummte, beobachtete Karkaroff jedoch immer noch voll Genugtuung – und Karkaroffs Gesicht glühte.

»Wir wissen nicht, wie wir in diese Lage geraten sind«, sagte Dumbledore in die Runde.»Ich denke jedoch, wir haben wohl keine andere Wahl, als das Beste daraus zu machen. Sowohl Cedric als auch Harry wurden zu Teilnehmern des Turniers bestimmt. Daher werden sie auch…«

»Ah, aber Dumbly-dorr -«

»Meine liebe Madame Maxime, wenn Sie einen anderen Vorschlag haben, wäre ich erfreut ihn zu hören.«

Dumbledore wartete, doch Madame Maxime schwieg und sah ihn nur zornfunkelnd an. Und sie war nicht die Einzige. Auch Snape sah wütend aus; Karkaroff schien vor Zorn zu kochen. Bagman jedoch machte den Eindruck, als sei er vor Begeisterung ganz aus dem Häuschen.

»Nun, wie steht's, legen wir los?«, sagte er, rieb sich die Hände und lächelte in die Runde.»Wir müssen unseren Champions doch sagen, um was es geht. Barty, ich erteile dir das Wort.«

Mr Crouch schien aus tiefer Nachdenklichkeit zu erwachen.

»Ja«, sagte er langsam,»die Anweisungen. Ja… die erste Aufgabe…«

Er trat ins Licht des Feuers. Von nahem, fand Harry, sah er krank aus. Dunkle Schatten lagen unter seinen Augen und seine runzlige Haut wirkte, ganz anders als bei der Weltmeisterschaft, dünn und papieren.

»Die erste Aufgabe dient dazu, Ihren Mut auf die Probe zu stellen«, verkündete er Harry, Cedric, Fleur und Krum,»und deshalb sagen wir Ihnen nicht, um was es geht. Kühnheit angesichts der überraschenden Gefahr ist ein sehr wichtiger Charakterzug von Zauberern… sehr wichtig…

Die erste Aufgabe werden wir Ihnen am vierundzwanzigsten November stellen, vor all Ihren Mitschülern und den Schiedsrichtern.

Den Champions ist es nicht gestattet, von ihren Lehrern Hilfe irgendwelcher Art zu erbitten oder anzunehmen, damit sie die Aufgaben lösen können. Sie werden sich der ersten Herausforderung nur mit ihrem Zauberstab bewaffnet stellen müssen. Wenn die erste bewältigt ist, erhalten sie Auskunft über die zweite Aufgabe. Da das Turnier äußerste Kraft und viel Zeit verlangt, sind die Champions von den Jahresabschlußprüfungen freigestellt.«

Mr Crouch wandte sich an Dumbledore.»Ich glaube, das ist alles, Albus?«

»Ich denke auch«, sagte Dumbledore und sah Mr Crouch ein wenig besorgt an.»Sind Sie sicher, daß Sie heute Nacht nicht in Hogwarts bleiben wollen, Barty?«

»Ja, Dumbledore, ich muß zurück ins Ministerium«, sagte Mr Crouch.»Wir haben im Moment eine schwierige und arbeitsreiche Zeit… ich habe dem jungen Weatherby die Verantwortung überlassen, solange ich weg bin… sehr eifrig… ein wenig übereifrig, um die Wahrheit zu sagen…«

»Bevor Sie gehen, schauen Sie doch auf ein Gläschen bei mir vorbei?«, sagte Dumbledore.

»Jetzt komm schon, Barty, ich bleibe auch hier!«, sagte Bagman ausgelassen.»Hier in Hogwarts spielt jetzt die Musik, das ist doch viel spannender als das Büroleben!«

»Das glaube ich nicht, Ludo«, sagte Crouch mit einem Anflug seiner früheren Ungeduld.

»Professor Karkaroff – Madame Maxime – noch einen Schlummertrunk?«, fragte Dumbledore.

Doch Madame Maxime hatte bereits ihren Arm um Fleurs Schultern gelegt und führte sie rasch hinaus. Harry hörte, wie sie sich draußen in der Halle sehr schnell auf Französisch unterhielten. Karkaroff winkte Krum zu und auch sie gingen hinaus, allerdings schweigend.

»Harry, Cedric, ich schlage vor, ihr geht jetzt nach oben«, sagte Dumbledore und lächelte beiden zu.»Ich bin sicher, die Gryffindors und Hufflepuffs warten nur darauf, mit euch zu feiern, und es wäre jammerschade, sie dieses trefflichen Vorwandes zu berauben, eine Menge Müll und Lärm zu machen.«

Harry warf Cedric einen Blick zu, Cedric nickte, und sie gingen zusammen hinaus.

Die Große Halle lag jetzt verlassen da; die Kerzen waren heruntergebrannt und das schartige und flackernde Grinsen der Kürbisse hatte etwas Unheimliches angenommen.

»So ist das also«, sagte Cedric mit einem halben Lächeln.»Wir spielen schon wieder gegeneinander!«

»Sieht so aus«, sagte Harry. Etwas Besseres fiel ihm einfach nicht ein. In seinem Kopf schien alles durcheinander gewirbelt zu sein, als hätte ihn jemand kräftig geschüttelt.

»Dann… verrat mir mal eines…«, sagte Cedric in der Eingangshalle, die jetzt, da der Feuerkelch verschwunden war, nur noch im Licht der Fackeln dalag.»Wie hast du deinen Namen da reingebracht?«

»Hab ich nicht«, sagte Harry und sah zu ihm hoch.»Ich hab ihn nicht eingeworfen. Ich sag die Wahrheit.«

»Ah… na gut«, sagte Cedric. Harry wußte, daß er ihm nicht glaubte.»Na ja… wir sehen uns.«

Cedric nahm nicht die Marmortreppe, sondern ging rechts an ihr vorbei auf eine Tür zu. Harry blieb stehen und lauschte, wie Cedric eine steinerne Treppe hinunterstieg, dann ging er langsam die Marmortreppe hoch.

Würde irgend jemand außer Ron und Hermine ihm glauben, oder würden sie alle denken, er selbst hätte seinen Namenszettel in den Kelch geworfen? Doch wie konnte jemand so etwas glauben, wo doch seine Konkurrenten drei Jahre länger Zaubern gelernt hatten – und zudem mußte er nicht nur diese Aufgaben bewältigen, die so richtig nach Gefahr rochen, sondern es würden auch noch Hunderte von Menschen dabei sein und ihm zusehen. Ja, er hatte daran gedacht… er hatte mit dem Gedanken gespielt… er hatte davon geträumt… doch im Grunde war es ein Witz gewesen, der keine Folgen haben sollte… er hatte nie und nimmer ernsthaft vorgehabt teilzunehmen…

Doch jemand anderes hatte es getan… jemand wollte, daß er am Turnier teilnahm, und hatte dafür gesorgt, daß sein Name ins Spiel gebracht wurde. Warum? Um ihm einen Gefallen zu tun? Das konnte er kaum glauben…

Um zu sehen, wie er sich zum Narren machte? In diesem Fall würde der Wunsch wohl in Erfüllung gehen…

Doch um ihn sterben zu sehen? Litt Moody nur wieder an seinem üblichen Verfolgungswahn? War es nicht möglich, daß jemand seinen Namen in den Kelch geworfen hatte, um sich einen Scherz zu erlauben, um ihn zu triezen? Wollte wirklich jemand, daß er starb?

Diese Frage konnte Harry sofort beantworten. Ja, jemand wollte ihn tot sehen, jemand wünschte ihm den Tod, seit er ein Jahr alt gewesen war… Lord Voldemort. Doch wie hätte es Voldemort bewerkstelligen sollen, seinen Namen in den Feuerkelch zu werfen? Voldemort war angeblich weit weg, in einem fernen Land, und versteckte sich, einsam und allein… entkräftet und machtlos…

Doch in jenem Traum, aus dem er mit schmerzender Narbe hochgeschreckt war, war Voldemort nicht allein gewesen… er hatte mit Wurmschwanz gesprochen… und mit ihm den Mord an Harry ausgeheckt…

Harry erschrak, denn er stand plötzlich vor der fetten Dame. Er hatte kaum wahrgenommen, wohin ihn seine Füße trugen. Eine Überraschung war auch, daß sie nicht allein in ihrem Rahmen war. Die verhutzelte Hexe, die in das Gemälde ihres Nachbarn huschte, als er vorhin in den kleinen Raum gekommen war, saß nun mit blasierter Miene neben der fetten Dame. Sie mußte durch jedes Bild entlang der sieben Treppen gehastet sein, nur um vor ihm hier anzukommen. Die Hexe und die fette Dame sahen ihn höchst interessiert von oben herab an.

»Schön, schön, schön«, sagte die fette Dame.»Violet hat mir soeben alles erzählt. Wer ist nun also gerade zum Schulchampion bestimmt worden?«

»Quatsch«, sagte Harry dumpf.

»Das ist es ganz sicher nicht«, sagte die Hutzelhexe entrüstet.

»Nein, nein, Vi, es ist das Paßwort«, beschwichtigte sie die fette Dame, und sie schwang an ihren Angeln hängend zur Seite, um Harry einzulassen.

Der Lärmschwall, der durch das Porträtloch an Harrys Ohren drang, riß ihn beinahe von den Füßen. Dann wußte er nur noch, daß ein Dutzend Händepaare ihn in den Gemeinschaftsraum zerrte, wo ganz Gryffindor schreiend, klatschend und pfeifend auf ihn wartete.

»Du hättest uns was sagen sollen!«, brüllte Fred halb verärgert, doch auch schwer beeindruckt.

»Wie hast du es geschafft, ohne daß dir ein Bart gewachsen ist? Genial!«, polterte Fred.

»Hab ich nicht«, sagte Harry.»Ich weiß nicht, wie -«

Doch Angelina hatte sich nun seiner angenommen.»Tja, wenn nicht ich, dann wenigstens ein anderer Gryffindor -«

»Jetzt kannst du es Diggory für das letzte Quidditch-Spiel heimzahlen!«, kreischte Katie Bell, ebenfalls eine Gryffindor-Jägerin.

»Wir haben was zu essen, Harry, komm, hau rein -«

»Ich hab keinen Hunger, wirklich, ich hab beim Fest genug gegessen -«

Doch niemand wollte hören, daß er keinen Hunger hatte; niemand wollte hören, daß nicht er selbst seinen Namen in den Feuerkelch geworfen hatte; nicht ein Einziger von ihnen schien zu merken, daß er überhaupt nicht in Feierstimmung war… Lee Jordan hatte irgendwo ein Gryffindor-Banner ausgegraben und er ließ sich nicht davon abbringen, es wie eine Toga um Harry zu wickeln. Kein Entkommen für Harry; wann immer er versuchte sich zur Schlafsaaltreppe zu verdrücken, schloß sich die Schar um ihn und drängte ihm noch ein Butterbier auf, drückte ihm Kartoffelchips und Erdnüsse in die Hände… alle wollten sie wissen, wie er es geschafft hatte, Dumbledores Alterslinie auszutricksen und seinen Namenszettel in den Kelch zu werfen…

»Ich war's nicht«, sagte er immer und immer wieder.»Ich weiß nicht, was passiert ist.«

Doch er hätte genauso gut den Mund halten können, so wenig hörten sie ihm zu.

»Ich bin müde!«, brüllte er schließlich, nach fast einer halben Stunde.»Nein, im Ernst, George, ich geh zu Bett -«

Er wünschte sich nichts sehnlicher, als mit Ron und Hermine zu sprechen und wieder ein wenig zu sich zu kommen, aber keiner von beiden schien hier zu sein. Noch einmal rief er, daß er Schlaf brauche, und trat fast die kleinen Creevey-Brüder platt, die ihm am Fuß der Treppe auflauerten. Doch dann gelang es ihm, alle abzuschütteln, und er hastete, so schnell er konnte, die Treppe hoch zum Schlafsaal.

Zu seiner großen Erleichterung fand er Ron noch angezogen auf dem Bett im sonst leeren Schlafsaal liegen. Dieser hob den Kopf, als Harry die Tür hinter sich schloß.

»Wo warst du?«, fragte Harry.

»Ach, hallooh«, sagte Ron.

Er grinste, doch es war ein sehr merkwürdiges, gezwungenes Grinsen. Harry wurde plötzlich klar, daß er immer noch das scharlachrote Gryffindor-Banner trug, das Lee ihm umgebunden hatte. Rasch wollte er es losschnüren, doch es war sehr fest verknotet. Ron lag reglos auf dem Bett und sah Harry zu, wie er verzweifelt versuchte das Tuch loszuwerden.

»Na denn«, sagte er, als sich Harry endlich von dem Banner befreit und es in eine Ecke gepfeffert hatte.»Gratuliere.«

»Was soll das denn heißen, gratuliere?«, sagte Harry und sah Ron finster an. Etwas stimmte offensichtlich nicht mit Rons Lächeln; es war eher eine Grimasse.

»Na ja… keiner sonst ist über die Alterslinie gekommen«, sagte Ron.»Nicht mal Fred und George. Wie hast du's gemacht – mit dem Tarnurnhang?«

»Mit dem Tarnurnhang wäre ich nicht über diese Linie gekommen«, sagte Harry langsam.

»Na gut«, sagte Ron.»Ich dachte nur, du hättest es mir sagen können, wenn es der Umhang gewesen wäre… da hätten wir immerhin beide druntergepaßt, oder? Aber du hast was anderes gefunden?«

»Hör zu«, sagte Harry,»ich hab meinen Namen nicht in diesen Kelch geworfen. Jemand anderes muß es getan haben.«

Ron hob die Brauen.»Warum sollte jemand das tun?«

»Weiß ich nicht«, sagte Harry. Er hatte das Gefühl, es würde auf peinliche Art schaurig klingen, wenn er sagen würde,»um mich zu töten«.

Ron zog die Augenbrauen so weit hoch, daß sie unter seinen Haaren zu verschwinden schienen.

»Es ist schon in Ordnung, mir jedenfalls kannst du die Wahrheit erzählen«, sagte er.»Wenn du nicht willst, daß es alle erfahren, schön, aber ich weiß nicht, warum du auch noch anfängst zu lügen, du hast ja nicht einmal Ärger gekriegt, oder? Diese Freundin der fetten Dame, Violet, hat uns schon alles erzählt. Dumbledore läßt dich teilnehmen. Tausend Galleonen Preisgeld, aber hallo. Und von den Prüfungen bist du auch befreit…«

»Ich hab meinen Namen nicht in diesen Kelch geworfen!«, sagte Harry mit einem Anflug von Ärger.

»Jaah, schon gut«, erwiderte Ron und klang dabei genauso ungläubig wie Cedric.»Aber du hast doch heute Morgen gesagt, du hättest es in der Nacht getan, damit dich keiner sieht… ich bin nicht blöd, weißt du.«

»Aber den Blödmann spielst du ziemlich gut«, blaffte ihn Harry an.

»Jaah?«, sagte Ron, und jetzt war keine Spur eines Grinsens, ob echt oder falsch, auf seinem Gesicht.»Du willst jetzt sicher schlafen, Harry, ich denke, du mußt morgen früh raus, für einen Fototermin oder so was.«

Ron zog die Vorhänge seines Himmelbetts zu, und Harry stand an der Tür und starrte auf den dunkelroten Stoff, der nun einen der wenigen Menschen verbarg, von denen er überzeugt gewesen war, daß sie ihm glauben würden.

Die Eichung der Zauberstäbe

Als Harry am Sonntagmorgen erwachte, wußte er zunächst nicht, warum er sich so besorgt und niedergeschlagen fühlte. Dann überkam ihn die Erinnerung an den Abend zuvor. Er setzte sich auf und riß die Bettvorhänge zur Seite, um auf der Stelle mit Ron zu sprechen, denn Ron mußte ihm jetzt einfach glauben – doch dann sah er, daß Rons Bett leer war; offenbar war er schon unten beim Frühstück.

Harry zog sich an und stieg die Wendeltreppe in den Gemeinschaftsraum hinunter. Kaum war er eingetreten, fingen seine Mitschüler, die schon gefrühstückt hatten, erneut an zu klatschen. Die Aussicht, in die Große Halle zu gehen und dort den anderen Gryffindors zu begegnen, die ihn ebenfalls wie einen Helden feiern würden, war nicht besonders verlockend; doch sollte er hier bleiben und sich von den Cree-vey-Brüdern in die Zange nehmen lassen, die ihn begeistert zu sich herüberwinkten? Entschlossen ging er zum Porträtloch, kletterte hinaus und sah sich plötzlich Hermine gegenüber.

»Hallo«, sagte sie. In der Hand hatte sie ein paar in Servietten gewickelte Toastbrote.»Das hier ist für dich… hast du vielleicht Lust auf einen Spaziergang?«

»Gute Idee«, sagte Harry dankbar.

Sie gingen hinunter, durchquerten rasch die Eingangshalle, gingen hinaus und schlenderten über den Rasen zum See hinüber, wo das am Ufer vertäute Schiff der Durmstrangs sich schwarz im Wasser spiegelte. Es war ein kalter Morgen, und während sie im Gehen ihre Brote aßen, schilderte Harry ganz genau, was am Abend zuvor, nachdem er den Gryffindor-Tisch verlassen hatte, geschehen war. Als er merkte, daß Hermine ihm seine Geschichte ohne weitere Nachfragen glaubte, fiel ihm ein schwerer Stein vom Herzen.

»Hör mal, natürlich war mir klar, daß du dich nicht selbst ins Spiel gebracht hast«, sagte sie, nachdem er ihr geschildert hatte, was in dem Raum hinter dem Lehrertisch geschehen war.»Du hättest dein Gesicht sehen sollen, als Dumbledore deinen Namen ausgerufen hat! Die Frage ist nur, wer hat den Zettel wirklich eingeworfen? Denn Moody hat Recht, Harry… ich glaube nicht, daß es ein Schüler getan hat… keiner von uns hätte es geschafft, den Kelch zu täuschen oder über Dumbledores Linie -«

»Hast du Ron gesehen?«, warf Harry ein.

Hermine zögerte.

»Ähm… ja… er war beim Frühstück«, sagte sie.

»Glaubt er immer noch, daß ich meinen Namenszettel selbst eingeworfen habe?«

»Hmh… nein, ich denke nicht… nicht wirklich«, sagte Hermine verlegen.

»Was soll das heißen, nicht wirklich?«

»Oh, Harry, ist das nicht klar?«, sagte Hermine verzweifelt.»Er ist neidisch!«

»Neidisch?«, sagte Harry ungläubig.»Neidisch auf was? Will er sich vielleicht vor der ganzen Schule zum Deppen machen?«

»Sieh mal«, sagte Hermine geduldig,»immer bist du es, der alle Aufmerksamkeit bekommt, das weißt du doch. Natürlich, du kannst nichts dafür«, fügte sie rasch hinzu, denn Harry riß empört den Mund auf.»Mir ist klar, du legst es nicht darauf an… aber – na ja – Ron hat so viele Brüder, mit denen er sich zu Hause messen muß, und du bist sein bester Freund und bist richtig berühmt – wenn Leute auf dich zukommen, wird er immer beiseite gedrängt, und er steckt es weg und sagt nie ein Wort, aber ich glaube, das war ihm nun doch zu viel…«

»Großartig«, sagte Harry erbittert.»Wirklich großartig. Richte ihm von mir aus, daß ich jederzeit mit ihm tausche. Du kannst ihm ja sagen, er darf es gerne mal selbst ausprobieren… wo ich auch hinkomme, ständig glotzen mir die Leute auf die Stirn…«

»Ich richte ihm gar nichts aus«, sagte Hermine kurz angebunden.»Sag es ihm selbst, nur so könnt ihr die Sache zwischen euch klären.«

»Ich lauf ihm doch nicht nach und helf ihm, erwachsen zu werden!«, sagte Harry so laut, daß einige Eulen in einem nahen Baum erschrocken aufflatterten.»Vielleicht glaubt er mir erst dann, daß ich es nicht zum Spaß mache, wenn ich mir den Hals breche oder -«

»Das ist nicht komisch«, sagte Hermine leise.»Das ist überhaupt nicht komisch.«Sie schien zutiefst beunruhigt.»Harry, ich habe nachgedacht – du weißt, was wir tun müssen, sobald wir wieder im Schloß sind?«

»Allerdings, Ron einen saftigen Tritt in den -«

»An Sirius schreiben. Du mußt ihm sagen, was passiert ist. Er hat dich gebeten, ihn über alles, was in Hogwarts geschieht, auf dem Laufenden zu halten… mir kommt es vor, als hätte er beinahe erwartet, daß so etwas passiert. Hier, ich hab ein Blatt Pergament und eine Feder mitgebracht -«

»Nun beruhige dich doch«, sagte Harry und sah sich um, ob jemand lauschte, doch außer ihnen war niemand hier draußen.

»Er ist wieder ins Land gekommen, nur weil meine Narbe geziept hat. Wahrscheinlich kommt er gleich mit Riesenkaracho ins Schloß gerauscht, wenn ich ihm sage, daß mich jemand ins Trimagische Turnier geschmuggelt hat -«

»Das würde er sicher von dir erfahren wollen«, sagte Hermine beharrlich.»Und er wird es ohnehin rausfinden -«

»Wie?«

»Harry, das wird doch kein Geheimnis bleiben«, sagte Hermine mit großem Ernst.»Dieses Turnier ist berühmt, und du bist berühmt, ich wäre wirklich überrascht, wenn der Tagesprophet nichts darüber bringen würde, daß du teilnimmst… du stehst doch schon in jedem zweiten Buch über Du-weißt-schon-wen… und Sirius würde es lieber von dir selbst erfahren, da bin ich mir sicher.«

»Schon gut, ich schreib ihm«, sagte Harry und warf sein letztes Stück Toast in den See. Sie warteten eine Weile und beobachteten, wie es zunächst auf dem Wasser trieb, bis ein mächtiger Greifarm aus der Tiefe heraufstieß und es mit sich hinunterriß. Dann kehrten sie zum Schloß zurück.

»Wessen Eule soll ich denn losschicken?«, sagte Harry, als sie die Treppen hochstiegen.»Er hat doch geschrieben, ich solle Hedwig nicht mehr nehmen.«

»Frag doch Ron, ob er dir nicht -«

»Ich frag Ron gar nichts«, sagte Harry lustlos.

»Dann leih dir eine von den Schuleulen, die sind für alle da«, sagte Hermine.

Sie stiegen hoch in die Eulerei. Hermine reichte Harry ein Stück Pergament, eine Feder und ein Tintenfaß, und Harry setzte sich an die Wand und schrieb seinen Brief.

Lieber Sirius,

du hast mir geschrieben, ich solle dich über das, was in Hogwarts passiert, auf dem Laufenden halten, also los geht's: Ich weiß nicht, ob du es schon gehört hast, jedenfalls findet dieses Jahr das Trimagische Turnier statt und am Samstagabend wurde ich zum vierten Champion gewählt. Ich weiß nicht, wer meinen Namen in den Feuerkelch geworfen hat, ich jedenfalls war es nicht. Der andere Hogwarts-Champion ist Cedric Diggory von den Hufflepuffs.

An dieser Stelle hielt er inne und überlegte. Es drängte ihn, über seine Angst zu schreiben, die seit letzter Nacht wie ein riesiger Knoten in seiner Brust saß, doch ihm fiel nicht ein, wie er dies in Worte fassen sollte, und so tauchte er die Feder wieder ins Tintenfaß und schrieb nur:

Ich hoffe, dir geht es gut und Seidenschnabel auch.

Harry

»Fertig«, sagte er zu Hermine, stand auf und klopfte sich das Stroh vom Umhang. Sofort kam Hedwig auf seine Schulter geflattert und streckte ein Bein aus.

»Ich kann dich nicht nehmen«, erklärte ihr Harry und sah sich nach den Schuleulen um.»Ich muß eine von deinen Kolleginnen schicken…«

Hedwig stieß einen lauten Schrei aus und flatterte so abrupt los, daß ihre Krallen in seine Schulter schnitten. Während Harry seinen Brief an das Bein einer großen Schleiereule band, kehrte sie ihm beharrlich den Rücken zu. Als die Schleiereule dann losgeflogen war, streckte Harry die Hand aus, um Hedwig zu streicheln, doch sie klackerte nur zornig mit dem Schnabel und flatterte ins Dachgerüst davon.

»Erst Ron und dann auch noch du«, sagte Harry wütend.»Ich kann doch nichts dafür.«

* * *

Harry hatte die leise Hoffnung gehegt, es würde ihm besser gehen, sobald alle sich an den Gedanken gewöhnt hatten, daß er Champion war, doch der Tag darauf zeigte ihm, wie falsch er damit lag. Er konnte den anderen Mitschülern nicht länger aus dem Weg gehen, da er jetzt wieder Unterricht hatte – und es war klar, daß die Schüler der anderen Häuser, genau wie die Gryffindors, dachten, er hätte sich selbst für das Turnier beworben. Im Gegensatz zu den Gryffindors jedoch schienen sie nicht beeindruckt.

Die Hufflepuffs, die normalerweise glänzend mit ihnen auskamen, zeigten sich erstaunlich abweisend gegen alle Gryffindors. Eine Stunde Kräuterkunde reichte, um ihnen das klarzumachen. Es war offensichtlich, daß die Hufflepuffs dachten, Harry hätte ihrem Champion die Schau gestohlen; vielleicht setzte sich dieser Gedanke bei ihnen um so stärker fest, als die Hufflepuffs bislang nur wenig Ruhm geerntet hatten und Cedric, der einst Gryffindor im Quidditch geschlagen hatte, einer der wenigen war, die je Lorbeeren für das Haus geholt hatten. Ernie Macmillan und Justin Finch-Fletchley, mit denen Harry sich sonst gut verstand, redeten nicht mehr mit ihm, obwohl sie am selben Setzkasten standen und Springende Knollen umtopften. Dafür lachten sie spöttisch, als sich eine der Springenden Knollen Harrys Griff entwand und ihm knallhart ins Gesicht schlug. Auch Ron sprach nicht mehr mit Harry. Hermine saß zwischen ihnen und machte sehr gezwungene Konversation. Doch während beide ihr ganz wie immer antworteten, vermieden sie es, sich gegenseitig in die Augen zu sehen. Harry hatte das Gefühl, sogar Professor Sprout sei nicht gut auf ihn zu sprechen – schließlich war sie die Leiterin des Hauses Hufflepuff.

Unter gewöhnlichen Umständen hätte er sich darauf gefreut, Hagrid zu treffen, doch Pflege magischer Geschöpfe hieß auch, daß sie auf die Slytherins trafen – das erste Mal seit seiner Wahl zum Champion hatte er wieder mit ihnen zu tun.

Wie abzusehen kam Malfoy mit jenem hämischen Grinsen, das bereits mit ihm verwachsen war, auf Hagrids Hütte zu.

»Aaah, seht her, Jungs, der Champion persönlich«, sagte er zu Crabbe und Goyle, sobald sie nah genug waren, daß Harry ihn hören konnte.»Habt ihr eure Autogrammbücher dabei? Dann holt euch besser gleich eine Unterschrift, ich bin mir nicht sicher, ob er noch lange unter uns weilt… die Hälfte der Turnier-Champions ist umgekommen… wie lange, glaubst du, hältst du es aus, Potter? Zehn Minuten in der ersten Runde, schätze ich.«

Crabbe und Goyle johlten kriecherisch, doch Malfoy verstummte plötzlich, denn Hagrid kam hinter seiner Hütte hervor, in den Armen einen wackligen Stapel Holzkisten, die jeweils einen prächtig gediehenen Knallrümpfigen Kröter enthielten. Zum Entsetzen der Klasse verkündete Hagrid, der Grund, warum die Kröter sich gegenseitig umbrächten, sei ganz einfach zu viel angestaute Energie, und die Therapie bestehe darin, daß sich jeder von ihnen einen Kröter nehme, eine Leine an ihm befestige und einen kleinen Spaziergang mit ihm mache. Das einzig Gute an Hagrids Ausführungen war, daß sie Malfoy auf andere Gedanken brachten.

»Diese Viecher spazieren führen?«, sagte er angewidert und starrte in eine der Kisten.»Und wo genau sollen wir die Leine befestigen? Um den Stachel, den Knallrumpf oder den Saugnapf?«

»Um die Mitte«, sagte Hagrid und machte es sogleich vor.»Ähm – vielleicht zieht ihr eure Drachenhauthandschuhe über, nur so zur Vorsicht, nich. Harry – komm doch mal her und hilf mir mit diesem Großen da…«

In Wahrheit wollte Hagrid ein wenig abseits von der Klasse ein Wort mit Harry wechseln.

Er wartete, bis die anderen mit ihren Krötern losmarschiert waren, dann wandte er sich Harry zu und sagte mit ernster Miene:»Also – du kämpfst mit, Harry. Im Turnier. Schul-Schämpion.«

»Einer der Champions«, berichtigte ihn Harry.

Hagrids käferschwarze Augen sahen sehr beunruhigt unter seinen wilden Brauen hervor.»Keine Ahnung, wer dich da reingebracht hat, Harry?«

»Du glaubst mir also, daß ich es nicht war?«, sagte Harry und konnte kaum verbergen, wie unendlich dankbar er für Hagrids Worte war.

»Natürlich«, grummelte Hagrid.»Du sagst, du warst es nich, und ich glaub dir – und Dumbledore glaubt dir nämlich auch.«

»Wenn ich nur wüßte, wer es wirklich war«, sagte Harry erbittert.

Sie sahen hinüber auf den Rasen; Harrys Mitschüler hatten sich weit über das Gelände verteilt und alle hatten enorme Schwierigkeiten mit den Krötern. Sie waren inzwischen über einen Meter lang und hatten gewaltige Kräfte entwickelt. Auch waren sie nicht mehr schalen- und farblos, sondern hatten eine Art dicken, gräulich glänzenden Panzer ausgebildet. Sie sahen aus wie eine Kreuzung zwischen einem Riesenskorpion und einer langen Krabbe – doch Köpfe oder Augen waren immer noch nicht zu erkennen. Wegen ihrer ungeheuren Kräfte waren sie kaum noch zu bändigen.

»Sieht ganz danach aus, als hätten sie Spaß dabei, oder?«, sagte Hagrid munter. Harry nahm an, daß er die Kröter meinte, denn seine Mitschüler hatten mit Sicherheit keinen Spaß; hin und wieder explodierte einer der Kröterrümpfe mit einem erschreckend lauten Knall, und das Geschöpf schleuderte ein paar Meter nach vorn. Nicht wenige Schüler rutschten, die Leine in der Hand, bäuchlings über den Rasen

und versuchten verzweifelt, wieder auf die Beine zu kommen.

»Ach, ich weiß nicht, Harry«, seufzte Hagrid plötzlich und sah ihn mit besorgter Miene an.»Schul-Schämpion… dir scheint auch alles in den Schoß zu fallen, oder?«

Harry antwortete nicht. Ja, alles schien ihm in den Schoß zu fallen… das war ungefähr das, was Hermine bei ihrem Spaziergang um den See gesagt hatte, und das war ihr zufolge der Grund, warum Ron nicht mehr mit ihm sprach.

* * *

Die nächsten Tage gehörten zu den schlimmsten, die Harry in Hogwarts je erlebt hatte. Ganz ähnlich war es ihm schon einmal während jener Monate ergangen, als fast alle in Hogwarts ihn verdächtigt hatten, seine Mitschüler anzugreifen. Doch damals hatte Ron auf seiner Seite gestanden. Harry hatte das Gefühl, wenn Ron nur wieder sein Freund wäre, könnte er das Verhalten der anderen leichter ertragen, doch auf keinen Fall wollte er versuchen, wieder mit Ron zu sprechen, wenn Ron selbst es nicht wollte. So blieb er einsam und bekam die Abneigung der anderen täglich zu spüren.

Die Hufflepuffs konnte er verstehen, auch wenn er es nicht gut fand, wie sie sich aufführten; immerhin hatten sie ihren eigenen Champion, den sie unterstützen mußten. Von den Slytherins erwartete er ohnehin nichts anderes als fiese Beleidigungen – dort war er seit langem verhaßt, da er bei den Gryffindors oft tatkräftig mitgeholfen hatte, die Slytherins zu besiegen, sowohl im Quidditch als auch im Schulwettkampf der Häuser. Doch er hatte daraufgesetzt, daß wenigstens die Ravenclaws sich dazu durchringen würden, ihn ebenso eifrig zu unterstützen wie Cedric. Und darin hatte er sich geirrt. Die meisten Ravenclaws schienen zu glauben, er sei nur darauf aus, noch mehr Ruhm zu ernten, und habe deshalb dem Kelch seinen Namen untergeschoben.

Hinzu kam, daß Cedric einen viel besser aussehenden Champion hergab als Harry. Cedric war mit seiner geraden Nase, seinem dunklen Haar und seinen grauen Augen ungewöhnlich hübsch, und es war schwer zu sagen, wer dieser Tage mehr Aufmerksamkeit bekam, Cedric oder Viktor Krum. Tatsächlich beobachtete Harry eines Tages beim Mittagessen dieselben Mädchen aus der sechsten Klasse, die so scharf auf Krums Autogramm gewesen waren, wie sie Cedric anflehten, seinen Namenszug auf ihre Schultaschen zu schreiben.

Unterdessen wartete er immer noch auf eine Antwort von Sirius. Hedwig weigerte sich, auch nur in seine Nähe zu kommen, Professor Trelawney sagte seinen Tod mit noch größerer Bestimmtheit als sonst voraus, und bei Professor Flitwick war er so schlecht im Aufrufezaubern, daß er noch eine Extraportion Hausaufgaben bekam – als Einziger, abgesehen von Neville.

»Im Grunde ist es gar nicht so schwer«, versuchte ihn Hermine aufzumuntern, als sie nach Flitwicks Unterricht hinausgingen – während der ganzen Stunde hatte sie irgendwelche Gegenstände durchs Zimmer und in ihre Hände fliegen lassen, als wäre sie ein merkwürdiger Magnet für Tafelschwämme, Papierkörbe und Lunaskope.»Du hast dich einfach nicht richtig konzentriert -«

»Und warum wohl?«, sagte Harry niedergeschlagen. Und in diesem Augenblick ging Cedric Diggory vorbei, umringt von einer Schar geziert lächelnder Mädchen, die Harry ansahen, als ob er ein besonders großer Knallrümpfiger Kröter wäre.»Na ja – ist doch egal, oder? Ich kann mich ja auf heute Nachmittag freuen, Doppelstunde Zaubertränke…«

Die Doppelstunde Zaubertränke war immer ein schreckliches Erlebnis, doch jetzt war es die reine Folter. Anderthalb Stunden lang mit Snape und den Slytherins in einen Kerker

gesperrt zu sein, die alle entschlossen schienen, Harry so schwer wie möglich zu bestrafen, weil er es gewagt hatte, Schul-Champion zu werden, das war so ziemlich das Unangenehmste, was Harry sich vorstellen konnte. Einen Freitag hatte er schon durchgestanden, mit Hermine an seiner Seite, die ihm ständig»Scher dich nicht drum, laß sie reden«zumurmelte, und er wußte nicht, warum es ihm heute besser ergehen sollte.

Als er nach dem Mittagessen mit Hermine vor Snapes Kerker ankam, warteten die Slytherins bereits an der Tür, und ausnahmslos alle trugen große Anstecker an den Umhängen. Einen überdrehten Moment lang dachte Harry, es seien B.ELFE.R-Anstecker – dann sah er, daß alle dieselbe Aufschrift in roten Leuchtbuchstaben trugen, die durch das Dämmerlicht des Kellergangs strahlten:

Ich bin für CEDRIC DIGGORY -

den WAHREN Hogwarts-Champion!

»Gefällt's dir, Potter?«, sagte Malfoy laut, als Harry näher trat.»Und das ist nicht alles – sieh mal!«

Er drückte mit dem Finger auf den Anstecker, die Schrift verschwand und dann erschienen leuchtend grüne Lettern:

POTTER STINKT

Die Slytherins brüllten vor Lachen. Nun drückten auch die anderen auf ihre Anstecker und schließlich leuchtete im ganzen Umkreis die Botschaft POTTER STINKT. Harry spürte, wie Hitze in ihm aufwallte und in Hals und Gesicht stieg.

»Unglaublich witzig«, sagte Hermine trocken zu Pansy Parkinson und ihrer Bande Slytherin-Mädchen, die sich besonders amüsierten,»wirklich sehr einfallsreich.«

Ron stand mit Dean und Seamus an der Wand. Er lachte nicht, doch er sprang Harry auch nicht bei.

»Willst du einen, Granger?«, sagte Malfoy und hielt ihr einen Anstecker hin.»Ich hab sie kistenweise. Aber berühr bloß nicht meine Hand. Ich hab sie gerade gewaschen und ich will nicht, daß eine Schlammblüterin sie einschleimt.«

Es war, als ob der Zorn, den Harry nun seit Tagen mit sich herumtrug, einen Damm in seiner Brust durchbrach. Er hatte seinen Zauberstab in der Hand, bevor er recht wußte, was er tat. Einige Umstehende stürzten sofort in den Kellergang davon.

»Harry!«, warnte ihn Hermine.

»Jetzt mach schon, Potter«, sagte Malfoy leise und zog ebenfalls seinen Zauberstab.»Moody ist nicht hier, um dich auf den Schoß zu nehmen – tu's doch, wenn du den Mumm dazu hast -«

Den Bruchteil einer Sekunde lang sahen sie sich in die Augen, und dann, in genau demselben Moment, griffen sie an.

»Furnunculus!«, rief Harry.

»Densaugeo!«, schrie Malfoy.

Lichtblitze schössen aus beiden Zauberstäben, trafen sich in der Luft und schleuderten sich aus der Bahn – Harrys Blitzstrahl traf Goyle im Gesicht, der Malfoys traf Hermine. Goyle jaulte auf und schlug die Hände auf seine Nase, wo große, häßliche Blasen aufquollen – Hermine, panisch wimmernd, preßte die Hände auf den Mund.

»Hermine!«Ron stürmte herbei, um zu sehen, was ihr passiert war.

Harry wandte sich um und sah, wie Ron Hermines Hände von ihrem Gesicht zog. Es war kein schöner Anblick. Hermines Vorderzähne – ohnehin schon überdurchschnittlich lang – wuchsen mit alarmierender Geschwindigkeit; mehr und mehr nahm sie das Aussehen eines Bibers an und ihre Zähne wuchsen weiter, über ihre Unterlippe hinaus, auf ihr Kinn zu – in ihrer Panik tastete sie danach und schrie von Grauen gepackt auf.

»Was soll dieser Krach hier?«, sagte eine leise, eiskalte Stimme. Snape war gekommen.

Die Slytherins redeten laut durcheinander, um ihre Sicht der Dinge loszuwerden. Snape deutete mit einem langen gelben Finger auf Malfoy und sagte:»Erkläre.«

»Potter hat mich angegriffen, Sir -«

»Wir haben uns gleichzeitig angegriffen!«, rief Harry.

»- und er hat Goyle getroffen – sehen Sie -«

Snape musterte Goyles Gesicht, das nun nach etwas aussah, das in ein Buch über Giftpilze gehörte.

»Krankenflügel, Goyle«, sagte Snape ruhig.

»Malfoy hat Hermine getroffen!«, sagte Ron.»Sehen Sie!«

Er zwang Hermine, Snape ihre Zähne zu zeigen – sie tat ihr Bestes, um sie mit den Händen zu verbergen, was jedoch schwierig war, denn jetzt waren sie schon an ihrem Kragen vorbeigewachsen. Pansy Parkinson und die anderen Slytherin-Mädchen waren hinter Snapes Rücken in die Hocke gegangen, kicherten verdruckst und deuteten mit den Fingern auf Hermine.

Snape sah Hermine kalt an, dann sagte er:»Ich sehe keinen Unterschied.«

Hermine ließ ein Wimmern hören; ihre Augen füllten sich mit Tränen, sie drehte sich auf den Fersen um und rannte, rannte in den Kellergang hinein und verschwand.

Vielleicht war es ein Glück, daß Harry und Ron gleichzeitig begannen Snape anzuschreien; ein Glück, daß ihr Geschrei an den steinernen Kellerwänden widerhallte, denn aus dem lauten Stimmengewirr konnte Snape nicht genau heraushören, als was sie ihn alles beschimpften. Das Wesentliche allerdings bekam er mit.

»Schauen wir mal«, sagte er, ölig wie noch nie.»Fünfzig Punkte Abzug für Gryffindor und Nachsitzen für Potter und Weasley. Jetzt aber rein oder ihr bleibt eine Woche im Keller.«

In Harrys Ohren rauschte es. So ungerecht war das alles, daß er Snape am liebsten in tausend schleimige Stücke zerflucht hätte. Er ging an Snape vorbei und an Rons Seite in den hinteren Teil des Kerkers, wo er seine Tasche auf einen Tisch knallte. Auch Ron bebte vor Zorn – einen Moment lang hatte Harry das Gefühl, alles sei wieder wie früher, doch dann wandte sich Ron ab, ließ ihn allein am Tisch zurück und setzte sich zu Dean und Seamus. Vorn in der ersten Reihe drehte Malfoy Snape den Rücken zu, grinste und drückte auf seinen Anstecker. POTTER STINKT flammte durch den Kerker.

Harry saß da und starrte Snape an, der zu reden begonnen hatte, und er stellte sich vor, daß Snape schreckliche Dinge zustießen… wenn er nur wüßte, wie dieser Cruciatus-Fluch funktionierte… er würde Snape flach auf den Rücken legen wie diese Spinne und zucken und zappeln lassen…

»Gegengifte!«, sagte Snape und sah sie mit bedrohlich funkelnden kalten schwarzen Augen an.»Ihr solltet inzwischen eure Rezepte vorbereitet haben. Ihr werdet jetzt mit aller Sorgfalt eure Tinkturen zubereiten, und dann werden wir jemanden aussuchen, an dem wir eine davon ausprobieren…«

Snape suchte Harrys Blick, und Harry wußte genau, was ihm bevorstand. Snape würde ihn vergiften. Harry sah sich schon seinen Kessel packen, nach vorn spurten und ihn über Snapes fettigen Kopf stülpen -

Und dann riß ihn ein Klopfen an der Tür aus den Gedanken.

Es war Colin Creevey; er streckte den Kopf durch den Türspalt, strahlte in Harrys Richtung und ging nach vorn zu Snapes Tisch.

»Ja?«, sagte Snape schroff.

»Bitte, Sir, ich soll Harry Potter nach oben bringen.«

Snape sah an seiner Hakennase entlang hinunter auf Colin, dem das Lächeln auf dem begeisterten Gesicht sofort gefror.

»Potter hat hier noch eine Stunde Zaubertränke abzusitzen«, sagte Snape kalt.»Er wird nach oben kommen, wenn der Unterricht zu Ende ist.«

Colin lief rosa an.

»Sir – Sir, Mr Bagman will ihn sprechen«, sagte er aufgeregt.»Alle Champions müssen kommen, ich glaube, sie wollen Fotos von ihnen machen…«

Harry hätte alles gegeben, was er besaß, wenn Colin nur nicht die letzten Worte ausgesprochen hätte. Aus den Augenwinkeln sah er zu Ron hinüber, doch Ron starrte verbissen an die Decke.

»Von mir aus«, fauchte Snape.»Potter, laß deine Sachen hier, du kommst so schnell wie möglich zurück, ich will dein Gegengift testen.«

»Bitte, Sir, er muß seine Sachen mitnehmen«, piepste Colin.»Alle Champions -«

»Schon gut!«, blaffte Snape.»Potter, nimm deine Tasche und verschwinde hier!«

Harry warf sich die Tasche über die Schulter, stand auf und ging eilig auf die Tür zu. Als er zwischen den Tischen der Slytherins hindurchging, blinkte ihn von allen Seiten POTTER STINKT an.

»Ist das nicht toll, Harry?«, sagte Colin, kaum hatte Harry die Kerkertür hinter sich geschlossen.»Oder, Harry? Daß du Champion bist!«

»Ja, echt toll«, sagte Harry matt, während sie die Stufen zur Eingangshalle hochgingen.»Wozu brauchen sie Fotos, Colin?«

»Für den Tagespropheten, glaub ich!«

»Großartig«, sagte Harry lahm.»Genau das, was mir fehlt. Noch mehr Rummel.«

»Viel Glück!«, sagte Colin, als sie vor dem Raum standen. Harry klopfte und trat ein.

Es war ein recht kleines Klassenzimmer; die meisten Tische waren nach hinten an die Wand gerückt worden, um in der Mitte viel Platz zu schaffen; drei Tische jedoch waren längs der Tafel aufgestellt und mit einem langen samtenen Tuch bedeckt. Fünf Stühle standen hinter diesen Tischen und auf einem davon saß Ludo Bagman und unterhielt sich mit einer Hexe in magentarotem Umhang. Harry hatte sie noch nie gesehen. Viktor Krum stand wie immer mißgelaunt in einer Ecke und sprach mit niemandem. Cedric und Fleur unterhielten sich. Fleur sah um einiges glücklicher aus, als Harry sie bisher gesehen hatte; immer wieder, wenn sie den Kopf zurückwarf, leuchtete ihr langes Silberhaar im Licht auf. Ein dickbauchiger Mann mit einer großen schwarzen Kamera in der Hand, aus der es ein wenig rauchte, beobachtete Fleur aus den Augenwinkeln.

Bagman, der plötzlich bemerkt hatte, daß Harry eingetreten war, sprang auf und kam beschwingt auf ihn zu.»Aah, da ist er ja! Unser Champion Nummer vier! Komm herein, Harry, immer rein mit dir… keine Sorge, es geht nur um die Eichung der Zauberstäbe, die anderen Schiedsrichter werden gleich da sein -«

»Eichung der Zauberstäbe?«, fragte Harry nervös.

»Wir müssen prüfen, ob eure Zauberstäbe in Ordnung sind und keine Probleme machen, da sie doch die wichtigsten Werkzeuge für die kommenden Aufgaben sind«, sagte Bagman.»Der Fachmann ist gerade oben bei Dumbledore. Und dann gibt es noch einen kleinen Fototermin. Darf ich vorstellen, Rita Kimmkorn«, fügte er hinzu und wies auf die Hexe mit dem magentaroten Umhang,»sie schreibt für den Tagespropheten einen kleinen Artikel über das Turnier…«

»Vielleicht nicht ganz so klein, Ludo«, sagte Rita Kimmkorn, die Augen auf Harry gerichtet.

Sie hatte eine kunstvolle und auffällig steife Lockenfrisur, die überhaupt nicht zu ihrem schwerkiefrigen Gesicht passen wollte, und trug eine juwelenbesetzte Brille. Ihre dicken Finger, die den Griff einer Krokodillederhandtasche umklammerten, endeten in fünf Zentimeter langen, karmesinrot lackierten Fingernägeln.

»Wäre es vielleicht möglich, daß ich rasch ein Wort mit Harry wechsle, bevor wir anfangen?«, fragte sie Bagman, ohne den Blick von Harry abzuwenden.»Der jüngste Champion, Sie wissen schon… damit das Ganze ein wenig Pep kriegt?«

»Natürlich!«, rief Bagman.»Das heißt – wenn Harry keine Einwände hat?«

»Ähm -«, sagte Harry.

»Wunderbar«, sagte Rita Kimmkorn, und schon hatten ihre knallroten Krallenfinger Harry überraschend fest am Oberarm gepackt. Sie bugsierte ihn hinaus auf den Gang und öffnete eine Tür nebenan.

»Dort drin ist es doch viel zu laut für uns«, sagte sie.»Sehen wir mal… ah ja, hier ist es nett und gemütlich.«

Es war ein Besenschrank. Harry starrte sie an.

»Komm mit, mein Lieber – so ist es recht – wunderbar«, sagte Rita Kimmkorn, ließ sich vorsichtig auf einem umgekippten Eimer nieder, drückte Harry hinunter auf einen Pappkarton und schloß die Tür. Es war stockdunkel.»Wollen mal sehen…«

Sie ließ ihre Krokodillederhandtasche aufschnappen und zog eine Hand voll Kerzen heraus, die sie mit einem Schlenker ihres Zauberstabs entzündete und in der Luft schweben ließ, so daß sie sehen konnten, was sie taten.

»Du hast doch nichts dagegen, Harry, wenn ich eine Flotte-Schreibe-Feder benutze? Dann kann ich in aller Ruhe mit dir reden…«

»Eine was?«

Rita Kimmkorns Lächeln wurde immer breiter. Harry zählte drei Goldzähne. Sie steckte die Hand erneut in die Krokodilledertasche und zog eine lange giftgrüne Feder und eine Rolle Pergament hervor, die sie auf einer Lattenkiste mit Mrs Skowers Magischem Allzweckreiniger zwischen ihr und Harry ausrollte. Sie nahm die Spitze der grünen Feder in den Mund, saugte kurz mit offensichtlichem Genuß daran, dann stellte sie die Feder senkrecht auf das Pergament, wo sie zitternd auf der Spitze stehen blieb.

»Probe… mein Name ist Rita Kimmkorn, Reporterin des Tagespropheten.«

Harry sah rasch hinunter auf die Feder. Kaum hatte Rita Kimmkorn den Mund zugemacht, begann die grüne Feder schwungvoll über das Pergament zu fliegen:

Die attraktive Rita Kimmkorn (43), deren feurige Feder manch einen aufgeblähten Ruf durchlöchert hat -

»Wunderbar«, sagte Rita Kimmkorn erneut, riß das beschriebene Stück Pergament ab, zerknüllte es und steckte es in ihre Handtasche. Dann beugte sie sich zu Harry hinüber und sagte:»Nun, Harry… warum hast du dich entschlossen, am Trimagischen Turnier teilzunehmen?«

»Ähm -«, sagte Harry, doch die Feder lenkte ihn ab. Obwohl er gar nichts sagte, flitzte sie über das Pergament und hinterließ als Spur einen frischen Satz:

Eine häßliche Narbe, Erinnerung an seine tragische Vergangenheit, entstellt den ansonsten durchaus reizenden Harry Potter, dessen Augen -

»Achte nicht auf die Feder, Harry«, sagte Rita Kimmkorn gebieterisch. Zögernd sah Harry zu ihr auf.»Nun – warum hast du beschlossen, am Turnier teilzunehmen, Harry?«

»Das hab ich nicht«, sagte Harry.»Ich weiß nicht, wie mein Name in den Feuerkelch geraten ist. Ich hab ihn jedenfalls nicht eingeworfen.«

Rita Kimmkorn hob eine mit kräftigem Stift nachgezogene Augenbraue.»Komm schon, Harry, du brauchst keine Angst zu haben, daß du Schwierigkeiten bekommst. Wir wissen alle, daß du dich eigentlich gar nicht hättest bewerben dürfen. Aber mach dir darüber keine Gedanken. Unsere Leser stehen auf Rebellen.«

»Aber ich habe mich wirklich nicht beworben«, wiederholte Harry.»Ich weiß nicht, wer -«

»Welches Gefühl hast du, wenn du an die kommenden Aufgaben denkst?«, fragte Rita Kimmkorn.»Bist du aufgeregt? Nervös?«

»Im Grunde hab ich noch nicht darüber nachgedacht… Jaah, nervös vielleicht schon«, sagte Harry. Sein Magen verkrampfte sich schmerzhaft, während er sprach.

»Es sind schon Champions gestorben!«, sagte Rita Kimmkorn munter.»Hast du überhaupt schon daran gedacht?«

»Na ja… sie sagen, es sei dieses Jahr viel sicherer«, sagte Harry.

Die Feder sauste über das Pergament zwischen ihnen, vor und zurück, als würde sie Schlittschuh laufen.

»Natürlich hast du dem Tod schon einmal ins Angesicht geblickt, nicht?«, sagte Rita Kimmkorn und musterte ihn scharf.»Wie, würdest du sagen, hat dich das persönlich betroffen gemacht?«

»Ähm«, sagte Harry noch einmal.

»Glaubst du, daß dich das Trauma deiner Kindheit dazu führt, dich immer von neuem beweisen zu wollen? Deinem Namen alle Ehre zu machen? Bist du vielleicht der Versuchung erlegen, am Trimagischen Turnier teilzunehmen, weil -«

»Ich hab mich nicht beworben!«, sagte Harry und spürte, wie Zorn in ihm hochkochte.

»Kannst du dich überhaupt an deine Eltern erinnern?«, fragte Rita Kimmkorn, ohne auf ihn einzugehen.

»Nein«, sagte Harry.

»Wie, glaubst du, würden deine Eltern sich fühlen, wenn sie wüßten, daß du am Trimagischen Turnier teilnimmst? Stolz? Besorgt? Wütend?«

Jetzt ging sie Harry entschieden auf die Nerven. Woher um Himmels willen sollte er wissen, wie sich seine Eltern fühlen würden, wenn sie noch lebten? Er spürte, daß ihn Rita Kimmkorn scharf beobachtete. Er runzelte die Stirn, mied ihren Blick und sah hinunter auf das, was die Feder gerade geschrieben hatte:

Tränen erfüllen diese verblüffend grünen Augen, sobald unser Gespräch sich den Eltern zuwendet, an die er sich kaum noch erinnern kann.

»Ich habe KEINE Tränen in den Augen!«, sagte Harry laut.

Bevor Rita Kimmkorn ein Wort sagen konnte, ging die Tür des Besenschranks auf. Harry drehte sich um und blinzelte gegen das helle Licht. Draußen stand Albus Dumbledore und sah hinunter auf sie beide, wie sie da im Besenschrank eingepfercht saßen.

»Dumbledore!«, rief Rita Kimmkorn, allem Anschein nach höchst erfreut – doch Harry bemerkte, daß Feder und Pergament auf einmal von der Kiste mit dem Magischen Allzweckreiniger verschwunden waren und Ritas Klauenfinger den Verschluß ihrer Krokodilledertasche hastig zuklicken ließen.»Wie geht es Ihnen?«, sagte sie, stand auf und streckte Dumbledore eine ihrer großen, männlichen Hände entgegen.»Ich hoffe, Sie haben im Sommer meinen Artikel über die Konferenz der Internationalen Zauberervereinigung gelesen?«

»Bezaubernd gehässig«, sagte Dumbledore mit funkelnden Augen.»Besonders gefallen hat mir Ihre Beschreibung meiner Person als eines in die Jahre gekommenen, altmodischen Narren.«

Rita Kimmkorn schien es nicht im Entferntesten peinlich zu sein.»Ich wollte eigentlich nur sagen, daß manche Ihrer Vorstellungen ein wenig veraltet sind, Dumbledore, und daß viele Zauberer, die man so auf der Straße trifft -«

»Mit Vergnügen würde ich mir die Gründe für diese Gemeinheit anhören, Rita«, sagte Dumbledore lächelnd und verbeugte sich höflich,»aber ich fürchte, wir müssen diese Dinge auf später verschieben. Die Eichung beginnt gleich, und wir können nicht anfangen, solange einer der Champions in einem Besenschrank versteckt ist.«

Erleichtert, endlich von Rita Kimmkorn loszukommen, ging Harry eilig zurück in das Klassenzimmer. Die anderen Champions hatten inzwischen auf Stühlen in der Nähe der Tür Platz genommen und er setzte sich rasch neben Cedric. Drüben an den samtbedeckten Tischen saßen jetzt vier der fünf Richter – Professor Karkaroff, Madame Maxime, Mr Crouch und Ludo Bagman. Rita Kimmkorn ließ sich in einer Ecke nieder; Harry sah, wie sie das Pergament hastig wieder aus der Tasche holte, es auf ihren Knien ausbreitete, an der Spitze der Flotte-Schreibe-Feder nuckelte und sie dann auf das Pergament stellte.

»Darf ich Ihnen Mr Ollivander vorstellen?«, wandte sich Dumbledore an die Champions, als er seinen Platz am Schiedsrichtertisch einnahm.»Er wird Ihre Zauberstäbe prüfen, um sicherzustellen, daß sie vor dem Turnier in gutem Zustand sind.«

Harry wandte den Blick und zuckte überrascht zusammen, als er einen alten Zauberer mit großen, blassen Augen schweigend am Fenster stehen sah. Er hatte Mr Ollivander schon einmal getroffen – er war der Zauberstabmacher aus der Winkelgasse, bei dem Harry vor über drei Jahren seinen Zauberstab gekauft hatte.

»Mademoiselle Delacour, dürfen wir Sie als Erste nach vorn bitten?«, sagte Mr Ollivander und schritt auf den freien Platz in der Mitte des Zimmers zu.

Fleur Delacour schwebte hinüber zu Mr Ollivander und reichte ihm ihren Zauberstab.

»Hmmm…«, sagte er.

Er wirbelte den Zauberstab durch die Finger wie einen Taktstock und ein paar rosa und goldene Funken sprühten aus seiner Spitze hervor. Dann hob er ihn dicht an die Augen und untersuchte ihn sorgfältig.

»Ja«, sagte er leise,»neuneinhalb Zoll… unbiegsam… Rosenholz… und er enthält… meine Güte…«

»Ein 'aar vom Kopf einer Veela«, sagte Fleur.»Eine meiner Großmütter.«

Also war Fleur doch eine Art Veela, dachte Harry und nahm sich fest vor, es gleich nachher Ron zu erzählen… dann fiel ihm ein, daß Ron ja nicht mehr mit ihm sprach.

»Ja«, sagte Mr Ollivander,»ja, ich persönlich habe natürlich nie Veela-Haare verwendet. Ich finde, das ergibt doch recht eigenwillige Zauberstäbe… nun, für jeden gibt's den richtigen, und wenn er zu Ihnen paßt…«

Mr Ollivander fuhr mit dem Finger über den Zauberstab, offenbar auf der Suche nach Kratzern oder Höckern; dann murmelte er»Orchideus!«und ein Strauß Blumen brach aus der Stabspitze hervor.

»Sehr schön, sehr schön, zum Arbeiten völlig geeignet«, sagte Mr Ollivander, bündelte die Blumen zu einem Strauß und überreichte ihn Fleur zusammen mit ihrem Zauberstab.»Mr Diggory, Sie sind dran.«

Fleur schwebte zu ihrem Platz zurück, nicht ohne Cedric im Vorbeigehen ein Lächeln zu schenken.

»Ah, das ist einer von mir, nicht wahr?«, sagte Mr Ollivander mit deutlich größerer Begeisterung, als ihm Cedric den Zauberstab reichte.»Ja, ich erinnere mich noch gut daran. Er enthält ein einziges Schwanzhaar eines besonders gut gewachsenen Einhorns… muß an die siebzehn Handbreit lang gewesen sein; hat mich mit seinem Horn fast noch aufgespießt, nachdem ich an seinem Schwanz gezupft hatte. Zwölfeinviertel Zoll… Esche… federt ganz hübsch. Ist ja in bestem Zustand… du pflegst ihn regelmäßig?«

»Hab ihn gestern Abend noch poliert«, sagte Cedric grinsend.

Harry sah auf seinen eigenen Zauberstab hinab. Überall waren Fingerabdrücke zu sehen. Er hob den Saum seines Umhangs vom Knie, ballte ihn zusammen und versuchte den Zauberstab möglichst unauffällig zu putzen. Einige Goldfunken schössen aus seiner Spitze hervor. Fleur Delacour versetzte ihm einen recht mitleidigen Blick und daraufhin ließ er es bleiben.

Mr Ollivander ließ einen Strom silberner Rauchringe aus der Spitze von Cedrics Zauberstab durchs Zimmer schweben, erklärte sich zufrieden und sagte dann:»Mr Krum, wenn ich bitten darf.«

Viktor Krum stand auf und schlurfte plattfüßig und mit hängenden Schultern zu Mr Ollivander hinüber. Er riß seinen Zauberstab hervor, steckte die Hände in die Taschen und wartete mit finsterem Blick.

»Hmm«, sagte Mr Ollivander,»das ist doch einer von Gregorowitsch, wenn ich mich nicht irre? Ein guter Zauberstabmacher, auch wenn mir die Gestaltung nicht immer ganz… allerdings…«

Er hob den Zauberstab an die Augen und drehte ihn einige Male mit prüfendem Blick.

»Ja… Weißbuche und Drachenherzfaser?«, sagte er dann plötzlich, und Krum nickte.»Doch um einiges dicker, als man ihn sonst zu sehen bekommt… recht steif… zehnein-viertel Zoll… Avis!«

Der Weißbuchenstab knallte wie ein Gewehr, und ein paar kleine Vögel flogen zwitschernd aus seiner Spitze hervor und durch das offene Fenster hinauf in den wolkenverhangenen Himmel.

»Gut«, sagte Mr Ollivander und gab Krum den Zauberstab zurück.»Jetzt bleibt nur noch… Mr Potter.«

Harry stand auf und ging an Krum vorbei zu Mr Ollivander. Er reichte ihm seinen Zauberstab.

»Aaaah, ja«, sagte Mr Ollivander, und seine blassen Augen begannen plötzlich zu leuchten.»Ja, ja, ja. Wie gut ich mich noch erinnere.«

Auch Harry erinnerte sich noch. Er sah es vor sich, als wäre es gestern gewesen…

Vor vier Sommern, an seinem elften Geburtstag, war er zusammen mit Hagrid in Mr Ollivanders Laden gekommen, um einen Zauberstab zu kaufen. Mr Ollivander hatte seine Maße genommen und ihm dann einige Zauberstäbe zum Ausprobieren gegeben. Harry hatte, wie es ihm vorkam, jeden einzelnen Zauberstab im Laden geschwungen, bis er endlich den gefunden hatte, der zu ihm paßte – dieser hier, der aus dem Holz einer Stechpalme gefertigt war und eine einzige Feder vom Schwanz eines Phönix enthielt. Mr Ollivander war sehr überrascht gewesen, daß Harry so gut zu diesem Zauberstab paßte.»Sehr seltsam«, hatte er gesagt,»… seltsam«, und erst als Harry fragte, was denn so seltsam sei, hatte Mr Ollivander erklärt, daß die Phönixfeder vom selben Vogel stammte, von dem auch die Feder des Zauberstabs von Lord Voldemort kam.

Harry hatte dieses Wissen nie mit jemandem geteilt. Ihm gefiel sein Zauberstab sehr gut, und was ihn anging, war seine Beziehung zu Lord Voldemorts Zauberstab etwas, für das er nichts konnte – genauso, wie er nichts für seine Verwandtschaft mit Tante Petunia konnte. Allerdings hoffte er inständig, daß Mr Ollivander nicht gleich allen verkünden würde, was es mit dem Zauberstab auf sich hatte. Er hatte das komische Gefühl, Rita Kimmkorns Flotte-SchreibeFeder würde sich dann vor Begeisterung geradezu selbst zerfleddern.

Mr Ollivander wendete für Harrys Zauberstab viel mehr Zeit auf als für die anderen. Schließlich jedoch ließ er eine Weinfontäne daraus hervorsprudeln und gab ihn Harry mit der Bemerkung zurück, er sei immer noch in tadellosem Zustand.

»Ich danke allen«, sagte Dumbledore am Richtertisch und erhob sich.»Sie können jetzt wieder in den Unterricht zurück – oder vielleicht wäre es besser, wenn Sie gleich runter zum Essen gehen, da es ohnehin bald Zeit ist -«

Harry, der das Gefühl hatte, daß heute wenigstens einmal etwas gut gelaufen war, erhob sich und wollte gerade hinausgehen, als der Mann mit der schwarzen Kamera aufsprang und sich räusperte.

»Fotos, Dumbledore, Fotos!«, rief Bagman aufgeregt.»Alle Richter und Champions. Was halten Sie davon, Rita?«

»Ähm – ja, erst das Gruppenfoto«, sagte Rita Kimmkorn, den Blick erneut auf Harry gerichtet.»Und dann vielleicht ein paar Einzelaufnahmen.«

Die Aufnahmen kosteten viel Zeit. Madame Maxime, wo immer sie auch stand, stellte alle anderen in den Schatten, und der Fotograf bekam sie nicht ganz aufs Bild, weil er beim Zurückgehen hinten an die Wand stieß; schließlich mußte sie sich setzen, während sich die anderen um sie herum aufstellten; Karkaroff wickelte ständig seinen Spitzbart um die Finger, um ihm einen zusätzlichen Kringel zu verpassen; Krum, von dem Harry gedacht hatte, er müsse an solche Auftritte gewöhnt sein, drückte sich halb verdeckt im Hintergrund herum. Der Fotograf schien vor allem erpicht darauf, Fleur im Vordergrund zu haben, doch Rita Kimmkorn rannte ständig herbei und zerrte Harry nach vorn, damit er besser ins Bild kam. Dann bestand sie auf Einzelfotos aller Champions. Und endlich konnten sie gehen.

Harry ging hinunter zum Mittagessen. Hermine war nicht da – er nahm an, daß sie immer noch im Krankenflügel war und sich die Zähne wieder in Ordnung bringen ließ. Er aß für sich allein am Tischende, dann kehrte er zum Gryffindor-Turm zurück, in Gedanken bei all den zusätzlichen Arbeiten, die er für die Aufrufezauber erledigen mußte. Oben im Schlafsaal stieß er auf Ron.

»Du hast eine Eule«, sagte Ron brüsk, sobald Harry hereinkam. Er deutete auf Harrys Kissen. Dort wartete die Schleiereule der Schule auf ihn.

»Oh – gut«, sagte Harry.

»Und wir müssen morgen Abend nachsitzen, in Snapes Kerker«, sagte Ron.

Dann ging er hinaus, ohne Harry auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen. Einen Moment lang wollte Harry ihm nachlaufen – er war sich nicht sicher, ob er mit ihm reden oder ihm eine reinhauen sollte, beides schien seine Reize zuhaben -, doch der Drang, Sirius' Antwort zu lesen, war zu stark. Harry ging hinüber zu der Schleiereule, nahm ihr den Brief vom Bein und rollte ihn auf.

Harry,

ich kann in einem Brief nicht alles sagen, was ich möchte, es ist zu riskant, falls die Eule abgefangen wird – wir müssen unter vier Augen miteinander reden. Kannst du dafür sorgen, daß du am 22. November um ein Uhr morgens allein am Kamin im Gryffindor-Turm bist?

Ich weiß besser als alle anderen, daß du auf dich selbst aufpassen kannst, und solange Dumbledore und Moody in deiner Nähe sind, glaube ich nicht, daß dir einer was antun kann. Doch genau daraufscheint sich jemand mit allen Mitteln vorzubereiten. Dich ins Turnier zu schmuggeln, und dazu noch unter Dumbledores Nase, muß sehr gefährlich gewesen sein.

Sei auf der Hut, Harry. Ich möchte weiterhin über alles Ungewöhnliche unterrichtet werden. Laß mir wegen des 22. November so rasch wie möglich eine Nachricht zukommen.

Sirius

Der Ungarische Hornschwanz

Die Aussicht, bald mit Sirius sprechen zu können, war alles, was Harry während der nächsten zwei Wochen bei Laune hielt, es war der einzige helle Fleck an einem Horizont, der so dunkel war wie noch nie. Den Schock, plötzlich Schul-Champion zu sein, hatte er inzwischen halbwegs verkraftet, doch allmählich kroch die Angst vor dem Kommenden in ihm hoch. Der Tag der ersten Aufgabe rückte immer näher; er hatte das Gefühl, ein widerliches Monster würde auf ihn zukrauchen und ihm den Weg versperren. Wie ihm jetzt die Nerven flatterten, war überhaupt nicht mit dem zu vergleichen, was er vor irgendeinem Quidditch-Spiel durchgemacht hatte, nicht einmal vor seinem letzten gegen die Slytherins, bei dem es um den Pokal gegangen war. Harry fiel es schwer, überhaupt an die Zukunft zu denken, er hatte das Gefühl, sein ganzes Leben wäre geradewegs auf diese erste Aufgabe zugelaufen und würde mit ihr auch enden…

Wie er sich eingestand, hatte er keine Ahnung, wie Sirius ihn eigentlich aufmuntern sollte, da er doch vor Hunderten von Zuschauern einen unbekannten, schwierigen und gefährlichen Zauber bewältigen mußte, doch der bloße Anblick eines freundlichen Gesichts war immerhin schon etwas. Harry antwortete Sirius, er würde zur vorgeschlagenen Zeit am Kamin des Gemeinschaftsraums sein, und er überlegte mit Hermine lange hin und her, wie sie es anstellen könnten, in dieser Nacht etwaige Trödler zu vertreiben. Wenn alles andere schief gehen sollte, würden sie es mit einem Sack voll Stinkbomben versuchen, doch sie hofften, das würde ihnen erspart bleiben – Filch würde sie bei lebendigem Leibe häuten.

Unterdessen wurde das Leben in den Mauern des Schlosses noch schwerer für Harry, denn Rita Kimmkorn hatte ihren Bericht über das Trimagische Turnier veröffentlicht, und wie sich herausstellte, war es weniger ein Bericht über das Turnier als eine in grellen Farben gemalte Lebensgeschichte Harrys. Ein Foto von Harry nahm einen großen Teil der Titelseite ein; der Artikel (fortgesetzt auf den Seiten zwei, sechs und sieben) drehte sich einzig und allein um Harry, die Namen der Champions von Beauxbatons und Durmstrang (alle falsch geschrieben) waren in die letzte Zeile gequetscht worden und Cedric wurde überhaupt nicht erwähnt.

Der Artikel war vor zehn Tagen erschienen, und noch immer brannte Harry vor Scham der Magen, wenn er daran dachte. Rita Kimmkorn zufolge hatte er dies und das und jenes gesagt, doch er konnte sich nicht erinnern, solche Worte jemals im Leben gebraucht zu haben, und schon gar nicht in diesem Besenschrank.

»Ich glaube, es sind meine Eltern, die mir Kraft geben, ich weiß, sie würden sehr stolz auf mich sein, wenn sie mich jetzt sehen könnten… ja, nachts weine ich manchmal noch, wenn ich an sie denke, ich schäme mich nicht, das zuzugeben… Ich weiß, daß mir im Turnier nichts zustoßen kann, denn sie wachen über mich…«

Doch Rita Kimmkorn hatte nicht nur seine»Ähms«in lange, Übelkeit erregende Sätze verwandelt: Sie hatte auch andere über ihn ausgefragt:

Harry hat in Hogwarts endlich die Liebe gefunden. Sein enger Freund, Colin Creevey, berichtet, daß Harry fast ständig in Begleitung Hermine Grangers zu sehen ist, eines umwerfend hübschen muggelstämmigen Mädchens, das wie Harry zu den besten Schülern des Internats gehört.

Kaum war der Artikel erschienen, mußte es Harry über sich ergehen lassen, daß seine Mitschüler – vor allem Slytherins – lauthals Sätze daraus vorlasen, wenn er an ihnen vorbeiging, und dazu noch ihre hämischen Kommentare abgaben.

»Willst vielleicht 'n Taschentuch, Harry, falls du in Verwandlung zu heulen anfängst?«

»Seit wann bist du einer der Spitzenschüler des Internats, Potter? Oder soll das eine Schule sein, die du zusammen mit Longbottom gegründet hast?«

»Hallo – Harry!«, rief jemand im Korridor.

»Ja, ist schon gut«, schrie Harry plötzlich zu seiner eigenen Überraschung und wirbelte herum. Er hatte es jetzt satt.»Ich hab mir gerade die Augen ausgeheult wegen meiner toten Mama und will jetzt gleich noch ein wenig weiterweinen…«

»Nein – ich meinte doch nur – du hast deine Feder verloren.«

Es war Cho. Harry spürte, wie er rot anlief.

»Oh – danke – tut mir Leid«, nuschelte er und hob die Feder auf.

»Hmmh… und viel Glück am Dienstag«, sagte sie.»Ich drück dir die Daumen, daß es gut geht.«

Und Harry stand ziemlich bedröppelt da.

Auch Hermine war nicht zu kurz gekommen und hatte einiges an Gemeinheiten schlucken müssen, doch noch war es nicht so weit, daß sie völlig unbeteiligte Zuschauer anschrie; Harry bewunderte sie in Wahrheit zutiefst für ihre Art, mit der schwierigen Situation umzugehen.

»Umwerfend hübsch? Die?«, hatte Pansy Parkinson gekreischt, als sie Hermine nach dem Erscheinen von Rita Kimmkorns Artikel zum ersten Mal begegnet war.»Im Vergleich zu was denn – einem Eichhörnchen?«

»Einfach nicht beachten«, sagte Hermine kühl, reckte das Kinn und stapfte an den giggelnden Slytherin-Mädchen vorbei, als wäre sie taub für deren Worte.»Ist doch schnuppe, Harry.«

Doch Harry war es nicht schnuppe. Ron hatte kein Wort mehr mit ihm geredet, seit er ihm gesagt hatte, wann sie bei Snape nachsitzen mußten. Harry hatte schon halb gehofft, daß sie in den zwei Stunden, in denen sie in Snapes Keller Rattenhirne einpökeln mußten, ihren Streit aus der Welt schaffen würden, doch an diesem Tag war Ritas Artikel erschienen und er schien Rons Glaube bestärkt zu haben, daß Harry all die Aufmerksamkeit so richtig genoß.

Hermine war wütend auf sie beide; sie ging vom einen zum anderen und versuchte sie zu zwingen, wieder miteinander zu reden, doch Harry wollte nicht nachgeben: Er würde erst dann wieder mit Ron reden, wenn Ron zugab, daß Harry seinen Namenszettel nicht in den Feuerkelch geworfen hatte, und sich dafür entschuldigte, daß er ihn einen Lügner genannt hatte.

»Ich hab ja nicht damit angefangen«, sagte Harry eisern.»Das ist sein Problem.«

»Du vermißt ihn doch!«, sagte Hermine ungeduldig.»Und ich weiß, daß er dich vermißt -«

»Ich und ihn vermissen?«, sagte Harry.»Ich vermisse ihn überhaupt nicht…«

Doch das war schlicht gelogen. Harry mochte Hermine sehr, doch mit Ron war es einfach anders. Mit Hermine statt Ron als bestem Freund gab es viel weniger zu lachen und sie saßen viel länger in der Bibliothek herum. Harry beherrschte die Aufrufezauber immer noch nicht, etwas in ihm schien sich sogar dagegen zu sperren, und Hermine beteuerte unablässig, die Anleitungen in den Büchern würden ihm bestimmt helfen. So verbrachten sie fast die ganzen Mittagspausen damit, in der Bibliothek über Wälzern zu brüten.

Auch Viktor Krum war auffällig oft in der Bibliothek, und Harry fragte sich, was er im Sinn hatte. Lernte er oder suchte er nach einem Buch, das ihm bei der ersten Aufgabe helfen würde? Hermine beklagte sich häufig, wenn Krum da war – nicht etwa, weil er sie je gestört hätte, sondern weil immer wieder Scharen kichernder Mädchen auftauchten und ihn hinter Bücherregalen versteckt beobachteten, und Hermine fand den ganzen Rummel einfach lästig.

»Er sieht nicht mal gut aus!«, zischelte sie und warf Krums Profil einen finsteren Blick zu.»Sie stehen doch nur auf ihn, weil er berühmt ist! Sie würden ihn doch keines Blickes würdigen, wenn er nicht diesen Wanzki-Stuß beherrschen würde -«

»Wronski-Bluff«, sagte Harry zähneknirschend. Ganz abgesehen davon, daß er Wert darauf legte, sorgfältig mit Quidditch-Begriffen umzugehen, gab ihm auch der Gedanke einen Stich, was für ein Gesicht Ron wohl machen würde, wenn er Hermine vom Wanzki-Stuss reden hörte.

* * *

Es ist merkwürdig, doch wenn man schreckliche Angst vor etwas hat und alles dafür geben würde, den Lauf der Zeit zu verlangsamen, hat dieses Etwas die lästige Gewohnheit, noch schneller zu kommen. Die Tage bis zur ersten Aufgabe glitten dahin, als ob sich jemand an den Uhren zu schaffen gemacht hätte und diese jetzt doppelt so schnell liefen. Wohin er auch ging, Harry ließ das Gefühl kaum beherrschter Panik nicht los, es begleitete ihn genauso hartnäckig wie der Spott über den Artikel im Tagespropheten.

An dem Samstag vor der ersten Aufgabe durften alle Schüler ab der dritten Klasse das Dorf Hogsmeade besuchen. Hermine erklärte Harry, es würde ihm gut tun, für eine Weile aus dem Schloß zu kommen, und Harry ließ sich nicht lange bitten.

»Aber was ist mit Ron?«, sagte er.»Willst du nicht mit ihm gehen?«

»Oh… na ja…«Hermine lief rosa an.»Ich dachte, wir könnten uns mit ihm in den Drei Besen treffen…«

»Nein«, sagte Harry nur.

»Ach, Harry, das ist doch bescheuert -«

»Ich komm mit, aber mit Ron treffe ich mich nicht, und ich trage meinen Tarnurnhang.«

»Na gut, von mir aus…«, fauchte Hermine,»aber ich kann es nicht ausstehen, mit dir zu reden, wenn du in diesem Umhang steckst, wo ich doch nie weiß, ob ich dich jetzt ansehe oder nicht.«

Also zog Harry im Schlafsaal seinen Tarnurnhang an, ging wieder nach unten und machte sich zusammen mit Hermine auf den Weg nach Hogsmeade.

Unter diesem Umhang fühlte sich Harry wunderbar frei; er beobachtete, wie die anderen Schüler an ihnen vorbei ins Dorf gingen, die meisten mit CEDRIC DIGGORY-Ansteckern auf der Brust, doch zur Abwechslung mußte er sich keine hämischen Bemerkungen anhören und niemand las aus diesem fürchterlichen Artikel vor.

»Mich starren die Leute jetzt ständig an«, sagte Hermine mißgelaunt, als sie aus dem Honigtopf kamen und sich über die großen sahnegefüllten Schokoriegel hermachten.»Sie glauben, ich führe Selbstgespräche.«

»Dann beweg eben deine Lippen nicht.«

»Hör mal zu, ich bitte dich, nimm doch für eine Weile diesen Umhang ab. Hier belästigt dich doch keiner.«

»Ach ja?«, sagte Harry.»Dann dreh dich mal um.«

Rita Kimmkorn und ihr Freund, der Fotograf, hatten gerade den Pub Drei Besen verlassen. In ein gedämpftes Gespräch vertieft, gingen sie direkt an Hermine vorbei ohne sie eines Blickes zu würdigen. Harry drückte sich an die Hausmauer des Honigtopfes, denn er sah es schon kommen, daß ihm Rita Kimmkorn mit ihrer Krokodilledertasche eins überzog.

Als sie vorbei waren, sagte Harry:»Sie hat sich hier im Dorf ein Zimmer genommen. Ich wette, sie sieht sich das Turnier an.«

Noch während er sprach, durchflutete die Angst seinen Magen wie ein Strom heißer Lava. Er sagte Hermine kein Wort davon; sie hatten kaum darüber gesprochen, was in der ersten Aufgabe wohl auf ihn zukommen würde; er hatte den Eindruck, daß sie nicht darüber nachdenken wollte.

»Sie ist weg«, sagte Hermine und spähte durch Harry hindurch zum Ende der Hauptstraße.»Wie war's, wenn wir in den Drei Besen ein Butterbier trinken? Es ist doch ziemlich frisch hier draußen, oder? Und du mußt ja nicht mit Ron reden!«, fügte sie, sein Schweigen richtig deutend, verärgert hinzu.

Die Drei Besen waren brechend voll, vor allem mit Hog-wartsSchülern, die ihren freien Nachmittag feierten, doch auch mit einem Typ von magischen Menschen, wie sie Harry anderswo kaum zu Gesicht bekam. Da Hogsmeade das einzige nur von Zauberern und Hexen bewohnte Dorf in Großbritannien war, vermutete Harry, daß es eine Art Zuflucht war für Geschöpfe wie die Sabberhexen, die sich nicht so geschickt tarnen konnten wie Zauberer.

Es war gar nicht einfach, sich mit dem Tarnurnhang durch die Menge zu bewegen, denn wenn man zufällig jemandem auf die Füße trat, führte dies meist zu peinlichen Fragen. Harry schlängelte sich vorsichtig zu einem freien Tisch in der Ecke durch, während Hermine an der Theke etwas zu trinken holte. Auf dem Weg nach hinten sah Harry Ron an einem Tisch mit Fred, George und Lee Jordan sitzen. Er hatte große Lust, Ron einen deftigen Klaps auf den Hinterkopf zu versetzen, ließ es dann aber doch lieber sein. Endlich schaffte er es zu seinem Tisch und setzte sich.

Hermine kam einen Augenblick später und schob ihm unauffällig ein Butterbier unter den Tarnurnhang.

»Die halten mich sicher für bescheuert, hier ganz allein rumzusitzen«, murmelte sie.»Ein Glück, daß ich was zum Arbeiten mitgebracht habe.«

Sie zog ein Notizbuch heraus, in dem sie eine Liste der B.ELFE.R-Mitglieder führte. Harry sah seinen und Rons Namen ganz oben auf der sehr kurzen Liste stehen. Es schien so furchtbar lange her zu sein, daß er mit Ron zusammen an den Prophezeiungen gebastelt hatte, bis dann Hermine aufgetaucht war und sie zu Sekretär und Schatzmeister ernannt hatte.

»Weißt du, vielleicht sollte ich einfach mal versuchen, ein paar von den Dorfleuten für B-ELFE-R zu gewinnen«, sagte Hermine nachdenklich und sah sich im Pub um.

»Ja, schon gut«, sagte Harry. Er trank einen Schluck Butterbier unter seinem Tarnurnhang.»Hermine, wann gibst du diesen Belfer-Kram endlich auf?«

»Wenn die Hauselfen anständige Löhne und Arbeitsbedingungen haben!«, zischelte sie zurück.»Allmählich glaube ich, es ist an der Zeit, etwas Handfestes zu unternehmen. Weißt du zufällig, wie man in die Schulküche kommt?«

»Keine Ahnung, frag doch Fred und George«, sagte Harry.

Hermine verfiel in nachdenkliches Schweigen; Harry trank sein Butterbier und beobachtete die Leute im Pub. Alle wirkten gut gelaunt und entspannt. Ernie Macmillan und Hannah Abbott, beide mit CEDRIC DIGGORY-An-steckern auf den Umhängen, tauschten an einem Nachbartisch Schokofrosch-Karten. Drüben an der Tür sah er Cho und eine größere Schar ihrer Freunde aus Ravenclaw. Einen CEDRIC DIGGORY-Anstecker trug sie allerdings nicht… und das munterte Harry ein wenig auf…

Was hätte er nicht alles gegeben, um zu ihnen zu gehören, die da saßen und lachten und sich unterhielten und keine größeren Sorgen kannten als die Erledigung ihrer Hausaufgaben! Er stellte sich vor, wie er sich hier fühlen würde, wenn der Feuerkelch nicht seinen Namen ausgespuckt hätte. Zunächst einmal würde er keinen Tarnurnhang tragen. Ron würde bei ihm sitzen. Alle drei würden sie wahrscheinlich ganz ausgelassen darüber nachdenken, welche Aufgabe die Schul-Champions am Dienstag unter Todesgefahr zu lösen haben würden. Wie er sich darauf freuen würde, ihnen zuzusehen… ungefährdet irgendwo hinten auf den Rängen zu sitzen und Cedric anzufeuern…

Er fragte sich, wie sich die anderen Champions fühlten. Jedes Mal, wenn er Cedric in letzter Zeit gesehen hatte, war er von Bewunderern umringt gewesen und hatte zwar nervös, aber auch freudig erregt ausgesehen. Fleur Delacour hatte Harry hin und wieder kurz im Vorbeigehen gesehen; sie wirkte so wie immer, hochmütig und nicht die Spur nervös. Und Krum saß die ganze Zeit in der Bibliothek und brütete über irgendwelchen Büchern.

Harry dachte an Sirius und der festgezurrte Knoten in seiner Brust schien sich ein wenig zu lockern. In gut zwölf Stunden würde er mit ihm sprechen können, denn heute Nacht wollten sie sich am Kamin des Gemeinschaftsraums treffen – vorausgesetzt, daß nichts schief ging, wo doch in letzter Zeit alles schief gegangen war…

»Sieh mal, da ist Hagrid!«, sagte Hermine.

Hagrids gewaltiger zottiger Hinterkopf – die beiden Zöpfe hatte er dankenswerterweise wieder aufgelöst – tauchte über der Menge auf. Harry fragte sich, warum er ihn nicht gleich gesehen hatte, da Hagrid so groß war; doch als er vorsichtig aufstand, sah er, daß Hagrid sich hinuntergebeugt und mit Professor Moody gesprochen hatte. Hagrid hatte seinen üblichen mächtigen Humpen vor sich, doch Moody trank aus seinem Flachmann. Madam Rosmerta, die hübsche Wirtin, schien davon nicht viel zu halten; als sie die Gläser von den umstehenden Tischen einsammelte, warf sie Moody einen scheelen Blick zu. Vielleicht dachte sie, Moody würde ihren heißen Met verschmähen, doch Harry wußte es besser. Moody hatte ihnen in der letzten Stunde Verteidigung gegen die dunklen Künste erzählt, daß er es vorzog, sich sein Essen und seine Getränke immer selbst zu bereiten, da es für einen schwarzen Magier so einfach war, einen unbewachten Becher zu vergiften. Harry sah jetzt, wie Hagrid und Moody Anstalten machten zu gehen. Er winkte ihnen, dann fiel ihm ein, daß Hagrid ihn ja gar nicht sehen konnte. Moody jedoch hielt inne, das magische Auge auf die Ecke gerichtet, in der Harry stand. Er stupste Hagrid ins Kreuz (seine Schulter konnte er ja nicht erreichen), murmelte etwas und die beiden kamen durch den Pub auf Harrys und Hermines Tisch zu.

»Alles klar, Hermine?«, sagte Hagrid laut.

»Hallo«, sagte Hermine und lächelte ihn an.

Moody hinkte um den Tisch herum und beugte sich vor; Harry dachte, er würde das B.ELFE.R-Notizbuch lesen, bis Moody murmelte:»Hübscher Umhang, Potter.«

Harry starrte ihn verdutzt an. Moodys Nase mit dem großen fehlenden Stück war im Abstand von einigen Zentimetern besonders eindrucksvoll. Moody grinste.

»Kann Ihr Auge – ich meine, können Sie -?«

»Ja, ich kann durch Tarnumhänge sehen«, sagte Moody gedämpft.»Und das war schon einige Male recht nützlich, kann ich dir sagen.«

Auch Hagrid strahlte zu Harry hinunter. Harry wußte, daß Hagrid ihn nicht sehen konnte, doch Moody hatte ihm offenbar erzählt, daß er hier saß. Hagrid beugte sich jetzt über den Tisch, tat so, als würde auch er das B.ELFE.R-No-tizbuch lesen, und flüsterte dann so leise, daß nur Harry ihn hören konnte:»Harry, komm heut um Mitternacht runter zu meiner Hütte. Trag diesen Umhang.«

Dann richtete er sich auf und sagte laut:»War nett, dich zu sehen, Hermine«, zwinkerte und ging davon. Moody folgte ihm.

»Warum will er, daß ich ihn um Mitternacht treffe?«, fragte Harry vollkommen überrascht.

»Keine Ahnung, was er vorhat«, sagte Hermine ebenfalls verdutzt.»Und ich weiß auch nicht, ob du gehen solltest, Harry…«Sie sah sich nervös um und zischte:»Denn dann verpaßt du vielleicht Sirius.«

Sie hatte Recht. Hagrid um Mitternacht zu treffen, hieß, daß es für die Zusammenkunft mit Sirius ganz schön knapp wurde; Hermine schlug vor, sie sollten Hedwig schicken, um Hagrid abzusagen – immer vorausgesetzt, sie würde sich dazu herablassen -, doch Harry hielt es für besser, Hagrid kurz anzuhören und dann rasch wieder zu verschwinden. Er war sehr neugierig, was es sein könnte; noch nie hatte Hagrid ihn gebeten, so spät noch zu kommen.

* * *

Um halb zwölf nachts zog Harry, der verkündet hatte, er wolle heute früh schlafen gehen, den Tarnurnhang erneut an, ging hinunter und schlich sich durch den Gemeinschaftsraum. Es waren durchaus noch einige Mitschüler da. Die Creevey-Brüder hatten es geschafft, einen Stapel»Ich bin für CEDRIC DIGGORY«-Anstecker in die Finger zu bekommen, und versuchten sie jetzt zu verhexen, damit es stattdessen»Ich bin für HARRY POTTER«hieß. Bislang jedoch war es ihnen nur gelungen, die erste Aufschrift zu löschen, so daß jetzt nur noch POTTER STINKT angezeigt wurde. Harry drückte sich an ihnen vorbei zum Porträtloch und wartete, die Augen auf die Uhr gerichtet, gut eine Minute. Dann öffnete Hermine von der anderen Seite die fette Dame, wie sie es abgemacht hatten. Er glitt mit einem geflüsterten»Danke!«an ihr vorbei und machte sich auf den Weg durch das Schloß.

Draußen auf den Ländereien war es stockfinster. Harry lief über das Gras auf die Lichter von Hagrids Hütte zu. Auch die riesige Beauxbatons-Kutsche war hell erleuchtet; Harry konnte Madame Maxime drinnen reden hören, als er an Hagrids Tür klopfte.

»Bist du das, Harry?«, flüsterte Hagrid, öffnete die Tür und spähte umher.

»Ja«, sagte Harry, huschte hinein und zog sich den Umhang vom Kopf.»Was gibt's?«

»Will dir nur was zeigen«, sagte Hagrid.

Hagrid machte einen ungeheuer aufgeregten Eindruck. Er trug eine Blume im Knopfloch, die einer übergroßen Artischocke ähnelte. Es schien, als würde er inzwischen auf Schmierfett verzichten, doch er hatte offensichtlich versucht sich zu kämmen – ein paar abgebrochene Kammzähne waren in die Haare verknotet.

»Um was geht es denn?«, sagte Harry lustlos und fragte sich, ob die Kröter vielleicht Eier gelegt hatten oder ob Hagrid es wieder einmal geschafft hatte, einem Wildfremden in der Kneipe einen dreiköpfigen Riesenhund abzukaufen.

»Sei leise, versteck dich unter deinem Umhang und komm mit«, sagte Hagrid.»Fang lassen wir hier, dem wird es nicht gefallen…«

»Hör mal, Hagrid, ich kann nicht lange bleiben… ich muß um ein Uhr wieder im Schloß oben sein -«

Doch Hagrid hörte nicht zu; er öffnete die Hüttentür und marschierte hinaus in die Dunkelheit. Harry beeilte sich, mit ihm Schritt zu halten, und stellte überrascht fest, daß Hagrid ihn zur Kutsche der Beauxbatons führte.

»Hagrid, was -?«

»Schhh!«, machte Hagrid und klopfte dreimal gegen die Tür mit den gekreuzten goldenen Zauberstäben.

Madame Maxime öffnete. Sie hatte einen Seidenschal um ihre massigen Schultern geschlungen und lächelte, als sie Hagrid sah.»Aa, 'Agrid… ist es schon Sseit?«

»Bong-soar«, sagte Hagrid und strahlte sie an, dann reichte er ihr die Hand und half ihr die goldenen Stufen hinunter.

Madame Maxime schloß die Tür hinter sich, Hagrid bot ihr den Arm an und sie machten sich auf den Weg um die Koppel mit Madame Maximes geflügelten Riesenpferden. Harry, vollkommen perplex, mußte rennen, um Schritt zu halten. Hatte Hagrid ihm nur Madame Maxime zeigen wollen? Er konnte sie doch jederzeit sehen… sie war ja nicht gerade schwer zu verfehlen…

Doch offenbar hatte Hagrid Madame Maxime ebenfalls zu diesem Ausflug eingeladen, denn nach einer Weile sagte sie neckisch:»Wo führen Sie misch denn 'in, 'Agrid?«

»Verrat ich nicht«, sagte Hagrid ruppig.»Wird Ihnen gefallen, das kann ich versprechen. Aber – sagen Sie keinem was davon, ja? Denn eigentlich dürfen Sie es gar nicht sehen.«

»Natürlisch nischt«, sagte Madame Maxime und klimperte mit ihren langen schwarzen Wimpern.

Und sie gingen weiter. Harry ärgerte sich immer mehr, daß er überhaupt hinter den beiden hertrabte, und sah ständig auf die Uhr. Hagrid mußte irgend etwas Hirnrissiges vorhaben und deshalb würde er vielleicht auch noch Sirius verpassen. Wenn sie nicht bald da waren, würde er einfach kehrtmachen und ins Schloß zurücklaufen. Hagrid konnte dann seinen Mondscheinspaziergang mit Madame Maxime alleine genießen…

Doch dann – sie waren schon so weit am Wald entlanggelaufen, daß Schloß und See nicht mehr zu sehen waren – hörte Harry etwas. In einiger Entfernung von ihnen riefen und schrien Männer durcheinander… dann hörte er ein markerschütterndes, trommelfellzerfetzendes Brüllen…

Hagrid führte Madame Maxime um eine dichte Baumgruppe herum und blieb stehen. Harry hastete ihnen nach und stellte sich neben sie. Für den Bruchteil einer Sekunde meinte er einige große Erntefeuer zu erkennen und Männer, die um sie herumrannten – doch dann klappte ihm der Mund auf.

Drachen.

In einem mit schweren Holzplanken umgrenzten Gehege standen vier ausgewachsene, gewaltige, bösartig aussehende Drachen brüllend und schnaubend auf den Hinterbeinen – aus ihren weit aufgerissenen, mit Fangzähnen gespickten Mäulern, fünfzehn Meter hoch auf den gereckten Hälsen, schössen lange Stichflammen in die Nacht. Da war ein blaugrauer Drache mit langen, spitzen Hörnern, der fauchend nach den Zauberern am Boden schnappte; ein glattschuppiger grüner Drache schlängelte und wand sich mit aller Kraft und schlug mit dem Schwanz wild um sich; ein roter Drache mit einem merkwürdigen Kranz aus scharfen Goldzacken um das Gesicht spie pilzförmige Feuerwolken in die Luft, und ganz in der Nähe stand ein gigantischer schwarzer Drache, der viel mehr als die anderen einer Riesenechse ähnelte.

Mindestens dreißig Zauberer, sieben oder acht für jeden Drachen, versuchten sie zu bändigen, sie zogen und rissen an Ketten, die an schweren Lederriemen um Hälse und Leiber der Drachen befestigt waren. Wie in Trance hob Harry den Kopf und sah hoch über sich die Augen des schwarzen Drachen mit senkrecht stehenden Katzenpupillen aus ihren Höhlen quellen, rasend vor Angst oder Wut, Harry wußte es nicht… das Heulen und Kreischen und Brüllen des Drachen war grauenhaft anzuhören…

»Bleib ja dahinten stehen, Hagrid!«, rief ein Zauberer am Gehege und zerrte an der Kette in seiner Hand.»Sie können im Umkreis von sieben Metern Feuer speien! Und ich hab gesehen, wie dieser Hornschwanz es doppelt so weit geschafft hat!«

»Sind sie nicht schön?«, sagte Hagrid leise.

»So kommen wir nicht weiter!«, rief ein anderer Zauberer.»Schockzauber, ich zähle bis drei!«

Harry sah, wie die Drachenwärter ihre Zauberstäbe zogen.

»Stupor!«, riefen alle wie aus einem Mund, und die Schockzauber rasten durch die Dunkelheit wie die Feuerschweife von Raketen und schlugen Funken stiebend gegen die Schuppenpanzer der Drachen -

Harry sah, wie der Drache in ihrer Nähe auf seinen Hinterbeinen ins Wanken geriet; jäh riß er seinen Rachen zu einem stummen Heulen auf; seine Nüstern waren plötzlich erloschen, auch wenn sie noch rauchten. Dann, ganz langsam, kippte er hintenüber, und mehrere Tonnen zähes, schuppiges schwarzes Drachenfleisch krachten mit einem Rums zu Boden, der, wie Harry geschworen hätte, die Bäume hinter ihm erzittern ließ.

Die Drachenwärter senkten ihre Zauberstäbe und gingen auf ihre niedergestreckten Schützlinge zu, jeder so groß wie ein kleiner Hügel. Hastig zogen sie die Ketten enger und banden sie an eisernen Stangen fest, die sie mit ihren Zauberstäben tief in die Erde trieben.

»Woll'n wir näher rangehn?«, fragte Hagrid Madame Maxime mit begeisterter Miene. Die beiden gingen vor bis zur Einfriedung und Harry folgte ihnen. Der Zauberer, der Hagrid ermahnt hatte, nicht näher zu kommen, wandte sich um und erst jetzt erkannte ihn Harry – es war Charlie Weasley.

»Wie geht's, Hagrid?«, keuchte er und kam auf ein paar Worte herüber.»Jetzt müßten sie sich langsam beruhigt haben – wir hatten ihnen für den Weg hierher ein Schlafelixier verpaßt und dachten, es wäre besser für sie, wenn sie nachts und in aller Ruhe aufwachen – aber wie du gesehen hast, waren sie nicht glücklich, überhaupt nicht glücklich -«

»Welche Arten hast du denn hier, Charlie?«, fragte Hagrid und starrte den in der Nähe liegenden Drachen – es war der schwarze – mit beinahe ehrfürchtiger Miene an. Die Augen des Drachen waren nur noch einen Schlitz breit offen. Unter seinem runzligen schwarzen Augenlid konnte Harry einen gelb glühenden Streifen sehen.

»Das ist ein Ungarischer Hornschwanz«, sagte Charlie.»Dort drüben ist ein Gemeiner Walisischer Grünling, der kleine da – dieser blaugraue – ist ein Schwedischer Kurzschnäuzler und der rote dort ist ein Chinesischer Feuerball.«

Charlie wandte sich um; Madame Maxime hatte sich entfernt und schlenderte, die betäubt daliegenden Drachen musternd, an der Einfriedung des Geheges entlang.

»Ich wußte nicht, daß du sie mitbringen würdest, Hagrid«, sagte Charlie stirnrunzelnd.»Die Champions sollen nicht wissen, was sie erwartet – sie erzählt es sicher ihrer Schülerin, oder?«

»Dachte mir nur, sie würd sie gern sehen«, sagte Hagrid achselzuckend, ohne jedoch seinen träumerischen Blick von den Drachen abzuwenden.

»Wirklich 'ne romantische Verabredung, Hagrid«, sagte Charlie kopfschüttelnd.

»Vier…«, sagte Hagrid,»also einen für jeden Champion? Was müssen sie tun – gegen sie kämpfen?«

»Nur an ihnen vorbeikommen, glaub ich«, sagte Charlie.»Wir sind dabei, falls es ernst werden sollte, und halten die Feuerlöschzauber ständig bereit. Sie wollten brütende Weibchen haben, ich weiß nicht, warum… aber ich sag dir, wer es mit dem Hornschwanz zu tun kriegt, der ist nicht zu beneiden. Bösartiges Vieh. Sein Hinterteil ist genauso gefährlich wie die Schnauze, sieh nur.«

Charlie deutete auf das Hinterteil des Hornschwanzes, und Harry konnte erkennen, daß der Schwanz des Drachen über und über mit bronzenen Stacheln gespickt war.

In diesem Moment wankten fünf von Charlies Wärterkollegen auf den Hornschwanz zu, die zwischen sich ein Tuch aufgespannt hielten, auf dem ein Gelege aus mächtigen granitgrauen Eiern lag. Sie legten die Eier vorsichtig an den Bauch des Hornschwanzes. Hagrid stöhnte sehnsuchtsvoll auf.

»Ich hab sie zählen lassen, Hagrid«, sagte Charlie streng.»Wie geht's eigentlich Harry?«

»Gut«, sagte Hagrid. Seine Augen ruhten immer noch auf den Eiern.

»Ich hoffe nur, es geht ihm auch noch gut, nachdem er sich mit dieser Meute hier herumgeschlagen hat«, sagte Charlie grimmig und ließ den Blick über die Drachenkoppel schweifen.»Ich hab mich nicht mal getraut, Mum zu sagen, was er bei der ersten Aufgabe tun muß, sie kriegt ohnehin Zustände, wenn sie an ihn denkt…«Charlie ahmte jetzt die besorgte Stimme seiner Mutter nach.»›Wie konnten sie es nur zulassen, daß er an diesem Turnier teilnimmt, er ist noch viel zu jung! Ich dachte, sie wären davor sicher, es gab doch eine Altersbegrenzung!‹ Nachdem sie diesen Artikel über ihn im Tagespropheten gelesen hatte, war sie vollkommen aufgelöst. ›Er weint immer noch wegen seiner Eltern! Oh, der Arme, wenn ich das gewußt hätte!‹«

Harry hatte es jetzt satt. Hagrid hatte immerhin vier leibhaftige Drachen und Madame Maxime, denen er seine Aufmerksamkeit schenken konnte, und so würde er Harry sicher nicht vermissen. Er drehte sich geräuschlos um und machte sich auf den Rückweg zum Schloß.

Er wußte nicht, ob er froh sein sollte, gesehen zu haben, was auf ihn zukam. Vielleicht war es besser so. Den ersten Schreck hatte er schon überstanden. Wenn er die Drachen am Dienstag zum ersten Mal gesehen hätte, dann wäre er womöglich vor aller Augen ohnmächtig geworden… vielleicht jedoch würde ihm das ohnehin passieren… er würde mit seinem Zauberstab bewaffnet – der jetzt, wenn er daran dachte, nur ein dünnes Stück Holz war – gegen einen fünfzehn Meter hohen, schuppigen, stachelbewehrten, Feuer speienden Drachen antreten. Und er mußte an ihm vorbeikommen. Unter den Augen aller. Wie?

Harry ging am Waldrand entlang und beschleunigte jetzt seine Schritte; er hatte nur noch fünfzehn Minuten, um zum Kamin zu gelangen und mit Sirius zu sprechen. Und er konnte sich nicht erinnern, sich jemals so danach gesehnt zu haben, mit jemandem zu reden – und dann stieß er urplötzlich gegen etwas Festes und fiel rücklings auf die Erde.

Seine Brille baumelte nur noch an einem Ohr und er zog den Tarnurnhang fest um sich. Dann hörte er, ganz nahe, eine Stimme:»Autsch! Wer da!«

Harry prüfte hastig, ob ihn der Tarnumhang ganz verhüllte, blieb reglos liegen und sah hinauf zu dem schwarzen Umriß des Zauberers, mit dem er soeben zusammengestoßen war. Er erkannte den Spitzbart… es war Karkaroff.

»Wer ist da?«, sagte Karkaroff erneut argwöhnisch und spähte in der Dunkelheit umher. Harry rührte sich nicht und gab keine Antwort. Nach ungefähr einer Minute schien Karkaroff zu dem Schluß gekommen zu sein, daß irgendein Tier ihn angefallen habe; er sah auf Hüfthöhe um sich her, als ob er erwartete, einen Hund zu sehen. Dann schlich er zurück in den Schutz der Bäume und stahl sich weiter zum Drachengehege vor.

Langsam und umsichtig stand Harry auf und ging dann, so schnell er konnte, ohne allzu viel Geräusche zu machen, weiter in Richtung Schloß.

Harry wußte genau, was Karkaroff im Schilde führte. Er hatte sich von seinem Schiff geschlichen und wollte auskundschaften, worin die erste Aufgabe bestand. Vielleicht hatte er sogar Hagrid und Madame Maxime zusammen am Wald entlanggehen sehen… und nun mußte Karkaroff nur ihren Stimmen folgen, dann würde auch er, wie schon Madame Maxime, genau wissen, was die Champions erwartete. So, wie es jetzt aussah, würde Cedric am Dienstag der Einzige sein, der nicht wußte, was auf ihn zukam.

Harry erreichte das Schloß, glitt durchs Portal und stieg die Marmortreppe hoch; er atmete schwer, doch er wagte es nicht, ein wenig langsamer zu gehen… er hatte nur noch fünf Minuten, um nach oben zum Kamin zu kommen…

»Quatsch!«, keuchte er vor der fetten Dame, die in ihrem Bild vor dem Porträtloch döste.

»Wenn du meinst«, murmelte sie schläfrig, und ohne die Augen zu öffnen, ließ sie das Bild zur Seite schwingen und gab den Weg frei. Harry kletterte hinein. Der Gemeinschaftsraum war menschenleer, und da es hier wie immer roch, hatte Hermine offenbar keine Stinkbomben werfen müssen, um ihm und Sirius ein Gespräch unter vier Augen zu ermöglichen.

Harry zog sich den Tarnurnhang vom Kopf und warf sich in einen Sessel vor dem Feuer. Der Raum lag im Halbdunkel; nur die Flammen gaben ein wenig Licht. Auf einem Tisch in der Nähe glommen die Lettern der Anstecker. Doch jetzt war etwas anderes zu lesen. POTTER STINKT WIRKLICH. Harry sah wieder ins Feuer und zuckte zusammen.

Sirius' Kopf saß mitten in den Flammen. Wenn Harry nicht vor einiger Zeit bei den Weasleys Mr Diggory in genau derselben Haltung gesehen hätte, dann wäre er zu Tode erschrocken. Stattdessen breitete sich auf seinem Gesicht das erste Lächeln seit Tagen aus, er rappelte sich aus dem Sessel und kauerte sich am Kamin nieder.»Sirius – wie geht's dir?«

Sirius sah anders aus, als Harry ihn in Erinnerung hatte. Als sie sich verabschiedet hatten, war sein Gesicht noch ausgemergelt und hohlwangig gewesen, umwachsen von einer langen mattschwarzen Haarmähne – doch nun war sein Haar kurz und sauber, sein Gesicht voller und er sah jünger aus, viel eher wie auf dem einzigen Foto, das Harry von ihm besaß und das bei der Hochzeit der Potters aufgenommen worden war.

»Wie's mir geht, ist nicht so wichtig, wie geht's dir?«, sagte Sirius ernst.

»Mir geht's -«Einen Moment lang versuchte Harry»gut«zu sagen. Doch er schaffte es nicht. Bevor er recht wußte, wie ihm geschah, hatte er mehr geredet als während der ganzen letzten Tage zusammen – er erzählte, wie er gegen seinen Willen ins Turnier gelangt war, daß Rita Kimmkorn im Tagespropheten Lügen über ihn verbreitet hatte, daß er keinen Flur entlanggehen konnte, ohne sich hämische Bemerkungen anhören zu müssen – und er redete über Ron, über Ron, der ihm nicht glaubte, der eifersüchtig war…»Und gerade vorhin hat Hagrid mir gezeigt, was sie in der ersten Runde bringen, nämlich Drachen, Sirius, und jetzt bin ich erledigt«, schloß er verzweifelt.

Sirius sah ihn voller Sorge an, mit Augen, die noch nicht ganz den Ausdruck verloren hatten, den ihnen Askaban eingebrannt hatte – diesen abgestumpften und gehetzten Blick. Er hatte Harry ohne Unterbrechung reden lassen, bis dieser erschöpft war, doch jetzt sagte er:»Mit Drachen werden wir schon fertig, Harry, aber dazu gleich – ich kann nicht lange bleiben… ich bin in ein Zaubererhaus eingebrochen, um den Kamin zu benutzen, aber die können jeden Augenblick zurückkommen. Ich muß dich vor jemandem warnen.«

»Vor wem denn?«, fragte Harry, und auch der letzte Rest seiner Zuversicht begann zu schwinden… was konnte denn noch Schlimmeres kommen als die Drachen?

»Karkaroff«, sagte Sirius.»Harry, er war ein Todesser. Du weißt, was Todesser sind?«

»Ja – was – war mit ihm?«

»Er wurde gefaßt, er war mit mir in Askaban, doch sie haben ihn freigelassen. Ich wette, das ist der Grund, warum Dumbledore dieses Jahr einen Auroren in Hogwarts haben wollte – damit er ein Auge auf ihn wirft. Es war Moody, der Karkaroff damals gefaßt hat. Er hat ihn überhaupt erst nach Askaban gebracht.«

»Karkaroff wurde freigelassen?«, sagte Harry langsam -sein Gehirn schien Mühe zu haben, auch noch diese erschreckende Neuigkeit aufzunehmen.»Warum haben sie ihn freigelassen?«

»Er hat mit dem Zaubereiministerium ein Geschäft gemacht«, sagte Sirius erbittert.»Er sagte, er hätte seine Irrtümer eingesehen, und dann nannte er Namen… hat statt seiner eine Menge anderer Leute nach Askaban gebracht… dort drin ist er nicht gerade beliebt, kann ich dir sagen. Und seit er draußen ist, hat er, soweit ich weiß, jedem Schüler, den er in seiner Schule ausbildet, die dunklen Künste beigebracht. Also nimm dich auch vor dem Durmstrang-Champion in Acht.«

»Gut«, sagte Harry nachdenklich.»Aber… willst du damit sagen, daß Karkaroff meinen Namen in den Kelch geworfen hat? Denn dann wäre er ein wirklich guter Schauspieler. Er schien doch so wütend darüber zu sein. Er wollte mich überhaupt nicht im Turnier haben.«

»Wir wissen, daß er ein guter Schauspieler ist«, sagte Sirius,»denn er hat immerhin das Zaubereiministerium davon überzeugt, er könne freigelassen werden, oder? Harry, ich habe in letzter Zeit den Tagespropheten verfolgt -«

»Du und der Rest der Welt«, sagte Harry erbittert.

»- und wenn ich den Bericht von dieser Kimmkorn letzten Monat zwischen den Zeilen lese, dann wird mir klar, daß Moody in der Nacht, bevor er in Hogwarts antrat, angegriffen wurde. Ja, ich weiß, sie behauptet, es sei wieder mal falscher Alarm gewesen«, setzte Sirius hastig hinzu, da Harry schon den Mund aufmachte,»aber ich kann das nicht so recht glauben. Ich denke, daß jemand versucht hat, ihn daran zu hindern, nach Hogwarts zu kommen. Jemand muß gewußt haben, daß es viel schwieriger sein würde, etwas zu erledigen, wenn Moody in der Nähe ist. Und keiner wird sich ernsthaft um den Vorfall kümmern, weil Mad-Eye im Lauf der Zeit schlicht ein wenig zu viele Eindringlinge gehört haben will. Doch das heißt nicht, daß er eine wirkliche Gefahr nicht mehr wittern kann. Moody war immerhin der beste Auror, den das Ministerium je hatte.«

»Also… was willst du damit sagen«, erwiderte Harry langsam.»Daß Karkaroff mich umbringen will? Aber – warum?«

Sirius zögerte.

»Mir sind einige sehr merkwürdige Dinge zu Ohren gekommen«, sagte er nachdenklich.»Die Todesser scheinen in letzter Zeit ein wenig umtriebiger geworden zu sein. Bei der Quidditch-Weltmeisterschaft sind sie offen aufgetreten. Jemand hat das Dunkle Mal an den Himmel beschworen… und außerdem – hast du von dieser Ministeriumshexe gehört, die vermißt wird?«

»Bertha Jorkins?«, fragte Harry.

»Genau… sie ist in Albanien verschwunden, und ausgerechnet dort soll sich, wenn man den Gerüchten glaubt, Voldemort in letzter Zeit aufgehalten haben… und Bertha muß gewußt haben, daß das Trimagische Turnier geplant war.«

»Ja, aber… es ist doch unwahrscheinlich, daß sie Voldemort einfach so über den Weg gelaufen ist, oder?«

»Hör zu, ich kannte Bertha Jorkins«, sagte Sirius grimmig.»Sie war damals mit uns zusammen in Hogwarts, ein paar Klassen über mir und deinem Dad. Und sie war schlichtweg doof. Furchtbar neugierig, aber von Grips keine Spur. Keine gute Mischung, Harry. Ich würde sagen, es wäre ein Leichtes, sie in die Falle zu locken.«

»Also… hätte Voldemort von dem Turnier erfahren können?«, sagte Harry.»Ist es das, was du mir sagen willst? Du denkst, Karkaroff könnte auf seinen Befehl hin hier sein?«

»Ich bin mir nicht sicher«, entgegnete Sirius zögernd.»Ich weiß es einfach nicht… Karkaroff kommt mir nicht vor wie der Typ, der zu Voldemort zurückkehrt, wenn er sich nicht sicher ist, daß Voldemort mächtig genug ist, um ihn zu schützen. Aber wer auch immer deinen Namen in diesen Kelch geworfen hat, er hatte einen guten Grund. Und ich werde den Gedanken nicht los, daß das Turnier eine glänzende Möglichkeit bietet, dich anzugreifen und es wie einen Unfall aussehen zu lassen.«

»Sieht wie ein wirklich guter Plan aus, bei dem, was mir jetzt bevorsteht«, sagte Harry trübselig.»Sie müssen nur die Hände in den Schoß legen und die Drachen erledigen den Rest.«

»Genau – die Drachen«, sagte Sirius, plötzlich sehr in Eile.»Es gibt eine Möglichkeit, Harry. Versuch es bloß nicht mit einem Schockzauber – Drachen sind zu stark und als magische Wesen viel zu mächtig, um von einem einzigen Schocker ausgeschaltet zu werden. Um einen Drachen zu erledigen, braucht es mindestens ein halbes Dutzend Zauberer -«

»Tja, das weiß ich, ich hab's gerade gesehen«, meinte Harry.

»Aber du kannst es ganz alleine schaffen«, sagte Sirius.»Es gibt eine Möglichkeit mit nur einem einfachen Zauber. Und zwar -«

Doch Harry hob die Hand, damit er verstummte, und sein Herz pochte plötzlich, als wolle es platzen. Er hörte Schritte die Wendeltreppe hinter sich herunterkommen.

»Geh!«, zischte er Sirius zu.»Geh! Da kommt jemand!«

Harry rappelte sich hoch und stellte sich aufrecht vor das Feuer – wenn jemand Sirius' Gesicht in den Mauern von Hogwarts sah, dann gäbe es einen unglaublichen Aufruhr – das Ministerium würde alarmiert – sie würden ihn ins Gebet nehmen und fragen, wo Sirius stecke -

Harry hörte ein leises Plopp im Feuer hinter seinem Rücken und wußte, daß Sirius verschwunden war. Er faßte die letzten Stufen der Wendeltreppe ins Auge – wer hatte beschlossen, um ein Uhr nachts noch einen kleinen Spaziergang zu machen, und hinderte Sirius daran, ihm zu sagen, wie er an einem Drachen vorbeikam?

Es war Ron. In seinem kastanienbraunen Pyjama mit Paisleymuster. Er erstarrte, als er Harry drüben am Kamin sah, und blickte sich um.

»Mit wem hast du gesprochen?«, fragte er.

»Was geht dich das an?«, raunzte Harry.»Was hast du eigentlich mitten in der Nacht hier unten zu suchen?«

»Ich hab mich nur gefragt, wo du -«Ron brach schulterzuckend ab.»Nichts. Ich geh wieder ins Bett.«

»Wolltest einfach mal rumschnüffeln, oder?«, rief Harry. Er wußte, daß Ron keine Ahnung hatte, wen er da verscheucht hatte, wußte auch, daß er es nicht absichtlich getan hatte, doch es war ihm egal – in diesem Augenblick haßte er alles an Ron, bis hinunter zu dem Stück nackten Schienbeins, das sich unter dem Saum seiner Schlafanzughose zeigte.

»O Verzeihung«, sagte Ron, und sein Gesicht wurde zornrot.»Hätte wissen müssen, daß du nicht gestört werden willst. Ich laß dich jetzt in aller Ruhe für dein nächstes Interview üben.«

Harry packte einen der POTTER STINKT WIRKLICH-Anstecker, die auf dem Tisch lagen, und schleuderte ihn mit aller Kraft durchs Zimmer. Das Blech traf Rons Stirn und fiel scheppernd zu Boden.

»Na bitte«, sagte Harry.»Das kannst du am Dienstag tragen. Wenn du Glück hast, gibt es sogar eine Narbe… das ist es doch, was du willst, oder?«Er marschierte durchs Zimmer auf die Treppe zu; halb rechnete er damit, daß Ron ihn aufhalten würde, er wäre sogar froh gewesen, wenn Ron sich mit ihm geprügelt hätte. Doch Ron stand einfach da in seinem Hochwasserpyjama und rührte sich nicht. Harry stürmte nach oben und lag noch lange kochend vor Zorn im Bett. Er hörte nicht einmal, daß Ron hereinkam.

Die erste Aufgabe

Harry war am Sonntagmorgen beim Anziehen so zerstreut, daß es eine Weile dauerte, bis ihm auffiel, daß er seinen Zauberhut statt einer Socke über den Fuß ziehen wollte. Endlich waren alle Kleidungsstücke am richtigen Platz, und er eilte los, um Hermine zu suchen. Er fand sie in der Großen Halle am Gryffindor-Tisch, wo sie mit Ginny frühstückte. Harry, dem gar nicht nach Essen zumute war, wartete, bis Hermine ihren letzten Löffel Haferschleim geschluckt hatte, dann schleppte er sie sofort hinaus auf die Ländereien. Bei einem langen Spaziergang um den See erzählte er ihr alles über die Drachen und sein Gespräch mit Sirius.

Hermine beunruhigten zwar Sirius' Warnungen vor Karkaroff, doch fand sie, die Drachen seien das drängendere Problem.

»Wir müssen unbedingt alles daransetzen, daß du den Dienstag überlebst«, sagte sie verzweifelt,»und dann können wir uns über Karkaroff Gedanken machen.«

Dreimal umrundeten sie den See und überlegten angestrengt, wie es möglich sein sollte, mit Hilfe eines einfachen Zaubers einen Drachen zu bändigen. Doch es fiel ihnen nichts ein, und schließlich suchten sie die Lösung in der Bibliothek. Harry zog jedes Buch über Drachen aus den Regalen, das er finden konnte, dann nahmen sie sich gemeinsam den großen Bücherstapel vor.

»Krallenschneiden mit Zauberkraft… Behandlung von Schuppenflechte… bringt nichts, das ist eher was für Spinner wie Hagrid, die diese Viecher auch noch aufpäppeln wollen…«

»›Drachen sind äußerst schwer zu erlegen aufgrund der uralten magischen Kräfte, mit denen ihre dicken Häute durchdrungen sind, und nur die mächtigsten Zauberer können sie brechen… ‹ Aber Sirius hat gesagt, ein ganz simpler Zauber würde genügen…«

»Versuchen wir es eben mit einfachen Zauberbüchern«, sagte Harry und pfefferte Männer, die Drachen zu sehr lieben beiseite.

Er kam mit einem Stapel Zauberbücher zum Tisch zurück, legte sie ab und begann eins nach dem anderen durchzublättern. Hermine saß an seinen Ellbogen gedrängt und flüsterte ihm unablässig zu.»Gut, es gibt Verwandlungszauber… aber wozu sind die nütze? Außer du verwandelst seine Fangzähne in Weingummis oder so was, das würde ihn ein wenig kuscheliger machen… das Problem ist nur, wie es in dem anderen Buch stand, es gibt nicht viel, was durch diese Drachenhaut dringt… ich würde sagen, verwandle ihn, aber bei etwas so Großem hast du eigentlich keine Chance, ich glaube, nicht mal Professor McGonagall… oder wie war's, wenn du einen Zauber auf dich selbst anwendest? Um dir zusätzliche Kräfte zu verschaffen? Aber das sind jedenfalls keine einfachen Zauber, und außerdem haben wir sie noch nicht im Unterricht gehabt, ich weiß das zufällig, weil ich schon mal ein paar ZAG-Übungsblätter durchgearbeitet hab…«

»Hermine«, sagte Harry zähneknirschend,»-würdest du bitte für einen Moment den Mund halten? Ich versuch mich zu konzentrieren.«

Doch alles, was passierte, als Hermine verstummte, war, daß in Harrys Kopf ein monotones Summen anhob, das ihm einfach keine Chance ließ, genau nachzudenken. Hoffnungslos starrte er auf das Stichwortverzeichnis von Zaubern für Dummies: da war zum Beispiel Sofortskalpieren… aber Drachen hatten keine Haare… Pfefferatem… das würde die Feuerkraft eines Drachen wahrscheinlich noch steigern… Hornzunge… genau, was er brauchte – dem Biest noch eine Waffe geben…

»O nein, da ist er schon wieder! Warum kann er nicht auf seinem blöden Schiff lesen?«, sagte Hermine gereizt, denn Viktor Krum schlurfte herein, warf ihnen einen verdrießlichen Blick zu und ließ sich mit einem Stapel Bücher hinten in einer Ecke nieder.»Komm, Harry, wir gehen nach oben in den Gemeinschaftsraum… sein Fanclub wird gleich hier sein und sich begeiern…«

Und tatsächlich, als sie die Bibliothek verließen, kam ihnen eine Horde Mädchen auf Zehenspitzen entgegen, von denen eines einen Bulgarien-Schal um die Hüfte geschlungen hatte.

* * *

Harry tat in dieser Nacht kaum ein Auge zu. Als er am Montagmorgen erwachte, dachte er zum ersten Mal und ernsthaft daran, einfach abzuhauen. Doch als er beim Frühstück den Blick durch die Große Halle wandern ließ und sich ausmalte, was dies bedeuten würde, wurde ihm klar, daß er das Schloß nicht verlassen konnte. Hogwarts war der einzige Ort, an dem er jemals glücklich gewesen war… natürlich, er mußte wohl auch bei seinen Eltern glücklich gewesen sein, doch daran konnte er sich nicht mehr erinnern.

Trotz allem war es gut, das sichere Gefühl zu haben, viel lieber hier zu sein und sich einem Drachen entgegenzustellen als sich im Ligusterweg mit Dudley herumzuschlagen; dieser Gedanke beruhigte ihn ein wenig. Er aß mit Mühe seinen Schinken auf (mit dem Schlucken hatte er Schwierigkeiten), und als er dann mit Hermine aufstand, sah er Cedric Diggory den Hufflepuff-Tisch verlassen.

Cedric wußte noch nichts von den Drachen… er war der einzige Champion, der keine Ahnung hatte, denn sicher hatten Madame Maxime und Karkaroff es ihren Schützlingen Fleur und Krum gesagt…

»Hermine, wir sehen uns dann im Gewächshaus«, sagte Harry, der Cedric mit den Augen gefolgt war und dann seinen Entschluß gefaßt hatte.»Geh schon mal vor, ich komm dann nach.«

»Harry, du kommst zu spät, es läutet gleich -«

»Ich komm dann nach, okay?«

Harry hatte eben den Fuß der Marmortreppe erreicht, als Cedric schon oben angekommen war. Er war mit seinen Freunden aus der sechsten Klasse unterwegs, vor denen Harry nicht mit ihm reden wollte. Sie gehörten zu den Leuten, die ihm jedes Mal, wenn er in ihre Nähe gekommen war, Rita Kimmkorns Artikel um die Ohren gehauen hatten. Er folgte ihnen in einigem Abstand, bis er feststellte, daß sie zu dem Klassenzimmer gingen, in dem sie Zauberkunst hatten. Das brachte ihn auf eine Idee. Er blieb in einiger Entfernung von ihnen stehen, zog den Zauberstab und zielte sorgfältig.

»Diffindo!«

Cedrics Tasche riß auf, Pergamentblätter, Federn und Bücher fielen zu Boden und ein paar Tintenfässer zerbrachen.

»Ich mach das schon, danke«, sagte Cedric genervt, als seine Freunde sich bückten, um ihm zu helfen.»Geht schon mal vor und sagt Flitwick, daß ich nachkomme…«

Genau darauf hatte Harry gewartet. Er steckte den Zauberstab wieder ein, wartete, bis Cedrics Freunde in ihr Klassenzimmer gegangen waren, und rannte dann den Gang entlang, in dem jetzt außer ihm und Cedric keiner mehr war.

»Hallo«, sagte Cedric und hob sein mit Tinte bespritztes Lehrbuch der Verwandlung für Fortgeschrittene auf.»Meine Tasche ist gerade kaputtgegangen… brandneu, stell dir vor…«

»Cedric«, sagte Harry,»in der ersten Aufgabe kommen Drachen.«

»Wie bitte?«, sagte Cedric und sah auf.

»Drachen«, sagte Harry hastig, denn er befürchtete, Professor Flitwick könnte herauskommen, um nachzusehen, wo Cedric abgeblieben war.»Sie haben vier, für jeden von uns einen, und wir müssen an ihnen vorbeikommen.«

Cedric starrte ihn an. Harry sah ein wenig von jener Furcht, die er selbst seit Samstagnacht spürte, in Cedrics grauen Augen aufflackern.

»Bist du dir ganz sicher?«, fragte Cedric mit gedämpfter Stimme.

»Todsicher«, sagte Harry.»Ich hab sie gesehen.«

»Aber wie hast du das rausgekriegt? Wir dürfen es doch nicht wissen…«

»Ist doch egal«, sagte Harry rasch – Hagrid würde Schwierigkeiten bekommen, wenn er die Wahrheit erzählte.»Aber ich bin nicht der Einzige, der davon weiß. Fleur und Krum werden es inzwischen auch wissen – Maxime und Karkaroff haben die Drachen auch gesehen.«

Cedric richtete sich auf, die Arme voll tintenverschmierter Federn, Pergamentrollen und Bücher, die aufgerissene Tasche baumelte von seiner Schulter. Er starrte Harry an und ein verwirrter, beinahe mißtrauischer Ausdruck trat in seine Augen.

»Warum sagst du mir das?«, fragte er.

Harry sah ihn ungläubig an. Er war sich sicher, daß Cedric nicht gefragt hätte, wenn er die Drachen selbst gesehen hätte. Harry hätte es selbst seinem schlimmsten Feind nicht gegönnt, unvorbereitet diesen Drachen zu begegnen – na ja, vielleicht Malfoy oder Snape…

»Es ist einfach… fair, oder?«, sagte er.»Jetzt wissen wir es alle… wir haben die gleichen Chancen.«

Cedric stand immer noch da und sah ihn mit einer Spur Mißtrauen an, als Harry hinter sich ein vertrautes Pochen hörte. Er wandte sich um und sah Mad-Eye Moody aus einem der umliegenden Klassenzimmer kommen.

»Komm mit, Potter«, knurrte er.»Diggory, du kannst gehen.«

Harry starrte Mad-Eye Moody gespannt an. Hatte er sie zufällig belauscht?

»Ähm – Professor, ich sollte eigentlich in Kräuterkunde -«

»Vergiß das mal, Potter. In mein Büro, bitte…«

Harry folgte ihm voll dunkler Vorahnungen. Was, wenn Moody wissen wollte, wie er von den Drachen erfahren hatte? Würde Moody zu Dumbledore gehen und Hagrid auffliegen lassen, oder würde er Harry nur in ein Frettchen verwandeln? Es wäre vielleicht einfacher, an einem Drachen vorbeizukommen, wenn er ein Frettchen war, überlegte Harry dumpf, er war dann kleiner und aus einer Höhe von fünfzehn Metern viel schwerer zu erkennen…

Er folgte Moody ins Büro. Moody schloß die Tür hinter ihnen und wandte sich dann Harry zu, das magische Auge und auch das normale scharf auf ihn gerichtet.

»Was du da gerade getan hast, war sehr anständig von dir, Potter«, sagte Moody leise.

Harry wußte nicht, was er sagen sollte; er hatte alles erwartet, nur das nicht.

»Setz dich«, sagte Moody, Harry setzte sich und sah sich um.

In diesem Büro hatte er schon die zwei Vorgänger Moodys erlebt. In Professor Lockharts Tagen waren die Wände mit strahlenden, zwinkernden Bildern von Professor Lockhart persönlich gepflastert gewesen. Zu Zeiten Lupins war man hier eher auf ein neues Exemplar eines faszinierendenschwarzen Geschöpfes gestoßen, das er für sie beschafft hatte, damit sie es im Unterricht untersuchen konnten. Nun jedoch war das Büro voll gestopft mit einer Reihe äußerst merkwürdiger Gegenstände, die Moody, wie Harry vermutete, in seiner Zeit als Auror benutzt haben mußte.

Auf dem Schreibtisch stand etwas, das wie ein kaputter großer gläserner Kreisel aussah; Harry erkannte sofort, daß es ein Spickoskop war, weil er selbst eins besaß, wenn auch ein viel kleineres. Auf einem Tisch in der Ecke stand etwas, das aussah wie eine extra verschnörkelte goldene Zimmerantenne. Das Ding summte leise. An der Wand gegenüber von Harry hing eine Art Spiegel, doch er spiegelte nichts. Schattenhafte Gestalten bewegten sich darin, keine davon war klar zu sehen.

»Gefallen dir meine Antiobskuranten?«, sagte Moody und beobachtete Harry scharf.

»Was ist das denn?«, fragte Harry und deutete auf die verschnörkelte Fernsehantenne.

»Geheimnis-Detektor. Vibriert, wenn er Heimlichkeiten und Lügen entdeckt… hier ist er natürlich nutzlos, zu starke Überlagerungen, überall im Schloß erzählen sie ständig Lügenmärchen, warum sie ihre Hausaufgaben nicht geschafft haben. Das Ding summt ununterbrochen, seit ich hier bin. Und mein Spickoskop mußte ich abstellen, weil es einfach nicht aufhören wollte zu pfeifen. Es ist hyperempfindlich und kriegt alles mit, was in einer Meile Umkreis passiert. Natürlich könnte es auch mehr als Kinderkram aufspüren«, fügte er knurrig hinzu.

»Und wozu ist der Spiegel?«

»Das ist mein Feindglas. Siehst du sie da draußen miesepetrig rumhängen? Ich bin erst wirklich in Schwierigkeiten, wenn ich das Weiße in ihren Augen sehe. Dann öffne ich meinen Koffer.«

Er lachte kurz und knirschend, dann deutete er auf einen großen Koffer unter dem Fenster. Er hatte sieben Schlüssellöcher in einer Reihe. Harry überlegte, was wohl drin sein könnte, bis ihn Moodys nächste Frage plötzlich aus seinen Gedanken riß.»Soso… hast also die Sache mit den Drachen rausgefunden?«

Harry zögerte. Genau davor hatte er sich gefürchtet – doch er hatte Cedric nicht gesagt und würde es bestimmt auch Moody nicht verraten, daß Hagrid die Regeln gebrochen hatte.

»Ist schon gut«, sagte Moody, setzte sich und streckte grunzend sein Holzbein aus.»Schummeln ist beim Trimagischen Turnier alte Tradition.«

»Ich hab nicht geschummelt«, sagte Harry scharf.»Es war – so was wie ein Zufall, daß ich es erfahren habe.«

Moody grinste.»Ich hab dir keinen Vorwurf gemacht, Junge. Ich hab Dumbledore von Anfang an gesagt, er könne von mir aus noch so edel gesinnt sein, aber der alte Karkaroff und Maxime würden sicher mit gezinkten Karten spielen. Die werden ihren Champions inzwischen alles gesagt haben, was sie wissen. Die wollen gewinnen. Sie wollen Dumbledore schlagen. Sie möchten beweisen, daß er auch nur ein Mensch ist.«

Moody lachte knirschend und sein magisches Auge schwamm so schnell umher, daß Harry vom Zusehen fast schwindelig wurde.

»Also… hast du schon irgendeine Idee, wie du um deinen Drachen herumkommen kannst?«, fragte Moody.

»Nein«, sagte Harry.

»Nun denn, ich werd's dir sagen«, brummte Moody.»Ich will ja niemanden begünstigen. Ich geb dir nur ein paar gute, allgemeine Ratschläge. Und der erste ist: Setz auf deine Stärken.«

»Ich hab keine«, platzte es aus Harry heraus, bevor er richtig überlegt hatte.

»Entschuldige mal«, knurrte Moody,»wenn ich sage, du hast Stärken, dann hast du auch welche. Denk nach. Worin bist du am besten?«

Harry versuchte seine Gedanken zu sammeln. Ja, worin war er am besten? Nun, das war im Grunde einfach -

»Quidditch«, flüsterte er dumpf,»aber das hilft mir ja auch n…«

»Stimmt«, sagte Moody und sah ihn mit seinem magischen Auge, das er kaum bewegte, durchdringend an.»Du bist ein verdammt guter Flieger, wie ich höre.«

»Jaah, aber…«, Harry starrte ihn an.»Ich darf keinen Besen benutzen, ich hab nur meinen Zauberstab -«

»Mein zweiter allgemeiner Ratschlag«, unterbrach ihn Moody mit erhobener Stimme,»verwende einen schlichten kleinen Zauber, mit dem du bekommst, was du brauchst.«

Harry sah ihn mit großen Augen an. Was meinte er damit?

»Komm schon, Junge…«, flüsterte Moody.»Zähl zwei und zwei zusammen… so schwierig ist es nicht…«