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Ein Kapitän von 15 Jahren

Jules Verne

Ein Kapitän von fünfzehn Jahren ist ein weniger bekannter Roman Jules Vernes. Hauptperson ist der 15jährige Waise Dick Sand, der durch tragische Umstände zum Kapitän der Pilgrim wird. Für Humor sorgt Vetter Benedict, ein kleines bebrilltes Männchen mit dem Gemüt eines Kindes. Vetter Benedict ist ein sogenannter „Fachidiot“, der nichts außer seinen Insekten im Kopf hat und ständig mit einer Lupe und einer Insektentrommel herumläuft. Eine entscheidende Rolle spielt auch Dingo, der versucht, Negoro an die Kehle zu springen, als er ihn das erste Mal an Bord der Pilgrim erblickt. Als Jack mit Buchstabenwürfeln spielt, klaut ihm Dingo zwei Würfel mit den Buchstaben S und V, den Initialen seines toten Herrn. Die Frage, was Dingo und Negoro verbindet, wird erst im letzten Kapitel beantwortet.

Jules Verne

Ein Kapitän von 15 Jahren

Erster Theil. 

Erstes Capitel.

Die Brigg-Goëlette »Pilgrim«.

Am 2. Februar 1873 befand sich die Brigg-Goëlette »Pilgrim« unter 43°57’ südlicher Breite und 165°19’ westlicher Länge von Greenwich.

Dieses vier hundert Tonnen große, in San-Francisco für die Großfischerei in den australischen Meeren ausgerüstete Fahrzeug gehörte James W. Weldon, einem reichen, kalifornischen Rheder, der das Commando desselben schon seit mehreren Jahren dem Kapitän Hull anvertraut hatte.

Der »Pilgrim« war eines der kleinsten, aber auch eines der besten Schiffe der Flottille, welche James W. Weldon Jahr für Jahr sowohl hinauf durch die Behringsstraße in das nördliche Eismeer, als auch nach den Meeren von Tasmanien und des Cap Horn bis hinab in den Antarktischen Ocean aussendete. Kapitän Hull wußte sich schon »durchzuschlagen«, wie die Matrosen sagten, wenn er zwischen das Eis gerieth, das während des Sommers an Neu-Seeland oder am Cap der Guten Hoffnung vorüber bis in weit niedrigere Breiten hinaustreibt, als in den nördlichen Meeren der Erdkugel. Allerdings handelte es sich hier nur um Eisberge von geringerem Umfange, welche schon durch wiederholten Anprall zerklüftet, sowie vom warmen Wasser angenagt waren und von denen die größte Menge im Pacifischen oder Atlantischen Ocean zum schmelzen kommt.

Unter dem Befehle des Kapitäns Hull, eines ausgezeichneten Seemannes und dazu eines der gewandtesten Harpuniere der Flottille, stand eine Bedienung von fünf Matrosen und einem Leichtmatrosen. Das mag für den Walfischfang, der zahlreiche Hände sowohl beim Fange als bei der Ausweidung dieser Meeresriesen verlangt, etwas zu wenig sein. James W. Weldon fand es aber, nach dem Beispiel mancher anderer Rheder in San-Francisco, für vortheilhafter, nur die zur eigentlichen Führung des Schiffes nothwendigen Matrosen im Heimatshafen an Bord zu nehmen. In Neu-Seeland braucht man keinen Mangel zu fürchten an Harpunieren und Seeleuten aller Nationen, Deserteuren und Anderen, welche sich für die Dauer der Saison zu vermiethen suchen und als Fischer recht brauchbar sind. Nach Schluß der Fangzeit zahlt man ihnen den bedungenen Lohn, schifft sie wieder aus und Jene warten dann, bis die Walfischfahrer im nächsten Jahre ihre Dienste wieder in Anspruch nehmen. Dieses Verfahren gestattet eine bessere Ausnutzung disponibler Seeleute und sichert bei geordneter Zusammenwirkung mit jenen einen höheren Nutzen.

In dieser Weise ward es also auch an Bord des »Pilgrim« gehalten.

Die Brigg-Goëlette hatte sich während der Fangzeit an der Grenze des südlichen Polarkreises aufgehalten. Noch ermangelte sie jedoch ihrer vollen Ladung an Oel und rohen und verarbeiteten Vorräthen. Zur Zeit wurde der Fang schon schwieriger. Die Cetaceen erschienen in Folge der hartnäckigen Jagd auf sie merklich seltener. Der gewöhnliche Walfisch, im nördlichen Ocean der »Nordkaper«, im südlichen »Sulpherboltone« genannt, schien gänzlich verschwinden zu wollen. Die Fischer mußten sich nothgedrungen auf den »Finnback« oder Schnabelfisch, ein gigantisches Wassersäugethier, dessen Angriffe nicht ohne Gefahr sind, beschränken.

Auch Kapitän Hull hatte das im Laufe dieser Campagne gethan, rechnete aber darauf, sich bei der nächsten Reise nach höheren Breiten zu begeben, wenn es sein müßte bis nach Clavie-und Adelie-Land, deren durch den Amerikaner Wilkes bestätigte Entdeckung dem berühmten Commandanten der »Astrolabe« und der »Zélée«, dem Franzosen Dumont d’Urville, zu danken ist.

Kurz, die Saison war für den »Pilgrim« keine gewinnreiche, glückliche gewesen. Schon Anfangs Januar, zur Zeit, wo die Walfischfahrer noch nicht an die Heimkehr zu denken pflegen, sah sich Kapitän Hull genöthigt, die Fischgründe zu verlassen. Seine Mannschaft – ein zusammengewürfelter Hause zweifelhafter Subjecte – machte »Schwierigkeiten«, wie man sagt, und er mußte daran denken, sie an’s Land zu setzen.

Der »Pilgrim« drehte also nach Nordwesten bei, in der Richtung auf Neu-Seeland, das er am 15. Januar in Sicht bekam. Er lief glücklich in Waitemata, dem Hafen von Auckland, der am Grunde des Golfes von Chouraki, an der Ostküste der nördlichen Insel liegt, ein und schiffte die für die Saison engagirten Fischer aus.

Die Mannschaft war nicht besonders zufrieden. An der vollen Ladung des »Pilgrim« fehlten etwa zweihundert Baril Leberthran. Nie hatte der Fischfang einen so geringen Ertrag geliefert. Der Kapitän Hull kehrte wirklich fast mit der verdrießlichen Enttäuschung zurück wie etwa ein Jäger, der zum ersten Male »Schneider« geworden ist. Seine reizbare Eigenliebe kam hier in’s Spiel und er konnte jenen Schurken nicht verzeihen, deren Insubordination ihn um den Erfolg der Campagne gebracht hatte.

Der Versuch, in Auckland eine andere Mannschaft zu heuern, wäre gewiß vergeblich gewesen. Alle disponiblen Seeleute waren auf anderen Walfischfahrern gedungen. Er mußte also auf die Vervollständigung der Ladung des »Pilgrim« verzichten, und so beschloß Kapitän Hull denn, Auckland definitiv zu verlassen, als an ihn ein Gesuch um einen Platz auf dem Schiffe erging, welches abzulehnen er außer Stande war.

Mistreß Weldon, die Gattin des Rheders des »Pilgrim«, ihr fünfjähriger Sohn Jack und ein Anverwandter der Familie, den man nur den Vetter Benedict nannte, befanden sich derzeit in Auckland. James W. Weldon, den seine Handelsverbindungen öfters nach Neu-Seeland führten, hatte diese drei Personen mit dorthin genommen und auch die Absicht gehabt, sie wieder nach San-Francisco zurückzugeleiten.

Gerade als die ganze Familie abreisen wollte, erkrankte der kleine Jack ziemlich ernstlich, und sein Vater, den unabweisliche Geschäfte abriefen, mußte Auckland verlassen, wo er seine Frau, sein Kind und den Vetter Benedict zurückließ.

So verflossen drei Monate – drei lange Monate der Trennung, welche Mistreß Weldon im höchsten Grade peinlich waren. Indeß ihr Kind erholte sich wieder und sie stand im Begriff abzureisen, als ihr die Ankunft des »Pilgrim« gemeldet wurde.

Um zu dieser Jahreszeit nach San-Francisco zurückzukehren, hätte Mistreß Weldon nothwendiger Weise erst nach Australien gehen und dort eines der Dampfboote der Transoceanischen Gesellschaft des »Golden Age« benützen müssen, welche den Dienst zwischen Melbourne und Panama über Papaïti versehen. In Panama mußte sie dann wiederum erst einen amerikanischen Steamer abwarten, wie solche die regelmäßige Verbindung zwischen der Landenge und Kalifornien unterhalten. Hiermit waren nothwendiger Weise Zeitverluste und mehrfaches Umhertransportiren der Effecten verbunden, was für eine Dame und ein Kind stets verdrießlich ist. Als ihr Entschluß schon gefaßt war, warf der »Pilgrim« auf der Rhede von Auckland Anker. Sie zögerte keinen Augenblick, sich beim Kapitän Hull zur Ueberfahrt zu melden, sich selbst, ihren Sohn, den Vetter Benedict und Nan, eine bejahrte Negerin, welche ihr schon seit ihrer Kindheit diente. Dreitausend Seemeilen auf einem Segelschiffe!

Dieser Wissenschaft opferte er alle Stunden. (S. 13.)

Doch Kapitän Hull’s Schiff erschien ja im besten Zustande und noch währte die schöne Jahreszeit zu beiden Seiten der Linie an. Kapitän Hull kam dem Gesuche entgegen und stellte der Dame sofort sein eigenes Zimmer zur Disposition. Er wünschte Mistreß Weldon für eine Ueberfahrt, welche vierzig bis fünfzig Tage beanspruchen konnte, so gut untergebracht zu sehen, als das auf einem Walfischfahrer eben möglich war.

Der Mistreß Weldon bot die Ueberfahrt unter diesen Bedingungen also gewiß mehrfache Vortheile. Die einzige Unbequemlichkeit lag allein darin, daß die Fahrt deshalb eine etwas lange werden mußte, weil der »Pilgrim« seinen Cargo erst im Hafen von Valparaiso in Chili zu löschen hatte. Nachher brauchte er nur längs der Küste Amerikas hinauszusegeln, was bei den dort vorherrschenden Landwinden meist sehr angenehm ist.

Mistreß Weldon gehörte übrigens zu den muthigen Frauen, welche das Meer nicht erschreckt. Sie stand jetzt im Alter von dreißig Jahren, strotzte von Gesundheit und war lange Reisen schon gewöhnt, da sie ihren Gatten bei seinen Fahrten über das Meer wiederholt begleitet hatte – ihr kostete es demnach keine lange Ueberlegung, sich zu einer von Zufälligkeiten aller Art viel mehr abhängigen Reise auf einem Segler von mäßigem Tonnengehalt zu entschließen. Dazu kannte sie ja Kapitän Hull als ausgezeichneten Seemann, zu dem James W. Weldon selbst das beste Zutrauen hatte. Der »Pilgrim« war ein solides Schiff, ein guter Segler und wegen dieser Eigenschaften auch in der ganzen Flottille der amerikanischen Walfischfahrer anerkannt. Die Gelegenheit bot sich – jetzt galt es, sie zu benutzen. Mistreß Weldon that es.

Vetter Benedict – das verstand sich ganz allein – sollte sie begleiten.

Dieser Vetter war ein braver Mann von etwa fünfzig Jahren. Doch trotz seiner halbhundert Jahre hätte man ihn nimmermehr allein reisen lassen können. Mehr lang als groß, mehr schwach als mager, mit knochigem Gesicht, einem gewaltigen Schädel voller buschiger Haare, erkannte man in dieser halb räthselhaften Persönlichkeit doch sogleich einen jener würdigen Gelehrten mit goldener Brille und dem besten Herzen von der Welt, welche bestimmt zu sein scheinen, ihr Lebenlang große Kinder zu bleiben, und dereinst, vielleicht selbst mit hundert Jahren, als gealterte Säuglinge zu sterben.

»Vetter Benedict« – so nannte ihn Jedermann regelmäßig sowohl in und außerhalb der Familie, und er hatte in Wahrheit das Aussehen der Leute, welche als Vettern für die ganze Welt geboren scheinen – der Vetter Benedict, den seine langen Arme und seine noch längeren Beine überall belästigten, war absolut nicht im Stande, sich allein fortzuhelfen, und wäre das auch unter den einfachsten Umständen gewesen, wie sie so häufig eintreten. Er belästigte im Grunde Niemand – – o nein, im Gegentheil, er schien eben so besorgt für Andere wie für sich selbst. Leicht zu befriedigen und sich in Alles schickend, vergaß er Essen und Trinken, wenn man ihm nicht Speise und Trank vorsetzte, war unempfindlich gegen Frost und Hitze und schien weit mehr dem Pflanzen als dem Thierreiche anzugehören. Stelle man sich einen völlig unnützen Baum vor, ohne Früchte und fast ohne Laub, der Niemand ernähren, kaum Jemand schützen könnte, aber – der doch ein gutes Herz hätte, und man gewinnt ein Bild von diesem Manne.

So war der Vetter Benedict. Er hätte Jedermann so gern alle möglichen Dienste erwiesen, wenn er, wie Prudhomme sagen würde, dazu nur überhaupt fähig gewesen wäre.

Gerade seiner Schwäche wegen liebte man ihn sogar. Mistreß Weldon betrachtete ihn schon mehr als ein Kind – etwa als den älteren erwachsenen Bruder des kleinen Jack.

Hierzu muß jedoch bemerkt werden, daß Vetter Benedict niemals weder unthätig noch unbeschäftigt blieb. Im Gegentheil, er war fleißig wie nur Wenige; seine einzige Leidenschaft, die Naturgeschichte, nahm ihn eben ganz und gar ein.

Die »Naturgeschichte!« Das ist freilich viel mit wenig Worten gesagt.

Bekanntlich setzt sich diese Wissenschaft aus Zoologie, Botanik, Mineralogie und Geologie zusammen.

Vetter Benedict gehörte nun weder zu den Botanikern, noch zu den Geologen oder Mineralogen.

War er also Zoolog in der vollen Bedeutung dieses Wortes, so etwas wie eine Art Cuvier der neuen Welt, der die Thiere analytisch zergliederte und synthetisch wieder zusammensetzte, einer jener gründlichen Weisen, die sich in das Studium jener vier Typen vertieft haben, unter welche die moderne Wissenschaft das ganze Thierreich, die Wirbelthiere, Mollusken, Glieder-und Strahlenthiere, untergebracht hat? Hatte der naive, aber eifrige Gelehrte von diesen vier Hauptabtheilungen die verschiedenen Klassen durchstudirt und sich mit deren Ordnungen, Familien, Tribus, Geschlechtern, Arten und Varietäten beschäftigt?

Hatte Vetter Benedict seinen Fleiß auf die Wirbelthiere, Säugethiere, Vögel, Reptilien und Fische verwendet?

Nein!

Hatte er den Mollusken, von den Kephalopoden bis zu den Bryoarien den Vorzug gegeben und barg die Malökologie keine Geheimnisse mehr vor ihm?

Auch das nicht.

So waren es also die Strahlenthiere, die Echinodermen, Akalephen, Polypen, Entozoen, Spongiarien und Infusorien, um deretwillen seine Studirlampe so viel Oel verbraucht hatte?

Nein, auch die Strahlenthiere hatten das nicht verschuldet.

Da von der ganzen Zoologie nun blos noch die Abtheilung der Gliederthiere übrig bleibt, so kann es also nur diese Abtheilung gewesen sein, welche die Leidenschaft des Vetter Benedict entflammt hatte.

Ja, doch auch das verlangt noch eine nähere Bestimmung.

Die gesammten Gliederthiere zerfallen nämlich in sechs Klassen: die Insecten, Myriapoden (Tausendfüßler), Arachniden (Spinnen), Krustaceen (Schalenthiere), Cirrhopoden und Anneliden.

Vetter Benedict wäre nämlich, wissenschaftlich gesprochen, nicht im Stande gewesen, einen Regenwurm von einem Blutegel, einen Bohrfüßler von einer Seeeichel, eine gewöhnliche Hausspinne von einem falschen Scorpion oder eine Krabbe von einem Frosche zu unterscheiden.

Was in aller Welt war dann aber Vetter Benedict?

Nun, ein einfacher Entomolog – nichts weiter.

Hierauf dürfte man wohl erwidern, daß die Entomologie der gebräuchlichen etymologischen Auffassung nach ein Theil der Naturkunde ist, welche alle Gliederthiere umfaßt. Das ist zwar im Allgemeinen richtig, aber andererseits hat man sich gewöhnt, diese Bezeichnung in weit eingeschränkterem Sinne zu gebrauchen. Man verwendet sie nämlich nur mit Bezug auf die Insecten, d.h. alle diejenigen Gliederthiere, deren Körper aus drei rundlichen Abtheilungen besteht, welche an ihren Enden zusammenhängen, und welche drei Paar Füße besitzen, weshalb sie auch den Namen »Hexapoden« (Sechsfüßler) erhalten haben.

Da sich Vetter Benedict also speciell auf das Studium der Gliederthiere dieser Klasse geworfen hatte, war er im eigentlichen Sinne des Wortes ein simpler Entomolog.

Doch man mache sich hierbei keine falschen Vorstellungen. Die Klasse der Insecten zählt nicht weniger als zehn Ordnungen: Orthopteren,1 Neuropteren,2 Hymenopteren,3 Lepidopteren,4 Hemipteren,5 Coleopteren,6 Dipteren,7 Rhipipteren,8 Parasiten,9 und Thysanuren.10.

Von manchen dieser Ordnungen, z.B. von den Coleopteren, unterscheidet man 30.000, von den Dipteren gar 60.000 Arten; an Objecten für das Studium fehlt es hier also gewiß nicht und der Leser wird zugestehen, daß ein Einzelner hierin schon eine genügende Befriedigung seiner Arbeitslust finden kann.

Das Leben Vetter Benedict’s war auch wirklich einzig und allein der Entomologie gewidmet.

Dieser Wissenschaft opferte er alle, alle Stunden – alle ohne Ausnahme, selbst die des Schlafes, denn er träumte unabänderlich nur von »Hexapoden«. Wieviel er Stecknadeln an den Aermeln und den Aufschlägen seines Rockes, dem Futter seines Hutes und an der Weste trug, wäre gar nicht zu zählen gewesen. Kehrte Vetter Benedict von einem Spaziergange zurück, so bildete seine kostbare Kopfbedeckung vorzüglich einen vollen naturhistorischen Schaukasten, so sehr erschien sie äußerlich und im Innern mit durchbohrten Insecten gespickt.

Der Leser weiß nun so ziemlich Alles über dieses Original, wenn wir höchstens noch hinzufügen, daß ihn eben jene entomologische Leidenschaft veranlaßt hatte, Mr. und Mrs. Weldon nach Neu-Seeland zu begleiten. Dort hatte sich seine Sammlung nun mit einigen seltenen Exemplaren bereichert und man wird es erklärlich finden, daß er so viel als möglich eilte, zurückzukehren, um dieselben in den Kästen seines Cabinets zu San-Francisco geordnet unterzubringen.

Da Mrs. Weldon und ihr Sohn jetzt mit dem »Pilgrim« nach Amerika zurückkehrten, war also nichts natürlicher, als daß Vetter Benedict sie auf dieser Ueberfahrt begleitete.

Auf ihn durfte Mrs. Weldon freilich am wenigsten zählen, wenn sie jemals in eine kritische Lage kam. Zum Glück handelte es sich hier ja auch nur um eine Reise, welche während der schönen Jahreszeit keine Schwierigkeiten bietet, und das am Bord eines Schiffes, dessen Kapitän alles Zutrauen verdiente.

Während der drei Tage, die der »Pilgrim« in Waitemata vor Anker lag, traf Mrs. Weldon ihre Vorbereitungen in größter Eile, da sie die Abfahrt der Brigg-Goëlette nicht verzögern wollte. Die eingebornen Diener, welche sie in ihrer Wohnung in Auckland gehabt, wurden verabschiedet und am 22. Januar schon schiffte sie sich mit ihrem Sohne Jack, dem Vetter Benedict und Nan, der alten Negerin, auf dem »Pilgrim« ein.

In einer besonderen Kiste schleppte Vetter Benedict seine ganze Sammlung von Insecten mit. In dieser Sammlung figurirten unter Anderem einige Exemplare neuer Staphylinen, das sind gewisse fleischfressende Raubkäfer, welche die Augen über dem Kopfe haben und bis jetzt nur in Neu-Caledonien vorzukommen schienen. Gleichzeitig hatte man ihn auch auf eine gewisse giftige Spinne aufmerksam gemacht, auf den »Katipo« der Maoris, deren Biß für die Eingebornen oft tödtlich ist. Eine Spinne gehört jedoch nicht unter die Ordnung der eigentlichen Insecten, sie zählt zu den Arachniden und erschien demnach in den Augen Vetter Benedict’s werthlos. Er hatte sich also um diese gar nicht gekümmert und als bester Edelstein seiner Sammlung glänzte ein sehenswerther neuseeländischer Staphyline.

Selbstverständlich hatte Vetter Benedict seine Ladung unter Zeichnung einer starken Prämie sehr hoch versichert, denn ihm dünkte diese werthvoller als der ganze Cargo des »Pilgrim« an Oel und Walfischbarten.

Als die Anker gelichtet werden sollten und Mrs. Weldon nebst ihren Begleitern sich auf dem Verdeck des »Pilgrim« befand, trat Kapitän Hull an die Dame heran:

»Ich brauche Ihnen wohl nicht zu erklären, Mistreß Weldon, sagte er zu ihr, daß Sie es auf eigene Verantwortlichkeit thun, wenn Sie sich zur Ueberfahrt des »Pilgrim« bedienen.

– Weshalb sagen Sie mir das, Herr Hull? fragte Mrs. Weldon.

– Weil ich von Ihrem Gemahl hierüber keinen Befehl erhalten habe und eine Brigg-Goëlette Alles in Allem nicht die Garantien einer angenehmen Ueberfahrt bieten kann, wie ein für Passagiere speciell eingerichteter Dampfer.

– Und wenn mein Mann jetzt hier wäre, erwiderte Mrs. Weldon, glauben Sie, daß er Anstand nehmen würde, sich mit seiner Frau und seinem Kinde auf dem »Pilgrim« einzuschiffen?

– Nein, Mistreß Weldon, antwortete Kapitän Hull, das glaube ich sicher nicht! So wenig wie ich selbst zögern würde, es zu thun! Der »Pilgrim« ist ein gutes Schiff, wenn er auch heut’ einen traurigen Fischzug hinter sich hat, und ich verlasse mich auf ihn, so gut wie ein Seemann sich auf ein Fahrzeug verlassen kann, das er seit mehreren Jahren selbst commandirt.

Durch meine vorigen Worte, Mistreß Weldon, wollte ich mich nur von meiner Verantwortlichkeit befreien und Ihnen wiederholen, daß Sie an Bord nicht denjenigen Comfort finden werden, den Sie gewöhnt sind.

– Wenn es sich nur um etwas Bequemlichkeit mehr oder weniger handelt, Herr Kapitän, entgegnete Mrs. Weldon, so machen Sie sich keine weitere Sorge. Ich gehöre nicht zu den. Passagieren, welche sich unausgesetzt über die Enge der Cabinen und über die Mangelhaftigkeit der Tafel beklagen.«

Mrs. Weldon’s Augen ruhten einige Augenblicke auf dem kleinen Jack und dann sagte sie:

»Reisen wir in Gottes Namen ab, Herr Hull!«

Sofort erging der Befehl zur Lichtung der Anker, die Segel wurden gerichtet und der »Pilgrim« drehte so bei, daß er möglichst schnell offenes Wasser erreichte, und steuerte dann in der Richtung auf Amerika zu.

Drei Tage nach der Abfahrt aber wurde die Brigg-Goëlette durch starke Ostwinde gezwungen, Backbordhalsen zu setzen, um gegen den Wind aufzukommen.

So befand sich Kapitän Hull am 2. Februar unter einer höheren Breite, als er beabsichtigt hatte, und etwa in der Lage eines Seemannes, der weit eher das Cap Horn zu umschiffen, als die neue Welt auf der kürzesten Linie zu erreichen sucht.

Fußnoten

1 Typen: Heuschrecken, Grillen.

2 Typen: Ameisenlöwen, Libellen.

3 Typen: Bienen, Wespen.

4 Typen: Schmetterlinge.

5 Typen: Baumgrillen, Blattläuse.

6 Typen: Maikäfer.

7 Typen: Mücken, Schnaken.

8 Typen: Griffelfüßler.

9 Typen: Käsewürmer.

10 Typen: Zuckerthierchen.

Zweites Capitel.

Dick Sand.

Das Meer hielt sich im Ganzen freundlich und die Reise ging, von der unausbleiblichen Verzögerung abgesehen, unter recht leidlichen Verhältnissen von statten.

Mrs. Weldon war am Bord des »Pilgrim« so gut und bequem als möglich untergebracht worden. Weder Oberdeck noch Ruff (auf Segelschiffen häufig ein auf Deck errichtetes Wohnhäuschen für die Mannschaft) befanden sich auf dem Achterdeck. Eine eigentliche Cabine konnte ihr daselbst also nicht angewiesen werden. Sie mußte sich mit dem am Stern des Schiffes gelegenen Zimmerchen des Kapitäns Hull, einer höchst bescheidenen Seemannswohnung, begnügen. Aber es hatte der dringendsten Vorstellungen seitens des Kapitäns bedurft, sie zur Annahme derselben zu bewegen. In diesem engen Raume also hatte sich jetzt Mrs. Weldon mit ihrem Kinde und der alten Nan eingerichtet. Hier nahm sie ihre Mahlzeiten ein in Gesellschaft mit Kapitän Hull und Vetter Benedict, für welch’ Letzteren ein besonderes Zimmerchen vorgerichtet worden war.

Der Commandant des »Pilgrim« selbst hatte sich in einer Cabine des Wohnraumes für die Mannschaft eingerichtet, eine Cabine, welche von dem zweiten Officier bewohnt gewesen wäre, wenn es einen solchen am Bord des »Pilgrim« gegeben hätte. Die Brigg-Goëlette machte ihre Fahrten aber, wie wir wissen, unter Umständen, welche die Dienstleistung eines zweiten Officiers überflüssig erscheinen ließen.

Die Mannschaft des »Pilgrim«, lauter gute und solide Seeleute, vereinigte die Gemeinsamkeit der Anschauungen und Gewohnheiten; dieses Jahr machten sie schon die vierte Fischerei-Saison mit einander durch. Als lauter Amerikaner aus dem Westen kannten sie sich schon seit langer Zeit und stammten auch Alle von derselben Küste Kaliforniens her.

Diese guten Leute benahmen sich sehr zuvorkommend gegen Mrs. Weldon, die Gattin ihres Rheders, für den sie eine unbegrenzte Ergebenheit an den Tag legten. Es erklärte sich das auch durch den Umstand, daß sie an den Erträgnissen des Schiffes selbst in hohem Maße betheiligt und bisher stets mit gutem Erfolge gefahren waren. Wenn ihre geringe Anzahl auch für jeden Einzelnen eine erhöhte Arbeit mit sich brachte, so steigerte sich eben dadurch auch der Antheil eines Jeden bei Abschluß der Rechnung nach vollendeter Saison. Für diesmal freilich stand ihnen so gut wie gar kein Ueberschuß in Aussicht, weshalb sie gewiß mit Recht den Spitzbuben aus Neu-Seeland gründlich zürnten.

Ein einziger Mann unter Allen an Bord war nicht von amerikanischer Herkunft. Portugiese von Geburt, doch der englischen Sprache vollkommen mächtig, nannte er sich Negoro und versah die bescheidene Function eines Kochs der Brigg-Goëlette.

Es war ein schweigsamer Mann. (S. 17.)

Da der frühere Koch des »Pilgrim« in Auckland desertirte und jener Negoro gerade ohne Stellung war, so bot er sich zu diesem Dienste an. Von Natur schweigsam und wenig mittheilsam, hielt er sich meist sehr zurückgezogen, that in seinem Fache jedoch seine Schuldigkeit. Mit seinem Engagement schien Kapitän Hull einen glücklichen Griff gethan zu haben, und seit seiner Einschiffung hatte der Küchenvorstand wirklich noch niemals Ursache zum Tadel gegeben.

Immerhin bedauerte Kapitän Hull, sich vorher aus Mangel an Zeit nicht näher nach seiner Vergangenheit erkundigt zu haben. Sein Gesicht oder vielmehr sein Blick sagte ihm gar nicht besonders zu, und wenn es sich darum handelt, einen völlig Unbekannten in den so beschränkten und sich stets nahe berührenden Kreis an Bord eines Schiffes aufzunehmen, sollte man niemals versäumen, sich über dessen Antecedentien möglichst eingehend zu unterrichten.

Negoro mochte vierzig Jahre zählen. Mager, nervös, von mittlerer Statur, tiefbrünett von Haar und stark sonnenverbrannt schien er sehr kräftiger Constitution zu sein. Handelte er nach irgend welchen Instructionen? Ja, wenigstens deuteten darauf wiederholt einzelne abgerissene Aeußerungen hin, welche er wohl aus Versehen fallen ließ. Uebrigens sprach er nie von seiner Vergangenheit und erwähnte von seiner Familie keine Silbe. Woher er kam, wo er gelebt – Niemand konnte das errathen. Welche Zukunft ihm bevorstand, vermochte man ebensowenig zu muthmaßen. Er gab nur seine Absicht kund, in Valparaiso an’s Land zu gehen. Unzweifelhaft hatte man es mit einem eigenthümlichen Menschen zu thun. Seemann schien er auf keinen Fall zu sein, denn Alles, was zur Marine in Bezug stand, erschien ihm fremder, als man es sich von einem Schiffskoch versieht, der ja zu nicht geringem Theile sein Leben auf dem Meere zubringt.

Im Ganzen sah man ihn sehr wenig. Tagsüber hielt er sich in der kleinen Küche auf, deren gußeiserne Kochmaschine den größten Theil des Raumes daselbst einnahm. Löschte er mit einbrechender Nacht sein Feuer, so suchte Negoro die ihm angewiesene Lagerstätte in dem Schlafraume der Schiffsbesatzung auf, legte sich sofort nieder und schlief ein.

Wir erwähnten schon oben, daß die Mannschaft des »Pilgrim« aus fünf Matrosen und einem Leichtmatrosen bestand.

Dieser junge Mann von beiläufig fünfzehn Jahren war von gänzlich unbekannter Herkunft. Von seiner Geburt an verlassen, war das arme Wesen durch öffentliche Mildthätigkeit erhalten und erzogen worden.

Dick Sand – so hieß er – stammte offenbar aus dem Staate New-York und jedenfalls aus der Hauptstadt desselben.

Den Vornamen Dick – eine Abkürzung von Richard – hatte man der armen Waise beigelegt, weil das der Name des mitleidigen Fremden war, der ihn zwei bis drei Stunden nach seiner Geburt aufnahm. Den Zunamen Sand erhielt er zur Erinnerung an die Stelle, auf der er gefunden ward, nämlich an die Spitze von Sandy-Hook,1 welche an der Hudson-Mündung den Eingang zum Hafen von New-York bildet.

Auch nach dem vollendeten Wachsthum konnte Dick Sand wohl kaum die mittlere Größe überschreiten, doch schien er von kräftiger Constitution zu sein. Seine Erscheinung verrieth deutlich den angelsächsischen Ursprung. Braun von Haar, besaß er doch herrliche blaue Augen, deren Krystall in hellem Feuer leuchtete. Seine intelligente Physiognomie athmete Lebenslust und Thatkraft. Es war nicht die eines Tollkühnen, wohl aber die eines »Wagenden«. Man citirt so häufig jene drei Worte aus einem Verse Virgil’s:

Audaces fortuna juvat!

– doch man citirt sie falsch. Der Dichter hat richtiger gesagt:

Audentes fortuna juvat!

Die mit Vorbedacht »Wagenden«, nicht die »Wagehälse«, unterstützt das Glück. Der Tollkühne handelt unüberlegt. Der Wagende denkt zuerst und handelt dann. Hierin liegt der Unterschied.

Dick Sand war ein audens. Schon mit fünfzehn Jahren wußte er, wie man zu sagen pflegt, was er wollte, und führte unentwegt aus, was er einmal beschlossen hatte. Sein lebhaftes und doch ernstes Antlitz erregte unwillkürlich Jedermanns Aufmerksamkeit. Haushälterisch in Worten und Bewegungen, unterschied er sich dadurch merklich von den anderen Knaben seines Alters. In sehr jungen Jahren, wo man sonst an die Fragen des Lebens noch nicht heranzutreten pflegt, begriff er schon seine elende Lage und gelobte, »aus sich selbst heraus« etwas Ordentliches zu werden.

Er hatte Wort gehalten – er reiste schon zum Manne, wo Andere gewöhnlich noch Kinder sind. Gleichzeitig geschickt und eifrig in allen körperlichen Uebungen, gehörte Dick zu den bevorzugten Wesen, von denen man sagen kann, daß sie mit zwei linken Füßen und zwei rechten Händen geboren sind, so daß sie Alles mit der rechten Hand erfassen und nie mit dem unrechten Fuße aufstehen.

Durch öffentliche Mildthätigkeit war der kleine Waisenknabe also erzogen worden. Man hatte ihn erst in einem jener Rettungshäuser für Kinder untergebracht, in denen sich in Amerika stets ein Platz für die verlassenen Kleinen findet. Mit vier Jahren schon lernte Dick dann lesen, schreiben und rechnen in einer jener Freischulen des Staates New-York, welche durch freiwillige Beiträge so freigebig ausgestattet sind.

Mit acht Jahren trieb Dick seine von Anfang an ausgesprochene Vorliebe für das Meer hinaus; er trat als Schiffsjunge auf einem Oceanfahrer, der nach den südlichen Meeren segelte, ein. Dort bestand er seine erste Lehrzeit als Seemann, wie das eigentlich immer sein sollte, von frühestem Alter an. Nach und nach unterrichtete er sich unter der Anleitung von Officieren, die sich für den kleinen Kerl interessirten; der Schiffsjunge avancirte denn auch bald, jedenfalls in Erwartung weiterer Fortschritte, zum Leichtmatrosen. Ein Kind, welches von klein auf begreift, daß die Arbeit das Grundgesetz des Lebens ist, daß es sein Brot nur im Schweiße seines Angesichts verdienen kann – eine Lehre der Bibel, welche für die Menschheit zur Regel geworden ist – ein solches ist voraussichtlich zu großen Dingen ausersehen, denn ihm wird gegebenen Falles neben dem Willen zu solchen auch die Kraft der Ausführung nicht fehlen.

So befand sich Dick also als Leichtmatrose an Bord eines Kauffahrers, als Kapitän Hull auf ihn aufmerksam wurde. Der wackere Seemann faßte sofort eine aufrichtige Zuneigung zu dem guten Knaben und machte ihn später auch seinem Rheder James W. Weldon bekannt. Dieser empfand jedenfalls ein lebhaftes Interesse für die Waise, sorgte für Vollendung seiner Bildung in San-Francisco und ließ ihn in der katholischen Religion, der seine Familie angehörte, erziehen.

Im Laufe dieser Studien entwickelte sich in Dick Sand eine hervorragende Leidenschaft für die Geologie und Reisen, bis er das nöthige Alter erreichte, um den auf die Navigationslehre bezüglichen Theil der Mathematik betreiben zu können. Bei diesem theoretischen Theile seiner Ausbildung versäumte er auch nicht, sich praktisch zu vervollkommnen. Er schiffte sich also zum ersten Male als Leichtmatrose auf dem »Pilgrim« ein. Ein tüchtiger Seemann muß die Großfischerei eben so gut kennen wie die Schifffahrt auf offenem Meere. Es gewährt das eine gute Vorbereitung für alle Zufälligkeiten, welche die Seecarrière mit sich führt; dazu diente Dick Sand ja auf einem Fahrzeuge James W. Weldon’s, seines Wohlthäters, welches sein Beschützer, Kapitän Hull, befehligte. Die Verhältnisse gestalteten sich also für ihn so günstig wie möglich. Es wäre überflüssig, hier besonders hervorzuheben, wie weit seine dankbare Ergebenheit für die Familie Weldon ging; es wird das besser aus seinen Thaten hervorgehen. Der Leser begreift aber, wie glücklich er darüber war, zu hören, daß Mrs. Weldon den »Pilgrim« zur Heimreise benützen werde. Mrs. Weldon war ihm mehrere Jahre lang eine zweite Mutter, der kleine Jack ein jüngerer Bruder gewesen, was ihn trotzdem aber nie seine eigenen Verhältnisse gegenüber dem Sohne des reichen Rheders außer Augen setzen ließ. Indeß seine Beschützer wußten das recht wohl – das gute Samenkorn, welches sie gelegt, war auf fruchtbaren Boden gefallen. Die Dankbarkeit schwellte das Herz des verwaisten Knaben und hätte er selbst sein Leben für Diejenigen lassen sollen, denen er es verdankte, etwas Tüchtiges für das Leben und auch Gott lieben gelernt zu haben, er hätte gewiß keinen Augenblick gezögert. Mit einem Wort, in einem Alter von fünfzehn Jahren zu handeln wie ein Mann von Dreißig, das war alles in allem der kleine Dick Sand.

Mrs. Weldon kannte den Werth ihres Schützlings recht gut; ihm konnte sie ohne Unruhe den kleinen Jack anvertrauen. Dick Sand liebte dieses Kind, welches sich in der Empfindung der Zuneigung seines »größeren Bruders« Letzterem gern anschloß. Während jener häufigen Mußestunden unter einer längeren Reise bei gutem Wetter, wo die einmal gestellten Segel keiner Aufsicht und Veränderung bedürfen, sah man Dick und Jack fast stets beisammen. Der junge Leichtmatrose zeigte dem Knaben Alles, von dem er glaubte, daß es für ihn von Interesse sein könne.

Mrs. Weldon sah es ohne Furcht, wenn Jack in Begleitung Dick Sand’s die Wanten (Strickleitern) hinaufkletterte, auf der Mars (Mastkorb) des Fockmastes stand oder auf der Bramstenge ritt und zuletzt an den Pardunen oder Stagen wie ein Pfeil herabglitt. Dick Sand hielt sich dabei immer dicht vor oder hinter ihm, bereit, ihn zu halten oder zu unterstützen, wenn seine fünfjährigen Aermchen bei solchen Uebungen erlahmten. Dem kleinen Jack bekamen diese Anstrengungen recht gut; hatte die Krankheit ihm die Rosen von den Wangen gestohlen, so erblühten ihm diese, Dank dieser täglichen Gymnastik und den stärkenden Brisen des Oceans, an Bord des »Pilgrim« von Neuem; so lagen also die Verhältnisse. Die Ueberfahrt ging im Ganzen recht leidlich von Statten, und wäre die Windrichtung ein wenig günstiger gewesen, so hätten weder die Passagiere noch die Mannschaft des »Pilgrim« Grund zu irgend welcher Klage gehabt.

Immerhin machte der stetig anhaltende Westwind dem Kapitän doch einige Sorge, da er ihn verhinderte, den richtigen kürzesten Weg einzuhalten. Nahe dem Wendekreise des Steinbockes, fürchtete er, ganz auf hemmende Windstillen zu kommen, ohne von dem Aequatorstrome zu reden, der ihn unwiderstehlich nach Westen verschlagen mußte. Er beunruhigte sich also, vorzüglich um Mrs. Weldon’s Willen, nicht wenig wegen dieser Verzögerungen, an denen er doch völlig unschuldig war. Auch dachte er schon daran, für den Fall des Begegnens eines Transatlantischen Dampfers nach Amerika der reisenden Dame den Rath zu ertheilen, sich auf diesem einzuschiffen. Zum Unglück wurde er aber in viel zu hohen Breiten zurückgehalten, um einen jener Steamer nach Panama zu kreuzen, und übrigens waren die Verbindungen über den Pacifischen Ocean zwischen Australien und der neuen Welt damals noch nicht so häufig wie heutzutage.

Man mußte also Alles der Gnade des Höchsten anheimstellen und es gewann schon den Anschein, als sollte nichts diese eintönige, lange Ueberfahrt unterbrechen, als sich, eben an jenem 2. Februar und unter der zu Anfang dieser Erzählung angegebenen Länge und Breite, ein erster Zwischenfall ereignete.

Dick Sand und Jack hatten gegen neun Uhr Morgens bei herrlichem klaren Wetter sich auf dem Fockmast ein Plätzchen gesucht. Von hier aus übersahen sie sowohl das ganze Schiff als auch den Ocean in weitem Umkreise. Nach rückwärts war der Horizont ihren Blicken nur durch den Großmast, der eine Brigantine und Oberbramsegel trug, verdeckt. Nach vorn sahen sie das Bugspriet, mit seinen drei scharf beigehaltenen Focksegeln, die sich drei großen, ungleichen Flügeln ähnlich vor ihnen ausspannten. Unter ihnen ragte die Bramraae nach beiden Seiten weit hinaus, über ihnen das Unter-und Obermarssegel, deren Saum mit den Seisingen bei dem frischen Wind gegen die Raaen schlug. Die Brigg-Goëlette lief also mit Backbordhalsen und segelte so dicht als möglich am Winde.

Dick Sand erklärte Jack, wie der gut geladene und sorgsam im Gleichgewicht gehaltene »Pilgrim« trotz der jetzt ziemlich starken Neigung nach Steuerbord nicht kentern könne, als der kleine Knabe ihn unterbrach.

»Was sehe ich doch dort draußen? sagte er.

– Du siehst etwas, Jack? fragte Dick Sand, indem er sich auf der Raae kerzengerade erhob.

– Ja wohl, dort!« bestätigte Jack und zeigte nach einer Stelle des Meeres, wo zwischen den Stagen des Fockmastes und neben dem Klüverfocksegel die Aussicht offen war.

Dick Sand blickte aufmerksam nach dem bezeichneten Punkte und rief bald mit lauter Stimme:

»Eine Seetrift, vor Steuerbord unter dem Winde!«

Fußnoten

1 Sand bedeutet auch im Englischen den »Sand«.

Drittes Capitel.

Die Seetrift.

Auf den Ruf Dick Sand’s war sofort die ganze Besatzung auf den Füßen; die Mannschaften, welche gerade keine Wache hatten, kamen nach dem Verdeck. Kapitän Hull verließ seine Cabine und begab sich nach dem Vordertheil.

Mrs. Weldon, Nan, selbst der sonst so indifferente Vetter Benedict lehnten auf dem Barkholz des Steuerbords, um die durch den jungen Leichtmatrosen signalisirte Seetrift aufzusuchen.

Nur Negoro verblieb in der ihm als Küche dienenden Cabane und schien von der ganzen Besatzung der Einzige zu sein, für den eine Seetrift kein besonderes Interesse hatte.

Alle schauten mit Aufmerksamkeit nach dem schwimmenden Gegenstande, den die Wellen etwa drei (englische) Meilen vor dem Pilgrim auf und ab schaukelten.

»He, was könnte das wohl sein? fragte einer der Matrosen.

– Gewiß ein verlassenes Floß! antwortete ein Anderer.

– Vielleicht befinden sich auf diesem Floß noch unglückliche Schiffbrüchige? bemerkte Mrs. Weldon.

– Das werden wir bald wissen, erwiderte Kapitän Hull, doch jene Seetrift ist kein Floß, das ist ein auf der Seite liegender Schiffsrumpf…

Dick und Jack sah man fast stets beisammen. (S. 21.)

– O, sollte es nicht vielmehr ein Seethier sein, etwa ein Wassersängethier von gewaltigem Umfange? ließ sich Vetter Benedict vernehmen.

– Das glaube ich nicht, erwiderte der Leichtmatrose.

– Und wofür hältst Du es denn, Dick? fragte Mrs. Weldon.

– Für ein gekentertes Schiff, wie der Kapitän, Mistreß. Ich glaube sogar die Verkupferung in der Sonne glänzen zu sehen.

– Wahrhaftig… das scheint so…« bestätigte Kapitän Hull. Dann wandte er sich an den Untersteuermann.

»Das Steuer in den Wind, Bolton; laß um ein Viertel abfallen, um nach dem Wrack zuzutreiben.

– Ja, Herr Kapitän, antwortete der Mann am Ruder.

– Ich bleibe aber doch bei meiner Ansicht, wiederholte Vetter Benedict; das ist ohne Zweifel ein Seethier.

– Das müßte ein kupferbeschlagener Walfisch sein, entgegnete Kapitän Hull, denn ich sehe ihn deutlich die Sonne widerspiegeln.

– Jedenfalls werden Sie zugeben, Vetter Benedict, meinte Mrs. Weldon, daß diese Catacee todt wäre, denn sie macht augenscheinlich nicht die geringste Bewegung.

– Ei, Cousine Weldon, widersprach ihr der starrsinnige Vetter Benedict, das wäre auch nicht das erste Mal, daß man einen Walfisch auf der Meeresoberfläche schlafend anträfe.

– Ganz richtig, sagte Kapitän Hull, doch in unserem Falle handelt es sich nicht um einen Walfisch, sondern um ein Fahrzeug.

– Das werden wir erst sehen, meinte Vetter Benedict, der übrigens alle Wassersäugethiere der arktischen und antarktischen Meere für ein einziges seltenes Insect gern hingegeben hätte.

– Steuere scharf darauf zu, Bolton! rief der Kapitän nochmals, doch laufe die Trift nicht an, sondern eine Kabellänge daran vorbei. Können wir jenem Rumpfe auch keinen großen Schaden thun, so könnten wir dabei doch eine Havarie erleiden und ich möchte die Flanken des »Pilgrim« keinem solchen Stoße aussetzen. Luv’ etwas an, Bolton, luv’ an!«

Der »Pilgrim«, der bis jetzt direct auf das Wrack zuhielt, ward durch eine leichte Bewegung des Steuers ein wenig abgelenkt.

Die Brigg-Goëlette befand sich jetzt etwa noch eine Meile von der Trift entfernt. Neugierig betrachteten sie alle Matrosen. Vielleicht barg sie eine werthvolle Ladung, welche man auf den »Pilgrim« herüber schaffen konnte? Bekanntlich gehört der dritte Theil solch’ geborgener Güter den Rettern derselben, und im Falle, daß jene Ladung nicht havarirt war, hätten die Mannschaften noch zuletzt, wie man sagt, eine »gute Hochfluth« gemacht. Das wäre doch noch ein Trost gewesen nach dem kläglichen Fischzuge.

Eine Viertelstunde später tanzte die Seetrift kaum eine halbe Meile von dem »Pilgrim« auf und ab.

Es war wirklich ein Fahrzeug, dessen Steuerbord nach außen und oben lag. Gekentert bis zur niederen Schanzkleidung, hätte man sich auf seinem Deck schwerlich zu halten vermocht. Von seiner Bemastung sah man so gut wie nichts mehr. An den Jungfern hingen noch einige gesprengte Taue und die zerrissenen Pardunen der Eselsköpfe. An der Steuerbordwand gähnte eine weite Oeffnung zwischen dem Rippenwerk und den eingestoßenen Planken.

»Dieses Schiff ist angesegelt worden, rief Dick Sand.

– Das ist nicht zu bezweifeln, entgegnete Kapitän Hull, doch bleibt es ein Wunder, daß es nicht sofort gesunken ist.

– Wenn hier ein Zusammenstoß stattfand, bemerkte Mrs. Weldon, so darf man wohl hoffen, daß die Mannschaften dieses Schiffes von dem anderen, welches dasselbe übersegelte, aufgenommen wurden.

– Ja, wir wollen das hoffen, Mistreß Weldon, belehrte sie der Kapitän Hull, wenn die Leute nicht auf ihren eigenen Booten Rettung gesucht haben, im Falle das andere Schiff nach der Collision seinen Kurs sogleich fortsetzte – was leider dann und wann vorkommt!

– Wäre es möglich! Ein solcher Beweis grausamster Unmenschlichkeit, Herr Hull!

– Ja, Mistreß Weldon, – es ist, Gott sei es geklagt, so wie ich Ihnen sage!

– Bezüglich der Besatzung des Schiffes wird meine Ansicht, daß sie dasselbe verlassen, noch dadurch bestärkt, daß ich kein einziges Boot mehr sehe, und wenn die Leute nicht doch etwa aufgenommen wurden, so möchte ich eher glauben, daß sie den Versuch gemacht haben, irgendwo an Land zu kommen. Freilich ist bei der ungeheuren Entfernung Amerikas und der Oceanischen Inseln kaum anzunehmen, daß ein solcher Versuch gelingen könne.

– Vielleicht, sagte Mrs. Weldon, wird der Schleier nie von diesem Geheimnisse gehoben! Immerhin wäre es möglich, daß sich noch Einer oder der Andere der Mannschaft an Bord befände.

– Das ist nicht wohl anzunehmen, Mistreß Weldon, erwiderte Kapitän Hull; unsere Annäherung wäre sicher schon bemerkt worden und man würde uns ein Signal geben. Doch wir wollen uns selbst überzeugen. Luv’ an, Bolton, luv’ an!« rief er dem Mann am Steuer zu, und wies mit der Hand nach der einzuschlagenden Richtung.

Nur drei Kabellängen von dem Wrack befand sich jetzt der »Pilgrim« und man konnte kaum noch zweifeln, daß dasselbe vollständig verlassen sei.

Eben da machte Dick Sand aber ein Zeichen mit der Hand, die Anderen zum Stillschweigen aufzufordern.

»Hört! Hört!« sagte er.

Jeder horchte gespannt.

»Mir schien, ich hörte ein Gebell!« rief Dick Sand.

Wirklich erscholl aus dem Innern des Schiffsrumpfes ein entferntes Bellen. Darin befand sich also ohne Zweifel ein noch lebender Hund, der wohl eingesperrt sein mochte, denn möglicher Weise waren die Luken hermetisch geschlossen. Letztere konnte man noch nicht sehen, weil das Verdeck des verunglückten Fahrzeuges nach der anderen Seite gewendet lag.

»Und wäre auch nur ein Hund darauf, Herr Hull, erklärte Mrs. Weldon, so werden wir diesen retten!

– Ja…. ei ja!…. rief der kleine Jack erfreut…. den wollen wir retten!…. Ich werde ihm zu fressen geben…. ach, er wird uns so lieb haben…. Mama, wart’, ich will ihm ein Stückchen Zucker holen!…

– Bleib’ nur hier, mein Kind, antwortete Mrs. Weldon lächelnd. Ich glaube eher, das arme Thier wird dem Hungertode nahe sein und eine gute Pastete Deinem Stückchen Zucker vorziehen.

– Nun wohl, so gebe man ihm meine Suppe, rief der kleine Jack schnell entschlossen, ich werde sie entbehren können!«

Jetzt ließ sich das Bellen deutlicher vernehmen. Nur dreihundert Schritte trennte die beiden Fahrzeuge. Fast gleichzeitig erschien ein großer Hund über der Schanzkleidung des Steuerbords, an der er sich anklammerte, während er heftiger bellte als je zuvor.

»Howik, wandte sich Kapitän Hull an den Quartiermeister des »Pilgrim«, laß beilegen und das kleine Boot aussetzen.

– Halt aus, mein Hund, halt aus!« rief der kleine Jack dem Thiere zu, das ihm durch halbgedämpftes Bellen zu antworten schien.

Das Segelwerk des »Pilgrim« wurde sofort so gerichtet, daß das Schiff auf eine halbe Kabellänge von dem Wrack ziemlich unbeweglich stehen blieb.

Das Boot ward klar gemacht und Kapitän Hull, Dick Sand nebst zwei Mann nahmen darin Platz.

Noch immer bellte der Hund. Er versuchte sich am Barkholz festzuhalten, kletterte aber immer wieder auf das Verdeck herab. Man konnte glauben, daß sein Gebell sich nicht allein an Diejenigen richte, welche er auf sich herankommen sah. Galt es also vielleicht doch etwaigen Passagieren und Matrosen in dem gekenterten Rumpfe?

»Sollte sich an Bord doch noch ein überlebender Schiffbrüchiger vorfinden?« fragte sich Mrs. Weldon.

Nach wenigen Ruderschlägen langte das Boot an dem auf der Seite liegenden Rumpfe an.

Plötzlich aber veränderte sich das ganze Benehmen des Hundes.

Auf sein erstes Anschlagen, welches Rettung und Hilfe anzulocken schien, folgte ein wüthendes Bellen. Offenbar schäumte das Thier in heftigem Zorn.

»Was mag der Hund nur haben!« sagte Kapitän Hull, während das Boot um das Hintertheil des Schiffes herumfuhr, um an dem unter Wasser liegenden Theil des Verdeckes anzulaufen.

Kapitän Hull sowohl konnte bemerken, wie man es auch an Bord des »Pilgrim« selbst gewahr wurde, daß die Wuth des Hundes plötzlich ausbrach, als Negoro seine Küche verließ und sich nach dem Verdeck begab.

Kannte der Hund den Koch schon und erkannte er ihn etwa wieder? Das war doch kaum anzunehmen.

Inzwischen hatte das Boot den Stern des Fahrzeugs passirt. Letzteres trug an demselben nur den Namen: »Waldeck«.

»Waldeck«, aber keinen Namen eines Heimathafens. Aus der Bauart des Rumpfes und anderer gewissen Details, welche das Auge eines Seemannes sogleich wahrnimmt, hatte Kapitän Hull mit Sicherheit erkannt, daß das Schiff von amerikanischer Construction war. Sein Name bestätigte übrigens diese Voraussetzung. Und jetzt – war dieser unbehilfliche Rumpf das Einzige, was von einer großen Brigg von fünfhundert Tonnen übrig war.

Am Vordertheil des »Waldeck« bezeichnete ein großes Leck die Stelle, an der ein Zusammenstoß stattgefunden hatte. In Folge des Umschlagens des Rumpfes blieb diese Oeffnung fünf bis sechs Fuß über Wasser, wodurch es sich erklärte, daß die Brigg nicht weiter sank.

Auf dem Verdeck, welches der Kapitän nun vollständig übersehen konnte, befand sich Niemand.

Der Hund hatte die Schanzkleidung verlassen und glitt bis nach der offenstehenden großen Luke, von wo er bald nach außen, bald nach dem inneren Schiffsraume hin bellte.

»Das Thier ist sicher nicht allein an Bord! meinte Dick Sand.

– Nein, gewiß nicht!« bemerkte auch der Kapitän.

Das Boot fuhr nun längs dem fast halb versenkten Barkholze des Backbords hin. Bei einem einigermaßen starken Seegange wäre der »Waldeck« unzweifelhaft binnen wenig Augenblicken versunken.

Das Verdeck der Brigg erschien wie abgefegt von einem Ende zum anderen. Vom Großmast und dem Fockmast standen nur noch Stümpfe, da beide etwa zwei Fuß unter der Mars abgebrochen waren und bei ihrem Sturze die Wanten, die Puddings und überhaupt die Takellage mit sich gerissen hatten. Soweit indeß das Auge reichte, konnte man keinerlei Seetrift weiter in der Nähe des »Pilgrim« entdecken, was darauf hinzudeuten schien, daß die Katastrophe sich schon vor mehreren Tagen ereignet haben mußte.

»Sind bei dieser Katastrophe wirklich einige Unglückliche mit dem Leben davon gekommen, so dürfte sie der Hunger oder der Durst schon getödtet haben, denn in der Kambüse kann kein Wasser mehr sein. Wir werden an Bord also kaum etwas Anderes als Leichname antreffen!

– Nein, widersprach ihm lebhaft Dick Sand, der Hund würde nicht in dieser Weise bellen; hier sind noch lebende Wesen!«

Wie als Antwort auf die Behauptung des Leichtmatrosen glitt der Hund in’s Meer hinab und schwamm mühsam auf das Boot zu, denn er schien völlig erschöpft zu sein.

Man nahm ihn auf und er stürzte sich nicht auf ein Stück Brot, das Dick Sand ihm zunächst anbot, sondern auf einen Eimer, der ein wenig Süßwasser enthielt.

»Das arme Thier stirbt fast vor Durst!« rief Dick Sand.

Das Boot suchte nun eine geeignete Stelle, um bequem am »Waldeck« anlegen zu können, und entfernte sich zu diesem Zwecke auf einige Faden. Der Hund schien jedenfalls anzunehmen, daß seine Retter nicht an Bord gehen wollten, denn er packte Dick an der Jacke und sein klägliches Bellen erscholl von Neuem mit gewachsener Kraft.

Man verstand ihn. Seine Pantomime, seine Sprache waren eben so deutlich, wie es die eines Menschen nur hätten sein können. Das Boot glitt noch bis zu den Ankerbalken des Backbords. Dort legten es die beiden Matrosen fest an, während Kapitän Hull und Dick Sand gleichzeitig mit dem Hunde das Verdeck bestiegen und sich nicht ohne Mühe bis zu der Luke zwischen Fock-und Großmast hinarbeiteten.

Durch diese Luke drangen Beide in den Raum ein.

Der mit Wasser halb gefüllte Raum des »Waldeck« enthielt keinerlei Waaren. Die Brigg segelte also unter Ballast – ein Ballast von Sand, der sich nach Backbord hin gesenkt hatte und dazu beitrug, das Schiff auf der Seite zu halten. Hier war demnach nichts zu bergen und zu retten.

»Niemand hier! rief Kapitän Hull.

– Niemand!« antwortete der Leichtmatrose, der bis zum Vordertheil des Raumes gegangen war.

»So steigen wir wieder hinauf!« sagte der Kapitän.

Beide erschienen wieder auf dem Deck.

Da lief der Hund auf sie zu und suchte sie nach dem Oberdeck zu locken.

Sie folgten ihm.

Dort am Carré lagen fünf Körper – ohne Zweifel fünf Leichname – auf dem Fußboden.

Kapitän Hull erkannte bei der Beleuchtung, welche die kleine Lichtöffnung gewährte, die Körper von fünf Negern.

Dick Sand lief von dem Einem zu dem Anderen und glaubte zu bemerken, daß sie noch athmeten.

»An Bord! An Bord mit ihnen!« befahl Kapitän Hull. Die beiden im Boote zurückgebliebenen Matrosen wurden herbeigerufen und halfen die Schiffbrüchigen aus dem Oberdeck herausschaffen.

Das ging zwar nicht ohne Mühe, doch zwei Minuten später lagen die fünf Schwarzen schon im Boote, ohne daß sie das Geringste von ihrer Rettung bemerkten. Eine kleine Herzstärkung und etwas vorsichtig eingeflößtes Wasser konnte sie vielleicht in’s Leben zurückrufen.

Der »Pilgrim« hielt sich in einer halben Kabellänge von dem Wrack und bald stieß das Boot wieder an das Schiff. Von der großen Raae ward ein Jölltau herabgelassen, mit dem man die leblosen Schwarzen emporhißte und sie auf dem Verdeck des »Pilgrim« bequem niederlegte.

Der Hund hatte sie begleitet.

»Ach, diese Unglücklichen! rief Mrs. Weldon aus, als sie die armen Menschen sah, welche als bewegungslose Körper vor ihr lagen.

– Sie leben, Mistreß Weldon! Wir retten sie! Ja, wir werden sie retten, jubelte Dick Sand.

– Was ist ihnen denn zugestoßen? fragte Vetter Benedict.

– Warten Sie, bis sie sprechen können, erwiderte Kapitän Hull, sie werden dann ihre Geschichte erzählen. Vor Allem wollen wir versuchen, ihnen etwas Wasser beizubringen, dem einige Tropfen Rum zugesetzt werden können.«

Dann wendete er sich um:

»Negoro!« rief er.

Bei diesem Namen sprang der Hund mit sich sträubendem Haar und halb offener Schnauze in die Höhe.

Der Küchenmeister erschien auf den ersten Anruf nicht.

»Negoro!« wiederholte Kapitän Hull.

Der Hund gab von Neuem Zeichen der Wuth.

Negoro trat aus der Küche heraus.

Kaum erschien er auf dem Deck, als der Hund sich auf ihn stürzte und ihn an der Kehle zu packen suchte.

Nur durch einen Schlag mit dem Schüreisen, das er schon deshalb mitgenommen zu haben schien, konnte er sich des Thieres erwehren, das einige Matrosen zu bändigen sich bemühten.

»Kennt Ihr diesen Hund? fragte Kapitän Hull den Küchenmeister.

– Ich? erwiderte Negoro, ich hab ihn noch nie gesehen.

– Das sieht wirklich eigenthümlich aus!« murmelte Dick Sand.

Viertes Capitel.

Die Ueberlebenden des »Waldeck«.

Noch immer blüht in großem Maßstabe der Menschenhandel an den äquinoctialen Küsten Afrikas.

Kannte der Hund den Koch? (S. 28)

Trotz der englischen und französischen Kreuzer verlassen noch jährlich mit Sklaven befrachtete Schiffe den Strand von Angola und von Mozambique, um die Neger nach verschiedenen Punkten der Erde, leider muß man genauer sagen, der civilisirten Welt zu schaffen.

Der Hund schwamm mühsam auf das Boot zu. (S. 29.)

Dem Kapitän Hull war das recht wohl bekannt.

Obwohl diese Gegenden des Oceans weit seltener von Menschenschacherern besucht werden, legte er sich doch die Frage vor, ob die Schwarzen, welche zu retten ihm soeben vergönnt gewesen, nicht zu einer »Ladung Sklaven« gehört hätten, die der »Waldeck« nach irgend einer Ansiedelung am Stillen Oceane überzuführen im Begriff war. Selbst in diesem Falle erlangten die Schwarzen jedoch allein schon dadurch ihre Freiheit, daß sie den Fuß auf sein Schiff gesetzt hatten, und es drängte ihn wirklich, jenen diese Mittheilung zu machen.

Inzwischen ließ man den armen Schiffbrüchigen vom »Waldeck« die sorgfältigste Pflege zu Theil werden. Mrs. Weldon flößte ihnen, unterstützt von Nan und Dick Sand, ein bischen erquickendes, frisches Wasser ein, das denselben gewiß schon manche Tage fehlte, und in Verbindung mit einer Kleinigkeit Nahrung genügte dieses, sie in’s Leben zurückzurufen.

Der älteste der Neger – er mochte gegen sechzig Jahre zählen – war bald im Stande zu sprechen und antwortete in englischer Sprache auf die an ihn gerichteten Fragen.

»Euer Schiff ist in Collision mit einem anderen gewesen? fragte zuerst Kapitän Hull.

– Ja, erwiderte der alte Neger. Vor zehn Tagen erlitt unser Segler in tief dunkler Nacht einen Zusammenstoß. Wir schliefen…

– Aber die Leute vom »Waldeck«? Was ward aus ihnen?

– Sie waren nicht mehr da, Herr, als wir auf das Deck des Schiffes kamen.

– Die Besatzung hat sich also wohl an Bord des Fahrzeugs retten können, das an den »Waldeck« stieß? fragte Kapitän Hull weiter.

– Vielleicht, wir möchten das wenigstens hoffen.

– Und nach dem Zusammenstoß kehrte das andere Schiff nicht zurück, Euch aufzunehmen?

– Nein.

– Ist es etwa selbst gesunken?

– Gesunken ist es nicht, entgegnete der alte Neger, denn wir sahen es noch durch die Nacht dahinsegeln.«

Diese von allen Ueberlebenden des »Waldeck« bestätigte Thatsache könnte fast unglaublich erscheinen. Doch ist es leider nur zu wahr, daß manche Kapitäne nach einer durch ihre Unvorsichtigkeit herbeigeführten Collision entflohen sind, ohne sich um die Unglücklichen zu kümmern, welche sie dem Verderben preisgaben, ohne einen Versuch zu deren Rettung zu unternehmen!

Mögen es die Kutscher so machen, die Sorge für Jemand, den sie auf offener Straße beschädigten, Anderen zu überlassen, obwohl auch schon das verdammenswerth genug ist. Wenigstens sind ihre Opfer doch einer meist augenblicklichen Hilfe sicher. Daß aber Menschen andere Menschen auf offenem Meere ebenso herzlos verlassen, das ist nicht zu glauben, das ist eine Schande!

Kapitän Hull kannte indessen mehrfache Beispiele solcher grausamen Unmenschlichkeit und mußte Mrs. Weldon belehren, daß solche Vorkommnisse, so entsetzlich sie auch seien, leider doch nicht allzu selten wären.

Dann fuhr er fort:

»Woher kam der »Waldeck«?

– Von Melbourne.

– Ihr seid also keine Sklaven?…

– O nein, Herr, erwiderte schnell der alte Neger, indem er sich seiner ganzen Größe nach aufrichtete. Wir sind Einwohner von Pennsylvanien und freie Bürger Amerikas!

– Glaubt nicht, Ihr guten Leute, beruhigte ihn Kapitän Hull, daß Eure Freiheit gefährdet sein könne, wenn Ihr an Bord der amerikanischen Brigg »Pilgrim« tretet!«

Die fünf Neger aus dem »Waldeck« gehörten in der That nach Pennsylvanien. Der älteste von ihnen, der in Afrika im Alter von sechs Jahren verkauft und nach den Vereinigten Staaten geschafft worden war, hatte schon seit vielen Jahren, seit der Emancipationsacte, seine Freiheit erlangt. Die Anderen, alle noch weit jüngere Genossen desselben, waren als Söhne von befreiten Sklaven schon von Kindheit an frei geworden oder frei geboren und kein Weißer hatte jemals irgend ein Anrecht auf sie gehabt. Sie sprachen nicht einmal jenes »Neger-Idiom«, welches keinen Artikel und das Zeitwort nur im Infinitiv anwendet – ein Dialect, welcher mehr und mehr, vorzüglich seit dem letzten Bürgerkriege, verschwindet. Die Schwarzen hatten also die Vereinigten Staaten freiwillig verlassen und kehrten freiwillig dahin zurück.

Wie sie dem Kapitän Hull ferner mittheilten, waren sie bei einem Engländer, der in der Nähe von Melbourne, im südlichen Australien, eine große Besitzung bewirthschaftete, als Arbeiter engagirt gewesen. Durch dreijährige Dienste erwarben sie sich dort einen hübschen Nothpfennig und wollten jetzt, nach Ablauf ihres Engagements, nach Amerika zurückkehren.

Sie hatten sich zu dem Zwecke auf dem »Waldeck« eingeschifft und ihre Ueberfahrt so gut wie jeder andere Passagier bezahlt. Am 5. December verließen sie Melbourne und siebzehn Tage später wurde der »Waldeck« in stockfinsterer Nacht von einem großen Steamer umgefahren.

Die Neger lagen damals im Schlafe. Wenige Secunden nach dieser fürchterlichen Collision stürzten sie schon auf das Deck.

Die Masten waren abgebrochen und der »Waldeck« legte sich mehr und mehr auf die Seite; doch er sollte nicht versinken, denn das Wasser drang nur in mäßiger Menge in dessen Raum ein.

Kapitän und Mannschaft des »Waldeck« waren Alle verschwunden, mochten sie nun in’s Meer gestürzt sein oder sich an der Takelage des anstoßenden Schiffes angehalten haben, welches nach der Collision entfloh, um nie wiederzukehren.

So blieben die fünf Schwarzen auf einem halb umgeschlagenen Schiff, eintausendzweihundert Meilen von jedem Land entfernt, zurück.

Der älteste dieser Neger nannte sich Tom. Bei seinem Alter war sowohl sein energischer Charakter, als auch seine Erfahrung während eines langen Lebens voller Arbeit auf die Probe gestellt worden, was ihn zum natürlichen Bormann der mit ihm zugleich engagirten Leute machte.

Die anderen Schwarzen, welche Alle nur fünfundzwanzig bis dreißig Jahre zählten, hießen Bat (abgekürzt von Bartholomäus), der Sohn des alten Tom, Austin, Acteon und Herkules, erfreuten sich eines kräftigen Körperbaues und guter Constitution und hätten auf den Märkten des centralen Afrikas gewiß einen hohen Preis erzielt. Obwohl sie entsetzlich zu leiden gehabt hatten, erkannte man sie doch mit Leichtigkeit als Angehörige jener lebenskräftigen Race, denen eine liberale Erziehung in den Schulen von Nord-Amerika schon ihren sichtbaren Stempel aufgedrückt hatte.

Tom und seine Begleiter hatten sich also auf dem »Waldeck« nach dem Zusammenstoß allein befunden, ohne die Möglichkeit, den schwerfälligen Rumpf wieder aufzurichten oder diesen verlassen zu können, da die beiden Rettungsboote zertrümmert und über Bord gespült waren. Sie mußten also die zufällige Begegnung eines anderen Schiffes abwarten, obwohl das Wrack durch die Trift, der es folgte, immer weiter verschlagen wurde. Dieser Umstand erklärte es, daß man ihm außerhalb seines Kurses begegnet war, denn auf der Fahrt von Melbourne hätte der »Waldeck« eigentlich unter weit höheren Breiten treiben müssen.

Während der zehn Tage zwischen der Collision und dem Erscheinen des »Pilgrim« in Sicht des verunglückten Schiffes hatten sich die fünf Schwarzen von einigen Vorräthen ernährt, die sie in der Speisekammer des Vorderdecks fanden. Da sie jedoch nicht zur Kambüse gelangen konnten, welche das Wasser vollkommen erfüllte, so fehlte ihnen jedes Mittel, ihren Durst zu stillen; so daß sie fürchterlich litten, da die Wassertonnen an Deck zerschlagen und weggerissen waren. Seit dem vorigen Tage hatten Tom und seine Begleiter vor brennendem Durst das Bewußtsein verloren, und es war wirklich die höchste Zeit, daß der »Pilgrim« zu ihrer Erlösung kam.

So lautete mit kurzen Worten Tom’s Bericht an den Kapitän Hull. An der Wahrheitsliebe des alten Schwarzen durfte man wohl nicht zweifeln. Seine Genossen bestätigten übrigens Alles, was er gesagt, und die Umstände selbst sprachen ja schon genügend für die armen Leute.

Ein anderes auf dem Wrack befindliches lebendes Wesen hätte wohl mit derselben Aufrichtigkeit gesprochen, wenn ihm das Wort verliehen gewesen wäre.

Es war das der Hund, den der Anblick Negoro’s auf so auffallende Weise erregt hatte. Hier lag eine wirklich unerklärliche Antipathie eines Thieres vor.

Dingo – so hieß der Hund – gehörte jener großen Race an, welche Neu-Holland eigenthümlich ist. Dennoch war er nicht in Australien in Besitz des Kapitäns vom »Waldeck« gekommen. Letzterer fand Dingo vor etwa zwei Jahren, vor Hunger dem Tode nahe, an der Westküste Afrikas, in der Nähe der Mündungen des Congo. Der Kapitän des »Waldeck« hatte das schöne Thier aufgenommen, welches sich nicht besonders anschloß und immer vielleicht einen früheren Herrn zu betrauern schien, von dem man es gewaltsam getrennt haben mochte, und den es unmöglich in dieser wüsten Gegend wieder finden konnte. – S V – diese beiden auf dem Halsbande eingravirten Buchstaben waren Alles, was auf die Vergangenheit des Thieres hinwies, die man wohl vergeblich zu entschleiern versucht hätte.

Dingo, ein kräftiges herrliches Thier, war größer als die Pyrenäenhunde, aber ein prächtiges Exemplar jener neuholländischen Race. Wenn er sich mit zurückgelegtem Kopfe aufrichtete, erreichte er die Höhe eines Menschen. Seine Gewandtheit und Kraft ließen es glauben, daß er Jaguare und Panther wohl ohne Zögern angegriffen hätte und auch selbst vor einem Bären nicht zurückgeschreckt wäre. Mit dichtem Felle versehen, den Schweif wohl ausgebildet mit einer Quaste, ähnlich der des Löwen, und im Allgemeinen von dunkelgelber Farbe, war Dingo nur an der Schnauze durch einige weiße Flecken gezeichnet. In der Wuth konnte das Thier fürchterlich werden, und es erscheint erklärlich, daß Negoro von dem ihm zu Theil gewordenen Empfange dieses respectablen Vertreters des Hundegeschlechts nicht besonders entzückt war.

Wenn sich Dingo auch nicht so sehr den Menschen anschloß, so konnte man ihn doch nicht bösartig nennen. Er schien vielmehr nur traurig zu sein. Der alte Tom hatte schon an Bord des »Waldeck« die Bemerkung gemacht, daß der Hund vorzüglich Schwarze nicht gern leiden mochte. Er suchte ihnen zwar nichts Böses zuzufügen, aber er floh sie, wo er konnte. Vielleicht hatte er an der afrikanischen Küste, an welcher er umherirrte, von den dortigen Eingebornen eine schlechte Behandlung erlitten. Trotzdem daß Tom und dessen Genossen ganz brave Leute waren, hatte er sich ihnen doch so gut wie nie genähert. Auch während der letzten zwölf auf dem »Waldeck« verbrachten Tage hielt er sich stets abseits, nährte sich, Keiner wußte wie, litt jedoch, ebenso wie die Anderen, schrecklich an Durst.

Das waren also alle überlebenden Wesen von jenem Wrack, welches der erste starke Wellenschlag sofort versenkt hätte. Ohne die unerwartete Ankunft des »Pilgrim«, den Windstillen und Gegenwinde in seinem Laufe gehindert hatten, so daß es Kapitän Hull möglich wurde, dieses Werk der Barmherzigkeit zu üben, hätte das Meer freilich nur noch Leichen verschlungen.

Jetzt galt es noch, die Schiffbrüchigen vom »Waldeck« nach ihrer Heimat zurückzuführen, sie, welche durch dieses Unglück den ganzen Ertrag eines dreijährigen Fleißes eingebüßt hatten. Das sollte denn auch geschehen. Der »Pilgrim« war ja nach Löschung seiner Ladung in Valparaiso bestimmt, längs der Küste Amerikas nach Kalifornien hinauszusegeln. Dort stand Tom und seinen Begleitern seitens James W. Weldon’s gewiß ein herzlicher Empfang bevor – das versicherte wenigstens dessen edelmüthige Gattin – und sie durften hoffen, mit dem Nothwendigsten versehen zu werden, um nach Pennsylvanien zurückzugelangen.

Ueber ihre Zukunft außer Sorge, fühlten sich die wackeren Leute gegen Mrs. Weldon und Kapitän Hull zu größtem Dank verpflichtet. Gewiß schuldeten sie diesen Beiden viel, verzweifelten aber scheinbar nicht daran, sich dereinst dafür erkenntlich erweisen zu können.

Fünftes Capitel.

S. V.

Inzwischen setzte der »Pilgrim« seinen Kurs fort und suchte so weit als möglich nach Osten vorzudringen.

Dieses fast unwandelbare Fortdauern der Calmen erregte in Kapitän Hull doch allerlei Gedanken – nicht, daß er sich bei einer Fahrt nach Valparaiso wegen einer Verzögerung von einer oder zwei Wochen beunruhigt hatte, wohl aber wegen der größeren Anstrengungen, welche eine solche Verzögerung für die reisende Dame mit sich brachte.

Mrs. Weldon selbst beklagte sich indessen keineswegs, sondern faßte sich solchen Unbequemlichkeiten gegenüber in philosophischer Geduld.

Noch an demselben Tage, am 2. Februar, verlor man das Wrack aus dem Gesicht.

Kapitän Hull sorgte vor allen Dingen dafür, Tom und dessen Begleiter, so bequem als möglich unterzubringen. Die Schlafräume der Mannschaft, welche sich als Ruff auf dem Deck befanden, wären für Alle zu beschränkt gewesen. Man richtete für jene also einen Platz unter dem Vorderkastell ein. Die an harte Arbeit gewöhnten Leute konnten ja nicht besonders wählerisch sein und bei dem schönen Wetter, der milden Luft und dem heilsamen Seewinde erschien eine solche Wohnung auch als genügend, selbst für eine lange Ueberfahrt.

Das durch diese Zwischenfälle unterbrochene monotone Leben an Bord ging bald wieder seinen gewohnten Gang.

Inzwischen pflegte man die armen Schiffbrüchigen. (S. 34.)

Tom, Austin, Bat, Acteon und Herkules hätten sich gewiß gern nützlich gemacht. Bei den stets gleich bleibenden Winden bedurften die Segel jedoch kaum einer besonderen Aufmerksamkeit und Bedienung.

Der kräftige Neger… (S. 41.)

Kam es jedoch darauf an, die Segelstellung zu ändern, so beeilten sich der alte Neger und seine Begleiter, der Mannschaft hilfreiche Hand zu leisten, und man muß gestehen, daß es sich recht fühlbar machte, wenn der kolossale Herkules bei einem solchen Manöver mithalf. Der kräftige, sechs Fuß hohe Neger wog allein eine ganze Rotte Seeleute auf.

Der kleine Jack sah diesen Riesen stets mit größtem Wohlgefallen. Er fürchtete sich vor ihm nicht im Geringsten, und wenn ihn Herkules wie eine Puppe auf seinen Armen schaukelte, so jubelte er immer hoch auf.

»Heb’ mich recht hoch! rief der kleine Jack.

– So, nicht wahr, Herr Jack? erwiderte Herkules.

– Bin ich recht schwer?

– Ich fühle Dich ja gar nicht.

– Nun, also noch höher, so hoch Du kannst!«

Dann faßte Herkules mit seinen beiden Händen das Kind an den Beinen und spazierte mit demselben wie ein Akrobat im Circus umher. Jack fühlte sich groß, groß, und das war sein größtes Vergnügen. Er versuchte sogar, »sich schwer zu machen« – und doch wollte der Koloß ihn immer noch nicht fühlen.

Dick Sand und Herkules, das ergab also zwei Freunde des kleinen Jack. Er wußte sich aber bald auch noch einen Dritten zu erwerben.

Das war Dingo.

Wie erwähnt, gehörte Dingo zu den Hunden, welche sich nicht leicht an Jemand anschließen. Es mochte das daher rühren, daß die Gesellschaft auf dem »Waldeck« ihm nicht zusagte. Am Bord des »Pilgrim« lag die Sache anders. Jack vorzüglich wußte sich schnell mit ihm zu befreunden. Auch dieser schien eben so gern mit dem Knaben, wie letzterer mit dem Hunde zu spielen.

Dingo erwies sich bald, wie man es öfters bei großen Hunden findet, als Kinderfreund. Jack andererseits that ihm auch bestimmt nichts zu Leide. Sein größtes Vergnügen bestand darin, aus Dingo einen flotten Renner zu machen, und man muß wohl zugestehen, daß ein Pferd dieser Art doch einem solchen aus Leder, und wenn es auch Rollen an den Füßen hätte, weit vorzuziehen war. Jack galoppirte also mit dem Hunde umher, der sich das ruhig gefallen ließ, und in der That hatte Jack für ihn kein größeres Gewicht als ein Jockey für ein Rennpferd.

Doch welche Bresche legte er auch täglich in den Zuckervorrath der Kambüse!

Dingo war gar bald der Liebling der ganzen Mannschaft. Nur Negoro vermied nach wie vor mit demselben zusammenzutreffen, da das Thier ihm gegenüber noch immer dieselbe Antipathie bewahrte.

Der kleine Jack vernachlässigte inzwischen Dick Sand, den früheren Freund, keineswegs. Jede Stunde, welche der Dienst ihm freiließ, verbrachte der Leichtmatrose in Gesellschaft des kleinen Knaben.

Mrs. Weldon sah diese herzlichen Beziehungen zwischen Beiden mit größter Genugthuung.

Eines Tages, es war am 6. Februar, sprach sie über Dick Sand mit Kapitän Hull und dieser ertheilte dem jungen Leichtmatrosen das beste Lob.

»Jener Knabe, äußerte der Kapitän, wird einmal ein tüchtiger Seemann, dafür stehe ich ein! Er hat so die richtige Anlage für das Meer, und bei diesem Instincte, wenn ich so sagen darf, bemüht er sich auch noch, die theoretischen Kenntnisse für seinen Beruf nach Kräften zu vermehren. Der Reichthum seines Wissens ist für die kurze Zeit, die er darauf verwenden konnte, wahrhaft überraschend.

– Und ich füge aus Ueberzeugung hinzu, bemerkte Mrs. Weldon, daß er auch sonst ein ausgezeichneter junger Mensch ist, der seines Zieles bewußt und seinen Altersgenossen weit voraus ist, auch noch niemals, so lange wir ihn kennen, einen Vorwurf verdient hat.

– Gewiß, es ist ein prächtiges Kerlchen, bestätigte Kapitän Hull, der von Allen geachtet und geliebt wird.

– Ich weiß, fuhr Mrs. Weldon fort, daß es in der Absicht meines Mannes liegt, ihn nach Beendigung der diesjährigen Schifffahrt an einem Cursus für Hydrographie theilnehmen zu lassen, so daß er sich dereinst ein Kapitänspatent erwerben kann.

– Woran Herr Weldon nur recht thut, antwortete der Kapitän, Dick wird noch der amerikanischen Marine Ehre machen.

– Der arme Waisenjunge hat seinen Lebenslauf unter sehr unglücklichen Verhältnissen begonnen, bemerkte Mrs. Weldon; er hat eine harte Schule durchgemacht.

– Gewiß, Mistreß Weldon, doch diese Prüfungen sind nicht ohne Nutzen an ihm vorübergegangen. Er hat eher gelernt, sich in der Welt durchzufinden, und hat dabei den besten Weg gewählt.

– Ja, den Weg der Pflicht.

– Sehen Sie nur, fuhr Kapitän Hull fort, wie er dort am Steuer steht, das Auge auf die Spitze des Bugspriets gerichtet. Unsern jungen Leichtmatrosen vermag nichts zu zerstreuen, er hält das Schiff ohne Wanken im rechten Kurs. Dick Sand besitzt schon die Sicherheit eines bewährten Steuermannes! Ein guter Anfang für einen Seemann! Unser Geschäft, Mistreß Weldon, gehört zu denen, in welchem man von der Pieke auf dienen muß. Wer niemals Schiffsjunge war, wird es nie dahin bringen, ein großer Seemann zu werden, mindestens nicht in der Handelsmarine. Hier muß ihm Alles zur Lehre dienen und er muß – da bei ihm Alles ebenso instinctiv wie mit Vorbedacht geschehen muß – sich ebenso schnell zu entschließen, wie richtig zu handeln wissen.

– Ich dächte aber, Herr Kapitän, in der Kriegsmarine fehlte es an guten Officieren eben auch nicht?

– Gewiß nicht, doch meines Wissens haben die Meisten ihre Laufbahn in früher Kindheit begonnen, und ohne gerade von Nelson und einigen Anderen zu sprechen, so sind auch sonst die Schlechtesten niemals Die, welche als Schiffsjungen angefangen haben.«

Eben sah man Vetter Benedict auf dem Hinterdeck erscheinen, doch ebenso mit sich beschäftigt und so wenig mit der Welt, wie vielleicht der Prophet Elias, wenn er einmal auf die Erde zurückkehrte.

Cousin Benedict begann seine Wanderung auf dem Verdeck wie eine arme Seele, er suchte jede Spalte in der Schanzkleidung ab, durchstöberte den Raum unter den Hühnerkäsigen und strich mit der Hand durch die Fugen des Decks, überall wo der Theer herausgequollen war.

»Nun, Vetter Benedict, fragte Mrs. Weldon, Sie befinden sich doch noch immer wohl?

– Ja, … Cousine Weldon… ja, ich befinde mich wohl, aber ich sehne mich doch etwas nach dem Lande.

– Was suchen Sie denn da unter der Bank, Herr Benedict? wandte sich Kapitän Hull an den Genannten.

– Natürlich Insecten, mein Herr, erwiderte Vetter Benedict, was soll ich denn anders suchen?

– Insecten? Nun, wahrhaftig, das durfte man von Ihnen erwarten, doch auf dem Meere werden Sie Ihre Sammlungen schwerlich bereichern.

– Und warum nicht, mein Herr? Wäre es nicht möglich, an Bord ein seltenes Exemplar von…

– Vetter Benedict, unterbrach ihn Mrs. Weldon, zanken Sie doch auf Kapitän Hull! Sein Schiff ist leider so sauber, daß Sie als Schneider von der Jagd zurückkehren werden!«

Kapitän Hull lachte auf.

»Mistreß Weldon übertreibt, antwortete er. Indessen glaube auch ich, Herr Benedict, daß Sie unsere Cabinen doch vergeblich durchsuchen würden.

– Ach, ich weiß es wohl, rief Vetter Benedict, all meine Mühe war umsonst!…

– Aber unten im Raume des »Pilgrim«, fuhr der Kapitän fort, da könnten Sie vielleicht einige Kackerlacken finden, nur sind es keine besonders interessanten Exemplare.

– Wahrhaftig, sehr wenig interessant, diese nächtlichen Orthopteren denen Virgil und Horaz schon geflucht haben; wenig interessant, diese nahen Verwandten des Periploneta orientalis und der amerikanischen Kackerlacken, welche jedes Schiff bewohnen…

– Es unsicher machen, fiel Kapitän Hull ein.

– Es beherrschen… fuhr Vetter Benedict mit Stolz fort.

– Eine liebenswürdige Herrschaft!…

– Und Sie sind nicht Entomolog, mein Herr?

– Nur so viel als nöthig.

– Und Sie, Vetter Benedict, bemerkte Mrs. Weldon lächelnd, Sie wünschten sich wohl, aus purer Liebe zur Wissenschaft, von jenen Schwaben verzehrt zu werden?

– Ich wünsche nichts weiter, Cousine Weldon, antwortete der unverbesserliche Entomolog, als meiner Sammlung einige seltene Exemplare, die ihr Ehre machen könnten, hinzuzufügen.

– Sind Sie denn mit Ihren Erwerbungen in Neu-Seeland nicht zufriedengestellt?

– O doch, Cousine Weldon; ich war schon vollkommen zufrieden, eine jener neuen Staphilinen zu erhaschen, welche bisher nur tausend Meilen weiter, in Neu-Caledonien, gefunden wurden.«

Eben kam Dingo, der mit Jack spielte, schweifwedelnd dem Vetter Benedict nahe.

»Marsch! Marsch fort! rief dieser und trieb das Thier von sich.

– Die Kackerlacken lieben und die Hunde verabscheuen. Aber Herr Benedict!…

– Und noch dazu einen so guten Hund, sagte der kleine Jack, und nahm Dingo’s großen Kopf zwischen seine Händchen.

– Ja… das sage ich ja gar nicht!… stammelte Vetter Benedict wie zur Entschuldigung. Und doch, das verdammte Thier hat die schönsten Hoffnungen betrogen, die ich auf ihn setzte.

– O, großer Gott, rief Mrs. Weldon, glaubten Sie ihn etwa in der Ordnung der Dipteren oder Hymenopteren unterzubringen?

– Nein, das nicht, antwortete Vetter Benedict ganz ernsthaft. Doch irre ich mich nicht, so wurde dieser Dingo, trotzdem er von neuseeländischer Race ist, auf der Westküste Afrikas angetroffen?

– Ganz recht, bestätigte Mrs. Weldon, Tom hat das von dem Kapitän des »Waldeck« oft genug aussprechen hören.

– Nun also, eben deshalb dachte ich… hoffte ich… daß der Hund vielleicht einige Exemplare der Afrika eigenthümlichen Arten von Hemipteren mitgebracht haben könne…

– Gütiger Himmel! rief Mrs. Weldon.

– Und vielleicht, setzte Vetter Benedict hinzu, gar einen Sandfloh von unbekannter Art…

– Hörst du wohl, Dingo, fragte Kapitän Hull, hörst du mein Hund? Du hast deine Pflichten jämmerlich vernachlässigt.

– Ich konnte aber suchen so viel ich wollte… fuhr der Entomolog mit dem Ausdrucke tiefsten Bedauerns fort, nicht ein einziges Insect habe ich entdeckt!…

– Und Sie hätten es doch sofort und ohne Erbarmen gemordet und aufgespießt, hoffe ich! meinte Kapitän Hull.

– Mein Herr, entgegnete Vetter Benedict trocken, denken Sie daran, daß Sir John Franklin sich ein Gewissen daraus machte, das geringste Insect, und wäre es eine Stechmücke gewesen, deren Angriffe weit empfindlicher sind als die eines Flohes, zu tödten, und Sie werden mir wohl zugestehen, daß Sir John Franklin ein Seemann war, der sich mit jedem Anderen messen konntet

– Ohne Zweifel, erwiderte Kapitän Hull mit einer leichten Verbeugung.

– Und einst, als er von einer Diptere tüchtig gepeinigt worden war, blies er sie fort und sagte, ohne ihr etwas zu Leide zu thun: »Geh! die Welt ist groß genug für dich und mich!«

– Ah! rief der Kapitän Hull.

– Ja wohl, mein Herr!

– Nun, Herr Benedict, entgegnete Kapitän Hull, das hat auch noch ein Anderer lange vor John Franklin ausgesprochen.

– Ein Anderer!

– Gewiß, und dieser Andere war der Onkel Tobias.

– Ohne Zweifel ein Entomolog? fragte Vetter Benedict sehr schnell.

– O nein, der Onkel Tobias von Sterne, und dieser würdige Onkel bediente sich fast genau derselben Worte, indem er einer Fliege, die ihn immer belästigte, aber die er doch schonen zu sollen glaubte, die Freiheit gab: »Geh’, armer Teufel, sagte er, die Welt ist groß genug für dich und für mich!«

– Ein braver Mann, dieser Onkel Tobias! rief Vetter Benedict entzückt. Ist er todt?

– Das glaub’ ich wohl, erwiderte Kapitän Hull möglichst ernsthaft, weil er ja niemals gelebt hat!«

Alle schauten Vetter Benedict lächelnd an.

Mit solchen Unterhaltungen und vielen ähnlichen, die sich allemal um die Entomologie drehten, sobald Vetter Benedict an denselben Theil nahm, verflossen die langen Stunden dieser Seefahrt mit Hindernissen. Das Meer blieb stets freundlich, aber der Wind hielt sich immer in einer Richtung, welche die Brigg-Goëlette nöthigte, dicht an demselben zu segeln. Der »Pilgrim« kam bei der schwachen Brise sehr wenig nach Osten vorwärts und Alle sehnten sich darnach, nach den Meerestheilen zu kommen, wo der herrschende Wind voraussichtlich günstiger sein mußte.

Vetter Benedict machte inzwischen auch den Versuch, den jungen Leichtmatrosen in die Geheimnisse der Entomologie einzuweihen. Dick Sand schien jedoch seinen Lehren wenig Geschmack abzugewinnen. In Ermangelung eines Besseren, widmete der Gelehrte seine Sorgfalt nun den Negern, welche gleich gar nichts davon verstanden. Tom, Acteon, Bat, Austin verließen sogar heimlich den Unterricht, und der Professor sah sich allein auf Herkules beschränkt, der ihm wenigstens einige natürliche Anlagen zu haben schien, einen Parasiten von einem Thysanuren zu unterscheiden.

Jack fühlte sich groß. (S. 42.)

Der riesenhafte Neger lebte nur in einer Welt von Coleopteren, Carnassiern, Jägern, Kanonieren, Gräbern, Cicindellen, Sylphen, Weißwürmern, Hirschkäfern, Coccionellen und ich weiß nicht, was sonst noch, und studirte die ganzen Sammlungen des Vetter Benedict durch, der nicht ohne Erzittern seine todten Lieblinge unter Herkules gewaltigen Fingern sah, welche die Härte und Kraft eines Meißels hatten Doch der kolossale Schüler lauschte den Lectionen seines Lehrers mit solcher Aufmerksamkeit, daß es sich schon der Mühe lohnte, etwas daran zu riskiren.

Während Vetter Benedict so auf seine Weise arbeitete, ließ Mrs. Weldon den kleinen Jack auch keineswegs ohne Beschäftigung. Sie lehrte ihn lesen und schreiben. Von der Rechenkunst brachte ihm Dick Sand die ersten Anfangsgründe bei.

Im Alter von fünf Jahren ist man eben noch ein kleines Kind und lernt als solches besser durch praktische Spiele als durch theoretische, nothgedrungen etwas anstrengende Lectionen.

So lernte auch Jack das Lesen nicht aus einem ABC-Buche, sondern mittels beweglicher Buchstaben, welche in rother Schrift auf einzelne Holzwürfel gedruckt waren, und die er halb spielend so zusammenzusetzen suchte, daß sie ein Wort bildeten. Manchmal nahm nun Mrs. Weldon diese Würfel und stellte sie zu einem Wort zusammen, dann warf sie dieselben durcheinander und Jack mußte sie wieder in die gewünschte Ordnung bringen.

Er legte den Buchstaben auf das Deck nieder. (S. 50.)

Der kleine Knabe liebte diese Methode, lesen zu lernen, ganz besonders. Jeden Tag verbrachte er in der Cabine oder auf dem Deck einige Stunden damit, die Buchstaben seines Alphabets zu ordnen und untereinander zu würfeln.

Diese Spielerei führte nun eines Tages zu einer so außerordentlichen, so unerwarteten Beobachtung, daß wir sie hier nach allen Einzelheiten mittheilen zu müssen glauben.

Es war am Morgen des 9. Februar. Jack kauerte auf dem Verdeck und belustigte sich damit, ein Wort zusammenzusetzen, das der alte Tom wieder herstellen sollte, nachdem die Würfel in Unordnung gebracht worden waren. Tom mußte dabei die Hand vor die Augen halten, um nicht zu blinzen, wie sich das so gehört, denn er durfte nicht sehen, was der Knabe mit den Würfeln vornahm.

Unter diesen Lettern, der Zahl nach etwa fünfzig, stellten die einen große, die anderen kleine Buchstaben vor. Einige der Würfel trugen auch Ziffern, so daß man mit denselben also ebenso gut eine beliebige Zahl wie ein Wort bilden konnte.

Die Würfel standen auf dem Deck und der kleine Jack nahm bald diesen, bald jenen, um ein Wort zusammenzusetzen – in der That eine wichtige und schwierige Arbeit.

Seit einigen Augenblicken lief nun Dingo um das Kind herum, als der Hund plötzlich stehen blieb. Seine Augen wurden starr, seine rechte Tatze hob sich und krampfhaft wedelte er mit dem Schweife. Da sprang er mit einem Satze auf einen der Würfel los, packte ihn mit der Schnauze und legte ihn einige Schritte von Jack auf das Deck nieder.

Auf dem betreffenden Würfel stand ein großes S.

»Dingo, warte Dingo!« rief der kleine Knabe, in der Angst, daß der Hund sein S fressen könnte.

Doch Dingo kam zurück, wiederholte sein voriges Benehmen und raubte sich einen anderen Würfel, den er neben den ersten stellte.

Dieser zweite Würfel trug ein großes V.

Jetzt stieß Jack einen Schrei aus.

Sofort liefen Mrs. Weldon, Kapitän Hull und der Leichtmatrose, welche auf dem Deck promenirten, herbei. Der kleine Jack erzählte ihnen das Vorgefallene.

Dingo kannte seine Buchstaben! Dingo konnte lesen! Ganz ohne Zweifel, Jack hatte es ja gesehen!

Dick Sand wollte die Würfel wieder holen, um sie seinem Freund Jack wieder zu geben, aber Dingo wies ihm die Zähne.

Dennoch gelang es dem Leichtmatrosen, sich in Besitz der beiden Würfel zu setzen und sie in das Spiel wieder einzustellen.

Schnell sprang aber Dingo wieder hinzu, ergriff zum zweiten Male dieselben Würfel und setzte sie bei Seite. Diesmal stellte er aber beide Pfoten darauf und schien entschlossen, sie um jeden Preis zu vertheidigen. Die anderen Buchstaben des Alphabets schienen für ihn gar nicht vorhanden zu sein.

»Das ist doch sonderbar! sagte Mrs. Weldon.

– In der That sehr sonderbar, antwortete Kapitän Hull, der beide Buchstaben aufmerksam betrachtete.

– S V – sagte Mrs. Weldon.

– S V – wiederholte Kapitän Hull, das sind aber ebendieselben Buchstaben, welche sich auf Dingo’s Halsband befinden!«

Hierauf wandte er sich an den alten Schwarzen.

»Tom, fragte er, sagtet Ihr früher nicht, daß dieser Hund dem Kapitän des »Waldeck« nur erst kurze Zeit gehört habe?

– So ist es, Herr, bestätigte Tom. Dingo war höchstens seit zwei Jahren an Bord.

– Und erzähltet Ihr nicht, daß der Kapitän des »Waldeck« den Hund an der Westküste Afrikas aufgefunden hatte?

– Gewiß, Herr, nahe den Mündungen des Congo, das hab’ ich mehr als einmal von ihm gehört.

– Man hat also niemals von ihm gewußt, fragte Kapitän Hull, wem der Hund vorher angehörte, noch woher er kam?

– Nie, Herr! Mit einem gefundenen Hunde ist das schlimmer als mit einem Findelkinde, jener besitzt keine Papiere und kann auch seine Lebensgeschichte nicht erzählen.«

Kapitän Hull versank in Nachdenken und schwieg.

»Erwecken diese beiden Buchstaben, fragte da Mrs. Weldon, vielleicht eine Erinnerung in Ihnen?

– Ja, Mistreß Weldon, eine Erinnerung oder mindestens eine auffallende Andeutung.

– Und welche?

– Die beiden Buchstaben könnten einen gewissen Sinn haben und uns über das Geschick eines unerschrockenen Reisenden aufklären.

– Was wollen Sie damit sagen? fragte die Dame.

– So hören Sie, Mistreß Weldon. Im Jahre 1871 – also etwa vor zwei Jahren – reiste ein Franzose, unter der Protection der geographischen Gesellschaft von Paris, mit dem Zwecke ab, Afrika von Westen nach Osten zu durchwandern, wobei er gerade die Mündung des Congo als Ausgangspunkt wählte. Er gedachte am Cap Deldago, an dem Ausfluß der Ravouma, deren Laufe er folgen wollte, an der jenseitigen Küste anzukommen. Dieser französische Reisende hieß Samuel Vernon.

– Samuel Vernon! wiederholte Mrs. Weldon.

– Ja, Mistreß Weldon, und seine beiden Namen fangen gerade mit den beiden Buchstaben an, welche Dingo aus allen anderen heraussuchte und die auch auf seinem Halsbande eingravirt stehen.

– Wahrhaftig, sagte Mrs. Weldon, und dieser Reisende?…

– Hat seinen Zug zwar angetreten, antwortete Kapitän Hull, aber seitdem hat man nie wieder Nachrichten von ihm erhalten.

– Nie? fragte der Leichtmatrose.

– Niemals! wiederholte Kapitän Hull.

– Und was schließen Sie daraus? bemerkte Mrs. Weldon.

– Daß Samuel Vernon die Ostküste Afrikas nicht zu erreichen vermochte, daß er entweder in die Gefangenschaft der Eingebornen gefallen oder den Strapazen der Reise erlegen sei.

– Nun und dieser Hund? forschte Mrs. Weldon weiter.

– Dieser Hund dürfte ihm angehört haben, konnte, wenn meine Hypothese richtig ist, glücklicher als sein Herr, am Congo das Ufer wieder erreichen und wurde da, zur Zeit als diese Ereignisse sich abspielten, vom Kapitän des »Waldeck« aufgenommen.

– Aber wissen Sie denn, warf Mrs. Weldon ein, ob jener französische Reisende überhaupt einen Hund bei sich gehabt hat? Ist das von Ihnen nicht eine bloße Vermuthung?

– Allerdings, Mistreß Weldon, antwortete Kapitän Hull. Gewiß dagegen ist doch, daß Dingo die beiden Buchstaben S und V kennt und daß diese die Initialen der beiden Namen des Franzosen sind. Wie das Thier nun gerade diese zu unterscheiden gelernt haben sollte, vermag ich zwar nicht zu entscheiden, doch bleibt es dabei, er erkannte sie bestimmt, und sehen Sie, er stößt sie vor sich her, als lüde er uns ein, sie mit ihm zu lesen.«

In der That konnte man Dingo’s Absicht kaum mißverstehen.

»War Samuel Vernon wohl allein, als er das Ufer des Congo verließ? fragte Dick Sand.

– Das weiß ich zwar nicht, erwiderte Kapitän Hull, doch ist es wahrscheinlich, daß er eine Escorte Eingeborner mit sich führte.«

Bei diesen Worten verließ Negoro seine Küche und trat auf das Verdeck. Niemand bemerkte zuerst seine Gegenwart und wurde den sonderbaren Blick gewahr, den jener dem Hunde zuschleuderte, als er die beiden Buchstaben erkannte, vor welchen der Hund Wache zu halten schien. Sobald Dingo den Küchenmeister witterte, gab er gleich wieder Zeichen von höchster Erregung kund.

Negoro begab sich sofort in die Wohnräume der Mannschaft, doch nicht ohne eine drohende Handbewegung gegen das Thier zu machen.

»Hierunter steckt ein Geheimniß! murmelte Kapitän Hull, dem dieser Auftritt nicht entgangen war.

– Ist es aber nicht sehr auffallend, Herr Kapitän, sagte der Leichtmatrose, daß ein Hund die Buchstaben des Alphabets zu erkennen im Stande ist?

– Ei nun rief der kleine Jack, Mama hat mir öfters die Geschichte eines Hundes erzählt, der lesen und schreiben und sogar Domino spielen konnte, wie ein ordentlicher Schulmeister.

– Mein liebes Kind, antwortete Mrs. Weldon lächelnd, jener Hund, der übrigens Munito hieß, war keineswegs ein so großer Gelehrter, wie Du glaubst. Wenn das richtig ist, was mir von ihm erzählt wurde, so konnte derselbe von denen, die er zum Zusammensetzen eines Wortes brauchte, nicht einen Buchstaben von dem anderen unterscheiden. Sein Herr dagegen, ein geschickter Amerikaner, hatte sich, da ihm das außerordentlich seine Gehör Munito’s auffiel, befleißigt, ihn nach dieser Seite hin weiter auszubilden und dadurch an’s Wunderbare grenzende Wirkungen erzielt.

– Wie gelang ihm das? fragte Dick Sand, den diese Geschichte fast ebenso interessirte wie den kleinen Jack.

– Nun, sehr einfach. Sollte Munito vor dem Publikum »arbeiten«, so wurden ähnliche Buchstaben wie die vorliegenden auf dem Tische ausgebreitet. Auf diesem Tische lief der Pudel hin und her, bis ihm mit lauter oder leiser Stimme ein Wort aufgegeben wurde. Als einzige unumgängliche Bedingung mußte nur die erfüllt sein, daß sein Herr das Wort auch kannte.

– Wenn sein Herr also nicht zugegen war?… fragte der Leichtmatrose.

– Da konnte der Hund nichts ausführen, antwortete Mrs. Weldon, und zwar aus folgendem Grunde Waren die Buchstaben auf dem Tische aufgestellt, so lief Munito zwischen dem Alphabet auf und ab. Kam er dabei an denjenigen, den er auswählen mußte, um das verlangte Wort zu bilden, so blieb er stehen, aber das geschah nur, weil er ein für jedes Andere nicht wahrnehmbares Geräusch hörte, das von einem Zahnstocher herrührte, welchen sein Herr in der Tasche etwas umbog und abspringen ließ. Dieses Geräusch war für Munito das Zeichen, den Buchstaben, bei dem er sich befand, zu erfassen und denselben nach den etwa schon vorgeholten aufzustellen.

– Das war also das ganze Kunststück! rief Dick Sand.

– Das ganze Geheimniß, erwiderte Mrs. Weldon. Eine sehr einfache Sache, wie Alles, was in diesem Genre der Zauberei geleistet wird. In Abwesenheit des Amerikaners wäre Munito nicht mehr Munito gewesen. Deshalb eben bin ich erstaunt, daß Dingo, da sein Herr nicht hier ist – wenn der Reisende Samuel Vernon überhaupt jemals sein Herr war – diese beiden Buchstaben habe wieder herausfinden können.

– In der That, erwiderte Kapitän Hull, das ist wirklich erstaunlich. Doch bedenken Sie wohl, daß es sich hier nur um zwei bestimmte Buchstaben handelt, nicht um ein ganz beliebig gewähltes Wort. Alles in Allem bewies z.B. jener Hund, der an das Thor eines Klosters klopfte, um die für vorüberkommende Arme bestimmten Speisen zu erhalten, und der andere, welcher gleichzeitig mit noch einem dazu abgerichtet war, einen Tag um den anderen abwechselnd einen Bratspieß zu drehen und der sich weigerte, diesen Dienst an einem für ihn sonst freien Tage zu thun, eigentlich einen weit höheren Grad nahezu menschlicher Intelligenz. Jedenfalls liegt uns hier eine völlig unbestreitbare Thatsache vor. Unter allen Lettern dieses Alphabets hat Dingo nur das S und V gewählt. Die anderen scheint er gar nicht zu kennen. Wir dürfen also daraus schließen, daß seine Aufmerksamkeit aus irgend einem uns unbekannten Grunde gerade diesen beiden Buchstaben zugewendet wurde.

– Ach, Herr Kapitän, rief der junge Leichtmatrose, wenn Dingo reden könnte!…. Vielleicht erzählte er uns, was diese beiden Buchstaben bedeuteten und warum er unserm Küchenmeister stets knurrend die Zähne weist!

– Und was für Zähne!« antwortete Kapitän Hull, als Dingo eben den Rachen öffnete und seine gewaltigen Spitzzähne zeigte. 

Sechstes Capitel.

Ein Walfisch in Sicht.

Es erscheint wohl nicht wunderbar, daß dieser merkwürdige Vorfall wieder holt der Gegenstand des Gespräches zwischen Mrs. Weldon, Kapitän Hull und dem jungen Leichtmatrosen war. Vorzüglich der Letztere konnte sich eines gewissen Mißtrauens gegenüber Negoro nicht entschlagen, dessen Aufführung übrigens zu keinerlei Klagen Veranlassung gab.

Während diese Unterhaltungen auf dem Hinterdeck gepflogen wurden, sprach man auf dem Vorderdeck eben davon, nur daß man dort nicht die nämlichen Folgerungen daraus zog. In den Schlafräumen der Mannschaft galt Dingo für weiter nichts als einen Hund, der lesen und vielleicht sogar besser schreiben konnte als irgend ein Matrose an Bord. Was das Sprechen betraf, so glaubte man, er werde gewiß gute Gründe haben, es zu unterlassen.

»Eines schönen Tages aber, meinte der Obersteuermann, wird der Hund kommen und fragen, welchen Kurs wir halten, und wenn der Wind aus West-Nord-West-Halbnord bläst, werden wir ihm wohl Rede stehen müssen.

– Ja, es giebt ja Thiere, welche sprechen können, warf da ein Matrose dazwischen ein, z.B. Elstern oder Papageien! Nun, warum soll ein Hund nicht dasselbe im Stande sein, wenn er Lust dazu hätte? Es ist doch wahrlich weit schwieriger, mit einem Schnabel zu reden als mit einem Maule.

Negoro machte eine drohende Handbewegung (S. 53.)

– Ohne Zweifel, erwiderte der Hochbootsmann Howick, nur hat man das mein Lebtag noch niemals gesehen.«

Dingo, der Held des Tages. (S. 58.)

Die guten Leute wären gewiß höchlichst erstaunt gewesen, hätte man ihnen gesagt, daß das schon dagewesen sei, und daß ein dänischer Gelehrter einen Hund besessen, welcher etwa zwanzig Worte ganz deutlich aussprach. Davon freilich, daß das Thier auch verstanden hätte, was es sagte, konnte natürlich keine Rede sein.

Offenbar verband jener Hund, dessen Kehlkopf so organisirt war, daß er articulirte Töne hervorzubringen vermochte, mit seinen Worten nicht mehr Sinn als die Papageien, die Staare und die Elstern mit den ihrigen. Ein Satz ist bei diesen Thieren nichts Anderes als eine Art gesprochener Gesang oder Geschrei aus einer fremden Sprache, deren Sinn nicht zu enträthseln ist.

Sei dem wie es will, jedenfalls war Dingo der Held des Tages geworden – was ihm übrigens keinen besonderen Stolz einzuflößen schien. Kapitän Hull wiederholte dasselbe Experiment mehrmals. Die Holzwürfel mit dem Alphabet wurden dann vor Dingo aufgestellt und immer wieder suchte dieser, ohne je zu irren oder zu zögern, die Lettern S und V heraus, während die anderen seine Aufmerksamkeit nicht im Geringsten erregten.

Diese Wiederholungen fanden öfters auch im Beisein Vetter Benedict’s statt, den sie indessen gar nicht zu interessiren schienen.

»Man darf übrigens, ließ er sich eines Tages herab, zu bemerken, nicht glauben, daß die Hunde allein ein Privilegium auf derartige Intelligenz besäßen. Andere Thiere thun es ihnen hierin gleich, während sie nur ihrem Instincte folgen. Die Ratte z.B., welche das Schiff verläßt, welches im Meere unterzugehen bestimmt ist; die Biber, welche das Anwachsen des Wassers vorausfühlen und deshalb rechtzeitig ihre Uferbauten erhöhen; die Rosse von Nicomedes, Scanderbegg und Oppien, deren Schmerz beim Tode ihrer Herren so weit ging, daß sie selbst starben; jene durch ihr Gedächtniß so berühmt gewordenen Esel und noch eine Menge anderer Geschöpfe, welche die Ehre haben, zum Thierreich zu gehören! Hat man nicht jene wunderbar dressirten Esel gesehen, welche die von ihren Lehrern vorgesagten Worte fehlerlos aufschrieben, Cacadus, die eben so gut, wie ein Beamter der Bureaux für Längenmessung, die Anzahl der in einem Zimmer befindlichen Personen zählten? Existirt nicht ein übrigens mit hundert Thalern Gold bezahlter Papagei, der seinem Herrn, einem Cardinal, die ganzen symbolischen Bücher ohne jeden Fehler hersagte? Muß sich der gerechte Stolz eines Entomologen nicht bis zum Gipfel erheben, wenn er ganz gewöhnliche Insecten Proben der auffallendsten Intelligenz ablegen und das bekannte Axiom

in minimis maximus Deus

bestätigen sieht? Jene Ameisen z.B., welche Häuser gleich denen in einer großen Stadt erbauen oder die Argyroneten, welche Taucherglocken anfertigen, ohne ein Jota von Mechanik zu verstehen; jene Flöhe, welche kleine Kutschen ziehen wie die besten Rosse, ebenso exerciren wie die Riflemen und Kanonen abfeuern, besser als die geprüften Artilleristen von West-Point?1 Nein, gehen Sie mir, dieser Dingo verdient mit nichten eine solche Bewunderung, und wenn er Kenntnisse vom Alphabete hat, so gehört er wahrscheinlich zu einer wissenschaftlich, noch nicht classificirten Race von Pudeln, die etwa »canis alphabeticus« von Neu-Seeland zu nennen wäre.«

Trotz dieser und anderer Einreden des selbstsüchtigen Entomologen, verlor Dingo nicht im Geringsten in der allgemeinen Achtung und spielte in den Verhandlungen auf dem Verdeck nach wie vor die Rolle eines wunderbaren Phänomens.

Höchstens Negoro theilte den sonst an Bord herrschenden Enthusiasmus bezüglich dieses Thieres nicht. Vielleicht fand er den Hund gar zu intelligent. Jedenfalls bewahrte dieser fort und fort dieselbe Animosität gegenüber dem Küchenmeister. Und zweifelsohne würde es ihm übel ergangen sein, wäre er einestheils nicht selbst im Stande gewesen, sich seiner Haut zu wehren und hätte ihn anderentheils nicht die ganze Mannschaft durch ihre Sympathie geschützt.

Negoro vermied es also mehr denn je, Dingo zu treffen. Dick Sand aber hatte seit jenem Zwischenfall mit den beiden Buchstaben die zunehmende gegenseitige Antipathie zwischen dem Manne und dem Hunde recht wohl beobachtet, was ihm zunächst allerdings ziemlich unerklärlich schien.

Am 10. Februar schwächte sich der Nordostwind, welcher bisher immer auf die langen und ermüdenden Windstillen gefolgt war, merkbar ab. Kapitän Hull durfte also auf einen bevorstehenden Wechsel in der Richtung der atmosphärischen Strömungen rechnen. Vielleicht sollte die Brigg-Goëlette endlich mit vollen Segeln fahren können. Jetzt hatte sie den Hafen von Auckland erst seit neunzehn Tagen verlassen. Die Verzögerung war noch keine so beträchtliche und mit einem guten Winde von der Seite mußte der »Pilgrim«, wenn er alle Leinwand entfalten konnte, die verlorene Zeit bald genug wieder gewinnen. Noch galt es freilich einige Tage zu warten, bis der erwünschte Umschlag des Windes nach Westen wirklich erfolgt war.

Dieser Theil des Pacifischen Oceans blieb immer öde und leer. Kein einziges Schiff kam in Sicht. Man segelte hier in einer von den Seefahrern sonst völlig verlassenen Breite. Die Walfischfahrer der australischen Meere zogen jetzt noch nicht wieder heim. Auf dem »Pilgrim«, den nur besondere Umstände gezwungen hatten, die Fischgründe vor Ablauf der Saison zu verlassen, durfte man demnach gar nicht darauf hoffen, ein Schiff, das denselben Kurs segelte, zu treffen.

Von den transpacifischen Packetbooten erwähnten wir schon, daß sie bei der Ueberfahrt zwischen Australien und dem amerikanischen Continente unter einer weit niedrigeren Breite fuhren.

Deshalb jedoch, weil das Meer verlassen ist, darf man es niemals vernachlässigen, die ganze Umgebung bis zu den Grenzen des Horizonts im Auge zu behalten. So monoton dasselbe einem oberflächlichen Beobachter erscheinen mag, so unendliche Abwechselungen bietet es jedoch Demjenigen, der sie versteht. Seine oft nur geringfügigen Veränderungen erregen dann die Einbildungskraft und wecken die Poesie des Oceans. Ein wenig Seegras, das auf-und abwogend dahinfließt, ein Sargassozweig, der hinter sich einen leichten Streifen auf den Wellen zieht, ein Stück Planke, dessen Geschichte man ergründen möchte – etwas Weiteren bedarf man ja nicht. Gegenüber dieser Unendlichkeit wird der Geist durch nichts Anderes abgelenkt. Die Phantasie entfaltet ihre Flügel ungehindert. Jedes dieser Wassermoleküle, das die Verdunstung immer wieder zwischen Himmel und Meer austauscht, birgt vielleicht das Geheimniß irgend welcher Katastrophe! Muß man nicht jene bevorzugten Geister beneiden, denen es vergönnt ist, die Geheimnisse des Oceans zu durchdringen und sich von der bewegten Fläche hinauf bis in die heitern Höhen des Himmels zu erheben?

Ueber und unter den Meeren, immer zeigt sich das Leben überall. Die Passagiere des »Pilgrim« sahen oft ganze Schaaren von Vögeln, die dem rauhen Winter der Polargegenden entflohen, in hitziger Verfolgung kleiner und kleinster Fische, und mehrmals gab Dick Sand, hierin wie in so manchem Anderen der gelehrige Schüler Mrs. Weldon’s, Beweise seiner Geschicklichkeit mit der Flinte oder der Pistole, indem er einige dieser flüchtigen Zugvögel erlegte.

Hier schwärmten weiße Sturmvögel, dort andere Arten derselben Familie mit braun geränderten Fittigen. Manchmal zogen auch ganze Heerden von Captauben vorüber oder Gesellschaften von Pinguins, deren Fortbewegung am Lande ebenso schwerfällig als lächerlich ist. Auf dem Wasser aber bedienen sich diese Pinguins, wie Kapitän Hull erzählte, ihrer kurzen Füße ganz wie Schwimmvögel und übertreffen auch die flinksten Fische an Schnelligkeit, so daß selbst Seeleute sie nicht selten mit Breitfischen verwechselt haben.

Höher oben schwebten riesige Albatros mit einer Flügelspannweite von ca. 3 Meter und setzten sich dann auf die Oberfläche des Wassers, in welches sie mit dem Schnabel einhieben, um sich Nahrung zu suchen.

Solche Scenen gewährten ein ewig wechselndes Schauspiel, welches nur solche Leute monoton finden konnten, denen aller Genuß an den Reizen der Natur versagt ist.

Am erwähnten Tage ging Mrs. Weldon eben auf dem Hinterdeck des »Pilgrim« spazieren, als eine merkwürdige Erscheinung ihre Aufmerksamkeit erregte. Das Wasser des Meeres war nämlich fast augenblicklich ganz roth geworden. Man hätte glauben können, es sei von Blut gefärbt gewesen, und diese unerklärliche Färbung reichte auch so weit das Auge trug.

Dick Sand befand sich mit dem kleinen Jack in ihrer Nähe.

»Siehst Du, Dick, sagte sie zu dem jungen Leichtmatrosen, diese sonderbare Farbe des Meerwassers? Rührt sie wohl von irgend einer Seepflanze her?

– Nein, Mistreß Weldon, erwiderte Dick Sand, diese Färbung entsteht durch unzählbare Myriaden kleiner Crustaceen, welche den großen Seesäugethieren zur Nahrung dienen. Die Fischer nennen das nicht mit Unrecht das »Walfischfutter«.

– Crustaceen! rief Mrs. Weldon verwundert. Aber sie sind so klein, daß man sie die Insecten des Meeres nennen sollte. Vetter Benedict dürfte sehr entzückt sein, sich einen Vorrath derselben einzusammeln.«

Sie wendete sich um.

»Vetter Benedict!« rief sie.

Der Gerufene erschien fast gleichzeitig mit Kapitän Hull auf dem Verdeck.

»Vetter Benedict, begann Mrs. Weldon, sieh nur diese ungeheure rothe Fläche, die sich bis über Seeweite hinaus ausdehnt.

– Alle Wetter, rief Kapitän Hull, das ist Walfischfutter! Eine schöne Gelegenheit, Herr Benedict, diese merkwürdige Art von Crustaceen zu studiren.

– Pah, machte der Entomolog.

– Nun, warum Pah? rief der Kapitän. Sie haben kaum das Recht, eine solche Gleichgiltigkeit zu zeigen. Diese Crustaceen bilden eine der besonderen Classen der Gliederthiere, wenn ich nicht irre, und als solche…

– Pah, wiederholte Vetter Benedict kopfschüttelnd.

– Wahrhaftig, ich finde, daß Sie diese Sache als Entomolog sehr geringschätzig behandeln.

– Bezüglich eines Entomologen hätten Sie wohl recht, erwiderte Vetter Benedict, ich bin aber specieller nur Hexapodist, das wollen Sie gefälligst nicht vergessen, Herr Kapitän.

– Nun, es mag sein, fuhr Kapitän Hull fort, daß diese Crustaceen Sie nicht besonders interessiren; anders wäre es freilich, wenn Sie einen Walfischmagen hätten! Welch’ leckere Mahlzeit! – Sehen Sie, Mistreß Weldon, sobald wir Walfischfänger während der Fischzeit auf solch’ einen Zug dieser Crustaceen stoßen, gilt er für uns als Signal, die Harpunen und Leinen parat zu halten; wir sind dann sicher, daß das Wild nicht mehr fern ist.

– Ist denn das möglich, fragte Jack, daß solche kleine Thiere so große ernähren können?

– Ei, mein Söhnchen, antwortete Kapitän Hull, geben denn die Grieskörnchen, das Mehl, die Stärkekörnchen nicht etwa auch eine gute Suppe? Die Natur hat es eben so gemacht. Schwimmt ein Walfisch inmitten dieser röthlichen Wellen, so ist die Suppe für ihn aufgetragen, er braucht nur seinen ungeheuren Rachen zu öffnen. Myriaden von Crustaceen dringen sofort hinein; die zahllosen Barten des Fischbeins in der Rachenhöhle dieses Thieres spannen sich dann auf wie Fischernetze, so daß nichts mehr den Rückweg findet, und bald verschwindet die ganze Menge der Eindringlinge in dem weiten Magen des Walfisches, ganz ebenso wie die Suppe in dem deinigen.

– Du mußt nämlich bedenken, lieber Jack, setzte Dick Sand hinzu, daß Madame Walfisch die Zeit nicht damit verschwendet, die Schalen jener Krustenthiere zu entfernen, wie Du, wenn Du z.B. Krabben ißt!

– Dazu kommt für uns, fuhr Kapitän Hull fort, daß man sich dem gewaltigen Gourmand, gerade wenn er in dieser Weise beschäftigt ist, weit mehr nähern kann, ohne seine Aufmerksamkeit zu erregen. Das ist also der günstigste Augenblick, ihn mit Erfolg zu harpuniren.«

In demselben Augenblicke erscholl, wie um des Kapitäns Worte zu bekräftigen, die Stimme eines Matrosen.

»Ein Walfisch vor Backbord!« rief jener.

Kapitän Hull hatte sich umgedreht.

»Ein Walfisch!« wiederholte er und eilte, wie getrieben von seinem Fischerinstincte, nach dem Vordercastell des »Pilgrim«.

Mrs. Weldon, Jack, Dick Sand und selbst der Vetter Benedict folgten ihm sofort nach.

In der That verrieth in der Entfernung von etwa vier Seemeilen das Brodeln des Wassers, daß sich ein solches Seesäugethier in jenen rothen Wellen tummelte. Ein Walfischfänger konnte sich hierin nicht täuschen.

Dennoch war die Entfernung jetzt noch allzu groß, um zu entscheiden, welcher Art von Säugethieren jenes Exemplar angehören möge, und es giebt bekanntlich sehr von einander abweichende Arten derselben.

War dort nun jener eigentliche Walfisch, welchen die Fischer der nördlichen Meere mit Vorliebe suchen? Diese Cetaceen, denen die Rückenflosse fehlt, deren Haut aber eine dicke Specklage überdeckt, können wohl eine Länge von 25 Meter erreichen, obwohl sie im Mittel nur gegen 19 Meter messen; doch auch dann liefert ein solches Ungeheuer leicht bis hundert Tonnen Thran.

Oder hatte man es hier mit einem »Hump-back« zu thun, der zu der Species der Balänopteren gehört – eine Bezeichnung, welche doch gewiß der Aufmerksamkeit des Entomologen werth gewesen wäre? Diese besitzen Rückenflossen von weißer Farbe und halb so lang wie ihr Körper, so daß sie fast Flügeln ähnlich sind – etwa so etwas wie ein fliegender Walfisch.

Er gab Beweise seiner Geschicklichkeit. (S. 61.)

Sollte es vielleicht aber, und das war das Wahrscheinlichste, ein »Schnabelfisch« sein, ein Säugethier, das allgemein unter dem Namen des »Jubart« bekannt ist, und dessen Länge der des eigentlichen Walfisches nicht selten gleichkommt?

Ach, Du möchtest jenen Walfisch haben? (S. 67.)

Diese Fragen vermochten vorläufig weder Kapitän Hull noch seine Leute zu beantworten, doch schauten sie Alle mit weit mehr Begierde als Bewunderung nach dem Thiere.

Wenn es wahr ist, daß ein Uhrmacher sich nicht in einem Zimmer mit einer Uhr befinden kann ohne das unwiderstehliche Verlangen, dieselbe aufzuziehen, wie viel mehr muß einem Walfischfänger in Gegenwart einer Cetacee der gebieterische Wunsch kommen, sich derselben zu bemächtigen! Die Jäger auf Hochwild sollen ja, sagt man, auch leidenschaftlicher sein als die auf niederes Wild. Je größer ein Thier ist, desto mehr scheint es die Lüsternheit zu reizen. Was müssen also die Elefantenjäger und die Walfischfänger empfinden! Hier kam nun noch die Enttäuschung der Schiffsbesatzung des »Pilgrim« hinzu, mit einer unvollständigen Ladung zurückzukehren.

Inzwischen bemühte sich Kapitän Hull, das Thier zu erkennen, welches ihm signalisirt worden war. In dieser Entfernung war es nur wenig sichtbar. Immerhin konnte ja das geübte Auge eines Walfischfängers über gewisse charakteristische Einzelheiten nicht lange im Unklaren bleiben.

Zunächst erregte der Schaum-und Wasserstrahl, den der Walfisch durch die Luftlöcher auswarf, die Aufmerksamkeit des Kapitäns Hull, da dieser ihn am leichtesten darauf hinführen konnte, welcher Art jene Cetaeee angehörte.

»Der eigentliche sogenannte Walfisch ist das nicht, rief er. Sein Wasserstrahl wäre ebensowohl höher, als von schwächerem Umfange. Wenn das Geräusch, welches jener Strahl verursacht, mit dem entfernten Zischen etwa eines Schwärmers verglichen werden kann, so würde ich glauben, daß jener Wal zu der Species der »Hump-backs« gehöre; das ist aber nicht der Fall, denn wenn man genau dorthin horcht, gewinnt man die Ueberzeugung, daß jenes ein Geräusch ganz anderer Art ist. Was ist wohl Deine Meinung, Dick? fragte der Kapitän, indem er sich an den Leichtmatrosen wendete.

– Ich möchte annehmen, Herr Kapitän, antwortete Dick Sand, daß es sich um einen »Jubart« handelt. Betrachten Sie, wie aus seinen Athmungsöffnungen das Wasser des Strahles mit Heftigkeit emporgetrieben wird. Scheint es Ihnen nicht auch so – was meine Ansicht bestärken würde – daß jener Strahl mehr Wasser als Luft enthält? Wenn ich nicht irre, liegt aber hierin eine Eigenthümlichkeit des Schnabelfisches.

– Richtig, Dick, bestätigte Kapitän Hull, es kann kein Zweifel sein; das ist ein Jubart, der dort in dem rothen Wasser schwimmt.

– Ei, das ist hübsch, jubelte der kleine Jack.

– Ja wohl, mein Sohn! Und wenn man noch dazu daran denkt, daß das Thier jetzt im vollen Frühstücken ist und sich nicht versieht, daß Walfischfänger ihn beobachten.

– Ich möchte behaupten, bemerkte Dick Sand, daß jener Schnabelfisch sehr groß ist.

– Gewiß, antwortete Kapitän Hull, der nach und nach warm wurde. Er mißt meiner Schätzung nach mindestens siebenzig Fuß!

– Sehr schön, sagte der Hochbootsmann. Ein halbes Dutzend solcher Kerle würde genügen, ein Schiff, so groß wie das unsere, ganz zu füllen!

– O, gewiß, erwiderte der Kapitän, der auf das Bugspriet stieg, um besser sehen zu können.

– Und wenn wir diesen fangen, setzte der Hochbootsmann hinzu, so würden wir bald die Hälfte der uns fehlenden zweihundert Tonnen Oel haben.

– Ja!… Wahrhaftig… ja, ja… murmelte der Kapitän Hull.

– Das ist wohl wahr, meinte Dick Sand, doch manchmal ist es eine ganz ernsthafte Sache, mit einem Jubart von solcher Größe anzubinden.

– Freilich, eine sehr ernste, erwiderte Kapitän Hull. Die Balänopteren haben ganz ungeheure Schwänze, denen man nicht ohne Vorsicht nahe kommen darf. Auch das beste Boot würde den Schlag eines solchen nicht aushalten. Indessen der Nutzen wiegt hier auch die Mühe auf.

– Bah! rief da einer der Matrosen, ein tüchtiger Jubart ist allemal ein fetter Fang.

– Und ein einträglicher! sagte ein anderer.

– Es wäre wahrlich schade, den da im Vorüberfahren nicht zu begrüßen.«

Offenbar wurden die wackeren Seeleute beim Anblick jenes Walfisches allgemach warm. Dort schwamm ja, ihrer Hand fast erreichbar, eine ganze Ladung Oel. Wenn man sie so sprechen hörte, hätte man glauben können, es handle sich um weiter nichts, als frisch gefüllte Tonnen in den Raum des »Pilgrim« zu verstauen, um dessen Ladung zu vervollständigen.

Einige Matrosen, welche die Wanten des Fockmastes erstiegen hatten, jubelten schon hell auf. Kapitän Hull sprach kein Wort und nagte nur an den Nägeln. Dort zeigte sich ja ein unwiderstehlicher Liebhaber, der den »Pilgrim« und dessen Besatzung gar so mächtig anzog.

»Mama, Mama, rief der kleine Jack, ich möchte gern den Walfisch haben, um zu sehen, wie das gemacht wird.

– Ach, Du möchtest jenen Walfisch haben, mein Junge? Nun, warum nicht, Ihr Leute? antwortete Kapitän Hull, der endlich seinen eigenen, geheimen Wunsch ausdrücken konnte. Unsere Hilfsmannschaften fehlen jetzt freilich, doch ich denke, wir sollten auch allein…

– Ja wohl! Gewiß! riefen die Matrosen wie aus einem Munde.

– Es ist ja nicht das erste Mal, daß ich als Harpunier auftrete, fügte Kapitän Hull hinzu, und ihr werdet bald selbst sehen, ob ich die Harpune noch zu handhaben verstehe!

– Hurrah! Hurrah! Hurrah!« gab die Mannschaft zur Antwort.

Fußnoten

1 Militärschule im Staate New York.

Siebentes Capitel.

Vorbereitungen.

Man begreift, daß die Erscheinung jenes gewaltigen Seesäugethieres ganz dazu geschaffen war, eine solche Aufregung unter den Leuten des »Pilgrim« hervorzurufen.

Der Walfisch, welcher dort in den röthlichen Wogen dahin schwamm, schien von ungewöhnlicher Größe zu sein. Ihn zu fangen und dadurch die Ladung zu completiren, war gar zu verführerisch! Könnten sich Fischer eine solche Gelegenheit überhaupt je entgehen lassen?

Inzwischen richtete Mrs. Weldon an Kapitän Hull doch die Frage, ob der unter obwaltenden Umständen zu unternehmende Angriff auf einen Walfisch nicht für ihn oder seine Leute mit einiger Gefahr verbunden sei.

»Keineswegs, Mistreß Weldon, beruhigte Kapitän Hull die Dame. Mehr als einmal hab’ ich auf einen Walfisch mit einem einzigen Boote Jagd gemacht und stets ist es mir gelungen, mich desselben zu bemächtigen. Ich wiederhole Ihnen, die ganze Sache birgt für uns keinerlei Gefahr und selbstverständlich auch nicht für Sie.«

Mrs. Weldon beruhigte sich und verzichtete auf weiteren Einspruch.

Kapitän Hull ordnete sofort die nöthigen Maßnahmen zum Fange des Jubart an. Er wußte aus Erfahrung, daß die Verfolgung dieser Balänoptere mit gewissen Schwierigkeiten verbunden sei, und hoffte, diesen allen im Voraus zu begegnen.

Der beabsichtigte Fischfang wurde dadurch erschwert, daß die Besatzung der Brigg-Goëlette nur mit einem einzigen Boote operiren konnte, obgleich der »Pilgrim« ein Schaluppe besaß, welche auf dem Bootsgalgen zwischen Fock-und Großmast vertäut lag, und drei Jollen, von denen zwei am Mantelholz des Back-und des Steuerbords, eine dritte aber an einem Bootsdavid über den Stern des Schiffes hinaushing.

Gewöhnlich wurden diese drei Jollen beim Walfischfange zusammen benutzt. Bekanntlich hatten die Matrosen des »Pilgrim« während der Fischereisaison eine auf den neuseeländischen Stationen geheuerte Hilfsmannschaft zur Seite.

Unter den jetzigen Verhältnissen konnte der »Pilgrim« nur seine fünf Matrosen, d.h. also so viel Mannschaft liefern, um eine der Jollen zu besetzen, da man davon absehen mußte, Tom und seine Begleiter, welche sich gleich anfangs zur Aushilfe erboten, mit zu verwenden. Eine Jolle verlangt gerade beim Fischen besonders geübte Seeleute, da oft ein falscher Ruderschlag, eine unvorhergesehene Abweichung des Steuers hinreicht, die Sicherheit des Bootes und seiner Insassen zu gefährden.

Andererseits wollte Kapitän Hull sein Schiff nicht verlassen, ohne auf demselben einen verläßlichen Mann der Besatzung zurückzulassen. Es galt eben alle Möglichkeiten in’s Auge zu fassen.

Da er nun zur Bemannung der Jolle möglichst kräftiger Seemannsarme benöthigte, so kam er nothgedrungen in die Lage, Dick Sand die Sorge für den »Pilgrim« zu überlassen.

»Dick, sagte er, ich beauftrage also Dich damit, während meiner hoffentlich nur kurzen Abwesenheit an Bord zu bleiben.

– Wie Sie befehlen, Herr Kapitän!« antwortete der junge Leichtmatrose.

Gewiß hätte Dick Sand gern selbst an jenem Fischfange, der ihn ungemein anzog, theilgenommen, doch sah er wohl ein, daß die Arme eines vollkräftigen Mannes für die Handhabung der Jolle allemal geeigneter waren als die seinen, und daß er andererseits der Einzige sei, Kapitän Hull im Nothfalle zu ersetzen. Er verzichtete mithin auf jenes Vergnügen.

Die Bemannung der Jolle sollte also, den Hochbootsmann Howick eingerechnet, aus fünf Leuten, d.i. der ganzen Besatzung des »Pilgrim« bestehen. Die vier Matrosen waren bestimmt, auf den Ruderbänken Platz zu nehmen, während Howick vom Hintertheile des Fahrzeuges dessen Lenkung mittelst eines Riemens übernahm, wie das bei den kleineren Booten dieser Art gebräuchlich ist. In der That wirkt ein gewöhnliches Steuerruder nicht schnell genug, während ein Boot, wenn dessen Seitenruder außer Thätigkeit gesetzt werden, durch solch ein geschickt geführtes Ruder am Ende leicht den Schweifschlägen eines verfolgten Walfisches entzogen werden kann.

Nun wäre noch Kapitän Hull selbst übrig. Ihm verblieb der Posten des Harpuniers, welchen er ja, wie erwähnt, nicht zum ersten Male versah. Ihm fiel es also zu, die Harpune zu werfen, das Abrollen der an der letztern Schaftende befestigten Leine zu überwachen und endlich das Thier mit Lanzenstichen vollends zu tödten, wenn es an der Meeresoberfläche ermattet wieder auftauchte.

Zuweilen benutzen die Walfischfänger auch Feuerwaffen bei dieser Jagd. Mittels einer besonderen Vorrichtung, etwa einer Art kleinen Kanone entweder an Bord des Schiffes selbst oder auch am Vordertheil eines Bootes, treiben sie entweder eine Harpune, welche die an ihrem Ende befestigte Leine nach sich zieht, gegen das betreffende Thier, oder sie schießen auf dasselbe mit explodirenden Kugeln, die in dessen Körper sehr umfängliche Zerstörungen anrichten.

Dem »Pilgrim« fehlte es jedoch an Apparaten dieser Art. Letztere sind übrigens ebenso sehr theuer, wie schwierig zu handhaben, und so scheinen die für Neuerungen ohnehin nicht sehr zugänglichen Fischer noch immer ihre primitiven Angriffswaffen, Harpune und Lanze, vorzuziehen, auf deren Gebrauch sie eingeübt sind.

Auch Kapitän Hull gedachte also jenen in fünf Meilen Entfernung vom Schiffe signalisirten Jubart mit blanker Waffe zu überwältigen und zu fangen.

Die Witterung begünstigte den projectirten Jagdzug. Die Ruhe des Meeres kam dem Manövriren mit der kleinen Jolle sehr zu statten. Der Wind schwächte sich immer mehr und mehr ab, so daß der »Pilgrim« während der Abwesenheit seiner Mannschaften kaum merkbar abweichen konnte.

Die Steuerbordjolie ward also klar gemacht und die vier Matrosen nahmen darin Platz.

Howick ließ zwei jener großen Wurfspieße, welche als Harpune dienen, und außerdem zwei lange, wohl zugespitzte Lanzen mit hinabschaffen. Zu diesen Angriffswaffen fügte er noch fünf Packen jener geschmeidigen, aber sehr festen Taue, welche die Walfischfahrer speciell »Leinen« nennen und die eine Länge von je sechshundert Fuß haben. So viele sind auch mindestens nothwendig, denn es ereignet sich nicht allzu selten, daß auch die mit den Enden verknüpften Seile der »Nachfrage« noch immer nicht genügen, wenn ein verwundeter Walfisch allzuweit in die Tiefe geht.

Hierin bestanden also die verschiedenen Apparate, welche im Vordertheil des kleinen Bootes sorgsam placirt wurden.

Howick und die vier Matrosen warteten nur noch des Befehles, das Tau, welches sie hielt, schießen zu lassen.

Ein einziger Platz im Vordertheil der Jolle war noch frei – ihn sollte Kapitän Hull einnehmen.

Es versteht sich von selbst, daß die Leute vom »Pilgrim« vor dem Verlassen desselben beigelegt, d.h. die Segel so gestellt hatten, daß sich ihre Wirkung gegenseitig aufhob, um das Schiff möglichst auf derselben Stelle zu erhalten.

Bevor Kapitän Hull selbst nach der Jolle hinabstieg, warf er noch einen letzten Blick über sein Fahrzeug. Er überzeugte sich, ob Alles in Ordnung, ob die Hißtaue wohl befestigt und die Segel richtig gestellt wären. Da er den jungen Leichtmatrosen während der Zeit seiner gewiß mehrere Stunden währenden Abwesenheit allein an Bord ließ, wünschte er, daß Dick Sand, außer im dringendsten Nothfalle, womöglich keinerlei Manöver auszuführen hätte.

Noch ehe er abstoßen ließ, ertheilte er seine letzten Anordnungen.

»Dick, sagte er, ich lasse Dich allein. Wache über Alles. Sollte es unerwarteter Weise nöthig werden, das Schiff wieder in Gang zu setzen, wenn wir bei der Verfolgung dieses Jubart allzuweit weggeführt würden, so könnten Tom und seine Freunde Dir ja den nöthigen Beistand leisten. Wird ihnen nur richtig gesagt, was sie vornehmen sollen, so bin ich sicher, daß sie es auch ausführen werden.

»Wache über Alles.« (S. 71.)

– Gewiß, Herr Kapitän, antwortete der alte Tom, Herr Dick kann auf uns rechnen.

– Befehlen Sie nur getrost! rief Bat ganz freudig. Wir verlangen darnach, uns auch einmal nützlich zu erweisen.

– Was gilt’s?… fragte Herkules, der schon die weiten Aermel seiner Jacke ausstreiselte.

– Vorläufig noch gar nichts, erwiderte Dick Sand lächelnd.

– Ich stehe zu Ihrer Verfügung, versicherte der Riese.

– Dick, fuhr Kapitän Hull fort, das Wetter ist schön, der Wind hat sich gelegt und es ist kein Zeichen vorhanden, daß er jetzt wieder auffrischen sollte. Mag jedoch geschehen, was da will. Du setzest kein Boot in’s Meer und verläßt das Schiff in keinem Falle.

– Ich verspreche es.

– Sollte es nöthig werden, daß der »Pilgrim« zu uns kommen müßte, so werde ich an der Gaffelspitze eine Flagge aufziehen lassen.

– Seien Sie ohne Sorge, Herr Kapitän, versicherte Dick Sand, ich werde die Jolle nicht aus den Augen lassen.

– Brav, mein Sohn, antwortete Kapitän Hull. Nur Muth und kalt Blut! Du bist nun erster Deckofficier und vertrittst den Befehlshaber. Mach’ Deiner Stellung Ehre! In Deinen Jahren hat vor Dir wohl noch Keiner eine solche eingenommen!«

Dick Sand erwiderte nichts, aber er erröthete lächelnd. Kapitän Hull verstand die Röthe und das Lächeln.

»Der wackere Junge, sprach er für sich, wahrlich, er ist ganz Bescheidenheit und der gute Muth selbst.«

Aus diesen eindringlichen Ermahnungen ließ sich doch erkennen, daß Kapitän Hull, obwohl damit keinerlei Gefahr verbunden schien, sein Schiff, selbst auf nur wenige Stunden, nicht eben gern verließ. Sein unwiderstehlicher Fischerinstinct, aber vor Allem der lebhafte Wunsch, seine Ladung an Oel voll zu machen und nicht hinter den von Mr. James W. Weldon in Valparaiso eingegangenen Engagements zurückzubleiben, alles das brachte ihn dazu, das kleine Abenteuer zu wagen. Gleichzeitig begünstigte ja das so freundliche Meer die Verfolgung einer Cetaeee ganz außerordentlich. Weder seine Mannschaft noch er selbst hätte einer solchen Versuchung widerstehen können. Die Fischerei-Campagne erhielt hierdurch den erwünschtesten Abschluß, und diese letztere Betrachtung lag Kapitän Hull vor allem Anderen am Herzen.

Kapitän Hull begab sich nach der Falltreppe.

»Viel Glück auf den Weg! verabschiedete sich Mrs. Weldon.

– Ich danke, Mistreß Weldon!

– Bitte, thun Sie dem armen Walfisch nicht so weh! rief der kleine Jack.

– Nein, nein, mein Söhnchen! versicherte der Kapitän.

– Fassen Sie ihn recht sanft an, Herr Hull!

– Ja… mit Handschuhen, kleiner Jack!

– Manchmal, ließ sich Vetter Benedict vernehmen, macht man auf dem Rücken dieser großen Mammiferen eine recht gute Ernte an seltenen Insecten.

– Ah, schön, Herr Benedict, antwortete Kapitän Hull lachend, Sie sollen autorisirt sein, den Jubart einem entomologischen Examen zu unterwerfen, wenn wir ihn erst an der Seite des »Pilgrim« haben!«

Dann wendete er sich gegen Tom.

»Tom, ich zähle auf Euch und Eure Begleiter, sagte er, daß Ihr beim Abhäuten und Ausweiden des Walfisches hilfreiche Hand leistet, wenn dieser neben dem Rumpfe des Schiffes vertäut liegt – was nicht gar lange dauern soll.

– Wir stehen zu Ihrer Verfügung, antwortete der alte Schwarze.

– Gut, gut! erwiderte Kapitän Hull. – Dick, diese braven Leute werden Dir helfen, die leeren Tonnen vorzubereiten. Ihr mögt sie während unserer Abwesenheit auf Deck schaffen, so wird nach unserer Rückkehr die Arbeit desto schneller beendigt sein.

– Es soll geschehen, Herr Kapitän!«

Für die Leser, welche damit noch nicht bekannt sind, sei hier hinzugefügt, daß der Jubart, wenn er todt war, bis zum »Pilgrim« geschafft und an der Steuerbordseite fest angelegt werden sollte. Dann steigen die Matrosen, welche Eisenspitzen an den Stiefelsohlen tragen, auf den Rücken des gewaltigen Thieres und lösen den Speck desselben in parallelen Streifen ab, wobei sie vom Kopf nach dem Schwanz hin weiter schreiten. Diese Streifen werden hierauf in ein bis anderthalb Fuß breite Stücke zerschnitten, letztere nochmals mehrmals getheilt, und nachdem sie in Fässer verpackt sind, in den Schiffsraum verstaut.

Gewöhnlich sucht ein Walfischfahrer nach Beendigung der Fischzeit baldmöglichst das Land zu erreichen, um die nothwendigen Arbeiten auszuführen. Die Mannschaft geht dann selbst an’s Land und nimmt nun das Ausschmelzen des Speckes vor, welch letzterer unter der Einwirkung höherer Wärmegrade alle seine brauchbaren Bestandtheile, d.h. den Thran abgiebt.1

Unter den gegebenen Verhältnissen konnte Kapitän Hull freilich nicht daran denken, noch einmal zurückzukehren, um diese Operationen vorzunehmen. Er beabsichtigte vielmehr, seine neugewonnenen Speckvorräthe erst in Valparaiso zu schmelzen; übrigens hoffte er mit frischerem Winde, der doch voraussichtlich bald nach Westen räumen mußte, die amerikanische Küste etwa binnen zwanzig Tagen zu erreichen, und dieser Zeitraum konnte ja den endlichen Erfolg seines Fischzugs nicht beeinträchtigen.

Der Augenblick des Aufbruchs war da. Bevor man auf dem »Pilgrim« gegenbraßte, hatte sich das Schiff der Stelle etwas mehr genähert, wo der Jubart seine Anwesenheit durch den aufsteigenden Wasser-und Luftstrahl verrieth.

Das Thier schwamm noch immer inmitten der ungeheuren von Crustaceen erfüllten rothen Fläche, öffnete automatisch den weit gähnenden Rachen und verschlang mit jedem Zuschlagen desselben ganze Myriaden der kleinen Thierchen.

Nach den Aussagen der Fischereiverständigen war gar nicht zu befürchten, daß jener sich auf-und davonmachen werde. Unzweifelhaft stand dort, wie die Fischer sagen, ein »gefechtsbereiter« Walfisch.

Kapitän Hull stieg über die Schanzkleidung und die Strickleiter hinab nach dem Vordertheil des Bootes.

Mrs. Weldon, Jack, Vetter Benedict, Tom und seine Genossen wünschten dem Kapitän zum letzten Male Glück auf den Weg.

Selbst Dingo stellte sich auf die Hinterpfoten, so daß er mit dem Kopf über die Reling hinaussah, als wollte auch er der Mannschaft im Boote Adieu sagen.

Dann kehrten Alle nach dem Vorderdeck zurück, um sich womöglich nichts von den interessanten Zwischenfällen einer solchen Jagd entgehen zu lassen.

Die Jolle stieß ab und entfernte sich bald, von den vier kräftigen Ruderern getrieben, merklich vom »Pilgrim«.

»Hab’ wohl Acht, Dick, hab’ Acht! rief Kapitän Hull zum letzten Male dem jungen Leichtmatrosen zu.

– Verlassen Sie sich darauf, Herr Kapitän.

– Ein Auge auf das Schiff und eins auf die Jolle! Vergiß das nicht, mein Junge!

– Es soll geschehen, Herr Kapitän!« antwortete Dick, der sich anschickte, in der Nähe des Helmstocks vom Steuerruder Platz zu nehmen.

Schon befand sich die leichte Jolle mehrere hundert Fuß vom Schiffe entfernt. Kapitän Hull stand in deren Vordertheile aufrecht und erneuerte, da er sich nicht mehr vernehmbar machen konnte, seine Wünsche und Empfehlungen durch nicht mißzuverstehende Gesten.

Da stieß Dingo, der die Tatzen noch immer auf dem Barkholz liegen hatte, ein wahrhaft klägliches Gebell aus, das gewiß auch die mindest abergläubischen Leute unangenehm berührt hätte.

Mrs. Weldon begann bei diesem Bellen leise zu zittern.

»Dingo, rief sie, Dingo! Ermuthigst Du Deine Freunde in solcher Weise? Schnell, belle einmal recht lustig und hell!«

Doch der Hund bellte nicht mehr, ließ die Vordertatzen wieder auf das Deck herab und kam langsam an Mrs. Weldon heran, der er schmeichelnd die Hand leckte.

»Er wedelt nicht mit dem Schweife!… sagte Tom halblaut. Ein schlechtes Vorzeichen! Ein schlechtes Zeichen!«

Aber fast gleichzeitig richtete Dingo sich auf und heulte wüthend.

Mrs. Weldon wandte sich um.

Negoro hatte seinen Küchenraum verlassen und schritt nach dem Vorderkastell zu, ohne Zweifel in der Absicht, auch selbst die Bewegungen der Jolle mit zu beobachten.

Dingo stürzte gegen den Küchenmeister in ebenso heftigem als unerklärlichem Zorne los.

Negoro ergriff einen daliegenden Hebebaum und setzte sich zur Wehr.

Der Hund wollte ihm an die Gurgel springen.

»Hier, Dingo hierher!« rief Dick Sand, der seinen Beobachtungsposten für einen Augenblick verließ und nach dem Vorderdeck eilte.

Negoro hatte kein Wort gesprochen, aber sein Gesicht überlief eine Leichenblässe. Er ließ den Hebebaum fallen und ging nach seiner Cabane zurück.

»Herkules, sagte da Dick Sand, ich beauftrage Sie ausdrücklich, diesen Mann besonders zu beobachten.

– Ich werde über ihn wachen!« erwiderte Herkules, und dabei schlossen sich als Zeichen des Einverständnisses seine nervigen Fäuste kräftiger zusammen.

Mrs. Weldon und Dick folgten mit den Blicken dann wieder der Jolle, welche die vier Ruder schnell entführten.

Sie erschien jetzt nur mehr als ein Punkt auf dem Meere.

Fußnoten

1 Bei dieser Operation verliert der Speck etwa ein Drittel von seinem Gewichte.

Achtes Capitel.

Der Jubart.

Kapitän Hull, als erfahrener Walfischfänger, durfte nichts dem Zufall überlassen. Der Fang eines Jubart ist immer ein schwieriges Unternehmen. Dabei darf keine Vorsicht außer Augen gelassen werden. Hier war das auch in keiner Weise der Fall.

Zuerst manövrirte Kapitän Hull so, daß er dem Walfisch unter den Wind kam, um diesem die Annäherung eines Fahrzeuges durch keinerlei Geräusch zu verrathen.

Howick steuerte die Jolle also immer längs der ausgedehnten Bogenlinie jener röthlichen Wellen, in deren Mitte der Jubart dahinschwamm. Er suchte diesen dadurch zu umgehen.

Der Hochbootsmann, ein Seefahrer mit ungemeiner Kaltblütigkeit, besaß das volle Vertrauen des Kapitän Hull. Von ihm war weder ein Zögern noch ein Versehen aus Unachtsamkeit zu erwarten.

»Recht vorsichtig steuern, Howick, mahnte der Kapitän, wir wollen versuchen, den Jubart zu überraschen. Er darf uns nicht eher sehen, als bis ihn eine Harpune erreichen kann.

– Einverstanden, Herr Kapitän, antwortete der Hochbootsmann. Ich folge immer dem Rande des rothen Wassers, um stets unter dem Winde zu bleiben.

– Gut, gut, erwiderte Kapitän Hull. Jungens, möglichst wenig Geräusch beim Rudern!«

Die Riemen glitten ohne jedes Plätschern durch das Wasser.

Die von dem Hochbootsmanne geschickt geführte Jolle hatte die Milliarden schwimmender Crustaceen erreicht. Die Steuerbordruder griffen in grünliches durchsichtiges Wasser ein, während die des Backbords, wenn sie das rothe Wasser emporhoben, von Blut zu tröpfeln schienen.

»Wein und Wasser nebeneinander! sagte einer der Matrosen.

– Ja wohl, bemerkte darauf Kapitän Hull, aber Wasser, das man nicht trinken, und Wein, den man nicht hinabschlucken kann. – Frisch auf, Jungens, wir wollen jetzt nicht plaudern, sondern kräftig anziehen!«

Von dem Hochbootsmann geleitet, glitt die Jolle geräuschlos über die Oberfläche des halbfettigen Wassers, als schwämme sie etwa auf einer Schicht Oel.

Der Jubart wich nicht von der Stelle und schien das ihn umkreisende Boot überhaupt noch nicht bemerkt zu haben.

Kapitän Hull entfernte sich bei dieser Umgehung natürlich um so weiter vom »Pilgrim«, der immer mehr und mehr verkleinert erschien.

Ueberhaupt macht die Geschwindigkeit, mit der die Gegenstände auf dem Meere scheinbar an Größe verlieren, stets einen merkwürdigen Eindruck. Sie zeigen sich fast so, als betrachtete man dieselben durch das Objectivglas eines Fernrohres, wenn man ein solches verkehrt hält; eine optische Täuschung, welche offenbar nur daher rührt, daß in den ungemessenen Weiten des Oceans alle Vergleichungspunkte fehlen. Dasselbe war also auch mit dem »Pilgrim« der Fall, der zusehends zusammenschwand und weit entfernter erschien, als er es in Wirklichkeit war..

Eine halbe Stunde nach der Abfahrt vom Schiffe befand sich Kapitän Hull mit seinen Begleitern direct unter dem Winde des Walfisches, so daß letzterer ungefähr den Mittelpunkt zwischen Boot und Fahrzeug einnahm.

Jetzt galt es also, sich jenem womöglich ohne jedes Geräusch zu nähern.

Es war nicht möglich, dem Thiere von der Seite her nahe genug zu kommen, um es aus bequemem Abstande zu harpuniren, bevor seine Aufmerksamkeit erregt wurde.

»Rudert etwas langsamer, Jungens, sagte Kapitän Hull halblaut.

– Mir scheint, antwortete Howick, der Coujon hat schon etwas gewittert! Er schnauft weniger stark als eben vorher.

– Still! Still!« wiederholte Kapitän Hull.

Nach weiteren fünf Minuten befand sich die Jolle etwa eine Kabellänge vom Jubart.1

Am Hintertheile der Jolle aufrechtstehend, manövrirte der Hochbootsmann in der Weise, daß er sich der linken Flanke des gewaltigen Säugethieres näherte, wobei er jedoch sorgfältig vermied, dem furchtbaren Schwanze des Thieres nahe zu kommen, von dem ein einziger Schlag hingereicht hätte, das leichte Boot zu zertrümmern.

Am Vordertheile dagegen stand Kapitän Hull mit etwas gespreizten Beinen, um sicherer zu balanciren, und hatte schon den Wurfspieß zur Hand, mit dem er den ersten Angriff machen wollte. Von seiner Geschicklichkeit durfte man sich versehen, daß die geworfene Harpune schon in der aus dem Wasser hervorstehenden Masse festsitzen werde.

Neben dem Kapitän lag in einer Kufe die erste der erwähnten Leinen, fest mit der Harpune verknüpft, mit welcher nach und nach auch die anderen vier verbunden werden sollten, im Fall der Walfisch in sehr bedeutende Tiefen tauchte.

»Alles fertig, Jungens? murmelte Kapitän Hull.

– Ja, erwiderte Howick, der seinen Riemen fester in den breiten Händen packte.

– So fahr’ zu! Fahr’ zu!«

Der Hochbootsmann gehorchte dem Befehle und die Jolle glitt bis auf zehn Fuß an das Thier heran.

»Ich werde über ihn wachen!« (S. 77.)

Dieses rührte sich nicht und schien zu schlafen. Die Walfische, welche man während des Schlafes antrifft, werden meistens sehr leicht erlegt, und es kommt oft vor, daß schon ein einziger Harpunenstich sie tödtlich verletzt.

»Diese Unbeweglichkeit ist wirklich zum Erstaunen! dachte Kapitän Hull. Der Spitzbube wird doch nicht schlafen und doch….. da steckt etwas dahinter!«

Derselbe Gedanke kam auch dem Hochbootsmann, der gern die andere Seite des Thieres gesehen hätte.

Am Hintertheile der Jolle aufrechtstehend… (S. 79.)

Jetzt war aber keine Zeit zur Ueberlegung, sondern zum Angreifen.

Kapitän Hull hielt seine Harpune an der Mitte des Schaftes, schwang sie mehrmals vor-und rückwärts, um die Sicherheit des Wurfes zu erhöhen,

während er nach der Seite des Jubart zielte. Dann schleuderte er sie mit allen Kräften gegen das Thier.

»Zurück! Zurück!« rief er gleichzeitig.

Die Matrosen ruderten kräftig rückwärts, um die Jolle den heftigen Schweifschlägen der Cetacee zu entziehen.

Da belehrte Alle ein Ausruf des Hochbootsmannes, warum der Walfisch so lange und so außerordentlich ruhig auf der Oberfläche des Meeres gelegen hatte.

»Ein junger Walfisch!« rief er.

Der Jubart drehte sich nämlich, nachdem ihn die Harpune getroffen, völlig auf die Seite und ließ dadurch erst einen jungen Wal sichtbar werden, den er eben zu säugen im Begriffe war.

Kapitän Hull wußte recht wohl, daß dieser Umstand den Fang des Jubart wesentlich erschweren mußte. Die Mutter würde sich ohne Zweifel viel wüthender vertheidigen, sowohl um ihrer selbst als um ihres »Kleinen« willen – wenn man dieses Beiwort noch für ein Thier gebrauchen kann, welches immerhin schon seine zwanzig Fuß maß.

Ganz wider Erwarten stürzte sich der Jubart jedoch nicht sogleich auf das Boot, und es ward nicht nöthig, um besser entfliehen zu können, die Leine zu kappen, welche es mit der Harpune in Verbindung hielt. Im Gegentheil tauchte der Walfisch, wie das ja häufig geschieht, gefolgt von seinem Jungen, schräg nach unten; dann schnellte er sich mit gewaltigem Sprunge wieder in die Höhe und schwamm, halb über, halb im Wasser mit entsetzlicher Schnelligkeit davon.

Noch bevor er jedoch zum ersten Male untertauchte, vermochten Kapitän Hull und der Hochbootsmann, weil sie standen, jenen vollständig zu übersehen und seinem wahren Werthe nach zu schätzen.

Dieser Jubart war in der That eine Balänoptere der größten Art. Vom Kopf bis zum Schwanze maß er mindestens achtzig Fuß. Seine durchweg bräunliche Haut erschien mit noch dunkleren Flecken gleichmäßig besäet.

Es wäre wirklich schade gewesen, nach einem zu Anfange so glücklichen Angriffe vielleicht in die Lage zu kommen, sich eine so reiche Beute entwischen zu lassen.

Die Verfolgung oder vielmehr das Nachschleifen nahm nun seinen Anfang. Die Jolle, deren Ruder eingenommen worden waren, flog wie ein Pfeil über den Rücken der Wellen hin.

Howick behielt sie, trotz der schnellen und heftigen Oscillationen, stets in der Gewalt.

Kapitän Hull wiederholte, während er immer die Beute im Auge hatte, den gewohnten Refrain:

»Pass’ auf, Howick, pass’ auf!«

Es hätte gewiß dieser Ermahnungen kaum bedurft bei dem Hochbootsmann, der keinen Augenblick seiner Pflicht vergaß.

Da die Jolle indeß nicht mit derselben Geschwindigkeit dahinflog, wie der Walfisch, so rollte sich die Harpunenleine so rasch ab, daß man fürchten konnte, sie singe Feuer durch die Reibung, welcher sie am Rande des Bootes ausgesetzt war. Kapitän Hull sorgte dafür, daß sie immer angefeuchtet blieb, indem er die Kufe, in welcher sie aufgerollt lag, mit Wasser füllte.

Der Jubart schien in seiner Flucht weder einhalten, noch auch nur die Schnelligkeit derselben mäßigen zu wollen. Man knüpfte also die zweite Leine an das Ende der ersten und auch diese wurde eben so schnell fortgerissen.

Nach Verlauf von fünf Minuten mußte schon die dritte Leine zugegeben werden, welche gleich den beiden anderen unter dem Wasser verschwand.

Der Jubart hielt noch immer nicht ein. Offenbar hatte die Harpune einen lebenswichtigen Theil des Thieres nicht verletzt. An der schrägen Richtung der Leine konnte man sogar bemerken, daß der Walfisch eher noch immer tiefer hinabging, als zur Oberfläche emportauchte.

»Alle Teufel, rief Kapitän Hull, der Schurke wird alle unsere fünf Leinen aufzehren.

– Und schleppt uns ein gutes Stück vom »Pilgrim« weg, setzte der Hochbootsmann hinzu.

– Und doch, er muß ja, um Athem zu holen, auf die Oberfläche zurückkehren, antwortete Kapitän Hull. Es ist ja kein Fisch und er braucht seine nöthige Portion Luft so gut wie jeder Andere.

– Der hat den Athem angehalten, um besser ausreißen zu können!« meinte einer der Matrosen lächelnd.

In der That lief die Leine mit derselben Schnelligkeit weiter ab.

Der dritten Leine ward bald die vierte angefügt, was die Matrosen doch ein wenig beunruhigte, da es den schon gewissen Fang wieder unsicherer erscheinen ließ.

»Zum Teufel! murmelte Kapitän Hull, das ist mir doch noch nicht vorgekommen! Verwünschter Jubart!«

Endlich wurde auch die fünfte Leine angeschlossen und schon war sie zur Hälfte abgewickelt, als sie allmälig zu erschlaffen begann.

»Gut, gut! rief Kapitän Hull erfreut. Die Leine ist weniger gespannt. Der Bursche wird müde!«

Jetzt befand sich der »Pilgrim« mehr als fünf Meilen von der Jolle unter dem Winde.

Kapitän Hull hißte einen Wimpel an der Gaffelspitze und gab dem Fahrzeug damit das Signal, näher heran zu segeln.

Die Brise wehte freilich sehr schwach und im Ganzen ungünstig. Sie erhob sich nur in einzelnen leisen Stößen von kurzer Dauer. Gewiß mußte der »Pilgrim« Mühe haben, die Jolle zu erreichen, wenn es ihm überhaupt gelang.

Inzwischen war der Jubart, wie man vorhergesehen, nach der Oberfläche des Meeres zurückgekehrt, um Athem zu schöpfen, wobei sich die in seiner Seite festsitzende Harpune zeigte. Er hielt einige Augenblicke an, als wolle er sein Junges erwarten, das bei diesem Schnelllaufe ihm nicht zu folgen vermocht hatte.

Kapitän Hull ließ wiederum mit allen Kräften rudern, um jenen zu erreichen, und bald lag nur noch eine kleine Entfernung zwischen dem Thiere und dem Boote.

Zwei Ruder wurden eingenommen und zwei Matrosen bewaffneten sich, gleichwie der Kapitän, mit langen Spießen, um das Thier zu verwunden.

Howick versah getreulich seinen Posten und hielt sich bereit, die Jolle schnell zu wenden, im Fall der Walfisch auf diese zustürzen sollte.

»Achtung! rief Kapitän Hull, stoßt nicht vergeblich zu! Zielt gut, Jungens! Alles fertig, Howick?

– Alles, Herr, antwortete der Hochbootsmann, aber eins gefällt mir nicht, daß die Bestie, nachdem sie zuerst so rasch entfloh, jetzt so ruhig geworden ist.

– Das kommt mir selbst verdächtig vor, Howick.

– Seien wir also auf unserer Hut!

– Ja wohl, aber vorwärts müssen wir!«

Der Kapitän wurde nach und nach hitziger.

Das Boot glitt noch näher heran. Der Jubart drehte sich nur langsam auf der Stelle. Der junge Walfisch war noch nicht nachgekommen; vielleicht suchte er ihn zu finden.

Plötzlich machte er eine Bewegung mit dem Schweife, die ihn um dreißig Schritte entfernte.

Schickte er sich noch einmal zu fliehen an und sollte diese endlose wilde Jagd über das Wasser zum zweiten Male beginnen?

»Achtung! rief Kapitän Hull, der Walfisch holt zum Angriff aus und wird sich auf uns stürzen! Leg’ um, Howick, weich aus!«

In der That hatte sich der Jubart so gewendet, daß er der Jolle gerade gegenüber stand. Dann peitschte er das Meer mit seinen gewaltigen Flossen und schoß pfeilschnell vorwärts. Der Hochbootsmann hatte diesen directen Angriff vorausgesehen und steuerte so geschickt, daß der Jubart an der Jolle vorüberflog, ohne diese jedoch zu berühren.

Kapitän Hull und die beiden Matrosen brachten ihm mit den Lanzen drei kräftige Stiche bei, wobei sie möglichst lebenswichtige Organe desselben zu treffen suchten.

Der Jubart hielt an, spritzte zwei Säulen mit blutgetränktem Wasser hoch empor und wendete sich auf’s Neue gegen das Boot, indem er wüthend halb aus dem Wasser heraussprang.

Es gehörten wahrlich so geübte und beutegierige Fischer dazu, wie die Leute vom »Pilgrim« es waren, um hierbei den Kopf nicht zu verlieren.

Howick wich auch diesem Angriffe kaltblütig aus und lenkte die Jolle rechtzeitig zur Seite.

Noch einmal brachten die Anderen dem Jubart drei weitere Lanzenstiche bei. Im Vorüberschwimmen schlug er aber das Wasser so furchtbar mit dem riesigen Schweife, daß eine ungeheure Woge sich erhob, welche überstürzend die Jolle halb mit Wasser füllte.

»Die Eimer! Die Eimer!« rief Kapitän Hull.

Die beiden letzten Matrosen verließen die Ruder und beeilten sich, das Boot auszuschöpfen, während Kapitän Hull die jetzt offenbar überflüssig gewordene Leine kappte.

Nein, das durch den Schmerz vor Wuth aufschäumende Thier dachte gar nicht daran, zu fliehen. Im Gegentheil, es wiederholte seine Angriffe, welche dem Boote gefährlich zu werden drohten.

Zum dritten Male kehrte es zurück und stürmte gegen die Jolle an. Das vom Wasser noch immer zum Theil erfüllte Boot vermochte nicht mehr so schnell wie vorher auszuweichen – wie würde es dem drohenden Stoße nun entgehen können? Wenn es dem Steuer nicht mehr gehorchte, so konnte es natürlich noch weniger eilig entfliehen.

Doch so schnell die Ruder es auch je hätten treiben können, der furchtbare Jubart hätte es allemal mit einigen Bewegungen eingeholt. Jetzt handelte es sich also nicht mehr darum, anzugreifen, sondern nur, sich zu vertheidigen.

Kapitän Hull erkannte das recht gut.

Schon der dritte Angriff konnte nicht mehr ordentlich parirt werden.

Im Vorüberstreichen glitt die enorme Rückenflosse desselben über die Jolle hin, und das mit solcher Gewalt, daß Howick von seiner Bank gestürzt ward.

In Folge der heftigen Bewegungen des Bootes verfehlten die drei Lanzen diesmal ihr Ziel.

»Howick! Howick! rief Kapitän Hull, der selbst Mühe gehabt hatte, sich an seiner Stelle zu erhalten.

– Hier!« antwortete der Hochbootsmann, sich erhebend.

Da bemerkte er aber, daß sein Riemen beim Fallen mitten entzwei gebrochen war.

»Ein anderes Ruder! befahl Kapitän Hull.

– Ist zur Hand!« erwiderte Howick.

In diesem Augenblicke entstand im Wasser, einige Faden entfernt, ein Schäumen und Tosen.

Der junge Walfisch kam wieder zum Vorschein. Der Jubart sah denselben und schwamm auf ihn zu.

Dieser Zustand mußte dem Kampfe nothwendiger Weise einen noch gefährlicheren Charakter verleihen. Der Jubart wehrte sich nun für zwei.

Kapitän Hull blickte nach der Seite des »Pilgrim« hinaus und bewegte kräftig die Gaffel, an der der Wimpel hing.

Was konnte Dick Sand jetzt beginnen, was er nicht schon auf das erste Signal des Kapitäns hin gethan hätte? Die Segel des »Pilgrim« waren gerichtet und langsam begann der Wind sie zu schwellen. Zum Unglück besaß die Goëlette keine Schraube, deren Wirkung man hätte steigern können, um ihren Lauf zu beschleunigen. Ein weiteres Boot in’s Meer hinabzulassen und dem Kapitän mit Hilfe der Neger zur Unterstützung zu eilen, wäre ohne beträchtlichen Zeitverlust auch nicht möglich gewesen, und zudem hatte der Leichtmatrose Ordre, das Schiff nicht zu verlassen, es möchte geschehen, was da wolle. Doch ließ er für jeden Fall das Boot am Stern von seinen Davids herunter und schleppte es im Wasser nach, damit der Kapitän und seine Begleiter sich in dasselbe retten könnten, wenn es nothwendig wäre.

Der Jubart, der jetzt sein Junges mit dem eigenen Körper deckte, war wieder gefechtsbereit und schien noch einmal direct auf die Jolle losgehen zu wollen.

»Achtung, Howick!« rief Kapitän Hull zum letzten Male.

Der Hochbootsmann war aber schon so zu sagen entwaffnet. Statt eines Hebels, der durch seine Länge kräftiger wirkte, hielt er jetzt nur ein verhältnißmäßig kurzes Ruder in der Hand.

Er versuchte eine andere Richtung einzuschlagen.

Es erschien ihm unmöglich.

Die Matrosen sahen ein, daß sie verloren waren. Alle erhoben sich und stießen einen entsetzlichen Schrei aus, der vielleicht auf dem »Pilgrim« gehört werden konnte..

Ein furchtbarer Schlag mit dem Schweife des Ungeheuers traf die Jolle von unten her.

Mit unwiderstehlicher Gewalt in die Höhe geschleudert, stürzte das Boot in die durch die Bewegungen des Thieres entsetzlich aufgeregten Wogen zurück.

Die unglücklichen Matrosen hätten trotz ihrer schweren Verwundungen wohl noch die Kräfte gehabt, sich entweder schwimmend oder durch Erfassen eines Stückes Holz eine Zeit lang zu erhalten.

Auch versuchte das der Kapitän, der sogar noch den Hochbootsmann in ähnlicher Weise zu retten suchte. Doch noch einmal drehte der wüthende Jubart um, stürzte sich mitten in den schrecklichen Todeskampf der Leute und peitschte mit dem gewaltigen Schweife die Wogen, zwischen denen die Unglücklichen schwammen.

Einige Minuten lang sah man nichts Anderes als eine schaumige Trombe, welche strahlenförmig nach allen Seiten aufschoß.

Das Boot vermochte nicht so schnell auszuweichen. (S. 86.)

Eine Viertelstunde später, als Dick Sand, der mit den Schwarzen in ein Boot gesprungen war, den Schauplatz der Katastrophe erreichte, waren alle lebenden Wesen verschwunden und nichts mehr übrig als einzelne Trümmer der Jolle, welche auf dem blutgerötheten Wasser trieben.

Fußnoten

1 Eine Kabellänge, d.i. ein specielles Seemaß, umfaßt eine Länge von 120 Faden, gleich 200 Meter.

Neuntes Capitel.

Käpitan Sand.

Der erste Eindruck, den die Passagiere des »Pilgrim« angesichts dieser schauerlichen Katastrophe hatten, war der des Mitleids und des Schreckens.

Es stürzte in die aufgeregten Wogen. (S. 87.)

Sie dachten zunächst an nichts Anderes als an den schrecklichen Tod des Kapitän Hull und seiner fünf Seeleute. Jene entsetzliche Scene spielte sich ja sozusagen unter ihren Augen ab, ohne daß sie im Stande gewesen wären, etwas zur Rettung zu unternehmen. Sie vermochten ja nicht einmal rechtzeitig einzutreffen, um ihre unglücklichen verwundeten Gefährten aufzunehmen und den festen Rumpf des »Pilgrim« den furchtbaren Schlägen des Jubart entgegenzustellen. Kapitän Hull und seine Leute waren auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

Als die Brigg-Goëlette nach der Unglücksstelle kam, fiel Mrs. Weldon in die Kniee und erhob die Hände gen Himmel.

»Laßt uns beten!« sagte die gottesfürchtige Frau.

Sie zog den kleinen Jack zu sich, der weinend neben seiner Mutter niederkniete. Das arme Kind begriff Alles. Dick Sand, Nan, Tom und die anderen Neger standen nun gesenkten Hauptes rings um die Dame. Alle sprachen das Gebet der Mrs. Weldon nach, in dem sie Gottes Allgüte Diejenigen empfahl, welche jetzt vor sein Antlitz treten sollten.

Dann wendete sich Mrs. Weldon an ihre Umgebung.

»Und nun, meine Freunde, sagte sie, flehen wir den Himmel an um Muth und Kraft für uns selbst.«

Gewiß konnten sie nicht innig genug Den um seinen Beistand anflehen, der ja Alles vermag – ihre Lage war wohl ernst und schwer genug dazu.

Das Schiff, welches sie trug, entbehrte ja nun des Kapitäns, der es leitete, und der Mannschaft, die es bediente. Es befand sich nahezu in der Mitte des ungeheuren Pacifischen Oceans, Hunderte von Meilen von jedem Lande entfernt, ein Spielball der Wogen und Winde.

Welch’ unseliges Verhängniß hatte doch diesen Walfisch dem »Pilgrim« in den Weg geführt? Welch’ Verhängniß den sonst so vorsichtigen, nun so unglücklichen Kapitän Hull verführt, seine Ladung vervollständigen zu wollen? Welche sonst in den Annalen der Großfischerei so seltene Katastrophe war hier hereingebrochen, bei der es nicht einmal möglich wurde, auch nur einen einzigen Matrosen aus der Jolle zu retten!

Ja, hier waltete ein furchtbares Verhängniß!

An Bord des »Pilgrim« befand sich nun kein Seemann mehr!

Doch – ein einziger, Dick Sand, aber er war nur Leichtmatrose, ein junger Mann von fünfzehn Jahren!

Kapitän, Steuermann, Matrosen, man kann kurz sagen, die ganze Besatzung des Schiffes vereinigte sich in seiner Person.

An Bord befand sich eine reisende Dame, eine Mutter nebst ihrem Sohne, deren Anwesenheit die jetzige Situation nur noch schwieriger erscheinen ließ.

Daneben waren wohl einige Neger, recht tüchtige und gute Menschen vorhanden, die auch die beste Absicht beseelte, zu thun, was ihnen befohlen würde, aber leider verstanden diese vom Seewesen so gut wie gar nichts.

Dick Sand stand mit gekreuzten Armen bewegungslos da und starrte nach der Stelle, an der Kapitän Hull untergegangen war, womit er selbst ja seinen zärtlich geliebten väterlichen Freund und Beschützer verlor. Dann irrten seine Augen über den weiten Horizont, um ein Schiff zu suchen, das er hätte um Hilfe angehen oder dem er wenigstens Mrs. Weldon nebst ihrem Sohne hätte übergeben können.

Er selbst wollte den »Pilgrim« natürlich auf keinen Fall verlassen, ohne dessen Heimführung nach einem amerikanischen Hafen versucht zu haben. Aber Mrs. Weldon und ihr Kind wären doch in Sicherheit gewesen, und er hätte für diese beiden Wesen, denen er mit Leib und Seele ergeben war, nicht mehr zu sorgen, nichts mehr für sie zu fürchten gehabt.

Der Ocean war verlassen. Seit dem Verschwinden des Jubarts unterbrach kein einziger Punkt mehr die glatte Wasserfläche. Rings um den »Pilgrim« nichts als Himmel und Wasser. Der junge Leichtmatrose wußte es nur zu gut, daß er sich außerhalb der von den Kauffahrern eingehaltenen Route befand, und daß die anderen Walfischfänger jetzt noch sehr weit von ihm in den Fischgründen verweilten.

Jetzt blieb indeß nichts übrig, als der thatsächlichen Lage muthig in’s Gesicht zu sehen und die Dinge zu nehmen, wie sie eben standen. Dick Sand that das und bat Gott inbrünstig um seinen gnädigen Beistand.

Was war nun wohl zu thun?

In diesem Augenblicke erschien Negoro wieder auf dem Verdeck, das er seit der Katastrophe verlassen hatte. Niemand hätte zu sagen vermocht, was dieses räthselhafte Wesen gegenüber jenem unerwarteten Unglücksfalle empfand. Er hatte der entsetzlichen Scene zugesehen, ohne sein gewohntes Schweigen zu brechen. Gierig war sein Auge jeder Einzelheit derselben gefolgt. Hätte aber Jemand dabei Zeit gehabt, ihn zu beobachten, er würde erstaunt gewesen sein, zu bemerken, daß sich auch nicht ein Muskel seines fast versteinerten Gesichtes dabei rührte. Ebenso schien er es gar nicht gehört zu haben, als die fromme Mrs. Weldon die Uebriggebliebenen aufforderte, für das Seelenheil der Verunglückten zu beten.

Negoro begab sich nach dem Hinterdeck, wo Dick Sand bewegungslos dastand. Er blieb drei Schritt vor ihm stehen.

»Haben Sie etwas mit mir zu sprechen? fragte Dick Sand.

– Ich habe nur mit Kapitän Hull zu reden, antwortete Negoro, und im Falle dieser nicht da wäre, mit dem Hochbootsmann Howick.

– Sie werden recht gut wissen, daß Beide umgekommen sind, erwiderte der Leichtmatrose unwillig.

– Wer commandirt also jetzt an Bord? fragte Negoro sehr unverschämt?

– Ich! antwortete Dick Sand ohne Zögern.

– Sie! murmelte Negoro achselzuckend. Ein Kapitän von fünfzehn Jahren!

– Ein Kapitän von fünfzehn Jahren, gewiß!« wiederholte Dick Sand und ging auf den Küchenmeister zu.

Dieser wich zurück.

»Vergessen Sie das niemals! fiel da Mrs. Weldon ein. Es ist nur ein Kapitän hier… der Kapitän Sand, und Jeder wird gut thun, zu wissen, daß er diesem zu gehorchen hat!«

Negoro verneigte sich und ging, noch einige unverständliche Worte murmelnd, nach seinem Posten zurück.

Dick Sand’s Entschluß war also gefaßt.

Inzwischen hatte die Brigg-Goëlette unter auffrischender Brise die Crustaceenmasse schon hinter sich gelassen.

Dick Sand prüfte die Segelstellung. Dann glitten seine Augen über das Verdeck hinweg. Es kam ihm jetzt das Gefühl, als müsse er, gegenüber der ungeheuren Verantwortlichkeit, die in Zukunft auf ihm lastete, nothwendiger Weise auch die Kraft in sich finden, diese zu tragen. Er wagte es sogar, alle die Ueberlebenden des »Pilgrim« anzusehen, deren Augen jetzt an ihm hingen. Und da er aus ihren Blicken erkannte, daß er auf sie zählen könne, so sagte er ihnen auch mit wenigen Worten, daß sie auf ihn rechnen dürften.

Dick Sand hatte sich selbst ganz aufrichtig geprüft.

Fühlte er sich auch im Stande, mit Hilfe Tom’s und seiner Genossen die Segel je nach den Umständen richtig zu stellen und zu handhaben, so besaß er offenbar doch nicht alle nothwendigen Kenntnisse, um den jeweiligen Ort des Schiffes durch Rechnung zu bestimmen.

Nach vier oder fünf weiteren Jahren hätte Dick Sand gewiß alles Nöthige gründlich gekannt. Er hätte sich des Sextanten zu bedienen gewußt, den Kapitän Hull täglich gebrauchte, um die Höhe der Gestirne zu messen. Er hätte am Chronometer die Zeit des Meridians von Greenwich abgelesen, und daraus mittels des Stundenwinkels die geographische Länge feststellen können. Der Mond, die Planeten hätten ihm gesagt: Da, auf diesem Punkte des Oceans befindet sich Dein Schiff! Das Firmament, auf dem die Gestirne sich bewegen wie die Zeiger einer vollkommenen Uhr, welche kein Stoß in Unordnung bringen kann und deren Sicherheit eine absolute ist, dieses Firmament würde ihm die Zeit und die Entfernung gelehrt haben! Durch astronomische Beobachtungen hätte er, wie das sein Kapitän täglich vornahm, den Ort, auf dem der »Pilgrim« segelte, bis auf eine (See-) Meile genau feststellen und damit ebenso den schon zurückgelegten wie auch den einzuschlagenden Weg bestimmen können.

Jetzt freilich erfuhr er seinen Weg eigentlich nur durch Schätzung, d.h. aus der durch das Log gemessenen und am Compaß beobachteten Route, bei der noch die Abtrift durch die Strömung in Rechnung zu ziehen war.

Und dennoch zögerte er nicht.

Mrs. Weldon begriff, was in dem muthigen Herzen des jungen Leichtmatrosen vorging.

»Ich danke, Dick, sagte sie mit fester Stimme. Kapitän Hull ist nicht mehr! Seine ganze Mannschaft ist mit ihm zu Grunde gegangen! Das Schicksal des Schiffes ruht jetzt in Deinen Händen! Dick, Du wirst das Fahrzeug retten nebst Allen, die es trägt.

– Ja, Mistreß Weldon, antwortete Dick Sand, ja, mit Gottes Hilfe will ich es versuchen.

– Tom und seine Begleiter sind wackere Leute, auf welche Du unbedingt bauen kannst.

– Ich weiß es, ich denke noch Seeleute aus ihnen zu machen, so daß wir zusammen arbeiten können. Bei gutem Wetter dürfte das nicht allzu schwer sein. Bei schlechtem Wetter… nun bei schlechtem Wetter werden wir eben kämpfen und Sie dennoch retten, Mistreß Weldon, Sie und Ihren kleinen Jack, Alle! Ja, ich fühle, daß es gelingen wird…«

Dann setzte er noch einmal hinzu:

»Mit Gottes Hilfe!

– Und nun, Dick, kannst Du wissen, in welcher Position der »Pilgrim« sich befindet? fragte die Dame.

– Ganz leicht, antwortete der Leichtmatrose, ich brauche ja nur die Karte einzusehen, auf welcher Kapitän Hull noch bis gestern die Lage des Schiffes eingezeichnet hat.

– Und wirst Du die Brigg in eine günstige Richtung bringen können?

– Ja, ich denke sie genau nach Osten, fast direct auf den Punkt zu richten, den wir in Amerika anlaufen sollen.

– Du siehst indeß wohl ein, Dick, fuhr Mrs. Weldon fort, daß dieser Unfall die früheren Absichten verändern konnte und sogar mußte. Nun handelt es sich nicht mehr darum, Valparaiso anzulaufen. Unser Bestimmungsort ist jetzt der nächstgelegene Hafen Amerikas.

– Gewiß, Mistreß Weldon, bestätigte der Leichtmatrose. Seien Sie unbesorgt. Die amerikanische Küste, welche sich so tief nach Süden hinabzieht, können wir nicht verfehlen.

– Wo liegt dieselbe? fragte Mrs. Weldon.

– Dort, in dieser Richtung, belehrte sie Dick Sand, mit dem Finger nach Osten weisend, wozu er den Compaß in Anspruch nahm.

– Schön, Dick; mögen wir nun in Valparaiso oder in einem anderen Hafen an’s Land kommen, das thut nichts; die Hauptsache ist, überhaupt an’s Land zu kommen.

– Das werden wir, Mistreß Weldon, erklärte der Leichtmatrose zuversichtlich, ich werde Sie sicher ausschiffen. Wenn wir uns dem Lande nähern, hoffe ich auch einem der dort zahlreichen Küstenfahrer zu begegnen. O, Mistreß Weldon, der Wind scheint nach Nordwest umzuschlagen – gebe Gott, daß er so bleibt, dann werden wir schnell vorwärts kommen. Dann spannen wir alle Leinwand aus und fangen ihn vom Deck bis zur Dick Sand sprach mit der Zuversicht eines Seemannes, der ein gutes Schiff unter seinen Füßen fühlt und es in jeder Lage zu beherrschen weiß. Er ergriff das Steuerruder und rief die Leute zusammen, um die Segel passend zu richten, als ihn Mrs. Weldon erinnerte, daß er vor Allem die Lage des »Pilgrim« feststellen möge.

In der That erschien das am nöthigsten. Dick Sand begab sich in das Zimmer des Kapitäns, um die Karte zu holen, auf welcher der gestrige Stand des Schiffes eingezeichnet war. Er konnte damit Mrs. Weldon zeigen, daß die Brigg-Goëlette sich unter 43°45’ der Breite und 164°13’ der Länge befand, denn seit gestern hatte sie so gut wie gar keine Fahrt gemacht.

Mrs. Weldon hatte sich über die Karte gebeugt. Sie betrachtete die bräunliche Schattirung, welche das Land an der rechten Seite des weiten Oceans darstellte. Das war die Küste Südamerikas, der ungeheure, zwischen den Atlantischen und den Pacifischen Ocean vorgeschobene Erdwall, vom Cap Horn an bis zu den Küsten Columbiens. Betrachtete man diese Karte, wie sie so hier ausgebreitet lag und auf der man einen ganzen Großen Ocean übersah, so glaubte man, daß es ein Leichtes sein müsse, die Passagiere des »Pilgrim« wieder heimzuführen. Es beruht auf einer Täuschung, der Jeder ohne Ausnahme verfällt, welcher sich den verjüngten Maßstab, in dem diese Seekarten ausgeführt sind, nicht vorzustellen gewöhnt ist. Und in der That schien es auch Mrs. Weldon, als müsse das Land fast in Sicht sein, wie es das auf diesem Stück Papier war.

Und doch wäre der »Pilgrim« mitten in diese weiße Fläche und in demselben Maßstabe gezeichnet, kleiner erschienen, als die kleinsten mikroskopischen Infusorien! Gleich einem mathematischen Punkte ohne meßbare Dimensionen hätte man den »Pilgrim« für verloren ansehen müssen, wie er es in der Wasserwüste des Stillen Oceans auch wirklich war.

Dick Sand hatte nicht dieselbe Empfindung wie Mrs. Weldon. Er kannte die ungeheure Entfernung jeden Landes, zu deren Messung Hunderte von Meilen nicht ausreichten. Doch sein Entschluß stand fest; die Verantwortlichkeit hatte ihn zum Manne gemacht!

Mrs. Weldon hatte sich über die Karte gebeugt. (S. 95.)

Die Zeit zu handeln war gekommen; die auffrischende Brise aus Nordwest mußte benutzt werden. Der ungünstige Wind hatte einem recht günstigen Platz gemacht und einige in Form der Cyrrhi über den Himmel verstreute Wolken deuteten auf eine gewisse Ausdauer desselben hin.

Alle Drei fielen rückwärts nieder. (S. 102)

Dick Sand rief Tom und seine Begleiter herbei.

»Meine Freunde, begann er, unser Schiff hat keine andere Besatzung mehr als Euch. Ohne Eure Hilfe vermag ich es nicht zu führen. Ihr seid zwar keine Seeleute, habt aber tüchtige Arme. Leiht sie dem Dienste des »Pilgrim« und wir werden mit ihm segeln können. Unser Aller Heil hängt davon ab, daß Alles an Bord gut von statten gehe.

– Herr Dick, antwortete Tom, meine Begleiter und ich, wir sind Ihre Matrosen. An gutem Willen soll es uns nicht fehlen. Alles was Menschen ausführen können, wird geschehen, wie Sie befehlen.

– Gut gesprochen, alter Tom, sagte Mrs. Weldon.

– Gewiß, fuhr Dick Sand fort, doch hier gilt es klug zu sein, und ich werde nicht überflüssiger Weise Segel beisetzen, um weniger Gefahr zu laufen. Etwas weniger Schnelligkeit, dafür aber etwas mehr Sicherheit, das ist’s, was die Umstände uns gebieten. Ich werde Euch sagen, meine Freunde, was Jeder bei der Handhabung der Segel zu thun hat. Ich selbst denke am Steuer so lange zu bleiben, als mich die Erschöpfung nicht zwingt, dasselbe zu verlassen. Wenige Stunden Schlaf werden hinreichen, mich immer wieder zu kräftigen. Doch während dieser wenigen Stunden muß schon Einer von Euch an meine Stelle treten. Euch, Tom, werd’ ich es zuerst lehren, wie man nach der Angabe des Compasses steuert. Das ist ja nicht zu schwer und bei einiger Aufmerksamkeit werdet Ihr bald dahin gelangen, das Schiff in der gewünschten Richtung zu erhalten.

– Sobald Sie wollen, Herr Dick, antwortete der alte Neger.

– Nun gut, fuhr der Leichtmatrose fort, so bleibt den Tag über bei mir am Steuer, und sollte mich die Müdigkeit übermannen, so könnt Ihr mich schon für einige Stunden ersetzen.

– Und ich, fiel der kleine Jack ein, soll ich meinem Freunde Dick gar nicht ein wenig helfen können?

– O ja, liebes Kind, antwortete Mrs. Weldon, indem sie Jack in die Arme preßte, man wird auch Dich steuern lehren, und ich bin überzeugt, daß wir guten Wind haben, wenn Du am Helmstock stehst!

– Gewiß, gewiß, Mama! Das versprech’ ich Dir! rief der kleine Knabe händeklatschend.

– Ja, bemerkte der junge Leichtmatrose lächelnd, gute Schiffsjungen wissen den Wind zu erhalten! Das hört man von allen erfahrenen Seeleuten!«.

Dann wandte er sich an Tom und die anderen Neger.

»Meine Freunde, sagte er, wir wollen nun alle Segel beisetzen und in den Wind stellen. Ihr habt nur zu thun, was ich Euch sage.

– Zu Ihrem Befehl, antwortete Tom, ganz zu Ihrem Befehl Kapitän Sand!«

Zehntes Capitel.

Die folgenden vier Tage.

Dick Sand war also thatsächlich der Kapitän des »Pilgrim« und ergriff, ohne eine Minute zu verlieren, die nöthigen Maßregeln, das Schiff voll unter Segel zu setzen.

Selbstverständlich hatten die Passagiere nur die eine Hoffnung, irgend einen Punkt der amerikanischen Küste, und wenn es auch nicht Valparaiso wäre, zu erreichen. Dick Sand’s erste Beschäftigung war, sich über die Richtung und Geschwindigkeit des »Pilgrim« zu unterrichten, um seine Rechnungen darauf basiren zu können. Hierzu ward es nöthig, jeden Tag den zurückgelegten Weg auf der Karte einzutragen, den man, wie gesagt, durch das Log und die Boussole feststellte. An Bord befand sich glücklicher Weise eines jener »Patent-Logs« mit Gradbogen und Schraube, welches für eine gegebene Zeit die Geschwindigkeit des Schiffes mit größter Genauigkeit zu messen gestattete. Dieses nützliche und sehr leicht zu handhabende Instrument versprach noch die besten Dienste zu leisten, und die Schwarzen erlangten bald eine hinlängliche Geschicklichkeit, dasselbe zu bedienen.

Eine einzige Fehlerquelle blieb freilich trotzdem übrig – die Strömungen. Um diese auszuscheiden, genügten nicht gewöhnliche Schätzungen; nur astronomische Beobachtungen konnten hier noch ein verläßliches Resultat liefern. Leider fühlte sich der junge Leichtmatrose außer Stande, derartige Beobachtungen anzustellen.

Einen Augenblick hegte Dick Sand wohl die Absicht, den »Pilgrim« nach Neu-Seeland zurückzuführen. Diese Ueberfahrt war kürzer und er würde es sicher auch gethan haben, wenn der bisher widrige Wind nicht in günstigere Richtung umgeschlagen wäre. Unter den gegenwärtigen Umständen erschien es jedoch rathsamer, auf Amerika zuzusegeln

Der Wind hatte nämlich wirklich eine vollständige Umdrehung gemacht und blies setzt aus Nordwesten, scheinbar mit der Neigung, sich aufzufrischen.

Jetzt galt es, ihn zu benutzen, um so viel Fahrt als möglich zu machen.

Dick Sand beeilte sich also, den »Pilgrim« vor allen Segeln laufen zu lassen.

Auf einer Brigg-Goëlette führt der Fockmast vier vierkantige Segel: das große Focksegel am unteren Maste, darüber das Marssegel an der Marsstange, ferner ein Bram-und ein Topsegel an der Bramstange.

Der Großmast dagegen trägt weniger Leinwand. Er führt am Untermast nur eine Brigantine und darüber ein dreieckiges lateinisches Segel.

Zwischen diesen beiden Masten kann man dann noch an den Stagen, welche sie von vorn her halten, drei weitere, sogenannte Stagsegel anbringen.

Im Vordertheile endlich befinden sich, vom Fockmast nach dem Bugspriet und dem Klüverbaum gezogen, die drei Focksegel.

Diese Focksegel, die Brigantine, das lateinische und die Stagsegel sind sehr leicht zu dirigiren. Sie können vom Verdeck aus gehißt werden, ohne in die Takelage zu steigen, da sie nicht an Raaen mittelst Seisingen befestigt sind, welche man erst lösen muß.

Die Manöver mit den Segeln des Fockmastes dagegen verlangen die geübten Hände erfahrener Seeleute. Sollen diese benutzt werden, so müssen die Matrosen entweder auf den Raaen hinausreiten oder an den Pardunen und Stagen bis zum Top des Mastes hinaufklettern, ebenso wenn sie jene hissen oder einziehen, oder auch ihre Oberfläche nur zum Theil vermindern, d.h. sie reesen wollen. Hierbei müssen sie sich auch auf den Laufseilen – das sind lose, parallel mit den Raaen gespannte Seile – fortbewegen, wobei sie sich mit der einen Hand festzuhalten haben, während sie mit der anderen arbeiten, ein Manöver, welches für den Ungeübten stets nicht ohne Gefahr ist. Die stampfenden und schlingernden Bewegungen, welche sich hier oben wie durch einen langen Hebelarm wesentlich vergrößern, das Schlagen der Segel bei einer einigermaßen frischen Brise, können einen Mann recht leicht über Bord schleudern. Für Tom und seine Begleiter waren derartige Arbeiten also immerhin kein so gefahrloses Unternehmen.

Zum Glück wehte der Wind nur mäßig. Auch das Meer hatte noch nicht Zeit gehabt, größere Wellen zu bilden. Die Bewegungen des Schiffes nach vor-und rückwärts, sowie von einer Seite zur anderen, hielten sich noch in sehr beschränkten Grenzen.

Als sich Dick Sand auf das Signal des Kapitäns nach dem Schauplatz der Katastrophe begab, trug der »Pilgrim« nur die Focksegel, die Brigantine, das große Focksegel und das Marssegel. Um aus der Ruhelage des Schiffes in Bewegung überzugehen, brauchte Dick Sand nur wenig an der früheren Segelstellung zu ändern, wobei ihm die Schwarzen nach Kräften behilflich waren.

Jetzt gedachte er den günstigen Seitenwind bestens auszunutzen, und dazu sollte das Bramsegel, das Topsegel, das Gaffel-und die Stagsegel gehißt werden.

»Meine Freunde, sagte er zu den Negern, thut nur genau das, was ich Euch sage, und Alles wird noch gut gehen.«

Dick Sand war am Helmstock des Steuers geblieben.

»Nun vorwärts! rief er. Tom, hißt schnell alle Segel!

– Hißt?… fragte Tom, der diesen Ausdruck nicht verstand.

– Ja wohl, macht sie los ! – Ihr Bat… dasselbe!… Gut!… Halt an!… Achtung, zieht nach oben!

– Ja, wie denn? – So? fragte Bat.

– Ja wohl, richtig. So ist’s gut!… Nun, daran Herkules… etwas kräftig! Thut einen derben Zug!«

Herkules zu empfehlen, daß er auch noch etwas kräftig ziehen möchte, erschien vielleicht etwas unklug. Ohne Zögern that der Riese einen Zug, als hätte er Alles herabreißen wollen.

»Halt! nicht so kräftig, mein Bester! rief Dick Sand lächelnd. Ihr würdet die ganze Takelage herunterholen!

– Ich habe ja kaum angezogen, antwortete Herkules.

– Glaub’ es schon, doch strengt Euch ja nicht an, es wird schon das genügen!… Gut, nachlassen… hißt auf… gebt Euch die Hände… legt die Taue fest… knotet sie an… so! – Gut!… Nun zusammen!… Holt an… zieht…!«

Langsam drehte sich das ganze Segelwerk des Fockmastes, dessen Backbordbrassen locker gemacht worden waren. Lustig schwellte der Wind die Segel und trieb das Schiff bald merkbar vorwärts.

Dick Sand ließ hierauf die Schoten der Focksegel schießen. Dann rief er die Schwarzen nach dem Achterdeck zurück.

»Seht, Ihr guten Leute, das wäre denn geschehen und es ging ja ganz herrlich! Jetzt wollen wir uns mit dem Großmast beschäftigen. Aber zerreißt und zerbrecht mir nichts, Herkules.

– Will es versuchen, antwortete der Koloß, um nicht zu viel Verantwortung zu übernehmen.«

Das zweite Manöver erschien gegen das erste ein Kinderspiel. Die Schoten der Gaffel wurden ein wenig nachgelassen, die Brigantine fing den Wind besser und vereinigte ihre mächtige Wirkung mit den Segeln des vorderen Mastes.

Dann hißte man noch das lateinische Segel über der Brigantine, welches nur auf der einen Seite zu lösen, durch das Geitau anzuziehen und wieder zu befestigen war.

Herkules aber zog mit sammt seinem Freunde Acteon, den kleinen Jack, welcher redlich mithalf, gar nicht zu rechnen, so kräftig, daß das Jölltau glatt wegriß.

Alle Drei fielen rückwärts nieder, glücklicher Weise ohne sich Schaden zu thun, und der kleine Jack war darüber ganz entzückt.

»So geht’s nicht! So geht’s nicht! rief der Leichtmatrose, jetzt knüpft nur vorläufig die beiden Tauenden wieder aneinander und hißt etwas vorsichtig und langsam!«

Alles geschah unter den Augen Dick Sand’s, ohne daß er selbst das Steuer zu verlassen brauchte.

Schon lief der »Pilgrim«, den Vordersteven nach Osten gerichtet, und nun galt es nur, ihn in dieser Richtung zu erhalten. Da der Wind sehr stetig blieb, war das ja leicht und starke Abweichungen vom Kurse nicht zu befürchten.

»Schön, meine Freunde, sagte der Leichtmatrose. Ihr werdet noch vor Vollendung unserer Reise die besten Seeleute sein!

– Wir wollen wenigstens unser Bestes thun, Kapitän Sand!« erwiderte Tom.

Auch Mrs. Weldon lobte die wackeren Leute.

Selbst der kleine Jack erhielt seinen Antheil, denn er hatte ganz hübsch mitgearbeitet.

»Ich glaube sogar, bemerkte Herkules lächelnd, daß Sie es waren, der das Jölltau zerrissen hat! Was für eine hübsche kleine Faust Sie doch haben! Ohne Sie hätten wir doch nichts Ordentliches zu Stande gebracht!«

Der kleine Jack schüttelte, ganz stolz über dieses Lob, die Hand seines Freundes Herkules nach Kräften.

Noch war die Besegelung des »Pilgrim« nicht ganz vollständig. Es fehlten ihm noch die obersten Segel, deren Mitwirkung bei günstigem Seitenwinde nicht zu unterschätzen ist. Wenn die Brigg-Goëlette auch noch ihr Bram-, Top-und Stagsegel führte, konnte sie nur an Fahrgeschwindigkeit gewinnen, und Dick Sand beschloß, jene noch beizusetzen.

Die Ausführung dieses Vorhabens war freilich viel schwieriger als die früheren Manöver, wenn auch nicht bezüglich der Stagsegel, die man von unten aus hissen, reesen und befestigen konnte, wohl aber für die oberen viereckigen Segel des Fockmastes. Um sie zu entfalten, mußte man bis zu den Raaen derselben klettern, und da Dick Sand Niemand von seiner improvisirten Mannschaft in Gefahr bringen wollte, unterzog er sich dieser Arbeit selbst.

Er rief also Tom herbei und stellte ihn am Steuer an, indem er ihm zeigte, wie er das Schiff halten sollte. Dann wurden Herkules, Bat, Acteon und Austin an ihre Plätze gewiesen, die Einen an die Jölltaue des Top-, die Anderen an die Taue des Bramsegels, während Dick selbst in die Takelage kletterte. Die Wanten und Putings des Fockmastes, dann die der Bramstange zu ersteigen und auf die Raaen hinaus zu gleiten, das war für den jungen Leichtmatrosen nur ein Spiel.

Binnen einer Minute befand er sich schon auf der Laufleine der Raa des Topsegels und löste die Seisinge, welche dasselbe hielten. Dann begab er sich nach der Marsraa, befestigte dort die unteren Enden jenes Segels und knüpfte das Bramsegel los.

Nach Beendigung dieser Arbeit ergriff er die Pardunen des Steuerbords und glitt wieder auf’s Deck nieder.

Der kleine Jack schüttelte die Hand seines Freundes Herkules. (S. 103.)

Dort wurden die beiden Segel seiner Anordnung nach fest gemacht und vollends richtig gestellt. Als dann noch die Stagsegel zwischen Groß- und Fockmast gehißt waren, hatte das Schiff all’ seine Leinwand entfaltet.

Herkules zerriß und zerbrach dieses Mal nichts.

Dick Sand hätte nun höchstens noch die Beisegel an Backbord ansetzen können, doch erschien das unter den obwaltenden Umständen selbst schon zu schwierig, und vorzüglich wäre man nicht im Stande gewesen, sie im Nothfalle schnell genug reesen zu können. Der Leichtmatrose sah also von der Beisetzung derselben ab.

Tom ward seines Postens am Steuer wieder enthoben und Dick Sand nahm diesen aufs Neue wieder ein. Die Brise frischte etwas auf.

Der »Pilgrim« neigte ein wenig nach Steuerbord über und glitt jetzt schnell über das Wasser dahin, wobei er einen sehr glatten Streifen Kielwasser, als Beweis der Richtigkeit seiner Constructionslinien, hinter sich zurückließ.

»Jetzt wären wir ja auf recht gutem Wege, Mistreß Weldon, sagte Dick Sand, nun gebe Gott, daß dieser günstige Wind aushält.«

Mrs. Weldon drückte dem jungen Leichtmatrosen die Hand.

Dann zog sie sich, erschöpft von der Aufregung der letzten Stunden, nach ihrer Cabine zurück und verfiel in eine Art schmerzliche Betäubung, welche man Schlaf nicht wohl nennen konnte.

Die neue Schiffsmannschaft verblieb auf dem Deck der Brigg-Goëlette und lugte wachsam über das Vordercastell hinaus, bereit, Dick Sand’s Befehlen zu gehorchen, d.h. die Stellung der Segel, je nach den Veränderungen des Windes zu besorgen; so lange die Brise die jetzige Richtung und Stärke beibehielt, war ja absolut nichts zu thun.

Was trieb denn nun Vetter Benedict während dieser Zeit?

Vetter Benedict war damit beschäftigt, unter der Loupe ein kleines Gliederthierchen zu studiren, das er endlich an Bord entdeckt hatte, eine einfache Orthoptere, deren Kopf unter dem Prothorax vollständig verschwand, ein Insect, mit flachen Flügeldecken, rundlichem Leibe und langen Flügeln, das der Familie der Motten, und zwar der amerikanischen Motten angehörte.

Bei Durchsuchung der Küche Negoro’s hatte er diesen für ihn kostbaren Fund gemacht, als der Küchenmeister eben das genannte Insect unbarmherzig tödten wollte, was den Gelehrten nicht wenig zornig machte, während Negoro sich darum nicht im Geringsten zu kümmern schien.

Wußte denn Vetter Benedict aber von den Veränderungen an Bord seit der Zeit, da Kapitän Hull mit seinen Leuten sich nach der so verderblichen Jagd auf den Jubart vom Schiffe wegbegab? Ohne Zweifel. Er befand sich ja selbst auf dem Deck, als der »Pilgrim« in die Gegend kam, wo die Trümmer der Jolle umherschwammen. Die Mannschaft der Brigg-Goëlette war also unter seinen Augen umgekommen.

Wollte man behaupten, dieser Unglücksfall hätte ihn nicht schmerzlich berührt, so träte man seinem guten Herzen gewiß zu nahe. Jenes Mitleid für seinen Nächsten, das Jedermann fühlt, ging ihm sicherlich nicht ab. Auch die Situation, in welche seine Cousine hierdurch gerieth, war für ihn sehr peinlich. Er hatte Mrs. Weldon selbst einmal die Hand gedrückt, wie um sagen zu wollen: »Fürchten Sie sich nicht! Ich bin ja hier! Ich bleibe hier!«

Dann war auch Vetter Benedict in seine Cabine zurückgekehrt, jedenfalls um die Folgen dieses entsetzlichen Zwischenfalles und die Maßregeln zu überlegen, welche unter diesen Umständen zu ergreifen wären.

Auf seinem Wege entdeckte er die bewußte Motte, und da seine Absicht dahin ging, zu beweisen, daß diese Mottenart, welche sich schon durch ihre auffälligen Farben auszeichnet, ganz andere Gewohnheiten habe als andere Arten – wogegen übrigens manche Entomologen streiten – so vertiefte er sich eiligst in das Studium derselben, worüber er eben so schnell vergaß, daß ein Kapitän Hull den »Pilgrim« commandirt hatte, und daß jener mit seiner Mannschaft elend umgekommen sei. Die Motte erfüllte alle seine Gedanken! Er bewunderte dieselbe nicht weniger und machte ebensoviel Aufhebens davon, als ob dieses jämmerliche Insect ein wahrer Goldkäfer gewesen wäre.

Das Leben an Bord nahm also wieder seinen gewöhnlichen Verlauf, obwohl Jedermann noch lange Zeit den schmerzlichen Eindruck jener traurigen und unerwarteten Katastrophe empfand.

Im Laufe dieses Tages mußte Dick Sand sich wirklich verdoppeln und Jedem seinen Platz anweisen, um gegen alle Vorfälle gerüstet zu sein. Die Neger kamen seinen Anordnungen voll Eifer nach. An Bord des »Pilgrim« herrschte die musterhafteste Ordnung. Man durfte sich also der Hoffnung hingeben, daß Alles noch glücklich ablaufen werde.

Negoro seinerseits machte keinen weiteren Versuch, sich der Autorität Dick Sand’s zu widersetzen. Er schien diese schweigend anzuerkennen. Da ihn seine Beschäftigung wie immer in der engen Küche zurückhielt, sah man ihn auch nicht häufiger als früher. Uebrigens war Dick Sand entschlossen, jenen beim geringsten Widerspruch, beim ersten Zeichen der Insubordination in den Raum des Schiffes für den Rest der Fahrt einzusperren. Auf das leiseste Zeichen von ihm hätte Herkules den Küchenmeister am Halse gepackt und unschädlich gemacht. In diesem Falle hätte Nan, welche ja die Küche verstand, die Functionen des Küchenmeisters übernommen. Negoro mußte sich also sagen, daß er keineswegs unentbehrlich sei, und da man ein scharfes Auge auf ihn hatte, schien er sich Mühe zu geben, jeden berechtigten Vorwurf von sich abzuhalten.

Der Wind nahm bis gegen Abend noch etwas zu, machte aber keinerlei Veränderung in der Segelstellung des »Pilgrim« nothwendig.

Während der Nacht pflegt man meistens die Segel etwas zu mindern und vorzüglich die höchsten derselben mindestens zu reesen. Es ist das ein Gebot der Klugheit, weil ein Schiff unversehens von einer starken Böe überrascht werden kann. Dick Sand glaubte aber, sich für heute dieser Vorsicht entschlagen zu können. Der ganze Zustand der Atmosphäre erschien nach keiner Seite drohend und überdies gedachte der junge Leichtmatrose diese erste Nacht auf dem Deck zu bleiben, aber auf Alles ein wachsames Auge zu haben. Ihm kam es vor Allem darauf an, möglichst schnell zu segeln, um bald in weniger verlassene Gegenden zu kommen.

Wir erwähnten schon, daß Log und Compaß die einzigen Instrumente waren, deren sich Dick Sand zur annähernden Schätzung des vom »Pilgrim« zurückgelegten Weges bedienen konnte.

Im Laufe dieses Tages ließ der Leichtmatrose das Log denn auch jede halbe Stunde auswerfen und notirte sich die durch das Instrument erhaltenen Angaben.

Bezüglich des Compasses, der auch den Namen »Boussole« führt, ist zu bemerken, daß ein solcher in doppelten Exemplaren vorhanden war. Der eine befand sich im Compaßhäuschen vor den Augen des Steuermannes. Seine zifferblattähnliche, am Tage von der Sonne, in der Nacht von zwei Seitenlampen erleuchtete Scheibe, zeigte in jedem Augenblicke an, welche Richtung das Schiff einhielt, d.h. nach welcher Himmelsgegend zu dasselbe segelte.

Der andere Compaß bestand aus einer umgekehrten Boussole, welche an den Deckenbalken der früher von Kapitän Hull bewohnten Cabine angebracht war. Auf diese Weise konnte jener, ohne sein Zimmer zu verlassen, stets controliren, ob die vorgeschriebene Route genau eingehalten wurde, oder ob der Mann am Steuer aus Mangel an Geschick oder an Aufmerksamkeit das Schiff merkbar abweichen ließ.

Uebrigens giebt es wohl kaum ein für weite Seereisen bestimmtes Schiff, das nicht zwei Boussolen, ebenso wie zwei Chronometer besäße. Es ist nothwendig, diese Instrumente untereinander zu vergleichen, um die Verläßlichkeit ihrer Angaben controliren zu können.

Der »Pilgrim« war also nach dieser Seite hinreichend mit dem Nothwendigsten versehen, und Dick Sand empfahl seinen Leuten, die beiden Compasse möglichst sorgfältig in Acht zu nehmen, da sie ihm so unentbehrlich seien.

Unglücklicher Weise aber trat in der Nacht vom 12. zum 13. Februar, als der Leichtmatrose die Wache hatte und das Steuerruder bediente, ein recht bedauerlicher Zufall ein. Die umgekehrte Boussole, welche mittelst eines kupfernen Ringes an dem Deckbalken der Cabine schwebte, löste sich los und fiel zu Boden, was man erst am folgenden Morgen gewahr wurde.

Wie der Ring habe nachgeben können, erschien zunächst unbegreiflich. Möglicher Weise war er oxydirt und löste sich, in Folge einer heftigeren Schiffsbewegung, der Länge oder der Quere nach los. Gerade in dieser Nacht gingen die Wellen auch etwas höher. Der Leichtmatrose traf also besondere Anordnungen, um den anderen Compaß vor jeder Zufälligkeit zu schützen.

Im Uebrigen ging bis jetzt an Bord des »Pilgrim« Alles nach Wunsch.

Als Mrs. Weldon Dick Sand’s ruhige Zuversicht bemerkte, faßte auch sie wieder Vertrauen. Damit soll jedoch keineswegs gesagt sein, daß sie sich je vorher der Verzweiflung überlassen hätte. Sie vor allen Anderen vertraute auf die Barmherzigkeit Gottes. Als aufrichtige, fromme Katholikin stärkte sie sich durch die Macht des Gebetes.

Dick Sand hatte es so eingerichtet, daß er während der Nacht am Steuer blieb. Er schlief nur am Tage fünf bis sechs Stunden, und das schien ihm zu genügen, da er sich niemals allzu ermüdet fühlte. Während dieser Zeit ersetzten ihn dann Tom oder dessen Sohn Bat am Steuerruder, und, Dank seiner Unterweisung, bildeten diese sich sehr bald zu brauchbaren Steuerleuten aus.

Oft plauderten Mrs. Weldon und der Leichtmatrose mit einander. Dick Sand nahm gern den Rath dieser verständigen und muthigen Dame an. Tagtäglich zeigte er ihr auf der Karte den von dem Schiffe zurückgelegten und möglichst genau abgeschätzten Weg, indem er die Richtung und die Geschwindigkeit des »Pilgrim« in Rechnung zog.

»Sehen Sie, Mistreß Weldon, wiederholte er ihr häufig, mit diesen günstigen Winden kann es uns gar nicht fehlen, die südamerikanische Küste zu erreichen. Ich möchte es nicht geradezu behaupten, aber ich glaub’ es doch, daß unser Schiff, wenn es in Sicht des Landes kommt, nicht weit von Valparaiso sein wird!«

Mrs. Weldon konnte gar nicht daran zweifeln, daß das Fahrzeug den richtigen Kurs segle, da es der anhaltende Nordwestwind darin begünstigte. Wie entfernt aber erschien ihr der »Pilgrim« jetzt noch von dem Gestade Amerikas! Welche Gefahren lauerten vielleicht noch zwischen ihr und dem festen Erdboden, abgesehen von denen, welche eine Veränderung im Zustande der Atmosphäre oder des Meeres herbeiführen konnte!

Mit der Sorglosigkeit der Kinder seines Alters hatte Jack seine gewohnten Spiele wieder aufgenommen, lief lustig über das Deck und amüsirte sich mit Dingo; es fiel ihm ohne Zweifel auf, daß sein Freund Dick sich jetzt nicht mehr so viel mit ihm beschäftigte wie früher, doch hatte seine Mutter ihm begreiflich gemacht, daß er den jungen Leichtmatrosen jetzt bei seiner Thätigkeit nicht stören dürfe. Der kleine Jack schenkte diesen Gründen Gehör und incommodirte den Kapitän Sand auf keine Weise.

An Bord ging also Alles seinen gewohnten Gang. Die Neger verrichteten ihre Arbeit verständnißvoll und bildeten sich von Tag zu Tag zu besseren Seeleuten aus. Tom galt dabei natürlich als Obersteuermann, wozu ihn seine Genossen ohnehin erwählt hatten. Er befehligte die Wache, während der Leichtmatrose ruhte, und hatte dann seinen Sohn Bat und Austin zur Seite, Acteon und Herkules bildeten die andere Wache unter dem Kommando Dick Sand’s; während so der Eine steuerte, lugten die Anderen über das Vorderdeck aus.

Obwohl diese Gegenden vollständig verlassen schienen und an einen Zusammenstoß so gut wie gar nicht zu denken war, bestand der Leichtmatrose doch darauf, vorzüglich die Nacht über so scharf als möglich zu wachen. Er ließ stets die beiden Positionslichter – ein grünes an Steuerbord und ein rothes an Backbord – anbringen und that daran sehr weise.

In den Nächten, welche Dick Sand ununterbrochen am Steuer zubrachte, fühlte er manchmal eine wirkliche Erschlaffung, die ihn übermannte. Seine Hand regierte das Steuer dann nur noch instinctmäßig. Es war das die Folge einer Müdigkeit, welche er über sich doch nicht Herr werden lassen wollte.

In der Nacht vom 13. zum 14. Februar kam es aber doch so weit, daß Dick Sand sich einige Stunden Ruhe gönnen mußte und am Steuer durch den alten Tom vertreten wurde. Dunkle Wolken, die sich gegen Abend unter dem Einfluß der kälteren Luft tief herabgesenkt hatten, bedeckten ringsum den Himmel. Es herrschte eine so tiefe Finsterniß, daß es unmöglich gewesen wäre, die oberen, halb im Nebel verschwimmenden Segel zu unterscheiden. Herkules und Acteon hielten auf dem Vorderdeck Wache.

Auf dem Hinterdeck verbreiteten die Lampen des Compaßhäuschens einen beschränkten Lichtschein, den der Metallbeschlag des Steuers schwach widerspiegelte. Die Signallaternen, welche ihre Strahlen mehr seitwärts aussendeten, ließen das Deck des Fahrzeuges in tiefer Dunkelheit.

Da, gegen drei Uhr Morgens, verfiel auch der alte Tom in eine Art Schlafsucht, die ihn ganz unmerklich überkam. Seine Augen, welche längere Zeit auf einen beleuchteten Punkt am Compaßhäuschen geblickt hatten, verloren plötzlich jedes Sehvermögen, und ihn ergriff, wunderbarer Weise, eine wirklich anästhetische Somnolenz.

Dabei sah der Neger allein nicht mehr, sondern er hätte sogar wahrscheinlich nichts gefühlt, wenn man ihn mit einer Nadel stach.

Er bemerkte also auch einen Schatten nicht, der geräuschlos über das Deck hinglitt.

Das war Negoro.

Am Hinterdeck angekommen, verbarg der Küchenmeister einen ziemlich schweren Gegenstand, den er in der Hand trug, unter dem Compaß.

Dann blickte er eine Secunde lang nach der erhellten Scheibe der Boussole und zog sich wieder zurück, ohne gesehen worden zu sein.

Hätte Dick Sand am nächsten Morgen den von Negoro unter dem Compaß versteckten Gegenstand bemerkt, er würde sich gewiß beeilt haben, denselben von da zu entfernen.

Es war das nämlich nichts Anderes als ein Stück Eisen, das die Angaben des Compasses fälschen sollte. Die Magnetnadel wurde hierdurch abgelenkt und statt nach dem magnetischen Nordpol zu zeigen, der von dem Nordpol der Erde nur wenig abweicht, wies sie jetzt nach Nordosten. Die Abweichung betrug demnach vier Striche der Windrose oder mit anderen Worten einen halben rechten Winkel.

Tom erwachte sehr bald aus seiner Betäubung. Seine Augen richteten sich auf den Compaß… er glaubte, er mußte es glauben, daß der »Pilgrim« nicht in guter Richtung segle.

Er drehte also das Steuer so weit, um das Schiff wieder nach Osten zu wenden… er glaubte es wenigstens.

Bei der Abweichung der Nadel aber, welche er nicht voraussetzen konnte, stand das Bugspriet statt nach Osten jetzt nach Südosten.

Der »Pilgrim« segelte also bei dem herrschenden günstigen Winde nicht mehr in der gewünschten Richtung, sondern mit einem Fehler von fünfundvierzig Graden seitlich von seinem Kurse. 

Elftes Capitel.

Sturm.

Während der auf dieses Ereigniß folgenden Woche vom 14. bis 21. Februar trug sich an Bord kein weiterer Zwischenfall zu. Der Nordwestwind frischte noch etwas mehr auf und der »Pilgrim« segelte ziemlich schnell – etwa 160 Meilen binnen vierundzwanzig Stunden – dahin.

Dick Sand’s Voraussetzung nach mußte sich die Brigg-Goëlette nun den Gegenden nähern, durch welche die von einem Erdtheile zum anderen segelnden oder dampfenden Schiffe ziehen. Der Leichtmatrose hoffte tagtäglich einem jener Fahrzeuge zu begegnen und war fest entschlossen, entweder seine Passagiere auf dasselbe überzusetzen, oder sich doch zur Aushilfe einige Matrosen und womöglich auch einen Officier zu erbitten. Leider kam trotz der schärfsten Wachsamkeit kein Segel in Sicht und das Meer blieb öde und verlassen.

Dick Sand nahm das doch ein wenig Wunder. Während seiner drei Fischerei-Campagnen in den australischen Meeren war er schon mehrmals über diesen Theil des Stillen Oceans gekommen. Nur selten kam es in der Länge und Breite, in welcher er sich zu befinden wähnte, vor, daß man nicht ein englisches oder amerikanisches Schiff sah, das entweder vom Kap Horn nach dem Aequator hinauffuhr, oder nach der Endspitze Südamerikas hinabsegelte.

Er bemerkte also auch einen Schatten nicht. (S. 110.)

Freilich wußte Dick Sand weder, noch konnte er es wissen, daß sich der »Pilgrim« schon in weit höherer Breite, d.h. tiefer im Süden befand, als er es annahm.

Das rührte von zweierlei Ursachen her:

Der Leichtmatrose beruhigte immer Mrs. Weldon. (S. 114)

Die erstere bildeten die Triften jener Meeresgegenden, deren Schnelligkeit der Leichtmatrose nur unvollkommen zu schätzen vermochte, und welche das Schiff, ohne daß man darüber klar sein konnte, schon aus seinem rechten Kurse gedrängt hatten.

Die andere beruhte darin, daß die durch Negoro’s Schuld entstandene Mißweisung des Compasses falsche Ablesungen zur Folge hatte, welche Dick Sand seit dem Verluste des zweiten Compasses zu controliren nicht im Stande war. Er hielt deshalb immer südöstlichen Kurs statt östlichen ein, wie er es glaubte und glauben mußte. Die Boussole behielt er immer im Auge. Das Log ward regelmäßig ausgeworfen. Seine beiden Instrumente setzten ihn bis auf eine gewisse Grenze in den Stand, den »Pilgrim« zu führen und die Anzahl der durchlaufenen Meilen abzuschätzen. Aber war das auch hinreichend?

Inzwischen beruhigte der Leichtmatrose immer bestens Mrs. Weldon, welcher diese Fahrt immerhin etwas bedenklich vorkam.

»Wir kommen an, wir kommen sicher an! wiederholte er. Hier oder da werden wir die amerikanische Küste erreichen, der Ort thut ja nicht viel zur Sache; jedenfalls können wir das Land nicht verfehlen.

– Das bezweifle ich nicht, Dick.

– Freilich würde ich noch weit ruhiger sein, Mistreß Weldon, wenn Sie nicht an Bord und wir nur für uns allein verantwortlich wären, indeß…

– Indeß, wenn ich nicht an Bord wäre, fiel Mrs. Weldon ein, wenn sich Vetter Benedict, ich selbst, Jack und Nan nicht auf dem »Pilgrim« eingeschifft hätten und zudem Tom und seine Begleiter nicht von dem Wrack aufgenommen worden wären, Dick, so befänden sich nur zwei Menschen an Bord, Du und Negoro! Was wäre, allein mit diesem übelwollenden Manne, zu dem Du kein Zutrauen haben kannst, aus Dir geworden? Ja sprich, mein Kind, was hätte aus Dir werden sollen?

– Zuerst, antwortete Dick Sand entschlossen, hätte ich Negoro wenigstens unschädlich zu machen gesucht.

– Und Du wärest allein gesegelt?

– Ja… allein… mit Gottes Hilfe!«

Solche vertrauensvolle Worte belebten zwar die Hoffnung Mrs. Weldon’s, dennoch beschlich sie, wenn sie ihren kleinen Jack ansah, eine gewisse Unruhe. Wenn sie als Frau auch nicht verrieth, was sie als Mutter empfand, so gelang es ihr doch nicht immer, eine gewisse Angst niederzukämpfen, die ihr das Herz bedrückte.

War aber der junge Leichtmatrose in seinen hydrographischen Studien auch noch nicht genügend vorgeschritten, um sein Besteck machen (d.i. die jeweilige genaue geographische Lage des Schiffes bestimmen) zu können, so besaß er andererseits doch eine seine Witterung für das bevorstehende Wetter. Das Aussehen des Himmels auf der einen, auf der anderen Seite die Angaben des Barometers machten es ihm möglich, immer auf der Hut zu sein. Kapitän Hull, ein erfahrener Meteorolog, hatte ihm gelehrt, mit diesem Instrumente umzugehen, dessen Vorzeichen so wunderbar verläßlich sind.

Wir geben hier mit kurzen Worten folgende zur nützlichen Beobachtung des Barometers nöthige Anleitung:

1. Wenn das Barometer nach anhaltend schönem Wetter schnell und dauernd sinkt, wird sicher Regen eintreten; war das schöne Wetter vorher von sehr langer Dauer, so kann die Quecksilbersäule des Rohres wohl zwei bis drei Tage sinken, ehe eine Veränderung im Zustande der Atmosphäre eintritt. Je mehr Zeit ferner zwischen dem ersten Fallen des Quecksilbers und dem Beginn des Regens verstreicht, desto länger wird die regnerische Witterung andauern.

2. Steigt das Quecksilber dagegen nach längerem regnerischen und stürmischen Wetter langsam und regelmäßig, so ist ganz sicher schönes Wetter zu hoffen, und dauert dieses ebenso desto länger an, je größer der Zeitraum zwischen seinem Eintritt und dem ersten Steigen des Barometers war.

3. Wenn in beiden obigen Fällen der Witterungswechsel der Bewegung der Quecksilbersäule unmittelbar folgt, so wird diese Veränderung nur kurze Zeit andauern.

4. Wenn das Barometer zwei bis drei Tage oder noch länger langsam, aber continuirlich steigt, so verkündet das schönes Wetter, selbst wenn der Regen während dieser drei Tage nicht aufhört, und vice versa, wenn das Barometer aber unter regnerischer Witterung zwei Tage oder länger stieg und mit dem Eintritte schöner Witterung gleich wieder zu fallen beginnt, so wird letztere nur sehr kurze Zeit anhalten, und vice versa.

5. Im Frühjahr und im Herbste deutet ein rasches Fallen des Barometers auf Wind; im Sommer bei großer Hitze verkündet es Gewitter. Im Winter weist eine rasche Erniedrigung der Barometersäule nach anhaltendem Froste auf eine von Thauwetter und Regen begleitete Veränderung in der Windrichtung hin, ein Ansteigen während anhaltenden Frostes aber verkündigt baldigen Schneefall.

6. Schnelle Veränderungen des Barometerstandes dürfen nie als Prophezeiungen andauernd trockenen oder regnerischen Wetters aufgefaßt werden. Zu derartigen Vorausbestimmungen eignen sich nur die langsamen, aber stetigen Veränderungen des Quecksilberstandes.

7. Wenn im Spätherbst nach längerem nassen und stürmischen Wetter das Barometer zu steigen beginnt, so verkündet das einen Umschlag des Windes nach Norden und die Annäherung des Frostes.

Das sind etwa die allgemeinen Folgerungen, welche man aus den Angaben dieses schätzenswerthen Instrumentes zu ziehen berechtigt ist.

Dick Sand kannte diese sehr gut, hatte deren Bestätigung während seines Seemannslebens oft genug erfahren und dadurch auch gelernt, gegen jede Eventualität gerüstet zu sein.

Da, am 20. Februar, begannen die Schwankungen des Barometers, welches er täglich mehrmals sorgfältig beobachtete, den jungen Leichtmatrosen einigermaßen zu beunruhigen. Das Quecksilber sank nämlich langsam, aber anhaltend, was auf bevorstehenden Regen hinwies, dessen Eintritt sich jedoch auffallend verzögerte. Dick Sand schloß daraus auf anhaltend schlechtes Wetter. Seine Voraussetzung sollte sich auch bestätigen.

Der Regen war aber gleichbedeutend mit Wind, und an genanntem Tage frischte die Brise in der That so weit auf, daß die Luft mit einer Geschwindigkeit von sechzig Fuß in der Secunde oder einunddreißig Meilen (= 571/2 Kilometer) in der Stunde dahinjagte.

Dick Sand mußte einige Vorsichtsmaßregeln ergreifen, um die Bemastung und das Segelwerk des »Pilgrim« keiner Gefahr auszusetzen.

Er hatte schon das Topsegel, das lateinische und das Klüverfocksegel einbinden lassen und gedachte das nun auch noch mit dem Bramsegel vornehmen und das Marssegel zweimal reesen zu lassen.

Letztere Operation mußte bei einer so wenig geübten Mannschaft gewisse Schwierigkeiten darbieten; dennoch durfte hier nicht gezögert werden und Niemand scheute vor der Arbeit zurück.

Dick Sand stieg mit Bat und Austin in die Takelage des Fockmastes, wo es ihm denn auch gelang, das Bramsegel einzubinden. Bei minder drohendem Wetter hätte er die beiden Raaen wohl am Maste gelassen; da er aber voraussah, daß es nöthig werden könnte, die Bramstange selbst ganz einzunehmen, so löste er die beiden Raaen und ließ sie auf das Verdeck nieder. Es leuchtet wohl ein, daß man bei allzu heftigem Winde nicht nur die Besegelung, sondern auch die Bemastung eines Schiffes zu mindern gezwungen ist. Dadurch wird das Schiff deshalb wesentlich erleichtert, weil es in Folge der geringeren Belastung in der Höhe weniger arbeitet und das Stampfen und Rollen desselben mehr beschränkt bleibt.

Nach Vollendung dieser Arbeit, welche übrigens zwei volle Stunden in Anspruch nahm, ging Dick Sand mit seinen Helfern daran, das große Marssegel zweimal zu reesen und dadurch seine Oberfläche zu verkleinern.

Der »Pilgrim« führte noch kein doppeltes Marssegel wie die neueren Schiffe, deren Handhabung dadurch erleichtert wird. Man mußte also in der früher gebräuchlichen Art und Weise zu Werke gehen, auf den Laufseilen Stellung nehmen, ein vom Winde gepeitschtes Segel zu sich heranziehen und dasselbe mittelst der Seisinge an die Raa festlegen. Das war schwierig, gefährlich und nahm viel Zeit in Anspruch: zuletzt bot das Marssegel doch dem Winde weniger Fläche und die Brigg-Goëlette war damit sehr wesentlich erleichtert.

Dick Sand kletterte mit Tom und Austin wieder herab. Der »Pilgrim« befand sich nun in derjenigen Auftakelung, welche jener Zustand der Atmosphäre erfordert, den man eine »frische Kühlte« zu nennen pflegt.

Während der drei folgenden Tage, am 20., 21. und 22. Februar, veränderten sich die Richtung und Stärke des Windes nicht besonders. Noch immer fiel das Quecksilber im Barometerrohre, und der Leichtmatrose notirte am letzten Tage, daß sich dasselbe stets unter sechsundzwanzig sieben Zehntel Zoll hielt.1

Für ein baldiges Steigen des Barometers war übrigens keinerlei Anzeichen vorhanden. Der Himmel hatte ein sehr schlechtes stürmisches Aussehen. Dazu bedeckten ihn stets dichte Dunstmassen in so dicker Schicht, daß man kaum die Sonne wahrnehmen und den Ort ihres Aufganges oder Unterganges bestimmen konnte.

Dick Sand ward unruhig. Er verließ das Verdeck nicht mehr; kaum schlief er noch. Dennoch gelang es seiner moralischen Energie, seine eigene Angst vor den Anderen tief im Herzen zu verbergen.

Am nächsten Tage, dem 23. Februar, schien die Brise sich am Morgen etwas abzuschwächen, worauf Dick Sand jedoch keinen besonderen Werth legte. Er hatte damit auch völlig Recht, denn des Nachmittags schon frischte der Wind wieder auf und wurde der Seegang schwerer.

Gegen vier Uhr verließ Negoro, den man sonst nur selten sah, den Wohnraum der Mannschaften und begab sich nach dem Vorderdeck. Ohne Zweifel schlief Dingo in irgend welcher Ecke, da er nicht wie gewöhnlich bellte.

Schweigend blieb Negoro dort eine halbe Stunde stehen und beobachtete den Horizont.

Lange Wogen wälzten sich hintereinander her, ohne sich gegenseitig zu brechen. Jedenfalls erschienen sie höher, als die Gewalt des hier wehenden Windes sie aufthürmen konnte. Man mußte daraus den Schluß ziehen, daß sehr schweres Wetter draußen im Westen, vielleicht in nicht allzu großer Entfernung, herrschte und es auch sie bald einholen werde.

Negoro betrachtete das weit ausgedehnte, rings um den »Pilgrim« schon tief aufgeregte Meer. Dann richteten sich seine kalten starren Augen nach dem Himmel.

Der Anblick des letzteren war in hohem Grade beunruhigend. Mit sehr verschiedener Schnelligkeit flogen die Dunstmassen an demselben hin. Die Wolken der höheren Schichten zogen offenbar noch schneller, als die in den tieferen Zonen der Atmosphäre. Man mußte sich also der Möglichkeit versehen, daß diese schweren Nebelmassen herabsinken und die jetzt herrschende frische Kühlte in einen Sturm, vielleicht in einen Orkan verwandeln könnten, bei dem die Luftmoleküle mit der rasenden Schnelligkeit von dreiundvierzig Meilen in der Stunde dahineilen.

Mochte Negoro nun entweder zum Erschrecken der Mann nicht sein, oder mangelte ihm das Verständniß für die drohenden Vorzeichen des Unwetters, jedenfalls erschien er keineswegs beunruhigt. Nur ein boshaftes Lächeln spielte um seine Lippen. Alles in Allem hätte man behaupten mögen, dieser Zustand der Dinge sei weit mehr geschaffen, ihm zu gefallen, als ihm zu mißfallen. Kurze Zeit kletterte er sogar auf dem Bugspriet ein Stück hinaus, um seinen Gesichtskreis zu erweitern, so als suche er irgend ein Merkzeichen am Horizonte. Dann glitt er wieder rückwärts nach dem Deck und ging, ohne ein Wort gesprochen oder nur eine Handbewegung gemacht zu haben, nach dem Mannschafts-Wohnraume zurück.

Neben allen diesen furchtbar drohenden Verhältnissen waltete aber doch ein glücklicher Umstand, der Niemandem an Bord entgehen konnte, der eine nämlich, daß der Wind, so heftig er auch war oder noch werden konnte, sich in günstiger Richtung hielt, und der »Pilgrim« mit seiner Hilfe die Küste Amerikas nur um so eher erreichen zu sollen schien. Schlug das jetzige Wetter nicht zu schwerem Sturme um, so versprach diese Seereise ohne alle weiteren Gefahren abzulaufen, von welchen eigentlich erst dann wieder die Rede sein konnte, wenn es sich einmal darum handelte an einem unsicheren Küstenpunkte zu landen.

Dick Sand ließ sich das zuweilen schon durch den Kopf gehen. Wenn er nun wirklich in Sicht des Landes kam, was sollte er beginnen, wenn er dann nicht einen Lootsen oder doch einen mit der Formation der Küste bekannten Schiffer traf? Wenn ihn die schlechte Witterung etwa zwang, in einem Nothhafen Zuflucht zu suchen, was sollte er thun, da ihm der betreffende Küstenstrich jedenfalls gänzlich unbekannt war? Jetzt brauchte er sich noch nicht mit dieser Eventualität zu beschäftigen. Kam die Gelegenheit, dann war es Zeit zu einem männlichen Entschlusse. – Nun, Dick Sand würde schon einen solchen zu fassen wissen.

Während der dreizehn Tage vom 24. Februar bis zum 9. März trat in dem Zustand der Atmosphäre keine nennenswerthe Veränderung ein. Der Himmel blieb fortwährend mit dichten Dunstmassen bedeckt. Einige Stunden lang schwächte sich der Wind wiederholt ein wenig ab, gewann aber stets sehr bald seine ursprüngliche Stärke wieder. Zwei-oder dreimal stieg auch das Barometer, doch vollzog sich seine, nahezu einen Zoll betragende Oscillation zu schnell, um deshalb auf einen Umschlag der Witterung rechnen zu können oder darauf hin segelgünstigere Winde zu erwarten.

Schweigend blieb Negoro eine halbe Stunde stehen. (S. 118.)

Dazu fiel die Barometersäule auch stets fast sofort wieder herab und nichts ließ das Ende dieser schlechten Witterung als nahe bevorstehend voraussehen.

Eben traf ein entsetzlicher Windstoß das Schiff. (S. 125.)

Gleichzeitig brachen wiederholt schwere Gewitter los, welche Dick Sand ernsthafte Unruhe einflößten. Zwei-oder dreimal schlug ein Blitzstrahl auf die Wogen, nur einige Kabellängen vom Schiffe entfernt, nieder. Dann floß der Regen in Strömen und es entstanden jene Wirbel aus halbcondensirten Dünsten, die den »Pilgrim« in dichten Nebel hüllten.

Der Mann auf Wache hatte manchmal ganze Stunden lang nicht die geringste freie Aussicht und man segelte nur auf gut Glück dahin.

Obwohl das Fahrzeug, wenn es auch tief im Wasser ging, wirklich furchtbar hin und her geworfen ward, so ertrug Mrs. Weldon doch dieses Rollen und Stampfen glücklicher Weise ohne größere Belästigung. Ihr kleiner Sohn hatte dadurch freilich sehr hart zu leiden und bedurfte immer ihrer sorgsamsten, mütterlichen Pflege.

Was Vetter Benedict betrifft, so war dieser nicht kränker als die amerikanischen Motten, denen er Gesellschaft leistete, und die er eben so ruhig studirte, als hätte er dabei in seinem stillen Stübchen in San Francisco gesessen.

Zum größten Glück erwiesen sich auch Tom und seine Gefährten sehr unempfänglich für die Seekrankheit und vermochten dem jungen Leichtmatrosen stets Hilfe zu leisten, welch’ Letzterer übrigens vollkommen an die regellosen Bewegungen eines vor dem Sturme fliehenden Schiffes gewöhnt war.

Der »Pilgrim« lief trotz seiner wenigen Segel sehr schnell und doch sah Dick Sand schon voraus, daß man auch diese noch werde vermindern müssen. Doch er wollte nichts ändern, so lange das ohne Gefahr anging. Seiner Schätzung nach konnte die Küste nicht mehr fern sein. Der Wachdienst wurde also mit größter Sorgfalt geübt. Der Leichtmatrose konnte sich außerdem nicht auf die Augen seiner Gefährten verlassen, wo es sich um die Erkennung der ersten Anzeichen des Landes handelte. Denn trotz des schärfsten Gesichtssinnes ist Derjenige, welcher nicht gewöhnt ist, den Meereshorizont zu beobachten, gänzlich außer Stande, vorzüglich bei nebliger Luft, die ersten schwachen Umrisse eines Landes zu erkennen. Dick Sand mußte also meist selbst den Wachdienst übernehmen und stieg sogar häufig in die Takelage, um besser Ausschau halten zu können. Noch verrieth sich jedoch keine Spur der amerikanischen Küste.

Das erregte seine Verwunderung, welche auch Mrs. Weldon aus einigen Worten, die ihm entschlüpften, bald errieth.

Es war am 9. März Der Leichtmatrose befand sich auf dem Vorderdeck, sandte bald einen prüfenden Blick über das Meer und den Himmel, bald nach der Bemastung des »Pilgrim«, welche unter dem Drucke des Windes arbeitete.

»Du siehst noch nichts, Dick? fragte sie, als jener einmal das Fernrohr von den Augen nahm.

– Nichts, Mistreß Weldon, nichts, antwortete der Leichtmatrose, und doch scheint sich der Horizont bei dem heftigen, offenbar noch weiter zunehmenden Winde etwas aufzuhellen.

– Und Deiner Ansicht nach, Dick, könnte die amerikanische Küste jetzt nicht mehr fern sein?

– Das ist unmöglich, Mistreß Weldon, und wenn mich etwas Wunder nimmt, so ist es nur das, daß sie noch außer Sicht ist.

– Das Schiff, fuhr Mrs. Weldon fort, hat doch stets gute Fahrt gemacht?

– Stets, seit der Wind nach Nordwesten räumte, antwortete Dick Sand, d.h. seit dem Tage, da wir unseren unglücklichen Kapitän und seine Mannschaft verloren. Das war am 10. Februar. Heut’ ist der 9. März, das ergiebt siebenundzwanzig Tage.

– In welcher Entfernung von der Küste befanden wir uns aber damals? fragte die Dame.

– Etwa viertausendfünfhundert Meilen, Mistreß Weldon. Wenn ich auch über manches Andere in Zweifel sein kann, so stehe ich doch für diese Zahl bis auf zwanzig Meilen ab und zu ein.

– Und wie groß war die Schnelligkeit des Schiffes?

– Seit der Wind auffrischte, im Mittel hundertachtzig Meilen, erwiderte der Leichtmatrose. Ich selbst bin zwar erstaunt, noch nicht in Sicht des Landes zu sein, doch noch auffälliger erscheint es, daß wir noch keinem einzigen Schiffe begegneten, welche diese Gegenden doch so häufig besuchen.

– Solltest Du Dich bei der Abschätzung der Schnelligkeit nicht getäuscht haben, Dick?

– Nein, Mistreß Weldon, hierbei gewiß nicht. Jede halbe Stunde wurde das Log ausgeworfen, dessen Angaben ich sorgfältig notirte. Erlauben Sie, ich werde es sogleich auswerfen lassen, und Sie sollen sich überzeugen, daß wir jetzt mit der Schnelligkeit von zehn Meilen in der Stunde segeln, was für den Tag gar mehr als zweihundert Meilen ergäbe.«

Dick Sand rief Tom herbei und befahl ihm, das Log auszuwerfen – eine Arbeit, welche dem alten Neger jetzt vollkommen geläufig war.

Das mit dem Ende der Leine sorgfältig verknüpfte Instrument ward herbeigebracht und hinabgelassen.

Fünfundzwanzig Faden waren schon abgelaufen, als die Leine in Tom’s Hand plötzlich erschlaffte.

»O, Herr Dick! rief er.

– Was giebt’s, Tom?

– Die Leine ist gerissen!

– Gerissen! wiederholte Dick Sand, und das Log ist verloren!«

Der alte Tom zeigte das Ende der Leine, welches er in der Hand hielt.

Es war leider nur zu wahr. Der Knoten hatte sich nicht gelöst. Die Leine war in der Mitte zerrissen und doch bestand diese aus dem feinsten, besten Hause. Die Trossen mußten also an der Bruchstelle sehr abgenutzt sein. So war es in der That, wie Dick Sand sich überzeugen konnte, als er das Ende der Leine in der Hand hatte. Ob sie freilich durch den häufigen Gebrauch in diesen Zustand gekommen wären, das fragte sich der Leichtmatrose doch mit einigem Mißtrauen.

Auf jeden Fall blieb das Log jetzt verloren und Dick Sand besaß kein weiteres Mittel, die Fahrgeschwindigkeit des Schiffes mit einiger Genauigkeit zu messen. Sein ganzer Besitz an nautischen Instrumenten beschränkte sich auf einen einzigen Compaß, und er wußte nicht einmal, daß dessen Angaben falsch waren!

Mrs. Weldon sah, wie betroffen er über diesen Unfall war, und zog sich, um ihn nicht noch mehr zu bedrängen, schweren Herzens in ihre Cabine zurück.

Konnte aber die Geschwindigkeit des »Pilgrim«, und folglich auch der von ihm zurückgelegte Weg nicht mehr gemessen werden, so ließen sie sich doch leicht aus dem immer unverkürzten Kielwasserstreifen des Schiffes abschätzen.

Am nächsten Tage, dem 10. März, fiel das Barometer gar auf sechsundzwanzig zwei Zehntel Zoll (= 716 Mm.). Das war das Vorzeichen eines jener furchtbaren Windstöße, welche bis sechzig Meilen in der Stunde durcheilen.

Jetzt ward es dringend nöthig, noch einmal die Besegelung zu vermindern, um die Sicherheit des Schiffes nicht zu gefährden.

Dick Sand beschloß auch die Bramstange und die Gaffel einzunehmen und nur mit dem kleinsten Focksegel und dem dreimal gereesten Marssegel zu fahren.

Er rief Tom und seine Genossen, ihm bei dieser schwierigen Arbeit behilflich zu sein.

Die Zeit drängte, denn schon entfesselte sich der Sturm mit ungeheurer Gewalt.

Dick Sand, Austin, Acteon und Bat stiegen in die Takelage, während Tom am Steuer und Herkules auf dem Deck zurückblieb, um die Hißtaue zu lösen, wenn der Befehl dazu erging.

Nach vieler Anstrengung waren Gaffel und Bramstange herabgelassen, wobei die wackeren Leute wohl hundertmal Gefahr liefen, bei dem heftigen Rollen des Schiffes aus der Takelage in’s Meer gestürzt zu werden. Nachdem jene Rundhölzer herabgeschafft und der Fockmast gut befestigt war, trug die Brigg-Goëlette nur noch das kleinste Focksegel und das dreimal gereeste Marssegel.

Trotz dieser außerordentlichen Verminderung der Segelfläche schoß der »Pilgrim« doch noch immer mit rasender Schnelligkeit dahin.

Am 12. nahm die Witterung ein noch gefährlicheres Aussehen an. Am Morgen dieses Tages bemerkte Dick Sand mit Schrecken, daß das Barometer bis auf fünfundzwanzig neun Zehntel Zoll (= 709 Mm.) gefallen war.

Hiermit kündigte sich aber ein so gewaltiger Sturm an, daß der »Pilgrim« auch die noch übrige Leinwand unmöglich tragen konnte.

Da Dick Sand einsah, daß sein Marssegel durch den Druck des Windes zerreißen mußte, gab er Befehl, dasselbe schleunigst einzuziehen.

Vergeblich. Eben traf ein entsetzlicher Windstoß das Schiff und sprengte das auf’s höchste gespannte Segel. Austin, der sich schon auf der kleinen Marsraa befand, erhielt von den Backbordschooten einen heftigen Schlag, konnte jedoch, trotz seiner zum Glück nur leichten Verwundung, das Deck wieder erreichen.

Dick Sand’s Besorgniß stieg; er hatte nur noch den einen Gedanken, daß das mit so toller Gewalt dahingetriebene Schiff jeden Augenblick in Trümmer gehen werde, da seiner Schätzung nach die Uferklippen nicht mehr fern sein konnten. Er begab sich deshalb wiederholt nach dem Vorderdeck, konnte aber nichts entdecken, was einem Lande ähnlich gesehen hätte, und kehrte also immer wieder zu dem Steuer zurück.

Da erschien auch Negoro noch einmal auf dem Verdeck. Plötzlich streckte derselbe, scheinbar wider Willen, den Arm nach einem Punkte des Horizontes hin aus. Man konnte glauben, er erkenne ein hohes Land durch den vorliegenden Nebel…

Noch einmal – dann lachte er boshaft auf und ging, ohne sich mit einem Worte über das, was er gesehen, zu äußern, nach dem Wohnraume der Mannschaft zurück.

Fußnoten

1 Die englischen und amerikanischen Barometer sind nach Zollen und Linien eingetheilt. 26#x00B7;7 Zoll entsprechen nahe 728 Mm.

Zwölftes Capitel.

Am Horizonte.

Am nämlichen Tage nahm der Sturm seine schrecklichste Gestalt, die eines wüthenden Orkanes, an. Der Wind hatte nach Südwest geräumt. Die Luft flog mit der Geschwindigkeit von neunzig Meilen (= gegen 166 Kilometer) in der Stunde dahin.

Das war in der That ein Orkan, einer jener entsetzlichen Wirbelstürme, welche alle Schiffe von den Rheden auf die Küste werfen, und denen selbst auf festem Lande auch die solidesten Bauten nicht zu widerstehen vermögen. Ein ähnlicher Orkan verwüstete z.B. Guadeloupe am 25. Juli 1825. Wenn damals schwere Vierundzwanzigpfünder von ihren Lafetten gehoben wurden, kann man sich wohl denken, was aus einem Schiffe werden mag, das keinen anderen Stützpunkt hat als das wilderregte Meer! Und doch, gerade seine leichte Beweglichkeit wird oft zu seinem Heile! Es giebt den Stößen des Windes nach und vermag dadurch, wenn es sonst solid construirt ist, der furchtbarsten Bewegung des Meeres zu trotzen. In dieser Lage befand sich der »Pilgrim«.

Wenige Minuten nach dem Zerreißen des Marssegels ging auch das kleine Focksegel in Stücke. Dick Sand mußte sogar auf die Beisetzung eines Sturmsegels verzichten, was deshalb so bedauerlich erschien, weil sich ein Schiff, welches noch dieses kleine Segel von sehr starker Leinwand führt, weit leichter regieren läßt.

Der »Pilgrim« lief jetzt also gänzlich ohne Segel, der Wind drückte aber noch gegen seinen Rumpf, die Masten und die wenige Takelage, und das reichte vollkommen aus, ihm eine ungeheure Geschwindigkeit zu ertheilen. Manchmal schien er aus den Wogen ganz und gar herauszutauchen, so daß er dieselben kaum noch streifte.

Unter diesen Verhältnissen wurde das Rollen des auf den furchtbaren Wasserbergen geschaukelten Schiffes wirklich erschreckend. Jeden Augenblick mußte man darauf gefaßt sein, eine fürchterliche Sturzwelle von rückwärts zu erhalten. Die riesigen Wogen liefen noch schneller als die Brigg-Goëlette und drohten über deren Hinterdeck zusammenzubrechen, wenn sie sich nicht rasch genug erhob. Es liegt hierin übrigens für jedes vor dem Sturm fliehende Fahrzeug eine nicht zu unterschätzende Gefahr.

Was war aber zu thun, einem solchen Unfalle vorzubeugen? Man vermochte dem »Pilgrim« auf keine Weise noch mehr Schnelligkeit zu geben, da auch das kleinste Stückchen Segel der Gewalt des Windes nicht widerstanden hätte. Nur der eine Versuch blieb übrig, ihn mittelst des Steuers, dessen Wirkung oft versagte, möglichst in günstiger Richtung zu erhalten.

Dick Sand verließ den Helmstock gar nicht mehr. Er hatte sich ein Tau mitten um den Leib geknüpft, um nicht durch irgend eine Sturzwelle weggerissen zu werden. Auch Tom und Bat hatten sich festgebunden und hielten sich zur Aushilfe stets in seiner Nähe auf. Herkules und Acteon klammerten sich an das Bätingsholz und lugten über das Vorderdeck hinaus.

Mrs. Weldon, der kleine Jack, Vetter Benedict und Nan blieben auf Anordnung des Novizen in den Cabinen des Schiffes. Mrs. Weldon hätte es freilich vorgezogen, mit auf dem Verdeck zu sein; Dick aber hatte sich diesem Wunsche ausdrücklich widersetzt; er wollte sie nicht ohne Noth irgend welcher Gefahr aussetzen.

Alle Luken waren hermetisch verschlossen worden. Man durfte hoffen, daß sie auch dem Aufschlag einer größeren Wassermasse noch Widerstand leisten würden. Gaben sie unglücklicher Weise unter dem Drucke der Sturzwellen nach, so konnte das Fahrzeug leicht kentern und untergehen. Zum Glück war die Ladung so gut verstaut, daß sie, trotz der Neigung nach der einen Seite, ihren sicheren Platz innebehielt.

Dick Sand hatte seine Ruhestunden noch weiter vermindert, so daß Mrs. Weldon fürchtete, er werde noch erkranken. Nur ihrem ernstlichen Zureden gelang es, daß er sich dann und wann einen kurzen Schlummer gönnte.

Als er sich in der Nacht vom 13. zum 14. März ein wenig niedergelegt hatte, ereignete sich unerwartet ein neuer Zwischenfall.

Tom und Bat befanden sich eben im Hintertheil des Schiffes, als Negoro, der sich auf diesem Theil des Decks sonst nur selten erblicken ließ, auf sie zukam, scheinbar in der Absicht, eine Unterhaltung anzuknüpfen; Tom und dessen Sohn gaben ihm jedoch keine Antwort.

Plötzlich stürzte Negoro bei einer heftigen Bewegung des Schiffes nieder und wäre wohl in’s Meer geschleudert worden, hätte er sich nicht am Compaßhäuschen festgehalten.

Tom stieß aus Furcht, daß die Boussole Schaden gelitten habe, einen lauten Schrei aus.

Dick Sand, welcher immer nur in halbem Schlummer lag, hörte denselben, eilte auf das Deck und lief nach dem Hintertheile.

Negoro hatte sich schon wieder erhoben, hielt aber das Eisenstück in der Hand, das er unter dem Compaß schnell weggenommen, und versteckte dasselbe, bevor Dick Sand es wahrnahm.

Lag es wohl in Negoro’s Interesse, daß die Magnetnadel jetzt wieder richtig wies? Ja wohl, denn die herrschenden Südwestwinde kamen ihm vortrefflich zu statten…

»Was giebt es hier? fragte der Leichtmatrose.

– Dieser unselige Koch ist eben auf die Boussole gefallen!« berichtete Tom.

Dick Sand, den diese Worte nicht wenig beunruhigten, beugte sich über das Compaßhäuschen… es war unversehrt und der durch die Seitenlampen erhellte Compaß schwebte noch immer in den beiden concentrischen Ringen.

Der junge Mann athmete erleichtert auf. Zerbrach diese einzige an Bord befindliche Boussole, so wäre das ja ein unersetzlicher Verlust gewesen.

Eines aber hatte Dick Sand nicht bemerken können, daß die Nadel, nämlich nach Wegnahme jenes Eisenstückes, jetzt wieder in normaler Richtung spielte und genau nach dem magnetischen Nordpol zeigte.

Konnte man Negoro auch gerade nicht verantwortlich machen für einen unglücklichen Fall, der ja völlig unfreiwillig erschien, so hatte Dick Sand doch alle Ursache, sich darüber zu verwundern, daß jener sich um diese Zeit überhaupt auf dem Hinterdeck aufhielt.

»Was macht Ihr hier? fragte er ihn.

– Was mir beliebt, antwortete Negoro.

– Was sagt Ihr… rief Dick Sand, der seinen aufwallenden Zorn nur mit Mühe zurückhalten konnte.

– Ich sage nur, antwortete der Küchenmeister, daß es keine Vorschrift giebt, welche es verböte, auf dem Hinterdeck umherzugehen.

Der Leichtmatrose zog einen Revolver aus der Tasche. (S. 130.)

– Gut, doch diese Vorschrift ertheile ich hiermit, erwiderte Dick Sand, und verbiete Euch ein für allemal, diesen Theil des Schiffes zu betreten.

– Sehr schön!« entgegnete der Küchenmeister.

Unwillkürlich machte er, obwohl er sich sonst so vollkommen beherrschte, eine drohende Bewegung.

Der Leichtmatrose zog einen Revolver aus der Tasche und richtete ihn auf Negoro.

»Vergeßt nicht, Negoro, sagte er, daß diese Waffe mich niemals verläßt, und daß ich Euch bei der ersten Insubordination den Schädel zerschmettere!«

In diesem Augenblicke fühlte sich Negoro unwiderstehlich auf das Verdeck niedergedrückt.

Herkules hatte nur seine wuchtige Hand auf seine Schulter gelegt.

»Kapitän Sand, begann der Riese, wünschen Sie, daß ich den Schurken über Bord werfe? Das wäre ein leckerer Bissen für die Fische, die ja nicht so wählerisch sind!

– Noch nicht!« antwortete Dick Sand.

Negoro erhob sich wieder, als die Hand des Negers nicht mehr auf ihm lastete.

»Verdammter Schwarzer, murmelte er, als er an Herkules vorüberschlich, das sollst Du mir noch entgelten!«

Inzwischen wechselte der Wind, oder schien wenigstens um fünfundvierzig Grade umgesprungen zu sein. Dennoch zeigte das Meer zum großen Erstaunen des Leichtmatrosen keine dem entsprechende Veränderung. Das Schiff steuerte noch immer denselben Kurs, doch trafen es der Wind und die Wellen statt wie früher von rückwärts, jetzt an der Backbordseite – eine nicht minder gefährliche Lage, in der ein schwerer Seegang ein Schiff ernstlich in Gefahr bringen kann. Dick Sand war gezwungen, um fünfundvierzig Grade beidrehen zu lassen, um wieder vor dem Sturm zu laufen.

Seine Aufmerksamkeit war jetzt aber mehr denn je erregt worden. Er legte sich die Frage vor, ob zwischen dem Sturze Negoro’s und dem Zerbrechen des ersten Compasses doch nicht ein innerer Zusammenhang obwalte. Was hatte der Küchenmeister da, wo er ihn traf, wohl vorgehabt? Hatte er vielleicht irgend ein Interesse daran, die zweite Boussole auch außer Dienst gesetzt zu sehen? Welches Interesse konnte das wohl sein? Auf diese Frage mußte er sich freilich jede Antwort schuldig bleiben. Mußte Negoro nicht ebenso gut wie alle Uebrigen wünschen, möglichst bald die amerikanische Küste zu erreichen?

Als Dick Sand der Mrs. Weldon von jenem Auftritte sprach, vermochte diese, obwohl sie sein Mißtrauen vollkommen theilte, doch keinen annehmbaren Grund zu entdecken, der den Küchenmeister zu einem solchen verbrecherischen Unternehmen hätte veranlassen können.

Inzwischen wurde Negoro aus Klugheitsrücksichten streng überwacht. Letzterer leistete übrigens den Befehlen des Leichtmatrosen unverbrüchlichen Gehorsam und vermied es, sich auf dem Hinterdeck, wohin ihn sein Dienst niemals rief, blicken zu lassen. Hier ward zum Ueberfluß auch Dingo stets gehalten, und der Küchenmeister hütete sich wohl, ihm nahe zu kommen.

Während der ganzen Woche schwächte sich der Sturm nicht im Mindesten ab. Noch immer sank das Barometer. Vom 14. bis zum 26. März war es vollkommen unmöglich, während einer etwaigen Windpause einige Leinwand beizusetzen. Der »Pilgrim« flog nach Nordosten mit einer Schnelligkeit, welche wenigstens zweihundert Meilen in vierundzwanzig Stunden betragen mußte, aber kein Land kam in Sicht. Und dieses ersehnte Land war doch das große Amerika, das sich in einer Länge von mehr als hundertzwanzig Graden als riesige Scheidewand zwischen dem Atlantischen und dem Pacifischen Oceane hinstreckt.

Dick Sand frug sich, ob er noch bei rechtem Verstande sei, ob er noch ungetrübte Empfindungen besitze, ob er nicht ohne Wissen, vielleicht schon seit vielen Tagen in ganz falscher Richtung segle. Nein, in dieser Hinsicht konnte er sich nicht täuschen! Immer noch stieg die Sonne, wenn sie der Dunstmassen wegen auch nicht frei sichtbar wurde, vor ihm auf und ging sie hinter ihm unter. Aber war denn etwa das ganze Land verschwunden? Jenes Amerika, an dem sein Schiff vielleicht zerschellen sollte, wo lag es, wenn nicht in der von ihm bestimmten Richtung? Ob er nun auf den nördlichen oder südlichen Theil dieses großen Continentes zusteuerte – denn bei diesem Chaos war ja Alles möglich – so konnte der »Pilgrim« doch einen oder den anderen nicht verfehlen! Was war denn geschehen seit dem Ausbruche dieses entsetzlichen Unwetters? Was mochte noch vorgehen, da diese Küste, welche Aller Heil oder Aller Untergang zu werden drohte, nicht erschien?

Dick Sand mußte voraussetzen, daß er durch die Boussole, deren Angaben er wegen Mangels eines zweiten Compasses zu controliren außer Stande war, getäuscht worden sei. Und wirklich, diese Furcht beschlich ihn auch, da auf jene Weise allein die Abwesenheit des Landes erklärlich schien.

Wenn er also nicht am Steuer stand, verschlang Dick Sand mit den Augen beinahe seine Karte Doch er mochte über ihr brüten wie er wollte, sie verhalf ihm nicht zur Lösung jenes Räthsels, das in der durch Negoros Frevelthat geschaffenen Lage für ihn eben so dunkel blieb, wie es für jeden Anderen geblieben wäre.

Da trat gegen acht Uhr Morgens, am 24. März, ein Ereigniß von höchster Bedeutung ein.

Herkules, der auf dem Vorderdeck auf Wache stand, rief plötzlich laut:

»Land! Land!«

Dick Sand sprang mit Windeseile nach vorn. Sollte sich Herkules, der ja kein Seemannsauge hatte, wohl getäuscht haben?

»Land? rief Dick fragend.

– Dort!« antwortete Herkules, und wies nach einem kaum wahrnehmbaren Punkte am nordöstlichen Horizonte.

Bei dem Rauschen des Meeres und dem Stürmen der Luft vernahm man kaum sein eigenes Wort.

»Ihr habt Land gesehen? fragte der Leichtmatrose noch einmal.

– Gewiß!« versicherte Herkules und nickte dazu mit dem Kopfe.

Noch einmal streckte er nach vorn den Arm über Backbord aus.

Der Leichtmatrose lugte in der bezeichneten Richtung aus – er sah nichts.

Da kam auch Mrs. Weldon, welche Herkules’ Ausrufe gehört hatte, nach dem Verdeck, trotz ihres Versprechens, dasselbe nicht zu betreten.

»Mistreß!…« rief Dick Sand.

Da Mrs. Weldon sich nicht verständlich zu machen vermochte, suchte auch sie das von dem Schwarzen gemeldete Land zu erkennen und schien dabei wirklich ihr ganzes Leben in den Augen concentrirt zu haben.

Herkules Hand mußte den betreffenden Punkt am Horizonte wohl nicht richtig andeuten, denn weder Mrs. Weldon, noch der Leichtmatrose waren im Stande, etwas zu entdecken.

Plötzlich jedoch streckte auch Dick Sand die Hand aus und rief:

»Ja! Ja! Land!«

Durch eine Lichtung in den Dunstmassen zeigte sich eine Art Berggipfel. Seine Seemannsaugen konnten nicht trügen.

»Endlich! rief er, endlich!«

Er klammerte sich mit fieberhafter Kraft an die Schanzkleidung.

Mrs. Weldon, welche Herkules unterstützte, blickte unausgesetzt nach dem fast unerwarteten Lande.

Die mit einer hohen Bergspitze gekrönte Küste erhob sich etwa zehn Meilen backbordwärts unter dem Winde. Als ein weiterer Riß in den Wolken eine bessere Aussicht gewährte, erkannte man dieselbe deutlicher. Offenbar war das irgend ein Vorgebirge des amerikanischen Festlandes. Ohne Segel war der »Pilgrim« nicht im Stande, gerade auf jenes zuzuhalten, doch mußte er ja auf jeden Fall an dasselbe stoßen.

Dieser Ausgang konnte nur die Frage von wenigen Stunden sein. Jetzt war es acht Uhr Morgens. Noch am Vormittag mußte der »Pilgrim« sicherlich am Lande ankommen.

Auf ein Zeichen Dick Sand’s führte Herkules die Mrs. Weldon wieder nach dem Hinterdeck zurück, denn diese hätte bei dem Rollen und Stampfen des Schiffes hier kaum länger aushalten können.

Noch einen Augenblick lang blieb der Leichtmatrose auf dem Verdeck, dann begab er sich nach dem Steuer zu dem alten Tom.

Endlich sah er ja nun die so spät erkannte, so inständig ersehnte Küste vor sich, doch nicht ohne eine gewisse Empfindung von Angst und Schaudern.

Unter den Verhältnissen, in welchen sich der »Pilgrim« befand, indem er vor einem Sturme floh, war Land unter dem Winde fast gleichbedeutend mit einem Schiffbruche und allen seinen Schrecken.

Zwei Stunden gingen hin. Jetzt zeigte sich das Vorgebirge seitwärts des Schiffes.

Da erschien Negoro auf dem Deck. Er betrachtete die Küste mit gespannter Aufmerksamkeit, bewegte den Kopf so wie Jemand, der ganz genau weiß, woran er ist, und verschwand dann wieder, nachdem er ein einziges Wort gemurmelt hatte, das indeß Niemand verstehen konnte.

Dick Sand bemühte sich, das Gestade zu erkennen, welches sich seiner Annahme nach hinter dem Vorberge doch zeigen mußte.

Wiederum enteilten zwei Stunden. Der Berg stand jetzt schon backbordwärts hinter ihnen, aber von einer weiteren Küste war noch nichts zu sehen.

Da der Himmel sich am Horizonte klärte, hätte eine hohe Küste, wie diejenige Amerikas, neben welcher die gewaltigen Anden hinliefen, auf mehr als zwanzig Meilen sichtbar sein müssen.

Dick Sand ergriff sein Fernrohr und suchte längs des ganzen östlichen Horizontes.

Nichts! Er sah nichts mehr!

Um zwei Uhr Nachmittags war jede Spur von Land hinter dem »Pilgrim« verschwunden. Nach vorwärts ließ auch das Fernrohr nirgends nur eine Linie einer hohen oder niedrigen Küste wahrnehmen.

Ein unwillkürlicher Schrei entrang sich Dick Sand’s Lippen und schnell verließ er das Verdeck, um sich in die Cabine zu begeben, die Mrs. Weldon mit dem kleinen Jack, Nan und Vetter Benedict inne hatte.

»Eine Insel war es! sagte er, nichts als eine Insel!

– Eine Insel, Dick? Aber welche? fragte Mrs. Weldon.

– Das wird uns die Karte lehren!« erwiderte der Leichtmatrose.

Er entfernte sich einen Augenblick und brachte die Seekarte herbei.

»Hier, Mistreß Weldon, sagte er, hier. Das Land, welches wir in Sicht hatten, kann nur dieser mitten im Pacifischen Ocean verlorene Punkt, nur die Osterinsel, gewesen sein! Es giebt keine andere in dieser Gegend.

– Und diese haben wir schon hinter uns gelassen? fragte Mrs. Weldon.

– Ja, sie liegt schon weit von uns im Winde!«

Aufmerksam betrachtete Mrs. Weldon die Osterinsel, welche auf der Karte einen kaum bemerkbaren Punkt bildete.

»In welcher Entfernung von der amerikanischen Küste liegt sie wohl?

– Fünfunddreißig Grade.

– Das macht?

– Ungefähr zweitausend Meilen.

– So hat der »Pilgrim« also gar keine Fahrt gemacht, da wir uns noch so weit vom Festlande befinden?

– Mistreß Weldon, antwortete Dick Sand, der einen Augenblick mit der Hand über die Stirne fuhr, als wolle er seine Gedanken sammeln, ich weiß nicht… ich vermag diese unglaubliche Verzögerung nicht zu erklären… Nein! Ich kann nicht…. vorausgesetzt, daß die Boussole richtig gezeigt hat!… Und doch, jene Insel kann keine andere als die Osterinsel sein, da wir gezwungen waren, vor dem Sturm nach Nordosten zu fliehen, und wir müssen dem Himmel noch danken, daß er uns Gelegenheit geboten hat, wenigstens unsere jetzige Position zu bestimmen. Gewiß, das war die Osterinsel und sie liegt noch zweitausend Meilen von der Küste! Endlich weiß ich, wohin uns der Sturm verschlagen hat, und wenn er sich legt, werden wir doch mit einiger Aussicht auf Rettung das Gestade Amerikas anlaufen können. Nun ist unser Schiff wenigstens nicht ferner in der Unendlichkeit des Pacifischen Oceans verloren!«

Alle, welche ihn so reden hörten, theilten die frohe Zuversicht des jungen Leichtmatrosen. Sogar Mrs. Weldon ließ sich durch jene Worte gewinnen. Es schien in der That, als wären die armen Leute jetzt nahe am. Ende ihrer Noth und als segle der »Pilgrim« mit günstigem Winde auf seinen Hafen zu und habe nur die Fluth abzuwarten, um in denselben einzulaufen.

Die Osterinsel – eigentlich Waihu oder Rapanuhi genannt – wurde im Jahre 1686 von David entdeckt, von Cook und Laperouse besucht und liegt unter 27° südlicher Breite und 112° östlicher Länge. War die Brigg-Goëlette um fünfzehn Grade nach Norden verschlagen worden, so lag die Ursache offenbar in jenem Sturme aus Südwesten, vor dem sie sich flüchten mußte.

Der »Pilgrim« befand sich also noch zweitausend Meilen weit von der Küste. Jedenfalls konnte er bei dem mit voller Kraft wehenden Winde irgend einen Landungspunkt Südamerikas in weniger als zehn Tagen erreichen.

Durste man auch, wie der Leichtmatrose gesagt hatte, darauf hoffen, daß die Witterung nun günstig und daß es möglich werden würde, einige Segel beizusetzen, wenn man Land in Sicht bekäme?

»Ihr habt Land gesehen?« fragte der Leichtmatrose noch einmal. (S. 132.)

Dick Sand’s Hoffnung war das allerdings noch immer. Er sagte sich, daß dieser schon so viele Tage anhaltende Orkan doch endlich gleichsam aus »Erschöpfung« ein Ende finden müsse. Da er ferner jetzt, nachdem ihm die Osterinsel dazu verholfen hatte, seine Position festzustellen, seines Fahrzeuges gewissermaßen mehr Herr geworden, hatte man allen Grund zu der Annahme, daß er jenes auch nach einem bestimmten Punkte zu führen im Stande sein würde.

Die Kenntnißnahme von erwähntem vereinsamten Punkt inmitten des Meeres, die ihm wie eine Gunst der Vorsehung erschien, hatte Dick Sand all’ seine Zuversicht wiedergegeben. Hing er für jetzt auch noch von den Launen eines Sturmes ab, den er nicht zu beherrschen vermochte, so segelte er doch nicht mehr einem Blinden gleich dahin.

Ueberdies hatte der »Pilgrim« trotz dieses gewaltigen Unwetters, Dank seiner soliden Bauart und guten Ausrüstung, nur wenig gelitten. Seine Havarien beschränkten sich auf den Verlust des Marssegels und des kleinen Focksegels – ein Schaden, der ja leicht zu verbessern war.

Nicht ein Tropfen Wassers war durch die sorgsam kalfaterten Fugen der Schiffswand oder des Verdecks gedrungen. Die Pumpen befanden sich im besten Zustande. Nach dieser Seite war also so gut wie nichts zu fürchten.

Es blieb nur dieser scheinbar endlose Orkan übrig, dessen Wuth nichts zügeln zu können schien.

»Dick, mein liebes Kind, mein Kapitän!« sagte Mrs. Weldon. (S. l39.)

Konnte Dick Sand auch sein Schiff so führen, daß es einigermaßen gegen das empörte Meer anzukämpfen vermochte, so lag es doch nicht in seiner Gewalt, dem Winde zu befehlen, daß er sich mäßige, den Wellen, daß sie sich glätten, dem Himmel, daß er sich wieder erheitere. War er an Bord auch »der Herr nach Gott«, so war es doch Gott allein, der außerhalb des Schiffes den Sturm und die Wogen beherrschte.

Dreizehntes Capitel.

Land! Land!

Das Vertrauen, welches Dick Sand’s Herz fast instinctiv erfüllte, sollte wirklich zum Theil gerechtfertigt werden.

Am folgenden Tage, dem 27. März, stieg die Quecksilbersäule im Barometerrohre. Diese Bewegung vollzog sich weder sehr schnell, noch in weitem Umfange, sondern betrug nur wenige Linien, schien aber ununterbrochen weiter zu gehen. Unzweifelhaft neigte jetzt der Sturm seiner Abnahme zu, und blieb der Seegang auch noch immer ein sehr schwerer, so ließ der Wind, der mehr nach Westen umschlug, doch offenbar schon etwas nach.

Noch konnte Dick Sand freilich nicht daran denken, ein Segel zu entfalten. Auch das kleinste Stück Leinwand wäre zerrissen und weggeführt worden. Jedenfalls hoffte er aber, vor Ablauf von vierundzwanzig Stunden im Stande zu sein, wenigstens ein Sturmsegel beisetzen zu können.

Während der Nacht ermäßigte sich der Wind im Vergleich zu den vorhergegangenen Tagen wirklich beträchtlich, und das Schiff ward auch nicht mehr so heftig von den Wasserbergen hin-und hergeworfen, die es früher aus den Fugen zu reißen drohten.

Die Passagiere fanden sich allmälig wieder auf dem Verdecke ein; sie liefen jetzt nicht mehr Gefahr, von einer Sturzsee über Bord gespült zu werden.

Mrs. Weldon war die Erste, welche ihre enge Wohnung verließ, in die sie Dick Sand während des lang dauernden Sturmes aus Vorsicht verbannt hatte. Sie begann ein Gespräch mit dem Leichtmatrosen, den eine fast übermenschliche Willenskraft in den Stand gesetzt hatte, so unglaublichen Anstrengungen nicht zu unterliegen. Abgemagert und blaß trotz seines sonnengebräunten Teints, hätte er bei dem Mangel des seinem Alter so nöthigen Schlafes doch furchtbar geschwächt sein müssen. Mit nichten! Seine gute Natur überwand Alles. Vielleicht bezahlte er später die überstandenen Strapazen um so theurer. Jetzt war noch keine Zeit, die Hände in den Schoß zu legen. Dick Sand hatte sich das Alles selbst gesagt und Mrs. Weldon fand ihn ebenso thatkräftig, wie je vorher wieder.

Dick Sand hatte ja Vertrauen und das Vertrauen wird durch keinen Befehl erschüttert, es befiehlt vielmehr selbst.

»Dick, mein liebes Kind, mein Kapitän! sagte Mrs. Weldon, indem sie dem jungen Leichtmatrosen die Hand bot.

– Ah, Mistreß Weldon, rief Dick Sand, Sie verletzen ja die Anordnungen Ihres Kapitäns! Sie erscheinen wieder auf dem Deck, trotz seiner… Bitten!

– Freilich, ich gehorche Dir nicht, erwiderte Mrs. Weldon, doch ich habe ein gewisses Vorgefühl, daß der Sturm sich legt, oder sich bald legen wird.

– Er legt sich in der That, Mistreß Weldon, bestätigte der Leichtmatrose. Sie täuschten sich nicht. Das Barometer ist seit gestern nicht gefallen. Der Wind fällt ab und ich komme zu dem Glauben, daß unsere harten Prüfungen nun vorüber sind.

– Möge der Himmel Deine Worte hören, Dick! Ach, wie viel hast Du ausgestanden, mein armes Kind! Du verrichtetest….

– Nichts als meine Pflicht, Mistreß Weldon.

– Doch wirst Du Dir nun endlich einige Ruhe gönnen?

– Ruhe! wiederholte der Leichtmatrose. Ich bedarf der Ruhe nicht; ich befinde mich, Gott sei Dank, vollkommen wohl und muß nun auch bis an’s Ende ausdauern. Sie haben mich Kapitän genannt und ich will auch wirklich Kapitän bleiben, bis alle Passagiere des »Pilgrim« in Sicherheit sind.

– Dick, fuhr Mrs. Weldon fort, mein Mann und ich werden Dir nimmermehr vergessen, was Du für uns thatest.

– Gott hat Alles gethan, antwortete Dick Sand, Alles!

– Ich wiederhole Dir, mein Kind, daß Du Dich mit Deiner moralischen und physischen Energie als ein ganzer Mann erwiesen hast, als ein Mann, der würdig ist, zu befehligen, und sobald Deine Studien vollendet sind, was ja nicht lange dauern kann, wirst Du – mein Mann wird mein Wort einlösen – für das Haus James W. Weldon ein Kommando führen.

– Ich… ich!… rief Dick Sand, dessen Augen sich mit Thränen füllten.

– Lieber Dick, antwortete Mrs. Weldon, Du warst von jeher unser Adoptivkind; jetzt bist Du unser Sohn, der Retter Deiner Mutter und Deines Bruders Jack! Mein lieber Dick, komm, ich umarme Dich auch im Namen meines Gatten!«

Die muthige Frau hatte ihre Rührung beherrschen wollen, als sie den jungen Leichtmatrosen in die Arme schloß, aber das Herz ging ihr über. Welche Feder aber wäre erst im Stande, Dick Sand’s Gefühle dabei wiederzugeben! Er fragte sich, ob er nicht noch mehr thun könne, als das Leben zu lassen für seine Wohlthäter, und er unterzog sich schon im Voraus willig allen den Prüfungen und Beschwerden, die ihm die Zukunft etwa bieten könnte.

Dick Sand fühlte sich nach diesem Gespräche neu gestärkt. Wurde nun der Wind etwas günstiger und konnte er auch nur wenig Segel entfalten, so zweifelte er nicht, sein Schiff nach einer Stelle führen zu können, wo Alle, die er bei sich hatte, endlich Rettung finden würden.

Da sich der Wind am 29. noch weiter ermäßigte, dachte Dick Sand daran, das Mars-und das Focksegel beizusetzen, um die Schnelligkeit des »Pilgrim« zu steigern und den Kurs besser einhalten zu können.

»Nun, vorwärts, Tom! Vorwärts, meine Freunde! rief er, als er am frühen Morgen auf Deck kam. Kommt, ich brauche Eure Arme!

– Wir sind bereit, Kapitän Sand, erklärte der alte Tom.

– Bereit zu Allem, setzte Herkules hinzu. Bei diesem Sturme war ja nichts zu thun und ich fing schon an einzurosten.

– Du hättest mit Deinem großen Munde blasen sollen, meinte der kleine Jack. Ich wette, Du wärest ebenso stark gewesen wie der Wind.

– Das wäre ein Gedanke, Jack, bemerkte Dick Sand lächelnd. Wenn einmal Windstille ist, dann lassen wir Herkules in die Segel blasen.

– Zu Ihrem Befehl, Herr Dick! antwortete der wackere Neger, indem er die Wangen wie ein leibhaftiger Windgott aufblies.

– Jetzt, meine Freunde, fuhr der Leichtmatrose fort, wollen wir an Stelle des durch den Sturm verlorenen Marssegels ein Reservesegel beisetzen. Das wird zwar nicht allzu leicht sein, doch es ist nothwendig.

– Und wird auch fertig werden! sagte Acteon.

– Kann ich Euch helfen? fragte der kleine Jack, der sich immer nützlich machen wollte.

– Gewiß, mein Jack, antwortete der Leichtmatrose. Du trittst mit an das Steuer und hilfst unserem Freunde Bat auf seinem Posten.«

Es ist wohl unnöthig zu sagen, wie stolz der kleine Jack sich über diese Ernennung zum Hilfs-Steuermann des »Pilgrim« fühlte.

»Nun, an’s Werk, fuhr Dick Sand fort, und Keiner begebe sich ohne Noth in Gefahr!«

Von dem Leichtmatrosen geführt, machten sich die Neger an die Arbeit. Ein Marssegel an seine Raae zu befestigen, bot für Tom und seine Gefährten freilich einige Schwierigkeiten. Es handelte sich darum, das zusammengerollte Segelleinen erst empor zu hissen und dann an der Raae zu verknüpfen.

Dick Sand ertheilte jedoch so zweckmäßige Befehle und diesen wurde auch so folgsam nachgekommen, daß die Leinwand nach Verlauf einer Stunde an ihrer Raae befestigt, diese gehißt und das Marssegel mit zwei Reesen eingestellt war.

Das große Fock-und das zweite Focksegel, welche vor dem Sturme eingebunden wurden, ließen sich trotz der Kraft des Windes weit leichter in Ordnung bringen.

An genanntem Tage um zehn Uhr Morgens segelte der »Pilgrim« zum ersten Male wieder mit dem Mars-dem Fock-und dem zweiten Focksegel.

Dick Sand hatte es nicht für gerathen erachtet, noch mehr Leinwand zu entfalten. Die Segel, welche er jetzt trug, mußten dem »Pilgrim«, wenn der Wind nicht nachließ, eine Schnelligkeit von zweihundert Meilen in vierundzwanzig Stunden sichern, und einer größeren bedurfte es ja nicht, um die Küste Amerikas binnen zehn Tagen zu erreichen.

Der Leichtmatrose empfand eine wirkliche Befriedigung, als er an das Steuer zurückkehrte und seinen Posten wieder einnahm, nachdem er Meister Jack, dem Hilfs-Steuermann des »Pilgrim«, seinen Dank ausgesprochen hatte. Jetzt war er den Wellen nicht mehr willenlos preisgegeben. Er machte gute Fahrt. Seine Freude wird Derjenige verstehen, welcher mit den Verhältnissen auf dem Meere einigermaßen vertraut ist.

Am folgenden Tage flogen die Wolken noch mit der nämlichen Schnelligkeit dahin, ließen aber doch weite Zwischenräume unter sich, durch welche die Strahlen der Sonne auf die Meeresfläche niederblitzten. Zuweilen erschien der »Pilgrim« wie übergossen mit Licht. Es ist ein schönes Ding um dieses blendende Licht! Manchmal versteckte es sich hinter einer enormen Dunstmasse, die nach Osten hin enteilte, dann erschien es wieder, um von Neuem zu verschwinden, doch Alles in Allem wendete sich die Witterung zum Besseren.

Endlich konnten auch die Luken geöffnet werden, um die inneren Schiffsräume einmal zu lüften. Ueberall hin, in die Wohnung am Achter, in die Schlafräume der Mannschaft, in den unteren Raum drang die heilsame frische Luft ein. Nun wurden auch die Segel getrocknet, welche man auf dem Deck ausbreitete, wo sie eben Platz fanden. Das Verdeck selbst wurde gereinigt. Dick Sand wollte nicht, daß sein Schiff in irgend einen Hafen einliefe, ohne etwas Toilette gemacht zu haben. Einige Stunden jeden Tag, welche die Mannschaft nicht übermäßig anstrengten, mußten genügen, diese Absicht nach und nach zu erreichen.

Obwohl der Leichtmatrose jetzt kein Log mehr auszuwerfen vermochte, hatte er sich doch hinreichend geübt, aus dem Kielwasser eines Fahrzeuges dessen Geschwindigkeit ziemlich verläßlich abzuschätzen. Er hielt sich also für ganz sicher, vor Ablauf von sieben Tagen noch kein Land in Sicht zu bekommen und theilte seine Ansicht auch der Mrs. Weldon mit, nachdem er dieser den Punkt ihrer gegenwärtigen Lage auf der Karte gezeigt hatte.

»An welcher Stelle der Küste werden wir nun ankommen, lieber Dick? fragte die Dame.

– Hier, Mistreß, antwortete der Leichtmatrose, und zeigte auf das lang dahin gestreckte Gestade zwischen Peru und Chile. Bestimmter kann ich das nicht sagen. Hier liegt die Osterinsel, die wir im Westen hinter uns gelassen haben, und nach der beständig anhaltenden Windrichtung muß ich annehmen, daß wir Land zuerst im Osten erblicken werden. An dieser Küste giebt es der Nothhäfen genug; jetzt aber zu sagen, welcher uns einst aufnehmen wird, wenn wir an’s Land gehen, ist mir völlig unmöglich.

– Mag’s ein Hafen sein, welcher es will, Dick, er ist uns gleich willkommen!

– Gewiß, Mistreß Weldon, auch finden Sie ja überall Gelegenheit sicher und schnell nach San Francisco zurückzukehren. Die Dampfschiff-Compagnie des Pacifischen Oceans unterhält hier einen sehr gut organisirten Dienst. Ihre Dampfer berühren alle wichtigen Küstenpunkte und es wird Ihnen allemal leicht sein, sich auf einem derselben nach Kalifornien einzuschiffen.

– Du denkst also den »Pilgrim« nicht bis San Francisco zurückzuführen? fragte Mrs. Weldon.

– Gewiß, doch erst, wenn ich Sie an’s Land gesetzt habe. Gelingt es uns, einen Officier und einige Mannschaft zu heuern, so werden wir unsere Ladung in Valparaiso löschen, wie es Kapitän Hull in Absicht hatte. Dann kehren wir nach unserem Heimatshafen zurück. Doch das würde Sie zu sehr aufhalten, und so leid es mir thun wird, von Ihnen Abschied zu nehmen…

– Geduld, Dick, fiel Mrs. Weldon ein, wir werden später ja sehen, was zu thun ist. – Doch sage mir, Du scheinst Gefahren zu fürchten, welche das Land uns bringen könnte?

– Ja freilich, bestätigte der Leichtmatrose, doch hoffe ich noch, einem Schiffe in jener Gegend zu begegnen, und wundere mich nur, daß wir noch kein solches erblickt haben. Käme nur ein einziges hier vorüber, so würden wir uns mit ihm so weit in Verbindung setzen, um unsere genaue Lage zu erfahren, was die spätere Landung wenigstens erleichtern müßte.

– Doch wenn wir keinem Lootsen begegneten?… fuhr Mrs. Weldon fort, welche sich bemühte, zu erfahren, wie der junge Mann in bedrängter Lage sich behelfen würde.

– In diesem Falle, Mistreß Weldon, würde ich bei günstigem Wetter und brauchbarem Segelwinde der Küste entlang fahren, bis sich uns ein Hafen zeigte. Frischte der Wind freilich zu sehr auf, dann…

– Dann, was thätest Du dann, Dick?

– Dann möchte es sehr schwierig sein, mit dem »Pilgrim« unter den gegebenen Verhältnissen, wenn er einmal in der Nähe des Landes ist, wieder in See zu stechen!

– Ja, was wäre aber sonst zu thun? wiederholte Mrs. Weldon.

»An welcher Stelle der Küste werden wir nun ankommen, lieber Dick?« (S. 142.)

– Ich wäre dann gezwungen, das Schiff auf die Küste laufen zu lassen, antwortete der Leichtmatrose, dessen Stirn sich einen Augenblick lang verdüsterte. O, das ist eine harte Nothwendigkeit, und Gott gebe, daß wir unsere Zuflucht nicht noch dazu nehmen müssen. Doch ich wiederhole Ihnen, Mistreß Weldon, das Aussehen des Himmels ist ganz beruhigend, und es erscheint mir ganz unglaublich, daß uns nicht ein Schiff oder ein Lootse begegnen sollte. Guten Muth also! Unser Steven weist nach dem Lande, wir werden dasselbe bald vor Augen haben!«

Sein Schiff auf die Küste zu setzen, ist freilich die letzte Zuflucht, an welche auch der entschlossenste Kapitän nicht ohne Schrecken denkt. Auch Dick Sand nahm dieses Hilfsmittel keineswegs in Aussicht, so lange er noch einigermaßen hoffen durfte, sich auf andere Weise zu retten.

Während einiger Tage gestaltete sich der Zustand der Atmosphäre so veränderlich, daß der Leichtmatrose auf’s Neue unruhiger wurde. Der Wind hielt sich immer als steife Brise und wiederholte Schwankungen des Barometers deuteten darauf hin, daß er noch weiter auffrischen werde. Dick Sand legte sich schon die Frage vor, ob er nicht wieder genöthigt sein werde, ohne Segel zu fahren. Doch lag es zu sehr in seinem Vortheil, wenigstens das Marssegel zu erhalten, und er gedachte auch dasselbe nicht einzuziehen, so lange der Sturm es ihm nicht gerade zu entführen drohte. Zur Sicherung und Haltbarkeit der Masten ließ er die Wanten, Pardunen und Stagen noch einmal anziehen. Vor Allem kam es darauf an, ihre Lage nicht durch den etwaigen Verlust der Masten noch weiter und empfindlicher zu verschlimmern.

Als das Barometer ein-oder zweimal wieder stieg, mußte man ein Umschlagen des Windes, vielleicht gar nach Osten, befürchten. Dann wäre man aber wieder gezwungen gewesen, dicht an demselben zu segeln.

Eine neue Besorgniß für Dick Sand. Was sollte er bei widrigem Winde beginnen? Mußte er sich entschließen, zu laviren? Wenn dem nicht zu entgehen war, gab es aber auf’s Neue unliebsame Verzögerungen, und dazu lag die Gefahr nahe, wieder in’s Meer hinausgetrieben zu werden.

Glücklicher Weise gingen diese Befürchtungen nicht in Erfüllung. Der Wind wechselte zwar mehrere Tage lang, blies bald aus Norden, bald aus Süden, gestaltete sich aber zuletzt zu einem dauernden Westwinde. Doch behielt er dabei den Charakter einer frischen Kühlte, welche der Takelage arg mitspielte.

Es war am 5. April. Mehr als zwei Monate waren schon seit der Abfahrt des »Pilgrim« aus Neu-Seeland verflossen. Zwanzig Tage hindurch hielten ihn andauernde Windstillen zurück. Dann hatte er sich unter günstigen Bedingungen befunden, das Land schnell zu erreichen. Während des Sturmes mußte seine Schnelligkeit sogar eine sehr beträchtliche gewesen sein; Dick Sand schätzte sie zu nicht weniger als zweihundert Meilen den Tag. Warum bekam er die Küste noch immer nicht in Sicht? Wich sie etwa selbst vor dem »Pilgrim« zurück? Es erschien ihm ganz unbegreiflich.

Und doch war noch kein Land gemeldet worden, obwohl einer der Neger sich jetzt beständig auf einer Mars aufhielt.

Häufig stieg auch Dick Sand selbst hinaus. Mit dem Fernrohr vor den Augen, suchte er von diesem erhöhten Standpunkte aus Spuren eines Landes zu entdecken. Die Kette der Anden steigt ja sehr hoch empor. In der Region der Wolken mußte man also nach einer Bergspitze auslugen, welche sich über die Dünste des Horizonts erhob.

Tom und seine Gefährten ließen sich mehrmals schon durch trügerische Anzeichen eines Landes irre führen. Immer waren es nur sonderbare Wolkenformationen, welche in der Ferne schwebten. Es kam sogar vor, daß die braven Leute ihre Beobachtungen gegenseitig bestätigten, und dennoch waren sie bald darauf gezwungen, einzugestehen, daß sie einer optischen Täuschung unterlegen waren. Was sie als Land erkannten, wechselte seine Stelle und Gestalt und löste sich zuletzt in ein Nichts auf.

Am 6. April endlich schwand jeder Zweifel.

Es war um 8 Uhr Morgens. Dick Sand stieg eben auf den Mast. Die Wolken condensirten sich unter den ersten Strahlen der Sonne und der Horizont zeigte sich seinem Blicke in voller Klarheit.

Da entrang sich endlich Dick Sand’s Lippen der längst erwartete Ausruf:

»Land! Land in Sicht gerade vor uns!«

Diese Worte lockten alle Welt nach dem Verdeck, den kleinen Jack, den die seinem Alter eigenthümliche Neugierde trieb, Mrs. Weldon, deren Leiden und Prüfungen mit dem Betreten des Landes ein Ende finden sollten, Tom und seine Genossen, welche den Fuß endlich wieder auf amerikanischen Boden zu setzen hofften, selbst den Vetter Benedict, welcher die Hoffnung hegte, eine ihm noch neue Sammlung von Insecten zusammenzubringen.

Negoro allein erschien nicht.

Jeder erkannte, was Dick Sand gesehen hatte, die Einen ganz bestimmt, die Anderen nur, weil sie es glaubten.

Seitens des Leichtmatrosen, mit seiner langen Gewohnheit, den Horizont zu beobachten, war jedoch kein Irrthum möglich, und eine Stunde später mußte Jeder zugestehen, daß er sich nicht getäuscht hatte.

In der Entfernung von etwa vier Meilen im Osten erstreckte sich eine niedrige Küste hin. Weiter rückwärts mußte diese von der mächtigen Kette der Anden beherrscht sein, eine dort schwebende Wolkenschicht verbarg den Blicken noch deren Gipfel.

Der »Pilgrim« lief direct und sehr schnell auf dieses Gestade zu, welches sich über Sehweite hinaus ausbreitete.

Zwei Stunden später war es nur noch drei Meilen entfernt.

Im Nordosten lief jene Küste in ein ziemlich hohes Vorgebirge aus, das eine offene Rhede beschützte. Nach Südosten dagegen verlängerte sie sich gleich einer schmalen Landzunge.

Das niedrige Ufer bedeckten einige Bäume, deren Silhouetten sich vom Himmel scharf abhoben. Nach dem ganzen geographischen Charakter des Landes mußte man jedoch annehmen, daß es nur ein Vorland der Anden bildete.

Nirgend zeigte sich eine menschliche Wohnung, ein Hafen oder eine Flußmündung, welche einem Schiff als Zuflucht hätte dienen können.

Der »Pilgrim« fuhr jetzt gerade auf die Küste zu. Mit seinen verminderten Segeln und dem nach jener Küste hin wehenden Winde wäre es Dick Sand unmöglich gewesen, von derselben wieder abzukommen.

Nach vorn machte sich eine lange Reihe Klippen bemerkbar, über welchen das Meer mit weißem Schaume aufsprudelte.

Bis zur halben Uferhöhe schlugen die Wogen empor. Dort mußte also eine gewaltige Brandung vorhanden sein.

Nachdem sich Dick Sand zur Betrachtung der Küste eine Zeit lang am Vorderkastell aufgehalten, ging er, ohne ein Wort zu äußern, zurück und ergriff wieder das Steuer.

Der Wind frischte immer mehr auf. Bald befand sich die Brigg-Goëlette nur noch eine Meile weit vor der Küste.

Da erkannte Dick Sand eine kleine Einbuchtung, auf welche er zuzusteuern beschloß; bevor er diese jedoch erreichen konnte, mußte das Schiff die Riffe passiren, durch welche eine Fahrstraße zu finden nicht leicht sein mochte. Ueberall sah man an dem Wirbeln des Wassers, daß es nur wenig über den Steinen stehen konnte.

Da sprang Dingo, der sonst auf dem Deck hin und her lief, nach dem Vordertheil zu und fing, als er das Land gewahr wurde, jämmerlich zu bellen an. Man hätte glauben können, er erkenne diesen Landstrich wieder und sein Instinct riefe ihm eine schmerzliche Erinnerung wach.

Negoro mochte ihn wohl gehört haben, denn auch er trat jetzt aus seiner Küche hervor und lehnte sich, trotz der zu fürchtenden Anwesenheit des Hundes, auf die Schanzkleidung.

Glücklicher Weise schien ihn Dingo, dessen trauriges Gebell nur dem Lande galt, nicht zu bemerken.

Negoro’s Blick weilte auf der fürchterlichen Brandung; ihm flößte sie offenbar keinen Schrecken ein. Mrs. Weldon, welche ihn im Stillen beobachtete, glaubte zu sehen, daß sein Antlitz eine leichte Röthe überflog und seine Gesichtszüge sich ein wenig verzerrten.

Kannte Negoro wohl diesen Punkt des Festlandes, nach dem die Winde den »Pilgrim« trieben?

In diesem Augenblicke verließ Dick Sand das Steuer, das er dem alten Tom überließ. Noch einmal faßte er die kleine Bucht, die sich jetzt etwas weiter öffnete, in’s Auge.

»Mistreß Weldon, begann er dann mit fester Stimme, ich habe keine Hoffnung mehr, einen rettenden Hafen zu finden. Noch vor Ablauf einer halben Stunde wird der »Pilgrim«, trotz aller Versuche, auf den Klippen sitzen. Wir müssen auf den Grund zu treiben suchen. Ich werde Ihr Schiff nach gar keinem Hafen zurückführen können. Ich bin jetzt gezwungen, es verloren zu geben, um Sie zu retten! Doch zwischen Ihrem Heil und dem seinigen ist keine lange Wahl möglich!

– Du hast gethan, was zu thun möglich war? fragte Mrs. Weldon.

– Alles!« antwortete der Leichtmatrose.

Sofort traf er nun seine Anstalten für die Strandung. Zuerst mußten sich Mrs. Weldon, der kleine Jack, Vetter Benedict und Nan mit Rettungsgürteln versehen. Dick Sand, Tom und die Neger hofften als geübte Schwimmer die Küste zu erreichen, im Falle sie in’s Meer geschleudert würden.

Herkules wurde speciell die Sorge für Mrs. Weldon aufgetragen. Der Leichtmatrose nahm Jack unter seinen Schutz. Vetter Benedict erschien übrigens merkwürdig ruhig, mit seiner Entomologentrommel am Bande, wieder auf dem Verdeck. Der Leichtmatrose empfahl ihn an Bat und Austin. Negoro’s ruhiges Benehmen ließ erkennen, daß er Niemandes Hilfe brauchte.

Aus übergroßer Vorsicht ließ Dick Sand auch ein Dutzend Thranfässer der Ladung nach dem Vordertheil schaffen.

Dieses Oel sollte, wenn der »Pilgrim« sich in der Brandung befand, auf das Wasser gegossen werden, um dasselbe wenigstens für kurze Zeit zu beruhigen, indem es die Wassermoleküle sozusagen schlüpfrig machte. Man erwartete, daß das Schiff durch dieses Manöver leichter durch die Klippen gleiten sollte.

Dick Sand wollte eben nichts unterlassen, was zum allgemeinen Besten dienen konnte.

Nachdem alle Vorsichtsmaßregeln getroffen waren, nahm er wiederum am Steuer Platz.

Der »Pilgrim« segelte jetzt nur noch zwei Kabellängen vom Ufer, d.h. er berührte fast schon die Klippen.

Seine Steuerbordseite badete sich schon in dem weißen Schaume der Brandung. Jeden Augenblick erwartete der Leichtmatrose das Aufstoßen des Kiels gegen die Felsen unter dem Wasser.

Plötzlich erkannte Dick an einem Streifen dunkleren Wassers eine Furth zwischen dem Klippenkranze. Diese galt es ohne Zögern zu benutzen, um doch erst so nahe wie möglich von der Küste zu stranden.

Der Leichtmatrose besann sich keinen Augenblick. Eine Wendung des Steuers brachte das Fahrzeug in den enger gewundenen Kanal hinein.

In dieser engen Straße wüthete das Meer noch gewaltiger und die Wogen schlugen fast bis zum Deck hinaus.

Die Neger standen auf dem Vordertheile neben den Oelfässern in Erwartung der Befehle ihres Kapitäns.

»Gießt das Oel aus! Schnell, gießt aus!« rief Dick Sand.

Sobald sich das Oel auf den Wellen verbreitete, glättete sich das Meer zwar, aber nur, um den nächsten Moment desto empörter aufzubrausen. Der »Pilgrim« flog über die schlüpfrigen Wogen dahin, in gerader Richtung auf das Ufer zu.

Plötzlich erfolgte ein Stoß. Erst erhob sich das Schiff auf dem Rücken einer furchtbaren Woge, dann saß es auf dem Grunde fest, wobei seine Masten gebrochen und zusammengestürzt waren, zum Glück ohne Jemanden zu verletzen.

Der Rumpf des »Pilgrim« hatte dabei einen großen Leck bekommen, durch den das Wasser in vollen Strömen eindrang. Das Ufer lag jedoch nur noch eine halbe Kabellänge vor ihnen und eine Kette kleinerer Felsen gestattete, es verhältnißmäßig leicht zu erreichen.

Zehn Minuten darauf standen Alle, welche der »Pilgrim« trug, glücklich am Fuße der Küste.

Vierzehntes Capitel.

Was nun?

Nach einer langen, erst durch Windstillen verzögerten, später durch die Winde aus Nordwest und Südwest beschleunigten Ueberfahrt – welche im Ganzen nicht weniger als vierundsiebzig Tage in Anspruch genommen hatte, lag der »Pilgrim« als Wrack auf dem Strande.

Dennoch dankten Mrs. Weldon und ihre Begleiter alle der Vorsehung für die gnädige Rettung aus schwerer Gefahr. Es war in der That ein Continent und nicht eine jener traurigen polynesischen Inseln, an welche der Sturm sie verschlagen hatte. Von jedem beliebigen Punkte Südamerikas, auf dem sie sich jetzt befinden mochten, schien ihnen eine Rückkehr nach dem Vaterlande nicht zu große Schwierigkeiten zu bieten.

Der »Pilgrim« freilich war als verloren zu betrachten. Er bestand ja nur noch aus einem werthlosen Rumpfe, dessen Trümmer die Brandung in wenigen Stunden zerstreuen mußte. An Bergung irgend eines Theiles seines Inhaltes war nicht zu denken gewesen. Winkte Dick Sand aber auch nicht mehr die Freude, seinem Rheder ein wohl erhaltenes Schiff wieder zuzuführen, so befanden sich doch Alle, die jenes vorher getragen, Dank seiner Umsicht, heil und gesund auf einer gastfreundlichen Küste – unter jenen auch die Gattin und das Kind Mr. James W. Weldon’s selbst.

An welchem Theile des südamerikanischen Gestades freilich der »Pilgrim« gescheitert sei, darüber hätte man wohl lange vergeblich verhandeln können. Sollte es, wie Dick Sand vorausgesetzt hatte, etwa an der Küste Perus geschehen sein? Vielleicht; denn er wußte ja durch die ihm in Sicht gekommene Osterinsel, daß der »Pilgrim« ebenso durch den Wind wie zweifelsohne unter dem Einflusse der Meeresströmungen in der Aequatorialzone nach Nordosten verschlagen worden war. Vom dreiundvierzigsten Grade der Breite hatte es recht wohl bis zum fünfzehnten abweichen können.

Es erschien demnach von Wichtigkeit, bald genau über den Ort der Strandung der Brigg-Goëlette unterrichtet zu sein. Angenommen, es war an der Küste Perus, so konnten hier Häfen, kleine Flecken und Dörfer nicht fehlen, und es empfahl sich von selbst, irgend eine bewohnte Ortschaft aufzusuchen. Die nächste Umgebung der Küste erwies sich verlassen.

Sie bestand hier aus einem schmalen, da und dort mit dunklen Felsen besetzten Strande mit einer mittelhohen Uferwand im Rücken, an der sich in Folge herabgestürzter Gesteinsmassen sehr tiefe Einschnitte in unregelmäßiger Anordnung zeigten. An manchen Stellen vermittelten sanftere Abhänge den Zugang zu dem Scheitel derselben.

Nach Norden zu und etwa eine Viertelmeile von dem Strandungsorte fand sich die Ausmündung eines kleinen Flusses, den man von der Ferne aus nicht hatte sehen können. Ueber seine Ufer hingen zahlreiche »Rhizophoren«, eine Art Wurzelträger, welche sich von ihren Namensvettern in Indien wesentlich unterscheiden.

Die Ufermauer selbst – das gewahrte man sehr bald – war von einem dichten Walde bedeckt. Seine grünen Blättermassen erstreckten sich bis zu den Bergen des Hinterlandes. Wäre Vetter Benedict Botaniker gewesen, wie viele ihm noch unbekannte Bäume hätten hier seine Bewunderung erweckt!

Da standen hohe Baobabs (Affenbrotbäume), denen man fälschlicher Weise eine besonders lange Lebensdauer zuschrieb, und deren Rinde dem Syenit Egyptens ähnelt; Latanen (Fächerpalmen), Weißtannen, Tamarindenbäume, Pfefferstanden besonderer Art und hundert andere Gewächse, die ein Amerikaner im Norden der Neuen Welt zu sehen nicht gewöhnt ist.

Merkwürdiger Weise aber begegnete man unter den vielen Species von Waldbäumen nicht einem einzigen Vertreter der Palmen, welche über tausend Abarten zählen und fast über den ganzen Erdball in großen Mengen verbreitet sind.

In dieser engen Straße wüthete das Meer noch gewaltiger. (S. 149.)

Ueber dem Strande tummelte sich eine erhebliche Anzahl laut schreiender Vögel, die in der Hauptsache verschiedenen Schwalbenarten angehörten und schwarzes Gefieder mit stahlblbauem Reflexe hatten, auf dem oberen Theile des Kopfes aber eine kastanienbraune Färbung zeigten. Da und dort flatterten auch einzelne graue, nackthälsige Rebhühner empor.

Kannte er wohl diese Gegend? (S. 154.)

Mrs. Weldon und Dick Sand bemerkten, daß alle diese Vögel nicht besonders scheu waren. Man konnte sich ihnen nähern, ohne daß sie entflohen. Hatten sie die Gegenwart der Menschen noch nicht fürchten gelernt und schallte der Knall eines Gewehres noch niemals über dieses wüste Gestade?

Am Strande stolzirten einige Pelikane von der Species »Pelicanus minor« umher, welche eben die sackförmige Erweiterung zwischen den beiden Theilen ihres Unterkiefers mit kleinen Fischen füllten.

Vereinzelte, von der offenen See her zufliegende Möven schwebten anmuthig um den »Pilgrim«.

Die genannten Vögel schienen auch die einzigen lebenden Wesen zu sein, die an diesem Gestade sich aufhielten – natürlich ohne eine Menge interessanter Insecten in Anschlag zu bringen, welche Vetter Benedict ohne Zweifel auffinden würde. Trotzdem der kleine Jack es wollte, konnte man von jenen freilich den Namen des betreffenden Landes leider nicht erfahren und mußte sich nothwendiger Weise an einen Eingebornen wenden

Zum Unglück war ein solcher aber nicht vorhanden, oder wenigstens jetzt nicht sichtbar. Keinerlei Wohnung, weder Hans noch Hütte, zeigte sich weder nach Norden zu jenseits des kleinen Flusses, noch gegen Süden, noch auf der Ufermauer oder unter den Bäumen des dichten Waldes. Kein Rauch wirbelte in die Luft empor. Kein Merkzeichen, kein Fußeindruck verrieth, daß dieser Theil des Continentes jemals von menschlichen Wesen besucht wurde.

Dick Sand machte das doch etwas unruhig.

»Wo sind wir? Wo können wir sein? fragte er sich. Wie? Niemand hier, mit dem man sich verständigen könnte?«

In Wahrheit Niemand, denn wenn sich ein Eingeborner genähert hätte, hätte ihn Dingo ohne Zweifel gewittert und durch sein Bellen angemeldet. Der Hund lief auf dem schmalen Strande mit eingeklemmtem Schwanze und leise knurrend hin und her, deutete aber auf keine Weise die Annäherung eines Menschen oder irgend eines Thieres an.

»Dick, sieh’ doch Dingo! sagte Mrs. Weldon.

– Wahrhaftig, das ist merkwürdig! erwiderte der Leichtmatrose. Er scheint sich zu bemühen, eine Spur wiederzufinden.

– Sehr merkwürdig, in der That!« murmelte Mrs. Weldon.

Dann fuhr sie fort:

»Was beginnt denn Negoro? fragte sie.

– Dasselbe wie Dingo, antwortete Dick Sand, er geht hier hin und dort hin… indeß, er ist hier sein eigener Herr. Ich habe kein Recht mehr, ihm Befehle zu ertheilen. Sein Dienst ist mit der Strandung des »Pilgrim« zu Ende!«

Negoro durchstreifte den Strand, drehte sich wiederholt um, betrachtete das Gestade und die Uferwand, so als ob Jemand seine Erinnerungen wachzurufen und zu klären suchte. Kannte er wohl diese Gegend? Wahrscheinlich hätte er doch jede Antwort verweigert, wenn man eine solche Frage an ihn stellte. Es erschien am gerathensten, sich mit seiner an und für sich ungeselligen Person nicht weiter zu beschäftigen. Dick Sand sah noch, wie jener sich nach der Gegend des kleinen Flusses wandte, doch als Negoro hinter einer Biegung des höheren Ufers verschwand, dachte er nicht mehr an ihn.

Dingo hatte zwar gebellt, als Negoro über den schmalen Strand dahinschritt, aber auch dieser schwieg bald darauf still.

Jetzt galt es nur an das Nöthigste zu denken. Am nöthigsten aber brauchte die Gesellschaft ein Unterkommen, irgend einen Schutz, wo Alle sich vorläufig einrichten und einige Nahrung zu sich nehmen konnten. Dann wollte man Rath halten und darüber entscheiden, was nun zu beginnen sei.

Wegen der Nahrungsmittel brauchte man sich keiner Sorge hinzugeben. Von den etwaigen Hilfsquellen des Landes ganz zu schweigen, hatte sich auch die Kambüse des Schiffes zum Vortheil der Ueberlebenden des »Pilgrim« freiwillig entleert. An verschiedenen Stellen der Klippen hatte die Brandung eine große Menge verschiedener Gegenstände abgelagert, welche jetzt nach Eintritt der Ebbe aus dem Schaume sichtbar heraustraten. Tom und seinen Genossen war es schon gelungen, mehrere Fässer mit Zwieback neben vielen Büchsen mit conservirten Nahrungsmitteln und gedörrtem Fleische zu bergen. Da sich Alles noch vom Wasser unbeschädigt erwies, so erschien die Ernährung der kleinen Gesellschaft auf längere Zeit gesichert, als diese ohne Zweifel gebrauchen konnte, um ein Dorf oder eine Ansiedelung zu erreichen. Nach dieser Seite war also nichts zu fürchten. Die geretteten Ueberreste von den Vorräthen des Schiffes brachte man auch sofort so weit in Sicherheit, daß sie bei wachsendem Wasser nicht mehr gefährdet waren.

Ebensowenig fehlte es an Süßwasser. Dick Sand sandte Herkules zuerst nach dem kleinen Flusse, um einige Pinten voll zu holen. Der Riese brachte auf seinen Schultern gleich darauf eine große Tonne voll herbei, nachdem er sie mit reinem, frischem Wasser gefüllt hatte, das sich bei der Ebbe ganz gut trinkbar erwies.

Um etwa Feuer anzuzünden, mangelte es in der Umgebung nicht an dürrem Holze, und die zahllosen Luftwurzeln der Manglien versprachen überdies so viel Brennmaterial zu liefern, als man irgend bedurfte.

Der alte Tom, ein leidenschaftlicher Raucher, besaß eine ausreichende Quantität Zündschwamm, der in einer hermetisch verschlossenen Büchse ganz gut verwahrt geblieben war, und er hätte jeden Augenblick damit ein Feuer entzünden können, wenn ihm auch nur die Kiesel des Strandes zu Gebote standen.

Es handelte sich also nur noch um die Entdeckung eines geeigneten Schlupfwinkels für die kleine Gesellschaft, wenn man es für angezeigt hielt, vor Antritt der Wanderung erst eine Nacht auszuruhen.

Und sieh’ da, dem kleinen Jack sollte die Auffindung des gewünschten Schlafraumes gelingen. Als er am Fuße der Uferwand hintrottete, entdeckte er hinter einer Einbuchtung der Felsmauer eine jener glattpolirten, wohl ausgehöhlten Grotten, welche das Meer nach und nach ausgräbt, wenn die vom Sturm geschwellten Wogen gegen die Küste toben.

Das Kind war ganz entzückt. Unter Freudengeschrei rief es seine Mutter hinzu und zeigte ihr triumphirend seine Entdeckung.

»Schön, lieber Jack, bemerkte Mrs. Weldon. Wären wir nun als Robinsons verurtheilt, längere Zeit an diesem Strande zu leben, so würden wir nicht unterlassen, dieser Grotte Deinen Namen beizulegen.«

Diese Grotte maß allerdings nur zwölf Fuß in der Tiefe und eben so viel in der Breite, den Augen des kleinen Jack aber erschien sie nichtsdestoweniger als eine gewaltige Höhle. Jedenfalls reichte sie aus, die Schiffbrüchigen aufzunehmen, und erwies sich, was Mrs. Weldon und Nan zu großer Befriedigung constatirten – als völlig trocken. Noch stand der Mond im ersten Viertel, also war nicht zu befürchten, daß die Fluth der nächsten Tage die Uferwand, viel weniger die Höhle selbst erreichen würde. Mehr bedurfte es ja nicht, um einige Stunden sorglos auszuruhen.

Zehn Minuten später lagerten auch schon Alle auf einer Decke von Varec. Selbst Negoro mußte es für gerathen gehalten haben, sich der Gesellschaft wieder anzuschließen, um auch seinen Theil an dem gesellschaftlichen Mahle zu erlangen. Jedenfalls mochte ihn die Aussicht, allein durch den dichten Wald, längs der vielen Krümmungen des jenen durchziehenden Flusses zu wandern, nicht allzu verlockend erschienen sein.

Es war um ein Uhr Mittags. Conservirtes Fleisch, Schiffszwieback und süßes Wasser mit einigen Tropfen Rum, von dem Bat ein kleines Fäßchen gerettet hatte, bildeten die Gerichte dieser frugalen Mahlzeit.

Wenn Negoro auch daran theilnahm, so mischte er sich doch mit keiner Silbe in das Gespräch, in dem die Maßnahmen besprochen wurden, welche die jetzige Lage der Schiffbrüchigen erheischte. Ohne es sich merken zu lassen, hörte er jedoch darauf und suchte gewiß zu seinem Vortheil auszubeuten, was ihm zu Ohren kam.

Während dieser Zeit wachte Dingo, den man natürlich nicht vergessen hatte, draußen vor der Grotte Man konnte deshalb ganz ruhig sein. Auf dem Strande hätte sich gewiß kein lebendes Wesen sehen lassen dürfen, ohne daß das treue Thier angeschlagen hätte.

Mrs. Weldon, welche ihren vor Müdigkeit schon halb eingeschlafenen Jack auf dem Arme hielt, nahm zuerst das Wort.

»Dick, mein Freund, sagte sie, im Namen aller Uebrigen spreche ich Dir unseren Dank aus für die Opferwilligkeit, welche Du bisher gezeigt hast; doch auch jetzt können wir derselben noch nicht entbehren. Du wirst zu Lande ebenso unser Führer sein, wie Du Kapitän warst auf dem Schiffe. Du hast unser Aller Vertrauen. Sprich also, was gedenkst Du zu thun?«

Mrs. Weldon, die alte Nan, Tom und seine Gefährten, Alle richteten die Augen auf den jungen Leichtmatrosen. Selbst Negoro betrachtete ihn mit offenbarer Aufmerksamkeit. Jedenfalls erregte die erwartete Antwort Dick Sand’s sein besonderes Interesse.

Dick Sand überlegte wenige Augenblicke. Dann begann er:

»Vor Allem, Mistreß Weldon, ist es wichtig zu wissen, wo wir uns überhaupt befinden. Ich bin der Meinung, daß unser Schiff nach demjenigen Theile des amerikanischen Ufers getrieben worden ist, welches die Küste Perus bildet. Der Wind und die Strömungen konnten es recht wohl bis in diese Breite verschlagen. Sind wir aber wirklich in einer der südlichen Provinzen Perus, d.h. in jenem am dünnsten bevölkerten Landestheile, der an die Pampas anstößt? Vielleicht. Angesichts dieses so wüsten Strandes, der sicher nur wenig besucht wird, glaube ich das um so lieber. In diesem Falle befinden wir uns freilich in ziemlich großer Entfernung von jeder Ansiedelung, und das wäre recht unangenehm.

– Nun, was sollen wir also beginnen? wiederholte Mrs. Weldon.

– Meine Ansicht, fuhr Dick Sand fort, geht dahin, diesen Zufluchtsort nicht zu verlassen, bevor wir über unsere Lage Aufklärung erlangt haben. Morgen nach einer Nachtruhe, können Zwei von uns auf Entdeckung ausgehen. Sie müßten, ohne sich allzuweit wegzuwagen, Eingeborne zu treffen suchen, würden von diesen Erkundigungen einziehen und dann nach dieser Grotte zurückkehren. Es ist kaum möglich, daß im Umkreis von zehn bis zwölf Meilen gar Niemand aufzufinden wäre.

– Wir sollen uns trennen! sagte Mrs. Weldon.

– Das erscheint mir nothwendig, erwiderte der Leichtmatrose. Ware freilich gar keine Aufklärung zu erlangen und die Umgegend unerwarteter Weise wirklich gänzlich menschenleer, nun, so müßten wir eben zusehen, uns anderswie zu helfen.

– Und wer sollte auf Entdeckung ausgehen? fragte Mrs. Weldon nach kurzem Besinnen.

– Das wäre zu überlegen, antwortete Dick Sand. Jedenfalls meine ich, daß Sie, Mistreß Weldon, Jack, Herr Benedict und Nan diese Grotte nicht verlassen dürften. Bat, Herkules, Acteon und Austin würden bei Ihnen bleiben, während Tom und ich uns auf den Weg machten.

– Negoro, fügte Dick Sand mit einem Seitenblicke auf den Küchenmeister hinzu, wird ohne Zweifel vorziehen, hier zurückzubleiben?

– Wahrscheinlich, entgegnete Negoro, der nicht der Mann dazu war, sich mehr als nöthig zu binden.

– Wir nehmen natürlich Dingo mit, fuhr der Leichtmatrose fort. Bei unseren Nachforschungen dürfte er von großem Nutzen sein.«

Als Dingo nur seinen Namen nennen hörte, erschien er auch schon am Eingang der Grotte und bellte voll Freude, als wolle er seine Zustimmung zu Dick Sand’s Vorhaben ausdrücken.

Während Dick Sand diese Vorschläge entwickelte, versank Mrs. Weldon in tiefes Nachdenken. Ihr Widerstreben gegen eine, wenn auch noch so kurze Trennung war gewiß nicht ungerechtfertigt. Konnte nicht der Schiffbruch des »Pilgrim« den Indianerstämmen, welche im Norden oder Süden von dieser Stelle hausen mochten, bekannt geworden sein, und wenn sich nun etwaige Strandräuber einfinden sollten, erschien es da nicht rathsamer, vereinigt zu bleiben, um sich ihrer zu erwehren?

Dieser dem Leichtmatrosen entgegen gehaltene Einwurf verdiente gewiß Berücksichtigung.

Er zerfiel indessen vor Dick Sand’s Argumenten, daß die Indianer hier nicht mit den Wilden Afrikas oder Polynesiens zu verwechseln seien und man einen Angriff von ihrer Seite kaum zu befürchten habe Wollte man dagegen auf gutes Glück in das Land hineinziehen, ohne auch nur zu wissen, welcher Provinz von Südamerika dasselbe angehörte, oder in welcher Entfernung man wohl die nächste Ansiedelung antreffen könne, so setzte man sich damit ohne Zweifel vieler Noth und Mühsal aus. Gewiß, die Trennung der Gesellschaft mochte ihren Nachtheil haben, doch jedenfalls geringeren, als ein Zug, sozusagen Blinder mitten durch den Wald, der sich bis zum Fuße der Gebirge zu erstrecken schien.

»Uebrigens, wiederholte Dick Sand, der auf seinem Vorschlage beharrte, kann ich nicht annehmen, daß diese Trennung von langer Dauer sein werde; ja, ich behaupte, daß sie es nicht sein wird. Sollten Tom und ich nach zwei Tagen noch immer keine Wohnstätte oder keinen Eingebornen angetroffen haben so kehren wir eben nach der Grotte hier zurück. Doch das ist höchst unwahrscheinlich und wir werden keine zwanzig Meilen in das Innere des Landes zu gehen brauchen, um über unsere geographische Lage Aufklärung zu erhalten. Ich kann mich ja in meiner Schätzung getäuscht haben, da mir alle astronomischen Hilfsmittel abgingen, und es wäre nicht unmöglich, daß wir uns in höherer oder tieferer Breite befänden.

– Ja, ja, Du hast Recht, mein Kind, antwortete sehr ängstlich Mrs. Weldon.

– Und Sie, Herr Benedict, fragte Dick Sand, was sagen Sie zu meinem Vorschlage?

Das Wiedersehen ihres Schiffes.. (S. 162.)

– Ich?… fragte Vetter Benedict.

– Ja, was ist Ihre Meinung?

Vetter Benedict raste in Gelehrtenwuth. (S. 164)

– Ich habe gar keine Meinung, erwiderte Vetter Benedict, ich finde Alles vortrefflich, was vorgeschlagen wird, und werde stets thun, was man wünscht. Sollen wir ein oder zwei Tage hier bleiben? Mir solls recht sein, so werde ich meine Zeit dazu verwenden, diesen Strand vom rein entomologischen Standpunkte zu studiren.

– Handle also ganz nach Deinem Willen, erklärte Mrs. Weldon. Wir werden hier zurückbleiben und Du machst Dich mit dem alten Tom auf den Weg.

– Einverstanden, sagte Vetter Benedict mit größter Seelenruhe. Ich werde den Insecten der Umgegend inzwischen meinen Besuch abstatten.

– Wagen Sie sich dabei nicht allzuweit weg, Herr Benedict, bat der Leichtmatrose. Wir empfehlen Ihnen das dringend!

– Sei ohne Sorge, mein Sohn.

– Und bringen Sie vor Allem nicht zu viele Musquitos mit hierher!« setzte der alte Tom hinzu.

Wenige Minuten später verließ der Entomolog, die kostbare Blechbüchse am Bande, die Grotte.

Fast gleichzeitig begab sich auch Negoro hinaus; dieser Mann hatte einmal die Gewohnheit, sich nur mit sich selbst zu beschäftigen. Während Vetter Benedict aber einen Abhang des steilen Ufers erkletterte, um seine Untersuchungen am Saume des Waldes zu beginnen, wendete jener sich nach dem Flüßchen und entfernte sich langsamen Schrittes, indem er an dessen Gestade dahinschritt.

Jack schlief noch immer. Mrs. Weldon legte ihn der alten Nan in den Schooß und ging dann nach dem Strande hinunter. Dick Sand und seine Genossen folgten der Dame. Alle wollten sich überzeugen, ob es bei dem jetzigen ruhigeren Zustande des Meeres vielleicht möglich wäre, bis zum Rumpf des »Pilgrim« zu gelangen, der noch eine große Menge verschiedener Gegenstände barg, welche der kleinen Gesellschaft von Nutzen sein konnten.

Die Klippen, auf denen die Brigg-Goëlette gescheitert war, lagen jetzt ganz trocken. Inmitten von Trümmern mancherlei Art erhob sich der Rumpf des Fahrzeuges, den die Fluth zum Theil bedeckte. Dick Sand wunderte sich zwar darüber, denn er wußte es, daß die Fluthhöhe an der amerikanischen Küste des Stillen Oceans immer nur eine mittelmäßige ist, doch erklärte sich jene Erscheinung ziemlich natürlich durch die Stärke des noch immer landwärts wehenden Windes.

Das Wiedersehen ihres Schiffes erregte bei Mrs. Weldon sowohl, wie bei allen Uebrigen ein recht peinliches Gefühl. Dort hatten sie ja so lange Tage gelebt, so viel und so schmerzlich gelitten! Der Anblick dieses armen Schiffes, das halb zertrümmert, ohne Masten und Segel, wie leblos auf der Seite lag, schnürte ihnen das Herz zusammen.

Doch mußten sie das Wrack besuchen, bevor der Wellenschlag es noch vollends zerstörte.

Dick Sand und die Neger vermochten, nachdem sie an einigen an der Seite des »Pilgrim« herabhängenden Tauenden nach dem Verdeck emporgeklettert waren, leicht in das Innere desselben einzudringen. Während Tom, Herkules, Bat und Austin sich damit beschäftigten, aus der Kambüse Alles, was ihnen nützlich erschien, an Lebensmitteln und Getränken wegzuschaffen, begab sich der Leichtmatrose nach dem Wohnraume des Kapitäns. Glücklicher Weise war, da das Hintertheil des Schiffes bei der Strandung höher zu liegen kam, das Wasser in diesen Theil des Fahrzeuges noch nicht eingedrungen.

Dick Sand fand daselbst noch vier wohlerhaltene Schußwaffen – ausgezeichnete Remington-Gewehre aus der Fabrik von Purdey und Comp. – sowie einen Vorrath Patronen, welche noch wohlverschlossen in den zugehörigen Kästen lagen. Das reichte hin, die kleine Truppe zu bewaffnen und in Stand zu setzen, einen etwaigen Anfall von Indianern abzuschlagen.

Der Leichtmatrose verfehlte auch nicht, sich mit einem Taschencompaß zu versehen; die Schiffskarten freilich, welche ihren Platz in einem Raume des Vordertheils hatten, waren durch Wasser beschädigt und unbrauchbar gemacht worden.

In der Rüstkammer des »Pilgrim« fand sich auch eine Anzahl großer Messer vor, welche zur Abhäutung der Walfische dienen. Dick Sand wählte davon sechs Stück aus zur Vervollständigung der Ausrüstung seiner Begleiter und vergaß auch eine Kinderflinte nicht, welche dem kleinen Jack gehörte.

Die übrigen im Schiff befindlich gewesenen Gegenstände waren entweder verstreut oder doch in unbrauchbarem Zustande. Es erschien nebenbei auch gar nicht rathsam, sich für eine Reise, die nur wenige Tage dauern sollte, über Gebühr zu belasten. Mit Lebensmitteln, Waffen und Schießbedarf war man nun ja mehr als ausreichend versehen. Doch nahm Dick Sand, auf Anrathen der Mrs. Weldon, alles vorhandene baare Geld – etwa fünfhundert Dollars – mit sich.

Das war in der That nur wenig. Mrs. Weldon allein hatte eine weit beträchtlichere Summe bei sich gehabt, diese fand sich jedoch nicht mehr vor.

Wer, wenn nicht Negoro, hätte das Wrack wohl vor ihnen schon besuchen und seine Hand nach den Geldvorräthen des Kapitän Hull und der Mrs. Weldon ausstrecken können? Offenbar konnte ein diesbezüglicher Verdacht nur auf den Küchenmeister fallen. Dennoch ward sich Dick Sand hierüber nicht ohne Weiteres klar. Was er schon bestimmt von jenem wußte und aus seinen gelegentlichen Beobachtungen folgerte, brachte ihm zwar die Ueberzeugung bei, daß man Alles von diesem verschlossenen Mann zu fürchten habe, dem das Unglück Anderer noch ein Lächeln entlocken konnte. Gewiß, ein böser Mensch war Negoro, mußte er deshalb aber auch schon ein Verbrecher sein? Dick Sand’s grundguter Charakter sträubte sich gegen eine solche Annahme. Und doch, konnte man überhaupt gegen einen Anderen Verdacht hegen? Nein! Die wackeren Neger hatten die Grotte keinen Augenblick verlassen, während Negoro mehrfach am Strande umherschweifte. Nur er allein konnte der Schuldige sein. Dick Sand beschloß demnach, Negoro direct zu fragen und ihn bei seiner Wiederkehr nöthigenfalls untersuchen zu lassen. Er mußte wenigstens wissen, woran er war.

Die Sonne neigte sich dem Horizonte zu. Zu jener Jahreszeit hatte sie den Aequator noch nicht überschritten, um der nördlichen Halbkugel die größere Menge Licht und Wärme zuzuführen, aber sie war schon nahe daran.

Sie sank jetzt also ziemlich lothrecht auf jene Kreislinie herab, in der sich Meer und Himmel berühren. Die Dämmerung währte nur kurze Zeit und die Nacht brach sehr schnell herein – eine Beobachtung, welche den Leichtmatrosen noch weiter in seiner Annahme bestärkte, daß er an einem zwischen dem Wendekreise des Steinbocks und dem Aequator gelegenen Küstenpunkte an’s Land gekommen sei.

Mrs. Weldon, Dick Sand und die Neger kehrten nun zur Grotte zurück, um einige Stunden zu ruhen.

»Das wird noch eine schwere Nacht geben, bemerkte Tom, indem er nach dem dick mit Wolken bedeckten Himmel wies.

– Ja wohl, bestätigte Dick Sand, es wird eine sehr frische Brise wehen. Doch was kümmert uns das jetzt? Unser armes Schiff ist einmal verloren und uns selbst kann der Sturm hier nichts anhaben.

– Des Herrn Wille geschehe!« sagte Mrs. Weldon.

Man kam nun dahin überein, daß während der voraussichtlich sehr dunklen Nacht je einer der Neger um Eingange der Grotte wachen sollte Außerdem zählte man auch auf Dingo als sorgsamen Wächter.

Da bemerkte man, daß Vetter Benedict noch nicht zurück sei.

Herkules rief ihn mit der ganzen Kraft seiner gewaltigen Lunge und fast gleichzeitig sah man den Entomologen, auf die Gefahr hin, den Hals zu brechen, den Abhang der Uferwand herunterklettern.

Vetter Benedict raste in Gelehrtenwuth Im Walde hatte er auch nicht ein einziges neues, zur Einreihung in seine Sammlung würdiges Insect gefunden. Skorpione, Skolopendren und andere Myriapoden so viel man verlangte und sogar noch mehr. Der Leser erinnert sich aber, daß Vetter Benedict sich mit Myriapoden nicht abgab.

»Das lohnte sich freilich nicht der Mühe, polterte er hervor, fünf-oder sechstausend Meilen zurücklegen, dem Sturme wochenlang zu trotzen und endlich auf die Küste geworfen zu werden, wenn ich hier auch nicht ein Exemplar jener amerikanischen Hexapoden entdecken sollte, welche jedem entomologischen Museum zur Zierde gereichen! Nein, das war nicht der Mühe werth!«

Zum Schluß verlangte Vetter Benedict, daß man ohne Verzug aufbrechen sollte; er wallte am liebsten keine Stunde mehr an diesem erbärmlichen Strande verweilen.

Mrs. Weldon suchte ihr großes Kind zu beruhigen. Sie machte ihm Hoffnung, daß er am folgenden Tage glücklicher sein werde, und Alle lagerten sich schon, so gut es anging, in der Grotte, um bis Sonnenaufgang zu schlummern, als Tom darauf aufmerksam machte, daß Negoro trotz schon hereingebrochener Nacht noch nicht zurückgekehrt sei.

»Wo könnte er wohl sein? fragte Mrs. Weldon.

–Das kümmert uns ja sehr wenig, meinte Bat.

– Im Gegentheil, antwortete Mrs. Weldon, mir wenigstens wäre es weit lieber zu wissen, daß der Mann bei uns wäre.

– Ganz recht, Mistreß Weldon, bemerkte Dick Sand, doch wenn er sich unserer Gesellschaft freiwillig entzogen hat, so sehe ich kein Mittel, ihn wieder zurückzuführen. Wer weiß, ob er nicht Ursache genug hat, uns für alle Zukunft aus dem Wege zu gehen!«

Mrs. Weldon bei Seite ziehend, theilte Dick Sand ihr seinen Verdacht mit. Er war gar nicht erstaunt, denselben von ihr getheilt zu sehen. Nur in einem Punkte gingen ihre Ansichten auseinander.

»Wenn Negoro wiederkommt, meinte Mrs. Weldon, so wird er seinen Raub in Sicherheit gebracht haben. Meiner Ansicht nach dürften wir, da wir außer Stande sind, ihn zu überführen, am besten thun, ihm unseren Verdacht nicht merken und ihn glauben zu lassen, er habe uns mit Erfolg betrogen.«

Mrs. Weldon hatte hierin wohl recht. Dick Sand beugte sich ihrer Anschauung der Sachlage.

Inzwischen ward Negoro zu wiederholten Malen gerufen, ohne daß eine Antwort erfolgte, ob er nun zu entfernt war, um das Rufen zu hören, oder eben nicht zurückkehren wollte.

Die Neger bedauerten keineswegs, von seiner Person befreit zu sein, und doch war er, wie Mrs. Weldon es gesagt, fern von ihnen vielleicht noch mehr als in unmittelbarer Nähe zu fürchten. Wie sollte man auch erklären, daß Negoro es vorzöge, sich ganz allein in diese unbekannte Wildniß zu wagen? Sollte er sich doch nur verirrt haben und jetzt in dunkler Nacht vergeblich den Rückweg zur Grotte suchen?

Mrs. Weldon und Dick Sand wußten nicht, was sie glauben sollten. Jedenfalls konnte man sich aber nicht der Allen so nöthigen Ruhe berauben, um etwa Negoro zu erwarten.

Da schlug der Hund, welcher noch auf dem Strande umherlief, plötzlich kräftig an.

»Was hat denn Dingo? fragte Mrs. Weldon.

– Das müssen wir auf jeden Fall erfahren, antwortete der Leichtmatrose. Vielleicht kommt Negoro doch noch wieder!«

Herkules, Bat, Austin und Dick Sand verfügten sich sofort nach der Mündung des Flüßchens.

An dessen Ufer angelangt, sahen oder hörten sie aber nicht das Geringste. Auch Dingo war wieder still geworden.

Dick Sand wandte sich mit den Negern wieder zur Grotte zurück.

Das Nachtlager wurde nun so gut als möglich hergerichtet. Die Schwarzen machten unter sich aus, wie sie der Reihe nach draußen Wache halten wollten.

Allein Mrs. Weldon konnte vor Unruhe kein Auge zuthun. Ihr schien das so sehr herbeigesehnte Land nicht zu bieten, was sie von ihm erhoffte, die Sicherheit für die Ihrigen und die Ruhe für sich selbst.

Fünfzehntes Capitel.

Harris.

Am nächsten Morgen, dem des 7. April, sah Austin, der bei Tagesanbruch die Wache hatte, Dingo bellend nach dem kleinen Flusse laufen. Fast gleichzeitig traten Mrs. Weldon, Dick Sand und die Neger aus der Höhle.

Offenbar ging hier etwas vor.

»Dingo hat irgend ein lebendes Wesen, Mensch oder Thier gewittert, behauptete der Leichtmatrose.

– Auf jeden Fall ist es Negoro nicht, meinte Tom, sonst würde Dingo wüthender bellen.

– Wenn das Negoro nicht ist, wo mag er dann sein? fragte Mrs. Weldon, indem sie Dick Sand einen nur von diesem verstandenen Blick zuwarf, und wenn er es wirklich nicht ist, wer kann es dann sein?

– Das werden wir sogleich wissen, Mistreß Weldon!« antwortete der Leichtmatrose.

Er wendete sich an Bat, Austin und Herkules.

»Bewaffnet Euch, meine Freunde, und kommt mit mir!«

Die Neger nahmen jeder ein Gewehr und ein Faschinenmesser, wie es Dick Sand auch gethan; eine Patrone ward in die Zündkammer der Remington-Büchsen eingelegt, und so bewaffnet begaben sich Alle nach dem Ufer des kleinen Flusses.

Mrs. Weldon, Tom und Acteon blieben am Eingange der Grotte zurück, in der sich nur der kleine Jack und Nan noch aufhielten.

Die Sonne stieg empor. Ihre von der östlichen Erhöhung der Küstenmauer aufgegangenen Strahlen gelangten nicht direct nach dem Strande, das Meer aber glitzerte hinaus bis zum westlichen Horizonte in dem ersten Glanze des Tages.

Dick Sand und seine Begleiter folgten nahe dem Wasserrande der Biegung des Ufers, das nach der Mündung des Flusses führte.

Dort stand Dingo und bellte noch immer. Offenbar sah oder witterte er einen Eingebornen.

In der That galt der Zorn des Hundes diesmal nicht Negoro, seinem Feinde vom Schiffe.

Auf der letzten Stufe der Berglehne erschien eben ein Mann, der vorsichtig herabstieg und durch anlockende Bewegungen Dingo zu beruhigen suchte. Er schritt, offenbar ohne besondere Scheu vor dem wüthenden Hunde zu haben, sicher vorwärts.

»Negoro ist das nicht, sagte Herkules.

– Wir können bei einem Tausche nicht verlieren, antwortete Bat.

– Nein, gewiß nicht, bestätigte der Leichtmatrose. Wahrscheinlich ist jener ein Einwohner des Landes, der uns die Beschwerden einer längeren Abgeschiedenheit ersparen wird. Endlich werden wir also erfahren, wo wir eigentlich sind!«

Alle Bier hingen die Gewehre über die Schultern und gingen rasch dem Unbekannten entgegen.

Bei ihrer Annäherung gab jener zuerst und unverkennbar Zeichen des höchsten Erstaunens kund. Sicherlich erwartete er nicht, hier an der Küste fremden Leuten zu begegnen. Offenbar hatte er auch das Wrack des »Pilgrim« noch nicht gesehen, wodurch sich ihm die Anwesenheit der Schiffbrüchigen auf natürliche Weise erklärt hätte. Im Laufe der Nacht hatte die Brandung übrigens den Rumpf ziemlich vollständig zerstört, so daß von diesem nur verschiedene umherschwimmende Trümmer übrig waren.

Im ersten Augenblicke wollte der Unbekannte, als er die vier Männer auf sich zukommen sah, sofort umkehren. Er trug eine Flinte am Bande, welche er erst schnell zur Hand nahm, dann aber eiligst über die Schulter warf. Seine Lage mochte ihm wohl etwas mißlich erscheinen.

Dick Sand machte eine grüßende Bewegung, welche der Unbekannte offenbar verstand, denn er wagte sich nach einigem Zögern heran.

Jetzt konnte der Leichtmatrose ihn genauer in’s Auge fassen.

Es war ein kräftiger, höchstens vierzig Jahre alter Mann mit feurigem Blicke, mäßig grauem Kopf-und Barthaar und sonnenverbranntem Gesicht, ähnlich einem Nomaden, der sein ganzes Leben in der freien Luft des Waldes oder Feldes zugebracht hat. Als Kleidung trug er eine Art Blouse von gegerbtem Felle, einen breitkrämpigen Hut auf dem Kopfe und große bis über die Kniee reichende Wasserstiefeln, an denen Sporen mit großen Rädchen klirrten.

Dick Sand erkannte zuerst – und täuschte sich hierin auch nicht – daß er keinen Indianer, wie sie gewöhnlich durch die Pampas streifen, vor sich habe, sondern einen jener fremden, meist wenig Vertrauen erweckenden Abenteurer, die in menschenleeren Gegenden umherzuirren lieben. Seine etwas steife Haltung und einige röthlich gefärbte Barthaare schienen darauf hinzudeuten, daß jener der englischen Race angehörte. Jedenfalls war es weder ein Indianer noch ein Spanier.

Diese Annahme erhielt dadurch eine weitere Bestätigung, daß derselbe, als Dick Sand ihm ein: »Willkommen!« in englischer Sprache zurief, in derselben Sprache und ohne merkbare fremde Betonung antwortete.

»Seid auch Ihr willkommen, mein junger Freund!« sagte der Unbekannte, der auf den Leichtmatrosen zuschritt und ihm die Hand schüttelte; den Negern gegenüber begnügte er sich mit einer leichten Handbewegung, ohne ein Wort an diese zu richten.

»Seid auch Ihr willkommen, mein junger Freund!« (S. 168.)

»Sie sind ein Engländer? fragte er den Leichtmatrosen.

– Amerikaner, antwortete Dick Sand.

– Aus dem Süden?

– Nein, aus dem Norden.«

Diese Antwort schien dem Unbekannten zu gefallen, denn er schüttelte die Hand des Leichtmatrosen noch einmal und kräftiger, wie es die Amerikaner zu thun pflegen.

»Und darf ich fragen, mein junger Freund, wie Sie nach dieser Küste gekommen sind?«

Noch bevor Dick Sand antworten konnte, zog der Unbekannte plötzlich den Hut und verneigte sich höflich grüßend.

Mrs. Weldon war nämlich bis zum Flußufer herangekommen und stand ihm jetzt gerade gegenüber.

Sie übernahm es, die nöthige Aufklärung zu geben.

»Wir sind Schiffbrüchige, mein Herr, sagte sie, deren Schiff auf diesen Klippen zu Grunde gegangen ist!«

Ueber das Gesicht des Unbekannten flog ein Zug von Mitleid, während seine Blicke das Fahrzeug suchten, das auf die Küste geworfen sein sollte.

»Von unserem Schiff ist nichts mehr vorhanden, erklärte der Leichtmatrose. Während der Nacht hat die Brandung es vollends zerstört.

– Unsere erste Frage, mein Herr, fuhr Mrs. Weldon fort, geht nun dahin, von Ihnen zu erfahren, wo wir eigentlich sind.

– Sie befinden sich hier an der Küste Südamerikas, erwiderte der Unbekannte, den diese Frage in Verwunderung zu setzen schien. Könnten Sie hierüber wirklich in Zweifel sein?

– Leider, mein Herr, denn der Sturm hätte uns recht wohl aus unserem Kurse verschlagen können, den ich genau zu controliren nicht im Stande war, antwortete Dick Sand. Doch ich hätte von Ihnen gern eine genauere Auskunft. Ich hielt dieses Land für die Küste von Peru.

– Nein, mein junger Freund! Etwas weiter südlicher. Sie sind an der Küste Bolivias gestrandet.

– Ah so!

– Und Sie befinden sich im südlichen Theil Bolivias, der an Chili grenzt.

– Wie heißt wohl jene Landspitze? fragte Dick Sand, indem er nach dem im Norden von ihnen gelegenen Vorgebirge hinwies.

– Den Namen derselben weiß ich selbst nicht, antwortete der Unbekannte, denn wenn ich das Innere des Landes auch so ziemlich kenne, da ich dasselbe wiederholt durchstreift habe, so besuche ich diese Küste doch zum ersten Male.«

Dick Sand dachte kurze Zeit über das eben Vernommene nach. Es verwunderte ihn nicht allzu sehr, denn seine Schätzungen bezüglich der Meeresströmungen konnten oder mußten ihn jedenfalls getäuscht haben; doch erwies sich der Irrthum als nicht beträchtlich. Wenn er angenommen hatte, sich zwischen dem siebenundzwanzigsten und dem dreißigsten Breitengrade zu befinden, wozu ihn das Insichtkommen der Osterinsel zu berechtigen schien, und die Strandung erfolgte dann unter dem fünfundzwanzigsten Grade, so betrug die Abweichung des »Pilgrims« von seinem richtigen Kurse in der That nur wenig.

Nichts berechtigte ihn, die Angaben des Fremdlings zu bezweifeln, und befand sich die kleine Gesellschaft hier an der unteren Küste Bolivias, so erschien es ganz natürlich, sie so verlassen zu finden.

»Ihren Worten nach, mein Herr, begann der Leichtmatrose wieder, muß ich annehmen, daß uns von Lima eine große Strecke trennt.

– O, Lima, das liegt sehr weit von hier… dort oben weit im Norden!«

Da Negoros Verschwinden der Mrs. Weldon einmal ein gewisses Mißtrauen eingeflößt hatte, betrachtete sie den Ankömmling mit größter Aufmerksamkeit, entdeckte aber weder in dessen Auftreten noch in seiner Ausdrucksweise irgend etwas, was ihn hätte verdächtig erscheinen lassen.

»Halten Sie meine Frage nicht für indiscret, mein Herr, begann sie darauf, Sie scheinen nicht selbst aus Bolivia zu sein?

– Ich bin Amerikaner wie Sie, Mistreß… antwortete der Unbekannte, welcher einen Augenblick die Stimme anhielt, wie um den Namen der Amerikanerin zu hören.

– Mistreß Weldon, stellte die Dame sich ihm vor.

– Mein Name ist Harris; ich bin in Süd-Carolina zu Haus. Seit zwanzig Jahren schon hab’ ich mein Vaterland mit den Pampas Bolivias vertauscht, und es macht mir ein besonderes Vergnügen, einmal wieder Landsleute zu sehen.

– Sie wohnen in diesem Theile der Provinz, Herr Harris? fragte Mrs. Weldon.

– Nein, Mistreß Weldon, ich wohne weiter im Süden, an der Grenze Chilis, und bin eben auf der Reise nach Atacama im Nordosten.

– Befinden wir uns etwa am Rande der gleichnamigen Wüstenei? fragte Dick Sand.

– So ist es, mein junger Freund; diese menschenleere Gegend erstreckt sich bis weit jenseits der Berge, die dort den Horizont abschließen.

– Die Einöde von Atacama? wiederholte Dick Sand.

– Eben dieselbe, antwortete Harris. Diese verlassene Gegend bildet in Südamerika fast ein Land für sich, so sehr unterscheidet sie sich in verschiedenen Beziehungen von den umliegenden Gegenden. Es ist das ebenso der merkwürdigste wie der am wenigsten bekannte Theil des Continentes.

– Und doch reisen Sie hier allein? fragte Mrs. Weldon.

– O, ich mache diesen Weg nicht zum ersten Male! antwortete der Amerikaner. Etwa zweihundert Meilen von hier findet sich eine ausgedehnte Farm, die Hacienda de San Felipe, welche einem meiner Brüder gehört, und zu dem ich mich wegen einiger Handelsgeschäfte begebe. Wollen Sie mir dahin folgen, so dürfen Sie einer freundlichen Aufnahme sicher sein; auch kann es ihnen dort nicht an Transportmitteln fehlen, um die Stadt Atacama zu erreichen. Mein Bruder wird sich glücklich schätzen, Ihnen dienen zu können.«

Das freiwillige Angebot stimmte die Dame schon mehr zu Gunsten des Amerikaners, der sich noch einmal an Mrs. Weldon wendete.

»Jene Schwarzen sind wohl Ihre Sklaven?«

Er wies dabei mit der Hand auf Tom und dessen Gefährten.

»In den Vereinigten Staaten giebt es keine Sklaven mehr, erwiderte Mrs. Weldon lebhaft. Der Norden hat die Sklaverei schon lange abgeschafft und der Süden hat seinem Beispiele folgen müssen.

– O, das ist brav, antwortete Harris. Ich vergaß ja gänzlich, daß der Krieg von 1862 diese wichtige Frage zum Austrag gebracht hat. Ich bitte die wackeren Leute um Verzeihung, fügte er mit leiser Ironie hinzu, von welcher er sich als Amerikaner aus dem Süden der Republik nicht befreien konnte, wenn er mit Negern sprach. Doch als ich jene Gentlemen in Ihren Diensten sah, glaubte ich…

– Sie sind weder heut’ in meinem Dienste, sagte Mrs. Weldon sehr ernst, noch sind sie es jemals gewesen.

– Wir würden es uns zur Ehre anrechnen, Ihnen zu dienen, Mistreß Weldon, ließ sich da der alte Tom vernehmen. Doch diene Herrn Harris zur Nachricht, daß wir Niemandem angehören. Ich selbst bin zwar noch Sklave gewesen und wurde im Alter von sechs Jahren in Afrika verkauft, mein Sohn Bat hatte aber einen schon frei gewordenen Vater und alle meine Gefährten dort wurden von freien Eltern geboren.

– Ich wünsche Ihnen dazu alles Glück! erwiderte Harris in einem Tone, der Mrs. Weldon nicht sehr ernsthaft erschien. Wir in Bolivia haben übrigens keine Sklaven. Hier ist also nichts für Sie zu fürchten und Sie können sich ebenso unbeanstandet bewegen wie in den Staaten Neu-Englands!«

In diesem Augenblicke erschien der kleine Jack, der sich noch die Augen rieb, von Nan gefolgt, vor der Grotte.

Als er seine Mutter sah, lief er auf diese zu. Mrs. Weldon schloß ihn zärtlich in die Arme.

»Welch’ hübsches Kind! rief der Amerikaner aus und schritt auf Jack zu.

– Es ist mein Sohn, antwortete Mrs. Weldon.

– O, Mistreß Weldon, so müssen Sie doppelt gelitten haben, wenn Sie auch Ihr Kind so vielen Gefahren ausgesetzt sahen.

– Gott hat ihn mir ja, ebenso wie uns, gnädig erhalten, Herr Harris, sagte die Dame.

– Gestatten Sie mir, seine lieblichen Wangen zu küssen? fragte Harris.

– Recht gern!« antwortete Mrs. Weldon.

Das Gesicht des »Herrn Harris« schien dem kleinen Jack aber gar nicht zu gefallen, denn er drückte sich nur dichter an seine Mutter.

»Wie! sagte Harris, Du willst Dich nicht von mir umarmen lassen? Fürchtest Dich wohl vor mir, mein kleiner Prinz?

– Entschuldigen Sie, Herr Harris, trat Mrs. Weldon für ihr Söhnchen ein, er ist von Natur etwas schüchtern.

– Nun, wir werden ja weitere Bekanntschaft machen! beruhigte sich Harris. Auf der Hacienda wird er schon seine Freude haben, einen kleinen edlen Ponny zu reiten, der ihn mit mir aussöhnen wird!«

Doch auch das Angebot eines »edlen Ponny« schmeichelte Jack offenbar gar nicht oder doch ebensowenig, wie die Aussicht, von Harris umarmt zu werden.

Mrs. Weldon, der die Situation etwas unangenehm erschien, beeilte sich, dem Gespräche eine andere Wendung zu geben. Sie wünschte es zu verhüten, daß ein Mann, der seine guten Dienste so selbstlos anbot, ohne Ursache beleidigt wurde.

Dick Sand ließ sich inzwischen den so unerwarteten Vorschlag, nach der Hacienda de San Felipe zu ziehen, durch den Kopf gehen. Nach Harris’ Angabe handelt es sich dabei um einen zweihundert Meilen langen, durch Wälder und offene Ebenen hinführenden Weg – jedenfalls um eine beschwerliche Reise, da ihnen ja keinerlei Transportmittel zu Gebote standen.

Der junge Leichtmatrose machte also einige Einwendungen in dieser Beziehung und erwartete gespannt die Antwort des Amerikaners.

»Die Reise ist zwar etwas lang, erwiderte Harris, dafür habe ich aber dort, wenig hundert Schritte hinter der Uferbiegung, ein Pferd stehen, das ich Mistreß Weldon und ihrem Sohne zur Verfügung zu stellen gedenke. Für uns wird es nicht schwer, la nicht einmal besonders anstrengend sein, den Weg zu Fuß zurückzulegen. Wenn ich übrigens von zweihundert Meilen sprach, so gilt diese Angabe nur für den Fall, daß wir den Weg längs des Flusses einschlagen, auf dem ich an die Küste herabkam. Gehen wir dagegen quer durch den Wald, so würde sich die Entfernung um gut achtzig Meilen vermindern; rechnen wir zehn Meilen auf den Tag, so dürften wir meiner Ansicht nach ohne allzu große Beschwerde die Hacienda binnen zwölf Tagen erreichen.«

Mrs. Weldon dankte dem Amerikaner.

»Sie können mir nicht besser danken, antwortete Harris, als dadurch, daß Sie meinen Vorschlag annehmen. Zog ich auch noch nie durch diesen Wald, so wird mir der Weg durch denselben doch bestimmt nicht schwer zu finden sein, da ich die Pampas schon lange gründlich kenne. Doch eine Frage ist hierbei zu erwägen, nämlich die bezüglich der Nahrungsmittel. Ich selbst besitze leider nicht mehr, als was ich nothwendiger Weise brauche, um bis zur Hacienda de San Felipe zu gelangen…

– Wir, Herr Harris, fiel da Mrs. Weldon ein, haben dagegen glücklicher Weise Ueberfluß an Nahrungsmitteln und werden uns glücklich schätzen, mit Ihnen zu theilen.

– Nun, Mistreß Weldon, so scheint sich ja Alles nach Wunsch zu gestalten und wir brauchen also nur aufzubrechen.«

Harris wandte sich schon dem Flußufer zu, um sein Pferd von der Stelle, wo er es angebunden hatte, zu holen, als ihn Dick Sand noch einmal durch eine Frage zurückhielt.

Die Küste zu verlassen und sich durch diesen endlosen Wald in das Landesinnere zu begeben, war nun einmal nicht nach dem Sinne des jungen Leichtmatrosen. In ihm erwachte der Seemann wieder und er hätte es offenbar vorgezogen, längs der Küste hinauf oder hinunter zu ziehen.

»Warum, Herr Harris, begann er, sollen wir aber einhundertzwanzig Meilen durch die Einöde von Atacama wandern und nicht lieber dem Meeresufer folgen? Bei gleicher Entfernung scheint mir’s doch rathsamer, die nächste Stadt im Norden oder Süden aufzusuchen?

– Ja, mein junger Freund, entgegnete Harris mit leichtem Runzeln der Stirne, unter drei-bis vierhundert Meilen findet sich leider keine Stadt an der Küste, die ich selbst nur unvollkommen kenne.

– Nach Norden hin, ja, warf Dick Sand ein, aber im Süden?…

– Nach Süden zu, versetzte der Amerikaner, müßten wir bis nach Chili hinabwandern. Das ist ein sehr weiter Weg und an Ihrer Stelle zöge ich nicht unnöthig längs der Pampas der Argentinischen Republik hin. Was mich selbst betrifft, so würde ich Sie zu meinem Bedauern dorthin nicht begleiten können.

– Kommen denn die Schiffe, welche von Chili nach Peru gehen, nicht in Sicht dieser Küste vorüber?

– Nein, antwortete Harris. Sie halten sich weit draußen auf offener See und Sie werden auch schwerlich einem solchen begegnet sein.

– Das ist richtig, bemerkte Mrs. Weldon. – Nun, Dick, hast Du noch irgend eine Frage an Herrn Harris zu richten?

– Eine einzige, Mistreß Weldon, antwortete der Leichtmatrose, der nur ungern zustimmte. Ich möchte Herrn Harris fragen, in welchem Hafen er wohl glaube, daß wir ein Schiff antreffen können, um nach San Francisco zurückkehren zu können?

»Welch’ hübsches Kind!« rief der Amerikaner. (S. 173.)

– Meiner Treu, junger Freund, erwiderte der Amerikaner, das weiß ich freilich selbst nicht. Ich weiß nur das eine, daß wir in der Hacienda de San Felipe Gelegenheit finden werden, die Stadt Atacama zu erreichen und von da aus…

– Glauben Sie ja nicht, Herr Harris, fiel da Mrs. Weldon ein, daß Dick Sand zögert, Ihr Anerbieten anzunehmen.

Dort stand, an einen Baum gebunden, ein Pferd. (S. 180.)

– O nein, Mistreß Weldon, gewiß nicht, ich zögere nicht, bestätigte der Leichtmatrose, aber ich bedauere noch immer, daß es mir nicht vergönnt war, Sie wenige Grade weiter nördlich oder südlich an’s Land zu setzen. Wir wären dann ganz in der Nähe eines Hafens gewesen, und da dieser Umstand unsere Heimkehr wesentlich erleichtert hätte, brauchten wir Herrn Harris’ Güte nicht in Anspruch zu nehmen.

– Fürchten Sie nicht, mich zu belästigen, Mistreß Weldon, bemerkte darauf der Amerikaner. Ich wiederhole Ihnen, daß ich gar so selten Gelegenheit habe, Landsleute begrüßen zu können. Mir wird es nur ein Vergnügen sein, Ihnen zu dienen.

– Wir nehmen Ihr Anerbieten an, Herr Harris, antwortete Mrs. Weldon, doch Ihres Pferdes möchte ich Sie nicht berauben. Ich bin eine gute Fußgängerin…

– Und ich ein sehr guter Fußgänger, fiel Harris mit höflicher Verneigung ein. Bei meinem Gewohntsein an lange Reisen durch die Pampas brauchen Sie von mir keine Verzögerung unserer Caravane zu befürchten. Nein, nein, Mistreß, Sie und Ihr kleiner Jack, niemand Anderer wird das Pferd benutzen. Möglicher Weise begegnen wir auch unterwegs einigen Leuten von der Hacienda, und da diese stets beritten sind, so werden sie uns ihre Thiere abtreten.«

Dick Sand begriff, daß er durch weitere Einwürfe Mrs. Weldon nur in Verlegenheit bringen würde.

»Wann werden wir abreisen, Herr Harris? fragte er.

– Noch heute, mein junger Freund, erwiderte der Angeredete. Mit dem Monat April beginnt die Regenzeit und wir müssen die Hacienda de San Felipe womöglich noch vorher erreichen. Alles in Allem ist der Weg quer durch den Wald noch der kürzeste und vielleicht auch der sicherste. Er ist den Einfällen der nomadisirenden Indianer weniger ausgesetzt als die Küste.

– Tom und Ihr, meine Freunde, erwiderte Dick Sand, indem er sich an die Neger wendete, wir haben also nur die nöthigsten Vorbereitungen zur Abreise zu treffen. Aus der Schiffsprovision wollen wir nur dasjenige auswählen, was sich am bequemsten transportiren läßt, und daraus einzelne Bündel herstellen, so daß Jeder seinen Theil trägt.

– Herr Dick, meldete sich da Herkules, wenn Sie wünschen, trage ich die ganze Ladung allein.

– O nein, mein wackerer Herkules, lehnte der Leichtmatrose ab, es ist besser, wir vertheilen die Last auf Alle.

– Ihr seid ein handfester Reisegefährte, Herkules, sagte da Harris, der den Neger mit einem Blicke maß, als ob dieser käuflich wäre. Auf einem Markte Afrikas würdet Ihr einen hohen Preis erzielen.

– Ich bin ebenso viel werth, als an mir ist, antwortete Herkules lächelnd, und die Käufer sollten wohl Fersengeld zahlen, wenn sie mich fangen wollten!«

Da nun Alles geordnet war, ging Jeder an die Arbeit, um den Aufbruch zu beschleunigen. Es handelte sich dabei ja allein um die Verproviantirung der kleinen Gesellschaft auf die Reise von der Küste bis zur Hacienda, d.h. etwa während zwölf Tagereisen.

»Bevor wir aber aufbrechen, Herr Harris, begann da Mrs. Weldon, und bevor wir Ihre Gastfreundschaft annehmen, bitte ich Sie, die unsere nicht abzuweisen. Wir bieten sie Ihnen aus gutem Herzen an.

– Ich danke Ihnen, Mistreß Weldon, ich danke Ihnen von Herzen, antwortete Harris.

– In wenig Minuten wird unser Frühstück bereitet sein.

– Sehr schön, Mistreß Weldon, diese zehn Minuten will ich benützen, mein Pferd zu holen und hierherzuführen. Das hat jetzt gewiß schon gefrühstückt.

– Darf ich Sie begleiten, mein Herr? fragte Dick Sand den Amerikaner.

– Ganz nach Ihrem Belieben, junger Freund! antwortete Harris; kommen Sie, kommen Sie, ich werde Ihnen den unteren Lauf des Flusses zeigen!«

Beide entfernten sich.

In der Zwischenzeit wurde Herkules ausgeschickt, den Entomologen aufzusuchen. Vetter Benedict kümmerte sich nicht im Geringsten darum, was um ihn her vorging. Er irrte auf dem Rande der Uferwand umher, immer nach einem »unentdeckbaren« Insect forschend, das er denn auch nicht finden sollte.

Herkules führte ihn trotz seines Sträubens zurück. Mrs. Weldon theilte ihm mit, daß man sich entschieden habe, von hier aufzubrechen und einen etwa zehn Tage in Anspruch nehmenden Zug durch das Innere des Landes ausführen wolle.

Vetter Benedict antwortete, daß er bereit sei, mitzugehen, und daß es ihm noch weit lieber sein würde, ganz Amerika zu durchwandern, wenn man ihn unterwegs nur »sammeln« lasse.

Mit Nan’s Unterstützung bereitete Mrs. Weldon einstweilen eine kräftige Mahlzeit – vor einer langen Fußtour gewiß eine berechtigte Vorsicht.

Harris war, von Dick Sand begleitet, inzwischen hinter der Biegung des Ufers verschwunden. Beide folgten dem Flußrande etwa dreihundert Schritte weit hin. Dort stand, an einen Baum gebunden, ein Pferd, das bei der Annäherung seines Herrn freudig wieherte.

Es war ein kräftiges Thier von einer Dick Sand unbekannten Race. Der schlanke Hals und der lange Rücken, die flachen Schultern und die fast gebogene Blässe verriethen dem Kenner jedoch sofort, daß es einer Art angehörte, welche man von arabischem Ursprunge ableitet.

»Sie sehen selbst, junger Freund, begann Harris, daß ich hier ein kräftiges Roß stehen habe, auf dessen Ausdauer wir während des Marsches zählen können.«

Harris band das Thier los, faßte es am Zügel und ging vor Dick Sand her am Flußufer wieder hinab. Dieser hatte schnell einen prüfenden Blick über die Umgebungen und auch in den Wald, der die beiden Ufer umsäumte, hineingeworfen, konnte aber nichts entdecken, was einen Verdacht erregt hätte.

Als er sich dem Amerikaner wieder anschloß, stellte er ihm plötzlich folgende Frage, welche diesem gewiß unerwartet kommen mußte:

»Herr Harris, fragte er, Sie haben in voriger Nacht vielleicht einen Portugiesen, Namens Negoro getroffen?

– Negoro? antwortete Harris mit einem Tone, wie Jemand, der gar nicht versteht, was man zu ihm spricht. Wer ist dieser Negoro?

– Es war der Schiffskoch, erwiderte Dick Sand, und er ist uns verschwunden.

– Vielleicht ertrunken?… sagte Harris.

– Nein, das nicht! erklärte Dick Sand. Gestern Abend war er noch bei uns; erst während der Nacht hat er uns verlassen und ist Allem Anscheine nach längs des Ufers hier flußaufwärts gegangen. Da Sie eben von dieser Seite her gekommen waren, fragte ich, ob Sie ihm vielleicht begegnet seien?

– Ich bin Niemand begegnet, versetzte der Amerikaner, und hat Ihr Koch sich allein in den Wald gewagt, so läuft er freilich Gefahr, sich darin zu verirren. Vielleicht treffen wir ihn unterwegs noch wieder?

– Ja… vielleicht!« antwortete Dick Sand.

Als die Beiden die Grotte erreicht hatten, stand das Frühstück bereit. Es bestand ebenso wie das gestrige Abendbrot aus verschiedenen Conserven nebst »Corned-beef« und Zwieback. Harris that ihm, als ein von Natur mit gutem Appetit ausgestatteter Mann, alle Ehre an.

»Ah, sehr schön, sagte er, ich sehe, daß wir unterwegs nicht vor Hunger umkommen werden, dasselbe möchte ich von dem armen Teufel von Portugiesen, dessen mir unser junger Freund erwähnte, freilich nicht behaupten.

– Dick Sand hat Ihnen also erzählt, daß wir Negoro seit gestern nicht wiedergesehen haben?

– Ja, Mistreß Weldon, erklärte ihr der Leichtmatrose gleich selbst. Ich wünschte zu erfahren, ob Herr Harris ihm nicht vielleicht begegnet sei.

– Was aber nicht der Fall war, fuhr Harris fort. Allein wir lassen den Deserteur also stecken, wo er will, und denken nun an den Aufbruch. – Wenn es Ihnen gefällig wäre, Mistreß Weldon.«

Jeder ergriff das für ihn bestimmte Packet. Mrs. Weldon nahm, von Herkules unterstützt, auf dem Pferde Platz, und der undankbare kleine Jack setzte sich, die Flinte am Bande tragend, mit gekreuzten Beinen darauf, ohne daran zu denken, Dem seinen Dank zu sagen, der ihm dieses treffliche Reitthier zur Verfügung stellte.

Jack, der vor seiner Mutter saß, erklärte ihr, daß er das »Pferd des Herrn« ganz gut zu führen verstehe.

Man gab ihm denn auch die Zügel in die Hand und der kleine Mann hielt sich unstreitig für den eigentlichen Anführer der Caravane.

Sechzehntes Capitel.

Unterwegs.

Wenn Dick Sand’s Befürchtungen bis jetzt auch nichts zu bestätigen schien, so betrat er, nachdem jene dreihundert Schritt am Ufer zurückgelegt waren, doch nicht ohne ein unangenehmes Vorgefühl den dichten Wald, den er mit seinen Gefährten volle zwölf Tage lang auf beschwerlichen Fußpfaden durchreisen sollte.

Mrs. Weldon dagegen, welche als Frau und Mutter doch leicht doppelt unruhig sein mußte, hatte das beste Zutrauen.

Zwei nicht unwichtige Gründe trugen zu ihrer Beruhigung bei: erstens, daß diese Gegend der Pampas weder rücksichtlich der Eingebornen, noch rücksichtlich reißender Thiere besonders zu fürchten war, und dann, daß man sich unter Harris’ Leitung, d.h. unter der eines so zuversichtlichen Führers, wie der Amerikaner es zu sein schien, nicht wohl verirren konnte.

Die während des Marsches so gut als möglich einzuhaltende Zugordnung war folgende:

An der Spitze der kleinen Gesellschaft marschirten Dick Sand und Harris, Beide bewaffnet, der Eine mit seiner langen Flinte, der Andere mit dem Remington-Gewehre.

Ihnen folgten Bat und Austin, Beide gleichmäßig mit Büchsen und Jagdmessern ausgestattet.

Hinter ihnen kamen Mrs. Weldon und der kleine Jack zu Pferde; dann Nan und Tom.

Den Schluß bildeten Acteon mit dem vierten Remington-Gewehr und Herkules mit einer Axt im Gürtel.

Dingo lief, wie Dick Sand bald bemerkte, unruhig hin und her, als spürte er einer Fährte nach. Sein ganzes Benehmen erschien, seit der Schiffbruch des »Pilgrim« ihn an’s Land geworfen, sichtbar verändert. Fast ohne Aufhören ließ er ein dumpfes, mehr klägliches als zorniges Knurren vernehmen. Es fiel das Allen auf, ohne daß es Jemand zu erklären wußte.

Dem Vetter Benedict hätte man ebenso unmöglich einen bestimmten Platz im Zuge anweisen können wie Dingo. Ohne an der Schnur geführt zu werden, hätte er doch nicht Ordnung gehalten. Er streifte mit seiner umgehangenen Blechkapsel, das Netz in der Hand und die große Loupe am Halse tragend, bald voraus, bald hinterher durch die hohen Gräser, und spürte den Orthopteren, sowie jedem anderen Insect, dessen Namen nur die Endung »ptere« hatte, nach, selbst auf die Gefahr hin, von einer giftigen Schlange gebissen zu werden.

Mrs. Weldon, welche sich darüber beunruhigte, rief ihn in der ersten Stunde wohl hundertmal zurück. Das half aber Alles nichts.

»Vetter Benedict, sagte sie endlich, ich bitte Sie nun ernstlich sich nicht zu weit zu entfernen, und ermahne Sie zum letzten Male, meine Worte nicht in den Wind zu schlagen.

– Recht gern, Cousine, antwortete der unverbesserliche Entomologe, wenn ich aber gerade ein Insect entdecke…

– Wenn Sie ein Insect entdecken, fuhr Mrs. Weldon fort, so werden Sie gut thun, es in Frieden laufen oder fliegen zu lassen, wenn ich mich nicht gezwungen sehen soll, Ihre Trommel einstweilen zu confisciren.

– Mir meine Trommel nehmen! rief Vetter Benedict, als handelte es sich darum, ihm das Herz aus dem Leibe zu reißen.

– Ihre Trommel und Ihr Netz, allerdings! erklärte Mrs. Weldon unerbittlich.

– Mein Netz auch, Cousine! Und warum nicht die Brille dazu? – Nein, Sie scherzen nur, das wagen Sie nicht zu thun!

– Selbst Ihre Brille, die ich vergessen hatte. Ich danke Ihnen, Vetter Benedict, daß Sie mich selbst an das Mittel erinnert haben, Sie blind und dadurch zwangsweise klug zu machen!«

Diese dreifache Drohung hatte doch die Wirkung, den Vetter Benedict etwa eine Stunde lang etwas im Zuge zu halten. Dann begann er aber doch wieder, auszuschwärmen, und da er das auch ohne Netz, ohne Trommel und Brille gethan hätte, mußte man es eben dabei bewenden lassen. Herkules übernahm es, den Gelehrten speciell zu behüten – ein Auftrag, der seiner Natur entsprach – und sollte im Nothfalle mit jenem ebenso verfahren, wie Vetter Benedict mit einem Insect, d.h. ihn eventuell einfangen und ebenso sorgsam zurücktragen, wie es jener mit der allerseltensten Lepidopiere gethan hätte.

Nach dieser Verabredung kümmerte man sich nicht mehr allzu ängstlich um Vetter Benedict.

Die kleine Gesellschaft war, wie wir wissen, gut bewaffnet und wohl auf ihrer Hut. Harris versicherte jedoch wiederholt, daß nichts Anderes, als höchstens ein Zusammentreffen mit nomadisirenden Indianern zu fürchten sei, und auch solche werde man vielleicht gar nicht zu Gesicht bekommen.

Jedenfalls versprachen die getroffenen Vorkehrungen zu deren Abhaltung auszureichen.

Die Fußpfade, welche den Wald in verschiedener Richtung durchschnitten, verdienten allerdings kaum diesen Namen. Es waren mehr Fährten von Thieren, als Wege für Menschen, auf denen man nur mit Mühe vorwärts kommen konnte, so daß die kleine Gesellschaft binnen zwölf Stunden im Mittel nicht mehr als fünf bis sechs Meilen zurücklegte.

Die Witterung war sehr schön. Die Sonne näherte sich dem Zenith, indem sie ihre Strahlenströme fast lothrecht niedersandte. Auf offener Ebene wäre, wie Harris mehrfach bemerkte, die Hitze jetzt unausstehlich gewesen; unter diesem undurchdringlichen Laubdache machte sie sich dagegen weit weniger fühlbar.

Dick Sand betrat den dichten Wald. (S. 181.)

Die allermeisten Bäume dieses Waldes waren sowohl Mrs. Weldon, als auch ihren weißen und schwarzen Gefährten völlig unbekannt. Ein Sachverständiger würde freilich die Beobachtung gemacht haben, daß sie weit bemerkenswerther waren durch ihre Arten, als etwa durch ihren Wuchs.

Einige solche etwas breitere Bäche… (S. 187.)

Hier stand eine »Bauhinia« oder Eiseneiche; dort ein »Molompi« (identisch mit dem Pterocarpus), mit haltbarem leichten Holze, aus dem man Pageien oder Ruder fertigt und dessen Stämme ein gewisses Harz in Ueberfluß ausschwitzen; weiterhin fanden sich »Fusteten« (Gelbholzbäume) mit reichlichem Farbstoffe und »Guajacs«, welche wohl zwölf Fuß im Durchmesser haben, die aber an Qualität die gewöhnlichen Guajacbäume nicht erreichen.

Unterwegs erkundigte sich Dick Sand bei Harris nach dem Namen aller dieser Baumarten..

»Sie haben also diesen Küstenstrich Südamerikas noch niemals gesehen? fragte Harris, bevor er die Anfrage des Anderen beantwortete.

– Niemals bei meinen Seefahrten, erwiderte der Leichtmatrose, hatte ich Gelegenheit, diese Gestade zu sehen, und offen gestanden, ich glaube, es hat mir auch noch Niemand, der sie genauer kannte, von denselben gesprochen.

– Sie haben aber mindestens die Küste von Columbia oder die von Chili und Patagonien besucht?

– Nein, auch diese nicht.

– Doch Mistreß Weldon hatte vielleicht Gelegenheit, diesen Theil der Neuen Welt kennen zu lernen? fragte Harris. Die amerikanischen Damen fürchten ja die Reisen nicht und ohne Zweifel…

– Nein, Herr Harris, antwortete Mrs. Weldon, die Handelsinteressen meines Mannes führten ihn stets nur nach Neu-Seeland und ich habe ihn nie wo andershin begleitet. Unter uns kennt also noch Niemand diesen Theil des unteren Bolivia.

– Nun, Mistreß Weldon, Sie und Ihre Gefährten werden also ein sehr eigenartiges Land zu sehen bekommen, das mit Peru, der Argentinischen Republik und Brasilien auffallend contrastirt. Seine Fauna und Flora würden die Bewunderung jedes Naturforschers erregen. Wahrlich, man möchte behaupten, Sie hätten an einem sehr glücklich gewählten Punkte Schiffbruch gelitten, und wenn man jemals dem Zufalle danken soll…

– Ich glaube lieber, daß nicht der Zufall, sondern daß Gott uns hierher geführt hat, Herr Harris.

– Gott! Ja wohl, Gott!« erwiderte Harris mit dem Tone eines Mannes, der von dem Eingreifen der Vorsehung in die Angelegenheiten dieser Welt nicht besonders viel hält.

Da indessen Niemand von der kleinen Gesellschaft weder das Land, noch dessen Erzeugnisse kannte, machte sich Harris ein Vergnügen daraus, die Namen der merkwürdigsten Bäume dieses Waldes zu nennen.

Es war in der That ärgerlich, daß in Vetter Benedict neben dem Entomologen nicht auch ein Botaniker stak! Wenn er bis jetzt keine seltenen Insecten gefunden hatte, so würde er dafür die herrlichsten Entdeckungen auf botanischem Gebiete haben machen können. Hier wucherten in Menge Vegetabilien aller Art, deren Vorhandensein in den tropischen Wäldern der Neuen Welt noch Niemand constatirt hatte. Unzweifelhaft hätte Vetter Benedict seinen Namen durch eine dieser Pflanzenfamilien verewigt. Doch, er liebte weder die Botanik, noch war er in diesem Fache bewandert. Er hegte von Natur sogar eine gewisse Abneigung gegen die Blumen, weil sich einige derselben die Freiheit nahmen, in ihren Korollen Insecten einzufangen und durch ihren giftigen Saft zu tödten.

Zuweilen wurde der Wald nahezu sumpfig. Man fühlte unter den Füßen das Netz von Wasseradern, welche die kleinen Nebenzweige des Flusses speisten. Einige solche etwas breitere Bäche konnten auch nur überschritten werden, indem man schmälere Stellen derselben aufsuchte.

An ihren Ufern wuchs häufig eine Schilfart, welche Harris »Papyrus« nannte.

Nach Ueberschreitung dieses sumpfigeren Theiles schloß sich wieder ein dichtes Blätterdach über den engen Pfaden des Waldes zusammen.

Harris zeigte Mrs. Weldon und Dick Sand sehr schöne Exemplare von Ebenholzbäumen, welche größer waren als die gewöhnlichen Arten und ein schwärzeres Holz als das im Handel vorkommende liefern. Dann traf man wieder auf Mangobäume, welche trotz der Entfernung vom Meere noch ziemlich zahlreich vorkamen. Bis in die höheren Zweige hinauf bedeckte dieselben ein dichter Ueberzug von Orseille. Ihr kühler Schatten und ihre köstlichen Früchte machen sie zu sehr schätzenswerthen Bäumen, und doch hätte, wie Harris erzählte, kein Eingeborner gewagt, sie selbst zu vermehren.

»Wer einen Mangobaum pflanzt, der stirbt!« so lautete ein abergläubiges Sprichwort des Landes.

Während der zweiten Hälfte dieses ersten Reisetages gelangte die kleine Gesellschaft nach eingenommenem Mahle auf ein leicht wellenförmiges Terrain, das zwar noch nicht die Ausläufer des Gebirgskammes durchzogen, sondern das nur eine Art hügeliger Ebene darstellte, welche weiter nach rückwärts an den Bergkamm grenzte.

Da hier die Bäume mehr vereinzelt oder nur in kleineren Gruppen zusammenstanden, wäre der Weg leichter gewesen, hätten nicht dichte, hohe Gräser den ganzen Boden bedeckt, so, als befände man sich in den Dschungeln Ostindiens. Die Vegetation erschien wohl minder üppig als in der Fluß niederung, übertraf aber noch beiweitem die der gemäßigten Zonen der Alten und der Neuen Welt. Die Indigopflanze wuchs hier in großer Menge und galt nach Harris’ Aussage mit Recht als das gefürchteteste, Alles überwuchernde Unkraut in der ganzen Umgebung.

Gerade ein Baum, der sonst in diesem Theile des Continentes sehr allgemein war, schien jedoch dem Walde zu fehlen – der Kautschukbaum. In der That giebt es die »Ficus primoïdes«, die, »Castilloa elastica«, die »Cecropia peltata«, die »Collophora utilis«, die »Cameraria latifolia« und vorzüglich die »Syphonia elastica«, welche verschiedenen Familien angehören, in Mittelamerika sonst wirklich in Ueberfluß. Auffallender Weise sah man hier von keinem dieser Bäume auch nur ein einziges Exemplar.

Nun hatte Dick Sand seinem Freunde Jack leider versprochen, ihm Kautschukbäume zu zeigen. Man kann sich also die arge Enttäuschung des kleinen Burschen vorstellen, der sich ja einbildete, daß auf solchen Bäumen gleich sprechende Babies, bewegliche Polichinells und elastische Ballons fix und fertig wüchsen. Er hielt mit seinen Klagen auch nicht zurück.

»Nur Geduld, mein kleines Männchen, tröstete ihn Harris, Deine Kautschukbäume werden wir in der Umgebung der Hacienda noch zu Hunderten antreffen.

– Recht schöne und elastische? fragte der kleine Jack.

– So elastisch wie nur irgend etwas sein kann. – Doch halt, möchtest Du wohl so eine schöne Frucht, um den Aerger zu vergessen?«

Harris pflückte bei diesen Worten schon von einem nahen Baume eine so saftige Frucht, wie eine Pfirsiche.

»Wissen Sie, Herr Harris, daß diese Früchte nicht schädlich sind? fragte Mrs. Weldon.

– Das kann ich versichern, Mistreß Weldon, antwortete der Amerikaner, der selbst eine solche Frucht anbiß. Das ist eine Mangofrucht.«

Ohne sich viel bitten zu lassen, folgte der kleine Jack dem Beispiele Harris. Er erklärte, daß »die Birnen da« ausgezeichnet wären, und bald wurde der Baum herzhaft geplündert.

Diese Mangobäume gehörten derjenigen Species an, deren Früchte im März und April schon reisen, während andere erst im September eßbare Früchte tragen.

»Ei, das schmeckt schön, das schmeckt schön! rief der kleine Jack entzückt und mit vollem Munde. Mein Freund Dick hat mir aber Kautschukbäume versprochen, wenn ich recht artig wäre, und ich will nun auch Kautschukbäume.

– Du wirst ja welche finden, mein Jack, beruhigte ihn Mrs. Weldon. Herr Harris hat es Dir versprochen.

– Das ist noch nicht Alles, fuhr Jack fort, mein Freund Dick hat mir noch ganz andere Sachen versprochen.

– Was hat Dein Freund Dick denn zugesagt? fragte Harris lächelnd.

– Kolibris, Herr Harris!

– Du sollst auch noch Kolibris haben, mein Söhnchen, aber fern… fern von hier!« antwortete der Amerikaner.

Der kleine Jack hatte gewiß nicht so Unrecht, sich einige dieser reizenden Kolibris zu wünschen, denn er befand sich in einem Lande, wo es solche in Menge geben mußte. Die Indianer, welche die Federn dieser Vögel so kunstvoll zu behandeln verstehen, haben an die Edelsteine der gefiederten Welt die sinnigsten Namen verschwendet. Sie nennen sie z.B. die »Strahlen« oder die »Haare der Sonne«, hier flattert der »König der Blumen«, dort die »Himmelsblume, welche die irdischen Blüthen liebkost«. Daneben wiegt sich das »Sträußchen von Edelsteinen, das im Licht des Tages flimmert«. Man kommt zu dem Glauben, daß ihre rege Einbildungskraft für jede der fünfhundert Abarten, welche die Familie der Kolibris zählt, einen neuen poetischen Namen erfunden habe.

So zahlreich diese winzigen Vöglein aber in den Wäldern Bolivias auch hätten sein müssen, der kleine Jack mußte sich vorläufig mit Harris Versprechen genügen lassen. Nach der Aussage des Amerikaners befand man sich jetzt noch zu sehr in der Nähe der Küste, und die Kolibris lieben die dem Ocean benachbarten Wälder bekanntlich nicht. Die Gegenwart des Menschen verscheucht sie dagegen nicht, und auf der Hacienda sollte man den ganzen Tag ihr »Teretere« hören und das dem Schnurren eines Spinnrades ähnliche Summen ihrer Flügel vernehmen.

»Ei, ich möchte schon dort sein!« rief der kleine Jack entzückt.

Das sicherste Mittel, die Hacienda bald zu erreichen, war nun gewiß darin zu sehen, daß man sich unterwegs möglichst wenig aufhielt. Mrs. Weldon und ihre Begleiter gönnten sich deshalb auch nur die unumgänglich nöthige Zeit zur Ruhe.

Die Umgebung wechselte ihr Aussehen. Zwischen den verstreuten Bäumen öffneten sich viele Lichtungen. Wo die Sonne den Gräserteppich durchdrang, zeigte sie den röthlichen Granit und Syenit des Bodens, welch’ letzterer manchmal Platten von Lapis-lazuli ähnlich aussah.

Auf höheren Stellen wucherte die Sarsaparille, eine Pflanze mit fleischigen Höckern, welche einen fast unentwirrbaren Knäuel bildet. Alles in Allem hätte man doch dem Wald mit seinen schmalen Pfaden den Vorzug gegeben.

Noch vor Sonnenuntergang befand sich die Reisegesellschaft etwa acht Meilen von ihrem Ausgangspunkte entfernt. Die Wanderung war ohne Unfall, sogar fast ohne Beschwerden vor sich gegangen. Freilich hatte man nur den ersten Reisetag hinter sich und die folgenden Etappen konnten ja noch Hindernisse in Menge bieten.

Unter allseitiger Zustimmung machte man an der jetzt erreichten Stelle Halt. Hier sollte kein eigentliches Lager, sondern nur eine nothdürftige Schlafstätte eingerichtet werden. Ein einzelner Wachtposten, der von zwei zu zwei Stunden abgelöst wurde, mußte ja, da man weder wilde Menschen, noch reißende Thiere zu fürchten hatte, vollkommen genügen. Als Schutz fand man nichts Einladenderes als einen ungeheueren Mangobaum, dessen breite, dicht belaubte Zweige eine natürliche Veranda darstellten. Im Nothfalle hätte man in seiner Blätterkrone Nachtlager halten können.

Es erhob sich nur, als sich die kleine Gesellschaft näherte, in dem Gipfel des Baumes ein wahrhaft betäubender Lärm.

Der Mangobaum diente einer ganzen Kolonie geschwätziger, zänkischer, grauer Papageien zum Sammelplatze. Das sind sehr wilde Vögel, welche andere lebende Vögel anfallen, und man würde sehr irre gehen, wollte man sie mit ihren Anverwandten, welche man in Europa häufig in Käfigen hält, vergleichen.

Diese Papageien plauderten mit einem solchen Geräusche, daß Dick Sand nicht übel Lust hatte, sie mit einer Schrotladung zu begrüßen, um sie entweder zum Schweigen zu bringen oder in die Flucht zu jagen. Harris redete ihm das aber unter dem Vorwande aus, daß es in diesen Einöden gerathen sei, niemals ohne Noth seine Gegenwart durch den Knall eines Gewehres zu verrathen.

»Wir wollen ohne jedes Geräusch dahinziehen, so werden wir ohne Gefahr an’s Ziel gelangen.«

Das Abendbrot ward zubereitet, ohne daß man nöthig hatte, die Speisen erst zu kochen. Es bestand aus Conserven und Zwieback. Ein kleiner Bach, der sich durch das Gras schlängelte, lieferte trinkbares Wasser, welches man durch einige Tropfen Rum noch angenehmer zu machen wußte. Zum Dessert war ja der Mangobaum zur Hand mit seinen saftreichen, nahrhaften Früchten, welche die Papageien freilich nicht ohne lauten Protest abpflücken ließen.

Gegen das Ende der Mahlzeit ward es allmälig dunkel. Die Schatten erhoben sich langsam vom Erdboden nach den Gipfeln der Bäume, deren Kronen wie sein ausgeschnittene Bilder mit dem noch hellen Himmel contrastirten. Die ersten Sterne glichen mehr glänzenden Blüthen, die an den Ausläufern der letzten Zweige glimmten. Auch der Wind legte sich mehr und mehr und flüsterte nicht weiter im Gezweig. Selbst die Papageien waren stumm geworden. Die Natur bereitete sich zum Schlummer und lud jedes lebende Wesen ein, es ihr nachzuthun.

Die Vorbereitungen zum Nachtlager konnten natürlich nur sehr dürftig sein.

»Sollten wir für die Nacht nicht ein großes Feuer anzünden? fragte Dick Sand den Amerikaner.

Das Abendbrot ward zubereitet. (S. 191.)

– Wozu? antwortete Harris. Die Nächte sind hier nicht kalt und der weit ausgebreitete Mangobaum schützt den Boden auch noch außerdem vor jeder Verdunstung. Wir haben weder von zu kühler, noch von zu feuchter Luft etwas zu fürchten. Ich wiederhole Ihnen, mein junger Freund, was ich schon einmal sagte: Reisen wir incognito! Weder ein Feuer, noch einen Flintenschuß, wenn es zu umgehen ist.

Mit Ausnahme des wachehaltenden Riesen… (S. 195.)

– Ich glaube gern, ließ sich da Mrs. Weldon vernehmen, daß wir weder von Indianern und selbst von Waldläufern, deren Sie erwähnten, etwas zu fürchten haben. Giebt es hier aber nicht auch vierfüßige Feinde, zu deren Verscheuchung ein Feuer sehr dienlich sein möchte?

– O, Mistreß Weldon, erwiderte der Amerikaner, Sie thun den wilden Thieren dieses Landstriches wahrlich zu viel Ehre an! Glauben Sie mir, sie fürchten hier den Menschen mehr, als dieser jene.

– Wir sind aber in einem Walde, meinte Jack, und im Walde giebt es stets wilde Thiere.

– Ja, Wälder und Wälder, mein kleines Männchen, ist ein ebenso großer Unterschied, wie Thiere und Thiere! antwortete Harris lächelnd. Stell’ Dir nur vor, Du wärest hier in einem großen Parke. Die Indianer sagen von diesem Lande nicht ohne Grund: »Es como el Pariso!« – Es ist wie ein irdisches Paradies!

– Aber Schlangen sind doch hier? sagte Jack.

– Nein, mein Jack, versicherte Mrs. Weldon, hier giebt es keine Schlangen; Du kannst ganz ruhig schlafen.

– Oder Löwen?

– Nicht einen Schatten von Löwen, mein Söhnchen, beruhigte ihn Harris.

– Aber Tiger? fragte Jack weiter.

– Frage Deine Mama, ob sie je schon gehört hat, daß es in diesem Erdtheile Tiger gebe.

– Niemals, bestätigte Mrs. Weldon.

– Ganz recht, fiel hier Vetter Benedict ein, der ganz zufällig einmal bei einem Gespräche gegenwärtig war, wenn es in der Neuen Welt auch wirklich weder Löwen noch Tiger giebt, so trifft man darauf doch Kuguare und Jaguare genug.

– Sind das böse Thiere? fragte der kleine Jack.

– Pah! stieß Harris hervor, ein Eingeborner fürchtet sich nicht, diese Bestien anzugreifen, und wir sind ja gut bei Kräften. Wahrhaftig, Herkules wäre stark genug, zwei Jaguaren auf einmal den Garaus zu machen.

– Du wachst doch gut, Herkules, sagte der kleine Jack, und käme ein wildes Thier, um uns zu beißen…

– So beiße ich jenes dafür, Herr Jack! antwortete Herkules, indem er seinen mit prächtigen Zähnen ausgerüsteten Mund zeigte.

– Ja, Ihr mögt wachen, Herkules, sagte der Leichtmatrose, doch die Anderen und ich selbst werden Euch ablösen.

– Nein, Herr Dick, fiel Acteon ein, Herkules, Bat, Austin und ich, wir vier werden dazu vollkommen genug sein. Sie müssen während der Wacht Ruhe haben.

– Das ist von Euch recht gut gemeint, Acteon, erwiderte Dick Sand, doch es ist meine Pflicht…

– Nein, nein, gieb diesen braven Leuten nach, mein lieber Dick! bemerkte Mrs. Weldon.

– Ich, ich werde auch Wache stehen! meldete sich der keine Jack, dessen Augenlider sich schon langsam schlossen.

– Ja wohl, mein Jack, ja wohl, Du sollst auch an die Reihe kommen! bestätigte seine Mutter, die ihm nicht widersprechen wollte.

– Aber, fügte der Knabe hinzu, wenn’s im Walde keine Löwen und keine Tiger giebt, dann müssen wenigstens Wölfe darin sein!

– O, aber ganz komische Wölfe, antwortete der Amerikaner. Es sind das übrigens nicht einmal Wölfe, sondern mehr Füchse, eigentlich nur solche Waldhunde, welche man »Guaras« nennt.

– Nun, so ein Guara beißt aber? fragte der kleine Jack.

– Bah! für Dingo wäre es nur ein Bissen!

– Schadet nichts, lallte Jack noch einmal, diese Guaras sind doch Wölfe, weil man sie einmal so nennt!«

Friedlich schlummerte hierauf Jack in den Armen Nan’s, die sich an den Stamm des Baumes lehnte, ein. Mrs. Weldon drückte noch einen Kuß auf die Stirne des zarten Knaben und bald schlossen sich auch ihre Augen zur nächtlichen Ruhe.

Wenige Minuten später führte Herkules den Vetter Benedict, der sich von der Jagd auf Pyrophoren zu weit hatte wegreißen lassen, nach der Lagerstatt zurück. Hier schwärmten nämlich jene »Cocuyos« oder Leuchtmücken umher, welche die eleganten Damen in ihrem Haarputz wie ebenso viele lebende Edelsteine anzubringen lieben. Diese Insecten, welche aus zwei, am Brustschilde befindlichen Drüsen ein lebhaftes, bläuliches Licht ausstrahlen, sind im südlichen Amerika sehr zahlreich. Vetter Benedict dachte eine reiche Ernte einzuheimsen, doch ließ ihm Herkules, trotz seiner Proteste, keine Zeit dazu, sondern brachte ihn nach dem Lagerplatze zurück. Hatte Herkules einmal einen Auftrag, so führte er ihn mit soldatischer Gewissenhaftigkeit aus, ein Umstand, der in diesem Falle gewiß eine große Menge von Leuchtfliegen vor der Einsperrung in die Blechbüchse des Entomologen rettete.

Einige Augenblicke später lagen mit Ausnahme des wachehaltenden Riesen Alle in süßer Ruhe.

Siebenzehntes Capitel.

Hundert Meilen in zehn Tagen.

Gewöhnlich werden die Reisenden oder die Waldläufer, welche unter freiem Himmel die Nacht im Urwalde zubrachten, des Morgens durch ein ebenso verwirrtes wie unangenehmes Geheul erweckt. In einem solchen Morgenconcerte hört man von Allem etwas, ein Glucken und Grunzen, ein Krächzen und Kichern, ein Bellen und Plappern und was die verschiedensten Thiere sonst noch an Lauten erzeugen.

Meist sind es jedoch zahlreiche Affen, die den Morgen in dieser Weise begrüßen. Hier begegnen sich der kleine »Marikina«, die »Meerkatze« mit gesprenkeltem Gesichte, der »graue Mono«, dessen Fell die Indianer als Schutzdecke über ihre Flintenschlösser benützen, der an zwei langen Haarbüscheln erkennbare »Sagou« und noch manche andere Arten dieser vielgestaltigen Familie.

Die merkwürdigsten unter diesen Vierhändern sind ohne Zweifel jedoch die »Gueribas« mit Greiferschwanz und einem wahren Belzebubgesichte. Sobald die Sonne sich erhebt, intonirt der Aelteste der Bande mit imposanter, aber dumpfer Stimme einen monotonen Psalm. Er stellt den Bariton der Truppe vor. Nach ihm wiederholen die jungen Tenöre diese Morgen-Die Indianer sagen dann, die Gueribas »beten ihre Paternoster ab«.

Gerade heute schienen die Affen aber ihr Morgengebet zu versäumen, denn man hörte keinen Laut, obwohl ihre Stimme sehr weittragend ist, was man von der starken Vibration der Luft in einer im Zungenbeine ausgehöhlten Vertiefung herleitet.

Kurz, aus irgend einem beliebigen Grunde intonirten weder die Gueribas, noch die Sagous oder andere verwandte Vierhänder ihr gewohntes Concert.

Nomadisirenden Indianern wäre das nicht angenehm gewesen. Hiermit ist zwar nicht gesagt, daß jene diese Art Choralmusik allzusehr liebten, aber sie machen gern Jagd auf die Affen, weil das Fleisch derselben, vorzüglich in geräuchertem Zustande, von ganz ausgezeichneter Qualität ist.

Dick Sand und seine Gefährten waren ohne Zweifel mit den Gewohnheiten der Gueribas nicht vertraut, sonst würden sie erstaunt gewesen sein, jene nicht zu hören. Einer nach dem Anderen wachten sie auf, wohlgestärkt durch die wenigen Ruhestunden, welche gänzlich ohne Störung verliefen.

Der kleine Jack war nicht der Letzte, die Arme auszudehnen und zu strecken. Seine erste Frage ging dahin, zu hören, ob Herkules während der Nacht einen Wolf aufgezehrt habe. Nun hatte sich leider kein Wolf gezeigt und Herkules also auch noch nicht gefrühstückt.

Uebrigens waren ja Alle noch ebenso nüchtern, wie er, und nach einem kurzen Morgengebete beeilte sich Nan, eine Mahlzeit herzurichten.

Der Speisezettel glich dem vom Abend vorher wie ein Ei dem anderen; bei dem durch frische Waldluft gereizten Appetit war jedoch kein Tischgast allzu wählerisch. Es kam ja vor Allem nur darauf an, für den zweiten tüchtigen Marschtag neue Kräfte zu sammeln, und das versäumte man auch nicht. Vielleicht zum ersten Male in seinem Leben entdeckte Vetter Benedict, daß das Essen keine gleichgiltige oder gar unnütze Sache sei. Er erklärte nur rund heraus, er sei nicht gekommen, dieses Land mit den Händen in den Taschen zu »besuchen«, und daß Herkules, wenn er ihn noch einmal hindern sollte, Cocuyos und andere Leuchtfliegen einzufangen, es mit ihm zu thun haben werde.

Diese Drohung schien auf unseren Riesen freilich keinen sehr tiefen Eindruck zu machen, doch nahm ihn Mrs. Weldon gelegentlich bei Seite und sagte, er könne ihr großes Kind vielleicht rechts und links nebenher schweifen lassen, nur solle er den Gelehrten nie aus den Augen verlieren. Man durfte Vetter Benedict ja nicht gänzlich der seinem Alter entsprechenden Vergnügungen berauben.

Um sieben Uhr Morgens setzte sich die kleine Gesellschaft wieder in der Richtung nach Osten in Bewegung, wobei sie die schon am vorhergehenden Tage beobachtete Zugordnung einhielt

Noch war der Wald nicht zu Ende. Von diesem jungfräulichen Boden, wo Wärme und Feuchtigkeit zusammenwirkten, die Vegetation zu unterstützen, mußte man ein überreiches Pflanzenthum wohl voraussetzen. Der Breitegrad dieser umfänglichen Ebene fiel fast mit denen der Tropengegenden zusammen, und während einiger Sommermonate mußte die nahe dem Zenith culminirende Sonne beinahe senkrechte Strahlen herabsenden. In dem Erdboden, dessen Untergrund sich stets feucht erhielt, war also eine ungeheuere Wärmemenge aufgespeichert. Man konnte sich aber auch kaum ein bezaubernderes Naturbild vorstellen, als diese Reihe von Wäldern oder vielmehr diesen Wald ohne Ende.

Eine auffallende Beobachtung hatte sich indessen Dick Sand aufgedrängt, da man sich nach Harris’ Aussage in den Pampas befinden sollte. Das Wort, Pampa« nämlich gehört der »Quichuasprache« an und bedeutet so viel wie »Ebene«. Täuschte ihn seine Erinnerung nicht, so boten diese Ebenen aber folgendes Aussehen: Mangel an Wasser und Bäumen, ebenso wie an Gestein; während der Regenzeit üppig wuchernde Distelmassen, welche sich in der warmen Jahreszeit fast zu Sträuchen entwickeln und ein undurchdringliches Gewirre bilden; ferner enthalten die Pampas meist einige Zwergbäume und stachliche Gesträuche; Alles aber verleiht diesen Ebenen ein mehr trockenes, trostloses Aussehen.

Ein ganz anderer Anblick bot sich jedoch der von dem Amerikaner geführten kleinen Gesellschaft, seitdem sie die Küste verlassen. Hier dehnte sich der Wald bis zu den Grenzen des Horizontes aus. Nein, das war nicht eine solche Pampa, wie der Leichtmatrose sie sich vorstellte. Sollte die Natur, wie Harris behauptete, dieses Plateau von Atacama wirklich so abweichend von seiner Umgebung geschaffen haben, während er von demselben nichts weiter wußte, als daß es eine der umfänglichsten Wüsteneien Südamerikas zwischen der Andenkette und dem Stillen Ocean darstellte?

Dick Sand richtete jenes Tages auch einige bezügliche Fragen an den Amerikaner und verhehlte demselben seine Verwunderung über dieses ungewöhnliche Aussehen der Pampa nicht.

Er wurde von Harris aber schnell eines Besseren belehrt, indem er über diesen Theil Bolivias die eingehendsten Einzelheiten mittheilte, die von seiner genauen Kenntniß des Landes zeugten.

»Sie haben ganz Recht, mein junger Freund, sagte er zu dem Leichtmatrosen. Die eigentliche Pampa entspricht vollständig der Schilderung, wie Sie dieselbe aus Reisewerken kennen, d.h. sie bildet eine dürre, trostlose Ebene, welche dem Wanderer oft die größten Schwierigkeiten bietet. Sie erinnert unwillkürlich an die Savannen Nordamerikas – nur daß diese etwas mehr sumpfiger Natur sind. Einen solchen Charakter zeigt z.B. die Pampa des Rio Colorado, zeigen die »Ilanos« des Orinoco und des Venezuela. Hier dagegen reisen wir in einer Gegend, deren Anblick mich gar nicht Wunder nimmt. Freilich mache ich die Reise quer durch das Plateau, welche den Vortheil hat, unseren Weg abzukürzen, selbst zum ersten Male. Wenn ich jenes auch noch niemals sah, so weiß ich doch, daß es sich von den eigentlichen Pampas sehr wesentlich unterscheidet. Eine solche treffen Sie zwischen der westlichen Cordillere und der hohen Andenkette überhaupt nicht an, sondern würden Sie erst jenseits der Berge in dem ganzen östlichen Theile des Continentes bis zum Atlantischen Ocean finden.

– Werden wir die Kette der Anden übersteigen? fragte Dick Sand lebhaft.

– Nein, mein junger Freund, das nicht, erwiderte lächelnd der Amerikaner. Ich sagte auch. Sie würden, nicht. Sie werden eine solche finden. Halten Sie sich versichert, daß wir dieses Plateau, dessen größte Höhen nur fünfzehnhundert Fuß erreichen, nicht verlassen werden. O, wenn wir mit den uns zur Verfügung stehenden Transportmitteln die Anden übersteigen müßten, hätte ich Sie nicht zu einer so gefährlichen Reise überredet.

– Wahrhaftig, meinte Dick Sand, dann wäre es wohl gerathener gewesen, längs der Küste hinauf oder hinab zu ziehen.

– Gewiß, weit besser! bekräftigte Harris. Die Hacienda de San Felipe liegt jedoch diesseits der Cordilleren. Unsere Reise wird also weder im ersten, noch im letzten Theile besondere Schwierigkeiten finden.

– Und Sie befürchten auch nicht, sich in den Wäldern, die Sie zum ersten Male bereisen, zu verirren? fragte Dick Sand.

– O nein, mein junger Freund, versicherte Harris. Wohl weiß ich, daß dieser Wald einem unendlichen Meere gleicht oder besser einem Meeresgrunde, wo selbst ein Seemann keine Sternenhöhe messen und seine Lage nicht bestimmen könnte. Bei meiner Gewohnheit, durch die Wälder zu reisen, weiß ich den richtigen Weg schon aus der Anordnung gewisser Bäume, aus der Stellung ihrer Blätter, aus der Formation oder den Bestandtheilen des Erdbodens, kurz aus tausend Einzelheiten zu erkennen, die Ihnen alle entgehen.

Verlassen Sie sich darauf, ich führe Sie und Ihre Gefährten alle dahin, wohin Sie gelangen sollen!«

Harris sagte das Alles mit unleugbarer Zuversicht. An der Spitze des Zuges marschirend, sprachen er und Dick Sand häufig mit einander, ohne daß sich Jemand in ihre Unterhaltung mischte. Empfand der Leichtmatrose aber einmal eine Beunruhigung, welche der Amerikaner nicht zu zerstreuen vermochte, so zog er es vor, sie in sich zu verschließen.

Der 8., 9., 10., 11. und 12. April vergingen, ohne daß die Reise durch irgend einen Zwischenfall gestört wurde. Binnen zwölf Stunden legte man freilich niemals mehr als acht bis neun Meilen zurück. Regelmäßig ward Halt gemacht, um zu ruhen oder eine Mahlzeit einzunehmen, und wenn sich auch schon eine gewisse Ermüdung einstellte, so blieb doch der Gesundheitszustand Aller recht zufriedenstellend.

Der kleine Jack begann etwas zu leiden von diesem Waldleben, an das er nicht gewöhnt war, und das für ihn nach und nach gar zu einförmig wurde. Hierzu kam auch, daß man ihm nicht alle gegebenen Versprechungen hielt. Die Kautschuk-Gliedermännchen, die Kolibris – nichts von Allem wollte sich zeigen. Es war davon die Rede gewesen, ihm die herrlichsten Papageien der Welt zu weisen, welche in diesen üppigen Wäldern ja nicht fehlen konnten. Wo blieben doch die dieser Gegend eigenthümlichen Papageien mit grünem Gefieder, die Aras mit entblößten Wangen, langen zugespitzten Schwänzen und hellleuchtenden Farben, welche sich niemals auf die Erde setzen; jene mehr in Tropengegenden einheimischen Camindeen oder die farbenprächtigen Sittige mit befiedertem Gesicht, wo alle die geschwätzigen Vögel, welche nach den Sagen der Indianer noch die Sprachen der verschollenen Stämme sprechen?

Ihr röthliches Fell leuchtete wie ein Feuer. (S. 203.)

An Stelle der Papageien sah der kleine Jack nur aschgraue, rothgeschwänzte Jakos, welche in Massen unter den Bäumen umherschwärmten. Diese Jakos entbehrten für ihn aber des Reizes der Neuheit, da man dieselben in alle Theile der Welt übergeführt hat. Auf beiden Continenten schallt ihr unerträgliches Geschwätz durch die Häuser, und von der ganzen Familie, Psittacus« sind sie diejenigen, welche am leichtesten sprechen lernen.

Wir müssen hier auch die Bemerkung einflechten, daß, wenn der kleine Jack unzufrieden war, auch Vetter Benedict sich nicht mehr befriedigt fühlte.

Man hatte ihn unangefochten links oder rechts nebenherstreifen lassen, doch gelang es ihm niemals, ein Insect zu finden, das würdig gewesen wäre, seine Sammlungen zu bereichern. Selbst die Leuchtkäfer hüteten sich, des Abends zu erscheinen und ihn durch die Phosphorescenz ihres Brustschildes anzulocken. Die Natur schien den unglücklichen Entomologen ordentlich zum Narren zu haben, was ihm die Laune natürlicher Weise gründlich verdarb.

Noch vier Tage lang ging die Wanderung nach Nordosten unter denselben Verhältnissen weiter. Am 16. April durfte man nur annehmen, etwa hundert Meilen Weges zurückgelegt zu haben. Wenn Harris sich nicht verirrt hatte – und das verneinte er mit Sicherheit – so befand sich die Hacienda de San Felipe nur noch zwanzig Meilen entfernt von dem heutigen Halteplatze. Vor Ablauf von achtundvierzig Stunden mußte die kleine Gesellschaft also ein bequemes Unterkommen finden, wo sie endlich nach so langer Mühsal ausruhen konnte

Obschon man aber fast durch die ganze Mitte des Plateau gezogen war, begegnete man doch niemals einem Eingebornen oder einem Nomaden in dem endlosen Walde.

Ohne ein Wort darüber verlauten zu lassen, bedauerte Dick Sand doch wiederholt, nicht an einer anderen Stelle der Küste gescheitert zu sein. Weiter nach Süden oder nach Norden zu konnte an Flecken, Dörfern oder einzelnen Ansiedelungen kein Mangel sein, und schon seit langer Zeit hätte Mrs. Weldon nebst ihren Gefährten ein schützendes Obdach gefunden.

Erschien diese Gegend aber so menschenleer, so zeigten sich dafür in den letzten Tagen Thiere um so häufiger. Dann und wann vernahm man einen langen, kläglichen Schrei, der nach Harris von großen Faulthieren, »Ais« genannt, herrührte, den gewöhnlichen Gästen dieser ungeheueren Wälder.

Während der Mittagsrast erscholl an diesem Tage plötzlich ein Pfeifen von so eigenthümlicher Art, daß es Mrs. Weldon nicht wenig beunruhigte.

»Was war das? fragte sie, sich rasch erhebend.

– Eine Schlange!« rief Dick Sand, der mit dem Gewehre in der Hand vor Mrs. Weldon Stellung nahm.

Die Befürchtung lag ja ziemlich nahe, daß irgend ein Reptil unter dem hohen Grase bis zu dem Halteplatz herangeglitten war. Es hätte das recht wohl eine jener ungeheueren »Sucurus« sein können, d.h. eine Boa-Art, welche bis vierzig Fuß Länge erreichen.

Harris rief jedoch Dick Sand, zu dessen Unterstützung die Neger schon herbeieilten, zurück und suchte Mrs. Weldon zu beruhigen.

Seiner Aussage nach konnte jenes Pfeifen gar nicht von einer Sucuru herrühren, einfach deshalb, weil diese sich überhaupt nicht in dieser Weise hören lassen! Dagegen deute es auf die Anwesenheit gewisser, sehr unschuldiger Vierfüßler, welche hier sehr zahlreich vorkämen.

»Beruhigen Sie sich also, sagte er, und machen Sie keine Bewegung, welche jene Thiere erschrecken könnte.

– Was für welche sind es denn? fragte Dick Sand, der es sich einmal zur Gewissenspflicht gemacht hatte, dem Amerikaner, welcher sich übrigens niemals lange bitten ließ, auszufragen und zum Reden zu bewegen.

– Das sind Antilopen, junger Freund, erklärte Harris.

– O, die möcht’ ich so gerne sehen! rief der kleine Jack.

– Das ist nicht so leicht, mein kleines Männchen, erwiderte der Amerikaner, gar nicht so leicht.

– Vielleicht könnte man sich diesen pfeifenden Antilopen doch vorsichtig zu nähern suchen? fragte Dick Sand.

– O, Sie würden keine drei Schritte gethan haben, antwortete der Amerikaner, so wäre die ganze Gesellschaft entflohen. Bemühen Sie sich deshalb also lieber gar nicht!«

Dick Sand hatte seine Gründe, etwas neugierig zu sein. Er mußte sehen, woran er war, und mit der Flinte in der Hand glitt er geräuschlos durch das hohe Gras. Plötzlich huschten mit Sturmeseile etwa ein Dutzend graziöser Gazellen mit kleinen, spitzen Hörnern vorüber. Ihr röthliches Fell leuchtete fast wie ein Feuer zwischen dem dichten Laubwerk des Waldes.

»Das hatte ich Ihnen vorhergesagt!« bemerkte Harris, als der Leichtmatrose seinen Platz neben ihm wieder einnahm.

War es jetzt wirklich unmöglich gewesen, die leichtfüßigen Antilopen genauer zu erkennen, so sollte das bei einem anderen Rudel von Thieren, welche am nämlichen Tage in Sicht kamen, besser gelingen. Auch diese konnte man zwar nur unvollkommen sehen, ihre Erscheinung rief aber zwischen Harris und einigen Anderen einen sehr merkwürdigen Meinungsaustausch hervor.

Gegen vier Uhr Nachmittags hatte die kleine Gesellschaft an einer Waldblöße einen kurzen Halt gemacht, als aus einem etwa hundert Schritte entfernten Dickicht drei oder vier große Thiere hervorbrachen und mit ziemlicher Schnelligkeit davon liefen.

Trotz der Einreden des Amerikaners schlug der Leichtmatrose diesmal doch mit der Büchse an und gab auf eines jener Thiere Feuer. In dem Augenblicke aber, als der Schuß krachte, hatte Harris schnell dem Gewehre eine andere Richtung gegeben, so daß Dick Sand trotz seiner Fertigkeit im Schießen sein Ziel verfehlte.

»Nicht feuern! Nur nicht feuern! ermahnte der Amerikaner.

– Warum nicht? Das waren ja Giraffen! antwortete Dick Sand.

– Giraffen? wiederholte der kleine Jack, indem er sich im Sattel aufrichtete. Wo sind denn die großen Thiere?

– Giraffen! bemerkte Mrs. Weldon. Du täuschtest Dich wohl, Dick; in Amerika giebt es Giraffen nicht.

– In der That, sagte Harris, der sehr erstaunt schien, in diesem Lande können Giraffen nicht vorkommen.

– Nun, und was sahen wir denn sonst?… fragte Dick Sand.

– Ich weiß es wirklich nicht, erwiderte Harris. Sollten Ihre Augen Sie nicht betrogen haben, mein junger Freund? Ich glaube weit eher, daß das Strauße waren.

– Strauße! wiederholten Mrs. Weldon und Dick Sand wie aus einem Munde, und sahen einander verwundert an.

– Ja wohl, einfache Strauße, versicherte Harris.

– Strauße sind aber Vögel, versetzte Dick Sand, und können folglich nur zwei Füße haben.

– Gewiß, antwortete Harris, und ich glaube eben gesehen zu haben, daß jene Thiere Zweifüßler waren.

– Wie? Zweifüßler! versetzte der Leichtmatrose.

– Ich glaubte allerdings auch, vierfüßige Thiere gesehen zu haben, äußerte Mrs. Weldon.

– Ich auch, fügte der alte Tom hinzu, dessen Worte Bat, Acteon und Austin bestätigten.

– Strauße mit vier Beinen! lachte Harris laut auf. Das wäre kostbar!

– Auch haben wir Alle, setzte Dick Sand hinzu, Giraffen vor uns zu haben geglaubt, aber keine Strauße.

– Nein, mein junger Freund, nein, nein! erwiderte Harris. Sie haben wahrhaftig falsch gesehen. Es erklärt sich das leicht durch die Schnelligkeit, mit der die Thiere entflohen. Uebrigens ist es Jägern mehr als einmal widerfahren, sich ganz wie Sie zu täuschen, wo sie das nicht im Mindesten geglaubt hätten!«

Was der Amerikaner sagte, klang la so ziemlich annehmbar. Man kann sich wohl irren, wenn man einen recht hohen Strauß und eine mittelgroße Giraffe aus einiger Entfernung nur flüchtig sieht. Handelt es sich dabei auch um die Unterscheidung eines Schnabels und einer Schnauze, so ragen doch Beide merkbar vor einen langen, etwas nach rückwärts getragenen Hals hinaus, und, streng genommen, könnte man wohl sagen, daß ein Strauß nichts Anderes sei als eine halbe Giraffe. Es fehlen ihm nur die Hinterfüße. Eilen jener Zwei-oder dieser Vierfüßler also schnell vor dem Beobachter vorüber, so kann man buchstäblich den Einen für den Anderen halten.

Der schlagendste Beweis dafür, daß Mrs. Weldon und die Uebrigen sich täuschten, lag ja in dem Umstande, daß Giraffen in Amerika nicht vorkommen.

Dick Sand äußerte hierüber noch eine Bemerkung.

»Ich glaubte aber, daß man in der neuen Welt Strauße ebensowenig anträfe als Giraffen?

– Doch, mein junger Freund, antwortete Harris, und gerade Südamerika besitzt eine ihm ganz eigenthümliche Art. Zu ihr gehört z.B. der »Nandu«, den Sie eben sahen!«

Harris sprach die Wahrheit. Der Nandu ist in den Ebenen Südamerikas ganz gewöhnlich und das Fleisch der jungen Thiere auch recht schmackhaft. Dieses kräftige Thier, dessen Höhe manchmal zwei Toisen (= 12 Fuß) übersteigt, hat einen geraden Schnabel, lange Flügel von buschigen bläulichen Federn und Füße mit drei Zehengliedern, was ihn von den Straußarten Afrikas sicher unterscheidet.

Harris machte diese genauen Angaben und schien mit der Lebensweise der Nandus überhaupt sehr vertraut. Mrs. Weldon und ihre Genossen mußten eine Täuschung ihrerseits endlich wohl zugeben.

»Es wäre übrigens möglich, setzte Harris seinen Erklärungen noch hinzu, daß wir wiederholt einer solchen Gesellschaft von Straußen begegneten. Dann sehen Sie besser hin und hüten Sie sich, Vögel für Vierfüßler zu halten. Vor Allem aber, mein junger Freund, gedenken Sie meiner Warnung und feuern Sie niemals auf ein Thier, welches es auch sein möge. Um uns Lebensmittel zu verschaffen, brauchen wir ja nicht zu jagen, und ich wiederhole Ihnen, daß es rathsamer ist, unsere Gegenwart im Walde nicht durch den Knall eines Gewehres zu verrathen.«

Trotz aller Worte wurde Dick Sand doch recht nachdenklich. Noch einmal stieg ein Zweifel, der ihm schon früher gekommen, in seinem Geiste auf.

Am folgenden Tage, dem 17. April, wurde die Wanderung wieder aufgenommen, und versicherte der Amerikaner, daß die kleine Gesellschaft nun vor Ablauf von vierundzwanzig Stunden in der Hacienda de San Felipe untergebracht sein würde.

»Dort, Mistreß Weldon, fügte er hinzu, werden Sie alle in Ihrer jetzigen Lage erforderliche Pflege und Hilfe finden und einige Tage der Ruhe werden Sie vollkommen wieder herstellen. Vielleicht empfängt Sie in der Hacienda der Luxus nicht, den Sie von Ihrer Wohnung in San Francisco her gewohnt sind; Sie werden sich jedoch überzeugen, daß unsere Ansiedelungen im Innern des Landes doch auch nicht alles Comforts entbehren. Wir sind nicht durch und durch Wilde.

– Herr Harris, antwortete ihm Mrs. Weldon, wenn wir für Ihren edelmüthigen Beistand jetzt auch nichts Anderes zu bieten haben als unseren Dank, so bringen wir Ihnen diesen doch von ganzem Herzen dar. Ja! Es ist Zeit, daß wir nun ankommen.

– Sind Sie sehr angegriffen, Mistreß Weldon?

– O, von mir spreche ich nicht, erwiderte die Dame, doch ich bemerke, daß mein kleiner Jack nach und nach von Kräften kommt. Zu gewissen Stunden packt ihn schon das Fieber.

– Leider muß ich gestehen, antwortete Harris, daß auf diesem Plateau, obwohl es im Allgemeinen sehr gesund ist, im März und April häufig intermittirende Fieber herrschen.

– Ja wohl, sagte da Dick Sand, doch hat die vorsorgliche Natur auch das Heilmittel gleich dazu gegeben.

– Wieso, mein junger Freund? fragte Harris, der jenen nicht zu verstehen schien.

– Befinden wir uns nicht in der Gegend der Chinabäume? erwiderte Dick Sand jene Frage.

– Gewiß, bestätigte Harris, Sie haben vollkommen Recht. Die Bäume, welche die kostbare Fieberrinde liefern, sind hier zu Hause.

– Ich wundere mich nur, fuhr Dick Sand fort, daß wir noch kein Exemplar derselben gesehen haben.

– O, mein junger Freund, belehrte ihn Harris, diese Bäume sind nur schwierig zu finden. Wenn sie auch emporwachsen, große Blätter und rosenrothe, wohlriechende Blüthen tragen, so entdeckt man sie doch nicht leicht. Nur selten stehen sie in Gruppen beisammen. Sie erscheinen vielmehr zerstreut in den Wäldern, und wenn die Indianer die Chinarinde einsammeln, so erkennen sie den Baum nur an seinem immergrünen Laube.

– Wenn Sie einen solchen Baum sehen, Herr Harris, bat Mrs. Weldon, so zeigen Sie mir ihn gefälligst.

– Gewiß, Mistreß Weldon; in der Hacienda finden Sie indeß auch schwefelsaures Chinin vorräthig. Es wirkt dieses Mittel noch sicherer gegen das Wechselfieber als die einfache Rinde des Baumes.«1

Dieser letzte Reisetag verlief ohne weiteren Zwischenfall. Der Abend kam heran und für die Nacht wurde in gewohnter Weise die Lagerstätte hergerichtet. Bisher hatte es noch niemals geregnet, doch jetzt schien das Wetter wechseln zu wollen; denn aus dem Erdboden stieg ein feuchtwarmer Dunst empor, der nach und nach zum dichten Nebel wurde.

Die Regenzeit nahte schnellen Schrittes heran. Zum Glück sollte sich ja aber morgen schon der kleinen Gesellschaft ein gastfreies Obdach darbieten. Bis dahin dauerte es nur noch wenige Stunden.

»Nicht feuern!« ermahnte der Amerikaner. (S. 204.)

Obwohl man nach Harris, dessen Berechnung sich freilich nur auf die während der Wanderung verflossene Zeit gründete, nur noch sechs Meilen von der Hacienda entfernt sein sollte, so wurden doch die gewöhnlichen vorsorglichen Maßnahmen für die Nachtruhe nicht vernachlässigt. Auch heute sollten Tom und seine Genossen abwechselnd Wache halten.

Für die Nacht wurde die Lagerstätte hergerichtet. (S. 207.)

Dick Sand legte ein besonderes Gewicht darauf, nichts außer Acht zu lassen Weniger als je wollte er sich der gewöhnlichen Klugheit und der gebotenen Schutzmaßregeln entschlagen, denn in seinem Kopfe stieg langsam ein schrecklicher Verdacht auf, von dem er vorläufig jedoch Niemandem etwas mittheilte.

Unter einer Gruppe großer Bäume wurde die Lagerstatt aufgeschlagen. Unter dem Einflusse tiefer Ermüdung waren Mrs. Weldon und die Anderen schon eingeschlummert, als sie durch einen lauten Schrei plötzlich wieder erweckt wurden.

»Hallo! Was giebts? rief Dick Sand, der, der Erste von Allen, zuerst aufsprang.

– Ich war’s! Ich habe geschrieen! meldete sich Vetter Benedict.

– Was haben Sie? fragte Mrs. Weldon.

-Es hat mich etwas gebissen!

– Doch nicht eine Schlange?… erkundigte sich die Dame erschreckt.

– Nein, nein! Eine Schlange zwar nicht, aber ein Insect, antwortete Vetter Benedict. Da – da hab’ ich es erwischt!

– Nun, so machen Sie Ihrem Insect den Garaus und lassen Sie uns ruhig schlafen, Herr Benedict, sagte Harris.

– Ein Insect tödten! versetzte Vetter Benedict, beileibe nicht! Erst muß ich sehen, was es ist.

– Was wird’s denn sein? Ein Muskito! meinte Harris verächtlich.

– Fehlgeschossen! Das ist eine Fliege, erwiderte Vetter Benedict, und noch dazu eine sehr merkwürdige!«

Dick Sand hatte eine kleine Handlaterne angezündet und trat an Vetter Benedict näher heran.

»Himmlische Güte! rief dieser entzückt, das entschädigt mich für alle Enttäuschungen. Endlich habe ich eine Entdeckung gemacht!«

Der wackere Gelehrte phantasirte. Triumphirend betrachtete er seine Fliege, die er am liebsten geherzt und geküßt hätte.

»Nun, was singen Sie denn? fragte Mrs. Weldon.

– Eine Diptere, Cousine, eine wundervolle Diptere!«

Vetter Benedict zeigte eine ziemlich kleine Fliege von matter Färbung und mit gelblichen Streifen am hinteren Körpertheile.

»Das Insect ist doch nicht etwa giftig? forschte Mrs. Weldon.

– Nein, Cousine, wenigstens nicht für den Menschen. Für Thiere freilich, für Antilopen, Büffel, selbst für Elefanten liegt die Sache anders. O, das ist ein wunderbares Insect!

– Werden Sie uns, Herr Benedict, fragte Dick Sand, wohl auch sagen, was das für eine Fliege ist?

– Diese Fliege, begann der Entomolog, die Fliege, welche ich in der Hand halte, diese Fliege… ist eine Tetse! Diese berühmte Diptere gereicht jedem Lande zur Ehre und bis heute hat man in Amerika nie eine Tetse aufgefunden!

Dick Sand wagte Vetter Benedict nicht zu fragen, in welchem Welttheile man diese gefürchtete Tetse gewöhnlich finde.

Als seine Gefährten aber nach diesem Zwischenfalle längst wieder in süßer Ruhe lagen, konnte er doch trotz aller Ermüdung die ganze Nacht kein Auge zuthun.

Fußnoten

1 Früher begnügte man sich, die genannte Rinde nur zu pulverisiren; sie trug den Namen »Jesuiten-Pulver«, weil die Jesuiten in Rom im Jahre 1649 zuerst von ihrer afrikanischen Mission eine beträchtliche Menge derselben erhielten.

Achtzehntes Capitel.

Das entsetzliche Wort!

Es war nun hohe Zeit, an’s Ziel zu gelangen. Die äußerste Erschöpfung machte es Mrs. Weldon fast unmöglich, eine unter so furchtbaren Mühen und Beschwerden vor sich gehende Reise noch länger fortzusetzen. Der Anblick ihres kleinen Knaben mit seinem während des Fieberanfalles so rothen, und während der freien Zeit so todtenblassen Gesichtes berührte sie schmerzlich. Ihre unruhige Sorge erlaubte ihr nicht einmal, Jack der Pflege der guten Nan zu überlassen, sondern sie trug ihn stets selbst halbliegend im Arme.

Ja, es war höchste Zeit, nun anzukommen! Nach der Versicherung des Amerikaners sollte die kleine Gesellschaft indessen auch am Abend des eben anbrechenden Tages, am Abend dieses 18. April, endlich in der gastlichen Hacienda de San Felipe eintreffen.

Eine zwölftägige Reise, und zwölf unter freiem Himmel verbrachte Nächte, das mußte die Kräfte der Mrs. Weldon, trotz ihrer energischen Natur, doch zuletzt aufreiben. Für ein Kind war das natürlich noch schlimmer, und der Anblick des kleinen kranken Jack, dem es an der nothwendigsten Pflege fehlte, raubte ihr noch gänzlich die Ruhe. Dick Sand, Nan, Tom und seine Gefährten hatten die Mühseligkeiten der Reise besser überstanden.

Wenn die Lebensmittel nun auch zu Ende gingen, so hatte es doch niemals an dem Nöthigsten gefehlt.

Harris schien für die Beschwerden eines langen Weges durch die Wälder wie geschaffen; an ihm merkte man kaum eine Spur von Ermüdung. Nur glaubte Dick Sand zu bemerken, daß er, je näher man der Hacienda kam, minder unbefangen auftrat und sein Benehmen zurückhaltender wurde, während man doch eher das Gegentheil erwartet hätte. Das war wenigstens die Ansicht des jungen Leichtmatrosen, dessen Mißtrauen gegen den Amerikaner mehr und mehr zugenommen hatte. Und doch, welches Interesse konnte Harris wohl daran haben, sie zu täuschen? Dick Sand vermochte sich das zwar nicht zu enträthseln, doch beobachtete er ihren Führer stets mit ängstlicher Genauigkeit.

Der Amerikaner bemerkte wahrscheinlich, daß Dick Sand ein wachsames Auge auf ihn hatte, und zweifelsohne war es dieses Mißtrauen, das ihn gegenüber seinem »jungen Freunde« mehr und mehr schweigsam machte.

Die Wanderung ward wieder angetreten.

In dem jetzt weniger dichten Walde standen die Bäume in Gruppen und bildeten keine undurchdringlichen Ansammlungen mehr. Erreichte man hier die wirkliche Pampa, von der Harris gesprochen hatte?

Die ersten Stunden des Tages vergingen, ohne daß irgend ein Ereigniß Dick Sand’s Befürchtungen gesteigert hätte. Nur zweierlei fiel ihm auf. Vielleicht war Beides nur von untergeordneter Bedeutung, unter den gegebenen Verhältnissen aber erlangte jede Einzelheit für ihn eine gewisse Wichtigkeit.

Zunächst erregte das Benehmen Dingo’s die besondere Aufmerksamkeit des jungen Leichtmatrosen.

Wenn der Hund früher immer einer Fährte nachzuspüren schien, so ward er jetzt, und zwar ganz plötzlich, ganz anders. Bisher schnüffelte er stets am Erdboden hin, durchstreifte das Gras und die Büsche, verhielt sich dabei schweigend oder ließ nur ein klägliches Bellen hören, das mehr der Ausdruck eines Schmerzes oder Bedauerns zu sein schien.

Heute schlug er dagegen laut, manchmal fast wüthend an, so wie damals als Negoro auf dem Verdeck des »Pilgrim« erschien.

In Dick Sand stieg sofort ein Verdacht auf, der noch mehr bestätigt wurde, als Tom zu ihm sagte:

»Das ist doch sonderbar, Herr Dick! Dingo schnüffelt heut nicht mehr an der Erde hin, wie er es noch bis gestern that. Er hebt die Nase und ist erregt; sein Fell sträubt sich auf! Man möchte sagen, er wittere von ferne…

– Negoro, nicht wahr? fiel Dick Sand ein, indem er den Arm des alten Negers ergriff und ihm andeutete, nur leise zu sprechen.

– Ja wohl, Negoro, Herr Dick, wäre es nicht denkbar, daß er unserer Fährte gefolgt wäre?

– Gewiß, Tom, und noch dazu, daß er in diesem Augenblick nicht sehr entfernt ist.

– Aber… weshalb? sagte Tom.

– Entweder kannte Negoro dieses Land nicht, erwiderte Dick Sand, und dann lag es in seinem Interesse, uns nicht aus dem Gesichte zu verlieren…

– Oder?… fragte Tom, den Leichtmatrosen fast ängstlich anblickend.

– Oder, fuhr Dick Sand fort, er kannte es, und dann…

– Doch wie sollte Negoro diese Gegend kennen? Er hat sie niemals gesehen!

– Niemals gesehen? murmelte Dick Sand. Jedenfalls steht das Eine fest, daß Dingo sich so benimmt, als ob der von ihm gehaßte Mann sich uns genähert hätte!…«

Er unterbrach sich, um den Hund zu rufen, der nach einigem Zögern herbeikam.

»He, rief er, Negoro! Negoro!«

Ein wüthendes Bellen war Dingo’s Antwort. Jener Name übte auf ihn den gewohnten Einfluß und er sprang voraus, als wäre Negoro hinter einem Gebüsche versteckt.

Harris hatte den ganzen Auftritt mit angesehen. Mit fest aufeinander gepreßten Lippen näherte er sich dem Leichtmatrosen.

»Was wollen Sie denn von Dingo? fragte er.

– O, eigentlich gar nichts, antwortete scherzend der alte Tom. Wir fragten ihn nur um Nachricht über unseren früheren Schiffsgenossen, der uns verschwunden ist.

– Ah so, entgegnete der Amerikaner, über jenen Portugiesen, den Schiffskoch, von dem Sie mir schon sprachen?

– Von demselben, bestätigte Tom; wenn man Dingo hört, möchte man glauben, daß Negoro in der Nähe sei.

– Wie hätte er hierher kommen sollen? antwortete Harris. So viel ich weiß, hat er dieses Land ja nie gesehen.

– Wenn er uns das nicht verschwiegen hat, meinte Tom.

– Das wäre doch sonderbar, sagte Harris. Doch wenn Sie wollen, suchen wir das Gebüsch ab. Es ist ja möglich, daß der arme Teufel Hilfe braucht, daß er in Noth ist…

– Das ist wohl unnöthig, Herr Harris, lehnte Dick Sand ab. Wußte Negoro bis hierher zu gelangen, so wird er sich auch weiter zu finden wissen. Er ist der Mann dazu, sich aus der Verlegenheit zu helfen.

– Ganz wie Sie wünschen, antwortete Harris.

– Allons, Dingo, sei still!« rief Dick Sand dem Hunde befehlend zu, um dem Gespräch ein Ende zu machen.

Die andere, dem Leichtmatrosen auffallende Beobachtung bezog sich auf das Pferd des Amerikaners.

Es schien nicht, als ob dasselbe »den Stall röche«, wie man das an Pferden von seiner Race bemerkt. Es zog die Luft nicht begieriger ein, beeilte seinen Gang nicht, erweiterte nicht die Nase und stieß nicht jenes Wiehern aus, wodurch es das Ende einer Reise andeutet. Alles in Allem verhielt es sich ebenso indifferent, als ob die Hacienda, nach der es mehrmals gekommen war und die ihm einigermaßen bekannt sein mußte, noch Hunderte von Meilen entfernt wäre.

»Das ist kein Pferd, welches seine Behausung wittert!« dachte der junge Leichtmatrose.

Dennoch sollten, nach Harris’ Angaben vom Tage vorher, nur noch sechs Meilen zurückzulegen sein, und von diesen letzten sechs Meilen waren um fünf Uhr Abends gewiß schon vier durchwandert. Sowie das Pferd nichts vom Stall roch, dessen es doch selbst recht nöthig bedurfte, so deutete auch kein anderer Umstand auf die Nähe einer großen Ansiedelung hin, wie die Hacienda de San Felipe es ja sein sollte.

Mrs. Weldon, der sonst Alles, was nicht ihr Kind betraf, so ziemlich gleichgiltig war, verwunderte sich doch über diese so öde Gegend. Wie! Nicht ein Eingeborner, kein Beamter, kein Knecht der Hacienda, die nun so nahe lag! Hätte Harris sich dennoch verirrt? Nein, er versicherte das Gegentheil. Eine weitere Verzögerung wäre für den kleinen Jack der Tod gewesen!

Harris schritt unverdrossen vorwärts; doch er schien sich im Walde umzusehen und nach rechts und links auszulugen, wie Jemand, der seiner selbst oder seines Weges nicht ganz sicher ist.

Mrs. Weldon schloß die Augen, um ihn nicht ferner zu sehen.

Nach einer etwa eine Meile breiten offenen Ebene folgte wiederum Wald, wenn auch nicht so dicht wie im Westen, und die kleine Gesellschaft verschwand auf’s Neue unter den großen Bäumen.

Gegen sechs Uhr Abends erreichte man ein Dickicht, durch das kurz vorher eine Anzahl großer Thiere gebrochen zu sein schienen.

Dick Sand faßte die ganze Umgebung scharf in’s Auge.

In einer Höhe, weit über der des menschlichen Körpers, waren die Zweige geknickt oder abgerissen. Durch das niedergetretene Gras leuchtete der Boden, der ein wenig sumpfig war, und dabei sah man die Abdrücke von Tatzen, welche Jaguaren oder Couguaren nicht angehören konnten.

Waren es nun »Ais« oder andere Faulthiere gewesen, die den Erdboden so gezeichnet hatten? Wie sollte man dann aber das Abbrechen der Zweige in so großer Höhe erklären?

Elefanten hätten wohl dergleichen Fußspuren hinterlassen und eine solche Oeffnung in das Dickicht reißen können. Elefanten giebt es aber in Amerika nicht. Diese ungeheueren Dickhäuter gehören der Neuen Welt nicht weder ursprünglich an, noch hat man sie jemals daselbst acclimatisirt.

Die Hypothese, daß hier Elefanten vorüber gekommen seien, erschien also ganz unzulässig.

Was hier auch vorlag, jedenfalls machte Dick Sand Niemand von seinen Gedanken über diese unerklärliche Erscheinung Mittheilung. Er fragte hierüber nicht einmal den Amerikaner. Wessen hatte er sich auch von einem Manne zu versehen, der versucht hatte, ihm Giraffen für Strauße auszugeben? Harris hätte gewiß irgend eine mehr oder weniger plausible Erklärung bei der Hand gehabt, die an der gegebenen Lage doch nichts zu ändern im Stande war.

Doch wie dem auch sei, Dick Sand’s Urtheil über Harris stand nun fest. Er sah ihn für das, was er war, für einen Verräther an! Er wartete nur noch auf die Gelegenheit, seine Nichtswürdigkeit vollständig zu beweisen, und Alles verrieth ihm, daß diese Gelegenheit nicht mehr fern sein könne.

Was konnte aber Harris’ heimlicher Endzweck sein? Welches Schicksal stand den Ueberlebenden vom »Pilgrim« wohl bevor? Dick Sand sagte sich wiederholt, daß seine persönliche Verantwortlichkeit mit dem Schiffbruche noch nicht zu Ende sei.

Es lagen dort auf der Erde abgeschnittene Hände. (S. 219.)

Ihm lag es jetzt fast mehr als je ob, für das Heil Derjenigen zu sorgen, welche das Unglück auf diese Küste geworfen hatte: diese Frau, das junge Kind, jene Neger, alle seine Schicksalsgefährten erwarteten ihre Rettung allein von ihm. Wenn er aber auch im Stande gewesen war, auf dem Schiffe so Manches für sie zu leisten, so lange er als Seemann auftrat, was sollte er hier gegenüber den ihnen noch drohenden Gefahren beginnen?

Dick Sand, das Jagdmesser in der Hand…. (S. 221.)

Dick Sand wollte vor der entsetzlichen Wirklichkeit, welche jeden Augenblick an sie herantreten konnte, die Augen nicht verschließen. War er auf dem »Pilgrim« der Kapitän von fünfzehn Jahren gewesen, in der jetzigen Noth ward er es wieder! Er wollte jedoch nichts sagen, was die arme Mutter ängstigen konnte, bevor für ihn der Augenblick zum Handeln gekommen wäre.

Und er sagte nichts, selbst als er am Ufer eines ziemlich breiten Flusses, der etwa hundert Schritte vor den Wanderern lag, eine Anzahl ungeheuerer Thiere unter dem Gesträuch des Flußrandes verschwinden sah.

»Flußpferde! Flußpferde!« wollte er ausrufen.

In der That, es waren solche Pachydermen mit enormem Kopfe und dicker Schnauze, deren Mundöffnung mit über fußlangen Zähnen bewaffnet ist, mit den kurzen kräftigen Beinen und der haarlosen, rothbraunen Haut! Flußpferde in Amerika!

Mit großer Mühe wanderte man auch diesen Tag weiter. Die Anstrengung lähmte allmälig auch die Kräftigsten. Es war wirklich hohe Zeit, an’s Ziel zu gelangen, oder man mußte sich zu einem längeren Aufenthalt entschließen.

Die einzig mit ihrem Jack beschäftigte Mrs. Weldon fühlte zwar die Ermüdung nicht, doch ihre Kräfte waren vollständig erschöpft. Mehr oder weniger abgemattet waren Alle. Dick Sand hielt eine wahrhaft übernatürliche Energie, eine Folge seines strengen Pflichtgefühls, noch aufrecht.

Gegen vier Uhr Nachmittags fand der alte Tom im Grase einen Gegenstand, der seine Aufmerksamkeit erregte. Es war eine Waffe, eine Art Messer von besonderer Gestalt, mit breiter, gebogener Klinge, welche in einem grob verzierten Handgriffe von Elfenbein befestigt war.

Tom brachte Dick Sand dieses Messer. Letzterer prüfte es und zeigte es zuletzt dem Amerikaner, indem er sagte:

»Ohne Zweifel sind nun Eingeborne in der Nähe.

– Ja, wahrhaftig, antwortete Harris, und doch…

– Doch? wiederholte Dick Sand und sah Harris scharf in’s Gesicht.

– Wir müßten jetzt eigentlich bei der Hacienda sein, fuhr Harris zögernd fort, und doch erkenne ich nicht…

– Sie haben sich also doch verirrt? fragte Dick Sand schnell.

– Verirrt, nein… Die Hacienda kann jetzt keine drei Meilen weit von uns sein. Ich dachte aber, durch den Wald den nächsten Weg einzuschlagen, und daran that ich vielleicht unrecht.

– Vielleicht, antwortete Dick Sand.

– Es wird am Besten sein, ich gehe allein voraus, sagte Harris.

– Nein, Herr Harris, erwiderte Dick Sand in entschiedenem Tone wir trennen uns jetzt nicht!

– Ganz wie Sie wünschen, lenkte der Amerikaner ein. Während der Nacht würde ich Sie jedoch schwerlich weiter führen können.

– Das thut nichts, antwortete Dick Sand, so machen wir noch einmal Halt. Mistreß Weldon wird nichts dagegen haben, noch eine Nacht unter freiem Himmel zuzubringen, und morgen am hellen Tage setzen wir unseren Weg fort. Noch zwei oder drei Meilen, das wird in etwa einer Stunde abgemacht sein.

– Meinetwegen!« erwiderte Harris.

Da ließ Dingo ein wüthendes Bellen hören.

»Hierher, Dingo, hier! rief Dick Sand, Du weißt, daß hier Niemand ist und wir in der Einöde wandern!«

Man entschloß sich also zu diesem letzten Halt. Mrs. Weldon ließ ihre Gefährten schalten, ohne ein Wort dazu zu sagen.

Der vom Fieber ergriffene kleine Jack ruhte in ihren Armen.

Man suchte die geeigneteste Stelle zu einem Nachtlager.

Unter einer großen Baumgruppe gedachte Dick Sand die nöthigen Vorbereitungen zum Ausruhen zu treffen. Da hielt der alte Tom, der ihm bei seiner Arbeit half, ihn plötzlich an und rief:

»Herr Dick! Sehen Sie da!

– Was giebt’s, mein alter Tom? fragte Dick Sand mit dem ruhigen Tone eines Mannes, der auf Alles gefaßt ist.

– Da… da…, flüsterte Tom, unter jenen Bäumen… Blutspuren!… Und dort… auf der Erde… verstümmelte Gliedmaßen!…«

Dick Sand eilte nach der vom alten Tom bezeichneten Stelle. Dann kam er zurück und sagte:

»Schweig’ Tom, schweig’ nur jetzt!«

Wirklich lagen dort auf der Erde abgeschnittene Hände und neben diesen menschlichen Ueberresten einige zerbrochene Zwingen und eine gesprengte Kette.

Zum Glück hatte Mrs. Weldon dieses grausige Bild nicht gesehen.

Harris hielt sich bei Seite, und wer ihn jetzt beobachtet hätte, würde über die Veränderung betroffen gewesen sein, die mit ihm vorgegangen war. Aus seinem Antlitz sprach eine trotzige Wildheit.

Dingo war Dick Sand nachgelaufen und bellte wüthend vor diesen blutigen Ueberbleibseln.

Der Leichtmatrose hatte große Mühe, ihn davon wegzutreiben.

Der alte Tom stand beim Anblick dieser Zwingen und der zersprengten Kette unbeweglich da, als seien seine Füße im Erdboden festgewurzelt. Die Augen weit geöffnet, die Hände krampfhaft geballt, starrte er darauf hin und murmelte unzusammenhängende Worte.

»Ich sah sie… ich sah sie schon früher… diese Zwingen… noch ganz klein… da hab’ ich sie gesehen!…«

Offenbar erwachten in ihm wieder einige dunkle Erinnerungen aus seiner frühesten Kindheit. Er wollte sprechen.

»Schweig’, lieber Tom! wiederholte Dick Sand, um Mistreß Weldon, um unser Aller willen, schweig’!«

Der Leichtmatrose führte den alten Tom weg

In einiger Entfernung wurde ein anderer Platz ausgewählt und Alles für die Nacht vorbereitet.

Eine Mahlzeit ward aufgetragen, doch kaum angerührt. Die Ermüdung besiegte den Hunger. Alle unterlagen dem unerklärlichen Eindrucke einer Unruhe, welche fast an Schrecken grenzte.

Allmälig sank die Dunkelheit herab. Bald war es tiefe Finsterniß. Der Himmel hatte sich mit mächtigen Gewitterwolken bedeckt. Am westlichen Horizonte sah man zwischen den Bäumen manchmal etwas Wetterleuchten. Der Wind hatte sich gelegt, kein Blättchen rührte sich in den Bäumen. Auf das Geräusch des Tages folgte eine Todtenstille; man hätte glauben mögen, die von Elektricität gesättigte, bleischwere Atmosphäre sei nicht mehr im Stande, Schallwellen fortzupflanzen.

Dick Sand, Austin und Bat wachten miteinander. Sie bemühten sich, in der dunklen Nacht zu sehen und zu hören, ob irgend ein Lichtschein, irgend ein verdächtiges Geräusch ihre Augen oder Ohren träfe. Nichts unterbrach indeß weder die Ruhe, noch die Finsterniß des Waldes. Tom, der weniger erschöpft, als in seine Erinnerungen versunken war, blieb unbeweglich, als hätte ihn ein Blitzstrahl getroffen.

Mrs. Weldon wiegte ihr Kind im Arme und hatte keine Gedanken für etwas Anderes.

Vetter Benedict war vielleicht der Einzige, welcher schlief, da sich auf ihn die allgemeine Stimmung nicht übertrug. So weit ging sein Vorgefühl eben nicht.

Plötzlich gegen elf Uhr ertönte ein langes, dumpfes Gebrüll, dem sich ein scharfer, lauter Ton beimischte.

Tom sprang auf und wies mit der Hand nach einem höchstens eine Meile entfernten dichten Gebüsche.

Dick Sand ergriff seinen Arm, konnte aber nicht hindern, daß Tom noch mit lauter Stimme ausrief:

»Der Löwe! der Löwe!«

Das Brüllen, welches er in seiner Kindheit so oft gehört, mußte der alte Neger wohl wieder erkennen!

»Der Löwe!« sagte er noch einmal.

Dick Sand vermochte sich nicht länger zu bemeistern, sondern stürzte, das Jagdmesser in der Hand, nach dem Platze, den Harris einnahm.

Harris war nicht mehr da und sein Pferd mit ihm verschwunden.

In Dick Sand’s Geiste ward es jetzt vollständig Tag… er war nicht, wo er zu sein glaubte!

Es war also die amerikanische Küste nicht, an der der »Pilgrim« aus Land kam. Auch die Osterinsel konnte es nicht gewesen sein, nach der der Leichtmatrose seine Position im Meere draußen bestimmt hatte, sondern irgend eine andere Insel, welche etwa ebenso im Westen des Continentes liegen mußte, wie die Osterinsel im Osten von Amerika!

Während eines Theiles der Reise täuschte ihn der Compaß, wovon wir ja die Ursache kennen. Vom Sturm in falscher Richtung verschlagen, hatte er das Cap Horn umschifft und war aus dem Stillen Ocean in den Atlantischen gekommen. Ohne sein Wissen segelte das Schiff, dessen Geschwindigkeit er nur mangelhaft zu bestimmen vermochte, von dem furchtbaren Orkane getrieben, noch einmal so schnell, als er geglaubt hatte.

Deshalb also fehlten die Kautschuk-und Chinabäume, die Erzeugnisse Südamerikas in diesem Lande, das weder das Plateau von Atacama, noch die Pampa von Bolivia war!

Giraffen waren es gewesen und keine Strauße, welche nahe der Waldlichtung entflohen, Elefanten, welche durch das dichte Buschwerk brachen! Flußpferde, deren Ruhe im hohen Grase Dick Sand gestört hatte. Die Tetse war es, die Diptere, welche Vetter Benedict gefangen, die furchtbare Tetse, deren Stich die Thiere der Karawanen tödtet.

Das Brüllen des Löwen endlich war es gewesen, das eben aus dem Walde dröhnte! Und diese Zwingen, diese Kette, das eigenthümliche Messer, das waren Werkzeuge eines Sklavenhändlers. Jene verstümmelten Hände gehörten einst unglücklichen Gefangenen an!

Der Portugiese Negoro und der Amerikaner Harris standen offenbar im Einvernehmen.

Endlich kamen die schrecklichen Worte – die Erfüllung einer Ahnung Dick Sand’s – über seine Lippen:

»Afrika! Das äquatoriale Afrika! Das Afrika der Menschenhändler und Sklaven!«

Zweiter Theil. 

Erstes Capitel.

Der Sklavenhandel.

Sklavenhandel! Ein Jeder kennt die Bedeutung dieses Wortes, das in der menschlichen Sprache nie hätte Bürgerrecht erhalten sollen. Schon seit einer Reihe von Jahren ist dieser verabscheuungswürdige Handel, der lange Zeit zum Vortheil europäischer Mächte mit überseeischen Kolonialbesitzungen getrieben wurde, zwar streng verboten, dennoch blüht er noch immer, vorzüglich in Central-Afrika, in sehr großem Maßstabe. Mitten im 19. Jahrhundert sind doch noch mehrere Staaten, welche sich ausdrücklich christliche nennen, mit der Emancipation ihrer Sklaven noch nicht vorgegangen.

Man könnte glauben, daß wenigstens der offene Handel unterdrückt sei und das widerliche Feilschen um Menschenfleisch aufgehört habe. Dem ist leider nicht so, und der Leser muß diese Verhältnisse kennen lernen, um sich für den zweiten Theil unserer Erzählung zu interessiren. Er muß erfahren, was jene Menschenhetzen thatsächlich sind, welche einen ganzen Erdtheil zu entvölkern drohen, um einige Sklaven-Kolonien zu unterhalten, und auf welche Weise jene barbarischen Razzias ausgeführt werden, wie viel Blut sie kosten, welche Verwüstungen sie durch Mord, Brand und Plünderung erzeugen und zu wessen Nutzen sie noch unternommen werden.

Erst im 15. Jahrhundert tritt der Sklavenhandel zum ersten Male auf und er entstand nämlich unter folgenden Umständen:

Nach ihrer Vertreibung aus Spanien waren die Muselmänner über die Meerenge von Gibraltar nach der afrikanischen Küste entflohen. Die Portugiesen, welche jenes Uferland damals besaßen, verfolgten sie mit Ungestüm. Eine gewisse Anzahl jener Flüchtlinge ward gefangen und nach Portugal zurückgeschleppt. Diese verfielen dem harten Lose der Sklaverei und bildeten somit den ersten Kern afrikanischer Sklaven, der seit der christlichen Aera in West-Europa entstand.

Nun gehörten die gefangenen Mauren aber meist reichen Familien an, welche die Ihrigen um Gold wiederkaufen wollten. Die Portugiesen dagegen schlugen jedes, auch noch so hoch bemessene Lösegeld einfach aus. Für Gold hatten sie keine Verwendung. Ihnen fehlten vor Allem tüchtige Arme zur Arbeit in den aufblühenden Kolonien – um es kurz zu sagen.. – Sklavenarme!

Da es den maurischen Familien nicht gelang, ihre Angehörigen durch Geldopfer zu befreien, boten sie zum Austausch eine größere Zahl afrikanischer Neger an, welche sie sich ziemlich leicht verschaffen konnten. Die Portugiesen erkannten bei diesem Tausche ihren Vortheil nur zu gut und gingen also auf das Angebot ein – das war der Ursprung des ersten Sklavenhandels in Europa.

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts fand dieser verächtliche Schacher allgemeine Anerkennung, welche bei den damaligen barbarischen Sitten ziemlich erklärlich erscheint. Alle Staaten begünstigten ihn geradezu, um die Kolonisirung der in der Neuen Welt erworbenen Inseln schneller und sicherer durchzuführen. In der That vermochten die Negersklaven da zu bestehen, wo nicht acclimatisirte und der tropischen Hitze ungewohnte weiße Arbeiter zu Tausenden dahingerafft worden wären. Der Transport der Neger nach den amerikanischen Kolonien geschah regelmäßig mittelst besonderer Schiffe, und bald führte dieser Zweig des atlantischen Handels die Gründung großartiger Comptoirs an verschiedenen Punkten der afrikanischen Küste herbei. Die »Waare« kostete im Productionslande nur wenig und der Verdienst war dabei ein sehr ergiebiger.

So nothwendig von den verschiedensten Gesichtspunkten aus die Gründung überseeischer Kolonien aber auch erscheinen mochte, so konnte sie doch nimmermehr jenen Handel mit Menschenfleisch rechtfertigen. Bald ließen sich auch edelmüthige Stimmen vernehmen, welche gegen den Negerhandel Einspruch erhoben und dessen Abschaffung im Namen der Menschlichkeit von den europäischen Regierungen forderten.

Im Jahre 1751 stellten sich die Quäker an die Spitze der abolitionistischen Bewegung, und zwar im Herzen Nordamerikas, wo ein ganzes Jahrhundert später der Secessionskrieg ausbrach, dem die Frage der Sklaven-Emancipation bekanntlich nicht fremd war. Mehrere Staaten des Nordens, Virginien, Connecticut, Massachusets, Pennsylvanien verfügten die Abschaffung des Sklavenhandels und befreiten die früher mit großen Unkosten nach ihren Gebieten eingeführten Sklaven.

Dieser von den Quäkern eröffnete Feldzug beschränkte sich jedoch nicht auf die Grenzen der nördlichen Provinzen der Neuen Welt. Die Sklavenhalter und Freunde der Sklaverei wurden selbst jenseits des Atlantischen Oceans lebhaft angegriffen. Aus Frankreich und vor Allem aus England recrutirten sich die Anhänger des Spruches: »Eher als ein richtiges Princip mögen die Kolonien untergehen!« So lautete das edelmüthige Feldgeschrei in der ganzen Alten Welt, und trotz der dabei in Frage kommenden großen politischen und commerciellen Interessen machte sich seine Wirkung durch ganz Europa hin bemerkbar.

Der Anstoß war gegeben. England schaffte 1807 in seinen Kolonien den Sklavenhandel ab und 1814 folgte Frankreich seinem Beispiele. Die beiden mächtigen Nationen einigten sich über einen diesbezüglichen Vertrag, den Napoleon während der Hundert Tage bestätigte.

Freilich hatte dieser Vertrag Alles in Allem keinen höheren Werth als den einer rein theoretischen Erklärung. Die Negerschiffe segelten nach wie vor über die Meere und löschten ihren »Cargo an Ebenholz« in den Häfen der Kolonien.

Um jenem Handel ein Ende zu machen, bedurfte es mehr praktischer Maßnahmen. Es erklärten zunächst die Vereinigten Staaten im Jahre 1820 und England 1824 den Sklavenhandel als Räuberei und als dem Gesetze verfallene Seeräuber Diejenigen, welche ihn betrieben. Als solche drohte ihnen die Todesstrafe und jedenfalls setzten sie sich der hartnäckigsten Verfolgung aus. Frankreich beeilte sich, diesem neuen Vertrage beizutreten. Die Staaten Südamerikas dagegen, vorzüglich die spanischen und portugiesischen Kolonien, schlossen sich dieser Abolitionsacte nicht an und die Ausfuhr von Negern nahm zu ihren Gunsten den gleichen Fortgang, trotz des allgemein anerkannten Visitationsrechtes, welches sich darauf beschränkte, festzustellen, ob die verdächtigen Schiffe unter wahrer oder falscher Flagge segelten.

Das neue Abolitionsgesetz hatte indeß keine rückwirkende Kraft. Man ließ wohl keine neuen Sklaven zu, doch die früheren hatten damit noch nicht ihre Freiheit wiedererhalten.

Auch nach dieser Seite ging England mit gutem Beispiele voran. Eine Generaldeclaration vom 14. Mai 1833 emancipirte alle Sklaven der britischen Kolonien und im August 1838 wurden wirklich 670.000 Sklaven für frei erklärt.

Zehn Jahre später, also 1848, emancipirte die Republik die Sklaven der französischen Kolonien, d.h. gegen 260.000 Neger.

Der 1859 zwischen den Föderirten und den Conföderirten der Vereinigten Staaten ausgebrochene blutige Krieg vollendete das Werk der Emancipation und verbreitete es über das gesammte Nordamerika.

Die drei großen Seemächte hatten jenes Werk der Menschlichkeit also glücklich durchgeführt. Heute florirt der schändliche Sklavenhandel nur noch in den spanischen oder portugiesischen Besitzungen oder zur Deckung des Bedürfnisses für die türkischen oder arabischen Völker des Ostens.

Wenn Brasilien auch seinen Sklaven noch nicht die Freiheit schenkte, so läßt es doch mindestens keine neuen zu und sichert auch den im Lande gebornen Negerkindern die Freiheit.

Im Innern von Afrika sind in Folge der blutigen Raubzüge, welche afrikanische Häuptlinge zum Zwecke der Menschenjagd anzustellen pflegten, ganze Völkerstämme in Sklaverei gerathen. Die betreffenden Karawanen bewegen sich dann aus dem Binnenlande nach zweierlei Richtungen; entweder östlich nach der portugiesischen Kolonie Angola, oder westlich nach Mozambique. Die unglücklichen Sklaven, von denen übrigens nur ein kleiner Theil seinen Bestimmungsort wirklich erreicht, werden entweder nach Kuba oder nach Madagaskar übergeführt; andere wieder schleppt man nach den arabischen oder türkischen Ländern in Asien, nach Mekka oder Maskat. Die englischen und französischen Kreuzer vermögen diesem Handel nur unzulänglich zu steuern, da eine wirksame Ueberwachung jener ausgedehnten Küstenstriche allzu große Schwierigkeiten bietet.

Erreicht wohl die Ziffer dieses verabscheuungswerthen Exportes noch immer eine beträchtliche Höhe?

Leider ja! Man schätzt die Zahl der jährlich an den Ausfuhrplätzen anlangenden Sklaven auf 80.000, und diese Zahl repräsentirt dem Anscheine nach nur etwa den zehnten Theil der daneben hingemordeten Eingebornen. Nach solchen grauenvollen Schlächtereien liegen die verwüsteten Felder verlassen, sind die niedergebrannten Flecken menschenleer, schwemmen die Ströme Massen von Leichen hinab und nehmen die wilden Thiere von den verwüsteten Ländereien Besitz. Als Livingstone bald nach einer Menschenjagd in eine solche Gegend kam, erkannte er diese nicht wieder, obwohl er sie erst einige Monate vorher bereist hatte. Alle anderen Reisenden, wie Grant, Speke, Burton, Cameron und Stanley, schildern das bewaldete Plateau InnerAfrikas, den Schauplatz der zwischen den Häuptlingen geführten mörderischen Kriege, in ganz ähnlicher Weise. In dem Gebiete der großen Seen, in den weitausgedehnten Ländereien, welche die Quellenländer des Zanzibar darstellen, in Bornu und Fezzan, weiter im Süden, längs des Nyassa-und Zambesistromes, weiter im Osten, in den Districten des oberen Zaïra, welche Stanley unlängst todesmuthig durchwanderte – dasselbe Bild von Ruinen, dieselben Anzeichen des Massenmordes und der Entvölkerung! Sollte die Sklaverei in Afrika wirklich erst mit dem Untergange der schwarzen Race ein Ende nehmen, wie es mit der australischen Race in Neu-Holland der Fall war?

Und doch, der Markt in den spanischen und portugiesischen Kolonien maß sich in unseren Tagen schließen, der Absatz dahin wird unterbunden werden; die civilisirte Welt kann den Sklavenhandel nicht länger dulden.

Ja, dieses Jahr 1878 wird Zeuge der Befreiung aller in christlichen Staaten noch vorhandenen Sklaven sein. Die mohamedanischen Völker werden freilich diesen abscheulichen, den afrikanischen Continent entvölkernden Handel noch lange genug fortsetzen. Nach jenen Ländern findet in der That die weitaus bedeutendste Ueberführung von Negern statt, da die Zahl der, ihrer Heimat entführten und nach der Ostküste geschleppten Eingebornen jährlich 40.000 noch überschreiten soll. Vor dem Feldzuge nach Egypten wurden die Neger von Sennaar zu Tausenden an die von Darfur, und letztere umgekehrt an jene verkauft. General Buonaparte konnte damals eine große Menge dieser Neger käuflich erwerben, welche er zu einzelnen Corps, nach Art der Mameluken, organisirte. Während dieses Jahrhunderts, von dem vier Fünftel nun verflossen sind, hat der Sklavenhandel aber nicht ab-, sondern im Gegentheil zugenommen.

In der That begünstigte der Islam diesen Menschenschacher. Der schwarze Sklave mußte in dem muselmännischen Reiche den weißen Sklaven der früheren Zeit ersetzen. So betreiben denn Händler aus aller Herren Länder dieses verabscheuungswürdige Geschäft in größtem Maßstabe. Sie führen ein Supplement an Bevölkerung jenen Racen zu, welche dereinst verschwinden werden, da sie sich nicht durch die Arbeit regeneriren. Ganz wie zu Buonaparte’s Zeit werden diese Sklaven oft Soldaten. Bei einzelnen Völkern am oberen Niger bilden sie wohl die Hälfte der Heerhaufen der afrikanischen Regenten. In diesem Falle ist ihr Los übrigens kaum ein schlimmeres als das der freien Männer. Ist der Sklave aber nicht Soldat, so hat er einen Werth als Münze, welche selbst in Egypten Kurs hat, und in Bornu werden, nach der Mittheilung Wilhelm Lejean’s als Augenzeugen, Officiere und Beamte oft mit solchem Gelde bezahlt.

Sollen wir noch hinzufügen, daß nicht wenige Vertreter der europäischen Großmächte sich nicht scheuen, diesem Schacher gegenüber eine bedauernswerthe Nachsicht an den Tag zu legen? Leider ist es an dem, und obwohl kreuzende Schiffe die Küsten des Atlantischen und Indischen Oceans unausgesetzt bewachen, so blüht der Handel im Innern ruhig weiter, ziehen die Karawanen unter den Augen gewisser Regierungsagenten ungehindert dahin und wiederholen sich die gräßlichen Schlächtereien, bei denen zehn Neger ermordet werden, um einen Sklaven zu erbeuten, immer in bestimmten Zwischenräumen.

Der Leser begreift nun wohl die schreckliche Wirkung der Worte Dick Sand’s, als er ausrief:

»Afrika! Das äquatoriale Afrika! Das Land der Sklavenhändler und der Sklaven!«

Er täuschte sich wirklich nicht: das war Afrika mit allen, ihm und seinen Gefährten drohenden Gefahren.

An welcher Stelle des afrikanischen Continentes aber hatte ein wirklich unerklärliches Geschick ihn aus Land geworfen? Offenbar an einem Punkte der Westküste und leider – glaubte der junge Leichtmatrose annehmen zu müssen, daß der »Pilgrim« an dem Gestade von Angola gescheitert sei, d.h. gerade an dem Ausfuhrplatze, nach welchen die, diesen Theil Afrikas so schwer schädigenden Karawanen zu ziehen pflegen.

In der That, hier war es. Es war das Land, welches Cameron im Süden und Stanley im Norden einige Jahre später, aber um den Preis welcher Mühsale und Entbehrungen, durchzogen! Von diesem ausgedehnten, aus den drei Provinzen Benguela, Congo und Angola bestehenden Gebiete kannte man bisher nur den Landstrich an der Küste. Er erstreckt sich von dem Nourse im Süden bis zum Zaïre oder Congo im Norden, während zwei bedeutendere Städte, nämlich Benguela und San Pablo de Loanda, die Hauptplätze der zu Portugal gehörigen Kolonie, dessen Häfen bilden.

Weiter im Innern war diese Gegend bisher so gut wie unbekannt. Nur ganz vereinzelte Reisende hatten dieselbe zu betreten gewagt. Ein verderbliches Klima, feuchtwarme Ländereien, welche die Brutstätten der Fieber sind, wilde Eingeborne, von denen nicht wenige noch zu den Kannibalen gehören, der Krieg ohne Ende von Stamm zu Stamm, das lauernde Mißtrauen der Sklavenhändler gegenüber jedem Fremden welcher ihnen stets nur in die Geheimnisse ihres fluchbeladenen Handels eindringen zu wollen scheint, das sind so die zu überwindenden Schwierigkeiten, die zu besiegenden Gefahren in der Provinz Angola, dem gefahrenreichsten Landestheile des ganzen äquatorialen Afrika.

Im Jahre 1816 war Turkey längs der Ufer des Congo bis über die Wasserfälle von Yellala, d.h. eine Strecke von höchstens zweihundert (englischen) Meilen vorgedrungen. Eine eingehendere Kenntniß des Landes wurde durch diesen kurzen Zug natürlich nicht gewonnen, und doch kostete er den meisten Gelehrten und Officieren, welche jene Expedition unternahmen, das Leben.

Siebenunddreißig Jahre später wagte sich Livingstone vom Cap der Guten Hoffnung aus bis nach dem oberen Zambesi. Von dort aus durchreiste er, seit November 1853, mit bisher unübertroffener Kühnheit Afrika von Süden nach Nordwesten, überschritt den Coango, einen der Nebenströme des Congo, und kam am 31. Mai 1854 in San Pablo de Loanda an. Das war die erste Reise durch das unbekannte Hinterland der großen portugiesischen Kolonie.

Achtzehn Jahre später unternahmen es zwei kühne Entdeckungsreisende, Afrika von Osten nach Westen zu durchstreifen und unter Nichtachtung geradezu unerhörter Schwierigkeiten, der Eine im Süden, der Andere im Norden von Angola die entgegengesetzte Küste zu erreichen.

Die wilden Thiere nahmen von den verwüsteten Ländereien Besitz. (S. 229.)

Der erste der Genannten war der Lieutenant in der englischen Marine Verney-Howet Cameron. Im Jahre 1872 hatte man alle Ursache, die zur Aufsuchung Livingstone’s nach dem Gebiete der großen Seen entsendete Expedition des Amerikaners Stanley gefährdet zu glauben. Lieutenant Cameron erbot sich, diesen wieder aufzusuchen. Das Anerbieten ward angenommen. Cameron reiste in Begleitung des Doctor Dillon, des Lieutenant Cecil Murphy und Robert Massats, eines Neffen Livingstones, von Zanzibar ab.

Die Unterhaltung begann eben. (S. 237.)

Nach Ueberschreitung des Ouyogo traf er die irdischen Ueberreste Livingstone’s, welche dessen treue Diener nach der Ostküste zurückführten. Mit dem felsenfesten Vorsatze, das Land von der einen Küste quer bis zur anderen zu durchreisen, setzte er nach jenem Zusammentreffen seinen Weg fort, passirte Unianyembe, Ugunda, Kahnela, wo er die Papiere des großen Reisenden vorfand und rettete, überschritt den Tanganyika, die Bergkette von Bambarre, den Loualaba, dessen Strombette er nach Besichtigung der angrenzenden, durch Krieg und Sklavenhandel entvölkerten Länder nicht weiter verfolgen konnte, durchzog ferner Kilemba, Uluda und Lavalé, nachdem er Coanze und jene ungeheuren Waldgebiete, in welche Harris Dick Sand und dessen Begleiter tief hineingeführt hatte, durchwandert, bis der energische Cameron den Atlantischen Ocean erblickte und endlich in San Felipe de Benguela eintraf. Diese drei Jahre und vier Monate andauernde Reise hatte zwei seiner Gefährten, dem Doctor Dillon und Robert Massat, das Leben gekostet.

Dem Engländer Cameron folgte der Amerikaner Henry Moreland Stanley auf dieser Entdeckungsreise fast auf dem Fuße. Bekanntlich zog dieser unerschrockene Correspondent des »New-York Herald« seiner Zeit aus, zunächst um Livingstone aufzusuchen, den er am 30. October 1871 in Ujiji am Ufer des Taganyïka-Sees, antraf. Was er aber vom Gesichtspunkte der Humanität aus so glücklich erreicht, das wollte Stanley im Interesse der geographischen Wissenschaften weiterführen. Sein Ziel war die möglichst eingehende Erforschung von Loualaba, welches er nur flüchtig gesehen hatte. Noch wanderte Cameron halb verloren in den Provinzen InnerAfrikas dahin, als Stanley im November 1874 Bagamoya an der Ostküste verließ, einundzwanzig Monate später, am 24. August 1876, von dem durch eine Pocken-Epidemie verheerten Ujiji aufbrach, in vierundsiebzig Tagen die Strecke von jenem See bis N’yangwé, dem großen, schon von Livingstone und Cameron besuchten Sklavenmarkte, zurücklegte und im Lande der Marungu und der Manyuema wider Willen den abscheulichsten, von den Officieren des Sultans von Zanzibar geleiteten Razzias beiwohnte.

Von hier aus bereitete sich Stanley vor, den Lauf des Loualaba zu erforschen und diesem Strome bis zu seiner Mündung zu folgen. Hundertvierzig in N’yangwé angenommene Träger und nicht weniger als neunzehn Boote bildeten das Personal und Material seiner Expedition. Gleich zu Anfang der Reise hatte er mit den Anthropophagen von Ugusu zu kämpfen und mußte auch alle Boote durch Träger fortschaffen lassen, um die unfahrbaren Katarakte des genannten Stromes zu umgehen. Unter dem Aequator, an der Stelle, wo der Loualâba nach Nordnordosten abbiegt, griffen vierundfünfzig Boote mit mehreren hundert Eingebornen die kleine Flottille Stanley’s an, dem es jedoch gelang, jene in die Flucht zu schlagen. Der muthige Amerikaner constatirte dann, indem er bis zum zweiten Grade nördlicher Breite hinausdrang, daß der Loualaba identisch sei mit dem Oberlauf des Zaïre oder Congo, und daß er, seinem Laufe folgend, direct nach dem Meere hinab gelangen müsse. Das that er denn auch, freilich nur unter fast täglichen Gefechten mit den Uferbewohnern des Stromes. Bei der Passage der Katarakte von Massassa, am 3. Juni 1877, verlor er einen seiner Begleiter, Francis Pocock, er selbst aber wurde am 18. Juli mit seinem Boote die Fälle von M’belo hinuntergerissen und entging nur wie durch ein Wunder dem drohenden Tode.

Am 6. August endlich langte Stanley in dem Flecken Ni Sanda, vier Tagereisen von der Küste, an. Zwei Tage darauf fand er in der Banza M’buko, die von zwei Kaufleuten in Eneboma entgegengesendeten Provisionen und gönnte sich endlich in genannter Küstenstadt einige Rast, nachdem er, durch Mühsal und Entbehrung mit fünfunddreißig Jahren schon gealtert, binnen zwei Jahren und neun Monaten das ganze Festland Afrikas durchzogen hatte. Die Feststellung des Laufes des Loualaba bis zum Ocean hinab war eine Frucht dieser beschwerlichen, gefahrenreichen Reise, und wenn der Nil als die große Pulsader des Nordens, der Zambesi als die des Ostens zu betrachten ist, so weiß man jetzt, daß Afrika ferner im Westen den dritten der größten Ströme der Welt besitzt, der mit einer Flußlänge von 2900 Meilen (= 4658 Kilometer) unter verschiedenen Namen, als Loualaba, Zaïra und Congo, die Gegend der großen Seen mit dem Atlantischen Meere verbindet.

Zwischen den beiden Reise-Routen Stanley’s und Cameron’s nun lag jene im Jahre 1873, zur Zeit als der »Pilgrim« an Afrikas Küste scheiterte, noch so gut wie unbekannte Provinz Angola. Was man von ihr wußte, beschränkte sich darauf, daß sie der Schauplatz des westlichen Sklavenhandels war, den die bedeutenden Märkte in Bihe, Cassange und Kazonnde begünstigten.

In diese Gegend nun war Dick Sand bis 100 Meilen von der Küste hineingeführt worden, mit einer von Anstrengungen und Schmerzen erschöpften Frau, einem sterbenskranken Kinde und seinen Gefährten, einigen Negern von Geburt, d.h. einer wie für die Habgier der Sklavenhändler geschaffenen Beute.

Ja, das war hier Afrika, und nicht jenes Amerika, wo weder die Eingebornen, noch die wilden Thiere oder das Klima ernstlich zu fürchten sind. Das war nicht jener gesegnete Landstrich zwischen den Cordilleren und der Küste mit seinen vielen Ortschaften und den für jeden Reisenden ohne Unterschied gastfreundlich geöffneten Missionen. O, sie lagen so weit von hier, jene Gestade von Peru und Bolivia, nach welchen hin der langandauernde Sturm den »Pilgrim« ohne Zweifel getrieben hätte, wenn ihn damals nicht eine verbrecherische Hand auf falschen Kurs lenkte, jene Länder, wo die Schiffbrüchigen ohne Schwierigkeit Gelegenheit gefunden hätten, in ihre Heimat zurückzukehren.

Das war das schreckliche Angola, und dazu nicht einmal jener von den portugiesischen Behörden einigermaßen überwachte Theil der Küste, sondern das Innere der Kolonie, welches die Sklaven-Karawanen unter der Peitsche der Havlidars durchziehen.

Was wußte Dick Sand wohl von dem Lande, nach dem der Verrath ihn gebracht hatte? Nur wenig, er kannte die Berichte der Missionäre des 16. und 17. Jahrhunderts, die dürftigen Nachrichten der Händler, welche von San Pablo de Loanda über San Salvador nach Zaïre ziehen, und das, was Doctor Livingstone bei Gelegenheit seiner Reise vom Jahre 1853 darüber veröffentlicht hatte, hätte hingereicht, eine minder starke Seele als die seine gänzlich niederzudrücken.

In der That, die augenblickliche Lage war entsetzlich!

Zweites Capitel.

Harris und Negoro.

Am nächsten Morgen des Tages, da Dick Sand und seine Begleiter zum letzten Male ihr Lager im Urwald aufgeschlagen zu haben glaubten, trafen sich, offenbar in Folge vorgängiger Verabredung, zwei Männer, etwa drei Meilen von dem Ruheplatze der Reisegesellschaft.

Diese beiden Männer waren Harris und Negoro, und der Leser wird aus dem Folgenden ersehen, inwiefern der Zufall eine Rolle spielte, der den von Neu-Seeland kommenden Portugiesen mit dem Amerikaner, der in Folge seines Geschäftes als Sklavenhändler diese Provinz West-Afrikas häufig zu durchreisen genöthigt war, an der Küste von Angola zusammenführte.

Negoro und Harris hatten sich am Fuße einer mächtigen Banane niedergesetzt, am geneigten Ufer eines brausenden Bergbaches, der zwischen einer Doppelreihe von Papyrusstauden dahinfloß.

Die Unterhaltung begann eben, denn der Portugiese und der Amerikaner hatten sich nur diesen Augenblick erst getroffen, und betraf zunächst die Vorkommnisse der letzten Stunden.

»Nun, Harris, sagte Negoro, Du vermochtest also die kleine Gesellschaft des Kapitän Sand, wie sie den fünfzehnjährigen Jungen zu nennen belieben, nicht tiefer nach Angola hineinzuführen?

– Nein, Kamerad, erwiderte Harris, es wundert mich sogar, daß es mir gelang, sie mindestens hundert Meilen von der Küste wegzuschleppen. Seit einigen Tagen beobachtete mich mein Freund Dick Sand mit sehr unruhigen Blicken, sein Verdacht bildete sich allmälig zur Gewißheit aus, und meiner Treu…

– Noch hundert Meilen, und jene Leute wären noch sicherer unserer Gewalt verfallen gewesen. Doch entwischen dürfen sie uns auf keinen Fall!

– O, wie könnten sie das? antwortete Harris achselzuckend. Doch ich wiederhole Dir, Negoro, es war höchste Zeit, sich aus ihrer Gesellschaft wegzustehlen. In meines jungen Freundes Augen las ich es zehnmal, daß er nicht übel Luft hatte, mir eine Kugel in den Leib zu jagen, und ich habe einen zu schwachen Magen, um solche Bohnen, zwölf auf’s Pfund, zu verdauen!

– Schon gut! meinte Negoro; ich für meine Person habe mit jenem Novizen auch noch ein Hühnchen zu rupfen…

– Was Du mit ihm, wie es Deinem Interesse entspricht, abmachen wirst. Was mich betrifft, so bemühte ich mich während der ersten Reisetage, und zwar mit Erfolg, ihm diese Provinz für die Einöde von Atacama, die ich früher einmal besucht habe, auszugeben; da meldete sich aber der kleine Knirps, der seine Kautschukbäume und Kolibris haben wollte, da verlangte seine Mutter nach Chinabäumen, und der Herr Vetter, der sich’s nun einmal in den Kopf gesetzt hatte, Cocuyos fangen zu wollen!… wahrhaftig, ich war mit meinem Latein zu Ende, und nachdem ich ihnen noch mit Müh’ und Noth Giraffen für Strauße aufgeschwatzt hatte – ja, das ist meine Entdeckung, Negoro! – wußte ich wahrlich nichts mehr zu erfinden. Ich sah übrigens recht gut, daß mein junger Freund von allen meinen Erklärungen kein Wort mehr glaubte. Dann trafen wir gar noch auf Wegspuren von Elefanten! Weiterhin kommen uns auch noch Flußpferde in die Quere, und Du weißt wohl, Negoro, Flußpferde und Elefanten in Amerika giebt’s ebensoviel wie Ehrenmänner unter den Sträflingen von Benguela! Um das Maß ganz voll zu machen, stöbert der alte Neger am Fuße eines Baumes auch einige Ketten und Fesseln auf, von denen sich ein Paar Sklaven auf der Flucht befreit haben mochten. Gleichzeitig brüllt unnützer Weise ein Löwe, daß es ringsum widerhallt, und es ist eine verteufelte Aufgabe, Jemandem einzureden, daß sein Gebrüll von einer unschuldigen Katze herrühre – mit einem Worte, ich mußte eilen, mein Pferd zu erlangen und hierher zu kommen!

– Ich verstehe, antwortete Negoro. Alles in Allem hätte ich sie aber doch lieber hundert Meilen weiter im Lande!

– Man thut eben, was man kann, Kamerad, erwiderte Harris. Du hast, während Du unserem Zuge von der Küste her folgtest, gut daran gethan, gehörige Distanz zu halten. Man witterte Dich in der Nähe! Da war ein gewisser Dingo, der Dir gar nicht grün zu sein schien. Was hast Du dem Thiere denn gethan?

– Ich – nichts, erklärte Negoro, aber eine Kugel kriegt er bald vor den Kopf.

– So wie’s Dir durch Dick Sand ergangen wäre, wenn Du Dich nur zum kleinsten Theile zweihundert Schritt vor seiner Büchse hättest sehen lassen. O, er schießt recht gut, mein junger Freund, und, unter uns, ich muß gestehen, daß er in seiner Art ein ganz tüchtiger Kerl ist.

– Das thut nichts, Harris, er soll mir seine Anmaßung noch theuer bezahlen, antwortete Negoro, dessen Physiognomie den Ausdruck unversöhnlicher Grausamkeit annahm.

– Schön, murmelte Harris, mein Kamerad ist noch der alte geblieben, wie ich ihn von jeher kannte. Das Reisen hat ihn nicht umgewandelt!«

Dann fuhr er nach kurzem Stillschweigen fort:

»Nun sag’ mir aber, Negoro – als ich Dir da unten an dem Schauplatze des Schiffbruches, an der Mündung der Longa begegnete, hattest Du ja kaum Zeit, mir jene wackeren Leute zu empfehlen, mit dem Ersuchen, sie möglichst tief in das vorgebliche Bolivia hineinzuführen – erzähle mir, was Du seit zwei Jahren gemacht hast. In unserem ereignißvollen Leben sind zwei Jahre eine lange Zeit! Da hast Du so eines schönen Tages nach übernommener Führung einer Sklaven-Karawane für den alten Alvez, dessen dienstfertige Agenten wir ja sind, Cassange verlassen und Niemand hat ein Sterbenswörtchen wieder von Dir gehört! Ich glaubte schon, Du hättest mit den englischen Kreuzern eine kleine Unannehmlichkeit gehabt und eine fest zusammengedrehte Hanfcravate um den Hals bekommen.

– Es fehlte nicht viel, Harris.

– O, das kommt noch, Negoro

– Ich danke!

– Was willst Du? antwortete Harris mit wahrhaft philosophischem Gleichmuth, das ist eine der Annehmlichkeiten unseres Geschäftes. Sklavenhandel treibt man an der Küste Afrikas nicht, ohne die verlockende Aussicht, anderswo als in seinem eigenen Bette zu sterben. Doch erzähle, Du bist abgefangen worden!

– Ja.

– Von den Engländern?

– Nein, von den Portugiesen.

– Vor oder nach Ablieferung Deines Cargo?

– Nachher… erwiderte Negoro, der mit der Antwort ein wenig zögerte Diese Portugiesen spielen jetzt die Empfindsamen! Sie wollen keine Sklaverei mehr, nachdem sie von dieser so lange Zeit ihren Nutzen gehabt haben. Ich war denuncirt, überwacht. Man hat mich gefangen…

– Und verurtheilt?…

– In San Pablo de Loanda meine Tage als Sträfling zu beschließen.

– Tausend Teufel! rief Harris, in der Strafanstalt! Das ist ein ungesundes Gasthaus für Leute, die gleich uns daran gewöhnt, in freier Luft zu leben. Ich für meinen Theil hätte es vielleicht vorgezogen, gehenkt zu werden!

– Vom Galgen giebt’s keine Flucht mehr, entgegnete Negoro, doch aus dem Gefängniß…

– Ah, Du bist durchgegangen?…

– Ja wohl, Harris! Schon vierzehn Tage nach meiner Einlieferung in den Bagno gelang es mir, mich im Raume eines nach Auckland auf Neu-Seeland abfahrenden Dampfers zu verbergen. Ein Faß mit Wasser und eine Kiste mit Conserven, zwischen welchen beiden ich mich vergraben hatte, lieferten mir Nahrung während der ganzen Ueberfahrt. O, ich habe viel ausgestanden, um mich, als wir auf offener See waren, nicht zu zeigen. Wäre ich aber so thöricht gewesen, es zu thun, so hätte man mich einfach wieder in den Raum eingesperrt und die Tortur blieb dieselbe. Bei der Ankunft in Auckland hätte man mich jedenfalls den britischen Behörden übergeben und endlich nach der Verbrecher-Kolonie von Loanda zurückgeschickt, oder wie Du meintest, vielleicht gar aufgeknüpft – aus allen diesen Gründen zog ich es also vor, incognito zu reisen.

– Und ohne für die Ueberfahrt zu bezahlen! rief Harris lachend. Ei, ei, Kamerad, das ist nicht honett, sich gratis transportiren und füttern zu lassen!

– Mag sein, bestätigte Negoro, aber eine Reise von dreißig Tagen in einem Schiffsraume macht Vieles quitt!

– Na, jedenfalls ist’s nun einmal geschehen, Negoro. Du bist also nach Neu-Seeland, in das Land der Maoris gereist. Doch, Du kehrtest auch zurück; geschah das wohl unter denselben Verhältnissen?

– Ei nein, Harris, Du meinst wohl, ich habe da unten nur den einen Gedanken gehabt, nach Angola zurückzukehren und mein Metier als Sklavenhändler wieder aufzunehmen?

– Gewiß, antwortete Harris, man liebt sein Handwerk, so aus Gewohnheit!

– Achtzehn Monate lang…«

Kaum waren diese Worte über seine Lippen gekommen, als Negoro plötzlich innehielt. Er hatte den Arm seines Gefährten ergriffen und lauschte.

»Harris, sagte er mit gedämpfter Stimme, kommt Dir’s nicht vor, als bewegte sich dort etwas in den Papyrus?

»Es ist nichts!« erklärte Harris bald darauf. (S. 241.)

– Wahrhaftig!« bestätigte Harris, der sein Gewehr ergriff und sich schußfertig machte.

Negoro und er erhoben sich, schauten rings umher und lauschten mit gespanntester Aufmerksamkeit.

»Es ist nichts, erklärte Harris bald darauf. Der Bach ist in Folge des letzten Gewitters angeschwollen und fließt jetzt mit lauterem Rauschen dahin. Binnen zwei Jahren, Kamerad, hast Du die Sprache der Wälder verlernt; wirst Dich schon wieder daran gewöhnen. Erzähle Deine Abenteuer ruhig weiter. Wenn ich Deine Vergangenheit kennen gelernt, wollen wir über die Zukunft sprechen!«

Negoro und Harris hatten sich am Fuße der Banane wieder niedergesetzt. Der Portugiese fuhr also fort:

»Achtzehn Monate lang vegetirte ich in Auckland. Nach Ankunft des Dampfers konnte ich unbemerkt von Bord gehen; aber keinen Piaster, keinen Dollar in der Tasche! Um leben zu können, mußte ich jedes Geschäft ergreifen…

– Auch das eines ehrlichen Mannes, Negoro?

– Wie Du sagst, Harris.

– Armer Junge!

– Ich wartete dabei immer auf eine Reisegelegenheit, welche doch gar nicht kommen wollte, bis der Walfischfänger, der »Pilgrim«, im Hafen von Auckland einlief.

– Derselbe, der an der Küste von Angola auffuhr?

– Derselbe, Harris, und auf dem gleichzeitig Mrs. Weldon, ihr Kind und ihr Vetter überfahren wollten. Als gefahrener Seemann, denn ich war ja selbst einmal zweiter Officier an Bord eines Sklavenschiffes, brachte es mich nicht in Verlegenheit, auf einem Fahrzeuge Dienst zu nehmen. Ich stellte mich demnach dem Kapitän des »Pilgrim« vor, dessen Mannschaft freilich schon complet war. Zu meinem Glücke hatte sich der Koch der Brigg-Goëlette heimlich davon gemacht. Einen Seemann, der nicht in der Küche Bescheid wüßte, giebt es bekanntlich nicht. Ich bot mich also als Schiffskoch an. In Ermangelung eines Besseren wurde ich als solcher angestellt und wenige Tage darauf schon hatte der »Pilgrim« Neu-Seeland außer Sicht verloren.

– Nach dem aber, warf Harris ein, was mein junger Freund gelegentlich erzählte, segelte der »Pilgrim« keineswegs nach der Küste von Afrika. Wie kam er nun hierher?

– Das wird Dick Sand freilich noch nicht durchschaut haben und es voraussichtlich niemals einsehen, antwortete Negoro; Dir, Harris, will ich’s jedoch erklären, und wenn Dir’s Vergnügen macht, kannst Du es Deinem jungen Freunde ja einmal wieder mittheilen.

– Also wie? fragte Harris noch einmal, erzähle, Kamerad!

– Der »Pilgrim«, begann Negoro, steuerte auf Valparaiso. Als ich mich einschiffte, dachte ich auch nur, dadurch bis Chile zu gelangen. Das war immerhin die gute Hälfte des Weges von Neu-Seeland nach Angola und ich näherte mich damit der Küste Afrikas ja um mehrere tausend Meilen. Da traf es sich, daß Kapitän Hull, der Befehlshaber des »Pilgrim«, drei Wochen nach der Abfahrt von Auckland bei Gelegenheit einer Walfischjagd mit der ganzen Mannschaft zu Grunde ging! Seitdem befanden sich nur noch zwei eigentliche Seeleute an Bord, der Leichtmatrose und der Koch Negoro.

– Und Du übernahmst die Führung des Schiffes? fragte Harris.

– Daran dachte ich wohl im ersten Augenblick, doch ich sah, daß man mir nicht traute. An Bord befanden sich nämlich auch fünf stämmige, freie Neger. Ich hätte mich nicht als Befehlshaber behaupten können und blieb nach reiflicher Ueberlegung, was ich vorher gewesen, der Koch auf dem »Pilgrim«.

– Demnach wäre das Schiff nur zufällig nach der Küste Afrikas gelangt?

– O nein, Harris, antwortete Negoro, dem Zufall ist hierbei nichts weiter zu verdanken, als daß ich Dich auf einem Deiner Streifzüge gerade an demjenigen Küstenpunkte treffen mußte, wo der »Pilgrim« scheiterte. Daß wir aber nach Angola gekommen sind, das geschah nach meinem unbemerkt wirkenden Willen. Dein junger Freund ist noch etwas gar zu sehr Neuling in der Navigation und vermochte seine Position nur mittelst Log und Boussole zu bestimmen. Nun, siehst Du, eines Tages ging das Log auf den Grund und in einer dunklen Nacht ward der Compaß in seiner Weisung gestört, so daß der von heftigem Sturme getriebene »Pilgrim« einen falschen Kurs einhielt. Die lange Dauer der Ueberfahrt erschien Dick Sand freilich unbegreiflich, was dem erfahrensten Seemanne nicht anders ergangen wäre. Ohne daß unser Leichtmatrose es wissen oder nur muthmaßen konnte, ward das Cap Horn doublirt, wobei ich es übrigens mitten im Nebel ganz sicher erkannte. Nachher nahm die Compaßnadel durch meine Veranstaltung wieder die wahre Richtung an und das von einem beispiellosen Orkane gejagte Schiff flog nach Nordosten und ging an der Küste von Angola, nach der ich ja zu gelangen strebte, jämmerlich zu Grunde.

– Und genau zu der Zeit, Negoro, fuhr nun Harris fort, führte mich der Zufall eben dorthin, um Dich zu empfangen und jene wackeren Leute in’s Innere zu führen. Sie glaubten – sie konnten ja nicht anders – in Amerika zu sein, und es gelang mir leicht, diese Provinz für Unter-Bolivia auszugeben, mit der sie wirklich einige Aehnlichkeit hat.

– Gewiß, sie glaubten das ebenso, wie Dein junger Freund die Osterinsel vor sich zu haben wähnte, als wir Tristan d’Acunha in Sicht hatten!

– Darin hätte sich jeder Andere ebenso getäuscht, Negoro.

– Ich weiß, Harris, und ich rechnete nicht wenig darauf, aus diesem Irrthum Nutzen zu ziehen. Nun, jetzt haben wir ja Mistreß Weldon und ihre Begleiter hundert Meilen im Innern von Afrika, wohin ich sie bringen wollte.

– Aber, meinte Harris, sie wissen nun, wo sie sind.

– O, das hat jetzt auch nichts mehr zu bedeuten! rief Negoro.

– Und was denkst Du mit ihnen zu beginnen? fragte Harris.

– Was ich mit ihnen anfange, wiederholte Negoro… Ja, bevor wir davon sprechen, erzähle Du mir von unserem alten Herrn, dem Sklavenhändler Alvez, den ich seit zwei Jahren nicht gesehen habe.

– O, der alte Spitzbube befindet sich vorzüglich gut, sagte Harris, und wird sich freuen, Dich wieder zu sehen.

– Ist er etwa auf dem Markte in Bihe? fragte Negoro.

– Nein, Kamerad, seit einem Jahre verlegte er sein Etablissement nach Kazonnde.

– Und das Geschäft blüht?

– Ja, bei allen Teufeln! rief Harris, obwohl der Sklavenhandel, mindestens an dieser Küste, von Tag zu Tag schwieriger wird. Die portugiesischen Behörden auf der einen und die englischen Kreuzer auf der anderen Seite bereiten dem Export immer mehr Schwierigkeiten. Nur in der Umgebung von Messamedes, im Süden von Angola, ist die Einschiffung von Negern noch mit einiger Aussicht auf Erfolg zu versuchen. Eben jetzt sind die Baracken vollgestopft mit Sklaven, welche die Schiffe zu ihrer Ueberführung nach spanischen Besitzungen erwarten. Sie über Benguela oder San Pablo de Loanda zu führen, ist jetzt rein unmöglich. Die Gouverneure nehmen keine Vernunft mehr an, und die Chefs (Titel der portugiesischen Statthalter in den Niederlassungen zweiten Ranges) ebenso. Man mußte sich aus diesem Grunde nach den Factorien des Binnenlandes wenden, und das gedenkt der alte Alvez ebenfalls zu thun. Er will nun längs des N’yangwe und Taganyika seine Stoffe gegen Elfenbein und Sklaven austauschen. Mit Ober-Egypten und der Küste von Mozambique, welche Madagaskar versorgt, sind noch immer gute Geschäfte zu machen. Immerhin fürchte ich, wird die Zeit kommen, da es mit dem Sklavenhandel zu Ende ist. Die Missionäre dringen immer weiter vor und untergraben uns den Boden. Dieser Livingstone, den Gott verderben möge, will sich, wie man sagt, nach Durchforschung des Gebietes der großen Seen nach Angola wenden. Dann verlautet auch von einem Lieutenant Cameron, er wolle den Continent von Osten nach Westen durchwandern. Nebenbei fürchtet man von dem Amerikaner Stanley dasselbe. Diese Besuche müssen unsere Operationen unzweifelhaft schädigen, Negoro, und wenn wir noch eine Empfindung für unsere Interessen besitzen, darf keiner jener Reisenden nach Europa zurückkehren, um dort indiscreter Weise zu berichten, was er in Afrika gesehen hat!«

Glaubt man nicht, wenn man diese Schurken so reden hört, die Verhandlungen achtbarer Kaufleute zu vernehmen, deren Thätigkeit eine Handelskrise für den Augenblick bedroht und lahm legt? Wer kommt auf den Gedanken, daß es sich hier statt um Kaffeeballen und Zuckerfässer um den Export menschlicher Wesen handelt? Für Recht und Unrecht haben diese Sklavenhändler kein Gefühl. Die Moral fehlt ihnen ganz und gar, und besäßen sie solche zuerst wirklich, inmitten der teuflischen Grausamkeiten des afrikanischen Negerhandels ginge sie ihnen doch schnell und unmerklich verloren.

Darin allerdings hatte Harris Recht, daß die Civilisation dem Fuße jener kühnen Pionniere, deren Namen unaufhörlich mit der Geschichte der Erforschung des äquatorialen Afrika verwebt sind, langsam, aber stetig nachfolgt. Voran David Livingstone, nach ihm Grant, Speke, Vogel, Burton, Cameron, Stanley – Alle hinterlassen den unvergänglichsten Nachruhm als opferfreudige Wohlthäter der Menschheit.

Harris kannte jetzt die letzten zwei Jahre aus dem Leben Negoro’s. Der langjährige Agent des Sklavenhändlers Alvez, der Flüchtling aus dem Bagno von Loanda, erschien noch ganz ebenso, wie er sich früher gezeigt, d.h. bereit und entschlossen zu Allem. Noch wußte Harris jedoch nicht, was Negoro mit den Schiffbrüchigen vom »Pilgrim« im Sinne hatte und fragte ihn deshalb darüber.

»Was denkst Du nun, sagte er, mit jenen Leuten zu beginnen?

– Ich trenne sie zunächst in zwei Theile, antwortete Negoro im Tone eines Mannes, dessen Plan schon lange im Kopfe fertig ist, erstens diejenigen, welche als Sklaven verkauft werden sollen, und die…«

Der Portugiese vollendete seinen Satz zwar nicht, doch seine trotzig wilde Physiognomie sprach für ihn deutlich genug.

»Welche von jenen denkst Du zu verkaufen? fragte Harris.

– Natürlich die Neger, welche Mistreß Weldon begleiten, erklärte Negoro. Der alte Tom hat vielleicht keinen großen Werth, die anderen Bier aber sind stämmige Burschen, aus denen auf dem Markte zu Kazonnde ein gut Stück Geld herauszuschlagen ist.

– Das will ich glauben, Negoro! stimmte Harris bei, das sind ja vier wohlgebaute, an Arbeit gewöhnte Neger, welche sich von dem aus dem Inneren kommenden – Vieh recht vortheilhaft unterscheiden. Gewiß, diese wirst Du theuer verkaufen. In Amerika geborne und nach dem Markte von Kazonnde abgeführte Sklaven sind eine seltene Waare! – Doch, setzte der Amerikaner hinzu, Du sagtest mir noch gar nicht, ob sich an Bord des »Pilgrim« nicht auch einiges Geld vorfand?

– O, nur wenige hundert Dollars, die ich zu retten vermochte. Zum Glück rechne ich auf gewisse Einkünfte…

– Und welche denn, Kamerad? fragte Harris neugierig.

– Ah, nichts… nichts! antwortete Negoro, der schon zu bedauern schien, daß er mehr, als ihm lieb war, gesprochen hatte.

– Es bleibt also unsere nächste Aufgabe, diese ganze Waare für möglichst hohen Preis abzusetzen, sagte Harris.

– Sollte das so schwer sein? fragte Negoro.

– Nein, Kamerad. An der Coanza, nur zehn Meilen von hier, lagert eine von dem Araber Ibn Hamis geführte Sklaven-Karawane, welche nur meine Rückkehr abwartet, um nach Kazonnde aufzubrechen. Dort befinden sich mehr eingeborne Soldaten, als zur Gefangennahme Dick Sand’s und seiner Genossen nöthig sind. Dazu gehörte also nur, daß mein junger Freund auf den Gedanken käme, sich nach der Coanza zu wenden…

– Wird das aber der Fall sein? fragte Negoro.

– Gewiß, behauptete Harris, da er intelligent ist und die ihm hier drohende Gefahr nicht argwöhnen kann. Dick Sand kann gar nicht daran denken, auf dem von uns gemeinschaftlich verfolgten Wege zurückzukehren; er müßte sich inmitten jener unbegrenzten Wälder verirren. Ohne Zweifel wird er also einen nach der Küste zu strömenden Fluß zu erreichen und auf diesem mittelst Flosses abwärts zu fahren versuchen. Er kann keinen anderen Ausweg ergreifen, er wird es thun.

– Ja… vielleicht!… meinte Negoro nachdenklich.

– Nicht »vielleicht«, »bestimmt« mußt Du sagen, erwiderte Harris. Siehst Du, Negoro, das liegt Alles so, als hätte ich mit meinem jungen Freunde am Ufer der Coanza ein Stelldichein verabredet.

– Gut denn, antwortete Negoro, brechen wir also auf! Ich kenne Dick Sand. Er wird keine Stunde zögern; wir müssen ihm zuvorkommen.

– Vorwärts, Kamerad!«

Harris und Negoro erhoben sich, als das Geräusch, das die Aufmerksamkeit des Portugiesen schon einmal erregt hatte, sich von Neuem hören ließ. Es rührte von einer Bewegung der Stengel in den hohen Papyrusstauden her.

Negoro stand still und ergriff Harris’ Hand.

Plötzlich ließ sich ein verhaltenes Knurren vernehmen. An dem schrägen Bachesufer erschien, zum Sprunge bereit, ein Hund mit geöffneter Schnauze.

»Dingo! rief Harris.

– Ah, diesmal soll er mir nicht davon kommen!« antwortete Negoro.

Dingo verschwand zwischen der Doppelwand von Büschen. (S. 247.)

Eben wollte sich Dingo auf ihn stürzen, als Negoro, der Harris’ Gewehr ergriffen hatte, schnell anlegte und Feuer gab.

Ein langes, schmerzliches Geheul antwortete dem Krachen des Schusses und Dingo verschwand zwischen der Doppelwand von Büschen am Ufer des Baches.

»Ihr habt das Brüllen gehört?« (S. 252.)

Negoro eilte sofort nach jener Stelle.

An den Papyrusstengeln zeigten sich einzelne Blutflecken und eine lange röthliche Spur verlief über die Kiesel des Baches.

»Endlich hat das verdammte Thier seine Rechnung bezahlt bekommen!« rief Negoro.

Ohne ein Wort zu sprechen, hatte Harris dem ganzen Vorgange beigewohnt.

»Alle Kuckuck, Negoro, sagte er, der Hund schien es ganz besonders auf Dich abgesehen zu haben?

– So scheint es, Harris, doch letzt hat er seinen Theil.

– Und warum hegte er einen solchen Haß gegen Dich, Kamerad?

– O, das rührt noch von einer alten Geschichte zwischen ihm und mir her.

– Von einer alten Geschichte?…« wiederholte Harris.

Negoro gab keine weitere Antwort und Harris schloß daraus, daß ihm der Portugiese irgend einen Vorfall aus der Vergangenheit verheimlicht habe; doch ließ er die Sache ruhen.

Wenige Minuten später wandten sich Beide von dem Bette des Baches weg quer durch den Wald nach der Coanza.

Drittes Capitel.

Unterwegs.

Afrika! Dieser unter den gegebenen Umständen so entsetzliche Name, der von nun an an die Stelle des Namens Amerika zu treten hatte, verschwand keinen Augenblick aus den Augen Dick Sand’s. Versetzte sich der junge Leichtmatrose im Geiste um einige Wochen zurück, so legte er sich nur die Frage vor, wie der »Pilgrim« habe dazu gelangen können, diese gefährliche Küste anzulaufen, wie er das Cap Horn umsegelt und von einem Ocean in den anderen gerathen sei? Jetzt freilich erklärte er sich wenigstens den Umstand, daß sich trotz der Schnelligkeit seines Schiffes immer kein Land habe zeigen wollen, da sich die Wegeslänge bis zur Küste Amerikas ohne sein Wissen nahezu verdoppelt hatte.

»Afrika! Afrika!« wiederholte Dick Sand noch immer.

Da kam ihm plötzlich, während er mit zäher Willenskraft die Ereignisse dieser unerklärlichen Ueberfahrt an seinem inneren Auge vorüberziehen ließ, der Gedanke, daß sein Compaß falsch gewiesen haben müsse. Er erinnerte sich auch, daß der eine Compaß zerbrach, daß die Logleine zerriß und ihm die Möglichkeit genommen wurde, die Schnelligkeit des Schiffes zu beurtheilen.

»Ja, ja! dachte er, es blieb nur noch ein Compaß übrig, dessen Angaben ich nicht zu controliren vermochte!.. Und in einer Nacht ward ich durch einen Schrei des alten Tom erweckt… Negoro befand sich gleichzeitig auf dem Hinterdeck… er war auf das Compaßhäuschen gefallen… konnte dadurch nicht eine Störung hervorgerufen werden?…«

In Dick Sand’s Geiste dämmerte es allmälig. Die Wahrheit lag für ihn auf der Hand. Er begriff endlich die ganze Zweideutigkeit in Negoro’s Benehmen; er erkannte seine Hand in jener ganzen Reihe von Unfällen, welche den Verlust des »Pilgrim« herbeigeführt, und Die, welche er trug, in so gefährliche Lage geführt hatten.

Für was aber sollte er jenen elenden Wicht halten? War er ein Seemann, was er doch stets zu verheimlichen suchte? War er wirklich im Stande, die fluchwürdigen Maßnahmen zu berechnen und auszuführen, welche das Schiff nach der Küste Afrikas treiben mußten?

Verhüllte die Vergangenheit aber auch noch einige dunkle Punkte, bezüglich der Gegenwart konnte davon gewiß keine Rede sein. Der junge Leichtmatrose wußte nur zu gut, daß er sich in Afrika befinde und höchst wahrscheinlich in der gefährlichen Provinz Angola, mehr als hundert Meilen weit von der Küste. Auch daß Harris die Rolle des Verräthers gespielt, unterlag bei ihm keinem Zweifel. Dann führte aber auch die einfache Logik zu der weiteren Schlußfolgerung, daß der Amerikaner und der Portugiese sich längst schon kannten, daß sie ein unseliger Zufall hier an der Küste zusammengeführt, und daß zwischen ihnen ein Plan verabredet worden sei, der für die Schiffbrüchigen des »Pilgrim« offenbar von den verderblichsten Folgen sein mußte.

Welches Motiv jedoch lag dieser häßlichen Handlungsweise zu Grunde? Daß Negoro sich mit List oder Gewalt Tom’s und seiner Genossen bemächtigen wollte, um diese als Sklaven zu verkaufen, konnte man wohl annehmen. Daß der Portugiese, von dem Gefühle des Hasses getrieben, sich an ihm, Dick Sand, der ihn nach Verdienst behandelt hatte, rächen wollte, war vielleicht auch zu begreifen. Was beabsichtigte der Elende aber mit Mrs. Weldon, mit der Mutter und deren unschuldigem Kinder

Hätte Dick Sand jenem Gespräche zwischen Harris und Negoro lauschen können, er würde gewußt haben, was jetzt drohte, welchen Gefahren Mrs. Weldon, die Neger und er selbst entgegengingen!

Gewiß, die Lage war entsetzlich, den jungen Leichtmatrosen lähmte sie nicht. Kapitän an Bord, wollte er auch Kapitän am Lande bleiben. Ihm lag die Pflicht ob, Mrs. Weldon, den kleinen Jack, alle Diejenigen, deren Loos der Himmel in seine Hand gegeben, zu erretten. Jetzt fing seine schwerere Aufgabe wirklich erst an. Er wollte und mußte sie zu Ende führen!

Nach zwei oder drei Stunden, während welchen er die guten und die schlechten Aussichten der Gegenwart und Zukunft gegen einander abwog – wobei freilich die schlechten ein großes Uebergewicht zeigten – erhob sich Dick Sand fest und entschlossen.

Die ersten Morgenstrahlen vergoldeten eben die hohen Gipfel der Bäume. Mit Ausnahme Tom’s und des Leichtmatrosen lagen Alle noch in tiefem Schlafe.

Dick Sand näherte sich dem alten Neger.

»Tom, begann er mit leiser Stimme, Ihr habt das Brüllen des Löwen gehört, habt die Werkzeuge eines Sklavenhändlers gefunden und erkannt, Ihr wißt, daß wir in Afrika sind?

– Ja, Herr Dick, das weiß ich.

– Nun gut, Tom; kein Wort hierüber! – weder gegen Mistreß Weldon noch gegen Eure Gefährten. Wir wollen diese Kenntniß für uns allein behalten, allein fürchten, was zu fürchten ist!…

– Allein… freilich… das ist nothwendig!… antwortete Tom.

– Tom, fuhr der Leichtmatrose fort, wir haben nun strenger zu wachen denn je. Wir sind im feindlichen Lande – und welche Feinde, welches Land! Es genügt, unseren Begleitern mitzutheilen, daß wir von Harris verrathen wurden, um sie zu warnen, auf ihrer Hut zu sein. Sie werden glauben, es drohe uns ein Angriff nomadisirender Indianer, das wird genügen.

– Sie können unbedingt auf ihren Muth und ihre Ergebenheit zählen, Herr Dick.

– Ich weiß es, ebenso wie ich auf Euren gesunden Verstand und Eure Erfahrung rechne. Ihr werdet mich doch unterstützen, mein alter Tom?

– Stets und in Allem, Herr Dick«’

Dick Sand’s Entschluß war gefaßt und fand die Zustimmung des alten Negers. Da Harris’ Verrath sofort, bevor noch die Stunde des Handelns gekommen, entdeckt wurde, so bedrohte den jungen Leichtmatrosen und seine Begleiter wenigstens keine augenblickliche Gefahr. Allem Anscheine nach hatte die Auffindung der von einigen Sklaven zurückgelassenen Eisen, sowie das unerwartete Gebrüll des Löwen das plötzliche Verschwinden des Amerikaners veranlaßt. Er hatte sich entdeckt gefühlt und war entflohen, wahrscheinlich bevor die kleine Gesellschaft, welche er in die Wildniß führte, die Stelle erreicht hatte, wo man sich ihrer bemächtigen wollte. Negoro, dessen Nähe Dingo während der letzten Reisetage offenbar gewittert hatte, mochte nun wohl mit Harris zur Berathschlagung weiterer Maßregeln zusammengetroffen sein. Jedenfalls vergingen einige Stunden, ehe Dick Sand und die Seinen eine Ueberrumpelung zu befürchten hatten, und diese galt es zu benutzen.

Der einzig in Frage kommende Plan lief darauf hinaus, so schnell als möglich die Küste wieder zu erreichen. Der junge Mann hatte allen Grund, anzunehmen, daß diese Küste die von Angola sei. Nach Erreichung derselben wollte Dick Sand nach Norden oder Süden ziehen, um eine portugiesische Ansiedlung zu treffen, in der seine Begleiter irgend eine Gelegenheit zur Rückkehr nach der Heimat in Ruhe und Sicherheit abwarten könnten.

Sollte man aber zur Rückreise nach der Küste den auf dem Herwege benutzten Weg einschlagen? Dick Sand dachte daran gar nicht, und hierin begegnete er Harris’ Muthmaßungen, der recht wohl vorausgesehen hatte, daß die Verhältnisse den jungen Leichtmatrosen nöthigen mußten, die kürzeste Route zu wählen.

In der That wäre es unvortheilhaft, um nicht zu sagen unklug gewesen, die beschwerliche Wanderung rückwärts durch den Wald zu wagen, welche im glücklichen Falle am ersten Ausgangspunkte endigen mußte. Dabei wäre es Negoro’s Spießgesellen auch geboten gewesen, ihnen auf sicherer Fährte nachzufolgen. Um ohne Hinterlassung sichtbarer Spuren davon zu kommen, blieb ihnen nur die Aufsuchung eines Wasserlaufes übrig, den sie geeigneten Falles zur Rückfahrt benutzen konnten. Gleichzeitig verminderten sich damit auch die Gefahren des Angriffs wilder Thiere, welche sich bis jetzt durch einen glücklichen Zufall noch in beruhigender Ferne gehalten hatten. Auch ein etwaiger Angriff von Seiten Eingeborner hatte unter diesen Umständen weniger Bedeutung. Einmal auf einem solid gebauten Flosse eingeschifft, befanden sich Dick Sand und seine Gefährten unter Berücksichtigung ihrer ausgezeichneten und hinreichenden Bewaffnung in der erwünschtesten Lage, sich wirksam zu vertheidigen. Alles kam nur darauf an, den ersehnten Wasserlauf zu finden.

Hierzu kommt noch, daß sich diese Art zu reisen für Mrs. Weldon und deren kleinen Jack unter den thatsächlichen Verhältnissen als die geeignetste empfahl. Das kränkliche Kind zu tragen, konnte es an willigen Armen nicht fehlen. In Ermangelung von Harris’ Pferde konnte ja im Nothfall eine Tragbahre aus Zweigen hergestellt werden, auf welcher Mrs. Weldon Platz fand. Freilich wurden zwei von den fünf Negern in Anspruch genommen und Dick Sand hielt mit Recht darauf, seine Gefährten im Falle eines plötzlichen Angriffes in ihrer Bewegung möglichst unbeschränkt zu wissen.

Kam man aber erst dahin, auf einem Strom flußabwärts zu fahren, so befand sich der junge Leichtmatrose wieder in seinem Elemente.

Die nächstliegende Frage zielte also dahin, zu wissen, ob sich in der Nachbarschaft ein geeigneter Wasserlauf vorfinde. Dick Sand setzte das, und zwar aus folgenden Gründen voraus:

Der am Orte des Schiffbruches ihres »Pilgrim« in den Atlantischen Ocean ausmündende Fluß konnte weder nach Norden, noch nach Osten weit in’s Land hineinreichen, da eine nicht allzu entfernte Bergkette – dieselbe, welche man früher irrthümlicher Weise für die Cordilleren hielt – den Horizont nach jenen beiden Richtungen zu abschloß. Jener Fluß strömte also offenbar direct von diesen Höhen hinab oder er wendete sich nach Süden; in beiden Fällen konnte Dick Sand nicht fehlgehen, dessen Bett anzutreffen. Vielleicht fanden sie auch noch vor jenem Flusse – denn es hatte den Anschein, als bilde er einen directen Küstenstrom des Oceans – einen seiner Nebenarme, welcher zur Fortschaffung der kleinen Gesellschaft schon wasserreich genug wäre. Auf jeden Fall jedoch konnte irgend ein Wasserlauf von hier nicht fern sein.

Während der letztzurückgelegten Meilen ihrer Reise hatte sich die Bodenbeschaffenheit merklich geändert. Das Land war niedriger und feuchter. Da und dort schlängelten sich schmale Bäche dahin, welche den Beweis lieferten, daß der Untergrund ein ganzes Netz von Wasseradern bergen mochte. Am letzten Reisetage noch war die Gesellschaft an einem jener Bäche hingezogen, dessen von Eisenoxyd geröthetes Wasser seine Farbe dem abgenagten Ufer entnahm. Es konnte weder allzu lange dauern, noch allzu schwierig sein, diesen wieder aufzufinden. Gewiß konnte man auf seinem wenigen schäumenden Wasser noch nicht stromabwärts fahren, recht wohl aber ihm bis zu seiner Mündung in einen größeren Nebenfluß folgen, der dann schiffbar zu sein versprach.

Diesen einfachen Plan hatte Dick Sand nach einer kurzen Unterredung mit Tom festgesetzt.

Nach Tagesanbruch erwachten alle Reisegefährten allmälig. Mrs. Weldon legte den noch schlummernden kleinen Jack in die Arme Nan’s nieder. Das in der Periode des aussetzenden Fiebers todtenblasse Kind bot einen wirklich schmerzlichen Anblick.

Mrs. Weldon ging auf Dick Sand zu.

»Dick, begann sie nach einigem Umherblicken, wo ist Harris? Ich finde ihn nicht!«

Der junge Leichtmatrose war der Ansicht, daß er die Verrätherei des Amerikaners seinen Gefährten nicht wohl verheimlichen dürfe, wenn er sie auch in dem Glauben ließe, auf dem Boden von Bolivia zu sein.

»Harris ist nicht mehr da, antwortete er ohne Zögern.

– Er ist also wohl vorausgegangen? fragte Mrs. Weldon.

– Er ist entflohen, Mistreß Weldon, erklärte Dick Sand. Dieser Harris ist ein Verräther und hat uns in Uebereinstimmung mit Negoro hierher in die Irre geführt!

– Was kann er damit wollen? fragte Mistreß Weldon lebhaft.

– Das weiß ich nicht, erwiderte Dick Sand möglichst ruhig, aber das Eine weiß ich, daß wir schnellstmöglich nach der Küste zurückkehren müssen.

– Dieser Mann… ein Verräther! rief Mrs. Weldon. O, meine böse Ahnung! Und Du glaubst, Dick, daß er im Einvernehmen mit Negoro handelte?

– Das muß so sein, Mistreß Weldon. Dieser Bösewicht folgte unserer Spur. Der Zufall hat zwei Schurken zusammengeführt und…

– Und ich hoffe, daß sie noch beisammen sind, wenn wir sie wieder finden, sagte Herkules. Ich zerschmettere dem Einen den Schädel mit dem Kopfe des Anderen! fügte der Riese hinzu, indem er seine gewaltigen Fäuste drohend ausstreckte.

– Aber mein armes Kind! schluchzte Mrs. Weldon, wo bleibt die Pflege, die ich für Jack in der Hacienda de San Felipe zu finden hoffte?…

– Jack wird sich erholen, suchte sie der alte Tom zu trösten, wenn er wieder in die gesundere Küstengegend kommt.

– Du bist Deiner Sache sicher, Dick, fragte Mrs. Weldon noch einmal, daß dieser Harris uns betrogen hat?

– Ganz sicher, Mistreß Weldon!« bekräftigte der Leichtmatrose, der jede Erörterung hierüber zu vermeiden suchte.

Mit einem Seitenblick auf den alten Neger fügte er auch noch schnell hinzu:

»Diese Nacht schon haben Tom und ich seine Verrätherei entdeckt, und hätte er nicht sein Pferd zur Flucht gehabt, ich hätte ihn niedergeschossen!

– Jene Farm also?…

– Hier giebt es weder Farm, noch Dorf, noch Flecken in der Nähe, antwortete Dick Sand, ich wiederhole Ihnen, Mistreß Weldon, wir müssen eiligst zur Küste zurückkehren.

– Auf dem nämlichen Wege, Dick?…

– Nein, Mistreß Weldon, wir wollen einen Wasserlauf benutzen, der uns ohne Anstrengung und Gefahr zum Meere hinab befördern wird.

– O, ich bin stark genug! antwortete Mistreß Weldon, die sich gegen ihre eigene Schwäche sträubte. Ich werde marschiren! Ich werde mein Kind tragen!

– Wir sind auch noch da, meinte Bat, wir werden Sie gleich selbst tragen!

– Ja, freilich!… stimmte Austin ein, zwei Baumäste, einige Zweige mit Blättern dazwischen…

– Ich danke Euch, meine Freunde, lehnte Mrs. Weldon dieses Anerbieten ab, ich werde zu Fuß mitkommen…. ich werde gehen. Vorwärts nur!

– Vorwärts denn! befahl der junge Leichtmatrose.

– Geben Sie Jack mir! sagte Herkules, indem er das Kind aus Nan’s Armen nahm, wenn ich nichts zu tragen habe, werde ich davon müde!«

Die kleine Gesellschaft hatte noch keine fünfzig Schritte zurückgelegt. (S. 258)

Zärtlich nahm der wackere Neger den schlafenden Knaben, der dabei nicht einmal erwachte, in seine kräftigen Arme.

Die Waffen wurden sorgfältig untersucht. Den Rest der Lebensmittel vereinigte man zu einem kleinen Ballen, so daß ihn ein einziger Mann tragen konnte. Acteon warf diesen auf den Rücken, während seine Gefährten in ihrer freien Bewegung ziemlich unbehindert blieben.

Vetter Benedict, dessen lange stählerne Beine keine Ermüdung kannten, war zum Aufbrechen bereit. Hatte er Harris’ Verschwinden bemerkt? Es wäre voreilig, das behaupten zu wollen. Ihm ging es überhaupt wenig zu Herzen; er litt nämlich gleichzeitig unter den Schlägen des herbsten Mißgeschickes, das ihn nur treffen konnte.

Vetter Benedict hatte – o, welches Unglück! – seine Loupe und seine Brille verloren!

Zum Glück, aber ohne daß jener es wußte, hatte Bat die beiden kostbaren Instrumente im hohen Grase der letzten Lagerstätte gefunden, aber auf Dick Sand’s Anrathen für sich behalten. Auf diese Weise konnte man wenigstens sicher sein, daß das große Kind sich unterwegs ruhig verhalten werde, weil der arme Gelehrte, wie erwähnt, nicht weiter als bis zu seiner Nasenspitze sehen konnte.

Zwischen Acteon und Austin mit der bestimmten Weisung gestellt, diese auf keinen Fall zu verlassen, ließ der beklagenswerthe Benedict niemals ein Wort des Widerspruches hören und folgte wie ein Blinder, den man an der Leine mitführt.

Noch keine fünfzig Schritte hatte die kleine Gesellschaft aber zurückgelegt, als der alte Tom sie plötzlich durch ein einziges Wort zum Stehen brachte.

»Und Dingo? sagte er.

– Wahrhaftig, Dingo ist nicht da!« antwortete Herkules.

Mit seiner weithin schallenden Stimme rief er den Hund mehrere Male.

Kein Gebell ertönte als Antwort.

Dick Sand verhielt sich still. Der Verlust des Hundes erschien sehr bedauerlich, denn jener hätte die kleine Gesellschaft vor jeder Ueberrumpelung gehütet.

»Sollte Dingo Harris nachgelaufen sein? fragte Tom.

– Harris – nein, entgegnete Dick Sand. Wohl aber könnte er Negoro’s Spur verfolgen; er witterte jenen uns auf dem Fuße.

– Dieser unselige Koch wird nichts Eiligeres zu thun haben, als ihn mit einer Kugel zu begrüßen!…

– Wenn ihm Dingo nicht vorher an der Kehle sitzt, warf Bat ein.

– Vielleicht, antwortete der junge Leichtmatrose. Doch wir können Dingo’s Rückkunft hier nicht abwarten; ist er noch am Leben, so ist er auch klug genug, uns wieder aufzufinden. Vorwärts also!«

Die Witterung war ziemlich schwül. Seit Tagesanbruch lagerten schwere Wolkenmassen am Horizonte, ein Gewitter schien in der Luft zu liegen.

Voraussichtlich endete der Tag nicht ohne einige Donnerschläge. Glücklicher Weise bewahrte der Wald, wenn er auch minder dicht war, dem Erdboden noch eine gewisse Frische. Da und dort rahmte ein hochstämmiger Wald offene Wiesenflächen, mit hohen, dichten Gräsern ein. An manchen Stellen lagen ungeheure, schon versteinerte Baumstämme am Boden – ein Anzeichen kohlenführenden Untergrundes, dem man auf dem Festlande Afrikas sehr häufig begegnet. An den lichteren Stellen, deren grüner Unterteppich auch mit einzelnen röthlichen Büschen besetzt war, leuchteten Blumen in den verschiedensten Farben, wie gelber oder blauer Ingwer, zartblasse Lobelien oder brennendrothe Orchideen, alle von ganzen Schwärmen Insecten besucht, welche sie gegenseitig befruchteten.

Die Bäume bildeten letzt nicht mehr undurchdringliche Gehölze, dagegen zeigten sie mehr Wechsel der Arten. Hier erhoben sich Palmen, welche ein in Afrika sehr gesuchtes Oel liefern, dort Baumwollenstauden von acht bis zehn Fuß Höhe, aus deren holzigen Stengeln ein der Baumwolle von Fernambuco ähnliches, langfaseriges Product erzeugt wird. Wieder an anderen Stellen ließen Copalbäume aus kleinen, von dem Rüssel gewisser Insecten gebohrten Oeffnungen ihr wohlriechendes Harz ausschwitzen, das bis zum Erdboden herablief und sich daselbst für die Bedürfnisse der Eingebornen ansammelte. Hier standen Citronenbäume, wilde Granaten und zwanzig andere Baumspecies zerstreut umher, ein schönes Zeugniß für die Fruchtbarkeit der innerafrikanischen Niederungen. Gleichzeitig ward auch der Geruchsinn durch einen zarten Vanilleduft angenehm erregt, ohne daß man die Pflanze, welche ihn ausströmte, hätte nachweisen können.

Alle diese Bäume und Sträucher grünten üppig trotz der eben herrschenden trockenen Saison, während der nur vereinzelte Gewitter diese reichen ergiebigen Gegenden benetzen. Jetzt war auch die Zeit der Fieber; von diesen kann man sich jedoch, wie Livingstone bemerkt, meistens befreien, indem man die Orte, wo jene erworben wurden, schleunig verläßt. Dick Sand kannte diese Beobachtung des berühmten Reisenden und hoffte, daß sie sich auch bei dem kleinen Jack bewähren würde. Er sprach davon gegen Mrs. Weldon, nachdem er sich überzeugt, daß der erwartete periodische Fieberanfall ausgeblieben war und das Kind friedlich in Herkules’ Armen ruhte.

Man wanderte also vorsichtig und schnell weiter. Manchmal zeigten sich neuere Spuren von vorübergekommenen Menschen und Thieren. Die zurückgebogenen oder abgebrochenen Aeste der Gebüsche gestatteten dann ein ungehindertes Vordringen. Den größten Theil der Zeit aber hielten allerlei erst zu besiegende Hemmnisse die kleine Gesellschaft zu Dick Sand’s großem Leidwesen auf. Hier waren es verschlungene Lianen, welche man treffend mit der in Unordnung gerathenen Takelage eines Schiffes verglichen hat, oder Reben, ähnlich etwa gezogenem Damascenerstahle, dessen Fasern mit Stacheln besetzt wären; fünfzig bis sechzig Fuß lange Schlangengewächse mit der unangenehmen Eigenschaft, daß sie sich erst zurückbiegen und dann den Vorübergehenden mit ihren spitzen Dornen verletzen. Mit mächtigen Beilhieben erzwangen die Neger wohl einen Durchgang, doch immer und immer wieder standen sie vor solchen Schlingpflanzen, welche die höchsten Bäume von der Wurzel bis zum Gipfel umrankten.

Auch das Thierreich dieser Provinz war nicht minder merkwürdig. In großer Anzahl flatterten die Vögel unter diesem mächtigen Laubdache umher, hatten aber erklärlicher Weise keinen Flintenschuß von Leuten zu fürchten, denen selbst daran lag, unbemerkt und schnell vorwärts zu kommen. Hier gab es Perlhühner in ganzen Schwärmen, sehr flüchtige und schöne Haselhühner verschiedener Art, sowie auch einzelne jener Vögel, welche die Nordamerikaner durch Onomapoetikon »Whip-poor-will« genannt haben, drei Silben, welche ihr Geschrei sehr bezeichnend wiedergeben. Dick Sand und Tom hätten hier fast glauben können, in irgend einer Provinz der Neuen Welt dahin zu wandern – leider wußten sie, daß das nicht der Fall war.

Bis jetzt waren reißende Thiere, welche in Afrika so gefährlich sind, der kleinen Gesellschaft noch nicht zu nahe gekommen. Im Verlaufe des ersten Tages bekam man noch einmal Giraffen zu Gesicht, welche Harris ohne Zweifel – aber diesmal gänzlich ohne Erfolg – für Strauße ausgegeben hätte. Diese leichtfüßigen Thiere entflohen eiligst, offenbar erschreckt durch die Erscheinung einer Karawane in diesen sonst nur wenig besuchten Wäldern. In der Ferne, am Rande der Wiesen, wirbelte manchmal eine dichte Staubwolke auf, welche von einer Büffelheerde ausging, die mit dem Geräusche schwer belasteter Wagen dahingaloppirte.

Zwei Meilen weit ging Dick Sand so dem Laufe des Baches nach, der in irgend einen bedeutenderen Fluß ausmünden sollte. Ihm lag es am Herzen, seine Begleiter erst der raschen Strömung eines Küstenflusses anvertraut zu haben. Er rechnete stark darauf, daß Gefahren und Anstrengungen sich dann vermindern würden.

Gegen Mittag waren drei Meilen ohne schlimmeren Zwischenfall zurückgelegt. Von Harris und Negoro keine Spur. Dingo war noch immer nicht wiedergekommen.

Man mußte jetzt Halt machen, um auszuruhen und etwas Nahrung zu nehmen.

In einem Bambusdickicht, das die kleine Gesellschaft vollständig verbarg, wurde das Lager aufgeschlagen.

Man sprach nur wenig während der Mahlzeit. Mrs. Weldon hatte ihren kleinen Knaben wieder im Arme und blickte ihn unverwandt sorgenvoll an; sie konnte nichts genießen.

»Sie müssen aber ein wenig essen, Mistreß Weldon, drängte sie Dick Sand wiederholt. Was soll aus Ihnen werden, wenn die Kräfte Sie verlassen? Essen Sie, ich bitte! Wir müssen uns bald wieder auf den Weg machen und später trägt eine freundliche Strömung uns mühelos bis zur Küste!«

Mistreß Weldon sah Dick Sand gerade in’s Gesicht, als er so zu ihr sprach. Die feurigen Augen des jungen Leichtmatrosen bezeugten den guten Muth, der ihn belebte. Als sie ihn so sah, als ihre Blicke auf die braven, so treu ergebenen Neger fielen, da wollte auch sie als Frau und Mutter nicht mehr verzweifeln. Und weshalb sollte sie auch so niedergeschlagen sein? Glaubte sie nicht, in einem gastlichen Lande zu reisen? In ihren Augen konnte ja Harris’ Verrath so gar schwere Folgen nicht nach sich ziehen Dick Sand errieth wohl den Gang ihrer Gedanken, und er, er war eher versucht entmuthigt den Kopf zu senken.

Viertes Capitel.

Die schlechten Wege von Angola.

Eben erwachte der kleine Jack und legte die Arme um den Hals seiner Mutter. Seine Augen erschienen klarer Das Fieber war nicht wieder gekommen.

»Geht Dir’s besser, mein Herz? fragte Mrs. Weldon, indem sie ihr Kind an die Brust drückte.

– Ja, Mama, antwortete Jack, ich bin etwas durstig!«

Man konnte dem Kinde nichts Anderes als etwas frisches Wasser reichen, von dem es einige Schlucke mit offenbarem Wohlgefallen trank.

»Und mein Freund Dick? fragte der Kleine.

– Hier bin ich, Jack, meldete sich Dick Sand und ergriff die Hand des zarten Knaben.

– Und mein Freund Herkules?

– Herkules, hier, Herr Jack, antwortete der Riese, indem er sich näherte.

– Und das Pferd? fragte Jack weiter.

– Das Pferd? Allein abgereist, Herr Jack, sagte Herkules. Jetzt bin ich das Pferd! Ich werde Sie tragen. Glauben Sie, daß ich einen zu harten Nacken habe?

– Nein, erwiderte der kleine Jack, aber dann hab’ ich keinen Zügel zu halten.

– O, Sie legen mir ein Gebiß ein, wenn es Ihnen Spaß macht, sagte Herkules, seinen Mund weit öffnend, und können dann nach Belieben daran ziehen.

– Du weißt doch, daß ich kaum daran ziehen würde.

– Ei, da thäten Sie unrecht, meine Zähne sind fest genug.

– Aber die Farm des Herrn Harris?… fragte der kleine Knabe noch einmal.

– Dahin werden wir bald kommen, mein Jack, tröstete ihn Mrs. Weldon… Ja… bald!

– Sind Sie fertig, wieder aufzubrechen? mischte sich Dick Sand da ein, um derlei Gesprächen ein Ende zu machen.

– Ja wohl, Dick, vorwärts!« antwortete Mrs. Weldon.

Das Lager ward aufgehoben und der Rückweg in derselben Ordnung angetreten. Man mußte quer durch das Dickicht gehen, um das schmale Bächlein nicht zu verlieren. Hier zeigten sich zwar einige Fußwege, doch diese Pfade waren »todte«, wie die Eingebornen sagen, d.h. Wurzelwerk und massenhaftes Gesträuch hatten sie fast vollständig versperrt. Unter diesen erschwerenden Umständen mußte man eine ganze Meile zurücklegen und gebrauchte dazu drei volle Stunden. Die Neger arbeiteten ohne Unterlaß. Herkules betheiligte sich, nachdem er Nan den kleinen Jack übergeben hatte, an der Arbeit, und mit welchem Erfolg! Er rief ein kräftiges Hui! wenn er seine Axt schwang und gleich einem verheerenden Feuer eine ganze Oeffnung vor sich heraushieb.

Zum Glück sollte diese ermüdende Arbeit nicht von Dauer sein. Nach Zurücklegung der ersten Meile erreichte man eine durch das Gebüsch verlaufende weite Oeffnung, welche in schräger Richtung an dem Bache endigte und dann dessen Ufer folgte. Es war das die Spur von Elefanten, welche, jedenfalls zu Hunderten, durch diesen Theil des Waldes zu ziehen pflegten. Große, von den Füßen der ungeheuren Pachydermen eingedrückte Löcher verwandelten den Boden, der von der Regenzeit durchweicht war und den seine schwammige Natur hierzu sehr geeignet machte, fast zu einem Siebe.

Bald zeigte es sich, daß diese Furth durch den Wald jenen gewaltigen Thieren nicht allein gedient habe. Hier waren auch menschliche Wesen mehr als einmal gewandert, aber so, als hätten sie große Heerden mit allen grausamen Mitteln nach dem Schlachthause geschleppt. Da und dort bleichten Knochen auf dem Boden, die Reste der von wilden Thieren halb abgenagten Skelete, von denen einige noch durch Sklavenfesseln gekennzeichnet waren.

Hier im centralen Afrika giebt es lange Wegstrecken, welche in dieser Weise von den Resten menschlicher Körper eingefaßt sind. Die Sklaven-Karawanen durchziehen oft Hunderte von Meilen und wieviel Unglückliche brechen dabei unterwegs von der Peitsche der Agenten, getödtet durch Hunger und Entbehrungen aller Art oder decimirt durch Krankheiten, zusammen!

»Geht Dir’s besser, mein Herz?« (S. 262.)

Wieviel werden daneben noch von den Sklavenhändlern selbst getödtet, wenn an Lebensmitteln Mangel eintritt! Ja, wenn man sie nicht mehr ernähren kann, tödtet man sie einfach durch Flintenschüsse, Säbelhiebe und Messerstiche, und solche Metzeleien sind nicht einmal sehr selten!

Auf diesem Wege waren also, wie gesagt, Sklaven-Karawanen dahingezogen. Eine Meile weit stießen Dick Sand und seine Begleiter bei jedem Schritte auf solche verstreute Gebeine, wobei sie große Ziegenmelker verjagten, die sich bei ihrer Annäherung schwerfälligen Fluges erhoben und kreischend über ihnen hinflatterten.

Mrs. Weldon sah mit offenen Augen doch so gut wie nichts. Dick Sand fürchtete immer eine Frage von ihrer Seite, denn er mochte nicht gern die Hoffnung aufgeben, sie bis zur Küste zurückzuführen, ohne ihr davon Mittheilung zu machen, daß Harris’ Verrath sie in eine Provinz Afrikas verlockt habe. Zum Glück suchte Mrs. Weldon gar nicht nach einer Erklärung dessen, was sie sah. Sie wollte nur ihr Kind wieder haben, und der kleine Jack, welcher jetzt im süßen Schlummer lag, erfüllte ihre Gedanken ganz allein. Nan ging neben ihr her und weder die Eine noch die Andere stellte an den jungen Leichtmatrosen eine jener Fragen, welche er so sehr fürchtete. Der alte Tom wanderte mit niedergeschlagenen Augen dahin, denn er wußte recht wohl, warum so viele menschliche Gebeine längs der Seiten dieser Lücke im Holze lagen.

Seine Gefährten blickten erstaunt nach links und rechts, als durchschritten sie einen Friedhof ohne Grenzen, dessen Gräber eine Erdrevolution aufgebrochen und umgestürzt hatte; aber sie zogen in dumpfem Schweigen weiter.

Dann und wann vertiefte und erweiterte sich wohl das Bett des Baches. Dick Sand hoffte schon, daß er bald schiffbar werden würde. Er zauderte auch gar nicht, den freien Weg zu verlassen, wenn er sich, vielleicht eine geradere Linie bildend, von dem Wasserlaufe entfernte.

Die kleine Gesellschaft drang also noch einmal in das dichte Buschwerk ein. Mit Hilfe der Axt mußte man sich den Weg mitten durch Lianen und unentwirrbar verästeltes Gesträuch bahnen. Wenn aber diese Pflanzen auch den Boden bedeckten, so drängte sich doch nicht mehr der Urwald bis an das Ufer des Baches heran. Die Bäume wurden allmälig seltener. Ueber die Gräser stiegen nur schlanke Bambusstengel, und zwar so weit in die Höhe, daß sie nicht einmal Herkules mehr mit dem Kopfe überragte. Der Zug der kleinen Gesellschaft verrieth sich jetzt nur durch das Schwanken jenes Bambusrohres.

Nachmittags gegen drei Uhr desselben Tages veränderte sich die Natur des Bodens sichtlich. Es zeigten sich lange ausgedehnte Ebenen, welche zur Regenzeit vollständig überschwemmt sein mochten; der in noch höherem Grade sumpfige Boden war mit üppigem Grase bedeckt, welches reizende Farren überragten. Bildete er hie oder da einen steileren Abhang, so sah man den braunen Hämatit, offenbar die Ausläufer eines reichen Lagers dieses Minerals, zu Tage treten.

Da erinnerte sich Dick Sand zu rechter Zeit, was er in Livingstone’s Reisen gelesen hatte. Mehr als einmal blieb der muthige Doctor in diesem Sumpfboden mit den Füßen stecken.

»Gebt wohl Acht, meine Freunde, sagte er also, indem er sich an die Spitze des Zuges begab. Prüft den Boden, bevor Ihr ihn betretet!

– Wahrhaftig, meinte der alte Tom, es sieht so aus, als wäre dieses Terrain vom Regen tüchtig durchweicht, und doch ist in den letzten Tagen kaum ein Tropfen gefallen.

– Nein, antwortete Bat, aber ein Unwetter ist nicht mehr weit.

– Ein fernerer Grund, bemerkte Dick Sand, daß wir uns beeilen, über diese Sümpfe hinauszukommen, ehe es ausbricht! – Herkules, nehmt den kleinen Jack auf den Arm. Ihr, Bat und Austin, haltet Euch in der Nähe Mistreß Weldon’s, um sie im Nothfalle unterstützen zu können. – Sie, Herr Benedict – ja, was machen Sie denn, Herr Benedict?…

– Ich versinke!«…. erwiderte einfach Vetter Benedict, der langsam verschwand, als hätte sich eine Falle unter seinen Füßen geöffnet.

Der arme Mann war wirklich in eine Aushöhlung gerathen, und verschwand bis zum halben Leibe in zähschleimigem Schlamme. Man reichte ihm die Hand und er arbeitete sich wieder aus seiner Versenkung heraus, bedeckt zwar mit Schlamm, doch entzückt, daß seine Entomologen-Trommel dabei keinen Schaden genommen hatte. Acteon ward an seine Seite beordert, um jedem neuen Unfall des unglückseligen Kurzsichtigen vorzubeugen.

Vetter Benedict hatte gerade mit dem Loche, in welches er versank, eine sehr schlechte Wahl getroffen. Als man ihn aus dem breiigen Moraste herauszog, stiegen eine große Menge Blasen herauf, welche beim Zerplatzen ein sehr übelriechendes Gas entweichen ließen. Livingstone, der in solchem Moraste wiederholt bis an die Brust versunken war, verglich dieses Terrain mit einem großen, aus schwarzer, poröser Erde gebildeten Schwamme, aus dem der Eindruck des Fußes überall kleine Wasserfäden hervorlocke. Diese Wege waren stets sehr gefährlich.

Wohl eine halbe Meile weit mußten Dick Sand und seine Gefährten auf diesem schwammigen Boden hinziehen. Es ging sogar so weit, daß sie zuweilen Halt zu machen gezwungen waren, da auch Mrs. Weldon bis halb an’s Knie in den Schlamm versank Herkules, Bat und Austin wollten ihr alle weiteren Unannehmlichkeiten und Mühsale eines Weges durch diese sumpfige Ebene ersparen und fertigten eine Tragbahre aus Bambusrohr, auf welcher sie Platz nehmen mußte. Den kleinen Jack nahm sie dabei in die Arme und man befleißigte sich nun, aus diesem pestilentialischen Sumpfe baldmöglichst herauszukommen.

Der Schwierigkeiten gab es dabei genug. Acteon hielt Vetter Benedict mit kräftiger Hand fest. Tom unterstützte Nan, welche ohne seine Hilfe auch manchmal nahe daran war, einzusinken. Den Anderen voraus sondirte Dick Sand das Terrain. Die Wahl jedes Plätzchens, auf das man die Füße setzen konnte, machte ihm nicht wenig Mühe. Er mußte meist auf dem Uferrand hinwandern, den ein dichtes, zähes Gras bedeckte; oft fehlte auch hier jeder Stützpunkt und man sank bis an’s Knie in den Schlamm ein.

Gegen fünf Uhr Abends endlich war der Sumpf überwunden; der Boden erlangte in Folge seiner thonigen Natur hinreichende Festigkeit; man fühlte jedoch noch immer seinen feuchten Untergrund. Offenbar lag diese Landstrecke tiefer, als benachbarte Flüsse, und drang das Wasser überall in und durch die Poren des Untergrundes.

Die Hitze war allmälig sehr stark geworden. Sie wäre vielleicht unerträglich gewesen, hätten sich nicht dicke Gewitterwolken zwischen die brennende Sonne und die Erde gelagert. In der Ferne zerrissen schon die Blitze dann und wann die Wolken und in den Tiefen des Himmels grollte ein dumpfer Donner. Allen Anzeichen nach drohte ein heftiges Gewitter.

Diese Naturerscheinungen erreichen in Afrika eine uns ganz unbekannte Stärke. Wolkenbruchartige Platzregen, Windstöße, denen oft auch die festesten Bäume nicht zu widerstehen vermögen, Schlag auf Schlag knattert der furchtbarste Donner – das ist etwa der Kampf der Elemente in jenen Breiten. Dick Sand wußte das recht gut und wurde außerordentlich unruhig. Ohne Obdach konnte man die Nacht unbedingt nicht hinbringen. Die Ebene wurde wahrscheinlich überschwemmt und zeigte auch nirgends eine Erhöhung, nach welcher man sich hätte flüchten können.

Wo in dieser tiefliegenden Einöde, ohne Baum, ohne Strauch, sollte man aber ein Obdach finden? Selbst die Eingeweide der Erde konnten ein solches hier nicht bieten. Schon 0∙5 Meter unter der Oberfläche wäre man auf Wasser gekommen.

Inzwischen schien nach Norden zu eine Reihe niedriger Hügel die sumpfige Niederung zu begrenzen. Sie glich dem natürlichen Rande dieser Bodendepression. An einem vereinzelten hellen Theile des Horizontes, den die Wolken noch nicht bedeckten, sah man auch einige Bäume auf demselben.

Fehlte nun auch dort scheinbar jedes Obdach, so lief die kleine Gesellschaft doch mindestens nicht weiter Gefahr, von einer Ueberschwemmung überrascht zu werden. Dort winkte vielleicht die Rettung für Alle!

»Vorwärts, meine Freunde, vorwärts! drängte Dick Sand wiederholt. Noch drei Meilen und wir sind weit mehr in Sicherheit, als hier in dieser Niederung.

– Munter, munter!« rief Herkules.

Der wackere Neger hätte gern alle Welt auf den Arm genommen, um sie allein zu tragen.

Seine Worte trieben die muthigen Leute von Neuem an, und trotz der Anstrengung eines vollen Marschtages, schritten sie jetzt rüstiger und schneller voran, als im Anfange der Etappe.

Beim Ausbruch des Unwetters lag das zu erreichende Ziel noch gegen zwei Meilen vor ihnen. Die ersten Blitze – das machte die Sache noch gefährlicher – begleitete noch kein Regenfall; fast jeder derselben schlug zwischen den Wolken und der Erde über. Dazu war es beinahe dunkel geworden, obwohl die Sonne hinter dem Horizont noch nicht verschwunden war. Nach und nach senkten sich jedoch die schweren Dunstmassen, als drohten sie zusammenzubrechen – was also zweifellos einen furchtbaren Platzregen erwarten ließ. Röthliche und bläuliche Blitze durchzuckten sie in allen Richtungen und umhüllten sozusagen die ganze Ebene mit einem unentwirrbaren Feuernetze.

Zwanzigmal waren Dick Sand und seine Genossen in Gefahr, vom Blitz getroffen zu werden.

Auf dieser baumlosen Fläche bildeten sie ja allein solche hervorspringende Punkte, welche elektrische Entladungen vorzüglich anziehen. Jack, der von dem Krachen des Donners erwacht war, verbarg sich in Herkules’ Armen. Er hatte wohl Furcht, der arme Kleine, aber er wollte sie seiner Mutter nicht bemerken lassen, um diese nicht noch mehr zu ängstigen. Herkules schritt tapfer vorwärts und tröstete ihn dabei nach Kräften.

»Keine Angst, mein kleiner Jack, sagte er. Wenn uns der Donner zu nahe kommt, breche ich ihn entzwei; sieh! hier mit der einen Hand! Ich bin stärker als er!«

Und in der That, die Kraft des Riesen beruhigte den kleinen Jack nicht wenig.

Inzwischen konnte es nicht mehr lange währen, bis der Regen kam, und dann mußten wahre Sturzbäche aus den sich condensirenden Wolken herabfallen. Was sollte aus Mrs. Weldon nebst ihren Begleitern werden, wenn sie bis dahin keine Unterkunft fanden?

Dick Sand blieb einen Augenblick neben dem alten Tom stehen.

»Was nun? fragte er.

– Unseren Weg fortsetzen, Herr Dick, antwortete Tom, auf dieser Ebene, die der Regen schnell zum Sumpfe verwandeln wird, können und dürfen wir nicht bleiben!

– Nein, Tom, gewiß nicht! Aber ein Obdach! Wo? Welches? Wär’s nur eine erbärmliche Hütte!…«

Dick Sand hatte seine Worte kurz abgebrochen. Ein hellleuchtender Blitz zuckte eben über die ganze Ebene vor ihnen.

»Was seh’ ich dort, eine Viertelmeile von hier?… rief Dick Sand.

– Ja wohl, ich, ich sah es auch!… antwortete der alte Tom kopfschüttelnd.

– Ein Lager, nicht wahr?

– Ja, Herr Dick… das muß ein Lager sein… aber ein Lager von Eingebornen!«

Ein zweiter Blitz machte es möglich, das vermuthete Lager, das einen Theil der ungeheuren Ebene bedeckte, deutlicher zu sehen.

In der That, dort erhoben sich etwa einhundert konische Hügel in symmetrischer Anordnung und in einer Höhe von 3∙5 bis 4∙5 Meter. Ein Krieger war dabei nicht zu erblicken. Hatten sich diese nun in jene Zelte (so schien es von hier aus) verkrochen, um das Ungewitter vorübergehen zu lassen, oder war das ganze Lager verlassen?

Im ersteren Falle hätte Dick Sand, der Himmel mochte nun noch so furchtbar drohend erscheinen, so schnell als möglich entfliehen mögen; im zweiten bot sich dort vielleicht das gesuchte Obdach.

»Darüber werd’ ich bald im Reinen sein!« sagte er.

Dann wandte er sich an den alten Tom:

»Bleibt Ihr hier, fuhr er fort. Daß mir kein Mensch folge! Ich will jenes Lager näher in Augenschein nehmen.

– Gestatten Sie, daß Einer von uns Sie begleite, Herr Dick.

– Nein, Tom, ich gehe allein. Ich kann mich unbemerkt nahe schleichen; Ihr erwartet mich hier zurück!«

Die kleine Gesellschaft, der Tom und Dick Sand sonst voranschritt, machte Halt. Der junge Leichtmatrose verließ sie und verschwand bald in der Finsterniß, welche eine vollständige war, so lange nicht ein Blitz die schwarzen Wolken zerriß.

Jetzt fielen einige schwere Tropfen nieder.

»Was ist geschehen?« fragte Mrs. Weldon, die an den alten Neger herantrat.

– Wir haben ein Lager gesehen, Mistreß Weldon, antwortete der alte Tom, ein Lager… vielleicht auch ein Dorf, und unser Kapitän wollte es erst in Augenschein nehmen, bevor er uns dahinführt!«

Mrs. Weldon beruhigte sich bei dieser Antwort.

Drei Minuten später schon war Dick Sand zurück.

»Kommt! Kommt! rief er mit einer Stimme, welche seine volle Befriedigung deutlich heraushören ließ.

– Ist das Lager leer? fragte Tom.

– Das ist kein Lager, auch keine Ansiedlung, antwortete der junge Leichtmatrose. Das sind Ameisenbauten!

– Ameisen!… rief Vetter Benedict, dem dieses Wort sozusagen in die Glieder fuhr.

– Ja wohl, Herr Benedict, Ameisenbauten von mindestens 3∙5 Meter Höhe, in welchen wir unterzukommen versuchen müssen.

– Dann müßten das aber Bauten der sogenannten kriegerischen oder gefräßigen Termiten sein, erwiderte der Gelehrte. Nur diese Insecten errichten derartige Bauwerke, um welche sie die größten Architekten beneiden!

– Mögen das nun Termiten sein oder nicht, Herr Benedict, antwortete Dick Sand, wir werden sie austreiben und uns an ihre Stelle setzen.

– Doch sie zehren uns auf! Sie sind dabei in ihrem Rechte!

– Vorwärts! Vorwärts!…

– Aber so warten Sie doch, begann Vetter Benedict noch einmal, ich glaubte, solche Termitenbauten gebe es nur in Afrika!…

– Vorwärts!« drängte Dick Sand zum letzten Male befehlend, weil er fürchtete, Mrs. Weldon könnte das letzte Wort des Entomologen gehört haben.

Alles folgte Dick Sand in größter Eile. Bald erhob sich ein wüthender Wind. Große Tropfen zerplatzten auf der Erde. Binnen Kurzem mußte der Sturm unerträglich werden.

Bald ward einer jener Kegel, welche aus der Ebene hervorragten, erreicht, und so furchterweckend die Natur der Termiten auch sein mochte, man durfte nicht zögern, selbst im Falle man sie nicht heraustreiben konnte, die Wohnung mit ihnen zu theilen.

Am Fuße des Kegels, der aus röthlichem Thone errichtet war, zeigte sich eine sehr enge Oeffnung, welche Herkules mit seinem Jagdmesser bald so weit vergrößerte, daß selbst ein Mann von seiner Statur durch dieselbe kriechen konnte.

Zu Vetter Benedict’s größtem Erstaunen zeigte sich auch nicht eine einzige jener Tausende von Termiten, welche sonst gewiß diesen Bau bevölkerten.

Sollte er von ihnen verlassen sein?

Nach gehöriger Erweiterung des Einganges schlüpften Dick Sand und seine Genossen hinein und Herkules verschwand darin zuletzt, eben als der Regen in solchen Massen niederstürzte, daß er die Blitze fast verlöschen konnte.

Von der Unbill des Wetters war letzt aber nichts mehr zu fürchten. Ein glücklicher Zufall hatte der kleinen Gesellschaft dieses sichere, einem Zelte oder der Hütte eines Eingebornen jedenfalls vorzuziehende Obdach vermittelt.

Ein zweiter Blitz machte es möglich, deutlicher zu sehen. (S. 269.)

Dasselbe bestand, wie erwähnt, aus einem jener kegelförmigen Termitenbauten, welche nach Lieutenant Cameron’s Vergleiche, wenn man ihre Herstellung durch jene kleinen Insecten in Betracht zieht, erstaunlicher erscheinen als die durch Menschenhände errichteten Pyramiden Egyptens.

»Es verhält sich das so, sagte jener Reisende, als hätte eine Völkerschaft etwa den Mount Everest, einen der höchsten Gebirgsköpfe der Himalaya Kette, künstlich aufgethürmt!«

Fünftes Capitel.

Vortrag über die Ameisen, gehalten in einem Ameisenbau.

Das Unwetter brach letzt mit einer in gemäßigten Zonen völlig unbekannten Heftigkeit los.

Dick Sand und seine Genossen schlüpften hinein. (S. 271.)

Dick Sand und seine Gefährten hatten dieses Obdach gefunden, als hätte sie die Vorsehung selbst dahin geführt.

Der Regen fiel gar nicht mehr in einzeln abgegrenzten Tropfen, sondern stürzte gleich Wasserfäden von wechselnder Stärke hernieder. Manchmal bildete er eine wirklich compacte Masse, einen Wasserfall – noch mehr, einen Katarakt, einen Niagara! Stelle man sich ein in der Luft schwebendes Bassin mit einem ganzen Meere als Inhalt vor, das sich wie auf einen Schlag entleerte. Bei einem solchen Gusse brechen in den Boden tiefe Höhlen, verwandeln sich die Ebenen zu Seen, werden die Bäche zu rauschenden Strömen und überfluthen die austretenden Flüsse ungeheure Flächen. Hierzu kommt, daß in Afrika, entgegengesetzt dem Verhalten in gemäßigten Zonen, wo die Dauer der Gewitterstürme zu ihrer Heftigkeit in umgekehrtem Verhältnisse steht, derartige Unwetter gleich mehrere Tage hindurch ungeschwächt fortwüthen. Kaum begreift man, wie eine solche Menge Elektricität sich in den Wolken aufspeichern, wie so wahrhaft unermeßliche Dunstmassen sich ansammeln können. Dennoch ist es so, und man glaubt sich dabei fast in die außergewöhnlichsten Epochen der diluvianischen Zeit zurückversetzt.

Zum Glück erwies sich der dichtwandige Termitenbau als vollkommen undurchdringlich. Eine aus Lehm errichtete Biberwohnung hätte nicht trockener bleiben können. Und brodelte auch ein Bergstrom über den Kegel hinweg, durch seine Poren wäre kein Tröpfchen Wasser gedrungen.

Sobald Dick Sand und seine Begleiter von dem Ameisenbau Besitz genommen, suchten sie sich mit seiner inneren Einrichtung bekannt zu machen. Die Laterne ward angezündet und verbreitete hinlängliches Licht in dem Hause der Insecten. Der Kegel maß bei 3∙5 Meter innerer Höhe in Folge seiner zuckerhutähnlichen Gestalt am Boden 3 Meter in der Breite. Die Dicke seiner Wände mochte etwa 0∙3 Meter betragen und die dieselben auskleidenden Einzelzellen ließen in der Mitte einen Hohlraum von beträchtlicher Größe übrig.

Mit Recht erstaunt man über die Construction derartiger Monumente, welche den zarten Phalangen von Insecten ihre Entstehung verdanken, und doch finden sich solche Bauten, solche wahrhafte Riesenwerke gegenüber der Körpergröße der Bauleute (d.h. der Ameisen) im Innern Afrikas sehr häufig. Ein holländischer Reisender des letzten Jahrhunderts, Smeathman mit Namen, hat auf der Spitze eines solchen Hügels mit vier Begleitern ausreichenden Platz gefunden. In Loanda traf Livingstone wiederholt aus röthlichem Thone errichtete Ameisenbauten von 5, selbst 6 Meter Höhe.

Lieutenant Cameron hat in N’yangwe häufig solche in Gruppen bei einander stehende Kegel für Dörfer von Eingebornen gehalten. Er hat sogar am Fuße wirklicher Gebäude, nicht nur von 7, sondern von 13 bis 16 Meter Höhe gestanden, vor ungeheueren, abgerundeten, von einer Art Glockenthürmen flankirten Kegeln, ähnlich den Kuppeln von Kathedralen, wie sie in dieser Art nur Mittel-Afrika aufzuweisen hat.

Von welcher Gattung der Ameisen nun rührt die wahrhaft überraschende Errichtung jener Bauten her?

»Von der der kriegerischen Termiten!« hätte Vetter Benedict ohne langes Nachsinnen geantwortet, als er nur die Natur des zu ihrer Construction verwendeten Materiales erkannt.

In der That erwiesen sich die Wände aus einer röthlichen Thonart hergestellt. Wären sie aus grauem oder schwärzlichem Alluvium gebildet gewesen, so hätte man entweder die »bissigen« oder die »wilden« Termiten als Architekten voraussetzen müssen. Der Leser erkennt, daß diese Insecten lauter nur wenig vertrauenerweckende Namen führen, an denen höchstens ein so eingefleischter Entomolog wie unser Vetter Benedict Gefallen finden dürfte.

Der centrale Theil des Kegels, in welchem die kleine Gesellschaft zunächst Platz genommen hatte und der den inneren freien Hohlraum desselben bildete, hätte immerhin nicht ausgereicht, sie wirklich zu beherbergen; dafür bildeten weite, übereinander liegende Abtheilungen sozusagen Etagen, in welchen eine mittelgroße Person recht wohl Platz fand. Stelle man sich eine Reihe vorn offener Schubkästen vor, an deren Rückwänden Millionen früher von Termiten bewohnter Zellen, und man gewinnt damit leicht ein Bild von der inneren Einrichtung solcher Ameisenbauten. Diese Schubkästen liegen nun, wie die Schlafstätten in Schiffscabinen, einer über dem anderen, und in den oberen derselben fanden Mistreß Weldon, der kleine Jack, Nan und Vetter Benedict Platz. In den unteren Etagen richteten sich Austin, Bat und Acteon ein. Dick Sand, Tom und Herkules blieben in dem Mittelraume des Kegels.

»Meine Freunde, wendete sich jetzt der junge Leichtmatrose zu den Negern, der Erdboden hat sich voll Wasser gesaugt; wir werden ihn mittelst Thon aus den Wänden auffüllen, aber darauf Acht haben müssen, die Oeffnung, durch welche die Außenluft eindringt, nicht etwa zu verschließen.

– O, es handelt sich ja nur um eine einzige Nacht, meinte der alte Tom.

– Nun, so trachten wir ja darnach, daß diese uns nach so vielen Strapazen die möglichste Erholung bietet. Seit zehn Tagen ist es das erste Mal, daß wir nicht unter freiem Himmel übernachten.

– Zehn Tage! wiederholte Tom.

– Da dieser Kegel übrigens, fuhr Dick Sand fort, ein sehr gesichertes Obdach bietet, so dürfte es sich vielleicht empfehlen, hier während vierundzwanzig Stunden zu rasten. Inzwischen suche ich nach dem Flusse, der unser Wegweiser werden soll und der sich nicht fern von hier befinden muß. Ich halte sogar dafür, diese geschützte Wohnung nicht eher aufzugeben, als bis wir ein Floß gezimmert haben. Hier thut uns das Unwetter keinen Schaden. Schaffen wir uns also zunächst einen festeren trockenen Fußboden!«

Dick Sand’s Anordnungen wurden sofort ausgeführt. Herkules hackte mit der Axt die erste, aus sehr dürrem Thone bestehende Zellen-Etage herunter. Er erhöhte damit den sumpfigfeuchten Boden des Kegel-Innern um einen guten Fuß, wobei Dick Sand sich vergewisserte, daß die an der Basis des Baues befindliche Oeffnung nicht verengert wurde.

Gewiß war es ein sehr glücklicher Umstand, daß der Ameisenbau sich von den Termiten verlassen erwies. Mit Tausenden und Abertausenden dieser Insecten wäre derselbe unbewohnbar gewesen. War er aber schon seit langer Zeit leer oder hatten ihn die gefräßigen Neuropteren erst seit Kurzem verlassen? Diese Frage erschien in der That nicht unnütz.

Vetter Benedict hatte sich dieselbe auch sofort vorgelegt, so sehr verwunderte ihn das Oedestehen eines solchen Baues, und er für seinen Theil hatte bald die Ueberzeugung gewonnen, daß die Auswanderung der Insecten nur in letzter Zeit erst stattgefunden habe.

Mit Hilfe der Laterne durchsuchte er nämlich am unteren Theile des Kegel-Innern die verborgensten Winkel des Termitenbaues und entdeckte dabei das »Haupt-Magazin« (wie er es nannte) der Insecten, d.h. die Stelle, an der diese fleißigen, vorsorglichen Thiere die Vorräthe der Kolonie aufstapeln.

Das betreffende Magazin bestand aus einer in der Wand ausgehöhlten Zelle, unsern der Königin-Zelle, welche Herkules’ Erweiterungsarbeiten nebst den Zellen für die jungen Larven zerstört hatten.

Aus diesen Vorrathskammern brachte Vetter Benedict verschiedene, noch nicht völlig erhärtete Stückchen Gummi und halbweichen Zuckersaft zum Vorschein – ein Beweis, daß die Termiten dieselben erst unlängst eingetragen haben konnten.

»Nein, sicherlich nicht, rief er, als widerspräche irgend Jemand seiner Behauptung, nein, dieser Termitenbau steht noch nicht seit längerer Zeit leer!

– Nun, wer bestreitet denn das, Herr Benedict? sagte Dick Sand darauf. Ob kürzlich oder nicht, für uns liegt der Schwerpunkt darin, daß die Termiten ihn überhaupt verlassen hatten, weil wir ihren Platz einnehmen mußten.

– Der Schwerpunkt der ganzen Frage, erwiderte Vetter Benedict, liegt vielmehr darin, zu wissen, aus welchen Gründen jene ausgewandert sind. Gestern, selbst heute Morgen noch bewohnten die klugen Neuropteren ihren Bau, dafür spricht dieser halbflüssige Zucker, und heut’ Abend…

– Ja, was wollen Sie aber daraus folgern? fragte Dick Sand.

– Daß ein gewisses Vorgefühl sie getrieben hat, ihre Wohnung aufzugeben. Es ist nicht nur keine einzige Termite in dem Bau zurückgeblieben, sondern sie haben die Vorsorge sogar so weit getrieben, die jungen Larven mit fortzuschleppen, denn ich finde auch von diesen keine Spur. Ohne alle Ursache, das wiederhole ich, ist das nicht geschehen; die scharfsinnigen Insecten, werden vielmehr eine drohende Gefahr geahnt haben.

– Aha, sie ahnten, daß wir ihre Wohnung beziehen wollten! warf Herkules lachend ein.

– Du lieber Himmel, versetzte Vetter Benedict, den dieser Scherz des Negers in seinem Gelehrtendünkel verletzte, Sie glauben doch nicht etwa, daß Ihre Körperkraft den anmuthigen Insecten als eine Gefahr erschienen wäre? Ein paar Tausend jener Neuropteren schon hätte sie schnell zum Skelete reducirt, wenn Sie todt in deren Wege lagen.

– Todt! Ja, das glaub’ ich auch, erwiderte Herkules, der sich nicht so leicht überzeugen ließ, aber lebendig würde ich sie massenhaft vertilgen.

– Gewiß, hunderttausend, fünfmalhunderttausend, meinetwegen auch eine ganze Million, entgegnete Vetter Benedict, allmälig warm werdend, eine Milliarde aber nicht, und eine Milliarde derselben hätte Sie, lebendig oder todt, mit Haut und Knochen aufgezehrt!«

Während dieses Gespräches, das im Grunde minder unnütz war, als man glauben möchte, dachte Dick Sand im Stillen über Vetter Benedict’s vorherige Bemerkung nach. Der Gelehrte kannte die Gewohnheiten der Ameisen sicher gut genug, um sich hierin nicht zu täuschen. Behauptete jener nun, daß ein gewisser Instinct die Insecten zum Aufgeben ihres Baues getrieben habe, so mußte die einstweilige Bewohnung desselben gewiß auch mit irgend welcher Gefahr verknüpft sein.

Da bei dem zur Zeit mit einer Heftigkeit ohne Gleichen wüthenden Unwetter ein plötzliches Verlassen dieses Obdachs von vornherein ausgeschlossen war, so grübelte Dick Sand vorläufig nicht weiter nach einer ihm doch versagten Erklärung und begnügte sich zu antworten:

»Nun, Herr Benedict, wenn die Termiten ihre Vorräthe in diesem Bau nicht zurückließen, so erinnere ich Sie daran, daß wir die unsrigen mitgebracht haben, und denke, wir essen ein wenig zu Abend. Morgen, wenn das Gewitter vorüber ist, einigen wir uns über das Weitere!«

Man ging also daran, das einfache Abendessen herzurichten, denn so groß die Müdigkeit auch war, den Appetit hatte sie unseren rüstigen Wanderern nicht zu rauben vermocht. Im Gegentheil, die Conserven, welche sie etwa noch für zwei Tage besaßen, fanden die beste Aufnahme. Den Zwieback hatte die Nässe noch verschont und schon nach wenigen Minuten konnte man ihn zwischen den kernigen Zähnen Dick Sand’s und seiner Begleiter knacken hören. Zwischen Herkules’ Kinnladen verhielt er sich freilich wie Getreidekörner zwischen Mühlsteinen. Der Riese zerbrach ihn nicht, er zermalmte ihn.

Mrs. Weldon allein aß fast gar nicht und nur ein wenig, weil Dick Sand sie so dringend bat. Es schien ihm, als sei die sonst so muthige Frau niedergeschlagener als je vorher. Und doch litt der kleine Jack jetzt weniger, ein Fieberfall war nicht wieder aufgetreten und augenblicklich schlummerte er sehr ruhig unter den Augen seiner Mutter in einer mittelst Decken und Kleidungsstücken bestmöglich ausgepolsterten Zelle. Dick Sand wußte nicht, was er davon halten sollte.

Es bedarf kaum einer besonderen Erwähnung, daß Vetter Benedict der Mahlzeit alle Ehre anthat, nicht deshalb, daß er etwa der Qualität, noch weniger der Quantität der von ihm vertilgten Speisen auch nur einige Aufmerksamkeit gewidmet hätte, sondern nur, weil er eine außergewöhnlich günstige Gelegenheit gefunden, eine entomologische Vorlesung über Termiten an den Mann zu bringen. O, hätte er nur eine Termite, nur eine einzige in dem ganzen Bau entdeckt! – Aber nichts – nichts!

»Diese wunderbaren Insecten, begann er, ohne sich darum zu kümmern, ob Jemand ihm zuhörte, diese wunderbaren Insecten gehören der herrlichen Ordnung der Neuropteren an, deren Antennen (Fühlhörner) länger als der Kopf, deren Kiefern sehr deutlich unterschieden und deren untere Flügel die längste Zeit über den oberen gleich sind. Fünf Gattungen bilden diese Ordnung: die Panorparten, Myrmileonien, Hemerobinen, Termiten und Perliden. Es versteht sich von selbst, daß die Insecten, deren Wohnung wir, vielleicht unrechter Weise, eingenommen haben, Termiten sind.«

Dick Sand lauschte Vetter Benedict’s Worten mit gespannter Aufmerksamkeit. Hatte die wiederholte Erwähnung der Termiten in jenem vielleicht den Gedanken erweckt, daß er sich hier in Afrika befinde, ohne eigentlich zu wissen, welcher Umstand es veranlaßte, daß er hierher gekommen war? Der Leichtmatrose wagte kaum, sich hierüber Rechenschaft zu geben.

Der Gelehrte tummelte das einmal gesattelte Steckenpferd nach Herzenslust weiter.

»Diese Termiten, fuhr er fort, sind durch die viergliedrigen Tarsen, die gebogenen Kiefern und durch ihre außerordentliche Kraft entscheidend charakterisirt. Es giebt unter ihnen die Familien der Mantispen, der Raphidien und der eigentlichen Termiten, alle Drei oft als weiße Ameisen bezeichnet, und unter den letztgenannten die Sippen der todtbringenden, gelbbrüstigen lichtscheuen Termiten, ferner die der beißenden, zerstörenden…

– Und die Erbauer dieses Kegels waren?… fragte Dick Sand.

– Die kriegerischen! antwortete Vetter Benedict in einem Tone, als handle es sich hier um die Macedonier oder ein anderes kampfberühmtes Volk des Alterthums. Ja, die kriegerischen, und zwar die größten wiederum unter diesen. Zwischen Herkules und einem Zwerge wäre der Unterschied verhältnißmäßig geringer als zwischen den größten und den kleinsten dieser Insecten. Giebt es einerseits unter ihnen »Arbeiter« von fünf, »Soldaten« von zehn, Männchen und Weibchen aber auch von zwanzig Millimeter Länge, so findet man andererseits eine sehr merkwürdige Unterart, die etwa einen halben Zoll langen »Sirafus«, welche Zangen an Stelle der Kiefern und, ähnlich den Haifischen, einen den ganzen Körper an Größe übertreffenden Kopf besitzen.

Das sind die echten Haifische unter den Insecten, und bei einem Kampfe zwischen Sirafus und einem wirklichen Hai würde ich ohne Bedenken auf die Ersteren wetten.

Er durchsuchte die verborgensten Winkel. (S. 276)

– Und wo findet man diese Sirafus gewöhnlich? fragte da Dick Sand.

– In Afrika, antwortete Vetter Benedict, und zwar in dessen mittleren und südlichen Provinzen. Afrika ist das Land der Ameisen par excellence!

Der Gelehrte tummelte das Steckenpferd weiter. (S. 279.)

Darüber muß man lesen, was Livingstone in den letzten, von Stanley aufgefundenen Berichten niedergeschrieben hat. Vom Glücke mehr begünstigt als ich, hat der Doctor einem wahrhaft homerischen Kampfe zwischen einem Heere schwarzer und einem solchen weißer Ameisen beiwohnen können. Die, welche die Gelehrten »drivers« und die Eingebornen Sirafus nennen, blieben die Sieger. Die anderen, die »Tschungus«, ergriffen die Flucht und nahmen, nach ehrenvoll hartnäckiger Vertheidigung, ihre Eier und Jungen mit sich fort. Niemals, so spricht sich Livingstone ungefähr aus, loderte die Kampfeswuth heftiger auf, weder bei Menschen noch bei Thieren! Mit ihrem kräftigen Kiefer, der dem Angegriffenen ganze Stücke aus dem Körper reißt, treiben sie den tapfersten Mann in die Flucht. Selbst die größten Thiere, wie Löwen und Elefanten, fliehen vor ihnen. Dabei hält nichts sie auf, weder Bäume, welche sie bis zum letzten Gipfel erklettern, noch Bäche, über die sie aus ihren eigenen, aneinander geklammerten Leibern eine Brücke zu schlagen verstehen. Und wie zahlreich sind sie dabei! Du Chaillu z.B., ein anderer Afrika-Reisender, sah einmal eine Ameisen-Colonne zwölf Stunden hindurch vorüberziehen, ohne daß diese sich jemals aufgehalten hätte. Was ist aber über solche Myriaden besonders zu verwundern? Die Fruchtbarkeit der Insecten ist eben eine unglaubliche, und, um auf unsere kriegerischen Termiten zurückzukommen, man hat constatiren können, daß ein einziges Weibchen in einem Tage 60.909 Eier legte! Dabei liefern diese Neuropteren den Eingebornen übrigens eine kräftige Nahrung. Geröstete Ameisen, meine Freunde, o, ich kenne nichts Besseres in der Welt!

– Haben Sie denn solche gegessen, Herr Benedict? fragte Herkules.

– Nein, erwiderte der gelehrte Professor, aber ich thät’s jeden Augenblick.

– Wo?

– Hier auf der Stelle.

– Hier sind wir aber nicht in Afrika! warf Tom schnell ein.

– Nein… freilich nicht, bestätigte Vetter Benedict, und doch wurden die kriegerischen Ameisen sammt deren dorfähnlichen Ansiedelungen bisher nur auf dem afrikanischen Continente beobachtet. Ah, da hat man nun die Reisenden! Sie verstehen nicht zu sehen! Nun, desto besser, ich habe in Amerika ja schon einen Tetse aufgefunden! Zu diesem rühmlichen Erfolge füge ich nun auch noch den, die kriegerischen Termiten in demselben Erdtheile zuerst entdeckt zu haben. Welche Fülle von Stoff für eine Denkschrift, welche das gelehrte Europa in Aufregung versetzt, vielleicht für einen Folianten mit Platten und Abbildungen neben dem Texte!…«

Offenbar war das Licht der Erkenntniß in Vetter Benedict’s Gehirn noch nicht aufgegangen. Der arme Mann und alle die Uebrigen, mit alleiniger Ausnahme Dick Sand’s und Tom’s, glaubten sich da und mußten sich wohl da glauben, wo sie in der That nicht waren. Es bedurfte noch anderer Vorkommnisse, schwerer in’s Gewicht fallender Thatsachen als einiger wissenschaftlicher Curiositäten, um sie aus ihrer Täuschung zu reißen.

Jetzt war es neun Uhr Abends. Vetter Benedict hatte lange gesprochen. Bemerkte er denn gar nicht, daß seine in den Einzelabtheilungen des Termitenbaues verkrochenen Zuhörer während seines entomologischen Vortrages nach und nach eingeschlafen waren? Allem Anschein nach, nein. Er docirte für und vor sich selbst weiter. Dick Sand unterbrach ihn mit keiner Frage und regte sich nicht, obwohl er keineswegs schlief. Herkules hatte noch etwas länger als die Anderen zu widerstehen vermocht; allmälig schloß die Abspannung jedoch auch ihm die Augen und mit den Augen zugleich die Ohren.

Vetter Benedict ließ seiner Beredtsamkeit noch immer freien Lauf. Endlich machte das Bedürfniß nach Schlummer seine Rechte geltend und er kletterte nach einer der oberen, schon früher als Schlafstätte auserkornen Abtheilungen des Kegels empor.

Jetzt herrschte tiefes Schweigen im Innern des Termitenbaues, während das Unwetter draußen mit Blitz und Donner weitertobte und nichts auf ein nahes Ende dieses Kampfes in der Natur hinzuweisen schien.

Die Laterne war ausgelöscht worden. Das Innere des beschränkten Obdachs lag in schwarzer Finsterniß.

Ohne Zweifel schliefen die Insassen desselben… Nur Dick Sand allein suchte im Schlummer nicht die ihm doch so nothwendige Ruhe. Seine sorgenden Gedanken hielten ihn wach. Er dachte an seine Gefährten, die er um jeden Preis retten wollte. Der Schiffbruch des »Pilgrim« bezeichnete noch keineswegs das Ende ihrer Prüfungen; noch weit schwerere standen ihnen ja bevor, wenn sie Eingebornen in die Hände fielen.

Auf welche Weise war aber diese Gefahr, offenbar die schlimmste aller, bei der Rückkehr nach der Küste zu vermeiden? Sicherlich hatten Harris und Negoro sie nicht ohne die geheime Absicht, sich ihrer zu bemächtigen, hundert Meilen weit in das Binnenland Angolas verlockt. Was hatte der elende Portugiese aber dann mit ihnen vor? Wem galt denn sein tödtlicher Haß? Der junge Leichtmatrose erinnerte sich, daß nur er ihm feindlich gegenübergetreten sei, und überflog im Geiste noch einmal alle mit der Ueberfahrt des »Pilgrim« verknüpften Ereignisse, die Auffindung des Wracks mit den Negern darin, die Jagd auf den Walfisch, das traurige Ende des Kapitän Hull und seiner ganzen Mannschaft.

Dick Sand sah sich, trotz seiner Jugend, berufen zum Commando eines Schiffes, das seiner Boussole und seines Logs durch Negoro’s verbrecherische Handlungsweise sehr bald verlustig ging. Es trat ihm die Scene wiederum vor Augen, wo er dem unverschämten Koche gegenüber seine Autorität geltend machen mußte, indem er ihm strengen Arrest in Aussicht stellte, oder ihm gar eine Revolverkugel durch den Kopf zu jagen drohte. Ach, warum hatte er es damals nicht gethan! Negoro’s Leiche wäre über Bord geworfen und die ganze Reihe der nachfolgenden Unfälle verhütet worden!

Das war etwa der Gedankengang des jungen Leichtmatrosen. Dann verweilte er bei dem Schiffbruch, der sich am Ende der Ueberfahrt des »Pilgrim« ereignete; wie hierauf der Verräther Harris auftrat und die vermeintliche Provinz Südamerikas sich allmälig verwandelte. Bolivia vertauschte sich gegen das entsetzliche Angola mit seinem Fieberklima, seinen wilden Thieren und noch wilderen Eingebornen. Konnte die kleine Gesellschaft wohl auf dem Rückweg zur Küste allen drohenden Gefahren entgehen? Versprach jener Fluß, den Dick Sand so emsig suchte und auch noch zu finden hoffte, sie sicherer und müheloser zum Uferland hinab zu tragen? Er sträubte sich, daran zu zweifeln, denn er wußte nur zu gut, daß eine Fußreise von über hundert Meilen, mitten durch diese ungastliche Gegend und jeden Augenblick zu fürchtende Gefahren zu den Unmöglichkeiten gehörte.

»Zum Glück, sprach er leise für sich, kennt weder Mrs. Weldon, noch ahnen die Uebrigen den Ernst unserer Lage! Der alte Tom und ich, wir allein wissen es, daß Negoro’s teuflische Bosheit uns nach der Küste Afrikas geführt, daß Harris uns in das Herz von Angola geschleppt hat!«

So brütete Dick Sand über seinen Gedanken, als er etwas wie einen Hauch über seine Stirn streichen fühlte. Eine Hand berührte hierauf seine Schulter und eine tiefbewegte Stimme flüsterte ihm in’s Ohr:

»Ich weiß Alles, mein armer Dick, doch Gott vermag uns auch jetzt noch zu retten! Sein unerforschlicher Wille geschehe!«

Sechstes Capitel.

Die Taucherglocke.

Auf diese unvermuthete Offenbarung vermochte Dick Sand nicht zu antworten. Uebrigens hatte Mrs. Weldon ihren Platz neben dem kleinen Jack schon wieder eingenommen. Sie hatte offenbar nicht mehr sagen wollen und der junge Leichtmatrose hätte sonst auch nicht den Muth gehabt, sie daran zu hindern.

Mrs. Weldon wußte also, woran sie war. Die verschiedenen Reise-Erlebnisse hatten auch sie aufgeklärt, vielleicht das Wort »Afrika!« das Vetter Benedict den Tag vorher unglücklicher Weise ausgesprochen hatte.

»Mistreß Weldon weiß Alles, wiederholte sich Dick Sand. Nun, vielleicht ist es besser so. Die muthige Frau verzweifelt nicht. Und ich?…. Niemals!«

Jetzt sehnte sich Dick Sand wirklich nach dem Wiederanbruch des Tages, um die Umgebung des Termitendorfes näher in Augenschein nehmen zu können. Einen Küstenstrom des Atlantischen Oceans und seinen schnellen Lauf, das mußte er finden, um seine kleine Gesellschaft fortzuschaffen, und ihn verließ das Vorgefühl nicht, daß dieser ersehnte Wasserlauf nicht fern sein könne. Vor Allem kam es ihm darauf an, ein Zusammentreffen mit Eingebornen zu vermeiden, welche von Harris und Negoro vielleicht schon zu ihrer Verfolgung ausgesendet sein konnten.

Noch wollte es aber nicht Tag werden. Durch die Oeffnung im unteren Theile des Kegels drang kein Lichtstrahl ein. Das in Folge der dicken Wände nur dumpf ertönende Rollen des Donners bewies, daß das Unwetter ungeschwächt fortwüthete. Durch Anlegen des Ohres vernahm Dick Sand auch deutlich, wie der Regen zwar an die Basis des Termitenbaues anschlug, aber nicht mehr den festen Erdboden traf, woraus er auf eine Ueberschwemmung der ganzen Umgebung schließen mußte.

Es mochte gegen elf Uhr sein. Dick Sand fühlte, daß er in Folge einer halben Betäubung, vielleicht auch wirklichen Müdigkeit, wohl einschlafen würde. Immerhin hätte er einiger Ruhe genossen. Doch als er sich dieser schon hingeben wollte, kam ihm der Gedanke, daß die Eingangsöffnung durch Erweichung des aufgeschütteten thonigen Bodens verschlossen werden könne. Damit wäre aber jeder Lustzutritt von außen abgeschnitten gewesen und die Athmung der eingeschlossenen zehn Personen dadurch auf’s höchste gefährdet worden, daß die Luft durch ausgeathmete Kohlensäure verdorben wurde.

Dick Sand glitt also nach dem, mit dem Thongemisch aus den unteren Zellenreihen erhöhten Boden herab.

Die künstlich geschaffene Erhöhung erwies sich noch völlig trocken und die Oeffnung frei. Ungehindert drang die Luft in das Kegel-Innere ein und mit ihr ein schwacher Widerschein der Blitze des Gewitters, welche selbst ein diluvianischer Regenguß nicht zu löschen vermochte.

Dick Sand überzeugte sich, daß Alles in gutem Stande war. Vorläufig schienen den an die Stelle der Neuropteren-Kolonie getretenen menschlichen Termiten irgend welche Gefahren nicht zu drohen. Der junge Leichtmatrose gedachte sich also durch einige Stunden Schlaf, den er sich schon übermannen fühlte, neu zu stärken.

Fast aus übertriebener Vorsicht legte sich Dick Sand auf der Thonauffüllung des Kegelbodens, in gleicher Höhe mit der Eingangsöffnung nieder. So konnte draußen nichts geschehen, ohne daß er es zuerst bemerkte. Der anbrechende Tag mußte ihn erwecken und sofort wollte er dann die Umgebung untersuchen.

Den Kopf an die Wand gelehnt und das Gewehr unter der Hand, legte Dick Sand sich also nieder und schlief sofort ein.

Wie lange sein tiefer Schlummer gedauert habe, vermochte er nicht zu sagen, als ihn eine lebhafte Empfindung von Kälte erweckte.

Er erhob sich und wurde zur größten Bestürzung gewahr, wie das Wasser in den Termitenbau, und zwar mit solcher Schnelligkeit eindrang, daß es die von Tom und Herkules eingenommene Abtheilung binnen wenigen Secunden erreichen mußte.

Dick Sand machte die Genannten wach und setzte sie von dem Zustande der Dinge in Kenntniß.

Die schnell wieder angezündete Laterne erhellte das Innere des Kegels.

Bis 11/2 Meter Höhe war das Wasser gestiegen und verharrte dann bei diesem Stande.

»Was giebt es, Dick? fragte Mrs. Weldon.

– Nichts von Bedeutung, antwortete der junge Leichtmatrose. Das Erdgeschoß unserer Wohnung steht unter Wasser. Wahrscheinlich ist ein Bach in der Nähe über seine Ufer getreten.

– Schön! meinte Herkules, das beweist, daß unser Fluß gefunden ist.

– Gewiß, bestätigte Dick Sand, und er wird uns nach der Küste tragen. Beruhigen Sie sich, Mistreß Weldon, das Wasser kann weder Sie erreichen, noch den kleinen Jack, Nan oder Herrn Benedict!«

Mrs. Weldon antwortete nicht und der seelenruhige Vetter schlief wie eine leibhaftige Termite.

Die Neger blickten auf die im Scheine der Laterne reflectirende Wasserfläche herab und warteten, was Dick Sand, der noch einmal die Wassertiefe maß, zu thun für räthlich finden werde.

Dick Sand sagte aber nichts, sondern bemühte sich nur, die Mundvorräthe und Waffen vor der Ueberfluthung zu sichern.

»Das Wasser ist durch den Eingang eingedrungen? begann Tom.

– Ja, erwiderte Dick Sand, und es macht nun jede Erneuerung der Luft unmöglich.

– Sollten wir dann nicht über dem Wasserniveau ein Loch durch die Wand brechen? fragte der alte Neger.

– Gewiß… Tom; allein… ja, wenn wir hier drinnen 1 1/2 Meter Wasser haben, so steht es draußen möglicher Weise zwei, zwei ein halb oder noch mehr Meter hoch!

– Sie glauben, Herr Dick?

– Ich denke, Tom, daß das Wasser, als es im Innern dieses Kegels emporstieg, die Luft in dessen oberen Theilen comprimiren mußte und daß diese allein es jetzt am Höhersteigen verhindert. Bieten wir der Luft aber durch eine andere Oeffnung Gelegenheit zum Abzug, so wird sich der Wasserstand nothwendiger Weise erhöhen, bis er demjenigen außerhalb der Wände gleichkommt, und wenn er bis über die neue Oeffnung stiege, würde er die Luft darüber noch einmal zusammenpressen. Wir befinden uns hier in der Lage von Arbeitern in einer Taucherglocke.

– Was ist also zu thun? forschte Tom weiter.

»Ich weiß Alles, mein armer Dick!« (S. 284.)

– Wohl zu überlegen, bevor wir handeln, belehrte ihn Dick Sand. Eine Unklugheit könnte uns das Leben kosten!«

Diese Bemerkung des jungen Leichtmatrosen war sehr richtig und die Vergleichung des Kegels mit einer Taucherglocke unter Wasser ganz zutreffend. In letzterem Apparate jedoch wird die Luft mittelst Pumpen fortwährend erneuert, so daß die Taucher ungehindert athmen können und keinen anderen Unannehmlichkeiten ausgesetzt sind, als denen, welche der längere Aufenthalt in einer über ihre Normalspannung comprimirten Luft mit sich führt.

Die angezündete Laterne erhellte das Innere. (S. 287.)

Außer diesen Beschwerden kam hier aber die Verminderung des Raumes um ein volles Drittel in Frage, und ferner, daß die Luft sich nicht erneuern konnte, außer wenn man in der Wand eine Oeffnung machte, die sie mit der äußeren Atmosphäre in Verbindung setzte.

Konnte man eine solche Oeffnung nun herstellen, ohne die von Dick Sand befürchteten Gefahren heraufzubeschwören, und verschlimmerte sich dadurch nicht die dermalige Lage?

Gewiß war, daß das Wasser sich jetzt auf einem Stande erhielt, dessen Erhöhung nur zwei Ursachen herbeiführen konnten: entweder wenn man eine Oeffnung herstellte und die Höhe der Ueberschwemmung draußen den Wasserstand im Innern übertraf, oder wenn die Ueberschwemmung selbst noch weiter anwuchs. In beiden Fällen konnte in dem Kegel nur noch ein beschränkterer Raum übrig bleiben, in dem die sich nicht erneuernde Luft wiederum comprimirt wurde.

Konnte der Termitenbau dabei aber nicht total vom Boden abgehoben und durch die Ueberschwemmung umgestürzt werden? Nein, so wenig wie eine Biberhütte, denn er hing ebenso fest wie eine solche mit der Erde zusammen.

Der am meisten zu fürchtende Umstand lag also in der Fortdauer des Unwetters und der Zunahme der Ueberschwemmung. 91/2 Meter Wasser auf der Ebene mußten den Kegel um 51/2 Meter überdecken und die Luft im Innern unter dem Drucke einer ganzen Atmosphäre zusammenpressen.

Eine reifliche Ueberlegung bestärkte Dick Sand’s Befürchtung, daß diese Ueberschwemmung bis zu sehr bedeutendem Grade zunehmen könne, da sie von dem Wasser, das die direct über der Ebene stehenden Wolken herabstürzten, offenbar nicht allein herrührte. Weit annehmbarer erschien die Erklärung, daß ein durch das Unwetter angeschwollener Wasserlauf der Nachbarschaft seine Uferdämme durchbrochen habe und sich nun über die jenseitige Niederung ausbreite. Wer konnte aber dafür einstehen, daß der Ameisenbau nicht schon vollständig überfluthet und sogar die Möglichkeit abgeschnitten war, durch seine obere Spitze hinauszugelangen, die zu demoliren es ja weder langer, noch beschwerlicher Arbeit bedurft hätte?

In quälendster Unsicherheit fragte Dick Sand sich selbst, was wohl zu thun wäre. Sollte man die Beendigung dieser Situation ruhig abwarten oder, nach Kenntnißnahme der Umstände, gewaltsam herbeizuführen suchen?

Es war jetzt drei Uhr Morgens. Regungslos und schweigend lauschten Alle. Durch den geschlossenen Eingang drang jedes Geräusch von außerhalb nur sehr geschwächt herein, doch verrieth ein ausgedehntes anhaltendes, dumpfes Rollen, daß der Kampf der Elemente noch immer nicht beendet sei.

Da bemerkte der alte Tom, daß das Niveau des Wassers allmälig steige.

»Ja wohl, bestätigte Dick Sand, und wenn das der Fall ist, obschon die Luft nicht nach außen entweichen kann, so beweist es, daß die Wasserfluth wächst und jene weiter zusammendrückt.

– Bis jetzt beträgt es nur wenig, sagte Tom.

– Gewiß, antwortete Dick Sand, aber wo ist die Grenze?

– Herr Dick, fragte Bat, wünschen Sie, daß ich draußen Umschau halte? Ich werde untertauchen und durch die Eingangsthüre zu gelangen suchen…

– Besser, ich unternehme diesen Versuch gleich selbst, meinte Dick Sand.

– Nein, nein, Herr Dick, widersprach ihm der alte Tom. Lassen Sie meinen Sohn gewähren und vertrauen Sie seiner Gewandtheit. Im Falle er nicht zurückkehren könne, ist Ihre Gegenwart hier doppelt nöthig!«

Und leiser setzte er hinzu.

»Denken Sie an Mistreß Weldon und den kleinen Jack!

– Gut, es sei, antwortete Dick Sand. An’s Werk also, Bat. Ist unsere Wohnung überschwemmt, so versucht nicht erst die Rückkehr. Wir verlassen sie dann ebenfalls. Ragt der Kegel aber noch über das Wasser empor, so schlagt mit der Axt, die Ihr mitnehmen müßt, kräftig auf seine Spitze. Wir werden das hören, und es soll uns als Zeichen dienen, diese auch unsererseits zu zerstören. Verstanden?

– Gewiß, Herr Dick, versicherte Bat.

– Also vorwärts, Junge!« drängte der alte Tom, indem er seinem Sohne die Hand drückte.

Nachdem sich Bat durch einen tiefen Athemzug einen tüchtigen Luftvorrath gesichert, tauchte er in dem jetzt über 11/2 Meter tiefen Wasser unter. Er ging an eine schwierige Aufgabe, denn zuerst mußte er die untere Oeffnung aufsuchen, dann durch diese schlüpfen und nach der äußeren Oberfläche des Wassers emportauchen. Alles das mußte auch in sehr kurzer Zeit ausgeführt sein.

Es verging nahezu eine halbe Minute. Schon glaubte Dick Sand, daß es dem Neger gelungen sei, hinaus zu gelangen, als Bat wieder auftauchte.

»Nun? rief Dick Sand erstaunt.

– Der Eingang ist verschlämmt und verschüttet! antwortete Bat, nachdem er wieder zu Athem gekommen war.

– Verschlossen? rief Tom.

– Ja wohl! bestätigte Bat. Wahrscheinlich hat das Wasser den Thon erweicht… ich habe mit den Händen die Wand ringsum abgetastet… nirgends ist eine Oeffnung mehrt«

Dick Sand schüttelte den Kopf. Seine Gefährten und er sahen sich hermetisch in den Kegel eingeschlossen, den vielleicht gar das Wasser überfluthete.

»Wenn keine Oeffnung mehr vorhanden ist, meinte Herkules, so müssen wir eine neue machen.

– Wartet noch!« fiel der junge Leichtmatrose ein, indem er Herkules, der die Axt in den Händen schon zum Schlage ausholte, zurückhielt.

Dick Sand überlegte einige Augenblicke, dann fuhr er fort:

»Wir können wohl anders zu Werke gehen. Die Hauptfrage bleibt ja, zu wissen, ob das Wasser den Bau überdeckt oder nicht. Wenn wir am Gipfel des Kegels eine ganz kleine Oeffnung herstellten, müßten wir ja erfahren, wie es sich damit verhält. Im Fall der vollständigen Ueberfluthung des Termitenhügels würde ihn das Wasser total erfüllen und unser Verderben gewiß sein. Gehen wir also ganz vorsichtig zu Werke…

– Aber schnell!« setzte Tom hinzu.

In der That stieg das Wasser nach und nach weiter und stand im Innern des Kegels schon circa zwei Meter hoch. Außer Mrs. Weldon, ihrem Sohne, Vetter Benedict und Nan, welche ja die obersten Abtheilungen eingenommen hatten, standen jetzt Alle schon mit halbem Leibe im Wasser.

Es galt also jetzt ohne Säumen in der von Dick Sand vorgeschlagenen Weise vorzugehen.

Ein halb Meter hoch über dem inneren Wasserniveau, also 2 1/2 Meter über dem Boden, beschloß Dick Sand, eine Probeöffnung in die Thonwand brechen zu lassen.

Gelangte man durch diese in Communication mit der äußeren Atmosphäre, so mußte der Kegel ja das Wasser noch überragen. Traf das Loch dagegen eine Stelle unterhalb der äußeren Wasseroberfläche, so wurde die Luft im Innern noch weiter zurückgedrängt, und in diesem Fall mußte man vorbereitet sein, jenes schnellstens wieder zu verschließen, weil das Wasser sonst bis an die Oeffnung selbst aufsteigen würde. Hierauf wollte man denselben Versuch ein halb Meter höher wiederholen und in ähnlicher Weise fortfahren. Wenn man nun aber auch an der Spitze des Kegels nicht auf die freie Luft stieß, also 41/2 Meter Wasser über der Ebene standen und die ganze Termiten-Ansiedelung unter der Wildfluth verschwunden war, was dann? Welche Aussicht winkte noch den in dem Ameisenbau Gefangenen, dem entsetzlichsten Tode, dem der langsamen Erstickung zu entgehen?

Dick Sand übersah das zwar Alles, seine Kaltblütigkeit verließ ihn aber keinen Augenblick. Die Folgen des zu unternehmenden Versuches hatte er im Voraus genau ermittelt. Länger zu zaudern, war übrigens unmöglich. In diesem engen Raume drohte die Asphyxie mehr und mehr, da jener sich zunehmend verkleinerte und die Luft sich mit Kohlensäure sättigte.

Das beste Werkzeug, welches Dick Sand zum Bohren eines Loches in der Hand besaß, bestand in einem Ladestock mit Kugelzieher am Ende, wie er zur Wiederentladung eines Gewehres benutzt wird. Durch schnelles Umdrehen desselben griff diese Schraube gleich einem Hohlbohrer in die Thonmasse ein und das Loch gewann allmälig an Tiefe. Es erhielt dabei freilich keinen größeren Durchmesser als den des Ladestockes, doch das reichte ja aus. Die Luft mußte dadurch ja hinlänglich circuliren können.

Herkules hielt die Laterne und leuchtete Dick Sand. Man besaß noch einige Kerzen und brauchte also nicht zu fürchten, daß es an Licht fehlen werde.

Eine Minute nach Beginn der Operation drang der Ladestock frei durch die Wand. Sofort entstand ein dumpfgurgelndes Geräusch, ähnlich dem von Luftblasen, welche durch eine Wassersäule aufsteigen. Die Luft drängte sich wirklich nach außen und sofort stieg das Wasser im Kegel und stand erst wieder in gleicher Höhe mit der Oeffnung, ein Beweis, daß man diese zu tief, nämlich unterhalb des äußeren Wasserniveaus gebohrt hatte.

»Noch einmal!« sagte der junge Leichtmatrose sehr kühl, nachdem er das Loch mit einem Thonpfropfen verschlossen hatte.

Der Wasserstand im Kegel war wieder stationär geworden, der freie Innenraum aber wieder um 21 Centimeter in der Höhe vermindert. Das Athmen ward beschwerlicher, denn es trat langsam ein Mangel an Sauerstoff ein. Man bemerkte das auch an der Flamme der Laterne, welche einen röthlichen Schimmer annahm und an Leuchtkraft verlor.

Dreizehntel Meter oberhalb des ersten Loches begann Dick Sand auf die nämliche Weise ein zweites zu bohren. Mißglückte der Versuch auch hier, so drohte zwar das Wasser im Kegel noch höher zu steigen… doch diese Gefahr mußte man eben in den Kauf nehmen.

Während Dick Sand mit seinem Bohrer arbeitete, hörte man plötzlich Vetter Benedict ausrufen:

»Ah, zum Teufel!… da… da haben wir’s ja!«

Herkules erhob die Laterne und ließ ihr Licht auf Vetter Benedict fallen, dessen Angesicht die tiefste Befriedigung ausdrückte.

»Ja, da haben wir’s, warum diese intelligenten Termiten ihren Bau aufgegeben haben. Sie fühlten die Ueberschwemmung schon voraus! O, der Instinct, meine Freunde, der Instinct! Sind pfiffiger als wir, diese Termiten, weit, weit pfiffiger!«

Das war so die ganze Moral, welche Vetter Benedict aus der thatsächlich verzweifelten Situation zog.

Eben zog Dick Sand den durch die Wand gedrungenen Ladestock zurück. Es entstand ein Pfeifen und wiederum stieg das Wasser im Innern des Kegels… das Loch hatte die freie Luft noch immer nicht getroffen!

Die Lage ward allgemach schrecklich. Mrs. Weldon, welche jetzt das Wasser fast erreichte, hielt den kleinen Jack in ihren Armen hoch. Alle erstickten fast in dem engen Raume. Ihre Ohren summten. Die Laterne verbreitete nur noch ein unzulängliches Licht.

»Steht denn der Kegel wirklich gänzlich unter Wasser?« murmelte Dick Sand.

Er mußte das erfahren und deshalb noch ein drittes Loch an der Kegelspitze selbst bohren.

Mißlang auch dieser letzte Versuch, so stand ihnen freilich der unmittelbare Tod durch Erstickung bevor. Was von Luft noch übrig war über der Wasserfläche, mußte dann entweichen und das Wasser den ganzen Kegel erfüllen.

»Mistreß Weldon, sagte Dick Sand, unsere Lage ist Ihnen bekannt. Zögern wir, so geht uns die athembare Luft aus. Schlägt auch der letzte Versuch fehl, so erfüllt das Wasser den ganzen Raum. Die einzige Aussicht auf Rettung liegt noch darin, daß der Gipfel des Kegels das Niveau der Wildfluth überragt. Es bleibt uns nur dieser letzte Versuch übrig. Stimmen Sie ihm zu?

– Thu’ es, Dick!« erwiderte Mrs. Weldon.

In diesem Augenblicke erlosch die Lampe in dem vorhandenen, zur Unterhaltung der Verbrennung untauglichen Gasgemische. Mrs. Weldon und ihre Gefährten saßen in absoluter Dunkelheit.

Dick Sand stieg auf die Schultern von Herkules, der sich selbst an eines der Wandfächer stemmte, wobei nur sein Kopf allein noch über Wasser blieb. Mrs. Weldon, Jack und Vetter Benedict hatten sich in die allerhöchste Zellenabtheilung zurückgezogen.

Dick Sand nahm die Wand in Angriff und rasch drang sein Ladestock durch den Thon. An dieser Stelle war die Wand selbst sowohl dicker als auch härter. Dick Sand beeilte sich, nicht ohne ein erdrückendes Angstgefühl, denn durch die enge Oeffnung, welche er bohrte, sollte mit der Luft entweder das Leben, oder mit dem Wasser der Tod seinen Einzug halten.

Plötzlich ließ sich ein scharfes trockenes Pfeifen vernehmen. Die comprimirte Luft drang hinaus… aber ein Strahl des Tages blitzte durch die Oeffnung. Das Wasser stieg nur noch um 21 Centimeter und stand dann still, ohne daß Dick Sand nöthig hatte, die Oeffnung wieder zu verschließen. Der Gipfel des Kegels ragte über die Fluth empor… Mrs. Weldon und ihre Gefährten waren gerettet!

Sofort kamen, nach einem wild aufjauchzenden Hurrah, in dem Herkules’ sonore Stimme vorherrschte, die Jagdmesser in Anwendung.

Alle gaben auf eines der Boote Feuer. (S. 298.)

Die eiligst angegriffene Kegelhaube zerbröckelte unter ihnen. Die Oeffnung erweiterte sich, die Luft drang in vollem Strome ein und mit ihr die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne. Nach Abdeckung des Kegels mußte es leicht sein, sich auf seine Wand emporzuschwingen, und dort wollte man sich nach einem Mittel umsehen, eine benachbarte, der Ueberschwemmung gänzlich entzogene Anhöhe zu erreichen.

Der Riese gebrauchte seine verkehrt gefaßte Flinte als Keule. (S. 298.)

Dick Sand bestieg zuerst den Gipfel des Kegels…

Ein Schrei entfuhr ihm.

Er vernahm das den Afrika-Reisenden nur zu wohlbekannte Geräusch durch die Luft schwirrender Pfeile.

Dick Sand vermochte in der Schnelligkeit auf hundert Schritte von dem Termitenhügel ein Lager, und zehn Schritt von demselben auf der über schwemmten Ebene einige lange, mit Eingebornen besetzte Barken wahrzunehmen.

Von einer dieser Barken aus war jene Wolke von Pfeilen weggeflattert, als nur der Kopf des jungen Leichtmatrosen außerhalb der Oeffnung erschien.

Mit einem Worte setzte Dick Sand seine Gefährten von Allem in Kenntniß. Er ergriff sein Gewehr, erklomm von Herkules, Acteon und Bat gefolgt, die Spitze auf’s Neue, und alle Bier gaben auf eines der Boote Feuer.

Mehrere Eingeborne stürzten zusammen und ein wüthendes Geheul nebst Flintenschüssen antwortete dem Knall der Feuerwaffen.

Was vermochte Dick Sand und seine Begleiter aber gegen ein ganzes Hundert Afrikaner auszurichten, die sie von allen Seiten umzingelten?

Der Termitenhügel ward gestürmt. Mrs. Weldon, ihr Kind, Vetter Benedict, Alle rücksichtslos herausgezerrt und, ohne Zeit zu einem Worte zu gewinnen oder sich zum letzten Male die Hand zu drücken, offenbar auf Grund vorher ergangener Vorschrift von einander getrennt.

Die eine Barke nahm Mrs. Weldon, den kleinen Jack nebst Vetter Benedict auf, und Dick Sand sah sie inmitten des Lagers verschwinden.

Er selbst wurde nebst Nan, dem alten Tom, Herkules, Bat, Acteon und Austin in eine zweite Pirogue geworfen, welche nach einem anderen, benachbarten Hügel steuerte.

Zwanzig Eingeborne besetzten diese Barke, der fünf andere nachfolgten. An Widerstand war zwar nicht zu denken, und doch versuchten ihn Dick Sand und seine Gefährten. Einige Krieger des Zuges wurden von ihnen verwundet, und gewiß hätten sie diesen Widerstand mit dem Leben bezahlt, wenn nicht ein ausdrücklicher Befehl ergangen gewesen wäre, sie zu schonen.

Nur wenige Minuten währte die Ueberfahrt. In dem Augenblick aber, da das Boot an’s Land stieß, sprang Herkules mit gewaltigem Satze heraus Zwei Eingeborne stürzten auf ihn zu, der Riese jedoch gebrauchte seine verkehrt gefaßte Flinte als Keule und mit zerschmettertem Schädel taumelten die Eingebornen zur Erde.

Einen Moment später verschwand Herkules unter einem Hagel von Kugeln in dem nahen Dickicht, gerade als Dick Sand und seine Begleiter, welche man an’s Land gesetzt hatte, ganz wie Sklaven in Fesseln gelegt wurden.

Siebentes Capitel.

Ein Lager am Ufer der Coanza.

Nach der Ueberschwemmung, welche einen See gemacht hatte aus dieser Ebene, aus der sich die Termiten-Ansiedelung erhob, bot das Land einen völlig veränderten Anblick. Etwa zwanzig Ameisenbauten tauchten daraus mit ihrer Spitze empor und bildeten die einzigen hervorragenden Punkte dieser breiten Mulde.

Die Coanza war es, welche über Nacht in Folge der Zuströmung ihrer, durch den Gewitterregen geschwellten Nebenflüsse übergetreten war.

Diese Coanza, einer der Ströme von Angola, mündet in den Atlantischen Ocean etwa hundert Meilen von dem Punkte, wo der »Pilgrim« gescheitert war. Es ist das derselbe Fluß, den Lieutenant Cameron einige Jahre später überschreiten mußte, bevor er Benguela erreichte.

Die Coanza ist bestimmt, einst die Ader des Binnenverkehrs dieses Theiles der portugiesischen Kolonie zu bilden. Schon befahren Dampfer ihren Unterlauf, und es werden keine zehn Jahre vergehen, bis sie auch den oberen Lauf dem Verkehre dienstbar machen. Dick Sand hatte also ganz recht daran gethan, nach Norden zu einen schiffbaren Fluß zu suchen. Der kleine Bach, dem er nachgegangen war, floß auch selbst in die Coanza. Ohne jenen plötzlichen Ueberfall, vor dem ihn ja nichts zu warnen im Stande gewesen war, hätte er jenen eine Meile von hier gefunden; seine Gefährten und er hätten sich auf einem leicht herzustellenden Flosse eingeschifft und die beste Aussicht gehabt, auf der Coanza hinab bis zu den portugiesischen Flecken zu schwimmen, wo die Steamer Halt machen. Dort aber war ihre Rettung gesichert.

Es sollte anders kommen.

Das von Dick Sand bemerkte Lager war auf einer dem Termitenhügel benachbarten Höhe errichtet, in welchen sein Unstern ihn wie in eine Falle verlockt hatte. Auf dem Gipfel jener Anhöhe strebte eine gewaltige Sykomore empor, welche unter ihrem Blätterdache wohl fünfhundert Menschen Schutz gewährt hätte. Wer diese Baumriesen Central-Afrikas nicht selbst gesehen hat, vermag sich kaum eine richtige Vorstellung von denselben zu machen. Ihre Aeste bilden einen ganzen Wald, in dem man sich verirren könnte. Weiterhin vervollständigten sehr große Bananen, von der Gattung, deren Samenkörner sich nicht zu Früchten ausbilden, den grünen Rahmen der ausgedehnten Umgebung.

Unter dem Schutze jener Sykomore hatte, wie verborgen in geheimnißvollem Obdach, eine ganze Karawane – deren Eintreffen Harris schon Negoro meldete – – Halt gemacht.

Der große Zug von Eingebornen, welche die Agenten des Sklavenhändlers Alvez aus ihrer Heimat entführt hatten, bewegte sich nach dem Markte in Kazonnde hin. Von dort aus sollten die Sklaven, je nach Bedarf, entweder in die Baracken an der Westküste übergeführt oder nach N’yangwe, in die Gegend der großen Seen, gebracht werden, um sie endlich entweder nach Ober-Egypten oder nach den Factoreien von Zanzibar zu vertheilen.

Gleich nach ihrer Ankunft im Lager erfuhren Dick Sand und seine Gefährten ganz die Behandlung wie Sklaven. Der alte Tom aber, ebenso wie sein Sohn, Austin, Acteon und die arme Nan, obgleich Neger von Ursprung, doch keine Zugehörigen der afrikanischen Race, mußten gar die gewöhnliche Behandlung kriegsgefangener Eingeborner erdulden. Nachdem man sie trotz lebhaften Widerstandes entwaffnet, wurden sie je Zwei und Zwei am Halse mittelst einer 2 bis 21/2 Meter langen, an beiden Enden gabelförmigen und daselbst mit einem Quereisen geschlossenen Stange gefesselt. So waren sie genöthigt, in gerader Linie, Einer hinter dem Anderen, zu marschiren, ohne weder nach rechts, noch nach links abweichen zu können. Aus übertriebener Vorsicht verband sie auch noch eine schwere Kette am Gürtel. Die Arme behielten sie dabei frei, um noch Lasten zu tragen, die Füße, um zu marschiren, ohne daß ihnen eine Flucht möglich gewesen wäre. Auf diese Weise sollten sie nun, unter den Peitschenhieben eines rohen Havlidars, Hunderte von Meilen zurücklegen! Erschlafft von der Anspannung, welche den ersten Minuten ihres Kampfes gegen die Neger folgte, versuchten sie gar keine Bewegung. O, warum hatten sie Herkules auf seiner Flucht nicht folgen können! Und doch, was war für den Flüchtling wohl zu hoffen?

Was konnte trotz seiner außerordentlich kräftigen Constitution aus ihm werden in diesem ungastlichen Lande, wo der Hunger, die Verlassenheit, die wilden Thiere und die Eingebornen ihm gleichmäßig feindlich waren? Würde er sich nicht bald ebenfalls das Loos seiner Gefährten wünschen? Und doch hatten diese kein Erbarmen zu erwarten von den arabischen oder portugiesischen Führern der Karawane, deren Sprache sie nicht verstanden und welche ihre Befehle nur durch Blicke und drohende Bewegungen kundgaben.

Dick Sand selbst war leicht mit einem anderen Sklaven zusammengekoppelt worden. Als einen Weißen hatte man nicht gewagt, ihn der gebräuchlichen Be-oder vielmehr Mißhandlung zu unterwerfen. Man begnügte sich, ihn zu entwaffnen, ließ ihm jedoch Hände und Füße frei, während ein Havildar ihn besonders überwachte. Ringsum durchspähte er das Lager, in der Erwartung, Harris und Negoro erscheinen zu sehen….. Vergeblich! Nichtsdestoweniger zweifelte er keinen Augenblick daran, daß der Angriff auf den Termitenhügel von diesen zwei Schurken in’s Werk gesetzt worden sei.

Auch der Gedanke kam ihm, daß Mrs. Weldon, der kleine Jack und Vetter Benedict nur auf Befehl des Amerikaners oder des Portugiesen getrennt für sich weggeschleppt wurden; da er Niemanden von diesen sah, so schloß er daraus, daß jedenfalls die beiden Spießgesellen ihre Opfer selbst geleiten möchten. Wohin aber führte man sie? Was beabsichtigte man mit ihnen? das war seine peinlichste Sorge. Dick Sand vergaß gänzlich seiner selbst, nur um an Mrs. Weldon und die Ihrigen zu denken.

Die unter der ungeheuren Sykomore gelagerte Karawane zählte nicht weniger als 800 Köpfe, nämlich 600 Sklaven und etwa 200 Krieger, Lastträger und anderes verdächtiges Gesindel, Wächter, Havlidars und Agenten oder Chefs.

Diese Chefs waren arabischen oder portugiesischen Ursprungs. Nur schwer vermag man sich eine Vorstellung von den Grausamkeiten zu machen, mit welcher die entmenschten Wesen ihre Gefangenen quälten. Sie schlagen diese unaufhörlich, und Denjenigen, welche erschöpft zusammenbrechen und nicht mehr verkäuflich erscheinen, wird durch einen Flintenschuß oder einen Messerstich einfach der Garaus gemacht. Man sucht auf diese Weise jede Auflehnung im Voraus durch den Schrecken zu ersticken; als Resultat dieses Systems ergiebt sich aber, daß dem Händler beim Eintreffen einer solchen Karawane von hundert Sklaven fünfzig fehlen, wobei nur von wenigen derselben anzunehmen ist, daß es ihnen gelang, unterwegs zu entwischen, während die Gebeine der meisten längs der Wege vom Innern nach der Küste hin im Sonnenbrande bleichen.

Selbstverständlich recrutiren sich die Agenten europäischer Herkunft, meist Portugiesen, aus Taugenichtsen, welche von der eigenen Heimat verstoßen wurden, aus Verurtheilten, entsprungenen Sträflingen, vormaligen Sklavenschiff-Führern, die mit genauer Noth dem Stricke entgingen, mit einem Wort, aus dem Auswurfe der Menschheit. Zu dieser Sorte gehörten auch Harris und Negoro, jetzt Beide im Dienste eines der bedeutendsten Sklavenhändler Central-Afrikas, des Jose-Antonio Alvez, der unter allen Händlern wohl bekannt war und über den Lieutenant Cameron sehr merkwürdige Aufschlüsse gegeben hat.

Die Begleitmannschaften der Gefangenen sind gewöhnlich eingeborne, im Solde der Händler stehende Soldaten. Die Händler besitzen gleichwohl nicht das ausschließliche Monopol auf jene Razzias, die ihnen die Sklaven liefern. Auch die Negerkönige führen zu demselben Zwecke furchtbare Kriege mit einander; die besiegten Erwachsenen, die Frauen und Kinder, Alle verfallen dem Sklavenjoche und werden von den Siegern an die Sklavenhändler für einige Yards Calicot, für Pulver, Schießwaffen, rosenrothe oder brennendrothe Perlen und, wie Livingstone erzählt, in Zeiten von Hungersnoth für einige Körnchen Mais verkauft.

Die Soldaten, welche des alten Alvez Karawanen escortirten, konnten eine richtige Vorstellung von dem geben, was man sich unter afrikanischen Kriegern zu denken hat. Sie bildeten einen Haufen schwarzer, kaum bekleideter Banditen, welche lange, am Laufe von vielen Kupferringen fest umschlossene Feuerschloß-Gewehre schwangen. Mit einer solchen Escorte, zu denen noch die Marodeurs kommen, welche ebenso wenig werth sind, haben die Agenten häufig ihre liebe Noth. Man bekrittelt ihre Befehle, schreibt Ort und Dauer des Anhaltens vor, droht, sie im Stich zu lassen u.s.w., und nicht selten müssen jene sich den Anforderungen dieser undisciplinirten Soldateska fügen.

Obwohl die Sklaven, Männer und Frauen, gewöhnlich selbst Bündel und Lasten schleppen müssen, während die Karawane auf der Reise ist, begleiten letztere doch auch noch eine große Anzahl »Träger«. Man nennt sie specieller »Pagazis«, und ihnen liegt es ob, das werthvollere Gepäck, vorzüglich das Elfenbein, zu transportiren. Diese Elefantenzähne erreichen zuweilen eine solche Größe, daß sie, bei einem Gewichte von 169 Pfund, von zwei Pagazis nach den Factoreien getragen werden, von wo aus diese kostbare Waare nach den Märkten von Chartum, Zanzibar und Natal übergeführt wird. Bei der Ankunft erhalten die Pagazis ihren bedungenen Lohn, der in einigen zwanzig Yards Baumwollenstoff oder von dem Gewebe, das den Namen »Merikani« führt, ein wenig Pulver, einer handvoll Cauris,1 einigen Perlen oder auch aus solchen Sklaven besteht, welche schwerer verkäuflich erscheinen, wenn der Händler eben kein anderes Geld hat.

Unter den 500 Sklaven, welche die Karawane zählte, bemerkte man nur wenig reifere Männer. Es kam das davon her, daß nach Beendigung der Razzia und Niederbrennung der betreffenden Ansiedelung alle Eingebornen über vierzig Jahre erbarmungslos niedergemetzelt oder an den Bäumen der Umgebung aufgeknüpft worden waren. Nur die männliche und weibliche Jugend wird nach den Märkten geliefert. Nach solchen Menschenhetzen ist oft kaum noch der zehnte Theil der Besiegten am Leben. Auf diese Weise erklärt sich jene erschreckende Entvölkerung, welche die ungeheuren Gebiete Central-Afrikas in Wüsten verwandelt.

Die Kinder, wie die Erwachsenen, waren hier kaum mit einem Fetzen jenes Rindenstoffes bekleidet, den gewisse Baumarten liefern und der im Lande »Mbuzu« heißt. Der Gesammtzustand dieser Heerde menschlicher Wesen, die Weiber bedeckt mit Wunden von den Peitschen der Havlidars; die Kinder – welche die Mütter außer ihren anderen Lasten noch zu tragen suchten – elend, abgemagert und blutend an den Füßen; die jungen Männer eng geschlossen mit dem erwähnten Gabelholze, das noch schmerzlicher zu tragen ist als die Kette des Bagno, war ein über alle Beschreibung jämmerlicher. Der Anblick dieser Unglücklichen, halbtodten Geschöpfe mit tonloser Stimme, dieser »Ebenholz-Skelete«, wie Livingstone sagte, hätte wohl das Herz wilder Thiere zu rühren vermocht; nicht aber jener verhärteten Araber oder Portugiesen, welch’ letztere, wenn man Lieutenant Cameron glauben darf, noch grausamer sein sollen.2

Es versteht sich von selbst, daß die Gefangenen während des Marsches und während des Ausruhens gleichmäßig streng bewacht wurden. Dick Sand überzeugte sich bald, daß ein Fluchtversuch nicht einmal zu wagen wäre. Wie aber sollte er dann Mrs. Weldon wiederfinden? Daß sie nebst ihrem Kinde von Negoro entführt seien, schien nur zu gewiß. Der Portugiese hatte es offenbar veranlaßt, sie von ihren Gefährten zu trennen; aus Gründen freilich, welche der junge Leichtmatrose bisher noch nicht errieth; immerhin stand für ihn das außer Zweifel, daß Negoro seine Hand bei Allem im Spiele habe, und sein Herz brach bei dem Gedanken an die Gefahren aller Art, welche Mrs. Weldon bedrohten.

»O, sprach er leise für sich hin, wenn ich bedenke, daß ich diese beiden Schurken vor meinem Flintenlauf hatte und ihnen nicht das Lebenslicht ausblies!…«

Dieser Gedanke war es, der in Dick Sand’s Kopfe immer und immer wieder aufstieg. Wie viel Unglück hätte der Tod, der wohlverdiente Tod Harris und Negoro’s verhütet! Wie viel Elend Denen erspart, welche diese Schacherer mit Menschenfleisch jetzt als Sklaven mißhandelten!

Das Furchtbare der Lage Mrs. Weldon’s und des kleinen Jack trat deutlich vor seine Augen. Weder die Mutter noch das Kind durften auf Vetter Benedict rechnen. Der arme Mann konnte sich vielleicht kaum selber helfen. Jedenfalls schleppte man alle Drei nach irgend einem entlegenen Districte von Angola. Wer trug dann aber das noch kränkelnde Kind?

»Seine Mutter, gewiß, seine Mutter! wiederholte sich Dick Sand. Für ihr Söhnchen wird sie die nöthigen Kräfte wiedergefunden, dasselbe gethan haben, wie jene unglücklichen Sklaven… und sie wird endlich umsinken wie jene. Ach, daß Gott mich doch zusammenführen möchte mit ihren Henkern, wie wollte ich…«

Das Zeichen zum Aufbruch ward gegeben. (S. 309.)

Er war ja Gefangener! Er zählte nur als Kopf in der Heerde, welche Havildars in das Innere von Afrika trieben. Er wußte ja nicht einmal, ob Negoro und Harris persönlich jene Zugsabtheilung führten, zu welcher die Opfer ihrer Schandthaten gehörten. Dingo fehlte ja auch, um die Spur des Portugiesen aufzufinden und seine Annäherung zu melden. Herkules allein konnte der unglücklichen Mrs. Weldon zu Hilfe kommen. War auf solch’ ein Wunder aber zu hoffen?

Immerhin klammerte sich Dick Sand an diesen Gedanken, da er den kräftigen Neger frei wußte. An seinem guten Willen zu zweifeln, kam ihm gar nicht in den Sinn. Gewiß würde Herkules für Mrs. Weldon Alles thun, was nur in der Macht eines Einzelnen lag. Er versuchte jedenfalls, ihre Spuren zu entdecken und sich mit ihr in Verbindung zu setzen, oder er bestrebte sich, wenn ihm jenes nicht gelang, mit Dick Sand in Einvernehmen zu kommen, ihn vielleicht zu entführen und durch einen Gewaltstreich zu befreien. Konnte er sich nicht auf einem nächtlichen Halteplatze unbemerkt unter die Neger, mit denen er ja die gleiche Hautfarbe hatte, mengen, bis zu ihm heranschleichen, die Wachsamkeit der Soldaten überlisten, seine Fesseln sprengen und ihn nach dem Walde bringen; und was würden sie Beide im Vollgenuß der Freiheit für Mrs. Weldon Alles thun? Ein Wasserlauf würde ihnen gewiß die Möglichkeit bieten, bis zur Küste hinab zu gelangen, und Dick Sand wollte dann den früheren, durch den Ueberfall seitens der Eingebornen so traurig unterbrochenen Plan mit besserer Aussicht auf Gelingen und größerer Kenntniß seiner Schwierigkeiten jedenfalls wieder aufnehmen.

So schwankte der junge Leichtmatrose immer zwischen Furcht und Hoffnung. Dank seiner energischen Natur, widerstand er dabei jedoch einer vollständigen Erschlaffung und hielt sich bereit, die erste sich darbietende günstige Gelegenheit zu benutzen.

Zunächst kam es vorzüglich darauf an, zu erfahren, nach welchem Markte die Agenten ihren Sklaven-Transport leiteten. War dieser Platz eine der Factoreien von Angola, so handelte es sich nur um einen Marsch von wenigen Tagen, oder sollte der Zug viele Hunderte von Meilen durch das Innere von Afrika gehen? Der Haupt-Sklavenmarkt nämlich ist der von N’yangwe, in Manyema, unter dem Meridiane, der Afrika nahezu in zwei Hälften theilt, da, wo sich das Gebiet der großen Seen weithin ausdehnt, das Livingstone dereinst bereiste. Von dem Lager der Coanza war es aber sehr weit bis nach jener Ansiedelung und es bedurfte wohl mehrerer Monate, um dieselbe zu erreichen.

Diese Frage verursachte Dick Sand die meiste Sorge, denn wenn sie einmal in N’yangwe waren, wie schwer, selbst wenn Mrs. Weldon, Herkules und den anderen Negern die Flucht dort glückte, wenn nicht gar unmöglich, mußte es ihnen werden, ringsum von Gefahren bedroht die Küste wieder zu erreichen.

Dick Sand überzeugte sich indeß bald, daß der Zug seinen Bestimmungsort in kurzer Zeit erreichen werde. Verstand er auch die Worte der Karawanen-welche bald arabisch, bald das afrikanische Idiom sprachen, gar nicht, so fiel ihm doch die häufig wiederholte Erwähnung des Haupt-Sklavenmarktes dieser Gegend besonders auf. Es war das der Name Kazonnde, und er wußte recht gut, daß dort ein lebhafter Negerhandel getrieben wurde. Das führte ihn natürlich zu dem Schlusse, daß sich dort das Schicksal der Gefangenen entscheiden müßte, und diese entweder für Rechnung eines Stammeshäuptlings des Districtes oder für die eines reichen Sklavenhändlers zum Verkauf gestellt würden. Wir wissen, daß er sich hierin nicht täuschte.

Dick Sand kannte bei seinem Vertrautsein mit den Ergebnissen der neuesten Geographie schon Alles, was man von Kazonnde wußte. Die Entfernung zwischen San Pablo de Loanda und diesem Orte überstieg nicht 400 Meilen, und folglich lagen höchstens 250 Meilen zwischen demselben und dem Lager an der Coanza. Dick Sand stellte seine Wahrscheinlichkeitsrechnung auf mit Zugrundelegung der von der kleinen Gesellschaft unter Harris’ Führung zurückgelegten Wegstrecke. Unter gewöhnlichen Verhältnissen konnte der Marsch dorthin also nur zehn bis zwölf Tage in Anspruch nehmen. Verdoppelte er diese Zeit im Hinblick auf eine schon durch weite Wege erschöpfte Karawane, so schätzte er die Dauer der Reise von der Coanza bis Kazonnde auf höchstens drei Wochen. Gern hätte Dick Sand von dem, was er wußte, auch Tom und den Uebrigen Mittheilung gemacht. Es mußte ja eine Art Trost für sie darin liegen, zu wissen, daß sie nicht bis in das Herz Afrikas, in jene verderbenschwangeren Gegenden geschleppt würden, aus denen eine Rückkehr unmöglich erscheint. Einige im Vorübergehen ihnen zugeflüsterte Worte hätten ja hingereicht, sie davon in Kenntniß zu setzen. Sollte es ihm gelingen, diese kurze Mittheilung zu machen?

Tom und Bat – der Zufall hatte Vater und Sohn vereinigt – sowie Acteon und Austin befanden sich, zu Zwei und Zwei aneinander gefesselt, an der rechten Seite des Lagers, wo ein Havildar und ein Dutzend Soldaten sie bewachten.

Da sich Dick Sand freier zu bewegen vermochte, beschloß er, die Entfernung, welche ihn von der etwa fünfzig Schritt entfernten Gruppe mit seinen Gefährten trennte, allmälig und scheinbar ohne Absicht zu verringern.

Wahrscheinlich errieth der alte Tom Dick Sand’s Gedanken. Ein leise gesprochenes Wort genügte, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie verstummten, lauschten aber gespannt mit Augen und Ohren.

Ohne seine Absicht zu verrathen, hatte Dick Sand weiter fünfzig Schritt zurückgelegt. Er befand sich den Anderen jetzt so nahe, daß er sich Tom durch lautes Sprechen wohl hätte verständlich machen, ihm den Namen Kazonnde zurufen und die wahrscheinliche Dauer des Marsches mittheilen können; doch erschien es ihm rathsamer, womöglich noch weitere Aufklärung zu erlangen und sich nach deren Ausfall mit ihnen über die während der Reise zu beobachtende Haltung zu verständigen. Er näherte sich jenen nach und nach weiter. Schon klopfte das Herz ihm lauter, er befand sich nur noch wenige Schritte von dem erwünschten Ziele, als der Havildar, dem über seine Absichten offenbar ein Licht aufgegangen war, auf ihn zustürzte. Der Ruf des Wüthenden zog schnell zehn Soldaten herbei, welche Dick Sand mit roher Faust zurückführten, während Tom und die Seinigen nach der anderen Seite des Lagers getrieben wurden.

Dick Sand hatte sich erbittert auf den Havildar geworfen und es gelang ihm, dessen Gewehr, das er ihm fast entrissen hätte, wenigstens untauglich zu machen, als ihn sechs oder sieben Soldaten mit einem Male überfielen und ihn nöthigten, seine Beute wieder aufzugeben. In ihrer Wuth hätten ihn diese sicherlich umgebracht, wenn nicht einer der Karawanen-Führer, ein hochgewachsener, wildblickender Araber, dazwischen getreten wäre. Dieser Araber war niemand Anderer als der von Harris erwähnte Chef Ibn Hamis selbst. Er sprach nur wenige, Dick Sand völlig unverständliche Worte, welche die Soldaten veranlaßten, ihren Gefangenen frei zu geben und sich zu entfernen.

Dieser Zwischenfall lieferte einerseits den Beweis, daß ein bestimmter Befehl vorliegen müsse, Dick Sand jede Verbindung mit den Seinigen abzuschneiden, und andererseits den, daß sein Leben unbedingt geschont werden solle. Von wem Anderen konnten diese Anordnungen aber herrühren, wenn nicht von Harris oder Negoro?

Eben jetzt – am 19. April, neun Uhr des Morgens – erklangen die dumpfen Töne der »Kudu«-Hörner3 und schlugen die Tambours einen Wirbel. Die Rast ging zu Ende.

Chefs, Soldaten, Träger, Sklaven, Alle waren sofort auf den Füßen. Mit Gepäck beladen, bildeten sich einzelne Gruppen Gefangener je unter einem Havildar, der eine Art grellfarbiger Fahne entrollte.

Das Zeichen zum Aufbruch ward gegeben.

Bald erklang ein monotoner Gesang, doch es waren die Besiegten, nicht die Sieger, welche ihn anstimmten.

Der Inhalt dieser Gesänge lief auf eine Drohung hinaus, in welcher der naive Sklaven-Glaube sich widerspiegelte.

»Ihr habt mich zur Küste hinabgeschleppt – das war etwa der Sinn des Textes – doch wenn ich einst todt bin, werd’ ich kein Joch mehr tragen und wiederkommen, Euch zu tödten!«

Fußnoten

1 Eine dortzulande sehr häufige Art kleiner, als Münze dienender Muscheln.

2 Cameron berichtet wie folgt: »Zur Erlangung jener fünfzig Frauen, deren Eigenthümer Alvez sich nannte, wurden nicht weniger als zehn Dörfer zerstört, zehn Dörfer mit je 100 bis 200 Seelen, in Summa 1500 Eingeborne umgebracht; Einzelnen mag es wohl gelungen sein, zu flüchten; die Mehrzahl aber – ja, fast Alle – waren entweder in den Flammen umgekommen, bei Vertheidigung ihrer Angehörigen getödtet worden, oder in den Dschungeln langsam durch Hunger gestorben, wenn nicht wilde Thiere ihren Leiden ein schnelles Ziel setzten…. Diese Gräuelthaten, im Innern von Afrika begangen von Menschen, welche sich damit brüsten, Christen zu sein und sich noch immer Portugiesen nennen, dürften den Bewohnern civilisirter Länder geradezu unglaublich erscheinen. Unmöglich kann die Regierung von Lissabon Kenntniß haben von den Grausamkeiten jener Leute, welche ihre Flagge führen und sich rühmen, ihre Staatsangehörigen zu sein,«

(Tour de mondes.)

NB. In Portugal hat man allerdings gegen obige Behauptungen Cameron’s protestirt.

3 »Kudu«, der Name eines in Afrika heimischen Wiederkäuers.

Achtes Capitel.

Einige Anmerkungen Dick Sand’s.

Obwohl das Gewitter des vergangenen Tages ausgetobt hatte, blieb die Witterung doch stets sehr trübe. Es war jetzt nämlich die Zeit der »Masika«, d.i. die zweite Periode der Regenzeit unter dieser Zone des afrikanischen Himmels. Noch eine, zwei oder drei Wochen drohte Regen mindestens während der Nächte, ein Umstand, der die Mühsale der Karawane nur zu steigern geeignet schien.

Sie brach an diesem Tage bei bedecktem Himmel auf und wandte sich von dem Ufer der Coanza ziemlich genau nach Osten.

Etwa fünfzig Soldaten marschirten an der Spitze, je hundert an den beiden Seiten des Zuges, die übrigen als Nachtrab hinter diesem. Eine Flucht wäre für die Gefangenen, selbst ohne ihre Fesseln, gewiß sehr schwierig gewesen. Männer, Frauen und Kinder wanderten bunt durcheinander und die Havlidars trieben sie mit Peitschenhieben zur Eile an. Unter jenen schleppten sich unglückliche Mütter dahin, die, während sie ein kleines Kind nährten, mit dem freibleibenden Arme noch ein zweites trugen. Andere zogen die kleinen nackten und barfüßigen Wesen über das spitze Gras des Bodens hinter sich her.

Der Chef der ganzen Karawane, jener wilde Ibn Hamis, der bei Dick Sand’s Streite mit seinem Havildar intervenirte, überwachte die ganze Menschenheerde und war bald an der Spitze, bald am Ende des langen Zuges. Kümmerten sich seine Agenten, wie er selbst, auch blutwenig um die Leiden ihrer Gefangenen, so mußten sie doch auf die Soldaten, welche eine Lohnzutage verlangten, oder auf die Pagazis, wenn diese ausruhen wollten, entschieden mehr Rücksicht nehmen. Dadurch entstanden wiederholt Zänkereien, welche nicht selten zu brutalen Thätlichkeiten ausarteten. Die Sklaven aber hatten unter dieser stets gereizten Stimmung der Havlidars nur doppelt zu leiden. Man hörte nichts Anderes mehr als Drohungen von der einen und Klagerufe von der anderen Seite, und Diejenigen, welche in den letzten Reihen marschirten, gingen über einen Erdboden, den das Blut ihrer Vordermänner röthete.

Die Gefährten Dick Sand’s, welche stets sorgfältig in der ersten Abtheilung des Zuges gehalten wurden, konnten mit diesem unmöglich in Verbindung treten. Sie gingen reihenweise, eingeklemmt in die beschriebene schwere Holzgabel, welche jede Bewegung des Kopfes verhinderte. Die Peitschen schonten sie nicht weniger als ihre anderen bedauernswerthen Schicksalsgenossen.

In einer Koppel mit seinem Vater ging Bat vor diesem her, bemühte sich nach Kräften, die Gabel vor Stößen zu bewahren, und wählte sorgsam die besten Wege aus, die der alte Tom ja nach ihm gehen mußte. Von Zeit zu Zeit, wenn der Havildar ein wenig zurückblieb, flüsterte er einige ermuthigende Worte, welche Tom doch theilweise hörte. Er versuchte sogar seinen Schritt zu verlangsamen, wenn er bemerkte, daß Tom ermüdete. Es war eine schwere Strafe für den braven Sohn, nicht einmal den Kopf nach dem geliebten Vater umwenden zu können. Tom hatte wohl die Befriedigung, seinen Sohn zu sehen, er bezahlte diese aber sehr theuer. Wie oft stürzten schwere Thränen aus seinen Augen, wenn Bat die Peitsche des Havlidars traf. Es war ihm schmerzlicher, als hätte sie seinen eigenen Rücken getroffen.

Austin und Acteon marschirten einige Schritte hinter ihnen; auch sie waren zusammengefesselt und jeden Augenblick der rohesten Behandlung ausgesetzt. O, wie beneideten sie Herkules’ Loos! Welche Gefahren jenen auch in diesem entsetzlichen Lande bedrohen mochten, er konnte doch seine Kräfte gebrauchen und sein Leben vertheidigen.

Während der ersten Minuten ihrer Gefangenschaft hatte der alte Tom seinen Gefährten endlich auch die Wahrheit in ihrem vollen Umfange mitgetheilt. Zum größten Erstaunen erfuhren sie von ihm, daß sie in Afrika seien, daß der doppelte Verrath Negoro’s und Harris’ sie erst hierher verschlagen und dann erst landeinwärts geschleppt habe, und daß sie seitens ihrer jetzigen Herren auf Erbarmen bestimmt nicht rechnen durften.

Auch Nan traf keine bessere Behandlung. Sie war einer Gruppe Frauen zugetheilt, welche die Mitte des Zuges einnahmen, und zusammengefesselt mit einer jungen Mutter von zwei Kindern, deren eines diese noch an der Brust hatte, während das andere, im Alter von drei Jahren, kaum mitlaufen konnte. Von Mitleid bewegt, hatte Nan sich des kleinen Wesens angenommen und die arme Sklavin ihr durch eine Thräne gedankt. Nan trug also das Kind und ersparte diesem damit nicht nur die Strapazen, denen es unterlegen wäre, sondern auch die sonst gewiß nicht ausgebliebenen Peitschenstreiche des Havildars. Eine schwere Last war es aber für die alte Nan; sie fürchtete, daß ihre Kräfte bald schwinden würden und gedachte dabei des kleinen Jack. Sie stellte sich ihn vor in den Armen seiner Mutter. Wohl hatte die Krankheit ihn abgemagert, doch für die geschwächten Arme der Mrs. Weldon mochte er immer noch zu schwer sein. Wo aber befand sich jene? Was wurde aus ihr? Sollte ihre alte Dienerin sie jemals wiedersehen?

Dick Sand hatte seinen Platz fast am Ende des Zuges angewiesen erhalten, so daß er weder Tom und dessen Gefährten, noch Nan sehen konnte.

In einer Koppel mit seinem Vater ging Bat vor diesem her. (S. 310.)

Die Spitze der langen Karawane ward für ihn überhaupt nur sichtbar, wenn diese eine größere Ebene überschritt. Er marschirte stumm dahin, versunken in seine traurigen Gedanken, aus denen ihn die Rufe und das Geschrei der Agenten kaum zu erwecken vermochten. Er dachte dabei weder an sich selbst oder an die Strapazen, welche ihm noch bevorständen, noch an die Qualen, die Negoro ihm vielleicht für später aufgespart hatte. Er dachte nur an Mrs. Weldon.

Frauen und Kinder wurden von den Krokodilen erhascht. (S. 316.)

Vergeblich suchte er auf der Erde, an den Dornen neben den Fußpfaden, am niedrigen Gezweig irgend eine Spur von ihr zu entdecken. Wenn man auch sie, wie er annehmen zu dürfen glaubte, nach Kazonnde führte, konnte sie einen anderen Weg nicht gehen. Was hätte er nicht dafür gegeben, eine Andeutung dafür zu finden, daß die Dame sich unfreiwillig nach demselben Ziele begab, wohin auch sie befördert wurden!

Das war also körperlich und geistig die dermalige Lage Dick Sand’s und seiner Gefährten. So sehr sie aber auch Ursache hatten, für sich selbst zu fürchten, so groß auch ihre eigenen Leiden waren, das Mitleid gewann in ihnen doch die Oberhand, wenn sie das entsetzliche Elend dieser traurigen Heerde von Gefangenen und die empörende Brutalität ihrer Führer mit ansahen. Ach, sie vermochten ja nichts zu thun, um den Einen zu helfen, nichts um den Anderen zu steuern!

Auf einige zwanzig Meilen östlich der Coanza bestand das Land aus einem ununterbrochenen Walde, doch waren die Bäume, ob sie nun durch die Angriffe der unzähligen Insecten jener Gegenden zu Grunde gingen oder die Elefantenheerden dieselben, wenn sie noch kleiner waren, umknickten und zertraten, minder zahlreich als in dem Küstengebiete. Dieses Gehölz bot der Karawane also weniger Hindernisse als verschiedenes Buschwerk, unter dem man 2∙3 bis 2∙5 Meter hohen Baumwollenstauden begegnete, welche das Rohmaterial zu den im Innern der Provinz sehr beliebten, schwarz und weiß gestreiften Stoffen liefern.

Manchmal erschien das Land auch zu wirklichen Dschungeln verwandelt, in denen der Zug vollkommen verschwand. Von allen hier heimischen Thieren hätten nur Elefanten und Giraffen mit den Köpfen dieses Schilfrohr überragt, das schon mehr Bambusstengeln ähnelte und wohl fünf Centimeter im Durchmesser hatte. Die Agenten mußten nothwendiger Weise eine sehr genaue Kenntniß des Landes besitzen, um sich hier nicht zu verirren.

Jeden Tag brach die Karawane mit Tagesanbruch auf und machte erst zu Mittag eine Stunde Halt. Dann öffnete man einige Ballen mit Manioc und vertheilte dieses Nahrungsmittel sehr sparsam unter die Sklaven. Dazu kamen einige Pataten, oder Ziegen-und Hammelfleisch, wenn die Soldaten im Vorüberziehen ein Dorf geplündert hatten. Die Erschöpfung Aller war aber so groß, die Rast so unzureichend, ja während der regnerischen Nächte sogar unmöglich, daß die Gefangenen, wenn die karge Nahrung ausgetheilt wurde, kaum etwas zu sich nehmen konnten. Acht Tage nach der Abreise von der Coanza waren auch schon zwanzig derselben zusammengebrochen, eine erwünschte Beute für die Raubthiere, welche hinter dem Zuge umherschwärmten. Löwen, Panther und Leoparden lauerten nur auf die unglücklichen Opfer, welche ihnen ja nicht entgehen konnten, und jeden Abend hörte man nach Sonnenuntergang ihr Gebrüll so nahe, als ob man einen directen Angriff von ihnen fürchten sollte.

Bei diesem Brüllen, das in der Dunkelheit nur noch drohender klang, gedachte Dick Sand erschreckt der Hindernisse, welche ähnliche Begegnungen jedem Unternehmen Herkules’ in den Weg legen müßten, der Gefahren, welche bei jedem Schritte auf ihn lauerten. Und doch hätte auch er nicht gezaudert, zu entfliehen, wenn sich ihm eine Gelegenheit dazu geboten hätte.

Wir lassen hier einige Notizen Dick Sand’s aus den Tagen der Reise von der Coanza bis Kazonnde folgen. Dieser Zug von 250 Meilen erforderte 25 »Märsche«, da man einen »Marsch« (nach der Ausdrucksweise der Agenten) täglich zu je 10 Meilen bemaß.

– Vom 25 bis 27. April. – Ein von 21/2, bis 23/4 Meter hohem Schilfrohr umgebenes Dorf gesehen. Die Felder bestellt mit Mais, Bohnen, Sorgho und verschiedenen Arachiden (Erdnußbäumen). Zwei Neger eingefangen. Fünfzehn getödtet, die Bewohner auf der Flucht.

Am anderen Tage über einen 150 Yards breiten, rauschenden Fluß gesetzt. Baumstämme mit Lianen verbunden, dienten als Flöße. Eines derselben zerriß. Zwei mit einem Gabelholz gefesselte Weiber, deren eines sein Kind trug, in’s Wasser gestürzt. Das Wasser wird unruhiger und röthet sich von Blut. Krokodile gleiten unter die verbundenen Stämme. Man kommt in Gefahr, den Fuß in ihren geöffneten Rachen zu setzen.

– Am 28. April. – Einen Bauhinienwald passirt. Hochstämmige Bäume, die den Portugiesen das Eisenholz liefern.

Starker Regen. Boden erweicht. Gehen sehr beschwerlich.

In der Mitte des Zuges die arme Nan gesehen, die noch einen kleinen Negerknaben trägt. Sie schleppt sich nur mühsam fort. Die mit ihr zusammengefesselte Sklavin hinkt und von ihren Schultern tröpfelt das Blut in Folge der grausamen Peitschenschläge.

Abends gerastet unter einem enormen Affenbrotbaum mit weißen Blüthen und zartgrünem Laube.

In der Nacht Gebrüll von Löwen und Leoparden. Ein Eingeborner giebt einen Schuß auf einen Panther ab. Was macht Herkules?

– Am 29. und 30. April. – Die erste Kälte des sogenannten afrikanischen Winters. Sehr reichlicher Thau. Ende der mit November beginnenden Regenzeit gegen Ausgang April. Die Ebenen noch vielfach überschwemmt. Ostwind, der die Transpiration aufhebt, aber die Empfänglichkeit für Sumpffieber steigert.

Keine Spur von Mistreß Weldon oder Herrn Benedict. Wohin führt man wohl diese, wenn nicht nach Kazonnde? Sie werden denselben Weg, wie die Karawane, aber vor uns eingeschlagen haben. Die Unruhe verzehrt mich. Der kleine Jack wird in dieser ungesunden Gegend das Fieber wieder bekommen haben. Ist er überhaupt noch am Leben?…

– Vom 1. bis 6. Mai. – Während mehrerer Tagemärsche durch weite Ebenen gezogen, welche die starke Verdunstung noch immer nicht trocken zu legen vermochte. Das Wasser reicht uns manchmal bis zum halben Leibe. Unzählige Blutegel saugen sich an die Haut an. Dennoch muß Alles ohne Erbarmen weiter. Auf vereinzelt hervorspringenden Höhen Lotospflanzen und Papyrusstauden. Unter dem Wasser eine Menge kohlartiger Pflanzen, über welche der Fuß stolpert, so daß Viele dabei umfallen.

In dem Gewässer tummelt sich eine beträchtliche Menge kleiner, dem Geschlechte der Welse zugehöriger Fische, welche die Eingebornen zu Milliarden zwischen Flechtwänden aufbewahren und an die Karawanen verkaufen.

Es ist unmöglich, für die Nacht einen Lagerplatz zu finden. Man sieht noch kein Ende der überflutheten Fläche. Nun muß auch während der Nacht marschirt werden. Morgen werden nicht wenig Sklaven aus dem Zuge fehlen. Welch’ ein Elend! Wer da fällt, warum sollte er aufstehen? Einige Minuten länger unter dem Wasser und Alles ist vorüber. Dann trifft der Stock des Havildars Niemanden mehr!

Ja – aber Mistreß Weldon und ihr Sohn! Ich habe nicht das Recht, sie zu verlassen! Ich werde ausharren bis an’s Ende, das ist meine Pflicht!

Ein schreckliches Geschrei gellt durch die Nacht.

Zwanzig Soldaten haben Zweige der harzreichen, aus dem Wasser emporragenden Bäume abgerissen. Durch die Finsterniß glimmt ein unbestimmbares Leuchten.

Ein Angriff von Krokodilen war die Ursache jenes plötzlichen Lärmens. Zwölf bis fünfzehn dieser Ungeheuer stürzten sich in der Dunkelheit auf die eine Seite der Karawane. Frauen und Kinder wurden von ihnen erhascht und nach ihren »Weideplätzen« geschleppt. So bezeichnete Livingstone die tieferen Löcher, in welchen diese Amphibien ihre vorher ertränkte Beute niederlegen, denn sie verzehren dieselbe nur, nachdem sie bis zu gewissem Grade zersetzt ist.

Ich selbst ward von dem Panzer eines solchen Krokodills hart gestreift. Ein erwachsener Sklave in meiner Nähe wurde erfaßt und von dem Gabelholze, das ihn am Halse fesselte, losgerissen. Die Gabel zerbrach dabei. Noch höre ich sein verzweifeltes Geschrei, sein Heulen vor wüthendem Schmerze!

– Am 7. und 8. Mai. – Tags darauf forschte man nach den Opfern. Zwanzig Sklaven waren verschwunden.

Mit Tagesanbruch suche ich nach Tom und seinen Gefährten. Gelobt sei Gott, sie leben noch! Doch ach, soll man Gott dafür dankbar sein? Ist nicht Der glücklicher zu preisen, der all’ diesem Jammer entgangen ist?

Tom befindet sich an der Spitze des Zuges. Als sein Sohn Bat sich einmal bückte, stellte sich die Gabel schräg und jener konnte meiner ansichtig werden.

Die alte Nan hab’ ich vergeblich gesucht. Befindet sie sich unter dem Menschenknäuel in der Mitte, oder ist sie in jener Schreckensnacht mit umgekommen?

Am nächsten Tag die Grenze des überschwemmten Gebietes erreicht nach vierundzwanzigstündigem Waten durch das Wasser. Auf einem Hügel Halt gemacht. Die Sonne trocknet uns nothdürftig. Es wird gegessen doch welch’ erbärmliche Nahrung! Etwas Manioc, einige Hände voll Mais! Zum Trinken nur schlammiges Wasser. Wie viele der auf der Erde hingestreckten Gefangenen werden nicht wieder aufstehen?

Nein, unmöglich haben Mrs. Weldon und ihr Sohn solche Strapazen überstehen können! Gott wird ihnen wenigstens die eine Gnade erwiesen haben, sie auf besserem Wege nach Kazonnde führen zu lassen. Die unglückliche Mutter wäre hier zu Grunde gegangen!

In der Karawane neue Fälle von Spitzpocken, »Ndue«, wie sie sagen. Die Kranken werden nicht weit gehen können. Wird man sie einfach ihrem Schicksale überlassen?

– Am 9. Mai. – Mit dem Morgenrothe weiter gezogen. Keine Nachzügler. Die Peitsche des Havlidars hat Alle fortgetrieben, welche vor Anstrengung oder Krankheit erschlafften. Sklaven haben ja einen Werth. Sie entsprechen einer Münze. Die Agenten werden keinen zurücklassen, so lange er noch ein Restchen von Kraft besitzt.

Ich bin von lebenden Skeleten umgeben. Es fehlt ihnen sogar schon die Stimme, um sich zu beklagen.

Endlich hab ich auch die alte Nan entdeckt. Es ist ein Jammer, sie zu sehen. Das Kind, welches sie früher trug, ruht nicht mehr in ihrem Arme. Sie hat jetzt wenigstens nur für sich allein zu sorgen. Das ist doch eine Erleichterung; aber die Kette, deren Ende sie über die Schulter geworfen trägt, hängt noch an ihrem Gürtel.

Ich verdoppelte meine Schritte und es gelang mir, mich ihr zu nähern. Es schien, als erkenne sie mich nicht wieder. Sollte ich mich so sehr verändert haben?

»Nan!« rief ich sie an.

Die alte, brave Dienerin starrte mich lange an; endlich sagte sie:

»Sie, Herr Dick! Ich… ich… ich werde bald todt sein!

– Nein, nein, nur Muth! antwortete ich, während ich die Augen niederschlug, um die Jammergestalt der Unglücklichen nicht zu sehen.

– Todt! wiederholte sie; nun werd’ ich meine gute Herrin und meinen kleinen Jack nicht wiedersehen! Gott, ach Gott, hab’ Erbarmen mit mir!«

Ich wollte die alte Nan unterstützen, da sie in ihren zerfetzten Kleidern vor Schwäche zitterte. Wie dankbar hätte ich es empfunden, mit ihr zusammengefesselt zu werden und die Kette mit zu tragen, deren Last seit dem Tode der Gefährtin sie allein bedrückte.

Da stößt mich ein kräftiger Arm zurück, ein Peitschenhieb saust auf die arme Nan herab und treibt sie wieder mitten in den Haufen der Sklaven. Ich will mich auf den rohen Menschen stürzen… es erscheint der arabische Chef, er ergreift mich am Arme und hält mich zurück, bis die letzten Reihen der Karawane an uns heran kommen.

Dann ruft er mir nur ganz kurz zu:

»Negoro!«

Negoro! Auf Anordnung des Portugiesen handelt er also wirklich und benimmt sich mir gegenüber anders als gegen die anderen Unglücklichen.

Welches Schicksal mag mich noch erwarten?

– Am 10. Mai. – An zwei brennenden Dörfern vorübergekommen. Die Hütten alle in Flammen. An den noch nicht verkohlten Bäumen hängen Leichen. Alle sonstigen Bewohner entflohen. Die Felder verwüstet. Hier hat eine Razzia stattgefunden. Zweihundert ermordet, um vielleicht ein Dutzend Sklaven zu fangen.

Der Abend ist da. Es wird Halt gemacht. Nachtlager unter großen Bäumen. Am Waldsaume bilden hohe Gräser wirkliche Gebüsche.

Tags vorher entwischten einige Gefangene, denen es gelungen war, ihre Gabelsessel zu zerbrechen. Man fing sie wieder ein und bestrafte sie mit unerhörter Grausamkeit. Die Havildars und die Soldaten verdoppeln ihre Wachsamkeit.

Die Nacht sank herab. Gebrüll von Löwen und Bellen von Hyänen. In der Ferne Schnauben von Hyppopotamus. Gewiß ist ein See oder Wasserlauf in der Nähe.

Trotz aller Ermüdung kann ich nicht schlafen. Ich denke an so Vieles.

Jetzt scheint es mir, als hörte ich etwas durch das hohe Gras schleichen. Vielleicht ein Raubthier? Sollte es einen Angriff wagen?

Ich horche. Nichts! Doch, irgend ein Thier schlüpft durch das Schilf. Ich habe keine Waffe. Ich will mich dennoch vertheidigen. Ich werde rufen. Mein Leben kann Mrs. Weldon und meinen Gefährten wohl noch von Nutzen sein.

Ich bemühe mich, in der tiefen Finsterniß zu sehen. Kein Mond am Himmel. Die Nacht ist außerordentlich dunkel.

Da… da glühen zwei Augen im Schatten, zwischen den Papyrus, die Augen einer Hyäne oder eines Leoparden! Sie verschwinden… kommen wieder zum Vorschein…

Endlich… es knackt im Röhricht. Ein Thier springt auf mich zu!…

Es enthält ein Billet… (S. 321.)

Schon wollt’ ich einen Schrei ausstoßen, Alarm schlagen…

Zum Glück vermochte ich mich noch zu beherrschen!

Man hatte sie einfach Hungers sterben lassen. (S. 323)

Noch wage ich nicht, meinen Augen zu trauen… es ist Dingo, Dingo; der bei mir ist!… Braver Dingo!… Welch’ gutes Schicksal giebt ihn mir wieder? Wie konnte er mich wieder auffinden? O, der Instinct! Sollte der Instinct wirklich solche Wunder von treuer Anhänglichkeit schon allein erklären?

Er leckt mir die Hände. Ach, du guter Hund, jetzt mein einziger Freund! Sie haben dich also nicht getödtet!…

Ich erwidere seine Liebkosungen. Er versteht mich. Er möchte bellen vor Freude…

Ich beruhige ihn. Besser, es hört ihn Keiner. Möchte er der Karawane unbemerkt nachfolgen und vielleicht… Doch wie?… er reibt seinen Hals beständig an meinen Händen. Er sieht aus, als wolle er sagen: »Suche doch!«… Ich suche und finde wirklich etwas an seinem Halse… ein Stück Rohr steckt quer unter dem Halsband mit den eingravirten Buchstaben S. V., welche uns noch immer ein unaufgeklärtes Geheimniß blieben.

Da… ich zog das Rohrstück hervor… ich zerbrach es. Richtig, es enthält ein Billet…

Leider vermag ich letzteres jetzt nicht zu lesen und muß dazu erst den Tag abwarten… den Tag… ich möchte ja Dingo gern zurückbehalten, das gute Thier scheint aber, obwohl es mir immer die Hände leckt, große Eile zu haben, mich zu verlassen. Dingo weiß offenbar, daß er seinen Auftrag ausgerichtet hat. Mit einem Seitensprunge verschwindet er geräuschlos in dem Schilfe. Gott bewahre ihn vor dem Zahne der Löwen oder Hyänen!

Der Hund kehrte unzweifelhaft zu Dem zurück, der ihn zu mir sendete.

Dieser Zettel, den ich jetzt nicht lesen kann, brennt mir ordentlich in den Händen! Wer mag ihn geschrieben haben? Sollte er von Mrs. Weldon kommen? Oder von Herkules? Wie vermochte das treue, schon für todt gehaltene Thier die Eine oder den Anderen aufzufinden? Was werden mir diese Zeilen sagen? Deuten sie mir vielleicht einen Plan zur Entweichung an, oder bringen sie nur Nachricht von Denen, die mir theuer sind? Wie dem auch sei, die Sache erregt mich außerordentlich und hat die Empfindung meines eigenen Elendes gänzlich unterdrückt.

O, wie lange zögert heute die Sonne!

Ich harre dem ersten Morgenscheine am Horizont entgegen. Ich vermag kein Auge zu schließen. Noch höre ich das Brüllen der Raubthiere. Mein armer Dingo, mögest du ihnen glücklich entgehen!

Endlich, endlich kommt der Tag, und unter dieser Tropenzone fast ohne vermittelnde Dämmerung. Ich gebe mir Mühe, unbeobachtet zu sein.

Ich versuche zu lesen… ich kann es noch nicht.

Jetzt, jetzt endlich war es möglich, die Schrift zu erkennen. Das Billet rührt von Herkules her.

Es ist mit Bleistift auf ein abgerissenes Stück Papier geschrieben…

Sein Inhalt lautet:

»Mrs. Weldon ist mit dem kleinen Jack in einer Kitanda weggeführt worden. Harris und Negoro begleiten dieselbe. Sie sind mit dem Vetter Benedict der Karawane um drei bis vier Tagemärsche voraus. Ich fand Dingo wieder, der durch einen Flintenschuß verwundet schien, aber wieder hergestellt ist. Guten Muth, Herr Dick. Ich denke an Sie Alle und bin nur entwichen, um Ihnen mehr nützen zu können.

Herkules.«

Ach, Mistreß Weldon und ihr Söhnchen sind noch am Leben! Gott sei gelobt! Sie haben nicht so wie wir von den Strapazen dieser Reise zu leiden. Eine Kitanda ist, so viel ich weiß, eine mit dürrem Laube bedeckte, an langen Bambusstengeln befestigte Tragbahre, welche zwei Männer auf den Schultern t