/ Language: Deutsch / Genre:prose_classic,

Anne auf Green Gables

Lucy Montgomery

Wie sollen die Cuthberts nur mit der springlebendigen Anne zurechtkommen, die für allerhand Trubel und Aufregung in ihrem bisher so beschaulichen Leben sorgt? Die liebenswerte Geschichte einer 13-jährigen Waise, die von einem älteren Paar adoptiert wird und Kindheit sowie Jugend auf der Farm Green Gables verbringt.

01 - Mrs Rachel Lynde erfährt eine Neuigkeit

Mrs Rachel Lyndes Haus stand dort, wo die von Erlen und Fuchsien gesäumte Hauptstraße von Avonlea durch eine kleine Senke führte. Quer durch diese Talmulde lief ein Bach. Seine Quelle lag weit entfernt in den Wäldern der alten Cuthbert-Farm und es hieß, dort sei er noch ein ziemlich wilder, verzweigter Fluss mit geheimnisvollen Seen und Wasserfällen. Hier vor Lynde’s Hollow war er jedoch schon ganz zahm geworden, denn selbst ein Bach konnte nicht einfach so an Mrs Rachel Lyndes Haustür vorbeifließen, ohne den gebührenden Anstand zu wahren. Mrs Rachels scharfen Augen entging nämlich nichts, was dort vorbeikam - bei Bächen und Kindern angefangen. Und sollte sie irgendetwas Merkwürdiges oder Störendes bemerken, würde sie weder ruhen noch rasten, bis sie die Ursache beseitigt hatte.

Nun gibt es ja eine Menge Leute - in Avonlea ebenso wie anderswo die für die Angelegenheiten ihrer Nachbarn mehr Interesse aufbringen als für ihre eigenen. Mrs Rachel dagegen besaß die außergewöhnliche Fähigkeit, ihr eigenes Leben und das ihrer Mitmenschen gleichermaßen gut im Griff zu haben. Sie war eine ausgezeichnete Hausfrau; alle anfallenden Arbeiten erledigte sie immer vorbildlich. Außerdem stand sie dem wöchentlichen Nähkreis vor, half in der Sonntagsschule aus und galt als wichtige Stütze des kirchlichen Hilfswerks und des Fördervereins der Auslandsmission. Doch trotz all dieser Pflichten fand Mrs Rachel immer noch genug Zeit, stundenlang an ihrem Küchenfenster zu sitzen und Baumwolldecken zu stricken - sechzehn an der Zahl hatte sie schon fertig gestellt, wie die anderen Hausfrauen in Avonlea mit ehrfürchtiger Stimme zu berichten wussten. Während sie dort saß, hielt sie ein wachsames Auge auf die Hauptstraße, die hinunter in die Senke führte und sich dann den steilen rötlichen Hügel hinauf schlängelte. Da Avonlea auf einer kleinen dreieckigen Halbinsel lag, die in den St.Lorenz-Golf hinausragte, musste jeder, der in den Ort fuhr oder ihn verlassen wollte, diese Straße benutzen und sich dem Scharfblick von Mrs Rachel aussetzen.

Eines Nachmittags saß sie wie gewohnt an ihrem Platz. Es war Anfang Juni, das warme Sonnenlicht fiel hell durch die Fensterscheiben. Der Obstgarten am Hang unterhalb des Hauses stand in voller Blüte und ein Heer von Bienen summte über der weiß-rosa Pracht. Thomas Lynde, ein sanftmütiger kleiner Mann, den die Leute in Avonlea nur »den Mann von Rachel Lynde« nannten, säte gerade Spätrüben auf dem hügeligen Feld hinter der Scheune. Auf seinem Feld drüben bei Green Gables hätte Matthew Cuthbert heute eigentlich das Gleiche tun müssen. Mrs Rachel war sich da ganz sicher, denn sie hatte am Abend vorher gehört, wie er drüben in Carmody in William J. Blairs Laden Peter Morrison erzählte, er wolle sich am nächsten Nachmittag an die Rübensaat machen. Natürlich hatte Peter ihn erst danach fragen müssen: Matthew Cuthbert war ja in seinem ganzen Leben noch nie freiwillig mit irgendetwas herausgerückt.

Nichtsdestoweniger fuhr Matthew Cuthbert um halb drei Uhr nachmittags in aller Seelenruhe durch die Talmulde den Hügel hinauf! Und nicht nur das: Er trug einen weißen Kragen und seinen Sonntagsanzug - ein eindeutiger Beweis dafür, dass er Avonlea verlassen wollte. Außerdem hatte er die braune Stute vor den Wagen gespannt, also hatte er eine längere Fahrt vor sich. Aber wohin wollte Matthew Cuthbert? Und aus welchem Grund fuhr er fort?

Bei jedem anderen Bewohner von Avonlea hätte Mrs Rachel durch geschicktes Kombinieren bald eine einigermaßen plausible Antwort auf beide Fragen gefunden. Aber Matthew verließ den Ort so selten, dass schon etwas sehr Dringendes und Ungewöhnliches dahinterstecken musste. Er war der schüchternste Mensch, den man sich vorstellen konnte, und er hasste es, sich unter fremden Leuten zu bewegen, wo er vielleicht sogar etwas sagen musste. Matthew Cuthbert mit weißem Kragen auf seinem Einspänner - das war schon ein äußerst seltener Anblick! So sehr sie auch nachdachte - Mrs Rachel konnte sich keinen Reim darauf machen und ihr Nachmittagsvergnügen war ihr nun gründlich verdorben.

»Ich werde nach dem Tee nach Green Gables hinübergehen und Manila fragen, was da los ist«, nahm sich die wackere Frau schließlich vor. »Er fährt ja sonst um diese Jahreszeit nicht in die Stadt und ich wüsste nicht, wann er jemals Besuche gemacht hätte. Hm . . . Wäre ihm der Rübensamen ausgegangen, dann würde er doch nicht in vollstem Sonntagsstaat losfahren, um neuen zu holen, und für den Doktor fuhr er wiederum nicht schnell genug. Irgendetwas muss passiert sein - jawohl! Und ich habe keine Minute Ruhe, bevor ich nicht weiß, was dieser Mann im Schilde führt.«

Und so verließ Mrs Rachel nach dem Tee das Haus. Sie hatte es nicht weit, denn das große, von weitläufigen Obstgärten umgebene Haus der Geschwister Cuthbert lag nur eine knappe Viertelmeile von Lynde's Hollow entfernt. Ein tiefer, von wilden Rosen umsäumter Hohlweg führte dorthin. Green Gables lag ein ganzes Stück abseits der Hauptstraße, an die sich die anderen Häuser von Avonlea reihten. Matthews Vater, der nicht weniger scheu gewesen war als sein Sohn, hatte diesen abgeschiedenen Ort gewählt, als er das Haus erbaute. »Kein Wunder, dass Marilla und Matthew so eigen sind. Hier sind sie ja von jeder Menschenseele abgeschnitten. Na ja, wer weiß, ob sie wirklich anders wären, wenn sie mehr Gesellschaft hätten. Mir ist es ja lieber, andere Leute um mich zu haben, aber vielleicht sind sie auch ganz zufrieden und haben sich an die Einsamkeit gewöhnt. Man kann sich bekanntlich an alles gewöhnen - selbst an eine Schlinge um den Hals, wie die Iren sagen.«

Mit diesen Worten verließ Mrs Rachel den Hohlweg und betrat den Hof von Green Gables. Von den majestätischen Weiden auf der einen bis zu den schlanken Pappeln auf der anderen Seite herrschte hier musterhafte Ordnung. Kein Unkrautpflänzchen, kein noch so kleines Strohhälmchen oder Steinchen war zu sehen. Das wäre Mrs Rachels scharfen Augen natürlich nicht entgangen; sie hatte sogar den Verdacht, dass Marilla Cuthbert diesen Hof genauso oft fegte wie ihre Wohnstube. Hier hätte man wirklich vom Boden essen können.

Mrs Rachel klopfte an die Küchentür und trat auf Marillas Ruf hin ein. Die Küche war ein sehr freundlicher Raum - oder sie hätte es zumindest sein können, wenn sie nicht so fürchterlich sauber gewesen wäre. Warmes Sonnenlicht strömte durch das Westfenster, während das Ostfenster von wildem Wein beschattet wurde, der an der Hauswand emporkletterte. Hier im Schatten saß Marilla am liebsten - das heißt, wenn sie sich überhaupt einmal einen Moment lang Ruhe gönnte und sich hinsetzte. Gegen den Sonnenschein hegte sie nämlich ein gewisses Misstrauen; die Sonnenstrahlen kamen ihr so leichtfertig und munter vor, während man die Welt doch gar nicht ernst genug nehmen konnte. Und so saß sie auch jetzt wieder im Schatten und strickte. Hinter ihr war der Abendbrottisch gedeckt.

Noch bevor sie die Tür hinter sich schloss, hatte Mrs Rachel mit ihren scharfen Augen bereits alle Einzelheiten erfasst. Marilla hatte drei Teller gedeckt - also würde Matthew einen Gast mit nach Hause bringen; doch sie hatte das Alltagsgeschirr genommen und ganz gewöhnliches Apfelkompott und nur eine Sorte Kuchen bereitgestellt - folglich konnte es sich um keinen hoch gestellten Besuch handeln. Wie sollte man sich dann aber Matthews weißen Kragen und den Einspänner erklären? Diese rätselhaften Vorgänge auf Green Gables machten Mrs Rachel ganz wirr im Kopf.

»Guten Abend, Rachel«, begrüßte Marilla sie lebhaft. »Ein schöner Abend, nicht wahr? Willst du dich nicht setzen? Wie geht es deiner Familie?«

Zwischen Marilla Cuthbert und Mrs Rachel bestand seit langem eine Art Freundschaft, obwohl — oder vielleicht sogar weil — sie so verschieden waren.

Marilla war eine große, hagere Frau mit einer eckigen Figur; ihre Haare hatten bereits einige graue Strähnen und waren immer zu einem kleinen Nackenknoten gebunden, den sie mit zwei Drahtnadeln feststeckte. Sie machte einen strengen und etwas engstirnigen Eindruck, doch manchmal ließen ihre Gesichtszüge auch einen gewissen Sinn für Humor ahnen, der nur keine Gelegenheit bekommen hatte, sich zu entfalten.

»Uns geht’s gut«, sagte Mrs Rachel, »aber ich habe schon befürchtet, bei euch sei etwas nicht in Ordnung. Ich habe nämlich Matthew vorhin bei uns vorbeifahren sehen. Will er gar den Doktor holen?«

Ein kleines Lächeln umspielte Marillas Züge. Sie hatte schon mit Mrs Rachels Besuch gerechnet. Dass Matthew aus unerklärlichen Gründen weggefahren war, hatte ja unweigerlich die Neugierde ihrer Nachbarin anstacheln müssen.

»Nein, nein, mir geht’s gut, obwohl ich gestern wieder fürchterliche Kopfschmerzen hatte«, antwortete sie. »Matthew ist zum Bahnhof nach Bright River hinüber gefahren. Wir bekommen einen kleinen Jungen aus dem Waisenhaus von Nova Scotia (Kanadische Provinz am Atlantik). Er kommt mit dem Nachmittagszug.«

Hätte Marilla gesagt, Matthew wäre nach Bright River gefahren, um dort ein australisches Känguru abzuholen - Mrs Rachel hätte nicht überraschter sein können. Volle fünf Sekunden lang verschlug es ihr glatt die Sprache. Es war zwar kaum zu glauben, dass Marilla sie auf den Arm nehmen wollte, aber diesmal lag der Verdacht doch sehr nahe.

»Das ist doch nicht dein Ernst, Marilla?«, rief Mrs Rachel, als sie ihre Stimme wieder gefunden hatte.

»Doch, natürlich«, sagte Marilla so selbstverständlich, als ob es zu den üblichen Frühlingsarbeiten auf jeder normalen Farm in Avonlea gehörte, einen Waisenjungen aus Nova Scotia von der Bahn abzuholen.

Mrs Rachel war entsetzt. »Wie um alles in der Welt seid ihr denn nur auf diese Idee gekommen?«, fragte sie missbilligend. Man hatte sie nicht mal um Rat gefragt und das allein war Grund genug, der Sache mit Ablehnung zu begegnen.

»Nun, wir hatten es uns schon eine ganze Weile überlegt, eigentlich schon den ganzen Winter über«, erwiderte Marilla. »Mrs Alexander Spencer war kurz vor Weihnachten hier und erzählte uns, sie wolle im Frühjahr ein kleines Mädchen aus dem Waisenhaus in Hopetown adoptieren. Seitdem ist uns die Sache nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Wir haben uns aber für einen Jungen entschieden. Matthew ist schließlich auch nicht mehr der Jüngste. Er ist schon sechzig und ist nicht mehr so schnell auf den Beinen. Sein Herz macht ihm ziemlich zu schaffen. Und du weiß ja, wie schwer es ist, heutzutage einen guten Arbeiter zu finden - abgesehen von diesen halbwüchsigen Franzosen. Die sind zu haben, aber sobald man sie eingewiesen und angelernt hat, verschwinden sie in die Staaten, um in den neuen Konservenfabriken das große Geld zu verdienen. Naja, und da haben wir letzte Woche gehört, dass Mrs Spencer nach Hopetown fahren wolle, um ihr kleines Mädchen zu holen. Wir haben ihr durch Robert Spencers Familie in Carmody ausrichten lassen, sie solle uns doch bitte einen tüchtigen, anständigen jungen Burschen von zehn oder elf Jahren mitbringen. Dieses Alter erschien uns am besten. Dann ist er alt genug, um gleich von Anfang an auf der Farm mit anzupacken, aber noch jung genug, um noch allerhand lernen zu können und sich einzufügen. Wir wollen ihm ein gutes Zuhause geben und ihn auch zur Schule schicken. Ja, und heute brachte uns der Postbote das Telegramm von Mrs Alexander Spencer. Sie wollte heute mit dem Nachmittagszug in Bright River sein und den Jungen dort absetzen. Sie selbst fährt gleich weiter nach White Sands.«

Mrs Rachel hielt sich selbst viel darauf zugute, dass sie immer ganz offen sagte, was sie dachte. Und dieser Gewohnheit folgte sie auch jetzt, nachdem sie die erstaunliche Neuigkeit erst mal verdaut hatte. »Nun, Marilla, ich will dir meine ehrliche Meinung sagen. Ihr seid dabei, einen großen Fehler zu begehen - jawohl! Wer weiß, was ihr euch damit einhandelt. Ein fremdes Kind ins Haus zu nehmen, von dem ihr überhaupt nicht wisst, welche Anlagen es mitbringt und was für Eltern es hat! Erst letzte Woche habe ich in der Zeitung von einem Ehepaar gelesen, das einen Waisenjungen adoptiert hat, und er hat ihnen nachts das Haus angesteckt - und zwar mit voller Absicht, Marilla -, sodass sie fast in ihren Betten verbrannt sind. Und ich habe noch von einem anderen Fall gehört, wo ein Junge aus einem Waisenhaus immer die Eier ausgelutscht hat. Es war ihm einfach nicht abzugewöhnen. Wenn du mich um Rat gefragt hättest - was du ja leider nicht getan hast, Marilla -, dann hätte ich euch gesagt: Lasst um Himmels willen die Finger davon - jawohl!«

Doch all diese Hiobsbotschaften konnten Marilla nicht aus der Fassung bringen. Sie strickte seelenruhig weiter.

»Da ist schon was dran an dem, was du sagst. Ich hatte zuerst ja auch meine Bedenken. Aber Matthew hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt und da habe ich nachgegeben. Es kommt so selten vor, dass Matthew wirklich mal sein Herz an etwas hängt. Und was das Risiko angeht, so ist eigentlich alles riskant, was man auf dieser Welt tut. Eigene Kinder zu kriegen ist auch nicht so sicher; die können genauso missraten. Außerdem ist Nova Scotia nicht so weit von unserer Insel entfernt. Der Junge kommt ja nicht aus England oder aus den Staaten, folglich kann er auch nicht so viel anders sein als wir.«

»Nun, hoffen wir das Beste«, sagte Mrs Rachel in einem Tonfall, der ihre Zweifel deutlich hören ließ. »Sag aber bloß nicht, ich hätte dich nicht gewarnt, wenn er vielleicht Green Gables ansteckt oder Strychnin in den Brunnen schüttet. Erst kürzlich ist mir ein Fall zu Ohren gekommen, wo eine Waise drüben in New Brunswick auf diese Art eine ganze Familie ausgelöscht hat. Allerdings handelte es sich dabei um ein Mädchen.«

»Naja, von einem Mädchen ist ja auch nicht die Rede«, gab Marilla zurück, als wäre das Vergiften von Brunnen eine typisch weibliche Angewohnheit. »Ich würde nicht im Traum daran denken, ein Mädchen aufzuziehen. Ich frage mich sowieso schon, wie Mrs Alexander Spencer auf diese Idee gekommen ist. Aber sie würde ja nicht mal davor zurückschrecken, ein ganzes Waisenhaus zu adoptieren, wenn sie es sich einmal in den Kopf gesetzt hätte.«

Mrs Rachel wäre zu gerne dageblieben, bis Matthew mit dem kleinen Waisenjungen zurückkehrte. Doch da es bis dahin noch mindestens zwei Stunden dauern würde, entschied sie sich lieber dafür, zu den Beils hinüberzugehen und ihnen brühwarm von dieser Neuigkeit zu berichten. Das würde die Sensation sein! Und Mrs Rachel liebte es nun mal Sensationen zu verbreiten.

Marilla war erleichtert, als Mrs Rachel aufstand; in ihrer Gegenwart fühlte sie all ihre Zweifel und Bedenken wachsen.

»Das hat gerade noch gefehlt!«, rief Mrs Rachel aus, als sie wieder allein auf den Hohlweg war. »Das Ganze kommt mir immer noch wie ein Traum vor. Mir tut vor allem das kleine Wesen Leid. Matthew und Marilla haben doch überhaupt keine Ahnung von Kindererziehung! Ein Kind auf Green Gables, das ist eine geradezu gespenstische Vorstellung. Es hat dort niemals Kinder gegeben. Matthew und Marilla waren ja schon groß, als das Haus gebaut wurde - falls die beiden überhaupt jemals kleine Kinder gewesen sind, was man manchmal bezweifeln möchte. Um nichts in der Welt möchte ich in der Haut dieses Waisenknaben stecken!«

Das alles erzählte Mrs Rachel den wilden Rosenbüschen am Wegesrand und machte so ihrer Empörung Luft. Hätte sie allerdings in diesem Moment das Kind sehen können, das geduldig auf dem Bahnhof von Bright River darauf wartete, abgeholt zu werden - ihr Mitleid wäre noch stärker gewesen.

02 - Matthew Cuthbert erlebt eine Überraschung

Matthew Cuthbert fuhr mit seinem Einspänner durch lichte Tannenwälder und grüne Täler, vorbei an Gehöften und blühenden Obstgärten. Bis Bright River waren ungefähr acht Meilen zurückzulegen und Matthew genoss die Fahrt auf seine Art sehr. Nur wenn ihm Frauen entgegenkamen, war ihm das äußerst unangenehm. Er musste sie ja mindestens mit einem Kopfnicken bedenken, denn auf Prince Edward Island war es üblich jeden zu grüßen, den man auf der Straße traf - ob man ihn nun kannte oder nicht.

Matthew fürchtete sich vor Frauen. Er hatte das unangenehme Gefühl, dass diese rätselhaften Geschöpfe sich heimlich über ihn lustig machten - womit er nicht unbedingt Unrecht hatte. Seine Bewegungen waren linkisch und mit seinen langen, grauen Haaren, den krummen Schultern und dem Schnurrbart, den er schon seit seinem zwanzigsten Lebensjahr trug, gab er ein ziemlich sonderbares Bild ab. Eigentlich hatte er mit zwanzig schon so ausgesehen wie jetzt mit sechzig - abgesehen von den grauen Haaren natürlich.

Als Matthew auf dem Bahnhof von Bright River ankam, war von einem Zug weit und breit nichts zu sehen. Der lange Bahnsteig war menschenleer; das einzige lebende Geschöpf war ein Mädchen, das ganz am anderen Ende auf einem großen Kieshaufen saß. Matthew, der vage wahrgenommen hatte, dass es sich um ein weibliches Wesen handelte, schlich sich so schnell wie möglich an ihm vorbei, ohne es auch nur anzusehen. Hätte er genauer hingeschaut, wäre ihm der Ausdruck von Spannung und Hoffnung auf dem blassen Gesicht sicherlich nicht entgangen. Das Mädchen saß da und wartete auf irgendetwas. Und da es im Moment auch keine andere Möglichkeit hatte, sich zu beschäftigen, gab es sich eben voll und ganz dem Warten hin.

»Wird der Nachmittagszug pünktlich sein?«, erkundigte sich Matthew bei dem Stationsvorsteher, der gerade sein Büro abschloss und nach Hause gehen wollte.

»Der ist schon seit einer halben Stunde durch«, erwiderte der Vorsteher schroff. »Aber es ist nur ein Fahrgast ausgestiegen, der zu Ihnen gehört, ein kleines Mädchen. Es sitzt da draußen auf dem Kies. Mrs Spencer hat es abgesetzt und meint, es sei ein Waisenkind, das Sie und Ihre Schwester aufnehmen wollen.«

»Aber... ich erwarte kein Mädchen«, antwortete Matthew verblüfft, »ich bin gekommen, um einen kleinen Jungen abzuholen.«

»Tut mir Leid, mehr Waisenkinder habe ich nicht zu bieten.«

»Das versteh ich nicht«, wunderte sich Matthew weiter und wünschte, Marilla wäre hier, um die Situation in die Hand zu nehmen.

»Nun, am besten fragen Sie das Mädchen einmal selbst«, riet ihm der Stationsvorsteher ungerührt. »Die Kleine ist nämlich nicht auf den Mund gefallen. Vielleicht sind den Leuten im Waisenhaus die Jungen gerade ausgegangen.«

Damit ging der Mann heim zum Kaffeetrinken und ließ den unglücklichen Matthew stehen, der sich nun einer Aufgabe gegenübergestellt sah, die ihm schwerer schien als in einen Löwenkäfig zu steigen: Er musste auf ein Mädchen zugehen - noch dazu auf ein wildfremdes -und es fragen, warum es denn kein Junge sei. Seufzend wandte er sich um und schlurfte über den langen Bahnsteig auf das Kind zu, das ihn die ganze Zeit über nicht aus den Augen gelassen hatte.

Es war etwa elf Jahre alt und trug ein sehr kurzes, sehr hässliches Kleid aus gelbgrauem Flanell und dazu einen verblichenen braunen Matrosenhut, unter dem zwei dicke rote Zöpfe herausschauten. Das schmale, blasse Gesicht dieses Mädchens, vor dem Matthew Cuthbert eine solche Heidenangst hatte, war mit Sommersprossen geradezu übersät.

Dass die großen graugrünen Augen vor Munterkeit und Lebenslust nur so sprühten und der Mund weiche, ausdrucksvolle Lippen besaß, entging Matthew zunächst.

Aber immerhin wurde ihm die Qual erspart, das Gespräch eröffnen zu müssen. Denn sobald die Kleine erkannt hatte, dass er auf sie zuging, stand sie auf, umfasste mit einer Hand den Griff einer schäbigen alten Reisetasche und streckte ihm die andere Hand entgegen.

»Sie müssen Mr Matthew Cuthbert sein«, sagte sie mit klarer, heller Stimme. »Ich bin froh, dass Sie gekommen sind. Ich hatte nämlich schon ein bisschen Angst, dass Sie nicht mehr kommen würden. Da habe ich mir überlegt, dass ich dann auf dem Kirschbaum dort unten die Nacht verbringen würde. Ich hätte überhaupt keine Angst gehabt. Es muss wundervoll sein, im silbernen Mondlicht auf einem blühenden Kirschbaum zu schlafen, finden Sie nicht auch? Man könnte sich vorstellen, man wäre in einer großen Marmorhalle. Und ich war mir ganz sicher: Wenn Sie heute Abend nicht gekommen wären, dann hätten Sie mich spätestens morgen früh abgeholt.«

Matthew drückte verlegen die schmale kleine Hand des Mädchens und fasste dabei einen inneren Entschluss: Er würde diesem Kind mit den leuchtenden Augen nichts von dem Missverständnis erzählen. Das sollte Marilla übernehmen, in Bright River konnte er die Kleine ja sowieso nicht zurücklassen, also konnten alle Fragen und Erklärungen genauso gut verschoben werden, bis er wieder sicher und geborgen auf Green Gables war.

»Tut mir Leid, dass ich mich verspätet habe«, sagte er schüchtern. »Komm, das Pferd steht drüben im Hof. Gib mir deine Tasche.«

»Oh, die trage ich lieber selber«, antwortete das Kind fröhlich. »Ich habe alles darin, was ich auf dieser Welt besitze, aber schwer ist sie trotzdem nicht. Und wenn man sie nicht richtig anfasst, geht der Handgriff ab. Es ist eine uralte Reisetasche, wissen Sie. Ach, ich bin so froh, dass Sie gekommen sind, auch wenn es sicherlich schön gewesen wäre, in einem blühenden Kirschbaum zu übernachten. Wir haben noch ein gutes Stück Weg vor uns, nicht wahr? Acht Meilen, sagte Mrs Spencer. Ich freue mich schon, ich reise nämlich für mein Leben gerne. Und es kommt mir fast wie ein Wunder vor, dass ich bei Ihnen leben und ganz zu Ihnen gehören darf. Ich habe noch nie irgendwo dazugehört - jedenfalls nicht richtig. Aber im Waisenhaus war es bisher am schlimmsten. Ich war zwar nur vier Monate dort, aber es war schon lange genug. Ich nehme an, Sie waren noch nie in einem Waisenhaus, deshalb können Sie sich auch nicht vorstellen, wie das ist. Es ist schlimmer als alles, was Sie sich vorstellen können. Dabei waren die Leute dort gut zu uns. Aber es gibt so wenig Raum für Phantasie - abgesehen vielleicht von den anderen Waisenkindern. Ja, man konnte sich vorstellen, dass das Mädchen neben einem in Wirklichkeit die Tochter eines echten Grafen ist, das als Säugling von einer grausamen Amme entführt wurde, die dann starb, bevor sie ein Geständnis ablegen konnte. Nachts bin ich oft wach geblieben und habe mir lauter solche Sachen ausgedacht, weil ich tagsüber dazu keine Zeit hatte. Vielleicht bin ich deshalb so dünn - ich bin furchtbar dünn, nicht wahr? Ich habe kein Gramm Fett auf den Knochen. Aber ich stelle mir oft vor, ich wäre hübsch und rund und hätte Grübchen in den Ellenbogen.«

Damit fand der Redefluss von Matthews Reisegefährtin zunächst einmal ein Ende. Die Kleine war etwas außer Atem geraten und außerdem hatten sie inzwischen die Kutsche erreicht. Jetzt kam kein Ton mehr über ihre Lippen, bis sie Bright River verlassen hatten und einen steilen Berg hinunterfuhren. Links und rechts vom Weg standen blühende Kirschbäume und schlanke Birken, deren Äste sich direkt über ihren Köpfen wiegten.

Das Kind streckte die Hand aus und brach sich einen Zweig mit weißen Blüten ab.

»Ist er nicht wunderschön? Woran hat Sie der weiße Baum erinnert, der sich da eben so weit über die Straße lehnte?«

»Hm, tja ... ich weiß nicht«, sagte Matthew.

»Na, an eine Braut natürlich - eine Braut in Weiß mit einem durchsichtigen Schleier. Ich habe zwar noch nie eine Braut gesehen, aber ich kann sie mir gut vorstellen. Allerdings glaube ich nicht, dass ich jemals selbst eine Braut sein werde. Ich bin so hässlich, mich will bestimmt niemand heiraten - höchstens irgendein Missionar vielleicht. Wer als Missionar in der Fremde lebt, ist vielleicht nicht so wählerisch, oder? Aber ich hoffe doch, dass ich eines Tages wenigstens ein hübsches Kleid bekommen werde. Das ist mein höchster Wunsch auf Erden. Ich hab mich heute Morgen nämlich fürchterlich geschämt, weil ich dieses schreckliche alte Flanellkleid tragen musste. Alle Waisenkinder tragen diese Dinger, wissen Sie. Ein Kaufmann in Hopetown hat dem Heim letzten Winter dreihundert Meter Flanellstoff geschenkt. Einige Leute sagen, das hätte er nur getan, weil er den Stoff nicht verkaufen konnte, aber ich glaube, er hat es bestimmt gut gemeint, finden Sie nicht auch? Als ich in den Zug stieg, hatte ich das Gefühl, dass alle Leute mich anstarrten und Mitleid mit mir hatten. Aber ich habe mir einfach vorgestellt, ich trüge ein wunderbares Kleid aus reiner blauer Seide - wenn man sich schon etwas vorstellt, dann soll es sich ja auch lohnen - und einen großen Hut mit Blumen und Federn und eine goldene Armbanduhr und weiße Lederhandschuhe und passende Stiefel. Da hab ich mich schon gleich viel besser gefühlt und konnte die Reise nach Leibeskräften genießen. Ach, die Überfahrt zur Insel war himmlisch! Auf dem Schiff gab es so viel zu sehen und ich wollte nichts verpassen. Wer weiß, ob ich in meinem Leben noch einmal die Gelegenheit habe, mit einem Schiff zu reisen . . . Oh, da drüben stehen noch mehr blühende Kirschbäume! Ich habe noch nie so ein Blütenmeer gesehen. Die Insel ist wirklich wunderschön. Ich bin so glücklich, dass ich hier leben darf. Ich habe schon oft sagen hören, Prince Edward Island sei das schönste Fleckchen Erde der Welt, und da habe ich gleich davon geträumt, dass ich dort einmal leben werde. Aber ich hätte nie gedacht, dass dieser Traum einmal Wirklichkeit werden sollte. Es ist schön, wenn Träume plötzlich wahr werden, finden Sie nicht? - Diese roten Wege sehen so lustig aus. Als wir mit dem Zug aus Charlottetown herausfuhren und die roten Wege an unserem Fenster vorbeiflogen, da habe ich Mrs Spencer gefragt, weshalb sie so rot sind, und die meinte, sie wisse es nicht und ich solle um Himmels willen aufhören, ihr so viele Fragen zu stellen. Mindestens tausend Stück hätte ich ihr schon gestellt. Wahrscheinlich hatte sie Recht. Aber wie soll man Dinge herausfinden, wenn man keine Fragen stellt? - Wieso sind die Wege eigentlich rot, Mr Cuthbert?«

»Ich weiß nicht«, antwortet Matthew.

»Das muss ich dann also noch herausfinden. Ist es nicht eine herrliche Vorstellung, dass es noch so viele Dinge zu erforschen gibt? Ich bin so froh, dass ich auf der Welt bin. Die Welt ist so interessant! Und wenn wir schon alles wüssten, wäre sie nur halb so schön, nicht wahr? Man hätte überhaupt keinen Raum für Phantasie, oder? Aber ich rede wohl mal wieder zu viel. Das habe ich schon oft zu hören bekommen. Soll ich still den Mund halten? Wenn es sein muss, kann ich auch still sein, obwohl es mir, ehrlich gesagt, ziemlich schwer fällt.« Zu seinem eigenen Erstaunen fühlte Matthew sich wohl. Wie viele stille Menschen war er gern mit Leuten zusammen, die von sich aus den größten Teil der Unterhaltung bestritten und von ihrem Gegenüber nicht allzu viel erwarteten. Aber er hätte es sich nicht träumen lassen, dass er die Gegenwart eines kleinen Mädchens so genießen könnte. Frauen waren ja schon schlimm genug, doch kleine Mädchen waren noch viel schrecklicher. Er konnte es nicht ausstehen, wie sie an ihm vorbeihuschten und ihm versteckte Seitenblicke zuwarfen, so als müssten sie befürchten, dass er sie bei lebendigem Leibe fressen würde. Wohlerzogene kleine Mädchen in Avonlea waren eben so. Aber diese sommersprossige kleine Hexe war ganz anders, und obgleich er bei seiner eher langsamen Denkweise einige Mühe hatte, mit dem Tempo ihrer Gedankensprünge mitzuhalten, merkte er ziemlich schnell, dass ihm das Geplauder der Kleinen eigentlich gut gefiel.

Also sagte er, scheu wie immer: »Nein, nein, rede nur so viel, wie du willst. Mir macht das nichts aus.«

»Oh, ich bin ja so froh! Ich weiß jetzt schon: Wir zwei werden uns gut verstehen. Es ist eine große Erleichterung, wenn man reden kann, wann immer man Lust dazu hat, und sich nicht immer sagen lassen muss, dass Kinder nur sprechen sollen, wenn sie etwas gefragt werden. Das habe ich bestimmt schon zehntausendmal gehört. Und oft lachen die Leute mich aus, weil ich angeblich so große, geschwollene Worte benutze. Aber wenn man große Gedanken hat, muss man doch auch große Worte dafür haben, oder was meinen Sie?«

»Hm, tja . .. das klingt einleuchtend«, sagte Matthew.

»Mrs Spencer hat mir erzählt, dass Ihre Farm >Green Gables< heißt. Ich habe sie über alles ausgefragt. Und als sie mir sagte, dass sie ganz von Bäumen umstanden sei, war ich glücklicher denn je. Ich liebe Bäume! Beim Waisenhaus gab es überhaupt keine, nur so ein paar mickrige kleine Stämmchen an der Straße. Sie hatten einen weißen Zaun um sich und sahen selbst wie Waisenkinder aus. Immer wenn ich sie ansah, kamen mir fast die Tränen. Dann versuchte ich sie zu trösten: >Ach, ihr armen kleinen Bäumchen! Wenn ihr doch nur in einem großen Wald inmitten lauter anderer Bäume stehen könntet! Dann würden grünes Moos und Glockenblumen um eure Wurzeln wachsen, in euren Zweigen würden Vögel zwitschern und vielleicht sogar ein Bach in eurer Nähe rieseln, In einer solchen Umgebung könntet dann auch ihr fröhlich wachsen, nicht wahr? Hier aber müsst ihr für immer und ewig klein und mickrig bleiben. Ich weiß genau, wie euch zu Mute ist.< Als ich sie heute Morgen zurücklassen musste, war ich richtig traurig. Man fühlt sich den Dingen mit der Zeit verbunden, nicht wahr? Gibt es einen Bach in der Nähe von Green Gables? Ich habe vergessen, Mrs Spencer danach zu fragen.«

»Ja, es gibt einen, gleich hinter dem Haus.«

»Himmlisch! Ich habe immer davon geträumt, in der Nähe eines Baches zu wohnen. Aber ich habe nie gedacht, dass es einmal Wirklichkeit werden könnte. Nicht alle Träume werden wahr, so ist es doch, Mr Cuthbert? Wäre es nicht wunderbar, wenn sie immer wahr würden? Aber heute bin ich auch so schon fast glücklich. So richtig glücklich kann ich nie sein, weil... meine Haare ... wie würden Sie diese Farbe nennen?«

Bei diesen Worten hielt die Kleine einen ihrer langen, glänzenden Zöpfe hoch. Matthew war in der Beurteilung weiblicher Locken nicht gerade erfahren, aber in diesem Fall gab es keinerlei Zweifel.

»Rot, oder?«

Mit einem tiefen Seufzer, der allen Kummer ihres jungen Lebens verriet, ließ das Mädchen den Zopf wieder fallen.

»Ja, meine Haare sind rot«, sagte sie verdrossen. »Jetzt verstehen Sie, warum ich nie vollkommen glücklich sein kann. Kein Mensch mit roten Haaren könnte das. Alles andere macht mir nicht so viel aus. Die Sommersprossen, die grünen Augen, meine hagere Figur. Ich kann mir ja immer vorstellen, ich hätte einen lilienweißen Teint und große veilchenblaue Augen. Sogar Grübchen in den Ellenbogen kann ich mir vorstellen. Nur meine roten Haare, die kann ich nicht wegträumen, sosehr ich es auch versuche. Ich kann mir tausendmal einreden: >Meine Haare sind schwarz, rabenschwarz< - ich weiß trotzdem, dass sie rot sind, und darüber komme ich nicht hinweg. In einem Roman habe ich einmal etwas über ein wunderschönes Mädchen gelesen. Natürlich hatte es keine roten Haare - im Gegenteil, >goldene Locken umrahmten seine Alabasterstirn<. Was ist eine Alabasterstirn? Ich konnte es nie herausfinden. Können Sie es mir sagen?«

»Hm, nein ... leider nicht«, bedauerte Matthew, dem langsam etwas schwindelig wurde. So hatte er sich als Kind gefühlt, wenn er mit einem Karussell gefahren war.

»Es muss auf jeden Fall etwas Wunderbares sein, denn sie war von überirdischer Schönheit. Haben Sie sich schon einmal vorgestellt, von überirdischer Schönheit zu sein?«

»Nein, noch nie«, gestand Matthew aufrichtig.

»Ich habe es mir schon oft vorgestellt. Was möchten Sie lieber sein: von überirdischer Schönheit, klug und weise oder engelsgleich gut?«

»Nun ja ... ich weiß nicht genau.«

»Ich weiß es auch nicht. Ich kann mich nie entschieden. Aber das macht ja nichts, ich werde sowieso keins davon sein, engelsgleich gut am allerwenigsten. Mrs Spencer sagt . . . Oh, Mr Cuthbert, Mr Cuthbert!«

Das war es natürlich nicht, was Mrs Spencer sagte. Aber der Kleinen hatte es die Sprache verschlagen. Der Wagen war nach einer scharfen Kurve in die »Avenue« eingebogen. So nannten die Leute in Newbridge die eine halbe Meile lange, von ausladenden, alten Apfelbäumen überdachte Allee, die ein schrulliger alter Farmer vor langer Zeit angelegt hatte. Über ihren Köpfen wölbte sich ein dichter Baldachin aus schneeweißen, duftenden Blüten und unterhalb der Äste erschien die rote untergehende Sonne wie ein farbiges rundes Fenster hinter dem Hochaltar einer riesigen Kathedrale.

Das Mädchen war völlig überwältigt und blieb auch dann noch stumm, als sie das kleine Dorf Newbridge schon längst hinter sich gelassen hatten.

»Du bist wahrscheinlich müde und hungrig«, brach Matthew endlich das Schweigen. »Aber es ist nicht mehr weit, nur noch eine Meile.« Mit einem tiefen Seufzer erwachte die Kleine aus ihren Tagträumen. »Oh, Mr Cuthbert«, flüsterte sie, »was war das für eine weiße Pracht, durch die wir da gefahren sind?«

»Hm, du meinst wohl die >Avenue<«, antwortete Matthew nach kurzem Nachdenken. »Hübsch, nicht?«

»Hübsch? Das ist nicht das richtige Wort. Und >schön< ist es auch nicht, beide reichen nicht aus, um es zu beschreiben. Es war wundervoll! Das ist das erste Mal, dass ich etwas gesehen habe, das in meinen Träumen nicht schöner sein könnte. Das hat richtig weh getan, hier« - sie zeigte auf ihre Brust - »aber es war ein höchst angenehmer Schmerz. Haben Sie schon einmal einen solchen Schmerz verspürt, Mr Cuthbert?«

»Nein, nicht dass ich wüsste.«

»Man sollte so einen wundervollen Ort nicht einfach >Avenue< nennen, das ist viel zu nichts sagend. Ich werde ihn . . . Moment mal ... ja, ich werde ihn die >Weiße-Blütentraum-Allee< nennen. Ist das nicht ein wunderbarer Name? - Müssen wir wirklich nur noch eine Meile fahren, bis wir zu Hause sind? Ich bin froh und traurig zugleich. Die Fahrt ist so interessant, von mir aus könnte es immer so weitergehen. Aber ich freue mich auch nach Hause zu kommen. Solange ich denken kann, habe ich noch nie ein Zuhause gehabt. Oh, ist das schön!«

Sie waren gerade auf dem Kamm eines kleinen Hügels angelangt. Unter ihnen lag ein kleiner See, der fast wie ein Fluss aussah, so lang und gewunden zog er sich durch die Wiesen, In der Mitte wurde er von einer Brücke überspannt und zur Küste hin von einer Kette bernsteinfarbener Sandhügel eingerahmt. Große Tannen und Ahornbäume spiegelten sich in seinem Wasser, von den Sümpfen am anderen Ende des Sees war der quakende Gesang der Frösche zu hören. Ein kleines graues Haus ragte aus den Zweigen eines blühenden Obstgartens. Obgleich es noch nicht ganz dunkel war, schien Licht durch eines der Fenster.

»Das ist >Barrys Weihen,<« erklärte Matthew.

»Schon wieder so ein Name, der mir nicht gefällt. Ich werde ihn . .. >See der glitzernden Wasser< nennen. Ja, das ist der richtige Name für ihn! Das kann ich nämlich an dem Schauer erkennen: Immer wenn ein Name genau passt, rieselt mir ein kleiner Schauer den Rücken hinunter. Haben Sie auch schon mal so etwas gespürt?« Matthew verfiel ins Grübeln. »Ja ... doch. Ich kriege immer kalte Rückenschauer, wenn ich die hässlichen weißen Larven im Gurkenbeet sehe. Die kann ich einfach nicht ausstehen.«

»Oh, das kann aber nicht die gleiche Art Schauer sein. Oder finden Sie, dass man Raupen im Gurkenbeet mit dem >See der glitzernden Wasser< vergleichen kann? Weshalb nennen ihn die Leute eigentlich >Barrys Weihen?<«

»Wahrscheinlich, weil Mr Barry dort drüben am See wohnt. Orchard Slope heißt seine Farm. Wenn die großen Bäume dahinter nicht wären, könnte man von hier aus schon Green Gables sehen. Wir müssen nur über die Brücke fahren, es ist noch ungefähr eine halbe Meile.«

»Hat Mr Barry kleine Töchter? Ich meine, nicht richtig klein ... eher so in meinem Alter?«

»Ja, er hat ein elfjähriges Mädchen. Diana heißt es.«

»Oh! Was für ein wunderschöner Name!«

»Naja, ich weiß nicht so recht. Er klingt so heidnisch. Jane oder Mary, das sind gute, vernünftige Namen. Aber als Diana geboren wurde, unterrichtete an der Schule gerade eine Lehrerin, die so hieß, und nach der haben sie die Kleine benannt.«

»Ach, ich wünschte, es hätte so eine Lehrerin gegeben, als ich geboren wurde. Da ist die Brücke ja schon. Ich mache lieber die Augen zu. Ich habe nämlich immer Angst, wenn ich über eine Brücke fahre. Sie könnte ja gerade dann Zusammenstürzen, wenn ich genau in der Mitte bin. Also schaue ich lieber nicht hin. Aber wenn wir in der Mitte sind, muss ich die Augen doch wieder aufmachen, denn wenn die Brücke tatsächlich zusammenstürzt, dann will ich auch sehen, wie sie zusammenstürzt. Das ist bestimmt interessant und ich möchte es nicht verpassen.«

Als sie heil und sicher auf der anderen Seite des Sees angelangt waren, sagte Matthew: »So, jetzt sind wir fast zu Hause, das ist Green Gables, dort...«

»Sagen Sie es mir nicht!«, fiel ihm das Mädchen ins Wort. »Ich will raten. Bestimmt werde ich es erkennen.«

Gespannt sah sie sich um. Die Sonne war schon untergegangen, doch in dem milden Dämmerlicht war die Landschaft noch klar zu erkennen. Im Westen zeichnete sich ein dunkler Kirchturm gegen den Himmel ab. Darunter lag ein kleines Tal, in das sich die Häuser von Avonlea schmiegten. Langsam ließ das Mädchen den Blick von einem Gehöft zum anderen wandern, bis er zuletzt ganz links auf einem Haus ruhen blieb, das fernab von der Straße zwischen blühenden Obstbäumen und lichten Wäldern lag. Über ihm schien — wie ein Zeichen der Verheißung - ein heller, kristallklarer Stern.

»Das ist es, nicht wahr?«, sagte sie und zeigte die Richtung an. Matthew ließ erfreut die Zügel auf den Rücken der Stute klatschen. »Du hast es erraten! Aber wahrscheinlich hat Mrs Spencer dir alles beschrieben, sodass du es leicht erkennen konntest.«

»Nein, das hat sie nicht, wirklich nicht! Nach dem, was sie mir erzählt hat, hätte es auch jedes der anderen Häuser sein können. Ich hatte keine Ahnung, wie es aussieht. Aber sobald ich es gesehen habe, fühlte ich: Das ist mein Zuhause. Ach, ich komme mir vor wie im Traum. Mein Arm ist bestimmt schon ganz blau und grün, weil ich mich heute dauernd kneifen musste. Immer wenn mir auf einmal ganz schlecht wurde und ich dachte: Das ist alles nur ein Traum - da habe ich mich schnell gezwickt, um zu sehen, ob ich auch wirklich wach war. Aber es ist wahr. Ich habe ein Zuhause gefunden.«

Mit einem zufriedenen Seufzer verfiel das Mädchen in tiefes Schweigen. Matthew dagegen wurde es immer mulmiger zu Mute. Er war heilfroh, dass es Marillas Aufgabe sein würde, diesem heimatlosen Kind klarzumachen, dass es sein lang ersehntes Zuhause hier nicht finden würde. Je näher sie Green Gables kamen, desto mehr schreckte Matthew vor dem Augenblick der Wahrheit zurück.

Er dachte dabei nicht an Marilla oder an all die Probleme, die ihnen durch dieses Missverständnis entstehen würden, sondern nur an die Enttäuschung des Kindes. Er hatte das hoffnungsvolle Leuchten in den Augen der Kleinen gesehen und bei dem Gedanken es zum Erlöschen bringen zu müssen, fühlte er sich wie der Komplize bei einem Mord. Ganz ähnlich ging es ihm, wenn er ein Lamm oder ein Kalb oder irgendein anderes unschuldiges kleines Geschöpf töten musste. Als sie in die Einfahrt einbogen, lag der Hof schon im Dunkeln, die Zweige der schlanken Pappeln raschelten im Wind.

»Hören Sie, wie die Bäume im Schlaf reden?«, flüsterte das Mädchen, als es vom Wagen herunterstieg. »Was für schöne Träume sie haben müssen!«

Dann folgte es Matthew ins Haus - die alte Reisetasche mit allem, was es auf dieser Welt besaß, fest in der Hand.

03 - Marilla Cuthbert versteht die Welt nicht mehr

Mit raschen Schritten kam ihnen Marilla durch den Hausflur entgegen. Doch als ihr Blick auf die kleine Gestalt mit den langen roten Zöpfen fiel, blieb sie wie angewurzelt stehen.

»Matthew Cuthbert, wer ist das?«, wollte sie wissen. »Und wo ist der Junge?«

»Da war kein Junge«, sagte Matthew kläglich. »Nur sie.« Dabei zeigte er auf die Kleine. Erst jetzt fiel ihm ein, dass er sie noch nicht einmal nach ihrem Namen gefragt hatte.

»Kein Junge? Aber es muss doch ein Junge da gewesen sein«, empörte sich Manila. »Wir haben Mrs Spencer doch ausrichten lassen, dass sie uns einen Jungen mitbringen soll.«

»Ja, aber sie hat das Mädchen mitgebracht, der Stationsvorsteher hat es mir bestätigt. Und da musste ich sie wohl mit nach Hause nehmen. Ich konnte sie ja nicht einfach da sitzen lassen, wer auch immer das verbockt hat.«

»Na, das ist mir ja eine schöne Geschichte!«, rief Marilla aus. Während dieses Gespräches waren die großen Augen des Kindes ratlos von einem zum anderen gewandert. Es dauerte eine Weile, bis es die ganze Tragweite der Situation begriff. Plötzlich ließ es die alte Reisetasche fallen und rang verzweifelt die Hände.

»Sie wollen mich nicht!«, jammerte es. »Sie wollen mich nicht haben, weil ich kein Junge bin! Ich hätte es doch ahnen müssen. Mich hat noch nie jemand gewollt. Es war einfach zu schön, um wahr zu sein. Ach, was soll ich jetzt nur tun?«

Dicke Tränen kullerten über ihre Wangen. Sie setzte sich auf einen Stuhl, schlug beide Hände vors Gesicht und fing bitterlich zu schluchzen an. Marilla und Matthew wechselten einander hilflose Blicke, keiner von ihnen wusste, was er tun oder sagen sollte.

»Na, na!«, sagte Marilla endlich. »Es gibt keinen Grund, so zu weinen.«

»Und ob es einen Grund gibt!« Das Kind hob sein tränenüberströmtes Gesicht. »Sie würden schließlich auch weinen, wenn Sie ein Waisenkind wären und dächten, Sie hätten ein Zuhause gefunden, und dann stellt sich plötzlich heraus, dass man Sie nicht behalten will, bloß weil Sie kein junge sind. Das ist die größte Tragödie, die mir in meinem Leben je widerfahren ist!«

Bei diesen Worten stahl sich unwillkürlich ein kleines Lächeln auf Marillas Gesicht. »Komm, hör jetzt auf zu weinen. Wir werden dich ja nicht gleich heute Abend vor die Tür setzen. Du wirst so lange bei uns bleiben, bis sich die ganze Sache aufgeklärt hat. Wie heißt du eigentlich?«

Die Kleine zögerte einen Moment. »Können Sie mich bitte Cordelia nennen?«, fragte sie dann.

»Dich Cordelia nennen? Ist das denn dein Name?«

»Nein, eigentlich nicht. Aber ich würde so gerne Cordelia heißen. Das klingt so elegant!«

»Jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr. Wenn du nicht Cordelia heißt, wie heißt du dann?«

»Anne Shirley«, antwortete das Mädchen widerwillig, »aber, bitte, nennen Sie mich doch Cordelia. Es kann Ihnen doch ganz egal sein, wie Sie mich nennen, wenn ich sowieso nur kurze Zeit hier bleiben soll, oder? Und Anne klingt so furchtbar unromantisch.«

»Schluss mit dem Unsinn!«, erwiderte Marilla ungerührt. »Anne ist ein guter, vernünftiger Name, für den du dich überhaupt nicht zu schämen brauchst.«

»Ich schäme mich ja auch gar nicht«, erklärte Anne, »Cordelia finde ich bloß viel schöner. Aber wenn Sie mich schon Anne nennen wollen, dann bitte am Schluss mit einem e.«

»Was macht das für einen Unterschied, ob mit oder ohne e?«, wunderte sich Marilla und wieder spielte ein ungewohnt mildes Lächeln um ihre Lippen.

»Das ist ein Riesenunterschied! Es sieht tausendmal besser aus. Sehen Sie den Namen denn nicht in Gedanken vor sich auf dem Papier? Ich schon. A-n-n sieht einfach furchtbar aus, aber A-n-n-e, das wirkt richtig nobel. Also, wenn Sie mich mit einem e am Ende nennen wollen, kann ich mich dazu entschließen, auf Cordelia zu verzichten.«

»Also, gut, Anne mit einem e am Ende: Kannst du uns verraten, wie es zu diesem Missverständnis gekommen ist? Wir haben Mrs Spencer ausrichten lassen, sie soll uns einen jungen mitbringen. Gab es denn keine Jungen im Waisenhaus?«

»Oh, doch, es gab dort jede Menge Jungen. Aber Mrs Spencer sagte ausdrücklich, dass Sie sich für ein Mädchen von ungefähr elf Jahren entschieden hätten. Und die Schwester meinte, ich käme dafür in Frage. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich gefreut habe! Ich konnte die ganze letzte Nacht vor lauter Freude gar nicht schlafen. Aber...«, sie drehte sich vorwurfsvoll zu Matthew um, »warum haben Sie mir denn nicht gleich am Bahnhof gesagt, dass Sie mich hier nicht haben wollen? Jetzt, wo ich die »Weiße-Blütentraum-Allee< und den »See der glitzernden Wasser< gesehen habe, ist es nur noch schlimmer.«

»Was um alles in der Welt meint sie damit?«, wandte Marilla sich ratlos an Matthew.

»Ach, nichts. Wir haben uns auf der Fahrt eben ein bisschen unterhalten«, antwortete Matthew ausweichend. »Ich bringe jetzt am besten erst einmal die Stute in den Stall, Marilla. Wenn ich zurückkomme, können wir essen.«

»Hat Mrs Spencer außer dir noch jemand mitgebracht?«, erkundigte sich Marilla, als Matthew hinausgegangen war.

»Ja, sie selbst will Lily Jones aufnehmen. Lily ist erst fünf Jahre alt und wunderschön. Sie hat nussbraunes Haar. Wenn ich wunderschön wäre und nussbraunes Haar hätte, würden Sie mich dann behalten?«

»Nein. Wir brauchen einen Jungen, der Matthew bei der Arbeit auf der Farm zur Hand gehen kann. Mit einem Mädchen können wir nichts anfangen. Aber jetzt nimm deinen Hut ab und leg ihn zu deiner Tasche in den Flur.«

Widerspruchslos tat Anne, was Marilla ihr gesagt hatte. Als Matthew zurückkam, setzten sie sich an den gedeckten Abendbrottisch. Doch Anne konnte nichts essen; vergebens knabberte sie an ihrem Butterbrot und kostete lustlos von dem Apfelkompott in der kleinen Glasschüssel neben ihrem Teller: Es wollte einfach nicht weniger werden. »Du isst ja gar nichts«, sagte Marilla streng und sah sie missbilligend an.

Anne seufzte. »Ich kann nicht essen, ich bin mit der Welt zerfallen! Könnten Sie etwas essen, wenn Sie mit der Welt zerfallen wären?«

»Ich weiß es nicht. Ich glaube, ich war noch nie mit der Welt zerfallen«, antwortete Marilla.

»Wirklich noch nie? Und haben Sie sich auch noch nie vorgestellt, Sie wären es?«

»Nein, auch noch nicht.«

»Dann können Sie auch nicht verstehen, wie das ist. Es ist ein ziemlich unangenehmes Gefühl, das kann ich Ihnen versichern. Man hat einen riesigen Kloß im Hals und kann einfach nichts herunterschlucken - selbst wenn es ein Karamelbonbon wäre. Vor zwei Jahren habe ich einmal einen Karamelbonbon bekommen, der hat einfach köstlich geschmeckt. Seitdem habe ich oft von Karamelbonbons geträumt, aber ich bin immer ausgerechnet dann aufgewacht, als ich sie gerade in den Mund stecken wollte. Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, wenn ich so wenig esse. Es schmeckt alles sehr, sehr gut; ich kann bloß nicht.«

»Wahrscheinlich ist sie müde«, sagte Matthew, der seit seiner Rückkehr vom Stall keinen Ton von sich gegeben hatte. »Am besten bringst du sie ins Bett, Marilla.«

Für den Jungen, den sie eigentlich erwartet hatten, war die Couch in der Kammer neben der Küche gerichtet; für ein Mädchen aber schien Marilla diese Unterkunft doch nicht recht passend zu sein. Das Gästezimmer war für dieses heimatlose Geschöpf allerdings auch nicht das Richtige - blieb also nur das unbenutzte Zimmer im Ostgiebel. Marilla zündete eine Kerze an und ging voraus. Hut und Reisetasche fest in der Hand, folgte ihr Anne die Stufen hinauf.

Oben stellte Marilla die Kerze auf einen kleinen, dreieckigen Tisch und schlug die Bettdecke zurück.

»Ich nehme an, du hast ein Nachthemd dabei?«, fragte sie.

Anne nickte. »Ja, ich habe zwei. Die Schwester im Waisenhaus hat sie für mich genäht. Sie sind bloß fürchterlich kurz. In einem Waisenhaus ist der Stoff immer knapp - jedenfalls in einem so warmen Waisenhaus wie unserem. Ich hasse kurze Nachthemden. Aber schließlich kann man in ihnen genauso gut träumen wie in langen.«

»Also, zieh dich schnell aus und geh ins Bett. Ich komme in ein paar Minuten zurück, um die Kerze zu holen, damit du nicht noch das Haus in Brand setzt.«

Als Marilla gegangen war, sah sich Anne traurig um. Die weiß gekalkten Wände sahen schrecklich nackt und kalt aus. In der einen Ecke des Zimmers stand das altmodische Bett mit vier langen, dunklen Pfosten, in der anderen Ecke war der Tisch mit einem Stuhl, darüber hing ein kleiner rechteckiger Spiegel, in der Mitte zwischen Tisch und Bett befand sich das Fenster, gegenüber der schlichte Waschtisch. Der ganze Raum war von einer solchen Kälte und Strenge, dass Anne bis ins Mark erschauerte. Hastig warf sie ihre Kleider ab, streifte sich das kurze Nachthemd über und sprang mit einem Satz in das große Bett, wo sie ihr Gesicht im Kopfkissen vergrub und die Bettdecke fest über sich zog. Als Marilla später heraufkam, um die Kerze zu holen, deuteten nur die unordentlich über den Fußboden verstreuten Kleidungsstücke und das zerwühlte Bett daraufhin, dass überhaupt jemand im Zimmer war.

Langsam hob Marilla Annes Kleider auf, legte sie ordentlich auf dem Stuhl zusammen und ging dann mit der Kerze in der Hand auf das Bett zu.

»Gute Nacht«, sagte sie etwas verlegen, aber keineswegs unfreundlich.

Plötzlich erschien Annes blasses Gesicht mit den großen Augen über der weißen Bettdecke. »Wie können Sie von einer >guten< Nacht sprechen, wo Sie doch genau wissen, dass es die schlimmste Nacht meines Lebens ist?«, sagte sie vorwurfsvoll.

Dann tauchte sie wieder in die Versenkung unter.

Kopfschüttelnd ging Marilla in die Küche zurück und machte sich daran, das Geschirr vom Abendessen zu spülen. Matthew rauchte Pfeife, was bei ihm immer ein sicheres Zeichen für innere Unruhe war. Mit Rücksicht auf Marilla, die das Rauchen für eine schlechte, ungesunde Angewohnheit hielt, rauchte er äußerst selten. Aber manchmal war die Pfeife für ihn einfach unentbehrlich. Marilla wusste das und übersah es dann geflissentlich.

»Das ist ja eine schöne Bescherung!«, sagte sie zornig. »Das hat man nun davon, wenn man andere um etwas bittet, anstatt die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Gleich morgen früh werde ich zu Mrs Spencer hinüberfahren und die Sache klären. Das Kind muss wieder zurück ins Waisenhaus.«

»Ja, wahrscheinlich hast du Recht«, gab Matthew zögernd zurück. »Wahrscheinlich? Was soll das heißen?«

»Hm ... sie ist ein liebes kleines Ding, Marilla. Eigentlich Einjammer, sie zurückzuschicken. Sie würde ja so gern bleiben.«

»Matthew Cuthbert, du willst doch nicht sagen, wir sollten sie behalten?«

Marilla verstand die Welt nicht mehr. Sie hätte nicht überraschter sein können, wenn Matthew ihr plötzlich mitgeteilt hätte, er würde am liebsten den ganzen Tag auf dem Kopf stehen.

»Hm, nein ... ich glaube nicht. . . das heißt«, stammelte Matthew, der sich immer unwohl fühlte, wenn er eine genaue Aussage machen sollte. »Ich meine, niemand kann von uns verlangen, dass wir sie hier bei uns aufnehmen.«

»Allerdings. Sie ist nicht die Richtige für uns.«

»Aber vielleicht sind wir die Richtigen für sie«, wandte Matthew ein. »Matthew Cuthbert, ich glaube langsam, dieses Kind hat dich behext! Ich seh’s dir doch an der Nasenspitze an, dass du sie hier behalten willst.«

»Hm, tja ... sie ist ein so interessantes Ding«, fuhr Matthew fort. »Du hättest hören sollen, was sie mir alles auf der Fahrt vom Bahnhof erzählt hat.«

»Oh, reden kann sie, das ist mal sicher. Aber ob ausgerechnet das zu ihren Gunsten spricht? Ich mag Kinder nicht, die pausenlos vor sich hinplappern. Ich möchte kein Mädchen - und selbst wenn ich eines wollte, dann wäre dieser redselige Rotschopf auch nicht gerade mein Typ. Nein, nein, wir müssen sie auf schnellstem Weg dahin zurückbringen, wo sie hergekommen ist.«

»Ich könnte einen jungen Franzosen einstellen, der mir bei der Arbeit hilft«, schlug Matthew vor. »Und sie könnte dir ein bisschen Gesellschaft leisten.«

»Ich brauche keine Gesellschaft«, erwiderte Marilla schroff. »Und ich habe nicht vor, sie bei uns aufzunehmen.«

»Wir machen natürlich alles so, wie du es sagst, Marilla«, schloss Matthew, stand auf und legte seine Pfeife beiseite. »Ich gehe ins Bett.«

Damit verließ er die Küche und auch Marilla legte sich mit düsterer Miene schlafen, nachdem sie das Geschirr gespült und abgetrocknet hatte. Oben im Ostgiebel von Green Gables lag ein einsames, heimatloses Kind und weinte sich in den Schlaf.

04 - Der erste Morgen auf Green Gables

Es war schon heller Morgen, als Anne erwachte, sich im Bett aufsetzte und verwirrt auf das Fenster starrte, durch das eine Flut warmen Sonnenlichts hereinströmte.

Im ersten Moment konnte sie sich nicht entsinnen, wo sie eigentlich war. Doch dann fiel ihr mit einem Mal alles wieder ein: Sie war auf Green Gables, aber man wollte sie nicht hier behalten, weil sie ein Mädchen war!

Doch es war ein herrlicher Morgen und vor ihrem Zimmer stand ein Kirschbaum in voller Blüte. Mit einem Satz sprang sie aus dem Bett, öffnete weit das Fenster und sah staunend hinaus in den sonnigen Junimorgen.

Der riesige Kirschbaum vor ihrem Fenster stand so nahe am Haus, dass seine Äste die Wände berührten; und er war so voller Blüten, dass man kaum ein einziges grünes Blatt sehen konnte. Auf beiden Seiten des Hauses lagen große Obstgärten mit Apfel- und Kirschbäumen. Sie sahen aus wie ein einziges Blütenmeer. Das Gras unter den Bäumen war von gelbem Löwenzahn übersät. Etwas weiter unten im Garten blühte der Flieder und der Morgenwind wehte seinen süßlichen Duft herüber.

Auf der anderen Seite des Gartens erstreckte sich eine saftige Kleewiese bis zu dem von weißen Birken umsäumten Bachlauf. Jenseits des Baches erhob sich ein kleiner Hügel mit Fichten und Tannen, durch deren Zweige sie den grauen Giebel des kleinen Hauses sehen konnte, das am anderen Ufer des >Sees der glitzernden Wasser< stand. Etwas weiter links konnte man hinter den großen Scheunen und den grünen, leicht abfallenden Feldern das Meer erkennen. Anne sog jede Einzelheit gierig ein. Völlig versunken in die Schönheit dieser Landschaft kniete sie am Fenster, als ihr plötzlich jemand eine Hand auf die Schulter legte. Es war Marilla, die unbemerkt ins Zimmer getreten war.

»Es wird Zeit, dass du dich anziehst«, sagte sie unwirsch.

Marilla wusste nicht recht, was sie mit dem Kind reden sollte, und dieses Unvermögen ließ sie barsch und unfreundlich erscheinen, auch wenn sie es nicht so meinte.

Anne stand auf und seufzte tief. »Oh, ist es nicht wunderbar?«, fragte sie und deutete mit der Hand hinaus.

»Ein stattlicher Baum«, bestätigte Marilla, »und er blüht reichlich. Bloß die Früchte sind nichts Besonderes - klein und voller Würmer.«

»Oh, ich meine nicht nur den Baum. Natürlich ist er schön, himmlisch schön - er blüht, als ginge es um sein Leben. Ich meine alles hier: den Garten und die Obstplantage und den Bach und die Bäume - die ganze große, liebe Welt. An einem solchen Morgen muss man die Welt einfach lieben, geht es Ihnen nicht auch so? Und ich kann den Bach hier oben plätschern hören. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie lustig Bäche sind? Sie kichern die ganze Zeit vor sich hin. Selbst im Winter kann man sie unter dem Eis hören. Ich bin so froh, dass es hier einen Bach gibt! Ich werde mich immer gerne daran erinnern, auch wenn ich Green Gables niemals wieder sehe. Heute Morgen bin ich nicht mehr mit der Welt zerfallen. Ist es nicht herrlich, dass es jeden Tag einen Morgen gibt? Traurig bin ich allerdings immer noch. Ich habe mir gerade vorgestellt, Sie wollten mich vielleicht doch behalten und ich könnte bis in alle Ewigkeit hier bleiben. Es war eine wunderschöne Vorstellung. Das Schlimme daran ist nur, dass man früher oder später doch in die Wirklichkeit zurück muss und das tut dann sehr weh.«

»Du solltest dich lieber anziehen und nach unten kommen, anstatt dich hier oben zu verträumen«, sagte Marilla, als sie endlich auch einmal zu Wort kam. »Das Frühstück ist schon fertig. Wasch dein Gesicht und kämme dir die Haare. Lass das Fenster offen und schlag die Bettdecke über das Fußende - und beeil dich!«

Anne konnte sich offensichtlich beeilen, wenn es darauf ankam, denn in zehn Minuten stand sie unten in der Küche.

»Ich habe einen Bärenhunger«, verkündete sie, als sie sich auf den Platz setzte, den Marilla für sie gedeckt hatte. »Ach, ich bin ja so froh, dass heute die Sonne scheint! Aber regnerische Morgen mag ich auch. Man weiß noch nicht, was den ganzen Tag über passieren wird, da hat man jede Menge Raum für Phantasie. Aber ich bin trotzdem froh, dass es nicht regnet. Wenn die Sonne scheint, ist es viel einfacher, fröhlich zu sein und den Aufgaben des Lebens standzuhalten. Es mag ja ganz schön sein, über das Leid anderer zu lesen und sich vorzustellen, wie man selbst alle Prüfungen heldenhaft bestehen würde, aber wenn sie sich einem dann plötzlich wirklich stellen, dann ist es nicht mehr so schön, nicht wahr?«

»Halt um Himmels willen jetzt mal deinen Mund«, fuhr Marilla sie an. »Für ein kleines Mädchen redest du entschieden zu viel.«

Daraufhin schwieg die Kleine so gehorsam und beharrlich, dass es Marilla nur noch nervöser machte. Gedankenverloren kaute Anne auf ihrem Brot herum, während ihre Augen mit leerem Blick aus dem Fenster in den Himmel starrten. Offenbar schwebte sie im Geiste in irgendwelchen unerreichbaren Welten, während ihr Körper leblos neben Marilla am Tisch saß.

Warum wollte Matthew sie bloß hier behalten?, fragte sich Marilla. Sie spürte, dass er noch der gleichen Meinung war wie am Abend zuvor - und dass er auch bei dieser Meinung bleiben würde. So war Matthew nun einmal. Er setzte sich irgendetwas in den Kopf und verfolgte die Sache dann mit stummer Beharrlichkeit, was zehnmal stärker und wirksamer war, als wenn er seine Meinung in lange Reden kleiden würde.

Als das Frühstück vorüber war, erwachte Anne aus ihren Tagträumen und fragte, ob sie das Geschirr spülen dürfe.

»Kannst du das denn auch?«, fragte Manila misstrauisch.

»Fast so gut wie auf kleine Kinder aufpassen. Darin habe ich am meisten Erfahrung. Wie schade, dass Sie keine Kinder haben, um die ich mich kümmern könnte.«

»Ich glaube nicht, dass ich hier noch mehr Kinder haben wollte, als im Moment schon hier sind. Eins wirft schon genug Probleme auf. Ich habe keine Ahnung, was wir mit dir machen sollen. Matthew ist schon ein seltsamer Mensch.«

»Ich finde ihn wunderbar«, erwiderte Anne. »Er hat so viel Mitgefühl! Es macht ihm gar nichts aus, dass ich so viel rede — es scheint ihm sogar zu gefallen. Matthew ist eine verwandte Seele - das wusste ich vom ersten Augenblick an.«

»Ihr seid beide ein bisschen verschroben, wenn du das mit deiner Seelenverwandtschaft meinst«, entgegnete Marilla seufzend. »Ja, du kannst das Geschirr spülen. Nimm reichlich heißes Wasser und trockne hinterher ordentlich ab. Ich habe genug zu tun heute Morgen. Am Nachmittag muss ich ja nach White Sands hinüberfahren, um mit Mrs Spencer zur reden. Du kommt am besten mit, dann können wir gleich sehen, wie es weitergeht. Wenn du mit dem Geschirr fertig bist, gehst du nach oben und machst dein Bett.«

Anne erledigte den Abwasch recht geschickt, wie Marilla, die die ganze Zeit über ein scharfes Auge auf sie hielt, bald bemerkte.

Später machte sie ihr Bett, wobei sie allerdings weniger erfolgreich war, denn mit dicken Federbetten hatte sie bisher noch nie zu tun gehabt. Doch nach einigen Mühen war auch das geschafft und Marilla, die Anne loswerden wollte, sagte, sie solle nach draußen gehen und bis zum Mittagessen im Garten spielen.

»Aber... ich möchte, glaube ich, lieber nicht hinausgehen«, erklärte Anne im Tonfall eines Märtyrers, der allen irdischen Freuden entsagt hat. »Wenn ich sowieso nicht hier bleiben darf, möchte ich Green Gables nicht zu sehr ins Herz schließen. Und wenn ich erst einmal draußen bin und alle Bäume und Blumen im Garten und den kleinen Bach besucht habe ... Schöne Dinge muss man ja einfach lieb gewinnen. Deshalb war ich auch so froh, dass ich gehört habe, dass ich hier leben sollte. Ich dachte, dann würde es so viele Dinge geben, die ich lieb haben könnte, und nichts könnte mich mehr davon abhalten. Doch dieser Traum ist nun vorüber. Ich ergebe mich in mein Schicksal. Es ist besser, wenn ich nicht hinausgehe, sonst ergebe ich mich ihm am Ende dann doch nicht. Wie heißt eigentlich die Blume auf dem Fenstersims, Miss Cuthbert?«

»Das ist eine Geranie.«

»Nein, diese Art von Namen meine ich nicht. Ich meine den Namen, den Sie ihr gegeben haben. Oder haben Sie ihr noch gar keinen gegeben? Darf ich es dann tun? Ich könnte sie . .. mal sehen . . . ja, ich könnte sie >Bonny< nennen, solange ich hier bin. Darf ich? Ach, bitte!«

»Von mir aus. Aber was um alles in der Welt soll es für einen Sinn haben, einer Geranie einen Namen zu geben?«

»Oh, ich finde es schön, wenn alle Dinge einen eigenen Namen haben, auch wenn es nur Geranien sind. Vielleicht ist die Geranie außerdem schrecklich gekränkt, wenn man sie einfach >Geranie< nennt und sonst nichts. Ihnen würde es doch auch nicht gefallen, wenn man Sie nur >Frau< nennen würde, oder? Ja, ich werde sie >Bonny< nennen. Für den Kirschbaum vor meinem Fenster habe ich auch schon einen passenden Namen gefunden: >Schneekönigin<. Natürlich kann er nicht das ganze Jahr über weiße Blüten tragen, aber man kann es sich ja immer vorstellen, nicht wahr?«

»So etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt«, murmelte Marilla vor sich hin, als sie sich in den Keller zurückzog, um Kartoffeln zu holen. »Irgendwie ist sie tatsächlich interessant, da hat Matthew schon Recht. Langsam bin ich selbst gespannt, was sie wohl als Nächstes sagen wird. Wenn es so weitergeht, wird sie mich auch noch verhexen. Matthew hat sie ja schon voll in ihren Bann gezogen. Dieser Blick, den er mir beim Hinausgehen heute Morgen zugeworfen hat! Ich wünschte, er wäre wie andere Männer und würde die Sache ausführlich mit mir besprechen, dann könnte ich ihn mit Worten wieder zur Vernunft bringen. Aber was soll man mit einem Mann machen, der einem nur Blicke zuwirft?«

Als Marilla vom Keller zurückkehrte, war Anne schon wieder in ihre Träume versunken. Den Kopf in die Hände gestützt, die Augen auf den Horizont geheftet, saß sie am Fenster. Erst als Marilla sie zum Mittagessen rief, wachte sie wieder auf.

»Kann ich heute Nachmittag die Stute und den Einspänner haben, Matthew?«, fragte Marilla, als sie zu dritt am Tisch saßen.

Matthew nickte und sah wehmütig zu Anne hinüber. Marilla fing seinen Blick auf und sagte ärgerlich: »Ich werde mit Anne nach White Sands hinüberfahren und die Angelegenheit mit Mrs Spencer regeln. Mrs Spencer wird dann wohl entsprechende Maßnahmen ergreifen, um Anne nach Nova Scotia zurückzubringen. Ich werde dir dein Essen hinstellen und früh genug zurück sein, um die Kühe zu melken.« Matthew schwieg immer noch. Marilla hatte das Gefühl, gegen eine Wand geredet zu haben.

Erst als Marilla und Anne in den Wagen gestiegen waren, sagte Matthew langsam: »Der kleine Jerry Buote von der Bucht drüben war heute Morgen da. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn den Sommer über einstellen würde.«

Marilla gab keine Antwort, versetzte der unglücklichen Stute jedoch einen so heftigen Schlag mit der Peitsche, dass das behäbige Tier, das eine solche Behandlung nicht gewöhnt war, in einem beängstigenden Tempo den Hohlweg hinunterschoss. Als Marilla sich auf dem schaukelnden Wagen noch einmal umschaute, konnte sie sehen, wie Matthew am Tor lehnte und ihnen wehmütig nachblickte.

05 - Anne erzählt ihre Geschichte

»Wissen Sie«, sagte Anne vertraulich, »ich bin fest entschlossen, diese Fahrt zu genießen. Solange wir unterwegs sind, werde ich einfach nicht daran denken, dass ich zurück ins Waisenhaus muss. - Oh, schauen Sie nur, da blüht schon eine wilde Rose! Ist sie nicht sagenhaft schön? Es muss wunderbar sein, eine Rose zu sein, glauben Sie nicht auch? Und wäre es nicht noch schöner, wenn die Rosen sprechen könnten? Bestimmt könnten sie uns die herrlichsten Dinge erzählen. Rosa ist außerdem meine Lieblingsfarbe. Ein Jammer, dass ich kein Rosa tragen kann! Aber zu meinen roten Haaren passt es einfach nicht - noch nicht einmal in der Phantasie. Haben Sie schon mal ein Mädchen gekannt, das in seiner Jugend rote Haare hatte und später eine andere Haarfarbe bekam?«

»Nein, so etwas habe ich noch nie gehört«, entgegnete Marilla gnadenlos, »und ich glaube auch nicht, dass es in deinem Fall so eintreten wird.«

Anne seufzte. »Eine weitere Hoffnung dahin! Mein Leben ist ein Friedhof voller begrabener Hoffnungen. Diesen Satz habe ich einmal in einem Buch gelesen und seitdem rufe ich ihn mir immer ins Gedächtnis, wenn ich sehr enttäuscht bin und mich trösten will.«

»Ich verstehe allerdings nicht, worin da der Trost liegen soll.« Marilla schüttelte den Kopf.

»Na, es klingt eben so schön, so romantisch, als wäre ich eine Heldin aus irgendeinem Buch, verstehen Sie. Ich liebe alles, was romantisch ist, und >ein Friedhof voller begrabener Hoffnungen ist so ungefähr das Romantischste, was man sich vorstellen kann, finden Sie nicht? Das macht mich dann froh. Fahren wir heute wieder über den >See der glitzernden Wasser<?«

»Über Barrys Weiher fahren wir nicht, falls du den meinst. Wir nehmen die Uferstraße.«

»Die Uferstraße! Das hört sich schön an«, sagte Anne verträumt. »Ist sie so schön wie ihr Name? Als Sie >Uferstraße< sagten, kam mir sofort ein Bild in den Kopf. Und White Sands ist auch ein hübscher Name, obwohl er mir längst nicht so gut gefällt wie Avonlea. A-von-lea - das klingt wie Musik. Wie weit ist es bis White Sands?«

»Fünf Meilen, und da du offensichtlich sowieso die ganze Zeit über reden willst, können wir die Zeit genauso gut für ein nützliches Gespräch verwenden. Erzähl mir was von dir.«

»Von mir gibt’s nicht viel zu erzählen, Miss Cuthbert. Wenn ich Ihnen erzählen dürfte, was ich mir alles über mich vorstelle, wäre das viel interessanter.«

»Nein, nein! Davon will ich nichts hören. Bleib bei der Wahrheit und fang ganz von vorne an. Wo wurdest du geboren? Und wie alt bist du?«

Anne, die sich nur ungern mit nackten Tatsachen befasste, hob resigniert die Schultern. »Im letzten März bin ich elf geworden«, berichtete sie. »Geboren wurde ich in Bolingbroke, Nova Scotia. Mein Vater hieß Walter Shirley und unterrichtete dort an der Schule. Meine Mutter hieß Bertha Shirley. Walter und Bertha - sind das nicht wunderschöne Namen? Es wäre doch schrecklich, wenn man einen Vater namens >Hesekiel> hätte!«

»Ich glaube nicht, dass es eine Rolle spielt, wie ein Mensch heißt, wenn er sich nur anständig zu benehmen weiß«, wandte Marilla ein. »Also, ich weiß nicht. Ich habe zwar mal in einem berühmten Buch gelesen: >Was ist schon ein Name? Wie die Rose auch hieße, sie würde lieblich duften<, aber das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Eine Rose würde doch nie so süß duften, wenn sie >Distel< hieße oder gar >Kohlkopf<. Obwohl ich glaube, dass mein Vater sicherlich auch dann ein anständiger Mensch gewesen wäre, wenn er >Hesekiel< geheißen hätte. Na ja, jedenfalls war meine Mutter auch Lehrerin. Als sie Vater heiratete, hat sie ihren Beruf aufgegeben. Mrs Thomas sagte immer, die beiden seien die reinsten Kinder gewesen und arm wie die Kirchenmäuse. Sie zogen in ein winziges gelbes Haus in Bolingbroke. Ich habe das Haus nie gesehen, aber ich kann es mir ganz genau vorstellen. Es war bestimmt ein sehr gemütliches Haus mit Geißblatt am Wohnzimmerfenster, Flieder im Hof, kleinen Maiglöckchen am Tor und Gardinen aus Musselin an allen Fenstern. In diesem Haus wurde ich geboren. Mrs Thomas sagte, ich sei das hässlichste Baby gewesen, das sie je gesehen habe, aber Mutter habe mich für eine vollkommene kleine Schönheit gehalten. Eine Mutter kann das bestimmt besser beurteilen als eine alte Putzfrau, meinen Sie nicht?Jedenfalls bin ich froh, dass meine Mutter mit mir zufrieden war; es wäre ja traurig, wenn ich sie enttäuscht hätte. Nach meiner Geburt lebte sie nicht mehr lange. Sie starb am Gelbfieber, als ich gerade drei Monate alt war. Ich wünschte, sie hätte wenigstens noch so lange gelebt, dass ich mich daran erinnern könnte, »Mutter zu ihr gesagt zu haben. Es muss wunderbar sein, zu einem Menschen >Mutter< sagen zu können! Vater starb vier Tage nach ihr, ebenfalls am Gelbfieber. Auf einmal war ich ein Waisenkind und die Leute wussten nicht, was sie mit mir anfangen sollten. Schon damals wollte mich keiner haben, das scheint mein Schicksal zu sein. Vater und Mutter hatten beide keine Verwandten mehr. Also nahm mich schließlich Mrs Thomas zu sich, obwohl sie selbst sehr arm und außerdem mit einem Säufer verheiratet war. Immer wenn sie mit mir geschimpft hat, hat sie mir vorgehalten, wie dankbar ich ihr sein müsste.

Mr und Mrs Thomas zogen bald nach Maryville. Dort lebte ich bei ihnen, bis ich acht Jahre alt war. Ich kümmerte mich um die Kinder - sie hatten vier Kinder, alle jünger als ich. Damit hatte ich von früh bis spät zu tun. Dann wurde Mr Thomas von einem Zug überfahren und seine Mutter bot Mrs Thomas an, sie und die Kinder zu sich zu nehmen. Mich wollte sie natürlich nicht haben. Mrs Thomas wusste nicht, was sie mit mir machen sollte, da kam Mrs Hammond und holte mich, damit ich auf ihre Kinder aufpassen könnte. Also zog ich flussaufwärts zu den Hammonds, die auf einer kleinen Waldlichtung zwischen lauter Baumstümpfen wohnten. Es war sehr einsam dort, ohne meine Phantasie hätte ich es da überhaupt nicht ausgehalten! Mr Hammond arbeitete in einem Sägewerk und Mrs Hammond hatte acht Kinder. Sie hat dreimal hintereinander Zwillinge bekommen! Ich mag Babys sehr, aber es war furchtbar anstrengend, sie den ganzen Tag herumzutragen.

Als ich zwei Jahre bei den Hammonds gewesen war, starb Mr Hammond. Daraufhin löste Mrs Hammond ihren Haushalt auf, verteilte ihre Kinder unter ihren Verwandten und ging in die Staaten. Mich brachte sie ins Waisenhaus nach Hopetown. Dort wollten sie mich zuerst auch nicht aufnehmen. Sie meinten, sie hätten keinen Platz mehr frei. Schließlich durfte ich aber doch bleiben und nach vier Monaten kam Mrs Spencer und nahm mich mit zu Ihnen.«

Anne schloss ihre Erzählung mit einem Seufzer der Erleichterung. Sie sprach nicht gern über ihre Erfahrungen in einer Welt, in der niemand sie haben wollte.

»Bist du jemals zur Schule gegangen?«, wollte Marilla wissen, als sie gerade in die Uferstraße einbogen.

»Nicht regelmäßig. Im letzten Jahr bei Mrs Thomas - ja. Aber als ich zu den Hammonds zog, war die nächste Schule so weit entfernt, dass ich im Winter nicht hingehen konnte. Im Sommer waren Ferien, also konnte ich nur im Frühling und im Herbst zur Schule gehen. Aber im Waisenhaus habe ich den Unterricht besucht. Ich kann ziemlich gut lesen und kenne schon einige Gedichte auswendig - schöne romantische Gedichte vor allem, die mir die großen Mädchen beigebracht haben.«

»Waren diese Frauen - Mrs Thomas und Mrs Hammond - gut zu dir?«, fragte Marilla und beobachtete Anne aus dem Augenwinkel. Anne zögerte mit der Antwort. Ihr Gesicht wurde tiefrot, verlegen senkte sie den Blick. »Ich glaube, sie meinten es gut mit mir«, sagte sie schließlich. »Und wenn die Leute es gut mit einem meinen, dann macht es einem nicht so viel aus, wenn sie nicht immer gut sind, nicht wahr? Sie hatten genug eigene Sorgen. Mit einem Säufer verheiratet zu sein oder dreimal hintereinander Zwillinge zu kriegen - das ist nicht so einfach. Aber ich glaube fest, dass sie es gut mit mir meinten.«

Marilla fragte nicht weiter. Geistesabwesend lenkte sie die Stute an der Küste entlang und versank in tiefes Grübeln. Ihr wurde ganz weich ums Herz, als sie sich vorstellte, wie ausgehungert nach Liebe dieses kleine Wesen sein musste, dessen Dasein bisher nur aus harter Arbeit, Armut und Entbehrung bestanden hatte. Marilla war klug genug, um zwischen den Zeilen von Annes Bericht lesen zu können. Kein Wunder, dass die Aussicht auf ein wirkliches Zuhause so große Hoffnungen in dem Kind geweckt hatte. Eigentlich war es schade, sie wieder zurückschicken zu müssen. Und wenn sie Matthews unerklärlicher Laune nachgeben und die Kleine doch behalten würde? Offensichtlich hatte er sein Herz daran gehängt und Anne schien ein nettes, lernfähiges Kind zu sein.

Sie redet ein bisschen viel, dachte Marilla, aber das kann man ihr vielleicht noch abgewöhnen. Außerdem ist an dem, was sie sagt, nichts Gemeines oder Unerzogenes. Eigentlich spricht sie fast wie eine kleine Dame. Und sie scheint aus einer guten, anständigen Familie zu stammen.

Während Marilla mit ihren Gedanken beschäftigt war, bewunderte Anne mit großen Augen die schöne Landschaft. Auf der einen Seite der Straße fielen rote Sandsteinfelsen steil zum Ufer hinab. Am Fuß der Felsen lagen kleine sandige Buchten, an deren Rand sich ausgewaschene Steine häuften. Dahinter schimmerte blau die See. Die Flügel der Möwen glänzten silbrig in der Nachmittagssonne.

»Ist das Meer nicht wunderschön?«, brach Anne ihr andächtig staunendes Schweigen. »Als ich noch in Maryville gewohnt habe, hat Mr Thomas einmal mit uns allen einen Ausflug an die Küste gemacht. Ich habe jede Sekunde davon genossen, obwohl ich die ganze Zeit auf die Kinder aufpassen musste. Seitdem habe ich mir den Tag wohl tausendmal in Erinnerung gerufen. Hier ist die Küste aber noch viel schöner als in Maryville. - Würden Sie auch so gern eine Möwe sein wie ich? Ach, es muss wunderschön sein, den Tag mit einem Sturzflug von den roten Felsen zu beginnen, stundenlang über dem blauen Wasser zu schweben und nachts ins eigene Nest zurückzukehren! Was für ein großes Haus ist das da vorne, Miss Cuthbert?«

»Das ist das White Sands Hotel. Die Saison hat noch nicht begonnen, aber im Sommer kommen jede Menge Amerikaner hierher. Sie lieben die Küste.«

»Und ich hatte schon befürchtet, es wäre Mrs Spencers Haus«, sagte Anne traurig. »Von mir aus brauchten wir überhaupt nicht dort anzukommen. Unsere Ankunft wird für mich der Anfang vom Ende sein.«

06 - Marilla fasst einen Entschluss

Die Ankunft in White Sands ließ sich allerdings nicht vermeiden -schon nach kurzer Zeit erreichten Marilla und Anne das Ziel ihrer Reise. Mrs Spencer trafen sie vor ihrem großen gelben Haus in der Bucht von White Sands. Erstaunen und Freude über den unerwarteten Besuch standen auf ihrem gütigen Gesicht geschrieben.

»Na, so was!«, rief sie aus. »Euch hätte ich heute am allerwenigsten erwartet! Aber ich freue mich, euch zu sehen. Wollt ihr euer Pferd unterstellen? Wie geht es dir, Anne?«

»Den Umständen entsprechend gut, danke«, sagte Anne, ohne zu lächeln. Alle Lebensfreude schien aus ihrem Gesicht gewichen zu sein. »Es ist nämlich so, Mrs Spencer«, ergriff Marilla das Wort, »es muss zwischen uns ein Missverständnis gegeben haben und wir sind herübergekommen, um die Sache aufzuklären. Matthew und ich hatten Ihrem Bruder Robert gesagt, dass wir einen Jungen möchten.«

»Was sagen Sie da, Marilla?«, rief Mrs Spencer überrascht. »Robert hat seine Tochter Nancy vorbeigeschickt und sie hat ausdrücklich nach einem Mädchen für Sie verlangt — war es nicht so, Flora Jane?«, wandte sie sich an ihre Tochter, die nun ebenfalls vor die Tür getreten war.

»Ja, so war es«, bestätigte Flora Jane.

»Es tut mir außerordentlich Leid«, sagte Mrs Spencer, »aber es war sicherlich nicht mein Fehler, Marilla. Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Nancy ist manchmal so gedankenlos. Ich musste sie schon oft wegen ihrer Leichtfertigkeit tadeln.«

»Es war wohl unser Fehler«, erwiderte Marilla verdrossen. »Wir hätten selbst zu Ihnen kommen sollen, anstatt eine so wichtige Botschaft von anderen übermitteln zu lassen. Es war einfach ein Missverständnis und zum Glück lässt sich die Sache ja bestimmt wieder ins Lot bringen. Das Waisenhaus wird das Kind doch wieder aufnehmen?«

»Das müssen sie wohl«, sagte Mrs Spencer nachdenklich, »aber ich glaube nicht, dass es notwendig sein wird. Mrs Peter Blewett war nämlich gestern da und hat nach einem kleinen Mädchen gefragt, das ihr im Haushalt zur Hand gehen könnte. Sie hat eine riesengroße Familie und Sie wissen ja, wie schwer man es heutzutage hat eine Hilfe zu finden. Anne ist genau die Richtige für sie. Das kann man eine Fügung des Himmels nennen!«

Marilla sah nicht so aus, als würde sie in diesem Fall an eine Fügung des Himmels glauben. Da tat sich nun plötzlich eine bequeme Lösung auf, das unerwünschte Waisenkind wieder loszuwerden — und sie empfand nicht die geringste Dankbarkeit dafür...

Marilla kannte Mrs Blewett nur vom Sehen, hatte allerdings schon viel von ihr gehört: einen »schrecklichen Drachen« hatten entlassene Dienstmädchen und andere Leute im Dorf sie genannt und dabei Furcht erregende Geschichten von ihrem launischen Wesen, ihrer Knauserigkeit und ihrer frechen, streitsüchtigen Kinderschar erzählt. Bei dem Gedanken, Anne der Gnade oder Ungnade dieser Frau zu überlassen, regte sich Marillas Gewissen.

»Na, so etwas! Da kommt ja gerade Mrs Blewett den Weg herauf«, rief Mrs Spencer freudig. »Was sagt man dazu? Kommen Sie doch bitte alle herein, dann können wir das Ganze gleich besprechen. Hier, nehmen Sie den Sessel, Marilla. Geben Sie mir Ihren Hut. Und du, Anne, setz dich hier auf den Polsterstuhl — aber nicht schaukeln! Florajane, stell doch bitte den Teekessel auf! Guten Tag, Mrs Blewett. Wir haben gerade gesagt, was für eine glückliche Fügung es ist, dass Sie heute bei mir vorbeischauen. Darf ich vorstellen: Mrs Blewett, Miss Cuthbert. Bitte, entschuldigen Sie mich einen Moment, ich habe vergessen Flora Jane zu sagen, dass sie die süßen Brötchen aus dem Ofen holen soll.«

Die Hände artig im Schoß gefaltet, saß Anne stumm auf ihrem Stuhl und starrte unverwandt auf Mrs Blewetts hagere Gestalt. Sollte sie tatsächlich zu dieser Frau mit dem harten Gesicht und den verbitterten Augen kommen? Der Kloß in ihrem Hals wurde immer dicker und ihre Augen begannen zu brennen.

»Mit diesem kleinen Mädchen hat es ein Missverständnis gegeben, Mrs Blewett«, erklärte Mrs Spencer, als sie in den Salon zurückkehrte. »Ich hatte gedacht, dass Mr und Miss Cuthbert ein kleines Mädchen adoptieren wollen. So war es mir ausgerichtet worden. Aber offensichtlich wollten sie einen kleinen Jungen. Wenn Sie also immer noch der Ansicht sind wie gestern, wäre die Kleine, glaube ich, genau das Richtige für Sie.«

Mrs Blewett spießte Anne förmlich auf mit ihren Blicken und musterte sie vom Scheitel bis zur Sohle.

»Wie alt bist du? Und wie heißt du?«, wollte sie wissen.

»Anne Shirley«, stammelte das Mädchen und sank auf seinem Stuhl förmlich in sich zusammen. Vor lauter Angst traute es sich nicht einmal auf das e am Ende seines Namens hinzuweisen. »Ich bin elf Jahre alt.«

»Hm! Nicht gerade viel dran an dir, aber du siehst drahtig aus und die Drahtigen können die härteste Arbeit leisten. Wenn ich dich aufnehmen soll, erwarte ich jedoch äußersten Gehorsam und Fleiß. Du musst dir deinen Unterhalt schon verdienen - damit das gleich von vornherein klar ist!« Dann wandte sich Mrs Blewett Marilla zu. »Also gut, ich nehme sie Ihnen ab, Miss Cuthbert. Die Kinder quengeln den ganzen Tag und ich bin schon völlig mit den Nerven runter. Wenn Sie wollen, kann ich sie gleich mit nach Hause nehmen.«

Marilla sah zu Anne hinüber und dieser Anblick stummer Trauer ging ihr durch und durch. Sie sah ein hilfloses Geschöpf vor sich, das schon wieder in der Falle saß, der es gerade erst entronnen war. Marilla hatte das unbehagliche Gefühl, dass sie es sich nie verzeihen würde, wenn sie sich dieses Kindes nicht erbarmte - ja, sie spürte, dass dieses Bild sie noch auf dem Totenbettverfolgen würde. Außerdem gefiel ihr Mrs Blewett ganz und gar nicht. Ein so empfindsames, zartes Kind in die Hände dieser Frau zu geben . . . Nein, das konnte sie einfach nicht verantworten!

»Nun, ich weiß nicht so recht«, begann sie langsam. »Eigentlich sind Matthew und ich uns noch nicht ganz schlüssig, ob wir Anne wirklich wieder weggeben wollen. Matthew jedenfalls neigt eher dazu, sie zu behalten. Ich bin eigentlich nur herübergekommen, um das Missverständnis aufzuklären. Ich glaube, ich nehme sie heute am besten wieder mit nach Green Gables und bespreche die ganze Sache noch einmal mit Matthew. Ich möchte nichts entscheiden, ohne ihn vorher gefragt zu haben. Falls wir sie nicht behalten wollen, bringen wir sie Ihnen morgen Abend hinüber. Wenn Sie jedoch bis dahin nichts von uns hören, wissen Sie, dass wir sie behalten werden. Ist Ihnen das so recht, Mrs Blewett?«

»Bleibt mir ja nichts anderes übrig«, erwiderte Mrs Blewett. Während Marilla sprach, war auf Annes Gesicht die Sonne wieder aufgegangen. Der Ausdruck der Verzweiflung war gewichen, die blassen Wangen hatten wieder Farbe bekommen, ihre Augen glänzten wie zwei helle Sterne. Als Mrs Spencer und Mrs Blewett zusammen in die Küche hinausgingen, um Rezepte auszutauschen, sprang sie von ihrem Stuhl und lief stürmisch auf Marilla zu.

»Oh, Miss Cuthbert, haben Sie wirklich gesagt, dass ich vielleicht doch auf Green Gables bleiben darf?«, flüsterte sie, als ob laute Stimmen diesen Traum vertreiben könnten. »Haben Sie es wirklich gesagt? Oder bilde ich mir das nur ein?«

»Ich glaube du musst lernen, deine Phantasie besser im Zaum zu halten, Anne, wenn du nicht in der Lage bist, zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden«, erwiderte Marilla trocken. »Ja, du hast richtig gehört, genau das habe ich gesagt - nicht mehr und nicht weniger. Aber es ist noch nichts entschieden. Vielleicht werden wir dich doch noch zu Mrs Blewett schicken ... Sie braucht dich auf jeden Fall dringender als ich.«

»Lieber gehe ich zurück ins Waisenhaus!«, rief Anne leidenschaftlich aus. »Sie sieht aus wie . .. wie eine alte Hexe!«

Marilla unterdrückte das Lächeln, das sich unwillkürlich auf ihr Gesicht stahl. »Du solltest dich schämen, so über eine erwachsene Dame zu sprechen - und dazu noch eine Fremde!«, sagte sie ernst. »Geh zurück zu deinem Stuhl, sei still und benimm dich wie ein braves Mädchen.«

»Ich werde es versuchen und alles tun, was Sie von mir verlangen, wenn Sie mich nur behalten«, sagte Anne und kehrte reumütig zu ihrem Stuhl zurück.

Als sie an jenem Abend nach Green Gables zurückkamen, erwartete Matthew sie vor dem Tor. Marilla hatte ihn schon von weitem gesehen und den Grund seiner Ungeduld längst erraten. Seine sichtliche Erleichterung darüber, dass sie Anne wieder mit zurückgebracht hatte, konnte sie daher kaum überraschen. Doch erst als sie beide allein hinter der Scheune die Kühe melkten, erzählte sie ihm, was sie alles über Anne erfahren hatte und was bei ihrem Besuch bei Mrs Spencer herausgekommen war.

»Nicht einmal einen Hund würde ich dieser Blewett anvertrauen«, sagte Matthew mit ungewöhnlicher Heftigkeit.

»Mir gefällt sie auch nicht gerade besonders«, gab Marilla zu, »aber entweder sie nimmt Anne oder wir behalten die Kleine. Und da du sie offenbar gern bei uns aufnehmen würdest, bin ich, glaube ich, einverstanden. Ich habe inzwischen so viel über diese Möglichkeit nachgedacht, dass ich mich langsam daran gewöhnt habe. Allerdings habe ich noch nie ein Kind aufgezogen, schon gar nicht ein kleines Mädchen. Vielleicht werde ich alles falsch machen, aber ich werde mein Bestes versuchen. Von mir aus kann sie bleiben, Matthew.« Matthews Augen strahlten vor Freude. »Tja, Marilla ... ich wusste doch, dass du das schließlich auch so sehen würdest«, sagte er. »Sie ist so ein interessantes kleines Ding.«

»Nur eins musst du mir versprechen: Du mischt dich nicht in meine Erziehung ein. Ein altes Mädchen wie ich versteht vielleicht nicht viel davon, wie man Kinder erzieht, aber bestimmt weiß ich noch besser Bescheid als ein alter Junggeselle wie du.«

»Gut, gut, Marilla, ich werde mich ganz heraushalten«, versicherte Matthew. »Sei nur so gut und lieb zu ihr, wie du kannst, ohne sie dabei zu verwöhnen.«

Marilla stand auf und ging mit vollen Eimern zur Milchkammer hinüber. Ich werde Anne heute Abend noch nicht sagen, dass sie bleiben kann, dachte sie, als sie die Milch in die großen Kübel filterte. Sonst macht sie vor lauter Aufregung die Nacht über kein Auge zu.

Als sie Anne später ins Bett brachte, ermahnte sie das Mädchen: »Ich habe gesehen, dass du gestern Abend alle deine Kleider auf dem Fußboden verstreut hast, Anne. Solche Schludrigkeiten kann ich hier nicht dulden. Wenn du ein Kleidungsstück ausziehst, dann faltest du es bitte gleich zusammen und legst es auf den Stuhl. Für unordentliche Mädchen haben wir hier keinen Platz! Und jetzt sprich dein Gebet und leg dich schlafen.«

»Beten? Ich habe noch nie gebetet«, verkündete Anne.

Marilla schaute sie entsetzt an. »Wie bitte? Was soll das heißen, Anne? Hat man dich denn nie zum Beten angehalten? Weißt du auch nicht, wer Gott ist?«

»Doch: der barmherzige und allmächtige Schöpfer des Himmels und der Erden.«

Marilla war erleichtert. »Dem Himmel sei Dank, du bist also doch kein Heidenkind! Wo hast du das gelernt?«

»In der Sonntagsschule im Waisenhaus. Wir haben den ganzen Katechismus auswendig gelernt.«

»Und warum betest du dann nicht abends vorm Einschlafen, wie sich das für ein braves kleines Mädchen gehört?«

»Mrs Thomas hat mir gesagt, dass Gott mir mit Absicht rote Haare gegeben hat, seitdem interessiert er mich nicht mehr. Und außerdem war ich abends immer zu müde, um noch ans Beten zu denken. Von kleinen Mädchen, die auf einen Haufen Zwillinge aufpassen müssen, kann man nicht zu viel erwarten, oder?«

Marilla beschloss, auf der Stelle mit Annes religiöser Erziehung zu beginnen. Es war keine Zeit zu verlieren.

»Solange du unter meinem Dach lebst, musst du dein Gebet sprechen, Anne.«

»Ja, natürlich, wenn Sie das möchten«, stimmte Anne fröhlich zu. »Ich würde alles für Sie tun. Aber Sie müssen mir wenigstens heute Abend noch vorsprechen, was ich sagen soll. Nachher im Bett werde ich mir ein wunderschönes Gebet ausdenken, das ich dann immer sprechen kann. Ich glaube, die Sache kann sogar ganz interessant werden, wenn ich es mir recht überlege.«

»Du bist alt genug, um selbst zu beten, Anne«, sagte Marilla bestimmt. »Danke Gott für Seine Gaben und bitte Ihn in aller Bescheidenheit um die Erfüllung deiner Wünsche.«

»Gut, ich werde mein Bestes tun«, versprach Anne, kniete sich nieder und vergrub ihr Gesicht in Marillas Schoß.

»Allmächtiger, himmlischer Vater«, betete sie, »ich danke dir für die >Weiße-Blütentraum-Allee( und den >See der glitzernden Wasser« und >Bonny< und die >Schneekönigin<. Ich bin dir wirklich außerordentlich dankbar. Und das sind alle guten Gaben, die mir im Moment einfallen. Was meine Wünsche angeht, sind sie so zahlreich, dass es viel zu lange dauern würde, um sie alle aufzuzählen. Also will ich dich nur um das Wichtigste bitten: Lass mich auf Green Gables bleiben, und bitte, lass mich ein hübsches Mädchen werden. Mit vorzüglicher Hochachtung - Anne Shirley.«

Nach diesem Schlusssatz stand sie wieder auf. »War das gut so?«, fragte sie eifrig. »Wenn ich mehr Zeit zum Überlegen gehabt hätte, wäre es sicherlich noch viel feierlicher und schöner geworden.«

Die arme Marilla konnte sich nur mit der Gewissheit trösten, dass es nicht Respektlosigkeit war, sondern schlichte Unwissenheit, die Anne zu diesem außergewöhnlichen Bittgesuch veranlasst hatte. Während sie das Kind ins Bett brachte, gelobte sie feierlich, ihm am nächsten Tag ein Gebet beizubringen. Sie wollte gerade mit dem Licht hinausgehen, als Anne sie noch einmal zurückrief.

»Ich weiß jetzt: Ich hätte >Amen< sagen sollen anstatt >mit vorzüglicher Hochachtung«, nicht wahr? So macht es jedenfalls der Pfarrer immer, es ist mir bloß eben nicht eingefallen. Meinen Sie, das macht einen großen Unterschied?«

»Ich ... nein, das glaube ich nicht«, antwortete Marilla. »Sei jetzt ein braves Kind und schlaf ein. Gute Nacht.«

Marilla ging in die Küche hinunter, stellte energisch die Kerze auf den Tisch und sah Matthew fest in die Augen. »Matthew Cuthbert, es ist an der Zeit, dass sich jemand dieses Kindes annimmt!«, verkündete sie. »Und von nun an wird das meine Aufgabe sein.«

07 - Von Fenster- und Busenfreundinnen

Am nächsten Morgen erzählte Marilla Anne zunächst noch nicht, dass Matthew und sie sich entschlossen hatten, sie auf Green Gables zu behalten. Den ganzen Vormittag über hielt sie das Kind mit verschiedenen Aufgaben beschäftigt und beobachtete es aufmerksam. Schon bald kam Marilla zu dem Schluss, dass Anne gewandt und folgsam war und sowohl Arbeitswillen als auch eine schnelle Auffassungsgabe besaß. Nicht zu leugnen war freilich ihre Neigung, mitten in einer Arbeit in Träumereien zu versinken und darüber alles um sie herum zu vergessen — nur eine Ermahnung oder der Eintritt einer Katastrophe konnte sie dann in die Wirklichkeit zurückrufen.

Als Anne nach dem Mittagessen mit dem Geschirrspülen fertig war, ging sie mit großen Schritten auf Marilla zu. Auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck verzweifelter Entschlossenheit: Sie war offenbar bereit, sich dem Schlimmsten zu stellen. Ihr kleiner Körper zitterte und ihre Pupillen waren so groß, dass ihre Augen fast schwarz aussahen. Schließlich fasste sie nach Marillas Händen und sagte mit flehender Stimme: »Ach, bitte, Miss Cuthbert, wollen Sie mir nicht sagen, ob ich auf Green Gables bleiben darf oder nicht? Ich habe schon den Morgen versucht geduldig zu sein, aber ich kann die Ungewissheit nicht mehr länger ertragen. Bitte, sagen Sie es mir!«

»Du hast das Geschirrtuch noch nicht in heißem Wasser ausgespült, wie ich es dir gesagt habe«, antwortete Marilla unbewegt. »Das erledigst du zuerst, bevor du irgendwelche weiteren Fragen stellst.« Anne ging und tat, was ihr gesagt worden war. Dann kehrte sie zu Marilla zurück und sah sie wieder mit flehenden Augen an.

»Nun«, sagte Marilla, der keine Ausrede mehr einfiel, um ihre Erklärung noch weiter hinauszuzögern, »dann werde ich es dir jetzt sagen: Matthew und ich haben uns dazu entschlossen, dich hier zu behalten - wenn du versprichst, ein braves Mädchen zu sein und dich dankbar zu erweisen. - Aber Kind, was ist denn?«

»Ich muss weinen«, stammelte Anne, »ich weiß selbst nicht, wieso. Ich bin so froh, wie man es sich nur vorstellen kann. Ach was, froh ist gar nicht der richtige Ausdruck! Über die >Weiße-Blütentraum-Allee< und die >Schneekönigin< war ich froh - jetzt ist es aber noch viel mehr. Ich bin glücklich! Und ich werde versuchen, ganz, ganz brav zu sein, auch wenn mich das noch so viel Mühe kosten wird. Mrs Thomas hat nämlich immer gesagt, ich sei hoffnungslos verdorben.«

»Jetzt beruhige dich erst einmal. Du kannst hier bleiben und wir werden versuchen, gut zu dir zu sein. Vor allem musst du zur Schule gehen. In zwei Wochen gibt es allerdings sowieso Ferien, vor Anfang des neuen Schuljahrs im September hat es also wohl kaum Sinn.«

»Und wie soll ich Sie anreden?«, fragte Anne. »Soll ich immer Miss Cuthbert sagen? Oder kann ich Sie Tante Manila nennen?«

»Nein, du sagst >du< und Manila zu mir. Ich bin es nicht gewohnt, immerzu Miss Cuthbert genannt zu werden. Ich glaube, es würde mich fürchterlich nervös machen.«

»Aber es hört sich so respektlos an, einfach nur Marilla zu sagen«, wandte Anne ein.

»Wenn du nicht respektlos bist, wird es sich auch nicht so anhören. Alle in Avonlea nennen mich Marilla, abgesehen vom Pfarrer: Er nennt mich Miss Cuthbert - allerdings auch nur, wenn er daran denkt.«

»Ich habe nie eine Tante gehabt«, sagte Anne wehmütig, »überhaupt keine Verwandten, noch nicht einmal Großeltern. Ich hätte das Gefühl, richtig zu euch zu gehören. Ich würde so gern Tante zu dir sagen. Ja, darf ich?«

»Nein. Ich bin nicht deine Tante und ich halte nichts davon, wenn man die Dinge anders nennt, als sie sind.«

»Aber wir können uns doch vorstellen, dass du meine Tante bist.«

»Ich halte auch nichts davon, sich die Dinge anders vorzustellen, als sie sind«, widersprach Marilla. »Wenn Gott uns an einen bestimmten Platz gestellt hat, dann hat Er das nicht getan, damit wir versuchen, uns an einen anderen zu träumen. - Das erinnert mich an etwas. Geh doch bitte mal ins Wohnzimmer, Anne — aber streif vorher deine Schuhe ordentlich ab und pass auf, dass du keine Fliegen mit hineinlässt- und hol die bunte Karte, die auf dem Kaminsims liegt. Das Vaterunser steht darauf und ich möchte, dass du heute Nachmittag deine freie Zeit darauf verwendest, es auswendig zu lernen. Solche Gebete wie gestern Abend will ich in Zukunft nicht mehr hören.«

»Ich fürchte, ich war ziemlich unbeholfen«, sagte Anne entschuldigend, »aber ich hatte ja auch überhaupt keine Übung. Man kann von dem ersten Gebet, das ein Mensch sich ausdenkt, nicht zu viel erwarten, oder? Als ich im Bett lag, habe ich mir noch ein herrliches Gebet ausgedacht, genau wie ich es versprochen hatte. Es war fast so lang wie das, was der Pfarrer in der Kirche immer spricht - und schrecklich poetisch! Aber heute Morgen konnte ich mich an kein einziges Wort mehr erinnern. So ein schönes Gebet kann ich mir wahrscheinlich nie wieder ausdenken. Irgendwie verlieren solche Sachen, wenn man sie zum zweiten Mal versucht. Hast du das auch schon mal bemerkt?«

»Eins kannst du dir gleich hinter die Ohren schreiben, Anne: Wenn ich dir sage, was du tun sollst, dann erwarte ich, dass du mir gehorchst und nicht noch stundenlang hier herumstehst und lange Reden schwingst. Geh also und tu, was ich dir gesagt habe.«

Auf diese Worte hin ging Anne unverzüglich in das Wohnzimmer, kam aber nicht wieder. Nachdem sie zehn Minuten gewartet hatte, legte Marilla ihr Strickzeug beiseite und folgte der Kleinen mit grimmiger Miene. Sie fand Anne reglos vor einem Bild, das zwischen den beiden Fenstern an der Wand hing. Mit erhobenem Kopf und hinter dem Rücken verschränkten Händen stand sie da, in andächtigem Träumen versunken.

»Anne, was tust du da?«, fragte Marilla mit scharfer Stimme.

Anne fuhr heftig zusammen und kehrte in die Wirklichkeit zurück. »Da!«, sagte sie dann und zeigte auf das farbige Bild mit dem Titel »Jesus segnet die Kinder«. »Ich habe mir gerade vorgestellt, ich wäre eines von ihnen - dort, das kleine Mädchen in dem blauen Kleid, das ganz allein in der Ecke steht und zu niemandem zu gehören scheint, genau wie ich. Es sieht so einsam und traurig aus, findest du nicht? Wahrscheinlich hat es auch keine Mutter und keinen Vater mehr. Aber es möchte auch gesegnet werden, also schleicht es sich vorsichtig an die Menge heran und hofft, dass niemand es sieht - außer Jesus. Ach, ich weiß so gut, wie ihm zu Mute ist. Sein Herz schlägt ihm bis zum Hals und seine Hände werden ganz kalt - genau wie meine, als ich dich gefragt habe, ob ich auf Green Gables bleiben darf. Zuerst hat es Angst, dass Jesus es vielleicht gar nicht sieht. Aber bestimmt hat er es gesehen, meinst du nicht auch? Ich habe versucht, es mir alles genau vorzustellen - wie das Mädchen sich immer näher an ihn heranschiebt, bis es ganz nah bei ihm steht, und wie er es dann anschaut und ihm seine Hand auf die Schulter legt. Ich wünschte bloß, der Maler hätte Jesus nicht ein so trauriges Gesicht gegeben. Auf allen Bildern sieht er so aus, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Jesus wirklich so traurig aussah: Die Kinder hätten ja Angst vor ihm bekommen.«

»Anne«, sagte Marilla und wunderte sich, warum sie diesen Redeschwall nicht schon früher unterbrochen hatte, »über solche Dinge spricht man nicht in einem so vertraulichen Tonfall. Und noch etwas, Anne: Wenn ich dich nach etwas schicke, dann möchte ich auch, dass du es mir sofort bringst, ohne in irgendwelche Träume oder Phantastereien zu verfallen. Merk dir das! Nimm die Karte und komm zurück in die Küche. Setzt dich in die Ecke und lerne das Gebet auswendig.« Zurück in der Küche, stellte Anne die Karte gegen eine Vase mit blühenden Apfelzweigen, die sie mit hereingebracht hatte, um den Esstisch zu schmücken. Sie stützte ihr Kinn auf beide Hände und studierte mehrere Minuten lang schweigend den Text.

»Es gefällt mir sehr. >Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name . . .< Das klingt ja wie die schönste Musik. Ach, ich bin so froh, dass Sie ... ich meine, dass du mich das lernen lässt, Marilla.«

Anne zog die Vase mit den Apfelblüten so nahe heran, dass sie auf eine der rosa Knospen einen zarten Kuss drücken konnte, und vertiefte sich dann wieder für kurze Zeit in ihr Studium.

»Marilla«, wollte sie plötzlich wissen, »glaubst du, dass ich in Avonlea jemals eine Busenfreundin finden werde?«

»Eine was?«

»Eine Busenfreundin - eine wirklich verwandte Seele, der ich mein Herz anvertrauen kann. Davon träume ich schon mein ganzes Leben lang. Ich habe zwar nie geglaubt, dass ich wirklich einmal eine Busenfreundin finden könnte, aber in den letzten Tagen sind so viele meiner Träume wahr geworden, dass sich dieser vielleicht auch noch erfüllen könnte. Hältst du das für möglich?«

»Diana Barry drüben auf Orchard Slope ist ungefähr in deinem Alter. Sie ist ein sehr nettes kleines Mädchen. Vielleicht kannst du mit ihr spielen, wenn sie wieder nach Hause kommt. Zur Zeit ist sie noch zu Besuch bei ihrer Tante in Carmody. Aber du musst gut aufpassen: Mrs Barry ist eine strenge Frau, mit ihr ist nicht zu spaßen. Sie lässt ihre kleine Diana nur mit Kindern spielen, die besonders brav und artig sind.«

Annes Wangen glühte. »Wie sieht Diana aus?«

»Sie ist ein hübsches kleines Mädchen. Sie hat schwarze Augen und Haare und rosige Wangen. Und sie ist brav und fleißig, was sehr viel wichtiger ist.«

»Ach, ich bin so froh, dass sie hübsch ist! Wenn man selbst hässlich ist, dann tut es doppelt gut, eine hübsche Busenfreundin zu haben. Die einzige Freundin, die ich je hatte, war Katie, meine >Fensterfreundin<. In Mrs Thomas’ Wohnzimmer stand ein Bücherschrank mit Glastüren, musst du wissen. Bücher hatte Mrs Thomas zwar keine, aber sie bewahrte ihr gutes Porzellan und ihr Eingemachtes in dem Schrank auf. Ihr Mann hatte die eine Tür zerschlagen, als er einmal nachts betrunken nach Hause gekommen war, aber die andere Tür war noch heil. Da hab ich oft davor gestanden und mir vorgestellt, mein Spiegelbild wäre ein anderes Mädchen, das in diesem Schrank lebte. Ich nannte sie Katie Maurice und wir waren richtige Freundinnen. Manchmal sprach ich stundenlang mir ihr, besonders an den Sonntagen, wenn es nichts zu tun gab. Ihr konnte ich alles sagen: Katie war mein Trost und Beistand. Ich habe mir oft gewünscht, den Zauberspruch zu kennen, um die Tür zu dem verwunschenen Schrank öffnen zu können und statt zwischen Mrs Thomas’ Einmachgläsern plötzlich mitten in Katies Zimmer zu stehen. Katie Maurice hätte mich dann bei der Hand genommen und mich in ein wunderbares Land geführt, wo die Feen tanzen und das ganze Jahr über die Sonne scheint und die Blumen blühen ...«

»Nun«, fiel Marilla ein, »es wird dir gut tun, wenn du eine richtige Freundin bekommst, dann kannst du dir diesen ganzen Blödsinn aus dem Kopf schlagen. Lass nur Mrs Barry nichts von deinen Fenster- und Busenfreundinnen hören, sonst wird sie dich als Schwindlerin abstempeln.«

»Ich passe schon auf, schließlich würde ich sowieso nicht jedem davon erzählen. - Oh, sieh doch nur! Gerade ist eine Biene aus der Apfelblüte gekrochen. Wie schön das sein muss, in einer duftenden Blüte zu leben! Vom Wind sanft in den Schlaf gewiegt zu werden! Wenn ich kein kleines Mädchen wäre, würde ich am liebsten eine Biene sein.«

»Gestern wolltest du noch eine Möwe sein«, versetzte Marilla trocken. »Mir scheint, du bist ein ziemlich wankelmütiges kleines Mädchen. Außerdem sollst du ein Gebet lernen und nicht pausenlos plappern. Offensichtlich kannst du einfach nicht still sein, solange jemand in deiner Nähe ist. Am besten gehst du nach oben in dein Zimmer und lernst es da.«

»Kann ich den Apfelzweig mit hinaufnehmen, damit ich Gesellschaft habe?«, bat Anne.

»Nein. Ich bin sowieso nicht dafür, das Haus mit Blumen vollzustopfen. Du hättest den Zweig gar nicht erst pflücken sollen.«

»Das habe ich auch zuerst gedacht«, stimmte Anne zu. »Ich konnte richtig spüren, wie ich das Leben der Blüten verkürzte, indem ich den Zweig abbrach. Wenn ich eine Apfelblüte wäre, würde ich ja schließlich auch nicht abgepflückt werden wollen. Aber die Versuchung war unwiderstehlich. Was soll man da machen?«

»Anne, hast du nicht gehört? Du sollst in dein Zimmer gehen!« Seufzend stieg Anne die Stufen zum Ostgiebel hinauf und setzte sich auf den Stuhl am Fenster.

Das Gebet kann ich ja schon längst, die letzten Zeilen habe ich mir noch schnell auf der Treppe gemerkt, dachte sie. Jetzt werde ich mir ein paar schöne Sachen für mein Zimmer vorstellen: einen weißen Samtteppich mit rosa Blüten für den Fußboden, rosa Seidengardinen für die Fenster, goldene und silberne Brokattapeten für die Wände, Mahagonimöbel und ein Sofa mit vielen farbigen Seidenkissen ... In dem riesengroßen Spiegel an der Wand kann ich mein Spiegelbild sehen. Ich bin eine große, hoheitsvolle Erscheinung in einem fließenden Gewand aus weißer Seide. Mein Haar schimmert tiefschwarz und meine Haut ist so hell und rein wie Elfenbein. Mein Name ist Lady Cordelia Fitzgerald . .. Nein, irgendwie klappt es heute nicht. »Anne von Green Gables«, sagte sie laut, »du kommst mir immer dazwischen, wenn ich versuche mir vorzustellen, ich wäre Lady Cordelia.« Sie beugte sich vor, küsste liebevoll ihr eigenes Spiegelbild und ging zum offenen Fenster zurück. Das Kinn in beide Hände gestützt, träumte sie in den Himmel hinein.

08 - Mrs Rachel Lynde ist entsetzt

Mehr als zwei Wochen vergingen, bevor Mrs Lynde endlich nach Green Gables kam, um Anne in Augenschein zu nehmen. Die ehrenwerte alte Dame trug an dieser Verzögerung allerdings keine Schuld: Eine plötzliche schwere Grippe hatte sie seit ihrem letzten Besuch bei Marilla ans Bett gefesselt. Mrs Rachel war nicht oft krank und zeigte eine gewisse Verachtung für kränkliche Menschen. Doch eine Grippe, so behauptete sie, war mit keiner anderen Krankheit auf der Welt zu vergleichen und konnte nur als Schicksalsschlag gedeutet werden. Sie konnte es kaum erwarten, wieder gesund zu werden. Sobald der Doktor ihr erlaubte, einen Fuß vor die Tür zu setzen, eilte sie - von ungestillter Neugierde gepeinigt - nach Green Gables hinüber, um sich Marillas und Matthews Waisenkind anzuschauen, über das in Avonlea schon die seltsamsten Gerüchte kursierten. Anne hatte in jenen zwei Wochen jede wache Minute genutzt, um sich mit allen Bäumen und Büschen in der Umgebung bekannt zu machen, die Tannenwälder jenseits des Obstgartens zu erkunden und immer wieder neue Lichtungen mit wilden Kirschen, hohem Farnkraut und einzelnen Ahornbäumen und Ebereschen zu entdecken. Auch mit dem Brunnen unten in der Senke - einer eiskalten, in roten Sandstein gefassten Quelle - hatte sie schon Freundschaft geschlossen. Von riesigen Farnwedeln beschattet, sah der Brunnen aus wie eine palmumstandene Oase in der Wüste, fand Anne. Nicht weit entfernt führte eine alte Holzbrücke über den Bach, auf dessen anderer Seite sich eine Wiese mit blauen Glockenblumen und hellen Gelbsternen erstreckte. Zarte Spinnweben schimmerten wie Silberfäden zwischen den Bäumen.

Von den Entdeckungsreisen, die sie täglich in ihrer freien Zeit unternahm, kehrte Anne stets mit leuchtenden Augen zurück und lag dann Manila und Matthew mit ausführlichen Erzählungen über ihre Erlebnisse in den Ohren. Nicht, dass Matthew sich etwa beschwert hätte! Mit einem freudigen, stummen Lächeln hörte er ihr geduldig zu. Manila wiederum ließ Anne so lange reden, bis ihr Geplauder sie zu interessieren begann; wenn sie das merkte, brachte sie Anne mit einem kurzen Tadel zum Schweigen.

Anne spielte gerade draußen im Garten, als Mrs Rachel langsam herüberkam. Die ehrbare alte Dame hatte also Gelegenheit, die Geschichte ihrer Krankheit in allen Einzelheiten vor Marilla auszubreiten, und sie nutzte diese Gelegenheit mit solch genüsslicher Hingabe, dass Marilla sich des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass eine Grippe für gewisse Leute auch ihre guten Seiten hatte.

Als sie dieses Thema erschöpfend behandelt hatte, kam Mrs Rachel endlich auf den eigentlichen Grund ihres Besuchs zu sprechen.

»Ich habe einige erstaunliche Dinge über dich und Matthew gehört.«

»Niemand war erstaunter als ich selbst«, erwiderte Marilla, »aber ich gewöhne mich langsam daran.«

»Es war aber auch ein ärgerliches Missverständnis«, sagte Mrs Rachel teilnehmend. »Konntet ihr sie nicht wieder zurückschicken?«

»Wir hätten es tun können, aber wir haben uns anders entschieden. Matthew hatte die Kleine ins Herz geschlossen, und ich muss sagen, ich habe sie mittlerweile auch lieb gewonnen - obgleich ich zugeben muss, dass sie ihre Fehler hat. Unser Leben hat sich seit ihrer Ankunft irgendwie verändert. Sie ist ein richtiger Sonnenschein.«

Marilla hatte bereits mehr gesagt, als sie eigentlich preisgeben wollte. Mrs Rachel sah sie ernst an; abgrundtiefe Missbilligung stand auf ihrem Gesicht geschrieben.

»Das ist eine große Verantwortung, die ihr da übernommen habt«, sagte sie finster, »zumal ihr beide überhaupt keine Erfahrung mit Kindern habt. Außerdem wisst ihr bestimmt nicht viel über diese Anne und ihre Herkunft. Man kann nie Voraussagen, wie sich so ein Kind entwickeln wird. Aber ich will dich ja nicht entmutigen, Marilla.«

»Ich fühle mich nicht entmutigt«, antwortete Marilla trocken. »Wenn ich mich einmal zu etwas entschlossen habe, dann bleibt es auch dabei. Ich nehme an, du willst Anne kennen lernen. Ich werde sie hereinrufen.« Bald darauf kam Anne ins Haus gelaufen. Ihr Gesicht glühte noch vor Freude über ihre neuesten Entdeckungen draußen im Garten. Doch als sie die unerwartete Besucherin in der Küche sah, blieb sie überrascht an der Tür stehen. In ihrem kurzen Flanellkleid aus dem Waisenhaus, unter dem ihre Beine lang und staksig herausschauten, bot sie einen recht seltsamen Anblick. Ihre zahlreichen Sommersprossen wirkten noch auffälliger als zuvor und ihr vom Wind zerzaustes Haar sah röter aus als je zuvor.

»Na, deiner Schönheit wegen haben sie dich bestimmt nicht ausgewählt, das ist schon mal sicher«, war Mrs Rachels erster Kommentar. Wie immer nahm sie kein Blatt vor den Mund. »Das Mädchen ist ja spindeldürr, Marilla. Komm mal her, Kind, und lass dich anschauen. Du lieber Himmel, hat man jemals so viele Sommersprossen auf einem Fleck gesehen? Und ihre Haare sind so rot wie Karotten! Komm her, hab ich gesagt!«

Anne kam zwar her - aber nicht so, wie Mrs Rachel es wohl erwartete hatte. Mit einem Satz sprang sie quer durch die Küche und baute sich mit hochrotem Gesicht vor Mrs Rachel auf.

»Ich hasse Sie!«, schrie Anne mit erstickter Stimme und stampfte mit dem Fuß auf den Küchenfußboden.

»Wie können Sie sagen, ich hätte Sommersprossen und Haare wie Karotten? Was sind Sie nur für ein gemeiner, gefühlloser Mensch!«

»Anne!«, rief Marilla bestürzt aus.

Doch Anne war unerschütterlich in ihrem Zorn. Mit erhobenem Kopf und verschränkten Armen stand sie da. Ihre Augen funkelten vor Empörung.

»Wie können Sie es wagen, so etwas über mich zu sagen?«, wiederholte sie leidenschaftlich. »Was würden Sie denken, wenn jemand solche hässlichen Dinge über Sie sagen würde? Wenn jemand Sie eine alte Vettel nennen würde, die keinen Funken Phantasie hat? Es ist mir egal, ob ich Sie damit kränke. Ich hoffe, ich habe Sie gekränkt, denn Sie haben mich schlimmer getroffen als irgendjemand zuvor in meinem Leben - Mr Thomas, der Säufer, eingeschlossen. Und ich werde Ihnen niemals verzeihen. Niemals!«

»Anne, geh in dein Zimmer und rühr dich nicht von der Stelle, bis ich zu dir komme«, befahl Marilla, als sie die Sprache wieder gefunden hatte.

Anne brach in Tränen aus, schlug mit einem lauten Knall die Küchentür zu und floh wie ein Wirbelwind die Treppe zum Ostgiebel empor. Ein weiterer Knall zeigte an, dass sie die Tür zu ihrem Zimmer mit gleicher Gewalt zugeschlagen hatte.

»Nun, ich beneide dich nicht um die Aufgabe, diesen »kleinen Sonnenschein« aufzuziehen«, sagte Mrs Rachel kühl.

Marilla wollte zu einer ausführlichen Entschuldigung ansetzen. Von dem, was sie dann schließlich wirklich sagte, war sie selbst am allermeisten überrascht.

»Du hättest sie nicht mit ihrem Aussehen aufziehen dürfen, Rachel.«

»Marilla Cuthbert, du willst doch wohl nicht etwa diesen unglaublichen Auftritt von eben auch noch verteidigen?«, entrüstete sich Mrs Rachel.

»Nein«, antwortete Marilla bedächtig, »ich will Anne nicht in Schutz nehmen. Sie war sehr ungezogen und ich werde ernsthaft mit ihr reden müssen. Aber wir müssen ihr mildernde Umstände zugestehen. Bisher hat ihr niemand beigebracht, was sich gehört und was nicht. Und du hast sie herausgefordert, Rachel.«

Sichtlich gekränkt stand Mrs Rachel auf. »Nun, ich sehe schon, ich werde ab heute meine Worte auf die Goldwaage legen müssen, da die Gefühle irgendwelcher dahergelaufener Waisenkinder bei dir jetzt offensichtlich höher im Kurs stehen als Sitte und Anstand. Oh, nein, ich bin nicht böse - mach dir nur keine Sorgen. Du tust mir viel zu Leid, als dass ich irgendeinen Zorn gegen dich hegen könnte. Du wirst noch genug Sorgen mit dem Kind haben. Aber wenn du mich um Rat fragst - was du wahrscheinlich nicht tun wirst, obgleich ich zehn Kinder aufgezogen und zwei begraben habe —, würde ich mir für das >Mit-ihr-Reden< eine kräftige Birkenrute besorgen. Das ist die einzige Sprache, die diese Kinder verstehen - jawohl! Wahrscheinlich entspricht ihr Wesen ihrer Haarfarbe ... Also dann, auf Wiedersehen, Marilla. Ich hoffe, du kommst mich in Zukunft genauso oft besuchen wie früher. Aber du kannst nicht von mir erwarten, dass ich noch mal den Fuß über die Schwelle eines Hauses setze, in dem man mich derart beschimpft und beleidigt hat. So etwas habe ich ja noch nie erlebt. Ich bin entsetzt!«

Damit rauschte sie durch die Tür ins Freie und Marilla stieg mit finsterer Miene in den Ostgiebel hinauf.

Auf dem Weg nach oben dachte sie angestrengt darüber nach, was sie tun sollte. Was sich da eben abgespielt hatte, war ihr äußerst unangenehm. Ausgerechnet mit Rachel Lynde musste Anne Zusammenstößen! Wie sollte sie Anne bloß bestrafen? Der liebenswürdige Vorschlag, eine Birkenrute zu benutzen - eine Erziehungsmethode, von deren Wirksamkeit Mrs Rachels zahlreiche Kinder ein Liedchen singen konnten war für Marilla nicht geeignet. Sie konnte sich nicht vorstellen, ein Kind zu schlagen. Nein, sie musste eine andere Strafe finden, die Anne das ungeheure Ausmaß ihres Vergehens eindringlich ins Bewusstsein rufen würde.

Als Marilla das Zimmer betrat, lag Anne mit dem Gesicht nach unten auf ihrem Bett und weinte bitterlich. Um ihre dreckigen Stiefel auf der Tagesdecke schien sie sich nicht zu scheren.

»Anne!« Marillas Stimme klang nicht unfreundlich.

Keine Antwort.

»Anne!«, wiederholte Marilla mit etwas mehr Nachdruck. »Komm sofort vom Bett herunter und hör zu, was ich dir zu sagen habe.« Unwillig stand Anne auf und setzte sich auf den Stuhl neben ihrem Tisch. Ihr tränenüberströmtes Gesicht war rot geschwollen, sie schaute trotzig vor sich auf den Boden.

»Das war ja ein schönes Benehmen, das du da gezeigt hast, Anne! Schämst du dich denn gar nicht?«

»Sie hatte kein Recht, mich spindeldürr zu nennen und sich über meine Sommersprossen und meine roten Haare lustig zu machen«, entgegnete Anne starrköpfig.

»Und du hattest kein Recht, dich in eine derartige Wut hineinzusteigern und Mrs Lynde zu beschimpfen, Anne. Ich habe mich für dich geschämt - richtig geschämt! Ich wollte, dass du dich gut gegenüber Mrs Lynde benimmst und stattdessen hast du mir nur Schande gemacht. Außerdem verstehe ich nicht, wie du eine solche Wut kriegen kannst, wenn Mrs Lynde sagt, du hättest rote Haare und wärst hässlich - du sagst das doch selbst oft genug.«

»Ja, aber es ist ein riesengroßer Unterschied, ob man so etwas selber sagt oder es von anderen hören muss«, schluchzte Anne. »Man weiß, dass es so ist, aber man hofft trotzdem immer, dass andere Leute es nicht so finden. Und als sie alle diese Dinge zu mir gesagt hat, da hat mich ein solcher Zorn gepackt, dass ich mich nicht mehr beherrschen konnte. Ich musste einfach auf sie losgehen.«

»Nun, du hast uns eine schöne Vorstellung gegeben, das muss ich sagen. Mrs Lynde wird ihr Vergnügen daran haben, es überall herumzuerzählen - und dass sie es herumerzählt, darauf kannst du Gift nehmen! Es ist schlimm, dass du so die Beherrschung verloren hast, Anne.«

Eine alte Erinnerung stieg in Marilla auf: Als kleines Kind hatte sie einmal gehört, wie eine ihrer Tanten mit ihrer Mutter über sie sprach und sagte: »Ein Jammer, dass sie so mickrig und unscheinbar ist.« Selbst in ihrem fortgeschrittenen Alter hatte Marilla den Stich, den ihr diese Worte versetzt hatten, noch nicht ganz überwunden.

»Ich sage ja nicht, dass Mrs Lynde unbedingt Recht damit hatte, diese Dinge zu sagen, Anne«, gab sie mit etwas weicherer Stimme zu. »Rachel nimmt aber nun mal kein Blatt vor den Mund. Und das ist keine Entschuldigung für dein Benehmen. Sie ist eine Erwachsene, ein Gast und überdies unsere Nachbarin - drei sehr gute Gründe dafür, ihr höchsten Respekt zu zollen. Stattdessen warst du grob und frech zu ihr, und« - Marilla hatte plötzlich die rettende Idee für eine passende Strafe — »du wirst zu ihr gehen und sie für dein schlechtes Benehmen um Verzeihung bitten.«

»Niemals!«, erwiderte Anne bestimmt. »Du kannst mich bestrafen, wie du willst, Marilla. Steck mich in ein dunkles, feuchtes Verlies, wo es von Schlangen und Kröten nur so wimmelt, lass mich bei Wasser und Brot schmachten - ich werde mich nicht beklagen. Aber Mrs Lynde um Verzeihung bitten, das bringe ich nicht über mich!«

»Es ist bei uns nicht Sitte, Menschen in dunkle, feuchte Verliese zu sperren«, sagte Marilla trocken, »und Schlagen und Kröten sind in Avonlea auch recht selten. An der Entschuldigung bei Mrs Lynde führt für dich kein Weg vorbei. Du bleibst solange hier in deinem Zimmer, bis du mir sagst, dass du dazu bereit bist.«

»Dann muss ich bis in alle Ewigkeit hier bleiben«, sagte Anne traurig. »Ich kann Mrs Lynde nicht sagen, dass es mir Leid tut, was ich gesagt habe. Wie könnte ich das? Es tut mir nicht Leid. Ich will dir keinen Kummer machen, Marilla, aber ich kann mir noch nicht einmal vorstellen, dass es mir Leid tut.«

»Vielleicht arbeitet deine Vorstellungskraft morgen früh wieder besser«, sagte Marilla und stand auf. »Du hast die ganze Nacht Zeit, um über dein Verhalten nachzudenken und deine Meinung zu ändern. Du hast versprochen, ein artiges, braves Mädchen zu sein, wenn wir dich auf Green Gables behalten. Ich muss sagen: Heute Abend hat es ganz und gar nicht danach ausgesehen.«

Mit diesen Worten verließ Marilla das Zimmer und ging besorgt in die Küche hinunter. Dabei war sie über sich selbst mindestens ebenso empört wie über Anne, denn jedes Mal, wenn sie sich an Mrs Rachels sprachloses Entsetzen erinnerte, stahl sich unwillkürlich ein amüsiertes Lächeln auf ihre Lippen und sie spürte das starke Verlangen, in lautes Gelächter auszubrechen.

09 - Eine gründliche Entschuldigung

An jenem Abend erzählte Manila ihrem Bruder nichts von den dramatischen Ereignissen, doch als sich Anne am nächsten Morgen immer noch nicht einsichtig zeigte, musste sie ihm eine Erklärung für Annes Abwesenheit am Frühstückstisch geben. Also erzählte sie Matthew die ganze Geschichte, aber obwohl sie sich große Mühe gab, gelang es ihr nicht, ihm die Ungeheuerlichkeit von Annes Benehmen klarzumachen.

»Es ist gar nicht schlecht, dass Rachel Lynde mal einen Dämpfer bekommen hat. Sie ist eine unverbesserliche alte Klatschbase«, meinte er nur dazu.

»Matthew Cuthbert, ich kann nur staunen! Du weißt ganz genau, dass Anne sich gründlich danebenbenommen hat, und trotzdem nimmst du sie noch in Schutz! Als Nächstes wirst du wohl sagen, dass sie gar keine Strafe verdient hat.«

»Hm, nein ... nein, das nicht«, sagte Matthew beklommen. »Ich denke, ein bisschen bestraft werden müsste sie schon. Aber sei nicht zu streng mit ihr, Marilla. Denk daran: Bisher hat ihr niemand gesagt, was richtig und falsch ist. Du ... du wirst ihr doch etwas zu essen geben?«

»Meinst du, ich lasse sie verhungern?«, versetzte Marilla entrüstet. »Sie bekommt regelmäßig ihre Mahlzeiten. Ich bringe sie ihr selbst in ihr Zimmer. Aber sie bleibt solange dort oben, bis sie bereit ist, sich bei Mrs Lynde zu entschuldigen. Und dabei bleibt es, Matthew.« Frühstück, Mittag- und Abendessen gingen vorüber, doch Anne wollte immer noch nicht einlenken. Nach jeder Mahlzeit trug Marilla ein reichlich ausgestattetes Tablett in den Ostgiebel hinauf und brachte es später genauso voll wieder herunter. Matthew verfolgte dieses Geschehen mit besorgten Blicken. Hatte Anne überhaupt etwas gegessen?

Als Marilla am Abend hinausging, um die Kühe von der Weide zu holen, schlüpfte Matthew - der heimlich hinter der Scheune gewartet hatte - wie ein Dieb in sein eigenes Haus und schlich die Treppe zum Ostgiebel hinauf. Auf Zehenspitzen tastete er sich den Flur entlang und hielt einige Minuten lang vor Annes Zimmertür inne, bis er genug Mut gefasst hatte, die Klinke herunterzudrücken.

Anne saß auf einem Stuhl am Fenster und ließ ihre traurigen Blicke über den Garten streifen. Sie sah sehr klein und unglücklich aus. Matthews Herz fing bei diesem Anblick heftig an zu schlagen. Vorsichtig schloss er die Tür hinter sich und kam auf Zehenspitzen zu ihr hinüber. »Anne«, flüsterte er, als hätte er Angst, dass jemand ihn hören könnte, »wie geht es dir, Anne?«

Anne lächelte schwach. »Ganz gut. Ich träume viel und das hilft, die Zeit zu vertreiben. Natürlich ist es ziemlich einsam. Aber ich werde mich schon daran gewöhnen.«

Anne lächelte wieder - tapfer sah sie den langen Jahren ihrer Gefangenschaft entgegen.

Matthew schwieg betroffen. Doch dann erinnerte er sich wieder daran, dass er ihr sagen musste, weshalb er gekommen war - und zwar so schnell wie möglich, bevor Marilla von der Weide zurückkehrte. »Hm, Anne .. . meinst du nicht, dass du es besser schnell hinter dich bringen solltest?«, flüsterte er. »Früher oder später musst du es sowieso tun, weißt du. Marilla ist nämlich ein schrecklicher Dickkopf. Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat. . . Tu es lieber gleich, Anne, dann hast du es hinter dir.«

»Mich bei Mrs Lynde entschuldigen, meinst du?«

»Ja, entschuldigen, das ist das richtige Wort«, sagte Matthew eifrig. »Die Sache gerade biegen. Das ist es, was ich sagen will.«

»Wenn ich dir damit einen Gefallen tun könnte . . .«, erwiderte Anne nachdenklich. »Für dich würde ich alles tun ... wenn du es wirklich willst...«

»Natürlich will ich das. Unten ist es fürchterlich einsam ohne dich. Geh einfach hin und bring die Sache ins Reine. Dann ist alles wieder gut, Anne.«

»Also schön«, sagte Anne ergeben. »Wenn Marilla kommt, werde ich ihr sagen, dass ich bereit bin.«

»Das freut mich sehr, Anne - wirklich! Aber sag Marilla nichts davon, dass wir miteinander geredet haben. Ich musste ihr versprechen, mich nicht in deine Erziehung einzumischen.«

»Keine zehn Pferde würden mir das Geheimnis entreißen«, versprach Anne feierlich. »Wie sollten Pferde überhaupt einem Menschen Geheimnisse entreißen, Matthew?«

Doch Matthew war schon gegangen. Er flüchtete in die hinterste Ecke der Pferdeweide, um auf keinen Fall bei Marilla Verdacht zu erregen, die wenige Augenblicke später ins Haus zurückkam.

»Marilla«, ließ sich eine klägliche Stimme auf dem Treppengeländer vernehmen.

»Ja?«

»Es tut mir Leid, dass ich so unbeherrscht war und rüde Dinge gesagt habe. Ich bin bereit, mich bei Mrs Lynde zu entschuldigen.«

»Also gut.« Marilla ließ sich nicht anmerken, welch riesiger Stein ihr vom Herzen fiel. Sie hatte sich schon den Kopf darüber zerbrochen, was um alles in der Welt sie tun sollte, falls Anne nicht nachgeben würde. »Gleich nach dem Melken gehen wir zu ihr hinüber.«

Und so machten sie sich ein wenig später auf den Weg: Marilla aufrecht und siegesbewusst, Anne in sich gesunken und niedergeschlagen. Doch je länger sie gingen, desto mehr hellte sich Annes Miene auf.

»Woran denkst du, Anne?«, fragte Marilla ungehalten.

»Ich denke mir gerade aus, was ich Mrs Lynde sage«, antwortete Anne lächelnd.

Das war eine befriedigende Antwort - oder hätte es zumindest sein sollen. Doch Marilla konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass etwas an ihrer Bestrafungsmethode schief gelaufen war.

Als sie Mrs Lyndes Küche betraten, war das Lächeln von Annes Gesichtverschwunden. Mit bußfertiger Miene sank sie vor der alten Dame in die Knie.

»Oh, Mrs Lynde, es tut mir so unendlich Leid«, begann sie mit zitternder Stimme. »Auch wenn ich ein ganzes Wörterbuch benutzen würde, könnte ich meinen Kummer nicht in Worte fassen. Sie müssen mir verzeihen. Ich habe mich Ihnen gegenüber fürchterlich benommen, und ich habe meinen lieben Freunden, Matthew und Marilla, die mich auf Green Gables behalten haben, obwohl ich kein Junge bin, große Schande gemacht. Ich bin ein schrecklich ungezogenes und undankbares Mädchen und verdiene es, aus der Gesellschaft anständiger Menschen ausgestoßen zu werden. Alles, was Sie gestern über mich gesagt haben, stimmt aufs Wort: Meine Haare sind rot, ich bin dürr, hager und habe Sommersprossen. Was ich über Sie gesagt habe, war ebenfalls die Wahrheit, aber ich hätte es nicht sagen dürfen. Oh, Mrs Lynde, bitte vergeben Sie mir. Wenn Sie mir nicht verzeihen, wird dieses Unglück mein ganzes Leben überschatten. Sie wollen ein armes kleines Waisenkind doch nicht so ins Verderben stürzen, selbst wenn es manchmal schnell die Beherrschung verliert, nicht wahr? Ich weiß, dass Sie das nie tun würden! Bitte, sagen Sie, dass Sie mir verzeihen würden, Mrs Lynde!«

Damit faltete Anne die Hände, senkte den Kopf und wartete demütig auf ihr Urteil.

Diese Rede war zweifelsohne bitterernst gemeint, doch Marilla glaubte zu bemerken, dass Anne die Situation auch durchaus genoss. Sie suhlte sich offenbar geradezu in ihrer Erniedrigung. Wo war die empfindliche Lektion, die Marilla ihr eigentlich erteilen wollte? Anne hatte die Strafe in einen theatralischen Auftritt umgemünzt, an dem sie ihre helle Freude hatte.

Die gute Mrs Lynde, die nicht so eine feine Wahrnehmungskraft besaß wie ihre Nachbarin, schien das alles nicht zu bemerken. Sie hörte nur, dass Anne sich umfassend entschuldigt hatte, und aller Groll schwand aus ihrem rechtschaffenen Herzen.

»Schon gut, Kind, steh schon auf«, sagte sie freundlich. »Natürlich verzeihe ich dir. Ich war ein bisschen hart zu dir, aber ich sage nun einmal immer alles frei heraus. Du darfst dir nichts aus meiner Art machen, es war nicht so gemeint. Es lässt sich zwar nicht leugnen, dass deine Haare fürchterlich rot sind, aber in meiner Schulklasse gab es damals ein Mädchen, dessen Haare brandrot waren, so wie deine. Mit zunehmendem Alter jedoch dunkelte es nach und es wurde daraus ein sehr schönes Kastanienbraun. Warum sollte das bei dir nicht auch so sein?«

»Oh. Mrs Lynde!« Mit einem tiefen Atemzug erhob sich Anne von den Knien. »Sie geben mir Hoffnung. Ich werde Sie stets als Wohltäterin in Erinnerung behalten. Ach, ich könnte alles ertragen, wenn ich nur wüsste, dass meine Haare später kastanienbraun würden! Es ist so viel einfacher, brav zu sein, wenn man schöne kastanienbraune Haare hat, meinen Sie nicht? - Darf ich jetzt ein bisschen hinaus in Ihren Garten gehen und auf der Bank unter den Apfelbäumen sitzen, während Sie sich mit Marilla unterhalten? Da draußen gibt es so viel Raum für Phantasie.«

»Aber ja, mein Kind, natürlich darfst du das. Wenn du willst, kannst du dir dort drüben in der Ecke auch einen Strauß Lilien pflücken.« Als die Tür sich hinter Anne geschlossen hatte, stand Mrs Lynde auf und zündete ein Licht an.

»Das ist wirklich ein erstaunliches kleines Mädchen, Marilla. Ich bin nicht mehr ganz so verwundert darüber, dass Matthew und du sie behalten habt. Sie hat zwar eine etwas absonderliche Art sich auszudrücken, aber das wird sich mit der Zeit schon legen, denke ich, wo sie jetzt unter zivilisierten Menschen lebt. Und ein unbeherrschtes Kind ist immer noch besser als ein hinterhältiges oder ein falsches - jawohl! Alles in allem, Marilla, ich kann deine Anne schon besser leiden.«

Als Marilla sich verabschiedet hatte, kam Anne aus dem duftenden Zwielicht des Obstgartens gelaufen. In der rechten Hand hielt sie einen Strauß weißer Lilien.

»Na, habe ich mich gut entschuldigt?«, fragte sie stolz, als sie nebeneinander den Hohlweg hinuntergingen. »Ich dachte, wenn ich mich schon entschuldigen muss, dann aber auch gründlich.«

»Gründlich genug war es auf jeden Fall«, war Marillas Antwort. Mit einigem Missbehagen stellte sie fest, dass sie bei der Erinnerung an Annes Auftritt schmunzeln musste.

»Ich hoffe, dass du dir in Zukunft solche Entschuldigungen durch gutes Benehmen von vornherein ersparst, Anne.«

»Das wäre gar nicht so schwer, wenn die Leute mich nicht immer mit meinem Aussehen aufziehen würden«, seufzte Anne. »Bei anderen Dingen werde ich nicht so leicht zornig; aber ich bin es so leid, wegen meiner Haare aufgezogen zu werden, dass ich innerlich sofort koche. Glaubst du, dass meine Haare mit der Zeit wirklich kastanienbraun werden könnten?«

»Du solltest nicht so viel an dein Aussehen denken, Anne. Ich fürchte, du bist ein sehr eitles kleines Mädchen.«

»Wie kann ich eitel sein, wo ich doch weiß, dass ich hässlich bin?«, widersprach Anne. »Aber ich liebe nun mal schöne Dinge - wie diese Blumen zum Beispiel! Sind sie nicht herrlich? Es war nett von Mrs Lynde, dass sie sie mir geschenkt hat. Ich bin jetzt überhaupt nicht mehr böse auf sie. - Glänzen die Sterne nicht wunderbar heute Abend? Wenn du auf einem Stern leben könntest, welchen würdest du dir auswählen? Ich würde den schönen hellen dort über dem Hügel nehmen.«

»Anne, halt den Mund«, sagte Marilla, erschöpft von dem Versuch, Annes Gedankensprüngen zu folgen.

Schweigend gingen sie weiter, bis sie Green Gables vor sich liegen sahen. Der Abendwind wehte den Duft von taunassem Farn herüber und ein warmes Licht leuchtete durch die Dunkelheit. Anne kam auf einmal dicht an Marilla heran und ließ ihre kleinen Finger in die raue Hand der alten Frau gleiten.

»Es ist wunderbar Green Gables zu sehen und zu wissen, dass es mein Zuhause ist«, sagte sie leise. »Ich liebe Green Gables schon jetzt und ich habe noch nie zuvor einen Ort geliebt. Oh, Marilla, ich bin so glücklich! Ich könnte auf der Stelle beten und würde es kein bisschen schwierig finden.«

Ganz plötzlich spürte Marilla ein warmes, angenehmes Gefühl in sich aufsteigen. Diese Empfindungen waren so neu und überwältigend, dass Marilla nicht wusste, wie ihr geschah. Wie so oft, versuchte sie auch jetzt ihre Gefühle durch eine Ermahnung wieder unter Kontrolle zu bringen.

»Wenn du ein braves Mädchen bist, wirst du immer glücklich sein, Anne. Und du wirst es niemals schwierig finden, dein Gebet zu sprechen.«

Doch Anne war schon wieder in ganz andere Welten entschwunden. »Ich stelle mir vor, ich sei der Wind, der dort drüben in den Baumwipfeln spielt. Wenn ich von den Bäumen genug habe, streiche ich sanft über die Farnwedel und fliege dann hinüber zu Mrs Lyndes Garten und bringe die Blumen zum Tanzen. Dann sause ich in einem großen Sturzflug über das Kleefeld und wehe über den >See der glitzernden Wasser< und lasse ihn sich zu lauter kleinen, glänzenden Wellen kräuseln. Ach, der Wind gibt so viel Raum für Phantasie! Deshalb werde ich jetzt auch schweigen, Marilla.«

»Dem Himmel sei Dank«, sagte Marilla und atmete erleichtert auf.

10 - Anne geht zur Sonntagsschule

»Nun, wie gefallen sie dir?«, fragte Marilla.

Nachdenklich betrachtete Anne die drei neuen Kleider, die Marilla auf dem Bett vor ihr ausgebreitet hatte. Eins war aus einem bräunlichgelben Ginghamstoff, das zweite aus schwarzweiß kariertem Satin und das dritte aus blau bedrucktem Kattun. Marilla hatte all diese höchst praktischen Stoffe bei verschiedenen Gelegenheiten günstig erstanden und die Kleider selbst genäht. Alle drei hatten den gleichen schlichten Schnitt und die Ärmel waren so kerzengerade und eng, wie Ärmel nur sein konnten.

»Ich kann mir vorstellen, dass sie mir gefallen«, antwortete Anne vage. »Aber ich will nicht, dass du es dir nur vorstellst«, sagte Marilla beleidigt. »Ich sehe schon, du magst die Kleider nicht! Was ist mit ihnen? Sind sie nicht ordentlich, sauber und neu?«

»Doch, doch.«

»Und was hast du dann an ihnen auszusetzen?«

»Sie ... sind nicht... schön«, sagte Anne widerstrebend.

»Schön!« Marilla schnaubte verächtlich. »Natürlich habe ich mir nicht den Kopf darüber zerbrochen, schöne Kleider für dich zu machen. Ich will deiner Eitelkeit schließlich nicht auch noch Vorschub leisten, Anne. Hier sind drei gute, praktische Kleider ohne Rüschen und Schnörkel - diesen Sommer wirst du wohl oder übel mit ihnen auskommen müssen. Das braune und das blaue kannst du zur Schule tragen, wenn es so weit ist; das aus Satin ist für die Kirche und die Sonntagsschule gedacht. Ich erwarte von dir, dass du sie sauber und ordentlich hältst und gut auf sie Acht gibst. Nach diesen kurzen Flanelldingern, die du bisher getragen hast, solltest du eigentlich für jedes neue Kleid dankbar sein.«

»Ich bin ja auch dankbar«, verteidigte sich Anne. »Bloß, ich wäre noch viel dankbarer, wenn ... wenn du nur eins davon mit Puffärmeln gemacht hättest. Puffärmel sind jetzt die große Mode. Es muss ein erhebendes Gefühl sein, ein Kleid mit Puffärmeln zu tragen, Marilla!«

»Nun, dann musst du eben ohne dieses erhebende Gefühl leben. Ich hatte nicht genug Stoff, um ihn für solche Kinkerlitzchen zu verschwenden. Außerdem finde ich Puffärmel sowieso reichlich lächerlich. Mir gefallen schlichte, vernünftige Ärmel besser.«

»Ach, wie sehr hätte ich mir ein schönes Kleid mit Puffärmeln gewünscht!«, flüsterte Anne zu sich selbst, als Marilla gegangen war. »Ich habe sogar dafür gebetet, aber der liebe Gott hat bestimmt Wichtigeres zu tun, als sich um die Kleider armer Waisenmädchen zu kümmern. Mir war schon klar, dass ich die Sache mit Marilla allein ausmachen müsste. Naja, zum Glück kann ich mir ja vorstellen, dass eins der Kleider aus schneeweißem Musselin ist und wunderschöne Rüschen und herrliche Puffärmel hat.«

Am nächsten Morgen hielten starke Kopfschmerzen Marilla davon ab, Anne zur Sonntagsschule zu bringen.

»Du musst zu Mrs Lynde hinübergehen, Anne«, sagte sie. »Sie wird dafür sorgen, dass du deine Klasse findest. Denk daran, dich anständig zu benehmen. Bleib noch zur Predigt da und lass dir von Mrs Lynde unseren Kirchenstuhl zeigen. Hier ist ein Cent für die Kollekte. Starr niemanden an und pass gut auf. Heute Abend wirst du mir alles ausführlich erzählen.«

In dem steifen schwarzweißen Satinkleid marschierte Anne los. Zwar hatte das Kleid gegenüber ihren alten Sachen aus dem Waisenhaus eine sehr viel vorteilhaftere Länge, dafür betonte es jedoch Annes knochige Figur nur noch deutlicher. Auf ihrem Kopf trug sie einen neuen, glänzenden Matrosenhut, dessen Schlichtheit Anne ebenfalls enttäuscht hatte. Natürlich hatte sie schon in heimlichen Träumen von einem aufwendigen Kopfputz mit Bändern und Blumen geschwelgt. Umso weniger konnte sie den üppigen Butterblumen und wilden Rosen am Wegrand widerstehen. Sie pflückte sich einen großen Strauß, flocht daraus einen dicken Kranz und schmückte damit ihren Hut. Zufrieden mit dem Ergebnis, tanzte sie vergnügt den Weg bis zu Lynde’s Hollow hinunter.

Offensichtlich hatte Mrs Rachel jedoch das Haus schon verlassen, also ging Anne unverzagt allein weiter zur Kirche. Im Kirchenvorraum war bereits eine ganze Schar anderer kleiner Mädchen in weißen, blauen und rosa Sonntagskleidern versammelt und betrachtete neugierig die kleine Fremde mit ihrem außergewöhnlichen Kopfputz. Sie hatten schon allerhand merkwürdige Geschichten über Anne gehört: Mrs Lynde hatte gesagt, sie hätte ein äußerst unbeherrschtes Wesen. Und Jerry Buote, der seit neuestem auf Green Gables arbeitete, hatte berichtet, sie würde den ganzen Tag Selbstgespräche führen oder mit den Blumen und Bäumen sprechen. Die Mädchen starrten Anne an und tuschelten miteinander. Keines von ihnen ging auf sie zu und begrüßte sie. Anne blieb allein, auch als sie nach der von Mr Bell gehaltenen Andacht Miss Rogersons Klasse zugeteilt wurde. Miss Rogerson war eine Dame in den Fünfzigern, die seit zwanzig Jahren in der Sonntagsschule unterrichtete. Ihre Lehrmethode bestand darin, die vorgedruckten Fragen aus der kirchlichen Vierteljahresschrift vorzulesen und dann mit strenger Miene eines der Mädchen anzuschauen, das die Frage beantworten musste. Sehr oft schaute sie Anne an, die dank Marillas Vorbereitung alle Fragen wie aus der Pistole geschossen beantworten konnte. Wie viel sie und die anderen Sonntagsschülerinnen allerdings von den Fragen und Antworten verstanden - das steht auf einem anderen Blatt.

Anne mochte Miss Rogerson nicht besonders und fühlte sich äußerst unwohl: Alle anderen Mädchen trugen nämlich Kleider mit herrlichen PufFärmeln. Anne hatte das Gefühl, dass das Leben ohne Puffärmel einfach keinen rechten Sinn hatte.

»Nun, wie hat dir die Sonntagsschule gefallen?«, wollte Marilla später wissen. Den inzwischen verwelkten Blumenkranz hatte Anne schon auf dem Heimweg wieder abgelegt, sodass Marilla von seiner Existenz bis jetzt noch nichts ahnte.

»Überhaupt nicht. Es war furchtbar.«

»Anne Shirley!«, wies Marilla sie zurecht.

»Ich war ganz brav, wie du es mir gesagt hast. Mrs Lynde war nicht zu Hause, also bin ich alleine zur Kirche gegangen und habe mich in einen Stuhl am Fenster gesetzt. Es waren noch viele andere Mädchen da. Mr Bell hat die Andacht gehalten und ein entsetzlich langes Gebet gesprochen. Ich dachte schon, er würde überhaupt nicht aufhören. Wenn ich nicht am Fenster gesessen hätte, wäre ich wahrscheinlich eingeschlafen. Doch von meinem Platz aus konnte ich den >See der glitzernden Wasser< sehen. Ich habe zu ihm hinübergeschaut und mir alle möglichen herrlichen Dinge vorgestellt.«

»Stattdessen hättest du Mr Bell zuhören sollen.«

»Aber er hat ja gar nicht zu mir geredet«, widersprach Anne. »Er hat mit Gott gesprochen. Außerdem schien er selbst auch nicht gerade besonders interessiert zu sein. Wahrscheinlich dachte er, Gott sei sowieso viel zu weit weg, um ihn zu hören. Ich habe trotzdem selbst ein kleines Gebet gesprochen. Am Seeufer stand eine ganze lange Reihe weißer Birken und die Sonne schien genau auf ihre weit übers Wasser gebeugten Zweige. Das sah aus wie in einem schönen Traum, Marilla, und ich habe Gott inständig für dieses schöne Bild gedankt.«

»Hoffentlich nicht laut?«, fragte Marilla besorgt.

»Nein, nein, es war ein stilles Gebet. Tja, und dann kam Mr Bell doch noch zum Ende und man sagte mir, ich solle in die Klasse von Miss Rogerson gehen. Alle anderen neun Mädchen in der Klasse hatten Kleider mit Puffärmeln. Ich versuchte mir vorzustellen, dass ich auch welche hätte, aber es hat nicht richtig geklappt. Warum bloß? Als ich noch alleine im Ostgiebel war, ging es ganz leicht, aber da - unter all den anderen Mädchen mit richtigen Puffärmeln — wollte es mir irgendwie nicht gelingen.«

»Anstatt an deine Ärmel zu denken, hättest du lieber am Unterricht teilnehmen sollen. Ich hoffe, das ist dir klar.«

»Oh, ja. Ich habe ja auch eine Menge Fragen beantwortet. Miss Rogerson hat mich oft aufgerufen. Ich fand das nicht besonders gerecht von ihr, schließlich hätte ich ebenso viele Fragen gewusst, die ich ihr gern gestellt hätte. Aber wahrscheinlich hätte das doch keinen Sinn gehabt. Ich glaube nicht, dass sie eine verwandte Seele ist. - Nach der Sonntagsschule ging es noch einmal in die Kirche. Miss Rogerson hat mir euren Kirchenstuhl gezeigt, denn Mrs Lynde war so weit weg, dass ich sie nicht fragen konnte. Zuerst wurde aus der Bibel vorgelesen - ein ziemlich langer Text. Wenn ich Pfarrer wäre, würde ich ja eher die kurzen, zackigen Bibelstellen auswählen. Und die Predigt zog sich ebenfalls schrecklich lange hin. Aber wahrscheinlich musste der Pfarrer sich dem Text anpassen. Er scheint aber auch keinen Funken Phantasie zu besitzen. Alles, was er sagte, war so uninteressant, dass ich kaum zuhören konnte. Ich habe meine Gedanken schweifen lassen und an alles Mögliche gedacht.«

Ratlos sah Marilla die Kleine an. Eigentlich sollte sie Anne zurechtweisen und sie für ihre Worte tadeln. Doch vieles von dem, was Anne gesagt hatte - besonders über die langatmigen Predigten des Pfarrers und Mr Beils endlose Gebete - waren Dinge, die sie selbst seit Jahren insgeheim auch schon gedacht hatte, ohne es jedoch zu wagen, solche Überlegungen jemals auszusprechen. Es schien ihr fast, als hätten ihre verborgenen Gedanken in den Worten dieses offenherzigen kleinen Geschöpfs plötzlich Gestalt angenommen.

Am darauf folgenden Freitag sollte Annes Besuch in der Sonntagsschule aber doch noch unangenehme Folgen haben. Marilla, die von einem Besuch bei Mrs Lynde zurückkam, rief Anne verärgert zu sich. »Anne, Rachel Lynde sagt, du seist am Sonntag in einem geradezu lächerlichen Aufzug in der Kirche erschienen, dein Hut sei voller Rosen und Butterblumen gewesen. Wie um alles in der Welt bist du denn auf diese Dummheit verfallen? Du musst ja einen schönen Anblick geboten haben!«

»Ich weiß, Rosa und Gelb stehen mir nicht«, gab Anne kleinlaut zu. »Ob dir die Farben stehen, ist doch völlig egal. Seinen Hut mit Butterblumen und Rosen herauszuputzen ... so etwas Lächerliches! Du bist das ungezogenste kleine Mädchen, das ich kenne.«

»Ich verstehe nicht, warum es lächerlich sein soll, Blumen am Hut zu tragen, wo doch viele der anderen Mädchen kleine Sträuße an ihren Kleidern hatten«, verteidigte sich Anne. »Wo ist da der Unterschied?« Doch Marilla blieb fest entschlossen, auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben und sich nicht auf Spekulationen einzulassen.

»Gib mir keine Widerworte, Anne. Es war sehr dumm von dir, so etwas zu tun. Dass mir das nicht noch einmal zu Ohren kommt! Mrs Ra chel sagte, sie wäre am liebsten im Boden versunken, als sie dich in die Kirche hereinspazieren sah. Die Leute haben sich natürlich mal wieder das Maul zerrissen. Sie denken, ich hätte nichts Besseres zu tun, als dich derart aufgetakelt zur Kirche zu schicken!«

»Ach, es tut mir so Leid, Marilla«, sagte Anne. Tränen stiegen ihr in die Augen. »Ich hätte nie gedacht, dass es dir etwas ausmachen könnte. Die Rosen und Butterblumen waren einfach so schön, dass ich dachte, sie würden auf meinem Hut bestimmt nett aussehen. Viele der anderen Mädchen hatten künstliche Blumen an ihren Hüten. Ich konnte doch nicht wissen, dass ich dir damit wieder so viel Kummer machen würde. Vielleicht ist es doch besser, wenn ihr mich wieder zurück ins Waisenhaus schicktet.«

»Unsinn!«, wehrte Marilla ab. Sie war wütend auf sich selbst, weil sie das Kind zum Weinen gebracht hatte. »Ich will dich nicht ins Waisenhaus zurückschicken, das ist sicher. Alles, was ich will, ist, dass du so brav bist wie die anderen kleinen Mädchen auch und dich nicht überall lächerlich machst. Hör auf zu weinen. Ich habe auch eine gute Nachricht für dich: Diana Barry ist heute Nachmittag nach Hause gekommen. Ich will nachher hinübergehen und Mrs Barry nach einem Schnittmuster fragen. Wenn du willst, kannst du mitkommen und Diana kennen lernen.«

Während die Tränen noch auf ihren Wangen glitzerten, sprang Anne auf und klatschte freudig in die Hände. Das Geschirrtuch, das sie gerade gesäumt hatte, fiel unbeachtet auf den Boden.

»Oh, Marilla, ich freue mich so! Aber ich habe Angst.. .Jetzt, wo Diana da ist, wird mir auf einmal ganz mulmig. Was wenn sie mich am Ende gar nicht leiden mag? Das wäre die schlimmste Enttäuschung meines Lebens.«

11 - Ein heiliger Eid wird geschworen

Eine Stunde später nahmen Marilla und Anne die Abkürzung über den Bach und durch das Tannenwäldchen nach Orchard Slope. Annes Gesicht war kreideweiß, ihre großen Augen glänzten.

»Oh, Marilla, ich bin so fürchterlich aufgeregt.«

»Nun mach dir mal keine Sorgen, Anne. Ich glaube schon, dass Diana dich schnell lieb gewinnen wird. Bei ihrer Mutter musst du dich allerdings vorsehen. Wenn sie etwas gegen dich hat, dann ist es ganz egal, was Diana denkt. Hoffentlich hat sie noch nichts von deinem Zusammenstoß mit Mrs Lynde und von deinem Kirchenbesuch mit Butterblumen am Hut gehört. Du musst auf jeden Fall höflich zu ihr sein und dich gut benehmen. Und vor allem: Lass nicht wieder eine deiner verrückten Reden vom Stapel! - Aber Kind, du zitterst ja?« Anne zitterte tatsächlich. Ihre Hände waren eiskalt. »Bestimmt wärst du auch aufgeregt, wenn du gleich deine lang ersehnte Busenfreundin treffen würdest und befürchteten müsstest, dass ihre Mutter dich einfach nicht ausstehen kann«, stammelte sie.

Schweigend gingen sie weiter, bis sie das Haus der Barrys erreichten. Marilla klopfte, Mrs Barry kam zur Haustür. Sie war ein große Frau mit dunklen Augen und Haaren und strengen Gesichtszügen.

»Guten Tag, Marilla«, sagte sie herzlich. »Komm herein. Und das ist das kleine Mädchen, das ihr bei euch aufgenommen habt?«

»Ja, das ist Anne Shirley«, antwortete Marilla.

»Mit einem e am Ende«, fügte Anne atemlos hinzu. So aufgeregt sie auch war - in diesem wichtigen Punkt wollte sie Missverständnisse gar nicht erst aufkommen lassen.

Mrs Barry, die ihre Worte nicht gehört oder vielleicht auch nicht verstanden hatte, schüttelte ihr die Hand und fragte freundlich: »Wie geht es dir, Anne?«

»Gesundheitlich gut, nur in meinem Kopf herrscht im Moment ein ziemliches Durcheinander«, sagte Anne mit ernster Stimme und flüsterte dann Marilla zu: »Das war doch jetzt keine verrückte Rede, oder, Marilla?«

Diana saß auf dem Sofa und blätterte gerade in einem Buch, als Marilla und Anne die Küche betraten. Sie war ein sehr hübsches Mädchen. Von ihrer Mutter hatte sie die schwarzen Augen und Haare, von ihrem Vater die rosigen Wangen und weichen Gesichtszüge geerbt. »Das ist meine kleine Tochter Diana«, sagte Mrs Barry. »Diana, du könntest mit Anne in den Garten gehen und ihr deine Blumen zeigen. Das ist sowieso besser, als dir hier über den Büchern die Augen zu verderben. - Sie liest entschieden zu viel«, erklärte sie Marilla, als die beiden Mädchen schon draußen waren, »aber was soll ich tun? Ihr Vater ermutigt sie auch noch dazu. Ständig hockt sie über irgendwelchen Büchern. Ich wäre froh, wenn sie eine Spielkameradin hätte, das würde sie mehr aus dem Haus locken.«

Draußen im Garten standen sich Anne und Diana im milden Sonnenlicht gegenüber und schauten sich über eine Staude üppiger Tigerlilien hinweg schüchtern an.

Zu jeder anderen, weniger schicksalsschweren Stunde hätte der Garten der Barrys Annes Herz höher schlagen lassen. Er wirkte wie eine riesige, verwilderte, von hohen Weiden umstandene Laube. Heere von Bienen summten über den prächtigen Flammenden Herzen, den purpurroten Pfingstrosen, den weißen und gelben Narzissen und den dornigen, süß duftenden Rosen. Außerdem gab es noch Akelei und Seifenkraut, Stabwurz und Bandgras, dunkelrote wilde Orchideen und edle weiße Moschusblumen.

»Oh, Diana«, brach Anne schließlich flüsternd das Schweigen, »meinst du ... meinst du, du könntest mich ein bisschen mögen .. . wenigstens so viel, um meine Busenfreundin zu sein?«

Diana lachte. Sie lachte fast immer, bevor sie sprach. »Ja, ich glaube schon«, sagte sie offenherzig. »Ich bin riesig froh, dass du jetzt auf Green Gables wohnst. Es wird schön sein, jemanden zum Spielen zu haben. Die anderen Mädchen wohnen alle ziemlich weit weg und meine Schwestern sind noch nicht groß genug.«

»Willst du darauf einen heiligen Eid ablegen?«, war Annes nächste eifrige Frage.

Diana sah sie erstaunt an. »So etwas tut man doch nur vor Gericht.«

»Nein, das meine ich nicht. Es gibt nämlich zwei Sorten von Eiden, musst du wissen, und meiner heißt >heiliger Eid unter Freunden<.«

»Gut, ich habe nichts dagegen«, stimmte Diana zu. »Aber wie geht das?«

»Zuerst müssen wir uns bei der Hand nehmen . . . so«, sagte Anne ernst. »Eigentlich müssten wir es über einem fließenden Gewässer machen. Am besten stellen wir uns einfach vor, dieser Pfad hier wäre ein Bach. Ich schwöre den feierlichen Eid zuerst. Also: >Ich gelobe und verspreche feierlich, meiner Busenfreundin Diana Barry die Treue zu halten, solange sich die Erde dreht und Sonne und Mond am Himmel stehen.<Jetzt musst du das Gleiche sagen, aber natürlich mit meinem Namen als Busenfreundin.«

Diana wiederholte den >heiligen Eid< und fügte hinzu: »Du bist ein merkwürdiges Mädchen, Anne. Ich habe schon vorher gehört, dass du ein bisschen seltsam bist. Aber ich glaube, ich werde dich sehr gern mögen.«

Auf dem Heimweg wurden Marilla und Anne bis zur alten Holzbrücke von Diana begleitet. Die beiden Mädchen gingen Arm in Arm und beim Abschied verabredeten sie sich gleich für den nächsten Nachmittag.

»Nun, hast du in Diana eine >verwandte Seele< gefunden?«, fragte Marilla, als sie durch den Garten auf Green Gables zugingen.

»Oh, ja«, seufzte Anne, die die Ironie in Marillas Stimme nicht wahrgenommen hatte. »Marilla, ich bin im Moment das glücklichste Mädchen von ganz Prince Edward Island! Heute Abend werde ich mein Gebet aus vollstem Herzen sprechen, da kannst du ganz sicher sein. Diana und ich wollen morgen in Mr William Beils Birkenwäldchen ein kleines Spielhaus bauen. Ach, bitte, Marilla, kann ich die kaputten Porzellansachen aus dem Holzschuppen dafür haben? - Diana hat im Februar Geburtstag und ich im März - ist das nicht ein seltsamer Zufall? - Diana will mir ein Buch ausleihen. Sie sagt, es ist fürchterlich spannend. - Findest du nicht auch, dass Diana seelenvolle Augen hat? - Sie will mir auch ein paar Lieder beibringen, die ich noch nicht kenne, und mir ein Bild schenken, das ich in meinem Zimmer aufhängen kann. Es soll ein sehr schönes Bild sein, von einer Dame in einem blassblauen Seidenkleid. Sie hat es mal von einem Nähmaschinenvertreter bekommen. Ich wünschte, ich hätte auch etwas, was ich Diana schenken könnte! - An einem der nächsten Tage wollen wir zusammen zum Strand gehen und Muscheln sammeln und die Quelle unten an der Holzbrücke wollen wir den >Nymphenteich< nennen, ist das nicht ein wunderschöner Name? Ich habe mal eine Geschichte gelesen, in der ein Nymphenteich vorkam. Eine Nymphe ist so etwas wie eine erwachsene Seejungfrau, glaube ich.«

»Ich hoffe nur, dass du Diana kein Loch in den Bauch redest«, warf Marilla ein. »Und noch etwa solltest du bei all deinen Plänen bedenken, Anne: Du wirst nicht den ganzen Tag spielen können. Im Gegenteil, es gibt viele Arbeiten und Pflichten, die du zuerst erledigen musst.«

Doch diese Ermahnungen konnten Annes Glück nicht schmälern. Ihre Augen strahlten noch heller, als Matthew am Abend aus Carmody zurückkehrte, unbeholfen ein kleines Päckchen aus der Tasche zog und es ihr überreichte.

»Du hast doch mal gesagt, dass du Karamelbonbons magst. Ich habe dir welche mitgebracht!«, sagte er.

»Sie wird sich die Zähne und den Magen verderben!«, schnaubte Marilla. »Aber nun zieh doch nicht gleich so ein trauriges Gesicht, Kind. Da Matthew sie nun einmal mitgebracht hat, kannst du sie natürlich essen. Allerdings wäre es besser gewesen, wenn er wenigstens Pfefferminzbonbons gekauft hätte, die sind viel gesünder. Iss sie nur ja nicht alle auf einmal!«

»Oh, nein, natürlich nicht«, sagte Anne eifrig. »Ich werde heute Abend nur eins essen, Marilla. Und ich darf Diana die Hälfte schenken, nicht wahr? Die andere Hälfte wird mir dann noch einmal so süß schmecken. Es ist so schön zu wissen, dass ich ihr jetzt auch etwas schenken kann!«

»Eins muss ich dem Kind lassen«, sagte Marilla, als Anne nach dem Abendessen in ihr Zimmer im Ostgiebel hinaufgegangen war, »es ist überhaupt nicht geizig. Darüber bin ich froh, denn geizige Kinder kann ich nicht ausstehen. Lieber Himmel, Matthew, es ist erst drei Wochen her, dass Anne zu uns kam, und es kommt mir so vor, als sei sie schon immer hier gewesen. Ich kann mir Green Gables gar nicht mehr ohne sie vorstellen! Schau jetzt nicht so, Matthew, als wolltest du sagen: >Siehst du, ich habe es dir ja gleich gesagt.. .< Ich gebe ja zu, dass ich froh bin, dass wir sie behalten haben, und dass ich sie lieb gewonnen habe - deshalb brauchst du es mir aber noch lange nicht ständig unter die Nase zu reiben, Matthew Cuthbert!«

12 - Vorfreude ist die schönste Freude

Anne hätte schon längst wieder hier sein müssen, um ihre Näharbeiten zu erledigen, dachte Marilla, schaute ärgerlich auf die Uhr und ging zum Fenster hinüber. »Sie hat mehr als eine halbe Stunde länger mit Diana gespielt, als ich es ihr erlaubt habe«, schimpfte sie vor sich hin, »und jetzt sitzt sie quietschvergnügt dort draußen auf dem Holzhaufen und unterhält sich mit Matthew, obwohl sie ganz genau weiß, dass hier Arbeit auf sie wartet. Und wie verzückt er ihr zuhört! Ich habe noch nie einen so vernarrten Mann gesehen. Je mehr sie redet und umso verrückter die Dinge sind, die sie sagt, desto begeisterter ist er. - Anne Shirley, du kommst sofort ins Haus, hörst du mich?!« Dabei klopfte Marilla laut an die Fensterscheiben.

Mit glänzenden Augen kam Anne in die Küche gelaufen. Ihre Wangen waren rot und ihre offenen Haare flatterten wie eine glänzende Fahne hinter ihr her.

»Oh, Marilla«, rief sie atemlos, »nächste Woche veranstaltet die Sonntagsschule ein Picknick auf Mr Marmon Andrews Feld gleich neben dem >See der glitzernden Wasser<. Die Frau von Superintendent Bell und Mrs Rachel Lynde wollen für uns Eiskrem machen - stell dir das vor, Marilla, Eiskrem! Ach, bitte, darf ich hingehen?«

»Schau lieber mal auf die Uhr, Anne. Was habe ich dir gesagt, wann du zu Hause sein sollst?«

»Um zwei. Aber ist das nicht herrlich mit dem Picknick, Marilla? Kann ich bitte hingehen? Ich bin noch nie auf einem Picknick gewesen. Ich habe schon von Picknicks geträumt, aber ich hätte nie gedacht. ..«

»Ich habe gesagt, du sollst um zwei Uhr zu Hause sein«, fuhr Marilla unbeirrt fort, »und jetzt ist es Viertel vor drei. Ich glaube, du bist mir eine Erklärung schuldig!«

»Ich wollte ja pünktlich sein, Marilla - so pünktlich, wie es nur geht. Aber du hast keine Ahnung, wie schön es auf >Idlewild< ist. Und dann musste ich Matthew ja noch von dem Picknick erzählen. Matthew ist ein einfühlsamer Zuhörer! Kann ich bitte hingehen?«

»Du musst lernen, den Verlockungen von Idle-Dingsbums zu widerstehen. Wenn ich dir sage, dass du zu einer bestimmten Zeit zu Hause sein sollst, dann meine ich auch genau diese Uhrzeit und nicht eine halbe Stunde später. Deshalb sollst du dich auf deinem Heimweg auch nicht von >einfühlsamen Zuhörern< ablenken lassen. Und was das Picknick angeht, so kannst du natürlich daran teilnehmen. Du besucht schließlich regelmäßig die Sonntagsschule und ich werde dich nicht davon abhalten, wenn die anderen Mädchen auch alle hingehen.«

»Aber...« Anne zögerte. »Diana sagt, dass alle einen Korb voll Essen mitbringen sollen. Und du weißt ja, dass ich nicht kochen kann, Marilla, und ... es macht mir nichts aus, ohne Puffärmel zu einem Picknick zu gehen, aber es wäre ganz schrecklich, wenn ich ohne Korb hingehen müsste. Der bloße Gedanke daran quält mich schon, seitdem mir Diana davon erzählt hat.«

»Na, dann braucht er dich jetzt nicht weiter zu quälen. Ich werde dir deinen Picknickkorb schon füllen.«

»Oh, Marilla, du bist so gut zu mir! Ich bin dir ja so dankbar!«

Mit diesen Worten warf sie sich in Marillas Arme und küsste stürmisch die blassen Wangen der alten Frau. Es war das erste Mal, dass Kinderlippen Marillas Gesicht berührten, und ein süßer Schauer lief durch ihren ganzen Körper. Doch die unverhoffte Freude über Annes Zärtlichkeiten verwirrte sie. In etwas schroffem Ton sagte sie schnell: »Na, na, lass doch den Unsinn. Es wäre mir lieber, du hieltest dich an das, was ich dir sage. Und was das Kochen angeht, so werden wir schon in den nächsten Tagen mit dem Unterricht beginnen. Jetzt aber rasch an die Arbeit! Deine Nähsachen warten schon.«

Seufzend setzte sich Anne auf einen Stuhl und beugte sich über ihre Arbeit.

»Ich wünschte, beim Nähen würde die Zeit ebenso schnell vergehen wie beim Spielen mit Diana«, sagte sie nach einer Weile. »Kennst du das schmale Feld auf der anderen Seite des Baches? Es liegt zwischen unserer Farm und der von Mr Bariy und gehört Mr William Bell. An einer Seite steht eine Gruppe weißer Birken - der romantischste Ort, den man sich vorstellen kann, Marilla! Diana und ich haben dort unser Spielhaus gebaut. Wir nennen es >Idlewild<. Ist das nicht ein wunderschöner Name? Ich habe eine ganze Nacht wach gelegen und nachgedacht, bis er mir endlich eingefallen ist. Diana war einfach hingerissen, als sie ihn zum ersten Mal hörte. Wir haben unser Haus vornehm eingerichtet. Du musst uns mal besuchen kommen, dann kannst du dir alles anschauen. Wir haben große, moosbewachsene Steine als Sessel und alte Bretter zwischen den Ästen als Regale, auf denen unser ganzes Porzellan steht. Natürlich ist alles kaputt, aber es ist doch das Einfachste von der Welt, sich vorzustellen, es sei heiles, wunderschönes Porzellan. Auch das >Feenglas< steht dort. Es ist traumhaft schön. Diana hat es unter den Bäumen hinter ihrem Hühnerhaus gefunden. Wenn die Sonne scheint, ist es voller kleiner Regenbogen - sie sind wahrscheinlich nicht groß genug, um am Himmel zu stehen. Dianas Mutter hat gesagt, das Glas stamme von einer alten Hängelampe, aber wir glauben, dass die Feen es eines Nachts bei einem Ball verloren haben, und deshalb nennen wir es >Feenglas<.

— Den keinen runden Teich drüben in Mr Barrys Feld haben wir >Willowmere< genannt. Der Name stammt aus einem Buch, das mir Diana neulich geborgt hat. Es handelt von einer Heldin mit fünf Verehrern. Naja, ich wäre auch schon mit einem zufrieden - du auch, Manila? Jedenfalls war sie sehr schön und musste große Prüfungen bestehen. Bei jeder Gelegenheit fiel sie in Ohnmacht. Ich würde auch gerne mal in Ohnmacht fallen - das stelle ich mir entsetzlich romantisch vor! Leider bin ich viel zu gesund dafür, obgleich ich so dünn bin. Ich habe allerdings in letzter Zeit etwas zugenommen, meinst du nicht? Ich schaue mir jeden Morgen meine Ellenbogen an, ob sich schon Grübchen bilden. - Diana hat ein neues Kleid mit Ärmeln, die nur bis zum Ellenbogen reichen. Sie will es zum Picknick tragen. Oh, ich hoffe, wir haben nächsten Mittwoch gutes Wetter! Wir wollen auf dem >See der glitzernden Wasser< auch eine Bootsfahrt unternehmen - und hinterher gibt es dann Eiskrem. Ich habe noch nie in meinem Leben Eis gegessen. Diana hat versucht mir zu erklären, wie es schmeckt, aber ich fürchte, Eis ist eins der Dinge, die jenseits aller Vorstellungskraft liegen!«

»Anne, du hast eben fast zehn Minuten ununterbrochen geredet«, sagte Marilla. »Lass uns doch mal sehen, ob du auch in der Lage bist, ebenso lange ununterbrochen deinen Mund zu halten.«

Anne wurde muckmäuschenstill und bestand mit einiger Mühe die Prüfung, die Marilla ihr auferlegt hatte. Doch den ganzen Rest der Woche waren alle ihre Gespräche, Gedanken und Träume nur von dem Picknick erfüllt.

Als es am Samstag zu regnen anfing, steigerte sie sich so sehr in die Befürchtung hinein, es könnte bis zum Mittwoch weiterregnen, dass Marilla ihr zur Beruhigung eine extra Nähstunde verschrieb.

Am Sonntag gestand sie Marilla auf dem Heimweg von der Kirche, dass sie vor Aufregung eine dicke Gänsehaut bekommen habe, als der Pfarrer das Picknick von der Kanzel ansagte.

»Mir lief ein eiskalter Schauer über den Rücken, Marilla! Bis zu diesem Moment habe ich noch gar nicht richtig an das Picknick glauben können. Ich habe manchmal Angst, ich hätte es nur geträumt. Aber wenn der Pfarrer es von der Kanzel sagt, dann muss man es glauben.«

»Du hängst dein Herz zu sehr an solche Dinge, Anne«, seufzte Marilla. »Ich fürchte, du wirst in deinem Leben noch viele Enttäuschungen erleben.«

»Oh, Marilla, es ist doch so schön, wenn man sich auf etwas freuen kann!«, rief Anne aus. »Auch wenn man manches am Ende dann doch nicht bekommt - nichts und niemand kann einem das Vergnügen nehmen, sich darauf gefreut zu haben.«

Wie zu jedem Kirchgang trug Marilla auch an jenem Sonntag ihre Amethystbrosche. Das war ihr schon so sehr zur Gewohnheit geworden, dass sie sich ohne sie unvollständig gefühlt hätte - etwa so, als ob sie ihre Bibel oder das Geld für die Kollekte vergessen hätte. Diese Amethystbrosche war Marillas bestgehüteter Schatz. Ein seefahrender Onkel hatte sie ihrer Mutter geschenkt, die sie wiederum Marilla vermacht hatte. Sie wusste zwar zu wenig über diese Dinge, um zu erkennen, wie wertvoll das Schmuckstück tatsächlich war, aber sie fand die Steine sehr schön und war sich ihres violetten Schimmers immer bewusst, auch wenn sie die Brosche selbst gar nicht sehen konnte, wenn sie sie am Hals trug.

Anne war in Bewunderung ausgebrochen, als sie die Brosche zum ersten Mal gesehen hatte.

»Oh, Marilla, sie ist wunderschön - und so elegant! Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie du überhaupt noch auf die Predigt oder die Gebete achten kannst, wenn du sie trägst. Ich könnte das nicht, das weiß ich genau .Die Amethyste sehen so herrlich aus — so, wie ich mir früher Diamanten vorgestellt habe. Ich habe mal vor langer Zeit eine Geschichte gelesen, in der Diamanten vorkamen, und habe sie mir vorgestellt wie schimmernde dunkelrote Steine. Als ich dann eines Tages einen richtigen Diamanten am Finger einer erwachsenen Frau gewesen habe, war ich so enttäuscht, dass ich weinen musste. Natürlich war er hübsch, aber er war eben nicht so wie meine Vorstellung von einem Diamanten. - Darf ich die Brosche einen Moment lang halten, Marilla? Meinst du nicht, dass Amethyste die unsterblichen Seelen von kleinen Veilchen sein könnten?«

Marilla hatte dieses Gespräch noch gut im Gedächtnis, als sie am Montagabend vor dem Picknick mit besorgtem Gesicht aus ihrem Zimmer trat.

»Anne«, sage sie zu der Kleinen, die singend am Küchentisch saß und Erbsen enthülste, »hast du meine Amethystbrosche gesehen? Ich dachte, ich hätte sie in mein Nadelkissen gesteckt, als wir gestern Abend von der Kirche nach Hause kamen, aber ich kann sie nirgends mehr finden.«

»Ich ... ich habe sie heute Nachmittag noch gesehen, als du bei der Versammlung vom Frauenhilfswerk warst«, gab Anne zögernd zur Antwort. »Ich bin an deiner Tür vorbeigekommen und sah sie auf dem Nadelkissen. Da bin ich hineingegangen, um sie mir anzuschauen.«

»Hast du sie angefasst?«, fragte Marilla streng.

»J-j-ja«, gab Anne zu, »ich habe sie hochgenommen und sie an meine Brust geheftet, um zu sehen, wie sie mir steht.«

»Dazu hattest du kein Recht. Es ist sehr ungezogen, in den Sachen anderer Leute herumzuwühlen! Wo hast du sie hingetan?«

»Ich habe sie auf die Kommode zurückgelegt. Ich hatte sie noch nicht einmal eine Minute lang an. Wirklich, Marilla, ich wollte nicht in deinen Sachen herumwühlen. Aber ich sehe jetzt ein, dass es nicht richtig von mir war, und ich werde es nie wieder tun. Einen Vorzug habe ich nämlich: Ich mache nie denselben Fehler zweimal.«

»Die Brosche ist aber nicht mehr auf der Kommode«, sagte Marilla. »Du musst sie mitgenommen haben, Anne.«

»Ich habe sie aber zurückgelegt«, entgegnete Anne schnell - zu schnell, wie Marilla fand. »Ich weiß bloß nicht mehr, ob ich sie wieder auf das Nadelkissen gesteckt oder in die Porzellanschale gelegt habe. Aber ich bin mir vollkommen sicher, dass ich sie zurückgetan habe.«

»Ich werde noch einmal suchen.« Marilla wollte nicht ungerecht sein. »Wenn du die Brosche zurückgelegt hast, muss sie ja noch da sein. Wenn sie nicht da ist, dann hast du sie mitgenommen.«

Marilla ging in ihr Zimmer und suchte noch einmal alles durch, nicht nur auf der Kommode, sondern auch an anderen Stellen, an denen die Brosche vielleicht hätte sein können. Doch sie war nirgends zu finden und so kehrte sie schließlich verärgert in die Küche zurück. »Anne, die Brosche ist weg, und du warst die Letzte, die sie in der Hand hatte. Also sag mir jetzt, was du damit getan hast. Und vor allem: Sag mir die Wahrheit! Hast du sie mit nach draußen genommen und dort verloren?«

»Nein«, antwortete Anne und sah dabei Marilla fest in die Augen. »Ich habe die Brosche nicht mit aus deinem Zimmer genommen, das ist die Wahrheit, auch wenn man mich dafür zum Richtblock schleifen würde - obwohl ich nicht so genau weiß, was ein Richtblock ist... Da wär’s, Marilla.«

Dieses >das wär’s< war von Anne lediglich als Bekräftigung gemeint, aber Marilla verstand es als Ausdruck von Trotz und Verstockheit. »Du sagst die Unwahrheit, Anne«, entgegnete sie schroff. »Deshalb will ich jetzt auch nichts mehr hören. Du gehst in dein Zimmer und bleibst so lange dort, bis du bereit bist, ein Geständnis abzulegen.«

13 - Ein fragwürdiges Geständnis

An jenem Abend versah Marilla ihre Aufgaben im Haushalt wie gewöhnlich, konnte jedoch keine innere Ruhe finden. Sie machte sich Sorgen um ihre wertvolle Brosche. Wenn Anne sie verloren hatte, würde man sie womöglich nie mehr wieder finden. Wie konnte die Kleine nur so ungezogen sein, den Diebstahl zu leugnen! Es war doch sonnenklar, dass sie die Brosche genommen haben musste! Und was für eine Unschuldsmiene sie dabei aufgesetzt hatte ... Hätte sie doch wenigstens die Wahrheit gesagt, dann wäre alles nur halb so schlimm gewesen. So aber war Anne eine Diebin und obendrein noch eine Lügnerin!

Mehrmals am Abend ging Marilla in ihr Zimmer hinauf und durchsuchte es noch einmal nach ihrer Brosche — vergebens. Auch eine weitere Befragung im Ostgiebel brachte keine neuen Ergebnisse. Anne stritt weiterhin ab, mehr über die Brosche zu wissen, als sie schon gesagt hatte, aber das machte Marilla nur noch misstrauischer.

Am nächsten Morgen erzählte sie Matthew, was vorgefallen war. Er konnte sich allerdings auch keinen Reim auf die ganze Geschichte machen. Er traute Anne nichts Böses zu, musste aber eingestehen, dass die Tatsachen gegen sie sprachen.

»Und du bist sicher, dass die Brosche nicht hinter die Kommode gefallen ist?« Das war die einzige Möglichkeit, die ihm noch einfiel. »Ich habe die Kommode von der Wand abgerückt, die Schubladen herausgezogen und wirklich überall nachgeschaut«, antwortete Marilla. »Die Brosche ist verschwunden und das Kind hat sie genommen und mich angelogen. Das ist nun mal die bittere Wahrheit, der wir ins Auge schauen müssen, Matthew Cuthbert.«

»Hm, tja ... und was willst du jetzt tun?«, fragte er mit tonloser Stimme, insgeheim froh, dass Marilla und nicht er für Annes Erziehung verantwortlich war; diesmal hatte er nicht die geringste Lust sich einzumischen.

»Sie wird so lange in ihrem Zimmer bleiben, bis sie gesteht«, sagte Marilla, die sich noch gut daran erinnern konnte, dass diese Methode in einem früheren Fall einmal erfolgreich gewesen war. »Dann werden wir ja sehen. Vielleicht könnten wir die Brosche sogar wieder finden, wenn Anne uns bloß sagen würde, wohin sie sie mitgenommen hat. Auf jeden Fall hat die Kleine eine empfindliche Strafe verdient, Matthew.«

»Hm, dann musst du sie bestrafen, Marilla«, sagte Matthew und griff nach seinem Hut. »Ich habe nichts mit ihrer Erziehung zu tun. Das hast du selbst gesagt.«

Marilla fühlte sich von allen im Stich gelassen. Sie konnte noch nicht einmal zu Mrs Lynde gehen und sie um Rat bitten. Mit ernstem Gesicht stieg sie ein letztes Mal zu Anne in den Ostgiebel hinauf, doch Anne blieb beharrlich bei ihrem früheren Standpunkt. Sie hatte offensichtlich geweint. Marilla empfand so etwas wie Mitleid, unterdrückte die Regung jedoch sogleich wieder.

»Du bleibst hier oben, bis du bereit bist zu gestehen, Anne. Überleg es dir gut«, sagte sie mit fester Stimme.

»Aber morgen ist das Picknick, Marilla«, schluchzte Anne. »Du wirst mich doch nicht hier einsperren wollen, oder? Lass mich nur für den Nachmittag gehen, bitte! Dann bleibe ich hier, solange du willst. Aber ich muss zu diesem Picknick gehen!«

»Du gehst weder zum Picknick noch sonst wohin, solange du nicht gestanden hast, Anne.«

»Bitte, Marilla!«

Aber Marilla war schon hinausgegangen und hatte die Tür hinter sich geschlossen.

Am Mittwochmorgen strahlte die Sonne so warm, als wüsste sie, dass heute das große Picknick stattfinden sollte. Kein Wölkchen stand am Himmel. Die weißen Lilien verströmten ihren süßen Duft und die Vögel zwitscherten fröhlich und flatterten mit ihren Flügeln, als warteten sie darauf, Anne wie jeden Morgen am Fenster zu begrüßen. Doch Anne war nicht zu sehen. Als Marilla ihr das Frühstück brachte, saß sie mit steifer Haltung auf dem Bett und sah Marilla mit feuchten Augen an. Ihr Gesicht sah blass und entschlossen aus. »Marilla, ich bin bereit zu gestehen.«

»Aha!« Marilla stellte zufrieden ihr Tablett ab. Ihre Methode hatte zum zweiten Mal Erfolg gehabt - allerdings einen recht bitteren Erfolg, wie sich bald zeigen sollte. »Dann lass mal hören. Was hast du zu deiner Entschuldigung vorzubringen?«

»Ich habe die Brosche genommen«, sagte Anne ruhig. Sie leierte die Worte so gleichgültig herunter, als hätte sie den Text vorher auswendig gelernt. »Als ich sie in deinem Zimmer liegen sah, konnte ich der Versuchung einfach nicht widerstehen: Ich nahm sie und steckte sie mir an die Brust. Dabei stellte ich mir vor, wie schön das sein müsste, sie mit nach >Idlewild< zu nehmen und mit ihr zu spielen. Mit einer Amethystbrosche würde es viel einfacher sein, mich in Lady Cordelia Fitzgerald zu verwandeln. Ich dachte, ich könnte sie wieder zurücklegen, bevor du nach Hause kommst. Als ich über die Brücke des >Sees der glitzernden Wasser< schritt, nahm ich die Brosche heraus, um sie noch einmal anzuschauen. Wie schön sie in der Sonne glitzerte! Und dann, gerade als ich mich über das Brückengeländer beugte, um mein Spiegelbild zu betrachten, fiel sie mir aus der Hand und versank in den Fluten. Dort liegt sie nun für immer auf dem Grund des >Sees der glitzernden Wasser<. - Und das ist das Beste, was du von mir als Geständnis erwarten kannst, Marilla. Ich habe mir große Mühe gegeben.«

Marilla fühlte einen bitteren Zorn in sich aufsteigen. Dieses Kind hatte ihre geliebte Amethystbrosche verloren und ratterte die ganze Geschichte mit tonloser Stimme herunter, ohne dabei die geringste Reue zu empfinden.

»Aber das ist ja schrecklich, Anne!«, sagte sie, nur mühsam beherrscht. »Du bist das ungezogenste Mädchen, von dem ich je gehört habe.«

»Ja, du hast Recht«, stimmte Anne ihr ruhig zu. »Und ich weiß, dass ich Strafe verdiene. Es ist deine Pflicht, mich zu bestrafen, Marilla. Willst du es nicht gleich tun? Dann haben wir es hinter uns und ich kann reinen Gewissens zum Picknick gehen.«

»Picknick? Das wäre ja noch schöner! Du gehst nicht zum Picknick, Anne Shirley. Das ist deine Strafe. Und sie ist für das, was du getan hast, noch lange nicht schwer genug.«

»Nicht zum Picknick gehen!« Anne sprang auf und umklammerte Manilas Hand. »Aber du hast mir versprochen, dass ich gehen darfl Oh, Marilla, ich muss zu dem Picknick. Deshalb habe ich ja auch das Geständnis abgelegt. Bitte, Marilla, lass mich hingehen! Denk doch nur an die Eiskrem! Vielleicht habe ich in meinem ganzen Leben keine Gelegenheit mehr, Eiskrem zu essen.«

Doch Marilla zog ungerührt ihre Hand zurück.

»Das Bitten und Betteln kannst du dir sparen, Anne. Du gehst nicht zum Picknick und dabei bleibt es. Kein Wort mehr!«

Verzweifelt warf sich Anne auf ihr Bett und fing bitterlich an zu weinen.

Es war ein trauriger Morgen. Wie verbissen arbeitete Marilla vor sich hin. Sie schrubbte sogar den Boden der Veranda und die Bretter in der Milchkammer, obgleich sie eigentlich noch sauber waren - an irgendetwas musste sie ihren Zorn abreagieren. Dann ging sie hinaus und fegte den Hof.

Als es Zeit zum Mittagessen war, ging sie zur Treppe und rief nach Anne. Ein tränenüberströmtes Gesicht erschien über dem Geländer. »Ich will nichts essen«, schluchzte Anne. »Ich könnte keinen Bissen runterkriegen. Mein Herz ist nämlich gebrochen. Dein Gewissen wird dich eines Tages noch dafür bestrafen, dass du es zerbrochen hast, Marilla. Vielleicht werde ich dir dann verzeihen, aber verlange nicht von mir, dass ich jetzt etwas esse — schon gar nicht gekochtes Schweinefleisch und Blattgemüse. Das ist ein viel zu unromantisches Essen für den Zustand der Verzweiflung, in dem ich mich befinde.« Glühend vor Zorn ging Marilla in die Küche zurück und klagte Matthew ihr Leid. Doch ihrem Bruder - hin und her gerissen zwischen seinem Gerechtigkeitssinn und seinem Mitleid mit Anne - war ebenso jämmerlich zu Mute.

»Sie hätte die Brosche nicht nehmen und uns keine Lügengeschichte auftischen dürfen«, gab er zu, während er traurig auf sein unromantisches Schweinefleisch mit Blattgemüse starrte, »aber sie ist noch so klein. Meinst du nicht, dass du sie doch zum Picknick lassen solltest -wo doch ihr Herz so daran hängt?«

»Matthew Cuthbert, ich kann mich nur über dich wundern. Ich finde, ich habe sie noch viel zu milde bestraft. Und sie scheint nicht im Geringsten einzusehen, wie ungezogen sie war - das macht mir am meisten Kummer! Wenn es ihr wirklich Leid täte, wäre alles halb so schlimm. Und du versuchst auch noch sie in Schutz zu nehmen!«

»Sie ist doch noch so klein«, wiederholte Matthew mit sanfter Stimme. »Und wir müssen ihr einiges nachsehen, Marilla. Sie hat nie irgendeine Erziehung genossen.«

»Dann ist es höchste Zeit, dass sie sie jetzt bekommt«, erwiderte Marilla scharf.

Der Rest des Mittagessens verlief in eisigem Schweigen. Als sie das Geschirr gespült, den Brotteig angesetzt und ihre Hühner gefüttert hatte, erinnerte sich Marilla auf der Suche nach weiterer Beschäftigung an einen Riss in ihrem Spitzenschal und beschloss ihn zu flicken.

Der Schal befand sich in einer Schachtel in ihrem Kleiderschrank. Als Marilla ihn herauszog, fiel das Licht auf etwas Glitzerndes. Marilla hielt den Atem an - es war die Amethystbrosche!

Plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: Als sie am Montagabend vom Frauenhilfswerk nach Hause gekommen war, hatte sie den Schal für ein paar Minuten auf die Kommode gelegt. Wahrscheinlich hatte sich die Brosche in den Spitzen verfangen und sie hatte sie - ohne es zu merken - mit dem Schal in den Schrank gepackt.

Mit der Brosche in der Hand stieg Marilla zum Ostgiebel hinauf. Anne saß niedergeschlagen am Fenster, sie war erschöpft vom vielen Weinen.

»Anne Shirley«, sagte Marilla feierlich. »Ich habe gerade meine Brosche wieder gefunden. Sie hatte sich in meinem schwarzen Spitzenschal verfangen. -Jetzt möchte ich aber wissen, was es mit dem Märchen auf sich hatte, das du mir heute Morgen aufgetischt hast.«

»Na, du hast doch gesagt, dass ich so lange hier bleiben müsste, bis ich ein Geständnis ablege«, erwiderte Anne matt. »Und da du die Wahrheit nicht geglaubt hast und ich unbedingt zum Picknick gehen wollte, habe ich mir gestern Abend im Bett ein Geständnis ausgedacht - etwas möglichst Interessantes. Dann habe ich es immer wieder vor mich hingesprochen, damit ich es nicht vergesse. Aber du hast mich trotzdem nicht zum Picknick gehen lassen, es war also alles umsonst.«

Marilla musste lachen. Gleichzeitig bekam sie heftige Gewissensbisse.

»Anne, du bist doch nicht zu schlagen! Aber ich habe dir Unrecht getan, das ist mir jetzt ganz klar. Ich hätte deine Ehrlichkeit nicht anzweifeln dürfen, weil ich dazu bisher noch nie Grund gehabt habe. Natürlich war es nicht richtig von dir, etwas zu gestehen, was du gar nicht getan hast. Aber ich habe dich dazu getrieben und das tut mir wirklich sehr Leid. Wenn du mir verzeihen willst, Anne, verzeihe ich dir auch - dann sind wir wieder quitt. Und jetzt mach dich schnell für das Picknick fertig.«

Wie eine Rakete sprang Anne aus ihrem Stuhl hoch. »Ist es denn noch nicht zu spät?«

»Nein es ist zwei Uhr. Die anderen haben sich gerade erst versammelt, du kannst es also noch schaffen. Wasch dein Gesicht, kämm deine Haare und zieh dein braunes Kleid an. Ich werde deinen Picknickkorb fertig machen und Jerry Bescheid sagen, damit er dich mit Pferd und Wagen zum Picknickplatz fahren kann.«

»Oh, Marilla«, rief Anne und sauste schnell wie der Wind zum Waschtisch hinüber. »Vor fünf Minuten war ich noch so traurig, dass ich wünschte, ich wäre nie geboren, und jetzt würde ich nicht einmal mit einem Engel tauschen wollen!«

An jenem Abend kehrte eine vollkommen glückliche und erschöpfte Anne nach Green Gables zurück.

»Es war ein himmlischer Tag, Marilla! Alles war wunderschön. Nach dem Essen ist Mr Andrews mit uns auf dem >See der glitzernden Wasser< rudern gegangen - immer sechs Mädchen in einem Boot. Jane Andrews ist fast über Bord gegangen. Sie wollte eine Seerose pflücken und hat sich so weit herausgebeugt, dass sie plötzlich das Gleichgewicht verloren hat. Wenn Mr Andrews sie nicht in allerletzter Minute festgehalten hätte, wäre sie ins Wasser gefallen und bestimmt jämmerlich ertrunken. Ich wünschte, das wäre mir passiert. Es muss so ein romantisches Gefühl sein, beinahe zu ertrinken! Und erst die Eiskrem! Mir fehlen die Worte, um diese Eiskrem zu beschreiben, Marilla. Ich schwöre dir, sie war einfach köstlich!«

Am Abend erzählte Marilla beim Strümpfestopfen ihrem Bruder, wie die ganze Geschichte ausgegangen war.

»Ich muss offen eingestehen, dass ich einen Fehler gemacht habe«, sagte sie nachdenklich. Dann schmunzelte sie. »Wenn ich an Annes >Geständnis< denke, muss ich lachen, obgleich es eine einzige faustdicke Lüge war! Eins ist sicher: Wo dieses Kind ist, wird es einem niemals langweilig werden.«

14 - Der Sturm im Wasserglas

»Was für ein herrlicher Tag!«, sagte Anne und atmete tief. »Ist es nicht wunderbar, an einem Tag wie diesem leben zu dürfen? Mir tun all die Leute Leid, die noch nicht geboren sind und ihn deshalb verpassen müssen. Natürlich werden auch sie schöne Tage erleben - diesen aber nie. Und was für einen prächtigen Schulweg wir haben!«

»Viel schöner als über die Landstraße, dort ist es so heiß und staubig«, antwortete Diana, während sie überlegte, wie viele Happen wohl für jeden übrig blieben, wenn man die drei Stück Himbeerkuchen, die ihre Mutter ihr mitgegeben hat, durch zehn teilte.

Die Schülerinnen von Avonlea pflegten ihre Pausenmahlzeiten nämlich immer zu teilen, und wenn man drei Stücke Himbeerkuchen ganz allein gegessen oder sie nur mit seiner besten Freundin geteilt hätte, wäre man für ewig als Geizhals abgestempelt worden.

Anne hatte bald für alle Stationen ihres Weges den passenden Namen gefunden. Jeden Morgen trafen sie sich in der >Liebeslaube<, einem verwunschenen Hohlweg, und gingen von dort aus weiter bis zum >Veilchental<, einer kleinen grünen Senke im Schatten der großen Bäume, die Mr Beils Felder begrenzten. Danach kam der >Birkenpfad<, eine kleine, gewundene Allee, die auf die Hauptstraße führte. Von dort aus bis zur Schule war es dann nur noch ein Katzensprung. Die Schule von Avonlea war ein weiß verputztes Gebäude mit flachem Dach und breiten Fenstern. Innen war sie mit stabilen, altmodischen Tischen mit aufklappbaren Schreibplatten ausgestattet, auf denen ganze Generationen von Schülern ihre Initialen und geheimen Mitteilungen hinterlassen hatten. Das Schulhaus lag etwas abseits der Straße. Dahinter floss ein kleiner Bach, in den die Kinder morgens ihre Milchflaschen stellten, damit sie bis zur Mittagspause kühl blieben. Marilla hatte Anne am ersten Tag nach den Ferien mit gemischten Gefühlen zur Schule geschickt. Wie würde Anne sich mit den anderen Kindern vertragen? Und würde sie es schaffen, eine ganze Unterrichtsstunde lang den Mund zu halten?

Doch es lief besser als befürchtet. Strahlendster Laune kam Anne von ihrem ersten Schulbesuch zurück.

»Ich glaube, die Schule hier wird mir gefallen«, verkündete sie. »Den Lehrer finde ich allerdings nicht gerade besonders. Er zwirbelt die ganze Zeit an seinem Schnurrbart herum und macht Prissy Andrews schöne Augen. Prissy ist nämlich schon fast erwachsen, sie ist sechzehn und bereitet sich auf die Aufnahmeprüfung am Queen’s College in Charlottetown vor. Sie hat eine ganz helle Haut und braunes hochgestecktes Haar. Der Lehrer sitzt meistens bei ihr in der langen Bank ganz hinten - um ihr bei den Aufgaben zu helfen, sagt er. Aber Ruby Gillis hat gesehen, wie er etwas auf Prissys Tafel schrieb, und als sie es las, hat sie gekichert und ist rot geworden wie eine Tomate.«

»Anne Shirley, ich möchte nicht, dass du so von deinem Lehrer sprichst«, fiel ihr Marilla streng ins Wort. »Er ist dazu da, dir etwas beizubringen, und es ist deine Aufgabe, von ihm zu lernen. Solche Geschichten möchte ich nicht wieder hören, das sage ich dir gleich, ich hoffe, du hast dich anständig benommen.«

»Ja, Marilla«, antwortete Anne mit gutem Gewissen. »Das war allerdings auch nicht so schwer, wie du es dir vielleicht vorstellst. Ich sitze neben Diana. Unsere Bank steht direkt am Fenster und wir können zum >See der glitzernden Wasser< hinüberschauen. Die anderen Mädchen sind sehr nett und wir hatten in der Mittagspause sehr viel Spaß miteinander. Es ist schön, so viele Spielkameradinnen zu haben. Diana habe ich natürlich am liebsten. - Ich muss viel nachholen, glaube ich, die anderen sind schon im fünften Buch und ich bin erst im vierten. Dafür haben die anderen aber nicht so viel Phantasie wie ich, das hat sich schnell herausgestellt. Heute hatten wir Lesen, Erdkunde, Geschichte und Diktat. Mr Philipp meinte, meine Rechtschreibung sei eine Schande und er hat meine Tafel in die Höhe gehalten, damit alle sehen konnten, wie viele Fehler er angestrichen hatte. Das war mir schrecklich peinlich, Marilla. Zu einer Fremden hätte er wirklich etwas höflicher sein können. - Ruby Gillis hat mir in der Pause einen Apfel geschenkt und Sophia Sloane hat mir eine wunderschöne rosa Karte geborgt, auf der steht >Darf ich dich nach Hause begleiten?<. Ich muss sie ihr allerdings morgen wieder geben. Den ganzen Nachmittag über durfte ich Tillie Boulters Perlenring tragen. Jane Andrews hat mir erzählt, sie habe gehört, wie Prissy Andrews zu Sara Gillis gesagt hat, ich hätte eine schöne Nase. Das ist das erste Kompliment, das ich in meinem ganzen Leben bekommen habe. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was das für ein komisches Gefühl war! Marilla, findest du auch, dass ich eine schöne Nase habe? Ich weiß, du wirst mir die Wahrheit sagen.«

»An deiner Nase ist nichts auszusetzen«, antwortete Marilla trocken. Insgeheim dachte sie, dass Annes Nase tatsächlich bemerkenswert hübsch war, aber sie hatte nicht die geringste Absicht, ihr das mitzuteilen.

Dieses Gespräch lag schon drei Wochen zurück, als Anne und Diana an einem frischen Septembermorgen wieder den >Birkenpfad< hinuntergingen.

»Ich wette, Gilbert Blythe wird heute in der Schule sein«, sagte Diana. »Er hat den Sommer bei seinen Verwandten in New Brunswick verbracht und ist erst Samstagabend zurückgekommen. Er sieht schrecklich gut aus, Anne, und er neckt alle Mädchen. Manchmal ist es eine richtige Plage mit ihm.«

Dianas Tonfall ließ anklingen, dass ihr diese Plage eigentlich recht angenehm war.

»Gilbert Blythe?«, fragte Anne. »Ist das nicht der Name, der neben dem von Julia Bell an der Wand der Schulveranda steht?«

»Ja«, antwortete Diana und reckte stolz den Kopf in die Höhe, »aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er Julia Bell gar nicht so gerne hat. Ich habe ihn sagen hören, dass man an ihren Sommersprossen das kleine Einmaleins abzählen könnte.«

»Oh, erzähl mir nichts von Sommersprossen«, bat Anne. »Ich habe selbst genug davon. Außerdem finde ich es ziemlich albern, die Namen von Jungen und Mädchen zusammen an die Wand zu schreiben. Ich möchte doch mal sehen, wer es wagt, meinen dort aufzuschreiben - nicht, dass ich meine, dass überhaupt einer auf die Idee käme«, fügte sie, ein wenig traurig, schnell hinzu.

»Unsinn«, tröstete Diana ihre Freundin. »Es ist doch nur ein Scherz. Und sei dir mal nicht so sicher, dass dein Name nicht dort erscheinen wird. Charlie Sloane ist ganz vernarrt in dich. Er hat gesagt, du seist das gescheiteste Mädchen in der ganzen Schule. Gescheit zu sein ist viel mehr wert, als nur gut auszusehen.«

»Nein, das ist es nicht«, widersprach Anne. »Ich wäre viel lieber hübsch als klug. Und Charlie Sloane kann ich nicht ausstehen. Aber es ist schön, die Beste in der Klasse zu sein.«

»Jetzt wirst du es damit nicht mehr so leicht haben. Gilbert ist in deiner Klasse und bisher ist er immer der Beste gewesen. Er ist schon vierzehn. Sein Vater ist vor vier Jahren krank geworden und da musste er mit ihm nach Alberta ziehen und konnte drei Jahre lang nicht zur Schule gehen, bis sie letztes Jahr zurückkamen.«

Als sie sich später im Klassenraum über ihre Tafeln beugten und Mr Philipp damit beschäftigt war, Prissy Andrews in der letzten Bank lateinische Vokabeln abzuhören, flüsterte Diana: »Das ist Gilbert Blythe, Anne. Er sitzt gleich gegenüber von dir auf der anderen Seite des Ganges. Findest du nicht auch, dass er gut aussieht?«

Vorsichtig drehte Anne sich zu dem Jungen um. Er war gerade in die schwierige Aufgabe vertieft, heimlich die langen blonden Zöpfe von Ruby Gillis mit einer Nadel an ihrem Stuhl zu befestigen - mit Erfolg. Denn als Ruby Gillis aufstehen wollte, um mit ihrer Rechenaufgabe zum Lehrer zu gehen, fiel sie mit einem kleinen Schrei auf ihren Stuhl zurück. Alle drehten sich zu ihr um und Mr Philipps sah sie so vernichtend an, dass sie zu weinen anfing. Gilbert Blythe aber beugte sich mit dem unschuldigsten Gesicht der Welt über seine Geschichtslektion. Als die Aufregung sich gelegt hatte, sah er zu Anne hinüber und zwinkerte ihr schelmisch zu.

»Dein Gilbert Blythe sieht wirklich gut aus«, flüsterte Anne Diana zu, »aber ich finde es ziemlich frech von ihm, einem fremden Mädchen zuzuzwinkern.«

Der Morgen verlief ohne weitere Zwischenfälle. Erst am Nachmittag braute sich der große Sturm zusammen.

Mr Philipps erklärte gerade Prissy Andrews mit Inbrunst ein Algebraproblem, während seine Schüler überwiegend mehr oder weniger das taten, was ihnen gerade einfiel: Sie aßen grüne Äpfel, flüsterten mit ihrem Nachbarn, malten Bilder auf ihre Schiefertafeln oder schossen sich zwischen den Bänken kleine Papierbälle zu. Die ganze Zeit über versuchte Gilbert Blythe, Anne Shirleys Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen - jedoch ohne Erfolg. Anne war weit weg. Das Kinn auf beide Hände gestützt, den starren Blick auf die Landschaft jenseits des Fensters gerichtet, reiste sie durch ein schillerndes Traumland. Von dem, was um sie herum vorging, sah und hörte sie nichts.

Gilbert Blythe war nicht gewohnt, sich vergeblich um die Aufmerksamkeit eines Mädchens zu bemühen. Er wollte es ihr schon zeigen, diesem rothaarigen Geschöpf mit dem kleinen spitzen Kinn und den großen Augen, die so anders waren als die Augen all der anderen Mädchen in Avonlea. Gilbert lehnte sich über den Gang zu Anne hinüber, nahm einen ihrer roten Zöpfe in die Hand, hob ihn hoch und rief: »He, Karotte! Karotte!«

Blinder Zorn stand in Annes Augen geschrieben, als sie sich zu Gilbert umwandte. Ihre schönen Traumbilder hatten ein jähes Ende gefunden. Blitzschnell sprang sie auf, griff nach ihrer Schiefertafel und schlug sie mit voller Wucht über Gilberts Kopf. Es knackte laut - Anne hatte so heftig zugeschlagen, dass die Tafel in zwei Teile zerbrach.

Ein Raunen ging durch den Klassenraum. So etwas hatte es in der Schule von Avonlea noch nie gegeben.

Mit großen Schritten kam Mr Philipp auf Anne zu und packte sie an der Schulter.

»Anne Shirley, was hat das zu bedeuten?«, fragte er zornig.

Anne gab keine Antwort. Sollte sie etwa noch vor der ganzen Klasse wiederholen, wie dieser Junge sie genannt hatte? Da meldete sich Gilbert zu Wort.

»Das war meine Schuld, Mr Philipp«, sagte er tapfer, »ich habe sie geärgert.«

Mr Philipps würdigte Gilbert jedoch keines Blickes.

»Es geht nicht an, dass eine meiner Schülerinnen sich so unbeherrscht und rachsüchtig zeigt«, sagte er in ernstem Ton, so als ob die bloße Tatsache, seine Schule zu besuchen, alle schlechten Eigenschaften automatisch verbannen würde. »An die Tafel mit dir, Anne. Und dort bleibst du den ganzen Nachmittag über stehen.«

Es wäre Anne lieber gewesen, wenn er sie geschlagen hätte. Das wäre leichter für sie zu ertragen gewesen, als dort vorne vor der ganzen Klasse stehen zu müssen. Doch sie gehorchte. Mit blassem Gesicht schritt sie zur Tafel. Mr Philipp nahm ein Stück Kreide und schrieb: »Ann Shirley ist jähzornig und ungezogen. Sie muss lernen, sich zu beherrschen.« Dann las er die beiden Sätze laut vor, sodass selbst die Erstklässler, die noch nicht lesen konnten, Bescheid wussten.

Unter dieser schriftlichen Anklage verbrachte Anne den Rest des Nachmittags. Sie war vollkommen stumm, weinte nicht und ließ auch nicht den Kopf hängen. Ihr Zorn war stärker als das Gefühl der Demütigung. Mit funkelnden Augen und geröteten Wangen stellte sie sich ihren Mitschülern. Dianas mitfühlenden Blicken genauso wie Charlie Sloanes entrüstetem Kopfschütteln oder Josie Pyes schadenfrohem Lächeln. Was Gilbert Blythe anging, so schaute sie nicht ein einziges Mal zu ihm hinüber. Sie würde ihn niemals wieder anschauen!

Als der Unterricht endlich vorbei war, ging Anne mit hocherhobenem Kopf aus dem Klassenraum. Gilbert Blythe versuchte sie im Vorraum abzufangen.

»Es tut mir schrecklich Leid, dass ich mich über deine Haare lustig gemacht habe, Anne«, flüsterte er mit zerknirschtem Gesicht. »Ehrlich! Sei doch nicht mehr böse, Anne.«

Doch Anne würdigte ihn keines Blickes. Sie tat so, als hätte sie ihn weder gehört noch gesehen.

»Oh, wie konntest du nur, Anne?«, fragte Diana später in halb vorwurfsvollem, halb bewunderndem Tonfall, als sie zusammen die Landstraße hinuntergingen. Diana wusste, dass sie Gilberts flehentliche Bitte nicht hätte ausschlagen können.

»Ich werde Gilbert Blythe niemals verzeihen«, sagte Anne fest. »Und Mr Philipps hat meinen Namen ohne e geschrieben. Dieser Dolch hat mich mitten ins Herz getroffen, Diana.«

Diana war sich nicht ganz sicher, wie sie Annes letzten Satz deuten sollte, aber ihr war klar, dass es sich um etwas sehr Schlimmes handeln musste.

»Du solltest das nicht so ernst nehmen«, wollte Diana sie besänftigen. »Gilbert hänselt doch alle Mädchen. Zu mir sagt er immer >schwarze Dohle<. Aber ich habe ihn noch niemals vorher für irgendetwas um Entschuldigung bitten hören.«

»Das sind zwei völlig verschiedene Dinge, ob man zu jemandem >schwarze Dohle< sagt oder »Karotte«!«, erwiderte Anne entschieden. »Gilbert Blythe hat mich bis ins Mark verletzt.«

Trotz dieser großen Worte hätte die ganze Geschichte ohne weiteres im Sande verlaufen können, wenn nicht kurz darauf ein zweiter Zwischenfall die Gemüter weiter erhitzt hätte. Ein Sturm, der sich erst einmal so richtig zusammengebraut hatte, entlädt sich dann auch meist mit voller Wucht.

Die Schulkinder von Avonlea verbrachten ihre Mittagspause gern unter Mr Beils Nussbäumen, die jenseits eines großen Feldes ein gutes Stück von der Schule entfernt standen. Von dort aus konnten sie das Wohnhaus des Lehrers jederzeit im Auge behalten. Erst wenn sie sahen, dass er am Ende der Pause sein Haus verließ, liefen sie zur Schule zurück. Nicht selten kam es vor, dass sie ein paar Minuten zu spät dort eintrafen und sich keuchend und prustend auf ihre Plätze schleichen mussten.

Am Tag nach Annes unerfreulichem Zusammenstoß mit Gilbert Blythe hatte Mr Philipps wieder einmal das dringende Bedürfnis verspürt, »andere Saiten aufzuziehen« und seine Schüler zur Vernunft zu bringen. Deshalb kündigte er lautstark an, dass es mit dem Herumtreiben in der Mittagspause nun vorbei sei und er jeden Schüler, der den Klassenraum nach der Pause zu spät beträte, hart bestrafen werde.

Natürlich gingen die Jungen und einige der Mädchen auch an diesem Tag zu den Nussbäumen hinüber. Sie hatten sich vorgenommen, früher als gewöhnlich wieder zur Schule zurückzulaufen. Doch die Nüsse schmeckten zu gut, dass sie die Zeit vergaßen. Erst die laute Stimme von Jimmy Glover, der auf dem höchsten Baum hockte, schreckte sie auf: »Der Lehrer kommt!«

Anne, die nicht nach Nüssen gesucht hatte, sondern sich in einer entfernten Ecke unter den Bäumen mit Blumen geschmückt und ihren Träumen nachgehangen hatte, war eine gute Läuferin. Mit voller Kraft lief sie los, überholte sogar noch einige der Jungen und betrat atemlos das Klassenzimmer, als Mr Philipps gerade seinen Hut an den Haken hängte.

Der erzieherische Elan des Lehrers war eigentlich schon längst verflogen, er wollte sich auch nicht der lästigen Mühe unterziehen, ein Dutzend Schüler bestrafen zu müssen. Doch sein Wort musste er halten, um nicht unglaubwürdig zu erscheinen. Er schaute sich nach einem Sündenbock um. Sein Blick fiel auf Anne, die - immer noch ganz erhitzt vom Laufen - mit roten Wangen und glänzenden Augen auf ihrem Platz saß.

»Anne Shirley, da du offensichtlich so erpicht bist auf die Gesellschaft der Jungen, wollen wir dich heute Nachmittag einmal so richtig verwöhnen«, sagte er bissig. »Nimm die Blumen aus dem Haar und setz dich neben Gilbert Blythe.«

Die anderen Schüler kicherten. Diana, die vor Mitgefühl ganz blass geworden war, zupfte die Blumen aus Annes Haar und drückte fest die Hand ihrer Freundin. Fassungslos starrte Anne ihren Lehrer an. »Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe, Anne?«, fuhr Mr Philipps sie an.

»Doch, Sir«, antwortete Anne zögernd. »Aber ich habe nicht gedacht, dass Sie es ernst meinen.«

»Wenn ich etwas sage, dann meine ich es auch!«, donnerte er.

Einen Moment lang sah es so aus, als wollte Anne seinem Befehl trotzen, doch dann erkannte sie, dass es keinen Ausweg für sie gab. Erhobenen Hauptes stand sie auf, ging zu Gilbert Blythe hinüber und setzte sich. Dann beugte sie sich weit nach vorn und vergrub ihr Gesicht in beiden Armen.

Für Anne war der Weltuntergang in sichtbare Nähe gerückt. Es war ja schon schlimm genug, aus einem Dutzend Schuldiger als Einzige eine Strafe zu bekommen - aber dass sie sich ausgerechnet auch noch neben Gilbert Blythe setzen musste, das brachte das Fass endgültig zum Überlaufen! Anne war zutiefst aufgewühlt vor Scham, Zorn und gedemütigtem Stolz.

Die anderen Schüler kicherten noch eine Weile über die neue Sitzordnung in der Klasse, doch als Anne ihren Kopf überhaupt nicht mehr hob und Gilbert sich mit glühenden Wangen in seine Rechenaufgaben vertiefte, wandten sie sich bald wieder ihren eigenen Aufgaben zu und überließen Anne ihrem Schicksal. Eine Stunde später rief Mr Philipps seine älteren Schüler zum Geschichtsunterricht auf. Anne hätte eigentlich aufstehen müssen, aber sie rührte sich nicht von der Stelle. Doch Mr Philipps, der gerade einige Verse »Für Pricilla« gedichtet hatte und noch über einen schwierigen Reim nachdachte, bemerkte das gar nicht, in einem unbeobachteten Moment nahm Gilbert eine kleine rosa Karte mit der Goldaufschrift »Du bist süß« aus seiner Tasche und schob sie unter Annes Arm. Anne fasste mit spitzen Fingern nach der Karte, ließ sie auf den Boden fallen und zertrat sie mit dem Absatz. Ohne Gilbert auch nur anzuschauen, nahm sie wieder ihre frühere Haltung ein.

Als der Unterricht vorbei war, ging Anne zu ihrer Bank hinüber, holte alle ihre Bücher, Hefte und Schreibutensilien heraus und nahm sie in einem dicken Stapel unter den Arm.

»Ich gehe nicht mehr zur Schule«, erklärte sie Diana auf dem gemeinsamen Heimweg.

Überrascht schaute Diana ihre Freundin an. Ob das wohl ihr Ernst war? »Meinst du, Marilla wird dir das erlauben?«, fragte sie.

»Sie muss«, antwortete Anne. »Solange dieser Lehrer da ist, werde ich keinen Fuß mehr in die Schule setzen!«

»Ach, Anne!« Diana machte ein Gesicht, als würden ihr jeden Moment die Tränen kommen. »Ich finde, du bist gemein. Was soll ich denn machen ohne dich? Mr Philipps wird mich neben diese schreckliche Josie Pye setzen - das weiß ich ganz genau, sie sitzt nämlich als Einzige allein. Bitte, komm morgen wieder mit mir zur Schule, Anne!«

»Ich würde fast alles in der Welt für dich tun, Diana«, sagte Anne traurig. »Ich würde mich vierteilen und steinigen lassen, nur um dir zu helfen. Aber zur Schule kann ich nicht mehr gehen. Hör auf, mich darum zu bitten. Es zerreißt mir das Herz.«

Diana ließ jedoch nicht locker. »Denk doch nur an all den Spaß, den du vermissen wirst! Wir bauen uns unten am Bach ein wunderschönes neues Haus und nächste Woche spielen wir Brennball, bestimmt hast du noch nie in deinem Leben Ball gespielt. Es ist fürchterlich aufregend. Und Alice Andrews bringt nächste Woche ein neues Buch mit, das wir unten am Bach Kapitel für Kapitel laut lesen wollen. Du liest doch so gerne vor, Anne.«

Nichts konnte Anne erweichen. Sie hatte einen festen Entschluss getroffen: Nie mehr würde sie zu Mr Philipps in die Schule gehen!

Das erzählte sie auch gleich Marilla, als sie wenig später nach Hause kam.

»Unsinn!«, sagte Marilla.

»Das ist überhaupt kein Unsinn«, erwiderte Anne und schaute Marilla mit ernsten, vorwurfsvollen Augen an. »Verstehst du denn nicht, Marilla? Man hat mich beleidigt!«

»Beleidigt! Was soll der Unfug? Du gehst morgen wie immer zur Schule.«

»Nein, das tue ich nicht.« Anne schüttelte ruhig den Kopf. »Ich gehe nicht mehr zur Schule, Marilla. Ich werde zu Hause lernen und mir dabei so viel Mühe geben wie irgend möglich. In die Schule gehe ich aber nicht mehr zurück, das steht fest!«

Marilla war der entschlossene Ausdruck in Annes Blick nicht entgangen. Es würde schwer sein, sie wieder umzustimmen. Klugerweise schwieg sie deshalb und zog es vor, die Sache erst einmal auf sich beruhen zu lassen.

Ich werde nachher zu Rachel hinübergehen und sie um Rat fragen, dachte sie. Sie hat zehn Kinder groß gezogen und kann mir sicherlich helfen, eine Lösung für dieses Problem zu finden. Wahrscheinlich kennt sie die ganze Geschichte sowieso schon.

Als Marilla in Mrs Lyndes Küche trat, fand sie die alte Dame wie immer gut gelaunt auf ihrem Fensterposten.

»Du kannst dir sicherlich schon denken, weshalb ich komme«, eröffnete Marilla etwas verlegen das Gespräch.

Mrs Rachel nickte. »Wegen Annes Ärger in der Schule wahrscheinlich«, sagte sie. »Tillie Boulter hat auf ihrem Heimweg von der Schule bei mir vorbeigeschaut und mir die ganze Sache erzählt.«

»Ich weiß nicht, was ich tun soll«, gab Marilla zu. »Sie ist fest entschlossen, nicht mehr zur Schule zu gehen. Eigentlich habe ich schon seit dem ersten Schultag mit Problemen gerechnet - es lief alles einfach zu gut. Was soll ich nun tun, Rachel?«

»Nun, da du mich um Rat fragst, Marilla«, sagte Mrs Lynde mit ihrer liebenswürdigsten Stimme - Mrs Lynde liebte es nun einmal, von anderen um Rat gefragt zu werden »ich würde zunächst einmal überhaupt nichts tun - jawohl! Meiner Meinung nach war Mr Philipps im Unrecht, aber das können wir natürlich schlecht zu den Kindern sagen. Ich halte sowieso nichts davon, die Mädchen zur Strafe neben den Jungen sitzen zu lassen. Tillie Boulter war richtig empört. Sie hat sofort Annes Partei ergriffen und meinte, alle anderen Schüler hätten auch auf ihrer Seite gestanden. Anne scheint bei ihnen recht beliebt zu sein. Ich hätte nie gedacht, dass sie so gut mit ihnen auskommt.«

»Du meinst also wirklich, ich sollte ihr einfach ihren Willen lassen und sie zu Hause behalten?«, fragte Marilla verwundert.

»Ja. Das Wort >Schule< würde ich ihr gegenüber gar nicht mehr erwähnen. Verlass dich drauf, Marilla, in ein oder zwei Wochen wird sie sich beruhigt haben und von selbst auf die Idee kommen, wieder zur Schule zu gehen. Wenn du sie aber jetzt dazu zwingst, könnte der Ärger nur noch schlimmer werden. Je weniger Aufhebens um die ganze Sache gemacht wird, desto besser. Was den Unterricht angeht, so wird sie sowieso nicht allzu viel verpassen. Mr Philipps ist der schlechteste Lehrer, den wir je hatten. Er kann keine Ordnung halten. Außerdem vernachlässigt er die Kleinen und widmet fast seine ganze Zeit den großen Schülern, die er auf die Aufnahmeprüfung am Queen’s College vorbereitet. Er hätte die Stelle gar nicht erst bekommen, wenn sein Onkel nicht so einen großen Einfluss bei der Schulbehörde hätte. Ehrlich — ich frage mich, wie das mit der Schulbildung hier auf der Insel noch enden soll.«

Mrs Rachel schüttelte den Kopf, als wollte sie zum Ausdruck bringen, dass die Dinge sehr viel besser laufen würden, wenn sie in der Schulbehörde das Sagen hätte.

Marilla befolgte den Rat ihrer Nachbarin und erwähnte die ganze Geschichte gegenüber Anne mit keinem Wort. Anne lernte aus ihren Büchern, erledigte ihre Aufgaben im Haus und ging mit Diana spielen. Wenn sie Gilbert zufällig auf der Straße traf oder ihm in der Sonntagsschule begegnete, strafte sie ihn mit eisiger Verachtung. Sein offensichtliches Bemühen, sich wieder mit ihr zu versöhnen, blieb ohne jeden Erfolg. Auch Dianas Versuche, als Friedensstifterin aufzutreten, waren zum Scheitern verurteilt. Anne war fest entschlossen, Gilbert Blythe bis an ihr Lebensende leidenschaftlich zu hassen.

15 - Tee mit tragischen Folgen

Der Oktober war ein wunderschöner Monat auf Green Gables. Die Blätter der Birken unten in der Senke färbten sich golden, die Ahornbäume hinter dem Obstgarten und die wilden Kirschen entlang des Hohlwegs wurden purpurrot und braun.

Anne genoss die herbstliche Farbenpracht aus tiefstem Herzen. »Oh, Marilla!«, rief sie eines Sonntagsmorgens aus, als sie mit einem üppigen Herbststrauß im Arm in die Küche gelaufen kam, »ich bin so froh, dass ich in einer Welt lebe, in der es einen Oktober gibt. Es wäre doch jammerschade, wenn wir vom September gleich zum November springen müssten, findest du nicht? - Schau dir nur diese Ahornzweige an! Ich möchte mein Zimmer damit schmücken.«

»Sie machen nur Dreck«, antwortete Marilla, deren Schönheitssinn nicht sonderlich entwickelt war. »Du stopfst dein Zimmer sowieso schon viel zu voll mit Dingen, die eigentlich nach draußen gehören. Schlafzimmer sind dazu da, dass man in ihnen schläft, Anne.«

». . . und träumt, Marilla! Je schöner die Umgebung, desto schöner auch die Träume. Ich will die Zweige in dem alten blauen Krug auf meinen Tisch stellen.«

»Aber pass auf, dass du die Blätter nicht auf der Treppe verstreust. -Ich gehe heute Nachmittag zur Versammlung des Frauenhilfswerks in Carmody, Anne. Vor Einbruch der Dunkelheit werde ich wohl nicht wieder hier sein. Du musst Matthew und Jerry das Abendessen richten. Wenn du magst, kannst du Diana heute Nachmittag zum Tee einladen.«

»Oh, Marilla!« Anne klatschte in die Hände. »Wie wunderbar! Du hast inzwischen auch gelernt, dir Dinge vorzustellen! Oder wie konntest du sonst erraten, dass ich mir das schon lange gewünscht habe? Das klingt so herrlich erwachsen: >seine Freundin zum Tee einladend< Mach dir keine Sorgen, das mit dem Abendessen werde ich schon schaffen. - Darf ich das Rosenknospenservice für uns aufdecken?«

»Nein, auf gar keinen Fall! Du weißt doch ganz genau, dass ich es selbst nie benutze - außer wenn der Pfarrer oder die Damen vom Hilfswerk zu Besuch kommen. Du nimmst unser braunes Alltagsgeschirr. Du darfst den kleinen gelben Topf mit dem Kirschkompott aufmachen, das muss sowieso gegessen werden. Und ihr könnt euch auch von dem Obstkuchen und den Keksen nehmen, in der Speisekammer, im zweiten Fach, steht noch eine Flasche Johannisbeersaft. Davon könnt ihr trinken, so viel ihr wollt.«

»Ach, ich kann mir schon vorstellen, wie ich am Kopfende des Tisches sitze und den Tee einschenke«, schwärmte Anne mit geschlossenen Augen. »Ich werde Diana fragen, ob sie ihren Tee mit Zucker nimmt. Natürlich weiß ich schon längst, dass sie keinen nimmt - ich werde nur so tun, als wüsste ich es nicht. Und dann werde ich sie nötigen, noch ein Stück von dem Obstkuchen zu essen und sich noch etwas von dem Kompott aufzufüllen. Darf ich Diana ins Gästezimmer führen, damit sie dort ihren Hut ablegen kann, wenn sie kommt? Und dann mit ihr im Salon sitzen?«

»Nein. Das Wohnzimmer ist gut genug für dich und deinen Gast.

Matthew wird heute ebenfalls später nach Hause kommen, er fährt die Kartoffeln zum Frachtschiff.«

Schnell wie der Wind sauste Anne zu Diana hinüber, um ihr die Einladung zum Tee zu überbringen. Diana war begeistert, in ihrem zweitbesten Kleid kam sie kurz nach Marillas Abfahrt am frühen Nachmittag auf Green Gables an. Wenn sie Anne besuchte, rannte sie normalerweise ohne anzuklopfen gleich in die Küche, doch diesmal klopfte sie höflich an der Vordertür. Anne, ebenfalls in ihrem zweitbesten Kleid, öffnete die Tür und die beiden Mädchen schüttelten sich so förmlich die Hände, als hätten sie sich noch nie zuvor gesehen. Die feierliche Stimmung dauerte auch noch an, als Diana im Gästezimmer ihren Hut abgelegt und im Wohnzimmer Platz genommen hatte. Mit artig übereinander geschlagenen Beinen saßen sich die beiden Freundinnen gegenüber.

»Wie geht es deiner Mutter?«, erkundigte sich Anne, als hätte sie Mrs Barry nicht am Morgen des gleichen Tages in ihrem Obstgarten bei bester Laune und Gesundheit Äpfel pflücken sehen.

»Danke, sie ist wohlauf. Mr Cuthbert bringt heute Nachmittag die Kartoffeln zum Hafen, nehme ich an?«, fragte Diana, die am Morgen auf Matthews Wagen mit zu Mr Harmon Andrews gefahren war.

»Ja, wir haben eine recht gute Kartoffelernte dieses Jahr. Ich hoffe, euch geht es ebenso?«

»Ja, recht gut, danke. Habt ihr auch schon Äpfel gepflückt?«

»Und ob!«, rief Anne. Bei dem Gedanken an die vielen reifen Früchte war auf einmal alle Würde und Steifheit vergessen. »Lass uns in die Plantage gehen und uns ein paar rote Süßlinge holen, Diana. Marilla hat gesagt, wir könnten alle haben, die noch auf dem Baum sind. Marilla ist sehr großzügig. Sie hat uns auch Obstkuchen bereitgestellt. Nur zeugt es nicht gerade von guten Manieren, seinen Gästen anzukündigen, was sie später zu essen bekommen. Deshalb verrate ich dir auch nicht, was es zu trinken gibt. Aber es fängt mit J an und ist rot und süß.«

Der Obstgarten mit seinen schweren, fruchtbeladenen Ästen erwies sich als ein so angenehmer Aufenthaltsort, dass die beiden Mädchen fast den ganzen Nachmittag dort verbrachten. Als sie genug gespielt hatten, suchten sie sich ein sonniges Fleckchen und machten es sich im Gras gemütlich. Diana hatte Anne viel zu erzählen: Seit ihre Freundin nicht mehr zur Schule kam, musst sie nebenjosie Pye sitzen, wozu sie nicht die geringste Lust hatte. Josie ließ immer ihren Griffel über die Tafel quietschen - ein Geräusch, das Diana das Blut in den Adern gefrieren ließ. - Ruby Gillis war alle ihre Warzen losgeworden, nachdem die alte Mary Joe ihr einen Zauberstein geschenkt hatte: Man musste nur die Warzen bei Neumond mit dem Stein bestreichen und ihn dann anschließend über die linke Schulter nach hinten werfen, dann verschwanden die Warzen schon am nächsten Tag. - Mr Philipps hatte Sam Boulter verprügelt, weil er ihm im Unterricht »Widerworte« gegeben hatte, woraufhin Sams Vater in der Schule erschienen war und den Lehrer lautstark davor gewarnt hatte, noch einmal Hand an eines seiner Kinder zu legen. - Mattie Andrews hatte eine neue rote Haube und einen Umhang mit Troddeln bekommen -es war kaum auszuhalten, wie sie überall damit herumprahlte. - Lizzie Wright hatte sich mit Mamie Wilson verfeindet, weil Mamie Wilsons erwachsene Schwester Lizzie Wrights erwachsener Schwester den Verehrer ausgespannt hatte. Und alle vermissten sie Anne und wünschten sich, dass sie bald wieder zur Schule kommt, und Gilbert Blythe ...

Doch über Gilbert Blythe wollte Anne nichts hören. Schnell sprang sie auf und schlug vor, zurück ins Haus zu gehen und Johannisbeersaft zu trinken.

Anne schaute im zweiten Fach in der Speisekammer nach, fand aber die Flasche nicht. Nach einigem Suchen entdeckte sie sie dann endlich im obersten Fach, stellte sie auf ein Tablett und brachte sie mit einem Glas zum Wohnzimmertisch.

»Bitte schön, greif zu, Diana«, sagte sie höflich. »Ich glaube, ich trinke lieber nichts. Mein Bauch ist noch so voll von den vielen Äpfeln.«

Diana goss ihr Glas voll und bewunderte die tiefrote Farbe des Getränks. Dann nahm sie einen kleinen Schluck.

»Der Saft schmeckt köstlich, Anne«, sagte sie. »Ich wusste gar nicht, dass Johannisbeersaft so gut schmecken kann.«

»Es freut mich, dass es dir schmeckt. Nimm dir nur, so viel du willst. Ich schüre inzwischen das Feuer in der Küche. Es gibt so viele Verpflichtungen, man muss an alles denken, wenn man einen Haushalt fuhrt.«

Als Anne von der Küche zurückkam, hatte Diana gerade ihr zweites Glas geleert und erhob auch keine größeren Einwände gegen Annes Aufforderung, ruhig noch ein drittes Glas zu trinken. Der Johannisbeersaft schmeckte ihr offenbar ausgezeichnet.

»Der beste, den ich je getrunken habe«, sagte Diana. »Viel besser als der von Mrs Lynde, dabei bildet sie sich auf ihren Gott weiß was ein.«

»Das überrascht mich gar nicht, dass der Saft von Manila besser ist«, meinte Anne. »Marilla ist nämlich eine phantastische Köchin. Sie versucht gerade, mir das Kochen beizubringen, aber ich sage dir, Diana: Ich bin ein hoffnungsloser Fall. Beim Kochen kann man seine Phantasie überhaupt nicht entfalten, man muss sich immer genau an die Regeln halten. Das letzte Mal, als ich einen Kuchen backen sollte, habe ich das Mehl vergessen. Ich habe mir gerade eine herzzerreißende Geschichte über uns beide ausgedacht, Diana. Ich habe mir vorgestellt, du hättest eine fürchterliche Krankheit: die Schwarzen Pocken. Alle hatten sie dich aus Angst vor Ansteckung verlassen - nur ich saß an deinem Bett und pflegte dich so lange, bis du wieder ganz gesund warst. Und dann habe ich die Schwarzen Pocken gekriegt und bin daran gestorben. Du hast eine Rose auf meinem Grab gepflanzt und sie mit deinen Tränen begossen. Dein ganzes Leben lang hast du immer an deine Jugendfreundin gedacht, die einst ihr Leben für dich geopfert hat . . . Oh, was für eine herrliche Geschichte, Diana! Während ich den Teig knetete, sind mir die Tränen nur so heruntergelaufen. Dabei habe ich dann das Mehl vergessen und der Kuchen wurde ein voller Misserfolg. Marilla war sehr böse auf mich. Ich kann ihr das nicht mal verübeln. Sie hat kein leichtes Leben mit mir. - Aber Diana, was ist denn mit dir los?«

Diana war kurz aufgestanden, hatte sich aber gleich wieder hingesetzt und hielt nun mit beiden Händen ihren Kopf. »Mir ist... mir ist übel«, sagte sie mit zittriger Stimme. »Ich ... ich muss ... nach Hause.«

»Aber du darfst doch jetzt nicht nach Hause gehen! Wir haben noch gar nicht Tee getrunken!«, rief Anne entgeistert aus. »Ich werde sofort den Kessel aufsetzen.«

»Ich will nach Hause«, wiederholte Diana schwach.

»Dann lass mich dir wenigstens noch etwas zu essen anbieten«, flehte Anne ihre Freundin an. »Ich hole den Obstkuchen. Leg dich in der Zwischenzeit ein bisschen aufs Sofa, dann wird es dir gleich wieder besser gehen.«

»Ich will nach Hause«, sagte Diana noch einmal, nun schon etwas bestimmter. Mehr brachte sie allerdings nicht hervor.

»Ich habe noch nie gehört, dass ein Gast vor dem Tee nach Hause ging«, beklagte sich Anne. »Oh, Diana, vielleicht hast du wirklich die Schwarzen Pocken bekommen? Wenn du krank wirst, werde ich dich pflegen, darauf kannst du dich verlassen. Ich werde nicht von deiner Seite weichen. Aber du kannst doch wenigstens noch bis zum Tee bleiben, oder? Wo tut es denn weh?«

»Mir ist ganz schwindelig.«

Und tatsächlich: Diana konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Tränen der Enttäuschung in den Augen, brachte Anne ihre Freundin zurück zur Barry-Farm. Auf dem Rückweg nach Green Gables weinte sie hemmungslos. Traurig stellte sie den Rest Johannisbeersaft zurück in die Speisekammer und bereitete das Abendessen für Matthew und Jerry vor.

Der nächste Tag war ein Sonntag, und da es von morgens bis abends regnete, konnte Anne keinen Fuß vor die Tür setzen. Am Montagnachmittag schickte Marilla sie zu Mrs Lynde hinüber, doch schon nach kurzer Zeit kam Anne zurückgelaufen. Dicke Tränen rollten ihr über die Wangen. Sie stürzte in die Küche und warf sich laut schluchzend auf das Sofa.

»Was ist denn nun schon wieder passiert?«, erkundigte sich Marilla besorgt. »Ich hoffe, du hast Mrs Lynde nicht wieder beleidigt?«

»Mrs Lynde war heute drüben auf Orchard Slope. Mrs Barry war entsetzlich aufgeregt«, schluchzte Anne. »Sie sagte, ich hätte Diana am Samstag betrunken gemacht und sie in einem jämmerlichen Zustand nach Hause geschickt. Sie meinte, ich sei durch und durch verdorben und Diana dürfe nie wieder mit mir spielen. Oh, Marilla, ich bin ja so unglücklich.«

»Diana betrunken gemacht?«, fragte Marilla verwundert. »Was um alles in der Welt hast du ihr zu trinken gegeben?«

»Nur von deinem Johannisbeersaft«, sagte Anne kläglich. »Ich konnte doch nicht ahnen, dass man davon betrunken wird - selbst wenn man drei riesige Gläser davon trinkt, so wie Diana.«

Mit großen Schritten ging Marilla zur Speisekammer hinüber. Im zweiten Fach fand sie eine fast leere Flasche von dem Johannisbeerwein, für den sie in ganz Avonlea berühmt war, obgleich einige der strengeren Leute — unter ihnen Mrs Barry — die Herstellung von Alkohol auch in kleinen Mengen scharf verurteilten. Im selben Moment fiel Marilla ein, dass sie die Flasche mit dem Saft in den Keller gestellt hatte und nicht in die Speisekammer, wie sie Anne gesagt hatte.

Mit der Weinflasche in der Hand kam sie in die Küche zurück. Gegen ihren Willen musste sie insgeheim schmunzeln.

»Anne, du scheinst ein besonderes Talent zu haben, von einem Fettnäpfchen ins andere zu treten. Du hast Diana Johannisbeerwein zu trinken gegeben, keinen Johannisbeersaft. Hast du denn nicht den Unterschied bemerkt?«

»Aber ich habe doch gar nicht davon probiert«, erklärte Anne. »Ich dachte, es sei der Saft. Ich wollte ganz besonders gastfreundlich sein und habe ihr eifrig nachgeschenkt. Dann wurde es Diana auf einmal übel und sie wollte nach Hause gehen. Mrs Barry hat Mrs Lynde erzählt, Diana sei sturzbetrunken gewesen. Sie habe nur noch gelallt und wäre dann sofort eingeschlafen. Gestern soll sie den ganzen Tag fürchterliche Kopfschmerzen gehabt haben. Mrs Barry ist schrecklich wütend. Wahrscheinlich denkt sie, ich hätte es absichtlich getan.«

»Ich finde, sie sollte lieber auf ihre Diana böse sein, weil sie so gierig war«, erwiderte Marilla kurz. »Von drei so großen Gläsern wäre ihr auf jeden Fall übel geworden, selbst von Johannisbeersaft. Die ganze Geschichte wird Wasser auf den Mühlen derjenigen Leute sein, die sich sowieso über mich das Maul zerreißen, weil ich den Wein herstelle. Komm schon, Kind, hör auf zu weinen. Dich trifft doch keine Schuld. Es tut mir Leid, dass es so gekommen ist.«

»Aber ich muss weinen«, entgegnete Anne. »Mein Herz ist gebrochen. Höhere Mächte haben sich gegen mich verschworen, Marilla. Diana und ich sind für immer getrennt und dabei haben wir uns vor kurzem noch ewige Freundschaft geschworen!«

»Sei nicht albern, Anne. Mrs Barry wird anders darüber denken, wenn sie hört, dass du an der Sache keine Schuld hast. Wahrscheinlich denkt sie, du hättest dir einen schlechten Scherz erlaubt. Am besten gehst du noch heute Nachmittag hinüber und erzählst ihr, wie es wirklich war.«

»Das trau ich mich nicht«, seufzte Anne. »Kannst du nicht hingehen, Marilla? Dir wird sie eher Glauben schenken.«

»Gut, ich gehe«, stimmte Marilla zu, die diese Verfahrensweise auch für klüger hielt. »Und jetzt hör auf zu weinen, Anne. Es wird schon alles wieder gut werden.«

Doch als Marilla später am Abend von Orchard Slope zurückkehrte, war sie sich da nicht mehr ganz so sicher. Anne hatte schon auf sie gewartet und kam ihr über den Hof entgegengelaufen.

»Oh, Marilla, dein Gesicht sagt mir schon, dass es keinen Zweck gehabt hat. Mrs Barry will mir nicht verzeihen, nicht wahr?«

»So ist es«, bestätigte Marilla. »Von allen unvernünftigen Frauen, die ich kenne, ist sie die schlimmste. Ich habe ihr gesagt, dass es alles mein Fehler war und dich keinerlei Schuld trifft, aber sie hat es mir einfach nicht abgenommen. Und dann hat sie die ganze Geschichte mit meinem Johannisbeerwein wieder aufgewärmt: Dass sie schon immer dagegen gewesen wäre und dass ich behauptet hätte, er könnte keinen Schaden anrichten. Ich habe ihr gesagt, dass man ja normalerweise auch nicht gleich drei große Gläser von dem Wein trinkt und dass ich, wenn ich so ein unbescheidenes Kind hätte, ihr erstmal gehörig den Hintern versohlen würde. Davon wäre die Kleine dann schon wieder nüchtern geworden!«

Aufgebracht stapfte Marilla in die Küche, während Anne kurz entschlossen durch die kühle Herbstdämmerung nach Orchard Slope hinüberlief. Als Mrs Barry auf das schüchterne Klopfen hin die Küchentür öffnete, fand sie eine blasse kleine Bittstellerin auf ihrer Schwelle vor.

Ihr Gesicht verhärtete sich bei diesem Anblick. Mrs Barry war eine Frau von festen Grundsätzen: Wenn einmal etwas ihren Zorn entfacht hatte, war es sehr schwer, sie wieder milder zu stimmen.

»Was willst du?«, fragte sie steif.

Anne rang die Hände. »Oh, Mrs Barry, bitte, verzeihen Sie mir! Ich wollte Diana nicht vergiften. Warum sollte ich so etwas tun? Stellen Sie sich doch nur einmal vor, Sie wären ein armes kleines Waisenmädchen, das freundliche Menschen bei sich aufgenommen hätten und das nur eine einzige Busenfreundin auf der ganzen Welt besäße. Meinen Sie wirklich, Sie würden diese Freundin absichtlich vergiften? Ich dachte, es wäre Johannisbeersaft, davon war ich fest überzeugt. Oh, bitte, lassen Sie Diana wieder mit mir spielen. Wenn Sie uns trennen, wird dieser Kummer mein ganzes Leben überschatten.« Diese Rede, die das Herz einer Mrs Lynde im Handumdrehen erweicht hätte, verfehlte ihre Wirkung bei Mrs Barry vollkommen. Annes große Worte machten die strenge Frau nur noch misstrauischer. Wollte sich das Mädchen etwa auch noch über sie lustig machen?

»Ich glaube nicht, dass du der richtige Umgang für Diana bist. Geh jetzt nach Hause und lern dich anständig zu benehmen.«

Annes Lippen zitterten. »Darf ich Diana wenigstens noch einmal sehen, um ihr Lebewohl zu sagen?«, bat sie mit flehender Stimme. »Diana ist mit ihrem Vater nach Carmody gefahren«, sagte Mrs Barry und schloss die Küchentür hinter sich.

Stumm vor Schmerz kehrte Anne nach Green Gables zurück.

Als Marilla vor dem Zubettgehen noch einmal leise in Annes Zimmer trat, sah sie, dass das Mädchen sich in den Schlaf geweint hatte.

»Armes, kleines Ding«, murmelte sie, beugte sich über das Bett und drückte einen zärtlichen Kuss auf Annes feuchte Wangen.

16 - Zurück in der Schule

Am folgenden Nachmittag saß Anne am Küchenfenster und beugte sich über ihre Näharbeit. Ab und zu schaute sie gedankenverloren nach draußen. Da fiel ihr Blick plötzlich auf Diana, die völlig unerwartet aus dem Hohlweg vor Green Gables auftauchte. Im Handumdrehen war Anne aus dem Haus und lief ihrer Freundin entgegen. Erstaunen und Hoffnung schimmerten in ihren Augen. Doch die Hoffnung schwand, als sie Dianas niedergeschlagenes Gesicht sah. »Deine Mutter hat noch nicht nachgegeben?«

Diana schüttelte traurig den Kopf. »Sie sagt, ich darf nie wieder mit dir spielen. Ich habe geweint und gebettelt und ihr versichert, dass es nicht deine Schuld war, aber es hat nichts genutzt. Es war schon schwierig genug, auch nur die Erlaubnis zu bekommen, dir wenigstens noch Lebewohl zu sagen. Sie hat mir nur zehn Minuten gegeben und gesagt, sie würde genau auf die Uhr schauen.«

»Zehn Minuten! Das ist nicht gerade lang für einen Abschied auf ewig.« Anne standen dicke Tränen in den Augen. »Oh, Diana, willst du mir versprechen, mir immer treu zu bleiben und die Freundin deiner Jugendtage nie zu vergessen, was für Menschen auch immer in dein Leben treten?«

»Das verspreche ich dir«, schluchzte Diana, »und ich werde nie eine andere Busenfreundin haben - ich könnte niemals jemanden so lieb haben wie dich.«

»Oh, Diana - du hast mich wirklich lieb?«

»Aber natürlich. Wusstest du das denn nicht?«

»Nein.« Anne seufzte tief. »Ich dachte, dass du mich magst, aber ich habe nie zu hoffen gewagt, dass du mich lieb hast. Sag es doch bitte noch einmal.«

»Ich habe dich lieb, Anne, und ich werde dich immer lieb haben, da kannst du dir ganz sicher sein.«

»Und ich werde dich auch immer lieb haben, Diana«, erwiderte Anne mit feierlich erhobener Hand. »Das Andenken an dich wird wie ein heller Stern über meinen einsamen Tagen leuchten - genau wie es in der Geschichte stand, die wir zusammen gelesen haben, weißt du noch? Gewährst du mir eine Locke von deinen wunderbaren schwarzen Flechten? Ich werde sie als ewiges Andenken an meinem Busen tragen.«

»Hast du etwas zum Schneiden dabei?« Diana wischte sich die Tränen ab und kehrte zu den praktischen Fragen des Lebens zurück.

»Ja, ich habe zufällig meine Schere in der Schürzentasche, ich war nämlich gerade beim Nähen«, antwortete Anne. Dann schnitt sie Diana feierlich eine Haarsträhne ab. »So leb denn wohl, meine geliebte Freundin. Von heute an müssen wir wie Fremde leben, doch in meinem Herzen wirst du ewig wohnen.«

Anne blieb am Hohlweg stehen und winkte Diana traurig nach, bis ihre kleine Gestalt wieder hinter den Büschen verschwunden war. Dieser romantische Abschied hatte sie mit dem Lauf der Dinge ein wenig versöhnen können.

»Jetzt ist alles aus«, sagte sie zu Marilla in der Küche. »Ich werde nie wieder eine Freundin haben. Dabei wird es viel schlimmer sein als vorher, denn wenn man einmal eine richtige Busenfreundin gehabt hat, weiß man, was man verloren hat. Diana hat mir eine Locke von ihrem Haar geschenkt und ich will mir einen kleinen Beutel nähen, in dem ich sie um den Hals tragen kann. Bitte, sorge dafür, dass der Beutel mir ins Grab gelegt wird, ich glaube nämlich nicht, dass ich noch lange leben werde. Vielleicht wird der Anblick meiner Leiche Mrs Barrys Herz erweichen und sie wird Diana zu meinem Begräbnis gehen lassen.«

»Ich glaube nicht, dass du an gebrochenem Herzen sterben wirst, solange du noch reden kannst, Anne«, gab Marilla trocken zurück.

Am folgenden Montagmorgen sah sie zu ihrer Überraschung Anne mit ihren Büchern unter dem Arm und einem entschlossenen Gesichtsausdruck aus ihrem Zimmer kommen.

»Ich gehe wieder zur Schule«, verkündete sie. »Das ist alles, was ich jetzt noch im Leben habe, seit man mir meine Freundin unbarmherzig entrissen hat. in der Schule kann ich sie wenigstens anschauen und unserer gemeinsamen Zeit gedenken.«

»Du solltest lieber deiner Rechen- und Schreibarbeiten gedenken«, sagte Marilla und verbarg mit ihrem strengen Tonfall die Freude über Annes Entscheidung. »Ich hoffe, wir werden nun nichts mehr von Schiefertafeln hören, die über anderer Leute Köpfe zerbrochen werden. Benimm dich gefälligst.«

»Ich werde versuchen eine Musterschülerin zu werden«, versprach Anne. »Das wird allerdings nicht gerade lustig sein, fürchte ich. Mr Philipps sagt, Minnie Andrews sei eine Musterschülerin und Minnie hat auch nicht einen Funken Phantasie. Sie ist langweilig und unscheinbar, sie kann sich über nichts richtig freuen. Aber wo ich jetzt sowieso traurig bin, wird es mir vielleicht auch nicht so schwer fallen.«

In der Schule wurde Anne mit offenen Armen empfangen. Beim Spielen hatte man ihre Phantasie vermisst, beim Singen ihre helle Stimme und beim Vorlesen in der Pause ihre schauspielerischen Fähigkeiten. Ruby Gillis schob ihr während der Bibelstunde drei dicke, saftige Pflaumen herüber und Ella May MacPherson schenkte ihr ein wunderschönes Bild von einem riesigen gelben Stiefmütterchen, das sie aus dem Umschlag eines Blumenkatalogs ausgeschnitten hatte. Sophia Sloane wollte ihr ein brandneues Muster zum Stricken feiner Spitze zeigen, Katie Boulter schenkte ihr ein leeres Parfümfläschchen, in dem sie Wasser zum Putzen ihrer Tafel aufbewahren konnte, und Julia Bell schrieb ihr die folgenden Zeilen auf ein Stück rosa Schreibpapier:

Für Anne

Wenn Dunkelheit die Welt umgibt,

Die Stern’ am Himmel stehen,

Dann weißt du, dass ein Mensch dich liebt,

Auch wenn er fern mag gehen.

»Es ist so schön, gemocht zu werden, Marilla«, schloss Anne ihren begeisterten Bericht am Abend.

Doch die Mädchen waren nicht die Einzigen in der Schule, die sie >mochten<. Als Anne nach der Mittagspause zurück zu ihrer Bank ging - Mr Philipps hatte ihr den Platz neben der Musterschülerin Minnie Andrews zugewiesen-, lag dort ein großer, rotbackiger Apfel auf ihrem Platz. Anne wollte gerade zu einem herzhaften Biss in den Apfel ansetzen, als ihr voller Schrecken einfiel, dass diese leckeren roten Äpfel nur an einem einzigen Ort in Avonlea zu bekommen waren: in dem alten Obstgarten der Blythe-Farm am anderen Ende des >Sees der glitzernden Wasser<. Anne ließ den Apfel fallen, als hätte sie eine glühende Kohle in der Hand, und wischte sich betont gründlich die Hände an ihrem Taschentuch ab. Der Apfel lag noch immer unberührt auf ihrem Tisch, als der kleine Timothy Andrews am nächsten Morgen den Klassenraum ausfegte und den Schatz an sich nahm. Der reich verzierte Griffel für zwei Cents -normale Griffel kosteten nur einen -, den Charlie Sloane ihr nach der Pause zusteckte, fand da schon eine freundlichere Aufnahme. Anne freute sich sichtlich über das Geschenk und belohnte den großzügigen Spender mit einem Lächeln, das den völlig in sie vernarrten Jungen in den siebten Himmel versetzte und ihn zu derart schlimmen Fehlern in seinem Diktat verleitete, dass Mr Philipps ihn nach der Schule nachsitzen und alles noch einmal schreiben ließ. Annes Freude über den herzlichen Empfang in der Schule wurde nur durch die Tatsache getrübt, dass Mrs Barry Diana verboten hatte, mit Anne zu sprechen. Doch die beiden Freundinnen schrieben sich innige Briefe, die sie mit großem Geschick von einer Seite des Klassenzimmers zur anderen schmuggelten und in denen sie sich weiterhin ewige Treue schworen.

Marilla hatte eigentlich nur mit neuen Schwierigkeiten gerechnet, als Anne wieder zur Schule ging. Doch alles ging gut. Vielleicht hatte das Beispiel ihrer neuen Banknachbarin, der Musterschülerin Minnie Andrews, doch etwas abgefärbt - jedenfalls kam sie von nun an mit Mr Philipps besser aus. Fest entschlossen, Gilbert Blythe in keiner Weise nachzustehen, stürzte Anne sich mit Herz und Seele in die Arbeit. Bald wuchs sich ihre Feindschaft zu einem heftigen Wettkampf um den Platz des Klassenbesten aus.

Während der von Natur aus gutmütige Gilbert durchaus noch auf Versöhnung aus war, hegte Anne nach wie vor einen bitteren Groll gegen ihn. Liebe und Hass waren bei ihr gleich starke Gefühle. Niemals hätte sie zugegeben, dass sie mit Gilberts Leistungen in der Schule wetteiferte, denn das hätte ja bedeutet, ihn in irgendeiner Weise anzuerkennen. Anne übersah Gilbert geflissentlich, sie tat so, als ob er Luft für sie wäre. Doch auch wenn Anne es nicht wahrhaben wollte: Die beiden versuchten nun ständig, sich gegenseitig zu überflügeln. Einmal war Gilbert der Beste in Rechtschreibung, ein anderes Mal Anne; an einem Morgen hatte Gilbert seine Hausaufgaben ohne Fehler erledigt und sein Name wurde auf den Ehrenplatz an der Tafel geschrieben, am nächsten Morgen nahm Annes Name diesen Platz ein. Es war ein Unglückstag für Anne, als sie einmal beide gleich gut waren und beide Namen zusammen an die Tafel geschrieben wurden. Für sie war das fast so schlimm, als wenn die Namen draußen an der Wand der Veranda gestanden hätten.

Wenn sie am Ende des Monats Arbeiten schrieben, war die Spannung fürchterlich. Im ersten Monat erreichte Gilbert die bessere Note, im zweiten Monat schlug ihn Anne mit einigem Vorsprung. Allerdings wurde ihr Triumph dadurch geschmälert, dass ihr Gilbert vor der ganzen Klasse freundlich gratulierte. Ihr wäre es lieber gewesen, er hätte niedergeschmettert den Raum verlassen.

Mr Philipps mochte kein besonders guter Lehrer gewesen sein, aber eine Schülerin, die so auf das Lernen versessen war wie Anne, konnte auch er nicht aufhalten. Am Ende des Schuljahrs wurden Anne und Gilbert beide in die fünfte Klasse versetzt und durften nun eine Reihe neuer Fächer hinzunehmen: Latein, Geometrie, Französisch und Algebra. In Geometrie wurde Anne jedoch bald eine Niederlage beschert.

»Es ist ein furchtbares, phantasieloses Zeug, Marilla«, stöhnte sie. »Ich werde einfach nicht daraus schlau. Mr Philipps sagt, ich sei die größte Niete in Geometrie, die er je gesehen hätte. Aber Gil . . . ich meine, einige von den anderen in der Klasse verstehen sofort, worum es dabei geht. Das ist ganz schön peinlich für mich, Marilla. Sogar Diana kommt besser damit zurecht als ich. Aber es macht mir nichts aus, wenn Diana besser ist. Obgleich wir jetzt wie Fremde leben müssen, ist meine Liebe für sie immer noch unauslöschlich. Manchmal bin ich sehr traurig, wenn ich an sie denke. Aber ehrlich gesagt, Marilla: In einer so interessanten Welt wie der unseren kann man einfach nicht lange traurig bleiben, oder?«

17 - Anne, die Lebensretterin

Alle großen und kleinen Dinge im Leben sind eng miteinander verwoben. Auf den ersten Blick mag man nicht glauben, dass die Entscheidung des kanadischen Premierministers, Prince Edward Island einen Besuch abzustatten, etwas mit dem Schicksal eines kleinen Mädchens namens Anne Shirley zu tun haben könnte. Doch genau das war der Fall.

Es war im Januar, als der Premierminister kam, um auf einer Kundgebung in Charlottetown zu sprechen. Die meisten Einwohner von Avonlea hatten bei der letzten Wahl für den Premierminister gestimmt und so war der Ort am Abend der Kundgebung wie ausgestorben: Fast alle Männer und viele Frauen waren die dreißig Meilen zur Hauptstadt der Insel gefahren. Auch Mrs Rachel war dabei. Sie interessierte sich brennend für Politik. Eine politische Veranstaltung ohne sie — das war eigentlich unvorstellbar, auch wenn sie eine glühende Gegnerin des Premierministers war. Also fuhr sie in die Stadt und nahm ihren Mann Thomas - irgendjemand musste ja schließlich auf die Pferde aufpassen - und ihre Nachbarin Marilla Cuthbert mit. Marilla dachte, sie könnte sich diese Gelegenheit, einmal in ihrem Leben einen leibhaftigen Premierminister zu sehen, nicht entgehen lassen. So überließ sie es Matthew und Anne, bis zu ihrer Rückkehr am folgenden Tag Haus und Hof zu versorgen.

Während also Marilla und Mrs Rachel sich in der Stadt amüsierten, hatten Anne und Matthew die gemütliche Küche in Green Gables einmal ganz für sich. Ein helles Feuer knisterte in dem altmodischen Ofen, an den Fensterscheiben glitzerten blauweiße Eiskristalle. Matthew war auf dem Sofa über einer landwirtschaftlichen Zeitung eingenickt, während Anne entschlossen ihre Nase tief in ihre Schulbücher steckte und versuchte, nicht an das spannende Buch zu denken, das ihr Jane Andrews am Morgen geliehen hatte. Jane hatte ihr in höchsten Tönen von dem Roman vorgeschwärmt und immer wieder überkam Anne das Verlangen, ihr Schulbuch zuzuklappen und nach der spannenden Lektüre zu greifen. Doch das hätte Gilbert Blythes sicheren Triumph am nächsten Morgen in der Schule bedeutet.

»Matthew, musstest du auch Geometrie lernen, als du zur Schule gegangen bist?«

»Hm, nein ... ich glaube nicht.« Matthew fuhr etwas erschreckt aus seinem Halbschlaf hoch.

»Ich wünschte, du hättest es lernen müssen. Dann könntest du jetzt nämlich richtig Mitleid mit mir haben. Wer nie Geometrie lernen musste, kann meinen Kummer wahrscheinlich nicht verstehen. Ich bin eine große Niete in Geometrie, Matthew.«

»Nun lass mal gut sein«, erwiderte Matthew besänftigend. »Ich glaube, du bist gut genug in der Schule. Ich habe Mr Philipps letzte Woche in Blairs Laden in Carmody getroffen. Er sagte, du seist die gescheiteste Schülerin von allen und würdest gute Fortschritte machen. >Gute Fortschritte< - das waren seine eigenen Worte. Einige Leute halten ja nicht so viel von Teddy Philipps als Lehrer. Aber ich glaube, er ist ganz in Ordnung.«

Matthew hätte jeden, der Anne gelobt hätte, >in Ordnung< gefunden. »Wie es wohl Marilla und Mrs Lynde geht? Mrs Lynde sagt, dass das Land bald vor die Hunde geht, wenn die Regierung so weitermacht. Wen wählst du eigentlich, Matthew?«

»Die Konservativen«, antwortete Matthew wie aus der Pistole geschossen. Konservativ zu wählen war für ihn Teil seiner Religion. »Dann würde ich auch die Konservativen wählen«, erklärte Anne bestimmt. »Ich bin froh, weil Gil... ich meine, weil einige der Jungen in der Schule zu den Liberalen gehören. Mr Philipps ist wahrscheinlich auch ein Liberaler, weil Prissy Andrews Vater einer ist. Ruby Gillis meint, wenn ein junger Mann einem Mädchen den Hof macht, muss er in der Religion mit der Mutter übereinstimmen und in der Politik mit dem Vater. Stimmt das, Matthew?«

»Das weiß ich nicht«, sagte Matthew.

»Hast du schon mal einem Mädchen den Hof gemacht, Matthew?«

»Nein, nicht dass ich wüsste«, antwortete Matthew, dem in seinem ganzen Leben noch nie der Gedanke gekommen war, auf ein Mädchen zuzugehen.

Das Kinn auf die Hand gestützt, dachte Anne angestrengt nach.

»Es muss ziemlich interessant sein, meinst du nicht, Matthew? Ruby Gillis sagt, wenn sie erst mal groß ist, wird sie bestimmt eine ganze Reihe Verehrer an der Angel haben und sie wird sie alle zappeln lassen. Naja, einer würde mir reichen, glaube ich. Ruby Gillis weiß über diese Dinge gut Bescheid, weil sie so viele ältere Schwestern hat, und Mrs Lynde sagt, die Gillis-Mädchen seien weggegangen wie die warmen Semmeln. Mr Philipps geht fast jeden Abend Prissy Andrews besuchen. Er sagt, er wolle ihr beim Lernen helfen, aber Miranda Sloane bereitet sich auch auf die Prüfung am Queen’s College vor und sie bräuchte bestimmt viel mehr Hilfe als Prissy - zu ihr geht er aber abends nie. Es gibt eine ganze Menge Dinge auf der Welt, die ich nicht so ganz richtig verstehe, Matthew.«

»Ich verstehe auch nicht alles, Anne«, gab Matthew zu.

»Naja, ich muss jetzt jedenfalls zu Ende lernen. Ich habe mir nämlich ganz fest vorgenommen, nicht in das Buch zu schauen, das Jane mir geliehen hat, bis ich den Stoff ganz durch habe. Aber es ist eine fürchterliche Versuchung, Matthew. Selbst wenn ich mich mit dem Rücken zu dem Buch setze, sehe ich es noch ganz klar vor mir. Jane meinte, sie hätte sich beim Lesen fast die Augen ausgeweint, und ich liebe nun mal Bücher, bei denen einem so richtig die Tränen kommen. Am besten bringe ich das Buch jetzt ins Wohnzimmer, schließe es in den Schrank und gebe dir den Schlüssel. Aber du darfst ihn mir nicht geben, bis ich mit dem Lernen fertig bin - selbst wenn ich dich auf den Knien darum bitten sollte. Einer Versuchung kann man nämlich viel leichter widerstehen, wenn man keinen Schlüssel dazu hat, verstehst du? - Soll ich in den Keller gehen und uns jedem einen Boskop holen, Matthew? Würdest du gerne einen essen?«

»Hm, tja ... ich weiß nicht... ich glaube, ja«, antwortete Matthew, der saure Äpfel nicht mochte, aber genau wusste, wie gerne Anne sie aß.

Gerade als Anne mit den Äpfeln zurück aus dem Keller kam, hörten sie Schritte auf der vereisten Veranda. Im nächsten Moment flog die Küchentür auf und Diana Barry kam blass und atemlos in die Küche gestürzt. Anne ließ vor Überraschung die Kerze und den Teller mit den Äpfeln fallen. Am nächsten Tag fand Marilla auf der Kellertreppe ein seltsames Gemisch aus geschmolzenem Wachs und Scherben vor und dankte dem Himmel, dass nicht das ganze Haus abgebrannt war.

»Was ist los, Diana?«, rief Anne aufgeregt. »Hat deine Mutter endlich nachgegeben?«

»Oh, Anne, bitte komm schnell!«, flehte Diana sie an. »Minnie May ist schwer krank. Sie bekommt keine Luft mehr, bestimmt hat sie Krupp. Maryjoe passt auf sie auf. Meine Eltern sind in der Stadt und wir wissen nicht, was wir tun sollen. Ach, ich habe ja solche Angst, Anne!« Ohne ein Wort zu sagen, war Matthew aufgestanden. Er griff nach seinem Mantel und seinem Hut und verschwand in der Dunkelheit des Hofes.

»Er spannt die braune Stute an, um nach Carmody zum Doktor zu fahren«, sagte Anne, während sie eilig nach ihrer Haube und ihrer Jacke suchte. »Ich weiß es so genau, als hätte er es uns gesagt. Matthew und ich sind so nah verwandte Seelen, dass ich seine Gedanken lesen kann.«

»Ich glaube nicht, dass er den Arzt in Carmody finden wird«, schluchzte Diana. »Ich weiß, dass Doktor Blair in die Stadt gefahren ist, und Doktor Spencer ist bestimmt auch dort.«

»Weine nicht, Diana«, sagte Anne zuversichtlich. »Ich weiß genau, was zu tun ist. Du vergisst, dass Mrs Hammond dreimal hintereinander Zwillinge hatte. Wenn du auf drei kleine Zwillingspaare aufpassen musst, machst du mit der Zeit zwangsläufig jede Menge Erfahrungen. Sie hatten alle miteinander Krupp - sogar mehrmals. Warte, wir müssen eine Flasche Ipecac mitnehmen, für den Fall, dass ihr keins im Haus habt. Komm, Diana.«

Hand in Hand liefen die beiden Mädchen über die vereisten Felder. Der Schnee war zu tief, um die gewohnte Abkürzung durch den Wald zu nehmen. Obgleich sich Anne ernste Sorgen um Minnie May machte, war sie für die Romantik der Situation nicht unempfänglich - eine Situation, die sie außerdem mit ihrer geliebten Busenfreundin teilen konnte, von der man sie so lange getrennt hatte.

Als sie auf Orchard Slope ankamen, lag die dreijährige kleine Minnie May auf dem Küchensofa und rang nach Luft. Ihr Gesicht glänzte fiebrig und sie warf sich unruhig hin und her. Ihr heiseres Husten schallte durch das ganze Haus. Mary Joe, die von Mrs Barry herbestellt worden war, damit sie während ihrer Abwesenheit auf die Kinder aufpasste, machte einen völlig hilflosen Eindruck. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, was sie mit der Kleinen tun sollte.

Mit geübter Hand machte sich Anne sofort an die Arbeit.

»Es stimmt: Minnie May hat wirklich Krupp. Es geht ihr ziemlich schlecht, aber ich habe schon Schlimmeres gesehen. Als Erstes brauchen wir jede Menge heißes Wasser. Hier im Kessel ist ja kaum noch eine Tasse voll, Diana! Hier, ich fülle ihn auf, und du, Maryjoe, kannst Holz für den Ofen holen. Ich will euch ja nicht kränken, aber ich finde, mit ein bisschen Einfühlungsvermögen hättet ihr daran auch wirklich schon früher denken können. So, und jetzt ziehe ich Minnie May aus und lege sie ins Bett. Hol mir ein weiches Flanellhemdchen für sie, Diana. Ich gebe ihr erst einmal etwas Ipecac.«

Minnie May sträubte sich, doch Anne hatte nicht umsonst drei Zwillingspaare aufgezogen. Ipecac, das Brechwurzmittel, war unverzichtbar, und so trichterte sie Minnie May geduldig die Tropfen ein — nicht nur einmal, sondern noch viele Male während dieser langen, angstvollen Nacht, in der die beiden Mädchen die kleine Minnie May voller Hingabe pflegten und Maryjoe, die ebenfalls ihr Bestes geben wollte, genug heißes Wasser für ein ganzes Krankenhaus voller Krupp-Babys herbeischleppte.

Es war gegen drei Uhr, als Matthew endlich mit einem Arzt ankam. Er hatte bis nach Spencervale fahren müssen, um ihn zu finden. Jetzt war das Schlimmste schon überstanden. Minnie May schlief bereits fest.

»Ich war manchmal schon nahe dran aufzugeben«, erklärte Anne den beiden Männern. »Es wurde immer schlimmer und ich dachte sie würde ersticken. Ich habe ihr Ipecac gegeben, bis zum letzten Tropfen. Als die Flasche leer war, hatte ich kaum noch Hoffnung. Erst als sie den Schleim abgehustet hatte, ging es ihr dann schon etwas besser. Sie können sich nicht vorstellen, wie erleichtert ich bin, Herr Doktor. Es gibt Dinge, die lassen sich nicht in Worten ausdrücken.«

»Das weiß ich nur zu gut«, sagte der Doktor ernst und er sah so aus, als würde er einige Dinge über Anne denken, die er ebenfalls schlecht ausdrücken konnte. Später fand er Mr und Mrs Barry gegenüber jedoch folgende Worte: »Die kleine Rothaarige, die die Cuthberts auf Green Gables aufgenommen haben, hat es in sich. Sie hat der Kleinen das Leben gerettet. Ich wäre zu spät gekommen, aber sie hat genau das Richtige getan. Für ihr Alter scheint sie sehr verständig zu sein. Und ich habe in meinem ganzen Leben noch nie solche Augen gesehen wie die ihren, als sie mir den Fall erklärt hat.«

Seite an Seite stapften Anne und Matthew in der gleißenden Morgensonne über den weißen Schnee zurück nach Green Gables. Annes Augenlider waren schwer von dem fehlenden Schlaf, doch sie schwatzte fröhlich auf Matthew ein, während sie durch die weiß glitzernden Märchenbogen schritten, den die Zweige der großen Ahornbäume über die >Liebeslaube< gespannt hatten.

Zu Hause ging Anne sofort ins Bett. Obgleich es ihr Leid tat, gewissen anderen Mitschülern an jenem Tag die Arena kampflos überlassen zu müssen, fiel sie sofort in einen tiefen Schlaf, aus dem sie erst am Nachmittag wieder erwachte. Als sie in die Küche hinunterkam, saß Marilla strickend am Fenster.

»Hast du den Premierminister gesehen?«, war Annes erste Frage. »Wie sieht er aus?«

»Naja, wenn es nach seinem Aussehen ginge, wäre er bestimmt nicht Premierminister«, antwortete Marilla lachend. »Aber er ist ein sehr guter Redner. Ich war stolz darauf, zu den Konservativen zu gehören. Rachel Lynde hat natürlich kein gutes Haar an ihm gelassen. - Dein Essen steht im Ofen, Anne. Du kannst dir auch noch Pflaumenkompott aus der Speisekammer holen, bestimmt bist du furchtbar hungrig. Matthew hat mir alles erzählt. Ein Glück, dass du wusstest, was zu tun ist! Ich selbst hätte nicht die geringste Ahnung gehabt, ich habe noch nie ein Kind mit Krupp gesehen. So, und jetzt setz dich erst einmal hin und iss, Kind. Ich sehe dir zwar an der Nasenspitze an, dass du fürchterlich viel zu erzählen hast, aber das hat Zeit.«

Marilla hatte Anne auch noch etwas zu erzählen, wollte damit aber noch eine Weile warten. Diese Nachricht hätte Anne in einen solchen Sturm der Begeisterung versetzt, dass sie für so irdische Dinge wie Hunger oder Essen keinen Sinn mehr gehabt hätte. Erst als Anne ihren letzten Bissen heruntergeschluckt hatte, sagte Marilla: »Mrs Barry hat vorhin vorbeigeschaut, Anne. Sie wollte zu dir, aber du hast noch geschlafen. Sie sagt, du hättest Minnie May das Leben gerettet und es täte ihr sehr Leid, dass sie wegen der Geschichte mit dem Johannisbeerwein so böse war. Sie wüsste jetzt, dass du Diana nicht absichtlich betrunken gemacht hast. Du möchtest ihr verzeihen und wieder Dianas Freundin sein. Sie hat dich für heute zum Tee eingeladen.«

Anne machte einen Luftsprung. Ihre Augen glänzten. »Oh, Marilla, kann ich bitte gleich gehen . . . noch vor dem Geschirrspülen? Ich spüle, wenn ich zurückkomme, ja? Ich kann mich in einem so erhebenden Moment einfach nicht mit so etwas Unromantischem wie dreckigem Geschirr abgeben.«

»Ja, ja, geh nur«, antwortete Marilla lachend. Im Handumdrehen war Anne aus der Tür. »Anne!«, rief Marilla ihr entsetzt hinterher. »Komm sofort zurück und zieh dir etwas über, du holst dir ja sonst den Tod! Du kannst doch nicht ohne Hut und Mantel in den Schnee hinaus! Dass das nur keine Lungenentzündung gibt!«

Doch es war eine gesunde und fröhliche Anne, die wenige Stunden später durch die Abenddämmerung zurück nach Green Gables kam. »Vor dir steht ein vollkommen glücklicher Mensch, Marilla«, verkündete sie. »Ja, ich bin vollkommen glücklich - trotz meiner roten Haare. Mrs Barry hat mir einen Kuss gegeben. Sie hat geweint und gesagt, es täte ihr so Leid und sie wüsste nicht, wie sie das je wieder gutmachen könnte. Es war mir schrecklich peinlich, Marilla, aber ich antwortete, so höflich ich nur konnte: >Ich hege keinen Groll gegen Sie, Mrs Barry. Aber ich hoffe, dass Sie mir nun ein für allemal glauben, dass ich Diana nicht vergiften wollte. Und nun wollen wir den Schleier des Vergessens über diese Sache breiten.< Wie findest du das, Marilla? Ganz schön feierlich, oder? Und dann haben Diana und ich den ganzen Nachmittag miteinander gespielt. Diana hat mir ein neues Häkelmuster gezeigt, das sie von ihrer Tante in Carmody gelernt hat. Keiner außer uns beiden kennt es hier in Avonlea und wir haben einen feierlichen Eid geschworen, es auch niemandem zu verraten. Morgen wollen wir Mr Philipps fragen, ob wir in der Schule wieder zusammensitzen dürfen, Josie Pye kann sich ja dann neben Minnie Andrews setzen. - Und dann gab es Tee. Mrs Barry hat ihr bestes Porzellan aufgedeckt, Marilla - wie für einen richtigen Gast! Ich kann dir gar nicht sagen, wie viele freudige Schauer mir das versetzt hat. In meinem ganzen Leben hat noch keiner für mich sein bestes Porzellan aufgedeckt! Es gab Früchtekuchen und Krapfen und zwei Sorten Kompott. Mrs Barry hat mich höflich gefragt, ob sie mir noch mehr Tee einschenken solle, und zu ihrem Mann hat sie gesagt: >Pa, willst du Anne nicht von den Keksen anbieten?< Es muss wunderbar sein, wenn man erwachsen ist, Marilla - es ist schön, wenn die Leute so nett zu einem sind. Beim Abschied hat Mrs Barry noch gemeint, ich sollte sooft zu ihnen herüberkommen, wie ich nur könnte. Diana stand am Fenster und hat mir so lange Küsse zugeworfen, bis ich bei der >Liebeslaube< war und ich sie nicht mehr sehen konnte. Ach, Manila, heute Abend werde ich beten - und ich werde mir zur Feier dieses Tages ein brandneues, extra schönes Gebet ausdenken.«

18 - Eine unvermutete Seelenverwandtschaft

»Marilla, kann ich kurz zu Diana gehen?«, fragte Anne, als sie an einem Abend im Februar atemlos die Treppe zum Ostgiebel heruntergelaufen kam.

»Ich sehe keinen Grund, warum du jetzt noch draußen im Dunkeln herumspazieren solltest«, lehnte Marilla entschieden ab. »Du bist doch vorhin erst mit Diana von der Schule gekommen und ihr habt über eine halbe Stunde lang unten am Zaun gestanden und aufeinander eingeschwätzt.«

»Aber sie will mich dringend sprechen«, beharrte Anne auf ihrer Bitte. »Sie hat mir etwas ganz Wichtiges zu sagen.«

»Und woher willst du das wissen?«

»Weil sie mir gerade das Zeichen gegeben hat. Wir haben Signale ausgemacht, von meinem zu ihrem Fenster. Wir stellen eine Kerze auf die Fensterbank und halten dann mehrere Male ein Stück Pappe vor die Kerze. Soundso viel mal hell und wieder dunkel heißt dann immer etwas. Das war meine Idee, Marilla.«

»Das glaube ich dir aufs Wort«, gab Marilla aus vollstem Fierzen zurück. »Und als Nächstes werdet ihr mir mit diesem Unfug noch die Gardinen anzünden.«

»Ach, wie sind ganz vorsichtig, Marilla. Und es ist interessant. Zweimal helldunkel heißt >Bist du da?<, dreimal heißt >ja< und viermal >nein<. Fünfmal helldunkel heißt »Komm so schnell wie möglich herüber, ich muss dir etwas ganz Wichtiges erzählen/ Und eben gerade hat Diana fünfmal die Kerze aufleuchten lassen. Ich sterbe, wenn ich nicht herausfinde, was es ist.«

»Nun, so weit wollen wir es nun doch nicht kommen lassen«, lenkte Marilla lachend ein. »Du kannst gehen. Aber in genau zehn Minuten bist du wieder zurück, verstanden?«

Anne hatte verstanden und war auf die Minute pünktlich wieder da, obwohl es sie gewaltige Anstrengungen gekostet haben musste, das aufregende Gespräch mit Diana auf zehn Minuten zu beschränken. »Oh, Marilla, stell dir das vor: Diana hat morgen Geburtstag! Ihre Mutter hat gesagt, sie darf mich einladen. Ich kann nach der Schule mit ihr nach Hause kommen und die ganze Nacht dort bleiben. Ihre Cousinen aus Newbridge kommen morgen Abend mit dem Pferdeschlitten nach Orchard Slope und holen Diana und mich zum Ball des Debattierclubs ab ... das heißt, wenn du mich mitfahren lässt. Ach, bitte, Marilla, ich darf doch mit, ja? Ich bin schon so aufgeregt!«

»Schlag dir das nur gleich aus dem Kopf, Anne. Du wirst nicht mitfahren. In deinem Bett bist du besser aufgehoben als auf irgendeinem Ball. Ich halte überhaupt nichts von solchen Veranstaltungen und erst recht nichts davon, kleine Mädchen an ihnen teilnehmen zu lassen.«

»Aber der Debattierclub ist der anständigste Verein der Welt, Marilla, da bin ich ganz sicher«, beteuerte Anne.

»Ich habe auch nicht das Gegenteil behauptet. Aber ich will nicht, dass du an irgendwelchen Bällen teilnimmst und die halbe Nacht außer Haus verbringst. Wir wollen gar nicht erst damit anfangen. Ich kann mich nur wundern, dass eine Frau wie Mrs Barry ihre Tochter mitfahren lässt.«

»Aber es ist ein ganz besonderes Ereignis«, warf Anne ein. Sie war den Tränen nahe. »Diana hat doch nur einmal im Jahr Geburtstag und Geburtstage sind keine gewöhnlichen Tage, Marilla. Prissy Andrews wird ein Gedicht aufsagen - ein Gedicht mit einer Moral drin, so weit ich weiß. Du siehst also, ich kann dort sogar noch etwas lernen. Der Chor wird vier Lieder singen - vier ganz feierliche Lieder, fast wie Kirchenlieder. Selbst der Pfarrer wird da sein und die Begrüßungsrede halten, das ist genauso gut wie eine Predigt. Bitte, lass mich doch mitfahren, Marilla!«

»Du hast doch gehört, was ich gesagt habe, nicht wahr? Zieh jetzt deine Stiefel aus und geh ins Bett. Es ist schon nach acht.«

»Da ist noch etwas anderes, Marilla«, sagte Anne mit der Verzweiflung eines Kartenspielers, der seinen allerletzten Trumpf ausspielt. »Mrs Barry hat gesagt, dass Diana und ich im Gästezimmer von Orchard Slope schlafen können. Stell dir das mal vor: Was für eine Ehre für deine kleine Anne - in einem Gästebett zu schlafen!«

»Du wirst leider auf diese Ehre verzichten müssen. Und jetzt ab ins Bett. Ich möchte kein Wort mehr davon hören.«

Als Anne mit tränenüberströmtem Gesicht die Küche verlassen hatte, öffnete Matthew, der während der ganzen Unterhaltung scheinbar in tiefem Schlummer auf dem Sofa gelegen hatte, plötzlich die Augen und sagte mit fester Stimme: »Marilla, ich finde, du solltest Anne mitfahren lassen.«

»Aber ich finde das nicht«, entgegnete Marilla. »Und wer erzieht dieses Kind, Matthew, du oder ich?«

»Nun ja, du natürlich«, gab Matthew zu.

»Dann misch dich gefälligst nicht ein.«

»Ich mische mich ja gar nicht ein. Es hat nichts mit Einmischen zu tun, wenn man seine eigene Meinung hat. Und meine Meinung ist, dass du Anne zu dem Ball fahren lassen solltest.«

»Na, du würdest die Kleine ja sogar zum Mond fliegen lassen, wenn sie wollte! - Ich habe nichts dagegen, dass sie eine Nacht drüben bei Diana bleibt. Aber mit diesem Ball, das gefällt mir ganz und gar nicht. Sie wird sich auf dem Schlitten eine dicke Erkältung holen und die Aufregung würde sie eine ganze Woche lang aus der Bahn werfen. Ich kenne Anne und weiß besser als du, was gut für sie ist, Matthew.«

»Ich finde, du solltest Anne gehen lassen«, wiederholte Matthew mit fester Stimme. Das Diskutieren war nicht seine Stärke, aber zäh an einer Meinung festhalten, das konnte er großartig. Marilla seufzte und hüllte sich in Schweigen.

Am nächsten morgen wandte sich Matthew auf dem Weg zur Scheune noch einmal an seine Schwester. »Ich meine, du solltest Anne fahren lassen, Marilla.«

Einen Moment lang zögerte Marilla noch, dann schickte sie sich in das Unausweichliche.

»Also gut, du kannst mitfahren«, sagte sie kurz darauf zu Anne, die gerade in der Küche Geschirr spülte.

Das tropfnasse Tuch noch in der Hand, drehte sich Anne um. »Oh, Marilla, sag das noch einmal.«

»Einmal ist genug, glaube ich. Du weißt ja, dass Matthew dahintersteckt. Ich wasche meine Hände in Unschuld. Wenn du dir eine Lungenentzündung holst, kannst du dich bei Matthew bedanken. - Anne Shirley, du tropfst mir ja das ganze Abwaschwasser auf den Boden! So was von einem unvorsichtigen Mädchen!«

Anne hörte kaum zu, so glücklich war sie. Später in der Schule wurde ihr immer deutlicher bewusst, dass sie es mit Sicherheit nicht überlebt hätte, wenn sie nicht zum Ball hätte gehen dürfen. An jenem Tag gab es kein anderes Gesprächsthema in Avonlea. Alle Jungen und Mädchen über neun Jahre würden beim Ball dabei sein - außer Carrie Sloane, deren Vater Marillas Ansichten über Veranstaltungen dieser Art zu teilen schien. Die arme Carrie vergoss den ganzen Nachmittag über stille Tränen.

Vor der Abfahrt waren Anne und Diana lange damit beschäftigt, sich für den Abend schön zu machen. Diana frisierte Annes Stirnhaare im modischen Pompadourstil und Anne band Dianas Schleifen mit einem speziellen Kniff, den nur sie beherrschte. Dann probierte sie mindestens ein halbes Dutzend Arten aus, ihre Haare am Hinterkopf zu kämmen. Schließlich wurde sie auch damit fertig und wartete mit roten Backen und glänzenden Augen darauf, dass es nun endlich losgehen sollte.

Es hatte Anne einen kleinen Stich versetzt, ihre einfache, schwarze Wollmütze und ihren schlichten grauen Stoffmantel mit Dianas flotter Pelzmütze und der modischen kurzen Jacke zu vergleichen. Zum Glück fiel ihr jedoch noch rechtzeitig ein, dass sie eine blühende Phantasie besaß, die sie in solchen Fällen einsetzen konnte.

Endlich kamen Dianas Cousinen mit dem großen, schweren Pferdeschlitten, um die beiden Mädchen abzuholen. Anne genoss die Fahrt zum Ball in vollen Zügen. Wie herrlich der Schnee unter den Kufen des Schlittens knirschte! Die Sonne ging in den glühendsten Farben unter und die verschneiten weißen Hügel hoben sich malerisch von dem dunkelblauen Wasser des Golfs von St.Lorenz ab. In der Ferne hörte man Gelächter und das Glockengebimmel vieler anderer Schlitten. In Annes Ohren klangen diese Geräusche wie die Stimmen von Elfen und Feen.

»Oh, Diana«, seufzte Anne und drückte die Hand ihrer Freundin, »ist das alles Traum oder Wirklichkeit? Sehe ich wirklich genauso aus wie sonst? Ich fühle mich so anders - der Welt wunderbar entrückt.«

»Du siehst sehr hübsch aus«, sagte Diana, die gerade ein Kompliment von einer ihrer Cousinen bekommen hatte und die Freude darüber gern weitergeben wollte. »Du hast eine richtig gute Gesichtsfarbe.«

Das Programm des Abends löste zumindest bei einem Mädchen unter den Zuschauern eine ganze Reihe von »freudigen Schauern« aus. Als Prissy Andrews in einem neuen rosa Seidenkleid, mit einer Perlenkette um den schönen weißen Hals und echten Nelken im Haar -es ging das Gerücht um, dass der Schulmeister die Blumen eigens für sie aus der Stadt hatte kommen lassen - auf die Bühne stieg, zitterte Anne voller Anteilnahme. Auch bei den anderen Gedichten, Liedern und kurzen Sketchen, die hier vorgetragen wurden, war sie mit jeder Faser ihres Wesens dabei.

Nur eine einzige Darbietung hatte bei ihr scheinbar kein Interesse wecken können, nämlich der Gedichtvortrag eines gewissen Schülers namens Gilbert Blythe. Gelangweilt blätterte sie in ihrem Programm, bis Gilbert fertig war, und saß dann steif und regungslos auf ihrem Stuhl, während Diana begeistert klatschte, bis ihr die Hände weh taten.

Es war schon elf Uhr, als die beiden Freundinnen nach Hause kamen und sich darauf freuten, gemeinsam noch einmal alle wichtigen Ereignisse des Abends besprechen zu können. Auf Orchard Slope lag alles schon in tiefstem Schlummer, das ganze Haus war still und dunkel. Auf Zehenspitzen schlichen die Mädchen in den Salon, von dem aus man in das Gästezimmer gelangen konnte. Der Raum war angenehm warm, im Kamin glühte noch ein Feuer.

»Lass uns erst mal hier bleiben und uns ausziehen«, schlug Diana vor. »Es ist so schön warm hier.«

»War es nicht ein himmlischer Abend?«, seufzte Anne voller Inbrunst. »Es muss herrlich sein, auf eine Bühne zu steigen und vor so vielen Menschen etwas vorzutragen. Meinst du, wir werden auch einmal mitmachen können, Diana?«

»Ja, natürlich, irgendwann schon. Die älteren Schüler treten dort immer auf. Gilbert Blythe war schon mehrmals dabei und er ist nur zwei Jahre älter als ich. Oh, Anne, wie konntest du nur so tun, als würdest du ihm nicht zuhören? Er hat dich mehrmals direkt angeschaut.«

»Diana«, erwiderte Anne mit feierlicher Stimme, »du bist meine Busenfreundin, aber ich kann selbst dir nicht erlauben, seinen Namen in meiner Gegenwart auszusprechen. - Bist du so weit? Komm, wir laufen. Wer zuerst im Bett ist...«

Die beiden kleinen, weiß gekleideten Gestalten nahmen einen großen Anlauf, sausten quer durch den Salon ins Gästezimmer und landeten mit einem Juchzer auf dem großen Bett. Auf einmal fing etwas unter ihnen an, sich zu bewegen ... Ein Schrei war zu hören. Gleich darauf eine entgeisterte Stimme: »Himmel Herrgott noch mal!«

Anne und Diana wusste hinterher nicht mehr zu sagen, wie sie aus dem Bett und aus dem Zimmer gekommen waren. Jedenfalls fanden sie sich nach wenigen Sekunden zitternd auf der Treppe wieder. »Was... was war das?«, stammelte Anne. Ihre Zähne klapperten vor Kälte und Angst.

»Das war Tante Josephine«, kicherte Diana. »Ich habe zwar keine Ahnung, wie sie in dieses Bett gekommen ist, aber es war ganz bestimmt Tante Josephine. Sie wird fürchterlich böse auf uns sein.«

»Wer um alles in der Welt ist Tante Josephine?«

»Meine Großtante, die Schwester meines Großvaters. Sie lebt in Charlottetown. Sie ist schon uralt - mindestens siebzig - und fürchterlich etepetete. Bestimmt wird sie ein schreckliches Theater veranstalten. Na ja, jetzt müssen wir eben bei Minnie May schlafen - du hast keine Ahnung, wie die im Schlaf herumzappelt!«

Am Morgen erschien Miss Josephine Barry nicht zum Frühstück. Dianas Mutter lächelte die beiden Mädchen an.

»Habt ihr euch gut amüsiert gestern Abend? Ich wollte eigentlich aufbleiben, bis ihr kommt, um euch zu sagen, dass Tante Josephine überraschend zu Besuch gekommen ist und ihr das Gästezimmer nun doch nicht bekommen könnt. Aber ich war so müde, dass ich einfach eingeschlafen bin. Ich hoffe, ihr habt die Tante nicht gestört, Diana?«

Diana hüllte sich in Schweigen, Anne und sie wechselten verstohlene Blicke. Gleich nach dem Frühstück ging Anne nach Hause und blieb auf diese Weise von dem ersten Gewittersturm verschont, der bald über den Barry’schen Haushalt hereinbrach. Erst als sie am späten Nachmittag zu Mrs Lynde hinüberlief, um eine Besorgung für Marilla zu erledigen, erfuhr sie von der ganzen Bescherung.

»Wie ich höre, habt ihr, Diana und du, die arme, alte Miss Barry fast zu Tode erschreckt?«, fragte Mrs Lynde mit ernster Stimme, zwinkerte ihr dabei jedoch vergnügt zu. »Mrs Barry hat vor ein paar Minuten bei mir hereingeschaut und mir alles erzählt. Sie macht sich große Sorgen. Die alte Miss Barry hat sich schrecklich aufgeregt. Sie wollte eigentlich einen ganzen Monat hier bleiben, aber jetzt hat sie erklärt, sie bliebe keinen Tag länger als unbedingt erforderlich und würde morgen schon in die Stadt zurückkehren. Sie hatte versprochen, Dianas Klavierstunden zu bezahlen, aber für so einen ungezogenen Wildfang will sie nun keinen Pfennig mehr ausgeben. - Na, das muss heute Morgen jedenfalls ein fürchterliches Donnerwetter gegeben haben. Den Barrys war das äußerst unangenehm. Die alte Miss Barry ist nämlich reich und sie haben immer versucht, besonders gut mit ihr zu stehen. Das hat mir Mrs Barry natürlich nicht erzählt, aber ich besitze genug Menschenkenntnis, um es mir an den Fingern abzuzählen.«

»Ach, was bin ich nur für ein Unglücksrabe«, sagte Anne traurig. »Andauernd handele ich mir Ärger ein und ziehe meine besten Freunde mit in den Schlamassel. Können Sie mir nicht sagen, woran das liegt, Mrs Lynde?«

»Das kommt daher, dass du so hitzköpfig und impulsiv bist, mein Kind - jawohl! Sowie dir etwas einfällt, sagst oder tust du es, ohne auch nur einen Moment lang darüber nachzudenken.«

»Ja, aber das ist doch gerade das Schöne daran!«, erklärte Anne. »Irgendetwas geht einem durch den Kopf und man hat das Gefühl, wenn man es nicht sofort rauslässt, platzt man vor Aufregung. Wenn man erst einmal eine Weile darüber nachgedacht hat, ist es doch nur noch halb so aufregend. Ist es Ihnen denn noch nie so gegangen, Mrs Lynde?«

Mrs Lynde schüttelte weise den Kopf. »Du musst lernen, zuerst nachzudenken, Anne. >Wer's eilig hat, der gehe langsam< - besonders, wenn es sich um Betten in fremden Gästezimmern handelt.«

Mrs Lynde schmunzelte über ihren eigenen Scherz, doch Anne blieb weiterhin nachdenklich. Sie fand die Situation ganz und gar nicht witzig. Als sie sich von Mrs Lynde verabschiedet hatte, lenkte sie ihre Schritte Richtung Orchard Slope. An der Küchentür traf sie Diana. »Deine Tante Josephine ist sehr böse auf uns, nicht wahr?«, flüsterte Anne.

»Ja«, antwortete Diana, »sie hat getobt vor Zorn, Anne. Und wie sie mit mir geschimpft hat! Sie sagte, ich sei das ungezogenste Mädchen, das ihr je begegnet sei, und meine Eltern sollten sich für meine misslungene Erziehung schämen. Keinen Tag länger wolle sie in unserem Haus bleiben. Von mir aus kann sie ruhig gehen, aber Mutter und Vater macht es doch etwas aus.«

»Warum hast du ihr nicht gesagt, dass es alles meine Schuld war?«, wollte Anne wissen.

»Hast du das wirklich von mir erwartet?«, fragte Diana entrüstet. »Ich bin keine Lügnerin, Anne Shirley. Wir waren beide schuld.«

»Nun gut, dann werde ich es ihr eben selbst sagen«, sagte Anne bestimmt.

Diana starrte ihre Freundin ungläubig an. »Anne Shirley, tu das bloß nicht! Sie ... sie wird dich bei lebendigem Leib auffressen.«

»Mach mir nicht noch mehr Angst, als ich sowieso schon habe«, flehte Anne sie an. »Lieber würde ich in das Rohr einer geladenen Kanone kriechen als zu deiner Tante Josephine zu gehen. Aber ich muss es tun, Diana. Zum Glück habe ich inzwischen einige Erfahrungen darin, Geständnisse abzulegen und mich zu entschuldigen.«

»Also gut, sie ist im Wohnzimmer«, sagte Diana. »Ich an deiner Stelle würde aber nicht zu ihr hingehen. Ich glaube nicht, dass du bei ihr irgendetwas erreichen wirst.«

Trotz dieser wenig ermutigenden Worte wandte sich Anne tapfer der Höhle des Löwen zu - oder anders ausgedrückt: Sie ging mit großen Schritten zur Wohnzimmertür und klopfte mehrmals an. Ein scharfes »Herein!« war die Antwort.

Miss Josephine Barry saß in strenger Haltung am Kamin und strickte. Man sah ihr sofort an, dass sie immer noch zornig war, so düster funkelten ihre Augen hinter den goldgefassten Brillengläsern. Erstaunt drehte sie sich auf ihrem Stuhl um. Eigentlich hatte sie Diana erwartet. Doch stattdessen stand nun ein blasses kleines Mädchen vor ihr, in dessen glänzenden Augen eine Mischung aus Angst, Mut und Verzweiflung lag.

»Wer bist du denn?«, fragte Miss Josephine Barry ohne jede Begrüßung.

»Ich bin Anne von Green Gables«, antwortete das Mädchen mit zittriger Stimme. »Und ich bin gekommen, um ein Geständnis abzulegen.«

»Ein Geständnis?«

»Es war allein meine Idee, Miss Barry. Diana würde es nie einfallen, einfach in ein fremdes Bett zu springen. Dazu ist sie viel zu wohlerzogen. Miss Barry, Sie haben gar keinen Grund, auf meine Freundin böse zu sein.«

»So, es gibt also keinen Grund? Ich würde sagen, Diana war bei dem Sprung letzte Nacht maßgeblich beteiligt!«

»Aber wir haben doch nur Spaß gemacht«, fuhr Anne unbeirrt fort. »Ich glaube, Sie sollten uns verzeihen, Miss Barry - jetzt, wo wir uns bei Ihnen entschuldigt haben. Oder verzeihen Sie wenigstens Diana und lassen Sie sie die Klavierstunden nehmen. Ich weiß nämlich genau, wie einem zu Mute ist, wenn man sich auf etwas freut und es dann doch nicht bekommt. Wenn Sie unbedingt mit jemandem böse sein müssen, dann seien Sie mit mir böse. Ich bin seit frühester Kindheit daran gewöhnt, dass Leute mit mir böse sind, ich kann es besser ertragen als Diana.«

Ein Teil des Zorns war bereits aus den Augen der alten Dame gewichen. Dafür war ihr Interesse an diesem Rotschopf erwacht, der so flehentlich für die Freundin bat.

»Als ich ein kleines Mädchen war, haben wir uns solche Späße nicht erlaubt. Kannst du dir eigentlich vorstellen, was es für eine alte Frau bedeutet, nach einer langen, anstrengenden Reise von zwei hüpfenden Mädchen aus ihrem kostbaren Schlaf gerissen zu werden?«

»Ich weiß nicht, wie das ist, aber ich kann es mir sehr gut vorstellen«, antwortete Anne eifrig. »Es muss ein unangenehmes Gefühl sein. Aber wenn Sie auch nur ein Fünkchen Phantasie besitzen, dann stellen Sie sich jetzt auch einmal vor, Sie wären an unserer Stelle gewesen: Wir wussten ja nicht, dass jemand in dem Bett lag, und wir sind zu Tode erschrocken, als Sie sich plötzlich unter uns bewegt haben! Außerdem konnten wir Ihretwegen nicht im Gästezimmer schlafen, obwohl man es uns versprochen hatte. Sie sind es wahrscheinlich schon gewohnt, in Gästezimmern zu übernachten. Aber stellen Sie sich einmal vor, Sie wären ein Waisenkind und hätten noch nie diese Ehre genossen.«

Inzwischen war auch der letzte Rest Zorn bei Miss Barry verraucht. Sie musste sogar laut lachen - was Diana, die ängstlich draußen in der Küche auf ihre Freundin wartete, einen großen Seufzer der Erleichterung entlockte.

»Ich fürchte, meine Phantasie ist ein bisschen eingerostet - es ist schon eine ganze Weile her, seitdem ich sie zuletzt benutzt habe«, sagte sie. »Doch ich muss zugeben, dein Anspruch auf Mitgefühl ist ebenso begründet wie der meine. Es kommt nur darauf an, von welcher Seite man die ganze Sache betrachtet. Setz dich doch und erzähl mir ein bisschen von dir.«

»Es tut mir Leid, das kann ich nicht«, sagte Anne bestimmt. »Ich würde es zwar sehr gerne tun, weil Sie eine interessante alte Dame und vielleicht sogar eine verwandte Seele sind, obgleich Sie auf den ersten Blick ganz und gar nicht so aussehen. Aber ich muss jetzt nach Hause, Miss Marilla Cuthbert wartet dort auf mich. Sie ist eine nette Frau, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, für meine Erziehung zu sorgen. Sie tut ihr Bestes, aber ich glaube, sie hat es manchmal nicht gerade leicht mit mir. Sie dürfen nicht schlecht über Marilla denken, weil ich in Ihr Bett gesprungen bin, Miss Barry. - Bevor ich gehe, möchte ich Sie aber noch bitten, Diana zu verzeihen und so lange in Avonlea zu bleiben, wie Sie es ursprünglich vorhatten.«

»Nun, das könnte ich vielleicht versprechen — wenn du mich ab und zu besuchen kommst und ein wenig mit mir plauderst«, antwortete Miss Barry.

Am Abend des gleichen Tages schenkte Miss Barry Diana einen silbernen Armreifen und eröffnete den erwachsenen Mitgliedern des Haushaltes, dass sie ihre Reisetasche wieder ausgepackt habe.

»Ich habe mich entschlossen hierzubleiben, um die kleine Anne besser kennen zu lernen«, sagte sie offen. »Sie macht mir Spaß und in meinem Alter ist das eine ziemliche Seltenheit.«

Als Marilla von der ganzen Sache erfuhr, sagte sie: »Ich habe ja gleich gewusst, dass dieser Ballabend nur wieder neue Schwierigkeiten mit sich bringen würde.« Allerdings war dieser Kommentar eher für Matthews Ohren bestimmt.

Miss Barry blieb einen ganzen Monat lang und noch länger. Sie war ein sehr viel angenehmerer Gast als sonst, denn Anne hielt sie bei guter Laune. Die beiden wurden feste Freunde.

Als Miss Barry wieder abreiste, sagte sie: »Denk dran, kleine Anne: Wenn du einmal in die Stadt kommst, musst du mich unbedingt besuchen. Du wirst als Ehrengast in meinem Gästezimmer schlafen.«

»Miss Barry war am Ende doch eine verwandte Seele«, vertraute Anne Marilla an. »Wer hätte das zuerst gedacht? Man merkt es zwar nicht immer so schnell wie damals bei Matthew und mir, aber nach einer Weile erkennt man es doch. Verwandte Seelen gibt es häufiger, als ich dachte. Ich bin gespannt, wie viele es noch auf der Welt gibt.«

19 - Anne erfindet ein ganz neues Aroma

»O je, ich glaube, das Leben besteht einzig und allein aus Abschieden«, sagte Anne zu Marilla, als sie Ende Juni mit tiefer Leidensmiene in die Küche trat, ihre Tafel und ihre Schulbücher auf den Küchentisch legte und ihre roten Augen mit einem bereits recht feuchten Taschentuch abwischte. »Nur gut, dass ich heute noch ein zweites Taschentuch mit in die Schule genommen habe. Ich hatte so eine Vorahnung, dass ich es brauchen könnte.«

»Ich wusste gar nicht, dass du Mr Philipps so gerne mochtest, dass du sogar zwei Taschentücher brauchst, wenn er die Schule verlässt«, gab Marilla leicht spöttisch zur Antwort.

»Ich glaube, ich habe gar nicht geweint, weil ich ihn besonders gerne mochte«, meinte Anne nachdenklich. »Ich habe nur geweint, weil alle anderen geweint haben. Ruby Gillis hat damit angefangen. Dabei hat sie bis jetzt immer behauptet, sie könnte Mr Philipps nicht ausstehen, aber sowie er mit seiner Abschiedsrede begann, da brach sie schon in Tränen aus. Dann fingen auch die anderen Mädchen zu heulen an, eins nach dem anderen. Ich habe versucht mich zusammenzureißen, Marilla. Ich habe an den Tag gedacht, an dem Mr Philipps mich zur Strafe neben Gil . . . neben einen Jungen gesetzt hat und dass er meinen Namen ohne e an die Tafel geschrieben hat. - Wie oft hat er gesagt, ich sei die größte Niete in Geometrie, die ihm jemals untergekommen wäre. Und dann hat er sich über meine Rechtschreibfehler lustig gemacht. Ich wollte auch an all die anderen Male denken, wo er gemein und hässlich zu mir war. Aber irgendwie hat es nicht funktioniert, ich musste genauso weinen wie die anderen auch. Oh, Marilla, es war herzzerreißend! Mr Philipps hat eine so wunderschöne Rede gehalten! Sie begann mit den Worten: >Unsere Abschiedsstunde hat geschlagene<. Er selbst hatte auch Tränen in den Augen, Marilla. Als ich das sah, bereute ich auf einmal all die vielen Male, die ich während des Unterrichts geträumt oder geschwätzt oder mich über ihn und Prissy lustig gemacht hatte, In dem Moment wäre ich am liebsten eine Musterschülerin gewesen — genau wie Minnie Andrews. Sie hat wenigstens ein reines Gewissen. Noch auf dem Heimweg haben wir alle geheult. Immer wenn die Gefahr bestand, dass wir wieder fröhlich wurden, wiederholte Carrie Sloane die Worte: >Unsere Abschiedsstunde hat geschlagene< und dann sind wir sooft wieder in Tränen ausgebrochen. Ich bin furchtbar traurig, Marilla. Aber mit zwei Monaten Schulferien vor sich kann man nicht wirklich verzweifeln, oder, Marilla?-Außerdem haben wir den neuen Pfarrer und seine Frau getroffen, als sie gerade vom Bahnhof kamen. Seine Frau sieht hübsch aus. Sie trug ein Kleid aus blauem Musselin mit herrlichen Puffärmeln und ihr Hut war mit Rosen besetzt. Mrs Lynde wird sie bei sich aufnehmen, solange das Pfarrhaus noch nicht fertig ist.«

Falls Marilla, als sie noch am gleichen Abend nach Lynde's Hollow hinüberging, noch einen anderen Grund für ihren Besuch hatte als die Absicht, Mrs Lynde einen Stickrahmen zurückzugeben, den sie im letzten Winter bei ihr ausgeborgt hatte, dann war das eine liebenswerte Neugierde, die sie mit den meisten anderen Einwohnern von Avonlea teilte. So mancher Gegenstand, den Mrs Lynde vor langer Zeit verborgt und vielleicht sogar schon abgeschrieben hatte, kehrte an jenem Abend zu seiner Besitzerin zurück. Ein neuer Pfarrer - und außerdem noch eine Pfarrersfrau -, das musste in einer kleinen Landgemeinde wie Avonlea natürlich Aufsehen erregen.

Der alte Mr Bentley - der Pfarrer, dem Anne schon bei ihrem ersten Gottesdienstbesuch einen großen Mangel an Phantasie bescheinigt hatte - hatte achtzehn Jahre in Avonlea verbracht. Er kam als Witwer, und das blieb er auch - trotz der zahlreichen Gerüchte, die ihm jedes Jahr eine neue Braut andichteten. Im vorigen Februar hatte er - sehr zum Bedauern seiner treuen Gemeindemitglieder, die aus Gewohnheit an ihrem alten Pfarrer hingen und ihm seine mangelnde Redekunst und einige andere Fehler gern verziehen - sein Amt niedergelegt.

Nach einer gewissen Übergangszeit war nun die Wahl auf Mr Allan als Nachfolger von Mr Bentley gefallen. Er und seine Frau hatten gerade erst geheiratet und sahen voller Schwung und Tatendrang ihrer neuen Aufgabe entgegen. Die Gemeinde von Avonlea nahm die beiden herzlich auf. Den alten wie den jungen Leuten gefiel die offene, fröhliche Art des jungen Mannes und seiner hübschen Frau. Auch Anne hatte Mrs Allan sofort ins Herz geschlossen. Sie hatte eine neue verwandte Seele entdeckt.

»Mrs Allan ist wunderbar«, verkündete sie eines Morgens. »Sie hat unsere Klasse in der Sonntagsschule übernommen. Bei ihr machen die Stunden richtig Spaß. Gleich als Erstes hat sie gesagt, dass sie es ungerecht findet, wenn nur der Lehrer Fragen stellen kann - genau das, was ich schon die ganze Zeit gedacht habe, Marilla! Sie meinte, wir könnten ihr so viele Fragen stellen, wie wir wollten. Ich habe gleich damit angefangen. Im Fragenstellen bin ich gut, Marilla.«

»Das glaube ich gerne«, sagte Marilla im Brustton der Überzeugung. »Außer mir hat nur noch Ruby Gillis eine Frage gestellt, und zwar wollte sie wissen, ob wir im Sommer wieder ein Picknick machen. Das hatte zwar nichts mit dem Stoff der Stunde zu tun - es ging um Daniel in der Löwengrube -, aber Mrs Allan lächelte und sagte, bestimmt würde es eins geben. Mrs Allan hat ein wunderschönes Lächeln ... sie bekommt dann himmlische Grübchen in den Wangen. Ich wünschte, ich hätte auch Grübchen, Marilla. Vielleicht könnte ich dann ebenfalls andere Menschen zum Guten lenken. Mrs Allan sagt, wir sollten immer versuchen, andere Menschen zum Guten zu lenken. Ach, sie kann so wunderbar über alles reden! Ich habe noch gar nicht gewusst, dass Religion so etwas Fröhliches sein kann, bisher war es immer ein schrecklich trauriges und trockenes Zeug.«

»Ich denke, wir sollten Mr und Mrs Allan bald einmal zum Tee einladen«, sagte Marilla nachdenklich. »Außer auf Green Gables sind sie schon fast überall gewesen. Mal überlegen . . . Nächsten Mittwoch ginge es zum Beispiel. Aber sag Matthew bloß nichts davon. Wenn er es vorher erfährt, erfindet er bestimmt irgendeine Ausrede, um sich rechtzeitig zu verdrücken. An Mr Bentley hatte er sich schon gewöhnt, aber es wird ihm schwer fallen, sich mit einem neuen Pfarrer anzufreunden- von einer neuen jungen Pfarrersfrau gar nicht erst zu reden.«

»Ich werde schweigen wie ein Grab«, versicherte Anne. »Marilla, darf ich bitte einen Kuchen für Mittwoch backen? Ich würde so gerne etwas für Mrs Allan tun und du weißt doch, dass ich inzwischen schon ganz gut backen kann.«

»Gut, du kannst eine Schichttorte machen«, versprach Marilla.

Am Montag und Dienstag wurden auf Green Gables große Vorbereitungen getroffen. Den Pfarrer und seine Frau einzuladen war ein wichtiges und ernstes Unterfangen und Marilla hatte nicht die Absicht, hinter irgendeiner anderen Hausfrau in Avonlea zurückzustehen. Anne war vor Freude ganz aufgeregt. Sie besprach die ganze Angelegenheit ausführlich mit Diana, als sie am Dienstagabend in der Abenddämmerung beim >Nymphenteich< saßen und mit Zweigen, die sie in Tannenharz getaucht hatten, kleine Regenbögen in das Wasser zauberten.

»Alles ist vorbereitet, Diana - außer meinem Kuchen und den Keksen, die Marilla erst kurz vorm Eintreffen der Gäste in den Ofen schieben wird. Ich kann dir sagen, Diana: Marilla und ich hatten ganz schön viel zu tun die letzten Tage. Wenn man den Pfarrer und seine Frau zum Tee einlädt, trägt man eine große Verantwortung. So etwas habe ich noch nie erlebt. Du solltest mal unsere Speisekammer sehen! Es gibt Zunge und Hähnchen in Aspik, Schlagsahne und Zitronencreme, Kirschtorte, drei Sorten Plätzchen und Marillas berühmtes Pflaumenkompott, das nur bei besonderen Anlässen auf den Tisch kommt; Früchtebrot und Schichttorte und außerdem sowohl frisches als auch altes Brot, falls der Pfarrer Probleme mit dem Magen hat und frisches Brot nicht verträgt. Mir wird ganz heiß und kalt, wenn ich an meine Schichttorte denke. Was, wenn sie mir nun nicht gelingt? Oh, Diana, heute Nacht im Traum hat mich ein schrecklicher Kobold verfolgt - und sein Kopf bestand aus einer riesigen Schichttorte!«

»Sie wird schon gelingen«, tröstete Diana, die immer bereit war, ihre Freundin wieder aufzurichten. »Das Stück von deiner Schichttorte, das wir vor einigen Wochen zusammen in >Idlewild< gegessen haben, war jedenfalls wunderbar.«

»Ja, aber Torten haben die Eigenart, ausgerechnet dann nicht zu gelingen, wenn man sie am nötigsten braucht«, seufzte Anne. »Naja, ich muss eben auf die Vorsehung vertrauen und aufpassen, dass ich das Mehl nicht vergesse.«

Am Mittwochmorgen stand Anne schon gleich nach Sonnenaufgang auf, vor lauter Aufregung konnte sie nicht mehr schlafen. Sie hatte sich am Abend vorher am kühlen >Nymphenteich< ziemlich erkältet, doch selbst eine Lungenentzündung hätte sie an jenem Morgen nicht davon abhalten können, in die Küche zu gehen und sich sogleich ans Werk zu machen. Als sie die Ofentür vor der Torte zuklappte, stieß sie einen langen Seufzer aus.

»Ich bin sicher, dass ich diesmal nichts vergessen habe, Marilla. Aber meinst du, sie wird aufgehen? Was, wenn das Backpulver nicht gut ist? Ich habe eine neue Schachtel anbrechen müssen und Mrs Lynde sagt, man könnte bei der ganzen Panscherei heutzutage nicht sicher sein, ob man gutes Backpulver bekäme oder nicht. Mrs Lynde meint, die Regierung müsse da einschreiten - aber was könne man von einer konservativen Regierung schon erwarten.«

Das Backpulver schien in Ordnung zu sein. Die Torte ging wunderbar auf und kam herrlich leicht und locker aus dem Backofen. Mit freudig geröteten Wangen bestrich Anne die verschiedenen Schichten mit dunkelrotem Gelee und malte sich dabei aus, wie Mrs Allan von ihrer Torte kostete und vielleicht sogar um ein zweites Stück bat.

»Heute nehmen wir natürlich das Rosenknospenservice, nicht wahr, Marilla?«, fragte sie. »Darf ich den Tisch mit Farn und wilden Rosen schmücken?«

»Ich halte nichts von solchem Schnickschnack«, schnaubte Marilla. »Es geht um eine Einladung zum Essen, nicht um das Drumherum.«

»Aber Mrs Barry hatte ihren Tisch auch geschmückt«, sagte Anne, nicht ohne Hinterlist. »Der Pfarrer hat ihr daraufhin ein besonders nettes Kompliment gemacht. Er sagt, das Essen sei ein Gaumenschmaus und eine Augenweide gewesen.«

»Also gut«, sagte Marilla, die fest entschlossen war, sich weder von Mrs Barry noch sonst jemandem in der Gunst des Pfarrers ausstechen zu lassen. »Aber lass noch Platz für das Geschirr und das Essen.« Anne machte sich nun daran, den Tisch so zu schmücken, dass er die Tischdekoration von Mrs Barry völlig in den Schatten stellte. Der Pfarrer und seine Frau konnten gar nicht genug Worte der Verwunderung und des Lobes finden, als sie sich auf ihren Stühlen niederließen.

»Das ist Annes Werk«, leitete Marilla die Komplimente an die richtige Adresse weiter. Anne war überglücklich, als Mrs Allan sie daraufhin freundlich anlächelte.

Matthew war ebenfalls da - der Himmel und Anne allein wussten, warum. Noch vor wenigen Minuten war er so schüchtern und nervös gewesen, dass Marilla alle Hoffnung auf ihn bereits aufgegeben hatte. Doch Anne hatte ihn liebevoll bei der Hand genommen und einfach hinter sich hergezogen. Nun saß er in seinem besten Anzug mit weißem Kragen am Tisch neben Mr Allan und unterhielt sich höflich mit dem neuen Pfarrer. An Mrs Allan richtete er die ganze Zeit über kein Wort, was allerdings auch niemand von ihm erwartet hatte. Alles klappte wie am Schnürchen - bis Annes Schichttorte aufgetragen wurde. Mrs Allan, die von den vielen verschiedenen Speisen schon ganz satt war, lehnte zunächst ab. Doch Marilla, die die Enttäuschung auf Annes Gesicht erkannte, sagte lächelnd: »Oh, Sie müssen ein Stück davon probieren, Mrs Allan. Anne hat sie eigens für Sie gebacken.«

»Na, wenn das so ist, dann nehme ich natürlich ein Stück«, lachte Mrs Allan. Auch Mr Allan und Marilla wollten von der Torte kosten.

Mrs Allan nahm einen ersten herzhaften Biss. Ihr Gesicht verzog sich, doch sie sagte kein Wort, sondern aß stumm weiter. Marilla, die ihren seltsamen Gesichtsausdruck bemerkt hatte, beeilte sich, nun ebenfalls den Kuchen zu probieren.

»Anne Shirley!«, rief sie aus. »Was um alles in der Welt hast du in diesen Kuchen getan?«

»Nur das, was im Rezept steht, Marilla«, beteuerte Anne. »Stimmt denn irgendetwas nicht damit?«

»Das kann man wohl sagen! Er schmeckt abscheulich! Essen Sie nicht weiter, Mrs Allan. Hier, Anne, probier doch selbst einmal. Was für ein Aroma hast du denn benutzt?«

»Vanille«, sagte Anne kleinlaut. Ihr Gesicht war purpurrot geworden. »Oh, Manila, es war bestimmt das Backpulver. Es kam mir schon gleich so verdächtig vor . ..«

»Unsinn! Lauf und hol mir die Flasche mit dem Vanillearoma, das du benutzt hast.«

ln Windeseile lief Anne in die Speisekammer und kam kurze Zeit später mit einer kleinen Flasche zurück, die noch zur Hälfte mit einer braunen Flüssigkeit gefüllt war. >Vanille< war auf dem gelben Etikett zu lesen.

Marilla entkorkte die Flasche und roch daran. »Ach, du liebe Güte, Anne! Du hast mein Rheumamittel in den Kuchen getan. Mir ist die Arzneiflasche letzte Woche kaputtgegangen und ich habe den Rest in eine leere alte Vanilleflasche gefüllt. Ich fürchte, ich trage die Hauptschuld an deinem misslungenen Kuchen, ich hätte dich warnen müssen. Aber warum hast du nicht an der Flasche gerochen?«

Anne war in Tränen aufgelöst. »Ich konnte doch nichts riechen, weil ich so erkältet war«, schluchzte sie und flüchtete hinauf in ihr Zimmer. Dort warf sie sich auf ihr Bett und weinte so heftig, als könnte nichts auf der Welt sie jemals trösten.

Bald darauf waren Schritte auf der Treppe zu hören, jemand betrat das Zimmer.

»Oh, Marilla«, schluchzte das Mädchen, ohne aufzuschauen, »ich habe mich unsterblich blamiert! Diese Schmach werde ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen. Morgen wird es ganz Avonlea wissen, solche Sachen machen hier doch sofort die Runde. Diana wird mich außerdem fragen, wie meine Torte geworden ist, und dann muss ich ihr die Wahrheit sagen. Alle werden sie mich auslachen, ich werde überall nur noch das Mädchen sein, das Torte mit Rheumamittel bäckt. Gil... ich meine, die Jungen in der Schule werden sich totlachen. Oh, Marilla, wenn du noch einen Funken christlicher Nächstenliebe in dir hast, dann sag mir jetzt nicht, ich müsste nach alldem auch noch das Geschirr spülen. Ich spüle es, wenn Mr und Mrs Allan fort sind, aber ich kann Mrs Allan nie wieder in die Augen sehen. Vielleicht denkt sie auch noch, ich will sie vergiften. Mrs Lynde sagt, sie habe einmal von einem Waisenmädchen gehört, das versucht hat, seine Wohltäter zu vergiften. Aber Rheumamittel ist doch bestimmt nicht giftig, oder? Kannst du das Mrs Allan bitte erzählen, Marilla?«

»Wie wär’s, wenn du aufstehst und es ihr selbst sagst?«, fragte eine sanfte Stimme neben ihr.

Mit einem Satz sprang Anne auf. Vor ihr stand Mrs Allan und lächelte sie freundlich an. »Nicht weinen, mein Liebes«, sagte sie. »Es war doch nur ein Versehen. Das hätte jedem passieren können.«

»Oh, nein, Mrs Allan, so etwas passiert immer nur mir«, erwiderte Anne verzweifelt. »Dabei sollte die Torte für Sie ganz besonders lecker werden.«

»Das weiß ich doch, Kind. Und ich versichere dir, ich weiß deine Fürsorglichkeit und Gastfreundschaft genauso zu schätzen, als ob der Kuchen bestens gelungen wäre. Und jetzt hör auf zu weinen. Komm mit mir herunter und zeig mir deinen Blumengarten. Miss Cuthbert hat mir erzählt, dass du ein eigenes Beet hast. Das möchte ich gern sehen, ich interessiere mich nämlich sehr für Blumen.«

Dieser Vorschlag war genau das Richtige, um Anne von ihrem Kummer abzulenken und zu trösten. Über die »Rheumatorte« fiel kein weiteres Wort mehr, und als die Gäste fort waren, stellte Anne fest, dass sie - trotz des schrecklichen Zwischenfalls - den Nachmittag sehr genossen hatte. Sie seufzte tief.

»Marilla, ist es nicht tröstlich, dass morgen wieder ein neuer Tag anfängt - ganz frisch und frei von Fehlern?«

»Naja«, antwortete Marilla, »bis jetzt hast du noch keinen möglichen Fehler ausgelassen, Anne.«

»Ja, ich weiß«, gab Anne traurig zu. »Aber ist dir noch nicht aufgefallen, dass ich nie den gleichen Fehler zweimal mache?«

»Na, ich weiß nicht, ob das so ein großer Trost ist - solange du immer wieder neue machst.«

»Aber verstehst du denn nicht, Marilla? Es muss eine bestimmte Anzahl von Fehlern geben, die ein Mensch im Laufe seines Lebens einfach macht. Und wenn ich meine früh und gehäuft erledige, dann habe ich sie bestimmt auch bald alle hinter mir. Ist das nicht ein tröstlicher Gedanke?«

20 - Anne verteidigt ihre Ehre

Die Ferienzeit verging wie im Fluge. Fast ein Monat war seit der Geschichte mit dem »Rheumakuchen« vergangen. Mrs Allan hatte Anne inzwischen ganz allein zu sich zum Tee eingeladen. Die beiden hatten sich miteinander angefreundet und das kleine Missgeschick war längst vergessen. Es war wohl langsam wieder an der Zeit, dass Anne in neue Schwierigkeiten geriet. Die letzten Wochen waren ohne Zwischenfälle verlaufen - von kleineren Missgeschicken wie einer versehentlich in den Wollkorb geschütteten Kanne Magermilch einmal abgesehen. Eine Woche nach Annes Einladung im Pfarrhaus gab Diana Barry eine Party.

»Im kleinsten Kreis«, versicherte Anne Marilla. »Nur für die Mädchen aus unserer Klasse.«

Es war ein lustiger Nachmittag und zunächst geschah auch weiter nichts Ungewöhnliches. Etwas erschöpft von ihren Spielen, ruhten sich die Mädchen nach dem Tee im Garten der Barrys aus. Sie waren genau in der richtigen Laune, um etwas Unseliges auszuhecken -und tatsächlich, sie kamen auf die Idee, »Mutproben« aufzustellen. Mutproben waren zu jener Zeit ein beliebter Zeitvertreib bei den Schulkindern von Avonlea. Eigentlich hatten die Jungen damit angefangen, aber die Mädchen ließen sich schon bald davon anstecken. Wenn man all die albernen Dinge aufzählen wollte, die in jenem Sommer in Avonlea unternommen wurden, um eine Mutprobe zu bestehen, so könnte man damit ein eigenes Buch füllen.

Zuerst bestimmte Carrie Sloane, dass Ruby Gillis in den alten Weidenbaum vor der Hautür klettern sollte - eine Aufgabe, die Ruby im Nu erledigte, obwohl sie große Angst vor den fetten grünen Raupen hatte, von denen es in der Weide nur so wimmelte, und außerdem vor ihrer Mutter, die sie fürchterlich ausschimpfen würde, wenn ihr mit ihrem neuen Musselinkleid etwas passierte.

Dann bestimmte Josie Pye, dass Jane Andrews auf ihrem linken Bein einmal um den Garten hüpfen sollte, ohne ein einziges Mal Pause zu machen oder ihren rechten Fuß auf den Boden zu stellen. Jane gab sich Mühe, musste aber an der dritten Ecke aufgeben und ihre Niederlage eingestehen.

Josie kostete ihren Triumph so weidlich aus, dass Anne sich für Josie eine besonders schwierige Aufgabe ausdachte: Sie sollte auf dem Lattenzaun balancieren, der den Garten von Orchard Slope im Osten begrenzte. Auf einem Zaun zu balancieren erforderte nämlich mehr Geschicklichkeit, als man meinen könnte. Aber wenn es Josie Pye auch an gewissen anderen Qualitäten mangelte, so war sie doch ein Naturtalent im Balancieren. Und so spazierte sie mit einer Unbekümmertheit über den Barry’schen Gartenzaun, die allen Anwesenden zeigen sollte, dass eine so lächerlich leichte Aufgabe eigentlich gar keine richtige Mutprobe war. Die.Mädchen zollten ihr - wenn auch widerwillig - große Bewunderung ob ihrer Heldentat. Sie konnten sich noch gut an ihre eigenen vergeblichen Versuche erinnern, auf einem Zaun zu balancieren. Siegesbewusst kam Josie zu den anderen Mädchen zurück und bedachte Anne mit einem stechenden Blick.

Anne warf ihre roten Zöpfe nach hinten. »Was ist denn schon dabei, ein paar Schrittchen auf einem lächerlichen Lattenzaun zu balancieren«, sagte sie schnippisch. »Ich kannte mal ein Mädchen in Marysville, das konnte auf dem Dachfirst spazieren gehen.«

»Das glaube ich nicht«, erwiderte Josie gelangweilt. »Ich glaube nicht, dass irgendjemand auf einem Dachfirst balancieren kann — und du schon gar nicht!«

»Wieso sollte ich das nicht können?«

»Gut, dann soll das deine Mutprobe sein«, verkündete Josie. »Ich bestimme, dass du dort über den Dachfirst von Mr Barrys Küche balancieren sollst.«

Anne wurde blass, aber sie sah keinen anderen Weg, ihre Ehre zu wahren. Also ging sie zum Haus und stieg mit Hilfe einer Leiter auf das Küchendach.

Die Mädchen unten im Gras hielten den Atem an. »Tu’s nicht, Anne!«, rief Diana laut. »Du wirst herunterfallen und dir das Genick brechen. Mach dir doch nichts aus Josie Pye. Es ist gemein, eine so gefährliche Mutprobe aufzustellen.«

»Ich muss es tun. Es geht um meine Ehre«, erwiderte Anne ernst. »Ich werde über den Dachfirst balancieren, Diana, oder ehrenhaft umkommen. Falls ich sterbe, sollst du meinen Perlenring bekommen.« Mit diesen Worte kletterte sie die Leiter bis zur obersten Sprosse empor, stieg auf den Dachfirst, richtete sich vorsichtig auf und begann, langsam einen Fuß vor den anderen zu setzen. Sie versuchte gar nicht erst nach unten zu schauen und musste bald feststellen, dass das Balancieren auf Dachfirsten eine Sache war, bei dem einem selbst die blühendste Phantasie nichts mehr nützte. Doch immerhin - sie kam einige Schritte vorwärts, bevor die Katastrophe ihren Lauf nahm. Dann fing sie an zu schwanken, verlor das Gleichgewicht, stolperte, rutschte schließlich über das schräge Dach nach unten und stürzte mit einem lauten Aufschrei in die Tiefe. Das alles geschah so schnell, dass ihre entsetzten Klassenkameradinnen erst jetzt einen Schreckensschrei von sich geben konnten.

Wäre Anne an der Seite des Daches hinuntergefallen, an der sie auch hinaufgeklettert war, wäre Diana mit ziemlicher Sicherheit rechtmäßige Erbin eines Perlenrings geworden. Doch zum Glück war sie zu der Seite gefallen, an der das Dach bis tief über die Veranda reichte, sodass der Sturz nicht ganz so gefährlich war.

Als Diana und die anderen Mädchen um das Haus gelaufen kamen, fanden sie Anne ganz bleich und schlaff am Boden liegend vor. »Anne, bist du tot?«, schrie Diana und warf sich schluchzend neben ihre Freundin auf die Knie. »Oh, Anne, liebe Anne, sag doch was! Sag, dass du lebst, Anne!«

Zur riesengroßen Erleichterung aller Mädchen - ganz besonders Josie Pyes, die sich, obwohl sie nicht gerade mit Phantasie gesegnet war, bereits in den schrecklichsten Farben ausgemalt hatte, wie es sein würde, ein Leben lang als das Mädchen zu gelten, das Anne Shirleys frühen, tragischen Tod herbeigeführt hatte - setzte sich Anne vorsichtig auf und sagte mit schwacher Stimme. »Nein, Diana, ich bin nicht tot. Aber ich glaube, ich habe mich verletzt.«

»Wo?«, schluchzte Carrie Sloane. »Wo denn, Anne?«

Doch bevor Anne antworten konnte, erschien Mrs Barry auf der Bildfläche. Anne versuchte auf die Beine zu kommen, sank jedoch mit einem lauten Schmerzensschrei wieder zurück auf den Boden.

»Was geht hier vor? Hast du dir weh getan?«, wollte Mrs Barry wissen.

»Mein ... Fuß ...«, stammelte Anne. »Bitte, Diana, hol deinen Vater und frag ihn, ob er mich nach Hause bringen kann. Ich fürchte, ich kann keinen einzigen Schritt mehr tun. Und ich glaube auch nicht, dass ich den ganzen Weg auf einem Bein hüpfen kann, wenn Jane es nicht einmal ganz um den Garten herum geschafft hat.«

Marilla war gerade beim Äpfeipflücken im Obstgarten, als sie Mr Barry, seine Frau und eine ganze Prozession von Mädchen über die Holzbrücke kommen sah. Auf dem Arm trug Mr Barry die kleine Anne, deren Kopf schlaff gegen seine Schulter baumelte.

Dieser Moment war wie eine Offenbarung für Marilla. Der plötzliche stechende Schmerz in ihrer Brust zeigte ihr, wie viel Anne ihr mittlerweile bedeutete. Bisher hatte sie immer gesagt, dass sie Anne mochte oder sie sehr gern hatte. Aber als sie jetzt mit großen Schritten den Abhang zur Brücke hinunterlief, wusste sie, dass Anne ihr lieber geworden war als alles andere auf der Welt.

»Mr Barry, ist ihr etwas zugestoßen?«, rief sie aufgeregt. Ihr Gesicht war blasser, als man das bei der stets so beherrschten, vernünftigen Marilla seit Jahren gesehen hatte.

Anne hob mühsam den Kopf. »Keine Angst, Marilla, ich bin nur vom Dachfirst gefallen und habe mir den Fuß verstaucht. Aber ich hätte mir natürlich genauso das Genick brechen können. Lass es uns von dieser Seite betrachten.«

»Ich hätte wissen müssen, dass du wieder irgendeinen Unfug anstellst, wenn ich dich auf die Party gehen lasse«, sagte Marilla streng und doch spürbar erleichtert. »Bringen Sie sie herein, Mr Barry, und legen Sie sie auf das Sofa. Ach, du liebe Güte, das Kind ist in Ohnmacht gefallen!«

Von Schmerz und Aufregung überwältigt, hatte Anne das Bewusstsein verloren - ein alter Traum von ihr war in Erfüllung gegangen. Matthew, der eilig vom Feld herbeigelaufen kam, holte den Doktor, der nach kurzer Untersuchung feststellte, dass die Verletzung ernsthafter war, als man zunächst angenommen hatte: Annes Knöchel war gebrochen.

Als Marilla an jenem Abend in den Ostgiebel hinaufging, begrüßte Anne sie mit einem schwachen Lächeln.

»Tu ich dir nicht sehr Leid, Marilla?«

»Es war deine eigene Schuld«, antwortete Marilla, klappte die Fensterläden zu und zündete eine Lampe an.

»Das ist es ja, warum ich dir Leid tun sollte«, sagte Anne. »Gerade die Tatsache, dass es meine Schuld war, macht es mir so schwer. Wenn ich jemand anderem die Schuld geben könnte, wäre mir viel wohler. Aber was hättest denn du gemacht, wenn jemand dich herausgefordert hätte, auf dem Dachfirst zu balancieren?«

»Ich wäre auf dem festen, sicheren Erdboden geblieben und hätte die anderen balancieren lassen.«

Anne seufzte. »Du hast so viel Willenskraft, Marilla. Ich habe gar keine. Ich hatte nur das Gefühl, dass ich Josie Pyes Gespött nicht ertragen könnte. Sie hätte mich mein ganzes Leben lang damit aufgezogen. Und ich glaube, ich bin schon genug bestraft worden, du brauchst mir nicht mehr böse zu sein. Es ist nämlich überhaupt nicht schön, in Ohnmacht zu fallen. Und der Doktor hat mir fürchterlich weh getan, als er meinen Knöchel geschient hat. Ich kann sechs oder sieben Wochen lang nicht laufen, ich werde also auch den Schulanfang verpassen - ausgerechnet jetzt, wo wir eine neue Lehrerin bekommen. Mrs Allan hat mir erzählt, sie hieße Miss Muriel Stacy. Ist das nicht ein wunderschöner Name? - Gil... ich meine, die anderen werden mir schon weit voraus sein, wenn ich wieder zur Schule gehen kann. Ach, ich werde vom Unglück verfolgt! Aber ich werde versuchen, alles tapfer zu ertragen, wenn du mir nur nicht böse bist, Manila.«

»Nein, nein, ich bin dir nicht böse«, beruhigte Marilla sie. »Du bist ein rechter Pechvogel, daran gibt es gar keinen Zweifel. Komm, ich habe dir etwas zu essen mitgebracht.«

»Zum Glück habe ich viel Phantasie«, bemerkte Anne nach einer Weile. »Die werde ich jetzt bestimmt gut gebrauchen können. Was machen bloß all die Leute, die keinen Funken Phantasie besitzen, wenn sie sich die Knochen brechen, Marilla?«

Anne hatte in den nun folgenden sieben langen Wochen allen Grund, für ihre Phantasie dankbar zu sein. Aber sie brauchte sich nicht gänzlich auf sie zu beschränken. Sie bekam viel Besuch und es verging kaum ein Tag, an dem nicht eine ihrer Mitschülerinnen vorbeischaute, ihr ein paar Blumen oder Bücher mitbrachte und ihr von den Neuigkeiten in der Schule erzählte.

»Alle sind so gut und lieb zu mir gewesen, Marilla«, seufzte Anne glücklich, als sie zum ersten Mal mit ihrer Hilfe durchs Zimmer humpeln konnte. »Es ist zwar nicht gerade angenehm, krank im Bett zu liegen, aber es hat auch seine guten Seiten: Man merkt auf einmal, wie viele Freunde man hat. Selbst Superintendent Bell hat mich besucht. Er ist wirklich ein ganz netter Mensch - keine verwandte Seele zwar, aber ich mag ihn trotzdem. Er hat mir erzählt, wie er sich als kleiner Junge auch einmal den Knöchel gebrochen hat. Allerdings bin ich da an eine Grenze meiner Phantasie gestoßen. Wenn ich mir Superintendent Bell als kleinen Jungen vorstelle, trägt er immer noch seinen grauen Schnurrbart und seine Brille. Sich Mrs Allan als kleines Mädchen vorzustellen ist da viel einfacher. Mrs Allan hat mich vierzehnmal besucht, war das nicht lieb von ihr, Marilla? Wo eine Pfarrersfrau doch so viele Pflichten hat! Sogar Josie Pye ist mich besuchen gekommen. Ich habe sie so höflich wie möglich empfangen. Ich glaube, es hat ihr ehrlich Leid getan, dass sie mir eine so gefährliche Mutprobe gestellt hatte. Wäre ich dabei umgekommen, hätte die Reue über diese Tat ihr ganzes Leben überschattet.

Diana war eine treue Freundin. Sie ist jeden Tag bei mir gewesen, um mir die Zeit zu vertreiben. Aber ich werde froh sein, wenn ich endlich wieder in die Schule gehen kann. Ich habe so aufregende Sachen von unserer neuen Lehrerin gehört. Die Mädchen schwärmen alle für sie und Diana sagt, sie hat wunderschönes blondes, lockiges Haar und ausdrucksvolle Augen. Sie trägt die besten Kleider und hat die größten Puffärmel von ganz Avonlea. Jeden Freitagnachmittag lässt sie Gedichte und kleine Theaterstücke vortragen. Ach, das muss himmlisch sein! Josie Pye meint, sie könnte es nicht ausstehen, aber das kommt bestimmt nur daher, weil sie so phantasielos ist. Diana, Ruby Gillis und Jane Andrews bereiten gerade ein Stück für nächsten Freitag vor. Miss Stacy ist auch schon mehrmals mit den Schülern nach draußen gegangen und hat mit ihnen die Gräser, Blumen und Vögel untersucht. Jeden Morgen und jeden Nachmittag gibt es Gymnastik. Mrs Lynde sagt, so etwas hätte sie noch nie gehört - das käme davon, wenn man eine Lehrerin einstellt. Aber ich stelle es mir wunderbar vor und ich wette, Miss Stacy ist eine verwandte Seele.«

»Eines ist jedenfalls klar, Anne«, sagte Marilla. »Die Zunge hast du dir nicht verstaucht, als du von Mr Barrys Dachfirst gefallen bist.«

21 - Große Vorbereitungen werden getroffen

Es war Oktober, als Anne endlich wieder in die Schule gehen konnte — und ein herrlicher Oktober dazu. Die Bäume leuchteten in kräftigen roten und goldenen Farben und der Tau ließ die Felder am Morgen wie unter einem silbrigen Tuch glänzen. Mit großem Genuss hörte Anne das welke Laub unter ihren Füßen knistern und rascheln, während sie unter dem gelben Baldachin dahinschritt, den die Zweige der Bäume über dem >Birkenpfad< bildeten. Wie schön war es doch den alten, gewohnten Schulweg wieder zu gehen, neben Diana in der kleinen, braunen Schulbank zu sitzen, Ruby Gillis auf der anderen Seite des Gangs zuzunicken und kleine Zettel von Carrie Sloane zugesteckt zu bekommen. Anne seufzte glücklich, als sie ihre Bleistifte spitzte und ihre Bücher unter die Schreibplatte verstaute. Das Leben war ohne Zweifel eine äußerst interessante Angelegenheit! In ihrer neuen Lehrerin fand Anne bald eine zuverlässige und hilfsbereite Freundin. Miss Stacy war eine heitere, sympathische junge Frau mit der glücklichen Gabe, die Zuneigung der ihr anvertrauten Schüler und Schülerinnen schnell zu gewinnen und das Beste aus ihren Schützlingen herauszuholen. Anne erblühte wie eine Blume unter diesem gesunden Einfluss und erstattete Matthew und Manila begeistert Bericht von ihren Fortschritten in der Schule.

»Ich liebe Miss Stacy von ganzem Herzen. Sie ist eine richtige Dame und hat eine wundervolle Stimme. Wenn sie meinen Namen ausspricht, weiß ich einfach, dass sie ihn in Gedanken mit einem e schreibt.

Heute Nachmittag haben wir wieder Gedichte vorgetragen. Ich wünschte, ihr hättet mich gehört, wie ich ein Stück aus Maria Stuart aufgesagt habe! Ruby Gillis meinte, ihr sei das Blut in den Adern gefroren!«

»Vielleicht hast du Lust, es mir einmal draußen in der Scheune vorzutragen?«, schlug Matthew vor.

»Einverstanden«, freute sich Anne. »Ich fürchte bloß, es wird nicht so gut werden wie in der Schule. Wenn einem der ganze Raum voller Zuhörer an den Lippen hängt, ist es natürlich viel aufregender. Ich glaube nicht, dass ich dein Blut zum Gefrieren bringen kann.«

»Mrs Lynde meint, ihr sei das Blut in den Adern gefroren, als sie gesehen hat, wie die Jungen am letzten Freitag die hohen Bäume bei Mr Beils Feld hinaufgeklettert sind, um an die Krähennester heranzukommen«, warf Manila ein. »Ich verstehe nicht, wie Miss Stacy so etwas zulassen kann.«

»Aber wir brauchten ein Krähennest für den Unterricht«, erklärte Anne. »Das war unser Naturkundenachmittag. Diese Nachmittage sind die schönsten, Marilla. Miss Stacy kann alles so gut erklären. Wir müssen Aufsätze über unsere Beobachtungen draußen schreiben und meine sind immer die besten.«

»Eigenlob stinkt, Anne. Das Urteil über deine Arbeiten solltest du lieber deiner Lehrerin überlassen.«

»Aber sie hat es doch selbst gesagt, Marilla. Eingebildet bin ich wirklich nicht. Wie könnte ich denn, wo ich doch eine Niete in Geometrie bin? Langsam kapiere ich allerdings ein bisschen mehr davon, Miss Stacy erklärt es nämlich viel verständlicher als Mr Philipps. Trotzdem werde ich nie gut in Geometrie sein, das muss ich ganz bescheiden zugeben. Aber Aufsätze schreibe ich für mein Leben gern. Nächste Woche müssen wir einen Aufsatz über eine berühmte Persönlichkeit schreiben. Ich weiß nicht, welche ich nehmen soll - es gibt so viele. Muss es nicht herrlich sein, wenn man berühmt ist und die Schulkinder auch dann noch Aufsätze über einen schreiben, wenn man schon längst tot ist? Ach, ich würde selbst gerne berühmt sein! - Wir machen auch jeden Tag Gymnastik. Das ist gut für die Haltung und für die Verdauung.«

»Verdauung? Was für ein Unfug!«, sagte Marilla, die für solche Methoden nicht viel übrig hatte.

Doch alle Naturkundenachmittage und Gedichtvorträge verblassten angesichts eines Planes, den Miss Stacy im November bekannt gab: Die Schüler und Schülerinnen von Avonlea würden an Weihnachten einen Vortragsabend veranstalten, dessen Einnahmen für die Anschaffung einer neuen Flagge für das Schulhaus verwendet werden sollten. Die Kinder nahmen den Plan begeistert auf und begannen noch am selben Tag mit den Vorbereitungen. Von allen Mitwirkenden war Anne Shirley die begeistertste. Mit Herz und Seele gab sie sich dem Plan hin. Sie hatte nur noch ein Hindernis zu überwinden: Marillas Zweifel.

»Diese Lehrerin setzt euch nur Flausen in den Kopf. Außerdem geht wichtige Zeit verloren, die ihr lieber auf euren Unterrichtsstoff verwenden solltet«, grollte sie. »Ich halte überhaupt nichts von der ganzen Sache.«

»Aber denk doch nur an den guten Zweck«, wandte Anne ein. »Eine neue Flagge für unser Schulhaus! Ist das nicht richtig patriotisch?«

»Dummes Zeug! Euch geht es doch nicht um Patriotismus. Ihr wollt nur euer Vergnügen haben.«

»Und wenn sich nun Patriotismus und Vergnügen verbinden lassen? Natürlich macht es Spaß, so einen Abend vorzubereiten. Der Chor wird sechs Lieder singen, Diana wird sogar mit einem Solo auftreten. Zwei kleine Stücke werden aufgeführt und ich werde zwei Gedichte vortragen, Marilla. Ich zittere am ganzen Leibe, wenn ich nur daran denke, aber es ist das freudigste Zittern, das man sich vorstellen kann. Am Schluss soll ein >liebendes Bild< gezeigt werden; es heißt >Glaube, Hoffnung und Nächstenliebe< Diana, Ruby und ich sind die Darstellerinnen. Wie tragen weiße Gewänder und offene Haare. Ich werde die Hoffnung sein ... die Hände falten ... schau, so ... und meine Augen zum Himmel richten. Oben in der Dachkammer werde ich jetzt immer meine Gedichte üben. Erschrick nicht, wenn du mich laut seufzen hörst, ich muss nämlich bei einem der Gedichte herzzerreißend seufzen, Marilla. -Josie Pye ist beleidigt, weil sie in einem der Stücke nicht die Rolle bekommen hat, die sie eigentlich spielen wollte. Aber sie könnte ja auch unmöglich die Feenkönigin spielen — oder hast du schon mal eine pummelige Feenkönigin gesehen? Jane Andrews hat jetzt die Rolle übernommen, ich spiele eines der Mädchen in ihrem Gefolge. Josie meint, eine rothaarige Fee wäre mindestens so lächerlich wie eine dicke, aber mir ist ganz egal, was Josie Pye meint. Ich werde einen Kranz weißer Rosen im Haar tragen. Ruby Gillis leiht mir ihre weißen Sandalen - eine Fee kann ja schließlich nicht in Stiefeln durch den Wald schweben, oder? - Den Saal wollen wir mit Zweigen und Papierblumen schmücken, und während das Publikum schon auf seinen Stühlen sitzt und Emma White auf der Orgel einen Marsch spielt, werden wir in Zweierreihen hereinkommen. Oh, Marilla, ich weiß genau, dass du dich über das alles nicht so begeistern kannst wie ich. Aber hoffst du nicht auch ein bisschen, dass deine kleine Anne vor dem Publikum bestehen wird?«

»Alles, was ich hoffe, ist, dass du dich anständig benimmst. Ich bin froh, wenn die ganze Aufregung vorüber ist und du dich wieder beruhigt hast. Wenn dein Kopf voll mit Stücken, Seufzern und >liebenden Bildern< ist, bist du zu nichts Vernünftigem zu gebrauchen.«

Anne zuckte ratlos mit den Schultern und begab sich in den Hinterhof, wo ein voller Mond durch die kahlen Pappeln schien, In seinem Licht spaltete Matthew Brennholz. Anne hockte sich auf einen dicken Holzstamm in seiner Nähe und sprach den ganzen Abend noch einmal mit ihm durch. Sie wusste, dass Matthew immer ein offenes Ohr und ein mitfühlendes Herz hatte.

»Nun, ich glaube, das wird ein schöner Abend werden. Und ich hoffe, dass du deine Sache gut machst«, sagte er schließlich und lächelte sie liebevoll an. Anne erwiderte sein Lächeln. Die beiden waren die besten Freunde und Matthew dankte insgeheim dem Schicksal, dass er nicht für Annes Erziehung verantwortlich war. Zum Glück war das Marillas Aufgabe. Hätte er sich daran beteiligen müssen, wäre er schon mehr als einmal in einen tiefen Zwiespalt zwischen Pflicht und Gefühlen geraten. Doch so, wie die Dinge lagen, konnte er Anne in aller Ruhe »verwöhnen«, wie Marilla sich ausdrückte. Alles in allem war das keine schlechte Regelung: Verwöhnen ist manchmal genauso wichtig wie eine gewissenhafte Erziehung.

22 - Matthew besteht auf Puffärmeln

Eines Abends im Dezember kam Matthew aus der Scheune in die warme Küche zurück und ließ sich auf der Brennholzkiste nieder, um seine schweren Stiefel abzustreifen. Erst jetzt bemerkte er, dass Anne und ihre Klassenkameradinnen im Wohnzimmer gegenüber eine Probe ihrer »Feenkönigin« abhielten. Sie waren gerade fertig geworden und kamen fröhlich lachend durch den Flur in die Küche gelaufen. Matthews Anwesenheit bemerkten sie nicht, denn er hatte sich - in der einen Hand einen Schuh, in der anderen den Stiefelknecht - in die dunkle Ecke hinter der Holzkiste zurückgezogen und beobachtete scheu, wie sich die Mädchen über den bevorstehenden Vortragsabend unterhielten und sich dabei ihre Mützen und Jacken anzogen. Anne bewegte sich unter ihnen ganz natürlich, ihre Augen strahlten genauso hell wie die der anderen Mädchen - doch irgendetwas an ihr war anders als bei ihren Klassenkameradinnen. Matthew hatte außerdem das Gefühl, dass es diesen Unterschied, der ihm so plötzlich zu Bewusstsein gekommen war, eigentlich nicht geben sollte. Aber worin bestand er?

Über diese Frage dachte Matthew noch lange nach, als die Mädchen schon längst nach Hause gegangen waren und Anne sich in ihre Bücher vertieft hatte. Mit Manila konnte er unmöglich darüber reden. Wahrscheinlich würde sie nur empört die Nase rümpfen und behaupten, der einzige Unterschied zwischen Anne und den anderen Mädchen bestehe darin, dass die anderen Mädchen ihren Mund hielten, während Anne wie ein Wasserfall plapperte. Aber das würde ihm auch nicht weiterhelfen.

Sehr zu Manilas Missvergnügen nahm er an jenem Abend zu seiner Pfeife Zuflucht, um besser nachdenken zu können. Nach zwei Stunden angestrengten Rauchens und Grübelns hatte Matthew die Lösung gefunden: Anne war anders angezogen als die anderen Mädchen!

Je mehr Matthew über die Sache nachdachte, desto überzeugter wurde er, dass dies schon immer der Fall gewesen war - jedenfalls solange Anne auf Green Gables wohnte. Marilla gab ihr schlichte, dunkle Kleider zum Anziehen, die sie alle nach dem gleichen einfachen Muster genäht hatte. Ob Matthew sich darüber im Klaren war, dass es so etwas wie Mode gab, mag dahingestellt bleiben; auf jeden Fall war er sich sicher, dass besonders die Ärmel von Annes Kleidern nicht so aussahen wie die der anderen Mädchen. Er rief sich die ganze Versammlung noch einmal in Erinnerung: Alle hatten sie farbenprächtige Kleider getragen - und er fragte sich, warum Marilla Anne wohl immer so schlicht kleidete.

Natürlich gab es dafür bestimmt gute Gründe. Marilla war schließlich für Annes Erziehung verantwortlich. Doch was auch immer für ein unerforschlicher, weiser Ratschluss dahinterstecken mochte - ein hübsches Kleid würde dem Kind bestimmt nicht schaden. Diana Barry trug schließlich ständig solche Kleider. Wenn er nun beschloss, Anne ein neues Kleid zu schenken, dann konnte das sicherlich nicht aus Verstoß gegen sein Versprechen ausgelegt werden, sich nicht in Annes Erziehung einzumischen. Bis Weihnachten waren es nur noch zwei Wochen. Ein hübsches neues Kleid wäre genau das richtige Geschenk. Mit einem befriedigten Seufzer legte Matthew seine Pfeife beiseite und ging zu Bett, während Marilla alle Türen und Fenster öffnete, um den Tabakrauch zu vertreiben.

Am nächsten Nachmittag fuhr Matthew nach Carmody, um ein Kleid für Anne zu kaufen. Je schneller er es hinter sich hatte, umso besser. Er wusste, dass er sich keine leichte Aufgabe gestellt hatte. Es gab Dinge, mit denen sich Matthew gut auskannte und über deren Preis er meisterlich verhandeln konnte — Kleider für Mädchen gehörten allerdings ganz bestimmt nicht dazu, in diesem Fall war er der Gnade des Ladenbesitzers hilflos ausgeliefert.

Nach langem Grübeln entschloss sich Matthew, diesmal in Samuel Lawsons Geschäft zu gehen anstatt in das von William Blair. Zwar waren die Cuthbert schon seit Menschengedenken Stammkunden bei William Blair, doch durch die Fensterscheibe konnte Matthew sehen, dass die beiden Töchter des Geschäftsinhabers an jenem Tag die Kunden bedienten, und mit diesen beiden jungen Damen konnte Matthew nur fertig werden, wenn er genau wusste, was er wollte, und geradewegs darauf zusteuern konnte. Bei einer Angelegenheit jedoch, die der Beratung und Erklärung bedurfte, hatte Matthew das dringende Bedürfnis, hinter dem Ladentisch einen Mann anzutreffen. Also ging er in den anderen Laden, wo Samuel oder sein Sohn ihn bedienen würden.

Matthew konnte natürlich nicht ahnen, dass Samuel erst vor kurzem eine neue Verkäuferin eingestellt hatte. Miss Harris war ein bildhübsches junges Ding mit einer modischen Frisur, ausdrucksvollen braunen Augen und einem atemberaubenden Lächeln. Bei ihrem Anblick geriet Matthew in schreckliche Bedrängnis.

»Was kann ich für Sie tun, Mr Cuthbert?«, fragte sie und sah ihn erwartungsvoll an.

»Haben Sie ... vielleicht... äh ... ich möchte ... eine Harke kaufen«, stammelte Matthew.

Miss Harris war erstaunt. Immerhin kam es ziemlich selten vor, dass ein Kunde mitten im Dezember ausgerechnet eine Harke verlangte. »Wir müssten noch eine oder zwei vom Sommer übrig haben«, antwortete sie schließlich, »aber sie sind oben im Lager. Ich werde einmal nachschauen. Einen Moment, bitte.«

Während ihrer Abwesenheit hatte Matthew etwas Zeit, um seine Kräfte für einen zweiten Anlauf zu sammeln.

Als Miss Harris mit der Harke zurückkam und freundlich nachfragte: »Darf es sonst noch etwas sein, Mr Cuthbert?«, nahm Matthew seinen ganzen Mut zusammen und antwortete: »Hm, tja ... wenn Sie schon fragen, dann könnte ich auch gleich ... äh ... etwas Grassamen kaufen.«

Miss Harris hatte die Leute schon sagen hören, dass Matthew Cuthbert ein bisschen merkwürdig sei. Jetzt kam sie zu der Überzeugung, dass er völlig übergeschnappt war.

»Grassamen führen wir nur im Frühling«, erklärte sie kühl. »Im Moment haben wir leider keinen vorrätig.«

»Ja, natürlich . . . selbstverständlich . . . ganz wie Sie meinen«, stammelte der unglückliche Matthew, griff nach der Harke und ging auf die rettende Tür zu. Erst auf der Schwelle fiel ihm siedend heiß ein, dass er ja noch gar nicht bezahlt hatte. Er musste wohl oder übel noch einmal zum Tresen zurück. Während Miss Harris sein Wechselgeld zählte, setzte er zu einem letzten verzweifelten Versuch an. »Hm, also ... falls es nicht zu viel Umstände macht... hätte ich gerne noch ... das heißt... ich würde gerne ... äh ... haben Sie Zucker?«

»Weißen oder braunen?«, erkundigte sich Miss Harris geduldig. »Was? Oh, äh .. . braunen, bitte!«

»Da drüben steht ein ganzes Fass voll. Mehr Sorten führen wir nicht.«

»Ich ... ich nehme zwanzig Pfund«, sagte Matthew. Dicke Schweißperlen standen auf seiner Stirn.

Erst als er die Hälfte des Heimwegs hinter sich gebracht hatte, kam Matthew halbwegs wieder zur Ruhe. Das kommt davon, dachte er, wenn man abtrünnig wird und in ein fremdes Geschäft einkaufen geht.

Zu Hause angekommen, verstaute er die Harke im Geräteschuppen und schleppte den Zucker zu Marilla in die Küche.

»Brauner Zucker?«, fragte Marilla erstaunt. »Was um alles in der Welt ist bloß in dich gefahren, so viel braunen Zucker zu kaufen? Ich benutze ihn doch so gut wie nie - außer für Jeriys Haferbrei vielleicht oder dunkle Obsttorte. Und es ist noch nicht einmal besonders guter Zucker. Er ist grob und dunkel. William Blair führt solchen Zucker doch gar nicht.«

»Ich ... ich dachte, wir könnten ihn irgendwann einmal gebrauchen«, sagte Matthew und flüchtete zur Tür hinaus.

Als er später noch einmal über die ganze Sache nachdachte, kam er zu der Überzeugung, dass eine Frau diese Angelegenheit in die Hand nehmen müsste. Marilla kam dafür allerdings nicht in Frage. Matthew war sich sicher, dass sie sein Vorhaben nach Kräften durchkreuzen würde. Blieb ihm also nur noch Mrs Lynde; Matthew hätte es nie gewagt, eine andere Frau in Avonlea um Rat zu fragen. Also ging er zu Mrs Lynde hinüber. Die gute alte Dame nahm dem geplagten Mann die Sache sofort aus der Hand.

»Ein Kleid als Weihnachtsgeschenk für Anne aussuchen? Aber natürlich kann ich das. Ich wollte morgen sowieso nach Carmody fahren, da kann ich es gleich erledigen. Haben Sie an etwas Bestimmtes gedacht? Nein? Nun gut, dann werde ich meinem eigenen Urteil vertrauen. Ein sattes Dunkelbraun würde Anne sicherlich gut stehen, denke ich. Neulich habe ich bei William Blair eine ganz wunderschöne Gloriaseide gesehen. Soll ich das Kleid gleich fertig machen? Wenn Marilla das tut, würde Anne bestimmt davon Wind bekommen und es sollte doch eine Überraschung werden, nicht wahr? Gut, dann übernehme ich das auch. Nein, es macht mir überhaupt keine Umstände, ich nähe gerne. Ich werde es meiner Nichte Jenny Gillis, anpassen. Sie hat genau die gleiche Figur wie Anne.«

»Ich bin Ihnen sehr dankbar«, sagte Matthew, »und ... ich weiß nicht... aber ich hätte gern ... also, ich glaube, man trägt die Ärmel heute anders als früher. Wenn es Ihnen nicht zu viel Arbeit macht, hätte ich sie gerne in der heutigen Weise.«

»Puffärmel, meinen Sie? Aber natürlich. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, ich werde es nach der neuesten Mode zuschneiden«, beruhigte ihn Mrs Lynde.

Als Matthew gegangen war, dachte sie: Es wird mir eine Freude sein, das arme Kind einmal in einem hübschen Kleid zu sehen. Manila mag ihre Gründe haben, sie immer nur in diese schrecklichen Dinger zu stecken, aber ich halte das für einen großen Fehler - jawohl! Das Kind muss doch den Unterschied zu den anderen Mädchen in seinem Alter spüren und das kann nicht gut sein. Dass Matthew das bemerkt hat...! Der Mann scheint ja langsam aufzuwachen!

In den letzten zwei Wochen vor Weihnachten ahnte Marilla natürlich, dass Matthew etwas im Schilde führte. Sie wusste aber nicht, was es war. Erst als Mrs Lynde am Heiligen Abend das neue Kleid vorbeibrachte, wurde sie in das Vorhaben eingeweiht.

»Das ist also der Grund, warum Matthew in den letzten zwei Wochen so geheimnisvoll tat«, sagte sie etwas steif, aber nicht unfreundlich. »Ich wusste, dass er irgendetwas Närrisches vorhatte. Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass Anne ein neues Kleid braucht und so eins schon gar nicht. Allein in den Ärmeln steckt ja schon so viel Stoff, dass man daraus ein zweites machen könnte. Ihr werdet Annes Eitelkeit schmeicheln und sie ist jetzt schon eitel wie ein Pfau. Aber ich hoffe trotzdem, dass sie sich freut. Sie träumt schon seit langer Zeit von Puffärmeln, obgleich sie seit einer ganzen Weile nichts mehr darüber gesagt hat. - Wenn das mit der Mode so weitergeht, werden die Frauen bald nur noch seitwärts durch die Tür gehen können!«

Mit glänzenden Augen schaute Anne am Weihnachtsmorgen aus ihrem Fenster im Ostgiebel über die wie mit Puderzucker überzogenen Bäume und Felder: in der Nacht war der erste Schnee gefallen. Aufgeregt lief sie die Treppe hinunter und rief mit lauter Stimme: »Frohe Weihnachten, Marilla! Frohe Weihnachten, Matthew! Ist es nicht herrlich, dass wir weiße Weihnachten haben? Grüne Weihnachten mag ich nämlich überhaupt nicht. Meistens ist es dann gar nicht richtig grün, sondern nur grau und braun. Aber... Matthew! Ist das für mich? Oh, Matthew!«

Matthew hatte mit ungeschickten Fingern das neue Kleid aus dem Papier gewickelt und hielt es nun verlegen in die Höhe. Marilla machte sich an der Teekanne zu schaffen, beobachtete jedoch alles aus den Augenwinkeln.

Anne nahm das Kleid und betrachtete es mit ehrfürchtigem Schweigen. Was für ein wunderhübsches Kleid das war! Aus glänzender, weicher Gloriaseide gemacht, hatte es einen Rock mit üppigen Rüschen und ein Oberteil mit feinen Biesen, das nach der neuesten Mode mit einem kleinen Kragen aus kleiner Spitze abschloss. Aber die Krönung des Ganzen waren die Ärmel - die schönsten Puffärmel, die Anne je in ihrem Leben gesehen hatte!

»Das ist mein Weihnachtsgeschenk für dich«, sagte Matthew schüchtern. »Aber . . . aber Anne, gefällt es dir nicht? Was ist denn, Kind?« Annes Augen hatten sich plötzlich mit Tränen gefüllt.

»Ob es mir gefällt? Oh, Matthew!« Anne legte das Kleid über einen Stuhl und klatschte in die Hände. »Matthew, es ist wunder-, wunderschön. Ich weiß gar nicht, wie ich dir jemals danken soll. Schaut euch nur diese Ärmel an! Das muss alles ein schöner Traum sein.«

Nach dem Frühstück kam Diana nach Green Gables hinüber. Aufgeregt lief ihr Anne entgegen.

»Frohe Weihnachten, Diana! Ach, es ist ein überwältigendes Weihnachtsfest. Ich muss dir etwas Herrliches zeigen. Matthew hat mir das schönste Kleid der Welt geschenkt - mit solchen Puffärmeln. Ich könnte mir gar kein schöneres Kleid vorstellen.«

»Und ich habe auch etwas für dich«, sagte Diana. »Hier, schau mal -diese Schachtel. Tante Josephine hat uns ein riesengroßes Paket mit Geschenken geschickt und dies hier ist für dich.«

Anne öffnete die Schachtel und sah hinein. Neben einer Karte mit den Worten »Für die kleine Anne, frohe Weihnachten« lag ein Paar zierlicher weißer Sandaletten. Sie waren aus dem feinsten Satin gemacht und auf jeder Sandalette prangte eine glänzende Schnalle. »Oh, Diana!«, sagte Anne. »Sind die schön! Ich komme mir vor wie im Traum.«

»Die Schuhe kommen wie gerufen«, freute sich Diana. »Jetzt brauchst du nicht mehr Rubys Sandalen zu tragen. Sie wären dir sowieso zwei Nummern zu groß gewesen und es wäre nur peinlich geworden, wenn du als Fee durch den Saal geschlurft wärst. Josie Pye hätte ihre reinste Freude daran gehabt!«

Der Vortragsabend stand vor der Tür und die Schulkinder von Avonlea befanden sich vor Aufregung in einem wahren Taumel. Der Saal musste noch vor der Generalprobe am Nachmittag geschmückt werden.

Die Veranstaltung wurde ein voller Erfolg. Alle Vorführenden gaben ihr Bestes, doch Anne war der besondere Star des Abends, wie selbst Neider wie Josie Pye ehrlich eingestehen mussten.

»War das nicht ein wunderbarer Abend?«, fragte Anne, als alles vorbei war und sie mit Diana Hand in Hand unter dem sternenklaren Nachthimmel nach Hause ging.

»Alles hat prima geklappt«, stimmte Diana ihr zu. »Ich wette, wir haben mindestens zehn Dollar eingenommen. Stell dir vor: Mr Allan will einen Bericht an die Zeitung in Charlottetown schicken.«

»Oh, Diana, wir werden unsere Namen gedruckt sehen! Wenn ich nur daran denke, rieselt mir schon ein freudiger Schauer über den Rücken. Dein Solo war einfach hinreißend, Diana. Ich war mächtig stolz auf dich, als die Zuschauer eine Zugabe verlangten. Ich dachte: Das ist meine liebe Busenfreundin, der diese Ehre zuteil wird.«

»Deine Gedichte haben auch begeisterten Applaus geerntet, Anne. Dieses traurige Gedicht war einfach himmlisch.«

»Ach, ich war ja so nervös, Diana. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich überhaupt auf die Bühne kam. Ich hatte das Gefühl, als wären eine Million Augen auf mich gerichtet und würden mich mit ihren Blicken förmlich aufspießen. Einen Moment lang dachte ich, ich könnte überhaupt nicht anfangen. Doch dann fielen mir meine herrlichen Puffärmel ein, das hat mir Mut gemacht. Am Anfang schien mir meine eigene Stimme von ganz weit her zu kommen. Ein Glück, dass ich die Gedichte so oft auf dem Dachboden geübt habe, dass ich sie wie im Schlaf konnte, sonst wäre ich stecken geblieben. War der Seufzer gut?«

»Ja, du hast wunderbar geseufzt«, versicherte Diana.

»Auf dem Weg zurück zu meinem Platz habe ich gesehen, dass die alte Mrs Sloane sich ein paar Tränen abwischte. Was für ein schöner Gedanke, dass ich das Herz eines Menschen gerührt habe! Es ist so romantisch, bei einem Vortragsabend aufzutreten, nicht wahr? Es war ein denkwürdiges Ereignis.«

»Die Jungen haben auch sehr gut gespielt«, fuhr Diana fort. »Gilbert Blythe war wunderbar, Anne. Ich finde es ziemlich gemein, wie du ihn behandelst. Warte, lass mich ausreden. Als du nach der Szene mit den Feen von der Bühne gelaufen bist, fiel eine Rose aus deinem Haar. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie Gilbert sie aufgehoben und in seine Brusttasche gesteckt hat. Du bist doch sonst so begeistert von romantischen Dingen. Ich finde, du könntest auch davon begeistert sein.«

»Was dieser Mensch tut, ist mir völlig gleichgültig«, sagte Anne, »und wenn es noch so romantisch ist. Ich verschwende keinen einzigen Gedanken an ihn, Diana.«

Nachdem Anne schon längst ins Bett gegangen war, saßen Marilla und Matthew, die zum ersten Mal seit zwanzig Jahren wieder auf einer Veranstaltung wie dieser gewesen waren, noch eine ganze Weile zusammen in der Küche.

»Nun, ich glaube, unsere Anne konnte es mit allen anderen bestens aufnehmen«, sagte Matthew stolz.

»Ja, da hast du wohl Recht«, stimmte Marilla zu. »Sie ist ein kluges Kind und sie sah hübsch aus. Ich war zwar am Anfang gegen diese Sache, aber inzwischen habe ich meine Meinung geändert. Jedenfalls war ich heute Abend stolz auf Anne. Ich werde mich allerdings hüten, ihr das zu sagen.«

»Ich war stolz auf sie und ich habe es ihr gesagt, bevor sie nach oben ging«, sagte Matthew. »Ich glaube, wir müssen uns bald noch etwas überlegen, Marilla: Die Dorfschule von Avonlea wird auf Dauer für sie nicht ausreichen.«

»Wir haben zum Glück noch viel Zeit, um darüber nachzudenken«, erwiderte Marilla. »Sie wird im März ja erst dreizehn, obgleich ich heute Abend überrascht war, was für ein großes Mädchen sie schon geworden ist. Mrs Lynde hat das Kleid ein wenig zu lang gelassen, Anne wirkt darin schon richtig erwachsen. Und ich glaube auch, dass sie das Zeug zu einer höheren Ausbildung hat - vielleicht am Queen’s College in Charlottetown. Aber darüber brauchen wir ihr in den nächsten ein oder zwei Jahren noch nichts zu sagen.«

»Nun ja, es kann ja wohl nicht schaden, ab und zu etwas darüber nachzudenken«, sagte Matthew.

23 - Eitelkeit hat ihren Preis

An einem Nachmittag im April kam Marilla von einer Versammlung des Frauenhilfswerks zurück und verspürte das freudige Gefühl, das jung und alt erfasst, wenn der Winter endgültig vorbei ist und der Frühling merklich Einzug hält. Marilla unterzog ihre Gedanken und Gefühle keiner bewussten Prüfung; hätte man sie hinterher gefragt, hätte sie sicherlich geantwortet, sie habe nur an das Frauenhilfswerk, den neuen Hilfsfond und ähnliche Dinge gedacht. Doch ihre Gedanken waren mit der unbewussten Wahrnehmung süßer Frühlingsdüfte verwoben. Die Natur war zu neuem Leben erwacht und steckte dabei auch Marilla an, deren Schritte leichter und fröhlicher wirkten als gewöhnlich.

Voller Wärme fiel ihr Blick auf Green Gables, in dessen Fenstern sich das Rot der untergehenden Sonne spiegelte. Während sie durch den feuchten Hohlweg ging, freute sich Marilla darauf, zu Hause ein behaglich knisterndes Holzfeuer und einen gedeckten Tisch vorzufinden. Nur ungern dachte sie an die Zeit zurück, als Anne noch nicht auf Green Gables war und ein kaltes und ungemütliches Haus nach solchen Versammlungen auf sie gewartet hatte.

Umso mehr war Marilla enttäuscht, als sie das Haus leer vorfand. Von Anne war keine Spur zu sehen. Dabei hatte sie dem Mädchen eigens eingeschärft, den Tisch um fünf Uhr zu decken. Jetzt musste sie sich beeilen, das Essen selbst vorzubereiten, bevor Matthew vom Pflügen nach Hause kam.

»Dieser Miss Anne werde ich es schon zeigen, wenn sie nach Hause kommt«, murmelte Marilla vor sich hin, während sie das Anzündholz mit mehr Kraft zerbrach, als eigentlich notwendig gewesen wäre. Matthew war inzwischen hereingekommen und hatte sich geduldig in die Ecke gesetzt, um auf sein Essen zu warten. »Wahrscheinlich streift sie wieder irgendwo draußen mit Diana herum, anstatt an ihre Pflichten zu denken und pünktlich nach Hause zu kommen. Ich muss andere Saiten aufziehen mit dem Kind. Mrs Allan mag ja Recht haben, wenn sie sagt, Anne sei das gescheiteste Mädchen, das sie je gesehen habe. Aber manchmal hat sie nichts als Flausen im Kopf und der Himmel weiß, was ihr als Nächstes wieder einfallen wird. — Ach, ich rede ja schon wie Rachel Lynde und die findet selbst am Erzengel Gabriel noch schlechte Seiten. Aber dass sie nicht hier ist, obgleich ich es ihr ausdrücklich gesagt habe - das verstehe ich wirklich nicht. Unzuverlässig und ungehorsam ist sie eigentlich bisher noch nicht gewesen. Was soll man nun davon halten?«

»Ich weiß es auch nicht«, sagte Matthew, der weise genug gewesen war, Marilla nicht zu unterbrechen. Er war hungrig und wusste aus Erfahrung, dass sie mit ihrer Arbeit viel schneller vorankam, wenn man sie nicht mit Gegenargumenten aufhielt.

»Aber urteile nicht zu schnell, Marilla. Vielleicht gibt es eine ganz einfache Erklärung - Anne ist ja wirklich ganz groß im Erklären.«

»Sie ist nicht hier, obwohl ich es ihr ausdrücklich gesagt habe«, wiederholte Marilla. »Ich denke, es wird ihr diesmal schwer fallen, eine Erklärung zu finden, die mich besänftigt. Ich weiß, Matthew, du wirst dich natürlich wieder auf ihre Seite schlagen. Aber ich erziehe das Mädchen, nicht du.«

Draußen wurde es schon dunkel und immer noch war Anne nicht aufgetaucht. Missmutig spülte Marilla das Geschirr und räumte es anschließend weg. Dann wollte sie in den Keller hinuntergehen. Weil aber nirgends ein Licht zu finden war, stieg sie in den Ostgiebel hinauf, um die Kerze zu holen, die auf Annes Tisch stand. Als sie die Kerze entzündet hatte, sah sie Anne zu ihrem großen Erstaunen auf ihrem Bett liegen. Das Gesicht hatte sie in den Kissen vergraben.

»Du liebes bisschen, Anne!«, sagte Marilla überrascht. »Hast du geschlafen?«

»Nein«, war die kurze Antwort.

»Bist du krank?«, fragte Marilla besorgt und ging zu Annes Bett hinüber.

Doch Anne vergrub sich nur noch tiefer in ihren Kissen, als wollte sie sich vor aller Welt verstecken.

»Nein, ich bin nicht krank. Aber bitte, Marilla, geh weg und schau mich nicht an. Ich bin am Rande der Verzweiflung. Mir ist alles egal: wer Klassenbester wird oder wer die besten Aufsätze schreibt oder gut in Geometrie ist - alles! Das sind jetzt nur noch lächerliche Kleinigkeiten. Ich werde mich nirgends mehr blicken lassen können. Ich bin am Ende! Bitte, Marilla, geh weg und schau mich nicht an!«

»Hat man jemals so etwas gehört?« Marilla war völlig verwirrt. »Anne Shirley, was ist los mit dir? Was hast du getan? Steh jetzt sofort auf und schau mich an. Sofort, habe ich gesagt. Also, was ist los?«

»Meine Haare, Marilla«, flüsterte sie.

Langsam hob Marilla ihre Kerze hoch und warf einen prüfenden Blick auf Annes Haare, die wirr um ihr Gesicht standen.

»Anne Shirley, was hast du mit deinen Haaren gemacht? Sie sind ja ... grün!«

Grün war die richtige Bezeichnung, falls es für Annes neue Haarfarbe überhaupt ein passendes Wort auf dieser Welt gab. In das schmutzige, dumpfe Dunkelgrün hatten sich einige Strähnen von Annes ursprünglicher Haarfarbe vermischt, was den Anblick nur noch schrecklicher machte. Noch nie in ihrem Leben haue Marilla so etwas Grausliches gesehen.

»Ja, sie sind grün«, bestätigte Anne traurig. »Und ich habe immer gedacht, nichts sei so schlimm wie rote Haare! Oh, Marilla, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie zerknirscht ich bin.«

»Aber wie konnte das denn passieren?«

»Ich habe sie gefärbt.« »Gefärbt? Anne Shirley, du hast deine Haare gefärbt? Das ist ja eine Sünde!«

»Ich wusste, dass man das eigentlich nicht tun soll«, gab Anne zu. »Aber ich dachte, eine kleine Sünde könnte ich ruhig in Kauf nehmen, um meine roten Haare loszuwerden. Und außerdem hatte ich mir fest vorgenommen, in anderen Dingen ganz besonders tugendhaft zu sein, um es wieder wettzumachen.«

»Also, wenn ich mich schon dazu entschlossen hätte, meine Haare zu färben, dann hätte ich wenigstens eine vernünftige Farbe gewählt -und nicht ausgerechnet Grün!«

»Aber ich wollte sie doch gar nicht grün färben, Marilla«, jammerte Anne. »Meine kleine Sünde sollte sich ja lohnen. Er hat gesagt, es würde ein herrliches Schwarz ergeben. Wieso sollte ich seine Worte anzweifeln? Ich weiß schließlich, wie das ist, wenn das, was man sagt, von anderen angezweifelt wird. Mrs Allan meint, wir sollten von einem anderen nichts Böses vermuten, bis wir einen sicheren Beweis für seine Bosheit haben. Jetzt habe ich den Beweis - aber vorhin habe ich ihm jedes Wort geglaubt.«

»Anne, von wem redest du überhaupt?«

»Na, von dem Hausierer, der heute Nachmittag da war. Ich habe das Zeug von ihm gekauft.«

»Anne Shirley, wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst niemanden ins Haus lassen?!«

»Ich habe ihn ja auch gar nicht ins Haus gelassen. Ich bin hinausgegangen, habe die Tür hinter mir geschlossen und habe mir erst dann seine Ware angeschaut. Er erzählte mir von seiner Frau und den vielen Kindern, die er ernähren müsse. Da hatte ich Mitleid mit ihm und wollte ihm etwas abkaufen. Der Hausierer meinte, er hätte da ein Mittel, mit dem ich meine Haare tiefschwarz färben könnte. Die Farbe sei so haltbar, dass sie sich nicht auswaschen würde. Die Versuchung war einfach unwiderstehlich, Marilla! Allerdings sollte die Flasche fünfundsiebzig Cent kosten, ich hatte aber nur noch fünfzig. Ich hielt ihn für besonders gutherzig, weil er sagte, er würde sie mir für fünfzig lassen und das wäre fast geschenkt. Also habe ich sie gekauft, und sobald er verschwunden war, bin ich in mein Zimmer gegangen und habe den ganzen Inhalt der Flasche auf meinem Haar verteilt. Ich habe eine alte Haarbürste benutzt, genau wie es auf der Gebrauchsanweisung steht . . . Ach, Marilla, als ich das Ergebnis sah, habe ich meine kleine Sünde bitterlich bereut, das kannst du mir glauben. Hätte ich bloß die Finger davon gelassen.«

»Nun, ich hoffe, du lässt es dir eine Lehre sein«, sagte Marilla ernst. »Jetzt siehst du, wohin dich deine Eitelkeit gebracht hat. Am besten versuchen wir erst einmal, deine Haare gründlich zu waschen. Vielleicht geht die Farbe dann wieder raus.«

Doch in einem Punkt wenigstens hatte der Hausierer die Wahrheit gesagt: So gründlich Anne auch die Haare mit Seife und Wasser bearbeitete, die grüne Farbe ließ sich einfach nicht herauswaschen.

»Oh, Marilla, was soll ich nur tun?«, schluchzte Anne verzweifelt. »Ich bin das unglücklichste Mädchen von ganz Prince Edward Island!«

Es folgte eine traurige Woche, in der Anne das Haus nicht verließ und täglich ihre Haare wusch. Diana war die Einzige, die von ihrem traurigen Unglück erfahren durfte. Sie musste aber hoch und heilig versprechen, niemandem davon zu erzählen, und da sie eine treue Freundin war, hielt sie ihr Wort.

Am Ende der Woche sagte Marilla: »Es hat keinen Zweck, Anne. Wenn es jemals ein haltbares Färbemittel gegeben hat, dann das, was du diesem Hausierer abgekauft hast. Wir müssen deine Haare abschneiden, ich sehe keinen anderen Ausweg. So kannst du dich jedenfalls nirgends zeigen.«

Annes Lippen zitterten, aber sie wusste, dass Marilla die Wahrheit gesagt hatte. Mit einem schmerzlichen Seufzer ging sie die Schere holen. »Bitte, Marilla, schneid schnell alles auf einmal ab. - Mein armes Herz ist gebrochen! Und dabei ist es ein so unromantisches Leid. Im Roman verlieren manche Mädchen ihre Haare durch eine schwere Krankheit oder sie verkaufen sie für einen guten Zweck. Es hätte mir nur halb so viel ausgemacht, meine Haare auf diese Weise zu verlieren. Aber dass sie einem abgeschnitten werden müssen, weil man sie gefärbt hat, ist einfach ernüchternd. Ich glaube, ich werde die ganze Zeit über weinen, während du schneidest. Ich hoffe, es stört dich nicht. Ach, was für ein tragischer Augenblick!«

Dicke Tränen rollten über Annes Gesicht. Als sie später in ihr Zimmer ging, drehte sie stumm den Spiegel zur Wand.

Am folgenden Montag waren Annes kurze Haare natürlich die Sensation in der Schule. Sehr zu Annes Erleichterung schien niemand den wahren Grund für ihre ungewöhnliche Frisur erraten zu haben -noch nicht einmal Josie Pye, die es sich nicht nehmen ließ, Anne daraufhinzuweisen, dass sie wie eine Vogelscheuche aussähe.

»Ich habe gar nichts darauf gesagt«, vertraute Anne am Abend Marilla an, die Kopfschmerzen hatte und erschöpft auf dem Sofa lag. »Vielleicht ist ihr Spott ein Teil meiner gerechten Strafe. Es ist nicht leicht zu ertragen, wenn jemand zu einem sagt, man sähe aus wie eine Vogelscheuche. Aber ich habe ihr nur einen zornigen Blick zugeworfen - und dann habe ich ihr verziehen. Man fühlt sich so edel, wenn man jemandem verzeiht, findest du nicht auch? Ich will jetzt meine ganze Kraft darauf richten, Gutes zu tun, und ich will nie mehr versuchen schöner zu sein, als ich bin. Natürlich ist es viel besser, gut zu sein als schön, das weiß ich ganz genau. Manchmal ist es bloß so schwer, etwas zu glauben, selbst wenn man es ganz genau weiß. Ich will wirklich gut sein - so wie du und Mrs Allan und Miss Stacy. - Rede ich dir auch nicht zu viel, Marilla? Tut dein Kopf noch sehr weh?«

»Es ist schon ein bisschen besser. Am Nachmittag waren die Schmerzen wirklich furchtbar. Irgendwie wird es immer schlimmer mit diesen Kopfschmerzen. Ich muss wohl mal zum Doktor gehen. Und was dein Geplauder angeht - daran habe ich mich schon längst gewöhnt.«

Das war Marillas Art zu sagen, dass sie es gern hatte.

24 - Anne, die Lilienmaid

»Natürlich musst du die Elaine spielen, Anne«, sagte Diana. »Ich hätte nie den Mut dazu, mich auf dem Wasser treiben zu lassen.«

»Und ich erst recht nicht«, meinte Ruby Gillis zitternd. »Ich habe nichts dagegen, wenn wir zu zweit oder zu dritt im Boot sitzen und uns treiben lassen, dann macht es Spaß. Aber daliegen und so zu tun, als wäre ich tot - das könnte ich einfach nicht über mich bringen. Ich würde vor Angst tatsächlich sterben.«

»Natürlich wäre es sehr romantisch«, räumte Jane Andrews ein, »aber ich könnte es auch nicht. Ich würde mich immerzu aufsetzen und schauen, ob ich auch nicht zu weit forttreibe - und das würde alles kaputtmachen, nicht wahr, Anne?«

»Aber eine Elaine mit roten Haaren, das sieht doch lächerlich aus!«, murrte Anne. »Ich habe keine Angst und würde von Herzen gerne die Elaine spielen, die Lilienmaid, sie hat helle Haut und herrlich lange blonde Haare. Erinnert euch doch: >Elaines gold glänzendes Haar fiel üppig auf ihre Schultern< Ein rothaariges Mädchen kann unmöglich die Lilienmaid sein.«

»Dein Teint ist fast so hell wie der von Ruby«, erwiderte Diana. »Außerdem wirkt dein Haar so viel dunkler, seitdem du es abgeschnitten hast.«

»Oh, findest du wirklich?«, rief Anne und wurde vor Freude ganz rot. »Ich habe das selbst auch schon manchmal gedacht, aber ich habe mich nie getraut, jemanden danach zu fragen. Meinst du, man könnte es jetzt kastanienbraun nennen, Diana?«

»Ja, es ist jetzt wirklich schön«, sagte Diana und bewunderte die kurzen, seidigen Locken, die Annes Gesicht umrahmten.

Es war Annes Idee gewesen, ein Gedicht von Tennyson in Szene zu setzen. Sie hatten es im vorigen Winter in der Schule gelesen und so ausführlich besprochen, dass ihnen Lancelot, Guinevere und König Artus mit der Zeit richtig vertraut waren. Wie oft hatte Anne seitdem heimlich bedauert, nicht auf Camelot geboren worden zu sein. Damals war das Leben bestimmt viel romantischer.

Annes Idee war von den anderen Mädchen mit Begeisterung aufgenommen worden. Die Mädchen hatten herausgefunden, dass ein Kahn, den man bei der Landestelle von Orchard Slope ins Wasser ließ, auf den See hinaustrieb, unter der Holzbrücke hindurchschwamm und an einer bestimmten Stelle hinter der nächsten Biegung des Sees wieder an Land stieß. Diese Strecke schien für Elaine, die Lilienmaid, wie geschaffen zu sein.

»Gut, ich werde Elaine spielen«, willigte Anne schließlich ein. »Ruby, du bist König Artus, Jane ist Guinevere und Diana ist Lancelot. Zuerst müsst ihr allerdings noch die Brüder und Väter spielen. Auf den stummen alten Diener, der die Leiche begleitet, müssen wir verzichten, im Boot ist einfach kein Platz mehr. Wir brauchen allerdings noch ein Leichentuch aus schwarzer Seide für die Barke. Das könnte der alte Schal deiner Mutter sein, Diana.«

Eilig wurde der Schal herbeigeholt, Anne legte ihn auf den Boden des Kahns, streckte sich dann darauf aus, schloss die Augen und faltete die Hände über der Brust.

»Oh, Gott! Sie sieht wirklich aus wie tot«, flüsterte Ruby Gillis. »Ich habe Angst! Meint ihr wirklich, dass das richtig ist, was wir machen? Mrs Lynde sagt, Theaterspielen sei eine Sünde.«

»Sei still, Ruby, und fang jetzt nicht mit Mrs Lynde an«, schimpfte Anne. »Du verdirbst die ganze Wirkung! Außerdem liegt das Hunderte von Jahren zurück, da war Mrs Lynde noch gar nicht geboren. Jane, sorg du für alles Weitere. Es geht doch nicht an, dass Elaine noch sprechen muss, obgleich sie schon längst tot ist.«

Jane folgte Annes Weisung, in Ermangelung eines goldenen Tuches wurde Anne mit einer alten Klavierdecke zugedeckt; eine große blaue Iris in Annes gefalteten Händen ersetzte die weiße Lilie.

»So, alles ist fertig«, sagte Jane. »Jetzt müssen wir ihre kalte Stirn küssen. Diana, du musst sagen: >Lebewohl für immer, Schwester<, und du, Ruby: >Lebewohl, teure Schwester< - und zwar so traurig wie möglich. Anne, du meine Güte, so lächle doch ein bisschen! Es heißt doch: >Elaine lag da, als würde sie lächeln.< So ist es schon besser. Lass uns jetzt den Kahn abstoßen.«

Der Kahn wurde in den Weiher geschoben und stieß dabei unter Wasser gegen eine alte, scharfe Stange. Diana, Jane und Ruby warteten so lange, bis er in der Mitte des Sees war, und liefen dann hastig in den Wald, um rechtzeitig die Stelle am Ufer zu erreichen, wo sie als Lancelot, Guinevere und König Artus die sterblichen Überreste der Lilienmaid in Empfang nehmen sollten.

Ein paar Minuten lang trieb Anne langsam auf dem Wasser und genoss die romantische Situation aus tiefstem Herzen. Doch plötzlich geschah etwas äußerst Unromantisches: Der Kahn begann zu lecken. Elaine musste zum Leben erwachen, ihre Kleider, ihre goldene Decke und ihr schwarzes Leichentuch zusammenraffen und auf einen Ausweg sinnen. Die Stange unter dem Wasser hatte den alten Kahn beim Anstoßen leck geschlagen. Immer höher stieg das Wasser - nicht mehr lange und der Kahn würde untergehen. Die Ruder hatten die Mädchen natürlich am Ufer zurückgelassen.

Anne gab einen kurzen, hellen Schrei von sich - niemand konnte sie hören. Nun war sie tatsächlich totenblass geworden, doch sie verlor nicht die Selbstbeherrschung. Es gab noch eine Chance - eine einzige Chance.

»Ich hatte furchtbare Angst«, erzählte sie Mrs Allan am nächsten Tag. »Der Kahn schien eine Ewigkeit zu brauchen, bis er die alte Holzbrücke erreichte. Ich betete, aber ich behielt dabei meine Augen offen, denn ich wusste: Wenn Gott mich retten wollte, würde er den Kahn nahe genug an einem der Brückenpfeiler entlangtreiben lassen, sodass ich mich an ihm festklammern konnte. Sie wissen ja, die Pfeiler bestehen aus alten Baumstämmen, an denen man sich gut festhalten kann. Also betete ich und passte gleichzeitig auf, um meine Chance nicht zu versäumen. Ich sagte nur: >Bitte, bitte, lieber Gott, lass den Kahn dicht an einem Pfeiler vorantreiben. Den Rest schaffe ich dann schon!< Das sagte ich immer wieder - unter solchen Umständen denkt man nicht lange nach, um irgendein blumiges Gebet zu erfinden. Meine Bitte wurde jedenfalls erhört, denn der Kahn schwamm haarscharf an einem Pfeiler vorbei. Ich schlang den Schal und das Tuch über meine Schultern und klammerte mich an dem dicken Baumstumpf fest. Da hing ich nun und wusste nicht weiter. Es war eine äußerst unromantische Situation, aber daran habe ich in dem Moment gar nicht gedacht. Wenn man gerade dem sicheren Grab in sprudelnden Tiefen entgangen ist, macht man sich keine großen Gedanken über Romantik. Ich sprach ein kurzes Dankesgebet und richtete dann meine ganze Aufmerksamkeit darauf, mich ordentlich festzuhalten. Mir war klar, dass ich auf Hilfe angewiesen war, um mich aus dieser misslichen Lage zu befreien.«

Der Kahn driftete unter der Brücke hindurch und sank dann recht schnell in der Mitte des Sees. Ruby.Jane und Diana, die etwas weiter unten am Ufer warteten, sahen ihn vor ihren Augen im Wasser versinken. Einen Moment lang standen sie da wie gelähmt. Dann schrien sie entsetzt auf und rannten so schnell sie konnten durch den Wald auf die Hauptstraße. Anne hörte ihre Stimmen und hoffte auf schnelle Hilfe.

Die nun folgenden Minuten zogen sich für die unglückliche Lilienmaid wie Stunden in die Länge. Warum kam niemand, um sie zu retten? Wohin waren die Mädchen bloß gelaufen? Hoffentlich waren sie nicht alle auf einmal in Ohnmacht gefallen! Wer würde sie dann hier herausholen? Und wenn sie mit der Zeit so müde würde, dass sie sich nicht mehr festhalten könnte? Anne schaute unter sich in die grüne Tiefe. Ihre Phantasie malte sich Schreckliches aus.

Und dann - gerade als sie dachte, sie könnte den Schmerz in den Armen und Handgelenken keinen Moment länger ertragen - kam Gilbert Blythe in Harmon Andrews’ Ruderboot geradewegs auf sie zugerudert!

»Anne Shirley! Was um alles in der Welt machst du denn da?«, rief er. Ohne auf eine Antwort zu warten, fuhr er dicht an den Brückenpfeiler heran und streckte Anne seine Hand entgegen. Es gab keinen Ausweg: Anne musste Gilbert Blythes Hand nehmen und sich von ihm in das Boot ziehen lassen. Wütend und trotzig, den triefnassen Schal und das Klaviertuch noch im Arm, setzte sie sich erhobenen Hauptes ins Heck des Bootes. In einer solchen Situation war es äußerst schwierig, die Würde zu wahren.

»Was ist geschehen, Anne?«, fragte Gilbert und griff nach den beiden Rudern.

»Wir haben Elaine gespielt«, erklärte Anne widerwillig, ohne ihren Retter auch nur anzuschauen. »Ich musste mich in einer Barke nach Camelot treiben lassen. Aber der Kahn lief plötzlich voll Wasser, der Pfeiler war meine letzte Hoffnung. Und nun sei bitte so freundlich und rudere mich ans Ufer.«

Gilbert war so freundlich. Anne übersah seine Hand, die er ihr hilfreich entgegenstreckte, und sprang schnell an Land.

»Ich bin dir sehr dankbar«, sagte sie kühl und wollte gehen.

Doch Gilbert war ebenfalls aus dem Boot gesprungen und hielt sie sanft am Arm fest. »Anne«, sagte er hastig, »hör zu. Wollen wir uns nicht versöhnen? Es tut mir schrecklich Leid, dass ich mich damals über deine Haare lustig gemacht habe. Ich wollte dich nicht kränken, es sollte nur ein Spaß sein. Außerdem ist es doch schon so lange her. Ich finde deine Haare jetzt sehr hübsch, ehrlich. Lass uns doch Freunde sein!«

Einen Moment lang zögerte Anne. Trotz ihres verletzten Stolzes verspürte sie ein neues, seltsames Gefühl, wenn sie in Gilberts braune Augen sah. Ihr Herz schlug heftig. Doch ihr alter Groll gewann rasch wieder die Oberhand. Alles trat ihr lebendig vor Augen: Gilbert hatte sie »Karotte« genannt und vor der ganzen Schule lächerlich gemacht. Sie hasste Gilbert Blythe! Und sie würde ihm nie verzeihen!

»Nein«, sagte sie ungerührt. »Wir werden nie Freunde sein, Gilbert Blythe.«

»Wie du willst!« Zornig sprang Gilbert zurück in seinen Kahn. »Dann werde ich dich auch nie wieder darum bitten, Anne Shirley.«

Mit schnellen, heftigen Schlägen ruderte er auf die Mitte des Sees zurück. Anne stieg den steilen, von Farnkraut überwucherten Uferpfad hinauf. Sie hielt ihren Kopf hoch erhoben, doch innerlich spürte sie ein Gefühl von Reue. Fast wünschte sie sich, sie hätte Gilbert eine andere Antwort gegeben. Natürlich hatte er sie damals tödlich beleidigt, aber... Sie fühlte sich müde und erschöpft. Am liebsten hätte sie sich jetzt einfach hinfallen lassen und ein paar Tränen vergossen. Auf halber Strecke nach Orchard Slope kamen ihr Jane und Diana entgegen. Die beiden waren völlig aufgelöst. Auf Orchard Slope hatten sie niemanden angetroffen. Mr und Mrs Barry waren beide ausgegangen. Dort hatten sie die weinende Ruby Gillis zurückgelassen und waren nach Green Gables hinübergelaufen, wo ebenfalls niemand zu Hause war.

»Oh, Anne!«, Diana fiel ihrer Freundin um den Hals und fing vor Erleichterung und Freude an zu schluchzen. »Oh, Anne ... wir dachten, du wärst . . . ertrunken . . . und wir fühlten uns wie Mörder, weil... wir unbedingt wollten, dass du die Elaine spielst. Und Ruby ist völlig außer sich ... oh, Anne, wie hast du es nur geschafft?«

»Ich habe mich an einem der Brückenpfeiler festgehalten«, erklärte Anne matt. »Gilbert Blythe ist im Boot von Mr Andrews herbeigekommen und hat mich ans Ufer gerudert.«

»Oh, das war aber nett von ihm! Und wie romantisch!«, schwärmte Jane. »Jetzt wirst du bestimmt auch wieder mit ihm sprechen.«

»Das werde ich nicht!«, versetzte Anne. »Und das Wort >romantisch< möchte ich in diesem Zusammenhang nicht hören. - Es tut mir so Leid, dass ich euch geängstigt habe. Es war alles meine Schuld. Ich scheine vom Pech verfolgt zu sein. Alles, was ich tue, bringt mich oder meine Lieben in Gefahr. Wir haben den Kahn deines Vaters kaputtgemacht, Diana, und ich habe so eine gewisse Vorahnung, dass man uns in Zukunft verbieten wird, auf dem See zu rudern.«

Annes Vorahnung erwies sich als zuverlässiger, als Vorahnungen sonst zu sein pflegen. Die Bestürzung bei den Barrys und Cuthberts war groß, als sie von den Ereignissen des Nachmittags erfuhren. »Wirst du nie Vernunft annehmen, Anne?«, grollte Marilla.

»Oh, doch, Marilla, eines Tages schon«, antwortete Anne zuversichtlich. »Ich glaube, meine Aussichten, vernünftig zu werden, sind besser als je zuvor.«

»Ach ja, und warum das?«, fragte Marilla.

»Nun«, erklärte Anne, »ich habe heute eine neue und wertvolle Lektion gelernt. Seitdem ich nach Green Gables gekommen bin, habe ich Fehler gemacht und jeder Fehler hat mich von einem Makel befreit. Die Schichttorte zum Beispiel hat mich von der Unachtsamkeit beim Kochen geheilt und meine grünen Haare haben mir meine Eitelkeit ausgetrieben. Und das Missgeschick von heute wird mich in Zukunft davon abhalten, allzu romantisch zu sein. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es in Avonlea sowieso wenig Zweck hat. Damals auf Camelot war es bestimmt viel einfacher — und vor allem ungefährlicher. Ich bin mir ziemlich sicher, dass du in dieser Hinsicht bei mir bald eine große Besserung beobachten wirst, Marilla.«

»Das hoffe ich sehr«, erwiderte Marilla nicht ohne Zweifel.

Als Marilla hinausgegangen war, legte Matthew, der die ganze Zeit über in seiner Ecke gesessen hatte, seine Hand auf Annes Schulter. »Gib nicht deine ganze Romantik auf, Anne«, flüsterte er, »ein bisschen davon ist ganz gut - nicht zu viel, natürlich. Aber ein wenig solltest du ruhig behalten, Anne.«

25 - Ein Meilenstein in Annes Leben

An einem lauen Spätsommerabend Anfang September holte Anne die Kühe von der Weide. Das warme Sonnenlicht durchflutete jede noch so kleine Lichtung zwischen den Bäumen und beschien den schmalen Weg nach Green Gables. Nur unter den hohen Ahornbäumen war es schon recht schattig. Durch die Wipfel der Tannen rauschte der Wind.

Verträumt folgte Anne den bedächtig heimwärts trottenden Kühen. Da sah sie Diana über das Feld der Barrys auf sich zulaufen. Nach ihrem Gesichtsausdruck zu urteilen, musste es irgendeine wichtige Neuigkeit geben, doch Anne ließ sich ihre Neugierde nicht anmerken.

»Ist das nicht ein traumhafter Abend, Diana?«, fragte sie ihre Freundin. »Ich bin froh, dass ich lebe! Morgens denke ich immer, der Tagesbeginn sei am schönsten, aber wenn es Abend wird, erscheint mir das plötzlich noch schöner.«

»Es ist ein sehr schöner Abend«, erwiderte Diana höflich, »aber ich muss dir unbedingt etwas erzählen, Anne. Dreimal darfst du raten, was!«

»Charlotte Gillis heiratet und Mrs Allan möchte, dass wir die Kirche schmücken?«

»Nein, so weit ist es zwischen Charlotte und ihrem Verehrer noch nicht.«

»Jane gibt eine Geburtstagsparty?«

Diana schüttelte den Kopf. Ihre schwarzen Augen funkelten.

»Ich habe keine Ahnung, was es sein könnte«, sagte Anne verzweifelt, »oder hat dich Moody Spurgeon MacPherson etwa gestern Abend nach der Kirche nach Hause begleitet?«

»Wo denkst du hin?«, rief Diana beleidigt. »Meinst du etwa, ich würde deshalb so aufgeregt sein? Ich wusste, dass du nie im Leben darauf kommen würdest. Pass auf: Mutter hat heute einen Brief von Tante Josephine bekommen; sie hat uns beide für nächsten Dienstag in die Stadt eingeladen und will uns auf den Jahrmarkt mitnehmen. Was sagst du nun?«

»Oh, Diana«, flüsterte Anne und stützte sich gegen einen der großen Ahornbäume, »ist das dein Ernst? Aber Marilla lässt mich womöglich gar nicht mitkommen! Sie wird sagen, dass sie nichts davon hält, kleine Mädchen auf alle möglichen Veranstaltungen mitzuschleppen. Jedenfalls hat sie das letzte Woche gesagt, als Jane mich eingeladen hat, mit den Andrews zum Konzert ins White Sands Hotel zu fahren. Das war eine herbe Enttäuschung für mich, Diana.«

»Ich habe schon eine Idee«, sagte Diana. »Wir werden meine Mutter bitten, Marilla um Erlaubnis zu fragen, dann wird es nicht ganz so schwierig sein. Ach, das wird wunderbar! Ich bin noch nie auf einem Jahrmarkt gewesen. Es ist so ärgerlich, immer nur den anderen Mädchen zuhören zu müssen, wenn sie von ihren Ausflügen berichten. Jane und Ruby sind schon zweimal in der Stadt gewesen und dieses Jahr wollen sie wieder hin.«

»Am besten werde ich gar nicht mehr daran denken, bis ich weiß, ob ich fahren kann oder nicht«, sagte Anne entschlossen. »Noch eine Enttäuschung könnte ich nicht verkraften. Aber falls wir gehen, kann ich gleich meinen neuen Mantel anziehen, den Matthew mir schenken will. Er wird vom Schneider drüben in Carmody gemacht und soll am Sonntag fertig sein. Matthew hat mir auch schon eine wunderschöne Mütze dazu gekauft. Oh, hoffentlich kann ich mitfahren!«

Manila war - ausnahmsweise - damit einverstanden, dass Anne mit Diana in die Stadt fuhr. Es wurde ausgemacht, dass Mr Barry die beiden Mädchen am folgenden Dienstag hinbringen sollte. Da Charlottetown dreißig Meilen entfernt war und Mr Barry am gleichen Tag wieder zurückkommen wollte, mussten sie schon sehr früh am Morgen aufbrechen. Doch Anne war am Dienstagmorgen sowieso schon vor Sonnenaufgang auf den Beinen. Ein kurzer Blick aus ihrem Fenster im Ostgiebel zeigte ihr, dass es ein schöner Tag werden würde. Der Himmel hinter den hohen Tannen war wolkenlos. Durch die Zweige sah sie ein Licht im Westgiebel von Orchard Slope schimmern: Diana war ebenfalls schon aufgestanden.

Während Matthew das Feuer schürte, zog sie sich an. Als Marilla herunterkam, hatte Anne schon den Frühstückstisch gedeckt. Allerdings war sie so aufgeregt, dass sie kaum einen Bissen herunterbekam. Nach dem Frühstück nahm sie ihren neuen Mantel und die neue Mütze und lief nach Orchard Slope hinüber, wo Mr Barry und Diana bereits auf sie warteten. Kurze Zeit später waren sie schon auf der Landstraße.

Es war eine lange Fahrt, doch Anne und Diana genossen jede Minute. Wie schön es doch war, über die taufeuchte Straße zu rattern und dem ersten roten Sonnenlicht zuzublinzeln, das über die goldenen Stoppelfelder kroch! Die Luft war frisch und kühl, kleine graublaue Nebelschwaden lagen über den Tälern. Die Straße führte zuerst durch einen lang gestreckten, bunten Ahornwald. Dann folgte sie eine Zeit lang der Küste, vorbei an kleinen Häfen und verwitterten Fischerhütten. Es gab immer etwas zu sehen und die Zeit verging wie im Fluge. Es war schon fast Mittag, als sie die Stadt erreicht und den Weg nach >Beechwood< gefunden hatten. >Beechwood< war ein sehr schönes, altes Herrenhaus, das weit zurück von der Straße in einem Park mit großen Ulmen und Buchen stand. Miss Barry erwartete sie schon an der Haustür. »Da seid ihr ja endlich! Und du kommst mich auch einmal besuchen, kleine Anne? Aber, Kind, du bist ja schon richtig groß geworden -größer als ich! Und wie hübsch du aussiehst! Aber ich wette, das weißt du auch, ohne dass ich es dir lange erkläre.«

»Nein, das wusste ich noch nicht«, antwortete Anne strahlend. »Ich weiß, dass ich nicht mehr so viel Sommersprossen habe. Dafür bin ich sehr dankbar. Aber ich hatte nicht zu hoffen gewagt, dass sich mein Aussehen auch sonst gebessert hätte. Ich bin ja so froh, dass Sie das sagen, Miss Barry.«

Miss Barrys Haus war »prunkvoll eingerichtet«, wie Anne später Manila berichtete. Die beiden kleinen Mädchen vom Lande waren etwas verschüchtert von all der Pracht, als Miss Barry sie im Salon allein ließ, um nach dem Abendessen zu schauen.

»Ein wahrer Palast, findest du nicht?«, flüsterte Diana. »Ich war noch nie hier. Ich hatte keine Ahnung, dass sie so reich ist. Ich wünschte, Julia Bell könnte das sehen - wo sie doch immer so mit dem prächtigen Salon ihrer Mutter herumprahlt.«

»Samtteppiche!«, seufzte Anne ehrfürchtig. »Und Seidengardinen! Von solchen Dingen habe ich geträumt, Diana. Aber weißt du, ich glaube, ich würde mich hier doch nicht so richtig wohl fühlen. Das Zimmer ist so vollgestopft mit herrlichen Dingen, dass für die Phantasie gar nichts mehr übrig bleibt. Das ist nämlich der einzige Trost, wenn man arm ist: Man kann viel mehr träumen.«

Anne und Diana schwärmten noch Jahre später von ihrem Besuch in der Stadt. Von Anfang bis Ende war es ein gelungener Ausflug.

Am Mittwoch verbrachten sie den ganzen Tag mit Miss Barry auf dem Jahrmarkt.

»Es war wunderbar«, erzählte Anne später Marilla. »Ich habe gar nicht geahnt, dass es so etwas Interessantes geben kann. Die Pferde, die Pflanzen und die Handarbeiten haben mir am besten gefallen. Mrs Lynde haben wir auch getroffen, sie hat einen Preis für hausgemachte Butter und ihren Käse gewonnen. Als ich sie als einziges vertrautes Gesicht unter all diesen fremden Leuten entdeckt habe, habe ich erst gemerkt, wie gern ich sie mag. Ich habe noch nie so viele Leute auf einem Fleck gesehen, Marilla. Unter ihnen habe ich mich schrecklich unbedeutend gefühlt. - Miss Barry ist mit uns auch zu der großen Tribüne gegangen, wo sie das Pferderennen sehen konnten. Mrs Lynde ist allerdings nicht mitgekommen. Sie meinte, Pferderennen seien etwas ganz Schädliches und sie als Mitglied der Kirche hätte die Pflicht, mit gutem Beispiel voranzugehen und dem Rennen fernzubleiben. Es waren allerdings so viele Leute da, dass Mrs Lyndes Abwesenheit wahrscheinlich niemandem aufgefallen ist. - Dann haben wir noch einen Mann mit einem Ballon fliegen sehen. Ich würde so gerne auch einmal mit einem Ballon fliegen, Marilla! Es muss einfach himmlisch sein. Da war auch noch ein Mann, der die Zukunft Voraussagen konnte. Man musste ihm zehn Cents bezahlen, dann pickte ein kleiner Vogel nach einer Karte, auf der man etwas über seine Zukunft lesen konnte. Auf meiner stand, dass ich einen dunkelhaarigen, sehr reichen Mann heiraten und mit ihm über das Wasser fahren würde, um mit ihm in einem fernen Land zu leben. Ich habe mir danach alle dunkelhaarigen Männer sorgfältig angeschaut, aber keiner von ihnen hat mir besonders gefallen. - Ach, es war ein unvergesslicher Tag, Marilla! Ich war so müde, dass ich nachts nicht einschlafen konnte. Miss Barry hat uns im Gästezimmer einquartiert - genau wie sie es versprochen hatte. Es war ein elegantes Zimmer, Marilla, aber irgendwie ist es doch nicht so schön, in einem Gästezimmer zu schlafen, wie ich mir das immer vorgestellt habe. Ich glaube, das ist das Schlimmste am Erwachsenwerden: Die Dinge, die man als Kind so gerne haben wollte, sind gar nicht mehr so wunderbar, wenn man sie schließlich bekommt.«

Am Donnerstag hatten sie einen Ausflug in den großen Stadtpark gemacht. Abends hatte Miss Barry sie dann mit in ein Konzert in der Musikakademie genommen, wo eine bekannte Primadonna einen Liedervortrag gab. Das war für Anne ein ganz besonderes Erlebnis. »Ich war so aufgeregt, Marilla, dass ich noch nicht einmal sprechen konnte - und das will schon einiges heißen, wie du weißt. Die Sängerin war wunderschön und zu ihrem Kleid aus weißem Satin trug sie glitzernde Diamanten. Als sie zu singen begann, schien die Welt um mich zu versinken. Es war, als würde ich in die Sterne schauen. Tränen traten mir in die Augen. Ach, es ging viel zu schnell vorbei. Ich wusste gar nicht, wie ich jemals wieder ins normale Leben zurückfinden sollte, und Miss Barry meinte, vielleicht würde mir ein großer Eisbecher im Restaurant gegenüber dabei helfen. Sie hatte Recht: Das Eis schmeckte köstlich, Marilla! - Diana sagte, sie wäre für das Stadtleben geboren. Miss Barry fragte mich nach meiner Meinung, aber ich sagte ihr, ich müsse mir die Antwort erst gut überlegen. Also dachte ich vor dem Einschlafen darüber nach — ich finde, das ist sowieso die beste Zeit zum Nachdenken - und kam zu dem Schluss, dass ich nicht für das Stadtleben geboren bin. Ab und zu mag es sehr schön sein, abends um elf nach einem Konzert noch einen Eisbecher zu verzehren, aber im Allgemeinen möchte ich um diese Zeit doch lieber in meinem Zimmer im Ostgiebel liegen und wissen, dass die Sterne vor meinem Fenster leuchten und der Wind draußen in den Tannen rauscht. Das habe ich Miss Barry am nächsten Morgen beim Frühstück erzählt. Sie hat gelacht. Miss Barry lacht sowieso über fast alles, was ich sage — selbst über die ernsthaftesten Dinge. Ehrlich gesagt gefällt mir das nicht besonders an ihr. Aber sie ist eine sehr gastfreundliche alte Dame und hat uns ganz wunderbar bewirtet.«

Am Freitag fuhr dann Mr Barry in die Stadt, um die beiden Mädchen abzuholen.

»Nun, ich hoffe, es hat euch gefallen«, sagte Miss Barry zum Abschied. »Und wie es uns gefallen hat!«, antwortete Diana.

»Dir auch, kleine Anne?«

»Ich habe jede einzelne Minute genossen«, rief Anne, schlag ihre Arme um den Hals der alten Frau und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.

Miss Barry stand auf der Veranda und winkte den beiden kleinen Mädchen noch lange nach. Dann ging sie seufzend in ihr großes Haus zurück. Sie fühlte sich plötzlich sehr einsam.

>Ich habe Marilla Cuthbert für eine Närrin gehalten, als ich hörte, dass sie ein Waisenkind adoptiert hat<, dachte sie. >Aber jetzt glaube ich, sie hat genau das Richtige getan. Wenn ich ein Kind wie Anne im Haus hätte, wäre auch ich eine glücklichere Frau.<

Für Anne und Diana war die Heimfahrt genauso angenehm wie die Hinfahrt - ja, sogar noch angenehmer, denn am Ende der Reise wartete ihr Zuhause auf sie. Die Sonne ging gerade unter, als sie bei White Sands auf die Küstenstraße stießen. Vor ihnen hoben sich die Hügel von Avonlea schwarz gegen den roten Himmel ab. Die mächtigen Wellen brachen sich laut an den Felsen unter ihnen und die Luft roch nach frischem Seetang.

Als Anne wenig später zu Fuß über die alte Holzbrücke kam, winkte ihr das Küchenlicht von Green Gables ein freundliches Willkommen. Durch die offene Tür drang die Wärme des Herdfeuers hinaus in den kühlen Septemberabend. Fröhlich rannte Anne den Hügel hinauf und trat in die Küche, wo schon eine Schüssel heiße Suppe auf sie wartete. »Du bist zurück?« Marilla faltete ihr Strickzeug zusammen.

»Ja, und ... ach, Marilla, es ist so schön, wieder zu Hause zu sein!«, sagte Anne freudig. »Ich könnte alles umarmen und küssen - sogar die alte Standuhr dort drüben! Aber Marilla, ist das etwa ein gegrilltes Hähnchen? Das hast du doch wohl nicht extra meinetwegen gemacht?«

»Doch, das habe ich«, sagte Marilla. »Ich dachte mir, du würdest nach der langen Fahrt bestimmt sehr hungrig sein und etwas besonders Leckeres brauchen. Beeil dich und zieh deine Sachen aus. Sobald Matthew hereinkommt, wollen wir essen. Ich bin froh, dass du wieder da bist! Ohne dich war es schrecklich einsam hier. Noch nie sind mir vier Tage so lang erschienen.«

Nach dem Abendessen setzten sie sich ans Feuer und Anne gab Matthew und Marilla einen ausführlichen Bericht über ihre Erlebnisse in der Stadt.

»Es war eine wunderbare Zeit - ein Meilenstein in meinem Leben«, schloss sie glücklich. »Aber das Schönste von allem war, wieder nach Hause zu kommen.«

26 - Miss Stacy macht einen Vorschlag

Marilla legte ihr Strickzeug in den Schoß und lehnte sich in ihrem Sessel zurück. Ihre Augen schmerzten. Das nächste Mal, wenn sie in der Stadt war, müsste sie ihre Brille erneuern lassen, ihre Augen wurden in letzter Zeit schnell müde.

Es war November und abends schon sehr früh dunkel. Das einzige Licht in der Küche kam von dem rot glühenden Ahornholz im Ofen. Mit verschränkten Beinen hockte Anne auf dem Boden und starrte unverwandt in die tanzenden Flammen. Sie hatte gelesen, doch ihr Buch war auf den Boden geglitten. In ihren Träumen bestand sie in fernen Ländern wunderbare Abenteuer, die mit den Missgeschicken ihres täglichen Lebens wenig zu tun hatten.

Marilla betrachtete das Mädchen mit einer Zärtlichkeit, die sie in einem helleren Licht als dieser sanften Mischung aus Feuerschein und Schatten nie zu zeigen gewagt hätte. Offen über ihre Zuneigung zu sprechen und sie in Worten und Blicken auszudrücken - das war etwas, was Marilla Cuthbert in ihrem Leben wohl nie mehr lernen würde. Aber sie hatte gelernt, dieses Mädchen zu lieben, und gerade weil sie dieses Gefühl in sich verbarg, spürte sie es manchmal umso stärker. Sie hatte Angst, vor lauter Liebe zu nachsichtig mit Anne zu werden. Es kam ihr sündhaft vor, ihr Herz so sehr an einen anderen Menschen zu hängen. Vielleicht legte sie sich selbst, ohne es zu wissen, dafür eine Art Strafe auf, indem sie nach außen hin strenger und härter war, als es eigentlich ihren Gefühlen entsprach. Anne wusste nicht, wie sehr Marilla sie liebte. Manchmal dachte sie traurig, dass es sehr schwer war, Marilla zufriedenzustellen, und dass es der alten Frau an Mitgefühl und Verständnis fehlte. Doch dann fiel ihr immer wieder ein, wie viel sie Marilla verdankte.

»Anne«, brach Marilla plötzlich das Schweigen, »Miss Stacy war heute Nachmittag hier, als du draußen mit Diana gespielt hast.«

Erschreckt fuhr Anne aus ihren Träumen hoch. »Wirklich? Oh, wie schade, dass ich nicht da war. Warum hast du mich nicht gerufen, Marilla? Was wollte sie denn?«

»Wir haben uns über dich unterhalten«, antwortete Marilla.

»Über mich?« Anne sah Marilla ängstlich an. Dann errötete sie und sagte schnell: »Oh, ich weiß schon, was sie gesagt hat. Ich wollte es dir erzählen, Marilla - ehrlich! Ich habe es nur vergessen. Miss Stacy hat mich erwischt, als ich gestern Nachmittag in der Geschichtsstunde heimlich >Ben Hur< gelesen habe. Jane Andrews hat mir das Buch geliehen. Ich habe in der Mittagspause darin gelesen, und gerade als das Wagenrennen begann, hat es zur Stunde geschellt. Ich musste einfach wissen, wer das Rennen gewonnen hat, also las ich unter der Bank weiter. Es war so spannend, dass ich gar nicht bemerkte, wie Miss Stacy zu meinem Platz kam. Auf einmal stand sie neben mir und schaute mich vorwurfsvoll an. Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich geschämt habe, Marilla - besonders, als ich auch noch Josie Pye kichern hörte. Miss Stacy hat mir >Ben Hur< weggenommen, aber gesprochen hat sie mit mir erst nach der Schule. Sie meinte, ich hätte wertvolle Zeit verschwendet, in der ich lieber hätte lernen sollen, und außerdem hätte ich versucht, meine Lehrerin zu täuschen. Es war mir furchtbar unangenehm, Marilla, und ich habe Miss Stacy angeboten, dass ich zur Strafe >Ben Hur< eine Woche lang nicht aufschlagen würde - noch nicht einmal, um zu schauen, wie das Wagenrennen ausgeht. Aber Miss Stacy meinte, das sei nicht nötig und sie würde mir auch so verzeihen und mir vertrauen, dass ich es nicht wieder tun würde. Deshalb finde ich es eigentlich nicht besonders nett von ihr, dass sie zu dir gekommen ist, um dir alles zu erzählen.«

»Sie hat diese Geschichte mit keinem Wort erwähnt, Anne. Es ist nur dein schlechtes Gewissen, das dich quält«, entgegnete Marilla. »Sie ist wegen einer ganz anderen Angelegenheit gekommen. Es geht darum, dass sie für ihre besten Schüler eine Art Zusatzunterricht einführen möchte, um euch auf die Aufnahmeprüfung für das Queen’s College vorzubereiten. Sie wollte Matthew und mich fragen, ob wir damit einverstanden sind, dass du daran teilnimmst. Was meinst du dazu, Anne? Würdest du gerne aufs Queen’s College gehen und Lehrerin werden?«

»Oh, Marilla!« Anne stand auf und klatschte begeistert in die Hände. »Davon träume ich schon mein ganzes Leben lang - oder wenigstens seit sechs Monaten. Damals haben Ruby und Jane nämlich davon erzählt, dass sie an der Aufnahmeprüfung teilnehmen wollen. Ich habe euch bloß nichts davon gesagt, weil ich dachte, es hätte sowieso keinen Zweck. Ich würde so gerne Lehrerin werden! Aber wird das nicht fürchterlich teuer sein? Mr Andrews sagt, es hätte ihn einhundertfünfzig Dollar gekostet, Prissy dort unterzubringen - und Prissy ist keine Niete in Geometrie.«

»Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Als Matthew und ich uns entschlossen haben dich aufzunehmen, haben wir uns geschworen, dass du es gut bei uns haben und auch eine ordentliche Ausbildung bekommen sollst, ich finde, dass ein junges Mädchen in der Lage sein sollte, sich selbst zu ernähren - ob es das später einmal braucht oder nicht. Solange Matthew und ich da sind, wirst du auf Green Gables immer ein Zuhause haben, aber wer weiß, was noch geschieht . . . Man muss auf alles vorbereitet sein. Wenn du willst, kannst du also an Miss Stacys Zusatzunterricht teilnehmen.«

»Oh, Marilla, ich danke dir!« Anne schlang beide Arme um Marilla und sah ihr ernst ins Gesicht. »Ich bin dir und Matthew sehr dankbar. Und ich werde fleißig sein und alles tun, was ich kann, um euch Ehre zu machen. Allerdings muss ich euch warnen: In Geometrie dürft ihr nicht allzu viel von mir erwarten. In allen anderen Fächern kann ich aber bestimmt gut mithalten.«

»Du wirst es schon schaffen. Miss Stacy sagt, du seist klug und eifrig bei der Sache.« Nicht um alles in der Welt hätte Marilla Anne preisgegeben, was Miss Stacy wirklich gesagt hatte - damit hätte sie ja nur Annes Eitelkeit geschmeichelt. »Du brauchst dich also nicht ganz und gar in deinen Büchern zu vergraben. Es gibt keine Eile, weil du dich sowieso erst in anderthalb Jahren für die Aufnahmeprüfung anmelden kannst. Doch Miss Stacy meint, es sei gut, beizeiten mit der Vorbereitung zu beginnen und die Grundlagen zu legen.«

»Das Lernen wird mir von nun an noch viel mehr Spaß machen, weil ich jetzt ein Ziel habe«, sagte Anne strahlend. »Mr Allan sagt, jeder von uns sollte seinem Leben ein Ziel geben und es dann unbeirrt verfolgen. Allerdings müsste man erst einmal sicher sein, dass das Ziel auch gut und würdig ist. Aber Lehrerin zu werden - das müsste eigentlich ein würdiges Ziel sein, meinst du nicht auch, Marilla? Lehrerin ist ein so nobler Beruf!«

Kurze Zeit später hatten die Kandidaten für das Queen’s College ihre erste Unterrichtsstunde. Die Gruppe bestand aus Gilbert Blythe, Anne Shirley, Ruby Gillis, Jane Andrews, Josie Pye, Charlie Sloane und Moody Spurgeon MacPherson. Diana Barry durfte nicht mit dabei sein, ihre Eltern waren dagegen. Darüber war Anne sehr traurig. Seit der Nacht, in der sie Minnie May das Leben gerettet hatte, waren Diana und Anne sich nicht mehr von der Seite gewichen. Als sie Diana zum ersten Mal nach dem normalen Unterricht allein durch den »Birkenpfad« und das »Veilchental« nach Hause gehen sah, war es Anne, als könne sie auf ihrem Platz nicht sitzen bleiben, sondern müsse aufspringen und ihrer Freundin hinterherlaufen. Schnell versteckte sie sich hinter der großen lateinischen Grammatik, damit niemand ihre Tränen sehen konnte. Um keinen Preis sollten Gilbert Blythe oder Josie Pye sie weinen sehen!

»Ach, Marilla, ich meinte wirklich, >die Bitterkeit des Todes zu spüren<, wie Mr Allan am letzten Sonntag in seiner Predigt sagte«, erzählte sie Marilla am Abend. »Wie herrlich wäre es doch, wenn Diana sich auch auf die Aufnahmeprüfung vorbereiten könnte. Aber auf dieser Welt kann man wohl nicht alles haben ... Ich glaube, der Zusatzunterricht wird mächtig interessant werden. Jane und Ruby wollen auch das Lehrerexamen machen. Ruby meint, sie wolle nach dem Examen nur ein oder zwei Jahre unterrichten und dann heiraten. Jane dagegen will sich ihr ganzes Leben lang der Schule widmen und unverheiratet bleiben. Als Lehrerin würde man wenigstens bezahlt, meinte sie, während ein Ehemann schon murrt, wenn die Frau ihren Anteil am Butter- und Eiergeld verlangt. Wahrscheinlich spricht Jane aus trauriger Erfahrung. Mrs Lynde sagt, ihr Vater sei ein schrecklicher alter Griesgram und geiziger als die Schotten. - Josie Pye will nur wegen der Bildung aufs College gehen. Sie habe es nicht nötig, später selbst Geld zu verdienen. Bei Waisenkindern, die auf die Nächstenliebe anderer angewiesen wären, sei das natürlich etwas anderes, meinte sie. Moody Spurgeon will Pfarrer werden. Ich hoffe, du denkst nicht schlecht von mir, wenn ich das sage, Marilla, aber wenn ich mir Moody Spurgeon als Pfarrer vorstelle, muss ich lachen. Er sieht aber auch zu komisch aus mit seinem runden Gesicht, seinen kleinen blauen Augen und den riesigen Segelohren. - Charlie Sloane will in die Politik gehen und Abgeordneter werden, aber Mrs Lynde sagt, das würde er nicht schaffen. Die Sloanes seien immer ehrliche Leute gewesen und heutzutage hätten in der Politik nur die größten Gauner eine Chance.«

»Und was hat Gilbert Blythe vor?«, wollte Marilla wissen, der nicht entgangen war, dass Anne bei ihrer Aufzählung einen Namen ausgelassen hatte.

»Ich habe keine Ahnung, welches Ziel Gilbert Blythe im Leben verfolgt - falls er überhaupt eins hat«, erwiderte Anne verächtlich. Zwischen Anne und Gilbert war mittlerweile eine offene Rivalität ausgebrochen. Früher war der Wettkampf eher nur von Annes Seite geführt worden, doch jetzt bestand kein Zweifel mehr daran, dass auch Gilbert Blythe verbissen darum kämpfte, Klassenbester zu werden. Anne und Gilbert waren ebenbürtige Gegner. Die anderen Schüler erkannten die Überlegenheit der beiden an und dachten nicht im Traum daran, es mit ihnen aufzunehmen.

Seit dem Tag, als Anne am See Gilberts Bitte, ihm doch zu verzeihen, abgelehnt hatte, tat Gilbert seinerseits nun ebenfalls so, als würde es ein Mädchen namens Anne in Avonlea überhaupt nicht geben. Er redete und lachte mit den anderen Mädchen, tauschte Bücher und Puzzles mit ihnen aus, besprach den Unterricht und seine Pläne mit ihnen und begleitete ab und zu eines von ihnen nach der Schule nach Hause. Nur Anne Shirley überging er einfach; er behandelte sie wie Luft. Anne merkte, dass es nicht angenehm war, wie Luft behandelt zu werden. Vergeblich versuchte sie sich einzureden, dass es ihr vollkommen egal sei. Tief in ihrem Herzen wusste sie, dass es ihr keineswegs egal war und dass sie - wenn sie noch einmal die Möglichkeit gehabt hätte - mit Gilbert Freundschaft geschlossen hätte. Ihr Groll gegen ihn war wie weggeblasen, wie sie sich eingestehen musste. Auch wenn sie sich noch so oft in Erinnerung rief, wie tief er sie gekränkt hatte - seit dem Tag am »See der glitzernden Wasser« konnte sie den alten Zorn nicht mehr heraufbeschwören. Nachträglich sah Anne ein, dass sie die alte Geschichte schon längst vergessen und vergeben hatte, ohne es zu merken. Doch nun war es zu spät.

Wenn es sich schon nicht mehr ändern ließ, dann sollte wenigstens weder Gilbert noch sonst irgendjemand - ja, noch nicht einmal Diana - jemals erfahren, wie Leid es ihr tat. Sie beschloss ihre wahren Gefühle vor aller Welt zu verbergen, was ihr so gut gelang, dass Gilbert - dem Anne längst nicht so gleichgültig war, wie er vorgab - keinerlei Anzeichen dafür entdecken konnte. Seine Nichtbeachtung, die als bloße Rache gedacht war, schien ihr überhaupt nichts auszumachen. Sein einziger Trost bestand darin, dass Anne ihren Verehrer Charlie Sloane immer wieder gnadenlos vor den Kopf stieß.

Bei den täglichen Freuden und Pflichten verging der Winter schnell. Wie lauter goldene Perlen an einem langen Halsband erschienen Anne die prall gefüllten Tage, und ehe sie sich’s versehen hatte, kam auch schon der Frühling wieder und rings um Green Gables fing die Natur zu blühen an.

Zu dieser Zeit verlor selbst der interessanteste Unterricht seinen Reiz. Mit sehnsüchtigen Augen saßen die Schüler und Schülerinnen, die sich auf das College vorbereiteten, in ihrem Klassenzimmer und schauten aus dem Fenster, während die anderen Kinder schon draußen über die grünen Wiesen sprangen. Die lateinischen Verben und französischen Sätze hatten ihre Anziehungskraft verloren. Selbst Anne und Gilbert ließen in ihrem Lerneifer spürbar nach. Lehrerin und Schüler waren gleichermaßen froh, als das Schuljahr zu Ende war und die langen Sommerferien vor ihnen lagen.

»Ihr habt sehr gute Arbeit geleistet«, sagte Miss Stacy am letzten Schultag, »und euch eine fröhliche, unbeschwerte Ferienzeit verdient. Ich hoffe, dass ihr in dieser Zeit für das nächste Schuljahr richtig Kraft schöpfen könnt. Dann wird es nämlich ernst: Das letzte Jahr vor der Aufnahmeprüfung beginnt.«

»Werden Sie nach den Ferien wieder kommen, Miss Stacy?«, fragte Josie Pye.

Diesmal waren ihre Mitschüler dankbar für Josies Neugierde, denn es hatte Gerüchte gegeben, dass Miss Stacy nicht als Lehrerin nach Avonlea zurückkehren würde, weil man ihr eine Stelle in ihrer Heimatstadt angeboten hatte. Gespannt hielten sie den Atem an.

»Ja, ich werde zurückkommen«, antwortete Miss Stacy. »Ich hatte zwar daran gedacht, an eine andere Schule zu gehen, aber dann habe ich mich doch dafür entschieden, in Avonlea zu bleiben. Um die Wahrheit zu sagen: Ich habe euch so ins Herz geschlossen, dass ich euch jetzt nicht im Stich lassen will. Ich werde euch bis zur Prüfung führen.«

»Hurra!«, rutschte es Moody Spurgeon heraus, der sich bisher selten eine Gefühlsregung hatte anmerken lassen. Gleich darauf wurde er knallrot und schaute beschämt vor sich hin.

»Ach, ich bin ja so froh!«, rief Anne mit glänzenden Augen. »Liebe Miss Stacy, es wäre zu schrecklich gewesen, wenn Sie nicht zurückgekommen wären. Ich glaube nicht, dass ich das überlebt hätte.« Am selben Abend noch verstaute Anne alle ihre Schulbücher in einem alten Koffer auf dem Dachboden, schloss ihn ab und versteckte den Schlüssel an einem sicheren Ort.

»Keine Angst, Marilla, ich werde sie nach den Ferien schon wieder herausholen. Aber diesen Sommer will ich nach Herzenslust genießen. Wahrscheinlich ist es der letzte Sommer, den ich noch als kleines Mädchen erleben werde. Mrs Lynde sagt, wenn ich weiter so in die Höhe schießen würde, müsste ich bald längere Kleider tragen! Und wenn ich längere Kleider trage, dann werde ich mich auch gleich viel erwachsener und ernster fühlen — das weiß ich jetzt schon. Ich fürchte, ich werde dann noch nicht einmal mehr an Feen glauben, Marilla. Deshalb bin ich fest entschlossen, es diesen Sommer noch einmal so richtig ausführlich zu tun. - Ach, es werden wunderbare Ferien sein! Ruby Gillis wird bald ihre Geburtstagsparty geben und nächsten Monat findet das Sonntagspicknick statt. Mr Barry will an einem Abend mit Diana und mir ins White Sands Hotel zum Essen ausgehen. Jane Andrews war letzten Sommer dort essen. Es muss ein wunderbares Erlebnis sein, all die elektrischen Lampen und die vornehmen Damen zu sehen. Jane meinte, sie würde noch auf ihrem Sterbebett daran denken.«

Am nächsten Tag kam Mrs Lynde nach Green Gables, um zu fragen, warum Manila beim letzten Mal nicht zur Versammlung des Frauenhilfswerks gekommen war. Wenn Manila dort nicht erschien, musste etwas nicht in Ordnung sein.

»Matthew hatte am Donnerstag wieder Flerzbeschwerden«, erklärte Manila, »und ich wollte ihn nicht alleine lassen. Es geht ihm jetzt schon wieder besser, aber ich mache mir Sorgen um ihn. Der Doktor sagt, er müsse vorsichtig sein und dürfe sich nicht aufregen - als ob Matthew je in seinem Leben auf Aufregung aus war! Aber er hat auch gesagt, Matthew dürfe nicht mehr so hart arbeiten, und versuch du mal Matthew von der Arbeit abzuhalten - da könnte man ihm genauso gut das Atmen verbieten. Komm, setz dich doch, Rachel. Möchtest du nicht zum Tee bleiben?«

»Nun, da du mich so nötigst, kann ich wohl schlecht nein sagen«, antwortete Mrs Rachel, die freilich nie die geringste Absicht gehegt hatte, Marillas Einladung auszuschlagen.

Also setzten sich Mrs Rachel und Manila gemütlich in den Salon, während Anne den Tee aufgoss und selbst gebackene Kekse servierte, die hell und weich genug waren, um selbst vor Mrs Rachels gestrengen Augen bestens zu bestehen.

»Ich muss schon sagen, Anne hat sich zu einem sehr geschickten jungen Mädchen entwickelt«, gab Mrs Rachel zu, als Manila sie später noch bis zum Hohlweg begleitete. »Sie ist sicherlich eine große Hilfe für dich.«

»Ja, das stimmt«, sagte Marilla, »und sie ist sehr fleißig und zuverlässig geworden. Ich hatte schon Angst, sie würde diese Flausen nie loswerden, aber jetzt würde ich ihr in jeder Hinsicht vertrauen.«

»Ich hätte nie gedacht, dass sie sich so mausern würde, als ich sie vor drei Jahren zum ersten Mal gesehen habe«, sagte Mrs Rachel. »Liebe Güte! Ich werde nie vergessen, wie sie damals ihren Wutanfall bekam! An jenem Abend sagte ich zu Thomas: >Denk an meine Worte, Thomas. Marilla Cuthbert wird ihren Entschluss noch bitter bereuen.< Aber ich hatte Unrecht und ich bin froh darüber. Ich gehöre nicht zu jenen Leuten, die ihre eigenen Fehler nicht eingestehen können nein, das war noch nie meine Art und ich danke dem Himmel dafür. Ich habe einen Fehler gemacht, als ich Anne in Bausch und Bogen verurteilte. Allerdings war das auch kein Wunder, wenn man bedenkt, was für eine seltsame, unberechenbare kleine Hexe sie war! Mit den normalen Methoden der Kindererziehung war ihr nicht beizukommen. Es ist unglaublich, wie sie sich in den letzten drei Jahren gemacht hat - besonders auch im Aussehen. Sie ist ein richtig hübsches Mädchen geworden, obgleich ich nicht sagen kann, dass blasse, großäugige Mädchen mein Typ Kind sind. Die brünetten, kräftigen Mädchen wie Diana Barry und Ruby Gillis gefallen mir besser. Aber es ist seltsam ... ich weiß nicht genau, wie das kommt, aber wenn Anne und sie zusammen sind, sehen die anderen beiden neben ihr gewöhnlich und irgendwie aufgedonnert aus. Sie ist wie eine kleine weiße Narzisse unter großen roten Pfingstrosen - jawohl!«

27 - Die Prüfung rückt näher

Anne genoss ihre Ferien in vollen Zügen. Sie und Diana waren fast die ganze Zeit draußen und schwelgten in all den Freuden, die die »Liebeslaube«, der »Nymphenteich«, »Willowmere« und der »See der glitzernden Wasser« zu bieten hatten. Manila hatte gegen Annes Zigeunerleben nichts einzuwenden und so verbrachte Anne die Sommermonate in völliger Freiheit und Ausgelassenheit. Sie ging spazieren, ruderte, suchte Beeren und träumte nach Herzenslust. Als der September kam, war sie frisch und ausgeruht und freute sich auf die Schule.

»Jetzt werde ich wieder voller Schwung an die Arbeit gehen«, erklärte sie, als sie ihre Bücher aus dem alten Koffer auf dem Dachboden holte. »Ach, ihr lieben alten Freunde! Wie freue ich mich, euch wiederzusehen -ja, selbst dich, du altes Geometriebuch. Es war ein herrlicher Sommer und jetzt kehre ich zurück >wie ein Mann, der Bäume ausreißen kann<, wie Mr Allan am Sonntag in der Kirche gesagt hat.

Hält Mr Allan nicht großartige Predigten? Wenn ich ein Mann wäre, würde ich auch Pfarrer werden. Dann könnte ich jeden Sonntag von der Kanzel predigen und die Herzen meiner Zuhörer rühren. - Warum können Frauen keine Pfarrer werden, Marilla? Ich habe Mrs Lynde danach gefragt. Sie war schockiert und meinte, das wäre ein Skandal. In den Staaten gäbe es vielleicht Frauen als Priester, in Kanada wäre es zum Glück jedoch noch nicht so weit gekommen. Das verstehe ich nicht! Ich glaube, Frauen wären hervorragende Pfarrer. Wenn es um ein kirchliches Fest geht oder wenn die Gemeinde einen Basar veranstaltet, sind es doch sowieso die Frauen, die die ganze Arbeit machen müssen. Ich bin sicher, dass Mrs Lynde mindestens genauso von der Kanzel donnern könnte wie Superintendent Bell.«

»Na, da magst du Recht haben«, stimmte Marilla ihr schmunzelnd zu. Als Miss Stacy am Ende der Ferien zurück nach Avonlea kam, fand sie eine wissbegierige und eifrige Schar von Schülern vor. Besonders die Kandidaten für das Queen’s College rüsteten sich zum Kampf, denn der Schicksalstag namens »Aufnahmeprüfung« rückte bedrohlich näher. Schon der Gedanke daran ließ den Schülern von Avonlea das Herz in die Hose sinken. Was, wenn sie es nicht schafften? Dieser Gedanke verfolgte Anne in allen wachen Stunden dieses Winters - die Sonntagnachmittage inbegriffen. Alle anderen Probleme schienen dagegen zu verblassen. In ihren schlimmsten Alpträumen sah sie eine Liste der Prüflinge vor sich, auf der ganz oben Gilbert Blythes Name prangte, während ihr Name überhaupt nicht zu finden war. Trotz alledem war es ein fröhlicher, glücklicher Winter, der wie im Fluge vorbeizugehen schien. Eine ganz neue Welt von Gedanken und Gefühlen eröffnete sich Anne. Voller Ehrgeiz machte sie sich daran, die weiten Felder unerforschten Wissens für sich zu erobern.

Vieles von dem hatte sie Miss Stacys taktvoller, weitsichtiger Führung zu verdanken. Sie leitete ihre Schüler dazu an, sich ihr Wissen selbst zu erschließen und die alten, ausgetretenen Pfade hinter sich zu lassen. Mrs Lynde und die Mitglieder der Schulaufsichtsbehörde beobachteten misstrauisch all die Neuerungen, die sie in der Schule von Avonlea einführte.

ln ihrer freien Zeit war Anne in diesem Winter viel unterwegs. Marilla hatte es inzwischen aufgegeben, sich gegen Annes Teilnahme an Festen und Veranstaltungen in der Gegend zu sperren. Es gab Konzerte und Bälle in Hülle und Fülle und mehr als einmal verabredete sich Anne mit den anderen Mädchen zum Schlittenfahren oder Schlittschuhlaufen.

In der Zwischenzeit war Anne so mächtig in die Höhe geschossen, dass Marilla eines Tages erstaunt feststellte, dass das Mädchen ihr über den Kopf gewachsen war.

»Meine Güte, du bist groß geworden, Anne!«, sagte sie fast ungläubig und ließ ihren Worten einen tiefen Seufzer folgen. Das Kind, das sie so tief ins Herz geschlossen hatte, war auf seltsame Weise verschwunden. An seiner Stelle stand ein großes fünfzehnjähriges Mädchen mit nachdenklichen Augen und ernsten Gesichtszügen. Marilla liebte dieses Mädchen genauso, wie sie das Kind geliebt hatte, doch immer öfter überkam sie ein seltsames Gefühl wie bei einem bald bevorstehenden Verlust.

Als Anne und Diana eines Abends zu einem Bibelkurs gegangen waren, saß Marilla allein im winterlichen Dämmerlicht und weinte. Matthew, der etwas später mit einer Laterne ins Haus kam, sah sie so verwundert an, dass Marilla trotz ihrer Tränen lachen musste.

»Ich habe an Anne gedacht«, erklärte sie. »Sie ist so ein großes Mädchen geworden ... und wahrscheinlich wird sie im nächsten Winter schon nicht mehr bei uns sein. Ich werde sie schrecklich vermissen.«

»Sie kann uns besuchen kommen«, tröstete Matthew seine Schwester. Für ihn würde Anne immer das kleine, eifrige Mädchen bleiben, das er an jenem Juniabend vor vier Jahren vom Bahnhof in Bright River abgeholt hatte. »Bis dahin wird die neue Bahnlinie nach Carmody fertig sein.«

»Trotzdem wird es anders sein als jetzt, wo sie immer da ist«, seufzte Marilla traurig. Sie war entschlossen, ihren Kummer nach Herzenslust auszukosten und keinen Trost anzunehmen. »Naja . .. Männer können das eben nicht so verstehen.«

Es gab noch mehr Veränderungen an Anne, die Marilla ebenfalls nicht entgangen waren: Das Mädchen war merklich stiller geworden. Vielleicht dachte sie dafür umso mehr nach und es konnte sein, dass sie noch genauso viel träumte wie früher - aber sie sprach weniger darüber. Marilla fragte sie deshalb eines Tages: »Du redest nur noch halb so viel wie früher, Anne, und gebrauchst auch längst nicht mehr so viele große Worte. Was ist los mit dir?«

Anne errötete, legte ihr Buch zur Seite und sah verträumt zum Fenster hinaus, wo sich an den Bäumen schon die ersten Knospen zeigten.

»Ich weiß nicht... irgendwie möchte ich nicht mehr so viel reden. Ich will meine Gedanken lieber im Herzen bewahren, wie einen wertvollen Schatz. Das ist besser, als wenn andere über sie lachen oder sich wundern. Und große Worte möchte ich auch nicht mehr gebrauchen. Eigentlich ist das ja schade, wo ich jetzt endlich bald alt genug für große Worte bin. Es mag in mancher Hinsicht ganz schön sein, erwachsen zu werden, aber es ist längst nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe, Marilla. Es gibt so viel zu lernen, so viel zu tun und zu bedenken, dass für große Worte gar keine Zeit mehr bleibt. Außerdem hat Miss Stacy mir gesagt, die einfachen Worte würden viel stärker wirken. Sie will, dass wir unsere Aufsätze so klar und knapp wie möglich schreiben. Am Anfang ist mir das fürchterlich schwer gefallen, aber jetzt gefällt mir dieser Stil auch besser.«

»Du hast nur noch zwei Monate bis zur Aufnahmeprüfung«, sagte Marilla. »Meinst du, du wirst es schaffen?«

Der Gedanke daran ließ Anne erschaudern.

»Ich weiß es nicht. Manchmal denke ich, es wird alles gut gehen ... dann wieder habe ich furchtbare Angst. Den anderen geht es auch nicht besser. Miss Stacy hat uns alle gründlich vorbereitet, aber jeder von uns hat so sein ganz besonderes Problem. Meins ist natürlich Geometrie. Janes ist Latein, Rubys und Charlies ist Algebra und Josies Problemfach ist Arithmetik. Moody Spurgeon ist fest davon überzeugt, dass er in Geschichte durchfällt. Im Juni führt Miss Stacy mit uns eine Probeprüfung durch, damit wir uns ein Bild von unseren Leistungen machen können. Ach, ich wünschte, es wäre schon alles vorbei, Manila. Manchmal wache ich nachts auf und frage mich, was ich tun soll, wenn ich es nicht schaffe.«

»Naja, dann musst du eben wieder zur Schule gehen und es nächstes Jahr noch einmal versuchen«, sagte Marilla gelassen.

»Oh, ich glaube nicht, dass ich das fertig brächte! Es wäre so eine Blamage, besonders wenn Gil . . . ich meine, wenn die anderen alle durchkommen. Und ich werde bei Prüfungen so schnell aufgeregt, dass ich vielleicht vor lauter Angst alles durcheinander bringe. Ich wünschte, ich hätte Nerven wie Jane Andrews. Die kann nichts aus der Ruhe bringen.«

Seufzend löste Anne ihren Blick von der verlockenden Frühlingspracht vor dem Fenster und wandte sich erneut ihren Büchern zu. Natürlich würde es auch nächstes Jahr wieder einen Frühling geben, doch sie war fest davon überzeugt: Wenn sie bei der Aufnahmeprüfung durchfiele, würde sie ihn nicht genießen können.

Ende Juni war es dann so weit. Mit dem Schuljahr endete auch Miss Stacys Dienst an der Schule von Avonlea. Niedergeschlagen gingen Anne und Diana nach ihrem letzten Schultag nach Hause. Ihre roten Augen und die feuchten Taschentücher waren ein deutliches Anzeichen daflir, dass Miss Stacys Abschiedsrede mindestens so bewegend gewesen war wie die von Mr Philipps drei Jahre zuvor. Bevor sie in den »Birkenpfad« einbogen, blieb Diana noch einmal stehen und wandte sich seufzend zum Schulhaus um.

»Es ist, als stürze eine Welt zusammen, nicht wahr?«, sagte sie traurig.

»Du hast es eigentlich noch gut«, schluchzte Anne und suchte verzweifelt nach einer letzten trockenen Stelle in ihrem Taschentuch. »Du wirst ja im Herbst wieder dort sein, aber ich muss die Schule für immer verlassen - das heißt, wenn ich bei der Prüfung Glück habe.«

»Aber es wird nie mehr so sein wie früher. Miss Stacy, du, Jane und Ruby - ihr werdet alle nicht mehr da sein. Ich werde alleine sitzen müssen, nach dir möchte ich keine andere Banknachbarin mehr haben. Ach, es war eine herrliche Zeit, nicht wahr, Anne? Was für ein schrecklicher Gedanke, dass das alles nun vorbei ist.«

Zwei dicke Tränen rollten über Dianas Gesicht.

»Hör doch bitte auf zu weinen, Diana«, bat Anne ihre Freundin flehentlich. »Jedes Mal, wenn ich dich schluchzen höre, kommen mir auch wieder die Tränen. Ich weiß nicht, wie oft ich mein Taschentuch schon hervorgeholt habe! Bestimmt werde ich nächsten Herbst sowieso wieder hier sein. In letzter Zeit überkommt mich immer öfter das ganz deutliche Gefühl, dass ich durchfallen werde.«

»Aber du hast doch bei der Probeprüfung glänzend abgeschnitten.«

»Ja, aber da bin ich auch nicht aufgeregt gewesen. Wenn ich an die richtige Prüfung denke, wird mir heiß und kalt und mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Ich habe auch noch ausgerechnet die Nummer dreizehn gezogen. Josie Pye sagt, das könnte nur Unglück bringen. Ich bin nicht abergläubisch, aber es wäre mir doch lieber, wenn es nicht gerade die Dreizehn gewesen wäre.«

»Ich wünschte, ich könnte dich in die Stadt begleiten«, sagte Diana. »Wir hätten bestimmt eine wunderbare Zeit zusammen! Aber wahrscheinlich musst du abends sowieso pauken.«

»Nein, wir mussten Miss Stacy versprechen, unsere Bücher bis zur Prüfung nicht mehr aufzuschlagen. Sie meinte, das würde uns nur durcheinander bringen. Wir sollten lieber einen langen Spaziergang machen, so wenig wie möglich an die Prüfung denken und früh ins Bett gehen. Das ist zwar ein guter Ratschlag, aber bestimmt leichter gesagt als getan. Prissy Andrews hat mir erzählt, dass sie während der Prüfung die halbe Nacht wach im Bett gesessen und gepaukt hat, und eigentlich hatte ich mir vorgenommen, es ihr gleichzutun und mindestens genauso lange aufzubleiben und zu lernen. Wie schön, dass ich bei deiner Tante Josephine wohnen kann, solange ich in der Stadt bin!«

»Du wirst mir doch schreiben, Anne, oder?«

»Ja, ich werde mich gleich am Dienstagabend hinsetzen und dir ausführlich vom ersten Tag berichten«, versprach Anne.

»Und ich werde am Mittwoch zum Postamt gehen«, gelobte Diana.

28 - Die Prüfungsergebnisse sind da

Als Diana am Mittwochmorgen zum Postamt lief, fand sie, wie versprochen, einen langen Brief von Anne vor.

Liebe Diana,

es ist Dienstagabend und ich sitze in der Bibliothek von Beechwood. Gestern Abend habe ich mich in meinem Zimmer furchtbar einsam gefühlt. Ich wünschte, du wärst bei mir gewesen! Gepaukt habe ich nicht mehr, weil ich Miss Stacy versprochen hatte, dass ich es nicht tun würde. Das war genauso schwer wie früher, wenn ich lernen musste und eigentlich viel lieber in einem spannenden Buch gelesen hätte.

Heute Morgen hat mich Miss Stacy hier abgeholt und wir sind zusammen zum College gefahren. Auf dem Weg haben wir noch Ruby und Josie aufgelesen. Rubys Hände waren eiskalt und Josie meinte, ich sähe aus, als hätte ich die ganze Nacht kein Auge zugetan. Bestimmt wäre ich gar nicht kräftig genug, um das Collegestudium zu packen, selbst wenn ich die Aufnahmeprüfung bestehen würde. Manchmal überkommt mich so ein Gefühl, dass ich Josie Pye immer noch nicht viel besser leiden kann als früher.

Vor dem College warteten schon jede Menge Schüler. Sie kamen aus allen Teilen der Insel. Als Erstes sahen wir Moody Spurgeon, der auf den Stufen vor dem Eingang saß und ständig vor sich hinmurmelte. Er sagte, er würde immer wieder das große Einmaleins aufsagen, um seine Nerven zu beruhigen, und wir sollten ihn um Himmels willen nicht unterbrechen. Wenn er auch nur einen Moment Pause machen würde, bekäme er solche Angst, dass er alles vergessen würde, was er jemals gelernt habe.

Als wir in die Prüfungsräume gerufen wurden, musste Miss Stacy uns verlassen. Ich saß neben Jane und beneidete sie um ihre Gelassenheit. Nichts kann sie aus der Ruhe bringen, das große Einmaleins hat die bestimmt nicht nötig! Ich fragte mich, ob ich wohl auch so aussah, wie ich mich fühlte, und ob die anderen mein Herz ebenso laut schlagen hören könnten wie ich. Dann kam ein Mann herein und verteilte die Zettel für die Englischprüfung. Meine Hände waren kalt wie Eis und mir wurde ganz schwindelig im Kopf, als er an meinen Platz kam. Ich habe mich genauso gefühlt wie damals, als ich Manila fragte, ob ich auf Green Gables bleiben dürfe. Aber dann wurde mein Kopf wieder klar, mein Herz fing wieder an zu schlagen - ich habe ganz vergessen zu erwähnen, dass es einen Augenblick lang stehen geblieben war! Ich sah mir die Aufgabe an und wusste dann gleich, dass ich wenigstens irgendetwas dazu zu sagen hatte.

Mittags gingen wir zum Essen nach Hause. Am Nachmittag war dann die Geschichtsprüfung dran. Die Aufgaben waren ganz schön schwierig, bestimmt habe ich alle Jahreszahlen durcheinander gebracht! Alles in allem glaube ich aber, dass ich heute einigermaßen gut abgeschnitten habe. Morgen ist allerdings Geometrie dran. Wenn ich daran denke, rutscht mir das Herz in die Hose. Vielleicht sollte ich es auch einmal mit dem großen Einmaleins versuchen...

Moody Spurgeon meinte, er wäre sich ganz sicher, dass er in Geschichte durchgefallen sei. Außerdem sei es viel einfacher, Zimmermann zu werden als Pfarrer. Ruby war völlig aufgelöst. Sie sagte, sie hätte in der Englischprüfung einen dicken Fehler gemacht. Die anderen Mädchen meinten, sie hätten es sicherlich auch nicht geschafft. Zum Trost sind wir alle in die Stadt gegangen und haben uns ein Eis geleistet. Wie gerne hätten wir dich dabeigehabt!

Oh, Diana, wenn ich doch wenigstens schon die Geometrieprüfung hinter mir hätte! Aber wie Mrs Lynde sagt: Die Sonne wird weiterhin auf- und untergehen, ob ich nun in Geometrie durchfalle oder nicht. Das ist zwar wahr, aber auch nicht gerade besonders tröstlich. Mir wäre es fast lieber, sie würde nicht mehr aufgehen, falls ich durchfallen sollte!

Deine dich liebende Freundin Anne

Bald waren jedoch das Geometrieexamen und auch alle anderen Prüfungen heil überstanden. Am Freitagabend kam Anne erschöpft und erleichtert zurück nach Green Gables. Diana erwartete sie schon sehnlichst und die beiden Freundinnen begrüßten sich so stürmisch, als hätten sie sich seit Jahren nicht mehr gesehen.

»Wie schön, dich wiederzusehen! Du bist ja eine wahre Ewigkeit weg gewesen. Anne. Wie ist es dir weiter ergangen?«

»Ganz gut, glaube ich - abgesehen von Geometrie jedenfalls. Ich habe keine Ahnung, ob ich die Prüfung bestanden habe. Aber es ist wunderbar, wieder zu Hause zu sein! Green Gables ist das schönste Fleckchen Erde von der ganzen Welt.«

»Und wie geht es den anderen, Anne?«

»Moody Spurgeon, Jane und Ruby meinen, sie wären bestimmt mit Pauken und Trompeten durchgefallen. Aber ich glaube, das ist ziemlich übertrieben, jetzt kann man sowieso noch nichts sagen. Wir müssen abwarten, bis die Ergebnisse da sind, und das wird wohl noch mindestens vierzehn Tage dauern. Vierzehn Tage — wie soll ein Mensch das bloß aushalten!? Ich wünschte, ich könnte auf der Stelle einschlafen und erst aufwachen, wenn alles vorbei ist.«

Diana wusste, dass es zwecklos war, nach Gilbert Blythe zu fragen, deshalb sagte sie einfach: »Du hast es bestimmt geschafft. Mach dir keine Sorgen.«

»Lieber würde ich durchfallen, als nicht unter den Besten zu sein«, brach es aus Anne heraus. Diana verstand natürlich sofort den wahren Sinn ihrer Worte: Annes Erfolg wäre unvollständig und bitter, wenn sie es nicht schaffen sollte, Gilbert Blythe zu übertrumpfen.

Mit diesem Ziel vor Augen hatte Anne während der Prüfungen ihr Letztes gegeben und bei Gilbert war es nicht anders gewesen. Die beiden hatten sich wohl ein Dutzend Mal in der Stadt zufällig auf der Straße getroffen, dabei aber stets so getan, als würden sie sich überhaupt nicht kennen. Anne hatte ihren Kopf jedes Mal sehr hoch getragen und sich dabei immer sehnlicher gewünscht, sie hätte damals eingelenkt. Doch mit ihrer Reue wuchs auch der Wunsch, bei der Prüfung besser abzuschneiden als er. Sie wusste, dass mittlerweile schon ganz Avonlea darauf gespannt war, wer von den beiden als Erster auf der Liste erscheinen würde. Jimmy Glover und Ned Wright hatten sogar eine Wette darüber abgeschlossen und Josie Pye hatte überall verbreitet, sie würde nicht im Geringsten daran zweifeln, dass Gilbert Blythe ein besseres Ergebnis erzielen würde als Anne Shirley.

Doch es gab noch einen anderen, sehr viel edleren Grund, warum Anne die Prüfung unbedingt mit Bravour bestehen wollte: Sie wollte Marilla - und besonders natürlich Matthew - eine Freude damit machen. Matthew hatte ihr gesagt, er wäre fest davon überzeugt, dass sie alle anderen überflügeln und »die ganze Insel schlagen« würde -eine Möglichkeit, an die Anne noch nicht einmal im Traum gedacht hatte. Doch sie hoffte von ganzem Herzen, zumindest unter die ersten Zehn zu kommen, um Matthews warme braune Augen vor Stolz und Freude zum Strahlen zu bringen. Das wäre der schönste Lohn für die Plackerei mit all diesen völlig phantasielosen Gleichungen und Konjugationen.

Als die vierzehn Tage vergangen waren, begannen Anne und ihre Mitprüflinge Tag für Tag das Postamt zu belagern, mit zitternden Fingern die Zeitung aus Charlottetown aufzuschlagen und nach den Prüfungsergebnissen zu suchen. Doch vergeblich!

Eine weitere Woche verstrich und die Prüfungsergebnisse waren immer noch nicht da. Anne hatte das Gefühl, die Spannung nicht länger ertragen zu können. Ihr Appetit ließ nach, ihr Interesse an ihrer Umwelt schwand zusehends. Matthew, dessen mitfühlende Augen Annes zunehmende Blässe und ihr schleppender Gang bei der täglichen Rückkehr vom Postamt nicht entgangen waren, begann sich Sorgen um sein Mädchen zu machen. Als Mrs Lynde energisch die Ansicht vertrat, dass von einer konservativen Regierung wohl auch nichts anderes als eine endlose Verzögerung der Bekanntgabe der Prüfungsergebnisse zu erwarten sei, spielte er ernstlich mit dem Gedanken, bei der nächsten Wahl vielleicht doch für die Liberalen zu stimmen. Eines Abends war es dann aber endlich doch so weit. Anne saß an ihrem Fenster und schien beim Anblick des sommerlichen Gartens mit all seinen bunten Blumen und süßen Düften die Prüfung gerade einmal ein wenig vergessen zu haben, als sie Diana hastig über die Holzbrücke laufen und mit einer Zeitung winken sah.

Mit einem Satz war Anne auf den Beinen. Sie wusste natürlich sofort, was in der Zeitung stand, die Diana in der Hand hielt, in ihrem Kopf drehte es sich und ihr Herz schlug so heftig, dass es ihr weh tat. Sie konnte sich nicht von der Stelle bewegen.

Es schien eine kleine Ewigkeit zu dauern, bis Diana endlich zu ihr in das kleine Zimmer im Ostgiebel von Green Gables stürzte.

»Anne, du hast bestanden!«, rief sie atemlos. »Als Allerbeste zusammen mit Gilbert Blythe - ihr steht beide ganz oben, aber dein Name wird zuerst genannt! Ach, ich bin ja so stolz auf dich!«

Diana warf die Zeitung auf den Tisch und ließ sich auf Annes Bett fallen. Vor lauter Erschöpfung und Aufregung konnte sie nicht weitersprechen. Mit zitternden Fingern zündete Anne die Kerze an, wobei sie ein halbes Dutzend Streichhölzer verbrauchte, und griff dann nach der Zeitung. Ja, sie hatte bestanden - dort stand ihr Name als allererster von insgesamt zweihundert!

»Du hast es glänzend geschafft«, schnaufte Diana, die inzwischen wieder ein wenig Atem geschöpft hatte. »Vater hat die Zeitung erst vor zehn Minuten aus Bright River mitgebracht. Sie kam mit dem Nachmittagszug, mit der Post wird sie erst morgen früh hier sein. Als ich die Ergebnisse sah, bin ich gleich losgelaufen. Ihr habt alle bestanden, Moody auch, obgleich es in Geschichte bei ihm ziemlich knapp geworden ist. Jane und Ruby haben auch gut abgeschnitten, sie stehen ungefähr in der Mitte, und Charlie auch. Josie hat gerade mit Ach und Krach die erforderliche Punktzahl erreicht, aber sicherlich wird sie damit angeben, als sei sie Erste geworden. Denk nur, wie Miss Stacy sich freuen wird! Oh, Anne, was ist dafür ein Gefühl -dein Name als erster auf einer so langen Liste. Wenn ich das wäre, ich würde vor lauter Freude verrückt werden! Aber du bist so ruhig -ganz kühl.«

»Ich bin völlig durcheinander«, erklärte Anne. »Am liebsten würde ich hundert Dinge auf einmal sagen, aber ich finde gar keine Worte. An so etwas habe ich nie im Traum gedacht... oder doch ... einmal, da habe ich mich gefragt: >Was ist, wenn ich die Allerbeste werde?< Aber das erschien mir so eitel und anmaßend ... Entschuldige mich einen Moment, Diana. Ich muss hinaus aufs Feld laufen und Matthew von der Neuigkeit erzählen. Dann gehen wir sofort ins Dorf und berichten es den anderen.«

Matthew war schon seit den frühen Morgenstunden auf der Wiese hinter der Scheune und wendete Heu, als Anne zu ihm gelaufen kam. »Oh, Matthew«, rief Anne, »ich habe bestanden, und zwar als Erste -oder jedenfalls als eine der beiden Ersten! Ach, ich bin ja so froh!«

»Nun ja, ich habe es ja schon immer gesagt«, meinte Matthew und betrachtete sichtlich zufrieden die Liste in der Zeitung. »Ich wusste, dass du es leicht mit allen anderen aufnehmen könntest.«

»Das hast du sehr gut gemacht, Anne, das muss ich sagen«, lobte Manila, als sie von der Neuigkeit erfuhr. Sie stand gerade mir Mrs Lynde am Gartenzaun und versuchte, ihren großen Stolz auf Anne vor ihrer Nachbarin zu verbergen. Doch die gestrenge alte Dame sagte herzlich: »Sehr gut, Anne, das finde ich auch! Ich komme nicht umhin, dir höchstes Lob auszusprechen. Du machst deinen Freunden alle Ehre -jawohl! Wir sind alle stolz auf dich.«

29 - Ein Abend im White Sands Hotel

»Zieh dein neues weißes Kleid an«, riet Diana ihrer Freundin. Draußen dämmerte es; ein großer, noch fahler Vollmond stand über Green Gables. Die Luft war voller süßer Sommergeräusche: Die Vögel zwitscherten leise, die grünen Baumwipfel raschelten im lauen Wind und aus der Ferne waren Stimmen und fröhliches Gelächter zu hören. Doch Annes Fensterladen waren fest geschlossen. Hier im Zimmer fand gerade eine wichtige Abendtoilette statt.

Das Zimmer im Ostgiebel hatte sich sehr verändert, seit Anne vier Jahre zuvor dort ihre erste bange Nacht verbracht hatte. Langsam, aber stetig hatte sie sich in dem vormall kahlen Raum ein gemütliches kleines Nest eingerichtet.

Die Träume von Samtteppichen und rosa Seidengardinen waren freilich nicht in Erfüllung gegangen. Doch auch Träume verändern sich mit den Jahren und es ist wenig wahrscheinlich, dass Anne ihren früheren Wunschbildern nachtrauerte.

Eine hübsche Matte auf dem Fußboden und blassgrüne Musselingardinen an dem hohen Fenster waren an ihre Stelle getreten. Es gab zwar keinen goldenen Brokat, aber dafür schmückte eine einfache Tapete mit Apfelblütenmuster die Wände. Anne hatte einige Bilder aufgehängt, die ihr Mrs Allan geschenkt hatte. Miss Stacys Foto hatte einen Ehrenplatz auf Annes Kommode gefunden. Anne achtete sorgfältig darauf, die Vase davor immer mit frischen Blumen zu füllen. An jenem Abend waren es weiße Lilien, die den Raum mit einem zarten Duft erfüllten.

Anne und Diana machten sich gerade für ein Wohltätigkeitsfest fertig, das zu Gunsten des Krankenhauses von Charlottetown im White Sands Hotel stattfinden sollte, in der ganzen Umgebung hatte man nach jungen Talenten gesucht, die die Veranstaltung mit ihren Darbietungen unterstützen könnten. Berta Sampson und Pearl Clay vom Baptistenchor aus White Sands sollten ein Duett singen, Milton Clars aus Newbridge würde ein Geigensolo spielen und Winnie Adella Blair aus Carmody eine schottische Ballade zu Gehör bringen. Und Laura Spencer aus Spencervale und Anne Shirley aus Avonlea sollten Gedichte vortragen.

Dieses Fest war »ein Meilenstein« in Annes Leben — so hätte sie sich jedenfalls früher ausgedrückt und sie wusste sich vor Aufregung kaum zu fassen.

Matthew befand sich vor lauter Stolz über die Ehre, die seiner Anne zuteil werden sollte, im siebten Himmel, und Manila war nicht weniger glücklich, obgleich sie eher gestorben wäre, als dies offen zuzugeben.

Jane Andrew und ihr Bruder Billy wollten Anne und Diana abholen. Ganz Avonlea würde da sein - ja, es wurden sogar Zuschauer aus der Stadt erwartet. Nach den Darbietungen sollte es ein kaltes Buffet geben.

»Meinst du wirklich, ich soll das weiße Kleid anziehen?«, wollte Anne wissen. »Ich finde das blau geblümte schöner und das weiße ist nicht so modisch.«

»Dafür steht es dir aber besser«, erwiderte Diana. »Es ist so schön weich und fließend, das blaue sieht viel zu steif und vornehm aus. Du kannst dir eine weiße Schleife ins Haar binden und eine kleine weiße Rose, wenn du willst.«

Seufzend lenkte Anne ein. Diana hatte einen ausgezeichneten Geschmack, was Kleidung anging, und ihr Rat wurde stets befolgt.

»Soll ich meine Perlenkette tragen?«, fragte Anne nach einer Weile. »Matthew hat sie mir letzte Woche aus der Stadt mitgebracht. Ich weiß, er würde sie gerne an mir sehen.«

Diana schürzte die Lippen und neigte nachdenklich ihren Kopf, um sich schließlich zu Gunsten der Perlen zu entscheiden.

»Du hast so etwas Elegantes an dir, Anne«, stellte Diana neidlos fest. »Du siehst . . . anmutig aus. Wahrscheinlich ist es deine Figur. Ich glaube, ich bin einfach zu dick. Ich habe es schon immer befürchtet und jetzt weiß ich, dass es so ist. Naja, wahrscheinlich muss ich mich einfach damit abfinden.«

»Dafür hast du wunderschöne Grübchen«, entgegnete Anne. »Ich habe die Hoffnung auf Grübchen endgültig aufgegeben; dieser Traum wird wohl niemals in Erfüllung gehen. Aber es sind schon so viele meiner Träume wahr geworden, dass ich mich eigentlich nicht beklagen kann. - Was meinst du, bin ich jetzt fertig?«

»Ganz fertig«, versicherte Diana gerade, als Marilla das Zimmer betrat. »Kommen Sie nur herein, Miss Cuthbert, und schauen Sie sich Anne an. Sieht sie nicht wunderbar aus?«

»Hauptsache, sie macht sich das schöne Kleid nicht kaputt und erkältet sich nicht auf der langen Fahrt. Ich habe Matthew ja gleich gesagt, dass es furchtbar unpraktisch ist, aber er hört einfach nicht mehr auf mich. Wenn es darum geht, Anne etwas zu kaufen, schmeißt er mit dem Geld nur so um sich. Die Verkäufer in Carmody können ihm alles andrehen, sie brauchen ihm nur zu sagen: >Das ist zur Zeit modern.< -Pass auf, dass sich dein langes Kleid nicht in den Speichen verfängt, Anne, und nimm dir eine warme Jacke mit.«

Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer und ging wieder in ihre Küche hinunter. Äußerlich streng, war sie doch insgeheim stolz auf ihr kleines Mädchen, das in dem neuen Kleid so hübsch aussah und am Abend vor so vielen Leuten auftreten sollte.

»Bist du aufgeregt, Anne?«, fragte Diana.

»Kein bisschen. Ich habe inzwischen schon so oft Gedichte vorgetragen, dass es mir gar nichts mehr ausmacht. Zum Glück habe ich etwas Trauriges ausgewählt. Es fällt mir leichter, die Leute zum Weinen zu bringen als zum Lachen.«

»Hast du dir schon eine Zugabe überlegt, falls die Zuhörer eine fordern?«

»Sie werden nicht im Traum daran denken«, wehrte Anne ab, die sich insgeheim natürlich dennoch genau das Gegenteil erhoffte. Wie schön wäre es doch, Matthew am nächsten Morgen am Frühstückstisch von einem begeisterten Publikum berichten zu können! »Ich höre eine Kutsche kommen. Da sind Billy und Jane ja schon. Komm, schnell!«

Billy, ein dicklicher junger Mann um die Zwanzig mit einem ausdruckslosen Gesicht, bestand darauf, dass Anne vorne bei ihm auf dem Kutschbock saß. Etwas widerwillig nahm sie neben ihrem stillen Verehrer Platz; viel lieber hätte sie hinten bei den Mädchen gesessen. Auf der Straße waren schon viele Kutschen unterwegs und alle fuhren in Richtung White Sands. Überall waren fröhliches Gelächter und Geplauder zu hören.

Als sie in White Sands ankamen, war das Hotel bereits hell erleuchtet. Eine der Damen vom Wohltätigkeitsverein führte Anne gleich in die überfüllte Künstlergarderobe. Unter all den schillernden Persönlichkeiten aus der Stadt kam sich Anne jedoch plötzlich ganz klein und unbedeutend vor. Gegenüber den wertvollen Seidenstoffen, die überall um sie herum glänzten und raschelten, erschien ihr das weiße Kleid, das im Ostgiebel von Green Gables noch so hübsch und elegant gewirkt hat, auf einmal entsetzlich schlicht und unscheinbar. Was war ihre Perlenkette schon gegen die strahlenden Diamanten der großen Damen neben ihr? Und wie armselig wirkte ihre kleine weiße Rose im Vergleich zu den üppigen Blumenbuketts, die die anderen trugen! Anne legte ihren Hut und ihre Jacke ab und versteckte sich niedergeschlagen in einer dunklen Ecke. Inständig wünschte sie sich in ihr kleines Zimmer auf Green Gables zurück.

Auf der Bühne des großen Hotelsaales, auf der sie sich bald wiederfand, wurde ihr noch banger zu Mute. Das elektrische Licht blendete ihre Augen, das Parfüm und das laute Gemurmel um sie herum verwirrten ihre Sinne. Wie gerne würde sie jetzt bei Diana und Jane im Zuschauerraum sein und den Abend in Ruhe genießen können! Eingezwängt zwischen einer fülligen Dame in einem rosa Seidenkleid und einem großen, verächtlich dreinblickenden Mädchen in weißen Spitzen, saß Anne ängstlich da. Die füllige Dame drehte sich gelegentlich zur Seite und unterzog Anne durch ihre Brille einer so eingehenden Prüfung, dass Anne das Gefühl hatte, jeden Moment laut aufschreien zu müssen. Währenddessen unterhielt sich das Mädchen in weißen Spitzen lautstark mit ihrer Nachbarin über die »Bauerntölpel« und »Dorfschönheiten« im Publikum und sagte mit betont gelangweilter Stimme, die Darbietungen ländlicher Talente würden sicherlich »recht amüsant« werden. Anne meinte dieses Mädchen in seinen weißen Spitzen bis an das Ende ihres Lebens hassen zu müssen.

Zufälligerweise hielt sich gerade eine richtige Schauspielerin in White Sands auf. Sie hatte zugesagt, ebenfalls ein Gedicht vorzutragen. Die anmutige, dunkeläugige Frau trug ein wundervolles Gewand aus schimmernder grauer Seide - wie gewebte Mondstrahlen, dachte Anne - und glitzernde Juwelen. Sie hatte eine hervorragende Stimme und eine starke Ausdruckskraft. Das Publikum war begeistert und auch Anne vergaß einen Moment lang all ihre Ängste und lauschte mit leuchtenden Augen ihrem Vortrag. Doch als der Applaus einsetzte, vergrub Anne ihr Gesicht in den Händen. Nach diesem Vortrag konnte sie nicht auf die Bühne treten - nie und nimmer! Hatte sie wirklich jemals gedacht, sie könnte Gedichte vortragen? Ach, wenn sie doch nur schon wieder zurück auf Green Gables wäre!

Genau in diesem Moment wurde ihr Name aufgerufen. Wie in Trance stand Anne auf. Sie war so blass, dass sich Diana und Jane unten im Zuschauerraum vor Aufregung und Mitgefühl an der Hand fassten.

Anne hatte ganz entsetzliches Lampenfieber. So oft sie auch schon in der Öffentlichkeit aufgetreten war — vor einem solchen Publikum hatte sie noch nie gestanden. Ein einziger Blick hinunter in den Zuschauerraum genügte, um ihr die letzte Kraft zu rauben. Es war alles so fremd hier, so vornehm, so verwirrend: die langen Reihen von Damen in Abendkleidern, ihre erwartungsvollen Gesichter, die ganze Atmosphäre von Reichtum und Kultur, die sie um sich verbreiteten. Wie anders waren dagegen doch die Vortragsabende im Debattierclub gewesen - auf den schlichten Holzbänken hatte sie nur vertraute Gesichter von Freunden und Nachbarn gesehen. Hier jedoch würde sie auf gnadenlose Kritiker stoßen. Vielleicht waren sie alle - wie das Mädchen in den weißen Spitzen - nur darauf aus, sich über die »ländlichen Talente« lustig zu machen. Anne schämte sich, sie fühlte sich hilflos und unglücklich. Ihre Knie zitterten, ihr Herz pochte heftig und eine furchtbare Schwäche überkam sie. Kein Wort würde sie über die Lippen bringen! Am besten flog sie jetzt gleich von der Bühne, auch wenn dies eine schreckliche Niederlage bedeuten würde. Plötzlich fiel ihr unruhiger, ängstlicher Blick auf Gilbert Blythe, der im hinteren Teil des Zuschauerraumes saß und sie lächelnd anschaute - ein triumphierendes, höhnisches Lächeln, dachte Anne. Neben ihm saß Josie Pye und sah ebenfalls gespannt auf die Bühne. Annes Körper straffte sich. Sie nahm einen tiefen Atemzug und hob stolz den Kopf. Vor Gilbert Blythe würde sie sich keine Blöße geben! Sie würde ihm keine Gelegenheit geben, sie auszulachen - niemals! Ihre Angst wich und entschlossen begann sie mit ihrem Vortrag. Ihre klare Stimme erreichte auch noch die entlegenste Ecke des großen Saales, ohne dass ein Zittern darin zu bemerken gewesen wäre. Anne hatte ihre innere Ruhe wieder gefunden und als Reaktion auf die ausgestandene Angst fiel ihr Vortrag besser aus als je zuvor. Das Publikum belohnte sie mit einem donnernden Applaus. Als Anne, verlegen und glücklich zugleich, zurück zu ihrem Platz ging, drückte ihr die füllige Dame in dem rosa Seidenkleid herzlich die Hand.

»Das war wunderbar!«, verkündete sie. »Ich habe geweint wie ein Baby. Es wird immer noch geklatscht. Man will eine Zugabe von dir.«

»Ich kann nicht mehr«, sagte Anne verwirrt. »Und doch ... ich muss, sonst wird Matthew enttäuscht sein. Er hat gesagt, die Zuhörer würden sicherlich eine Zugabe verlangen.«

»Dann solltest du deinen Matthew auch nicht enttäuschen, finde ich«, sagte die Dame in Rosa lachend.

Mit glühenden Wangen ging Anne auf die Bühne zurück und trug ein weiteres Gedicht vor, das das Publikum in noch größere Begeisterung versetzte. Der Rest des Abends war ein einziger Triumph für sie.

Als die Darbietungen vorbei waren, nahm die füllige Dame - sie war die Frau eines amerikanischen Millionärs - Anne unter ihre Fittiche und stellte sie den anderen Gästen vor. Alle waren sehr nett zu ihr. Die Schauspielerin, Mrs Evans, kam zu ihr, um sich mit ihr zu unterhalten und ihr zu sagen, dass sie eine bezaubernde Stimme hätte. Selbst das Mädchen in den weißen Spitzen machte ihr ein Kompliment. Dann wurde im großen Speisesaal das kalte Buffet aufgetragen.

Anne seufzte tief, als sie Stunden später vor das Hotel trat und den klaren Himmel über den schwarzen Wipfeln der Tannen betrachtete. Wie gut die Stille der Nacht doch tat!

»War es nicht ein wunderbarer Abend?«, fragte Jane, als sie nach Hause fuhren. »Ich wünschte, ich wäre eine reiche Amerikanerin und könnte den ganzen Sommer in einem Hotel verbringen, Juwelen und tief ausgeschnittene Kleider tragen und jeden Tag Eiskrem und Geflügelsalat essen! Anne, dein Vortrag war einfach himmlisch — obgleich ich zuerst dachte, du würdest nie damit anfangen. Ich fand dich viel besser als Mrs Evans.«

»Oh, nein, sag so etwas nicht, Jane«, wehrte Anne ab. »Es klingt so albern. Ich könnte niemals besser sein als Mrs Evans. Sie ist eine richtige Schauspielerin — ich bin nur ein kleines Schulmädchen mit einer Schwäche für traurige Gedichte. Ich bin schon zufrieden damit, dass mein Vortrag den Leuten überhaupt gefiel.«

»Du hast übrigens ein richtiges Kompliment bekommen, Anne«, sagte Diana. »Jedenfalls meine ich, es kann nur als Kompliment gedeutet werden - nach dem Tonfall zu urteilen. Hinter Jane und mir saß nämlich ein Amerikaner, ein richtig gut aussehender Mann mit kohlrabenschwarzen Haaren und funkelnden Augen. Josie Pye meint, er sei ein bekannter Künstler, der Mann der Cousine ihrer Mutter sei mit ihm zur Schule gegangen. Auf jeden Fall hörten wir ihn sagen: >Wer ist das Mädchen mit den wundervollen tizianfarbenen Haaren? Sie hat ein Gesicht, das ich gern malen würde .. .< Da hast du es, Anne! -Was heißt >tizianfarben< überhaupt?«

»Übersetzt heißt es nichts anderes als >rot<«, lachte Anne. »Tizian war ein berühmter Maler, der am liebsten rothaarige Frauen malte.«

»Habt ihr die reichen Damen mit all ihren Diamanten gesehen?«, seufzte Jane. »Es muss wundervoll sein, wenn man reich ist!«

»Wir sind reich«, erwiderte Anne entschieden. »Wir sind sechzehn Jahre alt, wir sind glücklich - und wir haben Phantasie! Schaut euch das Meer an, wie es dort drüben silbrig schimmert - hell und doch voller Schatten und unergründlicher Geheimnisse. Selbst wenn wir Millionen Dollar und meterlange Diamantketten hätten - es könnte nicht schöner für uns sein. Wer von uns würde denn wirklich mit einer dieser reichen Damen tauschen wollen, Jane? Würdest du tatsächlich dieses Mädchen im weißen Spitzenkleid sein wollen und dein Leben lang mit einem sauertöpfischen Gesicht herumlaufen? Oder die Amerikanerin mit dem rosa Seidenkleid? Sie mag ja ganz nett sein, aber sie ist so schrecklich dick, dass man ihre Figur gar nicht mehr erkennen kann. Oder selbst Mrs Evans mit diesem abgrundtief traurigen Blick in den Augen? Sie muss in ihrem Leben furchtbares Leid erfahren haben, um einen solchen Blick zu bekommen. Ich weiß ganz genau, du würdest mit keiner von ihnen wirklich tauschen wollen, Jane Andrews!«

»Ich weiß nicht...«, antwortete Jane nicht ganz überzeugt. »Ich glaube, Diamanten können einen über eine ganze Menge hinwegtrösten.«

»Ich bin mir da jedenfalls ganz sicher. Auch wenn ich nie im Leben von Diamanten >getröstet< werde - ich bin Anne auf Green Gables, und ich bin damit zufrieden. Mag meine Perlenkette auch recht bescheiden wirken - ich weiß genau, dass Matthew sie mir mit mehr Liebe geschenkt hat, als alle Juwelen der Welt aufwiegen könnten.«

30 - Heimweh nach Green Gables

ln den nächsten drei Wochen wurden allerlei Vorbereitungen für Annes Jahr auf dem Queen’s College in Charlottetown getroffen. Es gab vieles zu besprechen und zu organisieren. Marilla war vor allem mit den Näharbeiten für Annes reichhaltige Ausstattung beschäftigt. Matthew hatte für einige neue, hübsche Kleider gesorgt und Marilla hatte gegen seine Käufe und Vorschläge keinerlei Einwände erhoben. Ja, eines Abends stieg sie sogar von sich aus mit einem Stück zarten, blassgrünen Stoffes die Treppe zum Ostgiebel hinauf.

»Schau mal, Anne, das könnte ein schönes, leichtes Kleid für dich geben. Du brauchst zwar eigentlich keines mehr, aber ich dachte, es könnte nicht schaden, wenn du etwas richtig Feines hättest, falls dich einmal jemand in der Stadt einlädt, zu einer Party zum Beispiel oder zu irgendeiner Veranstaltung. Ich habe gehört, dass Jane, Ruby und Josie auch »Abendkleider« haben und du sollst doch nicht hinter ihnen zurückstehen müssen.«

»Oh, Marilla, der Stoff ist wunderschön!«, rief Anne. »Vielen, vielen Dank. Du bist viel zu gut zu mir - das macht es mir jeden Tag schwerer von euch fortzugehen.«

Das blassgrüne Kleid wurde mit so vielen Biesen, Rüschen und Steppnähten versehen, wie Marillas Nähkunst nur hergaben. Anne zog es eines Abends an und trug in der Küche die Gedichte vor, die sie im White Sands Hotel aufgesagt hatte. Nachdenklich betrachtete Marilla das strahlende, lebhafte Gesicht und die anmutigen Bewegungen des jungen Mädchens. Ihre Gedanken wanderten zurück zu dem Abend, als Anne auf Green Gables angekommen war. Die Erinnerung an das hagere, verängstigte Kind im gelbgrauen Flanellkleid trieb Marilla Tränen in die Augen.

»Oh, Marilla, ich habe dich zum Weinen gebracht«, sagte Anne glücklich, beugte sich über Marillas Sessel und drückte ihr einen herzhaften Kuss auf die Wange. »Wenn das kein Erfolg ist!«

»Nein, es war nicht dein Vortrag«, gestand Marilla offen. »Ich musste an das kleine Mädchen denken, das du früher gewesen bist, Anne. Einen Moment lang habe ich mir gewünscht, du hättest immer so bleiben können - trotz all der Eigenheiten, die du damals hattest. Du bist jetzt erwachsen geworden, du wirst uns bald verlassen. Du siehst so ... anders aus in diesem neuen Kleid ... so, als würdest du gar nicht nach Avonlea gehören ... und da habe ich mich auf einmal ganz einsam gefühlt.«

»Marilla!« Anne setzte sich auf Marillas Schoß, nahm das faltige Gesicht der alten Frau in beide Hände und sah ihr ernst und zärtlich in die Augen. »Ich bin überhaupt nicht anders geworden - jedenfalls nicht wirklich. Es ist ganz egal, wohin ich gehe oder wie sehr ich mich äußerlich verändere - in meinem Innersten werde ich immer deine kleine Anne sein und dich und Matthew und auch Green Gables jeden Tag nur noch mehr ins Herz schließen.«

Liebevoll schmiegte Anne sich an Marilla und streckte eine Hand aus, um sie auf Matthews Schultern zu legen. Was hätte Marilla in diesem Moment nicht alles dafür gegeben, ihre Gefühle ebenso in Worte kleiden zu können wie Anne! Sie schloss beide Arme fest um ihr Mädchen und drückte es zärtlich an sich.

In Matthews Augen glitzerte es verdächtig. Er stand auf und ging hinaus in die sternenklare Nacht. Die Pappeln am Tor von Green Gables raschelten sanft im Wind.

»Nun, ich glaube nicht, dass die Kleine verwöhnt ist«, murmelte er stolz vor sich hin. »Es hat ihr nicht geschadet, dass ich mich von Zeit zu Zeit doch einmal eingemischt habe. Anne ist ein kluges, hübsches Mädchen - und sie hat ein warmes Herz, das ist das Wichtigste von allem. Sie war ein Segen für uns. Selten hat es ein glücklicheres Missverständnis gegeben als das damals zwischen uns und Mrs Spencer.

Ob es überhaupt Zufall war? Ich glaube fast, die göttliche Vorsehung hatte die Hand im Spiel. Der Allmächtige muss wohl gewusst haben, dass wir die Kleine brauchten.«

Schließlich kam der Tag der Abreise. Nach einem tränenreichen Abschied von Diana brachte Matthew Anne in die Stadt. Der Abschied von Marilla war weniger tränenreich und - zumindest von Manilas Seite - eher sachlich gewesen. Als Anne aber abgefahren war, trocknete Diana ihre Tränen und fuhr fröhlich mit ihren Cousinen aus Carmody zum Strandpicknick nach White Sands hinüber, während Marilla sich verbissen in die Hausarbeit stürzte, um ihren heftigen Schmerz zu vergessen. Es war ein Schmerz, der tief im Herzen brannte und sich nicht so schnell in Tränen auflösen ließ. Erst als Marilla abends ins Bett ging und dabei an das kleine Zimmer im Ostgiebel dachte, das nun leer stand, fing sie an zu schluchzen. Sie vergrub ihr Gesicht im Kopfkissen und weinte sich in den Schlaf.

Annes erster Tag auf dem College war recht aufregend und spannend. Sie lernte ihre Mitstudenten und Professoren kennen und stellte ihren Stundenplan zusammen. Auf Miss Stacys Rat hin hatte Anne genau wie Gilbert Blythe den Kurs für das »Große Lehrerexamen« belegt, der normalerweise zwei Jahre in Anspruch nahm. Sie wollten versuchen, das Examen schon nach einem Jahr abzulegen, mussten dafür allerdings doppelt so hart arbeiten wie die anderen. Jane, Ruby, Josie, Charlie und Moody Spurgeon wollten sich mit dem »Kleinen Examen« zufrieden geben.

Ein Gefühl plötzlicher Einsamkeit befiel Anne, als sie sich in dem großen Unterrichtssaal des Colleges wieder fand. Um sie herum saßen fünfzig andere Studenten, von denen sie nicht einen kannte - abgesehen natürlich von dem großen, dunkelhaarigen Jungen auf der anderen Seite des Raumes. Die besondere Art ihrer Bekanntschaft würde es ihr auf dem College nicht gerade einfacher machen, dachte Anne. Auf eine Weise jedoch war sie allerdings froh, dass Gilbert und sie den gleichen Kurs belegt hatten: Der alte Wettkampf zwischen ihnen konnte nun wiederweitergehen. Was hätte Anne ohne Gilbert anfangen sollen?

Noch einsamer fühlte sich Anne, als sie nachts allein in ihrem kleinen Zimmer lag. Die anderen Mädchen waren alle bei Verwandten in der Stadt untergekommen und auch Miss Josephine Barry hätte Anne liebend gern bei sich aufgenommen. Doch Beechwood lag so weit vom College entfernt, dass es leider nicht in Frage kam. Miss Barry hatte sich nach einer Pension umgesehen und ein Zimmer für Anne gemietet.

»Die Pensionswirtin ist eine ehrenwerte Dame«, hatte sie Marilla und Matthew erklärt. »Ihr verstorbener Mann war ein britischer Offizier. Sie legt großen Wert auf den guten Ruf ihrer Gäste, es besteht also keine Gefahr, dass Anne mit zwielichtigen Personen in Berührung kommt. Sie wird dort gut aufgehoben sein. Das Essen ist gut und das Haus liegt in einer ruhigen Gegend ganz in der Nähe des Colleges.« All das mochte durchaus stimmen, doch Annes quälendes Heimweh wurde dadurch nicht geringer. Traurig sah sie sich in dem kleinen Raum um, betrachtete die kahlen Wände, das große Eisenbett und das leere Bücherbord. Ihr Hals war wie zugeschnürt, als sie an ihr gemütliches Nest auf Green Gables dachte. Statt Wiesen, Felder und Bäume konnte sie hier nur Hausdächer, Straßen und Telefonmasten sehen. Und statt Dianas Fenster, das durch die Zweige schimmerte, blinkten ihr hier Tausende von hell erleuchteten Fenstern entgegen, hinter denen fremde Menschen wohnten.

Sie dachte an Matthew, der ohne sie zurück nach Hause gefahren war, und an Marilla, die bestimmt am Gartenzaun auf ihn gewartet hatte. Tränen traten in ihre Augen. Sie hätte sicherlich angefangen zu weinen, hätte nicht in diesem Moment jemand an ihre Tür geklopft.

Es war Josie Pye. Vor lauter Freude, ein vertrautes Gesicht zu sehen, vergaß Anne alle Misshelligkeiten, die es zwischen ihr und Josie gegeben hatte: Als ein Teil von Avonlea war ihr selbst Josie Pye willkommen.

»Ich bin froh, dass du gekommen bist«, sagte Anne aufrichtig.

»Hast du geweint?«, erkundigte sich Josie mit heuchlerisch mitleidiger Stimme. »Du hast wohl Heimweh, was? Es gibt Leute, die haben überhaupt keine Selbstbeherrschung! Ich jedenfalls habe nicht die geringste Absicht, mich im Heimweh nach dem langweiligen, kleinen Avonlea zu suhlen - die Stadt ist viel zu aufregend dazu! Hör auf zu weinen, Anne, das ist schlecht für den Teint. Deine Nase und deine Augen werden rot und am Ende kann man dein Gesicht nicht mehr von deinen Haaren unterscheiden. - Ich hatte heute einen herrlichen Tag auf dem College. Unser Französischlehrer ist einfach süß! Wenn ich auf diesen Schnurrbart sehe, wird mir schon ganz schwindelig... Hast du irgendetwas Essbares da, Anne? Ich habe fürchterlichen Hunger. - Ah, ich wusste doch, dass Marilla dir einen ihrer sagenhaften Kuchen mitgeben würde. Deshalb bin ich auch vorbeigekommen. Sonst wäre ich mit Frank Stockley in den Park gegangen. Er wohnt im gleichen Haus wie ich - ein feiner Kerl! Du bist ihm heute auf dem College übrigens aufgefallen. Er fragte mich, ob ich dich kennen würde, und ich habe ihm erzählt, du seist ein Waisenkind, das die Cuthberts adoptiert hätten, aber man wüsste nicht so genau, was du eigentlich vorher gemacht hast.«

Anne fragte sich gerade, ob selbst die traurigste Einsamkeit nicht vielleicht doch besser zu ertragen war als die Gesellschaft von josie Pye, als es abermals an der Tür klopfte und Jane und Ruby ins Zimmer traten. Da Josie nach einem Streit »kein Sterbenswörtchen« mehr mit Jane sprach, musste sie sich wohl oder übel in Schweigen hüllen. »Mir ist, als wären seit heute Morgen schon Monate vergangen«, seufzte Jane. »Eigentlich sollte ich zu Hause sein und meinen Vergil lesen - dieser fürchterliche alte Professor hat uns bis morgen zwanzig Zeilen aufgebrummt-, aber ich konnte mich heute Abend einfach nicht konzentrieren. Hast du geweint, Anne? Das tröstet mich. Ich war auch gerade in Tränen aufgelöst, als Ruby vorbeikam. -Ja, danke, ich nehme auch ein Stück Kuchen. Hm, das schmeckt so richtig nach Avonlea!«

Ruby sah das Jahrbuch des Colleges auf dem Tisch liegen und fragte, ob Anne vielleicht versuchen wollte, die Goldmedaille zu gewinnen? Anne errötete und gab zu, dass sie bereits daran gedacht hatte. »Das erinnert mich an etwas«, warf Josie ein. »Das Queen’s College soll eins der >Avery-Stipendien< bekommen. Frank Stockley hat es mir erzählt, sein Onkel ist nämlich im Direktorium. Morgen soll es bekannt gegeben werden.«

Ein Avery-Stipendium! Anne fühlte ihr Herz schneller schlagen. Wie von Geisterhand wurde der Horizont ihrer ehrgeizigen Träume um Meilen erweitert. Bisher war es Annes höchstes Ziel gewesen, nach einem Jahr das Lehrerexamen abzulegen und vielleicht die Goldmedaille zu gewinnen. Aber mit einem Avery-Stipendium ein richtiges Studium am Redmond College beginnen und in Talar und Doktorhut ein Zeugnis überreicht zu bekommen - das war freilich eine noch viel verlockendere Aussicht!

Ein reicher Fabrikbesitzer aus New Brunswick hatte vor einiger Zeit sein Vermögen einer Stiftung vermacht, die den erfolgreichsten College-Studenten aus der Provinz ein Studium ermöglichen sollte. Lange Zeit war es fraglich gewesen, ob das Queen’s College mit in den Kreis der auserwählten Bildungsanstalten aufgenommen werden sollte, doch jetzt war es eine beschlossene Sache. Wer die beste Note des Jahrgangs in der Englischprüfung erziele, sollte das Stipendium gewinnen: vier Jahre lang jeweils zweihundertfünfzig Dollar jährlich für ein Studium am Redmond College. Kein Wunder, dass Anne in jener Nacht mit glühend roten Wangen ins Bett stieg!

»Ich werde versuchen das Stipendium zu gewinnen, und wenn ich noch so hart dafür arbeiten muss«, nahm sie sich vor. »Wäre Matthew nicht stolz auf mich, wenn ich einen richtigen Titel bekäme? Ach, wie schön es ist, ehrgeizige Pläne zu haben! Irgendwie scheinen sie nie aufzuhören. Wenn man die eine Stufe erreicht hat, sieht man schon die nächste vor sich. Das ist es, was das Leben so interessant macht.«

31 - Das Jahr auf dem Queen’s College

Da Anne an den Wochenenden oft nach Hause fahren konnte, ließ ihr Heimweh langsam nach. Solange das Wetter gut genug war, fuhren die College-Studenten aus Avonlea jeden Freitag mit der neuen Eisenbahn nach Carmody. Diana und die anderen jungen Leute erwarteten sie schon am Bahnhof und in einer lustigen Schar ging es dann gemeinsam über die Felder nach Avonlea. Auf diese Freitagabende, an denen sie in der frischen Herbstluft über die gelben Stoppelfelder den Lichtern von Avonlea entgegenzogen, freute sich Anne schon die ganze Woche über.

Gilbert Blythe ging fast immer neben Ruby Gillis und trug ihre Tasche für sie. Ruby war zu einer hübschen kleinen Dame herangewachsen und bildete sich mächtig viel auf ihr Aussehen ein. Sie trug ihre Röcke so lang, wie es ihre Mutter nur erlaubte, und steckte in der Stadt bereits ihre Haare hoch, obwohl sie sich immer wieder umfrisieren musste, wenn sie nach Hause kam. Sie hatte große hellblaue Augen, einen herrlichen Teint und eine auffallend gute Figur. Sie war immer fröhlich und ausgelassen und genoss das Leben in vollen Zügen.

»Ich glaube nicht, dass Gilbert Mädchen wie sie wirklich mag«, flüsterte Jane Anne zu.

Anne war der gleichen Meinung, sagte es aber nicht. Wie oft hatte sie schon im Stillen daran gedacht, dass es schön sein müsse, einen Freund wie Gilbert zu haben, mit dem sie scherzen und plaudern und Gedanken über Bücher und Pläne austauschen könnte. Gilbert hatte genauso ehrgeizige Pläne wie sie und Ruby Gillis schien nicht gerade die Person zu sein, mit der man solche Pläne ernsthaft besprechen konnte.

Wenn sie und Gilbert zusammen vom Bahnhof nach Hause gehen würden, dachte Anne, würden sie bestimmt die interessantesten Gespräche führen: über die neuen Welten, die sich ihnen auf dem College eröffneten, über ihre Hoffnungen und Pläne. Gilbert war klug und machte sich über vieles Gedanken. Ruby Gillis hatte Jane Andrews gestanden, dass sie die Hälfte von dem, was Gilbert ihr erzählte, gar nicht verstand - er würde genauso reden wie Anne Shirley, wenn sie einen ihrer Geistesblitze hatte. Sie für ihren Teil machte sich nichts aus Büchern und solchen Dingen. Frank Stockley sei da schon viel schneidiger, leider allerdings nur halb so hübsch wie Gilbert - sie könne sich einfach nicht entscheiden, welchen der beiden sie eigentlich lieber mochte!

Nach den Weihnachtsferien gaben die Studenten und Studentinnen aus Avonlea ihre Wochenendbesuche zu Hause auf und widmeten sich von nun an ganz ihrer Arbeit. Auf dem College hatten sich schon fest Grüppchen und Cliquen gebildet, in den Kursen hatte jeder einen seiner Leistung entsprechenden Platz eingenommen. Die Zahl der Anwärter auf die Medaille war auf drei geschrumpft: Gilbert Blythe, Anne Shirley und Lewis Wilson. Bei dem Aveiy-Stipendium war man sich nicht ganz so sicher. Sechs Personen wurden zum engen Kreis der Bewerber gerechnet - Anne war unter ihnen.

Aber auch die anderen Schüler aus Avonlea hatten ihre Erfolge zu verzeichnen: Ruby Gillis wurde zum hübschesten Mädchen des Jahrgangs gewählt, Jane Andrews schnitt als Beste beim Hauswirtschaftskurs ab und Josie Pye erlangte als scharfzüngigste junge Dame des Colleges eine gewisse Berühmtheit. Miss Stacys ehemalige Schüler hielten also in der Arena der akademischen Bildung durchaus ihre Stellung.

Anne arbeitete fleißig und zielstrebig. Ihre Rivalität mit Gilbert war genauso stark wie damals an der Schule von Avonlea, doch hatte sie einiges von ihrer Bitterkeit verloren. Anne wollte jetzt nicht mehr deshalb gewinnen, um Gilbert etwas heimzuzahlen, sondern um einen wohl verdienten Sieg über einen würdigen Gegner davonzutragen.

Die meisten ihrer freien Stunden verbrachte Anne auf Beechwood. Sonntags aß sie dort zu Mittag und ging mit Miss Barry zum Gottesdienst. Dianas Tante war, wie sie selbst sagte, spürbar älter geworden, doch ihre schwarzen Augen und ihre schnelle Zunge hatten nichts von ihrer Schärfe eingebüßt. Wenn sie auch noch so streng über andere Menschen urteilte - Anne war und blieb ihr unbestrittener Liebling.

»Die kleine Anne gefällt mir immer besser«, pflegte sie zu sagen. »Eigentlich finde ich kleine Mädchen schnell langweilig - sie sind sich alle so ähnlich. Anne aber hat so viele schillernde Farben wie ein Regenbogen und eine Farbe ist schöner als die andere! Zuerst fand ich sie nur amüsant, aber jetzt hat sie mein Herz gewonnen. Ich mag Leute, die mich dazu bringen, dass ich sie mag. Das erspart mir die Mühe, mich dazu zu zwingen, sie zu mögen.«

Es kam der Frühling. Draußen in Avonlea blühten die ersten Blumen und ein Hauch von Grün legte sich über die Wiesen und Wälder. Die College-Studenten in Charlottetown hatten jedoch nichts anderes im Sinn als die bevorstehende Prüfungen.

»In den letzten zwei Wochen habe ich sieben Pfund abgenommen«, seufzte Jane, als sie eines Abends mit den anderen Mädchen bei Anne zu Besuch war. »Andere Leute können mir tausendmal sagen: >Mach dir keine Sorgen< - ich mache mir ja doch welche. Ach, es wäre schrecklich, wenn ich durchfallen würde, wo das Jahr hier so viel Geld gekostet hat!«

»Mich kann das gar nicht rühren«, sagte Josie Pye. »Wenn ich dieses Mai durchfalle, komme ich eben nächstes Jahr wieder. Mein Vater kann es sich leisten. - Übrigens, Anne: Frank Stockley hat mir erzählt, Professor Tremaine hat gesagt, Gilbert Blythe würde wahrscheinlich die Medaille gewinnen und Emily Clay das Avery-Stipendium.«

»Darüber zerbreche ich mir erst morgen wieder den Kopf, Josie«, lachte Anne, die während des Gesprächs verträumt aus dem Fenster geschaut und die dicken Knospen an dem Kastanienbaum vor dem Fenster betrachtet hatte. »Im Moment habe ich das Gefühl, solange die Veilchen in der Senke unterhalb von Green Gables blühen und die kleinen Farnwedel in der >Liebeslaube< ihre Köpfe aus dem Gras stecken, ist es mir ganz egal, ob ich das Avery-Stipendium gewinne oder nicht. Lasst uns doch von etwas anderem sprechen! Seht euch den Himmel über den Häusern an und stellt euch vor, wie er sich wie eine blaue Glocke über den Buchenwäldern von Avonlea wölbt.«

»Was wollt ihr auf der Abschlussfeier tragen?«, lenkte Ruby das Gespräch wieder in weniger poetische Bahnen zurück.

Jane und Josie antworteten gleichzeitig, und es entspann sich ein munteres Gespräch über die verschiedenen Fragen der neuesten Mode. Anne beteiligte sich nicht an dem Geplauder der Mädchen. Beide Ellenbogen auf den Fenstersims gestützt, sah sie zum Fenster hinaus und hing ihren Zukunftsträumen nach. Das Leben lag vor ihr ausgebreitet wie ein verheißungsvoller, bunter Teppich, dessen Muster entworfen, aber noch längst nicht festgelegt war.

32 - Wieder zu Hause

An dem Morgen, an dem die Ergebnisse der Abschlussprüfung am großen Bekanntmachungsbrett vom Queen’s College ausgehängt werden sollten, gingen Jane und Anne gemeinsam die Straße hinunter. Jane lächelte glücklich: Die Prüfungen waren vorüber und sie war sich ziemlich sicher, dass sie sie bestanden hatte. Alles weitere interessierte sie nicht. Sie war nicht besonders ehrgeizig; mit einem durchschnittlichen Ergebnis wäre sie vollauf zufrieden. Anne dagegen wirkte blass und still. Innerhalb der nächsten zehn Minuten würde sie erfahren, wer die Medaille und wer das Avery-Stipendium gewonnen hatte - über diese zehn Minuten hinaus mochte sie gar nicht denken.

»Eine der beiden Auszeichnungen geht bestimmt an dich«, tröstete Jane ihre Freundin. Sie konnte sich überhaupt nicht vorstellen, dass der Prüfungsausschuss eine andere Entscheidung treffen könnte. »Ich mache mir keine Hoffnungen auf das Stipendium mehr«, meinte Anne resigniert. »Alle sagen, Emily Clay würde es gewinnen. Nein, ich werde nicht zum Anschlagbrett gehen und vor allen anderen dumm dastehen. Bitte, lies du das Ergebnis und komm dann zu mir. Aber ich flehe dich im Namen unserer alten Freundschaft an, dich um Himmels willen zu beeilen. Wenn ich durchgefallen bin, dann sag es mir gleich, ohne drum herumzureden und es mir schonend beibringen zu wollen. Und was immer auch passiert: Hab kein Mitleid mit mir. Willst du mir das versprechen, Jane?«

Jane gelobte es feierlich - was allerdings gar nicht nötig gewesen wäre, wie sich bald herausstellte. Als die beiden nämlich die breiten Stufen zum Queen’s College hinaufliefen, kamen ihnen die Jungen ihres Jahrgangs schon jubelnd entgegen. Auf ihren Schultern trugen sie Gilbert Blythe. »Hoch, Gilbert Blythe, der Gewinner der Goldmedaille!«

Dieser Anblick versetzte Anne einen kurzen, heftigen Stich der Enttäuschung. Gilbert hatte sie geschlagen! Was würde Matthew dazu sagen? Er war sich so sicher gewesen, dass seine Anne als Beste abschneiden würde.

Plötzlich rief jemand laut: »Ein dreifaches Hoch auf Anne Shirley, die Gewinnerin des Avery-Stipendiums!«

»Oh, Anne«, flüsterte Jane, »ich bin ja so stolz auf dich! Ist das nicht wunderbar?«

Anne wurde umringt und mit Glückwünschen nur so überschüttet. Alle wollten ihr auf die Schulter klopfen und ihr die Hand schütteln. >Wie werden sich Matthew und Marilla freuen!<, dachte sie im Stillen. >Ich muss es ihnen gleich heute noch schreiben.<

Eine Woche später fand die Abschlussfeier in der großen Halle des Colleges statt. Es wurden verschiedene Ansprachen gehalten, Aufsätze verlesen und Lieder gesungen. Anschließend gab es eine öffentliche Verleihung der Zeugnisse, Preise und Medaillen.

Matthew und Marilla waren eigens zur Feier in die Stadt gekommen. Dabei interessierten sie die Darbietungen auf der Bühne gar nicht besonders. Sie hatten nur für Anne Augen und Ohren und lauschten wie gebannt, als sie den besten Aufsatz vorlas und man sich im Publikum zuflüsterte, dies sei die Gewinnerin des Avery-Stipendiums.

»Jetzt bist du doch auch froh, dass wir sie damals behalten haben, nicht wahr, Marilla?«, fragte Matthew seine Schwester leise.

»Es ist nicht das erste Mal, das ich darüber froh bin«, versetzte Marilla. »Du willst mir das wohl wieder einmal aufs Butterbrot schmieren, Matthew Cuthbert!«

Miss Barry, die eine Reihe hinter ihnen saß, lehnte sich nach vorne und piekte Marilla mit ihrem Sonnenschirm in den Rücken. »Sind Sie auch so stolz auf die kleine Anne wie ich?«, fragte sie.

An jenem Abend fuhr Anne mit Matthew und Marilla nach Avonlea. Seit April war sie nicht mehr zu Hause gewesen und sie hatte das Gefühl, sie könnte auch nicht einen Tag länger warten. Diana begrüßte sie am Tor von Green Gables. Zusammen gingen sie in Annes Zimmer, wo Marilla eine blühende Zimmerrose auf die Fensterbank gestellt hatte. Anne sah sich glücklich um und ließ einen Seufzer hören. »Oh, Diana, es ist so schön, wieder hier zu sein, den Obstgarten und die gute, alte >Schneekönigin< zu sehen - und vor allem dich, Diana!«

»Ich dachte schon, du hättest deine Freundinnen in der Stadt lieber als mich«, sagte Diana vorwurfsvoll. »Josie Pye hat mir erzählt, wie viele Freundinnen du hast. Sie meinte, du seist ganz vernarrt in sie.«

»Ach, Diana«, lachte Anne, »du bist und bleibst meine einzige Busenfreundin, das weißt du doch! Ich habe dir so viel zu erzählen. Aber jetzt möchte ich am liebsten nur hier sitzen und dich anschauen. Ich bin müde, glaube ich - müde von der Arbeit und all der Aufregung. Morgen werde ich zwei geschlagene Stunden damit verbringen, unten im Obstgarten im Gras zu liegen und an gar nichts zu denken.«

»Du hast die Prüfungen glänzend bestanden, Anne. Aber jetzt, wo du das Avery-Stipendium gewonnen hast, wirst du doch sicherlich nicht als Lehrerin an die Schule gehen, oder?«

»Nein, ich gehe im September auf das Redmond College. Ist das nicht wunderbar? Nach drei langen, goldenen Monaten hier werde ich wahrscheinlich auch wieder genug Kräfte gesammelt haben, um mich auf das Studium zu freuen. Jane und Ruby wollen gleich eine Stelle als Lehrerin annehmen. Ist das nicht herrlich, dass wir es alle geschafft haben, sogar Moody Spurgeon und Josie Pye?«

»Jane hat schon die Schule in Newbridge angeboten bekommen«, erzählte Diana. »Gilbert Blythe wird ebenfalls unterrichten. Sein Vater kann es sich nicht leisten, ihn im nächsten Jahr weiterstudieren zu lassen, Gilbert muss jetzt selbst Geld verdienen. Wahrscheinlich wird er die Schule in Avonlea bekommen, wenn Miss Anne tatsächlich nach Redmond geht.«

Überrascht stellte Anne fest, dass diese Neuigkeit sie enttäuschte. Sie hatte erwartet, Gilbert würde ebenso wie sie im Herbst in Redmond weiterstudieren. Was sollte sie ohne ihren alten Rivalen dort anfangen? Würde das Lernen ihr dann überhaupt noch Spaß machen?

Am nächsten Morgen beim Frühstück fiel Anne auf, dass Matthew gar nicht gut aussah. Er wirkte viel blasser und schwächer als früher. »Marilla«, fragte sie zögernd, als Matthew hinaus aufs Feld gegangen war, »ist Matthew nicht gesund?«

»Nein«, antwortete Marilla besorgt. »Sein Herz hat ihm das ganze Frühjahr über mächtig zu schaffen gemacht, aber er will sich nicht schonen. Ich mache mir große Sorgen um ihn. Seitdem wir Martin eingestellt haben, geht es allerdings schon ein wenig besser. Er ist ein guter Arbeiter und kann Matthew vieles abnehmen. Ich hoffe, Matthew erholt sich wieder. Es wird ihm bestimmt gut tun, dass du da bist. Du schaffst es immer ihn aufzuheitern.«

Anne beugte sich über den Tisch und nahm Marillas Gesicht in beide Hände.

»Du siehst auch nicht so gut aus, wie ich mir das eigentlich wünsche, Marilla. Du wirkst erschöpft und überarbeitet. Jetzt, wo ich zu Hause bin, solltest du dich ein wenig ausruhen. Ich nehme mir nur noch heute frei, um alle meine alten Lieblingsplätze zu besuchen und auf den Spuren meiner alten Träume zu wandeln - dann bist du an der Reihe und darfst nach Herzenslust faulenzen. Ich werde deine Arbeit übernehmen.«

Marilla lächelte Anne liebevoll an. »Die Arbeit ist nicht Schuld, Anne, es ist mein Kopf. Ich habe jetzt immer öfter diese furchtbaren Schmerzen hinter den Augen. Doktor Spencer hat es mit neuen Brillengläsern versucht, aber das hat auch nicht geholfen.

Ende Juni kommt ein bekannter Augenspezialist auf die Insel und der Doktor meint, ich sollte mich unbedingt von ihm untersuchen lassen. Das muss ich wohl auch, denn inzwischen kann ich weder richtig nähen noch lesen. - Aber, Anne, du hast dich großartig geschlagen auf dem College. Das >Große Lehrerexamen< in nur einem Jahr und dann noch das Avery-Stipendium! Mrs Lynde sagt zwar immer, Hochmut käme vor dem Fall und von der höheren Bildung für Frauen hielte sie überhaupt nichts, weil es die Frauen nur von ihren natürlichen Aufgaben abhalten würde - aber davon glaube ich kein einziges Wort. Da wir gerade von Rachel sprechen . .. mir fällt da noch etwas anderes sein: Hast du in letzter Zeit etwas über die Abbey-Bank gehört, Anne?«

»Ja, ich habe gelesen, dass sie ins Wackeln gekommen ist«, antwortete Anne. »Warum fragst du?«

»Genau das hat mir Rachel auch neulich erzählt. Sie war letzte Woche dort und hat Besorgnis erregende Dinge gehört. Matthew macht sich große Sorgen. Alle unsere Ersparnisse liegen seit geraumer Zeit auf dieser Bank - bis auf den letzten Pfennig. Ich wollte ja damals zu einer Sparkasse gehen, aber Matthew meint, Mr Abbey sei ein guter Freund unseres Vaters gewesen und er hätte immer alle seine Geschäfte mit ihm abgewickelt. Einer Bank mit Mr Abbey an der Spitze könne jeder vertrauen.«

»Ich glaube, er ist seit vielen Jahren nur noch auf dem Papier Besitzer der Bank«, sagte Anne. »Er ist schon sehr alt, seine Neffen haben längst die Geschäfte übernommen.«

»Als Rachel uns von den Gerüchten erzählt hat, wollte ich, dass wir gleich unser Geld abheben. Aber gestern hat Mr Russell zu Matthew gesagt, die Bank wäre doch nicht in Gefahr.«

Wie sie sich vorgenommen hatte, verbrachte Anne den ganzen Tag draußen im Freien. Es war ein sonniger, klarer Tag, voller Blüten und Frühlingsdüfte. Anne stattete dem Obstgarten, dem »Nymphenteich«, »Willowmere« und dem »Veilchental« einen Besuch ab und schaute dann im Pfarrhaus vorbei, um sich eine Weile mit Mrs Allan zu unterhalten. Am Abend ging sie mit Matthew durch die »Liebeslaube« zur Weide hinunter, um die Kühe zu holen. Die Wälder glühten im Licht der untergehenden Sonne und ein warmer Wind strich über die Felder und Wiesen. Matthew ging sehr langsam, sein Rücken war tief gebeugt.

»Du hast heute wieder viel zu hart gearbeitet, Matthew«, sagte sie vorwurfsvoll. »Warum gehst du die Dinge nicht ein wenig lockerer an?«

»Hm . . . irgendwie kann ich das nicht«, antwortete Matthew nachdenklich, während er das Tor zur Kuhweide langsam öffnete. »Ich werde eben alt, Anne - bloß, ich vergesse es immer wieder. Ich habe mein ganzes Leben hart gearbeitet und wahrscheinlich werde ich auch eines Tages bei meiner Arbeit sterben.«

»Wenn ich der Junge gewesen wäre, nach dem ihr Mrs Spencer damals nach Nova Scotia geschickt habt«, sagte Anne wehmütig, »dann hätte ich dir bei der Arbeit unter die Arme greifen können.«

»Ach, Anne! Du bist mir lieber als ein ganzes Dutzend Jungen zusammen«, sagte Matthew und nahm Anne bei der Hand. »Merk dir das gut: lieber als ein ganzes Dutzend Jungen zusammen. Und außerdem: War es etwa ein Junge, der das Avery-Stipendium gewonnen hat? Nein! Es war ein Mädchen -mein Mädchen, auf das ich sehr stolz bin!«

Voller Liebe lächelte er sie an.

Anne nahm die Erinnerung an dieses Lächeln mit, als sie am Abend in ihr Zimmer ging, um noch lange am offenen Fenster zu sitzen, an die Vergangenheit zu denken und von der Zukunft zu träumen. Draußen schimmerte weiß die »Schneekönigin« im Mondschein, vom Sumpf jenseits von Orchard Slope war der Gesang der Frösche zu hören. Anne sollte sich an die silberne, friedliche Schönheit dieser Nacht noch ihr ganzes Leben lang erinnern. Es war die letzte Nacht, bevor der Tod in ihr Leben trat.

33 - Schnitter Tod

»Matthew! Matthew! Was ist los mit dir? Matthew, fühlst du dich nicht wohl?«

Manilas Stimme klang zutiefst besorgt. Anne kam schnell durch den Flur herbeigelaufen. In ihren Armen hielt sie einen großen Strauß weißer Narzissen - es sollte sehr lange dauern, bis sie den Anblick und den Geruch weißer Narzissen wieder ertragen konnte.

Matthew stand vor der Tür auf der Veranda, ein zusammengefaltetes Stück Papier in der Hand. Sein Gesicht sah seltsam verzerrt und aschfahl aus. Anne ließ ihre Blumen fallen und lief zu ihm. Doch bevor sie und Manila ihn noch auffangen konnten, war Matthew über die Schwelle gefallen.

»Er ist bewusstlos«, keuchte Manila. »Anne, hol Martin - schnell! Er ist in der Scheune.«

Martin, der gerade von der Post nach Hause gekommen war, drehte auf der Stelle um und fuhr den Doktor holen. Auf Orchard Slope machte er kurz Halt und schickte Mr und Mrs Barry und Mrs Rachel Lynde, die gerade bei den Barrys zu Besuch war, nach Green Gables hinüber. Dort waren Anne und Marilla verzweifelt darum bemüht, Matthew wieder ins Bewusstsein zurückzuholen.

Mrs Lynde schob die beiden sanft beiseite, fühlte nach Matthews Puls und legte ihr Ohr auf seine Brust. Tränen stiegen ihr in die Augen. »Ich glaube nicht, dass wir noch etwas für ihn tun können«, sagte sie ernst.

»Mrs Lynde, Sie meinen doch nicht etwa ... Sie können doch nicht glauben, dass Matthew...«Anne war nicht in der Lage, die furchtbaren Worte auszusprechen. Sie wurde kreidebleich.

»Doch, mein Kind, ich bin mir ganz sicher. Sieh dir sein Gesicht an. Wenn man diesen Blick sooft gesehen hat wie ich in meinem Leben, dann weiß man, was er zu bedeuten hat.«

Anne schaute Matthew an. Ja, es war der Tod, der dieses Gesicht gezeichnet hatte.

Wie der Doktor später erklärte, musste er schnell und schmerzlos eingetreten sein und war höchstwahrscheinlich durch einen plötzlichen Schock ausgelöst worden. Das Geheimnis enthüllte sich bald: Matthew hielt immer noch einen Brief in der Hand, den Martin am Morgen von der Post mitgebracht hatte. Die Abbey-Bank hatte Konkurs angemeldet.

Die Nachricht von Matthews Tod verbreitete sich schnell in Avonlea. Alle Bekannten, Freunde und Nachbarn kamen nach Green Gables, um Marilla ihr Beileid auszusprechen und von Matthew Abschied zu nehmen. Zum ersten Mal stand der scheue, stille Matthew Cuthbert im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses.

Als sich die Nacht über Green Gables senkte, herrschte im ganzen Haus trauriges Schweigen. Im Salon lag Matthew Cuthbert in einem offenen Sarg. Sein langes graues Haar umrahmte sein friedliches Gesicht, auf dem ein mildes Lächeln lag. Es war, als schliefe und träumte er nur. Um ihn herum lagen Blumen verstreut - süß duftende kleine Rosen, die seine Mutter während ihrer Brautzeit im Garten gepflanzt hatte. Anne wusste, dass Matthew diese Rosen immer ganz besonders geliebt hatte. Mit brennenden, tränenlosen Augen hatte sie sie für ihn gepflückt - das war alles, was sie noch für ihn tun konnte. Die Barrys und Mrs Lynde blieben den ganzen Abend über auf Green Gables. Diana ging in den Ostgiebel hinauf, wo Anne schweigend am Fenster stand.

»Liebe Anne, möchtest du, dass ich heute Nacht bei dir schlafe?«

»Vielen Dank, Diana.« Anne sah ihre Freundin ernst an. »Ich weiß, du wirst mich nicht missverstehen, wenn ich dir sage, dass ich lieber alleine bleiben möchte. Ich habe keine Angst. Seitdem es passiert ist, bin ich keine einzige Minuten zur Ruhe gekommen und ich sehne mich so danach. Ich möchte ganz still sein und versuchen zu verstehen, dass es tatsächlich wahr ist. Das ist das Schwierigste von allem. Matthew kann doch nicht einfach tot sein! Und dann wieder kommt es mir vor, als wäre er schon lange, lange tot und der Schmerz in meiner Brust währt bereits eine ganze Ewigkeit.«

Diana konnte Anne nicht ganz folgen. Marillas leidenschaftliche Trauer, die alle Bande ihrer sonstigen Zurückhaltung brach, war ihr leichter verständlich als Annes starre, tränenlose Qual. Doch sie zog sich still zurück und überließ Anne der Einsamkeit, die sie sich gewünscht hatte.

Anne hatte gehofft, dass ihre Tränen sich endlich lösen würden, wenn sie allein wäre. Es kam ihr so schrecklich vor, dass sie nicht eine Träne für Matthew vergießen konnte. Sie hatte ihn so sehr geliebt, er war immer so gut zu ihr gewesen! Am vorigen Abend noch waren sie zusammen zur Weide gegangen - und jetzt lag er tot im Zimmer unter ihr! Doch Anne konnte nicht weinen. Der Schmerz schnürte ihr die Kehle zu und verzweifelte Gedanken quälten sie, bis sie schließlich vor Erschöpfung einschlief.

Mitten in der Nacht wachte sie wieder auf. Das Haus lag in tiefem Schweigen, um sie war alles finster. Die Erinnerung an die traurigen Ereignisse des Vortages überschwemmten sie wie eine große Welle. Sie sah Matthew vor sich, wie er sie am Abend zuvor sanft angelächelt hatte. Sie hörte ihn sagen: »Mein Mädchen - mein Mädchen, auf das ich stolz bin.« Endlich wollten ihre Tränen fließen und sie begann bitterlich zu weinen.

Marilla, die sie gehört hatte, kam nun leise herein, um Anne zu trösten. »Komm, komm, weine nicht, mein Liebes. Deine Tränen können Matthew ja doch nicht wieder lebendig machen.«

»Bitte, Marilla, lass mich weinen«, schluchzte Anne. »Die Tränen tun längst nicht so weh wie dieser furchtbare Schmerz. Bleib doch ein bisschen bei mir und leg deinen Arm um mich. Ich wollte nicht, dass Diana hier schläft. Sie ist meine Busenfreundin, aber es ist nicht ihr Kummer, sie kann ihn nicht ganz mit mir teilen. Es ist unser Kummer, Marilla - deiner und meiner. Ach, was sollen wir nur ohne Matthew anfangen?«

»Wir haben uns, Anne. - Ach, ich wüsste gar nicht, was ich tun sollte, wenn du nicht hier wärst. .. wenn du nie zu uns gekommen wärst. Ich weiß, ich war oft zu streng zu dir, aber du darfst nicht denken, dass ich dich weniger liebe als Matthew dich geliebt hat. Es ist mir noch nie leicht gefallen, über meine Gefühle zu sprechen, aber in einer Zeit wie dieser ist es einfacher. Ich liebe dich wie mein eigen Fleisch und Blut. Du bist mein Trost und meine Freude - seit dem Tag, an dem du nach Green Gables gekommen bist.«

Zwei Tage später wurde Matthew Cuthbert in seinem Sarg über die Schwelle seines Vaterhauses getragen - entlang den Feldern, die er bestellt hatte, vorbei an dem Obstgarten, den er so geliebt, und den Bäumen, die er gepflanzt hatte - zum Friedhof von Avonlea.

Dann kehrte in der kleinen Ortschaft am St.-Lorenz-Golf wieder der Alltag ein. Selbst auf Green Gables verlief bald alles wieder in den gewohnten Geleisen: Jeden Tag gab es Arbeiten zu erledigen und Pflichten zu erfüllen. Doch bei allem war das Gefühl gegenwärtig, einen schmerzhaften Verlust erlitten zu haben.

Anne spürte diesen Verlust so deutlich, dass sich ihr Gewissen regte, wenn der Anblick des Sonnenaufgangs hinter den Tannen oder der einer besonders schönen Blume sie glücklich machen konnte, wenn sie sich über Dianas Besuche freute oder Diana sie mit einem Scherz zum Lachen brachte — kurz, wenn sie merkte, dass die Welt nichts von ihrer Schönheit und ihrer Ausstrahlung verloren hatte.

»Es kommt mir vor, als würde ich Matthew betrügen, wenn ich an all diesen Dingen Freude finde, obwohl er nicht mehr bei uns ist«, gestand sie eines Tages Mrs Allan. »Ich vermisse ihn sehr... und trotzdem ist das Leben schön. Heute hat Diana etwas Komisches gesagt und ich musste plötzlich laut loslachen. Dabei habe ich noch vor kurzem gedacht, dass ich nie wieder lachen könnte.«

»Matthew war immer am glücklichsten, wenn du gelacht hast und froh und zufrieden warst, liebe Anne«, antwortete Mrs Allan sanft. »Heute war ich auf dem Friedhof und habe einen Rosenstrauch auf Matthews Grab gepflanzt«, erzählte Anne verträumt. »Ich habe für ihn einen Ableger von dem weißen Rosenstrauch gezogen, den seine Mutter vor langer Zeit aus Schottland mitgebracht hat. Matthew hat diese Rosen immer am liebsten gehabt, sie sind ganz klein und duften wunderbar süß. Ich war sehr froh, dass ich den Strauch auf sein Grab pflanzen konnte — es war, als wüsste ich, dass es ihm gefallen würde, seine Lieblingssrosen bei sich zu haben. Aber jetzt muss ich gehen. Marilla wartet sicher schon auf mich. Wenn es dunkel wird, fühlt sie sich immer so einsam.«

»Sie wird noch einsamer sein, wenn du aufs College gehst, fürchte ich«, sagte Mrs Allan.

Anne gab keine Antwort. Sie verabschiedet sich und ging nachdenklich zurück nach Green Gables. Marilla saß auf den Stufen zur Veranda. Anne pflückte sich einen Zweig von dem blassgelben Geißblatt, steckte ihn sich ins Haar und setzte sich neben sie.

»Doktor Spencer war hier, während du fort warst«, sagte Marilla.

»Morgen kommt der Augenspezialist in die Stadt und er will, dass ich mir von ihm die Augen untersuchen lasse. Ich glaube, es wird wohl am besten sein, wenn ich hingehe, dann habe ich es hinter mir. Vielleicht kann er mir wirklich helfen. Dir macht es doch nichts aus, morgen allein hierzubleiben, oder? Es gibt noch einiges zu bügeln und zu backen, wie ich das so sehe.«

»Ich werde schon zurechtkommen, Diana wird mir bestimmt Gesellschaft leisten. Du brauchst dir auch keine Sorgen zu machen - ich werde schon nicht aus Versehen Diana betrunken machen oder den Kuchen mit Rheumamittel würzen. - Heute nicht mehr.«

Marilla lachte. »Ach, was hast du damals nicht alles angestellt, Anne! Ständig ist bei dir irgendetwas schief gelaufen. Sicher weißt du noch, wie du dir deine Haare grün gefärbt hast?«

»Ja, sehr gut sogar. Wie könnte ich das vergessen?« Anne schüttelte schmunzelnd den Kopf. »Ich muss jetzt manchmal ein wenig lachen, wenn ich daran denke, wie viele Sorgen ich mir über meine Haarfarbe gemacht habe - aber ich lache nicht allzu sehr, weil ich noch gut weiß, dass mein Kummer wirklich aus tiefstem Herzen kam. Ich habe fürchterlich unter meinen roten Haaren und den vielen Sommersprossen gelitten. Die Sommersprossen sind jetzt fast weg und mein Haar ist inzwischen kastanienbraun geworden. Das bekomme ich von allen Seiten zu hören - außer von Josie Pye natürlich. Erst gestern meinte sie, ihr kämen meine Haare röter vor als je zuvor. Ach, Marilla, ich habe es fast schon aufgegeben, Josie Pye gern zu mögen. Ich habe mir Mühe gegeben, aber irgendwie will sie nicht gemocht werden.«

»Sie ist eben eine Pye«, antwortete Marilla. »Die ganze Familie ist so, du darfst dir nichts daraus machen. - Wird Josie jetzt anfangen zu unterrichten?«

»Nein, sie geht nächstes Jahr wieder aufs Queen’s College, so wie Moody Spurgeon und Charlie Sloane. Jane und Ruby werden aber unterrichten. Sie haben beide gute Schulen bekommen, Jane die in Newbridge und Ruby eine irgendwo im Westen.«

»Gilbert Blythe will wohl auch an die Schule gehen, nicht wahr?«

»Ja«, war Annes kurze Antwort.

»Was für ein netter, gut aussehender junger Mann aus ihm geworden ist!«, sagte Marilla gedankenverloren. »Ganz wie sein Vater. .. John Blythe war ein feiner Kerl. Er und ich waren gute Freunde damals, die Leute nannten ihn meinen »Verehren.«

Gespannt sah Anne Marilla an. »Und dann? Was ist passiert?«

»Es gab einen dummen Streit und ich habe nicht eingelenkt, als er mich um Verzeihung bat. Später hätte ich mich nur allzu gern mit ihm versöhnt - aber zuerst war ich wütend und schmollte, und dann gab es keine Gelegenheit mehr dazu. John hatte sich von mir zurückgezogen. Die Blythes waren immer schon stolze und unabhängige Leute ... Ich habe mir wirklich oft gewünscht, ich hätte ihm verziehen, solange es noch Zeit war.«

»Es gab also auch in deinem Leben eine Romanze«, stellte Anne teilnahmsvoll fest.

»Ja, so könnte man es wohl nennen. Kaum zu glauben, wenn man mich heute so sieht, nicht wahr? Das mit John und mir ist lange her, ich hatte es selbst schon fast vergessen. Aber als ich Gilbert Blythe am letzten Sonntag in der Kirche sah, da war es mir, als wäre es erst gestern gewesen ...«

34 - Die Biegung in der Straße

Am nächsten Morgen fuhr Marilla in die Stadt und kehrte erst am Abend zurück. Anne, die mit Diana nach Orchard Slope hinübergegangen war, fand Marilla in der Küche, als sie nach Hause kam. Den Kopf in die Hände gestützt, saß Marilla gebeugt am Küchentisch. Ihr Anblick versetzte Anne einen schmerzlichen Stich: Noch nie hatte sie Marilla so untätig und kraftlos erlebt.

»Bist du müde, Marilla?«

»Ja... nein... ich weiß nicht«, antwortete Marilla matt. »Wahrscheinlich bin ich müde, aber das ist es nicht.«

»Was dann? Hast du den Spezialisten getroffen? Was hat er gesagt?«, fragte Anne besorgt.

»Ja, er hat meine Augen untersucht. Er meinte, wenn ich das Lesen und Nähen vollständig aufgebe, möglichst nicht weine und die Brille trage, die er mir gegeben hat, würden meine Augen zumindest nicht schlechter werden und die Kopfschmerzen könnten sogar nachlassen. Sonst würde ich in sechs Monaten mein Augenlicht verlieren ... Blind! Anne, stell dir das nur vor!«

Anne war vor Schreck wie erstarrt. Nach einer ganzen Weile sagte sie tapfer, doch mit zitternder Stimme: »Versuch nicht daran zu denken, Marilla! Er hat dir doch Hoffnung gemacht. Wenn du vorsichtig bist, wird es sich nicht verschlimmern. Vielleicht wirst du sogar endlich deine Kopfschmerzen los.«

»Das ist eine sehr schwache Hoffnung«, gab Marilla bitter zurück. »Wozu soll ich denn noch leben, wenn ich weder lesen noch nähen, noch sonst etwas Nützliches anfangen kann. Da kann ich genauso gut blind sein. Und was das Weinen angeht: Die Tränen lassen sich auch nicht auf Kommando abstellen, wenn man einsam ist. - Ach, Anne, ich wäre dir dankbar, wenn du mir eine Tasse Tee machen könntest. Ich bin völlig erledigt. Und bitte, sag niemandem, was ich dir erzählt habe. Ich möchte nicht, dass die Leute mir das Haus einrennen, neugierige Fragen stellen und Mitleid mit mir haben. Das würde ich nicht aushalten.«

Als Marilla ihren Tee getrunken und etwas gegessen hatte, überredete Anne sie, ins Bett zu gehen. Anne selbst ging in ihr Zimmer im Ostgiebel hinauf und setzte sich allein ans offene Fenster. Ihr Herz war schwer. Wie sehr hatte sich die Welt seit jener Nacht verändert, in der sie zuletzt hier gesessen hatte! Voller Hoffnung und Freude war sie gewesen, hatte sich ihre Zukunft in rosigen Farben ausgemalt. Dies alles schien eine Ewigkeit her zu sein und ging vielleicht niemals in Erfüllung, und doch lag ein zufriedenes Lächeln auf Annes Lippen, als sie sich schließlich schlafen legte. In ihrem Herzen herrschte Friede: Sie hatte ihrer Pflicht mutig ins Auge geschaut.

Wenige Tage später fuhr nachmittags ein Mann aus Carmody in Green Gables vor. Anne wusste, dass er John Sadler hieß, kannte ihn aber nur vom Sehen. Er unterhielt sich am Hoftor mit Marilla, auf deren Gesicht ein ganz verzweifelter Ausdruck lag.

»Was wollte Mr Sadler von dir, Marilla?«

Die alte Frau setzte sich ans Fenster und sah Anne ernst an. »Er hat gehört, dass Green Gables zum Verkauf steht - und er hat Interesse.«

»Zum Verkauf? Green Gables zum Verkauf?« Anne wollte ihren Ohren nicht trauen. »Oh, Marilla, du hast doch nicht etwa vor, Green Gables zu verkaufen?«

»Doch, Anne. Es bleibt mir nicht viel anderes übrig. Ich habe mir alles gut überlegt. Wenn meine Augen in Ordnung wären, könnte ich hier bleiben und mit einem guten Arbeiter die Farm weiterhin bewirtschaften. Aber so, wie die Dinge liegen, kann ich es nicht. Vielleicht werde ich ganz und gar mein Augenlicht verlieren - und was dann? Ach, ich hätte nie gedacht, dass es einmal so weit kommen würde, dass ich mein Zuhause verkaufen muss. Aber je länger ich warte, desto schlechter wird der Zustand der Farm - niemand wird sie dann mehr kaufen wollen. Unser Geld auf der Bank haben wir verloren. Rachel Lynde meint auch, ich solle Green Gables verkaufen und mich irgendwo einmieten - bei ihr zum Beispiel. Es wird nicht viel Geld dabei herausspringen, die Farm ist klein und die Gebäude sind alt. Aber es wird genug sein, um mich über Wasser zu halten. Ich bin froh, dass du dein Stipendium hast, Anne. Es tut mir sehr Leid, dass du kein Zuhause mehr haben wirst, das du in deinen Ferien besuchen kannst, aber du wirst es schon irgendwie schaffen.«

Marillas Beherrschung brach zusammen. Trotz der Warnung des Augenarztes fing sie bitterlich zu schluchzen an.

»Du darfst Green Gables nicht verkaufen«, sagte Anne bestimmt. »Oh, Anne, ich wünschte, ich brauchte es nicht. Aber sag doch selbst -ich kann hier nicht allein bleiben. Ich würde vor Sorgen verrückt werden ... und mein Augenlicht verlieren.«

»Du brauchst auch nicht allein zu bleiben, Marilla. Ich werde bei dir sein. Ich gehe nicht nach Redmond.«

»Du gehst nicht nach Redmond?« Überrascht hob Marilla den Kopf. »Was meinst du damit?«

»Genau das, was ich gesagt habe. Ich nehme das Stipendium nicht an. Das habe ich schon neulich nachts entschieden, nachdem du in der Stadt warst. Du hast doch wohl nicht etwa geglaubt, ich würde dich in deinem Kummer im Stich lassen - nach allem, was du für mich getan hast? Ich habe schon über alles nachgedacht und Pläne gemacht. Pass auf: Mr Barry pachtet das Land und das Hofgebäude — darum brauchst du dir also gar keine Sorgen zu machen. Und ich werde unterrichten. Ich habe mich für die Schule in Avonlea beworben - ich glaube allerdings, man hat sie schon Gilbert Blythe versprochen. In Carmody kann ich aber auf jeden Fall unterrichten. Mr Blair hat es mir gesagt, als ich gestern bei ihm im Laden war. Im Sommer kann ich dann bei dir wohnen und tagsüber nach Carmody fahren, im Winter nehme ich mir die Woche über ein Zimmer, komme freitags nach Hause und bleibe das ganze Wochenende bei dir. Wir werden die braune Stute für den Einspänner behalten. Und ich werde dir vorlesen und dich unterhalten - du sollst dich weder langweilen noch einsam fühlen. Wir beide werden es uns hier so richtig gemütlich machen.«

Marilla lauschte ihren Worten wie einem schönen Traum.

»Oh, Anne, wenn du hier wärst, könnte ich es bestimmt schaffen, das weiß ich. Aber ich kann nicht zulassen, dass du dich für mich aufopferst. Das würde ich mir nie verzeihen.«

»Unsinn!«, lachte Anne fröhlich. »Das ist gar kein Opfer für mich. Nichts könnte schlimmer für mich sein, als Green Gables verkauft zu sehen. Ich habe mich entschieden, Marilla: Ich gehe nicht nach Redmond, ich bleibe hier und unterrichte. Du brauchst dir um mich keine Sorgen zu machen.«

»Aber dein Studium, dein Ehrgeiz, deine Pläne ...«

»Ich bin genauso ehrgeizig wie immer - nur das Ziel hat sich gewandelt: Ich werde eine gute Lehrerin sein - und ich werde dein Augenlicht retten. Außerdem will ich ein Fernstudium machen und mich in meiner Freizeit weiterbilden. Ach, ich habe Dutzende von Plänen, Marilla - schließlich hatte ich eine ganze Woche Zeit, um darüber nachzudenken. Als ich das Queen’s College verließ, schien meine Zukunft vor mir zu liegen wie eine lange, gerade Straße. Jetzt macht sie plötzlich eine Biegung. Ich weiß noch nicht, was hinter dieser Biegung auf mich wartet, aber ich glaube, es wird etwas Gutes sein: neue Welten, neue Schönheiten, Hügel und unbekannte Täler.«

»Ich kann aber auf keinen Fall zulassen, dass du dein Stipendium aufgibst«, widersprach Marilla.

»Du kannst mich nicht davon abhalten, Marilla. Ich bin sechzehn Jahre alt und mindestens genauso dickköpfig wie du«, sagte Anne entschieden.

Als es sich in Avonlea herumsprach, dass Anne Shirley nicht auf das Redmond College gehen, sondern zu Hause bleiben und unterrichten wollte, war man sehr geteilter Meinung - zumal niemand etwas von Marillas schlechten Augen wusste. Die meisten Leute meinten, es sei töricht, eine solche Möglichkeit in den Wind zu schlagen. Mrs Allan gehörte allerdings nicht zu ihnen - und schon gar nicht die gute alte Mrs Lynde. Eines Abends, als Anne und Marilla gerade auf der Steinbank vor der Tür saßen und die letzten Sonnenstrahlen genossen, kam sie nach Green Gables hinüber. Es war ein herrlicher Sommerabend: Graue Nachtfalter schwirrten über dem Garten und ein feiner Geruch nach Minze erfüllte die laue Luft.

Mit einem erleichterten Seufzer ließ sich Mrs Rachel neben Anne und Marilla auf die von großen rosa und gelben Stockrosen umstandene Steinbank fallen.

»Ach, tut das gut, sich hinzusetzen! Ich bin den ganzen Tag auf den Beinen gewesen, ohne einmal richtig Rast zu machen. — Nun, Anne, ich habe gehört, du hast deinen Plan, das College zu besuchen, aufgegeben? Das ist ein höchst erfreulicher Entschluss, finde ich. Du kannst zufrieden sein mit deiner bisherigen Ausbildung. Ich halte nichts davon, wenn junge Mädchen sich wie Männer aufführen und sich den Kopf mit Latein und Griechisch voll stopfen.«

»Latein und Griechisch werde ich trotzdem lernen, Mrs Lynde«, antwortete Anne lachend. »Ich habe mich fiir einen Fernlehrgang entschieden und werde hier auf Green Gables studieren.«

Entsetzt schüttelte Mrs Lynde den Kopf und hob mahnend den Zeigefinger. »Anne Shirley, du wirst dir damit deine Gesundheit ruinieren!«

»Im Gegenteil, ich werde wachsen und gedeihen. Schließlich werde ich ja nicht übertreiben. Aber an den langen Abenden im Winter habe ich viel Zeit. Ich werde drüben in Carmody unterrichten.«

»Nach allem, was ich gehört habe, wirst du die Schule hier in Avonlea bekommen. Man hat es gerade beschlossen.«

»Mrs Lynde!«, rief Anne und sprang überrascht auf. »Die Stelle war doch schon längst Gilbert Blythe versprochen worden.«

»Ja, du hast Recht. Aber sobald Gilbert erfahren hat, dass du dich auch beworben hast, hat er seine Bewerbung wieder zurückgezogen und darum gebeten, dass man dir die Stelle gibt. Er selbst wird in White Sands unterrichten. Natürlich hat er das nur getan, um dir zu helfen. Er wusste, wie gern du bei Marilla bleiben wolltest und ich muss sagen: Das war wirklich sehr nobel von ihm - jawohl! Für ihn ist es ein echtes Opfer. In White Sands muss er nämlich für seine Unterkunft bezahlen - und das, wo doch jeder weiß, dass sein Vater nicht genug Geld hat, um ihn zu unterstützen ... Tja, Anne, es ist schon beschlossene Sache, dass du die Stelle bekommen sollst. Ich habe mich gefreut wie eine Schneekönigin, als Thomas vorhin nach Hause kam und es mir erzählte.«

»Aber ich weiß gar nicht, ob ich das annehmen kann«, murmelte Anne. »Ich meine, ich kann doch nicht zulassen, dass Gilbert so ein großes Opfer bringt... für mich.«

»Du kannst ihn sowieso nicht mehr davon abhalten: Seinen Vertrag in White Sands hat er schon unterschrieben. - Aber was hat das Geblinke da drüben bei Barrys Haus zu bedeuten?«

»Diana gibt mir ein Zeichen, dass ich zu ihr kommen soll«, erklärte Anne. »Wir pflegen immer noch unsere alten Bräuche, müssen Sie wissen. Bitte, entschuldigen Sie mich, Mrs Lynde. Ich möchte hinüberlaufen und hören, was sie von mir will.«

Flink wie ein Reh lief Anne über die Kleewiese und verschwand im Schatten des kleinen Tannenwäldchens zwischen Green Gables und Orchard Slope. Mrs Lynde sah ihr schmunzelnd nach. »Sie hat noch eine Menge von dem kleinen Mädchen an sich, das sie einmal war.«

»Aber noch viel mehr von einer Frau«, gab Marilla in einem plötzlichen Anflug ihrer alten Schärfe zurück.

Doch Schärfe war längst nicht mehr Marillas hervorstechendste Eigenschaft. Und so kam es, dass Mrs Lynde am Abend ihrem Thomas erklärte: »Marilla Cuthbert ist richtig milde geworden - jawohl!«

Am darauf folgenden Abend ging Anne zu dem kleinen Friedhof von Avonlea hinüber, um frische Blumen auf Matthews Grab zu stellen und den schottischen Rosenstrauch zu gießen. Bis zur Abenddämmerung blieb sie dort, um die Ruhe und den Frieden dieses Ortes zu genießen, dem Rauschen der Pappeln und dem Flüstern der Gräser zuzuhören. Die Sonne war schon untergegangen, als sie den Friedhof auf dem kleinen Hügel verließ. Ein frischer Wind wehte über die saftigen Kleewiesen, unter den großen Bäumen leuchtete hier und dort ein heimeliges Licht durch die Zweige. Die Landschaft erschien in sanften, milden Farben, die sich im »See der glitzernden Wasser« widerspiegelten.

»Liebe Welt«, murmelte Anne. »Du bist wunderschön und ich freue mich in dir zu leben.«

Auf halbem Weg den Hügel hinunter sah sie Gilbert pfeifend aus dem Tor der Blythe-Farm treten. Das Pfeifen erstarb auf seinen Lippen, als er Anne erblickte. Er zog höflich den Hut und wäre sicherlich schweigend an ihr vorbeigegangen, wenn Anne nicht stehen geblieben wäre und ihm ihre Hand entgegengestreckt hätte.

»Gilbert«, sprach sie ihn an. »Ich möchte dir dafür danken, dass du meinetwegen auf die Stelle in Avonlea verzichtet hast. Das war sehr nett von dir.. . und ich möchte dir sagen, dass ich es sehr zu schätzen weiß.«

Gilbert ergriff nur allzu gern die angebotene Hand. »Das ist von Herzen gern geschehen, Anne. Ich freue mich, dass ich dir diesen kleinen Gefallen tun konnte. Wollen wir jetzt Freunde sein? Hast du mir meine alten Sünden verziehen?«

Anne lachte und versuchte vergebens ihre Hand zurückzuziehen. »Ich habe dir schon an dem Tag verziehen, an dem du mich auf dem See in dein Boot genommen hast - damals wusste ich es nur noch nicht. Was für eine starrköpfige kleine Gans ich doch war! Nun sollst du ruhig alles wissen: Es hat mir seitdem immer Leid getan.«

»Wir werden die besten Freunde werden«, jubelte Gilbert. »Wir sind dazu geboren, gute Freunde zu sein, Anne — du hast dem Schicksal lange genug ins Handwerk gepfuscht. Ich bin mir sicher, dass wir uns in vieler Hinsicht helfen können. Du willst doch ein Fernstudium anfangen, nicht wahr? - Ich nämlich auch. Komm, ich bringe dich nach Hause.«

Marilla sah Anne neugierig an, als sie in die Küche trat.

»Wer war denn der junge Mann, der dich nach Hause gebracht hat, Anne?«

»Gilbert Blythe«, antwortete Anne und merkte verärgert, dass sie rot wurde. »Ich habe ihn auf dem Weg vom Friedhof getroffen.«

»Ich wusste gar nicht, dass Gilbert Blythe und du so gute Freunde seid, dass ihr über eine halbe Stunde am Hoftor stehen und euch unterhalten könnt«, bemerkte Marilla mit einem kleinen Lächeln.

»Bis jetzt waren wir es ja auch nicht, wir waren gute Feinde. Aber jetzt haben wir festgestellt, dass es viel vernünftiger ist, gute Freunde zu werden. - War es wirklich eine halbe Stunde? Es kam mir nur wie ein paar Minuten vor. Aber du weißt ja, Marilla: Wir haben die Gespräche von fünf langen Jahren aufzuholen.«

Glücklich und zufrieden saß Anne an jenem Abend am offenen Fenster im Ostgiebel von Green Gables. Der Wind, der sanft durch die Zweige der Kirschbäume strich, wehte den Geruch von frischer Minze zu ihr herüber. Über den dunklen Tannen blinkten die Sterne, durch die Zweige konnte sie das Licht von Dianas Fenster schimmern sehen.

Der Rahmen von Annes Möglichkeiten war enger geworden seit jener Nacht nach ihrer Rückkehr aus der Stadt, als sie ebenfalls hier gesessen hatte. Doch wenn der Weg, der nun vor ihr lag, auch schmal war - sie wusste, dass Blumen an seinem Rand blühten. Die Freuden ernsthafter Arbeit und guter Freundschaft winkten ihr. Nichts konnte Anne ihre angeborene Phantasie, ihre Welt voller Träume streitig machen. Und schließlich war da immer noch die Biegung in der Straße .. .