/ Language: Deutsch / Genre:prose_history,

Das Lied des Achill

Madeline Miller

Der junge Prinz Patroklos wird ins Exil nach Phthia geschickt, wo er gemeinsam mit Achill aufwächst, dem Sohn des Königs Peleus. Zwischen den Jungen entwickelt sich eine zarte Liebe. Seite an Seite wachsen die beiden zu Männern heran.Ihr Friede wird jedoch jäh zerstört, als Paris Helena aus Sparta entführt und sich die Männer Griechenlands zum Kampf gegen Troja versammeln. Achill schließt sich ihnen an; Patroklos, zwischen Angst und Liebe hin- und hergerissen, folgt ihm in den Krieg - nicht ahnend, dass er das Schicksal seines Freundes in die Hände der Götter geben muss. Die Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel The Song of Achilles bei Bloomsbury, London  © 2011 Madeline Miller Aus dem Amerikanischen von Michael Windgassen.

Für meine Mutter Madeline und Nathaniel

  

Erstes Kapitel

Mein Vater war ein König und der Sohn von Königen. Er war wie die meisten von uns eher kleingewachsen, hatte eine bullige Statur und mächtige Schultern. Er heiratete meine Mutter, als sie vierzehn war und fruchtbar, wie die Priesterin versicherte. Eine gute Partie: Sie war das einzige Kind, und das Vermögen ihres Vaters würde an ihren Gatten übergehen.

Dass sie einfältig war, bemerkte er erst bei der Hochzeit. Ihr Vater hatte sorgsam darauf geachtet, dass sie bis zur feierlichen Trauung verschleiert blieb, und mein Vater war damit einverstanden gewesen. Falls sie hässlich sein sollte, gab es stets junge Sklavinnen und zu Diensten stehende Knaben. Als man ihr schließlich den Schleier abnahm, lächelte sie, und da wussten alle, dass sie einfältig war. Bräute lächelten nicht.

Als ich, ein Junge, zur Welt kam, nahm er mich aus ihren Armen und gab mich einer Amme, die meiner Mutter zum Trost ein Kissen reichte. Meine Mutter drückte es an sich. Den Austausch schien sie nicht bemerkt zu haben.

Ich wurde schnell zu einer Enttäuschung, war klein und schmächtig, weder kräftig noch flink und konnte auch nicht singen. Zu meinen Gunsten sprach eigentlich nur, dass ich nie kränkelte. Während andere Kinder immer wieder unter Erkältungen und Krämpfen litten, blieb ich davon verschont. Doch das machte meinen Vater argwöhnisch. War ich womöglich ein Wechselbalg, kein Mensch? Er beobachtete mich mit finsterer Miene. Unter seinem Blick fingen meine Hände zu zittern an. Meine Mutter indessen bekleckerte sich mit Wein.

Als ich fünf Jahre alt bin, ist mein Vater an der Reihe, die Spiele auszurichten. Von überall her kommen Männer, sogar aus Thessalien und Sparta, und unsere Kammern füllen sich mit ihrem Gold. Hundert Sklaven arbeiten zwanzig Tage, um die Laufstrecke einzuebnen und von Steinen zu befreien. Mein Vater ist entschlossen, die schönsten Spiele seiner Generation zu veranstalten.

Am meisten beeindruckt haben mich die Läufer, nussbraune, von Öl glänzende Athleten mit muskulösen Waden, die unter der Sonne ihre Glieder strecken, breitschultrige Ehemänner sind darunter, aber auch bartlose Burschen und Knaben.

Als Opfer wurde ein Bulle geschlachtet, sein Blut strömte in den Staub und in dunkle Bronzeschalen. Er starb lautlos, was ein gutes Omen für die Spiele war.

Die Läufer nehmen vor dem Podest Aufstellung, auf dem mein Vater und ich sitzen, umgeben von Preisen, die auf die Sieger warten: goldene Weinkelche, Dreifüße aus getriebener Bronze, Holzlanzen mit kostbaren Eisenspitzen. Der wichtigste Preis jedoch liegt in meinen Händen: ein Kranz aus staubgrünen, frisch gepflückten Blättern, die ich mit meinem Daumen zum Glänzen bringe. Mein Vater hat ihn mir nur widerwillig überlassen und mir eingeschärft, nichts weiter damit zu tun, als ihn zu halten.

Die Jungen gehen als Erste an den Start, noch heranwachsende Burschen, so mager, dass sich die Knochen unter der straffen Haut abzeichnen. Sie scharren mit den Füßen im Sand und warten auf das Zeichen des Priesters. Mein Blick bleibt an einem Jungen mit blonden Haaren hängen, der zwischen den dunklen, zerzausten Köpfen heraussticht. Ich beuge mich vor, um ihn besser zu sehen. In den Haaren des Jungen, die wie Honig leuchten, schimmert es golden – der Reif eines Prinzen.

Er ist kleiner als die anderen und noch mollig wie ein Kind. Seine langen Haare sind mit einem Lederriemen zusammengebunden und scheinen auf der dunklen Haut im Nacken zu brennen. Doch seine Miene ist entschlossen wie die eines Mannes.

Kaum hat der Priester das Startkommando gegeben, löst er sich aus der dichten Schar der älteren Jungen. Er läuft leichtfüßig, und seine Fersen schimmern rosig wie leckende Zungen. Er gewinnt.

Ich bewundere ihn sprachlos, als mein Vater mir den Kranz vom Schoß nimmt und ihm aufsetzt. Auf seinen hellen Haaren wirken die Blätter fast schwarz. Peleus, sein Vater, holt ihn ab, er lächelt stolz. Sein Königreich ist kleiner als unseres, doch sein Volk liebt ihn, und es heißt, dass seine Frau eine Göttin sei. Mein Vater betrachtet Peleus voller Neid, denn seine eigene Frau ist dumm und sein Sohn so langsam, dass er nicht einmal in der Gruppe der Jüngsten mithalten könnte. Er schaut mich an.

»So sollte ein Sohn sein.«

Ohne den Kranz fühlen sich meine Hände leer an. Vor meinen Augen umarmt König Peleus seinen Sohn. Ich sehe, wie der Junge den Kranz in die Luft wirft und wieder auffängt. Er lacht und strahlt vor Freude über seinen Triumph.

Ansonsten sind mir von meinem damaligen Leben nur ein paar einzelne Erinnerungen geblieben: mein Vater, wie er finster dreinblickend auf seinem Thron sitzt, mein geliebtes Spielzeugpferdchen oder meine Mutter am Strand, den Blick weit hinaus auf die Ägäis gerichtet. In dieser letzten Erinnerung werfe ich kleine Steine ins Wasser. Es scheint ihr zu gefallen, wie sich das Wasser zu Wellen aufwirft und dann wieder zu einer glatten Oberfläche wie Glas verströmt. Aber vielleicht liebt sie auch das Meer als solches. An ihrer Schläfe schimmert ein knochenweißer Fleck, eine Narbe, zurückgeblieben von einer Verletzung, die ihr damals der eigene Vater mit dem Heft eines Schwerts zugefügt hat. Sie hat die Füße im Sand vergraben, und nur die Zehen schauen daraus hervor; um sie nicht zu stören, suche ich leise nach flachen Steinen, die ich dann über das Wasser hüpfen lasse. Es freut mich, dass ich wenigstens darin gut bin. Diese Szene ist die einzige Erinnerung an meine Mutter, und weil sie so golden und verklärt erscheint, glaube ich fast, dass ich sie mir nur einbilde. Mein Vater hatte uns, seinen einfältigen Sohn und die noch einfältigere Mutter, wahrscheinlich ungern allein gelassen. Und wo sind wir da überhaupt? Ich erkenne den Strand und den Blick auf die Küste nicht wieder. Zu vieles hat sich in der Zwischenzeit ereignet. 

Zweites Kapitel

Der König rief mich zu sich. Ich weiß noch, wie sehr ich den weiten Weg durch den riesigen Thronsaal hasste. Vor dem Thron angekommen, kniete ich auf den Steinen nieder. Manche Könige hatten Teppiche ausgelegt, damit die Sendboten, die oft mit ausführlichen Nachrichten aufwarteten, ihre Knie schonen konnten. Mein Vater verzichtete darauf.

»Die Tochter von König Tyndareos ist endlich bereit zu heiraten«, sagte er.

Ich kannte den Namen. Tyndareos war König von Sparta und besaß große Gebiete im Süden, fruchtbares Land von der Beschaffenheit, wie sie mein Vater durchaus begehrte. Ich hatte auch von seiner Tochter gehört, der schönsten Frau weit und breit, wie es hieß. Von ihrer Mutter Leda erzählte man sich, dass sie von Zeus, dem Götterkönig, in Gestalt eines Schwans überwältigt worden sei. Neun Monate später brachte sie zwei Zwillingspaare zur Welt: Klytämnestra und Kastor, die Kinder ihres sterblichen Gatten, sowie Helena und Polydeukes, die strahlenden Nachkommen des Schwanengottes. Da die Götter aber bekanntlich schlechte Eltern waren, erwartete man, dass sich Tyndareos ihrer aller annahm.

Die Nachricht meines Vaters ließ mich ungerührt. Solche Dinge bedeuteten mir nichts.

Mein Vater räusperte sich, was im stillen Saal überraschend laut klang. »Es wäre für uns gut, sie in der Familie zu haben. Du wirst losziehen und um sie werben.« Wir waren allein, und so hörte nur er mein unwilliges Schnauben. Ich hütete mich jedoch, mein Unbehagen offen auszusprechen. Mein Vater wusste natürlich, was mir als Einwand auf der Zunge lag, nämlich dass ich erst neun war, wenig ansehnlich, ohne große Aussichten und uninteressant.

Am nächsten Morgen brachen wir schwer beladen mit Geschenken und Wegzehrung auf. Soldaten in prächtiger Rüstung begleiteten uns. An die Reise erinnere ich mich kaum. Wir zogen über Land und durch Gegenden, die keinen bleibenden Eindruck auf mich hinterließen. An der Spitze des Zuges diktierte mein Vater neue Befehle, und seine Boten ritten in alle Richtungen davon. Ich blickte auf meine Zügel und polierte das Leder mit dem Daumen. Ich kam mir verloren vor und verstand nicht, was mein Vater vorhatte. Mein Esel schwankte, und ich schwankte mit ihm, froh über jede Ablenkung.

Wir waren nicht die einzigen Bewerber, die an Tyndareos’ Hof erschienen. In den Ställen drängten sich Pferde und Esel, zwischen ihnen Sklaven, die sich um die Tiere kümmerten. Mein Vater schien ungehalten über das Protokoll zu sein. Er fuhr immer wieder mit der Hand über den Kaminsims in unserer Kammer und runzelte die Stirn. Ich hatte von zu Hause ein Spielzeug mitgebracht, ein kleines Ross mit beweglichen Beinen. Ich hob mal den einen, mal den anderen Huf und stellte mir vor, auf solch einem Pferd hergeritten zu sein, statt auf einem Esel. Die Tage vergingen, und wir aßen in unserer Kammer. Ein Soldat hatte Mitleid und lieh mir seine Würfel, die ich so oft über den Steinboden rollen ließ, bis mir irgendwann alle Sechse auf einen Wurf gelangen.

Endlich kam der Tag, an dem mich mein Vater baden und kämmen ließ. Doch die Tunika, die ich anzog, gefiel ihm nicht, und ich musste mich umkleiden. Ich gehorchte, obwohl ich keinen Unterschied sah zwischen dem gold-violetten und dem mit Gold verwirkten purpurnen Gewand. Weder das eine noch das andere bedeckte meine knochigen Knie. Mein Vater sah mächtig und streng aus mit seinem schwarzen Bart. Das Geschenk für Tyndareos stand bereit, eine goldene Schale, in die die Geschichte der Prinzessin Danaë eingeprägt war. Zeus hatte sich in einen Goldregen verwandelt und sie verführt, worauf sie Perseus gebar, den Bezwinger der Gorgone Medusa und nach Herakles unser zweitgrößter Held. Mein Vater gab mir die Schale. »Mach uns keine Schande«, sagte er.

Schon von weitem war der Lärm zu hören, der aus dem großen Saal schallte. Zahllose Stimmen und das Klirren von Kelchen und Rüstzeug hallten von den Wänden wider. Um den Lärm zu dämpfen, hatten die Sklaven die Fenster geöffnet und den Raum mit kostbaren Wandteppichen ausgekleidet. Ich hatte noch nie so viele Männer in einem Raum gesehen. Nein, nicht bloß Männer, Könige.

Wir wurden nach vorn gerufen, um Rat zu halten, und nahmen auf Bänken Platz, die mit Kuhhäuten bezogen waren. Die Diener wichen in den Schatten der Winkel zurück. Mein Vater hielt mich am Kragen gepackt, damit ich nicht zappelte.

Unter so vielen Prinzen und Helden und Königen, die alle dasselbe wollten, herrschte eine feindselige Stimmung, aber wir wussten uns zu benehmen. Einer nach dem anderen stellte sich vor, junge Männer mit glänzenden Haaren, von edler Statur und kostbar gekleidet. Viele waren Söhne oder Enkel von Göttern, und alle sangen ein oder zwei oder noch mehr Lieder, die von ihren großen Taten erzählten. Tyndareos begrüßte sie alle und nahm ihre Geschenke entgegen, die in der Mitte des Saals aufgehäuft wurden. Einen nach dem anderen forderte er auf, zu sprechen und sein Anliegen vorzutragen.

Mein Vater war der Älteste, abgesehen von jenem Mann, der sich, als er an die Reihe kam, Philoktetes nannte. »Ein Gefährte des Herakles«, flüsterte uns der Mann zu, der neben uns saß, und ich war sehr beeindruckt. Herakles war unser größter Held und Philoktetes sein engster Freund, der einzige, der noch lebte. Er hatte graue Haare und große sehnige Hände, die ihn als Bogenschützen verrieten. Und tatsächlich hob er wenig später den größten Bogen in die Höhe, der mir je zu Gesicht gekommen war, eine Waffe aus dem polierten Holz einer Eibe und am Griff mit Löwenhaut umwickelt. »Der Bogen des Herakles«, erklärte Philoktetes. »Er gab ihn mir, als er starb.« In unserer Gegend wurden Bögen verspottet als Waffen für Feiglinge. Aber das mochte über diesen Bogen niemand sagen. Keiner hätte die Kraft gehabt, ihn zu spannen.

Der nächste Bewerber, der zu Wort kam, hatte seine Augen wie eine Frau bemalt. »Idomeneus, König von Kreta«, stellte er sich vor. Er war schlank, und seine Haare reichten ihm bis zur Hüfte. Als Geschenk präsentierte er ein seltenes Eisen, eine Doppelaxt. »Das Symbol meines Volkes.« Seine Bewegungen erinnerten mich an die Tänzer, die meine Mutter so liebte.

Und dann war da Menelaos, Sohn des Atreus. Er saß neben seinem Bruder Agamemnon, einem Bären von Mann. Menelaos hatte erstaunlich rote Haare, von einer Farbe wie glühende Bronze. Er war kräftig, muskelbepackt und sehr agil. Als Geschenk überreichte er ein kostbares, wunderschön gefärbtes Tuch. »Obwohl die Jungfer keine solche Zierde nötig hat«, fügte er lächelnd hinzu. Ein hübsches Kompliment. Ich wünschte, einen ähnlich gescheiten Satz vortragen zu können, war ich doch nur einer von zwanzig Bewerbern und leider nun einmal kein Gotteskind. Allenfalls der blonde Sohn des Peleus wäre ihm vielleicht ebenbürtig gewesen, doch den hatte sein Vater zu Hause gelassen.

Freier um Freier gab sich die Ehre, und ihre Namen schwirrten mir durch den Kopf. Meine Aufmerksamkeit wanderte in Richtung Podest, auf dem neben Tyndareos drei verschleierte Frauen saßen. Ich starrte auf die weißen Tücher, die ihre Gesichter verhüllten, als könnte es mir vielleicht gelingen, einen Blick von ihnen zu erhaschen. Mein Vater wollte, dass ich eine dieser Frauen zur Gemahlin nehme. Ihre Hände lagen, mit Armreifen reich geschmückt, ruhig in ihren Schößen. Eine Frau war größer als die beiden anderen. Ich glaubte, eine dunkle Locke unter dem Rand des Schleiers wahrnehmen zu können. Ich erinnerte mich jedoch, dass Helena helles Haar hatte. Sie also war es nicht. Den Königen hörte ich schon nicht mehr zu.

»Willkommen, Menoitios.« Den Namen meines Vaters zu hören, schreckte mich auf. Tyndareos schaute uns an. »Es tut mir leid, erfahren zu müssen, dass deine Frau gestorben ist.«

»Meine Frau lebt, Tyndareos. Es ist mein Sohn, der gekommen ist, um deine Tochter zur Frau zu nehmen.« Es wurde still in der Halle. Ich ging in die Knie und sah mich den Blicken aller Anwesenden ausgesetzt, was mir Schwindel bereitete.

»Dein Sohn ist noch kein Mann.« Es schien mir, als spräche Tyndareos aus weiter Ferne. Ich konnte seiner Stimme nichts entnehmen.

»Das muss er auch nicht sein. Ich bin Manns genug für uns beide.« Unsereins liebte solche Scherze, keck und prahlerisch vorgetragen. Doch hier lachte niemand.

»Verstehe«, entgegnete Tyndareos.

Meine Knie schmerzten auf dem harten Steinboden, doch ich rührte mich nicht. Ich war daran gewöhnt, und zum ersten Mal war ich froh darüber.

Mein Vater sprach in die Stille hinein: »Andere haben Bronze und Wein, Öl und Wolle mitgebracht. Ich aber bringe Gold, und dies ist nur ein kleiner Teil meiner Schätze.« Ich hielt die goldene Schale in der Hand und spürte die Gestalten der Geschichte unter den Fingern: den Göttervater Zeus, herabsteigend als Goldregen, die erschrockene Prinzessin, die Zusammenkunft der beiden.

»Meine Tochter und ich sind dankbar für ein solch kostbares Geschenk, auch wenn es anscheinend nur ein kleines ist.« Unter den Königen wurde ein Raunen laut. Mein Vater schien nicht zu verstehen, wie demütigend seine Worte wirken mussten. Ich aber errötete.

»Ich will Helena zur Königin meines Palasts machen. Wie du weißt, ist meine Frau nicht imstande zu herrschen. Ich bin reicher als alle, die hier anwesend sind, und meine Taten sprechen für sich.«

»Ich dachte, dein Sohn bewirbt sich um die Braut.«

Die neue Stimme ließ mich aufblicken. Sie gehörte einem Mann, der noch nichts gesagt hatte und in entspannter Haltung am Ende der langen Bank saß. Seine lockigen Haare leuchteten im Feuerschein. Er hatte eine lange Narbe am Unterschenkel, die sich als helle, krumme Spur auf der dunklen Haut seiner muskulösen Wade abzeichnete und von der Ferse bis unter den Saum des Schurzes reichte. Sie rührte wohl, wie ich vermutete, von einer schartigen Klinge her, einem Gewaltakt, über den die zarten, weichen Ränder jetzt hinwegtäuschten.

Mein Vater reagierte verärgert. »Sohn des Laertes, ich erinnere mich nicht, dir das Wort erteilt zu haben.«

Der Mann lächelte. »Wohl wahr, ich habe mir selbst das Wort erteilt. Aber keine Sorge, ich werde dir nicht in die Quere kommen. Ich bin nur als Beobachter hier.« Eine kleine Bewegung führte meinen Blick zurück auf das Podest. Eine der verschleierten Gestalten hatte sich gerührt.

»Was soll das heißen?« Mein Vater runzelte die Stirn. »Wenn nicht wegen Helena, weswegen ist er dann gekommen? Soll er doch zu seinen Felsen und Ziegen zurückkehren.«

Der Mann zog die Brauen in die Stirn, sagte aber nichts.

Auch Tyndareos blieb gelassen. »Wenn sich, wie du sagst, dein Sohn um meine Tochter bewirbt, so lass ihn doch für sich sprechen.«

Selbst mir war bewusst, dass ich mich nun vorzustellen hatte. »Ich bin Patroklos, Sohn des Menoitios.« Weil ich lange nichts gesagt hatte, klang meine Stimme rau und holprig. »Ich möchte Helena zur Frau nehmen. Mein Vater ist König und der Sohn von Königen.« Mehr wusste ich nicht vorzutragen. Mein Vater hatte mich nicht vorbereitet und wohl auch nicht damit gerechnet, dass Tyndareos mich zu reden auffordern würde. Ich stand auf, trug die Schale zu den anderen Geschenken und legte sie vorsichtig ab. Anschließend kehrte ich auf meinen Platz auf der Bank zurück, erleichtert darüber, weder gezittert zu haben noch gestolpert zu sein, und ich hatte mich auch nicht mit meinen Worten zum Narren gemacht. Dennoch brannte mein Gesicht vor Verlegenheit. Ich ahnte, was diese Männer von mir hielten.

Doch mein peinlicher Auftritt schien schon bald vergessen zu sein. Als nächster Bewerber ging ein riesiger Mann auf die Knie, um einiges größer und breiter als mein Vater. Hinter ihm hatten zwei Sklaven einen gewaltigen Schild aufgerichtet, der anscheinend zu seiner Ausstattung gehörte und von den Füßen bis zur Krone reichte. Ein normaler Sterblicher hätte ihn unmöglich allein tragen können. Und ein Schmuckstück war es nicht. Tiefe Kerben und Einschnitte zeugten von seinem Einsatz im Kampf. Der Riese stellte sich als Ajax vor, Sohn des Telamon. Er sprach mit einfachen, schnörkellosen Worten, behauptete, in direkter Linie von Zeus abzustammen, und stellte seine mächtige Statur als Beweis dafür heraus, dass er immer noch in der Gunst seines Urgroßvaters stand. Er brachte einen Speer mit wunderschönem Schnitzwerk als Geschenk dar. Die geschmiedete Spitze glimmte im Licht der Fackeln.

Als Letzter kam der Mann mit der Narbe an die Reihe. »Nun, Sohn des Laertes?« Tyndareos wandte ihm sein Gesicht zu. »Was sagt ein unbeteiligter Beobachter zu diesen Vorgängen?«

Der Angesprochene lehnte sich zurück. »Ich frage mich, wie du die Verlierer der Brautwerbung davon abhalten wirst, dir den Krieg zu erklären. Oder Helenas glücklichem Gatten. Ich sehe hier ein halbes Dutzend Männer, die sich am liebsten gegenseitig an die Gurgel springen würden.«

»Das scheint dich zu amüsieren.«

Der Mann zuckte mit den Achseln. »Ja, ich finde närrische Männer komisch.«

»Der Sohn des Laertes macht sich über uns lustig«, schimpfte Ajax, der Riese, und ballte eine Faust, die so groß war wie mein Kopf.

»Oh nein, Sohn des Telamon, niemals.«

»Was dann, Odysseus? Erklär dich, und sei es nur dieses eine Mal.« Tyndareos schlug einen scharfen Ton an.

Wieder zuckte Odysseus mit den Achseln. »Du treibst ein gefährliches Spiel mit diesen Männern. Ein jeder von ihnen ist voller Stolz und nähme es dir übel, wenn er abgewiesen würde.«

»All das hast du mir bereits unter vier Augen gesagt.«

Mein Vater zuckte zusammen. Verschwörung. Nicht nur er schien verärgert zu sein.

»Das ist wahr, nun aber biete ich dir einen Vorschlag zur Güte an.« Er hob die leeren Hände. »Ich habe kein Geschenk mitgebracht und will auch nicht um Helena werben. Wie schon gesagt wurde, ich bin nur ein König über Felsen und Ziegen. Als Gegenleistung für meinen Vorschlag erbitte ich nur den Preis, den ich bereits genannt habe.«

»Du sollst ihn haben im Austausch für deinen Vorschlag.« Wieder war eine flüchtige Bewegung auf dem Podest wahrzunehmen. Eine der Frauen berührte das Kleid der anderen.

»So höre. Ich finde, wir sollten Helena entscheiden lassen.« Odysseus legte eine Pause ein, weil Unmutsäußerungen laut wurden. Frauen hatten in solchen Dingen nicht mitzubestimmen. »Niemand wird es dir je verübeln können. Aber sie muss sich jetzt entscheiden, hier und heute, damit man ihr nicht nachsagen kann, sie habe sich mit dir beraten oder gar von dir beeinflussen lassen. Und …« Er streckte einen Finger in die Höhe. »Bevor sie ihre Entscheidung trifft, sollte jeder, der hier anwesend ist, einen Eid leisten und schwören, dass er Helenas Wahl anerkennt und ihren zukünftigen Gatten gegen alle verteidigt, die sie ihm streitig machen.«

Ich spürte die Unruhe in der Halle. Ein Schwur? In einer so unkonventionellen Angelegenheit wie die selbstbestimmte Gattenwahl einer Frau? Die Männer reagierten mit unverhohlenem Argwohn.

»Nun denn.« Tyndareos wandte sich den verschleierten Frauen zu. Er verriet mit keiner Miene, was er dachte. »Helena, nimmst du diesen Vorschlag an?«

Ihre Stimme klang wunderschön, war zwar leise, aber füllte dennoch den Raum. »Ich bin einverstanden.« Mehr sagte sie nicht, doch es reichte, um die Männer um mich herum zu berauschen. Selbst als Kind, das ich noch war, spürte ich die Macht, die von dieser Frau ausging. Ich erinnerte mich an Gerüchte, wonach ihre Haut vergoldet sei und ihre Augen wie Obsidiane leuchteten, jene schwarzen, gläsernen Steine, gegen die wir unsere Oliven tauschten. In diesem Moment war sie all die Preise wert, die in der Mitte der Halle aufgehäuft waren. Mehr noch, sie war unser aller Leben wert.

Tyndareos nickte. »Also ordne ich es an. Wer zu schwören bereit ist, möge es nun tun.«

Ich hörte Gemurmel und ein paar ärgerliche Stimmen. Doch niemand verließ die Halle. Helena, deren Schleier sich durch ihren Atem bauschte, hielt uns alle in ihrem Bann gefangen.

Ein eilends herbeigerufener Priester führte eine weiße Ziege zum Altar. Hier in der Halle war ein solches Opfertier verheißungsvoller als ein Bulle, dessen Blut den gesamten Steinboden überspült hätte. Die Ziege starb ohne großes Klagen, worauf der Priester in einer Schale das Blut mit der Zypressenasche aus dem Kamin vermengte. Es war so still im Raum, dass alle hörten, wie es in der Schale zischte.

»Sei du der Erste.« Tyndareos zeigte auf Odysseus. Selbst als Neunjähriger erkannte ich, wie passend diese Aufforderung war. Odysseus hatte sich als besonders schlau erwiesen. Bündnisse unter Fürsten und Königen hatten nur dann Bestand, wenn keinem Einzelnen erlaubt wurde, mächtiger zu sein als die anderen. Ich sah, dass manche gehässig grinsten. Odysseus würde sich dem jetzt nicht entziehen können.

Er verzog den Mund zu einem angedeuteten Schmunzeln. »Natürlich. Mit Vergnügen.« Letzteres glaubte ich ihm nicht. Als die Ziege geopfert worden war, hatte ich bemerkt, dass er sich an den Rand lehnte, um in den Hintergrund zu treten. Nun stand er auf und trat vor den Altar.

Er streckte dem Priester seine Arme entgegen und sagte: »Helena, vergiss nicht, dass ich diesen Eid als dein Gefolgsmann leiste und nicht als Freier. Du würdest dir nie verzeihen, mich auserwählt zu haben.« Seine Worte erregten Heiterkeit unter den Männern. Wir alle wussten, dass es einer so strahlenden Frau wie Helena niemals einfallen würde, den König von Ithaka, diesem dürren und kargen Landstrich, zum Mann zu nehmen.

Der Priester rief einen nach dem anderen zur Feuerstelle und markierte ein Handgelenk mit Blut und Asche als Zeichen des Gelübdes. Auch ich sprach den Eid, als ich an die Reihe kam, und hob den Arm, damit alle das Zeichen sehen konnten.

Als schließlich der Letzte auf seinen Platz zurückgekehrt war, stand Tyndareos auf. »Triff nun deine Wahl, meine Tochter.«

»Menelaos«, sagte sie, ohne zu zögern, was uns alle verblüffte. Wir hatten mit einer spannenderen Entscheidung gerechnet und erwartet, dass sie sich Zeit lassen würde. Ich schaute den rothaarigen Mann an, der nun aufstand und übers ganze Gesicht grinste. Überglücklich, wie es schien, gab er seinem schweigenden Bruder einen Klaps auf den Rücken. Alle anderen zeigten sich wütend, enttäuscht oder gar betrübt. Aber keiner griff nach seinem Schwert. Das Blut auf den Handgelenken war getrocknet.

»So möge es geschehen.« Auch Tyndareos hatte sich von seinem Thron erhoben. »Und dein ehrenwerter Bruder Agamemnon soll ebenfalls nicht mit leeren Händen nach Hause zurückkehren.« Er zeigte auf die größere der Frauen. »Klytämnestra, meine andere Tochter, sei seine Braut.« Die Frau, nach wie vor verschleiert, rührte sich nicht. Ich fragte mich, ob sie die Worte ihres Vaters gehört hatte.

»Was ist mit dem dritten Mädchen?« Die Frage, laut in die Halle hinausgerufen, kam von einem kleinen Mann, der neben dem Riesen Ajax stand. »Deine Nichte. Kann ich sie haben?«

Die Männer lachten, erleichtert darüber, dass sich die Anspannung löste.

»Du kommst zu spät, Teukros«, sagte Odysseus über das allgemeine Gelächter hinweg. »Sie ist bereits mir versprochen.«

Mehr konnte ich nicht hören. Mein Vater zerrte mich von der Bank. »Wir haben hier nichts mehr verloren.« Noch in derselben Nacht machten wir uns auf den Heimweg. Ich bestieg meinen Esel, enttäuscht und voller Bedauern, die sagenhaft schöne Helena nicht einmal zu Gesicht bekommen zu haben.

Mein Vater kam auf diese Reise nie mehr zu sprechen, und in meiner Erinnerung nahmen die Ereignisse von damals eine sonderbare Färbung an. Das Blut des Opfertiers, der Raum voller Könige – all das erschien mir fern und blass, fast so, als hätte ich es nicht selbst erlebt, sondern nur von einem Sänger vorgetragen gehört. War ich tatsächlich vor Tyndareos auf die Knie gegangen? Und was hatte es mit diesem Schwur auf sich? Allein daran zu denken erschien mir abwegig, töricht und so unwirklich wie ein Traum. 

Drittes Kapitel

Ich war auf dem Feld und hielt zwei Würfel in der Hand, ein Geschenk. Nicht von meinem Vater, der an so etwas nie gedacht hätte. Auch nicht von meiner Mutter, die mich manchmal nicht erkannte. Ich weiß selbst nicht mehr, wer sie mir gab. Ein König, der bei uns zu Besuch gewesen war? Ein Höfling, der sich einzuschmeicheln versucht hatte?

Die Würfel waren aus Elfenbein geschnitzt und mit kleinen Onyx-Einlagen versehen, vollkommen glatt unter meinem Daumen. Es war Spätsommer, und ich rang, außer Atem nach dem schnellen Lauf hinaus aus dem Palast, nach Luft. Seit dem Wettkampf damals hatte man mir einen Mann zur Seite gestellt, der mich in unseren athletischen Disziplinen unterrichten sollte: Boxen, Schwert- und Speerkampf, Diskus. Aber ich war vor ihm davongelaufen und wie benommen vor Freude darüber, seit Wochen endlich einmal wieder allein sein zu können.

Plötzlich tauchte dieser Junge auf. Er hieß Kleitonymos und war der Sohn eines Edelmanns, der häufig in unserem Palast zu Gast war. Er war älter und größer als ich und unangenehm stämmig. Offenbar hatte er es auf die Würfel in meiner Hand abgesehen, denn er streckte seine Hand aus und sagte: »Lass mal sehen.«

»Nein.« Ich wollte nicht, dass er sie mit seinen schmutzigen Fingern begrabschte. Ich war zwar kleiner, aber immerhin ein Prinz. Hatte ich nicht das Recht, nein zu sagen? Allerdings waren diese Söhne von Edelmännern daran gewöhnt, alles von mir verlangen zu können, was sie wollten. Sie wussten, dass mein Vater nie einschreiten würde.

»Gib her!« Er machte sich nicht einmal die Mühe, mir zu drohen. Dafür hasste ich ihn. Mir zu drohen wäre das Wenigste gewesen, was ich an Respekt verlangen durfte.

»Nein.«

Er trat auf mich zu. »Ich will sie haben.«

»Sie gehören mir.« Ich zeigte ihm die Zähne wie Hunde, die um das kämpften, was vom Tisch zu Boden fällt.

Er streckte die Hand aus, doch ich stieß ihn zurück. Er stolperte, worüber ich mich freute. Ich würde ihm nicht geben, was mir gehörte.

»He!«, brüllte er wütend. Ich war so klein, und viele hielten mich für dumm. Es wäre eine Schmach für ihn, wenn er sich von mir abweisen ließe. Hochrot im Gesicht griff er an. Ich wich unwillkürlich zurück.

Er grinste. »Feigling.«

»Ich bin kein Feigling«, rief ich laut. Mir wurde ganz heiß.

»Dein Vater hält dich aber für einen.« Er wählte seine Worte mit Bedacht und schien sie zu genießen. »Ich habe gehört, wie er sich vor meinem Vater über dich beklagt hat.«

»Hat er nicht«, entgegnete ich, obwohl ich wusste, dass es doch so war.

Der Junge hob die Faust. »Nennst du mich einen Lügner?« Ich zweifelte keinen Augenblick daran, dass er zuschlagen würde. Er wartete nur noch auf einen Vorwand. Ich konnte mir vorstellen, wie mein Vater dieses Wort ausgesprochen hatte. Feigling. Ich stemmte dem Jungen beide Hände gegen die Brust und stieß ihn so fest, wie ich nur konnte, von mir. Unser Land bestand aus Wiesen und Getreidefeldern. Hinzufallen tat nicht weh.

Nun, um ehrlich zu sein, gab es auch jede Menge Steine.

Er schlug heftig mit dem Kopf auf, und ich sah, wie er vor Schreck die Augen aufriss. Um seinen Kopf herum breitete sich eine Blutlache aus.

Vor lauter Entsetzen über das, was ich getan hatte, schnürte sich mir die Kehle zu. Ich hatte nie zuvor einen Menschen sterben sehen. Bullen, ja, und Ziegen, nicht zuletzt auch Fische in ihrem zappelnden Todeskampf. Auch auf Gemälden hatte ich es gesehen, auf Wandteppichen und unserem Geschirr, in das solche Szenen von Mord und Totschlag unter schwarzen Gestalten eingebrannt war. Aber das war mir noch nie zu Gesicht oder zu Ohren gekommen: dieses Gliederzucken und Röcheln. Und dann dieser Gestank des blutigen Ausflusses! Ich ergriff die Flucht.

Irgendwann später fanden sie mich vor den knorrigen Wurzeln eines Olivenbaums. Ich lag, schlaff und bleich, in meinem eigenen Erbrochenen. Die Würfel waren verschwunden, verloren auf der Flucht. Mein Vater musterte mich mit wütendem Blick. Die grimmige Miene ließ seine gelb gewordenen Zähne zum Vorschein kommen. Auf sein Zeichen hin trugen mich die Diener nach Hause.

Die Familie des Jungen verlangte meinen Tod oder meine Verbannung. Sie war mächtig und der Verstorbene ihr ältester Sohn. Ein Prinz mochte unbehelligt ihre Felder niederbrennen oder eine ihrer Töchter missbrauchen, solange Schadensersatz geleistet wurde. Doch die Söhne eines Mannes galten als unantastbar. Für sie würde ein Edelmann Krieg führen. Wir alle kannten die Regeln und hielten daran fest, um das Schlimmste zu vermeiden, das uns ständig bedrohte. Blutfehde. Die Diener machten das Zeichen zur Abwehr des Bösen.

Mein Vater hatte sich zeit seines Lebens für den Erhalt seines Königreichs eingesetzt, und das wollte er nun nicht wegen eines solchen Sohns wie mich verlieren, zumal es ihm ein Leichtes sein würde, mit irgendeiner Sklavin andere Erben zu zeugen. Also willigte er ein: Ich sollte ins Exil geschickt und am Hof eines anderen Königs für den Preis von Gold, aufgewogen mit meinem Gewicht, zum Mann erzogen werden. Ich würde keine Eltern haben, keinen Familiennamen, kein Erbe. In unseren Tagen wäre es besser zu sterben. Aber mein Vater dachte praktisch. Mein Gewicht an Gold kostete ihn weniger als eine aufwändige Bestattung, die in meinem Fall nötig gewesen wäre.

So wurde ich im Alter von zehn Jahren zum Waisenkind. So kam ich nach Phthia.

Phthia war das kleinste unserer Länder, ein winziger Fleck nur, im Norden zwischen der Meeresküste und den Gipfelgraden des Othrys-Gebirges gelegen. Sein König Peleus war ein Liebling der Götter, selbst zwar nicht göttlich, aber klug, tapfer, stattlich und an Frömmigkeit allen Männern seines Standes überlegen. Und weil sie ihm günstig gesinnt waren, gaben ihm die Götter eine Nymphe zur Frau, womit ihm die größtmögliche Ehre zuteilwurde. Denn welcher Sterbliche würde nicht einer Göttin beiwohnen und einen Sohn mit ihr zeugen wollen? Göttliches Blut läuterte unser irdenes Geschlecht und brachte aus Staub und Lehm Helden hervor. Und mit dieser Göttin verband sich ein noch größeres Versprechen: Die Moiren hatten geweissagt, ihr Sohn werde den Vater bei weitem übertreffen. Sein Stamm wäre gesichert. Doch wie alle Geschenke der Götter hatte auch dieses einen Haken. Die Göttin selbst widersetzte sich.

Jeder, sogar ich, kannte die Geschichte von Thetis’ Verführung. Die Götter hatten Peleus an einen heimlichen Ort geführt, zu einer Meeresbucht, in der sie sich gern aufhielt. Sie hatten ihn gewarnt, er solle keine Zeit mit Aufwartungen verschwenden – sie würde sich nie freiwillig mit einem Sterblichen einlassen.

Sie hatten ihn außerdem auf das vorbereitet, was er zu erwarten hatte. Die Nymphe Thetis war ähnlich gerissen wie ihr Vater Proteus, jener wandlungsfähige Gott des Meeres, und wusste auf vielfältigste Art und Weise Gestalt anzunehmen, ob in einem Kleid aus Schuppen, Tierhäuten oder Federn. Und sie würde sich mit Schnäbeln, Klauen und Zähnen, mit Schlingen und Stachelschwänzen zur Wehr setzen, doch Peleus dürfe nicht von ihr ablassen.

Peleus war ein frommer und gehorsamer Mann. Er tat, wozu ihm die Götter rieten, und wartete darauf, dass sie den schiefergrauen Wellen entstieg mit ihren schwarzen Haaren, die so lang waren wie ein Pferdeschweif. Da ergriff er sie und hielt sie gepackt, obwohl sie sich heftig wehrte, und sie rangen miteinander, bis beide erschöpft und geschunden im Sand lagen. Das Blut aus den Wunden, die sie ihm zugefügt hatte, vermischte sich mit der Schmiere ihrer verlorenen Jungfernschaft auf den Schenkeln. Sie hatte sich ihm vergeblich widersetzt, denn eine Entjungferung war so bindend wie ein Ehegelöbnis.

Die Götter verlangten von ihr, dass sie mindestens ein Jahr lang bei ihrem sterblichen Gatten bleiben sollte, und sie diente ihre Zeit auf Erden ab, wie es ihre Pflicht war, wenngleich schweigend und mürrisch. Wenn er ihr nun nahe kam, ließ sie ihn gewähren und wehrte sich nicht, lag stattdessen nur da, kalt wie ein Fisch. Ihr widerwilliger Schoß empfing nur ein einziges Kind, und kaum war die Frist verstrichen, floh sie aus dem Palast und verschwand im Meer.

Wenn sie zurückkehrte, so nur aus dem einzigen Grund, ihren Sohn zu sehen, doch sie blieb nie lange. Das Kind wurde von Ammen und Hauslehrern erzogen und unter die Aufsicht von Phoinix gestellt, dem getreuesten Berater Peleus’. Ob Peleus jemals bereute, von den Göttern beschenkt worden zu sein? Eine gewöhnliche Frau hätte sich an der Seite eines so milden und freundlich lächelnden Gatten wie Peleus glücklich schätzen können, doch der Meeresgöttin Thetis war er in seiner Sterblichkeit und Mittelmäßigkeit nur ein Gräuel gewesen.

Ein Diener führte mich durch den Palast. Seinen Namen hatte ich nicht verstanden, aber vielleicht hatte er ihn auch gar nicht genannt. Die Räume waren kleiner als in meinem früheren Zuhause und entsprachen dem Geist der Bescheidenheit, in dem das Land regiert wurde. Die Wände und Böden waren aus dem Marmor, der hier in der Gegend abgebaut wurde und im Vergleich zu den Steinen, die man im Süden fand, makellos weiß schimmerte. Meine Füße nahmen sich darauf noch dunkler aus.

Ich hatte nichts bei mir. Meine wenigen Habseligkeiten waren in meine Kammer gebracht worden, und das Gold meines Vaters befand sich auf dem Weg in die Schatzkammer. Ich fühlte eine seltsame Panik, als man mich von den Schmuckstücken getrennt hatte, meinen Begleitern auf der wochenlangen Reise, die mir meinen Wert versichert hatten: fünf Kelche mit ziselierten Stielen, ein schweres Zepter, ein Halsband aus getriebenem Gold, zwei schmuckvolle Vögel und eine Leier mit vergoldeten Armen. Letztere war, wie ich wusste, eine betrügerische Beigabe, denn das Instrument bestand natürlich aus billigem Holz und nahm den Platz ein, der mit Gold hätte aufgefüllt sein sollen. Doch es war so wunderschön, dass niemand Einwand erheben konnte. Die Leier stammte aus der Mitgift meiner Mutter. Während der Reise hatte ich immer wieder in die Satteltasche gegriffen, um mit der Hand über das polierte Holz zu streichen.

Ich nahm an, dass man mich in den Thronsaal führte, damit ich dort auf die Knie fallen und meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen könnte. Doch plötzlich hielt der Sklave vor einer Seitentür an. König Peleus sei abwesend, erklärte er mir und sagte, dass er mich stattdessen dem Königssohn vorstellen werde. Ich war verärgert, weil ich die artigen Worte, die ich mir unterwegs auf dem Eselsrücken zurechtgelegt hatte, nun nicht vorbringen konnte. Peleus’ Sohn. Ich erinnerte mich noch an den Kranz auf seinen hellen Haaren und an seine rosigen Fußsohlen, auf denen er so flink über die Laufstrecke gerannt war. So sollte ein Sohn sein.

Er lag auf einer breiten, mit Kissen gepolsterten Bank, balancierte eine Leier auf dem Bauch und zupfte gelangweilt an den Saiten. Er hatte mich nicht kommen hören, oder er wollte mich nicht zur Kenntnis nehmen. Jedenfalls wurde mir in dem Moment klar, welchen Platz ich an diesem Ort einnehmen sollte. Bis zu diesem Tag war ich ein Prinz gewesen, dessen Erscheinen angekündigt wurde. Jetzt war ich jemand, den man getrost übersehen konnte.

Ich trat einen Schritt vor und scharrte mit den Füßen, worauf er den Kopf zur Seite drehte und mich beäugte. Vor fünf Jahren hatte ich ihn das erste Mal gesehen und stellte nun fest, dass er aus seiner kindlichen Molligkeit herausgewachsen war. Ich starrte ihn an, tief beeindruckt von seiner Schönheit, den dunkelgrünen Augen und den zarten, fast märchenhaften Gesichtszügen. Ich hingegen hatte mich nicht so sehr verändert, geschweige denn zu meinem Vorteil, weshalb ich bei seinem Anblick neidisch wurde und mit Abneigung reagierte.

Er gähnte und hob die schweren Lider. »Wie heißt du?«

Das Königreich meines Vaters war vielleicht achtmal so groß wie das seines Vaters, ich hatte immerhin einen Jungen getötet, war in die Verbannung geschickt worden, und dennoch kannte er mich nicht. Ich presste die Lippen aufeinander und schwieg.

Wieder fragte er, lauter diesmal: »Wie heißt du?«

Dass ich ihm nicht gleich geantwortet hatte, war noch entschuldbar gewesen, es mochte ja sein, dass ich ihn nicht gehört hatte. Nun aber gab es keine Ausrede mehr.

»Patroklos.« Es war der Name, den mir mein Vater nach meiner Geburt hoffnungsvoll, aber unüberlegt gegeben hatte, und er lag mir bitter auf der Zunge. Er bedeutete »zur Ehre des Vaters«. Ich war gefasst darauf, dass der Junge auf der Bank einen Scherz machte und auf meine Schande anspielte. Aber das tat er nicht. Vielleicht, dachte ich, war er ein bisschen zu dumm dazu.

Er drehte sich zur Seite und schaute mich an. Eine Locke seiner goldenen Haare fiel ihm über die Augen. Er blies sie weg. »Mein Name ist Achill.«

Ich hob mein Kinn, und wir betrachteten einander. Dann blinzelte er mit den Augen, gähnte wieder und riss dabei den Mund auf wie eine Katze. »Willkommen in Phthia.«

Ich war an einem Königshof aufgewachsen und wusste, wann man mir zu verstehen gab, dass ich entlassen war.

Noch am selben Nachmittag erfuhr ich, dass ich nicht das einzige Pflegekind von Peleus war. Der bescheidene König erwies sich als durchaus reich an verstoßenen Söhnen. Es hieß, dass er als junger Bursche von zu Hause ausgerissen sei und ein Herz für Verbannte habe. Mein Bett bestand aus einem Strohlager in einem langen kahlen Raum, den ich mir mit anderen Jungen teilte, die sich rauften oder in den Tag hineinträumten. Ein Sklave zeigte mir, wohin man meine Sachen gebracht hatte. Ein paar Jungen hoben die Köpfe und starrten mich an. Einer fragte nach meinem Namen und ich antwortete. Doch sie verloren schnell wieder das Interesse. Niemand Wichtiges. Zaghaft ging ich zu meinem Strohlager und wartete auf das Abendessen.

In der Abenddämmerung rief uns das Geläut einer Bronzeglocke, das aus dem Inneren des Palasts tönte. Die anderen Jungen sprangen auf und eilten hinaus. Ich wähnte mich wie in einem Kaninchenbau, so verschlungen waren die engen, dunklen Korridore. Aus Angst, den Anschluss zu verlieren, trat ich dem Jungen, der vor mir lief, fast in die Hacken.

Die Halle, in der gegessen wurde, befand sich im vorderen Teil des Palasts mit Blick auf die Ausläufer des Othrys-Gebirges und war so groß, dass eine Vielzahl von Gästen darin Platz gefunden hätte. Peleus war bekannt dafür, dass er gern große Feste gab. Wir saßen auf Bänken aus Eichenholz, an Tischen, die offenbar uralt und entsprechend abgenutzt und zerkratzt waren. Das Essen war einfach, aber reichlich – gepökelter Fisch und dicke Scheiben Brot mit Kräuterkäse. Ziegen- oder Rindfleisch gab es nicht. Das war der Königsfamilie vorbehalten oder wurde nur an Festtagen gereicht. Am anderen Ende des Raumes sah ich im Schein der Lampe einen hellen Haarschopf leuchten. Achill. Die Jungen, die neben ihm saßen, amüsierten sich köstlich und lachten, offenbar über etwas, was er gesagt oder getan hatte. So sollte ein Prinz sein. Ich starrte auf mein Brot aus grobem Weizenschrot und strich mit den Fingern über die raue Rinde.

Nach dem Essen durften wir machen, was uns gefiel. Manche Jungen zogen sich in eine Ecke zurück, um zu spielen. »Willst du mitspielen?«, fragte einer. Er hatte noch kindliche Locken und war jünger als ich.

»Spielen?«

»Würfeln.« Er öffnete langsam die Hand und zeigte mir zwei Würfel aus geschnitzten Knochen, betupft mit schwarzer Farbe.

Unwillkürlich wich ich zurück. »Nein«, rief ich aus.

Er zwinkerte überrascht mit den Augen. »Dann eben nicht«, sagte er achselzuckend und ging fort.

In dieser Nacht träumte ich von dem toten Jungen, der mit zerbrochenem Schädel, aufgeschlagen wie ein Ei, am Boden liegt. Er hat mir nachgestellt. Blut strömt, dunkel wie Wein. Er öffnet die Augen, bewegt seine Lippen. Ich halte mir die Ohren zu. Die Stimmen der Toten, so heißt es, können Lebende in den Irrsinn treiben. Ich will kein Wort von ihm hören.

Ich schreckte auf und hoffte, nicht geschrien zu haben. Es war dunkel, vor dem Fenster leuchteten nur die Sterne am mondlosen Himmel. Mein flacher, hastiger Atem durchschnitt die Stille. Unter mir knisterte die Matratze, deren Füllung aus Stroh im Rücken piekste. Die Gegenwart der anderen Jungen tröstete mich nicht. Unsere Toten übten Rache, auch ungeachtet der Zeugen.

Die Gestirne kreisten, der Mond ging auf und zog über den Himmel. Als meine Augen schließlich wieder zufielen, lauerte der Junge noch, blutbesudelt und mit knochenbleichem Gesicht. Natürlich wartete er auf mich. Keine Seele wollte so früh in die endlosen Schatten unserer Unterwelt eingehen müssen. Die Verbannung mochte vielleicht die Lebenden besänftigen, doch die Toten waren damit nicht zufrieden gestellt.

Als ich aufwachte, waren meine Lider verklebt, die Glieder schwer und gefühllos. Die anderen Jungen liefen bereits umher und zogen sich an, um pünktlich zum Frühstück zu erscheinen. Dass ich womöglich ein wenig merkwürdig sei, hatte sich schnell herumgesprochen, und der Junge mit den Locken trat nicht mehr auf mich zu, weder mit Würfeln noch irgendetwas anderem. Am Frühstückstisch stopfte ich mir Brotkrumen in den Mund und schluckte. Man schenkte mir Milch ein und ich trank.

Anschließend wurden wir nach draußen in einen staubigen Hof in die pralle Sonne geführt, um im Umgang mit Speer und Schwert unterrichtet zu werden. Hier sollte ich erfahren, was es mit der Freundlichkeit des Peleus in Wahrheit auf sich hatte. Gut ausgebildet und zu Dank verpflichtet, würden wir ihm eines Tages als tüchtige Kämpfer dienen.

Man gab mir einen Speer. Eine schwielige Hand korrigierte meinen Griff und korrigierte ihn abermals. Ich warf und verfehlte das Ziel, den Stamm einer Eiche, nur knapp. Der Lehrer ließ schnaubend Luft ab und reichte mir einen zweiten Speer. Ich schaute mich im Kreis der anderen Jungen um, auf der Suche nach Peleus’ Sohn. Er war nicht da. Dann konzentrierte ich mich wieder auf die Eiche, deren Borke zerfetzt und aufgebrochen war. Aus den Einschlaglöchern troff Harz. Ich warf.

Die Sonne stieg höher und höher. Meine Kehle war heiß und trocken, Staub brannte darin. Als der Unterricht vorbei war, rannten die meisten Jungen zum Strand, wo immer noch ein leichter Wind wehte. Dort würfelten sie oder jagten einander und rissen Witze in den scharfen Dialekten des Nordens.

Meine Augen waren schwer, und meine Arme schmerzten von den Übungen am Vormittag. Ich setzte mich in den Schatten eines struppigen Olivenbaums und schaute hinaus aufs bewegte Meer. Niemand wechselte ein Wort mit mir. Mich nicht zur Kenntnis zu nehmen war leicht. Es war nicht viel anders als zu Hause.

Der nächste Tag verlief ähnlich, mit ermüdenden Übungen am Vormittag und langen Nachmittagsstunden, die ich allein verbrachte. In der Nacht betrachtete ich den abnehmenden Mond, so lange, bis ich ihn auch mit geschlossenen Augen sehen konnte, als gelbe Sichel vor meinen dunklen Augenlidern. Ich hoffte, sein Anblick würde mir das stets wiederkehrende Bild des Jungen ersparen. Unsere Mondgöttin hat Zauberkräfte und Macht über die Toten. Wenn sie es wollte, konnte sie auch meine Alpträume bannen.

Sie tat es nicht. Der Junge kam, Nacht für Nacht, mit starrem Blick und zerschmettertem Schädel. Manchmal drehte er sich um und zeigte mir das Loch im Kopf, aus dem die weiche Masse seines Gehirns hervorquoll. Ich wachte jedes Mal auf, atemlos vor Entsetzen, und starrte ins Dunkel, bis es hell wurde. 

Viertes Kapitel

Das einzig Erleichternde waren für mich die Mahlzeiten im Speisesaal. Unter dem hohen Gewölbe fühlte ich mich nicht so eingeengt, und hier verstopfte mir nicht der Staub vom Exerzierplatz die Kehle. Das Stimmengemurmel und Klappern von Geschirr beruhigten mich. Ich saß allein vor meinem Essen und konnte wieder frei atmen.

Und ich hatte Gelegenheit, Achill zu sehen. Er verbrachte seine Tage woanders und ging als Prinz Pflichten nach, mit denen wir anderen nichts zu tun hatten. Aber die Mahlzeiten nahm er immer mit uns zusammen ein, mal an diesem, mal an jenem Tisch. In der großen Halle leuchtete seine Schönheit wie eine Flamme, lebendig und hell. Immer wieder zog sie meinen Blick auf sich. Sein Mund war wie ein kleiner geschwungener Bogen geformt, die Nase wie ein aristokratischer Pfeil. Wenn er sich setzte, verrenkte er nicht die Glieder, wie ich es tat, sondern ordnete sie anmutig, als säße er Modell für einen Bildhauer. Am bemerkenswertesten war vielleicht seine völlige Unbefangenheit. Im Unterschied zu anderen hübschen Kindern machte er keinerlei Aufhebens um sich. Im Gegenteil, er schien sich seiner Wirkung auf die anderen Jungen überhaupt nicht bewusst zu sein, obwohl er doch hätte bemerken müssen, dass sie sich wie eine Hundemeute um ihn drängten, begierig darauf, von ihm wahrgenommen zu werden.

Ich beobachtete solche Szenen von meinem Tisch in der Ecke, und das Brot zerkrümelte in meiner Faust. Mein Neid war scharf wie ein Feuerstein, nur einen Funken entfernt vom Feuer.

Eines Tages saß er am Nebentisch. Seine staubigen Füße scharrten auf den Steinfliesen, während er aß. Sie waren nicht so schwielig wie meine, sondern rosig an den Sohlen und mit gebräuntem Rist. Prinz, höhnte ich im Stillen.

Er drehte sich um, als hätte er mich gehört. Wir schauten einander an, Panik durchströmte meinen Körper. Ich riss mich von seinem Blick los und zupfte an meinem Brot. Meine Wangen waren heiß, und die Haut prickelte wie vor einem Unwetter. Als ich schließlich wieder hinsah, hatte er sich abgewendet und sprach mit den Jungen am Tisch.

Danach war ich vorsichtiger mit meinen Beobachtungen. Ich hielt den Kopf gesenkt und bewegte nur die Augen, immer auf der Hut, meinen Blick ganz schnell woandershin zu lenken. Aber er war noch gewiefter. Er schaffte es während einer Mahlzeit mindestens einmal, mich in meiner Neugier zu ertappen, ehe ich seinen Blicken ausweichen konnte. In solchen kurzen Momenten empfand ich mehr als im Laufe eines ganzen Tages. Mein Magen verkrampfte sich, und heiße Wut stieg in mir auf. Ich kam mir vor wie ein Fisch am Haken.

In der vierten Woche meiner Verbannung fand ich ihn im Speisesaal an meinem Tisch vor. Ich bezeichnete ihn als meinen Tisch, weil ihn sonst kaum jemand mit mir teilte. Doch jetzt, da er dort saß, drängten sich die Jungen auf den Bänken. Ich erstarrte, hin- und hergerissen von meiner Wut und dem Impuls, Reißaus zu nehmen. Doch die Wut gewann die Oberhand. Es war mein Tisch, und ich würde mich von ihnen nicht verdrängen lassen, egal, wie viele Jungen er auf seiner Seite hatte.

Ich setzte mich auf den letzten leeren Platz und straffte kampfbereit die Schultern. Die Jungen gaben mächtig an und plapperten durcheinander. Sie redeten über einen Speer, einen toten Vogel am Strand und über die Wettkämpfe im Frühling. Ich hörte nicht hin. Seine Gegenwart störte mich wie ein Stein im Schuh, der sich einfach nicht ignorieren ließ. Seine Haut hatte die Farbe frisch gepressten Olivenöls und war so glatt wie poliertes Holz, ohne Schrammen und Blessuren wie bei all den anderen.

Nach dem Essen wurde das Geschirr weggeräumt. Hinter den Fenstern zeigte sich der Erntemond, voll und rötlich gelb am Abendhimmel. Achill blieb länger als sonst. Gedankenversunken strich er die Haare aus dem Gesicht. Sie waren in den Wochen seit meiner Ankunft lang geworden. Er langte nach einer Schale auf dem Tisch, in der sich Feigen befanden, und klaubte mehrere heraus.

Mit einem Schlenker aus dem Handgelenk warf er die Feigen in die Luft, eine, zwei, drei, und ließ sie so leicht umeinanderfliegen, dass die zarte Haut der Früchte unbeschädigt blieb. Dann fügte er eine vierte, eine fünfte hinzu. Die Jungen lachten und applaudierten. Mehr, mehr!

So schnell schwirrten die Feigen durch die Luft, dass das Auge kaum folgen konnte, und es schien, als seien die Hände gar nicht im Spiel, als flögen die Früchte aus eigener Kraft. Solche Kunststücke waren eigentlich Sache von Gauklern und Bettlern, doch er schuf ein lebendiges Luftgebilde, so schön, dass ich mein Interesse nicht länger verhehlen konnte.

Sein Blick, der den fliegenden Früchten folgte, richtete sich kurz auf mich. Ich hatte nicht die Zeit, wegzuschauen, bevor er leise, aber deutlich sagte: »Fang!« Eine Feige löste sich aus dem schwerelosen Kreis, flog auf mich zu und landete, weich und warm, in meinen geöffneten Händen. Ich hörte die Jungen johlen.

Daraufhin pflückte Achill eine Frucht nach der anderen aus der Luft, verbeugte sich wie ein Schausteller und legte sie zurück in die Schale, bis auf eine, die er in den Mund steckte und mit den Zähnen zerteilte. Die Frucht war reif und voller Saft. Ohne lange zu überlegen, führte ich diejenige, die er mir zugeworfen hatte, an die Lippen, schmeckte ihr süßes, körniges Fleisch, die weiche Haut auf der Zunge.

Er stand auf. Die Jungen verabschiedeten ihn im Chor. Ich dachte, er würde mich noch einmal ansehen. Stattdessen aber wandte er sich ab und ging zurück in seine Kammer im hinteren Teil des Palasts.

Am nächsten Tag kehrte Peleus zurück. Man brachte mich in den Thronsaal, wo ein Eibenholzfeuer brannte und würzigen Rauch verbreitete. Wie es sich geziemte, kniete ich nieder und verbeugte mich, worauf er sein mildes Lächeln zeigte, für das er berühmt war. »Patroklos«, antwortete ich auf seine Frage nach meinem Namen. Daran, dass ich ihn ohne Hinweis auf meinen Vater nannte, hatte ich mich inzwischen gewöhnt. Peleus nickte. Er hatte einen Buckel und kam mir vor wie ein Greis, obwohl er kaum älter als fünfzig war, so alt wie mein Vater. Wie ein Mann, der eine Göttin erobert und mit ihr ein Kind wie Achill gezeugt hatte, sah er nicht aus.

»Du bist hier, weil du einen Jungen getötet hast. Verstehst du?«

Aus seiner Frage sprach die Grausamkeit der Erwachsenen. Verstehst du?

»Ja«, antwortete ich. Ich hätte ihm von meinen Träumen erzählen können, die mich nicht in Ruhe ließen und so sehr quälten, dass ich schreien mochte; sie raubten mir den Schlaf und ich lag nächtelang wach, die kreisenden Sterne vor Augen.

»Du bist hier willkommen. Aus dir kann immer noch ein guter Mann werden.« Er meinte es als Trost.

An diesem Tag erfuhren alle den Grund meiner Verbannung, vielleicht vom König selbst oder durch einen Sklaven, der gelauscht hatte. Damit war eigentlich zu rechnen gewesen, denn es wurde viel getratscht. Gerüchte waren für die Jungen die einzige Währung, mit der sie handeln konnten. Dennoch verblüffte mich der plötzliche Umschwung in ihrem Verhalten mir gegenüber. Sooft ich an ihnen vorbeiging, spiegelten sich Furcht und Faszination auf ihren Gesichtern. Selbst der frechste von ihnen murmelte ein Gebet vor sich hin, wenn ich ihm zu nahe kam. Unglück steckt bekanntlich an, und die Erinnyen, unsere gefürchteten Rachegöttinnen, waren nicht wählerisch. Gespannt schauten sie aus sicherer Entfernung zu. Was glaubt ihr, werden sie sein Blut trinken?

Das Getuschel schlug mir auf den Magen. Ich schob meinen Teller weg und suchte stille Ecken und Räume auf, wo mich niemand störte, allenfalls ein Sklave, der vorbeikam. Meine enge Welt wurde noch enger und begrenzte sich auf die Fugen im Boden oder die in Steinmauern gemeißelten Ornamente, die leise wisperten, wenn ich mit den Fingerspitzen darüberstrich.

»Man hat mir gesagt, wo du bist.« Eine klare Stimme, wie aus schmelzendem Eis tropfendes Wasser.

Mein Kopf fuhr empor. Ich saß mit eingezogenen Beinen in einer Vorratskammer, eingeengt zwischen Fässern voller Olivenöl. Ich hatte geträumt, ein Fisch zu sein, der aus dem Wasser springt und, von der Sonne beschienen, silbern glitzert. Die Wellen lösten sich auf, und stattdessen traten wieder die unförmigen Getreidesäcke zum Vorschein.

Es war Achill, der vor mir stand. Er machte einen ernsten Eindruck und musterte mich mit seinen grünen Augen. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil mir bewusst war, dass ich mich hier in der Kammer nicht aufhalten durfte.

»Ich habe dich gesucht«, sagte er mit ausdrucksloser Stimme, der nicht mehr als diese Worte anzuhören waren. »Du hast den Drill geschwänzt.«

Mein Gesicht lief rot an, unter das schlechte Gewissen mischte sich dumpfe Wut. Er hatte das Recht, mich zu maßregeln, doch dafür hasste ich ihn.

»Woher weißt du das? Du warst doch auch nicht auf dem Hof.«

»Dem Meister ist es aufgefallen, und er hat meinen Vater informiert.«

»Der hat dich wohl geschickt.« Ich wollte, dass er sich schämte.

»Nein, niemand hat mich geschickt.« Seine Stimme klang unaufgeregt, doch seine Miene verriet etwas anderes. »Ich habe das Gespräch der beiden belauscht und bin gekommen, um zu sehen, wie es dir geht.«

Ich antwortete nicht. Er musterte mich immer noch.

»Mein Vater denkt darüber nach, dich zu bestrafen«, sagte er.

Wir wussten beide, was damit gemeint war. Strafe bedeutete körperliche Züchtigung, meist vor aller Augen. Ein Prinz musste nicht fürchten, ausgepeitscht zu werden, aber ich war kein Prinz mehr.

»Bist du krank?«, fragte er.

»Nein.«

»Dann kommt das als Entschuldigung nicht in Frage.«

»Wie bitte?« Vor lauter Angst konnte ich ihm nicht folgen.

»Als Entschuldigung, den Drill geschwänzt zu haben.« Er schien die Geduld zu verlieren. »Um der Strafe zu entgehen. Was wirst du sagen?«

»Ich weiß nicht.«

»Du musst aber etwas sagen.«

Seine Beharrlichkeit machte mich noch wütender. »Du bist der Prinz«, platzte es aus mir heraus.

Er zeigte sich überrascht und neigte den Kopf wie ein neugieriger Vogel zur Seite. »Und?«

»Sprich du mit deinem Vater und sag ihm, wir wären zusammen gewesen. Das wird er entschuldigen.« Was so beherzt klang, war eher Ausdruck meiner Verlegenheit. Hätte ich mich vor meinem Vater für einen anderen Jungen stark gemacht, wäre dieser trotzdem ausgepeitscht worden. Aber ich war nicht Achill.

Zwischen seinen Augenbrauen bildete sich eine kleine Furche. »Mir gefällt es nicht, zu lügen«, entgegnete er.

So viel Anständigkeit wurde von anderen Jungen meist verlacht, und wer noch anständig war, gab es nicht offen zu.

»Lass mich an deinem Unterricht teilnehmen«, sagte ich. »Dann müsstest du nicht lügen.«

Er zog die Stirn in Falten und war so still wie ein alarmiertes Tier, das den Geräuschen seines Jägers lauschte. Unwillkürlich hielt ich die Luft an.

Plötzlich entspannte sich sein Gesicht wieder. Er hatte eine Entscheidung getroffen.

»Komm mit«, sagte er.

»Wohin?« Ich war argwöhnisch. Womöglich sollte ich nun dafür bestraft werden, dass ich ihm zu lügen vorgeschlagen hatte.

»Zu meinem Leierunterricht. Damit ich, wie du sagst, nicht lügen muss. Anschließend sprechen wir mit meinem Vater.«

»Jetzt?«

»Ja. Warum nicht?« Er sah mich fragend an. Warum nicht?

Als ich aufstand, um ihm zu folgen, taten mir die Beine weh, weil ich so lange auf dem kalten Steinboden gehockt hatte. In meiner Brust kribbelte etwas, das ich nicht benennen konnte. Furcht und Hoffnung, beides zugleich.

Wortlos gingen wir durch die langen Flure und gelangten schließlich in einen kleinen Raum, in dem sich nur eine Truhe und ein paar Stühle befanden. Achill deutete auf einen davon. Es war ein mit Leder überspannter Holzrahmen auf Beinen – ein Schemel, wie ihn fahrende Musikanten mit sich führten.

Er öffnete die Truhe, holte eine Leier daraus hervor und reichte sie mir.

»Ich kann darauf nicht spielen«, sagte ich.

Wieder krauste er die Stirn. »Hast du es nie versucht?«

Seltsamerweise verspürte ich den Wunsch, ihn nicht zu enttäuschen. »Mein Vater mag keine Musik.«

»Na und? Er ist doch nicht hier.«

Ich nahm das Instrument entgegen. Es war dasjenige, mit dem ich ihn am Tag meiner Ankunft gesehen hatte. Ich ließ die Finger über die Saiten streichen und hörte ein dumpfes Summen. Achill holte eine zweite Leier aus der Truhe hervor und setzte sich neben mich.

Er platzierte sie auf seine Knie. Die Holzarme waren mit kunstvollen Schnitzereien verziert und vergoldet. Es war das Instrument meiner Mutter, das mir mein Vater als Teil des Entgelts für meine Aufnahme an Peleus’ Hof mitgegeben hatte.

Achill zupfte an einer Saite und ließ einen wunderschönen Ton erklingen, warm und anhaltend. Meine Mutter war früher immer auf ihrem Stuhl ganz nah an die Musikanten herangerückt, so nah, dass mein Vater das Gesicht verzog und die Sklaven untereinander tuschelten. Ich erinnerte mich plötzlich an den dunklen Glanz ihrer Augen, wenn sie auf den Händen des Musikers ruhten und zu dürsten schienen.

Achill zupfte an einer anderen Saite, die einen tieferen Klang hervorbrachte. Dann griff er nach einem Schlüssel und stimmte sie nach.

Das ist die Leier meiner Mutter, hätte ich fast gesagt. Die Worte lagen mir schon auf der Zunge, und dahinter drängten sich weitere vor. Sie gehört mir. Doch ich schwieg. Was hätte er wohl auf eine solche Äußerung geantwortet? Das Instrument war nun in seinem Besitz.

Meine Kehle war trocken. Ich schluckte. »Sie ist schön.«

»Mein Vater hat sie mir gegeben«, erklärte er arglos, und nur weil er mit dem Instrument so sanft und schonend umging, konnte ich meine Wut beherrschen.

Er bemerkte nichts davon. »Du kannst sie mal halten, wenn du willst.«

Ich wusste, wie sie sich anfühlte, so glatt und vertraut, als wäre sie ein Teil von mir.

»Nein«, stieß ich unter Schmerzen in der Brust hervor. Ich werde in seinem Beisein nicht in Tränen ausbrechen.

Er wollte etwas sagen, aber in diesem Moment kam der Lehrer zur Tür herein, ein Mann unbestimmten Alters. Er hatte wie jeder Musiker verhornte Fingerspitzen und trug seine eigene Leier bei sich. Sie war aus dunklem Walnussholz geschnitzt.

»Wer ist das?«, fragte er. Seine Stimme war rau und laut, nicht die eines Sängers.

»Patroklos«, antwortete Achill. »Er kann noch nicht auf der Leier spielen, will’s aber lernen.«

»Nicht auf diesem Instrument.« Er langte nach dem Instrument auf meinem Schoß, doch ich hielt unwillkürlich daran fest. Es war nicht so schön wie die Leier meiner Mutter, aber immerhin das Instrument eines Prinzen. Ich wollte es nicht hergeben.

Das musste ich auch nicht. Achill griff nach seinem Handgelenk. »Doch, auf diesem Instrument, wenn er möchte.«

Der Mann war verärgert, sagte aber nichts. Achill gab seine Hand frei, worauf er sich auf einem Schemel niederließ.

»Fang an«, sagte er.

Achill nickte und beugte sich über seine Leier. Ich hatte nicht die Zeit, mich über sein Eingreifen zu wundern. Er strich über die Saiten, und alle meine Gedanken waren wie ausgewechselt. Der Klang war so rein und süß wie Wasser, hell wie Limonen. Solche Musik hatte ich nie zuvor gehört. Sie wärmte wie ein Feuer und war von einer Beschaffenheit wie poliertes Elfenbein, wühlte auf und besänftigte zugleich. Ein paar Strähnen fielen ihm über die Augen, während er spielte. Sie waren so fein wie die Leiersaiten und schimmerten.

Dann hielt er inne, strich die Haare zurück und wandte sich mir zu.

»Du bist dran.«

Ich schüttelte den Kopf, der mir schwirrte. Es war mir unmöglich, jetzt zu spielen. Viel lieber wollte ich ihm zuhören. »Spiel weiter«, sagte ich.

Achill ließ wieder die Saiten erklingen. Diesmal sang er mit klarer, heller Stimme. Er warf den Kopf in den Nacken zurück und entblößte seinen Hals und die geschmeidige, dunkel getönte Haut. Ein kleines Lächeln deutete sich am linken Mundwinkel an. Unwillkürlich beugte ich mich näher zu ihm hin.

Als er schließlich zu spielen aufhörte, fühlte sich meine Brust seltsam hohl an. Ich sah, wie er aufstand und die beiden Instrumente zurück in die Truhe legte. Er verabschiedete den Lehrer und brachte ihn zur Tür. Es dauerte eine Weile, bis ich wieder bei mir war und bemerkte, dass er auf mich wartete.

»Wir gehen jetzt zu meinem Vater.«

Ich brachte kein Wort hervor, nickte bloß und folgte ihm durch das Labyrinth der Gänge. 

Fünftes Kapitel

Achill blieb in der mit Bronze beschlagenen Doppeltür zum Audienzsaal des Königs stehen. »Warte hier«, sagte er.

Peleus saß am anderen Ende des Raums auf einem Stuhl mit hoher Lehne. Er schien sich mit einem älteren Mann zu beraten, den ich schon einmal mit ihm zusammen gesehen hatte. Die Feuerstelle verströmte einen dichten Rauch, es war warm und stickig.

An den Wänden hingen dunkel gefärbte Wandteppiche und alte Waffen, die von Sklaven regelmäßig auf Hochglanz gebracht wurden. Achill ging vor den Füßen seines Vaters auf die Knie. »Vater, ich bin gekommen, um dich um Verzeihung zu bitten.«

Peleus zog die Brauen in die Stirn. »Sprich.« Ich stand noch in der Tür und glaubte erkennen zu können, dass er finster dreinblickte. Mir wurde angst und bange. Wahrscheinlich fühlte er sich gestört. Achill hatte nicht einmal angeklopft.

»Ich habe Patroklos von seinen Übungen abgehalten.« Mein Name klang fremd aus seinem Mund. Ich erkannte ihn kaum wieder.

Der alte König kniff die Brauen zusammen. »Wen?«

»Menoitiades«, antwortete Achill. Menoitios’ Sohn.

»Ah.« Peleus richtete seinen Blick auf mich, und ich musste an mich halten, um Ruhe zu bewahren. »Den Jungen also, den der Waffenmeister züchtigen will.«

»Ja. Aber es war nicht seine Schuld. Ich habe vergessen zu sagen, dass ich ihn als Gefährten wünsche.« Therápon war das Wort, das er gebrauchte. Damit wurde der Waffenbruder eines Prinzen bezeichnet. Im Krieg war er dessen Leibwächter, im Frieden sein engster Berater. Er genoss höchstes Ansehen. Das war auch der Grund, warum die Jungen Peleus’ Sohn umgarnten und ihn zu beeindrucken versuchten. Sie hofften, als therápon auserwählt zu werden.

Die Augen des Königs verengten sich. »Komm näher, Patroklos.«

Der Teppich, über den ich ging, war weich. Ein Stück hinter Achill kniete ich nieder. Ich spürte den Blick des Königs auf mich gerichtet.

»Seit Jahren versuche ich nun, dir einen Gefährten an die Seite zu stellen, doch du wolltest dich mit keinem meiner Vorschläge zufriedengeben. Warum nun dieser Junge?«

Die Frage hätte ich ebenso gut stellen können. Ich hatte einem Prinzen nichts zu bieten. Was sah er in mir? Peleus und ich warteten auf eine Antwort.

»Er steckt voller Überraschungen.«

Ich blickte auf und runzelte die Stirn. Mit dieser Meinung stand er gewiss allein da.

»Voller Überraschungen«, wiederholte Peleus.

»Ja.« Eine weitere Erklärung blieb Achill schuldig.

Peleus rieb sich die Nasenwurzel und schien nachzudenken. »Der Junge hat sich schuldig gemacht und wurde deswegen verbannt. Er wird deinem Ansehen nicht zuträglich sein.«

»Das braucht er auch nicht«, erwiderte Achill frei heraus, ohne prahlerisch zu klingen.

Peleus nickte. »Aber die anderen Jungen werden eifersüchtig sein. Was wirst du ihnen sagen?«

»Nichts«, antwortete er ohne jedes Zögern. »Ich bin ihnen keine Rechenschaft schuldig.«

Ich spürte das Herz in der Brust schlagen und fürchtete Peleus’ Zorn. Doch der blieb aus. Vater und Sohn betrachteten einander, und ich sah den König schmunzeln.

»Steht auf. Beide.«

Ich gehorchte.

»Nun denn, ich will, dass ihr euch bei Amphidamas entschuldigt.«

»Ja, Vater.«

»Das ist alles.« Er wandte sich wieder seinem Berater zu. Wir waren entlassen.

Achill hatte es plötzlich eilig. »Wir sehen uns beim Essen«, sagte er, als wir wieder draußen waren, und drehte sich um, um zu gehen.

Am Vormittag hätte ich mich noch darüber gefreut, ihn los zu sein, doch nun versetzte es mir seltsamerweise einen Stich. »Wohin gehst du?«

Er blieb stehen. »Zum Drill.«

»Allein?«

»Ja. Es soll mir niemand dabei zusehen.« Er sagte das ganz selbstverständlich.

»Warum nicht?«

Er sah mich einen Moment lang schweigend an und schien nachzudenken. »Meine Mutter hat’s verboten. Wegen der Weissagung.«

Mit einer solchen Antwort hatte ich am wenigsten gerechnet. »Was wurde denn geweissagt?«

»Dass ich der größte Krieger meiner Generation sein werde.«

Es klang wie kindliches Wunschdenken, was er da vortrug, doch er sagte es so schlicht und geradeheraus, als würde er seinen Namen nennen.

Und, bist du schon der Beste?, wollte ich fragen, stammelte aber stattdessen nur: »Wann wurde das geweissagt?«

»Kurz bevor ich zur Welt kam. Von Eileithyia.« Eileithyia war die Göttin der Geburt, und es hieß, dass sie höchstpersönlich über die Geburt von Halbgöttern wachte, über Kinder, die so wichtig waren, dass man bei deren Geburt nichts dem Zufall überließ. Ich hatte es fast vergessen: Achills Mutter war eine Göttin.

»Wissen andere davon?«, fragte ich vorsichtig, denn ich wollte nicht aufdringlich sein.

»Einige wenige. Deshalb mache ich meine Übungen allein.« Aber er ging nicht. Er beobachtete mich. Er schien auf etwas zu warten.

»Wir sehen uns dann beim Essen«, sagte ich schließlich.

Er nickte und ging.

Achill saß bereits an meinen Tisch, als ich kam, umringt von der üblichen Schar der Jungen. Ich hatte fast damit gerechnet, dass dem nicht so sein würde und dass ich alles nur geträumt hatte. Ich setzte mich, schaute ihm flüchtig und verschämt in die Augen und senkte meinen Blick. Ich wurde rot, dessen war ich mir sicher. Meine Hände fühlten sich schwer und unbeholfen an, als ich nach der Schale mit dem Abendessen langte. Jeder Bissen war mir bewusst, jeder Ausdruck auf meinem Gesicht. An diesem Abend schmeckte das Essen besonders gut: gebratener Fisch mit Zitrone und Kräutern, frischer Käse und Brot. Alle aßen mit großem Appetit, und die Jungen beachteten mich nicht. Sie nahmen mich schon lange nicht mehr zur Kenntnis.

»Patroklos.« Die meisten sprachen meinen Namen undeutlich aus, so, als wollten sie ihn möglichst schnell über die Lippen bringen. Nicht so Achill. Er betonte jede Silbe: Pa-tro-klos. Die Sklaven räumten bereits das Geschirr ab. Ich blickte auf, und die anderen Jungen verstummten. Er nannte uns nur selten bei unseren Namen.

»Heute Nacht schläfst du in meiner Kammer«, sagte er. Fast wäre mir die Kinnlade heruntergefallen, aber ich wollte mir vor den Jungen meine Verwunderung nicht anmerken lassen, schließlich war ich als Prinz mit einem gewissen Stolz erzogen worden.

»Einverstanden«, sagte ich.

»Ein Diener wird deine Sachen holen.«

Ich konnte die Gedanken der anderen buchstäblich hören. Warum er? Obwohl von seinem Vater immer wieder dazu aufgefordert, sich einen Gefährten zu erwählen, hatte sich Achill für keinen der Jungen am Hof sonderlich interessiert, wenngleich er, wohlerzogen, wie er war, sich allen gegenüber freundlich verhielt. Und nun erwies er seine lang erwartete Ehre ausgerechnet dem niedrigsten in der Runde, mir, einem kleinen, undankbaren und womöglich verfluchten Burschen.

Als er ging, folgte ich ihm auf wackligen Beinen und spürte die Blicke der anderen im Rücken. Er führte mich am Thronsaal vorbei in einen zum Meer hin ausgerichteten Flügel des Palasts, den ich bislang nie betreten hatte. Die Wände waren mit schmuckvollen Mustern bemalt, die im Schein seiner Fackel hell aufleuchteten.

Achills Kammer lag in unmittelbarer Nähe des Wassers, von dem ein salziger Hauch durchs Fenster wehte. Hier waren die Wände nicht bemalt, sondern aus blankem Stein. Auf dem Boden lag ein einzelner Teppich. Die Möbel waren schlicht, aber sorgfältig hergestellt aus einem dunklen Holz, das, wie ich zu erkennen glaubte, aus der Fremde stammte.

Er deutete auf ein Strohlager vor der Wand und sagte: »Das ist für dich.«

»Oh.« Danke zu sagen erschien mir unangemessen.

»Bist du müde?«, fragte er.

»Nein.«

Er nickte wie zur Bestätigung einer klugen Antwort. »Ich auch nicht.«

Ich nickte ebenfalls. Wir versuchten beide, höflich zu sein. Es blieb eine Weile still.

»Willst du mir beim Jonglieren helfen?«

»Ich wüsste nicht, wie.«

»Ich zeig’s dir.«

Ich bereute, gesagt zu haben, dass ich nicht müde sei, und fürchtete, einen Narren aus mir zu machen. Aber er schaute zuversichtlich drein, und ich wollte kein Spielverderber sein.

»Na schön.«

»Wie viele Bälle kannst du halten?«

»Keine Ahnung.«

»Zeig mir deine Hand.«

Ich streckte meine Hand aus, mit dem Teller nach oben, worauf er seine darüberlegte. Ich versuchte, nicht zurückzuzucken. Seine Haut war weich und noch ein bisschen klebrig vom Essen. Die Fingerkuppen streiften meine und fühlten sich sehr warm an.

»Ungefähr gleich groß. Fangen wir erst einmal mit zweien an. Nimm diese.« Er zeigte auf sechs kleine Lederbälle, wie sie von Gauklern benutzt wurden. Gehorsam nahm ich zwei davon.

»Wenn ich’s dir sage, wirfst du mir einen zu.«

Normalerweise hätte ich mich so nicht herumkommandieren lassen. Aber aus irgendeinem Grund klangen die Worte aus seinem Mund nicht wie Befehle. »Jetzt«, sagte er. Ich ließ den Ball von meiner in seine Hand fliegen und sah ihn in der Luft kreisen.

»Und jetzt.« Ich warf den anderen Ball.

»Das machst du gut«, lobte er.

Ich fühlte mich verspottet und schaute ihn an. Aber seine Miene war ernst.

»Fang!« Ein Ball flog auf mich zu, wie die Feige am Esstisch.

Was ich zu tun hatte, war nicht schwer, und ich hatte meinen Spaß daran. So warfen wir uns gegenseitig die Bälle zu. Es war ein Vergnügen, und wir lachten.

»Es ist schon spät«, sagte er schließlich und gähnte. Ich schaute zum Fenster hinaus und sah den Mond hoch am Himmel stehen. Es überraschte mich, wie schnell die Zeit vergangen war.

Ich setzte mich auf mein Strohlager und schaute ihm dabei zu, wie er sich zum Schlafengehen zurechtmachte. Er wusch sich mit dem Wasser aus einer Kanne mit breiter Tülle und löste das Lederband von seinen Haaren. In der Stille kehrte meine Beklommenheit zurück. Wieso war ich hier?

Achill blies die Fackel aus. »Gute Nacht«, sagte er.

»Gute Nacht.« Von mir ausgesprochen, fühlten sich die Worte fremd an, fast wie eine andere Sprache.

Zeit verstrich. Im Mondlicht konnte ich auf der anderen Seite der Kammer sein Gesicht erkennen, vollkommen, als hätte es ein Bildhauer aus Stein gemeißelt. Der Mund war ein wenig geöffnet, ein Arm lag auf der Stirn. Im Schlaf sah er ganz anders aus, wunderschön, aber seltsam kalt. Ich wünschte, er würde aufwachen, so dass wieder Leben in ihn zurückkehrte.

Am nächsten Morgen suchte ich nach dem Frühstück mein Lager im Schlafsaal auf, denn ich dachte, dass man meine Sachen zurückgebracht habe. Doch dem war nicht so. Stattdessen war das Laken entfernt worden. Nach dem Mittagessen schaute ich erneut nach, nach dem Speertraining und am Abend abermals, aber mein altes Bett blieb leer und unbezogen. Zaghaft machte ich mich auf den Weg in seine Kammer, darauf gefasst, von einem Sklaven aufgehalten zu werden, was jedoch nicht geschah.

Vor der Schwelle zögerte ich. Ich sah ihn wie am ersten Tag auf seinem Bett faulenzen, ein Bein zur Seite weggestreckt.

»Hallo«, sagte er. Hätte er sich überrascht gezeigt, wäre ich sofort wieder zurück in den Schlafsaal gegangen. Aber sein Gruß klang aufgeschlossen, und er musterte mich mit freundlichem Blick.

»Hallo«, entgegnete ich und ging zu meinem Lager auf der anderen Seite der Kammer.

Allmählich gewöhnte ich mich daran. Ich zuckte nicht mehr vor Schreck zusammen, wenn er sprach, fürchtete nicht länger, zurechtgewiesen oder fortgeschickt zu werden. Nach dem Abendessen ging ich wie selbstverständlich in seine Kammer und betrachtete das Lager, auf dem ich schlief, als das meine.

Nachts träumte ich immer noch von dem toten Jungen. Doch wenn ich dann schweißgebadet erwachte, leuchtete der Mond über dem Meer und ich hörte das Rauschen der Brandung. Im Halbdunkel sah ich ihn schlafend auf seinem Bett liegen und spürte, wie sich mein Herz beruhigte. Sein Anblick strahlte eine Ruhe aus, die den Tod und alle bösen Geister töricht erscheinen ließen. Bald konnte auch ich wieder ruhig schlafen. Die schlimmen Träume stellten sich nur noch selten ein und blieben schließlich ganz aus.

Ich machte die Erfahrung, dass er weniger vornehm war, als es nach außen den Anschein hatte. Hinter seiner würdevollen Art verbarg sich ein zweites Gesicht, voller Übermut und funkelnd wie ein Edelstein, auf den ein Sonnenstrahl traf. Er spielte gern, auch solche Spiele, die er weniger gut beherrschte, fing Gegenstände mit geschlossenen Augen auf und riskierte gewagte Sprünge über Betten und Stühle. Wenn er lachte, kräuselte sich die Haut in den Augenwinkeln wie Papier, das man ans Feuer hielt.

Er war selbst wie eine Flamme, die mit ihrem Gleißen und Flackern alle Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Auch wenn er gerade erst erwachte und sein Gesicht noch ganz verschlafen war, schien er schon in seinem Glanz zu strahlen. Von nahem betrachtet, wirkten seine Füße geradezu überirdisch: Die Zehen waren perfekt geformt und die Sehnen gespannt wie Leiersaiten. Da er immer barfüßig ging, bildete sich auf den rosigen Fersen eine Hornschicht, die er auf Geheiß seines Vaters mit einem Öl behandelte, das nach Sandelholz und Granatapfel duftete.

Vor dem Einschlafen berichtete er mir von seinem Tag. Anfangs hörte ich nur zu, aber mit der Zeit löste sich auch meine Zunge. Ich erzählte meine Geschichten, von den Erlebnissen im Palast und später auch aus meiner Vergangenheit, von den Steinen, die ich übers Wasser hatte hüpfen lassen, meinem Holzpferd und der Leier aus der Mitgift meiner Mutter.

»Ich bin froh, dass dein Vater sie dir mitgegeben hat«, sagte er.

Unsere nächtlichen Gespräche zogen sich in die Länge. Es überraschte mich selbst, wie viel wir uns zu sagen hatten. Wir sprachen über alles Mögliche, über den Strand, das Essen, über den einen und anderen Jungen. Dass sich womöglich ein verletzender Doppelsinn hinter seinen Worten verbarg, fürchtete ich nicht länger. Er trug sein Herz auf der Zunge und war verwirrt, wenn andere nicht meinten, was sie sagten. Manche hätten ihn deshalb vielleicht für einfältig gehalten. Aber spricht nicht vielmehr Geistesgröße aus einer solchen Einstellung?

Eines Nachmittags, als er zu seinen Privatübungen antreten musste und ich mich deshalb von ihm verabschieden wollte, sagte er plötzlich: »Warum kommst du nicht mit?« Er klang ein wenig angespannt, und mir schien es fast, als sei er nervös, obwohl ich wusste, dass dies kaum der Fall sein konnte. Trotzdem spürte ich deutlich, dass irgendetwas Ungewöhnliches in der Luft lag.

»In Ordnung«, antwortete ich.

Während der stillen, heißen Zeit des späten Nachmittags schlief alles. Wir waren allein und schlugen den langen Weg ein, der auf verschlungenem Pfad durch den Olivenhain führte, hin zu der Hütte, in der die Waffen aufbewahrt wurden.

Ich blieb in der Tür stehen und sah ihm zu, wie er einen Speer und ein Schwert auswählte, deren Spitzen abgestumpft waren. Ich wollte nach meinen eigenen Waffen greifen, zögerte aber.

»Soll ich –?« Er schüttelte den Kopf. Nein.

»Ich kämpfe nicht gegen andere«, erklärte er.

Ich folgte ihm nach draußen auf den Sandplatz. »Nie?«

»Nie.«

»Aber woher weißt du dann …« Ich stockte, als er, den Speer in der Hand und das Schwert gegürtet, in der Mitte des Platzes Aufstellung nahm.

»Ob die Weissagung zutrifft? Ich weiß es nicht.«

In jedem Gotteskind fließt das göttliche Blut auf eigene Art. Orpheus’ Stimme brachte Bäume zum Weinen, Herkules vermochte einen Mann zu töten, indem er ihn auf den Rücken schlug. Das Geheimnis von Achill lag in seiner Schnelligkeit. Er führte den Speer so blitzartig, dass ich ihm mit den Augen nicht folgen konnte. Ich sah ihn nur hin und her schwirren. Der Schaft schien von einer Hand in die andere zu fließen, und die dunkelgraue Spitze zuckte wie die Zunge einer Schlange. Dabei bewegte er sich wie ein Tänzer und stand nie still.

Wie gebannt schaute ich zu und hielt die Luft an. Seiner Miene war keinerlei Anstrengung anzumerken, und seine vorgetäuschten Attacken waren so präzise, dass ich seine Gegner förmlich sehen konnte, zehn, zwanzig Mann, die von allen Seiten näher rückten. Er sprang und ließ den Speer wie eine Sichel sausen, während er mit der freien Hand nach dem Schwert griff, um dann mit beiden Waffen zu kämpfen.

Plötzlich hielt er inne. In der Stille hörte ich ihn atmen, ein wenig lauter als sonst.

»Wer hat dir das beigebracht?« Mir fiel nichts anderes ein als diese Frage.

»Mein Vater. Ein wenig.«

Ein wenig. Ich bekam es fast mit der Angst zu tun.

»Sonst niemand?«

»Nein.«

Ich machte einen Schritt auf ihn zu. »Kämpf gegen mich.«

Er gab ein Geräusch von sich, das fast wie ein Lachen klang. »Nein. Kommt gar nicht in Frage.«

»Doch.« Ich war wie in Trance. Sein Vater hatte ihn ausgebildet, ein wenig. Alles Weitere verdankte er – wem? Den Göttern? Es war jedenfalls göttlicher als alles, was ich bislang in meinem Leben gesehen hatte. Er ließ dieses grausame Handwerk, das, von anderen betrieben, grob und unansehnlich wirkte, geradezu schön erscheinen. Wie konnte jemand stolz auf seine Art zu kämpfen sein, wenn es so etwas in der Welt gab?

»Ich will nicht.«

»Ich fordere dich heraus.«

»Du hast keine Waffen.«

»Ich hole mir welche.«

Er kniete sich hin und legte seine Waffen in den Staub. Unsere Blicke begegneten sich. »Ich werde nicht gegen dich kämpfen. Und frage mich nie wieder.«

»Doch, das werde ich. Du kannst es mir nicht verbieten.« Trotzig ging ich auf ihn zu. Irgendetwas brannte in mir, Ungeduld, das Verlangen nach Gewissheit. Er musste sie mir geben.

Er verzog das Gesicht. Ich glaubte, Verärgerung daraus ablesen zu können, und das gefiel mir. Ich hatte ihn also anscheinend aufgebracht, und vielleicht würde er sich mir schließlich doch stellen. Die Gefahr reizte mich ungemein.

Er aber ließ die Waffen im Staub liegen und ging.

»Komm zurück!«, rief ich. Dann ein zweites Mal, noch lauter: »Komm zurück! Hast du etwa Angst vor mir?«

Er drehte den Kopf und zeigte wieder dieses seltsame, nur halb angedeutete Schmunzeln. »Nein, ich habe keine Angst.«

»Die solltest du aber haben.« Was wie ein Scherz gemeint war, klang durchaus ernst in der Stille, die über uns schwebte. Er kehrte mir den Rücken und ging weiter.

So nicht, dachte ich bei mir. Ich nahm Anlauf und warf mich ihm ins Kreuz.

Er stolperte, stürzte. Ich hielt an ihm fest und hörte ihn ächzen, als er auf dem Boden aufschlug, doch ehe ich ein Wort sagen konnte, hatte er sich unter mir weggedreht und mich bei den Handgelenken gepackt. Ich war mir nicht im Klaren darüber, wie ich mich wehren sollte, spürte aber seinen Widerstand, und dagegen konnte ich angehen. »Lass los!« Ich versuchte, mich aus seinem Griff zu befreien.

»Nein.« Blitzschnell wälzte er mich auf den Rücken und stemmte mir die Knie in den Magen. Ich keuchte und war wütend, fühlte aber gleichzeitig eine seltsame Befriedigung.

»Ich habe noch nie jemanden gesehen, der so kämpft wie du«, sagte ich. Geständnis oder Anklage oder beides.

»Du hast noch nicht viel gesehen.«

Trotz seines beschwichtigenden Tons bäumte ich mich unter ihm auf. »Du weißt, was ich meine.«

Seine Miene war unleserlich. Über uns raschelten leise die Blätter der Olivenbäume, deren Früchte noch nicht reif waren.

»Und, was meinst du?«

Ich wehrte mich mit aller Kraft, und er ließ von mir ab. Wir richteten uns auf. Unsere staubigen Kleider klebten am Rücken.

»Ich meine –« Ich spürte jene vertraute Mischung aus Wut und Neid wie Zunder in mir auflodern, doch die bitteren Worte verstummten, kaum dass ich sie gedacht hatte.

»Dich gibt es kein zweites Mal«, sagte ich schließlich.

Er musterte mich schweigend. »Und?«

Seine Stimme tilgte auch den Rest meiner Wut. Wer war ich, dass ich jemandem wie ihm missgönnen konnte, mir überlegen zu sein.

Er lächelte, als hätte er mich gehört, und sein Gesicht strahlte wie die Sonne. 

Sechstes Kapitel

Danach waren wir unzertrennlich. Unsere Freundschaft kam so plötzlich wie die Frühlingsflut aus den Bergen. Vorher hatte ich mir wie die anderen Jungen vorgestellt, er würde als Prinz den ganzen Tag lang eingespannt sein, um als Herrscher und Kriegsführer ausgebildet zu werden. Doch es dauerte nicht lange, und ich erfuhr die Wahrheit. Er hatte nur seinen Leierunterricht und den Waffendrill zu absolvieren. Die restliche Zeit stand ihm und somit auch mir zur freien Verfügung. Mal gingen wir schwimmen, mal kletterten wir auf Bäume. Wir erfanden Spiele, rannten um die Wette und tummelten uns am Strand. »Rate, woran ich gerade denke«, sagte er, als wir im warmen Sand lagen.

An den Falken, der am Fenster vorbeiflog.

An den Jungen mit dem schiefen Zahn.

Ans Essen.

Und wenn wir im Meer schwammen, spielten oder miteinander redeten, beschlich mich immer wieder ein Gefühl. Es war fast wie Furcht, was da in mir aufstieg, oder wie Wehmut, weil es mich so plötzlich überkam, doch es war weder das eine noch das andere. Dieses Gefühl schien zu schweben, wenngleich es mich belastete, aufzuhellen, obwohl es düster stimmte. So etwas wie Zufriedenheit hatte ich durchaus schon erfahren, zumindest in kurzen Momenten, wenn ich mit mir allein war, Steine hüpfen ließ, würfelte oder in den Tag hineinträumte. Tatsächlich aber hatte ich sie meist nur als eine vorübergehende Erleichterung empfunden, dann, wenn mein Vater nicht in der Nähe war, wenn ich keinen Hunger hatte, weder müde war noch krank.

Dieses Gefühl war anders. Es kam vor, dass ich grinste, bis mir die Wangen wehtaten, und manchmal kribbelte mir die Kopfhaut, so dass ich glaubte, sie würde sich vom Schädel lösen. Meine Zunge stand nicht still und freute sich über ihre Freiheit. Ich erzählte ihm alles, was mir durch den Kopf ging, und musste nicht fürchten, zu viel zu sagen. Ich brauchte auch keine Angst zu haben, zu schwächlich oder zu langsam zu sein. Sogar darüber konnte ich mit ihm sprechen. Ich zeigte ihm, wie man Steine übers Wasser hüpfen ließ, und er brachte mir bei, Holzfiguren zu schnitzen. Ich spürte jeden Nerv in meinem Körper, jeden Lufthauch, der mich umwehte.

Er spielte auf der Leier meiner Mutter, und ich hörte zu. Wenn ich an der Reihe war, verirrten sich meine Finger in den Saiten, und der Lehrer verzweifelte an mir. Doch das kümmerte mich nicht weiter. »Spiel du wieder«, sagte ich. Und er spielte, bis es dunkel wurde und seine Hände fast nicht mehr zu sehen waren.

Mir wurde bewusst, wie sehr ich mich verändert hatte. Es machte mir nichts mehr aus, langsamer zu sein, wenn wir um die Wette liefen oder hinausschwammen zu den Felsen, oder wenn ich den Speer nicht so weit warf wie er und seine Steine weiter übers Wasser hüpften. Denn wer könnte sich schon dafür schämen, einer solchen Schönheit unterlegen zu sein? Ich freute mich, seine Fußsohlen durch den Staub wirbeln und ihn vor mir das Wasser durchpflügen zu sehen. Das reichte mir vollkommen.

Es war Spätsommer, und meine Verbannung währte schon über ein Jahr, als ich ihm endlich beichtete, wie ich den Jungen getötet hatte. Wir waren auf einen Ast der Eiche im Hof geklettert und saßen versteckt in den Blättern des Baumes. Dort oben mit dem Rücken an den Stamm gelehnt, fiel es mir irgendwie leichter, darüber zu reden. Er hörte schweigend zu und fragte, als ich fertig war:

»Warum hast du dich nicht verteidigt und gesagt, dass es Notwehr war?«

Es war bezeichnend, dass er die Frage aufwarf, die mir bislang gar nicht in den Sinn gekommen war.

»Keine Ahnung.«

»Du hättest dich auch mit einer Lüge herausreden und behaupten können, dass er schon tot war, als du ihn aufgefunden hast.«

Ich starrte ihn an, verblüfft über diese simple Möglichkeit. Natürlich, ich hätte lügen können. Und dann kam mir der Gedanke: Wenn ich gelogen hätte, wäre ich noch ein Prinz. Es war nicht der Totschlag, der mich in die Verbannung getrieben hatte, sondern meine Einfallslosigkeit. Nun verstand ich auch den Abscheu, der aus den Augen meines Vaters gesprochen hatte. Ich, sein beschränkter Sohn, war ihm zuwider, weil ich geständig war. Ich erinnerte mich, wie er die Zähne zusammenbiss, als ich gesprochen hatte. Er verdient es nicht, König zu sein.

»Du hättest doch auch nicht gelogen.«

»Nein«, gab er zu.

»Und wie hättest du dich verhalten?«, fragte ich.

Achill griff nach einem Zweig, der über ihm hing. »Ich weiß nicht. Ich kann’s mir nicht vorstellen. Wie dieser Junge mit dir umgegangen ist …« Er zuckte mit den Achseln. »Mir hat noch niemand etwas wegzunehmen versucht.«

»Nie?« Ich konnte es kaum glauben. Ein Leben ohne solche Zumutungen erschien mir unmöglich.

»Nie.« Er dachte eine Weile nach und sagte: »Ich glaube, ich wäre an deiner Stelle auch in Wut geraten.« Er schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Grüne Eichenblätter umkränzten seinen Kopf wie eine Krone.

Ich sah König Peleus jetzt häufiger; wir wurden manchmal zu Beratungen und Festmahlen mit Fürsten eingeladen, die zu Gast waren. Ich durfte neben Achill am Tisch sitzen und sogar reden, wenn ich es wollte. Mir war es allerdings lieber zu schweigen und zu beobachten. Peleus nannte mich glaukos – Eule –, meiner großen Augen wegen. Er verstand sich gut auf solche Formen der Zuneigung, die allgemein blieben und zu nichts verpflichteten.

Wenn die Gäste gegangen waren, saßen wir am Feuer und hörten Geschichten seiner Jugend. Peleus, nunmehr ergraut und alt geworden, erzählte uns, wie er einmal an der Seite des Herakles gekämpft hatte. Als ich sagte, Philoktetes gesehen zu haben, lächelte er.

»Ja, das war Herakles’ Waffenträger und einer der tapfersten von uns.« Auch war es typisch für ihn, solche Komplimente zu machen. Ich verstand nun, warum seine Schatzkammern so voll waren von Geschenken, die er Verträgen und Bündnissen verdankte. Unter unseren prahlerischen Helden bildete Peleus eine Ausnahme: Er war bescheiden. Wir hörten ihm gern zu und saßen lange am Feuer, während Diener immer wieder Holzscheite nachlegten, und manchmal dämmerte schon der Morgen, wenn er uns schließlich ins Bett schickte.

Der einzige Ort, an den ich Achill nicht folgen durfte, war das Gemach seiner Mutter. Er besuchte sie immer nachts oder am frühen Morgen, wenn noch alles schlief, und wenn er zurückkehrte, verströmte er Meeresgeruch und sein Gesicht war gerötet. Als ich ihn einmal nach diesen Treffen fragte, gab er mir bereitwillig, aber mit seltsam tonloser Stimme Auskunft.

»Es ist immer dasselbe. Sie will wissen, was ich treibe und wie es mir geht, und spricht mit mir über mein Ansehen in der Welt. Am Ende fragt sie, ob ich mit ihr gehen werde.«

Ich war ganz Ohr. »Wohin?«

»In die Höhlen am Meeresgrund.« Wo die Seenymphen lebten, in großer Tiefe, unerreicht von Sonnenstrahlen.

»Und? Wirst du mit ihr gehen?«

Er schüttelte den Kopf. »Mein Vater will es nicht. Er sagt, kein Sterblicher, der zu ihnen ginge, kehrte je zurück.«

Als er nicht hinsah, schlug ich ein Zeichen gegen das Böse, auf dass es mich nicht befalle. Es machte mir Angst, ihn so ruhig und gelassen über solche Dinge sprechen zu hören. Wenn sich in unseren Geschichten Götter und Sterbliche aufeinander einließen, endete das nie gut. Aber sie war seine Mutter, sagte ich mir, und er selbst ein Halbgott.

Mit der Zeit gewöhnte ich mich auch an diese sonderbaren Besuche wie an das Wunder seiner schnellen Füße und die übermenschliche Geschicklichkeit seiner Hände. Wenn ich hörte, wie er im Morgengrauen durchs Fenster zurück in die Kammer stieg, fragte ich immer von meinem Bett aus: »Geht es ihr gut?«

Und er antwortete dann: »Ja, es geht ihr gut.« Manchmal fügte er hinzu: »Heute tummeln sich große Fischschwärme vor der Küste«, oder: »Das Meer ist warm wie Badewasser.« Danach schliefen wir wieder.

Eines Morgens im Frühling – es war mein zweiter Frühling im Palast – kam er später als gewöhnlich von seinem Besuch zurück. Die Sonne ging gerade hinter dem Horizont auf, und auf den Hügeln tönten die Glocken der Ziegen.

»Geht es ihr gut?«

»Ja. Sie will dich kennenlernen.«

Ich erschrak, ließ mir aber nichts anmerken. »Meinst du, ich sollte?« Ich wusste, dass sie Sterbliche verabscheute, und konnte mir nicht vorstellen, weshalb sie mich kennenlernen wollte.

Er schaute mich nicht an und spielte mit einem Stein, den er gefunden hatte. »Es passiert dir schon nichts. Morgen Nacht, sagt sie.« Das war ein Befehl. Götter baten nicht. Ich kannte Achill gut genug, um zu sehen, dass er verlegen war, was selten vorkam.

»Morgen?«

Er nickte.

Obwohl wir uns sonst gegenseitig nie etwas vormachten, wollte ich ihn diesmal nichts von meiner Angst spüren lassen. »Sollte ich – soll ich ihr ein Geschenk mitbringen? Süßen Wein vielleicht?« Damit besprengten wir an Festtagen die Altäre; es war unsere kostbarste Opfergabe.

Er schüttelte den Kopf. »Das mag sie nicht.«

Als in der nächsten Nacht alles schlief, kletterte ich aus unserem Fenster. Der Halbmond leuchtete so hell, dass ich ohne Fackel den Weg durch die Felsen fand. Achill hatte gesagt, ich solle in der Brandung auf sie warten, sie werde mich abholen, und es sei nicht nötig, sie zu rufen.

Die Wellen waren warm und voll aufgespülten Sandes. Kleine weiße Krabben nahmen von mir Reißaus. Ich lauschte und hoffte, sie hören zu können. Ein milder Wind wehte über den Strand, und ich schloss für einen Moment die Augen. Als ich sie wieder öffnete, stand sie vor mir.

Sie war größer als ich, die größte Frau, die ich je gesehen hatte. Ihre schwarzen Haare fielen lose über den Rücken, und die Haut schimmerte unglaublich fahl und schien das Mondlicht aufzusaugen. Sie war mir so nahe, dass ich sie riechen konnte. Sie duftete nach Salzwasser und dunkelbraunem Honig. Ich hielt die Luft an, wagte es nicht, zu atmen.

»Du bist Patroklos.« Ich zuckte vor Schreck über ihre Stimme zusammen, hatte ich doch einen glockenhellen Klang erwartet und nicht dieses raue Schürfen wie von Kieselsteinen in der Brandung.

»Ja, der bin ich.«

Sie betrachtete mich mit unverhohlenem Abscheu. Ihre Augen waren nicht die eines Menschen, sondern pechschwarz mit goldenen Flecken. Ich brachte es nicht über mich, ihr länger ins Gesicht zu sehen.

»Er wird ein Gott sein«, sagte sie. Weil ich nicht wusste, was ich darauf entgegnen sollte, schwieg ich. Sie beugte sich vor, und ich glaubte schon, sie wollte mich berühren. Doch das tat sie natürlich nicht.

»Verstehst du?« Ich spürte ihren Atem auf meiner Wange, der so kühl war wie die Tiefe des Meeres. Verstehst du? Auch wusste ich von Achill, dass sie es nicht leiden konnte zu warten.

»Ja.«

Sie rückte noch näher an mich heran und überragte mich. Ihr Mund war ein roter Schlitz wie die Wunde eines aufgeschnittenen Opfertiers, blutig und voller Orakel. Dahinter schimmerten Zähne, scharf und weiß wie Knochen.

»Gut.« Und als spräche sie mit sich selbst, fügte sie hinzu: »Du wirst früh genug sterben.«

Dann wandte sie sich um und sprang ins Wasser, ohne dass es aufspritzte.

Ich ging nicht sofort zurück zum Palast. Das war mir einfach nicht möglich. Stattdessen verschlug es mich in den Olivenhain, wo ich mich an einen knorrigen Stamm zwischen gefallenen Früchten auf den Boden setzte, weit weg vom Meer. Ich mochte die salzige Luft nicht riechen.

Du wirst früh genug sterben, hatte sie gesagt, mitleidslos, als Feststellung. Ihr missfiel es offenbar, dass ich der Gefährte ihres Sohnes war, doch mich zu töten kam ihr wohl nicht in den Sinn. Die wenigen Jahrzehnte, die ein Mensch zu leben hatte, waren für eine Göttin kaum der Beachtung wert.

Und sie wollte, dass ihr Sohn in den Götterhimmel aufstieg. Auch das hatte sie so formuliert, als sei es eine Selbstverständlichkeit. Dass er ein Gott wurde. Als solchen konnte ich ihn mir kaum vorstellen. Götter waren hartherzig und so weit entfernt von uns wie der Mond, ganz anders als Achill mit seinen hellen Augen und dem schelmischen Lächeln.

Sie hatte ambitionierte Wünsche, denn es dürfte selbst ihr kein Leichtes sein, einen Halbgott unsterblich werden zu lassen. Gewiss, so etwas hatte es schon gegeben, nämlich in den Fällen Herakles und Orion. Diese Männer aber waren Söhne des Zeus, von edelstem Blut und unübertrefflichen Gaben. Thetis dagegen war eine geringere unter den geringeren Gottheiten, nur eine Nymphe. In unseren Geschichten buhlten solche geringeren um die Gunst der höheren Götter mit Schmeicheleien und Überredungskunst. Von sich aus vermochten sie nicht viel, außer ewig zu leben.

»Woran denkst du?« Es war Achill, der mich gesucht hatte. Seine Stimme tönte laut durch den stillen Olivenhain, doch ich erschrak nicht. Ich hatte erwartet, dass er zu mir kommen würde.

»An nichts«, sagte ich, was nicht ganz der Wahrheit entsprach.

Er setzte sich neben mich. Seine bloßen Füße waren voller Staub.

»Hat sie dir gesagt, dass du bald sterben wirst?«

Ich schaute ihn verblüfft an.

»Ja«, antwortete ich.

»Tut mir leid.«

Der Wind wehte durch die silbergrauen Blätter über uns. Ich hörte ein paar Früchte von den Bäumen fallen.

»Sie will, dass aus dir ein Gott wird«, berichtete ich.

»Ich weiß.« Er war sichtlich verlegen, was mich ein wenig erleichterte, denn nur Menschen gerieten in Verlegenheit, allzumal Kinder, und zwar häufig ihrer Eltern wegen.

Aber die eigentliche Frage war noch nicht gestellt, und ich brannte auf eine Antwort.

»Möchtest du –« Ich stockte betreten, obwohl ich mir, während ich auf ihn gewartet hatte, die Frage genau zurechtgelegt und mir Mut zugesprochen hatte. »Möchtest du ein Gott sein?«

Seine grünen Augen waren dunkel im Dämmerlicht, doch zum Glück konnte ich keine goldenen Flecken darin ausmachen. »Ich weiß nicht«, antwortete er schließlich. »Ich weiß nicht, was es für mich bedeuten würde oder wie es dazu kommen könnte.« Er blickte auf seine Hände, die auf den Knien ruhten. »Ich will nicht von hier fort. Und überhaupt, wann wäre es so weit? Schon bald?«

Ich wusste keinen Rat. Wie Götter gemacht wurden, entzog sich meiner Vorstellung. Ich war ja doch nur ein Sterblicher.

Er legte die Stirn in Falten und hob die Stimme. »Und gibt es tatsächlich so etwas wie den Olymp? Außerdem weiß sie anscheinend selbst nicht, wie ich dahin aufsteigen könnte. Sie tut nur so und glaubt, wenn ich erst einmal berühmt bin …« Er ließ den Gedanken unausgesprochen.

Ich versuchte, ihn auszuführen. »Dann werden die Götter dich zu sich nehmen.«

Er nickte. Meine Frage war aber immer noch nicht beantwortet.

»Achill.«

Er wandte sich mir zu und schien verwirrt und verzweifelt zu sein. Er war erst zwölf.

»Möchtest du ein Gott sein?« Diesmal fiel es mir leichter, die Frage zu stellen.

»Jetzt noch nicht«, antwortete er.

Meine Anspannung, der ich mir bislang gar nicht bewusst gewesen war, löste sich ein wenig. Immerhin würde ich ihn so bald nicht verlieren.

Er fasste sich mit der Hand ans Kinn und sah noch schöner aus als sonst, wie aus Marmor gehauen. »Aber ich wäre gern ein Held. Ich hätte wohl auch das Zeug dazu, wenn die Weissagung zutrifft. Meine Mutter sagt, ich würde sogar stärker sein, als es Herakles jemals war.«

Ich war sprachlos und wusste nicht, was ich davon halten sollte. War es die Voreingenommenheit einer Mutter, die das sagte, oder eine Tatsache? Doch das interessierte mich nicht weiter. Noch nicht.

Er schwieg eine Weile, wandte sich mir dann plötzlich zu und fragte: »Willst du, dass ein Gott aus mir wird?«

Dort, zwischen Moos und Oliven, kam mir diese Vorstellung einigermaßen komisch vor. Ich lachte, und wenig später lachte auch er.

»Ich halte das für nicht sehr wahrscheinlich«, sagte ich.

Ich stand auf und streckte die Hand aus, um ihm aufzuhelfen. Unsere Kleider waren voller Staub, und das getrocknete Salzwasser an meinen Füßen kribbelte mir auf der Haut.

»In der Küche gibt’s Feigen. Ich habe sie gesehen«, sagte er.

Wir waren erst zwölf, zu jung, um lange zu grübeln.

»Ich wette, ich kann mehr davon in mich hineinstopfen als du.«

»Wer zuerst da ist.«

Ich lachte und wir rannten los. 

Siebtes Kapitel

Im Sommer darauf wurden wir dreizehn, zuerst er, dann ich. Wir wuchsen, und es zerrte uns in den Gelenken, dass es wehtat. Mit meinen dünnen Storchenbeinen und dem spitzen Kinn erkannte ich mich in Peleus’ blank poliertem Bronzespiegel kaum wieder. Achill war noch größer als ich. Er schoss regelrecht in die Höhe, was vielleicht vom göttlichen Blut herrührte, das durch seine Adern floss.

Auch die anderen Jungen wuchsen heran. Hinter verschlossenen Türen hörte man manchmal ein unterdrücktes Stöhnen, und so mancher Schatten huschte kurz vor Sonnenaufgang zurück ins eigene Bett. In unseren Ländern war es gang und gäbe, dass sich ein Mann eine Frau nahm, noch bevor ihm ein Bart wuchs. Und man kann sich denken, wie viel früher er einem Dienstmädchen beiwohnte. Es wurde geradezu von ihm erwartet. Nur wenige Männer stiegen ins Ehebett, ohne vorher solche Erfahrungen gemacht zu haben. Wer darauf verzichten musste, war übel dran, weil er entweder zu schwach war, um sich zu behaupten, zu hässlich, um zu betören, oder zu arm, um bezahlen zu können.

An einem Fürstenhof gab es normalerweise zahlreiche adlige Frauen im Gefolge der Königin, und für einen Fürsten war es die Regel, dass er eine Frau aus gleichem Stand hatte und zudem Kebsweiber für Liebesdienste. Peleus aber hatte keine Gemahlin, und so waren fast alle Frauen, die wir im Palast sahen, Sklavinnen, entweder auf dem Markt gekauft, auf Kriegszügen geraubt oder solche, die im Palast schon zur Welt gekommen waren. Tagsüber schenkten sie Wein aus, sorgten für Ordnung und bereiteten die Mahlzeiten zu. Nachts gehörten sie den Soldaten, den Pflegejungen, Gästen des Hauses oder dem König höchstselbst. Wenn ihnen die Bäuche schwollen, musste sich niemand schämen; im Gegenteil, es war ein Gewinn: noch mehr Sklaven. Diese Zusammenkünfte waren nicht immer erzwungen, manchmal war auch gegenseitige Zuneigung im Spiel. Zumindest redeten sich das die Männer ein.

Für Achill oder auch mich wäre es ein Leichtes gewesen, das eine oder andere Mädchen ins Bett zu locken. Mit unseren dreizehn Jahren war es längst an der Zeit, vor allem für ihn, da Prinzen für ihren Appetit bekannt waren. Stattdessen aber begnügten wir uns damit, den anderen Jungen zuzusehen, wie sie die Mädchen zu umgarnen versuchten, wobei ihnen nicht selten Peleus zuvorkam, um die Hübscheste für sich zu beanspruchen. Einmal hörte ich, wie der König eines dieser Mädchen seinem Sohn anempfahl, doch Achill antwortete nur, fast schüchtern, dass er müde sei. Als wir später in unsere Schlafkammer gingen, wich er meinen Blicken aus.

Und ich? Ich war schüchtern und zurückhaltend, außer im Beisein von Achill. Ich brachte es kaum über mich, mit anderen Jungen zu reden, geschweige denn mit einem Mädchen. Als Gefährte des Prinzen hätte ich wahrscheinlich gar nicht viel sagen müssen; ein Blick oder eine Geste hätte wohl genügt. Aber so etwas fiel mir gar nicht erst ein. Die Gefühle, die mich nachts beschlichen, schienen sonderbarerweise weit entfernt zu sein von den gehorsamen Dienstmädchen, deren Gesichter oft einen dumpfen Ausdruck annahmen, wenn sie beim Weineinschenken von einem der Jungen begrabscht wurden. Damit hatte ich nichts im Sinn.

Eines Abends waren wir bis spät in die Nacht hinein in Peleus’ Kammer. Achill lag am Boden und hatte seinen Arm als Kissen unter den Kopf geschoben. Ich saß auf einem Stuhl. Nicht, dass ich vor Peleus diese förmlichere Haltung hätte einnehmen müssen. Es behagte mir einfach nicht, meine langen Beine auszustrecken.

Die Augen des alten Königs waren halb geschlossen. Er erzählte uns eine Geschichte.

»Meleager war der tapferste Krieger seiner Zeit, aber auch der stolzeste. Er verlangte immer das Beste, und weil ihn sein Volk liebte, bekam er es auch.«

Mein Blick wanderte zu Achill hinüber. Seine Finger bewegten sich kaum merklich in der Luft, so wie immer, wenn er ein neues Lied ersann. Die Geschichte über Meleager hatte er, wie mir schien, schon etliche Male gehört.

»Doch eines Tages sagte der König von Kalydon: ›Warum müssen wir so viel an Meleager abtreten? In meinem Reich gibt es noch andere verdienstvolle Männer.‹«

Achill drehte sich zur Seite, wobei sich sein Leibrock eng um seine Brust legte. Am selben Tag hatte ich gehört, wie ein Dienstmädchen einer Freundin zuflüsterte: »Mir war, als hätte mich der Prinz beim Essen angesehen.« Sie hatte hoffnungsvoll geklungen.

»Meleager hörte die Worte des Königs und erzürnte sich.«

Am Morgen war Achill aus dem Bett gesprungen. Er hatte seine Nase auf meine gedrückt und mir einen guten Morgen gewünscht. Ich erinnerte mich an seinen heißen Atem auf meiner Haut.

»Er sagte: ›Ich werde nicht länger für dich kämpfen‹, ging zurück in sein Haus und suchte Trost in den Armen seiner Frau.«

Ich spürte eine Berührung am Fuß. Es war Achill. Er grinste mich vom Boden aus an.

»Kalydon wurde von mächtigen Feinden bedrängt, und als diese hörten, dass Meleager nicht mehr für sein Land kämpfen wollte –«

Ich stupste ihn neckend mit den Zehen, worauf er mein Fußgelenk packte.

»Sie griffen an, und die Stadt Kalydon erlitt schreckliche Verluste.«

Achill zerrte so heftig an meinem Fuß, dass ich fast vom Stuhl gerutscht wäre, hätte ich mich nicht noch rechtzeitig an der Sitzfläche festgehalten.

»Daraufhin versammelte sich das Volk vor Meleager und bat ihn um Hilfe. Und – Achill, hörst du mir überhaupt zu?«

»Ja, Vater.«

»Nein, das tust du nicht. Du triezt unseren armen Glaukos.«

Ich versuchte den Eindruck zu erwecken, als schmollte ich, und spürte die Kühle am Fußgelenk, auf dem einen Moment zuvor noch seine Hand gelegen hatte.

»Na schön, brechen wir an dieser Stelle ab. Ich bin müde geworden. Wir werden die Geschichte ein andermal fortsetzen.«

Wir standen auf und wünschten dem alten Mann eine gute Nacht. Als wir uns zum Gehen wandten, sagte er: »Achill, du solltest mal einen Blick auf das Mädchen aus der Küche werfen, das mit den blonden Haaren. Wie ich höre, lauert sie dir auf.«

Vielleicht lag es am Feuerschein, dass Achills Gesicht plötzlich so verändert aussah.

»Mal sehen, Vater. Jetzt bin ich zu müde.«

Peleus kicherte wie über einen Scherz. »Sie könnte dich bestimmt wieder munter machen.« Er verabschiedete uns mit einer kleinen Handbewegung.

Auf dem Weg zurück in unsere Kammer musste ich einen Schritt zulegen, um mitzuhalten. Wortlos wuschen wir unsere Gesichter. Ich verspürte einen Schmerz, der mir zusetzte wie Zahnweh.

»Dieses Mädchen – gefällt es dir?«

Er wandte sich mir zu. »Wieso? Hast du etwa ein Auge auf sie geworfen?«

»Nein, nein.« Ich errötete. »Darum geht’s nicht.« Ich fühlte mich wieder so verunsichert wie in den ersten Tagen. »Ich meine, wirst du –«

Er stürzte herbei, stieß mich auf mein Lager und beugte sich über mich. »Kein Wort mehr über sie, ich bin es leid«, sagte er.

Mir wurde ganz heiß. Seine Haare fielen auf mich herab, und ich roch nur ihn. Seine Lippen schienen nur einen Fingerbreit von meinen entfernt zu sein.

Und plötzlich, wie schon am Morgen, rückte er wieder von mir ab und kehrte auf seine Seite der Kammer zurück, wo er einen letzten Schluck Wasser trank. Sein Gesicht zeigte keinerlei Regung.

»Gute Nacht«, sagte er.

In der Nacht beschleichen mich Bilder, Traumgespinste voller Zärtlichkeit, aus denen ich zitternd erwache. Aber die Vorstellungen bleiben und drängen sich auf, der Blick auf einen Nacken in flackerndem Feuerschein, die Wölbung einer Hüfte, glatte, kräftige Hände, die nach mir greifen. Ich kenne diese Hände, doch selbst hier, hinter meinen geschlossenen Lidern, kann ich nicht benennen, worauf ich hoffe. Bei Tag werde ich rastlos und zappelig, und wenn ich auch noch so viel laufe, singe und auf den Feldern umherziehe, lassen sich diese Bilder nicht zurückweisen. Sie kommen und nehmen kein Ende. 

Es ist Sommer, einer der ersten schönen Tage. Wir sind nach dem Mittagessen an den Strand gegangen und lehnen mit dem Rücken an einem Stück Treibholz. Die Sonne steht hoch am Himmel, und ein warmer Lufthauch zieht über uns hinweg. Achill rührt sich, und sein Fuß berührt meinen. Er ist kühl und ein wenig aufgeraut vom Sand, aber noch weich vom Winter, den wir hauptsächlich im Palast verbringen. Er summt etwas vor sich hin, ein Lied, das ich ihn schon auf der Leier habe spielen hören.

Ich betrachte ihn. Sein Gesicht ist glatt, ohne jene Unreinheiten und Flecken, unter denen die anderen Jungen zu leiden haben. An ihm ist nichts, was plump, unförmig oder aus dem Gleichgewicht geraten wäre. Im Gegenteil, seine Gesichtszüge sind wie mit fester, sicherer Hand modelliert.

Er bemerkt, dass ich ihn mustere. »Was ist?«, fragt er.

»Nichts.«

Ich kann ihn riechen, das Öl, mit dem er sich die Füße einreibt, den Duft von Granatapfel und Sandelholz, das Salz von frischem Schweiß und die Hyazinthen, durch die wir gegangen sind. Und ich nehme seinen unverkennbaren Geruch wahr, den, mit dem ich schlafen gehe und aufwache. Ich kann ihn nicht beschreiben. Er ist süß, aber nicht nur das, kräftig, aber nicht zu kräftig. Ein bisschen wie Mandeln, doch das trifft es nicht ganz. Manchmal, wenn wir miteinander gerungen haben, riecht auch meine Haut so.

Er stützt sich auf einer Hand ab. Die Muskeln im Arm wölben sich, wenn er sich bewegt. Seine grünen Augen ruhen auf mir.

Mein Herz macht einen Satz, ich weiß jedoch nicht so genau, warum. Er hat mich schon tausend Mal angesehen, aber jetzt liegt etwas anderes in seinem Blick, eine Intensität, von der ich bislang nichts wusste. Mein Mund ist trocken und ich kann mich schlucken hören.

Er beobachtet mich. Es scheint, als wartete er auf etwas.

Ich rücke auf ihn zu, ein winziges Stück nur, aber es ist wie der Sprung von einer Klippe. Ich weiß selbst nicht so recht, was ich tue, und beuge mich vor. Unsere Lippen treffen aufeinander, wie dicke Hummeln, weich und rund und schwer von Pollen. Ich schmecke seinen Mund, den süßen Honig, den es zum Nachtisch gab. Mein Inneres gerät in Aufruhr, und in meinem Körper regt sich ein warmes Wonnegefühl. Mehr.

Es schockiert mich, wie schnell und heftig mein Verlangen aufkeimt. Ich schrecke zurück und sehe seinen Mund noch geöffnet, halb zum Kuss geformt. Seine Augen sind vor Verwunderung weit geöffnet.

Entsetzen packt mich. Was habe ich getan? Mir bleibt keine Zeit, mich zu entschuldigen, denn er weicht zurück und steht auf. Seine Miene ist verschlossen, undurchdringlich und entfernt. Mir bleiben die Worte, die ich zur Erklärung vorbringen will, im Halse stecken. Er wendet sich ab und rennt über den Strand davon, der schnellste Junge der Welt.

Mir wird kalt ohne ihn an meiner Seite. Meine Haut fühlt sich an wie ein gespanntes Trommelfell. Mir brennt das Gesicht, und ich weiß, dass es rot ist.

Ich flehe die Götter an: Lasst ihn mich nicht hassen.

Wie töricht, dass ich mich ausgerechnet an sie wende.

Als ich in den Pfad einbog, der zum Garten führte, stand sie plötzlich vor mir, in aller Klarheit. Ein blaues Kleid, durchnässt, wie es schien, klebte auf ihrer Haut. Die schwarzen Augen waren auf mich gerichtet, und eine gespenstisch weiße Hand griff nach mir.

»Ich hab’s gesehen«, zischte sie, und es klang, als brächen Wellen am Fels.

Ich konnte nichts sagen. Sie hielt mich an der Kehle gepackt.

»Er wird gehen.« Ihre Augen waren jetzt schwarz wie nasse Steine. »Ich hätte ihn schon längst wegschicken sollen. Untersteh dich, ihm zu folgen.«

Ich bekam keine Luft mehr, hütete mich aber, Widerstand zu leisten. Es schien, als wollte sie mir noch etwas sagen, doch sie schwieg und ließ von mir ab. Wie eine Stoffpuppe sackte ich kraftlos zu Boden.

Der Wunsch einer Mutter. In unseren Ländern gab man darauf nicht viel, doch sie war eine Göttin.

Es war schon dunkel, als ich zurückkehrte. Achill saß auf dem Bett und starrte auf seine Füße. Er hob den Kopf, fast hoffnungsvoll, als ich zur Tür hereinkam. Ich sagte nichts. Der Anblick ihrer schwarzen Augen und seiner über den Sand fliegenden Fersen ließ mich nicht mehr los. Verzeih, es war ein Fehler. Das hätte ich vielleicht gesagt, wenn sie mir nicht durch den Kopf gegangen wäre.

Ich betrat die Kammer und setzte mich auf mein Bett. Er machte eine Bewegung und schaute mich an. Äußerlich sah er seiner Mutter überhaupt nicht ähnlich, jedenfalls nicht so, wie Kinder nach einem Elternteil geraten, was sich vielleicht an der Linie des Kinns oder an den Augen zeigte. Wohl aber war es die Art, wie er sich bewegte, und seine schimmernde Haut, die etwas Göttliches hatten und mich an sie erinnerten. Was hatte ich mir eigentlich gedacht?

Obwohl mehrere Schritte von ihm entfernt, konnte ich den Seegeruch an ihm wahrnehmen.

»Ich muss morgen aufbrechen«, sagte er. Es klang fast wie ein Vorwurf.

»Oh«, sagte ich. Mehr bekam ich nicht heraus.

»Ich werde zu Cheiron gehen, um mich von ihm unterweisen zu lassen.« Und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Er hat schon Herakles unterrichtet. Und Perseus.«

Noch nicht, hatte er zu mir gesagt. Aber seine Mutter wollte es anders.

Er stand auf und legte sein Kleid ab. Es war heiß, Hochsommer, und wir waren gewohnt, nackt zu schlafen. Das Licht beschien seinen glatten, muskulösen Bauch mit dem Flaum hellbrauner Haare, die nach unten hin dunkler wurden. Ich wendete meinen Blick ab.

Am nächsten Morgen stand er in der Dämmerung auf und zog sich an. Ich war wach, hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan, tat aber so, als ob ich schliefe, und lugte heimlich durch die Wimpern. Ab und an warf er mir einen Blick zu. Im spärlichen Licht schimmerte seine Haut wie Marmor. Er warf seinen Reisesack über die Schulter und blieb noch einmal in der Tür stehen. Ich erinnere mich an diesen Moment, an seine Silhouette in dem steinernen Türbogen, die lose herabfallenden Haare, noch zerzaust vom Schlaf. Ich schloss meine Augen. Als ich sie wieder öffnete, war ich allein. 

Achtes Kapitel

Die zum Frühstück versammelten Jungen wussten bereits, dass er gegangen war. Sie tuschelten miteinander und beäugten mich, während ich mein Essen zu mir nahm. Ich kaute und schluckte, und das Brot lag mir wie ein Stein im Magen. Mich drängte es hinaus aus dem Palast an die frische Luft.

Ich ging in den Olivenhain. Der Boden unter meinen Füßen war ausgetrocknet. Ich fragte mich, ob die anderen Jungen jetzt, da er weg war, von mir erwarteten, dass ich mich ihnen anschließen würde, ob sie es überhaupt bemerkten, wenn ich es täte. Fast hoffte ich, sie würden es bemerken. Und mich verprügeln.

Ich konnte das Meer riechen. Es war überall, in meinen Haaren, in den Kleidern und auf der schweißnassen Haut. Selbst hier im Hain mit seinen Gerüchen von Laub und Erde suchte mich diese salzige Pest auf. Mir drehte sich der Magen um und ich lehnte mich an den schrundigen Stamm eines Baumes. Die raue Rinde stützte meinen Kopf. Du musst weg von diesem Gestank, dachte ich.

Ich ging nach Norden, zur Straße hin, einer staubigen Bahn, geebnet von Rädern und Hufen. Sie gabelte sich jenseits des Palasts. Die eine Abzweigung führte nach Südwesten über Weiden und sanft geschwungene Hügel. Von dort war ich vor drei Jahren gekommen. Der Weg auf der anderen Seite führte ins Othrys-Gebirge und auf den Pelion zu, jenen noch weiter im Norden aufragenden Gebirgszug. Ich folgte der Straße mit meinen Augen. Sie wand sich an den bewaldeten Ausläufern entlang und verschwand in der Ferne.

Die Sonne brannte glühend heiß vom Sommerhimmel herab, als wollte sie mich zurück in den Palast treiben. Doch ich blieb. Ich hatte von der Schönheit unserer Bergwelt gehört, von den Feigenkakteen und Zypressen, von den Bächen, die Schmelzwasser führten. Dort oben würde es kühl sein und schattig. Weit weg von den gleißenden Stränden und funkelnden Wellen.

Ich könnte fortgehen. Der Einfall kam plötzlich und überraschend. Ich war zur Straße gegangen, um mich vom Meer zu entfernen. Doch nun, da ich sie erreicht hatte, lagen die Berge vor mir. Und Achill. Mein Atem ging in kurzen Stößen, als versuchte er, mit meinen Gedanken Schritt zu halten. Es gab nichts, was ich zurücklassen würde, denn ich besaß nichts. Selbst der Leibrock und die Sandalen gehörten Peleus. Ich brauche nicht einmal zu packen.

Nur eines hielt mich noch zurück, es war die Leier meiner Mutter, die im Holzkasten der Musikkammer lag. Ich zögerte einen Moment, dachte, dass ich sie holen und mitnehmen könnte. Aber es war bereits Mittag. Mir blieb nur der Nachmittag zur Flucht. Am Abend, dachte ich, würde man mein Fehlen bemerken und nach mir schicken. Ich schaute zum Palast zurück und konnte niemanden sehen. Die Wachen waren woanders. Jetzt oder nie, dachte ich.

Ich rannte los. Weg von dem Palast, die Straße hinunter auf den Wald zu, auf dem heißen Sandboden, der mir die Sohlen verbrannte. Ich rannte und gelobte, dass, wenn ich ihn je wieder sähe, meine Gedanken vor ihm verschließen würde. Ich wusste nun um den Preis, den es kostete, wenn ich es nicht täte. Die Beine fingen zu schmerzen an, und dass mir ein Stechen durch die Brust ging, war mir willkommen. Ich rannte.

Der Schweiß floss in Strömen und tropfte mir vom Kinn. Ich war bald über und über von Schmutz und Staub bedeckt, Laub klebte an meinen Beinen. Alles, was ich von der Welt um mich herum wahrnahm, waren einzig meine stampfenden Füße und die nächsten staubigen Schritte auf meinem Weg.

Schließlich – nach einer Stunde? Oder waren es zwei? – musste ich anhalten. Keuchend beugte ich mich vornüber. Mir wurde schwarz vor Augen, und das Blut rauschte in den Ohren. Ich war im Wald, die Straße von dichtem Gestrüpp gesäumt, und Peleus’ Palast lag weit hinter mir. Rechts erhoben sich die Othrys-Berge, dahinter die Gipfelgrate des Pelion. Ich versuchte die Entfernung zu schätzen. Zehntausend Schritte? Fünfzehntausend? Im Schritttempo setzte ich meinen Weg fort.

Stunden vergingen. Mir schwanden die Kräfte, die Füße schmerzten, und die Sonne senkte sich herab. In vier oder fünf Stunden würde es dunkel sein. Ich konnte mir ausrechnen, dass der Pelion vor Nachtanbruch nicht zu erreichen war. Ich hatte nichts zu essen, kein Trinkwasser und auch keine Hoffnung, irgendwo Unterschlupf zu finden. Ich hatte nichts als meine Sandalen an den Füßen und die von Schweiß durchnässte Tunika.

Ich würde Achill nicht einholen können, so viel stand fest. Er hatte längst die Straße verlassen und war jetzt ohne Pferd auf den steilen Hängen zu Fuß unterwegs. Ein guter Fährtenleser würde an Abdrücken oder geknickten Pflanzen erkennen können, welchen Weg er eingeschlagen hatte. Doch darauf verstand ich mich nicht. Ich entdeckte nirgends Spuren, denen ich hätte folgen können. Meine Ohren summten vom Zirpen der Zikaden, schrillen Vogelrufen und meinem eigenen Keuchen. Plötzlich überkamen mich Hunger und Verzweiflung.

Und dann gab es da noch etwas, einen Laut, kaum vernehmlich. Aber ich nahm ihn wahr, und er ließ mir trotz der Hitze das Blut in den Adern gefrieren. Ich kannte dieses Geräusch. Es war eines von heimlicher Bewegung, die lautlos zu sein versuchte, ein gelegentliches Rascheln, ein falsch gesetzter Tritt.

Ich lauschte bang. Wo kam es her? Ich schaute mich nach allen Seiten um und rührte mich nicht vom Fleck. Im Laufschritt unterwegs hatte ich nicht an Gefahr gedacht, doch jetzt malte ich sie mir aus: Soldaten, von Peleus oder womöglich sogar von Thetis geschickt, weiße, kalte Hände, die sich mir um den Hals legten. Oder Wegelagerer. Mir war bekannt, dass sie an den Straßen lauerten, und ich erinnerte mich an Geschichten über junge Männer, die geraubt und gequält worden waren. Ich hielt die Luft an und stand still, um mich nicht zu verraten. Mein Blick fiel auf ein Büschel blühender Schafgarbe, in dem ich mich würde verstecken können. Jetzt. Los.

Ich bemerkte, wie sich etwas zu meiner Linken im Wald bewegte, und fuhr mit dem Kopf herum. Zu spät. Etwas – jemand – schlug von hinten zu und stieß mich nach vorn. Ich stürzte der Länge nach zu Boden mit dem Angreifer im Nacken und erwartete mit geschlossenen Augen den Stich einer Klinge.

Doch der blieb aus. Stille ringsum. Ich spürte Knie im Rücken, so platziert, dass sie nicht wehtaten.

»Patroklos.« Pa-tro-klos.

Ich rührte mich nicht.

Der Druck der Knie ließ nach. Hände wälzten mich behutsam herum. Achill blickte auf mich herab.

»Ich hatte gehofft, dass du mir folgst«, sagte er. Meine Nerven flatterten vor Erleichterung und die Anspannung löste sich. Ich sog seinen Anblick in mich auf, sein helles Haar, seine geschwungenen Lippen. Meine Freude war so groß, dass ich nicht zu atmen wagte. Was hätte ich sagen können? Tut mir leid, vielleicht. Oder irgendetwas anderes. Ich öffnete den Mund.

»Ist er verletzt?«

Eine tiefe Stimme meldete sich aus dem Hintergrund. Achill warf einen Blick über die Schulter. Am Boden liegend, sah ich nur die Beine eines Pferdes, dunkelbraun und die Fesseln voller Staub.

Wieder erklang die Stimme, maßvoll und bedächtig. »Kann es sein, Achill Pelides, dass er der Grund ist, warum du noch nicht zu mir auf den Berg gekommen bist?«

Ich versuchte, mir einen Reim darauf zu machen. Achill war nicht zu Cheiron gegangen und hatte stattdessen hier auf mich gewartet.

»Zum Gruße, Meister Cheiron. Ich bitte um Entschuldigung. Ja, deshalb bin ich säumig.« Achill sprach mit seiner Prinzenstimme.

»Verstehe.«

Ich wünschte, Achill wäre aufgestanden, kam ich mir doch töricht vor, wie ich so unter ihm am Boden lag. Und ich hatte Angst. Die Stimme des Mannes ließ zwar keine Verärgerung erkennen, aber auch keine Freundlichkeit. Sie war klar, ernst und leidenschaftslos.

»Steh auf«, sagte er.

Achill gehorchte.

Ich hätte laut aufgeschrien, wäre mir nicht vor Schreck die Luft weggeblieben. Stattdessen gab ich nur ein Winseln von mir und kroch hastig zurück.

Die kräftigen Vorderläufe des Pferds trugen den nicht weniger kräftigen Rumpf eines Mannes. Ich starrte auf die sonderbare Nahtstelle zwischen Tier und Mensch, diesen Übergang zwischen glatter Haut und glänzendem braunem Fell.

Achill verbeugte sich. »Meister Zentaur«, sagte er. »Entschuldige meine Verspätung. Ich musste auf meinen Gefährten warten.« Er kniete nieder in den Staub. »Bitte verzeih mir. Schon seit langem wünsche ich mir, dein Schüler zu sein.«

Die Miene des Mannes – des Zentauren – war so ernst wie seine Stimme. Er war schon betagt, wie ich sah, und hatte einen sorgfältig gestutzten schwarzen Bart.

Er betrachtete Achill einen Moment lang. »Du musst vor mir nicht niederknien, Pelides. Obwohl ich deine Höflichkeit zu schätzen weiß. Und wer ist dieser Gefährte, der dich aufgehalten hat?«

Achill schaute mich an und reichte mir seine Hand. Ich ergriff sie und ließ mir aufhelfen.

»Das ist Patroklos.«

Es blieb eine Weile still. Anscheinend war es nun an mir, zu sprechen.

»Mein Herr«, sagte ich und verbeugte mich.

»Ich bin kein Herr, Patroklos Menoitiades.«

Mein Kopf schnellte in die Höhe, als ich den Namen meines Vaters hörte.

»Ich bin Zentaur und ein Lehrer der Menschen. Mein Name ist Cheiron.«

Ich schluckte und nickte. Zu fragen, woher er meinen Namen kannte, wagte ich nicht.

Er musterte mich. »Mir scheint, du bist sehr müde. Du brauchst Wasser und etwas zu essen. Es ist ein weiter Weg bis zu mir nach Hause auf den Pelion, zu weit für dich. Also müssen wir andere Mittel bemühen.«

Er drehte sich um, und ich versuchte, ihn nicht anzustarren, als ich sah, wie er seine Läufe bewegte.

»Ihr beide werdet auf meinem Rücken reiten«, sagte der Zentaur. »Einem Unbekannten erweise ich diese Ehre normalerweise nicht. Aber jetzt gilt es, eine Ausnahme zu machen.« Er stockte. »Ich vermute, man hat euch zu reiten gelehrt.«

Wir beide nickten eifrig.

»Schade. Vergesst, was ihr gelernt habt. Ich mag es nicht, wenn mir Beine die Flanken quetschen oder wenn man an mir zerrt. Wer vorn sitzt, hält sich an meiner Hüfte fest, der andere am Vordermann. Wenn einer zu stürzen droht, soll er mir ein Zeichen geben.«

Achill und ich schauten einander an.

Er trat vor.

»Wie soll ich –?«

»Ich gehe in die Knie.« Seine Vorderläufe knickten ein. Er hatte einen breiten Rücken, der schweißnass glänzte. »Hier, nehmt meinen Arm als Stütze«, sagte der Zentaur. Achill folgte seinem Rat und schwang ein Bein über den Widerrist.

Jetzt war ich an der Reihe. Immerhin musste ich nicht vorn sitzen, unmittelbar hinter der Stelle, wo die nackte Haut in ein Fellkleid überging. Cheiron reichte mir seine kräftige Hand, auf der schwarze Haare wucherten, die so gar nicht mit der Farbe und Beschaffenheit seines Fells übereinstimmten. Ich musste meine Beine auf seinem breiten Rücken so weit spreizen, dass es fast schmerzte.

Cheiron sagte: »Ich richte mich jetzt auf.« Obwohl er langsam und vorsichtig in die Höhe ging, hielt ich mich ängstlich an Achill fest. Cheiron war um einiges größer als ein normales Pferd, und mir wurde schwindlig in der Höhe. Achill hatte ihm seine Hände lose auf die Hüften gelegt. »Wenn ihr euch nicht richtig festhaltet, werdet ihr stürzen«, mahnte der Zentaur.

Ich hielt Achill mit beiden Armen fest umklammert und wagte es nicht, mich auch nur für einen Moment zu entspannen. Die Gangart des Zentauren war weniger gleichmäßig als die eines Pferdes und steil der Grund, auf dem wir ritten. Ich geriet auf dem verschwitzten Fell immer wieder bedrohlich ins Rutschen.

Ein Pfad war nirgends auszumachen, doch wir stiegen zwischen den Bäumen rasch bergan, getragen von Cheiron, dessen sichere Schritte kein einziges Mal zögerten. Manchmal schüttelte es mich so heftig, dass ich ihm versehentlich in die Seite trat.

Cheiron erklärte uns mit ruhiger Stimme, wo wir waren.

Das ist das Othrys-Gebirge.

Wie ihr seht, sind die Zypressen hier stämmiger als auf der Nordseite.

Dieser Bach dort mündet in den Apidanos, der durch Phthia fließt.

Achill drehte sich zu mir um und grinste.

Wir stiegen immer höher hinauf, und der Zentaur ließ seinen Schweif hin und her peitschen, um die Fliegen von uns fernzuhalten.

In einem lichten Wäldchen angelangt, hielt er so plötzlich an, dass ich gegen Achills Rücken prallte. Noch war der Gipfel nicht erreicht, der über uns in den blauen Himmel ragte. In unmittelbarer Nähe erhob sich ein Halbrund schroffer Felsen.

»Wir sind am Ziel.« Cheiron ging in die Knie und ließ uns absitzen.

Vor uns öffnete sich eine Höhle, die aber nicht etwa ins Dunkle führte, sondern in ein Gewölbe aus schimmerndem Rosenquarz.

»Kommt«, sagte der Zentaur. Wir folgten ihm durch den Eingang, der so hoch war, dass er sich nicht bücken musste. Die kristallenen Wände funkelten, und es dauerte eine Weile, bis sich unsere blinzelnden Augen an das eigentümliche Licht gewöhnt hatten. In einer Nische plätscherte das Wasser einer Quelle herab und verlor sich im Gestein darunter.

An den Wänden hingen Gegenstände, wie ich sie noch nie gesehen hatte: seltsame, bronzene Geräte. An der Decke über uns waren Linien und Farbflecken zu sehen, die die Himmelsgestirne und ihre Bewegungen abbildeten. Auf hölzernen Regalen standen Dutzende kleiner Keramikbehälter, beschriftet mit sonderbaren Zeichen. In einer Ecke entdeckte ich Leiern und Flöten neben Werkzeugen und Kochgeschirr.

Es gab nur ein einziges Bett, dick gepolstert mit Tierhäuten. Darin sollte Achill schlafen. Der Zentaur selbst schien kein Lager zu haben. Vielleicht brauchte er keins.

»Setzt euch«, sagte er. Nach der heißen Sonnenglut war es angenehm kühl in der Höhle, und ich ließ mich dankbar auf eines der Kissen fallen, auf die der Pferdemensch zeigte. Er ging zur Quelle, füllte zwei Becher und brachte sie uns. Das Wasser schmeckte süß und frisch. Ich trank gierig. Cheiron betrachtete mich und sagte: »Spätestens morgen werden euch sämtliche Glieder im Leib wehtun. Ihr solltet euch kräftigen und etwas essen.«

Aus einem Topf, der über einem kleinen Feuer im hinteren Teil der Höhle hing, schöpfte er einen Eintopf aus Gemüse und Fleisch in zwei Schalen. Es gab auch Früchte, rote Beeren, die er in einer kleinen Einbuchtung der Höhlenwand aufbewahrte. Ich aß mit großem Appetit und wunderte mich selbst, wie hungrig ich war. Mein Blick wanderte immer wieder zu Achill zurück. Ich war überglücklich.

Mit neu gewonnenem Mut zeigte ich auf die bronzenen Gegenstände an der Wand und fragte: »Was sind das für Sachen?«

Cheiron hatte sich vor uns auf dem Boden niedergelassen. »Chirurgische Instrumente«, antwortete er.

»Chirurgische?« Das Wort war mir fremd.

»Zur Heilung. Ich vergaß, dass ihr, die ihr aus dem Tiefland kommt, Barbaren seid.« Seine Stimme klang nüchtern und sachlich. »Manchmal muss ein kranker Körperteil abgetrennt werden, damit der Rest gesunden kann. Diese Geräte da sind zum Schneiden, jene zum Vernähen von Wunden.« Er bemerkte, dass ich mit ungläubigem Staunen auf das Sägeblatt mit den scharfen Zacken starrte.

»Würdest du gern lernen, wie man heilt?«

Ich errötete. »Davon habe ich keine Ahnung.«

»Du antwortest auf eine Frage, die ich gar nicht gestellt habe.«

»Tut mir leid, Meister Cheiron.« Ich wollte ihn nicht verärgern. Er wird mich sonst zurückschicken.

»Das muss dir nicht leidtun. Antworte einfach.«

»Ja, gern«, stammelte ich. »Die Heilkunde ist nützlich, nicht wahr?«

»Sehr nützlich«, bestätigte er und wandte sich an Achill, der bislang nichts gesagt hatte.

»Und was meinst du, Pelides? Hältst du die Medizin ebenfalls für nützlich?«

»Natürlich«, antwortete Achill. »Bitte, nenn mich nicht Pelides. Ich bin Achill.«

In den dunklen Augen des Pferdemenschen zeigte sich etwas, das als Zeichen der Belustigung hätte gedeutet werden können.

»Also gut. Hast du eine Frage zu den Dingen, die du hier siehst?«

»Ja.« Achill zeigte auf die Musikinstrumente, die Leiern, Flöten und die siebensaitige Kithara. »Kannst du darauf spielen?«

»Allerdings«, antwortete Cheiron.

»Ich auch«, sagte Achill. Und dann: »Ich habe gehört, du hast Herakles und Theseus unterrichtet. Stimmt das?«

»So ist es.«

Ich konnte es kaum fassen. Er kannte diese beiden Helden persönlich, von Kindesbeinen an.

»Ich würde mich freuen, von dir zu lernen.«

Cheirons strenge Miene löste sich ein wenig. »Darum bist du zu mir geschickt worden. Damit ich dir beibringen kann, was ich weiß.«

Im Licht der Abendsonne führte uns Cheiron durch das Gelände nahe der Höhle. Er zeigte uns, wo die Berglöwen ihren Bau hatten, und wo der Fluss war, der gemächlich dahinplätscherte und klares, von der Sonne erwärmtes Wasser führte.

»Du könntest ein Bad nehmen, wenn du willst.« Er schaute mich an. Ich hatte vergessen, wie schmutzig ich war, fuhr mit der Hand durch die Haare und wühlte den Staub darin auf.

»Ich will«, sagte Achill, und schon hatte er seine Tunika abgestreift. Ich folgte ihm. In der Tiefe war das Wasser kalt, aber nicht unangenehm. Cheiron belehrte uns vom Ufer aus: »Das da sind Schmerlen. Seht ihr sie? Und hier, ein Barsch. Dort drüben schwimmen Zährten. Die gibt’s nur hier. Man erkennt sie an den silbernen Bäuchen und dem Wulst, der wie eine Nase aussieht.«

Seine Stimme mischte sich mit dem Rauschen des Wassers und linderte, was es an Spannungen zwischen Achill und mir noch gegeben haben mochte. Cheirons ruhige, gutmütige und zugleich bestimmende Art machte uns wieder zu Kindern, die nur diesen Augenblick im Sinn hatten und sich um nichts weiter kümmerten. In seiner Nähe war fast vergessen, was sich am Strand zugetragen hatte. Ja, wir kamen uns sogar wieder klein und schmächtig vor neben seiner mächtigen Gestalt. Wer hatte uns bloß eingeredet, dass wir erwachsen wären?

Erfrischt und gereinigt stiegen wir aus dem Wasser und schüttelten im letzten Licht der Sonne unsere nassen Haare. Ich kauerte mich ans Ufer und schrubbte mit Kieselsteinen den Schmutz aus meiner Tunika. Bis sie wieder trocken sein würde, war ich nackt, aber Cheirons Einfluss reichte so weit, dass nicht einmal das etwas ausmachte.

Die ausgewrungenen Kleider über die Schulter geworfen, folgten wir ihm zurück in die Höhle. Manchmal blieb er stehen und machte uns auf die Spuren von Hasen, Wiesenrallen und Hirschen aufmerksam. Er sagte, wir würden zu gegebener Zeit Jagd auf sie machen, und brachte uns bei, ihre Fährten zu lesen. Wir hörten ihm zu und stellten eifrig Fragen. Im Palast hatte es nur diesen mürrischen Musiklehrer gegeben oder Peleus persönlich, der über seine eigenen Worte fast einschlief. Wir wussten nichts über das Leben im Wald oder von all den anderen Dingen, von denen uns Cheiron berichtete. Ich dachte an die Gegenstände an der Höhlenwand, an die Heilkräuter und Werkzeuge. Chirurgische Instrumente hatte er sie genannt.

Es war fast dunkel, als wir die Höhle erreichten. Cheiron betraute uns mit kleinen Aufgaben. Wir sollten Holz sammeln und in der Lichtung vor dem Eingang zur Höhle ein Feuer machen. Als es brannte, setzten wir uns vor die Flammen und genossen ihre Wärme in der kühler werdenden Luft. Wir waren müde und erschöpft nach den Anstrengungen des Tages, und unsere Füße und Beine prickelten angenehm. Wir schmiedeten Pläne für den nächsten Tag, waren aber so mundfaul wie zufrieden und machten nicht viel Worte. Zum Abendessen gab es erneut von dem Eintopf und ein dünnes Fladenbrot, das Cheiron auf einem Bronzeblech über dem Feuer gebacken hatte. Zum Nachtisch reichte er uns Beeren mit Honig.

Das Feuer verglomm. Schon halb träumend, konnte ich die Augen kaum mehr offen halten. Mir war wohlig warm, der Boden, auf dem ich saß, war weich von Moos und welkem Laub. Ich konnte kaum glauben, noch am Morgen in Peleus’ Palast aufgewacht zu sein. Die kleine Lichtung und die schimmernden Wände der Höhle wirkten lebendiger auf mich als die bleichen weißen Mauern des Palasts.

Cheirons Stimme schreckte mich aus meinem Dämmerzustand auf. »Achill, deine Mutter hat mir eine Botschaft zukommen lassen.«

Ich bemerkte, dass sich Achills Körper versteifte, und mir selbst schnürte sich plötzlich die Kehle zu.

»Oh, und was sagt sie?«, fragte er betont gleichmütig.

»Sie sagt, falls dir der verbannte Sohn des Menoitios gefolgt sein sollte, sei er von dir fernzuhalten.«

Wieder hellwach, richtete ich mich auf.

Achill fragte scheinbar sorglos: »Hat sie auch gesagt, warum?«

»Nein.«

Ich schloss die Augen. Dass es mir erspart blieb, vor Cheiron gedemütigt zu werden, indem der Vorfall am Strand zur Sprache gekommen wäre, erleichterte mich ein wenig. Doch ein Trost war es nicht.

»Du weißt ja wohl, wie sie zu dieser Sache steht«, fuhr Cheiron fort. »Und ich möchte nicht hintergangen werden.«

Mein Gesicht glühte. Zum Glück war es dunkel. Die Stimme des Zentauren klang härter als zuvor.

Meine Kehle war so trocken, dass ich mich räuspern musste, um etwas sagen zu können. »Tut mir leid«, hörte ich mich sprechen. »Ich bin aus eigenem Antrieb gekommen. Achill kann nichts dafür. Er wusste nicht, dass ich ihm folgen würde. Mir schien –« Ich stockte und musste einen neuen Anlauf nehmen. »Ich hatte gehofft, sie würde es nicht bemerken.«

»Das war dumm von dir.« Auf Cheirons Gesicht lag ein Schatten.

»Cheiron –«, hob Achill mutig an.

Der Zentaur winkte mit der Hand ab. »Die Botschaft erreichte mich schon am Morgen, ehe ihr gekommen seid. Ihr habt mich also in eurer Torheit gar nicht erst täuschen können.«

»Du wusstest Bescheid?« Es war Achill, der fragte. Ich hätte es nicht gewagt. »Dann hast du dich also schon entschieden? Du wirst nicht tun, was sie verlangt?«

Cheirons Stimme ließ eine Warnung mitschwingen. »Sie ist eine Göttin, Achill, und nicht zuletzt deine Mutter. Gelten dir ihre Wünsche so wenig?«

»Ich halte sie in Ehren, Cheiron. Aber in dieser Sache liegt sie falsch.« Er hatte die Fäuste so fest geballt, dass ich trotz der Dunkelheit die angespannten Sehnen auf dem Handrücken sehen konnte.

»Und warum liegt sie falsch, Pelides?«

Ich schaute ihn an, und mein Magen krampfte sich zusammen. Was würde er wohl antworten?

»Sie meint –« Er stockte, und ich hielt den Atem an. »Dass er als Sterblicher nicht der richtige Umgang für mich ist.«

»Und du findest, er ist der richtige Umgang?«, fragte Cheiron, dessen Stimme keine vorgefasste Meinung anklingen ließ.

»Ja«, antwortete Achill, ohne zu zögern und mit trotzig erhobenem Kinn.

»Verstehe.« Der Zentaur wandte sich mir zu. »Und du, Patroklos? Bist du seiner würdig?«

Ich schluckte. »Das weiß ich nicht. Aber ich wünschte, bleiben zu dürfen.« Und wieder musste ich schlucken. »Bitte.«

Es blieb eine Weile still. Dann sagte Cheiron: »Als ich euch hierhergeführt habe, war mir noch nicht klar, wie ich mich entscheiden würde. Thetis hat vieles auszusetzen und in einigen Dingen wohl auch recht damit, doch nicht in allen, wie mir scheint.«

Seiner Stimme war wieder kein Unterton anzuhören, und ich fühlte mich zwischen Hoffnung und Verzweiflung hin- und hergerissen.

»Auch sie ist jung und voller Vorurteile. Ich bin älter und darf mir einbilden, einen Menschen besser einschätzen zu können. Ich habe gegen Patroklos als deinen Gefährten nichts einzuwenden.«

Vor lauter Erleichterung hatte ich den Eindruck, inwendig ganz hohl zu sein, als wäre ein Sturm durch mich hindurchgefegt.

»Es wird mir nicht gefallen, aber es wäre nicht das erste Mal, dass ich den Zorn der Götter auf mich ziehe.« Und dann sagte er: »Es ist spät, Zeit für euch, schlafen zu gehen.«

»Danke, Meister Cheiron.« Achills Stimme war ernst und kräftig. Wir standen auf.

Ich zögerte und deutete auf Cheiron. »Ich würde gerne noch –« Achill verstand und zog sich in die Höhle zurück.

Ich wandte mich an den Zentauren. »Ich werde gehen, falls es Schwierigkeiten geben sollte.«

Es entstand eine längere Pause, und ich glaubte schon, er habe mich nicht gehört. Dann aber sagte er:

»Gib das, was du heute gewonnen hast, nicht so einfach wieder preis.«

Dann wünschte er mir eine gute Nacht, und ich ging zu Achill in die Höhle. 

Neuntes Kapitel

Am Morgen weckten mich leise Geräusche, und als ich die Augen öffnete, sah ich, dass Cheiron unser Frühstück vorbereitete. Ich lag auf einem weichen Lager und hatte tief und fest geschlafen. Ich reckte mich und erschrak ein wenig, als ich Achill an meiner Seite spürte. Er schlief noch. Ich betrachtete ihn, wie er dalag und gleichmäßig atmete, und sein Anblick wühlte mich auf. Dann aber bemerkte ich, dass mir Cheiron grüßend zuwinkte. Ich winkte zurück, und das seltsame Gefühl war vergessen.

Nach dem Frühstück halfen wir Cheiron bei seiner täglichen Arbeit. Es war leichte, angenehme Arbeit: Beeren sammeln, Fische fangen und Fallen für Wachteln aufstellen. Damit begann unsere Ausbildung, die uns aber nicht als solche vorkam. Denn Cheiron erteilte keinen Unterricht, wie wir ihn kannten, sondern nutzte Gelegenheiten, um uns auf bestimmte Dinge hinzuweisen. Wenn eine der Ziegen, die auf den Hängen weideten, krank wurde, brachte er uns bei, mit welchen Mitteln ihr geholfen werden konnte. Wir lernten, Tinkturen anzurühren, die vor dem Befall von Zecken schützten. Als ich in eine Felsspalte stürzte, mir den Arm brach und das Knie aufschlug, zeigte er uns, wie man eine Holzschiene anlegte und Kräuter anwandte, die einer Entzündung vorbeugten.

Auf einem unserer Jagdausflüge scheuchten wir aus Versehen eine Wiesenralle aus ihrem Nest, worauf er uns das Anpirschen lehrte und uns beibrachte, wie das gestellte Wild mit Pfeil und Bogen oder Schlinge möglichst rasch zur Strecke gebracht werden konnte.

Wenn wir Durst und keinen Wasserschlauch dabeihatten, zeigte er uns Pflanzen, deren Wurzeln besonders viel Saft enthielten. Einmal trafen wir auf eine umgestürzte Esche und lernten, die Rinde abzuschälen, das Holz zu spalten und zu verarbeiten. Ich schnitzte einen Axtstiel, Achill einen Speer, und Cheiron versprach, dass er uns bald beibringen würde, Klingen zu schmieden.

Jeden Abend und jeden Morgen halfen wir ihm bei der Zubereitung unserer Mahlzeiten. Wir machten aus der fetten Ziegenmilch Joghurt und Käse oder nahmen Fische aus. Solche Dinge zu verrichten war uns als Prinzen früher nicht gestattet gewesen, weshalb wir uns nun umso eifriger damit beschäftigten. Unter Cheirons Anleitung verarbeiteten wir Milch zu Butter und brieten Fasaneneier auf flachen, vom Feuer erhitzten Steinen.

Nach etwa einem Monat fragte uns Cheiron beim Frühstück, was wir sonst noch zu lernen wünschten. »Damit umzugehen«, sagte ich und zeigte auf die chirurgischen Instrumente. Er nahm sie von der Wand, eins nach dem anderen.

»Vorsicht. Das Blatt ist sehr scharf. Es ist dafür da, Fleisch zu entfernen, wenn es von Fäulnis befallen ist. Man erkennt es am Knistern, wenn man die Wundränder zusammendrückt.«

Dann ließ er uns unsere Knochen am eigenen Körper ertasten und fuhr mit der Hand über den Wirbelgrat auf unserem Rücken. Er zeigte mit dem Finger, wo welches Organ unter der Bauchdecke lag.

»Eine Erkrankung jedes einzelnen Organs kann zum Tod führen. Aber am schlimmsten ist es, wenn sie sich hier einnistet.« Er tippte auf Achills Schläfenmulde. Ein Kälteschauer durchfuhr mich, als ich ihn die Stelle berühren sah, die Achills Leben schützte und so dünn und verwundbar war. Zum Glück sprach er bald von anderen Dingen.

Am Abend lagen wir im weichen Gras vor der Höhle. Cheiron deutete auf Sternbilder und erzählte ihre Geschichten. Andromeda kauerte in Fesseln vor dem Maul eines Seeungeheuers; davor stand Perseus, im Begriff, sie zu retten. Nachdem dieser der Medusa das Haupt abgeschlagen hatte, entsprang ihrem Hals das geflügelte, unsterbliche Pferd Pegasus. Er erzählte auch von Herakles, seinen schweren Prüfungen und davon, dass er dem Wahnsinn verfiel, weder die eigene Frau noch seine Kinder erkannte und sie tötete, weil er sie für Feinde hielt.

Achill fragte: »Warum hat er seine Frau nicht wiedererkannt?«

»Wahnsinn macht blind«, antwortete Cheiron, und seine Stimme klang tiefer als gewöhnlich. Er hatte, wie ich mich erinnerte, den Helden gekannt und wohl auch dessen Frau.

»Warum wurde er wahnsinnig?«

»Die Götter wollten ihn bestrafen.«

Ungeduldig schüttelte Achill den Kopf. »Aber für seine Frau war es doch eine noch größere Strafe. Das ist ungerecht.«

»Es gibt kein Gesetz, das den Göttern Gerechtigkeit abverlangt«, sagte Cheiron. »Und vielleicht ist es am Ende viel schlimmer, am Leben bleiben zu müssen, wenn der andere gegangen ist.«

»Vielleicht«, erwiderte Achill.

Ich hörte nur zu und sagte nichts. Achills Augen leuchteten im Feuerschein; von den flackernden Schatten war sein Gesicht scharf gezeichnet. Ich würde es auch im Finsteren oder maskiert wiedererkennen, dachte ich bei mir. Selbst im Wahn.

»Habe ich euch schon die Geschichte des Asklepios erzählt«, fragte Cheiron, »und wie er die Geheimnisse der Heilkunst aufdeckte?«

Das hatte er, aber wir wollten sie noch einmal hören, die Geschichte, wie dieser Held und Sohn des Apoll einer Schlange das Leben gerettet hatte, worauf diese aus Dankbarkeit ihm die Ohren ausleckte, damit er hörte, was sie ihm über die Wirkung von Kräutern zuzuzischeln wusste.

»Aber in Wirklichkeit warst du es, der ihm zu heilen beigebracht hat«, sagte Achill.

»Ja, so ist es.«

»Macht es dir nichts aus, dass der Schlange dieses Verdienst zugesprochen wird?«

Cheiron lächelte und entblößte die Zähne unter seinem dunklen Bart. »Nein, Achill, das macht mir nichts aus.«

Später spielte Achill auf der Leier. Der Leier meiner Mutter. Er hatte sie mitgenommen.

Am Tag unserer Ankunft hatte er sie mir gezeigt, und ich hatte ihm gestanden: »Fast wäre ich nicht gekommen, weil ich ohne sie nicht gehen mochte.«

»Dann weiß ich ja jetzt, was ich tun muss, damit du mir überallhin folgst«, hatte er lächelnd erwidert.

Hinterm Gipfelgrat des Pelion ging die Sonne unter, und wir waren glücklich.

Schnell verging die Zeit im Idyll am Fuß des Berges. Es wurde nachts nun kühl, und nur zögernd erwärmte sich die Luft bei Tag, wenn das fahle Sonnenlicht durch die trockenen Blätter fiel. Cheiron gab uns Felle, in die wir uns kleideten. Vor den Eingang zur Höhle wurden Tierhäute zum Schutz gegen die Kälte gehängt. Wir legten Holzvorräte an und pökelten Fleisch für den Winter. Noch hatten sich die Tiere nicht in ihre Bauten zurückgezogen, doch sie würden es bald tun, sagte Cheiron. Morgens bestaunten wir den Raureif, der die Blätter umkränzte. Aus Liedern und Geschichten wussten wir vom Schnee, hatten ihn aber noch nie gesehen.

Eines Morgens wachte ich auf und suchte nach Cheiron, konnte ihn aber nirgends finden. Er stand meist vor uns auf, um die Ziegen zu melken oder Früchte fürs Frühstück zu sammeln. Ich verließ die Höhle, damit Achill weiterschlafen konnte, setzte mich auf die Lichtung und wartete. Vom Feuer der vergangenen Nacht war nur weiße Asche übrig geblieben. Ich stocherte darin herum und lauschte den Geräuschen des Waldes. Eine Wachtel schlug, eine Taube gurrte. Ich hörte es im Unterholz rascheln, vom Wind vielleicht oder irgendeinem Tier.

Plötzlich begann meine Haut zu kribbeln und mir wurde bange, als zuerst die Wachtel, dann die Taube verstummte. Kein Blättchen rührte sich, denn auch der Wind hatte sich gelegt, und nichts raschelte mehr. Es war so still, dass ich unwillkürlich die Luft anhielt. Wie ein Kaninchen im Schatten eines Falkens. Ich spürte das Herz in der Brust schlagen.

Von Cheiron wusste ich, dass er manchmal zauberte, mit seinen magischen Kräften Wasser warm werden ließ oder Tiere beruhigte.

»Cheiron?«, rief ich verstört und mit dünner Stimme. »Cheiron?«

»Der bin ich nicht.«

Ich fuhr herum. Am Rand der Lichtung stand Thetis, kreideweiß im Gesicht und mit wallenden schwarzen Haaren. Das Kleid, das sie trug, schillerte wie Fischschuppen. Mir stockte der Atem.

»Du solltest nicht hier sein.« Aus ihrem Mund klangen die Worte wie das Kratzen von schroffen Felsen am Rumpf eines Bootes.

Als sie auf mich zukam, schien das Gras unter ihren Füßen zu verdorren. Sie war eine Nymphe und hielt alles, was auf der Erde lebte, für widerwärtig.

»Tut mir leid«, presste ich aus trockener Kehle hervor.

»Ich habe dich gewarnt.« Sie schien mich mit ihren schwarzen Augen zu durchbohren. Ich wollte schreien, wagte es aber nicht.

Plötzlich meldete sich hinter mir Cheirons Stimme, laut und doch ruhig. »Ich grüße dich, Thetis.«

Ein warmer Schwall fuhr mir durch die Glieder, und ich konnte wieder atmen. Fast wäre ich zu ihm gerannt, doch ihr ungerührter Blick hielt mich gebannt. Ich zweifelte keinen Augenblick daran, dass sie schneller war als ich.

»Du jagst dem Jungen Angst ein«, sagte Cheiron.

»Er gehört nicht hierher«, entgegnete sie. Ihre Lippen waren rot wie frisches Blut.

Cheiron legte mir eine Hand auf die Schulter. »Patroklos«, sagte er, »geh jetzt in die Höhle zurück. Wir werden später miteinander reden.«

Ich gehorchte, stand auf und ging.

»Du lebst schon zu lange mit Sterblichen zusammen, Zentaur«, hörte ich sie sagen, ehe sich die Tierhäute im Eingang hinter mir schlossen. Verstört lehnte ich mich mit dem Rücken an die Höhlenwand. Mir lag ein brackiger Geschmack auf der Zunge.

»Achill«, sagte ich.

Er öffnete die Augen und eilte auf mich zu, bevor ich dazu kam, ein weiteres Wort zu sprechen.

»Alles in Ordnung mit dir?«

»Deine Mutter ist hier«, sagte ich.

Er fuhr vor Schreck zusammen.

»Hat sie dir wehgetan?«

Ich schüttelte den Kopf. Dass sie mir, wie ich glaubte, wohl Gewalt angetan hätte, wenn Cheiron nicht dazwischengegangen wäre, verschwieg ich.

»Ich geh zu ihr«, sagte er. Die Tierhäute schlugen dumpf aneinander, als sie sich vor ihm teilten und dann wieder zurückfielen.

Ich konnte nicht hören, was draußen auf der Lichtung gesagt wurde. Sie sprachen leise oder waren vielleicht auch woanders hingegangen, um miteinander zu reden. Ich wartete und ging im Kreis. Um mich selbst machte ich mir keine Sorgen. Cheiron wollte, dass ich blieb, und er war älter als sie, älter als die meisten Götter. Er war schon erwachsen gewesen, als Thetis noch als Ei im Schoß des Meeres geruht hatte. Aber es gab da etwas anderes, das nicht so leicht zu benennen war. Mir schwante, dass ihr Besuch nichts Gutes verhieß.

Es war schon fast Mittag, als sie zurückkehrten. Sofort richtete ich meinen Blick auf Achills Gesicht und versuchte, seine Miene zu deuten. Doch er ließ sich nichts anmerken, allenfalls ein wenig Müdigkeit. Er warf sich auf unser Lager und sagte: »Ich habe Hunger.«

»Kein Wunder«, erwiderte Cheiron. »Es ist schon Mittagszeit, und du hast nicht einmal gefrühstückt.« Er bereitete eine Mahlzeit für uns zu und verblüffte mich wieder damit, dass er sich trotz seiner Größe auf engstem Raum behände zu bewegen vermochte.

Achill wandte sich mir zu. »Alles in Ordnung«, sagte er. »Sie wollte nur mit mir reden. Mich sehen.«

»Sie wird wiederkommen«, ließ Cheiron von sich hören, und als wüsste er, was ich dachte, fügte er hinzu: »Das darf man von ihr erwarten. Schließlich ist sie seine Mutter.«

Mehr als alles andere ist sie eine Göttin, dachte ich.

Als wir aßen, zerstreuten sich meine Sorgen. Ich hatte befürchtet, Cheiron könnte von dem Tag am Strand erfahren haben, aber er verhielt sich uns beiden gegenüber nicht anders als sonst, und auch Achill war so wie immer. Ich ging zu Bett, zwar nicht im Frieden mit der Welt, aber immerhin beruhigt.

Nach diesem Tag kam sie häufiger, wie von Cheiron vorhergesagt. Ich lernte, die Zeichen ihrer Ankunft zu deuten – erkannte die Totenstille, bevor sie erschien. Dann hielt ich mich jedes Mal in Cheirons Nähe auf und blieb in der Höhle. Ihre Besuche waren für mich nicht weiter von Belang, und ich redete mir ein, dass ich ihr gönnte, ihren Sohn zu sehen. Trotzdem war ich immer froh, wenn sie wieder ging.

Es wurde Winter, und der Fluss gefror. Achill und ich wagten uns aufs Eis hinaus, in das wir später Löcher schlugen, um zu fischen. Es war unser einziges Fleisch, denn im Wald gab es nur noch Mäuse und manchmal den einen oder anderen Marder.

Es begann zu schneien, wie Cheiron vorausgesagt hatte. Wir lagen auf dem Boden, ließen die Flocken auf uns herabrieseln und behauchten sie mit unserem Atem, bis sie geschmolzen waren. Wir hatten weder Stiefel noch Mäntel, nur die Felle, die uns Cheiron gegeben hatte, und waren froh, uns in die warme Höhle zurückziehen zu können. Sogar Cheiron trug jetzt ein Hemd, genäht aus dem Fell eines Bären, wie er sagte.

Nach dem ersten Schneefall zählten wir die Tage und markierten sie mit Strichen auf einem Stein. »Wenn ihr die Fünfzig erreicht«, sagte Cheiron, »wird das Eis auf dem Fluss brechen.« Am Morgen des fünfzigsten Tages hörten wir ein seltsames Geräusch. Es war, als stürzten Bäume. Die Eisdecke auf dem Fluss zeigte nahe dem Ufer erste Risse. »Bald ist Frühling«, sagte Cheiron.

Nicht lange danach fing das Gras wieder zu wachsen an, und die Eichhörnchen kamen aus ihren Kobeln hervor, abgemagert und hungrig. Wir taten es ihnen gleich und aßen unser Frühstück in der frischen Frühlingsluft. Eines Morgens fragte Achill den Zentaur, ob er uns zu kämpfen beibringen würde.

Ich wunderte mich, warum er ausgerechnet jetzt darauf zu sprechen kam. Weil er sich nach dem langen Winter endlich wieder austoben wollte? Oder hatte es mit seiner Mutter zu tun, die kürzlich wieder zu Besuch gewesen war?

Wirst du uns zu kämpfen beibringen?

Cheiron ließ sich mit der Antwort Zeit. Ich glaubte fast, mir die Frage nur eingebildet zu haben. »Wenn ihr wollt«, sagte er schließlich.

Er holte für uns beide je einen Speer und ein Übungsschwert aus einer Ecke der Höhle hervor, führte uns zu einer Lichtung weiter oben auf dem Berg und forderte uns auf, ihm zu zeigen, was wir bislang gelernt hatten. Ich führte ein paar halbherzige Paraden und Hiebe vor, während Achill neben mir sein ganzes Können unter Beweis stellte. Mit einem bronzeverstärkten Stab fuhr Cheiron gelegentlich dazwischen, um zu sehen, wie wir reagierten.

So ging es eine geraume Zeit lang, und mir wurden die Arme schwer. Schließlich gönnte uns Cheiron eine Pause. Wir tranken aus dem Wasserschlauch und legten uns aufs Gras. Ich war außer Atem, Achill offenbar nicht.

Cheiron stand vor uns und schwieg.

»Und, was denkst du?«, fragte Achill ungeduldig. Cheiron war, wie ich mich erinnerte, erst die vierte Person, die ihn hatte kämpfen sehen.

Die Antwort des Zentauren kam völlig unerwartet.

»Dir kann ich nichts mehr beibringen. Du beherrschst bereits alles, was Herakles beherrschte, und mehr noch. Du bist der größte Krieger deiner Generation und aller Generationen vor dir.«

Achill errötete, ob aus Verlegenheit oder weil er sich geschmeichelt fühlte, konnte ich nicht sagen.

»Man wird von deinen Fähigkeiten hören und als Kämpfer für fremde Kriege um dich werben.« Nach einer kurzen Pause fragte er: »Wie wirst du auf solche Anträge antworten?«

»Ich weiß nicht«, entgegnete Achill.

»Fürs Erste reicht diese Antwort, aber sie wird in Zukunft nicht genügen«, sagte Cheiron.

Es wurde für eine Weile still, und ich glaubte, die Luft knistern zu hören. Achill wirkte zum ersten Mal, seit wir bei Cheiron waren, angespannt und ernst.

»Und wie steht’s um mich?«, wollte ich wissen.

Cheiron sah mich aus seinen dunklen Augen an. »Du wirst als Kämpfer keinen Ruhm erlangen. Überrascht dich das?«

Seine Stimme klang nüchtern, was der Aussage irgendwie den Stachel nahm.

»Nein«, antwortete ich ehrlich.

»Trotzdem kann ein guter Soldat aus dir werden. Möchtest du einer sein?«

Ich dachte an die trüben Augen des Jungen und daran, wie schnell sein Blut im Staub versickert war. Ich dachte an Achill, den größten Kämpfer seiner Generation. Ich dachte an Thetis, die ihn mir nehmen würde, wenn sie es könnte.

»Nein«, sagte ich.

So endete unsere Lektion in Sachen Kriegskunst.

Der Frühling ging in den Sommer über. Es wurde wärmer, alles grünte, und in den Wäldern gab es wieder Wild und Früchte in Hülle und Fülle. Als Achill vierzehn wurde, kamen Boten mit Geschenken von Peleus. Es war seltsam, sie hier in ihren Uniformen und den Farben des Palasts zu sehen. Sie begafften uns mit unverhohlener Neugier, mich, Achill und vor allem Cheiron. Im Palast wurde gern getratscht, und diese Männer würden bei ihrer Rückkehr wie Fürsten empfangen werden. Ich war froh, als sie ihre geleerten Taschen wieder schulterten und abzogen.

Die Geschenke waren willkommen – neue Saiten für die Leier, frische Gewänder, gewebt aus feinster Wolle, und ein Bogen samt Pfeilen mit Eisenspitzen. Damit würden wir demnächst fette Beute machen für unseren Tisch.

Andere Dinge waren weniger nützlich – Mäntel, mit Gold durchwirkt, ein mit Edelsteinen besetzter Gürtel, der viel zu schwer war, als dass er zu irgendetwas hätte taugen mögen. Und dann war da noch eine Pferdedecke, mit Stickereien reich verziert, ein Prunkstück für das Reittier eines Prinzen.

»Ich hoffe, die ist nicht für mich«, sagte Cheiron und zog die Stirn in Falten. Wir rissen sie in Stücke, die uns als Kompressen, Verbandsmaterial oder Putzlappen dienen konnten. Das feste Material eignete sich vorzüglich, um Schmutz und Essensreste wegzuwischen.

Am Nachmittag lagen wir im Gras vor der Höhle. »Es ist fast ein Jahr her, seit wir hier angekommen sind«, sagte Achill. Es wehte ein angenehm kühler Wind.

»So lange kommt es mir gar nicht vor«, entgegnete ich mit schläfrigem Blick ins Himmelblau.

»Fehlt dir der Palast?«

Ich dachte an die Gaben seines Vaters, an die Dienstboten und ihre Blicke, an die Nachrichten, die sie nach Hause zurückbringen würden.

»Nein«, antwortete ich.

»Mir auch nicht«, sagte er. »Ich hatte geglaubt, ich würde etwas vermissen, aber dem ist nicht so.«

Die Tage gingen ins Land, Monate und schließlich ein weiteres Jahr. 

Zehntes Kapitel

Es war Frühling, und wir waren fünfzehn. Der Winter hatte länger gedauert als gewöhnlich, und wir freuten uns, wieder draußen zu sein unter der Sonne. Wir zogen unsere Kleider aus, reckten die steifen Glieder und genossen die milde Brise auf der Haut. Aufgrund der Winterkälte hatten wir monatelang unsere Felle nicht abgelegt, abgesehen von den kurzen Momenten in der Felsnische, die uns als Bad diente. Den Vormittag verbrachten wir am Fluss und jagten in den Wäldern. Es fühlte sich gut an, wieder in Bewegung zu sein.

Ich betrachtete Achill. Da es auf dem Berg keine Spiegel gab – ausgenommen die glatte Oberfläche des Flusses –, konnte ich Veränderungen an mir nur mit Blick auf ihn zu erkennen versuchen. Er war immer noch schlank, aber ein wenig kräftiger und breiter im Kreuz geworden. Das Gesicht hatte schärfere Konturen angenommen.

»Du siehst älter aus«, sagte ich.

Er blieb stehen und sah mich an. »Wirklich?«

»Ja.« Ich nickte. »Und ich?«

»Komm mal näher.« Ich trat auf ihn zu. Er musterte mich eine Weile. »Ja, du auch.«

»Inwiefern?«, wollte ich wissen.

»Dein Gesicht ist anders«, antwortete er.

»Wo?«

Er fuhr mit den Fingerspitzen der rechten Hand über meinen Unterkiefer. »Hier. Er ist breiter als vorher.« Ich betastete mich mit der eigenen Hand, konnte aber keinen Unterschied feststellen. Mir schien, ich sei immer noch Haut und Knochen. Er führte meine Hand zum Schlüsselbein. »Auch da«, sagte er, »und dort.« Er tippe auf den Kehlkopf. Ich schluckte und spürte, wie er auf und ab ging.

»Wo sonst noch?«, fragte ich.

Er deutete auf die feinen dunklen Haare, die in einem dünnen Streifen vom Bauchnabel abwärts liefen.

Mir schoss das Blut ins Gesicht.

»Das reicht«, sagte ich schneller als beabsichtigt. Ich setzte mich wieder ins Gras, sah, wie der Wind durch seine Haare fuhr und seine Haut im Sonnenlicht golden schimmerte. Ich streckte mich aus und ließ ebenfalls die Sonne auf mich leuchten.

Nach einer Weile setzte er sich zu mir. Wir betrachteten die Bäume mit ihren frischen, jungen Trieben.

»Ich glaube, du wärst nicht unzufrieden«, sagte er plötzlich. »Mit deinem Aussehen.«

Ich spürte Hitze in mir aufsteigen. Aber wir verloren kein Wort mehr darüber.

Wir waren fast sechzehn. Bald würde Peleus wieder seine Boten mit Geschenken schicken, bald würden die Beeren reif sein, die Früchte uns in die Hände fallen. Es war das letzte Jahr unserer Kindheit. Danach würden wir als Männer gelten und nicht mehr nur unsere Leibröcke tragen, sondern auch Chitons und Umhänge. Peleus würde für Achill eine geeignete Braut aussuchen, und auch mir stünde es frei, eine Frau zu wählen. Ich dachte an die Dienstmädchen und ihre stumpfen Blicke und erinnerte mich an Gespräche der Jungen, die ich belauscht hatte, als sie von Brüsten und Hüften schwärmten.

Sie ist so weich wie Seide.

Wenn sie ihre Schenkel um dich geschlungen hat, vergisst du deinen eigenen Namen.

Die Jungen hatten aufgeregt und mit hochroten Gesichtern miteinander getuschelt. Aber wenn ich versuchte, mir vorzustellen, wovon sie sprachen, entglitten mir meine Gedanken wie Fische, die sich nicht fangen lassen wollten.

Stattdessen drängten sich andere Bilder auf. Die geschwungene Linie eines über eine Leier gebeugten Nackens, im Feuerschein schimmernde Haare, sehnige Hände in Bewegung. Wir waren stets zusammen, und es gab für mich kein Entrinnen vom Wohlgeruch des Öls, mit dem er seine Füße einrieb, oder von dem Anblick nackter Haut, wenn er sich anzog. In Erinnerung an den Tag am Strand und die Kälte seiner Augen zwang ich mich dann jedes Mal wegzuschauen. Und natürlich dachte ich an seine Mutter.

Ich machte mich nun manchmal selbstständig und ging schon früh am Morgen, wenn Achill noch schlief, oder nachmittags, wenn er seinen Speerwurf zu verbessern suchte, allein hinaus in den Wald. Ich nahm eine Flöte mit mir, spielte aber nur selten darauf. Oft lehnte ich mich an einen Baum und sog den scharfen Zypressenduft in mich auf, der von der höchsten Stelle des Berges herabwehte.

Langsam, als sollte ich es nicht bemerken, glitt dann meine Hand zwischen die Schenkel in meinen Schoß. Ich schämte mich für das, was ich tat, mehr noch der Gedanken wegen, die mich dabei beschlichen. Aber viel schlimmer wäre es gewesen, ihnen im Inneren der Rosenquarzhöhle und in seinem Beisein nachzuhängen.

Manchmal fiel es mir schwer, danach in die Höhle zurückzukehren. »Wo warst du?«, fragte er oft.

»Dort drüben«, antwortete ich dann immer und deutete vage in eine Richtung.

Er nickte, doch ich war mir sicher, er bemerkte, dass ich errötete.

Der Sommer wurde heißer. Wir hielten uns im Schatten auf oder badeten im Fluss und ließen das Wasser glitzernd aufspritzen. Die Kieselsteine im Flussbett waren bemoost und kühl und glitschten unter meinen Füßen weg. Aufgeschreckt von unseren Rufen, flohen die Fische in ihre Felsnischen oder in stilleres Wasser flussaufwärts. Das reißende Schmelzwasser des Frühjahrs war längst verronnen. Der Länge nach ausgestreckt, ließ ich mich in der Strömung treiben. Es gefiel mir, die Sonne auf dem Bauch und gleichzeitig die kühlen Tiefen des Wassers unter mir zu spüren.

Wenn wir genug davon hatten, schwammen wir auf die herabhängenden Zweige der Weiden zu und hangelten uns daran empor. An diesem Tag ließen wir uns daran herabbaumeln, schlangen unsere Beine umeinander und versuchten, den anderen zurück ins Wasser zu zwingen. Spontan ließ ich vom Ast ab und klammerte mich an seinem Rumpf fest. Er rief überrascht aus, und wir rangen lachend miteinander, bis der Ast über uns krachte und wir in die Fluten stürzten. Eingetaucht ins kühle Wasser, rauften wir uns weiter.

Kaum waren wir wieder aufgetaucht, um Luft zu schnappen, fiel er über mich her und tauchte mich unter oder ich ihn, und so ging es eine Weile weiter, bis uns die Lungen vor Anstrengung brannten und unsere Gesichter rot angelaufen waren. Schließlich schleppten wir uns zurück an Land, wo wir uns ins Riedgras und Sumpfkraut fallen ließen, die Füße im kühlen Schlamm des Uferrandes. Wasser tropfte uns aus den Haaren, und ich sah es über seine Brust und die Arme rinnen.

Am Morgen seines sechzehnten Geburtstags wachte ich früh auf. Cheiron hatte mir an einem fernen Berghang einen Feigenbaum gezeigt, der schon reife Früchte trug, die ersten in diesem Jahr. Achill wisse nichts davon, versicherte mir der Zentaur. Ich ging hinaus und pflückte etliche zum Frühstück.

Es war nicht mein einziges Geschenk an ihn. Ich hatte mir beizeiten von Cheiron ein gut abgelagertes Stück Eschenholz geben lassen und fast zwei Monate darauf verwendet, eine Gestalt daraus zu schnitzen – einen Leier spielenden jungen Mann mit himmelwärts gerichtetem Gesicht und geöffneten Lippen, als würde er singen. Ich hatte die Figur bei mir, als ich loszog.

Die Feigen hingen prall und schwer am Baum. Die violette Haut war so weich, dass sie unter meinen Fingern nachgab. In zwei Tagen würden sie überreif sein. Ich füllte eine Holzschale damit und trug sie vorsichtig zur Höhle zurück.

Achill saß mit Cheiron auf der Lichtung. Zu seinen Füßen lag ein Geschenk von Peleus, das noch nicht ausgepackt war. Er machte große Augen, als er sah, was ich brachte, sprang auf und langte in die Schale, noch ehe ich sie abgestellt hatte. Wir aßen uns an den Feigen satt und unsere Hände und Lippen klebten von ihrer Süße.

Das von Peleus geschickte Paket enthielt wieder ein paar Hemdröcke und Leiersaiten, darüber hinaus aus gegebenem Anlass – es war schließlich der sechzehnte Geburtstag – einen prächtigen Mantel, kostbar gefärbt aus dem Drüsensaft der Purpurschnecke. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie gut ihn dieses scharlachrote Gewand kleiden würde.

Auch Cheiron beschenkte ihn – mit einem Wanderstab und einem neuen Messer, das man am Gürtel befestigen konnte. Schließlich überreichte ich ihm meine Schnitzerei. Er begutachtete sie und fuhr mit den Fingerspitzen über die kleinen Kerben, die mein Messer hinterlassen hatte.

»Das bist du«, sagte ich und grinste verlegen.

Er blickte mich aus freudig leuchtenden Augen an.

»Ich weiß«, entgegnete er.

Nicht lange danach hockten wir eines späten Abends vor den glühenden Resten des Feuers vor der Höhle. Achill war fast den ganzen Nachmittag über mit seiner Mutter zusammen gewesen. Nun spielte er auf der Leier meiner Mutter und ließ Laute erklingen, die so klar und hell waren wie die Sterne am Himmel.

Neben mir saß Cheiron auf seinen unter sich zusammengefalteten Läufen. Ich hörte ihn gähnen, worauf die Leier verstummte und Achill fragte: »Bist du müde, Cheiron?«

»Ja, das bin ich.«

»Dann lassen wir dich jetzt in Ruhe.«

Es war eigentlich nicht seine Art, so zu reden, schon gar nicht, für mich zu sprechen, doch ich war selbst müde und sagte nichts. Er stand auf, wünschte Cheiron eine gute Nacht und wandte sich der Höhle zu. Ich reckte mich, genoss noch einen Moment den Feuerschein und folgte dann.

Achill lag schon im Bett. Sein Gesicht war noch feucht; er hatte sich an der Quelle gewaschen. Auch ich wusch mir das Gesicht.

»Du hast mich nicht gefragt, wie der Besuch meiner Mutter war«, sagte er.

»Wie geht es ihr?«

»Gut.« Diese Antwort gab er immer. Deshalb hatte ich ihn auch nicht gefragt.

Ich spülte mir die Seife vom Gesicht. Wir seihten sie aus Olivenöl, wonach sie auch noch ein wenig duftete, buttrig und bitter.

Achill sagte: »Sie kann uns hier nicht sehen.«

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er Weiteres mitteilen wollte. »Hmmm?«

»Sie kann uns nicht sehen, hier am Pelion.«

Seine Stimme hatte einen angestrengten Unterton. Ich wandte mich ihm zu. »Was soll das heißen?«

Er hatte den Blick auf die Höhlendecke gerichtet. »Ich habe sie gefragt, ob sie uns … beobachtet«, antwortete er. »Sie sagte nein.«

Es wurde still zwischen uns. Zu hören war nur das plätschernde Wasser.

»Oh«, sagte ich.

»Ich dachte, es könnte dich interessieren. Sie –«, er zögerte. »Ihr hat meine Frage nicht gefallen.«

»Nicht gefallen«, wiederholte ich. Mir wurde schwindlig. Seine Worte schwirrten mir durch den Kopf. Sie kann uns nicht sehen. Ich stand, wie mir bewusst wurde, vor dem Wasserbecken und hielt das Handtuch noch ans Kinn. Dann zwang ich mich, die Kleider abzulegen und ins Bett zu steigen. Ich war in Aufruhr, voller Hoffnung und Angst.

Er hatte das Bett schon angewärmt, als ich hineinkroch. Er starrte immer noch an die Decke der Höhle.

»Und – hat dir ihre Antwort gefallen?«, fragte ich schließlich.

»Ja«, sagte er.

Wir lagen da und lauschten der spannungsgeladenen und lebendigen Stille. Normalerweise erzählten wir uns vorm Einschlafen noch Witze oder Geschichten. Die Decke über uns war mit Sternen bemalt, und wenn wir zu müde waren, um zu reden, machten wir uns gegenseitig auf einzelne Sternbilder aufmerksam. »Orion«, sagte ich dann, wenn sein Finger darauf zeigte. »Die Plejaden.«

Aber in dieser Nacht schwiegen wir. Ich schloss die Augen und wartete bangend, bis ich glaubte, er sei eingeschlafen. Ich drehte den Kopf und schaute ihn an.

Er lag auf der Seite und betrachtete mich. Ich hatte nicht gehört, dass er sich herumgewälzt hatte. Ich höre ihn nie. Er rührte sich nicht. Ich holte Luft und war mir der Nähe zu ihm bewusst. Nur ein Teil des schwarzen Kissens lag zwischen uns.

Er beugte sich vor.

Unsere Lippen berührten einander, und seine Wärme ergoss sich in meinen Mund. Ich konnte an nichts denken, nur empfinden und trinken, jeden Atemhauch. Es war ein Wunder.

Ich zitterte und fürchtete, ihn zu verschrecken. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, was ihm gefallen mochte. Ich küsste seinen Hals, seine Brust und schmeckte Salz. Er schien unter meinen Berührungen zu schwellen, zu reifen. Er duftete nach Mandeln, drückte sich an mich und ich presste meine Lippen an seinen Körper.

Er wurde still, als ich ihn in die Hand nahm, was sich anfühlte wie Samt und so zart wie Blütenblätter. Ich kannte den Anblick seiner goldenen Haut, der geschwungenen Linie des Nackens, der Beuge seiner Ellbogen. Ich wusste, wie er aussah, wenn ihm wohl zumute war. Unsere Körper legten sich aufeinander wie Hände.

Die Wolldecke verrutschte. Er warf sie beiseite. Die kalte Luft auf der Haut war ein Schock und ließ mich frösteln. Ich sah seine Silhouette vor den Sternen, Polaris über seiner linken Schulter. Seine Hand fuhr über meinen Bauch, der atmend immer schneller auf und ab ging. Er streichelte mich so sanft, als versuchte er, feinstes Tuch zu glätten, und ich schob ihm meine Hüften entgegen, zog ihn an mich und zitterte. Auch er zitterte, und sein Atem ging wie nach einem langen Lauf.

Ich glaube, ich nannte seinen Namen, hauchte ihn. Ich war wie ein hohler Rohrhalm, über den der Wind hinwegstrich. Die Zeit blieb stehen, nur unser Atem ging.

Ich fand seine Haare zwischen meinen Fingern. In meinem Inneren ballte sich alles zusammen. Mein Puls schlug unter der Bewegung seiner Hand. Er drückte sein Gesicht an mich, und ich versuchte, ihn noch fester an mich zu pressen. Hör nicht auf, sagte ich.

Er hörte nicht auf. Das Gefühl nahm zu und verdichtete sich, bis mir ein Schrei aus der Kehle fuhr. Ich bäumte mich auf.

Aber es war noch nicht genug. Ich suchte mit der Hand und fand die Stelle seiner Wonne. Er hatte die Augen geschlossen. Ich fand den Rhythmus, der ihm gefiel. Ich konnte es spüren, sein Sehnen. Meine Finger standen nicht still und folgten seinem beschleunigten Atem. Seine Augenlider hatten die Farbe der Morgendämmerung. Er duftete wie die Erde nach einem Regenschauer. Sein Mund öffnete sich zu einem wilden Schrei. Ich spürte es heiß aus ihm herausschießen. Er bebte, und dann lagen wir still beieinander.

Langsam wie der Übergang vom Tag zur Nacht wurde ich mir meines Schweißes bewusst, der Feuchtigkeit der Laken und der Nässe zwischen unseren Körpern. Wir lösten uns voneinander. Unsere Gesichter waren geschwollen von Küssen. Es roch heiß und süß in der Höhle wie von der Sonne beschienene Früchte. Unsere Blicke begegneten sich, und wir schwiegen. Mir wurde angst und bange in diesem Moment echter Gefahr. Ich fürchtete seine Reue.

Er sagte: »Ich hätte nicht gedacht –« Und stockte. Ich wollte um alles in der Welt hören, was er zurückbehielt.

»Was?«, fragte ich. Wenn es etwas Schlimmes ist, sag es lieber gleich.

»Ich hätte nicht gedacht, dass wir je –.« Er zögerte vor jedem Wort, und ich konnte ihm nachempfinden.

»Ich auch nicht«, erwiderte ich.

»Tut es dir leid?«, fragte er hastig.

»Nein«, antwortete ich.

»Mir auch nicht.«

Es wurde wieder still. Mir machte es nichts aus, dass das Laken feucht und ich schweißgebadet war. Seine Augen schimmerten grün und golden. Eine Gewissheit stieg in mir auf und setzte sich in der Brust fest. Ich werde ihn nie verlassen. So wird es bleiben, immer, so lange er es will.

Ich wusste nicht, was ich Passendes hätte sagen können. Nichts konnte das, was ich fühlte, treffend zum Ausdruck bringen.

Als hätte er mich gehört, ergriff er meine Hand. Ich brauchte nicht hinzuschauen. Wie sie aussah, war in meiner Erinnerung eingraviert: schlank, wie ein Blütenblatt geädert, kräftig und sicher.

»Patroklos«, sagte er. Er verstand sich schon immer besser auf Worte als ich.

Am Morgen erwachte ich benommen und mit warmem Wohlgefühl. Nach den Zärtlichkeiten und der Leidenschaft der langen schwelgerischen Nacht lag er nun neben mir, die Hand auf meinem Bauch wie eine geschlossene Blüte in der Früh, und ich wurde wieder nervös. Ich erinnerte mich an das, was ich im Ansturm der Gefühle gesagt und getan, an die Geräusche, die ich von mir gegeben hatte, und fürchtete, der Bann sei gebrochen und das Licht, das durch den Höhleneinstieg sickerte, könnte alles zu Stein werden lassen. Aber als er dann aufwachte, formulierten seine Lippen einen schläfrigen Gruß, und schon tastete seine Hand wieder nach meiner. So lagen wir beieinander, bis es ganz hell wurde und Cheiron rief.

Wir aßen und eilten dann zum Fluss, um uns zu waschen. Ich kostete das Wunder aus, ihn ohne Scheu betrachten zu können, genoss den Anblick des gesprenkelten Lichts auf seiner Haut und der Wölbung des Rückens, als er ins Wasser tauchte. Später lagen wir am Ufer und studierten die Linien unserer Körper aufs Neue. Diese hier und jene dort. Wir waren wie die Götter zu Anbeginn der Welt, und unsere Freude war so hell, dass wir nichts anderes sahen als uns.

Vielleicht bemerkte Cheiron die Veränderung in unserem Verhalten zueinander, doch er brachte es nicht zur Sprache. Ich machte mir Sorgen.

»Glaubst du, er könnte wütend auf uns sein?«

Wir lagen im Olivenhain auf der Nordflanke des Bergs. Hier war die Luft besonders süß, kühl und rein wie Quellwasser.

»Nein.« Er zeichnete mit der Fingerspitze den Schwung meines Schlüsselbeins nach.

»Vielleicht doch. Er wird es inzwischen wohl wissen. Sollten wir ihm nicht lieber etwas sagen?«

Es war nicht das erste Mal, dass ich diese Frage stellte. Wir hatten sie schon oft erwogen wie Verschwörer.

»Wenn du willst.« So hatte er immer geantwortet.

»Du glaubst nicht, dass er wütend wird?«

Er dachte nach, ich liebte das an ihm. Egal, wie oft ich ihn fragte, wenn er antwortete, war es immer, als wäre es das erste Mal.

»Ich weiß nicht.« Er schaute mich an. »Und wennschon. Es würde für mich nichts ändern.« Seine Stimme war warm und zärtlich. Ich spürte einen wohligen Rausch durch meinen Körper gehen.

»Aber er könnte es deinem Vater sagen, und der wäre bestimmt wütend«, entgegnete ich fast verzweifelt. Mir wurde heiß und ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.

»Na und?«

Ich war schockiert. Dass er, auch wenn sein Vater wütend wäre, tun würde, was ihm beliebte, war so unerhört, dass ich es kaum glauben konnte. Ihn so sprechen zu hören war für mich wie eine Droge, von der ich immer mehr haben wollte.

»Und was ist mit deiner Mutter?«

Das war die Dreiheit meiner Ängste – Cheiron, Peleus und Thetis.

Er zuckte mit den Achseln. »Was könnte sie schon tun? Mich entführen?«

Sie könnte mich umbringen, dachte ich, sagte es aber nicht. Das laue Lüftchen war so wohlig, die Sonne so warm, dass ich einen solchen Gedanken nicht aussprechen mochte.

Er musterte mich. »Würde es dir etwas ausmachen, wenn sie wütend wäre?«

Ja. Ich hatte schon immer Angst vor Missbilligung gehabt; sie steckte tief in mir drin, und ich konnte mich nicht so leicht von ihr befreien, wie es Achill offenbar vermochte. Trotzdem war ich entschlossen, nicht zuzulassen, dass sie uns entzweite. »Nein«, antwortete ich.

»Gut«, sagte er.

Ich streckte den Arm aus und streichelte die Härchen an seiner Schläfe. Er schloss die Augen. Ich betrachtete sein der Sonne zugewandtes Gesicht. Seine zarten Züge ließen ihn jünger erscheinen, als er war. Die Lippen waren voll und rot.

Er öffnete die Augen. »Nenn mir einen Helden, der glücklich war.«

Ich überlegte. Herakles verfiel dem Wahn und tötete seine Familie; Theseus verlor Braut und Vater; Jasons Kinder und seine neue Gemahlin wurden von deren Vorgängerin umgebracht; Bellerophontes bezwang die Chimäre, stürzte aber später vom Rücken des Pegasus und wurde zum Krüppel.

»Dir fällt keiner ein.« Er richtete sich auf und rückte näher.

»Ja, ich kenne keinen.«

»Es gibt auch keinen, denn die da oben lassen niemanden berühmt und glücklich sein.« Er hob eine Augenbraue. »Ich verrate dir ein Geheimnis.«

»Nur zu.« Es gefiel mir, wenn er heimlich tat.

»Ich werde der Erste sein.« Er ergriff meine Hand. »Beschwör’s!«

»Warum sollte ich es beschwören?«

»Weil du der Grund dafür bist. Na los …«

»Ich schwöre«, sagte ich und verlor mich in der Farbe seiner Wangen und seinem feurigen Blick.

»Ich schwöre«, echote er.

Hand in Hand hockten wir beieinander. Er grinste.

»Ich habe einen Sterbenshunger.«

Irgendwo unter uns am Hang erschallte plötzlich ein Horn, abrupt und schmetternd wie zur Warnung. Bevor ich etwas sagen oder mich rühren konnte, war er schon auf den Beinen und hatte seinen Dolch aus der Scheide gezogen. In Wirklichkeit war es nur ein Jagdmesser, aber in seiner Hand würde es allemal reichen. Er stand vollkommen reglos da, lauschte mit all seinen halbgöttlichen Sinnen.

Auch ich hatte ein Messer bei mir. Ich nahm es leise zur Hand und stand auf. Er hatte sich schützend vor mich gestellt, und ich wusste nicht, ob ich neben ihn treten und meine Waffe heben sollte. Ich tat es nicht. Was wir gehört hatten, war der Schall eines Soldatenhorns gewesen, und zu kämpfen war, wie mir Cheiron unumwunden erklärt hatte, meine Sache nicht.

Wieder tönte das Horn. Kurz darauf war ein Rascheln im Dickicht zu hören, die Schritte einer einzelnen Person. Vielleicht hatte sie sich verirrt oder womöglich war sie in Gefahr. Achill trat einen Schritt auf die Stelle zu, von der die Geräusche kamen. Wie zur Antwort darauf erschallte wieder das Horn. Dann rief eine Stimme: »Prinz Achill!«

Wir erstarrten.

»Achill! Ich bin hier, um Prinz Achill zu sprechen.«

Vögel flatterten aus den Bäumen auf, gestört durch den Lärm.

»Dein Vater schickt nach dir«, flüsterte ich. Nur ein königlicher Bote konnte wissen, wo wir waren.

Achill nickte, schien aber nichts sagen zu wollen. Ich konnte mir vorstellen, wie heftig sein Herz schlug. Soeben war er noch entschlossen gewesen zu töten.

»Wir sind hier!«, rief ich durch den mit meinen Händen geformten Trichter. Die Geräusche verstummten.

»Wo?«

»Folge meiner Stimme.«

Es dauerte eine Weile, bis der, der uns suchte, auf die Lichtung hinaustrat. Sein Gesicht war zerkratzt, sein Palastrock durchgeschwitzt. Er kniete ungelenk nieder und widerwillig, wie es schien. Achill senkte das Messer, behielt es aber in der Hand.

»Ja?«, fragte er mürrisch.

»Dein Vater ruft dich in einer dringenden Angelegenheit.«

Ich spürte, wie ich mich versteifte und ebenso reglos dastand wie Achill. Ich dachte, wenn wir nur still stünden, würde nichts Schlimmes passieren.

»In was für einer Angelegenheit?«, fragte Achill.

Der Mann hatte sich anscheinend ein wenig erholt und daran erinnert, dass ein Prinz vor ihm stand.

»Mein Herr, verzeih, ich weiß es nicht genau. Boten aus Mykene kamen zum König mit Nachrichten. Dein Vater will heute Abend zu seinem Volk sprechen und wünscht, dass du dabei bist. Unten warten Pferde auf euch.«

Es blieb eine Weile still. Ich glaubte schon, Achill würde ihn fortschicken, doch dann sagte er: »Patroklos und ich müssen noch unsere Sachen packen.«

Auf dem Weg zurück zur Höhle fragten wir uns, was für Nachrichten das sein könnten, von denen die Rede gewesen war. Mykene lag tief unten im Süden. Sein König war Agamemnon, der sich selbst gern Herr der Menschen nannte. Es hieß, dass er über das größte Heer überhaupt verfügte.

»Worum es auch immer gehen mag, wir werden nur eine, höchstens zwei Nächte fort sein«, versicherte mir Achill. Ich nickte dankbar. Nur ein paar Tage.

Cheiron erwartete uns. »Ich habe die Rufe gehört«, sagte der Zentaur. Wir kannten ihn so gut, dass wir ihm sein Missfallen an der Stimme anhörten. Er mochte es nicht, wenn der Frieden seines Bergs gestört wurde.

»Mein Vater ruft mich zu sich«, erklärte Achill. »Wir werden bald wieder zurück sein.«

»Verstehe«, entgegnete Cheiron. Auf seinen langen Läufen wirkte er noch größer als gewöhnlich. Seine kastanienbraunen Flanken glänzten im Sonnenlicht. Ich fragte mich, ob er sich ohne uns vielleicht ein bisschen einsam fühlte. Er bekam nie Besuch, und als wir uns einmal erkundigt hatten, ob er manchmal mit anderen Zentauren zusammenkäme, hatte er nur abfällig mit dem Wort »Barbaren« geantwortet.

Wir packten unsere Sachen. Ich hatte kaum etwas mitzunehmen, nur ein paar Leibröcke und eine Flöte. Achill besaß ein wenig mehr, seine Kleider, ein paar Speerspitzen, die er selbst hergestellt hatte, und die von mir geschnitzte Statue. Wir steckten alles in Ledersäcke und verabschiedeten uns von Cheiron. Achill, wie immer kühner als ich, umarmte den Zentauren und schlang seine Arme um die Stelle, wo das Tierfell in Menschenhaut überging. Der Bote stand hinter mir und scharrte ungeduldig mit den Füßen.

»Achill«, sagte Cheiron, »erinnerst du dich an meine Frage, was du tun würdest, wenn man dich zum Kampf herausfordert?«

»Ja«, sagte Achill.

»Du solltest über deine Antwort nachdenken.«

Mir wurde ganz kalt, als ich Cheiron hörte, und ehe ich mich besinnen konnte, wandte er sich mir zu.

»Patroklos.« Er rief mich zu sich. Ich trat vor ihn hin, worauf er mir seine große, warme Hand auf den Kopf legte. Ich sog seinen eigentümlichen Körpergeruch in mich auf, eine Mischung aus Pferdeschweiß, Kräutern und Wald.

Er sprach leise. »Gib das, was dir lieb ist, nicht so einfach auf«, sagte er.

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte, und sagte bloß: »Danke.«

Er lächelte. »Alles Gute.« Dann zog er seine Hand wieder zurück, und ich spürte, wie mir ein kühler Wind durch die Haare strich.

»Wir werden bald wieder zurück sein«, wiederholte Achill.

Cheirons Augen, von der Sonne abgewandt, waren dunkel. »Ich werde nach euch Ausschau halten«, sagte er.

Wir schulterten unsere Taschen und verließen die Lichtung vor der Höhle. Es war nach Mittag, der Bote drängte zur Eile. Zügig stiegen wir ins Tal hinab, wo Pferde für uns bereitstanden. Nach so langer Zeit, in der ich ausschließlich zu Fuß unterwegs gewesen war, fühlte ich mich unbeholfen im Sattel, und die Pferde machten mich nervös. Ich erwartete fast, dass sie anfangen würden, mit mir zu sprechen, was natürlich nicht geschah. Immer wieder drehte ich mich um und schaute zurück auf den Pelion und hoffte, die Rosenquarzhöhle erkennen zu können, vielleicht sogar Cheiron. Aber wir waren schon zu weit entfernt. Ich schaute nach vorn und ließ mich nach Phthia führen. 

Elftes Kapitel

Die Sonne war gerade untergegangen, als wir den Grenzstein passierten, der das Palastgelände markierte. Wir hörten die Rufe der Wachen und als Antwort Hörnerklang. Dann, nach Erreichen der Hügelkuppe, lag der Palast vor uns, dahinter das Meer.

Und plötzlich wie ein Lichtblitz erschien auf der Schwelle des Hauses Thetis. Ihr schwarzes Haar stach ab vom weißen Marmor dahinter. Sie trug ein Gewand in den Farben der Tiefsee, dunklen Violetttönen, vermischt mit schillerndem Grau. Neben ihr standen Wachen und Peleus, doch ich sah nur sie und die messerscharfe Linie ihres Kiefers.

»Deine Mutter«, flüsterte ich Achill zu. Ich hätte schwören können, dass mich ihr kalter Blick streifte, als hätte sie meine Worte gehört. Ich schluckte und versuchte, mich mit Cheirons Versprechen zu beruhigen, der gesagt hatte, dass sie mir nichts antun würde.

Es war sonderbar, sie unter Sterblichen zu sehen, die im Vergleich zu ihr allesamt einen farblosen, fahlen Eindruck machten, obwohl es ihre Haut war, die bleich wie Knochen war. Sie hielt Abstand zu ihnen und ragte in ihrer unnatürlichen Größe hoch auf. Die Wachen hatten ehrfurchtsvoll und ängstlich die Augen niedergeschlagen.

Achill stieg vom Pferd. Ich folgte. Thetis zog ihn in ihre Arme, und ich sah die Wachen unruhig werden. Sie fragten sich wohl, wie es sein würde, mit dieser Haut in Berührung zu kommen, und waren froh, es nicht zu wissen.

»Sohn aus meinem Schoß, Fleisch aus meinem Fleisch. Achill«, sagte sie leise, doch ihre Stimme war deutlich zu hören. »Willkommen zu Hause.«

»Danke, Mutter«, erwiderte Achill. Ihm war klar, dass sie ihn für sich beanspruchte. Wir alle wussten es. Für einen Sohn gehörte es sich, den Vater als Ersten zu grüßen, dann erst die Mutter, wenn überhaupt. Sie aber war eine Göttin. Peleus presste die Lippen aufeinander und schwieg.

Als sie ihn aus ihren Armen entließ, ging er zum Vater. Auch der sagte: »Willkommen, Sohn.« Seine Stimme klang vergleichsweise schwach, und er schien gealtert. Wir waren drei Jahre fort gewesen.

»Patroklos, sei auch du herzlich willkommen.«

Alle Augen richteten sich auf mich, und ich verbeugte mich. Ich fühlte mich schutzlos den scharfen Blicken der Göttin ausgesetzt. Meine Haut schmerzte, als wäre ich durch einen Dornenstrauch gegangen und gleich darauf ins Meer gestiegen. Zum Glück meldete sich Achill zu Wort.

»Welche Nachrichten gibt es, Vater?«

Peleus warf einen Blick auf die Wachen. Vermutlich hatten Gerüchte im Palast die Runde gemacht.

»Ich habe mich dazu noch nicht geäußert und bis zu einer Erklärung deine Ankunft abwarten wollen. Jetzt, da du hier bist, sollen es alle erfahren. Komm.«

Wir folgten ihm in den Palast. Ich wollte mit Achill sprechen, wagte es aber nicht, denn Thetis war unmittelbar hinter uns. Die Sklaven hielten die Luft an und beeilten sich, ihr, der Göttin, den Weg freizumachen. Lautlos schritt sie über die steinernen Bodenplatten.

Der große Speisesaal stand voller Tische und Bänke. Dienstboten schwirrten mit Geschirr und schweren Weinkrügen umher. Im vorderen Teil des Raums war ein Podest aufgebaut, auf dem ein Tisch und drei Stühle standen, für den König selbst sowie für seinen Sohn und seine Frau. Meine Wangen glühten. Was hatte ich erwartet?

Trotz der lärmenden Hektik, mit der Vorbereitungen getroffen wurden, war Achills Stimme laut und deutlich zu hören. »Vater, ich sehe keinen Stuhl, auf dem Patroklos Platz nehmen könnte.« Mir wurde noch heißer.

»Achill«, flüsterte ich und wollte sagen: Lass gut sein. Ich setze mich zu den anderen. Mir ist es recht so. Doch er ignorierte mich.

»Patroklos ist mein eingeschworener Gefährte und sein Platz ist an meiner Seite.« Thetis’ Augen blitzten. Ich spürte das Feuer darin und sah die Ablehnung, die sie zum Ausdruck brachte.

»Nun gut«, sagte Peleus und wies einen Sklaven an, einen Stuhl für mich bereitzustellen. Ich machte mich so klein ich nur konnte und folgte Achill auf unsere Plätze.

»Jetzt wird sie mich hassen«, sagte ich.

»Sie hasst dich ohnehin schon«, erwiderte er und grinste dabei, was mich aber nicht erleichtern konnte.

»Warum ist sie gekommen?«, flüsterte ich. Es musste sich um etwas wirklich Wichtiges handeln, das sie aus ihren Meeresgrotten hervorgelockt hatte. Sie schaute Peleus an und verriet mit ihrer Miene, dass sie ihm noch sehr viel mehr Verachtung entgegenbrachte als mir.

»Keine Ahnung«, antwortete Achill. »Seltsam, ich habe die beiden seit meiner Kindheit nicht zusammen gesehen.«

Ich erinnerte mich an Cheirons Abschiedsworte, die er an Achill gerichtet hatte: Du solltest über deine Antwort nachdenken.

»Cheiron rechnet damit, dass es Krieg geben wird.«

Achill zog die Stirn in Falten. »In Mykene herrscht immer Krieg. Warum sollten wir ausgerechnet jetzt dazugerufen werden?«

Peleus setzte sich, worauf ein Herold dreimal in sein Horn stieß als Zeichen dafür, dass mit der Mahlzeit begonnen werden konnte. Normalerweise dauerte es geraume Zeit, bis alle Höflinge versammelt waren und Platz genommen hatten. Diesmal aber strömten sie herbei wie die Fluten der Schneeschmelze. Bald war der Saal zum Bersten gefüllt. Stühle wurden gerückt, und alles plapperte durcheinander. Ich hörte den Stimmen angespannte Aufregung an. Niemand schimpfte mit den Sklaven oder verscheuchte bettelnde Hunde. Alle hatten nur eines im Sinn, nämlich den Mann aus Mykene und dessen Nachricht.

Auch Thetis hatte sich inzwischen an den Tisch gesetzt. Einen Teller gab es für sie nicht, auch kein Messer. Götter lebten allein von Ambrosia und Nektar, dem Rauch unserer Brandopfer und dem Wein, den wir auf ihre Altäre gossen. Mir fiel auf, dass sie hier am Tisch weniger deutlich ins Auge sprang als draußen unter der Sonne. Die schweren, gewöhnlichen Möbel schienen sie irgendwie kleiner zu machen.

Peleus stand auf. Es wurde still bis in die hintersten Reihen. Er hob seinen Becher.

»Mir wurde aus Mykene eine Nachricht zugetragen, von Agamemnon und Menelaos, den Atriden.« Es verstummte nun selbst das letzte Gemurmel. Auch die Sklaven hielten inne. Ich wagte es nicht, zu atmen. Achill presste unter dem Tisch seinen Schenkel an meinen.

»Es ist zu einem schweren Vergehen gekommen.« Der König legte eine Pause ein und schien seine Wortwahl zu bedenken. »Die Gemahlin von Menelaos, Königin Helena, wurde aus ihrem Palast in Sparta entführt.«

Helena!, flüsterte so mancher dem Nebenmann ins Ohr. Seit ihrer Heirat waren die Geschichten über ihre sagenhafte Schönheit noch überschwänglicher geworden. Menelaos hatte ihr einen Palast mit doppelwandigen Felsmauern gebaut und Soldaten zu ihrem Schutz von Kindesbeinen an ausbilden lassen. Und dennoch war sie anscheinend geraubt worden. Von wem?

»Menelaos hatte eine Gesandtschaft des trojanischen Königs Priamos empfangen, deren Anführer, Priams Sohn Prinz Paris, für dieses Vergehen verantwortlich ist. Er entführte die Königin von Sparta aus ihrem Schlafgemach, während der König schlief.«

Empörung wurde laut. Nur jemand aus dem Osten hatte die Verschlagenheit, seinen Gastgeber so feige zu hintergehen. Jeder wusste, wie verdorben diese parfümierten Fremden durch Müßiggang und leichtes Leben waren. Ein wahrer Held hätte Helena nicht heimlich entführt, sondern mit dem Schwert um sie gekämpft.

»Agamemnon und Mykene rufen die Männer von Hellas auf, gen Troja zu segeln und Helena zu befreien. Es heißt, die Stadt sei reich und leicht einzunehmen. Alle, die in den Kampf ziehen, werden ruhmreich und mit großer Beute zurückkehren.«

Die Worte waren klug gewählt. Für Reichtum und Ruhm hatten sich unsere Männer immer schon geschlagen.

»Ich habe versprochen, ein Heer in Marsch zu setzen.« Peleus wartete, bis es wieder still wurde. »Wer nicht kämpfen will, soll bleiben, und ein jeder soll wissen, dass ich das Heer nicht selbst anführen werde.«

»Wer dann?«, rief einer.

»Das wäre noch zu entscheiden«, antwortete der König, doch ich sah, dass er den Blick auf seinen Sohn richtete.

Nein, dachte ich. Meine Hände umklammerten den Rand des Stuhls. Noch nicht. Thetis, die mir gegenübersaß, rührte keine Miene. Sie schien gewusst zu haben, dass es dazu kommen musste. Sie will, dass er geht. Der Zentaur und die Rosenquarzhöhle rückten plötzlich in unerreichbare Ferne, und nun verstand ich, was Cheiron gemeint hatte, als er sagte, die Welt geht davon aus, dass Achill geboren sei, um Krieg zu führen, dass seine Hände und die schnellen Beine allein zu diesem Zweck geschaffen wären – die mächtigen Mauern Trojas niederzureißen. Man würde ihn gegen Tausende trojanischer Speerwerfer antreten lassen und triumphierend mit ansehen, wie er ein Blutbad unter ihnen anrichtete.

Peleus deutete auf Phoinix, seinen ältesten Freund, der an einem der vorderen Tische saß. »Fürst Phoinix wird die Namen derer notieren, die zu kämpfen gewillt sind.«

Schon erhoben sich mehrere Männer von den Bänken. Peleus gebot ihnen mit einer Handbewegung Einhalt.

»Was noch zu sagen wäre …« Er hielt ein Pergament voller Schriftzeichen in die Höhe. »Vor ihrer Vermählung mit König Menelaos hatte Helena viele Bewerber. Es scheint, dass sie alle demjenigen einen Eid schwören mussten, der ihre Hand gewinnen sollte. Agamemnon und Menelaos fordern nun diese Männer auf, ihrer Verpflichtung nachzukommen und dem rechtmäßigen Gatten die Frau zurückzuführen.« Er reichte einem Herold das Pergament.

Ich traute meinen Ohren nicht. Der Eid. Im Geiste sah ich Bilder von einem Kohlebecken und das vergossene Blut einer weißen Ziege, eine Halle voll vornehmer Gestalten.

Der Herold hob das Pergament vor sein Gesicht. Mein Blick verschwamm, als er zu lesen begann.

Antenor.

Eurypylos.

Machaon.

Ich kannte diese Namen wie alle im Raum. Aber für mich waren es nicht nur Namen. Ich hatte alle, die sie trugen, mit eigenen Augen gesehen, damals in der rauchgeschwängerten Halle.

Agamemnon. Ich erinnerte mich an jenen grüblerischen Mann mit dichtem schwarzem Bart und eng zusammenstehenden, aufmerksamen Augen.

Odysseus. Der mit der langen, zahnfleischfarbenen Narbe an der Wade.

Ajax. Der fast doppelt so groß war wie alle anderen und einen riesigen Schild mit sich geführt hatte, der von zwei Sklaven gehalten worden war.

Philoktetes, der Bogenschütze.

Menoitiades.

Der Herold legte eine Pause ein, ich hörte viele fragen: Wer? Mein Vater hatte sich in den Jahren meiner Verbannung mit keiner Leistung hervorgetan; sein Ruhm war verblasst, sein Name vergessen. Und wer ihn kannte, wusste nichts von einem Sohn. Ich saß stocksteif auf meinem Stuhl und wagte es nicht, mich zu rühren. Ich bin an diesen Krieg gebunden.

Der Herold räusperte sich.

Idomeneus.

Diomedes.

»Du warst da? Einer der Bewerber?«, flüsterte Achill kaum vernehmlich, doch ich fürchtete, dass ihn alle hören konnten.

Ich nickte. Meine Kehle war so trocken, dass ich kein Wort herausbrachte. Ich hatte nur um Achill gefürchtet und mir Gedanken darüber gemacht, wie ich ihn würde zurückhalten können. Dass es dabei auch um mich ging, war mir nicht in den Sinn gekommen.

»Hör zu. Du trägst längst einen anderen Namen. Sag nichts. Wir müssen uns mit Cheiron beraten und überlegen, was zu tun ist.« So hastig hatte ich Achill noch nie sprechen hören. Sein Drängen brachte mich wieder zur Besinnung, und sein Blick flößte mir Mut ein. Ich nickte wieder.

Weitere Namen wurden vorgelesen. Ich erinnerte mich an die drei verhüllten Frauen auf dem Podest, von denen eine Helena gewesen war, an die vielen aufgehäuften Geschenke, die gefurchte Stirn meines Vaters, meinen Kniefall auf steinernem Boden. Was ich lange Zeit für einen Traum gehalten hatte, war Wirklichkeit gewesen.

Als der Herold das Pergament wieder einrollte, kam Unruhe auf. Bänke kratzten über den Boden, und Männer eilten zu Phoinix, um sich zum Kampf zu melden. Peleus wandte sich an uns. »Kommt. Ich möchte mit euch reden.« Ich richtete meinen Blick auf Thetis’ Platz, um zu sehen, ob sie mit uns kommen würde, doch sie war verschwunden.

Wir setzten uns zu Peleus an die offene Feuerstelle. Er bot uns Wein an, verdünnt mit einem Schluck Wasser. Achill lehnte ab. Ich nahm einen Becher entgegen, trank aber nicht. Der König saß auf seinem alten, mit Kissen gepolsterten Stuhl nahe am Feuer. Seine Augen ruhten auf Achill.

»Ich habe dich zurückrufen lassen, weil ich mir dachte, dass du unser Heer vielleicht anführen möchtest.«

Nun war es gesagt. Das Feuer knackte, die Holzscheite waren noch frisch.

Achill begegnete dem Blick seines Vaters. »Meine Ausbildung bei Cheiron ist noch nicht beendet.«

»Du warst länger am Pelion als ich, länger als jeder andere Held vor dir.«

»Das bedeutet nicht, dass ich loseilen muss, um den Atriden beizustehen, wenn ihnen ihre Frauen abhandenkommen.«

Ich dachte, Peleus würde über diese Antwort schmunzeln, aber das tat er nicht. »Menelaos wird gewiss rasen vor Wut, weil ihm die Frau genommen wurde, aber nicht er, sondern Agamemnon sandte den Boten. Er hat Troja über all die Jahre wachsen und gedeihen sehen und will nun die Früchte ernten. Die Eroberung der Stadt wird ein Fest für unsere tapfersten Helden sein, eine große Gelegenheit, Ruhm und Ehre zu erringen.«

Achill kniff die Brauen zusammen. »Es wird andere Gelegenheiten geben.«

Peleus ließ zwar nicht erkennen, dass er seinem Sohn zustimmte, aber ich ahnte, dass er es im Herzen tat. »Und was ist mit Patroklos? Er wurde zur Pflicht gerufen.«

»Er ist nicht mehr der Sohn des Menoitios, geschweige denn an einen Eid gebunden.«

Peleus krauste die Stirn. »Willst du die Entscheidung nicht Patroklos überlassen?«

»Er wurde in dem Augenblick von seinem Eid gelöst, als der Vater ihn enterbte«, sagte Achill mit trotzig erhobenem Kinn.

»Ich will nicht in den Krieg ziehen«, murmelte ich leise.

Peleus betrachtete uns einen Moment lang und sagte dann: »Ich habe in dieser Sache nicht zu entscheiden. Das überlasse ich euch.«

Ich fühlte mich ein wenig erleichtert. Der König würde mich nicht bloßstellen.

»Achill, Männer werden kommen, um mit dir zu sprechen, Fürsten, von Agamemnon geschickt.«

Draußen hörte ich das gleichmäßige Rauschen der Brandung. Ich konnte das Salz des Meeres riechen.

»Sie werden mich bitten zu kämpfen«, sagte Achill. Eine Frage war das nicht.

»Ja, das werden sie.«

»Willst du, dass ich sie anhöre?«

»Das will ich.«

Es wurde wieder still. Dann sagte Achill: »Ich möchte weder dich noch sie vor den Kopf stoßen und werde mir anhören, welche Gründe sie vorzutragen haben. Ich glaube allerdings nicht, dass sie mich überzeugen können.«

Peleus war sichtlich überrascht von den selbstsicheren Worten seines Sohnes, nicht unangenehm überrascht, wie es schien. »Auch darüber will ich nicht befinden«, entgegnete er mild.

Wieder krachte eins der brennenden Holzscheite und Funken stoben empor.

Achill kniete nieder, worauf Peleus ihm eine Hand auf den Kopf legte. Ich kannte diese Geste von Cheiron. Im Vergleich zu dessen Hand wirkte die von Peleus alt und welk. Ich konnte mir manchmal kaum vorstellen, dass er früher ein großer Krieger gewesen war und mit Göttern verkehrte.

Achills Schlafkammer hatte sich seit unserer Abreise nicht verändert, abgesehen von meinem Lager, das in unserer Abwesenheit entfernt worden war. Ich war froh darüber, denn falls man uns fragen sollte, warum wir in einem Bett schliefen, hätten wir eine triftige Ausrede. Wir umarmten uns, und ich dachte an die vielen Nächte, die ich in dieser Kammer gelegen und ihn im Geiste geliebt hatte.

Später drückte mich Achill ein letztes Mal an sich und flüsterte schläfrig: »Wenn du gehen musst, komme ich mit dir.« Wir schliefen. 

Zwölftes Kapitel

Vom Morgenlicht geweckt, schlug ich die Augen auf. Mir war kalt, denn meine Schulter lag bloß und war dem Luftzug ausgesetzt, der vom Meer durchs Fenster strömte. Der Platz neben mir im Bett war leer, aber noch warm war die Stelle, wo er gelegen hatte.

Ich hatte schon so oft, jedes Mal dann, wenn er seine Mutter besucht hatte, allein in dieser Kammer gelegen, so dass ich nichts Besonderes daran fand. Meine Augen fielen wieder zu und ich dämmerte träumend vor mich hin, bis die Sonne durchs Fenster schien. Die Vögel zwitscherten, und im Palast schien alles auf den Beinen zu sein. Vom Strand und dem Exerzierplatz schallten Stimmen. Ich richtete mich auf. Achills Sandalen lagen neben dem Bett, die Sohlen nach oben. Auch das war nicht ungewöhnlich. Er lief häufig barfuß.

Wahrscheinlich frühstückte er schon und wollte mich noch eine Weile schlafen lassen, dachte ich. Am liebsten wäre ich bis zu seiner Rückkehr in der Kammer geblieben, was aber als Feigheit hätte ausgelegt werden können. Ich hatte inzwischen ein Recht darauf, an seiner Seite zu sein, und würde mich vor niemandem verstecken und mich nicht vertreiben lassen. Ich zog meinen Hemdrock über und verließ die Kammer, um nach ihm zu suchen.

Im großen Speisesaal war er nicht. Dort räumten die Sklaven gerade das Geschirr von den Tischen. Ebenso wenig war er in der Ratskammer seines Vaters, die, wie ich es kannte, mit bunten Wandteppichen und den Waffen der Könige Phthias geschmückt war. Er war nicht in der Kammer, wo wir früher auf der Leier gespielt hatten. Der Kasten, der unsere Instrumente enthalten hatte, stand unangetastet in einer Ecke.

Ich fand ihn auch draußen nirgends, weder auf den Bäumen, in die wir früher geklettert waren, noch auf dem Felsvorsprung am Meeresufer, wo er immer auf seine Mutter gewartet hatte, oder auf dem Exerzierplatz, wo die jungen Männer mit Holzschwertern zu kämpfen lernten.

Unnötig zu sagen, dass ich außer mir vor Sorge war und nicht mehr klar denken konnte. Ich eilte in die Küche, in den Keller, in die Lagerräume mit ihren Amphoren voller Öl und Wein. Er war nirgends aufzutreiben.

Es war schon Mittag, als ich zu Peleus ging. Ich hatte mit dem alten Mann noch nie allein geredet, und dass ich ihn überhaupt aufsuchte, war meiner großen Unruhe geschuldet. Die Wachen hielten mich auf, als ich seine Kammer betreten wollte. Der König ruhe, sagten sie, er sei allein und wolle nicht gestört werden.

»Ich will nur wissen, ob Achill –« Ich stockte, weil mir bewusst wurde, dass ich Gefahr lief, zu viel Wirbel zu machen und deren Neugier zu wecken. »Ist der Prinz bei ihm?«

»Nein, er ist allein«, wiederholte einer von ihnen.

Als Nächstes eilte ich zu Phoinix, dem alten Berater, der auf Achill aufgepasst hatte, als der noch ein Junge gewesen war. Ich war fast gelähmt vor Angst, als ich sein Gemach betrat, eine bescheidene quadratische Kammer im Zentrum des Palasts. Vor ihm lagen Tontafeln mit den eingeritzten Namen der Männer, die sich am Vorabend zuvor freiwillig zum Kampf um Troja gemeldet hatten.

»Prinz Achill –«, stammelte ich. »Ich kann ihn nirgends finden.«

Er hatte mich nicht kommen hören und blickte überrascht auf. Er hörte schlecht, und seine Augen waren von einem weißen Schleier überzogen.

»Peleus hat es dir also nicht gesagt.« Er sprach leise.

»Nein.« Meine Zunge lag mir wie ein Stein im Mund, so groß, dass ich kaum sprechen konnte.

»Tut mir leid«, sagte er freundlich. »Er ist bei seiner Mutter. Sie hat ihn vergangene Nacht geholt, als er schlief. Die beiden sind weg, und keiner weiß, wohin.«

Später sah ich die roten Flecken, wo sich meine Fingernägel in die Handflächen gebohrt hatten. Keiner weiß, wohin. Auf den Olymp vielleicht, wohin ich nicht folgen konnte. Nach Afrika oder Indien. In irgendein Dorf, wo man sie nicht vermutete.

Phoinix geleitete mich zurück in meine Kammer. Mir schwirrte den Kopf voll verzweifelter Gedanken. Ich nahm mir vor, zu Cheiron zurückzukehren und ihn um Rat zu bitten, war entschlossen, das ganze Land zu durchstreifen und seinen Namen zu rufen. Wahrscheinlich hatte sie ihn betäubt oder überlistet. Er wäre nie freiwillig mit ihr gegangen.

Allein in unserer leeren Kammer stellte ich mir vor, wie sich die Göttin, kalt und weiß im silbrigen Mondschein, über unsere schlafenden Körper gebeugt, ihn aus dem Bett gehoben und auf der Schulter weggetragen hatte wie ein Soldat eine Leiche. Sie war stark und würde wahrscheinlich nur eine Hand gebraucht haben, um ihn festzuhalten.

Warum sie ihn geholt hatte, war nicht schwer zu erraten. Sie hatte uns trennen wollen und die erste Gelegenheit nach unserer Rückkehr aus den Bergen ergriffen. Ich ärgerte mich, wie töricht wir gewesen waren. Dass sie es versuchen würde, war schließlich abzusehen gewesen. Wie hatte ich glauben können, wir wären immer noch von Cheiron geschützt und vor ihr in Sicherheit?

Sie würde Achill in ihre Meeresgrotte führen und ihm beibringen, die Sterblichen zu verachten. Sie würde ihn mit Götterspeisen nähren und das Menschenblut aus seinen Adern waschen. Sie würde eine Gestalt aus ihm machen, die man auf Vasen malte und in Liedern verherrlichte als Held von Troja. Ich stellte mir ihn vor in schwarzer Rüstung mit bronzenen Beinschienen und dunklem Helm, der nur noch seine Augen durchscheinen ließ, mit einem Speer in jeder Hand; er würde mich ansehen und mich nicht erkennen.

Mir war, als faltete sich die Zeit zusammen und schlösse mich in ihre Falten ein. Vor dem Fenster durchlief der Mond seine Phasen und wurde wieder voll. Ich schlief wenig und aß noch weniger. Der Kummer fesselte mich ans Bett. Was mich schließlich doch wieder aufrichtete, war allein meine Erinnerung an Cheiron. Gib das, was dir lieb ist, nicht so einfach auf.

Ich ging zu Peleus und kniete auf einem purpurnen Webteppich vor ihm nieder. Er wollte etwas sagen, doch ich kam ihm zuvor, legte ihm eine Hand aufs Knie und ergriff mit der anderen sein Kinn zum Zeichen flehentlicher Bitte. Ich hatte diese Geste schon oft beobachtet, selbst aber noch nie zum Ausdruck gebracht. Ich stand unter seinem Schutz, und er war nach göttlichem Gesetz verpflichtet, mich gnädig zu behandeln.

»Wo ist er?«, fragte ich.

Er rührte sich nicht. Ich hatte nicht geahnt, wie intim ein solch demütiges Bittgesuch war und wie nahe wir uns dabei sein würden. Ich lag mit meiner Wange an seiner Brust und hörte sein Herz schlagen. Die Haut seiner Beine war weich und altersdünn.

»Ich weiß es nicht«, antwortete er. Seine Stimme hallte durch die Kammer und ließ die Wachen aufmerken. Ich spürte ihre argwöhnischen Blicke im Rücken. Den König suchten nur selten Bittsteller auf, denn er war ein so gütiger Herrscher, dass von seinen Untertanen kaum jemand zu einem so verzweifelten Schritt gezwungen war.

Ich zog an seinem Kinn, so dass er mir ins Gesicht schauen musste. Er ließ es sich gefallen.

»Ich glaube dir nicht«, sagte ich.

Es blieb eine Weile still.

»Lasst uns allein«, sagte er. Die Worte waren an die Wachen gerichtet. Sie gehorchten nach kurzem Zögern und gingen.

Er beugte sich an mein Ohr.

»Skyros«, flüsterte er.

Ein Ort, eine Insel. Achill.

Als ich aufstand, schmerzten mir die Knie, als hätte ich sehr lange vor ihm gekniet, was vielleicht auch der Fall war. Ich weiß nicht, wie viel Zeit ich in der Königshalle von Phthia zugebracht hatte. Wir standen nun auf Augenhöhe einander gegenüber, doch er wich meinem Blick aus. Er hatte mir geantwortet, weil er ein frommer Mann war und die Götter verlangten, dass er mir als demütigem Bittsteller meinen Wunsch erfüllte. Sonst hätte er es wahrscheinlich nicht getan. In der Luft zwischen uns hing eine dumpfe Schwere, so etwas wie Gram.

»Ich brauche Geld«, sagte ich, ohne zu wissen, woher diese Worte kamen. So hatte ich noch nie gesprochen, niemandem gegenüber. Es war wohl der Mut der Verzweiflung, der mich so kühn werden ließ. Ich hatte nichts zu verlieren.

»Sprich mit Phoinix. Er wird dir welches geben.«

Ich deutete nur ein Kopfnicken an, dabei wäre es wohl angemessener gewesen, wenn ich ihm auf Knien gedankt und meine Stirn auf den kostbaren Teppich gedrückt hätte. Peleus starrte durchs geöffnete Fenster nach draußen. Das Meer lag hinter einem Flügel des Palasts verborgen, doch wir konnten es beide hören, das ferne Schlürfen von Wasser auf Sand.

»Du kannst jetzt gehen«, sagte er. Es schien, als wollte er Missmut zum Ausdruck bringen, jedoch klang er einfach nur müde.

Ich nickte wieder und ging.

Phoinix gab mir so viel Gold, dass ich damit zweimal nach Skyros und zurück hätte reisen können. Der Schiffsführer staunte nicht schlecht, als ich ihn bezahlte. Er wog das Gold in der Hand und schien sich bereits auszumalen, was er dafür alles würde kaufen können.

»Nimmst du mich mit?«

Mein Drängen machte ihn skeptisch. Wer es so eilig hatte davonzukommen, war verdächtig als jemand, der womöglich einer Bestrafung zu entgehen versuchte. Aber das Gold bewog ihn schließlich, zuzustimmen. Er knurrte ungehalten und ließ mich an Bord.

Es war meine erste Reise auf hoher See. Ich wunderte mich, wie langsam sie vonstattenging. Das schwerfällige Handelsschiff segelte von einer Insel zur anderen und brachte den isolierten Königreichen Vliese, Öl und Möbel vom Festland. Allabendlich steuerten wir einen anderen Hafen an, um Waren zu löschen und unsere Trinkwasserbehälter aufzufüllen. Tagsüber stand ich an Deck des Vorschiffs, schaute auf die Bugwellen, die am geteerten Rumpf entlangglitten, und wartete darauf, dass am Horizont Land in Sicht kam. Unter anderen Umständen wäre ich von alldem begeistert gewesen: dem Schiff mit seinen Aufbauten und Segeln, der Farbe des Wassers und den frischen Winden. Doch davon nahm ich kaum etwas zur Kenntnis. Ich dachte nur an das kleine Eiland irgendwo da draußen und an den Freund, den ich darauf anzutreffen hoffte.

Die Anlegestelle von Skyros lag auf der Südseite der Insel, in einer Bucht, die so klein war, dass ich sie erst als solche erkannte, als wir sie schon fast erreicht hatten. Vorsichtig schob sich das Schiff durch die enge Einfahrt. Die Seemänner standen an der Reling und hielten die Luft an, als der Rumpf an den felsigen Ausläufern vorbeistrich. In der Bucht selbst war das Wasser spiegelglatt, und die Männer mussten sich in die Riemen legen, um die Anlegestelle zu erreichen, ein schwieriges Manöver, so dass ich mich fragte, wie der Kapitän sein Schiff jemals wieder hinaus aufs Meer würde steuern können.

»Du bist am Ziel«, sagte er mürrisch. Ich war bereits auf dem Weg zur Landungsbrücke.

Vor mir ragte eine steile Felswand auf, durch die ein stufiger Pfad hinauf zur Burg führte. Ich machte mich auf den Weg bergan und erreichte eine Anhöhe, auf der zwischen kümmerlichen Bäumen ein paar Ziegen weideten. Die Burg war ein schlichter, unansehnlicher Bau aus Holzbalken und Feldsteinen. Wäre es nicht das einzige Haus weit und breit gewesen, hätte ich kaum für möglich gehalten, dass dort ein König wohnte. Ich ging zur Tür und trat ein.

Die Halle war eng und düster und es roch nach Küchenresten. Am anderen Ende standen zwei verwaiste Thronstühle. An einem Tisch hockten mehrere Wachen, die sich die Zeit mit Würfeln vertrieben. Sie blickten auf.

»Was willst du?«, fragte einer.

»Ich bin gekommen, um König Lykomedes zu sprechen«, antwortete ich und hob das Kinn, um ihnen weiszumachen, dass sie es mit einer bedeutenden Person zu tun hatten. Ich trug den besten Rock, den ich hatte finden können – einen von Achill.

»Ich gehe«, sagte einer zu den anderen. Er ließ die Würfel scheppernd fallen und schlurfte davon. Peleus hätte ein so liederliches Verhalten nicht zugelassen; er behandelte seine Männer gut und erwartete Gleiches im Gegenzug. Die Wachen hier in der Halle machten einen heruntergekommenen, armseligen Eindruck.

Der Mann kehrte zurück. »Komm«, sagte er. Ich folgte ihm mit klopfendem Herzen, bereit, die Worte vorzutragen, die ich mir längst zurechtgelegt hatte.

»Hier herein.« Er deutete auf eine geöffnete Tür und machte kehrt, um mit seinen Kumpanen wieder zu würfeln.

Ich trat über die Schwelle. Vor einem heruntergebrannten Feuer saß eine junge Frau.

»Ich bin Prinzessin Deidameia«, erklärte sie mit heller, kindlicher Stimme, die erschreckend laut durch den Raum hallte. Sie hatte eine kleine spitze Nase und ein scharf geschnittenes Gesicht, das mich an einen Fuchs erinnerte. Dass sie hübsch war, schien sie zu wissen.

Ich besann mich auf meine höfischen Manieren und verbeugte mich. »Ich bin ein Fremder, gekommen, um deinen Vater um eine Gefälligkeit zu bitten.«

»Worum handelt es sich?« Sie lächelte und neigte den Kopf ein wenig. Sie war überraschend zierlich. Wenn sie aufgestanden wäre, hätte sie mir wahrscheinlich nur bis zu den Schultern gereicht. »Mein Vater ist alt und krank. Du kannst deine Bitte auch mir vortragen. Ich werde darüber befinden.« Sie nahm eine herrschaftliche Pose an und achtete darauf, das Licht des Fensters im Rücken zu haben.

»Ich suche einen Freund.«

»Aha.« Sie zog eine Braue in die Stirn. »Und wer ist dein Freund?«

»Ein junger Mann«, antwortete ich vorsichtig.

»Verstehe. Wir hätten da ein paar zur Auswahl«, erwiderte sie in spöttisch heiterem Ton. Ihre dunklen Haare fielen in dichten Locken bis auf den Rücken herab. Sie schüttelte den Kopf ein wenig, um es schwingen zu lassen, und lächelte wieder. »Wäre es nicht angebracht, du sagtest mir erst einmal, wie du heißt?«

»Cheironides«, sagte ich. Sohn des Cheiron.

Sie rümpfte die Nase über den seltsamen Namen.

»Cheironides. Und?«

»Ich suche einen Freund. Er stammt aus Phthia und ist vermutlich vor rund einem Monat hier eingetroffen.«

In ihren Augen blitzte etwas auf. Oder bildete ich mir das bloß ein? »Und warum suchst du ihn?«, fragte sie nicht mehr ganz so heiter, wie mir schien.

»Ich habe eine Nachricht für ihn.« Ich wünschte, man hätte mich vor den alten, kranken König geführt anstatt zu ihr. Ihr Mienenspiel war überaus lebhaft. Sie verunsicherte mich.

»Hmmm. Eine Nachricht.« Sie schmunzelte verschmitzt und tippte sich mit einer Fingerspitze aufs Kinn. »Eine Nachricht für einen Freund. Und warum sollte ich dir verraten, ob mir dieser junge Mann bekannt ist?«

»Weil du eine gütige Prinzessin bist und ich ein bescheidener Gast.« Ich kniete nieder.

Das schien ihr zu gefallen. »Nun, vielleicht kenne ich ihn, vielleicht aber auch nicht. Ich muss darüber nachdenken. Beim Abendessen lasse ich dich wissen, wie ich mich entschieden habe. Wenn du Glück hast, werde ich sogar für dich tanzen. Mit meinen Frauen.« Sie reckte plötzlich ihren schlanken Hals. »Hast du schon einmal von Deidameias Tänzerinnen gehört?«

»Leider nein.«

Sie schmollte. »Könige schicken ihre Töchter hierher und empfehlen sie unserer Pflege an. Das wissen alle, nur du nicht.«

Ich verbeugte mich reumütig. »Ich habe die vergangenen Jahre in den Bergen zugebracht und von der Welt nicht viel gesehen.«

Sie runzelte die Stirn und winkte dann mit der Hand in Richtung Tür. »Wir sehen uns bei Tisch, Cheironides.«

Den Nachmittag verbrachte ich im staubigen Burghof. Der Königssitz befand sich auf der höchsten Stelle der Insel und bot einen weiten Ausblick, der allerdings nicht gerade schön zu nennen war. Ich versuchte mich an das zu erinnern, was ich über Lykomedes gehört hatte. Er war, wie es hieß, ein freundlicher Mensch, aber ein schwacher König mit beschränkten Mitteln. Die Inselmächte Euböa im Westen und Ionien im Osten trachteten danach, sein Land in Besitz zu nehmen, und es war abzusehen, dass über kurz oder lang ein Krieg ausbrechen würde. Wenn bekannt würde, dass hier eine Frau herrschte, käme es wohl schon sehr bald dazu.

Als die Sonne unterging, kehrte ich in die Halle zurück. Fackeln waren entzündet worden, doch sie schienen die Düsternis nur noch zu verstärken. Deidameia trug einen goldenen Reif im Haar und führte einen alten Mann in den Raum. Er war vornübergebeugt und so dick in Felle gehüllt, dass man den Körper darunter nur erahnen konnte. Sie half ihm auf seinen Thron und winkte einen Diener herbei. Ich stand ein wenig abseits, umgeben von Wachen und Männern, über deren Rolle ich nur Mutmaßungen anstellen konnte. Waren es Berater? Familienangehörige? Sie sahen ebenso vernachlässigt aus wie alle anderen, ausgenommen Deidameia, die mit ihren rosigen Wangen und glänzenden Haaren nicht in dieses triste Bild zu passen schien.

Ein Diener führte uns an unsere Tische. Der König und die Prinzessin blieben auf ihrem Thron auf der anderen Seite des Raumes sitzen. Das Essen wurde aufgetragen. Es war reichlich, doch ich hatte keinen Appetit und schielte immer wieder hinüber zur Prinzessin. Hatte sie mich vergessen? Sollte ich mich ihr in Erinnerung rufen?

Aber dann stand sie plötzlich auf und richtete den Blick auf unseren Tisch. »Fremder vom Pelion«, rief sie, »du wirst nie wieder sagen können, nichts von Deidameias Tänzerinnen gehört zu haben.« Mit ihrer reifgeschmückten Hand winkte sie eine Gruppe von Frauen herbei, zwölf an der Zahl. Sie hatten die Haare verhüllt und mit einem Tuch nach hinten zusammengebunden, tuschelten miteinander und nahmen in der Mitte des Raums Aufstellung, die, wie ich jetzt erkannte, als Tanzboden diente. Ein paar Männer holten Flöten, Trommeln und eine Leier hervor. Deidameia schien nicht darauf zu warten, dass ich antwortete; es kümmerte sie anscheinend nicht, ob ich sie überhaupt gehört hatte. Sie stieg von ihrem Podest herab, trat auf die Frauen zu und wählte eine der größeren von ihnen zur Tanzpartnerin.

Musik setzte ein. Der Tanz bestand aus einer verwirrenden Folge von Schritten, die die jungen Frauen mit Anmut beherrschten. Ich war wider Willen beeindruckt. Die Kleider flogen, der Schmuck an Hand- und Fußgelenken klirrte. Im Kreis wirbelnd, warfen sie wie feurige Pferde die Köpfe in den Nacken.

Deidameia war natürlich die schönste. Mit ihrem goldenen Reif, den offenen Haaren und zierlich winkenden Händen zog sie alle Blicke auf sich. Ihr Gesicht war gerötet vor Vergnügen, und ich hatte den Eindruck, als erstrahlte sie in hellem Licht. Sie lächelte ihrer Partnerin zu, schien ihr fast schöne Augen zu machen. Mal wich sie vor ihr zurück, mal glitt sie ganz nah an sie heran, als wollte sie sich an sie schmiegen. Neugierig geworden, versuchte ich die Frau, mit der sie tanzte, ins Auge zu fassen, doch die anderen versperrten mir den Blick.

Die Musik verstummte, der Tanz war zu Ende. Deidameia ließ die Frauen in einer Reihe Aufstellung nehmen, um Beifall zu empfangen. Ihre Partnerin stand mit gesenktem Haupt neben ihr, deutete wie die anderen einen Knicks an und hob schließlich den Kopf.

Unwillkürlich löste sich ein Laut aus meiner Kehle. Es war so still geworden, dass ihn alle hörten. Die jungen Frauen schauten mich an.

Im Folgenden geschahen mehrere Dinge auf einmal. Achill – es war tatsächlich Achill – ließ Deidameias Hand fallen, sprang freudig auf mich zu und warf sich mir mit solcher Wucht um den Hals, dass ich fast rücklings zu Boden gestürzt wäre. Deidameia schrie »Pyrrha!« und brach in Tränen aus. Lykomedes, der weniger altersschwach war, als es mir seine Tochter weiszumachen versucht hatte, stand auf.

»Pyrrha!«, schrie sie wieder. »Was hat das zu bedeuten?«

Ich hörte kaum hin. Achill und ich lagen uns in den Armen, schwindelnd vor Erleichterung.

»Meine Mutter«, flüsterte er, »sie –«

»Pyrrha!« Diesmal war es Lykomedes, dessen Stimme über das Schluchzen seiner Tochter hinweg durch den Raum schallte. Er rief Achill, wie ich erst jetzt bemerkte. Pyrrha. Feuerschopf.

Achill nahm keine Notiz von ihm. Deidameia klagte umso lauter, worauf der König alle Höflinge, Männer wie Frauen, aufforderte, die Halle zu verlassen. Widerwillig gehorchten sie und schauten im Hinausgehen immer wieder zurück.

Lykomedes kam auf uns zu. Ich sah ihm zum ersten Mal in die Augen, die überraschend scharf blitzten. Seine Haut war gelblich, und der graue Bart hing ihm wie ein schmutziges Vlies vom Gesicht. »Wer ist dieser Mann, Phyrrha?«

»Ein Niemand!«, fuhr Deidameia dazwischen. Sie hatte Achills Arm ergriffen und versuchte, ihn wegzuzerren.

Achill aber blieb ungerührt und antwortete gelassen: »Mein Mann.«

Ich schloss meine Lippen, um nicht auszusehen wie ein nach Luft schnappender Fisch.

»Nein, das kann nicht wahr sein!«, schrie Deidameia und schreckte mit ihrer Stimme die im Gebälk nistenden Vögel auf. Federn schwebten von der Decke herab. Vielleicht hätte sie noch mehr gesagt, sie weinte jedoch so heftig, dass sie nicht mehr sprechen konnte.

Lykomedes wandte sich mir zu, als suchte er Zuflucht im Gespräch von Mann zu Mann. »Ist das wahr?«

Achill drückte meine Hand.

»Ja«, antwortete ich.

»Nein!«, kreischte die Prinzessin.

Achill achtete nicht darauf, dass sie an seinem Arm zerrte, und verneigte sich höflich vor Lykomedes. »Mein Mann ist gekommen, um mich abzuholen. Wir werden deinen Hof nun verlassen. Danke für deine Gastlichkeit.« Achill deutete einen Knicks an. Mir fiel auf, dass er diese Bewegung sehr anmutig vollführte.

Lykomedes hob wie zur Abwehr die Hand. »Wir werden zuerst deine Mutter fragen müssen, ob sie einverstanden ist. Sie hat dich mir anvertraut. Weiß sie, dass du einen Gatten hast?«

»Nein!«, kreischte Deidameia wieder.

»Tochter!« Lykomedes verzog die Miene auf ganz ähnliche Weise wie sie. »Benimm dich und lass endlich Pyrrha los!«

Ihr Gesicht war fleckig und tränennass. Ihre Brust ging keuchend auf und ab. Sie wandte sich an Achill. »Lügner! Du hast mich betrogen. Monstrum! Apathes!« Herzloser.

Lykomedes erstarrte. Achills Finger schlossen sich noch fester um meine Hand. Ihre Wortwahl musste nun auch für den König Pyrrhas wahres Geschlecht enthüllen.

»Was soll das heißen?«, fragte Lykomedes bedrohlich langsam.

Deidameia war plötzlich kreidebleich geworden. Doch trotzig hob sie ihr Kinn, und ihre Stimme zitterte nicht.

»Er ist ein Mann«, sagte sie. Und dann: »Wir sind verheiratet.«

»Was?« Lykomedes griff sich an den Hals.

In mir krampfte sich alles zusammen. Achills Hand war das Einzige, was mir noch Halt gab.

»Tu das nicht«, sagte Achill zu ihr. »Bitte.«

Sie schien noch mehr in Wut zu geraten. »Oh doch!« Und an ihren Vater gerichtet: »Du bist ein Narr. Ich bin die Einzige, die es wusste, von Anfang an.« Sie schlug sich vor die Brust. »Und jetzt werde ich es allen sagen. Achill!« Sie schrie, als wollte sie den Namen durch die steinernen Mauern schleudern, bis hin zu den Göttern. »Achill! Ich sage es allen!«

»Das wirst du nicht tun.« Die Worte waren kalt und messerscharf und durchschnitten die Schreie der Prinzessin mit Leichtigkeit.

Ich kenne diese Stimme. Ich drehte mich um.

Auf der Schwelle stand Thetis. Ihr Gesicht glühte weiß-blau wie eine Flamme über dem Docht einer Kerze und ließ die Augen umso schwärzer erscheinen. Sie war größer, als ich sie je gesehen hatte. Die Haare glänzten wie immer. Sie trug ein wunderschönes Gewand, wirkte aber dennoch so wild, als tobte ein unsichtbarer Sturm um sie herum. Sie sah aus wie eine jener Erinnyen, jener Rachegöttinnen, die die Menschen mit Vergeltung strafen. Ich hatte den Eindruck, als würde sich mir die Kopfhaut vom Schädel lösen, und sogar Deidameia verstummte.

Wir standen da und starrten sie an. Plötzlich hob Achill die Hand und lüftete den Schleier von den Haaren. Dann riss er sein Gewand auf und entblößte seine Brust. Sie schimmerte golden im flackernden Feuerschein.

»Es reicht, Mutter«, sagte er.

Ihre Miene zuckte wie unter Krämpfen. Ich fürchtete schon, sie würde über ihn herfallen. Stattdessen aber fixierte sie ihn nur aus diesen kalten schwarzen Augen.

Achill wandte sich an Lykomedes. »Meine Mutter und ich haben dich getäuscht. Ich bitte dich dafür um Entschuldigung. Ich bin Prinz Achill, Sohn des Peleus. Sie wollte verhindern, dass ich in den Krieg ziehe, und hat mich hier als eine deiner Pflegetöchter versteckt.«

Lykomedes schluckte und schwieg.

»Wir werden jetzt aufbrechen«, erklärte Achill.

Seine Worte rüttelten Deidameia aus ihrer Schockstarre. »Nein«, rief sie mit anschwellender Stimme. »Das kannst du nicht. Wir sind verheiratet. Du bist mein Gemahl. Deine Mutter hat es so verfügt.«

Lykomedes rang keuchend nach Luft. Seine Augen waren allein auf Thetis gerichtet. »Ist das wahr?«, fragte er.

»Es ist wahr«, antwortete die Göttin.

Mein Herz drohte auszusetzen. Achill wollte mir etwas sagen, doch seine Mutter kam ihm zuvor.

»Du bist jetzt an uns gebunden, König Lykomedes. Achill wird weiterhin unter deinem Schutz bleiben, und du verrätst niemandem, wer er ist. Im Gegenzug darf sich deine Tochter dereinst rühmen, meinen Sohn zum Gemahl zu haben.« Ihr Blick wanderte auf einen Punkt über Deidameias Kopf und wieder zurück. »Das ist mehr, als sie erhoffen konnte.«

Lykomedes strich sich über den Hals, als versuchte er die Falten zu glätten. »Mir bleibt keine Wahl«, sagte er, »und das wisst ihr.«

»Und was, wenn ich nicht schweigen werde?« Deidameia war hochrot im Gesicht. »Ihr habt mich ruiniert, du und dein Sohn. Ich habe ihm beigewohnt, wie du es von mir verlangt hast, und jetzt bin ich entehrt. Ich erhebe Anspruch auf ihn, auch vor Gericht.«

Ich habe ihm beigewohnt.

»Du bist ein törichtes Mädchen«, sagte Thetis, und jedes Wort fiel wie ein scharfes Beil. »Armselig und gewöhnlich, im besten Falle nützlich. Du hast meinen Sohn nicht verdient, und wenn du von dir aus keinen Frieden gibst, werde ich dafür sorgen.«

Deidameia wich zurück. Ihre Lippen waren weiß, die Augen weit aufgerissen. Mit zitternder Hand fuhr sie sich an den Bauch und bohrte die Finger ins Gewebe ihres Kleides. Draußen, jenseits der Klippen, war das Donnern einer wütenden Brandung zu hören.

»Ich bin schwanger«, flüsterte die Prinzessin.

Ich blickte Achill an, als sie dies sagte, und sah sein Entsetzen. Lykomedes gab einen Schmerzenslaut von sich.

Meine Brust war wie ausgehöhlt und eierschalendünn. Genug. Ich weiß nicht mehr, ob ich dieses Wort nur gedacht oder auch laut ausgesprochen hatte. Ich ließ Achills Hand los und ging zur Tür. Thetis muss mir wohl den Weg frei gemacht haben; anderenfalls wäre ich in sie hineingelaufen. Ich eilte ins Dunkel hinaus.

»Warte!«, rief Achill. Er brauchte überraschend lange, um zu mir aufzuschließen. Das Kleid behindert ihn, dachte ich. Er packte mich am Arm.

»Lass los«, sagte ich.

»Bitte, warte. Lass mich erklären. Ich wollte nicht, dass es dazu kommt. Meine Mutter –« Er war außer Atem und schnappte nach Luft. Ich hatte ihn noch nie so aufgebracht gesehen.

»Sie hat das Mädchen in meine Kammer geführt. Ich wollte es nicht. Aber meine Mutter sagte – sie sagte –« Er stolperte über seine Worte. »Sie sagte, wenn ich mich auf das Mädchen einließe, würde sie dir verraten, wo ich bin.«

Ich fragte mich, was Deidameia erwartet hatte, als sie ihre Frauen für mich tanzen ließ. Hatte sie tatsächlich geglaubt, ich würde ihn nicht erkennen? Ich hätte ihn auch mit geschlossenen Augen wiedererkannt, an seinem Duft, an seinen Schritten. Selbst im Tod und am Ende der Welt würde ich ihn wiedererkennen.

»Patroklos.« Er umfasste mein Gesicht mit beiden Händen. »Hörst du mir überhaupt zu? Bitte, sag etwas.«

Ich sah die beiden vor mir, eng umschlungen, und konnte nicht aufhören, daran zu denken. Ich erinnerte mich an die langen Tage und Nächte voller Trauer um ihn, an mein verzweifeltes Sehnen.

»Patroklos?«

»Du hast es umsonst getan.«

Meine Stimme schien ihm Angst zu machen. Aber wie hätte sie anders klingen können?

»Was soll das heißen?«

»Nicht deine Mutter hat mir gesagt, wo du bist, sondern Peleus.«

Er wurde bleich und schien auf einmal blutleer. »Sie hat es dir nicht gesagt?«

»Natürlich nicht. Hast du tatsächlich erwartet, sie würde ihr Versprechen halten?«, entgegnete ich schärfer als beabsichtigt.

»Ja«, flüsterte er.

Es gab jede Menge, was ich ihm um die Ohren hätte werfen mögen, zum Beispiel dass er schon immer viel zu leichtgläubig gewesen sei, dass er, begünstigt, wie er war, kaum etwas zu befürchten gehabt habe. Vor unserer Freundschaft hatte ich ihn fast dafür gehasst, und ein Funke der alten Wut flammte wieder in mir auf. Jeder wusste doch, dass Thetis nur eigennützige Zwecke verfolgte. Wie konnte er so töricht und naiv gewesen sein?

All diese Worte lagen mir auf der Zunge, doch sie wollten mir nicht über die Lippen kommen. Seine Wangen waren vor Scham gerötet und seine Augen wirkten müde. Die Vertrauensseligkeit gehörte zu ihm, wie auch seine Hände und Füße Teil von ihm waren. Und trotz meines Schmerzes wollte ich um keinen Preis der Welt, dass er sich veränderte und so zaghaft und furchtsam wäre wie alle anderen.

Er betrachtete mich aufmerksam und las in meinem Gesicht wie die Auguren die göttlichen Zeichen. Die kleine Falte zwischen seinen Brauen zeugte von angestrengter Konzentration.

Etwas geriet in mir in Bewegung wie die gefrorene Wasseroberfläche des Apidanos im Frühling. Mir war aufgefallen, wie er Deidameia anschaute oder, richtiger gesagt, wie er sie nicht anschaute. Ähnlich hatte er auf die Jungen in Phthia reagiert. Mich dagegen hatte er noch nie so teilnahmslos angesehen.

»Verzeih mir«, sagte er wieder. »Ich wollte es nicht. Es hat – mir nicht gefallen.«

Seine Worte linderten auch den Rest meines Kummers, der mich befallen hatte, als Deidameia seinen Namen gerufen hatte. Mir steckte ein Kloß in der Kehle, und ich war den Tränen nahe. »Es gibt nichts zu verzeihen«, sagte ich.

Am Abend kehrten wir zur Burg zurück. Es war dunkel in der großen Halle, in der Feuerstelle glimmten nur noch Reste von Glut. Achill hatte sein Kleid notdürftig zusammengebunden, doch an der Hüfte klaffte immer noch ein Riss. Er hielt das Tuch gerafft für den Fall, dass uns eine der Wachen begegnete.

Plötzlich tönte eine Stimme aus dem Dunkel. Wir erschraken.

»Ihr seid zurückgekehrt.« Das Mondlicht reichte nicht bis zu den Thronen, doch wir konnten die Umrisse einer Gestalt in dicken Fellen erkennen. Die Stimme des Königs klang tiefer, schwerer.

Ich bemerkte, dass Achill mit seiner Antwort ein wenig zögerte. »Ja, das sind wir.« Er hatte nicht damit gerechnet, Lykomedes so bald wiederzusehen.

»Deine Mutter ist gegangen, ich weiß nicht, wohin.« Der Alte legte eine Pause ein, als erwartete er eine Antwort.

Achill sagte nichts.

»Meine Tochter, deine Gemahlin, ist in ihrer Kammer und weint. Sie hofft, dass du zu ihr kommst.«

Ich spürte, wie sehr meinen Freund das schlechte Gewissen quälte, ein Gefühl, das er kaum kannte.

»Es ist bedauerlich, denn sie hofft vergebens«, murmelte er.

»Ja, das ist es«, erwiderte Lykomedes.

Wir standen eine Weile schweigend da. Der Alte atmete schwerfällig. »Ich vermute, du wünschst eine Kammer für deinen Freund.«

»Ja, wenn du nichts dagegen hast«, antwortete Achill vorsichtig.

Lykomedes lachte leise. »Nein, Prinz Achill, ich habe nichts dagegen.« Es wurde wieder still. Ich hörte, wie der König einen Becher hob, trank und ihn zurück auf den Tisch stellte.

»Das Kind muss deinen Namen tragen. Verstehst du das?« Darauf hatte er gewartet, dies zu sagen, unter seinen Fellen im Licht der letzten Feuersglut.

»Ich verstehe«, antwortete Achill ruhig.

»Schwörst du es?«

Der alte König tat mir leid, und ich war froh, dass Achill nach kurzem Zögern sagte: »Ich schwöre.«

»Gute Nacht euch beiden.«

Wir verbeugten uns und gingen.

Achill fand einen Wachposten und forderte ihn auf, uns ins Gästequartier zu führen. Er sprach mit heller, mädchenhafter Stimme. Ich sah, wie der Mann ihn von Kopf bis Fuß musterte und den Riss in seinem Kleid bemerkte. Er grinste breit.

»Komm mit, Fräulein«, sagte er.

In unseren Geschichten heißt es, dass Götter die Macht haben, den Mond in seinem Lauf aufzuhalten und eine Nacht beliebig lang sein zu lassen, wenn sie es wünschen. Es musste eine solcher Nächte gewesen sein, denn sie schien nicht enden zu wollen. Wir holten nach, was wir in den Wochen der Trennung hatten missen müssen, und erst als schon der Morgen graute, erinnerte ich mich wieder an das, was Achill zu Lykomedes gesagt hatte. Es war über Deidameias Schwangerschaft und die Freude über unser Wiedersehen in Vergessenheit geraten.

»Deine Mutter hat dich versteckt, weil sie dir den Krieg ersparen will?«

Er nickte. »Sie will nicht, dass ich nach Troja ziehe.«

»Warum nicht?« Ich hatte immer geglaubt, sie wollte ihn als kämpfenden Helden sehen.

»Ich weiß es nicht. Sie sagt, ich sei zu jung. Noch nicht, sagt sie.«

»Und es war ihre Idee –« Ich deutete auf sein Kleid.

»Natürlich. Freiwillig hätte ich es nicht getragen.« Er verzog das Gesicht und zerrte an den Haaren, die zu Locken gewickelt waren. Er schien sich ein wenig dafür zu schämen, obwohl ihm eigentlich auch solche Gefühle fremd waren. »Sobald das Heer in Marsch gesetzt ist, bin ich wieder frei.«

Ich hatte Mühe, seinen Gedanken zu folgen.

»Es ist also nicht wegen mir? Dass sie dich entführt hat?«

»Ich glaube, wegen dir hat sie die Sache mit Deidameia eingefädelt.« Er starrte auf seine Hände. »Aber alles andere hat mit diesem Krieg zu tun.« 

Dreizehntes Kapitel

Die nächsten Tage verliefen ruhig. Wir frühstückten in unserer Kammer, erkundeten die Insel und suchten den Schatten der wenigen schütteren Bäume. Wir mussten vorsichtig sein. Achill durfte nicht allzu schnell laufen, nicht zu geschickt klettern oder einen Speer halten. Aber zum Glück folgte uns niemand, und wir fanden geschützte Stellen, an denen er seine Verkleidung ablegen konnte.

Am äußeren Rand der Insel gab es einen verlassenen Strand, der zwar voller Geröll, aber doppelt so lang wie unsere gewohnte Laufstrecke in Phthia war. Achill stieß einen Freudenschrei aus, als wir ihn entdeckten, und riss sich sein Gewand vom Leib. Ich sah ihn laufen, so schnell wie auf ebenem Boden. »Zähl mit«, rief er mir über die Schulter hinweg zu, und ich tippte im Takt mit dem Fuß in den Sand.

»Wie viel?«, rief er, am Ende der Strecke angelangt.

»Dreizehn«, antwortete ich.

»Ich habe mich bloß aufgewärmt«, erwiderte er.

Beim nächsten Mal waren es elf und bei seinem letzten Versuch schließlich neun. Er nahm neben mir Platz und schien kaum außer Atem zu sein. Seine Wangen waren vor Freude gerötet. Er hatte mir von seinen Tagen als Frau erzählt, den langen Stunden erzwungener Langeweile, unterbrochen nur von Tänzen. Endlich frei, reckte er sich nun wie die Bergkatzen des Pelion, voller Spannkraft und Lebenslust.

Abends mussten wir zurück in die große Halle. Widerwillig zog er sich dann das Kleid an und glättete die Haare. Meist wickelte er ein Tuch um den Kopf, denn mit seinen goldenen Haaren wäre er unweigerlich den Seeleuten und Händlern aufgefallen, die den Hafen erreichten. Wenn deren Berichte Leute erreichten, die zwei und zwei zusammenzuzählen wussten – ich mochte mir die Folgen nicht ausmalen.

In der Nähe der Throne stand unser Tisch. Dort nahmen wir bei den Mahlzeiten zu viert Platz: Lykomedes, Deidameia, Achill und ich. Manchmal gesellten sich auch ein oder zwei Berater zu uns. Wir aßen meist schweigend und wahrten die Form, wonach Achill als meine Frau und Mündel des Königs auftrat. Deidameia suchte immer wieder seine Blicke, doch er sah sie nicht an. »Guten Abend«, sagte er immer mit mädchenhafter Stimme, wenn wir uns an den Tisch setzten, mehr nicht. Seine Gleichgültigkeit ihr gegenüber war greifbar, und ich sah, wie sich in ihrem hübschen Gesicht Scham, Verletztheit und Wut spiegelten. Häufig warf sie einen Blick auf ihren Vater in der Hoffnung, er möge ein Wort für sie einlegen. Doch Lykomedes aß schweigend weiter und tat nichts dergleichen.

Manchmal bemerkte sie, dass ich sie beobachtete. Dann wurde ihre Miene hart, und ihre Augen zogen sich zu Schlitzen zusammen. Sie legte eine Hand auf ihren Bauch, als wollte sie Böses abwehren, das ich ihr, so schien sie zu glauben, wünschte. Vielleicht vermutete sie auch, ich würde mich über sie lustig machen und meinen Triumph auskosten. Oder sie dachte, ich würde sie hassen. Sie ahnte nicht, wie oft ich geneigt war, Achill zu bitten, ihr gegenüber ein bisschen freundlicher zu sein. Du solltest sie nicht so demütigen, dachte ich. Doch es mangelte ihm nicht an Freundlichkeit, sondern an Interesse. Seine Augen gingen über sie hinweg, als wäre sie gar nicht anwesend.

Einmal versuchte sie ihn anzusprechen, wobei ihre Stimme voller Hoffnung zitterte.

»Geht es dir gut, Pyrrha?«

Er aß weiter, manierlich wie immer. Wir hatten uns vorgenommen, nach dem Essen hinauszugehen und beim Mondlicht mit Speeren zu fischen. Es drängte ihn, aufzubrechen. Ich stieß ihn unter der Tischplatte an.

»Was ist?«, fragte er mich.

»Die Prinzessin fragt, ob es dir gut geht.«

»Oh.« Er sah sie flüchtig an, richtete dann den Blick zurück auf mich und sagte: »Ja, es geht mir gut.«

Die Tage vergingen. Achill stand früh auf, um noch vor Sonnenaufgang in einem entlegenen Hain, wo wir Waffen versteckt hatten, mit seinen Übungen zu beginnen. Anschließend kehrte er als Frau zur Burg zurück. Manchmal besuchte er auch seine Mutter. Dann saß er wartend auf einem Felsvorsprung am Meer und ließ die Füße ins Wasser baumeln.

Eines Morgens – Achill war schon fort – klopfte es laut an der Kammertür.

»Ja?«, rief ich, worauf zwei Wachen eintraten. Sie trugen Speere und nahmen Haltung an. Ich fand es fast seltsam, sie ohne ihre Würfel zu sehen.

»Du kommst mit uns«, sagte einer der beiden.

»Warum?« Ich lag noch im Bett und war benommen vom Schlaf.

»Die Prinzessin will es so.« Sie nahmen mich zwischen sich und zogen mich an den Armen zur Tür. Als ich zu protestieren versuchte, rückte mir einer der beiden ganz nah ans Gesicht heran und sagte: »Es wäre besser, du verhältst dich ruhig.« Und als wollte er mir Angst machen, strich er mit dem Daumen über die Spitze seines Speers.

Dass sie mir Gewalt antun würden, war nicht zu befürchten, aber ich wollte nicht, dass sie mich durch die Flure schleiften. »Na schön«, sagte ich und ging freiwillig mit.

Sie führten mich durch schmale Gänge, die ich nie zuvor betreten hatte. Wir befanden uns im Quartier der Frauen, einem Bienenstock aus engen Zellen, in denen Deidameias Pflegeschwestern untergebracht waren. Hinter verschlossenen Türen hörte ich Gelächter und das endlose Hin und Her von Weberschiffchen. Von Achill wusste ich, dass die Sonne hier nicht in die Fenster schien und auch kein Lüftchen in den Kammern wehte. Er hatte über einen Monat in ihnen zugebracht, was ich mir kaum vorstellen konnte.

Wir gelangten zu einer großen Tür, die aus edlerem Holz war als die anderen. Eine der Wachen klopfte an, öffnete sie und schob mich über die Schwelle. Hinter mir fiel die Tür ins Schloss.

Deidameia saß in züchtiger Haltung auf einem lederbezogenen Stuhl und musterte mich. Neben ihr stand ein Tisch, ein kleiner Schemel zu ihren Füßen. Ansonsten war der Raum leer.

Anscheinend wusste sie, dass Achill nicht im Haus war. Sie hat es geplant, dachte ich.

Weil es keine Sitzmöglichkeit für mich gab, blieb ich stehen. Der Steinboden war kalt unter meinen bloßen Füßen. Ich sah eine zweite, kleinere Tür, die, wie ich vermutete, zu ihrer Schlafkammer führte.

Sie beobachtete mich mit wachem Blick. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

»Du wolltest mich sprechen.«

Sie ließ ein kleines, verächtliches Schnauben verlauten. »Ja, Patroklos, so ist es.«

Ich wartete, doch sie schwieg, musterte mich bloß und tippte mit einem Finger auf die Armlehne. Ihr Kleid saß lockerer als sonst und war, im Unterschied zu den Kleidern, in denen ich sie üblicherweise sah, in der Mitte nicht gerafft. Ihre Haare fielen frei herab und wurden nur von zwei elfenbeinernen Kämmen an den Schläfen zurückgehalten. Sie neigte ihren Kopf zur Seite und lächelte mich an.

»Sonderbar, du bist nicht einmal hübsch, siehst vielmehr recht gewöhnlich aus.«

Wie ihr Vater hatte auch sie die Art, längere Pausen einzulegen, als erwartete sie eine Entgegnung. Ich spürte, dass mir das Gesicht rot anlief, und räusperte mich, um etwas zu sagen.

»Du sprichst erst, wenn ich es dir erlaube«, kam sie mir zuvor und ließ genügend Zeit verstreichen, um sicherzugehen, dass ich gehorchte. »Ja, wirklich sonderbar. Schau dich an.« Sie stand auf und kam mit schnellen Schritten auf mich zu. »Du hast einen viel zu kurzen Hals, und deine Brust ist so mager wie die eines Knaben.« Sie zeigte mit dem Finger auf mich. »Und dieses Gesicht.« Sie schien sich zu ekeln. »Scheußlich. Meine Tänzerinnen sind ganz meiner Meinung. Selbst mein Vater stimmt mir zu.« Ihre hübschen roten Lippen teilten sich und zeigten strahlend weiße Zähne. So nahe hatte ich sie noch nie vor mir gesehen. Ich konnte ihren Duft wahrnehmen, der so süß war wie der einer Akanthusblüte. Aus der Nähe betrachtet, hatte das Schwarz ihrer Haare einen dunkelbraun schimmernden Stich.

»Und? Was sagst du dazu?« Sie stemmte die Hände in die Hüften.

»Du hast mir noch nicht erlaubt zu sprechen«, entgegnete ich.

Sie reagierte sichtlich verärgert. »Sei kein Narr«, blaffte sie mich an.

»Ich wollte nicht –«

Sie schlug mich. Ihre Hand war klein, aber überraschend kräftig. Mein Kopf flog zur Seite. Die Haut brannte, und die Oberlippe tat empfindlich weh, denn dort hatte sie mich mit ihrem Ring gestreift. Ich war seit meiner Kindheit nicht mehr so behandelt worden. Knaben wurden gewöhnlich nicht geschlagen, es sei denn, ein Vater wollte damit seine Verachtung zum Ausdruck bringen. So wie meiner früher. Ich war erschüttert und sprachlos.

Sie fletschte ihre Zähne, wie um mich davor zu warnen, ja nicht zurückzuschlagen. Als sie sah, dass ich sie nicht antasten würde, verzog sie das Gesicht zu einer Miene des Triumphes. »Feigling. Du bist so feige wie hässlich. Und ein Schwachkopf, wie man hört. Ich kann es nicht begreifen. Es ergibt keinen Sinn, dass er –« Sie brach abrupt ab, und ihr Mundwinkel hing herab, als hätte sich ein Fischerhaken darin verfangen. Sie kehrte mir den Rücken zu und war still. Das Schweigen zog sich hin. Ich hörte sie langsam ein- und ausatmen, um zu verbergen, dass sie weinte. Ich kannte den Trick, hatte ihn selbst häufig genug benutzt.

»Ich hasse dich«, sagte sie, doch ihre Stimme war belegt und ohne Kraft. Mich überkam Mitleid; es kühlte meine heißen Wangen. Ich erinnerte mich, wie schwer Gleichgültigkeit zu ertragen war.

Sie schluckte, fuhr mit der Hand ans Gesicht und wischte sich die Tränen aus den Augen. »Ich werde morgen abreisen«, sagte sie. »Du wirst dich darüber wohl freuen. Mein Vater will, dass ich vor meiner Niederkunft nicht mehr gesehen werde, und bevor bekannt gegeben wird, dass ich vermählt bin.«

Ich hörte ihrer Stimme die Bitterkeit an, die sie zu empfinden schien. Sie würde irgendwo an der Landesgrenze ein kleines Haus beziehen, auf die Gesellschaft ihrer Freundinnen verzichten müssen und mit ihrem schwellenden Bauch und einer Sklavin allein sein.

»Es tut mir leid«, sagte ich.

Sie antwortete nicht. Ich sah ihre Schultern unter dem weißen Gewand sich seufzend heben und senken und war geneigt, auf sie zuzutreten und ihr tröstend mit der Hand über die Haare zu streichen. Doch meine Berührung wäre für sie kein Trost. Ich hielt mich zurück.

Wir standen eine Weile unschlüssig da. Ihre Atemgeräusche füllten die Kammer. Als sie sich zu mir umdrehte, war ihr Gesicht vom Weinen gerötet.

»Achill beachtet mich nicht.« Ihre Stimme zitterte ein wenig. »Obwohl ich sein Kind in mir trage und seine Frau bin. Kannst du dir das … erklären?«

So fragte eigentlich nur ein Kind, das wissen wollte, warum es regnete oder warum das Meer nie still stünde. Ich kam mir älter und reifer vor als sie, obwohl ich es nicht war.

»Nein«, antwortete ich.

Sie verzog das Gesicht. »Lügner! Du bist der Grund. Er wird mit dir gehen und mich verlassen.«

Ich wusste, wie es sich anfühlte, allein zu sein, kannte den bohrenden Schmerz, den einem das Glück anderer versetzte, wenn man selbst Kummer litt. Doch es gab nichts, was ich für sie hätte tun können.

»Ich sollte besser gehen«, sagte ich leise und möglichst schonend.

»Nein!« Sie sprang zur Tür und verstellte mir den Weg. »Du gehst nicht«, platzte es aus ihr heraus. »Falls du es wagst, rufe ich die Wachen. Ich … ich werde behaupten, du wärst über mich hergefallen.«

Mein Mitgefühl mit ihr drückte mich nieder. Selbst wenn sie die Wachen riefe, selbst wenn sie ihr glauben würden, wäre ihr nicht geholfen. Ich war Achills Gefährte und somit unverwundbar.

Anscheinend zeigte sich in meiner Miene, was ich dachte. Sie schreckte zurück wie von einer Wespe gestochen und geriet wieder in Aufruhr.

»Es hat dich verletzt, dass er mich zur Frau genommen und mir beigewohnt hat. Du warst eifersüchtig, und das zu Recht.« Sie hob ihr Kinn, wie es ihre Art war. »Er hat mir mehr als einmal beigewohnt.«

Zweimal. Achill hatte es mir gesagt. Sie glaubte, einen Keil zwischen uns treiben zu können, doch das würde ihr nie gelingen.

»Es tut mir leid«, wiederholte ich, weil ich nichts anderes zu sagen wusste. Er liebte sie nicht, würde sie nie lieben.

Sie verzerrte das Gesicht, als hätte sie meine Gedanken gehört. Tränen tropften zu Boden und färbten die grauen Steinplatten schwarz.

»Lass mich deinen Vater holen«, sagte ich. »Oder eine deiner Freundinnen.«

Sie blickte zu mir auf. »Bitte –«, flüsterte sie. »Bitte, bleib, geh nicht.«

Sie zitterte wie ein gerade erst geborenes Lebewesen. Bislang hatte sie ihren Kummer verbergen können, zumal immer jemand in der Nähe gewesen war, der ihr Trost spendete. Aber jetzt und hier, zwischen den kahlen Wänden, kannte ihr Schmerz keine Grenzen.

Unwillkürlich trat ich auf sie zu. Sie seufzte wie ein schlafendes Kind und ließ sich dankbar in meine ausgestreckten Arme fallen. Ihre Tränen sickerten durch mein Kleid. Ich umfasste ihre Taille und fühlte die warme, weiche Haut ihrer Arme. Vielleicht hatte er sie genauso gehalten. Doch in diesem Moment schien Achill weit weg zu sein; sein Glanz hatte in dieser grauen, tristen Kammer keinen Platz. Ihr Gesicht drückte sich fiebrig heiß auf meine Brust. Ich sah nur den Wust ihrer vollen dunklen Haare und die bleiche Kopfhaut darunter.

Ihr Schluchzen wurde weniger, und sie schmiegte sich näher an mich. Ich spürte ihre Hand über meinen Rücken streicheln, ihren an mich gepressten Körper. Ich wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. Dann aber verstand ich.

»Du möchtest das nicht«, sagte ich und versuchte, von ihr abzurücken. Doch sie hielt mich fest.

»Doch, ich möchte es.« Ihr Blick machte mir fast Angst.

»Deidameia.« Ich versuchte, jenen Tonfall anzuschlagen, mit dem ich Peleus zum Einlenken bewegt hatte. »Draußen stehen die Wachen. Du darfst jetzt nicht –«

Sie hatte sich beruhigt und sagte mit fester Stimme: »Sie werden uns nicht stören.«

Ich schluckte. Mein Hals war wie ausgetrocknet. »Achill wird nach mir suchen.«

Sie lächelte traurig. »Hier wird er nicht nachsehen.« Sie ergriff meine Hand. »Komm«, sagte sie und zog mich zur Tür ihrer Schlafkammer.

Auf meine Bitte hin hatte mir Achill von den gemeinsamen Nächten mit Deidameia erzählt, ganz freimütig, denn es gab keine Geheimnisse zwischen uns. Ihr Körper, hatte er gesagt, sei so klein und zart wie der eines Kindes. In Begleitung seiner Mutter war sie eines Nachts zu ihm in die Kammer gekommen und hatte sich zu ihm ins Bett gelegt. Es sei, so Achill, alles sehr schnell gegangen und keiner von ihnen habe ein Wort gesagt. Er zögerte ein wenig, als er ihren Schoß beschrieb. »Er war ganz feucht und glitschig wie Öl.« Als ich ihn drängte, ausführlicher zu werden, schüttelte er den Kopf. »Ich kann mich wirklich nicht gut erinnern. Es war dunkel. Ich konnte nichts sehen und wollte nur, dass es bald vorüber sein würde.« Er streichelte mir über die Wange. »Du hast mir so gefehlt.«

Die Tür ging hinter uns zu. Wir waren allein in ihrem Schlafgemach. An den Wänden hingen Webteppiche, der Boden war mit Schaffellen ausgelegt. Ihr Bett stand unter einem kleinen Fenster. Sie zog ihr Kleid über den Kopf und ließ es fallen.

»Findest du mich schön?«, fragte sie.

Ich war froh, eine einfache Antwort geben zu können, und sagte: »Ja.« Sie war kleingewachsen und zierlich, der Bauch, in dem ihr Kind heranwuchs, kaum merklich gewölbt. Mein Blick wanderte unwillkürlich auf das, was ich bislang noch nie gesehen hatte, ein kleines Dreieck dunkler und nach oben gerichteter Härchen. Sie sah, wohin ich blickte, langte nach meiner Hand und führte sie an die Stelle, die eine Gluthitze ausstrahlte.

Die Haut, über die meine Finger fuhren, war warm und so zart, dass ich fürchtete, sie könnte zerreißen. Mit der anderen Hand streichelte ich ihre Wange und die weichen Lider unter den Augen, deren Ausdruck mich erschreckte. Er war ohne Hoffnung und freudlos, zeugte aber von fester Entschlossenheit.

Fast hätte ich Reißaus genommen. Doch ich konnte sie nicht noch mehr enttäuschen, ihr vorenthalten, was sie wünschte. Also ließ ich zu, dass sie mich aufs Bett und zwischen ihre Schenkel zog, wo sich zarte Haut auftat. Ihr kleines Gesicht wirkte hoch konzentriert, und es schien, als habe sie Schmerzen, so fest presste sie die Zähne aufeinander. Es war für uns beide eine Erleichterung, als sie sich mir schließlich öffnete.

Ich kann nicht sagen, dass ich erregt war, doch ich spürte ein langsames Aufwallen in mir, eine seltsame, fast träumerische Empfindung, die so ganz anders war als meine scharfe, heftige Lust auf Achill. Es schien, dass meine Trägheit sie erneut verletzte. Noch mehr Gleichgültigkeit. Und so rührte ich mich, gab lustvolle Laute von mir und presste meine Brust an ihre.

Es schien ihr zu gefallen. Sie trieb mich an und schien plötzlich zu brennen. Ihre Augen leuchteten triumphierend auf, als ich zu keuchen anfing. Und als ich immer schneller wurde, schlang sie ihre leichten Schenkel fest um meinen Leib und bäumte sich unter mir auf.

Danach lagen wir atemlos Seite an Seite, ohne uns zu berühren. Sie war wie entrückt, ihre Haltung seltsam steif. Noch benommen und erschöpft versuchte ich, sie in den Arm zu nehmen. Zumindest das konnte ich ihr anbieten.

Doch sie rückte von mir ab und stieg aus dem Bett. Ihre Augen waren dunkel umrandet. Sie schlüpfte in ihr Kleid und kehrte mir dabei den Rücken zu. Ich wusste nicht, worauf sie es angelegt hatte, spürte aber, dass ich ihr nicht geben konnte, was sie wollte. Auch ich stand auf und zog mich an. Ich wollte sie berühren, ihr Gesicht streicheln, doch ihr Blick wehrte mich ab. Hüte dich, sagten ihre Augen. Sie öffnete mir die Tür. Mit gesenktem Kopf trat ich über die Schwelle hinaus in den Gang.

»Warte!« Ihre Stimme klang rau. Ich drehte mich um. »Richte ihm mein Lebwohl aus«, sagte sie und schlug die Tür zu.

Als ich Achill schließlich fand, fiel ich ihm vor Glück und Erleichterung in die Arme, selig, von Deidameias Kummer und Schmerz erlöst zu sein.

Später war ich fast überzeugt davon, dass ich, von seinen Schilderungen und meiner überbordenden Fantasie inspiriert, nur geträumt hatte. Doch dem war nicht so. 

Vierzehntes Kapitel

Deidameia verließ, wie angekündigt, die Burg am nächsten Morgen. »Sie besucht eine Tante«, erklärte Lykomedes dem Hofstaat beim Frühstück mit flacher Stimme. Niemand wagte es, Fragen zu stellen. Sie würde fort sein, bis das Kind geboren war und Achill sich zur Vaterschaft bekannte.

Die folgenden Tage durchlebten wir wie in einem Schwebezustand. Achill und ich hielten uns so häufig wie möglich außerhalb der Burg auf, und an die Stelle der Freude über unser Wiedersehen trat Ungeduld. Wir wollten gehen, um auf den Pelion oder nach Phthia zurückzukehren. Angesichts des Schicksals der Prinzessin plagte uns ein schlechtes Gewissen, und die Stimmung am Hof hätte schlechter kaum sein können. Lykomedes legte die Stirn in Falten, sooft er uns sah.

Und dann war da der Krieg. Nachrichten erreichten sogar die entlegene, vergessene Insel Skyros. Helenas ehemalige Bewerber hatten sich an ihren Schwur gehalten, und Agamemnons Streitkräfte waren voll fürstlichen Geblüts. Es hieß, er habe geschafft, was bisher keinem Mann gelungen sei: die Vereinigung unserer vielen kleinen Königreiche unter einer gemeinsamen Sache. Ich erinnerte mich an ihn, an sein grimmiges Gesicht und seine zottelige, bärenhafte Erscheinung. Sein Bruder Menelaos hatte auf mich, den Neunjährigen, mit seinen roten Haaren und der heiteren Stimme einen nachhaltigeren Eindruck hinterlassen. Aber Agamemnon war älter, sein Heer größer. Er würde den Feldzug gegen Troja anführen.

Es war an einem Vormittag im Spätherbst. Hier, so weit unten im Süden, welkte das Laub nicht, und der Luft am Morgen fehlte die frostige Kälte. Wir hockten in einer Felsnische hoch über dem Strand mit weitem Blick aufs Meer und warteten darauf, Schiffe vorbeisegeln oder graue Delfinrücken durchs Wasser ziehen zu sehen. Wir warfen Kieselsteine und beugten uns vor, um zu beobachten, wie sie über die Felswand in die Tiefe sprangen. So hoch oben waren wir, dass wir ihren Aufprall in der Tiefe nicht hören konnten.

»Ich wünschte, wir hätten die Leier deiner Mutter bei uns«, sagte er.

»Ja, ich auch.« Doch sie war mit all den anderen Dingen in Phthia zurückgeblieben. Schweigend erinnerten wir uns an den Klang ihrer Saiten.

Er blickte auf. »Was ist das?«

Blinzelnd folgte ich seinem Fingerzeig. Die Sonne stand tief und schien mir ins Gesicht.

»Ich kann nichts erkennen«, antwortete ich mit Blick auf den Dunst zwischen Horizont und Himmel. Ein dunkler Fleck zeichnete sich in der Ferne ab. Vielleicht war es ein Schiff, vielleicht aber auch nur die Spiegelung der Sonne auf dem Wasser. »Wenn es ein Schiff ist, wird es Neuigkeiten bringen«, sagte ich mit jenem mulmigen Gefühl in der Magengegend, das mir inzwischen vertraut war. Ich fürchtete seit längerem, dass jemand kommen würde, der nach dem letzten Bewerber Helenas suchte, dem Eidbrüchigen. Ich war damals noch sehr jung gewesen und hatte nicht bedacht, dass es kein Heerführer auf sich sitzen ließe, wenn jemand seinem Ruf nicht folgte.

»Es ist ein Schiff, ganz bestimmt«, sagte Achill. Der Fleck rückte näher; das Schiff schien schnell voranzukommen. Bald zeichneten sich vor dem blaugrünen Wasser die Segel ab.

»Eine Handelsbarke ist es jedenfalls nicht«, meinte Achill. Die fuhren unter weißen Segeln, die praktisch und billig waren. Nur reiche Herrscher konnten es sich leisten, das Segeltuch ihrer Schiffe zu färben. Agamemnon ließ wie die Könige aus dem fernen Osten rote und violette Segel hissen. Diejenigen, die wir sahen, waren gelb und mit schwarzen Kreislinien gemustert.

»Sagen dir diese Farben etwas?«, fragte ich.

Achill schüttelte den Kopf.

Wir sahen das Schiff an der engen Einfahrt zur Bucht vorbeiziehen und auf den Sandstrand zusteuern. Ein Steinanker wurde gesetzt, eine Laufplanke ausgefahren. Aus der Entfernung waren die Männer an Bord nicht zu erkennen, wir sahen nur schwarze Köpfe.

Achill stand auf und ließ seine vom Wind zerzausten Haare unter dem Kopftuch verschwinden. Ich half ihm, sein Kleid zu richten, den Gürtel und die Bänder anzulegen, und hatte mich längst daran gewöhnt, ihn in dieser Aufmachung zu sehen. Als wir fertig waren, beugte er sich vor und gab mir einen Kuss. Seine weichen Lippen versetzten mich in Erregung. Er sah den Ausdruck meiner Augen und lächelte. »Später«, versprach er mir, drehte sich um und kehrte auf dem Pfad zurück, der zur Burg führte. Er würde sich in den Frauengemächern versteckt halten, bis der Bote die Insel wieder verlassen hatte.

Hinter meinen Augen machten sich Kopfschmerzen breit. Ich ging in meine kühle, abgedunkelte Kammer und schlief.

Ein Klopfen an der Tür weckte mich auf. Mit noch geschlossen Augen rief ich: »Herein.« Vielleicht, so dachte ich, verlangte Lykomedes nach mir.

»Schon zur Stelle«, sagte eine Stimme, belustigt und so trocken wie Treibholz. Ich öffnete die Augen und richtete mich auf. In der offenen Tür stand ein Mann von kräftiger Statur und mit kurz geschorenem dunkelbraunem Philosophenbart, der ein wenig rötlich schimmerte. Er lächelte, und ich sah an seinen Augenfältchen, dass er dies wohl häufiger tat. In meinem Gedächtnis rührte sich etwas.

»Tut mir leid, wenn ich störe«, sagte er freundlich und sorgfältig artikuliert.

»Schon gut«, entgegnete ich vorsichtig.

»Ich würde gerne ein paar Worte mit dir wechseln. Dürfte ich Platz nehmen?« Er deutete mit der Hand auf einen Schemel. Obwohl mir nicht wohl zumute war, sah ich keinen Grund, ihm die Bitte auszuschlagen.

Ich nickte, worauf er den Schemel zu mir ans Bett rückte. Seine Hände waren rau und voller Schwielen. Sie hätten sich gut an einem Pflug gemacht, doch schien der Mann von hoher Geburt zu sein. Um Zeit zu gewinnen, stand ich auf und öffnete die Fensterläden in der Hoffnung, den Schleier der Benommenheit in meinem Kopf zu lichten. War dieser Besucher gekommen, um mich an meinen Eid zu erinnern? Eine andere Möglichkeit fiel mir nicht ein. Ich wandte mich ihm zu.

»Wer bist du?«, wollte ich wissen.

Der Mann lachte. »Das ist eine gute Frage. Verzeihung, ich platze einfach hier herein, ohne mich vorgestellt zu haben. Ich bin einer der Kapitäne des großen Königs Agamemnon und fahre von Insel zu Insel, um junge verheißungsvolle Männer aufzusuchen, solche wie dich.« Er neigte den Kopf zum Zeichen der Anerkennung. »Auf dass sie sich unserem Heer anschließen, das gegen Troja in den Kampf zieht. Hast du davon gehört, dass Krieg geführt wird?«

»Ja«, antwortete ich.

»Gut.« Er lächelte und streckte die Beine aus. Auf der rechten Wade zeigte sich eine Narbe, die vom Knöchel bis zum Knie reichte und sich von der braunen Haut deutlich abhob. Eine zahnfleischfarbene Narbe. Mir wurde flau, als hätte ich mich über die höchste Klippe von Skyros hinausgelehnt und den Blick in schwindelnde Tiefe gerichtet. Er war älter geworden und breiter, auf dem Höhepunkt seiner Kraft: Odysseus.

Er sagte etwas, doch es drang nicht zu mir vor. In Gedanken war ich in Tyndareos’ Halle und erinnerte mich an seine schlauen, dunklen Augen, denen nichts zu entgehen schien. Ob er mich erkannt hatte? Ich starrte ihm ins Gesicht, fand aber auf meine Frage keine Antwort. Ich zwang mich, meine Angst zu unterdrücken.

»Tut mir leid«, sagte ich. »Was hast du gesagt?«

»Ich habe gefragt, ob du mit uns in den Kampf ziehen wirst?«

»Ich glaube kaum, dass an meinem Einsatz Interesse bestehen könnte. Ich bin kein guter Krieger.«

Er verzog den Mund. »Komisch, niemand, den ich frage, scheint sich für einen fähigen Kämpfer zu halten«, entgegnete er wie zum Scherz und ohne jeden Vorwurf in der Stimme. »Wie heißt du?«

Ich versuchte, einen möglichst beiläufigen Tonfall anzuschlagen. »Cheironides.«

»Cheironides«, wiederholte er und ließ durch nichts erkennen, dass er an meiner Antwort zweifelte. Ich entspannte mich ein wenig. Ich war damals noch ein kleiner Junge gewesen und hatte mich inzwischen so sehr verändert, dass er mich unmöglich wiedererkennen konnte.

»Nun, Cheironides, Agamemnon verspricht allen, die für ihn kämpfen, Gold und Ruhm. Der Krieg wird nicht lange dauern. Du wärst bis zum nächsten Herbst wieder zurück. Überleg’s dir. Ich bleibe noch ein paar Tage und hoffe, du hast dich bis zu meiner Abfahrt entschieden.« Er ließ die Hände auf die Knie fallen und stand auf.

»War es das?« Ich hatte damit gerechnet, dass er mich zu überreden versuchte oder mir gar Druck machte.

Er lachte freundlich. »Ja, das war’s. Ich nehme an, wir sehen uns beim Abendessen.«

Ich nickte. Er ging zur Tür und drehte sich noch einmal um. »Seltsam, mir ist, als wären wir uns irgendwann schon einmal begegnet.«

»Das bezweifle ich«, beeilte ich mich zu sagen. »Ich kenne dich jedenfalls nicht.«

Er betrachtete mich einen Augenblick lang, zuckte dann mit den Schultern und sagte: »Dann muss ich dich wohl mit einem anderen jungen Mann verwechseln. Tja, es scheint wohl so zu sein, wie man sagt. Je älter man wird, desto schlechter kann man sich erinnern.« Er kratzte sich nachdenklich am Bart. »Wer ist dein Vater? Vielleicht kenne ich ihn.«

»Er hat mich verbannt.«

Er setzte eine traurige Miene auf. »Das tut mir leid. Woher stammst du?«

»Von der Küste.«

»Norden oder Süden?«

»Süden.«

Er schüttelte den Kopf. »Ich hätte schwören können, du wärst aus Thessalien oder Phthia. Du formulierst die Vokale genau so wie das Volk im Norden.«

Ich schluckte. In Phthia wurden die Konsonanten härter ausgesprochen, die Vokale in die Länge gezogen, was mir immer missfallen hatte, außer wenn ich Achill reden hörte. Mir war nicht aufgefallen, wie sehr ich diese Art zu sprechen mittlerweile selbst angenommen hatte.

»Das – das wusste ich nicht«, murmelte ich. Mein Herz pochte. Wenn er doch bloß ginge.

»Es ist immer wieder dasselbe mit mir, ich zerbreche mir über unwichtige Dinge den Kopf.« Er schmunzelte wieder. »Vergiss nicht, mich über deine Entscheidung zu informieren. Und vielleicht kennst du andere junge Männer, die bereit wären, sich uns anzuschließen.« Er zog die Tür hinter sich zu.

Der Gong zum Abendessen erklang, und die Gänge waren voller Dienstboten, die Geschirr und Stühle trugen. Als ich die Halle betrat, war mein Besucher schon zugegen. Er unterhielt sich mit Lykomedes und einem anderen Mann.

»Cheironides«, grüßte der alte König. »Das ist Odysseus, der Herrscher von Ithaka.«

»Gott sei Dank gibt es Gastgeber. Erst als ich deine Kammer verließ, fiel mir auf, dass ich dir meinen Namen nicht nannte«, sagte Odysseus.

Und ich habe nicht nach deinem Namen gefragt, weil ich ihn bereits kannte. Ein Fehler, der nicht mehr rückgängig zu machen war. Ich sperrte die Augen auf. »Du bist ein König?« Ich fiel auf die Knie und gab mich ehrerbietig und überrascht zugleich.

»Um genau zu sein, ist er nur ein Prinz«, meldete sich eine schleppende Stimme. »Der König bin ich.« Ich blickte auf und schaute dem dritten Mann in die Augen. Sie waren hellbraun, fast grell und scharf. Er trug einen kurzen schwarzen Bart, der sein keilförmiges Gesicht und das spitze Kinn betonte.

»Das ist Diomedes, König von Argos«, sagte Lykomedes. »Ein Waffenbruder des Odysseus.« Und ein weiterer ehemaliger Bewerber um Helenas Hand, obwohl ich mich nicht an seinen Namen erinnern konnte.

»Mein Herr.« Ich verbeugte mich vor ihm, ohne bange sein zu müssen, dass er mich erkannte, denn er hatte sich bereits abgewendet.

Die Speisen wurden aufgetragen und Lykomedes bat zu Tisch.

Mit uns am Tisch saßen mehrere Berater von Lykomedes, und ich war froh, zwischen ihnen verschwinden zu können. Odysseus und Diomedes unterhielten sich mit dem König und beachteten uns kaum.

»Wie stehen die Dinge in Ithaka?«, erkundigte sich Lykomedes höflich.

»Bestens«, antwortete Odysseus. »Ich habe meine Frau und unseren Sohn dort zurückgelassen. Sie sind wohlauf und gesund.«

»Stell ihm Fragen zu seiner Frau«, sagte Diomedes. »Er spricht liebend gern von ihr. Weißt du, wie er sie kennengelernt hat? Das ist seine Lieblingsgeschichte.« Er verhehlte kaum, dass er sich lustig zu machen versuchte.

Lykomedes ließ seinen Blick zwischen beiden hin und her wandern. »Und? Wie hast du deine Gemahlin kennengelernt, Prinz von Ithaka?«

Odysseus ließ nicht erkennen, ob er sich gereizt fühlte oder nicht. »Nett von dir, dass du fragst. Als Tyndareos einen Gatten für Helena suchte, kamen Bewerber aus aller Herren Länder. Ich bin sicher, du weißt davon.«

»Zu der Zeit war ich bereits verheiratet«, erwiderte Lykomedes. »Darum bin ich nicht gekommen.«

»Natürlich nicht. Und der da war wohl leider noch zu jung.« Er warf mir ein Lächeln zu und richtete seinen Blick zurück auf den König.

»Von allen Bewerbern war ich glücklicherweise der erste, der am Hof eintraf. Der König lud mich ein, mit seiner Familie zu speisen: Helena, seine Schwester Klytämnestra und deren Kusine Penelope.«

»Er lud dich ein?«, frotzelte Diomedes. »War’s nicht eher so, dass du der Holden nachgestiegen bist und ihr aufgelauert hast?«

»Ich bin mir sicher, dass der Prinz von Ithaka so etwas nicht täte.« Lykomedes zog die Stirn in Falten.

»Ich muss gestehen, dass ich ihr tatsächlich nachstellte, obwohl ich dein Vertrauen in mich zu schätzen weiß«, sagte Odysseus und schenkte dem alten König ein strahlendes Lächeln. »Penelope hat mich sogar dabei ertappt. Sie verriet mir später, mich die ganze Zeit über beobachtet und gefürchtet zu haben, ich könne mich am Dornbusch verletzen, hinter dem ich steckte. Das war natürlich peinlich, zumal mir auch Tyndareos auf die Schliche kam, aber er kam und bat mich zu bleiben. Als wir dann bei Tisch saßen, wurde mir bewusst, dass Penelope noch viel klüger war als ihre Kusinen und genauso schön. Und –«

»So schön wie Helena?«, unterbrach Diomedes. »War sie deshalb, obwohl schon zwanzig, immer noch unverheiratet?«

Odysseus lächelte mild. »Du wirst von einem Mann doch nicht verlangen, dass er seine Gemahlin im Vergleich zu anderen Frauen weniger vorteilhaft beschreibt.«

Diomedes verdrehte die Augen, lehnte sich zurück und stocherte mit der Spitze seines Messers zwischen den Zähnen.

Odysseus wandte sich wieder Lykomedes zu. »Im Laufe unserer Unterhaltung und als mir bewusst wurde, dass Penelope Gefallen an mir fand –«

»An deiner äußeren Erscheinung kann es wohl nicht gelegen haben«, kommentierte Diomedes.

»Gewiss nicht«, pflichtete ihm Odysseus bei. »Jedenfalls fragte sie mich, welches Geschenk ich meiner Braut machen würde. Ich sagte: ein Hochzeitsbett aus edelster Steineiche. Damit war sie allerdings nicht einverstanden. Ein Hochzeitsbett, entgegnete sie, solle nicht aus totem, trockenem Holz gemacht werden, sondern aus grünem, lebendigem. ›Und was, wenn ich dir ein solches Bett baue?‹, fragte ich. ›Wirst du mich dann zum Gemahl nehmen?‹ Darauf antwortete sie –«

Der König von Argos schnaubte verächtlich. »Ich kann die Geschichte nicht mehr hören.«

»Dann hättest du vielleicht nicht vorschlagen sollen, dass ich sie erzähle.«

»Und du solltest dir vielleicht etwas Neues einfallen lassen, sonst langweile ich mich verdammt nochmal zu Tode.«

Lykomedes zeigte sich entrüstet. Solche Flüche waren vielleicht auf dem Exerzierplatz oder im Gesindehaus entschuldbar, nicht aber bei Hofe, zumal an der Speisetafel. Odysseus schüttelte den Kopf. »Wahrlich, die Männer von Argos werden von Jahr zu Jahr barbarischer. Lykomedes, bringen wir dem König von Argos ein bisschen Kultur bei. Ich hoffe, die berühmten Tänzerinnen deiner Insel bewundern zu dürfen.«

Lykomedes schluckte. »Nun ja«, stammelte er. »Ich habe nicht –« Er unterbrach sich, fing von neuem an und bemühte sich um einen angemessenen Ton. »Wenn du es wünschst.«

»Wir beide wünschen es«, sagte Diomedes.

»Nun denn.« Lykomedes’ Blicke huschten zwischen seinen Gästen hin und her. Thetis hatte verlangt, die Frauen versteckt zu halten, doch er konnte den beiden ihre Bitte unmöglich ausschlagen. Er räusperte sich und traf eine Entscheidung. »Also gut, sie sollen kommen.« Er gab einem Diener ein Zeichen, worauf dieser eilends die Halle verließ. Ich starrte auf meinen Teller, um mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr ich mich fürchtete.

Die Frauen hatten nicht mit einem Auftritt gerechnet und zupften noch an ihren Gewändern, als sie die Halle betraten. Achill war unter ihnen und hielt den verhüllten Kopf gesenkt. Ich warf einen ängstlichen Blick auf Odysseus und Diomedes, doch sie schienen ihn nicht zu bemerken.

Die Mädchen nahmen Aufstellung und die Musik fing zu spielen an. Es war ein Genuss, ihrem Tanz zuzuschauen, obwohl Deidameia fehlte, denn sie tanzte bei weitem am schönsten.

»Welche ist deine Tochter?«, fragte Diomedes.

»Sie ist nicht dabei«, antwortete Lykomedes. »Sie besucht eine Tante.«

»Schade«, erwiderte Diomedes. »Ich hatte gehofft, diese da sei es.« Er zeigte auf ein kleines Mädchen, das tatsächlich ein wenig aussah wie Deidameia. Sie hatte besonders hübsche Fußfesseln, die unter dem wirbelnden Saum des Kleides zum Vorschein traten.

Lykomedes räusperte sich wieder. »Bist du vermählt, mein Herr?«

Diomedes schmunzelte. »Einstweilen, ja«, antwortete er, ohne die Frauen aus den Augen zu lassen.

Als sie zu Ende getanzt hatten, stand Odysseus auf und sprach mit lauter Stimme: »Wir fühlen uns geehrt durch eure liebreizende Darbietung. Nur wenige können sich rühmen, die Tänzerinnen von Skyros gesehen zu haben. Zum Zeichen unserer Bewunderung haben wir für euch und euren König Geschenke mitgebracht.«

Die Mädchen tuschelten aufgeregt miteinander. Nur selten gelangten Luxusgüter nach Skyros. Es fehlte einfach an Geld.

»Zu gütig«, sagte Lykomedes, vor Freude gerötet, wie man sah. Damit hatte er nicht gerechnet. Auf Odysseus’ Zeichen hin schleppten Diener mehrere Koffer in die Halle und luden sie auf den langen Tischen aus. Ich sah Silber blinken, Glas und Edelsteine. Wir alle reckten den Hals, begierig zu sehen, was die Gäste mitgebracht hatten.

»Bitte, nehmt, was euch gefällt«, sagte Odysseus. Die Mädchen eilten zu den Tischen, und ich beobachtete, wie sie sich über die verführerischen Gaben hermachten: zierliche Glasfläschchen, gefüllt mit Duftwässern und versiegelt mit Wachs, Handspiegel mit Griffen aus geschnitztem Elfenbein, goldene Armreifen, dunkelrot und violett gefärbte Bänder. Manche anderen Dinge waren, wie ich vermutete, für Lykomedes und seine Berater gedacht: Lederschilde, Lanzenschäfte und versilberte Schwerter in Scheiden aus Ziegenleder. Dem alten König gingen die Augen über. Odysseus stand vor den Tischen und lächelte großmütig.

Achill schlich unauffällig um die Tische. Er tupfte ein paar Tropfen Parfüm auf sein Handgelenk, fuhr mit den Fingern über den glatten Spiegelgriff. Dann betrachtete er ein Paar Ohrringe aus blauen Edelsteinen, gefasst in Silberdraht.

Eine Bewegung am anderen Ende der Halle ließ mich plötzlich aufmerken. Diomedes hatte den Raum durchquert und sprach mit einem seiner Sklaven, der daraufhin durch die hohe Doppeltür nach draußen ging. Was immer sein Auftrag sein mochte, wichtig konnte er nicht sein, denn Diomedes blickte müde und gelangweilt.

Ich schaute zurück zu Achill. Er hielt sich die Ohrringe ans Ohr, neigte in mädchenhafter Gebärde den Kopf mal zur einen, mal zur anderen Seite und spitzte die Lippen, was ihn zu amüsieren schien. Unsere Blicke trafen sich, und ich konnte es mir nicht verkneifen zu lächeln.

Draußen erschallte eine Fanfare, laut und alarmierend. Ein lang gezogener Ton, gefolgt von drei kurzen Stößen: das Signal für unmittelbar drohende Gefahr. Lykomedes sprang auf, die Wachen stürzten zur Tür. Die Mädchen schrien auf und ließen die Geschenke fallen. Klirrend brach Glas auf dem steinernen Boden.

Alle Mädchen, bis auf eines. Ehe die Fanfare verstummte, hatte Achill eines der silbernen Schwerter aus der Scheide gerissen. Der Tisch, vor dem er stand, versperrte ihm den Weg zur Tür. Er sprang darüber hinweg und schnappte sich dabei eine der Lanzen. Mit erhobenen Waffen und kampfbereit landete er auf beiden Füßen – ganz und gar nicht mädchenhaft. Nicht einmal ein gewöhnlicher Mann vermochte sich so in Stellung zu bringen. Das konnte nur er. Der größte Kämpfer seiner Generation.

Ich riss meinen Blick von ihm los und sah zu meinem Entsetzen, dass Odysseus und Diomedes bis über beide Ohren grinsten. »Zum Gruße, Prinz Achill«, sagte Odysseus. »Wir haben dich gesucht.«

Alle Augen waren auf Achill gerichtet, der nun langsam die Waffen senkte. Ich war hilflos und rührte mich nicht.

»Odysseus«, sagte er mit bemerkenswert ruhiger Stimme. »Diomedes.« Er verneigte sich höflich vor beiden. »Ich fühle mich geehrt, der Anlass so großer Bemühungen zu sein.« Seine Worte klangen vornehm und gleichzeitig ein wenig spöttisch, womit er den Besuchern die Möglichkeit nahm, ihn zu demütigen.

»Ich nehme an, ihr wollt mit mir sprechen. Einen Moment noch, ich werde gleich bei euch sein.« Er legte Schwert und Lanze zurück auf den Tisch und lüftete sein Kopftuch. Seine Haare schimmerten wie polierte Bronze. Die Höflinge tuschelten aufgeregt miteinander, ohne ihn aus den Augen zu lassen.

»Wie wär’s damit?« Odysseus warf ihm einen Leibrock zu, den er von wer weiß woher hervorgezaubert hatte. Achill fing ihn auf.

»Danke«, sagte er. Wie gebannt schaute der ganze Hofstaat zu, als er sein Frauengewand ablegte und die Tunika anlegte.

Odysseus wandte sich dem alten König zu. »Lykomedes, wir würden uns gern mit dem Prinzen von Phthia in eine leere Kammer zurückziehen. Wir haben einiges miteinander zu bereden.«

Lykomedes’ Gesicht war zu einer Maske erstarrt. Ich ahnte, dass er an Thetis dachte und deren Strafe fürchtete. Er antwortete nicht.

»Lykomedes!«, bellte Diomedes.

»Ja, natürlich«, krächzte der Alte. Er tat mir leid. »Gleich dahinten.« Er zeigte auf eine Tür.

Odysseus nickte. »Danke.« Er ging zur Tür, voller Zuversicht und als zweifelte er keinen Augenblick daran, dass Achill ihm folgen würde.

»Nach dir«, feixte Diomedes. Achill zögerte und warf einen flüchtigen Blick auf mich.

»Oh, ich vergaß«, rief Odysseus über die Schulter hinweg. »Patroklos ist ebenfalls herzlich eingeladen. Es geht schließlich auch um ihn.« 

Fünfzehntes Kapitel

In dem mit abgenutzten Wandteppichen behängten Raum standen vier Stühle mit hoher Lehne. Ich nahm auf einem Platz und bemühte mich, aufrecht zu sitzen, wie es sich für einen Prinzen gehörte. Achill war sichtlich aufgewühlt, sein Hals gerötet.

»Ihr habt mich überrumpelt«, sagte er vorwurfsvoll.

Odysseus blieb ungerührt. »Du warst so schlau, dich zu verkleiden. Wir mussten schlauer sein, um dich zu finden.«

Achill zog eine Braue in die Stirn und gab sich hochmütig. »Na schön. Ihr habt mich gefunden. Was wollt ihr?«

»Wir wollen, dass du mit nach Troja kommst«, antwortete Odysseus.

»Und wenn ich nicht mitkommen möchte?«

»Dann werden wir das hier bekannt machen.« Diomedes hob das von Achill abgelegte Gewand in die Höhe.

Achill errötete wie nach einem Schlag ins Gesicht. Dass er sich hatte verkleiden müssen, war schlimm genug, schlimmer jedoch war die Vorstellung, alle Welt erführe davon. Für Männer, die sich als Frauen ausgaben, hatte unser Volk die hässlichsten Bezeichnungen. Von einer solchen Schmach betroffen, war schon mancher zu Grunde gegangen.

Odysseus hob eine beschwichtigende Hand. »Dazu muss es nicht kommen. Schließlich sind wir alle von edler Gesinnung. Ich hoffe, wir können dir bessere Gründe liefern. Zum Beispiel die Aussicht auf Ruhm. Der wird dir sicher sein, wenn du für uns kämpfst.«

»Es wird andere Kriege geben.«

»Aber keinen wie diesen«, sagte Diomedes. »Daran wird man sich auf alle Zeit in Legenden und Liedern erinnern. Ein Narr, der die Gelegenheit versäumt, dabei gewesen zu sein.«

»Um einen gehörnten Gatten zu rächen und Agamemnons Gier zu stillen?«

»Du bist blind. Was wäre heldenhafter, als um die Ehre der schönsten Frau der Welt zu kämpfen und es mit der mächtigsten Stadt im Osten aufzunehmen? Mit einer vergleichbaren Tat können sich nicht einmal Perseus oder Jason rühmen. Für eine solche Chance würde Herakles seine Frau ein zweites Mal erschlagen. Wir werden über ganz Anatolien bis nach Arabien hinein herrschen und in die Geschichte eingehen.«

»Habt ihr nicht gesagt, es würde ein leichter Feldzug sein, und wir wären im nächsten Herbst schon wieder zu Hause?«, ließ ich von mir hören, weil ich dem Wortwechsel etwas hinzufügen wollte.

»Das war gelogen«, gestand Odysseus achselzuckend. »Tatsächlich kann niemand sagen, wie lange der Krieg dauern wird. Er würde sich jedenfalls verkürzen, wenn du daran teilnimmst.« Er schaute Achill an. Seine dunklen Augen hatten den Sog einer starken Strömung, gegen die man nicht ankommen konnte. »Trojas Söhne sind bekannt für ihre Kampfeskraft. Wer sie zu Fall bringt, wird selbst Unsterblichkeit erlangen. Wenn du dir diese Gelegenheit entgehen lässt, bleibst du namenlos zurück und gerätst in Vergessenheit.«

Achill krauste die Stirn. »Das kannst du nicht wissen.«

»Oh doch, das kann ich«, antwortete Odysseus und lehnte sich auf dem Stuhl zurück. »Glücklicherweise habe ich Anteil am Wissen der Götter.« Er lächelte wie in Erinnerung an einen himmlischen Scherz. »Und die Götter haben es für richtig befunden, mich einen Blick in deine Zukunft werfen zu lassen.«

Ich hätte mir denken können, dass Odysseus mehr zu bieten hatte als schnöde Erpressung. Man nannte ihn auch Polytropos, den Listenreichen. Mir wurde angst und bange.

»Und was siehst du?«, fragte Achill vorsichtig.

»Dass, wenn du nicht mit nach Troja ziehst, deine Göttlichkeit ungenutzt in dir versiegt. Deine Kraft wird abnehmen und dein Schicksal dem des Lykomedes gleichen, der nur mit einer Tochter als Erbin auf dieser entlegenen Insel verkümmert. Du weißt so gut wie ich, dass Skyros schon bald von einem benachbarten Staat erobert wird. Und dann wird er seine letzten Jahre in Einsamkeit fristen und Brotrinde essen, die man für ihn einweichen muss. Wenn er stirbt, wird man fragen: Wer war das?«

Seine Worte hallten durch den Raum und verdünnten die Luft, bis wir kaum mehr atmen konnten. Ein solches Leben war entsetzlich.

Unerbittlich fuhr Odysseus fort. »Er ist heute nur noch deshalb bekannt, weil sich seine Geschichte mit der deinen überschneidet. Wenn du nach Troja ziehst, wird selbst der Geringste, auch wenn er dir nur einen Becher zu trinken gereicht hat, in den Legenden, die sich um dich ranken, mit Namen genannt sein. Du wirst –«

Mit lautem Gepolter und stiebenden Splittern brach plötzlich die Tür auf. Auf der Schwelle stand Thetis, hell wie eine lodernde Flamme und so heiß, dass die zerborstenen Türflügel verkohlten. Ich duckte mich und spürte, wie mir die Hitze ins Mark fuhr und meine Adern auszutrocknen drohte.

Odysseus’ dunkler Bart war mit dem Staub der aufgebrochenen Tür überzogen. Er stand auf. »Zum Gruße, Thetis.«

Sie starrte ihn an wie eine Schlange ihr Opfer. Ihre Haut glühte, und die Luft schien zu flimmern. Diomedes rutschte auf den Knien zurück. Ich kniff die Augen zu, weil ich fürchtete, ein Blitz könnte auf uns niederfahren.

Nach einer Weile, in der es vollkommen still blieb, wagte ich es, die Augen zu öffnen. Odysseus war unverletzt. Thetis hatte die Fäuste geballt. Ihr Anblick brannte nun nicht mehr in den Augen.

»Die helläugige Jungfrau ist mir hold«, sagte Odysseus fast wie zur Entschuldigung. »Sie weiß, warum ich hier bin, und segnet, was mir am Herzen liegt.«

Mir war, als hätte ich einen Teil seiner Rede nicht mitbekommen. Ich versuchte zu folgen. Mit der helläugigen Jungfrau meinte er wohl die Göttin der Weisheit und des Kampfes. Es hieß, dass sie Klugheit über alles schätzte.

»Athene hat kein Kind zu verlieren.« Thetis’ Worte hingen in der Luft.

Ohne weiter auf sie einzugehen, wandte sich Odysseus an Achill und sagte: »Frag deine Mutter, was sie weiß.«

Achill schluckte hörbar in der stillen Kammer. Er schaute seiner Mutter in die schwarzen Augen. »Ist es wahr, was er sagt?«

Inzwischen war die Glut, die sie ausgestrahlt hatte, erloschen. Übrig blieb nur der Anschein von Marmor. »Ja, es ist wahr, aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Da ist noch etwas, was er nicht auszusprechen wagt«, antwortete sie tonlos und wie aus dem Mund einer steinernen Statue. »Wenn du nach Troja gehst, wirst du nicht zurückkehren, sondern als junger Mann dort sterben.«

Achill erbleichte. »Ist das gewiss?«

Alle Sterblichen stellten diese Frage, ungläubig und entsetzt. Gibt es für mich keine Ausnahme? »Ja, es ist gewiss.«

Wenn er mich in diesem Moment angesehen hätte, wäre ich in Tränen ausgebrochen. Doch sein Blick blieb auf seine Mutter gerichtet. »Was soll ich tun?«, flüsterte er.

Ein leichtes Zittern zeigte sich auf ihrem Gesicht wie auf glatter Wasseroberfläche. »Das darfst du mich nicht fragen«, entgegnete sie und verschwand.

Ich weiß nicht mehr, was noch zwischen den beiden Besuchern und uns gesagt wurde oder wie wir zurück in unsere Kammer gelangten. Ich erinnere mich aber an Achills verstörte Miene und die tiefen Schatten unter seinen Augen. Seine Schultern, sonst immer gestrafft, hingen schlaff herab. Ich selbst drohte an meinem Kummer zu ersticken. Bei dem Gedanken, er könnte sterben, war mir, als stürzte ich in einen schwarzen Abgrund.

Du darfst nicht gehen. Tausendfach lag mir dieser Satz auf der Zunge, doch anstatt ihn auszusprechen, hielt ich seine Hände umfasst. Sie waren kalt und rührten sich nicht.

»Ich würde es nicht ertragen«, sagte er schließlich. Er hatte die Augen geschlossen, und ich wusste, dass er nicht seinen Tod meinte, sondern den von Odysseus entsponnenen Alptraum, den Verlust seiner Herrlichkeit und Anmut. Ich wusste um seine Freude über die eigenen Fähigkeiten, seine wundersame Kampfkraft und Vitalität. Was würde von ihm übrig bleiben, wenn es damit vorbei wäre? Was, wenn er seiner Bestimmung zum Ruhm nicht nachkäme?

»Es wäre mir nicht wichtig«, flüsterte ich. »Was immer mit dir geschähe, es würde für mich keinen Unterschied machen. Wir wären zusammen.«

»Ich weiß«, entgegnete er leise, ohne mich anzusehen.

Doch dieses Wissen reichte ihm nicht, und umso größer war mein Schmerz. Wenn er stürbe, würde alles, was schnell, schön und hell war, mit ihm begraben werden. Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch er hatte bereits einen Entschluss gefasst.

»Ich gehe«, sagte er. »Ich werde nach Troja gehen.«

Seine Lippen schimmerten rosig, die grünen Augen leuchteten. Kein einziges Fältchen verunzierte sein Gesicht. Er war wie der Frühling, golden und heiter. Der neidische Tod würde durch ihn wieder jung werden.

Er betrachtete mich eindringlich.

»Wirst du mich begleiten?«, fragte er.

Der nie endende Schmerz der Liebe. In einem anderen Leben hätte ich mich vielleicht entziehen und ihn seinem Schicksal allein überlassen können. Aber nicht in diesem. Ich würde mit ihm nach Troja ziehen, und sei es in den Tod. Ja, flüsterte ich. Ja.

Erleichterung spiegelte sich in seinem Gesicht und er drückte mich fest an sich.

Tränen strömten. Über uns kreisten die Gestirne, und der Mond schleppte sich müde auf seiner Bahn voran. Verzweifelt und schlaflos verbrachten wir die Nacht.

Als der Morgen dämmerte, stand er auf und sagte: »Ich muss meiner Mutter Bescheid geben.« Er war bleich und wirkte um Jahre gealtert. Ich geriet in Panik. Geh nicht, wollte ich sagen. Doch er streifte schon ein Hemd über und war gleich darauf verschwunden.

Ich lehnte mich zurück und versuchte, an nichts zu denken. Gestern noch hatten wir alle Zeit der Welt gehabt, jetzt zerrann sie uns zwischen den Fingern.

Es wurde hell. Das Bett war kalt und viel zu groß ohne ihn. Kein Laut war zu hören. Die Stille machte mir Angst. Wie in einer Grabkammer. Ich stand auf und schüttelte mich, weil ich fürchtete, den Verstand zu verlieren. So wird es sein ohne ihn, Tag für Tag. Mir schnürte sich die Brust zusammen. Tag für Tag, ohne ihn.

Ich verließ die Burg in der verzweifelten Hoffnung, dem Kummer entfliehen zu können, suchte die hohen Klippen am Meeresufer auf und begann zu klettern. Der Wind rüttelte an mir, und der Fels war glitschig, doch die Gefahr machte mich achtsam, und so stieg ich immer höher, dem tückischen Gipfel entgegen, den zu erklimmen ich mich bislang nicht getraut hatte. Ich schürfte mir am scharfen Gestein Hände und Füße auf, doch die Schmerzen waren mir willkommen. Sie zu ertragen war geradezu lachhaft einfach.

Ich stieg bis ganz nach oben, richtete mich auf dem Felsgrat auf und setzte in die Tat um, was mir unterwegs in den Sinn gekommen war, ein Einfall so grimmig und unbesonnen, wie ich mich fühlte.

»Thetis!«, brüllte ich gegen den Wind an, den Blick auf das Meer gerichtet. »Thetis!« Die Sonne stand hoch. Das Treffen von Mutter und Sohn musste längst beendet sein. Ich holte Luft, um ein drittes Mal zu rufen.

»Sprich nie wieder meinen Namen aus.«

Herumwirbelnd verlor ich fast das Gleichgewicht. Die Steine unter meinen Füßen fingen zu rutschen an, und der Wind zerrte an mir, doch es gelang mir, auf den Beinen zu bleiben.

Ihr Gesicht war noch fahler als sonst, wie mit Reif bedeckt. Sie bleckte die Zähne.

»Du bist ein Narr«, sagte sie. »Steig wieder nach unten. Dein armseliger Tod wird ihn nicht retten.«

Ich hatte doch mehr Angst als angenommen und schreckte vor ihrer Boshaftigkeit zurück. Trotzdem zwang ich mich zu der Frage, auf die ich eine Antwort wissen wollte. »Wie lange wird er noch leben?«

Sie gab ein kehliges Geräusch von sich, das wie das Bellen eines Seehundes klang. Es dauerte eine Weile, bis ich gewahr wurde, dass sie lachte. »Warum fragst du? Willst du dich darauf gefasst machen? Oder etwa seinen Tod verhindern?« Ihr Gesicht war voller Verachtung.

»Ja«, antwortete ich. »Wenn ich es kann.«

Wieder ließ sie dieses unheimliche Geräusch verlauten.

»Bitte.« Ich kniete nieder. »Bitte, sag es mir.«

Vielleicht lag es an meinem Kniefall. Sie verstummte jedenfalls und betrachtete mich einen Moment. »Zuerst wird Hektor sterben«, erwiderte sie. »Das ist alles, was ich weiß.«

Hektor. »Danke«, sagte ich.

Ihre Augen wurden zu Schlitzen, und die Stimme zischte, wie wenn Wasser auf heiße Kohlen trifft. »Untersteh dich, mir zu danken. Ich bin aus einem anderen Grund gekommen.«

Ich wartete.

»Es wird nicht so einfach sein, wie er glaubt. Die Moiren versprechen Ruhm, aber wie viel? Er muss auf seine Ehre achtgeben und ist doch zu vertrauensselig. Die Männer Griechenlands«, sie spuckte die Worte aus, »sind wie Hunde, die um einen Knochen kämpfen. Sie gönnen einander keinen Vorrang. Ich werde tun, was ich kann. Und du –« Sie betrachtete mich geringschätzig vom Scheitel bis zur Sohle. »Bring keine Schande über ihn. Verstanden?«

Verstanden?

»Ja«, antwortete ich. Ich verstand sehr wohl. Wenn er mit dem Leben dafür zahlte, musste sein Ruhm über die Maßen groß sein. Ein Lufthauch setzte den Saum ihres Gewandes in Bewegung, und ich wusste, dass sie gleich verschwinden und in ihre Meeresgrotte zurückkehren würde.

»Ist Hektor ein guter Kämpfer?«, fragte ich mit dem Mut der Verzweiflung.

»Der beste«, antwortete sie. »Nach meinem Sohn.«

Sie schaute zur Seite, wo die Klippe senkrecht abfiel. »Er kommt«, sagte sie.

Achill kletterte über den Rand und setzte sich zu mir. Er schaute mir ins Gesicht und musterte meine aufgeschürften Hände und Füße. »Ich habe dich reden hören«, sagte er.

»Ich sprach mit deiner Mutter«, entgegnete ich.

Er kniete sich vor mich hin und legte meinen Fuß in seinen Schoß, zupfte vorsichtig die Steinsplitter aus den Wunden und wischte den Schmutz ab. Dann riss er ein Stück Stoff aus dem Saum seines Rocks und legte einen Verband an.

Meine Hand schloss sich um seine. »Du darfst Hektor nicht töten«, sagte ich.

Er schaute mich an. Sein schönes Gesicht war gerahmt von goldenen Haaren. »Meine Mutter hat dir gesagt, was prophezeit wurde.«

»Ja, das hat sie.«

»Und du meinst, dass niemand außer mir Hektor töten kann?«

»Ja«, antwortete ich.

»Du glaubst, dass man dem Schicksal Zeit stehlen kann?«

»Ja.«

»Aha.« Er schmunzelte durchtrieben. »Warum sollte ich ihn töten? Er hat mir schließlich nichts getan.«

Zum ersten Mal seit langem keimte Hoffnung in mir auf.

Am Nachmittag brachen wir auf. Es gab keinen Grund, länger zu verweilen. Lykomedes verabschiedete uns in aller Form, wie es seine Art war, und wir standen eine Weile betreten beieinander. Odysseus und Diomedes waren schon vorausgegangen. Sie wollten uns nach Phthia zurückbringen, damit Achill dort seine eigenen Truppen aufstellen konnte.

Es galt noch etwas auf der Insel in Ordnung zu bringen. Ich wusste, dass Achill sich dabei nicht sehr wohl fühlte.

»Lykomedes, meine Mutter lässt dir einen Wunsch ausrichten.«

Die Lippen des Alten fingen zu zittern an, aber er hielt dem Blick seines Schwiegersohnes stand. »Bezüglich des Kindes«, sagte er.

»Ja.«

»Und was wünscht sie?«, fragte der König.

»Dass sie es ist, die ihn aufzieht. Sie –« Achill stockte angesichts der Miene des Alten. »Das Kind wird ein Junge sein, sagt sie. Sie will ihn an sich nehmen, sobald er entwöhnt ist.«

Schweigen. Lykomedes schloss die Augen. Ich wusste, er dachte an seine Tochter, die nicht nur auf den Mann, sondern auch auf ihr Kind würde verzichten müssen. »Ich wünschte, du wärst nie zu uns gekommen«, sagte er.

»Es tut mir leid«, erwiderte Achill.

»Geht«, flüsterte der Alte. Wir gehorchten.

Das Schiff, mit dem wir segelten, war wendig und schnell, seine Mannschaft bestens ausgebildet. Die Leinen schienen gerade erst gedreht worden zu sein, die Masten waren so frisch wie lebendiges Holz. Der weit über das Wasser hinausragende Steven hatte die Gestalt einer Frau, deren Hände wie in Anbetung vor der Brust aneinandergelegt waren. Sie war wunderschön mit ihrem ebenmäßigen Gesicht und dem schlanken Hals, der unter fliegenden schwarzen Haaren zum Vorschein kam, zudem prächtig bemalt in fein aufeinander abgestimmten Farbtönen.

»Wie ich sehe, bewunderst du meine Frau.« Odysseus war zu uns an die Reling getreten und stützte sich auf seinen muskulösen Unterarmen ab. »Sie war dagegen und hat sich geweigert, dem Künstler Modell zu stehen. Er musste sie heimlich abbilden, doch das Ergebnis ist, wie ich finde, gut gelungen.«

Eine Vermählung aus Liebe war in unseren Breiten so selten wie Zedern im Osten des Landes. Fast hätte ich ihn deswegen gemocht. In letzter Zeit allerdings lächelte er für meinen Geschmack zu häufig.

»Wie ist ihr Name?«, erkundigte sich Achill höflich.

»Penelope«, antwortete er.

»Ist das Schiff neu?«, fragte ich, um das Thema zu wechseln.

»Ganz und gar, bis zum letzten Balken. Übrigens aus dem besten Holz, das Ithaka zu bieten hat.« Mit seiner großen Hand tätschelte er die Reling wie die Flanke eines Pferdes.

»Na, gibst du wieder an mit deinem neuen Kahn?« Diomedes hatte sich zu uns gesellt. Seine Haare waren mit einem Lederband im Nacken zusammengefasst, was seine Gesichtszüge noch schärfer wirken ließ.

»Du hast mich ertappt.«

Diomedes spuckte ins Wasser.

»Der König von Argos ist heute ungewöhnlich beredt«, kommentierte Odysseus.

Im Unterschied zu mir kannte Achill die Sticheleien der beiden noch nicht. Irritiert blickte er von einem zum anderen und verzog dann den Mund zu einem Schmunzeln.

»Wie erklärt sich eigentlich, dass du so überaus gewitzt bist?«, setzte Odysseus nach. »Liegt’s womöglich daran, dass dein Vater das Gehirn eines Mannes gegessen hat?«

»Wie bitte?« Achill schien seinen Ohren nicht zu trauen.

»Kennst du etwa nicht die Geschichte des mächtigen Tydeus, bekannt auch als Verzehrer von Menschenhirn?«

»Ich habe von ihm gehört. Aber dass er Gehirne …«

»Ich spiele mit dem Gedanken, unsere Teller mit einer Abbildung dieser Szene zu schmücken«, sagte Diomedes.

Noch in der Burg hatte ich Diomedes für Odysseus’ Schoßhund gehalten. Doch der spitzzüngige Schlagabtausch und die Art, wie die beiden miteinander umgingen, konnten so nur zwischen Gleichgestellten stattfinden. Außerdem erinnerte ich mich, dass Diomedes angeblich auch ein Liebling von Athene war.

Odysseus verzog das Gesicht. »Lade mich bitte nie nach Argos zum Essen ein.«

Diomedes lachte, was alles andere als angenehm klang.

Den beiden war offenbar danach zumute, miteinander zu plaudern, und so erzählten sie eine Geschichte nach der anderen: von Seereisen, Kriegen und lange zurückliegenden Wettkämpfen. Achill war ein aufmerksamer Zuhörer und stellte immer wieder Fragen.

»Wie ist es dazu gekommen?«, wollte er wissen und deutete auf die Narbe auf Odysseus’ Wade.

»Tja«, sagte der und rieb sich die Hände, »das ist eine Geschichte, die sich zu erzählen lohnt. Allerdings sollte ich vorher ein paar Worte mit dem Schiffsführer wechseln.« Er deutete auf die Sonne, die schon tief über dem Horizont stand. »Wir werden bald vor Anker gehen.«

»Ich gehe.« Diomedes stieß sich von der Reling ab. »Diese leidige Geschichte habe ich mindestens schon ebenso oft gehört wie die mit dem Bett.«

»Dein Pech, dass du sie dir nicht noch einmal anhörst«, rief ihm Odysseus nach. »Ihr dürft ihm nichts verübeln«, sagte er, an uns gerichtet. »Seine Frau ist ein Schreckgespenst und macht aus jedem Mann einen Griesgram. Meine Frau hingegen –«

»Ich schwöre«, brüllte Diomedes über die gesamte Länge des Decks hinweg, »wenn du noch ein Wort hinzufügst, werfe ich dich über Bord, und du kannst nach Troja schwimmen.«

»Seht ihr?« Odysseus schüttelte den Kopf. »Ein Griesgram.« Achill lachte. Er hatte Gefallen an den beiden und schien ihnen seine Demaskierung verziehen zu haben.

»Was wollte ich noch erzählen?«

»Wie es zu der Narbe gekommen ist«, sagte Achill.

»Ah ja, die Narbe. Ich war dreizehn Jahre alt –«

Die Sonne senkte sich auf den Horizont, und das Schiff glitt in den Schatten einer Landzunge, wo wir die Nacht verbringen wollten. Der Anker wurde gesetzt und ein Lager am Strand errichtet.

Als unser Zelt aufgebaut und ein kleines Feuer entzündet war, kam Odysseus und erkundigte sich, ob alles zum Besten stehe.

»Durchaus«, sagte Achill und lächelte auf seine freimütige, ehrliche Art. »Danke der Nachfrage.«

Auch Odysseus lächelte und zeigte weiße Zähne hinter seinem dunklen Bart. »Ausgezeichnet. Dass eine Zelt reicht euch hoffentlich. Ihr scheint alles miteinander zu teilen, Tisch und Bett, wie man hört.«

Mir schoss das Blut ins Gesicht, und ich hörte, wie meinem Freund der Atem stockte.

»Dafür braucht ihr euch doch nicht zu schämen. Unter jungen Burschen ist das häufig der Fall.« Er kratzte sich nachdenklich am Bart. »Nun ja, von jungen Burschen kann bei euch ja eigentlich nicht mehr die Rede sein. Wie alt seid ihr?«

»Das ist nicht wahr«, erwiderte ich hitzig und überlaut.

Odysseus krauste die Stirn. »Wahr ist, was gemeinhin angenommen wird. Aber vielleicht irren sich die Leute, die das von euch behaupten. Wenn euch die Gerüchte stören, lasst sie einfach hinter euch zurück, wenn wir in den Krieg ziehen.«

Achill entgegnete gereizt: »Kümmere dich um deine eigenen Belange, Prinz von Ithaka.«

Odysseus hob beide Hände. »Verzeiht, wenn ich euch brüskiert habe. Ich wollte euch nur eine gute Nacht wünschen und mich versichern, dass alles zu eurer Zufriedenheit bestellt ist. Prinz Achill. Patroklos.« Er verbeugte sich und kehrte zu seinem eigenen Zelt zurück.

Es blieb lange still zwischen Achill und mir. Ich hatte mich schon oft gefragt, wann es zu solchen Anspielungen wie der von Odysseus kommen würde. Er hatte recht: Es war nicht selten der Fall, dass junge Burschen einander liebten. Doch damit hatte es meist mit dem Älterwerden ein Ende, es sei denn, man nahm sich Sklaven oder bezahlte dafür. Unsere Männer waren auf Eroberung aus und schätzten den, der sich selbst erobern ließ, gering.

Bring keine Schande über ihn, hatte die Göttin gesagt, und ich würde gut daran tun, sie beim Wort zu nehmen.

»Vielleicht hat er recht«, sagte ich.

Achill hob den Kopf und kniff die Brauen zusammen. »Das meinst du doch nicht wirklich, oder?«

»Nicht, dass ich –« Ich verknotete meine Finger. »Wie auch immer, ich könnte draußen schlafen, damit es nicht so sehr auffällt, dass …«

»Nein. Dem Volk von Phthia ist es einerlei. Und alle anderen können lästern, wie sie wollen, denn ich bin und bleibe der Aristos Achaion.« Der beste der Griechen.

»Es könnte ein Schatten auf dich fallen.«

»Na und?«, sagte er und reckte sein Kinn trotzig nach vorn. »Sie wären Dummköpfe, wenn sie mich zuerst rühmen und dann deswegen verhöhnen.«

»Aber Odysseus –«

Seine Augen, grün wie Frühlingslaub, richteten sich auf mein Gesicht. »Patroklos. Ich habe ihnen schon genug gegeben. Das lasse ich mir nicht nehmen.«

Danach gab es nichts mehr zu sagen.

Am nächsten Tag – wir segelten vor südlichem Wind – fanden wir Odysseus im Vorschiff.

»Prinz von Ithaka«, sagte Achill. Sein Tonfall war förmlich und ließ nichts von seinem jungenhaften Lächeln anklingen, das er noch am Vortag gezeigt hatte. »Ich würde gerne mehr über Agamemnon und die anderen Könige erfahren, damit ich weiß, welchen Männern ich mich anschließe, und auch über die Prinzessin, für die ich kämpfen soll.«

»Sehr weise, Prinz Achill.« Falls Odysseus etwas von der Veränderung in Achills Auftreten bemerkt hatte, ließ er sie unkommentiert. Er führte uns zu einer Bank am Fuß des Mastes unter dem dickbäuchigen Segel. »Wo soll ich anfangen?« In Gedanken versunken massierte er seine Narbe am Bein. Bei Tageslicht fiel sie noch stärker ins Auge, haarlos und runzlig, wie sie war. »Da wäre zum einen Menelaos, der seine Gemahlin zurückhaben möchte. Nachdem sich Helena für ihn entschieden hatte – Patroklos kann dir mehr darüber erzählen –, wurde er zum König von Sparta ernannt. Man kennt ihn als einen guten Mann, furchtlos im Kampf und beliebt beim Volk. Viele Könige haben sich seiner Sache angeschlossen, wohlgemerkt nicht nur diejenigen, die durch den Eid an ihn gebunden sind.«

»Als da wären?«, fragte Achill.

Odysseus zählte sie an den Fingern seiner großen, kräftigen Hände ab. »Meriones, Idomeneus, Philoktetes und Ajax der Große wie auch Ajax der Kleine.« Einen der genannten Männer hatte ich in Tyndareos’ Halle gesehen, jenen Riesen mit dem mächtigen Schild. Die anderen waren mir unbekannt.

»Und auch Nestor, der alte König von Pylos, wird mit uns ziehen.« Von ihm hatte ich schon gehört; er war in seiner Jugend mit Jason übers Meer gesegelt, um das Goldene Vlies zu finden. Als Greis würde er selbst wohl nicht mehr kämpfen, und doch nahm er offenbar am Feldzug teil, um seine Söhne zu begleiten und als Berater zu fungieren.

Achill hörte gespannt zu. »Und wer steht auf der Seite der Trojaner?«

»Allen voran natürlich Priamos, der König Trojas. Er soll nicht weniger als fünfzig Söhne haben, die allesamt mit einem Schwert in der Hand aufgewachsen sind.«

»Fünfzig Söhne?«

»Und fünfzig Töchter. Es heißt, er sei ein frommer Mann und ein Liebling der Götter. Jeder seiner Söhne hat einen großen Namen. Paris zum Beispiel, der die besondere Gunst Aphrodites genießt und wegen seiner Schönheit gerühmt wird. Selbst der jüngste, kaum zehn Jahre alt, soll ein verwegener Kämpfer sein. Troilos heißt er, wenn ich mich nicht irre. Außerdem kämpft Äneas an ihrer Seite; er ist ihr Vetter und der Sohn von Aphrodite, also ein Halbgott.«

»Und was ist mit Hektor?« Achill ließ Odysseus nicht aus den Augen.

»Priamos’ ältester Sohn und Erbe, ein Liebling des Gottes Apoll und Trojas mächtigster Verteidiger.«

»Wie sieht er aus?«

Odysseus zuckte mit den Achseln. »Das weiß ich nicht. Es heißt, er sei großgewachsen, aber das wird ja von den meisten Helden behauptet. Du wirst ihm wahrscheinlich eher begegnen als ich und kannst mir hinterher Bericht erstatten.«

Achill kniff die Brauen zusammen. »Warum sagst du das?«

Odysseus grinste. »Ich glaube, Diomedes wird mir recht geben: Ich bin ein durchaus tüchtiger Soldat, aber mehr nicht. Meine eigentlichen Talente liegen auf anderen Gebieten. Wenn ich Hektor im Kampf gegenüberstünde, käme ich nicht mit guter Nachricht zurück. In deinem Fall wird es anders verlaufen. Du wirst durch seinen Tod höchsten Ruhm erringen.«

Ich fröstelte.

»Mag sein, aber ich sehe keinen Grund, warum ich ihn töten sollte«, entgegnete Achill kühl. »Er hat mir nichts getan.«

Odysseus lachte leise wie über einen Scherz. »Wenn ein Soldat nur solche Gegner töten würde, mit denen er eine persönliche Rechnung offen hat, gäbe es keine Kriege.« Er zog eine Braue in die Stirn. »Keine schlechte Vorstellung. In einer solchen Welt wäre vielleicht ich der Aristos Achaion

Achill antwortete nicht. Er hatte sich abgewandt und schaute über das Wasser. Von der Sonne angestrahlt, schien seine Wange zu glühen. »Du hast mir noch nichts von Agamemnon erzählt«, sagte er.

»Ja, unser mächtiger König von Mykene.« Odysseus lehnte sich zurück. »Der stolze Spross des Hauses von Atreus. Sein Urgroßvater Tantalos war ein Sohn des Zeus. Ich bin sicher, ihr kennt seine Geschichte.«

Jeder wusste um dessen ewige Qualen. Weil er die Macht der Götter verachtete, hatten sie ihn in den tiefsten Abgrund der Unterwelt verbannt, wo er auf ewig Durst und Hunger leiden musste, obwohl Nahrung und Trank stets knapp außerhalb seiner Reichweite waren.

»Ich habe von ihm gehört«, sagte Achill. »Ich wusste allerdings nie, worin sein Vergehen bestand.«

»Nun. In den Tagen von König Tantalos waren unsere Königreiche alle gleich groß und die Könige lebten in Frieden. Tantalos aber wollte sich mit seinem Anteil nicht zufriedengeben und nahm Gebiete der Nachbarn mit Gewalt. Er verdoppelte und verdreifachte seine Besitztümer, konnte aber nicht genug bekommen. Seine Erfolge machten ihn stolz, und nachdem er alle Rivalen übertroffen hatte, legte er sich auch noch mit den Göttern an. Nicht mit Waffen wollte er sie schlagen, sondern mit List hintergehen. Er wollte beweisen, dass die Götter entgegen ihrer Behauptung nicht allwissend sind.

Also rief er seinen Sohn Pelops zu sich und fragte ihn, ob er ihm bei der Zubereitung eines festlichen Mahls helfen wolle. ›Natürlich‹, sagte Pelops, worauf sein Vater lächelnd das Schwert zog und ihm mit einem Hieb die Kehle aufschlitzte. Dann schnitt er dessen Leib in Stücke und briet sie am Spieß über dem Feuer.«

Mir wurde übel bei dem Gedanken an das aufgespießte Fleisch des toten Jungen.

»Anschließend wandte sich Tantalos an seinen Vater Zeus im Olymp. ›Ich habe dir und den Deinen zu Ehren ein Festmahl bereitet. Beeilt euch, das Fleisch ist noch frisch und zart.‹ Die Götter liebten es zu speisen und eilten in Tantalos’ Halle. Dort angekommen, rochen sie den Braten, und Zeus ahnte sogleich, was geschehen war. Er ergriff Tantalos bei den Beinen und schleuderte ihn in den Tartaros, damit er dort auf ewig für seine Tat sühnt.«

Der Himmel war hell, und es wehte ein frischer Wind. Aber im Bann der Geschichte, die Odysseus vortrug, wähnte ich mich an einem Lagerfeuer in tiefer Nacht.

»Zeus setzte die Stücke des Jungen wieder zusammen und hauchte ihm ein zweites Leben ein. Pelops, obwohl noch jung an Jahren, wurde König von Mykene. Er war ein guter König, fromm und weise, hatte aber als Herrscher eine unglückliche Hand. Es heißt, dass nicht nur Tantalos für seine Tat büßen musste, sondern auch sein ganzes Geschlecht, das immer wieder von Gewalt und Katastrophen heimgesucht wurde. Pelops’ Söhne Atreus und Thyestes kamen mit dem Ehrgeiz ihres Großvaters zur Welt und begingen Verbrechen, die so dunkel und blutig waren wie die des Frevlers. Eine Tochter wurde vom Vater missbraucht, ein Sohn gekocht und gegessen, und das alles geschah in bitterer Rivalität um den Thron.

Erst mit Agamemnon und Menelaos wendete sich das Los der Familie. Die Tage der Bürgerkriege waren vorüber, und Mykene blühte unter der Herrschaft Agamemnons auf. Sein Ruhm gründet nicht nur auf seiner Kampfkraft, sondern vor allem auf seiner besonnenen Regentschaft. Wir können uns glücklich schätzen, ihn als Oberbefehlshaber an der Spitze unseres Heers zu wissen.«

Ich hatte gedacht, dass Achill nicht mehr zuhörte. Doch er drehte sich nun um und legte die Stirn in Falten. »Oberbefehlshaber? Ich bin’s, der meinen Truppen voransteht, und kein anderer.«

»Selbstverständlich«, pflichtete ihm Odysseus bei. »Aber wir kämpfen doch alle für dieselbe Sache, nicht wahr? Zwei Dutzend Generäle auf einem Schlachtfeld würden Chaos und Niederlagen hervorrufen.« Er schmunzelte. »Du weißt doch, wie das ist. Am Ende würden wir uns womöglich gegenseitig umbringen und den Feind verschonen. Ein solcher Krieg kann nur dann erfolgreich geführt werden, wenn alle an einem Strang ziehen, oder anders ausgedrückt: wenn sie die ganze Wucht ihrer Streitkraft in einen einzigen Speer legen, anstatt mit tausend Nadeln zu stechen. Du führst die Männer von Phthia, ich meine aus Ithaka, aber es muss jemanden geben, der unsere Kräfte bündelt.« Und als Kompliment fügte er hinzu: »Auch wenn der eine den anderen weit überragt.«

Achill verzog keine Miene. Sein Gesicht lag im Schatten der untergehenden Sonne. »Ich kämpfe aus freien Stücken und werde Agamemnons Rat annehmen, nicht aber seine Befehle. Damit das klar ist.«

Odysseus schüttelte den Kopf. »Die Götter mögen uns vor uns selbst beschützen. Der Kampf hat noch nicht begonnen und wir streiten schon um die Ehren.«

»Du hast mich nicht verstanden –«

Odysseus winkte mit der Hand ab. »Glaub mir, Agamemnon weiß um deinen großen Wert für seine Sache. Er war der Erste, der den Wunsch geäußert hat, dich zu gewinnen. Du wirst in unserem Heer mit so viel Pomp willkommen geheißen, wie du es dir nur wünschen kannst.«

Achill hatte etwas anderes gemeint. Ich war jedoch froh, als jemand übers Deck rief, dass Land in Sicht sei.

Nach dem Abendessen legte sich Achill aufs Bett. »Was hältst du von den Männern, die wir treffen werden?«

»Ich weiß nicht.«

»Zum Glück ist Diomedes nicht mehr in der Nähe.«

Wir hatten ihn im Norden von Euböa zurückgelassen, wo er auf seine Männer aus Argos warten wollte. »Ja, darüber bin ich auch froh«, entgegnete ich. »Ich traue ihnen nicht.«

»Ich nehme an, wir werden früh genug erfahren, wie sie sind«, sagte er.

Es blieb eine Weile still zwischen uns. Es hatte zu regnen angefangen, und wir hörten erste Tropfen auf die Zeltplane fallen.

»Wenn Odysseus recht hat, zieht in der Nacht ein Unwetter auf.«

Ägäische Stürme brachen urplötzlich aus, legten sich aber auch rasch wieder. Unser Schiff war sicher festgemacht, und am Morgen würde der Himmel wahrscheinlich wieder heiter sein.

Achill sah mich an. »Deine Haare sind wohl nicht zu bändigen.« Er berührte meinen Kopf gleich hinterm Ohr. »Habe ich dir eigentlich schon gesagt, wie sehr mir das gefällt?«

Meine Kopfhaut kribbelte unter seinen Fingern. »Nein.«

»Das hätte ich längst tun sollen.« Er fuhr mit der Hand in die Kuhle unter meinem Kehlkopf und erspürte meinen Pulsschlag. »Und wie ist es damit? Habe ich dir schon gesagt, wie ich diese Stelle finde?«

»Nein«, antwortete ich.

Er strich über die Muskeln auf meiner Brust. »Aber dazu werde ich doch wohl schon etwas gesagt haben, oder?«

»Ja.« Ich hielt die Luft an.

»Auch dazu?« Er hatte die Hand auf meine Hüfte gelegt und ließ sie über den Schenkel gleiten. »War davon die Rede?«

»Ja.«

»Und diese Stelle hier werde ich doch bestimmt nicht vergessen haben, oder?« Er schmunzelte. »Sag es.«

»Du hast sie nicht vergessen.«

Seine Hand stand nicht still. »Auch das hier nicht, da bin ich mir sicher.«

Ich schloss die Augen. »Sag es nochmal«, flüsterte ich.

Später liegt Achill neben mir und schläft. Der von Odysseus vorausgesagte Gewittersturm ist gekommen und zerrt mit aller Gewalt an der Leinwand unseres Zelts. Ich höre das Donnern der Brandung am Ufer. Achill rührt sich und mit ihm die Luft, die seinen süßen Duft trägt. Ich denke: Das werde ich missen. Ich denke: Lieber sterbe ich, als das missen zu müssen. Ich denke: Wie viel Zeit bleibt uns noch? 

Sechzehntes Kapitel

Am nächsten Tag erreichten wir Phthia. Die Sonne hatte ihren höchsten Punkt gerade überschritten. Achill und ich standen an der Reling.

»Siehst du das?«

»Was?« Er hatte schärfere Augen als ich.

»Die Küste. Sie sieht sonderbar aus.«

Als wir ihr ein Stück näher kamen, erkannte ich, warum. Auf der Landzunge drängte sich das Volk. Und dann war da dieses Rauschen. Zuerst dachte ich, es rührte von den Wellen her oder dem Schiff, das sie durchschnitt. Doch es wurde mit jedem Ruderschlag lauter, und dann wurde deutlich, dass es Stimmen waren, die immer und immer wieder riefen: Prinz Achill! Aristos Achaion!

Als unser Schiff am Strand auflief, flogen Hunderte von Händen in die Luft, und aus Hunderten von Kehlen schallte Jubel. Alle anderen Geräusche und die Kommandos der Seeleute wurden übertönt. Wir konnten kaum fassen, was wir hörten und sahen.

Es war vielleicht dieser Moment, der unserem Leben die entscheidende Wendung gab. Weder am Pelion noch auf Skyros, sondern hier wurde uns die erhabene Größe Achills bewusst, die man von nun an und bis in alle Ewigkeit an ihm bewunderte. Er war schon jetzt eine Legende, und doch war es erst der Anfang. Er zögerte, und ich ergriff seine Hand, so dass es das Volk nicht sehen konnte. »Geh«, drängte ich ihn. »Sie warten auf dich.«

Unter lautem Hurrageschrei stieg Achill mit zum Gruß erhobenen Armen auf die Laufplanke. Ich fürchtete schon, die Menge würde das Schiff stürmen, doch die Soldaten hielten sie auf Abstand und machten den Weg frei für ihn.

Achill wandte sich mir zu und sagte etwas, was ich zwar nicht hörte, aber trotzdem verstand. Komm mit mir. Ich nickte und folgte ihm. Auf beiden Seiten drängten die Menschen auf die Phalanx der Soldaten ein. Am Ende der Schneise wartete Peleus auf uns. Sein Gesicht war feucht, und er machte keine Anstalten, die Tränen abzuwischen. Er zog Achill an seine Brust, umarmte ihn und ließ ihn so bald nicht wieder los.

»Unser Prinz ist zurückgekehrt!« Seine Stimme klang tiefer, als ich sie in Erinnerung hatte, und übertönte die Menge, die sogleich verstummte.

»Vor euch allen heiße ich meinen geliebten Sohn, den Erben meines Königreichs, von Herzen willkommen. Er wird euch in seiner Herrlichkeit nach Troja führen und im Triumph wieder heimkehren.«

Obwohl die Sonne vom Himmel herabbrannte, durchfuhr mich ein eiskalter Schauer. Er wird nicht heimkehren. Doch das konnte Peleus noch nicht wissen.

»Er, das Kind der Götter, ist zum Mann gereift. Zum Aristos Achaion

Die Soldaten schlugen mit den Schwertern auf ihre Schilde, Frauen kreischten, Männer johlten. Mir fiel auf, dass sich Achill in die Brust warf und den Kopf höher trug als sonst. Er beugte sich zu seinem Vater hin und flüsterte ihm etwas ins Ohr, was ich nicht hörte. Ein Streitwagen wartete auf uns. Wir bestiegen ihn und fuhren, von der Menschenmenge gefolgt, zum Palast.

Dort angekommen, umschwirrten uns Höflinge und Sklaven. Man gab uns zu essen und zu trinken, was wir im Stehen verzehrten, denn bald ging es weiter in den Palasthof, wo zweitausendfünfhundert Männer auf uns warteten. Als sie uns sahen, erhoben sie zum Gruß ihre quadratischen Schilde. Gerade dies war für mich vielleicht das Seltsamste: dass er all diese Männer anführen sollte. Er würde einen jeden bei seinem Namen kennenlernen und seine Geschichte erfahren. Er gehört nicht mehr mir allein.

Ob er nervös war, konnte selbst ich nicht erkennen. Ich sah, wie er sie begrüßte und Worte sagte, die bewirkten, dass alle die Schultern strafften. Sie glänzten und bestaunten ihren sagenhaften Prinzen, seine leuchtenden Haare, die tödlichen Hände und flinken Füße. Sie neigten sich ihm zu wie Blumen der Sonne und weideten sich an seinem Glanz. Es war, wie Odysseus vorhergesagt hatte. Seine Strahlkraft würde aus ihnen allen Helden machen.

Wir waren fortan nicht mehr allein. Ständig wurde nach ihm verlangt. Er sollte dies und jenes in Augenschein nehmen, in Sachen Proviant entscheiden und die Einberufungslisten absegnen, und es galt, zahllose Fragen zu beantworten. Er versuchte, all diesen Dingen gerecht zu werden, und verkündete schließlich: »Was sonst noch zur Vorbereitung des Feldzugs zu tun ist, überlasse ich den erfahrenen Händen von Phoinix, dem Berater meines Vaters.« Ich hörte eine Sklavin hinter mir seufzen. Sie war hübsch und anmutig.

Ihm war klar, dass ich hier wenig ausrichten konnte. Ich sah es seiner Miene an, wenn er mich anschaute. Er stellte sicher, dass auch ich die Tafeln und Pläne sehen konnte, und fragte mich häufig nach meiner Meinung. Dennoch fühlte ich mich zurückgesetzt und ließ es ihn spüren.

Für mich gab es kein Entrinnen. Durch alle Fenster drangen die Geräusche der Soldaten, die große Worte machten, exerzierten und die Speerspitzen schärften. Sie nannten sich jetzt Myrmidonen, Ameisenmänner, womit sie eine alte Ehrenbezeichnung aufgriffen. Auch das musste mir Achill erklären: Den Legenden nach hatte Zeus die Phthianer aus Ameisen erschaffen. Ich sah sie marschieren, in Reih und Glied und voller Angriffslust. Ich hörte, wie sie von reicher Beute träumten, die sie im Triumph nach Hause bringen wollten. Für uns gab es solche Träume nicht.

Ich sonderte mich ab und ließ mich, wenn er mit seinem Gefolge von einer Versammlung zur anderen eilte, unter irgendwelchen Vorwänden zurückfallen. Sie bemerkten es nicht, wenn ich stehen blieb und mich an meinen Sandalen zu schaffen machte oder am Bein kratzte. Und während sie um die nächste Ecke bogen, schlug ich eine andere Richtung ein, kehrte in unsere leere Kammer zurück und war froh, allein zu sein. Dort legte ich mich auf den steinernen Boden und machte die Augen zu, gequält von Vorstellungen, wie es mit ihm enden mochte, zu Fall gebracht durch ein Schwert oder eine Lanze, zerschmettert von einem Streitwagen, blutend, bis ihm das Herz stillstehen würde.

In der zweiten Woche fragte ich ihn eines Nachts, als wir schläfrig beieinanderlagen:

»Wirst du deinen Vater einweihen? In die Prophezeiung?« Die Worte klangen laut in der mitternächtlichen Stille. Er ließ sich mit der Antwort Zeit.

»Nein, ich glaube nicht, dass ich es ihm sage.«

»Nie?«

Er schüttelte kaum wahrnehmbar den Kopf. »Was würde das ändern? Es würde ihn nur tief betrüben.«

»Und was ist mit deiner Mutter? Wird sie es ihm nicht sagen?«

»Nein«, antwortete er. »Am letzten Tag auf Skyros habe ich sie gebeten, mir unter anderem zu versprechen, dass sie ihm nichts sagt.«

Ich krauste die Stirn. Davon hörte ich zum ersten Mal. »Und worum hast du sie noch gebeten?«

Er zögerte. Doch wir sagten uns immer die Wahrheit, hatten es stets getan. »Ich habe sie gebeten, dich zu beschützen«, antwortete er. »Danach.«

Ich starrte ihn an. Mein Mund war wie ausgetrocknet. »Was hat sie darauf erwidert?«

Wieder Stille. Dann, so leise, dass ich mir vorstellen konnte, wie sich Schamesröte auf seinen Wangen ausbreitete, sagte er: »Sie hat mir diese Bitte ausgeschlagen.«

Als er schließlich eingeschlafen war, lag ich noch lange wach, schaute durch das Fenster zu den Sternen und dachte darüber nach. Dass er sie um meinen Schutz gebeten hatte, versöhnte mich ein wenig und vertrieb die Kälte des Tages, wenn er überall gebraucht wurde und ich nicht.

Über die Antwort der Göttin machte ich mir keine Gedanken. Sie war mir einerlei, und ich hatte ohnehin nicht vor, am Leben festzuhalten, wenn er gegangen sein würde.

Drei Wochen verstrichen – drei Wochen, die nötig waren, um Soldaten zu mustern, eine Flotte auszurüsten und Verpflegung zu laden, die für die Dauer des Feldzugs ausreichen würde, vielleicht ein oder zwei Jahre. Belagerungen dauerten stets sehr lang.

Peleus bestand darauf, dass Achill nur das Beste bekam, und zahlte ein kleines Vermögen für Rüstzeug, so viel, dass sich sechs Männer damit hätten wappnen können: aus Bronze getriebene Brustpanzer, verziert mit eingravierten Löwengestalten und der Darstellung eines auffliegenden Phönix, lederne Beinschienen mit goldenen Bändern, Helme, auf denen Büschel aus Pferdehaaren steckten, ein aus Silber geschmiedetes Schwert, Dutzende von Speerspitzen und zwei leichte Streitwagen, dazu vier Pferde, einschließlich der beiden, die Peleus von den Göttern zu seiner Vermählung geschenkt bekommen hatte, zwei feurige Hengste mit Namen Xanthos und Balios, »der Blonde« und »der Gescheckte«. Sie verdrehten die Augen, wenn sie nicht frei laufen konnten. Er gab uns auch einen Wagenlenker an die Hand, einen Burschen, der jünger war als wir, aber kräftig gebaut und geschickt im Umgang mit Pferden. Automedon war sein Name.

Zuletzt bekam er einen langen Speer, aus dem Schössling einer Esche geschnitzt und so gründlich poliert, dass er wie eine graue Flamme leuchtete. Von Cheiron, erklärte Peleus, als er ihn seinem Sohn übergab. Wir beugten uns darüber und betasteten seine Oberfläche, um wenigstens auf diese Weise dem Zentauren nahe zu sein. Es war ein Prachtstück, an dem er, trotz seiner großen Fingerfertigkeit, Wochen gearbeitet haben musste. Wahrscheinlich hatte er gleich nach unserem Aufbruch damit begonnen. Wusste er, welches Schicksal Achill beschieden war? Ahnte er etwas von der Prophezeiung, wenn er sinnierend in seiner Quarzhöhle lag? Er hatte schon so manchen jungen Mann in Musik und Medizin unterrichtet und wusste aus bitterer Erfahrung, dass seine Schüler später in den Krieg geschickt wurden.

Dieser wunderschöne Speer war jedoch nicht aus Bitterkeit entstanden, sondern aus Liebe. Keine andere Hand als die von Achill konnte ihn führen, und wenn auch die Spitze tödlich scharf war, glitt der Schaft unter unseren Fingern hinweg wie der schlanke, geölte Holm einer Leier.

Der Tag der Abreise stand unmittelbar bevor. Unser Schiff war eine Schönheit, prächtiger noch als das von Odysseus, schlank und schnittig wie ein Messer. Es lag schwer beladen tief im Wasser.

Und das war nur das Flaggschiff. Zur Flotte zählten nicht weniger als neunundvierzig weitere Boote, die wie eine schwimmende Stadt aus Holz im Hafen von Phthia lagen. Die Bugspriete waren ein Bestiarium aus Tieren und Nymphen und Zwitterwesen, die Masten so hoch wie die Bäume, aus denen man sie gefertigt hatte. Im Vorschiff eines jeden dieser Boote stand ein frisch bestallter Kapitän und salutierte, als wir die Rampe zu unserem Segler bestiegen.

Achill ging voran. Sein purpurner Mantel flatterte im Wind. Ihm folgten Phoinix und ich, der den Alten stützte. Das Volk jubelte uns zu, und unsere Soldaten nahmen auf den Decks ihrer Boote Aufstellung. Viele gute Wünsche wurden uns zugerufen, Ruhm und reiche Beute aus Priamos’ Schatzkammern in Aussicht gestellt.

Peleus stand am Ufer und winkte zum Abschied. Achill hatte ihm nichts von der Prophezeiung gesagt, ihn nur in die Arme genommen und fest an sich gedrückt. Auch ich hatte ihn umarmt und seine ausgezehrten, schwachen Glieder dabei gespürt. So, dachte ich, würde sich Achill im Alter anfühlen, doch dann erinnerte ich mich wieder: Er wird nie alt sein.

Die frisch kalfaterten Planken klebten noch. Wir lehnten uns über die Reling, pressten unsere Bäuche an den von der Sonne gewärmten Handlauf und winkten ein letztes Mal. Anker wurden gelichtet, Segel gehisst. Die Seeleute setzten sich an die Ruder, die wie Augenwimpern aus den Bootsrümpfen ragten. Trommeln fingen zu schlagen an, worauf sich die Ruder in Bewegung setzten, um uns nach Troja zu bringen. 

Siebzehntes Kapitel

Zuerst ging es nach Aulis, jene wie ein Finger ins Meer hinausgestreckte Landzunge, an der sich, wie es Agamemnon wollte, die gesamten Streitkräfte versammeln sollten, vielleicht zum machtvollen Zeichen der Entschlossenheit des erzürnten Griechenlands.

Nach fünftägiger Reise durch das raue Gewässer vor der Küste Euböas tauchte das Zwischenziel vor uns auf, so plötzlich, als hätte sich ein Vorhang geöffnet. Unzählige Schiffe in allen Größen, Farben und Formen lagen vor Anker, Tausende und Abertausende von Männern bevölkerten den Strand. Die Zeltstadt im Hintergrund erstreckte sich bis zum Horizont. Über den Pavillons der Könige wehten bunte Fahnen. Unsere Männer legten sich in die Riemen und steuerten auf jene letzte Stelle am überfüllten Ufer zu, die gerade groß genug war für unsere fünfzig Boote.

Hörner erschallten, als sie vor Anker gegangen waren. Die Myrmidonen wateten durchs Wasser zum Strand, zweitausendfünfhundert Männer in weißen, fliegenden Gewändern, die auf ein Zeichen hin wie aus einer Kehle den Namen des Prinzen riefen. Achill! Alle, die schon dort waren, Männer aus Sparta, Argos und Mykene, reckten die Köpfe. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Achill ist gekommen.

Als unsere Männer die Lauframpe senkten, sahen wir sie kommen: Fürsten und deren Waffenträger. Ich konnte die einzelnen Gesichter nicht erkennen, wohl aber ihre Banner: das gelbe von Odysseus, das blaue von Diomedes und schließlich das hellste und größte, auf dem ein purpurroter Löwe abgebildet war, das Symbol von Agamemnon und Mykene.

Achill warf mir einen Blick zu und holte tief Luft. Die Verabschiedung in Phthia war nichts im Vergleich zu diesem Empfang. Ich sah, wie er seine Schultern straffte. Seine grünen Augen blitzten. Er bestieg die Lauframpe und blieb auf der höchsten Stufe stehen. Die Myrmidonen verstummten. Mitstreiter aus anderen Verbänden hatten sich zu ihnen gesellt. Ein breitschultriger Schiffsführer legte die Hände zu einem Trichter vor den Mund und rief: »Prinz Achill, Sohn des Königs Peleus und der Göttin Thetis. Aristos Achaion!«

Wie zur Antwort riss die Wolkendecke auf. Gleißende Sonnenstrahlen fielen auf Achill und verwandelten seine hellen Haare in goldenes Feuer. Er wirkte mit einem Mal größer und stattlicher. Sein Gewand, zerknittert von der Reise, schien sich zu glätten und leuchtete so weiß und rein wie ein Segel.

Jubelstürme erfüllten die Luft. Thetis, dachte ich. Es konnte nicht anders sein. Sie ließ ihren Sohn in seiner Göttlichkeit und seinem Ruhm erstrahlen.

Ich sah, wie ein Lächeln seine Mundwinkel umspielte, er genoss es. Später erzählte er mir, dass er von diesem Empfang überrascht worden sei. Doch er stellte ihn nicht in Frage. Es schien, dass er ihn im Nachhinein als durchaus angemessen erachtete.

Die Menge öffnete ihm eine Gasse hin zu den versammelten Fürsten. Jeder ankommende Prinz hatte sich vor ihnen und dem neuen Oberbefehlshaber zu melden. Nun war Achill an der Reihe. Er verließ das Schiff, passierte das Spalier rempelnder Männer und blieb drei oder vier Schritte vor den Königen stehen. Ich hielt Abstand.

Agamemnon wartete auf uns. Seine Nase war scharf und gebogen wie ein Adlerschnabel, die Augen glitzerten hellwach und gierig. Mit seiner breiten Brust und den stämmigen Beinen wirkte er überaus kraftvoll, aber auch abgekämpft. Wir wussten, dass er vierzig Jahre alt war, doch er sah älter aus. Auf seiner rechten, der Ehrenseite standen Odysseus und Diomedes, links von ihm sein Bruder Menelaos, der König von Sparta und Anlass des Krieges. Seine roten Haare, die mir aus Tyndareos’ Halle in Erinnerung geblieben waren, hatten einen grauen Schimmer angenommen. Er war so groß und grobschlächtig wie sein Bruder und hatte Schultern so breit wie ein Ochsenjoch. Das Familienerbe, die dunklen Augen und die Hakennase, hatten bei ihm einen weicheren, gemäßigteren Anschein. Sein Gesicht wirkte im Unterschied zu dem des Bruders heiter und angenehm.

Von den anderen Königen erkannte ich nur einen wieder, nämlich Nestor. Er war ein alter Mann mit einem schütteren weißen Kinnbart und scharfen Augen in einem welken Gesicht. Es hieß, dass er der älteste lebende Mensch sei und zahllose Schlachten und Gefechte überlebt hatte. Er herrschte über Pylos, einen kargen Landstrich, und hielt stur an seinem Thron fest zur Enttäuschung Dutzender Söhne, die immer älter wurden, während er, der für seine nicht versiegende Manneskraft berühmt war, stets weitere Kinder zeugte. Zwei seiner Söhne hielten ihn gestützt und drängten andere, die vor ihnen standen, beiseite. Der Alte begaffte uns mit offenem Mund und schien an dem, was er sah, Gefallen zu finden.

Agamemnon trat vor. Er hieß uns, indem er die Arme öffnete, willkommen und wartete auf ein Zeichen der Ehrerbietung, darauf, dass Achill niederkniete und sich verbeugte.

Doch Achill tat nicht, was von ihm erwartet wurde. Weder kniete er nieder, noch verbeugte er sich oder bot dem König ein Geschenk an. Er stand einfach nur aufrecht da mit stolz erhobenem Kinn.

Agamemnon biss die Zähne aufeinander. Er sah lächerlich aus mit seinen ausgestreckten Armen und schien sich dessen bewusst zu sein. Mein Blick streifte Odysseus und Diomedes, die sichtlich verstört reagierten. Eine bedrohliche Stille machte sich breit.

Meine Hände verkrampften sich hinter meinem Rücken, während ich Achills verwegenen Auftritt beobachtete. Seine Miene war wie versteinert, eine stumme Drohung, mit der er den König von Mykene wissen ließ: Du kommandierst mich nicht. Die Stille setzte sich fort, qualvoll und atemlos, wie bei einem Sänger, dem die Luft ausgegangen war.

Odysseus trat vor und wollte das Wort ergreifen, als Achill endlich sprach. »Ich bin Achill, Sohn des Peleus und von göttlicher Geburt, der beste aller Griechen«, sagte er. »Ich bin gekommen, um den Sieg für dich zu erringen.« Es wurde wieder für eine Weile still, doch plötzlich brach Jubel aus. Stolz kam über uns – Helden waren schließlich nie bescheiden.

Agamemnon zeigte keine Regung. Odysseus war nun zur Stelle. Er legte seine Hand auf Achills Schulter, krallte die Finger in sein Gewand und sagte mit ruhiger Stimme: »Agamemnon, Herr der Menschen, wir haben Prinz Achill gebracht, der dir Treue schwört.« Er warnte Achill mit seinem Blick – noch ist es nicht zu spät. Doch Achill lächelte bloß und trat einen Schritt vor, um Odysseus’ Hand abzuschütteln.

»Ich bin aus freien Stücken gekommen und biete dir meine Unterstützung an«, sagte er laut. Dann wandte er sich der Menge zu: »Es ehrt mich, an der Seite so vieler edler Krieger zu kämpfen.«

Wieder wurde gejubelt, laut und ausdauernd. Schließlich ergriff Agamemnon das Wort. Es war ihm anzumerken, dass er nur mit Mühe Fassung bewahrte.

»In der Tat, ich habe das beste Heer der Welt und heiße dich, junger Prinz von Phthia, willkommen.« Ein verschlagenes Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit. »Bedauerlich nur, dass du so lange hast auf dich warten lassen.«

Achill verstand die Anspielung, hatte aber keine Gelegenheit zu einer Entgegnung, denn Agamemnon redete weiter und übertönte alles. »Männer von Griechenland, wir haben schon viel zu viel Zeit verstreichen lassen. Morgen werden wir aufbrechen und gen Troja segeln. Sucht jetzt eure Lager auf und macht euch bereit.« Er wandte sich ab und ging zum Strand.

Ihm folgten seine engsten Vertrauten – Odysseus, Diomedes, Nestor, Menelaos und weitere. Sie zogen sich auf ihre Schiffe zurück, während andere Heeresführer verweilten, um den neuen Helden zu begrüßen, allen voran der Thessaler Eurypylos, Antilochos von Pylos und Meriones von Kreta sowie Podaleirios, der Arzt. Darüber hinaus Männer, die, gelockt vom winkenden Ruhm oder gebunden durch ihren Eid, aus allen Teilen Griechenlands zusammengekommen waren. Viele lagerten hier schon seit Monaten und waren es leid zu warten. Schmunzelnd gab mancher zu verstehen, dass nach all der Langeweile Achill mit seinem Auftritt für eine willkommene Abwechslung gesorgt habe, zumal sie auf Kosten gegangen sei von –.

»Prinz Achill«, unterbrach Phoinix. »Ich hoffe, ich störe nicht. Aber es wird dich gewiss interessieren, dass du jetzt dein Lager beziehen kannst.« In seiner Stimme schwang Missfallen mit.

»Danke, mein guter Phoinix«, entgegnete Achill. »Wenn ihr uns bitte entschuldigt –.«

Ja, ja, natürlich entschuldigten sie ihn. Es werde schließlich noch weitere Gelegenheit geben, miteinander zu plaudern. Und sie versprachen, beim nächsten Treffen ihre besten Weine auszuschenken. Achill schüttelte ihnen die Hände und versprach, sie bald wiederzusehen.

Die Myrmidonen schwirrten im Lager umher und schleppten Gepäckstücke und Proviant, Stangen und Leinwände. Aus dem Gedränge tauchte plötzlich ein Mann auf, der an seiner Tracht als Bote von Menelaos zu erkennen war. Sein Herr könne nicht persönlich erscheinen, bedauerte er, und habe ihn geschickt, um uns zu begrüßen. Achill und ich schauten einander an. Menelaos war offenbar ein kluger Diplomat. Wir hatten seinen Bruder verärgert, weshalb er nicht selbst zu uns gekommen war, und doch wollte er den besten aller Griechen willkommen heißen. »Ein Mann, der auf beiden Seiten steht«, flüsterte ich Achill zu.

»Einer, der es sich nicht leisten kann, mich zu verprellen, wenn er denn will, dass seine Frau zurückkehrt«, flüsterte er zur Antwort.

Ob er uns herumführen dürfe, fragte der Bote. Wir nahmen sein Angebot an.

Das Heerlager war ein großes Durcheinander und voller Bewegung. Überall flatterten Fahnen, zum Trocknen aufgehängte Wäsche und Zeltbahnen. Tausende von Männern wimmelten umher. Jene Truppen, die als erste eingetroffen waren, hatten sogar eine Agora samt Altar und provisorisch aufgebautem Podium eingerichtet. Und natürlich Latrinen – lange ausgehobene Gräben, aus denen ein schrecklicher Gestank aufstieg.

An allen Ecken und Enden beobachtete man uns. Ich hielt meinen Blick auf Achill gerichtet für den Fall, dass Thetis ihn wieder in göttliches Licht tauchte, seine Haare aufleuchten und seine Statur noch kräftiger erscheinen ließ. Aber dazu kam es nicht. Jedenfalls bemerkte ich es nicht. Ich sah nur seine natürliche Anmut, und auch die war auf ihre schlichtere Weise herrlich. Er winkte den Männern zu, die auf ihn starrten, lächelte und grüßte im Vorübergehen. Ich hörte die in Bärte und hinter vorgehaltenen schwieligen Händen geflüsterten Worte: Aristos Achaion. War er wirklich so wie von Odysseus und Diomedes beschrieben? Konnte man glauben, dass diese schlanke Gestalt den Trojanern trotzen würde? War es möglich, dass ein Siebzehnjähriger tatsächlich ihr größter Krieger war? Ich sah die Fragen auf ihren Gesichtern und auch die Antworten. Ja, nickten sie einander zu, ja. 

Achtzehntes Kapitel

Keuchend schreckte ich in dieser Nacht aus meinen Träumen auf. Ich war schweißgebadet und litt unter der drückenden Hitze im Zelt. Achill lag neben mir und schlief. Seine Haut war so feucht wie meine.

Ich verließ das Zelt in der Hoffnung auf eine kühle Brise vom Meer. Aber auch dort war die Luft schwer und schwül. Und es war sonderbar still. Nichts rührte sich, nirgends flatterte eine Zeltbahn oder klirrte Rüstzeug. Sogar das Meer stand still. Keine Welle schwappte ans Ufer, und die Wasseroberfläche schimmerte wie ein polierter Bronzespiegel.

Erst jetzt fiel mir auf, dass kein Wind wehte. Daher rührte diese sonderbare Stille. Nicht das geringste Lüftchen regte sich. Wenn das so bleibt, werden wir morgen nicht auslaufen können, dachte ich.

Ich wusch mein Gesicht mit kühlendem Wasser, kehrte zu Achill zurück und versuchte zu schlafen.

Am frühen Morgen erwache ich in einer Lache aus Schweiß. Meine Haut fühlt sich wie gesotten an. Dankbar trinke ich das Wasser, das uns Automedon bringt. Achill öffnet die Augen und fährt mit der Hand über die nasse Stirn. Er kneift die Brauen zusammen, geht nach draußen und kommt zurück.

»Kein Wind.«

Ich stimme ihm kopfnickend zu.

»Wir können heute nicht fahren.« Unsere Ruderknechte sind kräftig, aber selbst sie schaffen es nicht, einen ganzen Tag lang an den Riemen durchzuhalten. Wir brauchen Wind, um nach Troja zu gelangen.

Er bleibt aus. Und das nicht nur an diesem Tag, sondern auch am folgenden. Agamemnon ist gezwungen, auf der Agora zu verkünden, dass es zu einer weiteren Verzögerung kommt. Sobald die Winde wieder auffrischen, werden wir aufbrechen, verspricht er uns.

Aber sie frischen nicht wieder auf. Stattdessen herrscht unerbittliche Hitze. Die Luft fühlt sich an wie Feuershauch, der unsere Lungen ausdörrt. Der Sand wird zu glühenden Kohlen. Die Stimmung kippt, es kommt zu Schlägereien. Achill und ich verbringen die meiste Zeit im Wasser, um uns ein wenig Kühlung zu verschaffen.

Die Tage ziehen ins Land, unsere Sorgen nehmen zu. Zwei Wochen ohne Wind sind nicht natürlich, doch Agamemnon unternimmt nichts. Schließlich sagt Achill: »Ich werde mit meiner Mutter sprechen.« Mir bleibt nichts anderes übrig, als schwitzend im Zelt auf ihn zu warten. Als er zurückkehrt, erklärt er: »Es sind die Götter.« Aber seine Mutter will nicht – oder kann nicht – sagen, wer genau.

Wir gehen zu Agamemnon. Er hat Hitzeflecken im Gesicht und ist voller Wut – auf das Wetter, sein unruhiges Heer und auf alle, die ihm Ratschläge zu erteilen versuchen. »Du weißt, meine Mutter ist eine Göttin.«

Agamemnon schnaubt. Odysseus legt ihm eine beruhigende Hand auf die Schulter.

»Sie sagt, dass kein Wind weht, sei ein Zeichen der Götter.«

Agamemnon will es nicht hören. Er blickt finster drein und entlässt uns.

Ein Monat vergeht, ein Monat fiebernden Schlafs und drückend heißer Tage. Die Gesichter der Männer sind vom Zorn gezeichnet, aber es kommt zu keinen Schlägereien mehr – dafür ist es zu heiß. Sie liegen im Schatten herum und hassen einander.

Noch ein Monat vergeht. Ich fürchte, wir werden alle wahnsinnig und ersticken an der reglosen Luft. Wie lange kann das so noch weitergehen? Es ist schrecklich: der grelle Himmel, der uns niederdrückt, die Hitze, die uns den Atem nimmt. Selbst wir, Achill und ich, allein in unserem Zelt und bemüht, uns mit Spielen die Zeit zu vertreiben, fühlen uns ohnmächtig und ausgeliefert. Wann wird es enden?

Endlich kommt Nachricht. Agamemnon hat mit dem Priester Kalchas gesprochen. Kalchas ist ein kleiner Mann mit einem braunen Bart voller Lücken, ein hässlicher Kerl mit einem Gesicht so spitz wie das eines Wiesels. Bevor er spricht, fährt er sich pausenlos mit der Zunge über die Lippen. Noch unangenehmer sind seine hellblauen, stechenden Augen. Man schreckt unwillkürlich vor ihnen zurück. Er ist eine Missgeburt und kann von Glück reden, dass er nicht schon als Säugling getötet wurde.

Kalchas glaubt, die Göttin Artemis fühle sich von uns beleidigt. Aus welchem Anlass, sagt er nicht. Dafür rät er uns das Übliche, nämlich ein Opfer darzubringen. Tiere werden ausgewählt und Honigwein angesetzt. Während der nächsten Lagebesprechung verkündet Agamemnon, dass er seine Tochter eingeladen hat, die Opferriten durchzuführen. Sie ist eine Priesterin der Artemis und die jüngste Frau, die je mit diesem Amt betraut wurde. Vielleicht kann sie die zürnende Göttin beschwichtigen.

Dann erfahren wir, dass seine Tochter nicht nur zur Durchführung der Zeremonie aus Mykene zu uns kommt, sondern auch, um einen der Könige zu heiraten. Vermählungen verheißen Glück; sie stimmen die Götter gnädig. Vielleicht wird das helfen.

Agamemnon ruft Achill und mich in sein Zelt. Seine Haut ist faltig und sein Gesicht geschwollen, man sieht ihm an, dass er nächtelang nicht geschlafen hat. Neben ihm sitzt Odysseus, entspannt und anscheinend unbeeindruckt wie immer.

Agamemnon räuspert sich. »Prinz Achill. Ich habe dich rufen lassen, weil ich dir etwas vorschlagen möchte. Vielleicht weißt du, dass –« Er stockt und räuspert sich erneut. »Ich habe eine Tochter, Iphigenie. Ich würde sie dir gern zur Frau geben.«

Wir starren ihn an. Achill öffnet seinen Mund und schließt ihn wieder.

Odysseus schaltet sich ein: »Agamemnon erweist dir damit eine große Ehre, Prinz von Phthia.«

»Das weiß ich zu schätzen«, stammelt Achill. Selten war er so in Verlegenheit. Er wirft einen Blick auf Odysseus, und ich ahne, was er denkt: Was ist mit Deidameia? Achill ist bereits verheiratet, was Odysseus sehr wohl weiß.

Doch der König von Ithaka deutet ein kaum merkliches Kopfnicken an, das Agamemnon nicht bemerkt. Wir sollen so tun, als gäbe es die Prinzessin von Skyros nicht.

»Dein Vorschlag ehrt mich«, sagt Achill zögerlich. Sein Blick streift meinen.

Odysseus entgeht es nicht. »Leider werdet ihr nur eine Nacht miteinander verbringen können, da sie gleich wieder abreisen muss. Aber natürlich kann in einer Nacht sehr viel passieren.« Er schmunzelt. Als Einziger.

»Ich glaube, eine Vermählung wäre genau das Richtige.« Agamemnons Worte kommen schleppend. »Für unsere Familien und für alle Menschen.« Er vermeidet es, uns anzusehen.

Achill wartet auf meine Reaktion. Er wird nein sagen, wenn ich es wünsche. Mich beschleicht Eifersucht, aber nur ein wenig. Es ist nur für eine Nacht, denke ich. Er gewinnt dadurch an Rang und Namen und kann mit Agamemnon Frieden schließen. Sonst hat es nichts zu bedeuten. Nun nicke auch ich kaum merklich.

Achill streckt die Hand aus. »Ich nehme deinen Vorschlag an, Agamemnon, und bin stolz darauf, dich zum Schwiegervater zu haben.«

Agamemnon schlägt ein. Ich schaue ihm in die Augen. Sie sind kalt und fast traurig. Später werde ich mich daran erinnern.

Er räuspert sich ein drittes Mal. »Iphigenie«, sagt er, »ist ein gutes Mädchen.«

»Daran zweifle ich nicht«, entgegnet Achill. »Ich werde mich als ihr Gatte glücklich schätzen dürfen.«

Agamemnon nickt und entlässt uns. Iphigenie. Ein anmutiger Name, der wie Ziegenhufe auf Felsen klingt, beschwingt und heiter.

Ein paar Tage später traf sie im Lager ein, begleitet von einer Eskorte streng dreinblickender Mykener, die für den Krieg zu alt waren. Als ihr Wagen über die steinerne Rampe holperte, strömte eine Unmenge von Soldaten herbei. Sie hatten schon wochenlang keine Frau mehr gesehen und weideten sich an ihrem Anblick, dem schlanken Hals, den blanken Fesseln und den zierlichen Händen, mit denen sie ihr Brautgewand glatt strich. Ihre braunen Augen leuchteten vor Begeisterung. Sie war gekommen, um den besten aller Griechen zu heiraten.

Die feierliche Vermählung sollte vor dem Altar auf der Agora stattfinden. Der Wagen rollte herbei, durch die Gasse gaffender Männer. Agamemnon stand auf dem Podest, flankiert von Odysseus und Diomedes. Auch Kalchas war anwesend. Achill wartete, wie es sich für den Bräutigam gehörte, am Rand des Podiums.

Iphigenie verließ ihren Wagen und bestieg das Podest. Sie war sehr jung, noch keine vierzehn, und obwohl sie eine priesterlich würdevolle Haltung annahm, verriet sie kindlichen Eifer. Sie warf sich ihrem Vater an die Brust und fuhr ihm mit den Händen durch die Haare, flüsterte ihm etwas zu und lachte. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen, wohl aber seine Hände, die sich um die schlanken Schultern der Tochter zu klammern schienen.

Odysseus und Diomedes traten lächelnd vor und verbeugten sich. Sie nahm ihren Gruß anmutig entgegen, zeigte sich aber ungeduldig und suchte mit ihren Blicken den versprochenen Gemahl. Er war leicht auszumachen an seinen golden glänzenden Haaren. Sie lächelte angetan von dem, was sie sah.

Als sich ihre Blicke begegneten, trat Achill auf sie zu. Er stand jetzt unmittelbar am Rand des Podests, nur eine Armeslänge von ihr entfernt. Ich sah, wie er zögernd seine Hände ausstreckte, um ihre zu berühren, die wie Elfenbein schimmerten.

Plötzlich geriet das Mädchen ins Wanken. Ich erinnere mich an Achills verstörten Ausdruck und seinen Versuch, sie zu stützen.

Doch sie stürzte nicht. Sie wurde weggezerrt, zum Altar vor ihr. Diomedes war, von niemandem bemerkt, nach vorn gesprungen. Er hatte sie ergriffen, hielt seine wuchtige Hand auf ihre zarten Schlüsselbeine gepresst und zwang sie auf den Opferstein. Sie war zu entsetzt, um sich zu wehren, und schien nicht zu wissen, wie ihr geschah. Agamemnon zog etwas hinter seinem Gürtel hervor. Es blitzte, vom Sonnenlicht getroffen, als er es in die Höhe hob.

Die Messerspitze durchstach ihren Hals. Blut spritzte und strömte über den Altar. Würgend versuchte sie zu sprechen, brachte aber keinen Laut hervor. Sie wand sich unter den Qualen und zuckte am ganzen Körper, doch die Hände des Königs hielten sie gepackt. Ihr Widerstand wurde schwächer, bis sie sich schließlich nicht mehr rührte.

Agamemnons Hände waren voller Blut. Er sprach in die Stille hinein: »Der Göttin ist nun Genüge getan.«

Die Luft schmeckte nach Eisen und Salz. Todesgeruch breitete sich aus. Menschen zu opfern war eine Abscheulichkeit und als solche schon lange aus unseren Ländern verbannt. Doch er hatte seine eigene Tochter geopfert. Wir waren entsetzt, voller Wut und Gewaltbereitschaft.

Ehe wir uns jedoch besinnen konnten, streifte etwas unsere Wangen. Wir hielten inne. Da war er wieder, sanft und kühl und mit dem Duft des Meeres erfüllt. Ein Raunen ging durch die Menschenmenge. Wind. Der Wind frischt auf. Die allgemeine Anspannung löste sich. Der Göttin ist Genüge getan.

Achill stand wie angewurzelt auf dem Podest. Ich nahm ihn beim Arm und führte ihn durch die Menge zu unserem Zelt. Er schaute mit wilden Blicken umher, das bleiche Gesicht blutbespritzt. Ich versuchte, es mit einem Tuch zu säubern, doch er hielt meine Hand fest. »Ich hätte sie aufhalten können«, sagte er mit heiserer Stimme. »Ich war nahe genug und hätte sie retten können.«

Ich schüttelte den Kopf. »Damit konnte niemand rechnen.«

Er vergrub das Gesicht in den Händen und schwieg. Ich nahm ihn in die Arme und flüsterte Worte, von denen ich hoffte, dass sie ihn trösteten.

Nachdem er seine Hände gewaschen und die Kleider gewechselt hatte, rief Agamemnon uns auf die Agora zurück. Artemis, sagte er, sei mit unseren Kriegsplänen nicht einverstanden gewesen und habe eine Art Vorauszahlung gefordert. Tieropfer seien diesmal nicht genug. Sie habe Menschenblut gegen Menschenblut verlangt, eine jungfräuliche Priesterin, und als solche sei nur die älteste Tochter des Anführers in Frage gekommen.

Er behauptete, Iphigenie sei darüber aufgeklärt worden und habe sich freiwillig ihrem Schicksal gefügt. Die meisten Männer hatten aus der Entfernung das Entsetzen in ihren Augen nicht sehen können. Sie glaubten den Worten ihres Anführers gern.

Auf Scheiten von Zypressenholz, geschlagen aus dem Baum unserer finstersten Götter, wurde ihr Leichnam noch in derselben Nacht verbrannt. Agamemnon bewilligte zur Feier hundert Fässer Wein. In unser Zelt zurückgekehrt, schlief Achill, erschöpft, wie er war, mit dem Kopf auf meinem Schoß ein. Ich streichelte seine Stirn und sah sein Gesicht im Traum zucken. In der Ecke lag sein von Blut besudelter Leibrock, bei seinem Anblick schnürte sich mir die Kehle zu. Vorsichtig hob ich seinen Kopf von meinem Schoß und stand auf.

Draußen betranken sich die Männer und sangen grölend. Am Strand brannte noch das Zypressenfeuer, geschürt vom Wind. Ich durchquerte das Lager mit einem festen Ziel vor Augen.

Die Wachen vor seinem Zelt lagen am Boden und dösten vor sich hin. Einer der Männer schreckte auf und fragte: »Wer bist du?« Ich ging an ihm vorbei und stieß die Einstiegsplane des Zelts beiseite.

Odysseus drehte sich um. Er stand vor einem kleinen Tisch, den Finger auf eine Karte gelegt. Auf dem Teller daneben befanden sich noch Essensreste.

»Willkommen Patroklos. Schon gut, ich kenne ihn«, fügte er mit Blick auf den Wachposten hinzu, der mich zurückzuhalten versuchte. Er wartete, bis der Mann gegangen war. »Ich habe mir gedacht, dass du vielleicht kommst.«

Ich gab einen verächtlichen Laut von mir. »Das kann man immer sagen.«

Er schmunzelte. »Nimm irgendwo Platz. Ich habe noch nicht zu Ende gegessen.«

»Du hast den Mord an ihr zugelassen.« Ich spuckte die Worte aus.

Er rückte sich einen Stuhl zurecht. »Glaubst du etwa, ich hätte es verhindern können?«

»Du hättest es verhindert, wenn es deine Tochter gewesen wäre.« Ich blickte ihn mit wütend funkelnden Augen an.

»Ich habe keine Tochter.« Er riss einen Brocken vom Brotlaib ab, tunkte ihn in die Soße und aß.

»Und was, wenn es deine Frau gewesen wäre?«

Er blickte zu mir auf. »Was willst du von mir hören? Dass ich es nicht getan hätte?«

»Ja.«

»Ich hätte es nicht getan. Aber vielleicht ist das der Grund, warum Agamemnon König von Mykene ist und ich bloß über Ithaka herrsche.«

Seine Unbekümmertheit machte mich rasend.

»Du hast dich mitschuldig gemacht an ihrem Tod.«

Er verzog den Mund. »Ich fürchte, da überschätzt du mich. Ich bin nur ein Berater, Patroklos. Mehr nicht.«

»Du hast uns belogen.«

»Was die Vermählung angeht? Ja. Nur so war Klytämnestra zu bewegen, das Mädchen zu uns zu schicken.« Die Mutter, zu Hause in Argos. Mir schwirrten Fragen durch den Kopf, doch ich wollte mich von meiner Wut nicht abbringen lassen. Ich stach mit dem Finger in die Luft.

»Du hast ihn entehrt.« Daran hatte Achill noch gar nicht gedacht vor lauter Trauer um das Mädchen. Ich hingegen schon. Der Verrat an ihr warf einen Schatten auf ihn.

Odysseus winkte ab. »Die Männer haben längst vergessen, dass er eine Rolle in diesem Schauspiel spielte. Sie haben es in dem Moment vergessen, als das Blut des Mädchens floss.«

»Du machst es dir leicht.«

Er schenkte sich einen Becher Wein ein und trank. »Du grollst nicht ohne Grund. Aber warum gegen mich? Ich habe weder das Messer geführt noch das Mädchen gehalten.«

»Sein ganzes Gesicht war voller Blut«, zischte ich. »Kannst du dir vorstellen, wie er sich gefühlt haben muss?«

»Es grämt ihn, dass er ihr nicht helfen konnte.«

»Natürlich«, blaffte ich. »Er konnte kaum sprechen.«

Odysseus zuckte mit den Schultern. »Er hat ein weiches Herz, und das ehrt ihn. Vielleicht erleichtert es sein Gewissen, wenn du ihm sagst, dass ich ihn mit Absicht dort platziert habe, wo er stand. Er hätte es in jedem Fall zu spät gesehen.«

Ich verachtete ihn so sehr, dass ich keine Worte fand.

Er beugte sich auf seinem Stuhl vor. »Darf ich dir einen Rat geben? Wenn du ihm ein guter Freund sein möchtest, sorg dafür, dass er sein weiches Herz hinter sich zurücklässt. Er fährt nach Troja, um Männer zu töten, nicht um sie zu retten.« Seine dunklen Augen schlugen mich in ihren Bann. »Er ist eine Waffe, ein Totschläger. Vergiss das nicht. Man kann einen Speer als Wanderstab nutzen, aber das ändert nichts an seiner Natur.«

Mir verschlug es den Atem. Ich fing zu stottern an. »Er ist kein –«

»Doch. Die beste Waffe, die die Götter je geschaffen haben. Und es wird Zeit, dass er sich darüber im Klaren ist. Auch du solltest dir darüber im Klaren sein. Meinetwegen schlag alles, was ich sage, in den Wind, nur das nicht. Ich meine es ernst und ohne böse Absicht.«

Ich kam gegen ihn nicht an. Seine Worte waren wie Stachel, die sich nicht abschütteln ließen.

»Du irrst«, entgegnete ich, machte auf dem Absatz kehrt und lief davon. 

Neunzehntes Kapitel

In aller Frühe brachen wir am nächsten Morgen mit der gesamten Flotte auf. Vom Achterschiff aus betrachtet, bot der Strand von Aulis ein wüstes Bild. Man sah nur noch die Latrinengräben und die verkohlten Reste des Scheiterhaufens, auf dem Iphigenies Leichnam verbrannt worden war. Ich hatte Achill mit Odysseus’ Worten geweckt und gesagt, dass er Diomedes nicht rechtzeitig hätte sehen können. Er hörte mir mit stumpfem Ausdruck zu, und obwohl er lange geschlafen hatte, blickte er müde drein. Dann sagte er: »Was ändert das? Sie ist tot.«

Jetzt stand er neben mir an der Reling. Ich versuchte, ihn abzulenken, und deutete auf die Delfine, die uns begleiteten, auf die Regenwolken am Horizont, doch er achtete kaum darauf und schien mir gar nicht zuzuhören. Später sah ich ihn mit düsterem Blick exerzieren und mit dem Schwert gegen Phantome kämpfen.

Jede Nacht liefen wir in einen anderen Hafen ein, denn unsere Boote waren nur für kurze Strecken gebaut. Von den anderen Schiffen sahen wir nur die von Diomedes. Die Flotte hatte sich aufgeteilt, weil die Ufer der einzelnen Inseln nicht genügend Platz boten für die gesamten Streitkräfte. Es war gewiss kein Zufall, dass uns ausgerechnet der König von Argos begleitete. Fürchteten sie etwa, dass wir umkehren könnten? Ich versuchte, ihn zu ignorieren, so gut ich konnte, und zum Glück ließ er uns in Frieden.

Für mich sahen die Inseln alle gleich aus – hoch aufragende, weiß gebleichte Klippen und Kieselstrände, die mit ihren kalkigen Steinen an der Unterseite unserer Ruderboote kratzten. Vereinzelt standen Olivenbäume und Zypressen an den Ufern, dazwischen nur dürres Gesträuch. Achill hatte keinen Sinn dafür. Er hockte über seiner Rüstung und polierte sie, bis sie wie helles Feuer glänzte.

Am siebten Tag erreichten wir Lemnos vor der Meerenge des Hellespont. Sie war flacher als die meisten unserer Inseln, voller Sümpfe und stehender Gewässer, auf denen Lilien wucherten. In der Nähe unseres Lagers fanden Achill und ich einen kleinen See, an dessen Ufer wir uns setzten. Mücken schwirrten über dem Wasser, und aus den Binsen glotzten uns wulstige Augen entgegen. Wir waren nur noch zwei Tagesetappen von Troja entfernt.

»Wie war es, als du diesen Jungen getötet hast?«

Ich blickte auf. Sein Gesicht lag im Schatten, und die Haare fielen ihm über die Augen.

»Wie es war?«, fragte ich.

Er nickte, den Blick aufs Wasser gerichtet, als versuchte er, dessen Tiefe auszuloten.

»Wie hat es ausgesehen?«

»Schwer zu beschreiben.« Ich war auf seine Frage nicht vorbereitet und schloss die Augen, um mich zu erinnern. »Da war viel Blut, viel mehr, als ich es für möglich gehalten hätte. Der Schädel war aufgebrochen, und ein Teil des Gehirns kam zum Vorschein.« Sogar jetzt noch packte mich Ekel. Ich kämpfte dagegen an. »Es hat schrecklich gekracht, als sein Kopf auf den Felsen schlug.«

»Hat er gezuckt? Wie ein Tier, wenn man es absticht?«

»Das weiß ich nicht. Ich bin sofort weggelaufen.«

Er schwieg eine Weile. »Mein Vater hat mir mal gesagt, ich solle mir vorstellen, es seien Tiere. Die Männer, die ich töten muss.«

Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn aber wieder. Er starrte immer noch auf die Wasseroberfläche.

»Ich glaube, ich bringe es nicht über mich«, sagte er schlicht und geradeheraus, wie es seine Art war.

Odysseus’ Worte drückten mich nieder, und meine Zunge war wie gelähmt. Gut, wollte ich sagen. Doch konnte ich überhaupt mitreden? Durch Krieg unsterblich zu werden war meine Bestimmung nicht.

»Ich muss ständig daran denken«, sagte er leise. »An ihren Tod.« Mir ging es ähnlich. Auch ich sah immer noch das Blut spritzen und das Entsetzen in ihren Augen.

»Du wirst es überwinden«, hörte ich mich sagen. »Sie war jung und unschuldig. Du wirst es mit Männern zu tun haben, die kämpfen, um dich zu töten, wenn du ihnen nicht zuvorkommst.«

Er sah mich an mit festem Blick.

»Aber du wirst nicht kämpfen, nicht einmal dann, wenn man dich angreift. Du verabscheust den Kampf.« Von jedem anderen ausgesprochen, wären diese Worte als Beleidigung zu verstehen gewesen.

»Ich habe deine Fähigkeiten nicht«, entgegnete ich.

»Das ist, glaube ich, nicht der einzige Grund.«

Seine Augen waren so grün und braun wie der Wald, und trotz des schwachen Lichts sah ich Gold darin schimmern.

»Mag sein«, erwiderte ich schließlich.

»Wirst du mir verzeihen?«

Ich ergriff seine Hand. »Es gibt nichts zu verzeihen. Du kannst mich nicht verletzen«, sagte ich aus tiefster Überzeugung.

Plötzlich riss er sich von mir los und langte so schnell, dass meine Augen nicht folgen konnten, mit der Hand nach vorn zu den Füßen. Als er sich aufrichtete, baumelte etwas von seinen Fingern herab, das wie ein nasses Seilstück aussah. Ich traute meinen Augen nicht.

»Hydros«, sagte Achill. Die Wasserschlange war dunkelgrau und hatte einen flachen Kopf, der schlaff zur Seite hinunterhing. Der Körper zitterte noch ein wenig, sterbend.

Mir wurde flau. Cheiron hatte uns alles über diese Tiere erzählt, welche Farbe sie haben, wo sie leben und wie sie sich verhalten. Graubraun, am Wasser. Leicht reizbar und tödlich, wenn sie beißen.

»Ich habe sie nicht gesehen«, stammelte ich. Er hatte ihr den Hals gebrochen und schleuderte sie ins Schilf.

»Ist nicht schlimm«, entgegnete er. »Ich habe sie gesehen.«

Es schien ihm danach ein wenig besser zu gehen. Er schritt nicht mehr ruhelos und mit finsterem Blick an Deck auf und ab. Ich wusste aber, dass er nach wie vor an Iphigenie dachte. An uns beide. Meist sah ich ihn mit einem seiner Speere in der Hand, den er immer wieder in die Luft warf und auffing.

Allmählich setzte sich die Flotte wieder zusammen. Manche Verbände hatten den weiten Weg an der Südküste von Lesbos vorbei genommen, andere die direkte Route. Letztere warteten auf uns vor Sigeum im Nordwesten Trojas. Wiederum andere folgten wie wir selbst der thrakischen Küste. Wieder vereint, sammelten wir uns bei Tenedos, einer Troja vorgelagerten Insel. Mit Rufen von Schiff zu Schiff verständigten wir uns über Agamemnons Plan: Die Könige sollten die erste Schlachtreihe bilden, deren Verbände im Rückraum ausschwärmen. Die Manöver gerieten zum heillosen Durcheinander. Es gab mehrere Kollisionen, und so manches Ruder ging zu Bruch.

Als schließlich die Reihen geschlossen waren, lag unser Schiff zwischen denen von Diomedes auf der linken und Meriones auf der rechten Seite. Trommeln fingen zu schlagen an und gaben den Ruderknechten den Takt vor. Agamemnon hatte den Befehl gegeben, langsam und geschlossen vorzurücken, Schlag für Schlag. Unsere Könige aber taten sich schwer damit, dem Kommando eines anderen zu folgen, denn jeder war bestrebt, als Erster Troja zu erreichen. Schweiß strömte von den Gesichtern der Ruderer, die von ihren Antreibern gepeitscht wurden.

Wir standen mit Phoinix und Automedon im Bug und sahen die Küste näher rücken. Achill schleuderte wieder seinen Speer in die Luft und fing ihn klatschend mit der Hand auf, so rhythmisch und gleichmäßig, dass die Männer an den Riemen seinen Takt aufnahmen.

Allmählich konnten wir Einzelheiten des Landes unterscheiden. Über verschwommenen Flächen aus Grün und Braun erhoben sich Bäume und Berge. Wir zogen an Diomedes vorbei und waren eine Bootslänge vor Meriones.

»Da sind Menschen am Strand«, sagte Achill und blinzelte angestrengt nach vorn. »Mit Waffen.«

Bevor ich etwas sagen konnte, erschallte eine Fanfare, weitere Signale ertönten. Der Wind trug ferne Stimmen herbei. Wir hatten gehofft, die Trojaner überraschen zu können, doch nun schien es, dass sie uns erwarteten.

Die Ruderknechte verlangsamten ihren Schlag. Die Männer am Strand waren offenbar Soldaten, in dunkles Rot gewandet, der Farbe des Hauses Priamos. Ein Streitwagen flog an ihren Reihen vorbei und ließ Sand aufwirbeln. Der Wagenlenker trug einen Helm, der von einem Büschel Pferdehaaren gekrönt wurde, und selbst aus der Entfernung war zu erkennen, dass er von kräftiger Statur war, groß, ja, jedoch nicht so groß wie Ajax oder Menelaos. Was ihn so mächtig erscheinen ließ, war seine Haltung, die gestrafften Schultern und der pfeilgerade aufgerichtete Rücken. Das war kein von Müßiggang und Ausschweifungen verweichlichter Prinz, auch wenn wir unseren Feind aus dem Osten so sehen wollten, sondern ein Mann, der sich bewegte, als schauten ihm die Götter dabei zu. Jede seiner Gebärden sprach von Stolz und Geradlinigkeit. Es konnte nur Hektor sein.

Er sprang von seinem Wagen und sprach mit lauter Stimme zu seinen Männern. Speere wurden in die Höhe gehoben, Pfeile auf Bogensehnen gelegt. Noch würden uns ihre Geschosse nicht erreichen können, doch die Strömung trieb uns näher, obwohl die Ruderer dagegen anzugehen versuchten. In unseren Reihen machte sich Verwirrung breit, da von Agamemnon keine Order kam.

»Wir sind fast in Reichweite ihrer Pfeile«, sagte Achill. Er wirkte ruhig und gelassen, während die Männer um uns herum in Panik gerieten und ziellos an Bord umherrannten.

Ich starrte auf die Küste, auf die wir unaufhaltsam zutrieben. Hektor war weitergezogen, zu einer anderen Abteilung seines Heeres. Aber jetzt zeigte sich ein anderer Mann vor uns, in Lederrüstung und mit einem Helm, der bis auf den Bart das ganze Gesicht verhüllte. Er spannte seinen Bogen und zielte auf die treibenden Schiffe. Seine Waffe war weniger groß als die von Philoktetes, würde aber weit genug reichen. Er visierte sein Ziel an, fest entschlossen, seinen ersten Griechen zu töten.

Doch dazu kam er nicht. Ich hörte ein Schwirren in der Luft und sah, als ich mich umschaute, Achills ausgestreckten Wurfarm. Sein Speer hatte die Hand verlassen und flog über das Wasser, das uns vom Ufer trennte. Es konnte eigentlich nur eine Drohung sein, denn einen Speer so weit zu schleudern schaffte niemand. Er würde sein Ziel nicht treffen.

Und doch traf er es. Die schwarze Spitze bohrte sich durch die Brust des Bogenschützen und warf ihn zurück. Sein Pfeil, im Schreck losgelassen, zischte hoch hinaus in die Luft. Der Mann stürzte in den Sand und stand nicht mehr auf.

Von den Schiffen neben uns schallten Jubelrufe und Hornsignale. Die Nachricht verbreitete sich von Deck zu Deck: der gottgleiche Prinz von Phthia hatte den ersten Gegner zu Fall gebracht.

Achill rührte keine Miene. Dass er gerade ein Wunder bewirkt hatte, war ihm nicht anzusehen. Die Trojaner am Ufer schwenkten ihre Waffen und stießen derbe Flüche aus. Ein paar wenige kauerten neben dem Gefallenen. Hinter mir hörte ich, wie Phoinix unserem Wagenlenker Automedon etwas zuflüsterte, worauf dieser davonlief und wenig später mit einer Handvoll Speere zurückkehrte. Achill nahm einen davon, holte aus und warf. Diesmal beobachtete ich ihn dabei, sah den Schwung seines Arms und das erhobene Kinn. Im Unterschied zu anderen schien er es nicht nötig zu haben, lange zu zielen. Es war, als lenkte er den Flug des Speeres mit den Augen. Am Strand ging ein weiterer Mann zu Boden.

Wir waren bis auf Schussweite herangekommen. Schwärme von Pfeilen schwirrten hin und her. Viele landeten im Wasser, andere schlugen in Masten und Schiffsrümpfen ein. Manche Männer fielen schreiend auf die Planken. Achill ließ sich von Automedon einen Schild geben. »Bleib hinter mir«, sagte er. Ich gehorchte. Vom Schild abgeschirmt, griff er zu einem weiteren Speer.

Die Feinde wurden wilder. Ihre im Übereifer geschleuderten Pfeile und Speere schwammen verstreut auf dem Wasser. Protesilaos, der Prinz von Phylake, sprang lachend vom Bug seines Schiffes und machte sich daran, ans Ufer zu schwimmen. Vielleicht war er betrunken, vielleicht getrieben von der Hoffnung auf Ruhm. Vielleicht wollte er den Prinzen von Phthia übertreffen. Ein Speer, von keinem Geringeren als Hektor geworfen, traf sein Ziel, und das Wasser um den Schwimmenden färbte sich rot. Protesilaos war der erste Grieche, der fiel.

Unsere Männer stiegen in Ruderboote und strömten, von Schilden geschützt, ans Ufer. Die Trojaner waren gut aufgestellt, aber der Strand bot keine natürliche Deckung, und wir waren in der Überzahl. Auf ein Kommando von Hektor hin sammelten sie die gefallenen Kameraden ein und zogen sich zurück. Sie hatten erreicht, was sie wollten, und uns gezeigt, dass sie zur Gegenwehr entschlossen waren. 

Zwanzigstes Kapitel

Wir gingen an Land und zogen die ersten Boote auf den Strand. Wachposten wurden aufgestellt und Späher losgeschickt mit dem Auftrag, vor weiteren Angriffen der Trojaner zu warnen. Trotz großer Hitze wagte es niemand, sein Rüstkleid abzulegen.

Während sich die Boote hinter uns am Ufer drängten, schafften wir das Material zum Aufbau der Lager herbei. Unser Lager, das der Männer von Phthia, sollte am äußersten Rand errichtet werden, weit entfernt von Troja und den Lagern der anderen Könige. Ich warf einen Blick auf Odysseus. Er war es, der so entschieden hatte, was er aber mit keiner Miene verriet.

»Wo genau?«, fragte Achill mit Blick nach Norden und die Hand schirmend über die Augen gehalten. Der Strand schien sich endlos weit zu erstrecken.

»Da, wo der Sandstreifen endet«, antwortete Odysseus.

Mit einem Handzeichen forderte Achill die Hauptmänner der Myrmidonen auf, uns zu folgen. Die Sonne brannte auf uns herab. Sie schien heller hier, was aber vielleicht nur am weißen Sand lag. Wir marschierten, bis wir zu einer von Gras bewachsenen Anhöhe gelangten. Sie war wie eine Sichel geschwungen, geeignet, unserem Lager von drei Seiten Deckung zu bieten. Auf dem Scheitel erstreckte sich ein Hain bis hin zu einem glitzernden Flusslauf im Osten. Im Süden zeigte sich Troja als schmutziger Fleck am Horizont. Wenn es Odysseus gewesen war, der uns diese Stelle zugewiesen hatte, schuldeten wir ihm Dank. Es war der beste Lagerplatz weit und breit, denn er bot Schutz, Schatten und frisches Grün.

Wir überließen die Myrmidonen der Führung Phoinix’ und kehrten zum Hauptlager zurück, wo große Betriebsamkeit herrschte. Boote wurden auf Baumstämmen ans Ufer gerollt und entladen, Zelte aufgebaut. Alle Männer strotzten vor Tatendrang und wirkten geradezu hektisch. Wir waren endlich angekommen.

Unterwegs kamen wir am Lager von Ajax vorbei, dem berühmten großen Vetter Achills und König der Insel Salamis. Wir hatten ihn in Aulis nur von weitem gesehen und Gerüchte über ihn gehört: dass Decksplanken unter seinen wuchtigen Schritten zerbarsten und dass er einen ausgewachsenen Bullen tausend Fuß auf dem Rücken zu tragen vermochte. Er holte gerade riesige Säcke aus seinem Boot, seine angespannten Muskeln sahen wie Felsblöcke aus.

»Sohn des Telamon«, grüßte Achill.

Der bärenstarke Hüne drehte sich um. Es dauerte eine Weile, bis er den jungen Mann vor ihm erkannte. Er kniff die Augen zusammen, gab sich dann aber höflich. »Pelides«, sagte er, setzte seine Last ab und reichte ihm eine knorrige Hand mit Schwielen, die so groß wie Oliven waren. Mir tat Ajax ein wenig leid. Wäre Achill nicht gewesen, hätte man ihm die Ehrenbezeichnung Aristos Achaion verliehen.

Im Hauptlager angekommen, standen wir auf dem Hügel, der den Sandstrand vom Grasland trennte, und nahmen in Augenschein, weswegen wir gekommen waren. Troja. Es lag am Rand einer weiten grünen Ebene, eingerahmt von zwei breiten Flüssen mit träge fließendem Wasser. Von der Sonne beschienen, glänzten die hohen Stadtmauern, und wir glaubten, das berühmte Skäische Tor blinken zu sehen, von dem es hieß, dass seine bronzenen Angeln so groß waren wie ein Mann.

Später sah ich die Mauern von nahem, deren gewaltige Steinquadern angeblich von Apoll selbst behauen und gefügt worden waren. Und ich sollte mich fragen, wie eine solche Festung überhaupt eingenommen werden konnte, denn die Mauern waren zu hoch für unsere Belagerungstürme, zu stark für unsere Katapulte, und kein vernünftiger Mensch würde versuchen, ihre von göttlicher Hand geglättete Steilwand zu erklimmen.

Die Sonne stand schon tief, als Agamemnon die erste Ratsversammlung einberief. Ein großer Pavillon war errichtet worden, darin befanden sich mehrere Stuhlreihen, im Halbkreis angeordnet. Vorn saßen Agamemnon und Menelaos, flankiert von Odysseus und Diomedes. Die Fürsten kamen und nahmen Platz. Von klein auf an Rang und Stand gewöhnt, besetzten die geringeren Fürsten die hinteren Reihen. Achill nahm, ohne zu zögern, einen Platz in der ersten Reihe in Beschlag und gab mir mit einem Wink zu verstehen, dass ich mich neben ihn setzen sollte, was ich auch tat, obwohl damit zu rechnen war, dass man mich aufforderte, den Platz zu räumen. Doch offenbar war es den Besten erlaubt, ihre engsten Gefolgsleute bei sich zu haben, denn Ajax brachte seinen Halbbruder Teukros und Idomeneus seinen Wagenlenker.

In Aulis hatte es noch Klagen über solche Beratungen gegeben, die viele für geschwätzig und unnütz erachteten. Doch hier ging es um die Sache – um Latrinen, Versorgung und Strategien. Manche plädierten für Angriff, andere für Diplomatie. Wäre es nicht ratsam, zumindest den Versuch einer gewaltfreien Lösung zu unternehmen? Dafür machte sich überraschenderweise ausgerechnet Menelaos stark. »Ich bin gern bereit, die Verhandlungen zu führen«, sagte er.

»Haben wir die weite Reise auf uns genommen, um dem Feind gut zuzureden?«, empörte sich Diomedes. »Wenn es nicht zum Kampf kommt, hätte ich auch zu Hause bleiben können.«

»Wir sind keine wilden Horden«, entgegnete Menelaos. »Vielleicht lässt sich der Feind zur Vernunft bringen.«

»Das ist äußerst unwahrscheinlich. Warum Zeit verlieren?«

»Ganz einfach, werter König von Argos. Wenn wir es zunächst mit Gesprächen versuchen und erst dann, wenn sie nicht fruchten, zu den Waffen greifen, stünden wir vor der Welt besser da.« Das waren Odysseus’ Worte. »Die Städte Anatoliens würden sich in diesem Fall vielleicht nicht verpflichtet fühlen, Troja zu Hilfe zu kommen.«

»Bist du, Fürst von Ithaka, also für Verhandlungen?«, fragte Agamemnon.

Odysseus zuckte mit den Achseln. »Es gibt viele Möglichkeiten, einen Krieg zu beginnen. Ich habe Raubzüge allerdings immer schon für einen guten Anfang gehalten. Sie führen zu einem ähnlichen Ergebnis wie Gespräche, erzielen aber höhere Gewinne.«

»Ja, Raubzüge!«, rief Nestor. »Es gilt, Stärke zu zeigen.«

Agamemnon massierte sich das Kinn und ließ den Blick über die versammelten Könige schweifen. »Ich stimme Nestor und Odysseus zu. Wir sollten als Erstes zuschlagen und erst dann eine diplomatische Lösung in Erwägung ziehen. Morgen blasen wir zum Angriff.«

Weitere Anweisungen erübrigten sich. Jeder wusste, wie vorzugehen war. Raubzug bedeutete nicht, die Stadt zu überfallen, sondern das umliegende Land in Besitz zu nehmen, um die Versorgungswege abzuschneiden. Widerständler würden getötet werden, alle anderen zu Sklaven gemacht. Unsere Männer würden Getreide und Fleisch für sich behalten und die Töchter des Landes in Geiselhaft nehmen. Vielen mochte es gelingen, in die Stadt zu fliehen, was aber zu deren Überfüllung, zu Meuterei und Epidemien führen würde. Aus Verzweiflung und Not würde man schließlich die Tore öffnen.

Ich hoffte auf Achills Einspruch, darauf, dass er erklärte, unschuldiges Landvolk zu töten sei unehrenhaft. Aber er nickte nur und tat so, als habe er schon unzählige Male solche Kriege geführt.

»Ein Letztes noch: Falls es zum Gegenangriff kommt, will ich, dass unsere Reihen geschlossen bleiben und kein Chaos ausbricht.« Agamemnon schien nervös zu sein und rutschte auf seinem Stuhl hin und her. Dazu hatte er auch allen Grund, denn unsere Könige waren leicht reizbar, insbesondere jetzt, da es darum ging, einem jeden seinen Platz in den Reihen zuzuweisen. Ein heikles Unterfangen, dem die Gefahr der Rebellion innewohnte. Allein der Gedanke daran schien Agamemnon zu erzürnen, und seine Stimme wurde harscher. Es war einer seiner vielen Fehler: Je prekärer seine Lage wurde, desto unbeliebter machte er sich.

»Menelaos und ich werden selbstverständlich die Spitze bilden.«

Wie befürchtet, fingen viele zu murren an, doch Odysseus übertönte alle und sagte: »Sehr weise, König von Mykene. So werden die Boten euch leichter finden.«

»Genau.« Agamemnon nickte, als habe ihn ebendieser Gedanke zu seiner Entscheidung bewogen. »Zur Linken meines Bruders wird der Prinz von Phthia marschieren, zu meiner Rechten Odysseus. Die Flügel bilden Diomedes und Ajax.« Die gefährlichsten Positionen waren damit besetzt, jene Stellen, die auf die größere Gegenwehr treffen würden und um jeden Preis gehalten werden mussten. Es waren daher die wichtigsten und besonders angesehenen.

»Über die Stellung der anderen Truppen entscheidet das Los.« Als sich das Gemurmel gelegt hatte, stand Agamemnon auf. »Das war’s. Morgen brechen wir auf, sobald es hell wird.«

Die Sonne ging schon unter, als wir uns auf den Weg zurück in unser Lager machten. Achill schien zufrieden zu sein. Ihm war ein vorderster Platz in der Rangordnung eingeräumt worden, ohne dass er sich dafür hätte stark machen müssen. Weil es noch zu früh zum Essen war, bestiegen wir den grasigen Hügel hinter unseren Zelten, den ein lichter Wald krönte. Von dort schauten wir über das Heereslager und die See dahinter. Das abnehmende Licht schimmerte in seinen Haaren, und der Abendschein versüßte seinen Ausdruck.

Seit dem ersten Schlagabtausch vor der Küste brannte mir eine Frage unter den Nägeln, die ich bislang noch nicht hatte stellen können.

»Hältst du sie für Tiere? Wie dein Vater es dir geraten hat?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein.«

Über unseren Köpfen segelten kreischende Möwen. Ich versuchte, ihn mir beim morgigen ersten Überfall vorzustellen.

»Hast du Angst?«, fragte ich. In den Bäumen hinter uns schlug eine Nachtigall.

»Nein«, antwortete er. »Für das, was mir bevorsteht, bin ich geboren worden.«

Am frühen Morgen weckte mich das Rauschen der Brandung vor Trojas Küste. Achill schlief noch. Um ihn nicht zu stören, verließ ich das Zelt. Der Himmel war wolkenlos wie am Vortag. Noch stand die Sonne hinterm Horizont, und auf dem Meer lagen graue Schatten.

In weniger als einer Stunde würde der Vorstoß beginnen. Ich war im Gedanken daran eingeschlafen und mit ihm wieder aufgewacht. Wir hatten verabredet, dass ich nicht mitmarschierte. Ein Großteil würde zurückbleiben. Die Raubzüge waren Sache des Königs und einiger weniger Fürsten, die es sich nicht nehmen lassen wollten, als Erste den Feind zu stellen. Es würde Achills erster richtiger Kampf um Leben und Tod sein.

Zwar hatte es am Vortag schon einen ersten Schlagabtausch gegeben, jedoch mit einigem Abstand voneinander. Kein Blut war zu sehen gewesen, und die Männer waren gefallen wie Spielsteine, ohne dass man ihre Gesichter oder Schmerzen erkannt hätte.

Achill trat aus dem Zelt. Er war bereits angezogen, setzte sich neben mich und nahm sein Frühstück zu sich. Wir sagten wenig.

Ich fand für meine Gedanken und Gefühle keine Worte. Unsere Welt war eine von Gewalt und der durch sie gewonnenen Ehre. Nur Feiglinge kämpften nicht. Für einen Prinzen gab es keine Wahl. Man musste kämpfen und siegen oder kämpfen und sterben. Sogar Cheiron hatte ihm einen Speer zukommen lassen.

Phoinix hatte die Truppen bereits aufgestellt, die Achill begleiten sollten. Vor dem ersten Einsatz wollten sie die Stimme ihres Anführers hören. Achill stand auf, und ich sah, wie er auf sie zuschritt, wie die Bronzeschnallen seiner Montur blinkten und das dunkle Violett des Umhangs seine Haare so golden wie die Sonne leuchten ließen. Angesichts seiner heldenhaften Erscheinung war kaum zu glauben, dass wir uns noch am Abend zuvor über unsere Käseplatten hinweg mit Olivenkernen bespuckt und uns köstlich amüsiert hatten, als er mit einem Kern, an dem noch Reste von Fruchtfleisch hingen, in mein Ohr traf.

Er sprach zu den Männern und schwenkte seinen über den Kopf erhobenen Speer, dessen Spitze so grau war wie Stein oder die stürmische See. Mir taten die anderen Fürsten leid, die um ihre Anführerschaft hatten kämpfen müssen und sie mit kläglichen Gesten zu behaupten versuchten. Achills Autorität dagegen war ein Gottesgeschenk, und die Männer blickten zu ihm auf wie zu einem Priester.

Nach seinen Worten an die Kämpfer kam er zu mir zurück, um sich von mir zu verabschieden. Er hatte wieder menschliches Maß und hielt seinen Speer locker, fast träge.

»Hilfst du mir dabei, das restliche Rüstzeug anzulegen?«

Ich nickte und folgte ihm ins Zelt. Als hinter uns die Einstiegsplane zurückfiel, war es, als sei eine Lampe ausgeblasen worden. Ich reichte ihm Teile aus Leder und Metall, auf die er zeigte und mit denen er seine Oberschenkel, die Arme und den Bauch panzerte. Ich schaute zu, wie er sie mit Gurten festzurrte, eins nach dem anderen, sah, wie sich das Leder in die weiche Haut drückte, über die ich noch in der Nacht mit meinen Fingern gefahren war. Am liebsten hätte ich die Schnallen wieder gelöst, um ihn davon zu befreien. Doch ich hielt mich zurück. Die Männer warteten.

Als Letztes reichte ich ihm seinen mit Pferdehaaren geschmückten Helm, der, als er ihn über die Ohren gezogen hatte, nur noch einen schmalen Streifen seines Gesichts frei ließ. Er beugte sich zu mir, von Bronze eingerahmt und nach Schweiß, Leder und Metall riechend. Ich machte die Augen zu und spürte seine Lippen, das nunmehr einzig Weiche an ihm, auf meinem Mund. Dann ging er fort.

Ohne ihn kam mir das Zelt sehr viel kleiner vor, und der Geruch der Tierhäute, die an den Wänden hingen, stieß mir unangenehm auf. Ich legte mich auf unsere Pritsche und lauschte seinen Rufen, dann den stampfenden Hufen und dem Schnauben der Pferde. Schließlich knarrten die Räder des Streitwagens, der ihn forttrug. Immerhin musste ich mir um seine Sicherheit keine Sorgen machen. Solange Hektor lebte, würde er nicht sterben. Ich schloss die Augen und fiel in einen unruhigen Schlaf.

Er weckte mich, indem er seine Nasenspitze auf meine drückte, während ich mich aus dem Gespinst meiner Träume zu befreien versuchte. Ein scharfer und sonderbarer Geruch ging von ihm aus, fast ekelte ich mich vor diesem Wesen, das mich bedrängte. Doch dann rückte es von mir ab, und es war wieder Achill, der vor mir hockte, die Haare feucht und dunkel. Sie klebten ihm im Gesicht, platt gedrückt vom Helm.

Er war voller Blut, hellroter, noch feuchter Spritzer. Ich erschrak und rieb mir die vom Schlaf verklebten Augen. »Bist du verwundet?«

»Sie konnten mir nichts anhaben«, sagte er wie verwundert und triumphierend zugleich. »Hätte nicht gedacht, dass es so einfach sein wird. Wärst du doch dabei gewesen. Man hat mich bejubelt.« Er schwelgte. »Ich konnte einfach nicht fehlschlagen. Ja, du hättest es sehen sollen.«

»Wie viele?«, fragte ich.

»Zwölf.«

Zwölf Männer, die mit Paris oder Helena oder irgendjemandem von uns nicht das Geringste zu tun hatten.

»Bauern?«, fragte ich bitter, was ihn wieder zur Besinnung zu bringen schien.

»Sie waren bewaffnet«, beeilte er sich zu antworten. »Nie würde ich einen Unbewaffneten töten.«

»Und wie viele wirst du wohl morgen töten?«

Er hörte den gereizten Ton in meiner Stimme und blickte beschämt zu Boden. Ich bereute meine Frage. Hatte ich nicht versprochen, ihm zu verzeihen? Ich kannte seine Bestimmung und war ihm trotzdem nach Troja gefolgt. Für Einwände und Gewissensappelle war es jetzt zu spät.

»Tut mir leid«, sagte ich und bat ihn, mir zu erzählen, wie es gewesen war. Schließlich teilten wir doch auch sonst alles miteinander. Er berichtete, wie sein erster Speer beide Wangen eines Mannes durchbohrt hatte, wie das zweite Opfer, in der Brust getroffen, gefallen war und Achill den Speer vergeblich zu bergen versucht hatte, weil sich die Widerhaken zwischen den Rippen verfangen hatten. Ein schrecklicher Gestank, so erzählte er, habe sich im ganzen Dorf verbreitet und Myriaden von Fliegen angelockt.

Ich hörte ihm aufmerksam zu und versuchte, seine Ausführungen als Teil einer Geschichte aufzufassen, die in Wirklichkeit nicht stattgefunden hatte, sondern nur jene dunklen Gestalten und Geschehnisse schilderte, die auf unseren griechischen Vasen abgebildet waren.

Agamemnon postierte Wachen, die Troja zu jeder Stunde eines jeden Tages im Auge behielten. Wir warteten auf einen Angriff, eine Demonstration von Stärke oder die Entsendung eines Vermittlers. Aber die Stadttore blieben geschlossen, und so setzten unsere Truppen ihre Raubzüge in die umliegenden Ortschaften fort. Ich gewöhnte mir an, tagsüber zu schlafen, um wach zu sein, wenn Achill zurückkehrte, denn er wollte immer mit mir reden, in aller Ausführlichkeit. Und ich wollte ihm zuhören und die geschilderten Schreckensbilder kommentarlos auf jene imaginäre Vase malen, um ihn und mich davon zu befreien. 

Einundzwanzigstes Kapitel

Auf die Überfälle der umliegenden Dörfer folgte dem Brauch nach die Verteilung von Kriegsbeute. Jeder Kämpfer durfte behalten, was er selbst gewonnen hatte – Rüstzeug seiner Opfer oder Schmuck, vom Hals einer Witwe gerissen. Alles andere, so etwa Krüge, Teppiche oder Vasen, wurde auf einem Haufen zusammengetragen und verteilt.

Es war weniger der Wert der einzelnen Gegenstände als vielmehr die mit ihrer Vergabe zum Ausdruck gebrachte Ehre, auf die es ankam. Der jeweilige Anteil an der Beute entsprach der Stellung und dem Rang des Beschenkten. Die erste Zuwendung ging in der Regel an den besten Kämpfer, doch hier stellte sich Agamemnon vor Achill. Es verblüffte mich, dass Achill nur mit den Achseln zuckte. »Jeder weiß, dass ich besser bin, und Agamemnon tut sich selbst damit keinen Gefallen.« Die Menge gab ihm recht, denn sie jubelte ihm zu und nicht dem König, als sie ihre Beute einstrichen. Letzterem zollten nur die Mykener Beifall.

Nach Achill kamen Ajax, Diomedes und Menelaos, dann Odysseus und einige andere, so dass schließlich für die Letzten nur ein paar alte hölzerne Helme und angeschlagene Becher übrig blieben. Hatte aber an einem Tag einer der Fußsoldaten Besonderes geleistet, wurde ihm ein Preis übergeben, bevor er an der Reihe war. Und so waren auch die Letzten nicht ohne Hoffnung für die kommenden Tage.

In der dritten Woche stand auf dem Podest, auf das die Beute gehäuft war, ein Mädchen mit gefesselten Händen inmitten von Schwertern, gewebten Teppichen und goldenen Geräten. Sie hatte dunkelbraune Haut und pechschwarze Haare, und dass ihr Gesicht, offenbar von Fausthieben traktiert, geschwollen war, tat ihrer Schönheit keinen Abbruch. Die dunkel unterlaufenen Augen sahen im Dämmerlicht aus wie mit ägyptischer Schminke bemalt. Ihr Kleid war an der Schulter zerrissen und blutbefleckt.

Um das Mädchen scharten sich lüsterne Männer, denn sie wussten, was nun anstand. Agamemnon würde ihnen die Erlaubnis geben, Frauen gefangen zu nehmen, damit sie ihnen die Waffen trugen und als Bettsklavinnen dienten. Bislang hatte man sich an den Frauen des Feindes auf dem Feld und in deren Hütten vergangen. Eine Sklavin im eigenen Zelt zu haben war sehr viel bequemer.

Agamemnon bestieg das Podest und taxierte das Mädchen mit genüsslichem Schmunzeln. Er war bekannt für seinen unstillbaren Appetit – wie übrigens alle Männer aus dem Hause Atreus’. Ich weiß nicht, was über mich kam, jedenfalls ergriff ich Achill beim Arm und flüsterte ihm ins Ohr.

»Nimm du sie.«

Er schaute mich mit großen Augen an.

»Nimm du sie als deinen Preis. Bevor sie Agamemnon in die Hände fällt. Bitte.«

Er zögerte nicht lange.

»Männer von Griechenland«, sagte er und trat vor das Podest. Er trug noch seine Rüstung, die auch an diesem Tag voller Blut war. »Großer König von Mykene.«

Agamemnon wandte sich ihm zu und zog die Stirn in Falten. »Pelides?«

»Gib mir das Mädchen als meinen Preis.«

Odysseus, der hinter dem Podest stand, hob eine Braue. Ein Raunen ging durch die Menge der Soldaten. Achills Wunsch war ungewöhnlich, aber nicht unangebracht. In jedem anderen Heer hätte es ihm wie selbstverständlich zugestanden, sich als Erster zu bedienen. Agamemnon schien irritiert. Ich sah, wie es in seinem Kopf arbeitete. Er konnte Achill nicht leiden, befand aber wohl, dass es sich für ihn nicht lohnte, kleinlich zu erscheinen. Das Mädchen war zwar wunderschön, aber es gab ja noch andere.

»Du sollst sie haben, Prinz von Phthia. Sie gehört dir.«

Die Menge jubelte. Den Männern gefiel es, wenn ihre Anführer großzügig und ihre Helden so kühn wie tapfer waren.

Das Mädchen hatte den Wortwechsel mit wachen Sinnen verfolgt. Als ihr klar war, dass sie mit uns kommen sollte, schluckte sie und betrachtete Achill mit verstohlenen Blicken.

»Ich lasse meine Männer hier, damit sie den Rest meines Anteils entgegennehmen. Das Mädchen kommt mit mir, sofort.«

Es wurde laut gelacht und auf den Fingern gepfiffen. Das Mädchen fing zu zittern an wie ein Kaninchen, über dem ein Falke kreiste. »Komm«, sagte Achill. Wir drehten uns um und gingen. Das Mädchen folgte mit gesenktem Kopf.

Als wir in unserem Lager ankamen, zog Achill plötzlich sein Messer. Das Mädchen zuckte vor Schreck zusammen. Tatsächlich gab er ein furchterregendes Bild ab in seinen blutbefleckten Kleidern, und es war ihr Dorf, das er und die anderen geplündert hatten.

»Lass mich«, sagte ich und nahm ihm das Messer aus der Hand. Verlegen wich er einen Schritt zurück.

»Ich werde dich von den Fesseln befreien«, erklärte ich dem Mädchen.

Von nahem schaute ich ihr in die dunklen Augen, die auf die Klinge in meiner Hand gerichtet waren und mich an ein gehetztes Tier erinnerten.

»Nein, nein«, versuchte ich sie zu beruhigen. »Wir werden dir nicht wehtun. Im Gegenteil, ich befreie dich.«

Der Schrecken war ihr ins Gesicht geschrieben. Sie verstand offenbar nicht, was ich sagte. Als einfaches Bauernmädchen, das sie war, hatte sie wahrscheinlich noch nie ein griechisches Wort gehört. Ich trat auf sie zu und legte ihr eine Hand auf den Arm, worauf sie zusammenzuckte, als fürchtete sie, geschlagen zu werden. Ich sah die Angst vor Missbrauch und Schlimmerem in ihren Augen.

Ihr Anblick war mir unerträglich. Ich wollte sie beruhigen und wusste keinen anderen Rat, als zu Achill zu gehen, ihn am Kragen seines Hemdes an mich zu ziehen und auf den Mund zu küssen.

Als ich mich von ihm löste, sah ich, dass sie uns anstarrte.

Ich deutete auf ihre Fesseln und dann auf das Messer. »In Ordnung?«

Sie zögerte einen Moment und streckte mir dann langsam ihre Hände entgegen.

Achill suchte Phoinix auf mit der Bitte, ein zweites Zelt zu beschaffen. Ich ging mit ihr auf den Hügel, ließ sie im Gras Platz nehmen und verarztete ihr geschwollenes Gesicht. Mit niedergeschlagenen Augen ließ sie die Behandlung über sich ergehen. Dann zeigte ich auf ihr Schienbein, auf dem eine lange Schnittwunde klaffte.

»Darf ich mal sehen?«, fragte ich und übersetzte, was ich sagte, in Gebärden. Sie antwortete nicht, ließ aber geschehen, dass ich die Wunde säuberte und einen Verband anlegte. Sie beobachtete jede meiner Handbewegungen, ohne mir auch nur ein einziges Mal in die Augen zu sehen.

Danach führte ich sie in das neu aufgebaute Zelt. Sie erschrak, als ich den Einstieg aufschlug und auf das zeigte, was für sie bereitgestellt worden war: etwas zu essen, ein Krug Wasser und frische Kleider. Zögernd trat sie ein und schaute sich verwundert um. Ich ließ sie allein.

Am nächsten Tag zog Achill wieder mit seinen Truppen los. Ich schlenderte durchs Lager, sammelte Treibholz und kühlte meine Füße in der Brandung. Immer wieder schaute ich zurück auf das neue Zelt. Das Mädchen hatte sich noch nicht herausgewagt. Der Einstieg war verschlossen wie die Tore Trojas.

Endlich, es war schon gegen Mittag, sah ich sie. Sie beobachtete mich, halb versteckt hinter der Zeltplane. Als sie sah, dass ich sie bemerkt hatte, zog sie sich eilig wieder zurück.

»Warte!«, rief ich.

Sie trug eine meiner Tuniken, die ihr bis zu den Knöcheln reichte und sie wie ein Kind aussehen ließ. Wie alt war sie? Nicht einmal das wusste ich von ihr.

Ich trat auf sie zu. »Hallo.« Sie starrte mich aus ihren großen Augen an. Die Haare waren zurückgekämmt und entblößten ihre zarten Wangenknochen. Sie war sehr hübsch.

»Hast du gut geschlafen?« Ich weiß selbst nicht, warum ich immer wieder mit ihr zu reden versuchte. Vielleicht hoffte ich, sie damit trösten zu können. Cheiron hatte einmal gesagt, dass Säuglinge, auch wenn sie kein Wort verstehen konnten, sich durch gutes Zureden beruhigen ließen.

»Patroklos«, sagte ich und zeigte auf mich. Sie warf mir einen flüchtigen Blick zu und schaute wieder zu Boden.

»Pa-tro-klos«, wiederholte ich langsam. Sie schwieg, rührte sich nicht und hielt mit klammernden Fingern den Saum des Einstiegs gepackt. Ich machte ihr Angst und schämte mich dafür.

»Keine Sorge, ich lasse dich in Ruhe«, sagte ich und wandte mich ab.

Sie murmelte etwas. Ich blieb stehen.

»Wie bitte?«

»Brisëis«, wiederholte sie und zeigte auf sich.

So lernten wir uns kennen.

Es stellte sich heraus, dass sie ein wenig Griechisch sprach, ein paar Worte, beigebracht von ihrem Vater, als er hörte, dass die Griechen kommen würden. Gnade war eines. Ja und Bitte und Was wollt ihr? Anscheinend hatte er sie auf ihre Versklavung vorbereiten wollen.

Tagsüber waren wir in unserem Lager fast ungestört. Häufig saßen wir am Strand und versuchten, uns zu verständigen. Bald konnte ich ihrer Miene und den ausdrucksvollen Augen ablesen, was ihr durch den Kopf ging. Wenn sie lächelte, hielt sie die Hand vor den Mund. Viel hatten wir uns in den ersten Tagen nicht zu sagen, aber das war uns auch nicht wichtig. Es reichte uns, nebeneinanderzusitzen und die Wellen über die Füße schwappen zu lassen. Ein wenig erinnerte mich Brisëis an meine Mutter, wenngleich ihre Augen viel klarer und aufgeweckter waren.

An manchen Nachmittagen streiften wir durchs Lager. Dann machte ich sie auf Dinge aufmerksam und brachte ihr bei, wie sie in unserer Sprache hießen. So lernte sie Wort für Wort, und bald mussten wir uns nur noch gelegentlich mit Gebärden behelfen, die wir aber inzwischen so gut beherrschten, dass es kaum noch Missverständnisse gab. Wenn ich sie zum Beispiel bat, für uns zu kochen, übersetzte sie meinen Wunsch so gestenreich, dass ich das Essen beinahe riechen konnte. Immer wieder musste ich über ihre Einfälle laut lachen, was sie zum Schmunzeln brachte.

Die Überfälle wurden unvermindert fortgesetzt. Tagtäglich bestieg Agamemnon das Podest, auf dem sich die Beute häufte. »Ansonsten gibt es nichts Neues«, sagte er dann. Nichts Neues bedeutete, dass die Stadt weder Truppen in Stellung gebracht noch irgendwelche Botschaften an uns gerichtet hatte. Sie hatte sich trotzig verbarrikadiert und ließ uns warten.

Unsere Männer trösteten sich auf ihre Weise. Fast jeden Tag stand ein anderes Mädchen auf dem Podest. Es waren allesamt Bauernmädchen mit schwieligen Händen und sonnenverbrannten Nasen von der Feldarbeit. Agamemnon und die anderen Könige bedienten sich. Man sah die Frauen jetzt überall zwischen den Zelten Wasserkübel schleppen oder mit anderen Dingen beschäftigt, nach wie vor in den Kleidern, in denen man sie gefangen genommen hatte und die entsprechend abgetragen waren. Sie servierten Früchte, Käse und Oliven, bereiteten Fleisch zu und schenkten Wein aus. Sie polierten Metallspangen und klemmten, im Sand sitzend, das Rüstzeug zwischen die Beine. Manche webten sogar und spannen Fäden aus der Wolle von Tieren, die wir auf unseren Raubzügen erbeutet hatten.

Nachts dienten sie auf andere Art. Es war schrecklich für mich, an allen Ecken und Enden des Lagers ihre Schreie gellen zu hören. Ich versuchte, die Gedanken an ihre niedergebrannten Dörfer und toten Väter zu verdrängen, was mir aber kaum gelang. Die Schrecken waren den Mädchen ins Gesicht geschrieben und entstellten sie vielleicht noch mehr als die Faustschläge, mit denen sie traktiert worden waren.

Ich konnte den Anblick kaum ertragen, wenn sie auf das Podest gezerrt und feilgeboten wurden. Ich bat Achill, so viele von ihnen wie möglich für sich zu gewinnen, was ihm den Ruf eintrug, unersättlich zu sein. »Ich wusste gar nicht, dass du auf Mädchen scharf bist«, frotzelte Diomedes.

Brisëis kümmerte sich um jedes neue Mädchen und sprach ihnen in ihrer sanft klingenden Mundart Trost zu. Sie sorgte dafür, dass sie baden konnten, gab ihnen neue Kleider und machte sie mit den anderen bekannt. Wir ließen ein weiteres, größeres Zelt errichten, in dem alle – acht, zehn, elf – Mädchen Platz fanden. Nur Phoinix und ich sprachen mit ihnen; Achill hielt sich fern. Er wusste, dass sie ihn ihre Brüder, Liebhaber und Väter hatte töten sehen. Und das war unverzeihlich.

Mit der Zeit verloren sie ihre Angst. Sie spannen, unterhielten sich in ihrer Sprache und brachten einander die Wörter bei, die sie von uns aufgeschnappt hatten, nützliche Wörter wie Käse, Wasser oder Wolle. Sie lernten nicht so schnell wie Brisëis, gaben sich aber redlich Mühe, so dass sie bald mit uns reden konnten.

Auf Brisëis’ Bitte hin gab ich den Mädchen tagtäglich Unterricht, was sich schwieriger gestaltete als angenommen. Sie beäugten mich voller Argwohn und wussten nicht, was sie von mir halten sollten. Wieder war es Brisëis, die ihnen ihre Angst nahm und beim Lernen half, indem sie einzelne Wörter und Gesten erklärte. Ihr Griechisch war inzwischen so gut, dass ich sie beim Unterricht zurate ziehen konnte. Außerdem war sie die bessere Lehrerin, und viel lustiger. Wenn sie mit ihren Gebärden eine Eidechse mit schläfrigen Augen nachahmte oder zwei kämpfende Hunde, konnten wir uns vor Lachen nicht halten. Es machte mir Spaß, mit den Mädchen zusammen zu sein, und die Zeit verging wie im Flug, bis ich Achill auf seinem Wagen ins Lager zurückkehren hörte und nach draußen eilte, um ihn zu begrüßen.

In solchen Momenten fiel es mir noch einigermaßen leicht, zu vergessen, dass der eigentliche Krieg erst beginnen sollte. 

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Die Überfälle waren zwar erfolgreich, aber eben nur Überfälle, die Opfer ausschließlich Bauern und Händler aus den Dörfern des Umlands, die die mächtige Stadt mit Lebensmitteln belieferten. Während der Ratsversammlungen machte Agamemnon einen zunehmend verbissenen Eindruck, und die Männer wurden ungeduldig. Wann käme es endlich zum versprochenen Kampf?

Bald, antwortete Odysseus mit Blick auf die vielen Menschen, die in Troja Zuflucht suchten. Die Stadt musste inzwischen aus allen Nähten platzen, voll von Auffanglagern und hungrigen Familien. Es sei nur eine Frage der Zeit, sagte er uns.

Wie durch seine Vorhersage heraufbeschworen, flatterte schon am nächsten Morgen eine Fahne über den Stadtmauern, die Verhandlungsbereitschaft signalisierte. Unsere Wachposten eilten über den Strand mit der Meldung, dass König Priamos bereit sei, eine Gesandtschaft zu empfangen.

Unsere Männer gerieten in helle Aufregung. Jetzt würde endlich etwas geschehen, so oder so. Entweder würde Helena ohne weiteres Blutvergießen an uns ausgeliefert oder es käme zur offenen Schlacht um sie.

Wie nicht anders zu erwarten war, schickte der Rat der Könige Menelaos und Odysseus als Gesandte auf den Weg. Im ersten Dämmerlicht stiegen sie auf ihre schmuckvoll herausgeputzten Pferde. Wir sahen sie das weite, grasbewachsene Feld vor Troja überqueren und hinter den dunkelgrauen Mauern verschwinden.

Achill und ich warteten in unserem Zelt auf ihre Rückkehr. Ob sie Helena zu Gesicht bekommen würden? Paris konnte sie unmöglich von ihrem Gemahl fernhalten; er konnte es aber auch nicht wagen, sie zu zeigen. Menelaos hatte darauf verzichtet, sich zu bewaffnen. Vielleicht traute er sich selbst nicht.

»Kannst du dir erklären, warum sie ihm damals den Vorzug gegeben hat?«, fragte mich Achill.

»Menelaos? Nein.« Ich erinnerte mich an seinen stolzen, gut gelaunten Auftritt in Tyndareos’ Halle. Er hatte gut ausgesehen, war aber nicht der Ansehnlichste gewesen. Er war mächtig, aber es gab viele, die an Vermögen und Ruhm mehr zu bieten hatten. »Sein Geschenk war ein gefärbtes, sehr feines Tuch, und er sagte etwas sehr Charmantes, als er es überreichte. Zudem war ihre Schwester bereits mit seinem Bruder verheiratet. Vielleicht spielte das auch eine Rolle.«

Achill hatte die Hände hinter dem Kopf verschränkt und dachte nach. »Glaubst du, sie ist freiwillig mit Paris gegangen?«

»Wenn ja, wird sie es Menelaos gegenüber bestimmt nicht zugeben.«

»Ich wette, sie ist freiwillig gegangen. Menelaos’ Palast ist wie eine Festung gesichert. Wenn sie sich gewehrt oder geschrien hätte, wäre ihr jemand zu Hilfe gekommen. Allerdings muss sie gewusst haben, dass er alles daransetzt, sie zurückzuholen. Und dass Agamemnon die anderen Bewerber von damals an ihren Eid erinnert.«

»Damit hätte ich an ihrer Stelle nicht unbedingt gerechnet.«

»Du bist auch nicht mit Menelaos verheiratet.«

»Glaubst du etwa, sie hat es darauf angelegt, dass ein Krieg um sie geführt wird?« Ich war schockiert.

»Kann sein. Sie war bekannt als die schönste Frau in unseren Ländern. Inzwischen heißt es, sie sei die schönste der ganzen Welt.« Seine Stimme klang fast wie gesungen. »Tausend Schiffe sind ihretwegen in See gestochen.«

Von tausend Schiffen sprachen inzwischen die Dichter am Hofe Agamemnons; die korrekte Zahl – tausendeinhundertsechsundachtzig – hätte nur schwerlich in eine Zeile gepasst.

»Vielleicht hat sie sich tatsächlich in Paris verliebt.«

»Vielleicht hat sie sich einfach nur gelangweilt. Zehn Jahre in Sparta sind ihr womöglich genug gewesen.«

»Vielleicht hatte Aphrodite ihre Hand im Spiel.«

»Es würde mich nicht wundern, wenn die beiden mit Helena zurückkommen.«

Wir machten uns nun Gedanken über diese Möglichkeit.

»Wahrscheinlich würde Agamemnon trotzdem angreifen.«

»Das glaube ich auch. Von ihr war in letzter Zeit überhaupt nicht mehr die Rede.«

»Außer in den Reden an das Heer.«

Wir schwiegen eine Weile.

»Na, und für welchen Bewerber hättest du dich entschieden?«

Ich gab ihm einen Knuff, und er lachte.

Menelaos und Odysseus kehrten in der Abenddämmerung zurück, allein. Odysseus erstattete dem Rat Bericht, während sich Menelaos in Schweigen hüllte. König Priamos hatte sie freundlich empfangen und zu einem festlichen Gastmahl in seiner Halle geladen. Dann war er aufgestanden, flankiert von Paris und Hektor, die anderen achtundvierzig Söhne im Rücken. »Wir wissen, weswegen ihr gekommen seid«, hatte er gesagt. »Aber Helena will nicht zurückkehren und hat sich unter unseren Schutz gestellt. Ich habe noch nie einer Frau Schutz verweigert und werde es auch in Zukunft nicht tun.«

»Klug gesprochen«, kommentierte Diomedes. »Damit weist er alle Schuld von sich.«

Odysseus fuhr fort: »Ich sagte, wenn dies sein letztes Wort sei, wären alle weiteren Worte vergebens.«

Agamemnon erhob sich und sprach mit laut tönender Stimme. »So ist es. Wir haben Gespräche gesucht und sind zurückgewiesen worden. Jetzt bleibt uns nur noch Krieg als einzig ehrenhafte Lösung. Morgen werdet ihr, ein jeder von euch und bis auf den letzten Mann, den Ruhm erringen, der euch gebührt.«

Er sagte noch mehr, doch ich hörte nicht mehr hin. Bis auf den letzten Mann. Ich bekam Angst. Dass ich daran noch nicht gedacht hatte! Natürlich würde auch ich kämpfen müssen. Wir führten Krieg, an dem ausnahmslos alle beteiligt waren, nicht zuletzt der engste Gefährte des Aristos Achaion.

In dieser Nacht fand ich keinen Schlaf. Die an der Zeltwand lehnenden Speere kamen mir übermäßig lang vor. Ich versuchte, mich an meine dürftige Ausbildung zu erinnern, daran, wie man zuschlägt und einen Angriff abwehrt. Die Schicksalsgöttinnen hatten nichts über mich gesagt, geschweige denn Auskunft darüber gegeben, wie lange ich leben würde. Ich geriet in Panik und weckte Achill.

»Ich werde bei dir sein«, versprach er mir.

Es war noch dunkel, als mir Achill am frühen Morgen dabei half, mich zu rüsten – mit Beinschienen, gepanzerten Handschuhen und ledernem Brustharnisch, über den noch ein Schild aus Bronzeblech geschnallt wurde. All das erschien mir eher hinderlich denn schützend. Ich konnte Arme und Beine kaum bewegen, und das Gewicht drückte mich nieder. Achill versicherte mir, dass ich mich daran gewöhnen würde, was ich aber nicht glaubte. Ich kam mir lächerlich vor, als wir ins Freie traten, wie jemand, der die Sachen des älteren Bruders trug. Die Myrmidonen warteten bereits und drängelten aufgeregt. Gemeinsam marschierten wir über den Strand, um uns dem riesigen Heer anzuschließen. Erst wenige Schritte unterwegs, geriet ich schon außer Atem.

Der Lärm der Armee, grölende Stimmen, klirrende Waffen und Hörnerklang, war ohrenbetäubend und schallte zu uns herüber. Je näher wir kamen, desto deutlicher sahen wir das waffenstarrende Meer von Männern, die bereits in der Ordnung exakter Quadrate Aufstellung genommen hatten. Ein jedes war gekennzeichnet mit dem Banner seines Königs. Nur eine Position war noch frei, ganz vorn an prominenter Stelle, vorbehalten für Achill und seine Myrmidonen. Dort angelangt, formierten wir uns mit Achill an der Spitze, dann seine Hauptmänner mit mir in der Mitte und hinter uns Reihe um Reihe aus stolzen Phthianern.

Vor uns lag jenseits des weiten, flachen Feldes die Stadt mit ihren mächtigen Mauern, Toren und Türmen. Wie ein bewegter grauer Wall sahen die Truppen aus, die uns gegenüber Stellung bezogen hatten und mit polierten Schilden bewehrt waren, die in der Sonne blinkten. »Bleib hinter mir«, sagte Achill über die Schulter hinweg. Ich nickte und spürte den Helm über die Ohren rutschen. Heillose Angst machte sich in mir breit. Die Beinschienen drückten auf die Füße, und der Speer lag mir allzu schwer in der Hand. Eine Fanfare erschallte. Ich holte Luft. Jetzt, jetzt ging es los.

Klappernd und klirrend setzte sich unser Heer in Bewegung. Geplant war ein Sturmlauf, mit dessen Wucht wir die feindliche Phalanx zu sprengen hofften.

Doch schon bald rissen unsere Reihen auseinander, weil ein jeder in seiner Gier nach Ruhm als Erster ans Ziel zu gelangen versuchte. Als die Hälfte der Strecke zurückgelegt war, konnte von einer Schlachtordnung nicht mehr die Rede sein. Ein Großteil der Myrmidonen hatte mich überholt und schwärmte nach links aus, während ich in einen Haufen Spartaner geriet, die ihre langen Haare für den Kampf geölt und gekämmt hatten.

Keuchend rannte ich, was das Rüstzeug hergab. Unter dem immer lauter werdenden Trampeln zahlloser Füße bebte der Boden. Aufwirbelnder Staub nahm uns die Sicht. Ich konnte Achill nicht mehr sehen, nicht einmal meinen Nebenmann, und mir blieb nichts anderes übrig, als meinen Schild festzuhalten und zu laufen.

Die vordersten Reihen trafen krachend und scheppernd auf Schilder der Abwehr. Holzsplitter flogen durch die Luft und Blutspritzer färbten die Rüstungen dunkel. Wie vom Maul der Charybdis verschluckt, ging Reihe für Reihe unter.

Plötzlich fiel ein Spartaner neben mir zurück, aufgehalten von einem Speer, der sich ihm in die Brust gebohrt hatte. Ich fuhr mit dem Kopf herum und suchte nach dem Mann, der ihn geworfen hatte, sah aber nichts als Getümmel. Ich ging neben dem Gefallenen in die Hocke, um ihm die Augen zu schließen und ein kurzes Gebet zu sprechen. Fast hätte ich mich über ihn erbrochen, als mir auffiel, dass er noch lebte und gurgelnd nach Luft rang.

Es krachte neben mir. Ich schreckte auf und sah Ajax, der seinen gewaltigen Schild wie eine Keule schwang und auf Gesichter und Leiber damit eindrosch. Hinter ihm fuhr ein trojanischer Streitwagen auf knarrenden Rädern vorbei, darauf ein junger Mann, der wie ein Hund die Zähne fletschte. Odysseus rannte hinterher, um die Pferde abzufangen. Der sterbende Spartaner klammerte sich mit beiden Händen an mir fest. Zu meiner dumpfen Erleichterung erschlaffte er schließlich. Mit zitternden Fingern schloss ich ihm die gebrochenen Augen.

Schwindelnd richtete ich mich auf. Mir war, als stünde ich im Gewoge einer vom Sturm aufgewühlten See. Mein Blickfeld blieb seltsam verschwommen, da war zu viel Bewegung und blitzendes Sonnenlicht, das von Rüstzeug und Waffen widergespiegelt wurde.

Wie aus dem Nichts tauchte Achill neben mir auf. Er war voller Blut und außer Atem, sein Gesicht gerötet und sein Speer am Griff rot verschmiert. Er grinste mir zu, drehte sich um und sprang in einen Haufen von Trojanern. Das Feld war übersät von Leichen, Teilen von Rüstungen, Waffen und Wagenrädern, doch er strauchelte nicht, kein einziges Mal, während alles andere um ihn herum zu Boden ging, wie ausgerutscht auf glitschigen Schiffsplanken.

Ich tötete niemanden, versuchte es nicht einmal, und nach stundenlangem, ekelerregendem Gemetzel konnte ich kaum noch den Speer in der Hand halten, auf den ich mich häufiger stützte, als dass ich mit ihm gedroht hätte. Der Helm saß mir wie ein Felsklotz auf dem Kopf und quetschte meine Ohren.

Ich hatte den Eindruck, etliche Kilometer gerannt zu sein, doch als ich zu Boden blickte, sah ich, dass ich auf der Stelle trat und einen Kreis trockenen Grases niedergestampft hatte. Der andauernde Schrecken hatte mich ausgelaugt, und mir war zumute wie inmitten einer seltsamen Leere, die niemand anderen als mich in sich aufnahm. Angst empfand ich längst nicht mehr.

In meiner Benommenheit wurde mir irgendwann bewusst, dass ich den Umstand, noch am Leben zu sein, einzig und allein Achill verdankte. Er hatte mich ständig im Blick und schien mit übernatürlichen Sinnen auf der Hut zu sein, war jedes Mal rechtzeitig zur Stelle, wenn ein Gegner, verwundert, welch einfaches Ziel ich darstellte, auf mich ansetzte. Bevor dieser ein weiteres Mal Luft holen konnte, hatte er ihn bereits niedergestreckt.

Er war ein leibhaftiges Wunder. Kaum hatte er einer der Leichen am Boden den Speer aus dem Leib gezogen, schleuderte er ihn mit unfehlbarer Treffsicherheit seinem nächsten Opfer entgegen. Immer wieder sah ich sein Handgelenk rotieren, die tödliche Eleganz all seiner Bewegungen, mit denen er einen Gegner nach dem anderen zu Fall brachte. Staunend ließ ich meinen Speer irgendwann fallen. Für das grauenvolle Sterben, die zerschmetterten Schädel und Knochen und das Blut, das ich mir später von Haut und Haaren abwaschen sollte, hatte ich keine Augen mehr. Ich sah nur seine Schönheit und seine tanzende Kraft.

Als es endlich Abend wurde, schleppten wir uns wie auch die Gefallenen und Verwundeten zu unseren Zelten zurück. Ein guter Tag, sagten unsere Könige und klopften einander auf die Schultern. Ein vielversprechender Beginn. Daran sollte am nächsten Tag angeknüpft werden.

Und so ging es weiter, Tag für Tag, Woche für Woche. Aus einem Monat wurden zwei.

Es war ein sonderbarer Krieg. Ohne Landgewinn, ohne Gefangene. Allein um Ehre wurde gekämpft, Mann gegen Mann. Mit der Zeit entwickelte sich auf beiden Seiten ein erkennbarer Rhythmus. An sieben von zehn Tagen wurde gekämpft, die restliche Zeit blieb festlichen Riten und Begräbnissen vorbehalten. Es gab keine Überfälle mehr, keine Überraschungsangriffe. Die Anführer, einst voller Hoffnung auf einen schnellen Sieg, hatten sich damit abgefunden, über längere Zeit an diesen Krieg gebunden zu sein. Beide Lager waren gleich stark und blieben es, so zermürbend die tagtäglichen Schlachten für die Trojaner auch sein mochten, denn aus den Tiefen Anatoliens strömten unablässig Kämpfer herbei, die sich einen Namen machen wollten. Unsere Männer waren nicht die Einzigen, die nach Ruhm und Ehre gierten.

Achill schien aufzublühen. Es drängte ihn zum Kampf, und er strahlte vor Glück, wenn er kämpfte. Nicht das Töten selbst war es, an dem er Gefallen fand, zumal er wusste, dass ihm kein Mann gewachsen war. Auch nicht zwei oder drei Männer. Ebenso wenig bereitete ihm das Gemetzel Freude – wenn es ihm darum gegangen wäre, hätte er mehr als doppelt so viele Gegner niederstrecken können. Er liebte es jedoch, wenn ein ganzer Haufen auf ihn zustürmte und zwanzig Schwerter auf ihn gerichtet waren. Dann war er in seinem Element, dann konnte er wahrhaft kämpfen. Er weidete sich an seiner eigenen Kraft wie ein Rennpferd, das, allzu lange angepflockt, endlich laufen konnte. Fiebernd und doch voller Anmut schlug er sich mit zehn, fünfzehn, zwanzig Männern. Das ist endlich das, was ich wirklich kann.

Ich musste ihn nicht so häufig begleiten, wie anfangs befürchtet. Je länger sich der Krieg hinzog, desto weniger wichtig erschien es, dass ausnahmslos jeder mitkämpfte. Ich war weder ein Prinz, dessen Ehre auf dem Spiel stand, noch ein einfacher, zum Gehorsam verpflichteter Soldat oder gar ein Held, auf den nicht verzichtet werden konnte. Ich war ein verbannter Außenseiter ohne Rang und Namen. Wenn Achill entschied, dass ich zurückblieb, hatte niemand Einspruch anzumelden.

Ich kämpfte immer seltener, bis ich schließlich nur noch einmal in der Woche mit ins Feld zog, und das auch nur dann, wenn mich Achill fragte. Was selten der Fall war. Ihm war es recht, für sich allein zu kämpfen. Manchmal aber wünschte er sich meine Begleitung und bat mich mitzugehen, damit ich ihm zur Hand gehen konnte, wenn das von Schweiß und Blut steif gewordene Lederzeug neu zu richten war. Oder damit ich Zeuge seines Wunderwirkens sein konnte.

Als ich ihm wieder einmal beim Kämpfen zusah, fiel mir auf, dass es einen Platz ganz in seiner Nähe gab, der nie von einem seiner Gegner eingenommen wurde. Je länger ich darauf starrte, desto heller wurde dieser Fleck, und schließlich offenbarte sich mir das Geheimnis. Es war eine Frau, weiß wie der Tod und größer als die Männer ringsum. Obwohl eine Unmenge Blut spritzte, fiel kein einziger Tropfen auf ihr hellgraues Gewand. Es schien, als würde sie über dem Boden schweben. Nicht, dass sie ihrem Sohn half; das brauchte sie nicht. Sie sah ihm nur zu, wie ich es tat, mit ihren großen schwarzen Augen. Ihrer Miene war nicht abzulesen, ob sie Freude, Trauer oder überhaupt etwas empfand.

Das änderte sich jedoch sofort, wenn sie sich umdrehte und mich sah. Dann zeigte sich unverhohlene Abscheu in ihrem Gesicht. Sie zischte dann wie eine Schlange und verschwand.

An Achills Seite fühlte ich mich sicher. Es war mir nunmehr möglich, andere Soldaten in Gänze wahrzunehmen, nicht nur Körperteile, klaffende Wunden und Bronze. Von ihm geschützt, wagte ich es sogar, die Schlachtreihen entlangzugehen und andere Könige aufzusuchen. Uns am nächsten war Agamemnon, der immer von seinen gut geordneten Mykenern umgeben wurde und aus dieser Sicherheit heraus Kommandos brüllte und Speere schleuderte. Darin war er Meister, was er auch sein musste, um seinem Trupp den Rücken zu stärken.

Im Unterschied zu ihm kannte Diomedes offenbar keine Furcht. Er kämpfte wie ein wildes Tier. Sein Gesicht war wutverzerrt, wenn er zuschlug und seine Opfer regelrecht zerfetzte, über die er sich dann wie ein Wolf hermachte, um sie auszuplündern und jedes Stück Gold und Bronze, dessen er habhaft werden konnte, auf seinen Streitwagen zu werfen, bevor er weiterzog.

Odysseus trug einen leichten Schild, duckte sich beim Angriff wie ein Bär und hielt seinen Speer tief abgesenkt. Mit scharfem Blick fasste er den Gegner ins Auge und schien jedes Mal vorauszusehen, wann und wie der Angriff auf ihn geführt wurde, den er dann geschickt abwehren konnte, um gleich darauf vorzustoßen und sein Opfer aufzuspießen wie einen Fisch. Am Ende eines Tages war seine Rüstung stets von Blut durchtränkt.

Ich lernte auch die Trojaner besser kennen. Paris verschoss ziellos jede Menge Pfeile von seinem Streitwagen aus. Auch wenn sein Helm einen Teil seines Gesichts verdeckte, war seine sagenhafte Schönheit unverkennbar. Mit seiner schlanken Hüfte lehnte er stolz und lässig am Rand des Streitwagens. In prächtigen Falten fiel sein roter Umhang von den Schultern herab. Kein Wunder, dass er Aphrodites Liebling war: Er schien ebenso eitel zu sein wie sie.

Von Ferne sah ich manchmal Hektor, und das auch nur dann, wenn sich vor mir im Getümmel für kurze Zeit eine Lücke auftat. Seine eigenen Männer hielten so weit Abstand von ihm, dass er wie alleingelassen dastand. Er wirkte beherrscht und konzentriert, schien jeden seiner Schritte zu bedenken. Seine Hände waren groß und zeugten von harter Arbeit, und einmal sah ich, als wir abzogen, dass er das Blut davon abwusch, um unbesudelt beten zu können. Ein Mann, der die Götter immer noch liebte, obwohl seine Brüder und Vettern ihretwegen starben, einer, der mit Leidenschaft kämpfte, nicht etwa um flüchtigen Ruhm, sondern für seine Familie.

Ich wagte mich nicht näher an ihn heran. Auch Achill hielt sich ihm fern. Wenn er ihn erblickte, wandte er sich rasch ab und strebte auf andere Herausforderungen zu. Als Agamemnon ihn einmal fragte, wann er den Prinzen von Troja stellen würde, zeigte er sein betont ahnungsloses Lächeln und antwortete: »Hektor hat mir nichts getan.« 

Dreiundzwanzigstes Kapitel

An einem Feiertag kurz nach unserer Landung vor Troja war Achill in aller Frühe aufgestanden. »Wo willst du hin?«, fragte ich.

»Zu meiner Mutter«, sagte er, und bevor ich noch etwas sagen konnte, hatte er das Zelt verlassen.

Seine Mutter. Natürlich. Die Küste Anatoliens war für sie ebenso problemlos erreichbar wie irgendeine griechische Insel. Und ihre Trauer bewirkte, dass ihre Besuche umso länger ausfielen. Achill ging immer im ersten Morgenlicht und kam erst zurück, wenn die Sonne fast im Zenit stand. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu warten. Was mochte sie ihm sagen, das so viel Zeit in Anspruch nahm? Ich fürchtete das Schlimmste, dass sie ihn mir entreißen würde.

Oft kam Brisëis und wartete mit mir. »Wollen wir hinauf in den Hain gehen?«, fragte sie dann. Allein ihre sanfte Stimme und der Wunsch, mich zu trösten, halfen mir in meiner Not. Und mit ihr durch den Hain zu schlendern beruhigte mich. Wie Cheiron schien sie um alle Geheimnisse des Waldes zu wissen – wo sich Pilze versteckten und Kaninchen ihre Bauten hatten. Sie brachte mir sogar die Namen von Pflanzen und Bäumen in ihrer Sprache bei.

Wenn wir erschöpft waren, setzten wir uns auf den Kamm der Hügelkuppe, der das Lager überblickte, so dass ich sehen konnte, wann er zurückkehrte. Oft saßen wir dort zusammen. An diesem Tag hatten wir Kräuter im Wald gesammelt und der Koriander, der in einem kleinen Körbchen neben ihr stand, verströmte einen würzigen Duft.

»Er kommt bestimmt bald zurück«, sagte sie. Ihre Worte klangen wie frisch gegerbtes Leder, noch ein wenig steif, weil kaum abgenutzt. Als ich nicht antwortete, fragte sie: »Wo bleibt er nur so lange?«

Warum sollte sie nicht Bescheid wissen? Es war schließlich kein Geheimnis.

»Seine Mutter ist eine Göttin«, erklärte ich. »Eine Meernymphe. Er trifft sich mit ihr.«

Ich hatte erwartet, dass sie erschrecken oder Angst bekommen würde, doch sie nickte und sagte: »Ich dachte mir schon, dass er – etwas Besonderes ist. Er –« Sie stockte. »Er bewegt sich anders als wir Menschen.«

Ich lächelte. »Wie bewegt sich denn ein Mensch?«

»So wie du«, antwortete sie.

»Also tollpatschig.«

Dieses Wort kannte sie noch nicht. Ich machte ihr seine Bedeutung vor, was sie zum Lachen brachte. Dann schüttelte sie entschieden den Kopf. »Nein, so bewegst du dich nicht. Ich meinte etwas anderes.«

Was sie tatsächlich meinte, habe ich nie erfahren, denn in diesem Moment kam uns Achill entgegen.

»Hier seid ihr also«, sagte er. Brisëis stand auf und kehrte zu ihrem Zelt zurück. Achill warf sich neben mir auf den Boden und verschränkte die Hände hinterm Kopf.

»Ich habe Hunger«, sagte er.

»Nimm.« Ich reichte ihm den Käserest, der vom Mittagessen übrig geblieben war. Er langte dankbar zu.

»Wie war das Gespräch mit deiner Mutter?«, fragte ich so nervös, dass ich Mühe hatte zu sprechen. Allein der Gedanke an seine Mutter ließ mich erschaudern.

Er stieß einen Schwall Luft aus, halb seufzend. »Sie macht sich Sorgen um mich«, antwortete er.

»Warum?« Ich sträubte mich gegen den Gedanken, dass sie sich genauso wie ich um ihn sorgte.

»Sie sagt, die Götter ergreifen Partei in diesem Krieg und streiten miteinander. Sie haben mir zwar Ruhm versprochen, verschweigen aber, wie groß er sein wird.«

Daran hatte ich noch gar nicht gedacht, obwohl es auf der Hand lag: In unseren Geschichten gab es viele unterschiedliche Charaktere. Den großen Perseus oder den bescheidenen Peleus. Herakles oder dessen fast vergessenen Gefährten Hylas. Manchen waren lange Gedichte gewidmet, anderen nur eine Zeile.

Er richtete sich auf und umfasste seine Knie mit den Armen. »Ich glaube, sie fürchtet, dass ein anderer Hektor tötet. Bevor ich es tue.«

Eine weitere Sorge. Womöglich blieb ihm noch wenig Zeit. »Wer könnte das sein?«

»Ich weiß es nicht. Ajax hat es versucht und ist gescheitert. So auch Diomedes. Die beiden sind die besten nach mir. Mir fällt sonst niemand ein, der dazu in der Lage wäre.«

»Was ist mit Menelaos?«

Achill schüttelte den Kopf. »Nein. Er ist zwar tapfer und stark, kommt aber kaum in Frage. Er würde vor Hektor zerbrechen wie Wasser am Fels. Also werde ich es sein oder niemand.«

»Du wirst es nicht tun«, sagte ich, darauf bedacht, meine Worte nicht wie flehentliches Bitten klingen zu lassen.

»Nein.« Er schwieg für eine Weile. »Aber ich kann es sehen. Das ist das Seltsame. Wie in einem Traum. Ich sehe mich, wie ich den Speer schleudere, und ich sehe ihn fallen. Ich gehe auf seinen Leichnam zu und schaue auf ihn herab.«

Furcht stieg in mir hoch. Ich holte tief Luft. »Und was dann?«

»Das ist das Seltsamste. Ich sehe sein Blut und weiß, dass mir der eigene Tod bevorsteht. Im Traum aber kümmert’s mich nicht. Im Gegenteil, ich bin erleichtert.«

»Glaubst du, es hat mit der Prophezeiung zu tun?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Ich glaube, es ist nichts weiter als Tagträumerei.«

Ich versuchte, meine Stimme so unbekümmert klingen zu lassen wie seine. »Du hast wohl recht. Hektor hat dir schließlich nichts getan.«

Er lächelte, wie ich es gehofft hatte. »Ja«, sagte er. »Den Ausspruch kenne ich.«

Während der langen Stunden seiner Abwesenheit suchte ich im Lager nach Gesellschaft, um auf andere Gedanken zu kommen. Thetis’ Nachricht hatte mich verstört. Solange die Götter untereinander Streit hatten, war Achills Ruhm gefährdet. Mir schwirrten so viele Fragen durch den Kopf, dass ich fast wahnsinnig wurde. Ich brauchte Ablenkung. Einer der Soldaten wies mir den Weg zum weißen Zelt der Ärzte. »Wenn du dich nützlich machen willst – sie brauchen immer Hilfe«, sagte er. Ich erinnerte mich an Cheirons geduldige Hände und seine chirurgischen Instrumente an den Rosenquarzwänden. Ich ging.

Es war dunkel im Inneren des Zelts, die Luft süß und schwer von metallischem Blutgeruch. Ich traf auf Machaon, den bärtigen, grobschlächtigen Arzt, der aus praktischen Gründen den Oberkörper entblößt und einen alten Schurz um die Lenden gewickelt hatte. Seine Haut war dunkler als die der anderen Griechen, obwohl er sich die meiste Zeit im Schatten aufhielt. Er hatte, wiederum aus praktischen Gründen, die Haare kurz geschoren, damit sie ihm bei der Arbeit nicht ins Gesicht fielen. Er beugte sich gerade über das verwundete Bein eines Mannes und löste vorsichtig eine Pfeilspitze aus dem Fleisch. Auf der anderen Seite stand sein Bruder Podaleirios, der sich eine Rüstung angelegt hatte und mit einem knappen Abschiedsgruß das Zelt verließ. Er war dafür bekannt, dass er lieber kämpfte als heilte, diente jedoch in beiden Lagern.

Ohne aufzublicken, sagte Machaon: »Wenn du so lange auf den Beinen stehen kannst, wirst du wohl kaum verwundet sein.«

»Nein«, erwiderte ich. »Ich bin gekommen –« Ich stockte, als er die Pfeilspitze herausgezogen hatte und zwischen Daumen und Zeigefinger in die Höhe hielt. Der Soldat seufzte erleichtert.

»Ich höre.« Seine Stimme klang trocken, aber nicht unfreundlich.

»Brauchst du Hilfe?«

Er gab ein Geräusch von sich, das ich als Zustimmung deutete. »Setz dich und reiche mir die Salben.« Er hatte mich immer noch keines Blicks gewürdigt. Ich gehorchte und sammelte ein paar kleine Flaschen ein, die auf dem Boden verstreut lagen. In manchen steckten Kräuter, andere waren mit Salbe gefüllt. Ich roch daran und erinnerte mich, Knoblauch und Honig gegen Entzündungen, Mohnsamen zur Beruhigung und Schafgarbe zur Blutgerinnung, an Dutzende von Heilkräutern, die ich in der Höhle des Zentauren kennengelernt hatte und an ihrem Geruch unterscheiden konnte.

Ich reichte ihm, was er haben wollte, und sah zu, wie er dem Verwundeten eine Prise beruhigenden Pulvers auf die Oberlippe streute, damit er daran leckte und den ätherischen Duft durch die Nase einsaugte. Dann strich er eine nach Bienenwachs riechende Salbe auf die Wunde, um einer Entzündung vorzubeugen, und wickelte schließlich einen Verband um das Bein. Erst als er damit fertig war, blickte er zu mir auf: »Patroklos, nicht wahr? Und du hast bei Cheiron gelernt? Du bist hier willkommen.«

Draußen wurden plötzlich Rufe und Schmerzensschreie laut. Er deutete mit einer Kopfbewegung zum Zelteingang. »Da kommt wieder einer. Kümmere du dich drum.«

Soldaten – es waren Nestors Männer – hievten einen Gefährten auf die leere Pritsche in der Ecke des Zelts. Er war an der rechten Schulter von einem Pfeil mit gezackter Spitze getroffen worden. Sein Gesicht war schweißgebadet, der Mund fest zusammengepresst. Er zitterte am ganzen Leib, atmete in kurzen, schnellen Stößen und verdrehte vor Schmerzen die Augen. Ich widerstand der Versuchung, Machaon zu Hilfe zu bitten – er verarztete schon einen anderen Mann, der zu wimmern angefangen hatte –, und langte nach einem Tuch, um meinem Patienten das Gesicht zu trocknen.

Der Pfeil hatte die dickste Stelle der Schulter durchbohrt und stak auf der anderen Seite neben dem Schulterblatt bis zur Hälfte hervor. Ich würde die Befiederung abbrechen und den Schaft durch die Wunde ziehen müssen, ohne Splitter im Fleisch zurückzulassen, die zu Eiterung und Fäulnis führen könnten.

Schnell rührte ich, wie von Cheiron gelernt, einen Sud aus Mohn und Weidenrinde an, der die Sinne benebelte und gegen Schmerzen unempfindlich machte. Weil er den Becher nicht selbst halten konnte, hob ich seinen Kopf an, führte den Trunk an seine Lippen und gab acht, dass er sich nicht daran verschluckte. Schweiß und Blut sickerten durch mein Kleid.

Ich versuchte, mir meine Angst nicht anmerken zu lassen und stattdessen eine beruhigende Miene aufzusetzen. Es war, wie ich erkannte, Antilochos, ein Sohn von Nestor, und nur wenig älter als ich. Mit seinem hübschen Gesicht geriet er nach dem Vater. »Es wird schon wieder«, redete ich ihm und mir ein.

Der Pfeilschaft war das eigentliche Problem, denn er steckte so tief, dass vor der Befiederung nur ein kurzes Stück frei geblieben war, weshalb ich fürchten musste, die Wunde weiter aufzureißen, wenn ich den Schaft dort abbrechen würde. Was tun?

Einer der Soldaten, die ihn gebracht hatten, stand unruhig im Eingang. Ich winkte ihn zu mir.

»Ein Messer, schnell. Das schärfste, das du auftreiben kannst.« Ich wunderte mich selbst über den festen, gebieterischen Ton meiner Stimme, der zu Gehorsamkeit zwang. Kurz darauf kehrte er mit einer fein geschliffenen Klinge zum Schneiden von Fleisch zurück, an der noch Blut klebte. Er putzte sie an seinem Hemd ab und reichte sie mir.

Das Gesicht des Jungen hatte sich entspannt; die Zunge hing schlaff im Mund. Über ihn gebeugt, zerdrückte ich das Gefieder mit der einen Hand, setzte mit der anderen das Messer dicht darunter an und fing vorsichtig zu sägen an. Er schnaufte und murmelte halb bewusstlos vor sich hin.

Ich schnitt und sägte. Mein Rücken fing zu schmerzen an, und ich bereute, seinen Kopf auf meine Knie gelegt und nicht günstiger gebettet zu haben. Schließlich brach das gefiederte Ende ab. Es blieb nur ein langer Splitter stehen, der mit dem Messer schnell entfernt war. Endlich.

Nun galt es, den Schaft aus der Wunde im Rücken herauszuziehen. Ein noch schwierigeres Unterfangen. Zum Glück kam mir ein guter Einfall zu Hilfe. Ich schmierte das Schaftende mit Wundsalbe ein. So würde es besser durch die Wunde gleiten und diese gleichzeitig von innen desinfizieren. Behutsam machte ich mich ans Werk und zog den Pfeil Stück für Stück heraus. Wie eine kleine Ewigkeit kam mir diese Prozedur vor, doch dann hatte ich es endlich geschafft. Am Ende meiner Kraft, schloss ich dann die Wunde mit einem quer über die Brust gewickelten Verband.

Später gab mir Podaleirios zu verstehen, dass es unsinnig gewesen sei, das gefiederte Pfeilende so vorsichtig abgeschnitten zu haben. Einmal fest zugepackt, sagte er, und der Schaft wäre durchbrochen gewesen. Eine weiter aufgerissene Wunde und Splitter waren zwar unglücklich, aber schließlich gebe es noch andere Verwundete, um die man sich zu kümmern habe. Machaon jedoch sah, wie gut die Wunde heilte, ganz ohne Entzündung und fast schmerzfrei. Als tags darauf wieder ein Mann mit einer Pfeilwunde eingeliefert wurde, rief er mich zu sich, reichte mir ein scharfes Messer und sah mich erwartungsvoll an.

Es war eine schwere Zeit. Der Gedanke, dass sich Achills Schicksal bald erfüllen sollte, ließ mich nicht los, zumal das Murren der Götter über den Kriegsverlauf lauter wurde. Doch selbst ich konnte mich nicht gänzlich der Angst überlassen. Ich habe einmal gehört, dass Menschen, die an einem Wasserfall wohnen, sein Rauschen irgendwann nicht mehr hören. So lernte ich mit Furcht und Schrecken zu leben. Die Tage vergingen, und er überstand sie unbeschadet. Monate vergingen, und ich lernte, die Gedanken an seinen Tod zu verdrängen. Das Wunder eines Jahres, dann eines zweiten.

Auch die anderen schienen sich mit dem, was war, abgefunden zu haben. Wir wuchsen zu einer kleinen Familie zusammen, die sich um das Lagerfeuer scharte und das Abendbrot teilte. Wenn der Mond aufging und die Sterne am schwarzen Himmel funkelten, fanden wir uns alle dort ein – Achill und ich, der alte Phoinix und die jungen Frauen, zuerst nur Brisëis, dann aber auch die anderen, als sie ihre Scheu abgelegt hatten und sicher sein konnten, dass sie bei uns willkommen waren. Und noch einer gesellte sich zu uns: Automedon, der Jüngste von uns mit seinen gerade mal siebzehn Jahren. Er war sehr zurückhaltend und schweigsam, aber, wie wir wussten, ein großartiger Wagenlenker, der mit Achills feurigen Pferden bestens zurechtkam und sie selbst im wildesten Schlachtengetümmel stets unter Kontrolle hatte.

Es war uns, Achill und mir, ein Vergnügen, die erwachsenen Gastgeber zu spielen, das Fleisch zu verteilen und Wein auszuschenken. War das Feuer heruntergebrannt und die Mahlzeit beendet, verlangten wir von Phoinix, dass er Geschichten erzählte. Er tat es gern. Der Schein der Feuersglut verlieh ihm eine geradezu delphische Aura, aus der manche Auguren vielleicht zukunftsweisende Schlüsse hätten ziehen können.

Auch Brisëis erzählte Geschichten, traumähnliche Sagen, in denen Sterbliche nichts ahnend verzauberten Göttern begegneten, sonderbaren Wesen – halb Tier, halb Mensch –, die auf dem Lande verehrt wurden und nichts mit den hohen Göttern der Städte gemein hatten. Es war schön, wie sie diese Geschichten mit ihrer leisen, wohlklingenden Stimme vortrug. Manchmal mussten wir auch herzhaft lachen, wenn sie etwa Zyklopen nachmachte oder einen Löwen mimte, der die Witterung von einem versteckten Menschen aufgenommen hatte.

Wenn wir später allein waren, wiederholte Achill singend Zeilen aus diesen Geschichten, spielte die Leier dazu und bewies damit, wie gut sich diese Erzählungen als Lieder eigneten. Und ich fühlte mich erleichtert, denn er verstand offenbar, warum ich meine Tage mit Brisëis verbrachte und mir das Warten auf ihn so verkürzte. Sie gehörte inzwischen fest zu unserem Kreis, war ein Mitglied unserer Familie.

Es war während einer dieser Nächte, als Achill sie fragte, was sie über Hektor wusste.

Sie hatte sich, den Kopf auf die Hände gebettet, zurückgelegt und erschrak ein wenig, als sie seine Stimme hörte. Er sprach sie nur selten an, und auch sie richtete nie direkt das Wort an ihn; das, was ihrem Dorf widerfahren war, konnte nicht so einfach verziehen werden.

»Ich weiß nicht viel über ihn«, antwortete sie. »Er oder irgendein anderer aus Priamos’ Familie ist mir nie zu Gesicht gekommen.«

»Aber du hast bestimmt von ihm gehört.« Auch Achill hatte sich aufgerichtet.

»Ein wenig. Ich weiß mehr über seine Frau.«

»Lass hören.«

Sie räusperte sich wie jedes Mal, wenn sie eine Geschichte zu erzählen begann. »Sie heißt Andromache und ist die einzige Tochter von Eëtion, dem König über Kilikien. Es heißt, dass Hektor sie über alle Maßen liebt.

Er begegnete ihr zum ersten Mal, als er von ihrem Vater Tribut einforderte. Sie hieß ihn willkommen und unterhielt ihn während eines Festmahls. Noch am selben Abend hielt Hektor beim König um ihre Hand an.«

»Sie muss sehr schön sein.«

»Ja, aber es heißt, dass Hektor eine noch viel schönere Frau hätte wählen können. Sie ist bekannt für ihr sanftes, freundliches Wesen, und das Volk liebt sie, denn sie schenkt ihm Kleider und Nahrung. Sie war schwanger, aber ich weiß nicht, was aus dem Kind geworden ist.«

»Wo liegt Kilikien?«, fragte ich.

»Im Süden, an der Küste. Nicht weit von hier.«

»In der Nähe von Lesbos«, präzisierte Achill. Brisëis nickte.

Als wir wieder allein waren, sagte er: »Wir sind über Kilikien hergefallen. Wusstest du das nicht?«

»Nein.«

Er nickte. »Ich erinnere mich an diesen Eëtion. Er hatte acht Söhne. Sie haben sich tapfer gewehrt.«

Sein Schweigen verriet, was er nicht sagen mochte.

»Du hast sie getötet.« Eine ganze Familie, dahingeschlachtet.

Er sah mir an, was ich dachte, obwohl ich es zu verbergen versuchte.

»Ja.«

Mir war klar, dass er tagtäglich Männer erschlug, denn er kam jedes Mal blutüberströmt zurück und schrubbte sich von Kopf bis Fuß ab, bevor wir miteinander aßen. Aber es gab Momente wie diesen, da mich der Gedanke an all die durch ihn hervorgerufenen Tränen und Schmerzen verzweifeln ließ. Und nun war ihm auch Andromache zum Opfer gefallen, die von Hektor über alles geliebte Frau. Obwohl Achill so dicht neben mir saß, dass ich seine Wärme spürte, wähnte ich ihn in diesem Moment Welten von mir entfernt. Er hatte seine Hände in den Schoß gelegt. Sie waren voller Schwielen und doch schön, unvergleichlich sanft und gleichzeitig tödlich.

Wolken zogen auf, die Luft wurde drückend schwer. Es sollte in der Nacht ein Unwetter geben und so heftig regnen, dass die in den Bergen quellenden Flüsse über die Ufer treten und eine wahre Flut auslösen würden.

Eine solche Flut ist auch er, dachte ich.

Seine Stimme riss mich aus meinen Gedanken. »Ich habe einen Sohn am Leben gelassen«, sagte er, »den achten, damit ihr Geschlecht nicht ausstirbt.«

Seltsam, dass sich schon ein solcher kleiner Gnadenakt als große Güte ausnahm. Und doch, welcher andere Kämpfer wäre dazu bereit gewesen? Eine ganze Familie zu töten war etwas, womit sich andere brüsteten, eine Ruhmestat, die den Beweis erbrachte, dass man stark genug war, einen Namen zu tilgen. Der Sohn, der überlebt hatte, würde Kinder haben, die seinen Namen trugen und der Nachwelt ihre Geschichte erzählten, so dass die Getöteten zumindest in der Erinnerung fortlebten.

»Ich bin froh darüber«, sagte ich aus vollem Herzen.

Das Feuer war restlos heruntergebrannt. »Seltsam«, sinnierte er. »Ich habe immer gesagt, dass Hektor mir nichts getan hat. Ähnliches wird er von mir nun nicht mehr sagen können.« 

Vierundzwanzigstes Kapitel

Die Jahre gingen ins Land, und einer der Soldaten, einer von Ajax’ Männern, beschwerte sich über die Dauer des Krieges. Anfangs achtete man nicht weiter auf ihn. Er war schrecklich hässlich und als Schurke bekannt. Doch er wiederholte seine Beschwerde wortreich. Vier Jahre, sagte er, und man habe immer noch nichts zu bieten. Wo ist der Reichtum? Wo die Frau? Wann werden wir zurückkehren? Ajax versuchte, ihm das Maul zu stopfen, doch er ließ nicht locker. Seht ihr, wie man mit uns umspringt?

Seine Unzufriedenheit zog Kreise, und die äußeren Umstände taten ein Übriges. Es regnete so viel, dass der Boden aufgeweicht war und den Kampf erschwerte. Viele litten unter Hautausschlägen und Entzündungen. Zu allem Überfluss wurden wir von Stechmücken heimgesucht, deren Schwärme sich wie Rauchwolken auf das Lager legten.

Mürrisch und nach Mücken klatschend drückten sich die Männer auf der Agora herum, zuerst nur in kleinen Gruppen, die dann aber immer größer und lauter wurden.

Vier Jahre!

Wer weiß, ob sie überhaupt in der Stadt ist? Hat sie jemand gesehen?

Wir sollten die Kämpfe einstellen.

Als Agamemnon das hörte, befahl er, die Aufständischen auszupeitschen. Doch am nächsten Tag meuterten doppelt so viele, nicht wenige waren Mykener.

Agamemnon ließ sie mit Waffengewalt auseinandertreiben. Die Männer flohen, kehrten aber zurück, kaum dass die Ordnungshüter abgezogen waren. Am Ende ließ Agamemnon Soldaten aufstellen, die die Agora von morgens bis abends bewachen mussten. Es war ein frustrierender Dienst – in praller Sonne und ausgerechnet dort, wo die meisten Mücken quälten. Es dauerte nicht lange, und die Wachsoldaten liefen ins Lager der Meuterer über.

Agamemnon schickte Spitzel aus, um durch sie die Namen der Rädelsführer zu erfahren, die er dann gefangen nehmen und auspeitschen ließ. Am nächsten Morgen weigerten sich mehrere Hundertschaften, den Kampf aufzunehmen. Manche meldeten sich krank, andere blieben ohne jeden Vorwand fern, was sich schnell herumsprach und zur Folge hatte, dass sich immer mehr Männer um den Dienst an der Waffe drückten. Sie warfen ihre Schwerter und Schilde auf dem Podest auf einen Haufen zusammen und nahmen die Agora in Beschlag. Als sich Agamemnon einen Weg durch die Menge zu bahnen versuchte, verschränkten die Männer ihre Arme vor der Brust und wichen nicht von der Stelle.

Dass ihm der Zutritt zu seiner eigenen Agora verwehrt blieb, versetzte Agamemnon in heillose Wut. Seine Fingerknöchel traten weiß hervor, so fest hielt er das Zepter umklammert, einen Holzknüppel, mit Eisenband umwickelt. Als ein Mann vor ihm ausspuckte, schlug er ihn mit dem Zepter nieder. Wir alle hörten seinen Schädel krachen. Er stand nicht mehr auf.

Ich glaubte nicht, dass Agamemnon ihn absichtlich dermaßen hart bestrafen wollte. Wie versteinert starrte er auf die zu seinen Füßen liegende Leiche. Ein anderer ging davor in die Knie und wälzte sie auf den Rücken. Der Schädel war zertrümmert, zur Hälfte eingedrückt von der Wucht des Schlags. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht. Viele zogen ihre Messer. Ich hörte Achill etwas murmeln, und plötzlich war er von meiner Seite gewichen.

Agamemnons Miene verriet, dass ihm die verhängnisvolle Schwere seines Fehlers nach und nach bewusst wurde. Er hatte sich fahrlässigerweise von seinen loyalen Leibwachen entfernt und war nun von meuternden Soldaten umzingelt, ohne Aussicht darauf, dass ihm jemand zu Hilfe eilte. Ich hielt die Luft an und war mir sicher, ihn gleich sterben zu sehen.

»Männer von Griechenland!«

Alle Köpfe fuhren herum. Achill stand auf dem Haufen aus Schilden und Schwertern, von Kopf bis Fuß eine wahrhaft heldenhafte Erscheinung, schön, kraftvoll und mit ernster Miene.

»Ihr seid wütend«, sagte er.

Ein jeder fühlte sich angesprochen. Sie waren wütend. Und dass ein Anführer dies einräumte, war ohne Beispiel.

»Sprecht aus, was euch verärgert«, sagte er.

»Wir wollen nach Hause zurückkehren!«, schallte es aus den hinteren Reihen der Menge. »Es hat keinen Sinn, weiter zu kämpfen.«

»Agamemnon hat uns belogen!«

Zustimmendes Raunen wurde laut.

»Wir sind seit vier Jahren hier«, empörte sich eine besonders wütende Stimme. Ich hatte dafür Verständnis, obwohl mir diese vier Jahre wie ein überreiches Geschenk vorkamen, das den Händen knausernder Schicksalsgöttinnen abgerungen worden war. Doch für sie waren diese Jahre vergeudete Zeit, gestohlen von ihren Frauen und Familien.

»Ihr habt das Recht, Unmut zu äußern«, sagte Achill. »Euch wurde ein schneller Sieg versprochen, und nun fühlt ihr euch betrogen.«

»Ja!«

Ich warf einen Blick auf Agamemnon und dessen wutverzerrtes Gesicht. Er steckte in der Menge fest, zum Schweigen verurteilt, denn jedes falsche Wort hätte zu Tumulten geführt.

»Hört mich an!«, rief Achill. »Glaubt ihr, dass der Aristos Achaion in einem aussichtslosen Krieg kämpft?«

Alles schwieg.

»Nun?«

»Nein«, sagte jemand.

Achill nickte ernst. »So ist es, und darauf gebe ich euch mein Wort. Ich glaube an unseren Sieg und werde erst dann die Waffen strecken, wenn wir ihn errungen haben.«

»Du sprichst für dich«, rief eine andere Stimme. »Aber was ist mit denen, die abziehen möchten?«

Agamemnon öffnete den Mund, um zu antworten. Ich konnte mir vorstellen, was er sagen wollte. Niemand zieht ab! Wer Fahnenflucht begeht, wird hingerichtet! Aber zum Glück war Achill schneller.

»Es steht jedem frei, zu gehen, wann es ihm beliebt.«

»Wirklich?«, zweifelte jemand.

»Ja.« Er legte eine Pause ein und zeigte sein unbekümmertes, freundliches Lächeln, wozu nur er imstande war. »Aber wenn wir Troja einnehmen, geht euer Anteil der Beute an mich.«

Es war deutlich zu spüren, wie sich die Spannung löste. Manche lachten. Prinz Achill hatte wieder Beute in Aussicht gestellt, und wer gierig war, der hoffte auch.

Er bemerkte den Stimmungsumschwung und sagte: »Es wird höchste Zeit, dass wir wieder zu den Waffen greifen. Die Trojaner glauben sonst noch, wir hätten Angst.« Er zog sein glänzendes Schwert und hielt es in die Höhe. »Wer wagt es, sie eines Besseren zu belehren?«

Vereinzelt wurde Zustimmung laut, die schnell auf andere übergriff, und bald war alles in Bewegung, die Männer griffen nach ihren Waffen. Man trug den Toten fort und war sich einig darüber, dass er schon immer nur für Ärger gesorgt hatte. Achill sprang vom Podest und ging mit einem knappen Kopfnicken an Agamemnon vorbei. Der König von Mykene sagte nichts, aber ich sah, wie er dem Prinzen lange nachblickte.

Nach dieser Beinahe-Rebellion ersann Odysseus ein Beschäftigungsprogramm zur Vorbeugung weiterer Aufstände. Er schlug vor, das ganze Lager mit einem mächtigen Palisadenzaun samt lanzenbewehrtem Graben zu umgeben, insgesamt sechzehn Kilometer lang, damit unsere Zelte und Schiffe vor Angriffen der Trojaner geschützt sein würden.

Als Agamemnon zu den Arbeiten aufrief, war ich mir sicher, dass die Männer den eigentlichen Zweck dieses Kraftakts durchschauten. In all den zurückliegenden Jahren waren das Lager und die Schiffe nie gefährdet gewesen. Wozu nun diese Befestigungsanlage? Zumal kein Mensch an Achill vorbeikam –.

Dann aber trat Diomedes vor. Er begrüßte den Plan und schüchterte die Männer mit der Schilderung von Schreckensbildern nächtlicher Überfälle und brennender Schiffe ein. Vor allem Letzteres war besonders wirksam – ohne Schiffe würden wir nicht nach Hause zurückkehren können. Am Ende waren alle überzeugt, und voller Tatendrang zogen sie mit Beilen in den Wald. Odysseus machte den Unruhestifter, einen Mann namens Thersites, ausfindig und ließ ihn bis zur Besinnungslosigkeit auspeitschen.

Aufbegehrt wurde fortan nicht mehr.

Der Bau des Palisadenzauns und die Abwendung innerer Bedrohung führten zu großen Veränderungen insgesamt. Wir alle, von einfachen Fußsoldaten bis hin zu den Anführern, betrachteten das Lager mehr und mehr als unser Zuhause. Aus der Invasion war eine Belagerung geworden. Hatten wir bislang als Räuberhorden Dörfer und Gutshöfe der Umgebung überfallen, fingen wir nun selbst zu bauen an, nicht nur die Schutzmauer, sondern auch all das, was eine Stadt zu einer Stadt machte: eine Schmiede, eine Koppel für das gestohlene Vieh und sogar eine Töpferwerkstatt, die notwendig wurde, weil das mitgebrachte Geschirr entweder zu Bruch gegangen oder voller Sprünge und nicht mehr zu gebrauchen war. Auch viele andere Gebrauchsgegenstände hatten sich längst abgenutzt und mussten ersetzt werden. Von der Zeit unberührt schienen einzig das Rüstzeug und die polierten Insignien der Könige zu sein.

Auch die Männer veränderten sich. Die Mitglieder unterschiedlicher Heere wuchsen zu einer großen Gruppe zusammen. Von Aulis noch als Kreter, Zyprioten oder Argiver aufgebrochen, verstanden sich jetzt alle als Griechen, vereint in der Absicht, Troja zu erobern. Und dass sie Speisen, Frauen und Kleider miteinander teilten, schien alle Unterschiede zu verwischen. Agamemnons Behauptung, Griechenland zu vereinen, war letztlich doch nicht nur Prahlerei, denn der Gemeinschaftssinn – früher unter den rivalisierenden Königreichen undenkbar – dauerte über Jahre hinaus an, und es sollte unter denen, die um Troja gekämpft hatten, zu keinem Krieg mehr kommen.

Die Veränderungen machten auch vor mir nicht halt. Im Laufe der sechs, sieben Jahre verbrachte ich mehr Zeit in Machaons Zelt als an der Seite Achills auf dem Feld. So lernte ich einen Patienten nach dem anderen kennen. Irgendwann kam jeder zu uns, um versorgt zu werden, und sei es nur wegen eines verstauchten Knöchels oder eingewachsener Zehennägel. Auch Automedon musste einmal verarztet werden, weil ihm eine dicke Eiterbeule auf der Hand zu schaffen machte. Aufgeregte Männer brachten ihre schwangeren Sklavenfrauen zur Entbindung. Wir halfen bei der Geburt zahlloser Kinder und kurierten später deren Blessuren.

Und es waren nicht nur die einfachen Soldaten, die uns aufsuchten, sondern auch manche Könige. Nestor holte sich jeden Abend seinen Hustensaft ab, den wir ihm verordnet hatten. Menelaos nahm Opium gegen seine Kopfschmerzen, Ajax litt an einem übersäuerten Magen. Ihr Vertrauen auf Heilung und Trost rührte mich. Ich fing an, sie zu mögen, unabhängig davon, wie sie sich in den Ratssitzungen aufführten.

Mein Ansehen im Lager nahm zu. Man verlangte nach mir, ich war bekannt für meine geschickten Hände, die, wie sich herumgesprochen hatte, nur wenig Schmerzen bereiteten. Podaleirios ließ sich nur noch selten im Zelt blicken, denn nun war ich es, der Machaon vertrat.

Es überraschte Achill, wie viele mich herzlich grüßten und mir für ihre Heilung dankten, wenn wir durchs Lager gingen. »Erstaunlich, dass du dich an jeden Einzelnen erinnerst«, sagte er. »Für mich sehen sie alle gleich aus.«

Ich lachte und versuchte, ihm auf die Sprünge zu helfen. »Das da ist Sthenelos, der Wagenlenker von Diomedes, und da drüben siehst du Podarkes, den Bruder unseres ersten Gefallenen. Erinnerst du dich?«

»Ich gebe mich geschlagen«, sagte er. »Es ist einfacher, wenn sie sich an mich erinnern.«

Unser Kreis am Lagerfeuer wurde kleiner, denn ein Mädchen nach dem anderen nahm sich einen Myrmidonen zum Geliebten und dann zum Ehemann. Sie brauchten uns nicht mehr und hatten ihre eigene Familie, worüber wir froh waren. Die Stimmung im Lager war heiter. Man saß zusammen, lachte und hörte des Nachts Laute des Vergnügens, und so mancher Myrmidone wurde zum stolzen Vater.

Bald saß nur noch Brisëis mit uns am Feuer. Obwohl so schön wie eh und je und von vielen umworben, verzichtete sie auf Liebschaften. Stattdessen wurde sie zu einer Art Tante, die Süßigkeiten verteilte, Liebestropfen und weiche Tücher zum Trocknen der Augen bereithielt. Wenn ich mich an die Nächte vor Troja erinnere, sehe ich Achill an meiner Seite, Phoinix mit schmunzelndem Gesicht, Automedon, der einen Witz zu erzählen versucht und die Pointe verhunzt, und Brisëis mit ihren schwarzen Haaren, heimlichen Blicken und dem fröhlichen Lachen.

Es war noch dunkel, als ich eines frühen Morgens frierend erwachte. An diesem Tag sollten die Ernte gefeiert und dem Gott Apoll zum Dank die ersten Früchte gewidmet werden. Achill schlief noch. Sein Körper strahlte eine wohlige Wärme aus. Im Dunklen sah ich nur die Umrisse seines Gesichts, das markante Kinn und die sanft geschwungenen Brauen. Ich wollte ihn wecken und ihm in die Augen blicken, denn daran konnte ich mich nicht sattsehen.

Liebkosend fuhr ich mit meiner Hand über seine Brust. Wir hatten beide an Kraft gewonnen, er im Kampf auf dem Feld, ich durch meine Arbeit im Lazarett. Manchmal überraschte mich mein eigener Anblick. Ich war inzwischen ein Mann, in den Schultern so breit wie mein Vater damals, insgesamt aber sehr viel schlanker.

Die Berührung seiner Haut entfachte Lust in mir. Ich schlug das Laken zur Seite, um ihn ganz zu sehen, beugte mich über ihn und bedeckte ihn mit Küssen.

Es dämmerte. Das erste Morgenlicht drang durch die Zeltbahnen. Er schlug die Augen auf und schaute mich an. Unsere Glieder verschlangen sich ineinander wie von selbst und in erprobter Weise, und doch war es immer wieder neu für uns.

Später saßen wir beieinander und frühstückten. Wir hatten das Zelt geöffnet, um frische Luft hineinzulassen, die angenehm über unsere feuchte Haut strich. Draußen sahen wir die Myrmidonen bei ihren allmorgendlichen Verrichtungen. Automedon lief zum Strand, um ein Bad zu nehmen. Das Meer war noch warm von einem Sommer voller Sonne.

Sie kam nicht durch die Tür. Sie war einfach plötzlich da, mitten im Zelt. Erschrocken schnappte ich nach Luft und zog meine Hand, die auf Achills Knie lag, zurück, obwohl mir im selben Augenblick klar war, dass ich mich kindisch verhielt. Sie war eine Göttin und konnte uns sehen, wann immer sie wollte.

»Mutter«, grüßte er.

»Ich muss dich warnen.« Die Worte knirschten wie ein Knochen, der zerbissen wird. Im Halbdunkel des Zelts schimmerte ihre Haut kalt und hell. Ich sah jede scharfe Linie ihres Gesichtes, jede Falte des leuchtenden Gewandes ganz genau. So nah hatte sie schon lange nicht mehr vor mir gestanden, seit Skyros nicht. Ich hatte mich seitdem verändert, an Kraft und Größe zugenommen, und wenn ich mich nicht rasierte, wuchs mir ein Bart. Sie aber hatte sich nicht verändert. Natürlich nicht.

»Apoll ist erzürnt und will gegen die Griechen vorgehen. Wirst du ihm heute opfern?«

»Ja«, antwortete Achill. Wir hielten uns immer an die Festtagsriten, schnitten den Opfertieren die Kehle auf und brieten ihr Fett.

»Das musst du auch«, sagte sie, die Augen auf ihren Sohn geheftet. Von mir schien sie keine Notiz zu nehmen. »Eine Hekatombe.« Also hundert Schafe oder Rinder. Nur die reichsten und mächtigsten Männer konnten sich eine solche Opfergabe leisten. »Nicht weniger. Und richte dich nicht danach, was die anderen tun. Die Götter ergreifen Partei, und du solltest dich hüten, sie zu verärgern.«

All diese Tiere zu schlachten würde, wenn jeder mithalf, einen ganzen Tag in Anspruch nehmen, und im Lager würde es eine ganze Woche lang wie in einem Leichenhaus stinken. Achill aber nickte. »Wir werden deinen Rat befolgen.«

Sie presste die Lippen aufeinander, rote Striche, die wie Wundränder aussahen.

»Noch etwas«, sagte sie.

Obwohl sie mich nicht anschaute, machte sie mir Angst. Für mich war sie die Ausgeburt böser Omen und drohender Katastrophen.

»Ich höre.«

Ihr Zögern spannte mich auf die Folter. »Der beste Myrmidone wird sterben, ehe zwei weitere Jahre vergangen sind.«

Achill rührte keine Miene. »Wir wussten, dass es irgendwann geschehen muss«, entgegnete er.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Der Prophezeiung nach wirst du noch am Leben sein, wenn das passiert.«

Achill krauste die Stirn. »Was hat das zu bedeuten?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete sie. Es schien, als wollte sie ihn mit ihren großen schwarzen Augen in sich aufsaugen. »Ich fürchte eine Intrige.« Die Schicksalsgöttinnen waren bekannt für ihre Rätsel, die bis zum Schluss ungelöst blieben, dann aber zur bitteren Erkenntnis führten.

»Sei wachsam«, sagte sie. »Du musst auf der Hut sein.«

»Das bin ich«, erwiderte er.

Erst jetzt richtete sie ihren Blick auf mich. Wie von einem üblen Gestank belästigt, rümpfte sie die Nase. »Er ist deiner nicht würdig«, zischte sie. »Er ist es nie gewesen.«

»Wir sind da unterschiedlicher Meinung«, entgegnete Achill gelassen und wie zum wiederholten Male. Vielleicht hatte er ihr schon häufiger so geantwortet.

Mit einem verächtlichen Schnauben löste sie sich in Luft auf.

»Sie fürchtet sich«, sagte Achill.

»Das scheint mir auch so.« Ich räusperte mich und versuchte die Angst, die mir wie ein Kloß im Hals steckte, herunterzuschlucken.

»Wer ist deiner Meinung nach der beste Myrmidone? Von meiner Person abgesehen.«

Auf Anhieb kam mir Automedon in den Sinn, der sich an der Seite Achills wie kaum ein anderer in der Schlacht bewährt hatte. Doch als der beste war er beileibe nicht zu bezeichnen.

»Ich weiß es nicht«, antwortete ich.

»Ob mein Vater gemeint sein könnte?«, fragte er.

Peleus, der in Phthia zurückgeblieben war, hatte mit Herakles und Perseus gekämpft. Er war eine Legende und beispielhaft für seine Frömmigkeit und seinen Mut. »Vielleicht.«

Wir schwiegen eine Weile. Dann sagte er: »Ich glaube, wir werden es bald wissen.«

»Du bist es jedenfalls nicht«, sagte ich. »Und darauf kommt’s an.«

Am Nachmittag kamen wir dem Rat seiner Mutter nach. Die Myrmidonen errichteten Scheiterhaufen für die Brandopfer. Ich hielt die Schalen für das Blut, während Achill Kehle um Kehle aufschlitzte. Die besten Fleischstücke verbrannten wir mit Gerste und Granatäpfeln, und in die glühenden Kohlen schütteten wir unseren besten Wein. Apoll ist erzürnt, hatte sie gesagt. Einer unserer mächtigsten Götter, der Gott der Bogenschützen, dessen Pfeile schneller waren als das Licht. Obwohl nicht besonders fromm, pries ich ihn an diesem Tag mit einer Inbrunst, die der von Peleus wahrscheinlich in nichts nachstand. Und für den besten der Myrmidonen schickte ich ein Stoßgebet zu den Göttern.

Brisëis bat mich, sie im Heilen zu unterrichten, und versprach im Gegenzug, mir beizubringen, was sie über die Wirkung der heimischen Gewächse wusste. Das war mir sehr willkommen, weil Machaons Vorräte zur Neige gingen, und so verbrachten wir viele angenehme Tage im Wald, sammelten Kräuter und pflückten unter modernden Hölzern Pilze, die so zart und weich waren wie die Ohren von Säuglingen.

Manchmal streifte ihre Hand dabei versehentlich meine. Dann blickte sie auf und lächelte. Wassertropfen hingen von ihren Ohren herab und in ihren Haaren wie Perlen. Sie hatte den langen Schurz um die Knie gewickelt und die Füße entblößt, die ebenso hübsch wie trittsicher waren.

An einem dieser Tage machten wir Rast, um zu Mittag zu essen. Wir teilten uns Brot, Käse und Streifen getrockneten Fleisches und schöpften mit den Händen Wasser aus dem Bach. Es war Frühling, und seit drei Wochen zeigte sich das fruchtbare Land in seiner ganzen Pracht. Knospen sprangen auf und entfalteten Blüten in allen Farben. Es war für mich die schönste Zeit des Jahres, wenn sich die Natur, von diesem Aufruhr fast erschöpft, auf das ruhigere Wirken des Sommers einstellte.

Ich hätte es kommen sehen müssen. Ich erzählte ihr gerade eine Geschichte – vielleicht etwas von Cheiron –, und sie hörte mir aufmerksam zu, die dunklen Augen ins Leere gerichtet. Als ich fertig war, blieb es lange still zwischen uns, was nichts Ungewöhnliches war, da sie häufig schwieg. Wir saßen so dicht beieinander, die Köpfe verschwörerisch zusammengesteckt, dass ich die Frucht riechen konnte, die sie gerade gegessen hatte. Ich nahm den Duft des Rosenöls wahr, das noch, für die anderen Mädchen gepresst, an ihren Fingern klebte, und mir wurde wieder einmal bewusst, wie lieb ich sie hatte, dieses ernste Gesicht mit den Mandelaugen. Ich stellte sie mir vor, wie sie als Mädchen auf Bäume geklettert und auf ihren dünnen Beinen mit anderen um die Wette gerannt war, und wünschte, sie schon damals gekannt zu haben, als ich noch im Haus meines Vaters gewohnt und mit meiner Mutter Steine übers Wasser hatte hüpfen lassen. Ich sah es fast bildlich vor mir.

Ihre Lippen berührten plötzlich meine. Ich war so überrascht, dass ich mich nicht rührte. Ihr Mund war weich und ein wenig zögerlich, die Augen hatte sie geschlossen. Ich erwiderte ihren Kuss und überließ mich, von Blütenduft umweht, dem Zauber des Moments. Dann rückte sie, den Blick gesenkt, von mir ab. Mir rauschte das Blut in den Ohren, doch was es in Wallung versetzte, war nicht so sehr das Verlangen, wie es Achill in mir auslöste, als vielmehr meine Sorge, ihr womöglich wehzutun. Ich legte meine Hand in ihre.

Sie ahnte es, spürte es an der Art, wie ich ihre Hand ergriff und ihr in die Augen sah. »Es tut mir leid«, flüsterte sie.

Ich schüttelte den Kopf, wusste aber nicht, was ich sagen sollte.

Sie hob die Schultern an wie zusammengefaltete Flügel. »Ich weiß, dass du ihn liebst«, sagte sie stockend. »Ich weiß es. Aber ich dachte – manche Männer haben Frauen und trotzdem auch Geliebte.«

Ihr Gesicht sah so traurig aus, dass ich nicht länger schweigen konnte.

»Brisëis«, sagte ich. »Wenn ich jemals mit einer Frau zusammen sein möchte, dann nur mit dir.«

»Aber du möchtest mit keiner Frau zusammen sein.«

»So ist es«, sagte ich möglichst schonend.

Sie nickte und schaute wieder zu Boden. Ich konnte hören, dass ihr Atem ein wenig zitterte.

»Tut mir leid«, sagte ich.

»Willst du denn nie Kinder haben?«

Die Frage überraschte mich. Ich kam mir doch selbst vor wie ein Kind, obwohl die meisten Männer meines Alters längst Väter waren.

»Ich wäre wohl kein guter Vater«, erwiderte ich.

»Das glaube ich nicht.«

»Ich weiß es nicht«, entgegnete ich. »Du etwa?«

Was ich einfach so dahergesagt hatte, schien sie tief zu berühren. Sie zögerte. »Vielleicht.« Und plötzlich wurde mir bewusst, was sie mir eigentlich hatte sagen wollen. Ich schämte mich für meine Gedankenlosigkeit und errötete. Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Vielleicht um ihr zu danken.

Aber sie war schon aufgestanden und glättete ihr Kleid »Gehen wir?«

Mir blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.

In dieser Nacht fand ich keine Ruhe. Unablässig gingen mir Brisëis und mein Kind durch den Kopf. Ich sah kleine mollige Beinchen, dunkle Haare und die großen Augen der Mutter. Ich sah uns, Brisëis und mich, mit dem Kind am Feuer hocken, das mit einem von mir geschnitzten Holzstück spielte. Und doch war dieser Szene eine seltsame Leere eigen, eine schmerzende Abwesenheit. Wo war Achill? Tot? Oder hatte er nie existiert? Ein solches Leben mochte ich nicht führen. Aber Brisëis hat mich auch nicht darum gebeten. Sie hatte mir dies alles in Aussicht gestellt, sich, das Kind und auch Achill.

Ich drehte mich zur Seite und schaute ihn an. »Hast du je daran gedacht, Kinder in die Welt zu setzen?«, fragte ich.

Er hatte die Augen geschlossen, schlief aber nicht. »Ich habe ein Kind«, antwortete er.

Es versetzte mir einen Stich, sooft ich daran erinnert wurde. An sein Kind mit Deidameia. Einen Jungen mit Namen Neoptolemos – Neuer Krieg –, wie er von Thetis wusste. Genannt wurde er Pyrrhos wegen seiner feuerroten Haare. An ihn, diesen fernab lebenden Sohn von Achill, zu denken beunruhigte mich. »Sieht er dir ähnlich?«, hatte ich schon einmal gefragt. Achill hatte mit den Achseln gezuckt. »Danach habe ich nicht gefragt.«

»Möchtest du ihn sehen?«

Achill schüttelte den Kopf. »Es ist gut, dass meine Mutter ihn aufzieht. Bei ihr hat er es besser.«

Daran zweifelte ich, behielt meinen Gedanken jedoch für mich. Ich wartete einen Moment für den Fall, dass er mich fragen wollte, ob ich mir ein Kind wünschte. Aber das tat er nicht. Ich hörte seinem Atem an, dass er eingeschlafen war. Er schlief immer vor mir ein.

»Achill?«

»Mmmm?«

»Magst du Brisëis?«

Er krauste die Stirn, hielt aber die Augen geschlossen. »Mögen?«

»Ob du dich an ihr erfreust«, sagte ich. »Du weißt, was ich meine.«

Er schlug die Augen auf und schien erschrocken. »Was hat das mit Kindern zu tun?«

»Nichts«, log ich.

»Wünscht sie sich ein Kind?«

»Kann sein.«

»Von mir?«, fragte er.

»Nein.«

»Gut.« Die Lider fielen ihm wieder zu. Als ich glaubte, dass er wieder eingeschlafen war, sagte er: »Von dir. Sie will ein Kind mit dir.«

Mein Schweigen bestätigte ihn. Er richtete sich auf und ließ das Laken von der Brust gleiten. »Ist sie schwanger?«, fragte er.

So gereizt hatte ich seine Stimme noch nie gehört.

»Nein«, sagte ich.

Er sah mir eindringlich in die Augen und suchte nach einer Antwort.

»Wünschst du es dir?«, fragte er sichtlich angespannt. Eifersucht war ihm fremd. Aber er war verletzt, und ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich kam mir grausam vor und bereute, ihn mit meinen Gedanken behelligt zu haben.

»Nein«, sagte ich. »Ich glaube nicht. Nein.«

»Wenn du es willst, wäre es in Ordnung.« Er sprach mit Bedacht, versuchte, gerecht zu sein.

Ich dachte wieder an das dunkelhaarige Kind. Ich dachte an Achill.

»Es ist gut so, wie es ist«, sagte ich.

Die Erleichterung in seinem Ausdruck tat mir gut.

In der Folgezeit schien mich Brisëis zu meiden. Ich aber hielt an unserer Gewohnheit fest und holte sie ab, um mit ihr spazieren zu gehen. Wir unterhielten uns über Heilkunde und das, was im Lager geschah. Über Kinder oder ein Leben als Mann und Frau redeten wir nicht. Wenn sie mich anschaute, sah ich immer noch die gleiche Sanftheit ihrer Augen. Ich gab mir Mühe, ihr mit ähnlich sanften Blicken zu begegnen. 

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Es war im neunten Jahr, als eines Tages wieder einmal ein Mädchen aufs Podest gezerrt wurde. Man hatte sie offenbar misshandelt, denn das halbe Gesicht war grün und blau geschlagen. In ihren Haaren flatterten Bänder, die sie als Gottesdienerin auswiesen. Ich hörte jemanden sagen, dass sie die Tochter eines Priesters sei. Achill und ich schauten einander an.

Obwohl schrecklich zugerichtet, war sie schön: große, haselnussbraune Augen in einem runden Gesicht, kastanienfarbene Haare, die ihr in weichen Wellen auf die Schultern fielen, mädchenhaft schlank. Als wir sie betrachteten, füllten sich ihre Augen wie dunkle Tümpel, die über die Ufer gingen. Tränen rollten ihr über die Wangen und tropften vom Kinn zu Boden. Sie konnte sie nicht wegwischen, ihre Hände waren auf dem Rücken gefesselt.

Von den Männern begafft, richtete sie den Blick im Stoßgebet zum Himmel. Ich stieß Achill an. Er nickte, doch bevor er sie für sich beanspruchen konnte, trat Agamemnon vor. Er legte eine Hand auf ihre zarte, gebeugte Schulter. »Das ist Chryseis«, sagte er. »Sie gehört mir.« Dann zerrte er die junge Frau vom Podest und führte sie in sein Zelt. Ich sah, wie der Priester Kalchas die Stirn runzelte und Anstalten machte, Widerspruch einzulegen. Doch er hielt sich zurück, und Odysseus setzte die Verteilung fort.

Etwa einen Monat später kam der Vater des Mädchens. Er wanderte über den Strand, gestützt auf einem vergoldeten und mit bunten Bändern umwickelten Stab. Er hatte ein breites, knochiges Gesicht und trug einen Bart nach der Art anatolischer Priester. In seinen langen Haaren waren Bänder befestigt, passend zu denen seines Stabs. Sein langes, aus roten und goldenen Stoffbahnen gefertigtes Gewand flatterte um seine Beine. Ihm folgten zwei Gehilfen, die eine große Holztruhe schleppten und Mühe hatten, Schritt zu halten.

Die kleine Prozession passierte die Zelte von Ajax, Diomedes und Nestor und näherte sich der Agora. Von anderen informiert, eilten Achill und ich hinzu, und als wir zur Stelle waren, hatte der Priester bereits das Podest bestiegen. Er stand dort mit stolz erhobenem Kinn und nahm von Agamemnon und Menelaos, die auf ihn zutraten, keine Notiz. Die beiden zeigten sich verärgert über dessen anmaßende Haltung, warteten jedoch erst einmal ab.

Aus allen Ecken des Lagers waren Soldaten zusammengelaufen, denn der ungewöhnliche Besuch hatte sich schnell herumgesprochen. Der Priester ließ seinen Blick über die Menge schweifen und richtete ihn schließlich auf die Söhne des Atreus, die vor ihm auf dem Podest standen.

Er sprach mit volltönender Stimme, nannte seinen Namen – Chryses – und stellte sich mit erhobenem Stab als Hohepriester des Apoll vor. Dann zeigte er auf die Truhe, die, von seinen Gehilfen inzwischen geöffnet, einen glitzernden Schatz aus Gold, Edelsteinen und Bronze barg.

»Was führt dich zu uns, Priester Chryses?«, fragte Menelaos, der offenbar an sich halten musste. Trojaner hatten nicht auf die Podeste der griechischen Könige zu steigen und unaufgefordert das Wort zu ergreifen.

»Ich bin gekommen, um meine Tochter Chryseis freizukaufen«, antwortete der Priester. »Sie, ein junges Mädchen mit Bändern im Haar, wurde von euch, den Griechen, aus unserem Tempel geraubt. Ihr habt Unrecht begangen.«

Gemurmel wurde laut. Bittsteller hatten demütig niederzuknien. Was fiel ihm ein, dass er unseren Königen die Stirn bot und urteilte? Nun, er war ein Hohepriester, nicht daran gewöhnt, vor jemand anderem als seinem Gott niederzuknien. Vielleicht sollte man ihm Zugeständnisse machen. Außerdem war sein Angebot überaus großzügig, das Mädchen vielleicht die Hälfte wert, und es empfahl sich, einen Priester nicht zu verprellen. Dass er von Unrecht sprach, war zwar heikel, jedoch nicht von der Hand zu weisen. Sie hätte gar nicht erst entführt werden dürfen. Sogar Diomedes und Odysseus nickten beipflichtend, und Menelaos schien sich dahingehend äußern zu wollen.

Doch Agamemnon kam ihm zuvor. Breit wie ein Bär, richtete er sich zornig auf.

»Spricht so ein Bettler? Du kannst von Glück sagen, dass ich dich nicht auf der Stelle niederstrecke. Ich führe den Oberbefehl über dieses Heer«, blaffte er. »Es steht dir nicht zu, vor meinen Männern den Mund aufzumachen. Aber höre meine Antwort. Sie lautet: Nein. Es gibt keinen Freikauf. Sie ist mein Preis, und ich gebe sie nicht her, weder jetzt noch später. Schon gar nicht für diesen billigen Ramsch.« Er drohte dem Priester mit einer Geste, ihn zu erwürgen. »Verschwinde und wage es nicht, dich noch einmal in meinem Lager blicken zu lassen, Priester. Auf deine Bänder und dein Amt werde ich in Zukunft keine Rücksicht nehmen.«

Chryses biss die Zähne aufeinander, ob aus Angst oder weil er eine Entgegnung zurückzuhalten versuchte, war nicht auszumachen. Seine Augen brannten voller Bitterkeit. Abrupt drehte er sich um, stieg, ohne ein weiteres Wort zu sagen, vom Podest und ging in Richtung Strand, gefolgt von seinen Gehilfen mit der Truhe.

Noch lange schaute ich dem Gedemütigten nach, während in meinem Rücken heftige Debatten laut wurden. Später erfuhr ich von Männern, denen er am Strand entgegengekommen war, dass er geweint und den erhobenen Stab gen Himmel geschwungen hatte.

Wie eine Schlange, schnell und lautlos, beschlich das Lager noch in derselben Nacht die Seuche.

Am Morgen sahen wir die Maultiere am Boden liegen, augenrollend und mit gelbem Schaum vor den Mäulern. Gegen Mittag fingen die Hunde zu winseln an. Roter Schleim troff von den hechelnden Zungen. Am späten Nachmittag waren die meisten Tiere tot, und was noch lebte, krepierte zitternd in Pfützen aus blutigem Auswurf.

Machaon, Achill und ich beeilten uns, die Kadaver zu verbrennen, um zu verhindern, dass ihre Fäulnis auf unser Quartier übergriff. Zurück im Lager, schrubbten wir die Haut mit dem rauen Salzwasser des Meeres und wuschen uns danach im Bach, der durch den Wald strömte. Die beiden Flüsse Simoeis und Skamander, aus denen wir unser Trinkwasser bezogen, mieden wir wohlweislich.

Als wir später auf der Pritsche lagen und uns flüsternd miteinander unterhielten, lauschten wir bangend darauf, ob auch unsere Kehlen bereits Eiter absonderten, was aber nicht der Fall zu sein schien. Und so wiederholten wir wechselseitig und wie in murmelndem Gebet, was wir von Cheiron zum Schutz vor Seuchen gelernt hatten.

Am nächsten Tag waren die ersten Männer befallen. Dutzende krümmten sich vor Schmerzen und brachen zusammen. Ihre Augen traten hervor, und aus aufgebrochenen Lippen rann Blut in dünnen Rinnsalen. Unter Mithilfe von Podaleirios und schließlich auch Brisëis schafften wir die Toten fort, die so jählings fielen wie von einem Speer oder Pfeil getroffen.

Am Rand des Lagers füllte sich ein Feld voll siechender Männer, die nach Wasser schrien und sich die Kleider vom Leib rissen, weil sie innerlich zu verbrennen glaubten. Bald platzten ihnen eitrige Beulen auf, und ihre Haut gab nach wie sprödes Gewebe. Wenn sie nach heftigem Todeskampf endlich erschlafft waren, lagen sie ausgestreckt im Schlamm ihres letzten Grauens: der dunklen, mit Blutklumpen vermischten Ausscheidung ihrer Gedärme.

Wir errichteten Scheiterhaufen um Scheiterhaufen und verbrannten die Toten mitsamt den Kleidern, die sie getragen hatten, erst einzeln, wie es sich schickte, dann aber in Haufen. Wir hatten nicht die Zeit, ihnen das letzte Geleit nach Anstand und Sitte zu geben.

Schließlich halfen uns auch die meisten Könige, allen voran Menelaos. Ajax spaltete ganze Bäume mit einem einzigen Axthieb, um die vielen Feuer zu versorgen. Diomedes und seine Männer durchsuchten die Zelte und fanden weitere Tote darin, und auch Männer, die zitternd und fiebernd im Sterben lagen, versteckt gehalten von ihren Freunden, damit man nicht auch sie auf den Scheiterhaufen warf.

Agamemnon zeigte sich kein einziges Mal.

Nach zwei, drei Tagen hatten jeder Verband, jeder König hohe Verluste zu beklagen. Während wir Augenlid um Augenlid schlossen, fiel uns auf, dass sich unter den Opfern kein einziger Fürst befand. Es starben ausschließlich Soldaten und geringere Edelmänner. Verschont blieben auch Frauen, wie wir bemerkten. Es beschlich uns ein Verdacht, denn es konnte nicht mit rechten Dingen zugehen, dass ein Mann nach dem anderen plötzlich verschied, mit einem Schrei auf den Lippen und die Hände an die Brust gepresst, als hätte ihn ein Pfeil hingerafft.

Es war in der neunten Nacht. Nachdem wir wieder etliche Leichen verbrannt hatten, standen wir erschöpft vor unserem Zelt und streiften unsere von Blut und Eiter verschmierten Kleider ab, um auch sie ins Feuer zu werfen. Unser Verdacht hatte sich hundertfach erhärtet. Dies war keine natürliche Plage, nicht die schleichende Verbreitung einer gefährlichen Seuche, sondern etwas anderes, das uns so unvermittelt heimsuchte wie damals die ausbleibenden Winde vor Aulis. Die Katastrophe ließ sich nur damit erklären, dass ein Gott grollte.

Wir erinnerten uns an Chryses und seine gerechtfertigte Empörung über Agamemnon, der sich wider alle Gebräuche und Regeln geweigert hatte, die Gefangene auszulösen. Und wir erinnerten uns daran, welchem Gott der Priester diente, nämlich dem des Lichts, der Heilkunst und der Seuche.

Später in der Nacht – der Mond stand hoch über dem Lager – verließ Achill das Zelt. Als er zurückkehrte, haftete ihm der Geruch des Meeres an.

»Was hat sie gesagt?«, fragte ich und richtete mich im Bett auf.

»Sie hat unseren Verdacht bestätigt.«

Am zehnten Tag der Pest marschierten wir mit den Myrmidonen über den Strand zur Agora hin. Achill bestieg das Podest und rief durch den Trichter seiner Hände, damit seine Stimme weit über das Lager trug. Das fauchende Feuer, die schluchzenden Frauen und das Ächzen der Sterbenden übertönend, rief er alle herbei.

Langsam und ängstlich näherten sich Männer von allen Seiten. Sie waren bleich und wirkten gehetzt, voller Angst vor den Pestpfeilen, die in die Brust sanken wie ein Stein ins Wasser. Achill war in voller Rüstung und hatte sein Schwert umgelegt. Seine Haare glänzten wie feuchte helle Bronze. Dass ein anderer als der oberste Heeresführer eine Versammlung einberief, war zwar nicht verboten, in unseren zehn Jahren vor Troja dennoch nie geschehen.

Agamemnon bahnte sich mit seinen Leibwachen einen Weg durch die Menge und bestieg das Podest. »Was hat das zu bedeuten?«, blaffte er.

Achill grüßte ihn höflich. »Ich habe die Männer kommen lassen, um mit ihnen über die Seuche zu reden. Gestattest du, dass ich das Wort an sie richte?«

Agamemnon hatte die Schultern eingezogen. Er war wütend und gleichzeitig beschämt, hätte er sich in dieser Sache doch schon längst selbst an das Heer wenden müssen. Dass Achill ihm zuvorkam, konnte er ihm nun nicht zum Vorwurf machen, schon gar nicht vor den Augen und Ohren der anderen. Der Unterschied zwischen beiden hätte nicht auffälliger sein können: Achill war entspannt und beherrscht; seine strahlende Erscheinung machte das Elend ringsum vergessen. Dem Mykener dagegen stand die Not ins Gesicht geschrieben.

Achill wartete, bis alle versammelt waren, Könige wie einfache Fußsoldaten. Er trat vor und lächelte. »Könige«, sagte er, »Fürsten, Männer Griechenlands, wie können wir Krieg führen, solange diese Seuche grassiert? Es wird höchste Zeit, dass wir erfahren, womit wir den Zorn eines Gottes auf uns gezogen haben.«

Die Männer tuschelten aufgeregt miteinander. Auch sie hatten die Götter in Verdacht. Kam nicht alles von ihnen, Gutes wie Böses? Achill so offen darüber reden zu hören, erleichterte sie. Seine Mutter war eine Göttin; er musste es wissen.

Agamemnon bleckte die Zähne. Er rückte so dicht an Achill heran, dass es schien, als wollte er ihn vom Podest drängen. Achill achtete nicht auf ihn. »Wir haben einen Priester unter uns, einen Mann, der den Göttern nahesteht. Ich schlage vor, wir hören ihn an.«

Aus zahllosen Kehlen tönte hoffnungsfrohe Zustimmung. Ich hörte aber auch Metall knirschen und sah, wie Agamemnon nervös die Hände rang, die in gepanzerten Handschuhen steckten.

Achill wandte sich ihm zu. »Das war doch auch deine Empfehlung, Agamemnon, nicht wahr?«

Agamemnon kniff die Augen zu kleinen Schlitzen zusammen. Er misstraute großzügigen Gesten; er misstraute allem und jedem und wähnte sich auch jetzt von Achill in eine Falle gelockt. Nach langem Zögern sagte er schließlich: »Ja, so ist es.« Und mit schroffem Wink an seine Wachen: »Holt Kalchas!«

Wenig später schleppten sie den Priester herbei. Er war hässlicher denn je mit seinem schütteren Bart und den strähnigen Haaren, die vor Schmutz und Schweiß starrten. Wie immer fuhr er hastig mit der Zunge über die gesprungenen Lippen, bevor er zu sprechen anhob.

»Hoher König, Prinz Achill, ihr seht mich völlig unvorbereitet. Ich hätte nicht gedacht –« Seine seltsam blauen Augen huschten zwischen beiden Männern hin und her. »Nun, ich habe nicht damit gerechnet, dass man mich aufruft, hier vor so vielen Männern zu sprechen.« Seine Stimme gebärdete sich wie ein Wiesel auf der Flucht.

»Sprich«, befahl Agamemnon.

Kalchas schien in großer Verlegenheit zu sein. Immer wieder leckte er sich die Lippen.

Achill half ihm auf die Sprünge. »Hast du die Opferriten befolgt? Hast du gebetet?«

»Ich … Ja, natürlich habe ich das. Aber –« Seine Stimme bebte. »Ich fürchte, was ich zu sagen habe, könnte jemanden verärgern. Einen, der mächtig ist und Beleidigungen nicht so schnell vergisst.«

Achill legte dem schmächtigen Priester eine Hand auf die Schulter und hielt, als der zurückzuckte, behutsam an ihm fest. »Kalchas, wir sterben. Solche Befürchtungen sind jetzt nicht angebracht. Welcher dieser Männer hier würde das, was du sagst, gegen dich verwenden? Ich täte es nicht, selbst wenn du mich als Ursache der Plage nennen würdest. Was ist mit euch?«, fragte er und schaute in die Runde. Alle schüttelten den Kopf.

»Siehst du? Keiner, der bei Verstand ist, würde einem Priester Leid zufügen.«

Agamemnon stand stocksteif hinter den beiden, allein, was ich ungewöhnlich fand. Meist waren sein Bruder, Odysseus oder Diomedes in seiner Nähe. Doch die hatten sich unter die anderen Prinzen vor dem Podest gemischt und hielten Abstand.

Kalchas räusperte sich. »Die Auguren geben zu verstehen, dass Apoll erzürnt ist.« Apoll. Ehrfürchtiges Schweigen machte sich breit.

Kalchas warf einen flüchtigen Blick auf Agamemnon und wandte sich dann wieder an Achill. Er schluckte. »Es scheint, Apoll hat Anstoß genommen, daran, wie sein ergebener Diener Chryses von uns behandelt wurde.«

Agamemnon erstarrte. Sein finsterer Blick war auf den Priester geheftet.

»Er lässt sich nur dann besänftigen«, fuhr Kalchas stammelnd fort, »wenn wir Chryseis freigeben. Außerdem müsste Agamemnon Abbitte leisten und Opfer darbringen.« Der letzte Satz war kaum zu hören, und es schien, als sei dem Priester die Luft ausgegangen.

Auf Agamemnons Gesicht zeigten sich dunkelrote Flecken. Offenbar war er der Einzige, der nicht längst ahnte, dass er selbst die Schuld an der Seuche trug. Es war plötzlich so still, dass man den Sand unter unseren Füßen knirschen hörte.

»Vielen Dank, Kalchas«, presste der König hervor und brach mit seiner Stimme das Schweigen. »Danke dafür, dass du immer gute Nachricht bringst. Das letzte Mal war es meine Tochter. Töte sie, hast du gesagt, denn es gelte, den Zorn der Göttin abzuwenden. Und jetzt willst du mich vor meinem Heer demütigen.«

Er wirbelte auf dem Absatz herum und wandte sich an seine Männer. Sein Gesicht war wutverzerrt. »Bin ich nicht euer Anführer? Und sorge ich nicht dafür, dass ihr zu essen habt, gekleidet seid und geehrt werdet? Und stellt ihr, Männer aus Mykene, nicht das größte aller Heere? Das Mädchen gehört mir; sie ist mein Preis, und ich werde sie nicht herausgeben. Habt ihr vergessen, wer ich bin?«

Er legte eine Pause ein, wohl in der Hoffnung, dass ihm seine Männer zustimmen würden. Aber da war niemand, der sich für ihn aussprach. Und wieder bleckte er die Zähne.

»König Agamemnon.« Achill trat auf ihn zu. Seine Stimme klang fast heiter. »Ich bin mir sicher, niemand hat vergessen, dass du der Anführer deines Heeres bist. Du aber scheinst vergessen zu haben, dass auch wir Könige oder Prinzen oder Familienoberhäupter sind. Wir sind Verbündete, keine Sklaven.« Etliche Männer nickten, die anderen taten es nur deshalb nicht, weil sie sich nicht trauten.

»Männer sterben zuhauf, und du willst an einem Mädchen festhalten, das längst ausgelöst hätte werden müssen. Über die Seuche, die du heraufbeschworen hast, verlierst du kein Wort.«

Agamemnon schnaubte. Sein Gesicht war inzwischen purpurrot. Wie zur Abwehr hob Achill die Hand.

»Ich will deine Würde nicht verletzen. Aber die Pest muss ein Ende haben. Gib das Mädchen seinem Vater zurück. Damit ist es getan.«

Agamemnon schien vor Wut zu platzen. »Ich durchschaue dich, Achill. Weil du der Sohn einer Meeresnymphe bist, glaubst du, das Recht zu haben, dich über mich zu erheben. Du hast noch nicht verstanden, welchen Platz du unter den Menschen einnimmst.«

Achill wollte etwas sagen.

»Schweig still!«, herrschte Agamemnon ihn an. »Ein Wort noch, und du wirst es bereuen.«

»Bereuen?« Achill rührte keine Miene. Er sprach leise, aber gut vernehmlich. »Hoher König, ich glaube nicht, dass du mir drohen kannst.«

»Willst du etwa mir drohen?«, brüllte Agamemnon. Und an seine Männer gewandt: »Habt ihr ihn nicht auch drohen gehört?«

»Ich drohe nicht. Aber was, so frage ich, wären deine Streitkräfte ohne mich?«

Agamemnons Gesicht war von Boshaftigkeit entstellt. »Du hast dir schon immer allzu viel eingebildet«, blaffte er. »Wir hätten dich da zurücklassen sollen, wo wir dich gefunden haben, versteckt hinter den Röcken deiner Mutter. Du selbst in einem Rock.«

Die Männer horchten verdutzt auf und tuschelten untereinander.

Achill ballte die Fäuste. Er hatte offenbar Mühe, Fassung zu bewahren. »Du willst von dir ablenken. Wie lange hättest du dem Sterben untätig zugesehen, wenn nicht diese Versammlung einberufen worden wäre? Antworte!«

Agamemnon fiel ihm brüllend ins Wort. »Als all die tapferen Männer nach Aulis kamen, haben sie mir auf Knien Treue geschworen. Alle, nur du nicht. Ich finde, wir haben deine Überheblichkeit lange genug ertragen müssen. Es ist Zeit – höchste Zeit«, äffte er Achill nach, »dass auch du mir Treue schwörst.«

»Ich muss dir keine Treue schwören. Keinem von euch.« Achills Stimme klang kühl. Er hatte sein Kinn erhoben. »Ich bin aus freien Stücken hier, und darüber kannst du froh sein. Nicht ich bin es, der niederknien sollte.«

Damit war er zu weit gegangen. Ich spürte die Stimmung der Männer schwanken. Agamemnon witterte seine Chance. »Hört ihr, wie stolz er ist?« Und an Achill gewandt: »Du wirst nicht niederknien?«

Mit steinerner Miene antwortete Achill: »Nein, das werde ich nicht.«

»Dann bist du ein Verräter und wirst wie ein solcher bestraft. Deine Kriegsbeute geht an mich und bleibt bei mir, bis du dich mir unterwirfst und Gehorsam leistest. Fangen wir mit diesem Mädchen an. Wie war noch gleich ihr Name? Brisëis? Sie wird für das Mädchen büßen, das du mich zurückzugeben zwingst.«

Mir gefror das Blut in den Adern.

»Brisëis gehört mir«, sagte Achill und betonte jedes einzelne Wort. »Sie wurde mir gegeben von allen Griechen. Du kannst sie nicht nehmen. Wenn du es versuchst, hast du dein Leben verwirkt. Überlege dir gut, was du tust, König, bevor du dir selbst schadest.«

Agamemnon zögerte nicht lange. Er konnte vor der Menge nicht klein beigeben. Niemals.

»Ich fürchte dich nicht.« Er wandte sich an seine Mykener. »Bringt mir das Mädchen!«

Entsetzen spiegelte sich auf den Gesichtern der Fürsten. Brisëis war Kriegsbeute und Verkörperung der Ehre Achills. Indem er sie nahm, verweigerte Agamemnon dem tapfersten Kämpfer die gebührende Anerkennung. Ein Raunen ging durch die Menge, und ich hoffte, jemand würde Einspruch einlegen. Doch niemand sagte etwas.

Weil er ihm den Rücken zugekehrt hatte, sah Agamemnon nicht, dass Achill zum Schwert griff. Mir stockte der Atem. Ich zweifelte keinen Augenblick daran, dass er imstande war, Agamemnon mit einem Hieb niederzustrecken, und man sah seiner Miene an, wie sehr er mit sich rang. Ich weiß nicht, was ihn letztlich zurückhielt. Vielleicht glaubte er, der König habe eine schwerere Strafe verdient als einen schnellen Tod.

»Agamemnon«, sagte er. Die Härte in seiner Stimme ließ mich zusammenzucken. Der König drehte sich um und schnappte erschrocken nach Luft, als Achill ihm den ausgestreckten Zeigefinger auf die Brust setzte. »Was du hier und heute gesagt hast, kostet dich und deine Männer das Leben. Ich weigere mich hinfort, für dich zu kämpfen. Hektor mag dein Heer zermalmen. Ich werde dabeistehen und lachen. Und wenn du zu mir kommst und um Gnade winselst, werde ich dich zurückweisen. Sie werden alle sterben, Agamemnon, und dafür trägst du die Verantwortung.«

Er spuckte vor Agamemnon aus und stürmte vom Podest. Schwindelnd versuchte ich, ihm zu folgen, und spürte, wie sich die Myrmidonen hinter mir in Bewegung setzten, Hunderte von Männern, die sich einen Weg durch die Menge bahnten und auf ihre Zelte zuströmten.

Mit kraftvollen Schritten eilte er über den Strand. Seine Wut war entflammt und brannte wie ein Feuer unter seiner Haut. Er stand so sehr unter Anspannung, dass ich es nicht wagte, ihn zu berühren, aus Angst, es könnte ihn wie eine Bogensehne zerreißen. Kein einziges Mal schaute er zurück, blieb auch nicht stehen, als das Lager erreicht war, sondern schleuderte den Einstieg unseres Zelts beiseite und verschwand darin.

So hatte ich ihn noch nie gesehen. Sein Mund war grässlich verzerrt, die Augen funkelten wild. »Ich werde ihn töten«, zischte er, griff nach einem Speer und brach ihn entzwei, dass es krachte und Holzsplitter stoben.

»Ich hätte ihn bereits eben niederstrecken sollen«, sagte er. »Was untersteht er sich?« Er trat gegen einen Krug, der darauf in tausend Stücke zersprang. »Diese Feiglinge! Ist dir aufgefallen, wie sie gebibbert haben und kein Wort zu sagen wagten? Es wäre besser, er würde deren Kriegsbeute beschlagnahmen und sich daran übernehmen.«

»Achill?«, meldete sich eine zaghafte Stimme vor dem Zelt.

»Komm herein«, knurrte er.

Automedon war außer Atem und stammelte: »Ich will nicht stören. Aber Phoinix bat mich zu bleiben, um zu berichten, was sich zugetragen hat.«

»Ich höre«, sagte Achill gereizt.

Automedon zuckte zusammen. »Agamemnon fragte, warum Hektor noch lebt, und meinte, dass er dich nicht braucht. Das du womöglich gar nicht das bist, wofür du dich ausgibst.« Ein zweiter Speer zerbarst unter Achills Händen. Automedon schluckte. »Sie sind auf dem Weg hierher, um Brisëis zu holen.«

Ich stand hinter Achill und konnte sein Gesicht nicht sehen. »Lass uns allein«, sagte er zu seinem Wagenlenker. Automedon zog sich zurück.

Sie kamen, um Brisëis zu holen. Ich ballte meine Fäuste, fühlte mich stark und unerschütterlich. »Wir müssen etwas unternehmen«, sagte ich. »Wir könnten sie verstecken, im Wald oder –«

»Er wird bezahlen, jetzt«, entgegnete Achill, wild triumphierend. »Soll er kommen. Er weiht sich dem Untergang.«

»Was hast du vor?«

»Ich muss mit meiner Mutter sprechen.« Er schickte sich an, das Zelt zu verlassen.

Ich ergriff seinen Arm. »Wir dürfen keine Zeit verlieren. Bevor du zurück bist, werden sie sie geholt haben. Wir müssen jetzt etwas tun.«

Er drehte sich um. Seine Augen machten mir Angst. Die Pupillen waren riesig und dunkel und schienen ins Unendliche gerichtet zu sein. »Wovon redest du?«

Ich starrte ihn an. »Von Brisëis.«

Er erwiderte meinen Blick, ließ aber keinerlei Regung erkennen. »Ich kann nichts für sie tun«, sagte er schließlich. »Wenn sich Agamemnon entschieden hat, muss er die Konsequenzen tragen.«

Mir war, als würde ich, von Steinen beschwert, auf den Meeresgrund sinken.

»Du wirst doch nicht zulassen, dass man sie fortschleppt?«

Er wandte sich von mir ab. »Er will es nicht anders. Ich habe ihm die Folgen vor Augen geführt.«

»Du weißt, was er ihr antun wird.«

»Er will es nicht anders«, wiederholte er. »Soll er mich doch entehren und bestrafen.« Aus seinen Augen glomm ein inneres Feuer.

»Du wirst ihr nicht helfen?«

»Ich kann nichts für sie tun«, antwortete er in einem Tonfall, der keinen Einwand zuließ.

Mir war zumute, als hätte ich zu viel Wein getrunken. Vor meinen Augen drehte sich alles, und die Zunge klebte mir am Gaumen. Ich war noch nie wütend auf ihn gewesen; ich wusste einfach nicht, wie.

»Sie ist eine von uns. Du kannst doch nicht geschehen lassen, dass er sie mitnimmt und missbraucht. Wie verträgt sich das mit deiner Ehre?«

Doch plötzlich verstand ich. Mir wurde schlecht. Ich hastete nach draußen.

»Wohin gehst du?«, fragte er.

»Ich muss sie warnen«, ächzte ich. »Sie hat ein Recht darauf zu erfahren, wie du dich entschieden hast.«

Ihr Zelt steht ein wenig abseits. Es ist klein und mit dunklen Tierhäuten bespannt. »Brisëis«, höre ich mich rufen.

»Tritt ein!« Ihre Stimme klingt herzlich und erfreut. Wir haben vor lauter Arbeit schon lange keine Gelegenheit mehr gehabt, ein persönliches Wort miteinander zu wechseln.

Sie sitzt auf einem Schemel, hält einen Mörser auf dem Schoß und den Stößel in der Hand. In der Luft hängt der Duft von Muskat. Sie lächelt.

Ich fühle mich leer und ausgelaugt. Wie soll ich ihr beibringen, was ich weiß?

»Ich –« Sie sieht mein Gesicht, und ihr Lächeln gefriert. Schnell ist sie auf den Beinen und kommt auf mich zu.

»Was ist?« Mit ihrem Handgelenk fühlt sie meine Stirn. »Bist du krank? Geht es Achill gut?« Ich schäme mich zutiefst. Aber Selbstmitleid ist jetzt fehl am Platz. Sie kommen.

»Es ist etwas passiert«, sage ich mit schwerer Zunge. »Achill hat heute zu den Männern gesprochen und sie darüber aufgeklärt, dass Apoll die Seuche über uns gebracht hat.«

»Wie wir es bereits geahnt haben.« Sie nickt, nimmt meine Hände und versucht, mich zu trösten. Ich muss mich zwingen, fortzufahren.

»Aber Agamemnon wollte nichts davon hören. Er und Achill haben miteinander gestritten. Agamemnon will ihn bestrafen.«

»Ihn bestrafen? Wie?«

Es scheint, als würde sie mir die Antwort vom Gesicht ablesen. Sie erstarrt. »Sprich!«

»Er hat Männer losgeschickt. Um dich zu holen.«

Ich sehe, wie sie in Panik gerät, obwohl sie sich zu beherrschen versucht. Ihre Finger umklammern meine Hand. »Was passiert jetzt?«

Ich wähne mich in einen Alptraum versetzt und hoffe, gleich aufzuwachen und erleichtert aufzuatmen. Doch es geschieht nicht, es ist die Realität: Er wird ihr nicht helfen.

»Er –« Es verschlägt mir die Sprache.

Mehr zu sagen ist nicht nötig. Sie krallt die rechte Hand in ihr Gewand, das nach der schweren Arbeit abgenutzt und verschlissen ist. Stammelnd versuche ich, sie zu trösten, indem ich verspreche, dass wir sie zurückholen und alles gut werden wird. Doch das sind Lügen. Wir beide wissen, was Agamemnon mit ihr vorhat. Auch Achill weiß es und lässt es dennoch geschehen.

Ich wünsche mir Erdbeben, Vulkanausbrüche und Sintfluten herbei. Nur sie können sich mit meiner Wut und Trauer messen. Ich will, dass die Welt in Scherben zerbricht.

Draußen schmettern Hörner. Brisëis wischt sich die Tränen von der Wange. »Geh«, flüstert sie. »Bitte.« 

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Zwei Männer kommen mit langen Schritten über den weiten Sandstrand auf uns zu. Obwohl noch weit entfernt, leuchten ihre Gewänder in den Farben Agamemnons, verziert mit heraldischen Insignien. Ich kenne beide. Es sind Talthybios und Eurybates, die Boten des Königs von Mykene, bekannt für ihre Diskretion und dafür, dass Agamemnon ihnen größtes Vertrauen schenkt. Hass verschnürt mir die Kehle. Ich wünschte, sie fielen tot um.

Sie nähern sich, passieren unsere Wachposten, die drohend ihre Waffen rasseln lassen. Bis auf zehn Schritte herangekommen, bleiben sie stehen. Vielleicht hoffen sie, rechtzeitig fliehen zu können, sollte Achill die Beherrschung verlieren. Ich male mir aus, wie er über sie herfällt und ihnen das Genick bricht, auf dass ihnen die Köpfe schlaff herabhängen wie bei erlegten Kaninchen.

Sie grüßen stammelnd, treten verlegen auf der Stelle und wagen es nicht, den Blick zu heben. Dann: »Wir sind gekommen, um das Mädchen in Gewahrsam zu nehmen.«

Achill antwortet ihnen, kalt, beherrscht und mit spöttischem Unterton, um seine Wut zu zähmen. Ich weiß, er gibt sich den Anschein von Großmut und Gelassenheit. Er gefällt sich in der Pose des jungen Mannes, der ruhig erträgt, dass man ihm Unrecht tut, und so sollen ihn alle sehen. Ich höre meinen Namen, worauf sich die Blicke der beiden auf mich richten. Ich soll Brisëis holen.

Sie erwartet mich bereits. Ihre Hände sind leer. Sie nimmt nichts mit sich. »Es tut mir leid«, flüstere ich. Sie sagt nichts, kein schon gut; es wäre auch gelogen. Ich spüre die süße Wärme ihres Atems, als sie sich zu mir hinüberbeugt. Ihre Lippen streifen meine Wange. Dann tritt sie an mir vorbei und geht.

Talthybios und Eurybates nehmen sie in ihre Mitte und zerren sie, bei den Armen gepackt, mit sich, offenbar darauf bedacht, möglichst schnell das Weite zu suchen. Sie wirft einen Blick über die Schulter zurück. Die verzweifelte Hoffnung in ihren Augen zerreißt mir das Herz. Ich schaue Achill an, möchte, dass er hinsieht und sich eines Besseren besinnt. Doch er tut es nicht.

Schnellen Schrittes verlassen sie das Lager. Bald kann ich sie von den anderen dunklen Gestalten am Strand nicht mehr unterscheiden.

»Wie konntest du sie gehen lassen?«, stoße ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Seine Miene ist unergründlich. »Ich muss mit meiner Mutter sprechen«, sagt er.

»Dann geh«, fauche ich.

Ich schaue ihm nach. Meine Handflächen schmerzen, wo sich die Fingernägel eingegraben haben. Ich kenne diesen Mann nicht, denke ich voller Wut auf ihn. Das werde ich ihm nicht verzeihen können. Am liebsten würde ich unser Zelt einreißen, die Leier zerschmettern und mir den Bauch aufschlitzen. Ich will, dass er mich verbluten sieht und an seiner Trauer und Reue zerbricht. Er hat sie Agamemnon überlassen, wohl wissend, was mit ihr geschieht.

Jetzt rechnet er damit, dass ich hier auf ihn warte, ohnmächtig und gehorsam. Ich habe Agamemnon nichts anzubieten im Austausch für ihre Sicherheit. Ich kann ihn nicht bestechen, ihn nicht anbetteln. Allzu lange hat der König von Mykene auf seinen Triumph warten müssen. Er wird sie nicht gehen lassen, sondern vielmehr über sie wachen wie ein Wolf über seine Beute. Am Pelion gab es solche Wölfe, die, wenn sie ausgehungert genug waren, selbst auf Menschen Jagd machten. »Wenn dich einer verfolgt«, riet Cheiron einst, »musst du ihm etwas hinwerfen, das er noch mehr will als dich.«

Es gibt nur eines, das Agamemnon von Brisëis fernhalten könnte. Ich ziehe mein Messer aus der Scheide am Gürtel. Mir bleibt nichts anderes übrig, obwohl sich alles in mir sträubt.

Die Wachen bemerken mich erst, als ihnen keine Zeit mehr bleibt, die Waffen zu heben. Einer erwischt mich beim Kragen, doch ich schlage ihm meine Fingernägel in den Arm, worauf er mich loslässt. Sie sind über mein Auftauchen verwundert und glotzen mich an. Bin ich nicht Achills Schoßhündchen? Wäre ich ein Krieger, würden sie mich zum Kampf stellen, aber das bin ich nicht. Und ehe sie mich aufhalten können, bin ich in Agamemnons Zelt verschwunden.

Sofort fällt mein Blick auf Brisëis. Sie hockt mit gefesselten Händen in einer Ecke. Agamemnon hat mir den Rücken zugekehrt und spricht mit ihr.

Er dreht sich um, verärgert über die Störung, grinst aber dann übers ganze Gesicht, als er mich erkennt. Er glaubt wahrscheinlich, Achill habe mich geschickt mit dem Auftrag, ihn um Gnade zu bitten. Vielleicht hofft er auch auf einen Wutanfall meinerseits, worüber er sich dann köstlich amüsieren würde.

Ich hebe die Klinge. Agamemnon reißt die Augen weit auf und greift zum eigenen Messer am Gürtel. Bevor er seine Wachen rufen kann, stoße ich die Klinge in mein linkes Handgelenk und muss ein zweites Mal zustechen, um die Ader zu finden. Doch dann spritzt Blut. Ich höre Brisëis vor Schreck nach Luft schnappen. Agamemnons Gesicht ist blutbesprenkelt.

»Was ich dir vorzutragen habe, ist von äußerster Wichtigkeit«, sage ich. »Und ich schwöre, bei meinem Blut, dass es die Wahrheit ist.«

Agamemnon ist entsetzt. Blut und Schwur halten ihn zurück. Er ist schon immer abergläubisch gewesen.

»Um was geht’s?«, fragt er, um Fassung bemüht. »Sprich!«

Ich spüre, wie mir das Blut aus dem Handgelenk sickert.

»Du bist in äußerster Gefahr«, sage ich.

Sein Gesicht verzieht sich zu einer Fratze. »Du willst mir drohen? Hat er dich deshalb zu mir geschickt?«

»Nein. Er hat mich nicht geschickt.«

Er zieht die Augenbrauen zusammen, und ich sehe, wie es in ihm arbeitet, wie sich Mosaiksteinchen zu einem Bild zusammenfügen. »Aber du kommst mit seinem Segen.«

»Nein«, erwidere ich.

Er hört mir jetzt aufmerksam zu.

»Er weiß, was du mit dem Mädchen vorhast«, sage ich.

Ich wage es nicht, Brisëis direkt anzuschauen, sehe aber aus den Augenwinkeln heraus, dass sie unserem Wortwechsel folgt. Mein Handgelenk durchzieht ein dumpfes Pochen, und ich spüre warmes Blut über die Hand rinnen und von den Fingern tropfen. Ich lasse das Messer fallen und presse den Daumen auf die Pulsader, um die Blutung zu stillen.

»Und?«

»Fragst du dich nicht, warum er nicht eingeschritten ist, als deine Boten das Mädchen geholt haben?« Meine Stimme war voller Verachtung für ihn. »Er hätte deine Männer im Handumdrehen töten können. Glaubst du wirklich, er ließe sich von dir einschüchtern?«

Agamemnons Gesicht läuft rot an. Aber er kommt nicht zu Wort, denn ich fahre fort, ohne zu zögern.

»Er hat zugelassen, dass du sie dir nimmst, obwohl er genau weiß, was du tun wirst. Und das wird dich zu Fall bringen. Sie gehört ihm dank seiner Kampfkraft. Wenn du ihr Gewalt antust, werden sich nicht nur die Soldaten gegen dich wenden, sondern auch die Götter.«

Ich spreche langsam und mit Bedacht, so dass ihn jedes Wort wie ein Pfeil treffen muss. Und es ist wahr, was ich sage, obwohl er so geblendet ist von Stolz und Verlangen, dass er es nicht wahrhaben will. Er hat Brisëis in Besitz genommen, aber sie ist und bleibt Achills Gewinn. Sie zu missbrauchen hieße, ihn in seiner Ehre zu verletzen. Niemand würde Klage erheben, wenn Achill Rache nähme, nicht einmal Menelaos.

»Du hast deine Machtbefugnisse bereits in dem Moment übertreten, als du sie hast herbringen lassen. Die Männer ließen dich gewähren, weil er zu stolz war. Das wird sich jedoch ändern, sobald du sie anrührst.« Wir gehorchen unseren Königen, aber nur aus guten Gründen und nicht blind. Wenn dem Aristos Achaion sein Kriegspreis nicht sicher ist, kann sich niemand seiner Beute sicher sein. Und ein König, der sie streitig macht, hat seine Macht verwirkt.

Das hat Agamemnon nicht bedacht. Allmählich aber dämmert es ihm. »Davon haben meine Ratgeber nichts gesagt«, erwidert er fast kleinlaut.

»Entweder sie wissen nichts von deinen Absichten oder sie verfolgen ihre eigenen Interessen.« Ich lasse ihm ein wenig Zeit, um darüber nachzudenken. »Wer wird nach dir herrschen?«

Er kennt die Antwort. Odysseus und Diomedes, beide zusammen, mit Menelaos als Repräsentationsfigur. Agamemnon begreift endlich, wie groß das Geschenk ist, dass ich ihm mache. Er ist schließlich nicht dumm.

»Du verrätst ihn, indem du mich warnst.«

So ist es. Achill will Agamemnon ins offene Messer laufen lassen, und ich bewahre ihn davor. »Ja«, erwidere ich im bitteren Tonfall.

»Warum?«, fragt er.

»Weil er im Unrecht ist.« Meine Kehle fühlt sich so rau an, als hätte ich Sand und Salz geschluckt.

Agamemnon geht in sich. Ich bin für meine Ehrlichkeit und Sanftmütigkeit bekannt. Es gibt keinen Grund, mir zu misstrauen. Er lächelt. »Du tust gut daran, ihn zu hintergehen, und erweist damit deinem wahren Herrn Treue und Ergebenheit.« Er genießt seine Worte, wie es scheint. »Weiß er, dass du zu mir gekommen bist?«

»Noch nicht«, antworte ich.

»Ah.« Mit halb geschlossenen Augen stellt er sich vor, wie Achill davon erfährt. Es bereitet ihm sichtliches Vergnügen, was er genüsslich auskostet. Was gibt es Schlimmeres, als von seinem engsten Vertrauten an seinen ärgsten Feind verraten zu werden?

»Wenn er kommt und auf Knien um Verzeihung bittet, lasse ich sie frei. Es ist einzig und allein sein eigener Stolz, der seiner Ehre schadet. Ich bin es nicht. Sag ihm das.«

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, wende ich mich Brisëis zu. Ich durchschneide das Seil, das sie gefesselt hält. Ihr Blick lässt erkennen, dass sie weiß, was mich dieser Schritt gekostet hat. »Dein Handgelenk«, flüstert sie. Triumph und Verzweiflung erfüllen mich und ich bekomme kein Wort über die Lippen. Der sandige Zeltboden ist rot gefärbt von meinem Blut.

»Behandle sie gut«, sage ich.

Ich gehe und rede mir ein, dass sie nicht mehr in Gefahr ist. Er weidet sich jetzt an meinem Geschenk. Mit einem Fetzen aus meinem Gewand verbinde ich mir das Handgelenk. Mir wird schwindelig, und ich weiß nicht, ob es am Blutverlust liegt oder an dem, was ich getan habe. Auf schweren Beinen schleppe ich mich über den Strand zurück.

Er steht vor dem Zelt. Sein Leibrock ist noch feucht vom Knien im Wasser. Er wirkt müde.

»Wo warst du?«

»Im Lager.« Noch bin ich nicht bereit, ihm alles zu sagen. »Wie geht es deiner Mutter?«

»Gut. Du blutest.«

Der Verband ist durchnässt.

»Ich weiß«, entgegne ich.

»Lass sehen.« Ich folge ihm ins Zelt. Er nimmt meinen Arm und wickelt den Stofffetzen ab, spült die Wunde mit frischem Wasser und versorgt sie mit fein zerstoßener Schafgarbe und Honig.

»Ein Messer?«, fragt er.

»Ja.«

Uns beiden ist klar, dass ein Sturm heraufzieht. Wir zögern den Ausbruch von Blitz und Donner so lange wie möglich hinaus. Er verbindet die Wunde mit einem sauberen Tuch, gibt mir zu trinken und zu essen. Ich kann seiner Miene ablesen, dass ich krank und bleich aussehe.

»Wirst du mir sagen, wer dich verletzt hat?«

Mir liegt es geradezu auf der Zunge zu sagen »Du«, aber das wäre kindisch.

»Ich war es selbst.«

»Warum?«

»Um einem Schwur Nachdruck zu verleihen.« Es lässt sich nicht länger zurückhalten. Ich schaue ihm in die Augen. »Ich war bei Agamemnon und habe ihm von deinem Plan berichtet.«

»Von meinem Plan?« Er spricht ohne Anteilnahme, fast wie weggetreten.

»Dass du den Missbrauch an Brisëis in Kauf nimmst, um dich an ihm rächen zu können.« Der laut ausgesprochene Gedanke schockiert mich mehr als vermutet.

Er steht auf und wendet sich ab. Ich kann ihm nicht ins Gesicht blicken, sehe nur die Schultern und den angespannten Nacken.

»Du hast ihn gewarnt?«

»Ja.«

»Du weißt, ich hätte ihn töten können, wenn er sich an ihr vergeht.« Seine Stimme ist immer noch flach und ohne Ton. »Oder vom Thron stürzen und in die Wüste jagen. Die Männer hätten mich verehrt wie einen Gott.«

»Ich weiß«, bestätige ich.

Es wird bedrohlich still zwischen uns. Ich bin darauf gefasst, dass er mich anschreit oder schlägt. Aber er schaut mich nun an, endlich.

»Ihre Sicherheit für meine Ehre. Bist du zufrieden mit diesem Tausch?«

»Der Verrat an Freunden ist nicht ehrenhaft.«

»Seltsam, dass ausgerechnet du in diesem Zusammenhang von Verrat sprichst.«

Seine Worte schmerzen unerträglich. Ich zwinge mich, an Brisëis zu denken. »Ich wusste keinen anderen Rat.«

»Du hast dich für sie entschieden«, sagte er. »Gegen mich.«

»Gegen deinen Stolz.« Ich verwende das Wort Hybris, das für himmelschreiende Überheblichkeit steht, für Besessenheit und Frevel.

Er ballt die Hände zu Fäusten. Vielleicht wird er mich jetzt schlagen.

»Ich lebe für meinen Ruf«, sagt er mit stockendem Atem. »Mehr bleibt mir nicht, und ich werde bald sterben. In Erinnerung zu bleiben ist alles, worauf ich hoffen kann.« Er schluckt krampfhaft. »Du weißt das und lässt trotzdem zu, dass Agamemnon diesen Ruf zunichtemacht. Du hilfst ihm sogar dabei.«

»Das tue ich nicht«, entgegne ich. »Aber ich möchte, dass du als der erinnert wirst, der du bist, und nicht als irgendein Tyrann, über den Tod hinaus berüchtigt für seine Grausamkeiten. Es gibt andere Möglichkeiten, Agamemnon büßen zu lassen. Die solltest du ergreifen, und dabei helfe ich dir. Aber was du heute getan hast, rechtfertigt keinen Ruhm.«

Er wendet sich wieder ab und schweigt. Ich starre auf seinen Rücken, zähle die Falten seines Hemdes, jeden Sandkrümel auf seiner Haut.

Als er wieder spricht, klingt seine Stimme erschöpft und matt. Es scheint, dass auch er mich nicht hassen kann. Wir sind wie feuchtes Holz, das sich nicht entzünden lässt.

»Hast du es geschafft? Ist sie in Sicherheit? So wird es wohl sein, sonst wärst du nicht zurückgekehrt.«

»Ja. Sie ist in Sicherheit.«

Er seufzt. »Du bist ein besserer Mann als ich.«

Ich schöpfe Hoffnung. Wir haben einander Schmerzen zugefügt, doch sie werden abklingen. Brisëis bleibt verschont, Achill erinnert sich an seinen Auftrag, und mein Handgelenk wird verheilen. Schon bald werden sich andere Sorgen einstellen.

»Nein«, entgegne ich. Ich gehe auf ihn zu und lege ihm meine Hand auf die Schulter. »Das stimmt nicht. Du warst heute nicht du selbst, doch nun bist du zurückgekehrt.«

Er hebt die Schultern und lässt sie ausatmend sacken. »Sag das nicht, ehe du weißt, was ich sonst noch getan habe.« 

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Auf dem Webteppich in unserem Zelt liegen drei kleine Steine, die wahrscheinlich unter Sandalen gesteckt haben und so mit hereingebracht worden sind. Ich hebe sie auf, um etwas zu haben, woran ich festhalten kann.

»Ich werde nicht länger für ihn kämpfen«, sagt er, und seine Stimme klingt erfrischt. »Immer wieder versucht er, meinen Ruhm zu schmälern, Schatten auf mich zu werfen und mich in Zweifel zu stürzen. Er kann es nicht ertragen, dass ein anderer höher geachtet wird als er. Aber er muss es lernen. Er wird erfahren, was sein Heer wert ist ohne den Aristos Achaion

Ich spüre, wie er in Wallung gerät. Es ist, als zöge ein Sturm herauf, dem man schutzlos ausgeliefert ist.

»Die Griechen werden scheitern, und er wird gezwungen sein, mich anzuflehen, es sei denn, er zieht es vor zu sterben.«

Ich erinnere mich, wie er ausgesehen hat, als er zu seiner Mutter ging. Wild, wie im Fieber. Ich stelle mir vor, wie er vor ihr niederkniete, vor Wut geweint und mit den Fäusten auf die vom Wasser umspülten Felsen geschlagen hat. Er sei gedemütigt und entehrt worden, hat er ihr wahrscheinlich gesagt. Man hätte seinen unsterblichen Ruhm in Gefahr gebracht.

Sie hört ihm zu, streicht in Gedanken versunken mit der Hand über den langen, weißen Hals und nickt. Sie hat eine Idee, einen göttlichen Einfall, der Rache verspricht, und erklärt ihm, was zu tun ist. Er hört auf zu weinen.

»Wird er es tun?«, fragt Achill seine Mutter. Er meint Zeus, den König der Götter, dessen Haupt von Wolken umkränzt ist und der mit seiner Faust Blitze schleudert.

»Ja«, antwortet Thetis. »Er steht in meiner Schuld.«

Zeus, stets auf Ausgleich bedacht, wird dafür sorgen, dass die Griechen geschlagen und aufs Meer zurückgedrängt werden, damit sie am Ende erkennen, an wen sie sich mit ihren Bitten zu wenden haben.

Thetis beugt sich vor und küsst seine Wange, die so rot angelaufen ist wie ein Seestern. Dann dreht sie sich um und versinkt im Wasser, ohne auch nur ein Kräuseln auf der Wasseroberfläche zu hinterlassen.

Ich lasse die Steinchen auf den Boden zurückfallen, wo sie in einer Anordnung liegen bleiben, die womöglich etwas besagen will. Wäre Cheiron hier, könnte er daraus die Zukunft ablesen. Aber er ist nicht hier.

»Was, wenn er dich nicht anfleht?«, frage ich.

»Dann wird er sterben. Alle werden sterben. Erst wenn er mich auf Knien bittet, werde ich den Kampf wieder aufnehmen.« Er reckt sein Kinn nach vorn und wappnet sich gegen meinen Einwand.

Ich bin erschöpft. Die Wunde schmerzt, und mir ist, als badete ich im eigenen Schweiß.

»Hast du gehört, was ich gesagt habe?«

»Ja«, antworte ich. »Die Griechen werden sterben.«

Cheiron hatte einmal gesagt, dass Nationen die törichtste Erfindung der Sterblichen seien. »Niemandes Wert ist größer als der des anderen.«

»Aber wie steht’s um den Wert eines Freundes?«, hatte Achill gefragt. »Oder um den eines Bruders? Soll man ihn genauso behandeln wie einen Fremden?«

»Darüber streiten Philosophen«, hatte Cheiron geantwortet. »Zugegeben, dein Freund oder Bruder besitzt für dich einen größeren Wert. Doch der Fremde ist auch eines anderen Freund oder Bruder. Wer also ist wichtiger?«

Wir waren damals vierzehn und nicht weise genug für solche Fragen. Auch jetzt mit achtundzwanzig tun wir uns schwer damit.

Er ist meine halbe Seele, um die Worte der Dichter zu gebrauchen. Bald wird er tot sein und nur seine Ehre wird ihn überdauern. Sie ist sein Kind, sein teuerster Besitz. Sollte ich ihm deshalb Vorwürfe machen? Ich habe Brisëis gerettet. Ich kann nicht alle retten.

Inzwischen weiß ich, wie ich auf Cheirons Frage antworten würde. Ich würde sagen: Es gibt keine Antwort. Es ist gleich, wie man sich entscheidet, man liegt doch falsch.

Am Abend gehe ich zurück in Agamemnons Lager. Unterwegs sehe ich mich neugierigen und mitleidsvollen Blicken ausgesetzt. Alle scheinen sich zu fragen, ob mir Achill folgen wird. Er tut es nicht.

Als ich ihm vorhin sagte, wohin ich gehe, schien wieder ein Schatten auf ihn zu fallen. »Sag ihr, dass es mir leidtut«, bat er mich, den Blick gesenkt. Ich habe nichts darauf entgegnet. Tut es ihm leid, weil er sich jetzt noch besser zu rächen weiß, nämlich nicht nur an Agamemnon, sondern an dem ganzen undankbaren Heer? Ich verdränge diesen Gedanken. Es tut ihm leid. Das soll reichen.

»Komm herein«, sagt sie, und ihre Stimme klingt fremd. Sie trägt ein golddurchwirktes Kleid, eine Halskette aus Lapislazuli und silberne, fein ziselierte Armreifen, die wie Rüstzeug klirren, wenn sie sich bewegt.

Mir fällt auf, dass sie sich unwohl fühlt. Wir haben keine Zeit, miteinander zu reden, denn schon betritt Agamemnon hinter mir das Zelt.

»Ich hoffe, du siehst, wie gut sie es bei mir hat«, sagt er. »Das ganze Lager wird bezeugen können, dass ich an ihr meine Hochachtung vor Achill zum Ausdruck bringe. Er braucht sich nur zu entschuldigen, und ich werde ihn mit Ehren überhäufen. Es ist doch sehr bedauerlich, dass ein so junger Mann bereits so stolz ist.«

Der selbstgefällige Ausdruck auf seinem Gesicht macht mich zornig. Aber was habe ich anderes erwartet? Ich habe diesen Tausch in die Wege geleitet. Ihre Sicherheit für seine Ehre. »Das ist dein Verdienst, großmächtiger König.«

»Berichte deinem Freund, dass ich sie gut behandle«, fährt Agamemnon fort. »Du kannst jederzeit kommen, um dich davon zu überzeugen.« Er grinst und macht keinerlei Anstalten zu gehen.

Ich sehe Brisëis an. Sie hat mir ein paar Worte ihrer Sprache beigebracht, mit denen ich mich jetzt an sie wende.

»Geht es dir wirklich gut?«

»Ja, durchaus«, antwortet sie im anatolischen Singsang. »Wie lange werde ich hierbleiben müssen?«

»Ich weiß es nicht.« Wie lange muss ein Eisen im Feuer liegen, bist es weich und biegsam ist? Ich gebe ihr einen Kuss auf die Wange. »Ich komme bald wieder«, sage ich auf Griechisch.

Sie nickt.

Agamemnon schaut mir nach. Ich hörte ihn fragen: »Was hat er gesagt?«

Beim Hinausgehen höre ich ihre Antwort: »Er hat mein Kleid bewundert.«

Am nächsten Morgen führen alle Könige ihre Heere in den Kampf gegen die Trojaner. Nur die Truppen aus Phthia nehmen nicht daran teil. Achill und ich verweilen beim Frühstück. Warum auch nicht? Es gibt nichts anderes zu tun. Wir könnten schwimmen gehen, dem Müßiggang frönen oder den ganzen Tag um die Wette laufen. Seit unserer Ausbildung am Pelion haben wir nicht mehr so viel freie Zeit gehabt.

Aber es kommt uns nicht so vor wie Müßiggang. Es ist eher so, als hielten wir die Luft an wie ein Adler, ehe er auf seine Beute herabstürzt. Ich habe meine Schultern eingezogen und kann es mir nicht verkneifen, immer wieder auf den menschenleeren Strand hinauszublicken. Wir warten auf ein Zeichen der Götter.

Lange müssen wir nicht warten. 

Achtundzwanzigstes Kapitel

In der Nacht kommt Phoinix ins Lager mit der Nachricht von einem Duell. Beim Angriff am Morgen war Paris in goldener Rüstung vor die Reihen seiner Kämpfer getreten und hatte einen Zweikampf vorgeschlagen. Der Sieger bekommt Helena. Die Griechen johlten Beifall. Wer von ihnen würde nicht lieber heute als morgen nach Hause zurückkehren? Ein Kampf Mann gegen Mann, und es wäre ein für alle Mal ausgestanden. Paris, zwar glänzend und stolz in seiner Rüstung, schien ein schwacher Gegner, schlank und zart wie ein unverheiratetes Mädchen. Und so habe Menelaos, berichtet Phoinix, sofort die Chance ergriffen und eingewilligt, um seine Ehre und seine wunderschöne Frau zurückzugewinnen.

Zuerst kommen Speere zum Einsatz, dann wird das Duell mit Schwertern fortgesetzt. Paris ist ein geschickterer Gegner, als Menelaos angenommen hat, kein Kämpfer, aber schnell auf den Beinen. Doch dann leistet sich der trojanische Prinz einen Fehltritt, den sich der Grieche zunutze macht. Er stößt Paris zu Boden, packt ihn beim Schweif seines Helms und zerrt ihn hinter sich her. Hilflos tritt Paris ins Leere, seine Finger umklammern den einschneidenden Halsgurt. Doch dann löst sich der Helm, und der Prinz ist plötzlich verschwunden. Es ist, als habe er sich in Luft aufgelöst, und alles fragt sich: Wie kann das sein? Auch Menelaos schaut sich verdutzt blinzelnd nach allen Seiten um und sieht so den Pfeil nicht kommen, der, von einem trojanischen Bogen aus dem Gehörn eines Steinbocks abgegeben, auf ihn zufliegt, seine lederne Rüstung durchbohrt und im Bauch stecken bleibt.

Blut strömt über seine Schenkel und sammelt sich in einer Lache zu seinen Füßen. Dass er nicht tödlich verletzt ist, wissen die Griechen noch nicht. Sie fühlen sich betrogen und fallen schreiend über die Trojaner her. Es kommt zum blutigen Gemetzel.

»Und wo war Paris?«, frage ich.

Phoinix schüttelt den Kopf. »Ich weiß es nicht.«

Der Kampf setzte sich bis in den Nachmittag fort. Dann war eine Fanfare zu hören, um auf Hektor aufmerksam zu machen, der zwischen die Fronten trat, um sich an seines Bruders statt einem Duell zu stellen, jedem, der es wagte, gegen ihn anzutreten. Menelaos, sagt Phoinix, wollte auch diese Herausforderung annehmen, wurde aber von Agamemnon daran gehindert, der seinen Bruder nicht gegen den stärksten aller Trojaner kämpfen sehen wollte.

Die Griechen ließen das Los entscheiden. Ich stelle mir das aufgeregte Durcheinander vor, wie die Lose in einem Helm gesammelt werden und alle die Luft anhalten, als man sie auf dem sandigen Boden ausstreut. Odysseus bückt sich und wählt eines aus. Ajax. Allgemeine Erleichterung: Er ist der Einzige, der sich mit Hektor messen kann, das heißt der Einzige, der heute kämpft.

Also treten Ajax und Hektor gegeneinander an. Sie bewerfen sich mit schweren Steinen und Speeren, lassen sie von ihren Schilden abprallen, es wird Nacht über ihrem Kampf, bis er schließlich von den Herolden beendet wird. Es geht sonderbar zivilisiert zu zwischen den Heeren, die friedlich voneinander abrücken. Hektor und Ajax schütteln sich als ebenbürtige Gegner die Hände. Die Soldaten tuscheln miteinander und sind sich einig: Wäre Achill zugegen gewesen, hätte der Kampf ein anderes Ende genommen.

Nachdem Phoinix seinen Bericht beendet hat, steht er schwerfällig auf und geht, von Automedon gestützt, zurück in sein Zelt. Achill schaut mich an. Sein Atem geht schnell, und die Ohren sind gerötet. Er ergreift meine Hand und kann mit seiner Freude über das, was passiert ist, nicht an sich halten. Sein Name ist in aller Munde, und sogar in seiner Abwesenheit ist er den Soldaten gegenwärtig. Die Aufregung des Tages hat ihn ergriffen wie eine Flamme ausgedörrtes Gras. Er träumt jetzt zum ersten Mal vom ruhmvollen Todesstoß seines unfehlbaren Speers durch Hektors Herz. Ihn so reden zu hören lässt mich frösteln.

»Siehst du?«, sagt er. »Das ist der Beginn.«

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass unter der Oberfläche etwas in mir zerbricht.

Durch die Dämmerung des nächsten Morgens schallen Fanfarenstöße. Wir verlassen das Zelt, besteigen den Hügel und sehen ein Heer aus Reitern und leichten Streitwagen aus dem Osten kommend auf Troja zustreben. Die Pferde sind groß und bewegen sich mit fast übernatürlicher Schnelligkeit. Dem Tross voran fährt ein Streitwagen mit einem riesigen Mann an den Zügeln, der noch größer ist als Ajax. Seine langen schwarzen Haare sind, wie bei Spartanern üblich, geölt und fallen frei über die Schulter herab. Er trägt ein Banner in der Form eines Pferdekopfes.

Phoinix gesellt sich zu uns. »Lykier«, sagt er. Sie stammen aus dem Südwesten Kleinasiens und sind seit langem Verbündete Trojas. Wir haben uns oft gewundert, warum sie nicht schon längst an der Seite ihrer Freunde kämpfen. Jetzt aber kommen sie, wie von Zeus persönlich gerufen.

»Wer ist das?«, fragt Achill und zeigt auf den mächtigen Anführer.

»Sarpedon, ein Sohn des Zeus.« Die Sonne spiegelt sich auf seinen schweißnassen Schultern; seine Haut hat die Farbe dunklen Goldes.

Aus den geöffneten Stadttoren strömen Trojaner, die herauseilen, um ihre Verbündeten zu begrüßen. Hektor und Sarpedon begrüßen sich mit einem Handschlag und führen dann ihre Truppen aufs Feld. Die Lykier tragen seltsame Waffen: Wurfspieße mit gezackten Klingen und solche, die wie riesige Fischhaken aussehen. Den ganzen Tag über hören wir ihre wilden Schlachtrufe und das Stampfen der Pferde. Die Schlange der Verwundeten vor Machaons Zelt wird immer länger.

Als Einziger aus unserem Lager, der nicht in Ungnade gefallen ist, nimmt Phoinix am Abend an der Ratsversammlung teil. Als er zurückkehrt, fasst er Achill mit scharfem Blick ins Auge. »Idomeneus ist verwundet, und die Lykier haben unsere linke Flanke durchbrochen. Unser Heer droht zwischen Sarpedon und Hektor zerrieben zu werden.«

Achill nimmt keine Notiz von der missbilligenden Miene des Alten. Triumphierend wendet er sich an mich. »Hast du gehört?«

»Ja«, antworte ich.

Ein weiterer Tag vergeht und noch einer. Gerüchte machen die Runde. Es heißt, die Trojaner rücken vor, unaufhaltsam und ermutigt durch Achills Abwesenheit, während unsere Könige verzweifelt über geeignete Maßnahmen zur Gegenwehr streiten: nächtliche Angriffe, Bespitzelung, Überfälle. Und man hört, dass Hektor anscheinend im Kampf über sich hinauswächst und wie ein Buschbrand unter den Griechen wütet, so dass die Verluste von Tag zu Tag größer werden. Schließlich melden aufgebrachte Boten verheerende Rückschläge und selbst einige unserer Könige sind verwundet.

Achill hört sich alles an und bleibt gelassen. »Es wird nicht mehr lange dauern«, sagt er.

Die Scheiterhaufen brennen Nacht für Nacht. Hinter dem beißenden Rauch, der von ihnen aufsteigt, verschwindet der Mond. Ich versuche nicht daran zu denken, dass ich viele von denen, die da brennen, persönlich kannte.

Achill spielt gerade auf der Leier, als sie kommen: Phoinix, gefolgt von Odysseus und Ajax.

Ich sitze neben Achill. Ein wenig abseits bereitet Automedon Fleisch für das Abendbrot zu. Achill hat den Kopf in den Nacken gelegt und singt mit heller, süßer Stimme. Als sie sich nähern, ziehe ich meine Hand von seinem Fuß zurück.

Die drei kommen auf uns zu und bleiben auf der anderen Seite des Feuers stehen. Sie warten, bis Achill zu Ende gesungen und die Leier aus der Hand gelegt hat.

»Willkommen. Ihr werdet doch hoffentlich mit uns essen?« Er steht auf und schüttelt jedem von ihnen lächelnd die Hand. Die Verwunderung über die herzliche Begrüßung steht ihnen ins Gesicht geschrieben.

Da ich weiß, was sie zu uns geführt hat, entschuldige ich mich murmelnd: »Ich muss mich um das Essen kümmern.« Als ich mich abwende, spüre ich Odysseus’ Blicke im Rücken.

Das Lammfleisch brutzelt auf dem Rost. Zischend tropft Fett in die Glut. Durch Rauchschlieren hindurch schaue ich immer wieder zurück auf die Männer am Feuer, die wie Freunde beieinanderhocken. Ich kann nicht hören, was sie sagen, sehe aber, dass Achill immerzu lächelt, scheinbar unbeeindruckt von den grimmigen Gesichtern der anderen. Dann ruft er mich zu sich. Ich kann mich dem Geschehen nicht länger entziehen, bringe das Abendessen und setze mich neben ihn.

Er plaudert über dies und das, bewirtet seine Gäste und achtet tunlichst darauf, dass kein Teller lange leer bleibt, vor allem der von Ajax nicht, der am meisten vertragen kann. Sie essen, während er in einem fort redet. Als schließlich alle satt sind, sich den Mund abgewischt und die Teller beiseitegeschoben haben, kommt endlich zur Sprache, was die beiden zu uns geführt hat. Natürlich ist es Odysseus, der den Anfang macht.

Zunächst spricht er nur von Dingen, die er wie beiläufig aufzählt. Zwölf schnelle Pferde, sieben bronzene Dreifüße und sieben hübsche Mädchen, zehn Barren Gold, zwölf große Kupferkessel und dergleichen mehr – Schalen, Kelche, Rüstzeug und schließlich das Beste überhaupt: Brisëis Rückkehr. Lächelnd breitet er die Arme aus und hebt die Schultern zu jener Pose, die typisch für ihn ist.

Dann breitet er vor sich eine Schriftrolle aus und liest im Feuerschein die Namen der gefallenen Griechen vor. Achill beißt die Zähne aufeinander. Ajax betrachtet seine vom Kriegsdienst schorfig gewordenen Hände.

Und schließlich klärt uns Odysseus darüber auf, dass die Trojaner bis auf tausend Schritt vorgerückt sind und unweit unseres Palisadenwalls Stellung bezogen haben. Ob wir Beweise wollten? Die Feuer ihres Lagers, sagt Odysseus, seien von der Hügelkuppe aus zu sehen. Morgen früh müsse mit ihrem Angriff gerechnet werden.

Es dauert eine Weile, bis Achill auf die Frage antwortet, die noch gar nicht gestellt worden ist. »Nein«, sagt er und lässt anklingen, dass er sich weder von versprochenen Schätzen noch von Schuldgefühlen bestechen lässt. Seine Ehre ist keine Kleinigkeit, die sich von einer zweiköpfigen Gesandtschaft in später Stunde zurückbringen ließe, zumal sie ihm vor versammeltem Heer in Abrede gestellt wurde.

Der König von Ithaka stochert mit einem Stecken im Feuer.

»Deiner Sklavin ist kein Leid zugefügt worden. Die Götter allein wissen, woher Agamemnon die Kraft zur Zurückhaltung genommen hat, aber fest steht, sie ist wohlauf und gut versorgt. Sie und mit ihr deine Ehre warten darauf, an dich zurückerstattet zu werden.«

»Du sprichst, als hätte ich meine Ehre aufgegeben«, entgegnet Achill. »Das habt ihr euch schön zurechtgelegt. Bist du jetzt Agamemnons Spinne, die mit dieser Geschichte Fliegen zu fangen versucht?«

»Sehr poetisch«, erwidert Odysseus. »Nur, morgen werden keine Lieder gesungen. Morgen werden die Trojaner unser Lager stürmen und unsere Schiffe in Flammen aufgehen lassen. Willst du ihnen untätig dabei zusehen?«

»Das hängt von Agamemnon ab. Wenn er das Unrecht, das er an mir begangen hat, wiedergutmacht, werde ich, wenn ihr es wünscht, die Trojaner bis nach Persien jagen.«

Unvermittelt fragt Odysseus: »Warum ist Hektor noch nicht gefallen?« Er hebt die Hand. »Ich suche nicht nach einer Antwort, sondern wiederhole lediglich, was sich alle Männer fragen. Während der vergangenen zehn Jahre gab es tausendfach Gelegenheit für dich, ihn zu töten. Aber du hast es nicht getan, worüber sich alle wundern.«

Seine Stimme verrät, dass er sich selbst nicht wundert. Er kennt die Prophezeiung. Ich bin froh, dass er nur von Ajax begleitet wird, der nicht versteht, was Odysseus meint.

»Ich freue mich für dich, dass du zehn zusätzliche Jahre herausgeschunden hast. Aber was ist mit uns anderen?« Seine Lippen kräuseln sich. »Dein Müßiggang zwingt uns zu warten. Du hältst uns hier fest, Achill. Du hattest die Wahl und hast dich entschieden. Jetzt verhalte dich entsprechend.«

Wir starren ihn an. Er hat offenbar noch mehr zu sagen.

»Dass du den Lauf der Dinge aufzuhalten versuchst, ist verständlich. Aber es wird dir auf Dauer nicht gelingen. Das lassen die Götter nicht zu.« Er legt eine Pause ein, damit jedes seiner Worte seine Wirkung entfalten kann. »Du zerreißt den Faden nicht, den dir das Schicksal gesponnen hat. Als dein Freund rate ich dir, den vorbestimmten Weg mutigen Schrittes zu gehen.«

»Das werde ich.«

»Gut«, sagt Odysseus. »Ich habe gesagt, was ich sagen wollte.«

Achill steht auf. »Dann ist es Zeit für euch zu gehen.«

»Noch nicht«, meldet sich Phoinix zu Wort. »Ich habe noch etwas hinzuzufügen.« Aus Respekt vor dem Alten setzt sich Achill wieder hin und schluckt seinen Stolz hinunter.

»Als du ein Kind warst, hat dein Vater dich mir anvertraut. Deine Mutter hatte sich längst zurückgezogen, und ich war zuerst deine Amme, dann dein Lehrer. Jetzt bist du ein Mann, doch ich sorge mich immer noch um dein Wohl.«

Ich werfe einen Blick auf Achill und sehe, dass er angespannt und argwöhnisch ist. Ich weiß, er fürchtet, sich von den freundlichen Worten des Alten einwickeln zu lassen. Oder schlimmer noch: dass Phoinix gegen ihn Partei ergreifen und sich von ihm abwenden könnte.

Der Alte hebt eine Hand wie zur Abwehr solcher Gedanken. »Was immer du tust, ich werde dir beistehen. Aber bevor du dich entscheidest, will ich dir eine Geschichte erzählen.«

Er lässt Achill keine Zeit, Widerspruch einzulegen. »Zu Zeiten deines Vaters machte ein junger Held namens Meleager von sich reden, dessen Heimatstadt Kalydon von einem wilden Volk, den Kureten, belagert wurde.«

Ich kenne diese Geschichte aus Peleus’ Mund und erinnere mich, wie Achill mir zuschmunzelte, während sein Vater sie erzählte. Damals hatte Achill noch kein Blut an den Händen, und von der Weissagung seines frühen Todes ahnte niemand etwas.

»Anfangs konnten die Kureten dank der Kriegskunst des Meleagers zurückgeschlagen werden«, führt Phoinix aus. »Eines Tages tötete Meleager seinen Onkel, woraufhin seine Mutter ihn verfluchte. Im Zorn über seine Mutter weigerte er sich hinfort, für seine Stadt zu kämpfen. Das Volk machte ihm Geschenke und bat ihn um Verzeihung, doch er nahm davon nichts an, sondern legte sich stattdessen zu seiner Frau Kleopatra, um Trost bei ihr zu finden.«

Bei der Erwähnung ihres Namens funkeln Phoinix’ Augen, wie mir scheint.

»Als schließlich ihre Stadt den Feinden in die Hände zu fallen drohte und viele ihrer Freunde gestorben waren, hielt es Kleopatra nicht länger aus und flehte ihren Gatten an, den Kampf wieder aufzunehmen. Weil er sie über alles liebte, ließ er sich erweichen und erfocht einen großartigen Sieg für sein Volk. Zwar hatte er es gerettet, doch waren schon zu viele Leben seinem Stolz zum Opfer gefallen. Und so wurde ihm kein Dank zuteil, im Gegenteil, man verachtete ihn, weil er nicht früher eingegriffen hatte.«

In der Stille, die nun einsetzt, höre ich den Alten ächzend Luft einsaugen. Er hat sich mit seiner langen Rede verausgabt. Ich wage es nicht, ein Wort zu sagen oder mich zu rühren, und fürchte, dass man mir ansieht, was ich denke. Was Meleager letztlich umgestimmt hat, war nicht etwa die Aussicht auf Ruhm und Ehre, auch nicht die Sorge um Freunde oder um das eigene Leben. Es war vielmehr Kleopatra, die mit tränennassem Gesicht auf den Knien vor ihm kauerte. Mir ist klar, worauf Phoinix abzielt. Allein schon ihr Name legt den Vergleich nahe. Er ist meinem ähnlich, nur eine Umkehrung der Silben: Kleopatra, Patroklos.

Achill lässt sich nicht anmerken, ob auch er den tieferen Sinn versteht. Dem Alten zuliebe spricht er leise, bleibt aber bei seinem Nein. Nicht bevor Agamemnon meine Ehre wiederhergestellt hat. Odysseus scheint mit seiner Weigerung gerechnet zu haben. Ich kann mir vorstellen, wie er den anderen Bericht erstattet, die Arme zu einer Gebärde des Bedauerns ausbreitet und sagt: Ich habe es versucht. Würde Achill nachgeben, wäre alles gut. Doch eine Weigerung trotz all der angebotenen Geschenke und Entschuldigungen kann nur als krankhafte Trotzhaltung und Verblendung ausgelegt werden. Man wird ihn dafür verabscheuen, so wie man Meleager verabscheute.

Mir schnürt sich vor Angst die Kehle zu. Ich möchte auf die Knie fallen und ihn anflehen. Aber das tue ich nicht, denn wie Phoinix habe auch ich mich schon entschieden. Ich will mich nicht länger treiben lassen, ins Dunkle und darüber hinaus, auf einem Kurs, den allein Achill vorgibt.

Ajax reagiert sehr viel weniger gelassen als Odysseus. Er hat dessen Gleichmut nicht und macht aus seiner Wut kein Hehl. Es hat ihn viel gekostet, zu uns gekommen zu sein und sich als Bittsteller klein zu machen. Wenn Achill nicht kämpft, ist er der Aristos Achaion.

Ich erhebe mich mit den anderen und reiche Phoinix meinen Arm. Er ist sehr müde und kann sich kaum auf den Beinen halten. Ich helfe ihm zu seinem Lager, und als ich unser Zelt betrete, ist Achill bereits eingeschlafen.

Trauer und Enttäuschung übermannen mich, hatte ich doch gehofft, noch ein paar Worte mit ihm zu wechseln, in seinen Armen zu liegen und mich davon überzeugen zu können, dass es neben dem Achill, den ich beim Essen sah, noch einen anderen gibt. Ich lasse ihn träumen und schleiche nach draußen.

Ich kauere auf losem Sand im Schatten eines kleinen Zelts.

»Brisëis?«, rufe ich leise.

Es bleibt eine Weile still. Dann: »Patroklos?«

»Ja.«

Sie schlägt die Zeltplane auf und zieht mich hinein. Ihr ist anzusehen, dass sie sich fürchtet. »Du dürftest nicht hier sein«, flüstert sie aufgebracht. »Es ist zu gefährlich. Agamemnon wütet. Er wird dich töten.«

»Weil Achill seine Gesandtschaft zurückgewiesen hat?«, frage ich.

Sie nickt und beeilt sich, den brennenden Kienspan auszublasen. »Agamemnon kommt häufig, um nach mir zu sehen. Du bist hier nicht sicher.« Im Dunkeln kann ich ihr Gesicht nicht erkennen, doch ihre Stimme ist voller Sorge. »Du musst gehen.«

»Ich habe etwas mit dir zu bereden. Es dauert nicht lange.«

»Dann musst du dich verstecken. Er kommt immer ohne Vorwarnung.«

»Wo?« Das Zelt ist klein. Es gibt darin nur eine Pritsche, Kissen, Decken und ein paar Kleidungsstücke.

»Im Bett.«

Sie lässt mich unter Decken verschwinden und legt sich neben mich. Ihr Duft, ihre Wärme und vertraute Nähe hüllen mich ein. Ich flüstere ihr ins Ohr: »Odysseus sagt, dass die Trojaner morgen unser Lager stürmen werden. Wir müssen dich verstecken. Unter den Myrmidonen oder im Wald.«

Ich spüre ihre Wange an meiner. Sie schüttelt den Kopf. »Da werden sie als Erstes nach mir suchen, und wenn sie mich finden, gibt es nur noch mehr Ärger. Es ist besser, ich bleibe hier.«

»Aber was, wenn sie das Lager einnehmen?«

»Dann ergebe ich mich Äneas, dem Vetter Hektors. Es heißt, er sei ein frommer Mann, und sein Vater lebte eine Zeitlang als Hirte in der Nähe meines Dorfes. Wenn nicht bei ihm, werde ich bei Hektor oder einem der anderen Söhne Priamos’ Zuflucht suchen.«

Ich schüttele den Kopf. »Das ist zu gefährlich. Du darfst dich nicht zeigen.«

»Sie werden mir nichts antun. Ich bin schließlich eine von ihnen.«

Ich komme mir töricht vor. Für sie sind die Trojaner natürlich Befreier und keine Bedrohung. »Verstehe«, hauche ich. »Du wirst dann wieder frei sein. Und vielleicht möchtest du mit –«

»Brisëis!« Die Plane wird beiseitegeworfen. Agamemnon steht im Eingang.

»Ja?« Sie richtet sich auf und gibt acht, dass die Decke, unter der ich liege, nicht verrutscht.

»Mit wem sprichst du?«

»Ich habe gebetet, mein Herr.«

»Im Liegen?«

Durch das dicke Gewebe hindurch sehe ich eine Fackel brennen. Seine Stimme ist so laut, als stünde er direkt neben uns. Ich rühre mich nicht. Wenn er mich hier findet, wird sie dafür bestraft.

»So hat es mir meine Mutter beigebracht, mein Herr.«

»Du solltest es inzwischen besser wissen. Hat dir der Götterjüngling nicht erklärt, wie man betet?«

»Nein, mein Herr.«

»Ich habe ihm heute angeboten, dich zurückzugeben, aber er will dich nicht.« Ich höre den hässlichen Unterton seiner Stimme. »Und wenn er weiterhin auf dich verzichtet, erhebe ich Anspruch auf dich.«

Ich balle meine Hände zu Fäusten. Aber Brisëis sagt nur:

»Ja, mein Herr.«

Ich höre die Zeltbahn fallen. Das Licht verschwindet. Ich rühre mich erst wieder, als Brisëis neben mir ist.

»Du kannst nicht hierbleiben«, sage ich.

»Keine Sorge. Er droht nur. Es gefällt ihm, mir Angst zu machen.«

Ihr nüchterner Tonfall entsetzt mich. Wie kann ich sie jetzt allein lassen? Und doch, wenn ich bleibe, gerät sie in noch größere Gefahr.

»Ich muss gehen«, sage ich.

»Warte.« Sie berührt meinen Arm. »Die Männer –«, sie zögert. »Sie sind zornig auf Achill und geben ihm die Schuld an ihren Verlusten. Agamemnon lässt sie von seinen Dienern anstacheln. Die Seuche ist fast vergessen. Und je länger sich Achill verweigert, desto mehr wird man ihn hassen.« Ich fürchte nichts mehr, als dass sich Phoinix’ Mahnung bewahrheitet. »Wird er den Kampf wieder aufnehmen?«

»Erst dann, wenn sich Agamemnon entschuldigt.«

Sie beißt sich auf die Lippen. »Auch die Trojaner fürchten und hassen niemanden mehr als unseren Freund. Wenn sie morgen Gelegenheit dazu finden, werden sie ihn töten, und mit ihm alle, die ihm lieb und teuer sind. Du musst dich vorsehen.«

»Er wird mich beschützen.«

»Ich weiß, das wird er«, sagt sie, »solange er lebt. Aber nicht einmal Achill kann es mit Hektor und Sarpedon gleichzeitig aufnehmen.« Sie zögert wieder. »Wenn das Lager fällt, werde ich behaupten, du seist mein Gatte. Vielleicht hilft das. Vorausgesetzt, du verschweigst, was er für dich bedeutet. Es wäre dein Todesurteil, wenn du dich offenbaren würdest.« Sie hielt meinen Arm umklammert. »Versprich es mir.«

»Brisëis«, sage ich. »Wenn er tot ist, was ist dann mein Leben noch wert?«

Sie drückt meine Hand an ihre Wange. »Dann versprich mir etwas anderes«, sagt sie. »Versprich mir, dass du Troja nicht ohne mich verlässt, egal, was passiert. Ich weiß, du kannst mir nicht –« Sie unterbricht sich. »Ich würde lieber als Schwester an deiner Seite leben, als hier zurückzubleiben.«

»Daran muss ich mich nicht mit einem Versprechen binden«, entgegne ich. »Wenn du es willst, nehme ich dich gern mit. Sollte der Krieg tatsächlich morgen enden, wäre es mir unerträglich, dich nie wieder zu sehen.«

Sie lächelt wehmütig. »Das freut mich.« Ich behalte für mich, dass ich nicht daran glaube, Troja jemals zu verlassen.

Ich nehme sie in die Arme und drückte sie an mich. Sie legt ihren Kopf auf meine Schulter, und für einen Moment vergessen wir alle Gefahr und drohendes Unheil. Ich streichle ihre Wange und gebe mich ganz dem Wohlgefühl hin, das sich einstellt bei der Berührung ihrer weichen Haut und dem Lavendelduft ihrer Haare. Seufzend schmiegt sie sich an mich. So könnte, stelle ich mir vor, mein Leben sein. Wir könnten heiraten und ein Kind miteinander haben.

Wenn es Achill nicht gäbe, vielleicht.

»Es ist besser, ich gehe jetzt«, sage ich.

Sie schlägt die Decke beiseite, um mich aufstehen zu lassen, nimmt aber noch einmal meinen Kopf in ihre Hände und sagt: »Sei vorsichtig, bester aller Myrmidonen.« Bevor ich etwas einwenden kann, verschließt sie mit ihren Fingern meinen Mund. »Es ist so. Lass es gelten.« Dann führt sie mich zum Ausgang, hält die Zeltbahn auf und drückt mir zum Abschied die Hand.

In der Nacht liege ich neben Achill. Im Schlaf sieht er aus wie ein unschuldiger Knabe. Ich liebe diesen Anblick, der zum Ausdruck bringt, wie er von Grund auf ist: ernst und arglos, voller Mutwillen, aber ohne Tücke. Er ist der Hinterlist von Agamemnon und Odysseus, ihren Lügen und Machtspielen ausgeliefert. Sie haben ihn in Verwirrung gebracht, geködert und an sich gefesselt. Ich streichle seine Stirn. Wenn ich es könnte und er es zuließe, würde ich seine Fesseln lösen. 

Neunundzwanzigstes Kapitel

Geschrei und Donnerschläge reißen uns aus dem Schlaf. Ein Unwetter scheint heraufgezogen zu sein. Es regnet nicht, doch durch den grauen, knisternden Dunst flackern Blitze, und es ist, als klatschten riesige Hände aufeinander, wenn sie einschlagen. Wir eilen nach draußen. Dunkler, beißender Rauch treibt vom Strand herbei und trägt den Gestank verbrannter Erde mit sich. Die Trojaner greifen an, und Zeus macht seine Drohung wahr, indem er ihnen mit seinen Blitzen himmlisches Geleit zukommen lässt. Wir spüren ein Beben im Boden, ausgelöst von Streitwagen, die wahrscheinlich der riesige Sarpedon anführt.

Achill ergreift meine Hand, verzieht aber keine Miene. Es ist das erste Mal seit Beginn des Krieges, dass die Trojaner so weit vorrücken und unser Lager bedrohen. Wenn sie unsere Palisaden durchbrechen, die Schiffe in Brand setzen und uns damit die Möglichkeit nehmen, nach Hause zurückzukehren, sind wir keine Streitmacht mehr, sondern Flüchtlinge. Was Achill und seine Mutter prophezeit haben, wird sich erfüllen. Die Griechen sind ohne ihn verloren. Der schlagende Beweis seines Werts wäre erbracht. Reicht es nicht jetzt? Wann wird er eingreifen?

»Nie«, antwortet er, als ich ihn frage. »Nicht bevor Agamemnon mich um Verzeihung bittet und wenn nicht Hektor selbst in mein Lager kommt und mich bedroht, was mir lieb wäre. Ich habe es geschworen.«

»Und wenn Agamemnon fällt?«

»Bring mir seinen Leichnam, und ich werde kämpfen.« Sein Gesicht ist wie aus Stein gemeißelt, dem Standbild eines finsteren Gottes gleich.

»Fürchtest du nicht die Verachtung der Männer?«

»Sie sollten Agamemnon hassen. Sein Stolz bringt Tod und Verderben.«

Wie der deine. Sein dunkler, harter Blick verrät, dass er nicht einlenken wird. In den achtzehn Jahren, die wir zusammenleben, hat er nie nachgegeben, sich stets durchgesetzt. Was wird geschehen, wenn er zum Nachgeben gezwungen wird? Ich habe Angst um ihn, um mich, um uns alle.

Wir ziehen uns an und essen. Achill spricht von der Zukunft, davon, dass wir morgen vielleicht schwimmen gehen, den harzigen Stamm einer Zypresse erklimmen oder nach jungen Meeresschildkröten suchen, die gerade jetzt im warmen Sand aus ihren Eiern schlüpfen. Ich höre ihn kaum. Meine Gedanken schweifen ab, hin zu den grauen Rauchschwaden, unter denen sich der Strand knochenbleich erstreckt, zu den fernen Schreien sterbender Männer, die ich kenne. Wie viele wird der Tod ereilt haben, wenn der Tag zu Ende ist?

Ich sehe ihn aufs Meer hinausstarren. Es ist ungewöhnlich still, als hätte Thetis die Luft angehalten. Seine Augen sind dunkel, die Pupillen geweitet vom trüben Licht des Morgens. Eine Strähne fällt ihm in die Stirn, einer züngelnden Flamme gleich.

»Wer ist das?«, fragt er plötzlich. Unten am Strand wird jemand auf einer Trage zum weißen Zelt gebracht, offenbar jemand von Bedeutung, denn es scharen sich viele Männer um ihn.

Ich ergreife die Gelegenheit, mich auf anderes zu besinnen. »Ich werde nachsehen.«

Jenseits der Palisaden schwillt der Schlachtenlärm an. Pferde wiehern, Kommandanten brüllen, Metall prallt klirrend aufeinander.

Podaleirios stürmt an mir vorbei aufs weiße Zelt zu. In der stickigen Luft hängt der Geruch von Kräutern und Blut, Angst und Schweiß. Nestor ist plötzlich neben mir und legt mir seine Hand auf die Schulter, die so kalt ist, dass ich vor Schreck zusammenfahre. Er brüllt: »Wir sind verloren! Der Wall bricht!«

Hinter ihm liegt Machaon keuchend auf einer Trage. Ein abgebrochener Pfeil steckt in seinem blutüberströmten Schenkel. Podaleirios beugt sich über ihn.

Machaon sieht mich. »Patroklos«, ächzt er.

Ich gehe zu ihm. »Ist es schlimm?«

»Weiß nicht. Ich glaube –« Er stockt und kneift die Augen zu.

»Sprich ihn nicht an«, zischt Podaleirios. Seine Hände sind rot vom Blut des Bruders.

Nestor meldet lautstark eine Schreckensnachricht nach der anderen: Die Palisaden brechen, die Schiffe sind in Gefahr und viele Könige liegen verwundet am Boden, Diomedes, Agamemnon und Odysseus.

Machaon schlägt die Augen auf. »Kannst du nicht mit Achill reden?«, krächzt er. »Bitte, tu’s für uns.«

»Ja! Phthia muss uns helfen. Sonst sind wir verloren.« Nestor krallt mir die Finger ins Fleisch.

Ich schließe die Augen und erinnere mich an Phoinix’ Geschichte, an das Bild der vor Kleopatra knienden Kalydoner, die bittere Tränen weinen. In meiner Vorstellung schaut sie die Bittsteller nicht an, sie reicht ihnen nur ihre Hände, als wären es Tücher, mit denen sie ihre Augen trocknen könnten. Sie wirft einen Blick auf ihren Gatten Meleager, dessen verschlossene Lippen sagen, was sie wissen muss: »Nein.«

Ich reiße mich von Phoinix los und will dem sauren Gestank der Angst entfliehen, der sich wie Staub auf alles legt. Ich sehe Machaons schmerzverzerrtes Gesicht, seine bittend ausgestreckten Arme und verlasse Hals über Kopf das Zelt.

Draußen wird ein schreckliches Bersten laut. Es klingt, als stürzten riesige Bäume zu Boden. Der Palisadenwall. Schreie folgen, triumphierende und entsetzte zugleich.

Überall um mich herum werden gefallene Krieger fortgetragen, Männer schleppen sich auf provisorischen Krücken vorbei oder kriechen durch den Sand, zerschmetterte Glieder hinter sich herziehend. Ich erkenne sie alle, ich habe ihre Wunden versorgt, ihnen Verbände angelegt, während sie mit schmerzverzerrten Gesichtern auf der Trage lagen. Jetzt liegen sie wieder in ihrem Blut. Wegen ihm. Wegen mir.

Vor mir schwankt ein junger Mann, dem ein Pfeil das Bein durchschlagen hat. Eurypylos, Prinz von Thessalien.

Ich zögere nicht lange, lege seinen Arm über meine Schulter und helfe ihm ins Zelt. Er ist außer sich vor Schmerzen, erkennt mich aber. »Patroklos«, ächzt er.

Ich knie vor ihm nieder und untersuche die Wunde. »Eurypylos, kannst du sprechen?«, frage ich.

»Dieser Hurensohn Paris«, stammelt er. »Mein Bein.« Der Muskel ist zerfetzt und geschwollen. Ich greife nach meinem Dolch und mache mich ans Werk.

Er knirscht mit den Zähnen. »Ich weiß nicht, wen ich mehr hassen soll, die Trojaner oder Achill. Sarpedon hat die Palisaden mit bloßen Händen eingerissen, und Ajax konnte es nicht verhindern. Sie sind nun hier«, sagt er keuchend. »Im Lager.«

Ich will Reißaus nehmen, zwinge mich aber zu bleiben und richte all meine Aufmerksamkeit darauf, die Pfeilspitze aus dem Bein zu ziehen und die Wunde zu verbinden.

»Beeil dich«, sagt er mit schleppender Stimme. »Ich muss zurück. Sie setzen sonst unsere Schiffe in Brand.«

»Du kannst jetzt nicht zurück«, entgegne ich. »Du hast zu viel Blut verloren.«

»Nein.« Er lässt den Kopf in den Nacken zurückfallen und verliert die Besinnung. Ob er am Leben bleibt oder nicht, entscheiden die Götter. Mehr kann ich nicht für ihn tun. Ich hole tief Luft und trete aus dem Zelt ins Freie.

Zwei Schiffe stehen in Flammen, in Brand gesetzt von trojanischen Fackeln. Männer hasten schreiend über die Decks, verzweifelt bemüht, das Feuer zu löschen. Der Einzige, den ich erkenne, ist Ajax. Er steht breitbeinig im Bug von Agamemnons Schlachtschiff, die massigen Schultern gestrafft. Er achtet nicht auf die Flammen und sticht mit seinem Speer auf die Feinde ein, die unter ihm wie hungrige Fische das Schiff umwimmeln.

Starr vor Entsetzen sehe ich plötzlich eine Hand über das Gewühl hinauslangen und den Steven ergreifen, dann den Arm, kräftig und dunkel, schließlich den Kopf und den breitschultrigen Rumpf, der sich einem Delfin gleich aus der brodelnden Menge emporschwingt. Hektor. Seine braun gebrannte Gestalt windet sich aus dem Wasser und scheint darüber zu schweben, die Augen gen Himmel gerichtet – ein Mann im Gebet, in Zwiesprache mit den Göttern. Die Rüstung hebt sich mit den Schultern und entblößt seine Hüfte, deren Beckenknochen dem gemeißelten Gesims eines Tempels gleichen. Mit der anderen Hand schleudert er eine brennende Fackel aufs Deck.

Der Wurf ist gut platziert und landet inmitten spröder Seile und gefalteter Segel, die sofort Feuer fangen. Hektor lächelt. Und wer kann es ihm verdenken, wähnt er sich doch siegreich?

Ajax brüllt vor Wut, ein weiteres Schiff steht in Flammen, einzelne Männer springen in Panik von Bord.

Und plötzlich surrt ein Speer durch die Luft, silbrig blinkend wie ein Fisch und so schnell, dass ihm das Auge kaum folgen kann. Gleich darauf verfärbt sich Ajax’ Schenkel rot. Ich habe lange genug in Machaons Zelt gearbeitet, um die Schwere der Verletzung ermessen zu können. Er schwankt, knickt in den Knien ein und sackt auf die Planken. 

Dreißigstes Kapitel

Achill sieht mich kommen. Ich renne so schnell, dass ich Blut auf der Zunge schmecke. Ich weine, meine Brust bebt, und die Kehle brennt. Er würde nun gehasst werden. Niemand würde sich an seinen Ruhm, seinen Edelmut oder seine Schönheit erinnern und alles, was ihn auszeichnet, würde in den Schmutz gezogen werden.

»Was ist passiert?«, fragt er, die Brauen besorgt zusammengezogen. Weiß er es wirklich nicht?

»Sie sterben«, stoße ich hervor. »Alle. Die Trojaner sind im Lager, sie brennen die Schiffe nieder. Ajax ist verwundet, und es gibt jetzt außer dir keinen mehr, der sie retten könnte.«

Seine Miene verhärtet sich. »Wenn sie sterben, trägt Agamemnon die Schuld daran. Ich habe ihn gewarnt.«

»Aber er hat dir doch gestern ein Friedensangebot gemacht –«

Er schnaubt verächtlich. »Ja, ein Paar Dreifüße und Rüstzeug, aber nichts, was seine Beleidigung wiedergutmachen könnte, ebenso wenig hat er eingestanden, Unrecht an mir getan zu haben.« Seine Stimme zittert vor Wut. »Odysseus, Diomedes und all die anderen mögen ihm die Stiefel lecken, ich aber werde es nicht tun.«

»Er ist ein Scheusal.« Ich klammere mich wie ein kleines Kind an ihm fest. »So empfinden alle. Du darfst nicht länger an ihn denken. Er wird, wie du schon gesagt hast, sich selbst vernichten. Aber lass die anderen nicht für seine Fehler büßen. Lass sie nicht sterben wegen seinem Wahn. Sie haben dich geliebt und hoch geachtet.«

»Mich hoch geachtet? Keiner hat mir im Streit mit Agamemnon den Rücken gestärkt oder Partei für mich ergriffen.« Die Bitterkeit seiner Stimme quält mich. »Sie haben schweigend seine Beleidigungen mit angehört und ihm damit das Gefühl gegeben, im Recht zu sein. Zehn Jahre lang habe ich für sie gekämpft. Und was ist der Lohn? Sie lassen mich fallen. Sie haben ihre Wahl getroffen, und ich weine ihnen keine Träne nach.«

Unten am Strand stürzt krachend ein Mast. Der Rauch wird dichter. Immer mehr Schiffe stehen in Flammen. Weitere Griechen sterben. Man würde ihn jetzt verfluchen und in die dunkelsten Winkel unserer Unterwelt verbannen wollen.

»Ja, sie waren töricht, aber sie sind immer noch unser Volk.«

»Die Myrmidonen sind unser Volk. Alle anderen sollen sich selbst helfen.« Er schickt sich an, zu gehen, doch ich halte ihn fest.

»Du schadest dir selbst und wirst für deine Weigerung gehasst werden. Bitte, wenn du –«

»Patroklos.« In dieser Schärfe hat er mich noch nie bei meinem Namen genannt. Er durchbohrt mich mit seinen Blicken und spricht wie ein Richter, der sein Urteil verkündet. »Ich werde es nicht tun. Verlange es nicht noch einmal von mir.«

Ich starre ihn an und finde keine Worte mehr, die ihn hätten erreichen können. Vielleicht gibt es sie nicht. Mein Mund ist trocken wie der graue Sand. Ich sehe das Ende vor Augen. Die Männer würden sterben und mit ihnen seine Ehre. Gnadenlos. Und doch suche ich verzweifelt weiter nach einer Möglichkeit, ihn zu besänftigen und umzustimmen.

Ich knie vor ihm nieder und presse seine Hände auf mein Gesicht. Noch immer strömen mir Tränen über die Wangen. »Tu’s für mich«, bitte ich. »Schone sie mir zuliebe. Ich weiß, was ich dir damit abverlange, und bitte dich trotzdem. Tu es für mich.«

Er schaut auf mich herab, und ich sehe den inneren Kampf in seinen Augen. Er schluckt.

»Alles«, erwidert er. »Alles, nur das nicht. Es ist mir unmöglich.«

Ich blicke in sein schönes, versteinertes Gesicht und verzweifle. »Wenn du mich liebst –«

»Nein!«, presst er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Ich kann es nicht. Wenn ich nachgebe, kann mich Agamemnon nach Belieben zurücksetzen. Keiner der anderen Könige wird mich respektieren, die Soldaten ebenso wenig.« Er ringt nach Luft, als hätte er sich im Wettlauf verausgabt. »Glaubst du etwa, es wäre mir egal, dass so viele sterben? Aber ich kann es nicht. Ich kann und werde nicht zulassen, dass er mich zum Narren hält!«

»Dann schick wenigstens die Myrmidonen ins Feld. Lass mich deinen Platz einnehmen. Gib mir deine Rüstung, und ich werde unsere Männer anführen.« Meine Worte schockieren uns beide gleichermaßen. Sie kommen nicht von mir, sondern scheinen von einem Gott durch meinen Mund ausgesprochen worden zu sein. Trotzdem halte ich daran fest; es ist wie der letzte Atemzug eines Ertrinkenden. »Verstehst du? Du musst deinen Eid nicht brechen und kannst doch die Griechen retten.«

Er starrt mich an. »Aber du kannst nicht kämpfen«, sagt er.

»Das wird nicht nötig sein. Man wird mich für dich halten und vor Angst die Flucht ergreifen.«

»Nein«, entgegnet er. »Das ist zu gefährlich.«

»Bitte.« Ich zerre an ihm. »Es ist nicht gefährlich. Ich werde Abstand halten zum Feind und geschützt sein von Automedon und unseren Kriegern. Ich verstehe, dass du selbst nicht kämpfen kannst, aber rette, was zu retten ist, auf diese Weise. Lass es mich tun. Du hast doch gesagt, mir alles gewähren zu wollen.«

»Aber –«

Ich lasse ihn nicht zu Wort kommen. »Bedenke, Agamemnon wird wissen, dass du dich ihm weiter verweigerst, aber die Männer werden dich lieben. Es gibt keinen größeren Ruhm als diesen – du wirst allen beweisen, dass selbst dein Phantom mächtiger ist als das ganze Heer Agamemnons.«

Er merkt auf.

»Nicht deine Kampfkraft, sondern allein dein großer Name wird sie retten, und umso größer wird Agamemnons Niederlage sein. Verstehst du?«

Ich sehe seiner Miene an, dass sein Widerwille allmählich abnimmt. Er stellt sich vor, wie die Trojaner vor seinem Schatten fliehen würden. Wie ihm die Männer auf Knien danken würden.

Er hebt seine Hand. »Schwöre«, sagt er. »Schwör mir, nicht selbst zu kämpfen, wenn du hinausziehst. Dass du bei Automedon im Streitwagen bleibst und die Myrmidonen vor dir marschieren lässt.«

»Ja.« Ich drücke meine Hand auf seine. »Etwas anderes käme mir nicht in den Sinn. Ich werde dem Feind Angst einjagen, das ist alles.« Mir schwindelt. Habe ich doch endlich einen Weg gefunden, vorbei an seinem Stolz und seiner Wut. Ich würde die Männer retten und nicht zuletzt ihn vor sich selbst schützen. »Du bist also einverstanden?«

Er zögert noch einen Moment und erforscht mich mit seinen grünen Augen. Dann aber nickt er bedächtig mit dem Kopf.

Im Knien gürtet er mich, so schnell, dass ich seinen Bewegungen kaum folgen kann, und ich spüre nur den zunehmenden Druck der Schnallen und Riemen. Stück für Stück legt er mir die Rüstung an, den bronzenen Brustpanzer, die Beinschienen und den Lederschurz. Währenddessen gibt er mir Ratschläge und Anweisungen, mit leiser Stimme, aber doch präzise. Ich dürfe unter keinen Umständen von Automedons Seite weichen oder gar auf eigene Faust handeln. Denen, die fliehen, könne ich zwar nachsetzen, aber nie selbst in den Kampf eingreifen, und vor allen Dingen solle ich mich von den Bogenschützen auf den Mauern Trojas fernhalten.

»Es wird anders sein als in den Tagen, als ich unsere Reihen angeführt habe«, sagt er.

»Ich weiß.« Ich versuche, meine Schultern anzuheben. Die Rüstung ist steif und schwer. Ich sage ihm, dass ich mir vorkäme wie Daphne, gefangen in ihrer Lorbeerhaut. Er lächelt nicht, sondern reicht mir zwei Speere mit glänzenden Spitzen. Als ich sie entgegennehme, rauscht mir das Blut in den Ohren. Er gibt mir weitere Ratschläge, doch ich achte nicht darauf, weil ich nur mein ungeduldiges Herz pochen höre. »Beeil dich«, erinnere ich mich, gesagt zu haben.

Nachdem er mir auch den Helm aufgesetzt hat, der meine dunklen Haare verbirgt, hält er mir einen Spiegel aus polierter Bronze hin. Ich starre mich in der Rüstung an, die ich so gut kenne wie meine eigenen Hände, den Helmbusch, das silberne Schwert am Gurt und das aus Gold getriebene Wehrgehenk. All dies sind unverwechselbar die Attribute Achills. Ich erkenne mich nur an den Augen wieder, die dunkel und größer sind als seine. Er küsst mich, seine süße Wärme füllt meine Kehle, er nimmt meine Hand und führt mich nach draußen.

Die Myrmidonen haben sich bereits zur Schlachtordnung formiert, verschanzt hinter Schilden, die wie Zikadenflügel schimmern. Achill bringt mich zum Streitwagen, vor dem bereits seine drei Rösser eingespannt sind – unter keinen Umständen von Automedons Seite weichen oder gar auf eigene Faust handeln –, und ich verstehe, dass er Angst hat, ich könnte mich verraten, wenn ich selbst zu kämpfen versuchte. »Mach dir keine Sorgen«, sage ich, erklimme den Wagen und stelle die Speere vor mir ab.

Achill hat sich inzwischen an die Myrmidonen gewandt, spricht zu ihnen und zeigt auf die brennenden Schiffe, über denen schwarzer Rauch aufsteigt. »Bringt ihn mir zurück«, sagt er. Sie nicken und klappern zum Zeichen ihres Einverständnisses mit den Waffen auf die Schilde. Gleich darauf steigt Automedon zu mir auf den Wagen und nimmt die Zügel in die Hand. Wir alle wissen, warum der Streitwagen unverzichtbar ist. Wäre ich zu Fuß den Strand entlanggelaufen, hätte mich niemand mit Achill verwechselt.

Die Pferde schnauben, als sie den Wagenlenker hinter sich spüren, und legen sich ins Zeug. Der Streitwagen ruckt ein Stück nach vorn, für mich so unerwartet, dass ich fast nach hinten weggekippt wäre. »Festhalten!«, sagt Automedon, und ich sehe mich von allen beobachtet, als ich linkisch den verrutschten Helm zurechtzurücken und gleichzeitig die Speere zu halten versuche.

»Alles in Ordnung«, sage ich, vor allem an mich selbst gerichtet.

»Bist du bereit?«, fragt Automedon.

Ich werfe einen letzten Blick zurück auf Achill, der neben dem Streitwagen steht und einen fast verlorenen Eindruck macht. Ich reiche ihm die Hand. Er ergreift sie und sagt: »Sei vorsichtig.«

»Versprochen.«

Es gibt noch einiges mehr zu sagen, doch zum ersten Mal bleiben wir stumm. Es würde andere Gelegenheiten geben, den Abend oder den nächsten Morgen oder all die Tage danach. Er lässt meine Hand los.

Ich wende mich wieder an Automedon. »Ich bin bereit«, sage ich. Die Pferde ziehen an, und Automedon führt sie auf den festen Sandstreifen nahe der Brandung. Dort angekommen, rollen die Räder leicht darüber hinweg. Mit Blick auf die Schiffe nehmen wir Fahrt auf. Ich spüre Gegenwind auf der Brust und wähne den Helmbusch flattern. Ich hebe die Speere.

Automedon duckt sich, um den Blick auf mich freizugeben. Von den Rädern stiebt Sand auf. Die Myrmidonen folgen im Laufschritt mit rasselnder Rüstung. Ich atme in kurzen Stößen und halte die Speere gepackt, bis mir die Finger schmerzen. Wir passieren die leeren Zelte von Idomeneus und Diomedes, fliegen dann an den kämpfenden Griechen vorbei, die ich hinter mir freudig ausrufen höre: »Achill! Es ist Achill!« Ich fühle mich von einer Welle der Erleichterung durchströmt. Unser Plan geht auf.

Wir steuern geradewegs auf die Schiffe und die Schlachtreihen zu. Noch zweihundert Schritte, und wir würden sie erreicht haben. Vom Stampfen der Hufe und den lärmenden Myrmidonen aufgeschreckt, drehen sich die Kämpfenden zu uns um. Ich hole tief Luft und straffe die Schultern unter meiner – seiner – Rüstung, ich stemme meine Füße links und rechts vor die Seitenwände des Streitwagens, reiße einen Speer in die Höhe und schreie aus Leibeskräften, den Kopf in den Nacken geworfen, wobei ich im Stillen bete, der Wagen möge nicht holpern und mich abwerfen. Zahllose Gesichter wenden sich uns zu, Trojaner und Griechen, die einen entsetzt, die anderen triumphierend. Mit lautem Getöse fahren wir in ihre Mitte.

Ich brülle seinen Namen und höre die bedrängten Griechen antworten, ein tierisches Heulen der Hoffnung. Vor mir stieben Trojaner auseinander. Ich zeige ihnen die Zähne und spüre mein Blut heiß durch die Adern schießen, aufgewühlt vom Anblick derer, die vor mir davonrennen. Doch die Trojaner sind tapfere Männer, und nicht alle suchen ihr Heil in der Flucht.

Vielleicht ist es die Rüstung, die mich gleichsam anders formt; vielleicht liegt es daran, dass ich ihn viele Jahre lang habe beobachten können. Jedenfalls fällt meine alte Unbeholfenheit von mir ab. Und dann, ohne einen Gedanken darauf zu verschwenden, was ich tue, schleudere ich einen Speer in die Brust eines Trojaners. Die Fackel, die er auf Idomeneus’ Schiff hatte werfen wollen, gleitet ihm aus der Hand, als er rücklings in den Sand stürzt. Ob er verblutet oder sich den Schädel aufschlägt, sehe ich nicht mehr. Tot, denke ich.

Automedon hat die Augen weit aufgerissen und bewegt die Lippen. Vermutlich will er mich an Achills Mahnung erinnern, nur ja nicht in den Kampf einzugreifen, doch schon greife ich zum zweiten Speer. Ich kann es. Die Pferde scheren aus, Männer springen aus unserer Bahn. Wieder empfinde ich deutlich jenes Gefühl von Stärke und Balance. Ich fasse einen Trojaner in den Blick, werfe und spüre den Schaft am Daumen entlanggleiten. Er fällt, am Schenkel aufgespießt von meinem Speer, der ihm, woran kein Zweifel bestehen kann, den Knochen zerschlagen hat. Um mich herum schreien die Männer den Namen Achills.

Ich packe Automedon bei der Schulter. »Einen weiteren Speer.« Er zögert einen Moment, zügelt dann das Gespann und gibt mir Gelegenheit, über den Rand des Wagens hinauszugreifen und einen Speer zu bergen, der in einem gefallenen Krieger steckt. Der Schaft scheint mir in die Hand zu springen. Ich hebe ihn und suche schon mein nächstes Ziel.

Die Griechen gehen zum Sturmangriff über. Neben mir tötet Menelaos einen Mann, während einer von Nestors Söhnen mit dem Speer auf unseren Streitwagen schlägt, um uns Glück zu wünschen, bevor er ihn in Richtung Kopf eines trojanischen Prinzen schleudert. Die Trojaner weichen zurück, darunter Hektor, der, Befehle brüllend, auf seinen Streitwagen springt, um ihn durchs Tor, über die schmale Brücke über dem Graben und aufs weite Feld dahinter zu lenken.

»Auf! Ihnen nach!«

Obwohl er sich sträubt, gehorcht Automedon und lenkt die Pferde zum Ausgang des Lagers. Ich sammele weitere Speere ein, schleppe dabei manchen Leichnam hinter uns her, ehe sich die Spitze löst, und jage dem Feind nach, dessen Streitwagen das Tor blockieren. Deren Lenker werfen entsetzte Blicke über die Schulter zurück auf Achill, der aus seiner grollenden Verbitterung auferstanden ist wie Phönix aus der Asche.

Nicht alle Gespanne sind so schnell und wendig wie das von Hektor, und etliche Wagen stürzen von der Brücke in den Graben, sodass ihre Lenker zu Fuß fliehen müssen. Wir setzen ihnen nach. Achills göttliche Pferde fliegen dahin. Wir könnten umkehren, denn die Trojaner sind zurückgeschlagen. Aber die Griechen hinter uns brüllen meinen Namen. Seinen Namen. Ich kann mich nicht mehr zurückhalten.

Auf meinen Befehl hin lenkt Automedon den Wagen im Bogen vorbei an den fliehenden Haufen, um ihnen von vorn zu begegnen. Meine Speere treffen und treffen wieder, reißen Bäuche und Kehlen auf, Lungen und Herzen. Ich kenne kein Erbarmen und finde mein Ziel an Schnallen und bronzenen Platten vorbei ins Fleisch, das aufplatzt wie löchrige Weinschläuche. Aus meiner Arbeit im weißen Zelt kenne ich die Schwachstellen. Es ist so leicht.

Aus der wild wogenden Menge bricht ein Streitwagen hervor. Sein Lenker ist riesig, und seine langen Haare fliegen im Wind, als er die schäumenden Rosse voranpeitscht. Die dunklen Augen sind auf mich gerichtet, der Mund ist wutverzerrt. Wie einem Seehund das Fell passt ihm der Panzer. Es ist Sarpedon.

Er hebt den Arm und zielt mit dem Speer auf mein Herz. Automedon reißt die Zügel herum. Ich spüre einen Lufthauch im Nacken und sehe den Speer hinter uns ins Feld einschlagen.

Sarpedon brüllt; ob er mich verflucht oder zum Kampf herausfordert, kann ich nicht unterscheiden. Ich glaube zu träumen und hebe meinen Speer, voller Wut auf den Mann, der so viele Griechen getötet und unseren Palisadenzaun eingerissen hat.

»Nein!« Automedon hält meinen Arm zurück, während er mit der freien Hand die Pferde antreibt. Sarpedon wendet seinen Wagen, und es scheint, dass er aufgibt. Doch dann wirft er das Gespann wieder herum und holt mit einem weiteren Speer zum Wurf aus.

Plötzlich bäumt sich eins unserer Pferde auf. Ich werde aus dem Wagen geschleudert und lande im Gras. Der Helm ist mir über die Augen gerutscht. Ich schiebe ihn zurück und sehe unsere Pferde ineinander verkeilt. Eins liegt, vom Speer getroffen, am Boden. Automedon scheint verschwunden.

Schon steuert Sarpedon sein Gespann auf mich zu. Mir bleibt keine Zeit zu fliehen. Ich springe vom Boden auf und hebe den Speer, halte ihn gepackt wie eine Schlange, die es zu würgen gilt. Achills Beispiel vor Augen, setze ich einen Fuß vor und straffe die Schultern. Achill würde eine Lücke in der Rüstung finden, oder aber eine hineinschlagen. Doch ich bin nicht Achill. Was ich sehe, ist etwas anderes: meine einzige Chance. Ich werfe den Speer.

Er trifft seinen Bauch mit so viel Wucht, dass der Riese zurücktaumelt und vom Wagen stürzt. Die Pferde springen an mir vorbei und lassen ihn zurück, reglos im Gras liegend. Ich lege meine Hand an den Griff meines Schwerts, voller Furcht, er stünde gleich auf, mich zu töten. Doch dann sehe ich seinen seltsam verrenkten Hals.

Ich habe Zeus’ Sohn getötet, doch damit ist es nicht getan, sie sollen glauben, er sei Achill zum Opfer gefallen. Der Staub senkt sich auf Sarpedons lange Haare. Ich trete auf ihn zu und stoße ihm einen weiteren Speer mit aller Macht durch die Brust. Blut sickert aus der Wunde, aber nur ein wenig, denn da ist kein Herzschlag mehr, der es hätte stärker quellen lassen. Nur mit Mühe kann ich den Speer wieder herausziehen.

Ich höre die Schreie der auf Streitwagen und zu Fuß herbeischwärmenden Meute, Lykier, die ihren König vor mir am Boden liegen sehen. Plötzlich spüre ich eine Hand im Nacken. Automedon, bleich vor Angst, zerrt mich zurück in den Wagen und treibt die Pferde an. »Wir müssen fort von hier«, keucht er.

Wir rasen über das Feld, gejagt von den Lykiern. Mir selbst ist nicht bewusst, wie nahe ich dem Tod war und noch bin. In meinem Mund ist ein Geschmack wie von Eisen, mein Blut so sehr in Wallung, dass mir der Kopf schwirrt.

Der Fluchtweg führt uns dicht an Troja vorbei. Zu meiner Seite ragen die Stadtmauern auf, aus riesigen Steinen angeblich von Göttern gefügt, darin die gewaltigen, bronzebeschlagenen Tore. Achill hat mich vor den Bogenschützen gewarnt, doch auf den Brustwehren ist kein einziger Mann zu sehen. Die Stadt scheint unbewacht zu sein. Sie einzunehmen wäre jetzt ein Kinderspiel.

Der Gedanke weckt wildes Verlangen in mir. Der Feind hat verdient, dass seine Feste verloren geht. Seit zehn Jahren setzt er uns zu und lichtet unsere Reihen. Auch Achill werden sie auf dem Gewissen haben. Es ist genug.

Ich springe vom Streitwagen und renne auf die Mauern zu, suche kletternd mit den Fingern greifbare Spalten und nutze jede Unebenheit der von Göttern behauenen Steine, um mich mit den Füßen abzustützen. So steige ich Armlänge um Armlänge nach oben. Ich will die unbezwingbare Stadt bezwingen und Helena befreien. Ihretwegen soll kein Mann mehr sterben müssen. Ich stelle mir vor, sie unter dem Arm ins Lager zurückzuschleppen und ihrem Gatten vor die Füße zu werfen.

Patroklos. Eine Stimme wie Musik, von oben. Ich blicke hinauf und sehe eine Gestalt in einer Mauernische lehnen, so lässig, als sonnte sie sich. Dunkle Haare fallen ihr auf die Schultern. Um den Rumpf sind Köcher und Bogen geschlungen. Vor Schreck rutsche ich aus und schabe mit den Knien an der Mauer entlang. Dieser Mann ist von bestechender Schönheit, hat glatte Haut und ein fein geschnittenes Gesicht, von dem ein übermenschlicher Glanz ausgeht. Schwarze Augen. Apoll.

Er lächelt, als hätte er auf diesen Augenblick gewartet, darauf, dass ich ihn erkenne. Dann streckt er den Arm aus, reicht, was im Grunde unmöglich scheint, bis tief zu mir hinab. Ich schließe die Augen und spüre, wie sich ein Finger in meine Rüstung hakt, mich von der Mauer löst und fallen lässt.

Ich schlage auf dem Boden auf, verwundert darüber, dass der Aufprall kaum ins Gewicht fällt, hatte ich doch geglaubt, hoch hinaufgestiegen zu sein. Verbissen setze ich zu einem neuen Versuch an. Ich will die Mauer bezwingen, sie soll mich nicht von meinem Vorhaben abbringen. Mir schwindelt wie im Fieberwahn. Die Vorstellung, Helena zu erbeuten, ist mir zu Kopf gestiegen. Die Mauersteine kommen mir vor wie dunkles Wasser, das sich auf mich ergießt. Den Gott in der Nische habe ich vergessen, so auch den Grund, warum ich gestürzt bin und immer wieder stürze. Erneut renne ich gegen die Wand an, und als ich diesmal hinaufblicke, lächelt der Gott nicht mehr. Er zupft mich von der Mauer, lässt mich eine Weile baumeln und dann fallen.

Ich schlage mit dem Kopf auf, bekomme keine Luft mehr. Verschwommene Gestalten beugen sich über mich. Sind mir unsere Männer zu Hilfe gekommen? Dann spüre ich einen kühlen Hauch auf der schweißnassen Stirn. Man hat mir den Helm abgenommen. Ich sehe ihn neben mir am Boden liegen, umgedreht wie ein leeres Schneckenhaus. Auch mein Rüstzeug fällt von mir ab, von Achill angelegt und nun von einem Gott gelöst.

Durch die eisige Stille gellen wütende Schreie. Mit Schrecken wird mir bewusst: Ich bin unbewaffnet und dem Feind ausgeliefert. Man wird mich als Patroklos erkennen.

Ich raffe mich auf, renne los. Eine Speerspitze streift meine Wade und reißt einen Schlitz in die Haut. Einer Hand, die nach mir greift, kann ich noch ausweichen, aber schon sehe ich einen Speerträger vor mir, der mit seiner Waffe auf mein Gesicht zielt. Sie schwirrt über meinen geduckten Kopf hinweg und fährt durch meine Haare wie eine zärtliche Hand. Über eine lange Lanze, die vor meinen Füßen im Gras einschlägt, springe ich hinweg, und dass ich nicht schon tot bin, verblüfft mich selbst am meisten. So schnell bin ich in meinem ganzen Leben noch nicht gewesen.

Der Speer, den ich nicht kommen sehe, bohrt sich mir von hinten durch den Rücken und bricht vorn unter dem Rippenbogen hervor. Von der Wucht des Stoßes zu Fall gebracht, stürze ich der Länge nach zu Boden und spüre, wie sich die Speerspitze zurück in den Bauch schiebt. Ich glaube, ich schreie.

Das Blut rinnt mir durch die Finger ins Gras. Die Menge, die sich um mich geschart hat, teilt sich, und ich sehe einen Mann auf mich zukommen. Er steigt, wie es scheint, aus weiter Ferne zu mir herab, als läge ich in einer tiefen Schlucht. Ich kenne ihn. Seine Hüftknochen erinnern mich an Tempelgesims. Seine Stirn ist stark gefurcht. Ohne auf die Männer zu achten, die ihn umschwirren, schreitet er über das Feld. Er kommt, um mir den Todesstoß zu versetzen. Hektor.

Ich hechle und glaube, mit jedem Atemzug im Inneren weiter aufzureißen. Trommelschlägen gleich dröhnen mir Erinnerungen durch den Kopf. Er kann mich nicht töten. Er darf es nicht. Und wenn er es tut, wird Achill ihn nicht leben lassen. Dabei muss er leben, immer, und darf nie sterben, nicht einmal dann, wenn er alt ist und so welk, dass sich jeder Knochen unter seiner Haut abzeichnet. Er muss leben, geht es mir durch den Kopf, als ich kriechend vor ihm zurückzuweichen versuche, denn solange er lebt, lebt auch Achill.

Verzweifelt blicke ich in die Runde der Männer und richte mich auf den Knien auf. Bitte, krächze ich. Bitte.

Aber sie beachten mich nicht. Sie schauen auf ihren Prinzen, Priamos’ ältesten Sohn, der mit unaufhaltsamen Schritten auf mich zukommt. Schon steht er vor mir, den Speer erhoben. Ich höre nur noch das Ächzen meiner Lungen und das Rasseln von Blut und Luft darin. Die Speerspitze neigt sich über mir wie ein Krug. Und dann stürzt sie herab, ein silberner Strahl vor meinen Augen.

Nein. Meine Hände fliegen in die Höhe wie aufgescheuchte Vögel. Aber ich bin schwach wie ein Kind im Vergleich zu Hektor. Ich kann den Stoß nicht aufhalten, geschweige denn abwehren. Sinnlos auch, dass ich den Schaft noch zu packen versuche, als das Eisen schon meinen letzten Schutzschild durchdringt, dünne Haut, die nachgibt wie Papier. Die Spitze taucht ein mit brennenden Schmerzen, die mir den Atem nehmen. Mein Kopf schlägt zurück auf den Boden, und das Letzte, was ich sehe, ist Hektor, der vor mir aufragt und den Speer aus meinem Leib zerrt. Mein letzter Gedanke: Achill

Einunddreißigstes Kapitel

Achill steht auf einer Anhöhe und beobachtet das Kampfgeschehen. Einzelheiten sind nicht zu erkennen, wohl aber, dass die Griechen den Feind auf der Ebene vor sich hertreiben, zurück zur Stadt, wie von Patroklos vorhergesagt. Bald wird er zurückkehren und Agamemnon auf die Knie fallen müssen. Dann werden sie wieder glücklich sein.

Doch statt Freude macht sich ein dumpfes Gefühl breit. Vor den Toren der Stadt verdichten sich die Krieger zu einem dunklen Knoten. Ein König oder Prinz ist gefallen, und man kämpft um den Leichnam. Wer ist es? Er schirmt mit der Hand das gleißende Sonnenlicht ab, vermag aber nicht mehr zu sehen. Patroklos wird ihm berichten müssen.

Jetzt sind Einzelheiten zu erkennen. Männer kehren über den Strand zum Lager zurück. Odysseus hinkt. Menelaos trägt etwas auf seinen Armen. Ein von Gras grün gefärbter Fuß hängt herab. Unter einem Tuch treten dunkle Locken zum Vorschein. Das Gefühl der Dumpfheit ist gnädig, jedoch nur eine kurze Weile. Dann kann es ihn nicht mehr schützen.

Er will sich in sein Schwert stürzen, doch als er danach zu greifen versucht, erinnert er sich: Er hat mir das Schwert gegeben. Und dann steht Antilochos neben ihm und hält ihn fest. Andere Männer kommen hinzu. Er starrt auf das blutdurchtränkte Hemd, stößt mit lautem Aufschrei Antilochos von sich, entreißt Menelaos den Leichnam und sackt darüber zusammen. Er ist außer sich, hört nicht auf zu schluchzen. Patroklos, schreit er, Patroklos. Immer und immer wieder. Odysseus fällt auf die Knie und reicht ihm einen Trunk. Dass er ihn nicht in blinder Wut erschlägt, verdankt sich allein dem Umstand, dass er nicht von mir ablassen kann. Er drückt mich so fest an sich, dass ich sein Herz schlagen höre, obwohl es nur so schwach ist wie das Flattern einer Motte. Ein Echo, das mich noch an meinen Körper bindet. Eine Qual.

Brisëis eilt mit entsetzter Miene herbei. Sie beugt sich über den Leichnam, verströmt bittere Tränen und schlägt die Hände vors Gesicht. Achill nimmt keine Notiz von ihr. Er scheint sie nicht einmal zu sehen und steht auf.

»Wer hat es getan?« Seine Stimme klingt schrecklich, rau und gebrochen.

»Hektor«, antwortet Menelaos. Achill greift nach seinem großen Speer aus Eschenholz und reißt sich von den Händen los, die ihn halten.

Odysseus packt ihn bei den Schultern. »Morgen«, sagt er. »Er ist jetzt in der Stadt. Morgen. Hör auf mich, Pelides. Morgen kannst du ihn töten. Das verspreche ich dir. Aber jetzt musst du essen und ruhen.«

Achill weint. Er isst nicht, noch spricht er ein Wort. Nur meinen Namen nennt er und wiegt mich in seinen Armen. Ich sehe sein Gesicht wie durch Wasser, wie ein Fisch die Sonne sieht. Tränen tropfen auf mich herab. Ich kann sie nicht wegwischen. Dies nun ist mein Element: das halbe Leben eines unbestatteten Geistes.

Seine Mutter kommt. Wenn sie mich schon zu Lebzeiten verachtet hat, wie schrecklich muss es erst für sie sein, meinen Leichnam in den Armen ihres Sohnes vorzufinden?

»Er ist tot«, sagt sie mit flacher Stimme.

»Hektor ist tot«, entgegnet er. »Morgen.«

»Du hast keine Rüstung.«

»Ich brauche keine.« Es kostet ihn Mühe zu sprechen.

Sie streckt ihre bleichen, kühlen Arme aus, um seine Hände von mir zu lösen. »Er hat es sich selbst zuzuschreiben«, sagt sie.

»Rühr mich nicht an!«

Sie weicht zurück und betrachtet ihn, wie er mich in den Armen wiegt.

»Ich besorge dir Rüstzeug«, sagt sie.

So geht es in einem fort: Der Zelteinstieg öffnet sich und jemand blickt mit vorsichtiger Miene herein. Phoinix, Automedon, Machaon. Schließlich auch Odysseus. »Agamemnon ist gekommen, um dir das Mädchen zurückzugeben.« Dass es längst zurückgekehrt ist, sagt Achill nicht. Vielleicht weiß er es nicht.

Im flackernden Feuerschein schauen beide einander an. Agamemnon räuspert sich. »Es ist Zeit, dass wir unseren Streit begraben, Achill. Ich bringe dir das Mädchen, unversehrt.« Er legt eine Pause ein, als erwarte er Dank. Doch da ist nur Stille. »Wahrlich, ein Gott muss uns um den Verstand gebracht haben, dass wir so zerstritten sind. Aber damit soll es jetzt vorbei sein, und wir wollen wieder Verbündete sein.« Letzteres spricht er so laut, dass es die Männer im Hintergrund hören können. Achill schweigt. In Gedanken steht er bereits Hektor gegenüber, um ihn zu töten. Das hält ihn aufrecht.

Agamemnon zögert. »Prinz Achill, wie ich höre, willst du morgen wieder kämpfen.«

»So ist es.« Seine plötzliche Antwort erschrickt alle.

»Gut so, sehr gut.« Agamemnon lässt einen weiteren Moment verstreichen. »Auch an den Tagen danach?«

»Wenn du es willst«, erwidert Achill. »Es kümmert mich nicht. Ich werde bald tot sein.«

Die Männer im Hintergrund tauschen verwunderte Blicke.

»Nun, das wäre also geregelt.« Agamemnon schickt sich an zu gehen, bleibt aber noch einmal stehen. »Dass Patroklos gefallen ist, tut mir leid. Er hat sich heute tapfer geschlagen. Wusstest du, dass er Sarpedon getötet hat?«

Achill hebt den Kopf. Seine Augen sind blutunterlaufen und leblos. »Ich wünschte, er hätte euch alle sterben lassen.«

Agamemnon ist zu schockiert, um etwas darauf zu entgegnen. Odysseus bricht das Schweigen. »Wir werden dich jetzt mit deiner Trauer allein lassen, Prinz Achill.«

Brisëis kniet neben meinem Leichnam. Sie hat Wasser gebracht und ein Tuch und wäscht mir das Blut und den Schmutz von der Haut, so sanft, als badete sie einen Säugling und säuberte nicht einen leblosen Leib. Achill betritt das Zelt, und ihre Blicke begegnen sich über meinem Leichnam.

»Lass von ihm ab«, sagt er schroff.

»Ich bin gleich fertig. Er hat es nicht verdient, im Schmutz zu liegen.«

»Nimm deine Hände weg!«

Ihre feuchten Augen blitzen. »Glaubst du, du seist der Einzige, der ihn geliebt hat?«

»Raus, verschwinde!«

»Ist er dir tot lieber als lebendig?«, fragt sie mit bitterer Stimme. »Wie konntest du ihn gehen lassen? Du wusstest, dass er nicht kämpfen kann.«

Achill schreit und wirft eine Schale zu Bruch. »Raus!«

Brisëis verzieht keine Miene. »Töte mich. Ihn bringst du damit nicht zurück. Er war zehnmal wertvoller als du. Zehnmal. Und du schickst ihn in den Tod.«

Er stößt einen Laut aus, der nicht mehr menschlich zu nennen ist. »Ich habe ihn aufzuhalten versucht. Ich habe ihm gesagt, er soll den Strand nicht verlassen.«

»Er ist deinetwegen in den Kampf gezogen.« Brisëis tritt auf ihn zu. »Um dich und deinen Ruf zu retten, an dem dir so viel liegt. Weil er nicht mit ansehen konnte, wie du leidest.«

Achill schlägt die Hände vors Gesicht, doch sie lässt sich nicht erweichen. »Du hast ihn nicht verdient, und mir ist ein Rätsel, wie er dich lieben konnte. Du hast doch nur dich selbst im Sinn.«

Achill hebt den Blick. Sie hat Angst, weicht aber nicht zurück. »Ich hoffe, Hektor tötet dich.«

Der Atem kratzt in seiner Kehle. »Das hoffe ich selbst«, stößt er hervor.

Er weint, als er mich auf unser Bett hebt. Es ist heiß im Zelt, und bald wird sich Leichengeruch ausbreiten. Er scheint sich nicht daran zu stören, hält mich die ganze Nacht in seinen Armen und presst meine kalten Hände auf seinen Mund.

Im Morgengrauen kehrt seine Mutter zurück mit Schild, Schwert und bronzenem Brustpanzer, gerade erst geschmiedet, denn er ist noch warm. Wortlos betrachtet sie ihn, als er sich rüstet.

Ohne auf Automedon oder seine Myrmidonen zu warten, läuft er den Strand entlang, vorbei an den Griechen, die zu ihren Waffen greifen und folgen. Sie wollen sich nicht entgehen lassen, was nun bevorsteht.

»Hektor!«, brüllt er. »Hektor!« In unaufhaltsamer Wut durchbricht er die vorrückenden Reihen der Trojaner, und noch ehe diejenigen, die er niedergestreckt hat, zu Boden gegangen sind, ist er schon weiter. Das Gras, ausgedünnt nach zehn Jahren Krieg, trinkt das Blut von Prinzen und Königen.

Doch Hektor weicht ihm aus und taucht immer wieder unter im Gewimmel. Ihm scheinen die Götter zu helfen, und niemand nennt ihn einen Feigling. Den Zweikampf würde er nicht überleben. Er trägt Achills Rüstung, unverkennbar am Gepräge des Phönix auf der Brustplatte, die neben meiner Leiche lag. Die Männer starren den beiden nach. Es scheint fast, als jagte Achill sich selbst hinterher.

Hektor rennt auf den Skamander zu, den breiten Fluss vor Troja. Wegen des gelben Gesteins, für das Troja bekannt ist, schimmert sein Wasser milchig golden.

Heute hingegen ist es schlammig und rot verfärbt. Hektor stürzt sich in die Wellen und schwimmt durch das Treibgut aus Helmen und Leichen. Er erreicht das andere Ufer. Achill setzt ihm nach.

Plötzlich steigt eine Gestalt aus dem Fluss und versperrt ihm den Weg. Schmutziges Wasser rinnt über die muskulösen Schultern, tropft aus einem schwarzen Bart. Er ist größer als der größte aller Sterblichen und strotzt vor Kraft. Er liebt das trojanische Volk, das ihm im Sommer Wein opfert und seine Fluten mit Blumengirlanden schmückt. Fromm wie kein anderer ist Hektor, der Prinz von Troja.

Achills Gesicht ist blutverschmiert. »Du hältst mich nicht zurück.«

Der Flussgott Skamander hebt eine mächtige Keule, so groß wie ein Baumstamm. Achill hat nur sein Schwert. Seine Speere stecken in gefallenen Kriegern.

»So leichtfertig setzt du dein Leben aufs Spiel?«, fragt der Gott.

Nein. Bitte. Aber ich habe keine Stimme. Achill steigt in den Fluss und hebt sein Schwert.

Der Gott holt mit der Keule zum Schlag aus. Achill duckt sich und entgeht auch dem zweiten Hieb, von Fäusten geführt, die so groß sind wie Kälber. Wieder auf den Beinen, stößt Achill sein Schwert auf die ungeschützte Brust des Gottes. Doch der lässt die Klinge, die bislang noch nie ihr Ziel verfehlt hat, wirkungslos an sich abprallen.

Der Gott greift an. Seine Schläge zwingen Achill durch das Treibgut zurück ans Ufer. Er bewegt seine Keule wie einen Hammer, und wo sie niedergeht, schießen riesige Fontänen empor. Achill weicht jedem dieser Schläge aus. Das Wasser scheint ihn nicht zu behindern.

Achills Schwert schwingt schneller als jeder Gedanke, kann den Gott aber nicht gefährden. Skamander pariert jeden Hieb mit seiner Keule und zwingt ihn, noch schneller zu sein. Er ist ein alter Gott, alt wie die allererste Eisschmelze in den Bergen, und trickreich. Er kennt jede Schlacht, die auf dieser Ebene ausgefochten wurde, und lässt sich durch nichts überraschen. Achill wird langsamer. Mit nur dünner Klinge den Gott auf Abstand zu halten erschöpft seine Kräfte. Holz splittert, sooft die Waffen aufeinandertreffen, doch die Keule ist so dick wie Skamanders Schenkel, vergebens zu hoffen, dass sie bricht. Mit Blick auf das Menschlein, das seine Attacken kaum mehr parieren kann, macht sich ein Lächeln auf seinem Gesicht breit. Unaufhaltsam schlägt er zu. Achills Gesicht ist von Anstrengung gezeichnet. Er kämpft am Rand, am äußersten Rand seiner Kraft. Er ist schließlich nur ein Halbgott.

Ich sehe, wie er sich für einen letzten verzweifelten Angriff sammelt. Dann stößt er blitzschnell zu und zwingt Skamander auszuweichen. Auf diesen Moment hat er gewartet. Ich sehe ihn zum alles entscheidenden Stoß ansetzen. Er springt.

Und zum ersten Mal in seinem Leben ist er nicht schnell genug. Der Gott fängt den Stoß ab. Achill wankt, kaum merklich. Der Gott aber sieht es wohl. Er nutzt die Schwäche des Gegners und lässt die Keule siegesgewiss und mit tödlicher Wucht auf ihn niedersausen.

Er hätte es besser wissen müssen, so auch ich, der diese edlen Füße kein einziges Mal hat straucheln sehen. Sie treten nie fehl. Achill hat menschliche Schwäche nur vorgetäuscht, und der Gott fällt auf seine List herein.

Skamander greift an und öffnet seine Deckung dem Schwertstoß Achills. In der Seite des Gottes klafft eine Wunde, und der Fluss färbt sich wieder golden vom Saft, der seinem Meister entströmt.

Skamander wird nicht sterben, doch geschwächt und müde muss er sich in die Berge schleppen, zurück zu seinen Quellen, um aus ihnen wieder neue Kraft zu schöpfen. Er taucht im Fluss unter und ist verschwunden.

Obwohl er keuchend nach Luft schnappt, gönnt sich Achill keine Rast. »Hektor!«, brüllt er und nimmt die Jagd wieder auf.

Kaum hörbar flüstern die Götter:

Er hat einen von uns geschlagen.

Was mag geschehen, wenn er die Stadt angreift?

Die Zeit für Trojas Niedergang ist noch nicht gekommen.

Und ich denke: Sorgt euch nicht um Troja. Er ist auf Hektor aus, nur auf ihn. Wenn Hektor tot ist, wird er die Waffen strecken.

Am Fuß der mächtigen Mauern Trojas wächst in einem Hain der heilige Lorbeerbaum. Unter seinen Zweigen hat Hektor Zuflucht gesucht. Doch hier treffen die beiden nun aufeinander. Der eine ist dunkel. Er steht da, als hätten seine Füße tiefe Wurzeln ins Erdreich getrieben. Sein Helm, der Brustpanzer und die Beinschienen sind aus poliertem Gold. Mir passten sie gut, doch ihm sind sie zu klein. Seine Kehle ist ungeschützt.

Der andere ist kaum wiederzuerkennen, so verzerrt ist sein Gesicht. Seine Kleider sind noch nass vom Kampf im Fluss. Er hebt seinen aus Eschenholz geschnitzten Speer.

Nein, flehe ich ihn an. Es ist sein eigener Tod, den er in der Hand hält, sein eigenes Blut, das vergossen wird.

Hektors Augen sind geweitet, er flieht nicht länger. »Gewähre mir eines. Übergib meinen Leichnam meiner Familie, wenn du mich getötet hast.«

Achill scheint seine Antwort herauswürgen zu müssen. »Es gibt keine Geschäfte zwischen Löwen und Menschen. Ich werde dich töten und dein Fleisch roh verschlingen.« Sein Speer fliegt. Die Spitze glimmt wie der Abendstern und bohrt sich in Hektors Hals.

Achill kehrt zum Zelt zurück, in dem ich aufgebahrt liege. Er ist über und über mit Blut verschmiert, als hätte er in den Kammern eines riesigen Herzens gebadet, daraus er gerade erst, immer noch tropfend, wieder hervorgestiegen ist. An einem um Hektors Füße gebundenen Lederriemen schleift er dessen Leiche hinter sich her. Das mit Blut und Staub beschmierte Gesicht ist so schwarz wie sein Bart, nachdem er, an seinen Streitwagen gebunden, ins Lager der Griechen gezogen wurde.

Die Könige Griechenlands empfangen ihn.

»Du hast heute triumphiert, Achill«, sagt Agamemnon. »Nimm ein Bad und ruh dich aus. Danach werden wir deinen Sieg feiern.«

»Ich werde nicht feiern.« Er stößt ihn beiseite und schleift Hektor hinter sich her.

»Hokumoros«, ruft ihn die Mutter mit sanfter Stimme. So bald vom Schicksal Abberufener. »Willst du nichts essen?«

»Nein.«

Sie streckt eine Hand aus, als wollte sie das Blut von seiner Wange wischen.

Er weicht zurück. »Lass das!«, sagt er.

Ihre Miene erstarrt für einen Moment, was er jedoch nicht sieht. »Gib Hektors Leichnam seiner Familie, damit sie ihn bestatten kann. Du hast ihn getötet und Rache geübt. Das sollte dir genügen.«

»Das wird es nie«, erwidert er.

Zum ersten Mal seit meinem Tod findet er Schlaf.

Achill. Ich kann es nicht ertragen, dass du trauerst.

Seine Glieder zucken und beben.

Gönn uns Ruhe und Frieden. Verbrenne meinen Leichnam. Ich werde in der Schattenwelt auf dich warten. Ich werde –

Doch er ist schon aufgewacht. »Patroklos! Warte! Ich bin hier.«

Er schüttelt meinen Leichnam. Weil ich nicht antworte, fängt er wieder zu weinen an.

Im Morgengrauen schleift er Hektors Leiche um die Stadtmauer herum, damit es alle sehen. Gegen Mittag wiederholt er diesen Gang und auch am Abend. Er bemerkt nicht, dass die Griechen ihren Blick von ihm abwenden und missbilligen, was er tut.

Thetis wartet auf ihn im Zelt, groß und aufrecht steht sie da.

»Was willst du?« Er lässt Hektors Leiche fallen.

Ihre Wangen sind fleckig und sehen aus wie mit Blut besprenkelter Marmor. »Du musst damit aufhören. Apoll zürnt. Er will dich bestrafen.«

»Soll er doch.« Er lässt sich auf die Knie fallen und streicht mir die Haare aus der Stirn. Ich bin in Decken gewickelt, die den Verwesungsgeruch mildern.

»Achill.« Sie tritt zu ihm und ergreift sein Kinn. »Hör mich an! Du gehst zu weit. Wenn du so weitermachst, werde ich dich nicht vor ihm schützen können.«

Er wirft seinen Kopf zurück und faucht sie an. »Das brauchst du auch nicht.«

Ihre Haut ist weißer als jemals zuvor. »Sei kein Narr. Einzig durch mich und meinen Einfluss –«

»Was ändert das?«, fällt er ihr barsch ins Wort. »Er ist tot. Reicht dein Einfluss, ihn mir zurückzubringen?«

»Nein«, antwortet sie.

Er steht auf. »Glaubst du, ich sehe nicht, dass du frohlockst? Du hast ihn gehasst, all die Jahre über. Hättest du dich nicht in deinem Groll an Zeus gewandt, wäre er noch am Leben.«

»Er ist ein Mensch und somit sterblich«, entgegnet sie.

»Das bin ich auch!«, schreit er. »Wozu taugen Götter, wenn sie ihn nicht lebendig machen können? Wozu taugst du?«

»Ja, du bist ein Sterblicher«, bestätigt sie und platziert jedes kalte Wort wie den Stein eines Mosaiks. »Ich habe wider besseres Wissen zugelassen, dass Patroklos bei dir bleiben durfte, als du bei Cheiron am Pelion warst. Er hat dich ruiniert.« Sie deutet flüchtig mit der Hand auf sein zerfetztes Gewand und das blutverschmierte Gesicht. »Das ist nicht mein Sohn.«

Seine Brust geht heftig auf und ab. »Wer dann, Mutter? Bin ich dir nicht berühmt genug? Ich habe Hektor getötet.«

Ihr Gesicht zuckt. »Du verhältst dich wie ein Kind. Mit seinen elf Jahren ist Pyrrhos mehr Mann als du.«

»Pyrrhos?«

»Er wird kommen und Troja zu Fall bringen. Nur er kann die Stadt bezwingen, das weissagen die Moiren.« Ihr Gesicht glüht.

Er starrt sie an. »Du bringst ihn hierher?«

»Er ist der nächste Aristos Achaion

»Noch bin ich nicht tot.«

»Es fehlt nicht viel.« Die Worte sind wie Peitschenhiebe. »Weißt du eigentlich, was ich auf mich genommen habe, um dich zu Ruhm und Größe aufsteigen zu lassen? Und jetzt willst du deswegen alles zunichtemachen?« Sie zeigt auf meinen verwesenden Leichnam und verzieht das Gesicht vor Abscheu. »Es gibt nichts mehr, was ich für dich tun könnte.«

Ihre schwarzen Augen scheinen sich wie sterbende Sterne zusammenzuziehen. »Sein Tod ist mir eine Freude«, sagt sie.

Es sind die letzten Worte überhaupt, die sie an ihren Sohn richtet. 

Zweiunddreißigstes Kapitel

In der Nacht, zu einer Zeit, als selbst die wilden Hunde schlafen und die Eulen still sind, kommt ein alter Mann in unser Zelt. Seine Haare sind voller Asche, die schmutzigen Kleider zerrissen und triefen vor Nässe. Er ist offenbar durch den Fluss geschwommen. Und doch leuchten seine Augen hell und klar, als er sagt: »Ich bin gekommen, um meinen Sohn zu holen.«

Der König von Troja kniet vor Achills Füßen nieder und beugt sein weißes Haupt. »Willst du, mächtiger Prinz von Phthia, bester der Griechen, eines Vaters Bitte anhören?«

Achill starrt wie benommen auf die altersschwachen und gramgebeugten Schultern herab. Dieser Mann hat fünfzig Söhne gezeugt und die meisten davon verloren.

»Ich höre«, sagt Achill.

»Die Götter segnen deine Güte«, sagt Priamos. Seine Hände liegen kühl auf Achills brennender Haut. »Ich habe in dieser Nacht einen langen Weg voller Hoffnung zurückgelegt.« Er zittert unter den nassen Kleidern. »Ich bedaure, dir nur meine Gebete zum Geschenk machen zu können.«

Achill scheint berührt. »Steh auf«, sagt er. »Ich will dir zu essen und zu trinken geben.« Er reicht dem Alten seine Hand und hilft ihm auf, legt ihm einen trockenen Umhang über die Schulter und lässt ihn auf den weichen Kissen Platz nehmen, auf denen Phoinix am liebsten sitzt. Von der gefurchten Haut und den langsamen Bewegungen abgesehen, wirkt Priamos plötzlich wie verjüngt.

»Danke für deine Gastfreundschaft«, sagt er mit starkem Akzent. Doch sein Griechisch ist einwandfrei. »Ich habe gehört, du bist ein Mann von Adel, und auf deinen Edelmut vertraue ich, zumal es heißt, dass du, obwohl unser Feind, nie grausam gewesen bist. Ich bitte dich inständig, mir meinen Sohn zurückzugeben, damit ich ihn begraben kann und seine Seele Ruhe findet.« Er hütet sich, seinen Blick auf die im Schatten am Zeltrand mit dem Gesicht nach unten liegende Gestalt zu richten.

Achill starrt ins Dunkel seiner ineinandergelegten Hände. »Es war mutig von dir, dich allein auf den Weg gemacht zu haben«, sagt er. »Wie bist du ins Lager gekommen?«

»Die Götter geleiteten mich in ihrer Gnade.«

Achill blickt auf. »Was gab dir die Zuversicht, dass ich dich nicht töte?«

»Diese Zuversicht hatte ich nicht.«

Es bleibt eine Weile still. Das angebotene Brot und den Wein rührt Priamos nicht an. Sein Blick fällt auf den anderen Leichnam, den meinen, ausgestreckt auf dem Bett. Er zögert einen Moment. »Ist das – dein Freund?«

»Philtatos«, sagt Achill. Der über alles Geliebte. »Der Beste, erschlagen von deinem Sohn.«

»Ich bedaure deinen Verlust«, entgegnet Priamos. »Und ich bedaure, dass mein Sohn dir den Liebsten entrissen hat. Trotzdem bitte ich dich, gnädig zu sein. Trauernde sollten einander helfen, selbst als Feinde.«

»Und wenn nicht?« Sein Tonfall ist schärfer geworden.

»Dann sei es so.«

Wieder tritt ein Moment der Stille ein. »Ich könnte dich immer noch töten«, sagt Achill.

Achill.

»Ich weiß«, antwortet der König ruhig