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Der Tod kommt nach Pemberley Kriminalroman German Edition

P. James

Über dieses Buch  Im Jahr 1803, sechs Jahre nach der Hochzeit von Mr. Darcy und seiner Elizabeth, geht das Leben auf dem Herrensitz Pemberley seinen idyllischen Gang. Doch am Abend vor dem großen Herbstball wird die Vorfreude empfindlich gestört: Aus dem waldigen Teil des Pemberley-Parks bricht in rasender Fahrt eine Kutsche, darin eine völlig aufgelöste Lydia Wickham – Elizabeths missratene kleine Schwester –, die behauptet, ihr Mann sei ermordet worden! Nachdem die Damen in Sicherheit gebracht wurden, machen sich Mr. Darcy und sein Cousin in den Wald auf, um den Toten zu suchen. Was sie finden, ist ein lebender, blutverschmierter, verwirrter Wickham – und neben ihm eine Leiche … Über P. D. James  Phyllis Dorothy James, seit 1991 Baroness James of Holland Park, wurde 1920 in Oxford geboren, widmete sich jedoch erst ab 1962, nach langen Jahren in der Krankenhausverwaltung und in der Kriminalabteilung des britischen Innenministeriums, ganz der Schriftstellerei. Weltweit als »Queen of Crime« gerühmt und mit einer Auflage von mehreren Millionen gesegnet, wurde sie mit Auszeichnungen überhäuft; ihr Commander Adam Dalgliesh ist in die Literaturgeschichte eingegangen.  Wer also könnte berufener sein als P. D. James, die Helden der großen Jane Austen in kriminelle Machenschaften zu verwickeln? Die englische Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel »Death Comes to Pemberley« bei Faber and Faber, London.

Für Joyce McLennan

Meine Freundin und Privatassistentin, die seit fünfunddreißig Jahren meine Romane tippt

Mit Zuneigung und Dankbarkeit

Anmerkung der Verfasserin

Ich muss mich beim Geist Jane Austens dafür entschuldigen, dass ich ihre geliebte Elizabeth in das Grauen einer Mordermittlung hineingezogen habe – umso mehr, als Miss Austen ihren diesbezüglichen Ansichten im letzten Kapitel von Mansfield Park deutlich Ausdruck verliehen hat: »Sollen andere Federn bei Schuld und Elend verweilen. Ich verlasse dergleichen abscheuliche Themen, so schnell ich kann, und beeile mich, jeden, der sich nichts Schlimmes zuschulden kommen ließ, wieder in leidliches Wohlergehen zu versetzen und die übrigen zu vergessen.« Meine Entschuldigung hätte sie bestimmt mit dem Hinweis beschieden, dass sie, wäre ihr daran gelegen gewesen, sich länger bei solch abscheulichen Themen aufzuhalten, die Geschichte selbst geschrieben hätte, und zwar besser.

P. D. James 2011

Vorwort

Die Bennets von Longbourn

Unter der weiblichen Bewohnerschaft von Meryton herrschte Einvernehmen darüber, dass Mr. und Mrs. Bennet von Longbourn bei der Verheiratung von vieren ihrer fünf Töchter Glück gehabt hatten. Meryton, ein Marktstädtchen in Hertfordshire, liegt nicht auf der Strecke irgendwelcher Kavalierstouren, denn es besitzt weder ein schönes Umland, noch weist es eine bedeutende Geschichte auf, und der einzige große Herrensitz, Netherfield Park, ist zwar durchaus imposant, wird jedoch in den Büchern über die architektonisch bemerkenswerten Bauten der Grafschaft nicht erwähnt. Die Stadt verfügt über einen Saal, in dem regelmäßig Bälle, aber keine Theateraufführungen veranstaltet werden, so dass die Vergnügungen hauptsächlich in den Privathäusern stattfinden, wo die Langeweile der Abendgesellschaften und Whistrunden mit immer denselben Leuten nur vom Tratsch gemildert wird.

Eine Familie mit fünf unverheirateten Töchtern zieht besonders da, wo wenig anderer Zeitvertreib geboten ist, unweigerlich das mitfühlende Interesse aller Nachbarn auf sich, und die Lage der Bennets erwies sich als ganz besonders fatal. Denn in Ermangelung eines männlichen Erben sollte Mr. Bennets Besitz an seinen Cousin, den Reverend William Collins, übergehen, der, was Mrs. Bennet gern und lautstark beklagte, sie und ihre Töchter aus dem Haus würde jagen können, noch ehe ihr Mann im Grab erkaltet war. Reverend Collins hatte zwar zugegebenermaßen versucht, im Rahmen seiner Möglichkeiten für Entschädigung zu sorgen. Zu seinem persönlichen Ungemach, aber mit Zustimmung seiner herrischen Gönnerin Lady Catherine de Bourgh hatte er seine Pfarrei in Hunsford, Kent, verlassen und war in der mildtätigen Absicht, eine der fünf Töchter zu seiner Braut zu erwählen, nach Longbourn gefahren. Sein Vorhaben wurde von Mrs. Bennet mit begeisterter Zustimmung begrüßt, doch ließ sie ihn unverzüglich wissen, dass sich Miss Bennet, die älteste Tochter, wohl binnen kurzem verloben werde. Sein daraufhin gefasster Entschluss, Elizabeth, die Zweitälteste und Zweitschönste, zur Frau zu nehmen, stieß auf deren entschiedene Ablehnung, so dass er gezwungen war, sich bei Elizabeths Freundin Miss Charlotte Lucas um ein wohlwollenderes Echo auf seine Bitte zu bemühen. Miss Lucas hatte seinen Antrag mit erfreulicher Bereitwilligkeit angenommen, womit Mrs. Bennets Zukunft und die ihrer Töchter nicht gänzlich zum allgemeinen Bedauern der Nachbarn besiegelt war. Nach Mr. Bennets Tod würde Mr. Collins sie in einem der größeren Cottages auf dem Anwesen unterbringen, wo sie geistlichen Trost durch seine seelsorgerische Betreuung und leibliche Nahrung in Form von Speiseresten aus Mrs. Collins’ Küche, angereichert durch die gelegentliche Gabe eines Stücks Wildbret oder einer Speckseite, erhalten würden. Doch diesen Wohltaten konnten die Bennets zu ihrem Glück entrinnen. Am Ende des Jahres 1799 durfte sich Mrs. Bennet dazu gratulieren, Mutter von vier verehelichten Töchtern zu sein. Die Heirat der jüngsten, Lydia, war allerdings nicht vorteilhaft gewesen. Lydia war mit Lieutenant George Wickham durchgebrannt, einem Offizier des in Meryton stationierten Regiments. Die Eskapade, davon waren alle überzeugt, würde nicht anders enden, als ein solches Abenteuer es verdient hatte, nämlich damit, dass Wickham sie verlassen würde, sie des Elternhauses verwiesen, aus der Gesellschaft ausgestoßen und zum Schluss der letzten Erniedrigung anheimgegeben würde, die zu nennen der Anstand den Damen verbot.

Dann aber war die Eheschließung tatsächlich erfolgt, wovon William Goulding, ein Nachbar der Bennets, als Erster berichtete, nachdem er an der Kutsche aus Longbourn vorbeigekommen war und die frisch verheiratete Mrs. Wickham ihre Hand so ins offene Fenster gelegt hatte, dass er den Ring sehen konnte. Mrs. Bennets Schwester, Mrs. Philips, verbreitete eifrig ihre Version der Flucht, wonach das Paar auf dem Weg nach Gretna Green gewesen sei, zuvor aber noch kurz in London haltgemacht habe, weil Wickham einer Patin von seiner bevorstehenden Hochzeit erzählen wollte. Als Mr. Bennet auf der Suche nach seiner Tochter dort eingetroffen sei, habe das Paar den Vorschlag der Familie angenommen, die angestrebte Hochzeit besser in London stattfinden zu lassen. Niemand schenkte diesem Fantasiegespinst Glauben, doch wurde Mrs. Philips zugestanden, dass ihr Geschick beim Ersinnen desselben zumindest die Geste der Gutgläubigkeit verdient hatte. Niemals wollte man es natürlich zulassen, dass George Wickham in Meryton noch einmal die weibliche Dienerschaft ihrer Tugend und die Ladenbesitzer ihres Profits beraubte, aber man einigte sich darauf, dass man, sollte seine Ehefrau auftauchen, Mrs. Wickham dieselbe großzügige Nachsicht gewähren würde, die man zuvor Miss Lydia Bennet zugestanden hatte.

Über das Zustandekommen dieser verspäteten Hochzeit herrschte viel Rätselraten. Mr. Bennets Besitz war kaum zweitausend Pfund pro Jahr wert, und man nahm allgemein an, dass Mr. Wickham mindestens fünfhundert sowie die Bezahlung aller seiner in Meryton und andernorts aufgehäuften Schulden fordern würde, ehe er in die Heirat einwilligte. Offenbar hatte Mr. Gardiner, Mrs. Bennets Bruder, das Geld aufgebracht. Er war als warmherziger Mensch bekannt, hatte jedoch Familie und erwartete zweifellos, dass Mr. Bennet es ihm zurückzahlte. In Lucas Lodge herrschte große Angst, das Erbe des Schwiegersohns könnte dadurch eine starke Minderung erfahren. Doch als keine Bäume gefällt, kein Land verkauft, keine Diener entlassen wurden und der Metzger sich nicht abgeneigt zeigte, Mrs. Bennet die übliche wöchentliche Bestellung zu liefern, nahm man an, dass Mr. Collins und die liebe Charlotte nichts zu befürchten hatten und Mr. Collins, sobald Mr. Bennet anständig begraben war, Longbourn in sicherem Vertrauen auf die Unversehrtheit des Anwesens in Besitz nehmen könnte.

Die bald nach Lydias Hochzeit erfolgte Verlobung von Miss Bennet mit Mr. Bingley, dem Herrn von Netherfield Park, fand dagegen großen Beifall. Sie kam auch nicht überraschend, denn die Bewunderung, die Mr. Bingley für Jane hegte, war seit der ersten Begegnung der beiden bei einem Ball offensichtlich gewesen. Miss Bennets Schönheit, Sanftmut und naiver Optimismus hinsichtlich der menschlichen Natur, aufgrund dessen sie niemals schlecht über andere sprach, machten sie zum allgemeinen Liebling. Doch wenige Tage nach Bekanntgabe der Verlobung ihrer Ältesten mit Mr. Bingley sprach sich ein noch größerer Triumph für Mrs. Bennet herum, dem man zunächst ungläubig begegnete. Miss Elizabeth Bennet, die zweitälteste Tochter, würde Mr. Darcy heiraten, den Besitzer von Pemberley, eines der größten Häuser in Derbyshire – einen Mann, der, wie es hieß, über ein Einkommen von zehntausend Pfund pro Jahr verfügte.

In Meryton war allgemein bekannt, dass Miss Lizzy Mr. Darcy hasste. Dieses Gefühl teilte sie mit der Mehrzahl der Gäste des ersten Balls, zu dem Mr. Darcy mit Mr. Bingley und dessen beide Schwestern erschienen war und bei dem er seinen Stolz und seine dünkelhafte Geringschätzung der Anwesenden ausreichend unter Beweis gestellt hatte. Trotz des Drängens seines Freundes Mr. Bingley hatte er deutlich zum Ausdruck gebracht, dass keine der im Saal befindlichen Frauen es wert sei, seine Bekanntschaft zu machen. Als Sir William Lucas ihm Elizabeth vorstellte, weigerte sich Mr. Darcy allen Ernstes, mit ihr zu tanzen, und erklärte Mr. Bingley später, sie sei nicht hübsch genug, um ihn reizen zu können. Alle waren davon überzeugt, dass es keiner Frau jemals gelingen würde, als Mrs. Darcy glücklich zu sein, und Maria Lucas brachte diese Überzeugung auf den Punkt: »Wer will schon den Rest des Lebens tagein, tagaus am Frühstückstisch einem so übellaunigen Gesicht gegenübersitzen?«

Miss Elizabeth Bennet war jedoch kein Vorwurf daraus zu machen, dass sie eine besonnenere und zuversichtlichere Auffassung vertrat. Schließlich kann man im Leben nicht alles haben, und jede junge Dame in Meryton hätte mehr als nur das übellaunige Gesicht am Frühstückstisch ertragen, hätte sie dafür zehntausend pro Jahr heiraten und die Herrin von Pemberley werden können. Die Damen von Meryton waren durchaus gewillt, die Betrübten pflichtschuldig zu bemitleiden und den Glücklichen zu gratulieren, doch galt es, in allen Dingen Maß zu halten, und Miss Elizabeths Triumph war einfach zu grandios. Sie räumten zwar ein, dass sie hübsch sei und schöne Augen habe, doch davon abgesehen nichts, was sie einem Mann mit zehntausend im Jahr empfehlen könne, und es dauerte nicht lange, da hatte sich ein aus den einflussreichsten Tratschmäulern bestehender Zirkel eine Erklärung zurechtgelegt: Miss Lizzy war seit der ersten Begegnung mit Mr. Darcy entschlossen gewesen, ihn sich zu angeln. Als das Ausmaß dieser Strategie offenkundig geworden war, fanden alle, dass sie ihre Karten von Beginn an sehr geschickt ausgespielt hatte. Mr. Darcy hatte es zwar beim Ball abgelehnt, mit ihr zu tanzen, den Blick jedoch oft auf sie und ihre Freundin Charlotte gerichtet, die, schon seit Jahren auf der Suche nach einem Ehemann, große Fertigkeiten im Erkennen jedes Zeichens von Zuneigung besaß und Elizabeth davor warnte, mit ihrem unübersehbaren Faible für den attraktiven und beliebten Lieutenant George Wickham einen zehnmal bedeutenderen Mann zu kränken.

Und dann geschah es, dass Jane, zum Dinner in Netherfield eingeladen, von einer sehr zupass kommenden Erkältung befallen wurde (weil ihre Mutter darauf bestanden hatte, dass sie dorthin ritt, anstatt in der Kutsche zu fahren), und, wie von Mrs. Bennet geplant, mehrere Nächte in Netherfield verbringen musste. Elizabeth hatte sich sofort zu Fuß nach Netherfield aufgemacht, und Miss Bingley sah sich von ihren guten Manieren veranlasst, die ungebetene Besucherin bis zur Gesundung Miss Bennets bei sich aufzunehmen. In der knappen Woche, die sie in Gesellschaft von Mr. Darcy verbrachte, waren Elizabeths Hoffnungen offenbar gestiegen, und sie hatte aus der erzwungenen Nähe das Beste gemacht.

Wenig später hatte Mr. Bingley dem Drängen der jüngsten Bennet-Mädchen nachgegeben und seinerseits in Netherfield einen Ball veranstaltet, bei dem Mr. Darcy tatsächlich mit Elizabeth tanzte. Die an der Wand aufgereiht sitzenden Anstandsdamen hatten ihre Lorgnetten zu den Augen gehoben und, wie die übrigen Gäste auch, das Paar eingehend beobachtet, während es durch die Reihe tanzte. Die beiden sprachen zwar nur wenig miteinander, doch schon die Tatsache, dass Mr. Darcy Elizabeth wahrhaftig aufgefordert hatte und nicht abgewiesen worden war, erregte das Interesse und bot Stoff für Spekulationen.

Der nächste Schritt in Elizabeths Feldzug war ihr Besuch bei Mr. und Mrs. Collins im Pfarrhaus von Hunsford gewesen, den sie gemeinsam mit Sir William Lucas und seiner Tochter Maria abstattete. Normalerweise hätte Lizzy diese Einladung sicherlich abgelehnt, denn welchen Gefallen konnte eine vernünftige Frau an sechs Wochen in Mr. Collins’ Gesellschaft finden! Alle wussten, dass Miss Lizzy seine erste Wahl gewesen war, ehe Miss Lucas ihm ihre Zustimmung zur Heirat gab. Allein schon ihr Taktgefühl hätte sie also, von allen anderen Bedenken abgesehen, an einem Besuch in Hunsford hindern müssen. Aber sie hatte natürlich gewusst, dass Lady Catherine de Bourgh Mr. Collins’ Nachbarin und Gönnerin war und deren Neffe Mr. Darcy sich mit großer Wahrscheinlichkeit im benachbarten Rosings aufhalten würde, während die Besucher im Pfarrhaus weilten. Charlotte, die ihrer Mutter jede Einzelheit ihres Ehelebens bis hin zum Gesundheitszustand der Kühe, des Geflügels und ihres Mannes mitzuteilen pflegte, hatte daraufhin in einem Brief berichtet, Mr. Darcy und sein Cousin, Colonel Fitzwilliam, der ebenfalls in Rosings zu Besuch war, seien während Elizabeths Aufenthalt oft ins Pfarrhaus gekommen, und einmal habe sich Mr. Darcy dort ohne seinen Cousin eingefunden, als Elizabeth allein gewesen sei. Mrs. Collins, in deren Augen diese Auszeichnung für seine beginnende Verliebtheit sprach, schrieb, sie glaube, dass ihre Freundin jeden der beiden Gentlemen bereitwillig genommen hätte, wäre denn ein Antrag erfolgt. So aber war Miss Lizzy unverrichteter Dinge nach Hause zurückgekehrt.

Dann aber hatte doch noch alles gut geendet, als Mrs. Gardiner und ihr Mann, Mrs. Bennets Bruder, Elizabeth einluden, sie auf einer sommerlichen Vergnügungsreise zu begleiten. Die Fahrt hatte eigentlich zu den Seen führen sollen, musste jedoch wegen Mr. Gardiners geschäftlicher Verpflichtungen verkürzt werden, und es sollte nicht weiter nördlich gehen als bis Derbyshire. Kitty, die vierte Tochter der Bennets, hatte die Nachricht übermittelt, doch niemand in Meryton nahm den Vorwand für bare Münze. Eine wohlhabende Familie, die sich die Reise von London nach Derbyshire leisten konnte, war sicherlich in der Lage, auch zu den Seen weiterzufahren, wenn sie gewollt hätte. Da lag es auf der Hand, dass Mrs. Gardiner als eine in den Heiratsplan ihrer Lieblingsnichte Eingeweihte sich für Derbyshire entschied, weil Mr. Darcy in Pemberley sein würde, und tatsächlich besichtigten die Gardiners und Elizabeth das Haus – zweifellos nachdem sie im Gasthof erfragt hatten, wann der Herr von Pemberley sich in seinem Anwesen aufhalten würde – gerade, als Mr. Darcy dorthin zurückkehrte. Selbstverständlich wurde das Ehepaar Gardiner, wie es die Höflichkeit gebot, vorgestellt und die ganze Gesellschaft zum Dinner in Pemberley eingeladen, und sollte Miss Elizabeth irgendwelche Zweifel gehegt haben, ob ihr Plan, sich Mr. Darcy zu sichern, klug war, so hatte der Anblick von Pemberley ihre Entschlossenheit, sich bei der erstbesten Gelegenheit in ihn zu verlieben, sicherlich nur noch verstärkt. Wenig später waren Mr. Darcy und sein Freund Mr. Bingley nach Netherfield Park zurückgefahren und hatten sich ohne Umschweife in Longbourn gezeigt, wo das Glück von Miss Bennet und Miss Elizabeth Bennet endgültig und triumphal besiegelt wurde.

Doch diese Verlobung, so großartig sie war, rief nicht dieselbe Freude hervor wie die von Jane. Elizabeth hatte nie große Beliebtheit genossen, und die weitsichtigeren unter den Damen von Meryton hegten gelegentlich sogar den Verdacht, Miss Lizzy würde hinter ihrem Rücken über sie lachen. Außerdem warfen sie ihr vor, sarkastisch zu sein, und obwohl eine gewisse Unsicherheit hinsichtlich der Bedeutung des Wortes herrschte, wussten sie immerhin, dass es sich dabei um eine für Frauen wenig wünschenswerte, da von den Gentlemen besonders missbilligte Eigenschaft handelte. Die Nachbarinnen, deren Neid auf den Triumph jede Befriedigung über die Aussichten dieser Verbindung überstieg, trösteten sich mit der gegenseitigen Beteuerung, Mr. Darcys Stolz und Arroganz würden im Verein mit der schnippischen Art seiner Gattin das Zusammenleben zu einer solchen Qual machen, dass nicht einmal Pemberley und zehntausend im Jahr dafür entschädigen könnten.

Wenn man bedenkt, wie viele Formalitäten erfüllt sein müssen, damit eine große Hochzeit auch wirklich als solche gelten kann – das Anfertigen von Porträts, die Indienstnahme von Anwälten, der Erwerb neuer Kutschen und der Hochzeitsgarderobe –, wurden die Ehen zwischen Miss Bennet und Mr. Bingley sowie zwischen Miss Elizabeth und Mr. Darcy an ein und demselben Tag in der Kirche von Longbourn mit erstaunlich geringer Verspätung geschlossen. Und es wäre der glücklichste Tag in Mrs. Bennets Leben geworden, hätte ihr nicht während der ganzen Messe vor lauter Angst, Mr. Darcys herrische Tante, Lady Catherine de Bourgh, könnte in der Kirchentür auftauchen und die Hochzeit verbieten, das Herz gerast, so dass sie sich ihres Triumphs erst nach dem Schlusssegen völlig sicher sein konnte.

Ob Mrs. Bennet die Gesellschaft ihrer zweitältesten Tochter fehlte, muss bezweifelt werden; ihr Mann aber vermisste Elizabeth, die immer schon sein Lieblingskind gewesen war. Sie hatte seine Intelligenz, einiges von seinem Scharfsinn sowie seine Freude an den Marotten und Ungereimtheiten der Nachbarn geerbt, und in Longbourn ging es ohne sie nicht nur einsamer, sondern auch weniger vernünftig zu. Mr. Bennet war ein kluger, belesener Mann, der in seiner Bibliothek nicht nur Zuflucht, sondern auch die Quelle seiner glücklichsten Stunden fand. Darcy und er waren rasch zu dem Schluss gelangt, dass sie einander mochten, und wie unter Freunden üblich akzeptierten beide die Eigenheiten des jeweils anderen als Beweis für dessen überlegenen Verstand. Seine Besuche in Pemberley, die Mr. Bennet meist dann abstattete, wenn man am wenigsten mit ihm gerechnet hatte, verbrachte er vorwiegend in der Bibliothek, die zu den besten in privater Hand zählte und aus der man ihn selbst zu den Essenszeiten nur schwer herausbekam. Die Bingleys in Highmarten besuchte er weniger oft – nicht nur, weil er Janes übermäßigen Einsatz für die Behaglichkeit und das Wohlergehen ihres Mannes und der Kinder manchmal als lästig empfand, sondern auch weil es dort kaum neue Bücher und Zeitschriften gab, die ihn interessierten. Mr. Bingleys Geld stammte aus dem Handel. Er hatte keine Familienbibliothek geerbt und erst nach dem Kauf von Highmarten House daran gedacht, eine anzulegen. Bei diesem Vorhaben hatten Darcy und Mr. Bennet ihm nur zu gern geholfen. Es gibt wenig Angenehmeres, als das Geld eines Freundes zu dessen Nutzen und der eigenen Erfüllung auszugeben, und wenn die Käufer hin und wieder zur Verschwendung verführt wurden, trösteten sie sich mit dem Gedanken, dass Bingley es sich immerhin leisten konnte. Obwohl die nach Darcys Vorgaben entworfenen und von Mr. Bennet gutgeheißenen Regale noch keineswegs gefüllt waren, zeigte sich Bingley stolz auf die elegant angeordneten Werke und die glänzenden Ledereinbände. Hin und wieder, wenn die Jahreszeit oder das Wetter weder Jagen noch Angeln zuließen, schlug er sogar ein Buch auf und wurde lesend angetroffen.

Mrs. Bennet hatte ihren Mann nur zweimal nach Pemberley begleitet. Sie war mit Freundlichkeit und Langmut von Mr. Darcy empfangen worden, hatte aber zu viel Ehrfurcht vor ihrem Schwiegersohn, als dass sie die Erfahrung erneut machen wollte. Elizabeth vermutete sogar, dass es ihrer Mutter mehr Vergnügen bereitete, ihren Nachbarn von den Wundern Pemberleys zu erzählen – von der Größe und Schönheit der Gartenanlagen, der Stattlichkeit des Hauses, den vielen Dienern und der prunkvollen Tafel –, als all das selbst zu sehen und zu erleben.

Mit ihren Enkeln beschäftigten sich weder Mr. Bennet noch seine Frau besonders viel. Fünf rasch hintereinander geborene Töchter hatten die Erinnerung an schlaflose Nächte, schreiende Kleinkinder, eine sich ständig beklagende Säuglingsschwester und aufsässige Kindermädchen wachgehalten. Eine vorläufige Begutachtung kurz nach der Geburt jedes Enkels bestätigte die Aussage der Eltern, dass das Kind von bemerkenswerter Schönheit sei und bereits über eine eindrucksvolle Intelligenz verfüge; danach genügte es den Großeltern, regelmäßig schriftlich über die weitere Entwicklung unterrichtet zu werden.

Sehr zum Verdruss ihrer zwei ältesten Töchter hatte Mrs. Bennet beim Ball in Netherfield lautstark verkündet, sie erwarte, dass durch Janes Heirat mit Mr. Bingley auch ihre jüngeren Töchter wohlhabende Männer kennenlernen würden, und zur allgemeinen Überraschung erfüllte ausgerechnet Mary diese ganz natürliche mütterliche Prophezeiung. Niemand hatte geglaubt, dass Mary jemals heiraten würde. Sie las wie besessen, jedoch völlig wahllos und ohne Verständnis, spielte fleißig, aber gänzlich talentfrei Klavier, und lieferte fast unablässig Platitüden ab, die weder klug noch witzig waren. Am männlichen Geschlecht hatte sie nie das geringste Interesse gezeigt. In ihren Augen war jeder Ball eine Strafe, die sie nur deshalb erduldete, weil sie ihr die Gelegenheit bot, sich am Klavier in den Mittelpunkt zu rücken und die Zuhörerschaft durch den wohlüberlegten Einsatz des rechten Pedals in völlige Wehrlosigkeit zu versetzen. Und doch war sie keine zwei Jahre nach Janes Hochzeit die Gattin von Reverend Theodore Hopkins, dem Pfarrer der an Highmarten grenzenden Kirchengemeinde.

Da der Pfarrer von Highmarten verhindert war, hatte an drei Sonntagen Mr. Hopkins den Gottesdienst übernommen, ein dünner, melancholischer Junggeselle von fünfunddreißig Jahren mit einer Neigung zu ausufernden Predigten mit kompliziertem theologischem Inhalt, die ihm den Ruf eines enorm klugen Menschen eingebracht hatten. Obwohl man ihn kaum als reich bezeichnen konnte, erfreute er sich eines mehr als ausreichenden Einkommens zusätzlich zu seinen Bezügen. Als Mary an einem dieser Sonntage in Highmarten zu Besuch war, wurde sie nach dem Gottesdienst an der Kirchentür von Jane mit ihm bekannt gemacht und beeindruckte ihn auf der Stelle, indem sie seine Ausführungen lobte, die von ihm vorgenommene Auslegung der Bibelstelle billigte und so häufig auf die Bedeutung von Fordyces Predigten zu sprechen kam, dass Jane, der sehr daran lag, endlich mit ihrem Mann das aus kaltem Braten und Salat bestehende Sonntagsmahl einzunehmen, ihn für den nächsten Tag zum Dinner bat. Es folgten weitere Einladungen, und kaum drei Monate später wurde Mary Mrs. Theodore Hopkins, wobei sich das öffentliche Interesse an dieser Heirat ebenso in Grenzen hielt wie der Prunk bei der Trauung.

Einen Vorteil sah die Kirchengemeinde zunächst darin, dass das Essen im Pfarrhaus merklich besser wurde. Mrs. Bennet hatte ihren Töchtern beigebracht, wie wichtig gute Mahlzeiten für den häuslichen Frieden waren und welche Anziehungskraft sie auf männliche Gäste ausübten. Die Kirchenbesucher hofften, der Wunsch des Pfarrers, pünktlich in sein eheliches Glück zurückzukehren, werde die Gottesdienste verkürzen; doch obwohl sein Leibesumfang zunahm, blieb die Länge seiner Predigten gleich. Die beiden lebten in vollkommener Eintracht miteinander, wenn man von Marys anfänglicher Forderung nach einem eigenen Bücherzimmer absah, damit sie in Ruhe lesen konnte. Der Raum wurde geschaffen, indem man das einzige gute Gästezimmer zu ihrer alleinigen Verwendung umgestaltete, womit die eheliche Harmonie gestärkt und die Einladung jeglicher Verwandten zum Übernachten unmöglich gemacht war.

Im Herbst 1803, dem Jahr, in dem Mrs. Bingley und Mrs. Darcy das jeweils sechste glückliche Ehejahr feierten, hatte sich nur für eine von Mrs. Bennets Töchtern, Kitty, noch kein Ehemann gefunden. Aber weder Mrs. Bennet noch Kitty selbst grämten sich über diesen Misserfolg. Kitty genoss das Ansehen und die Annehmlichkeiten der einzigen noch zu Hause wohnenden Tochter, besuchte regelmäßig Jane, deren Kinder sie sehr mochten, und kostete ein Leben aus, das nicht erfüllender hätte sein können. Obendrein waren die Besuche von Wickham und Lydia kaum dazu angetan, für die Ehe zu werben. Sie trafen stets in ausgelassener Stimmung ein und wurden von Mrs. Bennet, die sich immer freute, ihre Lieblingstochter zu sehen, überschwenglich begrüßt. Doch der anfängliche gute Wille der beiden verkam bald zu Streit, gegenseitigen Schuldzuweisungen und Klagen darüber, wie dürftig ihre finanzielle Unterstützung durch Jane und Elizabeth ausfalle, so dass Mrs. Bennet sich über ihre Abreise schließlich genauso freute wie darauf, sie beim nächsten Besuch wieder willkommen heißen zu dürfen. Aber sie brauchte eine Tochter zu Hause, und Kitty, die seit Lydias Weggang sehr viel liebenswerter und hilfsbereiter geworden war, machte ihre Sache gut. Deshalb konnte man Mrs. Bennet im Jahre 1803 als eine – soweit es ihre Natur zuließ – glückliche Frau bezeichnen; sie hatte sogar bereits ein viergängiges Dinner im Beisein von Sir William und Lady Lucas durchgestanden, ohne sich auch nur einmal über die Ungerechtigkeit des Erbvertrags auszulassen.

Erstes Buch

Der Tag vor dem Ball

1

Am 14. Oktober 1803, einem Freitag, saß Elizabeth Darcy um elf Uhr vormittags am Tisch in ihrem Wohnzimmer im ersten Stock von Pemberley. Das Zimmer war nicht groß, aber besonders schön geschnitten, und die beiden Fenster boten einen Blick auf den Fluss. Diesen Raum hatte sich Elizabeth ausgesucht und ganz nach ihren Wünschen mit Möbeln, Vorhängen, Teppichen und Gemälden aus Pemberleys reichen Beständen ausstatten lassen. Darcy hatte die Arbeiten höchstpersönlich beaufsichtigt, und die Freude, die ihrem Mann ins Gesicht geschrieben stand, als Elizabeth das Zimmer in Besitz nahm, aber auch die Sorgfalt, mit der man ihren Wünschen nachgekommen war, hatten ihr, mehr noch als die prunkvollen Herrlichkeiten des Hauses, deutlich gemacht, über welche Privilegien Mrs. Darcy von Pemberley verfügte.

Fast ebenso sehr wie das Wohnzimmer gefiel ihr Pemberleys prächtige Bibliothek. Sie war das Werk mehrerer Generationen, dessen Reichtum nun ihr Mann mit Interesse und Vergnügen vergrößerte. Die Bibliothek in Longbourn war Mr. Bennets Domäne und wurde selbst von Elizabeth, seinem Lieblingskind, nur auf Einladung betreten. Die Bibliothek in Pemberley dagegen stand ihr genauso offen wie ihrem Mann. In den zurückliegenden sechs Jahren hatte sie, von Darcy zartfühlend und liebevoll unterstützt, mehr und mit größerer Freude gelesen als in den fünfzehn Jahren davor und so auch ihre Bildung verbessert, die, wie sie jetzt erkannte, immer nur elementar gewesen war. Auch die Dinners in Pemberley unterschieden sich sehr von denen, die sie in Meryton durchgestanden hatte. Damals hatten die immer gleichen Leute den immer gleichen Tratsch verbreitet und die immer gleichen Meinungen ausgetauscht; ein bisschen lustiger war es nur dann geworden, wenn sich Sir William Lucas in aller Ausführlichkeit ein weiteres faszinierendes Detail seiner Einführung bei Hof in Erinnerung rief. Jetzt fing sie die Blicke der Damen immer nur widerwillig auf, die besagten, dass es Zeit sei, die Herren mit ihren Männerthemen allein zu lassen. Sie hatte es als eine Offenbarung empfunden, dass es Männer gab, die eine intelligente Frau zu schätzen wussten.

Es war der Tag vor Lady Annes Ball. In der vergangenen Stunde hatte Elizabeth mit Mrs. Reynolds, der Haushälterin, überprüft, ob die bisherigen Vorbereitungen ordentlich ausgeführt waren und alles gut voranging. Jetzt war sie allein. Der Ball hatte zum ersten Mal in Darcys zweitem Lebensjahr anlässlich des Geburtstags seiner Mutter stattgefunden und war außer in der Trauerzeit nach dem Tod ihres Mannes alljährlich veranstaltet worden, bis Lady Anne selbst starb. Da er stets am ersten Samstag nach dem Oktobervollmond abgehalten wurde, lag er meistens nur wenige Tage vor oder nach dem Hochzeitstag von Darcy und Elizabeth, den sie jedoch immer in aller Ruhe mit den Bingleys verbrachten, die am selben Tag geheiratet hatten. Der Anlass war ihnen zu intim und kostbar, als dass sie ihn mit öffentlichen Festlichkeiten begehen wollten, und der Herbstball, der in der Grafschaft als das wichtigste gesellschaftliche Ereignis des Jahres galt, blieb auf Elizabeths Wunsch hin nach Lady Anne benannt.

Mr. Darcy hatte zwar seine Besorgnis geäußert, dass es diesmal womöglich nicht passend sei, den Ball abzuhalten – war doch der erwartete Krieg gegen Frankreich bereits erklärt worden, weswegen im Süden des Landes, wo man täglich mit dem Einmarsch Bonapartes rechnete, die Angst wuchs. Außerdem war die Ernte schlecht ausgefallen, was sich stets stark auf das Landleben auswirkte. Einige Herren hatten den besorgten Blick von den Rechnungsbüchern gehoben und erwogen, den Ball in diesem Jahr nicht zu besuchen, waren jedoch angesichts der Empörung, die ihnen seitens ihrer Gattinnen entgegenschlug, und aufgrund der Gewissheit, mindestens zwei Monate häuslichen Unfriedens erdulden zu müssen, schließlich darin übereingekommen, dass nichts der Moral zuträglicher sei als ein wenig harmlose Unterhaltung – und dass Paris womöglich in Jubel ausbrechen und erstarken würde, sollte diese unbedarfte Stadt erfahren, dass man den Ball in Pemberley abgesagt habe.

Belustigung und jahreszeitlich bedingter Zeitvertreib sind auf dem Land weder häufig noch verlockend genug, als dass die gesellschaftlichen Verpflichtungen eines großen Hauses den Nachbarn, die daran teilhaben dürfen, gleichgültig sein könnten.

Als sich das Erstaunen über Mr. Darcys Wahl gelegt hatte, ließ seine Verheiratung zumindest hoffen, dass er sich nun häufiger als zuvor zu Hause aufhalten und seine junge Frau sich ihrer Verantwortung stellen würde. Nach der Rückkehr von ihrer Hochzeitsreise, die sie nach Italien geführt hatte, mussten Elizabeth und Darcy die unvermeidlichen offiziellen Besuche absolvieren und die üblichen Gratulationscouren und Plaudereien mit aller aufbietbaren Höflichkeit durchstehen. Darcy, der seit seiner Kindheit wusste, dass Pemberley stets mehr zu geben hatte, als es erhielt, ertrug die Zusammenkünfte mit bewundernswertem Gleichmut, während Elizabeth sich dabei heimlich amüsierte, weil die Nachbarn ständig ihre Neugier zu stillen versuchten, ohne Zweifel an ihren Umgangsformen aufkommen zu lassen. Und die Besucher kamen in den Genuss doppelter Freude, denn nach der vorgeschriebenen halben Stunde in Mrs. Darcys elegantem, behaglichem Wohnzimmer konnten sie sich mit den Nachbarn um ein einmütiges Urteil über das Kleid, die Liebenswürdigkeit und die Eignung der Braut bemühen sowie über die Aussichten des Paares auf häusliches Glück spekulieren. Binnen eines Monats herrschte Einigkeit: Die Herren zeigten sich von Elizabeths Schönheit und Scharfsinn beeindruckt, ihre Ehefrauen von ihrer Eleganz, ihrer Freundlichkeit und der Qualität der gereichten Erfrischungen. Pemberley, darin war man sich einig, gab trotz der ungünstigen Vorgeschichte der neuen Herrin nunmehr allen Anlass zu der Hoffnung, es werde wieder, wie zu Zeiten Lady Anne Darcys, seinen rechtmäßigen Platz im gesellschaftlichen Leben der Grafschaft einnehmen.

Elizabeth war Realistin genug, um zu wissen, dass man diese Vorgeschichte nicht vergessen hatte und keine neue Familie in die Gegend ziehen konnte, ohne mit der Erzählung von Mr. Darcys wundersamer Brautwahl unterhalten zu werden. Schließlich kannte man ihn als einen stolzen Mann, für den Tradition und Ruf der Familie an erster Stelle standen und dessen Vater das gesellschaftliche Ansehen der Familie durch seine Heirat mit der Tochter eines Earls erhöht hatte. Obwohl es ganz danach ausgesehen hatte, als wäre keine Frau gut genug, um Mrs. Fitzwilliam Darcy zu werden, war seine Wahl auf die zweite Tochter eines Gentlemans gefallen, dessen Besitz, auf dem die Last eines die eigenen Kinder ausschließenden Erbschaftsvertrags ruhte, nur wenig größer als die Lustgärten von Pemberley war. Die junge Frau verfügte angeblich über ein Privatvermögen von nur fünfhundert Pfund und hatte zwei unverheiratete Schwestern sowie eine Mutter, die wegen ihrer schrillen Gewöhnlichkeit als nicht gesellschaftsfähig gelten musste. Zu allem Übel hatte eine der jüngeren Töchter George Wickham geheiratet, den in Ungnade gefallenen Sohn des Verwalters zu Zeiten von Mr. Darcys Vater, und zwar unter Umständen, über die, wollte man den Anstand wahren, nur im Flüsterton gesprochen werden konnte. Damit war Mr. Darcy und seiner Familie ein Mann aufgebürdet, den er so sehr verachtete, dass der Name Wickham in Pemberley nie ausgesprochen wurde und dem Paar das Haus verboten blieb. Elizabeth selbst galt allerdings als achtbar, und selbst die Zweifler gestanden nach einiger Zeit ein, dass sie sehr hübsch war und schöne Augen hatte; trotzdem sah man die Heirat als ein Wunder an, mit dem besonders einige junge Damen haderten, die auf den Rat ihrer Mütter hin mehrere vernünftige Angebote ausgeschlagen hatten, um sich für die funkelnde Trophäe verfügbar zu halten, nun aber ohne irgendwelche Aussichten bereits auf das gefährliche Alter von dreißig Jahren zugingen. Trösten konnte Elizabeth sich bei alldem mit der Erinnerung an die Antwort, die sie Lady Catherine de Bourgh gegeben hatte. Damals war die empörte Schwester von Lady Anne auf die Nachteile zu sprechen gekommen, die Elizabeth erwachsen würden, sollte sie die Dreistigkeit besitzen, Mrs. Darcy zu werden. »Das wäre ein großes Ungemach, aber eine Ehe mit Mr. Darcy verspricht so außergewöhnliche Quellen des Glücks, dass es für seine Frau aufs Ganze gesehen keinerlei Grund zur Klage geben dürfte.«

Den ersten Ball, bei dem Elizabeth als Gastgeberin mit ihrem Mann oben an der Treppe stand und die heraufkommenden Gäste begrüßte, hatte sie sich als Qual vorgestellt, war dann aber im Triumph aus dem Abend hervorgegangen. Sie tanzte gern und konnte inzwischen mit Fug und Recht behaupten, ebenso viel Vergnügen an dem Ball zu haben wie ihre Gäste. Lady Anne hatte in ihrer eleganten Handschrift alles für das Ereignis minutiös festgelegt. Ihr Notizbuch, in dessen schönen Ledereinband das Wappen der Darcys geprägt war, fand noch immer Verwendung und hatte an jenem Morgen aufgeschlagen vor Elizabeth und Mrs. Reynolds gelegen. Die Gästeliste hatte sich im Großen und Ganzen nicht verändert, nur waren die Freunde von Darcy und Elizabeth hinzugekommen, darunter auch die Gardiners, Elizabeths Onkel und Tante. Bingley und Jane bedurften keiner Erwähnung, wollten aber in diesem Jahr endlich ihren Hausgast mitbringen, einen jungen Anwalt namens Henry Alveston, der, gut aussehend, klug und lebhaft, in Pemberley ebenso willkommen war wie in Highmarten.

Alle Vorbereitungen waren getroffen, und Elizabeth hegte keinerlei Zweifel am Erfolg des Balls. Man hatte Holz in großer Menge gehackt, um sicherzustellen, dass kein Kaminfeuer erlosch, vor allem nicht im Ballsaal. Der Konditor sollte bis zum Vormittag mit der Herstellung der empfindlichen, von den Damen so geliebten Törtchen und pikanten Häppchen warten, während das Geflügel und das Wild für die reichhaltigeren, von den Männern gewünschten Gerichte bereits geschlachtet und abgehangen waren. Man hatte Wein aus dem Keller geholt und Mandeln gerieben, um genug von der beliebten weißen Suppe kochen zu können. Den Punsch würde man erst im letzten Moment hinzufügen, damit sie würziger und stärker und der Abend vergnüglicher wurde. In den Treibhäusern hatte man bereits Blumen und Zweige ausgesucht, die jederzeit eimerweise in den Wintergarten geschafft werden konnten, wo sie unter der Aufsicht von Elizabeth und Georgiana, Darcys Schwester, am Nachmittag des nächsten Tages arrangiert werden sollten. Und Thomas Bidwell war aus seinem Cottage gekommen und polierte zu ebendieser Stunde im Anrichteraum die vielen Kerzenleuchter, die für den Ballsaal, den Wintergarten und das den weiblichen Gästen vorbehaltene kleine Wohnzimmer benötigt wurden. Bidwell hatte als Oberkutscher für den verstorbenen Mr. Darcy gearbeitet, so wie sein Vater für die Darcys vor ihm. Inzwischen machten ihm der Rheumatismus in beiden Knien und sein Rücken die Arbeit mit den Pferden unmöglich, aber seine Hände waren noch kräftig, und so putzte er in der Woche vor dem Ball jeden Abend Silber, staubte die zusätzlichen Stühle für die Anstandsdamen ab und machte sich überhaupt unentbehrlich. Morgen würden die Kutschen der Gutsbesitzer und die Mietdroschken der weniger Wohlhabenden die Auffahrt verstopfen und die plappernden Gäste ausspucken. Dann würden die Musselinkleider und glitzernden Kopfbedeckungen zum Schutz gegen die frische Herbstluft noch verhüllt sein, und alle würden sich wieder auf die Vergnügungen von Lady Annes Ball freuen, die ihnen vom Vorjahr in Erinnerung waren.

Mrs. Reynolds hatte Elizabeth bei den Vorbereitungen verlässlich zur Seite gestanden. Die beiden Frauen hatten sich kennengelernt, als Elizabeth mit ihrem Onkel und ihrer Tante Pemberley besichtigte und von der Haushälterin empfangen und herumgeführt wurde. Mrs. Reynolds hatte Mr. Darcy schon als Knaben gekannt und ihn als Herrn wie als Mann so überschwenglich gepriesen, dass sich Elizabeth damals zum ersten Mal fragte, ob sie mit ihrem Vorurteil gegen ihn nicht im Unrecht war. Über die Vergangenheit hatte sie mit Mrs. Reynolds nie gesprochen, aber die Haushälterin und sie waren Freundinnen geworden, und Mrs. Reynolds hatte sich durch ihre diskrete Unterstützung als unschätzbar wertvoll für Elizabeth erwiesen. Schon vor ihrem ersten Eintreffen in Pemberley als Braut hatte Elizabeth erkannt, dass Herrin eines solchen Sitzes und für das Wohl so vieler Bediensteter verantwortlich zu sein nicht mit der Aufgabe ihrer Mutter zu vergleichen war, den Haushalt in Longbourn zu führen. Doch ihre Freundlichkeit und Anteilnahme am Leben der Diener hatten diesen die Zuversicht gegeben, dass ihr Wohlergehen der neuen Herrin am Herzen lag. So war alles einfacher als erwartet gewesen und sogar weniger mühsam als in Longbourn, weil Mrs. Reynolds und Stoughton, der Butler, das Personal von Pemberley, das zum größten Teil schon seit langem dort arbeitete, in der Tradition unterwiesen hatten, die Familie niemals Unannehmlichkeiten erdulden zu lassen und sie tadellos zu bedienen.

Ihr früheres Leben vermisste Elizabeth kaum, doch an die Diener in Longbourn dachte sie oft zurück: an Hill, die Haushälterin, die in alle Familiengeheimnisse eingeweiht gewesen war und sogar von Lydias berüchtigter Flucht gewusst hatte, an Wright, die Köchin, die Mrs. Bennets gelegentlich unmäßige Ansprüche klaglos erfüllte, und an die beiden Hausmädchen, die zusätzlich zu ihren eigentlichen Pflichten Dienste als Kammerzofe geleistet und Jane und sie vor jedem Ball frisiert hatten. Sie waren zu Familienmitgliedern geworden, wie es die Diener in Pemberley nie sein würden; doch Elizabeth wusste, dass Familie, Personal und Pächter hier eben durch Pemberley, durch das Haus und die Darcys, in gegenseitiger Loyalität miteinander verbunden waren. Viele aus der Dienerschaft waren die Kinder und Enkel früherer Bediensteter, sie hatten das Haus und seine Geschichte im Blut. Und sie wusste natürlich auch, dass ihr endgültiger Triumph die Geburt der beiden hübschen, gesunden Knaben dort oben im Kinderzimmer gewesen war – Fitzwilliam, fast fünf, und Charles, drei Jahre alt –, stellten die Kleinen doch sicher, dass die Familie und deren Erbe weiterbestand und ihnen, ihren Kindern und Enkelkindern Arbeit verschaffte und es weiterhin Darcys in Pemberley gab.

Fast sechs Jahre zuvor hatte Mrs. Reynolds, als über die Gästeliste, die Speisefolge und den Blumenschmuck für Elizabeths erstes Dinner beraten wurde, gesagt: »Es war für uns alle ein glücklicher Tag, als Mr. Darcy seine Braut nach Hause brachte. Es war der größte Wunsch meiner Herrin, ihren Sohn verheiratet zu wissen. Leider wurde er nicht erfüllt. Sie wollte doch so sehr, dass er ein glückliches Familienleben führte, nicht nur um seiner selbst willen, sondern auch wegen Pemberley.«

Da hatte Elizabeths Neugier über ihre Diskretion gesiegt, und während sie geschäftig irgendwelche Papiere auf dem Schreibtisch hin und her schob, hatte sie, ohne den Blick zu heben, gefragt: »Aber vielleicht ja nicht mit dieser Frau. Lady Anne Darcy und ihre Schwester hatten doch vereinbart, Mr. Darcy mit Miss de Bourgh zu verheiraten, nicht wahr?«

»Madam, ich sage nicht, dass Lady Catherine so etwas nicht im Sinn gehabt hat. Sie brachte ja Miss de Bourgh oft genug nach Pemberley mit, wenn Mr. Darcy hier war. Aber es wäre niemals so gekommen. Die arme Miss de Bourgh war nämlich immer kränklich, und Lady Anne war sehr an der Gesundheit einer möglichen Braut gelegen. Es kam uns allerdings zu Ohren, dass Lady Catherine hoffte, Miss de Bourghs anderer Cousin, Oberst Fitzwilliam, würde ihr einen Antrag machen, aber das geschah nicht.«

Elizabeth richtete ihre Gedanken wieder auf die Gegenwart. Sie legte Lady Annes Notizbuch in eine Schublade und trat, nur widerwillig die Ruhe und Abgeschiedenheit verlassend, die ihr erst wieder nach dem Ball vergönnt sein würden, an eines der beiden Fenster. Von dort sah man die lange, geschwungene Auffahrt zum Haus und den Fluss, wie er den berühmten Baumpark von Pemberley durchschnitt, der Generationen zuvor unter der Leitung eines namhaften Gartenarchitekten gepflanzt worden war. Jeder Baum am Rand, von vollkommenem Wuchs und mit dem warmen Gold des ersten Herbstlaubs behängt, stand ein wenig von den anderen entfernt, wie um seine einzigartige Schönheit hervorzuheben; dahinter erhoben sie sich dichter und lenkten den Blick geschickt auf die üppige, erdig duftende Abgeschiedenheit des Waldesinneren. Im Nordwesten lag ein zweiter, größerer Wald, dessen Bäume und Sträucher natürlich wachsen durften und in dem Darcy als Knabe viel gespielt und Zuflucht von seinem Kinderzimmer gefunden hatte. Sein Urgroßvater, der nach der Übernahme des Besitzes zum Einsiedler geworden war, hatte dort ein Cottage gebaut und sich darin erschossen; seitdem versetzte dieser Wald die Diener und Pächter von Pemberley in abergläubische Furcht und wurde nur selten betreten. Ein schmaler Weg führte durch ihn hindurch zu einem zweiten Eingang von Pemberley, der jedoch vorwiegend von Handwerkern benutzt wurde. Die Ballgäste würden über die Hauptauffahrt kommen, ihre Pferde und Gefährte während des Balls im Stall untergebracht und die Kutscher in den Küchen beköstigt werden.

Elizabeth schob die Belange des Tages beiseite und ließ den Blick auf der vertrauten, beruhigenden, wenngleich sich ständig verändernden Schönheit ruhen. Die Sonne schien vom tiefblauen Himmel, an dem nur wenige zarte Wölkchen wie Rauchfahnen dahinschwanden. Während des kurzen Spaziergangs, den sie mit ihrem Mann bei Tagesbeginn zu machen pflegte, hatte sie gespürt, wie trügerisch die Herbstsonne sein konnte. Der kühle Wind, auf den sie nicht eingerichtet gewesen war, hatte sie bald wieder ins Haus getrieben. Jetzt sah sie, dass er sogar noch auffrischte. Auf dem Fluss tanzten kleine Wellen und verloren sich zwischen den Gräsern und Büschen am Ufer, deren durchbrochene Schatten über das aufgewühlte Wasser zuckten.

Zwei Gestalten trotzten der Morgenkälte. Georgiana und Colonel Fitzwilliam waren am Fluss entlangspaziert und lenkten ihre Schritte jetzt hin zu dem Rasen und der Steintreppe vor dem Haus. Colonel Fitzwilliams rote Uniformjacke wirkte wie ein greller Farbfleck vor Georgianas zartblauem pelzgefüttertem Mantel. Sie hielten ein bisschen Abstand, wirkten aber, wie Elizabeth fand, sehr freundschaftlich miteinander. Hin und wieder hielten sie inne, und Georgiana griff nach ihrem Hut, der davonzuwehen drohte. Als sie näher kamen, trat Elizabeth vom Fenster weg, damit sie sich nicht beobachtet fühlten, und setzte sich wieder an ihren Schreibtisch. Briefe waren zu schreiben, Einladungen zu beantworten, und sie musste entscheiden, welche Dorfbewohner so arm oder von Sorgen bedrängt waren, dass sie ihren Besuch, ihr Mitgefühl oder ihre tatkräftige Hilfe begrüßen würden.

Kaum hatte sie die Feder ergriffen, klopfte es leise an der Tür, und Mrs. Reynolds trat ein. »Entschuldigen Sie die Störung, Madam, aber Colonel Fitzwilliam ist gerade von einem Spaziergang zurückgekehrt und lässt fragen, ob Sie ein paar Minuten für ihn hätten, falls es nicht ungelegen ist.«

»Ich habe Zeit, er soll ruhig heraufkommen«, erwiderte Elizabeth.

Sie glaubte zu wissen, was er ihr mitteilen wollte – ein Ansinnen, von dem sie gern verschont geblieben wäre. Darcy hatte nur wenige enge Freunde, und sein Cousin Colonel Fitzwilliam war häufig zu Gast in Pemberley. Zu Beginn seiner Militärlaufbahn war er nicht sooft erschienen, doch in den letzten achtzehn Monaten hatten seine Besuche zwar an Dauer abgenommen, an Häufigkeit jedoch gewonnen, und Elizabeth war ein feiner, aber nicht zu verkennender Unterschied an seinem Verhalten gegenüber Georgiana aufgefallen. In ihrer Anwesenheit lächelte er jetzt mehr, er setzte sich öfter zu ihr und verwickelte sie, wenn es die Situation zuließ, in ein Gespräch. Seit seinem Aufenthalt anlässlich des Balls im Jahr zuvor war eine materielle Veränderung in seinem Leben erfolgt. Sein älterer Bruder, der Erbe des Grafentitels, war im Ausland gestorben, so dass der Titel Viscount Hartlep auf ihn übergegangen und er der rechtmäßige Erbe war. Seinen neuen Titel verwendete er jedoch kaum, vor allem nicht unter Freunden, denn er hatte beschlossen, ihn erst anzunehmen, wenn er die Nachfolge antrat und die vielen damit verbundenen Pflichten übernahm. Deshalb wurde er nach wie vor Colonel Fitzwilliam genannt.

Er wollte sich natürlich verheiraten, besonders jetzt, da sich England im Krieg mit Frankreich befand und er fallen konnte, ohne einen Erben zu hinterlassen. Elizabeth hatte sich nie mit dem Familienstammbaum befasst, wusste jedoch, dass der Colonel keine engen männlichen Verwandten hatte und der Grafentitel erlöschen würde, sollte Fitzwilliam ohne einen Sohn sterben. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, ob er in Pemberley eine Ehefrau suchte und wie Darcy darauf reagieren würde. Bestimmt wäre es ihm angenehm zu wissen, dass seine Schwester eines Tages Countess sein und ihr Mann Mitglied des House of Lords werden und zu den Gesetzgebern des Landes zählen würde. Das alles war Grund genug, um stolz auf die Familie zu sein, doch würde Georgiana diesen Stolz teilen? Sie war jetzt eine erwachsene Frau und kein Mündel mehr, aber eine Heirat mit einem Mann in Betracht zu ziehen, den ihr Bruder nicht gutheißen konnte, würde Georgiana schmerzen, das war Elizabeth klar.

Und Henry Alveston machte die Sache noch komplizierter. Elizabeth hatte genug gesehen, um von seiner Verliebtheit überzeugt zu sein – zumindest stand er kurz davor, sich zu verlieben –, aber was war mit Georgiana? Eines wusste Elizabeth genau: Georgiana Darcy würde niemals einen Mann heiraten, den sie nicht liebte. Er musste wenigstens über die Anziehungskraft, die Zuneigung und den Respekt ihr gegenüber verfügen, die sich der Überzeugung einer Frau nach zu Liebe vertiefen konnten. So wie Elizabeth selbst dies als ausreichend empfunden hätte, wenn Colonel Fitzwilliam während seines Besuchs auf Rosings mit einem Antrag zu ihr gekommen wäre. Die Vorstellung jedoch, Darcy und ihr gegenwärtiges Glück unwissentlich an das Angebot seines Cousins verloren zu haben, war noch beschämender als die Erinnerung an ihr Faible für den niederträchtigen George Wickham, und sie schob sie energisch beiseite.

Der Colonel war am Abend zuvor rechtzeitig zum Dinner in Pemberley eingetroffen, doch nach der Begrüßung hatten Elizabeth und er nur wenig Zeit miteinander verbracht. Als er nun leise anklopfte, eintrat und ihr gegenüber auf dem angebotenen Stuhl am Kamin Platz nahm, kam es ihr vor, als sähe sie ihn zum ersten Mal deutlich. Er war fünf Jahre älter als Darcy, aber bei ihrer ersten Begegnung im Wohnzimmer von Rosings hatten sein fröhlicher Humor und seine ansprechende Lebhaftigkeit die stille Art seines Cousins noch stärker zur Geltung gebracht und ihn jünger wirken lassen. Doch damit war es vorbei. Jetzt strahlte er eine Reife und Ernsthaftigkeit aus, die ihn älter machten, als er war. Vielleicht, dachte sie, hing es mit seinem Militärdienst und der großen Verantwortung zusammen, die er als Befehlshaber trug; der Statuswechsel hingegen hatte ihm nicht nur eine gewisse Gesetztheit verliehen, sondern auch einen deutlicher spürbaren Stolz auf seine Familie und sogar einen nicht sonderlich anziehenden Hauch von Dünkelhaftigkeit mit sich gebracht.

Er ergriff nicht gleich das Wort. In der entstandenen Stille kam sie zu dem Entschluss, ihn als Ersten reden zu lassen, da er nun einmal um das Gespräch gebeten hatte. Er schien darüber nachzudenken, wie er am besten vorgehen sollte, wirkte aber weder verlegen noch aufgeregt. Nach einer Weile beugte er sich zu ihr vor und sagte: »Liebe Cousine, da Sie ein scharfes Auge besitzen und sich für die Angelegenheiten anderer Menschen interessieren, wird Ihnen nicht gänzlich unbekannt sein, was ich sagen will. Wie Sie wissen, habe ich seit dem Tod meiner Tante Lady Anne Darcy das Privileg, gemeinsam mit Darcy die Vormundschaft über seine Schwester auszuüben, und ich glaube sagen zu dürfen, dass ich meinen Pflichten mit großem Verantwortungsgefühl und unbeirrbarer brüderlicher Zuneigung zu meinem Mündel nachgekommen bin. Aus dieser Zuneigung ist nun die tiefe Liebe geworden, die ein Mann für die Frau, die er zu heiraten hofft, empfinden sollte, und es ist mein größter Wunsch, dass Georgiana meine Frau werden möge. Ich habe Darcy noch nicht offiziell gefragt, doch er hegt eine gewisse Vermutung – so, wie ich die Hoffnung hege, dass mein Antrag auf seine Billigung und Zustimmung trifft.«

Elizabeth hielt es für klüger, nicht darauf hinzuweisen, dass Georgiana ihre Volljährigkeit erreicht hatte und eine Zustimmung daher nicht notwendig war. »Und Georgiana?«

»Ohne Darcys Einwilligung fühle ich mich nicht berechtigt, mit ihr zu sprechen. Ich muss zugeben, dass Georgiana mir bisher mit keiner Äußerung Anlass zu großer Hoffnung gegeben hat. Ihre Haltung mir gegenüber ist stets von Freundschaftlichkeit, Vertrauen und, wie ich glaube, Zuneigung geprägt. Und ich hoffe, dass aus Vertrauen und Zuneigung Liebe wird, wenn ich Geduld beweise. Meiner Überzeugung nach kommt die Liebe bei einer Frau eher nach der Hochzeit als davor, was mir nur natürlich und richtig erscheint. Ich kenne sie schließlich schon seit ihrer Geburt. Der Altersunterschied könnte zugegebenermaßen ein Problem darstellen, aber ich bin nur fünf Jahre älter als Darcy und kann darin keinen Hinderungsgrund erkennen.«

Elizabeth wusste, dass sie sich auf gefährliches Terrain begab. »Das Alter mag kein Hinderungsgrund sein, wohl aber möglicherweise eine vorhandene Neigung.«

»Sie meinen Henry Alveston? Ich weiß, dass Georgiana ihn mag, aber ich sehe da keine tiefere Zuneigung. Er ist ein liebenswürdiger, intelligenter und ganz vortrefflicher junger Mann, von dem ich nur Gutes höre. Durchaus möglich, dass er sich Hoffnungen macht – er ist ja darauf angewiesen, Geld zu heiraten.«

Elizabeth wandte sich ab. Da fügte er hastig hinzu: »Ich wollte ihm nicht unterstellen, habgierig zu sein oder es nicht ernst mit ihr zu meinen, aber aufgrund seiner Verpflichtungen und seines bewundernswerten Entschlusses, das Vermögen seiner Familie zu sanieren und große Anstrengungen zu unternehmen, eines der schönsten Häuser Englands wiederherzustellen, kann er es sich nicht leisten, eine arme Frau zu heiraten. Das würde beide unglücklich machen, ja geradezu ins Elend stürzen.«

Elizabeth schwieg. Sie dachte wieder an die erste Begegnung mit Colonel Fitzwilliam in Rosings, erinnerte sich an die Gespräche nach dem Abendessen, an Musik und Gelächter, an seine häufigen Besuche im Pfarrhaus, seine Aufmerksamkeiten ihr gegenüber, die zu offensichtlich gewesen waren, um unbemerkt zu bleiben. Beim großen Dinner hatte Lady Catherine, deren scharfem Auge nichts entging, genug Beunruhigendes gesehen. Elizabeth brachte sich ihren Ausruf in Erinnerung: »Worüber unterhaltet ihr euch? Ich möchte mitreden!« Elizabeth hatte sich bereits mit der Frage beschäftigt, ob sie mit diesem Mann glücklich werden könnte, doch ihre Hoffnung – wenn man es Hoffnung nennen konnte – war kurz darauf zerstoben, als sie ihm, sei es zufällig, sei es von ihm absichtlich herbeigeführt, während eines Spaziergangs durch den Park von Rosings begegnete und er sie zum Pfarrhaus zurückbegleitete. Damals hatte er seine Armut beklagt, und sie hatte ihn mit der Bemerkung geneckt, sie könne sich nicht vorstellen, welche Nachteile Armut für einen jüngeren Grafensohn mit sich bringe. Die jüngeren Söhne »können nicht heiraten, wen sie wollen«, hatte er geantwortet. Sie hatte sich damals gefragt, ob seine Worte womöglich eine Warnung beinhalteten; die Vermutung hatte sie sehr verlegen gemacht, was sie zu verbergen suchte, indem sie das Gespräch ins Scherzhafte zog. Doch bei der Erinnerung an den Vorfall war ihr ganz und gar nicht zum Scherzen zumute gewesen. Sie hatte der von Colonel Fitzwilliam ausgesprochenen Warnung nicht bedurft, um zu wissen, was ein unvermögendes Mädchen mit vier unverheirateten Schwestern in Bezug auf die Ehe erwarten konnte. Wollte er ihr sagen, dass ein vom Glück begünstigter junger Mann sich der Gesellschaft einer solchen Frau zwar erfreuen, ja sogar diskret mit ihr flirten durfte, die Vorsicht es jedoch gebot, sie darüber hinaus nicht zu ermuntern? Vielleicht war die Warnung doch nötig gewesen, aber gut hatte er es nicht gemacht. Wenn er sie ohnehin nie in Betracht gezogen hatte, wäre es gnädiger gewesen, sich nicht gar so eifrig um sie zu bemühen.

Colonel Fitzwilliam hatte ihr Schweigen zur Kenntnis genommen. Jetzt sagte er: »Ich darf auf Ihre Zustimmung hoffen?«

Sie wandte sich zu ihm und erwiderte in nachdrücklichem Ton: »Ich werde mich in diese Angelegenheit nicht einmischen, Colonel. Georgiana muss selbst entscheiden, wo sie ihr Glück finden will. Sollte sie in die Heirat mit Ihnen einwilligen, werde ich die Freude meines Mannes über diese Verbindung voll und ganz teilen. Aber beeinflussen kann ich hier nichts. Es liegt ganz allein bei Georgiana.«

»Ich dachte, sie hätte vielleicht mit Ihnen gesprochen …«

»Sie hat sich mir nicht offenbart, und es ist nicht an mir, sie zu fragen, ehe sie nicht selbst die Sprache darauf bringt.«

Dies schien ihn fürs Erste zufriedenzustellen. Doch gleich darauf kam er wie unter einem Zwang auf den Mann zurück, den er als möglichen Rivalen betrachtete. »Alveston ist ein gutaussehender, liebenswürdiger junger Mann und weiß zu reden. Sein etwas übersteigertes Selbstvertrauen und seine Neigung, älteren Menschen weniger Respekt entgegenzubringen, als in seinem Alter angemessen wäre – was bei einem so fähigen Menschen sehr bedauerlich ist –, werden im Lauf der Zeit und mit zunehmender Reife sicherlich eine gewisse Mäßigung erfahren. Ich glaube gern, dass er ein stets willkommener Gast in Highmarten ist, finde es jedoch erstaunlich, dass er Mr. und Mrs. Bingley so häufig besucht. Normalerweise sind erfolgreiche Anwälte nicht so freigebig mit ihrer Zeit.«

Da Elizabeth nichts erwiderte, dachte er vielleicht, seine Kritik, die offen ausgesprochene wie die angedeutete, sei unüberlegt gewesen, denn er fügte hinzu: »Andererseits hält er sich immer nur sonnabends oder sonntags in Derbyshire auf oder wenn die Gerichte nicht tagen. Wahrscheinlich studiert er die Akten in seiner Freizeit.«

»Meine Schwester sagt, kein anderer Gast hat jemals so viel in der Bibliothek gearbeitet wie er.«

Wieder entstand eine Pause. Schließlich fragte der Colonel, sehr zu Elizabeths Erstaunen und Unbehagen: »George Wickham wird wohl nach wie vor nicht in Pemberley empfangen, ist das richtig?«

»Nein, niemals. Seit seinem Besuch in Longbourn nach der Heirat mit Lydia haben weder Mr. Darcy noch ich ihn gesehen oder Kontakt zu ihm gehabt.«

Nach einer weiteren, noch längeren Gesprächspause sagte Colonel Fitzwilliam: »Es ist bedauerlich, dass man in seinen jungen Jahren so viel Aufhebens von Wickham gemacht hat. Er wuchs mit Darcy auf wie mit einem Bruder. In der Kindheit mag es beiden förderlich gewesen sein, und wenn man bedenkt, wie sehr der verstorbene Mr. Darcy seinem Verwalter zugetan war, kann man es nur als eine selbstverständliche gute Tat bezeichnen, dass man nach dem Tod des Vaters eine gewisse Verantwortung für das Kind übernommen hat. Doch für einen Jungen von Wickhams Naturell – geldgierig, ehrgeizig, zum Neid neigend – erwies es sich als gefährlich, ein Privileg zu genießen, an dem er nach dem Ende seiner Jugend nicht mehr teilhaben durfte. An der Universität besuchten sie unterschiedliche Colleges, und bei Darcys Kavalierstour durch Europa war er natürlich nicht mit von der Partie. Vielleicht wurden sein Status und seine Erwartungen zu rigoros und zu jäh beschnitten. Ich habe Grund zu der Annahme, dass Lady Anne Darcy die Gefahr vorhersah.«

»Wickham konnte nicht ernsthaft erwarten, an der Kavalierstour teilnehmen zu dürfen«, entgegnete Elizabeth.

»Ich weiß nicht, was er wirklich erwartete, außer dass es immer mehr war, als er verdient hatte.«

»Vielleicht waren die früh gewährten Begünstigungen in gewisser Weise unklug, und es ist immer leicht, das Urteilsvermögen anderer Menschen in Dingen anzuzweifeln, über die wir möglicherweise nicht alles wissen.«

Der Colonel rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her. »Aber für den Vertrauensbruch, den Wickham beging, als er Miss Darcy zu verführen versuchte, gibt es keine Entschuldigung. Solche Niedertracht lässt sich mit keinem Unterschied hinsichtlich Geburt oder Erziehung rechtfertigen. Als Mitvormund von Miss Darcy wurde ich von Darcy selbstverständlich über die Schändlichkeit in Kenntnis gesetzt, habe die Sache aber von mir weggeschoben. Ich spreche auch mit Darcy nie darüber und bitte um Verzeihung dafür, dass ich sie jetzt zur Sprache bringe. Wickham hat sich bei der Niederschlagung der irischen Rebellion hervorgetan und ist jetzt eine Art Nationalheld. Das macht aber die Vergangenheit nicht ungeschehen, auch wenn es ihm die Möglichkeit eröffnet, in Zukunft ein anständigeres und erfolgreicheres Leben zu führen. Soviel ich weiß, hat er seinen Abschied von der Armee genommen, was ich für unklug halte, ist allerdings noch mit militärischen Weggefährten wie Mr. Denny befreundet, der ihn, wie Sie sich erinnern werden, damals in Meryton vorstellte. Aber ich hätte seinen Namen in Ihrer Anwesenheit nicht erwähnen sollen.«

Elizabeth erwiderte nichts. Nach einer kurzen Pause erhob sich der Colonel, machte eine Verbeugung und verschwand. Elizabeth war sich darüber im Klaren, dass das Gespräch weder ihn noch sie zufriedengestellt hatte. Colonel Fitzwilliam waren die von ihm erhoffte rückhaltlose Billigung und die Zusicherung von Elizabeths Unterstützung versagt geblieben, und nun fürchtete sie, dass Kränkung und Beschämung eine seit Kindheitstagen bestehende und von ihrem Mann sehr geschätzte Freundschaft zerstören könnten, wenn es dem Colonel nicht gelang, Georgiana für sich zu gewinnen. Dass Darcy mit Colonel Fitzwilliam als Georgianas Ehemann einverstanden sein würde, zog Elizabeth nicht in Zweifel. Er wünschte sich vor allem Sicherheit für seine Schwester, und bei Fitzwilliam würde sie sicher sein; selbst den Altersunterschied würde er wahrscheinlich als einen Vorteil betrachten. Georgiana würde Countess werden, und der glückliche Mann, der sie heiratete, würde niemals Geldsorgen haben. Sie hoffte, dass sich die Sache regeln ließ, in der ein oder anderen Weise. Vielleicht würde sich die Angelegenheit morgen beim Ball zuspitzen – denn Bälle waren bekannt dafür, dass sie Ereignisse glücklicher wie unglücklicher Art zu einem Ende führen konnten, boten sie doch Gelegenheit, abseits der Tanzfläche zusammenzusitzen und sich Vertrauliches zuzuflüstern, während die Tänzer sich durch die Reihe bewegten. Sie hoffte nur, dass am Ende alle Beteiligten zufrieden sein würden, belächelte allerdings gleich darauf ihre Vermessenheit, dies jemals für möglich zu halten.

Sie freute sich über die Veränderungen, die in Georgiana vorgegangen waren, seit Darcy und sie geheiratet hatten. Als Georgiana miterlebte, wie ihr Bruder von seiner Frau geneckt wurde und er sie seinerseits oft neckte und beide dann lachten, war sie zunächst überrascht, ja fast schockiert gewesen. Vor Elizabeths Einzug war in Pemberley wenig gelacht worden, und unter Elizabeths taktvoller und sanfter Aufmunterung hatte Georgiana etwas von der Schüchternheit der Darcys verloren. Inzwischen nahm sie selbstbewusst ihren Platz ein, wenn sie Gäste hatten, und war eher bereit als früher, am Esstisch ihre Ansichten zu äußern. Während Elizabeths Verständnis für ihre Schwägerin wuchs, stieg der Verdacht in ihr auf, dass Georgiana neben ihrer Schüchternheit und Zurückhaltung eine weitere Darcy’sche Charaktereigenschaft besaß, nämlich einen starken eigenen Willen. Aber hatte Darcy das auch erkannt? War Georgiana für ihn nicht manchmal noch die verletzliche Fünfzehnjährige, ein Kind, das seine verlässliche, wachsame Liebe brauchte, wenn es nicht im Unglück enden sollte? Nicht dass er der Ehre oder Tugend seiner Schwester misstraut hätte – dieser Gedanke wäre in seinen Augen einer Blasphemie nahegekommen –, doch inwieweit traute er ihrem Urteilsvermögen? Und für Georgiana war Darcy seit dem Tod des Vaters das Familienoberhaupt, der kluge, zuverlässige große Bruder, der beinahe die Autorität eines Vaters besaß, ein geliebter, nie gefürchteter Bruder – denn wo Furcht ist, kann keine Liebe sein –, dem sie jedoch großen Respekt entgegenbrachte. Ohne Liebe würde Georgiana nicht heiraten, aber ohne die Zustimmung ihres Bruders ebenso wenig. Und was, wenn die Wahl getroffen werden musste zwischen Colonel Fitzwilliam, seinem Cousin und Freund aus Kindertagen, dem Erben eines Grafentitels und furchtlosen Soldaten, der Georgiana seit Beginn ihres Lebens kannte, und diesem gutaussehenden, liebenswerten jungen Anwalt, der zwar im Begriff war, sich einen Namen zu machen, über den sie aber wenig wussten? Er würde ein Baronat erben, ein sehr altes obendrein, und Georgiana würde in einem Haus leben, das, sobald Alveston ein Vermögen gemacht und den Sitz renoviert hätte, zu den schönsten Englands zählen würde. Doch Darcy hatte seinen Familienstolz, und welcher der beiden Kandidaten die größere Sicherheit und die glänzendere Zukunft bot, stand außer Frage.

Der Besuch des Colonels hatte ihr die Ruhe geraubt, sie in Sorge versetzt und ein wenig betrübt. Es stimmte, er hätte Wickhams Namen besser nicht erwähnt. Darcy selbst hatte keinen Kontakt mehr zu ihm, seit sie sich bei Lydias Trauung in der Kirche begegnet waren – einer Trauung, zu der es ohne seine großzügige Geldgabe gar nicht gekommen wäre. Sie war sicher, dass man Colonel Fitzwilliam dieses Geheimnis niemals enthüllt hatte, aber er wusste natürlich von der Hochzeit und musste die Wahrheit geahnt haben. Wollte er vielleicht sichergehen, dass Wickham in ihrem Leben in Pemberley keine Rolle spielte und Darcy Wickhams Schweigen gekauft hatte, damit niemand auf der Welt jemals behaupten konnte, der Ruf von Miss Darcy von Pemberley sei beschmutzt? Der Besuch des Colonels hatte sie nervös gemacht, und sie begann auf und ab zu gehen, um die hoffentlich unbegründeten Ängste zu besänftigen und wenigstens einen Teil ihrer früheren Gemütsruhe zurückzugewinnen.

Das Mittagessen zu viert dauerte nicht lange. Darcy musste sich mit seinem Verwalter besprechen und war ins Herrenzimmer zurückgekehrt, um dort auf ihn zu warten. Elizabeth hatte ein Treffen mit Georgiana im Wintergarten vereinbart, wo sie die Blumen und grünen Zweige begutachten wollten, die der Obergärtner aus den Treibhäusern gebracht hatte. Lady Anne hatte Farbenpracht und verworrene Arrangements geliebt, während Elizabeth sich mit zwei Farben zum Grün der Zweige begnügte und sie in zahlreichen kleinen und großen Vasen arrangierte, so dass in jedem Raum süß duftende Blumen standen. Die Farben für den nächsten Tag sollten Rosarot und Weiß sein, und Elizabeth und Georgiana arbeiteten, vom Gärtner beraten, umhüllt vom durchdringenden Duft üppiger Geranien und langstieliger Rosen. Die feuchte Hitze im Wintergarten war drückend, und mit einem Mal sehnte sie sich nach frischer Luft, nach Wind im Gesicht. Lag es vielleicht an dem Unbehagen, das sie in Georgianas Gegenwart befallen hatte, und an der Zuversicht des Colonels, die wie eine Bürde auf dem Tag lastete?

Plötzlich war Mrs. Reynolds da und sagte: »Madam, Mr. und Mrs. Bingleys Kutsche kommt gerade die Auffahrt herauf. Wenn Sie sich beeilen, sind Sie rechtzeitig an der Tür, um sie zu begrüßen.«

Elizabeth stieß einen Freudenschrei aus und lief, gefolgt von Georgiana, zur Haustür. Stoughton stand schon bereit, um sie zu öffnen, während die Kutsche langsam zum Stillstand kam. Elizabeth rannte in den kühlen, auffrischenden Wind hinaus. Ihre geliebte Jane war gekommen, und einen Augenblick lang fegte die Wiedersehensfreude alles Unbehagen hinweg.

2

Die Bingleys waren nach ihrer Hochzeit nicht lange in Netherfield geblieben. Bingley war zwar ein überaus duldsamer und gutmütiger Mensch, doch Jane hatte gespürt, dass die große Nähe zu ihrer Mutter weder zur Behaglichkeit ihres Mannes noch zu ihrem Seelenfrieden beitrug. Sie war eine von Grund auf warmherzige Natur und empfand eine starke Loyalität und Liebe zu ihrer Familie, doch Bingleys Zufriedenheit stand an erster Stelle. Beide hatten sich unbedingt in der Nähe von Pemberley niederlassen wollen. Nach Ablauf des Pachtvertrags für Netherfield waren sie kurzzeitig bei Mrs. Hurst, Bingleys Schwester, in London untergekommen und dann erleichtert nach Pemberley gezogen, von wo aus sich bequem eine ständige Bleibe suchen ließ. An dieser Suche war Darcy tatkräftig beteiligt gewesen. Darcy und Bingley hatten zwar dieselbe Schule besucht, sich aber aufgrund des – wenn auch geringen – Altersunterschieds als Knaben nur selten gesehen und waren erst in Oxford Freunde geworden. Darcy – stolz, in sich gekehrt und schon damals menschenscheu – fand Seelentrost in Bingleys Liebenswürdigkeit, in dessen geselligem Wesen und heiterem Vertrauen darauf, dass das Leben stets gut zu ihm sein würde, während Bingley so sehr von Darcys außergewöhnlicher Klugheit und Intelligenz überzeugt war, dass er in wichtigen Dingen nur ungern ohne die Zustimmung seines Freundes tätig wurde.

Darcy hatte Bingley geraten, nicht zu bauen, sondern zu kaufen, und da Jane bereits mit dem ersten Kind schwanger war, galt es, schnell ein Haus zu finden, das sie mit möglichst wenig Aufwand beziehen konnten. Darcy kam seinem Freund zu Hilfe und fand schließlich Highmarten. Jane und ihr Mann waren vom ersten Augenblick an begeistert. Das stattliche, moderne Haus stand auf einer Anhöhe, bot aus allen Fenstern einen weiten, wunderschönen Blick, war geräumig genug für eine Familie und verfügte über hübsche Gartenanlagen und so viel Grund und Boden, dass Bingley Jagden veranstalten konnte, ohne den ungünstigen Vergleich mit Pemberley herausfordern zu müssen. Dr. McFee, der die Familie Darcy und die Dienstboten von Pemberley schon seit Jahren ärztlich betreute, hatte den Herrensitz inspiziert und erklärt, die dortige Situation sei der Gesundheit zuträglich und das Wasser sauber. Die Formalitäten waren schnell erledigt. Es bedurfte nur wenig mehr als einer Renovierung und neuer Möbel, und Jane bereitete es große Freude, mit Elizabeth durch die Zimmer zu streifen und zu entscheiden, in welcher Farbe die Tapeten, die Wände und Vorhänge gehalten sein sollten. Zwei Monate nach der Entdeckung des Anwesens hatten sich die Bingleys darin eingerichtet, und das Eheglück der beiden Schwestern war vollkommen.

Die Familien besuchten einander regelmäßig; es gab kaum eine Woche, in der zwischen Highmarten und Pemberley keine Kutsche fuhr. Jane trennte sich zwar kaum je länger als eine Nacht von ihren Kindern, den vierjährigen Zwillingen Elizabeth und Maria sowie dem kleinen, knapp zwei Jahre alten Charles Edward, wusste sie aber in guten Händen bei der erfahrenen und kundigen Mrs. Metcalf, der Kinderfrau, die sich schon um ihren Mann gekümmert hatte, als der noch ein Säugling war. Jetzt freute sie sich darauf, anlässlich des Balls zwei Nächte in Pemberley verbringen zu können ganz ohne die Umstände, die eine Reise mit drei Kindern und Mrs. Metcalf bedeutet hätte. Sie war wie immer ohne ihre Zofe gekommen, doch Belton, Elizabeths tüchtiges Mädchen, kümmerte sich gern um beide Schwestern. Kutsche und Kutscher der Bingleys wurden der Obhut Wilkinsons, des Kutschers von Darcy, anvertraut, und nach dem üblichen Begrüßungstrubel gingen Elizabeth und ihre Schwester Arm in Arm die Treppe zu dem Zimmer hinauf, in dem Jane bei all ihren Besuchen immer wohnte und das direkt neben Bingleys Ankleideraum lag. Belton hatte sich bereits an Janes Truhe zu schaffen gemacht. Sie hängte das Abendkleid und die Ballrobe auf und sollte in einer guten Stunde wiederkommen, um beim Umziehen und Frisieren zu helfen. Die Schwestern, die sich in Longbourn ein Zimmer geteilt hatten, standen sich von Kindesbeinen an sehr nahe. Es gab nichts, worüber Elizabeth mit Jane nicht reden konnte, denn sie wusste, dass diese jede Vertraulichkeit verlässlich für sich behielt und dass alle ihre Ratschläge aus einem gütigen, liebevollen Herzen kamen.

Nachdem sie mit Belton gesprochen hatten, gingen sie wie immer ins Kinderzimmer hinüber. Charles bekam die ersehnte Umarmung und Süßigkeiten, dann spielten sie mit Fitzwilliam, und er las ihnen vor – demnächst sollte er das Kinderzimmer gegen das Schulzimmer und einen Hauslehrer eintauschen. Schließlich setzten sie sich auf einen kurzen, aber gemütlichen Plausch mit Mrs. Donovan zusammen. Mrs. Donovan und Mrs. Metcalf hatten seit fünfzig Jahren miteinander zu tun. Die beiden gutmütigen Despotinnen waren schon früh ein enges Verteidigungs- wie Angriffsbündnis miteinander eingegangen, und übten, von ihren Schützlingen geliebt, von deren Eltern mit allem Vertrauen bedacht, ihre Herrschaft über die Kinderzimmer uneingeschränkt aus – auch wenn Elizabeth den Verdacht hegte, dass Mrs. Donovans Ansicht nach die einzige Aufgabe einer Mutter darin bestand, Nachschub für das Kinderzimmer zu produzieren, sobald das Jüngste aus den ersten Mützchen herausgewachsen war. Jane berichtete von den Fortschritten, die Charles Edward und die Zwillinge gemacht hatten. Dann wurden die in Highmarten angewendeten Erziehungsmethoden besprochen und von Mrs. Donovan gutgeheißen, was nicht verwunderte, denn es waren dieselben wie ihre. Weil nun nur noch eine Stunde blieb, bis man sich für das Dinner umkleiden musste, gingen die beiden Schwestern in Elizabeths Zimmer, um die kleinen Neuigkeiten auszutauschen, auf denen das Glück des häuslichen Lebens sosehr beruht.

Es wäre eine große Erleichterung für Elizabeth gewesen, hätte sie Jane eine weit wichtigere Angelegenheit offenbaren können, nämlich den Antrag, den der Colonel Georgiana zu machen beabsichtigte. Er hatte sie zwar nicht um Stillschweigen gebeten, erwartete aber sicherlich, dass sie als Erstes mit ihrem Mann sprechen würde, und sie fürchtete Janes empfindliches Ehrgefühl zu verletzen, wenn sie ihr die Neuigkeit mitteilte, noch ehe Darcy eingeweiht war. Über Henry Alveston aber wollte sie unbedingt reden und freute sich, als Jane selbst seinen Namen ins Spiel brachte, indem sie sagte: »Schön, dass ihr Mr. Alveston wieder eingeladen habt. Es bedeutet ihm so viel, nach Pemberley kommen zu dürfen.«

»Er ist ein sehr angenehmer Gast, wir freuen uns beide auf ihn«, erwiderte Elizabeth. »Er ist höflich, intelligent, lebhaft und sieht gut aus – ein Bild von einem jungen Mann. Wie kam es doch gleich zu eurer Freundschaft? Hatte ihn nicht Mr. Bingley in der Kanzlei eures Anwalts in London kennengelernt?«

»Ja, vor achtzehn Monaten, als Charles Mr. Peck aufsuchte, um über irgendwelche Geldanlagen zu sprechen. Man hatte Mr. Alveston in die Kanzlei gerufen, weil er einen Mandanten von Mr. Peck vor Gericht vertrat, und da beide Besucher zu früh erschienen, trafen sie im Wartezimmer aufeinander und wurden später von Mr. Peck miteinander bekannt gemacht. Charles war ganz begeistert von dem jungen Mann und aß hinterher mit ihm zu Abend. Bei dieser Gelegenheit vertraute Mr. Alveston ihm sein Vorhaben an, das Familienvermögen zu sanieren und das Anwesen in Surrey wieder aufzubauen, das seit 1600 im Besitz der Familie ist und dem er sich als einziger Sohn sehr verpflichtet und verbunden fühlt. Dann trafen sie sich noch einmal in Charles’ Club. Charles fiel damals auf, wie erschöpft der junge Mann wirkte, und lud ihn auch in meinem Namen auf ein paar Tage nach Highmarten ein. Seitdem ist Mr. Alveston ein regelmäßiger und hochwillkommener Gast, wann immer er sich vom Gericht loseisen kann. Lord Alveston, sein Vater, ist achtzig und bei schlechter Gesundheit und bringt nicht mehr die für das Anwesen erforderliche Kraft und Autorität auf, aber das Baronat zählt zu den ältesten im Land, und die Familie genießt großes Ansehen. Charles hat von Mr. Peck und auch von anderen erfahren, wie sehr man Mr. Alveston in der Anwaltskammer Middle Temple bewundert. Er ist uns beiden sehr ans Herz gewachsen. Die Zwillinge lieben ihn, und für den kleinen Charles Edward ist er ein Held. Die Kinder führen wahre Freudentänze auf, wenn er zu Besuch kommt.«

Der gekonnte Umgang mit ihren Kindern war ein sicherer Weg in Janes Herz, und Elizabeth verstand gut, warum es Alveston sosehr nach Highmarten zog. Das Leben eines überarbeiteten Junggesellen in London bot nur wenig Annehmlichkeiten, und Mrs. Bingleys Schönheit, ihre Herzensgüte und ihre sanfte Stimme zusammen mit dem fröhlichen Familienleben in ihrem Haus empfand er wohl als angenehmen Gegensatz zum harten Konkurrenzkampf und den gesellschaftlichen Verpflichtungen in der Hauptstadt. Wie Darcy hatte Alveston schon früh die Bürde der Erwartungen und Pflichten übernommen. Sein Entschluss, das Familienvermögen wiederherzustellen, verdiente Bewunderung, und der Strafgerichtshof Old Bailey stand mit all seinen Anforderungen und Erfolgen wahrscheinlich für ein eher privates Ringen.

Die Schwestern schwiegen eine Zeitlang; dann sagte Jane: »Ich hoffe, dass seine Anwesenheit weder dich, liebe Elizabeth, noch Mr. Darcy beunruhigt. Nachdem ich gesehen habe, wie gern er und Georgiana zusammen sind, halte ich es zugegebenermaßen für möglich, dass er sich in sie verliebt, und sollte das Mr. Darcy oder Georgiana peinlich sein, würden wir selbstverständlich dafür sorgen, dass seine Besuche unterbleiben. Aber er ist ein ehrenwerter junger Mann, und wenn ich mit meinem Verdacht richtig liege und Georgiana seine Zuneigung erwidert, bin ich zuversichtlich, dass sie gemeinsam glücklich werden könnten. Sollte Mr. Darcy aber andere Pläne für seine Schwester haben, wäre es nicht nur klug, sondern auch gnädig, Mr. Alveston nicht mehr nach Pemberley kommen zu lassen. Bei den letzten Besuchen hier ist mir eine Veränderung im Verhalten Colonel Fitzwilliams zu seiner Cousine aufgefallen, eine größere Bereitschaft, sich mit ihr zu unterhalten und bei ihr zu sein. Die beiden ergäben ein wundervolles Paar, dessen ganze Zierde sie wäre, aber ich weiß nicht, ob sie in dem riesigen Schloss im Norden glücklich sein könnte. Erst letzte Woche habe ich ein Bild davon in einem Buch aus unserer Bibliothek gesehen. Es wirkt wie eine Festung aus Granit, an deren Mauern sich die Nordseewellen brechen. Und so weit weg von Pemberley! Georgiana wäre bestimmt unglücklich so fern von ihrem Bruder und dem Haus, das sie so liebt.«

»Ich denke, Pemberley steht sowohl für Mr. Darcy als auch für Georgiana an erster Stelle«, erwiderte Elizabeth. »Als ich das Haus damals mit meiner Tante und meinem Onkel besichtigte und Mr. Darcy mich fragte, wie es mir gefalle, freute er sich sehr über meine Begeisterung. Ich glaube nicht, dass er mich geheiratet hätte, wenn ich nicht so ehrlich entzückt gewesen wäre.«

Jane lachte. »O doch, das glaube ich schon, meine Liebe. Aber vielleicht reden wir besser nicht mehr davon. Über die Gefühle anderer zu tratschen, obwohl man sie gar nicht richtig kennt und sie sie vielleicht selbst nicht verstehen, kann sehr viel Unheil auslösen. Vielleicht war es ein Fehler, den Namen des Colonels zu erwähnen. Ich weiß, wie sehr du Georgiana liebst, Elizabeth, und das Zusammenleben mit dir wie mit einer Schwester hat sie zu einer stolzen, schönen jungen Frau gemacht. Falls sie wirklich zwei Verehrer hat, muss sie natürlich selbst entscheiden, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie ohne das Einverständnis ihres Bruders heiraten würde.«

»Die Sache könnte sich nach dem Ball zuspitzen«, gab Elizabeth zu bedenken, »und ich gestehe, dass sie mich beunruhigt. Ich habe Georgiana sehr, sehr liebgewonnen. Doch schieben wir die Angelegenheit fürs Erste beiseite und freuen wir uns auf das Essen im Kreis der Familie. Ich möchte es uns und unseren Gästen nicht mit womöglich völlig unnötigen Befürchtungen verderben.«

Damit war das Gespräch zu Ende, aber Elizabeth wusste, dass Jane keinen Grund für Schwierigkeiten erkennen konnte. Ihrer festen Überzeugung nach war es nur natürlich, dass sich zwei gutaussehende junge Menschen, die offensichtlich gern zusammen waren, ineinander verliebten und diese Verliebtheit in eine glückliche Ehe mündete. Und Geld wäre in diesem Fall auch kein Problem, denn Georgiana war reich und Mr. Alveston ein aufstrebender Anwalt. Geld spielte für Jane allerdings ohnehin nur eine geringe Rolle; solange genug da war, um einer Familie ein komfortables Leben zu ermöglichen, war es doch einerlei, welcher der Ehepartner das Vermögen in die Verbindung einbrachte. Und die für jeden anderen am schwersten wiegende Tatsache, dass der Colonel jetzt ein Viscount war und seine Frau zur Countess machen würde, während Mr. Alveston nur ein Baronat in Aussicht stand, zählte in Janes Augen überhaupt nicht. Elizabeth beschloss, nicht länger über die vorstellbaren Schwierigkeiten zu grübeln, nach dem Ball jedoch so schnell wie möglich mit ihrem Mann zu reden. Sie waren beide so beschäftigt gewesen, dass sie ihn seit dem Morgen kaum gesehen hatte. Sie durfte ihm zwar nicht von ihren Spekulationen über Mr. Alvestons Gefühle erzählen, ehe Mr. Alveston oder Georgiana das Thema zur Sprache brachten, doch von der Absicht des Colonels, seiner Hoffnung Ausdruck zu verleihen, Georgiana möge seine Frau werden, musste er so schnell wie möglich erfahren. Sie fragte sich, warum ihr die Vorstellung von dieser doch so glanzvollen Verbindung ein solch unüberwindliches Missbehagen bereitete, und versuchte, das hässliche Gefühl zu vertreiben. Inzwischen war Belton ins Zimmer gekommen. Jane und Elizabeth mussten sich für das Dinner zurechtmachen.

3

Am Vorabend des Balls wurde das Dinner wie üblich, der geltenden Mode entsprechend, um halb sieben serviert. Hielt sich die Zahl der Gäste in Grenzen, fand es allerdings nicht im offiziellen Speisesaal statt, sondern in einem dahinterliegenden kleineren Raum, dessen runder Tisch acht Personen bequem Platz bot. Den Saal hatte man in früheren Jahren benötigt, weil die Gardiners und gelegentlich auch Bingleys Schwestern anlässlich des Balls in Pemberley gewohnt hatten; doch jetzt fiel es Mr. Gardiner schwer, sich auch nur für kurze Zeit von seinen Geschäften zu trennen, ebenso wie seiner Frau, die Kinder zurückzulassen. Am liebsten war ihnen ein Besuch im Sommer; dann konnte Mr. Gardiner angeln, und seine Frau kannte nichts Schöneres, als mit Elizabeth vom einspännigen Phaeton aus die Gegend zu erkunden. Die beiden Frauen verband eine langjährige, enge Freundschaft, und Elizabeth schätzte die Ratschläge ihrer Tante sehr. Im Hinblick auf gewisse Angelegenheiten wäre sie gerade jetzt sehr froh darum gewesen.

Obwohl es sich um ein zwangloses Dinner handelte, betrat die Gesellschaft das Speisezimmer selbstverständlich paarweise. Der Colonel bot sofort Elizabeth den Arm, Darcy begab sich an Janes Seite, und Bingley trug mit einer kleinen ritterlichen Geste Georgiana das Geleit an. Als Elizabeth sah, dass Alveston dem letzten Paar allein folgte, bereute sie es, die Sache nicht anders geregelt zu haben. Doch es war immer schwierig, kurzfristig eine passende alleinstehende Dame aufzutreiben, und gesellschaftliche Konventionen hatten bei den Dinners vor dem Ball früher nie eine Rolle gespielt. Der leere Stuhl stand neben Georgianas Platz, und Elizabeth sah ein freudiges Lächeln über Alvestons Gesicht huschen, als er danach griff.

Während sie sich rings um den Tisch niederließen, sagte der Colonel: »Mrs. Hopkins fehlt also auch in diesem Jahr. Sie verpasst den Ball doch nun schon zum zweiten Mal, nicht wahr? Tanzt Ihre Schwester nicht gern, oder hegt Pfarrer Theodore theologische Bedenken gegen Bälle?«

»Mary hat noch nie gern getanzt und lässt sich entschuldigen«, antwortete Elizabeth, »aber ihr Mann hat bestimmt nichts gegen ihre Teilnahme einzuwenden. Als sie das letzte Mal zum Essen hier waren, versicherte er mir, dass sich ein Ball in Pemberley mit Freunden und Bekannten der Familie niemals schädlich auf Anstand und Moral auswirken könne.«

Bingley flüsterte Georgiana zu: »Was beweist, dass er in Pemberley nie weiße Suppe gegessen hat.«

Die Bemerkung, von allen gehört, brachte die Runde zum Lächeln, ja sogar zum Lachen. Doch die Unbeschwertheit war nicht von Dauer. Anders als sonst gab es keine lebhaften Gespräche über den Tisch hinweg; die ganze Gesellschaft war von einer Trägheit befallen, aus der nicht einmal Bingleys heitere Redseligkeit sie reißen konnte. Elizabeth versuchte den Colonel nicht zu oft anzusehen, doch immer wenn sie es tat, ruhte sein Blick auf dem Paar gegenüber. Georgiana, die ein schlichtes weißes Musselinkleid trug und sich eine Perlenkette ins dunkle Haar geflochten hatte, erschien Elizabeth schön wie nie zuvor, aber der Blick des Colonels war eher grüblerisch als bewundernd. Das junge Paar benahm sich selbstverständlich untadelig; Alveston schenkte Georgiana nicht mehr Aufmerksamkeit als üblich, und Georgiana richtete ihre Äußerungen, sich jeweils nach links und rechts wendend, gleichmäßig an Alveston und Bingley wie ein junges Mädchen, das sich bei seiner ersten Abendgesellschaft pflichtbewusst an die gesellschaftlichen Gepflogenheiten hält. Einen Augenblick gab es allerdings, von dem Elizabeth hoffte, er möge dem Colonel entgangen sein. Als Alveston Wasser und Wein für Georgiana mischte, berührten sich sekundenlang ihre Hände, und über Georgianas Wangen breitete sich kurz eine leichte Röte.

Beim Anblick Henry Alvestons in formeller Abendkleidung fiel Elizabeth einmal mehr auf, wie ungemein gut er aussah. Bestimmt war ihm bewusst, dass er keinen Raum betreten konnte, ohne die Blicke aller anwesenden Frauen auf sich zu ziehen. Sein dichtes mittelbraunes Haar hatte er im Nacken schlicht zusammengebunden. Seine Augen unter den geraden Brauen waren eine Nuance dunkler, das Gesicht strahlte eine Offenheit und Kraft aus, die ihn vor jeder Bezichtigung, zu schön zu sein, bewahrten, und er bewegte sich mit selbstbewusster, ungezwungener Grazie. Sie kannte ihn als lebhaften und unterhaltsamen Gast, doch heute Abend schien selbst er vom allgemeinen Unbehagen befallen. Vielleicht waren sie alle einfach nur müde, dachte Elizabeth. Bingley und Jane hatten zwar nur achtzehn Meilen zurückgelegt, waren aber von starkem Wind aufgehalten worden, und Darcy und sie selbst hatten am Tag vor dem Ball immer wesentlich mehr als sonst zu tun.

Der draußen tobende Sturm trug nicht dazu bei, die Stimmung zu heben. Hin und wieder heulte der Wind im Kamin; dann zischte das Feuer, fauchte wie ein Lebewesen, und wenn sich bisweilen ein brennendes Holzscheit löste und in eindrucksvollen Flammen aufging, wurden die Gesichter der Speisenden in tiefe Röte getaucht, so dass sie wie Fiebernde aussahen. Die Diener huschten fast lautlos hin und her, doch als das Essen schließlich zu Ende war und es Elizabeth gelang, Janes Blick auf sich zu ziehen und anschließend mit ihr und Georgiana durch die Eingangshalle ins Musikzimmer zu gehen, war sie von Herzen erleichtert.

4

Während man im Speisezimmer das Essen servierte, war Thomas Bidwell im Anrichteraum mit Silberputzen beschäftigt. Diese Arbeit hatte man ihm vor vier Jahren zugewiesen, nachdem er wegen seiner Knie- und Rückenschmerzen keine Kutschen mehr hatte lenken können, und er war stolz darauf, besonders am Vorabend von Lady Annes Ball. Von den sieben großen Kandelabern, die den Esstisch auf ganzer Länge zieren sollten, waren fünf bereits poliert, und die letzten beiden würden noch an diesem Abend fertig werden. Es war eine langweilige Tätigkeit, zeitraubend und erstaunlich ermüdend, nach deren Verrichtung Rücken, Arme und Hände schmerzten. Aber es war nun einmal keine Arbeit für die Hausburschen und die Mädchen. Letztlich war Stoughton, der Butler, dafür zuständig, doch der hatte genug damit zu tun, die Weine auszuwählen und die Vorbereitungen im Ballsaal zu beaufsichtigen, und sah sich nur in der Verantwortung, das bereits geputzte Silber zu begutachten und nicht, irgendwelche auch noch so wertvollen Gegenstände selbst zu polieren. In der Woche vor dem Ball erwartete man von Bidwell, dass er die meisten Tage und oft bis tief in die Nacht hinein mit umgebundener Schürze am Tisch des Anrichteraums saß, das Familiensilber der Darcys vor sich ausgebreitet – Messer, Gabeln, Löffel, die Kandelaber, silberne Servierplatten und Obstschalen. Während er sie putzte, stellte er sich vor, wie die Kandelaber mit langen Kerzen darin juwelengeschmücktes Haar, erhitzte Gesichter und die zitternden Blüten in den Vasen beschienen.

Es machte ihm nichts aus, seine Familienangehörigen in dem Cottage im Wald alleinzulassen, und sie hatten auch keine Angst. Jahrelang hatte es verwahrlost und verlassen dagestanden, bis Darcys Vater es renovierte und als Wohnung für einen der Hausangestellten herrichtete. Doch obwohl es größer war, als ein Diener erwarten durfte, und Ruhe und Ungestörtheit bot, waren nur wenige bereit, darin zu wohnen. Mr. Darcys Urgroßvater hatte es errichtet, ein Einsiedler, der fast sein ganzes Leben allein, nur von seinem Hund Soldier begleitet, verbracht hatte. In diesem Cottage hatte er sich sogar selbst einfache Mahlzeiten zubereitet, hatte gelesen und die dicken Stämme und das Gewirr des Unterholzes betrachtet, seine Schutzwehr gegen die Welt. Als George Darcy sechzig Jahre alt war, wurde Soldier krank, hilfsbedürftig und von Schmerzen gequält. Bidwells Großvater, damals noch ein kleiner Junge, der im Pferdestall mithalf, hatte eines Tages frische Milch zum Cottage gebracht und seinen Herrn tot aufgefunden. Darcy hatte seinen Hund und sich selbst erschossen.

Vor Bidwell hatten seine Eltern das Cottage bewohnt. Sie hatte die Geschichte des Hauses ebenso wenig geängstigt wie ihn. Das Gerücht, im Wald spuke es, entsprang einer Tragödie jüngeren Datums, die sich kurz nach der Übernahme des Anwesens durch den Großvater des gegenwärtigen Mr. Darcy ereignet hatte. Ein junger Bursche, einziger Sohn seiner Eltern und in Pemberley als Gärtnergehilfe beschäftigt, war des Wilderns auf dem Grundbesitz des ortsansässigen Friedensrichters Sir Selwyn Hardcastle schuldig gesprochen worden. Das Wildern galt eigentlich nicht als Kapitalverbrechen, und in harten Zeiten, wenn großer Hunger herrschte, zeigten sich die meisten Friedensrichter verständnisvoll, doch der Jagdfrevel in einem Wildpark konnte mit dem Tod geahndet werden, und Sir Selwyns Vater hatte auf dem vollen Strafmaß bestanden. Mr. Darcy hatte leidenschaftlich dafür plädiert, Milde walten zu lassen, doch Sir Selwyn weigerte sich. Eine Woche nach der Hinrichtung des Jungen hatte sich seine Mutter erhängt. Obwohl Mr. Darcy zumindest getan hatte, was in seiner Macht stand, hieß es, die tote Frau mache hauptsächlich ihn verantwortlich. Sie habe die Familie Darcy verflucht, und nun griff der Aberglaube um sich, diejenigen, die dumm genug waren, den Wald nach Einbruch der Dunkelheit zu betreten, würden ihren Geist wehklagend zwischen den Bäumen umherstreifen sehen, und jedes Mal würde das Rachegespenst einen Todesfall auf dem Anwesen ankündigen.

Bidwell duldete solche Narrheiten nicht, aber eine Woche zuvor war ihm zu Ohren gekommen, dass zwei von den Hausmädchen, Betsy und Joan, im Dienstbotenraum herumgetuschelt hatten, sie wären dem Geist begegnet, als sie sich einer Mutprobe wegen in den Wald gewagt hätten. Er hatte sie davor gewarnt, solchen Unsinn zu erzählen, der, wäre er Mrs. Reynolds zugetragen worden, zu ernsthaften Konsequenzen für die Mädchen geführt hätte. Seine Tochter Louisa arbeitete zwar nicht mehr in Pemberley, weil sie zu Hause bei der Pflege ihres kranken Bruders mithelfen musste, aber er machte sich Gedanken, ob die Geschichte womöglich zu ihr durchgedrungen war. Jedenfalls achteten ihre Mutter und sie jetzt sorgsamer darauf, dass die Cottagetür nachts geschlossen war, und hatten ihn angewiesen, dreimal laut und viermal etwas leiser anzuklopfen, wenn er spät aus Pemberley zurückkehrte, und den Schlüssel erst dann ins Schloss zu stecken.

Das Cottage bringe Unglück, hieß es, doch Unglück war den Bidwells erst in den letzten Jahren widerfahren. So genau, als wäre es gestern geschehen, erinnerte er sich an die Trostlosigkeit des Moments, als er zum letzten Mal die prächtige Livree des Oberkutschers von Mr. Darcy von Pemberley ausgezogen und seinen geliebten Pferden adieu gesagt hatte. Und nun lag sein einziger Sohn, die Hoffnung für die Zukunft, seit einem Jahr von Schmerzen gepeinigt im Sterben.

Als wäre das nicht genug, machte ihnen auch die älteste Tochter Kummer, das Kind, von dem seine Frau und er nie Schwierigkeiten erwartet hatten. Mit Sarah war immer alles in Ordnung gewesen. Sie hatte den Sohn des Gastwirts vom King’s Arms in Lambton geheiratet, einen strebsamen jungen Mann, der nach Birmingham gezogen war und dort mit einer Zuwendung seines Großvaters eine Kerzengießerei eröffnet hatte. Das Geschäft lief gut, doch Sarah hatte sich überarbeitet und war schwermütig geworden. Nach etwas mehr als vier Jahren Ehe erwartete sie nun das vierte Kind, und die Anstrengungen des Mutterseins sowie ihre Mitarbeit im Geschäft hatten zu einem verzweifelten Brief geführt, in dem sie ihre Schwester Louisa um Hilfe bat. Seine Frau hatte ihm Sarahs Schreiben wortlos gereicht, doch dass es mit ihrer patenten, fröhlichen drallen Sarah so weit gekommen war, betrübte sie beide. Nachdem er den Brief gelesen hatte, gab er ihn seiner Frau zurück, sah sie lange sehr nachdenklich an und sagte dann: »Will wird Louisa sehr vermissen. Sie waren sich immer so nahe. Kannst du denn überhaupt auf sie verzichten?«

»Es wird auch ohne sie gehen müssen. Sarah hätte das nicht geschrieben, wenn sie nicht wirklich verzweifelt wäre. So ist unsere Sarah nicht.«

Und so hatte Louisa die letzten fünf Monate vor der Entbindung in Birmingham verbracht und für die anderen drei Kinder mitgesorgt; nach der Geburt war sie weitere drei Monate geblieben, während Sarah sich erholte. Sie war erst vor kurzem zurückgekehrt und hatte Georgie, den Jüngsten, mitgebracht, damit ihre Schwester entlastet war und ihre Mutter und ihr Bruder ihn sehen konnten, bevor Will starb. Bidwell selbst hatte das Ganze nicht gefallen. Auf den neuen Enkel war er zwar ebenso gespannt gewesen wie seine Frau, aber ein Cottage, in dem ein Sterbender gepflegt wurde, eignete sich kaum für die Unterbringung eines Säuglings. Will war zu krank, um mehr als ein flüchtiges Interesse an dem Neuankömmling aufzubringen, und das nächtliche Geschrei des Kindes störte und ärgerte ihn. Außerdem sah Bidwell, dass Louisa unglücklich war. Sie wirkte rastlos und ging trotz der herbstlichen Kälte lieber mit dem Kind im Arm durch den Wald, als bei ihrer Mutter und Will im Haus zu bleiben. Wie mit Absicht hatte sie sogar einen der seltenen Besuche verpasst, die der Pfarrer, der alte, gelehrte Reverend Percival Oliphant, ihrem Bruder abstattete. Das war merkwürdig, denn sie hatte den Pfarrer immer gerngehabt. Er hatte schon Anteil an ihrem Leben genommen, als sie noch klein war, hatte ihr Bücher geliehen und ihr angeboten, sie könne am Lateinunterricht teilnehmen, den er einer kleinen Gruppe von Privatschülern erteilte. Bidwell hatte die Offerte zwar abgelehnt – es hätte Louisa nur auf Gedanken gebracht, die nicht zu ihrem Stand passten –, doch immerhin, sie war ausgesprochen worden. Jedes Mädchen sah dem eigenen Hochzeitstag ängstlich und nervös entgegen, aber warum erschien jetzt, da Louisa wieder zu Hause war, Joseph Billings nicht mehr sooft wie früher im Cottage? Sie bekamen ihn kaum noch zu Gesicht. Bidwell fragte sich, ob die Pflege des Säuglings Louisa und Joseph die Verantwortung und die Risiken des Ehestands vor Augen geführt und sie dazu gebracht hatte, es sich noch einmal zu überlegen. Er hoffte es nicht. Joseph war ein ehrgeiziger, ernsthafter Mann und manchen Leuten zu alt für Louisa mit seinen vierunddreißig Jahren, aber das Mädchen hatte ihn offenbar lieb. Sie wollten nach Highmarten, siebzehn Meilen von Martha und ihm entfernt, in einen komfortablen Haushalt mit einer gutmütigen Herrin, einem großzügigen Herrn, mit einer sicheren Zukunft, einem vorhersehbaren, gefahrlosen, achtbaren Leben vor sich. Wozu sollte eine junge Frau mit solchen Aussichten gelehrsam sein und Latein sprechen?

Vielleicht würde alles gut werden, wenn Georgie wieder bei seiner Mutter war. Morgen würde Louisa mit ihm nach Birmingham reisen – zuerst mit der Kutsche zum King’s Arms in Lambton und von dort aus mit der Postkutsche nach Birmingham, wo Michael Simpkins, Sarahs Mann, sie abholen und in seinem Pferdewagen nach Hause bringen würde. Louisa sollte noch am selben Tag mit der Postkutsche nach Pemberley zurückfahren. Einerseits würde das Leben für seine Frau und für Will leichter werden ohne das Kind im Haus; dennoch, wenn am Sonntag nach dem Ball alles aufgeräumt sein würde und er ins Cottage zurückkäme, würde es merkwürdig sein, wenn sich ihm Georgies Pummelhändchen nicht zur Begrüßung entgegenstreckten.

Die sorgenvollen Gedanken hatten ihn nicht von der Arbeit abgehalten. Er war jedoch kaum merklich langsamer geworden, und zum ersten Mal ließ er den Gedanken zu, dass es vielleicht zu anstrengend für ihn wurde, das Silber ganz allein zu putzen. Welch schmähliche Niederlage das wäre! Energisch zog er den letzten Kandelaber zu sich, griff nach einem frischen Poliertuch, lockerte die schmerzenden Beine unter dem Stuhl und beugte sich wieder über seine Arbeit.

5

Die Herren ließen die Damen im Musikzimmer nicht lange warten, und während die Gesellschaft auf dem Sofa und den Stühlen Platz nahm, entspannte sich die Atmosphäre ein wenig. Darcy klappte den Klavierdeckel hoch, und die auf dem Instrument stehenden Kerzen wurden angezündet. Als alle saßen, wandte sich Darcy an Georgiana und erklärte so förmlich, als wäre sie ein Gast, dass sie den Anwesenden eine große Freude bereiten würde, wenn sie etwas spiele und dazu sänge. Georgiana erhob sich. Nachdem sie Alveston einen Blick zugeworfen hatte, trat auch er ans Klavier, und sie verkündete dem Publikum: »Da heute ein Tenor unter uns weilt, habe ich einige Duette ausgewählt.«

»Eine ausgezeichnete Idee!«, rief Bingley begeistert. »Wir wollen beide hören. Jane und ich haben uns erst letzte Woche an ein paar Duetten versucht, nicht wahr, meine Liebe? Aber dieses Experiment wiederholen wir heute Abend besser nicht. Es war nämlich eine reine Katastrophe …«

Jane lachte. »Das stimmt doch gar nicht – du hast deine Sache sehr gut gemacht. Ich dagegen übe leider seit der Geburt von Charles Edward nicht mehr genug. Miss Georgiana ist eine ungleich begabtere Musikerin – da wollen wir unsere Freunde nicht mit unseren musikalischen Versuchen belästigen.«

Elizabeth versuchte sich auf die Melodien zu konzentrieren, doch ihre Gedanken verharrten bei dem Paar am Klavier. Nach den ersten beiden Liedern wurde allgemein um ein drittes gebeten, und es entstand eine kurze Pause, in der Georgiana ein neues Notenbuch ergriff und es Alveston zeigte. Der blätterte darin und deutete auf einige Stellen, die er vielleicht für zu schwierig hielt oder an denen er sich der italienischen Aussprache unsicher war. Georgiana spielte, den Blick auf ihn gerichtet, einige Takte mit der rechten Hand, woraufhin Alveston zustimmend lächelte. Die wartenden Zuhörer schien das Paar gar nicht mehr wahrzunehmen. Es war ein sehr inniger Moment; die beiden wirkten wie in ihrer eigenen Welt, selbstvergessen in der gemeinsamen Liebe zur Musik. Elizabeth betrachtete die andächtigen Gesichter der beiden im Kerzenschein, sah sie, nachdem das Problem gelöst war, lächeln, und als Georgiana sich zum Spielen bereitmachte, wurde ihr klar, dass dies keine flüchtige, auf körperlicher Nähe oder auch nur auf der gemeinsamen Begeisterung für die Musik beruhende Anziehung war. Die beiden waren ineinander verliebt, standen an der Schwelle zur Liebe, an jenem zauberhaften Punkt voller Hoffnung und Erwartung, an dem man einander entdeckt.

Diesen Zauber hatte sie nie erlebt. Es erstaunte sie immer noch, dass sie zwischen Darcys erstem, beleidigendem Antrag und seiner zweiten, erfolgreichen und reumütigen Bitte um ihre Liebe weniger als eine halbe Stunde allein miteinander verbracht hatten – damals, als sie mit den Gardiners Pemberley besichtigte und er unerwartet zurückkehrte. Er war mit ihr durch die Gärten spaziert und am nächsten Tag zum Gasthof in Lambton hinübergeritten, wo sie logierte. Dort hatte er sie weinend angetroffen, Janes Brief mit der Nachricht von Lydias Flucht in der Hand. Schon nach wenigen Minuten war er hastig gegangen, und sie hatte nicht geglaubt, ihn jemals wiederzusehen. Nicht einmal dem glänzendsten Schriftsteller wäre es wohl gelungen, den Lesern seines Romans glaubhaft zu machen, dass sich innerhalb so kurzer Zeit Stolz bezwingen und Vorurteil überwinden ließ! Und als Darcy und Bingley dann nach Netherfield zurückkehrten und sie Darcy als ihren künftigen Ehemann akzeptiert hatte, war die Zeit des verliebten Umgangs miteinander keineswegs freudvoll gewesen, sondern die wohl spannungsreichste und peinlichste Phase ihres Lebens, weil sie sich so bemühte, Darcy von den lautstarken und überschwenglichen Glückwünschen ihrer Mutter abzulenken, die fast so weit ging, ihm dafür zu danken, dass er sich herabgelassen hatte, um die Hand ihrer Tochter anzuhalten. Jane und Bingley war das alles erspart geblieben; entweder hatte der gutmütige, liebestolle Bingley die Gewöhnlichkeit seiner künftigen Schwiegermutter nicht bemerkt, oder sie störte ihn nicht. Und hätte sie selbst Darcy auch dann geheiratet, wenn er ein mittelloser Hilfspfarrer gewesen wäre oder ein am Hungertuch nagender Anwalt? Es fiel ihr schwer, sich Mr. Fitzwilliam Darcy als einen solchen Mann vorzustellen, aber in ehrlichen Momenten musste sie zugeben, für die tristen Notbehelfe der Armut nicht geschaffen zu sein.

Der Wind frischte weiter auf. Das Heulen und Pfeifen im Kamin und das immer wieder aufflackernde Feuer begleiteten die beiden Sänger. Elizabeth erschien der Aufruhr der Natur wie der Discantus der miteinander verschmelzenden Stimmen und als die passende Begleitung ihrer wirbelnden Gedanken. Sie hatte sich bei starkem Wind noch nie geängstigt, sondern es immer genossen, sicher und gemütlich im Haus zu sitzen, während der Sturm ziellos durch den Wald von Pemberley toste. Jetzt aber kam er ihr wie eine böse Kraft vor, die sich durch jeden Kamin und jeden Winkel Eintritt verschaffen wollte. Sie neigte nicht zu Hirngespinsten und versuchte sich der morbiden Vorstellungen zu erwehren, doch ein Gefühl, das sie zum ersten Mal empfand, ließ sich nicht unterdrücken, und sie dachte: Da sitzen wir zu Beginn eines neuen Jahrhunderts, Bürger des zivilisiertesten Landes in Europa, umgeben von den Preziosen seiner Handwerker, seiner Kunst und seiner literarischen Erzeugnisse, während draußen eine andere Welt besteht, die durch Reichtum, Bildung und Vorrechte von uns ferngehalten wird, eine Welt, mit Männern so gewalttätig und zerstörerisch wie Tiere. Vielleicht werden nicht einmal die Privilegiertesten von uns sie ewig ignorieren und sich für alle Zeit vom Leib halten können.

Sie versuchte, in der Harmonie der beiden Stimmen Ruhe zu finden, war aber froh, als das Stück endete und sie mit dem Dienstbotenglöckchen nach dem Tee läuten konnte.

Billings, einer der Diener, brachte den Tee auf einem Tablett herein. Im Frühling würde er Pemberley verlassen, um, wenn alles glattging, dem alten Butler der Bingleys nachzufolgen, der seinen Ruhestand antreten wollte. Billings’ Status würde sich dadurch erhöhen, was ihm umso mehr zupass kam, als er sich an Ostern des vorletzten Jahres mit Thomas Bidwells Tochter Louisa verlobt hatte, die ihn als Zimmermädchen nach Highmarten begleiten sollte. Elizabeth hatte sich während ihrer ersten Monate in Pemberley über die starke Verbindung zwischen der Familie und den Dienstboten gewundert. Wenn Darcy und sie, was selten vorkam, in London waren, wohnten sie in ihrem Stadthaus oder bei Bingleys Schwester, Mrs. Hurst, und deren Mann, die hochherrschaftlich residierten. In dieser Welt lebte das Personal so abgeschnitten von der Familie, dass Mrs. Hurst meist nicht einmal wusste, wie die Menschen hießen, die sie bedienten. Mr. und Mrs. Darcy wurden zwar von allen Problemen des Haushalts sorgsam abgeschirmt, doch manche Ereignisse – Hochzeiten, Verlobungen, Stellenwechsel, Krankheit oder der Eintritt in den Ruhestand – stachen aus der nie nachlassenden Betriebsamkeit hervor, die dafür sorgte, dass in Pemberley alles wie am Schnürchen lief, und beiden war es wichtig, solche Übergangsrituale zu respektieren und zu feiern, da sie nun einmal zu dem ihnen trotz allem größtenteils verborgenen Leben gehörten, von dem ihr Wohlbehagen sosehr abhing.

Billings setzte das Teetablett mit einer bewusst anmutigen Geste vor Elizabeth ab, als wollte er Jane zeigen, wie würdig er der bevorstehenden Ehrung sei. Er und seine junge Ehefrau würden es gut haben, dachte Elizabeth. Wie ihr Vater prophezeit hatte, waren die Bingleys großzügige, verträgliche und leicht zufriedenzustellende Arbeitgeber, die es nur in der Sorge umeinander und um ihre Kinder sehr genau nahmen.

Kaum hatte Billings den Raum verlassen, erhob sich Colonel Fitzwilliam von seinem Stuhl und trat vor Elizabeth hin. »Ich bitte um Verzeihung, Mrs. Darcy, aber ich möchte mich jetzt meiner nächtlichen Ertüchtigung widmen und Talbot am Fluss entlang ausreiten. Es tut mir leid, eine so fröhliche Familienzusammenkunft zu verlassen, doch ohne ein wenig frische Luft vor dem Zubettgehen schlafe ich schlecht.«

Elizabeth versicherte ihm, dass er sich nicht zu entschuldigen brauche. Er hob in einer für ihn ungewöhnlichen Geste kurz ihre Hand an seine Lippen und wandte sich zum Gehen.

Henry Alveston saß mit Georgiana auf dem Sofa. Jetzt blickte er auf und sagte: »Das Mondlicht am Ufer ist zauberhaft, Colonel, am zauberhaftesten allerdings, wenn man es in Gesellschaft betrachtet. Aber für Talbot und Sie wird es hart werden. Ich jedenfalls beneide Sie nicht darum, gegen diesen Sturm ankämpfen zu müssen.«

Der Colonel drehte sich an der Tür um, sah Alveston an und sagte kühl: »Nur gut, dass niemand Sie gebeten hat, mich zu begleiten.« Er verabschiedete sich mit einer Verbeugung von der ganzen Gesellschaft und ging.

Im Zimmer wurde es still. Alle dachten über die Abschiedsworte des Colonels nach und fanden den nächtlichen Ausritt merkwürdig, schwiegen jedoch peinlich berührt. Nur Henry Alveston schien die Sache nicht weiter zu bekümmern, obwohl ihm, wie Elizabeth mit einem Blick auf sein Gesicht feststellte, die angedeutete Kritik nicht entgangen war.

Nach einer Weile brach Bingley das Schweigen. »Lass uns doch noch ein bisschen Musik hören, Georgiana, falls du nicht zu müde bist. Aber trink ruhig erst einmal deinen Tee aus. Wir wollen deine Gefälligkeit nicht überstrapazieren. Wie wäre es mit den irischen Volksliedern, die du gespielt hast, als wir letzten Sommer hier diniert haben? Du brauchst nicht zu singen, die Musik allein reicht völlig – schone deine Stimme! Soweit ich mich erinnern kann, haben wir damals auch getanzt. Aber da waren die Gardiners hier und Mr. und Mrs. Hurst, alles in allem fünf Paare, und Mary hat für uns gespielt.«

Georgiana setzte sich wieder ans Klavier. Alveston blieb neben ihr stehen und blätterte um, und die munteren Melodien verfehlten ihre Wirkung nicht. Danach unterhielt man sich etwas halbherzig, tauschte schon oft geäußerte Meinungen und Familientratsch aus, der ebenfalls nicht neu war. Nach einer halben Stunde tat Georgiana den ersten Schritt und wünschte allen eine gute Nacht. Nachdem sie an der Glockenschnur gezogen hatte, um ihre Zofe herbeizuholen, zündete Alveston eine Kerze an, reichte sie ihr und geleitete sie zur Tür. Als Georgiana gegangen war, hatte Elizabeth den Eindruck, dass der Rest der Gesellschaft zwar müde war, sich aber nicht dazu aufraffen konnte, aufzustehen und sich zu verabschieden. Als Nächste erhob sich Jane. Sie warf ihrem Mann einen Blick zu und murmelte, es sei nun Zeit, schlafen zu gehen. Dankbar folgte Elizabeth ihrem Beispiel wenig später. Ein herbeigerufener Diener brachte die Nachtlichter, zündete sie an und löschte die Kerzen auf dem Klavier. Alle strebten der Tür zu, da rief plötzlich Darcy, der noch am Fenster stand: »Was denkt sich dieser Tölpel von einem Kutscher – gleich kippt der ganze Wagen um! Das ist ja Wahnsinn! Und wer sitzt überhaupt darin? Elizabeth, erwarten wir noch jemanden?«

»Nein.«

Elizabeth und die anderen drängten ans Fenster und sahen weit hinten auf der Waldstraße eine Kutsche, die sich schlingernd und schwankend dem Haus näherte. Die beiden Seitenlichter flackerten wie kleine Flammen. Was sie wegen der großen Entfernung nicht sehen konnten – die sturmgepeitschten Pferdemähnen, die wilden Augen und angespannten Flanken der Tiere, den mit den Zügelleinen knallenden Kutscher –, lieferte ihnen die Fantasie. Noch konnte man die Räder nicht hören, und Elizabeth glaubte eine wahre Geisterkutsche zu sehen, die wie ein schrecklicher Vorbote des Todes lautlos durch die Mondnacht flog.

»Bingley, du bleibst bei den Damen. Ich sehe mir das Ganze einmal näher an«, sagte Darcy.

Der Wind, der in diesem Moment wieder durch den Kamin heulte, hatte Darcys Worte übertönt. Deshalb verließ die ganze Gesellschaft mit ihm das Musikzimmer und folgte ihm über die Haupttreppe in die Eingangshalle. Stoughton und Mrs. Reynolds waren schon da. Auf eine Handbewegung Darcys hin öffnete Stoughton die Tür. Sofort brauste der Wind herein, eine kalte, unbezwingbare Kraft, die vom ganzen Haus Besitz zu ergreifen schien und mit einem Schlag alle Kerzen außer denen hoch oben im Kronleuchter löschte.

Die immer noch rasende Kutsche bog schaukelnd um die Kurve am Ende der Waldstraße und fuhr auf das Haus zu. Elizabeth war überzeugt, dass der Wagen durch die Tür brechen würde. Doch dann hörte man schon die Rufe des Kutschers und sah ihn an den Leinen zerren. Die Pferde wurden zum Halten gebracht und blieben unruhig wiehernd stehen. Noch ehe der Kutscher vom Bock steigen konnte, ging die Wagentür auf, und in dem Lichtstreifen, der aus Pemberley fiel, erblickten alle eine Frau, die, gegen den Wind anschreiend, beinah aus dem Wagen stürzte. Der Hut hing ihr an den Bändern um den Hals, und das offene Haar wehte ihr so heftig ums Gesicht, dass sie wie ein wildes Nachtgeschöpf wirkte oder wie eine der Gefangenschaft entkommene Verrückte. Einen Moment lang blieb Elizabeth starr stehen, unfähig, irgendetwas zu tun oder zu denken. Doch dann erkannte sie in der hemmungslos kreischenden Erscheinung ihre Schwester Lydia und lief zu ihr. Lydia stieß sie beiseite und warf sich, noch immer schreiend, so heftig in Janes Arme, dass diese fast hintüberfiel. Bingley trat vor, um seiner Frau zu helfen, und gemeinsam schleppten sie Lydia zur Tür. Die junge Frau heulte und zappelte, als wüsste sie nicht, wer sie da stützte. Erst im windgeschützten Inneren des Hauses verstanden sie die abgehackt ausgestoßenen Worte.

»Wickham ist tot! Denny hat ihn erschossen! Ihr müsst ihn suchen! Sie sind im Wald. Warum tut ihr denn nichts? O Gott, er ist tot, ich weiß es …«

Aus dem Schluchzen wurde Stöhnen. Dann brach sie zwischen Jane und Bingley, die sie sanft zum nächsten Stuhl führen wollten, zusammen.

Zweites Buch

Der Tote im Wald

1

Elizabeth war ihrer Schwester sofort zu Hilfe gesprungen, doch Lydia stieß sie mit erstaunlicher Kraft beiseite und rief: »Du nicht, du nicht!« Da kniete sich Jane neben dem Stuhl auf den Boden, ergriff Lydias Hände und begann ihr leise murmelnd Trost und Beruhigung zuzusprechen. Bingley stand sehr mitgenommen und hilflos daneben. Lydia hörte auf zu weinen und begann unnatürlich zu keuchen, als ringe sie nach Luft. Es waren verstörende, kaum menschlich klingende Laute.

Stoughton hatte die Eingangstür einen Spaltbreit offen gelassen. Der Kutscher stand gelähmt vor Entsetzen bei seinen Pferden, während Alveston und Stoughton Lydias Truhe aus dem Gefährt zogen und in die Eingangshalle trugen. »Was machen wir mit den beiden anderen Gepäckstücken, Sir?«, fragte Stoughton an Darcy gewandt.

»Die bleiben in der Kutsche. Mr. Wickham und Captain Denny werden voraussichtlich weiterreisen, sobald wir sie gefunden haben, ihr Gepäck muss gar nicht erst ins Haus gebracht werden. Holen Sie Wilkinson, Stoughton! Falls er schläft, wecken Sie ihn auf. Er muss Dr. McFee herbringen, und zwar mit der Kutsche – ich will nicht, dass der Doktor durch diesen Sturm reitet. Er soll Dr. McFee von mir grüßen und ihm mitteilen, dass Mrs. Wickham nach Pemberley gekommen ist und seine ärztliche Hilfe benötigt.«

Darcy ließ Lydia in der Obhut der Frauen und eilte zum Kutscher, der noch immer die Köpfe der Pferde tätschelte. Er hatte die ganze Zeit ängstlich zur Tür hinübergeblickt, doch als Darcy auf ihn zukam, richtete er sich auf und stand stramm. Seine Erleichterung über den Anblick des Hausherrn war fast mit Händen zu greifen. Er hatte in einem Notfall sein Bestes gegeben; jetzt war das normale Leben zurückgekehrt, und er machte seine Arbeit: bei den Pferden stehen und auf Anweisungen warten.

»Wer sind Sie?«, fragte Darcy. »Kenne ich Sie?«

»Ich bin George Pratt vom Green Man, Sir.«

»Ach ja, natürlich, der Kutscher von Mrs. Piggott. Erzählen Sie, was im Wald passiert ist. Machen Sie schnell – die ganze Geschichte, und zwar kurz und verständlich!«

Pratt war offensichtlich sehr darauf erpicht, alles zu erzählen, denn er plapperte sofort hastig drauflos. »Mr. Wickham und seine Gattin und Captain Denny kamen heute Nachmittag in den Gasthof, aber ich war nicht da, als sie eintrafen. So gegen acht Uhr abends sagte mir Mrs. Piggott, dass ich Mr. und Mrs. Wickham und den Captain nach Pemberley fahren soll, sobald die Dame fertig ist, und zwar hinten herum, auf der Straße durch den Wald. Ich sollte Mrs. Wickham vor dem Haus absetzen, wegen dem Ball. Jedenfalls hatte sie das zu Mrs. Piggott gesagt. Dann sollte ich die beiden Gentlemen zum King’s Arms in Lambton bringen und mit der Kutsche zum Gasthof zurückfahren. Ich hörte, wie Mrs. Wickham zu Mrs. Piggott sagte, dass die Herren am nächsten Tag nach London reisen würden und dass Mr. Wickham dort eine Anstellung zu bekommen hoffte.«

»Wo sind Mr. Wickham und Captain Denny jetzt?«

»Das weiß ich nicht genau, Sir. Ungefähr in der Mitte vom Wald klopfte Captain Denny, damit ich anhielt, und stieg aus. Dann rief er: ›Ich bin fertig damit, und mit dir auch. Ich mache da nicht mit‹, oder so ähnlich und rannte in den Wald hinein. Mr. Wickham lief ihm nach und rief, er soll zurückkommen und sich nicht wie ein Idiot benehmen, und Mrs. Wickham schrie, er soll sie nicht alleinlassen, und wollte ihm nachlaufen, aber als sie ausgestiegen war, überlegte sie es sich anders und stieg wieder ein. Sie brüllte entsetzlich und machte die Pferde so scheu, dass ich sie kaum halten konnte, und dann hörten wir die Schüsse.«

»Wie viele?«

»Das kann ich nicht genau sagen, Sir, es war ein solches Durcheinander – der Captain war weggelaufen, und Mr. Wickham rannte hinterher, und die Dame schrie. Aber einen Schuss habe ich ganz bestimmt gehört, Sir, und dann vielleicht noch einen oder zwei.«

»Als die beiden Gentlemen weg waren – wie viel Zeit verging da bis zu den Schüssen?«

»Fünfzehn Minuten ungefähr, Sir, vielleicht auch mehr. Wir standen ja eine halbe Ewigkeit da und warteten, dass die Gentlemen zurückkamen. Aber ich habe Schüsse gehört, das steht fest. Mrs. Wickham begann zu schreien, wir würden alle ermordet werden, und befahl mir, so schnell wie möglich nach Pemberley zu fahren. Das schien mir auch das Beste zu sein, Sir. Die Gentlemen waren ja nicht mehr da und konnten keine Anweisungen geben. Ich dachte mir, vielleicht haben sie sich im Wald verirrt, aber ich konnte sie nicht suchen gehen, Sir, weil Mrs. Wickham wie am Spieß schrie und die Pferde außer sich waren.«

»Nein, natürlich nicht. Fielen die Schüsse in der Nähe?«

»Ziemlich, Sir. Vielleicht hundert Schritte von uns entfernt.«

»Gut. Sie müssen jetzt einige von uns dorthin zurückfahren, wo die Gentlemen in den Wald hineingelaufen sind, damit wir sie suchen können.«

Pratt war dieser Plan so zuwider, dass er einen Einwand dagegen zu äußern wagte. »Ich sollte aber zum King’s Arms in Lambton fahren, Sir, und dann zurück zum Green Man. So lauteten die Anweisungen, Sir. Außerdem würden sich die Pferde fürchterlich ängstigen, wenn sie noch einmal in den Wald müssten.«

»Es ist doch völlig sinnlos, ohne Mr. Wickham und Captain Denny nach Lambton zu fahren. Von jetzt an befolgen Sie meine Befehle. Die Anweisungen lauten wie folgt: Sie bewachen die Pferde. Sie warten hier und sorgen dafür, dass sie ruhig bleiben. Ich regle die Sache später mit Mrs. Piggott. Sie haben keinen Ärger zu befürchten, wenn Sie tun, was ich sage.«

Im Haus sagte Elizabeth leise zu Mrs. Reynolds: »Wir müssen Mrs. Wickham zu Bett bringen. Ist oben im südlichen Gästezimmer eines frisch bezogen?«

»Jawohl, Madam, und im Kamin brennt auch schon ein Feuer. Dieses Zimmer und zwei weitere stehen beim Ball immer zur Verfügung, falls sich wieder so etwas ereignet wie in der Oktobernacht ’97, als der Schnee über eine Handbreit hoch lag und einige Gäste, die von weit her gekommen waren, nicht nach Hause fahren konnten. Sollen wir Mrs. Wickham hinaufbringen?«

»Es ist wohl das Beste«, erwiderte Elizabeth. »Aber wir dürfen sie in diesem Zustand nicht allein lassen. Es muss noch jemand in ihrem Zimmer schlafen.«

»Im Ankleideraum daneben stehen ein bequemes Sofa und ein Einzelbett, Madam. Ich könnte das Sofa mit Kissen und Decken hineintragen lassen. Und Belton ist bestimmt noch wach und wartet auf Sie. Sie muss mitbekommen haben, dass etwas passiert ist, und sie ist absolut verschwiegen. Ich schlage vor, dass Belton und ich bis auf weiteres abwechselnd auf dem Sofa in Mrs. Wickhams Zimmer schlafen.«

»Belton und Sie sollen heute Nacht ungestört sein«, entgegnete Elizabeth. »Mrs. Bingley und ich schaffen das schon.«

Als Darcy die Eingangshalle betrat, sah er noch, wie Bingley und Jane, angeführt von Mrs. Reynolds, Lydia die Treppe hinaufschleppten. Ihr Keuchen war einem leiseren Schluchzen gewichen, doch plötzlich entwand sie sich Janes stützenden Armen, drehte sich um und sah Darcy wutentbrannt an. »Warum sind Sie immer noch hier, anstatt ihn zu suchen? Ich habe doch Schüsse gehört – mein Gott, vielleicht ist er verletzt oder gar tot! Wickham liegt womöglich im Sterben, und Sie stehen hier herum! Gehen Sie doch endlich, um Gottes willen!«

Darcy erwiderte ruhig: »Wir brechen gleich auf. Wenn wir etwas in Erfahrung bringen, lasse ich es Sie wissen. Man muss nicht gleich mit dem Schlimmsten rechnen. Vielleicht sind Mr. Wickham und Captain Denny bereits zu Fuß auf dem Weg hierher. Versuchen Sie jetzt zu schlafen.«

Mit gutem Zureden war es Jane und Bingley endlich gelungen, Lydia nach oben zu bringen, wo sie, Mrs. Reynolds folgend, in den Gang abbogen und aus Elizabeths und Darcys Blickfeld verschwanden. »Ich befürchte, dass Lydia sich so in die Sache hineinsteigert, dass sie krank wird«, sagte Elizabeth. »Dr. McFee muss kommen und ihr etwas zur Beruhigung geben.«

»Die Kutsche, die ihn holen soll, ist bereits unterwegs. Wir müssen jetzt in den Wald, Wickham und Denny suchen. Habt ihr aus Lydia herausbekommen, was passiert ist?«

»Ja, sie hat kurz aufgehört zu weinen und das Wichtigste hervorgestammelt – und dann gefordert, ihre Truhe solle ins Haus getragen und geöffnet werden. Ich glaube fast, sie denkt noch immer, sie wird am Ball teilnehmen.«

Pemberleys große Eingangshalle mit den eleganten Möbeln, der in schönem Schwung zur Galerie hinaufführenden Treppe und den Familienporträts war Darcy plötzlich so fremd, als hätte er sie zum ersten Mal betreten. Die natürliche Ordnung, seine Stütze seit Kindertagen, hatte sich verkehrt, und einen Augenblick lang fühlte er sich so machtlos, als wäre er nicht mehr Herr im eigenen Haus. Diese absurde Situation vermochte er nur zu bewältigen, indem er sich über Kleinigkeiten ärgerte. Es war weder Stoughtons noch Alvestons Aufgabe, Gepäck hereinzutragen, und Wilkinson war, abgesehen von Stoughton, traditionell das einzige Mitglied des Haushalts, das seine Befehle direkt vom Hausherrn entgegennahm. Aber wenigstens war etwas erledigt worden. Man hatte Lydias Gepäck hereingebracht, und die Kutsche war auf dem Weg zu Dr. McFee. Instinktiv trat er an die Seite seiner Frau und ergriff sanft ihre Hand. Sie war eiskalt. Doch als er ihren beruhigenden, mitfühlenden Druck spürte, fühlte er sich getröstet.

Inzwischen war Bingley wieder herunter gekommen. Alveston und Stoughton gesellten sich zu ihm. Darcy berichtete kurz, was er von Pratt erfahren hatte, doch offensichtlich war es Lydia trotz ihres aufgelösten Zustands tatsächlich gelungen, die wichtigsten Punkte der Geschichte mitzuteilen.

»Wir nehmen Piggotts Kutsche, damit Pratt uns zeigen kann, wo Denny und Wickham ausgestiegen sind«, sagte Darcy. »Du, Charles, bleibst besser hier bei den Damen, und Stoughton bewacht die Tür. Es reicht, wenn wir zwei uns auf den Weg machen, Alveston – falls Sie bereit sind mitzukommen.«

»Ich stehe Ihnen jederzeit zur Verfügung, Sir.«

Darcy wandte sich an Stoughton. »Wir brauchen vielleicht eine Trage. In dem Raum neben der Waffenkammer liegt doch eine, nicht wahr?«

»Ja, Sir, mit der haben wir Lord Instone transportiert, als er sich auf der Jagd das Bein brach.«

»Dann holen Sie sie. Außerdem brauchen wir Decken, Brandy, Wasser und Laternen.«

»Das übernehme ich«, sagte Alveston, und schon waren die beiden Männer verschwunden.

Darcy hatte das Gefühl, dass sie viel zu viel Zeit damit verbracht hatten, alles zu besprechen und Vorkehrungen zu treffen, stellte jedoch beim Blick auf seine Uhr fest, dass seit Lydias dramatischer Ankunft erst fünfzehn Minuten vergangen waren. In diesem Moment ertönte Hufgetrappel, und als er sich umdrehte, sah er einen Reiter über den Rasen am Flussufer heranpreschen. Colonel Fitzwilliam war zurückgekehrt. Noch ehe er abgestiegen war, bog Stoughton mit einer Trage auf der Schulter um die Ecke; ihm folgten Alveston und ein Hausknecht, bepackt mit zwei gefalteten Decken, einer Brandy- und einer Wasserflasche sowie drei Laternen. Darcy eilte auf den Colonel zu, um ihn kurz über die nächtlichen Ereignisse und das gemeinsame Vorhaben zu unterrichten.

Fitzwilliam hörte schweigend zu. Dann sagte er: »Eine so aufwendige Expedition, nur damit eine hysterische Frau ihren Willen bekommt? Ich könnte mir denken, dass sich die beiden Tölpel im Wald verlaufen haben oder einer von ihnen über eine Baumwurzel gestolpert ist und sich den Knöchel verstaucht hat. Wahrscheinlich humpeln sie gerade Richtung Pemberley oder zum King’s Arms. Wenn auch der Kutscher Schüsse gehört hat, sollten wir uns allerdings bewaffnen. Ich hole meine Pistole, und wir treffen uns an der Kutsche. Falls die Trage benötigt wird, braucht ihr einen zusätzlichen Mann, und da wir wahrscheinlich tief in den Wald hineinmüssen, wäre ein Pferd nur hinderlich. Ich nehme meinen Taschenkompass mit. Dumm genug, wenn sich zwei erwachsene Männer wie Kinder verlaufen – fünf wären nachgerade lächerlich.«

Er saß auf und trabte zu den Stallungen. Seine Abwesenheit hatte der Colonel nicht begründet, und Darcy hatte wegen der bestürzenden Ereignisse das Abends auch keinen Gedanken daran verschwendet. Jetzt sagte er sich, dass, wo immer Fitzwilliam gewesen sein mochte, seine Rückkehr ungelegen gekommen wäre, wenn das geplante Unternehmen dadurch Aufschub erlitten oder er Informationen oder Erklärungen gefordert hätte, die im Augenblick niemand geben konnte. Aber dass sie einen zusätzlichen Mann brauchen konnten, war richtig. Bingley würde dableiben und die Frauen beschützen, und darauf, dass Stoughton und Mrs. Reynolds alle Türen und Fenster gut verschließen und mit etwaigen neugierigen Dienstboten fertig würden, konnte er sich wie immer verlassen. Allerdings war jetzt Eile geboten. Nach kurzer Zeit kehrte sein Cousin aus dem Stall zurück und band mit Alvestons Hilfe die Trage an die Kutsche. Dann stiegen die drei Männer ein, und Pratt schwang sich in den Sattel des Führungspferds. In diesem Augenblick erschien Elizabeth und rannte zur Kutsche. »Wir haben Bidwell vergessen. Wenn im Wald Gefahren drohen, sollte er bei seiner Familie sein. Vielleicht ist er ja auch schon dort. Wissen Sie, ob er bereits nach Hause gegangen ist, Stoughton?«

»Nein, Madam, er putzt noch immer das Silber. Er soll erst am Sonntag nach Hause gehen. Ein paar von den Hausdienern arbeiten noch, Madam.«

Ehe Elizabeth etwas erwidern konnte, war der Colonel aus der Kutsche gesprungen und lief mit den Worten: »Ich hole ihn. Ich weiß, wo er ist – im Anrichteraum«, davon.

Elizabeth sah ihren Mann an und erkannte an seiner gerunzelten Stirn, dass auch er überrascht war. Seit seiner Rückkehr war der Colonel offensichtlich wild entschlossen, das Heft in die Hand zu nehmen. Andererseits konnte das nicht verwundern, sagte sie sich, denn er war es nun einmal gewohnt, in Krisenzeiten das Kommando zu führen.

Fitzwilliam kam schon nach kurzer Zeit zurück, allerdings ohne Bidwell. »Es war ihm so zuwider, die Arbeit halb getan liegenzulassen, dass ich ihn nicht drängen wollte. Stoughton hat bereits dafür gesorgt, dass er wie immer in der Nacht vor dem Ball hier schlafen kann. Er soll morgen den ganzen Tag arbeiten, seine Frau erwartet ihn erst am Sonntag zurück. Ich habe ihm gesagt, dass wir im Cottage nach dem Rechten sehen. Hoffentlich habe ich meine Befugnisse damit nicht überschritten.«

Da der Colonel keinerlei Befugnisse über die Dienstboten von Pemberley besaß, die er hätte überschreiten können, wusste Elizabeth nichts zu erwidern.

Endlich fuhren sie los. Die kleine Menschenschar an der Haustür – Elizabeth, Jane, Bingley, Stoughton und Mrs. Reynolds – sah ihnen nach. Keiner sprach ein Wort, und als Darcy wenig später einen Blick zurück warf, war Pemberleys Portal geschlossen, und das Haus stand wie von allen Menschen verlassen friedlich und schön im Mondlicht.

2

Auf dem Anwesen Pemberley gab es nicht ein verwahrlostes Fleckchen, doch der Wald im Nordwesten brauchte und erhielt im Gegensatz zum Park kaum Pflege. Hin und wieder fällte man einen Baum, um Holz für den Winter oder Bretter für Reparaturen an den Cottages zu gewinnen; Sträucher, die in den Weg hineinwuchsen, wurden zurückgeschnitten, abgestorbene Bäume geschlagen und die Stämme weggeschleift. Ein schmaler, stark zerfurchter Weg, auf dem die Karren mit den Lebensmitteln zum Dienstboteneingang fuhren, zog sich vom Torhaus zu dem großen, hinter dem Hauptgebäude gelegenen Hof, an dessen Rückseite sich die Stallungen befanden. Durch eine Tür im hinteren Teil des Hauses kam man in einen Gang und von dort in die Waffenkammer und in das Arbeitszimmer des Verwalters.

Die Kutsche mit den drei Insassen, der Trage sowie Wickhams und Captain Dennys Gepäck fuhr langsam dahin. Schweigend saßen die drei Männer da, und Darcy befiel eine unerklärliche Teilnahmslosigkeit. Plötzlich kam der Wagen mit einem Ruck zum Stehen. Darcy schnellte in die Höhe, streckte den Kopf aus dem Fenster und spürte stechenden Regen im Gesicht. Er glaubte einen großen, zerklüfteten, düster-unzugänglichen Fels über sich zu sehen, der zu schwanken und jeden Moment herabzufallen schien; erst als die Wirklichkeit wieder in sein Bewusstsein eindrang, weiteten sich die Risse im Fels zu Lücken zwischen dicht gepflanzten Bäumen. Pratt hatte die widerwilligen Pferde auf den Waldweg getrieben.

Langsam tauchten sie in das erdig duftende Halbdunkel ein. Bis jetzt waren sie unter dem schaurig leuchtenden Vollmond gefahren, der wie ein gespenstischer Reisegefährte vor ihnen geschwebt hatte, manchmal verschwunden und dann wieder aufgetaucht war. Nach einer kurzen Wegstrecke sagte Fitzwilliam zu Darcy: »Ab jetzt sind wir zu Fuß schneller. Wenn Pratt sich nicht mehr genau erinnern kann, müssen wir die Stellen, an denen Wickham und Denny den Wald betreten und möglicherweise wieder verlassen haben, sehr aufmerksam suchen. Außerhalb der Kutsche sehen und hören wir besser.«

Sie stiegen mit den Laternen aus, und wie Darcy es erwartet hatte, setzte sich der Colonel an die Spitze. Das weiche Falllaub dämpfte ihre Schritte so sehr, dass Darcy kaum mehr als das Knarzen der Kutsche, das heftige Schnauben der Pferde und das Klirren der Zügelleinen hörte. Mancherorts bildeten die Äste hoch oben ein dichtes Gewölbe, durch das Darcy dann und wann den Mond sah, und der Wind war in der abgeschiedenen Düsternis gerade noch als schwaches Rauschen der dünnen Zweige in der Höhe zu vernehmen, als wären sie auch jetzt noch Heimstatt zwitschernder Frühlingsvögel.

Wie immer, wenn er im Wald war, dachte Darcy an seinen Urgroßvater. Der Zauber dieses Orts musste für den längst verstorbenen George Darcy nicht zuletzt in dessen Vielfältigkeit gelegen haben, in den versteckten Pfaden und unerwarteten Ausblicken. Hier, in seiner abgeschiedenen, baumbewehrten Zuflucht, in der Vögel und kleines Getier ungehindert bis an sein Haus herankamen, konnte er sich eins mit der Natur fühlen, dieselbe Luft atmen und vom selben Geist durchdrungen sein. Wenn Darcy als Kind im Wald gespielt hatte, empfand er stets Mitleid für seinen Urgroßvater, und schon früh war ihm bewusst geworden, dass dieser selten erwähnte Darcy, der sich der Verantwortung für das Anwesen entzogen hatte, der Familie als Schande galt. Bevor er seinen Hund Soldier und sich selbst erschoss, hatte er einen kurzen Brief mit der Bitte geschrieben, gemeinsam mit dem Tier begraben zu werden. Doch die Familie hatte den unfrommen Wunsch nicht erfüllt, sondern George Darcy bei seinen Vorfahren in der abgetrennten Familiensektion des Dorffriedhofs bestattet, während Soldier im Wald ein eigenes Grab mit einem Stein aus Granit bekam, in den nur sein Name und das Todesdatum eingemeißelt waren. Schon als Kind hatte Darcy gewusst, dass sein Vater die Befürchtung hegte, es könnte eine erbliche Schwächlichkeit in der Familie geben, weshalb er den Sohn von Anfang an auf die große Verpflichtung vorbereitete, die dieser mit dem Erbe übernehmen würde, auf die Verantwortung, die kein ältester Sohn ablehnen durfte und die nicht nur dem Anwesen galt, sondern auch allen, die darauf dienten und davon abhingen.

Colonel Fitzwilliam ging, die Laterne von einer Seite zur anderen schwenkend, langsam voran. Hin und wieder blieb er stehen und suchte das dichte Blätterwerk nach Anzeichen dafür ab, dass sich jemand einen Weg hindurchgebahnt hatte. Darcy kam der ein wenig boshafte Gedanke, dass der Colonel ganz in seiner Rolle als der geborene Anführer aufging. Ihm, Darcy, war elend zumute, während er vor Alveston dahinstapfte, doch gelegentlich stieg mit der Wucht einer anbrandenden Welle die Wut in ihm hoch. Würde er George Wickham denn nie los sein? In diesem Wald hatten sie als Knaben miteinander gespielt, und jene Zeit hatte er lange als sorglos und glücklich in Erinnerung behalten. Aber war es je echte Freundschaft gewesen? Hatte der junge Wickham vielleicht schon damals Neid, Verachtung und Abneigung ihm gegenüber empfunden? Die wilden Kinderspiele und Raufereien, die manchmal mit Blutergüssen geendet hatten – war Wickham damals vielleicht absichtlich zu ungestüm gewesen? Jetzt fielen ihm wieder die spitzen, verletzenden Bemerkungen ein, an die er jahrelang nicht gedacht hatte. Wann hatte Wickham Rache geschworen? Zu wissen, dass seine, Darcys, Schwester der gesellschaftlichen Ächtung und Schande nur entgangen war, weil er über die Mittel verfügt hatte, um sich das Schweigen des Möchtegern-Verführers zu erkaufen, war so grauenhaft, dass er beinahe laut aufstöhnte. Er hatte versucht, die Demütigung mit Hilfe seines Eheglücks zu vergessen, doch jetzt war sie wieder da, stärker geworden in all den Jahren, in denen er sie zurückgedrängt hatte, eine unerträgliche Bürde aus Scham und Selbstekel, die ihn umso mehr verbitterte, als Wickham die Ehe mit Lydia Bennet nur aufgrund des von ihm stammenden Geldes hatte schließen können. Die großzügige Geste war seiner Liebe zu Elizabeth entsprungen, doch eben durch seine Heirat mit Elizabeth war Wickham zum Familienmitglied geworden und hatte das Recht erlangt, Darcy seinen Schwager zu nennen und sich selbst als Onkel von Fitzwilliam und Charles zu bezeichnen. Von Pemberley hatte er Wickham fernhalten können; aus seinen Gedanken jedoch ließ er sich nicht verbannen.

Nach fünf Minuten erreichten sie den Pfad, der von der Straße zum Waldcottage führte. Er war zwar schmal, aber nicht schwer zu finden. Bevor Darcy das Wort ergreifen konnte, eilte der Colonel, die Laterne in der Hand, auf das Cottage zu, reichte Darcy seine Schusswaffe und sagte: »Es ist besser, wenn du sie nimmst. Ich glaube nicht, dass Gefahr droht, und Mrs. Bidwell und ihre Tochter würden sich nur ängstigen. Ich sehe kurz nach ihnen und sage Mrs. Bidwell, sie soll die Tür verriegeln und niemanden ins Haus lassen. Und dass sich die beiden Gentlemen wahrscheinlich im Wald verirrt haben und wir sie suchen.«

Er ging und war sofort außer Sicht. Der dichte Wald dämpfte die sich entfernenden Schritte. Darcy und Alveston blieben schweigend zurück. Die Zeit schien sich zu dehnen. Als Darcy einen Blick auf die Uhr warf, sah er, dass der Colonel schon seit zwanzig Minuten weg war. In diesem Moment raschelte es, Zweige wurden beiseitegeschoben, und Fitzwilliam stand wieder vor ihnen.

Er nahm seine Pistole von Darcy entgegen und gab einen kurzen Bericht. »Alles in Ordnung. Mrs. Bidwell und ihre Tochter haben die Schüsse gehört, hatten aber den Eindruck, dass sie zwar in der Nähe, jedoch nicht unmittelbar vor dem Cottage gefallen sind. Sie haben sofort die Tür verriegelt und weiter nichts gehört. Die Tochter – heißt sie nicht Louisa? – war kurz davor, hysterisch zu werden, aber ihre Mutter konnte sie beruhigen. Sehr misslich, dass Bidwell gerade heute Nacht nicht zu Hause ist.« Er wandte sich an den Kutscher. »Halten Sie die Augen offen und bleiben Sie an der Stelle stehen, an der Captain Denny und Mr. Wickham ausgestiegen sind!«

Er nahm wieder seinen Platz an der Spitze der kleinen Prozession ein, und sie gingen langsam weiter. Darcy und Alveston hoben hin und wieder ihre Laternen hoch und suchten lauschend das Gestrüpp nach Auffälligkeiten ab. Als etwa fünf Minuten vergangen waren, blieb die Kutsche schwankend stehen.

»Hier müsste es gewesen sein, Sir«, sagte Pratt. »Ich erinnere mich an die Eiche dort links und an diese roten Beeren.«

Diesmal kam Darcy dem Colonel zuvor. »In welche Richtung ist Captain Denny gelaufen?«

»Nach links, Sir. Ich habe keinen Weg gesehen – er ist einfach in den Wald gestürmt, als wären da keine Sträucher.«

»Wie viel Zeit ist vergangen, bis Mr. Wickham ihm folgte?«

»Ein oder zwei Sekunden. Mrs. Wickham hat sich wie gesagt an ihn geklammert und versucht, ihn aufzuhalten, und ihm hinterhergeschrien. Aber als er dann nicht zurückkam und sie die Schüsse hörte, hat sie mir befohlen, loszufahren und sie so schnell wie möglich nach Pemberley zu bringen. Sie hat die ganze Fahrt über geschrien, man würde uns alle umbringen, Sir.«

»Sie bleiben hier bei der Kutsche!«, befahl Darcy. Dann sagte er zu Alveston: »Wir nehmen die Trage mit. Wenn sie sich wirklich nur verirrt haben und unversehrt durch die Gegend laufen, sind wir zwar blamiert, aber die Schüsse geben nun einmal Anlass zur Besorgnis.«

Alveston band die Trage los und zog sie von der Kutsche herunter. »Eine noch größere Blamage wäre es, wenn wir uns auch verlaufen würden. Aber Sie kennen sich ja gut aus im Wald, nicht wahr, Sir?«

»Gut genug, um wieder herauszufinden, denke ich«, erwiderte Darcy.

Es würde nicht leicht sein, die Trage durchs Unterholz zu manövrieren, doch nachdem sie sich kurz beraten hatten, schulterte Alveston das zusammengerollte Segeltuch, und sie machten sich auf den Weg.

Pratt hatte zwar Darcys Befehl, bei der Kutsche zu warten, wortlos entgegengenommen, zeigte sich aber nicht glücklich darüber, allein zurückzubleiben. Seine Angst übertrug sich auf die Pferde, die unruhig wiehernd aneinanderstießen. Darcy empfand es als die passende Untermalung eines Vorhabens, das er allmählich für unklug zu halten begann. Im Gänsemarsch bahnten sie sich unter der Führung des Colonels einen Weg durch das fast undurchdringliche Gestrüpp. Sie schwenkten die Laternen nach rechts und links und hielten an, wenn es ihnen schien, als wäre an der entsprechenden Stelle kurz zuvor jemand gewesen. Alveston konnte die langen Stangen der Trage nur mit Mühe unter den tiefhängenden Ästen hindurchbugsieren. Immer wieder blieben die Männer stehen, riefen, lauschten schweigend, doch es kam keine Antwort. Der Wind, der ohnehin kaum hörbar gewesen war, legte sich plötzlich, und in der Stille war ihnen, als hätte ihre ungewohnte Anwesenheit das geheime Leben des Waldes zum Schweigen gebracht.

Mehrere geknickte, herabhängende Strauchzweige und Vertiefungen im Weg, die man für Fußabdrücke halten konnte, gaben ihnen die Hoffnung, auf der richtigen Spur zu sein, doch fünf Minuten später lichteten sich Bäume und Gestrüpp, ihre Rufe blieben unerwidert, und sie machten halt, um über das weitere Vorgehen zu beratschlagen. Aus Furcht, sich zu verlieren, falls einer von ihnen vom Weg abkam, waren sie dicht beieinander geblieben und hatten sich westlich gehalten. Jetzt beschlossen sie, nach Osten zu schwenken und Richtung Pemberley zur Kutsche zurückzugehen. Drei Männer konnten unmöglich den ganzen riesigen Wald durchstreifen; sollte die Richtungsänderung nichts erbringen, wollten sie zum Haus zurückgehen und, falls Wickham und Denny auch nach Tagesanbruch nicht wieder aufgetaucht waren, mit Unterstützung von Landarbeitern und vielleicht auch der Polizei eine gründlichere Suche durchführen.

Sie trotteten weiter. Plötzlich wurde die Mauer aus Strauchwerk durchlässiger, und sie erblickten eine mondbeschienene, von schlanken Birken gesäumte Lichtung. Mit neuer Kraft stürmten sie darauf zu, brachen durchs Unterholz, froh, dem Gefängnis aus wirrem Gestrüpp und dicken, starren Baumstämmen in die Freiheit und Helligkeit zu entkommen. Dort gab es keine überhängenden Äste, und das Mondlicht, das die zarten Stämme silbrig glänzen ließ, verlieh dem Ort eine solche Schönheit, dass er mehr einem Trugbild als der Wirklichkeit glich.

Sie hatten die Lichtung erreicht. Langsam, fast ehrfürchtig traten sie zwischen zwei dünnen Stämmen hindurch und blieben, sprachlos vor Entsetzen und wie gelähmt, stehen. Ihnen bot sich ein Bild des Todes, dessen grelle Farben in starkem Kontrast zum gedämpften Licht standen. Keiner sprach ein Wort. Mit erhobenen Laternen gingen sie im Gleichschritt langsam darauf zu. Die starken Strahlen, viel heller als das sanfte Mondlicht, vertieften noch das kräftige Rot einer Offiziersjacke und den Ausdruck des Wahnsinns, der aus den auf sie gerichteten Augen in einem grässlich blutverschmierten Gesicht sprach.

Captain Denny lag auf dem Rücken. Sein rechtes Auge war blutverkrustet, das linke mit glasig-leerem Blick auf den fernen Mond geheftet. Wickham kniete neben der Leiche. Seine Hände waren rot gefärbt, sein Gesicht glich einer blutbespritzten Maske. Seine Stimme klang heiser und kehlig, doch seine Worte waren klar zu verstehen. »Er ist tot! O Gott, Denny ist tot! Er war mein Freund, mein einziger Freund, und ich habe ihn getötet! Ich habe ihn getötet – es ist meine Schuld!«

Noch ehe sie ihn ansprechen konnten, sackte er vornüber und begann so heftig zu schluchzen, dass er kaum Luft bekam. Schließlich fiel er auf Dennys Leiche, und die blutüberströmten Gesichter berührten einander fast.

Der Colonel beugte sich zu Wickham hinunter, richtete sich wieder auf und sagte: »Er ist betrunken.«

»Und Denny?«, fragte Darcy.

»Tot. Nein, fass ihn besser nicht an. Ich erkenne es, wenn einer tot ist. Wir legen die Leiche auf die Trage, ich helfe dir. Alveston, Sie dürften der Kräftigste von uns sein – können Sie Wickham zur Kutsche zurückführen?«

»Ich denke schon, Sir. Er ist ja nicht schwer.«

Schweigend hoben Darcy und der Colonel Dennys Leiche auf die Segeltuchtrage. Dann zogen der Colonel und Alveston Wickham hoch, dessen keuchend hervorgestoßener Atem die Luft auf der Lichtung mit Whiskygestank verpestete. Nachdem es Alveston gelungen war, sich Wickhams rechten Arm um die Schulter zu legen, vermochte er als der Größere von beiden, den trägen Körper zu stützen und ein paar Schritte mit sich zu zerren.

Der Colonel hatte sich noch einmal gebückt und etwas aufgehoben. Es war eine Pistole. Nachdem er an den Läufen gerochen hatte, sagte er: »Das ist wahrscheinlich die Waffe, aus der die Schüsse gefeuert wurden.« Darcy und er umfassten die Stangen der Trage, hoben sie mit einiger Anstrengung in die Höhe, und die traurige Prozession trat den beschwerlichen Rückweg zur Kutsche an. Die beiden Träger gingen voraus, der mit Wickham beladene Alveston folgte einige Schritte dahinter. Ihre eigenen Fußabdrücke waren so deutlich zu erkennen, dass es nicht schwerfiel, auf demselben Weg zurückzugehen, doch sie kamen nur langsam und mühsam voran. Darcy war trostlos zumute, während er hinter dem Colonel herging; so viele Sorgen und Ängste wirbelten ihm durch den Kopf, dass er keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Er hatte nie darüber nachgedacht, wie nahe sich Elizabeth und Wickham in den Zeiten ihrer Freundschaft in Longbourn gestanden hatten, doch jetzt überkamen ihn die Zweifel einer Eifersucht, die er selbst als unberechtigt und schändlich empfand. Einen schrecklichen Augenblick lang wünschte er, es wäre Wickhams Leiche, deren Gewicht an seinen Schultern zerrte; gleich darauf entsetzte ihn die Erkenntnis, dass er, und sei es nur eine Sekunde lang, seinem Feind den Tod gewünscht hatte.

Pratt war sichtlich erleichtert, als sie bei ihm anlangten, begann jedoch beim Anblick der Trage vor Angst zu zittern. Erst nachdem der Colonel ihm den scharfen Befehl dazu erteilt hatte, begann er die Pferde zu beruhigen, die wegen des Blutgeruchs außer Rand und Band geraten waren. Darcy und der Colonel setzten die Trage ab, und Darcy bedeckte die Leiche mit einer Decke aus der Kutsche. Wickham hatte auf dem Weg durch den Wald geschwiegen, wurde jetzt aber streitlustig, so dass alle froh waren, als es Alveston mit Hilfe des Colonels gelang, ihn in die Kutsche zu verfrachten und sich neben ihn zu setzen. Wieder ergriffen Darcy und der Colonel die Stangen der Trage und hoben ihre Last mit schmerzenden Schultern hoch. Pratt hatte die Pferde endlich gebändigt. Schweigend und müde an Leib und Seele machten sich die beiden Männer im Gefolge der Kutsche auf den langen, mühsamen Weg zurück nach Pemberley.

3

Als sich Lydia ein wenig beruhigt und nach einigem Zureden schlafen gelegt hatte, ließ Jane sie in Beltons Obhut und ging zu Elizabeth hinunter. Die beiden Schwestern eilten zur Haustür, wo schon Bingley, Mrs. Reynolds und Stoughton standen, um die Abfahrt des Rettungstrupps zu beobachten. Zu fünft starrten sie so lange in die Dunkelheit hinaus, bis von der Kutsche nur mehr zwei in der Ferne schwankende Lichter zu sehen waren. Dann drehte sich Stoughton um, schloss die Tür und schob die Riegel vor.

»Ich bleibe bei Mrs. Wickham, bis Dr. McFee kommt, Madam«, sagte Mrs. Reynolds zu Elizabeth. »Er wird ihr sicherlich etwas Beruhigendes geben, damit sie schlafen kann. Ich schlage vor, dass Sie und Mrs. Bingley im Musikzimmer warten; dort haben Sie es bequem, und im Kamin brennt ein Feuer. Stoughton hält an der Tür Wache und gibt Ihnen und Mrs. Bingley Bescheid, sobald er die Kutsche kommen sieht. Falls man Mr. Wickham und Captain Denny unterwegs auffindet, ist in der Kutsche genug Platz für alle, auch wenn es dann vielleicht etwas unkomfortabel wird. Die Gentlemen werden ein warmes Essen brauchen, wenn sie zurück sind, aber dass Mr. Wickham und Captain Denny hier bleiben und etwas zu sich nehmen wollen, wage ich zu bezweifeln, Madam. Sobald er seine Frau in Sicherheit weiß, werden er und sein Freund die Reise sicherlich fortsetzen wollen. Pratt hat ja gesagt, dass sie auf dem Weg zum King’s Arms in Lambton waren.«

Genau das hatte Elizabeth hören wollen, und sie fragte sich, ob Mrs. Reynolds es ihr absichtlich beteuerte. Die Vorstellung, Wickham oder Captain Denny könnte sich auf dem beschwerlichen Gang durch den Wald ein Bein gebrochen oder den Knöchel verstaucht haben und man müsste sie – vielleicht sogar über Nacht – aufnehmen, empfand sie als zutiefst beunruhigend. Ihr Mann würde niemals einem Verletzten die Gastfreundschaft verweigern, doch Wickham unter dem eigenen Dach zu haben, wäre auch ihm zuwider und konnte Folgen haben, über die sie gar nicht nachdenken wollte.

»Ich sehe nach, ob sich alle Dienstboten, die an den Vorbereitungen für den Ball beteiligt sind, inzwischen schlafen gelegt haben, Madam«, sagte Mrs. Reynolds. »Belton bleibt gern wach für den Fall, dass sie gebraucht wird, und Bidwell arbeitet zwar noch, aber er ist absolut verschwiegen. Vor morgen früh brauchen wir niemandem von den Ereignissen dieser Nacht zu erzählen, und auch dann nur das Nötigste.«

Sie machten sich gerade auf den Weg nach oben, als Stoughton verkündete, die nach Dr. McFee ausgeschickte Kutsche sei zurückgekehrt. Elizabeth blieb stehen, um den Arzt zu begrüßen und ihm kurz zu berichten, was passiert war. Dr. McFee wurde bei jedem seiner Besuche herzlich willkommen geheißen. Der Witwer mittleren Alters, dessen Frau jung gestorben war und ihm ein beträchtliches Vermögen hinterlassen hatte, konnte es sich zwar durchaus leisten, in seiner Kutsche herumzufahren, absolvierte die Hausbesuche jedoch lieber zu Pferd, den Arztkoffer an den Sattel geschnallt. Auf den Straßen und Gassen Lambtons und Pemberleys war er ein vertrauter Anblick. Das jahrelange Reiten bei jeder Witterung hatte seine Haut gegerbt; als gutaussehend galt er nicht, aber sein Gesicht war offen und klug und vereinte Autorität und Güte so vollkommen, dass er für den Beruf des Landarztes wie geschaffen schien. Seine medizinische Philosophie beruhte auf der Überzeugung, der menschliche Körper heile sich von Natur aus selbst, solange Arzt und Patient es unterließen, sich gegen seine wohltuenden Kräfte zu verschwören; da er aber wusste, dass die menschliche Natur nach Tabletten und Säften verlangte, setzte er auf solche, die er selbst herstellte und an die seine Patienten bedingungslos glaubten. Früh hatte er gelernt, dass die Angehörigen eines Patienten weniger Mühe machten, wenn man sie für die Belange ihres Verwandten einspannte, weshalb er sich Gebräue ausgedacht hatte, deren Wirksamkeit in direktem Verhältnis zu der Zeit stand, die man für ihre Herstellung benötigte. Seine Patientin war ihm bereits bestens bekannt, da Mrs. Bingley ihn immer sofort gerufen hatte, sobald ihr Mann, ein Kind, ein Gast oder ein Dienstbote auch nur das kleinste Anzeichen von Unwohlsein zeigte – ja, er war zum Freund der Familie geworden. Alle waren erleichtert, als er zu Lydia hinaufgeführt wurde, die ihn mit erneut hervorbrechenden Schuldzuweisungen und Verzweiflungsschreien begrüßte, sich aber beruhigte, als er auf ihr Bett zuschritt.

Elizabeth und Jane konnten nun ihre Nachtwache im Musikzimmer antreten, dessen Fenster einen guten Ausblick auf die zum Wald führende Straße boten. Zunächst versuchten sie sich auf dem Sofa zu entspannen, hielten es dort aber bald nicht mehr aus und traten immer wieder ans Fenster oder gingen rastlos im Zimmer umher. Elizabeth wusste, dass ihre Schwester insgeheim dieselben Berechnungen anstellte wie sie, und Jane fasste diese Gedanken schließlich in Worte.

»Liebe Elizabeth, sie werden so schnell nicht zurückkommen. Sagen wir, es dauert eine Viertelstunde, bis Pratt die Bäume wiedererkannt hat, zwischen denen hindurch Captain Denny und Mr. Wickham im Wald verschwunden sind. Wenn sich die beiden Herren tatsächlich verirrt haben, müssen sie mindestens fünfzehn Minuten nach ihnen suchen. Und für den Weg zurück zur Kutsche und für die Rückfahrt brauchen sie auch einige Zeit. Obendrein muss einer von ihnen zum Waldcottage gehen und nachsehen, ob Mrs. Bidwell und Louisa in Sicherheit sind. Es kann so viel dazwischenkommen. Wir müssen Geduld haben. Ich rechne nicht damit, dass wir die Kutsche vor Ablauf einer Stunde wiedersehen. Außerdem könnte es sein, dass Mr. Wickham und Captain Denny sich schließlich doch zur Straße durchgeschlagen und beschlossen haben, den Weg zum Gasthof zu Fuß zurückzulegen.«

»Das glaube ich kaum«, entgegnete Elizabeth. »Es ist ein weiter Weg, und zu Pratt sagten sie, sie würden Lydia nach Pemberley bringen und dann zum King’s Arms in Lambton weiterfahren. Außerdem benötigen sie ihr Gepäck. Und Wickham würde sich bestimmt gern vergewissern, ob Lydia heil hier angekommen ist. Doch das alles werden wir erst erfahren, wenn die Kutsche zurückkehrt. Es besteht durchaus Hoffnung, dass man die beiden auf der Straße gefunden hat und wir die Kutsche bald sehen. Aber bis es so weit ist, sollten wir uns ausruhen.«

Doch sie fanden keine Ruhe, sondern traten immer wieder ans Fenster. Und als nach einer halben Stunde die Hoffnung auf eine rasche Rückkehr des Rettungstrupps geschwunden war, blieben sie schweigend und von Ängsten gequält stehen. In Anbetracht der Schüsse bestand ihre größte Befürchtung darin, die Kutsche langsam wie einen Leichenwagen heranrollen zu sehen und dahinter zu Fuß Darcy und den Colonel mit der beladenen Trage. Wenn Wickham oder Denny darauf lag, dann im besten Falls nur leicht verletzt, aber in der rumpelnden Kutsche nicht transportierbar. Energisch versuchten sie, das Bild eines verhüllten Leichnams von sich zu schieben und nicht daran zu denken, wie grauenhaft es wäre, der völlig aufgelösten Lydia beibringen zu müssen, dass sich ihre schlimmsten Befürchtungen erfüllt hätten und ihr Ehemann tot sei.

Eine Stunde und zwanzig Minuten hatten sie stehend gewartet und sich gerade erschöpft vom Fenster abgewandt, als Bingley mit Dr. McFee eintrat.

»Mrs. Wickham war aufgrund ihrer Angst und des ausgiebigen Weinens entkräftet. Ich habe ihr ein Beruhigungsmittel verabreicht. Sie wird bald tief schlafen, und zwar mehrere Stunden lang, wie ich hoffe. Das Hausmädchen Belton und Mrs. Reynolds sind bei ihr. Ich mache es mir in der Bibliothek bequem und überprüfe Mrs. Wickhams Zustand später noch einmal. Hilfe brauche ich nicht – ich komme allein zurecht.«

Elizabeth dankte ihm herzlich und bestätigte, dass seine Vorschläge ihren Wünschen entsprachen. Als der Arzt in Begleitung von Jane hinausgegangen war, traten Bingley und Elizabeth wieder ans Fenster.

»Wir dürfen die Hoffnung, dass alles gut ist, nicht aufgeben«, sagte Bingley. »Vielleicht hat ein Wilddieb, der hinter Kaninchen her war, die Schüsse abgefeuert oder Denny hat einen Warnschuss abgegeben, weil er jemanden im Wald herumschleichen sah. Wir dürfen uns jetzt nicht in Hirngespinsten verlieren. Was sollte einen Menschen, der böse Absichten gegen Wickham oder Denny hegt, in den Wald gelockt haben?«

Elizabeth schwieg. Selbst die vertraute, sosehr geliebte Landschaft erschien ihr jetzt fremd; wie geschmolzenes Silber wand sich der Fluss unter dem Mond, bis ein plötzlicher Windstoß das Wasser erzittern ließ. Die Straße durchschnitt eine scheinbar endlose Leere in einer geisterhafen, unheimlichen Szenerie, in der kein Menschenwesen leben und sich regen konnte.

Genau in dem Moment, als Jane zurückkehrte, tauchte endlich, zuerst nur als bewegter, vom schwachen Flackern der fernen Lichter umgrenzter Umriss, die Kutsche auf. Sie widerstanden der Versuchung, zur Tür zu laufen, und blieben angespannt wartend stehen.

Es gelang Elizabeth nicht, die Verzweiflung in ihrer Stimme zu unterdrücken. »Sie kommen nur langsam voran. Wenn alles gut wäre, würden sie schneller fahren.«

Es hielt sie nicht länger am Fenster. Kaum hatte sie den Gedanken ausgesprochen, rannte sie los. Jane und Bingley liefen mit ihr die Treppe hinunter. Stoughton hatte die Kutsche offenbar durch das Fenster im Erdgeschoss gesehen, denn die Eingangstür stand bereits offen. »Wäre es nicht klüger, ins Musikzimmer zu gehen, Madam?«, fragte er. »Mr. Darcy wird Ihnen gleich nach seinem Eintreffen alles berichten. Es ist zu kalt, um hier draußen zu stehen, und keiner von uns kann etwas tun, bevor die Kutsche da ist.«

»Mrs. Bingley und ich möchten aber an der Tür warten, Stoughton«, erklärte Elizabeth.

»Wie Sie wünschen, Madam.«

Elizabeth, Jane und Bingley traten in die Nacht hinaus und blieben vor dem Portal stehen. Keiner sagte etwas, bis die Kusche nur mehr wenige Schritte entfernt war und sie sahen, was sie befürchtet hatten – eine verhüllte Gestalt auf der Trage. Ein heftiger Windstoß wirbelte Elizabeths Haar auf. Ihre Beine gaben nach, doch sie konnte sich an Bingley festhalten, der ihr stützend den Arm um die Schulter legte. In diesem Moment wurde ein Zipfel der Decke vom Wind hochgerissen und gab den Blick auf eine rote Offiziersjacke frei.

Colonel Fitzwilliam sagte zu Bingley: »Du kannst Mrs. Wickham melden, dass ihr Mann am Leben ist. Am Leben, aber kein Anblick. Captain Denny ist tot.«

»Erschossen?«, fragte Bingley.

Die Antwort erhielt er von Darcy. »Nein, nicht erschossen.« Darcy wandte sich an Stoughton. »Holen Sie die Schlüssel zur Waffenkammer und aller Schränke darin. Colonel Fitzwilliam und ich tragen die Leiche über den nördlichen Hof und legen sie auf den Tisch in der Waffenkammer.« Zu Bingley sagte er: »Du bringst Elizabeth und Mrs. Bingley bitte ins Haus. Es gibt hier nichts zu tun für sie, und wir müssen Wickham aus der Kutsche holen. Es würde die Damen nur verstören, wenn sie ihn in seinem derzeitigen Zustand sähen. Er muss so schnell wie möglich ins Bett.«

Elizabeth fragte sich, warum der Colonel und ihr Mann offenbar nicht bereit waren, die Trage abzusetzen. Wie angewurzelt blieben sie stehen, bis Stoughton wenig später zurückkehrte und ihnen die Schlüssel übergab. Dann durchschritten sie fast feierlich den Hof und verschwanden hinter dem Haus, wo sich die Waffenkammer befand. Stoughton war ihnen vorausgegangen wie ein bestellter Totenkläger.

Die Kutsche geriet nun in heftige Bewegung, und zwischen den Windböen hörte Elizabeth Wickhams wüstes, unzusammenhängendes Gebrüll, die Flüche, die er seinen Rettern, sie der Feigheit zeihend, entgegenschleuderte. Warum hatten sie den Mörder nicht ergriffen? Sie hatten doch eine Waffe dabeigehabt und damit umzugehen gewusst! Er selbst hatte es ja mit ein, zwei Schüssen versucht und wäre jetzt dort, wenn sie ihn nicht verschleppt hätten. Es folgte ein wahrer Schwall von Flüchen, deren schlimmste der Wind davontrug. Dann brach Wickham in Tränen aus.

Elizabeth und Jane gingen hinein. Wickham hatte sich mittlerweile auf den Boden fallen lassen, und mit vereinten Kräften gelang es Bingley und Alveston, ihm aufzuhelfen und ihn in die Eingangshalle zu schleifen. Elizabeth warf einen einzigen kurzen Blick auf das verzerrte, blutbesudelte Gesicht; dann zog sie sich zurück, während Wickham aus Alvestons Griff zu entkommen versuchte.

»Wir benötigen ein Zimmer mit einer dicken Tür, die sich abschließen lässt. Welches sollen wir nehmen?«

Mrs. Reynolds, die inzwischen zurückgekommen war, blickte Elizabeth an. »Das Blaue Zimmer am Ende des Nordkorridors dürfte am sichersten sein, Madam. Es hat nur zwei kleine Fenster und ist am weitesten vom Kinderzimmer entfernt.«

Bingley versuchte noch immer, Wickham gemeinsam mit Alveston in Schach zu halten. »Dr. McFee ist in der Bibliothek«, rief er Mrs. Reynolds zu. »Sagen Sie ihm, dass wir ihn jetzt brauchen. So wie sich Mr. Wickham im Augenblick benimmt, werden wir nicht mit ihm fertig. Der Doktor soll ins Blaue Zimmer kommen!«

Die beiden Männer packten Wickham an den Armen und begannen ihn die Treppe hinaufzuziehen. Er war ruhiger geworden, schluchzte aber noch immer; oben angelangt, riss er sich los, starrte wütend auf Darcy hinunter und schleuderte ihm seine letzten Verwünschungen entgegen.

»Ich gehe besser wieder zu Lydia«, sagte Jane zu Elizabeth. »Belton ist schon sehr lange bei ihr, vielleicht muss sie abgelöst werden. Ich hoffe natürlich, dass Lydia tief und fest schläft, aber sobald sie erwacht, müssen wir ihr sagen, dass ihr Mann lebt. Wenigstens dafür dürfen wir dankbar sein. Arme Lizzy, wie gern hätte ich dir das alles erspart!«

Die Schwestern umarmten einander kurz, dann ging Jane. In der Eingangshalle war es jetzt still. Elizabeth fröstelte. Plötzlich befiel sie eine leichte Schwäche, und sie setzte sich auf den nächstbesten Stuhl. Sie fühlte sich leer und sehnte sich nach Darcy, der kurz darauf von der Waffenkammer her durch den hinteren Teil des Hauses auf sie zukam, ihr aufhalf und sie zärtlich an sich zog.

»Komm, meine Liebe, komm weg von hier, damit ich dir erzählen kann, was passiert ist. Hast du Wickham gesehen?«

»Ja, als sie ihn hereingeschleppt haben. Ein grauenvoller Anblick. Nur gut, dass Lydia das nicht miterlebt hat.«

»Wie geht es ihr?«

»Sie schläft hoffentlich. Dr. McFee hat ihr etwas zur Beruhigung gegeben. Und jetzt hilft er Mrs. Reynolds, Wickham zu beruhigen. Mr. Alveston und Charles bringen Wickham ins Blaue Zimmer am Ende des Nordkorridors. Es schien uns am besten geeignet.«

»Und Jane?«

»Sie ist bei Lydia und Belton. Sie übernachtet in Lydias Zimmer und Bingley im Ankleidezimmer daneben. Lydia wollte nicht, dass ich bei ihr bleibe. Es musste unbedingt Jane sein.«

»Dann gehen wir ins Musikzimmer. Ich möchte ein bisschen mit dir allein sein. Wir haben uns heute kaum gesehen. Ich erzähle dir alles, was ich weiß, aber es ist keine schöne Geschichte. Und dann muss ich noch heute Nacht Sir Selwyn Hardcastle von Captain Dennys Tod unterrichten. Er ist der Friedensrichter am nächstgelegenen Ort. Ich will mit der Sache nichts zu tun haben. Ab jetzt ist Hardcastle verantwortlich.«

»Kann das nicht warten, Fitzwilliam? Du bist bestimmt sehr erschöpft. Und wenn Sir Selwyn noch in dieser Nacht mit der Polizei kommt, wird es nach Mitternacht sein. Vor morgen früh kann er doch ohnehin nichts ausrichten.«

»Sir Selwyn muss sofort verständigt werden. Das erwartet er, und zu Recht. Er wird Dennys Leiche fortschaffen und wahrscheinlich mit Wickham sprechen wollen, falls der nüchtern genug für ein Verhör ist. Und Captain Dennys Leiche muss so bald wie möglich abtransportiert werden, meine Liebe. Ich möchte nicht hartherzig oder pietätlos erscheinen, aber es wäre von großem Vorteil, sie nicht mehr hier zu haben, wenn das Personal aufwacht. Wir werden den Leuten zwar sagen müssen, was geschehen ist, aber uns allen und insbesondere den Dienstboten wird es leichter ums Herz sein, wenn die Leiche dann nicht mehr hier ist.«

»Du solltest zumindest etwas essen und trinken, bevor du dich auf den Weg machst. Das Dinner liegt Stunden zurück.«

»Ich bleibe noch fünf Minuten, trinke eine Tasse Kaffee und setze Bingley ins Bild. Dann muss ich aufbrechen.«

»Und Captain Denny – was ist mit ihm geschehen? Ich halte diese Ungewissheit nicht mehr aus. Charles hat von einem Unfall gesprochen. War es ein Unfall?«

Darcy erwiderte sanft: »Meine Liebe, wir müssen warten, bis die Ärzte die Leiche untersucht haben und uns mitteilen, auf welche Weise Captain Denny zu Tode kam. Alles andere wäre reine Spekulation.«

»Es könnte also ein Unfall gewesen sein?«

»Das ist eine tröstliche Hoffnung, aber ich glaube, was ich glaubte, als ich die Leiche zum ersten Mal sah – dass Captain Denny ermordet wurde.«

4

Fünf Minuten später wartete Elizabeth mit Darcy an der Eingangstür darauf, dass das Pferd aus dem Stall gebracht wurde, und ging erst wieder hinein, als es in Galopp gefallen und mit der mondhellen Dunkelheit verschmolzen war. Es würde ein beschwerlicher Ritt werden, denn dem Wind, der seine größte Heftigkeit verloren hatte, war peitschender Regen gefolgt. Aber es musste nun einmal sein. Darcy war einer der drei Friedensrichter von Pemberley und Lambton, durfte sich aber nicht an den Ermittlungen beteiligen und hatte die Pflicht, unverzüglich einen seiner Kollegen von Dennys Tod zu benachrichtigen. Elizabeth hoffte ebenfalls, dass die Leiche noch vor Tagesanbruch, wenn Darcy und sie der erwachten Dienerschaft von dem Vorfall erzählen mussten, aus Pemberley fortgeschafft sein würde. Auch Mrs. Wickhams Anwesenheit bedurfte einer Erklärung, und Lydia selbst würde wohl kaum Diskretion walten lassen. Darcy war ein guter Reiter, den auch ein nächtlicher Ritt bei schlechtem Wetter nicht schrecken konnte, doch schon während sie noch mit zusammengekniffenen Augen den letzten aufzuckenden Schatten des galoppierenden Pferds auszumachen versuchte, kämpfte sie gegen die unsinnige Angst an, dass vor seiner Ankunft bei Hardcastle etwas Schreckliches passieren könnte und sie ihn niemals wiedersähe.

Darcy empfand den Ritt in die Nacht als ein Entkommen in eine befristete Freiheit. Obwohl seine Schultern noch vom Gewicht der Trage schmerzten und er an Geist und Körper erschöpft war, erlebte er den frischen Wind und den kalten Regen im Gesicht als wohltuend. Sir Selwyn Hardcastle war zwar der einzige Friedensrichter, den man immer in seinem acht Meilen von Pemberley entfernt gelegenen Haus antraf, auch der einzige, der den Fall übernehmen konnte und dies obendrein gern tun würde, aber nicht der Kollege, den Darcy sich ausgesucht hätte. Doch Josiah Clitheroe, den dritten zuständigen Friedensrichter, hatte die Gicht außer Gefecht gesetzt, ein Leiden, das nicht nur schmerzhaft, sondern auch unverdient war, da der Doktor zwar durchaus eine Schwäche für gutes Essen hatte, doch niemals Portwein trank, der als Hauptursache der lähmenden Krankheit galt. Dr. Clitheroe war ein hervorragender Jurist, dessen Ruf weit über die Grenzen seiner Heimat Derbyshire hinausreichte. Deshalb wurde er auch als eine Bereicherung des Gerichts angesehen, obwohl man seine Weitschweifigkeit fürchtete, die seiner Überzeugung entstammte, die Stichhaltigkeit eines Urteils stehe in direktem Verhältnis zur Länge der Zeit, die man benötigte, um es zu fällen. Jedes Detail eines Falls, mit dem er befasst war, wurde eingehend untersucht, frühere Fälle wurden herangezogen und debattiert und die einschlägigen Gesetze vorgetragen. Und wenn die Aussprüche eines Philosophen der Antike – vorzugsweise Sokrates und Platon – der Verhandlung Gewicht zu verleihen versprachen, wurden sie prompt zitiert. Doch trotz der umständlichen Vorgangsweise fielen seine Entscheidungen immer einleuchtend aus, und nur wenige Angeklagte wären sich nicht aufs Ungerechteste benachteiligt vorgekommen, wenn Dr. Clitheroe ihnen die Ehre eines mindestens einstündigen unverständlichen Vortrags verweigert hätte.

Dr. Clitheroes Erkrankung kam Darcy nun besonders ungelegen. Sir Selwyn Hardcastle und er respektierten einander zwar als Friedensrichter, standen sich aber als Kollegen nicht eben nahe, und die Feindschaft zwischen den beiden Familien hatte erst ein Ende gefunden, als Pemberley auf Darcys Vater überging. Die Zwistigkeit reichte bis in die Zeit von Darcys Großvater zurück, als Patrick Reilly, ein junger Dienstbote in Pemberley, beschuldigt worden war, ein Reh aus dem Wildpark des damaligen Sir Selwyn gestohlen zu haben, und schließlich gehängt wurde.

Die Dorfbewohner von Pemberley zeigten sich empört über die Hinrichtung und hießen es gut, dass Mr. Darcy das Leben des Burschen hatte retten wollen. So waren sie in ihre öffentlich festgeschriebenen Rollen gezwungen worden – hier der mitfühlende Friedensrichter, dort der strenge Gesetzeshüter, wobei der Unterschied zwischen beiden noch durch Hardcastles scheinbar treffenden Nachnamen – Hartschloss – verstärkt wurde. Die Dienerschaft folgte dem Beispiel ihres jeweiligen Herrn, so dass sich der Groll und die Feindseligkeit zwischen den beiden Häusern gewissermaßen vom Vater auf den Sohn übertrugen. Erst Darcys Vater versuchte, nachdem er die Nachfolge angetreten hatte, den Streit beizulegen, wenn auch erst auf dem Sterbebett. Er beschwor seinen Sohn, alles zu tun, damit der Friede wiederhergestellt würde, da eine Fortsetzung der bestehenden Feindschaft weder dem Recht noch den guten Beziehungen zwischen den beiden Familien diene. Darcy, gehemmt durch seine zurückhaltende Art und die Überzeugung, dass die öffentliche Erörterung eines Streits dessen Existenz nur bestätigte, wählte einen raffinierteren Weg und ließ Hardcastle Einladungen zur Jagd und gelegentlich auch zu einem Familiendinner zukommen, die dieser tatsächlich annahm. Vielleicht war auch ihm zunehmend bewusst geworden, wie gefährlich sich die anhaltende Feindschaft auswirken konnte. So war es zwar zu einer Annäherung, nicht aber zu Vertrautheit gekommen. Darcy würde im Zusammenhang mit dem gegenwärtigen Problem in Hardcastle einen gewissenhaften und ehrlichen Friedensrichter finden, nicht aber einen Freund.

Das Pferd schien sich ebenso sehr über die frische Luft und die Bewegung zu freuen wie sein Reiter, und nach einer halben Stunde stieg Darcy vor Hardcastle House ab. Sir Selwyns Vorfahr hatte sein Baronat unter der Herrschaft Königin Elizabeths erhalten, und zu jener Zeit war auch das Haus errichtet worden, ein großes, weitläufiges, labyrinthartiges Gebäude mit sieben hohen Tudor-Kaminen, die einem Wahrzeichen gleich über die hohen Ulmen hinausragten, von denen das Haus wie mit einem Schutzwall umgeben war. Im Inneren drang nur wenig Licht durch die kleinen Fenster in die niedrigen Räume. Der Vater des gegenwärtigen Baronets hatte unter dem Eindruck der Bautätigkeit seiner Nachbarn einen eleganten, allerdings nicht zum Haupthaus passenden Seitenflügel errichten lassen, der inzwischen nur mehr selten zu anderen Zwecken als der Unterbringung von Personal genutzt wurde. Sir Selwyn zog das elisabethanische Gebäude vor, obwohl es unkomfortabel war.

Als Darcy an der Klingelkette zog, ertönte ein schrilles Geräusch, dessen Lautstärke wohl das ganze Haus weckte. Sekunden später wurde die Tür von Buckle geöffnet, Sir Selwyns altem Butler, der offenbar genau wie sein Herr gänzlich ohne Schlaf auskam, denn er war dafür bekannt, zu jeder Tages- und Nachtzeit im Dienst zu sein. Sir Selwyn und Buckle waren unzertrennlich. Die Stelle des Butlers galt bei den Hardcastles als erblich, da schon Buckles Vater und Großvater sie innegehabt hatten. Die Angehörigen dieser Familie wiesen über die Generationen hinweg eine bemerkenswerte Ähnlichkeit miteinander auf – alle Buckles waren gedrungen, grobschlächtig, hatten lange Arme und das Gesicht einer gutmütigen Bulldogge. Buckle nahm Darcy den Hut und die Reitjacke ab und bat, obwohl er den Besucher gut kannte, um seinen Namen. Dann forderte er ihn wie immer auf zu warten, damit er ihn seinem Herrn melden könne. Es schien ewig zu dauern, doch schließlich näherten sich die schweren Schritte wieder, und der Butler verkündete: »Sir Selwyn ist im Rauchsalon, Sir. Wenn Sie mir folgen wollen …«

Sie durchquerten die große Eingangshalle mit dem hohen Kuppeldach, dem durch zahlreiche Sprossen unterteilten Fenster, der beeindruckenden Rüstungssammlung und dem an der Wand hängenden alten, schon leicht modrigen Hirschkopf. Die Halle beherbergte auch die Familienporträts, deren erstaunlicher Anzahl und Größe wegen sich die Hardcastles im Laufe der Zeit einiges Ansehen bei den benachbarten Familien erworben hatten – ein Ansehen, das eher auf Quantität denn Qualität beruhte. Jeder Baronet hatte mindestens eine maßgebliche Behauptung oder Auffassung hinterlassen, mit der er seine Nachfahren belehrte respektive belästigte, darunter die erstmals von einem Sir Selwyn aus dem 17. Jahrhundert stammende Überzeugung, dass es reine Geldverschwendung sei, teure Maler mit dem Porträtieren weiblicher Familienmitglieder zu beauftragen. Um die Ansprüche der Ehemänner und die Eitelkeit ihrer Frauen zu befriedigen, reiche es völlig aus, wenn der Maler ein gewöhnliches Gesicht hübsch und ein hübsches Gesicht schön darstelle und mehr Zeit und Farbe auf die Kleidung der Porträtierten als auf ihre Züge verwende. Da alle männlichen Hardcastles eine Schwäche für denselben Typus weiblicher Schönheit gehabt hatten, beschien der dreiarmige Leuchter, den Buckle nun in die Höhe hielt, der Reihe nach die immer gleich aussehende schlecht gemalte Schnute unter böse dreinschauenden Froschaugen, während Satin und Spitze auf Samt folgten, die Seide den Satin ersetzte und schließlich dem Musselin wich. Die Männer schnitten besser ab und blickten mit ihrer von einer Generation an die nächste vererbten Hakennase, den buschigen, im Vergleich zum Haupthaar viel dunkleren Brauen und dem breiten Mund mit den fast blutleeren Lippen selbstbewusst auf Darcy hinunter. Hier, so konnte man glauben, sah man den gegenwärtigen Sir Selwyn, von ausgezeichneten Malern durch die Jahrhunderte hindurch verewigt, in all seinen Rollen: als verantwortungsbewussten Herrn und Landbesitzer, als Familienvater, Wohltäter der Armen, in prachtvoller Uniform mit Amtsschärpe als Captain der Freiwilligenarmee von Derbyshire und zuletzt als Friedensrichter, streng und hart, aber gerecht. Nur die wenigsten Besucher von Sir Selwyn, ausnahmslos schlichte Gemüter, zeigten sich nicht tief beeindruckt und angemessen eingeschüchtert, wenn sie die Gegenwart erreicht hatten.

Darcy folgte Buckle in einen schmalen Gang, der zum rückwärtigen Teil des Hauses führte; an dessen Ende öffnete der Butler ohne anzuklopfen eine schwere Eichentür und verkündete mit überlauter Stimme: »Mr. Darcy von Pemberley möchte Sie sprechen, Sir Selwyn.«

Selwyn Hardcastle erhob sich nicht. Er saß in einem Armsessel neben dem Kamin und trug seine Raucherkappe. Die Perücke hatte er auf einem runden Tisch neben sich abgelegt; auch eine Flasche Portwein und ein halb gefülltes Glas standen dort. Er las in einem dicken Buch, das in seinem Schoß lag und das er nun mit sichtlichem Bedauern zuschlug, nicht ohne vorher sorgsam ein Lesezeichen eingelegt zu haben. Die Szene glich so sehr einer lebenden Kopie seines Porträts als Friedensrichter, dass Darcy beinahe glaubte, den Maler nach beendeter Sitzung taktvoll zur Tür hinaushuschen zu sehen. Das Feuer war offensichtlich kurz zuvor versorgt worden und brannte lodernd. Darcy musste gegen das Knacken der Scheite und das Knistern der Flammen ansprechen, als er sich für seinen Besuch zu so später Stunde entschuldigte.

»Keine Ursache«, erwiderte Sir Selwyn. »Ich beende meine tägliche Lektüre selten vor ein Uhr nachts. Sie wirken verstört – es handelt sich wohl um einen Notfall. Welches Problem gibt es denn diesmal in der Gemeinde – Wilderei, Aufwiegelung, Revolte? Ist der kleine Korse endlich gelandet, oder wurde Mrs. Phillimores Hühnerstall schon wieder geplündert? Nehmen Sie doch bitte Platz! Der Stuhl mit der geschnitzten Lehne ist angeblich der bequemste und müsste Ihr Gewicht aushalten.«

Da Darcy fast immer auf diesem Stuhl saß, war auch er in dieser Hinsicht zuversichtlich. Er ließ sich darauf nieder und erzählte in knappen Worten die ganze Geschichte, ohne die drastischen Tatsachen zu kommentieren. Sir Selwyn hörte schweigend zu. Dann sagte er: »Lassen Sie mich überprüfen, ob ich Sie richtig verstanden habe. Mr. und Mrs. George Wickham und Captain Denny wurden in einer Mietdroschke nach Pemberley gefahren, wo Mrs. Wickham übernachten und am nächsten Abend an Lady Annes Ball teilnehmen wollte. Als sich die Kutsche im Wald von Pemberley befand, stieg Captain Denny zu einem bestimmten Zeitpunkt aus, nachdem es offenbar Streit gegeben hatte. Wickham folgte ihm und rief ihm nach, er solle zurückkommen. Als keiner der beiden Gentlemen wiederkehrte, bekamen Mrs. Wickham und Pratt, der Kutscher, Angst. Sie behaupten, nach etwa fünfzehn Minuten Schüsse gehört zu haben, und da die völlig aufgelöste Mrs. Wickham daraufhin natürlich ein Verbrechen befürchtete, wies sie den Kutscher an, so schnell wie möglich nach Pemberley zu fahren. Nachdem sie dort in völliger Verzweiflung angelangt war, veranlassten Sie eine Durchsuchung des Waldes, an der Sie selbst, Colonel Viscount Hartlep sowie der Ehrenwerte Henry Alveston beteiligt waren und in deren Verlauf Sie gemeinsam die Leiche von Captain Denny fanden, bei der Mr. Wickham kniete, und zwar offenbar betrunken und tränenüberströmt, Gesicht und Hände blutbeschmiert.« Nach dieser bravourösen Gedächtnisleistung legte er eine Pause ein und nippte mehrmals an seinem Port. Dann fragte er: »Hatte Mrs. Wickham eine Einladung zum Ball erhalten?«

Trotz der unerwarteten Richtung, die Sir Selwyn mit dieser Frage einschlug, blieb Darcy ruhig. »Nein. Aber sie wird selbstverständlich jederzeit in Pemberley empfangen, wenn sie dort unangekündigt eintrifft.«

»Also nicht eingeladen, aber empfangen – im Gegensatz zu ihrem Ehemann. Jeder weiß, dass George Wickham niemals in Pemberley empfangen wird.«

»Das lässt unser Verhältnis nun einmal nicht zu«, erklärte Darcy.

Sir Selwyn legte sein Buch in einer gravitätischen Geste auf dem Tisch ab. »Man weiß hier in der Gegend um seinen Charakter. Ein guter Anfang in der Kindheit, doch dann der Abstieg in die Zügellosigkeit und den Verfall – das kommt dabei heraus, wenn ein junger Mann einer Lebensart ausgesetzt wird, die er sich aus eigener Kraft niemals leisten könnte, und mit Gefährten eines Standes Umgang hat, dem er selbst nie angehören wird. Gerüchten zufolge könnte es aber noch einen weiteren Grund für Ihre Gegnerschaft geben, einen Grund, der mit der Ehe zwischen ihm und der Schwester Ihrer Frau zu tun hat …«

»Gerüchte gibt es immer«, sagte Darcy. »Seine Undankbarkeit und die Respektlosigkeit gegenüber dem Andenken meines Vaters sowie unsere unterschiedlichen Charaktere und Interessen erklären die fehlende Nähe zwischen uns zur Genüge. Aber ich glaube, wir verlieren den Anlass meines Besuchs aus den Augen. Es kann unmöglich einen Zusammenhang zwischen meiner Beziehung zu George Wickham und dem Tod Captain Dennys geben.«

»Da muss ich widersprechen, Darcy, so leid es mir tut. Es gibt durchaus Zusammenhänge. Der Mord an Captain Denny, wenn es denn ein Mord war, wurde auf Ihrem Grund und Boden begangen, und bei der dafür verantwortlichen Person könnte es sich um einen Mann handeln, der vor dem Gesetz Ihr Schwager ist und mit dem Sie bekanntermaßen im Zwist stehen. Wenn mir etwas Wichtiges in den Sinn kommt, pflege ich es auszusprechen. Sie befinden sich in einer heiklen Lage. Es ist Ihnen doch bewusst, dass Sie an den Ermittlungen nicht teilnehmen können?«

»Deshalb bin ich hier.«

»Wir müssen den Polizeidirektor verständigen. Das ist noch nicht geschehen, nehme ich an.«

»Ich hielt es für wichtiger, erst einmal Sie zu benachrichtigen.«

»Da haben Sie recht getan. Ich werde Sir Miles Culpepper selbst benachrichtigen und ihn über den Fortschritt der Ermittlungen auf dem Laufenden halten. Ich bezweifle allerdings, dass er ein großes persönliches Interesse daran aufbringen wird. Seit er mit seiner neuen jungen Frau verheiratet ist, verwendet er mehr Zeit auf diverse Vergnügungen in London als auf die hiesigen Angelegenheiten. Ich will das gar nicht kritisieren – die Stelle des Polizeidirektors ist ja doch ziemlich undankbar. Es gehört, wie Sie wissen, nicht nur zu seinen Pflichten, für die Einhaltung der Gesetze zu sorgen und die richterlichen Entscheidungen zu vollziehen, sondern er muss auch die einfachen Wachtmeister innerhalb seines Zuständigkeitsbereichs beaufsichtigen und anweisen. Da er keine formelle Befehlsgewalt über sie besitzt, ist schwer auszumachen, wie das eigentlich geschehen soll, doch wie so vieles in unserem Land funktioniert auch dieses System zufriedenstellend, solange man es den ortsansässigen Leuten überlässt. Aber Sie kennen Sir Miles ja persönlich. Wir beide gehörten zu den Friedensrichtern, die ihn vor zwei Jahren beim Quartalgericht vereidigt haben. Ich werde mich auch mit Dr. Clitheroe ins Benehmen setzen. Er wird zwar wahrscheinlich nicht aktiv mitarbeiten können, ist jedoch in juristischen Dingen von unschätzbarem Wert, und ich möchte ungern allein die gesamte Verantwortung übernehmen. Ja, ich denke, wir werden gut zurechtkommen. Ich begleite Sie jetzt in meiner Kutsche nach Pemberley zurück. Bevor die Leiche fortgeschafft wird, müssen wir Dr. Belcher hinzuziehen. Außerdem werde ich den Leichenwagen und zwei Wachtmeister hinbeordern. Sie kennen beide – Thomas Brownrigg, der sich gern als Hauptwachtmeister bezeichnet, um sein Dienstalter zu unterstreichen, und den jungen William Mason.«

Ohne Darcys Erwiderung abzuwarten, erhob er sich und zog kräftig an der Klingelschnur.

Buckle erschien so schlagartig, dass er auf der anderen Seite der Tür gewartet haben musste. »Meinen Mantel und den Hut, Buckle«, sagte sein Herr, »und wecken Sie Postgate, falls er schon schläft, was ich bezweifle. Die Kutsche soll bereitgemacht werden. Ich fahre nach Pemberley, aber auf dem Weg dorthin holen wir zwei Wachtmeister und Dr. Belcher ab. Mr. Darcy wird neben uns herreiten.«

Buckley verschwand im Halbdunkel des Gangs und warf die schwere Tür mit unnötig erscheinender Heftigkeit ins Schloss.

»Leider wird meine Frau Sie wahrscheinlich nicht empfangen können«, sagte Darcy. »Mrs. Bingley und sie haben sich hoffentlich zur Ruhe gelegt. Aber der Butler und die Haushälterin sind noch im Dienst, und auch Dr. McFee hält sich bei uns auf. Mrs. Wickham befand sich bei ihrer Ankunft in einem äußerst desolaten Zustand, und Mrs. Darcy und ich hielten es für angebracht, ihr unverzüglich medizinische Betreuung zukommen zu lassen.«

»Und ich halte es für angebracht, Dr. Belcher als den Berater der Polizei in medizinischen Fragen schon in diesem frühen Stadium mit einzubeziehen. Er ist es gewohnt, nachts aus dem Schlaf gerissen zu werden. Hat Dr. McFee Ihren Gefangenen untersucht? Ich gehe davon aus, dass sich George Wickham hinter Schloss und Riegel befindet.«

»Nicht hinter Schloss und Riegel, aber unter ständiger Bewachung. Als ich losritt, waren Stoughton, mein Butler, und Mr. Alveston bei ihm. Außerdem hat sich Dr. McFee um ihn gekümmert. Er schläft jetzt wohl und wird erst in einigen Stunden aufwachen. Ich halte es für praktischer, wenn Sie erst nach Tagesanbruch kommen.«

»Praktischer für wen?«, fragte Sir Selwyn. »Das Unpraktische an der Sache werde vorwiegend ich auf mich nehmen müssen, aber das ist nicht wichtig, wenn es um eine Pflichterfüllung geht. Hat Dr. McFee sich in irgendeiner Weise an Captain Dennys Leiche zu schaffen gemacht? Ich gehe davon aus, dass sie bis zu meinem Eintreffen für niemanden zugänglich verwahrt wird.«

»Captain Dennys Leiche liegt auf einem Tisch in der fest verschlossenen Waffenkammer. Ich hielt es für besser, mit der Bestimmung der Todesursache bis zu Ihrem Eintreffen zu warten.«

»Sehr gut. Es wäre äußerst misslich, wenn irgendwer behaupten könnte, an der Leiche seien Eingriffe vorgenommen worden. Eigentlich hätte man sie ja an Ort und Stelle im Wald belassen müssen, bis die Polizei gekommen wäre, um sie in Augenschein zu nehmen, aber ich verstehe, dass Ihnen das in der Situation ungünstig erschien.«

Darcy hätte ihm am liebsten versichert, dass er nicht im Traum daran gedacht habe, die Leiche liegen zu lassen, hielt es jedoch für klüger, so wenig wie möglich zu sagen.

Mittlerweile war Buckle zurückgekommen. Sir Selwyn setzte die Perücke auf, die er im Diensteinsatz als Friedensrichter immer trug, ließ sich in den Mantel helfen und nahm seinen Hut entgegen. So gerüstet und damit offenbar zu jeder Amtshandlung bemächtigt, wirkte er größer und gebieterischer als zuvor, ja geradezu wie die Verkörperung des Gesetzes.

Buckle geleitete die Herren an die Tür, und während sie im Dunkeln auf die Kutsche warteten, hörte Darcy, dass drei schwere Riegel vorgeschoben wurden. Sir Selwyn zeigte kein Zeichen von Ungeduld angesichts der Verzögerung, sondern fragte: »Hat George Wickham etwas geäußert, als Sie auf ihn zugingen, während er, wie Sie sagten, neben der Leiche kniete?«

Darcy hatte gewusst, dass die Frage früher oder später – und nicht nur ihm – gestellt würde. »Er war sehr aufgewühlt, weinte und brachte kaum einen zusammenhängenden Satz hervor. Dass er getrunken hatte, und zwar reichlich, war unverkennbar. Er fühlte sich gewissermaßen für die Tragödie verantwortlich, wahrscheinlich weil er seinen Freund nicht davon abgebracht hatte, aus der Kutsche zu steigen. Der Wald ist so dicht, dass sich jeder zum Äußersten entschlossene Flüchtige darin verstecken kann, und wer klug ist, streift nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr allein darin umher.«

»Ich möchte genau die Worte hören, die er gesagt hat, Darcy. Sie müssen sich Ihnen doch förmlich ins Gedächtnis gebrannt haben.«

Das traf zu, und Darcy wiederholte sie. »›Ich habe meinen besten Freund getötet, meinen einzigen Freund. Es ist meine Schuld‹, hat er gesagt – vielleicht nicht in genau dieser Reihenfolge, doch vom Sinn her waren das seine Worte.«

»Damit haben wir ein Geständnis«, sagte Hardcastle.

»Wohl kaum. Wir wissen weder, was genau er damit zugegeben hat, noch in welchem Zustand er sich befand.«

Die alte, klobige, aber imposante Kutsche bog rumpelnd um die Ecke. Bevor er einstieg, sagte Sir Selwyn noch: »Ich mag es nicht kompliziert, Darcy. Wir beide arbeiten nun schon seit einigen Jahren als Friedensrichter, und ich glaube, wir verstehen uns. Ich bin mir sicher, dass Sie Ihre Pflichten ebenso gut kennen wie ich meine. Ich bin ein schlichter Mensch. Wenn jemand ohne Zwang ein Geständnis ablegt, pflege ich ihm zu glauben. Aber wir werden ja sehen – ich sollte keine Theorien aufstellen, ehe wir nicht die Tatsachen kennen.«

Wenige Minuten später wurde Darcys Pferd gebracht. Er schwang sich in den Sattel, und die Kutsche fuhr an. Sie machten sich auf den Weg.

5

Es hatte elf Uhr geschlagen. Elizabeth zweifelte keine Sekunde daran, dass sich Sir Selwyn sofort nach Pemberley begeben würde, sobald er von dem Mord erfahren hatte, und beschloss, nach Wickham zu sehen. Der schlief zwar höchstwahrscheinlich, aber sie wollte sich Klarheit darüber verschaffen, ob alles in Ordnung war.

Vier Schritte vor der Tür zögerte sie plötzlich. Sie wurde von einer Selbsterkenntnis ergriffen, die sie der Ehrlichkeit halber hinnehmen musste. Es gab einen komplizierteren und triftigeren Grund, Wickham sehen zu wollen, als die bloße Pflicht einer Gastgeberin, einen Grund, der sich wahrscheinlich auch schwerer rechtfertigen ließ. Ihr war klar, dass Sir Selwyn Hardcastle Wickham verhaften würde, und sie hatte nicht die Absicht mit anzusehen, wie er von Polizisten und vielleicht sogar in Fesseln abgeführt wurde. Wenigstens diese Demütigung wollte sie ihm ersparen. Es war höchst unwahrscheinlich, dass sie einander jemals wiederbegegneten, wenn er Pemberley erst einmal verlassen hatte, und die Aussicht, diesen letzten Anblick von ihm für immer in Erinnerung behalten zu müssen, schien ihr unerträglich: der gutaussehende, liebenswürdige und galante George Wickham heruntergekommen zu einer schändlichen, blutbesudelten, betrunkenen Gestalt, die lauthals Flüche ausstieß, während man sie über die Schwelle von Pemberley zugleich schob und zerrte.

Sie gab sich einen Ruck. Nachdem sie angeklopft hatte, öffnete Bingley, und sie staunte nicht schlecht, als sie auch Jane und Mrs. Reynolds am Bett stehen sah. Auf einem Stuhl stand eine Schüssel mit von Blut verfärbtem Wasser. Mrs. Reynolds trocknete sich gerade an einem Tuch die Hände ab und legte es über den Rand der Schüssel.

»Lydia schläft noch«, sagte Jane, »aber wenn sie aufwacht, möchte sie bestimmt zu Mr. Wickham, und ich wollte nicht, dass sie ihn so sieht, wie er war, als er herkam. Lydia hat das Recht, auch dann zu ihrem Mann vorgelassen zu werden, wenn er bewusstlos ist, aber Captain Dennys Blut auf seinem Gesicht wäre zu viel für sie gewesen. Ein Teil davon könnte von ihm stammen – er hat zwei Kratzer an der Stirn und mehrere an den Händen, aber sie sind nur oberflächlich. Er hat sie sich wahrscheinlich zugezogen, als er durchs Gestrüpp lief.«

Elizabeth fragte sich, ob es klug gewesen war, Wickhams Gesicht zu waschen. Sir Selwyn wollte Wickham bestimmt in dem Zustand sehen, in dem man ihn über die Leiche gebeugt gefunden hatte. Doch es verwunderte sie nicht, dass Jane es getan und Bingley es unterstützt hatte. Unter all der Sanftheit und Anmut ihrer Schwester verbarg sich eine wilde Entschlossenheit, und wenn sie etwas als richtig erkannt hatte, brachten sie keine Argumente von ihrem Vorhaben ab.

»War Dr. McFee bei ihm?«, fragte Elizabeth.

»Er hat ihn vor etwa einer halben Stunde untersucht und kommt noch einmal, wenn Mr. Wickham aufgewacht ist. Wir hoffen, dass er bis dahin ruhig bleibt und etwas essen kann, ehe Sir Selwyn eintrifft, aber Dr. McFee hält das für unwahrscheinlich. Er konnte Mr. Wickham nur dazu bringen, einen kleinen Schluck von dem Schlaftrunk zu sich zu nehmen, doch da dieses Mittel sehr stark ist, wird Mr. Wickham wohl mehrere Stunden erholsame Ruhe haben.«

Elizabeth trat ans Bett und blickte auf Wickham hinunter. Dr. McFees Trunk hatte seine Wirkung getan. Das Röcheln war ebenso verschwunden wie der Alkoholgestank; Wickham schlief tief wie ein Kind, atmete aber so flach, dass man ihn für tot halten konnte. Mit dem gesäuberten Gesicht, dem dunklen, wirr auf dem Kissen liegenden Haar und dem aufgeknöpften Hemd, das den schmalen Hals enthüllte, sah er aus wie ein junger, verwundeter, vom Kampf erschöpfter Ritter. Wirre Gedanken schossen Elizabeth durch den Kopf, als sie ihn so betrachtete. Unwillkürlich kehrten Erinnerungen zurück, die so schmerzlich waren, dass sie sich jedes Mal vor sich selbst ekelte, wenn sie in ihr aufkamen. Sie war so kurz davor gewesen, sich in ihn zu verlieben. Hätte sie ihn geheiratet, wenn er nicht mittellos, sondern reich gewesen wäre? Nein, gewiss nicht – sie wusste jetzt, dass es nicht Liebe gewesen war, was sie damals empfunden hatte. Er, der Liebling von Meryton, der hübsche Neuankömmling, in den sich jedes Mädchen verguckte, hatte sie zu seiner Favoritin erkoren. Alles war nur aus Eitelkeit geschehen, sie hatten beide ein gefährliches Spiel gespielt. Sie hatte sich darauf eingelassen und, schlimmer noch, Jane von seiner Behauptung erzählt, Mr. Darcy sei niederträchtig, habe ihm alle Lebenschancen geraubt, ihre Freundschaft verraten und die ihm, Wickham, gegenüber bestehenden, von seinem Vater auferlegten Pflichten hartherzig vernachlässigt. Erst viel später war ihr bewusst geworden, wie unangemessen er gehandelt hatte, als er sich einer vergleichsweise fremden Frau auf diese Weise offenbarte.

Sie sah auf ihn hinunter und schämte sich wieder ihrer Unvernunft und ihrer Menschenkenntnis, auf die sie sich immer so viel eingebildet und die sich als so schlecht erwiesen hatte. Und doch blieb so etwas wie Mitleid bestehen, und dieses Gefühl machte den Gedanken an sein mögliches Ende unerträglich. Obwohl sie jetzt wusste, welch schlimmer Dinge er fähig war, konnte sie nicht glauben, dass er gemordet hatte. Wie immer die Sache ausgehen würde, durch die Heirat mit Lydia war er ein Teil der Familie geworden, ein Teil ihres Lebens, und ihre Heirat hatte ihn zu einem Teil von Darcys Leben gemacht. Und nun war jeder Gedanke an ihn von grauenhaften Vorstellungen beschmutzt: die johlende Menge, die beim Erscheinen des gefesselten Gefangenen verstummt, der hohe Galgen und die Schlinge. Sie hatte ihn aus ihrem Leben verbannen wollen, aber nicht so – lieber Gott, doch nicht so!

Drittes Buch

Die Polizei in Pemberley

1

Als Sir Selwyns Kutsche und der Leichenwagen vor dem Portal von Pemberley vorfuhren, öffnete Stoughton sofort die Tür. Es dauerte eine Weile, bis einer der Knechte erschien, um Darcys Pferd in den Stall zu bringen. In dieser Zeit kamen Darcy und Stoughton in einem kurzen Gespräch überein, dass Sir Selwyns Kutsche und der Wagen von den Fenstern her weniger sichtbar wären, wenn man sie nicht in der Auffahrt beließ, sondern durch die Stallungen in den hinteren Hof fuhr, von wo aus Dennys Leiche rasch und hoffentlich unbemerkt fortgeschafft werden konnte. Elizabeth hatte es für angemessen gehalten, den späten und nicht sehr willkommenen Gast mit aller Förmlichkeit zu empfangen, doch Sir Selwyn ließ schnell durchblicken, dass er auf der Stelle mit der Arbeit beginnen wollte, und verweilte nur kurz, um die unvermeidliche Verbeugung zu absolvieren, Elizabeth ihren Knicks machen zu lassen und sich knapp für die späte Stunde seines Besuchs zu entschuldigen. Dann erklärte er, als Erstes Wickham sehen zu wollen, und zwar in Begleitung von Dr. Belcher und den beiden Polizisten, Hauptwachtmeister Brownrigg und Wachtmeister Mason.

Bingley und Alveston waren bei Wickham und öffneten auf Darcys Klopfen hin. Das Zimmer hätte auch als Wachstube dienen können. Es war schlicht und karg möbliert mit einem Einzelbett, das unter einem der hochgelegenen Fenster stand, einem Waschtisch, einem kleinen Kleiderschrank und zwei Holzstühlen. Man hatte zwei zusätzliche, etwas bequemere Stühle hineingetragen und zu beiden Seiten der Tür aufgestellt, um es denen, die Wickham in der Nacht bewachen würden, ein bisschen behaglich zu machen. Als Hardcastle eintrat, erhob sich Dr. McFee, der rechts vom Bett gesessen hatte. Alveston war Sir Selwyn einmal anlässlich eines Dinners in Highmarten vorgestellt worden, und natürlich kannte der Friedensrichter auch Dr. McFee. Er verbeugte sich kurz vor den beiden Herren, nickte ihnen zu und trat ans Bett. Alveston und Bingley verständigten sich mit einem Blick darüber, dass sie den Raum nun verlassen sollten, und taten es schweigend, während Darcy ein wenig abseits stehen blieb. Brownrigg und Mason bezogen beidseits der Tür Posten und starrten geradeaus, als wollten sie zeigen, dass das Zimmer und die Bewachung seines Bewohners jetzt ihrer Zuständigkeit unterlagen, auch wenn sie im Augenblick nicht in die Ermittlungen eingreifen durften.

Dr. Obadiah Belcher wurde vom Polizeidirektor oder vom Friedensrichter bei Ermittlungen als medizinischer Berater hinzugezogen und hatte sich, wenig erstaunlich bei einem Mann, der eher die Toten sezierte, als die Lebenden zu behandeln, einen düsteren Ruf erworben, dem sein unglückseliges Äußeres nicht eben entgegenwirkte. Sein beinahe kindlich feines Haar war so hell, dass es fast weiß wirkte; er trug es aus dem fahlen Gesicht gekämmt, dessen kleine Augen unter den dünnen Brauen argwöhnisch in die Welt blickten. Seine langen Finger waren sorgfältig manikürt, und was man allgemein von ihm hielt, hatte die Köchin von Highmarten einmal treffend zusammengefasst. »Dieser Dr. Belcher kriegt mich nicht in die Hände – wer weiß schon, was die zuletzt angefasst haben!«

Auch die zwei kleinen Zimmer im Obergeschoss, die er sich als Laboratorium eingerichtet hatte, trugen nicht dazu bei, seinen Ruf als unheimlicher Exzentriker zu verbessern. Man munkelte, dass er dort Experimente durchführte, um herauszufinden, wie schnell Menschenblut unter verschiedenen äußeren Bedingungen zu gerinnen begann und welche Veränderungen sich in welcher Zeitspanne an Leichen vollzogen. Offiziell war er Allgemeinmediziner, hatte aber nur zwei Patienten, nämlich den Polizeidirektor und Sir Selwyn Hardcastle, und da nie jemand gehört hatte, dass einer dieser beiden Herren jemals krank gewesen wäre, konnte ihr Ansehen seine Reputation als Mediziner auch nicht erhöhen. Sir Selwyn und einige andere Diener des Gesetzes hielten große Stücke auf ihn, weil er seine ärztliche Meinung vor Gericht stets mit großer Autorität vortrug. Er war korrespondierendes Mitglied der Royal Society, stand in Briefkontakt zu anderen Gentlemen, die sich mit wissenschaftlichen Experimenten beschäftigten, und zumindest die gebildetsten seiner Nachbarn zeigten eher Stolz auf sein öffentliches Ansehen als Angst vor den kleinen Explosionen, die sein Laboratorium gelegentlich erschütterten. Fast immer ergriff er das Wort erst nach langem Nachdenken; jetzt trat er dicht ans Bett und betrachtete schweigend den schlafenden Mann.

Die Lippen leicht geöffnet, atmete Wickham so schwach, dass die Atemzüge fast unhörbar waren. Er lag auf dem Rücken; sein linker Arm hing aus dem Bett, der rechte lagerte angewinkelt auf dem Kissen.

Hardcastle wandte sich an Darcy und sagte: »Er ist offensichtlich nicht mehr in dem Zustand, in dem er sich Ihren Worten zufolge befand, als man ihn herbrachte. Man hat ihm das Gesicht gewaschen.«

Nach einigen Sekunden des Schweigens erwiderte Darcy, den Blick auf Hardcastles Augen gerichtet: »Ich übernehme die Verantwortung für alles, was geschehen ist, seit Mr. Wickham in mein Haus gebracht wurde.«

Hardcastle reagierte überraschend. Sein langgezogener Mund zuckte für einen flüchtigen Moment so, dass man bei jedem anderen Menschen von einem nachsichtigen Lächeln gesprochen hätte. »Sehr ritterlich von Ihnen, Darcy, aber ich denke, in dieser Sache müssen wir uns an die Damen wenden. Die sehen es doch als ihre Aufgabe an, die Unordnung, die wir in unseren Zimmern und manchmal auch in unserem Leben anrichten, wieder in Ordnung zu bringen, nicht wahr? Gleichwohl werden wir von Ihrer Dienerschaft genug darüber erfahren, in welchem Zustand sich Wickham befand, als man ihn herbrachte. Sein Körper wirkt frei von sichtbaren Verletzungen, wenn man von einigen kleineren Kratzern an Stirn und Händen absieht. Bei einem Großteil des Bluts wird es sich um das von Captain Denny gehandelt haben.«

Dann richtete er das Wort an Dr. Belcher. »Ihre schlauen Wissenschaftlerkollegen, Belcher, haben wohl noch nicht herausgefunden, wie man das Blut eines Menschen von dem eines anderen unterscheiden kann? Das wäre uns nämlich eine große Hilfe, auch wenn ich dadurch mein Amt und Brownrigg und Mason ihre Stelle verlieren würden.«

»Nein, bedauerlicherweise nicht. Wir wollen uns schließlich nicht zu Göttern erheben.«

»Ach wirklich? Da bin ich aber froh. Ich war nämlich durchaus der Meinung.« Als hätte er bemerkt, dass das Gespräch eine nicht angebrachte Unbeschwertheit anzunehmen begann, drehte er sich zu Dr. McFee um und fragte ihn in scharfem, richterlichem Ton: »Was haben Sie ihm verabreicht? Er macht nicht den Eindruck zu schlafen, eher wirkt er bewusstlos. War Ihnen nicht bekannt, dass dieser Mann der Hauptverdächtige in einer Mordermittlung sein könnte und ich ihn verhören will?«

»Für mich, Sir«, erwiderte McFee ganz ruhig, »ist er schlicht mein Patient. Als ich ihn zuerst sah, war er sichtlich betrunken, reagierte gewalttätig und hatte sich nicht mehr unter Kontrolle. Später redete er dann, noch ehe der von mir verabreichte Schlaftrunk seine volle Wirkung entfaltet hatte, vor lauter Angst zusammenhangslos daher und schrie irgendwelchen Unsinn. Offenbar hatte er die Vision von Leichen, die mit langgezogenem Hals am Galgen hingen. Er hatte diesen Alptraum schon, bevor er in Schlaf fiel.«

»Galgen? Kaum verwunderlich angesichts seiner Lage«, meinte Hardcastle. »Was haben Sie ihm gegeben? Etwas Beruhigendes, nehme ich an.«

»Es handelt sich um ein von mir selbst hergestelltes und schon häufig verabreichtes Mittel. Ich konnte ihn zur Einnahme überreden, indem ich ihm versicherte, dass es seine Pein lindern werde. In dieser Verfassung war aus ihm nichts Vernünftiges herauszubekommen.«

»So wie jetzt allerdings auch nicht. Wann wird er Ihrer Ansicht nach aufwachen und nüchtern genug sein, um verhört zu werden?«

»Schwer zu sagen. Manchmal flüchtet sich das Gehirn nach einem Schock in die Bewusstlosigkeit, dann schläft der Patient tief und sehr lange. Nach der verabreichten Dosis zu urteilen müsste er morgen um neun Uhr, vielleicht auch früher, wieder wach sein. Genauere Angaben kann ich nicht machen. Er ließ sich nur mit Mühe dazu überreden, mehr als ein paar Schlucke von dem Mittel zu trinken. Mr. Darcys Einverständnis vorausgesetzt, bleibe ich, bis mein Patient das Bewusstsein wiedererlangt hat. Auch Mrs. Wickham untersteht meiner ärztlichen Betreuung.«

»Und ist wahrscheinlich ebenfalls ruhiggestellt und nicht vernehmungsfähig.«

»Mrs. Wickham stand unter Schock, sie war vollkommen verzweifelt und hysterisch. Sie hatte sich in den Gedanken hineingesteigert, ihr Mann sei tot. Ich hatte es mit einer vor Kummer völlig außer Rand und Band geratenen Frau zu tun, die unbedingt Schlaf brauchte. Man hätte nichts aus ihr herausbekommen.«

»Ich hätte ihr vielleicht die Wahrheit entlockt. Doktor, ich denke, wir verstehen uns. Sie haben Ihre Verpflichtungen, ich habe meine. Und ich bin durchaus kein Unmensch. Mrs. Wickham soll bis morgen früh unbehelligt bleiben.« Er wandte sich an Dr. Belcher. »Haben Sie irgendwelche Auffälligkeiten festgestellt, Belcher?«

»Nein, Sir Selwyn. Ich möchte nur hinzufügen, dass ich Dr. McFees Entscheidung, Wickham ein Beruhigungsmittel zu verabreichen, gutheiße. In dem beschriebenen Zustand hätte ein Verhör nichts erbracht, und in einer etwaigen Verhandlung wäre wohl alles, was er gesagt hätte, angefochten worden.«

»Dann komme ich morgen um neun Uhr wieder, Mr. Darcy«, sagte Hardcastle. »Hauptwachtmeister Brownrigg und Wachtmeister Mason bleiben als Aufsicht und nehmen den Schlüssel an sich. Falls Wickham Dr. McFees Dienste benötigt, werden sie ihn rufen. Ansonsten darf bis zu meiner Rückkehr niemand diesen Raum betreten. Die Wachtmeister brauchen ein paar Decken und etwas zu essen und zu trinken – Wurst, Brot, das Übliche.«

»Es wird für alles Nötige gesorgt sein«, versicherte Darcy schroff.

Erst in diesem Augenblick schien Hardcastle Wickhams über einer Stuhllehne hängenden Mantel und die Ledertasche zu bemerken, die daneben auf dem Boden stand. »Ist das alles, was sich an Gepäck in der Kutsche befand?«

»Abgesehen von einer Truhe, einer Hutschachtel und einer Tasche, die Mrs. Wickham gehören, befanden sich darin noch zwei weitere Taschen, eine mit GW und eine mit Captain Dennys Namen gekennzeichnet«, erklärte Darcy. »Da Pratt mir erzählt hatte, dass der Wagen gemietet war, um die beiden Herren zum King’s Arms in Lambton zu fahren, beließ ich die Taschen in der Kutsche, bis wir mit Captain Dennys Leiche zurückkehrten, und brachte sie dann ins Haus.«

»Sie müssen uns selbstverständlich ausgehändigt werden. Ich konfisziere das gesamte Gepäck mit Ausnahme von Mrs. Wickhams Truhe, Tasche und Hutschachtel. Und nun sehen wir einmal nach, was er alles bei sich hatte.«

Er ergriff den schweren Mantel und schüttelte ihn heftig aus. In einer der Pelerinen hatten sich trockene Blätter verfangen, die jetzt zu Boden schwebten, und Darcy sah, dass auch einige an den Ärmeln hafteten. Hardcastle gab Mason den Mantel zu halten und steckte die Hände tief in die Taschen. Aus der linken brachte er die üblichen kleinen Habseligkeiten zutage, die ein Reisender gewöhnlich mit sich führt: einen Bleistift, ein Notizbüchlein ohne Einträge, zwei Schneuztücher und eine Taschenflasche, in der, wie Hardcastle meinte, nachdem er den Verschluss abgeschraubt hatte, Whisky gewesen war. Der rechten Tasche entnahm er einen interessanteren Gegenstand, nämlich eine lederne Brieftasche. Er öffnete sie und zog einen Packen sorgsam gefalteter Banknoten hervor, die er sogleich zählte.

»Exakt dreißig Pfund in offenbar neuen oder zumindest erst kürzlich ausgegebenen Scheinen. Ich schreibe Ihnen eine Quittung dafür aus, Darcy, bis wir den rechtmäßigen Besitzer ermittelt haben. Ich werde das Geld heute Nacht in meinem Tresor verwahren. Morgen finde ich ja vielleicht heraus, wie er an eine solche Summe gekommen ist. Möglicherweise hat er sie Dennys Leiche entwendet – dann hätten wir ein Motiv.«

Darcy wollte bereits Protest erheben, befand dann jedoch, dass er die Sache damit noch schlimmer machen würde, und schwieg.

»Ich schlage vor, nun die Leiche in Augenschein zu nehmen«, sagte Hardcastle. »Sie wird doch hoffentlich bewacht?«

»Nein, bewacht wird sie nicht«, antwortete Darcy. »Captain Dennys Leichnam liegt in der verriegelten Waffenkammer auf einem dafür geeigneten Tisch. Ich verwahre sowohl den Schlüssel zur Kammer als auch den für den Schrank, in dem sich Waffen und Munition befinden. Zusätzliche Schutzmaßnahmen erschienen mir nicht notwendig. Wir können sofort hineingehen. Falls Sie nichts dagegen haben, würde ich Dr. McFee dazubitten. Eine zweite Meinung über den Zustand der Leiche könnte von Vorteil sein.«

Hardcastle zögerte kurz. Dann sagte er: »Es spricht nichts dagegen. Sie selbst wollen bestimmt dabei sein, und ich möchte, dass Dr. Belcher und Hauptwachtmeister Brownrigg mitkommen. Die Anwesenheit weiterer Personen erachte ich nicht für notwendig. Der Tote soll ja nicht öffentlich zur Schau gestellt werden. Allerdings werden wir viele Kerzen brauchen.«

»Das habe ich bereits bedacht«, erwiderte Darcy. »In der Waffenkammer wurden zusätzliche Kerzen aufgestellt, die sofort benutzt werden können. Die Beleuchtung ist so gut, wie sie nachts nur sein kann.«

»Jemand muss Mason während Brownriggs Abwesenheit bei der Bewachung unterstützen«, sagte Hardcastle. »Ich denke, Stoughton ist der Richtige dafür. Wenn Sie ihn rufen würden, Darcy …«

Stoughton hatte so nah an der Tür gewartet, als hätte er mit der Aufforderung gerechnet. Er trat ein und stellte sich schweigend neben Mason. Hardcastle und die übrigen verließen mit Kerzen in der Hand den Raum, und Darcy hörte, wie hinter ihnen abgesperrt wurde.

Im Haus herrschte eine so tiefe Stille, als wäre es unbewohnt. Mrs. Reynolds hatte alle Bediensteten, die noch mit Essensvorbereitungen für den nächsten Tag beschäftigt gewesen waren, ins Bett geschickt. Nur sie, Stoughton und Belton setzten ihren Dienst fort. Sie wartete in der Eingangshalle neben einem Tisch, auf dem mehrere hohe Silberleuchter mit neuen Kerzen standen. Vier davon brannten bereits mit ruhiger Flamme. Sie schienen die Dunkelheit rings um die große Eingangshalle eher zu verstärken als zu erhellen.

»Vielleicht werden gar nicht so viele gebraucht«, meinte Mrs. Reynolds, »aber ich dachte, zusätzliches Licht kann nicht schaden.«

Jeder der Männer ergriff einen Leuchter und zündete seine Kerze an. Hardcastle sagte: »Die anderen sollen bleiben, wo sie sind. Falls nötig, wird der Wachtmeister sie holen.« Dann wandte er sich an Darcy. »Sie haben also den Schlüssel zur Waffenkammer, wo bereits eine ausreichende Menge an Kerzen bereitsteht?«

»Vierzehn stehen schon dort, Sir Selwyn. Ich habe sie selbst mit Stoughton dorthin gebracht. Davon abgesehen hat niemand die Waffenkammer betreten, seit Captain Dennys Leiche darin aufgebahrt wurde.«

»Dann lassen Sie uns beginnen. Je eher die Leiche untersucht wird, umso besser.«

Darcy war froh, dass Hardcastle ihn mitkommen ließ. Sie hatten Denny nach Pemberley gebracht, und es war nur recht und billig, dass er als Hausherr bei der Examinierung der Leiche anwesend war, auch wenn er nicht recht wusste, wie er sich dabei nützlich machen sollte. Im Kerzenschein führte er die kleine Prozession in den hinteren Teil des Hauses, zog zwei an einem Ring hängende Schlüssel aus der Tasche und öffnete mit dem größeren die Tür. Die Waffenkammer war erstaunlich geräumig. An den Wänden hingen Bilder, die Jagdgesellschaften aus längst vergangener Zeit mit der erlegten Beute zeigten, und ein Bücherbrett, auf dem in helles Leder gebundene Verzeichnisse standen, die mindestens ein Jahrhundert zurückreichten. Des Weiteren beherbergte die Waffenkammer einen Mahagonischreibtisch und einen Stuhl sowie einen abgeschlossenen Schrank, in dem sich Waffen und Munition befanden. Der schmale Tisch war offenbar von der Wand weggerückt worden und stand nun in der Mitte des Raums. Darauf lag die mit einem sauberen Leintuch bedeckte Leiche.

Bevor er zu Sir Selwyn geritten war, um ihn von Dennys Tod zu unterrichten, hatte Darcy Stoughton beauftragt, Leuchter von einheitlicher Größe und die besten langen Wachskerzen bereitzustellen, was bei Stoughton und Mrs. Reynolds vermutlich zu einigem Murren geführt hatte, denn es handelte sich um Kerzen, die üblicherweise nur im Speisezimmer verwendet wurden. Er selbst hatte sie gemeinsam mit Stoughton in zwei Reihen auf dem Schreibtisch aufgestellt und eine schmale Anzündkerze bereitgelegt. Während er sie nun von einer Kerzenspitze zur nächsten wandern ließ, erhellte sich der Raum. Ein warmer Glanz überzog die Gesichter der Umstehenden und ließ selbst Hardcastles grobe, knochige Züge sanft erscheinen. Die Rauchfahnen stiegen wie Weihrauch in die Höhe, und ihr flüchtiger Duft verlor sich im Geruch von Bienenwachs. Darcy erschien es, als hätte sich der Schreibtisch mit den aufgereihten brennenden Kerzen in einen überladenen Altar verwandelt und die so karg und zweckmäßig möblierte Waffenkammer in eine Kapelle. Ihm war, als hielten er und die vier anderen Männer heimlich eine Totenfeier nach dem strengen Ritus einer seltsamen Religion ab.

Während sie den Leichnam wie unpassend gekleidete Messdiener umringten, schlug Hardcastle das Leintuch zurück. Dennys rechtes Auge war mit schwarzem Blut verkrustet, das auch den größten Teil des Gesichts überzog, doch das linke Auge stand offen, und die Pupille war so nach oben verdreht, dass Darcy, der sich hinter Dennys Kopf gestellt hatte, sie auf sich gerichtet glaubte. Der beharrliche Blick enthielt nicht die Leere des Todes, sondern einen lebenslangen Vorwurf.

Dr. Belcher betastete Dennys Kopf, Arme und Beine und verkündete: »Im Gesicht hat die Leichenstarre bereits eingesetzt. In einer vorläufigen Schätzung würde ich sagen, dass er seit etwa fünf Stunden tot ist.«

Hardcastle stellte eine kurze Berechnung an. Dann sagte er: »Das bestätigt unsere Vermutung, dass er kurz nach dem Verlassen der Kutsche und annähernd zu dem Zeitpunkt starb, als die Schüsse zu hören waren. Er wurde gegen neun Uhr gestern Abend getötet. Was ist mit der Wunde?«

Dr. Belcher und Dr. McFee traten dichter heran und reichten Brownrigg ihre Leuchter, der sie, nachdem er seine eigene Kerze auf dem Schreibtisch abgestellt hatte, in die Höhe hielt, während die beiden Ärzte den dunklen Blutfleck eingehend betrachteten.

»Wir müssen die Wunde säubern, um feststellen zu können, wie tief sie ist«, sagte Dr. Belcher. »Zuvor sollten wir jedoch festhalten, dass ein Teil eines verdorrten Blattes und ein kleiner Klumpen Erde auf der blutigen Stelle kleben. Er muss, nachdem ihm die Wunde zugefügt worden ist, vornübergefallen sein. Wo ist das Wasser?« Er blickte sich um, als erwartete er, dass es aus dem Nichts auftauchen würde.

Darcy streckte den Kopf zur Tür hinaus und wies Mrs. Reynolds an, eine Schüssel mit Wasser und zwei kleine Handtücher zu bringen. Das Gewünschte kam so schnell, als hätte sie mit dem Befehl gerechnet und nebenan in der Toilette am Wasserhahn gewartet. Sie reichte Darcy Schüssel und Handtücher, ohne die Waffenkammer zu betreten. Dr. Belcher schritt zu seinem Arztkoffer, entnahm ihm mehrere weiße Wollknäuel, wischte die Haut energisch ab und warf die rot gefärbte Wolle ins Wasser. Nacheinander nahmen er und Dr. McFee die Wunde gründlich in Augenschein und betasteten noch einmal die Haut ringsum.

Schließlich ergriff Dr. Belcher das Wort. »Er wurde von einem harten, möglicherweise runden Gegenstand getroffen – Genaueres über Form und Größe der Waffe lässt sich nicht sagen, weil die Haut eingerissen ist. Ich bin mir jedoch sicher, dass ihn dieser Schlag nicht getötet hat. Er führte zwar zu einer starken Blutung, was bei Kopfverletzungen häufig geschieht, kann aber nicht tödlich gewesen sein. Ich weiß nicht, ob mein Kollege diese Ansicht teilt.«

Dr. McFee betastete die Wunde noch einmal sehr ausführlich und sagte nach etwa einer Minute: »Ich bin derselben Meinung. Es handelt sich um eine oberflächliche Verletzung.«

Hardcastles Stimme durchbrach die Stille. »Dann drehen Sie ihn jetzt um!«

Denny war ein schwerer Mann, aber mit Dr. McFees Hilfe gelang es Brownrigg, die Leiche in einem Schwung auf den Bauch zu drehen. »Mehr Licht, wenn ich bitten darf!«, sagte Hardcastle, woraufhin Darcy und Brownrigg jeweils einen der Leuchter vom Schreibtisch nahmen und nunmehr mit einer Kerze in jeder Hand auf die Leiche zugingen. Es wurde so still, als wollte keiner der Anwesenden das Offensichtliche aussprechen. Schließlich sagte Hardcastle: »Hier, Gentlemen, haben Sie die Todesursache.«

Quer über den unteren Teil des Schädels zog sich ein etwa zehn Zentimeter langer Riss, dessen volles Ausmaß von dem verfilzten, zum Teil in die Wunde geratenen Haar verdeckt wurde. Dr. Belcher ging zu seinem Koffer hinüber und kehrte mit einem kleinen silbernen Messer zurück. Nachdem er die Haare vorsichtig angehoben hatte, wurde eine klaffende Wunde von mehr als einem halben Zentimeter Breite sichtbar. Das darunter befindliche Haar war starr und verfilzt – ob vom Blut oder von irgendwelchen Absonderungen, ließ sich nicht erkennen. Darcy zwang sich dazu, einen genauen Blick darauf zu werfen, doch die Mischung aus Entsetzen und Mitleid, die ihn sofort befiel, erregte ihm Übelkeit. Er hörte einen Laut, ein leises, unwillkürliches Ächzen, und fragte sich, ob es von ihm gekommen war.

Beide Ärzte standen tief über die Leiche gebeugt. Nachdem sich Dr. Belcher wieder viel Zeit genommen hatte, sagte er: »Er wurde niedergeschlagen. Da die Wundränder nicht eingerissen sind, ist anzunehmen, dass die Waffe zwar schwer war, aber abgerundete Kanten hatte. Es handelt sich um eine typische gravierende Kopfverletzung, bei der Haare, Gewebe und Blutgefäße in den Knochen gedrückt werden. Obwohl der Schädel selbst intakt geblieben ist, dürfte die Hämorrhagie der unter dem Knochen gelegenen Gefäße eine innere Blutung zwischen Schädeldecke und Hirnhaut hervorgerufen haben. Der Schlag wurde mit ungewöhnlicher Kraft ausgeführt, und zwar von einem Angreifer, der größer oder gleich groß wie das Opfer ist. Ich würde sagen, dass es sich bei dem Täter um einen Rechtshänder handelt und dass als Waffe etwas Ähnliches wie die Schlagplatte eines Beils in Frage kommt, also etwas Schweres, aber Stumpfes. Wäre der Hieb mit einer Axtschneide oder einem Schwert erfolgt, hätten wir eine tiefere Wunde, und das Opfer wäre fast enthauptet worden.«

»Der Mörder hat also zunächst von vorn angegriffen«, rekapitulierte Hardcastle, »und das Opfer kampfunfähig gemacht. Als Denny daraufhin davontaumelte und sich instinktiv das Blut aus den Augen zu wischen versuchte, das ihm die Sicht nahm, griff der Mörder erneut an, diesmal von hinten. Könnte ein großer, scharfkantiger Stein verwendet worden sein?«

»Kein scharfkantiger«, erwiderte Belcher, »der Wundrand ist nicht schartig. Selbstverständlich kann es sich um einen Stein gehandelt haben, aber er muss schwer und abgerundet gewesen sein – davon liegen selbstverständlich einige im Wald herum. Über den Weg dort kommen doch die Steine und das Holz für die Reparaturarbeiten auf dem Anwesen, nicht wahr? Es könnten ein paar solcher Steine von einem Karren gefallen und später ins Unterholz getreten worden sein, wo sie vielleicht jahrelang halb verborgen lagen. Aber wenn es ein Stein war, dann muss ein ungewöhnlich starker Mann den Schlag ausgeführt haben. Es ist eher wahrscheinlich, dass das Opfer bereits zu Boden gestürzt war und der Stein mit aller Kraft auf ihn geworfen wurde, als er hilflos bäuchlings dalag.«

»Wie lange kann er mit dieser Verletzung weitergelebt haben?«, wollte Hardcastle wissen.

»Schwer zu sagen. Der Tod kann innerhalb von Sekunden eingetreten sein. Mit Sicherheit nicht wesentlich später.«

Er sah Dr. McFee an, der nun das Wort ergriff. »Mir sind Fälle bekannt, in denen ein Sturz auf den Kopf nichts weiter als Kopfschmerzen zur Folge hatte und der Patient seine körperlichen Tätigkeiten wiederaufgenommen hat, als wäre nichts geschehen, um Stunden später plötzlich zu sterben. Davon kann hier allerdings nicht die Rede sein. Die Verletzung ist zu schwerwiegend, als dass er, wenn überhaupt, länger als einige Minuten überlebt hat.«

Dr. Belcher beugte sich noch tiefer über die Wunde. »Über die Schädigung des Gehirns lässt sich mehr erst nach der Leichenöffnung sagen.«

Wie Darcy wusste, war Hardcastle ein entschiedener Gegner von Obduktionen, und obwohl Dr. Belcher aus Debatten über das Thema stets erfolgreich hervorging, sagte der Friedensrichter: »Muss das wirklich sein, Belcher? Die Todesursache liegt doch auf der Hand. Offenbar hat ein Angreifer Captain Denny von Angesicht zu Angesicht den ersten Hieb versetzt. Daraufhin versuchte das Opfer, dem das Blut die Sicht nahm, vom Schauplatz zu fliehen, erhielt dann aber hinterrücks den tödlichen Schlag. Der Schmutz an der Stirn lässt darauf schließen, dass er vornüberfiel. Als Sie mir das Verbrechen meldeten, Darcy, sagten Sie doch, der Tote hätte auf dem Rücken gelegen.«

»Ja, Sir Selwyn, und so haben wir ihn auf die Trage gehoben. Ich sehe diese Wunde jetzt zum ersten Mal.«

Wieder trat Stille ein, bis Hardcastle zu Belcher sagte: »Danke, Doktor. Sie werden selbstverständlich alle weiteren Untersuchungen an der Leiche vornehmen, die Sie für notwendig erachten. Ich möchte dem wissenschaftlichen Fortschritt nicht im Wege stehen. Hier können wir nichts mehr tun. Die Leiche muss jetzt weggebracht werden.« Er wandte sich an Darcy. »Ich komme morgen um neun Uhr wieder, um mit George Wickham sowie mit Angehörigen der Familie und der Dienerschaft zu sprechen und sie nach ihren Alibis für die geschätzte Tatzeit zu befragen. Sie werden die Notwendigkeit dieser Maßnahme sicherlich einsehen. Hauptwachtmeister Brownrigg und Wachtmeister Mason setzen ihren Dienst wie gesagt fort und sind für die Bewachung von Wickham verantwortlich. Das Zimmer bleibt von innen verschlossen, die Tür wird nur im Notfall geöffnet. Die Bewachung besteht zu jedem Zeitpunkt aus zwei Personen. Ich bitte um Ihre Zusicherung, dass diese Anweisungen befolgt werden.«

»Selbstverständlich«, erwiderte Darcy. »Kann ich Ihnen etwas zur Stärkung anbieten, bevor Sie und Dr. Belcher nach Hause fahren?«

»Nein danke«, erwiderte Sir Selwyn und fügte, als hätte er gespürt, dass noch etwas gesagt werden musste, hinzu: »Ich bedaure, dass sich diese Tragödie auf Ihrem Grund und Boden abgespielt hat. Die Sache wird besonders für die Damen der Familie äußerst betrüblich sein, und dass Sie und Wickham nicht auf gutem Fuß miteinander stehen, macht das Ganze nicht leichter. Aber als mein Richterkollege werden Sie einsehen, dass ich meiner Verantwortung nachkommen muss. Ich werde dem Untersuchungsrichter eine Mitteilung senden und hoffe, dass die gerichtliche Untersuchung in Lambton schon in den nächsten Tagen erfolgt. Ortsansässige Personen werden als Geschworene fungieren, und Sie sind natürlich zusammen mit den anderen Zeugen des Leichenfunds zu dem Termin geladen.«

»Ich werde kommen, Sir Selwyn.«

»Ich brauche Unterstützung beim Transport des Toten zum Leichenwagen.« Hardcastle wandte sich an Brownrigg. »Können Sie die Bewachung Wickhams übernehmen und Stoughton anweisen, hierherzukommen? Und da Sie, Dr. McFee, nun schon einmal da sind und bestimmt mithelfen wollen, könnten Sie sich bei der Verladung des Toten nützlich machen.«

Fünf Minuten später wurde Dennys Leiche aus der Waffenkammer getragen und in den Leichenwagen geschoben, wobei Dr. McFee mächtig ins Keuchen geriet. Man weckte den schlafenden Kutscher, Sir Selwyn und Dr. Belcher stiegen ein, und Darcy blieb mit Stoughton so lange vor der offenen Tür stehen, bis die beiden Gefährte ratternd in der Ferne verschwunden waren.

Als Stoughton sich zum Gehen wandte, sagte Darcy: »Geben Sie mir die Schlüssel, Stoughton. Ich verriegle die Tür dann selbst. Ich brauche ein wenig frische Luft.«

Der Wind hatte sich gelegt, doch dicke Regentropfen sprenkelten die Oberfläche des Flusses unter dem Vollmond. Wie oft war er schon allein hier gewesen, um der Musik und dem Geplapper im Ballsaal für einige Minuten zu entkommen? Jetzt stand das Haus still und dunkel hinter ihm, und seine Schönheit, die ihm sein ganzes Leben lang ein Trost gewesen war, ließ ihn ungerührt. Elizabeth lag sicherlich im Bett, doch er glaubte nicht, dass sie schlief. Er brauchte ihre aufmunternde Nähe, aber sie war bestimmt erschöpft, und trotz seiner Sehnsucht nach ihrer Stimme, ihrem Zuspruch, ihrer Liebe wollte er sie nicht stören. Als er ins Haus zurückgekehrt war, die Tür verschlossen hatte und die schweren Riegel vorzuschieben begann, nahm er hinter sich ein schwaches Licht wahr. Er drehte sich um. Elizabeth kam mit einer Kerze in der Hand die Treppe herunter und umarmte ihn.

Nach einigen Augenblicken, die sie schweigend genossen, löste sie sich sanft von ihm und sagte: »Du hast seit dem Dinner nichts mehr gegessen und siehst überanstrengt aus, Liebster. Du musst etwas zu dir nehmen, bevor du schlafen gehst. Mrs. Reynold hat heiße Suppe ins Speisezimmer gebracht. Der Colonel und Charles sind schon dort.«

Doch es sollte ihm nicht vergönnt sein, von Elizabeths Armen liebevoll umfangen, einzuschlafen. Als er das Speisezimmer betrat, sah er, dass Bingley und der Colonel bereits gegessen hatten und der Colonel entschlossen war, einmal mehr das Kommando zu übernehmen.

»Ich schlage vor, dass wir beide in der Bibliothek übernachten, Darcy«, sagte er. »Sie liegt in der Nähe der Eingangstür, von dort aus lässt sich die Sicherheit des Hauses am besten gewährleisten. Ich war so frei, Mrs. Reynolds um Decken und Kissen zu bitten. Solltest du aber lieber in deinem bequemen Bett schlafen wollen, brauchst du natürlich nicht mitzukommen.«

Darcy hielt es für unnötig, sich in der Nähe der verschlossenen und verriegelten Tür aufzuhalten, konnte aber nicht zulassen, dass ein Gast Unannehmlichkeiten auf sich nahm, während er selbst im Bett lag. Weil ihm keine andere Wahl blieb, sagte er: »Ich glaube zwar nicht, dass Dennys Mörder so dreist ist, in Pemberley einzudringen, aber ich schließe mich dir selbstverständlich an.«

»Mrs. Bingley schläft auf einem Sofa in Mrs. Wickhams Zimmer, und Belton und ich stehen in Bereitschaft«, erklärte Elizabeth. »Ich werde dort noch einmal nach dem Rechten sehen, ehe ich mich zur Ruhe lege. Ich kann den Herren nur eine ungestörte Nacht und ein paar Stunden Schlaf wünschen. Da Sir Selwyn um neun Uhr wiederkommt, werde ich ein zeitiges Frühstück anordnen. Jetzt aber erst einmal gute Nacht.«

2

Als Darcy die Bibliothek betrat, sah er, dass Stoughton und Mrs. Reynolds alles getan hatten, um es dem Colonel und ihm möglichst behaglich zu machen. Im Kamin war Kohle nachgelegt worden – in Papier gewickelt, damit sie ruhiger brannte –, und auf dem Rost lagen zusätzliche Scheite bereit. Auch an Kissen und Decken herrschte kein Mangel. Auf einem runden Tisch etwas abseits des Kamins standen eine abgedeckte Schüssel mit herzhaftem Gebäck, Karaffen mit Wein und Wasser sowie Teller, Gläser und Servietten.

Darcy war gleichzeitig müde und nervös, ein unangenehmer Zustand, aus dem heraus in tiefen Schlaf zu fallen, selbst wenn dies möglich gewesen wäre, einer Pflichtvergessenheit gleichgekommen wäre. Ihn plagte die logisch nicht erklärbare Vorstellung, Pemberley drohe eine Gefahr. Die einzige Erholung, die er in den verbleibenden Stunden dieser Nacht noch finden würde, bestand wohl darin, in Gesellschaft des Colonels in einem Bibliotheksessel zu dösen.

Während sie es sich in den gutgepolsterten Chesterfieldsesseln bequem machten – der Colonel hatte den Sessel vor dem Kamin gewählt, während sich Darcy etwas weiter weg setzte –, kam ihm der Gedanke, sein Cousin könnte die Nachtwache angeregt haben, weil er ihm etwas gestehen wollte. Niemand hatte ihn nach seinem Ausritt kurz vor neun Uhr gefragt, und ihm musste klar sein, dass er, Darcy, aber auch Elizabeth, Bingley und Jane eine Erklärung erwarteten. Da er sie bis jetzt nicht abgegeben hatte, verbot es das Taktgefühl, entsprechende Fragen zu stellen; Hardcastle aber würde kein Taktgefühl davon abhalten, wenn er am Morgen wiederkam. Es musste Fitzwilliam bewusst sein, dass von ihm als einzigem Familienangehörigen und Gast noch kein Alibi vorlag. Darcy hatte zwar keine Sekunde lang in Betracht gezogen, dass der Colonel in den Mordfall verwickelt sein könnte, doch das Schweigen seines Cousins beunruhigte ihn und hatte, was bei einem Mann mit so vollendeten Umgangsformen sehr verwunderte, einen Beigeschmack von Unhöflichkeit.

Zu seinem eigenen Erstaunen überkam ihn der Schlaf viel schneller als erwartet, und die wenigen belanglosen Bemerkungen des Colonels, die ihn wie aus großer Ferne erreichten, konnte er nur mehr mit Mühe erwidern. Hin und wieder wurde er, wenn er seine Lage im Sessel veränderte, halb wach und erkannte, wo er war. Dann warf er einen kurzen Blick auf den ausgestreckt dasitzenden, tief und regelmäßig atmenden Colonel, dessen schönes Gesicht das Feuer rot beschien, sah eine Zeitlang zu, wie die allmählich verlöschenden Flammen an einem geschwärzten Scheit züngelten, zwang seine steifen Beine schließlich aus dem Sessel, legte mit großer Sorgfalt einige neue Scheite und Kohlestücke nach, wartete, bis sie brannten, ging zurück, zog die Decke über sich und schlief weiter.

Als er die Augen das nächste Mal aufschlug, geschah etwas Seltsames. Er war sofort bei vollem Bewusstsein – so hellwach, als hätte er nur auf diesen Moment gewartet. Er lag gekrümmt auf der Seite und sah durch die fast vollständig geschlossenen Lider, wie der Colonel vor dem Kamin auf und ab ging, so dass er, Darcy, kurzzeitig keine Sicht mehr auf das Feuer, die einzige Lichtquelle im Raum, hatte. Er fragte sich, ob er von dieser Bewegung wach geworden war. Es fiel ihm nicht schwer, sich schlafend zu stellen und durch die halb geschlossenen Lider zu spähen. Der Colonel tastete nach einer Tasche in seiner Jacke, die über dem Sessel hing, entnahm ihr einen Umschlag, zog aus diesem ein Blatt Papier hervor und las, was darauf stand. Dann sah Darcy nur mehr seinen Rücken, eine jähe Armbewegung und das Aufflammen des Feuers. Der Colonel hatte das Blatt verbrannt. Darcy ächzte leise auf und wandte das Gesicht weiter vom Feuer ab. Normalerweise hätte er seinem Cousin gezeigt, dass er wach war, und ihn gefragt, ob er ein wenig Schlaf gefunden habe. Er empfand die kleine Täuschung selbst als unwürdig. Doch der entsetzliche Schreck über den Anblick von Dennys Leiche im fahlen Mondlicht hatte sein Innerstes wie ein Erdbeben erschüttert, ihm den Boden unter den Füßen weggezogen und alle sein Leben seit der Kindheit bestimmenden Annahmen und Gepflogenheiten zertrümmert. Im Vergleich zu jenem zerstörerischen Moment waren das merkwürdige Verhalten des Colonels, sein immer noch nicht erklärter Ritt durch die Nacht und das eindeutig heimliche Verbrennen eines Dokuments zwar nur kleinere Nachbeben, doch auch sie beunruhigten ihn zutiefst.

Er kannte seinen Cousin seit Kindertagen. Der Colonel war immer ein unkomplizierter, jeglicher List und Tücke gänzlich abholder Mensch gewesen. Doch seit er der älteste Sohn und Erbe eines Earls geworden war, hatte er sich verändert. Was war nur aus dem beherzten, unbeschwerten jungen Colonel geworden, aus seiner ungezwungenen, selbstbewussten Geselligkeit, die sich sosehr von Darcys manchmal lähmender Schüchternheit unterschied? Er war doch der umgänglichste und beliebteste Mensch gewesen! Doch schon damals hatte er seine Verantwortung für die Familie, die einem jüngeren Sohn auferlegten Pflichten, sehr ernst genommen. Niemals hätte er eine Elizabeth Bennet geheiratet, und manchmal schien es Darcy, als würde sein Cousin ihm jetzt weniger Respekt entgegenbringen, weil er sein Verlangen nach einer Frau über die Pflichten gegenüber Familie und Stand gestellt hatte. Die Veränderung war gewiss auch Elizabeth nicht verborgen geblieben, obwohl sie vor ihrer Mitteilung, sein Cousin werde demnächst bei ihm um Georgianas Hand anhalten, nie mit Darcy über den Colonel gesprochen hatte. Sie war der Ansicht gewesen, ihn auf dieses Gespräch vorbereiten zu müssen, das natürlich nicht stattgefunden hatte und niemals stattfinden würde, denn in dem Moment, als der betrunkene Wickham über Pemberleys Schwelle gezerrt worden war, hatte Darcy gewusst, dass der Viscount Hartlep sich nunmehr anderswo nach seiner künftigen Countess umsehen würde. Am meisten überraschte ihn jedoch nicht, dass der Antrag niemals erfolgen würde, sondern die Erleichterung darüber, seine Schwester, für die er doch stets so hochfliegende Pläne gehegt hatte, nie der Versuchung ausgesetzt zu sehen, ihn anzunehmen.

Es war nicht verwunderlich, dass die Bürde der künftigen Verantwortung schwer auf den Schultern seines Cousins lastete. Darcy dachte an das imposante Stammschloss, an die sich meilenweit erstreckenden Tagesanlagen über dem schwarzen Gold des Kohlenreviers, an das Herrenhaus in Warwickshire inmitten einer riesigen Fläche fruchtbaren Bodens, und daran, dass der Colonel die Nachfolge einst vielleicht mit dem Gefühl antreten würde, seinen Sitz im Oberhaus nur um den Preis einnehmen zu können, dass er seinen geliebten Beruf aufgab. Darcy hatte den Eindruck, dass sein Cousin sehr diszipliniert versuchte, sein Wesen zu ändern, und fragte sich, ob dies möglich – und ob es klug war. Oder hatte er mit irgendeiner privaten Verpflichtung oder Schwierigkeit zu kämpfen, die in keinem Zusammenhang mit seiner Verantwortung als Erbe stand? Wieder erschien es ihm merkwürdig, wie hartnäckig sein Cousin darauf bestanden hatte, die Nacht in der Bibliothek zu verbringen. Wenn es ihm darum gegangen war, einen Brief zu vernichten, hätte er im Haus genügend befeuerte Kamine und auch einen günstigen Augenblick finden können. Und warum vernichtete er ihn gerade jetzt und so heimlich? Hatte ihn irgendein Ereignis dazu gezwungen? Darcy versuchte, es sich wieder einigermaßen bequem zu machen, sagte sich, dass er den schon bestehenden Rätseln nicht ein weiteres hinzufügen müsse, und sank kurz darauf erneut in Schlaf.

Er erwachte, als der Colonel geräuschvoll den Vorhang aufzog, einen kurzen Blick hinauswarf und ihn mit den Worten »Fast noch dunkel – du scheinst gut geschlafen zu haben« wieder schloss.

»Gut nicht, aber ausreichend.« Darcy griff nach seiner Uhr.

»Wie spät ist es?«

»Kurz vor sieben.«

»Ich sehe nach, ob Wickham wach ist und ob er etwas zu essen und zu trinken braucht. Vielleicht wollen auch die Aufseher eine Stärkung. Wir können sie zwar wegen Hardcastles strikten Befehls nicht ablösen, aber ich finde, man sollte sich um sie kümmern. Falls Wickham wach und immer noch in dem Zustand ist, in dem er Dr. McFee zufolge war, als er herkam, dürften Brownrigg und Mason Schwierigkeiten haben, ihn zu bändigen.«

Darcy erhob sich von seinem Sessel. »Das übernehme ich. Du klingelst inzwischen nach dem Frühstück. Im Speisezimmer wird es nämlich erst um acht serviert.«

Doch der Colonel war bereits an der Tür. Er drehte sich noch einmal um und sagte: »Überlass das lieber mir. Je weniger du mit Wickham zu tun hast, umso besser. Hardcastle beobachtet jede Einmischung deinerseits überaus wachsam. Er ist der Zuständige in dieser Sache. Du darfst ihn dir keinesfalls zum Feind machen.«

Darcy gab dem Colonel stillschweigend recht. Er war zwar immer noch entschlossen, Wickham als einen Gast seines Hauses zu behandeln, doch die Realität zu missachten, wäre töricht gewesen. Wickham war der Hauptverdächtige in einer Mordermittlung, und Hardcastle durfte mit Fug und Recht erwarten, dass Darcy sich, zumindest bis zu Wickhams Verhör, von ihm fernhielt.

Kaum war der Colonel gegangen, erschien Stoughton mit Kaffee. Ihm folgten ein Hausmädchen, das sich um das Feuer kümmerte, und Mrs. Reynolds mit der Frage, ob den beiden Herren das Frühstück gebracht werden solle. Während im Kamin nachgelegt wurde, entzündete sich in der stechend riechenden Asche noch einmal ein glimmender Scheit. Die züngelnden Flammen leuchteten bis in die Ecken der Bibliothek hinein und verstärkten noch die Düsterkeit des Herbstmorgens. Der Tag, der für Darcy nur Unbilden bereithielt, war angebrochen.

Zehn Minuten später, gerade als Mrs. Reynolds den Raum verließ, kehrte der Colonel zurück, ging sofort zum Tisch und schenkte sich Kaffee ein. Dann nahm er wieder in seinem Sessel Platz. »Wickham ist unruhig und murmelt ständig vor sich hin, aber er schläft noch, wahrscheinlich noch eine ganze Weile. Ich gehe kurz vor neun wieder zu ihm und bereite ihn auf Hardcastles Erscheinen vor. Brownrigg und Mason wurden in der Nacht gut mit Essen und Getränken versorgt. Brownrigg döste gerade auf seinem Stuhl, und Mason beklagte sich darüber, dass seine Beine steif seien und er Bewegung brauche. In Wirklichkeit brauchte er wahrscheinlich nur einen Besuch des Wasserklosetts, dieser neumodischen Vorrichtung, die du hier hast aufstellen lassen und über die, wie ich gehört habe, in der ganzen Gegend Zoten gerissen werden. Ich habe ihm den Weg dorthin gezeigt und bis zu seiner Rückkehr Wache gestanden. Soweit ich es beurteilen kann, wird Wickham um neun wach genug sein, um von Hardcastle verhört zu werden. Möchtest du dabei sein?«

»Wickham befindet sich in meinem Haus, und Denny wurde auf meinem Besitz ermordet. Deshalb ist es richtig, dass ich von den Ermittlungen ausgeschlossen bin, die im Übrigen vom Polizeidirektor geleitet werden, sobald Hardcastle ihm Meldung gemacht hat; Sir Miles Culpepper selbst wird sich allerdings kaum aktiv beteiligen. Für dich könnte die Sache leider unangenehm werden – Hardcastle wird auf eine möglichst rasch erfolgende gerichtliche Untersuchung hinarbeiten. Zum Glück ist der Untersuchungsrichter in Lambton, und die dreiundzwanzig Männer für die Jury werden bald gefunden sein – allesamt Einheimische, was aber nicht von Vorteil sein muss. Jeder weiß, dass Wickham in Pemberley unerwünscht ist, und die Klatschmäuler haben bestimmt schon eifrig über den Grund dafür spekuliert. Auf jeden Fall werden wir beide als Zeugen aussagen müssen, und das hat Vorrang vor der Wiederaufnahme deines Dienstes.«

»Nichts hat Vorrang vor der Wiederaufnahme meines Dienstes«, entgegnete Colonel Fitzwilliam, »aber wenn die gerichtliche Untersuchung bald beginnt, sehe ich kein Problem. Der junge Alveston ist allerdings in einer wesentlich günstigeren Lage. Offensichtlich fällt es ihm nicht schwer, seine angeblich so immens arbeitsaufwendige berufliche Tätigkeit in London stehen- und liegenzulassen, um die in Highmarten und Pemberley herrschende Gastfreundschaft auszukosten.«

Darcy schwieg. Nach einer Weile sagte der Colonel: »Was ist heute zu tun? Du wirst die Dienerschaft über den Vorfall unterrichten und auf Hardcastles Befragung vorbereiten müssen …«

»Ich sehe erst einmal nach, ob Elizabeth schon wach ist, was ich annehme. Dann werden wir beide gemeinsam mit dem Personal reden. Sollte Wickham das Bewusstsein wiedererlangt haben, wird Lydia mit ihm sprechen wollen, das ist ihr gutes Recht. Und dann müssen wir uns alle auf unsere eigene Befragung vorbereiten. Es empfiehlt sich, die Alibis parat zu haben, damit Hardcastle keine Zeit mit denjenigen verliert, die sich gestern Abend in Pemberley aufgehalten haben. Von dir wird er wissen wollen, wann du losgeritten und wann du zurückgekehrt bist.«

»Ich hoffe ihn zufriedenstellen zu können«, erwiderte der Colonel knapp.

»Wenn Mrs. Reynolds kommt, sag ihr bitte, dass ich bei Mrs. Darcy bin und das Frühstück wie immer im Speisezimmer einnehmen werde.« Mit diesen Worten verließ Darcy die Bibliothek. Die Nacht war in mehr als einer Hinsicht ungemütlich gewesen, und er war froh, dass sie hinter ihm lag.

3

Jane, die seit der Hochzeit keine einzige Nacht ohne ihren Mann gewesen war, verbrachte unruhige Stunden auf dem Sofa neben Lydias Bett. Zwischen den kurzen Phasen, in denen sie döste, verspürte sie immer wieder den Drang, nachzusehen, ob ihre Schwester schlief. Dr. McFees Beruhigungsmittel hatte gewirkt, Lydia schlummerte tief und fest, doch um halb sechs wachte sie auf und verlangte, sofort zu ihrem Mann gebracht zu werden. Jane empfand diese Forderung als natürlich und verständlich, hielt es aber für besser, sanft darauf hinzuweisen, dass Wickham sicherlich noch nicht wach sei. Da Lydia nicht bereit war zu warten, half Jane ihr beim Ankleiden, einer Prozedur, die sich in die Länge zog, weil Lydia unbedingt gut aussehen wollte. Eine geraume Zeit lang wühlte sie in ihrer Truhe, hielt verschiedene Kleider an sich hoch, um Janes Meinung dazu in Erfahrung zu bringen, warf andere sofort zu einem Haufen auf den Boden und zupfte an ihrer Frisur herum. Jane überlegte, ob sie Bingley wecken solle, ging hinaus und horchte an der Tür des Nebenzimmers, doch als kein Laut zu vernehmen war, beschloss sie, ihn nicht aus dem Schlaf zu reißen. Die Schwester zu begleiten, wenn diese ihren Mann nach den durchlittenen Qualen zum ersten Mal wiedersah, war nun einmal Aufgabe einer Frau, und sie wollte Bingleys unerschöpfliche Gutmütigkeit nicht für ihre eigenen Zwecke ausnutzen. Als Lydia mit ihrer Erscheinung endlich zufrieden war, nahmen die beiden Schwestern ihre brennenden Kerzen und eilten durch dunkle Gänge zu dem Raum, in dem man Wickham gefangen hielt.

Brownrigg öffnete die Tür. Als sie eintraten, schreckte der auf seinem Stuhl dösende Mason auf. Und dann brach das Chaos aus. Lydia lief zum Bett, in dem Wickham noch immer schlief, stürzte sich auf ihn, als wäre er tot, und begann bitterlich zu weinen. Erst nach mehreren Minuten gelang es Jane, sie sanft von ihm zu lösen und ihr flüsternd klarzumachen, dass sie besser später wiederkomme, wenn ihr Mann wach und ansprechbar sei. Lydia brach ein letztes Mal in Tränen aus und ließ sich in ihr Zimmer zurückbringen, wo Jane sie endlich beruhigen und nach einem frühen Frühstück klingeln konnte, das kurz darauf nicht vom üblichen Diener, sondern von Mrs. Reynolds gebracht wurde. Als Lydia mit sichtlicher Genugtuung die ausgewählten Köstlichkeiten betrachtete, merkte sie, dass die Trauer sie hungrig gemacht hatte, und aß mit großem Appetit. Es überraschte Jane, dass ihre Schwester keinen Gedanken an Denny zu verschwenden schien, der ihr von allen gemeinsam mit Wickham in Meryton stationierten Offizieren immer der liebste gewesen war; doch seinen gewaltsamen Tod, von dem Jane ihr so behutsam wie möglich berichtet hatte, erfasste Lydia offenbar gar nicht.

Nach dem Frühstück schwankte Lydias Gemütszustand zwischen Weinkrämpfen, Selbstmitleid, Angst vor ihrer eigenen Zukunft und der ihres geliebten Wickham, sowie Groll gegen Elizabeth. Wären sie und ihr Mann zum Ball eingeladen worden, wie es sich gehört hätte, dann wären sie am nächsten Vormittag über die eigentliche Zufahrtsstraße gekommen. Durch den Wald seien sie ja nur gefahren, weil ihr Kommen überraschend erfolgen musste, da Elizabeth sie sonst wahrscheinlich nie ins Haus gelassen hätte. So sei es Elizabeths Schuld, dass sie eine Kutsche mieten und im Green Man übernachten mussten, einem Gasthof, der ihrem und dem Geschmack des lieben Wickham ganz und gar nicht entspreche. Hätte Elizabeth ihnen großzügiger geholfen, hätten sie es sich leisten können, die Nacht von Freitag im King’s Arms in Lambton zu verbringen; dann hätte man ihnen von Pemberley aus eine Kutsche geschickt, die sie zum Ball gebracht hätte, Denny wäre nicht mit ihnen gefahren, und das ganze Unglück wäre nie geschehen. Das alles musste sich Jane anhören, was ihr nur mit Mühe gelang. Wie immer versuchte sie zu beschwichtigen, Geduld anzumahnen und Hoffnung zu machen, doch Lydia gab sich ihrem Kummer bereits viel zu genüsslich hin, als dass sie einem vernünftigen Wort oder Ratschlag noch zugänglich gewesen wäre.

All das war keine große Überraschung. Lydia hatte Elizabeth schon als Kind nicht gemocht, und zwischen zwei so unterschiedlichen Charakteren hätte niemals Sympathie oder große schwesterliche Zuneigung herrschen können. Die wilde, burschikose Lydia mit ihrer vulgären Ausdrucksweise und gewöhnlichen Art, unempfänglich für jeden Versuch, sie zu zügeln, war den zwei ältesten Miss Bennets immer schon peinlich gewesen. Sie war das Lieblingskind ihrer Mutter, deren Wesen dem ihren sehr ähnelte, doch es gab noch andere Gründe für die Feindseligkeit zwischen Elizabeth und der jüngeren Schwester. Lydia vermutete nicht ohne Grund, dass Elizabeth versucht hatte, ihrem Vater einzureden, er solle ihr den Aufenthalt in Brighton verbieten. Kitty hatte erzählt, sie habe gesehen, wie Elizabeth an die Tür zur Bibliothek geklopft und Einlass in das Allerheiligste erhalten habe, was ein seltenes Privileg darstellte, da Mr. Bennet die Bibliothek hartnäckig für das einzige Zimmer hielt, in dem ihm Ruhe und Abgeschiedenheit vergönnt waren. Der Versuch, Lydia ein Vergnügen zu verwehren, auf das sie sich kapriziert hatte, stand auf der Liste der schwesterlichen Verfehlungen ganz weit oben, und so etwas niemals zu vergeben oder zu vergessen war für Lydia eine Frage des Prinzips.

Es gab jedoch einen weiteren Grund für ihre an Feindschaft grenzende Antipathie: Lydia wusste, dass Wickham ihre ältere Schwester einst zu seiner offiziellen Favoritin erkoren hatte. Als Lydia einmal in Highmarten zu Besuch weilte, hatte Jane ein Gespräch ihrer Schwester mit der Haushälterin gehört, und es war wieder einmal ganz die alte, selbstsüchtig handelnde und taktlos vorgehende Lydia gewesen. »Natürlich wird man Mr. Wickham und mich nie nach Pemberley einladen. Mrs. Darcy ist eifersüchtig auf mich, und jeder in Meryton weiß, warum. Sie war hinter Wickham her, als er in Meryton stationiert war, und hätte ihn genommen, wenn sie ihn bekommen hätte. Doch er hat eine andere erwählt – mich Glückliche! Elizabeth hätte ihn ohnehin nicht genommen – er hatte ja kein Geld –, aber wenn er Geld gehabt hätte, wäre sie jetzt Mrs. Wickham, und zwar liebend gern. Sie hat Darcy, diesen grauenvollen, arroganten, missmutigen Mann, doch nur wegen Pemberley und all seinem Geld geheiratet, wie ganz Meryton weiß.«

Dass Lydia ihre, Janes, Haushälterin in die Privatangelegenheiten der Familie einweihte, und die Mischung aus Lügen und Gemeinheiten, mit der die Schwester ihren unbedachten Tratsch verbreitete, hatte Jane veranlasst, noch einmal darüber nachzudenken, ob es klug war, die üblicherweise unangekündigten Besuche ihrer Schwester bereitwillig hinzunehmen, und sie hatte beschlossen, diese Besuche in Zukunft um Bingleys und ihrer Kinder, aber auch um ihrer selbst willen möglichst zu verhindern. Doch einmal würde sie es noch erdulden müssen. Sie hatte versprochen, Lydia nach Highmarten mitzunehmen, wenn sie und Bingley wie geplant am Sonntag Nachmittag von Pemberley abreisen würden; außerdem wusste sie, wie entlastend es für Elizabeth angesichts all der Probleme wäre, wenn sie von Lydias ständigen Forderungen nach Mitleid und Aufmerksamkeit, von ihren unvorhersehbar ausbrechenden Weinkrämpfen und dem unablässigen Gequengel verschont bliebe. Jane hatte sich hilflos gefühlt angesichts der Tragödie, die Pemberley überschattete, doch dieser kleine Dienst war das Mindeste, was sie ihrer geliebten Schwester erweisen konnte.

4

Elizabeth schlief unruhig. Kurze Phasen wohltuenden Schlummers wurden von Alpträumen unterbrochen, aus denen sie jäh erwachte. Dann wurde ihr wieder das wirkliche Grauen bewusst, das wie ein Sargtuch auf Pemberley lag. Instinktiv streckte sie die Hand nach ihrem Mann aus, bis ihr einfiel, dass Darcy die Nacht mit Colonel Fitzwilliam in der Bibliothek verbrachte. Den Drang, das Bett zu verlassen und im Zimmer umherzugehen, konnte sie kaum unterdrücken, doch sie versuchte in den Schlaf zurückzufinden. Das sonst so kühle, angenehme Leintuch hatte sich zu einem einengenden Seil verwickelt, und die mit weichsten Flaumfedern gefüllten Kissen erschienen ihr so hart und heiß, dass sie sie ständig ausschütteln und umdrehen musste, um wieder bequem darauf liegen zu können.

Sie dachte an Darcy und den Colonel. Wie absurd, dass sie unter so beschwerlichen Umständen schliefen oder zu schlafen versuchten, obendrein nach einem so grässlichen Tag! Und warum hatte Colonel Fitzwilliam das Ganze überhaupt vorgeschlagen? Denn dass es seine Idee gewesen war, wusste sie. Wollte er Darcy etwas Wichtiges mitteilen und deshalb ein paar Stunden lang ungestört mit ihm allein sein? Würde er ihm eine Erklärung für den geheimnisvollen nächtlichen Ausritt geben, oder würde es in der diskreten Unterredung um Georgiana gehen? Plötzlich kam ihr der Gedanke, dass er vielleicht ein vertrauliches Gespräch zwischen ihr und Darcy hatte verhindern wollen. Seit der Suchtrupp mit Dennys Leiche zurückgekehrt war, hatten sie und ihr Mann kaum ein paar Minuten zu zweit gehabt. Sie tat den Gedanken als lächerlich ab und versuchte, wieder einzuschlafen.

Sie fühlte sich erschöpft, doch tausend Gedanken wirbelten ihr durch den Kopf. Sie überlegte, was alles zu tun war, ehe Sir Selwyn Hardcastle eintraf. Fünfzig Familien musste mitgeteilt werden, dass der Ball abgesagt war; es hätte keinen Sinn gehabt, die Briefe schon am Abend abzugeben, als die meisten Empfänger sicherlich schon im Bett lagen. Vielleicht hätte sie noch länger aufbleiben und mit dem Schreiben wenigstens beginnen sollen. Als Allererstes galt es jedoch eine weit dringlichere Pflicht zu erfüllen. Georgiana hatte sich früh schlafen gelegt und wusste nichts von der nächtlichen Tragödie. Seit Wickham vor sieben Jahren versucht hatte, sie zu entführen, war er kein einziges Mal in Pemberley empfangen oder auch nur sein Name genannt worden. Man hatte den Vorfall als etwas nie Geschehenes behandelt. Dennys Tod würde den gegenwärtigen Schmerz nun vergrößern und das vergangene Unglück wiederaufflammen lassen. Empfand Georgiana noch etwas für Wickham? Wie würde ein Wiedersehen jetzt, mit zwei Verehrern im Haus und umgeben von Argwohn und Grauen, für sie sein? Gleich nach dem Frühstück der Dienerschaft würden Elizabeth und Darcy allen Mitgliedern des Haushalts von der Tragödie berichten, doch vor den Mädchen, die ab fünf Uhr morgens durch die Zimmer gingen, putzten, aufräumten und Feuer machten, konnten sie die Anwesenheit von Lydia und Wickham unmöglich verbergen. Georgiana wachte immer sehr früh auf; Schlag sieben würde ihre Kammerzofe den Vorhang zurückziehen und den Morgentee servieren. Sie, Elizabeth, musste unbedingt mit Georgiana reden, ehe irgendjemand unachtsam mit der Nachricht herausplatzte.

Sie blickte zu der kleinen goldenen Uhr auf dem Nachttisch hinüber. Es war Viertel nach sechs. Jetzt, da sie keinesfalls einnicken durfte, fühlte sie den Schlaf doch kommen. Weil sie um sieben Uhr hellwach sein musste, zündete sie zehn Minuten zuvor ihre Kerze an und schritt leise durch den Gang zu Georgianas Zimmer. Elizabeth wurde stets früh von den Geräuschen des zum Leben erwachenden Hauses geweckt, begrüßte jeden Tag in der zuversichtlichen Erwartung, dass es ein glücklicher, mit den Pflichten und Freuden einer friedlichen Gemeinschaft angefüllter sein würde. Leise, ferne Geräusche, dem Kratzen von Mäusen gleich, drangen an ihr Ohr – die Hausmädchen hatten ihr Tagwerk begonnen. In diesem Gang würde sie wahrscheinlich keiner Bediensteten begegnen, und wenn, so würde diese lächeln und sich an die Wand drücken, um ihr den Weg frei zu machen.

Leise klopfte sie an Georgianas Tür und trat ein. Die junge Frau stand schon im Morgenrock am Fenster und sah ins dunkle Nichts hinaus. Nur Sekunden später erschien ihre Zofe. Elizabeth nahm ihr das Tablett ab und stellte es auf den Nachttisch. Georgiana schien zu spüren, dass etwas nicht stimmte. Kaum hatte die Zofe das Zimmer verlassen, lief sie auf Elizabeth zu und fragte besorgt: »Du siehst müde aus, liebe Elizabeth. Geht es dir nicht gut?«

»Ich mache mir Sorgen. Setzen wir uns, Georgiana. Ich muss dir etwas sagen.«

»Doch nicht Mr. Alveston?«

»Nein, nicht Mr. Alveston.«

Elizabeth berichtete ihr kurz von den Geschehnissen der vergangenen Nacht. Sie beschrieb, wie Wickham, als man Captain Denny auffand, zutiefst erschüttert neben der Leiche gekniet hatte. Die von ihm geäußerten Worte allerdings gab sie nicht wieder. Georgiana hörte, die Hände im Schoß, schweigend zu. In ihren Augen glitzerten Tränen, die ihr mit einem Mal ungehindert über die Wangen liefen. Elizabeth ergriff ihre Hand.

Nach einer Weile trocknete sich Georgiana die Augen und sagte gefasst: »Es kommt dir sicherlich merkwürdig vor, dass ich um einen jungen Mann weine, den ich gar nicht kannte, aber ich muss immer wieder daran denken, wie glücklich wir alle im Musikzimmer waren und dass, während ich mit Mr. Alveston sang und spielte, Captain Denny keine zwei Meilen von uns entfernt einen gewaltsamen Tod fand. Wie sollen nur seine Eltern diese schreckliche Nachricht ertragen? Welch ein Verlust, welch ein Schmerz für seine Freunde!« Elizabeth musste sie erstaunt angesehen haben, denn sie fügte hinzu: »Liebe Elizabeth, dachtest du, ich würde Wickhams wegen weinen? Aber er lebt doch, und Lydia wird bald wieder mit ihm vereint sein. Ich freue mich für die beiden. Es verwundert mich auch nicht, dass Mr. Wickham über den Tod seines Freundes, den er nicht verhindern konnte, so bestürzt war, aber bitte, liebe Elizabeth, denk nicht, es würde mich quälen, dass er in unser Leben zurückgekehrt ist. Es liegt so lange zurück, dass ich in ihn verliebt zu sein glaubte, und heute weiß ich, dass es nur die Erinnerung an die Freundlichkeit war, die er mir als Kind zuteil werden ließ, auch Dankbarkeit für seine Zuneigung und vielleicht Einsamkeit, aber Liebe war es nie. Und ich wäre auch gewiss nie mit ihm weggegangen. Schon damals erschien mir das Ganze eher unwirklich, wie ein kindisches Abenteuer.«

»Er wollte dich heiraten, Georgiana. Das hat er nie geleugnet.«

»Ja, ja, er hat es ernst gemeint.« Sie errötete. »Aber er versprach damals, dass wir bis zur Hochzeit wie Bruder und Schwester leben würden.«

»Und das hast du ihm geglaubt?«

In Georgianas Stimme schlich sich ein trauriger Unterton. »O ja, das habe ich ihm geglaubt. Er war ja nie in mich verliebt, es ging ihm nur um das Geld, immer nur um das Geld. Ich hege keinen Groll gegen ihn – außer des Schmerzes und der Sorgen wegen, die mein Bruder erleiden musste –, aber sehen möchte ich ihn lieber nicht.«

»Das wird das Allerbeste sein, und es besteht auch keine Notwendigkeit«, versicherte ihr Elizabeth, ohne hinzuzufügen, dass man George Wickham, sollte er nicht sehr viel Glück haben, am späten Vormittag unter Polizeibewachung aus Pemberley abführen werde.

Ohne viele Worte tranken sie ihren Tee. Als sich Elizabeth schließlich erhob und zum Gehen wandte, sagte Georgiana: »Fitzwilliam spricht nie von Wickham oder von dem, was vor so vielen Jahren geschah. Für mich wäre es einfacher, wenn er es täte. Es ist doch wichtig, dass Menschen, die sich lieben, offen und ehrlich miteinander über Dinge sprechen können, die sie berühren.«

»Das denke ich auch, aber manchmal ist es eben schwierig. Man muss den rechten Moment abwarten.«

»Den wird es nie geben«, wandte Georgiana ein. »Mich schmerzt nur, dass ich meinen geliebten Bruder enttäuscht habe und er meinem Urteilsvermögen nie wieder trauen wird. Aber Mr. Wickham ist kein böser Mensch, Elizabeth.«

»Aber ein gefährlicher vielleicht – und ein törichter.«

»Ich habe mit Mr. Alveston darüber gesprochen. Er glaubt, dass Wickham durchaus verliebt gewesen sein könnte, auch wenn ihn immer die Geldnot trieb. Mit Mr. Alveston kann ich offen reden. Warum nicht auch mit meinem Bruder?«

»Mr. Alveston kennt also das Geheimnis?«

»Ja, natürlich, wir sind gute Freunde. Aber Mr. Alveston versteht genau wie ich, dass nicht mehr daraus werden kann, solange Pemberley von diesem furchtbaren Geheimnis überschattet ist. Er hat sich mir noch nicht erklärt, und es gibt auch keine heimliche Verlobung. So etwas würde ich weder vor dir, Elizabeth, noch vor meinem Bruder jemals geheim halten. Aber wir wissen beide, wie es in unseren Herzen aussieht, und sind bereit zu warten.«

Es gab also noch ein anderes Geheimnis in der Familie. Elizabeth glaubte zu wissen, warum Henry Alveston Georgiana bisher keinen Antrag gemacht oder auch nur seine Absichten erklärt hatte. Es hätte so ausgesehen, als wollte er den etwaigen Beistand, den er Darcy leisten konnte, ausnutzen, und beide, Alveston wie auch Georgiana, waren feinfühlig genug, um zu wissen, dass das große Glück einer gelingenden Liebe nicht unter dem Schatten des Galgens gefeiert werden konnte. Es blieb Elizabeth nur noch, Georgiana zu küssen, ihr leise zu sagen, wie sympathisch sie Mr. Alveston fand, und ihnen beiden alles Gute zu wünschen.

Allmählich war es an der Zeit, sich anzukleiden und den Tag zu beginnen. Dass noch so viel getan werden musste, bevor um neun Uhr Sir Selwyk Hardcastle eintraf, lastete schwer auf Elizabeths Seele. Zunächst galt es, den geladenen Gästen die Briefe zuzustellen, in denen – selbstredend ohne die Erwähnung von Einzelheiten – erklärt wurde, warum der Ball abgesagt war. Georgiana hatte ihr mitgeteilt, sie habe sich das Frühstück zwar in ihr Zimmer bestellt, werde aber auch in den Frühstücksraum kommen und mit den anderen Kaffee trinken. Außerdem wolle sie gern mithelfen. Lydia hatte man das Frühstück ans Bett gebracht. Jane leistete ihr Gesellschaft, und Bingley, der es bestimmt kaum erwarten konnte, wieder bei seiner Frau zu sein, würde sich zu ihnen gesellen, sobald die beiden Damen angekleidet waren und man das Zimmer aufgeräumt hatte.

Als Elizabeth angezogen und Belton zu Jane gegangen war, um zu fragen, ob sie Hilfe brauche, machte sich Elizabeth auf die Suche nach Darcy und sah gemeinsam mit ihm bei den Kindern vorbei. Für gewöhnlich absolvierten sie diesen täglichen Besuch nach dem Frühstück, doch heute waren beide Eltern von der fast abergläubischen Angst erfüllt, das Böse, das in Pemberley Einzug gehalten hatte, könnte bis in das Zimmer der Kinder vordringen, und wollten sich selbst davon überzeugen, dass alles in Ordnung war. Und wirklich hatte sich nichts in dieser sicheren kleinen Welt verändert. Die Knaben freuten sich darüber, ihre Eltern so unerwartet früh zu sehen. Nachdem sie einander umarmt hatten, zog Mrs. Donovan Elizabeth zur Seite und sagte leise: »Mrs. Reynolds war so gut, mich schon bei Tagesanbruch aufzusuchen und mir von Captain Dennys Tod zu berichten. Wir sind alle zutiefst entsetzt, aber Sie können darauf vertrauen, dass Master Fitzwilliam nichts davon erfährt, bis Mr. Darcy mit ihm redet und ihm das Nötigste erzählt. Seien Sie unbesorgt, Madam – kein einziges von den Hausmädchen wird irgendwelchen Tratsch ins Kinderzimmer tragen.«

Nachdem sie den Raum verlassen hatten, brachte Darcy zum Ausdruck, wie dankbar er Elizabeth dafür sei und wie sehr es ihn erleichtere, dass sie Georgiana die Nachricht überbracht und seine Schwester darauf nicht mit mehr als dem natürlichen Schmerz reagiert habe. Elizabeth spürte jedoch, dass seine alten Zweifel und Sorgen zurückgekehrt waren und es ihn glücklicher gemacht hätte, wenn es Georgiana erspart geblieben wäre, durch die Nachricht an die Vergangenheit erinnert zu werden.

Kurz vor acht betraten Elizabeth und Darcy den Frühstücksraum, in dem sich als einziger Gast Henry Alveston aufhielt. Sie tranken zwar viel Kaffee, ließen jedoch das übliche aus Eiern, geräuchertem Speck, Würsten und Nierchen bestehende Frühstück, das unter silbernen Gloschen auf dem Anrichtetisch stand, nahezu unberührt.

Es war ein unbehagliches Mahl. Auch das Erscheinen des Colonels und, wenig später, Georgianas, konnte die für sie alle so ungewohnt angespannte Atmosphäre nicht auflockern. Georgiana setzte sich auf den Stuhl zwischen Alveston und den Colonel. Während Alveston ihr Kaffee einschenkte, sagte sie: »Nach dem Frühstück sollten wir uns um die Briefe kümmern, Elizabeth. Wenn du den Text entwirfst, kann ich mit dem Schreiben beginnen. Alle Gäste können dieselbe und selbstverständlich nur sehr kurze Mitteilung erhalten.«

Alle schwiegen verlegen, bis schließlich der Colonel zu Darcy sagte: »Miss Darcy sollte Pemberley so bald wie möglich verlassen. Es wäre nicht angebracht, sie in die Sache hineinzuziehen oder gar der zu erwartenden Befragung durch Sir Selwyn oder die Wachtmeister auszusetzen.«

Georgiana entgegnete blass, jedoch mit fester Stimme: »Ich möchte aber helfen.« Sie wandte sich an Elizabeth. »Du hast heute Vormittag so viel zu tun – wenn du also den Text verfasst, kann ich die Briefe schreiben. Du musst sie dann nur noch unterzeichnen.«

»Eine hervorragende Idee!«, warf Alveston ein. Zu Darcy sagte er: »Erlauben Sie mir, Ihnen zu Diensten zu sein, Sir. Mit einem schnellen Pferd und einem zweiten als Ersatz kann ich bei der Auslieferung der Briefe helfen. Da ich für die meisten der Gäste ein Fremder bin, werden sie mich nicht so lange nach Erklärungen fragen wie ein Mitglied der Familie, was nur zu Verzögerungen führen würde. Miss Darcy und ich könnten auf einer Karte der Umgebung die schnellste und sinnvollste Route ausarbeiten. Und einige Häuser in enger Nachbarschaft zu anderen Eingeladenen könnten die Nachricht weiterleiten.«

Elizabeth wusste, dass eine ganze Reihe von ihnen diese Aufgabe mit größter Freude erfüllen würde. Wenn irgendetwas für den abgesagten Ball entschädigen konnte, so war es das Drama, das jetzt in Pemberley seinen Lauf nahm. Doch einige Freunde würde die Verzweiflung bekümmern, die nun in Pemberley herrschen musste, sie würden ihrer Anteilnahme und dem Willen, der Familie zu helfen, in sofort verfassten Briefen Ausdruck verleihen, und Elizabeth sagte sich nachdrücklich, dass dies bei vielen aus ehrlicher Zuneigung und Sorge geschehen würde. Solche Regungen des Mitleids und der Liebe durfte man nicht durch Zynismus herabwürdigen.

In diesem Augenblick ergriff Darcy das Wort und sagte kühl: »Meine Schwester wird gar nichts machen. Sie hat mit der ganzen Angelegenheit nichts zu tun, und es wäre völlig unangemessen, sie in die Sache hineinzuziehen.«

Georgiana entgegnete sanft, doch ebenso nachdrücklich: »Ich mache mir aber Sorgen, Fitzwilliam. Wir alle machen uns Sorgen.«

Bevor ihr Bruder etwas erwidern konnte, schaltete sich der Colonel ein. »Miss Georgiana, Sie dürfen keinesfalls in Pemberley bleiben, solange die Ermittlungen nicht abgeschlossen sind. Ich werde noch heute Abend per Eilboten einen Brief an Lady Catherine schicken und bin überzeugt, dass sie Ihnen unverzüglich eine Einladung nach Rosings aussprechen wird. Ich weiß, dass Ihnen das Haus nicht sonderlich behagt und Sie die Einladung als unerfreulich betrachten werden, aber es ist der Wunsch Ihres Bruders, Sie an einem unbedrohten Ort zu wissen und nicht um Ihre Sicherheit und Ihr Wohlergehen bangen zu müssen. Sie verfügen über gesunden Menschenverstand und werden die Klugheit – und Schicklichkeit – dieses Vorschlags gewiss einsehen.«

Georgiana achtete gar nicht auf ihn, sondern sagte zu Darcy: »Du brauchst keine Angst um mich zu haben. Bitte verlange nicht, dass ich gehe. Ich möchte Elizabeth helfen und erhalte hoffentlich Gelegenheit dazu. Daran kann ich nun wirklich nichts Unschickliches erkennen.«

Nun mischte sich Alveston ein. »Verzeihen Sie, Sir, aber dazu habe ich auch etwas zu sagen. Sie debattieren, was Miss Darcy tun muss, als wäre sie ein Kind. Wir leben im neunzehnten Jahrhundert, und man muss kein Anhänger von Mrs. Wollstonecraft sein, um die Meinung zu vertreten, dass Frauen in Dingen, die sie betreffen, ein Mitspracherecht haben sollten. Bereits vor mehreren Jahrhunderten hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass auch Frauen eine Seele besitzen. Wäre es nicht an der Zeit, einzusehen, dass sie auch über Verstand verfügen?«

Der Colonel brauchte ein paar Sekunden, um die Fassung zu wahren. Schließlich sagte er: »Sie sollten sich Ihre Hetzreden für Old Bailey aufsparen, Sir!«

Darcy wandte sich an seine Schwester. »Ich hatte nur dein Wohlergehen und dein Glück im Sinn. Wenn du aber bleiben willst, sollst du selbstverständlich bleiben. Elizabeth wird deine Hilfe zu schätzen wissen.«

Elizabeth hatte schweigend dabeigesessen und überlegt, ob sie das Wort ergreifen konnte, ohne die Sache noch schlimmer zu machen. »Ja, sehr sogar«, sagte sie nun. »Ich muss für Sir Selwyn Hardcastle abkömmlich sein, wenn er eintrifft, und ich weiß nicht, wie die Briefe rechtzeitig zugestellt werden können, wenn mir niemand hilft. Sollen wir anfangen?«

Der Colonel schob mit einiger Heftigkeit seinen Stuhl zurück, verbeugte sich steif vor Elizabeth und Georgiana und verließ den Raum.

Alveston erhob sich und sagte zu Darcy: »Sir, ich bitte um Entschuldigung für die Einmischung in eine Familienangelegenheit, die mich nichts angeht. Es war unangemessen, das Wort zu ergreifen, obendrein mit größerem Eifer, als es Klugheit und Höflichkeit gebieten.«

»Sie sollten sich eher beim Colonel als bei mir entschuldigen. Ihre Bemerkungen mögen unangebracht und anmaßend gewesen sein, entbehren deshalb aber nicht der Wahrheit. Elizabeth, meine Liebe«, sagte er zu seiner Frau, »wenn du die Sache mit den Briefen jetzt klären würdest, könnten wir gemeinsam vor die Dienerschaft treten – vor das Hauspersonal ebenso wie vor diejenigen, die heute von auswärts kommen. Mrs. Reynolds und Stoughton haben bisher nur mitgeteilt, dass sich ein Unfall ereignet hat und der Ball abgesagt ist – sie sind gewiss beunruhigt und verängstigt. Ich klingle jetzt nach Mrs. Reynolds und sage ihr, dass wir im Dienstbotenzimmer zu ihnen sprechen werden, sobald du den Text, den Georgiana schreiben soll, aufgesetzt hast.«

5

Eine halbe Stunde später betraten Darcy und Elizabeth das Dienstbotenzimmer. Sechzehn Stühle wurden nach hinten gerückt, und auf Darcys Begrüßung hin ertönte ein gemeinschaftlich gemurmeltes, kaum verständliches »Guten Morgen, Sir«. Elizabeth wunderte sich über die frisch gestärkten, blendend weißen Zierschürzen und Plisseehäubchen, doch dann fiel ihr ein, dass Mrs. Reynolds dem gesamten Personal Anweisung gegeben hatte, am Tag von Lady Annes Ball tadellos gekleidet zu erscheinen. Es roch durchdringend nach süßem und pikantem Backwerk; offenbar hatte man in Ermangelung eines gegenteiligen Befehls einiges bereits in die Öfen geschoben. Als Elizabeth an einer offen stehenden, in den Wintergarten führenden Tür vorbeigekommen war, hatte der süßliche Duft der Schnittblumen ihr fast Übelkeit erregt. Wie viele davon, dachte sie, würden jetzt, da sie niemand mehr brauchte, am Montag wohl noch blühen? Sie ertappte sich bei dem Gedanken, was man am besten mit der Unmenge an bratfertig gerupftem Geflügel machen sollte, mit den Rinderteilen, dem Obst aus den Treibhäusern, der weißen Suppe und der Weinschaumcreme. Das Meiste war zwar noch nicht zubereitet, doch wenn keine anderslautenden Anweisungen ergingen, würde es unweigerlich einen Überschuss geben, der nicht verderben durfte. Dass sie sich gerade jetzt damit beschäftigte, erschien ihr selbst unbillig, aber es war nur eine von vielen Sorgen. Warum sprach Colonel Fitzwilliam nicht von seinem nächtlichen Ritt, und warum erklärte er nicht, wo er gewesen war? Er hatte wohl kaum mitten im Sturm einfach nur einen Ausritt gemacht. Und falls man Wickham verhaften und abführen sollte – bisher hatte das noch niemand ausgesprochen, aber es war, wie alle wussten, fast sicher –, was sollte dann mit Lydia geschehen? In Pemberley würde sie nicht bleiben wollen, doch man musste ihr eine Bleibe in der Nähe ihres Mannes anbieten. Am besten und zweckmäßigsten wäre es, wenn Jane und Bingley sie nach Highmarten mitnähmen. Aber konnte man Jane das zumuten?

Mit diesen Überlegungen war sie so sehr beschäftigt, dass sie die Worte ihres Mannes, denen das Personal mit atemloser Stille lauschte, kaum wahrnahm und nur die letzten Sätze erfasste. Sir Selwyn Hardcastle sei in der Nacht herbeigerufen und Captain Dennys Leiche nach Lambton verbracht worden. Sir Selwyn werde um neun Uhr wiederkommen und müsse jeden, der sich vergangene Nacht in Pemberley aufgehalten habe, einer Vernehmung in seinem, Darcys, und Mrs. Darcys Beisein unterziehen. Keiner der Dienstboten stehe unter Verdacht, doch jeder müsse Sir Selwyns Fragen aufrichtig beantworten. In der Zwischenzeit sollten sie sich ihren Aufgaben widmen, ohne über die Tragödie zu sprechen oder untereinander zu tratschen. Den Wald dürfe außer Mr. und Mrs. Bidwell niemand betreten.

Darcys Rede stieß auf Schweigen, und Elizabeth meinte die Erwartung zu spüren, dass sie es brechen müsse. Sechzehn Augenpaare richteten sich auf sie, als sie sich erhob, sechzehn besorgte, verstörte Menschen sahen sie an und wollten hören, dass die Sache gut ausgehen und in Pemberley, ihrem sicheren Zuhause, alles beim Alten bleiben werde. »Der Ball«, sagte sie, »kann natürlich nicht stattfinden. Die geladenen Gäste erhalten einen Brief, in dem wir kurz erklären, was geschehen ist. Eine große Tragödie hat Pemberley getroffen, aber ich weiß, dass Sie weiterhin Ihre Pflicht erfüllen, ruhig bleiben und, wie wir alle, Sir Selwyn Hardcastle bei der Ermittlung unterstützen werden. Falls Sie etwas Bestimmtes beunruhigt oder Sie eine Mitteilung zu machen haben, wenden Sie sich zuerst an Stoughton oder an Mrs. Reynolds. Ich danke Ihnen allen für die vielen Stunden, die Sie wie immer mit den Vorbereitungen auf Lady Annes Ball verbracht haben. Mr. Darcy und ich bedauern sehr, dass Ihre Arbeit nun aus einem so tragischen Grund vergeblich war. Wie immer, in guten wie in schlechten Zeiten, bauen wir auf die gegenseitige Loyalität und Verbundenheit, die unser Leben in Pemberley prägt. Machen Sie sich keine Sorgen um Ihre Sicherheit und um die Zukunft – Pemberley hat in seiner langen Geschichte schon so manchen Sturm überstanden, und auch dieser wird vorübergehen.«

Nachdem sie gesprochen hatte, erhob sich Applaus, den Stoughton jedoch hastig abwürgte. Dann drückten er und Mrs. Reynolds ihr Mitgefühl aus und versicherten, dass Mr. Darcys Anordnungen Folge geleistet würde. Schließlich trug man den Zuhörern auf, mit den anstehenden Tätigkeiten fortzufahren; nach Sir Selwyn Hardcastles Eintreffen werde man alle wieder zusammenrufen.

Als Darcy und Elizabeth ihren Wohnflügel betraten, sagte Darcy: »Ich habe vielleicht viel zu wenig gesagt und du, meine Liebe, wie immer ein wenig zu viel, aber gemeinsam haben wir es, denke ich, gut gemacht. Jetzt müssen wir uns für die Würde des Gesetzes in Person von Sir Selwyn Hardcastle wappnen.«

6

Sir Selwyns Besuch war weniger aufreibend und von kürzerer Dauer, als die Darcys befürchtet hatten. Sir Miles Culpepper, der Polizeidirektor, hatte seinem Butler am Donnerstag der Woche geschrieben, er werde am Montag pünktlich zum Abendessen nach Derbyshire zurückkehren, und der Butler hatte diese Nachricht klugerweise an Sir Selwyn weitergeleitet. Eine Erklärung für die Änderung des geplanten Ablaufs wurde nicht abgegeben, doch Sir Selwyn erriet mühelos die Wahrheit. Sir Miles’ und Lady Culpeppers Fahrt nach London, wo herrliche Geschäfte und ein verlockendes Angebot an Vergnügungen warteten, hatte zur Verschärfung einer Unstimmigkeit geführt, die man häufig bei Ehen antraf, in denen dem älteren Mann daran lag, das vorhandene Geld zu vermehren, während die junge, hübsche Frau der Ansicht war, es sei dazu da, ausgegeben zu werden – denn wie sonst, so bemerkte sie häufig, sollten die anderen sehen, dass man es hatte? Als er die ersten Rechnungen für die kostspieligen Anschaffungen in Händen hielt, die seine Frau in der Hauptstadt getätigt hatte, war im Polizeidirektor das Bewusstsein für die Pflichten gegenüber der Öffentlichkeit wiederaufgeflammt, und er hatte seiner Frau mitgeteilt, es sei unerlässlich, nach Hause zurückzukehren. Hardcastle hielt es zwar für unwahrscheinlich, dass der Eilbote mit der Mordnachricht bereits bei Sir Miles eingetroffen war, wusste aber, dass der Polizeidirektor sofort danach einen ausführlichen Bericht über den Fortgang der Ermittlungen erwarten würde. Da allein der Gedanke, Colonel the Viscount Hartlep oder ein anderes Mitglied des Haushalts von Pemberley könnte irgendetwas mit Dennys Tod zu tun haben, völlig abwegig war, hatte Sir Selwyn nicht die Absicht, sich länger als unbedingt nötig in Pemberley aufzuhalten. Bei seiner Ankunft hatte Hauptwachtmeister Brownrigg bereits überprüft, dass kein Pferd und keine Kutsche die Stallungen von Pemberley verlassen hatte, nachdem Colonel Fitzwilliam zu seinem Ritt aufgebrochen war. Verdächtig erschien nur Wickham, und nur auf dessen baldiges Verhör war er erpicht; deshalb hatte er den Gefängniswagen und zwei Polizisten mitgebracht, die Wickham in den Kerker von Lambton und damit in eine angemessenere Unterkunft schaffen sollten, wo er, Sir Selwyn, sich alle wichtigen Informationen verschaffen würde, um dem Polizeidirektor einen ausführlichen und ansehnlichen Bericht über die von ihm und den Wachtmeistern durchgeführten Maßnahmen vorlegen zu können.

Die Darcys empfingen einen ungewohnt leutseligen Sir Selwyn, der sich sogar dazu herabließ, eine Erfrischung anzunehmen, bevor er zur Befragung der Familie schritt, die gemeinsam mit Henry Alveston und dem Colonel in der Bibliothek einvernommen wurde. Doch interessant war nur der Bericht des Colonels. Zunächst entschuldigte er sich bei den Darcys für sein bisheriges Schweigen. Er sei zum King’s Arms in Lambton geritten, wo er mit einer Dame verabredet gewesen sei. Sie habe seinen Rat und seine Hilfe in einer heiklen Angelegenheit benötigt, welche ihren Bruder betreffe, der früher als Offizier seinem Kommando unterstandenen habe. Sie sei auf Verwandtenbesuch in der Stadt gewesen, und er habe vorgeschlagen, das Treffen im Gasthof abzuhalten, da dort größere Vertraulichkeit möglich sei als in seinem Londoner Dienstzimmer. Er habe diese Verabredung deshalb nicht bereits früher offenbart, weil ihm wichtig gewesen sei, dass der Aufenthalt der betreffenden Dame in dem Gasthof erst nach ihrer Abreise aus Lambton bekannt würde, da sie sonst möglicherweise zum Gegenstand örtlicher Neugier geworden wäre. Mit der Angabe ihres Namens und ihrer Londoner Adresse könne er das alles nötigenfalls nachweisen; er sei aber sicher, dass die Aussagen des Wirts sowie der Gäste, die zum Zeitpunkt seines Kommens und Gehens im Schankraum gesessen hätten, sein Alibi bestätigen würden.

Hardcastle erwiderte nicht ohne Selbstzufriedenheit: »Das wird kaum nötig sein, Lord Hartlep. Da das King’s Arms auf der Strecke lag, habe ich heute Morgen auf dem Weg hierher nachgefragt, ob sich dort am Freitag irgendwelche Fremden aufhielten, und man erzählte mir von der Dame. Ihre Freundin hat ja gewaltigen Eindruck gemacht – mit einer überaus schönen Kutsche, wie mir gesagt wurde, einer eigenen Zofe und einem Diener. Ich kann mir vorstellen, dass sie dort viel Geld ausgegeben hat und der Wirt ihre Abreise sehr bedauerlich fand.«

Nun ging Hardcastle daran, das Personal zu befragen, das sich wieder im Dienstbotenzimmer versammelt hatte. Nur Mrs. Donovan war nicht erschienen, weil sie das Kinderzimmer nicht unbewacht lassen wollte. Da ein schlechtes Gewissen eher die Unschuldigen als die Schuldhaften plagt, lag weniger Aufregung als vielmehr Ängstlichkeit in der Luft. Hardcastle hatte beschlossen, seine Ansprache so aufmunternd und kurz wie möglich zu halten – ein Vorhaben, das er zum Teil mit seinen üblichen strengen Warnungen vor den schrecklichen Folgen zunichtemachte, die denjenigen drohten, die nicht mit der Polizei zusammenarbeiteten oder ihr Informationen vorenthielten. Schließlich fuhr er in etwas milderem Ton fort: »Ich bin überzeugt, dass Sie alle am Vorabend von Lady Annes Ball etwas Besseres zu tun hatten, als sich durch eine stürmische Nacht zu kämpfen, um im unwegsamen Wald einen wildfremden Menschen zu töten. Ich bitte nun jeden, der etwas zu berichten weiß oder sich zwischen sieben Uhr abends und sieben Uhr morgens aus Pemberley fortbegeben hat, die Hand zu heben.«

Nur eine Hand schnellte in die Höhe, und Mrs. Reynolds erklärte flüsternd: »Betsy Collard, Sir, eines der Hausmädchen.«

Hardcastle forderte Betsy auf, sich zu erheben, was sie sofort und ohne erkennbaren Widerwillen tat. Dann begann das kräftige, selbstbewusste Mädchen mit klarer Stimme zu sprechen. »Joan Miller und ich waren letzten Mittwoch im Wald, Sir, und wir haben den Geist der alten Mrs. Reilly so deutlich gesehen, wie ich Sie jetzt sehe. Sie hat einen schwarzen Umhang mit einer Kapuze getragen und sich zwischen den Bäumen versteckt, aber ihr Gesicht war im Mondlicht ganz deutlich zu erkennen. Joan und ich haben Angst bekommen und sind ganz schnell aus dem Wald gerannt, und sie hat uns auch nicht verfolgt. Aber gesehen haben wir sie, Sir, und das ist die reine Wahrheit!«

Joan Miller wurde angewiesen aufzustehen und bestätigte sichtlich verängstigt und mit leiser Stimme Betsys Bericht.

Hardcastle hatte das sichere Gefühl, auf weibliches und somit unsicheres Terrain zu geraten. Er warf Mrs. Reynolds einen Blick zu, woraufhin diese ihn ablöste. »Betsy und Joan, ihr wisst genau, dass ihr Pemberley nach Einbruch der Dunkelheit nicht ohne Begleitung verlassen dürft, und es ist unchristlich und dumm zu glauben, die Toten würden auf Erden wandeln. Ich schäme mich dafür, dass euch solche lächerlichen Hirngespinste überhaupt in den Sinn gekommen sind. Sobald Sir Selwyn Hardcastle mit der Befragung fertig ist, erwarte ich euch in meinem Zimmer!«

Sir Selwyn erkannte, dass diese Aussicht weit bedrohlicher war als alles, was er selbst hätte vorbringen können. Die beiden Mädchen murmelten »Sehr wohl, Mrs. Reynolds« und setzten sich wieder.

Die unmittelbare Wirkung von Mrs. Reynolds’ Worten hatte Hardcastle so beeindruckt, dass er es für angebracht hielt, seiner Person durch eine abschließende Belehrung Ansehen zu verschaffen. »Es erstaunt mich, dass ein Mädchen, dem das Privileg zuteil wurde, in Pemberley arbeiten zu dürfen, einem so törichten Aberglauben verfällt. Habt ihr denn euren Katechismus nicht gelernt?« Ein genuscheltes »Doch, Sir« war die einzige Antwort.

Hardcastle kehrte in das Hauptgebäude zurück und gesellte sich zu Darcy und Elizabeth, die sehr erleichtert darüber waren, dass nunmehr nur noch die etwas weniger schwierige Aufgabe des Abstransports von Wickham anstand. Man ersparte es dem Gefangenen, der inzwischen Fußfesseln trug, vor einer ganzen Gruppe von Menschen abgeführt zu werden; nur Darcy empfand es als seine Pflicht, dazubleiben, um ihm alles Gute zu wünschen und mitanzusehen, wie er von Hauptwachtmeister Brownrigg und Wachtmeister Mason in den Gefängniswagen geschoben wurde. Gleich darauf wollte Hardcastle seine Kutsche besteigen, doch noch ehe der Kutscher die Zügelleinen hatte knallen lassen, steckte Sir Selwyn den Kopf zum Fenster hinaus und rief Darcy zu: »Es findet sich doch im Katechismus so einiges gegen den Götzen- und Aberglauben, nicht wahr?«

Darcy war von seiner Mutter im Katechismus unterrichtet worden, doch behalten hatte er nur, dass es nicht erlaubt war, fremdes Obst zu pflücken und zu stehlen. Dieses Verbot war ihm mit beschämender Regelmäßigkeit in Erinnerung gekommen, wenn er und George Wickham als kleine Jungen auf ihren Ponys nach Lambton ritten, wo die mit reifen Äpfeln bestückten Äste einladend über die Gartenmauer des damaligen Sir Selwyn hingen. »Sir Selwyn«, sagte er in ernstem Ton, »ich glaube, wir können darauf vertrauen, dass der Katechismus nichts enthält, was im Widerspruch zu den Ritualbüchern und Bräuchen der Kirche von England steht.«

»Ganz recht, ganz recht, dachte ich’s mir doch. Dumme Gören!«

Vollauf zufrieden mit dem gelungenen Besuch gab Sir Selwyn das Kommando, und die Kutsche fuhr, gefolgt vom Gefängniswagen, ratternd die breite Auffahrt hinunter. Darcy blickte ihr nach, bis sie verschwunden war. Das Begrüßen und Verabschieden von Besuchern wurde ihm allmählich zur Gewohnheit, doch die Abfahrt des Gefängniswagens mitsamt Wickham würde den Schatten des Grauens und der Verzweiflung von Pemberley nehmen, und desgleichen hoffte er, Sir Selwyn Hardcastle vor dem Beginn der gerichtlichen Untersuchung nicht mehr sehen zu müssen.

Viertes Buch

Die gerichtliche Untersuchung

1

Für die Familie und die ganze Gemeinde war es selbstverständlich, dass Mr. und Mrs. Darcy und der gesamte Haushalt am Sonntag Vormittag um elf Uhr in die Dorfkirche St. Mary kommen würden. Die Nachricht von Captain Dennys Ermordung hatte sich rasend schnell herumgesprochen, und das Nichterscheinen der Familie wäre dem Eingeständnis gleichgekommen, entweder in das Verbrechen verwickelt oder aber von Mr. Wickhams Schuld überzeugt zu sein. Ein Gottesdienst stellt nach landläufiger Meinung eine legitime Gelegenheit für die Kirchenbesucher dar, nicht nur die äußere Erscheinung, die Haltung, die Eleganz und gegebenenfalls den Reichtum neu hinzugezogener Gemeindemitglieder zu beurteilen, sondern auch das Verhalten jedweder benachbarten Familie, die sich in einer interessanten Situation befindet, was von einer Schwangerschaft bis hin zum Bankrott reichen kann. Ein brutaler Mord, auf jemandes eigenem Besitz begangen von einem nachweislich verfeindeten Schwager, führt unweigerlich zu einem starken Anstieg der Besucherzahl, was auch stadtbekannte Invaliden einschließt, die von ihrer langwierigen Unpässlichkeit über Jahre hinweg daran gehindert waren, den regelmäßigen Kirchgang auf sich zu nehmen. Selbstverständlich war niemand so ungezogen, seine Neugier offen zur Schau zu stellen, doch schon am überlegten Spreizen von Fingern beim Erheben der betenden Hände oder an einem einzelnen Blick beim Absingen eines Chorals unter der schützenden Haube hervor lässt sich vieles erkennen. Reverend Percival Oliphant, der Pemberley vor dem Gottesdienst einen privaten Besuch abgestattet hatte, um seine Anteilnahme und sein Mitgefühl auszusprechen, erleichterte der Familie die Tortur nach Kräften, indem er zunächst eine ungewöhnlich lange, so gut wie unverständliche Predigt über die Bekehrung des heiligen Paulus hielt und Mr. und Mrs. Darcy dann, nachdem sie die Kirche verlassen hatten, in ein so ausführliches Gespräch verwickelte, dass die dahinter Wartenden, die es zum Mittagessen zog, sich schließlich mit einem Knicks oder einer Verbeugung begnügten, ehe sie zu Kutsche und Landauer eilten.

Lydia war nicht mitgekommen, und auch die Bingleys waren in Pemberley geblieben, einerseits um auf sie aufzupassen, andererseits um ihre für den Nachmittag geplante Abreise vorzubereiten. Wegen der Unordnung, die Lydia mit ihren Kleidern angerichtet hatte, dauerte es wesentlich länger, die Sachen zu ihrer Zufriedenheit in der Truhe zu verstauen, als die Bingley’schen Koffer zu packen. Doch als Darcy und Elizabeth zum Mittagessen zurückkehrten, war alles getan, und um zwanzig Minuten nach zwei saßen die Bingleys in ihrer Kutsche. Letzte Abschiedsworte wurden gewechselt, dann fuhr der Wagen ruckartig an, rollte schwankend den breiten Uferweg und die lange abschüssige Auffahrt hinunter und verschwand. Elizabeth sah ihm nach, als könnte sie das Gefährt zurückzaubern; schließlich wandte sich die kleine Gruppe um und trat ins Haus.

In der Eingangshalle blieb Darcy stehen und sagte zu Fitzwilliam und Alveston: »Ich wäre dankbar für ein Treffen in der Bibliothek, in einer halben Stunde. Wir drei haben Dennys Leiche gefunden und werden vor Gericht aussagen müssen. Sir Selwyn hat mir heute Morgen nach dem Frühstück eine Nachricht geschickt und mitgeteilt, dass Dr. Jonah Makepeace, der Untersuchungsrichter, den Termin auf Mittwoch, elf Uhr, festgesetzt hat. Ich möchte herausfinden, ob unsere Erinnerungen insbesondere in dem übereinstimmen, was nach der Auffindung von Captain Dennys Leiche gesprochen wurde. Außerdem erachte ich es als sinnvoll, ganz allgemein zu bereden, wie wir in der Sache vorgehen sollen. Was wir gesehen und gehört haben, war so bizarr und das Mondlicht so trügerisch, dass ich mir manchmal selbst in Erinnerung rufen muss, dass es wirklich passiert ist.«

Die beiden anderen stimmten murmelnd zu.

Fast auf die Sekunde pünktlich betraten sie eine halbe Stunde später die Bibliothek, wo Darcy bereits Platz genommen hatte. An dem rechteckigen Kartentisch standen drei Stühle und beiderseits des Kamins je ein Armsessel mit Lederknöpfen. Nach kurzem Zögern bedeutete Darcy den Neuankömmlingen, sich dort niederzulassen, holte einen der Stühle vom Tisch und setzte sich zwischen die beiden Männer. Er hatte den Eindruck, dass sich Alveston, der auf dem vordersten Rand seines Sessels saß, unbehaglich, ja verlegen fühlte, was so sehr im Widerspruch zu seinem üblichen Selbstbewusstsein stand, dass es Darcy erstaunte, als Alveston das Wort ergriff und ihn ansprach.

»Sie werden sicherlich Ihren eigenen Anwalt hinzuziehen, Sir, aber falls er einen weiten Anfahrtsweg hat und ich zwischenzeitlich behilflich sein kann, stehe ich zur Verfügung. Da ich selbst Zeuge bin, kann ich natürlich weder Mr. Wickham noch die Familie Darcy vertreten, doch wenn ich Ihnen von Nutzen sein kann, würde ich Mrs. Bingleys Gastfreundschaft noch ein wenig länger strapazieren. Mr. und Mrs. Bingley waren so freundlich, es mir anzubieten.«

Er hatte stockend gesprochen. Aus dem gerissenen, erfolgreichen, vielleicht auch arroganten jungen Anwalt war einen Augenblick lang ein verunsicherter, unbeholfener Junge geworden. Darcy wusste, weshalb. Alveston befürchtete, sein Angebot könnte – vor allem von Colonel Fitzwilliam – als eine List gedeutet werden, mit deren Hilfe er die Annäherung an Georgiana vorantreiben wollte. Darcy zögerte nur kurz, doch lang genug, um Alveston Gelegenheit zum raschen Weitersprechen zu geben.

»Colonel Fitzwilliam hat bestimmt Erfahrungen mit Militärtribunalen, so dass Sie vielleicht jede Beratung, die ich anbieten könnte, als überflüssig erachten, vor allem da der Colonel sich im Gegensatz zu mir hier in der Gegend auskennt.«

Darcy wandte sich an Colonel Fitzwilliam. »Ich nehme an, du teilst meine Meinung, dass wir jede verfügbare juristische Hilfe annehmen sollten.«

Der Colonel entgegnete gelassen: »Ich bin kein Friedensrichter und war nie einer, und dass mich die sporadischen Erfahrungen, die ich mit Militärgerichten gesammelt habe, zum Experten für Zivilstrafrecht gemacht hätten, kann ich auch nicht behaupten. Da ich im Gegensatz zu Darcy nicht mit George Wickham verwandt bin, habe ich nicht das Recht, in dieser Angelegenheit vor Gericht gehört zu werden, es sei denn als Zeuge. Darcy muss selbst entscheiden, welchen Rat er annimmt. Aber Mr. Alveston hat ja soeben selbst gesagt, dass er in der vorliegenden Sache wohl kaum von Nutzen sein kann.«

»Es wäre unnötige Zeitverschwendung, täglich zwischen Highmarten und Pemberley hin- und herzureiten«, sagte Darcy zu Alveston. »Mrs. Darcy hat mit ihrer Schwester gesprochen, und wir hoffen, dass Sie unsere Einladung annehmen, hier in Pemberley zu bleiben. Gut möglich, dass Sir Selwyn Hardcastle Sie bitten wird, Ihre Abreise zu verschieben, bis die polizeiliche Ermittlung abgeschlossen ist, obwohl das nach Ihrer Zeugenaussage vor dem Untersuchungsrichter wohl kaum mehr zu rechtfertigen wäre. Aber wird das nicht Ihre Kanzlei in Mitleidenschaft ziehen? Sie gelten als ein außergewöhnlich vielbeschäftigter Anwalt, und wir sollten nicht dazu beitragen, dass Ihnen ein Nachteil entsteht.«

»Ich habe in den nächsten acht Tagen keine Fälle, die meine persönliche Anwesenheit erforderlich machen«, erwiderte Alveston, »und mein erfahrener Sozius kann in der Zwischenzeit für einen glatten Ablauf der Routineangelegenheiten sorgen.«

»Dann wäre ich dankbar für Ihren Rat, sofern Sie ihn als zweckdienlich erachten. Die für das Anwesen Pemberley zuständigen Anwälte sind vorwiegend mit Familienangelegenheiten befasst, insbesondere mit Testamenten, mit dem Kauf und Verkauf von Grundbesitz und mit Streitigkeiten innerhalb der Gemeinde, und haben, soweit ich weiß, bisher keine Erfahrung mit Mordfällen, am allerwenigsten in Pemberley selbst. Ich habe den Herren bereits schriftlich mitgeteilt, was geschehen ist, und werde gleich einen weiteren Eilboten zu ihnen schicken und sie von Ihrer Mitwirkung unterrichten. Sir Selwyn Hardcastle wird allerdings nicht begeistert sein. Er ist ein guter, erfahrener Friedensrichter mit großem Interesse an der kriminalpolizeilichen Arbeit, die normalerweise von den Dorfwachtmeistern übernommen wird, und hat ein wachsames Auge auf jeden Eingriff in seine Zuständigkeiten.«

Da sich der Colonel dazu nicht äußerte, sagte Alveston: »Es wäre, zumindest meiner Ansicht nach, hilfreich, wenn wir zunächst über unsere erste Reaktion auf das Verbrechen sprechen würden, insbesondere in Hinblick auf das Geständnis, das der Beklagte augenscheinlich abgelegt hat. Schenken wir Wickhams Behauptung Glauben, er habe sagen wollen, dass Denny ohne den Streit zwischen den beiden die Kutsche nicht verlassen hätte und daher nicht zu Tode gekommen wäre? Oder folgte er Denny mit der Absicht, ihn zu ermorden? Im Grunde ist es eine Frage des Charakters. Ich bin Mr. Wickham niemals zuvor begegnet, weiß aber, dass sein Vater der Verwalter Ihres verstorbenen Vaters war und Sie ihn als Kind gut kannten. Halten Sie ihn für fähig, eine solche Tat zu begehen, Sir?«

Er sah Darcy an, der erst nach kurzem Zögern antwortete. »Vor seiner Verheiratung mit der jüngeren Schwester meiner Frau hatten wir uns jahrelang kaum gesehen und danach kein einziges Mal mehr. In meinen Augen war er undankbar, neidisch, lügnerisch und hinterlistig. Er ist gutaussehend und hat angenehme Umgangsformen, vor allem Damen gegenüber, weshalb er sich allgemeiner Beliebtheit erfreut. Ob diese auch bei längerer Bekanntschaft anhält, ist eine andere Frage, aber ich habe ihn nie gewalttätig erlebt oder gehört, dass er brutal geworden wäre. Seine Vergehen sind eher von schäbiger Art, und ich möchte nicht darüber sprechen. Jeder besitzt die Fähigkeit, sich zu ändern. Ich kann nur sagen, dass ich den Wickham, den ich kannte, trotz seiner Fehler nicht für fähig halte, einen Freund und ehemaligen Kameraden bestialisch zu ermorden. Ich würde eher sagen, dass er nicht zu Gewalttätigkeit neigte und sie wenn möglich vermied.«

»Er hat in Irland gegen die Aufständischen gekämpft und gilt als sehr tapfer«, gab der Colonel zu bedenken. »Man muss seinen physischen Mut bedenken.«

»Vor die Wahl gestellt, zu töten oder getötet zu werden, würde er sicherlich ohne jede Rücksicht handeln«, sagte Alveston. »Ich will seinen Mut nicht herabwürdigen, aber die Empfindsamkeit selbst eines normalerweise friedfertigen Mannes kann, wenn er Krieg und Kampf am eigenen Leibe erfahren hat, so sehr zerstört werden, dass ihm Gewalt anschließend weniger zuwider ist. Sollten wir diese Möglichkeit nicht in Betracht ziehen?«

Der Colonel konnte sich nur noch mit Mühe beherrschen. »Niemand wird durch die Erfüllung seiner Pflicht für König und Vaterland zerstört. Wenn Sie jemals die Erfahrung eines Kriegs gemacht hätten, würden Sie Handlungen, die von außergewöhnlicher Tapferkeit zeugen, nicht so leichtfertig in Verruf bringen, junger Mann!«

Darcy sah sich gezwungen einzuschreiten. »Ich habe einige Berichte über den irischen Aufstand von 1798 in der Zeitung gelesen, aber sie waren nicht sehr ausführlich. Das Meiste habe ich wohl verpasst. Wurde Wickham seinerzeit nicht verwundet und mit einer Tapferkeitsmedaille dekoriert? Welche Rolle spielte er damals?«

»Er kämpfte, wie ich selbst, in der Schlacht, die am 21. Juni bei Enniscorthy geschlagen wurde. Wir stürmten den Hügel und zwangen die Aufständischen zum Rückzug. Am 8. August ging General Jean Humbert mit tausend französischen Soldaten an Land und marschierte in südlicher Richtung auf Castlebar zu. Der Franzosengeneral spornte seine aufständischen Verbündeten zur Gründung der sogenannten Republic of Connaught an und schlug General Lake am 27. August in der Schlacht von Castlebar vernichtend – eine demütigende Niederlage für die britische Armee. Doch dann forderte Lord Cornwallis Verstärkung an. Er beließ seine Truppen zwischen den französischen Invasoren und Dublin und schloss Humbert zwischen sich und General Lake ein. Das war das Ende der Franzosen. Nach dem Angriff der britischen Dragoner auf die irische Flanke und die französischen Linien kapitulierte Humbert. An diesem Angriff war Wickham beteiligt. Er war dabei, als die Aufständischen zusammengetrieben und die Republic of Connaught zerschlagen wurde. Ein blutiges Handwerk, die Aufständischen zur Strecke zu bringen und zu bestrafen …«

Darcy spürte, dass der Colonel den detaillierten Bericht schon oft abgeliefert hatte und seinen Vortrag sehr genoss.

»Und Wickham war daran beteiligt?«, fragte Alveston. »Wir wissen alle, was zum Niederschlagen eines Aufstands dazugehört. Es dürfte genügen, um einem Mann Gewalt vielleicht nicht gerade schmackhaft, aber doch zumindest vertraut zu machen. Wir versuchen doch gerade herauszufinden, was für ein Mensch aus George Wickham geworden ist!«

»Er ist ein guter, tapferer Soldat geworden«, versicherte ihm Colonel Fitzwilliam. »Ich stimme Darcy zu, ich sehe ihn nicht als Mörder. Ist bekannt, wie er und seine Frau seit seinem Ausscheiden aus der Armee im Jahr 1800 gelebt haben?«

»Er wurde nie in Pemberley empfangen«, erklärte Darcy, »und wir standen nicht in Verbindung zueinander, aber in Highmarten erhält Mrs. Wickham Aufnahme. Es ist ihnen nicht gut ergangen. Nach dem Irlandfeldzug von 1798 war Wickham eine Art Nationalheld, was ihm zwar Anstellungen verschaffte, in denen er sich aber nie hielt. Offenbar fuhr das Paar immer dann nach Longbourn, wenn Mr. Wickham keine Arbeit und nur mehr wenig Geld hatte, und Mrs. Wickham genoss es natürlich, alte Freundinnen zu besuchen und mit den Heldentaten ihres Mannes zu prahlen, aber die Besuche dauerten nur selten länger als drei Wochen. Irgendwer muss die beiden regelmäßig finanziell unterstützt haben. Mr. Wickham sprach nie darüber, und Mrs. Bingley stellte natürlich auch keine Fragen. Mehr weiß ich nicht, und mehr möchte ich offengestanden auch nicht wissen.«

»Da ich Mr. Wickham Freitagnacht zum ersten Mal begegnet bin, beruht meine Ansicht über seine Schuld oder Unschuld nicht auf seiner Persönlichkeit oder Vergangenheit, sondern einzig auf meiner Einschätzung der bisher verfügbaren Indizien«, sagte Alveston. »Ich halte seine Verteidigung für sehr aussichtsreich. Es ist gut möglich, dass hinter seinem sogenannten Geständnis nichts weiter steckt als ein schlechtes Gewissen, weil er seinen Freund dazu getrieben hatte, aus der Kutsche auszusteigen. Er war betrunken, und Weinerlichkeit nach einem Schock ist bei Berauschten nichts Ungewöhnliches. Aber sehen wir uns einmal die objektiven Indizien an. Das größte Rätsel in diesem Fall ist, warum Captain Denny in den Wald lief. Was hatte er von Wickham zu befürchten? Denny war der Größere und Kräftigere von beiden, und er trug eine Waffe bei sich. Wenn er zum Gasthof zurückgehen wollte, warum tat er es nicht auf der Straße? Die Kutsche hätte ihn zwar einholen können, aber er war wie gesagt eigentlich nicht in Gefahr. Wickham hätte ihn nicht angegriffen, während Mrs. Wickham in der Kutsche saß. Wahrscheinlich wird man vor Gericht behaupten, Denny habe sich gezwungen gesehen, sich von Wickham entfernen zu müssen, und zwar unverzüglich, weil ihn das Vorhaben seines Gefährten, Mrs. Wickham in Pemberley zurückzulassen, ohne dass sie zum Ball eingeladen war und ohne dass man Mrs. Darcy verständigt hatte, mit Abscheu erfüllte. Dieses Vorhaben war ja auch wirklich ungezogen und rücksichtslos, rechtfertigt aber wohl kaum Dennys dramatische Flucht aus der Kutsche. Im Wald war es dunkel, und er hatte keine Lampe. Für mich ist sein Verhalten völlig unverständlich.

Und es gibt noch überzeugendere Indizien. Wo sind die Waffen? Es müssen zwei gewesen sein. Der erste Schlag auf die Stirn führte nur zu einer leichten Blutung, die Denny die Sicht raubte, so dass er ins Torkeln geriet. Die Wunde am Hinterkopf wurde ihm mit einer anderen Waffe zugefügt, mit einem schweren, abgerundeten Gegenstand, einem Stein möglicherweise. Und der Darstellung derer zufolge, die diese Wunde gesehen haben – Sie eingeschlossen, Mr. Darcy –, ist sie so tief und lang, dass ein abergläubischer Mensch denken könnte, sie sei nicht durch Menschenhand entstanden und ganz gewiss nicht durch Wickham. Ich bezweifle, dass er einen Stein dieses Gewichts mühelos hätte so hoch heben können, dass dieser genau das anvisierte Ziel traf. Und sollen wir etwa annehmen, der Stein hätte passenderweise rein zufällig dort gelegen? Dann hätten wir noch die Kratzer an Wickhams Stirn und an den Händen. Sie sind ein starker Hinweis darauf, dass er sich nach dem ersten Anblick von Dennys Leiche im Wald verlief.«

»Sie meinen also, dass man ihn freisprechen würde, falls die Sache vor das Schwurgericht kommt?«, fragte Colonel Fitzwilliam.

»Die bisher vorliegenden Indizien sprechen dafür, aber in Fällen ohne weitere Verdächtige besteht immer die Gefahr, dass sich die Geschworenen fragen: Wenn er es nicht war, wer dann? Für einen Richter oder Verteidiger ist es schwer, die Geschworenen vor dieser Frage zu warnen, ohne sie ihnen gleichzeitig zu suggerieren. Wickham wird einen guten Anwalt brauchen.«

»Ich werde einen auftreiben«, sagte Darcy.

»Versuchen Sie Jeremiah Mickledore für diese Aufgabe zu gewinnen«, riet Alveston. »Er ist wie geschaffen für derartige Fälle und für Geschworene aus der Stadt. Allerdings übernimmt er nur Aufträge, die ihn interessieren, und hasst es, London verlassen zu müssen.«

»Besteht die Möglichkeit, den Fall einem Gericht in London zuzuweisen? Sonst wird darüber erst im nächsten Frühjahr oder Sommer vor dem Schwurgericht in Derby verhandelt.« Darcy sah Alveston an. »Erklären Sie mir doch bitte den genauen Ablauf.«

»Dem staatlichen Willen zufolge wird nach Möglichkeit in der nächstgelegenen Stadt verhandelt, die Sitz eines Schwurgerichts ist. Die Begründung lautet, dort könnten die Leute mit eigenen Augen sehen, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird. Wenn man einen Fall verweist, dann üblicherweise nur an den nächsten Schwurgerichtshof der Grafschaft und auch nur, wenn ein triftiger Grund vorliegt, etwas so Schwerwiegendes, dass ein fairer Prozess vor dem eigentlich zuständigen Gericht nicht möglich erscheint – Zweifel an einem ordnungsgemäßen Verhandlungsablauf, Geschworene, die bestochen sein könnten, Richter, die als korrupt gelten. Oder aber dem Angeklagten schlägt so großer Hass aus der örtlichen Bevölkerung entgegen, dass der Prozess schon im Vorhinein davon beeinflusst würde. Nur der Erste Kronanwalt hat die Befugnis, darüber zu bestimmen und die Strafverfolgung abzubrechen, was in unserem Fall hieße, dass man den Prozess durch kronanwaltliche Entscheidung an ein anderes Gericht verweist.«

»Es ist also die Entscheidung von Spencer Perceval?«, fragte Darcy.

»Genau. Da das Verbrechen auf dem Besitz eines hiesigen Friedensrichters begangen wurde, könnte man vielleicht ins Feld führen, dass ein Prozess am Ort für ihn und seine Familie unzumutbar wäre oder dass es in der ganzen Gegend zu Tratsch und Unterstellungen hinsichtlich der Beziehung zwischen Pemberley und dem Beschuldigten kommen könnte, was der Gerechtigkeit Abbruch täte. Es dürfte nicht einfach sein, den Prozess verlegen zu lassen, aber die Tatsache, dass Wickham sowohl mit Ihnen als auch mit Mr. Bingley verschwägert ist, könnte in den Augen des Ersten Kronanwalts eine schwerwiegende Komplikation darstellen. Er trifft seine Entscheidung nicht aufgrund persönlicher Wünsche, sondern versucht herauszufinden, ob der Gerechtigkeit durch eine Verlegung am besten gedient ist. Doch Sie sollten ganz unabhängig vom Ort der Verhandlung versuchen, Jeremiah Mickledore als Verteidiger zu gewinnen. Ich war bis vor etwa zwei Jahren Referendar bei ihm und könnte ihn vielleicht dazu bewegen. Am besten schicken Sie ihm per Eilboten eine schriftliche Darstellung der Fakten, und ich bespreche den Fall mit ihm, wenn ich nach der gerichtlichen Untersuchung wieder in London bin.«

Darcy nahm den Vorschlag dankend an. Daraufhin sagte Alveston: »Gentlemen, ich denke, wir sollten uns jetzt über die Zeugenaussagen unterhalten, die wir machen müssen, wenn man uns fragt, was Wickham äußerte, als er neben der Leiche kniete und wir auf ihn zukamen. Der genaue Wortlaut ist in diesem Fall ungemein wichtig. Wir werden selbstverständlich die Wahrheit sagen, aber es wäre doch interessant herauszufinden, ob unsere Erinnerungen an Wickhams Äußerungen übereinstimmen.«

Ohne abzuwarten, ob die beiden anderen etwas dazu bemerken wollten, sagte Colonel Fitzwilliam: »Seine Worte machten selbstverständlich einen tiefen Eindruck auf mich, und ich glaube sie exakt wiedergeben zu können. Wickham sagte: ›Er ist tot. O Gott, Denny ist tot. Er war mein Freund, mein einziger Freund, und ich habe ihn getötet. Es ist meine Schuld.‹ Was er mit dem Ausdruck ›Es ist meine Schuld‹ meinte, bleibt natürlich eine Ermessensfrage.«

»Ich erinnere mich an genau denselben Wortlaut wie der Colonel«, warf Alveston ein, »kann aber Wickhams Äußerungen ebenso wenig deuten wie er. Bis jetzt herrscht also Übereinstimmung.«

Nun war Darcy an der Reihe. »Ich kann zwar nicht den genauen Wortlaut wiedergeben, aber aus tiefster Überzeugung bekunden, dass Wickham sagte, er habe seinen Freund, seinen einzigen Freund, getötet, und es sei seine Schuld. Auch ich empfinde die letzte Äußerung als unklar und würde sie nur unter Zwang zu deuten versuchen – und wahrscheinlich nicht einmal dann.«

»Der Untersuchungsrichter wird uns kaum dazu zwingen«, meinte Alveston. »Wenn die Frage aufkommt, wird er wahrscheinlich darauf verweisen, dass keiner von uns wissen kann, was im Kopf eines anderen Menschen vorgeht. Meiner eigenen, rein spekulativen Meinung nach wollte Wickham sagen, dass Denny nicht in den Wald gegangen und seinem Mörder begegnet wäre, wenn sie nicht miteinander gestritten hätten, und dass er, Wickham, sich für das, was Dennys Empörung hervorgerufen hatte, verantwortlich fühlte. Zweifellos wird es in dem Fall darum gehen, was Wickham mit diesen wenigen Worten ausdrücken wollte.«

Damit war die Besprechung zu Ende; doch bevor sie sich von ihren Stühlen erhoben, sagte Darcy: »Wickhams Schicksal, sein Leben oder sein Tod, hängt nun also von zwölf Männern ab, die unweigerlich von ihren eigenen Vorurteilen beeinflusst sind, von der Eindrücklichkeit der Aussage des Beschuldigten und von der Redegabe des Anklagevertreters.«

»Wie könnte es anders sein?«, fragte der Colonel. »Er legt sein Los in die Hände seiner Landsleute, und nirgends findet sich mehr Gerechtigkeit als im Urteil von zwölf aufrechten Engländern!«

»Allerdings ohne die Möglichkeit der Berufung«, warf Darcy ein.

»Die kann es doch gar nicht geben! Die Entscheidung der Geschworenen war schon immer unantastbar. Was willst du, Darcy – eine zweite Jury, die darauf vereidigt wird, mit der ersten übereinzustimmen oder ihr zu widersprechen, und danach womöglich eine dritte? So ein Unfug würde, ad infinitum fortgesetzt, vermutlich damit enden, dass ein ausländisches Gericht über englische Fälle verhandelt. Das wäre der Ruin nicht nur unserer Rechtsordnung!«

»Könnte man nicht ein Berufungsgericht schaffen, das aus drei oder auch fünf Richtern besteht, die zusammenkommen, wann immer in einer schwierigen Rechtsfrage Uneinigkeit herrscht?«, gab Darcy zu bedenken.

Da schaltete sich Alveston ein. »Ich kann mir gut vorstellen, wie englische Geschworene auf das Vorhaben reagieren würden, ihre Entscheidung von drei Richtern anfechten zu lassen. In Rechtsfragen befindet der erkennende Richter, und wenn er dazu nicht in der Lage ist, soll er das Amt nicht bekleiden. Davon abgesehen gibt es durchaus so etwas wie ein Berufungsgericht. Wenn der erkennende Richter mit dem Ergebnis unzufrieden ist, kann er das Begnadigungsverfahren einleiten, und ein Urteil, das den Leuten ungerecht erscheint, führt stets zu einem öffentlichen Aufschrei, manchmal sogar zu gewalttätigem Protest. Ich kann Ihnen versichern, dass niemand seinem gerechten Zorn so laustark Luft macht wie die Engländer. Aber wie Sie vielleicht wissen, gehöre ich einer Gruppe von Anwälten an, die mit der Untersuchung der Effizienz unserer Strafrechtsordnung beauftragt ist, und es gibt eine Neuerung, die uns wirklich am Herzen liegt: das Recht des Anklagevertreters, ein Plädoyer zu halten, ehe der Verteidigung das Schlusswort erteilt wird. Ich wüsste nicht, was gegen eine solche Neuerung spräche, und wir sind voller Hoffnung, dass sie noch vor Ende des Jahrhunderts vorgenommen wird.«

»Welche Argumente werden dagegen angeführt?«, erkundigte sich Darcy.

»Fast immer der zeitliche Aspekt. Die Londoner Gerichte sind jetzt schon überfordert, zu viele Fälle werden mit ungebührlicher Hast durchgepeitscht. So sehr lieben die Engländer ihre Juristen nicht, als dass sie sich gern stundenlange zusätzliche Reden anhörten. Es gilt als ausreichend, dass sich der Angeklagte in eigener Sache äußert, und mit dem Kreuzverhör der Belastungszeugen durch den Verteidiger sei, so heißt es, für Gerechtigkeit gesorgt.«

»Du klingst wie ein Radikaler, Darcy«, sagte der Colonel. »Ich wusste nicht, dass du dich sosehr für unsere Rechtsordnung interessierst und für ihre Umgestaltung aussprichst.«

»Ich auch nicht, aber wenn man, so wie wir jetzt, mit dem konfrontiert ist, was George Wickham bevorsteht, und sieht, wie schmal der Grat zwischen Leben und Tod ist, liegt es wohl nahe, interessiert, aber auch besorgt zu sein.« Darcy schwieg einige Sekunden lang. Dann fügte er hinzu: »Wenn es nichts mehr zu besprechen gibt, sollten wir uns jetzt den Damen anschließen und mit ihnen das Dinner einnehmen.«

2

Der Dienstag versprach ein angenehmer Tag zu werden, der sogar auf herbstlichen Sonnenschein hoffen ließ. Wilkinson, der Kutscher, stand in dem wohlverdienten Ruf, das Wetter vorhersagen zu können, und hatte zwei Tage zuvor prophezeit, dass auf Wind und Regen ein wenig Sonne und nur gelegentliche Schauer folgen würden. An diesem Tag wollte sich Darcy mit seinem Verwalter John Wooller zum gemeinsamen Mittagessen in Pemberley treffen und am Nachmittag zu Wickham nach Lambton reiten, Letzteres eine Pflicht, davon war Darcy überzeugt, die für beide Seiten keinerlei Vergnügen in sich barg.

Während seiner Abwesenheit wollte Elizabeth mit Georgiana und Mr. Alveston zum Waldcottage gehen, um sich nach Wills Gesundheitszustand zu erkundigen und ihm Wein und einige Leckerbissen zu bringen, die, wie Mrs. Reynolds und sie hofften, seinen Appetit anregen würden. Außerdem wollte sie sich davon überzeugen, dass seine Mutter und seine Schwester sich nicht geängstigt hatten, als Bidwell in Pemberley arbeitete und sie allein waren. Georgiana hatte Elizabeth unbedingt begleiten wollen, und Henry Alveston hatte sich sofort als männlichen Begleiter angeboten. Einen solchen hielt Darcy für unerlässlich, weil er wusste, dass sich die beiden Damen damit sicherer fühlen würden. Nach einem frühen Mittagessen wollte Elizabeth so bald wie möglich aufbrechen. Die wohltuende Herbstsonne würde nicht lange scheinen, und Darcy hatte verfügt, dass die kleine Gesellschaft den Wald wieder verließ, ehe das Nachmittagslicht zu schwinden begann.

Doch zuerst mussten Briefe geschrieben werden, eine Aufgabe, der Elizabeth nach einem zeitigen Frühstück mehrere Stunden widmete. Viele der zum Ball geladenen Freunde hatten Briefe voller Anteilnahme und besorgter Fragen geschickt, von denen einige noch immer nicht beantwortet waren, und Elizabeths Familie in Longbourn, die Darcy per Eilboten von der Tragödie unterrichtet hatte, erwartete fast täglich einen Bericht über den Stand der Dinge. Auch Bingleys Schwestern, Mrs. Hurst und Miss Bingley, mussten auf dem Laufenden gehalten werden, doch zumindest das konnte sie Bingley überlassen. Die beiden besuchten ihren Bruder und Jane zweimal im Jahr, hatten sich jedoch so sehr den Londoner Vergnügungen verschrieben, dass sie es niemals länger als einen Monat auf dem Land aushielten. Während sie in Highmarten weilten, ließen sie sich hin und wieder dazu herab, auch in Pemberley zu erscheinen. Mit diesen Besuchen, mit ihrer Beziehung zu Mr. Darcy und mit der Pracht seines Anwesens später prahlen zu können, war ein zu großer Genuss, als dass sie ihn ihren enttäuschten Hoffnungen und ihrer Missgunst geopfert hätten; doch Elizabeth als Herrin von Pemberley erleben zu müssen, blieb für die beiden Schwestern eine Kränkung, die keine von ihnen ertragen konnte, ohne sich der quälenden Mühsal der Selbstbeherrschung zu unterziehen, und die Besuche erfolgten zu Elizabeths Erleichterung auch nur selten.

Bingley hatte seinen Schwestern taktvollerweise davon abgeraten, in der gegenwärtigen Krise nach Pemberley zu kommen, und Elizabeth konnte sicher sein, dass sie sich daran halten würden. Ein Mordfall in der Familie kann zwar bei den Teilnehmern eleganter Abendeinladungen einen gewissen Schauder hervorrufen, doch aus einem brutal gemeuchelten gewöhnlichen Captain der Infanterie, der weder über Geld verfügt hatte noch einer guten Familie entstammte, war kaum gesellschaftliches Kapital zu schlagen. Da es selbst den dezentesten Menschen kaum je erspart bleibt, sich Anzüglichkeiten tratschender Nachbarn anhören zu müssen, sollte man das Unvermeidliche wenigstens genießen, und von Miss Bingley wusste man in London wie in Derbyshire, wie sehr sie in dieser Zeit darauf bedacht war, die Hauptstadt nicht zu verlassen. Sie hatte es auf einen schwerreichen verwitweten Adeligen abgesehen, und diese Unternehmung war gerade jetzt in eine zu großen Hoffnungen Anlass gebende Phase eingetreten. Titellos und unbemittelt hätte der Mann zwar als der langweiligste Mensch in London gegolten, aber man kann eben nicht mit »Euer Gnaden« angesprochen werden, ohne gewisse Unannehmlichkeiten auf sich zu nehmen, und um sein Geld, seinen Titel und alles andere, was er zu vergeben hatte, war verständlicherweise ein harter Wettkampf entbrannt. Da es eine ganze Reihe habgieriger Mütter mit langjähriger Erfahrung in Heiratsdingen gab, die sich allesamt verbissen für ihre Töchter ins Mittel legten, hatte Miss Bingley nicht die Absicht, in einem so heiklen Wettkampfstadium aus London abzureisen.

Elizabeth war gerade mit den Briefen an ihre Familie in Longbourn und an Tante Gardiner fertig geworden, als Darcy eintrat und ihr ein Schreiben überreichte, das ein Eilbote am Abend zuvor gebracht und das er eben erst geöffnet hatte.

»Lady Catherine hat die Nachricht erwartungsgemäß an Mr. Collins und Charlotte weitergeleitet und deren Briefe beigelegt. Sie werden dir weder ein Vergnügen noch eine Überraschung sein. Ich habe jetzt eine Unterredung mit John Wooller, aber wir sehen uns hoffentlich noch, bevor ich nach Lambton reite.«

Folgendes hatte Lady Catherine geschrieben:Lieber Neffe,Dein Eilbrief hat uns, wie Du Dir denken kannst, tief getroffen, aber ich kann Dir und Elizabeth zum Glück vermelden, dass ich dem Schreck standgehalten habe. Dennoch musste ich Dr. Everidge rufen, der mich zu meiner seelischen Stärke beglückwünschte. Sei versichert, dass ich mich den Umständen entsprechend wohl fühle. Der Tod dieses unglückseligen jungen Mannes – über den ich allerdings nicht das Geringste weiß – wird zwangsläufig im ganzen Land für Aufsehen sorgen, was sich in Anbetracht von Pemberleys Bedeutung nun einmal nicht vermeiden lässt. Mister Wickham, den die Polizei sehr zu Recht verhaftet hat, scheint außergewöhnlich begabt darin zu sein, ehrenwerten Menschen Verdruss und Beschämung zu bereiten, und ich kann nicht umhin, die Nachsicht, mit der ihn Deine Eltern als kleines Kind behandelt haben und über die ich mich Lady Anne gegenüber damals des Öfteren mit deutlichen Worten geäußert habe, als Ursache vieler seiner späteren Verfehlungen zu sehen. Ich neige jedoch dazu, ihn, zumindest was diese Ungeheuerlichkeit betrifft, für unschuldig zu halten, und da seine schändliche Heirat mit der Schwester Deiner Frau ihn zu Deinem Schwager gemacht hat, wird es Dir zweifellos ein Anliegen sein, für die Kosten seiner Verteidigung aufzukommen. Hoffen wir, dass diese Heirat nicht Deinen und den Ruin Deiner Söhne bedeutet! Du wirst einen guten Anwalt brauchen. Nimm auf keinen Fall einen aus der Gegend – er wäre nur ein Nichtskönner, in dem sich Unvermögen mit unverschämten Honoraransprüchen verbindet. Ich würde Dir gern meinen eigenen, Mr. Pegworthy, überlassen, aber ich benötige ihn hier. Der schon so lange währende Grenzstreit mit meinem Nachbarn, von dem ich Dir bereits erzählt habe, ist an einem entscheidenden Punkt angelangt, und das Wildern hat in den letzten Monaten ein beklagenswertes Ausmaß erreicht. Ich würde gern selbst kommen und Dich beraten – Mr. Pegworthy meinte einmal, wenn ich ein Mann wäre und mich mit der Juristerei beschäftigt hätte, wäre ich eine Zierde für die englische Anwaltschaft geworden –, bin hier aber unabkömmlich. Würde ich alle Menschen aufsuchen, denen mein Rat Nutzen brächte, wäre ich nie zu Hause. Ich schlage vor, dass Du Dir jemanden aus der Anwaltskammer Inner Temple nimmst. Die Herren dieser Kammer gelten allesamt als vornehm und gebildet. Nach Erwähnung meines Namens wird man Dir dort zuvorkommend weiterhelfen.Ich werde Deine Nachricht an Mr. Collins weiterleiten, sie lässt sich ohnehin nicht lange verschweigen. Da er nun einmal Pfarrer ist, wird er Dir seine üblichen tristen Worte des Trosts zukommen lassen wollen. Ich lege seinen Brief dem meinen bei, werde jedoch dafür sorgen, dass das Schreiben nicht ungebührlich lang ausfällt.Ich spreche Dir und Mrs. Darcy mein Mitgefühl aus. Sollte die Angelegenheit eine Wendung zum Schlechteren nehmen, kannst Du jederzeit nach mir schicken, und ich trotze dem Herbstnebel, um bei Dir zu sein.

Mr. Collins’ Brief, dessen war Elizabeth sicher, würde nichts weiter zu entnehmen sein als die verwerfliche Freude des Pfarrers an seiner eigenen einzigartigen Mischung aus Aufgeblasenheit und Aberwitz. Das Schreiben war länger als erwartet. Lady Catherine de Bourgh hatte entgegen ihrer Ankündigung Nachsicht walten lassen. Mr. Collins begann mit der Beteuerung, ihm fehlten die Worte, mit denen sich ausdrücken ließe, wie betroffen und entsetzt er sei, um sogleich eine große Anzahl davon zu finden, die wenigsten davon passend und kein einziges hilfreich. So wie damals Lydias Verlobung schrieb er auch diese grässliche Angelegenheit der mangelhaften Aufsicht von Mr. und Mrs. Bennet über ihre Tochter zu und äußerte seine Genugtuung darüber, damals einen Antrag zurückgenommen zu haben, dessen Ergebnis ihn unentrinnbar mit der Schmach der Familie verknüpft hätte. Dann listete er einen ganzen Katalog künftiger Katastrophen auf, die der unglücklichen Familie nun bevorstünden, angefangen von der schlimmsten – Lady Catherines Missfallen und die ewig währende Verbannung aus Rosings – bis hin zu öffentlicher Schande, Bankrott und Tod. Der Brief endete mit der Nachricht, seine liebe Charlotte werde ihm in wenigen Monaten ein viertes Kind schenken. Das Pfarrhaus in Hunsford werde zwar nun ein bisschen eng für die wachsende Familie, doch er sei zuversichtlich, dass ihn die Vorsehung zu gegebener Zeit mit einer einträglichen Pfarrei und einem größeren Haus versorgen werde. Elizabeth las das als eine unverblümte an Darcy gerichtete Bitte – und es war nicht die erste –, welche dieselbe Antwort wie immer hervorrufen würde. Die Vorsehung hatte bisher keine Hilfsbereitschaft erkennen lassen, und Darcy würde gewiss keine zeigen.

Charlottes unversiegelter Brief enthielt, was Elizabeth erwartet hatte, nämlich nichts weiter als den Gepflogenheiten entsprechende, Bestürzung und Anteilnahme ausdrückende Floskeln sowie die Versicherung, sie und ihr Mann seien mit ihren Gedanken bei der vom Unheil betroffenen Familie. Zweifellos hatte Mr. Collins den Brief gelesen und somit jedes herzlichere und vertraulichere Wort verhindert. Charlotte Lucas und Elizabeth waren ihre ganze Kindheit und Jugend hindurch befreundet gewesen. Die einzigen weiblichen Wesen, mit denen sich Elizabeth damals vernünftig unterhalten konnte, waren Charlotte und Jane gewesen, und sie trauerte noch immer der früheren Vertrautheit mit Charlotte nach, die jetzt fast nur mehr in allgemeiner Freundlichkeit und einem regelmäßigen, aber nichtssagenden Briefwechsel zum Ausdruck kam. Darcy und sie waren seit ihrer Eheschließung zweimal zu Lady Catherine gefahren und hatten damals auch dem Pfarrhaus einen förmlichen Besuch abstatten müssen, den Elizabeth jedoch allein absolvierte, weil sie ihrem Mann die Höflichkeitsfloskeln ersparen wollte, mit denen Mr. Collins ihn sicherlich überschüttet hätte. Sie hatte versucht zu verstehen, warum Charlotte den Antrag des Pfarrers angenommen hatte, den sie selbst nur zwei Tage zuvor abgelehnt hatte, doch Charlotte hatte ihrer Freundin deren bestürzte Reaktion auf die Nachricht wahrscheinlich nie vergessen noch vergeben.

Elizabeth hegte den Verdacht, dass sich Charlotte dafür einmal an ihr gerächt hatte. Es war ihr ein Rätsel gewesen, durch wen Lady Catherine über die voraussichtliche Verlobung zwischen ihr und Mr. Darcy erfahren hatte, denn von dem ersten, katastrophalen Antrag hatte sie niemandem außer Jane erzählt. Sie war zu dem Schluss gekommen, dass Charlotte sie verraten haben musste, und rief sich den Abend in Erinnerung, an dem Darcy in Begleitung der Bingleys zum ersten Mal im Ballsaal von Meryton erschienen war. Charlotte hatte damals die Vermutung geäußert, er sei an ihr, Elizabeth, interessiert, und hatte sie ermahnt, nicht Wickham den Vorzug vor dem soviel bedeutenderen Mann zu geben. Und dann war Elizabeth mit Sir William Lucas und seiner Tochter im Pfarrhaus zu Besuch gewesen. Charlotte selbst hatte darauf aufmerksam gemacht, wie oft Mr. Darcy und Colonel Fitzwilliam während dieses Aufenthalts ins Pfarrhaus gekommen waren, was doch nur Elizabeths wegen geschehen sein könne. Kurz darauf war der Antrag erfolgt. Nachdem sich Darcy auf den Rückweg gemacht hatte, war Elizabeth allein spazieren gegangen, um, verwirrt und wütend, wie sie war, ihre innere Ruhe wiederzufinden; doch bei ihrer Rückkehr musste Charlotte bemerkt haben, dass während ihrer Abwesenheit etwas Unglückseliges vorgefallen war.

Einzig und allein Charlotte konnte die Ursache ihrer Bestürzung erraten haben. Wahrscheinlich hatte sie ihren Verdacht dann aus ehefraulichem Mutwillen heraus Mr. Collins mitgeteilt, der daraufhin natürlich sofort Lady Catherine gewarnt und die Gefahr dabei zweifellos überzeichnet hatte, indem er aus einem Verdacht Gewissheit machte. Seine Motive bildeten dabei eine seltsame Mischung. Sollte diese Ehe tatsächlich geschlossen werden, so hoffte er wahrscheinlich, von der engen Beziehung zum reichen Mr. Darcy zu profitieren. Welche Pfründen hatte der nicht zu vergeben! Doch Besonnenheit und Rachsucht erwiesen sich schließlich wohl als die stärkeren und süßeren Beweggründe. Die Zurückweisung hatte er Elizabeth nie vergeben. Die Strafe dafür sollte in einem Leben als einsame, arme alte Jungfer bestehen und nicht in einer glanzvollen Eheschließung, die nicht einmal die Tochter eines Earls ausgeschlagen hätte, wie die Heirat zwischen Lady Anne und Darcys Vater bewies. Auch Charlotte mochte Gründe für einen allerdings eher berechtigten Unmut gehabt haben. Wie ganz Meryton, so war auch sie davon überzeugt gewesen, dass Elizabeth Darcy hasste; Elizabeth, ihre einzige Freundin, die ihre, Charlottes, Vernunftheirat mit Skepsis betrachtet hatte, war einem Mann gefolgt, den sie bekanntermaßen verachtete, weil sie der Verlockung, in den Besitz von Pemberley zu kommen, nicht widerstehen konnte. Nie fällt es schwerer, einer Freundin ihr Glück zu gönnen, als wenn dieses Glück unverdient erscheint.

Man konnte Charlottes Ehe als einen Erfolg bezeichnen – was vielleicht auf alle Ehen zutrifft, in denen das Paar genau das erhält, was die Verbindung hatte erwarten lassen. Mr. Collins bekam eine tüchtige Frau und Hauswirtschafterin, eine Mutter für seine Kinder und die Billigung seiner Gönnerin, während Charlotte den einzigen Weg eingeschlagen hatte, auf dem eine ledige, weder sonderlich schöne noch wohlhabende Frau Unabhängigkeit erreichen konnte. Jane, die immer Freundliche, Verständnisvolle, hatte Elizabeth ermahnt, Charlotte die Verlobung nicht zu verübeln und dabei auch zu bedenken, welchem Leben ihre Freundin damit den Rücken kehrte. Elizabeth hatte die Lucas-Brüder nie gemocht. Schon als Kinder waren sie wild, unfreundlich und unansehnlich gewesen und hätten als Erwachsene eine unverheiratete Schwester sicherlich geringgeschätzt – ihr gegrollt, sie als eine Peinlichkeit betrachtet, die nur Kosten verursachte – und diese ihre Gefühle gewiss nicht für sich behalten. Ihren Gatten hatte Charlotte seit Beginn der Ehe ebenso gut im Griff wie ihre Dienstboten und Hühnerställe, und beim ersten, gemeinsam mit Sir William und seiner Tochter absolvierten Besuch in Hunsford hatte Elizabeth selbst erlebt, wie es Charlotte mittels bestimmter Maßnahmen gelang, die Schattenseiten ihres Ehelebens herunterzuspielen. Mr. Collins war ein Zimmer im vorderen Teil des Pfarrhauses zugeteilt worden, in dem er oft saß und mit stiller Zufriedenheit zum Fenster hinaussah, um die vorbeigehenden Leute zu betrachten und hin und wieder sogar einen Blick auf Lady Catherine in ihrer Kutsche zu erhaschen, während er die meisten freien Stunden tagsüber auf Charlottes Anregung hin mit Gartenarbeit verbrachte, die er begeistert und nicht ohne Talent ausführte. Den Boden zu beackern gilt als eine rechtschaffene Tätigkeit, weshalb der Anblick eines geschäftigen Gärtners stets Wohlgefallen weckt, und sei es nur wegen der Aussicht auf Kartoffeln frisch aus der Erde oder auf Früherbsen. Elizabeth vermutete, dass Mr. Collins nie einen angenehmeren Ehemann abgab, als wenn Charlotte ihn aus einiger Entfernung über sein Gemüsebeet gebeugt sah.

Als ältestes Kind einer großen Familie hatte Charlotte einiges Geschick im Umgang mit männlichen Verfehlungen erworben und ging in Bezug auf ihren Gatten äußerst raffiniert vor. Sie beglückwünschte ihn regelmäßig zu Eigenschaften, die er nicht besaß, in der Hoffnung, er werde sie, von ihrem Lob und Beifall geschmeichelt, eines Tages annehmen. Wie das System funktionierte, hatte Elizabeth erkannt, als sie, auf Charlottes flehentliche Bitte hin, ihre Freundin etwa eineinhalb Jahre nach ihrer Hochzeit besuchte. Während die kleine Gesellschaft in einer von Lady Catherine de Bourghs Kutschen zum Pfarrhaus zurückgebracht wurde, kam das Gespräch auf einen anderen Gast, den erst kurz zuvor in sein Amt eingeführten Pfarrer eines benachbarten Kirchspiels, der mit Lady Catherine entfernt verwandt war.

»Mr. Thompson ist gewiss ein vortrefflicher junger Mann«, hatte Charlotte gesagt, »aber doch ein wenig zu geschwätzig für meinen Geschmack. Dass er jedes Gericht gelobt hat, war übertrieben und hat ihn gefräßig erscheinen lassen. Und ein-, zweimal, als er wieder in vollem Schwung war, konnte ich sehen, dass Lady Catherine das gar nicht gefiel. Schade, dass er sich kein Vorbild an dir genommen hat, mein Lieber. Dann hätte er weniger, aber Treffenderes gesagt.«

Mr. Collins war nicht scharfsinnig genug, um die Ironie zu erkennen oder eine dahinterliegende Strategie zu vermuten. Seine Eitelkeit schnappte nach dem Kompliment, und beim nächsten Dinner in Rosings saß er fast den gesamten Abend hindurch so ungewohnt still am Tisch, dass Elizabeth ständig befürchtete, Lady Catherine würde gleich mit dem Löffel auf den Tisch klopfen und fragen, warum er so wenig zu sagen habe.

Zehn Minuten waren vergangen, seit Elizabeth die Feder aus der Hand gelegt hatte und in Gedanken in die Zeit von Longbourn und der langen Freundschaft mit Charlotte zurückgekehrt war. Jetzt aber musste sie das Briefpapier wegräumen und nachsehen, was Mrs. Reynolds für die Bidwells zubereitet hatte. Auf dem Weg zum Zimmer der Haushälterin dachte sie daran zurück, wie Lady Catherine sie bei einem ihrer Besuche im vergangenen Jahr zum Waldcottage begleitet hatte. Elizabeth brachte Speisen dorthin, die für einen schwerkranken Mann bekömmlich waren. Lady Catherine hatte man nicht in das Krankenzimmer vorgelassen, und sie hatte auch nicht den Eindruck gemacht, hineinzuwollen. Auf dem Rückweg sagte sie ungerührt: »Ich halte Dr. McFees Diagnose für äußerst fragwürdig. Ich habe es noch nie gutgeheißen, den Tod in die Länge zu ziehen. Das ist Aristokratengehabe – und in den niedrigen Ständen nur ein Vorwand, um nicht arbeiten zu müssen. Der zweitälteste Sohn des Hufschmieds liegt angeblich seit vier Jahren im Sterben, doch immer wenn ich vorbeifahre, hilft er seinem Vater und scheint sich bester Gesundheit zu erfreuen. Bei den de Bourghs hat man das Sterben nie in die Länge gezogen. Man muss sich entscheiden, ob man leben oder sterben will, und das eine oder das andere tun, ohne seinen Mitmenschen zur Last zu fallen!«

Elizabeth war vor Schreck und Verblüffung sprachlos gewesen. Wie konnte Lady Catherine seelenruhig von einem langsamen Tod sprechen, obwohl sie erst drei Jahre zuvor ihr einziges Kind verloren hatte, das lange Zeit krank gewesen war? Nach der ersten, gefasst durchlebten, doch gewiss ehrlich empfundenen Trauer hatte sie ihren Gleichmut – und einen Großteil ihrer Unduldsamkeit – sehr schnell zurückgewonnen. Miss de Bourgh, ein zartes, etwas biederes, stilles Mädchen, hatte im Leben keine große Bedeutung für die Welt gehabt und im Sterben noch weniger. Elizabeth, die damals selbst bereits Mutter war, hatte Lady Catherine mehrmals herzlich nach Pemberley eingeladen und war auch nach Rosings gefahren, um ihr in den ersten Trauerwochen beizustehen. Diese Hilfe und Anteilnahme, welche die Mutter wohl nicht erwartete, hatten ihre Wirkung getan. Lady Catherine war zwar im Wesentlichen dieselbe Frau wie zuvor, doch wenn Elizabeth jetzt ihren täglichen Spaziergang unter den Bäumen machte, empfand sie Pemberleys schattige Stellen als weniger düster, und Lady Catherine überkam die Lust auf einen Besuch häufiger, als Darcy und Elizabeth lieb war.

3

Jeder Tag brachte neue Aufgaben mit sich, und in ihren Pflichten gegenüber Pemberley, der Familie und der Dienerschaft fand Elizabeth immerhin ein Gegenmittel für das größte ihr vorstellbare Grauen. Heute gab es für sie und ihren Mann viel zu tun. Sie durfte den Besuch im Waldcottage nicht länger hinauszögern. Die nächtlichen Schüsse und das Wissen um den brutalen Mord, der kaum hundert Schritte vom Cottage entfernt zu einem Zeitpunkt erfolgte, als sich Bidwell in Pemberley aufhielt, mussten auf Mrs. Bidwells ohnehin schweren Kummer noch Mitgefühl und Angst gehäuft haben. Darcy war am zurückliegenden Donnerstag zum Cottage geritten und hatte vorgeschlagen, Bidwell am Vorabend des Balls vom Dienst zu befreien, damit er in dieser schwierigen Zeit bei seiner Familie sein könne. Die Eheleute aber hatten dies beharrlich für unnötig erklärt, und Darcy war klargeworden, dass er die beiden mit seinem Drängen quälte. Bidwell lehnte grundsätzlich alles ab, was darauf hindeutete, er könnte – und sei es nur kurzzeitig – für Pemberley und seinen Herrn verzichtbar sein. Seit er nicht mehr als Oberkutscher tätig war, putzte er jedes Jahr am Abend vor Lady Annes Ball das Silber und zeigte sich davon überzeugt, dass man im ganzen Haus keinen anderen mit dieser Aufgabe betrauen könne.

Im vergangenen Jahr, als der junge Will immer schwächer geworden und die Hoffnung auf seine Gesundung geschwunden war, hatte Elizabeth die Familie im Waldcottage regelmäßig besucht und auch das kleine Zimmer im vorderen Teil des Hauses betreten dürfen, in dem der Patient lag. In letzter Zeit jedoch hatte sie gespürt, dass er es eher als peinlich denn erfreulich empfand, wenn sie mit Mrs. Bidwell an sein Bett trat, und in der Tat konnte man es als aufdringlich ansehen. Deshalb blieb sie jetzt stets im Wohnzimmer und versuchte die leidgeprüfte Mutter so gut wie möglich zu trösten. Immer wenn sich die Bingleys in Pemberley aufhielten, begleiteten sie Elizabeth, der jetzt wieder bewusst wurde, wie sehr sie ihre Schwester an diesem Tag vermissen würde und wie wohltuend es war, eine geliebte Gefährtin bei sich zu haben, der sie selbst die düstersten Gedanken anvertrauen konnte und deren Sanftheit und Güte jeden Kummer erträglicher machten. In Janes Abwesenheit waren Georgiana und eine der Kammerzofen mit Elizabeth zum Cottage gegangen, doch seit der feinfühligen Georgiana der Gedanke gekommen war, Mrs. Bidwell könnte im vertraulichen Gespräch mit Mrs. Darcy mehr Trost finden, machte sie immer nur kurz ihre Aufwartung und setzte sich dann draußen auf die Holzbank, die der junge Will einige Jahre zuvor gezimmert hatte. Darcy begleitete Elizabeth nur selten bei ihren regelmäßigen Besuchen, denn einen Korb mit Leckerbissen aus der Pemberley’schen Küche abzuliefern war eine Frauen vorbehaltene Aufgabe. Heute wollte Darcy zwar zu Wickham reiten, ansonsten aber in Pemberley bleiben für den Fall, dass sich Entwicklungen ergäben, die seine Anwesenheit erforderlich machten; deshalb war man beim Frühstück übereingekommen, dass nicht er, sondern ein Diener Elizabeth und Georgiana begleiten würde. Daraufhin hatte Alveston Darcy zugeflüstert, es wäre ihm eine Ehre, Mrs. Darcy und Miss Georgiana zu begleiten, falls sie dies wünschten, und man hatte sein Angebot dankbar angenommen. Elizabeth hatte einen kurzen Blick auf Georgiana geworfen und in deren Gesicht eine Freude aufblitzen sehen, die verriet, wie sehr sie den Vorschlag begrüßte.

Elizabeth und Georgiana wurden in einem kleinen Landauer zum Waldcottage gefahren; Alveston ritt auf seinem Pferd Pompey neben ihnen her. Nach der regenlosen Nacht hatte sich der Morgennebel bereits verzogen. Es war ein herrlicher Vormittag, kalt, aber sonnig. In der Luft lag ein anheimelnd herbstlicher Duft von Laub, frischer Erde und brennendem Holz. Selbst die Pferde schienen sich des Tages zu erfreuen, sie rissen die Köpfe hoch und zerrten an der Kandare. Der Wind hatte sich gelegt, doch die Überbleibsel des Sturms bedeckten den Fahrweg; die trockenen Blätter knirschten unter den Rädern und wirbelten hinter dem Wagen auf. Die Bäume waren noch nicht kahl, und unter dem strahlend blauen Himmel glühten das tiefe Rot und Gold des Herbstes. An einem solchen Tag konnte Elizabeths Herz nur Wonne empfinden, und zum ersten Mal seit dem Erwachen kam ein wenig Hoffnung in ihr auf. Für einen außenstehenden Betrachter mussten sie aussehen wie eine Gesellschaft auf dem Weg zu einem Frühstück im Grünen – die wehenden Mähnen, der Kutscher in seiner Livree, der Essenskorb, der schöne junge Mann neben dem Wagen. Nach der Einfahrt in den Wald ließen die dunklen, überhängenden Äste, die in der Abenddämmerung stets dicht und rauh wie ein Gefängnisdach wirkten, das Sonnenlicht durchscheinen; es fiel auf den laubbedeckten Weg und verlieh dem tiefen Grün der Sträucher eine frühlingshafte Lebendigkeit.

Der Kutscher brachte den Landauer zum Stehen und erhielt die Anweisung, in genau einer Stunde zurückzukommen. Dann gingen die drei zwischen schimmernden Baumstämmen hindurch auf dem ausgetretenen Pfad zum Cottage. Alveston führte Pompey am Zügel und trug den Korb. Die Speisung war kein Almosen – in Pemberley bekamen alle Bediensteten Unterkunft, Essen und Kleidung –, sondern bestand aus zusätzlichen, von der Köchin zusammengestellten Köstlichkeiten, die Wills Appetit anregen sollten: Kraftbrühe aus dem besten Rindfleisch mit einem Schuss Sherry nach einer Rezeptur von Dr. McFee, pikantes Gebäck, das auf der Zunge zerging, Fruchtgelee, reife Birnen und Pfirsiche aus dem Treibhaus. Will vertrug zwar inzwischen meist nicht einmal mehr diese Speisen, dennoch wurden sie dankbar angenommen; wenn er sie nicht essen konnte, durften sich seine Mutter und seine Schwester daran gütlich tun.

Obwohl sie leise waren, musste Mrs. Bidwell sie gehört haben, denn die zarte, kleine Frau empfing sie bereits an der Tür. Wie ein verblasstes Aquarell ließ ihr Gesicht noch die fragile Schönheit und Verheißung der Jugend durchscheinen, doch die Angst und die Qual, auf das Sterben ihres Sohnes warten zu müssen, hatten eine alte Frau aus ihr gemacht. Elizabeth stellte ihr Alveston vor, dem es gelang, sein ehrliches Mitgefühl auszudrücken, ohne Will direkt zu erwähnen. Er versicherte Mrs. Bidwell seiner Freude darüber, sie kennenzulernen, und erklärte, dass er auf der Holzbank warten wolle, bis Mrs. und Miss Darcy zurückkämen.

»Die hat mein Sohn Will gemacht, Sir«, sagte Mrs. Bidwell. »Eine Woche bevor er krank wurde, hat er die Arbeit beendet. Er war, wie Sie sehen, ein tüchtiger Tischler, es machte ihm Freude, Möbel zu entwerfen und zu zimmern. Mrs. Darcy hat einen Kinderstuhl – nicht wahr, Madam? –, den hat er für das Weihnachtsfest nach Master Fitzwilliams Geburt gemacht.«

»Das stimmt«, sagte Elizabeth. »Es ist ein sehr schöner Stuhl, und immer wenn die Kinder darauf herumklettern, denken wir an Will.«

Alveston verbeugte sich, ging hinaus und nahm auf der Bank Platz, die am Waldrand stand und vom Cottage aus gerade noch zu sehen war, während sich Elizabeth und Georgiana auf die dargebotenen Wohnzimmerstühle setzten. Der Raum war schlicht möbliert. In der Mitte befand sich ein länglicher Tisch mit vier Stühlen, rechts und links vom Kamin jeweils ein bequemer Sessel, und auf dem breiten Kaminsims standen dicht gedrängt Erinnerungsstücke der Familie. Das nach vorn gehende Fenster war angelehnt, und doch herrschte drückende Hitze im Zimmer. Obwohl Will Bidwell einen Stock höher lag, durchzog das gesamte Haus der säuerliche Geruch langjähriger Krankheit. Neben dem Fenster standen eine Wiege und ein Stillsessel. Nachdem Mrs. Bidwell ihr Einverständnis bedeutet hatte, ging Elizabeth hin, betrachtete das schlafende Kind und gratulierte der Großmutter zu dem gesunden und hübschen Neuankömmling. Von Louisa war nichts zu sehen. Georgiana spürte, dass Mrs. Bidwell gern die Gelegenheit genutzt hätte, um mit Elizabeth unter vier Augen zu sprechen, und nahm, nachdem sie sich nach Will erkundigt und das Kind bewundert hatte, den von Elizabeth vorgebrachten und mit ihr abgesprochenen Vorschlag an, sich zu Alveston zu gesellen. Rasch wurde der Weidenkorb geleert, sein Inhalt dankbar entgegengenommen. Dann setzten sich die beiden Frauen in die Sessel neben dem Kamin.

»Er behält nicht mehr viel bei sich, Madam«, berichtete Mrs. Bidwell. »Aber diese Rinderbrühe schmeckt ihm, und von der Eiercreme werde ich ihn kosten lassen, und natürlich vom Wein. Es ist schön, dass Sie uns besuchen, Madam, aber ich werde Sie nicht bitten, zu ihm zu gehen. Es würde Sie nur bekümmern, und er hat ohnehin nicht die Kraft, viel zu reden.«

»Dr. McFee kommt doch regelmäßig, nicht wahr? Kann er ihm denn ein wenig Linderung verschaffen?«

»Er kommt jeden zweiten Tag, obwohl er so viel zu tun hat, und niemals verlangt er etwas dafür. Er meint, es wird jetzt nicht mehr lange dauern. Ach, Madam, Sie haben meinen lieben Jungen gesehen, als Sie gerade Mrs. Darcy geworden waren und hierherkamen. Warum musste ihm das widerfahren? Wenn es irgendeinen Sinn oder Zweck hätte, könnte ich es ertragen.«

Elizabeth legte ihr die Hand auf den Arm. »Diese Frage stellen wir uns immer, und nie bekommen wir eine Antwort. Sieht Reverend Oliphant hin und wieder vorbei? Letzten Sonntag nach dem Gottesdienst sagte er, er wolle Will besuchen.«

»Aber ja, Madam, und er spendet natürlich Trost. In letzter Zeit hat mich Will aber gebeten, ihn nicht kommen zu lassen. Deshalb erfinde ich Ausreden, die den Reverend hoffentlich nicht kränken.«

»Er wäre ganz gewiss nicht gekränkt, Mrs. Bidwell«, versicherte ihr Elizabeth. »Mr. Oliphant ist ein feinfühliger und verständnisvoller Mensch. Mr. Darcy hat großes Vertrauen zu ihm.«

»Wir alle, Madam, wir alle.«

Sie schwiegen eine Weile. Schließlich sagte Mrs. Bidwell: »Ich habe noch gar nicht vom Tod dieses armen jungen Mannes gesprochen. Es hat Will schrecklich zugesetzt, dass sich ein solcher Vorfall im Wald ganz in unserer Nähe ereignet hat und er uns nicht beschützen konnte.«

»Aber Sie waren doch hoffentlich nicht in Gefahr, Mrs. Bidwell. Mir wurde gesagt, Sie hätten nichts gehört.«

»Das stimmt – außer den Pistolenschüssen haben wir nichts gehört. Will hat nur wieder gespürt, wie hilflos er ist und welche Last sein Vater zu tragen hat. Aber diese Tragödie ist für Sie und den Herrn so schrecklich, dass ich besser nicht weiter von Dingen rede, über die ich nicht Bescheid weiß.«

»Sie kannten doch Mr. Wickham, als er noch ein Kind war?«

»Ja, ja, Madam. Der junge Herr und George Wickham haben immer zusammen im Wald gespielt. Wild waren sie, wie Knaben nun einmal sind, aber der junge Herr war der ruhigere von beiden. Ich weiß, dass aus Mr. Wickham später ein wüster Mensch geworden ist und er dem Herrn viel Kummer bereitet hat, aber seit Ihrer Hochzeit hat er nicht mehr von Mr. Wickham gesprochen, und das ist bestimmt das Beste. Aber dass der Knabe, den ich aufwachsen sah, zum Mörder geworden ist, kann ich nicht glauben.«

Wieder schwiegen sie. Elizabeth hatte sich vorgenommen, Mrs. Bidwell einen etwas heiklen Vorschlag zu unterbreiten, und überlegte, wie sie ihn am besten vorbringen sollte. Darcy und sie befürchteten, die abgeschieden lebenden Bidwells könnten sich seit dem Mord in Gefahr wähnen, insbesondere da ihr schwerkranker Sohn im Haus war und der Vater sich so häufig in Pemberley aufhielt. Weil sie eine solche Angst für sehr verständlich hielten, wollten Elizabeth und Darcy Mrs. Bidwell vorschlagen, die ganze Familie solle wenigstens bis zur Lösung des Falls nach Pemberley ziehen. Das Unternehmen hing natürlich davon ab, ob Will den Umzug durchstehen würde, aber um ihm die holprige Kutschenfahrt zu ersparen, plante man, ihn behutsam auf der Trage nach Pemberley zu bringen und ihn dort in einem ruhigen Zimmer aufopferungsvoll zu pflegen. Als Elizabeth den Vorschlag schließlich ausgesprochen hatte, erschrak sie geradezu über die Gegenwehr, die er bei Mrs. Bidwell hervorrief. Zum ersten Mal wirkte die Frau jetzt wirklich verängstigt und brachte ihre Erwiderung mit dem Ausdruck größten Entsetzens vor.

»O nein, Madam, bitte verlangen Sie das nicht von uns! Es würde Will nur unglücklich machen, wenn er nicht im Cottage bleiben könnte. Wir fürchten uns nicht. Louisa und ich haben keine Angst, auch wenn Bidwell nicht da ist. Nachdem Colonel Fitzwilliam so freundlich war, nach uns zu sehen, haben wir alle seine Anordnungen befolgt. Ich habe die Tür verriegelt und die Fenster im Erdgeschoß geschlossen, und niemand ist auch nur in unsere Nähe gekommen. Das war doch bloß ein Wilddieb, der überrascht wurde und unüberlegt gehandelt hat, Madam, aber mit uns hatte er ja keinen Streit. Und Dr. McFee würde bestimmt sagen, dass der Umzug für Will zu viel wäre. Bitte übermitteln Sie Mr. Darcy unseren Dank und unsere Grüße, und sagen Sie ihm, dass es gar nicht in Frage kommt.«

Ihr Blick, die ausgestreckten Hände – ein einziges Flehen. Elizabeth erwiderte sanft: »Dann lassen wir es bleiben. Aber wir können zumindest dafür sorgen, dass Ihr Mann die meiste Zeit über hier ist. Wir werden ihn zwar sehr vermissen, doch solange Will so krank ist und Pflege braucht, kann ein anderer seine Arbeit tun.«

»Das wird ihm nicht recht sein, Madam. Der Gedanke, andere könnten seine Aufgaben übernehmen, würde ihm weh tun.«

Elizabeth hätte am liebsten gesagt, wenn es so sei, dann müsse er diesen Schmerz eben erdulden, doch sie spürte, dass es um etwas Ernsteres ging als nur um Bidwells Wunsch, sich immer gebraucht zu fühlen. Sie beschloss, die Sache fürs Erste auf sich beruhen zu lassen. Mrs. Bidwell würde bestimmt mit ihrem Mann darüber sprechen und es sich vielleicht doch anders überlegen. Und mit einem hatte sie natürlich recht: Wenn Dr. McFee der Ansicht war, dass man Will den Umzug nicht zumuten könne, wäre es töricht, das Vorhaben auszuführen.

Sie hatten sich gerade voneinander verabschiedet und von den Sesseln erhoben, als über dem Rand der Wiege zwei pummelige Füßchen auftauchten und das Kind zu weinen begann. Mrs. Bidwell warf einen besorgten Blick nach oben, wo ihr Sohn lag, eilte zur Wiege und hob den Säugling heraus. In diesem Augenblick ertönten Schritte auf der Treppe, und Louisa Bidwell kam herunter. Im ersten Augenblick erkannte Elizabeth das Mädchen gar nicht. Seit sie den Bidwells als Herrin von Pemberley Besuche abstattete, war Louisa ein fröhliches Mädchen und ein Ausbund an Gesundheit gewesen mit ihren rosigen Wangen und glänzenden Augen, stets frisch wie ein Frühlingsmorgen in ihrer sorgsam gebügelten Arbeitskleidung. Jetzt sah sie zehn Jahre älter aus, war blass und abgehärmt. Sie trug das ungekämmte Haar aus dem müden, kummervollen Gesicht nach hinten zusammengerafft, und ihr Kittel war voller Milchflecken. Sie nickte Elizabeth kurz zu, entriss ihrer Mutter wortlos das Kind und sagte: »Ich gehe mit ihm in die Küche, falls er Will weckt. Ich setze schon einmal die Milch und die feinen Haferflocken für ihn auf, Mutter, vielleicht isst er das ja.«

Schon war sie verschwunden. Um das Schweigen zu brechen, sagte Elizabeth: »Ein kleiner Enkel im Haus bedeutet sicherlich viel Freude, aber auch große Verantwortung. Wie lange bleibt denn das Kind? Seine Mutter möchte ihn doch bestimmt gern zurückhaben.«

»Ja, gewiss, Madam. Es war sehr schön für Will, das Kind zu sehen, aber er hört es nicht gern schreien, obwohl das ja ganz natürlich ist, wenn es Hunger hat.«

»Wann kommt der Kleine wieder nach Hause?«

»Nächste Woche, Madam. Der Mann meiner ältesten Tochter, Michael Simpkins – ein guter Mann, wie Sie wissen –, holt Louisa und das Kind in Birmingham von der Postkutsche ab und bringt es nach Hause. Wir warten nur noch darauf zu erfahren, an welchem Tag es ihm passt. Er hat viel zu tun und kann die Werkstatt nicht einfach verlassen, aber meine Tochter und er können es kaum erwarten, den kleinen Georgie wieder bei sich zu haben.« Die Anspannung in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

Elizabeth spürte, dass es Zeit war zu gehen. Sie verabschiedete sich und nahm noch einmal Mrs. Bidwells Dankesworte entgegen. Kaum war sie aus dem Haus getreten, wurde die Tür hinter ihr geschlossen.

Das Unglück, dessen Zeugin sie soeben geworden war, machte ihr das Herz schwer und verwirrte ihre Gedanken. Warum war der Vorschlag, die Bidwells sollten nach Pemberley ziehen, auf solches Entsetzen gestoßen? War das Angebot taktlos gewesen, eine unausgesprochene Andeutung, dass der sterbende Junge in Pemberley eine bessere Pflege erhalten würde, als die liebende Mutter ihm zu Hause angedeihen lassen konnte? Nichts hätte ihr ferner gelegen. Glaubte Mrs. Bidwell wirklich, ihr Sohn würde den Umzug nicht überleben? Aber welche Gefahr drohte denn, wenn er warm eingepackt auf einer Trage transportiert würde und Dr. McFee ihn die ganze Zeit über begleitete? Nichts weiter hatte der Vorschlag besagt, doch für Mrs. Bidwell schien von der Idee eines Umzugs größeres Grauen auszugehen als von der Möglichkeit, dass ein Mörder im Wald umherschlich. In Elizabeth kam ein Verdacht auf, der an Gewissheit grenzte, über den sie jedoch weder mit Georgiana noch mit Alveston sprechen konnte, den sie vielleicht sogar überhaupt keinem Menschen offenbaren durfte. Wieder sehnte sie sich nach Jane; doch es war gut, dass die Bingleys gefahren waren. Janes Platz war bei ihren Kindern, und Lydia hatte es von Highmarten aus näher zum Gefängnis, wo sie ihren Mann wenigstens besuchen konnte. Die Erkenntnis, dass das Leben in Pemberley ohne Lydias heftige Stimmungswechsel und ihr ständiges Jammern und Klagen weniger anstrengend war, brachte Elizabeth noch mehr durcheinander.

Mit diesem Wirrwarr aus Gedanken und Gefühlen beschäftigt, hatte sie ihren beiden Gefährten kaum Beachtung geschenkt. Nun sah sie, dass sie gemeinsam am Rand der Lichtung entlangspaziert waren und zu ihr hinüberblickten, als warteten sie, dass sie zu ihnen käme. Sie riss sich aus ihrer inneren Abwesenheit, ging auf Georgiana und Alveston zu, zog ihre Uhr hervor und sagte: »In zwanzig Minuten kommt der Landauer zurück. Setzen wir uns noch ein wenig, solange die Sonne scheint? Die letzte Wärme des Jahres wird uns sicherlich gut tun.«

Auf der Bank hatte man das Cottage im Rücken und den Blick auf einen Abhang, der sich in der Ferne zum Fluss senkte. Elizabeth und Georgiana nahmen am einen Ende der Bank Platz, Alveston am anderen. Er streckte die Beine vor sich aus und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Da die Herbststürme schon einiges Laub von den Bäumen geweht hatten, konnte man weit hinten gerade noch die dünne, glitzernde Linie erkennen, die den Fluss vom Himmel trennte. Hatte vielleicht gerade dieses Glitzern des Wassers Georgianas Urgroßvater bewogen, sich für diesen Ort zu entscheiden? Die ursprüngliche Bank war längst verschwunden, aber die neue, von Will gezimmerte, war stabil und nicht unbequem. Sträucher mit roten Beeren und Büsche mit harten Blättern und weißen Blüten, an deren Namen sich Elizabeth nicht erinnern konnte, umgaben sie halbkreisförmig wie ein Schutzwehr.

Nach einigen Minuten sagte Alveston zu Georgiana: »Lebte Ihr Urgroßvater ständig hier, oder war es für ihn nur ein Rückzugsort, an den er sich vor der Geschäftigkeit im großen Haus flüchtete?«

»Er lebte ständig hier. Er ließ das Cottage bauen und bezog es ohne einen Diener oder Koch. Hin und wieder brachte man ihm etwas zu essen, aber sein Hund Soldier und er waren einander genug. Seine Lebensweise galt damals als skandalös, auch die Familie brachte kein Verständnis dafür auf. Dass ein Darcy nicht in Pemberley wohnte, empfand man als verantwortunglos. Als Soldier dann alt und krank war, erschoss mein Urgroßvater erst ihn, dann sich selbst. In einem Abschiedsbrief verfügte er, dass sie zusammen im Wald bestattet werden sollten, und es gibt dort auch ein Grab mit einem Stein, aber nur für Soldier. Der Gedanke, ein Darcy könnte in ungeweihter Erde liegen, war der Familie ein Greuel, und was der Gemeindepfarrer davon hielt, kann man sich vorstellen. Deshalb begruben sie ihn im Familiengrab und Soldier im Wald. Als ich ein Kind war, tat mir Urgroßvater immer so leid, und ich besuchte ihn oft mit meiner Gouvernante und legte ihm Blumen oder Beeren aufs Grab. In meiner kindlichen Fantasie glaubte ich, Urgroßvater und Soldier würden darin liegen. Als meine Mutter davon erfuhr, entließ sie die Gouvernante und verbot mir, den Wald je wieder zu betreten.«

»Dir, aber nicht deinem Bruder«, warf Elizabeth ein.

»Nein, Fitzwilliam wurde es gestattet. Allerdings ist er zehn Jahre älter als ich und war damals schon erwachsen, und ich glaube auch nicht, dass er für Urgroßvater so empfand wie ich.«

Nach kurzem Schweigen sagte Alveston: »Gibt es das Grab noch? Sie könnten jetzt ein paar Blumen darauflegen – Sie sind ja kein Kind mehr.«

Elizabeth hatte den Eindruck, dass es in seinen Worten um mehr ging als um den Besuch eines Hundegrabs.

»Ja, das würde ich gern tun«, sagte Georgiana. »Bei meinem letzten Besuch dort war ich elf Jahre alt. Ich möchte wissen, ob sich etwas verändert hat, aber das kann eigentlich gar nicht sein. Ich weiß, wie wir gehen müssen. Es ist nicht weit vom Fahrweg, wir werden den Landauer nicht verpassen.«

Sie brachen auf. Georgiana wies die Richtung, und Alveston ging, Pompey am Zügel führend, ein Stück voraus, um die Nesseln niederzutreten und den Damen hinderliche Äste zur Seite zu biegen. Georgiana trug einen kleinen Strauß, den Alveston für sie gepflückt hatte. Erstaunlich, welche Heiterkeit, wie viele Erinnerungen an den Frühling diese wenigen Funde eines sonnigen Oktobertags hervorriefen. Er hatte einige robuste Zweige weißer Herbstblüher, Stengel mit dunkelroten, aber nicht überreifen Beeren und ein, zwei goldgeäderte Blätter gefunden. Schweigend gingen sie dahin. Elizabeth, die ohnedies mit sorgenvollen Gedanken beschäftigt war, fragte sich, ob sie gut daran getan hatten, die kleine Expedition zu unternehmen, konnte sich ihre Bedenken aber selbst nicht erklären. An diesem Tag schien jedes ungewöhnliche Ereignis von der Vorahnung drohender Gefahr begleitet zu sein.

Plötzlich bemerkte sie, dass erst vor kurzer Zeit jemand auf dem Pfad gegangen sein musste. Hier und da waren dünnere Äste und Zweige abgebrochen, und an einer leicht abschüssigen, mit aufgeweichtem Laub bedeckten Stelle glaubte sie tiefe Fußspuren zu erkennen. Sie war gespannt, ob auch Alveston es bemerkt hatte, doch er sagte nichts, und wenige Minuten später gelangten sie aus dem Unterholz und traten auf eine kleine, von Birken umgebene Lichtung. In der Mitte stand ein Grabstein aus Granit von einem halben Meter Höhe, der oben leicht abgerundet war. Kein Grabhügel erhob sich unter ihm, so dass es aussah, als wäre der im schwachen Sonnenlicht glänzende Stein von selbst durch das Erdreich hindurchgebrochen. Schweigend lasen sie die eingemeißelten Worte. Soldier, treu bis in den Tod, starb hier mit seinem Herrn am 3. November 1735.

Wortlos trat Georgiana näher und legte den Strauß an den Fuß des Steins. Nachdem sie das Grab eine Weile betrachtet hatten, sagte sie: »Armer Urgroßvater. Ich hätte ihn so gern gekannt. In meiner Kindheit hat nie jemand von ihm gesprochen, nicht einmal die Menschen, die sich noch an ihn erinnern konnten. Er war das schwarze Schaf der Familie, der Darcy, der seinen Namen entehrt hatte, indem er sein eigenes Glück über die Verantwortung für andere stellte. Aber ich werde nie wieder hierher zurückkommen. Sein Körper liegt ja nicht hier. Der Gedanke, ich könnte ihm zeigen, dass er mir wichtig war, entsprang nur meiner kindlichen Fantasie. Hoffentlich hat er in seiner Einsamkeit Glück gefunden. Zumindest ist es ihm gelungen, zu entkommen.«

Entkommen?, dachte Elizabeth. Wem entkommen? Sie wollte sofort zur Kutsche zurück. »Ich glaube, es ist an der Zeit, nach Hause zu fahren. Mr. Darcy wird bald vom Gefängnis zurück sein und sich Sorgen machen, wenn wir immer noch im Wald sind.«

Sie folgten dem schmalen, laubbedeckten Pfad bis zum Fahrweg, wo die Kutsche warten sollte. Obwohl sie keine Stunde im Wald gewesen waren, hatte sich alle von diesem Nachmittag verheißene Heiterkeit verflüchtigt, und Elizabeth, die sich noch nie gern in engen Räumen aufgehalten hatte, empfand das Gestrüpp und die Bäume wie ein schwer auf ihr lastendes Gewicht. Der Geruch von Krankheit hing ihr noch in der Nase, und dass Mrs. Bidwell so unglücklich war und alle Hoffnung für Will aufgegeben hatte, machte ihr das Herz schwer.

Nachdem sie den Fahrweg erreicht hatten, gingen sie nebeneinander, solange er breit genug war; immer wenn er sich wieder verengte, übernahm Alveston die Führung und schritt mit Pompey ein Stück voraus. Er hielt den Blick gesenkt und ließ ihn immer wieder nach links und rechts schweifen, als suchte er Spuren. Elizabeth wusste, dass er am liebsten Georgiana den Arm geboten hätte, keine der beiden Damen jedoch allein gehen lassen wollte. Auch Georgiana war still, vielleicht bedrückt von derselben Ahnung drohenden Unheils.

Auf einmal blieb Alveston stehen. Dann lief er zu einer Eiche, an der ihm etwas aufgefallen sein musste. Elizabeth und Georgiana folgten ihm und sahen, dass in etwas mehr als einem Meter Höhe die Buchstaben F. D—Y in die Rinde geschnitzt waren.

Georgiana blickte sich um. »In die Stechpalme dort ist auch etwas geschnitzt.«

Eine rasche Überprüfung ergab, dass zwei weitere Stämme dieselben Initialen trugen. »Das sind nicht die üblichen Schnitzereien eines Liebespaares«, sagte Alveston. »Verliebten genügen die Anfangsbuchstaben. Wer immer das hier hinterließ, wollte keinen Zweifel daran lassen, dass es um Fitzwilliam Darcy geht.«

»Wann das wohl eingekerbt wurde?«, fragte Elizabeth. »Es sieht recht frisch aus.«

»Sicherlich innerhalb des letzten Monats«, meinte Alveston, »und zwar von zwei Personen. Das F und das D sind nicht tief, sie könnten von einer Frau sein. Der Strich und das Y aber sind sehr tief und wurden aller Wahrscheinlichkeit nach mit einem schärferen Werkzeug eingeritzt.«

»Ich glaube auch nicht, dass diese Zeichen von einem Verliebten stammen«, sagte Elizabeth. »Auf mich wirken sie wie von einem Feind, der in böser Absicht gehandelt hat. Aus diesen Schnitzereien spricht nicht Liebe, sondern Hass.«

Sie fragte sich sofort, ob es nicht unklug gewesen war, Georgiana zu beunruhigen, doch Alveston sagte: »Die Buchstaben könnten für Denny stehen. Wissen Sie, wie sein Vorname lautet?«

Elizabeth versuchte sich zu erinnern, ob sie den Namen in Meryton jemals gehört hatte, und sagte schließlich: »Martin, glaube ich, oder Matthew – aber die Polizei müsste es wissen. Sie hat sicherlich seine Angehörigen verständigt, falls er welche hat. Aber soweit ich weiß, hat Denny vor dem vergangenen Freitag nie einen Fuß in diesen Wald gesetzt, und in Pemberley war er ganz gewiss nie.«

Alveston wandte sich zum Gehen. »Wir werden davon berichten, sobald wir zurück sind, und es der Polizei melden. Wenn die Wachtmeister so gründlich gesucht haben, wie sie sollten, haben sie die eingekerbten Buchstaben vielleicht bereits gesehen und eine Erklärung dafür gefunden. Bis dahin werden Sie, meine Damen, sich hoffentlich nicht allzu sehr beunruhigen. Womöglich ist es nur harmloser Unfug, begangen von einem liebeskranken Mädchen aus einem der Cottages oder von einem törichten Dienstboten.«

Elizabeth überzeugten seine Erklärungsversuche nicht. Wortlos wandte sie sich von dem Baum ab, und Georgiana und Alveston taten es ihr gleich. In einvernehmlichem Schweigen folgten Elizabeth und Georgiana dem jungen Anwalt auf dem Fahrweg, bis sie die wartende Kutsche erreichten. Es war, als hätte sich Elizabeths düstere Stimmung auf die Gefährten übertragen. Alveston half den Damen in den Landauer, schloss die Tür, bestieg sein Pferd, und sie machten sich auf den Weg zurück nach Pemberley.

4

Das Gefängnis von Lambton wirkte, anders als das Gefängnis der Grafschaft in Derby, von außen bedrohlicher, als es innen war. Offensichtlich hatte man es der Überzeugung entsprechend errichtet, dass öffentliche Mittel besser gespart wurden, indem man mögliche Übeltäter abschreckte, anstatt ihnen allen Mut zu nehmen, sobald sie eingesperrt waren. Darcy kannte das Gefängnis, weil er es in seiner Eigenschaft als Friedensrichter einige Male aufgesucht hatte, insbesondere bei einer acht Jahre zurückliegenden Gelegenheit, als sich ein geistesgestörter Insasse in seiner Zelle erhängt und der Gefängnismeister den damals einzigen abkömmlichen Friedensrichter zur Teilnahme an der Leichenschau gerufen hatte. Das Erlebnis war für Darcy so grauenhaft gewesen, dass ihn seither immer wieder schaurige Gedanken an den Tod durch Erhängen plagten und er das Gefängnis nie ohne die lebhafte Erinnerung an jene von der Decke baumelnde Leiche mit dem langgezogenen Hals betrat. Heute sah er das Schreckensbild noch deutlicher vor sich als sonst. Der Gefängnismeister und sein Gehilfe waren menschlich gesinnte Leute; man konnte zwar keine der Zellen als geräumig bezeichnen, doch Misshandlungen gab es nicht, und die Gefangenen, die genug Geld hatten, um sich Essen und Getränke liefern zu lassen, vermochten ihre Besucher einigermaßen passabel zu bewirten und hatten kaum Grund zur Klage.

Auf Hardcastles eindringlichen Rat hin, Darcy solle erst nach der gerichtlichen Untersuchung mit Wickham sprechen, hatte Bingley, gutmütig wie immer, diese Aufgabe übernommen und den Inhaftierten am Montag Vormittag aufgesucht, um sich dessen dringendster Bedürfnisse anzunehmen und ihn mit einer ausreichenden Menge Geld zu versorgen, damit er sich Essen und andere Annehmlichkeiten kaufen konnte, die das Gefängnisleben erträglich machten. Dann aber war Darcy nach einigem Nachdenken zu der Einsicht gelangt, dass es seine Pflicht war, Wickham noch vor der gerichtlichen Untersuchung wenigstens einen Besuch abzustatten. Ihn nicht zu besuchen, so lautete seine Überlegung, würde in Lambton und im Dorf Pemberley als klarer Hinweis darauf verstanden werden, dass er seinen Schwager für schuldig hielt, und aus den Gemeinden Lambton und Pemberley würden die Geschworenen kommen. Dass man ihn möglicherweise als Zeugen der Anklage vernehmen würde, ließ sich nicht verhindern, doch seinen Glauben an Wickhams Unschuld konnte er immerhin stillschweigend zum Ausdruck bringen. Und es gab einen zweiten, eher privaten Grund: Darcy war sehr darauf bedacht, öffentliche Spekulationen über die Ursache des Familienzwists im Keim zu ersticken, damit Georgianas damals geplante Flucht nicht bekannt würde. Es war also nicht nur recht und billig, dass er Wickham aufsuchte, sondern man erwartete es geradezu von ihm.

Bingley hatte bei seinem Besuch einen mürrischen Wickham angetroffen, der nicht etwa zur Mithilfe bereit war, sondern sich immer wieder abfällig über den Friedensrichter und die Polizei geäußert und von ihnen gefordert hatte, ihre Anstrengungen zu verdoppeln, damit der Mörder seines besten, ja einzigen Freundes gefasst werde. Warum, so rief er, müsse er im Kerker schmachten, während niemand die Schuldigen suche? Warum störe die Polizei wieder und wieder seine Ruhe und drangsaliere ihn mit dummen, gänzlich sinnlosen Fragen? Warum hätten sie wissen wollen, weshalb er Denny umgedreht habe? Um sein Gesicht zu sehen, natürlich, das war doch wohl sehr verständlich! Nein, Dennys Kopfwunde habe er nicht gesehen, wahrscheinlich hätten Haare darübergelegen, außerdem sei er viel zu aufgeregt gewesen, um irgendwelche Einzelheiten wahrzunehmen. Und dann hätten sie sich danach erkundigt, was er in der Zeit zwischen den Schüssen und dem Auffinden von Dennys Leiche durch den Suchtrupp getan habe. Durch den Wald habe er sich gekämpft und einen Mörder zu fassen versucht – genau das eben, was sie selbst tun sollten, anstatt mit der Verfolgung eines Unschuldigen Zeit zu vergeuden.

Der Mann, den Darcy heute antraf, war ein völlig anderer. In frischen Kleidern, rasiert und gekämmt empfing Wickham ihn, als würde er einem nicht sonderlich willkommenen Besucher einen Gefallen erweisen. Darcy hatte ihn als einen sehr launenhaften Menschen in Erinnerung und erkannte jetzt den alten Wickham wieder, den ansehnlichen, selbstbewussten Mann, der seine traurige Berühmtheit eher genoss, denn sie als Schmach zu empfinden. Bingley hatte die erbetenen Dinge mitgebracht: Tabak, mehrere Hemden und Halstücher, Pantoffeln, pikantes Gebäck aus Highmarten, um die Auswahl an Speisen zu vergrößern, die Wickham sich von der Bäckerei in Lambton liefern ließ, sowie Papier und Tinte für die geplanten Aufzeichnungen sowohl über seine Rolle bei der Niederschlagung des irischen Aufstands als auch über die große Ungerechtigkeit seiner derzeitigen Inhaftierung. Ein solcher persönlicher Bericht, so seine Überzeugung, werde sich bestimmt gut verkaufen. Keiner der beiden Männer sprach die Vergangenheit an, die über Darcy noch immer eine gewisse Macht ausübte, während Wickham im Hier und Heute lebte, zuversichtlich in die Zukunft blickte und die Vergangenheit so abwandelte, dass sie seinen Zuhörern gefiel. Darcy gewann beinahe den Eindruck, dass Wickham die schlimmsten Ereignisse der vergangenen Zeiten erst einmal ganz aus seinen Gedanken verbannt hatte.

Wickham erzählte, die Bingleys hätten Lydia am Abend zuvor aus Highmarten zu Besuch gebracht, doch seine Frau habe so hemmungslos geklagt und geweint, dass ihm ihr bedrückender Anblick nicht länger erträglich gewesen sei und er angeordnet habe, sie künftig nur noch auf sein Verlangen hin und niemals länger als fünfzehn Minuten zu ihm vorzulassen. Er hoffe jedoch, dass ohnehin kein weiterer Besuch notwendig sei, denn nach der gerichtlichen Untersuchung am Mittwoch um elf Uhr werde man ihn gewiss freilassen. Er malte sich schon seine und Lydias triumphale Rückkehr nach Longbourn aus und sah bereits vor sich, wie ihn seine früheren Freunde in Meryton beglückwünschten. Pemberley wurde mit keinem Wort erwähnt, was wohl daran lag, dass sich Wickham dort nicht einmal in seiner augenblicklichen Hochstimmung willkommen glaubte und es vielleicht auch gar nicht sein wollte. Im glücklichen Fall seiner Freilassung würde er Darcys Überzeugung nach als Erstes zu Lydia nach Highmarten fahren und dann nach Hertfordshire weiterreisen. Jane und Bingley sollten Lydias Anwesenheit nicht einen einzigen weiteren Tag ertragen müssen. Doch all das ließe sich klären, wenn die Entlassung tatsächlich stattfand. Darcy wünschte, er könnte Wickhams Zuversicht teilen.

Er blieb nur eine halbe Stunde, erhielt eine Liste mit Gegenständen, die er am nächsten Tag mitbringen sollte, und ging, nachdem Wickham ihn gebeten hatte, Mrs. Darcy und Miss Darcy von ihm zu grüßen. Auf dem Weg aus dem Gefängnis empfand er zwar Erleichterung darüber, dass Wickham aufgehört hatte, sich in Pessimismus und Anschuldigungen hineinzusteigern; dennoch war der Besuch für ihn nicht nur unangenehm, sondern auch sehr bedrückend gewesen.

Sollte die Verhandlung ein gutes Ende finden, würde er Wickham und Lydia zumindest in absehbarer Zukunft unterstützen müssen. Sie hatten stets mehr ausgegeben als eingenommen und ihre unzureichenden Einkünfte seiner Vermutung nach mit privaten Zuwendungen von Jane und Elizabeth aufgestockt. Jane lud Lydia nach wie vor gelegentlich nach Highmarten ein; Wickham beklagte das zwar immer, vergnügte sich dann aber jedes Mal in diversen Gasthöfen am Ort, und alles, was Elizabeth über das Ehepaar erfuhr, kam von Jane. Mit keiner der zeitlich begrenzten Anstellungen, die er seit seinem Ausscheiden aus dem Dienst angenommen hatte, war Wickham erfolgreich gewesen. Zuletzt hatte er bei Sir Walter Elliot ein Auskommen zu finden versucht. Der Baronet hatte sich wegen seiner Verschwendungssucht gezwungen gesehen, sein Haus an Fremde zu vermieten und mit zweien seiner Töchter nach Bath zu übersiedeln. Anne, die jüngere, hatte sich dort sehr glücklich mit einem wohlhabenden Kapitän zur See verheiratet, der inzwischen zum Admiral aufgestiegen war, während die ältere, Elizabeth, noch einen Ehemann finden musste. Da der Baronet wenig Gefallen an Bath gefunden hatte, war er zu der Ansicht gelangt, nunmehr wieder reich genug für die Heimkehr zu sein, und hatte Wickham als Sekretär eingestellt, der bei dem Umzug mithelfen sollte. Nach sechs Monaten war Wickham entlassen worden. Immer wenn es schlechte Nachrichten gab, in denen es um öffentlichen Zwist ging oder, noch schlimmer, um familiäre Unstimmigkeiten, war es Janes Aufgabe, versöhnlich zu wirken und keine der beteiligten Parteien im Unrecht zu sehen. Doch als die Umstände von Wickhams jüngstem Versagen ihrer skeptischer gesinnten Schwester zu Ohren kamen, mutmaßte Elizabeth, dass Miss Elliot über die Resonanz besorgt gewesen war, mit der ihr Vater Lydias unverhohlener Koketterie begegnete, während sie Wickham in seinem Bemühen, sich bei ihr einzuschmeicheln, anfangs aus Langeweile und Eitelkeit wohl durchaus ermutigt, schließlich jedoch nur mehr mit Abscheu betrachtet hatte.

Als Lambton hinter ihm lag, atmete Darcy in tiefen Zügen die kühle, frische Luft ein und genoss es, dem unverwechselbaren Gefängnisgestank, diesem Geruch nach Menschenkörpern, Essen und billiger Seife, ebenso entronnen zu sein wie dem Klirren der Schlüssel. Erleichtert und mit einem Gefühl, als wäre er selbst aus dem Kerker entflohen, lenkte er sein Pferd in Richtung Pemberley.

5

Pemberley wirkte wie ausgestorben. Elizabeth und Georgiana waren offenbar noch nicht zurückgekehrt. Kaum war Darcy abgestiegen, bog schon einer der Stallburschen um die Hausecke und nahm ihm das Pferd ab, doch da er früher als erwartet zurückgekommen war, empfing ihn niemand an der Tür. Er betrat die stille Eingangshalle und ging auf die Bibliothek zu, wo er den Colonel vermutete, der sicherlich gespannt auf die Neuigkeiten wartete. Zu seiner Verwunderung traf er dort Mr. Bennet an. Sein Schwiegervater hatte es sich in einem Armsessel vor dem Kamin bequem gemacht und las die Edinburgh Review. Die leere Tasse und der benutzte Teller auf dem Tischchen neben ihm zeugten davon, dass man ihn nach seiner Reise mit einem Imbiss versorgt hatte. Darcy war zunächst verblüfft stehen geblieben, hatte jedoch schnell gespürt, wie sehr ihn der Anblick des unerwarteten Besuchers freute, und während sich Mr. Bennet nun von seinem Sessel erhob, trat Darcy zu ihm und schüttelte ihm herzlich die Hand.

»Bitte lassen Sie sich nicht stören, Sir. Es ist mir eine große Freude, Sie begrüßen zu dürfen. Man hat sich hoffentlich um Sie gekümmert?«

»Sie sehen ja … Stoughton war tüchtig wie immer, und ich habe auch bereits mit Colonel Fitzwilliam gesprochen. Nach der Begrüßung wollte er die Gelegenheit meines Besuchs nutzen und sein Pferd ausreiten. Meinem Eindruck nach war es ihm im Haus ein wenig langweilig. Auch die achtbare Mrs. Reynolds hat mich willkommen geheißen und mir versichert, dass mein gewohntes Zimmer immer für mich bereitsteht.«

»Wann sind Sie eingetroffen, Sir?«

»Vor etwa vierzig Minuten, mit einer Mietdroschke. Nicht die bequemste Art, weit zu reisen – ursprünglich wollte ich mit der Kutsche kommen –, aber Mrs. Bennet jammerte, sie brauche doch die Kutsche, um Mrs. Philips, der Familie Lucas und all den anderen Interessierten in Meryton die neuesten Nachrichten in Bezug auf Mr. Wickhams unglückliche Situation zu überbringen. Dies in einer Mietdroschke zu tun, hätte sie nicht nur für sich, sondern für die ganze Familie als erniedrigend empfunden. Nachdem ich bereits beschlossen hatte, sie in dieser kummervollen Zeit zu verlassen, konnte ich sie nicht auch noch des bequemeren Fortbewegungsmittels berauben, und so hat nun Mrs. Bennet die Kutsche. Ich möchte mit meinem unangekündigten Besuch keinesfalls zusätzliche Umstände machen, aber ich dachte mir, dass Sie vielleicht gern einen zusätzlichen Mann im Haus hätten, während Sie mit der Polizei verhandeln oder sich um Wickhams Wohlergehen kümmern müssen. Wie Elizabeth in ihrem Brief mitteilte, wird ja der Colonel bald zu seinen militärischen Pflichten und der junge Alveston nach London zurückkehren.«

»Sie werden nach der gerichtlichen Untersuchung abreisen, die, wie ich am Sonntag erfahren habe, morgen stattfinden soll. Ihre Anwesenheit wird den Damen ein großer Trost sein und beruhigt mich ungemein, Sir. Über die Umstände von Wickhams Festnahme hat Colonel Fitzwilliam Sie sicherlich bereits in Kenntnis gesetzt.«

»In äußerster Knappheit zwar, aber durchaus präzise. Es hätte sich ebenso gut um einen Militärbericht handeln können. Um ein Haar hätte ich ihm einen Salut erwiesen. Salut erweisen – so sagt man doch, nicht wahr? In militärischen Dingen kenne ich mich nicht aus. Lydias Mann scheint sich mit seiner jüngsten Heldentat insofern ausgezeichnet zu haben, als es ihm gelungen ist, die größtmögliche Peinlichkeit für seine Familie zu einer Belustigung für die Volksmenge werden zu lassen. Wie der Colonel mir erzählte, haben Sie den Gefangenen in Lambton besucht. In welcher Verfassung trafen Sie ihn denn an?«

»Er ist guten Mutes. Der Unterschied zwischen seiner augenblicklichen Erscheinung und dem Bild, das er am Tag nach dem Angriff auf Denny bot, ist bemerkenswert. Allerdings war er damals betrunken und vollkommen durcheinander. Inzwischen hat er sowohl seine Zuversicht als auch sein früheres Erscheinungsbild wiedergewonnen. Dem Ausgang der gerichtlichen Untersuchung sieht er erstaunlich hoffnungsvoll entgegen und tut, wenn man Alveston glauben darf, recht daran. Dass keine Waffe gefunden wurde, kommt ihm sicherlich zugute.«

Die beiden Männer setzten sich. Darcy sah, dass sein Schwiegervater immer wieder zur Edinburgh Review hinüberschielte, jedoch der Versuchung widerstand, seine Lektüre fortzusetzen. »Wenn Wickham sich nur endlich entscheiden könnte, wie er von der Welt gesehen werden will!«, sagte Mr. Bennet. »Zum Zeitpunkt seiner Heirat war er ein verantwortungsloser, aber charmanter Lieutenant, der mit zuckersüßem Lächeln um uns herumscharwenzelte, als hätte er dreitausend im Jahr und einen prächtigen Wohnsitz mit in die Ehe gebracht. Später, als er sein Patent erhalten hatte, wurde er zu einem Mann der Tat, zur Heldenfigur, was sicherlich einen Wandel zum Besseren darstellte und Mrs. Bennet ausgeprochen zusagte. Und jetzt sollen wir ihn als einen in der Wolle gefärbten Schurken betrachten, dem die – hoffentlich nur geringe – Gefahr droht, als öffentliches Spektakel zu enden. Im Mittelpunkt stand er schon immer gern, aber den letzten Auftritt dürfte er sich anders gewünscht haben. Ich kann nicht glauben, dass er ein Mörder ist. Seine Vergehen mögen für seine Opfer nicht eben angenehm gewesen sein, doch soweit ich weiß, umfassten sie nie Gewalt gegen ihn selbst oder andere.«

»Wir können die Gedanken anderer Menschen nicht lesen«, meinte Darcy, »aber auch ich halte ihn für unschuldig und werde dafür sorgen, dass er juristisch so gut wie nur möglich beraten und vertreten wird.«

»Sehr großzügig von Ihnen. Das ist, auch wenn ich es nicht sicher weiß, wohl kaum die erste edelmütige Tat, für die meine Familie Ihnen Dank schuldet.« Ohne auf eine Erwiderung zu warten, fügte Mr. Bennet hastig hinzu: »Wie Colonel Fitzwilliam mir mitteilte, sind Elizabeth und Miss Darcy mit einer wohltätigen Unternehmung beschäftigt und bringen einer unglücklichen Familie einen Korb mit Lebensmitteln. Wann werden sie zurückerwartet?«

Darcy zog seine Uhr hervor. »Sie müssten inzwischen auf dem Heimweg sein. Falls Sie ein wenig Bewegung wünschen, Sir, könnten Sie sich mir anschließen und ihnen Richtung Wald entgegengehen.«

Mr. Bennet, der als ein gerne sitzender Mensch bekannt war, zeigte sich sofort bereit, um des Vergnügens willen, seine Tochter zu überraschen, auf die Review und die Behaglichkeit des Bibliothekskamins zu verzichten. In diesem Augenblick trat Stoughton ein, entschuldigte sich dafür, dass er bei der Rückkehr seines Herrn nicht an der Tür gewesen war, und ging unverzüglich die Hüte und Mäntel der Gentlemen holen. Darcy erwartete das Erscheinen des Landauers nicht weniger gespannt als sein Begleiter. Er hätte dem Ausflug niemals zugestimmt, wenn er ihm in irgendeiner Weise gefährlich erschienen wäre, und Alveston kannte er als einen vertrauenswürdigen und findigen Menschen, doch seit Dennys Ermordung erfüllte ihn eine diffuse, vielleicht gänzlich unvernünftige Angst, sobald er seine Frau nicht mehr im Blick hatte. Und so war er sehr erleichtert, als der kleine Landauer fünfzig Schritte vor Pemberley in Sicht kam, langsamer wurde und schließlich stehen blieb. Als Elizabeth aus dem Wagen stürzte, auf ihren Vater zulief, überglücklich »Ach, Vater, wie schön, dass du hier bist!« rief und sich in seine Arme warf, wurde Darcy einmal mehr bewusst, wie froh er selbst über Mr. Bennets Besuch war.

6

Die gerichtliche Untersuchung fand in einem großen Raum im hinteren Teil des Gasthofs King’s Arms statt. Acht Jahre zuvor hatte man ihn für diverse Veranstaltungen eingerichtet, zu denen auch gelegentlich stattfindende Tanzabende zählten, die, etwas hochtrabend, immer als Bälle bezeichnet wurden. Die erste Begeisterung und der Lokalpatriotismus hatten dem Saal einen gewissen Anfangserfolg beschert, doch in den gerade herrschenden harten, von Mangel gezeichneten Kriegszeiten fehlte es sowohl an Geld als auch an Vergnügungslust, so dass der mittlerweile vorwiegend für offizielle Versammlungen genutzte Raum sich kaum jemals mehr füllte und die leicht bedrückende und verwahrloste Atmosphäre besaß, die jeder ursprünglich für gemeinschaftliche Unternehmungen gedachte Ort ausstrahlt. Thomas Simpkins, der Wirt, und seine Frau Mary hatten alle Vorbereitungen für eine Veranstaltung getroffen, die fraglos eine große Menschenmenge anziehen und einen entsprechenden Gewinn für den Gasthof abwerfen würde. Rechts von der Tür befand sich ein Podium, das Platz für ein kleines Tanzorchester bot und auf dem nun ein imposanter, aus dem Schankraum herbeigeschleppter Lehnstuhl stand. Rechts und links davon hatte man jeweils zwei kleinere Stühle postiert, auf denen die Friedensrichter und andere Honoratioren Platz nehmen sollten, die der Untersuchung beizuwohnen beabsichtigten. Auch alle anderen im Gasthof verfügbaren Stühle fanden Verwendung, und wie die kunterbunte Zusammenstellung zeigte, hatten auch die Nachbarn ihren Beitrag geleistet. Wer zu spät kam, musste stehen.

Darcy wusste, dass sein Stand und seine Befugnisse in den Augen des Untersuchungsrichters hohes Ansehen genossen und dieser es gern gesehen hätte, wenn der Besitzer von Pemberley feierlich in seiner Kutsche vorgefahren wäre. Darcy selbst wäre am liebsten geritten, was auch der Colonel und Alveston vorgeschlagen hatten, fand aber schließlich den Kompromiss, in der Halbkutsche zu kommen. Als er eintrat, war der Saal bereits gut besucht und von dem üblichen erwartungsvollen Gemurmel erfüllt, das in seinen Ohren jedoch eher gedämpft als vorfreudig klang. Bei seinem Erscheinen trat Stille ein. Dann wurde verlegen an vielen Stirnlocken gezupft, verhaltene Begrüßungen waren zu hören. Niemand, nicht einmal einer seiner Pächter, trat vor, um auf sich aufmerksam zu machen, wie es normalerweise geschehen wäre; er sah darin jedoch weniger einen Affront als den Ausdruck der allgemeinen Ansicht, es sei sein Vorrecht, auf sie zuzugehen.

Während er sich nach freien Stühlen weiter hinten umsah, die er für den Colonel und Alveston reservieren könnte, kam an der Tür Unruhe auf. Ein großer Rollstuhl aus Korbgeflecht mit einem kleinen Rad vorne und zwei wesentlich größeren hinten wurde mit einiger Mühe durch die Türöffnung bugsiert. Darin saß reichlich pompös Dr. Josiah Clitheroe, das rechte Bein von einem vorragenden Brett gestützt, den Fuß von einem kompliziert gewickelten Verband aus weißem Leinen umhüllt. Die vorne Sitzenden machten sich rasch aus dem Staub, damit man Dr. Clitheroe in den Saal schieben konnte, was nicht ohne Schwierigkeiten vonstatten ging, weil sich das heftig eiernde kleine Rad als widerspenstig erwies. Die Stühle je zu seiner Seite wurden sofort geräumt. Auf einen von ihnen legte er seinen hohen Hut und wies Darcy mit einer Geste an, den zweiten zu besetzen. Rings um die beiden Männer saß nun niemand mehr, was ihnen Gelegenheit zu einem vertraulichen Gespräch gab.

»Ich glaube nicht, dass die Sache den ganzen Tag dauern wird«, erklärte Dr. Clitheroe. »Jonah Makepeace hat die Zügel fest in der Hand. Die Angelegenheit ist schwierig für Sie, Darcy, und natürlich auch für Mrs. Darcy. Sie ist doch hoffentlich bei guter Gesundheit?«

»Ja, Sir, zum Glück.«

»An der Untersuchung dieses Verbrechens können Sie selbstverständlich nicht teilnehmen, aber Hardcastle hat Sie sicherlich über die Entwicklungen auf dem Laufenden gehalten.«

»Er hat so viel gesagt, wie er für klug hielt. Seine Lage ist ja ebenfalls nicht ganz einfach.«

»Nun, zu vorsichtig braucht er auch nicht zu sein«, entgegnete Dr. Clitheroe. »Er wird den Polizeidirektor pflichtgemäß in Kenntnis halten und auch mich, falls nötig, konsultieren – obgleich ich wohl kaum eine große Hilfe sein werde. Hardcastle, Oberwachtmeister Brownrigg und Wachtmeister Mason scheinen die Sache im Griff zu haben. Soweit ich weiß, haben sie mit allen Personen in Pemberley gesprochen und sich davon überzeugt, dass jeder ein Alibi vorweisen kann, was im Übrigen nicht verwunderlich ist – gibt es doch am Abend vor Lady Annes Ball anderes zu tun, als mordlüstern durch den Wald von Pemberley zu stapfen. Wie man mir mitteilte, verfügt auch Lord Hartlep über ein Alibi, so dass Sie beide zumindest von dieser Sorge befreit sind. Da er noch kein Peer ist, müsste er im Falle einer Anklage nicht im House of Lords vor Gericht gestellt werden, was eine farbenprächtige, aber ausgesprochen kostspielige Angelegenheit ist. Überdies wird es Sie beruhigen, dass Hardcastle über den Colonel von Captain Dennys Regiment dessen nächste Angehörigen ausfindig machen konnte. Der Captain hatte offenbar nur noch eine lebende Verwandte, eine alte Tante, die in Kensington wohnt. Obwohl er sie nur selten besuchte, hat sie ihn regelmäßig finanziell unterstützt. Die Dame ist mit ihren annähernd neunzig Jahren zu alt und zu gebrechlich, um sich für den Fortgang der Ereignisse zu interessieren, hat jedoch darum gebeten, Dennys vom Untersuchungsrichter nunmehr freigegebene Leiche nach Kensington bringen zu lassen, wo das Begräbnis stattfinden soll.«

»Wenn Denny im Wald durch einen Unfall gestorben oder sein Mörder bekannt wäre, hätte es seine Richtigkeit, dass Mrs. Darcy oder ich selbst ihr kondolieren«, sagte Darcy. »So, wie die Dinge aber nun einmal liegen, halte ich ein solches Schreiben für unklug und sogar für unerwünscht. Merkwürdig, dass sich noch die schrecklichsten und bizarrsten Ereignisse auf das gesellschaftliche Leben auswirken. Ich danke Ihnen für diese Mitteilung, sie wird auch Mrs. Darcy sehr erleichtern. Was ist mit den Pächtern? Ich würde Hardcastle nur ungern direkt danach fragen. Steht keiner von ihnen unter Verdacht?«

»Nein, keiner, soweit ich weiß. Die meisten waren zu Hause, und diejenigen, die nicht einmal eine stürmische Nacht davon abhält, hinauszugehen und sich im nächsten Gasthof zu stärken, vermochten eine Unmenge von Zeugen aufzubieten, darunter einige, die bei ihrer Befragung nüchtern waren und als glaubwürdig gelten können. Sie wissen ja, dass sich während Hardcastles Besuch in Pemberley zwei törichte junge Hausmädchen zu Wort meldeten und erzählten, sie hätten den Geist von Mrs. Reilly durch den Wald irren sehen. Die Dame pflegt sich passenderweise in Vollmondnächten zu zeigen.«

»Das ist ein alter Aberglaube«, erklärte Darcy. »Wie wir später erfuhren, wollten sich die Mädchen nur einer Mutprobe unterziehen, und Hardcastle nahm die Sache auch gar nicht ernst. Anfänglich glaubte ich jedoch, dass sie die Wahrheit sagten und in jener Nacht durchaus eine Frau im Wald gewesen sein könnte.«

»Oberwachtmeister Brownrigg hat in Anwesenheit von Mrs. Reynolds mit den beiden gesprochen. Sie erklärten mit großer Beharrlichkeit, sie hätten zwei Tage vor dem Mord eine dunkel gekleidete Frau im Wald gesehen, die eine Drohgebärde vollführt habe und dann zwischen den Bäumen verschwunden sei. Und sie wüssten genau, dass es sich bei dieser Erscheinung um keine der beiden Frauen aus dem Waldcottage gehandelt habe, wobei allerdings schwer nachvollziehbar ist, wie sie das so fest behaupten können, da die Frau ja Schwarz trug und sofort verschwand, nachdem eines der Mädchen zu schreien begann. Selbst wenn sich tatsächlich ein weibliches Wesen im Wald aufhalten sollte, wäre das kaum von Bedeutung. Denny starb nicht durch die Hand einer Frau.«

»Ist Wickham bereit, mit Hardcastle und der Polizei zusammenzuarbeiten?«, wollte Darcy wissen.

»Er soll sehr unberechenbar sein, habe ich gehört. Einmal gibt er vernünftige Antworten auf die Fragen, dann wieder beschwert er sich darüber, dass er, ein Unschuldiger, von der Polizei belästigt werde. Sie wissen ja, dass man in seiner Jackentasche dreißig Pfund in Banknoten gefunden hat – er aber schweigt sich beharrlich darüber aus, wie das Geld in seinen Besitz gelangte. Als einzige Erklärung führt er an, es handle sich um ein Darlehen, mit dessen Hilfe er eine Ehrenschuld habe begleichen wollen, und er habe feierlich geschworen, nichts weiter darüber preiszugeben. Wie nicht anders zu erwarten, vermutete Hardcastle, Wickham könnte Dennys Leiche beraubt haben, doch dann wäre das Geld aller Wahrscheinlichkeit nach ebenso blutbefleckt gewesen wie Wickhams Hände. In diesem Fall hätte es meiner Ansicht nach auch nicht so säuberlich gefaltet in Wickhams Brieftasche gelegen. Man hat mir die Scheine gezeigt, sie sind frisch gedruckt. Und Denny hat dem Wirt des Gasthofs gegenüber offenbar behauptet, kein Geld bei sich zu haben.«

Das Gespräch stockte eine Weile, bis Clitheroe schließlich sagte: »Ich kann verstehen, dass Hardcastle Ihnen zu Ihrem wie seinem eigenen Schutz nur ungern Informationen zukommen lässt, aber da er mittlerweile davon überzeugt ist, dass alle Familienangehörigen, Besucher und Dienstboten in Pemberley über ein ausreichendes Alibi verfügen, empfinde ich die Verschwiegenheit, mit der Ihnen wichtige Entwicklungen vorenthalten werden, als unnötig. Ich habe Ihnen daher mitzuteilen, dass die Polizei eine große, glattrandige Steinplatte gefunden hat, die Hardcastle für die Tatwaffe hält. Sie wurde etwa fünfzig Schritte entfernt von der Lichtung, auf der man Dennys Leiche fand, unter einer Laubschicht entdeckt.«

Es gelang Darcy, seine Verblüffung zu verbergen und, den Blick geradeaus gerichtet, leise zu fragen: »Wodurch lässt sich beweisen, dass es sich um die Tatwaffe handelt?«

»Durch nichts Bestimmtes. Auf der Steinplatte sind keinerlei verfängliche Spuren zu sehen, weder Blut noch Haare, doch das ist nicht weiter verwunderlich. Auf den Sturm folgte ja, wie Sie sich erinnern werden, am späteren Abend ein so heftiger Regen, dass der Waldboden und das Laub völlig durchnässt gewesen sein mussten. Aber ich habe die Platte gesehen. Von ihrer Größe und Form her kann sie eine solche Wunde durchaus verursacht haben.«

Darcy hielt die Stimme gesenkt. »Es war allen in Pemberley lebenden Personen verboten, den Wald zu betreten, aber ich weiß, dass die Polizei ihn gründlich nach der Waffe durchsucht hat. Ist Ihnen bekannt, welcher Wachtmeister die Platte fand?«

»Brownrigg nicht, und Mason auch nicht. Sie brauchten Verstärkung und forderten Wachtmeister aus der Nachbargemeinde an, zu denen auch Joseph Joseph gehörte. Seine Eltern waren offenbar so sehr in ihren Nachnamen verliebt, dass sie ihn ihrem Sohn auch als Taufnamen gaben. Er ist ein gewissenhafter und verlässlicher Mensch, wenn auch mutmaßlich kein allzu intelligenter. Er hätte die Steinplatte an Ort und Stelle belassen und andere Wachtmeister als Zeugen rufen sollen. Stattdessen trug er sie im Triumph zu Oberwachtmeister Brownrigg.«

»Es kann also nicht bewiesen werden, dass die Fundstelle genau dort ist, wo er behauptet?«

»Nein. Wie mir berichtet wurde, lagen in der Umgebung mehrere Steine von unterschiedlicher Größe, allesamt halb im Erdboden und unter Blättern verborgen, aber dass diese bestimmte Steinplatte dazugehörte, lässt sich nicht beweisen. Vielleicht hat dort vor vielen Jahren jemand eine Schubkarre ausgeleert oder versehentlich umgestoßen – womöglich, als Ihr Großvater das Waldcottage errichten ließ und man Baumaterial durch den Wald transportierte.«

»Wird Hardcastle oder die Polizei die Steinplatte hier vorzeigen?«

»Nein, das glaube ich nicht. Makepeace lässt sie nicht als Beweismittel zu, da man nicht mit Sicherheit davon ausgehen kann, dass es sich um die Tatwaffe handelt. Die Geschworenen werden höchstens darauf hingewiesen, dass man einen Stein gefunden hat, aber vielleicht nicht einmal das. Makepeace will die gerichtliche Untersuchung auf keinen Fall zu einer Verhandlung ausarten lassen. Er wird den Geschworenen ihre Pflichten verdeutlichen, zu denen es nun einmal nicht gehört, sich die Befugnisse des Schwurgerichts anzumaßen.«

»Sie glauben also, dass der Fall an das Schwurgericht verwiesen wird?«

»In Anbetracht von Wickhams Äußerungen, die man ihm als ein Geständnis auslegen wird, hege ich diesbezüglich nicht den geringsten Zweifel. Würde man den Fall nicht verweisen, wäre das äußerst ungewöhnlich. Doch wie ich sehe, ist Mr. Wickham soeben eingetroffen. Für einen Menschen in seiner heiklen Lage wirkt er geradezu erstaunlich gelöst.«

Darcy hatte zuvor in unmittelbarer Nähe des Podiums drei leere, von Polizisten bewachte Stühle bemerkt. Wickham wurde nun mit gefesselten Händen von zwei Gefängniswärtern zum mittleren Stuhl geführt, während die beiden Aufseher rechts und links von ihm Platz nahmen. Mit einer an Lässigkeit grenzenden Gemütsruhe ließ er den Blick scheinbar gelangweilt über sein Publikum schweifen, ohne ihn auf ein bestimmtes Gesicht zu heften. Das Gepäck mit seinen Kleidern war, nachdem Hardcastle es freigegeben hatte, zum Gefängnis gebracht worden, so dass er jetzt seine offenbar beste Jacke tragen konnte, und was von seinen Unterkleidern hervorsah, zeugte von der Sorgfalt und Geschicklichkeit der Wäschemagd in Highmarten. Mit einem Lächeln wandte er sich an einen der Gefängniswärter, der ihm daraufhin zunickte. Darcy glaubte, wieder etwas von dem hübschen und charmanten jungen Offizier in ihm zu erkennen, der die jungen Damen von Meryton einst so verzaubert hatte.

Jemand bellte einen Befehl. Schlagartig herrschte Stille im Saal, und der Untersuchungsrichter Jonah Makepeace betrat gemeinsam mit Sir Selwyn den Saal. Nachdem er sich vor den Geschworenen verbeugt hatte, ließ sich Makepeace auf seinem Stuhl nieder und bedeutete Hardcastle, rechts von ihm Platz zu nehmen. Der Richter war ein schmaler Mann mit wächsernem Gesicht, das man bei einem anderen vielleicht für ein Anzeichen von Krankheit gehalten hätte. Er diente schon seit zwanzig Jahren als Untersuchungsrichter und war sehr stolz darauf, mit seinen sechzig Jahren noch bei keiner einzigen gerichtlichen Untersuchung, ob in Lambton oder im King’s Arms, verhindert gewesen zu sein. Er hatte eine lange, schmale Nase, einen sonderbar geformten Mund mit ungewöhnlich voller Oberlippe, und seine Augen unter den dünnen, an einen Bleistiftstrich erinnernden Brauen waren noch immer so scharf wie in seiner Jugend. Als Anwalt mit erfolgreicher Kanzlei genoss er in Lambton und darüber hinaus hohes Ansehen, und da sein Reichtum unaufhörlich wuchs und es viele Klienten gar nicht abwarten konnten, sich von ihm beraten zu lassen, zeigte er sich gegenüber Zeugen, die ihre Aussage nicht kurz und klar formulierten, niemals nachgiebig. Nun warf er einen langen, furchteinflößenden Blick auf die Uhr an der hinteren Saalwand.

Bei seinem Erscheinen waren alle Anwesenden aufgestanden und hatten erst wieder Platz genommen, als er auf seinem Stuhl saß. Die beiden Polizisten belegten Sitze in der ersten Reihe vor dem Podium. Die Geschworenen, die eben noch miteinander geplaudert hatten, nahmen ihre Plätze ein und erhoben sich sofort wieder. Als Friedensrichter hatte Darcy bereits an mehreren gerichtlichen Untersuchungen teilgenommen und sah jetzt, dass man für die Jury die üblichen Honoratioren ausgewählt hatte: George Wainwright, den Apotheker, Frank Stirling, den Inhaber des Kramladens von Lambton, Bill Mullins, den Schmied aus dem Dorf Pemberley, sowie den Bestatter John Simpson, der wie immer seinen schwarzen Traueranzug trug, den er angeblich von seinem Vater geerbt hatte. Der Rest bestand aus Bauern, von denen die meisten erhitzt und aufgeregt in letzter Minute erschienen waren. Den passenden Zeitpunkt, um ihre Höfe zu verlassen, gab es für sie nicht.

Der Untersuchungsrichter wandte sich an den Gefängniswärter. »Sie können jetzt Mr. Wickhams Fesseln lösen. Unter meiner Gerichtsbarkeit hat sich noch kein Gefangener aus dem Staub gemacht.«

Der Anordnung wurde schweigend Folge geleistet. Nachdem sich Wickham die Handgelenke gerieben hatte, blieb er ruhig stehen, ließ nur gelegentlich den Blick wie auf der Suche nach einem vertrauten Gesicht durch den Saal wandern. Während die Geschworenen vereidigt wurden, beäugte Makepeace die Jury mit der skeptischen Eindringlichkeit eines Mannes, der den Kauf eines Pferdes von unklarer Qualität erwägt. Dann sprach er seine Eingangsworte. »Wir sehen uns nicht zum ersten Mal, Gentlemen, und ich denke, Sie kennen Ihre Pflicht, welche darin besteht, die Zeugenaussagen aufmerksam zu verfolgen und sich ein Urteil über die Ursache des Todes von Captain Martin Denny zu bilden, dessen Leiche gegen zehn Uhr nachts am Freitag, dem 14. Oktober, im Wald von Pemberley entdeckt wurde. Sie befinden sich hier nicht in einem Strafprozess und sollen auch die Polizei nicht darüber belehren, wie sie ihre Ermittlungen anzustellen habe. Was die in Frage kommenden Ursachen betrifft, so sollten Sie bedenken, dass es sich nicht um einen Unfalltod handeln kann und man sich auch nicht das Leben zu nehmen vermag, indem man sich selbst einen heftigen Schlag in den Nacken versetzt. Dies könnte Sie logischerweise zu dem Schluss führen, dass wir es hier mit einem Tötungsdelikt zu tun haben, was Ihnen die Wahl zwischen zwei Entscheidungen ermöglicht. Wenn sich der Schuldige aufgrund der Beweislage nicht finden lässt, werden Sie auf vorsätzliche Tötung durch eine oder mehrere unbekannte Personen erkennen. Ich habe Ihnen nun die Möglichkeiten aufgezeigt, muss aber hervorheben, dass die Entscheidung über die Todesursache allein bei Ihnen liegt. Sollten Sie aufgrund der Indizien zu der Überzeugung gelangen, die Identität des Mörders zu kennen, so müssen Sie ihn beziehungsweise sie benennen. Der Täter oder die Täterin kommt dann wie üblich in Untersuchungshaft und wird in Derby, dem nächstgelegenen Gerichtsort, zur Verhandlung übergeben. Wenn Sie einem Zeugen eine Frage stellen wollen, heben Sie bitte die Hand und sprechen Sie laut und deutlich. Wir können nun beginnen. Als Ersten rufe ich Nathaniel Piggott in den Zeugenstand, den Wirt des Gasthofs Green Man. Er soll berichten, wie die letzte Reise jenes beklagenswerten Gentlemans begann.«

Nach diesen einleitenden Bemerkungen schritt die Untersuchung zu Darcys Erleichterung ziemlich schnell voran. Man hatte Mr. Piggott offenbar geraten, vor Gericht tunlichst so wenig wie möglich zu sagen, denn nachdem man ihn vereidigt hatte, bestätigte er lediglich, dass Mr. und Mrs. Wickham sowie Captain Denny am Freitag Nachmittag kurz nach vier Uhr in einer Mietdroschke an seinem Gasthof angelangt seien und den Auftrag erteilt hätten, die ganze Gesellschaft am Abend in seiner Kutsche nach Pemberley zu bringen, wo Mrs. Wickham bleiben sollte, während die beiden Gentlemen zum King’s Arms in Lambton weiterfahren wollten. Weder den Nachmittag über noch beim Einsteigen in die Kutsche habe er Streit zwischen den dreien vernommen. Captain Denny habe geschwiegen – er sei ihm überhaupt sehr still erschienen –, und Mr. Wickham habe zwar tüchtig gebechert, sei jedoch in seinen Augen keinesfalls volltrunken gewesen.

Es folgte der Kutscher George Pratt, der es offenbar kaum erwarten konnte, seine Aussage zu machen, und sie auch äußerst langatmig zum Besten gab, wobei er immer wieder auf das Verhalten der Pferde Betty und Millie zu sprechen kam. Bis zur Einfahrt in den Wald sei mit beiden alles in bester Ordnung gewesen; dann aber seien sie so unruhig geworden, dass er sie nur noch mit Mühe zum Weitertraben gebracht habe. Aber wegen des Geists von Mrs. Reilly würden sich alle Pferde dagegen sträuben, den Wald bei Vollmond zu betreten. Ob die Gentlemen in der Kutsche gestritten hätten oder nicht, habe er nicht gehört, er sei ja mit den Pferden beschäftigt gewesen. Nach einer Weile habe Captain Denny den Kopf zum Fenster herausgestreckt und ihm befohlen anzuhalten. Gleich darauf sei er ausgestiegen. Er, Pratt, habe den Captain sagen hören, von jetzt an sei Mr. Wickham auf sich allein gestellt, er, Denny, werde da nicht mitmachen, oder so ähnlich. Dann sei der Captain in den Wald gerannt und Mr. Wickham hinter ihm her. Kurz darauf hätten sie Schüsse gehört – wann genau, könne er nicht sagen –, und Mrs. Wickham habe ihn völlig aufgelöst angeschrien, er solle nach Pemberley weiterfahren, was er dann auch getan habe. Die Pferde seien mittlerweile so panisch gewesen, dass er sie kaum mehr habe zügeln können. Er habe regelrecht Angst gehabt, die Kutsche könnte noch vor der Ankunft in Pemberley umkippen. Im Folgenden berichtete er, was sich auf dem Rückweg zugetragen hatte, und vergaß auch nicht zu erwähnen, dass die Fahrt kurz unterbrochen worden sei, damit Colonel Fitzwilliam nach der im Waldcottage lebenden Familie sehen konnte. Etwa zehn Minuten sei er seiner Schätzung nach fortgewesen.

Darcy hatte den Eindruck, dass die Geschworenen Pratts Geschichte bereits kannten, was wahrscheinlich für ganz Lambton, das Dorf Pemberley und die weitere Umgebung galt. Während der Aussage des Kutschers wurde immer wieder, insbesondere bei der ausführlichen Schilderung von Bettys und Millies Qualen, mitfühlendes Stöhnen und Seufzen laut. Keiner der Geschworenen hatte eine Frage.

Als Nächstes wurde Colonel the Viscount Hartlep aufgerufen und legte seinen Eid beeindruckend würdevoll ab. In knappen, aber entschiedenen Worten erzählte er, welche Rolle er bei den Ereignissen jener Nacht und auch bei der Entdeckung der Leiche gespielt hatte. Seine Aussage wurde wenig später, ebenfalls ohne jede Aufgeregtheit und Ausschmückung, von Alveston und zuletzt von Darcy wiederholt. Dann fragte der Untersuchungsrichter alle drei, ob Wickham etwas gesagt habe, woraufhin das für diesen so schädliche Eingeständnis wiederholt wurde.

Ehe irgendein anderer das Wort ergreifen konnte, stellte Makepeace die entscheidende Frage: »Mr. Wickham, Sie behaupten hartnäckig, an der Ermordung von Captain Denny unschuldig zu sein. Warum aber sagten Sie dann, als man Sie neben der Leiche kniend fand, Sie hätten ihn getötet und sein Tod sei Ihre Schuld? Sie sagten es sogar mehrfach!«

Wickham antwortete, ohne mit der Wimper zu zucken. »Weil mein Vorhaben, Mrs. Wickham ohne Einladung und Vorankündigung in Pemberley abzusetzen, den Captain entrüstet hatte und er deshalb ausgestiegen war, Sir. Obendrein glaubte ich, dass ich ihn, wäre ich nicht betrunken gewesen, vielleicht hätte davon abbringen können, die Kutsche zu verlassen und in den Wald zu laufen.«

Clitheroe flüsterte Darcy zu: »Vollkommen unglaubwürdig! Der Narr wiegt sich in allzu großer Sicherheit. Vor dem Strafgericht wird er sich etwas Besseres einfallen lassen müssen, wenn er seinen Hals retten will. Und wie betrunken war er überhaupt?«

Dennoch wurden Wickham keine weiteren Fragen gestellt. Es sah ganz danach aus, als wollte sich Makepeace damit begnügen, die Geschworenen ihre Entscheidung ohne Kommentare seinerseits treffen zu lassen, und es möglichst vermeiden, die Zeugen zu ausführlichen Spekulationen über das, was Wickham mit seinen Worten genau gemeint haben könnte, anzuhalten. Als Nächster war Hauptwachtmeister Brownrigg an der Reihe und verlor sich genüsslich in einer weitschweifigen Darstellung der polizeilichen Tätigkeiten einschließlich der Durchsuchung des Waldes. Niemand habe von irgendwelchen Fremden in der Umgebung berichtet, die Bewohner von Pemberley und der auf dem Besitz befindlichen Cottages hätten Alibis, und die Ermittlungen dauerten an. Dr. Belchers Aussage bestand zum größten Teil aus medizinischen Begriffen, denen seine Zuhörerschaft respektvoll, der Untersuchungsrichter jedoch verärgert lauschte. Sein Gutachten lieferte er schließlich in verständlichem Englisch ab. Als Todesursache nannte er einen heftigen Schlag auf den Hinterkopf. Captain Denny habe die Verletzung allerhöchstens einige Minuten lang überleben können; eine genauere Schätzung des Todeszeitpunkts sei nicht möglich. Man habe eine Steinplatte gefunden, die der Angreifer möglicherweise benutzt habe, und seiner Ansicht nach habe sie aufgrund ihrer Größe und ihres Gewichts bei entsprechender Wucht eine solche Verletzung herbeiführen können. Allerdings gebe es keinen Beweis dafür, dass dieser bestimmte Stein mit dem Verbrechen in Verbindung zu bringen sei. Nur eine einzige Hand erhob sich, ehe er den Zeugenstand verließ.

»Nun, Frank Stirling, meist sind ja Sie es, der einem Zeugen Fragen stellt. Was möchten Sie wissen?«

»Nur eines, Sir. Wenn wir es recht verstanden haben, sollte Mrs. Wickham in Pemberley House abgesetzt werden und am nächsten Abend am Ball teilnehmen, allerdings ohne ihren Mann. Soweit ich weiß, wäre Mr. Wickham von seinem Schwager und Mrs. Darcy auch gar nicht empfangen worden.«

»Und was hat nun Mrs. Darcys Gästeliste für Lady Annes Ball mit dem Tod von Captain Denny oder überhaupt mit der Aussage zu tun, die Dr. Belcher soeben gemacht hat?«

»Na ja, Sir, wenn die Beziehung zwischen Mr. Darcy und Mr. Wickham so schlecht war und Mr. Wickham wohl nicht in Pemberley empfangen worden wäre, dann sagt das, finde ich, etwas über seinen Charakter aus. Es ist doch reichlich sonderbar, wenn ein Mann seinem Schwager das Haus verbietet, es sei denn, der Schwager ist gewalttätig oder streitsüchtig.«

Makepeace dachte kurz über die Worte des Geschworenen nach und erwiderte dann, die Beziehung zwischen Mr. Darcy und Mr. Wickham stehe, ob sie nun eine zwischen Schwagern übliche sei oder nicht, in keinem Zusammenhang mit Captain Dennys Tod. Immerhin sei Captain Denny ermordet worden, nicht Mr. Darcy. »Versuchen wir, bei den zum Thema gehörigen Tatsachen zu bleiben. Wenn Sie diese Frage für wichtig erachten, hätten Sie sie an Mr. Darcy richten müssen. Ich kann Mr. Darcy jedoch gern noch einmal in den Zeugenstand rufen und ihn fragen, ob Mr. Wickham ein gewaltbereiter Mensch ist.«

Dies geschah unverzüglich, und nachdem man Darcy darauf hingewiesen hatte, dass er noch immer unter Eid stehe, beantwortete er die Frage des Richters. Soweit ihm bekannt sei, habe Mr. Wickham nie als gewaltbereit gegolten, und er selbst habe ihn nie gewalttätig erlebt. Sie hätten sich zwar einige Jahre lang nicht gesehen, bis dahin aber habe Mr. Wickham im Ruf eines friedfertigen und umgänglichen Menschen gestanden.

»Das dürfte Sie zufriedenstellen, Mr. Stirling. Ein friedfertiger und umgänglicher Mensch. Gibt es weitere Fragen? Nein? Dann schlage ich vor, dass sich die Jury nunmehr berät.«

Die Geschworenen kamen überein, bei der Beratung unter sich zu bleiben, und verschwanden, nachdem man sie vom Betreten des Tagungsorts ihrer Wahl, nämlich des Schankraums, abgehalten hatte, im Hof der Gastwirtschaft, wo sie zehn Minuten lang in einiger Entfernung zum Haus flüsternd beieinanderstanden. Nach ihrer Rückkehr wurden sie förmlich um ihren Wahrspruch gebeten. Frank Stirling erhob sich und las aus einem kleinen Notizbuch vor, wobei er spürbar bemüht war, die Worte so fehlerfrei und selbstbewusst vorzutragen, wie es sich gehörte. »Sir, wir erkennen darauf, dass Captain Denny an einem Schlag auf den Hinterkopf gestorben ist, dass dieser tödliche Schlag von George Wickham ausgeführt wurde und dass Captain Denny dementsprechend von dem besagten George Wickham getötet worden ist.«

»Und dem stimmen alle Geschworenen zu?«, fragte Makepeace.

»Jawohl, Sir.«

Makepeace warf einen Blick auf die Uhr, setzte seine Brille ab und legte sie in das Etui. »Nach den erforderlichen Formalitäten wird Mr. Wickham dem Strafgericht in Derby zur Verhandlung übergeben. Gentlemen, ich danke Ihnen, Sie sind entlassen.«

Darcy dachte bei sich, dass diese Untersuchung, von der er angenommen hatte, sie werde voller sprachlicher Fallstricke und Peinlichkeiten sein, fast ebenso routiniert vonstattengegangen war wie die monatliche Gemeindesitzung. Die Teilnehmer hatten Interesse aufgebracht, sie hatten sich ins Zeug gelegt, aber ohne jede erkennbare Aufregung oder hochdramatische Momente. Er musste zugeben, dass Clitheroe recht behalten hatte – das Ergebnis war unumgänglich gewesen. Selbst wenn die Geschworenen auf einen Mord durch eine oder mehrere unbekannte Personen erkannt hätten, wäre Wickham weiterhin als Hauptverdächtiger in Haft geblieben, und die polizeilichen Ermittlungen, die sich auf ihn konzentrierten, hätten höchstwahrscheinlich zu demselben Resultat geführt.

Clitheroes Diener kam in den Saal und machte sich am Rollstuhl seines Herrn zu schaffen. Der Friedensrichter sah auf die Uhr und sagte: »Eine Dreiviertelstunde, alles in allem. Ich denke, es lief genau so, wie von Makepeace geplant, und der Wahrspruch der Geschworenen hätte kaum anders ausfallen können.«

»Und das Urteil nach der Gerichtsverhandlung wird ebenso lauten?«, fragte Darcy.

»Mitnichten. Man könnte eine hervorragende Verteidigungsstrategie entwerfen. Besorgen Sie ihm einen guten Anwalt und versuchen Sie, den Prozess nach London verlegen zu lassen. Henry Alveston kann Ihnen sagen, wie Sie vorgehen müssen – mein Wissen darüber dürfte etwas veraltet sein. Der junge Mann soll ja, obwohl er ein sehr altes Baronat erben wird, eine Art Rebell sein; jedenfalls handelt es sich bei ihm zweifelsohne um einen tüchtigen und erfolgreichen Anwalt, auch wenn er sich allmählich eine Frau suchen und sich auf seinen Besitzungen niederlassen sollte. Der Friede und die Sicherheit Englands beruhen auf Gentlemen, die als gute Grundherren in ihren Häusern leben, ihre Dienstboten anständig behandeln, den Armen geben und bereit sind, sich als Friedensrichter tatkräftig für Ruhe und Ordnung in ihren Gemeinden einzusetzen. Wenn die französischen Aristokraten so gelebt hätten, wäre es nie zur Revolution gekommen. Auf jeden Fall ist dieser Fall hochinteressant, und wie er ausgeht, hängt von zwei Fragen ab: Warum ist Captain Denny in den Wald gelaufen, und was meinte George Wickham, als er sagte, es sei alles seine Schuld? Ich werde den weiteren Verlauf der Sache mit großem Interesse verfolgen. Fiat justicia ruat caelum. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.«

Wiederum mit einiger Mühe wurde der Rollstuhl durch die Tür manövriert und entschwand den Blicken.

7

Der Winter 1803/1804 zog sich für Darcy und Elizabeth wie ein dunkler, ausgedehnter Morast hin, den sie in dem Wissen durchqueren mussten, dass der Frühling neue Prüfungen und womöglich noch größere Schrecken bereithielt, deren Nachhall ihnen das restliche Leben vergällen würde. Doch sie mussten diese Monate nun einmal durchstehen und durften nicht zulassen, dass Sorge und Verzweiflung das Leben in Pemberley verdüsterten und die Ruhe und Zuversicht ihrer Schutzbefohlenen zunichtemachten. Zum Glück erwies sich die Angst als weitgehend unbegründet. Nur Stoughton, Mrs. Reynolds und die Bidwells hatten Wickham als kleinen Jungen gekannt, und die jüngere Dienerschaft zeigte wenig Interesse an allem, was sich außerhalb Pemberleys ereignete. Darcy hatte verfügt, dass über den Prozess zu schweigen sei, und das näherrückende Weihnachtsfest fand weit mehr Beachtung und wurde als aufregender empfunden denn das Schicksal eines Mannes, von dem die meisten der Dienstboten noch nie etwas gehört hatten.

Mr. Bennets Anwesenheit wirkte sich auf alle so beruhigend aus, als wäre er ein freundliches, vertrautes Hausgespenst. Wenn Darcy Zeit hatte, unterhielt sich sein Schwiegervater gern mit ihm in der Bibliothek. Als seinerseits kluger Mensch wusste Darcy Gescheitheit bei anderen sehr zu schätzen. Hin und wieder besuchte Mr. Bennet seine älteste Tochter in Highmarten, wo er dafür Sorge trug, dass keines der Bücher in Bingleys Bibliothek dem Übereifer der Hausmädchen zum Opfer fiel; vor allem aber erstellte er eine Liste mit zu erwerbenden Publikationen. Insgesamt blieb er jedoch nur drei Wochen in Pemberley, da eines Tages ein Brief von Mrs. Bennet eintraf, in dem sie darüber klagte, dass sie Nacht für Nacht jemanden um das Haus schleichen höre und unter ständigem Herzklopfen, ja geradezu Herzflattern leide. Mr. Bennet müsse unverzüglich heimkommen und sie beschützen. Wie, fragte sie, sei es möglich, dass er sich um Morde an fremden Menschen kümmere, wenn in Longbourn bald einer geschehen werde, sofern er nicht auf der Stelle zurückkehre!

Er fehlte allen im Haus, und einmal hörte Darcy, wie Mrs. Reynolds zu Stoughton sagte: »Es ist schon merkwürdig, dass wir Mr. Bennet jetzt, nachdem er nicht mehr da ist, so sehr vermissen, obwohl wir ihn doch, als er da war, kaum zu Gesicht bekommen haben.«

Darcy und Elizabeth stürzten sich in die Arbeit, denn es gab viel zu tun. Darcy plante die Renovierung einiger Cottages auf dem Besitz und kümmerte sich mehr denn je um Angelegenheiten der Gemeinde. Der im Mai zuvor erklärte Krieg gegen Frankreich sorgte bereits für Armut und Unruhen; der Brotpreis war gestiegen, die Ernte schlecht ausgefallen. Weil Darcy sehr daran lag, seine Pächter zu entlasten, kamen täglich viele Kinder in die Küche und holten große Eimer mit dicker, nahrhafter Suppe ab, die fast so viel Fleisch wie ein Eintopf enthielt. Abendessen mit Gästen fanden kaum statt, und zu den wenigen, die abgehalten wurden, lud man nur enge Freunde ein. Allerdings kamen die Bingleys regelmäßig zu Besuch, um Darcy und Elizabeth aufzumuntern und zu unterstützen, und häufig trafen Briefe von Mr. und Mrs. Gardiner ein.

Nach der gerichtlichen Untersuchung hatte man Wickham nach Derby ins neue Gefängnis der Grafschaft verlegt, wo Mr. Bingley ihn weiterhin besuchte und, seinen Berichten zufolge, meist guten Mutes antraf. In der Woche vor Weihnachten erfuhren sie endlich, dass die beantragte Verlegung des Prozesses nach London genehmigt worden war und die Verhandlung im Strafgerichtshof Old Bailey stattfinden sollte. Elizabeth war fest entschlossen, ihren Mann dorthin zu begleiten, obwohl sie selbstverständlich nicht im Gerichtssaal anwesend sein würde. Mrs. Gardiner lud Darcy und Elizabeth herzlich ein, während ihres Aufenthalts bei ihr und ihrem Mann in der Gracechurch Street zu wohnen, und die Darcys sagten dankbar zu. Noch vor Silvester wurde George Wickham in das Londoner Gefängnis Coldbath Fields verbracht, woraufhin Mr. Gardiner die Aufgabe übernahm, ihn regelmäßig zu besuchen und ihm das von Darcy stammende Geld zu übergeben, mit dessen Hilfe er sich weiterhin Annehmlichkeiten verschaffen und sein Ansehen bei den Wärtern und Mithäftlingen sichern konnte. Mr. Gardiner berichtete, Wickham sei nach wie vor zuversichtlich und erhalte regelmäßig Besuch von Reverend Samuel Cornbinder, einem der Gefängnisseelsorger. Mr. Cornbinder, ein anerkannt guter Schachspieler, habe Wickham das Spiel beigebracht, und dieser beschäftige sich nun sehr viel damit. Mr. Gardiners Eindruck nach schätzte der Gefangene den Reverend mehr als Schachgegner denn als Bußprediger, war ihm aber offenbar ehrlich zugetan, und das Schachspielen, das er inzwischen fast mit Besessenheit betrieb, wirkte den gelegentlichen Anfällen von Wut und Verzweiflung entgegen.

Zu Weihnachten wurde das alljährliche Kinderfest abgehalten, zu dem alle Kinder auf dem Besitz eingeladen waren. Darcy und Elizabeth waren sich einig, dass man den Kleinen diese gewohnte Vergnügung gerade in schweren Zeiten nicht vorenthalten dürfe. Geschenke mussten von Elizabeth und Mrs. Reynolds besorgt und an die Pächter sowie an die gesamte Dienerschaft in und außerhalb von Pemberley House verteilt werden. Gleichzeitig versuchte sich Elizabeth abzulenken, indem sie anhand eines genau festgelegten Lektüreplans Bücher las und mit Georgianas Hilfe ihr Klavierspiel verbesserte. Da sie jetzt weniger gesellschaftliche Verpflichtungen hatte, konnte sie mehr Zeit mit ihren Kindern und mit Besuchen bei armen, alten und gebrechlichen Menschen verbringen, und nach einer Weile erkannten sie beide, Darcy und Elizabeth, dass sich an arbeitsreichen Tagen wie diesen auch der hartnäckigste Alptraum in die Schranken weisen ließ.

Und es gab auch gute Neuigkeiten. Seit der kleine Georgie wieder bei seiner Mutter lebte, war Louisa viel glücklicher, und Mrs. Bidwell empfand ihr Leben als leichter, weil Will nicht mehr vom Schreien des Kindes gestört wurde. Nach Weihnachten vergingen die Wochen plötzlich wie im Flug, und der Tag der Gerichtsverhandlung rückte rasend schnell näher.

Fünftes Buch

Der Prozess

1

Der Prozess war für Donnerstag, den 22. März, 11 Uhr im Strafgerichtshof Old Bailey angesetzt. Alveston, der wieder in seiner Kanzlei in der Nähe der Anwaltskammer Middle Temple arbeitete, hatte vorgeschlagen, tags zuvor den Gardiners in der Gracechurch Street seine Aufwartung zu machen, dort mit Wickhams Verteidiger Jeremiah Mickledore die Vorgehensweise bei der Verhandlung zu besprechen und Darcy in Bezug auf dessen bevorstehende Zeugenaussage zu beraten. Da Elizabeth darauf bestanden hatte, die Fahrt in zwei Tagesetappen einzuteilen, beabsichtigten Darcy und sie, in Banbury zu übernachten und am Mittwoch, den 21. März, am frühen Nachmittag in London zu sein. Wenn die Darcys von Pemberley abreisten, wurden sie üblicherweise an der Tür von mehreren höherrangigen Dienstboten mit allen guten Wünschen bedacht und winkend verabschiedet. Diesmal aber verlief der Aufbruch gänzlich anders, denn nur Stoughton und Mrs. Reynolds waren gekommen, um ihnen mit ernster Miene eine gute Reise zu wünschen und ihnen zu versichern, dass das Leben in Pemberley während ihrer Abwesenheit genauso weitergehen werde, wie es sich gehöre.

Es brachte immer viel Unruhe in den Haushalt, wenn das Stadthaus hergerichtet werden musste. Deshalb wohnten Darcy und Elizabeth bei kürzeren Aufenthalten – um einzukaufen, sich ein neues Theaterstück anzusehen, eine Ausstellung zu besuchen oder wenn Darcy einen Termin bei seinem Anwalt oder Schneider hatte – immer bei den Hursts, wo sich dann auch Miss Bingley dazugesellte. Mrs. Hurst war jeder Besucher lieber als gar keiner, und sie pflegte die Pracht ihres Hauses, ihre zahlreichen Kutschen und Diener stets stolz zu präsentieren, während Miss Bingley geschickt die Namen ihrer bedeutenden Freunde in das Gespräch einzuflechten wusste und den aktuellen Tratsch über Skandale in den höchsten Kreisen übermittelte. Elizabeth amüsierte sich stets gern über die Angebereien und skurrilen Verhaltensweisen ihrer Nachbarn, solange sie nicht ihr Mitleid weckten, während Darcy die Auffassung vertrat, dass Zusammenkünfte mit Leuten, mit denen er kaum etwas gemein hatte, am besten auf deren und nicht auf seine Kosten erfolgen sollten. Diesmal allerdings hatten sie weder von den Hursts noch von Miss Bingley eine Einladung erhalten, denn von manchem dramatischen Ereignis, mancher traurigen Berühmtheit hält man sich nun einmal tunlichst fern. Darcy und Elizabeth hegten jedenfalls nicht die Erwartung, Miss Bingley oder das Ehepaar Hurst während des Prozesses zu Gesicht zu bekommen. Die Gardiners dagegen hatten ihnen ihre Gastfreundschaft sofort und sehr herzlich angeboten, und die Darcys wussten, dass sie in dem schlichten, behaglichen Haus ruhig und sicher untergebracht und von vertrauten, leise sprechenden Menschen umgeben sein würden, die sie nicht vereinnahmten und ihnen keine Erklärungen abverlangten. Diese Friedlichkeit, dessen waren sie sicher, würde sie für das Bevorstehende stärken.

Doch als sie in London ankamen und die Bäume und Grünflächen des Hyde Parks hinter ihnen lagen, glaubte Darcy, ein fremdes Land zu betreten, abgestandene, schlecht riechende Luft einzuatmen und von Massen bedrohlich wirkender Menschen umgeben zu sein. Niemals zuvor hatte er sich in London so fremd gefühlt. Dass sich England im Kriegszustand befand, war kaum zu erkennen; alle schienen es eilig zu haben, hasteten dahin, als wären sie nur mit ihren eigenen Belangen beschäftigt. Doch gelegentlich sah er, wie jemand die Darcy’sche Kutsche neidisch oder bewundernd musterte. Weder ihm selbst noch Elizabeth war nach Reden zumute, während sie durch die größeren, bekannteren Straßen fuhren und der Kutscher das Gefährt vorsichtig an den bunten, protzigen, von Gasfackeln beleuchteten Geschäften vorbeimanövrierte und zwischen den Halbkutschen, Droschken, Fuhrwerken und Privatkutschen hindurchlenkte, die die Straßen verstopften. Endlich bogen sie in die Gracechurch Street ein, und noch bevor sie das Haus der Gardiners erreicht hatten, wurde die Tür geöffnet, und Mr. und Mrs. Gardiner liefen heraus, um sie zu begrüßen und dem Kutscher den Weg zum Stall zu weisen. Wenig später war das Gepäck ausgeladen, und Elizabeth und Darcy betraten das Haus, das ihnen bis zum Ende des Prozesses eine ruhige, sichere Zuflucht sein würde.

2

Nach dem Abendessen kamen Alveston und Jeremiah Mickledore und gaben Darcy einige Anweisungen und Ratschläge. Nach kaum einer Stunde wünschten Sie ihm alles Gute und gingen wieder. Es sollte eine der schlimmsten Nächte in Darcys Leben werden. Mrs. Gardiner hatte in ihrer unermüdlichen Gastfreundschaft im Schlafzimmer für größtmögliche Behaglichkeit gesorgt – auf dem Tischchen zwischen den zwei heißersehnten Betten fanden sich eine Wasserkaraffe, mehrere Bücher und eine Dose mit Keksen. In der Gracechurch Street wurde es zwar nie gänzlich ruhig, doch normalerweise hätten Darcy das Rattern und Quietschen der Kutschen und die lauten Rufe, die hin und wieder ertönten, nicht am Schlafen gehindert, so groß der Kontrast zur völligen Stille in Pemberley auch war. Er versuchte die Angst vor dem nächsten Tag beiseitezuschieben, doch die Gedanken, die ihm daraufhin durch den Kopf gingen, waren noch verstörender. Er sah sich neben dem Bett stehen und den darin Liegenden mit anklagendem, beinahe verächtlichem Blick betrachten und hörte, wie dieses Bild seiner selbst Argumente und Anschuldigungen vorbrachte, die er schon längst in sich erstickt zu haben geglaubt hatte, welche die unerwünschte Vision nun jedoch mit neuer Wucht und Überzeugungskraft zu Gehör brachte. Sein, Darcys, eigenes Tun, nicht das irgendeines anderen Menschen, hatte Wickham zu einem Mitglied der Familie gemacht und ihm das Recht verliehen, ihn Schwager zu nennen. Morgen würde er eine Aussage machen müssen, die seinen Feind an den Galgen bringen oder ihm die Freiheit schenken konnte. Auch wenn das Urteil »nicht schuldig« lautete, würde Wickham durch den Prozess näher an Pemberley heranrücken, und wenn man ihn verurteilte und hängte, würde auf Darcy eine Bürde aus Schuld und Grauen lasten, die noch seine Söhne und künftige Generationen zu tragen hätten.

Seine Heirat konnte er nicht bereuen; dann hätte er auch gleich bereuen können, geboren zu sein. Diese Heirat hatte ihm ein nie für möglich gehaltenes Glück geschenkt, eine Liebe, deren Unterpfand und Zuversicht die beiden hübschen und gesunden Knaben waren, die jetzt in ihrem Zimmer in Pemberley schliefen. Doch seine Heirat war unter Missachtung sämtlicher, sein Leben seit der Kindheit beherrschender Prinzipien erfolgt, im Widerspruch zu jeder Überzeugung davon, was er dem Andenken seiner Eltern, was er Pemberley, seinem Stand und seinem Reichtum schuldig war. Elizabeths Anziehungskraft auf ihn hätte noch so groß sein können – auch ihm hatte es freigestanden zu gehen, so wie Colonel Fitzwilliam seiner Vermutung nach gegangen war.

Der Preis, den er bezahlt hatte, indem er Wickham bestach, damit dieser Lydia heiratete, war Elizabeth gewesen.

Er dachte an das Gespräch mit Mrs. Younge zurück. Das Gästehaus hatte sich in einem achtbaren Teil von Marylebone befunden, und die Vermieterin war der Inbegriff der ehrbaren, fürsorglichen Zimmerwirtin gewesen. »Ich akzeptiere ausschließlich junge Männer aus den ehrenwertesten Familien, die ihre Heimat verlassen und nach London kommen, um in der Hauptstadt zu arbeiten und in ein eigenständiges Berufsleben einzutreten. Die Eltern wissen, dass ihre Jungen gut ernährt und umsorgt werden und dass man hier ein strenges Auge auf ihr Benehmen hat. Ich habe jahrelang über ein mehr als ausreichendes Einkommen verfügt, und nachdem ich Ihnen nunmehr meine Situation erklärt habe, können wir über das Geschäftliche reden. Aber darf ich Ihnen zuerst einmal eine Erfrischung anbieten?«

Er hatte abgelehnt, ohne sich auch nur einen Anschein von Höflichkeit zu geben. Daraufhin hatte sie gesagt: »Ich bin Geschäftsfrau und der Meinung, dass die Einhaltung gewisser Benimmregeln noch nie geschadet hat, aber wir können auch durchaus darauf verzichten. Ich weiß, dass Sie in Erfahrung bringen wollen, wo sich George Wickham und Lydia Bennet aufhalten. Beginnen wir unsere Verhandlungen doch einfach damit, dass Sie mir die Höchstsumme nennen, die Sie für diese Information zu zahlen bereit sind, welche Sie, wie ich Ihnen versichern kann, ausschließlich von mir erhalten können.«

Sein Angebot hatte selbstverständlich nicht ausgereicht, doch letztlich waren sie sich einig geworden. Er hatte das Haus so schnell verlassen, als wäre es pestverseucht gewesen. Und das war nur die erste von vielen hohen Summen gewesen, die er hatte zahlen müssen, bis sich George Wickham endlich gewillt zeigte, Lydia Bennet zu heiraten.

Elizabeth war von der Reise erschöpft gewesen und sofort nach dem Abendessen zu Bett gegangen. Als er später in das Zimmer gekommen war, hatte sie geschlafen. Eine Zeitlang hatte er still an ihrem Bett gestanden und liebevoll ihr schönes, friedliches Gesicht betrachtet. Wenigstens sie würde noch ein paar Stunden lang von Sorgen frei sein. Im Bett wälzte er sich auf der Suche nach einer bequemen Lage, die ihm auch die weichen Kissen nicht zu bereiten vermochten, unruhig hin und her, bis er endlich Schlaf fand.

3

Alveston hatte sich schon früh auf den Weg zum Strafgerichtshof Old Bailey gemacht, so dass Darcy kurz vor halb elf Uhr ganz allein durch die imposante Eingangshalle schritt, die zu den Gerichtssälen führte. Ihn befiel sofort das Gefühl, in einen mit plappernden Menschen gefüllten und im Irrenhaus Bedlam abgestellten Vogelkäfig geraten zu sein. Obwohl bis zur Prozesseröffnung noch dreißig Minuten vergehen sollten, waren die vorderen Plätze bereits mit angeregt plaudernden, modisch gekleideten Frauen besetzt, und auch weiter hinten füllten sich bereits die Reihen. Ganz London schien gekommen zu sein, arme, in lärmiger Unbequemlichkeit zusammengepferchte Menschen. Zwar hatte Darcy dem Gerichtsdiener am Eingang seine Vorladung gezeigt, doch niemand wies ihm einen Platz an oder beachtete ihn auch nur. Es war warm für einen Märztag, und die Luft im Saal wurde nach und nach stickig – eine abscheuliche Mischung aus Parfüm und dem Geruch ungewaschener Körper. In der Nähe des Richterstuhls standen mehrere Anwälte beisammen und unterhielten sich so locker miteinander, als wären sie in einem Salon. Darcy bemerkte Alveston unter ihnen und zog dessen Blick auf sich. Der Anwalt ging sofort zu ihm, begrüßte ihn und zeigte ihm die für die Zeugen reservierten Sitze.

»Die Staatsanwaltschaft wird nur Sie und den Colonel einvernehmen, damit Sie das Auffinden von Dennys Leiche bezeugen«, erklärte Alveston. »Es herrscht wie üblich großer Zeitdruck, und unser Richter hier neigt zu Ungeduld, wenn ein und dieselbe Aussage unnötigerweise wiederholt wird. Ich sitze ganz in Ihrer Nähe – vielleicht können wir während der Verhandlung miteinander reden.«

Das Stimmengewirr verstummte so plötzlich, als hätte man es mit einem Messer durchschnitten. Der Richter hatte den Saal betreten. Judge Moberley machte einen selbstbewussten und würdevollen Eindruck, war jedoch kein schöner Mann. Sein teigiges Gesicht, aus dem nur die dunklen Augen hervorstachen, verschwand beinahe unter der gewaltigen Allongeperücke, mit der er wie ein neugieriges kleines Tier aussah, das aus seinem Bau hervorlugte. Der Gerichtsschreiber setzte sich, und die plaudernden Anwälte stoben auseinander und nahmen in neuen Formationen ihre Plätze ein, während die Geschworenen im Gänsemarsch zu ihren Sitzen gingen. Unvermittelt stand der Gefangene in der Anklagebank, zu beiden Seiten einen Polizisten. Darcy erschrak über Wickhams Aussehen. Trotz des Essens, das er regelmäßig von außerhalb des Gefängnisses erhalten hatte, war er schmaler geworden, und sein angespanntes Gesicht war bleich – wohl nicht so sehr wegen der augenblicklichen Aufgeregtheit, sondern wegen der langen Monate im Gefängnis. Darcy starrte ihn an und nahm die Präliminarien der Verhandlung kaum wahr – die mit klarer Stimme erfolgende Verlesung der Anklageschrift, die Geschworenenwahl und die Vereidigung. Wickham stand kerzengerade da und erwiderte auf die entsprechende Frage mit fester Stimme »nicht schuldig«. Selbst jetzt, bleich und gefesselt, war er noch immer ein schöner Mann.

Und dann sah Darcy ein vertrautes Gesicht. Die Frau musste irgendwen bestochen haben, um an einen Sitz in der ersten Reihe bei den weiblichen Zuschauern zu gelangen, und hatte ihn hastig und leise eingenommen. Nun saß sie beinahe unbewegt inmitten der flatternden Fächer und des wogenden Meeres modischer Kopfbedeckungen. Zunächst hatte er nur ihr Profil gesehen, doch als sie das Gesicht wandte und obwohl sie ihn ansah, als würde sie ihn nicht kennen, hegte er kaum einen Zweifel, dass es sich um Mrs. Younge handelte. Eigentlich hatte er es sofort gewusst.

Er beschloss, sie nicht mehr direkt anzusehen, doch wenn er den Blick gelegentlich durch den Saal wandern ließ, konnte er erkennen, dass sie teuer und mit einer Eleganz und Schlichtheit gekleidet war, die in keiner Weise zu dem grellen Pomp passte, der sie umgab. Der mit violetten und grünen Bändern versehene Hut umrahmte ein Gesicht, das seit ihrer ersten Begegnung nichts von seiner Jugendlichkeit verloren hatte. Genauso war sie gekleidet gewesen, als er und Colonel Fitzwilliam sie nach Pemberley einluden, wo sie sich als Gesellschaftsdame für Georgiana vorstellen wollte und sich den beiden jungen Männern als wortgewandte, zuverlässige Dame aus gutem Haus präsentiert hatte, die großes Verständnis für junge Leute aufbrachte und sich der Verantwortung, die auf sie zukam, sehr wohl bewusst war. Als er sie in jenem ehrbaren Haus in Marylebone aufgestöbert hatte, war es anders gewesen, wenn auch nicht wesentlich anders. Er fragte sich, was Wickham und sie miteinander verbinden mochte, denn diese Verbindung war immerhin stark genug, als dass sich Mrs. Younge unter Frauen begeben hatte, die den Kampf eines Menschen um sein Leben als unterhaltsam empfanden.

4

Als der Staatsanwalt nun zum Eröffnungsplädoyer ansetzte, bemerkte Darcy, wie sich eine Veränderung bei Mrs. Younge vollzog. Sie saß immer noch sehr aufrecht da, blickte jedoch so intensiv und konzentriert zur Anklagebank hinüber, als könnte sie Wickham wortlos, nur durch den Blickkontakt mit ihm, eine Botschaft übermitteln, die vielleicht darin bestand, Hoffnung zu machen oder zur Geduld zu mahnen. Dieser Blick dauerte nur wenige Sekunden, doch während er anhielt, war für Darcy alle Farbe im Gerichtssaal, das Scharlachrot des Richters, die bunten Kleider der Zuschauer, wie weggewischt. Er sah nur mehr diese beiden Menschen und wie sehr sie ineinander versunken waren.

»Meine Herren Geschworenen, wir haben es hier mit einem für uns alle ganz besonders erschütternden Fall zu tun, dem brutalen Mord durch einen ehemaligen Armeeoffizier an seinem Freund und früheren Kameraden. Obgleich das Geschehen zu großen Teilen rätselhaft bleiben wird, da allein das Opfer Zeugnis davon ablegen könnte, sind die hervorstechendsten Tatsachen doch eindeutig. Sie lassen keinen Raum für Spekulationen und werden Ihnen im Zuge der Beweiserhebung vorgelegt. Der Angeklagte verließ in Begleitung von Captain Denny und Mrs. Wickham am Freitag, den 14. Oktober, gegen neun Uhr den Gasthof Green Man im Dorf Pemberley, Derbyshire, und fuhr auf der Waldstraße Richtung Pemberley House, wo Mrs. Wickham die Nacht sowie eine unbestimmte weitere Zeitspanne verbringen wollte, während ihr Mann und Captain Denny zum King’s Arms in Lambton gebracht werden sollten. Sie werden Aussagen darüber hören, dass es während des Aufenthalts im Gasthof zu einem Streit zwischen dem Angeklagten und Captain Denny kam; weitere Aussagen beziehen sich auf die Worte, die Captain Denny äußerte, als er ausstieg und in den Wald lief, woraufhin Wickham ihm folgte. Nachdem Schüsse gefallen waren und Wickham nicht zurückkehrte, wurde die völlig verstörte Mrs. Wickham nach Pemberley gefahren, von wo sich sogleich ein Rettungstrupp auf den Weg machte. Zwei Zeugen, die sich an diesen wichtigen Moment lebhaft erinnern können, werden darüber aussagen, wie sie die Leiche fanden. Der Angeklagte kniete blutbesudelt neben dem Opfer und gestand zweimal in eindeutigen Worten, seinen Freund umgebracht zu haben. Vieles an diesem Fall mag unklar und rätselhaft sein, diese Tatsache aber steht im Mittelpunkt: Es gab ein Geständnis, das Geständnis wurde wiederholt, und es wurde, wie ich noch einmal betonen will, deutlich vernommen. Der Rettungstrupp verfolgte keinen weiteren potenziellen Mörder, Mr. Darcy sorgte dafür, dass Wickham unter Bewachung kam, und verständigte unverzüglich den Friedensrichter, und trotz umfassender und gründlichster Suche gibt es keinerlei Hinweis darauf, dass sich in jener Nacht irgendein Fremder im Wald aufhielt. Von den Bewohnern des Waldcottages – einer älteren Frau, ihrer Tochter und einem Mann, der sich am Rande des Todes befindet –, hätte keiner eine Steinplatte vom Gewicht derjenigen schwingen können, die als die Mordwaffe gilt. Sie werden Aussagen hören, denen zufolge solche Steinplatten im Wald durchaus zu finden sind und denen zufolge Wickham, der den Wald seit seiner Kindheit kennt, wissen konnte, wo er danach suchen musste.

Wir haben es hier mit einem überaus heimtückischen Verbrechen zu tun. Ein Mediziner wird bestätigen, dass Captain Denny durch den Schlag gegen die Stirn lediglich außer Gefecht gesetzt wurde und der tödliche Angriff erst erfolgte, als das Opfer, dem das herabrinnende Blut die Sicht nahm, zu fliehen versuchte. Ein feigerer, grausamerer Mord lässt sich nicht vorstellen. Wir können Captain Denny nicht ins Leben zurückholen, aber wir können ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen, und ich bin zuversichtlich, dass Sie, meine Herren Geschworenen, nicht zögern werden, den Angeklagten schuldig zu sprechen. Ich rufe nun den ersten Zeugen der Anklage auf.«

5

Jemand brüllte »Nathaniel Piggot«, und fast sofort nahm der Wirt des Green Man seinen Platz im Zeugenstand ein. Feierlich hob er die Bibel in die Höhe und sprach den Eid. Er trug seinen schönen Sonntagsanzug, in dem er für gewöhnlich zum Gottesdienst erschien, strahlte dabei jedoch das Selbstvertrauen eines Mannes aus, der sich in seinen Kleidern wohl fühlt. Mehrere Sekunden lang beäugte er die Geschworenen, als musterte er wenig verheißungsvolle Anwärter auf eine freie Arbeitsstelle in seinem Gasthof. Dann richtete er den Blick auf den Staatsanwalt und trug dabei die Zuversicht zur Schau, mit allem, was Sir Simon Cartwright ihm entgegenschleudern würde, spielend fertigzuwerden. Um seinen Namen und seine Adresse gebeten, sagte er: »Nathaniel Piggott, Wirt des Gasthofs Green Man, Dorf Pemberley, Derbyshire.«

Er lieferte eine schnörkellose Aussage ab, die nicht viel Zeit in Anspruch nahm. Auf die Fragen des Staatsanwalts hin berichtete er, dass George Wickham, Mrs. Wickham und der verstorbene Captain Denny am Freitag, den 14. Oktober des Vorjahres, mit einer Mietdroschke zu seinem Gasthof gekommen seien. Mr. Wickham habe Essen und Wein bestellt und eine Kutsche geordert, die Mrs. Wickham später am Abend nach Pemberley bringen sollte. Während er die Gäste in den Schankraum geführt habe, sei ihm von Mrs. Wickham mitgeteilt worden, dass sie in Pemberley übernachten und am nächsten Tag an Lady Annes Ball teilnehmen werde. »Sie war ganz aufgeregt.« Auf Nachfrage hin teilte er mit, Mr. Wickham habe ihm gesagt, die Kutsche solle nach dem Zwischenhalt in Pemberley zum King’s Arms in Lambton weiterfahren, wo er und Captain Denny über Nacht bleiben und am nächsten Morgen in die Postkutsche nach London steigen würden.

»Es gab demnach zu diesem Zeitpunkt keinerlei Hinweise darauf, dass auch Mr. Wickham in Pemberley übernachten wollte?«, fragte Mr. Cartwright.

»Dergleichen ist mir nicht zu Ohren gekommen, Sir, davon war keine Rede. Wie manche hier wissen, wird Mr. Wickham ja in Pemberley nicht empfangen.«

Ein Raunen ging durch den Saal. Darcy spannte sich unwillkürlich an. Die Sache hatte früher als erwartet gefährliches Terrain erreicht. Er heftete den Blick auf den Staatsanwalt, spürte aber, dass die Geschworenen ihn ansahen. Doch nun wechselte Simon Cartwright nach kurzem Überlegen die Taktik. »Hat Mr. Wickham Ihnen das Essen, den Wein und die Kutschenmiete bezahlt?«

»Ja, Sir, als sie im Schankraum saßen, hat er alles bezahlt. Captain Denny sagte zu Mr. Wickham: ›Es ist deine Angelegenheit, du musst dafür aufkommen. Ich habe gerade noch genug für London.‹«

»Sahen Sie die drei mit der Kutsche abfahren?«

»Jawohl, Sir. Da war es etwa fünf Minuten vor neun.«

»Und in welcher Stimmung erfolgte der Aufbruch? Wie standen die beiden Männer in diesem Moment zueinander?«

»Das kann ich nicht sagen, Sir, weil ich da gerade Pratt, dem Kutscher, Anweisungen gab. Die Dame bat ihn, ihre Truhe vorsichtig in der Kutsche zu verstauen, weil ihr Ballkleid darin war. Aber Captain Denny war sehr still – das war er auch schon, als sie im Schankraum saßen und tranken.«

»Hatten sie stark getrunken?«

»Captain Denny trank nur Ale, nicht mehr als ein Pint. Mr. Wickham trank mehrere Pints und ging dann zu Whisky über. Als sie losfuhren, war er rot im Gesicht und wackelig auf den Beinen, aber er sprach noch recht deutlich, wenn auch ziemlich laut, und stieg ohne Hilfe in die Kutsche.«

»Unterhielten sie sich miteinander, als sie einstiegen?«

»Nein, Sir, zumindest kann ich mich nicht erinnern. Mrs. Piggott hörte die Gentlemen miteinander streiten, aber das war früher.«

»Das wird uns dann Ihre Frau erzählen. Ich habe keine weiteren Fragen, Mr. Piggott. Sie können nun den Zeugenstand verlassen – es sei denn, Mr. Mickledore möchte noch etwas von Ihnen wissen.«

Der Verteidiger stand auf, und Nathaniel Piggott wandte sich ihm selbstbewusst zu. »Die Gentlemen waren also nicht in Redelaune. Hatten Sie den Eindruck, dass sie gern zusammen wegfuhren?«

»Ich habe nichts Gegenteiliges von ihnen gehört, Sir, und sie stritten auch nicht, als sie aufbrachen.«

»Kein Anzeichen für eine Auseinandersetzung?«

»Nein, Sir, ich habe nichts bemerkt.«

Das Kreuzverhör war zu Ende, und Nathaniel Piggott zeigte beim Verlassen des Gerichtssaals die zufriedene Miene eines Mannes, der davon überzeugt ist, einen guten Eindruck hinterlassen zu haben.

Nun wurde Martha Piggott in den Zeugenstand gerufen. Im hinteren Teil des Saals entstand eine gewisse Unruhe, als sich die kleine, stämmige Frau aus einer Gruppe von anspornenden Unterstützern löste und zum Zeugenstand schritt. Sie trug einen offenbar neuen Hut mit zahlreichen, noch sehr steifen rosaroten Bändern, den sie sich zweifellos des bedeutenden Anlasses wegen zugelegt hatte. Die Wirkung wäre besser gewesen, hätte er nicht auf einem Turm aus hellgelbem Haar gesessen und hätte sie ihn nicht immer wieder berührt, um zu prüfen, ob er noch da war. Sie hielt den Blick auf den Richter geheftet, bis sich der Staatsanwalt erhob, ihr aufmunternd zunickte und sie ansprach. Sie nannte ihren Namen und ihre Adresse und sprach mit klarer Stimme den Eid. Dann bestätigte sie die Aussage ihres Mannes bezüglich der Ankunft der Wickhams und Captain Dennys im Gasthof.

Darcy flüsterte Alveston zu: »Bei der gerichtlichen Untersuchung wurde sie nicht als Zeugin aufgerufen. Ist das etwas Neues?«

»Ja, und es könnte sich als gefährlich erweisen.«

Simon Cartwright fragte Mrs. Piggott: »Welche Stimmung herrschte in Ihrem Gasthof zwischen Mr. und Mrs. Wickham und Captain Denny? Würden Sie sagen, dass es sich um eine fröhliche Gesellschaft handelte?«

»Nein, Sir. Mrs. Wickham war gut gelaunt und hat viel gelacht. Sie ist eine offene, freundliche Dame, und von ihr erfuhr ich auch, als wir im Schankraum waren, dass sie an Lady Annes Ball teilnehmen würde und das Ganze ein richtiger Streich wäre, weil Mr. und Mrs. Darcy ja gar nicht wussten, dass sie kommen würde, und sie dann aber in einer so stürmischen Nacht nicht wegschicken könnten. Captain Denny war sehr schweigsam, aber Mr. Wickham war so unruhig, als könnte er es gar nicht erwarten, endlich aufzubrechen.«

»Hörten Sie Streit zwischen ihnen? Irgendwelche bösen Worte?«

Mr. Mickledore schnellte von seinem Stuhl auf und beanstandete, der Anklagevertreter lenke die Zeugin in eine bestimmte Richtung. Daraufhin wurde die Frage umformuliert. »Hörten Sie, was zwischen Captain Denny und Mr. Wickham gesprochen wurde?«

Mrs. Piggott verstand sofort, worauf er hinauswollte. »Nicht, als sie noch im Gasthof waren, Sir, aber nachdem sie den kalten Braten gegessen und etwas getrunken hatten, verlangte Mrs. Wickham, dass man ihre Truhe nach oben brachte, weil sie sich vor der Abfahrt nach Pemberley umziehen wollte. Sie sagte noch, dass sie nicht ihr Ballkleid anziehen wolle, sondern etwas Hübsches für die Ankunft. Ich habe ihr Sally geschickt, mein Alleinmädchen. Danach musste ich zum Abort im Hof, und als ich ihn wieder verließ und dabei ziemlich leise die Tür öffnete, da habe ich gesehen, wie Mr. Wickham und Captain Denny miteinander redeten.«

»Konten Sie hören, was gesprochen wurde?«

»Aber ja, Sir, sie waren ja nur ein paar Schritte entfernt. Captain Denny war ganz weiß im Gesicht, und er sagte: ›Es war von Anfang an ein einziger Betrug. Du bist durch und durch selbstsüchtig und hast nicht die geringste Ahnung, wie Frauen empfinden.‹«

»Sind Sie ganz sicher, diese Worte gehört zu haben?«

Mrs. Piggott zögerte. »Nun ja, vielleicht habe ich die Reihenfolge ein wenig durcheinandergebracht, aber auf jeden Fall sagte Captain Denny, dass Mr. Wickham selbstsüchtig ist und nicht weiß, wie Frauen empfinden, und dass es von Anfang an Betrug war.«

»Was geschah dann?«

»Ich wollte nicht, dass mich die Gentlemen aus dem Abort kommen sehen, deshalb schloss ich die Tür wieder, aber einen Spalt ließ ich offen und wartete, bis sie gingen.«

»Und Sie sind bereit zu beschwören, dass Sie genau diese Worte gehört haben?«

»Ich bin aber doch schon vereidigt, Sir, ich sage doch unter Eid aus!«

»Das ist richtig, Mrs. Piggott, und ich bin froh, dass Sie die Bedeutsamkeit dieser Tatsache erkennen. Was geschah, als Sie wieder im Gasthof waren?«

»Die Gentlemen kamen kurz danach ebenfalls wieder herein, und Mr. Wickham ging in das Zimmer hinauf, das ich für seine Frau reserviert hatte. Da hatte sich Mrs. Wickham wohl schon umgezogen, denn er kam wieder herunter und sagte, die Truhe wäre jetzt wieder mit den Gurten verschlossen und könnte in die Kutsche verfrachtet werden. Die Gentlemen zogen ihre Mäntel an und setzten ihre Hüte auf, und Mr. Piggott rief Pratt, damit er die Kutsche vorfuhr.«

»In welchem Zustand war Mr. Wickham zu diesem Zeitpunkt?«

Mrs. Piggott schwieg eine Weile, als hätte sie den Sinn der Frage nicht ganz verstanden. »War er nüchtern oder gab es Anzeichen für Berauschtheit?«, fragte der Staatsanwalt ungeduldig nach.

»Ich wusste natürlich, dass er getrunken hatte, Sir, und zwar einiges über den Durst, so wie er aussah. Beim Abschied hat er ziemlich genuschelt. Aber er war noch immer auf den Beinen und stieg ohne Hilfe ein, und dann waren sie ja auch schon weg.«

Der Staatsanwalt studierte schweigend seine Papiere und sagte schließlich: »Ich danke Ihnen, Mrs. Piggott, und bitte Sie, noch einen Augenblick im Zeugenstand zu bleiben.«

Nun erhob sich Jeremiah Mickledore. »Wenn es wirklich zu dieser unfreundlichen Unterhaltung gekommen sein sollte – einigen wir uns auf die Bezeichnung ›Meinungsverschiedenheit‹ –, so endete sie doch weder mit Geschrei noch mit Gewalt. Hat einer der beiden Gentlemen den anderen während dieses Gesprächs im Hof berührt?«

»Nein, Sir, nicht dass ich wüsste. Es wäre ja auch töricht gewesen, wenn Mr. Wickham einen Kampf mit Captain Denny angefangen hätte. Captain Denny war ein ganzes Stück größer als er und um einiges schwerer.«

»Und konnten Sie sehen, ob einer der beiden beim Einsteigen bewaffnet war?«

»Ja, Sir, Captain Denny war bewaffnet.«

»Sie würden demnach sagen, dass Captain Denny, egal, was er vom Verhalten seines Gefährten hielt, mit ihm zusammen in der Kutsche reisen konnte, ohne einen körperlichen Angriff fürchten zu müssen, sehe ich das richtig? Er war der Größere und Schwerere von beiden, und er war bewaffnet. Lässt sich die Situation Ihrer Erinnerung nach so darstellen?«

»Ich denke schon, Sir.«

»Es geht nicht um das, was Sie denken, Mrs. Piggott. Haben Sie gesehen, wie die Gentlemen in die Kutsche stiegen und Captain Denny, der Größere von beiden, dabei eine Schusswaffe trug?«

»Jawohl, Sir.«

»Demnach rief die Tatsache, dass sie trotz des Streits gemeinsam abreisten, keinerlei Befürchtungen in Ihnen hervor?«

»Mrs. Wickham war doch dabei. Mit einer Dame in der Kutsche würden sie niemals zu streiten anfangen. Und Pratt ist kein Dummkopf. Wenn es Schwierigkeiten gegeben hätte, wäre er bestimmt peitschenknallend zum Gasthof zurückgefahren.«

Jeremiah Mickledore hob zu seiner letzten Frage an. »Warum haben Sie das nicht schon bei der gerichtlichen Untersuchung ausgesagt, Mrs. Piggott? War Ihnen nicht bewusst, wie wichtig diese Aussage ist?«

»Da hat mich keiner gefragt, Sir. Mr. Brownrigg kam erst nach der Untersuchung in den Gasthof und hat mich gefragt.«

»Aber Sie müssen doch schon vor dem Gespräch mit Mr. Brownrigg gewusst haben, dass Ihre Aussage vor der gerichtlichen Untersuchung wichtig gewesen wäre!«

»Ich dachte mir, wenn sie wollen, dass ich etwas sage, dann werden sie schon kommen und mich fragen. Außerdem war ich nicht darauf aus, dass ganz Lambton über mich lacht. Eine wahre Schande, dass eine Dame nicht den Abort aufsuchen kann, ohne dass öffentlich danach gefragt wird! Versetzen Sie sich doch einmal in meine Lage, Mr. Mickledore!«

Leises Gelächter ertönte, wurde aber rasch unterdrückt. Mr. Mickledore erklärte, er habe keine weiteren Fragen, und Mrs. Piggott, die sich den Hut jetzt noch fester auf den Kopf drückte als zuvor, eilte unter dem beifälligen Gemurmel ihrer Unterstützer mit kaum verhohlener Befriedigung an ihren Platz zurück.

6

Es war nun offensichtlich, welche Taktik Simon Cartwright für die Anklage gewählt hatte, und Darcy verstand, wie geschickt sie war. Szene für Szene sollte die Geschichte erzählt werden, wobei sich Stimmigkeit und Glaubwürdigkeit ganz aus den Schilderungen ergaben und etwas entstand, das der gespannten Erwartung im Theater recht nahe kam. Doch war nicht jeder Mordprozess eine Art Volksbelustigung? Die ihren Rollen entsprechend kostümierten Akteure, die ungenierten Kommentare, die Vorfreude auf das Erscheinen der im nächsten Bild zu erwartenden Figuren und schließlich der dramatische Höhepunkt, wenn der Hauptdarsteller sich von der Anklagebank erhob, aus der ein Entkommen erst in der Schlussszene möglich war: Leben oder Tod. Dies war angewandtes englisches Recht, ein in ganz Europa hochangesehenes Recht – und wie hätte eine solche Entscheidung in ihrer ganzen schrecklichen Endgültigkeit auch gerechter getroffen werden können? Man hatte ihn, Darcy, unter Strafandrohung vorgeladen, doch als er den Blick nun durch den überfüllten Gerichtssaal wandern ließ, über die bunten Kleider und Lockenfrisuren der Mondänen und die Schäbigkeit der Armen, schämte er sich, einer von ihnen zu sein.

Als Nächster sollte George Pratt aussagen. Im Zeugenstand wirkte er älter, als Darcy ihn in Erinnerung hatte. Seine Kleidung war sauber, aber nicht neu, und offensichtlich hatte er sich kurz zuvor die Haare gewaschen, denn sie standen ihm in hellen Borsten steif vom Kopf ab, so dass sein Gesicht versteinert wirkte wie das eines Clowns. Er sprach den Eid sehr langsam, den Blick auf das Blatt Papier gerichtet, als lese er etwas in einer Fremdsprache Verfasstes ab. Dann sah er Cartwright mit dem flehenden Blick eines kindlichen Übeltäters an.

Der Staatsanwalt hielt hier offenbar Freundlichkeit für das wirksamste Mittel. »Sie sind vereidigt worden, Mr. Pratt, was bedeutet, dass Sie geschworen haben, diesem Gericht gegenüber sowohl in Ihren Antworten auf meine Fragen als auch in allen anderen Äußerungen die Wahrheit zu sagen. Ich möchte, dass Sie dem Gericht jetzt mit eigenen Worten erzählen, was sich in der Nacht des 14. Oktober zugetragen hat.«

»Ich sollte die beiden Gentlemen, Mr. Wickham und Captain Denny, und Mrs. Wickham in Mr. Piggotts Kutsche nach Pemberley bringen, die Dame dort absetzen und die Gentlemen nach Lambton zum King’s Arms fahren. Aber Mr. Wickham und der Captain kamen nie bis nach Pemberley, Sir.«

»Ja, das wissen wir. Wie sollten Sie nach Pemberley fahren? Durch welches Tor sollten Sie das Anwesen erreichen?«

»Durch das Nordwesttor, Sir, und dann über den Waldweg.«

»Und was geschah? Gab es Schwierigkeiten beim Passieren des Tors?«

»Nein, Sir. Jimmy Morgan kam und öffnete es. Er sagte zwar, niemand darf durch, aber er kannte mich ja, und als ich sagte, dass ich Mrs. Wickham zum Ball bringen soll, ließ er uns durch. Ungefähr eine halbe Meile hinter dem Tor klopfte einer der Gentlemen – es war Captain Denny, glaube ich – und sagte, ich soll anhalten, was ich auch tat. Er stieg aus und lief in den Wald. Dabei schrie er, dass er nichts mehr davon wissen will und dass Mr. Wickham jetzt auf sich gestellt ist.«

»Sagte er das genau so?«

Pratt überlegte. »Ganz sicher bin ich mir nicht, Sir. Vielleicht sagte er auch: ›Du bist jetzt auf dich gestellt, Wickham, ich will nichts mehr davon wissen.‹«

»Und dann?«

»Dann stieg Mr. Wickham aus und rief, Denny wäre ein Idiot und solle zurückkommen, aber er kam nicht zurück. Da lief ihm Mr. Wickham nach, in den Wald hinein. Dann stieg die Dame aus und rief, er soll zurückkommen und sie nicht alleinlassen, aber er achtete nicht darauf. Als er im Wald verschwand, stieg sie wieder ein und begann erbärmlich zu weinen. Tja, da standen wir nun, Sir.«

»Dachten Sie nicht daran, auch in den Wald zu laufen?«

»Nein, Sir, ich konnte doch Mrs. Wickham nicht alleinlassen und die Pferde auch nicht, deshalb bin ich geblieben. Aber nach einiger Zeit fielen Schüsse, und Mrs. Wickham begann zu schreien und sagte, wir würden alle umgebracht werden, und ich soll nach Pemberley fahren, so schnell ich kann.«

»Fielen die Schüsse in der Nähe?«

»Das weiß ich nicht, Sir. Jedenfalls nahe genug, dass man sie deutlich hören konnte.«

»Wie viele haben Sie gehört?«

»Drei oder vier, genau weiß ich es nicht mehr.«

»Was geschah dann?«

»Dann brachte ich die Pferde mit der Peitsche zum Galoppieren, und wir fuhren nach Pemberley. Die Dame hat ununterbrochen geschrien. Als wir vor dem Haus vorfuhren, fiel sie fast aus der Kutsche. Mr. Darcy und einige andere standen schon an der Tür. Wer genau, weiß ich nicht mehr, aber ich glaube, es waren zwei Gentlemen und Mr. Darcy und zwei Damen. Die Damen brachten Mrs. Wickham ins Haus, und Mr. Darcy sagte, ich soll bei den Pferden bleiben, weil ich ihn und einige der Gentlemen zu der Stelle zurückfahren sollte, wo Captain Denny und Mr. Wickham in den Wald gerannt waren. Also habe ich gewartet, Sir. Dann kam der Gentleman, von dem ich inzwischen weiß, dass es Colonel Fitzwilliam ist, sehr schnell über die Hauptauffahrt angeritten und ging zu den anderen. Jemand hatte eine Trage und ein paar Decken und Laternen herbeigeholt, und dann stiegen die drei Gentlemen – Mr. Darcy, der Colonel und ein Mann, den ich nicht kannte – in die Kutsche, und wir fuhren zurück in den Wald. Dort stiegen die Gentlemen aus und liefen zu Fuß vor der Kutsche her, bis wir den Pfad zum Waldcottage erreichten. Der Colonel ging nachsehen, ob die Familie in Sicherheit war, und um den Leuten zu sagen, dass sie ihre Tür verriegeln sollten. Dann gingen die drei Gentlemen weiter, bis ich die Stelle sah, an der, soweit ich mich erinnerte, Captain Denny und Mr. Wickham verschwunden waren. Dann befahl mir Mr. Darcy, dort zu warten, und sie liefen in den Wald.«

»Sie hatten doch sicherlich Angst, Pratt.«

»O ja, Sir, und wie. Es war ja niemand bei mir, und ich hatte keine Waffe, und die Wartezeit kam mir sehr lang vor. Aber dann hörte ich, wie sie zurückkamen. Sie trugen Captain Dennys Leiche auf der Trage, und der dritte Gentleman half Mr. Wickham, der recht wackelig auf den Beinen war, in die Kutsche. Ich wendete die Pferde, und wir fuhren ganz langsam nach Pemberley. Der Colonel und Mr. Darcy gingen mit der Trage hinterher, und der dritte Gentleman saß mit Mr. Wickham in der Kutsche. Danach ist alles ein einziges Durcheinander in meinem Kopf, Sir. Ich weiß noch, dass sie die Trage wegbrachten und dass Mr. Wickham, der herumbrüllte und sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, ins Haus geschleppt wurde, und ich sollte wieder warten. Irgendwann kam der Colonel heraus und sagte, ich soll zum King’s Arms fahren und Bescheid geben, dass die Gentlemen nun doch nicht kommen, aber ganz schnell wieder wegfahren, damit sie mir keine Fragen stellen können, und wenn ich wieder beim Green Man bin, soll ich niemandem erzählen, was passiert ist, sonst bekomme ich Scherereien mit der Polizei. Sie sagten nämlich, dass die Polizei am nächsten Tag kommen und mit mir reden würde. Als ich zurück war, hatte ich Angst, dass Mr. Piggott mir Fragen stellen würde, aber Mrs. Piggott und er lagen schon im Bett. Der Wind hatte sich gelegt, und es schüttete wie aus Eimern. Mr. Piggott öffnete das Schlafzimmerfenster und wollte wissen, ob alles in Ordnung ist und ob ich die Dame in Pemberley abgeliefert habe. Ich sagte ja, und er befahl mir, die Pferde zu versorgen und mich dann schlafen zu legen. Ich war todmüde, Sir, und als am nächsten Morgen kurz nach sieben die Polizei kam, schlief ich noch. Ich erzählte, was geschehen war – genau wie jetzt Ihnen, Sir, soweit ich mich eben erinnern kann und ohne etwas zu verschweigen.«

»Danke, Mr. Pratt«, sagte Cartwright. »Sie haben alles sehr klar geschildert.«

Sofort stand Mr. Mickledore auf. »Ich habe ein, zwei Fragen an Sie, Mr. Pratt. Als Mr. Piggott sie rief und ihnen befahl, die kleine Gesellschaft nach Pemberley zu bringen, sahen Sie die beiden Gentlemen da zum ersten Mal zusammen?«

»Jawohl, Sir.«

»Und welchen Eindruck hatten Sie von der Beziehung der beiden?«

»Captain Denny war sehr still, und Mr. Wickham hatte offensichtlich getrunken, aber ich hörte keinen Streit und keinen Wortwechsel.«

»Stieg Captain Denny nur widerwillig in die Kutsche?«

»O nein, Sir, es sah nicht so aus, als ob er etwas dagegen hätte.«

»Hörten Sie unterwegs irgendwelche Gespräche zwischen den beiden, bevor die Kutsche anhielt?«

»Nein, Sir. Bei dem Wind und dem holprigen Weg war das kaum möglich. Da hätten sie schon schreien müssen.«

»Aber es gab kein Geschrei?«

»Nein, Sir, jedenfalls habe ich keines gehört.«

»Die drei Fahrgäste standen also Ihres Wissens beim Aufbruch gut miteinander, und Sie hatten keinen Anlass, Schwierigkeiten zu befürchten?«

»Nein, Sir.«

»Wie ich gehört habe, schilderten Sie den Geschworenen bei der gerichtlichen Untersuchung, dass Sie die Pferde auf dem Weg durch den Wald nur mit Mühe im Zaum halten konnten. Das muss eine sehr schwere Fahrt für die Tiere gewesen sein.«

»O ja, Sir. Kaum waren wir im Wald, wurden sie furchtbar unruhig und stampften und wieherten.«

»Es war gewiss schwierig für Sie, die Pferde zu lenken.«

»Ja, Sir, und wie. Bei Vollmond geht kein Pferd gern in den Wald – und auch kein Mensch.«

»An das, was Captain Denny sagte, als er aus der Kutsche ausstieg, können Sie sich also ganz genau erinnern, ja?«

»Er sagte auf jeden Fall, dass er nicht mehr mitmachen will und dass Mr. Wickham jetzt auf sich gestellt ist, oder so ähnlich.«

»Oder so ähnlich. Danke, Mr. Pratt, das war alles.«

Pratt wurde entlassen und wirkte wesentlich glücklicher als beim Betreten des Zeugenstands. Alveston flüsterte Darcy zu: »Von dieser Seite haben wir nichts zu befürchten. Mickledore ist es gelungen, Pratts Aussage in Zweifel zu ziehen. Und jetzt, Mr. Darcy, sind entweder Sie oder der Colonel an der Reihe.«

7

Als sein Name gerufen wurde, fuhr Darcy vor Überraschung der Schreck in die Knochen, obwohl Alveston eben erst darauf hingewiesen hatte, dass er bald an der Reihe sein würde. Vorbei an Blicken, die ihm feindselig erschienen, durchquerte er den Gerichtssaal und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Jetzt galt es, Haltung und Ruhe zu bewahren. Er war entschlossen, weder Wickham noch Mrs. Younge oder den Geschworenen anzusehen, der ihn jedes Mal, wenn er selbst den Blick über die Jury wandern ließ, ausgesprochen unfreundlich anstarrte. Er würde den Staatsanwalt fixieren, während er die Fragen beantwortete, und nur hin und wieder zur Jury oder zum Richter hinüberschauen, der mit halbgeschlossenen Augen regungslos dasaß, die dicken kleinen Hände auf dem Tisch gefaltet.

Der erste Teil der Befragung verlief unkompliziert. Auf die entsprechenden Fragen hin beschrieb Darcy den Abend, an dem das Dinner stattgefunden hatte, teilte mit, wer zugegen gewesen war, und berichtete von der Abwesenheit Colonel Fitzwilliams und Miss Darcys bei der Ankunft der völlig aufgelösten Mrs. Wickham sowie von dem Entschluss, mit der Kutsche in den Wald zurückzufahren, um herauszufinden, was sich ereignet hatte und ob Mr. Wickham und Captain Denny Hilfe benötigten.

»Sie ahnten also eine drohende Gefahr, vielleicht sogar eine Tragödie?«

»Ganz und gar nicht, Sir. Ich hatte gehofft, ja geradezu erwartet, dass im schlimmsten Fall einer der Gentlemen im Wald durch einen kleinen Unfall am Weitergehen gehindert sein könnte und dass wir auf Mr. Wickham und Captain Denny stoßen würden, während sie sich, einander helfend, entsprechend langsam nach Pemberley oder zurück zum Gasthof kämpften. Allein Mrs. Wickhams Bericht von den Schüssen, den Pratt bestätigte, ließ mich zu der Überzeugung gelangen, dass es vernünftig wäre, eine Rettungsexpedition zu unternehmen. Colonel Fitzwilliam war rechtzeitig zurückgekehrt, um sich uns anschließen zu können, und trug eine Waffe.«

»Viscount Hartlep wird später selbst aussagen. Können wir fortfahren? Bitte beschreiben Sie jetzt die Fahrt in den Wald und die Ereignisse, die zum Auffinden von Captain Dennys Leiche führten.«

Darcy hatte seine Aussage zwar nicht gerade einstudiert, sich aber doch Gedanken darüber gemacht, mit welchen Worten und in welchem Tonfall er sprechen sollte, und sich immer wieder gesagt, dass es nicht darum gehen würde, im Freundeskreis eine Geschichte zu erzählen, sondern darum, vor Gericht Zeugnis abzulegen. Das Schweigen zu schildern, das nur von ihren stapfenden Schritten und dem Quietschen der Räder unterbrochen worden war, konnte sich als gefährlich erweisen; hier ging es um nüchtern und überzeugend vorgetragene Tatsachen. Er erzählte, dass der Colonel den Suchtrupp für kurze Zeit verlassen hatte, um Mrs. Bidwell, ihren im Sterben liegenden Sohn und ihre Tochter vor möglichen Gefahren zu warnen und sie zum Verriegeln der Tür anzuhalten.

»Sagte Viscount Hartlep Ihnen, ehe er zum Cottage ging, dass dies seine Absichten seien?«

»Ja.«

»Wie lange blieb er fort?«

»Höchstens fünfzehn oder zwanzig Minuten, denke ich, auch wenn es mir damals länger erschien.«

»Und dann fuhren Sie weiter?«

»Ja. Pratt war sich einigermaßen sicher, an welcher Stelle Captain Denny in den Wald gelaufen war. Meine Gefährten und ich begannen den Weg zu suchen, den beide oder einer von beiden möglicherweise eingeschlagen hatte. Nach etwa zehn Minuten erreichten wir die Lichtung und fanden die Leiche von Captain Denny, neben der Mr. Wickham weinend kniete. Ich sah sofort, dass Captain Denny tot war.«

»In welcher Verfassung war Mr. Wickham?«

»Er war vollkommen verstört, und danach zu urteilen, wie er sprach und aus dem Mund roch, hatte er wohl sehr viel getrunken. Captain Dennys Gesicht war blutverschmiert, und auch Mr. Wickham hatte Blut an Gesicht und Händen – wahrscheinlich, weil er seinen Freund angefasst hatte.«

»Hat Mr. Wickham etwas gesagt?«

»Ja.«

»Was sagte er?«

Da war sie, die gefürchtete Frage, und einige entsetzliche Sekunden lang konnte er keinen Gedanken mehr fassen. Schließlich sah er Cartwright an und sagte: »Ich glaube mich an den genauen Wortlaut und vielleicht sogar an die exakte Reihenfolge zu erinnern, Sir. Soweit ich mich entsinne, sagte er: ›Ich habe ihn getötet. Es ist meine Schuld. Er war mein Freund, mein einziger Freund, und ich habe ihn getötet.‹ Dann sagte er noch einmal: ›Es ist meine Schuld.‹«

»Wie haben Sie seine Worte damals verstanden?«

Darcy spürte, dass alle im Saal auf seine Antwort warteten. Er ließ den Blick zum Richter hinübergleiten, der nun langsam die Augen öffnete und ihn ansah. »Beantworten Sie die Frage, Mr. Darcy!«

Erst jetzt wurde ihm mit Entsetzen bewusst, dass er mehrere Sekunden geschwiegen haben musste. An den Richter gewandt, sprach er weiter. »Ich hatte einen völlig verzweifelten Mann vor mir, der neben der Leiche seines Freundes kniete. Meinem Verständnis nach hatte Mr. Wickham sagen wollen, dass sein Freund nicht umgebracht worden wäre, wenn es nicht irgendeine Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen gegeben hätte, die Captain Denny veranlasste, auszusteigen und in den Wald zu laufen. Das war mein erster Gedanke. Ich sah keine Waffen. Ich wusste, dass Captain Denny kräftiger war als Mr. Wickham und eine Waffe bei sich gehabt hatte. Wenn Mr. Wickham seinem Freund ohne ein Licht oder eine Waffe in den Wald gefolgt wäre, um ihn zu töten, hätte das den Gipfel der Torheit bedeutet. Im dichten Strauchwerk und zwischen den Bäumen hätte er, nur vom Mondlicht geführt, nicht einmal sicher sein können, seinen Freund überhaupt zu finden. Meinem Gefühl nach konnte diesen Mord nicht Mr. Wickham begangen haben, weder im Affekt noch vorsätzlich.«

»Sahen oder hörten Sie irgendjemanden außer Lord Hartlep und Mr. Alveston, als Sie den Wald betraten oder am Tatort selbst?«

»Nein, Sir.«

»Sie sagen demnach unter Eid aus, dass Mr. Wickham beim Auffinden der Leiche von Captain Denny neben dieser kniete und nicht nur einmal, sondern zweimal äußerte, er sei für den Mord an seinem Freund verantwortlich?«

Es blieb lange still. Zum ersten Mal im Leben fühlte sich Darcy wie ein geködertes Tier. »Das sind die Tatsachen, Sir«, sagte er schließlich. »Sie fragten mich, welche Bedeutung diese Tatsachen damals hatten. Ich habe Ihnen erklärt, was ich damals glaubte und bis heute glaube, nämlich dass Mr. Wickham keinen Mord gestand, sondern die Wahrheit sprach, welche darin besteht, dass Captain Denny seinem Mörder niemals begegnet wäre, hätte er die Kutsche nicht verlassen und sich in den Wald begeben.«

Doch Mr. Cartwright war noch nicht fertig. Er schlug nun einen anderen Kurs ein, indem er fragte: »Hätten Sie Mrs. Wickham empfangen, wenn sie unerwartet und ohne Ankündigung in Pemberley eingetroffen wäre?«

»Ja.«

»Sie ist allerdings auch Mrs. Darcys Schwester. Hätten Sie ebenso Mr. Wickham empfangen, wenn er unter denselben Umständen angereist wäre? Waren Mrs. Wickham und er zum Ball eingeladen?«

»Das ist eine hypothetische Frage, Sir. Es gab keinen Grund, sie einzuladen. Wir hatten seit einiger Zeit keine Verbindung mehr zueinander, und ich wusste nicht einmal, wo sie wohnten.«

»Ihre Antwort ist nicht ganz aufrichtig, Mr. Darcy. Hätten sie das Ehepaar eingeladen, wenn Ihnen die Adresse bekannt gewesen wäre?«

Jeremiah Mickledore stand auf und sagte zum Richter: »My Lord, welche Bedeutung sollte Mrs. Darcys Gästeliste für den Mord an Captain Denny zukommen? Jeder von uns hat das Recht, einzuladen, wen er will, ob es sich nun um Verwandte handelt oder nicht, ohne vor Gericht die Gründe dafür angeben zu müssen, solange die Einladung keinerlei Relevanz für den Prozess besitzt.«

Der Richter löste sich aus seiner starren Haltung und sagte in überraschend entschiedenem Ton: »Gibt es einen Grund für Ihre Frage, Mr. Cartwright?«

»Durchaus, My Lord. Es geht darum, die mögliche Beziehung zwischen Mr. Darcy und seinem Schwager ein wenig zu beleuchten und den Geschworenen auf indirektem Wege zu einem möglichst guten Einblick in das Wesen Mr. Wickhams zu verhelfen.«

»Ich bezweifle, dass das Fehlen einer Einladung zu einem Ball einen nennenswerten Einblick in das Wesen dieses Mannes ermöglicht.«

Jeremiah Mickledore wandte sich an Darcy. »Wissen Sie etwas über Mr. Wickhams Verhalten während der Niederschlagung des irischen Aufstands im August 1798 zu sagen?«

»Ja, Sir. Er wurde als tapferer Soldat ausgezeichnet und erlitt eine Verwundung.«

»Und soweit Sie wissen, war er nie wegen eines Verbrechens inhaftiert oder überhaupt in Schwierigkeiten mit der Polizei?«

»Nein, Sir, nicht soweit ich weiß.«

»Und da er mit Mrs. Darcys Schwester verheiratet ist, lässt sich annehmen, dass Sie von dergleichen wüssten?«

»Wenn es sich um ernste oder häufig vorkommende Dinge handelte, wüsste ich wohl davon.«

»Wickham wurde als betrunken beschrieben. Welche Maßnahmen haben Sie ergriffen, um ihn in Schach zu halten, als Sie nach Pemberley zurückgekehrt waren?«

»Wir legten ihn ins Bett und schickten nach Dr. McFee, der ihm und Mrs. Wickham helfen sollte.«

»Aber eingeschlossen oder bewacht wurde er nicht?«

»Seine Tür war nicht verschlossen. Er wurde jedoch von zwei Männern bewacht.«

»War das notwendig? Sie hielten ihn doch für unschuldig?«

»Er war betrunken, Sir, man konnte ihn unmöglich durch das Haus streifen lassen, schließlich habe ich Kinder. Darüber hinaus bereitete mir sein körperlicher Zustand Sorgen. Ich bin Friedensrichter, daher wusste ich, dass jeder, der in dieser Angelegenheit eine Rolle spielte, für ein Verhör durch Sir Selwyn Hardcastle bereitstehen sollte.«

Mr. Mickledore setzte sich, und Simon Cartwright führte die Befragung fort. »Eines wüsste ich noch gern, Mr. Darcy. Der Suchtrupp bestand aus drei Männern, einer davon bewaffnet. Sie hatten aber auch Captain Dennys Waffe, die ebenfalls einsetzbar gewesen wäre. Sie sahen keinen Anlass für die Vermutung, dass Captain Denny schon einige Zeit vor seinem Auffinden getötet worden war. Der Mörder konnte sich ganz in der Nähe versteckt haben. Warum haben Sie keine Suche in die Wege geleitet?«

»Es schien mir vordringlich, Captain Dennys Leiche so schnell wie möglich nach Pemberley zu bringen. Es wäre so gut wie unmöglich gewesen, jemanden zu entdecken, der sich im Waldesdickicht versteckt hätte; außerdem nahm ich an, dass der Täter längst geflohen war.«

»Diese Erklärung dürfte in den Ohren mancher Leute recht wenig überzeugend klingen. Das Erste nach der Entdeckung eines Ermordeten sollte doch wohl der Versuch sein, des Mörders habhaft zu werden.«

»Unter den damaligen Umständen kam mir dieser Gedanke nicht.«

»Natürlich nicht, Mr. Darcy. Ich verstehe sehr gut, warum er Ihnen nicht kam. Sie waren ja bereits im Beisein des Mannes, den Sie, entgegen Ihren Beteuerungen, für den Mörder hielten. Warum hätten Sie auf die Idee kommen sollen, einen anderen zu suchen?«

Ehe Darcy etwas erwidern konnte, vervollständigte Simon Cartwright seinen Triumph mit einer abschließenden Bemerkung. »Ich muss Sie zu Ihrem Scharfsinn beglückwünschen, Mr. Darcy, der folgerichtiges Denken noch in Momenten ermöglicht, in denen die meisten von uns vor lauter Entsetzen auf eine weit schwächere geistige Leistung beschränkt wären. Immerhin bot sich Ihnen ein Bild noch nie gesehenen Grauens. Ich habe Sie gefragt, wie Sie auf die Worte des Angeklagten reagierten, als Sie und Ihre Gefährten ihn mit blutverschmierten Händen neben der Leiche seines ermordeten Freundes kniend fanden. Demnach konnten Sie ohne jedes Zögern die Schlussfolgerung ziehen, dass es zu einer Meinungsverschiedenheit gekommen sein musste, die Captain Denny dazu gebracht hatte, die Kutsche zu verlassen und in den Wald zu laufen; Sie konnten sich den Unterschied in Gewicht und Größe zwischen den beiden Männern sowie die Bedeutung dieses Unterschieds in Erinnerung rufen und obendrein feststellen, dass es am Tatort keine Waffen gab, von denen eine der beiden Verletzungen stammen konnte. So zuvorkommend war der Mörder nun einmal nicht, dass er sie praktischerweise in Reichweite liegen ließ. Ich danke Ihnen. Sie dürfen den Zeugenstand verlassen.«

Zu Darcys Erstaunen erhob sich Mr. Mickledore nicht mehr zum Kreuzverhör, und er fragte sich, ob dies darin begründet lag, dass der Verteidiger nichts mehr tun konnte, um den Schaden, den er, Darcy, angerichtet hatte, zu begrenzen. Er wusste nicht mehr, wie er an seinen Platz zurückgefunden hatte. Als er wieder auf seinem Stuhl saß, überkam ihn eine verzweifelte Wut auf sich selbst. Er schalt sich einen unfähigen Dummkopf. Alveston hatte ihm doch ganz genau gesagt, wie er sich beim Verhör verhalten sollte! »Denken Sie nach, ehe Sie antworten, allerdings nicht so lange, als dass man Ihnen Berechnung unterstellen könnte. Beantworten Sie die Fragen genau und mit einfachen Worten. Sagen Sie nur, wonach man Sie gefragt hat, und schmücken Sie nichts aus. Wenn Cartwright mehr hören will, soll er danach fragen. Im Zeugenstand kommt es meist dann zur Katastrophe, wenn zu viel oder zu wenig gesagt wird.« Er hatte fatalerweise zu viel gesagt. Der Colonel würde zweifellos klüger vorgehen, doch der Schaden war angerichtet.

Er fühlte Alvestons Hand auf seiner Schulter und sagte kläglich: »Ich habe der Verteidigung geschadet, nicht wahr?«

»Keineswegs. Sie, ein Zeuge der Anklage, haben eine überaus wirkungsvolle Rede zugunsten des Angeklagten gehalten, was Mickledore selbst nicht tun darf. Die Jury hat Ihre Worte gehört – das ist das Wichtigste. Und Cartwright kann sie den Geschworenen nicht wieder aus dem Kopf reißen.«

Nacheinander wurden weitere Zeugen der Anklage vernommen. Dr. Belcher sagte über die Todesursache aus, und die Wachtmeister beschrieben reichlich detailliert, wie sie vergeblich versucht hatten, die tatsächliche Mordwaffe zu ermitteln, obwohl sie unter dem Laub im Wald Steinplatten gefunden hatten. Auch eine gründliche Suche und umfassende Befragungen hätten keinen Beweis dafür zutage gebracht, dass sich zur fraglichen Zeit ein Deserteur oder eine andere Person im Wald aufhielt.

Als Colonel the Viscount Hartlep in den Zeugenstand gerufen wurde, trat augenblicklich Stille ein, und Darcy fragte sich, warum Simon Cartwright diesen wichtigen Zeugen der Anklage als Letzten aufgerufen hatte. Hoffte er, die abschließende Aussage, die die Geschworenen zu hören bekämen, würde einen dauerhafteren und tieferen Eindruck auf sie machen? Der Colonel war in Uniform erschienen, und Darcy fiel ein, dass sein Cousin nach dem Prozess zu einer Besprechung im Kriegsministerium erwartet wurde. Er schritt so zwanglos zum Zeugenstand, als mache er einen Morgenspaziergang, verbeugte sich kurz vor dem Richter, sprach den Eid und wartete stehend auf Cartwrights erste Frage. Dabei trug er, wie Darcy fand, die leicht unduldsame Miene eines Berufssoldaten zur Schau, der einen Krieg zu gewinnen hatte und einerseits gewillt war, dem Gericht den gebührenden Respekt zu zollen, sich gleichzeitig jedoch von der im Grunde als Zumutung empfundenen Veranstaltung distanzierte. Würdevoll stand er da in seiner Uniform, ein Offizier, der als einer der bestaussehenden und tapfersten der ganzen britischen Armee galt. Ein Flüstern ging durch den Raum, legte sich jedoch rasch wieder, und Darcy sah, dass sich die modisch gekleideten Damen erwartungsvoll vorgebeugt hatten und wie mit Schleifen geschmückte Schoßhündchen aussahen, die beim Duft eines Leckerbissens erschaudern.

Der Colonel wurde nach allen Einzelheiten des Geschehens befragt – vom Zeitpunkt seiner Rückkehr vom abendlichen Ausritt und seiner Teilnahme an der Rettungsexpedition bis hin zu Sir Seldwyn Hardcastles Eintreffen und Übernahme der Ermittlungen. Er sei zum Gasthof King’s Arms in Lambton geritten, wo er in der Zeit von Captain Dennys Ermordung eine private Unterredung geführt habe. Cartwright fragte nach den dreißig Pfund, die man bei Wickham gefunden hatte, und der Colonel erklärte ruhig, er habe dem Angeklagten das Geld gegeben, dieser habe eine Ehrenschuld damit begleichen wollen. Einzig die Unerlässlichkeit seiner Aussage vor Gericht habe ihn dazu gebracht, das feierliche Schweigeversprechen zwischen Mr. Wickham und ihm zu brechen. Den Namen des Begünstigten werde er nicht preisgeben, es handle sich jedoch nicht um Captain Denny, und das Geld habe auch nichts mit dessen Tod zu tun.

An dieser Stelle erhob sich Mr. Mickledore. »Können Sie dem Gericht versichern, dass dieses Darlehen oder Geschenk nicht für Captain Denny bestimmt war oder irgendetwas mit dem Mord zu tun hat, Colonel?«

»Ja.«

Cartwright kam wieder auf die Bedeutung der Worte zu sprechen, die Wickham über der Leiche seines Freundes von sich gegeben hatte, und wollte wissen, wie der Zeuge sie verstanden habe.

Nach einigen Sekunden begann der Colonel zu sprechen. »Ich kann nicht die Gedanken anderer Menschen lesen, Sir, aber ich stimme Mr. Darcy in seiner Beurteilung zu. Meine Einschätzung basierte eher auf Instinkt als auf unmittelbarer detaillierter Betrachtung der Indizien. Ich weiß den Instinkt zu schätzen, er hat mir schon mehrfach das Leben gerettet und gründet sich auf die Wahrnehmung aller wichtigen Tatsachen, was nicht notwendig falsch sein muss, nur weil man sich dessen nicht bewusst ist.«

»Zogen Sie es nie in Erwägung, Captain Dennys Leiche liegen zu lassen und seinen Mörder zu suchen? In diesem Fall hätten doch sicherlich Sie als hoher Militär die Führung übernommen.«

»Ich habe es nicht in Erwägung gezogen, Sir. Ich dringe nicht in ungenügender Mannschaftsstärke in feindliches und unbekanntes Gebiet vor und mache mich im Rücken angreifbar!«

Da es keine weiteren Fragen gab, war die Einvernahme der Zeugen durch die Anklage damit abgeschlossen. Alveston flüsterte: »Mickledore war brillant. Der Colonel hat Ihre Einlassung bestätigt und dafür gesorgt, dass die Glaubwürdigkeit von Pratts Aussage in Zweifel gezogen wird. Ich beginne Hoffnung zu schöpfen; allerdings müssen wir Wickhams Verteidigungsrede und die Anweisungen abwarten, die der Richter den Geschworenen für die Urteilsfindung erteilen wird.«

8

Wie das ein oder andere Schnarchgeräusch deutlich machte, hatte die Hitze im Gerichtssaal eine gewisse Schläfrigkeit aufkommen lassen. Doch als sich jetzt Wickham von der Anklagebank erhob, um als Letzter zu sprechen, erwachte neues Interesse. Der Sitznachbar wurde angestupst, und ein allgemeines Getuschel ertönte. Wickham sprach mit klarer, fester Stimme, die jedoch keinerlei Gefühle verriet. Es klang fast, als würde er die Worte, die ihm das Leben retten konnten, nicht sprechen, sondern vorlesen, dachte Darcy.

»Ich bin des Mordes an Captain Martin Denny angeklagt und habe mich nicht schuldig bekannt. Denn ich trage nicht die geringste Schuld an diesem Mord und habe mein Los in die Hände meines Landes gelegt. Vor über sechs Jahren diente ich mit Captain Denny in der Miliz, wo er mir ein guter Freund und Kamerad wurde. Diese Freundschaft blieb bestehen, und sein Leben war mir so teuer wie mein eigenes. Ich hätte, selbst um den Preis meines Lebens, jeden Angriff auf ihn abgewehrt und hätte es auch getan, wäre ich bei ihm gewesen, als der feige Angriff erfolgte, der ihm den Tod brachte. In den Zeugenaussagen war die Rede von einem Streit zwischen uns, damals in dem Gasthof, ehe wir zu jener verhängnisvollen Fahrt aufbrachen. Das war nichts weiter als eine Meinungsverschiedenheit zwischen Freunden, doch sie entstand durch meine Schuld. Captain Denny, der ein Ehrenmann und zu tiefem menschlichem Mitgefühl fähig war, empfand es als falsch, dass ich meinen Abschied genommen hatte, ohne über einen ordentlichen Beruf und ein Zuhause für meine Frau zu verfügen. Obendrein hielt er mein Vorhaben, Mrs. Wickham in Pemberley abzusetzen, damit sie dort übernachtete und am nächsten Tag den Ball besuchte, für rücksichtlos und glaubte, dass dies Mrs. Darcy unangenehm sein werde. Seine Ungeduld angesichts meines Verhaltens wuchs, und schließlich muss ihm meine Gesellschaft unerträglich geworden sein. Und deshalb, glaube ich, ließ er die Kutsche anhalten und lief in den Wald. Ich rannte ihm nach, um ihn zur Umkehr zu bewegen. Es war eine stürmische Nacht, und der Wald ist an manchen Stellen undurchdringlich und kann gefährlich werden. Ich leugne nicht, die hier zitierten Worte gesprochen zu haben, doch sie sollten ausdrücken, dass ich mich für den Tod meines Freundes verantwortlich fühlte, da er unserer Meinungsverschiedenheit wegen in den Wald gelaufen war. Ich hatte übermäßig getrunken und kann mich an vieles nicht mehr erinnern; doch eines hat sich mir ins Gedächtnis eingebrannt: das Entsetzen, als ich ihn fand und sein blutverschmiertes Gesicht erblickte. Seine Augen sagten mir, was ich bereits wusste – er war tot. Der Schreck, das Entsetzen, die Trauer darüber raubten mir fast alle Kraft, doch mit dem letzten Rest davon tat ich, was ich konnte, um seinen Mörder zu ergreifen. Ich nahm die Pistole des Captains und feuerte mehrmals auf eine fliehende Gestalt, die ich zu sehen glaubte; dann verfolgte ich sie bis in die Tiefen des Waldes hinein. Kurz darauf tat der Alkohol seine Wirkung, und meine Erinnerung setzt erst wieder ein, als ich bei meinem geliebten Freund kniete und seinen Kopf in den Armen hielt. In diesem Augenblick tauchte der Rettungstrupp auf.

Meine Herren Geschworenen, die gegen mich erhobene Anklage lässt sich nicht aufrechterhalten. Wenn ich meinem Freund einen Schlag auf die Stirn und einen noch heftigeren auf den Hinterkopf versetzt hätte – wo sind die dazu benutzten Waffen? Auch nach gründlicher Suche konnte dem Gericht keine der beiden Waffen vorgelegt werden. Wenn man mir unterstellt, ich sei meinem Freund in mörderischer Absicht gefolgt – wie hätte ich hoffen können, einen größeren, kräftigeren und zudem bewaffneten Mann zu überwältigen? Weshalb hätte ich es tun sollen? Bisher wurde kein Motiv angeführt. Dass man keine Spur von einem im Wald lauernden Fremden fand, bedeutet nicht, dass es einen solchen nicht gab; er wäre wohl kaum am Tatort geblieben. Ich spreche unter Eid und kann nur schwören, dass ich mit dem Mord an Captain Martin Denny nichts zu tun habe. Ich lege mein Schicksal voller Zuversicht in die Hände meines Landes.«

Im Saal war es still. Alveston flüsterte Darcy zu: »Das war nicht gut.«

»Weshalb?«, fragte Darcy leise. »Ich hätte gedacht, dass er sich wacker geschlagen hat. Die wichtigsten Argumente wurden klar benannt – keinerlei Hinweis auf einen heftigen Streit, keine Waffen, die Unsinnigkeit, den Freund in mörderischer Absicht zu verfolgen, das Fehlen eines Motivs. Was soll er falsch gemacht haben?«

»Das ist schwer zu erklären, aber ich habe schon viele Verteidigungsreden gehört und befürchte, dass er mit dieser sein Ziel nicht erreichen wird. Ihrem sorgfältigen Aufbau zum Trotz fehlte ihr das nötige Feuer einer Unschuldsbeteuerung. Die Art des Vortrags, die fehlende Leidenschaft, die Gründlichkeit, mit der er alles ansprach. Er hat sich nicht schuldig bekannt, aber er fühlt sich nicht unschuldig. Und Geschworene spüren das – fragen Sie mich nicht, warum. Er mag an diesem Mord nicht schuld sein, doch schuldbeladen ist er.«

»Das sind wir alle zuweilen – es gehört nun einmal zum Menschen, sich schuldig zu fühlen. Jedenfalls müssen den Geschworenen einige Zweifel bleiben. Für mich hätte seine Rede ausgereicht.«

»Ich hoffe, dass sie auch den Geschworenen ausgereicht hat, aber sehr zuversichtlich bin ich nicht.«

»Und wenn er betrunken war?«

»Er behauptet, zum Zeitpunkt des Mordes betrunken gewesen zu sein, doch er war nicht zu betrunken, um vor dem Gasthof ohne Hilfe in die Kutsche zu steigen. Diesem Punkt wurde in der Zeugenbefragung nicht nachgegangen, doch meiner Ansicht nach ist der Grad seines Betrunkenseins zum Zeitpunkt des Mordes anfechtbar.«

Während der Verteidigungsrede hatte Darcy versucht, sich auf Wickham zu konzentrieren; jetzt widerstand er nicht länger der Versuchung, zu Mrs. Younge hinüberzusehen. Dass ihre Blicke sich treffen würden, stand nicht zu befürchten, denn ihre Augen waren nur auf Wickham gerichtet. Hin und wieder bewegte sie die Lippen, als würde sie dem Vortrag eines von ihr selbst verfassten Textes lauschen oder schweigend beten. Als Darcy wieder zur Anklagebank blickte, starrte Wickham vor sich hin; dann wandte er sich dem Richter zu, der nun den Geschworenen seine Anweisungen mitzuteilen begann.

9

Richter Moberley, der sich keine Notizen gemacht hatte, lehnte sich ein wenig zu den Geschworenen hin, als ginge die Sache den Rest des Gerichts nichts an, und die schöne Stimme, die Darcy schon zu Beginn gefesselt hatte, ertönte so laut, dass alle Anwesenden sie hörten. Ohne Umschweife, aber so bedächtig, als spielte die Zeit keine Rolle, fasste er die Zeugenaussagen zusammen. Seine Schlussworte ließen Darcys Gefühl nach die Verteidigung in einem glaubwürdigen Licht erscheinen, und seine Zuversicht wuchs.

»Meine Herren Geschworenen, Sie haben sich geduldig und offenbar sehr aufmerksam die während dieses langen Prozesses gemachten Zeugenaussagen angehört. Nun ist es an Ihnen, über diese Aussagen zu befinden und Ihr Urteil zu fällen. Der Angeklagte war früher Berufssoldat und stand im Ruf bemerkenswerter Tapferkeit, für die er mit einem Orden ausgezeichnet wurde. Dies soll Ihre Entscheidung jedoch nicht beeinflussen. Ihr Urteil muss sich auf die vorgebrachten Zeugenaussagen gründen. Sie tragen eine große Verantwortung, aber ich weiß, dass Sie Ihre Pflicht unvoreingenommen und in Übereinstimmung mit dem Recht erfüllen werden.

Das große Rätsel – wenn ich es so bezeichnen darf –, mit dem wir es in diesem Fall zu tun haben, ist die Frage, warum Captain Denny in den Wald lief, obwohl er sicher und bequem in der Kutsche hätte bleiben können. Niemals wäre er im Beisein von Mrs. Wickham angegriffen worden. Der Angeklagte hat seine Erklärung dafür abgeliefert, weshalb Denny die Kutsche so unvermittelt anhalten ließ, und Sie werden darüber nachdenken, ob diese Erklärung für Sie befriedigend ist. Captain Denny lebt nicht mehr, er kann sein Handeln nicht erläutern, und andere Aussagen als die von Mr. Wickham liegen uns zur Aufklärung der Angelegenheit nicht vor. Wie an so vielen Punkten in diesem Fall bewegen wir uns auch hier im Bereich der Vermutung, und Ihr Urteil kann nicht anhand von unbegründeten Ansichten sicher gefällt werden, sondern ausschließlich aufgrund von unter Eid gemachten Aussagen, also anhand der Umstände, unter denen die Mitglieder des Rettungstrupps Captain Dennys Leiche fanden, und anhand der Worte, die man dem Angeklagten zuschreibt. Sie haben gehört, was er zu ihrer Bedeutung zu sagen hatte; nun müssen Sie entscheiden, ob Sie ihm glauben oder nicht. Sollten Sie sich zweifelsfrei sicher sein, dass George Wickham des Mordes an Captain Denny schuldig ist, wird Ihr Urteil ›schuldig‹ lauten. Gewinnen Sie diese Sicherheit nicht, dann hat der Angeklagte das Recht auf einen Freispruch. Sie können jetzt die Beratungen aufnehmen. Falls Sie sich für die Urteilsfindung zurückziehen wollen, steht Ihnen ein separater Raum zur Verfügung.«

10

Am Ende des Verhandlung fühlte sich Darcy so erschöpft, als hätte er selbst auf der Anklagebank gesessen. Am liebsten hätte er Alveston um Zuspruch gebeten, doch sein Stolz hielt ihn davon ab; überdies wusste er, dass es den Anwalt ärgern würde, wenn er ihn bedrängte, und dass es gänzlich vergebens wäre. Nun konnte man nur mehr warten und hoffen. Kaum hatten sich die Geschworenen zurückgezogen, hob im Saal wieder lebhaftes Geschnatter an. Die Zuschauer unterhielten sich über die Zeugenaussagen und schlossen Wetten darüber ab, wie das Urteil ausfallen würde. Sie mussten sich nicht lange gedulden. Schon nach zehn Minuten kehrte die Jury zurück. Darcy hörte den Gerichtssekretär mit lauter, herrischer Stimme fragen: »Wer ist Ihr Sprecher?«

»Ich, Sir.« Der großgewachsene Mann, der Darcy während des Prozesses so oft gemustert hatte und wie der natürliche Anführer der Geschworenen wirkte, erhob sich.

»Sind Sie zu einem Urteil gelangt?«

»Jawohl.«

»Befinden Sie den Angeklagten für schuldig oder für nicht schuldig?«

Die Antwort kam ohne Zögern. »Für schuldig.«

»Wurde dieses Urteil einstimmig gefällt?«

»Jawohl.«

Darcy hörte sich nach Luft ringen. Er spürte, dass Alveston ihm beruhigend die Hand auf den Arm legte. Ein dichtes Stimmengewirr erfüllte den Saal – eine Mischung aus Gestöhn, Geschrei und lautstarkem Protest –, bis der Lärm plötzlich wie unter einem Gruppenzwang erstarb und sich alle Blicke auf Wickham richteten. Darcy, den der Tumult völlig in seinen Bann gezogen hatte, schloss die Augen, zwang sich, sie wieder zu öffnen und sah zur Anklagebank hinüber. Wickhams Gesicht war so starr und bleich wie eine Totenmaske. Er öffnete den Mund, als wollte er etwas sagen, brachte jedoch kein Wort heraus. Er hielt sich an der Kante der Bank fest, schien kurz zu schwanken, und Darcy fühlte, wie sich seine eigenen Muskeln anspannten, während er zusah, wie Wickham die Fassung zurückgewann und sich mit sichtlicher Mühe und letzter Kraft aufrichtete. Den Blick auf den Richter geheftet, fand er seine Stimme wieder, die zuerst brüchig, dann jedoch laut und klar klang. »Ich bin an diesem Verbrechen unschuldig, My Lord. Ich schwöre bei Gott, ich habe es nicht getan.« Mit aufgerissenen Augen sah er sich verzweifelt im ganzen Gerichtssaal um wie auf der Suche nach einem freundlichen Gesicht, einer Stimme, die seine Unschuld bestätigen würden. Dann wiederholte er, diesmal in heftigerem Ton: »Ich bin nicht schuldig, My Lord, nicht schuldig!«

Darcy sah zu dem Platz hinüber, auf dem, schlicht gekleidet und schweigend zwischen all den Seidengewändern und schwirrenden Fächern, Mrs. Younge gesessen hatte. Sie war nicht mehr da, war wohl sofort nach der Urteilsverkündung gegangen. Er musste sie finden und in Erfahrung bringen, welche Rolle sie in der Tragödie um Dennys Tod gespielt hatte, warum sie den Prozess mitverfolgt und Wickham unablässig in die Augen gesehen hatte, als würde sie ihm Kraft und Mut senden.

Er riss sich von Alveston los und zwängte sich zur Tür durch, die gegen eine vor dem Saal versammelte Menschenmenge zugestemmt wurde. Die Leute hatten das stetig lauter werdende Geschrei gehört und waren offenbar entschlossen, sich Eintritt zu verschaffen. Und nun erhob sich das Geheul im Gerichtssaal von neuem, diesmal weniger mitleidsvoll, dafür umso zorniger. Darcy glaubte den Richter rufen zu hören, er werde die Unruhestifter von der Polizei oder von Soldaten abführen lassen, und dicht neben ihm rief einer: »Wo ist die schwarze Kappe? Warum, in Gottes Namen, holen sie das verdammte Ding nicht her und setzen es ihm endlich auf?« Als ein Triumphschrei ertönte und er sich umdrehte, sah er, wie ein auf den Schultern seines Kameraden stehender junger Mann ein quadratisches schwarzes Stück Stoff über der Menge schwenkte, und erkannte schaudernd, dass dies die schwarze Kappe war.

Mühsam verteidigte er seinen Platz an der Tür, und als die draußen Versammelten sie nach und nach aufdrückten, gelang es ihm, sich hindurchzuzwängen und sich einen Weg nach draußen zu bahnen. Auch auf der Straße herrschte Tumult, dieselbe Kakophonie stöhnender, rufender, brüllender Stimmen war zu hören, drückte jedoch eher Mitleid als Zorn aus. Die Menge hatte eine schwere Kutsche angehalten und versuchte den Fahrer vom Bock zu zerren, während der Mann schrie: »Ich kann nichts dafür – ihr habt doch selbst gesehen wie sich die Dame unter die Räder geworfen hat!«

Da lag sie, von den schweren Rädern zerquetscht wie ein streunendes Tier. Ihr Blut floss in einem roten Rinnsal, das unter den Hufen der Pferde eine Lache bildete. Die Tiere rochen es, wieherten und bäumten sich auf, und der Kutscher hatte alle Hände voll zu tun, um sie zu zügeln. Darcy warf nur einen kurzen Blick darauf; dann wandte er sich ab und übergab sich heftig in die Gosse. Der säuerliche Gestank schien die ganze Luft zu verpesten. Jemand rief: »Wo ist der Leichenwagen? Warum wird sie nicht fortgebracht? Man kann sie doch nicht so liegen lassen!«

Der in der Kutsche sitzende Fahrgast machte Anstalten, auszusteigen, schreckte jedoch vor der Menschenmenge zurück. Er zog das Fensterrollo herunter, hinter dem er offenbar auf die Wachtmeister wartete, die die Ordnung wiederherstellen sollten. Die Ansammlung wurde größer und größer. Auch verständnislos gaffende Kinder waren darunter und Frauen mit Säuglingen im Arm, die aus Angst vor dem Lärm zu schreien begannen. Darcy konnte nichts tun. Er musste in den Gerichtssaal zurückgehen, Alveston und den Colonel finden – vielleicht konnten sie ihn beruhigen. Doch er wusste bereits, dass sich diese Hoffnung nicht erfüllen würde.

Plötzlich sah er den Hut mit den violetten und grünen Bändern. Er musste ihr vom Kopf gefallen und ein Stück über den Gehsteig gerollt sein; jetzt war er vor seinen Füßen liegen geblieben. Darcy betrachtete ihn wie in Trance. Eine torkelnde Frau, die sich ihr brüllendes Kind unter den Arm geklemmt hatte und eine Ginflasche in der Hand hielt, schwankte heran, bückte sich und setzte sich den Hut schief auf den Kopf. »Die braucht ihn eh nicht mehr!«, sagte sie zu Darcy und ging.

11

Wegen der Konkurrenzattraktion in Gestalt einer Leiche waren einige der vor der Saaltür wartenden Männer auf die Straße gegangen, so dass sich Darcy nach vorn durchkämpfen konnte und mit den letzten sechs Leuten eingelassen wurde. »Ein Geständnis! Sie haben ein Geständnis gebracht!«, schrie einer mit Stentorstimme, und der ganze Gerichtssaal geriet in Aufruhr. Einen Moment lang sah es so aus, als würde Wickham von der Anklagebank gezerrt werden, doch sofort umringten ihn mehrere Gerichtsdiener. Nach ein paar Sekunden, in denen er benommen dastand, setzte er sich sich wieder und schlug die Hände vors Gesicht. Im Saal wurde es immer lauter. In diesem Moment erblickte Darcy Dr. McFee und Reverend Percival Oliphant, umgeben von Wachtmeistern. Erstaunt über die Anwesenheit der beiden Männer sah er zu, wie zwei schwere Stühle nach vorn geschleppt wurden und die Herren sich sichtlich erschöpft darauf niederließen. Er versuchte zu ihnen durchzukommen, doch die dichtgedrängte Menschenmenge war wie eine undurchdringliche wogende Masse.

Die Leute hatten ihre Sitzplätze verlassen und versuchten, an den Richter heranzutreten. Der hob seinen Hammer und setzte ihn mit solchem Nachdruck ein, dass er sich schließlich Gehör verschaffen konnte und der Lärm sich legte. »Wachtmeister, verschließen Sie die Tür! Wenn noch einmal Unruhe aufkommt, lasse ich den Saal räumen. Bei dem von mir gründlich geprüften Dokument handelt es sich angeblich um ein unterzeichnetes und von Ihnen, Dr. Andrew McFee und Reverend Percival Oliphant, beglaubigtes Geständnis. Sind dies Ihre Unterschriften, Gentlemen?«

»Jawohl, My Lord«, antworteten Dr. McFee und Mr. Oliphant gleichzeitig.

»Und trägt das von Ihnen ausgehändigte Dokument die Handschrift der Person, die es über Ihren Unterschriften signiert hat?«

Diesmal antwortete nur Dr. McFee. »Teilweise, My Lord. William Bidwell war am Ende seines Lebens angelangt und schrieb das Geständnis, auf Kissen gestützt, im Bett. Die Schrift ist zwar krakelig, aber hinlänglich gut lesbar. Der letzte Absatz wurde mir, wie an der andersartigen Handschrift erkennbar, von William Bidwell diktiert. Zu diesem Zeitpunkt konnte er zwar noch sprechen, außer seinem Namen aber nichts mehr schreiben.«

»Dann bitte ich jetzt den Herrn Verteidiger, das Dokument vorzulesen. Danach werde ich entscheiden, wie weiter zu verfahren ist. Wer den Vortrag unterbricht, wird des Saales verwiesen.«

Jeremiah Mickledore nahm das Blatt entgegen, rückte seine Brille zurecht, überflog den Text und begann ihn mit lauter, klarer Stimme vorzutragen. Im Gerichtssaal war es totenstill.Ich, William John Bidwell, lege aus freien Stücken dieses Geständnis ab. Es ist ein wahrheitsgemäßer Bericht über das, was sich in der Nacht des 14. Oktober letzten Jahres im Wald von Pemberley zutrug. Ich lag oben im vorderen Zimmer in meinem Bett. Außer mir und meinem Neffen George, der in seiner Wiege schlief, war niemand im Haus. Mein Vater arbeitete in Pemberley. Vom Hühnerstall her war lautes Gekreisch zu uns gedrungen, und meine Mutter und Louisa, meine Schwester, waren nachsehen gegangen, weil sie Angst hatten, ein Fuchs könnte herumschleichen. Meine Mutter erlaubte zwar nicht, dass ich das Bett verließ, weil ich so schwach war, aber ich wollte einen Blick hinauswerfen. Ich stützte mich auf mein Bett und gelangte so zum Fenster. Es wehte ein starker Wind, und der Mond schien, und eben, als ich hinaussah, trat ein Offizier in Uniform aus dem Wald. Er blieb stehen und betrachtete das Cottage. Ich verbarg mich hinter dem Vorhang, um alles zu beobachten, ohne gesehen zu werden.Meine Schwester Lousia hatte mir erzählt, dass ein im Vorjahr in Lambton stationierter Offizier der Miliz versucht hatte, ihre Tugend zu verletzen, und ich wusste instinktiv, dass es dieser Mann gewesen war und dass er zurückam, um sie mit sich zu nehmen. Warum sonst hätte er in einer solchen Nacht vor dem Cottage stehen sollen? Mein Vater war nicht da, er konnte Louisa nicht beschützen, und es hatte mich immer geschmerzt, dass ich als ein unheilbar Kranker nicht arbeiten konnte, während er sich so schinden musste, und dass ich zu schwach war, um meine Familie zu beschützen. Ich schlüpfte in meine Pantoffeln und quälte mich die Treppe hinunter. Dann nahm ich den Schürhaken, der vor dem Kamin lag, und trat vor die Tür.Der Offizier ging mit ausgestrecktem Arm auf mich zu, als wollte er seine friedliche Absicht bekunden, aber ich wusste es besser. Ich wankte auf ihn zu und wartete, bis er nahe genug war. Dann schwang ich den Schürhaken mit aller Kraft und traf den Mann mit dem Griff an der Stirn. Obwohl es kein heftiger Schlag war, platzte die Haut, und die Wunde begann zu bluten. Er versuchte, sich die Augen trocken zu wischen, aber er sah nichts mehr. Als er auf den Wald zutorkelte, erfüllte mich ein unglaubliches Triumphgefühl, das mir Kraft verlieh. Er war schon nicht mehr zu sehen, da hörte ich ein lautes Geräusch; es klang wie ein fallender Baum. Ich folgte dem Mann in den Wald, indem ich mich an den Baumstämmen abstützte, und sah im Mondlicht, dass er über die Einfassung des Hundegrabs gestolpert und so hintüber gefallen war, dass sein Kopf gegen den Grabstein stieß. Weil er ein recht schwerer Mann war, hatte sein Sturz viel Lärm verursacht, aber dass es ein tödlicher Sturz war, wusste ich nicht. Stolzerfüllt, weil ich meine geliebte Schwester gerettet hatte, sah ich zu, wie er sich neben dem Grabstein aufraffte und auf allen vieren davonkroch. Er versuchte zu fliehen, dabei war ich viel zu schwach, um ihn verfolgen zu können. Innerlich jubelte ich, denn er würde nie wiederkommen.Wie ich ins Cottage zurückgelangte, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich nur noch, dass ich den Griff des Schürhakens mit meinem Taschentuch abwischte und es ins Feuer warf. Und dann, dass mir meine Mutter half, die Treppe hinaufzugehen und mich wieder ins Bett zu legen, und dass sie mit mir schimpfte, weil ich so dumm gewesen war, aufzustehen. Von meiner Begegnung mit dem Offizier erzählte ich nichts. Am nächsten Morgen erfuhr ich, dass Colonel Fitzwilliam nachts ins Cottage gekommen war und meiner Mutter von den beiden vermissten Gentlemen erzählte, aber das hatte ich nicht bemerkt.Selbst nach der Ankündigung, dass man Mr. Wickham vor Gericht stellen wird, verschwieg ich, was geschehen war, und auch die Monate über, in denen er in London einsaß, behielt ich alles für mich. Aber ich wusste, dass ich dieses Geständnis würde ablegen müssen, damit die Wahrheit ans Licht kam, falls man ihn schuldig sprechen sollte. Ich beschloss, mich Reverend Oliphant anzuvertrauen, der mir sagte, dass Mr. Wickhams Prozess in wenigen Tagen stattfinden würde und ich das Geständnis sofort niederschreiben müsste, damit es noch vor dem Beginn der Verhandlung im Gericht eintreffen würde. Mr. Oliphant bat sofort Dr. McFee dazu, und heute Abend habe ich den beiden Gentlemen alles gestanden und Dr. McFee gefragt, wie lange ich noch zu leben habe. Er wüsste es nicht genau, sagte er, aber länger als eine Woche wird es jetzt wohl nicht mehr dauern. Auch er hat mich gedrängt, das Geständnis abzulegen und zu unterschreiben, was ich hiermit tue. Was ich geschrieben habe, ist die reine Wahrheit, gesprochen in der Gewissheit, dass ich mich bald vor dem Thron Gottes für alle meine Sünden werde verantworten müssen, und in der Hoffnung, Seiner Gnade teilhaftig zu werden.

»Um dieses Geständnis zu schreiben«, sagte Dr. McFee, »benötigte er über zwei Stunden, und es gelang ihm nur mit Hilfe eines von mir verabreichten Tranks. Er wusste, dass sein Tod kurz bevorstand, und Reverend Oliphant und ich waren überzeugt, dass er die reine Wahrheit schrieb.«

Einige Sekunden lang herrschte Schweigen. Dann schallten wieder Rufe durch den Gerichtssaal, die Leute sprangen auf, brüllten und stampften, und einige Männer stimmten einen Sprechgesang an, den die Menge aufgriff, bis alle gemeinsam »Lasst ihn gehen! Lasst ihn gehen! Lasst ihn frei!« schrien. Rings um die Anklagebank standen jetzt so viele Wachtmeister und Gerichtsdiener, dass man Wickham kaum noch sah.

Wieder rief die Stentorstimme alle zur Ordnung. Dann wandte sich der Richter an Dr. McFee: »Können Sie mir sagen, warum Sie dem Gericht dieses wichtige Dokument erst im letzten Moment vorgelegt haben, unmittelbar vor der Urteilsverkündung? Dass es auf so unnötig dramatische Weise eintraf, beleidigt mich und das ganze Gericht – ich fordere eine Erklärung!«

»Es tut uns aufrichtig leid, My Lord«, erwiderte Dr. McFee. »Das Schreiben wurde vor drei Tagen verfasst, als Reverend Oliphant und ich das Geständnis spätnachts zu hören bekamen. Am nächsten Morgen machten wir uns in aller Frühe mit meiner Kutsche auf den Weg nach London und legten nur kurze Pausen ein, um etwas zu essen und die Pferde zu tränken. Reverend Oliphant, der nunmehr über sechzig Jahre zählt, ist, wie Sie sehen, vollkommen erschöpft.«

Mürrisch entgegnete der Richter: »In viel zu vielen Verhandlungen trifft wichtiges Beweismaterial zu spät ein. Es scheint jedoch nicht an Ihnen gelegen zu haben, und ich nehme Ihre Entschuldigung an. Ich werde jetzt mit meinen Beratern besprechen, was als Nächstes zu tun ist. Der Angeklagte wird fürs Erste in das Gefängnis zurückgebracht, in dem er inhaftiert war. Der Innenminister, der Justizminister, der Lord Oberrichter und weitere hohe Justizbeamte werden über eine königliche Begnadigung beratschlagen, die von der Krone erteilt werden könnte. Als erkennender Richter habe auch ich eine Stimme bei der Entscheidung. In Anbetracht dieses Dokuments werde ich kein Strafmaß verkünden, doch das Urteil der Geschworenen bleibt bestehen. Seien Sie versichert, Gentlemen, dass englische Gerichte keinen Menschen zum Tode verurteilen, dessen Unschuld erwiesen ist.«

Unter leisem Gemurmel begann sich der Saal zu leeren. Wickham stand da und umklammerte mit weißen Knöcheln die Kante der Anklagebank, stumm und bleich, fast in Trance. Einer der Wachtmeister löste nacheinander alle seine Finger wie bei einem Kind. Schweigend teilte sich die Menge und machte zwischen der Anklagebank und einer Seitentür den Weg frei, auf dem sich Wickham, ohne einen Blick zurückzuwerfen, zu seiner Zelle führen ließ.

Sechstes Buch

Gracechurch Street

1

Es war vereinbart worden, dass Alveston mit Mr. Mickledore im Gerichtssaal blieb, falls man ihn bei den Formalitäten der Begnadigung brauchen sollte, und so legte Darcy, der sich nach Elizabeth sehnte, den Weg in die Gracechurch Street ganz allein zurück. Erst um vier Uhr nachmittags tauchte Alveston auf und erklärte, alle für eine königliche Begnadigung notwendigen Maßnahmen würden am frühen Abend des übernächsten Tages erfolgt sein; dann werde er Wickham im Gefängnis abholen und in die Gracechurch Street bringen. Man hoffte, dies mit möglichst geringem öffentlichem Aufsehen bewerkstelligen zu können. Am Hintereingang des Gefängnisses Coldbath Fields sollte eine privat gemietete Kutsche bereitstehen, eine weitere zur Täuschung vor dem Hauptausgang. Dass Darcy und Elizabeth nicht, wie von allen erwartet, in einem eleganten Hotel, sondern bei den Gardiners wohnten und man dies hatte geheim halten können, erwies sich als vorteilhaft; wenn der Öffentlichkeit auch der genaue Zeitpunkt von Wickhams Entlassung verborgen blieb, war es durchaus möglich, seine Ankunft in der Gracechurch Street zu vertuschen. Wickham war zwar zunächst nach Coldbath Fields zurückgebracht worden, doch Reverend Cornbinder, der Gefängnispfarrer, hatte Vorkehrungen getroffen, damit er am Vorabend seiner Entlassung bei ihm und seiner Frau nächtigen konnte. Zu ihnen wollte Wickham auch wieder, nachdem er Darcy und dem Colonel seine Geschichte erzählt hatte; die von Mr. und Mrs. Gardiner ausgesprochene Einladung, in der Gracechurch Street zu bleiben, nahm er nicht an. Die Gardiners hatten sich zwar zu dieser Einladung verpflichtet gefühlt, doch dass Wickham sie ablehnte, stieß allgemein auf Erleichterung.

»Es erscheint zwar wie ein Wunder, dass Wickhams Leben gerettet wurde«, meinte Darcy, »aber das Urteil war tatsächlich verkehrt und gegen alle Vernunft – man hätte ihn niemals schuldig sprechen dürfen.«

»Dieser Ansicht bin ich nicht«, wandte Alveston ein. »Er hat das, was die Geschworenen als ein Geständnis aufgefasst haben, zweimal wiederholt, und sie glaubten es. Darüber hinaus ist vieles rätselhaft geblieben. War Captain Denny in einer solchen Nacht wirklich nur deshalb ausgestiegen und in den dichten, ihm unvertrauten Wald gelaufen, um sich nicht der Peinlichkeit aussetzen zu müssen, bei Mrs. Wickhams Ankunft in Pemberley anwesend zu sein? Immerhin ist sie Mrs. Darcys Schwester. Sehr viel wahrscheinlicher war es doch, dass sich Wickham in London auf irgendwelche ungesetzlichen Unternehmungen eingelassen hatte und Denny, der ihm seine weitere Komplizenschaft verweigerte, zum Schweigen bringen musste, ehe sie Derbyshire verließen!

Es könnte allerdings noch etwas zu dem Urteil beigetragen haben – ich erfuhr es erst, als ich mich noch im Gericht mit einem der Geschworenen unterhielt. Der Sprecher der Jury hat eine verwitwete Nichte, die er sehr liebt. Ihr Ehemann nahm am irischen Aufstand teil und kam dabei zu Tode. Seitdem ist dieser Geschworene von einem unversöhnlichen Hass auf die Armee erfüllt. Wäre das bekannt geworden, hätte Wickham den betreffenden Geschworenen anfechten können. Der trug aber nicht denselben Namen, und die Sache wäre wohl nie herausgekommen. Wickham hatte vor der Verhandlung erklärt, dass er weder die Auswahl der Geschworenen in Frage stellen wolle, was sein gutes Recht gewesen wäre, noch darauf bestehe, drei Zeugen aufzubieten, die über seinen Charakter aussagen sollten. Er war wohl von Beginn an zuversichtlich, allerdings auch fatalistisch. Er war ein dekorierter Soldat, verwundet im Dienst für das Vaterland und bereit, sich von seinen Landsleuten richten zu lassen. Wenn sein Eid nicht ausreichte, wo sollte er sich dann noch Gerechtigkeit erhoffen?«

»Eines stimmt mich dennoch bedenklich«, sagte Darcy, »und ich würde gern Ihre Meinung dazu hören, Alveston. Glauben Sie wirklich, dass ein todkranker Mann den ersten Hieb ausgeführt haben kann?«

»Ja, das glaube ich. Ich hatte es im Laufe meines Berufslebens bereits mit mehreren schwerkranken Menschen zu tun, die eine erstaunliche Kraft aufbrachten, wenn es erforderlich war. Bidwell schlug zwar nur leicht zu und kam danach auch nicht mehr weit – dass er jedoch ohne Hilfe in sein Bett zurückfand, halte ich für ausgeschlossen. Ich nehme an, er hatte die Tür offen gelassen und seine Mutter ging ihn daraufhin suchen. Nachdem sie ihn gefunden hatte, wird sie ihn ins Haus und zu Bett gebracht haben. Wahrscheinlich hat nicht er, sondern sie den Griff des Schürhakens abgewischt und das Taschentuch verbrannt. Doch auch Sie sind sicherlich der Meinung, dass es der Gerechtigkeit nicht dienlich wäre, diese Vermutungen öffentlich zu machen. Es gibt keine Beweise, und es wird sie nie geben. Wir sollten uns lieber über die königliche Begnadigung und darüber freuen, dass Wickham, der die Tortur bemerkenswert tapfer durchgestanden hat, nun ein hoffentlich erfolgreicheres Leben beginnen kann.«

Fast wortlos nahmen sie ein frühes Abendessen ein. Darcy hatte erwartet, dass die Erleichterung über Wickhams abgewendete Hinrichtung alle anderen Ängste weniger bedeutend erscheinen lassen würde; stattdessen begannen ihn jetzt, da die größte Sorge beseitigt war, kleinere Sorgen zu beschäftigen. Was würden sie von Wickham zu hören bekommen, wenn er bei ihnen eintraf? Wie sollten er, Darcy, und Elizabeth der grauenhaften Neugier der Leute entkommen, während sie bei den Gardiners wohnten, und welche Rolle hatte – wenn überhaupt – der Colonel in der ganzen mysteriösen Angelegenheit gespielt? Darcy konnte es kaum erwarten, nach Pemberley zurückzukehren. Ihn quälte eine von ihm selbst als unsinnig erkannte Ahnung, es könnte dort nicht alles zum Besten stehen. Auch Elizabeth hatte seit Monaten kaum mehr richtig geschlafen, und dieses Gefühl drohenden Unheils, das sie ebenfalls empfand, lastete er zu einem großen Teil der erdrückenden geistigen und körperlichen Müdigkeit an, unter der sie beide litten. Auch die übrigen Anwesenden schien das schlechte Gewissen zu plagen, weil sie Wickhams allem Anschein nach geradezu wunderbare Errettung nicht angemessen zu feiern vermochten. Mr. und Mrs. Gardiner waren rührend bemüht, doch das köstliche Essen blieb nahezu unangetastet, und schon bald nachdem der letzte Gang serviert war, gingen die Gäste zu Bett.

Beim Frühstück herrschte wesentlich bessere Stimmung. In der ersten Nacht ohne grässliche Traumbilder hatten alle Ruhe und tiefen Schlaf gefunden und schienen dem, was der Tag bringen würde, besser gewachsen zu sein. Der Colonel war in London geblieben und tauchte am Vormittag in der Gracechurch Street auf. Nachdem er Mr. und Mrs. Gardiner begrüßt hatte, sagte er: »Ich habe einiges über meinen Part in der ganzen Sache zu erzählen, Darcy – Dinge, die ich nunmehr bedenkenlos offenbaren kann. Du hast das Recht, es zu hören, ehe Wickham eintrifft. Ich würde es gern unter vier Augen berichten, aber du kannst es, wenn du willst, gern Mrs. Darcy erzählen.«

Er erklärte Mrs. Gardiner, warum er gekommen war. Sie bot den beiden Männern ihr Wohnzimmer an, den komfortabelsten und ruhigsten Raum im Haus, den sie in kluger Vorausschau für die Zusammenkunft hatte herrichten lassen, die am nächsten Tag nach dem Eintreffen von Alveston und Wickham erfolgen sollte und sicherlich für alle Beteiligten schwierig sein würde.

Darcy und Fitzwilliam setzten sich. Der Colonel beugte sich auf seinem Stuhl vor. »Es ist mir wichtig, als Erster zu reden, damit du meine Geschichte auf dem Hintergrund von Wickhams Geschichte beurteilen kannst. Wir haben beide keinen Grund, stolz auf uns zu sein, aber ich tat die ganze Zeit hindurch mein Bestes und gestehe ihm zu, dass er es genauso gehalten hat. Ich will mein Verhalten in dieser Angelegenheit nicht rechtfertigen, sondern nur erklären, und versuche, mich kurzzufassen.

Ende November 1802 erhielt ich in meinem Londoner Haus, in dem ich mich damals gerade aufhielt, einen Brief von Wickham. Er teilte in knappen Worten mit, dass er in Schwierigkeiten sei und für eine Unterredung mit mir dankbar wäre, von der er sich Rat und Hilfe verspreche. Ich hatte keinerlei Verlangen danach, in die Sache verwickelt zu werden, war ihm jedoch in einem Maße verpflichtet, das eine Missachtung seines Wunsches nicht zuließ. Er hatte während des irischen Aufstands einem schwer verwundeten jungen Captain, der meinem Kommando unterstand und mein Patensohn war, das Leben gerettet. Rupert starb wenig später an seinen Verwundungen, doch aufgrund seiner Bergung konnten wir, seine Mutter und ich, Abschied von ihm nehmen und ihm einen ruhigen Tod bereiten. Als Mann von Ehre konnte ich eine solche Tat niemals vergessen, und so stimmte ich einem Gespräch mit Wickham zu.

Die Geschichte ist nicht neu, und sie ist schnell erzählt. Wie du weißt, wurde seine Frau, nicht aber er selbst, regelmäßig in Highmarten empfangen. Bei diesen Gelegenheiten quartierte er sich in einem möglichst preiswerten Gasthof oder einer anderen Herberge am Ort ein und versuchte sich so gut es ging zu beschäftigen, bis Mrs. Wickham gewillt war, Highmarten wieder zu verlassen. Sie führten damals ein nicht eben erfolgreiches Nomadenleben. Wickham wechselte nach seinem Ausscheiden aus der Armee – einer in meinen Augen äußerst unklugen Entscheidung – von einer Arbeitsstelle zur nächsten und blieb nirgendwo lange. Seine letzte Anstellung hatte er bei einem Baronet namens Sir Walter Elliot gefunden. Warum auch sie nicht von Dauer gewesen war, wollte er nicht sagen, ließ jedoch durchblicken, dass sich der Baronet für Miss Elliots Geschmack ein wenig zu empfänglich für den Charme von Mrs. Wickham gezeigt hatte, während Wickham selbst nicht davor zurückgeschreckt war, der Dame Avancen zu machen. Ich erzähle das nur, damit du weißt, was für ein Leben sie damals führten. Wickham war also auf der Suche nach einer neuen Anstellung; Mrs. Wickham hatte in der Zwischenzeit ein behagliches, wenn auch zeitlich begrenztes Unterkommen bei Mrs. Bingley in Highmarten gefunden und ihren Mann sich selbst überlassen.

Du erinnerst dich vielleicht, dass der Sommer 1802 außergewöhnlich heiß und schön war. Wickham schlief damals, um Geld zu sparen, oft im Freien, was ihm als ehemaligem Soldaten nicht schwerfiel. Den Wald von Pemberley hatte er immer schon geliebt, und so legte er von seinem bei Lambton gelegenen Gasthaus aus viele Meilen zu Fuß zurück, um tagsüber und in so mancher Nacht dort unter den Bäumen zu schlafen. Und eines Tages begegnete er Louisa Bidwell. Auch ihr war langweilig, und auch sie war einsam. Sie hatte aufgehört, in Pemberley zu arbeiten, um ihrer Mutter bei der Pflege ihres kranken Bruders helfen zu können, und ihr vielbeschäftigter Verlobter besuchte sie nur selten. Die beiden stießen zufällig im Wald aufeinander. Wickham hatte noch keiner hübschen Frau je widerstehen können, und aufgrund seines Charakters und ihrer Wehrlosigkeit kam es, wie es kommen musste. Sie trafen sich oft, und als sie sich schwanger glaubte, erzählte sie ihm sofort davon. Zunächst zeigte sich Wickham ihr gegenüber großzügiger und mitfühlender, als man erwartet hätte, wenn man ihn kannte. Er mochte sie offenbar wirklich gern, war vielleicht sogar ein wenig in sie verliebt. Jedenfalls heckten sie gemeinsam einen Plan aus. Sie sollte ihrer in Birmingham verheirateten Schwester schreiben, zu ihr ziehen, sobald die Gefahr bestand, dass man ihren Zustand erkannte, dort ihr Kind auf die Welt bringen und es als das ihrer Schwester ausgeben. Wickham hoffte, Mr. und Mrs. Simpkins würden die Verantwortung übernehmen und das Kind großziehen, als wäre es ihr eigenes, sah jedoch ein, dass sie dazu Geld benötigten. Deshalb war er auf mich zugekommen, und ich wüsste nicht, wo er sich sonst hätte Hilfe suchen können.

Ich war mir zwar über seinen Charakter immer im Klaren gewesen, empfand jedoch nie so viel Bitterkeit wie du, Darcy, und zeigte mich bereit, ihn zu unterstützen. Ein noch stärkeres Motiv war mein Wunsch, Pemberley vor jedem Anflug eines Skandals zu schützen. Denn aufgrund seiner Heirat mit Miss Lydia Bennet wäre dieses, wenn auch uneheliche Kind ein Neffe oder eine Nichte von euch und den Bingleys gewesen. Wir vereinbarten, dass ich ihm ein zinsloses Darlehen in Höhe von dreißig Pfund gewähren würde, das er in Raten zurückzahlen sollte, sobald er dazu in der Lage wäre. Ich machte mir keine Illusionen, dass ich das Geld je wiedersehen würde, doch die Summe war verschmerzbar, und ich hätte mehr als dreißig Pfund bezahlt, um zu verhindern, dass ein illegitimes Kind von George Wickham in Pemberley lebte und im Wald von Pemberley spielte.«

»Wenn man bedenkt, wie gut du den Mann kanntest, grenzt deine Generosität an Verschrobenheit, wenn nicht an Dummheit, und ich muss dir ein sehr viel privateres Interesse dafür unterstellen als nur den Wunsch, den Wald von Pemberley von einer derartigen Verpestung zu verschonen.«

»Selbst wenn – es hätte mir nicht zur Schande gereicht. Allerdings gebe ich zu, dass ich damals Wünsche, ja Erwartungen hatte, die nicht unangemessen waren, die sich aber, wie ich inzwischen weiß, niemals erfüllen werden. Doch auch du hättest mit den damals von mir gehegten Hoffnungen und mit dem Wissen, über das ich verfügte, einen Plan ersonnen, um dich und dein Haus vor Schmach und Schande zu bewahren.«

Ohne eine Erwiderung abzuwarten, fuhr der Colonel fort. »Der Plan war recht einfach. Louisa sollte unter dem Vorwand, ihre Eltern und ihr Bruder würden das Kind so gern sehen, nach der Entbindung mit dem Säugling ins Cottage zurückkehren, denn Wickham wollte natürlich überprüfen, ob das Kind wirklich lebte und gesund war. Das Geld sollte am Vormittag vor Lady Annes Ball übergeben werden, weil Wickham und Louisa dann sicher sein konnten, dass alle in Pemberley Beschäftigten abgelenkt sein würden. Auf dem Waldweg sollte eine Kutsche warten. Dort sollte Louisa ihrer Schwester und ihrem Schwager das Kind zurückgeben. Im Cottage würden sich zu diesem Zeitpunkt nur Mrs. Bidwell und Will aufhalten, und nur sie waren in den Plan eingeweiht. So etwas kann kein Mädchen vor ihrer Mutter geheim halten, und auch vor Louisas Bruder, dem sie so nahestand und der das Cottage nie verließ, konnte es nicht verborgen werden. Alle drei waren sich einig, dass Bidwell es nie erfahren sollte. Louisa hatte ihrer Mutter und Will erzählt, der Vater des Kindes sei ein Milizoffizier, der Lambton im Sommer des Vorjahrs verlassen habe. Mrs. Bidwell hatte keine Ahnung, dass es sich bei dem wahren Liebhaber um Wickham handelte.«

Der Colonel ergriff ein mit Wein gefülltes Glas und trank in langsamen Zügen. Eine Zeitlang schwiegen beide Männer. Dann fuhr Fitzwilliam fort zu sprechen.

»Soweit Wickham und ich wussten, war alles gut vorbereitet. Tante und Onkel würden das Kind aufnehmen und lieben und seine wirkliche Abstammung nie erfahren, während Louisa die bereits zuvor geplante passende Ehe eingehen würde. Von da an konnte man die Sache auf sich beruhen lassen.

Wickham handelt nicht gern allein, wenn er einen Verbündeten oder Freund auftreiben kann. Dieser Hang zur Unvorsichtigkeit erklärt wohl, weshalb er die Torheit beging, Miss Lydia Bennet mitzunehmen, als er vor seinen Gläubigern aus Brighton floh. Nun vertraute er sich seinem Freund Denny und in noch größerem Maße Mrs. Younge an, die offenbar von früh an eine beherrschende Figur in seinem Leben gewesen war. Ich denke, dass er und Mrs. Wickham während seiner Erwerbslosigkeit durch regelmäßige Zuwendungen von ihr unterstützt wurden. Er bat Mrs. Younge, sich hin und wieder heimlich im Wald einzufinden, damit sie ihm von der Entwicklung des Kindes berichten könne, was Mrs. Younge auch tat. Sie gab vor, die Gegend erkunden zu wollen, und erschien zu verabredeten Treffen mit Louisa, die das Kind dazu in den Wald brachte. Dann nahm die Sache jedoch insofern einen unglücklichen Verlauf, als Mrs. Younge den Knaben sehr schnell liebgewann und beschloss, ihn selbst zu adoptieren. Dabei kam ihr eine scheinbare Katastrophe zu Hilfe, als nämlich Michael Simpkins schrieb, er sei nicht bereit, das Kind eines anderen Mannes großzuziehen. Die Beziehung zwischen den Schwestern war wohl nicht allzu gut gewesen, als Louisa im Wochenbett lag, und Mrs. Simpkins hatte bereits drei Kinder, bei denen es wohl nicht bleiben würde. Ihr Mann und sie erklärten sich dazu bereit, das Kind weitere drei Wochen zu behalten, damit Louisa eine Unterbringung suchen könne, doch keinen Tag länger. Louisa teilte dies Wickham mit, und der erzählte es Mrs. Younge. Louisa war natürlich verzweifelt. Sie musste ihr Kind unterbringen, und in Mrs. Younges wenig später vorgebrachtem Angebot sahen alle die Lösung ihrer Probleme.

Wickham hatte Mrs. Younge von meinem Interesse an der Sache und von den dreißig Pfund unterrichtet, die ich ihm versprochen und auch tatsächlich geliehen hatte. Sie wusste, dass ich anlässlich von Lady Annes Ball nach Pemberley kommen würde, da ich das immer zu tun pflegte, sofern ich Urlaub von der Armee hatte; außerdem wusste Wickham immer darüber Bescheid, was sich gerade in Pemberley zutrug – meist durch die Berichte seiner Frau, die häufig in Highmarten weilte. Mrs. Younge schrieb mir an meine Londoner Adresse und erklärte, sie sei daran interessiert, das Kind zu adoptieren. Zwei Tage lang werde sie im King’s Arms anzutreffen sein, wo sie mit mir darüber zu sprechen wünsche, wie dies zu bewerkstelligen sei, da ich, soweit sie wisse, zum Kreis der Interessenten gehöre. Wir vereinbarten eine Zusammenkunft um neun Uhr des Abends vor Lady Annes Ball, wenn, wie sie vermutete, alle viel zu beschäftigt sein würden, um meine Abwesenheit zu bemerken. Es erschien dir sicherlich merkwürdig und unhöflich, Darcy, als ich mit der Begründung, ich wolle noch ausreiten, das Musikzimmer verließ. Doch ich musste die Verabredung einhalten, obwohl ich so gut wie keine Zweifel bezüglich der Absichten dieser Dame hatte. Du wirst dich erinnern, dass sie bei unserer ersten Begegnung sehr attraktiv und elegant war, und ich empfand sie noch immer als eine schöne Frau, auch wenn ich sie nach acht Jahren wohl nicht mehr sicher erkannt hätte.

Sie argumentierte sehr überzeugend. Du darfst nicht vergessen, dass ich sie nur einmal zuvor gesehen hatte, als sie sich als zukünftige Gesellschaftsdame von Miss Georgiana bei uns bewarb, und du weißt gewiss noch, wie beeindruckend und glaubwürdig sie sein konnte. Sie lebte offenbar in guten finanziellen Verhältnissen, war mit ihrer eigenen Kutsche, einem Kutscher und einem Dienstmädchen in den Gasthof gekommen. Sie legte mir Erklärungen ihrer Bank vor, in denen bestätigt wurde, dass sie durchaus über die Mittel verfüge, ein Kind zu ernähren, setzte jedoch fast lächelnd hinzu, da sie ein vorsichtiger Mensch sei, erwarte sie, dass ich die Summe von dreißig Pfund verdopple; danach werde sie keine Zahlungen mehr fordern. Sobald sie den Knaben adoptiert habe, werde er für immer aus Pemberley verschwinden.«

»Du hast dich in die Hände einer Frau begeben, die du als verderbt kanntest und die aller Wahrscheinlichkeit nach eine Erpresserin war. Niemals hätte sie allein von der Miete ihrer Zimmergäste in solchem Überfluss leben können! Du wusstest von unseren früheren Begegnungen mit ihr, was für eine Frau sie war.«

»Das waren deine Begegnungen mit ihr, Darcy, nicht meine. Ich gebe zu, dass wir damals gemeinsam beschlossen, ihr Miss Darcy anzuvertrauen, doch Mrs. Younge und ich hatten uns nur bei dieser einen Gelegenheit gesehen. Du magst später noch mit ihr zu tun gehabt haben, aber davon weiß ich nichts und will ich auch nichts wissen. Nachdem ich sie angehört und die vorgelegten Dokumente studiert hatte, war ich überzeugt, dass diese für Louisas Kind gefundene Lösung vernünftig und richtig war. Mrs. Younge hatte den Knaben offensichtlich lieb und zeigte sich bereit, die Verantwortung für seinen künftigen Unterhalt und seine Erziehung zu übernehmen. Vor allem aber sollte das Kind aus Pemberley entfernt werden und nie mehr Kontakt dorthin haben. Das war der wichigste Gesichtspunkt für mich und wäre es sicherlich auch für dich gewesen. Niemals hätte ich den Wünschen zuwidergehandelt, die die Mutter für ihr Kind hegte, und habe es auch nicht getan.«

»Hätte sich Louisa wirklich für ihr Kind gefreut, wenn es einer Erpresserin und ausgehaltenen Frau überlassen worden wäre? Warst du wirklich der Ansicht, Mrs. Younge würde sich nicht immer wieder bei dir melden, um mehr Geld zu fordern?«

Der Colonel lächelte. »Gelegentlich erstaunt es mich, wie naiv du bist, Darcy, wie wenig du über die Welt außerhalb deines geliebten Pemberley weißt. Die menschliche Natur ist nicht nur schwarz und weiß, wie du wohl annimmst. Selbstverständlich war Mrs. Younge eine Erpesserin, allerdings eine sehr erfolgreiche, die das Erpressen als ein solides Geschäft betrachtete, solange es diskret und mit Verstand betrieben wurde. Nur der erfolglose Erpresser endet im Gefängnis oder auf dem Schafott. Sie forderte, was ihre Opfer zu leisten imstande waren, ohne auch nur einen von ihnen zu ruinieren oder in Verzweiflung zu stürzen, und sie hielt stets ihr Wort. Du hast zweifellos für ihr Schweigen gezahlt, als sie den Dienst bei dir aufgeben musste. Und – hat sie jemals über die Zeit gesprochen, in der sie für Miss Darcy verantwortlich war? Und als du sie nach Wickhams und Lydias Flucht überreden konntest, dir die Adresse zu geben, hast du diese Information gewiss teuer bezahlt. Hat sie sich jemals darüber geäußert? Ich will sie nicht verteidigen, ich weiß, was sie war, aber mit ihr ließ sich besser verhandeln als mit den meisten rechtschaffenen Leuten.«

»Ich bin nicht so naiv, wie du glaubst, Fitzwilliam. Ich weiß schon lange, wie sie vorgeht. Was geschah nun mit dem Brief, den Mrs. Younge an dich geschrieben hatte? Ich wüsste zu gern, mit welchen Versprechungen sie dich dazu gebracht hat, nicht nur ihr Adoptionsvorhaben zu unterstützen, sondern noch mehr Geld hinzulegen. Du selbst kannst unmöglich geglaubt haben, dass Wickham dir die dreißig Pfund zurückzahlen würde.«

»Den Brief verbrannte ich in jener Nacht in der Bibliothek. Ich wartete, bis du eingeschlafen warst, und warf ihn ins Feuer. Er hatte keinen Nutzen mehr für mich. Auch wenn Mrs. Younges Motive fragwürdig waren, und selbst wenn sie ihr Versprechen irgendwann gebrochen hätte – wie hätte ich jemals gerichtlich gegen sie vorgehen sollen? Ich war schon immer der Ansicht, dass man Briefe, deren Inhalt nicht an die Öffentlichkeit gelangen soll, vernichten muss – alles andere ist viel zu unsicher. Wickham das Geld abzunehmen, überließ ich getrost Mrs. Younge. Ich war mir sicher, dass es ihr gelingen würde; sie verfügte über Erfahrungen und Anreize, die ich nicht hatte.«

»Als du damals vorschlugst, dass wir in der Bibliothek übernachten, und am nächsten Morgen so früh aufgestanden bist, um nach Wickham zu sehen – gehörte das auch zu deinem Plan?«

»Hätte ich ihn wach und nüchtern angetroffen und die Gelegenheit dazu gehabt, so hätte ich ihm eingeschärft, dass er die Umstände, unter denen er die dreißig Pfund erhalten hatte, absolut geheim halten müsse, und zwar auch vor Gericht, es sei denn, ich selbst würde die Wahrheit enthüllen, sobald er in der Lage sei, meine Erklärung zu bestätigen. Von der Polizei oder vor Gericht befragt, hätte ich als Grund für die Gewährung des Darlehens angegeben, dass ich es Wickham ermöglichen wollte, eine Ehrenschuld zu begleichen, was ja der Wahrheit entsprach, und dass ich ihm mein Wort darauf gegeben hätte, die Umstände dieser Schuld niemals zu enthüllen.«

»Ich glaube nicht, dass irgendein Gericht der Welt Colonel the Lord Hartlep zwingen würde, sein Wort zu brechen. Aber sie hätten möglicherweise ermitteln wollen, ob das Geld für Denny bestimmt war.«

»Das hätte ich verneinen können. Es war der Verteidigung wichtig, das vor Gericht festzustellen.«

»Ich habe mich oft gefragt, warum du, bevor wir uns auf die Suche nach Denny und Wickham machten, zu Bidwell gelaufen bist und ihm ausgeredet hast, mit uns zu kommen und zum Waldcottage zu fahren. Du hast eingegriffen, noch ehe Mrs. Darcy Gelegenheit hatte, Stoughton und Mrs. Reynolds Anweisungen zu erteilen. Mir fiel auf, dass du damals in übertriebener, ja geradezu anmaßender Weise hilfsbereit warst. Jetzt verstehe ich natürlich, warum Bidwell in jener Nacht vom Waldcottage ferngehalten werden musste und warum du hingegangen bist und Louisa gewarnt hast.«

»Ja, es war anmaßend, und ich bitte, wenn auch verspätet, um Entschuldigung dafür. Die beiden Frauen mussten unbedingt erfahren, dass der Plan, das Kind am nächsten Morgen abzuholen, scheitern könnte. Ich hatte die Täuschungsmanöver so satt und fand es an der Zeit, die Wahrheit zu sagen. Ich erzählte ihnen, dass sich Wickham und Captain Denny im Wald verirrt hätten und Wickham, der Vater von Louisas Kind, mit Mrs. Darcys Schwester verheiratet sei.«

»Louisa und ihre Mutter müssen daraufhin völlig verzweifelt gewesen sein«, sagte Darcy. »Kaum vorstellbar, wie entsetzt sie wohl waren, als sie erfuhren, dass der Knabe, den sie aufzogen, Wickhams illegitimes Kind war und dass sich Wickham und ein Freund von ihm im Wald verlaufen hatten. Sie hatten ja die Pistolenschüsse gehört und befürchteten sicherlich das Schlimmste.«

»Ich konnte sie nicht beruhigen – dazu blieb keine Zeit«, erklärte der Colonel. »Mrs. Bidwell stieß nur hervor: ›Das ist Bidwells Tod – Wickhams Sohn hier im Cottage! Welche Schmach für Pemberley, welch entsetzlicher Schlag für den Herrn und für Mrs. Darcy, welche Schande für Louisa, für uns alle!‹ Interessant, dass sie diese Reihenfolge wählte. Ich machte mir Sorgen um Louisa. Sie fiel beinahe in Ohnmacht, taumelte zu einem Stuhl vor dem Kamin und saß dann heftig zitternd da. Sie war zutiefst erschüttert, aber ich konnte nichts tun. Ich war bereits länger fortgeblieben, als ihr, Alveston und du, erwartet hattet.«

»Vor Bidwell hatten schon sein Vater und sein Großvater im Cottage gewohnt und unserer Familie gedient«, sagte Darcy. »Die Verzweiflung dieser Menschen beruhte auf Loyalität. Und wenn das Kind in Pemberley geblieben oder auch nur regelmäßig zu Besuch dorthin gekommen wäre, hätte dies Wickham auf eine mir widerwärtige Weise Zugang zu meiner Familie und meinem Haus verschafft. Den erwachsenen Wickham hatte weder Bidwell noch seine Frau je gesehen, doch die Tatsache, dass er von uns nicht empfangen wird, obwohl er mein Schwager ist, muss ihnen bewusst gemacht haben, wie tief und unwiderruflich der Bruch zwischen uns war.«

»Und dann fanden wir Dennys Leiche«, fuhr der Colonel fort, »und schon am nächsten Morgen würden Mrs. Younge und alle Leute im King’s Arms, ja die ganze Gegend von dem Mord im Wald von Pemberley und von Wickhams Festnahme erfahren. Wer hätte glauben sollen, dass Pratt das King’s Arms in der Nacht verlassen würde, ohne die Geschichte erzählt zu haben? Ich war überzeugt, dass Mrs. Younge sofort ohne das Kind nach London zurückkehren würde – womit ich nicht sagen will, dass sie die Hoffnung auf die Adoption für immer aufgegeben hatte. Vielleicht kann Wickham diese Frage beantworten, wenn er kommt. Wird Mr. Cornbinder ihn begleiten?«

»Ich denke schon. Er hat Wickham offenbar sehr geholfen und übt einen hoffentlich anhaltenden Einfluss auf ihn aus. Sonderlich zuversichtlich bin ich allerdings nicht. Wickham fühlt sich durch ihn wahrscheinlich viel zu sehr an seine Gefängniszelle, an die Angstvision einer Galgenschlinge und an monatelange Predigten erinnert, als dass er mehr Zeit als unbedingt nötig in seiner Gesellschaft verbringen möchte. Doch bald werden wir den Rest dieser beklagenswerten Geschichte von ihm hören. Es tut mir leid, dass du in die Angelegenheit zwischen Wickham und mir hineingezogen wurdest, Fitzwilliam. Der Tag, an dem du Wickham begegnet bist und ihm die dreißig Pfund gabst, war ein Unglückstag für dich. Ich sehe ein, dass du mit deiner Unterstützung von Mrs. Younges Wunsch, den Knaben zu adoptieren, in seinem Interesse gehandelt hast. Ich kann nur hoffen, dass sich das Kind seinem schrecklichen Lebensanfang zum Trotz bei Mr. und Mrs. Simpkins gut und für immer eingelebt hat.«

2

Kurz nach dem Mittagessen erschien ein Kommis aus Alvestons Kanzlei und teilte mit, dass die königliche Begnadigung am späten Nachmittag des nächsten Tages erfolgen werde. Dann überreichte er Darcy einen Brief, der, wie er sagte, nicht umgehend beantwortet werden müsse. Er stammte von Reverend Samuel Cornbinder, dem Seelsorger des Gefängnisses Coldbath Fields. Darcy und Elizabeth setzten sich hin und lasen ihn gemeinsam.Reverend Samuel Cornbinder Coldbath FieldsSehr geehrter Herr,es wird Sie überraschen, gerade jetzt das Schreiben eines Mannes zu erhalten, den Sie nicht kennen, auch wenn Mr. Gardiner, den ich kennenlernen durfte, vielleicht von mir gesprochen hat. Zunächst entschuldige ich mich dafür, dass ich Sie und Ihre Familie in einer Zeit behellige, in der Sie sicherlich die Rettung Ihres Schwagers vor einer ungerechten Anklage und einem schmachvollen Tod feiern. Wenn Sie jedoch die Güte haben, diesen Brief zu lesen, werden Sie mir in der Ansicht folgen, dass er eine wichtige und auch dringliche Angelegenheit behandelt, welche Sie selbst und Ihre Familie betrifft.Doch ich will mich erst einmal vorstellen. Mein Name lautet Samuel Cornbinder. Ich bin einer der Gefängnisgeistlichen in Coldbath Fields, wo ich mich in den vergangenen neun Monaten sowohl um die Untersuchungsgefangenen wie auch um die bereits Verurteilten kümmern durfte. Zu Letzteren zählte Mr. George Wickham, der Sie bald aufsuchen und Ihnen, der Sie ein Recht darauf haben, die Umstände erklären wird, die zu Captain Dennys Tod führten.Ich übergebe diesen Brief an den Ehrenwerten Mr. Henry Alveston, der ihn mit einer Nachricht von Mr. Wickham weiterreichen wird. Mr. Wickham möchte, dass Sie diese Nachricht lesen, ehe er vor Ihnen erscheint, damit Sie über die Rolle im Bilde sind, die ich bei der Planung seiner Zukunft spielte. Mr. Wickham ertrug seine Haft zwar mit bemerkenswerter Tapferkeit, wurde aber, kaum verwunderlich, hin und wieder von der Möglichkeit eines Schuldspruchs überwältigt. Es war dann meine Aufgabe, seine Gedanken auf den Einen zu lenken, der allein uns allen das Geschehene zu vergeben und uns für das Kommende zu stärken vermag. Durch unsere Gespräche erfuhr ich zwangsläufig viel über seine Kindheit und sein weiteres Leben. Ich sage klar heraus, dass ich als evangelikales Mitglied der Church of England zwar kein Befürworter der Ohrenbeichte bin, kann Ihnen jedoch versichern, dass alles, was mir die Gefangenen offenbaren, vertraulich behandelt wird. Ich bestärkte Mr. Wickham in seiner Hoffnung auf einen Freispruch, und in den Stunden zuversichtlicher Gestimmtheit – die gottlob zahlreich waren –, richtete er die Gedanken auf seine und die Zukunft seiner Frau.Mr. Wickham wünscht ausdrücklich, nicht in England zu bleiben, sondern sein Glück in der Neuen Welt zu suchen. In diesem Entschluss kann ich ihn erfreulicherweise unterstützen. Mein Zwillingsbruder Jeremiah Cornbinder wanderte vor fünf Jahren in die ehemalige Kolonie Virginia aus und begann dort, Pferde zu schulen und mit ihnen zu handeln, wodurch er, hauptsächlich aufgrund seiner Kenntnisse und Fähigkeiten, wirtschaftlich äußerst erfolgreich wurde. Da er sein Unternehmen vergrößern will, sucht er nun einen Gehilfen, der sich mit Pferden auskennt. Vor gut einem Jahr schrieb er mir, um mein Interesse an der Sache zu wecken, und erklärte, er werde jedem von mir empfohlenen Anwärter einen freundlichen Empfang bereiten und ihn zunächst probeweise für die Dauer von sechs Monaten einstellen. Als Mr. Wickham in Coldbath Fields eingeliefert wurde und ich ihn zu besuchen begann, erkannte ich schnell, dass er über Eigenschaften und Erfahrungen verfügte, die ihn im Falle eines Freispruchs zu einem ausgesprochen geeigneten Kandidaten für die Anstellung bei meinem Bruder machten. Mr. Wickham ist ein ausgezeichneter Reiter und hat großen Mut bewiesen. Ich erörterte die Sache mit ihm. Er kann es kaum erwarten, die Gelegenheit zu nutzen, und versicherte mir, dass Mrs. Wickham, mit der ich selbst allerdings nicht gesprochen habe, von der Idee, England zu verlassen und die sich in der Neuen Welt eröffnenden Möglichkeiten wahrzunehmen, ebenso begeistert ist.Nun gibt es, wie Sie ahnen werden, ein finanzielles Problem. Mr. Wickham hofft, dass Sie so gut sein werden, ihm eine Summe zu leihen, die die Kosten der Überfahrt sowie ein Auskommen in den vier Wochen vor der ersten Lohnzahlung decken würde. Man wird dem Ehepaar ein mietfreies Haus zur Verfügung stellen, und das Gestüt – denn als ein solches kann man den Betrieb meines Bruders bezeichnen – befindet sich nur zwei Meilen außerhalb der Stadt Williamsburg. Mrs. Wickham wird daher ausreichend Gesellschaft haben und auf die für eine Dame aus vornehmem Haus erforderlichen Annehmlichkeiten nicht verzichten müssen.Sollten diese Pläne Ihre Zustimmung finden und Sie bereit sein zu helfen, mache ich Ihnen gerne jederzeit und an jedem Ort, ganz Ihren Wünschen entsprechend, meine Aufwartung, um detailliert darzulegen, wie sich die erforderliche Summe zusammensetzt, Ihnen die bereitgestellte Unterkunft zu schildern und Empfehlungsschreiben vorzulegen, um Sie des ausgezeichneten Leumunds und Charakters meines Bruders in Virginia zu versichern. Er ist ein rechtschaffener Mann und gerechter Brotherr, der allerdings Unehrlichkeit und Faulheit nicht duldet. Wenn es Mr. Wickham ermöglicht wird, dieses Angebot anzunehmen, für das er große Begeisterung zeigt, wird er von allen Versuchungen ferngehalten. Durch seine Errettung und seine Vergangenheit als tapferer Soldat wird er zum Volkshelden werden, und selbst wenn dieser Ruhm nur kurz währen sollte, würde die Berühmtheit, so fürchte ich, nicht dazu beitragen, dass er sein Leben ändert, wozu er fest entschlossen ist.Sie können mich unter obenstehender Adresse jederzeit erreichen. Ich versichere Ihnen, in dieser Angelegenheit besten Willens und bereit zu sein, Sie mit allen Auskünften zu versorgen, die Sie im Zusammenhang mit dem Angebot meines Bruders benötigen.Mit vorzüglicher HochachtungSamuel Cornbinder

Darcy und Elizabeth hatten den Brief schweigend gelesen. Nun reichte Darcy ihn wortlos an den Colonel weiter.

»Ich werde wohl mit diesem Reverend sprechen müssen«, sagte Darcy. »Gut, dass wir von dem Plan erfahren haben, ehe Wickham kommt. Wenn das Angebot so ehrlich und passend ist, wie es scheint, werde ich, wenn schon nicht Wickhams, so doch Bingleys und mein Problem lösen. Ich muss noch in Erfahrung bringen, wie viel es mich kosten wird, aber wenn er und Lydia in England blieben, könnten sie kaum ohne regelmäßige Unterstützung auskommen.«

»Ich habe den Verdacht, dass sowohl Mrs. Darcy als auch Mrs. Bingley Wickham schon seit längerem finanzielle Zuwendungen aus eigenen Mitteln zukommen lassen«, erklärte Colonel Fitzwilliam. »Offen gesagt würde die Sache beide Familien von allen geldlichen Verpflichtungen befreien. Was Wickhams künftiges Verhalten betrifft, so fällt es mir schwer, das Zutrauen zu teilen, das der Reverend in dessen Läuterung hat, doch es ist anzunehmen, dass Jeremiah Cornbinder eher dazu in der Lage ist, für Wickhams künftige Wohlanständigkeit zu sorgen, als Wickhams eigene Familie. Ich bin gerne bereit, etwas zu der benötigten Summe beizutragen, die im Übrigen wohl nicht übermäßig groß ausfallen wird.«

»Das ist allein meine Aufgabe«, entgegnete Darcy. »Ich werde Mr. Cornbinder sofort antworten und hoffe, dass ich morgen früh, ehe Wickham und Alveston eintreffen, mit ihm sprechen kann.«

3

Als Antwort auf den Brief, den Darcy ihm geschrieben hatte und der ihm durch einen Boten zugegangen war, erfolgte am nächsten Tag nach dem Gottesdienst Reverend Samuel Cornbinders Besuch in der Gracechurch Street. Sein Aussehen überraschte, da Darcy sich bei der Lektüre des Briefs einen Mann mittleren oder fortgeschrittenen Alters vorgestellt hatte, nun jedoch feststellte, dass Mr. Cornbinder entweder erheblich jünger war, als sein Schreibstil vermuten ließ, oder aber es vermocht hatte, seinen schweren und verantwortungsvollen Beruf auszuüben, ohne seine jugendlich anmutende Lebenskraft und Erscheinung zu verlieren. Darcy bedankte sich für alles, was der Reverend getan hatte, um Wickham die Gefangenschaft erträglich zu machen, sprach jedoch Wickhams augenscheinliche Wandlung zu einem besseren Menschen mit keinem Wort an, da sich diese seiner persönlichen Kenntnis entzog. Mr. Cornbinder, den er als sympathisch empfand, weil er weder pathetisch noch salbungsvoll war, hatte einen Brief seines Bruders sowie alle erforderlichen finanziellen Angaben mitgebracht, die es Darcy ermöglichten, eine sachkundige Entscheidung darüber zu treffen, in welchem Ausmaß er helfen sollte und könnte, um Mr. und Mrs. Wickham bei der Gründung des neuen Lebens zu helfen, das sie sich so sehr wünschten.

Der Brief aus Virginia war etwa drei Wochen zuvor angekommen. Mr. Jeremiah Cornbinder drückte darin sein Zutrauen in die Menschenkenntnis seines Bruders aus und malte, ohne die Vorzüge der Neuen Welt übertrieben darzustellen, ein beruhigendes Bild des Lebens, das ein empfohlener Anwärter erwarten konnte.Die Neue Welt ist keine Zuflucht für arbeitsscheue, kriminelle, unerwünschte oder alte Menschen, aber ein junger Mann, den man von einem Kapitalverbrechen gänzlich freigesprochen, der eine schwere Prüfung tapfer bestanden und auf dem Schlachtfeld außergewöhnlichen Mut bewiesen hat, ist hier durchaus willkommen. Ich suche einen Mann, in dem sich praktische Fähigkeiten – vorzugsweise auf dem Gebiet der Pferdeschulung – mit einer guten Erziehung verbinden, und bin überzeugt, dass er sich hier in eine Gesellschaft eingliedern wird, die, was Intelligenz und kulturelles Interesse betrifft, den zivilisierten europäischen Städten in nichts nachsteht und nahezu unbegrenzte Möglichkeiten bietet. Ich wage die Prophezeiung, dass die Nachfahren jener, denen er sich nun anzuschließen hofft, Bürger eines Landes sein werden, das ebenso mächtig, wenn nicht mächtiger als dasjenige ist, das sie verließen, ein Land, das der ganzen Welt stets ein Vorbild der Freiheit sein wird.

Reverend Cornbinder ergriff das Wort. »So wie sich mein Bruder hinsichtlich des Vorschlags, Mr. Wickham einzustellen, auf meine Menschenkenntnis verlässt, so verlasse ich mich darauf, dass er dem jungen Paar helfen wird, sich in der Neuen Welt zu Hause zu fühlen und dort gut zu leben. Auf verheiratete Einwanderer aus England ist er besonders erpicht. Ich empfahl ihm Mr. Wickham zwei Monate vor der Verhandlung und war schon damals zuversichtlich, dass er die Stelle erhalten und genau der richtige Mann für meinen Bruder sein würde. Ich pflege die Gefangenen sehr schnell einzuschätzen und habe mich noch nie geirrt. Bei allem Respekt vor Mr. Wickhams Zuversicht gab ich ihm zu verstehen, dass sein Leben einige Aspekte aufweist, die einen vorsichtigen Menschen zögern lassen könnten, doch es gelang mir, meinen Bruder davon zu überzeugen, dass Mr. Wickham sich geändert hat und fest entschlossen ist, diese Veränderung beizubehalten. Seine Tugenden überwiegen seine Fehler bei weitem, und mein Bruder ist nicht so unvernünftig, Vollkommenheit zu erwarten. Wir sind alle Sünder, Mr. Darcy, und finden keine Gnade, ohne sie selbst zu gewähren. Wenn Sie bereit sind, die Kosten für die Überfahrt zu tragen und für die bescheidene Summe aufzukommen, die Mr. und Mrs. Wickham in den ersten Monaten ihres Dienstverhältnisses für ihren Lebensunterhalt benötigen, könnte das Paar in zwei Wochen von Liverpool aus auf der Esmeralda die Überfahrt antreten. Ich kenne den Kapitän und habe sowohl in ihn als auch in die Ausstattung des Schiffes allergrößtes Vertrauen. Sie werden die Sache überdenken und sicherlich auch mit Mr. Wickham besprechen wollen, aber es wäre sehr hilfreich, wenn ich morgen Abend um neun Uhr Ihre Entscheidung erfahren dürfte.«

»Wir erwarten George Wickham und seinen Anwalt, Mr. Alveston, für heute Nachmittag. Nach allem, was Sie berichtet haben, wird Mr. Wickham das Angebot Ihres Bruders gewiss dankbar annehmen. Wie ich gehört habe, wollen Mr. und Mrs. Wickham zunächst nach Longbourn fahren und dort über ihre Zukunft entscheiden. Mrs. Wickham möchte unbedingt zu ihrer Mutter und zu den Freundinnen aus Kindheitstagen. Sollte das Paar wirklich auswandern, würde sie diese Menschen wohl nie wiedersehen.«

Samuel Cornbinder erhob sich. »Es wäre äußerst unwahrscheinlich. Der Atlantik lässt sich nun einmal nicht so leicht überqueren, und nur wenige meiner Bekannten in Virginia haben jemals die Rückfahrt auf sich genommen oder sie auch nur angestrebt. Ich danke Ihnen dafür, dass Sie mich so kurzfristig empfangen haben, Sir, und für die großzügige Zustimmung zu dem von mir dargelegten Vorhaben.«

»Ihre Dankbarkeit ist edelmütig, aber ich verdiene sie nicht. Ich werde meine Entscheidung wohl kaum bereuen. Mr. Wickham vielleicht schon.«

»Das glaube ich nicht.«

»Wollen Sie sein Eintreffen nicht abwarten?«

»Nein, Sir. Ich habe für ihn getan, was ich konnte. Er möchte mich erst heute Abend sprechen.«

Mit diesen Worten schüttelte er Darcy ungemein kraftvoll die Hand, setzte seinen Hut auf und ging.

4

Um vier Uhr nachmittags hörten sie Schritte, dann Stimmen. Wickham und Alveston waren endlich vom Strafgerichtshof Old Bailey zurückgekehrt. Darcy sprang von seinem Stuhl auf und verspürte ein heftiges Unbehagen. Er wusste, wie sehr das Gelingen des gesellschaftlichen Miteinanders auf der entlastenden Einhaltung allgemein anerkannter Konventionen beruhte, und war von Kindesbeinen an darin geschult worden, sich wie ein Gentleman zu benehmen. Seine Mutter hatte zwar gelegentlich etwas gemäßigtere Ansichten geäußert und erklärt, gute Manieren bestünden im Grunde darin, Rücksicht auf die Gefühle anderer Menschen zu nehmen, insbesondere in Gesellschaft von Angehörigen eines niedrigeren Standes, doch seine Tante, Lady Catherine de Bourgh, hatte solche Worte stets geflissentlich ignoriert. Jetzt aber ließen ihn sowohl die Konvention als auch der mütterliche Rat im Stich. Es gab keine Regeln für den Umgang mit einem Mann, den er dem Brauch zufolge als seinen Schwager bezeichnen musste und den man nur wenige Stunden zuvor zum Tod durch Erhängen verurteilt hatte. Er freute sich selbstverständlich darüber, dass Wickham dem Henker entronnen war, doch galt diese Freude nicht eher dem eigenen Seelenfrieden und Ruf als Wickhams Rettung? Ihm herzlich die Hand zu schütteln, wie es Anstand und Mitgefühl geboten, erschien ihm jetzt nicht nur unpassend, sondern auch verlogen.

Kaum hatten sie die Schritte gehört, waren Mr. und Mrs. Gardiner aus dem Zimmer geeilt. Darcy vernahm ihre Stimmen, doch keine Erwiderung. Dann wurde die Zimmertür geöffnet. Die Gardiners traten ein und stupsten Wickham, der mit Alveston gekommen war, sanft in den Raum.

Darcy hoffte, man würde ihm seinen Schreck und sein Entsetzen nicht anmerken. Es war kaum zu glauben, dass der Mann, der die Kraft aufgebracht hatte, kerzengerade in der Anklagebank zu stehen und mit klarer, fester Stimme seine Unschuld zu beteuern, derselbe Wickham gewesen war, der jetzt vor ihnen stand. Er wirkte wie geschrumpft, die Kleider, die er vor Gericht getragen hatte, schienen ihm jetzt viel zu groß zu sein, schäbige, billige, schlecht sitzende Sachen für einen Mann, von dem man nicht erwartet hatte, dass er sie lange tragen würde. Sein Gesicht war noch von der ungesunden Gefängnisblässe gezeichnet, doch als Darcy ihm kurz in die Augen sah, blitzte in dem berechnenden, verächtlichen Blick der alte Wickham auf. Allem voran aber wirkte er so erschöpft, als hätten das Entsetzen über den Schuldspruch und die Erleichterung über die gewährte Gnade mehr Kraft verbraucht, als ein Menschenkörper besaß. Doch es gab ihn noch, den alten Wickham, und Darcy erkannte, wie tapfer und angestrengt er aufrecht zu stehen und sich dem, was nun kam, zu stellen versuchte.

»Lieber Mr. Wickham«, hob Mrs. Gardiner an, »Sie müssen schlafen – essen vielleicht auch, aber vor allem schlafen! Ich zeige Ihnen ein Zimmer, in dem Sie ruhen und etwas zu sich nehmen können. Es wäre doch wirklich besser, wenn Sie ein Stündchen schliefen oder zumindest ruhten, ehe Sie miteinander sprechen.«

Wickham erwiderte, ohne den Blick von den Anwesenden zu wenden: »Ich danke Ihnen für Ihre Güte, Madam, doch wenn ich jetzt schlafen würde, wäre es für viele Stunden, und leider habe ich mir angewöhnt zu hoffen, dass ich niemals wieder aufwache. Ich muss mit den Gentlemen reden, es duldet keinen Aufschub. Es geht mir gut, Madam – aber wenn ich einen starken Kaffee bekäme und vielleicht einen kleinen Imbiss …«

Mrs. Gardiner warf Darcy einen Blick zu und sagte: »Selbstverständlich. Entsprechende Anweisungen wurden bereits erteilt, und ich kümmere mich sofort darum. Mr. Gardiner und ich werden uns nun zurückziehen, damit Sie Ihre Geschichte erzählen können. Soweit ich unterrichtet bin, wird Reverend Cornbinder Sie vor dem Abendessen abholen und Ihnen die Nacht über bei sich Unterkunft gewähren, damit Sie dort fest und ungestört schlafen können. Mr. Gardiner und ich geben Ihnen unverzüglich Bescheid, sobald er hier eintrifft.« Mit diesen Worten verließ sie den Raum und schloss leise die Tür.

Darcy riss sich aus der Unschlüssigkeit, die ihn einen Moment lang befallen hatte, ging mit ausgestrecktem Arm auf Wickham zu und sagte in einem Tonfall, der selbst in seinen eigenen Ohren kühl und förmlich klang: »Ich beglückwünsche Sie zu der inneren Stärke, die Sie während Ihrer Haft bewiesen haben, und zur Befreiung von einer ungerechtfertigten Anschuldigung, Wickham. Bitte machen Sie es sich bequem. Wenn Sie etwas gegessen und getrunken haben, beginnen wir mit unserem Gespräch. Es gibt viel zu erzählen, aber wir können warten.«

»Ich erzähle es lieber sofort«, entgegnete Wickham und ließ sich auf einem Stuhl nieder. Die anderen taten es ihm gleich. Dann trat befangenes Schweigen ein, und als wenig später die Tür aufging und ein Diener auf einem großen Tablett eine Kanne Kaffee und einen Teller mit Brot, Käse und Wurst brachte, atmeten alle erleichtert auf. Kaum war der Diener verschwunden, schenkte sich Wickham Kaffee ein und stürzte ihn hinunter. »Verzeihen Sie meine schlechten Manieren«, sagte er, »aber mein letzter Aufenthaltsort war keine gute Schule für kultiviertes Betragen.«

Nachdem er einige Minuten lang gierig gegessen hatte, schob er das Tablett zur Seite. »Ich sollte wohl besser beginnen. Colonel Fitzwilliam wird einen großen Teil meines Berichts bestätigen können. Da Sie mich bereits als Schurken abgestempelt haben, wird Sie das, was ich meinem Sündenregister hinzufügen muss, kaum überraschen.«

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Sie haben bereits einer Jury gegenübergestanden – wir sind keine zweite«, sagte Darcy.

Wickham lachte auf. Es war ein hoher, kurzer, heiserer Laut, der wie ein Bellen klang. »Dann kann ich nur hoffen, dass Sie weniger voreingenommen sind. Colonel Fitzwilliam hat Ihnen das Wichtigste sicherlich bereits mitgeteilt.«

»Ich habe nur erzählt, was ich weiß«, erklärte der Colonel, »und das ist nicht eben viel. Keiner von uns hier glaubt, dass Ihre Verhandlung die ganze Wahrheit ans Licht gebracht hat. Wir haben auf Sie gewartet, um die vollständige Geschichte zu hören. Wir haben ein Anrecht darauf.«

Wickham schwieg eine Weile und betrachtete seine gefalteten Hände. Schließlich richtete er sich erkennbar mühsam auf und begann mit so ausdrucksloser Stimme zu sprechen, als könnte er seine Geschichte auswendig.

»Sie werden inzwischen wissen, dass ich der Vater von Louisa Bidwells Kind bin. Wir begegneten uns im Sommer vorletzten Jahres, als sich meine Frau in Highmarten aufhielt, wo sie gewöhnlich mehrere Sommerwochen verbrachte, und da ich dort nicht geduldet war, quartierte ich mich bei diesen Gelegenheiten immer im billigsten Gasthof am Ort ein, wo ich mich mit ein wenig Glück hin und wieder mit Lydia treffen konnte. Da ich den Boden von Highmarten verunreinigt hätte, wenn ich dort spazieren gegangen wäre, hielt ich mich oft im Wald von Pemberley auf. Ich habe dort einige der glücklichsten Stunden meiner Kindheit verbracht, und im Zusammensein mit Louisa empfand ich wieder diese jugendliche Freude. Ich lernte sie zufällig kennen, während ich durch den Wald streifte. Auch sie fühlte sich einsam, war wegen ihres todkranken Bruders an das Cottage gefesselt und konnte ihren Verlobten, der sich aus Ehrgeiz und seiner Anstellung wegen fast ständig in Pemberley aufhielt, nur selten sehen. Ihrer Schilderung nach war er ein geistloser älterer Mann, dem nur daran lag, sich seine Knechtschaft zu erhalten, und der nicht spürte, dass seine Verlobte gelangweilt und rastlos war. Überdies ist sie intelligent, was er nicht einmal dann zu schätzen gewusst hätte, wenn er verständig genug gewesen wäre, es zu erkennen. Ich gestehe, dass ich sie verführte, aber genötigt habe ich sie nicht. Ich hatte noch nie Anlass, ein weibliches Wesen zu entehren, und niemals war ich einer jungen Frau begegnet, die so begierig nach Liebe war.

Als sie bemerkte, dass sie sich in anderen Umständen befand, war das für uns beide eine Katastrophe. Verzweifelt erklärte sie, dass außer ihrer Mutter, vor der es sich kaum verbergen ließ, niemand davon erfahren dürfe. Louisa wollte die letzten Lebensmonate ihres Bruders nicht belasten, doch als ihm der Verdacht kam, gab sie es zu. Am wichtigsten war ihr, den Vater nicht zu betrüben. Das arme Ding wusste, dass die Aussicht, Schande über Pemberley zu bringen, für diesen Mann schlimmer war als alles, was ihr hätte zustoßen können. Ich sah nicht ein, warum ein Kind der Liebe etwas Schändliches sein sollte – immerhin trifft man dergleichen in großen Häusern oft genug an –, doch sie empfand nun einmal so. Es war ihre Idee, mit Billigung ihrer Mutter zur Schwester zu ziehen, ehe ihr Zustand sichtbar wurde, und das Kind dort zu gebären. Es sollte als das ihrer Schwester ausgegeben werden, und ich schlug vor, dass sie, sobald sie reisefähig sei, mit dem Säugling zurückkäme, um ihn der Großmutter zu zeigen. Ich musste sicherstellen, dass das Kind lebte und gesund war, ehe ich entscheiden konnte, wie ich weiter verfahren sollte. Wir vereinbarten, dass ich Geld aufbringen würde, um die Familie Simpkins überreden zu können, das Kind zu sich zu nehmen und als ihr eigenes großzuziehen. Daraufhin sandte ich Colonel Fitzwilliam ein Schreiben mit der flehentlichen Bitte, mir zu helfen, und als Georgie nach Birmingham zurückgebracht werden sollte, gab mir der Colonel dreißig Pfund. Doch all das wissen Sie sicherlich schon. Seinen Worten zufolge tat er es aus Mitleid mit einem Soldaten, der unter ihm gedient hatte, doch sein Beweggrund war zweifellos ein anderer. Louisa hatte von einigen Dienstboten erfahren, es gehe das Gerücht, der Colonel suche sich in Pemberley eine Frau. Ein stolzer, kluger Mann, obendrein reich und adelig, lässt sich nicht in einen Skandal verwickeln, ganz zu schweigen von einer so gewöhnlichen, schäbigen Sache. Er war ebenso wenig darauf erpicht, mein uneheliches Kind im Wald von Pemberley spielen zu sehen, wie es Darcy gewesen wäre.«

Alveston warf eine Frage ein. »Ihre wahre Identität haben Sie Louisa nie offenbart, nicht wahr?«

»Das wäre töricht gewesen und hätte ihre Verzweiflung nur vergrößert. Ich tat, was die meisten Männer in meiner Lage tun. Ich beglückwünsche mich selbst dazu, eine überzeugende Geschichte präsentiert zu haben, die wohl in jeder leicht beeindruckbaren jungen Frau Mitgefühl hervorgerufen hätte. Ich stellte mich ihr als Frederick Delancey vor, weil mir die Initialen dieses Namens schon immer gefallen hatten, und behauptete, bei der Niederschlagung der irischen Rebellion verwundet worden zu sein – was ja der Wahrheit entsprach. Nach meiner Heimkehr habe sich herausgestellt, dass meine geliebte Frau bei der Niederkunft gestorben sei und mit ihr mein Sohn. Dieses traurige Märchen vertiefte Louisas Liebe und Ergebenheit so sehr, dass ich mich gezwungen sah, die Geschichte auszuschmücken, indem ich erklärte, ich würde irgendwann nach London gehen, mir eine Stellung suchen, zurückkehren und sie heiraten, sobald unser Kind die Familie Simpkins verlassen könne, damit wir eine richtige Familie seien. Louisa bestand darauf, dass wir als Zeichen unserer gegenseitigen Liebe und Hingabe meine Initialen in Baumstämme schnitzten.«

»Sie haben ein leichtgläubiges, im Grunde völlig unschuldiges Mädchen auf niederträchtige Weise getäuscht, Sir«, sagte der Colonel. »Nach der Geburt des Kindes wären Sie bestimmt für immer verschwunden, und damit hätte die Sache für Sie ein Ende gehabt.«

»Ich gestehe die Täuschung ein, doch die Folge daraus erschien mir durchaus wünschenswert. Louisa, so dachte ich, würde mich bald vergessen und ihren Verlobten heiraten, und das Kind könnte bei Menschen großwerden, die seine Verwandten waren. Ich kenne weit schlimmere Beispiele dafür, wie mit Bastarden verfahren wird. Leider ging alles schief. Als Louisa mit ihrem Sohn nach Hause zurückkehrte und wir uns wieder am Hundegrab trafen, hatte sie eine Nachricht von Michael Simpkins dabei. Er wollte das Kind nun doch nicht behalten, auch nicht für viel Geld. Seine Frau und er hätten bereits drei Töchter und würden weitere Kinder bekommen, und er sei nicht glücklich bei dem Gedanken, dass Georgie immer der älteste Junge in der Familie sein würde, weil er vor jedem seiner eigenen künftigen Söhne auf die Welt gekommen sei. Obendrein war es offenbar in der Zeit vor der Niederkunft zu Konflikten zwischen Louisa und ihrer Schwester gekommen. Zwei Frauen in einer Küche – daraus kann nichts Gutes werden. Ich hatte Mrs. Younge offenbart, dass Louisa guter Hoffnung war. Sie bestand darauf, Georgie zu sehen, und arrangierte ein Treffen mit Louisa und ihm im Wald. Sie verliebte sich sofort in den Kleinen und war fest entschlossen, ihn zu adoptieren. Ich hatte zwar gewusst, dass sie sich Kinder wünschte, ihr Bedürfnis danach jedoch nie für so groß gehalten. Georgie war ein hübscher Knabe und obendrein mein Kind.«

Darcy konnte nicht länger schweigen; er wollte noch so vieles wissen. »Bei der dunkel gekleideten Frau, die die beiden Hausmädchen im Wald gesehen hatten, handelte es sich um Mrs. Younge, nicht wahr? Wie brachten Sie es nur über sich, sie in eine Intrige zu verwickeln, bei der es um die Zukunft Ihres Kindes ging – eine Frau, die sich durch ihr Verhalten, soweit es uns bekannt ist, als eine der ehrlosesten und verachtungswürdigsten Vertreterinnen ihres Geschlechts ausweist?«

Wickham sprang fast vom Stuhl auf. Mit weißen Knöcheln umspannten seine Hände die Armlehnen, und sein Gesicht wurde schlagartig rot vor Zorn. »Sie können die Wahrheit ruhig hören! Eleanor Younge ist die einzige Frau, die mich jemals geliebt hat – von keiner anderen, nicht einmal von meiner Ehefrau, wurde mir so viel Fürsorge, Freundlichkeit, Hilfe und das Gefühl zuteil, ihr wirklich wichtig zu sein, wie von meiner Schwester. Denn das ist sie – meine Stiefschwester. Es dürfte eine ziemmlich große Überraschung für Sie sein. Mein Vater gilt als der tüchtigste, loyalste, beste Verwalter, den der verstorbene Mr. Darcy je hatte, und das war er auch. Meine Mutter behandelte ihn ebenso streng wie mich; in unserem Haus wurde nicht gelacht. Doch er war, wie Männer eben sind, und wenn er sich in Mr. Darcys Auftrag eine Woche oder länger geschäftlich in London aufhielt, führte er ein anderes Leben. Ich weiß nichts über die Frau, mit der er dort verkehrte, doch auf dem Sterbebett offenbarte er mir, dass er eine Tochter hatte. Ich muss ihm zugutehalten, dass er sie nach Kräften unterstützte, aber ich erfuhr nur wenig über ihre ersten Lebensjahre, außer dass man sie in London in eine Lehranstalt gesteckt hatte, die nicht viel besser als ein Waisenhaus war. Mit zwölf Jahren riss sie aus. Seitdem hatte er keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt, und als er alt und seine Arbeit in Pemberley zu beschwerlich für ihn geworden war, konnte er sie nicht mehr suchen. Doch es lag ihm auf dem Gewissen, als es mit ihm zu Ende ging, und er flehte mich an, mein Möglichstes zu tun. Die Lehranstalt hatte längst Bankrott gemacht, der Besitzer war unbekannt, aber ich fragte Leute aus dem Nachbarhaus, die sich mit einem der Mädchen angefreundet hatten und immer noch in Kontakt mit ihm standen. Diese Frau gab mir die ersten Hinweise darauf, wo ich Eleanor finden könnte – und ich habe sie gefunden. Sie war alles andere als mittellos, denn ihr wesentlich älterer Mann, der nach kurzer Ehe verstorben war, hatte ihr Geld hinterlassen, mit dem sie ein Haus in Marylebone kaufte und Pensionsgäste aufnahm, allesamt junge Männer aus ehrenwerten Familien, die der Arbeit wegen nach London kamen und deren törichte Mütter der achtbaren, fürsorglichen Dame ungemein dankbar waren, weil sie eisern durchsetzte, dass in ihrem Haus keine junge Frau, sei es als Gast, sei es als Besucherin, jemals empfangen wurde.«

»Das war mir bekannt«, erklärte der Colonel. »Über die Lebensweise Ihrer Schwester, über die unglücklichen Männer, die sie erpresste, haben wir bisher allerdings kein Wort von Ihnen gehört.«

Wickham vermochte seinen Ärger nur mühsam zu unterdrücken. »Sie hat in ihrem Leben weniger Schaden angerichtet als so manche Matrone. Ihr Mann hatte ihr kein Wittum hinterlassen, sie musste sich irgendwie durchschlagen. Wir gewannen uns sehr schnell lieb, vielleicht weil wir uns in so vielem ähnelten. Sie war klug. Sie erklärte mir, meine größten und vielleicht einzigen Vorzüge seien mein Schlag bei den Frauen und meine Fähigkeit, mich bei ihnen beliebt zu machen. Ich solle, um der Armut zu entgehen, am besten eine wohlhabende Frau heiraten – sie traue mir das durchaus zu. Doch wie Sie wissen, zerstoben meine größten und frühesten Hoffnungen, als Darcy in Ramsgate auftauchte und den entrüsteten Bruder mimte.«

Der Colonel war auf den Beinen, noch ehe sich Darcy auch nur bewegen konnte. »Es gibt einen Namen, der Ihnen weder in diesem Raum noch an einem anderen Ort über die Lippen kommen wird, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, Sir.«

Wickham sah ihn mit einem Blick an, aus dem sein früheres Selbstvertrauen sprach. »Ich bin lange genug auf der Welt, um zu wissen, wann eine Dame einen unantastbaren Ruf besitzt und einen Namen trägt, den kein Skandal jemals beschmutzen kann. Und ich weiß, dass es Frauen gibt, deren Lebensweise dazu beiträgt, diese Lauterkeit zu bewahren. Meine Schwester war eine solche Frau. Doch kehren wir zum Thema zurück! Gottlob stellte der Wunsch meiner Schwester die Lösung unseres Problems dar, denn nachdem sich Louisas Schwester geweigert hatte, das Kind zu behalten, musste ein anderes Zuhause gefunden werden. Eleanor beeindruckte Louisa, indem sie ihr erzählte, welches Leben Georgie bei ihr haben werde, und Louisa erklärte sich damit einverstanden, dass Eleanor das Kind am Morgen des Balls von Pemberley gemeinsam mit mir im Cottage abholen und nach London bringen würde, wo ich mich nach Arbeit umsehen wollte, während Georgie so lange in Eleanors Obhut bliebe, bis Louisa und ich heiraten könnten. Wir hatten selbstverständlich nicht die Absicht, ihr die Adresse meiner Schwester zu verraten.

Doch der Plan schlug fehl, und ich muss zugeben, dass daran größtenteils Eleanor schuld war. Sie hatte es sich zum Grundsatz gemacht, nicht mit Frauen zu verkehren, und war den Umgang mit ihnen nicht gewöhnt. Mit Männern ließ es sich offen und direkt verhandeln, bei Männern wusste sie zu überzeugen und sich einzuschmeicheln. Männer betrachteten sie nicht einmal dann als ihre Feindin, wenn sie ihr beträchtliche Summen bezahlt hatten. Für Louisas Empfindsamkeit und ihren Wankelmut brachte sie dagegen keine Geduld auf. In ihren Augen war hier der gesunde Menschenverstand gefragt: Für Georgie musste dringend eine Unterkunft gefunden werden, und sie bot eine solche, die obendrein wesentlich besser war als das Leben bei Louisas Schwester. Louisa konnte Eleanor schlicht nicht ausstehen und begann ihr zu misstrauen, weil Eleanor für ihre Begriffe viel zu oft davon sprach, dass sie die dreißig Pfund brauche, die der Familie Simpkins in Aussicht gestellt waren. Letztlich erklärte sich Louisa zwar damit einverstanden, Georgie wie geplant zu übergeben, aber es bestand nach wie vor die Gefahr, dass sie sich, wenn es Abschied zu nehmen galt, wieder verstockt zeigen würde. Deshalb wollte ich Denny bei der Abholung des Kindes dabeihaben. Bidwell würde sich in Pemberley aufhalten, und alle Dienstboten würden beschäftigt sein, so dass man der Kutsche meiner Schwester problemlos Durchfahrt durch das Nordwesttor gewähren würde. Erstaunlich, wie sich derartige kleinere Schwierigkeiten mit ein, zwei Schillingen aus der Welt schaffen lassen! Eleanor hatte sich bereits für den Vorabend mit dem Colonel im King’s Arms in Lambton verabredet, um ihn von der Änderung des Plans zu unterrichten.«

»Ich war Mrs. Younge nicht mehr begegnet, seit sie sich bei uns als Gouvernante vorgestellt hatte«, warf der Colonel ein. »Nun umschmeichelte sie mich genauso wie damals. Sie schilderte mir in allen Einzelheiten ihre finanzielle Situation. Ich habe Darcy bereits erzählt, dass mir ihr Vorhaben das Beste für das Kind zu sein schien, und ich bin immer noch der Ansicht, dass es das Beste gewesen wäre, wenn Mrs. Younge Georgie adoptiert hätte. Nachdem ich die Aufgabe übernommen hatte, im Zuge unserer Suche nach Wickham und Denny zum Waldcottage zu gehen, hielt ich es für richtig, Louisa darüber aufzuklären, dass es sich bei ihrem Liebhaber um Wickham handelte, dass er verheiratet war und gemeinsam mit einem Freund im Wald vermisst wurde. Danach war natürlich nicht mehr daran zu denken, dass sie das Kind jemals in die Obhut von Mrs. Younge, Wickhams Freundin und Vertrauter, geben würde.«

»In Wahrheit hatte Louisa doch nie eine Wahl«, sagte Darcy zu Wickham. »Sie hätten ihr, wenn nötig, das Kind auch mit Gewalt entrissen.«

Wickham antwortete scheinbar unbekümmert: »Ich hätte alles, wirklich alles, getan, damit Eleanor Georgie bekam. Er war mein Sohn, seine Zukunft lag uns beiden am Herzen. Seit wir uns begegnet waren, hatte ich ihr all ihre Liebe und Unterstützung nie vergelten können. Jetzt konnte ich ihr endlich etwas geben, etwas, das sie unbedingt haben wollte, und ich hätte es nicht zugelassen, dass Louisa mir aus Unschlüssigkeit und Dummheit einen Strich durch die Rechnung machte.«

»Und was für ein Leben hätte das Kind bei einer solchen Frau gehabt?«, fragte Darcy.

Wickham schwieg. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet, und Darcy sah halb entsetzt, halb mitleidig, dass er mühsam die Fassung zu wahren versuchte. Die Selbstgewissheit, fast Sorglosigkeit, mit der er seine Geschichte erzählt hatte, war verschwunden. Mit zitternder Hand griff er nach der Kaffeekanne, stieß sie jedoch, weil seine Augen mit Tränen gefüllt waren, vom Tisch. Keiner sprach, keiner rührte sich, bis sich der Colonel schließlich nach der Kanne bückte und die Scherben auflas.

Nach einigen Sekunden hatte Wickham die Fassung wiedergewonnen. »Das Kind wäre geliebt worden – mehr als ich in meiner Kindheit geliebt wurde oder Sie in Ihrer, Darcy. Meine Schwester hatte nie ein Kind zur Welt gebracht, und jetzt bot sich die Möglichkeit, dass sie das meine aufzog. Ich bezweifle nicht, dass sie Geld gefordert hat – sie bestritt nun einmal ihren Lebensunterhalt auf diese Weise –, doch sie hätte es für das Kind verwendet. Sie hatte Georgie gesehen. Er ist ein wunderschöner Knabe. Mein Sohn ist wunderschön. Und nun werde ich sie beide niemals wiedersehen.«

Darcy erwiderte in hartem Ton: »Der Versuchung, Denny in alles einzuweihen, konnten Sie allerdings nicht widerstehen. Sie mussten zwar nur Louisa und einer alten Frau gegenübertreten, aber dass Louisa einen hysterischen Anfall bekam und die Herausgabe des Kindes verweigerte, wäre das Letzte gewesen, was Sie wollten. Es musste alles leise vonstatten gehen, damit der kranke Bruder nichts merkte. Sie wollten jemanden dabeihaben, einen verlässlichen Freund, doch als Denny erkannt hatte, dass Sie Louisa das Kind notfalls auch mit Gewalt wegnehmen würden und ihr die Ehe versprochen hatten, wollte er nichts mehr damit zu tun haben und stieg aus der Kutsche aus. Wir haben uns immer gefragt, warum er sich von dem Weg entfernte, der ihn zum Gasthof zurückgeführt hätte, und warum er nicht vernünftigerweise in der Kutsche blieb, bis sie in Lambton anlangte, wo er ohne jede Erklärung hätte aussteigen können. Er starb, weil er Louisa Bidwell vor Ihnen warnen wollte. Was Sie bei seiner Leiche sagten, entsprach der Wahrheit. Sie haben Ihren Freund getötet. Sie haben ihn ebenso getötet, als hätten Sie ihn mit dem Schwert durchbohrt. Und Will auf seinem einsamen Sterbebett glaubte, seine Schwester vor einem Verführer beschützt zu haben. Stattdessen hatte er den Mann getötet, der zu Hilfe kommen wollte.«

Doch Wickhams Gedanken drehten sich um einen anderen Tod. »Als Eleanor das Wort ›schuldig‹ hörte, war ihr Leben zu Ende. Sie wusste, dass ich innerhalb weniger Stunden tot sein würde. Sie hätte am Fuße des Galgens gestanden und meinen Todeskampf mit angesehen, wenn mir das am Ende Trost gespendet hätte, doch manche Schrecknisse vermag selbst die Liebe nicht zu ertragen. Ich bin überzeugt, dass sie ihren Tod geplant hatte. Sie hatte mich und das Kind verloren, doch sie konnte wenigstens dafür sorgen, dass man sie wie mich in ungeweihter Erde begraben würde.«

Darcy wollte entgegnen, dass diese letzte Demütigung sicherlich verhindert worden wäre, doch Wickham brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen. »Sie haben Eleanor zu ihren Lebzeiten verachtet – spielen Sie sich nicht jetzt, da sie tot ist, als ihr Beschützer auf! Reverend Cornbinder wird alle nötigen Schritte veranlassen und braucht Ihre Hilfe nicht. Er verfügt in bestimmten Bereichen des Lebens über eine Autorität, die selbst einem Darcy von Pemberley verwehrt ist.«

Nach kurzem Schweigen sagte Darcy: »Was ist mit dem Knaben geschehen? Wo ist er jetzt?«

»Ich habe die Aufgabe übernommen, das herauszufinden«, erklärte der Colonel. »Er ist wieder bei der Familie Simpkins und somit, wie alle glauben, bei seiner Mutter. Dennys Ermordung rief in Pemberley so große Angst und Besorgnis hervor, dass Louisa ihre Schwester und ihren Schwager mühelos dazu bringen konnte, das Kind wieder zu sich zu nehmen, damit es außer Gefahr war. Ich ließ der Familie anonym eine großzügige Summe zukommen, und soweit ich weiß, deutet nichts darauf hin, dass Georgie Birmingham wieder verlassen muss, auch wenn es früher oder später natürlich zu Schwierigkeiten kommen kann. Ich möchte mit der Sache künftig nichts mehr zu tun haben. Höchstwahrscheinlich werde ich schon bald mit sehr viel dringlicheren Angelegenheiten beschäftigt sein. Nur durch einen vollständigen Sieg zu Lande und zu Wasser wird sich Europa jemals von Bonaparte befreien können, und ich hoffe zu den Privilegierten zu zählen, die in dieser großen Schlacht kämpfen werden.«

Alle waren erschöpft, und es gab nichts mehr zu besprechen. Als Mr. Gardiner, früher als erwartet, die Tür öffnete und verkündete, Mr. Cornbinder sei eingetroffen, waren sie erleichtert.

5

Die Nachricht von Wickhams Begnadigung hatte allen eine schwere Last von der Schulter genommen, doch niemand sah Anlass zum Jubeln. Sie hatten so viel erdulden müssen, dass sie nur noch aufrichtige Dankbarkeit für seine Errettung empfinden und sich auf die ersehnte Heimkehr vorbereiten konnten. Elizabeth wusste, dass es Darcy ebenso sehr nach Pemberley zog wie sie, und wollte am nächsten Morgen aufbrechen. Dies erwies sich jedoch als unmöglich. Darcy musste sich bezüglich der Übergabe des für Wickham bestimmten Geldes an Reverend Cornbinder mit seinen Anwälten beraten; überdies war tags zuvor ein Brief von Lydia eingetroffen, in dem sie mitteilte, nach London kommen zu wollen, um so schnell wie möglich ihren geliebten Ehemann zu sehen und, wie sie durchblicken ließ, mit ihm zusammen im Triumph nach Longbourn zurückzukehren. Sie plante, in Begleitung eines Dieners, in der Familienkutsche anzureisen, und setzte es als selbstverständlich voraus, dass sie in der Gracechurch Street wohnen würde. Für John ließe sich ein Bett in einem Gasthof finden. Da sie den voraussichtlichen Zeitpunkt ihrer Ankunft am nächsten Tag nicht genannt hatte, begann Mrs. Gardiner unverzüglich, die Schlafordnung zu ändern und in den Stallungen Platz für eine dritte Kutsche zu schaffen. Elizabeth verspürte nur mehr abgrundtiefe Müdigkeit und verhinderte mit äußerster Willensanstrengung, dass sie in erleichtertes Schluchzen ausbrach. Das Bedürfnis, ihre Kinder wiederzusehen, nahm all ihre Gedanken ein, und sie wusste, dass dies auch für Darcy galt. Am übernächsten Tag wollten sie endlich nach Hause fahren.

Am nächsten Morgen schickten sie einen Boten nach Pemberley, der Stoughton mitteilen sollte, wann er sie zurückerwarten dürfe. Doch auch nachdem alle notwendigen Formalitäten erledigt und die Truhen gepackt waren, blieb noch so viel zu tun, dass Elizabeth Darcy kaum zu Gesicht bekam. Beiden war das Herz zu schwer, um viel zu sprechen, und dass Elizabeth wieder glücklich sein würde, sobald sie zu Hause war, wusste sie eher, als dass sie es spürte. Sie hatten befürchtet, eine Heerschar von Gratulanten könnte den Weg in die Gracechurch Street finden, sobald sich die Nachricht von der Begnadigung erst einmal verbreitet hätte, doch glücklicherweise geschah dies nicht. Die Familie, bei der Reverend Cornbinder Wickham untergebracht hatte, verhielt sich überaus diskret, und da niemand Wickhams Aufenthaltsort kannte, kam es nur vor dem Gefängnis zu Menschenaufläufen.

Am nächsten Tag traf nach dem Mittagessen die Kutsche der Familie Bennet mit Lydia ein, was aber auch keinerlei öffentliches Interesse erregte. Erleichtert stellten die Darcys und die Gardiners fest, dass sich Lydia zurückhaltender und vernünftiger benahm, als zu erwarten gewesen war. Die Aufregung der vergangenen Monate und das Wissen, dass es bei dem Prozess ihres Mannes um Leben und Tod ging, hatten ihren Übermut gedämpft. Sie brachte es gar über sich, Mrs. Gardiner mit nahezu ehrlich empfundener Erkenntlichkeit und aus Einsicht in deren Güte und Großherzigkeit für die erwiesene Gastfreundschaft zu danken. Da sie sich bei Elizabeth und Darcy weniger sicher war, bekamen diese beiden keinen Dank zu hören.

Noch vor dem Abendessen kam Reverend Cornbinder, um Lydia zu Wickhams Unterkunft zu bringen. Etwa drei Stunden später kehrte sie im Schutz der Dunkelheit und bester Laune zurück. Er war nun wieder ihr hübscher, galanter, unwiderstehlicher Wickham, und was die gemeinsame Zukunft betraf, so lautete ihre Überzeugung, dass das bevorstehende Abenteuer ihnen beiden Wohlstand und Ruhm bringen werde. Sie war schon immer draufgängerisch gewesen und konnte es ebenso wenig wie Wickham erwarten, Englands Erde für immer abzuschütteln. Sie zog in die Unterkunft ihres Mannes, um bei ihm zu sein, während er sich von den Strapazen erholte, ertrug jedoch nur kurze Zeit die vom Gastgeber eingeforderten Morgenandachten und Tischgebete, so dass die Kutsche der Bennets schon drei Tage später durch die Gassen Londons auf die ersehnte, nach Norden, Richtung Hertfordshire und Longbourn führende Straße zurumpelte.

6

Die Fahrt nach Derbyshire würde zwei Tage dauern, denn Elizabeth war ungemein müde und wollte nicht zu viele Stunden hintereinander unterwegs sein. Am Vormittag des auf den Prozess folgenden Montags fuhr die Kutsche vor der Haustür vor, und nachdem Darcy und Elizabeth ihren Dank ausgesprochen hatten, für den sich kaum Worte finden ließen, brachen sie auf. Den größten Teil der Fahrt hindurch dösten sie, doch als die Kutsche die Grenze zur Grafschaft Derbyshire passierte, waren sie wach und fuhren mit wachsender Freude durch vertraute Dörfer und Straßen. Tags zuvor hatten sie nur gewusst, dass sie glücklich waren; jetzt aber strömte das machtvolle Gefühl durch ihren ganzen Körper. Die Ankunft in Pemberley verlief gänzlich anders als die Abreise eine Woche zuvor. In frisch gewaschener und gebügelter Arbeitskleidung standen alle Dienstboten aufgereiht zur Begrüßung da, und als Mrs. Reynolds ihren Knicks machte und Elizabeth stumm vor Ergriffenheit wortlos willkommen hieß, hatte sie Tränen in den Augen.

Der erste Besuch galt dem Kinderzimmer, wo sie mit Freudensprüngen und Gekreisch von Fitzwilliam und Charles begrüßt wurden und sich eine Zeitlang anhörten, was Mrs. Donovan an Neuigkeiten mitzuteilen hatte. Während des einwöchigen Aufenthalts in London war so viel geschehen, dass Elizabeth glaubte, monatelang weg gewesen zu sein. Als Nächstes sollte Mrs. Reynolds Bericht erstatten. »Es gibt nichts Schlimmes zu erzählen, Madam«, versicherte sie, »aber da wäre eine Sache, über die ich mit Ihnen sprechen muss.«

Elizabeth schlug vor, wie üblich in ihr privates Wohnzimmer zu gehen. Mrs. Reynolds betätigte die Klingel und bestellte Tee für Mrs. Darcy und sich. Dann nahmen sie vor dem Kamin Platz, in dem man mehr der Gemütlichkeit als der Wärme halber Feuer gemacht hatte, und Mrs. Reynolds begann zu erzählen.

»Wir haben natürlich von Wills Geständnis im Zusammenhang mit Captain Dennys Tod gehört, und viele Leute bringen großes Mitgefühl für Mrs. Bidwell auf. Allerdings werfen einige Will vor, nicht schon früher etwas gesagt und dadurch Mr. Darcy, Ihnen und Mr. Wickham viel Kummer und Leid erspart zu haben. Er glaubte, Zeit zu brauchen, um seinen Frieden mit Gott zu machen, aber manche denken, dass der Preis dafür zu hoch war. Er wurde im Kirchhof begraben. Mr. Oliphant sprach sehr gefühlvoll, und Mrs. Bidwell freute sich über die vielen Menschen, die gekommen waren, darunter zahlreiche aus Lambton. Der Blumenschmuck war ganz besonders schön, und Mr. Stoughton und ich haben veranlasst, dass ein Kranz von Mr. Darcy und Ihnen in die Kirche gebracht wurde. Wir waren uns sicher, dass dies Ihrem Willen entsprach. Aber nun muss ich von Louisa erzählen.

Am Tag nach Captain Dennys Tod kam Louisa zu mir und bat mich um ein streng vertrauliches Gespräch. Ich führte sie in mein Zimmer, wo sie völlig verzweifelt zusammenbrach. Nachdem ich sie mit viel Mühe und Geduld beruhigt hatte, berichtete sie mir, was vorgefallen war. Vor dem Besuch des Colonels im Cottage, in der Nacht, in der sich die Tragödie zutrug, hatte sie nicht einmal geahnt, dass Mr. Wickham der Vater ihres Kindes war. Mit der Geschichte, die er ihr erzählte, hat er sie offenbar schlimm getäuscht, Madam. Sie wollte ihn nie mehr sehen und liebte auch das Kind nicht mehr. Mr. Simpkins und ihre Schwester wollten den Kleinen nicht, und Joseph Billings, der von dem Kind wusste, war nicht bereit, Louisa zu heiraten, wenn dies bedeuten sollte, dass er die Verantwortung für den Sprössling eines anderen übernehmen musste. Sie hatte ihm von ihrem Liebhaber erzählt, Mr. Wickhams Namen jedoch nie preisgegeben, was meiner und Louisas Ansicht nach auch so bleiben soll, um Bidwell nicht unnötig zu beschämen und zu quälen. Louisa wollte ein gutes, liebevolles Zuhause für ihren Sohn finden. Deshalb war sie zu mir gekommen, und ich erklärte mich bereit zu helfen. Vielleicht erinnern Sie sich, dass ich einmal von der Witwe meines Bruders gesprochen habe, Madam. Sie heißt Mrs. Goddard und hat einige Jahre lang ein angesehenes Internat in Highbury geleitet. Eine ihrer Schülerinnen, Miss Harriet Smith, heiratete Robert Martin, einen Bauern aus dem Ort, und hat ihr Glück gemacht. Sie haben drei Töchter und einen Sohn, aber der Arzt meinte, sie werden wohl keine weiteren Kinder bekommen. Nun hätten sie jedoch gern noch einen Sohn als Spielkameraden für ihren Kleinen. Mr. und Mrs. Knightley aus Donwell Abbey sind das wichtigste Ehepaar in Highbury, und Mrs. Knightley ist mit Mrs. Martin befreundet und hat sich immer sehr für deren Kinder interessiert. Sie hatte die Güte, mir einen Brief zu schreiben, den ich zusätzlich zu denen von Mrs. Martin erhielt und in dem sie mir ihre Hilfe und ihr anhaltendes Interesse an Georgie zusicherte, sollte er nach Highbury kommen. Ich hielt das für die beste Unterbringung, die er haben könnte, und so vereinbarten wir, dass er so bald wie möglich zur Familie Simpkins zurückkehren sollte, um dann von Birmingham statt von Pemberley abgeholt zu werden, wo die von Mrs. Knightley geschickte Kutsche sehr wahrscheinlich aufgefallen wäre. Alles lief wie geplant, und in den Briefen, die ich in der Zeit danach erhielt, wurde mir versichert, dass sich das Kerlchen gut eingelebt hat und ein glückliches, bezauberndes Kind ist, das von der ganzen Familie geliebt wird. Ich habe diese Briefe selbstverständlich für Sie aufgehoben. Mrs. Martin war entsetzt, als sie erfuhr, dass Georgie noch nicht getauft war – das haben sie inzwischen in der Kirche in Highbury nachgeholt. Er heißt jetzt John, nach dem Vater von Mrs. Martin.

Es tut mir leid, dass ich Ihnen das alles nicht schon früher erzählen konnte, aber ich hatte Louisa versprochen, die Sache mit größter Vertraulichkeit zu behandeln. Allerdings habe ich ihr gegenüber klargestellt, dass Sie, Madam, von der Sache erfahren müssten. Bidwell hätte die Wahrheit zutiefst gekränkt; er glaubt, wie alle anderen in Pemberley auch, dass der kleine Georgie wieder bei seiner Mutter, Mrs. Simpkins, ist. Hoffentlich habe ich das Richtige getan, Madam. Es war Louisa so wichtig, dass Georgie nie von seinem Vater gefunden wird und dass man sich um ihn kümmert und ihn liebt. Sie hat nicht den Wunsch, ihn je wiederzusehen oder auch nur regelmäßig über seine Entwicklung unterrichtet zu werden – ja, sie weiß nicht einmal, bei wem er untergekommen ist. Es genügt ihr zu wissen, dass er versorgt und geliebt wird.«

»Sie hätten nicht besser handeln können«, sagte Elizabeth, »und die Vertraulichkeit werde ich selbstverständlich wahren. Nur um eine Ausnahme bitte ich: Auch Mr. Darcy muss eingeweiht werden. Weitere Verbreitung wird das Geheimnis nicht erfahren. Hat Louisa nun ihr Verlöbnis mit Joseph Billings aufrechterhalten?«

»Ja, Madam, und Mr. Stoughton hat ihn von einigen Aufgaben entbunden, damit er mehr Zeit mit ihr verbringen kann. Mr. Wickham hat Louisa sehr aus dem Gleichgewicht gebracht, aber jetzt hasst sie ihn nur mehr und freut sich auf ihr Leben mit Joseph in Highmarten.«

Wickham war allen seinen Fehlern zum Trotz ein findiger, gutaussehender, gewinnender Mann, und Elizabeth fragte sich, ob Louisa – laut Reverend Oliphant ein hochintelligentes Mädchen – in der Zeit ihres Zusammenseins mit ihm vielleicht Einblick in ein anderes, aufregenderes Leben erhalten hatte. Jedenfalls hatte man für ihr Kind und wohl auch für sie das Bestmögliche getan. Sie würde nun Zimmermädchen in Highmarten und die Frau des Butlers sein, und die Erinnerung an Wickham würde nach und nach verblassen. Elizabeth empfand es als unvernünftig und ziemlich sonderbar, doch sie spürte einen Anflug von Bedauern.

Epilog

Eines Morgens Anfang Juni frühstückten Elizabeth und Darcy auf der Terrasse. Der sonnige Tag verhieß gemeinsame Vergnügungen im Kreis der Freunde. Henry Alveston hatte sich für einige Tage von seinen Verpflichtungen in London lösen können und war am Abend zuvor eingetroffen, und zum Mittag- und Abendessen wurden die Bingleys erwartet.

»Ich würde gern mit dir am Fluss spazieren gehen, Elizabeth«, sagte Darcy. »Ich muss dir etwas mitteilen. Mir liegt seit geraumer Zeit etwas auf dem Herzen, worüber ich schon längst mit dir hätte sprechen sollen.«

Elizabeth willigte ein, und fünf Minuten später schlenderten sie über den Rasen zum Uferweg. Beide schwiegen, bis sie die Brücke überquert hatten, die an einer Schmalstelle des Flusses zu einer Bank führte. Lady Anne hatte sie aufstellen lassen, während sie ihr erstes Kind erwartete, um einen schönen Rastplatz zu haben. Der Blick fiel über das Wasser hinweg auf Pemberley House – eine Aussicht, die sowohl Darcy als auch Elizabeth liebten und zu der sie fast immer ihre Schritte instinktiv lenkten. Der Tag hatte dunstig begonnen, was der Obergärtner stets als Anzeichen für große Hitze wertete. Die Bäume hatten ihre ersten zarten Triebe an die lindgrünen Frühlingsblätter verloren und waren nun üppig belaubt, während sich die mit Sommerblumen bestandenen Ufer und der glitzernde Fluss zu einem lebendigen Fest der Schönheit und Erfüllung vereinten.

Zur großen Erleichterung aller war der ersehnte Brief aus Amerika endlich in Longbourn eingetroffen und eine von Kitty angefertigte Abschrift an diesem Morgen zugestellt worden. Wickham hatte nur einen kurzen Bericht verfasst, dem Lydia ein paar krakelige Zeilen hinzugefügt hatte. Beide waren von der Neuen Welt grenzenlos begeistert. Wickham schrieb hauptsächlich über die prachtvollen Pferde und über Mr. Cornbinders Vorhaben, Rennpferde zu züchten, während Lydia verkündete, dass Williamsburg im Vergleich zum langweiligen Meryton in jeder Hinsicht eine Verbesserung darstelle und sie sich bereits mit einigen der in der nahe gelegenen Garnison stationierten Offiziere und deren Gattinnen angefreundet habe. Es sah ganz danach aus, als hätte Wickham endlich eine Arbeitsstelle gefunden, die er behalten würde; von der Frage, ob er auch seine Frau würde behalten können, trennte die Darcys ein dreitausend Meilen breiter Ozean, und dafür waren sie dankbar.

»Ich habe über Wickham nachgedacht und über die Reise, die deine Schwester und er gewagt haben«, sagte Darcy. »Ich kann ihm nun zum ersten Mal und in aller Aufrichtigkeit alles Gute wünschen. Vielleicht führt ja die Tortur, die er durchlitten hat, tatsächlich zu der Läuterung, von der Reverend Cornbinder so überzeugt ist, und ich glaube, die Neue Welt wird auch weiterhin all seine Hoffnungen erfüllen. Doch weil mich die Vergangenheit so sehr geprägt hat, wünsche ich mir nur mehr, ihn niemals wiederzusehen. Sein Versuch, Georgiana zu verführen, war so widerwärtig, dass ich nie ohne Abscheu an ihn denken kann. Ich bemühte mich, diese Erfahrung zu vergessen, als hätte ich sie nie gemacht, und glaubte, dies würde mir leichter fallen, wenn zwischen Georgiana und mir nie darüber gesprochen würde.«

Elizabeth schwieg eine Weile. Wickham warf keinen Schatten auf ihr gemeinsames Glück und vermochte auch nicht das ausgesprochene oder unausgesprochene Vertrauen zwischen ihnen zu erschüttern. Wenn diese Ehe nicht glücklich war, halfen auch Worte nichts. Eine von beiden empfundene Scheu hinderte sie daran, jemals über Wickhams einstige Freundschaft mit Elizabeth zu sprechen. Doch sie waren sich einig in der Bewertung seines Charakters und seiner Lebensweise, und Elizabeth hatte den Entschluss ihres Mannes, Wickham niemals in Pemberley zu empfangen, immer geteilt. Aus derselben Scheu heraus hatte sie nie mit Darcy über die von Georgiana geplante Flucht gesprochen, hinter der er Wickhams Absicht vermutete, an Georgianas Vermögen heranzukommen und sich für frühere, eingebildete Kränkungen zu rächen. Ihr Herz war so erfüllt von der Liebe zu ihrem Mann und von dem Vertrauen in sein Urteil, dass sich kein Platz für Kritik fand. Sie konnte nicht glauben, dass er Georgiana gegenüber gedankenlos oder gleichgültig gewesen war, doch vielleicht war es nun an der Zeit, sich der noch immer schmerzlichen Vergangenheit zu stellen und als Geschwister darüber zu sprechen.

»Ist dieses Schweigen zwischen dir und Georgiana nicht vielleicht doch ein Fehler, mein Liebster?«, sagte sie sanft. »Immerhin ist ja nichts Schlimmes geschehen. Du warst rechtzeitig in Ramsgate, und Georgiana gestand alles, und es erleichterte sie. Wir wissen nicht einmal, ob sie wirklich mit ihm davongelaufen wäre. Du solltest bei ihrem Anblick nicht immer an das zurückdenken, was für euch beide so schmerzlich war. Sie sehnt sich danach, dass du ihr vergibst.«

»Ich selbst bedarf der Vergebung«, erwiderte Darcy. »Dennys Tod hat mir meine Verantwortung bewusstgemacht, und Georgiana ist nicht der einzige Mensch, den ich durch Unachtsamkeit verletzt habe. Wickham wäre nie mit Lydia davongelaufen und hätte sie nie geheiratet und Eingang in unsere Familie gefunden, wenn ich meinen Stolz bezwungen und die Wahrheit über ihn erzählt hätte, als er in Meryton auftauchte.«

»Das hättest du kaum tun können, ohne Georgianas Geheimnis zu verraten.«

»Ein warnendes Wort, in den entsprechenden Kreisen gesprochen, hätte genügt. Doch das Übel reicht wesentlich weiter zurück, bis hin zu meinem Entschluss, Georgiana aus der Schule zu nehmen und in die Obhut von Mrs. Younge zu geben. Wie konnte ich nur so blind und gleichgültig sein und die grundlegendsten Vorkehrungen vernachlässigen – ich, ihr Bruder und damaliger Vormund, der Einzige, dem meine Eltern zugetraut hatten, für sie und ihre Sicherheit zu sorgen! Sie war erst fünfzehn damals und fühlte sich nicht wohl in der Schule. Sie besuchte eine vornehme, teure Lehranstalt, in der die Schülerinnen jedoch nicht liebevoll behandelt wurden, sondern wo man ihnen, statt für eine solide Bildung und gesunden Menschenverstand zu sorgen, Stolz und die Werte der vornehmen Welt einschärfte. Es war richtig, Georgiana aus dieser Schule zu nehmen, doch für einen eigenen Haushalt war sie noch zu jung. In Gesellschaft zeigte sie sich genau wie ich schüchtern und unsicher. Du hast es selbst gesehen, als du mit Mr. und Mrs. Gardiner zum ersten Mal in Pemberley warst und ihr eine kleine Erfrischung zu euch genommen habt.«

»Ich habe damals auch gesehen, was ich noch heute sehe: wie sehr ihr euch liebt und einander vertraut.«

Darcy fuhr fort, als hätte sie nichts gesagt. »Und ihr einen Haushalt einzurichten – erst in London, und dann den Umzug nach Ramsgate zu bewilligen! Sie hätte in Pemberley bleiben müssen, Pemberley war ihr Zuhause. Ich hätte sie zu mir holen und ihr eine geeignete Dame als Gesellschafterin suchen können, vielleicht auch eine Gouvernante, um ihre in wesentlichen Dingen vernachlässigte Bildung voranzutreiben, und ich hätte hier mit ihr leben und ihr die Liebe und die Unterstützung eines Bruders geben können. Stattdessen vertraute ich sie einer Frau an, die ich, obgleich sie tot und jede irdische Versöhnung unmöglich ist, mein Leben lang für die Verkörperung des Bösen ansehen werde. Du hast es zwar nie angesprochen, dich aber sicherlich gefragt, warum Georgiana nicht bei mir in Pemberley, ihrem einzigen Zuhause, geblieben war.«

»Ich gebe zu, dass ich gelegentlich darüber nachgedacht habe, doch als ich Georgiana kennengelernt und euch beide miteinander erlebt hatte, konnte ich nichts anderes glauben, als dass dir nur ihr Glück und Wohlergehen am Herzen lag. Was Ramsgate betrifft, so wäre es denkbar gewesen, dass Ärzte den Aufenthalt in der Seeluft empfohlen hätten. Vielleicht, so dachte ich, war Pemberley, wo ihre Eltern gestorben waren, für sie nur mehr ein trauriger Ort, und deine Verantwortung für das Anwesen erlaubte es dir nicht, Georgiana so viel Zeit zu widmen, wie du es dir gewünscht hättest. Ich sah, dass sie in deinem Beisein glücklich war, und konnte sicher sein, dass du sie immer wie ein liebender Bruder behandelt hattest.« Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: »Und Colonel Fitzwilliam? Auch er war Georgianas Vormund und sicherlich anwesend, als Mrs. Younge sich vorstellte.«

»Ja, das stimmt. Ich ließ sie mit einer Kutsche nach Pemberley bringen und lud sie nach dem Vorstellungsgespräch zum Dinner ein. Im Rückblick weiß ich, wie leicht sie diese beiden empfänglichen jungen Männer manipulieren konnte. Sie präsentierte sich als bestens geeignet, um die Verantwortung für ein junges Mädchen zu übernehmen. Sie wirkte glaubwürdig, sagte genau das Richtige, gab sich als vornehme und gebildete Dame mit einem Faible für junge Leute aus, schien tadellose Manieren zu haben und in moralischer Hinsicht über jeden Zweifel erhaben zu sein.«

»Legte sie keine Referenzen vor?«

»Geradezu beeindruckende Referenzen – die selbstredend gefälscht waren, was wir hauptsächlich deshalb nicht erkannten, weil wir uns von ihrer äußeren Erscheinung und der augenscheinlichen Eignung für die Aufgabe blenden ließen und es versäumten, bei ihren angeblichen früheren Dienstherren nachzufragen. Die einzige Referenz, der wir damals nachgingen, erbrachte ein Empfehlungsschreiben, das, wie sich später herausstellte, von einem Komplizen stammte und ebenso gefälscht war wie ihre ursprünglichen Bewerbungspapiere. Ich glaubte, Fitzwilliam hätte an die anderen Dienstherren geschrieben, und er dachte, ich hätte diese Aufgabe übernommen. Ich gebe zu, dass es in meiner Verantwortung lag. Er war zu seinem Regiment zurückbeordert worden und mit Dringlicherem beschäftigt. Ich habe mehr Schuld auf mich geladen als er und kann weder ihn noch mich selbst rechtfertigen, aber damals tat ich es.«

»Es war eine schwere Aufgabe für zwei junge, unverheiratete Männer, auch wenn einer von ihnen der Bruder war. Gab es denn keine Verwandte oder gute Freundin der Familie, die Lady Anne hätte bitten können, Georgianas Gesellschafterin zu werden?«

»Das war ja das Problem. Dafür wäre nur Lady Catherine de Bourgh in Frage gekommen, die ältere Schwester meiner Mutter. Hätte sie sich anderweitig umgesehen, wäre es zum dauerhaften Bruch zwischen ihnen gekommen. Doch sie standen sich nie nahe, dafür waren sie zu unterschiedlich. Meine Mutter galt zwar als eine Frau mit eisernen Grundsätzen und ausgeprägtem Standesdünkel, doch wer in Kummer und Not war, dem begegnete sie mit ausgesuchter Freundlichkeit, und sie besaß große Menschenkenntnis. Wie Lady Catherine ist – oder vielmehr war –, weißt du. Die Güte, die du ihr nach dem Tod ihrer Tochter erwiesen hast, hat ihr Herz weicher gemacht.«

»Ich denke nie an Lady Catherines Fehler, ohne mich daran zu erinnern, dass uns erst ihr Besuch in Longbourn und ihre Entschlossenheit, herauszufinden, ob zwischen uns ein Verlöbnis bestand, das es gegebenenfalls zu verhindern galt, zueinandergebracht haben.«

»Als sie mir erzählte, wie du dich zu ihrer Einmischung geäußert hattest, schöpfte ich Hoffnung. Doch du warst eine erwachsene Frau und zu stolz, um dir Lady Catherines Anmaßung gefallen zu lassen. Sie wäre ein schrecklicher Vormund für ein fünfzehnjähriges Mädchen gewesen. Georgiana hatte immer ein bisschen Angst vor ihr. Meine Schwester wurde mehrmals eingeladen, nach Rosings zu ziehen. Lady Catherine schlug vor, Georgiana und ihre Cousine sollten sich eine Gouvernante teilen und wie Schwestern aufwachsen.«

»Vielleicht in der Absicht, dass sie Schwägerinnen würden. Lady Catherine hat mir damals unmissverständlich erklärt, dass du für ihre Tochter vorgesehen seist.«

»Von ihr vorgesehen, aber gewiss nicht von meiner Mutter. Das war ein zusätzlicher Grund, weshalb wir nicht wollten, dass Lady Catherine Georgianas Vormund wurde. Doch sosehr ich es auch verurteile, dass meine Tante sich ständig in anderer Leute Angelegenheiten einmischt, muss ich doch sagen, dass sie mehr Verantwortungsbewusstein gezeigt hätte, als ich es tat. Ihr hätte sich eine Mrs. Younge nicht aufdrängen können. Ich setzte Georgianas Glück aufs Spiel und vielleicht sogar ihr Leben, indem ich sie der Verfügungsgewalt dieser Frau überließ. Mrs. Younge wusste von vornherein, worauf sie hinauswollte, und Wickham gehörte von Beginn an zu ihrem Plan. Er machte es sich zur Aufgabe, sich über alles, was in Pemberley geschah, auf dem Laufenden zu halten, erzählte ihr, dass ich auf der Suche nach einer Gesellschafterin für Georgiana war, und sie bewarb sich unverzüglich für die Stelle. Mrs. Younge hatte erkannt, dass er es zu der Lebensweise, auf die er ein Recht zu haben glaubte, am ehesten bringen würde, indem er seine ausgeprägte Fähigkeit, Frauen zu betören, einsetzte und Geld heiratete, und das ausgewählte Opfer war Georgiana.«

»Glaubst du wirklich, dass die beiden diese infame Intrige schon vor deiner ersten Begegnung mit Mrs. Younge ausgeheckt hatten?«

»Ich bin mir absolut sicher. Wickham und sie hatten Georgianas Flucht von Anfang an geplant. Das gab er bei dem Gespräch in der Gracechurch Street zu.«

Sie saßen eine Weile schweigend da und betrachteten die Wirbel und Strudel, die sich im Fluss über den flachen Steinen bildeten, bis sich Darcy plötzlich von dem Anblick losriss.

»Doch es gibt noch mehr zu sagen. Wie konnte ich nur so gefühllos und anmaßend sein und versuchen, Bingley von Jane zu trennen? Wenn ich mir die Mühe gemacht hätte, mit ihr zu sprechen, ihre Sanftmut und Güte kennenzulernen, wäre mir bewusst geworden, dass sich Bingley hätte glücklich schätzen dürfen, ihre Liebe zu erringen. Ich hatte wohl Angst, dass es mir mit einer Heirat zwischen Bingley und deiner Schwester noch schwerer fallen würde, meine Liebe zu dir zu bezwingen – eine Leidenschaft, die zu einem übermächtigen Verlangen geworden war, das ich jedoch glaubte niederringen zu müssen. Weil das Leben meines Großvaters einen Schatten auf die Familie geworfen hatte, war mir schon als kleinem Kind beigebracht worden, dass große Besitztümer große Verantwortung mit sich bringen und dass die Sorge um Pemberley und um die vielen Menschen, deren Lebensglück und Lebensunterhalt darauf beruhen, eines Tages auf meinen Schultern lasten würde. Dass persönliche Wünsche und privates Glück hinter dieser nahezu heiligen Pflicht stets an zweiter Stelle zu stehen haben …

Die Überzeugung, etwas Falsches zu tun, führte mich zu jenem ersten, schändlichen Antrag und zu dem noch schlimmeren Brief, der ihm folgte und in dem ich mein Verhalten wenigstens teilweise zu rechtfertigen versuchte. Mit voller Absicht formulierte ich den Antrag so, dass keine Frau, die ihrer Familie auch nur mit einem Hauch von Wohlwollen oder Ergebenheit zugetan ist oder Stolz und Achtung für sich selbst empfindet, ihn hätte annehmen können, und war angesichts deiner verächtlichen Zurückweisung und meines Rechtfertigungsbriefs überzeugt, alle Gedanken an dich für immer abgetötet zu haben. Doch es sollte nicht sein. Auch nachdem wir auseinandergegangen waren, bliebst du in meinem Herzen und in meinen Gedanken, und als du mit Tante und Onkel in Derbyshire unterwegs warst und wir uns unverhofft in Pemberley wiedersahen, wusste ich mit absoluter Sicherheit, dass ich dich immer noch liebte und immer lieben würde, und begann, wenngleich ohne große Hoffnung, dir zu zeigen, dass ich mich geändert hatte, um der Mann zu sein, den du für würdig halten könntest, dein Gatte zu werden. Ich war wie ein kleiner Junge, der stolz sein Spielzeug vorzeigt, weil er unbedingt Anerkennung erfahren will.«

Er schwieg einige Sekunden lang. »Der jähe Wandel seit dem schändlichen Brief, den ich dir in Rosings überreicht hatte, meine Unverschämtheit, der ungerechtfertigte Groll, das dünkelhafte Beleidigen deiner Familie, so kurz darauf gefolgt von meiner Begrüßung der drei Besucher in Pemberley – mein Bedürfnis, Wiedergutmachung zu leisten und deinen Respekt zu erlangen, ja sogar ein tieferes Gefühl zu erhoffen, war so dringlich, dass es jede Besonnenheit überstieg. Doch wie solltest du meiner Veränderung Glauben schenken? Wie hätte irgendein vernünftiges Wesen sie für wahr halten können? Selbst Mr. und Mrs. Gardiner mussten wissen, dass ich im Ruf stand, stolz und überheblich zu sein, und sie mussten sich über meine Veränderung gewundert haben. Und wie ich mich Miss Bingley gegenüber benahm, muss dir verwerflich erschienen sein. Du hast es miterlebt, als du nach Netherfield kamst, um die kranke Jane zu besuchen. Warum machte ich Caroline Bingley Hoffnungen, indem ich mich so oft im Kreis ihrer Familie aufhielt, obgleich ich ihr gegenüber keinerlei Absichten hegte? Meine Unhöflichkeit muss sie zuweilen geradezu als erniedrigend empfunden haben. Und Bingley, der rechtschaffene Kerl, hoffte auf eine Verschwägerung. Für keinen von ihnen erwies ich mich damals als Freund oder Gentleman. In Wahrheit aber erfüllte mich solcher Selbstekel, dass ich für den Umgang mit Menschen nicht mehr taugte.«

»Ich denke nicht, dass sich Caroline Bingley schnell erniedrigt fühlt, wenn sie ein Ziel verfolgt, aber wenn du unbedingt glauben willst, dass Bingleys Enttäuschung über das Nichtzustandekommen einer engeren Verbindung schwerer wiegt als die unangenehme Situation, mit seiner Schwester verheiratet zu sein, will ich dich nicht eines Besseren belehren. Man kann dir nicht vorwerfen, sie oder ihn getäuscht zu haben – deine Gefühle standen nie in Zweifel. Und was dein verändertes Benehmen mir gegenüber betrifft, so darfst du nicht vergessen, dass ich dich damals nach und nach kennenlernte und mich in dich verliebte. Vielleicht glaubte ich an die Veränderung, weil ich unbedingt und von ganzem Herzen daran glauben wollte. Und war es nicht richtig, mich mehr von meinem Gefühl als von kalter Vernunft leiten zu lassen?«

»O ja, es war richtig, Liebste, so richtig!«

»Ich habe ebenso viel zu bedauern wie du, und zumindest brachte dein Brief mich erstmals auf den Gedanken, ich könnte mich in George Wickham getäuscht haben. Damals erkannte ich, wie unwahrscheinlich es war, dass der Gentleman, den Mr. Bingley zu seinem besten Freund erkoren hatte, sich so benahm, wie Mr. Wickham behauptete, die Wünsche seines Vaters so verriet und von solcher Arglist getrieben war. So hat der Brief, den du heute missbilligst, doch etwas Gutes bewirkt.«

»Die Passagen über Wickham waren das einzig Ehrliche darin. Ist es nicht merkwürdig, dass ich dir so viel Kränkendes, Demütigendes schrieb und gleichzeitig, obwohl wir getrennt waren, die Vorstellung nicht ertrug, du würdest in mir immer den Mann sehen, den Wickham dir beschrieben hatte?«

Sie rückte näher an ihn heran, und eine Weile saßen sie schweigend da. »Wir sind beide nicht mehr die, die wir waren«, sagte Elizabeth schließlich. »Betrachten wir an der Vergangenheit nur mehr das Freudige, und sehen wir zuversichtlich und hoffnungsvoll in die Zukunft!«

»Ich habe über die Zukunft nachgedacht. Es ist zwar nicht leicht, mich von Pemberley loszueisen, aber es wäre doch schön, noch einmal nach Italien zu fahren und die Orte aufzusuchen, die wir von unserer Hochzeitsreise kennen. Wir könnten im November aufbrechen, um dem englischen Winter zu entgehen. Wir müssen nicht lange fortbleiben, falls du die Jungen nicht allein lassen willst …«

Elizabeth lächelte. »Die Jungen wären in Janes Obhut gut aufgehoben – du weißt ja, wie gern sie sich um sie kümmert. Es wäre wunderschön, nach Italien zu fahren, aber wir müssen es verschieben. Ich wollte dir gerade meine Pläne für November vorstellen. Zu Beginn dieses Monats hoffe ich nämlich unsere Tochter im Arm zu halten.«

Er vermochte nichts zu erwidern, doch die Freude, die ihm Tränen in die Augen trieb, erhellte sein Gesicht, und der starke Griff, mit dem er Elizabeths Hand drückte, sagte genug. Als er endlich wieder Worte fand, fragte er sie: »Geht es dir gut? Du brauchst gewiss ein Schultertuch. Sollen wir zurückgehen, damit du ein wenig ruhen kannst? Darfst du überhaupt hier im Freien sitzen?«

Elizabeth lachte. »Es geht mir ausgezeichnet. Es geht mir doch immer ausgezeichnet! Und dies ist der beste Ort, um eine solche Nachricht zu überbringen: die Bank, auf der sich Lady Anne ausruhte, als sie guter Hoffnung mit dir war. Versprechen kann ich es dir natürlich nicht, dass du eine Tochter bekommst. Ich habe das Gefühl, eine Mutter von Söhnen zu bleiben. Doch auch wenn es ein Knabe wird, werden wir ihm ein Plätzchen einräumen.«

»Ja, meine Liebste, im Kinderzimmer und in unseren Herzen!«

Während sie schweigend dasaßen, sahen sie Georgiana und Alveston die Treppe von Pemberley herunterkommen und auf den Rasen am Flussufer treten. Darcy fragte mit gespielter Strenge: »Was sehe ich da, Mrs. Darcy? Meine Schwester und Mr. Alveston Hand in Hand, sichtbar von jedem Fenster des Hauses aus? Unerhört! Was hat das zu bedeuten?«

»Das müssen Sie schon selbst herausfinden, Mr. Darcy.«

»Ich kann mir nur vorstellen, dass Mr. Alveston mir etwas Wichtiges mitteilen, mich womöglich um etwas bitten will …«

»Bitten sicherlich nicht, mein Lieber. Denk daran – Georgiana steht nicht mehr unter deiner Vormundschaft. Das haben die beiden ganz unter sich ausgemacht, und sie kommen nicht, um zu bitten, sondern um zu berichten. Eines brauchen und erhoffen sie sich aber doch von dir: deinen Segen.«

»Von ganzem Herzen sollen sie ihn bekommen. Ich wüsste keinen Mann, den ich lieber zum Schwager hätte. Und heute Abend werde ich mit Georgiana sprechen. Es soll kein Schweigen mehr zwischen uns herrschen.«

Sie erhoben sich von der Bank und sahen zu, wie ihnen Georgiana und Alveston, vom steten Plätschern des Wassers begleitet, glücklich lachend und immer noch Hand in Hand über das leuchtende Gras entgegenliefen.