/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Weites wildes Land

Patricia Shaw


Weites wildes Land

Patricia Shaw

1992

1

Nahe der australischen Küste reißt ein Hurrikan das Passagierschiff »Cambridge Star« in die Tiefe. Zu den wenigen Überlebenden zählt Sibell Delahunty, die verwöhnte Tochter eines englischen Gutsbesitzers. Zusammen mit einem irischen Sträfling wird sie an Land gespült — die Situation in der Wildnis scheint aussichtslos. Doch dann entdeckt Sibell auf dem fremden Kontinent Schritt für Schritt ihr Temperament, ihren Pioniergeist, ihre Zähigkeit und ihren Mut…

Inhaltsverzeichnis

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Nachwort

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Zuerst kam der Regen. Der heiß ersehnte, kühlende Regen, der das Salz von den Decks spülte und Passagiere und Mannschaft nach oben trieb, wo sie in allen möglichen Gefäßen — Eimern, Töpfen und sogar Hüten — das kostbare Naß auffingen.

Nach der langen Reise vom Kap der Guten Hoffnung durch die Schwüle eines schier endlos scheinenden Sommers schüttelte sich die Cambridge Star wie ein Hund, der aus dem Wasser steigt. Bald waren die Segel wieder geschmeidig und blähten sich in den ersten Böen. Denn mit dem Regen kam der lang ersehnte Wind, der sie nun schnell an die Westküste Australiens bringen würde.

Kapitän Bellamy, der am Steuerrad stand, lächelte unter seinem dunklen, kurz gestutzten Bart. Es war seine erste Fahrt zu den Antipoden, und er war nicht ohne Furcht in den Indischen Ozean eingesegelt. In seinen Ohren klangen noch immer die Warnungen vor den unberechenbaren Winden nach, den Roaring Forties, die ein Schiff zu einer Geschwindigkeit von bis zu neunzig Knoten antreiben und die Wellen zu haushohen Mauern aufpeitschen konnten. Doch ihm hatte sich der Ozean gnädig gezeigt, vielleicht zu gnädig sogar, denn während all der langen Wochen, die hinter ihnen lagen, hatten sie kein einziges Unwetter erlebt. Im Gegenteil, es hatte sich nicht der kleinste Windhauch geregt, und da sie von einer hartnäckigen Strömung stetig nach Osten getrieben worden waren, lagen sie inzwischen in ihrem Zeitplan zurück. Aber weitaus besorgniserregender war, daß ihre Wasservorräte inzwischen unaufhaltsam zur Neige gingen.

Aber nun war das Schlimmste überstanden. Endlich würden die Passagiere aufhören zu jammern, denn jetzt konnten sie seinetwegen im Regen baden, wenn ihnen danach war, während dieser prächtige Wind ihr Schiff nach Perth treiben würde. Seiner Berechnung nach müßten sie Fremantle an der Mündung des Swan River in vier Tagen erreicht haben.

Als allerdings vierundzwanzig Stunden später ein Sturm aufzog, wich seine gute Laune einer tiefen Besorgnis. Der Regen prasselte in wahren Sturzbächen herab, der Wind wurde ständig heftiger, und das Barometer fiel. Aber er stellte sich dem Kampf mit den Naturgewalten, um die Herrschaft über sein Schiff zu behalten. Zwei Tage lang trotzte die Cambridge Star dem Unwetter, zwei Tage, in denen die Mannschaft keinen Augenblick zur Ruhe kam und hoch in den Masten die Segel abwechselnd hisste und raffte, um das Schiff im Kiel zu halten. Auch nachts ließ die tosende finstere See das Schiff nicht zur Ruhe kommen.

Währenddessen versuchten die Offiziere, die verängstigten Passagiere unter Deck zu beruhigen. In kürzester Zeit hätten sie die Schlechtwetterfront hinter sich gelassen, versicherten sie ihnen. Also beteten die Frauen, während sie über sich Holz splittern hörten, und die Männer eilten den Seeleuten an den Pumpen zu Hilfe. Am dritten Tag trat plötzlich wieder Ruhe ein. Der Ozean breitete sich spiegelglatt vor ihnen aus, und der Himmel strahlte in grellem Licht, als hätte die Sonne nichts Eiligeres zu tun, als die feuchtklamme Luft zu vertreiben. Und schon zeigten sich auf Deck die Privilegierten unter den Fahrgästen, die Erste-Klasse-Passagiere, um den Schaden zu begutachten und dem Kapitän zu seinem Geschick zu gratulieren.

Doch Kapitän Bellamy war unabkömmlich. Er müsse sich ausruhen, hieß es, und die Passagiere kamen überein, daß er sich seine Ruhe wahrlich verdient hatte. Daß sich das Schiff kaum noch von der Stelle rührte, lag wahrscheinlich an einer Flaute. Von diesen äquatorialen Windstillen hatten sie ja alle schon einmal gehört.

Währenddessen studierte Kapitän Bellamy in seiner Kajüte gemeinsam mit seinem ersten Maat Gruber die Karten.

»Wir sind ziemlich vom Kurs abgekommen«, erklärte ihm Gruber, »und jetzt viel zu weit nördlich.«

»Und wir sind völlig machtlos«, ergänzte Bellamy besorgt. »Draußen weht nicht das kleinste Lüftchen. Dabei sind wir so nah am Ziel! Wieviel Zeit bleibt uns noch?«

»Das kann man schlecht sagen. Vielleicht nur ein paar Stunden, vielleicht aber auch noch ein ganzer Tag.«

»Dann trommeln Sie alle Männer zusammen, damit wir möglichst viel wieder in Ordnung bringen, solange das noch möglich ist«, stöhnte der Kapitän. »Vielleicht sind wir ja mit dem Schrecken davongekommen.« Aber Gruber warf einen Blick auf das Barometer und schüttelte nur den Kopf.

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Unter den Passagieren an Deck befanden sich auch die drei Mitglieder der Familie Delahunty. Doch Mrs. Delahunty konnte die drückende Hitze bald nicht mehr ertragen. »James, ich gehe zurück in unsere Kabine. Sonst komme ich hier oben noch um vor Hitze.«

»Ja«, stimmte er ihr zu. »Die Sonne liegt zwar hinter den Wolken, aber sie verbreitet trotzdem eine Teufelsglut.« Zum Schutz vor dem grellen Licht zog er sich den weißen Panamahut tiefer in die Stirn und blickte über das milchigweiße Meer. »Wenn man auf diesem großen Tümpel festsitzt, ist die Hitze wirklich unerträglich, meine Liebe. Ziehen wir uns also wieder zurück.«

»Unten ist es noch viel schlimmer«, meinte Sibell. Aber ihre Mutter widersprach. »Unsinn! Hier oben ist kein bißchen Schatten. Ich habe schon jetzt stechende Kopfschmerzen.« Damit raffte sie ihre schweren Röcke und stieg, gestützt auf ihren Ehemann, die schmalen Stufen herunter. Sibell betätigte sich als Schleppenträgerin.

»Ich muß mich ein wenig hinlegen«, klagte Mrs. Delahunty. »Daß du mir bloß nicht wieder an Deck gehst, Sibell! Das Sonnenlicht spiegelt sich nämlich im Meer und verdirbt dir womöglich den Teint.«

Sibell seufzte. Zum hundertsten Male warnte ihre Mutter sie auf dieser schrecklichen, endlosen Reise, sie würde sich den Teint verderben! Sie war gerade erst siebzehn, und in der gesamten ersten Klasse gab es niemanden in ihrem Alter — nur ältere Herrschaften und sechs gräßliche quengelnde Kinder. Die Reisebekanntschaften ihrer Eltern hatten Sibell oft zu ihrer hellen Haut und ihrem guten Aussehen gratuliert. Völlig überflüssig, da es an Bord ja doch niemanden gab, der zählte und den sie mit ihrem guten Aussehen hätte beeindrucken können. Mit den recht zahlreichen jüngeren Leuten im Zwischendeck konnte sie sich ja wohl nur schwerlich zusammentun. Ihre einzige heimliche Freude war, wenn Mitglieder der Mannschaft — ziemlich ungehobelte Burschen — einander anstießen und ihr vielsagend zugrinsten. Sibell hatte so getan, als würde sie diese kleinen Schmeicheleien nicht bemerken, dennoch waren sie im trüben Einerlei der Tage eine willkommene Abwechslung. Sie rückte sich den Hut zurecht, strich ihren Rock glatt und wandte sich zum Salon. Wenigstens näherte sich ihre Reise jetzt dem Ende zu, und die Delahuntys konnten in dem sonnigen Land, das vor ihnen lag, ein neues Leben beginnen.

James Delahunty war ein Gutsbesitzer aus Sussex, den eine Folge von rauhen Wintern und schlechten Ernten in wirtschaftliche Schwierigkeiten gebracht hatte. Als er schließlich schon den Mut verlieren wollte, war ein Brief von seinem Freund Percy Gilbert eingetroffen. Er lud die Familie Delahunty ein, in die neue britische Kolonie Perth zu kommen.

»In diesem Land«, schrieb Percy, »können wir nicht nur Hunderte, sondern Tausende von Schafen halten. Das Klima ist ausgezeichnet, die Winter sind mild; Schnee kennt man hier nur vom Hörensagen. Hier kann man ein Vermögen machen, allein schon mit dem Erwerb der großen Landstriche, die für nur zwei Pfund Sixpence pro Acre verkauft werden. Ich habe bereits mehrere Parzellen erworben, und es geht mir ausgezeichnet, zumal ich auch noch ein Stadthaus besitze. Wenn unsere beiden Familien ihr Geld zusammentun, könnten wir eine größere Besitzung erwerben und hätten für Generationen ausgesorgt.«

Für James kam dieser Brief wie ein Geschenk des Himmels. Ohne zu zögern verkaufte er seine Farm und bereitete die Auswanderung mit allem Hab und Gut vor.

»Am besten bringst du deine eigenen Leute mit«, hatte Percy ihm geraten, »denn hier kommt man nur schwer an gute Arbeitskräfte. Die entlassenen Sträflinge sind faul und aufsässig, und die Schwarzen weigern sich, für uns zu arbeiten.«

Also befanden sich an Bord der Cambridge Star auch noch zwei Dienstboten und zwei Schafhüter, die sich dazu bereit erklärt hatten, die Familie Delahunty in die neue Welt zu begleiten. Als Sibell den Salon betrat, waren nur zwei Tische besetzt, da sich die meisten Passagiere noch immer von ihrer Seekrankheit erholten. Nur wenige waren so glücklich dran wie die Delahuntys und mußten lediglich mit einer leichten Übelkeit fertig werden, die rasch wieder verging, sobald sich das Meer beruhigt hatte. Mr. und Mrs. Quigley, die an einem Tisch saßen und Karten spielten, luden Sibell zum Mitmachen ein.

»Sehen Sie nicht in die Ecke hinüber«, sagte Mrs. Quigley mit gesenktem Blick. »Dort sitzen zwei Frauen, die hier nichts zu suchen haben.«

Sibell, deren Sichtfeld von ihrer Hutkrempe eingeschränkt war, wären die beiden nicht weiter aufgefallen. Aber jetzt wurde sie neugierig. »Wer ist das?«

»Sie sind aus dem Zwischendeck, Miss Delahunty«, tuschelte Mrs. Quigley. »Dort habe ich sie schon mal gesehen, als der Steward mir den Gepäckraum gezeigt hat. Ich habe Mr. Quigley gerade gebeten, sie hinauszuschicken. Sind Sie nicht auch meiner Ansicht?«

Am liebsten hätte Sibell sich umgedreht, doch sie traute sich nicht. »Sie dürfen sich hier doch gar nicht aufhalten«, flüsterte sie. »Was würde der Kapitän dazu sagen!«

Mr. Quigley, ein gutmütiger Gentleman, zwinkerte nervös hinter seinen Brillengläsern. »Den Kapitän sollte man jetzt wirklich nicht stören. Der arme Mann muß hundemüde sein.«

»Das ist richtig«, meinte seine Frau. »Und deshalb bestehe ich darauf, daß du sie bittest, den Salon zu verlassen.«

»Wenn Sie ihnen erklären, daß dieser Raum für die erste Klasse reserviert ist, gehen sie bestimmt sofort«, meinte Sibell tugendhaft.

»Siehst du?« Mrs. Quigley war froh, daß sie von Sibell Unterstützung bekam. »Du mußt auf der Stelle mit ihnen sprechen, Quigley.«

»Wie du meinst.« Er rückte noch in aller Ruhe seine schwarze Seidenkrawatte zurecht, bevor er sich von seinem Platz erhob. Dann schritt er gemächlich zu den beiden Frauen hinüber. Sibell nutzte die Gelegenheit, sich umzudrehen.

»Tut mir leid, meine Damen«, setzte Mr. Quigley an, »aber Ihnen ist offensichtlich entgangen, daß diese Räumlichkeiten ausschließlich den Passagieren der ersten Klasse vorbehalten sind.«

»Na und?« antwortete eine der Frauen gleichgültig. Sibell schnappte nach Luft. Die beiden waren noch recht jung und ordentlich gekleidet, doch alles an ihnen wirkte gewöhnlich.

Verblüfft stotterte Mr. Quigley: »Und deshalb muß ich Sie bitten, den Salon zu verlassen.«

»Warum sollten wir?« fragte die gleiche Frau, und ihre Freundin fiel ihr ärgerlich ins Wort: »Bei uns dort unten ist es triefend naß und heiß wie in einem Backofen. Wir haben es gründlich satt. Und deshalb bleiben wir, wo wir sind.« Sie langte in ein Regal, in dem Bücher und Kartenspiele aufbewahrt wurden, nahm sich ein Päckchen und begann in aller Ruhe, eine Patience zu legen. Ihre Begleiterin, die sie beobachtete, lächelte herausfordernd.

Quigley trat den Rückzug an, aber seine Frau gab nicht so schnell klein bei. »Wenn Sie erste Klasse reisen wollen, hätten Sie eben auch dafür bezahlen müssen«, rief sie durch den Raum. »Sie haben hier nichts zu suchen. Und wenn Sie bleiben, dann müssen wir uns beim Kapitän über Sie beschweren.«

Aber die Frauen beachteten sie nicht. Sie sahen nicht einmal von ihrem Spiel auf, was Sibell beleidigender vorkam als eine freche Antwort. Sie war entrüstet.

»Ich fürchte, dies ist nur ein Vorgeschmack auf das, was uns bevorsteht«, flüsterte Quigley, an den Platz zurückgekehrt, den beiden Damen zu. »Man hat mir gesagt, daß ein derartig rüpelhaftes Verhalten in der Kolonie an der Tagesordnung ist.«

In diesem Moment kamen zwei Herren herein. Es waren der alte Mr. Freeman und sein Sohn Ezra, der in der Kolonie die Stelle des Gerichtsmagistrats antreten sollte.

»Ah! Quigley!« rief Mr. Freeman. »Genau der Mann, den wir brauchen. Ich hatte gerade eine Meinungsverschiedenheit mit dem jungen Ezra hier…«

Trotz der Auseinandersetzung mit den beiden Frauen mußte Sibell kichern, und selbst Mrs. Quigley verzog den Mund. Der junge Ezra war mindestens vierzig Jahre alt.

»Ich bin der festen Überzeugung«, fuhr der alte Mann fort, »daß wir den Sturm noch längst nicht hinter uns haben. Ich glaube, das ist erst der Anfang.«

Ezra runzelte die Stirn. »Unsinn, Vater! Du siehst immer alles viel zu schwarz. Außerdem darfst du die Damen nicht beunruhigen.«

Dieser Streit zog sich offensichtlich schon seit einer geraumen Weile hin, denn Mr. Freeman stieß verärgert seine Krücke auf den Boden. »Ich will die Damen wirklich nicht beunruhigen«, fuhr er seinen Sohn an. »Und jetzt halt den Mund; ich unterhalte mich mit Mr. Quigley. Eine Frage, Sir, wissen Sie, was ein Zyklon ist?«

»Ja, davon habe ich schon gehört. Aber Mr. Freeman, Sie glauben doch wohl nicht ernstlich, daß dieser Sturm ein Zyklon war?«

»Nicht war, mein Herr. Er ist es«, rief der alte Mann nachdrücklich. »Und jetzt sind wir gerade in seinem Zentrum. Wir sollten uns darauf einstellen, daß es noch schlimmer kommt…«

Mrs. Quigley, die nie um ein Wort verlegen war, ergriff für Ezra Partei und bezeichnete die Vorstellung, dieser Sturm könnte noch einmal zurückkehren, als Unsinn. Sibell jedoch lief es kalt den Rücken herunter. Sie malte sich aus, wie ihr Schiff in den Wirbel des Zyklons hineingezogen wurde, so daß es kreiste wie ein hilfloses Fischlein im Strudel über einem Gully. Allerdings waren sie während des letzten Sturms nicht im Kreis herumgewirbelt worden, und deshalb schien es unwahrscheinlich, daß er sie wirklich in einem gewaltigen Strudel in die Tiefe riß, falls er überhaupt zurückkam.

Ezra vertrat die gleiche Ansicht, doch der alte Mann schrie seinen Sohn an. »Verstehst du denn nicht? Es steht nicht zur Debatte, ob der Sturm zurückkommt. Wir befinden uns im Auge des Zyklons, in seinem Zentrum, und dort herrscht Ruhe. Wir sollten uns bereithalten, um rechtzeitig die Rettungsboote zu besteigen, soweit das möglich ist. Schließlich gibt es nur zwei an Bord.«

»Er hat Recht«, rief eine der fremden Frauen zu ihnen hinüber. »Genau das sagen sie auch unten im Zwischendeck. Die meisten Männer meinen, da kommt noch mehr auf uns zu.«

»Leider richtig«, fügte ihre Freundin hinzu. »Und deshalb rühren wir uns hier auch nicht von der Stelle, ehe wir nicht wissen, was uns erwartet.«

Nun war es Mrs. Quigley, die mit Nichtachtung strafte. »Ich bin überzeugt, der Kapitän weiß, was er von diesem Wetter zu halten hat«, sagte sie zu Mr. Freeman. »Er hat uns sicher durch das letzte Unwetter gebracht, und so können wir darauf vertrauen, daß wir in guten Händen sind, wenn der Sturm zurückkehren sollte.«

»Pah!« schnaubte der alte Herr. »Was seid ihr doch für Narren! Der Vordermast ist geborsten, und die Hälfte der Segel hängt in Fetzen…« Er hinkte hinüber zu den beiden Frauen. »Darf ich die Damen zu einer Flasche Rotwein einladen? Ich habe einen ausgezeichneten Jahrgang zur Hand. Wir können genauso gut fröhlich untergehen.«

Entrüstet mußte Mrs. Quigley mit ansehen, wie sie seine Einladung mit Freuden annahmen. »Kommen Sie, Miss Delahunty«, schnaubte sie. »Eine anständige junge Dame hat hier nichts mehr verloren.« Sibell folgte ihr gehorsam.

___________

Mit einem Aufheulen schlug der Sturm am Abend wieder zu. Der Regen prasselte sintflutartig vom Himmel, und der Wind toste mit ohrenbetäubender Gewalt. Ob es noch der gleiche Sturm war oder ein anderer, schien Sibell nebensächlich, doch die anderen stritten sich noch immer darüber, als sie sich aus ihren überfluteten Kabinen in den Salon flüchteten. Während sich das Schiff die ganze Nacht aufbäumte, so daß das Holz knirschte, klammerte sich Sibell an ihren Vater. Alles schrie vor Angst. Im Salon herrschte tiefe Dunkelheit, und der Gestank nach Erbrochenem lag in der Luft. Sibell kämpfte gegen ihren Brechreiz an; gleichzeitig dröhnte ihr das Tosen der Wellen in den Ohren. Sie fragte sich, ob sie nun tatsächlich im Kreis herumgewirbelt wurden.

Krachend stürzte ein Mast über ihnen auf das Deck. Als das Schiff sich mit einem Ruck zur Seite neigte, wurden die Passagiere wie Puppen durcheinander geworfen. Doch dann richtete sich das Schiff wieder auf. In dem Gedränge wurde Sibell von ihrem Vater getrennt. Noch hörte sie ihn rufen, doch dann wurde sie von einem Menschenstrom mitgerissen, der zur Tür stürmte, und konnte ihn nicht erreichen. Endlich gelang es ihr, sich zum Deck durchzukämpfen. Der dichte Regen raubte ihr die Sicht, und so klammerte sie sich an jedem Menschen, jedem Gegenstand fest, der ihr in den Weg kam. Da hörte sie den Ruf: »Zu den Booten!«

Aus reiner Neugier hatte sie sich schon am Nachmittag die beiden Rettungsboote angesehen, die Mr. Freeman erwähnt hatte. Da sie das Schiff nach dieser langen Reise in- und auswendig kannte, fand sie tastend den Weg zum nächstgelegenen Rettungsboot. Schon wurde sie von Händen gepackt, und ein Matrose rief ihr zu: »Rein mit Ihnen, kleine Dame!« Er warf sie dem nächsten Mann in die Arme, und dann wurde sie weitergereicht wie ein Kartoffelsack. Einen kurzen Moment lang überlegte sie, wie die Männer sie in der Dunkelheit überhaupt sehen konnten, doch im nächsten Augenblick rief sie schon nach ihren Eltern. Wo waren sie bloß? Und wer waren all die Leute, die sich an sie klammerten, die auf sie fielen? Als das Boot klatschend auf der Wasseroberfläche aufsetzte, kauerte sie auf seinem Boden. Zwar fuhr ihr der Aufprall in sämtliche Glieder, doch wenigstens war sie an einem sicheren Platz untergebracht. Denn an den gellenden Schreien erkannte sie, daß andere in den tosenden Ozean gerissen wurden. Verzweifelt versuchte sie, die Ohren vor ihren mitleiderregenden Hilferufen zu verschließen, Hilferufe, denen niemand folgen konnte, denn der furchterregend schwarze Ozean hatte seine Opfer schon verschlungen.

Inzwischen konnte Sibell einige der Leute im Boot erkennen; Männer fluchten, brüllten sich Kommandos zu und legten sich in die Riemen. »Nein!« schrie sie. »Meine Eltern! Mr. und Mrs. Delahunty! Sie müssen sie doch kennen!« Verzweifelt stieß sie diese Worte wieder und immer wieder hervor und zerrte einen der Männer am Ärmel. »Wir können sie doch nicht auf dem Schiff lassen! Wir müssen zurück!«

»Laß mich los, du dummes Ding«, fuhr eine rauhe Stimme sie an. »Laß mich los, oder ich schmeiße dich über Bord.«

Dann wurde sie von kräftigen Händen ergriffen und festgehalten.

»Seien Sie still«, zischte eine Frau ihr zu. »Machen Sie keinen Ärger; die Männer haben anderes im Kopf.«

»Aber das Schiff! Wir müssen zurück aufs Schiff. Hier draußen ist es viel zu gefährlich.« Ihr kam es wie Wahnwitz vor, sich in diesem winzigen Boot dem Ozean anzuvertrauen, wo die Wellen über ihnen zusammenschlugen. Viel sicherer wäre es auf dem großen Schiff, mit all den Leuten, die es steuerten.

Da gellte eine Frauenstimme: »Sie geht unter. O Herr im Himmel, hilf uns, sie sinkt!«

»Wo? Wo?« schrie Sibell.

»Dort hinten«, schluchzte die Frau. Als der erste blaßgraue Schimmer das Ende dieser schrecklichen Nacht ankündigte, sah Sibell den Rumpf der Cambridge Star, der sich zur Seite neigte und unter dem schwankenden Horizont für immer verschwand.

Ein Schrei wie aus einer Kehle entrang sich den Passagieren im Rettungsboot, von Stimmen, die so unmenschlich waren, daß Sibell meinte, sie nie im Leben vergessen zu können. Dann begann die Frau neben ihr zu beten: »…Vater unser, der du bist im Himmel…« Sibell fiel in ihr Gebet ein. Dabei bewegte sie nur ein Gedanke: Hoffentlich hatten sich ihre Eltern ins andere Rettungsboot flüchten können!

___________

Der Zyklon — alle waren sich einig, daß es ein Zyklon gewesen war — hatte sich verzogen. Schweigend und wie benommen saß Sibell zwischen all den Fremden, während das Boot langsam auf die Küste zu gesteuert wurde. Alle waren glücklich, daß sie nicht tagelang ohne Wasser und Lebensmittel auf dem Ozean treiben mußten, denn die Westküste Australiens zeichnete sich bereits deutlich vor ihnen ab. Im Boot befanden sich nur vierzehn Menschen, obwohl eigentlich noch viel mehr hineingepaßt hätten. Sibell haßte sie alle, denn in ihrer Trauer gab sie ihnen die Schuld, daß ihre Eltern nicht gerettet worden waren. Als sie jetzt über die dunkelgraue Wasserfläche blickte, entdeckte sie einen Mann, der sich an einen Holm klammerte, und hielt ihn für ihren Vater.

»Dort drüben!« schrie sie auf. »Dort ist mein Vater! Rudern Sie hin!«

Sie folgten ihrem Wunsch. Erst wendeten sie das Boot, und dann legten sie sich mit aller Kraft in die Riemen. Beim Näherkommen mußte Sibell allerdings erkennen, daß es nicht ihr Vater war, sondern ein junger Mann. Winkend gab er ihnen zu verstehen, sie sollten sich beeilen, und plötzlich tauchten die vier Männer die Ruder so schnell ins Wasser, als ob sie gegen die Zeit anrudern würden. Sibell, die beobachtete, wie ihre Muskeln sich wölbten und ihnen der Schweiß übers Gesicht lief, bemerkte erst jetzt, daß sie hinter einem schwarzen Hai herhetzten, dessen glitzernde Rückenflosse direkt vor ihnen durchs Wasser zog. Und dann schrie der Mann auf. Es war ein markerschütternder Schmerzensschrei, der fast im gleichen Moment wieder abbrach, als der Mann die Arme hochriß und in der Tiefe versank. An der Stelle, wo das Meer ihn verschlungen hatte, färbte sich das Wasser blutrot.

Voll Entsetzen stellte Sibell sich vor, wie ihre armen Eltern vielleicht in diesem Augenblick auch Opfer der Haie wurden. Völlig außer sich stieß sie schrille Schreie aus, bis ihr jemand ins Gesicht schlug.

»Halt den Mund«, fuhr ein Mann sie an. »Mit dir hat man nichts als Ärger.«

»Aber mein Vater und meine Mutter«, schluchzte sie. »Vielleicht schwimmen sie auch im Meer. Wir müssen sie suchen.«

Auf einmal packte eine völlig durchnäßte Frau mit verzerrtem Gesicht Sibell beim Haar. »Sie haben meine Kinder«, kreischte sie mit wirrem Blick. »Geben Sie sie heraus!«

Die Männer rissen sie von Sibell los und schoben sie zum Bootsheck, wo sie sich zwischen zwei ältere Ehepaare hockte, die nur wie durch ein Wunder den Weg zum Rettungsboot gefunden haben konnten. Zu ihren Füßen lag stöhnend ein Mann, der seine Hand auf eine klaffende Wunde an der Brust preßte. Aber niemand schien sich um ihn zu kümmern; zuerst einmal wurde einer Frau der gebrochene Arm mit einem Stoffetzen an den Körper gebunden. Sibell, die noch immer nicht ganz begriff, wie sie in dieses Boot gekommen war, starrte ihre Leidensgenossen nur entsetzt an.

Beim ersten Sonnenlicht lichtete sich der Schleier, der über dieser trostlosen Szenerie lag. Sibell rieb sich die Augen; sie hoffte, daß das alles nur ein schrecklicher Alptraum gewesen war. Sicher würde die vertraute Silhouette der Cambridge Star am Horizont zu sehen sein, wenn sie den Blick hob. Doch der Horizont lag verlassen da, und die Wrackteile des untergegangenen Schiffs, die auf dem Wasser trieben, bestätigten unmißverständlich die traurige Wahrheit. Und weit und breit kein anderes Ruderboot!

Als sie sich der Küste näherten, runzelten die vier Ruderer die Stirn. »Hörst du es auch?« fragte einer. In seiner Stimme schwang ganz deutlich Furcht mit.

Sibell verstand nicht, worum sie sich Sorgen machten. Sie vernahm lediglich das beruhigende Geräusch der Brandung und das Knirschen des Sands, wie sie es von den Familienferien in Devonshire her kannte. Damals hatte sie es immer romantisch gefunden, doch nun war es nicht mehr als eine kurze Unterbrechung des Alptraums, der sie in diesem Rettungsboot gefangen hielt. Doch die peinigenden Ängste machten sich rasch wieder bemerkbar: Hatten ihre Eltern überlebt? Und was war mit den beiden Dienstboten Daisy und Tom und den beiden Schafhütern, Vater und Sohn? Wo waren sie?

Während die Ruderer die Lage besprachen, hatten sich die anderen Passagiere reglos im grellen Sonnenlicht ausgebreitet. Sibell ahnte zwar, daß etwas nicht in Ordnung war, aber sie konnte sich nicht vorstellen, was ihnen jetzt noch zustoßen sollte. Sie beugte sich vor und tippte einem der Männer auf die Schulter. »Sind dort Haie?« fragte sie.

»Nicht, wenn du im Boot bleibst«, sagte der Mann mit einem finsteren Grinsen, das ihr angst machte.

Immer deutlicher zeichnete sich vor ihnen die Küstenlinie ab. Sibell betrachtete den langen, weißen Strand, der vor dem ockerfarbenen Hinterland aussah wie ein Teppich, den jemand ausgebreitet hatte, um sie willkommen zu heißen. Hier und da erkannte sie einzelne Flecken von Grün. Das Tosen der Brandung wurde immer lauter.

»Ich kann nicht schwimmen«, sagte einer der Männer.

»Das macht nichts«, meinte ein anderer düster. »Wir müssen sehen, daß wir den Kahn ans Ufer bringen.«

Sie ließen die Ruder jetzt locker in den Riemen hängen, so daß sie auf der Strömung schaukelten. Ein Mann mit schwarzem Kraushaar und dunklem Bart beschattete die Augen mit der Hand. »Allmächtiger!« murmelte er, als er den Blick von Norden nach Süden den Strand entlanggleiten ließ. »Diese Brecher sind gefährlich. Wir müssen hier weg.«

»Und wo sollen wir hin?« fragte ein anderer. »Das ist der längste Strand, den ich je gesehen habe. Er nimmt einfach kein Ende. Aber wir können nicht endlos weiterrudern, und wir haben kein Wasser mehr. Wenn du mich fragst, dann sollten wir’s riskieren.«

Der bärtige Mann blickte sich beunruhigt zu den Passagieren um. »Und was ist, wenn sie uns über Bord gehen? Sie würden es nicht überleben.«

Die Wellen, die sich vor ihnen überschlugen, waren wie ein beständiges Donnergrollen. Einer der Seemänner fuhr den Bärtigen an: »Seit wann kümmert dich das? Du hast doch nur Angst um deine eigene Haut!«

»Auf was warten wir noch?« fragte Sibell. Die Männer wandten sich um und starrten sie entgeistert an. »Wir können doch nicht den ganzen Tag hierbleiben«, sagte sie. »Nun rudern Sie uns doch endlich an diesen Strand!«

Plötzlich brachen die Männer in lautes Gelächter aus, sogar der ungehobelte Bursche, der in der Nacht noch gedroht hatte, er würde Sibell über Bord werfen. »Die Dame hat gesprochen. Also, los, auf geht’s!«

»Nicht so hastig.« Der Bärtige wandte sich an Sibell. »Halten Sie gefälligst den Mund! Sie haben ja keine Ahnung, wovon Sie reden!«

»Doch. Sie haben Angst vor den Wellen, und dabei haben wir alle in diesem Boot schon viel Schlimmeres überstanden.«

»Das kann man doch nicht vergleichen«, fuhr er ihr ungeduldig über den Mund. »Das vor uns sind sechs Meter hohe Brecher und nicht nur Wellen, hoch wie ein zweistöckiges Haus, und wenn wir Pech haben, werden wir alle von ihnen zerschmettert. Also mischen Sie sich besser nicht weiter ein!«

»Warum nicht«, widersprach Sibell. »Anscheinend sind Sie ja unfähig, zu einem Entschluß zu kommen. Vielleicht sind die anderen schon längst am Strand.«

»Du meine Güte! Jetzt ist sie übergeschnappt!« sagte der Bärtige. »Rudern wir doch noch ein Stück nach Süden.«

»Warum nach Süden?« wollte ein Mann namens Taffy wissen. »Perth liegt im Norden.«

»Das stimmt nicht«, fuhr ein anderer Seemann dazwischen. »Gruber hat gesagt, wir wären vom Kurs abgekommen und befänden uns nördlich von Perth.«

Sibell hörte zu, wie sich die Männer stritten, während die beiden alten Ehepaare wie benommen dasaßen und sich bei den Händen hielten. Die geistig verwirrte Frau fing wieder an zu schreien. Dann war die Entscheidung plötzlich gefallen. Nach dem Ruf: »Zu den Rudern, Kameraden!« zuckte der bärtige Mann die Achseln, spuckte in die Hände und griff sich ein Ruder.

Sibell stürzte zu den Passagieren und weckte einen nach dem anderen aus einer Erstarrung. »Wacht auf!« schrie sie. »Wacht auf und haltet euch fest!« Sie nahm ihre Leidensgenossen bei den Händen und bedeutete ihnen, sich am Bootsrand festzuhalten. »Die Männer wollen uns an den Strand bringen, und das könnte gefährlich werden.«

Die Ruderer wendeten das Boot zur Küste, und sogleich glitt es wie schwerelos auf den goldenen Sand zu. Von der ersten großen Woge, die sie erfaßte, wurden sie nach oben getragen, so daß sie, festgeklammert an die Bootswände, einen Blick auf eine im blauen Dunst liegende Bergkette in der Ferne werfen konnten. Auch das Wellental war nicht so schlimm wie befürchtet, außer daß die Ruderer nicht mehr gegen die Strömung ansteuern konnten, da ihnen die Ruder fast aus den Händen gerissen wurden.

Wieder wurden sie nach oben getragen. Die Ruder griffen ins Leere, stachen wirkungslos in die salzige Gischt, und Sibell empfand die Geschwindigkeit, mit der die gewaltige Woge sie auf ihren Schultern zum sicheren Ufer trug, wie einen Rausch. Die warme Seeluft streichelte ihr Gesicht; Schaumflocken wurden an ihr vorbeigeweht. Dann kam das nächste Wellental, und sie verloren die Küste wieder aus der Sicht.

Sibell hatte keine Angst. Dies war die aufregendste Fahrt ihres Lebens, eine Fahrt, die sie in den Grenzbereich zwischen Leben und Tod führte und die sich von allem unterschied, was sie bis dahin erlebt hatte. Das tiefgrüne Meer unter ihr funkelte so kristallklar, daß sie schon fast versucht war, in seine verlockenden Tiefen hinabzutauchen.

Eine Delphinfamilie schloß sich ihnen an und maß ihre Kräfte mit denen der vier Ruderer, die die Blätter nun wieder tief ins reißende Wasser tauchten, um den Rücken des nächsten Brechers zu erklimmen. Verzweifelt versuchten sie, den höchsten Punkt zu erreichen, bevor ihre Massen sich zu einer neuen Woge aufgetürmt hatten. Denn inzwischen waren sie dem Strand so nahe gekommen, daß eine jede von ihnen ihre Rettung sein konnte.

Die Delphine sprangen in die Luft und tauchten wieder ins Wasser. Sie ließen sich von der Dünung tragen. Dann setzten sie sich vor das Boot, als wollten sie die Ruderer davon abhalten, auf den Punkt zuzusteuern, an dem sich die Wellen brachen.

Sibell bestaunte diese fröhlichen Geschöpfe, die so wissende Augen hatten. Sie hätte den Arm ausstrecken und sie streicheln können, wenn das Boot von der Brandung nicht so schnell fortgerissen worden wäre. Plötzlich zogen sich die Tiere zurück, und als die Ruderer das Boot auf den Gipfelpunkt brachten, stutzten die Tiere und ließen ihre schmetternden Warnrufe ertönen. Und während das Boot über den Kamm einer gewaltigen, sich brechenden Welle gen Himmel geschleudert wurde, tauchten sie in die Tiefe. Jetzt hatte das Boot die Wellentäler hinter sich; die neue stäubende, brüllende Woge trieb sie mit solch einer entsetzlichen Kraft auf das Ufer zu, daß die Ruder fortgerissen wurden und die vier Seemänner sich neben den angsterstarrten Passagieren an den Bootsrand klammerten. Und weiter ging es, in wildem Sturm auf die Küste zu, und während der ganzen wilden Jagd tanzte das zerbrechliche Boot wie eine Siegestrophäe hoch oben auf den Wellen.

Aber es sollte ihr letzter Triumph sein. Die Woge, die sich in nichts von den anderen der australischen Westküste unterschied, warf sich auf den Sand, wie Wogen es seit undenklichen Zeiten tun. Nachdem das vollbracht war, zog sie sich in saugenden Kräuseln zurück, um sich vereint mit den grünen Tiefen erneut aufzubauen und einen weiteren Ansturm auf die namenlose Küste zu unternehmen.

Sibell ahnte, daß alles zu schnell ablief. Während sie sich verzweifelt festhielt, warf sie einen Blick in die Tiefe. Die trügerische See vor ihren Augen wirkte nicht gefährlicher als grüne Götterspeise. Es sah aus, als würde das Boot die Woge hinaus bis zur schäumenden Krone gleiten, um den wilden Ritt fortzusetzen. Doch diesmal ging es schief. Der Kamm der riesigen Welle fiel in sich zusammen, und das Boot stürzte kopfüber in den Abgrund. Die wahre Kraft der Woge schlummerte in ihrer Tiefe. Das Wasser ergriff das Boot, das wie ein Streichholz in die gischtsprühende Luft geschleudert wurde.

Noch bevor Sibell Luft holen konnte, wurde sie in einen tiefen grünen Tunnel geworfen. Der Tod schlug über ihr zusammen, eine schaumgekrönte Wasserwand, die noch eine Sekunde gezögert hatte, ehe sie sich donnernd auf sie stürzte. Sibell wurde in unendliche Tiefen gerissen.

Mit aller Kraft versuchte sie, sich an die Oberfläche zu kämpfen, doch sie wußte nicht, in welche Richtung sie sich wenden sollte. Dann wurde sie vom Wasser fortgerissen. Eine Strömung erfaßte sie. Zwar trug sie Sibell an die rettende Oberfläche, gab sie jedoch nicht aus ihren Fängen frei. Immer wieder wurde ihr zierlicher Körper hochgeschnellt und gegen den Sandboden am seichten Ufer geschleudert. Dann wurde das bewußtlose Mädchen unsanft auf den schimmernden Strand geworfen.

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Der bärtige Mann watete durch die Brandung. Noch immer konnte er nicht glauben, daß er wieder festen Boden unter den Füßen hatte und dem tobenden grünen Hexenkessel entkommen war. Als die letzte Welle über seinen Schultern zusammenbrach, stolperte er; er ließ sich erschöpft in den weichen Sand sinken und sah zu, wie sich das Wasser zurückzog. Mit einem Stoßseufzer kroch er dann auf den trockenen, heißen Strand.

Dort stand Taffy und grinste ihn an. »Sieh mal da! So schlimm war’s doch auch wieder nicht.«

»Ich hatte mit dem Leben schon abgeschlossen«, keuchte der Gerettete.

»Da wärst du in guter Gesellschaft, mein Freund. Das Boot ist beim Teufel, und die Passagiere liegen irgendwo auf dem Meeresgrund. Von Leonard, der mit uns an den Rudern war, keine Spur, aber dort hinten ist Jimmy und spuckt das Meer gerade literweise aus.«

»Und sonst niemand?«

»Nein. Ein paar Ertrunkene sind dort drüben angeschwemmt worden, und ein paar andere liegen weiter hinten. Du hattest recht, mit diesen Brechern konnten wir es nicht aufnehmen.« Staunend blickte er aufs Meer. »Herr im Himmel, sieh dir die Wellen an! Man kann nicht über sie hinwegsehen! Also wenn welche von uns dort draußen geblieben sind, würden sie sicher schon längst von Haien gefressen.«

Der Bärtige schüttelte den Kopf, um wieder in die Wirklichkeit zurückzufinden. Taffy schien es nichts auszumachen, daß so viele von ihnen ertrunken waren, und in seiner Erleichterung, daß er überlebt hatte, konnte auch er nicht viel Trauer für sie aufbringen. Jetzt zählten sie nicht mehr.

»Dann komm mal wieder auf die Füße«, meinte Taffy. »Sonst kriegen wir hier noch einen Hitzschlag. Wir machen uns auf den Weg nach Perth.«

Sofort gerieten die drei Männer wieder in Streit. Wo lag Perth, im Norden oder im Süden? Taffy und Jimmy wollten nach Norden, doch da er fest davon überzeugt war, daß die Stadt südlich von ihnen lag, ließ er sie schließlich allein aufbrechen. Aus irgendeinem unerklärlichen Grunde war er froh, sie los zu sein. Daß er allein zurückblieb, machte ihm nichts aus. Zunächst einmal kroch er erleichtert den Strand entlang. Noch war er nicht soweit, sich auf den Weg zu machen. Ihm kam es so vor, als hätte ihm der Ozean die Freiheit geschenkt, ihm die Möglichkeit gegeben, sein Leben neu zu beginnen, und er wollte sein Glück in aller Ruhe auskosten.

Damals, das war in Belfast gewesen; ein schrecklicher Arbeitsplatz für ihn, einen schlaksigen Jungen, der nur aus Haut und Knochen bestand. Während er in das enge Büro der Fabrik eingesperrt war, hatten ihm die Mädchen an den Maschinen feurige Blicke zugeworfen, doch nie hatte er gewagt, sie zu erwidern. Und dabei hatte er sich eigentlich für einen großen Liebhaber gehalten. Aber er hatte weder das Geschick noch das gute Aussehen gehabt, um auf diesem Gebiet Erfolge zu verzeichnen. Als er jetzt dem Pfeifen des Windes lauschte, der über die schaumgekrönten Wellen strich, mußte er lachen. Die Natur hatte sich Zeit gelassen, aber letztlich war er doch noch für diese Schlappen entschädigt worden, als sein Körper kräftiger, seine Haut glatter und sein Kinn fester wurden. Seitdem waren die feurigen Blicke mehr als nur Scherz und Narretei.

Inzwischen war er viel herumgekommen und hatte alle Arten von Arbeit angenommen. Einmal war er sogar in einer Bank angestellt gewesen, und für die Schwierigkeiten, die er dort bald bekam, machte er die Frauen verantwortlich. Für Liebschaften brauchte man Geld, und eine Bank voller Bargeld war mehr, als ein armer Mann wie er ertragen konnte. Als das Gerede begann, hatte er schnell gekündigt und Hals über Kopf Belfast verlassen, was ihn weiter nicht reute.

Liverpool war ein hartes Pflaster, viel schlimmer noch als Belfast. Fremde hatten es nicht leicht, dachte er, als er sich an jene Jahre erinnerte. Arbeit gab es nicht, doch da ein Mann nun einmal von etwas leben mußte, hatte er mit der Hilfe einer verrückten Irin die Geldbörsen vornehmer Damen geplündert, die sich von ihm leicht um den Finger wickeln ließen. Später allerdings war es zu weiteren Vorfällen gekommen, an die er nicht so gern zurückdachte und die ihn veranlaßt hatten, Liverpool zu verlassen.

Es war wirklich Glück gewesen, daß er ausgerechnet dieses verdammte Schiff, die Cambridge Star, gewählt hatte. Da er immer Augen und Ohren offen hielt, hatte er aus den Warnungen der Männer in der Takelage entnommen, daß das da kein gewöhnlicher Sturm war. Die Angst war ihm ganz schön in die Knochen gefahren. Zum Teufel mit den Regeln, die an Bord des Schiffes galten — er hatte sich so rasch wie möglich verdrückt und versteckte sich neben dem Rettungsboot. Wenn du etwas kannst, alter Junge, sagte er zu sich, dann ist es, zum richtigen Zeitpunkt zu verschwinden. Und dieser Zeitpunkt — so beschloß er — war auch jetzt wieder gekommen. Er würde Richtung Süden marschieren, so weit ihn die Füße trugen. Irgendwann mußte er ja auf eine Menschenseele stoßen.

Als er sich das Gesicht mit Salzwasser abwusch, bemerkte er aus den Augenwinkeln, daß sich am Strand etwas bewegte. Die Frau, die weiter hinten auf dem Strand lag, hatte den Kopf gedreht. Er hatte die Leichen nicht weiter beachtet, sondern Taffy beim Wort genommen, daß sie ihr Leben ausgehaucht hatten. Schon beim Gedanken, sie untersuchen zu müssen, drehte sich ihm der Magen um. Doch diese Frau war noch am Leben, und zu allem Überfluß handelte es sich um das verflixte Mädchen aus dem Boot, das sie die »Prinzessin« getauft hatten.

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Jemand wischte ihr das Gesicht ab. Es tat weh. »Aufhören«, sagte sie, wobei Sand aus ihrem ausgetrockneten Mund rieselte, und schubste den Mann weg. Dann sank ihr der Kopf wieder auf den Sand. Er ließ sie zufrieden.

»Wo bin ich?« fragte sie nach einer geraumen Weile.

»Wo genau auf der Landkarte kann ich im Moment nicht sagen, doch in dieser Minute liegen Sie in den Sanddünen im Schatten eines netten Pandanusbaums.«

Letzten Endes spielte es auch keine Rolle. Sie spuckte noch mehr Sand aus. Ihr ganzer Mund war voll davon, er knirschte zwischen ihren Zähnen und kratzte sie im Hals. Sie stöhnte, als er sie auf den Rücken drehte. »Verschwinden Sie«, fauchte sie ihn an.

»Jetzt machen Sie mir bloß keinen Ärger«, schimpfte er. »Es war schwer genug, Sie hier raufzuschleppen. Und dabei tut mir selbst jeder Knochen im Leibe weh. Ich will Ihnen doch nur das Gesicht abwaschen.«

»So lassen Sie mich doch zufrieden. Meine Haut ist ganz wund.«

»Natürlich ist sie das. Anscheinend sind Sie mit der Nase voran auf den Strand gerutscht. Den Sand müssen wir jetzt abwaschen.«

»Au!« rief sie, »das brennt.«

Nachdem er mit dieser Arbeit fertig war, setzte er sich zurück. »Wahrscheinlich haben Sie ein paar Kratzer abbekommen, aber ansonsten ist mit Ihnen offenbar alles in Ordnung.« Er drückte ihr auf den Brustkorb. »Tut das weh?«

»Mir tut alles weh.«

»Aber schlimm ist es nicht?« Er drückte noch einmal, und als sie keine Regung zeigte, stand er auf. »Sie bleiben hier und ruhen sich aus. Ich sehe mich hier noch mal ein bißchen um.«

Sie öffnete die Augen und folgte ihm mit den Blicken. Als sie erkannte, daß es sich um den Mann mit dem Bart handelte, war sie froh, daß er fortgegangen war.

Am nächsten Morgen erwachte sie bei Sonnenaufgang. Verwirrt und verängstigt versuchte sie, den schrecklichen Alptraum abzuschütteln, der ihr immer wieder unheilverkündend vor Augen trat. Mit unsicheren Schritten ging sie am breiten Strand entlang und beobachtete verängstigt die gewaltigen Brecher, die den Horizont verdeckten. Wenn ihr taillenlanges Haar nicht so von Sand und Salz verklebt gewesen wäre, hätte sie sich dem Wasser niemals genähert. Doch da sie es nun einmal ausspülen mußte, kniete sie sich an der Wasserlinie vor einer Mulde im Sand nieder, wo sich das Wasser gesammelt hatte, und benetzte vorsichtig Gesicht und Haare. So konnte sie wenigstens einen Teil des Sandes entfernen. Doch mit einem Mal überkam sie wieder mit voller Wucht die Erinnerung. Zitternd vor Angst hockte sie da, während ihre verklebten Strähnen in der Sonne trockneten.

Dann betrachtete sie, was ihr geblieben war. Ihre Jacke aus Serge und ihr Rock waren weiß von verkrustetem Salz, und ihre Bluse war am Kragen zerrissen. Da sie ihre Schuhe verloren hatte, zog sie auch die Strümpfe aus und vergrub sie schamhaft im Sand. Plötzlich hatte sich der Mann in Hemdsärmeln und Kniebundhosen vor ihr aufgebaut. Er nahm sie beim Arm und half ihr auf. »Kommen Sie, ich bringe Sie zurück unter den Baum. Gott sei Dank habe ich einen Krug mit etwas Wasser gefunden.«

Erst jetzt bemerkte Sibell, daß der Strand mit Wrackteilen übersät war. »Meine Eltern«, schluchzte sie. »Sie waren auch an Bord. Haben Sie sie gesehen?«

»Waren sie bei uns im Boot?«

»Nein.«

»Dann waren sie vielleicht in dem anderen. Bald werden wir mehr wissen.«

»Was ist mit den anderen Leuten in unserem Boot?«

»Ich fürchte, sie sind ertrunken, als das Boot gekentert ist. Zwei alte Leute sind tot angespült worden. Ich habe sie begraben.«

Sibell erbrach sich auf den Sand, bis sie nur noch Galle würgte.

Wieder in den Schatten des Baumes zurückgekehrt, goß er ein wenig Wasser in einen Tiegel und reichte ihn ihr. »Ich habe den Strand abgesucht, aber leider können wir das meiste nicht gebrauchen.«

»Hat niemand sonst überlebt?« Seine Gleichgültigkeit ärgerte sie.

»Nur zwei Seeleute, aber die sind schon aufgebrochen. Sie sind nach Norden losgezogen, doch wir gehen nach Süden.«

»Ich gehe nirgends hin«, erklärte sie. »Ich bleibe hier an Ort und Stelle und warte auf das andere Boot.«

»Da können Sie lange warten, Miss. Es ist nämlich weit und breit kein anderes Boot in Sicht. Das Meer ist genauso leer wie mein Magen.«

»Man wird uns suchen«, beharrte sie.

»Möglich, aber da wir nicht wissen, wann, müssen wir uns schon selbst auf die Socken machen. Nun bleiben Sie jetzt mal ruhig hier sitzen. Ich gehe fischen.«

»Womit?«

»Vor der Küste schwimmt ein großer Schwarm Meeräschen. Vielleicht kann ich ja ein paar erwischen.«

Sibell war noch immer zu durcheinander, um sich weiter darum zu kümmern, was er tat. Zwar fragte sie sich kurz, was wohl hinter den großen Sanddünen sein mochte, doch sie war zu verzweifelt, um es herauszufinden. »O mein Gott!« flüsterte sie. »Was soll bloß aus mir werden?«

Er kehrte tatsächlich mit einem Fisch zurück, den er mit seinem Taschenmesser zerlegte. »Ich bin viel zu hungrig, um jetzt noch mit Holzstöckchen ein Feuer zu entfachen — was mir auch nie jemand beigebracht hat —, aber dieses Problem ist schon gelöst. Sehen Sie mal, was ich gefunden habe… ein paar hübsche Flaschen Wein.«

»Ich trinke keinen Wein.«

»Sie kriegen auch keinen, der ist für den Fisch.«

Sie sah zu, wie er den rohen Fisch in Wein tränkte und ihr dann den Tiegel herüberreichte. »Bitte sehr. Nehmen Sie ein Stück. Eigentlich müßte er ja länger mariniert werden, aber…«

Sibell blickte starr in den Tiegel. »Rohen Fisch bekomme ich nicht herunter.«

»Wie Sie wollen.« Er nahm ein Stück tropfenden Fisch in die Hand und steckte es sich in den Mund.

»Das ist ja ekelhaft!« Sie wandte sich ab.

Nach einer Weile stellte er den Tiegel vor sie hin. »Hier ist Ihre Hälfte, und Sie essen ihn besser auf, bevor ihn diese Ameisen finden. Da marschiert nämlich gerade ein ganzes Heer dieser dicken, fetten Biester auf uns zu.«

»Das ist mir gleich.«

»Nun, Sie müssen’s ja wissen. Ich sehe mich mal ein bißchen um, und wenn der Fisch bei meiner Rückkehr immer noch da ist, esse ich ihn selbst.«

Sie hatte Hunger, und deshalb brach sie ein paar Bröckchen von dem Fisch ab und kostete ihn. Er war warm und schmeckte scheußlich, doch sie wußte, daß sie ihn essen mußte. Und so verspeiste sie ihn Bissen für Bissen, die so klein waren, daß sie nichts anderes schmeckte als den Wein.

Diesmal brachte er einen Fetzen Segeltuch mit, den er in breite Streifen riß. »Wickeln Sie sich das um den Kopf. Dann haben Sie Schatten«, erklärte er. »Sie dürfen keinen Sonnenstich bekommen. Und übrigens, ich heiße Logan. Logan Conal. Und wie heißen Sie?«

»Miss Delahunty«, antwortete sie gespreizt.

»Sehr gut, Miss Delahunty. Nehmen Sie den Tiegel und spülen Sie ihn da unten ab, während ich unsere Schätze zusammenpacke. Wir haben mehr Wein als Wasser, also könnte es interessant werden… troll dich, Mädchen.«

Barfuß lief sie über den heißen Sand, wobei sie den breiten Strand nach Lebenszeichen absuchte — vergebens. Sie spülte den Tiegel und lief zurück. Sie haßte ihn für seine groben Manieren. Er brachte nicht das geringste Verständnis für ihre schreckliche Lage auf.

Er schob den Tiegel in einen selbstgemachten Sack, den er an den Ecken zusammenknotete. »Dann wollen wir mal aufbrechen«, meinte er.

»Ich will aber nicht mit Ihnen gehen«, murmelte sie verstockt. »Wir sollten den anderen Seeleuten folgen.«

Er starrte sie an. »Ich bin kein Seemann.«

»Was sind Sie dann?«

»Das weiß ich noch nicht.«

Sie wußte nicht, was sie von ihm halten sollte. Er war ein stämmig gebauter Mann, unter dessen aufgerollten Ärmeln die Muskeln eines Landarbeiters hervorlugten. Über dem üppigen Bart funkelten ein Paar leuchtendgrüne Augen, in denen mehr Spott zu lesen war als Mitgefühl. Mit Sicherheit hatte er nicht zu den Passagieren der ersten Klasse gehört, also wußte nur Gott allein, mit was für einem Menschen sie hier gestrandet war, mit dem sie nun zusammenleben mußte. Wenn nur endlich jemand käme. Irgendjemand!

»Waren Sie schon einmal an dieser Küste?« fragte sie.

»Nein.«

»Wieso geben Sie dann die Befehle? Die Seeleute werden schon gewußt haben, wohin sie gehen. Sie hätten dafür sorgen müssen, daß sie auf mich warten.«

»Nun hören Sie mal zu, Miss! Sie können dem Himmel dafür danken, daß sie ohne uns aufgebrochen sind. An der Gesellschaft dieser Männer hätten Sie nämlich keine große Freude gehabt.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Das können Sie sich selbst ausrechnen«, antwortete er. »Und nun hoch mit Ihnen. Wir laufen am Wasser entlang, dann können wir wenigstens unsere Füße kühlen.«

Sibell stolperte hinter ihm her. Sein Benehmen stieß sie ab, aber sie wagte nicht, noch länger mit ihm zu streiten. Und so lief, taumelte und kroch sie den breiten, leeren Strand entlang, immer hinter seiner entschlossenen Gestalt her. Er schritt voran, ohne innezuhalten, und die flirrende Hitze ließ seine seltsam verzerrten Umrisse verschwimmen, denn auch er hatte sich diesen lächerlichen Sonnenschutz aus Segeltuch um den Kopf geschlungen. Eigentlich hätte sie ihre Kopfbedeckung am liebsten fortgeworfen, doch schon jetzt brannte ihre Gesichtshaut unter der gleißenden Sonne. Ihr traten die Tränen in die Augen. Ihre Mutter hatte sich immer so viele Sorgen um ihren Teint gemacht. Was würde sie nur sagen, wenn sie ihre Tochter jetzt sähe, mit einer Haut, die sich allmählich krebsrot verfärbte?

Und ihr Vater, dachte Sibell, hätte sicher einiges zu dem Benehmen ihres Begleiters zu sagen gehabt. Bestimmt waren James Delahunty und Frau inzwischen schon in Perth. Sie waren schließlich nicht so dumm wie sie, in ein Rettungsboot mit einem Haufen Verrückter zu steigen! Sie mußte ihm erklären, daß sie keine andere Wahl gehabt hatte, und das würde er sicher auch verstehen. Aber was würde ihre Mutter erst sagen, wenn sie erfuhr, daß sie hier mit einem fremden Mann allein war. Das war so peinlich, daß sie nur hoffen konnte, niemand würde es je erfahren. Sibell war fest davon überzeugt, daß Logan Conal ihren guten Ruf ruinieren würde. Schließlich hatte er sie gezwungen, letzte Nacht neben ihm zu schlafen, keinen Meter weit entfernt. Und wie es aussah, würden sie auch die kommende Nacht gemeinsam verbringen, diese und vielleicht noch viele andere. So lange zumindest, bis sie Perth erreicht hatten, vorausgesetzt, die Richtung stimmte. In Zeitschriften hatte sie schon Berichte von Paaren gesehen, die zusammen auf einer einsamen Insel gestrandet waren. Allerdings hatte sie sich nicht dazu herabgelassen, diese Artikel zu lesen, dazu waren sie viel zu unzüchtig. Beim bloßen Gedanken daran errötete Sibell, und Tränen strömten ihr die Wangen herab. Sie war für den Rest ihrer Tage gezeichnet: Dieser Mann hatte sie kompromittiert.

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Logan Conal machte sich Sorgen. Der Nachmittag neigte sich dem Ende zu, und trotzdem hatten sie erst wenige Kilometer zurückgelegt. Ständig mußte sich das Mädchen ausruhen. Diesmal hatte sie Seitenstechen. Dagegen konnte man nichts machen, und deshalb gab er ihr einen Schluck Wasser und wartete ab. Sie war so verwirrt und außer sich, daß es wenig Sinn hatte, sie noch mehr anzutreiben. Doch wenn sie nicht in Bewegung blieben, würden sie umkommen.

»Geht es wieder?« erkundigte er sich.

»Ja, ich glaube, es ist vorbei.« Sie mühte sich auf die Beine und tat ein paar Schritte. Am feuchten Saum ihres Rocks klebte dick der Sand.

»Lassen Sie mich ein paar Zentimeter von ihrem Rock abschneiden«, schlug er vor. »Dann schleift er nicht mehr über den Boden, und Sie kommen viel leichter voran.«

»Sie werden nichts dergleichen tun. Ich will doch nicht in Lumpen gefunden werden. Ist meine Jacke noch da?«

Er nickte. Es war nicht einfach gewesen, sie zur Herausgabe ihrer Jacke zu bewegen, und das, obwohl sie darunter eine Bluse trug. Doch schließlich hatte die Hitze gesiegt, nachdem er ihr versprochen hatte, er würde gut auf die Jacke achten, solange sie in seinem Segeltuchsack blieb.

»Ich habe mich entschlossen«, sagte sie jetzt, »hierzubleiben. Ich warte im Schatten dieser Sträucher, und wenn Sie in der Stadt angekommen sind, können Sie jemanden schicken, der mich abholt.«

»Auf keinen Fall. Sie kommen mit mir.«

»Ich laufe nicht einen Schritt weiter diesen dummen Strand entlang. In der prallen Sonne ist es viel zu heiß. Warum gehen wir nicht ins Landesinnere und suchen eine Farm?«

»Weil es so aussieht, als wäre die Gegend unbewohnt.«

»Im Landesinnern gibt es wenigstens Bäume, und wir hätten beim Laufen ein wenig Schatten. Aber das haben Sie wohl nicht bedacht.«

Er seufzte. »Miss Delahunty, für diesen Ausflug bin ich verantwortlich, und Sie werden tun, was ich Ihnen sage.«

Mit widerstrebenden, betont langsamen Schritten ging sie weiter. Er folgte ihr. Am liebsten hätte er ihr wie einem störrischen Esel einen ordentlichen Klaps auf den Allerwertesten verpaßt. Stattdessen versuchte er sein Glück mit einer Gardinenpredigt.

»Ich habe nicht die Absicht, hier draußen zu verdursten. Aber wenn es doch passiert, ist es einzig und allein Ihre Schuld. Ich habe von Ihren Mätzchen gründlich die Nase voll. Schließlich sind Sie keine alte Frau, sondern jung und bis jetzt noch ganz kräftig. Also setzen Sie sich gefälligst in Trab, oder ich treibe Sie mit dem Stock an!«

Ein verblüffter Blick aus ihren grünen Augen traf ihn bis ins Mark. Der Mund blieb ihr offen stehen. Beinahe hätte Logan laut aufgelacht. Trotz ihres Sonnenbrands und der verfilzten honigblonden Mähne war sie ein atemberaubender Anblick.

»Wie können Sie es wagen!« fuhr sie ihn an. Dann raffte sie den Rock und lief davon, wahrscheinlich, um ihm zu entkommen. Doch zumindest waren sie nun wieder unterwegs. Er lächelte, als er ihr mit großen Schritten folgte und ihre zierlichen Fesseln bewunderte. Jetzt wußte er, daß es leichter war, sie anzutreiben, als sie zu führen.

Vier Tage zogen sie gen Süden. Sie ernährten sich von Fisch und kleinen Schlucken Wasser, und seine Begleiterin hatte sich ein forsches Marschtempo angewöhnt. Er dankte dem Herrn, daß es so viele Fische gab; die herumziehenden Schwärme von Meeräschen machten es ihm leicht, sie beide zu ernähren.

Das Mädchen war jetzt ruhiger. Bei Tagesende war sie zu müde, um sich noch zu beklagen, und sank, ihre kostbare Jacke als Polster unter dem Kopf, in den warmen Dünen rasch in einen tiefen Schlummer. Manchmal hörte er sie nachts aufschreien oder sogar weinen. Doch auch Alpträume würden ihn nicht dazu bringen, sie zu wecken, denn in ihrer Lage hatte sie jede Minute Schlaf bitter nötig.

Als sie schließlich auf Menschen stießen, hatte sie schon längst aufgehört, sich Gedanken um ihr Aussehen zu machen. Wegen der Gluthitze badeten sie immer wieder im Meer, und da sie ihre Kleider anschließend in der Sonne trocknen ließen, fielen diese allmählich in Fetzen. Und so sahen sie jetzt aus wie zwei Vagabunden.

Sibell bemerkte sie zuerst. »Da vorn sind Leute«, rief sie und fiel sofort in Laufschritt.

Als sie näher kamen, sahen sie zwei nackte schwarze Frauen bei einem, wie es schien, rituellen Tanz im Sand. Rhythmisch schwangen sie die Hüften und beobachteten mit gesenktem Kopf die Form ihrer Schatten. Als sie die Fremden auf sich zukommen sahen, hielten sie inne.

»Langsam«, rief Logan dem Mädchen zu. »Gehen Sie ganz ruhig auf sie zu. Wir wollen sie doch nicht verschrecken.«

Das Mädchen blieb stehen, bis er sie eingeholt hatte.

»Keine Angst«, raunte er ihr zu. »Strecken Sie die Hände aus, damit sie sehen, daß wir freundlich sind und keine Waffen bei uns tragen.«

Er ließ den Segeltuchsack in den Sand gleiten und ging mit ausgebreiteten Händen auf die Frauen zu.

»Kommen Sie zurück«, rief das Mädchen ihm nach. »Sie dürfen nicht weitergehen.«

»Warum denn nicht?« fragte er, ohne den Kopf zu wenden.

»Die beiden sind nackt, Mr. Conal.«

»Herr im Himmel!« schnaubte er. »Nun stellen Sie sich doch bloß nicht so dämlich an!« Lächelnd trat er auf die beiden Frauen zu. Sie waren noch jung, und ihre festen schwarzen Körper glänzten in der Sonne. Mit einer Verbeugung grüßte er sie laut und deutlich: »Guten Morgen.« Die beiden brachen in ein nicht enden wollendes Kichern aus. Aus ihren schwarzen Gesichtern leuchteten große weiße Zähne.

»Sprechen Sie englisch?« fragte er. Doch er erntete nur eine erneute Lachsalve. Gleichzeitig musterten die Frauen neugierig dieses seltsame Paar bleicher Menschen.

Logan versuchte, das Gespräch nicht abreißen zu lassen. »Was haben Sie da?« fragte er, wobei er auf ihre handgeflochtenen Hanfbeutel deutete.

Sie verstanden ihn und zeigten ihm die kleinen, geschlossenen Muscheln.

»Und was ist das?« fragte er mit einem ratlosen Achselzucken. Anstelle einer Antwort widmeten sich die beiden Frauen wieder hingebungsvoll ihrer Beschäftigung, die ein Tanz zu sein schien. Mit schwingenden Hüften stampften sie die Füße fest in den feuchten Sand. Auf diese Weise beförderten sie weitere Muscheln an die Oberfläche, die sie zunächst anklopften und dann in den Beutel beförderten. Logan ahnte, daß es sich um etwas Eßbares handeln mußte. Unter großen Mühen brach er eine Muschel auf und fand in ihrem weißschimmernden Inneren tatsächlich etwas Fleisch. Doch erst, nachdem er es von der Schale gelöst und in den Mund gesteckt hatte, bemerkte er, daß an ihm jede Menge Sand klebte.

Währenddessen starrten ihn die schwarzen Frauen verwundert an, und er nickte ihnen zu. »Ihr habt recht«, sagte er. »Man sollte es zuerst waschen.«

Wieder lachten sie, wahrscheinlich über seine Dummheit. Aber Logan versuchte, die aufgelockerte Stimmung zu nutzen. Er fing an, einige Häuser in den Sand zu zeichnen, und versuchte, in Zeichensprache zu erfragen, ob sie Gebäude der Weißen kannten. Währenddessen machte ihm das Schweigen seiner Begleiterin zu seiner Verlegenheit bewußt, daß die Frauen nackt waren.

Doch die Eingeborenen betrachteten nur seine Zeichnungen und blickten sich dann fragend an. Schließlich klatschte die größere der zwei in die Hände und wies aufs Landesinnere.

»Da haben Sie’s«, sagte Sibell. »Das habe ich doch gleich gesagt. Im Inland.«

»Ach, halten Sie doch den Mund! Wo im Inland?«

Noch während er sprach, fiel ihm auf, daß sie auf einen furchterregend aussehenden Aborigine wiesen, der sich auf der höchsten Düne aufgebaut hatte und einen langen Speer in der Hand hielt. Der Schwarze machte eine rasche Kopfbewegung, und die beiden Frauen griffen hastig ihre geflochtenen Beutel und verschwanden zwischen den Büschen. Dann bedeutete er den Fremden, näher zu kommen.

Der Himmel hinter der nackten, schwarzen Gestalt war von solch tiefem Blau, daß Logan meinte, er könnte ihn mit den Händen greifen, und einige Sekunden war er von dem eindrucksvollen Anblick in den Bann gezogen. Eine ungeduldige Handbewegung von oben brachte ihn allerdings schnell wieder in die Wirklichkeit zurück.

»Sie bleiben hier«, befahl er dem Mädchen, doch wie üblich hatte er damit ebenso wenig Erfolg, als hätte er dem Wind befohlen, sich zu legen. Er hörte, wie sie hinter ihm herhastete.

»Guten Morgen«, rief er fröhlich, um den Angstschauer zu überspielen, der ihm über den Rücken lief. Der Eingeborene war ein großer, muskulöser Mann und sah aus, als befände er sich auf dem Kriegspfad. Das Haar hatte er mitten auf dem Kopf mit einem Knochen zu einem dicken Knoten zusammengesteckt; Gesicht und Körper waren mit weißer und gelber Farbe bemalt. Kleidung trug er nicht, doch um seinen Hals hing ein Strang bunter Bänder, die gleichen, die er um seinen beachtlichen Bizeps geschlungen hatte. Unterhalb der Taille trug der Aborigine einen engen geflochtenen Gürtel, der im Augenblick keine erkennbare Funktion hatte, da er seine beachtlichen Genitalien nicht vor den Blicken verbarg. Logan lächelte und streckte ihm freundlich die Hand entgegen. Geschieht ihr ganz recht, schmunzelte er insgeheim in Gedanken an die hochnäsige Miss Delahunty, die ihn daran hatte hindern wollen, sich den nackten Frauen zu nähern. Bestimmt würde sie bei diesem Anblick in Ohnmacht fallen. Wiederholt sah er zu ihr zurück, und wie er vermutet hatte, war sie in einiger Entfernung wie angewurzelt stehen geblieben und starrte angestrengt in eine andere Richtung.

Die dargebotene Hand nahm der Schwarze nicht, doch er murmelte ein paar Worte und tippte Logan dann mit dem Speer an, damit er nicht zu nah herankam.

»Logan!« Er wies auf sich selbst, um sich dem Schwarzen vorzustellen. Dann zeigte er auf das Meer, um zu erklären, woher sie kamen. Mit einem, wie er hoffte, fragenden Ausdruck deutete er dann auf den Aborigine.

Die dunklen Augen betrachteten ihn forschend. Schließlich schlug sich der Schwarze an die Brust und sagte: »Nah-keenah.«

Logan nickte und zog das wertvolle Taschenmesser heraus. Er hatte sich entschlossen, daß er es genauso gut jetzt gleich als Geschenk überreichen konnte, denn wenn sich die Eingeborenen als feindselig erweisen sollten, wäre es ohnehin nicht von großem Nutzen. Und im Augenblick brauchte er ihre Hilfe. »Ein Geschenk für Sie, Sir«, sagte er lächelnd.

Argwöhnisch musterte Nah-keenah das zusammengeklappte Messer. Dann stieß er einen schrillen Pfiff aus. Aus den Dünen tauchten drei weitere Schwarze auf, die die Fremden neugierig beäugten. Sie stellten sich hinter Nah-keenah und sahen zu, wie Logan das Messer auseinanderklappte und erst die zwei Klingen, dann den Pfeifenreiniger und schließlich den Korkenzieher herumzeigte. Zwar ging er davon aus, daß sie mit den letzteren Utensilien nicht viel anfangen konnten, doch allein der Umstand, daß sie sich aus diesem winzigen Gerät herausziehen ließen, machte die Aborigines neugierig.

Nach kurzem Zögern nahm Nah-keenah das Messer in die Hand. Er betrachtete die Klingen, prüfte sie mit seinen kräftigen Fingern und grinste. Das Geschenk war angenommen. Er wechselte ein paar Worte mit seinen Begleitern und verbeugte sich. Offensichtlich war es an der Zeit, aufzubrechen.

Vor Erleichterung zitterten Logan die Knie. Wenn sie mit diesen Leuten durch die Lande zogen, würden sie wenigstens Wasser und Nahrung haben. Da fiel ihm das Bündel ein, das er am Strand hatte fallen lassen. Nachdem er durch Gesten darauf aufmerksam gemacht hatte, wurden die beiden in den Dünen wartenden Frauen losgeschickt, um es zu holen.

»Wir gehen mit ihnen«, erklärte er dem Mädchen. »Also ziehen Sie ein freundliches Gesicht. Er heißt Nah-keenah.«

»Nah-keenah«, wiederholte sie und lächelte vage in Richtung des Schwarzen. »Ich heiße Sibell.« Sie faßte etwas Mut und zeigte auf sich selbst. »Sibell.«

Nah-keenah wirkte unbeeindruckt, und Logan hätte eigentlich gewarnt sein sollen. Doch er war viel zu sehr davon in Anspruch genommen, daß er endlich ihren Vornamen kannte. Sibell, das klang sehr hübsch…

Die drei anderen Männer wandten sich zum Gehen, und Nah-keenah wies Logan an, vor ihm herzumarschieren. Dieser gehorchte, allerdings nicht, ohne Sibell an seine Seite zu ziehen.

Das allerdings war Nah-keenah nicht recht. Der Schwarze holte aus und schlug dem Mädchen mit solcher Kraft ins Gesicht, daß sie mit einem Schmerzensschrei rückwärts in den Sand taumelte. Wutentbrannt wollte Logan sich auf den Aborigine stürzen, doch schon waren alle Speerspitzen auf ihn gerichtet. Also gab er diese Absicht auf und versuchte stattdessen, Sibell zu beruhigen. Weinend hielt sie sich die Wange; allem Anschein nach hatte der Schlag furchtbar wehgetan. »Beruhigen Sie sich«, sagte er. »Um Himmels willen, seien Sie still. Wir finden schon noch heraus, was dahintersteckt.« Sie schluchzte noch immer, als er ihr wieder auf die Beine half, und ihm fiel auf, daß die schwarzen Frauen, die inzwischen zurückgekehrt waren, nicht das geringste Mitleid mit ihr zeigten. »Anscheinend haben wir gegen das Protokoll verstoßen«, erklärte er Sibell. »Haben Sie keine Angst. Es sieht so aus, als dürften Sie nicht vor dem Häuptling hergehen. Besser, Sie bleiben bei den Frauen.«

Er rief die Aboriginefrauen herbei, damit sie Sibell in ihre Mitte nahmen. Dann wandte er sich mit einer Verbeugung an Nah-keenah. »Also gut, Häuptling, gehen wir!« sagte er mit fester Stimme.

Die neue Marschordnung schien die Schwarzen zufrieden zu stellen. Sie lächelten sich an und brachen gemeinsam mit Logan auf. Die Frauen folgten ihnen.

Auf ihrem Weg durch das heiße, ausgedorrte Land blickte Logan sich immer wieder nach Sibell um. Erleichtert stellte er fest, daß die schwarzen Frauen ihr halfen. Beide waren sie größer als Sibell, und da sie sie mit ihren starken Armen untergehakt hatten, berührten ihre Füße kaum noch den Boden. Mehrere Stunden später, als sie schließlich das Lager der Schwarzen an einer großen Lagune in einer ausgetrockneten Flußbiegung erreichten, brauchte allerdings auch Logan Hilfe. Seine bloßen Füße waren zerschnitten und blutig, hauptsächlich durch das harte, struppige Gras, das auf dem Boden der nahezu baumlosen Steppe wuchs.

Abgesehen von ihrem Verhalten gegenüber Sibell schienen die Aborigines liebenswürdige Menschen zu sein. Sie scherzten fröhlich miteinander in ihrer kehlig klingenden Sprache. Als sie nur noch wenige Meter zu gehen hatten, hoben zwei der Männer Logan hoch und tauchten ihn mit dem ganzen Körper in wunderbar kühles, klares Wasser. Die anderen kamen aus dem Lager herbeigelaufen und sahen zu.

Suchend blickte Logan sich nach Sibell um. Sie traf kurz nach ihm ein. Eine der beiden Frauen trug sie huckepack, was der kräftigen Schwarzen nicht die geringste Mühe zu bereiten schien. Man gestattete Sibell, sich ebenfalls ins Wasser zu legen. Mißmutig bewegte sie die schmerzenden Glieder im kühlen Naß.

»Geht’s einigermaßen?« erkundigte er sich, wobei er bewußt eine Bemerkung über das feuerrote Mal über ihrem rechten Auge vermied, um sie nicht aufzuregen.

»Nein«, antwortete sie. »Ich hasse diese schmutzigen Leute. Wir hätten niemals mit ihnen mitgehen dürfen. Meine Füße sind wund, und ich sterbe vor Hunger.«

»Machen Sie sich keine Sorgen. Sehen Sie, gerade zünden sie Feuer an, also ist sicher auch bald Essenszeit. Wenn Sie sich schwach fühlen, legen Sie sich hier ans Ufer. Ich will mich in der Zwischenzeit mal ein wenig umsehen.«

Logan wußte, wovon er redete, denn auch er war so schwach, daß er sich kaum noch ins Lager schleppen konnte. Doch zumindest boten seine tropfnassen Kleider vorübergehend Schutz vor der glühenden Hitze.

Niemand beachtete ihn, als er um die Gruppe von Eingeborenen strich. Sie alle waren mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt. Schließlich ließ er sich erschöpft unter einen Baum sinken, um abzuwarten, was als nächstes kommen würde. Er mußte eingeschlafen sein, denn nur allmählich wurde ihm bewußt, daß ihn jemand anstarrte. Eine ältere, knorrige Frau kniete neben ihm und wartete, daß er die Augen öffnete. Sie hatte zwei Holzschüsseln mit Essen vor ihn hingestellt; eine mit Nüssen und Beeren und eine andere mit verkohltem Fleisch, unzweifelhaft irgendeinem Geflügel. Logan stieß einen erleichterten Seufzer aus. »Vielen Dank«, sagte er, bevor er sich auf das Fleisch stürzte. Obwohl es nur notdürftig gerupft worden war, kam es ihm wie die beste Mahlzeit seines Lebens vor — Ente, da war er ganz sicher, eine wunderbare, saftige Ente. Er hatte schon fast den ganzen Vogel verzehrt, als ihm plötzlich Sibell einfiel. Besorgt blickte er sich um. Sie saß in seiner Nähe, den Rücken an einen Chinarindenbaum gelehnt. »Haben Sie was zu essen bekommen?« rief er ihr zu.

»Ja«, antwortete sie. Obwohl es alles andere als begeistert klang, wandte Logan sich beruhigt wieder seiner eigenen Mahlzeit zu. Eine andere Frau, die ihn aufmerksam beobachtet hatte, brachte ihm ein großes Paket versengter Blätter, das sie ehrerbietig öffnete und ihm dann reichte. Es enthielt gut durch gedünsteten Fisch, und Logan machte sich gar nicht erst die Mühe, herauszufinden, was es war. Er merkte nur, daß er so fett war wie Lachs und sogar noch besser schmeckte. »Vorzüglich«, sagte er zu seinen beiden eingeborenen Kellnerinnen, und sie lächelten ihn wohlwollend an. Da der Fisch so groß war, hielt er es für angebracht, ihnen etwas davon anzubieten. Entgegen seiner Erwartung nahmen sie seine Einladung an und griffen sogleich herzhaft zu. Logan, der seinen Fehler rasch bedauerte, schnappte sich schnell die letzten Reste.

Auch die Nüsse und Beeren schmeckten vorzüglich. Irgendwann später, beschloß er wohlig, wollte er herausfinden, von welchen Pflanzen sie stammten. Aber nicht jetzt, jetzt noch nicht…

Die Frauen nahmen ihre Schalen und ließen ihn allein. Logan betrachtete seine Begleiter. Nun, nach dem Essen, war die Trennung zwischen den Geschlechtern aufgehoben. Die Eingeborenen ließen sich ins Gras zurücksinken oder hockten im Schneidersitz im Kreis und unterhielten sich ruhig, während rundbäuchige Kinder zwischen ihnen umherkrabbelten und Hunde nach Knochen suchten, die von der Mahlzeit übrig geblieben waren.

Die blutrot untergehende Sonne verlieh der schwarzen Haut der Aborigines einen kupferfarbenen Glanz, und Logan vermutete, daß sie für morgen einen neuen heißen Tag ankündigte. Alles war friedlich und zufrieden, zumindest bis zum Sonnenuntergang. Kaum war der Feuerball unter dem Horizont verschwunden, wurden sie jedoch von einer Horde Mücken überfallen. Wütend schlug Logan auf sie ein. Die Schwarzen jedoch schienen von ihnen nicht behelligt zu werden, was Logan reichlich ungerecht fand. Mühsam stemmte er sich hoch und ging zu Sibell hinüber, um nach ihr zu sehen. »Hat Ihnen Ihr Abendessen geschmeckt?« fragte er.

»Schon wieder Fisch«, klagte sie. »Wenn ich erst mal zu Hause bin, rühre ich nie wieder Fisch an.«

»Was anderes haben Sie nicht gekriegt?« erkundigte er sich neugierig.

»Noch diese Nüsse«, sagte sie und zeigte die Schale, aus der sie sich gerade noch bedient hatte. »Und ein paar eigenartige Beeren.«

Eine Männerwelt, dachte er, und ließ seine gebratene Ente lieber unerwähnt.

Sibells Aufpasserinnen hielten offensichtlich den Zeitpunkt für gekommen, sie allein zu lassen. Kichernd zeigte eine Frau auf einen Unterschlupf. »Mia-Mia«, sagte eine andere, und Logan wiederholte das Wort.

»Mia-Mia?«

Sie nickte, stieß mit einer Hand gegen das Rindendach und deutete mit der anderen an, daß Sibell und Logan hineinkriechen sollten.

»Sie will uns sagen, dies ist unser Haus«, meinte er. »Uns bleibt nichts anderes übrig, als es anzunehmen. Wir dürfen nicht gegen ihre Regeln verstoßen und hier herumlaufen.«

Sibell war entsetzt. »Anscheinend glauben sie, wir sind verheiratet.«

»Kann schon sein.« Er grinste. »Aber wir können nichts dagegen tun.«

»Doch. Sie können mich allein lassen.«

»Nur über meine Leiche«, sagte er, während er sich unter das Rindendach kauerte. »Solange wir hier sind, werde ich genau das tun, was sie uns sagen. Die Waffen, die sie haben, sehen nämlich sehr überzeugend aus.«

»Und wohin gehen wir morgen?«

»Nicht zu weit, hoffe ich. Mit unseren wunden Füßen und so ganz ohne Schuhwerk könnten wir beide keinen weiten Marsch verkraften.«

Ein sanfter Wind brachte die Blätter der hohen Eukalyptusbäume zum Rauschen, und die Eingeborenen schienen auch allmählich schlafen zu gehen. Einige ließen sich am Feuer in der Mitte des Lagers nieder, andere zogen sich in einen Unterschlupf zurück. Logan sah, daß zwei der Männer mit den langen Speeren im Busch verschwanden, doch er wußte nicht, ob sie jagen wollten oder das Lager bewachten. In der Ferne hörte man Tiere heulen, die Wölfen ähnlich klangen, und Logan erschauderte. Obwohl man ihnen eine Mahlzeit gegeben und sie anständig behandelt hatte, waren ihm diese Primitiven mit den bemalten Gesichtern nicht recht geheuer. Er hatte bemerkt, daß man sie die ganze Zeit über beobachtet hatte, als befürchte man einen Ausbruchsversuch. Ganz so, als wären sie Gefangene. Aber was hatte der Stamm mit den Gefangenen vor?

»Ich kann nicht schlafen«, jammerte Sibell. »Diese Mücken sind entsetzlich.«

»Dann bleiben Sie eben wach«, entgegnete er, zu müde, um sich auch noch über sie den Kopf zu zerbrechen.

Da er endlich wieder etwas im Magen hatte, schlief er tief und fest. Als er aufwachte, saß Sibell vor ihrem Unterschlupf und aß ihr Frühstück.

»Was haben Sie da?« fragte er.

»So was Ähnliches wie Brot. Die Frauen haben es gerade erst gebacken.« Sie reichte ihm einen warmen, zähen Brocken. »Es schmeckt nicht nur entsetzlich, sondern Sie müssen auch noch die Kohle ausspucken. Zum Glück sind die meisten Schwarzen fortgegangen.«

»Verdammt!« Logan fuhr auf. »Ist Nah-keenah auch weg?«

»Ja.«

»Verflixt und zugenäht! Was sollen wir jetzt tun?«

»Darüber wollte ich ja gerade mit Ihnen sprechen.« Mit großen Augen, deren Grau zuerst vom dunklen Rand der Iris und dann noch von einem dichten Kranz schwarzer Wimpern umrahmt wurde, blickte sie zu ihm auf. »Ich nehme an, wir müssen jetzt heiraten.«

Logan, der gerade eine Frau an ihrem Feuer beobachtete und überlegt hatte, ob er sie wohl um ein weiteres Brot bitten könnte, wandte sich geistesabwesend zu ihr um. Er dachte, er hätte sich verhört. »Was haben Sie gesagt?«

»Ich sagte«, wiederholte sie ernst, »ich nehme an, wir müssen jetzt heiraten.«

Logan blinzelte erstaunt. »Wie, im Himmel, kommen Sie denn darauf?«

»Letzte Nacht haben Sie bei mir geschlafen. Und wenn Leute zusammen schlafen, sollten sie eigentlich verheiratet sein. Wenn nicht, dann verstoßen sie gegen die guten Sitten. Und da Sie mich kompromittiert haben, müssen Sie mich jetzt heiraten.«

»Das meinen Sie doch wohl nur im Scherz?«

»Das ist kein Scherz, Mr. Conal!« Sie lief puterrot an. »O mein Gott!« schrie sie dann auf. »Wollen Sie mir etwa sagen, daß Sie schon verheiratet sind?«

»Ich bin ledig, Miss Delahunty, und ich habe nicht die Absicht, Sie zu heiraten.«

»Aber wir haben gar keine andere Wahl!«

Logan begann zu lachen. »Ich weiß ja nicht, wo Sie aufgewachsen sind, kleines Fräulein, aber wenn man unter einem Dach schläft, heißt das noch lange nicht, daß man auch zum Altar stürzen muß. Ich habe Sie nicht angerührt…« Er hielt inne, weil er sah, daß ihr Tränen in die Augen traten. Wut stieg in ihm auf. Diese dumme Gans dachte doch tatsächlich, ihr Ruf sei ruiniert oder zumindest so durchlöchert wie die Kleider, in denen sie jetzt wohl oder übel herumlaufen mußte. Trotzdem legte er ihr die Hand auf die Schulter. »Sie sollten dankbar sein, daß wir hier in Sicherheit sind«, mahnte er. »Die Leute werden sich so sehr freuen, daß Sie den Schiffsuntergang überlebt haben, daß niemand mehr nach den Einzelheiten fragt. Vielleicht werden Sie sogar berühmt.«

»Was?« Sie war so entsetzt, daß er fast aufstöhnte. Schon wieder hatte er etwas Falsches gesagt. »Ich will nicht berühmt werden. Die Leute sollen nicht darüber reden, daß ich tagelang mit einem Mann zusammengelebt habe und… und… hier mit nackten Wilden hause. Erzählen Sie das bloß nicht weiter! Dann heiratet mich nämlich niemand mehr.«

»Herr im Himmel! Mir ist noch nie eine Frau begegnet, die so versessen aufs Heiraten ist wie Sie!«

»Dann verstehen Sie nicht besonders viel von Frauen, Mr. Conal«, entgegnete sie kühl. »Auch wenn Sie noch so klug daherreden.«

Logan gab auf und ging zur Lagune, um zu baden. Trotz des frühen Morgens schickte die Sonne am weiten, strahlend blauen Himmel bereits sengende Strahlen zur Erde.

Einige Kinder stürzten an ihm vorbei und warfen sich planschend und prustend ins Wasser. Eine Weile spielte er mit ihnen, schwenkte sie herum oder katapultierte sie mit den Händen in die Luft, so daß sie kopfüber ins Wasser tauchten. Sie genossen es aus vollem Herzen und machten keinen Hehl aus ihrer Enttäuschung, als er das Spiel abbrach und zum Ufer ging. Wie ein verlorenes Häufchen standen sie im schimmernden Naß, und um sie wieder aufzumuntern, blieb er stehen, zeigte auf sich selbst und rief: »Logan.« Lachend stürzten sie auf ihn zu und riefen dabei immer wieder: »Logan! Logan!« Gemeinsam kehrten sie ins Lager zurück, was die Frauen mit belustigtem Stirnrunzeln und die drei alten Männer, die im Schatten ihrer Mia-Mia saßen, mit einem anerkennenden Seitenblick bedachten.

»Nah-keenah?« fragte Logan die Alten. »Wo ist Nah-keenah?«

Sie wiesen mit der Hand über die Schulter, und ihre Worte klangen freundlich.

Mehr hatte Logan auch gar nicht erwartet — es war offensichtlich, daß Nah-keenah mit den jüngeren Männern fortgezogen war, möglicherweise, um zu jagen. Doch nun hatte er wenigstens eine Antwort bekommen. Und so setzte er sich neben sie und prüfte ihre Sprachkenntnisse. »Perth?« fragte er. »Wo liegt Perth? Englisch? Sprecht ihr Englisch?« Aber sie lachten nur und riefen sich irgendwas zu. Wieder staunte Logan über den Frohsinn dieses Volkes. Sie lachten viel und ließen sich schnell von Fröhlichkeit anstecken, und angesichts des Gleichmuts, mit dem sie Sibell und ihn aufgenommen hatten, war Logan überzeugt, daß ihnen Europäer nicht fremd waren.

Noch einmal versuchte er es mit Häusern, die er in den Boden zeichnete; einfache Umrisse mit Türen und Fenstern. »Wo ist das?«, fragte er, während er auf seine Zeichnung wies. »Haus von weißem Mann?«

Neugierig beugten die Alten ihre breiten, narbenbedeckten Schultern über seine Zeichnung. Dann nahm einer Logan den Stock aus der Hand. Erwartungsvoll sah Logan zu, doch der Mann ergänzte das Bild nur, indem er einen Fisch zeichnete. Einen Fisch! Das Ganze schien sich zu einer Zeichenstunde zu entwickeln. Doch Logan gab noch nicht auf, er glättete eine weitere Stelle und malte ein Schiff mit prallen Segeln. Dafür erntete er zwar lebhaften Applaus, doch sonst nichts weiter. Also kehrte er zu den Fragen zurück. »Perth?« versuchte er es noch einmal. »Wo liegt Perth?« In seiner Stimme schwang Verzweiflung mit. »Wir müssen nach Perth kommen.«

Die Männer besprachen sich, während er in sie drang. »Könnt ihr mir den Weg nach Perth zeigen?« Gerade als er aufgeben wollte, hörte er ganz eindeutig ein vertrautes Wort. »Später!« rief er. »Habt ihr ›später‹ gesagt?«

Einer der Männer mit einem wallenden weißen Bart stieß seine Freunde in die Seite und wiederholte stolz: »Später.«

»Oh, vielen Dank, guter Mann!« Logan strahlte. »Gut gesagt. Und was machen wir später?«

»Mann kommen«, sagte der Alte langsam und wiederholte mit besonderer Betonung: »Schwarzer Mann kommen.«

»Welcher schwarze Mann? Wer kommt?«

Doch mehr fand er nicht heraus; offensichtlich waren damit die Sprachkenntnisse des Alten erschöpft. Er begann, Logan etwas in seiner Stammessprache zu erklären. Als Logan ihn nicht verstand, wußte er nicht mehr weiter. Schließlich zeigte er mit dem Finger auf Logans Zeichnung von den Häusern. Um sicherzugehen, daß keine Irrtümer aufkamen, stippte er resolut den Finger in den Sand. »Mann kommen«, erklärte er unwirsch.

Logan lief zu Sibell, die mißmutig im Schatten saß und Kletten von ihrem Rock zupfte. Sie war nicht besonders beeindruckt, als er ihr berichtete, was er herausgefunden hatte. »Wie weit ist es bis Perth?«

»Ich weiß nicht.«

»Hoffentlich bringt dieser Mann dann wenigstens Pferde mit.«

»Für den Fall sollten Sie allerdings auch reiten können, Miss Delahunty«, gab er bissig zurück. Dieses Mädchen schaffte es immer wieder, ihn auf die Palme zu bringen. In seinen vierundzwanzig Lebensjahren war er noch keiner verwöhnten Göre wie ihr begegnet.

»Mein Vater meint, für mein Alter reite ich außerordentlich gut.«

»Und welches Alter meint er damit?«

»In einigen Wochen werde ich achtzehn«, erklärte sie hochmütig. »Vielleicht veranstaltet Vater für mich dann in Perth einen Ball.«

Logan konnte nur noch staunen. Offensichtlich lebte sie in einer Traumwelt. Alles deutete darauf hin, daß ihre Eltern mit der Cambridge Star untergegangen waren. Doch das wollte sie anscheinend nicht wahrhaben. Allerdings hatte er noch nicht erzählt, daß der Alte von einem Schwarzen geredet hatte, der Sie angeblich abholen sollte. Denn schließlich konnte das alles mögliche bedeuten — wahrscheinlich stand ihnen wieder ein Marsch auf bloßen Füßen durch unwirtliches Gelände bevor. Aber er schien sich, was die Häuser anbelangte, sicher gewesen zu sein. Demnach hatten die Eingeborenen wohl die Nachricht weitergegeben, daß zwei Weiße in ihrem Lager lebten und jetzt auf Antwort warteten. Doch wie diese lauten würde, konnte er nur vermuten. Der Alte konnte ebensogut Unsinn geredet haben.

»Welche Pläne haben Ihre Eltern in Perth?« erkundigte er sich bei Sibell.

»Sie wollen ein großes Stück Weideland erwerben und Schafe züchten. Mein Vater hat einen Partner in Perth, ein einflußreicher Mann namens Percy Gilbert. Haben Sie schon von ihm gehört?«

»Wie könnte ich? Ich war noch nie in Perth.«

»Die Schafzüchter in den Kolonien verdienen recht gut«, sagte Sibell. »Und angesehen sind sie auch. Mr. Logan, ich habe nachgedacht… Wir müssen einfach erklären, daß ich Sie erst hier bei diesem Stamm getroffen habe. Damit vermeiden wir, daß über uns geklatscht wird.«

»Und das rettet Ihre Aussichten auf eine gute Partie?« fragte er grinsend.

»Ist es vielleicht falsch, wenn man seinen guten Ruf schützen will«, entgegnete sie schnippisch.

»Denken Sie eigentlich auch manchmal an etwas anderes als ans Heiraten?« meinte er nur. »Ist das alles, was Ihnen vorschwebt? So schnell wie möglich einen Ehemann zu finden und ihm dann den Haushalt zu führen?«

»Eine dumme Frage!« schnaubte sie. »Das ist die natürlichste Sache der Welt. Was sollte ich sonst tun?«

Er betrachtete sie nachdenklich.

»Sie sind ein gut aussehendes Mädchen, Sie haben Bildung und einen klugen Kopf, und ich habe gemerkt, daß Sie wissen, was Sie wollen. Warum also sollten Sie sich Hals über Kopf an einen x-beliebigen Kerl binden und für den Rest Ihres Lebens nach seiner Pfeife tanzen?« Er beugte sich vor und sah ihr eindringlich in die Augen. »Ein Mädchen wie Sie könnte ihr Leben auch selbst in die Hand nehmen.«

Verlegen rutschte sie von ihm ab. »Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Anscheinend fehlt Ihnen der rechte Sinn für Anstand.«

Logan zuckte die Achseln. »Na ja, ich hoffe, Sie laden mich wenigstens zur Hochzeit ein, wenn ich dann noch in Perth bin.«

Der Blick, den sie ihm zuwarf, als sie aufstand und davonschritt, machte ihm unmißverständlich klar, daß er nicht damit rechnen durfte.

___________

Nach dem ersten Tag im Lager wurden ihre Lebensbedingungen zusehends schlechter. Man erwartete von Sibell, daß sie sich an der Arbeit beteiligt. Sie mußte mit einem Stein in einem hölzernen Trog Knollen zu Mehl zermahlen, harte Nüsse knacken, ohne den Kern zu zertrümmern, und die Muscheln waschen, die die Frauen am Strand gesammelt hatten, indem sie sie stundenlang im Wasser der Lagune spülte, bis jedes Sandkorn entfernt worden war. An sich waren diese Aufgaben nicht schwierig, doch mehrere der Frauen waren offensichtlich so froh über die neue Hilfskraft, daß sie Sibell unablässig neue Pflichten aufbürdeten.

Logan hingegen schlenderte das lange Ufer der Lagune entlang und betrachtete die Pflanzen. Unter den spärlicher werdenden Eukalyptusbäumen breiteten sich Flecken mit winzigen leuchtenden Blumen aus und boten in dieser Oase in der Wildnis einen farbenfrohen Anblick. Als er näher kam, stiegen Hunderte von Elstern kreischend in die Lüfte, und als sich die weißen Kakadus, die in nahe gelegenen Bäumen gehockt hatten, ihnen anschlossen, wuchs der Lärm zu einem Inferno an. Am gegenüberliegenden Ufer hielten mehrere graue, nahezu zwei Meter große Känguruhs im Grasen inne, betrachteten kurz den Aufruhr und hoppelten dann scheinbar schwerelos davon. Logan war enttäuscht; dies waren die ersten Känguruhs, die er zu Gesicht bekam, und er hätte sie gern länger beobachtet. Er war gespannt, was ihn in diesem weiten, wilden Land noch alles erwartete. Es gab so viel zu sehen. Da er sein Reisegeld von zehn Pfund an das Meer verloren hatte, mußte er sich allerdings schnell eine Arbeit suchen und an der Westküste bleiben, bis er genug zusammengespart hatte, um sich nach Osten aufzumachen. Logan wollte in diesem Land zu Reichtum und Ehren kommen, doch wie es aussah, war der Anfang nicht allzu vielversprechend.

Als er ins Lager zurückkehrte, fand er Sibell in eine lautstarke Auseinandersetzung mit den Frauen verwickelt. Vergnügt stellte er fest, daß sie sich durchzusetzen wußte; trotz der Sprachbarriere machte sie ihnen ihre Botschaft unmißverständlich klar, indem sie Tröge fort stieß und eine Anzahl von zukünftigen Auftraggeberinnen fortscheuchte. Plötzlich wurde die Auseinandersetzung handgreiflich, denn die Eingeborenenfrauen gingen mit dicken Stöcken aufeinander los. Logan stürzte hinzu und zog Sibell aus dem Getümmel. Gemeinsam suchten sie zwischen den Bäumen Schutz.

Zwei Tage später schnaubte Sibell: »Keinen Tag länger bleibe ich in diesem schmutzigen, stinkenden Loch. Sonst komme ich noch in Schmutz und Hitze um. Bringen Sie mich hier raus«, forderte sie. »Und zwar sofort.«

»Das geht nicht«, antwortete er.

»Nah-keenah hat mir letzte Nacht klargemacht, daß wir hierbleiben müssen.«

»Da ging es uns ja sogar am Strand noch besser«, murrte sie. »Was ich hier zu essen kriege, ist ekelhaft.«

Er nickte. Am vorigen Abend hatte man ihm die Keule eines kleinen Tieres vorgesetzt, das offensichtlich mitsamt dem Fell ins Feuer geworfen worden war. Früher hatte er gehört, daß die Eingeborenen anderer Länder auf diese Weise Affen zubereiteten. Damals hätte er sich nicht träumen lassen, daß er einmal bei Sonnenuntergang so hungrig sein würde, daß er jeden Fleischfetzen verspeiste, den er von Knochen und Fell lösen konnte. »Machen Sie einfach die Augen zu und schlucken Sie es runter«, riet er Sibell. »Sie müssen doch was in den Magen kriegen.«

»Das Essen stinkt.«

»Dann halten Sie sich an Nüsse und Beeren. Die sind gesund.«

___________

Am fünften Tag stellte er überrascht fest, daß Nah-keenah und mehrere seiner Männer im Lager blieben und an ihren Gerätschaften arbeiteten. In der Hoffnung, etwas von ihm zu erfahren, setzte er sich in die Nähe des Häuptlings, der gerade sein Taschenmesser an einem Stein schärfte. Glücklich schnitzte Nah-keenah an einer langen Ranke herum und genoß offensichtlich die Gelegenheit, mit seinem Schatz angeben zu können. Währenddessen kam der Alte mit dem weißen Bart auf seinen dürren Beinen auf Logan zugehumpelt und sprach ihn an: »Leute kommen«, sagte er und deutete auf die Sonne.

»Heute? Leute kommen heute?« fragte Logan aufgeregt nach.

Der Alte übersetzte Logans Worte für Nah-keenah, und dieser nickte Logan zu. Logan betete, daß sie den Weg zurück in die Zivilisation finden würden, aber gleichzeitig fragte er sich, woher die Eingeborenen wußten, daß jemand eintreffen würde. Wenn sie es überhaupt wußten.

Doch schließlich war es soweit. Ein Schwarzer in einem karierten Hemd und zerrissenen, viel zu weiten Hosen ritt in das Lager ein.

Logan sprang auf, doch Nah-keenah befahl ihm, sich im Hintergrund zu halten. Wieder das Protokoll, vermutete Logan.

Der Reiter stieg vom Pferd, und Nah-keenah kam auf ihn zu, um ihn zu begrüßen, während ihm seine aufgeregten Stammesmitglieder in gebührendem Abstand folgten. Herzlich begrüßten sich die beiden Männer, indem sie einander auf die Schulter klopften und Knüffe vor die Brust versetzten. Der Neuankömmling warf Logan und Sibell, die sich mittlerweile unter die Menge gemischt hatten, einen Blick zu, und Logan verstand die Warnung, sich im Hintergrund zu halten. Deshalb nahm er Sibell beim Arm, während der fremde Schwarze seine Satteltaschen öffnete und ihren Inhalt auf dem Boden ausbreitete.

Schon bald lagen dort neben in Musselin gehüllten Fleischstücken ein großer Käse und mehrere Dosen Tabak. Der Schwarze wies auf Logan und griff dann tiefer in die Tasche, worauf er eine Dose Tee und einen kleinen Sack Mehl zum Vorschein brachte. Nachdem er auf Sibell gedeutet hatte, holte er Zucker und ein Glas Bonbons heraus, das sogleich unter begeistertem Juchzen der Kinder die Runde machte.

»Ich glaube, er verhandelt über unseren Preis«, flüsterte Sibell.

»Den Eindruck habe ich auch«, antwortete Logan. »Man kann nur hoffen, daß sein Angebot akzeptiert wird.«

Nah-keenah betrachtete die Geschenke und wies dann auf die Axt, die in einem Beutel am Sattel des Fremden hing. Offensichtlich entbrannte unter den beiden darüber ein Streit, doch schließlich händigte der Neuankömmling die Axt aus. Nah-keenah breitete die Arme aus. Dann bedeutete er Logan, vorzutreten.

»Macht schnell, Leute«, sagte der Fremde. »Wir müssen sofort aufbrechen.«

»Ich hole nur noch meine Jacke«, meinte Sibell. Doch der Schwarze hielt sie am Arm fest.

»Nein, ich habe Angst. Los jetzt! Diese Leute ändern ihre Meinung verdammt schnell.« Damit wandte er sich um und führte sein Pferd fort. Logan versetzte Sibell einen Schubs, so daß sie ihm folgte. Er selbst verbeugte sich lächelnd vor Nah-keenah; ihm die Hand zu schütteln wagte er allerdings nicht. »Vielen Dank, Sir«, sagte er. »Haben Sie Dank für Ihre Hilfe.«

Hoch aufgerichtet und würdevoll stand Nah-keenah da. Nur eine kleine Kopfbewegung deutete an, daß er Logans Dank zur Kenntnis genommen hatte. Dann grinste er, allerdings nicht in Logans Richtung, sondern beim Anblick des Bergs von Schätzen, die den Kaufpreis darstellten.

Logan lachte, winkte dem Rest des Stammes zu und lief dann hinter Sibell her, die schon zwischen den Bäumen verschwunden war. Niemand folgte ihnen.

Logan hatte Hunderte Fragen auf der Zunge. »Wer sind Sie?« fragte er den Fremden. »Wo kommen Sie her?«

»Ich bin Jimmy Moon«, erklärte der Mann. »Bin so schnell ich konnte von der Farm der Weißen hierher gekommen. Wollte Sie holen.«

»Woher wußten Sie, wo wir sind?«

»Nah-keenah hatte eine Botschaft geschickt. Die Weißen zahlen, oder sein Stamm bringt Sie um. Schlägt Ihnen den Schädel ein.« Ihm kam diese Drohung anscheinend nicht weiter außergewöhnlich vor.

»Das glaube ich nicht«, protestierte Logan. »Die Leute waren doch so gut zu uns.«

»Nicht zu mir«, warf Sibell ein. »Mich hat man geschlagen.« Über dem Auge hatte sie noch immer eine Abschürfung.

Der Schwarze hob sie zu sich aufs Pferd. »Das ist ein ganz übler Haufen. Ich sage euch, ihr habt Glück gehabt.« Er kicherte und nickte zur Bekräftigung. »Sie haben keine Stiefel«, meinte er dann an Logan gewandt. Anscheinend wunderte er sich, daß ein Weißer hier barfuß unterwegs war.

»Sie doch auch nicht.«

Jimmy zuckte die Achseln. »Ein Weißer verbrennt sich hier die Füße.« Er führte sie zunächst den ausgetrockneten Streifen des Flußbetts entlang und wandte sich dann in den Wald, der das Flußufer säumte. Sobald sie die Ebene verlassen hatten, drückte er Sibell die Zügel in die Hand und setzte zu einem Spurt an. Logan rief er herausfordernd zu:

»Wahrscheinlich machen Sie eh bald schlapp!«

Er war noch jung, mit einem glattrasierten Gesicht und einem dicken Schopf Kraushaar, und sein Körper war schlank und beweglich. Logan wußte zwar, daß er es mit Jimmy nicht aufnehmen konnte, doch er war fest entschlossen, sein Bestes zu geben.

»Wie weit ist es überhaupt?« rief Sibell, die im Herrensitz ritt. Doch Jimmy war schon außer Sichtweite.

Deshalb wandte sie sich an Logan. »Ich verstehe nicht, warum er nicht drei Pferde mitgebracht hat.«

Ich auch nicht, dachte Logan. Doch da er nicht aus der Puste kommen wollte, sparte er sich die Antwort. Sie waren auf dem Weg nach Perth, das war alles, was zählte.

2

Das weißgetünchte steinerne Farmhaus schmiegte sich an die Hügel über dem Moore River, der westwärts floß; erst nach einer ganzen Reihe von Meilen wandte er sich nach Süden, um auf die Küste zuzueilen und sich schließlich in den Indischen Ozean zu ergießen. Die Schaffarm, die das Wohnhaus umgab, war nur ein winziger Fleck auf der Karte Westaustraliens, jenes unermeßlich großen Landes, das Europa in seinen Ausmaßen mit Leichtigkeit übertraf. Bis jetzt drängten sich die Siedlungen noch ganz im Süden des Landes, abgesehen von den verstreuten Außenposten entlang der Küste wie Geraldton und Shark Bay. Auf den wenigen Expeditionen ins Landesinnere und in die nördlichen Regionen waren bisher lediglich einige Pfade angelegt worden, markiert von den tapferen Männern, die sich durch die Kimberleys und durch die Wüste gekämpft hatten, um die Landesmitte Australiens zu erkunden. Sie hatten auch die Verbindung zu jenem Wunderwerk der Technik hergestellt, das sich die International Electric Telegraphenlinie nannte.

»Nun ist es vorbei«, jubelten die Zeitungen, »daß wir monatelang auf Nachrichten aus dem Mutterland warten müssen! Endlich sind wir mit dem Rest der Welt verbunden.«

Nur wenige wußten, wie dieses Wunder zustande kam, doch daß es seine Pflicht erfüllte, stand außer Frage. Von Singapur über Java bis zur ersten Landspitze des Kontinents in Palmerston bei Port Darwin trafen zahllose Meldungen ein, so daß die Drähte der Telegraphenleitung in der trockenen Wildnis bis hinunter nach Adelaide zu summen begannen. Es war ein Werk von ungeheuren Ausmaßen, für das sich britische und chinesische Arbeiter Seite an Seite durch das tote Herz des Landes gekämpft hatten. Und als die Verbindung dann endlich hergestellt war, waren die Männer, die sich nun Australier nannten, mit stolzgeschwellter Brust einherstolziert, obwohl sich bei einem Preis von zehn Shilling pro Wort nur die Reichen diesen Luxus leisten konnten.

Jack Cambray war die neu gezogene Telegraphenleitung ziemlich gleichgültig. Daheim in Gloucester war er ohne derartigen Schnickschnack ausgekommen, und deshalb sah er auch keinen Grund, weshalb er in den Kolonien einen Gedanken daran verschwenden sollte. Abgesehen davon war Perth von der nächsten Telegraphenstation immer noch weit entfernt. Er widmete sich lieber seiner Farm, die er nach einigen Schicksalsschlägen nun endlich sein eigen nennen konnte.

Zum Zeitpunkt ihrer Ankunft in Perth war ein Großteil des fruchtbaren Landes in der Nähe der Stadt schon vergeben, und deshalb wandte er sich dem nördlichen Küstenstreifen zwischen Perth und Geraldton zu. Als Auswanderer hatte er Anspruch auf eine kostenlose Landzuteilung, die dem Wert seiner mitgebrachten Besitztümer entsprach. Dazu zählten Viehbestand, bewegliches Eigentum und Waren. Ausgerüstet mit Mobiliar, landwirtschaftlichen Geräten, der Küchenausstattung, Wäsche und mit seiner kleinen, erschöpften Schafherde hätte der Erfüllung seines Anspruchs eigentlich nichts im Wege gestanden. Doch das Leben eines Landwirts wird immer wieder von unvorhersehbaren Zwischenfällen bestimmt. Und im Fall der Cambrays bedeutete das, daß sich zum Zeitpunkt ihrer Ankunft in der Kolonie die Gesetze geändert hatten.

Man hatte das System der »freien Auswahl« eingeführt, wobei der Begriff »frei« insofern nicht ganz den Tatsachen entsprach, als der zukünftige Landbesitzer zwei Pfund Sixpence pro Acre zahlen mußte. Dennoch gab es keinen Mangel an Bewerbern: Siedler, entlassene Sträflinge, erfahrene Farmer und Abenteurer, Agenten und Strohmänner — sie alle strömten an die Küste, suchten sich ein Stück aus, wobei keinem Mann mehr als 640 Acres zustanden — und hofften, mit der Schafzucht oder dem Anbau von Weizen ihr Glück zu machen.

Für die Cambrays war dies ein schrecklicher Schlag. »Dann müssen wir das Land eben kaufen«, sagte Josie Cambray zu ihrem Gatten.

»Und was dann? Bei dem wenigen Geld, das wir besitzen, sind wir pleite, noch ehe die Farm etwas abwirft. Ich hatte damit gerechnet, Pferde und einen Wagen und noch zusätzliche Schafe kaufen zu können, und außerdem hatte ich etwas für den Lohn eines Schafhüters beiseite gelegt.«

Schwitzend saßen sie vor einer angemieteten Hütte am Rande der Stadt, die in der Sonne brütete, den Kopf voller Sorgen und mit dem Gefühl, betrogen worden zu sein. In Fremantle hatten sie das Schiff verlassen und waren dann in einem Kutter bis nach Perth weitergefahren. Beeindruckt hatten sie die stille Schönheit des Swan River und seiner Umgebung genossen, und das um so mehr, als sie von Glück reden konnten, daß sie die lange und gefährliche Seereise gut überstanden hatten. Sie freuten sich auf das, was vor ihnen lag. Doch nun waren sie niedergeschlagen und mutlos. Als Leute vom Land fühlten sie sich unwohl in dem Gewimmel und dem geschäftigen Treiben in der Stadt auf der Halbinsel, die weit in den breiten Stromlauf hineinragt.

Perth war schon ein seltsamer Ort. Reiter jagten ohne Rücksicht auf Leib und Leben durch die Straßen. Neben zierlichen Landauern und Kutschen sah man alle Arten von klapprigen Gefährten, und selbst Ochsengespanne, die sich unter dem Peitschenknallen der Treiber mit ihren schweren Lasten mühsam voranquälten, durften die Stadt durchqueren. Auf die Wahrung von Sitte und Anstand schien hier niemand Wert zu legen. Damen mit Sonnenschirmen schlenderten durch die Straßen, ohne sich um die jungen Männer zu scheren, die johlend umherliefen. Und unter den Bäumen hockten, in Gedanken versunken, Eingeborene mit traurigen Augen. Für Josie war Perth eine verwirrende Ansammlung leuchtendweißer Gebäude zwischen dürren Bäumen und staubigen Straßen. Es war längst nicht so sauber wie die englischen Dörfer. Sie war ein ordentlicher Mensch, und von daher fand sie an dieser Stadt keinen Gefallen. Ihre Bewohner wirkten auf sie samt und sonders ungehobelt, eher wie Siedler in der Wildnis als wie Städter, und während ihr Mann auf Arbeitssuche ging, blieb sie in der Hütte und achtete darauf, daß ihr achtjähriger Sohn Ned seine Schulaufgaben machte.

Josie war auf einer kleinen Farm in der Nachbarschaft der Cambrays aufgewachsen, und von jeher hatte es als abgemacht gegolten, daß sie Jack, den Freund aus der Kinderzeit, heiraten würde. Ihr zweiter Sohn war im Alter von nur zwei Jahren an Lungenentzündung gestorben, und nach diesem Ereignis hatten sie sich zum ersten Mal mit dem Gedanken beschäftigt, ob sie nicht in ein gemäßigteres Klima ziehen sollten. Deshalb überraschte es Josie nicht weiter, als Jack ihr seinen Entschluß mitteilte, auszuwandern. Ein jeder wußte, daß die elterliche Farm Jack und seine drei Brüder nicht ernähren konnte, und deshalb erklärte er als Ältester freiwillig seinen Verzicht. Wenn er sein Glück machen würde, sollte Andy, der jüngste der Brüder, ihm nach Westaustralien folgen. Doch in ihrer Niedergeschlagenheit bezweifelte Josie mittlerweile, daß ihnen je einer aus ihrem Freundes- und Familienkreis nach Australien nachreisen würde, denn Jack würde ihnen sicher die Wahrheit über dieses Land berichten. Sie hatte Heimweh nach dem grünen England und fühlte sich verloren, doch um den Jungen nicht zu beunruhigen, gab sie sich weiterhin tapfer und zuversichtlich.

Der dreißigjährige Jack hingegen, der hartes Arbeiten gewöhnt war und auch über die nötige Muskelkraft verfügte, hatte weiterhin großes Vertrauen in die Zukunft. Entschlossen machte er sich auf den Weg in die Stadt, um sich eine Stellung zu suchen. Dort mußte er allerdings eine unliebsame Entdeckung machen: Die Reichen beschäftigten nur die billigsten Arbeitskräfte, die zur Verfügung standen, nämlich die Sträflinge. Zwar waren die Gefangenentransporte schon vor Jahren eingestellt worden, doch es gab noch immer genügend Verurteilte, die den Rest ihrer Strafe abdienen mußten. Die besseren Anstellungen bekamen die Männer, die Ausgang hatten, während die anderen Sträflinge von der Regierung im Straßenbau und bei der Errichtung öffentlicher Gebäude eingesetzt wurden. Zu seinem Entsetzen mußte Jack feststellen, daß es hier englische Landsleute gab, die in klirrenden Ketten einherschritten, und wurde Zeuge, wie sie unter dem brutalen Regiment ihrer Aufseher in der glühenden Hitze wie Sklaven schufteten und dabei Peitschenhiebe einstecken mußten, derer sich die Zugführer der Ochsengespanne geschämt hätten. Diese Männer behandelten ihre Ochsen besser als die Aufseher die Sträflinge, denn ein jedes Tier hatte seinen Namen und galt als sehr wertvoll. Nicht so diese armen Sträflinge. Jack konnte diesen demütigenden Anblick nicht ertragen, deshalb wandte er sich ab und setzte seine Suche nach einer Arbeitsstelle fort.

Bei den Gästen in den Hotels bot er sich als Farmhelfer an, aber alle zeigten ihm die kalte Schulter.

»Ein freier Siedler, was?« rief ihm einer hochmütig und verächtlich zu. »Nun, dann will ich Ihnen mal was sagen, Mister… ich bin als Sträfling in dieses Land gekommen, und das gleiche gilt für fast alle Männer hier. Euresgleichen hat uns damals die Seele aus dem Leib geprügelt. Und jetzt sind wir mal an der Reihe. Auf unseren Farmen und in unseren Ställen gibt es keine Arbeit für Leute wie Sie. Die kriegen nämlich unsere Kameraden und ihre Söhne. Also verschwinden Sie!«

Die anderen Männer an der Theke johlten, als er sich abwandte. »Wenn das so ist«, schwor er sich, »kriegt keiner eurer Söhne jemals eine Stellung bei mir, wenn ich erst mal meine Farm habe.«

In seiner Verzweiflung wandte er sich an das Amt der Landvermesser, wo er von einem jungen Mann namens Stuart Giles empfangen wurde.

»So ist es hier nun mal«, erklärte ihm Stuart. »Diese Männer stehen auf der einen Seite und wir auf der anderen. Schätzungsweise gibt es in den Kolonien ebenso viele Sträflinge und ihre Nachfahren wie freie Siedler. Schließlich hatten die Knastbrüder zwanzig Jahre Zeit, um sich zu vermehren. Glauben Sie mir, Sir, das ist ein übler Haufen…«

»Wenn man sich ansieht, wie sie behandelt werden, wundert mich das nicht«, entgegnete Jack, doch Stuart grinste.

»Verschwenden Sie ihr Mitleid nicht an diese Halunken. Wenn man sie nicht antreibt, machen sie keinen Finger krumm. Ein anständiger Kerl wie Sie ist im Osten besser aufgehoben. Nehmen Sie also das nächste Schiff und fahren Sie nach Adelaide oder Melbourne.«

»Das kommt nicht in Frage«, erwiderte Jack.

»So schnell gebe ich nicht auf. Ich schlage mich hier schon durch. Aber ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir Bescheid geben, sobald Sie was von einer Stelle hören.«

Er sah das erwartungsvolle Glitzern in den Augen des Schreibers und fügte hinzu: »Es wird Ihr Schaden nicht sein.«

In den nächsten Monaten fand Jack lediglich ein paar schlecht bezahlte Aushilfsstellen, und als ihre Ersparnisse dahinschmolzen, erwogen Josie und Jack, doch nach Adelaide weiterzuziehen. »Aber das Land soll dort teurer sein«, sagte Jack zu seiner Frau, »und sogar noch weiter abgelegen von allen Städten als hier. Wir müssen eben durchhalten.«

Eines Tages bekamen sie Besuch von Stuart Giles. »Ich habe eine Farm für Sie. Für einen Spottpreis.«

»Was für eine Farm?«

»Sie betreiben Schafzucht. Aber der Besitzer konnte ein Schaf nicht von einem Rothirsch unterscheiden, und hat den Betrieb ziemlich schnell heruntergewirtschaftet. Und zu guter Letzt ist er ums Leben gekommen. Fiel vom Pferd und brach sich das Genick.«

»Wie schrecklich!« meinte Josie. »Der arme Mann.«

»Ja, wie das Schicksal so spielt«, sagte Stuart. »Eine gefährliche Gegend da draußen.«

»Was wollen Sie damit sagen?« fuhr Josie auf.

Jack griff ins Gespräch ein. »Genauso gut können Sie sagen, diese Stadt ist gefährlich. Erzählen Sie mir von der Farm.«

»Da gibt es nicht viel zu erzählen. Es ist ein ansehnliches Stück Land von vierundsechzig Acres im Norden am Fuß der Berge. Weideland für Schafe, zur Hälfte abbezahlt. Aber die Witwe hat genug. Sie will alles aufgeben und verlangt einschließlich der Herde nur fünfzig Pfund. Das Wohnhaus ist zwar nicht viel besser als Ihre Hütte hier, aber das liegt daran, daß ihr Verblichener auch als Zimmermann zwei linke Hände hatte…«

»Warum ist es so billig?« unterbrach ihn Jack.

Stuart zuckte die Achseln. »Mrs. Crittenden — so heißt die Witwe — will den Verkauf so rasch wie möglich abwickeln und verlangt deshalb nur fünfzig Pfund. Ein paar kommen dann noch für meine Dienste hinzu.«

»Und was kosten Ihre Dienste?« erkundigte sich Jack.

»Fünf Pfund.«

Er sah, daß Jack die Stirn runzelte. »Wenn Sie die Farm nicht nehmen wollen, kann ich sie in der Stadt im Handumdrehen verkaufen.«

Damit hatte er natürlich Recht. Es war dumm von der Witwe, einen derart bescheidenen Preis zu verlangen, und Jack wußte, wenn er jetzt nicht zugriff, würde es jemand anders tun. »Abgemacht«, sagte er. »Ich nehme sie.«

___________

Zwei Tage später stürmte Jack in das Büro der Landvermesser und baute sich vor Stuart auf. »Sie elender Schurke!« brüllte er. »Sie haben mich angelogen. Crittenden ist nicht bei einem Sturz vom Pferd gestorben, sondern er wurde von Schwarzen mit einem Speer erstochen. Die ganze Stadt redet davon.«

Stuart ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Das hätte ich in der Gegenwart Ihrer Frau ja wohl kaum erklären können. Ich wollte ihr ja schon von den Gefahren in der Wildnis erzählen, aber da haben Sie mich unterbrochen. Wie dem auch sei, auf feindliche Eingeborene können Sie überall stoßen, sobald Sie die Stadt verlassen. Sie müssen sich eben vorsehen.«

Für einen Rückzieher war es zu spät. Sie hatten die Farm bereits bezahlt und Anweisung gegeben, daß ihre eingelagerten Besitztümer nach Perth gebracht wurden. In der Tiefe seines Herzens hatte Jack entsetzliche Angst vor den Wilden. Niemand bei der Einwanderungsbehörde oder der Reederei in England hatte feindliche Eingeborene erwähnt — dafür waren alle viel zu sehr mit den Ausstattungslisten für die Passagiere im Zwischendeck sowie mit den Ratschlägen für die Kleidung in den Kolonien beschäftigt: Flanellhemden, Nachthemden, sogar Schlafmützen, gestärkte Hemden und Kragen sowie die Unterwäsche für Damen. Aber kein Wort über die Schwarzen! Jack Cambray hielt sich eigentlich unter normalen Umständen nicht gerade für feige — es war nicht seine Art, sich vor einer Schlägerei zu drücken. Aber wilde Schwarze! Bisher hatte er noch nie einen Gedanken an sie verschwendet.

Josie freute sich so sehr auf die Farm, daß er seine Sorgen für sich behielt und gute Miene zum bösen Spiel machte, als sie sich für die Fahrt von hundertzwanzig Kilometern rüsteten. Das Ochsengespann mit ihren bescheidenen Besitztümern sollte voran fahren. Da Jack fest dazu entschlossen war, keine Sträflinge anzustellen, hatte er einen jungen Einwanderer namens Selwyn Stokes als Schafhüter und Handlanger angeworben. Josie schleppte dann das fünfte Mitglied ihres Haushalts an. Lachend brachte sie einen Eingeborenen mit nach Hause, der ungefähr so alt war wie Selwyn. »Du hast gesucht, und ich habe gefunden«, sagte sie. »Er will uns begleiten.«

»Was hast du dir dabei gedacht?« schrie Jack entsetzt auf. Das lachende, glänzendschwarze Gesicht jagte ihm Angst ein. »Wir können uns nicht leisten, ihn durchzufüttern!«

»Aber Jack, er kommt so gut mit dem Jungen zurecht! Er kann dort in der Wildnis auf Ned aufpassen, wenn ich zu tun habe. Und dir kann er auch helfen.«

Tom Pratt, der Führer des Ochsengespanns, lachte laut auf. »Helfen? Der hat sich in spätestens einer Woche wieder in den Busch geschlagen. Die Schwarzen sind stur, die arbeiten nicht, Missus. Die mögen uns nämlich nicht besonders, wenn Sie verstehen, was ich meine.« Wie es Jack schon bei anderen hiesigen Männern aufgefallen war, wählte auch er seine Worte in der Gegenwart einer Frau mit Bedacht.

Jack kroch eine Gänsehaut über den Rücken. Nach dem, was er in den letzten Tagen gehört hatte, war dies eine gewaltige Untertreibung. Die Überfälle, die Morde und die schauerlichen Metzeleien der Schwarzen waren das Tagesgespräch in der Stadt, obwohl man die Wahrheit von den Übertreibungen nur schwer unterscheiden konnte.

»Er heißt Jimmy Moon«, erklärte Josie unbeirrt. »Ich kenne seinen Eingeborenennamen nicht, aber er sagt, er kommt vom Stamm der Whadjuck, der in unserer Gegend ansässig ist.«

Tom horchte bei diesen Worten auf. »Das stimmt«, meinte er schließlich. »Ihre Farm am Moore River liegt im Gebiet dieses Stammes, und sie müssen sich darauf einstellen, daß viele der Schwarzen dort draußen noch immer ihr Lager haben.« Er wandte sich an Jimmy. »Du sprechen die Sprache der Leute vom Whadjuck-Stamm?«

»Ja, das und auch ziemlich gut englisch«, antwortete der Junge.

»Aber du bist kein Mischling«, zweifelte Tom. »Wie kommt es, daß du Englisch sprichst und englische Hosen anhast?«

»Meine Mutter Mary-Mary Moon«, entgegnete Jimmy stolz, »hat mich in die Stadt der Weißen gebracht.«

»Oh, verdammt«, stöhnte Tom mit einem Blick auf Jack. »Sie ist eine stadtbekannte Nutte.« Stotternd schob er sogleich eine Entschuldigung nach. »Tut mir leid, Madam.«

»Das ist schon in Ordnung«, sagte Josie zur Überraschung ihres Mannes. »Ich habe mit der Frau gesprochen, und sie hat mich gebeten, den Jungen von hier fortzubringen. Sie meint, diese Stadt sei nicht gut für ihn, und da kann ich ihr nur zustimmen. Jimmy ist ein guter Fährtensucher. Ich weiß zwar nicht genau, was sie damit meint…«

»Ein verdammt guter Fährtensucher«, wiederholte Jimmy, und Josie seufzte.

»Ich muß noch etwas gegen seine Kraftausdrücke unternehmen.«

»Fährtensucher?« hakte Tom nach. »Die wirklich guten unter ihnen sind wahre Zauberer. Jemand verläuft sich im Busch, und unsereins hat keine Ahnung, wohin er verschwunden ist. Wahrscheinlich ist es keine schlechte Idee, wenn Sie ihn behalten«, erklärte er Jack. »Wenn Sie mal eine Botschaft nach Perth oder anderswo hinschicken wollen, haben Sie gleich einen Boten parat.« Dann wies er mit einer Kopfbewegung auf Selwyn. »Dieser Knabe hätte sich doch schon nach einer Meile im Busch verlaufen.«

»Nun gut«, meinte Jack. »Dann soll er eben mitkommen. Aber nun wollen wir mal aufbrechen.«

Ehe Jack es sich anders überlegen konnte, scheuchte Josie Ned, Selwyn und Jimmy auf den Wagen, während sie sich auf den Kutschbock setzte.

»Das heißt, wenn er bleibt«, sagte Tom zu Jack.

»Wer?«

»Der schwarze Junge. Seinen Leuten und ihm sitzt das Stammesleben immer noch im Blut, und man kann sie nicht halten. Die eine Hälfte ihres Lebens besteht aus Urlaub, und in der anderen Zeit läuft bei ihnen wohl so was Ähnliches ab wie das, was die Araber nach Mekka treibt. Sie ziehen Hunderte von Meilen weit durch die Berge, auf dem immer gleichen Pfad, und besuchen ihre heiligen Stätten oder was auch immer. Soweit ich das beurteilen kann, sind sie sehr gläubig. Alles steht in Verbindung mit ihrer Traumzeit, einer Art von anderem Leben.«

»Sie kommen wohl viel herum?« erkundigte sich Jack.

»O ja.« Tom zog an seiner Pfeife. »Ich fahre bis an die Siedlungsgrenzen, also bis nach Geraldton, wenn es sein muß.«

»Und vor den Schwarzen haben Sie keine Angst?«

»Na ja… ein paar Mal bin ich nur knapp mit heiler Haut davongekommen, aber ich versuche meistens, sie mit Geschenken bei Laune zu halten. Wenn man sie erst mal kennen gelernt hat, kommen sie einem meist ganz freundlich vor. Aber es gibt auch immer ein paar Angeber unter ihnen, die keine Gelegenheit auslassen, mit dem Speer nach einem zu werfen. Und dann füttern sie einen wieder durch. Sie haben mir und dem Gespann beim Überqueren der Flüsse geholfen und mich gepflegt, als mich ein Fieber erwischt hatte.« Er schüttelte den Kopf. »Ich führe dieses Ochsengespann nun schon, seit ich vor neun oder zehn Jahren aus der Haft entlassen wurde, aber über die Aborigines kann ich immer noch nicht viel sagen. Sie sind mir ein Rätsel, und man weiß nie genau, was sie als nächstes vorhaben. Nun, ich lasse es drauf ankommen. Aber so ein Neuankömmling wie Sie hat besser das Gewehr bei der Hand. Lassen Sie sich von denen nicht auf der Nase rumtanzen, und kehren Sie ihnen nie den Rücken zu.«

Jack warf Jimmy Moon, der ihrem Gespräch mit kindlicher Freude lauschte, als wären Toms Bemerkungen schmeichelhaft für sein Volk, einen mißtrauischen Blick zu.

»Nun kommt schon, Männer«, rief Josie. »Wollt ihr etwa den ganzen Tag nur schwatzen?«

Obwohl es gerade erst halb sechs war, stand die Sonne schon leuchtend gelb am Himmel und kündigte einen weiteren heißen Tag an. Jack bemerkte zum ersten Mal, daß sich das Licht auf diesem Kontinent von dem in der Heimat unterschied. Selbst an den strahlendsten Sommertagen war es dort nicht so grell wie hier, und erst recht nicht zu dieser frühen Morgenstunde. Ihre Schatten hatten bereits gestochen scharfe Umrisse, und die mächtige Akazie neben ihrer Hütte war mit gelben Lichtfunken übersät, die sich so klar von den schlanken grünen Blättern abhoben, als glühte ein jedes aus eigener Kraft. Er seufzte auf, denn bei diesem Anblick fuhr ihm das Heimweh wie ein Stich ins Herz.

Ihre neuen Nachbarn hatten sich zum Abschied um sie versammelt. Sie wünschten ihnen Glück und eine gute Reise. Die Männer standen pfeifenrauchend am Rande, während die Frauen an den Wagen traten und Josie ihre kleinen Geschenke überreichten — einen Beutel Äpfel, in Tuch eingehüllter Kuchen, ein Bund Karotten, alles Zeichen der Zuneigung von Leuten, die sie kaum kannte. Josie war gerührt über ihre Freundlichkeit.

»Hüh, Nellie, auf geht’s!« rief Tom dem Leitochsen zu und ließ die Peitsche knallen. Langsam zog das Gespann den Wagen an. Jack schwang sich auf den Sitz neben Josie und griff rasch nach den Zügeln, da die beiden Pferde den Aufbruch kaum noch erwarten konnten. Hinter ihm kauerten Ned und der junge Selwyn zwischen den Vorräten, während Jimmy Moon lässig auf einem Sack Kartoffeln thronte. Josie hakte ihren Mann unter, als sie den Weg auf die Hauptstraße einschlugen. »Ich hoffe, wir haben nichts vergessen«, meinte sie lachend. »Wir können schließlich nicht wegen ein paar Kleinigkeiten schnell mal in die Stadt fahren.«

»Nein«, sagte er grimmig. Ihre Farm lag in hundertzwanzig Kilometer Luftlinie von Perth entfernt, hatte man ihm erklärt, auf dem gegenüberliegenden Ufer des Moore River, den man mit einer großen Fähre überqueren mußte.

An der Straßenkreuzung mußten sie warten, denn gerade als sie eintrafen, ritt der Gouverneur in Paradeuniform, begleitet von einem Zug Marineinfanteristen hoch zu Roß, zurück in die Stadt. Ihnen folgte eine ganze Schar anderer Männer auf ihren Pferden.

»Was geht da vor?« erkundigte sich Jack bei Jimmy. Doch der zuckte nur fragend die Achseln.

»Lauf nach vorn zu Tom und frag ihn«, wies er Jimmy an.

Der junge Schwarze sprang vom Wagen, und man sah, wie er mit Tom debattierte. Dann kehrte er kopfschüttelnd zurück. »Der will nicht mit der Sprache rausrücken. Sagt immer nur: schlimme Sache.«

Etwas später kamen ihnen zahllose Fußgänger entgegen, die sich auf dem Rückweg in die Stadt befanden. »Vielleicht ein Morgengottesdienst«, rätselte Josie.

»Muß jedenfalls ganz schön wichtig gewesen sein, wenn man auch den Gouverneur dazuholt«, meinte Jack. Dann zügelte er die Pferde und wandte sich an einen der Männer auf der Straße. »Was war da los?«

»Eine Hinrichtung«, antwortete der Bursche. »Der Gouverneur hat zwei von den Niggern gehängt, die zwei Schafhüter umgebracht haben. Wenn man bedenkt, sie haben zwei Schafhüter auf dem Gewissen… dafür hätte er besser zehn von den Niggern aufknüpfen sollen.«

»Oh, du meine Güte«, stieß Josie hervor.

»Die brauchen Ihnen nicht leid zu tun, Lady. Die zwei Kerle machen Geschichte! Bei uns ist noch nie ein Schwarzer aufgehängt worden. Das Erschießen scheint sie ja nicht weiter zu beeindrucken, und deshalb wollte ihnen der Gouverneur eine Lektion erteilen. Er hofft, daß den anderen jetzt mal so ordentlich die Angst in die Glieder fährt und sie es sich gut überlegen, bevor sie was anstellen.«

Schweigend setzten sie ihren Weg fort. Dies war nicht die erste Hinrichtung, die die Cambrays erlebten, aber trotzdem hatte das Ereignis dem Tag den Glanz genommen. Schlimmer noch, erklang jetzt vor ihnen ein herzzerreißendes Heulen.

Nachdem sie um die Kurve gebogen waren, sahen sie Hunderte von Aborigines, die sich schluchzend und klagend um einen großen Baum versammelt hatten. Über ihren Köpfen baumelten zwei Männer reglos an dicken Seilen. Unter den Hingerichteten patrouillierten vier Marineinfanteristen; offensichtlich hatten sie die Aufgabe, die Schwarzen davon abzuhalten, daß sie die Opfer abknüpften. Einige Eingeborene warfen sich in ihrem Schmerz und ihrer Wut schreiend zu Boden.

Josie wandte den Kopf ab. Sie konnte nicht mehr verhindern, daß Ned diese Szene zu Gesicht bekam. Entsetzt beobachtete der Junge das Geschehen. Jimmy Moon hingegen stürzte quer über die Straße auf die Menge zu.

Als sie den Ort des Grauens hinter sich gelassen hatten, hielt Tom sein Gespann an und kam zu ihrem Wagen. »Lange hat es der kleine Schwarze aber nicht bei uns ausgehalten«, bemerkte er. »Den sehen wir nicht wieder. Es ist ein Jammer, denn wir hätten ihn gut als Führer einsetzen können. Aber so muß ich Ihnen einfach nur die Richtung angeben. Sie kommen schneller voran als ich, Jack. Also fahren Sie besser voraus und bereiten unser Lager für heute Nacht am Budgie Creek vor. Ich stoße dann später zu Ihnen. Lassen Sie die Pferde zur Mittagszeit ausruhen, denn sie haben unter der Hitze mehr zu leiden als unsereins.«

Aufmerksam lauschte Jack den Anweisungen, bevor er in die Wildnis aufbrach, die vor ihnen lag. Ein großer Schwarm Kakadus zog lärmend über ihnen dahin; bei ihrem Kreischen hatte man den Eindruck, als würden Todesengel die Ereignisse des Morgens verfluchen. Dann waren die Cambrays allein.

___________

Über ihm, mit gebrochenem Genick, hingen sein Onkel — Tarwonga, der Bruder seiner Mutter — und dessen Freund Gabyelli. Für Jimmy war es der schrecklichste Anblick seines Lebens. Er stöhnte auf und taumelte händeringend durch die Menge. Dann faßte er sich ein Herz und machte sich auf die Suche nach seiner Mutter.

Sie hatte sich schluchzend an eine Freundin geklammert und zerrte an ihrer geblümten Bluse, als wollte sie alles, was von den Weißen kam, für immer aus ihrem Sinn verbannen. Um ihn herum erhoben sich wütende Stimmen, die jedoch bald wieder in ohnmächtiges Klagen versanken. Seine Mutter warf ihm die Arme um den Hals. Sie war froh, daß ihr Sohn zur Stelle war, als sie ihn brauchte. »Du mußt für uns sprechen«, drängte sie. »Wir wollen unsere Brüder begraben. Jaljurra soll für uns sprechen.« Jaljurra war Jimmys richtiger Name.

»Das hat keinen Sinn«, meinten einige ihrer Freundinnen mutlos. »Vor Sonnenuntergang dürfen wir sie nicht abnehmen. So lautet das Gesetz der Weißen.«

Einige erwogen flüsternd, Gewalt anzuwenden, doch die Soldaten hielten ungerührt ihre Bajonette auf die Menge der Trauernden gerichtet. Und so ließen sich die meisten nieder und stimmten die Klagelieder an, denn wenn sie bis Sonnenuntergang warten mußten, dann wollten sie auch den ganzen Tag ausharren.

Seine Mutter zog ihn zur Seite. Tränen strömten über ihre runden Wangen. »Du mußt sofort zu Nah-keenah laufen. Es waren seine Krieger und nicht unsere Brüder hier, die die Schafhüter getötet haben, also muß er es den Weißen auch heimzahlen. Erzähl ihm, was die Weißen getan haben.« Sie senkte die Stimme. »Aber du darfst dich bei Nah-keenah nicht lange aufhalten, damit dir niemand was vorwerfen kann und sie dich auch noch suchen.« Trotz ihres Kummers lächelte sie grimmig. »Wir bleiben hier zusammen, und heute Abend begraben wir unsere Brüder mit einem großen Fest für die Geister, einem Korrobori. Die Weißen werden zusehen, also kann man uns auch nichts vorwerfen.« Sie stand auf und schwang drohend die Fäuste in Richtung auf die Rotröcke. »Sorge dafür, daß man es ihnen heimzahlt«, befahl sie Jimmy mit zusammengebissenen Zähnen.

Ungesehen tauchte er im Busch unter und fiel sofort in einen gleichmäßigen, zügigen Trab. Er durchquerte Weideland, durchwatete Bäche, erklomm bewaldete Hügel und blieb so weit wie möglich im unbewohnten Buschland. Am späten Nachmittag stieß er auf eine Spur, die ihn zum Lager der Eingeborenenfamilie führte. Bei ihnen aß er und erkundigte sich nach dem Aufenthaltsort von Nah-keenah, ohne etwas von seinem Auftrag zu verraten. Als es dunkel wurde, brach er wieder auf und folgte einem Bergkamm oberhalb der Meeresküste.

Er rastete nur wenige Stunden. Am frühen Morgen entdeckte er die ersten Hinweise auf Nah-keenahs Volk — hier und da ein Blatt, ein zerbrochener Zweig, alles geheime Zeichen für versteckte Wasserquellen, von denen die Weißen nichts wußten — feuchte Steine, der abgetrennte Kopf einer Schlange, das verlassene Nest einer Eidechse…

Nah-keenah befühlte belustigt Jimmys grobe Drillichhosen. »Jucken die?« fragte er.

»Nur wenn ein Floh drin sitzt«, erklärte ihm Jaljurra. Dann ließen sie sich nieder und kamen zum geschäftlichen Teil.

Umringt von traurigen Gesichtern berichtete Jimmy, was geschehen war. Er erklärte ihnen, wie Erhängen vor sich ging, worüber sie offensichtlich nicht genug erfahren konnten. Dann brach er mit ihrer Erlaubnis wieder auf. Dieser Stamm, das wußte er, würde vor den Weißen nie zurückweichen, und obwohl sie ihn nicht unfreundlich behandelt hatten, verachteten sie die Eingeborenen, die sich für ein Almosen aus der Hand der Weißen hatten überreden lassen, auf den Farmen oder in der Stadt zu leben. Die Umgebung von Perth war noch immer die Heimat von etwa fünfhundert wilden Schwarzen, wie die Weißen sie nannten, und Jimmy war manchmal so mutlos, daß er mit dem Gedanken spielte, sich ihnen anzuschließen. Doch dann geschah immer irgendwas, was ihn davon abbrachte. So wie jetzt die Stelle bei Missus Cambray, seine erste richtige Arbeit. Eine Weile konnte er es bei ihr sicher aushalten.

Doch nun mußte er sie erst einmal wiederfinden. Auf einem anderen Weg wandte er sich wieder nach Süden, in Richtung auf die Furt am Moore River. Als die Cambrays und das Ochsengespann am zweiten Nachmittag nach ihrem Aufbruch dort eintrafen, wurden sie dort von ihrem schwarzen Helfer erwartet, der unschuldig über das ganze Gesicht grinste.

»Wie, zum Teufel, bist du hierher gekommen?« fragte Jack verwundert.

»Bin gerannt, so schnell ich konnte, um Sie einzuholen«, erwiderte Jimmy lächelnd. »Die Weißen setzen ja immer an dieser Stelle über.«

Nach der Furt wandten sie sich nach Osten. Jetzt durchquerten sie riesige Weideflächen mit zufrieden grasenden Schafen. Mit Hilfe eines Darlehens von der Bank hatte Jack seinen Viehbestand erweitert und einen Viehtreiber bezahlt, der ihnen mit den ungefähr hundert Schafen und der kleinen Herde von Milchkühen folgte. Jack war daran gelegen, daß sie sich schon eingerichtet hatten, bevor das Vieh eintraf.

Hinter den schwitzenden Pferden holperte der Wagen den schmalen Pfad entlang. »Tom sagt, die nächste Farm gehört unseren Nachbarn«, erklärte Jack seiner Frau. »Mr. und Mrs. Randolph James. Wir müssen weiter und können jetzt nicht bei ihnen anhalten, aber sobald wie möglich stellen wir uns bei ihnen vor.«

»Das Land ist sehr trocken«, gab Josie zu bedenken.

»Ja, das stimmt, aber Tom meint, wenn der Regen kommt, dann wird es auf einen Schlag grün. Die wilden Blumen hier sollen zauberhaft sein.«

Die letzten Meilen schienen sich eine Ewigkeit hinzuziehen. Vor ihnen, zwischen den Bäumen, konnte Jack ein weißes Schild schimmern sehen, nach dem er auf Toms Anweisung hin Ausschau halten sollte. Es kennzeichnete die Zufahrt zur Farm der James’. Obwohl die Besitzungen nicht richtig eingezäunt waren, fanden die Siedler offenbar Gefallen daran, ihre Zufahrtswege auszuschmücken — einige mit richtigen Torbögen, und einmal hatten die Cambrays sogar ein Mondtor gesehen, das Glück bringen sollte.

Jack fragte sich schon, ob die Pferde wußten, daß ihre Reise sich dem Ende näherte, denn plötzlich wurden sie ungebärdig und nervös. Sie wieherten und schnaubten, und Jack griff fester in die Zügel. In diesem Augenblick entdeckten sie die Leichen. »Gott, Allmächtiger!«

Mit einem Aufschrei kletterte Josie hastig nach hinten in den Wagen, wo sie Ned an ihrer Brust barg, damit er nicht noch einen Blick auf dieses grausige Bild warf.

»Brrr! Brrr!« Jack gelang es nicht, die Pferde anzuhalten. Erfüllt von Entsetzen liefen sie weiter, bis sie den schrecklichen Ort hinter sich gelassen hatten. Erst als Jimmy nach vorn spurtete und in die Zügel griff, fielen sie in einen langsameren Trott und blieben schließlich stehen.

»Bleib hier«, befahl Jack seiner Frau. »Selwyn, du paßt auf sie auf.« Er selbst lief zurück zu den beiden unbekleideten Leichen, die an einem Schild mit der Aufschrift: »Randolph James, Esq.« aufgeknüpft waren. Es konnte kaum Zweifel bestehen, daß diese beiden der Gutsbesitzer und seine Frau waren. Beim Anblick ihrer leeren Gesichter drehte sich Jack der Magen um, und er beugte sich zur Seite, um sich zu übergeben. Er hatte keine Ahnung, was man in solch einem Fall tat. Sollten sie weiterfahren? Man konnte die beiden doch nicht einfach dort hängen lassen. Und wer hatte das getan? Bestand etwa auch Gefahr für ihr Leben? Wie konnte er seine Familie schützen?

Er holte sein Gewehr heraus, lud es und ließ seine Frau und seinen Sohn unter den Wagen kriechen, bis Tom bei ihnen eingetroffen war.

»Kannst du zurückgehen und sie abnehmen?« bat er Jimmy.

»Das traue ich mich nicht«, erwiderte Jimmy mit aufgerissenen Augen, um Angst vorzutäuschen. Wenn die Weißen seine Leute nicht herunterschnitten, dann würde er das mit ihren auch nicht tun. Schweigend nahm er zur Kenntnis, daß der Mann und die Frau nicht an Seilen aufgeknüpft worden waren, wie die Weißen sie benutzten, sondern an zusammengewundenen Ranken. Nah-keenah lernte schnell. Ein Aborigine tötet seine Feinde nicht durch Erhängen; er ersticht sie mit dem Speer, erschlägt sie mit dem Bumerang, oder vielleicht zerhackt er sie auch. Aber Erhängen hatte es noch nie gegeben — bis jetzt. Nah-keenah hatte dafür gesorgt, daß die Weißen auch verstanden, als was dieser Mord gemeint war: Rache! Nun, die Botschaft war wohl eindeutig.

Stunden später holperte das Ochsengespann auf sie zu.

Tom blickte fassungslos auf die Opfer. »Das sind sie, ganz klar, Randolph und Anne. Gott sei ihrer Seele gnädig. Nehmen wir sie runter.«

Sie mußten Jacks Möbel aufeinander stapeln, bevor sie hoch genug hinaufreichen konnten, um die Erhängten abzuschneiden. Dann wickelten sie die Leichen in Segeltuch.

»Wir begraben sie in der Nähe ihres Hauses«, sagte Tom. »Es ist eine Schande. Sie hatten es gerade erst fertig gestellt.«

»Wer könnte das gewesen sein?« fragte Jack, dem noch immer übel war.

»Schwarze, würde ich meinen.«

»O mein Gott!« Plötzlich durchzuckte Jack ein schrecklicher Gedanke. »Hatten sie Kinder?«

»Glücklicherweise nicht.«

Wie ein Trauerzug rollten die Wagen im Schrittempo durch die hügelige Landschaft zum Wohnhaus der James’. Als sie die Reihe junger Pinien erreichten, die kurz vor dem Gebäude den Weg säumten, blieben sie erneut wie angewurzelt stehen. Zwischen den rauchenden Grundmauern des Hauses ragten einsam nur die Schornsteine auf.

»Das reicht«, sagte Jack. »Wir fahren zurück nach Perth.«

Und hier vor dieser Szene des Grauens, neben den Leichen ihrer ermordeten Nachbarn, in Anwesenheit des Ochsenführers, des jungen Auswanderers und unter den Blicken ihres Sohnes Ned hatten die Cambrays ihren ersten richtigen Streit.

»Nein, wir bleiben«, erklärte, ja befahl Josie. »Wir können nicht umkehren. Wir wären ruiniert.«

»Besser als tot.«

»Wir müssen eben aufpassen.«

»Denkst du überhaupt nicht an unseren Sohn, Frau? Sein Leben ist schließlich auch in Gefahr.«

»Du warst es, der sich in den Kopf gesetzt hatte, in die Kolonien auszuwandern, Jack Cambray, vergiß das nicht.«

Schließlich zogen sie doch weiter, aber die innige Zuneigung, die sie verbunden hatte, hatte einen Riß bekommen. Zwar war ihre Hütte nicht zerstört worden, doch ihr Zustand war so schlecht, daß sie weiterhin im Freien schlafen mußten. Jack erklärte sich freiwillig bereit, Wache zu halten, doch er hatte eine Flasche Rum bei sich, und als die anderen eingeschlafen waren, war er schon betrunken an der rohen Steinmauer seiner neuen Heimstatt zusammengesunken.

Jimmy Moon hingegen hielt die ganze Nacht Wache. Er mochte die Missus, die Josie genannt wurde: Sie hatte Feuer, und beim Anblick der erhängten Schwarzen hatte sie ebenso viel Schmerz empfunden wie beim Tod der Weißen. Lautlos schlich er durch das Gestrüpp, so daß er, sollte er ein paar verstreute Krieger von Nah-keenahs Stamm entdecken, dafür sorgen konnte, daß sie kein Unheil anrichteten: Denn Jaljurras Wort galt etwas beim Stamm der Whadjuck. Das verdankte er nicht etwa seiner Mutter — sie hatte ihre eigenen Gründe für die Umsiedlung in die Stadt gehabt —, nein, aber sein Vater war ein bedeutender Mann gewesen. Gestorben war er nicht durch die Hand der Weißen, sondern im Kampf mit einem anderen Eingeborenen. Dieser Nah-keenah, der blutdürstige Kämpfer, war ihm jetzt einen Gefallen schuldig. Nah-keenah durfte ihm nie etwas zuleide tun. Abgesehen davon, hielt Jimmy sich grinsend vor Augen, war Jaljurra, für seine behenden Füße und seine kräftigen Arme bekannt, ein guter Krieger. Am Morgen wollte er sich ein Versteck mit Waffen einrichten, für den Fall, daß er sie brauchte.

___________

Jack erzählte seiner Frau nie, welches Grauen er vor den wilden Schwarzen empfand, und da er so gezwungen war, die Last seines Alptraums allein zu tragen, baute er ein Haus, das einer Festung glich. Anstelle von Fenstern hatte es Schießscharten, dunkle Schlitze, die nur dazu dienten, eine der tödlichen Waffen aus seiner Sammlung aufzunehmen und ihm einen freien Blick auf das Land zu gestatten, das er unablässig rodete. Den ganzen heißen Sommer lang und anschließend in der angenehmeren Kühle des südlichen Winters arbeitete er hart und unermüdlich viele Stunden, aber immer hatte er sein Gewehr und den Revolver, den er in einer Tasche am Sattel untergebracht hatte, in Reichweite, und in seiner Furcht, ein Speer könnte sich ihm in den Rücken bohren, blickte er ständig über die Schulter.

Bei den Mahlzeiten am Abend schwieg er. Anschließend setzte er sich gewöhnlich draußen in seinen Unterschlupf aus Ästen, umgeben von den beiden Dingen, die ihm Trost spendeten: sein Gewehr und die Rumflasche. Manchmal, wenn er dachte, Schwarze würden auf ihn zu kriechen, rannte er, wie von Furien gejagt, den Hügel herab, so daß ihm die Hunde laut bellend folgten, und feuerte in alle Richtungen. Meistens sank er jedoch zusammen wie ein Häufchen Elend, und Josie mußte ihn dann ins Bett schleppen.

In der Gegend wurde er bald nur noch der »irre Jack« genannt. Allerdings hieß es auch: »Eins muß man ihm lassen. Er hat die Farm wirklich in Schwung gebracht.« Sie alle wußten aus der eigenen bitteren Erfahrung, daß man nur durch harte Arbeit in diesem Siedlungsland zu Wohlstand kommen konnte: schuften bis aufs Blut, Blasen an den Händen und Rückenschmerzen.

Niemand bemitleidete Josie, und auch sie selbst sah keinen Grund dazu. Es gab viele, die schlechter dran waren als sie. Schließlich verprügelte Jack weder Frau noch Sohn, und wenn die Vorstellung, seine Familie zu beschützen, für ihn zu einer fixen Idee geworden war — diese Erklärung hatte Josie sich zurechtgelegt —, dann konnte man ihm das nicht vorwerfen. Hier draußen, so weit entfernt von der nächsten Stadt, hatten die Frauen der Pioniere ganz andere Sorgen, als auch noch über den Ehemann zu klagen. Unfälle waren an der Tagesordnung: Eine Axt konnte abrutschen, ein Pferd durchgehen, Kinder verliefen sich im Busch oder ertranken in scheinbar flachen Wasserstellen — alles mögliche konnte geschehen. Die Frauen behandelten die Bisse von Schlangen und Spinnen und alle möglichen Krankheiten, halfen Kindern auf die Welt und arbeiteten im Haus und auf dem Feld. Einige Frauen beneideten Josie sogar. »Ihr Mann ist wenigstens jede Nacht weggetreten und will nichts von ihr«, flüsterten sie sich zu.

Selwyn blieb nicht lange bei den Cambrays, und nicht anders war es mit der Reihe von Schafhütern, die ihm folgten. Sie alle stellten rasch fest, daß mit dieser Stellung auch das Fällen von Bäumen, das Ausheben von Löchern für Pfähle, das Ziehen von Zäunen und das Herausbrechen von alten, abgestorbenen Baumstümpfen mit eisenharten Wurzeln verbunden war. Der irre Jack hielt sie ständig in Trab, und so zogen sie einer nach dem anderen wieder auf und davon.

Und wie man ihnen prophezeit hatte, kam und ging Jimmy Moon, wie es ihm beliebte. Er schien die Farm als seine Heimat anzusehen und half bereitwillig bei Arbeiten, die ihm gefielen. Doch eigentlich zog er die Gesellschaft des kleinen Ned vor, und der Junge liebte ihn über alles. Immer wieder hielt Jack Jimmy eine Strafpredigt; er nannte ihn einen faulen Taugenichts und versetzte ihm gelegentlich auch eine Ohrfeige, aber vergebens. Jimmy blieb eher ein Freund der Familie als eine Arbeitskraft, und wegen seiner unverwüstlichen guten Laune gaben sie sich schließlich damit zufrieden.

An diesem Tag brachte Josie ihrem Mann das Mittagessen nach draußen, weil sie wußte, daß er wütend auf sie war. Er baute gerade eine Waschstelle für die Schafe, und als er sich aufrichtete, sah sie, daß sein mittlerweile sonnengegerbtes Gesicht schweißüberströmt war. »Du solltest einen Hut aufsetzen«, ermahnte sie ihn. »Sonst kriegst du wieder einen Sonnenstich.«

»Diese Schwarzen sind zu nichts zu gebrauchen«, polterte er, während er nach der Kanne mit heißem Tee griff, die sie ihm mitgebracht hatte. »Von Jimmy weit und breit keine Spur«, klagte er. »Diesmal bist du schuld. Wir können nur von Glück reden, wenn wir das Pferd oder den Jungen noch einmal wiedersehen.«

»Aber wir mußten es ihm geben«, entgegnete sie. »Was sonst hätten wir tun sollen?«

»Der macht mich noch zum Gespött der ganzen Gegend. Einem Schwarzen ein Pferd zu geben!« Er nahm den Deckel vom Kessel und trank einen großen Schluck. Dann wandte er sich ab und starrte bewegungslos den Pfad entlang. Noch nie in seinem Leben hatte er ein so schlechtes Gewissen gehabt. Er hätte selbst losreiten müssen; doch dazu hatte ihm der Mut gefehlt. Er brachte es nicht fertig, freiwillig in das Gebiet der Schwarzen zu reiten, das von den Eingeborenen so standhaft verteidigt wurde — selbst wenn es darum ging, jemanden zu retten.

Jimmy hatte ihm die Möglichkeit gegeben, sich zu drücken, und um sein Gesicht zu wahren, hatte er sie ergriffen. Doch mittlerweile vermutete er allmählich, daß Jimmy ihm einen Bären aufgebunden hatte.

Vor drei Tagen war der Junge quer über die Weiden auf sie zugelaufen und platzte sofort mit seiner Neuigkeit heraus. »Meine Leute sagen, eine weiße Lady und ihr Mann sind da draußen von einem Stamm gefangen worden«, schrie er Jack noch von weitem zu.

Nach und nach hatte Jack die Geschichte aus ihm herausgeholt. Jimmy behauptete, der weiße Mann und die Frau würden von wilden Eingeborenen gefangen gehalten, doch im Austausch gegen Eßbares wäre der Stamm bereit, sie freizulassen.

»Was sind das für Weiße? Woher kommen sie?«

»Sie haben keine Pferde«, sagte Jimmy mit staunend aufgerissenen Augen. Für Jimmy hatten alle Weißen Pferde. »Meine Leute sagen, sie sind von einem großen Schiff gefallen und wie tote Fische an Land gespült worden.«

Sie holten Josie herbei, die im Umgang mit Jimmy mehr Geduld aufbrachte.

»Schiffbrüchige?« fragte sie. »Wir haben nichts von einem Schiffsuntergang gehört.«

»Aber vielleicht… Du weißt doch noch, das schlimme Unwetter vor ein paar Tagen. Es hieß, das wäre der Ausläufer eines Hurrikans, der seine Kraft verloren hat, als er die Küste erreichte.«

»Jemand muß hinreiten und nach ihnen sehen«, beschloß sie. »Wir können sie doch nicht einfach der Wildnis überlassen.«

»Wenn es sie überhaupt gibt. Genauso gut kann das alles nur Gerede sein. Du weißt doch selbst, daß Jimmy immer alles durcheinander bringt.«

»Bestimmt nicht, Boß«, schrie Jimmy. »Wir müssen sie da rausholen, oder meine Leute bringen sie um. Hängen sie auf«, fügte er um der Dramatik willen noch hinzu. Jimmy wollte diese Aufgabe gern selbst übernehmen, er wollte den Ruhm ernten, zwei Weißen das Leben gerettet zu haben. Dann wäre er berühmt. »Sie sind da draußen«, erklärte er noch einmal. »Ganz bestimmt.«

»Bei welchem Stamm?« fragte Jack mißtrauisch. »Wer ist das, der uns da dieses Tauschgeschäft anbietet?«

Jimmy zeichnete mit dem großen Zeh Figuren in den Staub, um die Aufmerksamkeit von seinem Gesicht abzulenken. Nah-keenahs Name durfte vor den Weißen nicht genannt werden. Immer wieder schickten die Siedler berittene Polizeistreifen aus, um die Rädelsführer, wie sie es nannten, der Eingeborenen aufzugreifen. Deshalb verschanzten sich die Stammesobersten jetzt hinter einer Mauer des Schweigens. Im Gegensatz zu den Vermutungen der Europäer gab es bei den Aborigines keine Häuptlinge im eigentlichen Sinne, sondern nur die Stammesältesten und Männer, die durch ihre Fertigkeit beim Jagen und im Kampf Ansehen erlangt hatten. Während Jimmy sich einen Namen aussuchte, sah er sich gedankenverloren um. Sein Blick fiel auf die Stelle, wo Jack gerade Gestrüpp verbrannt hatte, und ein Grinsen breitete sich über sein Gesicht.

»Marradong«, verkündete er, »Jimmy Moon kümmert sich um das Tauschgeschäft mit dem großen Boß der Aborigines namens Marradong.« Dieses Wort bedeutete in seiner Sprache »verkohltes Holz«, aber das konnten die Weißen ja nicht wissen.

»Du solltest ein paar Nachbarn zusammenrufen, Jack«, schlug Josie vor, »und dich dann zu diesem Marradong auf den Weg machen.«

Jimmy Moon hätte am liebsten laut losgelacht, doch er beherrschte sich.

»Das geht nicht«, erklärte er. »Wenn Sie viele Männer hinschicken, haben meine Leute Angst und machen sich aus dem Staub. Besser, Sie schicken mich und geben mir ausreichend Vorräte zum Tauschen mit.«

Sie besprachen Jimmys Vorschlag und beschlossen, obwohl sie Zweifel hatten, einige Lebensmittelvorräte zusammenzupacken.

»Wie weit ist es bis zu dem Stamm?« erkundigte sich Josie.

»Zwei Tagesmärsche«, antwortete Jimmy.

Josie wandte sich an ihren Mann. »Wir müssen ihm ein Pferd mitgeben.«

»Was? Bist du noch ganz richtig im Kopf, Frau?«

»Er selbst kommt schnell voran, das wissen wir. Aber eine weiße Frau kann da nicht mithalten. Als Schiffbrüchige wird sie kaum in der Verfassung sein, den ganzen Weg hierher zu Fuß zu laufen. Entweder zieht ihr Männer selbst los, oder Jimmy kriegt ein Pferd!«

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Jimmy Moon konnte sein Glück kaum fassen. Er war ein ausgezeichneter Reiter; er liebte Pferde, und daß er zum ersten Mal ganz allein reiten durfte, wohin er wollte, erfüllte ihn mit Stolz. Auf seinem Weg nach Norden machte er gelegentlich einen kleinen Umweg und besuchte ein Lager seiner Leute, um sein Pferd herumzuzeigen. Hoch aufgerichtet und mit stolzgeschwellter Brust ritt er einher und nickte seinen Freunden gnädig zu. Diese brachen in ein begeistertes Geschnatter aus. Eine Zeitlang war Jimmy so überwältigt von seiner neuen, wichtigen Rolle, daß er mit dem Gedanken spielte, mit seinem schönen Pferd auf und davon zu reiten. Aber dann siegte doch die Vernunft. Er wußte, daß die Weißen sogar ihre eigenen Leute erschossen oder hängten, wenn sie ein Pferd stahlen. Wenn sie ihn fanden, würde die Strafe entsetzlich ausfallen. Und dann war da ja auch noch Nah-keenah, der auf seine Geschenke wartete. Und mit diesem Gauner durfte er es sich nicht verscherzen, denn Nah-keenah würde sich an seine Fersen heften und ihn bis ans Ende des Regenbogens verfolgen.

Auf der Hälfte des Weges bis zu Nah-keenahs letztem Lagerplatz nahm Jimmy ein paar der Vorräte aus den Satteltaschen und versteckte sie, damit die zwei Fremden und er auf dem Rückweg nicht hungern mußten. Diese Vorsichtsmaßnahme war nötig, weil er es für möglich hielt, daß Nah-keenah alles fordern würde, was er bei sich hatte. Dies war dann auch wirklich der Fall.

Im Austausch gegen die beiden Weißen mußte Jimmy seine Satteltaschen bis auf den Grund leeren. Trotzdem frohlockte Jimmy innerlich. Nah-keenahs Gesichtsausdruck, als er sah, daß ein Schwarzer hoch zu Roß in sein Lager geritten kam, würde er nie vergessen. Der Wilde war so beeindruckt, daß er Jimmy ungewohnt freundlich begrüßte, um seinem Stamm zu zeigen, daß dieser bedeutende Mann, dieser Jaljurra, sein Freund war. Aber anscheinend hatte er auch gleich ein Auge auf das Pferd geworfen und wollte es wohl ebenfalls als Preis einfordern. Aus diesem Grunde trieb Jimmy die beiden Weißen mit größter Eile zum Aufbruch. Wenn er Nah-keenah nämlich erst einmal die Möglichkeit gab, diese Frage anzuschneiden, hätte er schon verloren, und die Weißen würden ihm dann später Vorwürfe machen.

Der Mann und die Frau waren ein seltsames Paar. Ihre Kleider hingen in Fetzen, wie er es bisher nur bei den Aborigines in der Stadt gesehen hatte. Doch die Frau hatte ein wunderhübsches Lächeln und richtete sich genau nach seinen Anweisungen, was ebenfalls für Jimmy eine neue Erfahrung war. Er konnte also Weißen sagen, was sie zu tun hatten! Der Mann, der sich als Lo-Gan vorgestellt hatte, war groß und mager und sehr hungrig, wie er erklärte, weil sie seit Tagen nichts anderes als nur ein wenig Fisch gegessen hatten.

Darüber mußte Jimmy staunen. Im Busch, und besonders hier an der Küste, gab es Nahrung im Überfluß. Doch er verkniff sich eine Bemerkung. Dieser Lo-Gan ging ihm ein wenig auf die Nerven, denn er hielt sie auf, weil er immer wieder rasten mußte. Aber beide waren ungeheuer erleichtert über ihre Rettung und bedankten sich unzählige Male bei ihm. Jimmy war glücklich. Wenn man den irren Jack mitrechnete, hatte er jetzt vier Freunde unter den Weißen, und alle waren sie mächtige Leute.

Der irre Jack kam ihnen schon auf dem Pfad entgegengeritten. »Allmächtiger, Jimmy!« rief er verblüfft. »Du hast es tatsächlich geschafft!«

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Sibell genierte sich in dem häßlichen braunen Kleid mit Paisleymuster, das Josie ihr gegeben hatte. Obwohl die Farmersfrau es mit einigen groben Abnähern versehen hatte, damit es besser saß, war es noch immer viel zu groß. Außerdem trug sie einen Strohhut und Schuhe, aus denen sie bei jedem Schritt herausschlappte.

Mr. Cambray hatte sie in seinem Wagen in die Stadt gebracht. Auf der ganzen Strecke waren sie immer wieder von Leuten angehalten worden, die alles über das entsetzliche Unglück erfahren wollten. Die Cambridge Star war gesunken! Bisher hatte man noch nichts von anderen Überlebenden gehört, doch Jack versicherte ihr, daß sie in Perth mehr erfahren würden.

Sie wurden in das Haus eines Mr. Anderson gebracht, der oberste Landvermesser, wie es hieß, doch Sibell konnte sich unter diesem Beruf nichts vorstellen. Sie nahm ihre neue Umgebung und all die Leute, die sie kennen lernte, nur am Rande wahr. Stattdessen fragte sie unablässig nach ihren Eltern und konnte sich nicht erklären, warum sie sie nicht endlich abholten. Frauen bemühten sich um Sibell. Nur nebelhaft bekam sie mit, daß sie gebadet und zu einem großen, sauberen Bett mit weißen Laken geleitet wurde, bevor man den Raum abdunkelte. Es war kühl und angenehm, so daß sie sich ohne Widerstand in den tiefen Schleier des Vergessens sinken ließ und die ganze Aufregung um sich herum vergaß.

»Das arme Ding hat tagelang nur geschlafen«, sagte eine Frau. Ohne in ihrer Arbeit innezuhalten, schnalzte die andere mit der Zunge und seufzte.

»Mrs. Gilbert wartet schon auf die Kleine, aber ich habe ihr erklärt, sie muß eben warten. Das Mädchen ist erschöpft und darf nicht gestört werden.«

Sibell fuhr aus ihrem Schlummer auf. Dieser Name, Gilbert! Wer war das noch? Er kam ihr so bekannt vor. Sie mußte ihre Mutter fragen. »Wo ist meine Mutter?« rief sie den Frauen zu.

»Ruhig, Liebes. Es kommt alles wieder in Ordnung, Sie werden schon sehen.«

»Meine Mutter, Alice Delahunty! Können Sie sie bitte holen?«

Anstatt die Bitte zu erfüllen, brachten ihr die Frauen eine Tasse Kaffee mit einem seltsamen Beigeschmack.

»Nur ein Schuß Brandy, Liebes, um Sie ein bißchen aufzumuntern«, sagte eine rundliche alte Frau. Sie zog sich einen Stuhl heran und setzte sich an das Bett, während eine andere Frau hinter ihr stehen blieb. »Trinken Sie erst mal Ihren Kaffee, Miss Delahunty, und dann geht es Ihnen gleich besser. Sie haben ja wirklich Schreckliches erlebt.«

Als die Frauen ihr Tasse und Untertasse abnahmen, blickte Sibell sie mißtrauisch an. »Meine Eltern machen sich sicher schon Sorgen…«

»Hören Sie, Sibell«, sagte die Frau und nahm ihre Hand. »Sie müssen jetzt tapfer sein. Sie wissen doch, daß Ihr Schiff untergegangen ist, und Sie wurden durch eine Fügung des Schicksals gerettet. Wir alle müssen Gott dafür danken. Es gab auch noch andere Überlebende, zwölf an der Zahl, aber ich fürchte…«

»Nein!« schrie Sibell. »Nein!«

Die ruhige Stimme fuhr fort. »Aber ich fürchte, Ihre Eltern sind nicht darunter. Gott in seiner Weisheit hat sie zu sich gerufen…«

»Das glaube ich nicht«, rief Sibell. »Sie wissen ja nicht, was Sie da reden. Meine Eltern waren in dem anderen Rettungsboot!«

»Das Meer hat sie verschlungen, meine Liebe. Es tut mir leid, daß ich Ihnen das sagen muß, es ist eine schreckliche Tragödie…«

»Sie sind ertrunken?« flüsterte Sibell.

»Ja, Liebes.« Die Frau nahm sie in die Arme und wiegte sie wie ein kleines Kind. »Ruhig, ruhig, Sie sind ein tapferes Mädchen. Kopf hoch! Sie sind glücklich dran, denn Sie haben ja Freunde hier. Mr. und Mrs. Gilbert sind gekommen und wollen Sie kennenlernen. Wenn es Ihnen besser geht, nehmen sie Sie mit zu sich nach Hause.«

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Sibell ging in ihr Zimmer im hinteren Teil des Hauses im Erdgeschoß und ließ sich entmutigt in den klobigen Sessel sinken. Seit drei Monaten lebte sie jetzt bei den Gilberts, und inzwischen fühlte sie sich nicht mehr als Gast, sondern eher wie ein Dienstmädchen. Ein Dienstmädchen, das die Ehre genoß, die Mahlzeiten mit Hausherrn und Hausfrau gemeinsam einnehmen zu dürfen, dem dafür aber das Recht einer angemessenen Bezahlung verwehrt wurde.

»Sie ist wie eine Tochter für uns«, erklärte Margot Gilbert ihren Freundinnen mit dem kriecherischen Lächeln, das Sibell zu hassen gelernt hatte, weil die Frau so verlogen war. Den Gilberts war es eine Last, sie unterstützen zu müssen. Aber da ihre Mitbürger am Schicksal dieses armen Mädchens so großen Anteil nahmen, gab es für sie keinen Weg, Sibell nach den anfänglichen Beweisen ihrer Hilfsbereitschaft wieder abzuschieben.

»In Wirklichkeit bin ich eine Almosenempfängerin«, murmelte Sibell. »Wie eine Tochter, daß ich nicht lache!« Miss Elizabeth Gilbert besuchte ein Internat in Adelaide, und ihr helles, großes Zimmer im ersten Stock mit all den Puppen und dem Nippes wurde jeden Tag abgestaubt und war heilig wie ein Schrein. Sibell beneidete das Mädchen, daß es nicht mehr mit dieser nörgelnden, unzufriedenen Frau zusammenleben mußte. Zugleich schob sie die Erinnerungen an ihre eigene Mutter zur Seite, weil sie zu schmerzlich waren, als daß sie sie ertragen konnte.

Anfangs war Sibell angenehm aufgefallen, daß die Gilberts über den Tod ihrer Eltern offensichtlich ebenso erschüttert waren wie sie. Erst nach und nach hatte sie erkannt, daß hinter dieser Trauer tiefere Gründe steckten: Der Schiffsuntergang hatte die Gilberts finanziell in eine peinliche Lage gebracht. Percy Gilbert war Schafzüchter. Er unterhielt ein Haus in Perth, und um die Besitzungen irgendwo im Süden kümmerte sich ein Verwalter. Nach einigen Jahren in den Kolonien hatte Percy jedoch erkannt, daß man mehr Land brauchte, um wirklich zu Wohlstand zu kommen. Er mußte sich vergrößern — nach dem Beispiel der Squatter, die an der Ostküste riesige Anwesen, die sogenannten Stations, ihr eigen nannten und Tausende von Schafen hielten. Hinzu kam, daß die Wollpreise enorm stiegen.

Sibell lächelte in grimmiger Genugtuung. Über dieses Thema hatten sich die Gilberts neulich beim Abendessen gestritten. Anscheinend war es ihnen gleichgültig, daß Sibell gezwungen war, alles mit anzuhören. Vielleicht aber war es auch Absicht, und Sibell sollte von ihren Schwierigkeiten erfahren, damit sie endlich verstand, weshalb ihr Aufenthalt bei den Gilberts solch eine Last für die Familie bedeutete. Manchmal, wenn Margot etwas ausgiebiger dem Wein zugesprochen hatte, gab sie die Schuld an ihrer elenden Lage nicht mehr den Delahuntys, sondern ihrem Gatten.

»Wenn du gleich damals, als es noch billig war, ausreichend Land gekauft hättest, Percy, wären wir jetzt reich. Dein Mangel an Weitsicht kommt uns jetzt teuer zu stehen.«

»Dann möchte ich noch mal klarstellen, Gnädigste, daß ich damals nach englischen Maßstäben mehr Land als genug gekauft habe. Woher sollte ich denn wissen, daß die Wiesen so sehr unter der Dürre leiden? Und du mußt mir zugestehen, daß mein Gedanke, neues Weideland mit einem ständigen Wasserzufluß zu erwerben, die einzig richtige Lösung war. Und dafür habe ich ja schließlich gesorgt.«

Für den Landerwerb brauchte Percy Gilbert Kapital, und aus diesem Grunde hatte er James Delahunty nach Australien eingeladen, damit er sein Partner werden und die neuen Besitzungen verwalten sollte. Leider war James Delahunty so töricht gewesen, seine Familie und seine Besitztümer einem Schiff anzuvertrauen, dessen Kapitän ein unerfahrener Narr war — wie sich bei der Untersuchung über die Unglücksursache herausgestellt hatte. Und nun saßen die Gilberts auf dem Trockenen. Das so dringend benötigte Geld lag gemeinsam mit dem zukünftigen Partner auf dem Grund des Meeres, und da sich all seine Hoffnungen in Luft aufgelöst hatten, blieben Percy nur noch zwei Möglichkeiten: entweder er verkaufte das neue Land, oder er verkaufte das Haus in Perth und siedelte aufs Land über. Er selbst hatte schon mit dem Gedanken gespielt, seine neuen Ländereien mit der Hilfe eines Vorarbeiters selbst zu verwalten, doch Margot weigerte sich hartnäckig, ihr Haus und ihre Stellung in der Gesellschaft von Perth aufzugeben.

Sibell standen Tränen in den Augen, als sie mit unbewegtem Gesicht anhörte, wie die beiden ihrem Vater alle Schuld in die Schuhe schoben. Außerdem hatte sie mindestens ebenso große Schwierigkeiten wie die Gilberts: Ihr guter Ruf wurde angezweifelt.

Die Frauen tuschelten und warfen ihr verstohlene Blicke zu, wenn sie mit Margot die Köpfe zusammensteckten. Sobald Sibell den Raum betrat, schürzten sie verächtlich die Lippen und schwiegen, bis Margot Sibell schließlich eines Tages unter vier Augen zur Rede stellte.

»Ich möchte genau wissen, was zwischen dir und diesem Conal vorgefallen ist?«

Mit glühenden Wangen und voller Verlegenheit, die sie immer empfand, wenn dieser Abschnitt ihres Lebens zur Sprache kam, antwortete Sibell: »Nichts.«

»Willst du mir bitte die Höflichkeit erweisen und die Wahrheit sagen?« Margot war unerbittlich. »Die ganze Stadt spricht schon davon. Schließlich hast du tagelang mit diesem Burschen zusammengelebt.«

»Ja.«

»Hat er dich berührt?«

»Nein.«

»Bist du noch Jungfrau?«

»Wie bitte?« Von dieser Seite hatte Sibell die Dinge noch nie betrachtet. »Wie kannst du es wagen, mich das zu fragen! Für wen hältst du dich eigentlich? Raus aus meinem Zimmer!«

»Deinem Zimmer? Dies ist mein Haus, du trägst meine Kleider und ißt an meinem Tisch. Ich habe das Recht zu erfahren, was du dort getrieben hast. Und was war mit den Eingeborenen? Schließlich hast du zugegeben, daß du Tage in ihrem Lager verbracht hast, als du in die Gesellschaft anständiger Menschen zurückgekehrt bist…«

»Gar nichts habe ich gesagt. Jeder weiß, daß man uns dort gefunden hat.«

»Aber du nimmst das alles auf die leichte Schulter! Waren diese Eingeborenen angezogen? Trugen sie anständige Kleider?«

Sibell starrte sie nachdenklich an. Margot empfand bei diesem Gespräch einen Kitzel, in ihren Augen funkelte Neugier, als ob sie eines dieser schmutzigen Bücher lesen würde. Sibell hatte genug von den Gilberts, und deshalb beschloß sie, Margot das zu liefern, was sie hören wollte.

»Nein«, erwiderte sie trotzig, »sie hatten nichts an. Sie waren nackt, einer wie der andere. Männer, Frauen und Kinder, splitterfasernackt. Welch ein Jammer, daß du das verpaßt hast!«

Margot holte mit der Hand aus, doch Sibell duckte sich rechtzeitig. »Und wage es bloß nicht, mich noch einmal zu schlagen«, schrie sie, »oder ich schlage zurück.« Sie erinnerte sich an den Schock, den es ihr versetzt hatte, als Nah-keenah sie mit seiner stahlharten Hand ins Gesicht geschlagen hatte. »Niemand wird mich je wieder ungestraft schlagen!«

»Das Leben selbst in die Hand nehmen.« Logans Worte fielen ihr ein. Zwar hatte er sie in einem anderen Sinn gemeint, aber trotzdem gaben sie ihr jetzt Mut.

»Du unflätige Göre«, kreischte Margot. »Ich werde dafür sorgen, daß du so schnell wie möglich aus meinem Haus verschwindest. Und ganz bestimmt, noch ehe Elizabeth zurückkommt.«

»Ich habe nichts dagegen. Bezahlt mir die Überfahrt nach England.« Sibell wußte, daß aus ihr der Mut der Verzweiflung sprach, denn sie brauchte mehr als nur das Geld für die Überfahrt. Und wo sollte sie sich hinwenden, wenn sie in die Heimat zurückkehrte? Etwa in das Haus ihrer Onkel, um wieder nur Almosen zu empfangen? Außerdem wußte sie, daß die Gilberts in Anbetracht ihres Geldmangels niemals für ihre Überfahrt aufkommen würden, obwohl sie diese Möglichkeit schon erwogen hatten.

Mit einem Ruck schob Sibell den Sessel über den Fußboden, ohne darauf zu achten, daß er das Linoleum zerkratzte, und betrachtete sich im Spiegel. Margots Kleider. Sie besaß zwei davon, beide aus schrecklichem schwarzem Krepp, und ihr langes gelocktes Haar trug sie auf Margots Anweisung hin in zwei häßlichen Flechten. Wahrscheinlich hoffte Margot, daß sie damit unscheinbar und tugendsam aussah. Nun, sie war nicht unscheinbar, sie war nicht mehr die magere Vogelscheuche, wie man sie aus dem Busch geholt hatte. In diesem milden Klima hatte sie sich erholt, und ihre Haut war wieder makellos rein. Sibell löste die Zöpfe und runzelte beim Anblick der feinen Kräuseln die Stirn. Ihre Mutter hatte ihr immer die Haare aufgesteckt, so daß sie in weichen Wellen das Gesicht umschmeichelten. Sibell allein brachte ein derartiges Werk nicht zustande; selbst wenn sie eine ganze Handvoll Haarnadeln einsetzte, die sie sich im Haus zusammengesucht hatte, fielen die Strähnen doch wieder herunter. Da sie in der Kunst des Frisierens ungeübt war, nahm sie kurzerhand eine Schere und schnitt sich die Haare auf Schulterlänge ab. Mit dem Ergebnis war sie zufrieden. Ihr helles Haar umschwebte ihr Gesicht jetzt in dicken, natürlichen Locken, und Sibell nickte ihrem Spiegelbild zu. »Alle Achtung, Miss Delahunty.« Sie lachte. »Sie sehen richtig gut aus.«

Sie hatte eigentlich erwartet, daß ihre neue Frisur den Gilberts auffallen würde, als sie zum Essen erschien, doch das Ehepaar nahm keine Notiz davon.

»Mr. Gilbert und ich haben uns über deine Lage unterhalten«, erklärte Margot. Doch Percy fiel seiner Frau ins Wort.

»Überlasse das mir, Gnädigste. Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, daß es für dich das beste wäre, wenn du so schnell wie möglich heiratest«, sagte er zu Sibell gewandt. »Du mußt schließlich versorgt sein.«

»Wenn sie überhaupt jemand haben will«, meinte Margot naserümpfend, wohl noch immer in Gedanken an den kürzlichen Streit.

»Ich habe da schon einen Gentleman im Auge«, fuhr Percy mittlerweile fort, »und werde die Sache mal mit ihm besprechen.«

Sibell nahm den Vorschlag gleichgültig auf. Eine Heirat würde sie wenigstens aus diesem Haus fortbringen. Dann dachte sie an Logan. Er würde es sicherlich nicht gutheißen, aber er steckte auch nicht in solch einer schrecklichen Falle wie sie. Percy Gilbert schien ihre Gedanken erraten zu haben.

»Dieser Conal wollte dir heute morgen seine Aufwartung machen«, sagte er. »Aber ich habe ihn fortgeschickt. Du darfst keinen Umgang mit ihm pflegen, denn das würde nur wieder zu Gerüchten führen.« Er seufzte und schlürfte einen Löffel Suppe. »Es wird Jahre dauern, bis sich das ganze Gerede gelegt hat.«

Einen kurzen Moment lang war Sibell versucht, ihm den Teller Suppe auf den Schoß zu schütten. Mit welchem Recht hatte er ihren Besucher abgewiesen? Selbst wenn es sich nur um Logan Conal handelte!

Der Gedanke, ihm wieder gegenüberzutreten, war ihr zwar unangenehm, doch trotzdem freute sie sich, daß er vorbeigekommen war. Nach diesen langen Monaten der Einsamkeit konnte sie sich nicht mehr vorstellen, was sie an ihm so störend empfunden hatte. Es hätte ihr gefallen, einmal wieder ein vertrautes Gesicht zu sehen, obwohl sie nicht wußte, worüber sie mit ihm hätte sprechen sollen. Blieb nur die Frage, warum er ihr überhaupt seine Aufwartung gemacht hatte. Betrachtete er sich als ihr Freund? Wahrscheinlich verhielt es sich so, nun, nachdem ihr gemeinsames Abenteuer lange vorbei war. Und sie mußte zugeben, daß er sich wie ein wahrer Gentleman verhalten hatte, als er sich nach ihrem Befinden erkundigte. So etwas hätte sie Logan Conal gar nicht zugetraut. Wenigstens mußte er jetzt einräumen, daß sie recht gehabt hatte. Nach Ansicht von Percy und Margot Gilbert und all ihrer Freunde war sie kompromittiert. Wahrscheinlich mußte sie sich bei ihm entschuldigen, denn er hatte sich wirklich nichts vorzuwerfen.

Da die Gilberts so gespannt auf ihre Antwort warteten, aß Sibell ihre Suppe betont langsam. Durch eine Heirat würde sie gesellschaftliches Ansehen bekommen. Außerdem wäre sie trotz Logans Einwänden gern die Herrin eines Hauses, in das die Gilberts dann nie eingeladen werden würden. Niemals! Sibell wußte, daß ihr langes Schweigen Margot in Wut versetzte, und deshalb setzte sie eine unbeteiligte Miene auf und antwortete nicht.

Sie konnte diesen Leuten nicht sagen, wie ihr ums Herz war. Sie konnte ihnen nicht erzählen, wie sehr sie ihre Eltern vermißte und daß sie nachts immer wieder von Alpträumen heimgesucht wurde. Schreckliche Träume, in denen ihre Eltern um Hilfe riefen und in denen sie sah, wie die Angestellten ihres Vaters, die immer so nett zu ihr gewesen waren, in die unermeßlichen Tiefen gerissen wurden. Tagsüber verbannte Sibell diese Gedanken aus ihrem Sinn, und indem sie sich dagegen wappnete, verschloß sie, ohne es zu bemerken, auch die Trauer tief in ihrem Innern. Und so wirkte sie jetzt kühl und ungerührt.

Josie Cambray, die Frau auf der Farm, die sie so freundlich aufgenommen hatte, hielt mit Sibell Verbindung. Sie hatte ihr immer wieder aufmunternde Briefe geschrieben, die Sibell zwar nicht besonders aufregend fand, die ihr aber zumindest das Gefühl gaben, mit der Außenwelt in Verbindung zu stehen. Sibell beschloß, Josie in ihrem nächsten Antwortbrief die Neuigkeit anzuvertrauen: sie würde heiraten.

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Nachdem sie sich erst einmal auf der Cambray-Farm eingerichtet hatte, zogen sich die Monate für Josie in endloser Eintönigkeit dahin, waren ebenso leer wie der lange Pfad, der in den Bergen in der Höhe einfach im Nichts endete. Kein Reisender kam vorbei, kein Fremder ritt aus der felsigen, überwucherten Wildnis auf ihr Haus zu, um eine Mahlzeit mit ihnen zu teilen… Hier, im Land der Eingeborenen, war jeder Gast willkommen. Josie wußte nicht einmal, wie es auf der anderen Seite der Bergkuppen aussah. Manche meinten, es sei gutes Weideland, andere wiederum sagten, dort gäbe es nichts als Wüste.

Als sich die erste Freude darüber gelegt hatte, nun Besitzer einer Farm zu sein, die in England ein Dutzend Familien ernährt hätte, und der Alltag mit seinen immer gleichen Pflichten die Oberhand gewann, fing Josie allmählich an, sich nach Gesellschaft zu sehnen. Sie vermißte das Gespräch mit anderen Farmern und Landarbeitern, den Dorfklatsch, den Gruß eines Vorübergehenden mit gelüftetem Hut, den Klang von Stimmen. Abgesehen vom Rufen und Singen der Vögel herrschte in diesem Land Stille. Aber zumindest ließen die Eingeborenen sie ungeschoren, obwohl Jack dem Frieden nicht traute. Nach wie vor saß er jede Nacht draußen und trank. Wäre ein Eingeborener aus der Dunkelheit aufgetaucht, um ihn anzugreifen, hätte Jack es wahrscheinlich gar nicht bemerkt. Wahrscheinlich hatte der Anblick ihrer ermordeten ehemaligen Nachbarn Jack den Verstand geraubt, wie Josie meinte. Seltsam war nur, daß es ihr gelungen war, diese Tragödie zu verdrängen, und auch Ned schien sich deswegen nicht zu fürchten. Vermutlich kam er nicht auf den Gedanken, daß die Schwarzen mit diesem Mord zu tun hatten, denn Jimmy Moon war — wenn er sich nicht gerade wieder aus dem Staub gemacht hatte — sein heißgeliebter Spielgefährte.

Am schlimmsten waren die Abende. Wenn Ned schlafen gegangen war und Jack draußen in seinem Unterschlupf hockte, wurde Josie von Einsamkeit überwältigt. Sie versuchte es erst mit Sticken und dann mit Stricken, doch trotzdem blieb das Gefühl, daß etwas tief in ihr mit aller Macht zum Ausbruch drängte. Mit zusätzlicher Arbeit war es nicht getan — sie brauchte etwas, um sich abzulenken. Sie begann wichtige Ereignisse des Weltgeschehens, die sie aus den wenigen Zeitungen ausschnitt, die ihren Weg auf die Farm fanden, in ein Notizbuch einzutragen. Ihr Held, General Gordon, kämpfte sich durch den Sudan und machte den Aufständischen, Derwischen und Sklavenhändlern, die Hölle heiß. Die Königin hatte Schwierigkeiten mit ihren Söhnen, konnte sich allerdings mit dem stolzen Titel der »Kaiserin von Indien« trösten.

Auch die Kolonien hatten ihre Helden: Alexander Forrest, dessen Bruder gerade die schreckliche Nullarbor-Wüste von Perth nach Adelaide durchquert hatte. Er selbst wollte nun eine Entdeckungsreise in die nördlichen Gebiete des Staates unternehmen. Josie las staunend, daß »Nullarbor« kein Wort aus der Eingeborenensprache war, sondern auf lateinisch »keine Bäume« bedeutete. Und drüben in Victoria führte ein Bursche namens Ned Kelly die Polizei an der Nase herum, indem er praktisch unter ihren Augen Banken ausraubte. Einige hielten ihn für einen zeitgenössischen Robin Hood, während ihn andere als einen weiteren dieser kaltblütigen Buschräuber verdammten. Josie wußte nicht, was sie von ihm halten sollte, doch trotzdem verfolgte sie seine Laufbahn mit größter Neugierde.

»Was hast du da nur immer zu schnipseln und zu kleben?« erkundigte sich Jack.

»Das ist für die Nachwelt«, entgegnete sie, wobei sie sich sagte, daß es eine weitaus sinnvollere Beschäftigung war, als sich allabendlich mit Rum vollaufen zu lassen.

»Wozu soll das gut sein? Die Zeitungsverlage bewahren selbst alle Ausgaben im Archiv auf. Wenn die Nachwelt Fragen hat, dann geht sie einfach hin und schlägt nach.«

Das hatte Josie nicht gewußt. Zwar war diese Erkenntnis ein ziemlicher Schlag für sie, eröffnete ihr aber gleichzeitig auch eine neue Möglichkeit: Schließlich waren sie Pioniere in diesem Tal, und wenn niemand die Zeit hatte, sich darum zu scheren, würde sie ihre Erlebnisse eben für die Nachwelt in Briefen festhalten.

Also stellte sie eine Liste von Freunden der Familie in der Heimat zusammen und wählte drei aus, die sie für verläßliche Briefpartner hielt und die ihre Berichte wertschätzen würden. Nach zwei Jahren waren zwei davon ausgeschieden, doch Tante Flora hielt ihr die Treue. Da die Briefe lange Zeit unterwegs waren, brauchte Josie weitere Ansprechpartner. Sie schrieb schließlich Briefe, die nie aufgegeben wurden. Doch sie konnte sie wohl kaum an sich selbst richten, und deshalb wählte sie die Anschrift: »Liebe Victoria«. Sie stellte sich vor, daß die Königin ihre Schreiben mit Spannung erwartete und das Schicksal einer gewissen Josie Cambray in diesem abgelegenen Teil des britischen Empire mit größter Aufmerksamkeit verfolgte.

Es kam der Tag, an dem Ned in das Bishop’s College gehen sollte. Josie platzte beinahe vor Stolz, und Jack — der es zwar nicht zugab und den mißmutigen Gesichtsausdruck trug, der zur Abgeschiedenheit der Familie Cambray beigetragen hatte — erging es ebenso, wie Josie an seinen ungewohnt schwungvollen Schritten bemerkte.

»Wer hätte je gedacht«, sagte sie, als sie das Internat durch das Haupttor verließen, »daß wir unseren Sohn einmal aufs College schicken? Das mußt du unbedingt den Verwandten in der Heimat berichten.«

»Glaub bloß nicht, daß du sie damit beeindruckst«, brummte er. »Die denken höchstens, daß wir die Nase jetzt ganz oben tragen! Du gehst jetzt zurück zu unserer Pension. Ich habe noch Geschäfte zu erledigen.«

Aber Josie hatte nicht die Absicht, den ganzen Nachmittag in ihrem Zimmer zu hocken. Zu diesem bedeutenden Anlaß hatte sie sich ein neues Marinekostüm mit passendem Hut geschneidert, und nun wollte sie zur Abwechslung mal durch die Straßen bummeln. Sie schlenderte die King Street entlang, betrachtete die Schaufenster und bewunderte bei jeder Gelegenheit den raffinierten Schnitt ihrer Jacke, der ihre schlanke Taille und noch immer jugendliche Figur vorteilhaft zur Geltung brachte. Als sie an den Eingangsstufen des Royal Perth Hotel vorbeikam, änderte sie, einer Eingebung folgend, ihre Richtung und betrat die kühle, mit Teppichen ausgelegte Halle.

Ihre nächste Eingebung befahl ihr, sich umzudrehen und schnurstracks wieder ins Freie zu laufen — sie hatte noch nie ein derartig prunkvolles Gebäude betreten —, doch da kam schon der Portier auf sie zu und hielt ihr die Glastür auf. »Möchten Sie den Tee einnehmen, Madam?«

Josie nickte und wurde gleich darauf von einer Kellnerin zwischen Tischen mit glitzerndem Tafelsilber und gestärkten Tischdecken hindurchgeführt.

»Erwarten Sie noch jemanden?« fragte das Mädchen freundlich. Josie kam sich vor wie eine Närrin. »Nein«, gestand sie.

»Gut, ich glaube, dann ist dies ein netter Tisch für Sie. Sie sind zwar noch ein bißchen früh dran, aber das macht nichts.« Fröhlich schwatzend geleitete sie Josie zu einem Tisch für zwei Personen. »Wir räumen gerade erst die Kuchengedecke heraus, aber Tee kann ich Ihnen schon bringen.«

»Vielen Dank«, flüsterte Josie. Sie saß auf dem angebotenen Stuhl, als hätte sie eine Stricknadel verschluckt, und wagte vor lauter Befangenheit kaum zu atmen. Wenn Jack wüßte, daß sie hier war, würde er bestimmt einen Tobsuchtsanfall bekommen. Aber dann schmunzelte sie… Er mußte es ja nicht erfahren.

Sie beobachtete, wie eine spärliche Anzahl Gäste in dem großen Speisesaal platziert wurde. Dabei nippte sie möglichst vornehm an ihrem Tee und stellte fest, daß sie keine Freunde hatte. Deutlicher denn je wurde ihr hier bewußt, wie einsam ihr Leben mittlerweile geworden war, doch als die Kellnerin, noch immer plaudernd, den köstlichsten Nachmittagstee vor ihr aufdeckte, den sie je gesehen hatte, schob sie ihren Kummer beiseite. Für einen Augenblick dachte sie mit Schrecken daran, daß das alles furchtbar teuer sein würde. Doch in ihrer Handtasche befand sich das Geld für die Vorräte der nächsten Monate. Jack würde es nicht auffallen, wenn etwas fehlte, denn es war ihre Aufgabe, die Rechnung zu bezahlen.

»Für mich ganz allein?« staunte sie, als die Kellnerin die Teller mit Schinkenbroten, Hörnchen mit Brombeermarmelade und Sahne und zwei große Stücke Sandkuchen, gefüllt mit einer dicken Schicht Schlagsahne und einem Belag aus Passionsfrucht, vor ihr hinstellte. Letzte gehörte zu den vielen unbekannten Obstsorten, die Josie in Perth entdeckt hatte. Unter ihrer häßlichen schwarzroten Schale verbarg sich ein unglaublich süßes Fruchtfleisch, das man wie bei einem Ei herauslöffeln konnte, nachdem man die Spitze abgeschnitten hatte. Aber sie war noch nicht auf den Gedanken gekommen, einen Kuchen damit zu garnieren.

»Ich wette, daß Sie kein Krümchen übriglassen.« Die Kellnerin lachte. »Unser Koch ist stolz auf den Tee, den er anrichtet.«

Als Josie die Schinkenbrote in Angriff nahm, sah sie eine ältere Frau, die ebenfalls allein den Speisesaal betrat. Ihr Kleid, eine sich bauschende, pflaumenfarbene Taftrobe, kam Josie reichlich altmodisch vor, und ihr Hut war ein Ungetüm aus schwarzem Filz. Ihren Hals zierte jedoch eine Perlenkette, die, wenn sie echt war, ein Vermögen gekostet haben mußte.

Ohne sich führen zu lassen, schritt sie majestätisch zu einem Tisch in Josies Nähe und nahm inmitten ihrer aufbauschenden Röcke Platz. Die Kellnerin eilte mit einem freundlichen Begrüßungslächeln auf sie zu. Offensichtlich war die Frau den Angestellten gut bekannt, denn auch andere traten zu einem Schwätzchen an ihren Tisch.

Da Josie sich besser fühlte, seit sie nicht mehr die einzige war, die allein vor ihrem Tee saß, wandte sie ihre Aufmerksamkeit den Hörnchen zu, bevor sie sich über den Kuchen hermachte. Das Mädchen hatte recht gehabt: Wenn es auch nicht gerade damenhaft war, so konnte sie doch dem zweiten Stück nicht widerstehen.

Währenddessen bemühten sich zwei Kellnerinnen um die Dame am Nebentisch; sie schenkten ihr beflissen Tee ein und erkundigten sich, ob sie sonst noch was wünschte.

»Nein, nein«, sagte sie. »Kümmert ihr Mädchen euch ruhig um eure Aufgaben. Ich komme schon zurecht, danke schön!« Ihre Stimme war voll, klar und befehlsgewohnt. Die Frau rückte sich die Brille gerade und ließ den Blick durch den Raum schweifen, bis er an Josie hängen blieb. »Wohnen Sie hier im Hotel?« fragte sie. Josie fuhr der Schrecken in die Glieder. Sie fürchtete, sie könnte die Aufmerksamkeit der Frau durch ihr ungeniertes Starren auf sich gelenkt haben.

»Nein«, stammelte sie. »Es tut mir leid. Ich bin nur zum Nachmittagstee hier.«

»Das braucht Ihnen doch nicht leid zu tun«, entgegnete die Frau gebieterisch. »Kommen Sie aus Perth?«

»Nein. Wir haben eine Farm am Moore River.«

»Ah, ich verstehe. Schafe wahrscheinlich.«

»Ja.«

»Und wirft die Farm was ab?«

Josie war verdutzt. Bisher hatte sie nur Männer über das Auf und Ab — und meistens über das Ab — des Farmlebens reden hören, und diese Frage schien für eine Frau kaum schicklich. »Es geht so«, antwortete sie und hatte dabei die Worte ihres Mannes im Ohr.

»Das höre ich gern. Sie kommen aus England, nicht wahr?«

»Ja.« Josie nickte und trank den letzten Schluck Tee.

»Ich war noch nie in England«, fuhr ihre Nachbarin unbeirrt fort. »Es muß dort wunderschön sein, mit all den Schlössern und den Kreidefelsen bei Dover. Ich bin in New South Wales geboren.« Sie lachte. »Weiter im Norden nennt man uns die Cockneys aus Sidney.«

»Weiter im Norden?« wiederholte Josie ratlos.

»Ja, ich lebe im Northern Territory und bin zum ersten Mal in Perth. Ich mußte einen Augenarzt aufsuchen. Meine Augen machen mir ganz schön zu schaffen.«

Noch bevor Josie sie bedauern konnte, machte die Frau einen Vorschlag. »Sie haben aufgegessen, wie ich sehe. Lassen Sie mich für uns beide noch eine Kanne Tee bestellen, und kommen Sie an meinen Tisch.« Ohne Josies Antwort abzuwarten, rief die Frau eine Kellnerin herbei, damit sie Josie bei ihrem Umzug behilflich war. »Ich heiße Charlotte Hamilton«, stellte sie sich vor, als Josie bei ihr Platz genommen hatte.

»Erfreut, Sie kennen zu lernen, Mrs. Hamilton. Ich bin Josie Cambray.«

»Nennen Sie mich Charlotte«, sagte die Frau zu Josies Erstaunen. »Da, wo ich herkomme, hält man nicht viel von Konventionen. Ist dies nicht eine hübsche Stadt?«

»Ja«, meinte Josie zweifelnd, und da sie sich verpflichtet fühlte, das Gespräch in Gang zu halten, erkundigte sie sich, woher Mrs. Hamilton stammte, diese eindrucksvolle Frau, die mit ihrer Persönlichkeit den ganzen Raum zu füllen schien.

»Ich lebe in Palmerston, der Stadt am Hafen Port Darwin.«

»Port Darwin?« fragte Josie neugierig. »Man hört so allerhand seltsame Geschichten über Port Darwin. Nicht, daß ich sie glauben würde«, fügte sie hastig hinzu. Doch Charlotte lächelte.

»Sie dürfen sie ruhig glauben, meine Liebe. Dort ist alles vertreten, vom blaublütigsten Engländer bis zum letzten Halunken und Schurken. Die Leute nennen es die ‘Hölle von Darwin’.«

»Du meine Güte. Und Sie leben dort?«

»Warum nicht? Das Northern Territory ist schon seit vielen Jahren meine Heimat, und ich möchte nicht mehr fort. Wenn Sie sich erst einmal für eine Sache entschieden haben, stehen Ihnen dort alle Wege offen. Zu Anfang bin ich mit meinen Mann auf Goldsuche gegangen. Er hatte es schon seit vielen Jahren im Osten versucht, aber nie so rechten Erfolg gehabt, und deshalb haben wir uns entschlossen, in Pine Creek einen neuen Anfang zu wagen.«

»Und wo liegt das.«

»Etwas über zweihundert Kilometer südlich von Port Darwin. Das Leben dort war hart, das kann ich Ihnen versichern, aber wir haben es zu etwas gebracht und dann auch ein Gasthaus eröffnet. Aber alles im Leben hat seinen Preis. Mein Mann starb an der Hitze und dem Alkohol.«

»Das tut mir leid.«

Charlotte zuckte die Achseln. »Wie das Leben so spielt. Ich habe die Bergwerke und die Wirtschaft verpachtet, meine zwei Söhne nach Palmerston gebracht und mir dort ein anständiges Hotel gekauft. Das Prince of Wales, das beste Haus am Platz.«

»Und das führen jetzt ihre Söhne für Sie.«

»Du meine Güte, nein! Ich wollte verhindern, daß sie ihrem Vater nachschlagen. Ich führe es selbst. Ich habe mein Geld in eine Farm für Rinder- und Pferdezucht gesteckt und sie aufs Land geschickt. Meine Jungen leisten mittlerweile gute Arbeit. Auch wenn Sie es mir nicht glauben, aber auf einer Rinderfarm ist eine gute Ausbildung ebenfalls von Vorteil. Sobald ich es mir leisten konnte, habe ich nämlich dafür gesorgt, daß meine Söhne eine anständige Schulbildung erhalten. Sie waren auf einem Internat in Adelaide.« Sie lachte. »Und wie haben sie sich dagegen gewehrt! Aber ich habe ihnen versprochen, wenn sie es die drei Jahre in der Schule aushalten und anschließend zwei Jahre auf einer Viehfarm abdienen, dann kaufe ich ihnen ihre eigene Farm. Und ich habe mein Wort gehalten. Black Wattle ist eine prächtige Station, knapp achttausend Quadratkilometer groß, und das hält sie in Trab.«

»Achttausend Quadratkilometer, haben Sie gesagt?« Josie konnte nur noch staunen.

»Es gibt noch größere Besitzungen«, erklärte Charlotte freundlich und trank einen Schluck Tee.

»Victoria River Downs, Wave Hill und noch ein paar andere. Aber diese Flächen braucht man auch; ein Acre ernährt schließlich nur eine bestimmte Anzahl Rinder. Wir züchten Kurzhörner, aber ebenso wichtig ist die Pferdezucht.«

»Sind Sie dann regelmäßig draußen auf der Farm?«

»Ich war nur ein paarmal dort. Ich bin zu alt, um im Zelt zu übernachten. Inzwischen bauen meine Söhne ein Wohnhaus, und wenn es fertig ist, ziehe ich mich aus dem Hotelgeschäft zurück. Immerhin bin ich schon über sechzig, und irgendwann hat man es mal satt, die Männer im Wirtshaus zur Ordnung zu rufen. Ich habe nichts gegen ein Schlückchen hier und da einzuwenden, aber Betrunkene gehen mir auf die Nerven.«

Josie schoß das Blut in die Wangen, als sie an Jack dachte, und deshalb änderte sie schnell das Thema. »Was sagt der Arzt zu ihren Augen?«

»Er kann nicht mehr viel tun. Es liegt am Staub in dieser Gegend; sogar die Eingeborenen dort haben Augenleiden. Er hat sich in gelehrten Worten ausgedrückt und mir vorgehalten, ich hätte früher kommen müssen. Aber das konnte ich ja nicht wissen! Ich habe gedacht, meine Augen tränen wegen dem Staub und dem Schmutz in der Luft. Irgendwann merkt man, daß es schlimmer geworden ist, und dann heißt es, es sei zu spät.«

»Zu spät?« fragte Josie erschrocken. »Sie wollen doch nicht etwa sagen…« Sie zögerte, doch Charlotte führte ihren Satz zu Ende.

»Ich werde blind, meine Liebe, traurig, aber wahr.«

»Das tut mir leid«, sagte Josie.

»Das muß es nicht. Ich komme schon zurecht, und es dauert ja auch noch eine Weile.«

Als sie sich verabschiedeten, gab Charlotte Josie ihre Karte. »Wir sollten in Verbindung bleiben. Vielleicht können Sie mich mal besuchen — bei uns ist immer was los, im Territory wird einem nie langweilig.«

»Ich weiß nicht, ob ich jemals in die Gegend komme«, sagte Josie. »Aber ich könnte Ihnen schreiben.«

»Wollen Sie das tun? Ich würde mich freuen. Da wir am Top End so abgelegen sind, kriegt jeder gern Briefe. Außerdem liest man dort alles, was einem zwischen die Finger kommt. Ich nehme eine ganze Kiste Bücher mit, den Grundstock für unsere Bibliothek auf der Farm. Ich habe sogar schon daran gedacht, wenn mein Augenlicht nachläßt, eine Sekretärin einzustellen, die sich um die Buchführung kümmert und mir vorliest. Wie ich hörte, ist es nichts Ungewöhnliches, wenn sich eine ältere Dame eine Gesellschafterin leistet.«

»Ich hoffe, bis dahin bleibt Ihnen noch viel Zeit«, meinte Josie traurig.

Mrs. Hamilton lächelte. Trotz der milchigen Augen war sie eine ansehnliche Frau. »Ja, hoffentlich«, stimmte sie zu. »Das wird sich zeigen. Aber ich lasse nicht zu, daß die Krankheit mich in die Knie zwingt.«

Auf dem Rückweg zu ihrer Pension legte sich Josie für Jack eine Geschichte zurecht: »Ich bin zum Nachmittagstee ausgegangen und habe…«

Nein, das ging nicht, denn er würde fragen, wo sie gewesen war. Sie mußte es anders anfangen. »Ich habe heute eine Dame kennen gelernt, eine gewisse Mrs. Hamilton. Sie hat viel zu erzählen, und amüsant ist sie auch, wenn man sich erst einmal an ihre unverblümte Art gewöhnt hat. Ihre Söhne haben eine Rinder- und Pferdefarm in den Northern Territorys mit sage und schreibe achttausend Quadratkilometern…«

Inzwischen zweifelte Josie, ob sie recht gehört hatte. Das war einfach unvorstellbar. Vielleicht waren es Acres gewesen, aber selbst dann war die Besitzung immer noch unermeßlich groß. Wahrscheinlich sollte sie Jack gegenüber die Zahl nicht erwähnen, denn er würde behaupten, sie hätte sich geirrt. Eine törichte Närrin. Mit diesem Kosenamen bezeichnete er sie öfters.

Es würde einsam werden auf der Cambray-Farm ohne Ned, denn er würde ihr schrecklich fehlen. Nachdem die Freude verflogen war, die sie verspürt hatte, als sie ihn zum College gebracht hatten, fürchtete sie sich vor der Heimkehr auf die Farm. Im Gegensatz zu seinem Vater hatte Ned ein fröhliches Naturell, und Josie war in seiner Gegenwart immer aufgelebt. Noch einmal sah sie vor sich, wie Ned mit seinem Lehrer davongegangen war. Er hatte vor Freude gestrahlt, als würde er nicht in die von Vorschriften angefüllte Welt eines Internats eintreten, sondern in die Freiheit entlassen. Die meisten anderen Jungen hatten traurig und unglücklich ausgesehen, aber nicht Ned. Er hatte sich nicht einmal nach ihnen umgesehen, so sehr freute er sich auf das, was vor ihm lag.

In Gedanken versunken hatte sie die Begegnung mit Charlotte schon vergessen, als sie die Fliegengittertür öffnete und die dämmrige Halle der Pension betrat. Dort wartete ein Besucher auf sie.

»Ich wollte es gerade schon aufgeben«, sagte er. »Vorhin habe ich Sie auf der Straße gesehen, aber dann aus den Augen verloren.«

»Oh, Mr. Conal! Das ist aber eine Überraschung. Tut mir leid, daß Sie auf mich warten mußten.« Sie blickte sich um, um sich zu vergewissern, daß Jack nicht irgendwo im Dunkel der Halle verborgen war. »Ich war zum Tee im Royal Perth Hotel«, flüsterte sie. »Es war einfach wunderbar. Und was führt Sie hierher?«

Er geleitete sie in den Salon, wo sie von mehreren Gästen mißtrauisch beobachtet wurden. »Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich bisher noch keine Gelegenheit hatte, Sie auf Ihrer Farm aufzusuchen. Denn schließlich stehe ich in Ihrer Schuld, seit Sie uns von diesem Schurken Nah-keenah losgekauft haben.«

»Ach, das war doch selbstverständlich. Sie können sich nicht vorstellen, wie froh wir waren, als sie bei uns auftauchten.«

»Und wahrscheinlich auch ein wenig verwundert«, lachte er. »Wir müssen ja wie die Lumpensammler ausgesehen haben.« Er strich sich über das glatt rasierte Kinn. »Nach dieser Episode habe ich mir den Bart abgenommen, denn inzwischen war er verfilzt wie ein Rattennest.«

»Ohne Bart sehen sie viel besser aus«, sagte Josie und wurde gleich darauf rot. Er war wirklich ein anziehender Mann, mit den markanten Zügen und dem dichten schwarzen Haar, das sich im Nacken kräuselte wie bei einem Kind. Trotzdem hätte ihr diese Bemerkung nicht entschlüpfen dürfen.

»Da bin ich aber froh, daß es Ihnen gefällt«, antwortete er. »Aber Sie sehen auch sehr elegant aus. Im Hotel haben bestimmt alle die Köpfe nach ihnen verrenkt.«

»Um Gottes willen, nein! Aber ich habe eine Dame aus Port Darwin kennen gelernt. Sie ist recht ansehnlich für ihr Alter und von einer unverblümten und unkomplizierten Art. Sie wird mir schreiben.«

Er nickte interessiert. »Port Darwin? Ich kann mir kaum vorstellen, daß es dort überhaupt nette Menschen gibt. Es heißt, dort versammelt sich der gesamte Abschaum des Landes.«

»Um die Wahrheit zu sagen«, meinte Josie, »weiß ich nicht einmal, wo Port Darwin liegt. Dieses große Land stürzt mich immer noch in Verwirrung.«

»Dann brauchen Sie Karten. Ich könnte Ihnen welche besorgen.«

»Das würde mir sehr helfen. Es wäre ein eigenartiges Gefühl, Briefe aufzugeben, ohne zu wissen, wo sie hingehen. Mrs. Hamilton sagte, dies wäre ihr erster Besuch in Perth; ihre Söhne leben auf einer Rinderfarm… Bitte, lachen Sie mich nicht aus, aber sie meinte, ihre Besitzung würde knapp achttausend Quadratkilometer umfassen. Ist das überhaupt möglich?«

»Das weiß ich nicht, es klingt jedenfalls sehr viel. Ein Landvermesser wäre da ein Jahr lang beschäftigt. Aber das kann ich für Sie herausfinden.«

»Und wie wollen Sie das anstellen?«

»Ich bin Landvermesser, und meine Kollegen werden es schon wissen.«

»Sie haben also schon Arbeit gefunden?«

»Ja, und deshalb konnte ich mich bisher auch nicht für Ihre Hilfe bedanken. Aber ich würde Ihren Mann und Sie gern für heute abend zum Essen im Palace Hotel einladen, wenn Sie noch nichts vorhaben.«

Nach einem kurzen Moment der Freude machte sich Enttäuschung in Josie breit. Sie war noch nie zum Abendessen ausgegangen, und es hätte ihr viel Spaß gemacht, im Palace Hotel, das ebenfalls einen guten Ruf genoß, zu speisen. Aber Jack wäre damit niemals einverstanden gewesen. Er mochte es nicht, wenn man die Nase hoch trug, wie er es nennen würde.

»Vielen Dank, Mr. Conal, das ist sehr freundlich. Aber es geht leider nicht.«

Josie war froh, daß er nicht nach dem Grund für ihre Ablehnung fragte, denn obwohl sie fieberhaft überlegte, war ihr noch keine glaubwürdige Ausrede eingefallen.

»Das kommt ja wohl auch ein bißchen plötzlich«, meinte Logan. »Vielleicht morgen.«

»Ich muß meinen Mann fragen«, erklärte sie und wechselte dann schnell das Thema. »Haben Sie Miss Delahunty einmal wiedergesehen?«

»Ich habe es versucht, aber man wimmelt mich immer schon an der Eingangstür ab. Ihre Wachhunde, Mr. und Mrs. Gilbert, verkehren zwar in der besten Gesellschaft, aber Sibell habe ich noch nicht zu Gesicht bekommen.«

»Wahrscheinlich ist das arme Mädchen noch in Trauer. Es ist ja auch schrecklich, seine Eltern auf diese Weise zu verlieren. Welch ein Glück, daß sich die Gilberts ihrer annehmen.«

»Da bin ich mir nicht so sicher«, wandte Logan ein. »Die beiden sind die Sturheit in Person. Ich habe sie schon bei mehreren Anlässen getroffen und mich nach Sibell erkundigt, aber sie haben mir immer nur die kalte Schulter gezeigt.«

»Wie schrecklich! Wenn Sie nicht gewesen wären, wer weiß, was Miss Delahunty dann alles hätte zustoßen können.«

Er lachte. »Das ist ja wohl gerade die Wurzel des Übels. In der Stadt ist über Sibell und mich viel geredet worden… Sie können sich ja wohl vorstellen, daß sich die Tratschweiber eifrig über unsere Geschichte hergemacht haben.«

Josie war entrüstet. »Die sollten sich was schämen.«

»Und dann kommt noch mein Name hinzu«, fuhr er grinsend fort. »Die Engländer halten die Iren anscheinend für die Ausgeburt an Leidenschaft. Und ein junger Ire mit einer hilflosen, hübschen Engländerin allein an einem gottverlassenen Strand gibt ausreichend Stoff für Gerüchte.«

Sein Humor war ansteckend, und Josie mußte lachen. »Aber niemand spricht darüber, daß ihr Leben in Gefahr war.«

»Natürlich nicht. Daran denkt kein Mensch mehr, aber der Rest hält sich beharrlich.«

»Welch ein Jammer! Ich werde Miss Delahunty selbst meine Aufwartung machen.«

»Das hatte ich gehofft. Sie kann man wohl nur schwerlich an der Tür abweisen.«

»Und wenn sie es doch tun?«

»Dann dürfen Sie nicht lockerlassen. Glauben Sie, daß Sie das schaffen?«

Ermutigt durch die Erfolge dieses Tages, nickte Josie.

»Mein Wort darauf. Ich schaffe es.«

___________

Jack erschien nicht zum Abendessen. Josie saß allein im Speisesaal und betete, er würde noch kommen, denn sie hatte gemerkt, daß die Wirtin sie stirnrunzelnd musterte. Als Josie ihr Mahl beendet hatte, versuchte sie, unbemerkt hinauszuschlüpfen, doch die Wirtin stellte sich ihr an der Tür in den Weg. »Wenn ein Gast nicht zum Essen erscheint, dann erwarte ich, daß man es mir vorher mitteilt.«

»Ist gut. Es tut mir leid«, murmelte Josie.

»Sie müssen dieses Essen trotzdem bezahlen. Die zwei Shilling kommen auf die Rechnung, und ich möchte keinen Streit darüber.«

»Selbstverständlich wird es bezahlt«, antwortete Josie schuldbewußt. Jack war zweifellos in irgendeinem Wirtshaus.

In ihr Zimmer zurückgekehrt, zog sie sich ihr Nachthemd an und legte sich ins Bett. Aber sie konnte keinen Schlaf finden, weil sie bei jedem auch noch so leisen Geräusch hoffte, Jack sei zurückgekehrt. Schließlich mußte sie doch eingeschlafen sein, denn mitten in der Nacht wurde sie von einem lauten Klopfen wach. Auf Anhieb wußte sie, daß Jack dort draußen stand und an die verschlossene Eingangstür hämmerte. Sie hatte so etwas schon früher erlebt, denn schon mehrmals hatte sie ihn aus dem Farmhaus ausgesperrt, wenn er zu viel getrunken hatte. Doch dann schrie er immer Zeter und Mordio, was offenbar jetzt wieder der Fall war.

Sie lauschte der lautstarken Auseinandersetzung zwischen ihm und der Wirtin, die ihn mittlerweile eingelassen hatte, und dann hörte sie ihn mit lautem Poltern die Treppe heraufstolpern. Josie gab vor, zu schlafen, denn es war ihr zu peinlich, jetzt der Wirtin gegenüberzutreten.

Doch diese hämmerte jetzt an Josies Zimmertür. »Mrs. Cambray, Ihr Mann hat sich betrunken auf meine Treppe gelegt. Kommen Sie raus und sammeln Sie ihn auf.«

Bleich vor Scham hüllte Josie sich in ihren Bademantel und stürzte nach draußen. Dann schubste und zerrte sie Jack mühsam ins Zimmer. Die Wirtin sah mit verschränkten Armen zu und beklagte sich derweilen mit beredten Worten, mit welcher Art von Herrschaften sie sich abgeben mußte.

Jack war so betrunken, daß er gar nicht bemerkte, was vor sich ging. Wütend schob Josie ihn ins Zimmer, wo er mit einem Krachen, das alle anderen Gäste aufgeweckt haben mußte, zu Boden fiel.

»Mein Haus ist nur für Gentlemen…«, setzte die Wirtin an, fest entschlossen, das ganze Ausmaß ihrer Mißbilligung in Worte zu fassen.

»Mrs. Bolton«, gab Josie wütend zurück. »Sie würden einen Gentleman nicht erkennen, und wenn Sie über ihn stolpern würden.« Dann knallte sie ihr die Tür vor der Nase zu.

___________

Am folgenden Morgen stellte sie Jack zur Rede. »Das war ja ein schöner Aufruhr, den du da gestern veranstaltet hast. Wahrscheinlich setzt man uns jetzt vor die Tür.«

»Ach, reg dich nicht auf, Frau. Wir zahlen, also wird man uns auch nicht rauswerfen. Zieh dich an, jetzt wird man gleich zum Frühstück rufen, und wir haben heute noch viel vor.«

»Hast du Scherer gefunden?« fragte sie.

»Scherer? Die führen sich auf, als wären sie der liebe Gott höchstpersönlich.«

Josie gab ihm nicht die Gelegenheit, sich weiter zu diesem Thema zu äußern. Jedes Jahr mußten sie sich neue Scherer suchen, denn immer geriet Jack mit ihnen in Streit über den Lohn. Auf Jacks Liste der meistgehaßten Dinge in diesem Land rangierten sie gleich nach den Eingeborenen und den Krähen.

Er schlang sein Frühstück herunter und brach auf, noch bevor Josie ihre Koteletts aufgegessen hatte. Ihr machte es nichts aus. Sie genoß es, endlich einmal die Mahlzeiten, insbesondere das Frühstück, das sie normalerweise eilig hinunterschlang, serviert zu bekommen. Dieses Vergnügen wollte sie jetzt ausgiebig auskosten. Sie mußte zugeben, daß Mrs. Bolton ein reichhaltiges, wohlschmeckendes Frühstück servierte, das aus Porridge und dem üblichen Grillteller mit Lammkoteletts, gebratenen Innereien und Schinken, zusammen mit Toast und Worcestersoße bestand. Nach solch einer üppigen Mahlzeit würde ihr ein Spaziergang zum Haus der Gilberts in der Wellington Street nur gut tun. Sie holte den Zettel, den Logan ihr gegeben hatte, heraus und studierte den grob skizzierten Straßenplan, während sie ihren Tee trank. Aber sofort schweiften ihre Gedanken zu Logan ab. Er war wirklich charmant, und es schmeichelte ihr, daß er sie als eine Freundin betrachtete, was ihr in diesen Tagen nicht oft widerfuhr. Josie hatte nicht gewagt, Jack von seiner Einladung zu erzählen. So, wie die Dinge standen, würde er ohnehin ablehnen, oder, schlimmer noch, er würde annehmen und dann betrunken erscheinen. Und einen Streit mit Jack in Logans Gegenwart hätte sie nicht ertragen können. Aus diesem Grunde hatte sie Jack nicht einmal berichtet, daß Logan seine Aufwartung gemacht hatte. Warum auch? Schließlich erzählte Jack ihr auch nichts, sondern ging einfach seiner eigenen Wege und geriet dabei mit Gott und der Welt in Streit. Von Mrs. Hamilton wußte er ebenfalls nichts. Josie fragte sich, ob sie am Nachmittag noch einmal ins Royal Perth Hotel gehen sollte. Mrs. Hamilton hatte ihr ja erzählt, daß sie täglich dort war. Aber besser, sie ließ es sein, denn womöglich hielt sie Josie sonst noch für aufdringlich.

___________

Der Wind fuhr Josie unter die Röcke und trieb gelben Staub über die sandige Straße, als sie sich, tief gebeugt und ihren Hut mit der Hand festhaltend, zum Haus der Gilberts vorankämpfte. Ein Hund stürzte von einem Grundstück auf sie zu und schnappte nach ihren Fersen, doch sie verscheuchte ihn mit einem Fußtritt, wobei sie hoffte, daß ihr niemand dabei zusah. Sie war nicht sicher, ob sie das Richtige tat, und in ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Die Gilberts konnten ihr gestohlen bleiben! Aber was war, wenn Miss Delahunty sie nicht zu sehen wünschte? Sie hätte sich lächerlich gemacht, und dazu würden die Gilberts sicher gleich bemerken, daß sie den ganzen Weg zu Fuß zurückgelegt hatte. Und wie um ihre niedrige Stellung zu betonen, rollte eine Kutsche vorbei. Die Pferde nickten hochmütig mit den Köpfen, und der Kutscher musterte sie mit ausdruckslosem Blick.

Josie war noch nie in einer Kutsche gefahren. Man mußte bestimmt sehr reich sein, um sich eine eigene Kutsche leisten zu können, denn schließlich wollten nicht nur die Pferde versorgt, sondern auch der Kutscher bezahlt werden. Es mußte ein wunderbares Gefühl sein, wenn man eine Kutsche sein eigen nannte.

Die ersten Regentropfen fielen in den Staub, und sie sah, daß sich am Himmel die Wolken zusammenballten. Normalerweise war dies ein willkommener Anblick, doch jetzt kam es ihr ungelegen, denn sie hatte keinen Regenschirm bei sich. Ein Stückchen vor ihr schnitt ein Mann eine Hecke.

»Entschuldigen Sie bitte«, sagte sie. »Können Sie mir sagen, wo die Gilberts wohnen?«

»Fünf Häuser weiter«, antwortete er. »Sie können es gar nicht verfehlen, es ist nämlich das Grundstück mit der Einfassungsmauer. Aber Sie beeilen sich wohl besser, meine Dame«, meinte er grinsend. »Gleich regnet es nämlich wie aus Kannen.«

»Vielen Dank«, sagte Josie, die am liebsten losgelaufen wäre, weil der Regen bestimmt ihren Hut ruinieren würde. Doch wichtiger war, daß sie sich in dieser vornehmen Umgebung nicht lächerlich machte.

Glücklicherweise schaffte sie es bis zur Auffahrt und Veranda des großen Sandsteinhauses, bevor der Regen einsetzte. Nachdem sie noch einmal tief Luft geholt hatte, betätigte sie den Messingklopfer.

Sibell öffnete ihr die Tür höchstpersönlich. Hastig knöpfte sie sich die Schürze ab. »Mrs. Cambray«, rief sie aus. »Was machen Sie denn hier?«

Josie verlor für einen kurzen Augenblick die Fassung. Nicht nur, daß sie erwartet hatte, von einem Hausmädchen eingelassen zu werden, auch Miss Delahunty sah ganz anders aus als das jämmerliche Geschöpf, das damals in ihr Haus gestolpert war. Selbst in diesem einfachen Rock und der schlichten Bluse wirkte sie elegant! Und sie war schön! Der unverwechselbare Blick der oberen Zehntausend ließ sie größer wirken, als sie war. »Oh!« staunte Josie und suchte verzweifelt nach Worten. »Sie haben sich die Haare geschnitten.«

Das Mädchen lächelte. »Ja. Gefällt es Ihnen?«

»Aber natürlich. Es ist sehr hübsch.«

»Sie waren einfach zu lang, und ich konnte sie nicht allein frisieren. Meine Mutter hat sie mir immer aufgerollt, so in der Art, wie Sie es tragen, und das sah wirklich elegant aus. Aber selbst mit neunzig Haarnadeln bringe ich das nicht allein zustande.«

Josie strich sich unsicher über den Kopf. »Wenn man sich erst mal dran gewöhnt hat…«, murmelte sie.

Sibell drehte sich hastig um, so daß die Locken flogen. »Finden Sie es nicht vielleicht ein wenig unmodern?«

Josie betrachtete die weichen, goldenen Locken, die Sibells Gesicht umrahmten. Ihr fiel keine Frau ein, die ihre Haare je in einer Mähne goldener Locken getragen hatte, aber unzweifelhaft schmeichelte es Sibell. »Nein«, antwortete sie deshalb bestimmt. »Es steht Ihnen sehr gut.«

»Oh, fein. Hier hat es nämlich noch niemand zur Kenntnis genommen. Oder sie tun so, als würden sie es nicht bemerken. Aber kommen Sie doch herein. Möchten Sie Mrs. Gilbert vorgestellt werden?«

»Nein.« Josie folgte ihr in das weitläufige Wohnzimmer. »Ich wollte Sie besuchen und mich erkundigen, wie es Ihnen so ergangen ist.«

»Mir? Das ist sehr freundlich von Ihnen.«

Nachdem sie in zwei unbequemen, teuren Sesseln Platz genommen hatten, schwiegen sie verlegen. Josie fühlte sich unwohl. Sie zog sich die Handschuhe aus. »Vielen Dank für Ihren Brief, Miss Delahunty. Ich habe mich gefreut, von Ihnen zu hören, und es tut mir leid, daß ich nicht geantwortet habe. Aber wir hatten so viel zu tun.«

Sie sah, daß sich ein Schatten über die graugrünen Augen legte, doch dann stellte sich der gewohnte kühle Blick wieder ein. »Nennen Sie mich Sibell«, sagte sie. »Ich muß mich entschuldigen, denn ich habe völlig vergessen, mich für Ihre Hilfe zu bedanken.«

»Ach, herrje! Ich freue mich, daß es Ihnen gut geht. Sie brauchen sich nicht zu bedanken.«

»Doch«, widersprach Sibell. Sie stand auf und schloß die Tür. »In Wahrheit stehe ich tief in Ihrer Schuld. Jimmy Moon hat uns gesagt, Sie hätten ihm Lebensmittel gegeben, um uns freizukaufen.«

»Aber das zählt doch nicht. Diese paar Kleinigkeiten fallen auf der Farm nicht weiter ins Gewicht.«

»Ganz gleich«, fuhr Sibell fort. »Ich hätte Ihnen die Kosten schon längst erstattet, aber ich habe leider kein Geld.«

»Nun ja.« Josie lächelte. Doch dann blickte sie Sibell fassungslos ans. »Du meine Güte! Hoffentlich denken Sie nicht, ich wäre wegen des Geldes zu Ihnen gekommen. Auf den Gedanken wäre ich nie verfallen. Ich wollte lediglich nach Ihnen sehen, Sibell. Sie haben eine schwere Zeit hinter sich. Aber anscheinend haben Sie das Schlimmste überwunden, und deshalb möchte ich Ihnen nicht weiter Ihre kostbare Zeit stehlen.«

Josie stand auf, da sie den Eindruck hatte, daß ihr Besuch falsch aufgenommen worden war. Doch Sibell blieb sitzen und betrachtete gedankenverloren das Muster im Teppich.

»Geht es Ihnen nicht gut, Sibell?« fragte Josie von der Tür. Doch sie bekam keine Antwort.

»Sollte ich mich vielleicht mal mit Mrs. Gilbert unterhalten?«

Dieser Name brachte Sibell in die Wirklichkeit zurück. »Nein. Ich will sie nicht sehen. Ich hasse sie.«

Josie nickte. Etwas Ähnliches hatte sie schon erwartet. Logan konnte die Gilberts auch nicht leiden. »Dann erzählen Sie mir wohl besser, was hier vorgeht.« Sie kehrte zu ihrem Sessel zurück und lauschte, während Sibell ihr von dem Leben bei den sogenannten Freunden berichtete.

»Was soll ich nur tun?« fragte das Mädchen schließlich. »Ich stecke hier in der Falle.«

»Ich weiß es nicht«, entgegnete Josie. »Ich muß darüber nachdenken. Aber alle Achtung, Sie tragen Ihre Lage wirklich mit Fassung.«

»Wie meinen Sie das?«

»Wenn man bedenkt, was Sie alles erlebt haben, kann man Sie für Ihre Haltung nur bewundern: Sie erzählen mir hier von Ihrer unangenehmen Lage, ohne auch nur eine einzige Träne zu vergießen.«

»Vielen Dank, aber ich weine nicht. Ich will mich von den Gilberts nicht unterkriegen lassen.«

»Das ist tapfer. Wußten Sie, daß Mr. Conal Ihnen seine Aufwartung machen wollte? Da er Sie nicht sehen durfte, sendet er Ihnen seine Grüße.«

»O ja, das gehört auch noch dazu. Margot Gilbert ist so furchtbar mißtrauisch. Sie denkt, zwischen ihm und mir wäre etwas vorgefallen. Ist das nicht schrecklich? Na, ich bin froh, daß er mich nicht gesehen hat. Er hat mich ausgelacht.«

»Unmöglich! Wann war das?«

»Oh, damals… Ich möchte nicht darüber sprechen. Der allerneueste Plan ist, mich mit dem erstbesten Herrn zu verheiraten, der mich haben will.«

»Also ›wollen‹ Sie gar nicht heiraten, wie Sie mir geschrieben haben«, stellte Josie fest. »Sie dürfen sich nicht unter Druck setzen lassen. Sagen Sie einfach nein.«

»Ich weiß nicht.« Sibell dachte nach. »Zumindest käme ich dann fort von hier.«

»Wahrscheinlich eher vom Regen in die Traufe.«

»Kann ich Ihnen Tee anbieten?« fragte Sibell.

»Nein, danke, ich muß jetzt gehen. Ich habe keine große Lust, Mrs. Gilbert zu begegnen, und ich breche lieber auf, ehe es wieder zu regnen anfängt. Aber Sie müssen mir weiterhin schreiben. Ich bleibe mit Ihnen in Verbindung, und wenn ich irgendwas für Sie tun kann, dann geben Sie mir Bescheid.«

Sibell begleitete sie bis an die Eingangspforte. »Vielen Dank für Ihren Besuch. Mir geht es jetzt schon viel besser.«

»Fein, und machen Sie sich keine Sorgen. Wenn Sie mal in die Stadt kommen, gehen Sie beim Amt der Landvermesser vorbei. Mr. Conal würde sich sicher freuen, Sie zu sehen.«

»Damit die spitzen Zungen wieder etwas zu tun haben?«

»Darüber dürfen Sie sich keine Gedanken machen. In vielen Jahren erzählen Sie schmunzelnd Ihren Enkelkindern über den Schiffbruch und davon, wie ein gewisser Logan Conal Sie den verlassenen Strand entlanggehetzt hat.«

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»Ich langweile mich«, sagte Logan bei einem Glas Bier im Esplanade Inn. »Ich bin gelangweilt, unzufrieden und enttäuscht. Außerdem habe ich keinen Pfennig mehr in der Tasche. Und ich armer Irrer habe geglaubt, in ein Land zu kommen, in dem Milch und Honig fließt, in ein Land, in dem ein freier Geist herrscht.«

»Davon sind die Leute hier noch weit entfernt«, klagte Charlie Grant. »Der Whisky kostet das Doppelte wie in der alten Heimat, und von einem Schuß Gin für einen Pfennig hat man hier noch nie gehört.«

»Nichts hat sich geändert«, meinte Logan leise. »Nur der Himmel ist anders. Aber sonst ist es so, als wäre ich niemals von Mersey fortgegangen. So große Pläne habe ich gehabt, und stattdessen versuche ich, meinem Vermieter aus dem Weg zu gehen und buckle vor den Behörden. Ich wette, die Hälfte aller Taugenichtse aus Liverpool hat sich hier am Swan niedergelassen.«

»Trink noch ’nen Brandy«, sagte Charlie. »Das muntert dich auf. Ich geb’ einen aus.«

»Dann bestell einen Doppelten; der nächste geht dann auf meine Rechnung. Am besten lasse ich mich so richtig vollaufen. Was ich noch sagen wollte…« Er geriet ins Stottern. »Was ich sagen wollte, Charlie, tja, eigentlich dachte ich, ein Mann könnte hier ein Vermögen machen. Aber ich verdiene fast nichts und drücke mich die Hälfte meiner Zeit bei Gericht herum.«

»Das liegt daran, daß du ein richtiger Landvermesser bist, ein Fachmann, und kein Glücksritter wie ich. Man hat mir die Arbeit angeboten, und da es sich weniger anstrengend anhörte als bei der Armee, habe ich zugeschlagen. Wenn ich ein paar Sträflinge hätte, wäre ich schon längst über alle Berge, um alles abzumessen, was mir unter die Finger kommt.«

»Mir ist aufgefallen, daß die Grenzen hier solch ein Wirrwarr sind, daß sie aussehen wie die Strickarbeit einer Verrückten. Und ich darf das alles jetzt wieder in Ordnung bringen.« Er gab dem vollbusigen Mädchen hinter dem Tresen ein Zeichen. »Zwei doppelte Brandy bitte.«

»Angeschrieben wird nicht«, entgegnete sie. »Nur bar auf den Tisch des Hauses.«

»Das geht auf meine Rechnung«, sagte Charlie und legte die Münzen auf das klebrige Holz.

»Etwa auch aus Liverpool?« fragte Logan.

»Ich nicht«, antwortete sie und stellte die Brandygläser vor sie hin. »Aber mein Alter.«

»Sträflingstransport«, flüsterte Charlie, aber sie hatte ihn gehört.

»Ja, er ist zwar deportiert worden, aber verdammt stolz darauf«, zischte sie. »Der Laden hier gehört ihm. Und was gehört Ihnen?«

»Nichts, Mädchen«, erwiderte Logan grinsend. »Überhaupt nichts. War nicht so gemeint.«

»Sie sind doch nicht der Bursche, der das Schiffsunglück überlebt hat, oder?« wollte sie wissen.

»Ja, Logan Conal, zu Ihren Diensten.«

»Das ist doch nie und nimmer ein englischer Name.«

»Stimmt. Die Welt ist eben ein Dorf. Mein Großvater stammte aus Belfast, aber weiter als Liverpool ist er nicht gekommen«, log Logan, ohne mit der Wimper zu zucken.

»Auch ein Sträfling?« fragte sie herausfordernd.

»Kommt fast hin«, lachte er. »Und wie heißen Sie?«

»Iris. Da ist ja mein Vater. Er will Sie bestimmt kennen lernen.«

»Das will ich meinen«, stellte Charlie freundlich fest und kippte den Brandy hinunter. »Trink aus, alter Junge, der nächste geht auf Kosten des Hauses.«

Der vierschrötige Wirt kam ihnen mit ausgestreckter Hand entgegen. Er strahlte übers ganze pockennarbige, rote Gesicht. »Ah, guten Tag, die Herren. Mr. Grant kenne ich ja schon. Iris sagt, daß Sie der berühmte Mr. Conal sind. Freut mich, Sie kennen zu lernen.« Er packte Logans Hand. »Ich bin Tommy Blackburn. Sind Sie einer der Burschen von der Cambridge Star?«

Logan nickte.

»Jetzt erinnere ich mich«, meinte Blackburn herzlich. »Sie haben doch die Kleine gerettet und sie aus der Wildnis hierher gebracht.«

Logan gefiel der Mann, denn in den sogenannten besseren Kreisen wurden über ihn und Sibell immer noch schmutzige Witze gerissen. »Eigentlich habe ich sie gar nicht gerettet«, antwortete er. »Und mich selbst auch nicht. Durch Gottes Gnade sind wir an diese Küste verschlagen worden, und ich kann Ihnen sagen, daß die junge Dame nicht gerade erfreut darüber war.«

Blackburns Gelächter hallte von den Deckenbalken wider. »Das kann ich mir vorstellen.«

Bislang hatte Logan immer das Gefühl gehabt, sich verteidigen zu müssen, wenn die Sprache auf dieses Thema kam, doch in Gesellschaft dieser Männer konnte auch er darüber lachen. »Eine richtige kleine Hexe«, sagte er. »›Ich rühre mich nicht von der Stelle, Mr. Conal‹, sagte sie einfach zu mir. ›Sie gehen Hilfe holen!‹ Hat die feine Dame gespielt. Wenn ich jetzt auf die Karte schaue und sehe, wo wir gewesen sein müssen, werden mir heute noch die Knie weich. Wahrscheinlich würde ich immer noch dort stehen und mich mit ihr herumstreiten, wenn die Schwarzen uns nicht gefunden hätten.«

»Weiß Gott, Sie haben wirklich Glück gehabt. Das ist ein Grund zum Feiern. Iris, noch mal das gleiche für die Herren.«

Nachdem Iris die Brandys serviert hatte, lehnte Blackburn sich an den Tresen und senkte die Stimme. »Ich wollte schon lange mal mit Ihnen sprechen, Mr. Conal. Ich habe Schwierigkeiten mit den verdammten Gerichten.«

»Was für Schwierigkeiten?«

»Mein Land, wissen Sie? Ich habe eine Schafweide die Küste hinauf. Die Besitzurkunde war in Ordnung, alles ganz legal, und plötzlich kommt dieser Bursche, der die Parzelle neben mir hat, und beansprucht die Hälfte.«

»Ich kenne Ihren Fall«, warf Charlie ein. »Alles war in bester Ordnung, bis Sie die Grenzsteine versetzt haben, Sie Schurke.«

»Mr. Grant, so was würde ich nie tun.«

»Tommy, ich selbst habe damals alles vermessen. Sie wollen uns aufs Kreuz legen, und das wissen Sie ganz genau.«

Blackburn schenkte sich einen Schluck Gin ein und überlegte. »Ich sehe es so, meine Herren: Da draußen gibt es genug Land für alle, Millionen Hektar, die niemandem gehören. Wen kümmern da schon ein paar Quadratkilometer?«

»Ihren Nachbarn offenbar.«

»Und warum zieht er dann nicht ein paar Meilen weiter nach Norden? Leben und leben lassen.«

»Weil das so nicht geht«, teilte Charlie ihm mit.

»Und warum nicht?« fragte Tommy. »Versuchen Sie nicht, mir was vorzumachen.« Er wandte sich an Logan. »Charlie hier läßt immer mit sich reden, wenn es um Grenzen geht. Aber seit Sie da sind, können die Herren bei Gericht einen Laien wie ihn nicht mehr brauchen. Jetzt sind Sie der Fachmann: Sie haben den Posten und wir das Nachsehen.«

Am gegenüberliegenden Ende des Raums hing eine Whiskyreklame: ein bärtiger Zwerg in kariertem Gewand, der auf einen Spiegel gemalt war. Er schien Logan zuzuzwinkern.

»Nennen wir Roß und Reiter doch mal beim Namen, Mr. Logan«, meinte Blackburn leise. »Die Squatter stecken den Gerichten und den Vermessern ein paar Scheine zu und kriegen dann jeden Quadratzentimeter, den sie wollen.«

»Ich lasse mich nicht kaufen«, antwortete Logan. »Ich halte mich nur an die Regeln.« Daß die Regeln zum Großteil seine eigenen waren, verschwieg er.

»Nun, hier draußen kann man die Regeln so oder so auslegen, ohne daß jemandem ein Schaden entsteht. Sie werden es nicht bedauern, wenn Sie die Dinge mal von meiner Warte aus sehen.«

Logan warf Charlie einen Blick zu, und als dieser die Achseln zuckte, entspannte er sich. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, dachte er. Schon seit einiger Zeit vermutete er, daß Charlie bestechlich war, nur seine Geldquelle hatte er noch nicht gefunden. So etwas konnte man schließlich nicht geradeheraus fragen. Auch er hatte sich auf dünnem Eis bewegt, bis alle ihm seine Geschichten als selbstverständlich abgenommen hatten. Sein neuer Name gefiel ihm: »Conal« war der Vorname seines Großvaters, und »Logan« verdankte er einem Geistesblitz Sibell zuliebe. In seinen Ohren klang Logan Conal ehrlich, offen und rechtschaffen, wenn man das überhaupt von einem Namen behaupten konnte.

Daß man ihn und die anderen Überlebenden in Perth gefeiert hatte — insgesamt waren nur sechzehn von hundertdreißig Passagieren übrig geblieben —, hatte ihm ein Gefühl von Wichtigkeit gegeben. Er hatte die Behörden darauf aufmerksam gemacht, daß Taffy und Jimmy ebenfalls durchgekommen, aber in die falsche Richtung losmarschiert waren. Man hatte ein Boot losgeschickt, um die Küste im Norden abzusuchen, doch bislang schien es, als hätten sie sich in Luft aufgelöst; einige munkelten, sie wären wohl den Speeren der Eingeborenen zum Opfer gefallen.

Logan war enttäuscht, daß Sibells Eltern nicht überlebt hatten, denn ihren Worten nach waren sie reich. Sicherlich hätten sie ihn für die Rettung ihrer Tochter belohnt. Zwar war er — in der Hoffnung, daß sie sich großzügig zeigen würden — bei den Gilberts vorstellig geworden, doch damit hatte er kein Glück gehabt. Diese Geizhälse hatten ihm nur die kalte Schulter gezeigt.

Wie er schon beim Sturm auf das Rettungsboot geahnt hatte, hatten nur wenige der Passagiere aus dem Zwischendeck überlebt, und die kannten ihn glücklicherweise nicht. Deswegen konnte er nun tun, was ihm gefiel, ohne sich vor jedem Polizisten fürchten zu müssen.

Logan, der inzwischen das Gefühl hatte, daß sich sein Schicksal bald wenden würde, war in großzügiger Stimmung und bestellte noch eine Runde. Blackburns Frage ließ er einstweilen unbeantwortet.

Als er gehört hatte, daß das Landvermessungsamt noch Leute suchte, hatte er sich ohne zu zögern als ausgebildeter Landvermesser vorgestellt, denn wegen des Schiffbruchs konnte niemand von ihm erwarten, daß er Papiere und Zeugnisse vorlegte. Da er eine kurze Zeit als Sträfling beim Straßenbau in County Armagh gearbeitet hatte, wußte er genug, um erst einmal einen Fuß in die Tür zu bekommen. Später hatte es ihm keinerlei Schwierigkeiten bereitet, heimlich ein paar Bücher aus dem Büro mitgehen zu lassen und nachzulesen, woraus die Arbeit eines Landvermessers eigentlich bestand. Allerdings wunderte es ihn noch immer, daß seine Ansichten, die zum Großteil auf Vermutungen beruhten, hingenommen wurden wie das Evangelium. Die Leute in den Kolonien waren, wie er feststellte, wirklich ziemliche Einfaltspinsel. Er würde es in Australien noch weit bringen.

Inzwischen wurde Blackburn ungeduldig. »Also, was halten Sie davon, Mr. Conal?«

»Ich weiß nicht«, antwortete Logan, wobei er so tat, als ließe er nur Vorsicht walten.

»Dann überlegen Sie sich’s«, meinte Tommy Blackburn, der nicht so schnell lockerließ. »Denken Sie nochmals darüber nach.«

Als sie das Wirtshaus verließen, gab Logan sich entrüstet. »Du hast Bestechungsgelder angenommen!« warf er Charlie vor.

»Das ist aber nicht sehr höflich. Ich denke nur praktisch. Hier in dieser gottverlassenen Gegend gibt es nur zwei Sorten Leute: Sieger und Verlierer. Wenn ich mal nach Hause zurückkehre, reise ich erster Klasse; was du tust, ist deine Angelegenheit. Nun mach nicht so ein Gesicht, alter Junge. Du siehst ja aus, wie zehn Tage Regenwetter.«

In den nächsten beiden Wochen befaßte sich Logan aufmerksam mit den geschäftlichen Gepflogenheiten in Perth. Er stellte fest, daß die meisten Männer in den Schenken begeistert auf der Seite der Squatter waren, und die Buschräuber, die reiche Reisende oder Banken überfielen, wurden wie Helden verehrt. Außerdem fand er Beweise dafür, daß reiche Siedler durch Strohmänner, die man »Hamster« nannte, viel mehr Land aufkauften, als ihnen eigentlich zustand. Und er ahnte, daß es zu einem Verteilungskampf um das Land kommen würde, je weiter die Siedlungsgrenzen ins Land vorrückten.

Auf der müden, alten Mähre, die ihm das Amt zur Verfügung gestellt hatte, ritt er durch die Stadt und versah seine Pflichten. Aufmerksam hörte er zu, wenn ehemalige Sträflinge ein Loblied auf ihre Pferde sangen, denn ein gutes Pferd war mehr wert als eine Frau. Die Vorzüge von Vollblütern, Arabern und Wildpferden wurden in allen Einzelheiten erörtert, und Pferdediebstahl galt als das schwerste Verbrechen. Die Versteigerung der Einjährigen war ein ungeheuer wichtiges Ereignis, und die Rennen stellten nicht nur eine Gelegenheit zum Feiern dar, sondern boten jedermann die Gelegenheit, sich mit den besten Reitern zu messen.

Als Logan sich schließlich doch Blackburns Landstreitigkeiten widmen mußte, stellte er zu seiner Freude fest, daß Percy Gilbert der Kläger war. Grinsend rieb er sich die Hände.

Tommy Blackburn gewann seinen Prozeß, und Logans finanzielle Lage verbesserte sich schlagartig. Außerdem hatte Tommy viele Freunde, die ebenfalls Logans Rat suchten. Endlich stand Logan auf der Seite der Sieger.

Der Magistrat Ezra Freeman, auch ein Überlebender der Cambridge Star, betrachtete Logan als Freund, dem er sich durch die Tragödie besonders verbunden fühlte. Da ihm das Ergebnis dieser Prozesse gleichgültig war und ihm nur daran lag, den riesigen Aktenberg auf seinem Schreibtisch so rasch wie möglich aufzuarbeiten, freute er sich darüber, wie schnell Logan die Dinge regelte.

»Nur immer weg damit, Logan«, sagte er. »Bringen Sie diese Streitereien in Ordnung. Ich muß mich mit wichtigeren Angelegenheiten befassen, mit wirklichen Verbrechen.«

Im Grunde seines Herzens war Ezra wie ein kleiner Junge. Ihm gefielen die aufregenden Gerichtsverhandlungen, die lässig einherschreitenden Cowboys, die mit der Pistole an der Hüfte durch die Straßen schlenderten, und die immer noch andauernden Kämpfe mit den Schwarzen. Er hatte sich sogar einen Colt mit silbernem Griff zugelegt, den er nun drohend im Gerichtssaal schwang. Manchmal schoß er sogar in die Luft, um für Ruhe zu sorgen.

Auch Logan hatte Spaß an dem fröhlichen Durcheinander in den Kolonien. In der Stadt gab es ebenso viele Bordelle wie Wirtshäuser, so daß es einem Mann eigentlich an nichts mangelte, und sonntags ging man auf dem Swan angeln. Was brauchte ein Mann mehr? fragte er sich, als sein Bankkonto zusehends wuchs. Nun mußte er sich nicht mehr in finsteren Seitengassen herumdrücken — er war jetzt ein ordentliches Mitglied der Gesellschaft.

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»Dieser Mann ist ein Schurke!« schnaubte Percy Gilbert. »Man sollte ihn teeren und federn! Ich habe mich schon bei seinen Vorgesetzten beschwert, aber man könnte ebensogut an eine Wand reden. Es ist ein Skandal. Sie behaupten, sie hätten nicht genügend Leute, um der Sache nachzugehen! Eine Schlamperei ist das! Nichts als Faulheit!«

»Ein ausgezeichneter Portwein«, bemerkte Ezra Freeman und öffnete drei Knöpfe seiner Weste, um es sich nach der reichhaltigen Mahlzeit bequem zu machen. »Die Behörden hier sind völlig überlastet, wir haben zuwenig Leute. Du meine Güte, als ob ich das nicht wüßte! Ich stecke bis über beide Ohren in Arbeit, und es besteht keine Aussicht, daß sich das in absehbarer Zeit ändert. Von allen Seiten werde ich bestürmt. Selbst der Gefängnisdirektor hat angedeutet, ich solle ihm nicht soviel Kundschaft schicken. Waren Sie schon mal draußen im Fremantle-Gefängnis? Wirklich eindrucksvoll; beim Anblick der Einzelzellen ist es mir kalt den Rücken hinuntergelaufen. Pechschwarz. Die Zellen sind so ineinander verschachtelt, daß kein Lichtstrahl mehr hineinfällt…«

»Das habe ich gehört«, unterbrach Percy ihn ungeduldig. »Doch wie ich schon gesagt habe, machen sie im Vermessungsamt keinen Finger krumm. Vielleicht könnten Sie diesem Mr. Conal einen Riegel vorschieben.«

»Mit welcher Begründung?« fragte Ezra. Das war eine verzwickte Angelegenheit, denn er wollte Gilbert nicht gegen sich aufbringen. Sein zukünftiges Glück hing davon ab, daß er sich mit diesem Burschen gut stellte.

»Es liegt mir fern, mich in Ihre Pflichten einzumischen, Sir. Aber vielleicht gelingt es Ihnen ja, ihm in seiner Arbeit Unregelmäßigkeiten nachzuweisen. So könnten Sie ihn aus ihrem Gericht ausschließen, und dann hätte man keine Verwendung mehr für ihn.«

»Das wird schwierig werden«, bemerkte Ezra und runzelte die Stirn, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Eigentlich würde es ihm ein leichtes sein, aber zuerst mußte er sichergehen, daß Percy sich ihm verpflichtet fühlte. »Vielleicht kann ich etwas für Sie tun.«

»Betrachten Sie das nicht als Gefallen für mich, sondern als Dienst an der Kolonie, Sir.«

Freeman griff nach der Portweinflasche. »Aber selbstverständlich.«

Aus persönlichen Gründen hatte er Nachforschungen über Percy Gilbert angestellt und herausgefunden, daß dieser auf das Geld der Delahuntys angewiesen war. Da er sich beim Landkauf übernommen hatte, brauchte er es dringend, um seinen Verpflichtungen nachzukommen. Aber die Geldquelle war ausgetrocknet oder besser gesagt versunken. Deswegen hatte Gilbert seine Besitzungen im Süden aufgeteilt und sie zu Höchstpreisen an Neuankömmlinge verkauft. Einer der neuen Besitzer steckte nun in Schwierigkeiten, weil er keinen Zugang zum Fluß hatte. Offenbar hatte Gilbert ihm versichert, er müsse nur Brunnen bohren, um Wasser zu finden, aber die Parzelle war knochentrocken.

»Der Siedler tobt wie ein eingesperrter Kakadu«, hatte Ezras Sekretär ihm berichtet. »Und die Landvermesser sind auf seiner Seite.«

»Werden Sie sich um diese Sache kümmern?« hakte Percy nach.

»Gewiß. Aber es wird schwer werden. Haben Sie Miss Delahunty mein Anliegen vorgetragen?«

»Noch nicht. Eine ganze Reihe junger Männer macht ihr den Hof, und nun weiß die Kleine gar nicht, wie sie sich entscheiden soll.«

»Oh, ich verstehe«, sagte Ezra traurig. Doch er wußte es besser. Schon seit Monaten versuchte Percy, Sibell zu verheiraten, aber ein Mädchen ohne Mitgift, deren guter Ruf durch diesen unglückseligen Schiffbruch gelitten hatte, war bei den Herren der hiesigen besseren Gesellschaft nicht besonders begehrt. Glücklicherweise kannte Ezra Logan Conal und hatte sich die Mühe gemacht, ihn bei einigen Gläsern Bier und Whisky über die tatsächlichen Ereignisse auszufragen. Inzwischen wußte er, daß die Gerüchte unbegründet waren und nur auf übler Nachrede beruhten. Das arme Mädchen tat ihm leid. Allerdings nicht so leid, daß er dieses Wissen schon hier und jetzt preisgegeben hätte. Der Umstand, daß sie kompromittiert war, verschaffte ihm einen Vorteil und schreckte weitere mögliche Anwärter ab. Nach der Hochzeit würde er die Wahrheit ans Tageslicht bringen.

Nach diesem Gespräch schmiedete Ezra Pläne. Er wandte sich an den obersten Landvermesser. »Es ist wirklich ein Jammer, Sir, daß unser Gericht mit den Landstreitigkeiten völlig überlastet ist. Mr. Conal leistet ganze Arbeit, aber, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, Sir, könnten wir eine Menge dieser zeitraubenden Klagen vermeiden, wenn wir einen Fachmann wie ihn gleich an Ort und Stelle schicken. Er ist genau der Richtige, um die neuen Parzellen auszumessen und das Land zu erschließen. Er würde gleich Nägel mit Köpfen machen, und dann wüßten wir alle, woran wir sind.«

Schon bald erfuhr Percy, daß Logan in die Verbannung geschickt worden war, und er lud seinen Freund, den Magistrat, sofort zu sich zum Essen ein.

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Logan machte sich auf die Suche nach Charlie. »Endlich bin ich befördert worden. Ich soll eine Expedition anführen, die das Land jenseits des Darling-Höhenzuges vermessen soll. Willst du mitkommen?«

Charlie starrte ihn an. »Bist du vollkommen übergeschnappt? Da draußen gibt’s nichts zu sehen. Nur ein paar riesige Schwarze mit riesigen Speeren.«

»Ach, komm schon! Wir nehmen Waffen mit, und die Schwarzen sind nicht so schlimm, wie du glaubst. Schließlich haben sie mir doch das Leben gerettet. Hör zu, Charlie, wir dürfen zwei Sträflinge mitnehmen, einen Helfer — also einen Koch — und ausreichend Vorräte. Das heißt, freie Verpflegung für die ganze Zeit, die wir unterwegs sind. Wir sparen eine Unmenge Geld!«

»Landvermessen im Busch ist verdammt hart.«

»Ich kriege die neuesten Winkelmesser und die allermodernsten Instrumente. Schlag doch eine solche Gelegenheit nicht aus.«

Charlie überlegte. »Glaubst du, wir können auch ein paar Parzellen für uns selbst abzweigen?«

»Was glaubst du, warum ich auf das Angebot eingegangen bin, Charlie?«

»Nun, in diesem Fall könnte es die Sache wert sein. Wir brauchen einen Führer, einen Schwarzen.«

»Ich kenne genau den richtigen Mann. Einen Burschen namens Jimmy Moon. Ich muß ihn nur noch finden.«

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Margot hatte zwei Freundinnen zum Vormittagstee eingeladen: Mrs. Judd, die Frau des Vikars, und Mrs. Enderby, deren Mann im Wollhandel tätig war. Sibell, die nur lang genug für eine Tasse Tee und ein Stück Kuchen geblieben war, hatte sich bald aus dem Wohnzimmer geflüchtet, um sich auf der Veranda in einen großen, niedrigen Liegestuhl zu setzen. Das war ihr Lieblingsplatz, besonders wenn Margot mit Gästen beschäftigt war und sie deshalb nicht ständig mit einem neuen Auftrag behelligte. Margot konnte es, wie sie selbst zugab, nicht mit ansehen, wenn jemand untätig herumsaß.

Allerdings saß Sibell nicht »untätig herum«. Wie so oft überlegte sie, wie sie aus diesem Haus entkommen konnte. Durch die hohen, offenen Fenster hörte sie das Stimmengewirr aus dem Zimmer, das sich mit dem hohen Zirpen der Zikaden im Garten mischte. Offenbar wimmelte es hier von diesen Insekten; es mußten Tausende sein, die man aber nie zu Gesicht bekam, da sich die klugen Tierchen gut versteckt hielten.

Ein einsamer Vogel ließ seinen süßen Gesang erschallen. Die Töne klangen verhalten, fast nachdenklich, als würde sich der Vogel in aller Seelenruhe überlegen, was er als nächstes tun sollte.

»Mir geht es genauso«, sagte Sibell, und der Vogel blickte sie forschend an.

Aus einem unerklärlichen Grund hörten die Zikaden mit einem Schlag auf zu zirpen. Sibell hörte Margots Stimme: »Entschuldigen Sie mich für einen Augenblick, meine Damen.«

O nein, dachte Sibell. Jetzt kommt sie bestimmt heraus. Sie stellte sich schon darauf ein, jeden Augenblick gerufen zu werden, aber offenbar war Margot in die entgegengesetzte Richtung gegangen.

»Die arme Margot«, hörte Sibell da Mrs. Enderbys klagende Stimme. »Sie hat es wirklich nicht leicht mit dem Mädchen.«

Ohne wegen ihres Lauschens auch nur die Spur eines schlechten Gewissens zu haben, spitzte Sibell die Ohren.

»Welches Mädchen? Miss Delahunty?«

»Ja. Eine richtige freche Göre ist das, und das nach allem, was Margot für sie getan hat.«

»O du meine Güte. Sie macht den Gilberts wirklich nichts als Schwierigkeiten. Percy hat meinen Mann aufgesucht«, erwiderte Mrs. Judd. »Er wollte, daß der Vikar ihm einige anständige junge Männer aus der Umgebung nennt, die sich mit Heiratsgedanken tragen; Sie verstehen doch…«

Sibell stieg die Schamesröte in die Wangen.

»…aber es ist eine ziemlich peinliche Angelegenheit. Mein Ted wußte wirklich nicht, wen er vorschlagen soll. Percy hat sogar einige junge Burschen aus dem Freundeskreis des Gouverneurs erwähnt, aber das ist doch wohl ausgeschlossen.«

»Selbstverständlich. Aber sie müssen bald jemanden finden. Schließlich können sie sie nicht für den Rest ihrer Tage durchfüttern…«

Sibells Verlegenheit verwandelte sich in Wut, und sie mußte an sich halten, um nicht dazwischenzufahren.

Mrs. Enderby fuhr fort: »Ich meine, immerhin muß Margot sie ernähren und ihr etwas zum Anziehen kaufen. Das kostet ein Vermögen. Ich habe gehört, sie kauft alles, was ihr gerade gefällt.«

»Verdammte Lügnerinnen«, flüsterte Sibell.

»Aber wie kann sie das?« Wenigstens Mrs. Judd hatte da ihre Zweifel. »Margot muß doch nur aufhören, ihr Geld zu geben.«

»Nicht unbedingt«, meinte Mrs. Enderby schnippisch. »Margot unterhält Konten. Also braucht das Mädchen nur zu Garbutts zu gehen und ihre Bestellung aufzugeben. Das würde ich ihr durchaus zutrauen. Margot sagt, sie sei frech wie Rotz.«

Doch dann wurde das Gespräch durch Margots Rückkehr unterbrochen.

Kochend vor Wut saß Sibell da. Was konnte sie tun? Wehmütig dachte sie an ihre Eltern zurück, und die Tränen traten ihr in die Augen. Aber sie wischte sie ab; sie durfte jetzt nicht weinen, sie mußte tapfer sein.

Der Vogel erhob sich in die Lüfte und flog rasch und zielsicher auf einen Baum zu, der in einiger Entfernung stand. Sibell nickte. Ja, sie mußte jetzt etwas unternehmen, und zwar etwas, daß sie wenigstens Grund hatten, sich das Maul zu zerreißen.

Als Sibell in ihr Schlafzimmer eilte, stolperte sie an der Hintertür, weil ihr wirre Pläne und wütende Drohungen im Kopf herumwirbelten. Sie würde es ihnen zeigen! Sie würde… was? Am liebsten hätte sie ihnen das Haus über dem Kopf angezündet. Oder sollte sie Margots Kleider aus dem Fenster werfen? Heftig fuhr sich Sibell mit der Bürste durchs Haar und entschloß sich dann zu einem einfachen Akt des Ungehorsams: sie würde Margots Pferd nehmen und in die Stadt reiten.

Da sie nur einen verwaschenen, schwarzen Sonnenhut besaß, warf sie ihn beiseite und verließ barhäuptig das Haus. Das war schon ein erster Schritt, um Margot zu verärgern.

Allerdings meldete der Stallbursche, der dem Pferd den Damensattel auflegte, Zweifel an. »Weiß Mrs. Gilbert, daß Sie Bonny nehmen?«

»Selbstverständlich. Ich habe es eilig, also trödeln Sie nicht herum, Leonard.«

Und dann machte sie sich auf den Weg. Schon früher war sie mit Margot und Percy im Zweispänner ausgefahren. Nun war sie von ihnen befreit und sehr mit sich zufrieden, als sie die baumgesäumte Straße entlangtrabte.

Da sie nicht genau wußte, was sie als nächstes tun sollte, ritt sie zuerst die Esplanade entlang, dann hinunter zum Hafen und vorbei am Haus des Gouverneurs. Sie bog in die Hay Street ein, doch obwohl sie den Ausritt genoß, war sie immer noch aufgebracht. Beim bloßen Gedanken daran, was diese Frauen und gewiß auch noch viele andere Leute über sie sagten, drehte es ihr den Magen um. Am liebsten hätte sie sie alle zerschlagen. Sie an Felsen zerschmettert… Da sah sie ein großes Ladenschild, blieb stehen und starrte es an. Garbutts Stoffhandlung. Und ihr fiel ein, daß Margot in diesem Laden ein Konto hatte.

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Zwar war die Auswahl nicht so groß wie in London, aber es waren trotzdem einige hübsche Kleider dabei. Sibell machte es einen Heidenspaß, sich etwas auszusuchen, und sie entschied sich für ein weiches, weißes Musselinkleid, dessen doppelt gerüschter Rock bis auf den Boden hinabreichte, ein elegantes, zweiteiliges blaues Kostüm, dessen plissierte Jackenschöße ihre schlanke Taille betonten, und dazu eine Spitzenbluse. Auch einem blau gemusterten Baumwollkleid mit langen Ärmeln und einer Samtschärpe konnte sie nicht widerstehen.

»Es steht Ihnen großartig, meine Liebe.« Mrs. Garbutt überschlug sich fast. »Sehen Sie, der Rock ist am Saum verstärkt, damit er nicht an Ihren Schuhen hängen bleibt. Ziehen Sie diesen Batistunterrock darunter; er ist zwar nur ein Halbrock, aber das Kleid fällt dann besser.«

Begeistert drehte Sibell sich vor dem Spiegel.

»Blau steht Ihnen, Miss Delahunty. Ein hübsches Mädchen, wie Sie es sind, sollte öfter Blau tragen.«

»Ja, Sie haben recht. Ich nehme es. Am besten behalte ich es gleich an. Den schwarzen Rock und die Bluse können Sie wegwerfen; sie sind abgetragen.«

»Sie brauchen jetzt nicht mehr Schwarz zu tragen«, meinte Mrs. Garbutt überschwänglich. »Die Trauerzeit ist inzwischen vorbei. Leider habe ich bis jetzt noch nicht das Vergnügen gehabt, Sie kennen zu lernen, aber ich möchte Ihnen noch mein Beileid zum Verlust Ihrer Eltern ausdrücken.«

»Vielen Dank«, sagte Sibell. »Margot war ja so freundlich zu mir. Setzen Sie die Sachen einfach auf Ihre Rechnung.«

»Selbstverständlich, meine Liebe. Und was halten Sie von einem Paar Schuhe? Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, sind die Schnürstiefel ein wenig zu klobig zu diesen Kleidern. Ich habe ein Paar elegante schwarze Pumps auf Lager.«

»Wunderbar«, schnurrte Sibell. »Und ich brauche auch noch Handschuhe, Strümpfe und einen hübschen Strohhut, den mit den blauen Bändern, der zum Kleid paßt.«

Nachdem Sibell ihre Einkäufe durch eine leichte Handtasche und einige Taschentücher vervollständigt hatte, unterschrieb sie Margots Konto, ohne sich die Mühe zu machen, auf die Preise zu sehen. Erstaunt über ihre Verwandlung betrachtete sie sich im Spiegel. In dem blauen Kleid sah sie einfach hinreißend aus, und sie wollte sich nun unbedingt zeigen. »Während Sie die Pakete packen, werde ich noch einen kleinen Spaziergang machen.«

»Wenn Sie wollen, können wir auch liefern«, schlug Mrs. Garbutt vor.

»Nein, machen Sie sich keine Mühe. Ich hole sie später ab.« Sie rauschte aus dem Laden auf die Hay Street, schlenderte herum, betrachtete die Schaufenster und wünschte, es gebe nun, da sie so vorteilhaft gekleidet war, jemanden, den sie besuchen könnte.

Da erinnerte sie sich an Logan Conal. Warum nicht? Da das neue Kleid ihr größeres Selbstvertrauen verlieh, hielt sie an und fragte einen Ladenbesitzer: »Können Sie mir bitte den Weg zum Vermessungsamt sagen?«

»Ja, Miss.« Der alte Mann strahlte sie an. »Um die Ecke in der King Street. Ist das heute nicht ein wunderschöner Tag?«

Sibell lächelte. »Stimmt.« Das blaue Kleid war für einen solchen Tag wie geschaffen.

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Auch der Büroangestellte schien ihrem Zauber zu erliegen. »Mr. Conal? Ja, Miss, er ist hinten und packt. Ich bringe sie hin.« Er führte sie durch das Gebäude in einen großen Hof, wo sich ein halbes Dutzend Männer durch einen Berg von Packkisten wühlten. Vorräte, Sättel, Zelte und Decken waren überall zu ordentlichen Häufchen geschichtet, und ein Mann hakte jeden Gegenstand auf einer Liste ab, die auf einem Klemmbrett steckte. Als Sibell ins Sonnenlicht trat, wandten sich ihr alle Augen zu.

»Wo ist Conal?« rief der Büroangestellte.

»Im Schuppen«, antwortete jemand.

»Ich geh’ ihn holen«, sagte der Büroangestellte und eilte davon.

Während sie wartete, näherte sich ihr ein junger Schwarzer. »Guten Tag, Missibel«, flüsterte er schüchtern.

Im ersten Augenblick sah Sibell ihn nur verständnislos an, doch dann fiel ihr ein, wer er war. »Ach, Jimmy Moon! Du bist doch Jimmy?«

Er nickte und grinste übers ganze Gesicht.

»Wie geht es dir?«

»Gut.«

»Ich habe dich nicht vergessen«, sagte Sibell. »Es war sehr tapfer von dir, daß du gekommen bist, um uns zu holen.«

»Gute Arbeit«, stimmte er ihr mit einem Lächeln zu. »Und Sie reiten gut. Mr. Conal hat noch nie im Leben so rennen müssen.«

Kichernd erinnerte sich Sibell, wie Logan sich angestrengt hatte, um mit Jimmy Schritt zu halten. Er hatte sich geweigert, sich zu ihr aufs Pferd zu setzen, um ein wenig zu verschnaufen. Aber das hatte sie ihm ohnehin nur halbherzig angeboten.

»Was ist denn hier los?« fragte sie.

»Mr. Conal nimmt uns alle mit auf einen Ausflug. Ich reite wieder auf einem Pferd«, sagte er stolz.

»Hast du denn eins?« erkundigte sie sich. Bei einer nächtlichen Rast hatte er ihr erzählt, er werde »irgendwann später« ein eigenes Pferd bekommen.

Er machte ein trauriges Gesicht. »Nein, diese Pferde gehören alle den weißen Herren.«

»Mach dir nichts draus«, sagte sie fröhlich. Heute fühlte sie sich, als gäbe es für sie keine Grenzen mehr. »Eines Tages kaufe ich dir ein Pferd.«

»Ganz für mich allein?«

»Ja.«

Jimmy machte einen Luftsprung. »Was für ein schöner Tag!«

»Was sehen meine Augen?« Auf einmal stand Logan Conal vor ihr und betrachtete sie bewundernd. Freudig überrascht bemerkte Sibell, wie sehr er sich verändert hatte. Er sah so stattlich und männlich aus in seinem karierten Hemd, den weißen Lederhosen und den braunen Reitstiefeln. Die dunklen Locken fielen ihm in die Stirn. Sibell warf einen Blick auf die grünen Augen, die sie immer für hart und böse gehalten hatte. Doch nun funkelten sie vergnügt.

Sie riß sich zusammen. »Guten Morgen, Mr. Conal.«

»Wir haben schon Nachmittag«, meinte er grinsend. »Und wie geht es Ihnen, Sibell?«

»Sehr gut, danke. Ich sehe, daß Sie packen. Wohin geht es denn?«

»In den Busch. Wir müssen Vermessungsarbeiten durchführen.«

»Wie aufregend. Wann brechen Sie auf?«

»Gleich morgen früh; deswegen sieht es hier jetzt auch aus wie in einem Warenlager. Wir müssen eine Unmenge an Ausrüstung mitnehmen.«

»Und wie lange bleiben Sie fort?«

»Vermutlich einige Monate.«

»Oh!« Sibell war enttäuscht. »Nun, ich sehe, Sie sind beschäftigt. Ich möchte Sie nicht länger aufhalten.«

Er begleitete sie zur Straße. »Und was haben Sie heute noch vor?« fragte er.

»Ich habe eine Menge zu erledigen«, antwortete sie. »Einkäufe und verschiedene andere Kleinigkeiten.«

Forschend sah er sie an. »Geht es Ihnen wirklich gut, Sibell?«

Sie hatte schon mit dem Gedanken gespielt, ihn zu bitten, Ihr Geld zu leihen, damit sie nicht ständig von Margot abhängig war. Wenigstens ein Mittagessen in einem Gasthaus wollte sie sich leisten können. Doch sie brachte es nicht über sich, zu fragen.

Aber Logan schien ihre Gedanken gelesen zu haben. »Haben Sie schon zu Mittag gegessen?«

»Ja, vielen Dank«, antwortete sie viel zu rasch und hätte sich dafür am liebsten selbst geohrfeigt. Vor lauter Stolz hatte sie sich jetzt die Möglichkeit verdorben, mehr Zeit mit ihm zu verbringen.

»Nun dann«, sagte er zum Abschied. »Ich besuche Sie, wenn ich zurückkomme. Hat Josie Ihnen erzählt, daß ich Sie aufgesucht habe?«

»Ja. Aber kümmern Sie sich nicht um sie, um die Gilberts, meine ich. Schließlich bin ich nicht ihr Eigentum.«

»Gut für Sie. Passen Sie auf auf sich, Sibell. Um Ostern herum komme ich wieder; dann besuche ich Sie.«

Der Tag schien seinen Glanz verloren zu haben, als Sibell ihre Pakete abholte und zurück in die Wellington Street ritt. Einerseits war sie froh, daß sie ihn besucht hatte, aber andererseits blieb ein bitterer Beigeschmack zurück. Sie konnte nur noch an Logan denken, sein breites Lächeln, seine ungewöhnliche Freundlichkeit. Ganz sicher mochte er sie, und deswegen lag für sie ein Schatten über ihrer heutigen Begegnung mit ihm. Sie hatte den wirklichen Logan Conal entdeckt, und morgen würde er Perth verlassen. Was sie für ihn empfand, war mehr als reine Freundschaft — in ihren Augen war er der stattlichste Mann, den sie jemals kennen gelernt hatte. Und daß er sich Sorgen um sie machte, mußte doch etwas zu bedeuten haben. Logan verstand sie, er würde sich — wie auch schon früher — um sie kümmern.

Die Gedanken an Logan hielten Sibell aufrecht, als Margot ihr Vergehen entdeckte und Zeter und Mordio schrie.

»Du hinterlistiges Geschöpf! Was du getan hast, ist Diebstahl! Du hast mein Konto mit mehr als dreißig Pfund belastet und mich lächerlich gemacht! Warte nur, bis Percy davon erfährt!«

Sibell zuckte die Achseln. »Was soll er schon tun? Mich schlagen? Das wagt er nicht, oder ich zeige ihn an.«

Percy tobte und brüllte: »Du bringst diese Kleider eigenhändig zurück!«

»Nein.« Wortlos ließ sie seinen Wutanfall über sich ergehen. Sie dachte an Logan und freute sich auf Ostern. Nur so konnte sie die gespannte Stimmung im Haus ertragen. Außerdem weigerte sie sich, die neuen Kleider zurückzugeben. »Lieber zerreiße ich sie«, warnte sie Margot. Die Köchin und das Dienstmädchen, die Sibell für ihren Wagemut bewunderten, wurden ihre Verbündeten und erzählten ihr alles, was im Hause vor sich ging.

Als sie eines Abends zum Abendessen das weiße Musselinkleid anzog, klopfte Lena, das Dienstmädchen, an ihre Tür. »Miss Delahunty«, flüsterte sie. »Mr. Freeman ist unten.«

»Wie aufregend«, antwortete Sibell säuerlich. In letzter Zeit kam der arme alte Ezra häufig vorbei, redete immer noch über die Cambridge Star und jammerte, niemand habe auf seinen Vater gehört, der alle davor gewarnt habe, daß sie auf einen Zyklon zufuhren. Ezra benützte dabei auch das Wort Hurrikan, wahrscheinlich um die dramatische Wirkung zu erhöhen. Sibell hatte im Wörterbuch nachgeschlagen und festgestellt, daß Zyklon und Hurrikan das gleiche bedeuteten — einen entsetzlichen Sturm.

»Wahrscheinlich ist er wegen Ihnen gekommen«, meinte Lena grinsend. »Er will Sie heiraten.«

»Sehr witzig!«

»Nein, das ist die Wahrheit, ich schwöre. Und Mr. Gilbert hat zugestimmt. Es geht zum Altar, Liebes.«

Sibell zog Lena ins Zimmer und schloß knallend die Tür. »Woher wissen Sie das?«

»Als ich den Sherry serviert habe, habe ich sie reden hören.« Sie huschte um Sibell herum und schloß die kleinen Perlmuttknöpfe hinten an ihrem Kleid. »Machen Sie einen guten Eindruck und beeilen Sie sich. Sie wollen doch Ihren Bräutigam nicht warten lassen.«

»Er ist nicht mein Bräutigam«, zischte Sibell. »Ich werde Ezra Freeman nicht heiraten. Er ist doch alt genug, um mein Vater zu sein, und außerdem ist er dick und langweilig. Ich komme nicht hinunter.«

»Ruhig, Miss. Schütten Sie das Kind nicht mit dem Bade aus. Er ist doch eigentlich eine ganz gute Partie. Seit Mr. Templeton endgültig den Verstand verloren hat, ist Mr. Freeman oberster Magistrat und ein einflußreicher Mann in Perth… und er schwimmt im Geld.«

Sibell ließ sich aufs Bett plumpsen. »Ich werde ihn nicht heiraten, und niemand kann mich dazu zwingen.«

»Seien Sie sich da nicht so sicher. Die Köchin und ich wollten Sie ja nicht ängstigen, aber die Missus schimpft die ganze Zeit über Sie und beklagt sich bei Mr. Gilbert. Damals wußten wir nicht, wen sie sich als Ehemann für Sie ausgesucht hatten, aber beide haben gesagt, sie würden Sie hinauswerfen, wenn Sie nicht gehorchen. Passen Sie auf, Miss, sie reden schon darüber, Sie vor die Tür zu setzen.«

»Gut, ich freue mich schon darauf, dieses Haus zu verlassen.«

»Und wohin wollen Sie gehen?« Lena beugte sich zu Sibell hinunter. »Jetzt hören Sie mir zu. Ich bin schon über Fünfzig und habe kein leichtes Leben gehabt, weil ich meine Familie ernähren mußte. Mit einem Sträflingstransport bin ich hier angekommen und habe deshalb schnell gelernt, wie der Hase läuft. Es gibt nur einen Weg, um weiterzukommen: den Mund halten und tun, was nötig ist.«

»Das werde ich nicht«, sagte Sibell und richtete sich auf. Ostern war Logan wieder da, und dann würde alles anders sein. Jede Nacht schlief sie mit wunderschönen Träumen von Logan ein; er würde zurückkehren, sie in die Arme nehmen, und dann würden sie heiraten und glücklich werden…

Am Ende ihrer Geduld angelangt, holte Lena sie wieder zurück in die Gegenwart. »Miss Delahunty, so seien Sie doch vernünftig! Wohin wollen Sie gehen, wenn Sie dieses Haus verlassen?«

»Ich weiß nicht.« Sibell zuckte die Achseln.

»Haben Sie denn Geld?«

»Nein.«

»Um Himmels willen! Kennen Sie denn das Gesetz nicht? Dann wären Sie doch eine Stadtstreicherin und völlig mittellos. Dafür gibt es drei Monate Gefängnis. Sie würden vor den Magistrat geführt, Ihren Mr. Freeman. Und lassen Sie sich eines gesagt sein, ein Mann, der sich in seiner Ehre gekränkt fühlt, ist schlimmer als jede Frau…«

Sibell knirschte mit den Zähnen. »Das können sie mir nicht antun.«

»Dann versuchen Sie, Zeit zu gewinnen«, meinte Lena.

»Sie dürfen nicht untergehen; also spielen Sie das Spiel mit. Vielleicht ergibt sich ja noch eine andere Lösung.«

Lächelnd blickte Sibell auf. »Sie haben recht; vielleicht ergibt sich ja noch etwas anderes.« Sie umarmte Lena. »Sie sind ein Schatz! Das mach’ ich, ich tu’ einfach so, als wäre ich einverstanden.« Lena stieß einen Seufzer aus. »Am Anfang kommen Sie damit wahrscheinlich noch durch, aber ich meine immer noch, daß Sie in den sauren Apfel beißen sollten. Dann werden alle in der Stadt vor Ihnen Respekt haben.«

»Das werden sie auf jeden Fall«, lachte Sibell. Sie war sich ihrer selbst sicher und vertraute auf Logan.

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»Ihre Freundschaft bedeutet mir sehr viel, Miss Delahunty«, murmelte Ezra und fuhr sich mit dem Finger unter den gestärkten Kragen, um die eingeklemmten Fettwülste zu befreien, die sich zusehends röteten. Seit die Gilberts sich zurückgezogen und ihn seiner Mission überlassen hatten, fühlte er sich nicht gerade wohl in seiner Haut und rutschte unruhig herum. Sibell für ihren Teil hatte nicht die geringste Lust, ihm die Sache leichter zu machen.

»Wir beide haben viel gemeinsam durchgemacht«, fügte er hinzu. Gemeinsam war ja wohl nicht ganz richtig, dachte Sibell und starrte das sehr geschmeichelte Porträt von Percy Gilbert über dem Kamin an.

»Ich frage mich«, fing Ezra an, »ob…« Er zog sein Taschentuch heraus und wischte sich den Schweiß von der Oberlippe. »Ob Sie vielleicht…«

O nein, dachte Sibell. Zeit gewinnen würde wohl kaum möglich sein.

»Ob Sie vielleicht Lust haben, mich zum Rennen zu begleiten?« platzte Ezra heraus. »Am nächsten Samstag. Ich bin Mitglied des Reitsportvereins, und ich versichere Ihnen, daß Sie sich amüsieren werden.«

»Aber selbstverständlich, Ezra. Ich würde sehr gern zum Pferderennen gehen. Da Mr. und Mrs. Gilbert bislang noch nicht daran gedacht haben, mich einzuladen, ist es mir ein ganz besonderes Vergnügen.«

»Großartig.« Er lächelte erleichtert und faßte wieder Mut. »Also abgemacht.« Er suchte etwas in seiner Westentasche. »Übrigens habe ich hier ein kleines Geschenk für Sie; nur einen Kettenanhänger, aber er war so hübsch, daß ich gleich an Sie gedacht habe.«

»Ein Geschenk! Ich liebe Geschenke!« Sibell klappte die rote Samtschatulle auf und betrachtete den Anhänger und die Kette. »Wie wunderschön! Ist er aus Gold?«

»O ja, und der Stein in der Mitte ist ein Rubin.«

»Ezra, er ist wunderbar«, jubelte Sibell und fragte sich dabei, wieviel das Schmuckstück wohl wert war. »Aber ich habe doch erst nächste Woche Geburtstag.«

»Sie haben Geburtstag? Oh, das wußte ich ja gar nicht.« Er strahlte. »Für Ihren Geburtstag müssen wir uns etwas ganz Besonderes ausdenken.«

»Du meine Güte, nein, das ist doch nicht nötig«, widersprach sie.

»O doch, meine Liebe, denn ich möchte, daß wir beide sehr gute Freunde werden.«

Sibell lief zum Spiegel, um sich die Kette umzuhängen. Wie schön wäre es gewesen, wenn er sich jetzt verabschiedet hätte! Aber er stand ganz dicht hinter ihr.

»Die Wahrheit ist«, sagte er, während er ihr Spiegelbild betrachtete, »daß ich bis über beide Ohren in Sie verliebt bin, meine Liebe. Ich möchte, daß Sie meine Frau werden.«

Sibell versuchte, Überraschung vorzuspiegeln. »Oh, Ezra, darauf wäre ich im Traum nicht gekommen.«

»Hat Percy nicht mit Ihnen über mich gesprochen?« fragte er, wobei er ihr ins Genick schnaufte.

»Nein, hat er nicht.« Sie rutschte von ihm ab, aber Ezras Hände fuhren unbeholfen über ihren Körper und umfaßten ihre Brüste.

»Nicht!« rief sie aus und riß sich los. »Sie vergessen sich, Sir.«

»Oh«, meinte er mit zitternden Händen. »Vergeben Sie mir. Aber ich habe mit Percy gesprochen, und er hat uns seinen Segen gegeben. Ich muß eine Antwort haben: Wollen Sie mich heiraten?«

»Nun, ich werde darüber nachdenken, Ezra. Es ist ja so freundlich von Ihnen.« Sie flüchtete sich in einen Sessel.

»Sie werden nur das Beste vom Besten bekommen«, sprach er weiter. »Ich baue gerade ein prächtiges Haus am Fluß. Abgesehen von meinem Gehalt bin ich auch sonst vermögend. Die Frau, die mich heiratet«, fuhr er fort, wobei er mit ihr redete, als sei sie ein kleines Kind, »geht einer gesicherten Zukunft entgegen, das ist gewiß. Ich stehe nicht mit leeren Händen vor Ihnen.«

Am liebsten hätte Sibell ihn gegen das Schienbein getreten. »Sie sind zu großzügig«, erwiderte sie stattdessen.

»Ich frage mich«, meinte er, da ihm ihre Antwort offenbar nicht ungewöhnlich vorkam, »welche Entschädigung Sie von Lloyds bekommen haben. Wenn ich mich recht entsinne, reisten Ihre verstorbenen Eltern mit Dienstboten, Vieh und beträchtlichen Besitztümern und Möbeln.«

»Nicht zu vergessen das Geld«, fügte Sibell hinzu.

»Nun denn, hat Lloyds Sie angemessen entschädigt?«

Sibell war überrascht. »Ich wußte gar nicht, daß sie überhaupt etwas zahlen. Ich habe keine Ahnung.«

»Vielleicht weiß Percy ja Bescheid«, flüsterte er verschwörerisch, und Sibell verstand die Andeutung.

»Möglicherweise. Vielen Dank, Ezra. Ich werde mich erkundigen.«

»Das wäre ratsam, Miss Delahunty. Falls Lloyds wirklich noch nicht gezahlt haben sollte, kann ein Mann in meiner Stellung dafür sorgen, daß sie es tun.«

Daran hatte Sibell im Zusammenhang mit Ezra Freeman noch gar nicht gedacht, und sie war sich sicher, daß er ihr etwas sagen wollte. Hatte Percy die Versicherungssumme etwa für sich behalten? Oder wollte Ezra nur sichergehen, daß seine Angebetete nicht arm war wie eine Kirchenmaus?

»Ich verstehe nichts von diesen Dingen«, meinte sie leise. »Können Sie sich nicht für mich darum kümmern? Gewiß muß man den Schaden der Versicherung melden, doch ich wüßte gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich brauche Ihren Rat.«

»Den sollen Sie bekommen, meine Liebe.«

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Am Freitag war das Gericht geschlossen, weswegen Ezra Zeit hatte, Akten durchzusehen, langweilige Vorgänge unten in den Stapel zu schieben und sich mit der Hilfe seines Sekretärs um seine eigenen Geschäfte zu kümmern. Für gewöhnlich mochte er die Freitage am liebsten, weil sie ihm Gelegenheit boten, Verabredungen für das Wochenende zu treffen. Doch heute wurde er ständig gestört. Zuerst mußte er eine ganze Horde Bittsteller abwimmeln, was nicht ohne eine lautstarke Auseinandersetzung abging, als Ezra den Leuten zu erklären versuchte, daß sie kein Recht hatten, einen Magistrat zu belästigen, und daß sie mit ihrer Anwesenheit gegen das Gesetz verstießen.

»Diese Leute haben keinerlei Vorstellung davon, was Gerichtsbarkeit bedeutet«, meinte er zu Pastor Whitney, der geduldig in seinem Büro wartete. »Nicht die geringste. Und was kann ich für Sie tun, Sir?«

»Mr. Freeman, ich möchte mit Ihnen über die Schwarzen sprechen.«

»Ach ja?« Ezra zündete sich eine Pfeife an. Auch diesen Besucher würde er so rasch wie möglich abfertigen. Die Schwarzen fielen nicht in seinen Zuständigkeitsbereich, und er hatte keine Lust, sich in diese Streitereien hineinziehen zu lassen.

»Wir sammeln Unterschriften, um die Schwarzen aus den Stadtgrenzen von Perth auszuweisen, und wollen auch den Gouverneur zwingen, uns anzuhören. Wir brauchen Ihre Unterstützung.« Er zog ein Blatt Papier aus der Tasche, auf dem eine Reihe Namen standen. »Sonntag abend haben wir eine Zusammenkunft, und jemand hat ihren Namen vorgeschlagen… Sie werden die Ehre haben, die Sitzung zu leiten.«

»Da haben Sie sich verrechnet«, sagte Ezra ruhig.

»Wie bitte?«

»Sie haben mich sehr gut verstanden, Pastor. Sie haben nicht die geringste Aussicht, den Gouverneur für Ihre Sache zu gewinnen. Schließlich gibt es schon genug Ärger mit den Schwarzen, und wir sollten keinen neuen herausfordern.«

»Ärger. Ja darum geht es uns doch! Diese Schwarzen sind schmutzig, eine Horde Diebe…«

»Mit den Dieben befassen sich die Gerichte.«

»Mr. Freeman, Sie wissen doch, was draußen im Busch vor sich geht. Niemand ist vor diesen Mörderbanden sicher…«

»Wir haben Soldaten, um sie niederzuhalten.«

»Und die uns ohne Schutz hier zurücklassen. Bald werden die Schwarzen hier in Perth in der Überzahl sein, sie werden uns überrennen, und wir sind ihnen dann auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Und Gott weiß, was dann mit unseren Frauen geschieht.« Die blaßblauen Augen traten ihm fast aus den Höhlen, und seine Koteletten zitterten.

»Ich glaube, unsere Frauen sind ausreichend geschützt«, nuschelte Ezra ungeduldig, fing an, in seinen Akten zu wühlen, und hoffte, daß Whitney den Hinweis verstehen würde. Er warf einen Blick auf den Pastor. Aber natürlich! Ezra liebte Klatsch, und er hatte ein paar saftige Geschichten über diesen Burschen gehört. Die Nachbarn berichteten, daß Whitney seine Frau schlug. Oft rannte sie schreiend im Nachthemd aus dem Haus und suchte bei ihnen Schutz. Er lächelte. »Mir kommt es vor«, sagte er, »daß manche Frauen aus unserem Bekanntenkreis bei den Schwarzen besser aufgehoben wären als bei ihren eigenen Ehemännern. Oder was meinen Sie dazu?«

Sobald er den Pastor losgeworden war, stand schon der nächste Besucher auf der Schwelle. Kein Geringerer als Colonel Puckering, der Kommandant des hiesigen Regiments und enger Freund des Gouverneurs.

Ezra sprang auf und bedauerte, daß er seine Stiefel gegen Pantoffeln ausgetauscht hatte, um seine Füße vor dem kalten Steinfußboden zu schützen. »Kommen Sie doch herein, Colonel«, rief er, wobei er hinter seinem Schreibtisch stehen blieb. »Nehmen Sie Platz. Möchten Sie vielleicht eine Tasse Kaffee? Oder Tee?«

»Nein, danke; keine Zeit heute. Nur ein Blitzbesuch. Was wollte denn dieser Pfaffe?«

»Nichts Besonderes. Er war nur hier, um mit mir über die Schwarzen zu sprechen.«

»In der Tat! Nun, womöglich ist er mir