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Das Kloster der toten Seelen

Peter Tremayne

Peter Tremayne ist das Pseudonym eines anerkannten Historikers, der sich auf die versunkene Kultur der Kelten spezialisiert hat. In seinen im 7. Jahrhundert spielenden historischen Romanen löst Schwester Fidelma, eine irische Nonne von königlichem Geblüt und gleichzeitig Anwältin bei Gericht, auf kluge und selbstbewußte Art die schwierigsten Fälle. Wegen des großen internationalen Erfolgs seiner Serie um Schwester Fidelma wurde Peter Tremayne 2002 zum Ehrenmitglied der Irish Literary Society auf Lebenszeit ernannt. Aus einer kleinen religiösen Gemeinschaft sind sämtliche Mönche verschwunden, im Refektorium steht noch ihr beinahe unberührtes Mahl. Es ist, als hätte sich die Erde geöffnet und die Klosterbrüder verschlungen. Da entdeckt man sieben der Mönche ermordet auf den Klippen am Meer und unweit davon ein angelsächsisches Schiff. Trotzdem liegen die Dinge weniger klar, als sie scheinen. Und es wird entschieden gefährlich für Schwester Fidelma und Bruder Eadulf, ehe sie wissen, welche handfesten irdischen Absichten und Interessen hinter dem mystisch anmutenden Vorfall und einigen weiteren Morden in der Gegend stecken. Aus dem Englischen von Susanne Olivia Zylla Die Originalausgabe unter dem Titel »Smoke in the Wind« erschien 2001 bei Headline Book Publishing, London.

Für David R. Wooton aus Arkansas, USA

-Webmaster der Kriminalromane um Schwester Fidelma,

Offizielle Webseite: www.sisterfidelma.com -,

in Dankbarkeit für seine Unterstützung und Ermunterung

Gott steht auf; so werden seine Feinde zerstreut, und die ihn hassen, fliehen vor ihm. Wie Rauch verweht, so verwehen sie.

Psalm 68

Historische Anmerkung

Die Kriminalromane um Schwester Fidelma spielen in der Mitte des siebenten Jahrhunderts und sind hauptsächlich in Irland angesiedelt.

Fidelma und ihr Begleiter, der angelsächsische Bruder Eadulf, mit dem sie gewöhnlich ihre abenteuerlichen Reisen antritt, sind unterwegs nach Canterbury, dem Sitz der obersten Gerichtsbarkeit aller angelsächsischen Königreiche. Auf der Überfahrt werden sie von einem Sturm mit ihrem Schiff an Land gezwungen und kommen so an die Küste des Königreiches Dyfed, im Südwesten des heutigen Wales.

Schwester Fidelma ist nicht nur eine Nonne, die einst der Gemeinschaft der heiligen Brigitta von Kildare angehörte. Sie ist auch eine anerkannte dalaigh, eine Anwältin an den Gerichten des alten Irland. Da dieser Hintergrund nicht allen Lesern vertraut sein mag, soll dieses Vorwort einige wesentliche Dinge erläutern und damit zu einem besseren Verständnis der Vorgänge beitragen.

Das damalige Irland bestand aus fünf Hauptprovinzen, in denen Könige herrschten. Selbst das heutige

irische Wort für Provinz lautet cüige, wörtlich: ein Fünftel. Vier dieser Provinzkönige - von Ulaidh (Ulster), von Connacht, von Muman (Munster) und von Laigin (Leinster) - erkannten mit Einschränkungen die Oberhoheit des Ard Ri oder Großkönigs an, der in Tara residierte, in der »königlichen« fünften Provinz von Midhe (Meath), deren Name »mittlere Provinz« bedeutet. Innerhalb dieser Provinzkönigreiche war die Macht noch einmal unter Kleinkönigreichen und Stammesgebieten aufgeteilt.

In der vorliegenden Geschichte werden wir auch mit den sich noch herausbildenden und ständig verändernden walisischen Königreichen bekannt gemacht. Die ursprünglichen Britannier, von den Angelsachsen Welisc (Ausländer) genannt, wurden aus ihren Gebieten, die sie fast fünfhundert Jahre hindurch besiedelt hatten, von den einfallenden Jüten, Angeln und Sachsen nach Westen verdrängt. Zu Fidelmas Zeiten befanden sich Devon (Dumnonia) und Cornwall (Cur-now) und auch Cumberland (Rheged) noch in den Händen der Kelten. Nordwales bestand aus zwei Königreichen, Gwynedd und Powys; Südwales hingegen gliederte sich in acht kleinere Königreiche auf, darunter auch Dyfed und Ceredigion, die ständig kriegerisch um die Vorherrschaft rangen.

Dyfed, Sitz der berühmten Abtei des Schutzheiligen von Wales, St. David (Dewi Sant), war einst von den Iren aus Desi besiedelt worden. Die ersten Könige trugen irische Namen. In der Reihe der walisischen Könige stoßen wir auf den berühmten Hywel Dda (905-950), der von König Eochaid von Dyfed abstammt, welcher um 400 Herrscher war. Hywel Dda war unbestreitbar der herausragendste der walisischen Könige; seine Macht erstreckte sich über das ganze Gebiet von Wales. Eben jener Hywel Dda berief die große, sechswöchige Versammlung von Dyfed ein, zu der die Repräsentanten aller walisischer Reiche anreisten und unter der Leitung des Rechtsgelehrten Ble-gywryd die Gesetze des Landes in der ersten bekannten Kodifizierung festhielten. Diese Texte wurden allgemein die »Gesetze von Hywel Dda« genannt. Sie stehen in der althergebrachten Rechtstradition der Kelten, und so stoßen wir bei den altirischen Rechten und den Gesetzen von Hywel Dda auf einige Gemeinsamkeiten.

Genau auf jene gemeinsame Tradition der Rechtsprechung richtet Fidelma in der vorliegenden Geschichte ihr Augenmerk.

Wir sollten uns dennoch Fidelmas eigene Kultur vor Augen führen, vor deren Hintergrund sie das Königreich von Dyfed sieht, und erfahren, wie es dazu kam, daß sie Anwältin im Rechtssystem ihres Heimatlandes sein konnte.

Die Primogenitur, das Erbrecht des ältesten Sohnes oder der ältesten Tochter, war in Irland unbekannt. Das Königtum vom geringsten Stammesfürsten bis zum Großkönig war nur zum Teil erblich und überwiegend ein Wahlamt. Jeder Herrscher mußte sich seiner Stellung würdig erweisen und wurde von den derbfhine seiner Sippe gewählt, von der mindestens drei Generationen versammelt sein mußten. Diente ein Herrscher nicht dem Wohl seines Volkes, wurde er angeklagt und abgesetzt. Deshalb ähnelte das monarchische System des alten Irland mehr einer heutigen Republik als den feudalen Monarchien, die sich im Mittelalter in Europa entwickelten.

Im Irland des siebenten Jahrhunderts gab es ein wohldurchdachtes Rechtssystem, das das Gesetz der Fenechus, der Landbebauer, genannt wurde, doch besser bekannt ist als das Gesetz der Brehons, abgeleitet von dem Wort breitheamh für Richter. Der Überlieferung nach wurden diese Gesetze zuerst im Jahre 714 v. Chr. auf Befehl des Großkönigs Ollamh Fodhla zusammengefaßt. Im Jahre 438 berief der Großkönig Laoghaire eine Kommission von neun Gelehrten, die die Gesetze prüfen, überarbeiten und in die neue lateinische Schrift übertragen sollte. Ihr gehörte auch Patrick an, der später zum Schutzheiligen Irlands wurde. Nach drei Jahren legte die Kommission den geschriebenen Gesetzestext vor, die erste bekannte Kodifizierung.

Man muß feststellen, daß das walisische Recht, soweit berichtet wird, weitere fünfhundert Jahre lang nicht schriftlich zusammengefaßt wurde. Dennoch war es das Resultat einer hochentwickelten mündlichen Tradition oder aber darüber hinaus einer handschriftlich festgehaltenen Kodifizierung, die jedoch schon früh verschollen ist. Sicher haben sowohl die Besetzung durch die Römer und als auch die Nähe zur römischen Kirche Einflüsse auf das walisische Recht ausgeübt. Dessenungeachtet verleugnet dieses Rechtssystem seinen eigentlichen keltischen Ursprung nicht.

Die ältesten vollständig erhaltenen Texte der alten Gesetze Irlands finden sich in einem Manuskript aus dem elften Jahrhundert wieder, das heute in der Royal Irish Academy in Dublin aufbewahrt wird. Erst im siebzehnten Jahrhundert gelang es der englischen Kolonialverwaltung in Irland letztendlich, die Anwendung der Gesetze der Brehons zu unterdrücken. Selbst der Besitz des Gesetzbuches wurde bestraft, oft mit dem Tode oder der Verbannung.

Das walisische Recht existierte bis zur schrittweisen Einverleibung von Wales durch die Engländer im Jahre 1536 und schließlich 1542, mit der auch die englische Sprache, englisches Recht und englische Bräuche übernommen wurden. Heute sind noch ungefähr achtzig Rechtstexte in walisischer und lateinischer Sprache erhalten, die meisten stammen aus der Zeit zwischen dem zwölften und dem sechzehnten Jahrhundert.

Das irische Rechtssystem war nicht statisch. Alle drei Jahre kamen die Rechtsgelehrten und Richter beim Feis Teamhrach (Fest von Tara) zusammen und prüften und verbesserten die Gesetze entsprechend der sich verändernden Gesellschaft und deren Bedürfnisse.

Diese Gesetze wiesen der Frau eine einzigartige Stellung zu. Sie gaben den Frauen mehr Rechte und größeren Schutz als irgendein anderes westliches Ge-setzeswerk jener Zeit oder späterer Jahrhunderte. Frauen konnten sich gleichberechtigt mit den Männern um jedes Amt bewerben und jeden Beruf ergreifen, und sie taten es auch. Sie konnten ihr Volk als Krieger in Schlachten befehligen, politische Führer sein, Friedensrichter, Dichter, Handwerker, Ärzte, Anwälte und Richter werden. Wir kennen die Namen vieler Richterinnen aus Fidelmas Zeit: Brig Briugaid, Äine Inguine Iugaire, Dari und viele andere. Dari zum Beispiel war nicht nur Richterin, sondern die Verfasserin eines berühmten Gesetzestextes, der im sechsten Jahrhundert aufgezeichnet wurde.

Die Gesetze schützten Frauen vor sexueller Belästigung, vor Diskriminierung und vor Vergewaltigung. Sie konnten sich auf gleichem Rechtsfuß von ihren Ehemännern scheiden lassen und dabei einen Teil des Vermögens des Mannes als Abfindung verlangen. Sie konnten persönliches Eigentum erben und hatten Anspruch auf Krankengeld, ob sie nun zu Hause lagen oder im Hospital. Im alten Irland gab es die ersten Krankenhäuser, die in Europa bekannt sind. Aus heutiger Sicht beschrieben die Gesetze der Brehons eine beinahe ideale Gesellschaft.

Diesen Hintergrund und seinen starken Gegensatz zu den Nachbarländern Irlands sollte man sich vor Augen halten, um Fidelmas Rolle in dem hier Erzählten zu verstehen.

Fidelma studierte an der weltlichen Hochschule des Brehon Morann von Tara. Nach acht Jahren Studium erlangte sie den Grad eines anruth, den zweithöchsten, den die weltlichen oder kirchlichen Hochschulen des alten Irland zu vergeben hatten. Der höchste Grad hieß ollamh, und das ist noch heute das irische Wort für Professor. Fidelma hatte die Rechte studiert, sowohl das Strafrecht Senchus Mor als auch das Zivilrecht Leabhar Acaill. Deshalb wurde sie dalaigh, Anwältin bei Gericht.

Ihre Hauptaufgabe bestand ähnlich der eines heutigen schottischen Richters darin, unabhängig von den Befugnissen der Ordnungshüter Beweismittel aufzunehmen, einzuordnen und festzustellen, ob sich in einem Rechtsfall weitere Ermittlungen lohnen oder ob er eingestellt werden sollte. Der französische juge d’instruction hat heute noch entsprechende Aufgaben. Fidelma darf darüber hinaus auch vor Gericht als Vertreterin der Anklage oder als Verteidigerin auftreten oder muß sogar in weniger schwerwiegenden Fällen das Urteil sprechen, wenn ein Brehon dafür nicht abkömmlich war.

In jener Zeit gehörten die meisten Vertreter des Gelehrtenstandes den neuen christlichen Klöstern an, so wie in den Jahrhunderten davor alle Vertreter der geistigen Berufe Druiden waren. Fidelma trat in die geistliche Gemeinschaft von Kildare ein, die im späten fünften Jahrhundert von der heiligen Brigitta gegründet worden war. Zu der Zeit jedoch, in der die vorliegende Geschichte spielt, hatte Fidelma ernüchtert die Gemeinschaft verlassen. Den Gründen dafür kann der geneigte Leser in der Geschichte Hemlock at Vespers nachspüren.

Während das siebente Jahrhundert in Europa zum »finsteren Mittelalter« gezählt wird, gilt es in Irland als ein Zeitalter der »goldenen Aufklärung«. Aus allen Ländern Europas strömten Studierende an die irischen Hochschulen, um sich dort ausbilden zu lassen, unter ihnen auch die Söhne der angelsächsischen Könige. An der großen kirchlichen Hochschule in Durrow findet man zu dieser Zeit Studenten aus nicht weniger als achtzehn Nationen. Zur selben Zeit brachen männliche und weibliche Missionare aus Irland auf, um das heidnische Europa zum Christentum zu bekehren. Sie gründeten Kirchen, Klöster und Zentren der Gelehrsamkeit bis nach Kiew in der Ukraine im Osten, den Färöer-Inseln im Norden und Tarent in Süditalien. Irland galt als Inbegriff von Bildung und Wissenschaft.

Die keltische Kirche Irlands lag jedoch in einem ständigen Streit über Fragen der Liturgie und der Riten mit der Kirche in Rom. Die römische Kirche hatte sich im vierten Jahrhundert reformiert, die Festlegung des Osterfestes und Teile ihrer Liturgie geändert. Die keltische Kirche und die orthodoxe Kirche des Ostens weigerten sich, Rom hierin zu folgen. Die keltische Kirche wurde schließlich zwischen dem neunten und dem elften Jahrhundert von der römischen Kirche aufgesogen, während die orthodoxen Ostkirchen bis heute von Rom unabhängig geblieben sind. Zu Fidelmas Zeit brach dieser Konflikt offen aus. Es ist unmöglich, über Kirchenfragen jener Zeit zu schreiben, ohne sich auf die damals vorherrschenden philosophischen Fehden zu beziehen.

Ein Kennzeichen der keltischen wie der römischen Kirche im siebenten Jahrhundert war die Tatsache, daß der Zölibat nicht allgemein üblich war. Es gab zwar in den Kirchen immer Asketen, die die körperliche Liebe zur Verehrung der Gottheit vergeistigten, doch erst auf dem Konzil von Nicäa im Jahre 325 wurden Heiraten von Geistlichen der westlichen Kirche verurteilt, aber nicht verboten. Der Zölibat in der römischen Kirche leitete sich von den Bräuchen der heidnischen Priesterinnen der Vesta und der Priester der Diana her.

Im fünften Jahrhundert hatte Rom den Geistlichen im Range eines Abts oder Bischofs untersagt, mit ihren Ehefrauen zu schlafen, und bald danach die Heirat gänzlich verboten. Den niederen Geistlichen riet Rom von der Heirat ab, verbot sie ihnen aber nicht. Erst der Reformpapst Leo IX. (1049-1054) unternahm ernsthaft den Versuch, den Klerikern der westlichen Länder den allgemeinen Zölibat aufzuzwingen. Die keltische Kirche gab erst nach jahrhundertelangem Ringen ihre antizölibatäre Haltung auf und schloß sich den Richtlinien Roms an, wohingegen in der östlichen orthodoxen Kirche die Priester unterhalb des Ranges von Abt und Bischof bis heute das Recht zur Eheschließung haben.

Das Wissen um die freie Einstellung der keltischen Kirche zu geschlechtlichen Beziehungen ist wesentlich für das Verständnis des Hintergrunds dieses Romans.

Die Verurteilung der »Sünde des Fleisches« blieb der keltischen Kirche noch lange fremd, nachdem sie in der römischen bereits zum Dogma geworden war. Zu Fidelmas Zeit lebten beide Geschlechter in Abteien und Klöstern zusammen, die als conhospitae oder Doppelhäuser bekannt waren, und erzogen ihre Kinder im Dienste Christi.

Fidelmas eigenes Kloster der heiligen Brigitta in Kildare war solch eine Gemeinschaft beider Geschlechter. Als Brigitta sie in Kildare (Cill Dara = Kirche der Eichen) gründete, lud sie einen Bischof namens Con-laed ein, sich mit ihr zusammenzutun. Ihre erste überlieferte Biographie wurde 650, fünfzig Jahre nach ihrem Tode, von einem Mönch in Kildare mit Namen Cogitosus geschrieben, der keinen Zweifel daran läßt, daß es auch weiterhin eine gemischte Gemeinschaft war.

Zum Beweis für die gleichberechtigte Stellung der Frauen wäre noch darauf hinzuweisen, daß in der keltischen Kirche jener Zeit Frauen auch Priester werden konnten. Brigitta selbst wurde von Patricks Neffen Mel zur Bischöfin geweiht, und sie war nicht die einzige. Rom protestierte im sechsten Jahrhundert schriftlich gegen die keltische Praxis, Frauen die heilige Messe zelebrieren zu lassen.

Im Gegensatz zur römischen Kirche gab es in der keltischen kein System von »Beichtvätern«, denen man seine »Sünden« beichten mußte und die dann die Vollmacht hatten, jemandem im Namen Christi diese Sünden zu vergeben. Statt dessen suchte man sich unter den Geistlichen oder Laien einen sogenannten »Seelenfreund« (anam chara) aus und erörterte mit diesem Fragen der Seele, des Geistes und des Glaubens.

Dem Vorwurf einiger Leser, ich würde anachronistischerweise auf die damals üblichen Maßangaben verzichten und das heutige metrische Meßsystem anführen, muß ich entgegenhalten, daß der Historiker an dieser Stelle dem Erzähler den Vorrang läßt und für ein besseres Verständnis der Maßangaben unter der Leserschaft bewußt auf moderne Entsprechungen für die irischen Maßeinheiten zu Fidelmas Zeiten zurückgreift. Es wäre viel zu mühselig, im einzelnen zu erklären, was die Bedeutungen von ordlach, bas, troig-hid, ceim, dies-ceim, fertach und forrach sind.

Hauptpersonen

Schwester Fidelma von Cashel, eine dalaigh oder Anwältin an den Gerichten im Irland des siebenten Jahrhunderts

Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham, ein angelsächsischer Mönch aus dem Lande des Südvolks

IN PORTH CLAIS

Bruder Rhodri

IN DER ABTEI DEVI SANT, MENEVIA

Abt Tryffin

Gwlyddien, König von Dyfed

Cathen, Sohn von Gwlyddien

Bruder Meurig, ein barnwr oder Richter aus Dyfed

Bruder Cyngar aus Menevia

Cadell, ein Krieger

IN PEN CAER UND UMGEBUNG

Mair, Tochter von Iorwerth, ein Opfer

Iorwerth, ein Schmied, Vater von Mair

Iestyn, sein Freund, ein Bauer

Idwal, ein junger umherziehender Schäfer

Gwnda, Fürst von Pen Caer

Elen, Gwndas Tochter

Buddog, eine Dienerin an Gwndas Sitz

Clydog Cacynen, genannt »die Wespe«, ein Geächteter

Corryn, genannt »die Spinne«, aus Clydogs Bande

Sualda, aus Clydogs Bande

Goff, ein Schmied

Rhonwen, seine Frau

Dewi, sein Sohn

Elisse, der Apotheker

Osric, Gefolgsadliger der Hwicce

Kapitel 1

Das Mädchen sah aus, als würde sie sich einfach nur mitten im Farnkraut ausruhen. Ein Arm lag locker hinter ihrem Kopf, der andere ausgestreckt an ihrer Seite. Das blasse, zarte Gesicht wirkte entspannt. Die Augen mit den dunklen Wimpern waren geschlossen. Zwischen den leicht geöffneten Lippen leuchteten schöne weiße Zähne. Ihr dunkles Haar bildete einen starken Kontrast zu der bläßlich schimmernden Haut.

Allein das dünne Rinnsal Blut aus dem Mundwinkel, das inzwischen getrocknet war, und ihre scheinbar so durchscheinende Haut, die rot bis bläulich gesprenkelt war, verrieten, daß sie sich nicht einfach nur ausruhte. Ein scharfsichtiger Beobachter hätte außerdem an ihren zerrissenen und blutverschmierten Kleidern erkennen können, daß etwas nicht stimmte.

Der Junge stand vor dem Mädchen, blickte ausdruckslos zu ihm hinunter. Er war schmal, drahtig gebaut, hatte rötlichbraune Haare und sommersprossige, gebräunte Haut, die verriet, daß er sich die meiste Zeit bei Wind und Wetter draußen aufhielt. Seine Lippen waren übermäßig rot und voll, was ihm einen leichten Zug ins Häßliche gab. Seine wäßrigen Augen hafteten auf dem Körper des Mädchens. Er trug eine ärmellose Schaflederjacke, die von einem Ledergürtel zusammengehalten wurde. Überdies mutete sein Äußeres durch die dicken Hosen und die Ledergamaschen wie das eines Schäfers an.

Ein tiefer Seufzer drang aus seiner Kehle.

»Ach Mair, warum nur? Warum, Mair?«

Er schien nun zu schluchzen, doch sein Gesichtsausdruck blieb unverändert. Mit starrem Blick stand er noch eine Weile so da, bis er die Rufe in der Ferne vernahm. Ruckartig schaute er auf, hielt den Kopf leicht zur Seite geneigt, als lauschte er. Seine Miene wirkte auf einmal gehetzt. Die schreiende Meute näherte sich ihm rasch. Jetzt konnte er ihre Rufe deutlich verstehen.

Der Junge blickte noch einmal auf das tote Mädchen und rannte los.

Er war kaum zehn oder zwanzig Meter weit gekommen, als ihn ein heftiger Schlag auf die Schultern zu Boden riß. Er stürzte nach vorn auf Hände und Knie. Mühsam rang er nach Luft.

Hinter einem Baum war ein stämmiger Mann hervorgetreten, der eine dicke Holzkeule in Händen hielt. Er war dunkel, untersetzt und trug einen Vollbart. Nun stand er breitbeinig über dem Jungen, die Keule erhoben, gewaltbereit und bedrohlich.

»Steh auf, Idwal«, brummte der Mann finster. »Sonst schlage ich noch einmal zu.«

Der Junge blickte auf, seine Schulter schmerzte.

»Was willst du von mir, Fürst Gwnda?« jammerte er. »Ich habe dir nichts getan.«

Der Mann runzelte böse die Stirn. »Keine Widerrede, Bursche!«

Er zeigte auf den Weg hinter sich, auf die Leiche des Mädchens. Da tauchte unter den Bäumen hervor eine Gruppe von Männern auf und lief nun den Waldweg entlang.

»Hierher!« rief der dunkelhaarige Mann. »Hierher, Leute! Ich habe ihn. Ich habe den Mörder.«

Die Meute rannte auf den knienden Jungen zu, der vor Angst zu weinen anfing.

»Bei der Heiligen Jungfrau, ich schwöre, ich habe sie nicht ...«

Einer der Männer, die ihn zuerst erreichten, schlug ihm seitlich auf den Kopf. Nun völlig zu Boden gestreckt, wurde der Junge glücklicherweise bewußtlos, denn jetzt prügelten auch die anderen auf ihn ein.

»Genug!« rief der dunkelhaarige Mann. »Ich weiß, ihr seid voller Zorn. Wir werden ihn in unser Dorf mitnehmen und vor einen barnwr bringen.«

»Wozu brauchen wir einen Richter, Gwnda?« rief einer der Männer. »Haben wir es nicht mit eigenen Augen gesehen? Habe ich nicht beobachtet, wie sich Idwal und die arme Mair erst vor kurzem lauthals gestritten haben? Idwal war so außer sich, wie ich ihn noch nie erlebt habe.«

Der schwarzbärtige Mann schüttelte den Kopf. »Wir müssen die Gesetze einhalten, Iestyn. Wir werden nach dem barnwr schicken, einem erfahrenen Richter aus der Abtei Dewi Sant.«

Der Mönch war jung und lief mit dem zuversichtlich raschen Schritt der Jugend den Weg durch den Wald. Er hatte den Winterumhang eng um seinen Körper geschlungen, um sich vor der frühmorgendlichen Kälte zu schützen. Seinen dicken Wanderstab aus Schlehdorn trug er weniger als Gehhilfe, sondern vielmehr als Waffe bei sich - jederzeit zu seiner Verteidigung einsatzbereit. Der Wald von Ffynnon Druidion, der Druidenquelle, war berüchtigt für Straßenräuber, die in düsteren Verstecken lauerten und hier ihr Unwesen trieben.

Bruder Cyngar hatte keine Angst, er war nur vorsichtig. In der ersten Morgendämmerung dieses Herbsttages, der strahlend schön zu werden versprach, würden, so meinte Cyngar, alle Räuber noch ihren Alkoholrausch ausschlafen. So früh würde kein einziger Schurke nach Opfern Ausschau halten. Nicht einmal der gefürchtete Clydog Cacynen, der hier in den Wäldern hauste. Clydog, die Wespe, wurde er genannt, denn er stach zu, wenn man es am wenigsten erwartete. Ein berüchtigter Geächteter. Die Angst vor ebenjenem Clydog Cacynen hatte Bruder Cyngar dazu gebracht, bereits in aller Frühe aufzubrechen, nachdem er die Nacht in der Hütte eines Holzfällers bei dem alten aufrecht stehenden Stein Unterschlupf gefunden hatte.

Der Rauhreif hatte sich wie ein weißer Teppich über den Waldboden gelegt. Die schwache winterliche Sonne versuchte, ihre Strahlen durch die weichen weißen Wolken zu bohren. Der Wald wirkte farblos. Die Bäume hatten größtenteils bereits ihr Laub verloren, hatte es doch schon mehrere kalte Nächte gegeben, obwohl der Spätherbst erst noch bevorstand. Hier und da waren ein paar immergrüne Stechpalmen zu sehen, an deren weiblichen Exemplaren rote Beeren leuchteten. Kleine braune Zapfen schmückten die Erlen, dazwischen sah man Birken. Aber alles wurde überragt von hohen, ausladenden Eichen.

Ab und zu entdeckte Bruder Cyngar an Eschenstämmen Holzkohlenpilze. Sie waren ungenießbar, vertrieben aber angeblich Krämpfe, wenn man sie vor dem Schlafengehen ins Bett legte, wie er gehört hatte. Aber eigentlich verachtete er solchen Aberglauben.

Es regte sich im Wald. Cyngar bemerkte eine Spitzmaus, ein winziges braunes Etwas, das aus dem Gebüsch vor ihm heraushuschte. Er sah, wie die kleine Maus kurz innehielt und herumschnüffelte. Ihr schlechtes Sehvermögen wurde durch ihren einzigartigen Geruchssinn wettgemacht, denn kaum witterte sie den Fremden, piepste sie und war im Bruchteil einer Sekunde wieder verschwunden.

Über Bruder Cyngar stieß ein am Himmel kreisender Rotmilan einen wehmütigen Schrei aus, er hatte wohl die kleine, davonhuschende Maus im kahlen Strauchwerk entdeckt, und wäre nicht Bruder Cyngar gewesen, hätte er sie sich zum Frühstück geholt.

Nur einmal hob der Mönch seinen Stock zur Verteidigung, als er in der Nähe ein unheimliches Rascheln vernahm. Doch er entspannte sich wieder, als er ein bräunliches weiß gesprenkeltes Fell und ein breites Geweih erkannte, das zu einem Damhirsch gehörte, der sofort im sicheren Unterholz verschwand.

Der Waldpfad führte nun auf einen offenen, mit Farnkraut überzogenen Hang. Bruder Cyngar verspürte eine gewisse Erleichterung, weil er jetzt den Wald hinter sich hatte. Er machte sogar eine Pause, legte seinen Stock beiseite und holte, als er etwas kleines Orangefarbenes am Wegrand entdeckte, sein Messer heraus. Er kniete nieder und untersuchte die weiße Unterseite der Pilze. Viele aßen diese roh oder in Ho-nigmet getaucht. Bruder Cyngar legte sie in das kleine marsupium, das er am Gürtel trug.

Er erhob sich, nahm seinen Stock und schritt mit neuer Kraft voran, denn er wußte, daß sein Ziel nun nicht mehr fern war.

Hinter dem nächsten Höhenzug lag die Gemeinschaft von Llanpadern, das heilige Kloster der Gesegneten Brüder, in der etwa dreißig Glaubensbrüder im Dienste Gottes wirkten. Dort wollte Bruder Cyngar um die Gastfreundschaft der Mönche ersuchen und frühstücken, ehe er zur berühmten Abtei Dewi Sant auf der Halbinsel Moniu, die manche auch auf lateinisch Menevia nannten, aufbrach. Die Abtei war allen religiösen Gemeinschaften des Königreiches von Dy-fed übergeordnet. Sein eigener Klostervorsteher hatte Bruder Cyngar Botschaften an den dortigen Abt Tryffin anvertraut. Bruder Cyngar war am Vortag ge-gen Mittag aufgebrochen und hatte nach einer längeren Wegstrecke in der Holzfällerhütte übernachtet, um dann von dort zu recht früher Stunde und ohne etwas im Magen, den berüchtigten Wald von Ffynnon Druidion zu durchqueren. Ihm war wie allen anderen Pilgern, die Richtung Süden nach Moniu unterwegs waren, die sprichwörtliche Gastfreundschaft von Llanpadern bekannt.

Gelassen schritt Bruder Cyngar nun voran. Die Sonne, die noch nicht ganz durch die Wolken gebrochen war, schien bereits so warm, daß sie den Morgenfrost vertrieb.

Nun hatte er den Sattel des nackten felsigen Berges erreicht, den man Carn Gelli nannte. An seinem höchsten Punkt war ein kleiner Steinhügel kunstvoll aufgeschichtet. Darunter befand sich ein altes Grab, das dem Berg seinen Namen verlieh. Bruder Cyngar blieb stehen und schaute ins Tal hinunter. Dort lag das Kloster, ein Komplex aus grauen Steingebäuden. Aus einem großen Schornstein stieg Rauch auf. Bruder Cyngar lief den Pfad weiter, immer schneller, getrieben von dem Wunsch, rasch das Kloster zu erreichen.

Als er sich dem Tor näherte, mußte er zu seiner Verwunderung feststellen, daß es offenstand und weit und breit niemand zu sehen war. Unwillkürlich lief ihm ein Schauer über den Rücken. Das war ungewöhnlich, selbst zu dieser frühen Stunde, denn sonst traf man die Brüder von Llanpadern auf den umliegenden Feldern an, machten sie sich doch schon beim ersten Tageslicht an die Arbeit, auch an einem kalten Herbstmorgen wie diesem. Gewöhnlich herrschte an den Toren und auf den Feldern reges Treiben.

Beklommen blieb Bruder Cyngar am Tor stehen. Heute versah dort niemand seinen Dienst. Nach kurzem Zögern trat er zu dem hölzernen Pfosten, um an der Bronzeglocke zu ziehen, die dort hing. Ein schauriger Klang hallte nach. Nichts rührte sich daraufhin, kein Laut war zu vernehmen. Es gab keinerlei Anzeichen dafür, daß sich überhaupt jemand im Kloster aufhielt.

Bruder Cyngar wartete einige Augenblicke und zog dann noch einmal die Glocke mit ihrem fordernden Läuten, diesmal länger und beharrlicher. Doch wieder regte sich nichts.

Langsam schritt er in den ausgestorbenen Innenhof und blickte sich um.

Überall herrschte Totenstille.

Mitten auf dem Hof war eine mindestens vier Meter hohe Pyramide aus Ästen und Holzscheiten aufgeschichtet, die aussah, als sollte sie in nächster Zeit angezündet werden und als ein riesiges Freudenfeuer in Flammen aufgehen. Der junge Mann betrachtete sie genauer und rieb sich dabei nachdenklich die Wange.

Er unterdrückte den Schauer, der ihm erneut über den Rücken fahren wollte, und lief über den viereckigen Hof auf die Tür der Kapelle zu und stieß sie auf. Die Kapelle wirkte düster, obwohl es heller Vormittag war. Nicht einmal die Altarkerzen waren angezündet. In dem Dunkel konnte er kaum etwas erkennen.

Da Bruder Cyngar das Kloster schon mehrere Male besucht hatte, kannte er sich hier gut aus und trat nun durch eine kleine Tür, die zum Wohntrakt führte, wie er wußte. Die Mönche verbrachten die Nacht in einem großen Schlafsaal, der jetzt vor ihm lag. Die Betten wirkten unberührt. Sie schienen entweder sehr früh aufgestanden zu sein und hatten sie gerichtet, oder sie waren in der letzten Nacht überhaupt nicht schlafen gegangen.

Während Bruder Cyngar zwischen den leeren Bettreihen umherwandelte, wurden seine Lippen immer trockener, und seine Unruhe nahm zu. Irgend etwas riet ihm, sich ganz leise über den Steinfußboden zu bewegen.

Hinter dem Schlafsaal befand sich das Refektorium, der Speisesaal des Klosters.

Auch der wirkte wie ausgestorben, das hatte er schon vermutet. Doch auf welche Weise leer und verlassen er ihn vorfinden würde, das hatte er nicht geahnt. Ein paar rußig flackernde Kerzen erleuchteten den Saal, und zu seiner Überraschung sah Bruder Cyngar, daß die Tische alle gedeckt waren und sich auf jedem Holzteller noch die halb verzehrten Speisen befanden. Messer und Löffel lagen so herum, als wären die Mönche bei ihrer Mahlzeit gestört worden. Neben den Gedecken standen Becher mit Wasser oder Wein.

Plötzlich schreckte Cyngar nervös auf und ließ seinen Schlehdornstock mit lautem Gepolter zu Boden fallen. Auf einem Tisch unweit von ihm zog eine schwarze Ratte etwas von einem Teller herunter und huschte mit ihrer Beute davon. Bruder Cyngar preßte die Lippen fest aufeinander, dann beugte er sich nach unten, um seinen Stock aufzuheben.

Nirgendwo sah er ein Anzeichen, das erklärt hätte, warum die Mönche die Tafel so überstürzt verlassen hatten. Es gab keine Unordnung, Stühle und Bänke waren zurückgeschoben, als hätten sich alle ganz normal erhoben, nichts deutete darauf hin, daß sie das Refektorium hektisch oder in Panik verlassen hätten. Bruder Cyngar ging zwischen den Tischen auf und ab und suchte nach Hinweisen, die den Anblick, der sich seinen ungläubigen Augen bot, hätten erhellen können.

Ihm fiel auf, daß die Kerzen fast heruntergebrannt waren, also hatte man sie lange vor seinem Eintreffen angezündet, an ein oder zwei Stellen war das Kerzenwachs auf den Tisch gelaufen. Es muß sich um das Abendessen handeln, dachte Bruder Cyngar, also müssen die Mönche vor Beendigung ihrer Mahlzeit einfach aufgestanden sein, alles ordentlich hinterlassen haben und ... und einfach verschwunden sein! Bruder Cyngar begann vor Angst zu zittern.

Dann nahm er all seinen Mut zusammen und machte sich daran, die restlichen Gebäude des Klosters abzusuchen, eines nach dem anderen. Die Räume des Klostervorstehers waren ordentlich und sauber, sein Bett war unberührt, und auch hier gab es keine Anzeichen für einen Tumult oder einen plötzlichen Aufbruch. Das kleine Skriptorium wirkte ebenfalls aufgeräumt, die Bücher standen in Reih und Glied in den Regalen. Draußen, auf der anderen Seite des Innenhofs, in den Lagerräumen, befand sich ebenfalls alles an seinem Platz, und als der junge Mönch die Stallungen betrat, hatte auch dort alles seine Ordnung.

Erst als er wieder über den Hof zur Kapelle zurückeilte, wurde ihm bewußt, was das zu bedeuten hatte. In den Ställen fehlten die Tiere, weder Hühner, Schweine noch Kühe oder Schafe, selbst die beiden Maulesel, die im Kloster gehalten wurden, waren da. Sie waren wie die Mönche allesamt wie vom Erdboden verschluckt.

Bruder Cyngar hielt sich für einen logisch denkenden jungen Mann. Er war der Sohn eines Bauern, so schnell ließ er sich nicht in Angst und Schrecken versetzen. Ehe die Furcht die Oberhand gewann, müßten erst einmal alle Fakten und möglichen Deutungen untersucht und genauer in Augenschein genommen werden. Vorsichtig näherte er sich dem Haupttor und suchte dabei mit den Augen den Boden ab, als würde er dort auf Hinweise stoßen, die die Flucht der Mönche und der Tiere erklärten. Die Kühe und Maulesel würden vor dem Tor sicher Spuren hinterlassen haben. Doch im weichen Boden war nichts zu sehen. Er entdeckte ein paar tiefe Wagenspuren, aber das war nicht ungewöhnlich. Viele Bauern der Umgebung trieben regelmäßig mit dem Kloster Handel. Die Wege nach Norden und Westen waren steinig, also würden dort die Fährten rasch verschwinden. Er konnte ein paar Abdrücke von flachen Sandalen, wie sie die Mönche trugen, erkennen, aber sonst so gut wie nichts. So blieb ihm nur der Schluß, daß die Gemeinde wie Rauch im Wind zerstoben sein mußte.

Bruder Cyngar verspürte den Drang, auf die Knie zu fallen und ein Gebet zu sprechen, um das Böse von sich fernzuhalten, denn was man nicht auf natürliche Weise erklären konnte, mußte das Werk des Übernatürlichen sein. Für das ausgestorbene Kloster gab es im Augenblick keine Erklärung. Zumindest keine, die ihm in den Sinn kam.

Könnte es sein, daß Pater Clidro, der Klostervorsteher von Llanpadern, und seine Mitbrüder sich mitten beim Abendessen von den Tischen erhoben hatten, die Kerzen hatten brennen lassen, alle Tiere um sich geschart hatten und dann ... Was dann? Wie von Geisterhand vertrieben worden waren?

Als ein von der Vernunft bestimmter junger Mann zwang sich Bruder Cyngar, noch einmal ins Refektorium zurückzukehren und die Kerzen auszulöschen, ehe er wieder zum Haupttor ging. Wieder ließ er die Augen umherschweifen, dann schloß er die Tore. Unschlüssig stand er da. Was sollte er nun tun?

Er wußte, daß sich ein paar Meilen nach Norden die größere Gemeinde Llanwnda befand. Gwnda, der Fürst von Pen Caer, war ein Mann der Tat und allseits dafür bekannt. Sollte er sich dorthin aufmachen? Doch da fiel ihm ein, daß es in Llanwnda keinen Priester gab, und was sollten Gwnda und seine Leute gegen die übernatürlichen Mächte des Bösen ausrichten, durch die sich die Bruderschaft von Llanpadern offensichtlich in Luft aufgelöst hatte?

Also blieb ihm nur eines zu tun. Er mußte so rasch wie möglich zur Abtei Dewi Sant weiterwandern. Abt Tryffin wüßte schon Rat, auch sollte er umgehend von dem furchtbaren Geschehen in Kenntnis gesetzt werden. Nur die Mönche der großen Abtei Dewi Sant besaßen die Macht, den bösen Fluch von dem Kloster hier zu nehmen. Welch ein geheimnisvoller Zauber mochte unter der armen klösterlichen Gemeinschaft von Llanpadern gewütet haben? Am ganzen Leibe zitternd, ließ Bruder Cyngar das verlassene Kloster, so schnell er konnte, hinter sich. So gelangte er rasch über den steinigen Weg zu den südlichen Bergen. Der strahlende Herbsttag wirkte nun düster, schwer und bedrohlich. Doch welcher Art war diese Bedrohung?

Kapitel 2

In den wenigen Sekunden zwischen Bewußtlosigkeit und Erwachen gibt es einen Augenblick lebhaften Träumens. Eadulf kämpfte in dunklem Gewässer, er bekam keine Luft. Er versuchte, an die Oberfläche zu schwimmen, er ruderte mit Armen und Beinen, und ihm war, als würde er in Kürze ersticken. Doch wie sehr er sich auch anstrengte, er hatte das Gefühl, völlig kraftlos zu sein. Gerade als er alle Hoffnung aufgeben wollte, erlangte er wieder das Bewußtsein: jener Übergang vollzog sich so rasch, daß er einen Moment zitternd dalag; der Schweiß rann ihm von der Stirn, er war nicht sicher, was mit ihm geschah. Doch dann, ganz langsam - so kam es ihm vor - wurde ihm klar, daß er geträumt hatte. Er mühte sich, einen Ton hervorzubringen, irgendeinen Laut, doch seiner Kehle entwich nur ein Rasseln.

Er bemerkte, daß sich ein Schatten über ihn gebeugt hatte, und strengte sich an, die Dinge genauer zu erfassen, doch alles blieb verzerrt.

Eine Stimme sagte etwas. Er verstand nichts. Er bemühte sich erneut, nach oben zu blinzeln. Er fühlte, wie jemand seinen Kopf packte und ihn etwas hochhob. Dann spürte er etwas Festes an seinem Mund. Eine kalte Flüssigkeit wurde über seine Lippen gespült und rann ihm zwischen die Zähne. Gierig schluckte er. Viel zu rasch wurde das Gefäß wieder fortgenommen, und die Hand legte seinen Kopf auf das Kissen zurück.

Ein Weilchen lag er so da, dann öffnete er die Augen und zwinkerte. Eine Gestalt verschwamm vor ihm, nahm aber gleich danach Konturen an.

Es handelte sich um einen Mann, kurz, stämmig und im Gewand eines Mönchs.

Eadulf überlegte angestrengt, was ihm wohl widerfahren sei und wo er sich befand. Er konnte es sich nicht erklären.

Wieder sagte die Stimme etwas. Wieder verstand er nichts, doch dieses Mal erkannte er am Tonfall, daß jemand in der Sprache der Britannier auf ihn einredete. Er befeuchtete sich mit der Zunge die Lippen und versuchte, einen Satz in jener Sprache hervorzubringen, die er nur unzulänglich beherrschte.

»Wo bin ich?« stieß er schließlich hervor, wobei er sofort bemerkte, daß er seine Muttersprache verwendet hatte.

Die Lippen im rundlichen Gesicht des Geistlichen schürzten sich abschätzig.

»Sacsoneg?« Der Mann schüttete nun einen ganzen Wortschwall über Eadulf aus.

Der versuchte sich zu konzentrieren, denn in seinem Kopf dröhnte es immer noch, um einen Satz in der Sprache der Britannier zu bilden. Es war schon viele Jahre her, daß er sie zum letztenmal benutzt hatte. Es wollte ihm nicht gelingen. Also griff er auf Latein zurück, denn das beherrschte er weitaus besser, wie er sich nun erinnerte.

Als der Mönch seine lateinischen Worte vernahm, blickte er erleichtert. Auf seinem rundlichen Gesicht zeichnete sich ein Lächeln ab.

»Du befindest dich in Porth Clais, angelsächsischer Bruder.«

Der Mann hielt ihm erneut den Becher hin, in dem sich Wasser befand. Eadulf hob den Kopf diesmal ohne Hilfe und trank. Er ließ sich wieder auf das Kissen fallen. Da dämmerte es ihm.

»Porth Clais? Ich war an Bord eines Schiffes, das von Loch Garman abgelegt hatte. Wo liegt Porth Clais und was ist geschehen .? Fidelma? Wo ist meine Gefährtin, Schwester Fidelma? Sind wir Schiffbrüchige? Mein Gott! Was ist geschehen ...?«

Eadulf versuchte sich aufzurichten. Der untersetzte Mönch drückte ihn sanft, aber entschlossen wieder auf sein Lager zurück. Er mußte wohl sehr geschwächt sein, wenn er einer einzigen Hand nichts entgegensetzen konnte.

»Alles zu seiner Zeit, angelsächsischer Bruder«, erwiderte der Mann freundlich. »Es war kein Schiffbruch. Alles ist in Ordnung. Du bist, wie ich schon sagte, in Porth Clais im Königreich von Dyfed. Es ist dir nicht so gut ergangen, mein Freund.«

In Eadulfs Kopf pochte es. Er fuhr sich mit der Hand darüber und war überrascht, als er an der Schläfe eine leichte Beule fühlte.

»Ich begreife nicht. Was ist geschehen?«

»Woran erinnerst du dich als letztes, angelsächsischer Bruder?«

Eadulf versuchte, den Wirrwarr in seinem Kopf zu ordnen. »Ich befand mich an Bord eines Schiffs. Wir waren erst eine Tagesreise von Loch Garman entfernt und segelten auf die Küste von Kent zu . Ah, jetzt fällt es mir wieder ein. Es gab einen Sturm.«

Blitzartig wurde ihm alles klar. Sie waren erst eine Tagesreise von Loch Garman entfernt gewesen. Die Küste von Laigin, dem südöstlichen der fünf Königreiche von Eireann, war hinter dem Horizont verschwunden, als ein heftiger Wind aufkam und hohe Wellen über das schwankende Schiff schlugen. Gnadenlos wurden sie hin und her geworfen. Noch ehe der Kapitän und die Mannschaft die Segel einholen konnten, hatte eine heftige Böe sie in Fetzen gerissen, so unerwartet war der Sturm losgebrochen. Eadulf erinnerte sich, daß er Fidelma unter Deck gelassen hatte und hinaufgegangen war, um den Seeleuten seine Hilfe anzubieten.

Der Kapitän hatte sein Angebot schroff abgelehnt.

»Eine Landratte nützt mir soviel wie ein Eimer mit Loch«, rief er barsch. »Geh wieder runter und bleib da!«

Vor seinen Augen sah er nun, wie er über das schwankende, überspülte Deck zurückgegangen war, gekränkt und verärgert, bis zu den Stufen, die zu den Kajüten hinunterführten. Gerade als er sich hinunterbegeben wollte, schien die mächtige See das Schiff hochzuwerfen und es nach vorn zu schleudern. Er verlor den Halt, und seine letzte Erinnerung war die, daß er nach vorn gerissen wurde und dann . dann nichts, bis zu seinem Erwachen vor ein paar Augenblicken.

Der stämmige Mönch lächelte.

»Und wie ist dein Name?« fragte er.

»Ich bin Eadulf von Seaxmund’s Ham, Abgesandter des Erzbischofs Theodor von Canterbury«, erwiderte Eadulf auf der Stelle und fragte dann verwirrt: »Doch wo ist Schwester Fidelma, meine Begleiterin? Was geschah mit dem Schiff? Wie bin ich hierhergekommen? Wo, sagst du, befinde ich mich?«

Der rundgesichtige Mönch grinste und hob die Hand, um der Flut von Fragen Einhalt zu gebieten. »Es scheint, daß der Stoß gegen den Kopf weder deinen geistigen Fähigkeiten noch deiner Ungeduld geschadet hat, angelsächsischer Bruder.«

»Meine Geduld hängt am seidenen Faden«, entgeg-nete Eadulf heftig und versuchte wieder, sich im Bett aufzurichten und seine pochende Schläfe zu vergessen. »Antworte mir, denn ich weiß nicht, wie ich meine Ungeduld im Zaum halten soll.«

Der stämmige Mann schüttelte den Kopf mit spöttischem Bedauern, wobei er mit der Zunge ein abschätziges Geräusch von sich gab. »Hast du nie das Sprichwort Vincit qui patitur gehört, angelsächsischer Bruder?«

»Das ist keine meiner Maximen, Bruder. Häufig zeigt die Geduld allein keine Resultate. Manchmal ist sie nur ein Vorwand, nichts zu tun. Erkläre mir, was geschehen ist.«

Der Mönch richtete die Augen zur Decke und hob resignierend die Arme. »Nun gut. Ich bin Bruder Rhodri, und das hier ist, wie ich schon gesagt habe, Porth Clais im Königreich von Dyfed.«

»An der Westküste Britanniens?«

Bruder Rhodri machte eine bestätigende Handbewegung. »Du befindest dich im Land der Kymren, den wahren Britanniern. Dein Schiff ist gestern am späten Nachmittag hier an der Küste vor Anker gegangen, um Schutz zu suchen. Unser Hafen ist nur klein, aber viele Schiffe aus Eireann laufen ihn an, um ihren ersten Halt zu machen. Du warst bewußtlos durch deinen Sturz an Bord. Also trug man dich vom Schiff herunter und brachte dich in das kleine Hospiz, das ich leite. Fast einen Tag hast du gebraucht, um wieder zu dir zu kommen.«

Eadulf lehnte sich auf das Kissen zurück und schluckte. »Einen ganzen Tag?« fragte er erschrocken.

»Wir haben uns Sorgen um dich gemacht. Doch, iuvenante deo, du bist gesundet«, sagte Bruder Rhodri ernst.

Eadulf richtete sich plötzlich auf, woraufhin ihm schwindlig wurde. Eine seiner Fragen hatte Rhodri noch nicht beantwortet.

»Meine Gefährtin, Schwester Fidelma . Was ist mit ihr?«

»Sie hat sich sehr große Sorgen um dich gemacht, angelsächsischer Bruder. Wir haben dich abwechselnd gepflegt. Heute vormittag allerdings wurde sie in unser Mutterhaus gerufen, um mit Abt Tryffin etwas zu besprechen.«

»Abt Tryffin? Mutterhaus?«

»Auf der Halbinsel, die auf Latein als Menevia bekannt ist, befindet sich die Abtei Dewi Sant.«

Eadulf hatte schon von der großen Abtei Dewi Sant gehört. Er wußte, daß die Britannier, die im Westen dieser Insel lebten, die sie nun mit den Angeln und den Sachsen teilten, die Abtei für beinahe so bedeutend hielten wie die Iren Iona, die Heilige Insel im nördlichen Königreich von Dal Riada. Zwei Pilgerreisen nach Dewi Sant kamen einer Pilgerfahrt nach Rom gleich, und ein Pilger konnte soviel Vergebung seiner Sünden dabei erlangen - das heißt die Vergebung seiner zeitlichen Strafen im Diesseits für von ihm begangene Sünden -, daß es für viele Jahre reichte. Eadulf bemerkte, daß er ganz im Sinne der Lehren Roms dachte, wo der Heilige Vater Vergebung aus dem Thésaurus ecclesiae, dem »Schatz der Kirche« gewährte, daß heißt aus dem Schatz von Verdiensten, die von Christus, der Jungfrau Maria und den Heiligen für die Kirche erworben worden waren. Eadulf wußte nur zu gut, daß die Kirchen der Iren und Britannier nicht an diese Art der Sündenvergebung glaubten oder gar daran, daß man sich von der eigenen Verantwortung entbinden lassen konnte, wenn man sie erwarb.

»Sie wurde dorthin gerufen? Schwester Fidelma? Ist die Abtei hier in der Nähe?« erkundigte er sich.

»In der Nähe? Ja, sie ist gut zu Fuß zu erreichen, liegt weniger als zwei Meilen von hier entfernt. Schwester Fidelma wird am Abend wieder zurück sein.«

»Und du sagst, daß wir uns auf der Halbinsel von Dyfed befinden, die als Menevia bekannt ist?«

»In unserer Sprache wird sie Moniu genannt«, bestätigte ihm Bruder Rhodri.

»Warum ist Fidelma ... Schwester Fidelma dort hinbestellt worden?«

Bruder Rhodri hob die Schultern. »Keine Ahnung, angelsächsischer Bruder. Wo du jetzt in besserer Verfassung bist, möchtest du vielleicht einen Kräutertee oder Brühe?«

Eadulf bemerkte auf einmal, wie ausgehungert er war. »Ich würde gern etwas essen, Bruder«, sagte er vorsichtig.

Wohlwollend lächelte Bruder Rhodri. »Ah, ein gutes Zeichen für deine Genesung, mein Freund. Dennoch ist es ratsam, daß du dich mit etwas Brühe begnügst. Du solltest dich auch nicht groß bewegen. Bleib hier liegen und erhole dich noch eine Weile.«

Ein paar Stunden später ging es Eadulf deutlich besser. Er hatte eine Fleischbrühe zu sich genommen, und seine Kopfschmerzen waren dank einer Kompresse, die ihm Bruder Rhodri auf die Stirn gelegt hatte, wie weggeblasen. Offenbar war Bruder Rhodri ausgebildeter Apotheker. Eadulf, der selbst an der großen medizinischen Schule von Tuam Brecain studiert hatte, war aufgefallen, daß der Umschlag aus Blättern des Fingerhuts bestand, der bei Kopfschmerzen ganz ausgezeichnete Linderung brachte. Langsam war er in einen Dämmerzustand hinübergeglitten und schließlich eingeschlafen.

Der Klang von Fidelmas Stimme weckte ihn. Als sie den Raum betrat, war er schon vollkommen wach. Eadulf richtete sich in seinem Bett auf, und die sorgenvolle Miene wich von ihrem Gesicht. Mit ausgestreckten Armen eilte sie auf ihn zu und setzte sich an den Rand seines Bettes.

»Wie geht es dir? Bist du wohlauf?« fragte sie besorgt. »Die Schwellung an deiner Schläfe scheint zurückzugehen.«

Eadulf antwortete ihr mit einem mühsamen Lächeln. »Ich fühle mich so, wie jemand sich eben fühlt, der durch einen Sturz einen Tag lang bewußtlos war.«

Sie seufzte erleichtert, hielt aber seine Hände nach wie vor in den ihren. Dann besah sie sich seinen Kopf. Sie war zufrieden und entspannte sich sichtlich.

»Ich habe mir solche Sorgen gemacht«, sagte sie lächelnd. Als sie Bruder Rhodri bemerkte, der nun in der Tür stand, ließ sie schnell Eadulfs Hände los und rückte von ihm ab. »Hat dir Bruder Rhodri erklärt, wo du dich befindest und was geschehen ist?«

»Wie ich verstanden habe, hat unser Schiff Porth Clais angelaufen, um Schutz vor dem Sturm zu suchen.«

»An der Küste von Dyfed«, fügte Fidelma hinzu. »Es war wirklich ein fürchterliches Unwetter. Sobald wir den Hafen erreicht hatten, bestand ich darauf, dich in dieses Hospiz zu bringen, denn es war nicht sicher, ob du durch den Sturz nicht noch weitere Verletzungen davongetragen hattest.«

»Man hat sich anscheinend bestens um mich gekümmert.« Eadulf lächelte. »Wir können sofort an Bord des Schiffes zurückkehren und unsere Reise fortsetzen, wenn du es möchtest.«

Zu seiner Überraschung schüttelte Fidelma den Kopf. »Unser Schiff ist heute morgen mit der Flut ausgelaufen. Der Kapitän wollte nach dem Sturm so schnell wie möglich weitersegeln. Die zerfetzten Segel hat er rasch austauschen lassen.«

»Was?« Eadulf hievte sich mühsam hoch und saß nun steif im Bett. »Er hat uns hier im Stich gelassen? Wir haben ihn dafür bezahlt, daß er uns ins Königreich Kent bringt. Willst du etwa sagen, daß er auf und davon ist und uns hier, fern von allem, zurückgelassen hat?«

Fidelma spitzte vorwurfsvoll die Lippen. Ihre Augen wanderten zu Bruder Rhodri hinüber. Sie hatten sich in Fidelmas Muttersprache unterhalten, die Eadulf genausogut beherrschte wie seine eigene und vielleicht noch besser als Latein. Wollte sie ihn warnen?

»Wir sind hier nicht fern von allem. Das Königreich von Dyfed unterhält gute Beziehungen zu anderen Ländern und Königreichen. Und im übrigen hat uns der Kapitän einen Teil unseres Reisegeldes zurückgezahlt.«

Eadulf schaute nun auch zu Bruder Rhodri. Offenbar verstand er ihre Sprache ein wenig, denn er schien der Unterhaltung gefolgt zu sein.

»Ich wollte nur sagen, daß wir von Canterbury noch weit weg sind«, stellte Eadulf klar. »Es ist schon ärgerlich, daß der Kapitän nicht warten konnte.«

»Kommt Zeit, kommt Rat. Es wird sich schon ein Weg finden«, tröstete ihn Fidelma.

Unwillig zuckte Eadulf mit den Schultern. »Wir haben nicht so viel Geld, als daß wir es uns leisten könnten, etwas unnütz auszugeben«, mahnte er sie. »Wir müssen ein neues Schiff finden, und die Reise nach Canterbury wird teurer als erwartet für uns werden.«

Fidelma tat seine Worte mit einer Geste ab. »Wichtig ist, daß du dich ausruhst und wieder ganz zu Kräften kommst, Eadulf«, entgegnete sie mit Nachdruck. »Denk dran, die Gezeiten des Meeres kommen und gehen.« Sie wollte aufstehen.

»Bleib noch ein wenig sitzen«, drängte Eadulf sie. »Ich bin nicht müde.«

Fidelma schaute wieder zu Bruder Rhodri, der gerade eine Lampe anzündete, denn während ihrer Unterhaltung war die Dämmerung langsam hereingebrochen.

»Es ist Zeit für die Abendmahlzeit«, sagte er. »Soll ich dir auf einem Tablett etwas bringen, Schwester?«

»Danke, Bruder. Das wäre sehr freundlich.«

Der Mönch wandte sich an Eadulf. »Du siehst aus, als könntest du noch ein wenig Brühe vertragen, Bruder. Ich kümmere mich darum.«

Als er fort war, lächelte Eadulf Fidelma schüchtern an. »Es tut mir leid, daß ich dich in diese Situation gebracht habe.«

»Warum? Es ist immer faszinierend, ein neues Land kennenzulernen, auch wenn man es gar nicht beabsichtigt hat.«

Auf einmal wirkte Eadulfs Gesicht düster. »Das Land der Britannier mag vielleicht für dich faszinierend sein, aber für mich ist es das nicht.«

»Was meinst du damit?«

»Die Sachsen sind bei den Britanniern nicht gerade willkommen, auch wenn Bruder Rhodri sich von christlicher Nächstenliebe leiten läßt.«

»Haben die Britannier einen Grund, die Sachsen nicht zu mögen?« fragte Fidelma.

Eadulf blickte sie scharf an. Machte sie sich über ihn lustig? Sie kannte die jüngste Geschichte dieser beiden Inseln nur zu gut.

»Du weißt, daß das seine Gründe hat, Fidelma. Und du kennst die irische Geschichte besser als jeder andere, dem ich begegnet bin. Du wirst dich auch erinnern, daß die Britannier hier einst alles beherrschten. Dann kamen vor zwei Jahrhunderten die Vorfahren meines Volkes aus Gegenden hinter dem östlichen Meer, um das Land hier zu erobern und sich zu unterwerfen. Das waren die Jüten, die Angeln und Sachsen, die man später gemeinhin Angelsachsen nannte. Sie drängten die Britannier immer weiter nach Westen und Norden ab und eigneten sich ihre Gebiete an. Ich verstehe die Gefühle der Vertriebenen. Mein Volk ist ein Kriegsvolk, das die christlichen Werte nur recht oberflächlich angenommen hat. Ich vermute, daß sich die Angelsachsen, auch wenn sie dem neuen Glauben folgen, noch immer vor Wotan fürchten, dem alten Kriegsgott. Und nach wie vor sind sie davon überzeugt, daß der einzige Weg zur Unsterblichkeit darin besteht, mit dem Schwert in der Hand zu sterben und Wotans Namen dabei auf den Lippen zu haben. Nur dieser Weg führt nach Walhall, wo all die Unsterblichen leben.«

Fidelma war erstaunt über die Leidenschaftlichkeit seiner Rede. »Das hört sich an, als würdest du das auch glauben, Eadulf.«

Eadulf warf ihr einen finsteren Blick zu. »Ich war ein junger Mann, als mich Missionare aus Eireann zum Christentum hinführten, Fidelma. Ich studierte erst in deinem Land, dann in Rom. Du weißt, daß ich, bevor ich Christ wurde, nach dem Erbrecht Friedensrichter von Seaxmund’s Ham war. Man kann nicht so leicht die Traditionen vergessen, in denen man aufgewachsen ist. Wir alle erinnern uns noch daran, wie König Eadbald von Kent wieder zum Wotan-Kult zurückkehrte. Es leben heute noch Leute, die persönlich Zeuge wurden, wie die Ost-Sachsen alle christlichen Missionare umbrachten oder ins Exil jagten.«

»Das ist wahr«, stimmte ihm Fidelma zu. »Doch die meisten Königreiche der Sachsen sind inzwischen zum christlichen Glauben übergetreten.«

Eadulf schüttelte den Kopf.

»Es gibt immer noch eine Reihe von Königreichen, in denen der christliche Glaube nur toleriert wird. Zum Beispiel Mercia, das ist nach wie vor nicht völlig christianisiert. Und obwohl mein Volk den neuen Glauben angenommen hat, kommt es immer wieder zu Kriegen mit den Britanniern. Solche Fehden hat es ständig gegeben, seit wir mit dem Schwert unsere Königreiche aufbauten. Christliche Britannier gegen christliche Sachsen. Es ist uns auch noch frisch im Gedächtnis, wie Athelfrith von den Sachsen den Bri-tannierkönig Selyf, Sohn von Cynan, besiegte. Nach jener Schlacht ging Athelfrith nach Bangor in die große Abtei der Britannier, ließ dort Tausende christlicher Mönche abschlachten und feierte so seinen Sieg. Können uns die Britannier dieses Blutbad verzeihen, Fidelma? Ich glaube nicht. Solange ich mich im Königreich der Britannier befinde, werde ich mich unbehaglich fühlen.«

Sie dachte über seine Ängste nach. »Für die bösen Taten deines Volkes kann man dich nicht verantwortlich machen, Eadulf. Ich glaube, die Britannier sind nicht so engstirnig, daß sie allen Sachsen Schuld an Ereignissen geben, die frühere Generationen zu verantworten haben. Die Britannier haben über Jahrhunderte hinweg am christlichen Glauben festgehalten, auch zur Zeit der römischen Besetzung. Ohne einen gerechtfertigten Grund würden sie niemandem Schaden zufügen. Das Massaker an den Mönchen von Bangor fand im Königreich von Gwynedd im Norden statt. Und wir halten uns im Königreich von Dyfed auf, das im Süden liegt. Dyfed unterhält enge Beziehungen zu fiireann. Und nun hat uns Abt Tryffin von Dewi Sant gebeten, morgen gemeinsam mit ihm zu speisen.«

Eadulf blickte sie überrascht an. »Er hat uns beide zu sich gebeten?«

Fidelma lächelte. »Nun, die Einladung galt vor allem mir, doch man versicherte mir nachdrücklich, daß du mich begleiten sollst, wenn es dein Gesundheitszustand erlaubt. Ich habe das Gefühl, daß irgend etwas den Abt beunruhigt. Er scheint eine gute Seele zu sein. Ich glaube, er möchte mich um Hilfe bitten, hat aber bei unserer Begegnung heute nachmittag nicht die rechte Gelegenheit dazu gefunden.«

Eadulf wirkte konsterniert. »Warum sollten dich die Britannier um Hilfe bitten?«

»Wie ich schon sagte, es gibt enge Beziehungen zwischen Dyfed und Eireann.«

»Als da wären?« bohrte Eadulf weiter.

Da kehrte Bruder Rhodri mit einem Tablett zurück, auf dem sich zwei Schalen heiße Brühe und Brot befanden, und stellte es auf den Tisch neben dem Bett.

Eadulf warf einen schiefen Blick auf die Brühe. »Ich könnte einen halben Braten verschlingen«, sagte er seufzend in ihrer gemeinsamen Sprache und schaute zu Fidelma.

Bruder Rhodri sah ihn vorwurfsvoll an. »Morgen kannst du vielleicht ein paar Scheiben kalten Braten und etwas Käse zu dir nehmen, angelsächsischer Bruder. Doch heute würde ich dir empfehlen, deinen Gelüsten noch nicht nachzugeben.«

Ein wenig beschämt verzog Eadulf das Gesicht, denn erst jetzt wurde ihm bewußt, wie gut der Bri-tannier die Sprache von Eireann beherrschte. Vielleicht hätte er in seinen Äußerungen vorsichtiger sein sollen.

»Ich bin dir dankbar, sowohl für die Pflege als auch für deinen Rat, Bruder Rhodri.«

Der Mönch lächelte, das tat er wohl meistens. »Nie hat Gott gesagt, daß ein Mund ohne Speise sein soll«, bemerkte er, als er den Raum verließ. »Also denk daran, daß ein Rat nie Vorschrift ist.«

»Worin bestehen denn nun diese Verbindungen?« nahm Eadulf die Unterhaltung mit Fidelma wieder auf.

»Den alten Schriften nach stieß vor zweihundert Jahren der Stammesfürst der Deisi, Aonghus vom Schrecklichen Speer, in einem Wutausbruch Großkönig Cormac Mac Art ein Auge aus. Weil das eher ungewollt und versehentlich geschah, fiel die Strafe nicht so hart aus, wie sie hätte sein können. Sie bestand darin, daß Aonghus und seine ganze Sippe ihre fruchtbaren Ländereien im Königreich von Midhe für immer verlassen mußten. Ein Teil des Stammes siedelte sich im Königreich meines Bruders an.«

Eadulf nickte. Er erinnerte sich, daß ein Stamm, den man die Deisi nannte, im Süden von Muman ansässig war. »Und die anderen?«

»Andere Teile des Stammes fuhren übers Meer. Einer wurde von Eochaid angeführt, welcher seine Leute in diesem Gebiet siedeln ließ, das war damals das Land der Demetae. Eochaid wurde hier der Herrscher, und es heißt sogar, daß ihm das mit friedlichen Mitteln gelang und nicht durch Krieg. Seit dieser Zeit haben hier zehn weitere Könige aus seiner Linie geherrscht, und viele Adlige der Gegend stammen von den Deisi ab. Deshalb kann sich so mancher in diesem Königreich immer noch in der Sprache von Eireann unterhalten, und deshalb studieren auch eine Menge Geistliche hier.«

Eadulf hatte davon bisher nichts gewußt. Er dachte eine Weile über die alte Geschichte nach und kam dann wieder auf ihr Thema zurück.

»Wenn Abt Tryffin dich um Hilfe bitten will, warum hat er es deiner Meinung nach nicht bei deinem Besuch heute nachmittag getan?«

»Ich weiß es nicht. Er war sehr herzlich und äußerst besorgt darum, daß man dir die beste Pflege angedeihen läßt. Er erkundigte sich nach unserer Reise und fragte mich, ob es dir gut genug ginge, um mich morgen nachmittag zu ihm zu begleiten.«

»Warum braucht er deine Hilfe? Woher weiß er eigentlich, wer du bist? Ich schätze, ihm ist bekannt, daß du eine dalaigh bist?«

»Da hast du gut aufgepaßt, Eadulf«, bemerkte Fidelmaein wenig von oben herab. »Er war genau im Bilde, wer ich bin, und wußte, daß ich als dalaigh bei den Gerichten wirke. Die Britannier verfügen über ein ähnliches Rechtssystem wie wir. Offensichtlich muß er bald nach unserer Ankunft in Dyfed alles über meine Person erfahren haben. Ich habe dir erzählt, daß viele Geistliche aus meinem Land hier zum Studium an die Abtei von Muine kommen.«

»Muine?«

»Lateinisch heißt die Halbinsel Menevia. In der hiesigen Sprache Moniu.«

»Oh, ja. Bruder Rhodri erwähnte den Namen bereits«, erwiderte Eadulf.

Fidelma lächelte schelmisch. »Du willst vielleicht nicht gern an Fearna erinnert werden, Eadulf, aber der heilige Maedoc, der die Abtei gegründet hat, war auch ein Schüler von Dewi Sant und hat hier studiert.«

Eadulf überlief ein leichter Schauer. Er dachte daran, wie er erst kürzlich in der Abtei von Fearna beinahe sein Leben eingebüßt hätte.

»Nun«, fuhr Fidelma fort, »man hat Abt Tryffin darüber informiert, daß wir ein gewisses Ansehen genießen, was das Lösen von rätselhaften Kriminalfällen betrifft ...«

Eadulf fühlte sich sehr geschmeichelt, von ihr so selbstverständlich einbezogen zu werden. »Also glaubst du, daß er mit uns eine bestimmte Angelegenheit erörtern möchte?« fragte er rasch.

»Ja, das denke ich.«

»Das kommt mir höchst eigenartig vor.«

»Bald werden wir mehr wissen. Es hat keinen Sinn, weitere Spekulationen anzustellen.« Sie ergriff seine Hände. »Es ist schön, daß du dich wieder erholt hast, Eadulf. Ich hab mir solche Sorgen um dich gemacht.«

Kapitel 3

Der folgende Tag war strahlend schön und wolkenlos. Eadulf trat vorsichtig vor das Hospizgebäude und mußte feststellen, daß er sich immer noch schwach auf den Beinen fühlte und ihm ein wenig schwindlig war, ganz so, wie es Bruder Rhodri ihm warnend vorausgesagt hatte. Dennoch tat ihm die kalte frische Luft gut, und bald war auch der Schwindel verschwunden.

Der Hafen von Porth Clais lag in einer Flußmündung an einer langen schmalen Bucht am Meer. Zu beiden Seiten des Flusses erhoben sich Berge. Ein paar kleine Fischerboote schaukelten sanft auf dem Wasser. Hier und da schmiegten sich einzelne Häuser in die mit Stechginster und Heidekraut überzogenen Hügel.

Eadulf fielen die Vögel auf, für die die schmale Bucht einen natürlichen Zufluchtsort bildete. Sie kreischten laut, stießen hinab und schwangen sich wieder empor. Er nahm auch die Seerobben wahr, die im Wasser planschten. Es war einfach idyllisch hier. Er bemerkte, wie ein Robbenjunges auf das schlammige Ufer ihm gegenüber kroch. Da näherte sich dem Tier der dunkle Schatten eines Raubvogels. Nun erschollen Schreie, und der graue Kopf der kleinen Robbe wurde blutig, denn die Klauen des Vogels hatten sich in ihn gebohrt. Doch war es dem Raubvogel nicht gelungen, seine Beute davonzutragen. Die besorgte Robbenmutter tauchte aus den Wellen auf und lockte das Junge zu sich. Eadulf sah den rostbraunen Räuber, den er als Turmfalken ausmachte, hoch oben in den Lüften, wie er zu einem zweiten Sturzflug ansetzte. Das Robbenjunge, ermutigt von den Rufen der Mutter, hatte es aber bereits ins Wasser geschafft. Das Leben war nie idyllisch, wie Eadulf diese Szene vor Augen führte.

Er drehte sich um, ging den Weg entlang, bis er einen Baumstamm fand, auf den er sich niederließ. Die Sonne, die zwar nicht die Kraft des Sommers besaß, schien dennoch warm und wohltuend. Ein, zwei Leute zogen an ihm vorbei und grüßten ihn in ihrer Mundart. Er rief sich seine spärlichen Kenntnisse der britannischen Sprache wieder ins Gedächtnis und erwiderte ihren Gruß. Während seines Studiums in Tu-am Brecain war er mit zwei Mönchen aus dem Königreich von Powys zusammengekommen. Eine Zeitlang hatte er sich bemüht, ihre Sprache zu erlernen. Er war sich der Feindschaft zwischen Britanniern und seinem eigenen Volk sehr bewußt. Wenn Eadulf manchmal in aller Ruhe darüber nachsann, konnte er sehr wohl begreifen, wo die Wurzeln dieser Feindschaft lagen.

Zu seines Vaters Zeiten war das britannische Königreich von Elmet zerschlagen worden. Man hatte Ceretic, den Herrscher des Reiches, ermordet, und die Bevölkerung war vom sächsischen Kriegsfürsten Snot nach Westen getrieben worden. Snot hatte seine Siedlung oder sein ham am Westufer des Flusses errichtet, der die Grenze des winzigen Königreiches bildete. Inzwischen war Snotingaham zu einer blühenden angelsächsischen Stadt herangewachsen, doch einst hatten dort Britannier gelebt. Natürlich konnte Eadulf verstehen, warum die Britannier die Angelsachsen haßten. War es nicht auch so, daß die meisten Angelsachsen diesen Haß erwiderten? Dadurch, daß die Angelsachsen das Christentum angenommen hatten, war die Kluft zu den Britanniern eher noch größer geworden.

Eadulf hatte von den Altvorderen gehört, wie sich vor über sechzig Jahren der römische Benediktiner Augustinus, vom Papst aus Rom gesandt, mit vierzig Mönchen aus Snotingaham im Königreich Kent niedergelassen hatte, um die Christianisierung des Landes voranzutreiben. Er war dabei auf irische Missionare gestoßen, vor allem im Norden, die versuchten, den heidnischen Angelsachsen den christlichen Glauben näherzubringen - und das Lesen und Schreiben. In Canterbury kam er zu einer Kirche, die dem heiligen Martin von Tours geweiht war und die die Britannier errichtet hatten, ehe sie von den Jüten vertrieben wurden. Die christliche Gattin des Königs von Kent, die aus dem Frankenreich stammte, und ihr Kaplan feierten dort ihren Gottesdienst. Augustinus wußte, daß die Britannier seit der römischen Eroberung Christen waren und forderte ein Treffen mit ihren Bischöfen an der Grenze zwischen ihren restlichen Gebieten und dem Land der Angelsachsen.

Durch die vielfältigen Berichte über Augustinus war Eadulf klargeworden, daß ihm die alte römische Arroganz der Eroberer eigen gewesen war. Für Augustinus waren die Britannier Barbaren, eine Haltung, die auch die Befehlshaber der römischen Legionen geteilt hatten. Augustinus hatte Deniol, den Bischof von Bangor, gefragt, warum die Geistlichen der Britannier ihrer Pflicht gegenüber dem neuen Glauben nicht nachgekommen waren und die Angelsachsen zum Christentum bekehrt hatten. Deniol hatte sarkastisch entgegnet, daß es schwierig sei, einem Menschen Liebe und Vergebung zu predigen, dem man gerade die Frau und die Kinder abgeschlachtet hatte. Augustinus war hochnäsig genug, damit zu drohen, daß er, falls man seine und die Autorität Roms nicht anerkannte, die Waffen der Angelsachsen segnen würde und die Britannier Vergeltung spüren würden. Tatsächlich kam ebenjener Bischof Deniol wenige Jahre später bei dem Massaker in Bangor zu Tode.

Eadulf schreckte aus seinen Betrachtungen hoch, als ein hochgewachsener Britannier in Mönchskutte an ihm vorbeilief und ihn lächelnd mit Worten begrüßte, die er nicht verstand. Ganz selbstverständlich erwiderte Eadulf sein Lächeln und grüßte ihn in der Sprache der Britannier, so gut es ging. Eadulf wollte niemandes Feind sein, doch ihm fiel auf einmal ein Sprichwort seines Volkes ein, nach dem es auch dann keine Sicherheit gäbe, wenn man sich seinen Feind zum Freund gemacht hatte. Aber gewiß war das Sprichwort falsch. Viel eher sollte man sich an die Lehren des Christentums erinnern. Was hatte Jakobus geschrieben? »Woher kommt Streit und Krieg unter euch? Kommt es nicht daher: aus euren Lüsten, die da streiten in euren Gliedern? Ihr seid begierig und erlanget es damit nicht; ihr mordet und neidet und gewinnet damit nichts; ihr streitet und kämpfet.« War das der Hauptgrund für die Kriege und das Blutvergießen der letzten zweihundert Jahre, seit die Sachsen in Britannien Fuß gefaßt hatten? Was hatte Christus gesagt? »Ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr euch untereinander liebet.« Nun, wenn es nach Eadulf ginge, so würde er dieses Gebot auch einhalten. Doch damit konnte er sich nicht beruhigen; seine Furcht davor, in einem fremden Land zu sein, von Leuten umgeben, die ihm nicht trauten, schwand dadurch nicht.

Einige Stunden später kehrte Fidelma zu ihm zurück und fragte ihn, ob er sich kräftig genug fühle, um sie zur Abtei Dewi Sant zu begleiten. Ihm hatte die Zeit an der frischen Luft gutgetan, und so sagte er ja.

Die große Abtei, die Dewi Sant geweiht war, lag weniger als anderthalb Meilen nordöstlich von dem kleinen Hafen. Mit gemächlichen Schritten verließen sie Porth Clais und liefen am farnbewachsenen Flußufer entlang. Fidelma erklärte, daß dieser Fluß Alun genannt wurde, war sie doch schon am Vortag hier entlanggegangen. Über diesen Weg wurden auch Fuhren von Gold transportiert, das aus Irland stammte und per Schiff bis nach Porth Clais gelangte. Dann brachte man das Gold in die Abtei, wo die Goldschmiede es zu sakralen Objekten verarbeiteten. Weiter flußaufwärts führte der Pfad durch eine Moorlandschaft, doch Fidelma bewegte sich mit unbeschwerter Leichtigkeit durch das sumpfige Gelände. Der Tag war noch nicht weit fortgeschritten, und obwohl sich nun ein leichter Wind erhoben hatte, war es nicht zu kalt für den Herbst. Es war eine recht angenehme Wanderung.

Schon nach kurzer Zeit kam die große Anlage der Abtei in Sicht. Eadulf mußte zugeben, daß die vielen unterschiedlichen Bauten ziemlich beeindruckend waren. Nur in Rom hatte er bisher etwas Ähnliches gesehen. Die Gebäude waren aus grauem Granit und einheimischem Holz errichtet.

Am Tor wurden sie von einem der Mönche empfangen. Es schien, als hätte er ihre Ankunft erwartet, denn er führte sie ohne Zögern direkt zu den Räumen von Abt Tryffin.

Der Abt erhob sich aus seinem Stuhl und ging auf sie zu, um sie aufs herzlichste in Fidelmas Muttersprache zu begrüßen. Offensichtlich beherrschte er die Sprache genauso gut wie Bruder Rhodri. Seine Tonsur war in der Art des heiligen Johannes gehalten; jener Haarschnitt war von den Kirchen Britanniens und Ei-reanns übernommen worden. Die Haare waren von der Stirn an abrasiert bis zur Höhe der Ohren, manche meinten, daß diese Tonsur jener der Druiden ähnlich sei, der weisen Priester aus alten keltischen Zeiten. Der Abt war etwa Ende vierzig und hatte ein hageres Gesicht, schmale Lippen und eine lange Nase, die wie mit einem Spinnennetz von winzigen roten Äderchen durchzogen war. Er lächelte, und seine Begrüßung schien aufrichtig und herzlich. In seinen dunklen Augen lag jedoch Besorgnis.

Vor einem Feuer nahmen sie Platz. Man reichte ihnen Glühwein, den Eadulf als angenehm und wohltuend empfand.

»Wie steht es um deine Gesundheit, Bruder Eadulf?« fragte der Abt, während er sich auf seinem Lehnstuhl niederließ. »Bist du von deinem Sturz an Bord des Schiffes wieder ganz genesen?«

»Ja«, bestätigte ihm Eadulf ernst.

»Ich vermute, daß ihr beide eure Reise nach Canterbury so schnell wie möglich fortsetzen wollt? Ist das so?«

»So ist es«, erwiderte Fidelma. »Sobald wir ein Schiff dorthin ausfindig machen können, natürlich.«

Gedankenverloren nickte der Abt. Dabei trommelte er mit den Fingern auf seine Stuhllehne, ohne sich dessen bewußt zu sein. Es war ganz offensichtlich, daß ihn eine äußerst wichtige Angelegenheit beschäftigte und es ihm schwerfiel, darüber zu sprechen.

»Nun ...«, setzte er an.

»Nun«, fiel Fidelma ein, »es gibt da eine Sache, bei der du vermutlich unsere Hilfe brauchst.«

Überrascht schaute sie der Abt an. Seine Augen glichen auf einmal schmalen Schlitzen. »Woher weißt du das? Hat es dir jemand erzählt?«

»Man kann es dir von der Stirn ablesen«, entgegnete Fidelma.

Abt Tryffin zuckte mit den Schultern. »Das mag schon sein. Wir stehen hier wahrlich vor einem Rätsel und benötigen dringend den Rat einer Expertin, wie du es bist. Vielleicht findest du eine Erklärung dafür. Doch ehe ich etwas über die Angelegenheit verlautbaren möchte, darf ich dir eine Frage stellen, Schwester Fidelma?«

Fidelma blickte zu Eadulf und entgegnete mit trok-kenem Humor: »Nicht jede Frage verdient eine Antwort.«

Der Abt rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. »Da hast du wohl recht, Schwester. Ich werde dennoch fragen. Wenn ich dir einen rätselhaften Fall darlege, der dich interessiert, wärst du dann bereit, noch ein paar Tage in diesem Königreich zu bleiben und der Sache auf den Grund zu gehen?«

»Ich begleite eigentlich nur den Abgesandten des Erzbischofs Theodor von Canterbury. Du solltest die Frage lieber ihm stellen«, erwiderte Fidelma und wies auf Eadulf.

Eadulf setzte seinen Weinbecher ab und dachte nach. Es war wohl wahr, daß er sich fast ein Jahr länger als beabsichtigt in Muman aufgehalten hatte, ehe er sich entschloß, nach Canterbury zurückzukehren. Was würde es da schon ausmachen, wenn er noch ein paar Tage im Königreich von Dyfed bliebe? Wahrscheinlich würde es ohnehin eine Weile dauern, bis sie ein geeignetes Schiff fanden. Doch was mochte den Abt derart quälen, daß er sich von Fremden, ja gar von einem Angelsachsen, Aufklärung erhoffte?

Der Abt sah ihn eindringlich an, wartete mit fast unverhohlener Ungeduld auf seine Antwort. »Für eure Dienste wird man sich erkenntlich erweisen«, fügte er rasch hinzu, als hätte sich Eadulf über eine Bezahlung Gedanken gemacht.

»Warum bittest du ausgerechnet Fremde um Hilfe? In Dyfed gibt es sicher genügend kluge Köpfe, die sich mit der Angelegenheit befassen können.« Eadulfs Stimme verriet Beunruhigung.

Hinter einer Wand am Ende des Raumes bewegte sich etwas, ein großer älterer Mann trat hervor. Er hatte die Statur eines Kriegers, und trotz seines Alters hatte sein durchtrainierter Körper viel Jugendliches bewahrt. Seine lockigen weißen Haare zierte ein goldener Reif, seine eindrucksvollen Augen waren hellblau, fast violett, und ließen auf den ersten Blick keine Pupillen erkennen. Seine Kleider waren aus kostbarem Samt, Leinen und Wolle. Offensichtlich handelte es sich um eine Person von hohem Rang.

Eadulf bemerkte, daß sich Fidelma erhoben hatte, also tat er es ihr widerstrebend gleich.

Der Abt hustete nervös. »Ihr befindet euch in Gegenwart von .«

»Gwlyddien, König von Dyfed«, unterbrach ihn Fidelma und verneigte sich.

Der König kam auf sie zu, lächelte herzlich und streckte ihr zur Begrüßung die Hand entgegen. »Du hast ein scharfes Auge, Fidelma von Cashel, und einen wachen Verstand, denn ich bin mir sicher, daß wir uns zuvor noch nie begegnet sind.«

»Nein, doch über den Sohn von Nowy wird unter den Geistlichen dieser Inseln immer voller Respekt gesprochen. War dein Vater nicht auch berühmt dafür, daß er der Kirche große Unterstützung angedeihen ließ?«

Gwlyddien senkte den Kopf. »Ganz gleich, welches Ansehen ich genieße, es gibt nur wenige Anhaltspunkte, an denen du mich erkennen könntest.«

»Das ist wohl wahr. Ich habe dich an dem königlichen Zeichen von Dyfed erkannt, das auf deinem Mantel eingestickt ist, und an dem goldenen Siegelring an deinem Finger. Es war recht einfach.«

Gwlyddien lachte. »Was ich von dir gehört habe, scheint zu stimmen, Fidelma von Cashel.« Jetzt wandte er sich mit ausgestreckter Hand Eadulf zu, der, von ihrem Wortwechsel ein wenig befremdet, abseits gestanden hatte. »Und wo Fidelma hingeht, da ist natürlich auch ihr Begleiter Eadulf von Seaxmund’s Ham. Unsere Barden berichten uns, daß vor zweihundert Jahren das Land des Südvolks, das Land, aus dem du stammst, einst das Königreich jener Britannier war, die man die Trinovantes nennt. Aus diesem Stamm ist einer unserer größten Könige hervorgegangen - Cu-nobelinos, der Hund von Belinos, gegen den nicht einmal die römischen Kaiser Krieg zu führen wagten.«

Eadulf trat nervös von einem Bein aufs andere. »Tempus edax rerum«, murmelte er eine Zeile von Ovid.

Einen Augenblick lang starrte ihn Gwlyddien mißbilligend an. Dann seufzte er und senkte den Kopf, als akzeptiere er das Unvermeidliche.

»Ja, die Zeit verschlingt alle Dinge. Doch sagt nicht auch Vergil, daß das Schicksal einen Weg findet? Was einst war, kann vielleicht wieder sein.«

Eadulf war das unangenehm. Er hatte gehört, daß die Britannier nicht die Hoffnung aufgegeben hatten, eines Tages die Angelsachsen wieder aufs Meer hinauszutreiben. Er fragte sich, wie er dem König antworten sollte, doch das brauchte er nicht mehr. Gwlyddien hatte auf dem Lehnstuhl Platz genommen, den der Abt ihm frei gemacht hatte, während der sich nun auf einem einfachen Stuhl niederließ.

»Setzt euch«, forderte sie der König mit einer ungeduldigen Handbewegung auf. »Die Antwort auf die Frage unseres sächsischen Freundes ist einfach. Von den Reisenden, die von Eireann durch unser Land kommen, und von den vielen Brüdern und Schwestern aus deinem Land, die an dieser Abtei studieren, erfuhren wir, wie Fidelma von Cashel dieses oder jenes rätselhafte Geheimnis gelöst oder diesen und jenen Fall aufgeklärt hat. Nachdem ich mit Abt Tryffin die Sache besprochen habe, glaube ich, daß du von Gott persönlich hierher in unsere Abtei gesandt worden bist, damit du uns beistehst.«

Es war allzu deutlich, daß ihr Besuch der Abtei Dewi Sant allein dem Ansehen seiner Gefährtin zu verdanken war. Ihn tolerierten die Britannier gerade -mehr nicht. Eadulf versuchte, sich seine finsteren Gedanken nicht anmerken zu lassen.

Fidelma hatte sich zurückgelehnt und betrachtete Gwlyddien mit gelassener Miene. »Mein Mentor Bre-hon Morann sagte immer, daß Komplimente nichts kosten und man doch teuer dafür bezahlt. Nach solchen Komplimenten für mich und Bruder Eadulf muß ich fragen, welcher Preis dafür gezahlt werden muß?« Sie hatte Eadulfs Namen mit leichtem Vorwurf ein wenig betont, weil der König ihn nicht erwähnt hatte.

Gwlyddien war so offene Worte anscheinend nicht gewohnt, und dem Abt schien ihre Frage peinlich zu sein. Doch der König blieb freundlich.

»Glaub mir, Fidelma von Cashel, ich bin kein Schmeichler.«

»Oh, da bin ich mir sicher«, erwiderte Fidelma rasch. »Also wollen wir gleich auf den Kern deines Anliegens zu sprechen kommen, als uns weiter mit Nebensächlichkeiten aufzuhalten.«

Auf eine Handbewegung des Königs hin sprach nun Abt Tryffin.

»Etwa zwanzig Meilen nördlich von uns befindet sich eines unserer Tochterhäuser, die Abtei von Llan-padern. Die Bezeichnung Abtei ist vielleicht ein wenig übertrieben für die kleine Klostergemeinschaft, die dort lebt. Bruder Cyngar, ein Mönch aus einem anderen Kloster, kam auf seinem Weg zu uns an Llanpa-dern vorbei und wollte dort um Gastfreundschaft bitten. Er traf gestern zutiefst bestürzt und verängstigt hier ein. Er ist jedoch jung und leicht zu beeindruk-ken. Seinen Berichten entnehmen wir, daß das Kloster verlassen und leer ist. Wie ausgestorben.«

Abt Tryffin lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, als erwarte er eine Reaktion auf seine Worte.

Fidelma erkundigte sich ruhig: »Wie viele Mönche leben sonst in Llanpadern?«

»Siebenundzwanzig. Sie arbeiten auf dem Feld, führen einen kleinen Bauernhof und versorgen sich selbst.«

Fidelmas Augen weiteten sich. »Siebenundzwanzig? Ist diese Zahl zufällig gewählt worden?«

Abt Tryffin zeigte sich erstaunt über ihre Frage.

»Wenn es einer längeren Erklärung bedarf, ist es eher unwichtig«, überging Fidelma ihre Frage rasch. In ihrem Land hatte die Zahl siebenundzwanzig eine mystische Bedeutung. »Also, Bruder Cyngar fand das Kloster menschenleer vor, und er konnte vermutlich nicht feststellen, warum das so war?«

»Nein, das konnte er nicht.«

»Hat er alle Gebäude gründlich durchsucht?«

»Ja. Ihm fiel auf, daß die Kerzen fast alle noch brannten, daß das Essen auf den Tischen stand, halb gegessen. Man hatte offenbar nur wenige Stunden zuvor alles stehen- und liegenlassen. Ratten hatten sich inzwischen breitgemacht. Selbst das Vieh auf dem Hof war verschwunden.«

Fidelma wandte sich nun Gwlyddien zu. »Weshalb mißt du ausgerechnet diesem Vorfall eine solche Bedeutung bei?«

Der König blickte überrascht auf. »Wieso kommst du darauf, daß er mich besonders interessiert?«

»Ich frage mich, warum sich der König von Dyfed über eine kleine religiöse Gemeinschaft und ihren Verbleib Sorgen macht. Du könntest die Angelegenheit doch auch Abt Tryffin überlassen. Aber du scheinst Wert darauf zu legen, daß wir eine Erklärung für das Geschehen finden.«

»Du hast einen scharfen Verstand, eine rasche Auffassungsgabe, Fidelma von Cashel. Richtig, ich habe am Schicksal dieser Gemeinschaft besonderes Interesse.« Er zögerte, als versuchte er, seine Gedanken zu ordnen »Mein Sohn ... Mein ältester Sohn heißt Rhun, ein gescheiter Bursche. Vor sechs Monaten beschloß er, dem Kloster Llanpadern beizutreten. Eigentlich hatte ich gedacht, er würde danach streben, die Herrschaft über dieses Land zu übernehmen, mich darin eines Tages abzulösen. Doch dann entschied er sich plötzlich, Mönch zu werden.«

»Und dein Sohn Rhun befindet sich nun unter den Mönchen, die in Llanpadern vermißt werden?« fragte Fidelma.

»So ist es.«

Kurzes Schweigen trat ein. Dann erkundigte sich Fidelma: »Was denkst du selbst darüber, Gwlyddien?«

Der König schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht an Hexerei, Schwester Fidelma. Und dennoch: Wenn nicht durch Hexerei, wie kann sich eine ganze Klostergemeinschaft sonst plötzlich in Luft auflösen?«

Fidelma lächelte schmerzlich. »Hast du darauf eine Antwort?«

»Es gibt eine Antwort.«

Alle wandten sich nach der fremden, gebieterischen Stimme um, die sich zu Wort gemeldet hatte. Sie gehörte einem jungen Mann, der unbemerkt die Tür ge-öffnet hatte. Er war groß, mit angenehmen Zügen ausgestattet und hellem Haar, das von einem Silberreif zusammengehalten wurde. Er wirkte wie ein jüngeres Abbild von Gwlyddien, seine Augen leuchteten in der gleichen eindrucksvollen Farbe wie die des Königs. Gwlyddien zeigte mit ungeduldiger Geste auf ihn, als er den Raum betrat.

»Das ist mein jüngerer Sohn, Prinz Cathen.«

Abt Tryffin stellte ihm Fidelma und Eadulf vor.

»Du sagst, daß es eine Antwort auf die Frage deines Vaters gibt?« wollte Fidelma wissen.

»Kannst du die politische Lage des Landes einschätzen?« erwiderte Cathen, wobei er sich auf einen Stuhl fallen ließ.

»Nur sehr wenig«, räumte Fidelma ein.

»Während des letzten Jahrzehnts ist dieses Königreich ständig von unseren nördlichen Nachbarn überfallen worden, den Königen von Ceredigion. Der derzeitige König, Artglys, ist ein ehrgeiziger und grausamer Mann. Sein Sohn und Erbe ist kaum besser. Die beiden verkörpern das Böse geradezu. Einst ist Ceredigion von den Königen von Gwynedd regiert worden, aber dann gab es Streitereien unter den herrschenden Sippen. Ungefähr vor einer Generation gelang es König Artbodgu, die vielen Herrschaftsgebiete von Ceredigion zu einem unabhängigen Königreich zu vereinigen. Seit dem Aufstieg von Artglys, dem Sohn von Artbod-gu, trachtet Ceredigion danach, sein Land zu vergrößern, und fällt in viele Nachbarreiche ein. Artglys’ Ehrgeiz besteht darin, sich auch Dyfed einzuverleiben.«

»Wie erklärt das das Verschwinden der Klostergemeinschaft von Llanpadern?« fragte Fidelma.

»Die Krieger von Ceredigion haben uns schon vorher angegriffen und Geiseln genommen.«

»Du meinst also, daß Artglys von Ceredigion für das Geschehene irgendwie verantwortlich ist? Daß die Mönche bei einem Überfall verschleppt wurden?«

»Ich bin mir nicht sicher. Ich sage nur, es ist möglich, daß die Krieger von Ceredigion Llanpadern überfallen haben, um meinen Bruder Rhun als Geisel zu nehmen.«

»Möglich, aber nicht wahrscheinlich«, fügte sein Vater hinzu. »Rhun hat seinen Anspruch auf den Thron aufgegeben, als er Mönch wurde. Warum sollten sie ihn entführen? Um mich unter Druck zu setzen? Meine Feinde wissen, daß ich so schwach nicht bin. Mein Eid als König und das Wohl meines Volkes stehen bei mir an erster Stelle. Was die Überfälle unserer Feinde betrifft, nun, sächsische Schiffe überfallen auch unsere Küsten.«

»Was erwartest du genau von uns?« fragte Fidelma rasch, um so Eadulfs Verlegenheit wegen der Erwähnung der sächsischen Angriffe zu überspielen. »Kriegerische Auseinandersetzungen sind nicht gerade unsere Stärke.«

»Ich glaube, daß diese Angelegenheit rein gar nichts mit Ceredigion oder mit den Überfällen von Artglys an unseren Grenzen zu tun hat ...«, meldete sich Abt Tryffin zu Wort. Er blickte zu Cathen.

Fidelma bemerkte, daß Cathen am liebsten einen Disput eröffnet hätte. Schnell sagte sie: »Llanpadern liegt nördlich von hier? Wie weit entfernt ist es von der Grenze zum Königreich von Ceredigion?«

»Mindestens zwanzig Meilen oder mehr.«

»Ein Überfall von so weit her in euer Gebiet hinein? Ein Feind kann eine so lange Strecke kaum unbemerkt überwinden«, gab Fidelma zu bedenken.

»Vielleicht hat Artglys von See aus angegriffen? Er könnte mit seinen Leuten nur ein paar Meilen von Llanpadern entfernt an Land gegangen sein«, erwiderte Cathen mit Nachdruck.

»Ja, könnte, aber woher wissen wir das?« stellte Fidelmanachdenklich fest.

Der Abt machte den Eindruck, als wolle er etwas sagen, sei sich aber nicht sicher, ob er seinem Prinzen widersprechen sollte. Fidelma bemerkte das.

»Ich bin der festen Überzeugung, daß deine Meinung zu dieser Sache dankbar aufgenommen wird, Abt Tryffin. Wie also denkst du darüber?«

Der Abt schien nun all seinen Mut zusammenzunehmen. »Das Kloster liegt am Fuße der westlichen Hänge von Carn Gelli. Wenn die Krieger von Ceredigion das Kloster vom Meer aus angegriffen haben, dann hätten sie nur an wenigen Stellen der Küste anlegen können. Wo auch immer sie an Land gegangen wären, stets hätten sie noch einen Fußmarsch von drei Meilen zum Kloster vor sich gehabt. An ihrem Weg liegen zwei Ortschaften, dort hätte man eine feindliche Truppe bemerkt und sofort Alarm geschlagen. Pater Clidro und seine Gemeinschaft wären so vor den Angreifern gewarnt gewesen, noch ehe diese das Kloster erreicht hätten. Bruder Cyngar hat uns beschrieben, wie ordentlich die Klostergebäude hinterlassen wurden. Ich kann deshalb nicht glauben, daß Krieger dort waren, die ihre sich zur Wehr setzenden Gefangenen weggeschleppt haben. Es gibt offenbar keine Anzeichen für einen Angriff, keine Leichen, nichts, das auf Gewalt hindeutet.«

Cathen lachte höhnisch, bis sein Vater ihm mit einer Handbewegung zu schweigen bedeutete.

Fidelma wartete einen Moment, doch als der König zu all dem schwieg, fragte sie den Abt: »Wie erklärst du dir das Verschwinden der Mönche?«

Abt Tryffins Blick wirkte gequält. »Christus ist mein Zeuge, Schwester, mir fällt nichts ein, das diesen Vorfall auf der Grundlage von Naturgesetzen deuten kann.«

Cathen johlte verächtlich. »Hexerei! Willst du damit sagen, daß alles auf Magie hinausläuft? Das gefällt mir nicht, Abt Tryffin. Es gibt keine übernatürlichen Kräfte. Du bist genauso auf dem Holzweg wie Bruder Cyngar! Die Kräfte des Bösen existieren nicht.«

»Dem würde ich nicht zustimmen.«

Alle wandten sich überrascht Fidelma zu, die leise ihren Einwand hervorgebracht hatte.

»Das Übernatürliche ist das Natürliche, was wir noch nicht ganz begreifen können. Und wie verhält es sich mit den Mysterien unseres Glaubens? Kommen sie uns nicht auch übernatürlich vor? Wenn wir meinen, daß es das Gute gibt, müssen wir auch das Böse akzeptieren.«

»Es gibt von Gott gestiftete Mysterien!« warf Cathen rechtfertigend ein.

»Und bist du Richter darüber, was von Gott gefügt ist und was nicht?« sagte Fidelma ruhig.

Cathen öffnete den Mund, als wolle er ihr widersprechen, doch dann machte er ihn wieder zu, da er keine Antwort parat hatte. Mit gerötetem Gesicht sagte er steif: »Verzeiht, ich muß mich wieder meinen Verpflichtungen widmen.« Damit verließ er den Raum.

Gwlyddien rutschte unruhig auf seinem Lehnstuhl hin und her, als die Tür zufiel.

»Ich bitte um Entschuldigung, offensichtlich habe ich Prinz Cathen verstimmt«, sagte Fidelma, auch wenn ihr Tonfall alles andere als entschuldigend war.

»Er ist mein jüngster Sohn und etwas hitzig«, murmelte der König. »Er wollte euch gegenüber nicht respektlos sein.«

»Dergleichen haben wir auch nicht angenommen«, erwiderte Fidelma. »Dieser rätselhafte Vorfall hat uns jedoch neugierig gemacht. Sicher werden wir erst in ein paar Tagen ein Schiff für unsere Weiterreise nach Canterbury finden, da könnten wir die Zeit bis zur Abfahrt eigentlich auch sinnvoll nutzen.«

König Gwlyddiens Gesicht hellte sich auf. »Also werdet ihr euch der Sache annehmen?«

Fidelma blickte zu Eadulf hinüber. Als der die widersprüchlichen Deutungen der Vorkommnisse durch Prinz Cathen, dessen Vater und den Abt vernommen hatte, war ihm sofort klar, daß Fidelma dem König die Bitte nicht abschlagen würde. Für Fidelma waren mysteriöse Fälle so unverzichtbar wie für andere Leute der Wein. Resigniert zuckte er mit den Schultern und hoffte, sie würde ihm seinen Unmut nicht von den Augen ablesen.

»Das werden wir«, erwiderte Fidelma, die das offensichtlich so in Ordnung fand.

»Dann habt ihr die Vollmacht des Königs«, erklärte Gwlyddien mit Erleichterung. »Alle eure Kosten werden von uns übernommen, und ganz gleich, welchen Lohn ihr verlangt, er soll euch in Gold oder Silber ausgezahlt werden, wie ihr es wünscht.«

»Sehr gut«, stimmte ihm Fidelma zu. »Aber wir benötigen eine Art Pfand, damit wir beweisen können, daß wir in deinem Auftrag handeln, etwas, das dein Siegel trägt; außerdem genügend Geld, um unsere Ausgaben während des Aufenthalts in diesem Königreich zu bestreiten. Sollten wir die Gründe für das seltsame Geschehen in Llanpadern erklären können, bekommen wir zehn Goldstücke. Falls wir keinen Erfolg haben, sind wir mit fünf Goldstücken zufrieden. Einverstanden?«

»Einverstanden.«

»Dann wollen wir mit Bruder Cyngar sprechen. Außerdem müßt ihr uns einen Führer zur Verfügung stellen, der uns zum Kloster Llanpadern geleitet.«

Eadulf unterdrückte ein Stöhnen.

»Das macht uns keine Mühe«, entgegnete Abt Tryf-fin. »Könntet ihr euch schon morgen vormittag dorthin begeben?«

»Warum so rasch?« erkundigte sich Eadulf, der nichts überstürzen wollte.

»Ich erwähnte die beiden Ortschaften, die womöglich Alarm geschlagen hätten, falls man dort Krieger aus Ceredigion bemerkt hätte«, erwiderte Abt Tryffin. »Eine der beiden Ortschaften hat mich gebeten, ihnen einen barnwr, einen Richter, zu senden. Morgen wird sich Bruder Meurig, der dieses Amt innehat, dorthin auf den Weg machen. Ihr könntet ihn begleiten, er würde euch führen.«

»Eine ausgezeichnete Idee!« pflichtete ihm Gwlyd-dien bei.

Fidelma war nachdenklich geworden. »Warum hat dieser Ort ...?«

»Er heißt Llanwnda«, ergänzte der Abt.

»Warum hat Llanwnda« - ihr fiel die Aussprache ein wenig schwer - »um einen Richter gebeten? Ich vermute, ein barnwr hat die gleiche Position wie ein dalaigh in meinem Land? Gibt es irgendeinen Zusammenhang zwischen dieser Bitte und dem Verschwinden der Mönche?«

Der Abt schüttelte den Kopf. »Der Fürst von Pen Caer, der Herrscher dieser Gegend, hat in einer völlig anderen Angelegenheit um einen Richter gebeten. Ein junges Mädchen ist von ihrem Freund vergewaltigt und ermordet worden. Sie war Jungfrau. In solch ländlichen Gegenden ist das ein sehr schweres Verbrechen. Der Junge hatte Glück, daß er nicht gleich von den aufgebrachten Einwohnern des Ortes zu Tode geprügelt wurde. Nein, zwischen diesen bei-den Vorfällen besteht nicht der geringste Zusammenhang.«

»Dann sollten wir morgen vormittag nach Llanpa-dern aufbrechen gemeinsam mit Bruder .«

»Bruder Meurig.«

». mit Bruder Meurig. Doch du hast gesagt, daß es sich um eine Wegstrecke von über zwanzig Meilen handelt, und Bruder Eadulf ist noch nicht ganz wiederhergestellt .«

»Natürlich komme ich mit«, warf Eadulf kühl ein. »Ich bin weder zu schwach noch zu inkompetent, um in dieser Sache nicht von Nutzen zu sein.«

»Ihr könnt Pferde von mir haben«, bot Gwlyddien an. »Dann sind wir uns einig.« Eadulf sah Fidelma wütend an. Sie fragte sich, warum er so außer sich war, wo sie doch versuchte, alles für ihn so angenehm wie möglich zu machen.

»Dann sind wir uns einig«, wiederholte sie.

»Vortrefflich. Unser Mittagsmahl wartet jetzt auf uns.« Abt Tryffin erhob sich. »Nachdem ihr beide gespeist und euch ausgeruht habt, werden wir Bruder Cyngar aufsuchen. Bruder Meurig hält sich auch in der Abtei auf. Ah . Das habe ich ganz vergessen. Mit den Adligen und den Mönchen hier könnt ihr in der Sprache von Eireann reden oder auch auf Griechisch, Latein und Hebräisch. Die gewöhnlichen Leute sprechen jedoch nur die Sprache der Kymren. Ihr werdet einen Dolmetscher brauchen.«

»Für mich stellt eure Sprache keine Schwierigkeit dar«, erwiderte Fidelma nun auf Kymrisch, der Sprache der keltischen Waliser. »Ich habe mein Noviziat mit Nonnen aus dem Königreich von Gwynedd verbracht und so manches von ihnen gelernt. Doch was eure Rechtssprache betrifft, werde ich einiges nicht verstehen, auch wenn ich mich bemühe.«

Eadulf wurde nicht weiter gefragt, ob er Kymrisch verstand. So behielt er für sich, daß er die Sprache zu einem gewissen Grad beherrschte.

»Dann gibt es für eure Arbeit ja keine weiteren Hindernisse«, sagte Abt Tryffin erfreut. »Bruder Meurig wird euch weiterhelfen, wenn ihr Schwierigkeiten habt.«

»Dafür sind wir dir dankbar«, entgegnete Fidelma.

»Dann wollen wir speisen gehen.«

Kapitel 4

Es war kalt, aber es lag kein Reif auf dem Boden, als die drei Pferde durch die Tore der Abtei Dewi Sant trabten. Sie liefen hintereinander, angeführt von einer großen grauen Stute. Bruder Meurig ritt in zügigem Tempo voran, ihm folgten Schwester Fidelma und Bruder Eadulf auf feurigen kurzbeinigen Pferden. Es waren alles kräftige Tiere. Gegen die eisige Morgenkälte hatte sich Meurig einen weiten Umhang umgelegt, fast von gleicher Farbe wie sein Pferd. Auch seine Begleiter waren in dicke Wollumhänge gehüllt.

Abt Tryffin hatte zuvor einen Mann in Bruder Rhodris Hospiz in Porth Clais geschickt, um die Reisetaschen von Fidelma und Eadulf zu holen. Sie hatten unterdessen Gelegenheit gehabt, Bruder Cyngar zu fragen, was er in Llanpadern angetroffen hatte, so daß sie, da Bruder Meurig beim ersten Tageslicht mit ihnen aufbrechen wollte, inzwischen von Bruder Cyngar alle Informationen erhalten hatten.

Fidelma und Eadulf waren beide beeindruckt von der ernsten und umsichtigen Art Bruder Cyngars. Zwar erfuhren sie von ihm kaum mehr, als sie bereits von Abt Tryffin wußten. Aber Bruder Cyngar hatte ein ausgesprochen gutes Auge für Details.

Er war weit davon entfernt, den Vorfall auf Hexerei oder das Böse an sich zurückzuführen, aber er akzeptierte den Gedanken, daß etwas, das nicht auf natürliche Weise zu erklären war, eher übernatürlichen Kräften zugeschrieben werden mußte.

Nachdem sie sich von Bruder Cyngar verabschiedet hatten, waren Fidelma und Eadulf zum Skriptorium der Abtei geführt worden, wo Bruder Meurig gerade etwas in den dort aufbewahrten Rechtsschriften nachschlug. Bruder Meurig war ein großer Mann, der selbst Fidelma überragte, die schon als überdurchschnittlich hochgewachsen galt. Er war hager und hohlwangig und hatte hohe Wangenknochen. Seine Haare waren leicht angegraut, die dunklen Augen lagen tief, das rechte Auge schielte ein wenig, wodurch er finster wirkte. Doch seine düstere Erscheinung stand ganz im Gegensatz zu der warmherzigen Art, in der er sie begrüßte.

Er redete Fidelma in ihrer Muttersprache an und wandte sich dann in fließendem Angelsächsisch an Eadulf.

»Wie kommt es, daß du des Angelsächsischen mächtig bist?« erkundigte sich Eadulf.

»Ich war mehrere Jahre lang Gefangener in Mer-cia.« Bruder Meurig zeigte auf eine Narbe, die ihm quer über den Hals lief. »Hier seht ihr das Zeichen des sächsischen Sklavenkragens. Das liegt nun schon zehn Jahre zurück; Penda herrschte damals über das Land.

Ein übler Mann. Penda wurde als Heide geboren und starb als Heide, er diente zu allen Zeiten seinem Gott Wotan.«

»Bist du geflohen?« fragte Eadulf und bemühte sich, nicht verlegen zu erscheinen, auch wenn Bruder Meurigs Worte ohne Groll waren.

»Nachdem Oswy von Northumbria Penda besiegt und ihn bei Winwaed Field im Jahre 654 getötet hatte und das Königreich Mercia daraufhin zerschlagen wurde, kamen viele seiner Sklaven frei, insbesondere christliche Mönche wie ich, und sie durften in ihre Heimatländer zurückkehren.«

»Jetzt bist du ein barnwr - ein Richter an den Gerichten von Dyfed«, ergänzte Fidelma.

Bruder Meurig lächelte zufrieden. »So wie du, Schwester Fidelma«, sagte er. »Eine dalaigh ist das gleiche wie ein barnwr. Wir haben viel gemeinsam.«

»Ich habe gehört, daß eine große Anzahl eurer Gesetze den Gesetzen der Brehons von Eireann ähneln. Ich bin sicher, daß ich noch eine Menge von dir lernen kann, Bruder Meurig.«

»Dein Ruf eilt dir voraus, Schwester. Ich bezweifle, daß ich dir noch viel beibringen kann«, stellte der barnwr freundlich klar.

»Hat man dir mitgeteilt, was in Llanpadern geschehen ist?« fragte Eadulf.

Bruder Meurig nickte. »Doch man hat mir diesen Fall nicht angetragen.«

»Hast du eine Meinung dazu?« drängte ihn Eadulf.

»Eine Meinung?« Bruder Meurig rümpfte abschätzig die Nase. »Ich habe gehört, daß Prinz Cathen glaubt, es könnte sich um einen Überfall von Kriegern aus Ceredigion handeln, die Geiseln nehmen wollten. Ich halte das zwar für möglich, aber nicht für wahrscheinlich.«

»Gibt es eine andere vernünftige Erklärung?«

Bruder Meurig schüttelte den Kopf.

»Kannst du dir eine andere Möglichkeit vorstellen?« fragte nun Fidelma.

»Mir fällt keine ein.«

»Dann glaubst du also nicht wie Abt Tryffin, daß die Klosterbrüder Opfer Schwarzer Magie geworden sind - von dunklen Mächten einfach fortgehext?« fragte Eadulf ernst.

Bruder Meurig lachte trocken.

»Die dunklen Mächte haben Besseres zu tun, als ihre Zeit mit Zaubertricks zu verschwenden, Bruder Eadulf.«

Auf Fidelmas Lippen lag ein leichtes Lächeln. »Wenn du alle anderen Erklärungen ausgeschlossen hast, so muß das, was immer auch dann übrigbleibt, die Antwort sein, ganz gleich wie unglaublich sie erscheinen mag«, bemerkte sie. »Selbst Schwarze Magie.«

»Bei alldem, was ich über dich gehört habe, dachte ich, du würdest als letztes im Reich der Finsternis nach Antworten suchen, Schwester.«

»Oh, Bruder Meurig, da irrst du dich. Man muß als erstes im Reich der Finsternis suchen, wenn man mit dem Bösen zu tun hat. Der menschliche Geist ist derart finster und böse, daß im Vergleich dazu das Jenseits harmlos erscheint.«

Bruder Meurig schien belustigt. »Ich habe vor, beim Morgengrauen nach Pen Caer aufzubrechen, damit wir gegen Abend dort sind. Ihr könnt die Nacht in Pen Caer verbringen und am nächsten Tag nach Llan-padern weiterziehen. Das wäre das sicherste.«

»Das sicherste?« fragte Fidelma.

»Pen Caer ist eine Gegend, die in letzter Zeit oft von Räuberbanden heimgesucht wurde. Selbst Mönche und Nonnen werden von ihnen nicht verschont.«

»Auf unserer Reise morgen wirst du mir mehr von Pen Caer erzählen«, sagte Fidelma, als sie sich verabschiedeten.

»Dort ist es! Das ist Llanwnda! Das ist der Sitz des Fürsten von Pen Caer.«

Die meiste Zeit über waren sie gemächlich geritten, waren gut vorangekommen, ohne daß ihre Tiere ermüdeten, hatten hier und da angehalten, um Wasser zu trinken und dann, um ihren Mittagsproviant zu verzehren. Ihr Weg führte sie an der Küste entlang, und die Gegend war in ihrer Vielfalt sehr malerisch. Moorlandschaften und Klippen, hügelige bewirtschaftete Felder und dichte bewaldete Täler, Schluchten, durch die sich Flüsse wanden, und sogar Marschland säumten ihren Weg. Ab und zu waren sie dem Wasser ganz nahe. Bruder Meurig deutete dann manchmal auf die hoch aufragenden Klippen, die das Land von der ruhelosen See trennten.

Es war später Nachmittag; am Himmel standen graue Wolken, und bald würde die Abenddämmerung hereinbrechen. Sie konnten es an der Kälte spüren, an dem trüben Dunst. An einem Kreuzweg stand seitlich an der Hecke ein alter Stein, der am oberen Ende rund war und ein Kreuzeszeichen trug. Dort brachte Bruder Meurig seine Stute zum Stehen. Er zeigte auf ein paar Gebäude, die man hinter den Bäumen gerade noch erkennen konnte und die weniger als eine Meile entfernt lagen.

»Das ist Llanwnda!« rief er.

Eadulf fiel es schwer, den Namen auszusprechen. »Was bedeutet das?«

»Llan bedeutet Eingemeindung«, erwiderte Bruder Meurig. »Der Fürst hier wird Gwnda genannt, aus diesen beiden Silben besteht der Name.«

»Und der hohe Berg dort?« erkundigte sich Schwester Fidelma. »Ist das der Berg, hinter dem das Kloster von Llanpadern liegt?«

Bruder Meurig schüttelte den Kopf. »Nein, der Berg heißt Pen Caer, von ihm hat diese Gegend hier ihren Namen. Das Kloster Llanpadern befindet sich am Fuße eines kleineren Berges, der Carn Gelli heißt und südlich von uns liegt. In der Ferne kannst du ihn zu deiner Linken wahrnehmen.«

Es war schwierig, aber sie konnte die Umrisse gerade noch ausmachen.

»Gewiß finden wir in Llanwnda eine gute Unterkunft. Wahrscheinlich wird uns Gwnda persönlich seine Gastfreundschaft anbieten, und dann werdet ihr von den Leuten erfahren, was sie von den Geschehnissen in Llanpadern halten.«

»Das ist wunderbar«, meinte Fidelma erwartungsvoll. »Ich hoffe, wir erfahren etwas mehr über die Angelegenheit, in der man dich als Richter gerufen hat. So könnte ich ein wenig die Rechtspraxis von Dyfed kennenlernen.«

»Es wäre mir ein Vergnügen, wenn du mich bei meinen Ermittlungen begleitest«, erwiderte Bruder Meurig. »Das Rechtsverfahren ist hier wirklich etwas anders als in deinem Land.«

»Was ist das?« fragte Eadulf auf einmal. Er hatte unter den Bäumen, die die Ortschaft umgaben, einen merkwürdigen Lichtschein bemerkt. Ein rötlich flak-kerndes Licht.

»Das sieht nach einem Feuer aus«, erwiderte Bruder Meurig mit angstvoll aufgerissenen Augen.

»Vielleicht können wir helfen!« rief Fidelma und setzte ihr Pferd in Trab.

»Und was ist, wenn dort Plünderer zugange sind?« schrie ihr Bruder Meurig verzweifelt hinterher. »Sollten wir uns dem Ort nicht besser mit Vorsicht nähern?«

Doch Fidelma und Eadulf, der ihr hinterherjagte, waren schon außer Hörweite. Bruder Meurig blickte resigniert zum Himmel auf und folgte ihnen. In leichtem Galopp ritten sie durch den Wald, denn es war gefährlich, sich noch rascher vorwärtszubewegen. Schließlich gelangten sie an eine Brücke, die über einen schnell dahinfließenden Fluß in die Ortschaft führte.

»Ich glaube nicht, daß ein Gebäude in Flammen steht«, rief Eadulf, als sie auf der Brücke haltmachten.

So war es auch.

Hinter der Brücke konnten sie zwischen den Häusern einen Platz erkennen. Dort hatte sich um einen großen Baum eine Menschenmenge versammelt. Männer, Frauen und Kinder standen stumm zusammengedrängt. Jeder der Männer hielt eine brennende Fackel hoch, wodurch jener schaurige, rote Lichtschein entstand, der wie ein großes Feuer wirkte. Kein einziger Ton war zu hören, nur die lodernden Flammen der Fackeln knisterten. Zwei Männer traten aus dem Dunkel hervor. Sie zerrten einen dritten Mann zwischen sich mit, der sich heftig wehrte. Fidelma, Eadulf und Bruder Meurig konnten den Mann jammern hören, er weinte wie ein Kind.

Bruder Meurig stieß einen Fluch aus - was er als Mönch wohl besser nicht hätte tun sollen -, dann ritt er auf den Platz. Erschrocken gaben die Leute ihm den Weg frei.

Eadulf rief Fidelma eine Warnung zu, doch sie zuckte mit den Schultern und folgte Bruder Meurig.

Der war bereits an dem Baum, Fidelma und Eadulf kamen zu seiner Rechten und Linken zum Stehen. Eadulf wurde klar, daß Bruder Meurig sofort begriffen hatte, was hier vorging. Der sich wehrende Mann sollte an dem Baum aufgehängt werden.

»Im Namen Gottes, was treibt ihr hier?« schrie Bruder Meurig. »Haltet ein!«

Die Leute fuhren zurück, doch einige blickten ihn herausfordernd an. Die beiden Männer hielten ihren unglücklichen Gefangenen immer noch ganz fest.

Ein stämmiger Mann, dessen mondrundes Gesicht im Licht der Fackel rot leuchtete, trat hervor. Mit gespreizten Beinen baute er sich vor Bruder Meurig auf, die freie Hand lag am Messer an seiner Taille, er blickte den Mönch finster an.

»Das geht dich nichts an, Bruder! Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten und laß uns in Ruhe.«

»Das ist durchaus meine Angelegenheit«, entgegne-te Bruder Meurig mit Stentorstimme, um sich Autorität zu verschaffen. »Laßt Gwnda, den Fürsten von Pen Caer, hervortreten!«

Ein zweiter Mann gesellte sich zu dem Mondge-sichtigen. Er hatte eine Keule in der Hand, die er unbekümmert hin und her schwang. Es war nur zu deutlich, daß dies als Drohung zu verstehen war.

»Du wirst Fürst Gwnda in seinem Haus beim Beten antreffen, falls du zu ihm willst, Bruder.«

Dieser Satz wurde von schallendem Gelächter begleitet.

Bruder Meurig sah auf den Mann herab.

»Er ist bei sich zu Hause, und hier geht es drunter und drüber? Er wird König Gwlyddien Rede und Antwort stehen müssen, wenn auch nur einem Menschen ohne Grund Schaden zugefügt wird.«

Der Mondgesichtige blinzelte und blickte seinen Freund mit der Keule an, ehe er sich wieder an Bruder Meurig wandte.

»Grund gibt es genug, Bruder«, rief er mit zorniger Stimme. »Doch wer bist du, daß du im Namen des Königs gegen unseren Fürsten Drohungen ausstößt?«

»Auf Anfrage eures Fürsten Gwnda bin ich vom König hierhergeschickt worden. Ich bin der barnwr von der Abtei Dewi Sant.«

Der Mondgesichtige wurde ein wenig unsicher. Er trat von einem Fuß auf den anderen. Auch sein Begleiter wirkte nun weniger von sich überzeugt. Bruder Meurig packte die Gelegenheit beim Schopfe.

»Bringt diesen Mann dort her!« befahl er barsch den beiden Männern, die den Gefangenen festhielten. Fragend sahen sie den Mondgesichtigen an. Als sie von ihm keine gegenteiligen Anweisungen erhielten, bewegten sie sich langsam mit dem Gefangenen vorwärts. Der schluchzte und ließ den Kopf hängen.

»Das ist ja fast noch ein Kind«, murmelte Fidelma, die die unglückliche Gestalt eingehend betrachtete. Sie hatte das in ihrer Muttersprache zu Bruder Meurig gesagt. Der Mondgesichtige blickte sie mißtrauisch an. Offensichtlich hatte auch er ihre Worte verstanden.

»Kind oder nicht, er ist ein Mörder und wird bestraft«, erwiderte er.

»Auf solche Weise bestrafen wir hier niemanden«, entgegnete Bruder Meurig. »Was meinst du mit deiner Anschuldigung?«

»Dieser Junge hat meine Tochter vergewaltigt und ermordet! Ich will Vergeltung!« rief der Mondgesich-tige entschlossen.

»Vergeltung wird es nicht geben.« Bruder Meurigs Worte klangen schneidend. »Gerechtigkeit soll jedoch allen widerfahren. Wie heißt du?«

»Ich bin Iorwerth, der Schmied.«

»Und der Name des Jungen?«

»Er heißt Idwal.«

»Gut, Schmied Iorwerth. Du wirst uns zum Haus von Gwnda führen. Ihr beide seht zu, daß dem Jungen nichts passiert, sonst ziehe ich euch zur Rechenschaft.« Bruder Meurigs Anweisungen duldeten keine Widerrede. Er blickte in die Menschenmenge, die einige Schritte zurückgetreten war, als wolle sie sich von Iorwerth und seinen Freunden distanzieren. »Ihr anderen kehrt wieder in eure Häuser zurück.« Er sah den Mann mit der Keule an, der nun weniger angriffslustig schien. »Und wie heißt du?«

»Ich bin Iestyn. Ich bin Bauer«, antwortete er gereizt.

»Iestyn, was rechtfertigt dein Eingreifen in dieser Sache?«

»Ich bin ein Freund von Iorwerth.«

»Nun, Freund von Iorwerth, ich übertrage dir die Aufgabe, dafür zu sorgen, daß diese Leute so schnell wie möglich in ihre Häuser zurückkehren. Gibt es auch nur das geringste Anzeichen von Unruhe oder weiterem Aufruhr, dann ... Ich würde dich dann persönlich dafür verantwortlich machen. Das würde dir ganz sicher nicht gefallen.«

Bruder Meurig gab nun Iorwerth ein Zeichen, voranzugehen. Der zögerte einen Moment, doch dann zuckte er mit den Schultern und setzte sich in Bewegung. Bruder Meurig folgte ihm auf seinem Pferd, während die beiden Männer, die den Jungen festhielten, ihn nun vor sich her schoben.

Eadulf und Fidelma schlossen sich Meurig an. »Es sieht so aus, als hätte Bruder Meurig mehr Durchsetzungsvermögen, als ich ihm zugetraut habe«, flüsterte Eadulf Fidelma zu.

Die verzog das Gesicht. »Er ist eben ein barnwr«, meinte sie in einem Ton, der ein wenig vorwurfsvoll klang.

Die kleine Gruppe schlängelte sich die kurze Strek-ke durch den Ort bis zu einem größeren Komplex aus Scheunen und Nebenbauten. Darunter befand sich ein stattliches Gebäude, dessen beeindruckende Ausmaße vermuten ließen, daß es sich um das Haus des Stammesfürsten dieser Gegend handelte. Zwei Männer standen vor der Tür. Sie schienen vom Eintreffen der Gruppe überrascht zu sein. Einer von ihnen trat hervor, als er Iorwerth erkannte.

»Was ist los?«

»Das ist der barnwr«, erklärte der Schmied knapp und nickte zu Bruder Meurig hinüber.

»Wo befindet sich der Fürst?« fragte Bruder Meurig vom Pferd herab.

Der Mann schaute zum Haus. Da drehte sich sein Gefährte plötzlich um und rannte davon. Der andere rief ihm einen Fluch hinterher.

»Hol deinen Fürsten her. Rasch! Und wehe dir, wenn ihm etwas zugestoßen sein sollte«, sagte Bruder Meu-rig in schärferem Ton.

Der Mann ging zur Tür und pochte. Sie schien nicht verschlossen zu sein. Man hörte Schritte dahinter. Jetzt nahm der zweite Mann ebenfalls Reißaus.

Einen Augenblick später stand in der Tür ein stämmiger Hüne mit einem dunklen Vollbart. In der rechten Hand hielt er ein Schwert, als wolle er sich im Falle eines Angriffs verteidigen.

»Was hat das zu bedeuten?« brummte er und blickte überrascht in die Runde. »Ich, Gwnda, verlange eine Erklärung!«

Bruder Meurig neigte sich in seinem Sattel nach vorn. »Bist du Gwnda, Fürst von Pen Caer?«

»Der bin ich«, antwortete dieser, ohne sein Schwert zu senken. Als er die Mönchskutte bemerkte, wurden seine Augen plötzlich schmal.

»Ich bin Bruder Meurig von der Abtei Dewi Sant -der Richter, nach dem du gerufen hast. Das sind meine Begleiter, Schwester Fidelma und ihr angelsächsischer Gefährte, Bruder Eadulf. Sie reisen im besonderen Auftrag von Gwlyddien von Dyfed.«

Gwnda schien verblüfft. Erst jetzt bemerkte er Iorwerth und die beiden Männer, die den Jungen festhielten. Er stellte nun die Schwertspitze auf die Stufe vor sich, seine Hände ruhten auf dem Knauf. Sein Gesicht entspannte sich ein wenig, als Begrüßungslächeln konnte man das allerdings nicht deuten.

»Ich wünschte, ich könnte euch hier unter erfreulicheren Umständen willkommen heißen.«

Bruder Meurig schwang sich vom Pferd. »Nichts gegen diese Umstände, Gwnda, vorausgesetzt, sie werden uns erläutert.«

Mit säuerlicher Miene betrachtete Gwnda Iorwerth. »Heißt das, euer Aufstand ist beendet, Iorwerth?«

»Es sollte nie zu einem Aufruhr kommen«, erwiderte der Schmied zu seiner Verteidigung. »Ich wollte nur Gerechtigkeit.«

»Du hattest Rache im Sinn, und es war ein Aufstand; ein Aufstand gegen deinen Herrn. Doch ich bin dir wohlgesonnen und verzeihe dir den Gesetzesbruch, weil du dich von deinen Gefühlen hast hinreißen lassen. Geh nach Hause, wir reden später darüber, wie du deine Aufsässigkeit wiedergutmachen kannst.« Gwnda wandte sich nun an Bruder Meurig: »Falls wir deine Erlaubnis dazu bekommen.«

»Du scheinst ein liberal denkender Mann zu sein, Gwnda«, sagte Bruder Meurig. »Ich sehe keinen Grund, warum ich dagegen etwas einwenden sollte, wenn man mir die Sache nachher in Gänze erklärt. Wenn nun alle hier wieder zur Besinnung gekommen sind, können die beiden Männer den Jungen an einen sicheren Ort schaffen, wo er gefangengehalten wird, bis ich ihn befragen kann.«

»Bringt Idwal in meine Stallungen«, befahl Gwnda. »Danach sorgt dafür, daß die Pferde unserer Gäste gut gefüttert werden.« Er lächelte. »Kommt nun in mein Haus, meine Freunde, und ich werde versuchen, euch von den betrüblichen Ereignissen dieses Abends zu berichten.«

»Fürst Gwnda .« Einer der beiden Männer zögerte immer noch.

»Nun?« fuhr ihn Gwnda an.

»Werde ich . Werden wir bestraft werden?«

Gwnda deutete auf Bruder Meurig. »Ihr werdet Gelegenheit haben, euch zu verteidigen. Eure Strafe wird von dem Urteil des barnwr hier abhängen.«

»Aber es war doch Iorwerth, der Schmied, der uns gesagt hat . uns allen eingeredet hat . daß wir ihm beistehen müssen. Er sagte, daß es um Gerechtigkeit ginge.«

»Allen?« rief Gwnda. »Genug. Du wirst dich später rechtfertigen können. Jetzt führ den Auftrag aus, den ich dir gab. Es sei denn, du willst noch weiter rebellieren?«

Die beiden Männer ließen reumütig ihre Köpfe hängen und entfernten sich mit dem Jungen, während Fidelma und Eadulf von den Pferden stiegen und die Zügel an einem Pfosten in der Nähe festbanden. Gwnda geleitete sie ins Haus. In einer Ecke saßen einige Frauen, die die Eintreffenden besorgt musterten.

»Kein Grund zur Aufregung«, rief Gwnda fröhlich und hängte sein Schwert auf. »Das ist der Richter mit seinen Begleitern. Sie kommen direkt von Gwlyddiens Hof.«

Darauf trat ein recht hübsches, dunkelhaariges Mädchen von ungefähr siebzehn Jahren hervor. Sie blickte neugierig auf die Fremden.

»Das ist meine Tochter Elen«, verkündete Gwnda.

»Ist der Junge, ich meine Idwal, ist er in Sicherheit?« fragte sie Bruder Meurig. Fidelma bemerkte den besorgten Ton in ihrer Stimme.

»Ja. Bist du mit ihm befreundet?« erkundigte sich der Richter.

Gwnda schnaubte ungehalten. »Meine Tochter ist mit diesem Burschen nicht befreundet!«

Bruder Meurig sah das Mädchen unverwandt an. Er entgegnete nichts, sondern zog einfach nur fragend seine Augenbrauen hoch.

»Ich war eine Freundin von Mair«, sagte das Mädchen zögernd, wobei sich ihre Wangen röteten. »Jeder hier kennt Idwal.«

»Du solltest lieber über Mairs Schicksal nachdenken als über Idwals«, murmelte Gwnda bitter. »So, nun laß uns allein, damit wir die Angelegenheit besprechen können.« Mit lauter Stimme rief er: »Bud-dog! Wo steckt Buddog?«

Eine hübsche, blonde Frau in mittleren Jahren eilte herbei. Ihre Gesichtszüge verrieten, was für eine Schönheit sie in ihrer Jugend gewesen sein mußte.

»Hol ein paar Getränke und etwas zu essen für den barnwr und seine Begleiter. Aber schnell!« Der Ton des Fürsten war befehlend, so sprang ein Herr mit seiner Bediensteten um.

Die Frau stand einen Augenblick wie angewurzelt da und schaute auf Gwnda. Fidelma fiel auf, wie intensiv sie ihn ansah, beinahe feindselig. Bruder Meurig und Eadulf bemerkten das offenbar nicht, ebenso wie Gwnda, der Bruder Meurig gerade einen Stuhl anbot. Erst danach wurde er gewahr, daß Buddog ihm nicht gehorcht hatte. Erstaunt runzelte er die Stirn.

»Unsere Gäste brauchen jetzt eine Erfrischung, nicht erst morgen.«

Für den Bruchteil einer Sekunde harrte Buddog noch aus, dann entfernte sie sich ohne ein weiteres Wort.

Außerdem registrierte Fidelma, daß Elen die ganze Zeit über an der Tür gestanden und die Szene beobachtet hatte. Als Buddog an ihr vorbeischritt, warfen sich die beiden einen bedeutungsvollen Blick zu. Darauf drehte sich Elen um und schloß die Tür. Fidelma hätte allzugern gewußt, was hinter ihrem Verhalten steckte. Im Hause des Fürsten von Pen Caer herrschte offenbar eine gespannte Atmosphäre. Interessant, dachte Fidelma.

Gwnda bedeutete Fidelma und Eadulf, sich zu Bruder Meurig an das lodernde Feuer zu gesellen. Eine andere Magd brachte einen Krug Met und schenkte ihn aus.

»Wir sind wohl gerade zum richtigen Zeitpunkt eingetroffen«, sagte Fidelma, als sie an dem honigsüßen Met nippte. »Offensichtlich warst du der Gefangene deiner eigenen Leute.«

Gwnda warf ihr einen abschätzenden Blick zu. Dann nickte er langsam. »Aufruhr, so muß man das nennen«, bestätigte er gereizt. »Ich kann verstehen, warum einige der Leute sich von ihrem Zorn haben leiten lassen. Bei so einer Sache gehen die Gefühle mit einem durch.«

Bruder Meurig betrachtete ihn ernst. »Dein Verständnis ist höchst löblich, Gwnda. Doch so einen Aufruhr darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Was ist passiert?«

Gwnda machte eine wegwerfende Geste. »Mein eigenes Volk, dumm und fehlgeleitet, hat mich und mein Gefolge hier eingesperrt. Dann haben sie den Gefangenen geholt und wollten ihn hinrichten.«

Bruder Meurigs Blick war düster geworden. »Sie haben dich und deine Familie eingesperrt und den Jungen gewaltsam aus deinem Gewahrsam entführt? Das ist bisher beispiellos.«

»Wenn es derart beispiellos ist, wird das Ereignis in die Annalen der Geschichte eingehen. Iorwerth, der diesen üblen Aufstand anführte, ist der Vater des Mädchens, das Idwal vergewaltigt und ermordet hat. Es ist verständlich, daß er sich von seinem Streben nach Vergeltung leiten ließ. Ich kann ihn nicht mit gutem Gewissen verurteilen.«

»Du bist sehr nachsichtig«, bemerkte Bruder Meurig.

»Das klingt ja, als hättest du den Jungen schon für schuldig befunden, Gwnda. Weshalb ist dann noch ein Richter nötig?« mischte sich Fidelma ein.

Gwnda lächelte herablassend. »Wie ich feststellen muß, bist du nicht von hier, Schwester. Ich werde dir später die Gesetze dieses Landes erläutern. Das Recht ist eine komplizierte Sache.«

Bruder Meurig hüstelte. »Fürst Gwnda, Fidelma ist nicht nur die Schwester des Königs von Cashel, sie ist auch eine befähigte dalaigh, eine Anwältin ihres Landes in einer Position, die der meinen vergleichbar ist. Sie wurde von Gwlyddien, unserem König, mit persönlichen Vollmachten ausgestattet, um das rätselhafte Ereignis von Llanpadern aufzuklären.«

Gwnda errötete.

»Du hast meine Frage nicht beantwortet.« Fidelma gab nicht nach. »Deinen Worten entnehme ich, daß du den Jungen vorverurteilst.«

Dem Fürsten von Pen Caer war offenbar nicht ganz wohl in seiner Haut. »Ich habe nach einem Richter geschickt, weil ich denke, daß man die Gesetze einhalten muß. Unabhängig davon halte ich den Jungen für schuldig.«

Eine der Frauen brachte ein Tablett mit Speisen und weiteren Getränken herein und stellte es auf dem Tisch ab. Die Unterhaltung verstummte. Gwnda bat seine Gäste, am Tisch Platz zu nehmen. Es gab aufgeschnittenen Braten, Käse, pikante Pasteten und Haferbrot. Becher mit Met und frischem Wasser standen bereit.

Fidelma nutzte die Gelegenheit, Eadulf zu fragen, ob er der Unterhaltung einigermaßen hatte folgen können. Eadulf sagte, er verstehe, worüber man rede, sei der Sprache jedoch nicht so mächtig, um etwas beitragen zu können.

»Man hat dich also geschickt, um das Geheimnis der verschwundenen Klostergemeinde aufzudecken?« wandte sich Gwnda nun an Fidelma.

»Was weißt du darüber?« fragte Bruder Meurig.

»Llanpadern befindet sich nur drei Meilen von hier entfernt. Wir haben weder etwas bemerkt noch etwas gehört, bis einer unserer Schäfer uns davon berichtete.« Er war nachdenklich geworden. »Es war ebenjener Idwal, er kam hierher und erzählte meinen Leuten, daß die Mönche wie vom Erdboden verschluckt seien. Das war genau an dem Vormittag, als er Mair umgebracht hat.«

»Hast du jemanden losgeschickt, um seine Geschichte zu überprüfen?«

Gwnda schüttelte den Kopf. »Als mir Buddog, meine Dienerin, berichtete, was Idwal ihr erzählt hatte, war Mair schon tot. Idwal war bereits gefangengenommen worden. Wir waren ganz mit dem Mord beschäftigt, und dann habe ich jemanden losgeschickt, um von Dewi Sant einen Richter anzufordern. Erst heute vormittag habe ich mich an die Geschichte mit Llanpadern erinnert. Natürlich war es da zu spät.«

»Zu spät? Was meinst du damit?«

»Ja, wißt ihr es denn nicht?« fragte Gwnda überrascht. »Der junge Dewi, der Sohn von Goff, dem Schmied von Llanferran, teilte uns heute früh mit, daß die Klostergemeinde von Seeräubern entführt wurde. An der nahe gelegenen Küste hat man ein paar tote Mönche gefunden. Wahrscheinlich sind sie bei einem Fluchtversuch heimtückisch erschlagen worden.«

Diese Nachricht machte alle sprachlos und tief betroffen.

Bruder Meurig fragte leise: »War Bruder Rhun unter den Opfern?«

»Das weiß ich nicht. Dewi sagte, daß die Leute von Llanferran die toten Mönche begraben hätten. Wenn sich Bruder Rhun darunter befunden hat, hätten sie es uns sicher mitgeteilt.«

»Und hat dieser Dewi aus Llanferran gesagt, wer die Seeräuber waren?« fragte Fidelma ruhig.

»O ja. Es waren Angelsachsen.«

Kapitel 5

Die darauffolgende Stille wurde nur von Eadulf unterbrochen, der verlegen auf seinem Stuhl hin und her rutschte. Er hatte alles verstanden und wich nun Fidelmas Blicken aus.

»Dieser Junge, den ihr Dewi nennt, ist er ein zuverlässiger Zeuge?«

Gwnda nickte. »Sein Vater, Goff, ist ein sehr angesehener Mann. Llanferran liegt nicht weit von hier, wenn du dich selbst vergewissern willst.«

»Hast du viel Kontakt zum Kloster Llanpadern?«

»Eigentlich nicht. Ich kannte den Klostervorsteher, Pater Clidro, ziemlich gut. Er war ein großherziger frommer Mann und ein hervorragender Gelehrter. Aber wir haben mit den Mönchen nur wenig Handel getrieben.«

»Du hast gesagt, daß Idwal euch als erster von den verschwundenen Mönchen erzählt hat?« fragte Fidelmanachdenklich. »Das muß vor zwei Tagen gewesen sein, oder?«

»Er hat das meiner Dienerin Buddog erzählt, nicht mir.«

»Ich muß unbedingt mit Idwal darüber sprechen, was er gesehen hat.«

»Der wiederum ist kein zuverlässiger Zeuge«, bemerkte Gwnda sarkastisch.

Fidelma zog die Augenbrauen ein wenig hoch. »Warum? Weil er sich jetzt in dieser mißlichen Lage befindet?«

»Keineswegs. Idwal hat behauptet, daß die Gemeinde einfach verschwunden sei. Puff! Wie Rauch im Wind. Daß es keine Anzeichen für Gewalt gab. Wenn die Angelsachsen Llanpadern geplündert und die Mönche entführt haben, wie Dewi berichtet, dann muß man doch sehen, daß dort ein Überfall stattgefunden hat.«

Fidelma verkniff sich, Gwnda zu sagen, daß Idwals Darstellung mit der von Bruder Cyngar übereinstimmte.

»Warum hielt sich Idwal zu dieser Zeit in Llanpadern auf?« wollte sie wissen.

»Der Junge ist ein umherziehender Schafhirte und wandert häufig über die Berge.«

»Verzeih mir die Frage, aber bist du dir sicher, daß er an dem gleichen Vormittag die Nachricht überbrachte, an dem er das Mädchen vergewaltigt und ermordet haben soll?« Zum erstenmal beteiligte sich Eadulf an der Unterhaltung. Es war auch das erstemal, daß er sich in der Sprache von Dyfed äußerte. Er sprach mit starkem Akzent und fehlerhafter Grammatik, doch man konnte ihn verstehen. Gwnda betrachtete ihn überrascht.

»Ah, und ich dachte, du bist stumm, Angelsachse. Dabei kannst du sprechen. Nicht gut, aber immerhin redest du.«

»Bruder Eadulf ist Abgesandter des Erzbischofs von Canterbury«, erläuterte ihm Fidelma. »Und er ist mein getreuer Begleiter. Er beherrscht mehrere Sprachen.«

Gwnda lächelte herablassend. »Ich habe erfahren, daß es unter den Jüten von Canterbury einen neuen Erzbischof gibt. Ein Grieche, nicht wahr?«

»Ehe wir uns über diese und jene Neuigkeiten unterhalten, sollten wir vielleicht noch einiges klären«, sagte Fidelma. »Bruder Eadulf hat eine präzise Frage gestellt.«

Der Fürst von Pen Caer zuckte gleichgültig mit den Schultern. »So ist es, sächsischer Bruder. Das war an dem gleichen Vormittag, an dem Idwal Mair vergewaltigt und umgebracht hat.«

»Ein Zufall?« fragte Eadulf mit Nachdruck.

»Was sonst, mein sächsischer Freund? Was sonst?«

Geräuschvoll räusperte sich Bruder Meurig. »Morgen ist genügend Zeit, sich mit dem Rätsel von Llan-padern zu beschäftigen«, sagte er. »Ich würde gern mehr über den Mord hier erfahren. Vielleicht könntest du, Gwnda, mir den Vorgang so schildern, wie er sich deines Wissens nach zugetragen hat.«

»Wie er sich meines Wissens nach zugetragen hat?«

»Alles, was du weißt. Zuallererst, wer ist eigentlich das Opfer?«

Gwnda setzte sich auf seinem Stuhl zurecht und legte die Hände ineinander. »Ein Mädchen namens Mair. Wie ihr wißt, war sie die Tochter von Iorwerth, unserem Schmied - seine einzige Tochter. Sogar sein einziges Kind. Da Iorwerths Frau auch schon tot ist, hat sie ihm sehr viel bedeutet. Mair war sehr jung, erst sechzehn Jahre alt. Und sie war Jungfrau.«

Bruder Meurig schnalzte mehrmals mit der Zunge. Als er sah, daß Fidelma die Stirn leicht runzelte, erklärte er ihr: »Ich glaube, auch in deinem Land hat die Ehre einer Jungfrau ihren Preis, Schwester. Dieser Preis, wir nennen ihn hier sarhead, ist sehr hoch. Ein Teil des Geldes steht dem König zu, denn eine Jungfrau und ihre Sicherheit liegen in seiner Verantwortung. Das wird hier seine nawdd genannt.«

Mit gesenktem Kopf hatte Fidelma Bruder Meurig zugehört. »Das stimmt. Bei uns heißt dieser Preis snadud. Der Schutz des Königs. Alle Jungfrauen seines Herrschaftsgebietes stehen unter seinem Schutz, und wenn ihnen jemand ihre Jungfräulichkeit nimmt, so muß derjenige dafür eine bestimmte Geldsumme zahlen.«

»Sollten wir uns jetzt nicht den Umständen des Mordes zuwenden?« warf Bruder Meurig ein.

Also fuhr Gwnda fort: »Es fiel auf, daß Idwal mehr als unter solchen Bedingungen üblich Mairs Gesellschaft suchte.«

»Was meinst du mit: unter solchen Bedingungen?« erkundigte sich Fidelma.

»Idwal ist, wie ich schon sagte, ein umherziehender Schafhirte. Außerdem ist er ein Findelkind. Ein Kind ohne Herkunft, ohne Namen. Niemand kannte seinen Vater oder seine Mutter. Er ist ein Junge ohne jeden Wert. Deshalb hat Iorwerth ihm nahegelegt, sich von seiner Tochter fernzuhalten. Und Mair hat er dazu aufgefordert, die Gesellschaft des Schafhirten zu meiden.«

»Und hat sie das getan?« fragte Fidelma.

Diese Frage schien Gwnda zu überraschen. »Mair war eine pflichtbewußte Tochter. Versteht doch, Ior-werth ist ein angesehener Schmied, und er hoffte natürlich, daß sein einziges Kind eine gute Partie machte. Ich glaube, er hatte die Absicht, sie mit Madog zu verheiraten, dem Goldschmied aus Carn Slani.«

»Ich nehme an, was die Mitgift betrifft, wird in unseren Ländern ähnlich verfahren?« erkundigte sich Fidelmabei Bruder Meurig.

»So ist es«, bestätigte er ihr. »Der Mörder muß dafür, daß er Mair die Ehre geraubt hat, der Familie, also Iorwerth, den sarhead zahlen. Darüber hinaus ist er dem Fürsten von Pen Caer und König Gwlyddien eine bestimmte Summe schuldig. Das ist zusammen eine ganze Menge Geld.«

»Mehr als ein umherziehender Schafhirte wohl zahlen kann?« mischte sich nun Eadulf wieder in das Gespräch ein.

Gwnda tat seinen Einwurf mit einer Handbewegung ab. »Idwal könnte das Geld niemals aufbringen. Deshalb ist Iorwerth ja so wütend.«

»Willst du damit sagen, daß Iorwerth nur über den finanziellen Verlust wütend ist, den er dem Mörder seiner Tochter verdankt?« fragte Fidelma rasch.

Gwnda schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht, aber das würde doch jeden nur noch mehr aufbringen. Bei all seinem Zorn hat er seine Pflicht gegenüber seinem Fürsten vergessen. Er überredete einige Nachbarn, mich in meinem Haus gefangenzuhalten, während er und seine Komplizen den Jungen packten und ihn für seine Untat bestrafen wollten, doch da seid ihr aufgetaucht.«

»Das ist barbarisch und verstößt gegen unsere Rechtsprechung«, stellte Bruder Meurig klar.

»Allerdings ist es befriedigend für einen Mann, dem man Unrecht zugefügt hat und der keine andere Möglichkeit zur Vergeltung sieht«, warf Gwnda ein.

Fidelma zog kritisch ihre Augenbrauen zusammen. »Das klingt ja, als würdest du das gutheißen?«

Gwnda lächelte schwach.

»Dem Gesetz nach kann ich das natürlich nicht durchgehen lassen. Doch ich verstehe Iorwerth. Das sagte ich bereits. Daher werde ich ihn für die Anstiftung zum Aufruhr nicht bestrafen.«

»Dessenungeachtet hat es so einen Vorfall noch nie gegeben, und es war ein klarer Gesetzesverstoß.« Auch Bruder Meurig blieb bei seiner Meinung.

»Wir kennen die Umstände des Mordes nach wie vor nicht«, bemerkte Eadulf leise, denn ihm war aufgefallen, daß die Unterhaltung in eine Sackgasse geraten war.

Einen Augenblick sah ihn Bruder Meurig verärgert an, doch dann erwiderte er: »Du hast recht. Derartige juristische Streitgespräche sollten wir uns für später aufheben. Jetzt wollen wir etwas über die genaueren Umstände des grausamen Mordes erfahren, Gwnda.«

Der Fürst von Pen Caer rieb sich die Nase. »Da gibt es wenig zu berichten. Es ist zwei Tage her. Wie ich schon sagte, Idwal kam in unseren Ort und erzählte Buddog vom Verschwinden der Mönche von Llan-padern. Das war kurz nach dem Morgengrauen. Ior-werth hatte seine Tochter Mair gerade nach Cilau zu ihren Verwandten losgeschickt, um etwas für ihn zu besorgen. Ungefähr eine Stunde später erschien Ie-styn, sein Freund, in der Schmiede und erzählte ihm, daß er gesehen hätte, wie Mair und Idwal sich im Wald heftig stritten. Er war schnurstracks zu Iorwerth gelaufen, denn er wußte ja, daß der seiner Tochter verboten hatte, sich mit Idwal zu treffen.«

»Warum hat Iestyn denn nicht gleich in den Streit eingegriffen und ihn geschlichtet? Er ist schließlich ein Freund ihres Vaters«, wandte Bruder Meurig ein.

»Das mußt du Iestyn selbst fragen«, erwiderte Gwnda.

»Sprich weiter«, drängte ihn der Richter. »Was geschah dann?«

»Iorwerth bekam einen Wutanfall. Er, Iestyn und ein paar andere Männer aus dem Ort zogen los, um Idwal zu suchen und ihn so zuzurichten, daß er nie mehr ein anderes Mädchen belästigen könnte.«

»Belästigen?« erkundigte sich Fidelma. »Ich dachte, Iestyn hatte einen Streit beobachtet. Wie kann Ior-werth das denn als Belästigung auslegen?«

»Die Frage mußt du ihm schon selbst stellen, Schwester. Ich kann nur berichten, was ich gehört habe«, antwortete Gwnda.

»Wann hast du erfahren, daß Iorwerth und seine Freunde sich auf die Suche nach Idwal gemacht hatten?« fragte Bruder Meurig.

»Zufällig war ich an diesem Vormittag auch im Wald. So begegnete ich Idwal, wie er sich gerade über Mairs Leiche beugte. Mich bemerkte er nicht, aber es war klar, was da passiert war. Denn der Junge hatte immer noch vor Zorn die Fäuste geballt und rief mit schriller Stimme ihren Namen.

Als ich hörte, daß Iorwerth, Iestyn und die anderen sich ihm näherten, ging ich in seine Richtung. Idwal hatte sie ebenfalls wahrgenommen und wollte losrennen. Zufällig lief er genau dorthin, wo ich mich hinter einem Baum versteckt hielt. Als er auf meiner Höhe war, streckte ich ihn mit meiner Keule zu Boden. Dann waren auch schon Iorwerth und seine Gefährten da. Als sie sahen, was Idwal getan hatte, wollten sie ihn auf der Stelle totschlagen. Ich konnte sie gerade noch davon abhalten und ihnen erklären, daß man auf einen Richter warten müßte.«

»Da möchte ich einiges doch noch genauer wissen«, sagte Bruder Meurig langsam. »Hast du den Jungen dabei beobachtet, wie er ...«

Fidelma räusperte sich und wollte schon eingreifen, als Gwnda ihr zuvorkam. »Ich habe den Jungen über die Leiche gebeugt stehen sehen. Das ist alles. Aber um zu wissen, was da vor sich gegangen war, braucht man nur eins und eins zusammenzuzählen.«

»In meinem Land sind die Regeln hinsichtlich der Beweislage sehr streng. Du kannst nicht etwas beeiden, was du nicht gesehen hast«, warf Fidelma ein.

»Hier gelten die gleichen Gesetze, Schwester«, pflichtete ihr Bruder Meurig bei. »Die Meinungen und Auslegungen von Zeugen können nicht als Beweismittel dienen. Das weiß Gwnda nur zu gut. Ein Richter wird hier seine eigenen Schlüsse ziehen. Wie ist das Mädchen umgebracht worden?«

»Erwürgt, nachdem sie vergewaltigt wurde. An ihrem Hals waren Druckstellen. Die Leiche ist von unserem Apotheker Elisse untersucht worden. Er sagt, daß auf ihre Kehle starker Druck ausgeübt wurde und das Mädchen keine Luft mehr bekam, bis sie starb.«

»Woran hat der Apotheker feststellen können, daß das Mädchen vor ihrer Ermordung vergewaltigt wurde?« wollte Fidelma wissen.

»An Mairs Unterkleidern war sehr viel Blut, wenn ihr versteht ...«, antwortete Gwnda verlegen.

»War der Körper des Mädchens noch warm, als du dazukamst?« fragte Eadulf, der sich bemühte, in fremder Zunge seine Frage verständlich zu formulieren.

Gwnda starrte ihn an, als sei er ein Trottel.

»Bruder Eadulf will wissen, ob du selbst die Leiche untersucht hast?« vermittelte Bruder Meurig.

»Natürlich habe ich sie nicht angerührt. Ich habe gesehen, daß das Mädchen tot war. Das war auch ohne nähere Untersuchung offensichtlich.«

»Doch du kannst nicht sagen, wie lange Mair schon tot war, als du am Tatort eingetroffen bist?« fragte Fidelma, die verstanden hatte, worauf Eadulf hinauswollte.

»Der Junge stand immer noch über sie gebeugt da. Es war klar, daß der Mord soeben erst geschehen war.«

»Für uns ist das nicht so klar.« Fidelma seufzte. »Den eigentlichen Mord hast du nicht gesehen, und man kann das, was du beobachtet hast, auf vielerlei Art interpretieren. Hat Idwal denn den Mord gestanden?«

»Natürlich nicht.«

»Wieso natürlich?«

»Ich kenne niemanden, der freiwillig einen Mord gestehen würde.«

»Also hat er abgestritten, sie umgebracht zu haben?« fragte Bruder Meurig. »Hat er gestanden, sie vergewaltigt zu haben?«

»Das hat Idwal auch abgestritten.«

»Er hat also verneint, für Mairs Tod verantwortlich zu sein«, stellte Fidelma nachdrücklich fest.

Gwnda nickte verdrossen.

»Hat er denn versucht, den Vorfall zu erklären?« wollte Eadulf wissen. »Was ist seiner Meinung nach geschehen?«

Gwnda schaute ihn entgeistert an.

»Hat man ihn je darum gebeten, den Vorfall aus seiner Sicht zu schildern?« erkundigte sich Bruder Meurig besorgt.

»Nein«, gab Gwnda zu. »Ich bin kein Richter.«

Es folgte ein kurzes Schweigen, dann bemerkte Fidelma: »Schade, daß du die Leiche nicht angefaßt hast, um festzustellen, wie lange Mair schon tot war. Das hätte für uns sehr aufschlußreich sein können.«

Gwnda lachte finster. »Einzig die Schuld des Jungen.«

»Das wäre aber zumindest etwas gewesen, an dem man sich orientieren könnte, nicht wahr?« erwiderte Fidelma kühl.

Bruder Meurig rieb sich das Kinn. »Jeder hier scheint den Jungen als Mörder zu verurteilen, ohne ihn nach seiner Sicht des Vorfalls befragt zu haben. Warum soll er das Mädchen denn getötet haben?«

»Das ist leicht zu beantworten«, entgegnete Gwnda. »Das Mädchen hat ihn zurückgewiesen. In einem Rausch ungezügelter Leidenschaft hat er sie vergewaltigt, und dann, als ihm seine Tat bewußt wurde, hat er sie getötet. Ich hätte gedacht, euch wäre das klar.«

Diese Antwort hatte Fidelma erwartet. »Können wir denn gewiß sein, daß Mair als pflichtbewußte Tochter, wie du uns ja versichert hast, Idwals Annäherungsversuche abwies, vorausgesetzt, er hat überhaupt welche unternommen?«

Gwnda blickte sie geringschätzig an. »In meinem Volk wirst du nicht willkommen sein, wenn du denjenigen etwas unterstellst, die sich nicht mehr verteidigen können.«

Fidelmas Miene blieb ungerührt. »Es tut mir leid, wenn du meinst, daß ich das tue, Gwnda von Pen Caer. Ich habe meine Worte nicht leichtfertig gewählt, und ich denke, daß Bruder Meurig seine Nachforschungen anstellt, um die Wahrheit zu ermitteln. Um der Wahrheit willen müssen Fragen gestellt und Antworten gegeben werden.«

Bruder Meurig erhob sich. »Da stimme ich Schwester Fidelma zu. Es sieht so aus, als seien wir genau zum rechten Zeitpunkt hier eingetroffen. Aber es ist inzwischen schon spät, und wir müssen noch ein Nachtlager finden.«

»Natürlich seid ihr in meinem Hause herzlich willkommen«, sagte Gwnda. Er versucht höflich zu erscheinen, hatte er doch bemerkt, daß Meurig Fidelmas Position bezog.

»Wir nehmen deine Gastfreundschaft gern an«, erwiderte Bruder Meurig im Namen aller.

»Sollte es euch an etwas fehlen, so teilt es Buddog mit. Ich habe keine Frau mehr, und meine Tochter ist noch zu jung, um den Ansprüchen der Führung dieses Haushalts nachzukommen. Ich habe vor, Iorwerth wegen der Schande zur Rechenschaft zu ziehen, die er heute abend über Pen Caer gebracht hat.«

»Ehe wir uns zur Nachtruhe begeben, würden wir gern noch mit Idwal reden«, sagte Fidelma rasch.

»Buddog wird euch zu dem Stall bringen, in dem man ihn gefangenhält. Draußen ist es schon stockdunkel.«

Kapitel 6

Buddog wartete mit einer Laterne an der Tür. Sie hielt das Licht in ihren starken, zupackenden Händen, als sie die drei über den Hof zu den dunklen Ställen führte. Fidelma kam der flüchtige Gedanke, daß die Hände nicht so recht zu der hübschen Frau paßten, denn sie waren von der vielen Arbeit grob und schwielig. Buddog wirkte weder zugänglich, noch war sie sonderlich freundlich zu ihnen. Sie redete nur, wenn man sie ansprach, und dann tat sie das eher einsilbig.

»Führst du schon lange diesen Haushalt, Buddog?« fragte Fidelma freundlich, als sie den Hof überquerten.

»Nein.«

»Erst seit ein paar Wochen?« Fidelmas Stimme klang ein wenig belustigt. Ungenaue Antworten waren ihr zuwider.

Die Haushälterin preßte die Lippen fester aufeinander.

»Ich bin seit zwanzig Jahren in diesem Hause.«

»Das ist eine lange Zeit. Also hast du schon als junges Mädchen hier gearbeitet?«

»Man hat mich als Geisel hergebracht«, erwiderte Buddog. »Ich stamme aus Ceredigion.«

Nun hatten sie die Stalltür erreicht. Buddog war stehengeblieben, ihre Hand lag auf dem Schnappriegel.

»Du wirst die Laterne brauchen, Bruder«, sagte sie zu Meurig. »Ich kenne den Weg im Dunkeln über den Hof, ich finde schon zurück.«

Bruder Meurig nahm ihr die Laterne ab.

Sie zögerte und sagte dann leise, aber recht aufgewühlt, zu dem Richter: »Wenn der Junge Mair umgebracht hat, so hat sie den Tod auch verdient!«

Daraufhin wandte sie sich um und verschwand als Schatten in der Nacht.

Vor Überraschung schwiegen alle, dann sagte Fidelma: »Ich glaube, Bruder, daß du Buddog bitten mußt, dir das näher zu erläutern.«

Bruder Meurig seufzte leise. »Zweifellos, Schwester. Sie wirkte ziemlich erregt.«

Sie fanden Idwal in dem leeren Stall angekettet. Als sie näher traten, zog er sich wie ein ängstliches Tier in die entfernteste Ecke zurück. Weit konnte er sich nicht fortbewegen, denn man hatte ihm die Kette um das Fußgelenk geschlungen und ihm die Hände auf den Rücken gebunden. Der Anblick stieß Fidelma ab, und sie rümpfte die Nase.

»Muß er auf diese Weise festgehalten werden?« fragte sie.

Doch Bruder Meurig war dagegen, ihm die Fesseln abzunehmen. »Falls der Junge ein Mörder ist, gibt es keinen Grund, ihn freizulassen. Er richtet möglicherweise noch mehr Unheil an.«

»Falls! Und falls er kein Mörder ist?« fragte Fidelmamit Nachdruck.

»Die Zeugenaussagen, die wir bisher gehört haben, scheinen diese Möglichkeit eher auszuschließen«, erwiderte Bruder Meurig verärgert darüber, daß sie seine Meinung anzweifelte.

»Bisher haben wir aber nur einen Teil der Zeugen vernommen«, erwiderte Fidelma.

Bruder Meurig wurde ungeduldig. Sie waren den ganzen Tag unterwegs gewesen, und nun war er müde. »Schon gut. Ich werde mit Gwnda sprechen, sobald wir hier fertig sind.«

Er machte einen Schritt nach vorn, und Idwal stieß einen tierähnlichen Schrei aus und verkroch sich. Er zog den Kopf ein, als erwarte er, geschlagen zu werden.

Fidelma legte eine Hand auf Bruder Meurigs Arm. »Mit deiner Erlaubnis würde ich ihn gern befragen, Bruder Meurig. Ich weiß, daß ich nur als Beobachterin hier bin und daß dies deine Großzügigkeit über Gebühr beansprucht, doch auf Fragen, die von einer Frau gestellt werden, antwortet der Junge vielleicht eher.«

Bruder Meurig wollte schon etwas dagegen einwenden. Er hatte langsam das Gefühl, daß sich Fidelmazu sehr in seine Amtsgeschäfte einmischte, doch er war auch so klug, zu spüren, daß sich der Junge einer Frau gegenüber womöglich wirklich eher öffnen würde. Mit einer Handbewegung bedeutete er ihr, mit der Befragung zu beginnen, und ließ sich auf einem Strohballen in der Nähe nieder. Eadulf tat es ihm gleich. Fidelma griff sich einen dreibeinigen Melkhokker und setzte sich neben den Jungen.

»Dein Name ist Idwal, stimmt das?« erkundigte sie sich freundlich.

Der Junge starrte sie mit weit aufgerissenen Augen ängstlich an. Fidelma wurde schnell klar, daß Idwal nicht zu den aufgewecktesten Burschen gehörte, sondern eher etwas begriffsstutzig war. Doch vor allem fürchtete er sich.

»Ich will dir nicht weh tun, Idwal. Es gibt da nur ein paar Fragen, die ich dir stellen muß.«

Der Junge schaute ihr ins Gesicht, als suchte er darin etwas zu lesen. »Sie haben mir weh getan«, flüsterte er. »Sie wollten mich umbringen.«

»Wir werden dir nichts tun, Idwal.«

Der Junge wirkte unentschlossen. »Du bist nicht eine von uns, von den Kymren?«

»Ich bin eine Gwyddel.« Sie benutzte das Wort, das die keltischen Bewohner aus Wales für eine Irin gebrauchten.

Idwal blickte prüfend an ihr vorbei zu Bruder Meurig und zu Eadulf hinüber.

»Bruder Meurig ist Richter und möchte gern wissen, was man dir vorwirft. Er hat mich gebeten, mit dir zu reden. Versteh doch, wir wollen dir helfen. Bruder Eadulf ist mein Begleiter. Wir alle wollen dir helfen.«

Der Junge begann zu schluchzen. »Sie haben ver-sucht, mich umzubringen. Iorwerth und Iestyn und die anderen. Sie waren wütend auf mich und haben versucht, mich aufzuhängen.«

»Sie waren voller Zorn, aber sie taten großes Unrecht damit«, sagte Fidelma. »Nun, wir kamen gerade rechtzeitig und konnten sie aufhalten. Erinnerst du dich daran?«

Idwal warf Meurig und Eadulf einen verstohlenen Blick zu, dann schaute er wieder Fidelma an. »Ich erinnere mich«, sagte er zögernd. »Ja, ich erinnere mich.«

»Gut. Nun, dann begreifst du wohl, daß sie behaupten, du hättest ein Mädchen namens Mair umgebracht? Daß du sie vergewaltigt und dann ermordet hast. Begreifst du das?«

Idwal begann am ganzen Leibe zu zittern. »Nein, nein, nein! Das habe ich nicht. Ich habe Mair geliebt. Ich hätte alles für sie getan ...«

»Mairs Vater, Iorwerth, hat dir gesagt, du sollst dich von ihr fernhalten, nicht wahr?«

Der Junge ließ den Kopf hängen. »Ja. Er mag mich nicht. Keiner von den Leuten aus Llanwnda mag mich.« Idwals Stimme klang auf einmal ganz hohl, ohne Gefühl. Er hatte einfach nur eine Tatsache ausgesprochen.

»Warum mögen sie dich denn nicht?« wollte Fidelmawissen.

»Weil ich arm bin, schätze ich. Weil ich nicht weiß, wer meine Eltern sind. Weil sie glauben, daß ich ein Dummkopf bin.«

»Aber du bist hier in der Nähe geboren?« Diese Fra-ge stellte Fidelma, weil es in ihrem Land üblich war, sich um die schwächsten Mitglieder der Gemeinschaft zu kümmern und denjenigen gegenüber, die arm oder einfältig waren, Nachsicht walten zu lassen.

Idwal antwortete mit einem Stirnrunzeln. »Ich weiß nicht, wo ich geboren wurde. Ich bin im Haus von Io-lo in Garn Fechan aufgewachsen. Iolo war ein Schäfer. Er war nicht mein leiblicher Vater. Er hat mir nie gesagt, wer mein Vater war. Als er umgebracht wurde, hat mich sein Bruder Iestyn davongejagt, von da an war ich auf mich allein gestellt.«

»Iestyn?« Der Einwurf kam von Eadulf. »Wo haben wir diesen Namen schon einmal gehört?«

Fidelma blickte ihn warnend an. »Gehört jener Ie-styn zu denen, die heute abend versucht haben, dich zu bestrafen?«

Idwal nickte rasch. »Iestyn hat mich schon immer gehaßt.«

»Du hast gesagt, daß man Iolo umgebracht hat. Wie ist das passiert?«

»Seeräuber.«

»Wer waren die?«

Idwal zuckte mit den Schultern.

»Sag mir, was zwischen dir und Mair vorgefallen ist«, fuhr Fidelma fort. »Warum schiebt man dir die Schuld an dem Mord zu?«

»Mair hat mich anders als die anderen behandelt. Sie war freundlich zu mir. Sie war nett.«

»Und du hast sie gemocht?«

»Natürlich.« »Wie hast du sie gemocht?«

Der Junge schaute sie verwirrt an.

»Sie war meine Freundin«, bekräftigte er.

»Weiter nichts?«

»Was gibt es da noch mehr?« Der Junge meinte das aufrichtig.

Fidelma sah in die unschuldigen Augen des Jungen. »Kurz bevor man ihre Leiche fand, hattest du Streit mit ihr?«

Idwal errötete und blickte nun nach unten. »Das ist mein Geheimnis.«

»Das darfst du nicht für dich behalten, Idwal«, sagte sie streng. »Man hat beobachtet, wie du dich heftig mit ihr gezankt hast, und kurz darauf war sie tot. Die Leute könnten davon ausgehen, daß du sie wegen des Streits umgebracht hast.«

»Ich habe ihr versprochen, daß nichts über meine Lippen kommt.«

»Aber sie ist tot.«

»Mein Versprechen gilt immer noch. Es war eine persönliche Sache zwischen uns beiden.«

»So persönlich, daß sie jetzt tot ist?«

»Ich habe sie nicht umgebracht.«

»Was ist dann passiert?«

Nun antwortete der Junge vorsichtig: »Nachdem ich ihr gesagt hatte, daß ich nicht tun würde, was sie von mir wollte .«

Fidelmas Augen verengten sich. »Deshalb habt ihr euch gestritten? Sie hat dich um etwas gebeten, und du hast es abgelehnt?«

Idwal blinzelte verwirrt. »Versuchst du mich hereinzulegen? Ich werde nicht sagen, weshalb wir uns gezankt haben.«

»Ich versuche nur, die Wahrheit herauszufinden. Wenn du mir die Wahrheit sagst, dann hast du nichts zu befürchten.«

»Ich sage die Wahrheit. Ich habe sie nicht getötet.«

»Worum hat sie dich gebeten?« fragte Fidelma erneut.

Der Junge zögerte. Er seufzte leise. »Sie wollte, daß ich eine Nachricht für sie überbringe, das ist alles. Und das ist alles, was ich sagen kann, denn ich habe einen Eid geschworen, es niemandem zu verraten. Ich habe es ihr geschworen und werde ihn nicht brechen.«

Fidelma lehnte sich zurück und dachte nach. »Es muß schon ein schreckliches Geheimnis sein, daß du sogar einen Eid geschworen hast, wo es doch lediglich um einen Botendienst ging. Wieso hat deine Ablehnung zu solch einer Auseinandersetzung geführt?«

»Weil ich die Nachricht nicht überbringen wollte. Ich dachte, daß es falsch sei«, platzte es aus Idwal heraus.

»Warum war es falsch?« fragte Fidelma.

»Ich sage nichts mehr«, beharrte Idwal störrisch.

»Erklär mir, wie es kam, daß du über Mairs Leiche gebeugt dastandest, wenn du das Mädchen nicht umgebracht hast?« Fidelma hatte beschlossen, ihre Fragetaktik zu ändern. »Komm schon, Idwal, los, rück mit der Wahrheit heraus.«

Der Junge zuckte hilflos mit den Schultern, was schwierig war, denn seine Hände waren ja immer noch auf dem Rücken zusammengebunden. »Nach dem Streit bin ich weggegangen. Ich war mächtig aufgebracht, denn sie war meine Freundin und immer nett zu mir. Doch das, worum sie mich gebeten hatte, konnte ich nicht tun. Ich wollte eine Weile allein sein und nachdenken, ehe ich wieder zurückging und mich bei ihr entschuldigte ...«

»Wie lange warst du weg?«

»Das weiß ich nicht. Ist mir ziemlich lange vorgekommen.«

»Also bist du umgekehrt und hast sie gesucht, nicht wahr?«

»Sie lag nicht weit weg von der Stelle, wo ich sie zurückgelassen hatte. Es sah aus, als würde sie schlafen. Das war mein erster Gedanke.« Idwal schluchzte.

»Dann ist dir aufgefallen, daß Blut an ihr klebte?« Plötzlich griff zu Fidelmas Ärger Bruder Meurig ein.

»Da war kein Blut«, erwiderte der Junge. »Deshalb habe ich ja auch angenommen, daß sie schliefe.«

Bruder Meurig rückte auf seinem Strohballen vor. »Doch der Apotheker hat Gwnda zufolge erklärt, daß das Mädchen an seinen Kleidern Blut hatte«, sagte er, eher an Fidelma gewandt als an den Jungen.

»Idwal, bist du sicher, daß an den Kleidern kein Blut war?«

Der Junge schloß die Augen, als versuchte er, sich zu erinnern. »Ich habe keins gesehen«, entgegnete er mit Entschiedenheit.

Fidelma schaute zu Bruder Meurig hinüber.

Gwnda hatte gesagt, das Mädchen sei vergewaltigt worden und noch Jungfrau gewesen. Wenn dem so war, mußte an ihren Unterkleidern Blut sein, wie man es ja auch später festgestellt hatte.

»Was hast du dann getan?« fragte Fidelma weiter und ließ die Angelegenheit für den Moment auf sich beruhen.

»Ich kniete neben ihr nieder und fragte mich, wie ich ihr helfen könnte. Dann wurde mir klar, daß sie tot war. Ich stand auf. Ich spürte . « Er verstummte, er konnte seine Gefühle nicht ausdrücken. »Da hörte ich die wütenden Schreie. Leute liefen auf mich zu. Ich hatte furchtbare Angst und versuchte wegzurennen.«

»Und dann?«

»Ich weiß noch, daß mich ein Schlag traf. Ich sank zu Boden, und Gwnda stand mit einer Keule über mir. Nun waren die anderen auch schon da und fingen an, mich zu treten und zu schlagen. Ich glaube, ich war lange Zeit bewußtlos. Ich kann mich an nichts weiter erinnern, als daß ich später hier aufgewacht bin und gefesselt war.«

»Du kannst dich an nichts anderes erinnern?«

»Ich habe keine Ahnung, wie lange ich hier so eingesperrt war. Ich denke, daß es mehr als ein Tag und eine Nacht gewesen sein muß. Buddog kam und brachte mir Wasser. Sie sagte, daß ich ihr leid tue. Ich habe lange nichts mehr gegessen. Dann kam Iestyn mit zwei anderen, und sie schleppten mich fort. Sie zogen mich zu dem Baum auf dem Platz . Und dann seid ihr aufgetaucht.«

Schweigend lehnte sich Fidelma zurück und blickte den Jungen an. Schließlich drehte sie sich zu Bruder Meurig um. Der Richter zuckte die Schultern und deutete mit dem Kopf zur Tür.

»Idwal, du mußt uns die Wahrheit sagen. Schwörst du, daß du uns die ganze Wahrheit gesagt hast?« redete Fidelma wieder auf ihn ein.

Idwal schlug die Augen zu ihr auf. »Ich schwöre es beim lebendigen Gott, Schwester. Ich habe sie nicht umgebracht ... Mair war meine Freundin. Meine enge Freundin.«

»Und du sagst uns immer noch nicht, welche Botschaft du für sie überbringen solltest?«

»Ich habe es ihr geschworen. Ich werde das Geheimnis hüten. Ich kann meinen Schwur nicht brechen.«

Fidelma klopfte ihm auf die Schulter, erhob sich und folgte Bruder Meurig und Eadulf zur Tür.

»Klingt aufrichtig, was der Junge sagt«, bemerkte Bruder Meurig zögernd mit gedämpfter Stimme. »Andererseits, was er erzählt, wirft jede Menge Fragen auf.«

»Ja, er hat uns wohl die Wahrheit gesagt«, erwiderte Fidelma.

»Aber du hast wie ich das Gefühl, daß es nicht die ganze Wahrheit ist?«

»Wenn wir wüßten, was für eine Botschaft es war, die er überbringen sollte und die ihn bewog, deswegen mit dem Mädchen einen Streit vom Zaune zu brechen.«

»Vielleicht hat er in diesem Punkt gelogen?« gab Eadulf zu bedenken.

»Warum? Es ist offensichtlich, daß der Junge für sein Alter noch recht unreif ist. Ich bezweifle, daß sich ein derartig simpler Bursche so eine Geschichte ausdenkt«, entgegnete Fidelma.

»Und dennoch ist es seltsam. Was für eine Nachricht könnte für Mair so wichtig gewesen sein, daß sie Idwal schwören ließ, sie nicht zu verraten?«

Einen Moment lang schwiegen alle, dann sagte Eadulf: »Das verwirrendste daran ist Idwals Behauptung, an den Kleidern des Mädchens sei kein Blut gewesen. Laut Gwnda und dem Apotheker hat man aber gerade an Hand dessen den Schluß gezogen, Mair sei vergewaltigt worden.«

»Dazu werden wir den Apotheker persönlich befragen müssen. Wie war noch sein Name? Elisse?« erwiderte Fidelma.

»Fest steht, daß Idwal behauptet, er sei nicht der Liebhaber des Mädchens gewesen. Ja, er hat nicht einmal gesagt, daß er es gern gewesen wäre«, warf Bruder Meurig ein. »Nach der Aussage des Apothekers ist Mair jedoch vergewaltigt worden. Das Blut an ihren Unterkleidern würde das belegen.«

»Ich würde der Sache mit der geheimen Botschaft nachgehen«, schlug Eadulf vor. »Oftmals verständigen sich Liebende auf solche Art. Hatte Mair wirklich einen Liebhaber? Wollte Idwal aus diesem Grund die Nachricht nicht überbringen?«

Einen Augenblick lang starrte Fidelma Eadulf über-rascht an, dann lächelte sie. »Manchmal, Eadulf, hast du die Fähigkeit, das Offensichtliche zu erkennen, während wir daran vorbeisehen.«

»Wenn die Nachricht für ihren Liebhaber war«, stellte Bruder Meurig fest, »dann muß Idwal, der ja zugegeben hat, daß er Mair liebt, auch wenn es scheint, daß es dabei nicht um eine sexuelle Beziehung ging, dann muß ihn die Eifersucht zur Gewalt getrieben haben. Wollen wir doch mal hören, was er dazu sagt.«

Fidelma lief zurück in den Stall. »Idwal, es gibt noch eine Frage. Die Botschaft betreffend ...«

»Ich habe dir doch schon gesagt, daß ich nichts darüber verraten werde«, entgegnete der Junge entschlossen.

Fidelmas Stimme klang ruhig, aber sicher. »Nun gut. Ich nehme an, daß du auf die Bitte nicht eingegangen bist, weil du etwas gegen Mairs Liebhaber hattest? Ist es so?«

Idwals Gesichtsausdruck verriet ihr, was sie wissen wollte.

»Siehst du, Idwal«, fuhr Fidelma freundlich fort, »die Wahrheit kommt immer von allein ans Tageslicht. Wer war dieser Mann?«

Der Junge machte eine abwehrende Geste. »Ich habe einen Eid geschworen.«

»Deine Zukunft kann davon abhängen, ob du mir den Namen des Mannes nennst oder nicht.«

»Ich habe einen Eid geschworen.«

Fidelma hatte viel Übung darin, den Charakter eines Menschen einzuschätzen, und erkannte, daß Idwal dabei bleiben würde. »Nun gut, dann lassen wir das, Idwal.«

Kopfschüttelnd kehrte sie zu Bruder Meurig und Eadulf zurück. »Eadulf hatte recht. Der Junge beharrt zwar darauf, uns nicht zu verraten, für wen die Nachricht war, aber sein Gesicht verriet mir die Wahrheit, als ich ihm auf den Kopf zusagte, daß sie wohl für Mairs Liebhaber bestimmt war. Seinen Namen konnte ich jedoch nicht in Erfahrung bringen.«

»Eins übersehen wir«, stellte Bruder Meurig klar. »Wir reden hier nur von platonischer Liebe, nicht von körperlicher. Die Indizien belegen, daß Mair noch Jungfrau war. Damit hätte der Junge immer noch ein Mordmotiv. Rache, weil das Mädchen ihn um des anderen willen ablehnte.«

»Ich glaube, wir warten mit weiteren Fragen besser bis morgen«, erwiderte Fidelma. »Heute abend scheint Idwal entschlossen zu sein, seinen Schwur nicht zu brechen. Bis morgen hat er es sich vielleicht anders überlegt.«

Sie machten sich endgültig auf den Weg zum Haus; plötzlich blieb Bruder Meurig stehen. Im Schein der Laterne, die er trug, konnte man sein besorgtes Gesicht erkennen. »Vielleicht ist der Junge doch schlauer, als wir denken. Es könnte sein, daß er uns an der Nase herumführt.«

»Falls er das nicht tut«, entgegnete Fidelma, »könnte seine Aussage nicht nur klarstellen, warum Iestyn sah, wie sich der Junge und das Mädchen stritten, sondern auch - und das ganz zum Vorteil des Jungen -, daß ein anderer ein Motiv hatte, Mair umzubringen.«

Bruder Meurig äußerte Zweifel.

»Aber zu diesem Zeitpunkt«, beruhigte ihn Fidel-ma, »geht es nicht so sehr darum, die richtigen Antworten zu erhalten, sondern darum, den richtigen Personen die richtigen Fragen zu stellen. Habt ihr gehört, daß Elen, Gwndas Tochter, sagte, sie sei eine Freundin von Mair? Sie schien auch um Idwal Angst zu haben. Vielleicht weiß sie etwas? Wenn ich dir also einen Rat geben darf, so müßtest du versuchen, mit ihr zu reden, ohne daß Gwnda dabei ist. Es schien ihm nicht zu passen, daß sich seine Tochter Sorgen um Idwal macht.«

Bruder Meurig sah sie anerkennend an. »Und da ist noch die Haushälterin Buddog«, fügte er hinzu. »Es war ziemlich hart, was sie Mair bezüglich äußerte.«

»Das habe ich auch bemerkt. Noch ehe wir uns zur Nacht zurückziehen, wollen wir kurz mit ihr sprechen.«

Buddog war in der Küche. Sie war gerade dabei, mit ihren kräftigen Händen einem Huhn den Hals umzudrehen. Als sie eintraten, blickte sie mürrisch auf. Sie legte das getötete Huhn zu drei weiteren, die noch bis morgen gerupft werden mußten.

»Ich werde euch eure Schlafräume zeigen«, sagte sie, stand auf und wischte sich die Hände an einem Tuch ab.

Bruder Meurig bat sie, dem Jungen etwas zu essen zu bringen und ihm die Fesseln zu lockern.

»Das Essen werde ich ihm hinbringen«, erwiderte Buddog kühl. »Wegen seiner Fesseln müßt ihr mit Gwnda reden.«

»Das werde ich tun«, sagte Bruder Meurig. »Was hast du damit gemeint, als du sagtest, daß Mair den Tod verdient hat?«

Buddog entglitten die Gesichtszüge. »Ich habe nur meine persönliche Ansicht geäußert«, sagte sie.

»Und worauf stützt sich deine persönliche Ansicht?« Fidelma ließ nicht locker.

Buddog zögerte. Ihre Lippen wurden schmal. Sie lächelte geringschätzig. »Im ganzen Ort ist bekannt, daß das Mädchen gerne kokettierte. Mair bändelte mit jedem Mann an, von dem sie sich etwas versprach.«

»Willst du damit sagen, daß sie sich wahllos mit Männern herumtrieb?« fragte Fidelma ganz direkt.

»Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt.«

»Eine Jungfrau, die sich mit Männern herumtreibt? Das ist ein Widerspruch in sich«, murmelte Bruder Meurig.

»Jungfrau?« Buddog brach in schallendes Gelächter aus.

»Du glaubst nicht, daß sie noch Jungfrau war?«

»Ich äußere nur meine Ansichten«, erwiderte die Dienerin schnippisch. »Ich habe sie nicht untersucht.«

»Mit wem hat sie sich denn herumgetrieben?« erkundigte sich Fidelma. »Du hast gesagt, daß sie die Männer herausgefordert hat.«

Buddog schürzte die Lippen, vielleicht bedauerte sie bereits, daß sie etwas darüber hatte verlauten lassen. »Warum fragst du nicht Iestyn? Ich sah, wie er mit einem verzückten Lächeln auf dem Gesicht durch den Wald ging. Später erfuhr ich, daß er von Mair gekommen war.«

»Wann war das?« fragte nun Bruder Meurig.

»Vor ein paar Tagen ... Oh, an dem Tag, an dem sie starb.«

»Und was hattest du zu der Zeit im Wald zu tun?« fragte Fidelma rasch.

»Ich habe Pilze fürs Mittagessen gesammelt.«

»Buddog!« erklang die befehlsgewohnte Stimme von Gwnda, der an der Tür aufgetaucht war. »Vertu die Zeit nicht mit Schwatzen! Führe unsere Gäste sofort in ihre Räume! Siehst du nicht, daß sie müde sind?«

Buddog blickte ihn verärgert an, schwieg aber. Gwnda wollte sich schon entschuldigen, doch Bruder Meurig kam ihm zuvor.

»Wir hatten noch einige Fragen, Gwnda.«

Der Fürst von Pen Caer runzelte die Stirn. »Ihr solltet eure Fragen mir und nicht meinen Bediensteten stellen«, sagte er unfreundlich.

»Das würde uns nicht weiterhelfen, wir wollten etwas von Buddog wissen«, entgegnete Fidelma. Sie mochte den tyrannischen Fürsten von Pen Caer nicht, insbesondere die Art, wie er die Frauen in seinem Haushalt behandelte. »Ich glaube, Bruder Meurig hat eine Bitte an dich.«

Nun war es an Bruder Meurig, Gwnda zu sagen, daß er es für besser hielte, wenn man Idwal etwas zu essen brächte und ihm die Fesseln bis auf die Kette am Fuß abnähme. Gwnda grunzte etwas Unverständliches und drehte sich um. Bruder Meurig betrachtete das als Zustimmung und ließ ihn gehen.

»Sehr bedauerlich«, meinte der Richter kurze Zeit später, als er, Fidelma und Eadulf auf dem Flur vor ihren Räumen standen, zu denen sie Buddog geführt hatte, die kein Wort mehr gesagt hatte.

»Vielleicht kannst du ja morgen weiter mit ihr reden?« schlug Fidelma vor. »Möglicherweise sind es nur Mutmaßungen, die Buddog über Iestyn äußerte. Sicher ist, daß sie Mair nicht mochte. Doch wir sollten uns jetzt zur Ruhe begeben.«

»Vielen Dank, daß du mir Gelegenheit gegeben hast, die Methode, wie du die Fragen stellst, zu studieren«, sagte Bruder Meurig lächelnd. »Ich verstehe jetzt, warum du ein solches Ansehen genießt.« Er zögerte und blickte zu Eadulf. »Ich meine, warum ihr beide ein solches Ansehen genießt.«

Eadulf machte keine Anstalten, auf Meurigs nachträgliche Erwähnung seiner Person etwas zu erwidern.

»Eadulf und ich werden morgen in aller Frühe nach Llanpadern aufbrechen«, erklärte Fidelma.

»Ihr werdet nicht noch bleiben? Wollen wir nicht diesen Fall gemeinsam zu Ende bringen, ehe ihr weiterreitet? Ich dachte, ihr wäret daran interessiert?« Bruder Meurig war überrascht.

Fidelma schüttelte den Kopf. »Die Geschichte bewegt mich wirklich sehr, denn ich fürchte, der Junge ist unschuldig und etwas anderes steckt dahinter. Aber unsere Vollmacht von König Gwlyddien erstreckt sich nur auf die Geschehnisse in Llanpadern und seinen Sohn Rhun. Wir werden morgen früh nach Llan-padern reiten. Doch ich würde mich sehr freuen, wenn du uns bei unserer Rückkehr berichtest, wie die Sache ausgegangen ist.«

Bruder Meurigs Gesicht entspannte sich ein wenig. Wahrscheinlich ist er eher erleichtert, daß wir Weiterreisen, dachte Eadulf. Mit der ihr innewohnenden Autorität war Fidelma drauf und dran gewesen, seinen Fall an sich zu reißen! Doch der barnwr ließ Gnade vor Recht ergehen.

»Ich bin euch beiden dankbar für eure Hilfe. Unsere Vorgehensweisen sind ziemlich ähnlich.« Er schwieg einen Augenblick, dann fügte er beinah widerwillig hinzu: »Aber benötigt ihr nicht einen Führer morgen vormittag - und jemanden, der dolmetscht?«

Fidelma lächelte. »Das glaube ich nicht. Wenn Llanpadern nur etwa drei Meilen entfernt ist, in Richtung der Berge, die du mir heute nachmittag gezeigt hast, dann wird es nicht schwer zu finden sein. Und ich habe gemerkt, daß ich recht viel von eurer Sprache behalten habe, auch wenn es schon viele Jahre her ist, daß ich sie zum letztenmal benutzt habe. Und Eadulf scheint auch genügend zu verstehen.«

»Jedenfalls mehr, als ich sprechen kann«, bekräftigte Eadulf.

Bruder Meurig war offenbar sehr erleichtert darüber, daß sie seine Dienste als Führer und Sprachkundigen nicht weiter in Anspruch nahmen. »So werde ich hierbleiben und sehen, was ich herausfinden kann.«

Fidelma lächelte. »Wir freuen uns darauf, zu erfahren, wie sich die Dinge wirklich verhalten, wenn wir aus Llanpadern zurückkehren.«

Kapitel 7

Es war ein heller frischer Herbsttag. Der Himmel war hellblau, keine Wolken verhingen die frühmorgendliche Sonne. Fidelma und Eadulf hatten sich von Bruder Meurig und Gwnda, dem Fürsten von Pen Caer, verabschiedet und sich südwestwärts zu dem fern gelegenen Berg Carn Gelli aufgemacht. Die Landschaft war von Moorland und felsigem Gelände geprägt, von abgeschiedenem Ackerland, das von bewaldeten Tälern umgeben war, in die kleine, aus den umliegenden Bergen kommende Bäche strömten.

Diese Landschaft atmete graue Vorzeit; man konnte viele Hügelgräber, Steinkreise, aufrecht stehende Steine und verlassene Befestigungen entdecken. Inmitten des Stechginsters und verschiedener Farn- und Heidekrautarten blühten Wildblumen. Zur Zeit sah man nur hier und da ein paar Streifen Silberweiß - Hirtentäschel und weiße Taubnessel, die sich wohltuend von dem Grün ihrer Umgebung abhoben. Sonst schien die Natur sich schon ihr trübes, beinah farbloses Winterkleid überzustreifen.

Hoch über ihnen zog ein Turmfalke müßig seine weiten Kreise. Seine wachsamen Augen hielten nach Beute unter dem bräunlichen Farndickicht und dem immergrünen Stechginster Ausschau. Da blitzte es unter den Büschen rotbraun auf, als ein Fuchs sich rasch in Sicherheit brachte, und das eher aus Gewohnheit als aus Angst vor dem Turmfalken, denn der Fuchs war viel zu groß, als daß er ihn hätte fürchten müssen. Der Raubvogel hatte es eher auf Mäuse, Wühlmäuse und Erdhörnchen abgesehen.

Während sie den Weg entlangritten, waren Fidelma und Eadulf seit vielen Tagen zum erstenmal wieder allein.

»Du machst dir Sorgen um den Jungen, um Idwal, nicht wahr?« fragte Eadulf schließlich und setzte so dem Schweigen ein Ende.

Sie blickte ihn an und lächelte kurz. »Du bist ein guter Beobachter.«

»Glaubst du, daß er unschuldig ist?«

»Ich glaube, daß es noch viele offene Fragen gibt«, antwortete Fidelma nachdenklich.

»Ich nehme an, du hättest den Fall gern übernommen«, stellte Eadulf fest.

»Wie der heilige Ambrosius schon sagte: Quando hic sum, non ieiunio Sabbato.«

Eadulf runzelte die Stirn. »Du meinst ...«

»Ich meine, daß ich die hiesigen Gesetze und Bräuche einhalte. Ich habe nicht das Recht, einem Richter dieses Landes etwas vorzuschreiben. Ich habe nicht den Wunsch, für Bruder Meurig Ermittlungen anzustellen.«

Noch während Fidelma das sagte, wurde ihr zu ihrem Ärgernis bewußt, daß es nicht ganz der Wahrheit entsprach. Sie errötete und hoffte, Eadulf würde es nicht merken.

»Bruder Meurig scheint mir kompetent genug zu sein.«

»So lange er die richtigen Fragen stellt, kann der Fall rasch abgeschlossen werden. Niemand kann ihm vorschreiben, wie er die Antworten zu bewerten hat. Wir müssen uns auf unseren Auftrag konzentrieren. Je eher wir ihn erledigen, desto früher können wir nach Canterbury Weiterreisen.«

Nun schwiegen beide.

Der Weg von Llanwnda zum Kloster Llanpadern war angenehm, sie mußten kaum mehr als drei Meilen zurücklegen. Bald konnten sie den gesamten Klosterkomplex am Fuße des Berges erkennen, den Bruder Meurig Carn Gelli genannt hatte. Alles wirkte wie ausgestorben; auch wenn Fidelma nicht gewußt hätte, daß die Klostergemeinschaft verschwunden war, so hätte sie schon allein anhand der Atmosphäre, die hier herrschte, gemerkt, daß etwas nicht in Ordnung war. Jene unerklärliche Aura der Einsamkeit hatte etwas Bedrohliches. Fidelma hatte ein feines Gespür für die Ausstrahlung, die von Dingen ausging. Vielleicht war genau das der Grund für ihren Erfolg. Sie hatte die Gabe, zu erkennen, wann jemand log. Und deshalb fühlte sie sich ein wenig schuldig. Sie hätte gern Mairs Fall übernommen, denn sie spürte, daß Idwal die Wahrheit gesagt hatte.

Sie ritten weiter auf das Kloster zu. Als sie am Tor angelangt waren, beugte sich Eadulf nach vorn und stieß mit der Hand dagegen. Die Torflügel waren von der Innenseite her nicht gesichert und öffneten sich. Der Klosterhof lag da wie leergefegt. Eadulf brachte sein Pferd zum Stehen. Sofort fiel ihm der riesige Holzstoß ins Auge, der offensichtlich für ein großes Feuer aufgeschichtet worden war. Fidelma lenkte ihr Pferd zu einem Pflock, stieg ab und band die Zügel daran fest.

Ungewollt überkam Eadulf ein Zittern, als sein Blick über die Gebäude schweifte. Fidelma bemerkte seine Angst, sagte aber nichts. Dinge, die nicht offen sichtbar waren, erweckten keine Furcht in ihr. Nur Dinge, die wirklich existierten, materiell und körperlich, waren gefährlich. Sie wartete, bis sich Eadulf vom Pferd geschwungen hatte, ehe sie langsam zum Tor zurückschritt. Den Blick hielt sie dabei auf den Boden gerichtet. Eadulf folgte ihr. Sie schaute zu ihm auf.

»Hier sind zu viele Spuren. Sie deuten auf ein großes Kommen und Gehen hin, und außerdem hat es in den letzten Tagen geregnet, so daß alles verwischt ist, was uns an dieser Stelle über die Vorgänge hier aufklären könnte.«

»Du traust wohl Bruder Cyngar nicht? Er hat doch auch genau hier nach einem Hinweis gesucht, wie die Mönche das Kloster verlassen haben könnten«, sagte Eadulf.

»Ich nehme an, daß seine Aussage von seinem Standpunkt aus stimmt. Aber es ist immer gut, zu überprüfen, ob sie mit deinen eigenen Erkenntnissen übereinstimmt. Hier werden wir nichts finden. Siehst du den Weg, den wir von Llanwnda gekommen sind? Und siehst du den Weg Richtung Westen? Beide sind ziemlich steinig. Wir werden auf beiden kaum Spuren entdecken.«

Sie schlossen die hohen Torflügel wieder und betrachteten nachdenklich die Gebäude.

»Wenn das Kloster wirklich von plündernden Angelsachsen heimgesucht wurde«, sagte Eadulf, der wohl Fidelmas Gedanken lesen konnte, »so haben sie sich recht anständig verhalten, alles sauber und unversehrt gelassen. Nichts zerstört, nichts verbrannt, keine Leichen .«

»Dewi, der Junge aus dem Nachbarort, sagte aber, daß man am Strand, wo das Schiff der Angelsachsen vor Anker gegangen sein soll, Tote gefunden hätte«, entgegnete Fidelma. »Nun, wo wollen wir anfangen? Irgendwo muß es einen Hinweis darauf geben, was hier passiert ist.«

Eadulf schien nicht davon überzeugt. »Was ist eigentlich, wenn das, was hier vorgefallen ist, unerklärlich ist?« murmelte er.

Fidelma lachte leise. »Omne ignotum pro magnifico est

Eadulf erkannte die Zeile aus Agricola von Tacitus. Er hatte sie häufig gehört: immer wenn seine Mentoren sich über seine angelsächsische Abergläubigkeit lustig gemacht hatten. »Alles Unbekannte wird für großartig gehalten.« Oft wurde diese Zeile verwendet, um zu betonen, daß man etwas Unbekanntes für übernatürlich hielt, obwohl man es, sobald die genaueren Umstände bekannt waren, leicht erklären konnte. Er fühlte sich durch Fidelmas Bemerkung verletzt, denn sie zielte wohl auch auf seine sächsische Herkunft ab. Er erwiderte nichts.

Fidelma ging bereits auf eine Tür zu, die offenbar zu den Schlafsälen der Klosterbrüder führte, und öffnete sie.

Sie warfen zunächst nur einen flüchtigen Blick hinein und fanden, wie Bruder Cyngar zuvor, die Betten ordentlich und sauber vor. Das gleiche traf auch auf die Zelle des Klostervorstehers zu.

Als sie das düstere und verlassene Refektorium betraten, wurde Eadulf von dem Gestank verdorbener Essensreste beinahe schlecht. Auf den Tischen faulten die Speisen vor sich hin.

»Müssen wir hier rein?« fragte er leise und hielt sich die Nase zu, während Fidelma entschlossen weiter hineinging.

Sie blickte ihn tadelnd an. »Wenn wir hinter das Geheimnis kommen wollen, müssen wir in der Lage sein, alles zu untersuchen, damit uns auch nicht das kleinste Detail entgeht.«

Widerwillig folgte Eadulf Fidelma, die langsam zwischen den Tischen entlangschritt, auf denen die Überreste des letzten Mahls der Klostergemeinschaft von Llanpadern standen. Es war deutlich, daß sich, nachdem die Mönche fort waren, noch jemand über die Speisen auf den Tischen hergemacht hatte. In das verschimmelte Brot und den verfaulten Käse hatten sich die scharfen Zähne von Nagetieren gebohrt. Doch Fidelma richtete ihr Augenmerk auf etwas anderes.

Sie untersuchte die Messer und Löffel, die meist sorgfältig zur Seite gelegt worden waren. Ein Messer steckte immer noch in einem Brotlaib. Auf der Erde entdeckte sie ein Fleischmesser. Dort lag außerdem eine Platte, auf der sich, den Resten nach zu urteilen, ein Bratenstück befunden haben mußte. Jemand hatte die Platte vom Tisch gestoßen und dabei noch andere gefüllte Teller mitgerissen. Fidelmas scharfes Auge bemerkte in einiger Entfernung einen Schulterknochen. Dann schweifte ihr Blick wieder zu dem Messer zurück. Dessen leicht rostige Schneide war verfärbt, es war getrocknetes Blut daran.

Fidelma bückte sich, hob das Messer auf und betrachtete es eingehend. Wenn das bei Tisch gereichte Fleisch nicht besonders roh gewesen war, mußte das Blut von woanders herstammen. Aber woher?

»Eadulf, kannst du eine Kerze holen und sie anzünden?«

Trotz des hellen Tageslichts draußen war es im Refektorium ziemlich dunkel.

Eadulf sah sich um. Von den Kerzen waren nur kleine Talghäufchen geblieben. Bruder Cyngar hatte ihnen berichtet, daß die Kerzen, zumindest die meisten, bei seinem Eintreffen im Kloster noch gebrannt hatten. Da entdeckte Eadulf eine Kerze, die aus ihrem Ständer gekippt war. Er griff nach seiner Zunderbüchse, die er stets bei sich trug: eine kleine runde Metallbüchse, ungefähr sieben Zentimeter im Durchmesser. Darin befand sich unter anderem anstelle von Holzspänen ein angekohltes Stück Leinen, denn seiner Ansicht nach ließ sich Leinen leichter entzünden als Holz.

Mit der linken Hand nahm er ein Stück Metall aus der Büchse und hielt dessen glatte Kante an das Leinen. Dann wetzte er mit der rechten Hand den Feuerstein an dem Metallstück. Winzig kleine Funken sprühten auf den Stoff, der sofort Feuer fing. Nun hielt er einen getrockneten Rohrkolben, den er in Schwefel getränkt hatte, an das qualmende Leinen. Der Rohrkolben erglühte. Jetzt konnte er die Kerze anzünden und sie zu Fidelma hinübertragen.

Der ganze Vorgang hatte ein wenig Zeit in Anspruch genommen, doch Fidelma hatte geduldig gewartet. Es war ihr nichts anderes übriggeblieben, denn alle Kerzen waren natürlich inzwischen erloschen. Gewöhnlich fand man immer irgendwo eine Laterne oder ein Feuer vor und konnte sich den langwierigen Prozeß des Feuerschlagens sparen.

Dank des hellen Scheins der Kerze war Fidelma nun in der Lage, die Messerklinge genauer zu untersuchen. Sie holte tief Luft.

»Was hast du?« wollte Eadulf wissen.

»Hier wurde offenbar eine Menge Blut vergossen. Soviel Blut kann nicht vom Schneiden des Bratens stammen. Jemand wurde damit erstochen.« Sie zeigte auf das Messer in ihrer Hand.

Plötzlich verstummten sie, denn aus dem dunklen hinteren Teil des Refektoriums war ein Geräusch zu ihnen gedrungen, ein leises Knurren. Langsam wandte Eadulf seinen Kopf in die Richtung.

Zwei Augen glühten ihm wie Kohlenstückchen entgegen. Er konnte nur einen dunklen, runden Kopf erkennen.

Das Knurren wurde lauter.

Eadulf lehnte sich vorsichtig gegen einen der Tische und tastete nach einer Waffe. Er ließ den Blick nicht von den höllenfarbenen glühenden Augen. Die Kreatur schien sich in die Ecke zu verkriechen und jede Bewegung der beiden Eindringlinge zu verfolgen. Nun setzte sie zum Sprung an. Eadulf spürte förmlich, daß Fidelma sich ganz ruhig zu verhalten versuchte. Da stießen seine Finger auf eine runde Metallscheibe. Er hob sie hoch und balancierte sie wie einen Diskus in der Hand.

Just in diesem Moment sprang etwas mit einem fürchterlichen Kreischen nach vorn direkt auf Fidelmas Kopf zu.

»Runter!« schrie Eadulf und schleuderte die Metallscheibe. Es war fast ein perfekter Wurf. Mitten in der Luft traf die Scheibe den springenden Schatten. Ein gellender Schrei erscholl, furchtbarer als der erste. Das Ungetüm schien sich zu drehen, mitten im Sprung seine Richtung zu ändern.

In dem grauen Licht des Fensters, gegen das es nun mit voller Wucht prallte, konnten sie kurzzeitig die Umrisse einer riesigen Katze erkennen. Sie war schwarz und gelbgrau gestreift und mehr als einen Meter lang. Sie fiel auf das Fensterbrett, verharrte dort kurz, sprang mit einem Fauchen durch eine Öffnung und war verschwunden.

Eadulf wandte sich Fidelma zu. Sie stand zitternd an einen Tisch gelehnt.

»Was war das?« fragte sie und versuchte, ihre Haltung wiederzugewinnen.

»Eine Wildkatze.« Eadulfs Stimme klang erleichtert. »Es kommt selten vor, daß sie Menschen angreifen. Normalerweise ernähren sie sich von Kaninchen, Hasen und kleinen Nagetieren. Sicher fühlte sie sich in die Enge getrieben.«

Fidelma schüttelte ungläubig den Kopf. »Doch ihre Größe ... Ich weiß, daß es wilde Katzen gibt, aber ...«

Eadulf lächelte, konnte er doch endlich mal ihr gegenüber ein wenig großspurig tun.

»Es handelt sich nicht um eine Hauskatze, die verwildert ist. Diese Katzen hier gehören zu einer anderen Art, sie sind von Natur aus größer, und sie sind gefährlicher, wenn sie in Bedrängnis geraten. Nur selten wagen sie sich aus den Wäldern heraus. Sie sind eher Jäger als Aasfresser. Gibt es in den fünf Königreichen keine Wildkatzen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Wildlebende Katzen gibt es schon, aber nicht solche Monstren wie diese.«

»Sie ist sicher hier eingedrungen, weil sie Nager jagen wollte. Hier wimmelt es nur so davon«, sagte Eadulf beinah ausgelassen.

Vor erklärbaren Bedrohungen hatte er keine Angst.

Doch vor allem Übernatürlichem fürchtete er sich wie ein kleines Kind. Innerlich mußte Fidelma lächeln. Bei ihr verhielt es sich genau umgekehrt. Was hatte ihr Mentor Brehon Morann immer gesagt? Die Natur schafft merkwürdige Dinge.

»Wollen wir hoffen, daß uns nicht noch mehr solche Ungeheuer über den Weg laufen«, sagte sie. »Eadulf, halte noch einmal die Kerze hierher.«

Erneut inspizierte Fidelma aufmerksam das getrocknete Blut.

»Ich bin mir sicher, daß jemand mit diesem Messer erstochen worden ist und hier viel Blut verloren hat.«

Sie bat Eadulf, mit der Kerze über den Fußboden zu leuchten. Dann holte sie zufrieden Luft.

»Eine Blutspur. Wir wollen mal sehen, wo sie hinführt.«

Sie folgten den vereinzelten Blutstropfen aus dem Refektorium hinaus. Das war nicht gerade einfach, denn zwischen den wenigen Flecken lagen große Abstände. Fidelma mußte lange nach dem nächsten suchen, um der Fährte nachzugehen.

Auf einmal waren sie in der Kapelle angelangt.

»Ich schätze, daß die Spur zum Sarkophag dort führt.« Fidelma blieb stehen. Auch in der Kapelle war es finster. In ihrem Mittelgang, direkt vor dem Hauptaltar, stand ein Steinsarg. Er war schön geformt und aus einem blaugrauen grobkörnigen Felsgestein gehauen, so viel konnten sie mit Hilfe von Eadulfs Kerze erkennen. Der längliche Sarg erhob sich ungefähr einen Meter über den Steinboden, an Kopf- und Fußseite befanden sich winzige Säulen. Oben auf dem Sarg war in lateinischer Sprache zu lesen: Hic iacit Paternus.

»Das Grab des heiligen Padern, Gründer dieses Klosters«, murmelte Fidelma. »Auch hier gibt es Blutspuren.« Sie zeigte auf den Sargdeckel.

Eadulf sah, daß sie recht hatte. Auf den Steinplatten und an der Seite des Sarges waren Blutspritzer. Fragend blickte er Fidelma an.

»Ich schätze, wir müssen hineinschauen, was?«

Fidelma ließ sich nicht zu einer Antwort herbei. Sie untersuchte den Deckel des Sarkophags. »Ich glaube, man kann ihn seitlich aufschieben«, erklärte sie. »Sieh doch mal nach, wo der Stein besonders glatt ist.«

Widerstrebend nickte Eadulf. Er stellte die Kerze ab und packte mit beiden Händen den Grabdeckel an, um zu prüfen, ob er sich bewegen ließ. Zu seiner Überraschung ging das ganz leicht. Zufrieden blickte er auf.

Fidelma nickte rasch.

Eadulf packte noch einmal zu. Die Steinplatte ließ sich mühelos zur Seite schieben.

Sofort stieg ihm Verwesungsgestank in die Nase. Doch er konnte ihn besser ertragen als den Geruch der faulenden Speisen im Refektorium.

Fidelma spähte neugierig in den Sarkophag. Eadulf hielt sich ein wenig abseits, tat es ihr dann aber gleich.

Auf den Überresten eines zerfallenden Skeletts und eines vermodernden Leichentuches lag ein frischer Leichnam. Man hatte den Eindruck, daß er einfach nur unsanft hineingestoßen worden war, ohne Ritual, ja selbst ohne das sonst übliche Totenhemd. Es handelte sich um die Leiche eines Mannes, der dem Anschein nach erst seit zwei, drei Tagen tot war. Er lag auf dem Rücken. Die dunklen Flecken auf seiner Brust verrieten, wie er zu Tode gekommen war: Man hatte mehrmals auf ihn eingestochen.

Entsetzen hatte Eadulf ergriffen. »Das ist kein Mönch«, stellte er fest.

Der Mann war untersetzt und muskulös, er hatte einen Vollbart und dunkle Haare. Seine Haut war dunkel, seine Statur ganz anders als die jener Britan-nier, die Fidelma bisher gesehen hatte. Seine Kleider bestanden aus einem ärmellosen Lederwams und lederbesetzten Hosen, die bis zu den Knien hochgerollt waren. Beine und Füße waren nackt. Er trug Armreifen aus Bronze und Kupfer, auf denen sich merkwürdige Muster befanden. Auf seinem Halsreif war ein Symbol, das einem Blitz ähnelte. Um die Taille hatte er einen Gürtel, an dem eine leere Schwertscheide hing.

Eadulf pfiff leise durch die Zähne, was er sonst nie tat.

Fidelma betrachtete ihn überrascht. Nicht nur das Pfeifen war untypisch für ihn, sondern es kam auch äußerst selten vor, daß sich Eadulf in einer Kirche nicht ehrerbietig verhielt.

»Was ist das für ein Mann?« fragte sie bestürzt.

»Ein Hwicce.«

Fidelma sah Eadulf verwirrt an.

»Die Symbole auf seinen Armreifen weisen darauf hin, daß er ein Krieger der Hwicce ist«, erklärte Eadulf.

»Jetzt bin ich nicht wesentlich klüger als zuvor, Eadulf. Ein Hwicce, sagst du? Was ist das?«

»Die Hwicce bewohnen ein Kleinkönigreich in Mercia, das an die britannischen Königreiche Gwent und Dumnonia grenzt. Die Hwicce sind eine Mischung aus Angeln und Sachsen, ein finsteres Kriegsvolk, das noch nicht zum christlichen Glauben übergetreten ist und von selbstgewählten Königen regiert wird. Kürzlich erfuhr ich, daß Eanfrith ihr Herrscher ist. Als der heidnische Herrscher von Mercia, Penda, noch am Leben war, haben sie ihn unterstützt. Für christliche Tugenden hatte er nichts übrig.«

»Also stimmt es, was man Gwnda berichtet hat«, sagte Fidelma nachdenklich. »Es sieht aus, als hätten Angelsachsen das Kloster überfallen und die Mönche als Geiseln mitgenommen.«

Eadulf neigte sich vor. Er zeigte auf den Halsreif des Mannes mit dem darauf eingravierten Blitz.

»Das ist das Symbol von Thunor, unserem heidnischen Gott der Blitze.«

»Mir ist noch etwas nicht klar. Man hat den angelsächsischen Krieger in den Sarkophag des heiligen Pa-dern geworfen. Dem Anschein nach hat man ihn im Refektorium mit einem Messer erstochen, mit dem man während des Essens das Fleisch geschnitten hat. Wenn das während des Überfalls der Angelsachsen geschehen ist, warum hat man ihn hierhergetragen und in diesen Sarg gelegt? Warum haben ihn seine Gefährten nicht mitgenommen?«

Eadulf runzelte die Stirn. »Normalerweise hätten sie das getan«, pflichtete er ihr bei. »Die Hwicce im besonderen halten nichts davon, ihre Toten den Feinden zu überlassen, wenn sie es verhindern können. Sie hätten ihn mitgenommen und auf See bestattet. Die Hwicce werden in allen angelsächsischen Königreichen immer noch voller Ehrerbietung betrachtet.«

Fidelma sah ihn neugierig an. »Warum?«

»Sie befolgen die alten Riten. Die Riten von Frigg und Tiw werden von vielen Opferhandlungen und anderen finsteren Dingen begleitet.«

»Kein Grund, ihnen gegenüber ehrerbietig zu sein«, erwiderte Fidelma spöttisch.

»Es liegt vielleicht daran, daß sie Grenzbewohner sind. Immer noch gelingt es ihnen, ihr kleines Reich vor den vereinnahmenden Übergriffen der Britannier zu schützen, die den Vorstößen der Angeln und Sachsen ausgesprochen feindselig begegneten. Sie haben sich ihren Glauben an die ursprünglichen Götter ihres Volkes bewahrt. Ihre Könige nehmen wie in alten Zeiten für sich in Anspruch, von Wotan abzustammen, dem obersten aller Götter.« Eadulf zögerte.

»Und?« fragte Fidelma. Das klang nicht gerade ermutigend.

»Obwohl sich der christliche Glaube immer mehr ausgebreitet hat, behaupten alle unsere Könige von West Saxon bis Bernicia, in direkter Nachfolge Wotans zu stehen.«

Zynisch spitzte Fidelma nun die Lippen. »Zumindest muß mein Volk nicht behaupten, von irgendwelchen Göttern oder Göttinnen abzustammen, um einen Führungsanspruch durchzusetzen und Gehorsam zu erwirken.«

Eadulf errötete leicht. Der Logik nach hatte Fidelmarecht, dennoch spürte er, daß sie damit seine eigene Geschichte und Herkunft schmähte. Er beschloß, das Thema zu wechseln.

»Warum sollten die Hwicce eine so verlassene Küste überfallen? Wir befinden uns hier gut zweihundert Meilen von ihrem Königreich entfernt. Warum sollten sie ausgerechnet hier plündern? Warum sollten sie den Ort so sauber und ordentlich verlassen und warum einen ihrer Männer in jenen christlichen Sarkophag legen?«

»Das müssen wir eben herausfinden. Wir lassen vorerst unseren heidnischen Freund dort liegen. Verfolgen wir weiter alle Spuren, ehe wir nach - wie hieß der Ort, an dem der Beschreibung Dewis nach die Angelsachsen mehrere Mönche getötet haben sollen?«

»Llanferran.«

»Richtig, nach Llanferran reiten.«

Eadulf seufzte tief. »Mit scheint nichts davon auch nur in Ansätzen Sinn zu haben. Eine unlogische Erklärung jagt die andere.«

»Betrachtet man alle Möglichkeiten, so steckt in der vernünftigsten Erklärung die Antwort«, versicherte ihm Fidelma. »Die meisten Dinge wirken unlogisch, bis man genug weiß und begreift, was sich hinter ih-nen verbirgt. Komm, mal sehen, was wir sonst hier noch entdecken.«

Fidelma half Eadulf dabei, den Sargdeckel wieder zuzuschieben. Sie wollten die Kapelle schon verlassen, da fiel ihr etwas auf. Sie starrte auf den Altar.

»Das hätten wir beinah übersehen«, sagte sie und deutete mit einem Nicken in seine Richtung.

Eadulf blickte auf den leeren Altar und runzelte die Stirn. »Was denn?« fragte er.

Fidelma seufzte ungeduldig. »Komm schon, das sollte dir aber auffallen. Sieh hin, ganz genau.«

Eadulf betrachtete den Altar eingehend. »Da ist nichts«, widersprach er.

»Nichts«, sagte Fidelma. »Eben darum geht es.«

Eadulf wollte zu einer weiteren Frage ansetzen, da ging ihm ein Licht auf. »Da ist ja kein Kruzifix mehr. Keine Altarkerzen, keine Heiligenbilder.«

»Stimmt. Genauso, wie es nach einer Plünderung aussehen sollte, alle kostbaren Dinge fort.«

Beim Verlassen der Kapelle entdeckten sie hinter der Kapellentür noch eine Strohpuppe.

Fidelma betrachtete sie nachdenklich. Da warf Eadulf ein: »Ich verstehe nicht, warum die Hwicce ein Kloster überfallen sollten. Die fehlenden Heiligenbilder und die anderen sakralen Gegenstände hier waren doch nicht ungewöhnlich kostbar, oder?«

»Euer Volk hält sich doch Sklaven, nicht wahr? Vielleicht geht es eher um den Verkauf der Mönche als Sklaven und den Erlös daraus.«

Jetzt waren sie wieder am Dormitorium angelangt.

Sie schauten es sich gründlich an. Schon nach wenigen Augenblicken hatten sie festgestellt, daß von den persönlichen Habseligkeiten der Mönche nichts fehlte. Toilettenartikel, ein Brevier und andere Dinge lagen neben den einzelnen Betten.

In der Zelle, die offensichtlich für den Klostervorsteher bestimmt war, fiel Fidelma im Alkoven ein eisenbeschlagenes Kästchen auf, ein Kästchen, in dem man sonst immer kleine Kostbarkeiten aufbewahrte. Doch dieses hier war leer. Auch hier gab es kein Kruzifix, wie Fidelma bemerkte. Gewöhnlich befand sich in der Zelle eines Klostervorstehers immer ein kostbares Kruzifix. Ein heller Fleck an der Wand ließ erkennen, daß hier noch bis vor kurzem eines gehangen hatte.

Auf einem Regal standen die persönlichen Habseligkeiten des Klostervorstehers, außerdem ein paar Bücher in griechischer, lateinischer und hebräischer Sprache, die darauf hinwiesen, daß Pater Clidro gebildet war. Ein Band lag aufgeschlagen auf dem Tisch. Ein metallener Seitenhalter zeigte sogar die Stelle an, die er als letztes gelesen hatte.

»Das ist wirklich seltsam«, bemerkte Eadulf.

»Das kann man wohl sagen«, stimmte ihm Fidelma zu, »doch sicher nicht in der Weise, als daß hier die Mächte der Finsternis am Werk gewesen sein sollen.«

»Wir haben alle Gebäude durchforscht und sollten uns nun nach Llanferran aufmachen. Unsere Pferde sind unruhig.«

Als Echo konnten sie das Wiehern der Tiere hören, die draußen angebunden waren.

»Dabei fällt mir ein, daß wir uns die Ställe noch nicht angesehen haben«, erwiderte Fidelma. »Das müssen wir noch tun.«

Eadulf verzog das Gesicht. »Wir wissen doch, daß dort nichts weiter ist. Bruder Cyngar war schon dort. Das hat er uns erzählt.«

»Er hat uns auch erzählt, daß er sich alles im Kloster angeschaut und nichts gefunden hätte. Trotzdem haben wir so manches entdeckt.«

Eadulf nickte. Sie hatte recht. Natürlich.

Sie verließen das Dormitorium. »Offenbar hat der Wind inzwischen die Tore aufgestoßen«, bemerkte Eadulf.

»Laß gut sein«, erwiderte Fidelma. »Wir werden nicht lange brauchen, um uns dort umzusehen.«

Bruder Cyngars Bericht bestätigte sich. Alles war leer. Das ganze Vieh fort. Doch Fidelma bestand darauf, jeden Winkel genau zu untersuchen, selbst das kleinste Detail war wichtig. Von den Ställen gingen sie zu der großen Scheune, die sich dahinter befand. Daneben gab es eine Schmiede. Die große Kohlenpfanne war erkaltet und voller grauer Asche. Es war schon eine Weile her, daß ein Feuer in ihr gelodert hatte. Die Scheunentore standen offen. Fidelma blickte hinein. Cyngar hatte gesagt, er sei zur Scheune gegangen, hätte hineingeschaut und dort nichts Besonderes bemerkt.

»Bruder Cyngar erzählte, im Kloster wurden nur zwei Maultiere gehalten. Warum gibt es dann in der Scheune so viele Boxen?« wollte Eadulf wissen.

»Für die Pferde der Gäste«, erwiderte Fidelma. »Das Kloster beherbergte Reisende und Pilger, die auf der Durchreise waren. Die konnten hier ihre Pferde unterstellen.«

Sie trat in die Scheune und besah sich jede einzelne Box. Als sie am Ende der Reihe zu ihrer Linken angelangt war, fiel ihr etwas auf. Ihre Augen wanderten rasch nach oben, ihr Gesichtsausdruck veränderte sich. Eadulf stand noch immer am Eingang. Fidelma starrte gebannt auf etwas, das sich genau über seinem Kopf befand.

»Was ist los?« fragte er und dachte schon, die Wildkatze hätte sich wieder angeschlichen.

»Ich glaube, wir haben Pater Clidro gefunden«, sagte sie leise.

Rasch lief Eadulf einige Schritte in die Scheune hinein, drehte sich um und schaute ebenfalls nach oben.

An einem der Hauptträgerbalken des Daches war an einem Seil ein Flaschenzug angebracht. Ein weiteres Seil verlief von einem anderen Stützbalken zum Flaschenzug und war dort durchgezogen. Am Seilende baumelte ein älterer Mann.

Er trug die Tonsur des heiligen Johannes und eine dunkle Kutte, die ihn als einen ranghohen Mönch innerhalb der Klostergemeinschaft auswies. Die Kutte war jedoch zerrissen und voller Blut. Der Kopf des Mannes hing so, daß man daraus schließen konnte, daß das Seil ihm das Genick gebrochen hatte.

Eadulf fiel auf die Knie.

»Hol ihn runter«, sagte Fidelma leise.

Eadulf lockerte das Seil und ließ den Körper sanft auf den strohbedeckten Boden gleiten. Zu ihrer Überraschung war der Mann offenbar noch nicht lange tot.

»Ich denke, er wurde ausgepeitscht, ehe man ihn aufhängte«, murmelte Eadulf. »Als ich ihn herabließ, habe ich Risse auf der Rückseite seiner Kutte bemerkt.«

Mit Eadulfs Hilfe rollte Fidelma den Toten auf den Bauch. »Er hat ziemlich viele Peitschenhiebe erhalten«, bestätigte sie Eadulfs Vermutung. »Wer tut einem alten Mann so etwas an?«

»Glaubst du wirklich, daß das Pater Clidro ist? Und wenn er es ist, warum hat man ihn nicht umgebracht, als das Kloster überfallen und geplündert wurde? Sieh nur, das Blut ist noch ziemlich frisch. Ich würde sagen, er ist höchstens einen Tag tot.«

»Wir wissen zwar nicht genau, ob es sich wirklich um Pater Clidro handelt, aber alles spricht dafür. Dieser Mann muß dem Kloster hier angehört haben, und er trägt die Kutte eines ranghohen Bruders ...« Fidelmas Stimme erstarb. Sie hatte die Augen weit aufgerissen und blickte wie gebannt an Eadulf vorbei.

Schnell wandte er sich um.

Am Eingang der Scheune standen drei Männer. Der Mann in der Mitte hatte die Hände in die Hüften gestemmt. Seine beiden Begleiter hielten Bögen in den Händen. Die Bögen waren gespannt, die Pfeile schußbereit. Sie zielten auf Fidelma und ihn.

Kapitel 8

Fidelma und Eadulf rührten sich nicht von der Stelle. Als sie die auf sich gerichteten Pfeile entdeckt hatten, waren sie erstarrt.

Der Mann in der Mitte lächelte sie an. Er war schlank, jung und sah gut aus. Seine zerzausten Haare waren rotbraun, seine blauen Augen blickten stechend. Er trug die Kleider eines Kriegers, ein wollenes Hemd mit einem enganliegenden Lederwams darüber, enge Lederhosen und Stiefel. An seiner rechten Seite hing ein Schwert, an seiner linken ein Jagdmesser.

Als Fidelma den goldenen Reif an seinem Hals entdeckte, wurden ihre Augen ein wenig größer. Einst hatte ein solcher Halsreif in ihrem Land angezeigt, daß sein Träger ein Held, meist ein fürstlicher Krieger war. Dieser Halsreif war kunstvoll gearbeitet und reich verziert. In den fünf Königreichen war ein solcher Schmuck inzwischen aus der Mode, niemand trug ihn mehr, nur zu bestimmten offiziellen Anlässen wurde er noch angelegt, und das geschah eher selten. Aus Erfahrung wußte Fidelma jedoch, daß solche Halsreife bei vielen Stämmen in Britannien und Gallien bis heute sehr verbreitet waren.

Außerdem trug der Mann eine schwere Kette aus Rotgold, die ihm bis zur Brust reichte - meisterlich gefertigt und ziemlich wertvoll. Fidelma rümpfte die Nase. Wenn jemand zwei so teure und feine Schmuckstücke anlegte, wurde die Wirkung jedes einzelnen gemindert, und es entstand der Eindruck von Protzerei.

»Nun«, sagte der junge Mann schließlich und betrachtete sie mit einem eigenartigen Lächeln, »wen haben wir denn da?«

Langsam richtete sich Fidelma auf, spreizte dabei die Hände leicht von ihrem Körper ab, damit die Bogenschützen sehen konnten, daß sie keine Waffe in der Hand hielt. Eadulf zögerte einen Augenblick, folgte ihrem Beispiel dann aber. Da drang vom Hof das Hufgeklapper von vielen Pferden zu ihnen. Offensichtlich hatten der Mann und seine beiden Bogenschützen ein größeres Gefolge.

»Ich bin Schwester Fidelma, und das ist Bruder Eadulf«, hub sie an.

Das Lächeln des jungen Mannes wurde noch breiter, es war kalt und erbarmungslos, so betrachtete ein Jäger sein Opfer.

»Eine Gwyddel und noch ein Angelsachse, den Namen nach?« Er blickte seine Begleiter an. »Nun, Leute, ein merkwürdiges Paar, nicht wahr?« Er schaute wieder zu ihnen, noch immer lächelte er auf unverschämte Weise. »Was macht ihr hier?«

»Ich bin eine dalaigh, was bei euch barnwr heißt .«

»Ich habe nicht gefragt, wer ihr seid«, unterbrach sie der junge Mann barsch. »Ich habe gefragt, was ihr hier macht.«

»Genau das will ich dir ja erklären. Mein Begleiter und ich sind im Auftrag eures Königs Gwlyddien unterwegs. Wir überprüfen den Bericht über das Verschwinden der Klostergemeinschaft .«

Zu ihrer Überraschung brach der Mann in lautes Gelächter aus. Ein Gelächter ohne Heiterkeit.

»Gwlyddien ist nicht mein König. Und überhaupt, würde ein König von Dyfed eine Frau deiner Abstammung mit einer Untersuchung beauftragen, ganz zu schweigen einen Angelsachsen? Die Angelsachsen sind unsere Erzfeinde.«

Einer der Bogenschützen, der Eadulf im Visier hatte, hob leicht seinen Bogen, als erwarte er den Befehl, Eadulf zu töten.

»Sieh dir die Vollmacht mit dem königlichen Siegel darunter an, wenn du meine Worte anzweifelst«, ent-gegnete Fidelma und suchte in ihrem marsupium. »Es wird nicht gut ausgehen mit euch, wenn ihr einen Mönch umbringt, der noch dazu im Dienste des Königs von Dyfed steht. Bruder Eadulf hat euch nichts getan!«

Nun sah der Mann sie ein wenig mit Bedauern an. »Ach, das habe ich vergessen. Die Gwyddel sind ja besonders gern mit Angelsachsen befreundet, nicht wahr. Ihr seid doch die, die zu den Angelsachsen gegangen sind, um sie zum rechten Glauben zu bekehren und ihnen das Lesen und Schreiben beizubringen und auch, sich wie zivilisierte Menschen zu verhalten. Wir Britannier kennen sie besser. Deshalb haben wir es abgelehnt, sie zu bekehren, selbst als die Prälaten aus Rom herkamen und es von uns verlangten. Sei vorsichtig, Gwyddel; eines Tages werden sich die Angelsachsen gegen dich erheben und dir das antun, was sie den Britanniern angetan haben, die einst im ganzen Land lebten.«

Es waren die Worte eines gebildeten Mannes, der gewohnt war, Befehle zu erteilen. Seine beiden Begleiter grunzten zustimmend und hielten die Bögen nach wie vor fest auf sie gerichtet.

Fidelma verzog keine Miene. »Ich frage noch einmal, was hat dir der Mann neben mir getan?«

»Hast du nicht davon gehört, daß die Sachsen mehrere tausend Mönche in Bangor abschlachteten, um ihren Sieg über König Selyf von Powys zu feiern?« entgegnete der junge Krieger.

»Das habe ich. Das war vor fast fünfzig Jahren, zu einer Zeit, als noch niemand von uns auf der Welt war. Du ganz sicher nicht.«

»Glaubst du etwa, daß die Sachsen ihren Charakter geändert haben, nur weil eure Missionare sie zum christlichen Glauben bekehrt haben?«

»Mit jemandem voller Vorurteile kann ich nicht disputieren, ganz gleich, wer du sein magst. Ich sage noch einmal, daß wir im Auftrag des Königs von Dy-fed hier sind. Wir befinden uns auf dem Territorium von Dyfed, ob ihr nun dessen König anerkennt oder nicht. Sag uns, wer du bist und warum du es wagst, das Gesetz dieses Landes zu mißachten.«

Der junge Mann war einigermaßen erstaunt, daß eine so hübsche junge Frau keine Furcht vor seinen drohenden Worten hatte, obwohl er durchaus imstande war, sie in die Tat umzusetzen.

»Du scheinst dir deiner recht sicher zu sein, Gwyd-del«, sagte er schließlich. »Fürchtest du den Tod nicht? Ganz gleich, ob wir hier in Dyfed sind oder nicht - wo ich bin, da herrscht mein Gesetz.«

»Da bin ich anderer Ansicht. Du magst vorübergehend die Macht haben, solange deine Freunde mit Pfeil und Bogen an deiner Seite sind, doch du bist nicht das Gesetz. Das Gesetz ist heiliger als das Schwert, das du bei dir trägst. Und was die Furcht betrifft, so dient sie nicht dem Erfolg. Sie schwächt das Urteilsvermögen, und ich bin eine dalaigh

Der junge Mann blickte starr in ihre feurigen grünen Augen. Dann kehrte das Lächeln wieder auf sein Gesicht zurück, er lachte selbstgefällig.

»Du hast recht, Gwyddel. Die Furcht verrät kleinmütige Seelen. Ich bin froh, daß du dich nicht fürchtest. Ich töte ungern Leute, die Angst haben, ins Jenseits zu gelangen.«

Er gab seinen Bogenschützen ein Zeichen. Fidelma war entschlossen, sich nicht anmerken zu lassen, wie sie innerlich bebte. Sie war sich bewußt, daß der junge Mann keine leeren Worte machte. Er war skrupellos.

»Würdest du auch Mönche und Nonnen umbringen?« rief sie. »Wenn dem so ist, dann schätze ich, bist du verantwortlich für diese ungeheuerliche ...« Sie zeigte auf die Leiche des alten Mönches, den sie vom Balken abgenommen hatten.

In diesem Augenblick betrat ein weiterer Mann die Scheune. Er gehörte der gleichen Bande an, das konnte man sehen. Man konnte schlecht erkennen, wie alt er war, denn er trug einen glänzenden Helm, durch den er größer wirkte, der jedoch sein Antlitz halb verbarg. Aber er hatte wohl ein hübsches Gesicht und stechende blaue Augen. Er stellte sich neben die anderen und betrachtete Fidelma und Eadulf. Seine Miene wirkte finster.

Der Anführer hielt immer noch die Hand erhoben. Einer der Bogenschützen hüstelte nervös.

»Herr, was ist mit Sualda? Manche Mönche sind auch Ärzte.«

Der Anführer zögerte.

»Töte sie, und dann ist es gut«, zischte der Hinzugekommene. »In den letzten Tagen haben wir genug Fehler gemacht.«

Der junge Mann blickte ihn mit offener Feindseligkeit an. »Daran bin ich nicht schuld. Ich habe mir die komplizierte Strategie nicht ausgedacht. Auf meinen Mann ist Verlaß.« Er wandte sich wieder an Fidelma und Eadulf: »Beherrscht einer von euch die Kunst des Heilens?«

Fidelma zögerte, denn sie war sich nicht sicher, ob Eadulf ihrem Gespräch hatte folgen können. »Bruder Eadulf hat an der medizinischen Fakultät von Tuam Brecain studiert«, sagte sie dann.

Erheitert musterte der junge Mann nun Eadulf. »Damit hast du dem Angelsachsen ein längere Lebenszeit verschafft, als für ihn vorgesehen war. Ihr kommt beide mit.«

»Du hast uns immer noch nicht verraten, wer du bist«, erwiderte Fidelma trotzig.

»Mein Name wird euch nichts sagen.«

»Schämst du dich so dafür?«

Zum erstenmal verfinsterte sich das Gesicht des jungen Mannes. Sein Gefährte mit dem glänzenden Helm trat einen Schritt vor und legte eine Hand auf seinen Arm. Dieser Moment prägte sich Fidelma tief ein. Man konnte den jungen Mann also in Harnisch bringen. Dieses Wissen könnte sich später einmal als nützlich erweisen. Der junge Mann bemühte sich sehr, seine Fassung zurückzugewinnen. Dann kehrte sein zynisches Lächeln wieder.

»Mein Name ist Clydog. Häufig nennt man mich Clydog Cacynen.«

»Clydog, die Wespe?« Fidelma sprach, als würde sie ein Kind besänftigen wollen. »Sag mir, Clydog, warum trägst du den Halsreif eines Helden? Könnte es sein, daß du diese Auszeichnung im Kampf gegen wehrlose Mönche erworben hast?«

Unwillkürlich griff der junge Mann mit der Hand an seinen Halsreif. Wieder flackerte unkontrolliert Wut in seinem Gesicht auf.

»Dieser Reif wurde«, erwiderte er langsam, »bei der Niederwerfung von König Selyf in Cair Legion getragen. Die Angelsachsen werden sich noch an das Verbrechen erinnern.«

Warnend räusperte sich nun der Mann mit dem Kriegshelm. »Es sind genug Worte gewechselt. Wenn du willst, daß die beiden sich nun um Sualdas Gesundheit kümmern, laß uns lieber gehen, ehe noch etwas Unvorhergesehenes passiert. Ihr beiden lauft vor den Bogenschützen her. Keine Tricks, sonst werden sie ihre Pfeile abschießen. Ich sage das nur einmal.«

Zum erstenmal war Eadulf in der Lage, sich einzumischen.

»Paß nur auf, Welisc«, sagte er und gebrauchte das angelsächsische Wort für Britannier. »Du sprichst gerade mit Fidelma von Cashel, der Schwester des Königs von Cashel.«

Fidelma wandte sich zu ihm um. »Denk an das Sprichwort: Redime te captum quam queas minimo!« flüsterte sie ihm zu.

Der Mann mit dem Kriegshelm blickte von Eadulf zu Fidelma und brach in höhnisches Gelächter aus. »Wie gut! Nun wissen wir wenigstens, daß der Angelsachse eine Zunge hat. Danke für die Mitteilung. Eine Prinzessin der Gwyddel, he? Lady, du mußt deinen sächsischen Freund nicht daran erinnern, daß man bemüht sein sollte, das Lösegeld für sich so gering wie möglich zu halten, wenn man Gefangener ist. Ich bezweifle, daß wir deinen geschätzten königlichen Bruder um Lösegeld angehen werden, auch wenn wir nun deine hohe Stellung kennen. Er ist viel zu weit weg, und solche Verhandlungen sind immer zähflüssig.«

»Also seid ihr gewöhnliche Verbrecher?« Fidelma betrachtete die Männer mit offener Verachtung.

Die rot aufflammenden Wangen des Mannes, der sich Clydog nannte, verrieten, daß er wieder zornig war. »Verbrecher? Solange wir in Dyfed sind, würde ich das bejahen. Aber keine gewöhnlichen, zumindest nicht ich. Ich bin .«

»Clydog!« brach es aus dem Mann mit dem Helm hervor. Ruckartig drehte er sich zu Fidelma und Eadulf um. »Genug dahergeredet. Geht voraus!« Er zeigte auf den Innenhof hinaus.

»Hast du auch einen Namen?« Fidelma konnte man nicht so schnell einschüchtern. Es bereitete ihr vielmehr Vergnügen, zwischen jene Männer, die sie gefangengenommen hatten, einen Keil zu treiben.

Einen Moment lang musterte sie der Mann mit dem Helm von oben bis unten. »Du kannst mich Corryn nennen«, erwiderte er ernst.

»Es ist das erstemal, daß ich höre, daß eine Wespe und eine Spinne zusammenleben«, stellte Fidelma belustigt fest. Corryn, das wußte sie, war das Wort für Spinne.

»Mir egal«, erwiderte der Mann. »Also los jetzt!«

Draußen wartete ein halbes Dutzend Reiter, die alle bewaffnet waren und auf wohlgenährten Pferden saßen. Außerdem waren da noch zwei weitere Männer auf einem großen, offenbar vollbeladenen Fuhrwerk, das mit einer Plane abgedeckt war. Fidelma machte sich nun Vorwürfe, daß sie vorhin dem unruhigen Verhalten ihrer Pferde und dem offenen Tor keine weitere Beachtung geschenkt hatte.

»Wie ich sehe, seid ihr mit eigenen Pferden gekommen«, meinte Clydog, als er sie begutachtete. »Schöne Vollblüter. Die frommen Schwestern und Brüder sind hervorragend ausgestattet.«

»Die Pferde hat uns König Gwlyddien zur Verfügung gestellt«, warf Eadulf ein.

»Ah. Also werden sie dem Alten auch nicht fehlen. Da wir noch ein Stück Weg vor uns haben, könnt ihr sie weiter benutzen.«

»Wohin reiten wir?« wollte Eadulf wissen. »Und warum habt ihr uns gefangengenommen, wenn ihr kein Lösegeld für uns verlangen wollt?«

»Aufgesessen!« wies ihn der Mann schroff an, der sich Corryn nannte. »Keine Fragen!«

Clydog war zu den beiden Männern auf dem Fuhrwerk geritten. »Ihr wißt, was ihr zu tun habt? Sobald ihr fertig seid, stoßt ihr wieder zu uns.«

Er setzte sich an die Spitze des Trupps, der nun Fidelmaund Eadulf in seine Mitte genommen hatte. Nach einem Handzeichen von ihm ritten alle in raschem Tempo in Richtung des großen Waldes südlich vor ihnen los. Bruder Meurig hatte auf ihrer Reise nach Llanwnda den Namen des Waldes genannt, erinnerte sich Fidelma. Wie hieß er nur? War das der Wald von Ffynnon Druidion?

Schlimmer hätte es nicht kommen können. Einer Horde von Halsabschneidern in die Hände zu fallen! Bruder Meurig hatte zwar erwähnt, daß in dieser Gegend Räuberbanden ihr Unwesen trieben, aber von einer so großen bewaffneten Meute hatte er nicht gesprochen. Hätte sie das gewußt, sie hätte darauf be-standen, daß Gwlyddien oder auch Gwnda ihnen einen Trupp Krieger als Geleitschutz mitgegeben hätte. In Wahrheit machte sie sich mehr Sorgen um Eadulf als um sich. Vielleicht hätte sie Eadulf mehr Gehör schenken sollen, als er darüber sprach, welche unguten Gefühle er als Angelsachse hatte, sich allein auf britannischem Terrain zu bewegen. Es war nicht so, daß sie die Tiefe der Feindseligkeiten zwischen den beiden Völkern falsch eingeschätzt hatte, doch sie hatte geglaubt, die Vernunft würde sich durchsetzen. Sie hatte vergessen, daß meist schon Vorurteile ausreichten, um jemandem Schaden zuzufügen.

Fidelma betrachtete Corryn eingehend, der neben Clydog an der Spitze des Trupps ritt. Seine Züge kamen ihr eigenartig vertraut vor. Waren sie sich schon einmal begegnet? Oder erinnerte er sie einfach nur an jemand anderen? Falls ja, an wen?

Er schien intelligent zu sein und gebildet. Er sprach Latein. Jedenfalls genug, um ihre an Eadulf gerichtete Warnung zu verstehen, daß er sich vorsehen sollte, ihre Identität preiszugeben, da die Räuber ein hohes Lösegeld für eine ranghohe Frau verlangen würden, wohingegen sie möglicherweise eine einfache Nonne ohne Lösegeld gehen lassen würden.

Clydog, der Anführer, wirkte ebenfalls gebildet. Da war zum Beispiel dieser kostbare Halsreif und das, was er darüber hatte verlauten lassen. Weder Clydog noch Corryn schienen typische Räuber oder Verbrecher zu sein. Doch ganz gleich, welches Rätsel sie umgab, es war ein ausgesprochenes Mißgeschick, daß sich ihre Wege gekreuzt hatten. Flucht war jetzt das vorrangige Gebot. Der ganze Trupp bestand aus neun Reitern, Clydog und Corryn eingeschlossen. Im Moment war es aussichtslos zu fliehen, denn die meisten der neun trugen Bogen bei sich, deren Pfeile eine große Reichweite hatten. Sie würden warten müssen, bis sie an ihrem Bestimmungsort angelangt waren und sich ihnen eine günstige Gelegenheit bot.

Verstohlen blickte sie zu Eadulf hinüber. Düstere Sorgenfalten zeichneten sich auf seinem Gesicht ab. Sie wußte, daß sich Eadulf nur ihr zuliebe auf dieses gefährliche Unternehmen eingelassen hatte. Ihm war unwohl bei all dem gewesen. Und zwar schon ehe sie zur Abtei Dewi Sant aufbrachen, um dort mit Abt Tryffin zu sprechen. Vielleicht hätte sie seine Vorbehalte respektieren sollen, denn Eadulf machte sich nie ohne Grund Sorgen. Nie würde sie es sich verzeihen, wenn ihre Eitelkeit, ihre Vermessenheit schuld daran sein sollten, daß ihm etwas zustieße. Sie hätten in Porth Clais warten und sofort ihre Reise nach Canterbury fortsetzen sollen. Fidelma preßte die Lippen zusammen. Jetzt war es zu spät für Reue.

Inzwischen hatten sie den Schutz des Waldes erreicht. Offensichtlich kannte sich Clydog hier gut aus, denn er verlangsamte das Tempo nicht, sondern ritt zügig voran. Die anderen folgten ihm einer nach dem anderen. Ihre Begleiter mußten ausgezeichnete Reiter sein, denn ohne Tempoverlust hatten sie ihre beiden Gefangenen geschickt in die Mitte der Reihe genommen. Nach einer Weile kam die Reiterkette durch dichtes grünes Unterholz. Dann gelangten sie auf eine Lichtung, auf der sich ein kleiner Bach in ein großes Becken ergoß, zu klein, um See genannt zu werden. An einem Ende befanden sich ein Hügelgrab und ein paar provisorische Hütten und Zelte. Über einer Feuerstelle hing ein Kochtopf. An einem einfachen Geländer etwas entfernt unter einem offenen Dach konnte man die Pferde anbinden.

In dem Lager hielten sich ein halbes Dutzend Männer auf, die auf die Gefangenen zuliefen und sie begafften.

»Was sind das für Leute, Clydog?« fragte einer der Kumpane, ein stämmiger Bursche, der das Leben in freier Natur gewöhnt zu sein schien.

»Die haben wir in Llanpadern aufgegabelt«, erwiderte Clydog und glitt vom Pferd. »Der hier ist ein Heiler.« Er stieß Eadulf mit dem Daumen an.

»Wissen sie Bescheid?« fragte der andere.

»Halt deine lose Zunge im Zaum!« fuhr ihn Corryn barsch an. »Das gilt für euch alle. Niemand unterhält sich mit den Gefangenen.«

Die Männer betrachteten Fidelma und Eadulf mit unverhohlener Neugier.

»Es sind Fremdlinge, oder?« fragte ein junger Bursche mit überschnappender Stimme, dem noch nicht einmal der Bart sproß.

»Eine Gwyddel und außerdem ein Angelsachse«, erwiderte Clydog.

Gemurmel wurde laut.

»Sitz ab, Angelsachse«, befahl Corryn.

Eadulf stieg vom Pferd. Corryn packte ihn am Arm und stieß ihn in das düstere Innere einer Hütte, ehe er noch ein Wort mit Fidelma wechseln konnte. Auf dem Boden lag ein Mann.

»Wenn du ein Arzt bist, dann tu etwas«, fuhr ihn Corryn an und ließ ihn allein.

Eadulf blickte auf den Mann hinunter, der zu schlafen schien. Dann lief er rasch zum Eingang der Hütte zurück.

Fidelma saß immer noch auf ihrem Pferd und war von den Männern umringt, die inzwischen alle abgestiegen waren. Doch man hielt die Zügel ihres Pferdes fest, so daß sie sich nicht unversehens davonmachen konnte.

»Sie behauptet, daß jener unfähige Narr, der darauf besteht, König von Dyfed zu sein«, sagte Clydog soeben, »ihnen den Auftrag gegeben hat, herauszufinden, wohin Pater Clidros Klostergemeinschaft verschwunden ist.«

Schallendes Gelächter erhob sich.

»Nicht einmal der alte Gwlyddien ist so beschränkt, einem Angelsachsen einen solchen Auftrag zu geben«, rief jemand schrill.

»Er hat mir aber diesen Auftrag gegeben.« Fidelmas Stimme war kalt und ruhig, doch so bestimmend, daß das Gegröle sofort verstummte, die Männer schwiegen und abwartend zu ihr aufschauten.

Clydog lachte und trat vor. »So will ich dich vorstellen, Lady. Das ist Fidelma von Cashel, Schwester des Königs jenes Reiches.«

»Wo zum Teufel liegt Cashel?« fragte ein Mann.

»Dummkopf!« Clydog lächelte. »Es ist eines der größten der fünf Königreiche von Eireann. Dieses Land hier hätte mit seiner Fläche mehrmals darin Platz, und das würde immer noch nicht ausreichen.«

Eadulf staunte über die Kenntnisse, die Clydog besaß.

»Ein wohlhabendes Land, oder?« rief eine durchdringende Stimme.

»Wohlhabend genug«, bestätigte ihm Clydog.

»Warum sollte der alte Gwlyddien sie damit beauftragen, in Llanpadern Ermittlungen anzustellen?« fragte ein anderer.

»Weil sie eine dalaigh ist, meine Freunde.«

»Was in aller Welt ist das?« erkundigte sich der nächste.

»Eine dalaigh, du Trottel, ist das gleiche wie ein barnwr hier. Eine Richterin, jemand, der Verbrechen und rätselhafte Vorfälle untersucht und über die Schuldigen ein Urteil fällt.«

»Warum schickt er dann eine Gwyddel? Gibt es in Dyfed nicht genügend Richter?«

»Ja, warum wohl? Am Ende kann man niemandem von ihnen trauen«, meinte Clydog mit spöttischem Grinsen.

»Vielleicht«, warf Fidelma mit kühler Stimme ein, »wollt ihr das König Gwlyddien selbst fragen? Doch möglicherweise habt ihr nicht den Mut, dafür nach Menevia zu gehen.«

Clydog sah mit einem Lächeln zu ihr auf. Da er aber ständig lächelte, konnte sie dem auf keinen Fall vertrauen.

»Es reicht! Es reicht!« fuhr Corryn schroff dazwischen. »Habe ich nicht gesagt, daß niemand mit den Gefangenen sprechen soll?«

Clydog blickte seinen Mitstreiter verärgert an. »Gönnst du meinen Leuten nicht ein kleines bißchen Spaß?«

»Spaß sollen sie haben, nachdem unsere Sache getan ist.«

»Dennoch ist es eine grundlegende Frage, Corryn. Warum sollte der alte Narr solch einen Auftrag dieser Frau anvertrauen, selbst wenn sie eine dalaigh ist? Warum einer Gwyddel?«

Seine Männer murmelten etwas Bestätigendes. Eadulf konnte nicht umhin, vom Eingang der Hütte den Männern laut entgegenzuhalten: »Schwester Fidelma hat den Ruf, ungewöhnliche Kriminalfälle lösen zu können.«

Clydog grinste ihn an. »Unser sächsischer Freund ist sparsam mit seinen Worten. Wie ihr hören könnt, Leute, so ist ihm unsere Sprache nicht fremd, ebensowenig der guten Schwester hier. Doch wenn er spricht, sagt er nur Bedeutsames.« Er wandte sich wieder Fidelma zu. »Kennst du das Satyricon des Petronius, Lady?«

Die Frage überraschte Fidelma. »Ich habe Petronius gelesen«, sagte sie.

Clydog neigte leicht den Kopf. »Bei ihm steht folgendes: Raram facit misturam cum sapientia forma. Hier handelt es sich um so einen seltenen Fall.«

Fidelma errötete. Die Zeile, die er zitiert hatte, besagte, daß sich selten Schönheit und Klugheit in einer Person paarten.

»Du scheinst eine gewisse Bildung genossen zu haben, Clydog. Und deine Zunge kann einem Honig ums Maul schmieren. Ich antworte dir mit einer Zeile von Plautus: Ubi melibi apes ... Honig zieht Bienen an, und du solltest daran denken, daß Bienen stechen können.«

Clydog schlug sich auf die Schenkel und brach in Lachen aus, während seine Männer ihn erstaunt anstarrten, denn sie hatten die Worte, die ihr Anführer und Fidelma gewechselt hatten, nicht verstanden.

»Es wird mir ein Vergnügen sein, dich heute abend zu unterhalten, Lady. Ich werde mich selbst auf die Jagd nach einem Hirsch machen, den wir dann am Spieß braten können.«

»Wie lange willst du uns gefangenhalten?«

»Vorerst seid ihr meine Gäste.«

»Hast du keine Angst vor dem, was der König von Dyfed unternehmen könnte, wenn er von unserer Festnahme erfährt?«

»Falls er davon erfährt, Lady«, erwiderte er mit Nachdruck.

»Glaubst du etwa, daß du das lange vor ihm verbergen kannst?«

Clydog blieb unerschütterlich. »Gewiß doch.«

Seine Unbekümmertheit reizte Fidelma. Sie versuchte, ihn ein wenig in Rage zu bringen. »Und wenn auch Dyfed nicht darauf reagieren mag, so wird mein Bruder .«

»Was wird dein Bruder, Lady?« unterbrach sie Cor-ryn. »Falls du nicht nach Cashel zurückkehrst, wird er ein wenig trauern, das ist alles. Pilger verschwinden eben mal, und niemand hört mehr von ihnen. Das ist ganz normal. Und in den Grenzgebieten der sächsischen Königreiche und der Kymren verschwinden allemal Angelsachsen. So, ich glaube, wir haben jetzt genug Worte gewechselt.« Bedeutungsvoll blickte er Clydog an.

Clydog nickte. »Bildet euch nur nicht ein, daß ihr mit Worten die Freiheit herbeireden könnt oder daß irgendwelche Retter hier erscheinen und euch befreien werden. Du und der Angelsachse seid von jetzt an Gäste von Clydog Cacynen. Mehr braucht ihr nicht zu wissen.« Er drehte sich um und erteilte seinen Männern verschiedene Befehle.

Mit zornigem Blick wandte sich Corryn zu Eadulf um: »Habe ich dir nicht gesagt, daß du dich um den Kranken kümmern sollst, Angelsachse?« fuhr er ihn unwirsch an und erhob sein Schwert.

Eadulf trat zurück in die Hütte und beugte sich zu dem Mann hinunter. Dieser war ganz offensichtlich ein Mitglied der Verbrecherbande, hatte grobe Gesichtszüge und war ungepflegt. Er schlief nicht, wie Eadulf zuerst gemeint hatte, sondern war bewußtlos. In einem Halter an der Wand flackerte eine Kerze. Eadulf griff nach ihr.

Als er dem Kranken die Hand auf die Stirn legte, stellte er fest, daß sie glühend heiß war. Er hielt die Kerze in die Höhe, schlug die Decke zurück, und sofort war ihm die Ursache des Fiebers klar. Aus einer Wunde in der Magengegend verlor der Mann viel Blut. Es handelte sich um eine nicht allzu tiefe Stichwunde, die sich entzündet hatte.

Inzwischen hatte Corryn die Hütte betreten und blickte über Eadulfs Schulter hinweg auf den Liegenden.

»Kannst du etwas für ihn tun?« fragte er.

»Welcher Art war die Waffe, mit der man ihm diese Wunde zufügte?« wollte Eadulf wissen. »Warum ist sie entzündet?«

»Es war ein Fleischmesser. Daher auch die ausgefransten Wundränder.«

»Kann einer deiner Männer Haarmoos von anderen Pflanzen unterscheiden und sammeln?«

Corryn nickte. »Natürlich. Am Bach wächst welches.«

»Davon benötige ich ein wenig. Schafft auch meine Satteltasche her.« Auf Reisen trug Eadulf immer eine kleine Tasche mit medizinischen Utensilien bei sich.

Corryn zögerte, doch dann verließ er die Hütte. Eadulf hörte, wie er draußen jemandem einen Auftrag erteilte. Da packte ihn der fiebernde Mann am Handgelenk. Eadulf sah, daß er die Augen weit geöffnet hatte und ihn anstarrte.

»Ich hab’s ihm heimgezahlt, was?« fragte er.

Eadulf lächelte. »Leg dich wieder hin. Ruh dich nur aus. Dann wird es dir bald besser gehen.«

Doch der Mann umklammerte weiter sein Handgelenk. »Er hat mich überrascht. Ich habe ihn gejagt, ins ... ins ... mit dem Fleischmesser. Plötzlich hatte er mich. Ich ... mußte ihn töten ... Hab’s ihm heimgezahlt, was?«

»Natürlich hast du das, mein Freund«, murmelte Eadulf. Der Mann sank erschöpft auf sein Lager. Da trat Corryn wieder ein und stellte die Satteltasche ab.

»Wie heißt er?« fragte Eadulf.

»Sualda«, erwiderte Corryn. »Warum?«

»Manchmal beruhigt es einen Kranken, wenn der Arzt weiß, wer er ist«, erklärte Eadulf sarkastisch. Er nahm seine Tasche und machte sich an die Arbeit. Er bat um heißes Wasser. Wasser und Haarmoos wurden ihm zur gleichen Zeit gebracht.

»Was hast du vor?« wollte Corryn wissen, nachdem Eadulf die Wunde gesäubert hatte.

»Ich verabreiche ihm einen Tee aus Baldrian, um das Fieber zu senken, und auf die saubere Wunde kommt ein Haarmoosumschlag, getränkt in einem Extrakt aus den Blüten des Rotklees, aus Beinwell und Klette. Und dann können wir nur noch beten.«

Corryn entfernte sich und rief einen der Männer herbei, damit er Eadulf im Auge behielt. Der wartete, bis Eadulf mit seiner Behandlung fertig war, und beförderte ihn recht grob aus der Hütte. Er fesselte ihm die Hände auf dem Rücken, stieß ihn in eine größere dunklere Hütte und band ihn an einen Stützpfahl. Dann schlug er ihm unvermittelt ins Gesicht.

»Das ist für meinen Bruder, Angelsachse! Er wurde umgebracht, als deine Leute nach Sklaven jagten. Du wirst ganz langsam sterben, das verspreche ich dir.«

Der Mann verschwand. Eadulf hörte, wie sich am anderen Ende der Hütte etwas bewegte. Aus dem Dunkel drang Fidelmas Stimme zu ihm.

»Bist du verletzt?« fragte sie besorgt.

»Es hätte schlimmer kommen können«, erwiderte Eadulf gleichmütig und schmeckte Blut auf seinen Lippen. »Die Zähne sind noch heil.«

»Wir haben schon Furchtbareres durchgestanden.« Das sollte beruhigend klingen. Fidelma untersuchte ihre Fesseln, doch sie erwiesen sich als fest. »Was haben sie von dir gewollt?«

Eadulf erzählte ihr alles in Kürze. »Ich denke, ganz gleich, was Clydog mit dir vorhaben mag, ich bin nur ein durchschnittlicher Angelsachse für ihn und seine Männer. Sobald sie wissen, ob ihr Gefährte Sualda überlebt oder nicht, werde ich überflüssig.«

Fidelma seufzte. »Kopf hoch, Eadulf. Wir sind immer allen Gefahren entkommen, wir schaffen das auch diesmal.«

Eadulf machte sich an seinen Fesseln zu schaffen, die sich straff um seine Handgelenke spannten. Vergeblich suchte er nach etwas, was ihm helfen könnte, sie zu lockern. Eine Weile verfolgte Fidelma seine nutzlosen Anstrengungen, dann sagte sie: »Eadulf, es hat keinen Sinn, gegen das Unvermeidliche anzukämpfen, es sei denn, man hat eine Wahl.«

»Was ist mit dem Ratschlag deines so vielzitierten Freundes Publilius Syrus?« fragte Eadulf verärgert.

»Syrus?« fragte Fidelma verwirrt.

»Du zitierst immerfort Zeilen von Publilius Syrus.

Entsinnst du dich nicht an die Stelle, wo er sagt, daß in der Not jede Waffe einen Nutzen hat und zum eigenen Vorteil gereichen kann? Sollten wir uns nicht überlegen, welcher Waffen wir uns in dieser Lage bedienen könnten?«

Eine Weile schwiegen beide.

»Wir sollten uns jetzt besser nicht streiten, Eadulf«, sagte Fidelma schließlich. »Zeig mir so eine Waffe, und ich werde sie zu nutzen wissen. Im Moment gibt es nichts, womit wir uns befreien können, also sollten wir lieber über unsere Situation nachdenken.«

Eadulf stöhnte innerlich auf. Manchmal vermochte er Fidelmas Logik nicht zu folgen. »Da ist nicht viel, das uns weiterhelfen könnte«, entgegnete er resigniert.

»Ich glaube, daß Clydog und seinen Leuten schon vorher bekannt war, daß die Mönche aus dem Kloster verschwunden waren. Vielleicht haben sie sogar gewußt, daß wir uns gerade dort aufhielten.«

»Das ist völlig .«

»Lächerlich?« unterbrach ihn Fidelma. »Mag sein. Doch wir sind nicht auf sie aufmerksam geworden, weil sie sich uns überaus vorsichtig genähert haben. Sie haben nicht an der Glocke gezogen, sondern sind durch die Tore gekommen und zur Scheune herübergeritten, wo sie uns überrascht haben. Ich glaube, sie sind schon einmal im Kloster gewesen.«

»Und zu welchem Zweck?«

»Eadulf, Antworten ergeben sich nicht so rasch wie Fragen. Hat Clydog jemand mitgeteilt, daß wir dort waren? Und falls dem so ist, wer hat es getan? Wer wußte alles davon? Und weiter - warum sollte jemand daran interessiert sein, daß Clydog uns gefangennimmt? Will jemand verhindern, daß wir die Wahrheit über das Verschwinden der Mönche herausfinden? War der alte Mann wirklich der Klostervorsteher Pater Clidro? Warum wurde er erst ein paar Stunden vor unserem Eintreffen im Kloster erhängt?«

»Du vergißt den Hwicce in dem Steinsarg«, murmelte Eadulf düster.

Fidelma lächelte in der Dunkelheit. »Der Hwicce. Nein, ich habe ihn nicht vergessen. Wenn Clydog und seine Männer schon einmal in Llanpadern waren, dann gibt es möglicherweise auch für den Toten im Sarkophag eine Erklärung.«

Eadulf schob sich unruhig hin und her, soweit das seine Fesseln erlaubten. »Um Gottes willen, kein Wort über den Hwicce in Gegenwart dieser Kerle hier. Sie könnten auf die Idee kommen, daß ich etwas mit seinem Tod zu tun habe. Mein Leben hängt ohnehin nur am seidenen Faden.«

»Vielleicht weiß Clydog ja schon von dem Toten in der Kapelle?« überlegte Fidelma weiter.

»Gewiß nicht«, sagte Eadulf entschieden.

»Warum gewiß?«

»Wenn er es wüßte, hätte er längst darauf angespielt. Ich bin schließlich ein Angelsachse.«

Fidelma schwieg.

Eadulf zerrte vergebens an seinen Fesseln. Es machte ihn rasend, daß er so hilflos war. Erst vor kurzem war er in dieser grausigen Zelle in der Abtei Fearna eingesperrt gewesen und hatte auf seinen Tod gewartet. Wut und Verzweiflung packten ihn, schon wieder gefangen und derart ausgeliefert zu sein.

Da aus der anderen Ecke der Hütte nichts zu hören war, nahm Eadulf an, daß Fidelma nun meditierte. Durch die Kunst der dercad hatten unzählige Generationen von irischen Mystikern den Zustand des inneren Friedens erlangt, ihre Gedanken zur Ruhe gebracht und ihr Seelenheil gefunden. Eadulf wollte diese Kunst gern selbst erlernen. In Zeiten besonderer Belastung griff Fidelma häufig darauf zurück. Doch hatte nicht der heilige Patrick persönlich einst einige meditative Praktiken der Selbsterleuchtung ausdrücklich verboten, da man sich schon zu heidnischen Zeiten ihrer bedient hatte? Die Kirche der fünf Königreiche tolerierte zumindest die Meditation zum Zwecke der Entspannung und Beruhigung der Nerven.

Die Zeit verstrich. Langsam wurde es kälter, die frühabendlichen Schatten wurden von der Dunkelheit geschluckt. Sie konnten das Flackern eines Feuers vor der Hütte erkennen und hörten das laute Gelächter der Männer.

»Eins können wir aus diesem Feuer lernen, Eadulf«, bemerkte Fidelma leise.

»Das da wäre?« erwiderte Eadulf vom anderen Ende der dunklen Hütte.

»Daß Clydog und seine Männer keine Angst haben, das Feuer könnte Aufmerksamkeit erregen. Sie müssen sich ihrer Sache ziemlich sicher sein.«

Fidelma schwieg plötzlich, denn jemand stand am Eingang zur Hütte; Clydogs Stimme drang aus der Finsternis zu ihnen.

»Nun, wie ich euch versprochen habe, das Festmahl ist bereitet, und wir möchten dich als unseren Hauptgast an unserer Tafel willkommen heißen, meine Lady.«

Kapitel 9

Clydog trat in die Hütte und band Fidelmas Fesseln los. Nur ihre Hände blieben gefesselt. Er zog sie hoch und stieß sie sanft vor sich her zur Tür. An der Türschwelle blieb sie stehen und fragte: »Was ist mit meinem Gefährten?«

»Der Sachse? Der kann bleiben, wo er ist.«

»Hat er nicht auch etwas zu essen und zu trinken verdient?«

»Ich werde ihm etwas bringen lassen.« Damit ließ es Clydog bewenden. »Ich habe nur dich zum Essen eingeladen. Ich möchte mich mit dir und nicht mit dem Angelsachsen unterhalten.«

Fidelma wurde unversehens aus der Hütte befördert. Draußen loderte ein Feuer, darüber brutzelte an einem großen Spieß über der Glut ein Hirsch. Zwei Männer kümmerten sich um den Braten, die anderen saßen herum, tranken und redeten lautstark miteinander.

Ein Stück entfernt vom Feuer war die abendliche Luft regelrecht kalt. Fidelma war beinah dankbar für die Wärme der Flammen. Clydog führte sie zu einem Baumstamm vor einem einzeln stehenden Zelt aus Tierhäuten. Es war eines von mehreren Zelten, die auf der Lichtung verteilt standen und vermutlich Clydog und seinen Männern nachts Schutz boten.

»Besonderen Komfort können wir dir nicht bieten, Prinzessin von Cashel«, sagte Clydog und zeigte auf den Baumstamm, auf den sie sich niederlassen sollte. Als sie saß, machte er sich daran, ihr die Fesseln zu lösen.

»So. Nun kannst du etwas bequemer essen und trinken. Doch denk dran, Lady, daß du von meinen Männern umgeben bist und jeder Fluchtversuch vergeblich ist.«

»Ich würde meinen Begleiter nie allein deiner Obhut anvertrauen«, erwiderte sie scharfzüngig.

Clydog zeigte wieder sein breites Grinsen und setzte sich neben sie. »Das ist sehr schlau. Für Sachsen haben wir nicht viel übrig, insbesondere nicht für sächsische Mönche.«

Nun trat Corryn zu ihnen; sein schmales Gesicht wurde immer noch halb von seinem Helm verdeckt. Er reichte ihr einen Becher mit Met. Fidelma fiel auf, daß seine Hände glatt und gepflegt waren, ganz untypisch für die Hände eines Kriegers oder eines Mannes, der an körperliche Arbeit gewöhnt war. Fidelma nahm den Becher, trank aber nichts.

»Das ist nicht klug von dir, Clydog«, murmelte Corryn, an seinen Gefährten gewandt.

Clydog blickte zornig auf. »Das geht dich nichts an, mein Freund.«

»Geht uns das nicht beide an?«

Der Anführer der Bande lachte trocken. »Nicht diese Angelegenheit.«

Corryn unterdrückte einen Seufzer und setzte sich zu den anderen. Clydog merkte, daß Fidelma den Met nicht anrührte.

»Magst du unseren Waldmet nicht, Lady?« erkundigte er sich und nahm einen Schluck aus dem Becher, den er in der Hand hielt. »In einer Nacht wie dieser wärmt er gut.«

»Du hast gesagt, daß du meinem Gefährten etwas zu essen und zu trinken schicken würdest. Erst wenn er etwas bekommt, werde ich trinken.«

»Der Sachse kann warten«, erwiderte Clydog unbekümmert. »Erst kommen wir.«

»Das sehe ich anders.« Fidelma erhob sich so plötzlich, daß Clydog viel zu überrascht war, um sie daran zu hindern. »Ich werde ihm das hier bringen«, verkündete sie und machte einen Schritt nach vorn. Doch schon wurde sie festgehalten. Es war Corryn. Seine glatten und gepflegten Hände packten hart zu. Erstaunt holte sie Luft. Corryn grinste.

»Varium et mutabile semper femina, nicht wahr, Clydog? Auf die solltest du besser aufpassen. Ich habe dir gesagt, daß es nicht klug von dir ist.«

»Halt!« Clydog war aufgestanden. Sein Gesicht verriet Verdruß. »Wenn es dir so viel bedeutet, werde ich deinem angelsächsischen Freund was zu essen bringen lassen.«

Fidelma stand reglos da, was blieb ihr auch weiter übrig. Corryn hielt sie immer noch fest.

»Laß sie los und sorge dafür, daß der Sachse was zu essen kriegt«, sagte Clydog wütend.

»Was hat es für einen Sinn, einen Mann durchzufüttern, der ohnehin bald stirbt?«

»Tue, was ich dir sage«, fuhr ihn Clydog an, »sonst passiert was.«

Corryn stieß Fidelma mit einem Ruck von sich. Sie sah ihm ins Gesicht. In seinen blauen Augen las sie Zorn und Groll. Dann hatte er sich wieder in der Gewalt. Er zuckte mit den Schultern, trat zu seinen Gefährten und gab ein paar Anweisungen. Widerwillig erhob sich einer der Männer, schnitt ein paar Scheiben von dem Braten ab und legte sie auf ein Holzbrett. Dann nahm er einen Becher Met und ging zur Hütte.

Zufrieden schaute Fidelma zu Clydog, der sich wieder hingesetzt hatte, ganz blaß aussah und Corryn mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck beobachtete.

»Du willst uns also töten?« fragte ihn Fidelma ruhig.

»Ich bin kein Freund der Angelsachsen«, erwiderte er kurz angebunden.

»Wie es scheint, auch sonst niemandes Freund.« Sie blickte zu Corryn hinüber.

Langsam schüttelte Clydog den Kopf. »Du bist eine resolute Frau, nicht wahr? Wie dem auch sei, ich bin nicht dafür verantwortlich, was meine Männer denken. Ich gebe hier die Befehle, und bisher habe ich niemandem befohlen, irgend jemanden zu töten. Also komm her und setz dich wieder hin.«

Fidelma erwiderte daraufhin nichts.

»Setz dich hin, Gwyddel!« wiederholte er schon schärfer. »Sei dankbar, daß ich dich aus Corryns Klauen befreit habe. Er hätte euch beide am liebsten gleich in Llanpadern aus dem Weg geräumt. Ich habe dem Sachsen bisher nur das Leben retten können, weil er ein Heilkundiger ist.«

Mit ausdrucksloser Miene ließ sich Fidelma neben ihm nieder. Clydog lachte vergnügt vor sich hin.

»Ich sehe schon, du bist ein ausgezeichneter Gast«, sagte er belustigt.

»Was willst du von mir, Clydog?« fragte sie. »Warum ist dir daran gelegen, mich und Bruder Eadulf gefangenzuhalten?«

»Sollte mir an mehr gelegen sein als an deiner Gesellschaft bei diesem Mahl? Komm, iß dich satt und genieße unsere Unterhaltung. Du wirst feststellen, daß ich ein gebildeter Mann bin, den es manchmal nach geistvollen Gesprächen verlangt.«

»Da kannst du dich sicher gut mit deinem Gefährten dort unterhalten«, erwiderte sie spöttisch und nickte in Richtung Corryn. »Einer, der Vergil zitiert, muß einfach gebildet sein.«

Clydog runzelte verärgert die Stirn. »Ein paar Worte Latein aufschnappen - das kann jeder«, sagte er, sich fast rechtfertigend. »So, nun laß uns essen.«

»Ich zöge es vor, im Wald zu hungern«, gab sie ihm kühn zurück. »Die wilden Tiere wären mir willkommener als deine Gesellschaft.«

»Kann es sein, daß du mich so wenig magst?« erwiderte der junge Mann nachdenklich, aber immer noch mit einem Lächeln. »Abneigung ist nur ein negativer Ausdruck der eigenen Wünsche.«

Fidelma konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. »Ich kenne dich nicht gut genug, um dich hassen zu können, Clydog«, erwiderte sie belustigt. »Doch auf jeden Fall kann ich dich nicht leiden, und das hat allerdings etwas mit meinen Wünschen zu tun.« Ihre Worte schienen ihn zu verblüffen. Sie fuhr fort: »Ich wünschte mir sehnlichst, daß du tausend Meilen von hier fort wärest.«

Clydog nahm ein scharfes Messer von seinem Gürtel, spielte damit großtuerisch herum, ehe er aufstand und von dem Braten am Spieß ein paar Scheiben abschnitt und sie auf zwei Holzbretter legte. Er reichte ihr eines der Bretter, dann nahm er wieder Platz.

»Ich bin mir sicher, daß jemand von deiner Intelligenz, Lady, auch Antisthenes gelesen hat«, sagte er nach einer Weile.

»Es überrascht mich sehr, daß so gewöhnliche Strauchdiebe, wie ihr es seid, so bedeutende Philosophen kennen. Zuerst hören wir von Vergil und nun von Antisthenes.«

Clydog erwiderte nichts auf ihre höhnische Bemerkung. »Da du behauptest, mich nicht leiden zu können, Lady, solltest du dir vielleicht die folgenden Worte von Antisthenes ins Gedächtnis rufen: Achte auf jene, die du nicht leiden kannst, auf deine Feinde, denn sie sind die ersten, die deine Fehler und Fehltritte bemerken.«

Fidelma neigte den Kopf leicht zur Seite. »Mein Lieblingsphilosoph ist Publilius Syrus. Vielleicht hast du ihn auch gelesen?«

»Mir sind seine Lebensweisheiten ein wenig bekannt.«

»Er sagte, daß es keine Sicherheit bedeute, die Zuneigung seines Feindes zu erringen. Der Feind wird erst zum Freund, wenn er tot ist.«

»Publilius Syrus«, spottete Clydog, »war nur ein Sklave aus Antiochia, der nach Rom gebracht wurde und seine Freiheit errang, weil er Dinge schrieb, die die Gefühle seiner Herren ansprachen.«

»Lehnst du seine Weisheiten ab, seine Stücke oder ihn, weil er aus Antiochia stammte oder weil er ein römischer Sklave war, der seine Freiheit erringen konnte? Viele unserer Vorfahren hatten das gleiche Schicksal.«

»Meine Vorfahren nicht!« brauste Clydog zu Fidelmas Überraschung wütend auf.

»Ich meine jene Britannier und Gallier, die als Sklaven nach Rom gelangten und ihre Freiheit wiedererrangen.«

»Die sollen für sich selbst sprechen. Ich werde für mich sprechen.«

»Es ist offensichtlich, daß du ein gebildeter Mann bist, Clydog. Wer bist du?« fragte Fidelma plötzlich. »Du bist viel zu intelligent für einen gewöhnlichen Banditen.«

Sie betrachtete ihn eingehend. Die Schatten, die das flackernde Feuer über sein Gesicht huschen ließ, erschwerten ihr das ein wenig.

»Ich habe dir schon gesagt, wer ich bin.«

»Clydog, die Wespe, offenbar ein Geächteter«, räumte Fidelma ein. »Doch weshalb bist du das? Du bist nicht als Wegelagerer geboren.«

Clydog lachte kurz auf. »Ich bin das, was ich bin, weil ich mehr im Leben erreichen will, als mir das Schicksal mit auf den Weg geben konnte. Doch ich habe dich nicht zu dieser Abendmahlzeit gebeten, um über mich zu sprechen.«

Von der anderen Seite des Feuers drangen heisere Stimmen zu ihnen herüber. Man hatte Corryn überredet, ein Saiteninstrument in die Hand zu nehmen, welches Fidelma an eine ceis erinnerte, eine kleine rechteckige Harfe mit diagonal verlaufenden Saiten, die in ihrer Heimat weit verbreitet war. Als Corryn zu singen begann, verstummten die anderen. Er hatte einen schönen weichen Tenor.

»Wintertag, die Hirsche sind mager,
geschwind und kraftvoll ist der Rabe.
Der Wind bläht sich auf zum Gewittersturm.
Weh dem, der einem Fremden traut,
Weh den Schwachen, weh den Schwachen.«

Fidelma schnaubte abschätzig. »Clydog, ist das deine Philosophie? Weh den Schwachen?«

»Gibt es eine bessere?« erwiderte Clydog. »Nur die Starken werden das Erdreich besitzen.«

»So bist du kein Christ? Unser Herr sagte: Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. Bist du anderer Ansicht?«

»Ich bin kein Christ. Ich halte nichts von der christlichen Lehre, die den Menschen Mut und Stärke abspricht. Dein Gott ist ein Gott der Sklaven, er ermutigt sie, ewig Sklaven zu bleiben. Er ermutigt die Leute, arm, hungrig und ohne Kleider zu bleiben. Dein Gott wurde erfunden, damit die Reichen die Armen versklaven können! Fort mit dem Unsinn! Fort mit solchen Lehren der Sklaverei!«

Fidelma musterte Clydog aufmerksam. Er hatte mit großer Leidenschaft gesprochen.

»Warst du einmal arm und versklavt, Clydog?«

Wieder brauste er auf. »Was meinst du ... Ich habe nicht gesagt .«

Fidelma lächelte. »Ich sehe, in deinem Herzen ist großer Zorn, und du willst auf keinen Fall verzeihen. Lukas schrieb: >Wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.<«

»Predige mir nicht deinen Glauben, Gwyddel. Den brauchen wir nicht. Trotzdem solltest du Sünder wie mich akzeptieren, bist du doch eine Christin.«

Fidelma schaute ihn erstaunt an.

»Rede mir ja nicht ein, daß einer, je mehr er sündigt, einen um so besseren Heiligen abgeben wird. Je mehr einer gesündigt hat, desto mehr wird ihm Christus vergeben?«

»Wer hat dich das gelehrt?« fragte Fidelma.

»Das steht in euren christlichen Büchern. Dein Christus sagt: >Ich sage euch: Also wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.< So steht es in eurer Heiligen Schrift.«

»Und deshalb übst du dich so im Sündigen? Ist das dein Weg zu Frieden und Zufriedenheit?« fragte Fidelmaspöttisch.

Clydog blieb ruhig. »Du solltest mich nicht mit deinen geistvollen Sprüchen und Spitzfindigkeiten herausfordern, Gwyddel, auch wenn man mir sagte, daß in den Klöstern von Eireann sich dein Volk in solchen Dingen übt.«

»Gewiß schult man seinen Verstand nicht nur in meinem Land. Ich habe gehört, daß die Kymren ein Spiel kennen, das unserem fidchell gleichkommt, ein Spiel, mit dem man den Verstand schärft.«

Gedankenvoll nickte Clydog. »Wir nennen es Gwyddbwyll. Unser großer Krieger Arthur beherrschte dieses Spiel meisterlich.«

»Dann solltest du geübt sein in solchen Spielen wie jeder Gwyddel auch«, sagte Fidelma gereizt.

Clydog griff nach dem Krug Met und wollte ihr nachschenken. Fidelma schüttelte den Kopf. So goß er sich ein, wobei er sie unverfroren betrachtete.

»Du bist eine schöne Frau«, sagte er schließlich.

Fidelma rutschte voller Unbehagen hin und her, war ihr doch sein veränderter Tonfall nicht geheuer.

»Warum ist eine so schöne Frau Nonne?«

»Schönheit ist relativ. Gibt es irgendeinen Grund zu der Annahme, daß einen die äußere Erscheinung davon abhalten sollte, im Leben einer bestimmten Berufung zu folgen? Meist verdeckt das Äußere nur, was sich im Inneren verbirgt. Du, zum Beispiel, Clydog, solltest ein grober, häßlicher kleiner Mann sein mit Warzen und schwarzen Zahnstümpfen.«

Clydog zögerte erst, doch dann lachte er vergnügt. »Eine gute Antwort, Gwyddel. Eine gute Antwort. Hinter der Schönheit verbirgt sich eine schwarze Seele, oder? Also, was verbirgt sich hinter deiner Schönheit, Fidelma von Cashel?«

Fidelma war einen Augenblick verwirrt.

»Ich würde erst einmal in Frage stellen, ob ich ...«, fing sie an, doch Clydog unterbrach sie.

»Ich habe gehört, daß einige Vertreter deines Glaubens fordern, alle Angehörigen des geistlichen Standes sollten im Zölibat leben. Du folgst nicht der Regel, oder?«

Fidelma errötete.

»Dein Gesicht verrät dich«, fuhr er fort, als sie nicht antwortete.

»Das geht dich nichts an«, erwiderte sie wütend. »Der Glaube fordert es nicht, wie du wohl weißt. Rom sähe es gern, wenn Äbte und Bischöfe nicht die Ehe eingingen, aber es gibt kein Gesetz, das es vorschreibt.«

Ihr wurde langsam klar, daß das Temperament ihres Gesprächpartners wie trockener Zunder war. Schon der kleinste und harmloseste Funke genügte, um die Flamme seines unberechenbaren Charakters auflodern zu lassen. Je besser es ihr gelänge, seine Stimmung in ruhige Bahnen zu lenken, desto größer stünden ihre Chancen, sich und Eadulf aus der Gefangenschaft zu befreien.

Clydog lächelte sie lüstern an. »Gewiß hast du Liebhaber gehabt. Die einzig keusche Frau ist diejenige, die keiner wollte. Ist der Sachse dein Liebhaber, he?«

Fidelma spürte, wie sich ihr Gesicht erneut rötete. Wieder suchte sie einen Moment nach den rechten Worten.

»Du bist intelligent, Clydog. Du wirkst kultiviert. Du weißt, daß es in einer Unterhaltung Themen gibt, die zivilisierte Menschen lieber nicht ansprechen sollten. Reden wir von etwas anderem.«

Clydog lachte auf. »Du siehst mich falsch, Gwyd-del, wenn du meinst, ich wäre zivilisiert. Du vergißt, ich bin nur ein Geächteter, ein Gesetzloser. Du bist meine Gefangene, wir sind allein in diesem Wald, und du bist mir und meiner Gewalt vollkommen ausgeliefert. Erregt das nicht deine Sinne?«

»Erregen?« Fidelma schob die Unterlippe vor. »Das ist ein eigenartiges Wort. Sicher mache ich mir Sorgen, aber nicht um mich ... sondern um dich.«

Clydog begriff offenbar nicht, was sie damit sagen wollte.

»Um mich machst du dir Sorgen?« Sein Lächeln wirkte gezwungen. »Ich habe Frauen gesehen, die mich heulend und kreischend um Gnade angefleht haben, aber einer, die sich um mich sorgt, bin ich noch nicht begegnet.«

Fidelma schauderte bei seinen lüsternen Drohungen, doch sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. »Du hast das Gesetz und den Glauben abgelehnt. Sollte ich als Nonne da nicht um dich fürchten in dieser und der nachfolgenden Welt?« erwiderte sie ernst.

»Deine Sorgen sind mir höchst willkommen. So hegst du zumindest irgendwelche Gefühle für mich.«

»Stimmt. Es sind die gleichen Gefühle, die ich für einen Aussätzigen oder einen blinden Bettler empfände, der Barmherzigkeit ablehnt«, entgegnete sie ihm rasch.

Clydog stieß einen Fluch aus. Er sprang auf die Beine und stand nun über ihr. »Genug geredet. Kehren wir auf den Boden der Tatsachen zurück. Da ist mein Zelt! Geh voran! Du weißt, warum ich dich eingeladen habe.«

In seiner Stimme schwang die Gier seines angestauten Verlangens. Während sie verzweifelt überlegte, auf welche Weise sie ihm entkommen könnte, war sie gleichzeitig wie gelähmt.

»Die Erklärung dafür hast du mir bisher vorenthalten«, konnte sie ihm nur flau entgegnen. »Sag mir also, warum ich hier bin!«

Clydog war durch ihre verbale Hinhaltetaktik total verunsichert. Nie zuvor war er einer Frau begegnet, die ihm soviel Widerstand entgegenbrachte.

»Sei nicht so begriffsstutzig, Lady«, fauchte er sie an. »Du bist viel zu klug, als daß du Unwissenheit vortäuschen könntest. Erfüllst du dem Sachsen alle seine Wünsche?«

Fidelma blickte in seine schamlosen Augen. »Du bist frech, Clydog. Ich glaube, du hast zuviel Met getrunken. So .« Sie erhob sich. »Ich werde nun in die Hütte zu meinem Begleiter zurückkehren.«

Clydog packte sie. »Das wirst du nicht tun, Lady. Du kommst schön mit in mein Zelt und wirst dich in dieser Nacht mir widmen!«

Ein, zwei seiner Männer am Feuer hatten die Szene beobachtet. Sie riefen ein paar zotige Bemerkungen herüber und lachten obszön.

»Hast du Schwierigkeiten, sie zu bändigen, Clydog? Gib’s ihr!«

»Heute darf er an sie ran, morgen ich!« rief ein anderer.

Fidelma machte sich von Clydog los.

»Du bist also doch nur ein Tier, Clydog?« warf sie ihm höhnisch zu. »Ein Tier ohne Moral? Du willst deine sexuellen Begierden einer Nonne aufdrängen? Mistkerl, weiter nichts.«

Jetzt stand Clydog keuchend vor ihr. »Hast du die Absicht, mich mit Beleidigungen zu beschämen, Gwyddel? Ich fürchte, da wirst du keinen Erfolg haben. Mein Blut ist so gut wie das deine. Der Unterschied ist, daß ich weiß, wer ich bin. Und ich bin abgehärtet gegen die Schaumschlägereien der Prälaten und ihrer Anhänger. Du kannst nirgendwohin fliehen, also kannst du auch dein abweisendes Gebaren ablegen. Ein Weib, so prächtig wie du, kann nicht so tun, als wäre ihr das Werben eines richtigen Mannes gleichgültig.«

Fidelma preßte die Lippen aufeinander, sie waren ganz trocken. Sie sah ihn durch schmale Augenschlitze an. »Ein richtiger Mann? Einem richtigen Mann gegenüber bin ich vielleicht nicht gleichgültig. Doch du bist keiner, tut mir leid, du bist nur ein bemitleidenswertes Tier.«

Clydogs Männer lachten. Einige klatschten in die Hände und feuerten ihn mit Ausrufen an, er solle es der Fremdländischen ordentlich zeigen. Clydogs Miene hatte sich verhärtet. Fidelma hatte seine Eitelkeit getroffen.

Auf einmal machte er einen Satz auf sie zu. Da drehte sich Fidelma so, daß er durch seinen eigenen Schwung ins Stolpern geriet. Er fing sich wieder und stand ihr nun gegenüber. Im Flackern des Feuers funkelten seine Augen böse auf. Erneut stürzte er mit ausgestreckten Armen nach vorn, um sie an sich zu reißen.

Fidelma hatte einen sicheren Stand und schien ebenfalls die Arme auszustrecken, so als wollte sie nach den seinen greifen. Sie bewegte sich scheinbar kaum, doch dann zog sie Clydog über eine Hüfte hinter sich, und sein eigener Schwung warf ihn zu Boden.

Nun ging sie in Verteidigungsstellung. Offenbar beherrschte Clydog die alte Kunst der Selbstverteidigung nicht. Als die Missionare durch ferne Länder reisten, um den christlichen Glauben zu verbreiten, waren sie häufig Angriffen von Dieben und Banditen ausgesetzt gewesen. Da sie es ablehnten, Waffen zu benutzen, entwickelten sie eine Technik der »Selbstverteidigung«. Schon in früher Kindheit hatte man Fidelmadarin unterwiesen.

Clydog wälzte sich zur Seite und sprang auf die Beine. Er schüttelte verblüfft den Kopf. Das rauhe Gelächter seiner Männer schallte ihm in den Ohren.

»Ein feiner Krieger! Kann nicht einmal eine unbewaffnete Frau überwältigen!« rief einer von ihnen.

»Brauchst du Hilfe, um sie zu bändigen?« rief ein anderer.

»Laß mich mal ran«, meldete sich ein dritter, »ich werde keine Hilfe brauchen.«

Clydog war nun aufs äußerste gereizt. »Ich werde es dir schon zeigen, Gwyddel«, tobte er.

»Du meinst, daß du Manns genug bist, um es mir zeigen zu können?« spottete Fidelma. »Deine Männer meinen wohl eher, daß man es dir erst einmal selbst zeigen muß.«

Sie provozierte ihn absichtlich, denn sie wußte, im Zorn macht man Fehler. Mit einem wütenden Schrei ging Clydog wieder auf sie los. Sie war sich klar darüber, daß sie ihn jetzt nicht mehr überraschen konnte. Clydog tat so, als würde er zur Seite ausweichen. Doch darauf war sie vorbereitet. Sie machte schnell einen Schritt zurück, hob ein Bein und trat ihm genau in die Genitalien.

Clydog schrie auf und fiel, sich vor Schmerzen krümmend, zu Boden.

Fidelma hatte gehofft, den Moment, da er am Boden lag, nutzen zu können, doch Clydogs Leute hatten einen bedrohlichen Halbkreis um sie gebildet. An Flucht war nicht zu denken. Zwei der Männer hatten ihre Schwerter gezogen. Ein anderer lief auf Clydog zu, um ihm zu helfen. Der wand sich immer noch am Boden und erbrach sich.

»Der hat ganz schön was abgekriegt«, sagte einer.

»Töte die Hexe«, befahl Corryn kalt. »Und den Sachsen auch. Wir hätten ihnen schon in Llanpadern den Hals umdrehen sollen. Sualda wird von allein gesund werden.«

Einer der Männer hob das Schwert.

Fidelma versuchte, keine Miene zu verziehen.

»Nein!«

Der Ruf kam von Clydog. Selbst in dem düsteren Feuerschein konnte Fidelma sein Gesicht erkennen, es war weiß und schmerzverzerrt. Man hatte ihm aufgeholfen. Auf den Arm eines Gefährten gestützt, humpelte er auf sie zu.

»Nein! Noch soll ihr nichts geschehen. Sie könnte uns von Nutzen sein.« Sein Gesicht verzog sich zu einem kümmerlichen Grinsen. »Du wirst noch bedauern, was du getan hast, Gwyddel«, erklärte er ihr.

»Ich bedaure nur, dir keine härtere Lektion erteilt zu haben«, erwiderte sie spöttisch und verbarg ihre Erleichterung darüber, daß sie der unmittelbaren Todesgefahr erst einmal entgangen war.

»Du willst diese Farce auf die Spitze treiben, was?« fragte Corryn.

Clydog überging seine Bemerkung. »Bringt sie in die Hütte zurück. Fesselt sie.«

Sie wurde von rauhen Händen an den Armen gepackt, und man band ihr die Handgelenke so fest auf dem Rücken zusammen, daß sie vor Schmerzen nach Luft rang. Rohe Fäuste stießen sie auf die Hütte zu. Dann hörte sie wieder Clydogs Stimme.

»Holt den Sachsen raus! Wir werden noch ein Spielchen mit ihm treiben, ehe wir ihn zu seinem wahren Gott, zu Wotan schicken.«

»Das könnt ihr nicht tun!« schrie Fidelma und wand sich im Griff ihres Wächters. »Warum willst du Eadulf für etwas bestrafen, was ich getan habe? Kannst du deine Niederlage nicht wie ein Mann tragen?«

»Möchtest du vielleicht zusehen?« erkundigte sich Clydog höhnisch. »Deine Anwesenheit könnte den Sachsen vielleicht ermutigen, sein Ende mit stoischer Gelassenheit hinzunehmen. Solche Dinge habe ich schon erlebt. Die Sachsen haben im Angesicht des Todes den Namen ihres Gottes auf den Lippen und glauben, in Walhall, der Ruhmeshalle der unsterblichen Helden, aufgenommen zu werden. Nein, du mußt dich damit begnügen, seine jammervollen Schreie um Gnade zu hören. Holt ihn endlich raus!«

Sie stießen Fidelma in das Dunkel der Hütte. Sie fiel zu Boden. Als man sie wie zuvor an der Hüttenwand festband, litt sie Höllenqualen.

»Beeilt euch!« hörte sie Clydog draußen wüten. »Wird ja wohl nicht die ganze Nacht dauern. Bringt den Sachsen her zu mir. Mag der Spaß endlich beginnen.«

»Eadulf!« konnte Fidelma schließlich hervorbringen.

Dann vernahm sie, wie einer der Banditen einen erstaunten Schrei ausstieß. Der Mann hielt die Fackel hoch, um das Hütteninnere auszuleuchten.

Nun blickte auch sie hinüber zu der Stelle, wo Eadulf festgebunden gewesen war. Er war nicht mehr da. Seine Fesseln lagen auf der Erde, dicht daneben das Holzbrett mit den Bratenscheiben, die noch unberührt waren. Hoffnung stieg in ihr auf.

Das ferne Wiehern eines Pferdes drang an ihr Ohr. Dann das wilde Durcheinander mehrerer Stimmen.

»Ein Pferd hat sich losgemacht!«

»Der Sachse! Er haut ab!«

Clydog brüllte hysterisch: »Der Sachse? Stimmt das? Ist er fort?«

Er stürzte in die Hütte, entdeckte die abgestreiften Fesseln und blickte zu Fidelma hinab. Er war außer sich vor Wut.

»Keine Sorge, Gwyddel. Wir kriegen ihn schon. Wir kennen uns in den Wäldern hier gut aus. Wenn er wieder eingefangen ist, werdet ihr beide solche Schmerzen erleiden, daß ihr mich anflehen werdet, euch zu töten. Der Tod wird euch wie ein Geschenk vorkommen.«

»Findet erst einmal Eadulf«, erwiderte sie zornig. »Clydog, bisher hast du nicht eine deiner Drohungen wahrmachen können. Ich bezweifle, daß es dir diesmal gelingt.«

Sie meinte, Mordlust in seinen Augen aufflackern zu sehen, und war auf alles gefaßt. Da tauchte Corryn neben seinem Anführer auf und packte ihn am Arm.

»Der Sachse flieht gerade!« zischte er ihn an. »Deine persönliche Rache kann warten.«

Es dauerte einen Moment, ehe sich Clydog wieder unter Kontrolle hatte. Dann verließ er die Hütte und gab seinen Männern verschiedene Befehle. Ein geschäftiges Treiben begann, die Männer saßen auf, das Unterholz knackte, als sie auf ihren Pferden davonstoben. Fidelma hatten sie im Dunkel der Hütte allein gelassen.

Einerseits freute sie sich darüber, daß Eadulf die Flucht gelungen war, und sie hoffte, daß er ihnen nicht in die Hände fiel. Andererseits wurde ihr bewußt, daß sie nun allein und hilflos Clydog und seiner Räuberbande ausgeliefert war. Bei seiner Rückkehr würde Clydog völlig unberechenbar und hemmungslos sein. Sie lag da und lauschte, ob die Pferde zurückkehrten. Sie fragte sich, wohin sich Eadulf wohl durchschlagen würde. Vermutlich versuchte er, nach Llanwnda zu gelangen, um entweder von Bruder Meurig oder Gwnda, dem Fürsten von Pen Caer, Hilfe zu erbitten. Doch selbst wenn ihm das gelänge, es würde einige Zeit verstreichen, ehe er mit den Rettern hier auftauchte, wenn er überhaupt die Stelle wiederfände und Clydog nicht inzwischen woanders sein Lager aufgeschlagen hatte.

Vergeblich zerrte sie an ihren Fesseln. Sie waren viel zu fest. Sie fragte sich, wieviel Zeit ihr noch verbliebe, bis Clydog mit seinen Leuten wieder zurück war, und sie betete, daß Eadulf ihnen entkommen möge.

Dann hörte sie im Dunkel einen Laut. Sie drehte sich um und bemerkte, wie jemand die Hütte betrat.

Kapitel 10

Fidelma versuchte sich aufzurichten, um sich, so gut sie konnte, zu verteidigen.

»Leise!« hauchte eine Stimme.

Fidelma schnappte ungläubig nach Luft. »Eadulf!« flüsterte sie teils erleichtert, teils verblüfft. »Was tust du denn hier? Ich dachte, du seist längst über alle Berge

Eadulf hockte sich neben sie. Seine flinken Hände machten sich an ihren Fesseln zu schaffen.

»Ich hoffe, Clydog und seine Bande denken das gleiche - daß ich nämlich mit einem Pferd geflohen bin«, erwiderte er vergnügt.

»Wie ist es dir gelungen, dich zu befreien?«

»Ganz einfach. Als mir der Mann die Bratenscheiben brachte, bat ich ihn, mir eine Hand loszubinden, damit ich das Essen zum Mund führen könnte. Das tat der Trottel dann auch. Er dachte wohl, ich sei immer noch ausreichend gefesselt, und ging wieder. Zügig knüpfte ich einen Knoten nach dem anderen auf und ...«

»Wenn uns Clydog noch einmal zu fassen kriegt, wird er uns beide umbringen«, unterbrach sie ihn.

»Ich weiß. Ich habe gehört, was hier vorging. Hat er dir etwas getan?« fragte er ein wenig verlegen.

»Mir ist nichts geschehen. Doch Clydog ist in seinem Stolz verletzt.«

»Ich wußte, daß du ihn mit deinen Verteidigungskünsten hinhalten würdest. Erst wollte ich in der Hütte warten und dich befreien. Doch als ich hörte, daß Clydog entschlossen war, mich auf der Höhe meiner Jugend zum Märtyrer zu machen, habe ich mich lieber davongeschlichen. Ich versteckte mich im Wald und konnte beobachten, wie sie dich in die Hütte zerrten. Da band ich ein Pferd los und gab ihm einen Klaps auf die Hinterhand, so daß es fortgaloppierte.«

Fidelma spürte, wie sich das Seil um ihre Hände lockerte.

»Ich bin frei!« sagte sie schnell. Sie rieb sich die Handgelenke, damit das Blut wieder normal fließen konnte.

Eadulf half ihr auf die Beine.

»Und was nun?« fragte sie ihn, obwohl sie wußte, daß er schon einen Plan hatte.

»Sie haben unsere beiden Pferde hiergelassen. Ich schlage vor, wir reiten einfach in die entgegengesetzte Richtung.«

Sie traten gerade aus der Hütte, als Fidelma ihn plötzlich wieder zurückzog. Er bemerkte sofort den Grund.

»Halt!« rief eine Stimme. Einer der Banditen war als Wache im Lager zurückblieben und rannte auf die Hütte zu. Auf seinem erhobenen Schwert sahen sie den Widerschein des Feuers. »Bleibt stehen. Ihr könnt nicht entkommen.«

Eadulf handelte rasch. Er bückte sich, nahm eine Handvoll Dreck und schleuderte ihn dem Mann entgegen. Er warf nicht einmal mit besonderer Kraft, sondern nur, um den Bewacher abzulenken, der dem Wurf auszuweichen versuchte. Im selben Augenblick hatte sich Eadulf von einem Holzstapel den erstbesten Knüppel gegriffen. Er drehte sich mit schneller Bewegung um seine Achse und ging in Verteidigungsstellung. Inzwischen hatte sein Gegner bemerkt, daß von dem geschleuderten Dreck keine Gefahr drohte. Da stand Eadulf auch schon vor ihm, den Knüppel über dem Kopf des Mannes. Die beiden waren sich nun viel zu nah, als daß der andere sein Schwert hätte einsetzen können. Blitzschnell schlug Eadulf zu.

»Komm, los!« rief er Fidelma zu, noch ehe der Bandit zu Boden gegangen war. Fidelma band schon die Pferde los. Dann ritten sie, Eadulf voran, in raschem Tempo in entgegengesetzter Richtung zu Cly-dog und seinen Männern davon.

Es war ziemlich dunkel, und im Wald wirkte alles noch finsterer. Plötzlich fuhr ein Windstoß durch die Baumkronen. Fidelma blickte nach oben.

»Es wird bald regnen, Eadulf«, rief sie. »Dieser Wind ist der Vorbote eines Gewitters, das garantiere ich.«

»Das sollte uns eher helfen, als uns zu behindern«, erwiderte Eadulf. »Zumindest wird der Regen unsere Spuren verwischen.«

Sie konnte nicht einschätzen, wie lange sie schon geritten waren, aber es mußte ein beträchtliches Stück Wegs sein. Ein Blitz zuckte am Himmel auf, ein Donnergrollen folgte. Die Pferde scheuten und wieherten. Ein kalter, eisiger Regen setzte ein, der rasch an Stärke zunahm.

»So werden wir nicht weit kommen«, rief Fidelma. »Hast du eine Ahnung, wo wir sein könnten?«

»Die Sterne sind nicht zu sehen. Es sind zu viele Wolken am Himmel«, erwiderte Eadulf. »Doch ich glaube, daß wir uns nach Westen oder Südwesten bewegen. Genau südlich von Llanpadern lag der Wald.«

Seine Worte wurden von einem weiteren Blitz begleitet, und wieder folgte unmittelbar darauf Donnergepolter.

»Wir müssen irgendeinen Unterschlupf finden«, erklärte Eadulf. »Der Regen ist viel zu stark.«

»Aber jetzt hinterlassen wir keine Spuren«, entgeg-nete Fidelma. »Am besten wir steigen ab und führen die Pferde. Donner und Blitz machen sie ohnehin nervös.«

Widerstrebend gestand sich Eadulf ein, daß sie recht hatte. Er wußte, daß Fidelma eine ausgezeichnete Reiterin war.

Von Kindesbeinen an war sie mit Pferden vertraut. Er war es mehr gewohnt, sich zu Fuß fortzubewegen. Sie saßen ab und führten die Pferde am Zügel. Der prasselnde Regen verwandelte den Boden unter ihren Füßen in Schlamm.

Nach einem grellen Blitz blieb Eadulf stehen und deutete auf einen kleinen Pfad, der vom Hauptweg abging und eben kurz sichtbar geworden war.

»Mir war so, als hätte ich da eine Felswand gesehen. Dort muß es einen Überhang geben, der uns Schutz bieten könnte. Das wäre besser als gar nichts.« Er hatte mit lauter Stimme gesprochen, um den sintflutartigen Regen und das Gewittergrollen zu übertönen.

Fidelma nickte nur.

»Warte hier!« rief ihr Eadulf zu. »Ich werde prüfen, ob es dort sicher ist.«

Schon war er in der Dunkelheit verschwunden. Fidelmastand bei ihrem unruhigen Pferd, sprach ihm gut zu und streichelte besänftigend seine Nüstern.

Dann tauchte Eadulf wieder auf. »Alles in Ordnung«, rief er. »Du kannst kommen. Der Überhang führt in eine Höhle, wo wir mit den Pferden Unterschlupf finden können. Ich habe meins schon dort gelassen. Die Höhle ist geräumig und trocken.«

Sie folgte ihm und führte ihr Pferd vorsichtig über den schlammigen Pfad unter tief herabhängenden Zweigen hindurch.

Obwohl es kaum möglich schien, nahm der Regen noch an Intensität zu. Das Gewitter stand über dem Wald, als hätte sie ein zorniger Gewittergott aufs Korn genommen. Der schleuderte seine grellen Blitze vom Himmel und ließ ihnen explosionsartige Donnerschläge folgen. Ein Blitz hatte offenbar ganz in der Nähe eingeschlagen, denn sie sahen, wie auf einem Hügel ein Feuer ausbrach, das kurze Zeit darauf die Sturzbäche des Regens wieder gelöscht hatten.

Fidelma kam auf einmal der Gedanke, daß der Gewittergott der Sachsen, Thunor, wohl Rache an ihnen nehmen wollte. Es war gar nicht lange her, daß auch ihr Volk die Gewitterunbilden als Zeichen der Macht der Götter und Göttinnen betrachtet hatte. Sie fragte sich, warum der Name des sächsischen Gewittergottes dem seines irischen Kollegen Torann und dem britischen Gott Taranis so ähnlich war.

Der Überhang war recht breit. Wie Eadulf gesagt hatte, befand sich unter dem Felsvorsprung eine Höhle. Eadulf hatte seinem Pferd mit den Zügeln die Vorderfüße gefesselt, damit es nicht davonlief. Eine Möglichkeit, die Pferde anzubinden, gab es in der Höhle nicht. Fidelma lächelte vor sich hin, sie freute sich über seine Weitsicht. Er wird schon noch ein guter Reiter werden, dachte sie. Rasch tat sie es ihm nach.

Die Höhle wirkte groß und einigermaßen trocken, doch sie hatten beide Hunger und froren.

»Vermutlich werden wir hier kein Feuer anbekommen, oder?« fragte sie.

»Wir haben nichts Trockenes zum Anzünden und auch kein Holz«, erwiderte Eadulf, der als schattenhafte Gestalt am Höhleneingang stand und nur von den Blitzen erhellt wurde. »Und selbst wenn ich was fände, bin ich mir nicht sicher, ob es klug wäre, ein Feuer zu machen. Wir haben uns noch nicht weit genug von Clydogs Lager entfernt, fürchte ich, und müssen jedes Aufsehen vermeiden.«

»Er und seine Männer haben sicher während des Gewitters die Suche nach uns eingestellt«, sagte sie. »Vorerst müssen wir uns wohl hier einrichten.«

Sobald es hell genug war und sich, wie sie hofften, das Unwetter gelegt hatte, wollten sie weiterreiten. Doch zunächst mußten sie dafür sorgen, daß ihre Sachen trockneten und sie nicht mehr froren. Eadulf hatte recht: Es war nirgends etwas Brennbares zu finden, also mußten sie sich irgendwie behelfen.

Eadulf hatte mehr tastend als sehend den Pferden in dem Dunkel die Sättel abgenommen. An einer Seite der Höhle hatte er einen glatten Stein entdeckt. Fidelmahörte, wie er sich dort zu schaffen machte.

»Ich habe hier die Satteldecken ausgebreitet. Die sind zwar feucht, aber besser als der blanke Fels. Wir sollten uns aneinander wärmen. Vielleicht werden wenigstens unsere Unterkleider von allein trocknen.«

Fidelma und Eadulf hockten sich Seite an Seite gegen die Felswand. Ihre Umarmung entsprang der Notwendigkeit zu überleben, jeder brauchte die Wärme des anderen. Vor der Höhle verzog sich das Gewitter langsam. Doch die dunklen Wolken fegten immer noch über den Wald und schickten prasselnden Regen auf die Erde nieder.

»Bis zum Morgen wird der Himmel klar sein«, murmelte Fidelma, während sie sich in Eadulfs Arm schmiegte.

Einen Moment lang schwieg Eadulf. »Wenn wir nach Westen reiten, werden wir bald die Küste erreichen. Doch vielleicht gibt es auch noch einen Weg nach Süden.«

»Warum nach Süden?« wollte sie wissen.

»Zurück zur Abtei Dewi Sant.«

»Aber wir haben den Auftrag, den uns Gwlyddien erteilt hat, doch noch nicht erfüllt«, entgegnete Fidelma.

»Wieso? Wir wissen, daß Llanpadern von plündernden Piraten überfallen wurde. Wir haben die Leiche eines Kriegers der Hwicce entdeckt. Ich glaube, daß es ganz klar auf der Hand liegt, was mit dem Kloster und dem Sohn des Königs geschehen ist.«

»Ich halte das überhaupt nicht für klar. Ich möchte nach Llanferran, um mit Dewi zu sprechen und mehr über die Toten zu erfahren, die er gefunden hat.«

»Wie können wir hierbleiben, wo dieser verrückte Clydog in allernächster Nähe ist?« fragte Eadulf bestürzt. »Wir können unmöglich weitere Ermittlungen anstellen, wenn uns diese Bande von besessenen Mördern auf den Fersen ist.«

»Ich kann jetzt keinen Rückzieher machen, Eadulf«, antwortete Fidelma ruhig. »Damit würde ich gegen meinen Eid als dalaigh verstoßen, ganz zu schweigen von dem Auftrag, den uns Gwlyddien erteilt hat.«

»Aber gewiß ...«, sagte Eadulf resigniert. Gegen ihren Entschluß würde er nicht ankommen.

»Wenn du möchtest, reite zur Abtei zurück«, sagte Fidelma ohne jeden Groll. »Du kannst dort auf mich warten. Doch hier ist viel zuviel Böses im Gange, als daß ich mich geschlagen geben will, ohne den Versuch unternommen zu haben, dagegen vorzugehen.«

Eadulf schwieg einen Moment. »Hast du also vor, auch noch mal nach Llanpadern zu reiten?«

»Nach Llanpadern nicht. Clydog würde uns sicher dorthin folgen. Vorerst haben wir getan, was wir an diesem traurigen, verlassenen Ort tun konnten. Wir müssen nach Llanferran und sehen, worauf wir dort stoßen.«

»Und wohin dann?«

»Wieder nach Llanwnda. Ich muß Bruder Meurig und Gwnda über Clydog und seine Bande informieren. Gwnda ist offenbar in der Lage, seine Leute zu schützen, und ich werde ihn bitten, uns ebenfalls unter seinen Schutz zu nehmen. Bruder Meurig und Gwnda haben vielleicht schon von Clydog und seinen Banditen gehört.«

»Reicht es dir denn nicht, zu wissen, daß Clydog ein Dieb, ein Vergewaltiger und demnächst auch Mörder ist?«

»Ich möchte mehr erfahren über ihn.« Fidelma ließ sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen. »Sowohl Clydog als auch Corryn sind gebildet und offenbar vornehmer Herkunft. Ihr Auftreten deutet darauf hin, daß sie zu herrschen geboren und es gewöhnt sind, Befehle zu erteilen. Das macht mich neugierig.«

»Doch was hat das mit den verschwundenen Mönchen zu tun? Darauf müssen wir uns doch wohl konzentrieren, wenn du entschlossen bist, hierzubleiben und Licht in das Dunkel zu bringen.« Er spürte, wie sich Fidelma bei diesen Worten entspannte, denn damit fügte er sich stillschweigend ihrem Entschluß.

»Also bleibst du bei mir?« fragte sie.

Eadulf zog die Nase kraus. »Hast du daran irgendwie gezweifelt?«

Er hörte ihren Seufzer. »Natürlich nicht«, gestand sie. »Doch wie dem auch sei, ich werde dir beweisen, daß du unrecht hattest.«

»Unrecht? Was meinst du damit?«

»Du hast gesagt, daß Clydog nichts mit dem Verschwinden der Mönche von Llanpadern zu tun hat. Ich glaube, er weiß mehr, als er sagte, was, zugegebenermaßen, nicht sehr viel war.«

»Du vergißt, daß man angelsächsische Seeräuber gesichtet hat. Daß man Leichname von ein paar Brüdern gefunden hat und daß es den toten Hwicce in Llanpadern gibt. Reicht dir das nicht? Welche Verbindung sollte Clydog zu den plündernden Sachsen haben?«

»Ich gehe davon aus, wie du weißt, daß er schon vorher im Kloster gewesen sein muß. Oder man hat ihn gewarnt und ihm unsere Anwesenheit dort mitgeteilt, sonst hätte er sich mit seinen Männern nicht so lautlos angeschlichen!«

»Dafür gibt es eine andere Erklärung.«

»Die da wäre?«

»Er hat uns vielleicht ausgespäht, als wir uns auf das Kloster zubewegten, hat unsere Ankunft dort beobachtet und gewartet, bis wir lange genug drin waren, ehe er sich uns leise näherte.«

»Soweit ich mich erinnere, waren wir etwa eine Stunde in den verschiedenen Klosterräumen, bevor wir zur Scheune gingen. Da hätte er ziemlich lange warten müssen.«

»Offenbar hast du bereits eine andere Theorie«, meinte Eadulf resigniert.

Zu seiner Überraschung schüttelte sie den Kopf. »Im Augenblick habe ich nur Fragen.«

»Weshalb glaubst du aber, daß es eine Verbindung zwischen Clydog und den verschwundenen Mönchen gibt? Der Überfall auf uns in der Scheune sagt noch lange nichts darüber aus, daß Clydog etwas mit dem Angriff der Angelsachsen zu tun hat.«

»Du hast behauptet, daß er nichts von dem Hwicce in dem Sarg wußte.«

»Ja. Sonst hätte er irgendeine üble Bemerkung darüber gemacht, als er erfuhr, daß ich ein Sachse bin.«

»Das hat er aber getan.«

»Das muß mir entgangen sein«, erwiderte er zu seiner Verteidigung.

»Seine ersten Worte, als ich ihm sagte, wer wir sind. Erinnerst du dich nicht daran?«

»Er hat so etwas wie >eine Gwyddel und ein Sachse< gemurmelt.«

»Nein, so nicht. Er sagte vielmehr >eine Gwyddel und noch ein Angelsachse<, wer sollte der andere sein, wenn nicht .«

»Der Hwicce?« warf Eadulf rasch ein.

»Clydog wußte, daß sich der Hwicce in dem Steinsarg befindet. Als er erfuhr, daß du ein Angelsachse bist, entschlüpfte ihm unbewußt >noch ein An-gelsachse<.«

Eadulf dachte nach. Dann sagte er: »Er hat also mit Sicherheit gewußt, daß sich die Leiche dort befand?« Auf einmal stöhnte er auf. »Was bin ich nur für ein Dummkopf. Sualda!«

»Genau. Ich glaube, der Krieger wurde im Refektorium von Sualda in die Enge getrieben. Er nahm das Fleischmesser und stach damit auf Sualda ein, der ihn dann umbrachte.«

»Doch warum versteckte man die Leiche im Sarkophag?«

»Das können wir im Augenblick noch nicht sagen.«

Eadulf schnalzte verärgert mit der Zunge. »Ich wette, daß Clydog uns das erklären könnte. Was mögen die Worte, die Sualda murmelte, wohl für einen Sinn gehabt haben?«

Er hörte, wie Fidelma gähnte, und blickte zum Höhlenausgang. Es war immer noch dunkel und regnete.

»Wir sollten ein wenig schlafen«, riet er. »Beim ersten Tageslicht müssen wir die Straße nach Llanferran erreichen. Wir können dann nur hoffen, daß wir nicht auf unseren Freund Clydog stoßen.«

Kein Laut war zu hören, nur die regelmäßigen Atemzüge seiner Gefährtin. Fidelma war bereits eingeschlafen.

Lautes Vogelgezwitscher weckte Eadulf. Es war immer noch dunkel, aber man konnte das Morgengrauen bereits erahnen. Er war wohl auch eingenickt. Es kam ihm vor, als hätte er erst vor ein paar Sekunden noch gedacht, daß er unmöglich in den feuchten Kleidern, auf dem harten Stein des Höhlenbodens und mit Fidelmaim Arm Schlaf finden könnte.

Er versuchte, keine ruckartigen Bewegungen zu machen, drehte seinen Kopf langsam zur Seite und sah auf Fidelma herab, die immer noch schlief. Sie wirkte so verletzlich, ganz anders als die Fidelma, die er sonst kannte.

Langsam schweifte sein Blick zum Höhlenausgang. Der Himmel hellte sich langsam auf, und das Vogelkonzert wurde lauter. Es war Zeit zum Aufbruch.

Er bewegte sich. Fidelma stöhnte aus Protest. Er rüttelte sie sanft mit seinem freien Arm an der Schulter.

»Wir müssen fort von hier«, sagte er leise.

Wieder stöhnte sie, dann blinzelte sie vorsichtig. Sie richtete sich auf und schaute um sich. Die Kälte machte sie zittern.

»Haben wir verschlafen?« fragte sie und rieb sich die Augen.

»Nein«, beruhigte Eadulf sie. »Doch bald bricht der Tag an.«

Fidelma schaute zum Höhlenausgang und sah den Himmel. »Und wir sollten losreiten«, meinte sie, erhob sich und streckte sich. Sie fröstelte, die feuchten Kleider waren ihr unangenehm. Die Pferde standen geduldig wartend da, sie bliesen und schnaubten in die kalte Luft hinein, ihr Atem entwich in kleinen Dampfwolken.

»Zumindest scheint der Regen aufgehört zu haben«, meinte Eadulf, der sich zum Ausgang begeben hatte und hinausblickte. »Die Kälte ist allerdings geblieben.«

Der Boden vor der Höhle war feucht, und am Himmel drohten immer noch viele dunkle Wolken. Eadulf murmelte etwas auf Sächsisch, das wie ein Fluch klang. Fidelma hob mißbilligend eine Augenbraue. Eadulf zuckte mit der Schulter und wies mit einem Kopfnicken auf die Erde.

»So wird man unsere Fährte leicht entdecken können, falls Clydog immer noch nach uns sucht.«

Fidelma sattelte ihr Pferd. »Das stimmt«, bestätigte sie ihm. »Mit ein wenig Glück finden wir vielleicht einen steinigen Pfad oder einen Fluß, dem wir folgen können.«

»Was würde ich für etwas zu essen und zu trinken geben!« seufzte Eadulf, schickte sich aber an, es ihr gleichzutun und die Satteldecke auf sein Pferd zu legen.

Auch Fidelma entsann sich nun, daß sie seit dem vergangenen Morgen nichts mehr zu sich genommen hatten. Sie wünschte, sie hätte gegessen, was man ihr gestern abend angeboten hatte. Eadulf erging es ähnlich, er hatte den Braten unberührt stehenlassen, um sich ins Freie zu retten.

»Wir können nur hoffen, daß wir unterwegs etwas finden - auf dem Ritt nach Llanferran«, sagte sie munter. »Denk dran, daß unsere Pferde genauso darben wie wir. Sie sind weder abgerieben worden, noch haben sie Wasser oder etwas zu fressen bekommen.«

Eadulf schritt voran, als sie die Höhle verließen und den kleinen, sich windenden schlammigen Pfad entlang auf den Hauptweg zuliefen, von dem sie am vergangenen Abend abgebogen waren. Es war ein kalter, steingrauer Morgen. Selbst der Vogelgesang machte ihn nicht heiterer.

Sie stiegen auf ihre Pferde und ritten los. Doch auch wenn es schien, als fühlten sie sich dabei wohl, hätte ein aufmerksamer Beobachter feststellen können, daß sie sich ab und an recht angespannt nach hinten umdrehten, als erwarteten sie ihre Verfolger.

Wann mochte Clydog das reiterlose Pferd eingeholt und bemerkt haben, daß man ihn reingelegt hatte? Wie lange war es wohl her, daß er ins Lager zurückgekehrt war, wo er hatte feststellen müssen, daß sie nun auch verschwunden war?

Sie gelangten zu einer sumpfigen Lichtung, die von Stechpalmen und Steineichen eingegrenzt war. Seitlich standen ein paar wilde Birnbäume, im Herbst hätten sie sich hier den Bauch mit Birnen vollschlagen können.

Eadulf blickte sich suchend um, plötzlich stieß er einen leisen Pfiff aus und lenkte sein Pferd auf eine Baumgruppe zu. Er stieg ab und machte sich mit seinem Messer an einem der Stämme zu schaffen.

»Was ist das?« rief Fidelma.

»Hoffentlich unser Frühstück«, erwiderte er. »Mir sind diese alten Schwarzholunder hier aufgefallen, und ich hoffte, daß wir vielleicht Glück haben.«

»Glück?« fragte Fidelma verblüfft. Sie kam näher und blickte auf das hinunter, was er da von der gefurchten graubraunen Borke abschnitt. »Uhhh!« stieß sie angewidert hervor. »Das sieht ja aus wie ein Ohr.«

Eadulf grinste zu ihr hinauf. »Es wird tatsächlich Judasohr genannt.«

Fidelma begriff, daß es sich um einen Pilz handelte; rotbraun, mit durchsichtigem, schwammigem Fleisch.

»Kann man den essen?« fragte sie unsicher.

»Er ist nicht gerade eine Delikatesse, aber ich kenne Leute, die ihn roh und gekocht verspeisen. Vielleicht quält uns der Hunger dann nicht mehr ganz so.«

»Oder wir übergeben uns«, erwiderte Fidelma sarkastisch und untersuchte voller Abscheu das Stück Pilz, das er ihr reichte. »Warum nennt man dieses Zeug Judasohr?«

»Es heißt, daß Judas Ischariot, der Jesus Christus für dreißig Silberlinge verraten hat, sich an einem ähnlichen Baum erhängt hat. Dieser Schwamm wächst nur an alten Holunderstämmen.«

Fidelma kostete zaghaft davon. Er schmeckte nicht gerade unangenehm, und sie hatte Hunger. Kurze Zeit darauf stießen sie auf eine kleine Quelle und stillten ihren Durst. Dort machten sie auch Rast und ließen die Pferde eine Weile trinken und auf der feuchten Wiese grasen, die die Quelle umgab. Dann ritten sie weiter nach Westen, mit der aufsteigenden Sonne in ihrem Rücken.

Bald wurde der Wald lichter, bis sie sich in einem gewundenen Tal wiederfanden, durch das ein kleiner Bach rauschte. Auf Fidelmas Vorschlag hin liefen die Pferde durch das seichte Wasser, so hinterließen sie keine Spuren.

Nach einer Weile verloren sich die Bäume und damit ihr Schutz, und vor ihnen breitete sich eine sumpfige Ebene aus. Sie hörten das klagende Gekreisch der Möwen. Die Luft roch salzig.

»Das Meer kann nicht mehr weit sein«, bemerkte Eadulf unnötigerweise.

»Dann müssen wir uns nun nach Norden wenden«, erwiderte Fidelma. »Ich kann ein paar Gebäude erkennen ...«

»Vielleicht bekommen wir dort etwas Richtiges zu essen.«

Kläglich schaute Fidelma nun ihren Gefährten an. »Ich gestehe, hätte ich die Wahl zwischen Hunger oder noch einmal Judasohr, ich würde es vorziehen zu verhungern.«

Sie ritten zu einem felsigen, höher gelegenen Gelände, das nach Westen hin abfiel. Nun erblickten sie eine breite Bucht mit einem Sandstrand, der etwas entfernt von grobem Kies abgelöst wurde. Dahinter ergoß sich aus dem Landesinneren ein Fluß ins Meer. Um den Fluß zu umgehen, mußten sie ein Stück zurückreiten; zu einer Seite ragte eine Felswand auf, zur anderen erstreckte sich sumpfiges Marschland.

Es stellte sich heraus, daß die Gebäude, die sie gesehen hatten, zu einem Weiler gehörten, hinter dem sich ein kleiner Berg erhob. Fidelma bemerkte nicht weit entfernt mehrere alte Steine, die einen Steinkreis bildeten. Aus Hütten vor ihnen stieg Rauch auf, also waren dort Menschen.

Eadulf seufzte erleichtert. »Zivilisation und Nahrung.«

»Wir wollen erst einmal herausfinden, wo wir überhaupt sind.«

Als sie sich der Ortschaft näherten, fiel Fidelma auf, daß sie nicht einmal groß genug war, um Weiler genannt zu werden. Es gab nur eine Schmiede samt Ne-bengebäuden und ein Haus, das wie jene Art Herberge aussah, wie man sie auch in ihrer Heimat fand. Gewöhnlich kamen da die Leute zusammen, um zu trinken, zu essen oder auch zu übernachten.

Sie entdeckten einen alten Mann mit einem großen Holzbündel auf dem Rücken.

Eadulf beschloß, seine Sprachkenntnisse anzuwenden.

»Shw mae! Pa un yw’ rff ort i...?«

Der Alte starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. »Angelsachse?«

»Ja, ich bin ein Angelsachse«, gab Eadulf zu.

Zu ihrer Überraschung ließ der Alte sein Bündel fallen und rannte, mit hoher Stimme laut rufend, auf die Hütten zu.

»Wie es aussieht, mögen sie in diesem Teil der Welt keine Angelsachsen«, stellte Fidelma fest.

Ehe Eadulf etwas darauf entgegnen konnte, hatte sich Fidelma schon entschlossen an die Fersen des Alten geheftet. Dieser war inzwischen stehengeblieben und winkte, immer noch laut rufend, alle anderen Bewohner des Weilers herbei. Ein Mann mit breiten Schultern, wahrscheinlich der Schmied, und ein paar andere Männer hatten nach verschiedenen Gerätschaften gegriffen, die ihnen offenbar als Waffen dienen sollten, und beobachteten mit wachsamen Augen, wie sich die Fremden näherten.

»Was wollt ihr hier?« rief der breitschultrige Mann ihnen zu.

Fidelma blieb stehen, Eadulf hatte sie inzwischen eingeholt. »Pax vobiscum, meine Brüder. Ich bin Schwester Fidelma von Cashel.«

»Eine Gwyddel?« Der Schmied zog die Augenbrauen hoch. »Der Alte meinte, ihr seid Angelsachsen, die uns ausrauben und umbringen wollen.«

Fidelma lächelte beruhigend und ließ sich von ihrem Pferd hinabgleiten. Sie gab Eadulf ein Zeichen, es ihr gleichzutun. »Mein Begleiter ist ein Angelsachse. Bruder Eadulf. Wir sind weder hier, um euch auszurauben, noch um euch zu töten. Wir sind Christen.«

Die Anspannung unter den Männern schwand bis zu einem gewissen Grad, doch der Schmied betrachtete sie weiterhin mißtrauisch.

»Es ist ungewöhnlich, daß ein angelsächsischer Mönch in unserem Land auf Reisen ist. Angelsachsen treten hier meist in Räuberbanden auf, wie wir an dieser Küste sehr zu unserem Leidwesen erfahren mußten. Viele unserer Verwandten haben bei solchen Überfällen ihr Leben verloren.«

»Wir haben keine bösen Absichten. Wir suchen einen Ort namens Llanferran.«

»Und was noch?«

Fidelma war einen Augenblick verwirrt. »Wir brauchen auch etwas zu essen und Futter für unsere Pferde, die sehr erschöpft sind. Wenn du uns dann zeigst, wo Llanferran liegt, brechen wir sofort auf.«

Der Schmied starrte sie kurz an, dann zuckte er mit den Schultern und ließ seine Waffe sinken.

»Ihr habt Llanferran gefunden. Ich heiße Goff.«

Kapitel 11

»So, was wollt ihr sonst noch außer unserer Gastfreundschaft? Selten kommen Fremde her, bloß um uns um Kost und Logis zu bitten, am wenigsten die Angelsachsen.« Goff, der Schmied, blickte Eadulf mißtrauisch an.

»Wir sind im Auftrag deines Königs Gwlyddien unterwegs, um den Fall der verschwundenen Klostergemeinschaft von Llanpadern zu untersuchen .«

Das Gesicht des Schmieds verfinsterte sich. Den bläßlichen Jungen, der neben ihm stand, schien diese Mitteilung auch nicht zu freuen.

»Gwnda, Fürst von Pen Caer, hat uns gesagt, jemand, der Dewi heißt, wüßte etwas darüber.«

Zögernd zeigte der Schmied auf den Jungen neben sich. »Das ist mein Sohn Dewi. Ich habe ihn nach dem heiligen Gründer unserer Kirche genannt.«

Fidelma lächelte den Jungen an, der offenbar Angst hatte. »Dann haben wir einiges zu besprechen. Dürfen wir euch um eine Mahlzeit bitten und uns an eurem Feuer wärmen, während wir uns über die Vorkommnisse im Kloster unterhalten?«

Der Schmied zögerte kurz, dann sagte er: »Wenn ihr wirklich von geistlichem Stand seid, so seid ihr an meinem Feuer willkommen. Laßt uns zu meinem Haus gehen.«

Er wandte sich an einen der anderen Männer, die sich um den alten Mann geschart hatten, auf den sie zuerst gestoßen waren und der sie nun voller Haß anstarrte.

»Kümmre du dich inzwischen um das Schmiedefeuer«, wies ihn Goff an. Der Mann wollte schon losgehen, da bat ihn Fidelma: »Kannst du auch unsere Pferde versorgen? Sie müssen abgerieben werden und brauchen Wasser und Futter.«

»Erledige das«, ordnete Goff an.

Fidelma und Eadulf murmelten Dankesworte, dann folgten sie Goff und Dewi über einen Hof und eine kleine Steigung zu dem größeren Gebäude, das, wie Fidelma richtig bemerkt hatte, alle Merkmale einer Herberge aufwies. Wie in ihrem Heimatland konnte man hier gegen Bezahlung eine Mahlzeit und ein Bett erhalten.

Eine Frau mit rundem Gesicht stand vor einem Kochtopf, der über einem munter lodernden Feuer hing.

»Rhonwen!« rief der Schmied. »Wir haben Gäste. Reisende von geistlichem Stand.«

Die Frau trat auf sie zu und wischte sich die Hände an der Schürze ab, die sie um ihren fülligen Leib trug.

»Das ist Rhonwen, meine Frau«, erklärte Goff.

»Habt ihr schon gefrühstückt, Schwester?« fragte sie freundlich. »Kann ich euch etwas zu essen und zu trinken holen?«

Bald standen frisches Brot und Bretter mit kaltem Braten und Käse vor ihnen auf dem Tisch. Der Schmied und sein Sohn leisteten ihnen beim Met Gesellschaft.

Fidelma hatte aus ihrem marsupium das Pergament mit König Gwlyddiens Siegel herausgeholt und hielt es dem Schmied hin. Er blickte darauf und reichte es mit einem Achselzucken seinem Sohn.

»Dewi kann lesen«, murmelte er kleinlaut.

»Das ist eine Vollmacht des Königs, Vater. Die Gwyddel ist eine Richterin, wie unser barnwr.«

»Na schön. Was können wir dir von Llanpadern berichten, Schwester?« fragte der Schmied. »Wir wissen, daß das Kloster überfallen wurde.«

»Das hat Dewi bereits Gwnda mitgeteilt.« Eadulf beteiligte sich zum erstenmal an der Unterhaltung. »Erzähl uns von dem Überfall.«

Der Junge blickte zu seinem Vater, der mit einem Nicken seine Zustimmung gab.

»Wir erfuhren, daß vor fast einer Woche ein sächsisches Kriegsschiff bei Penmorfa vor Anker ging«, fing Dewi an. »Dann fand man sieben Mönche tot in der Nähe der Klippen. Alle waren umgebracht worden. Es lag auf der Hand, wer ihren Tod zu verantworten hatte.«

Fidelma sah ihn neugierig an. »Warum lag das auf der Hand?« wollte sie wissen.

»Einen Augenblick, Schwester.« Der Schmied erhob sich und ging zu einer Truhe am Ende des Raumes. Er kehrte mit dem runden Schild eines Kriegers, einem zerbrochenen Schwert und einem Messer zurück. »Das hat man bei den Leichen der Mönche gefunden. Soll ich euch die Herkunft dieser Gegenstände erklären oder könnt ihr sie selbst feststellen?«

Eadulf untersuchte mit besorgter Miene die Kennzeichnungen. Noch ehe er etwas sagen konnte, wußte Fidelma schon, was es sein würde.

»Es waren Hwicce«, erklärte er.

»Bist du ganz sicher?« fragte sie.

Eadulf nickte. »Siehst du den doppelten Blitz auf dem Schild? Das ist das Symbol von Thunor, dem Gott des Blitzes. Wenn das nicht ausreicht, so kann man an der Nietung und der Fertigung des Kriegsgeräts erkennen ...«

»Wirklich!« Der Schmied lächelte boshaft. »Kein Britannier würde so etwas herstellen. Es sind eindeutig ein sächsischer Schild und sächsische Waffen.«

»Und du sagst, das hat man bei den Leichen der Mönche gefunden? Wer hat die Leichen denn entdeckt?« fragte Fidelma scharf.

»Reisende Händler. Dewi ging dann mit zwei Freunden nach Penmorfa, um zu prüfen, ob ihre Geschichte stimmte.«

»Dewi, hast du dort irgendwelche Angelsachsen gesehen?«

Der Junge schüttelte den Kopf. »Da waren nur die toten Mönche.«

»Hast du ein sächsisches Schiff bemerkt?« fragte sie weiter.

Der Vater lachte verbittert. »Die Angelsachsen sind schnell beim Plündern. Sie kommen, und schon sind sie wieder fort. Sie warten nicht, bis man zurückschlägt.«

»Ich muß mehr über die Leichen wissen, Dewi«, sagte Fidelma.

»Was gibt es da noch zu berichten?« antwortete der Junge verunsichert.

»Weißt du, ob es Mönche aus Llanpadern waren? Wie haben sie dagelegen? Wie sind sie umgebracht worden?«

Dewi dachte einen Moment nach, ehe er antwortete. »Ich bin oft in Llanpadern gewesen, und so habe ich zwei oder drei der Brüder wiedererkannt.«

»Kanntest du Bruder Rhun?«

»Den Sohn des Königs? Er war der oberste Verwalter des Klosters Llanpadern. Er machte die Geschäfte mit den Händlern und Kaufleuten. Ich bin ihm häufig begegnet.«

»Mein Sohn fährt unser Fuhrwerk. Er bringt die Sachen, die ich anfertige, zu jenen, die nicht zur Schmiede kommen können, um sie abzuholen«, erklärte sein Vater.

»Ich erinnere mich, daß es im Kloster auch eine Schmiede gibt«, sagte Eadulf nachdenklich. »Neben der Scheune.«

»Das Kloster hat eine eigene Schmiede, doch ab und zu braucht man zusätzliche Hilfe, oder es fehlt an Material. Nicht wahr, Vater?«

Goff nickte langsam.

»Deinen Worten entnehme ich, daß Bruder Rhun nicht unter den Toten war?« erkundigte sich Fidel-ma.

»Ich habe nur zwei der getöteten Brüder wiedererkannt. Er war nicht dabei.«

»Und du bist dir sicher, daß alle dem Kloster angehört haben?«

»Ja.«

»Und es waren sieben Leichen?«

»Sieben«, bestätigte der Junge.

»Wie hat man sie getötet?«

»Durch Schwerthiebe, glaube ich.«

»Auf welche Weise?« drang Fidelma weiter in ihn.

»Man hat sie in den Nacken geschlagen.« Offensichtlich hatte der Junge begriffen, was man von ihm wollte. »Einen hatte es von vorn erwischt, ins Herz, einem anderen war der Bauch von unten aufgeschlitzt. Sie lagen alle dicht beieinander, als hätte man sie zusammengedrängt, als man sie umbrachte.«

»Sie lagen also in einer Art Gruppe, sagst du? Wo fand man dann den Schild und die Waffen?«

»Genau daneben.«

»Genau daneben?« Sie nahm das zerbrochene Schwert in die Hand. »Wie genau hat es neben den Leichen gelegen?«

»Es hat zu Füßen eines der Mönche gelegen.«

»Hast du das Blut abgewaschen?« Die Waffe, die sie hielt, war sauber und glänzte beinah.

»Nein, wir haben das Schwert so gefunden«, warf Goff ein.

»Und wo ist der andere Teil des Schwerts? Steckt es in einer der Leichen?«

»Nein, die Wunden waren ...« Dewi hielt plötzlich inne, denn ihm wurde die Bedeutung ihrer Frage klar.

»Und das Messer und der Schild? Lagen sie auch einfach daneben?«

Der Junge überlegte. »Der Schild lag auf einer der Leichen und das Messer neben einer anderen.«

»Was ist geschehen, nachdem ihr die Leichen entdeckt hattet?«

Jetzt antwortete Goff.

»Dewi kehrte zurück, um mich und ein paar andere Männer nach Penmorfa zu holen. Ich nahm die Waffen an mich und untersuchte die Leichen; ich wollte feststellen, wer die Toten waren. Doch es gab keine Hinweise auf ihre Person. Keine Schmuckstücke oder Kreuze - rein gar nichts. Also haben wir sie bei den Klippen begraben, wo sie ihr Leben gelassen hatten.«

»Bist du sicher, daß sie wirklich an dieser Stelle umgebracht wurden?«

»Aber ja. Die Erde um sie herum war mit Blut getränkt.«

»Und dann?«

»Als wir uns alles genau angesehen hatten, sagte ich meinem Sohn, daß er nach Llanwnda reiten solle, um Gwnda, Fürst von Pen Caer, von unserer grausamen Entdeckung zu berichten. Von dem Gemetzel und dem angelsächsischen Kriegsschiff, das man vor der Küste gesichtet hatte. Es brauchte nicht viel Einbildung, um sich auszumalen, was da geschehen war.«

»Daß angelsächsische Seeräuber das Kloster von Llanpadern überfallen haben? Bist du sicher?« fragte Fidelma. »Bist du davon überzeugt, daß sie, aus welchem Grund auch immer, die Mönche verschleppt haben und bei den Klippen sieben von ihnen umbrachten, ehe sie wieder auf ihr Kriegsschiff zurückkehrten?«

»Natürlich. So muß es gewesen sein.«

»Weißt du, daß es in Llanpadern selbst keine Hinweise auf einen Überfall gibt? Nicht ein Gebäude ist dort niedergebrannt oder zerstört. Es gibt auch keinerlei Anzeichen dafür, daß Mönche getötet wurden.«

»Aber ...«, hob Eadulf an. Fidelma brachte ihn mit einem strengen Blick zum Schweigen.

»Ist jenes Schiff später noch einmal aufgekreuzt?« fragte sie.

»Wegen derartiger Überfälle haben wir entlang der Küste eine Wache eingerichtet. Das Schiff ist nicht noch einmal gesichtet worden.«

Fidelma unterdrückte einen Seufzer. »Du hast uns sehr geholfen, Goff. Du auch, Dewi.«

»Wo reitet ihr als nächstes hin?« fragte Goff und schenkte ihnen Met nach.

»Nach Llanwnda zurück. Dort werden wir mit unserem Gefährten von der Abtei Dewi Sant zusammentreffen.«

»Ich habe gehört, daß es in Llanwnda auch Ärger gibt.«

»Ja, das stimmt«, bestätigte Eadulf und biß genußvoll in ein Stück Brot. »Unser Reisebegleiter Bruder Meurig untersucht .«

»Meurig, der barnwr?« Rhonwen trat an den Tisch, ihr rundliches Gesicht war auf einmal ganz ernst. »Untersucht er den Tod der armen Mair?«

»Hast du Mair gekannt?« fragte Fidelma.

»Schwester, wir stehen hier alle unter dem Schutz von Pen Caer« - Goff nickte in die Richtung, wo in der Ferne der Berg dieses Namens lag - »und sind nur eine kleine Gemeinde. Außerdem ist Iorwerth ein Zunftgenosse, und Neuigkeiten gelangen rasch von Schmiede zu Schmiede.«

»Dann kennst du also Iorwerth?«

»Wir haben in derselben Schmiede gelernt. Zwei Jahre lang habe ich mir mit ihm eine Kammer geteilt, dann wurde er von unserem Lehrmeister rausgeschmissen.«

Das weckte Fidelmas Neugier. »Rausgeschmissen? Warum denn das?«

»Ganz einfach, Schwester. Unser Lehrmeister hatte eine Tochter. Manchmal bin ich nachts aufgewacht und habe das Lager meines Gefährten leer vorgefunden. Du verstehst?«

»Ich glaube schon«, antwortete Fidelma.

»Bei Iorwerth ging es eher um Lust als um Liebe«, sagte Goff mißbilligend. »Ich glaube nicht, daß er jemals irgendwen wirklich mochte. Vielleicht nicht einmal seine Tochter. Seine Frau starb vor ein paar Jahren, und er hat nur kurze Zeit um sie getrauert.«

»Ja, sehr kurze.« Rhonwen setzte sich mit an den Tisch. Goff und sie schienen sich auch ohne Worte zu verstehen.

»Ich denke, wir brauchen dich hier nicht mehr, Dewi«, sagte Goff. »Geh zur Schmiede hinunter und schau nach, ob dort alles in Ordnung ist.«

Zögernd stand der Junge auf und ließ sie allein. Dann lehnte sich Rhonwen vor.

»Iorwerths Frau war meine Freundin. Esyllt war ein wunderschönes Mädchen. Nur Gott allein weiß, was sie veranlaßte, Iorwerth zu heiraten. Dieser Ehe hatte der Himmel nicht gerade seinen Segen erteilt. Ihr Tod war beinah vorhersehbar.«

»Wieso?« erkundigte sich Fidelma.

»Sie wurde einfach krank und starb eines Tages. Du weißt doch, wie das geht? Irgendein Fieber. Das Fieber hat sie hinweggerafft, die Arme. Doch sie ist jetzt sicher an einem besseren Ort als zu Lebzeiten. Iorwerth ist ein engstirniger, rachsüchtiger Kerl. Ich habe mich oft gefragt, warum die arme Esyllt bei ihm blieb. Als wir erfuhren, daß Iorwerth sie prügelte, habe ich ihr vorgeschlagen, bei uns zu leben. Schließlich war Esyllt meine engste und liebste Freundin.«

»Sag mir, Goff, wo wohnte dieser Schmiedemeister, bei dem du und Iorwerth in der Lehre wart?«

»Er war Schmied in Dinas. Er hieß Gurgust aus Dinas. Armer Mann.«

Fidelma zog eine Augenbraue hoch. »Armer Mann?«

»Seine Tochter, weißt du.«

»Armer Mann, weil seine Tochter sich mit Iorwerth eingelassen hatte?«

Goff schüttelte den Kopf. »Nein, sondern wegen der Dinge, die sich später ereigneten. Ein paar Wochen nachdem Iorwerth aus Dinas verschwinden mußte, weil Gurgust entdeckt hatte, daß seine Tochter - Efa war ihr Name - auf Iorwerth hereingefallen war. Gurgust war so wütend, daß er auch noch seine Tochter aus dem Hause jagte.«

»Ist sie Iorwerth gefolgt?«

»Nein. Der hatte sich bereits aus dem Staub gemacht, Efa war ganz auf sich gestellt. Sie hat sich mit einem umherziehenden Krieger zusammengetan und auch ein Kind mit ihm gehabt. Dann starb Efa.«

»Im Wochenbett?«

»Als ihr Kind erst ein paar Monate alt war, fand man sie im nahe gelegenen Wald erwürgt.«

»Erwürgt?« fragte Fidelma bestürzt und stellte vorsichtig ihren Becher mit Met ab.

»Das war alles sehr traurig. Der arme Gurgust gab danach seine Schmiede auf. Ich erfuhr, daß er versuchte, Efas Kind zu finden, um es in seine Obhut zu nehmen.«

»Ist ihm das gelungen?«

»Nicht daß ich wüßte! Der Krieger hatte das Kind schon weggegeben und sich in ein Heer eingegliedert, das auf Ceredigion zumarschierte. Ich verließ Dinas und zog hier in die Schmiede von Llanferran. Erst einige Jahre später erfuhr ich, daß Gurgust bei einem der Kämpfe an der Grenze umgekommen war. Trotz seiner Strenge hatte er seine Tochter Efa sehr lieb, und als sie umgebracht worden war .« Nun zuckte er nur noch mit der Schulter.

»Hat man je herausgefunden, wer für Efas Tod verantwortlich war?« fragte Fidelma, als er schwieg.

Goff schüttelte den Kopf. »Es gab Gerüchte, daß der Krieger, der sich ihrer angenommen hatte, sie ermordet hätte. Doch niemand wußte, wer er war, und man hat ihn auch nie gefunden. Manche behaupteten sogar, daß Iorwerth selbst es getan hätte.«

»Ist Iorwerth jemals in dieser Sache verhört worden?«

Goff überraschte Fidelmas Frage nicht. In all den Jahren hatte er immer wieder darüber nachgedacht.

»Natürlich. Iorwerth war aus Dinas fortgegangen, gleich nachdem Gurgust ihn weggejagt hatte. Zumindest konnte ihn niemand finden. Man nahm an, daß er ebenfalls in einem der Heere diente, die in Ceredigion einfielen. Einige Jahre später hörte man, daß er in Llanwnda seine eigene Schmiede aufgebaut hatte. Er heiratete Esyllt, die Freundin meiner Frau, und Mair wurde geboren. Außer irgendwelchen Vermutungen gab es keinerlei Hinweise darauf, daß er etwas mit Efas Tod zu tun hatte. Einige meinten, ein umherziehender Bettler hätte sie getötet, denn die Goldkette, die sie immer getragen hatte - eine Kette aus Rotgold, die Gurgust für sie angefertigt und die sie sehr geliebt hatte -, fehlte. An der Kette befand sich ein goldener Anhänger mit einem Edelstein in Gestalt eines Hasen, dem Symbol von Andrasta, der alten heidnischen Göttin meines Volkes.«

»Andrasta?« erkundigte sich Fidelma. »Von dieser Göttin habe ich noch nie gehört.«

»Es heißt, daß die große Königin Boudicca sie anrief, ehe sie die Römer vor langer, langer Zeit aus ihrem Königreich im Osten Britanniens verjagte«, erklärte ihr Goff.

»Und diese Goldkette samt Anhänger fehlte?«

»Ja. Man schloß daraus, daß Efa ausgeraubt und dann erwürgt worden war.«

»Dennoch fiel Verdacht auf Iorwerth?«

»Er ist ein ausgesprochen böser Mensch, Schwester«, meldete sich Rhonwen zu Wort. »Ich traue ihm ohne weiteres einen Mord zu.«

Einen Augenblick lang überlegte Fidelma. »Ist Dinas weit von hier entfernt?«

»Hier an der Küste entlang schon. Doch wenn man der Küste ein paar Meilen nordwestlich von Llanwnda folgt und dann ein Boot über die große Bucht nimmt, so liegt die Insel Dinas auf der anderen Seite - etwa fünf Meilen weit. Sie wird häufig von Ceredigion aus angegriffen. Gurgust und seine Tochter Efa sind dort schon längst vergessen. Das alles geschah vor zwanzig oder mehr Jahren.«

»Es ist merkwürdig, daß Gurgusts Tochter und Iorwerths Tochter unter ähnlichen Umständen umgekommen sind,« stellte Fidelma nachdenklich fest.

»Was für eine Verbindung sollte es zwischen den beiden Fällen geben?« fragte Goff.

»Du hast gesagt, daß Gurgust bei einer Grenzfehde ums Leben kam?«

»Ja.«

»Bist du ganz sicher?«

»So habe ich es gehört.« Auf einmal leuchteten die Augen des Schmieds auf. »Wenn Gurgust noch am Leben wäre und überzeugt davon, daß Iorwerth seine Tochter umgebracht hat, dann hätte er sich längst gerächt. Gurgust ist schon lange tot.«

Rhonwen neigte sich über den Tisch und legte eine Hand auf seinen Arm. »Dennoch mag die gute Schwester einen Grund haben, so zu fragen. Meinst du, Id-wal hat nicht schuld an Mairs Tod? Glaubt Bruder Meurig das auch?«

»Du hast uns erklärt, den Überfall auf das Kloster Llanpadern zu untersuchen«, warf Goff dazwischen, ehe Fidelma etwas sagen konnte. »Weshalb interessierst du dich dann für Mairs Tod?«

Fidelma beruhigte ihn. »Wir sind zusammen mit Bruder Meurig nach Llanwnda geritten. Er soll den Mord dort aufklären. Es ist nur natürlich, daß dieser Fall auch unsere Aufmerksamkeit weckte. Und wenn wir Bruder Meurig helfen können, tun wir es gern.«

»Also glaubst du, daß Idwal unschuldig ist«, warf Rhonwen scharfsinnig ein. »Kein Richter würde seine Zeit mit so etwas verschwenden, wenn er nicht vermutete, daß die Dinge anders liegen, als es scheint.«

»Wie gut kennt ihr Idwal?«

»Wie Goff schon sagte, wir sind eine kleine Gemeinde«, erwiderte Rhonwen.

»Was hältst du von ihm?«

»Was ich von ihm halte?« fragte Rhonwen erstaunt.

»Traust du ihm einen Mord zu?«

»Wem ist ein Mord zuzutrauen und wem nicht unter den entsprechenden Bedingungen?« entgegnete Goff. »Uns allen ist ein Mord zuzutrauen, meine ich.«

»Ich glaube, Schwester Fidelma möchte wissen, wie ihr Idwal einschätzt. Ist er ein liebenswerter Junge? Würde er jemanden ohne Grund töten?«

Goff rieb sich die Nase. »Er ist ein Idiot.«

Rhonwen stieß einen mißbilligenden Laut aus und schüttelte den Kopf. Fidelma wandte sich an sie.

»Du siehst das wohl anders?«

»Er ist kein Schwachkopf. Er ist einfach langsam. Fast wie ein Kind. Er hatte keine schöne Kindheit, nachdem Iolo, der Schäfer, gestorben war. Iolo hat den Jungen schon als Säugling zu sich genommen. Id-wal war noch sehr klein, als ihn Iestyn, Iolos Bruder, nicht mehr haben wollte. Später mußte sich Idwal als umherziehender Hirte selbst ernähren.«

»Ich streite ja gar nicht ab, daß der Junge ein gutmütiger Kerl ist«, gab Goff zu. »Das kann man nicht leugnen. Immer, wenn eines seiner Lämmer stirbt, weint er bitterlich. Doch wer weiß, was ihn zu dieser Tat getrieben hat? Wir alle tragen den Instinkt zum Töten in uns, wenn es die Umstände von uns verlangen. Der Junge war immer sehr verschlossen. Er behielt seine Gedanken für sich. Wer weiß schon, welcher Zorn in seinem Inneren gewütet haben mag?«

»Also glaubst du auch an seine Schuld?« fragte Eadulf.

»Ich vertraue den Äußerungen von Männern, deren Meinung ich schätze.«

»Und wessen Meinung schätzt du? Wer hat dir gesagt, daß Idwal schuldig ist?« fragte Fidelma leicht aufgebracht.

»Nun, Iestyn aus Llanwnda natürlich.«

Rhonwens Miene drückte Abscheu aus.

»Du hältst wohl nicht viel von Iestyn, oder?« erkundigte sich Fidelma.

»Wenn ich nur daran denke, daß er Idwal einfach davonjagte ... Und nun besitzt er die Unverfrorenheit, ihn des Mordes zu bezichtigen.«

Goff versuchte sich zu rechtfertigen. »Iestyn ist ein guter Freund von mir. Vielleicht tat er recht daran, den Jungen nicht selbst großzuziehen. Vielleicht hat er die Sache kommen sehen.«

»Ich weiß, daß sich hier alles schnell herumspricht. Aber wann hast du mit Iestyn geredet?« wollte Fidelma wissen.

»Gestern. Er kam mit einem Karren vorbei, der repariert werden mußte.«

»Ich dachte, er sei mit Iorwerth befreundet. Der hätte doch viel schneller helfen können.«

»Mein Mann will sagen«, erklärte Rhonwen, »daß Iestyn eine Wagenladung voller Felle an einen Händler übergeben wollte, als ihm sein Wagen kaputtging. Es war einfacher, ihn hier reparieren zu lassen, als den Karren den ganzen Weg nach Llanwnda zurückzuziehen.«

»Ich verstehe. Iestyn hat euch von dem Mord erzählt und gesagt, daß Idwal der Täter sei.«

»Ja«, antwortete Goff und erhob sich. »Ich muß jetzt in meine Schmiede zurück.«

Fidelma stand auf, Eadulf folgte ihr zögernd.

»Und wir müssen unsere Reise fortsetzen. Doch ich will euch zuvor noch eine einzige Frage stellen.«

Goff machte eine Handbewegung, die darauf schließen ließ, daß er so lange noch Zeit hätte.

»Du sagst, daß die Ortschaften hier in engem Kontakt miteinander stehen, ihr eine kleine Gemeinde seid und jeder den anderen kennt?«

Rhonwen fing an, den Tisch abzuräumen. Sie lächelte. »Wollt ihr etwas über jemanden wissen?«

»Ja, allerdings. Was könnt ihr mir über einen Mann sagen, der sich Clydog Cacynen nennt, oder über einen anderen, der Corryn heißt?«

Der Becher, den Rhonwen gerade in Händen hielt, fiel zu Boden und zerbrach in viele Scherben. Ein Rest von dem Met spritzte über die Holzdielen. Rhonwen entschuldigte sich nervös und sammelte die Scherben auf.

»Wo ist euch der Name Clydog begegnet?« fragte Goff.

»In diesem Gebiet soll sich ein Geächteter aufhalten; man hat uns vor ihm gewarnt«, log Fidelma unbefangen. »Ich möchte einfach nur wissen, um wen es sich handelt.«

»Wenn du etwas über Clydog wissen willst, mußt du Pater Clidro fragen. Er hat einmal den Versuch unternommen, mit ihm einen Frieden auszuhandeln.«

»Aber Pater Clidro ...«, hub Eadulf an.

»Pater Clidro, wie du dich erinnerst, ist nicht mehr in Llanpadern und auch keiner der Mönche des Klosters«, warf Fidelma rasch ein, wobei sie Eadulf warnend anblickte.

»Und wir haben euch alles gesagt, was wir wissen«, erwiderte Goff entschieden. »Ich könnte nur noch einmal das wiederholen, was ihr ohnehin schon von anderen erfahren habt. Ich kann euch nur eindringlich bitten, Clydog aus dem Weg zu gehen. Für unser Volk ist er eine Geißel. Er hat scharfe Ohren, und er bestraft rasch. Mehr sage ich nicht. Ich wünsche euch viel Glück auf eurer Reise.«

Es war Fidelma und Eadulf nicht entgangen, daß Rhonwen bei der Nennung von Clydogs Namen die Fassung verloren hatte. Sie hatten nun auch lange genug ihre Gastfreundschaft in Anspruch genommen.

Goff lehnte es ab, Geld von ihnen anzunehmen. Er hatte ihnen die Gastfreundschaft ja schließlich angeboten, wie er sagte. Er äußerte die bei solchen Gelegenheiten üblichen Worte, daß es mehr wert sei als Silber und Gold, wenn die frommen Leute für ihn und seine Familie beteten. Fidelma und Eadulf segneten sie daraufhin. Doch das alles geschah recht förmlich und ohne besondere Herzlichkeit.

Dann nahmen Fidelma und Eadulf an der Schmiede aus Dewis Händen ihre Pferde in Empfang, ließen sich von dem Jungen den Weg nach Llanwnda zeigen und ritten los.

»Sehr merkwürdig«, sagte Eadulf, nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander hergeritten waren.

Fidelma, in Gedanken versunken, blickte ihn an. »Was?«

»Erinnerst du dich an Rhonwens Reaktion, als wir nach Clydog fragten? Auch der Schmied wurde wortkarg und schien sich zu fürchten.«

»Zweifellos hat das einen Grund«, stimmte sie ihm zu. »Leider können wir von Pater Clidro nichts mehr über Clydog erfahren. Ich vermute, daß er auch vor Raub und Plünderung nicht zurückschreckt.«

»Ehe wir es nicht von ihm selbst hören, was ich aber nicht empfehle«, erwiderte Eadulf ironisch, »werden wir nicht dahinterkommen, glaube ich. Doch was das Verschwinden der Brüder von Llanpadern betrifft, können wir meines Erachtens Gwlyddien nun die Lösung des Rätsels liefern, sosehr sie mich auch beschämt.«

Fidelma lachte auf. »Eine Erklärung hätten wir zu bieten, aber ob es die richtige ist? Komm, ich möchte deine Version hören.«

Ihre Skepsis machte Eadulf ein wenig betroffen. »Meine Erklärung ist die gleiche wie vorher.«

»Und die wäre .?«

»Ich nehme mein Volk nicht in Schutz, du weißt selbst, daß viele angelsächsische Schiffe die Küsten hier bedrohen und Güter und Sklaven erbeuten. Ein Schiff der Hwicce ist vor Anker gegangen, und die Leute haben darauf das Kloster Llanpadern überfallen. Dabei wurde einer der Hwicce getötet . Der Mann, den wir in dem Sarg gefunden haben. Dann schleppten die Angreifer ihre Gefangenen zum Schiff. Als sie die Klippen erreichten, von denen man ihr Schiff sehen konnte, geschah etwas Unerwartetes.

Vielleicht versuchte jemand zu fliehen. Sieben der Mönche wurden daraufhin niedergemetzelt. Die Waffen und ein Schild der Hwicce weisen darauf hin, wer die Täter waren.«

Fidelma blickte ihren Gefährten zweifelnd an. »Die Theorie ist gut«, gab sie zu.

Eadulf zog verärgert die Stirn kraus. »Die Theorie? Kannst du ihr nicht folgen?«

»Nicht so, wie du sie darlegst. Du vergißt, daß Pater Clidro nicht zum Zeitpunkt des Überfalls umgebracht wurde. Als wir ihn fanden, war er noch nicht lange tot.«

»Das hatte ich ganz vergessen«, erwiderte Eadulf enttäuscht.

»Ich glaube aber, daß du in bestimmten Punkten recht hast. Ein sächsisches Schiff . Ich weiß nicht genau, ob es aus dem Königreich kam, das du erwähnt hast. Doch wenn wirklich ein sächsisches Schiff vor der Küste ankerte, wie Goff ja auch sagte, dann hat es sicher eine Rolle bei dem Überfall auf Llanpadern gespielt, ganz gleich, was da wirklich geschehen sein mag.«

»Der Rest meiner Theorie stimmt«, meinte Eadulf hartnäckig.

»Die Fakten sprechen aber eine andere Sprache. Vergiß einfach, daß du ein Sachse bist.«

Eadulf grinste amüsiert. »Das ist ziemlich schwierig in diesem Land hier, wo ich ständig daran erinnert werde«, gab er trocken zu bedenken.

»Was geschieht denn gewöhnlich, wenn deine Landsleute eine Ortschaft plündern? Es gab eine Reihe solcher Überfälle in Laigin und Muman, wir kennen das. Also, wie gehen sie immer vor?«

Eadulf schwieg.

»Sie brennen alles nieder, zerstören alles und schleppen ihre Beute fort«, begann Fidelma, ohne auf seine Antwort zu warten. »Sie nehmen junge Männer und Mädchen als Sklaven mit, die anderen werden umgebracht. Welche Anhaltspunkte gibt es dafür, daß so etwas auch in Llanpadern geschehen ist?«

»Pater Clidro ist .«

»Pater Clidro wurde ausgepeitscht, in die Scheune gebracht und dann aufgehängt. Er ist weder von einem Schwert noch von einem Speer niedergestreckt worden. Und offenbar ist er erst gestorben, nachdem das angelsächsische Schiff schon wieder fort war. Wo war er während des Überfalls?«

Eadulf mußte zugeben, daß seine Theorie hier nicht stimmte. Auch ihm war das merkwürdig erschienen, doch er hatte keine logische Erklärung dafür finden können.

»Doch was ist mit den sieben ermordeten Brüdern an der Küste? Was ist damit?« protestierte er.

»Das hat damit vielleicht nichts zu tun, Eadulf. Denk mal genau nach. Die meisten von ihnen wurden durch einen Schwerthieb von hinten umgebracht. Ein Hieb in den Nacken. Sie sind alle an der gleichen Stelle getötet worden, was nicht darauf hindeutet, daß sie versucht haben, ihren Häschern zu entkommen, oder? Und nachdem er sieben Mönche umgebracht hat, welcher Krieger würde da sein Schild, ein Messer und ein zerbrochenes Schwert neben den Leichen liegenlassen?«

Eadulf erinnerte sich an die Fragen, die Fidelma Dewi zu dem zerbrochenen Schwert gestellt hatte. Es war kein Blut am Schwert gewesen, und das abgebrochene Stück war nirgendwo zu finden.

»Willst du etwa sagen, das alles sei bewußt inszeniert worden, damit die Leute denken, Sachsen seien dafür verantwortlich?« fragte er bestürzt. »Willst du etwa sagen, daß es keine Sachsen waren?«

Fidelma schüttelte den Kopf. »Der Sachse im Steinsarg und auch das Schiff vor der Küste haben irgendwie damit zu tun. Ich bin mir nur noch nicht sicher, in welcher Weise.«

Überrascht betrachtete er sie. »Doch wenn es nicht wegen des Überfalls war, weshalb sollte ein sächsisches Schiff hier sonst vor Anker gehen?«

»Genau das frage ich mich auch.«

Einen Moment lang schwieg Eadulf. »Dann sind wir wohl mit unserem Latein am Ende.«

Fidelma sah ihn abschätzig an. »Tempus omnia re-velat«, sagte sie tadelnd.

»Die Zeit mag die Dinge zwar ans Licht bringen, aber können wir es uns leisten zu warten?« erwiderte er gereizt.

»Wir müssen warten«, meinte sie ruhig. »Wir müssen Geduld haben.«

»Hast du vergessen, welche Bedrohung für uns von Clydog und seinen Männern ausgeht?«

»Nein, das habe ich nicht. Wie ich dir schon sagte, ich glaube, er ist vielleicht der Schlüssel zu dem Ganzen.«

Die Landschaft, durch die sie nun ritten, fiel zu ihrer Linken in schauerliche Klippen und tief eingeschnittene Felsbuchten ab. Ab und zu konnten sie sehen, wie Seehundjunge im Wasser herumpaddelten. Sie entdeckten ein paar Bussarde, die nach kleinen Säugetieren Ausschau hielten.

Bussarde zogen solche offenen Hügellandschaften vor, durch die sie gerade ritten, denn hier konnten die Greifvögel ohne große Mühe Kaninchen erbeuten. Der Weg führte nun weiter landeinwärts. Auf einem der Hügel konnten sie die Mauerreste einer alten Burg erkennen. Sie umritten den Hügel nach Osten, wo sich hinter dem hohen Berg Pen Caer der Ort Llanwnda verbarg. Eadulf wußte, daß pen soviel wie Kopf bedeutete und caer Festung hieß.

»Ich freue mich schon auf ein Bad und frische trok-kene Kleider«, meinte Eadulf fröhlich, als ihm klar wurde, daß sie nicht weit von Llanwnda entfernt waren.

Noch ehe sie heute morgen Llanferran und die Schmiede erreicht hatten, waren ihre Kleider trocken gewesen. Doch Leinen und Wolle waren rauh geworden von der Nässe und kratzten nun. Eadulf hatte sich in den Jahren, die er in den fünf Königreichen von Eireann lebte, an die irischen Bräuche gewöhnt. Dort nahmen die Menschen täglich ein Bad, meist am Abend, und morgens wuschen sie sich nur Gesicht und Hände. Eadulf hatte soviel Hygiene immer für übertrieben gehalten. In seiner Heimat beschränkte sich das Waschen häufig nur auf ein Abtauchen in einem nahe gelegenen Fluß, und das eher selten. Doch die Iren betrieben ihre Sauberkeit geradezu rituell. Sie verwendeten dabei fettige Klumpen, die sie sleic nannten; sleic ließ Schaum entstehen und wusch den Schmutz fort.

Jetzt vermißte Eadulf das erwärmte Badewasser, das Eintauchen in ein Becken, das man debach nannte und in dem süßlich duftende Kräuter lagen. Auch das energische Abreiben mit einem Leinentuch vermißte er. Nach seiner anfänglichen Scheu vor dem Baden fühlte er sich inzwischen stets erfrischt und belebt nach einer solchen Prozedur.

Fidelma sehnte sich ebenfalls nach einem Bad und neuen Kleidern. Nach der vorigen Nacht kam sie sich besonders beschmutzt vor. Erst nach einer Reihe von Bädern würde sie sich wieder ganz sauber fühlen. Doch da war noch eine andere Sache, wegen der sie gern nach Llanwnda zurückkehrte. Die ganze Zeit hatte sie sich um Idwal Sorgen gemacht. Sie hatte nicht das Gefühl abschütteln können, daß der Junge am Tod von Mair unschuldig war, auch wenn sie da mehr ihrem Instinkt folgte als der Logik. Wie weit war Bruder Meurig wohl mit dem Fall vorangekommen? Vielleicht konnte das, was sie über Mairs Vater Iorwerth erfahren hatten, nützlich sein.

Der Weg führte sie durch ein dichtbewaldetes Tal, hinter dem sich die Siedlung Llanwnda befand. Fidelmawurde auf einmal bewußt, daß dies wahrscheinlich der Wald war, in dem das Mädchen erwürgt worden war. Sie hätte es gern ganz sicher gewußt, hätte sich gern die Stelle angesehen, auch wenn ihr klar war, daß es dort keine Spuren mehr gab. Sie nahm die Orte eines Verbrechens immer in Augenschein, wenn sie es einrichten konnte. So konnte sie sich einen Tathergang besser vorstellen.

Sie teilte Eadulf ihre Gedanken mit, und sein Blick verdüsterte sich.

»Wäre es nicht besser, sich aus Bruder Meurigs Fall rauszuhalten?«

»Raushalten? Warum?« fragte Fidelma verärgert. »Eadulf, du weißt, ich als eine dalaigh kann nicht einfach so dabeistehen und ein Verbrechen mit ansehen.«

»Doch es ist nicht dein ...«

»Nicht mein Land? Du hast bei unseren vorigen Fällen auch nicht gesagt, daß du als Sachse dich nicht einmischen kannst! Ein Verbrechen bleibt ein Verbrechen, ganz gleich, wo es geschieht. Justitia omnibus -Gerechtigkeit für alle.«

»Ich wollte nur sagen ...«, versuchte sich Eadulf zu verteidigen.

Mit einer Handbewegung brachte sie ihn zum Schweigen. »Ich weiß schon, was du sagen wolltest.«

Eine unbehagliche Pause folgte.

Plötzlich bedauerte es Fidelma, daß sie ihren Verdruß immer so rasch zeigte. Sie wußte, daß ihr aufwallendes Gemüt und ihr manchmal harter Ton tadelnswert waren. Da erinnerte sie sich an ihren Mentor, Brehon Morann, der oft gesagt hatte, ein Mensch ohne Fehler gleiche einem Toten. Dennoch sollte sie versuchen, ihre Stimmungen besser zu beherrschen.

»Es tut mir leid«, sagte sie plötzlich zu Eadulfs Überraschung. »Seit wir in dieser Gegend sind, habe ich das eigenartige Gefühl, daß hier viel Böses im Gange ist. Irgend etwas geht hier vor, wir bekommen aber immer nur einen Bruchteil davon mit. Ich denke, wir sollten Mairs Tod und das Verschwinden der Klostergemeinschaft von Llanpadern im Zusammenhang betrachten.«

Eine Weile erwiderte Eadulf nichts.

Fidelma sprach also weiter. »Ich weiß, daß du so bald wie möglich nach Canterbury weiterwillst, doch ich könnte keine Ruhe finden, wenn ich nicht dahinterkomme, was hier geschieht.«

Eadulf war nun gezwungen, etwas zu erwidern. »Nichts anderes hatte ich erwartet. Es ist nur, daß ich mir um deine Sicherheit Sorgen mache. Um unsere Sicherheit«, berichtigte er sich. »Ich habe mich schon vorher oft in Gefahr befunden, doch so bedroht habe ich mich noch nie gefühlt. Wenn du oder ich Clydog wieder in die Hände fallen ...« Diesen Satz beendete er nicht, doch es war klar, was er sagen wollte.

»Dann müssen wir eben dafür sorgen, daß uns das nicht wieder passiert, mein Lieber«, erwiderte Fidelma munter und mit mehr Zuversicht, als sie selbst empfand.

Sie gelangten auf eine kleine Lichtung mitten im Wald, auf der eine Holzfällerhütte stand.

»Wir sollten vielleicht mal fragen, ob wir uns noch auf dem richtigen Weg nach Llanwnda befinden«, meinte Eadulf.

Die Tür stand halb offen. Fidelma brachte ihr Pferd zum Stehen und rief nach ihren Bewohnern. Es kam keine Antwort.

Die Hütte war klein, davor lag ein Stapel Holz. Jemand hatte gerade Feuerholz gehackt, denn eine langstielige Axt steckte in einem der Kloben.

Eadulf deutete schweigend auf die Axt, von der Blut tropfte. Vielleicht hatte sich der Holzhacker verletzt?

»He da!« rief Fidelma erneut. »Ist da jemand? Können wir helfen?«

Kein Laut, keine Regung.

Eadulf schwang sich von seinem Pferd und ging zur Hütte. Er blickte ins Innere und schrie auf.

»Da liegt ein Mann, anscheinend bewußtlos!« rief er und verschwand im Dunkel der Behausung. Fidelmawar gerade dabei, ebenfalls vom Pferd zu steigen.

»Was ist los?« fragte sie und lief auf die Hütte zu.

Eadulf war wieder herausgetreten. Er lehnte sich kreidebleich gegen den Türpfosten, starrte sie an und brachte zunächst kein Wort heraus. »Da drinnen ...«

Fidelma sah ihn erschrocken an. »Der Holzhakker?« fragte sie. Eadulf hatte schließlich in Tuam Bre-cain studiert, um Apotheker zu werden. Da sollte er doch an den Anblick von Blut gewöhnt sein. »Ist er schwer verletzt? Komm schon, Eadulf, wir wollen dem armen Mann helfen. Du bist doch sonst nicht so empfindlich.«

»Es ist zu spät«, stieß Eadulf leise hervor.

Fidelma schob ihn beiseite und betrat die kleine Hütte. Das Licht von der Tür fiel auf die Gestalt am Boden. Sie beugte sich über den hingestreckten Körper.

Sie sah folgendes: Das Genick des Mannes war durchtrennt worden. Es handelte sich nicht um einen Unfall. Jemand hatte den Mann mit der Axt ermordet und ihn tot oder sterbend liegengelassen.

Der Tote war kein Waldbewohner. Er trug das Gewand eines Mönches.

Da erkannte sie schließlich das von Todesqualen verzerrte Gesicht: Es war Bruder Meurig.

Kapitel 12

Schweigend ritten sie in Llanwnda ein. Fidelma hatte seit ihrem Aufbruch von der Hütte im Wald nur wenig gesprochen. Als sie die Brücke über den Fluß in die Ortschaft überquerten, vernahmen sie aus der Schmiede den Klang des Schmiedehammers und das Ächzen des Blasebalgs. Dann sahen sie Iorwerth bei der Arbeit. Er hatte kaum einen Blick für die vorbeiziehenden Fremden. Auf dem Platz hinter der Brücke, wo vor zwei Tagen die aufgebrachte Menge versucht hatte, Idwal zu erhängen, lag immer noch der riesige Holzhaufen, aufgeschichtet für ein Feuer. Hier und dort spielten Kinder. Leute standen herum und schwatzten miteinander, andere warfen neugierige Blicke auf Fidelma und ihren Begleiter.

Eadulf schaute zu Fidelma. Ihm war klar, daß sie der Mord an Bruder Meurig stark beschäftigte. Die Ermordung eines Geistlichen war gewiß ein scheußliches Verbrechen. Als er sich in Mutmaßungen über den Täter hatte ergehen wollen, hatte sie wie immer erwidert: »Es hat keinen Sinn zu spekulieren.« Sie hatte den Vorfall nicht weiter mit ihm erörtern wollen, obwohl er spürte, daß sie während des Ritts in Gedanken verschiedene Möglichkeiten durchspielte. Das hatte ihn verärgert.

Fidelma nahm seinen Verdruß zwar wahr, wollte ihn aber auf keinen Fall an ihren Überlegungen teilhaben lassen. Sie zog es vor, in Ruhe nachzudenken. Sie hatte sich Bruder Meurigs Leiche genau angesehen, ebenso die Hütte, die Axt und die Umgebung. Doch sie war auf nichts gestoßen, was Licht in das Dunkel hätte bringen können. Was hatte Bruder Meurig im Wald zu suchen gehabt? Hatte er sich die Stelle anschauen wollen, an der Mair umgebracht worden war? Wenn dem so war, weshalb war er auf eine so hinterhältige Weise getötet worden?

Es hatte keinen Sinn, all das mit Eadulf zu besprechen. Er stellte sich sicher dieselben Fragen.

Die friedliche Ruhe in Llanwnda stand in krassem Gegensatz zu dem, was sie in der Hütte im Wald entdeckt und im Kloster Llanpadern erlebt hatten. Niemand schien überrascht, sie wiederzusehen. Niemand schien sich über ihr Eintreffen zu wundern.

»Laß uns gleich Gwnda aufsuchen«, meinte Fidelmazu Eadulf. Langsam ritten sie auf den Wohnsitz des Fürsten von Pen Caer zu.

Erst als sie absaßen und ihre Pferde an einem Pfahl vor dem Fürstensitz festbanden, trat Gwnda heraus. Er schien sich nicht gerade zu freuen über ihre Ankunft.

»Was gibt es Neues aus Llanpadern? Ihr seid rasch wieder hier«, begrüßte er sie ohne jede Begeisterung.

Fidelma betrachtete ihn genau. »Weißt du, wo sich Bruder Meurig aufhält?« fragte sie.

»Ich habe keine Ahnung. Er ist heute vormittag aufgebrochen«, antwortete Gwnda.

»Wohin?«

Gwnda zuckte mit den Schultern. »Das hat er mir nicht gesagt.«

»Wann wollte er zurück sein?«

»Hat er auch nicht gesagt.«

Fidelma versuchte, ihre Wut zu unterdrücken.

»Hat er jemand anderem mitgeteilt, was er vorhat?« fragte nun Eadulf.

»Der barnwr ist ein verschwiegener Mann.« Gwnda lächelte gleichgültig. Dann bemerkte er, wie müde und erschöpft Eadulf und Fidelma aussahen. »Ihr scheint keine gute Unterkunft gefunden zu haben. Gab es in Llanpadern kein Bett für euch? Letzte Nacht ging hier ein schlimmes Gewitter nieder.«

»Wir mußten in einer Höhle Zuflucht suchen«, erklärte Eadulf kurz. »Doch jetzt würden wir uns über ein Bad und saubere Wäsche freuen.«

»Bis zu eurem Aufbruch zur Abtei Dewi Sant seid ihr meine Gäste«, verkündete der Fürst pflichtschuldigst.

»Dann werden wir ...«, Eadulf verstummte, denn er hatte Fidelmas scharfen Blick bemerkt. Sie wollte wohl auf jeden Fall verhindern, daß er verriet, daß Bruder Meurig tot war. »... werden wir deine Gastfreundschaft annehmen«, beendete er schleppend seinen Satz.

Sie folgten Gwnda ins Haus. Der klatschte in die Hände, und Buddog erschien. Als sie die Besucher erkannte, kniff sie die Augen ein wenig zusammen.

»Buddog, Schwester Fidelma und Bruder Eadulf sind noch einmal unsere Gäste. Sorge dafür, daß man ihnen ein Bad richtet und ihnen Erfrischungen bringt. Auch ihre Pferde müssen versorgt werden.«

Buddog neigte leicht den Kopf. »Wird gemacht.«

Während Gwnda seine Anweisungen gegeben hatte, hatte Fidelma ihrem Gefährten zuflüstern können: »Laß mich über Bruder Meurig berichten.«

Sie nahmen vor dem Feuer Platz. Buddog brachte ihnen Getränke und verkündete, daß das Bad vorbereitet werde. Als sich Gwnda zu ihnen setzte und seinen Becher in die Hand nahm, sagte Fidelma leise: »Pater Clidro ist tot.«

Einen Moment starrte sie der Fürst von Pen Caer an. »Also war es doch ein Angriff der Sachsen? Wie viele Brüder sind umgekommen?« In seiner Stimme schwang ein wenig Triumph mit.

»Noch sieben weitere, soweit wir wissen, und Pater Clidro. Er wurde in der Scheune von Llanpadern erhängt, wohingegen die anderen bei den Klippen in der Nähe von Llanferran den Tod fanden, so wie man dir berichtet hat.«

Gwnda seufzte tief. »Unsere Küste ist vor Übergriffen der Angeln und Sachsen wenig geschützt.«

»Kennst du einen Geächteten, der Clydog genannt wird?«

Gwnda zuckte bei der Erwähnung des Namens derart zusammen, daß er sich ein wenig von seinem Met über die Hand kippte.

Fidelma lächelte finster. »Wie es scheint, kennst du ihn«, bemerkte sie, ehe der Fürst sich wieder gefaßt hatte.

»Die meisten Leute in der Gegend von Pen Caer wissen, wer Clydog ist, und viele haben leider schon seine Bekanntschaft gemacht«, sagte der Fürst.

»Was weißt du über ihn?«

Gwnda betrachtete Fidelma und Eadulf nachdenklich. »Was hat Clydog mit der Sache zu tun?« fragte er zögernd.

»Ich möchte nur, daß du mir sagst, was du über ihn weißt.«

Gwnda schwieg nachdenklich. »Clydog Cacynen.« Er sprach den Namen beinah höhnisch aus. »Vor sechs Monaten hörten wir, daß in den Wäldern um Ffynnon Druidion Reisende überfallen und ausgeplündert wurden. Anfangs wurde niemand umgebracht, man raubte die Leute aus und ließ sie laufen. Sie berichteten von einem Banditen, der sich Clydog nannte, ziemlich gebildet wirkte und ihnen mit einem Grinsen alles Wertvolle abnahm. Er hat eine kleine Gruppe von Kriegern um sich geschart, vermutlich irgendwelche Abenteurer, Diebe und Mörder, die auf der Flucht vor dem Gesetz sind. Ein Dutzend Männer oder so, die sich mit ihm in den Wäldern verstecken.«

Damit erzählte ihnen Gwnda nur, was sie schon wußten. »Zuerst wurden die Ausgeraubten also nicht getötet. Das bedeutet, daß man später welche ins Jenseits beförderte?« erkundigte sich Fidelma.

Gwnda nickte. »So ist es, Schwester. Clydogs Überfälle wurden immer verwegener. Einmal sandte König Gwlyddien einen Trupp Krieger durch die Wälder, um Clydog aufzuspüren, doch sie schafften es nicht. Clydog kennt jeden Baum und Strauch im Wald von Ffynnon Druidion.«

»Gwlyddien hatte Krieger ausgeschickt? Du bist der Fürst von Pen Caer. Warum hast du nicht einen Trupp Krieger zusammengerufen, um Clydog unschädlich zu machen?«

Gwnda lachte bitter vor sich hin. »Ich hätte kein Dutzend Männer dafür gefunden. Die meisten jungen Männer dienen schon Fürst Rhodri, um unsere Grenzen zum Königreich Ceredigion zu schützen.«

»Abgesehen von diesem einen Versuch von König Gwlyddien hat man gegen Clydog seitdem nichts weiter unternommen?«

»Solange er nicht eine der großen Siedlungen von Pen Caer angreift und sich auf Wegelagerei beschränkt, stellt er keine große Bedrohung für diese Gegend dar.«

»Also besteht deine Taktik darin, Clydog in Ruhe zu lassen, in der Hoffnung, er läßt euch in Ruhe?« fragte Fidelma tadelnd. »Was ist, wenn er für die Vorkommnisse in Llanpadern verantwortlich ist?«

Gwnda zuckte erstaunt zusammen. »Hast du nicht gesagt, daß es sich um einen Überfall der Sachsen handelt? Meinst du etwa, daß Clydog die Schuld an der Ermordung Pater Clidros und der anderen trägt? Das ist doch Unsinn! Wozu sollte er das getan haben?«

»Und was wäre, wenn er dahintersteckte?« wiederholte sie eindringlicher.

»Dann, nehme ich an, müßte König Gwlyddien Krieger ausschicken, um ihn zu vertreiben. Allerdings brauchte man dazu eine stattliche Anzahl, denn sie müßten die Wälder durchkämmen, und das Königreich kann nicht noch mehr ausgebildete Krieger aufbieten. Nicht zu dem jetzigen Zeitpunkt.«

»Warum?«

»Artglys, der König von Ceredigion, bedroht unsere Grenzen, sucht Schwachstellen in der Hoffnung, unser Land zu erobern. Unsere Grenzen sind lang, und unsere Krieger stehen überall, um sie zu sichern.«

Fidelma dachte einen Augenblick nach. »Wir wissen, was Clydog tut, aber ich würde gern wissen, wer er ist.«

Gwnda war verblüfft. »Wer er ist?«

»Dieser Räuber ist doch sicher nicht plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht, oder?«

Der Fürst von Pen Caer nickte bedächtig. »So ist es aber gewesen.«

»Du meinst, daß er nicht aus dieser Gegend stammt?«

»Nicht daß ich und die anderen das wüßten.«

»Wenn er nicht von hier ist, wieso kennt er sich dann so gut aus, daß er den Kriegern des Königs entkommen konnte?« hielt Eadulf ihm entgegen.

Gwnda schnaubte mißbilligend. »Das ist eine gute Frage, angelsächsischer Bruder. Wirklich eine gute. Doch niemand, dem Clydog bisher begegnet ist, konnte ihn mit jemandem von hier in Verbindung bringen. Vielleicht weiß einer seiner Leute hier so gut Bescheid.«

Fidelma war enttäuscht. Sie war sich sicher gewesen, daß Clydog aus Pen Caer stammte, und hatte gehofft, daß ihn seine Herkunft irgendwie mit ihrem rätselhaften Fall in Verbindung bringen würde.

Da betrat Buddog wieder den Raum. »Die Gäste können nun ihr Bad nehmen, Fürst«, verkündete sie. »Doch wir haben keine frischen Sachen, die für die beiden frommen Leute angemessen wären. Vielleicht nehmen die Schwester und der Bruder aber mit unseren normalen Kleidern vorlieb, bis ihre gewaschen sind.«

Langsam erhob sich Fidelma. »Das tun wir gern. Danke für deine Gastfreundschaft, Gwnda.«

Als Buddog wieder fort war, standen auch der Fürst und Eadulf auf. »Ich hoffe aufrichtig, daß die Angelegenheit, die euch herführte, so rasch wie möglich aufgeklärt wird«, sagte der Fürst.

»Das hoffen wir auch, Gwnda«, erwiderte Fidelma feierlich. »Es mag jedoch einige Zeit dauern. Denn du mußt wissen . Bruder Meurig ist verschwunden.«

Eadulf hatte schon gespannt darauf gewartet, in welchem Moment Fidelma damit auftrumpfen würde.

Gwndas Gesichtsausdruck veränderte sich nur langsam. Dann schüttelte er sich wie ein zottiger Hund. »Bruder Meurig ist tot?«

»Er liegt tot im Wald«, erklärte ihm Fidelma.

Gwnda seufzte. »Ermordet, meinst du? Warum hast du mir das nicht sofort mitgeteilt?«

»Du hast gesagt, du wüßtest weder, wohin Bruder Meurig unterwegs war, noch wann er wiederkommt. Was hättest du mir denn erzählt, wenn du schon vorher von seinem Tod gewußt hättest?«

»Nichts, nur .«

»Nur?«

»Sein Tod lastet schwer auf meinem Gewissen. Vielleicht hätte ich ihn vor seinem Aufbruch nachdrücklicher warnen sollen. Ich hätte dieses Verbrechen verhindern können.«

Fidelma und Eadulf sahen sich an. »Ihn warnen sollen? Den Mord verhindern können? Das klingt ja, als wüßtest du weit mehr über Bruder Meurigs Ermittlungen, als du uns verraten hast?«

»So ist es nun wieder nicht.«

»Ach? Du beharrst darauf, daß du nicht wußtest, was er auskundschaften wollte, aber du hättest ihn davon abhalten können, sich auf den Weg zu machen, und so seinen Mord verhindern können?« Fidelmas Stimme klang zynisch.

Gwnda suchte nach einer Rechtfertigung. Er blieb dabei: »Ich hätte es verhindern können. Am besten, ich breche sofort mit ein paar Männern zur Hütte auf und hole Bruder Meurigs Leiche her.«

»Ehe du losgehst, bist du uns noch ein paar Erklärungen schuldig, glaube ich«, sagte Fidelma leise.

»Was soll ich da erklären? Bevor Bruder Meurig sich verabschiedete, hätte ich ihn auffordern sollen, sich lieber allein auf den Weg zu machen. Das ist alles.«

»Allein?« Fidelma legte die Stirn in Falten. »Willst du etwa sagen, daß er in Begleitung eines anderen von hier losgegangen ist?«

»Habe ich das nicht schon gesagt?«

Fidelma atmete in ihrer Wut hörbar aus. »Im Namen der Heiligen, verrate uns endlich, wer Bruder Meurig begleitet hat und warum du meinst, daß diese Person für seinen Tod verantwortlich ist!«

»Nun, er ist mit dem Mörder von Mair losgezogen.«

»Mit Mairs Mörder?« wiederholte Eadulf.

»Der Junge, Idwal. Er ist mit Idwal aufgebrochen.«

Eine Stunde später hatten sich Fidelma und Eadulf durch ein Bad erfrischt und saubere Kleider angelegt. Buddog teilte ihnen mit, daß Gwnda sie in der großen Halle erwartete.

Gwnda wartete tatsächlich auf sie.

»Ich habe zwei meiner tüchtigsten Jäger und Fährtenleser ausgeschickt, die nach Spuren von Idwal suchen sollen«, erklärte er. »Doch er hat fast einen Tag Vorsprung, und wir werden erst morgen beim ersten Tageslicht seine Verfolgung aufnehmen können. Wie es aussieht, beweist Bruder Meurigs Tod die Schuld des Jungen nun endgültig.«

»Daß der Junge mit Bruder Meurig zusammen losging, ist kein Beweis dafür, daß er Mair oder Meurig ermordet hat.«

Gwnda starrte sie offenen Mundes an, dann lachte er finster. »Schwester, du bezweifelst jetzt doch sicher nicht mehr, daß der Junge schuldig ist?«

»Da sind immer noch viele Fragen offen. Aber du hast recht, Idwal muß gefunden werden. Ich hoffe, daß deine Leute ihn unversehrt herbringen, sobald sie ihn haben?«

»Sie wissen, daß sie einen Mörder verfolgen. Sie werden entsprechend handeln«, erwiderte Gwnda.

»Bruder Meurig war ein barnwr. Ich bin eine dalaigh und ihm seiner Stellung nach ebenbürtig«, verkündete Fidelma. »Deshalb übernehme ich nun diesen Fall.«

»Beim heiligen Kreuz, das tust du nicht!« entgegne-te Gwnda ihr mit großer Bestimmtheit.

Fidelma erwiderte seinen Blick, ohne eine Miene zu verziehen. »Stellst du etwa meine Autorität in Frage?« Ihre Stimme war ganz sanft. Eadulf wußte, daß das am gefährlichsten war.

»Hier besitzt du keine Autorität. In dieser Angelegenheit sowieso nicht.«

»Ich verfüge über eine Vollmacht des Königs Gwlyddien von Dyfed«, widersprach Fidelma ihm.

»Nein, das stimmt nicht.«

Fidelma riß ungläubig die Augen auf. »Bruder Meurig hat es dir bei unserem Eintreffen mitgeteilt. Du hast das zu dem Zeitpunkt akzeptiert.«

Gwnda schüttelte den Kopf. »König Gwlyddien hat dich nur mit den Ermittlungen zum Verschwinden der Klostergemeinschaft von Llanpadern beauftragt.

Er hat Bruder Meurig hergeschickt, um Idwals Schuld zu untersuchen. Ich bin Fürst von Pen Caer, und ich werde in diesem Fall entscheiden.«

Fidelma mußte schlucken. Er hatte recht, wenn man das Gesetz genau nahm. Sie war hier nicht zuständig. Ihr wurde bewußt, daß sie nachgeben mußte.

»Wenn das so ist, muß ich dich inständig bitten, mich weiter ermitteln zu lassen, Gwnda. Ich glaube, daß hier ein Unrecht geschieht.«

»Du hast die Befugnis, in Llanpadern zu ermitteln, und mehr nicht«, erwiderte Gwnda entschlossen. »Ihr seid heute nacht noch meine Gäste. Ich nehme an, daß ihr morgen zur Abtei Dewi Sant aufbrechen wollt. Bis dahin rate ich euch, euch nicht zu weit aus dem Schutz meines Hauses zu entfernen.«

Fidelma kniff die Augen zusammen. »Das klingt ja beinahe wie eine Drohung, Gwnda?« Wieder einmal nahm Eadulf den gefährlich leisen Ton in ihrer Stimme wahr.

Gwnda wirkte unbeeindruckt. »Meine Worte haben absolut nichts Bedrohliches an sich, Schwester. Ich warne euch nur um deiner Sicherheit und der deines angelsächsischen Begleiters willen.«

»Das kommt mir aber sehr wie eine Drohung vor«, warf Eadulf verbittert ein.

»Wenn sich Bruder Meurigs Tod erst einmal herumgesprochen hat, werden viele hier sehr aufgebracht sein. Die Tatsache, daß Idwal Mair umgebracht hat, haben die meisten in Llanwnda so hingenommen. Jetzt sieht es so aus, als hätte er auch Bruder Meurig auf dem Gewissen. Die Leute werden sich daran erinnern, daß ihr sie davon abgehalten habt, Rache an Id-wal zu nehmen. Wäret ihr nicht eingeschritten, so wäre Meurig noch am Leben.«

»Wir haben den Mob nicht vom Mord abgehalten«, berichtigte ihn Eadulf. »Bruder Meurig war es, der dieser vorschnellen Handlung Einhalt gebot.«

Gwnda lächelte leicht. »Bruder Meurig hat den Preis für seinen Fehler zahlen müssen. Doch wenn ihr nun in Llanwnda herumlauft, könnte sich jemand daran erinnern, daß ihr mit ihm zusammen gewesen seid und gemeinschaftlich die Schuld an dem nächsten Mord tragt.«

»Das ist ein völlig absurder Gedanke«, entgegnete ihm Fidelma entschieden.

»Ich spreche natürlich nicht für mich, sondern für meine Untergebenen«, sagte Gwnda ausweichend. »Die Leute hier handeln eher absurd, wenn es um Rache geht.« Er drehte sich zur Tür um. »Wenn ihr noch etwas benötigt, so läutet mit der Handglocke. Buddog wird euch zu Diensten sein.«

Sie hörten, wie sich seine Schritte entfernten und wie kurze Zeit darauf ein Pferd den Stall verließ.

Eadulf war vollkommen resigniert. »Das war es dann! Morgen kehren wir zur Abtei Dewi Sant zurück. Zumindest können wir ...«

Fidelmas verächtlicher Blick hieß ihn schweigen. »Meinst du etwa, daß ich einfach davonlaufe?«

»Ich schätze nicht.«

»So ist es.«

»Was hast du also vor?«

»Noch nie habe ich mich von einem Fall zurückgezogen, zu dem ich hinzugerufen wurde. Das werde ich auch jetzt nicht tun.«

»Dann wirst du um die Vollmacht von König Gwlyddien ersuchen müssen, damit du gegenüber dem Fürsten von Pen Caer etwas in den Händen hast.«

Sie blickte ihn an und lächelte. Wie gewöhnlich besaß Eadulf die Gabe, immer das Praktische ins Auge zu fassen. Eadulf ahnte, woran sie dachte, und stöhnte innerlich.

»Du willst, daß ich zur Abtei Dewi Sant reite und um die Vollmacht von König Gwlyddien ersuche?«

Sie nickte und fügte hinzu: »Das ist unsere einzige Chance.«

»Habe ich noch Zeit, vorher etwas zu essen?« fragte er verdrießlich.

»Aber sicher. Und zu schlafen. Ich glaube, das beste ist, wenn wir so tun, als würden wir morgen beim ersten Tageslicht gemeinsam aufbrechen. Ich werde mir dann irgendwo in der Nähe von Llanwnda eine Unterkunft suchen, während du zur Abtei reitest. Wenn du dich beeilst, könntest du innerhalb von vierundzwanzig Stunden zurück sein.«

»Was wirst du die ganze Zeit über machen?« fragte Eadulf. »Du wirst dich nicht groß draußen zeigen und Ermittlungen anstellen können, und du darfst dich nicht in Gefahr begeben und etwa unserem Freund Clydog und seiner Bande in die Hände fallen.«

Fidelma sah trübselig drein. »Da passe ich schon auf. Aber du hast recht, viele Freiheiten habe ich nicht bis zu deiner Rückkehr.«

»Ich glaube, wir sollten den Plan noch einmal überdenken«, fuhr Eadulf fort. »Über Idwal wirst du absolut niemanden befragen können. Außerdem hat Gwnda ja recht, wie du weißt.«

Sie blickte ihn herausfordernd an. »Recht? In welcher Beziehung?«

»Die Sache mit Idwal geht uns eigentlich nichts an. Unsere Aufgabe ist es ...«

Sie hob die Hand und gebot ihm zu schweigen. »Erspare mir, was ich schon hundertmal hören mußte«, zischte sie. Doch dann lächelte sie ihn reumütig an. »Tut mir leid, Eadulf, aber das hast du mir bereits vorher erklärt - mehrere Male.«

Er mußte ihr kleinlaut beipflichten. »Aber Tatsachen bleiben Tatsachen, ganz gleich, wie oft man sie wiederholt«, rechtfertigte er sich.

»Tatsache ist, daß ich langsam glaube, alles, was hier geschieht, steht in irgendeinem Zusammenhang miteinander. Ich möchte wissen, in welchem.«

»Es ist nicht das erstemal, daß du andeutest, eine Verbindung zwischen all den Vorfällen zu sehen. Wie kommst du darauf? Ich habe dafür bisher keine Anhaltspunkte entdeckt.«

»Ich spüre es.«

»Du verläßt dich doch aber sonst nicht auf deine Intuition.«

»Ich verlasse mich auch nicht darauf, wie du sehr gut weißt. Doch Brehon Morann hat oft gesagt, daß das Herz und die Gefühle die Dinge erkennen, noch ehe der Kopf dazu in der Lage ist.«

»Und häufig machen Herz und Gefühle blind, wohingegen der Verstand den Weg zeigt«, murrte Eadulf.

»Ich dachte, wir könnten zusammenarbeiten«, ent-gegnete nun Fidelma, von sich selbst überrascht. »Statt dessen streiten wir uns die ganze Zeit. Was ist mit uns geschehen, Eadulf?«

Eadulf wurde klar, daß sie recht hatte. Seit sie in dieses verfluchte Land Dyfed gekommen waren, hatte es zwischen ihnen ständig Reibereien gegeben. Nicht daß ihnen Streit fremd war. Sie hatten sich oft gestritten, doch jeder hatte dem anderen weiterhin Respekt gezollt. Und beide hatten ihren Sinn für Humor behalten. Fidelma neckte Eadulf oft wegen ihrer unterschiedlichen Ansichten über den Glauben und ihrer unterschiedlichen philosophischen Grundsätze. Doch das war immer ein freundliches Geplänkel gewesen, das nie etwas Feindseliges hatte. Doch nun, nun . Was stimmte da nicht? Eine zunehmende Bitterkeit schwang in ihren Worten mit.

Nachdenklich rieb er sich das Kinn.

»Ich glaube, es liegt an der Atmosphäre hier, Fidelma«, antwortete er leise. »Ich spüre, wie bedrük-kend sie ist.«

»Du warst düsterer Stimmung, seit wir in Dyfed an Land mußten. Vielleicht hätte ich das nicht einfach übergehen sollen. Vielleicht hätten wir wirklich in Porth Clais auf das nächste Schiff warten sollen.«

Eadulf wußte, daß sie nicht glaubte, was sie da von sich gab. Sie war hier in ihrem Element, sie ging diesem rätselhaften Fall nach. Ihr das zu verwehren würde bedeuten, ihr ihr Lebenselixier zu nehmen.

»Das liegt alles bloß an mir«, sagte er nach einer Weile. »Ich bin ja derjenige, der hier Trübsal bläst.«

Fidelma blickte ihn rasch an, um zu sehen, ob er das aufrichtig meinte. Dann schüttelte sie den Kopf. »Ich glaube, die Schwierigkeiten haben mit meiner Entscheidung am Loch Garman begonnen, als unser Schiff dort lossegelte.« Ihre Stimme war ganz emotionslos.

Eadulf preßte die Lippen aufeinander. Er sagte nichts.

Fidelma wartete einen Moment, und als er immer noch schwieg, fuhr sie fort: »Die Weisen sagen ne cede malis, aber das ist offenbar genau das, was wir hier tun. Wir unterwerfen uns dem Mißgeschick. Das haben wir noch nie getan.«

»Auf diesem Land lastet ein Fluch«, stieß Eadulf zornig hervor.

»Ein Fluch?« Fidelma mußte lächeln. »Ich habe noch nie erlebt, daß du dich auf den Aberglauben deines Volkes berufst, Eadulf.«

Eadulf errötete. Ihm war durchaus bewußt, daß die meisten Christen aus anderen Ländern die erst kürzlich zum neuen Glauben bekehrten Angeln und Sachsen nicht für echte Christen hielten. Er dachte an die Leiche des toten Hwicce in dem Sarkophag in Llan-padern und das Gerücht über ein sächsisches Schiff, das auf Beutezug war. Er wußte wohl, wie sehr die Britannier in diesen Königreichen die Angeln und Sachsen haßten. Er hatte bisher immer das Gefühl gehabt, über den Schandtaten seines Volkes zu stehen, die sie in dem jahrhundertelangen blutigen Kampf zur Vertreibung der Britannier nach Westen begangen hatten. Die sächsischen Kriege hatten nichts mit ihm zu tun, meinte er. Die sollten lieber von der Kirche verurteilt werden, er hatte keinen Anteil daran. Daß Fidelma ihn in Verbindung brachte mit .

Seine finsteren Gedanken wurden unterbrochen. Jemand hatte den Raum betreten und kam auf den Tisch zu, an dem sie saßen. Es war Buddog.

»Ich bin gekommen, um den Tisch zu decken«, verkündete die Haushälterin leise und nahm Teller von einem Holztablett.

Fidelma beobachtete die strenge, verschlossene Frau mißtrauisch. »Weißt du schon das Neueste?«

Buddog fuhr mit ihrer Arbeit fort. »Was Bruder Meurig betrifft? Ja, das habe ich gehört.«

»Gwnda behauptet, daß der Richter von Idwal umgebracht wurde.«

»Das geht mich nichts an.«

»Ich kann mich erinnern, daß du das letztemal, als wir hier waren, Bruder Meurig zu verstehen gegeben hast, daß Idwal ein wenig Mitleid verdient hätte.«

»Das habe ich nicht gesagt«, erwiderte Buddog schroff.

»Was hast du denn gesagt?«

»Ich sagte, falls Idwal Mair umgebracht hat, hätte sie es auch verdient.«

»Ach ja«, bemerkte Fidelma. »Das stimmt. Deiner Meinung nach war sie flatterhaft und hat den Männern den Kopf verdreht. Wieso war das so? Welche Gründe hattest du, so zu reden?«

»Mair war durchtrieben. Launisch. Sie wickelte die Männer um den Finger. Sie konnte mit ihnen anstellen, was sie wollte.«

»Richtig, jetzt fällt es mir wieder ein. Doch damit sagst du, daß sie kaum noch Jungfrau war, wofür sie ihr Vater ja hielt.«

»Was wußte denn Iorwerth schon davon, was Mair tat? Eine schöne Jungfrau, wirklich«, warf Buddog höhnisch ein. »Sie hat die Begierden der Männer als Waffe gegen sie eingesetzt.«

»Du scheinst sie ja sehr gut gekannt zu haben. Jedenfalls besser als ihr Vater«, meldete sich Eadulf zu Wort.

»Ich kannte sie. Sie war oft genug hier.«

»So. Sie war ja Elens Freundin, nicht wahr? Doch was die männlichen Begierden betrifft - wer waren denn ihre Opfer? Meinst du Idwal damit?«

»Und andere.«

»Welche anderen?«

Da öffnete sich die Tür. Ein attraktives dunkelhaariges Mädchen trat ein. Eadulf brauchte einen Moment, ehe er sich besann, daß es sich um Elen handelte, die Tochter von Gwnda, Fürst von Pen Caer. Sie zögerte, als sie Buddog erblickte. Die Dienerin nutzte die Gelegenheit, den Raum mit gesenkten Augen zu verlassen.

»Stimmt es?« waren die ersten Worte, die Elen fast außer Atem hervorbrachte. »Stimmt es, daß Bruder Meurig ermordet wurde und daß ihr nach Idwal sucht, der ihn aus Rache umgebracht haben soll?«

Fidelma bedeutete dem Mädchen, sich auf einen Stuhl neben sie zu setzen. Elen befolgte ihre wortlose Aufforderung und nahm Platz. Dann wiederholte sie noch einmal mit Nachdruck ihre Frage. »Stimmt es?«

»Es stimmt, daß Bruder Meurig in der Waldhütte erschlagen wurde. Doch es ist nicht wahr, daß wir nach Idwal suchen lassen, weil er der Mörder sein soll. Dein Vater hat uns klargemacht, daß wir in dieser Sache keinerlei Einfluß haben. Trotzdem würden wir gern Idwal finden, sei es auch nur um seiner eigenen Sicherheit willen.«

Eine Weile schwieg das Mädchen. »Bruder Meurig hat mir erzählt, daß du eine berühmte Richterin aus Cashel bist.«

»Wann hast du mit Bruder Meurig gesprochen?«

Das Mädchen spitzte nachdenklich die Lippen. »Er stellte mir gestern ein paar Fragen, ehe ich losgegangen bin.«

»Du bist fortgegangen?«

»Ich bin soeben aus Cilau zurück und habe im Ort von seinem Tod erfahren.«

»Cilau?« Fidelma überlegte laut. »Ich glaube, diesen Namen schon einmal gehört zu haben.«

»Das ist eine kleine Siedlung hier in der Nähe. Dort wohnt eine Cousine von mir«, erklärte das Mädchen. »Mittags bin ich von da weg, um noch vor Einbruch der Dunkelheit zurück zu sein.«

»Hast du gewußt, daß Bruder Meurig in den Wald wollte?«

»Ja, er wollte heute vormittag dort hin, um sich die Stelle anzuschauen, wo Mair zu Tode kam«, antwortete Elen.

»Wußtest du auch, daß er Idwal mitnehmen wollte?«

»Wer sonst sollte ihm genau den Ort zeigen können, wo es passiert ist?«

»Wenn ich mich recht besinne, warst du nicht der Meinung, Idwal hätte deine Freundin Mair getötet, nicht wahr?«

»Idwal kann niemandem etwas zuleide tun. Du hast dich mit ihm unterhalten, also wirst du wissen, daß er ein unbedarfter Junge ist. Unbedarft, aber nett . Und er ist so freundlich. Manchmal, wenn ein Schaf oder ein Lamm, das zu seiner Herde gehört, vom Fels abstürzt und sich verletzt, dann bringt er es kaum über sich, ihm den Gnadenstoß zu versetzen. Nur der Gedanke, daß das Leben des Tieres mit der Verletzung qualvoller ist als der Tod, kann ihn dazu bewegen.«

»Du hast Idwal also richtig gern?« fragte Fidelma ermunternd.

»Ich weiß, daß er Mair nicht hätte umbringen können.«

»Weißt du auch, daß dein Vater überzeugt ist, der Mord an Bruder Meurig gehe ebenfalls auf sein Konto?«

»Mein Vater hat Idwal noch nie leiden können. Ich glaube, daß er Bruder Meurig genausowenig hätte umbringen können wie Mair.«

»Du scheinst mehr mit dem Herzen als mit dem Verstand zu entscheiden«, warf Eadulf trocken ein.

Fidelma wußte, daß seine Worte eher an sie gerichtet waren. Sie sah ihn rasch an, aber ihr Gefährte schaute weg.

»Ehe wir aufbrechen, würde ich gern noch etwas anderes von dir wissen, Elen«, sagte Fidelma. »Bud-dog mochte deine Freundin Mair wohl überhaupt nicht? Wie lange ist sie schon bei euch im Haus?«

»Sie war schon vor meiner Geburt hier«, erklärte Elen. »Die arme Buddog.«

»Warum?«

»Sie ist die Geliebte meines Vaters. Doch ich glaube, daß mein Vater ihrer inzwischen überdrüssig ist.«

Das erklärt einiges an Buddogs Verhalten, dachte Fidelma.

»Elen, wie gut kennst du Idwal eigentlich?«

Das Mädchen zögerte ein wenig, ehe ihr der tiefere Sinn von Fidelmas Frage bewußt wurde. Ihre Augen wurden größer. »Ich bin keine ...«, sie zögerte, »... zwischen uns ist nichts weiter, nichts Sexuelles. Wird es auch nie geben. Er ist vier Jahre älter als ich, ein einfacher, freundlicher Junge, den viele bemitleiden, weil er keine Eltern hat. Ein Schäfer zog ihn auf . Ie-styns Bruder, aber ich habe seinen Namen vergessen.«

»Wir kennen Idwals Geschichte«, mischte sich Eadulf nun ein. »Deine Beziehung zu ihm ist also nicht tiefer?«

Das Mädchen errötete vor Ärger. »Wie ich schon sagte.«

»Es ist irgendwie eigenartig«, sprach Fidelma langsam, »daß du so fest von Idwals Unschuld überzeugt bist und deine Meinung nur auf deinen Gefühlen zu dem Jungen beruht. Möglicherweise sind wir alle unter bestimmten Umständen zu einem Mord fähig. Ich will damit sagen, im Affekt oder wenn uns eine Notwendigkeit dazu zwingt, die stärker als unsere Moral ist ...«

»Ich kann mir keinen Umstand vorstellen, bei dem Idwal derart außer sich geraten könnte, daß er einen Mord beginge«, erwiderte Elen überzeugt.

Nachdenklich betrachtete Fidelma das Mädchen. Sie schien offen und ehrlich zu sein. »Erzähl mir mehr von deiner Freundin Mair.«

Einen Moment war Elen offenbar mit sich im Zwiespalt. »Was willst du noch wissen?«

»Wie lange kanntest du sie schon?«

»Wir sind zusammen aufgewachsen. In diesem kleinen Ort hier kennt jeder jeden. Mair und ich waren die einzigen beiden Mädchen gleichen Alters und sahen uns sogar sehr ähnlich. Fremde hielten uns manchmal für Schwestern.«

»Ich glaube, daß du noch aus einem anderen Grunde weißt, daß Idwal unschuldig ist an dem Verbrechen ... Aus einem anderen Grund als nur dem vagen Gefühl in deinem Herzen.«

Fidelmas Vermutung kam selbst für Eadulf unvermittelt und überraschend.

Elen schwieg, also fuhr Fidelma fort: »Als man Id-wal beschuldigte, Mair vergewaltigt und ihr die Jungfräulichkeit genommen zu haben, da wußtest du, daß es nicht stimmen konnte, nicht wahr?«

Das Mädchen zuckte nur mit der Schulter. »Mair war nicht mehr Jungfrau«, bestätigte sie. »Das hatte sie mir schon vor vielen Monaten gesagt.«

»Wenn Mair einen Geliebten hatte, heißt das, man kann kein Geld mehr für den Verlust ihrer Jungfräulichkeit einfordern, so wie es ihr Vater nun tut, das wäre gegen das Gesetz.«

»Wie hast du von Mairs Liebhaber erfahren?« fragte Elen neugierig.

»Idwals Worte haben es mir verraten, ohne daß er es ausgesprochen hätte.«

»Idwal ist nicht gerade geschickt darin, ein Geheimnis zu bewahren«, bemerkte Elen. »Hat er gesagt, wer Mairs Liebhaber war?«

»Er hätte uns nicht einmal gesagt, daß Mair einen Geliebten hatte, wenn ich es nicht mit einer List aus ihm herausgeholt hätte«, erwiderte Fidelma. »Den Namen wollte er auch nicht nennen. Er sagte, er hätte Mair geschworen, zu schweigen. Sie wollte, daß er für sie eine Nachricht überbrachte. Idwal sträubte sich. Die Nachricht war offenbar für ihren Liebhaber.«

Elen senkte traurig den Kopf. »Er hat ein edles Gemüt und bricht seine Versprechen nicht. Das ist noch ein Beweis mehr, warum er Mair nicht hätte umbringen können.«

»Angenommen, daß es so ist, weißt du, wer ihr Liebhaber war?«

»Nein, das weiß ich nicht. Sie war sehr verschwiegen. Sie hat mir nur erzählt, wie die erste Nacht gewesen ist - so wie sich Mädchen eben über ihre Liebsten unterhalten. Mair war sehr zynisch. Sie machte sich sogar ein wenig über ihren Liebhaber lustig; er war wohl sehr linkisch und unerfahren.«

»Mair hingegen hatte Erfahrung, was?« fragte Eadulf mit spöttischem Unterton.

Fidelma neigte sich auf einmal zu dem Mädchen vor, um ihm in die Augen zu blicken. »Bruder Eadulf hat recht. Fand diese Unterhaltung mit Mair statt, als sie gerade ihre Jungfräulichkeit verloren hatte, oder hatte sie schon zuvor ihre Erfahrungen gemacht?«

Elen überlegte sich ihre Antwort genau, denn ihr wurde deren Tragweite bewußt. Dann schüttelte sie den Kopf. »Zu jenem Zeitpunkt prahlte sie damit, ihre Jungfräulichkeit verloren zu haben. Mair war den Männern immer sehr zugetan gewesen - besonders älteren Männern. Ich erinnere mich, daß sie damals über fleischliche Gelüste sprach und mir verriet, daß ihr Geliebter ein älterer Mann sei, der unbeholfen war und dem sie sich überlegen fühlte.«

»Ein älterer Mann?« Fidelma richtete sich nachdenklich auf. »Da Mair ziemlich jung war, könnte es sich auch um jemanden handeln, der einfach nur ein wenig älter war als sie.«

»Elen, hast du überhaupt keine Ahnung, wer es sein könnte?« fragte Eadulf.

Elen schüttelte heftig den Kopf.

»Denk gründlich nach«, bedrängte er sie. »Das könnte auch der Mann sein, der sie getötet hat, falls dein Freund Idwal, wie du behauptest, es nicht gewesen ist.«

»Ich denke nicht, daß Mair von ihrem Geliebten umgebracht worden ist.«

»Ich schätze, das ist wohl eine weitere vom Gefühl bestimmte Aussage, oder?« fragte Eadulf boshaft.

»Nein«, entgegnete das Mädchen. »Wißt ihr, ich glaube, ich sollte an jenem Tag das Opfer sein.«

Kapitel 13

Einen Augenblick lang herrschte Schweigen. Selbst Fidelma kostete es Mühe, die Frage, die Elens Worte heraufbeschworen, auszusprechen.

Plötzlich wurde es laut vor der Tür. Gwnda trat ein. Er wirkte sehr erregt.

»Sie haben . «, hub er an. Nun entdeckte er Elen und schwieg. Dann sagte er: »Elen, laß uns bitte allein.«

»Aber Vater, was . «, beschwerte sich das Mädchen.

Gwnda stampfte mit dem Fuß auf - eine Reaktion, die Fidelma überrascht schmunzeln ließ. Sie hatte davon gehört, daß Leute in höchster Wut mit den Füßen aufstampften, aber gesehen hatte sie es noch nicht.

»Geh sofort hinaus!«

Widerstrebend stand das Mädchen auf und schaute Fidelma mit einem Blick an, der ihr zu verstehen gab, daß sie das Gespräch gern fortsetzen würde. Dann ging sie.

Gwnda wartete, bis sie draußen war. »Ich möchte nicht, daß sie das mit anhört«, erklärte er kurz.

»Das war kaum zu übersehen«, versicherte ihm Fidelmatrocken. »Was soll Elen denn nicht mit anhören?«

»Der Junge .«

»Meinst du Idwal?« mischte sich nun Eadulf ein.

»Idwal. Er ist gefunden worden.«

Fidelma sprang auf. »Dann müssen wir ihm umgehend einige Fragen stellen«, sagte sie entschlossen.

Eadulf stand auch auf, aber Gwnda machte eine abweisende Handbewegung.

»Dafür ist es zu spät. Ich sagte euch doch, daß die Leute aufgebracht reagieren würden, wenn sie von Bruder Meurigs Tod erfahren. Iorwerth und Iestyn haben den Mob angeführt. Sie . Sie haben den Jungen gelyncht.«

»Ist er tot?« fragte Fidelma nach einer Pause. Im selben Moment wurde ihr klar, daß diese Frage überflüssig war. Natürlich war der Junge tot. Sie konnte es in Gwndas Gesicht lesen.

»Ich habe Iorwerth und Iestyn für ihre Tat zurechtgewiesen«, sagte der Fürst von Pen Caer. »Ich sehe ein, daß sie gegen das Gesetz verstoßen haben. Doch ich glaube, es war ein gerechter Ausgang der ganzen Sache, und König Gwlyddiens oberster Richter wird dafür Verständnis haben. Der Junge ist tot. Damit ist die Angelegenheit erledigt.«

»Tatsächlich?« Fidelmas Zorn war nicht zu überhören. Eadulf wiegte sich voller Unbehagen hin und her.

»Ja, es ist in der Tat eine traurige Geschichte«, redete Gwnda weiter, ohne das Funkeln in ihren Augen zu bemerken. »Es tut mir nur leid, daß das Ganze mit dem Tod eines so erfahrenen barnwr wie Bruder Meurig endete.«

»Das ist sicherlich bedauerlich.« Fidelmas Stimme klang gefährlich kalt.

Gwnda klatschte in die Hände, woraufhin Buddog eintrat. Er befahl ihr, Met zu bringen.

»Ich habe die Leiche des Jungen zu Elisse, dem Apotheker, bringen lassen. Ich werde dafür sorgen, daß der Junge ein ordentliches Begräbnis erhält. Damit ist der Fall endgültig abgeschlossen«, verkündete er und setzte sich hin. »Meine Tochter kannte Idwal«, fügte er hinzu, als wollte er etwas erklären. »Ich wollte nicht, daß sie erfährt, was gerade geschehen ist.«

»Sie wird es bald selbst herausfinden«, meinte Eadulf.

»Das stimmt, ich werde es ihr in angemessener Form beibringen. Zunächst wollte ich es euch allein mitteilen.«

»Es ist empörend, daß die Leute den Richterspruch mißachtet haben«, sagte Fidelma, die ihre Wut jetzt ein wenig gezügelt hatte. Eadulf hatte befürchtet, sie würde völlig außer sich geraten, doch sie schien ihre Gefühle im Griff zu haben. »Verweigerst du es mir immer noch, über den Tod von Mair und Bruder Meurig Ermittlungen anzustellen?«

Gwnda sah sie erstaunt an. »Ermittlungen? Aber wir haben den Fall doch gelöst. Nicht innerhalb des Gesetzes, aber wir haben ihn gelöst.«

»Der Meinung bin ich nicht.«

Gwnda runzelte verärgert die Stirn. »Ich habe dir schon einmal gesagt, daß du in diesem Fall keine Befugnisse hast. Die Angelegenheit ist, soweit es mich betrifft, erledigt. Ich werde der Abtei Dewi Sant eine Botschaft schicken, damit das Gericht davon in Kenntnis gesetzt wird.«

Fidelma neigte nachdenklich den Kopf. »Nun gut, aber gegen meine Ermittlungen im Fall des Klosters Llanpadern hast du ja wohl nichts einzuwenden.«

Gwnda war mißtrauisch geworden. »Das weißt du doch. Du hast die Erlaubnis des Königs.«

»Dann werde ich mit jenen Ermittlungen fortfahren.« Sie drehte sich um und bedeutete Eadulf, ihr zu folgen. Gwnda blieb verwirrt und gereizt zurück.

Draußen fragte Eadulf verblüfft: »Was sollte denn das heißen?«

Fidelma lächelte ihn an. »Ich werde mit Iorwerth und Iestyn reden.«

»Aber Gwnda hat gesagt .«

»Gwnda hat gesagt, daß er nichts dagegen hätte, wenn ich mit meinen Ermittlungen zu Llanpadern weitermache. Du wirst dich daran erinnern, daß Idwal am Vormittag von Mairs Tod am Kloster vorbeikam. Alles, was Llanpadern betrifft, kann auch Idwal betreffen.«

Fidelma ging zu Buddog in die Küche. »Wo kann ich Elen finden?« fragte sie.

»Sie hat das Haus verlassen, als ihr Vater zurückkam. Ich weiß nicht, wohin sie gegangen ist.«

Fidelma preßte verärgert die Lippen aufeinander, bedankte sich aber bei der Haushälterin.

»Wie schade«, sagte sie zu Eadulf, der draußen auf dem Hof wartete. »Ich möchte unbedingt wissen, was sie damit meinte, daß Mair an ihrer Stelle umgebracht wurde. Ehe wir sie ausfindig machen, laß uns zur Schmiede gehen, um ein deutliches Wort mit dem Schmied zu reden.«

Eadulf zögerte. »Ich habe arge Zweifel, ob Gwnda die Sache im gleichen Licht sieht wie du.«

»Wahrscheinlich nicht«, stimmte ihm Fidelma zu. »Deshalb möchte ich nach wie vor, daß du zur Abtei Dewi Sant reitest, um Gwlyddiens Vollmacht zu erbitten. Gwndas Verbot muß entkräftet werden. Doch hören wir erst mal, was Iorwerth zu Idwals Tod zu sagen hat.«

»Ich möchte dich hier nicht allein lassen«, meinte Eadulf bedrückt.

»Die Erlaubnis von Gwlyddien ist jetzt um so dringlicher.«

Während sie durch die Ortschaft zur Schmiede liefen, begegneten ihnen verschiedene Leute. Es war später Nachmittag, die Abenddämmerung kündigte sich langsam an. Die meisten vermieden es, ihnen in die Augen zu schauen. Sie senkten die Köpfe und zogen sich in ihre Behausungen zurück.

»Der rasende Mob hat sich wohl beruhigt«, kommentierte Eadulf zynisch. »Jetzt wird ihnen bewußt, daß sie persönliche Schuld tragen an der Ermordung eines Mitmenschen.«

»Diese Schuld quält sie ein, zwei Tage, dann haben sie für ihre Tat Ausflüchte und Rechtfertigungen gefunden«, sagte Fidelma.

Vor Iorwerths Schmiede stand ein Pferd. Ein Junge, der ihnen vertraut schien, stieg ab und löste eine schwere Satteltasche. Als er sich umdrehte, erkannte Fidelma Goffs Sohn wieder.

»Dewi!«

Der junge Bursche begrüßte sie mit einem Lächeln. »Ich dachte mir schon, daß ich euch hier treffen würde«, sagte er.

»Was führt dich denn zu Iorwerths Schmiede?« fragte Eadulf, der auf die schweren Satteltaschen blickte.

»Mein Vater hat Iorwerth versprochen, daß er ihm Gold schickt zum Bearbeiten. Ich überbringe es ihm gerade.«

»Hast du was dagegen, Gwyddel?« wurden sie von einer barschen Stimme angefahren.

Iorwerth stand in der Tür der Schmiede, ließ die Muskeln seiner Arme spielen, in einer Hand hielt er eine Zange, die recht drohend auf und zu schnappte.

Fidelma lächelte freundlich. »Warum sollte ich etwas dagegen haben?«

Iorwerth wirkte beunruhigt. »Was habt ihr hier verloren?« fragte er.

»Wir wollen uns mit dir unterhalten. Aber du kannst zuerst ruhig deine Geschäfte mit Dewi abwik-keln.«

Iorwerth blickte voller Zweifel von Fidelma auf Dewi und wieder zurück. »Woher kennst du diese Gwyddel, Dewi?« fragte er mürrisch.

»Wir haben Dewi heute vormittag in der Schmiede seines Vaters getroffen«, warf Fidelma unschuldig ein. »Stört dich das? Willst du noch etwas anderes wissen?«

Iorwerth sah sie mit finsterem Blick an, er war sich nicht sicher, was er antworten sollte.

»Kannst du lesen, Iorwerth?« war ihre nächste unerwartete Frage.

Iorwerth verzog das Gesicht. »Das Lesen liegt mir nicht«, brummte er.

»Wie schade. Dyfed ist allerorts bekannt dafür, ein gebildetes Königreich zu sein. Doch vielleicht kann Dewi lesen ...?«

Der junge Mann errötete ein wenig vor Scham. »Pater Clidro hat mir etwas Lesen beigebracht«, gestand er.

Mit ernster Miene holte Fidelma ein Stück Pergament aus ihrem marsupium hervor und reichte es ihm. »Vielleicht kannst du Iorwerth mitteilen, worum es sich handelt. Ich fürchte, meinen Worten würde er nicht trauen.«

Iorwerth kniff die Augen zusammen, sein Ärger hielt an.

Der Junge nahm das Pergament und las es rasch durch. »Das hast du auch meinem Vater gezeigt. Es ist eine Vollmacht von König Gwlyddien.«

»In der was steht?« drängte ihn Fidelma.

»Daß du mit seiner Befugnis handelst und jedem geraten wird, mit dir zusammenzuarbeiten .«

Rasch langte Fidelma nach dem Pergament. »Begreifst du das, Iorwerth?« fragte sie.

Eadulf mußte ein Lächeln unterdrücken. Sie hatte dem Jungen das Pergament schnell entzogen, so daß er nicht hatte weiterlesen können, daß sich diese Zusammenarbeit ausschließlich auf die Ermittlungen im Fall von Llanpadern bezog.

Der Schmied schob trotzig den Unterkiefer vor.

»So steht es hier geschrieben, Iorwerth, und ich habe das königliche Siegel schon häufig in der Abtei Dewi Sant gesehen, wenn ich die Schmiedearbeiten meines Vater hinbrachte«, rechtfertigte sich Dewi.

Iorwerth zögerte immer noch, dann gab er sich geschlagen. »Wenn das da so geschrieben ist, werde ich dir Rede und Antwort stehen.«

»Sobald du deine Geschäfte mit Dewi erledigt hast«, erklärte ihm Fidelma, »werden wir uns in deinem Haus miteinander unterhalten.«

Der Junge nahm die Satteltasche von der Schulter und reichte sie Iorwerth. »Wir sind gleich fertig, Schwester«, verkündete er. »Ich will nur das Rohgold übergeben, das mein Vater Iorwerth versprochen hat.«

Iorwerth nahm die Tasche entgegen und schüttete Metallstücke aus, die eher wie Steinklumpen als wie kostbares Gold aussahen.

»Ausgezeichnet«, bemerkte Iorwerth, als er sie begutachtete. »Alles wie vereinbart. Übermittle deinem Vater herzliche Grüße, Dewi.«

Der Bursche verabschiedete sich höflich und wandte sich zu seinem Pferd um, während Iorwerth zu Fidelmasagte: »Ihr könnt nun eintreten und sagen, was ihr von mir wollt.«

Gerade als Fidelma der Aufforderung Folge leisten wollte, sagte Eadulf: »Ich komme gleich nach. Ich muß noch mal mit Dewi reden.«

Neugierig zog Fidelma eine Augenbraue hoch. Eadulf hatte ihren Blick bemerkt und deutete mit dem Kopf auf eine Ecke von Iorwerths Schmiede. Fidelma konnte ihre Überraschung eben noch verbergen. Dort stand eine Strohpuppe, die genau der glich, die sie zuvor in der Kapelle von Llanpadern entdeckt hatten.

»Nun, Schwester?« fragte Iorwerth und führte sie in seine kleine Behausung. Darin war es unangenehm eng und dunkel. Fidelma mußte sich ein wenig bük-ken, denn sie war eine hochgewachsene Frau. Ihr Kopf stieß fast an die niedrigen Balken. Das Feuer verbreitete eine stickige Wärme. Fidelma wartete nicht erst darauf, daß Iorwerth ihr einen Platz anbot, sie wußte, daß sie da vergeblich warten würde.

»Was willst du also?« fragte er schroff.

»Wir wollen mit dir über Idwal reden.«

»Aber Gwnda hat doch gesagt .«

Fidelma sah ihn mit eisigem Blick an.

»Ja? Was hat Gwnda gesagt?«

Iorwerth zuckte ein wenig mit der Schulter. »Der Mordfall an meiner Tochter ist geklärt.«

»Das stimmt nicht. Du hast gehört, daß ich eine Vollmacht von König Gwlyddien habe, oder? Die Sache ist erst erledigt, wenn ich es ausdrücklich sage.«

»Idwal hat meine Tochter ermordet, und er hat Bruder Meurig ermordet .«

»Und du hast ihn ermordet?« beendete Fidelma seinen Satz. In diesem Moment trat Eadulf herein und stellte sich hinter sie.

»Ich habe nichts damit zu tun«, widersprach Ior-werth, »nicht so, wie du es meinst. Die Leute haben ihn getötet.«

»Ach.« Fidelma lächelte. »Die Leute . Sag mir doch, wie das vor sich ging.«

»Als Gwnda uns mitteilte, daß Bruder Meurig erschlagen in der Waldhütte liegt, wußten wir alle sofort, daß es Idwal gewesen ist. Schließlich hat er meine Tochter vergewaltigt und umgebracht. Hättet ihr und Bruder Meurig nicht eingegriffen, so hätte die Gerechtigkeit schon vorher ihren Lauf genommen.«

Fidelma beschloß, jetzt nicht weiter darauf einzugehen. »Du hast mir immer noch nicht erklärt, wie es dazu kam.«

»Ich ahnte, daß sich der Junge bei der alten Eiche nicht weit von der Hütte im Wald verbarg.«

»Woher wußtest du von dieser Stelle?« fragte Fidelmagespannt.

»Der Junge hatte feste Gewohnheiten. Als Kind hatte er dort gespielt. Mit Mair und Elen und den anderen Kindern.«

»Weiter.«

»Also gingen wir dorthin, ein Dutzend Männer aus dem Ort hier. Idwal war tatsächlich dort. Als er uns sah, versuchte er zu entkommen. Ich bin mir nicht sicher, wer es tat, doch er hing kurz darauf an der Eiche.« Der Schmied sah sie rechtfertigend an. »Vox populi vox Dei

»Was hast du eben gesagt, Iorwerth?« fragte Eadulf überrascht.

»Voxpopuli vox Dei«, wiederholte der Schmied. So, wie er die Wörter betonte, schienen sie ihm nicht unbedingt geläufig zu sein.

»Das ist ein bemerkenswerter Ausspruch. Du weißt, was er bedeutet?«

»Das entlastet uns von jeder Schuld«, erwiderte der Schmied.

»Die Stimme des Volkes ist die Stimme Gottes«, übersetzte Fidelma versonnen. »Die Wünsche des Volkes stehen über allem, oder? Das entbindet euch von eurer Schuld, Mörder zu sein?«

Iorwerth schwieg.

»War Gwnda dabei, als ihr euch von eurer Wut habt treiben lassen?«

»Das solltest du ihn selbst fragen.«

»Ich vermute, er hat dir diesen lateinischen Ausspruch beigebracht, damit du ihn wie ein Zauberamulett zu deiner Verteidigung einsetzen kannst, oder?«

Iorwerth antwortete nichts darauf.

»War dir bekannt, daß deine Tochter keine Jungfrau mehr war?« Fidelma stellte diese Frage ganz unvorbereitet. »Du hast eine falsche Aussage gemacht, damit du noch Geld dafür bekommst, nicht wahr?«

Iorwerths Gesicht lief dunkelrot an. Er trat ein paar Schritte vor, doch Eadulf hatte sich schon schützend vor Fidelma gestellt. Der Schmied hielt seine Riesenfäuste geballt, als wolle er zuschlagen.

»Du wagst es, meiner Tochter übel nachzureden?« stieß er schließlich aufgebracht hervor.

»Du behauptest also, daß du davon nichts wußtest? Und du hattest auch keine Ahnung, wer der ältere Liebhaber war?«

Iorwerth starrte Fidelma zornentbrannt an, aber dann hatte er sich im Griff. »Hat dir das dieser Einfaltspinsel erzählt? Hat Idwal diese Lügen verbreitet?« fauchte er sie an.

»Warum bist du dir so sicher, daß es Lügen sind?«

»Weil Idwal sich vor seinen Anklägern verteidigen wollte. Er hat dich zum Narren gehalten, Gwyddel. Er hat dich zum Narren gehalten!«

»Und wenn ein anderer Zeuge das gesagt hat und nicht Idwal? Was dann?«

Iorwerth schaute sie mißtrauisch an. »Welcher Zeuge? Das ist eine Lüge. Meine Tochter hatte vor mir keine Geheimnisse.«

»Selbst unter normalen Umständen würde eine Tochter ihrem Vater nicht anvertrauen, wann und wie sie ihre Jungfräulichkeit verloren hat.«

Jetzt betrachtete ihn Fidelma genau. Ihr ging der Ausspruch vultus est index animi durch den Sinn. Der Gesichtsausdruck eines Menschen verrät viel über seine Seele. Iorwerth hatte Angst.

»Erzähle mir von Mair«, forderte ihn Fidelma auf. »Wie war sie als Tochter?«

Der kräftige Schmied setzte sich plötzlich hin und vergrub sein Gesicht in den Händen. Zu ihrer Überraschung wurde seine große Gestalt von einem Schluchzen geschüttelt.

»Sie war keine gute Tochter. Doch sie war alles, was mir von ihrer Mutter geblieben war, und sie war ihr Ebenbild. Die arme Esyllt. Ich habe ihr furchtbar Unrecht getan. Sie starb, als Mair noch klein war. Ich wollte es wiedergutmachen ... an Mair.«

»Ich verstehe.« Fidelmas Stimme klang nun mitfühlender. »Du hast Esyllts Verlust wettgemacht, indem du Mair verwöhnt hast. In welcher Beziehung war sie keine gute Tochter?«

»Sie war eigensinnig, so wie ich auf gewisse Weise. Sie tat, was sie wollte. Sie war . eine Persönlichkeit mit einem starken Willen, wie ein Pferd, das man nicht bändigen kann. Sie wollte mir nicht gehorchen.«

»Also hätte sie dir nie im Leben gesagt, daß sie einen Liebhaber hatte.«

»Sie wußte, wie wichtig es war für . für uns beide, daß sie die Ehe einging, die mit Madog, dem Goldschmied von Carn Slani, arrangiert worden war.«

»Eine Ehe nach Absprache?«

»Ja.«

»Hat Mair eingewilligt?«

»Sie wußte, daß wir das Geld brauchen, das eine Verbindung mit Madog einbringen würde.«

»Doch sie hätte sich vielleicht einen anderen Mann ausgesucht, wenn sie die Wahl gehabt hätte?«

»Sie war eigensinnig.«

»Gwnda hat uns gesagt, daß sie eine pflichtbewußte Tochter war.«

Iorwerth machte eine verächtliche Geste. »Gwnda weiß auch nicht mehr, als andere ihm erzählen.«

»Also kannte er Mairs Eigensinn nicht?«

»Die meisten Leute kannten ihren Eigensinn. Und Gwndas Tochter Elen war eng mit Mair befreundet, sie waren wie Schwestern. Da konnte er kaum übersehen, daß Mair ihren eigenen Kopf hatte.«

»Man sagte uns, du hättest Mair und Idwal verboten, sich zu treffen. Also warst du dir wohl ziemlich sicher, daß Mair sich über deine Anweisungen hinwegsetzen würde?«

Iorwerth schnaubte gereizt. »Ja, vielleicht. Aber Idwal hatte Angst vor mir. Er war ziemlich schüchtern.«

»Wirklich?« fragte Fidelma überrascht. »Schüchtern, doch du behauptest, er hat deine Tochter ermordet.«

»Er war schüchtern gegenüber Männern. Ein Feigling entpuppt sich oft als ein mutiger Mörder.«

»Erzähl mir, wie der Vormittag des Tages verlief, an dem Mair sterben mußte - sagen wir von dem Zeitpunkt an, als du aufgestanden bist.«

Iorwerth wirkte verwirrt. »Ich verstehe nicht ...«

»Sei so gut«, bat ihn Fidelma.

»Nun, bei Morgengrauen stand ich auf und schürte das Feuer in der Schmiede. Kurz darauf kam Mair, um sich zu verabschieden.«

»Sich zu verabschieden?« fragte Eadulf.

»Sie wollte zu ihrer Cousine nach Cilau.«

»Cilau? Hat nicht Elen dort auch eine Cousine?«

Iorwerth nickte.

»Soviel ich weiß - ja. Ich glaube schon. Sie ging fort, und ich war mit meiner Arbeit beschäftigt, da sah ich, wie Idwal ziemlich außer Atem angerannt kam. Das erschien mir merkwürdig. Ihn so rennen zu sehen, meine ich.«

»Du sagtest, er kam in den Ort?«

»Er rannte gerade über die Brücke vor ...«

»Moment mal. Welchen Weg hatte Mair genommen?«

»Den über die Brücke.«

»Also muß Idwal ihr begegnet sein?«

»Ihr wißt ja, der Weg führt durch den Wald, in dem sie gefunden wurde, und zwar nach Westen und nach Süden.«

»Doch es war früh am Morgen und nicht lange, nachdem sie sich von dir verabschiedet hatte?«

Iorwerth nickte.

»Und Idwal kam in den Ort gerannt?«

»Ich glaube, er lief direkt zu Gwnda.«

»Weißt du, weshalb er zu Gwnda wollte?«

»Gwnda sagte später, daß Idwal der erste war, der ihn über das Verschwinden der Klostergemeinschaft von Llanpadern unterrichtet hat.«

»Was geschah dann?«

»Eine halbe Stunde später sah ich, wie Idwal wieder über die Brücke zurückging und im Wald verschwand. Ich habe einfach weitergearbeitet.«

»Aus deiner Sicht war es also ein ganz gewöhnlicher Vormittag, außer daß Idwal auftauchte?«

»So ist es. Nach einer Stunde etwa erschien mein Freund Iestyn recht aufgeregt in der Schmiede. Er erzählte mir, daß er Mair und Idwal im Wald gesehen hatte und daß sie sich heftig gestritten hätten. Er war zu mir geeilt, um mir davon zu berichten.«

Fidelma rückte auf ihrem Stuhl vor. »Warum hat Iestyn denn nicht selbst in den Streit eingegriffen?«

Iorwerth winkte ab. »Iestyn kannte meine Tochter. Hätte er das versucht, hätte er sich sicher ihren Zorn zugezogen.«

»Also lief er lieber zu dir? Und dich hat diese Nachricht wütend gemacht?«

»Aber sicher doch. Ich war ganz außer mir, daß Idwal sich über mein Verbot hinweggesetzt hatte, und wollte ihm eine Lehre erteilen. In der Schmiede hatten sich inzwischen ein paar Freunde eingefunden, mit denen ich mich auf den Weg zu der Stelle machte, wo Iestyn Idwal und meine Tochter gesehen hatte.

Wir liefen rasch . Bis wir die Leiche meiner Tochter fanden. Ein kurzes Stück von uns entfernt entdeckten wir Gwnda, der Idwal überwältigt hatte. Er duldete es nicht, daß wir dem Jungen etwas zufügten, sondern schickte jemanden los, einen barnwr zu holen, der sein Urteil sprechen sollte. Zornentbrannt brachen die Leute dann in Gwndas Scheune ein und schnappten sich den Jungen. Gwnda stellten wir unter Hausarrest, denn ihm schien unsere Art, Gerechtigkeit zu üben, nicht zu behagen. Wir wollten den Mörder gerade hängen, da .«

»Da trafen wir mit Bruder Meurig ein und haben euch vor der schlimmen Tat bewahrt«, beendete Eadulf den Satz.

»Als Gwnda klar war, daß ihr Idwal umbringen würdet, hat er da versucht, euch davon abzuhalten?«

»Natürlich nicht ...« Iorwerth zögerte. »Ich meine, wir waren zu viele für ihn. Ist dir nicht aufgefallen, daß wir vor seiner Behausung Wachen aufgestellt hatten?«

»In einem Punkt bin ich mir nicht sicher«, sagte Fidelmanachdenklich und überging seine Bemerkung.

»Und der wäre?« fragte Iorwerth.

»Wo hielt sich Gwnda auf, als ihr auf der Suche nach Mair und Idwal in den Wald kamt? War er schon dort?«

Der Schmied zuckte mit den Schultern. »Es war gut, daß er da war, um Idwal gleich festzunehmen.«

Plötzlich wurde die Tür krachend aufgestoßen. Der Fürst von Pen Caer stand im Türrahmen. Hinter ihm zwei Männer mit gezogenen Schwertern. Er blickte Fidelma zornig an.

»Also stimmt es, daß du hier in Iorwerths Schmiede bist.«

»Wie du sehen kannst!« Fidelma lächelte ihn mit einem Anflug von Ironie an.

»Habe ich dir nicht gesagt, daß du nicht befugt bist, irgendwelche Ermittlungen anzustellen, Gwyddel? Ich bin Fürst von Pen Caer, und ich bin hier das Gesetz. Du und dein angelsächsischer Freund - ihr werdet den Preis dafür zahlen, daß ihr mich hinters Licht geführt habt.«

Kapitel 14

Langsam erhob sich Fidelma und baute sich vor Gwnda auf. Sie fürchtete sich nicht vor seinem drohenden Gebaren.

»Daß wir dich hinters Licht geführt haben, Fürst von Pen Caer?« fragte sie mit gespielter Unschuld. »Deine letzten Worte waren, daß du keine Einwände hättest, wenn ich mit meinen Ermittlungen zum Fall von Llanpadern weitermache. Hast du das vergessen?«

Gwnda runzelte verblüfft die Stirn.

»Ich kann mir nicht vorstellen, daß du dich den Wünschen von König Gwlyddien widersetzen willst«, fügte Fidelma hinzu.

»Was für Spiele treibst du mit mir, Gwyddel?« fragte Gwnda, doch seine Stimme klang nicht mehr so sicher.

»Ich untersuche den Fall von Llanpadern«, sagte sie. »Idwal war in Llanpadern und überbrachte euch als erster die Nachricht vom Verschwinden der Klostergemeinschaft. Darüber wollte ich gerade mehr in Erfahrung bringen.«

»Du hast dich aber eher für Idwal und meine Tochter interessiert«, wandte der Schmied ein.

»Ich hätte nicht gedacht, daß eine Nonne lügt. Vielleicht macht man das so bei den Gwyddel?« stellte Gwnda mit Triumph in der Stimme fest.

»Ganz im Gegenteil, Gwnda«, entgegnete Fidelma, wobei ihre Augen eisig glänzten. »Ich kann nichts dafür, daß Mairs Unglück mit Idwals Rückkehr aus Llanpadern zeitlich zusammenfiel. Bist du der weise König Salomo, daß du meinst, zwischen den beiden Fällen eine Grenze ziehen zu können?«

Gwnda schloß den Mund. In seinem Gesicht zuckte ein Muskel. Ihm wurde bewußt, was sie damit sagen wollte. Schließlich meinte er: »Du bist sehr gerissen, dalaigh aus Eireann.«

»Utcumqueplacuerit deo, Fürst von Pen Caer«, gab Fidelma mit gesenktem Kopf andächtig von sich. »Wie immer es Gott gefällt.«

Gwnda rümpfte verärgert die Nase. »Setze nicht dein ganzes Vertrauen in Gott«, erwiderte er säuerlich.

»Hast du immer noch etwas gegen meine Ermittlungen?«

Ganz unvermittelt wandte sich Gwnda zu seinen Begleitern um und schickte sie mürrisch weg. »Meine Einwände bleiben bestehen«, sagte er dann. »Du bist nicht befugt, in der Sache der Todesfälle von Mair und Bruder Meurig zu ermitteln.«

»Und wie ich vermute, auch nicht im Mord an Id-wal?« fügte sie hinzu und blickte Iorwerth an, der nun vor Zorn rot anlief. »Aber ich will doch lediglich wis-sen, was Idwal in Llanpadern sah und was er den Leuten an dem Vormittag, als er hierher zurückkehrte, darüber erzählt hat.«

Gwnda wurde klar, daß er nichts dagegen tun konnte. »Wenn du dich daran hältst, habe ich keine Einwände.«

»So möchte ich auch dir ein paar Fragen stellen«, fuhr Fidelma fort. Doch Gwnda schickte sich an zu gehen. Ihre Stimme wurde ein wenig lauter. Der Fürst von Pen Caer blieb stehen.

»Iorwerth hat gesehen, daß Idwal an jenem Vormittag zu deinem Haus gerannt ist.« Fidelma zeigte auf den verwirrten Schmied, der nicht sehr viel von ihrer Auseinandersetzung verstanden hatte. »Was hat dir Idwal an diesem Morgen mitgeteilt?«

»Nichts. Ich war nicht da. Er hat mit Buddog geredet. Da mußt du sie selbst fragen.«

»Wann hat dir Buddog erzählt, daß Idwal mit dir sprechen wollte?«

»Wann das war?« Gwnda schien das Ganze unangenehm zu sein.

»Ich habe mich gefragt, warum du nicht einen Suchtrupp nach Llanpadern geschickt hast.«

»Wir waren so sehr mit Mairs Tod beschäftigt«, rechtfertigte sich Gwnda.

Fidelmas Mundwinkel verzogen sich hämisch. »Merkst du, nicht ich spreche über Mairs Tod?«

Gwnda schaute finster drein. »Es war gleich am Nachmittag, da hat mir Buddog von Idwals Besuch erzählt.«

»Also«, stellte Fidelma fest, »Buddog hat dir erst gesagt, was Idwal zu berichten hatte, nachdem man den Jungen in dein Haus zurückgeschleppt hatte. Warum hast du da immer noch keinen Suchtrupp nach Llanpadern geschickt?«

Der Fürst von Pen Caer zuckte mit den Schultern. »Inzwischen hatte ich einen Boten zur Abtei Dewi Sant ausgesandt und um einen Richter gebeten. Ich wollte abwarten und seinen Rat in beiden Angelegenheiten hören. An dem Vormittag, als ihr eintraft, kam dann Dewi, Goffs Sohn, aus Llanferran und berichtete uns von dem sächsischen Piratenschiff und den Toten bei den Klippen. Da wäre es gefährlich gewesen, nach Llanpadern aufzubrechen und unseren Ort schutzlos den Freibeutern auszuliefern.«

»Was genau hat Buddog dir gesagt?«

»Warum fragst du sie nicht selbst?«

»Sie ist später dran. Erst möchte ich wissen, woran du dich erinnerst.«

»Idwal war hier und wollte mich unbedingt sprechen. Dann erzählte er Buddog an meiner Statt, daß er früh am Morgen an Llanpadern vorbeigekommen war. Er glaubte gesehen zu haben, wie einer der Brüder gerade das Kloster in Richtung Süden verließ .«

»Das muß Bruder Cyngar gewesen sein«, warf Eadulf ein. Fidelmas Blick hieß ihn schweigen.

Gwnda erzählte weiter: »Idwal ging zum Kloster, in der Annahme, die Mönche um diese Zeit beim Frühstück anzutreffen. Doch er fand das Kloster leer vor und eilte zu mir, um mir davon zu berichten.«

Gerade wollte Eadulf wieder etwas sagen, als er Fidelmas warnenden Blick bemerkte.

»Was mich zu einer weiteren Frage veranlaßt«, erklärte sie. »Nur um etwas klarzustellen, du wirst es mir nachsehen. Wie kam es dazu, daß ausgerechnet du Mairs Leiche und auch Idwal entdeckt hast?«

»Ich habe dir schon gesagt, daß du nicht befugt bist, Mairs Tod zu untersuchen«, erwiderte Gwnda gereizt.

»Ich habe von Idwal gesprochen.«

»Das ist das gleiche.«

»Keineswegs. Idwal wollte dir von dem Verschwinden der Mönche berichten, doch du warst nicht da. Folglich ist es doch normal, wenn ich dich frage, wann und wo du mit Idwal zusammengetroffen bist.«

»Ich war draußen im Wald, das ist alles.«

»Und du bist ihm rein zufällig über den Weg gelaufen?«

»So ist es. Ich glaube, nun reicht es.«

Sein barscher Tonfall sagte Fidelma, daß sie ihm nichts weiter entlocken würde. Sie lächelte höflich. »Vielen Dank, daß du uns deine Zeit geopfert hast, Gwnda. Du hast uns sehr geholfen«, sagte sie. »Und du auch, Iorwerth.« Sie winkte Eadulf, ihr nach draußen zu folgen.

»Und denk dran, Gwyddel«, zischte Gwnda sie noch an, »deine Vollmacht endet bei dem Fall von Llanpadern.«

»Das werde ich nicht vergessen, Fürst von Pen Caer«, erwiderte sie ruhig.

Sie gingen die Straße zurück, die zu Gwndas Haus führte. Sobald sie außer Hörweite waren, begann Eadulf zu reden. Seine Stimme bebte beinahe vor Wut.

»Der verbirgt doch etwas vor uns! Warum hast du mich daran gehindert, ihn in die Enge zu treiben?«

»Weil ihn das uns gegenüber nur noch mißtrauischer gemacht hätte.«

»Du wußtest, daß er log?«

»Ich weiß, daß er nicht die ganze Wahrheit sagte. Aber es hat keinen Sinn, weiter in ihn zu dringen, wenn wir uns selbst nicht sicher sind.«

Eadulf dachte nach. »Ich weiß, daß Gwnda etwas damit zu tun hat, daß der arme Idwal gehängt wurde. Er hat Iorwerth die lateinische Redewendung zu seiner Verteidigung eingetrichtert.«

»Bereits am Abend unserer Ankunft hier war mir klar, daß Gwnda nicht eigentlich gegen die Ermordung von Idwal war«, stimmte ihm Fidelma zu. »Ior-werth hat die Wahrheit verraten, als er andeutete, daß Gwnda sich nicht bemühte, Idwal zu schützen.«

Eadulf war verblüfft. »Du hast ihn schon da für verdächtig gehalten?«

»Erinnerst du dich an die Geschichte, die man uns erzählte? Daß Gwnda ein gesetzestreuer Herrscher sei, der nach einem Richter gerufen hat, und daß Ior-werth und Iestyn, die den Mob anführten, Idwal mit Gewalt aus seinem Verschlag geholt hätten?«

»Aber natürlich. Gwnda wurde von dem Mob in seinen eigenen vier Wänden festgehalten.«

Fidelma lächelte zynisch. »Er wurde festgehalten? Da standen zwei junge Burschen am Eingang seines Hauses, beide waren unbewaffnet. Und als wir eintrafen, kam Gwnda mit einem Schwert herausgestürzt. Zwei Unbewaffnete bewachten einen Bewaffneten, der noch dazu im Umgang mit Waffen geübt ist!«

Eadulf führte sich noch einmal die Szene vor Augen, jedes Detail. »Er wirkte sehr bemüht, seinen Leuten den Aufstand gegen ihn zu verzeihen. Doch warum diese List? Das paßt doch alles nicht zusammen.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob wir wirklich schon zum Kern der Sache vorgedrungen sind.«

Sie waren nun an Gwndas Haus angelangt. Ehe sie eintraten, legte Fidelma ihre Hand aufs Eadulfs Arm und sagte: »Du mußt sofort zur Abtei Dewi Sant reiten. Ich brauche die Vollmacht von Gwlyddien, um Gwndas Verbot wirksam entgegentreten zu können.«

Ihr Begleiter grinste ein wenig selbstgefällig. »Es gibt keinen Grund, dich hier ohne Schutz zu lassen.«

»Natürlich gibt es einen Grund«, entgegnete Fidelmaetwas verunsichert.

Eadulf schüttelte entschlossen den Kopf. »Während du mit Iorwerth gesprochen hast, habe ich mir Dewi vorgenommen. Er ist ein kluger Bursche. Ich habe ihn gefragt, ob er bereit ist, zur Abtei Dewi Sant zu reiten und Abt Tryffin unsere Nachricht zu überbringen.«

Fidelma schwieg einen Moment. »Kannst du dich auf ihn verlassen?« fragte sie dann. »Denn ehe wir nicht wissen, was hier vor sich geht, sollten wir sorgfältig abwägen, wem wir vertrauen können.«

»Das ist klug von dir. Doch ich vertraue dem Jungen, und ich vertraue dem Silberstück, daß er bei seiner Rückkehr von mir erhalten wird.«

»Ich verstehe. Und die Nachricht, die du geschickt hast?«

»Ich habe geschrieben, daß Bruder Meurig tot ist. Daß wir von unseren Ermittlungen abgehalten werden und es in dieser Gegend eine bewaffnete Räuberbande gibt, der wir nur knapp entkommen konnten. Daß wir König Gwlyddiens Vollmacht benötigen, damit Gwnda uns in unserer Arbeit nicht mehr einschränken kann.«

Zögernd fand sich Fidelma zu einem Lob bereit. »Und du meinst wirklich, daß du diesem Jungen trauen kannst?«

»Von meinem Vertrauen in ihn hängt unser beider Leben ab«, unterstrich Eadulf. »Hier lauern so viele Gefahren, daß ich es für klüger halte, dich nicht allein zu lassen.«

Fidelma drückte seinen Arm. »Treuer Eadulf«, sagte sie in einem unerwarteten Anflug von Zärtlichkeit. »Du bist dir ganz sicher wegen des Jungen?«

Eadulf nickte. »Er hat mir auch verraten, warum seine Eltern so verängstigt waren, als du Clydogs Namen erwähntest. Clydog ist vor einiger Zeit in ihrer Schmiede aufgetaucht und hat sie ziemlich grob behandelt, sie ausgeraubt und ihnen angedroht, zurückzukehren und noch Schlimmeres zu tun, wenn sie nicht den Mund halten.«

»Das erklärt ihre Angst allerdings«, meinte Fidel-ma. Sie verstummte auf einmal, und Eadulf folgte ihren Blicken.

Der Bauer Iestyn kam mit einem zweirädrigen Karren angefahren, der von einem robusten kleinen Esel gezogen wurde. Er sah mürrisch zu ihnen herüber und verzog abschätzig das Gesicht, dann konzentrierte er sich wieder auf das Lenken seines Karrens.

»Haben wir ein Glück«, sagte Fidelma. Sie hob die Hand. »Iestyn! Einen Moment bitte. Ich möchte kurz mit dir sprechen.«

Widerwillig hielt Iestyn an.

»Was willst du von mir, Schwester?« fragte er abweisend.

»Antworten«, sagte Fidelma munter. »Antworten auf ein paar Fragen.«

»Auf was für Fragen?« stieß er mißtrauisch hervor.

Eadulf war hinzugetreten. »Wenn du kurz mal von deinem Karren steigst, werden wir es dir sagen.«

»Ich habe zu tun«, erwiderte der Bauer, kletterte aber trotzdem herunter.

Er war ein ganzes Stück kleiner als Fidelma. Herausfordernd schaute er zu ihr auf.

»Nun, worum geht es? Beeil dich, ich habe nicht den ganzen Abend Zeit.«

»Mach dir keine Sorgen, Iestyn.« Fidelma überging sein bewußt unhöfliches Verhalten. »Wir verdächtigen dich nicht. Wir wollen nur etwas klären.«

»Mich verdächtigen?« entgegnete Iestyn fassungslos. »Was soll ich denn getan haben? Und überhaupt, du bist kein barnwr, sondern eine Gwyddel. Du hast nicht das Recht, mich hier aufzuhalten.«

»Doch, wir haben das Recht dazu«, versicherte ihm.

Fidelma mit einer solchen Überzeugtheit, daß selbst Eadulf überrascht war. Er stöhnte innerlich. Falls Gwnda jetzt dazukäme und ihr vor Iestyn jede Befugnis absprach, wurde es ziemlich schwierig für sie.

»Was wollt ihr?«

»Wir wollen uns mit dir über Mairs Tod unterhalten.«

»Warum? Sie war die Tochter meines Freundes Iorwerth.«

»Mit Iorwerth haben wir bereits gesprochen. Er sagt, daß du ihn an dem Morgen, als Mair auf gewaltsame Weise den Tod fand, in seiner Schmiede aufgesucht hast. Du hattest beobachtet, wie sich Mair und Idwal stritten.«

Iestyn rümpfte die Nase. »So?«

»Berichte uns davon.«

Der Bauer war mißtrauisch. »Da gibt es nichts weiter zu erzählen. Ich kam durch den Wald und ...«

»Weshalb bist du eigentlich durch den Wald gegangen?« fragte Eadulf unschuldig dazwischen.

»Mein Hof liegt am Fluß in der Nähe des Waldes. Ich wollte zu Fuß in den Ort, nachdem ich einem meiner Nachbarn Obst gebracht hatte. Ich wollte zu Iorwerth.«

»Weiter«, sagte Fidelma, als er innehielt.

»Ich hörte einen lauten Wortwechsel. Ich erkannte Mairs Stimme sofort. Dann entdeckte ich Idwal. Sie schienen beide aufgebracht zu sein, Idwal wirkte ziemlich aggressiv.«

»Aggressiv? Wie hat sich das geäußert?«

»Seine Stimme klang wütend. Sein Gesicht und sein ganzes Benehmen kamen mir bedrohlich vor.«

»Und dann?«

»Ich wußte, daß Iorwerth Mair verboten hatte, sich mit Idwal zu treffen, und umgekehrt ebenso. Ich eilte zu Iorwerths Schmiede, um ihm davon zu berichten.«

»Hast du Mair gemocht?« fragte Eadulf zu Fidelmas Verwunderung. »Ich meine, fandest du sie anziehend?«

Iestyn errötete. »Ich bin der Freund ihres Vaters und alt genug, um ihr Vater zu sein«, entgegnete er schroff.

»So ist es«, erwiderte Eadulf munter. »Aber sie war ein hübsches junges Mädchen. Gab es da nicht Liebhaber oder Männer, die gern ihre Liebhaber gewesen wären?«

»Ihr Vater hatte eine Ehe für sie ausgehandelt, damit .«

»Ich weiß. Doch hast du sie nicht auch anziehend gefunden?«

Fidelma sah, daß Iestyn immer wütender wurde, und da sie ihn nicht völlig verstören wollte, fiel sie Eadulf ins Wort.

»Wir haben uns gefragt, warum du nicht eingegriffen hast, wenn sie sich so fürchterlich stritten. Warum hast du den Streit nicht geschlichtet?«

»Dazu hatte ich kein Recht. Ich dachte ja nicht, daß der Junge Mair umbringen würde, sonst hätte ich es wohl getan.«

»Aha, das heißt - so richtig besorgniserregend war ihr Gezänk für dich doch nicht?« warf Eadulf rasch ein.

Der Bauer runzelte die Stirn, als versuchte er, den Sinn dieses Einwurfs zu ergründen.

»Es war schon ein heftiger Streit«, sagte er langsam. »Sonst wäre Mair noch am Leben.«

»Rückblickend ist man immer schlauer«, stimmte ihm Eadulf zu. »Doch in dem Moment warst du nicht der Ansicht, es könnte für das Mädchen lebensgefährlich werden, oder? Sonst wärest du doch dageblieben und hättest Mair beigestanden, nicht wahr?«

»Natürlich hätte ich das!« fauchte der Bauer zurück.

»Statt dessen bist du zu Iorwerth gerannt und hast ihm erzählt, daß du Zeuge warst, wie sich Mair und Idwal im Wald stritten?«

»Ja.«

»Hast du unterwegs noch jemand anderen gesehen? Etwa Gwnda oder sonst wen?«

Iestyn schüttelte den Kopf. »Nicht daß ich wüßte ... Aber ja, ich bin Buddog begegnet, sie hat Pilze gesammelt.«

»Eins verstehe ich nicht recht«, meinte Fidelma nun. »Du hast erzählt, daß Idwal sich trotz des Verbots mit Mair traf und daß sie sich stritten. Allerdings nicht so heftig, daß es dein Eingreifen erforderte. Und auch nicht so ernst, als daß du um ihr Leben fürchten mußtest. Doch Iorwerth reichte deine Nachricht schon aus, ein paar Männer zusammenzutrommeln, um loszuziehen und Idwal zu bestrafen. Warum habt ihr den Jungen so gehaßt?«

»Dem mußte doch Gehorsam beigebracht werden!

Respekt kannte er auch nicht! Das ist alles«, rechtfertigte sich Iestyn. »Wir sind alle Iorwerths Freunde, und wir dachten, wir sollten ihm helfen.«

»Also, was geschah weiter?« fragte Fidelma.

»Zunächst führte ich sie zu der Stelle, wo ich Mair und Idwal gesehen hatte. Da lag Mair, tot. Fast im gleichen Augenblick entdeckte ich Gwnda - und Idwal, ein bißchen weiter, lag bewußtlos am Boden. Iorwerth und die anderen ...« Er machte eine Pause, blickte sie verstockt an. »Wir wollten den Jungen am nächsten Baum aufhängen. Gwnda hielt uns davon ab, er wollte nicht gegen das Gesetz verstoßen.«

»Nebenbei bemerkt, hat Gwnda euch eigentlich gesagt, wieso er so früh am Morgen im Wald unterwegs war?« fragte Eadulf.

Iestyn schüttelte den Kopf. »Der Weg hinter der Holzfällerhütte entlang ist ziemlich begangen. Er führt nach Cilau.«

»Ich verstehe. Also habt ihr den Jungen in den Ort gebracht? Wenn ihr wußtet, daß bald ein barnwr aus der Abtei eintreffen würde, warum habt ihr dann Gwnda festgesetzt und Idwal aus dem Stall geholt, um ihn zu erhängen?«

»Viele Leute waren daran beteiligt. Es war der Wille des Volkes. Vox ... vox ... Die Stimme des Volkes ist die Stimme Gottes!«

»Vox populi vox Dei«, half ihm Fidelma erheitert weiter. »Ja, diese Rechtfertigung haben wir schon einmal gehört.«

Iestyn schwieg.

»Ich erinnere mich daran, daß du bei unserer Ankunft die Keule geschwungen hast. Weil du damit die Stimme des Volkes unterstützen wolltest?«

»Wäret ihr nicht eingeschritten, würde Bruder Meurig immer noch am Leben sein.«

»Willst du damit sagen, daß ihr keine Verantwortung an Idwals Tod tragt?«

»Der Junge hat Mair umgebracht. Wir haben hier unsere eigene Art, mit Mördern umzugehen, Gwyddel.« Zum erstenmal hatte sich Bitterkeit hinter Iestyns erzwungener Zurückhaltung gezeigt.

»Das ist eine Art, die gegen das Gesetz verstößt. Bruder Meurig hat euch das ziemlich deutlich erklärt.«

»Der ganze Ort stand hinter uns.«

»Wird es dadurch zu Recht? Nur selten wird etwas moralisch, weil es der Wille der Mehrheit ist.«

Iestyn blickte finster drein.

»Ich schätze«, stellte Eadulf sarkastisch fest, »daß der Wille der Mehrheit euch der Verantwortung an Idwals Tod enthebt?«

»Willst du etwa sagen, daß wir falsch gehandelt haben?« fragte der Bauer höhnisch. »Bruder Meurig war Richter und Mönch. Willst du etwa behaupten, daß man seinen Mörder nicht bestrafen sollte? Ich dachte, daß ihr Mönche und Nonnen euch untereinander beschützt.«

»Woher wußtest du, daß Idwal es war, der Meurig umgebracht hat?«

Der Bauer betrachtete ihn, als sei er verrückt. »Was sagst du da?«

»Ganz einfach. Wer hat gesagt, daß Idwal Meurig tötete?«

»Nun ... Jeder wußte es.«

»Waren denn alle dabei, als der Mord geschah?« fragte Fidelma verächtlich.

»So habe ich das nicht gemeint. Wenn es nicht Id-wal war, wer sollte denn dann den barnwr erschlagen haben?«

»Eine gute Frage«, warf Fidelma ein. »Eine, über die man hätte nachdenken sollen, ehe Idwal sterben mußte.«

»Wer, wenn nicht Idwal? Er ist mit dem barnwr in den Wald gegangen. Es war recht unklug von Bruder Meurig, den Jungen nicht bewachen zu lassen. Idwal hat sicher einen günstigen Augenblick abgewartet, hat den Richter umgebracht und ist geflohen.«

»Weit ist er aber nicht gekommen, oder?« meinte Fidelma rasch. »Er ist vielmehr in allernächster Nähe geblieben, bis ihr dawart.«

»Er war eben ein Schwachkopf.«

»Ein Schwachkopf, aber dennoch ein gemeiner Mörder, den ihr auf der Stelle aufhängen mußtet?«

»Was ich auch mit einem tollwütigen Hund tun würde«, antwortete Iestyn mürrisch.

»Also habt ihr den Jungen umgebracht, ohne ihm eine Chance einzuräumen?« entgegnete ihm Eadulf scharf.

»Umgebracht?« Der Bauer geriet allmählich außer sich. »Wage du es ja nicht, mir gegenüber von Mord zu sprechen, du Sachse. Dein Volk hat genug Blut an den Händen. Mein Großvater war ein kluger, gebildeter Mann, der Latein lesen konnte. Er hat an der Schule von Illtyd gelernt, als Gildas der Weise dort auch Schüler war. Er besaß eine Kopie des Buches, das Gildas geschrieben hat .«

»De Excidio et Conquestu Britanniae, verfaßt um 547«, murmelte Eadulf leise vor sich hin. »Das habe ich gelesen.«

Iestyn schien kurz aus der Fassung gebracht. Dann fuhr er fort: »Ich kenne den Titel nur, wie ihn mir mein Großvater übersetzt hat, er lautet: >Der Fall und die Eroberung Britanniens.< Mein Großvater las mir aus dem Buch vor und übersetzte mir das Gelesene. Ich habe daraus von der Falschheit der Sachsen genug erfahren. Leider kann ich kein Latein und vermag das Buch nicht selbst zu lesen.«

»Könntest du es lesen, so wäre dir vielleicht aufgefallen, daß Gildas schärfste Kritik an den Königen der Britannier übt und sie für ihre Schandtaten verurteilt«, erwiderte Fidelma. »Seine Schlußfolgerung ist, daß die Eroberung durch die Sachsen eine Strafe ist, die Gott deinen Vorfahren wegen ihrer Sünden auferlegt hat.«

Iestyn drehte sich ohne ein weiteres Wort um, hievte sich auf seinen Karren und setzte den geduldigen Esel in Bewegung.

»Was machen wir nun?« frage Eadulf, während sie dem wütenden Bauern hinterherblickten.

»Wir haben jetzt genügend Leute in Aufregung versetzt«, antwortete Fidelma. »Vielleicht wird das Stein-chen, das wir ins Wasser geworfen haben, etwas be-wirken durch die konzentrischen Kreise, die dabei entstehen. Warum hast du Iestyn gefragt, ob er an dem bestimmten Morgen noch jemand anderem im Wald begegnet ist?«

»Erinnerst du dich nicht, daß Buddog sagte, sie hätte ihn an jenem Morgen durch den Wald kommen sehen?«

Fidelmas juchzte auf und lachte mit einemmal schelmisch.

»Das hatte ich ganz vergessen, Eadulf. Du bist ein Schatz!«

Eadulf war verwundert über ihre Reaktion und sagte ihr das.

Fidelma hakte sich bei ihm unter. »Ich habe das Gefühl, daß uns schon bald die konzentrischen Kreise im Wasser erreichen werden.«

Kapitel 15

Buddog brachte Eadulf das Abendessen; sie machte einen recht verdrießlichen Eindruck. Bald gesellte sich Fidelma zu ihm. Die Haushälterin schenkte ihr kaum Beachtung und verschwand.

»Was ist los?« fragte Eadulf und nahm sich etwas von dem Schmorfleisch.

»Ich hatte gehofft, daß Elen hier wäre, damit wir unsere aufschlußreiche Unterhaltung mit ihr fortsetzen könnten.«

In gemeinschaftlichem Schweigen verzehrten sie ihr Abendbrot. Eine nervöse, tölpische junge Magd trat ein, um den Tisch abzuräumen.

»Alle scheinen heute abend fort zu sein. Weißt du, wo Lady Elen ist?« sprach Fidelma sie an.

»Sie ist weg, Schwester.« Die Magd schaute unruhig um sich.

»Weg?« fragte Fidelma.

»Kurz nach eurer Rückkehr verließ sie das Haus.« Das Mädchen blickte ängstlich zur Tür und holte ein kleines gerolltes Pergament unter ihrer Bluse hervor. »Sie bat mich, dir das heimlich zu geben. Da steht etwas drauf, doch ich kann es nicht lesen, und sie wollte mir auch nicht sagen, um was es sich handelt.«

Fidelma schaute auf das Pergament aus Ziegenleder, es enthielt eine lateinische Botschaft. »Du wirst das doch aus deinem Gedächtnis streichen, nicht wahr?« sagte sie zu der Magd.

»Natürlich, Schwester. Elen behandelt mich gut. Eines Tages hoffe ich ...«

»Hoffst du was?«

»Ich bin eine Geisel, Schwester. Vor zwei Jahren wurde ich bei dem Überfall auf das Königreich Gwent von Gwnda gefangengenommen. Ich möchte nicht wie Buddog enden. Sie ist seit Ewigkeiten hier Dienerin. Elen versprach mir, daß ich eines Tages vielleicht frei sein könnte.«

»Deo volente«, seufzte Fidelma und fügte hinzu, da die Magd kein Latein verstand: »So es Gottes Wille ist.«

Die junge Magd knickste kurz und eilte hinaus.

»Was steht denn nun da?« erkundigte sich Eadulf ungeduldig.

»Es ist eine Nachricht von Elen, auf Latein.« Fidelmaschwenkte das Pergament hin und her. »Da steht nur: Trefft mich nach dem Abendessen an der Hütte im Wald, wenn ihr könnt. Sagt niemandem etwas davon.«

Eadulf schürzte skeptisch die Lippen. »Ziemlich dramatisch«, bemerkte er. »Gehen wir hin?«

»Natürlich gehen wir hin«, erwiderte Fidelma.

Als sie die Lichtung im Wald erreichten, wo sie auf die Leiche von Bruder Meurig gestoßen waren, war es zwar noch früh am Abend, doch der Himmel war bereits stockdunkel. Schwarze Regenwolken waren plötzlich von Westen her aufgezogen, ein feiner Nieselregen fiel, der Himmel war sternenlos und bedrük-kend, nicht einmal den vertrauten Mond konnte man sehen. Außerdem war es eisig kalt.

»Ein eigenartiger Treffpunkt«, murmelte Eadulf, als sie sich mit ihren Pferden lautlos der Hütte näherten. Die Behausung lag nur eine halbe Reitstunde von der Ortschaft entfernt. Sie hatten zuvor überlegt, ob sie ihre Pferde zurücklassen sollten, damit man sie nicht bemerkte; es war zu Fuß leichter, ungewollten Begegnungen auszuweichen als zu Pferde. Doch ihnen war klar, daß sie dadurch mehr Zeit benötigten und ihr Unternehmen beschwerlicher wurde.

»Offensichtlich fürchtet sich Elen nicht vor Geistern. Immerhin wurde hier vor kaum zwölf Stunden ein Mönch umgebracht.«

»Mortui non mordent«, versicherte ihm Fidelma.

»Tote können vielleicht nicht beißen, aber ...« Eadulf verstummte für einen Moment. »»Absit omen!«

Ein Licht bewegte sich am Eingang der Hütte -dort stand jemand mit einer Laterne.

»Schwester Fidelma? Bist du es?«

Elens ängstliche Stimme drang zu ihnen.

»Ich bin’s und Bruder Eadulf«, rief Fidelma. Sie bewegten sich auf das Licht zu und saßen ab. Eadulf führte die Pferde an die Seite der Hütte, wo auch Elens Pferd angebunden war.

Sie folgten dem Mädchen ins Innere der Hütte. Man hatte sie gesäubert, nur der dunkle vielsagende Fleck auf dem Boden war noch da, die Stelle, an der Bruder Meurig zu Tode gekommen war. Elen stellte die Laterne auf den Tisch und setzte sich auf eine Bank in einer Ecke. Fidelma nahm auf einem kleinen Holzschemel ihr gegenüber Platz, während Eadulf sich umschaute und sich dann unbeholfen am anderen Ende der Bank niederließ, auf der das Mädchen saß.

»Ein unwirtlicher Treffpunkt«, stellte Eadulf fest. »Und äußerst kalt«, fügte er zähneklappernd hinzu.

Das Mädchen stimmte ihm zu. »Aber lieber Unbequemlichkeit als Wärme und neugierige Augen und Ohren.«

»Hast du es wirklich ernst gemeint, als du sagtest, daß Mair aus Versehen umgebracht wurde und eigentlich du sterben solltest?« fragte Fidelma ganz direkt und sehr eindringlich.

Elen nickte unglücklich.

»Wer hat es auf dich abgesehen deiner Meinung nach, und aus welchem Grund?«

»In dieser Gegend treibt sich ein Geächteter herum, er heißt .«

»Clydog?« warf Eadulf ein. »Clydog Cacynen?«

»Ihr kennt ihn?« fragte das Mädchen verwundert.

Fidelma lächelte düster. »Wir hatten das Vergnügen, eine gewisse Zeit in seiner Gesellschaft verbringen zu müssen. Warum sollte er es auf dich abgesehen haben?«

»Letzte Woche bin ich durch den Wald nach Süden geritten. Mit dem einen Fuß meines Pferdes schien etwas nicht zu stimmen. Also stieg ich ab, um nachzusehen, was es ist. Da hörte ich unweit von mir laute, zornige Stimmen. Ich ließ mein Pferd stehen und schlich näher. Ich .« Sie hielt kurz inne und machte eine rechtfertigende Geste. »Ich bin neugierig und wollte wissen, wer sich da mit wem stritt und worüber.

Auf einer kleinen Lichtung abseits des Weges, den ich geritten war, waren drei Männer so in ihren Streit vertieft, daß ich, hinter ein paar Sträuchern verborgen, sie aus allernächster Nähe betrachten konnte. Einer von ihnen war ein Mönch, ein Mann mit breiten Schultern. Ich muß ihm schon irgendwo begegnet sein, doch ich weiß nicht, wo.«

»Wieso kam er dir bekannt vor?« fragte Eadulf verwundert.

Das Mädchen dachte nach. »Das kann ich nicht genau sagen. Vielleicht habe ich mich auch geirrt. Es war einfach so ein Gefühl.«

»Erzähl weiter«, forderte Fidelma sie auf. »Hast du die anderen erkannt?«

»Nur einen von ihnen. Das war Clydog Cacynen.«

»Woher kennst du ihn?«

»Vor ein paar Monaten lief ich mit einer Freundin nach Llanferran, und wir kehrten in Goffs Herberge ein, um uns zu stärken.«

»Da war ich auch schon«, meinte Fidelma.

»Als wir eintrafen, ritten Clydog und seine Männer vor und verlangten von Goff, daß er ihre Pferde neu beschlägt. Sie hatten es viel zu eilig, als daß sie uns beiden Mädchen bemerkt hätten. Da sah ich Clydog zum erstenmal und erkannte ihn folglich im Wald wieder.«

»Was ist mit dem dritten Mann?« wollte Eadulf wissen.

Elen schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung, wer das war. Irgendein Krieger.«

»Also einer von Clydogs Männern?«

»Vielleicht.«

»Trug er einen Helm und hatte blaue Augen?«

»Er trug keinen Helm. Ich glaube, er hatte sandfarbenes Haar, doch seine Augenfarbe . Ich bin mir nicht sicher.«

»Und worum drehte sich die heftige Auseinandersetzung?«

»Ich habe wenig verstanden. Das Eigenartige war .« Sie zögerte. »Das Eigenartige war, daß der Mönch Clydog und dem anderen Mann Befehle erteilte.«

»Kannst du dich genau daran erinnern, was gesagt wurde?«

»Nicht so recht. Ich entsinne mich nur, daß Clydog etwas über einen Plan sagte, der . Wie war doch gleich das Wort? . der zu verworren war, das war es. Verworren und keine Aussicht auf Erfolg hätte.«

»Was für ein Plan?«

Elen zuckte mit der Schulter. »Das weiß ich nicht. Der Mönch wandte sich an Clydog und sagte etwas wie, daß er seine Anweisungen befolgen müsse, sonst würde es ihm schlecht ergehen. Etwas in der Art.«

»Was hat Clydog daraufhin erwidert?«

»Er war trotzig, doch schien er dem Mönch gegenüber zu einer gewissen Ehrerbietung verpflichtet.«

»Das klingt nicht nach dem Clydog, den wir kennengelernt haben«, murmelte Eadulf. »Der hatte keinen Respekt vor Nonnen und Mönchen.«

Elen lächelte schwach. »Du hast recht, Angelsachse. Clydog respektiert den christlichen Glauben nicht. Darüber erzählen sich die Leute hier jede Menge Geschichten. Er soll ein grausamer und böser Kerl sein. Der König selbst hatte Krieger gesandt, um ihn aus den Wäldern zu vertreiben, doch ohne Erfolg.«

»Doch diesem Mönch gegenüber zeigte er Ehrerbietung?« sann Fidelma nach. »Sprich weiter, Elen. Was geschah dann?«

»Der andere Mann, der Krieger, schien eher auf Seiten des Mönches zu stehen. Er sagte etwas wie, der König hätte diesen Plan selbst ausgearbeitet, daran erinnere ich mich. Und der Erfolg sei garantiert, wenn man ihn genau einhielte.«

Eadulf blickte zu Fidelma. »Der König? Gwlyd-dien?«

Elen zuckte die Schultern. »Er sagte einfach nur >der König<. Gwlyddien ist der König von Dyfed. Clydog wies das zurück. Er sagte etwas wie, unter dem Zwang des Schwertes die Macht übernehmen. Der Mönch meinte, daß sich alle Königreiche gegen sie wenden würden, wenn sie nicht einen gesetzlichen Anspruch darauf erkennen könnten. Genau in dem Moment schnaubte mein Pferd und stampfte mit den Hufen.

Clydog und der Krieger blickten beunruhigt in meine Richtung. Ich rannte los. Ich hörte, wie sie hinter mir herriefen und mich verfolgten. Ich sprang auf mein Pferd und galoppierte davon. Sie hatten ihre Pferde offenbar ein Stück entfernt abgestellt, denn sie sind mir nicht weiter auf den Fersen geblieben.«

Fidelma setzte sich nachdenklich auf ihrem Schemel zurecht. »Weshalb bist du überzeugt davon, daß du und nicht Mair dran glauben sollte?«

»Mair und ich waren gleich alt, wir hatten eine ähnliche Figur und die gleiche Haarfarbe. Manchmal hat man uns für Schwestern gehalten. Erst als ich über Mairs Tod nachdachte und mir klar wurde, daß der arme Idwal nie und nimmer ihr Mörder gewesen sein kann, da wurde mir das bewußt.«

»Was wurde dir bewußt?« fragte Eadulf.

»Daß Clydog mich kurz gesehen haben muß, als ich vor ihm floh. Er glaubte wohl, ich hätte etwas Wichtiges belauscht, etwas Geheimes. Ich nehme an, daß Clydog Mair im Wald begegnet ist und sie mit mir verwechselt hat. Ich denke, daß Clydog sie umgebracht hat.«

Fidelma reagierte nicht weiter auf Elens Behauptung, sondern fragte: »Hast du jemandem erzählt, daß du das Gespräch der drei Männer mit angehört hast?«

Elen verneinte.

»Aber deinem Vater hast du es doch sicher gesagt? Als Fürst von Pen Caer ist er die oberste Gewalt hier. Er sollte über alle finsteren Machenschaften auf seinem Gebiet Bescheid wissen.«

Das Mädchen schüttelte abwehrend den Kopf. »Ich dachte, es wäre besser, die Sache für mich zu behalten. Ich habe mich vor Clydogs Rache gefürchtet, und das, wie sich später zeigte, mit gutem Grund.«

»Doch nachdem Mair tot war, hast du es da nicht für klüger erachtet, deinen Vater einzuweihen?« fragte Eadulf.

»Nein, das habe ich nicht getan. Vielleicht war das selbstsüchtig, vielleicht auch gefühllos. Ich war der Meinung ...« Auf einmal begann sie zu schluchzen. Nach einer Weile sagte sie: »Ich empfand nur Erleichterung, als mir klar wurde, daß Mair an meiner Stelle das Opfer geworden war. Ich dachte, daß es nun ein Ende hätte. Daß Clydog nicht mehr hinter mir her sein würde. Daß ich von jetzt an nichts mehr zu befürchten hätte. Das war alles, was ich dachte. Möge Gott mir vergeben.«

Fidelma lehnte sich vor und berührte den Arm des Mädchens. »Dein Verhalten war ganz normal, Elen. Also hast du dein Geheimnis für dich bewahrt?«

Elen trocknete sich die Augen und nickte.

»Und warum hast du beschlossen, uns das alles jetzt zu offenbaren?« erkundigte sich Eadulf.

Elen schaute ihn verwirrt an, doch Fidelma lächelte ihr aufmunternd zu. »Das ist eine gute Frage«, sagte sie. »Du hättest ja weiter darüber schweigen können. Du hättest es niemandem zu sagen brauchen.«

Elen hielt den Kopf gesenkt.

»Nun komm schon, es muß doch einen Grund geben, oder?« redete ihr Fidelma zu.

Plötzlich blitzte es, dann folgte ein ohrenbetäubender Donner. Ganz in der Nähe krachte es laut, ein Feuerschein verriet, daß der Blitz in einen Baum gefahren war.

Die Pferde wieherten. Ein dumpfer Schlag traf eine Wand der Hütte, denn eines der Pferde hatte sich aufgebäumt und war mit den Vorderhufen dagegen getreten.

Elen war erschrocken aufgesprungen.

»Beruhige dich. Es ist nur das Gewitter«, erklärte ihr Fidelma. Sie ging zur Tür. Heftiger Regen prasselte herab und verwandelte den Boden um die Hütte herum in einen Schlammfluß. Als Fidelma zum Himmel aufschaute, zuckte gerade ein weiterer Blitz auf. Diesmal war der Abstand zwischen Blitz und Donner größer. »Ich sehe besser mal nach den Pferden«, sagte Fidelma.

»Du kannst da jetzt nicht rausgehen«, entgegnete ihr Eadulf. »Ich werde das machen.«

»Eadulf, du sagst immer, daß du dich mit Pferden nicht gut auskennst. Ich kann besser mit ihnen umgehen und werde sie beruhigen.«

Schon wieder blitzte es. In Gedanken zählte Eadulf die Sekunden zwischen Blitz und Donner.

»Das Unwetter zieht ab«, verkündete er eher voller Hoffnung als mit Gewißheit.

Fidelma zog sich ihren Wollmantel über den Kopf und trat hinaus. Durch das Prasseln des Regens hindurch konnte man kaum etwas verstehen, doch Elen meinte, Fidelmas Stimme zu hören, wie sie auf die Pferde einredete. Nach einer Weile kehrte sie völlig durchnäßt zurück. Eadulf fand in der Hütte ein paar trockene Holzscheite. Mit Hilfe der Zunderbüchse, die er stets bei sich trug, hatte er bald ein Feuer angefacht. Fidelma legte ihren Mantel ab und stellte sich vor die lodernden Flammen, um ihre Kutte zu trocknen. Der Donner klang ferner, und der Regen war in ein leichtes Tröpfeln übergegangen. Das Unwetter zog nun auf das Landesinnere zu.

»So«, sagte Fidelma nach einer Weile, »vielleicht können wir jetzt noch einmal zur Sache kommen.«

»Ich habe Elen gefragt, warum sie sich entschieden hat, uns ihr Erlebnis im Wald anzuvertrauen ...«, fing Eadulf an.

»Ja, genau«, sagte Fidelma, an Elen gewandt, die sich wieder auf die Bank gesetzt hatte. »Warum hast du uns all das gebeichtet und nicht deinem Vater?«

»Ich hab es ja meinem Vater erzählt.« Elens Stimme klang ganz ruhig.

»Weiß er, daß du uns ins Vertrauen ziehst?«

Sie nickte. »Ich habe es ihm gesagt.«

»Also Gwnda weiß, daß du uns triffst und uns diese Dinge erzählst?« fragte Eadulf ein wenig fassungslos.

»Ja.«

»Und warum lüftest du das Geheimnis ausgerechnet jetzt?« wollte Fidelma wissen.

Elen blickte sie mit erschrockenen Augen an. »Ich habe den Krieger wiedergesehen, der, der damals bei Clydog war. Ich glaube, er hat mich erkannt.«

»Wann war das?« fragte Fidelma.

»Heute nachmittag, als ich aus Cilau zurückkehrte.«

»Und wo?«

»In Llanwnda. Versteht ihr denn nicht?« Ihre Stimme war vor Verzweiflung laut geworden. »Er war in Llanwnda. Ich bin mir sicher, daß er mich wiedererkannt hat. Mein Leben ist in Gefahr. Er wird es Clydog berichten, und Clydog wird merken, daß er die Falsche umgebracht hat.« Wieder begann Elen zu schluchzen.

»Wo hast du den Krieger in Llanwnda getroffen?«

»Bei Iorwerths Schmiede.«

Rasch blickte Fidelma zu Eadulf. »Bei Iorwerths Schmiede, sagst du?«

»Auf dem Rückweg aus Cilau bin ich dort vorbeigekommen. Da saß der Krieger in der Nähe der Schmiede und trank einen Becher Met. Ich bin mir sicher, daß er mich vorbeigehen sah und mich erkannt hat. Ich lief zügig vorbei, doch als ich mich kurz umsah, bemerkte ich, daß er aufgestanden war und sich mit Iorwerth unterhielt. Beide blickten mir hinterher.«

»Und das hast du alles deinem Vater erzählt?«

»Er sagte, daß ich ein paar Tage verschwinden sollte, während er die Dinge wieder ins rechte Lot bringen wollte.«

»Wirklich?« murmelte Fidelma.

»Ich sagte, daß ich euch davon erzählen würde.«

»Und er hatte nichts dagegen einzuwenden?« fragte Eadulf erstaunt.

»Er sagte, daß es so am besten sei.«

»Ich verstehe«, erwiderte Fidelma nachdenklich.

»Wirklich?« Elen war sehr aufgewühlt. Ihre Stimme klang auf einmal ein wenig hysterisch. »Merkt ihr denn nicht, daß Iorwerth irgendeine Verbindung zu den Leuten haben muß, die seine Tochter ermordet haben? Er hat sogar dafür gesorgt, alles zu vertuschen, indem er sich dem Pöbelhaufen anschloß, der den armen Idwal umbrachte.«

Kapitel 16

»Du vermutest doch nur, daß Iorwerth in die Sache verwickelt ist«, sagte Fidelma und versuchte Elen zu beruhigen.

Elen schüttelte trotzig den Kopf.

»Du mußt logisch denken«, redete ihr Fidelma zu. »Der Krieger kann ebensogut in der Schmiede gewesen sein, um sein Pferd neu beschlagen zu lassen. Wieso glaubst du, daß er und Iorwerth etwas miteinander zu tun haben?«

»Weil sie miteinander gelacht und getrunken haben, als ich vorbeilief. Was sollte das sonst bedeuten, außer daß sie unter einer Decke stecken? Ich weiß, daß er mich erkannt hat und Iorwerth gefragt hat, wer ich bin.« Das Mädchen war offenbar sehr von seiner Sicht der Dinge überzeugt.

»Weißt du denn, was dein Vater inzwischen unternommen hat? Wollte er Iorwerth zur Rede stellen?«

»Ich weiß nicht, was er vorhat. Er sagte, ich solle verschwinden, bis er alles erledigt hätte.«

»Und er hatte nichts dagegen, daß du uns einweihst?« wollte Fidelma noch einmal wissen. Sie wandte sich Eadulf zu. »Ist es nicht eigenartig, daß er uns gegenüber nichts davon erwähnte, als wir bei Iorwerth in der Schmiede waren?«

»Vielleicht wollte er nicht, daß Iorwerth etwas davon erfährt«, gab Eadulf zu bedenken.

»Vielleicht«, stimmte ihm Fidelma widerwillig zu. »Sag mir, Elen, meinst du, daß Iestyn auch damit zu tun hat?«

»Er ist Iorwerths Freund.«

»Doch was für eine Art Mann ist er?«

»Heute ist er Bauer. Aber früher hat er als Krieger an vielen Kämpfen teilgenommen. Jetzt ist er alt, alt und verbittert, und meint, daß die Jugend ihm nicht genügend Respekt zollt.«

»Wo genau liegt sein Hof?« fragte Fidelma interessiert.

»Kennst du die Brücke über den Fluß, die in die Ortschaft hineinführt? Dort, wo sich Iorwerths Schmiede befindet?«

»Ja.«

»Ehe man die Brücke überquert, biegt man nach rechts ab und folgt dem Pfad. Ungefähr eine Meile am Fluß entlang. Am Ende des Weges liegt sein Gehöft.«

»Ist er verheiratet?«

»Er war verheiratet.«

»Kinder?«

»Sind alle in den Grenzkriegen für Gwlyddien gefallen. Das ist ein Grund für seine Verbitterung.« Elen schwieg kurz und blickte von einem zum anderen. »Es ist spät geworden. Wißt ihr jetzt genug von mir?«

Fidelma nickte.

»Was hast du vor?« fragte Eadulf das Mädchen, als es aufstand und sich den Mantel um die Schultern warf.

»Ich will fort von hier. Ich habe den Dienern meines Vaters gesagt, daß ich in Cilau bei meiner Cousine bleibe. Doch dorthin werde ich nicht gehen.«

»Wohin denn dann?« fragte Fidelma. »Mach dir keine Gedanken, du kannst uns voll vertrauen. Falls ich diesen Fall löse, was ich vorhabe, muß ich wissen, wo du dich aufhältst. Du könntest als Zeugin gebraucht werden.«

»Du wirst es niemandem verraten?« fragte das Mädchen unsicher.

»Nein.«

Elen blickte zu Eadulf, der ebenfalls nickte.

»Südwestlich von hier liegt ein Ort namens Llanrhian. Dort habe ich eine Freundin. Da will ich hin.«

»Etwa noch heute nacht? Bei diesem Wetter?«

»Besser nachts. Ich kenne den Weg sehr gut, niemand wird mich sehen.«

In der Ferne rollte der Donner. Elen zuckte zusammen. Dann fuhr ihre Hand in eine Tasche ihres Kleides, holte etwas hervor und reichte es Fidelma.

»Ich möchte, daß du das aufbewahrst. Idwal hat es mir gegeben, damit ich es für ihn hüte. Es war das einzig Wertvolle, was er besaß. Er fürchtete, die Leute, die ihn gefangengenommen hatten, würden es ihm wegnehmen.«

Fidelma betrachtete den Gegenstand. Es war eine Kette aus Rotgold, an dem sich ein mit Juwelen verzierter Anhänger befand, der einen Hasen darstellte.

»Wann hat dir Idwal die Kette gegeben?« fragte Fidelma.

»An dem Tag, an dem er als Gefangener in unser Haus gebracht wurde.«

»An dem Tag, als Mair ermordet wurde?«

»Genau. Die Kette hätte seiner Mutter gehört, sagte Idwal, und er hatte sie von Iolo, dem Schäfer bekommen, der ihn aufzog.«

Elen drehte sich zur Tür um und blickte in die immer schwärzer werdende Nacht hinaus.

»Ich habe euch gesagt, was ich weiß. Ich muß los. Betet für mich, denn mir ist klar, wie falsch es war, so lange über die Todesursache der armen Mair geschwiegen zu haben.«

»Wir werden dafür beten, daß du sicher an dein Ziel gelangst, Elen«, versprach ihr Fidelma ernst. »Was Mair betrifft, so mußt du allein mit deinem Gewissen ins reine kommen. Vielleicht hast du recht, vielleicht auch nicht. Ganz gleich, wie es ist, dich trifft keine Schuld, glaub mir.«

Das Mädchen lächelte und verließ die Hütte. Sie hörten, wie sie sich auf ihr Pferd schwang und davonritt.

Eadulf schaute zu Fidelma hinüber, die immer noch am Feuer stand, damit die Kleider trockneten.

»Nun, es sieht fast so aus, als klärten sich die Dinge ganz von selbst. Du hattest recht, was Idwals Un-schuld betrifft. Es war offensichtlich Clydog, der Mair ermordet hat.«

Fidelma schüttelte den Kopf. Sie hob die Kette mit dem funkelnden Anhänger hoch.

»Ganz im Gegenteil, Eadulf. Ich glaube, die Angelegenheit ist jetzt nur noch verworrener. Wir können nichts mehr für bare Münze nehmen. Daß Clydog Mair anstelle Elens umgebracht hat, ist nur eine Vermutung, für die es an Beweisen fehlt.«

»Du hast gehört, was das Mädchen sagte. Das paßt doch alles zusammen, oder?«

»Aber welche Rolle spielt Gwnda dabei? Du hast ihn verdächtigt. Er war indirekt beteiligt an der Ermordung Idwals. Warum? Wollte er ihn mundtot machen? Weshalb? Falls Gwnda wirklich glaubte, daß Idwal schuldig war, warum läßt er es zu, daß uns seine Tochter ihre Geschichte anvertraut? Das ist doch alles sehr seltsam. Oder etwa nicht?«

»Würde Gwnda sich zum Komplizen einer Verschwörung machen, die die Ermordung seiner Tochter zum Ziel hatte? Was war das für eine Verschwörung? Warum sollte er Elen davon abhalten, über das zu sprechen, was sie zufällig im Wald aufgeschnappt, aber nicht richtig verstanden hat? Ich sehe keinen Grund. Und ich weiß nicht, wie wir weitermachen sollen.«

»Das ist mir ganz klar«, sagte Fidelma und blickte aus der Tür. Es regnete kaum noch. »Wir sollten uns wohl noch einmal mit Iestyn unterhalten«, fuhr sie fort. »Danach ist Iorwerth wieder an der Reihe, der uns sagen muß, was er über den fremden Krieger weiß.«

Eadulf seufzte. »Deshalb warst du so sehr darauf aus, mehr über Iestyn zu erfahren.«

Fidelma griff ihren immer noch feuchten Mantel und hängte ihn sich um. Dann ging sie zu den Pferden hinaus. Eadulf löschte das kleiner gewordene Feuer und folgte ihr nach draußen. Der Nieselregen hatte zwar aufgehört, doch die Nacht war kalt und feucht.

Schweigend ritten sie zurück in Richtung Brücke. Kurz vor der Brücke schlug Fidelma den Weg entlang des Flusses ein, den Elen ihr beschrieben hatte. Zu ihrer Linken strömte das dunkle Wasser, zu ihrer Rechten bildeten die Bäume und das Unterholz einen dichten Wall.

Eadulf beugte sich nach vorn, um besser sehen zu können. Es war stockfinster. Immer noch hingen schwere Regenwolken über ihnen. Weder Mond noch Sterne drangen hindurch. Unter solchen Umständen vertraute Eadulf Fidelmas Gewandtheit als Reiterin, ließ sie voranreiten und überließ es seinem Pferd, einen sicheren Weg zu finden.

Die Strecke war länger, als Fidelma geschätzt hatte. Schließlich sah sie vor sich ein Licht und erkannte die vagen Umrisse von Gebäuden. Das war also Iestyns Gehöft. Sie drehte sich zu Eadulf um, der nichts weiter als ein dunkler Schatten in der Schwärze der Nacht war.

»Wir wollen nicht gleich auf uns aufmerksam machen«, flüsterte sie ihm zu.

Sie führte ihr Pferd um eines der Gebäude herum. Es war offenbar die Scheune, in deren Schutz sie anhielt und absaß. Sie entdeckten einen großen Busch, an dem sie die Pferde festbinden konnten. Dann tasteten sie sich zu einer Ecke der Scheune vor.

Licht schien durch die Fenster des Haupthauses, ein schwacher Schein fiel über den Hof.

»Was siehst du?« fragte Eadulf und versuchte, etwas in dem Halbdunkel zu erspähen.

»Still!« zischte ihn Fidelma an. »Vor dem Haus sind zwei Pferde angebunden.«

»Ja, und?« erwiderte Eadulf, der nun genauso leise sprach wie sie.

»Das sind keine Ackergäule.«

»Ich verstehe nicht«, murmelte er, trat versehentlich in irgendwelchen Schlamm und stöhnte verärgert auf.

»Das sind zwei Streitrosse. Welche Krieger besuchen wohl des Nachts ein abgelegenes Bauerngehöft?«

»Clydog?« flüsterte Eadulf auf einmal beunruhigt.

»Es könnten alle möglichen Leute sein. Freunde. Selbst Verwandte. Aber wir sollten wohl lieber auf der Hut sein.«

Eadulf hatte schon einen Einwand auf den Lippen, doch dann zog er es vor zu schweigen. Aus Dank dafür, daß das Gewitter vorbei war und der Regen aufgehört hatte, murmelte er ein Gebet.

Fidelma lief vorsichtig auf das Bauernhaus zu. Sie erreichte, ohne ein Geräusch zu machen, ein Fenster und spähte hinein. Durch das grobe, undurchsichtige Glas konnte sie aber nichts erkennen. Sie sah sich zu Eadulf um und schüttelte den Kopf.

»Ich kann nichts entdecken«, flüsterte sie. »Aber ich glaube, daß Iestyn und seine Besucher im Haus sind.«

»Was machen wir jetzt?« fragte Eadulf. »Warten wir hier draußen im Feuchten, oder sollten wir einfach anklopfen?«

Fidelma berührte Eadulf am Arm und zeigte zur Scheune hinüber, hinter der sie ihre Pferde angebunden hatten. Gebückt liefen sie über den Hof und hatten das schwarze offenstehende Tor fast erreicht, als sich ein Schatten bewegte.

Ein bedrohliches Knurren, das in ein hohes Gebell überging, warnte sie, dann sprang ihnen ein riesiger Hund aus der Scheune entgegen. Er war nur einen Meter von Fidelma entfernt, als plötzlich sein Bellen verstummte und nur noch ein schmerzerfülltes Winseln zu hören war. Es kam Eadulf so vor, als sei das Tier mitten im Sprung aufgehalten worden. Es sank zu Boden, vor Schmerzen japsend und jaulend.

Eadulf konnte erkennen, daß der Hund angekettet war. Wären sie näher an der Scheune dran oder die Kette des Hundes länger gewesen, so hätte er sie erwischt.

Die Pferde im Hof fingen unruhig zu wiehern an. Der Hund knurrte und bellte beleidigt. Eadulf sah sich voller Verzweiflung um, packte dann Fidelma am Arm und schob sie auf ein kleines Gebäude zu, das von einer niedrigen Mauer umgeben war. Er sprang über die Mauer und half dann Fidelma auf die andere Seite. Um sie herum regte es sich. Dem Gestank nach mußten sie in einem Schweinekoben gelandet sein.

Die Schweine beschnüffelten sie eingehend, legten sich dann aber - gleichgültig gegenüber den beiden Eindringlingen - wieder hin.

Vorsichtig hoben Fidelma und Eadulf die Köpfe. Am anderen Ende des Hofes ging gerade die Tür des Bauernhauses auf. Ein Mann hielt eine Laterne hoch. Der Hund bellte immer noch aufgebracht.

»Still, Ci!« fuhr ihn der Mann schroff an. »Was zum Teufel ist denn nur los mit dir?«

Sie erkannten Iestyn. Ein anderer Mann stellte sich neben ihn. Fidelma holte tief Luft und flüsterte dann Eadulf ins Ohr: »Das ist Corryn.«

Der Hund winselte ungeduldig, als er seinen Herrn sah.

»Was hat den Hund so aufgebracht?« fragte Cor-ryn.

»Da draußen ist nichts«, erwiderte Iestyn. »Die Pferde sind scheu. Vielleicht haben sie ihm einen Schrecken eingejagt.«

»Vielleicht«, stimmte ihm Corryn zögernd zu. Er blickte sich im Dunkel um.

Nun gesellte sich ein Dritter dazu. »Dein Haus liegt weitab von der Ortschaft«, sagte dieser. »Da würde doch sicher niemand mehr so spät hier vorbeikommen, oder?«

Iestyn lachte bitter.

»Niemand kommt hier in einer solchen Nacht vorbei. Das da vorn ist der einzige Weg vom und zum Ort. Das weißt du. Und überhaupt, warum macht ihr euch solche Sorgen? Ich hätte mir mehr Gedanken darüber gemacht, am hellichten Tag in den Ort zu reiten. Man hätte dich erkennen können.«

Der dritte Mann lachte auf. »Ich glaube nicht, daß man mich erkannt hat. Dagegen habe ich das Mädchen wiedererkannt. Doch ich bin mir sicher, daß sie nicht wußte, wer ich bin. Egal, ich weiß ja nun, wer sie ist. Gwndas Tochter.«

»Genau«, warf Corryn ein. »Was ist, wenn sie jemandem etwas erzählt hat? Das Ganze war sehr gefährlich. Es könnte alle unsere Pläne zunichte machen.«

»Doch nur, wenn sie etwas aufgeschnappt hat. Sie hat wahrscheinlich gar nichts mitbekommen. Dennoch geht alles viel zu schleppend voran. Ceredigion kann nicht länger hingehalten werden.«

»Wenn Artglys mit Dyfed ein Bündnis eingehen will, muß er warten«, hielt ihm Corryn vor. »Wir haben soviel Zeit damit zugebracht, den Plan heranreifen zu lassen, da werden wir ihn doch jetzt nicht einfach aufgeben. Und welche Wahl hätte Artglys denn? Er hat keine.«

Der andere zuckte mit den Schultern. »Die Krieger von Ceredigion sind gut ausgebildet und bereit zum Kampf. Wir können sofort in den Krieg ziehen.«

Corryns Stimme klang herausfordernd. »Glaubst du denn etwa, daß in Dyfed Schwächlinge leben? Wie oft ist Ceredigion schon gegen Dyfed in den Krieg gezogen? Seit Ceredigs Zeiten habt ihr immer neidisch auf dieses Königreich geschaut. Oft habt ihr versucht, es zu erobern, aber es hat euch widerstanden. Es wird sich nicht bezwingen lassen, nur weil Ceredigion in die Schlacht zieht; es wird nur durch eine List zu erobern sein. Also wollen wir uns schön an den Plan halten, den wir so sorgfältig ausgearbeitet haben.«

Der Dritte schob zornig die Kinnlade vor. »Der Plan wird befolgt, solange mein Lord Artglys es sagt!«

»Dann solltest du besser deinen König fragen, ob er an dem Bündnis noch interessiert ist oder nicht.« Corryn wandte sich ab.

»Und du solltest Clydog nach seinen Absichten fragen!« rief ihm der Krieger zu.

Corryn drehte sich rasch um. »Clydogs Absichten sind nicht die meinen!« fuhr er ihn barsch an. »Geh nur und teile Artglys’ Handlanger, dem guten Morgan, mit, daß er mit der nächsten Stufe des Plans beginnen sollte. Wir müssen dafür sorgen, daß Gwlyd-dien selbst bald loslegt. Offensichtlich braucht es noch ein paar Leichen mehr, um seine Wut zum Überkochen zu bringen. Noch ein paar niedergemetzelte Mönche am Strand könnten ihn vielleicht in Rage versetzen. Verstehst du?«

Der dritte Mann schien zu zögern. »Nun gut«, sagte er dann. »Ich begreife jetzt, warum man dich die Spinne nennt, mein Freund. Warten, Ränke schmieden, beobachten, und dann ... Wollen wir hoffen, daß wir Geduld bewahren. Ich werde Artglys sagen, was du wünschst.«

Ohne ein weiteres Wort ließ er die anderen beiden stehen und ging zu seinem Pferd. Er saß auf und verschwand im Dunkel der Nacht, ohne sich noch einmal umzusehen.

Iestyn stand noch neben Corryn und hielt die Laterne hoch, so als würde er dem Davonreitenden hinterherblicken.

»Ist das ein arroganter Kerl, mein Herr«, sagte der Bauer abschätzig.

»Ein wahres Wort«, stimmte ihm Corryn zu. »In den kommenden Tagen sollten wir uns ein Urteil über ihn bilden. Denk daran, daß es sich hier nicht um einen foedus amorum handelt, sondern um einen Vertrag zu unserem Nutzen, der aufgelöst werden kann, sobald das Ziel erreicht ist.«

»Vertraust du Clydog, Herr?«

»Überhaupt nicht.« Corryn lachte laut. »Sein Vater tut das wohl auch nicht, wie mir scheint. Hat er Cly-dog nicht losgeschickt, um in Dyfed Unruhe zu stiften und nicht in seinem Haus? Da fällt mir ein, daß ich zu ihm muß. Gibt es sonst noch etwas Neues von dieser Frau ... der Gwyddel und ihrem sächsischen Freund?«

»Sie sind wieder da und haben sogar mich und Ior-werth ausgehorcht. Die Gwyddel interessiert sich aber mehr für Mairs Mörder als für unsere Machenschaften.«

»Könnte Iorwerth etwas ausgeplaudert haben, was sie auf unsere Spur führt? Dieser Idiot aus Ceredigion hätte nicht sein Pferd in Iorwerths Schmiede beschlagen lassen dürfen.«

Iestyn schüttelte schnell den Kopf. »Was sollten sie erfahren haben? Geheime Informationen überbringen wir im geheimen. Iorwerth hat damit nichts zu tun; es besteht keine Möglichkeit, unserem Plan zuvorzukommen.«

Corryn schwieg eine Weile. »Du hast vielleicht recht, mein Freund. Doch die Schwester ist keine Närrin. Ich habe gehört, daß diese Richter an den Gerichten von Ei-reann sehr listenreich und findig arbeiten. Sie sicher auch. Und der Sachse ebenso. Mir ist es unbegreiflich, wie leicht sie Clydog reinlegten und aus seinem Lager fliehen konnten. Doch es ist ihnen gelungen!«

»Wenn die Zeit reif ist, wirst du mit ihnen abrechnen können, Herr«, sagte Iestyn. »Jedenfalls haben sie keine Ahnung.«

»Trotzdem, Iestyn, mir gefällt es nicht, daß sie hier die Leute verhören.«

Iestyn lachte in sich hinein. »Mich mögen sie befragen, Herr. Hab keine Angst. Der Plan ist sicher. Sie scheinen sich nur für Mairs Tod zu interessieren.«

»Ich verlasse mich auf dich, Iestyn«, erwiderte der andere, »denn du weißt, was dir Verrat einbringt.«

Auf einmal herrschte Schweigen zwischen ihnen. Dann ging Corryn zu seinem Pferd und saß auf.

»Halte mich über die üblichen Kanäle auf dem laufenden, Iestyn. Wenn Morgan seine Anweisungen befolgt, wird Gwlyddien bald etwas unternehmen. Wenn er erst einmal angestachelt ist ... Das Königreich gehört uns!« Er hob zum Abschied die Hand und ritt in die Nacht hinein.

Iestyn sah ihn in der Dunkelheit verschwinden und ging zu seinem Hund. Der lag vor der Scheune, den Kopf zwischen den Pfoten; er jaulte.

»Gib Ruhe, Ci, du dummes Tier.«

Der Hund stand auf und bellte.

Iestyn sah sich zögernd um. Fidelma und Eadulf duckten sich tief hinter die Schweinestallwand.

»Oh, ich weiß«, sagte Iestyn. »Ich habe vergessen, dich zu füttern. Keine Sorge. Ich habe einen Knochen für dich.« Er ging zum Haus zurück.

Fidelma packte Eadulf am Arm, und kurz darauf waren sie beide über die Mauer geklettert. Der Hund hatte sie bemerkt und fing wieder an zu bellen. Sie hörten Iestyns verärgerte Stimme.

»Halt die Schnauze, du dummer Köter! Ich bringe den Knochen sofort!«

Fidelma und Eadulf eilten, so schnell sie konnten, zu den Pferden. »Komm, bloß fort von hier«, flüsterte Fidelma.

Als sie von der Scheune fortritten, schob sich plötzlich der Mond zwischen den Wolken hervor. Doch er konnte die stockfinstere Nacht kaum erhellen.

»Auf den Weg können wir nicht zurück«, sagte Fidelma. »Falls Iestyn den Hund losbindet, wird er uns einholen, und Corryn ist auch noch nicht weit genug weg. Vielleicht kehrt er noch einmal um.«

Eadulf sondierte den Fluß. »Hier ist eine Furt. Da ist er flach genug. Geh du voraus, Fidelma.«

Folgsam führte sie ihr Pferd ins Wasser und trieb es voran. Das Geräusch, das dabei entstand, wurde vom Rauschen des Flusses ein wenig weiter aufwärts gedämpft, denn dort drängte das Wasser über eine Barriere aus Felsen und Steinen, fast einem Wasserfall gleich. Eadulf folgte Fidelma dichtauf. Er konnte immer noch das Bellen des Hundes hinter ihnen hören.

Die Pferde stiegen mit Leichtigkeit die Uferböschung hinauf und verschwanden mit ihren Reitern bald in dem Baumdickicht, das den Fluß säumte. Dort einen Weg ausfindig zu machen war nicht einfach, doch schließlich gelangten sie auf einen schmalen Pfad. Er schien in die Ortschaft zu führen.

Als sie eine ziemliche Strecke geritten waren, brach Eadulf das Schweigen.

»Warum sind wir nicht dort geblieben und haben Iestyn zur Rede gestellt?«

Fidelma gönnte ihrem Pferd eine Pause. »Das wäre der falsche Zeitpunkt gewesen«, sagte sie.

»Corryn war doch fort«, meinte Eadulf. »Unser Erscheinen hätte Iestyn vielleicht überrascht, ihn zu einem Geständnis veranlaßt.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ganz im Gegenteil, ich glaube, daß selbst Iestyn dann gewußt hätte, warum sein Hund so laut angeschlagen hat. Jetzt haben wir die besseren Karten in der Hand. Wir kehren mit Kenntnissen zurück, die Iestyn uns nicht zutraut.«

»Ich muß zugeben, daß ich völlig durcheinander bin«, gestand Eadulf. »Jedesmal, wenn ich meine, daß die Dinge einen Sinn ergeben, werden sie undurchsichtiger.«

Fidelma klopfte ihrem Pferd nachdenklich den Hals. »Zum erstenmal sehe ich einen Lichtstreif am Horizont, Eadulf«, sagte sie zuversichtlich.

»Wie denn das?«

»Wir haben da zufällig etwas über eine Verschwörung erfahren, um Gwlyddien zu entmachten und das Königreich von Dyfed zu erobern. Ich glaube, daß die Vorfälle in Llanpadern etwas mit diesem Plan zu tun haben.«

Eadulf dachte einen Augenblick nach. »Eine Verschwörung im benachbarten Königreich von Cere-digion?«

»Ceredigion spielt eine zentrale Rolle dabei.«

»Willst du etwa sagen, daß in dieser Sache die Hwicce mit Ceredigion unter einer Decke stecken? Das kann ich nicht glauben. Die Hwicce sind die letzten, die die ehrgeizigen Absichten eines Herrschers der Welisc unterstützen würden.«

»Hängt das nicht davon ab, was man ihnen dafür bietet, Eadulf?«

»Du hättest recht, wenn du all die anderen angelsächsischen Königreiche meinen würdest. Doch die Hwicce würden sich niemals in die Angelegenheiten eines Welisc hineinziehen lassen.«

»Bist du da ganz sicher?«

»Ich würde drauf wetten. Da wir nun von dieser Verschwörung wissen«, fuhr Eadulf fort, »meinst du nicht, daß wir Gwndas Gastfreundschaft lange genug in Anspruch genommen haben? Sollten wir nicht zur Abtei zurückkehren und Gwlyddien mitteilen, daß sein Königreich in Gefahr ist?«

»Ganz gewiß werden wir ihn warnen«, stimmte ihm Fidelma zu, »doch wir sollten jetzt nicht unsere Ermittlungen aufs Spiel setzen. Es bleiben zu viele Fragen offen, wenn wir uns einfach aus dem Staub machten und Gwlyddien allein herausfinden ließen, wer hinter der Verschwörung gegen ihn steckt.«

Eadulf stöhnte leise auf. Tief im Inneren hatte er gewußt, daß Fidelma so reagieren würde. Doch zum erstenmal neigte er dazu, sich von seinen Befürchtungen leiten zu lassen: dem Wunsch, rasch von diesem Ort seiner Blutsfeinde zu verschwinden und zu seinen Landsleuten zurückzukehren, nach Canterbury. Er hatte genug von all den Gefahren bei den Welisc.

»Was willst du denn noch hier?« fragte er. »Wir wissen, daß Clydog und Corryn in die Verschwörung verwickelt sind und daß Iestyn ihr Geheimnis kennt. Außerdem ist uns bekannt, daß ein Schiff der Hwicce die Küste umsegelt und deiner Meinung nach auch was damit zu tun hat.«

»All das hilft uns kaum weiter«, erklärte ihm Fidelmageduldig. »Zu wissen, wie all diese Dinge miteinander zusammenhängen, das wäre nützlich. Vielleicht auch die Lösung der unzähligen Rätsel zu kennen, vor denen wir stehen. Hat Clydog Mair umgebracht? Falls es so war, warum mußte Bruder Meurig sterben? Warum mußte Idwal dran glauben? Wie ist Gwnda daran beteiligt? Warum zollt Iestyn Corryn solchen Respekt? Du hast gehört, wie er ihn angesprochen hat. Eine Frage ergibt die nächste.«

Eadulf streckte einen Arm vor, als wolle er der Flut ihrer Überlegungen Einhalt gebieten. »Ich stimme zu, daß da sehr viel ist, was wir noch nicht verstehen. Warum schickt wohl Gwlyddien nicht einen seiner eigenen barnwrs her, um der Sache auf den Grund zu gehen? Warum uns?«

»Weil wir, wie du dich erinnerst, seinen Auftrag angenommen haben.«

»Ich erinnere mich«, sagte Eadulf resigniert.

»Es ist mir zuwider, eine Aufgabe nicht zu Ende zu führen«, fügte Fidelma hinzu. »Finis coronat opus!«

»Unter andern Umständen würde ich dem zustimmen«, murmelte Eadulf. »Doch ich kann nichts dagegen tun, daß ich mich in diesem Königreich ständig in Angst und Schrecken befinde.«

»Das brauchst du mir nicht zu sagen, Eadulf«, erklärte Fidelma düster. »Nie zuvor habe ich dich so nervös erlebt. Weder in Rom noch in meiner Heimat, nicht einmal, als du in Fearna dem Tod ins Gesicht sahst. Was verstört dich hier so?«

Eadulf sann nach. »Ich habe dir schon einmal erzählt, daß zwischen meinem Volk und den Britanni-ern große Feindschaft herrscht. Die Welisc sind meine Blutsfeinde.«

»Komm schon, Eadulf. Du bist ein Christ. Du bist niemandes Feind.«

»So einfach ist das nicht. Ein Feind kann eingebildet oder wirklich sein. Schon das Wort >Angelsachse< reicht hier aus, mir den Tod zu wünschen.«

»Ich glaube, du siehst da Gespenster. Vielleicht würden dich die Leute nicht so hassen, wenn du sie nicht so fürchten würdest?«

Eadulf war klug genug, um zu bemerken, daß sie versuchte, seine Ängste mit Vernunft zu zerstreuen, doch eine so tiefsitzende, von den Vorvätern überkommene Furcht ließ sich nicht einfach wegwischen.

»Es gibt noch andere Dinge als meine Furcht und den Haß, über die wir uns Gedanken machen sollten«, sagte er eigensinnig. »Was hast du jetzt vor?«

In dem Dunkel sah er nicht, daß Fidelma ihn mitleidig anblickte. »Du hast recht. Wir verschwenden unsere Zeit; wir sollten zu Gwnda zurückkehren. Im Moment hat es keinen Sinn, mit Iorwerth zu sprechen. Trotzdem möchte ich Gwnda mit dem konfrontieren, was Elen uns heute abend erzählt hat. Und aus Iestyn muß ich auch noch mehr herausbekommen.«

»Müßten wir Gwlyddien nicht sofort vor der Verschwörung warnen?«

»Wenn wir Dewi wirklich trauen können, wird er oder eine andere Person aus der Abtei Dewi Sant morgen nachmittag hier sein. Wir können demjenigen dann eine Nachricht an den König mitgeben.«

Sie hatten die Ortschaft erreicht und ritten wieder an dem aufgeschichteten Holzstapel vorbei, der immer noch nicht angezündet war. Ganz oben bemerkten sie die Strohpuppe aus Iorwerths Schmiede. Fidelmahielt ihr Pferd an, sah hinauf und lachte dann zu Eadulfs Überraschung leise.

»Was hat es damit auf sich?« wollte Eadulf wissen.

»Was bin ich nur töricht. Da hätte ich doch schon längst drauf kommen können.«

Eadulf wartete geduldig ab.

»Mir ist gerade klargeworden, was morgen für ein Tag ist . Der Scheiterhaufen und die Strohpuppe.«

»Was für ein Tag denn?« fragte Eadulf.

»Das Samhainfest.«

Eadulf runzelte die Stirn, als er den Namen des alten irischen Feiertags hörte. »Du meinst den Vorabend von Allerheiligen?«

»Eben diese eine Nacht im Jahr, in der das Jenseits mit all seinen Geistern und Dämonen sichtbar wird und die Seelen jener, denen wir in diesem Leben ein Leid zugefügt haben, zurückkehren und Vergeltung fordern«, bestätigte Fidelma.

Kapitel 17

Als Eadulf am nächsten Morgen aufstand, war Fidelmaschon wach und angezogen. Sie saß gerade am Tisch und aß frischgebackenes Brot mit Honig und trank süßen Met dazu. Als er eintrat, schaute sie auf und lächelte ihm entgegen.

»Hat sich Gwnda schon gemeldet?« fragte er, setzte sich zu ihr und nahm sich vom Brot.

Gestern abend hatten sie den Fürsten von Pen Caer nicht zu Hause angetroffen. Buddog hatte ihnen gesagt, daß er bei Freunden zu Besuch sei. So hatten sie ein bescheidenes Abendessen zu sich genommen und waren gleich darauf zur Ruhe gegangen.

Wie aufs Stichwort ging die Tür auf, und Gwnda trat ein.

»Elen hat sich mit uns unterhalten«, waren Fidelmas erste Worte, nachdem sie sich begrüßt hatten.

Gwnda setzte sich zu ihnen an den Tisch. »Hat sie euch gesagt, daß ich ihr dazu geraten hatte?« fragte er.

»Sie meinte, du hättest nichts dagegen, wenn sie uns ihre Geschichte anvertrauen würde.«

»Vielleicht hatte ich in bezug auf Idwal unrecht«, räumte Gwnda ein, doch klang keine Reue aus seiner Stimme. »Ich hatte das Gefühl, daß es besser sei, wenn ihr auch ihre Sicht der Dinge kennt.«

»Du hattest vielleicht unrecht?« fragte Fidelma bissig. »Der Junge ist ermordet worden!«

»Als mir meine Tochter von ihrer Vermutung erzählte, wurde mir plötzlich klar, daß es auch eine andere Erklärung für Mairs Tod geben könnte.«

»Was bedeutet, daß Idwal unschuldig war«, betonte Eadulf.

»Es würde bedeuten, daß man dem Jungen großes Unrecht angetan hat«, gab Gwnda zu. Er wirkte beinah heiter.

»Ein Unrecht, bei dem du sowohl eine aktive als auch eine passive Rolle gespielt hast«, stellte Eadulf voller Strenge fest.

»Falls ich ein Unrecht begangen habe, bin ich bereit, meine Schuld zu büßen«, sagte Gwnda. »Doch die Hauptschuld trägt der aufrührerische Mob.«

»Wollen wir doch einmal deinen Anteil näher untersuchen«, sagte Fidelma. »Du warst der erste, der am Tatort auftauchte, kurz nachdem Mair umgebracht worden war, und du hast Idwal dort erwischt. Weshalb warst du zu dieser Zeit im Wald?«

Gwnda dachte nach. »Daran kann ich mich nicht erinnern. Ich war einfach nur reiten.«

»An jenem Vormittag waren offenbar eine Menge Leute im Wald. Mair und Idwal, Iestyn . Ja sogar Buddog.«

Gwndas Stimmung schlug plötzlich um, er wirkte angespannt und ängstlich. »Durch den Wald führt der Hauptweg nach Süden. Da kommen täglich viele Leute entlang.«

»Bevor sich deine Tochter dir anvertraute, hattest du keine Zweifel an Idwals Schuld. Doch nun ist es anders?«

Gwnda überlegte einen Moment. »Meine Tochter hegt diese Zweifel. Ich bin nicht davon überzeugt, daß sie recht hat.«

»Hast du Mair und Idwal rein zufällig zusammen entdeckt?« wollte Fidelma wissen.

»Ja. Ich sah, wie Idwal sich über sie beugte. Das habe ich doch schon gesagt. Ich habe Bruder Meurig alles ausführlich berichtet.«

»Bruder Meurig ist tot, du mußt uns schon noch einmal erzählen, was an diesem Morgen geschah.«

Gwnda zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Ich kam dazu, als Idwal sich über Mair beugte. Sie war tot. Kurz darauf hörte ich laute Stimmen. Idwal richtete sich auf und wollte wegrennen, da habe ich ihn festgehalten. Dann tauchte Iorwerth mit ein paar Männern aus dem Ort auf. Den Rest wißt ihr.«

»Die ganze Zeit über hast du behauptet, daß Idwal Mairs Mörder ist. Sogar den Lynchmord an ihm hast du verteidigt und uns Ermittlungen in diesem Fall untersagt. Nun scheinst du es dir auf einmal anders überlegt zu haben. Da frage ich mich natürlich, warum?«

»Ich bin der Fürst von Pen Caer. Ich muß mich euch gegenüber nicht verantworten«, erwiderte Gwnda. »Und überhaupt, wenn das Leben meiner Tochter in Gefahr ist, bin ich bereit, einen Fehler zuzugeben. Habe ich nicht einen Richter angefordert, um Idwal nach Recht und Gesetz vor Gericht zu bringen?«

»Das hat nicht verhindern können, daß er nie einen ordentlichen Prozeß bekam«, warf Eadulf trocken ein.

»Ob er nun Mair umgebracht hat oder nicht, ich bin nach wie vor fest davon überzeugt, daß er Bruder Meurig erschlug, als er fliehen wollte. Deshalb ist er zu Recht gelyncht worden.«

»Warst du dabei, als man ihn aufhängte?« wollte Eadulf plötzlich wissen.

Gwnda schüttelte heftig den Kopf. »Ich bin erst später dort eingetroffen. Als ich ankam, war er schon tot.«

»Als Fürst von Pen Caer ist es deine Pflicht, dafür zu sorgen, daß Gerechtigkeit geübt wird. Doch offenbar sprichst du jene von Schuld frei, die ihn ermordet haben.«

»Ich verstehe, daß sie wütend waren auf den Jungen.«

»Doch jetzt sagst du, daß er vielleicht unschuldig ist?« unterstrich Fidelma noch einmal.

Gwnda schwieg.

»Gestern nachmittag warst du strikt dagegen, daß wir in diesem Fall weitere Nachforschungen anstellen, doch kurze Zeit später hast du Elen darin bestärkt, sich uns anzuvertrauen.«

»Was ist daran merkwürdig? Meine Haltung hat sich nicht verändert. Ich finde immer noch, daß ihr euch nicht in diese Sache einzumischen habt. Ihr seid nur hier, um euch mit dem Rätsel von Llanpadern zu beschäftigen. Auch daran hat sich nichts geändert. Aber Elen wollte euch von Clydog erzählen; ihr ging es um König Gwlyddien. Dagegen habe ich natürlich nichts. Ich hoffe, klargestellt zu haben, daß ich bereit bin, Elens Vermutungen zur Kenntnis zu nehmen, aber nach wie vor davon überzeugt bin, daß Idwal Bruder Meurig erschlagen hat. Jetzt liegt es in König Gwlyddiens Hand, Clydog und seine Bande aufzuspüren und die Verschwörung, von der Elen berichtete, aufzudecken.«

Es herrschte Stille. Fidelma seufzte. Ihr war klar, daß Gwnda nichts weiter preisgeben würde. »Wir wissen es zu schätzen, daß du uns geholfen hast, Gwnda. Nur noch eins. Was hältst du von dem Treffen, daß Elen da im Wald beobachtet hat?«

Gwnda rieb sich nachdenklich den Nasenrücken. »Clydog ist ein berüchtigter Dieb. Er und seine Banditen machen den Wald von Ffynnon Druidion schon seit mehreren Monaten unsicher. Ich kann mir nicht vorstellen, welch eine Beziehung er zu einem Mönch haben sollte, und ebenso nicht, was für einen Plan sie da ausgeheckt haben könnten.«

»Über Clydogs Herkunft weiß man offenbar nichts«, sagte Fidelma. »Wenn wir nur ein wenig darüber herausfinden könnten, wäre es leichter, Licht in das Dunkel zu bringen. Was ist mit seinem Mitstreiter Corryn? Er scheint mit Clydog zusammen die Räuberbande anzuführen, oder?«

»Von dem habe ich noch nie etwas gehört.«

Gwnda erhob sich und deutete damit an, daß die Unterhaltung für ihn beendet sei. Er blickte zum Fenster hinaus. »Heute ist ein strahlender Tag. Seit letzter Nacht hat es nicht mehr geregnet. Ihr werdet mühelos zur Abtei Dewi Sant reiten können.«

Fidelma und Eadulf schauten sich vielsagend an. »Wieso nimmst du an, daß wir heute schon zur Abtei aufbrechen?« fragte Fidelma.

Gwndas Augen zogen sich gefährlich zusammen, als er sich zu ihr umdrehte. »Ich hatte euch bereits angekündigt, daß ihr die letzte Nacht meine Gastfreundschaft genießt. Euch hält hier nichts mehr.«

»Ganz im Gegenteil«, erwiderte Fidelma, die sich ebenfalls erhob. »Vieles hält uns hier zurück.«

Gwnda hatte Mühe, sich zu beherrschen. Er wollte gerade lospoltern, da stürzte ein junger Bursche herein und rief: »Ein Überfall! Ein Überfall! Sächsische Kriegsschiffe.«

»Was sagst du da?« stieß Gwnda hervor. »Sächsische Kriegsschiffe? Wo?«

»Kannst du uns genauere Angaben machen?« fragte Fidelma den Jungen barsch. »Wo sind diese Schiffe?«

Der Junge war so aufgeregt, daß er nicht sofort antworten konnte. Gwnda packte ihn am Arm. »Sprich schon, Bursche. Wo gehen die Angelsachsen an Land?«

»Mein Vater ist der Kuhhirte Taloc, mein Herr. Seine Tiere weiden auf den Wiesen bei Carregwasted, ein paar Meilen nördlich von hier. Du mußt die Gegend kennen - die alte Landspitze, von der aus man auf die Bucht blickt.«

»Ja, ja. Ich kenne sie. Wie viele Schiffe sind es?« fragte Gwnda ungeduldig.

»Wir haben unsere Herde gehütet. Plötzlich kam meine kleine Schwester angerannt und rief, daß ein merkwürdiges Schiff in die Bucht gesegelt sei ...«

»Heißt das, daß es sich nur um ein einzelnes Kriegsschiff handelt?« mischte sich Fidelma ein.

»Eins reicht schon«, schnitt ihr Gwnda rasch das Wort ab. »Weiter, Junge. Wie viele Krieger sind es? Wo befinden sie sich jetzt?«

Der Junge blickte verwirrt von einem zum anderen. »Wir gingen nachsehen. Mein Vater sagte, daß es ein sächsisches Schiff sei, weil er die Zeichen darauf erkannte. Aber irgendwie sei das Schiff eigenartig.«

»Waren die Zeichen eigenartig? Oder etwas anderes?« warf nun Eadulf ein.

»Die Zeichen tun jetzt nichts zur Sache. Was weiter?« drängte Gwnda den Jungen.

»Von dem Schiff machten ein paar kleine Boote los und ruderten an den felsigen Strand unter uns. Ungefähr zwanzig sächsische Krieger mit Streitäxten und rundem Schild kamen an der Landspitze ans Ufer .«

Gwnda stöhnte laut auf. »Ich kenne die Stelle. Dort führt ein bequemer Weg nach oben. Sie haben es auf uns abgesehen, und ich habe nur ein halbes Dutzend ausgebildeter Männer zur Verfügung. Uns bleibt nichts anderes, als den Ort zu verlassen und uns in den Wäldern zu verstecken.«

Fidelma beugte sich zu dem Jungen vor. »Hast du gesehen, ob sie Anstalten machten, landeinwärts zu ziehen?«

Der Bursche schüttelte den Kopf. »Mein Vater rief meiner Schwester und meiner Mutter zu, sie sollten alles Wertvolle zusammenraffen und im Wald Schutz suchen. Er selbst wollte die Herde an einen sicheren Ort treiben. Dann schickte er mich los, euch zu alarmieren.«

Gwnda stand hilflos da. »Wir haben nicht genügend Krieger, um Llanwnda zu verteidigen«, jammerte er. »Wir müssen unverzüglich von hier fort!«

»Wäre es nicht besser, zuerst hinter die Absichten der Angreifer zu kommen, ehe du deine Untergebenen zu einer panischen Flucht veranlaßt?« fragte Fidelma.

»Absichten?« Gwnda lachte bitter auf. »Es sind Angelsachsen! Was für Absichten außer rauben, plündern und brandschatzen sollten sie haben? Es sind Barbaren!«

Eadulf lief rot an. »Nicht alle meine Landsleute sind Barbaren!« rief er aufgebracht.

»Du willst mir damit wohl sagen, daß deine Landsleute hier auftauchen, um friedlich Handel mit uns zu treiben?«

Eadulf trat einen Schritt vor, er rang nach Fassung. »Wir wissen nicht, warum sie hier sind. Wir werden es auch nie erfahren, wenn wir fortlaufen oder sie angreifen.«

»Haben wir nicht aus dem Überfall auf Llanpadern gelernt? Oder tust du diese Sache als harmlos ab? Ich nehme an, du meinst, ich sollte zur Landspitze gehen und höflich fragen, was sie wollen?«

»Jedenfalls wäre das besser als das, was du vorschlägst«, erwiderte Eadulf, ohne nachgedacht zu haben.

»Aber keineswegs klüger«, sagte Fidelma, stand auf und legte Eadulf besänftigend eine Hand auf den Arm.

»Wenn sich niemand unter den Einwohnern von Llanwnda findet, der zu diesen Angelsachsen geht und mit ihnen spricht, werde ich es selbst tun. Ich werde herausfinden, was sie wollen«, sagte Eadulf bestimmt.

Gwnda starrte ihn einen Augenblick überrascht an, dann lachte er leise vor sich hin. »Natürlich, denn du bist ja einer von ihnen. Du wirst hingehen, damit sie dich verschonen.«

Fidelma zischte wütend und baute sich vor Eadulf auf, mehr um Gwnda vor einem Ausfall ihres Gefährten zu schützen, als Eadulf vor ihm.

»Das ist deiner nicht würdig, Gwnda. Bruder Eadulf ist ein Mann, dem ich jederzeit mein Leben anvertrauen würde und auch das Leben aller Menschen, die hier wohnen.« Sie zögerte und sagte dann, an Eadulf gewandt: »Die Idee, mit ihnen zu sprechen, ist gut, ganz gleich, wer sie sind. Zumindest müßten wir uns ihnen so nähern, daß wir ihre Absichten ergründen können.«

Eadulf war immer noch beleidigt. »Ich habe dieses Angebot nicht aus Eigennutz gemacht«, brummte er. »Doch ich werde gehen.«

»Wir werden gehen«, berichtigte ihn Fidelma.

Eadulf schüttelte entschlossen den Kopf. »Ich mache mich allein auf den Weg. Gwnda hat in gewissem Sinne recht. Einem Landsmann werden sie kaum etwas tun, falls sie wirklich auf Beutezug sind.«

»Vielleicht«, gab Fidelma unwillig zu. »Doch ich begleite dich so weit, wie es möglich ist, und ...«

»Die Zeit rennt uns davon«, unterbrach Gwnda sie. »Ich werde den Befehl ausgeben, daß die Bewohner sich in Sicherheit bringen sollen. Ich kann nicht warten, bis ihr herausfindet, was diese Barbaren vorhaben.«

»Du mußt tun, was du für richtig hältst, Gwnda.« Fidelma wandte sich an den Jungen. »Zeig uns die Richtung, wo das Schiff angelegt hat.«

Der Junge deutete nach Norden. »Haltet euch nur auf dem Weg nach Norden, bis ihr ans Meer gelangt. Es sind nur ein bis zwei Meilen von hier. Ihr werdet die Bucht nicht verfehlen.«

Fidelma und Eadulf gingen zum Stall hinüber und sattelten ihre Pferde. Als sie Llanwnda verließen, hatte Gwnda schon die Alarmglocke Sturm läuten lassen. Im ganzen Ort herrschte ein aufgeregtes Durcheinander, die Leute rannten hin und her, suchten nach ihren Kindern und rafften ihre Habe zusammen. Fidelma rief Eadulf zu: »Sobald wir die Angelsachsen sehen, lasse ich mich zurückfallen und du reitest allein weiter. Doch im Namen aller, die dir etwas bedeuten, Eadulf, paß bitte auf dich auf.«

Eadulf lächelte ihr kurz zu. »Ich habe nicht die Absicht, mein Leben wegzuwerfen, nur um diesem Kretin Gwnda etwas zu beweisen.«

»Falls du auf diese Sachsen stößt, mußt du unbedingt herausbekommen, ob sie von dem gleichen Schiff stammen, das gesichtet wurde, als man die Klosterbrüder von Llanpadern später am Strand fand. Und auch, was sie von diesem Überfall wissen.«

Dann ritten sie schweigend den Weg nach Norden entlang. Hinter einem Dickicht lag endlich das Meer vor ihnen. Aber es war nicht dieser Anblick, der sie die Pferde zügeln ließ, sondern eine Art Gesang mit eigenartigem Rhythmus. Eadulf machte Fidelma das Zeichen, anzuhalten, und zeigte auf den Waldrand.

»Sie kommen«, verkündete er leise. »Das ist ein sächsisches Kriegslied. Versteck dich. Falls etwas passiert . Nun, dann reite wie der Teufel .«

Fidelma signalisierte mit der Hand ihr Einverständnis, wandte ihr Pferd um und suchte Schutz unter den Bäumen.

Eadulf wartete, bis sie verschwunden war, dann ritt er auf das merkwürdige trommelartige Geräusch zu. Als er um eine kleine Anhöhe bog, sah er unter sich, was einem ungeübten Auge wie eine fremdartige, sich langsam den Weg entlangziehende Schlange vorgekommen wäre, an deren Seite merkwürdige Schuppen in der Sonne glänzten. Das Auge jedoch, das so einen Anblick gewöhnt war, sah eine Zweierreihe von Kriegern mit riesigen runden Schilden zu beiden Seiten, hinter denen man die Männer kaum ausmachen konnte. Lediglich ihre behörnten Metallhelme und ihre kampfbereiten zweischneidigen Streitäxte waren zu erkennen.

Der Trupp marschierte im Gleichschritt, die Lederstiefel stampften auf den Boden. Mit einer gleichförmigen monotonen Bewegung fuhren die Arme mit den Äxten zum Himmel empor, dann wieder abwärts, wobei sie auf die Metallränder der Schilde schlugen und so einen hypnotisierenden, unerbittlichen Trommelrhythmus erzeugten. In der Pause vor dem nächsten Schlag erscholl der Ruf: »Für den Grafen! Für Eanfrith!« Dann folgte wieder der unbarmherzige Axtschlag auf den Schild. Eadulf war der Anblick angelsächsischer Krieger in Schlachtordnung und mit einem Schlachtruf auf den Lippen, der ihre Feinde ver-stören sollte, nicht fremd.

Auf einmal hielt der Trupp an und verstummte.

Jemand mußte Eadulf auf seinem Pferd entdeckt und Befehl zum Halten gegeben haben. Er hoffte, daß niemand von den Kriegern beschloß, mit Pfeil und Bogen auf ihn zu zielen, ehe er in Hörweite sein würde. Langsam bugsierte er sein Pferd hinunter zu den wartenden Kriegern.

»Willkommen, Brüder!« rief er in seiner Sprache und hielt fünf Meter vor ihnen an. »Was führt euch in dieses Land?«

Der Trupp stand schweigend da. Dann antwortete ihm eine angelsächsische Stimme.

»Wer bist du, daß du unsere Sprache sprichst?«

»Ich bin Eadulf von Seaxmund’s Ham aus dem Land des Südvolkes.«

»Ein Christ?«

»Ja, so ist es.«

»Wir sind Hwicce!« wurde ihm kühl geantwortet.

Eadulf spürte, wie ihn ein kalter Schauer durchfuhr. Da standen nun genau jene Leute, von denen er Fidelmaberichtet hatte. Sachsen, deren Heldentaten so legendär waren und die immer noch den alten Glauben verfochten, Wotan, den Allvater, den Herrn der Welt, anbeteten, das Oberhaupt der Rabensippe.

»Ich habe schon von den Hwicce gehört.« Eadulf brachte ein Lächeln zustande. »Die Hwicce sind in allen Königreichen der Sachsen, Angeln und Jüten bekannt. Doch die Hwicce, von denen ich gehört habe, sind ein mutiges und hochherziges Kriegsvolk, das Fremden gegenüber höflich ist - sogar christlichen Brüdern in fremden Ländern gegenüber.«

Einen Augenblick herrschte Stille. Jemand murmelte etwas einem anderen zu, dann lachte einer laut los. Eadulf versuchte, sein Unbehagen darüber zu überspielen.

»Du bist recht geschickt mit deinen Worten, Eadulf, der Christ«, sagte jemand. »Sag uns, was du hier tust.«

Eadulf beschloß, sparsam mit der Wahrheit umzugehen. »Ich reise in Begleitung zum Königreich von Kent, nach Canterbury. Vor ein paar Tagen hat ein Unwetter mein Schiff an Land gezwungen.«

»Sind dir, einem Sachsen, die Welisc nicht feindselig begegnet?« fragte überrascht jemand.

»Man hat mir auf verschiedene Weise zu verstehen gegeben, daß ich nicht erwünscht bin, doch ich habe

überlebt. In diesem Land wohnen immerhin Christen, und sie bringen niemanden ohne guten Grund um.«

»Allein Sachse zu sein genügt vielerorts meist. Zweifellos verschonen dich diese Hunde, weil du ein Christ bist, Eadulf«, erwiderte die Stimme. »Sag mir, ob du weißt, wo die feindlichen Krieger der Welisc stecken? Werden wir bald angegriffen?«

Eadulf dachte schnell nach. Was wäre hilfreicher? Die Wahrheit zu sagen oder zu lügen, daß die Krieger ganz in der Nähe seien? Er hatte das Gefühl, es sei besser, aufrichtig zu sein.

»Es sind keine Krieger in der Nähe, Hwicce. In diesem Land leben friedvolle Schäfer und Viehhirten.«

»Beschwörst du das? Schwörst du das bei dem Schwerte Wotans?«

Eadulf schüttelte den Kopf. »Ein Eid auf das Schwert Wotans bedeutet mir nichts. Doch ich werde auf das Kreuz Christi schwören.«

»Das geht in Ordnung. Schwörst du also?«

»Ja. Innerhalb eines halben Tagesritts befinden sich keine größeren Kriegstruppen der Welisc. Das schwöre ich beim heiligen Kreuz!«

Auf einen Befehl trat die Zweierreihe der Krieger auseinander. Die Schilde wurden abgesetzt, die beiden Reihen lösten sich auf, und auf Eadulf kam jener Krieger zu, der mit ihm gesprochen hatte. Der Mann stellte seinen Schild beiseite und nahm seinen Helm ab. Zu Eadulfs Überraschung handelte es sich um einen blonden jungen Mann, der sicher erst Anfang zwanzig war. Er hatte ein schönes Gesicht, das von tiefliegenden Augen beherrscht wurde, die so graublau waren, daß sie schon fast violett wirkten. Er war hochgewachsen, hatte eine muskulöse Figur und sah wie jemand aus, der im Kriegsberuf seine Bestimmung gefunden hatte. Eadulf waren die offenen, jugendlichen Züge seines Gegenübers sofort sympathisch.

»Sei gegrüßt in diesem Land der Welisc, Eadulf, der Christ.« Der junge Mann lächelte. »Ich bin Graf Osric aus dem Gefolge Eanfriths, des Königs der Hwicce.«

Eadulf stieg von seinem Pferd und lief ein paar Schritte auf den Grafen zu. »Sei gegrüßt, Osric von den Hwicce. Pax tecum!«

Osric lächelte wieder. »Ich kann kein Latein, Eadulf. Sprich Sächsisch. Ich bin kein Christ. Die Götter meiner Vorfahren sind gut genug für mich.«

»Ich wollte dich um ein quid pro quo bitten, doch da du kein Latein sprichst, werde ich es dir übersetzen: >Etwas für etwas.< Ich habe dir mitgeteilt, daß hier keine Krieger der Welisc sind. Jetzt sag du mir im Gegenzug auch etwas.«

Osric lachte vergnügt auf. »Warst du ein Händler, ehe du in die merkwürdige Bruderschaft der Christen eingetreten bist, mein Freund?«

»Ich war nach der Erbfolge gerefa, ein Friedensrichter meines Volkes«, erklärte ihm Eadulf.

»Ein Friedensrichter. Das hätte ich wissen können«, erwiderte der junge Adlige. »Gut, handeln wir miteinander. Was möchtest du von mir wissen?«

»Was führt euch an dieses Ufer? Wollt ihr den Leuten hier Schaden zufügen?«

Osric zeigte auf den Wald. »Wir sind hier, um den höchsten Baum zu fällen, den wir finden können.«

Das war eine so unerwartete Antwort, daß er ganz verdutzt dreinschaute.

Der junge Adlige lachte. »Mein FriedensrichterFreund«, sagte er, »das stimmt wirklich. Unser Schiff hat keinen Mast mehr, doch es ist uns gelungen, es in die Bucht hinter der Landspitze zu steuern.« Er winkte mit der Hand hinter sich. »Wir müssen einen neuen Mast bauen. Doch da dies hier das Land der Welisc ist, haben wir uns auf Auseinandersetzungen eingestellt.«

»Und deshalb habt ihr den Schlachtruf von euch gegeben?«

»Wir dachten, das würde die Leute so verängstigen, daß wir in Ruhe unseren Baum fällen könnten.«

Er drehte sich um und erteilte einen Befehl, woraufhin seine Männer in den nahe gelegenen Wald liefen und nach einem passenden Baum Ausschau hielten.

Einer von ihnen, offensichtlich der oberste Zimmermann, zeigte auf eine hohe, schlanke Eiche. Zwei Männer mit Äxten traten vor und machten sich an die Arbeit. Der Klang der Äxte hallte in der ganzen Umgebung wider. Sie verschwendeten keine Zeit und arbeiteten rasch und äußerst geschickt.

»War es euer Schiff, daß vor einigen Tagen an der Küste weiter unten vor Anker lag?« wollte Eadulf wissen.

Osric drehte sich amüsiert zu ihm um. »Eine weitere Frage? Ich dachte, dein lateinischer Händlerspruch bedeute Frage gegen Frage?«

»Wenn du noch etwas wissen willst, so bin ich gern bereit zu antworten«, erbot sich Eadulf. Ob nun Hwicce oder nicht, Heide oder nicht, es waren Leute aus seinem eigenen Volk, und er fühlte sich wohl in ihrer Gesellschaft.

»Ja, da hast du recht. Die ganze letzte Woche sind wir die Küste hoch und runter gesegelt. Wir haben ein Schiff der Welisc gejagt.«

»Habt ihr vielleicht dabei das Kloster der Welisc in der Nähe überfallen, südlich von hier?«

Osric schüttelte entschieden den Kopf. »Wir hatten Besseres zu tun.«

Von dieser Antwort war Eadulf überrascht. »Ihr wart es nicht?« erkundigte er sich noch einmal beharrlich.

»Warum fragst du? Behaupten die Welisc etwa, daß sie von uns überfallen wurden?«

»Ja, manche schon. Vor einigen Tagen hat man ein sächsisches Schiff in einer kleinen Bucht in dieser Richtung liegen sehen.« Er wies mit der Hand dorthin.

»Das war mein Schiff, die Wellenbrecher«, erwiderte Osric.

»Unweit der Stelle, wo du vor Anker gegangen bist, befindet sich das Kloster Llanpadern. Der Klostervorsteher wurde aufgehängt, und die Brüder sind verschleppt worden. Einige der Mönche hat man abgeschlachtet an den Klippen gefunden, dabei ist man auf Waffen der Hwicce gestoßen.«

»Dafür bin ich nicht verantwortlich«, erklärte Osric mit Nachdruck.

Eadulf beschloß, noch kühner mit seinen Vorwürfen zu werden. »In dem Kloster fand man auch die Leiche eines Fremden.«

Osric kniff die Augen zusammen. »Mein Friedensrichter-Freund, ich habe das Gefühl, daß du mir sagen wirst, diese Leiche sei von einiger Tragweite.«

»Es war ein Hwicce.«

Osric betrachtete ihn ernst. »Beschreibe mir den Toten.«

Eadulf tat es, woraufhin der junge Adlige einen langen, leisen Seufzer ausstieß. »Das war Thaec.«

»Wer ist Thaec?«

»Einer meiner Leute. In der Nacht, als wir in der Bucht vor Anker lagen, die du beschrieben hast, ging er mit einem anderen Krieger an Land. Beide beherrschten die Sprache der Welisc und erboten sich, die Lage zu erkunden. Doch es kehrte nur einer, Saexbald, zurück.« Unvermittelt blickte sich Osric zu seinen Kriegern um. »Saexbald! Komm her!«

Ein großer Krieger trat aus dem Trupp hervor und kam angerannt.

»Saexbald, sag dem gerefa hier, was in der Nacht geschah, als du mit Thaec an Land warst.«

Der Krieger wandte sich Eadulf zu. »Wir erkundeten das Ufer, als auf einmal aus dem Nichts eine Gruppe von Reitern vor uns auftauchte. Wir haben uns gewehrt, doch Thaec ist schnell überwältigt worden, obwohl er sich sehr darum bemühte, lieber umzukommen, als ihr Gefangener zu werden. Im Kampf bin ich von ihm getrennt worden und mußte ihn sich selbst überlassen. Mir ist es nur mit Mühe gelungen, mich aufs Schiff zu retten.«

»Thaec ist tot«, erklärte Osric dem anderen.

»So möge er mit dem Schwert in der Hand und dem Namen Wotans auf den Lippen seinen Tod gefunden haben«, erwiderte der Krieger.

»Wußtest du, wer diese Welisc waren?« fragte Eadulf.

»Es waren gewiß Krieger - jedenfalls geübte Kämpfer.«

»Hast du vielleicht irgendwelche Namen gehört, die sie sich zugerufen haben?«

»Namen? Nein. Es gab nur einen Zuruf, und der war ziemlich merkwürdig, wenn ich genau darüber nachdenke. Einer der feindlichen Krieger schien gestochen worden zu sein.«

»Gestochen?« fragte Eadulf.

»Es ging irgendwie um eine Wespe.«

Ein kleines zufriedenes Lächeln zeigte sich auf Ea-dulfs Gesicht.

Nun hörten sie ein lautes Krachen. Der Baum war gefällt. Sofort machten sich die Krieger daran, mit ihren scharfen Äxten, Äste und Rinde abzuschlagen. Osric gab Saexbald zu verstehen, daß er wieder zu seinen Gefährten zurückkehren solle.

»Haben sie den armen Thaec vor seinem Tod gefoltert?« wollte er wissen.

»Sie haben ihn nicht gefoltert. Offenbar ist er mit einem Schwerthieb in die Brust getötet worden.«

Osric rieb sich nachdenklich die Wange. »Glaubst du, daß er im Kampf starb?«

»Da bin ich mir ganz sicher. Ich weiß auch, daß er seinen Angreifer böse verletzt hat.«

»Es wäre für die Eltern gut, wenn sie erfahren, daß ihr Sohn mit dem Schwert in Händen und dem Namen Wotans auf den Lippen gestorben ist, denn so findet er Eingang in Walhall, dem Ort der Unsterblichen.«

Eadulf blickte ihn mißbilligend an. »Ich kann mich solch heidnischen Vorstellungen nicht anschließen.«

»Ein Mann von Prinzipien, gerefa? Ja, ich vermute, das bist du. Aber du hast weder etwas gesehen noch gehört, was dem zuwiderliefe, oder?«

»Nein, nichts. Doch warum hat man ihn ins Kloster geschleppt und ihn dort ermordet?«

»Willst du damit sagen, daß es nicht die Mönche waren?«

»Sie hätten ihm nie und nimmer etwas getan, es sei denn, sie hätten sich vor ihm verteidigen müssen. Es waren die Krieger der Welisc, die ihn gefangengenommen und getötet haben.«

»Ich weiß nichts über das Kloster. Wir haben in der Bucht vor Anker gelegen, weil die Nacht anbrach und wir uns in diesen Gewässern nicht auskennen.«

»Habt ihr nicht beim ersten Morgengrauen nach dem fehlenden Mann gesucht?«

»Wir geben unsere Mitmenschen nicht einfach so auf, es sei denn, wir sind dazu gezwungen. Das weißt du sehr gut. Natürlich haben wir beim ersten Licht die Suche aufgenommen. Vom Ufer aus sahen wir, daß uns ein Bauer entdeckt hatte, und da wir unseren Mann nicht fanden, stellten wir die Suche ein. Es wäre gefährlich gewesen, sie fortzusetzen, nachdem man uns bemerkt hatte, denn wir wußten nicht, wie viele feindliche Krieger sich in der Nähe aufhielten.«

»Augenblick mal«, sagte Eadulf. »Du wußtest, daß ein paar in der Nähe waren. Was war mit den Kriegern, die Thaec gefangengenommen hatten? Warum haben sie euch nicht in der Morgendämmerung angegriffen?«

Osric zuckte mit den Schultern. »Die waren alle verschwunden. Hatten Thaec mitgeschleppt und waren fort.«

»Was hast du dann unternommen?«

»Wir sind wieder in See gestochen.«

»Das fordert meine Neugier heraus. Was treibt ihr hier so fern der Heimat?«

Nun herrschte Stille, der junge Adlige betrachtete Eadulfs Gesicht genau, als suche er etwas darin.

»Ich antworte dir darauf, weil ich glaube, daß ich dir trauen kann, gerefa. Ich denke, du bist ein Mann der Prinzipien. Wir jagen ein Schiff der Welisc. Hast du von einem Herrscher gehört, der Morgan ap Arthyrs heißt? Er ist König von Gwent, einem Gebiet, das an unser Königreich grenzt.«

»Ich weiß nur wenig über die Situation in diesen Teilen der Welt«, gestand Eadulf.

»Nun, dieser Morgan ist ein Feind, der mit dem Schwert bekämpft werden muß. Er ist gerissen und skrupellos. Er regiert seit vielen Jahren Gwent.«

»Morgan?« Eadulf versuchte sich zu erinnern, wo er kürzlich diesen Namen gehört hatte.

»Wir verfolgen eines seiner Schiffe. Er hat uns auf unserer Seite des Flusses Saeferne angegriffen, der Fluß stellt unser beider Grenze dar. Wir haben Jagd auf das Schiff gemacht, doch es ist uns entwischt. Jetzt kehren wir in unser Land zurück, damit unsere Familien nicht noch mehr Krieger als Thaec und Wigar verlieren. Wigar fiel über Bord bei dem gleichen Unwetter, in dem wir auch unseren Mast einbüßten.«

Er deutete auf die Stelle, wo seine Männer den hohen Eichenstamm bearbeitet hatten. Inzwischen waren sie fertig.

»Es ist gerade nicht die beste Zeit, einen Baum zu fällen«, merkte er an und sah zum Himmel hinauf, »doch wir können uns die Jahreszeit nicht aussuchen. Solange wir damit nach Hause kommen, soll es uns recht sein.«

Eadulf nickte gedankenvoll. »Ich begreife es immer noch nicht ganz. Es gibt hier wohl häufig Überfälle von Schiffen und Verfolgungsjagden. Das verstehe ich. Aber diesem einen Schiff seid ihr ungewöhnlich lange hinterhergejagt. Warum seid ihr so versessen darauf, die Welisc zu verfolgen, Osric?«

»Du stellst eine Menge Fragen, Eadulf, der Christ«, erwiderte der junge Adlige.

»Das liegt daran, daß ich ungelöste Rätsel verabscheue«, erwiderte Eadulf energisch.

»So werde ich dir antworten. Bei ihrem Überfall haben die Welisc viele Geiseln genommen. Unter ihnen auch Aelfwynn, die zehnjährige Tochter von König Eanfrith. Deshalb setzte ich diesem Schiff von Morgan nach.«

Einer von Osrics Männern trat heran und sagte: »Wir sind fertig, mein Lord.«

»Das ist gut. Machen wir uns bereit.«

Der Mann drehte sich um und rief einen Befehl. Inzwischen hatten die Krieger den Stamm auf die langen Stiele ihrer Äxte gerollt. Nun beugten sie sich herab und luden sich ihre Last so unbeschwert auf die Schultern, als sei sie federleicht. Auf einen weiteren Befehl hin setzten sie sich im Gleichschritt in Bewegung und gingen auf den Weg zurück, auf dem sie gekommen waren.

»Du kannst gern deine Reise bis zum Land der Hwicce in unserer Gesellschaft fortsetzen«, bot ihm Osric an. Dann fügte er mit einem schlauen Blick auf ihn hinzu: »Doch ich glaube, daß du andere Pläne hast.«

»So ist es«, stimmte ihm Eadulf zu. »Ich werde dafür sorgen, daß Thaec ein christliches Begräbnis erhält.«

Osric schüttelte den Kopf, als er wieder Schild und Streitaxt aufnahm. »Das würde ihn entehren. Nein, laß ihn liegen, wo er ist. Bemühe dich nicht, herauszubekommen, wo er seinen Tod fand. Seine Familie ist zufrieden, wenn sie weiß, daß er nun mit den Unsterblichen in Walhall Würfel spielt. Die alten Männer werden am abendlichen Feuer seinen Mut besingen, und die Erinnerung an ihn wird auch unsterblich werden. Das wird mehr sein, als der arme Eanfrith über seine kleine verlorene Aelfwynn sagen kann. Ein Jammer, daß ich Morgans Schiff nicht weiter zu verfolgen vermag.«

Osric hob zum Abschied die Axt über seinen Kopf. »Lebe wohl, Eadulf, der Christ, einst gerefa.«

Eadulf geriet plötzlich ein wenig in Panik. Er war sich sicher, daß Fidelma Osric noch viel mehr Fragen gestellt hätte, doch sein Kopf war leer. Er konnte nur sagen: »Gott möge dir einen günstigen Wind zur Heimreise senden, Osric von den Hwicce.« Er stand da und sah, wie die Krieger mit ihrer Last vorangingen und Osric nach ihnen den Hügel hinabschritt.

Hinter Eadulf trat nun Fidelma aus dem Wald heraus, sie führte ihr Pferd am Zügel. Er drehte sich zu ihr um. Ihr Gesicht verriet Erleichterung.

»Offenbar waren die Sachsen am Ende freundlich«, äußerte sie.

»Ihr Schiff hat den Mast verloren, sie haben einen neuen gesucht.«

»Das habe ich gesehen.« Sie lächelte. »Hast du sonst noch etwas erfahren? Du hast dich lange mit dem jungen Mann unterhalten, der vermutlich ihr Anführer war.«

»Sein Name ist Osric, und er ist ein Gefolgsadliger von Eanfrith, dem König der Hwicce.«

Ihre Augen wurden ein wenig größer. »Das waren also die Hwicce? Dann war es ...«

»Es war ihr Schiff, von dem Goff berichtet hat. Und der tote Hwicce in Llanpadern gehörte zu ihrer Truppe, ein Mann namens Thaec.«

Fidelma sagte ruhig: »Dann erzählst du mir jetzt besser ausführlich, worüber ihr gesprochen habt.«

Eadulf versuchte, sich so genau wie möglich an den Wortlaut ihres Gesprächs zu erinnern. Von Zeit zu Zeit nickte Fidelma, hin und wieder fragte sie nach. Als er fertig war, wirkte sie besorgt.

»All das gibt uns nur noch größere Rätsel auf«, sagte sie schließlich mit bedrückter Stimme.

Eadulf lächelte ein wenig bekümmert. »Die Fidelma, die ich einst kannte, hätte gesagt: Vincit quipatitur.«

Fidelmas grüngraue Augen leuchteten kurz wütend auf. »Richtig, der hat Erfolg, der beharrlich bleibt, Eadulf«, erwiderte sie. »Ich habe gar nicht gewußt, daß du dich für einen Verfechter der Beharrlichkeit hältst!«

Eadulf errötete auf ihre bissige Antwort hin. »Ich wollte nur ...«, fing er an, doch sie fiel ihm ins Wort.

»Du hast unserem Bild einen kleinen Mosaikstein hinzugefügt, doch wir wissen nicht, an welche Stelle er paßt, wenn wir unserem sächsischen Freund überhaupt trauen dürfen. Wir haben also ein Kriegsschiff der Hwicce, das ein Schiff aus Gwent verfolgt. Es ankert nachts in einer kleinen Bucht. Einer von der Besatzung, zur Erkundung an Land, wird gefangengenommen. Das Schiff segelt weiter, gibt auf. Dann wird derjenige, der auf Erkundungsgang war, in einem Sarkophag in Llanpadern gefunden, die Brust durchbohrt. Bringt uns dieses Wissen einer Erklärung näher?«

Noch nie zuvor hatte Fidelma so niedergeschlagen gewirkt und ihre Stimme so hoffnungslos geklungen.

Eadulf wollte etwas sagen, das helfen konnte, doch ihm fiel nichts ein, und er schwieg. Er hatte Sorgen ganz anderer Art. Seit sie im Land von Dyfed herumreisten, hatten sie sich immer wieder gestritten, und er begriff den Grund nicht. Was war nur aus ihrer Beziehung geworden, seit sie das Ufer von Laigin verlassen hatten?

Er hatte Fidelma überredet, ihn auf seiner Rückreise nach Canterbury zu begleiten. War er blind gewesen? War sie gegen ihren Willen mitgekommen? Schließlich hatte sie ihn in Cashel allein gelassen, um zum Grab des heiligen Jakob zu pilgern. Und er hatte sich ohne sie nach Canterbury auf den Weg gemacht. Sie war nur zurückgekehrt, um ihn vor der falschen Mordanklage zu retten. Er war ziemlich verwirrt. Da erklärte Fidelma: »Reiten wir nach Llanwnda zurück und sagen wir Gwndas Leuten, daß die Gefahr vorbei ist.«

Er unterdrückte einen Seufzer, als sie auf ihr Pferd stieg. Sie erwartete, daß er es ihr gleichtun würde. »Nein«, sagte er plötzlich. Sie blickte erstaunt zu ihm herunter.

»Nein«, wiederholte er, als er sich auf sein Pferd schwang. »Zuvor werde ich zur Landspitze reiten und prüfen, ob sie den Mast aufgerichtet und mir die Wahrheit gesagt haben und wirklich nach Süden segeln.«

Sie starrte ihn eine Weile an, dann wendete sie, ohne etwas zu erwidern, ihr Pferd, um nach Llanwnda zu reiten.

Eadulf blickte ihr nach, bis sie zwischen den Bäumen verschwunden war. Schließlich lenkte er sein Pferd auf den Pfad, den die sächsischen Krieger genommen hatten. Als er die Landspitze erreicht hatte, von der man die kleine Bucht überblicken konnte, sah er unten auf dem Wasser das fremde Schiff. Der Hauptmast fehlte wirklich, und die Männer waren angestrengt dabei, die Taue und die Takelage vorzubereiten, damit der neue Mast aufgestellt werden konnte.

Osric und seine Krieger ruderten gerade mit dem neuen Mast auf das Schiff zu. Eadulf bewunderte die Leichtigkeit, mit der sie ihre Boote auf das lange, flache Kriegsschiff zusteuerten. Um das zu können, muß man sein Leben auf dem Meer zubringen, dachte er. Er selbst hielt sich für einen Experten der Seefahrerei. Nicht daß er jemals ein Seemann gewesen wäre, doch inzwischen war er viel auf dem Meer gereist. Viermal hatte er das große Meer zwischen Britannien und dem Land Eireann überquert; viermal war er auf seinen Pilgerfahrten nach Rom über die Meere gesegelt. Und er hatte die turbulenten Gewässer entlang der östlichen Küste von Britannien kennengelernt, um im Jahre 664 zum großen Konzil von Whitby zu gelangen.

Eadulf mochte das Meer, und doch hatte er jedesmal auch Furcht davor. War Furcht das richtige Wort? Nein, er hatte Respekt vor dem Meer. Es war grausam und kannte keine Gnade. Doch was wären die Menschen ohne das Meer? Es war wie eine große Straße, die die Völker miteinander verband. Ohne das Meer wären sie voneinander isoliert. Doch das Meer war auch tückisch und hinterhältig, es wartete ab, lag auf der Lauer wie ein Mörder in einer dunklen Nacht, um in einem unerwarteten Augenblick zuzuschlagen.

Seufzend verscheuchte Eadulf seine Gedanken. Er saß ab, band sein Pferd fest, setzte sich auf einen Fels, von dem er den Kriegern beim Klarmachen des Schiffs zusehen konnte. Die späte Herbstsonne schien lauwarm vom wolkenlosen Himmel herab. Zum erstenmal seit vielen Tagen hatte Eadulf das Gefühl, daß er sich entspannen und über seine Sorgen nachdenken konnte.

Fidelma.

Warum kamen sie so schlecht miteinander aus in den letzten Tagen? Was hatte ihn einst ein Weiser des Südvolks gelehrt? Niemand kann einen anderen verstehen, wenn er sich nicht selbst treu bleibt und den freien Willen des anderen respektiert. Nun, er hatte einst geglaubt, daß er Fidelma verstand. Doch jetzt mußte er zugeben, daß es leichter war, sieben Sprachen zu beherrschen, als diese Frau zu verstehen.

Er hörte in der Ferne jemanden rufen, schreckte aus seinen Gedanken auf und schaute in die Bucht hinunter, dann blickte er zur nördlichen Landzunge. Er sah ein zweites Schiff, das mit vollen Segeln in die Bucht einfuhr. Es war ein schneidiges Kriegsschiff, und auf den straffen Segeln prangte ein riesiger roter Drache.

Kapitel 18

Eadulf sprang auf.

Die Rufe kamen von den Sachsen; sie hatten das sich nähernde Schiff entdeckt. Die Absichten des anderen Schiffes waren unverkennbar. Nicht zu übersehen war auch, daß es sich um ein Schiff der Welisc handelte. Die Kriegsflagge mit dem Drachen war den meisten Britanniern bekannt. Es war einst das Symbol des großen Macsen Wledig gewesen, den die Römer Magnus Maximus genannt hatten, als er von den Legionen, die in Britannien stationiert waren, zum Kaiser des westlichen Reiches ernannt wurde. Macsen wurde betrogen und fand den Tod. Seine Frau Elen kehrte nach Britannien zurück und wurde eine große und einflußreiche Fürsprecherin der christlichen Bewegung. Ihre Söhne und Töchter gründeten so manches Königreich der Britannier.

Eadulf beobachtete fassungslos das Schiff der We-lisc. Es war klar, daß dem sächsischen Schiff keine Möglichkeit zur Flucht oder zum Manövrieren blieb. Der neue Mast war soeben erst an Bord gehievt worden, es würde eine Weile dauern, ihn aufzustellen, ganz zu schweigen vom Befestigen der Takelage und der Segel. Osrics Schiff war hilflos seinem Schicksal ausgeliefert.

Eadulf bemerkte, daß er seine Hände vor Verzweiflung zu Fäusten geballt hatte, und das so fest, daß sich die Fingernägel in das Fleisch seiner Handflächen gruben. Osrics Männer hatten die Schilde und Waffen ergriffen und waren auf eine Seite ihres Schiffes geeilt, um in einem aussichtslosen Versuch zu verhindern, daß die Feinde das Schiff enterten. Und dann geschah das Eigenartige.

Als nur noch wenige Meter zwischen dem hohen Bug des feindlichen Schiffes und der Längsseite des sächsischen lagen, drehte das rote Drachenschiff ab, machte, immer noch in voller Fahrt, eine vollständige Kehrtwendung und entfernte sich rasch von den Hwicce. Wieder vernahm Eadulf laute Rufe, dann sah er, wie von den Britanniern ein paar Brandfackeln auf das Deck der Sachsen geworfen wurden, wo an mehreren Stellen Flammen aufloderten, die aber sofort von Osrics Leuten gelöscht wurden.

Eadulf verstand nun gar nichts mehr. Er hatte erwartet, daß ein Pfeilhagel aus den Bögen niederprasseln würde, die die Britannier so gern verwendeten, oder daß sie, bewaffnet mit Schwertern und Schilden, das Schiff entern würden. Doch die Welisc entfernten sich geschwind; der Steuermann kannte sich offenbar mit den Strömungen in dieser Bucht gut aus. Ehe das Schiff ganz verschwand, nahm Eadulf jedoch noch wahr, wie wiederholt etwas vom Heck ins Wasser ge-schleudert wurde. Selbst aus dieser Entfernung ließ sich erkennnen, daß es sich um Menschen handelte. Und die Art, wie sie ins Wasser plumpsten und darauf trieben, deutete darauf hin, daß sie allesamt tot waren.

Eadulf wartete eine ganze Weile, denn er meinte, das Schiff würde sich noch einmal zeigen. Als das nicht der Fall war, beschloß er, hinunter an den Strand zu laufen.

Die Sachsen waren wieder bei der Arbeit und richteten gerade den neuen Mast auf. Er hörte Rufe von Wachposten und sah jemanden in seine Richtung weisen, als er den Strand erreichte. Zwei angeschwemmte Leichen lagen im seichten Wasser, mit dem Gesicht nach unten. Sie bewegten sich sanft mit den Wellen hin und her.

Man hatte ihn offenbar wiedererkannt, denn Osric und zwei seiner Krieger kletterten in ein Boot und ruderten auf die Küste zu.

Eadulf ging zur nächstliegenden Leiche.

Es handelte sich um einen jungen Mann in wollener brauner Mönchskutte. Er trug die Tonsur des heiligen Johannes; dieser Haarschnitt wurde von den Mönchen der Britannier als auch von denen der fünf Königreiche von Eireann bevorzugt. Der Mann war offensichtlich noch nicht lange tot. Vielleicht hatte man ihn erst umgebracht, kurz bevor man ihn über Bord warf. Die Wunde - man hatte ihm die Kehle durchgeschnitten -blutete noch.

Eadulf packte die Leiche an den Schultern und zog sie aus dem seichten Wasser auf die Kieselsteine am Ufer. Vom linken Arm des Mannes hing etwas herab, ein Stück Stoff, auf das eines der Symbole eingestickt war, welches von heidnischen Angelsachsen immer noch verehrt wurde. Eadulf erkannte es auf der Stelle als ein Symbol der Hwicce.

Nun hörte er knirschende Schritte auf dem Kieselstrand und blickte hoch. Osric eilte auf ihn zu. Seine beiden Krieger bewachten das kleine Boot, jeden Moment bereit, es bei Gefahr sofort ins Wasser zu schieben und zu ihrem Schiff zu rudern.

»Hast du irgend etwas damit zu tun?« fragte Osric Eadulf wütend und deutete auf die Landspitze, hinter der das feindliche Schiff verschwunden war. Er hatte das Schwert gezogen. »Du hast behauptet, daß sich keine Krieger der Welisc in der Nähe aufhalten.«

»So ist es«, sagte Eadulf. »Mich hat das Auftauchen dieses Schiffes ebenso überrascht wie dich.« Er zeigte auf den Toten. »Hast du irgend etwas damit zu tun?«

»Du hast doch auch gesehen, wie die Welisc die Leichen von Bord geworfen haben, oder? Warum sollte ich etwas damit zu schaffen haben?« erwiderte Osric.

»Schau dir mal den Fetzen an, der um den Arm des Mannes gewickelt ist.«

Osric beugte sich vor. »Beim Blute Wotans!« fluchte er. Dann schaute er Eadulf an. »Was hat das zu bedeuten?«

»Das bedeutet«, antwortete Eadulf ruhig, »daß jeder, der sich die Leichen genauer ansieht, vermuten wird, daß sie von der Hand der Hwicce starben.«

Osric schwieg. Eadulf ging zu dem anderen Toten, der im flachen Wasser trieb, und zog ihn ebenfalls an Land. Auch er war ein Mönch, nicht so jung wie der erste. Tief in seinem Rücken steckte ein Dolch der Hwicce. Er ließ ein Stöhnen hören.

»Deus miseretur!« rief Eadulf und neigte sich zu ihm herunter. »Der ist noch am Leben.«

Osric trat heran und hockte sich neben Eadulf. »Nicht mehr lange, mein Freund«, murmelte er. »Ich habe solche Verletzungen schon des öfteren gesehen, die überlebt keiner. Halt!« Eadulf wollte gerade den Dolch aus dem Rücken des Mönchs ziehen. »Wenn du ihn herausziehst, stirbt er gleich. Drehe den armen Kerl ein wenig, vielleicht sagt er noch etwas.«

Eadulf lagerte den Mann vorsichtig auf die Seite.

»Kannst du mich verstehen, Bruder?« fragte er auf Kymrisch.

Die Augenlider des Mannes zuckten, und er stöhnte leise.

»Kannst du sprechen?« fragte Eadulf. »Wer hat dir das angetan?«

Der Sterbende schien etwas sagen zu wollen. Eadulf hielt das Ohr dicht an seinen Mund.

»Brich ... brich die Bronze auf ... die Bronzeschlange, die Moses schuf«, flüsterte er gequält.

Eadulf verstand nicht. »Wer hat dir das angetan?« flüsterte er noch einmal.

»Das Böse unter uns . Die Kreatur der Verdammten, die böse Spinne . wirft ihr Netz . Hat uns alle eingewickelt . Er war einer . von uns!« Dann quoll Blut aus dem Mund des Mönchs, und er verstummte.

»Er ist tot, mein Freund. Hast du etwas von ihm erfahren können?« fragte er.

Eadulf schüttelte den Kopf. »Ich glaube, er hat nur phantasiert. Vielleicht hatte er Fieber.« Er richtete sich auf. »Osric, kennst du das Schiff, das euch angegriffen hat?«

»Aber ja«, erwiderte der junge Graf, »es war das Schiff von Morgan, eben jenes, daß wir von der Mündung des Flusses Saeferne die ganze Küste dieser Königreiche entlang verfolgt haben.«

»Sie hätten euch vernichten können.«

»Stimmt, das hätten sie tun können. Das könnten sie immer noch tun, wenn sie den Mut hätten, sich mit uns zu messen.«

Eadulf rieb sich nachdenklich die Wange. »Ich glaube nicht, daß es ihnen an Tapferkeit mangelt. Doch ich verstehe nicht, warum sie euch verschont haben. Und warum haben sie nur die Leichen über Bord geworfen?«

»Was sind das für Leute?«

»Mönche. Ich habe den Verdacht, daß sie der vermißten Klostergemeinschaft von Llanpadern angehören. Doch ich begreife den Sinn des Ganzen nicht.«

»Ich auch nicht.«

»Ich nehme jedoch an, daß, wer immer dieses rote Drachenschiff befehligt - du sagst, Morgan heißt er? -, daß derjenige versucht, dir die Schuld am Tod all der Mönche zuzuschieben. Neben den Leichen, die man an der Küste fand, vor der ihr neulich geankert habt, lagen Waffen der Hwicce. Warum macht sich jemand die Mühe, solche falschen Fährten zu legen?«

Osric lachte grimmig. »Es ist nicht das erstemal, daß die Hwicce von den Welisc angegriffen wurden, und es ist nicht das erstemal, daß wir Christen der Welisc ermordet haben. Also kann es uns gleich sein, wem man die Schuld am Tod dieser Mönche anlastet.«

»Warum sollte man die Schuld den Angelsachsen anlasten?« fragte Eadulf nachdenklich. »Um Feindseligkeit zu schüren? Allein das Wort >Angelsachse< reicht doch hier schon aus, um Haß zu erwecken, ob bei Christen oder Heiden. Steckt vielleicht noch etwas anderes dahinter?«

»Was geht mich das an, Eadulf, der Christ. Ich be-daure nur, daß mein Schiff nicht klar war, sonst hätte ich das Drachenschiff aus Gwent vernichtet. Jetzt hat es sich wahrscheinlich irgendwo an der Küste aufwärts ein Versteck gesucht.«

Eadulf blickte zu Osrics Schiff hinüber. »Wie lange dauert es, dein Schiff wieder seetauglich zu machen?«

»Das haben wir in einer Stunde geschafft. Sobald der Mast richtig steht, werde ich die Ruder ausfahren lassen und die Küste entlang weitersegeln, falls die feindlichen Krieger wieder auftauchen und uns angreifen wollen. Die Takelage reparieren wir auf See.« Er zögerte. »Aber was ist mit dir? Du bist doch von nun an nicht mehr sicher in diesem Königreich.«

Innerlich stimmte Eadulf ihm zu, laut sagte er jedoch: »Ich muß nach Llanwnda zurück. Ehe ich in meine Heimat zurückkehren kann, habe ich hier noch ein paar Dinge zu erledigen.« Während er sprach, hatte er mit den Augen den Strand und die Klippen da-hinter abgesucht. Dabei hatte er mehrere dunkle Öffnungen entdeckt. »Diese Höhlen könnten sich als sehr nützlich erweisen«, sagte er auf einmal.

»Nützlich wofür?«

»Die Leichen der Mönche wurden offenbar nur zu einem Zweck über Bord geworfen: Jene, die die Toten finden, sollen glauben, deine Leute hätten sie umgebracht. Es könnte sein, daß die Welisc nun an der ganzen Küste entlang Alarm schlagen. Und dann kommen sie vielleicht zurück, um euch zu vernichten.«

»Dafür brauchten sie keine Rechtfertigung«, ent-gegnete Osric.

»Das weiß ich auch«, erwiderte Eadulf, »aber Tatsache ist, daß das alles ziemlich geplant aussieht. Wem es jedoch als Rechtfertigung gelten soll, das ist es, was wir nicht wissen.«

»Was willst du damit sagen, gerefa?«

»Bis ich herausgefunden habe, was dahintersteckt, würde ich noch etwas Zunder ins Feuer werfen.«

»Wie willst du das anstellen?« fragte Osric.

»Vielleicht könnte ich mir zwei deiner Leute nehmen, um die Leichen, die noch im Wasser treiben, an Land zu bringen. Sie könnten mir auch dabei helfen, die Toten in einer dieser Höhlen zu verstecken. So entdeckt man sie nicht gleich, und das könnte den Plan der Welisc zunichte machen, was immer sie vorhaben.«

Osric grinste und schlug sich auf die Schenkel. »Du sprichst wie ein Mann der Tat und wie ein wahrer gerefa, Eadulf, der Christ. Ich habe stets angenommen, alle Leute des neuen Glaubens reden nur von Frieden, Liebe und Aufrichtigkeit. Doch du bist ein Mann, der sich einreihen darf bei jenen, die Tiw, dem mächtigen Gott des Krieges und der Kriegskunst, dienen.«

Eadulf nahm das Kompliment ohne Widerrede an. Schließlich war es gar nicht so lange her, daß er Wotan, Tiw, Thunor, Frigg und den ganzen Kreis der sächsischen Götter anbetete.

Osric erteilte seinen Männern ein paar Befehle, und sie ruderten mit dem Boot auf die im Wasser treibenden Toten zu, die sich langsam Richtung Ufer bewegten.

Osric kehrte zu Eadulf zurück. »Ich werde dir hier helfen.«

Zusammen hoben sie den ersten Toten hoch und kletterten mühsam zum Fuß der Klippen, dort legten sie ihn ab. Eadulf untersuchte die verschiedenen Höhleneingänge. Er wählte jenen, wo einem, der nur flüchtig hineinblickte, die Leichen verborgen blieben. Osric und Eadulf trugen den ersten Toten hinein. Als sie den zweiten holen wollten, waren Osrics Männer schon mit dem nächsten eingetroffen und holten auch noch die beiden anderen Leichen. Eadulf sorgte inzwischen dafür, daß es keinerlei Spuren gab, die Fremde zu der Höhle locken könnten.

»Was machen wir jetzt, Eadulf, der Christ?«

»Jetzt werde ich nach Llanwnda zurückkehren und versuchen, auf diese oder jene Weise herauszufinden, was hinter alldem steckt.«

Osric schüttelte den Kopf und lächelte. »Du bist ein mutiger Mann, daß du unter diesen Barbaren bleibst.«

»Hast du jemals darüber nachgedacht, Osric«, erwiderte Eadulf lächelnd, »wie verrückt die Welt ist, wenn ein Volk das andere jeweils für barbarisch hält?«

»Eines Tages werde ich möglicherweise Zeit haben, mich näher mit deinem christlichen Glauben zu beschäftigen, Eadulf. Wer weiß, vielleicht können wir davon noch etwas lernen?«

»Vielleicht«, stimmte ihm Eadulf feierlich zu.

Der junge Adlige hob zum Abschied die Hand und lief zum Strand hinunter zu seinem Boot. Eadulf ging raschen Schrittes den Weg zu den Klippen hinauf, dorthin, wo sein Pferd angebunden war. Als er zurückblickte, bemerkte er, daß der neue hohe Mast aufgerichtet war. Es würde nicht mehr lange dauern, bis Osrics Schiff aus der Bucht herausfuhr.

Er stieg auf sein Pferd und ritt in raschem Galopp Richtung Llanwnda.

»Du bist aber lange fort gewesen! Ich habe auf dich gewartet!«

Eadulf hatte gerade die kleine Brücke über den Fluß erreicht, der die Grenze von Llanwnda bildete. Fidelmasaß auf einem umgefallenen Baumstamm, ihr Pferd hatte sie in der Nähe angebunden.

Eadulf hielt an und saß ab. »Es ist etwas Ungewöhnliches passiert, das hat mich aufgehalten«, erwiderte er.

»Möchtest du mir davon erzählen?« fragte sie.

Er blickte auf die Häuser des Ortes, die offenbar immer noch verlassen waren. »Wo sind sie alle hin?«

»Sie halten sich irgendwo versteckt, schätze ich. Sie trauen den Sachsen nicht. Ich habe einem von Gwndas Leuten gesagt, daß sie nichts zu befürchten hätten, doch er hat mir wohl nicht geglaubt.«

Die Pferde am Zügel haltend, gingen sie über die Brücke nach Llanwnda hinein. Eadulf berichtete ihr rasch alles, was geschehen war und was er getan hatte.

Fidelma dachte ein ganze Weile nach. »Das ist ziemlich raffiniert«, sagte sie schließlich.

Eadulf zog eine Augenbraue hoch. »Raffiniert würde ich es nicht gerade nennen.«

»Man kann diese Vorkommnisse mit keinem anderen Wort beschreiben. Sag mir - und laß dich nicht von einem falschen Gefühl der Verbundenheit zu deinen Landsleuten leiten -, traust du diesem Osric?«

Eadulfs Gesicht verfinsterte sich sofort. »Was meinst du mit trauen?«

»Glaubst du seine Geschichte? War es wirklich das Schiff dieses Morgan von Gwent, welches er verfolgte und welches später in die Bucht gesegelt kam?«

»Soweit es meine Fähigkeit betrifft, jene zu erkennen, die es nicht so genau mit der Wahrheit nehmen, kann ich sagen, daß er die reine Wahrheit sprach. Er hat auch nicht verstanden, warum das rote Drachenschiff ihn und seine Mannschaft nicht vernichtet hat, als es die Möglichkeit dazu hatte.«

Fidelma nickte rasch. »Das ist höchst seltsam. Sicher, wer immer Kapitän auf dem Schiff ist, er hätte gewußt, daß Osric nicht noch einmal darauf warten würde, sich angreifen zu lassen, oder? Warum haben sie die Chance nicht genutzt? Du meinst, dieser Morgan wollte einfach nur die Leichen in der Bucht abladen? Daß die Sachsen für das Gemetzel verantwortlich gemacht werden sollen, liegt klar auf der Hand. Doch aus welchem Grund?«

»Das habe ich mich auch schon mehrere Male gefragt.«

»Wenn es sich bei den Leichen um die Mönche aus Llanpadern handelt und wenn es nicht Osrics Männer waren, die das Kloster überfallen haben, warum sollte es Morgan gewesen sein? Und warum will er den Angelsachsen dafür die Schuld zuschieben?«

»Ich bin mir sicher, daß wir den Namen Morgan erst vor kurzem irgendwo gehört haben, und ich versuche mich zu erinnern, wo es war.«

»Du hast recht, Eadulf. Corryn hat den Namen letzte Nacht erwähnt. Doch handelt es sich um den gleichen Morgan?«

»Gute Frage. Es hängt von uns ab, eine gute Antwort darauf zu finden.«

»So ist es«, sagte Fidelma munter.

Sie standen gerade unweit von Iorwerths verlassener Schmiede. Da sie nun schwiegen, konnten sie Pferdegetrappel hören. Mindestens drei oder vier Pferde schienen sich ihnen zu nähern.

Instinktiv winkte Fidelma Eadulf zu, ihr rasch zu folgen und mit seinem Pferd ebenfalls hinter einem benachbarten Gebäude Schutz zu suchen.

»Was ist das?« fragte Eadulf.

Fidelma legte einen Finger an die Lippen.

Das Pferdegetrappel war verstummt. Fidelma spähte um die Ecke. Eadulf war überrascht, daß sie sich sofort wieder zurückzog.

»Clydog!« flüsterte sie erschrocken.

Eadulf sah sich nach einem besseren Versteck oder einer Fluchtmöglichkeit um.

»Warte!« flüsterte Fidelma und schaute wieder vorsichtig um die Ecke. »Er sitzt noch auf dem Pferd. Bei ihm sind noch zwei Leute.«

Zu ihrer Überraschung hörten sie, wie die Tür von Iorwerths Schmiede aufging und eine wohlbekannte Stimme Clydog begrüßte. Es war Iestyn.

»Du bist ein Narr, dich an diesem Ort mit mir zu treffen!« fuhr der Bauer Clydog an.

Clydogs boshaftes Lachen war zu hören. »Begrüßt ein Gastgeber so einen Reisenden, Freund Iestyn?«

»Gwnda und die anderen könnten jeden Moment zurückkehren. Und diese lästige Gwyddel und ihr Kumpan, der Angelsachse, vielleicht auch.«

»Ah, die würde ich gern wiedersehen. Sie schulden mir noch die Genugtuung, mich an ihnen zu rächen«, sagte Clydog nun.

»Sie sind dir schon einmal entwischt, nicht wahr?« spottete Iestyn. »Unser gemeinsamer Freund Corryn hat mir haarklein davon erzählt. Unterdessen haben deine groben Fehler fast alles ruiniert. Die beiden stellen zu viele Fragen und kommen der Wahrheit näher und näher.«

»Was bist du da beunruhigt? Artglys von Ceredigion wird dir allzeit Schutz gewähren.«

»Jede Minute, die sich die Gwyddel und der Angelsachse in Llanwnda aufhalten, gefährdet unser Vorhaben. Deshalb solltest du dich um sie kümmern.«

»Keine Sorge. Das werde ich tun. Doch zuvor sind wichtigere Dinge zu erledigen. Wir haben reichlich Zeit.«

»Wann gibt man uns das Zeichen?« fragte Iestyn.

»Sobald wir hören, daß Gwlyddien nach Osten marschiert.«

»Ich kann nicht länger bleiben. Es war dumm von dir, hierherzukommen. Warum hast du mich herbestellt?«

»Um dir zu sagen, daß Morgan seinen Auftrag erfüllt hat. Nun mußt du deinen erfüllen«, sagte Cly-dog.

»Keine Sorge. Ich werde das Meinige tun, daß Gwlyddien von den letzten Ausschreitungen der Angelsachsen erfährt. Ist sonst alles nach Plan gelaufen?«

»Bisher ja.«

»Ich bleibe dabei, diese Gwyddel und ihr Gefährte könnten unsere Pläne durchkreuzen.«

»Keine Angst, Iestyn. Bald geht es los. Das Volk von Dyfed traut den Angelsachsen doch alles zu. Ich habe einen meiner Männer mit der Nachricht von den sächsischen Überfällen zur Abtei Dewi Sant geschickt. Wenn das keine Wirkung tut bei dem alten Narren Gwlyddien und er nicht in den Krieg zieht, dann werden seine Leute die Dinge selbst in die Hand nehmen. Ganz gleich, wie, wir werden die Sieger sein. Sorge du nur dafür, daß ein paar Leute von hier die Leichen und das sächsische Schiff bald in Augenschein nehmen.«

»Was ist, wenn es nicht klappt?«

»Es wird klappen. Sobald Gwlyddien gezwungen ist, gegen die Sachsen anzutreten, wird Artglys von Ceredigion von Süden in das Königreich einfallen und innerhalb von ein, zwei Tagen werden wir zu dem neuen König aufschauen.«

»Vergiß nicht das alte Sprichwort, Clydog: Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben«, erwiderte Ie-styn pessimistisch.

»Sorge du nur dafür, daß genug Leute das Schiff und die Leichen sehen«, fuhr ihn Clydog barsch an, gab seinem Pferd die Sporen und ritt seinen Männern voran über die Brücke in die Wälder zurück.

Fidelma und Eadulf warteten, bis Iestyn die Schmiede verlassen hatte und in Richtung seines Bauernhofes verschwunden war. Eadulf stieß einen Pfiff aus.

»Nun kapiere ich gar nichts mehr«, gestand er und trat aus ihrem Versteck hervor.

Fidelma schüttelte den Kopf. »Ganz im Gegenteil, jetzt treten die Dinge klar zutage.«

»Klar?«

»Jetzt ist klar, daß Prinz Cathens Vermutung in bezug auf Dyfeds Nachbar, König Artglys von Ceredigion, Hand und Fuß hat. Ceredigion versucht, eine Lage zu schaffen, die Gwlyddien und seine Truppen dazu bringen soll, die Hwicce anzugreifen. Sind die Krieger erst einmal fort, will Artglys in Dyfed einmarschieren und eine Marionette als Herrscher einsetzen, der ihm hörig ist.«

»Meinst du damit Clydog?«

»Das ist schon möglich.«

»Du gehst also davon aus, daß die Vorgänge in Llanpadern inszeniert wurden, um Gwlyddien herauszufordern? Daß Morgan in Llanpadern eingerückt ist, weil Gwlyddiens Sohn Rhun Mönch dieses Klosters ist?«

»So ist es.«

»Ganz begreife ich das immer noch nicht ... Warum hat man alle Mönche des Klosters verschleppt und dann ein, zwei Tage gewartet, ehe man ein paar von ihnen umbrachte? Und all das mit viel Aufwand, um es so aussehen zu lassen, als handele es sich um einen Überfall der Hwicce?«

Fidelma nickte nachdenklich.

»Ich glaube, das läßt sich erklären. Man hatte nicht damit gerechnet, daß Bruder Cyngar und Idwal an jenem Morgen in Llanpadern vorbeischauen würden. Wer immer für den Überfall verantwortlich ist, er hat nicht einmal gewußt, daß Bruder Cyngar und Idwal in Llanpadern waren und entdeckten, daß das Kloster verwaist lag. Warum zögerten diejenigen, die das Kloster überfielen, es hinaus, ihre Gefangenen umzubringen? Weil man erst auf das sächsische Schiff warten mußte, ehe man den ersten >Angriff< inszenieren konnte. Cyngar und Idwal haben den Plan ganz unerwartet durchkreuzt, da sie zu früh auf der Bildfläche erschienen sind.«

»Was hat das aber mit der Ermordung von Mair zu tun?«

»Das müssen wir in unser Mosaik noch einpassen.« Fidelma wollte jetzt weg von hier. »Es gibt zwei Leute, die wir noch befragen müssen, dann sehen wir vielleicht klarer. Komm.«

Sie liefen weiter, die Pferde ließen sie zurück. Ein paar Bewohner waren schon in ihre Häuser zurückgekehrt; man hatte ihnen versichert, daß das sächsische Schiff weitergesegelt war.

»Sollten wir Iestyn davon abhalten, mit Leuten aus dem Ort ans Meer zu gehen, um das Auslaufen des Schiffes der Hwicce zu beobachten?« fragte Eadulf.

»Bist du sicher, daß ihr die Leichen der Mönche gut verborgen habt?« Eadulf nickte. »Dann überlassen wir die Sache eine Weile sich selbst und verfolgen lieber unsere Absichten.«

Sie waren an ein kleines Haus gelangt, vor dem sich eine Steinskulptur befand, die eine Frau mit einem Korb voll Früchten auf einem Pferd darstellte. Das war die alte heidnische Pferdegöttin Epona, die früher als Symbol der Fruchtbarkeit und Gesundheit galt. Das Haus gehörte dem Apotheker von Llanwnda. Hinter den dicken undurchsichtigen Fensterscheiben brannte Licht, und es war offenbar jemand zu Hause.

Fidelma trat ein. Eadulf folgte ihr leicht irritiert. Ein älterer Mann saß auf einer Bank und tat getrocknete Kräuter in einen Mörser mit einem hölzernen Stößel. Er schaute auf.

»Ah, du bist die dalaigh aus Cashel, nicht wahr?

Aufregende Zeiten, wie? Zum erstenmal mußten wir alles stehen- und liegenlassen und in die Wälder fliehen. Ich habe schon öfter erlebt, daß die Ceredigion in die Bucht eingefahren sind, ganz zu schweigen von den Sachsen.« Der Alte war zweifellos eine redselige Natur.

»Ich vermute, daß du Elisse, der Apotheker, bist?« fragte Fidelma.

»So ist es. Worum geht es?«

»Hat dich Bruder Meurig aufgesucht, ehe er umgebracht wurde?«

»Ach, eine traurige Sache dieser Tod. Und noch trauriger ist, daß die Leute außer Rand und Band gerieten und den jungen Burschen ermordeten. Gerechtigkeit sollte nicht ein bloßer Racheakt sein.«

»Hat dich Bruder Meurig nach deiner Meinung über Mairs Tod gefragt?«

Der Apotheker schüttelte den Kopf. »Nein, aber man hat mir berichtet, daß er mit mir sprechen wollte.«

»Ich glaube, ich weiß, was er dich fragen wollte.«

Der Apotheker sah sie erwartungsvoll an. »Ganz zu deinen Diensten, Schwester. Frag nur los«, forderte er sie auf.

»Man hat dich gerufen, um Mairs Leiche zu untersuchen, nicht wahr?«

Elisse nickte. »Traurig, wenn ein so junger Mensch aus dem Leben scheidet. Sehr traurig.«

»Was war die Todesursache?«

»Ich würde sagen, daß Mair zuerst erwürgt wurde.

Die blauen Flecke und die Abschürfungen an ihrem Hals wiesen darauf hin.«

»Zuerst erwürgt?« erkundigte sich Fidelma.

»Die anderen Wunden wurden ihr nach ihrem Tod zugefügt, wie in einem Anfall von Wahnsinn.«

Fidelma beugte sich neugierig vor. »Die anderen Wunden? Was für andere Wunden?«

Überrascht musterte Elisse sie eine Weile. »Man hat dir doch sicher von den Messerstichen berichtet, wie?«

Fidelma schaute zu Eadulf. »Davon haben wir nichts gehört. Aber an ihren Unterkleidern soll sich Blut befunden haben. Und man sagte uns, daß dies auf eine Vergewaltigung hindeute und sie noch Jungfrau gewesen sei.«

»Nein, das war allein Gwndas Schlußfolgerung. Er und Iorwerth haben behauptet, daß Mair vor ihrem Tod vergewaltigt worden sein muß. Iorwerth hat geglaubt, seine Tochter sei noch Jungfrau gewesen.«

»Was genau willst du damit sagen? Daß sie nicht mehr Jungfrau war?«

»Ich fürchte nein. Ich habe mir Mairs Leiche sehr gründlich angesehen. Meine Frau säuberte Mair für das Begräbnis, und sie machte mich besonders auf die Wunden am inneren Oberschenkel aufmerksam. Mir sind zwei längliche Stiche aufgefallen, die wohl von einem breiten Messer stammten. Daher rührte die starke Blutung.«

Fidelma schwieg, sie dachte über seine Worte nach.

»Ich habe erklärt ...« - der Apotheker zuckte verlegen mit den Schultern -, »daß es keinerlei Hinweise für sexuelle Gewalt gab. Und ich lege meine Hand dafür ins Feuer, daß sie keine virgo intacta war.«

»Hast du das selbst festgestellt?«

»Das hat meine Frau gemacht. Sie sagte mir auch, es überraschte sie nicht weiter, denn vor einem Jahr hätte sich Mair an sie gewandt und gefragt, wie sie verhindern könne, schwanger zu werden. Ich spreche gewagte Dinge aus, Schwester, doch du mußt wissen, wie Frauen solches Wissen weitergeben.«

»Mair hat deine Frau danach gefragt?«

»Du kannst selber mit ihr sprechen.« Der Apotheker wollte nach seiner Frau rufen, doch Fidelma hielt ihn zurück.

»Das ist nicht nötig. Dein Wort als Apotheker genügt uns völlig. Das ist alles, was ich wissen will. Es erklärt eine Menge.«

Sie verließen das Haus des Apothekers. Eadulf fiel auf, daß Fidelma leichtfüßig einherlief und selbstvergessen vor sich hin lächelte. Auf der Straße herrschte inzwischen reges Treiben. Offenbar waren alle Bewohner des Ortes zurückgekehrt. Zu Eadulfs Überraschung bewegte sich Fidelma erneut auf Iorwerths Schmiede zu.

»Wohin wollen wir jetzt?« fragte er.

Sie zeigte auf die Schmiede am Ende der Straße, wo ihre Pferde standen. »Ein letzter Stein fehlt noch in unserem Mosaik«, sagte sie rätselhaft.

Noch ehe sie angelangt waren, konnten sie hören, daß Iorwerth bei der Arbeit war. Er fachte das Feuer neu an, der Blasebalg knarrte tüchtig. Sie holten ihre Pferde aus dem Versteck und banden sie am Zaun vor der Schmiede fest. Als sie eintraten, sah Iorwerth mürrisch auf.

»Was denn nun schon wieder?« fragte er unfreundlich. »Werden uns deine angelsächsischen Freunde angreifen?«

»Es gibt immer noch ein paar Dinge, die wir klären müssen«, erwiderte Fidelma.

Iorwerth legte den Blasebalg beiseite und verschränkte die Arme. Seine Augen funkelten herausfordernd, er blickte von einem zum anderen. »Gwnda behauptet, daß du kein Recht hast, mich zum Tod meiner Tochter zu verhören. Ich sage nichts mehr.«

»Das ist in Ordnung«, stimmte ihm Fidelma zu.

»Wenn es nicht um den Tod meiner Tochter geht, um was dann?« fragte Iorwerth erstaunt.

»Gestern hattest du Besuch in deiner Schmiede.«

»Viele Leute kommen zur Schmiede. Das ist mein Geschäft.«

»Dein Besuch war ein Krieger und, wie man mir sagte, fremd in dieser Gegend.«

Der Schmied runzelte die Stirn. »Gewöhnlich kommen hier keine Krieger vorbei ...« Er verstummte, und sein Gesichtsausdruck verriet ihnen, daß er sich an den Mann erinnerte. »Warum erkundigst du dich nach ihm?«

»Was weißt du über ihn?«

»Wie du schon sagtest, er war ein Fremder, ein Krieger. Bei seinem Pferd war ein Hufeisen locker. Ich habe es festgemacht.«

»Und du hast ihn vorher noch nie gesehen?«

»Nein. Er hielt sich hier nur kurz auf. Er bat um Met, den hat er auch bezahlt; und während ich das Hufeisen befestigte, haben wir uns ein wenig unterhalten. Das war alles.«

»Sag mir«, forderte ihn Fidelma eindringlich auf, »ist Elen, Gwndas Tochter, zu diesem Zeitpunkt hier vorbe