/ Language: Deutsch / Genre:det_history, / Series: Schwester Fidelma ermittelt

Tod im Tal der Heiden

Peter Tremayne

Kurz bevor Schwester Fidelma und Bruder Eadulf Gleann Geis erreichen, ein abgelegenes Tal, in dem man noch dem Heidentum anhängt, machen sie einen grausigen Fund, bei dem alles auf einen heidnischen Ritualmord hindeutet. In der Burg des heidnischen Fürsten begegnet man den christlichen Gesandten des Königs von Cashel nicht sehr freundlich. Auch die Konkurrenz ist schon da: Zwei Vertreter des Teils der irischen Kirche, der Rom anhängt. Als einer von ihnen ermordet wird, versucht man Schwester Fidelma die Schuld dafür zuzuschieben. Peter Tremayne ist das Pseudonym eines anerkannten Historikers, der sich auf die versunkene Kultur der Kelten spezialisiert hat. In seinen im 7. Jahrhundert spielenden historischen Romanen löst Schwester Fidelma, eine irische Nonne von königlichem Geblüt, auf kluge und selbstbewußte Art die schwierigsten Fälle. Wegen seines großen internationalen Erfolgs wurde Peter Tremayne 2002 zum Ehrenmitglied der Irish Literary Society auf Lebenszeit ernannt. Die Originalausgabe unter dem Titel Valley of the Shadow erschien 1998 bei Headline Book Publishing, London.

Für Pater Joe McVeigh von Fermanagh zum Gedenken an unsere öffentliche Debatte über die Werte der keltischen Kirche und das System der Gesetze der Brehons bei der irischen Buchmesse im März 1994. Ich danke ihm dafür, daß er ein Anhänger Schwester Fidelmas ist!

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich

Psalm 23

Historische Anmerkung

Die Kriminalromane um Schwester Fidelma spielen hauptsächlich in Irland um die Mitte des siebenten Jahrhunderts.

Schwester Fidelma ist nicht nur eine Nonne, die früher der Gemeinschaft der heiligen Brigitta von Kildare angehörte. Sie ist auch eine anerkannte dalaigh, eine Anwältin bei Gericht, im alten Irland. Da dieser Hintergrund nicht allen Lesern vertraut sein mag, soll diese historische Anmerkung einige wesentliche Punkte erläutern und damit zu einem besseren Verständnis der Geschichten beitragen.

Im siebenten Jahrhundert bestand Irland aus fünf Hauptprovinzen, in denen Könige herrschten. Selbst das heutige irische Wort für Provinz lautet cüige, wörtlich: ein Fünftel. Vier dieser Provinzkönige - von Ulaidh (Ulster), von Connacht, von Muman (Munster) und von Laigin (Leinster) - erkannten mit Einschränkungen die Oberhoheit des Ard Ri oder Großkönigs an, der in Tara residierte, in der »königlichen« fünften Provinz von Midhe (Meath), deren Name »mittlere Provinz« bedeutet. Innerhalb dieser Provinzkönigreiche gab es eine Aufteilung der Macht unter Kleinkönigreichen und Stammesgebieten.

Die Primogenitur, das Erbrecht des ältesten Sohnes oder der ältesten Tochter, war in Irland unbekannt. Das Königtum vom geringsten Stammesfürsten bis zum Großkönig war nur zum Teil erblich und überwiegend ein Wahlamt. Jeder Herrscher mußte sich seiner Stellung würdig erweisen und wurde von den derbfhine seiner Sippe gewählt, von der mindestens drei Generationen versammelt sein mußten. Wenn ein Herrscher nicht dem Wohl seines Volkes diente, wurde er angeklagt und abgesetzt. Deshalb ähnelte das monarchische System des alten Irlands mehr einer heutigen Republik als den feudalen Monarchien, die sich im Mittelalter in Europa entwickelt hatten.

Im Irland des siebenten Jahrhunderts gab es ein wohldurchdachtes Rechtssystem, das das Gesetz der Fenechus, der Landbebauer, genannt wurde, doch besser bekannt ist als das Gesetz der Brehons, abgeleitet von dem Wort breitheamh für Richter. Nach der Überlieferung wurden diese Gesetze zum erstenmal im Jahre 714 v. Chr. auf Befehl des Großkönigs Ol-lamh Fodhla zusammengefaßt. Später, im Jahre 438 n. Chr. berief der Großkönig Laoghaire eine Kommission von neun Gelehrten, die die Gesetze prüfen, überarbeiten und in die neue lateinische Schrift übertragen sollte. Dieser Kommission gehörte auch Patrick an, der später zum Schutzheiligen Irlands wurde. Nach drei Jahren legte die Kommission den geschriebenen Gesetzestext vor, die erste bekannte Kodifizierung.

Die ältesten vollständig erhaltenen Texte der alten Gesetze Irlands finden sich in einem Manuskript aus dem elften Jahrhundert. Erst im siebzehnten Jahrhundert gelang es der englischen Kolonialverwaltung in Irland schließlich, die Anwendung der Gesetze der Brehons zu unterdrücken. Selbst der Besitz eines Gesetzbuches wurde bestraft, oft mit dem Tode oder der Deportation.

Das Rechtssystem war nicht statisch. Alle drei Jahre kamen die Rechtsgelehrten und Richter beim Feis Teamhrach (Fest von Tara) zusammen und prüften und verbesserten die Gesetze entsprechend der sich verändernden Gesellschaft und ihrer Bedürfnisse.

Diese Gesetze wiesen der Frau eine einzigartige Stellung zu. Die irischen Gesetze gaben den Frauen mehr Rechte und größeren Schutz als irgendein anderes westliches Gesetzeswerk jener Zeit oder bis in die jüngste Vergangenheit. Frauen konnten sich gleichberechtigt mit den Männern um jedes Amt bewerben und jeden Beruf ergreifen, und sie taten es auch. Sie konnten politische Führer werden, Krieger in Schlachten befehligen, Ärzte, Friedensrichter, Dichter, Handwerker, Anwälte und Richter werden. Wir kennen die Namen vieler Richterinnen aus Fidelmas Zeit: Brig Briugaid, Äine Ingine Iugaire, Dari und viele andere. Dari zum Beispiel war nicht nur Richterin, sondern verfaßte auch einen berühmten Gesetzestext, der im sechsten Jahrhundert aufgezeichnet wurde.

Die Gesetze schützten die Frauen vor sexueller Belästigung, vor Diskriminierung und vor Vergewaltigung. Sie konnten sich auf gleichem Rechtsfuß gesetzlich von ihren Ehemännern scheiden lassen und dabei einen Teil des Vermögens des Mannes als Abfindung verlangen. Sie konnten persönliches Eigentum erben und hatten Anspruch auf Krankengeld. Aus heutiger Sicht schufen die Gesetze der Brehons fast ideale Bedingungen für die Frauen.

Diesen Hintergrund und seinen starken Gegensatz zu den Nachbarländern Irlands sollte man sich vor Augen halten, um Fidelmas Rolle in den einzelnen Romanen zu verstehen.

Fidelma wurde im Jahre 636 in Cashel geboren, der Hauptstadt des Königreichs Muman (Munster) im Südwesten Irlands. Sie war die jüngste Tochter des Königs Failbe Fland, der ein Jahr nach ihrer Geburt starb. Sie wuchs unter der Aufsicht eines entfernten Vetters auf, des Abts Laisran von Durrow. Als sie mit vierzehn Jahren das »Alter der Wahl« erreichte, ging sie wie viele irische Mädchen zum Studium an die weltliche Hochschule des Brehon Morann von Tara. Nach acht Jahren Studium erlangte Fidelma den Grad eines anruth, den zweithöchsten, den die weltlichen oder kirchlichen Hochschulen des alten Irlands zu vergeben hatten. Der höchste Grad hieß ollamh, und das ist heute noch das irische Wort für Professor. Fidelmahatte die Rechte studiert, sowohl das Strafrecht Senchus Mor als auch das Zivilrecht Leabhar Acaill. Damit wurde sie dalaigh, Anwältin bei Gericht.

Ihre Rolle ähnelte der eines modernen Untersuchungsrichters, der unabhängig von der Polizei die Beweislage prüft und feststellt, ob eine Anklage zu erheben ist.

Zu jener Zeit gehörten die meisten Vertreter der geistigen Berufe den neuen christlichen Klöstern an, so wie in den Jahrhunderten davor alle Vertreter der geistigen Berufe Druiden waren. Fidelma trat in die geistliche Gemeinschaft in Kildare ein, die im späten fünften Jahrhundert von der heiligen Brigitta gegründet worden war.

Während das siebente Jahrhundert in Europa zum »finsteren Mittelalter« gezählt wird, gilt es in Irland als ein Zeitalter der »goldenen Aufklärung«. Aus allen Ländern Europas strömten Studierende an die irischen Hochschulen, um sich dort ausbilden zu lassen, unter ihnen auch die Söhne vieler angelsächsischer Könige. An der großen kirchlichen Hochschule in Durrow sind zu dieser Zeit Studenten aus nicht weniger als achtzehn Nationen verzeichnet. Zur selben Zeit brachen männliche und weibliche Missionare aus Irland auf, um das heidnische Europa zum Christentum zu bekehren. Sie gründeten Kirchen, Klöster und Zentren der Gelehrsamkeit bis nach Kiew in der Ukraine im Osten, den Färöer-Inseln im Norden und Tarent in Süditalien im Süden. Irland war der Inbegriff von Bildung und Wissenschaft.

Die keltische Kirche lag jedoch in einem ständigen Streit über Fragen der Liturgie und der Riten mit der Kirche in Rom. Die römische Kirche hatte sich im vierten Jahrhundert reformiert, die Festlegung des Osterfests und Teile ihrer Liturgie geändert. Die kelti-sche Kirche und die orthodoxe Kirche des Ostens weigerten sich, Rom hierin zu folgen. Die keltische Kirche wurde schließlich zwischen dem neunten und dem elften Jahrhundert von der römischen Kirche aufgesogen, während die orthodoxe Ostkirche bis heute von Rom unabhängig geblieben ist. Zu Fidelmas Zeit wurde die keltische Kirche Irlands von dieser Auseinandersetzung stark beansprucht.

Eins hatten die keltische und die römische Kirche im siebenten Jahrhundert gemeinsam: Das Zölibat war nicht allgemein üblich. Es gab zwar in den Kirchen immer Asketen, die die körperliche Liebe zur Verehrung der Gottheit vergeistigten, doch erst auf dem Konzil von Nicäa im Jahre 325 wurden Heiraten von Geistlichen verurteilt, aber nicht verboten. Das Zölibat in der römischen Kirche leitete sich hauptsächlich von den Bräuchen der heidnischen Priesterinnen der Vesta und der Priester der Diana her.

Im fünften Jahrhundert hatte Rom den Geistlichen im Range eines Abts oder Bischofs untersagt, mit ihren Ehefrauen zu schlafen, und bald danach die Heirat gänzlich verboten. Den niederen Geistlichen riet Rom von der Heirat ab, verbot sie ihnen aber nicht. Erst der Reformpapst Leo IX. (1049-1054) unternahm ernsthaft den Versuch, den Klerikern der westlichen Länder das allgemeine Zölibat aufzuzwingen. In der östlichen orthodoxen Kirche besitzen die Priester unterhalb des Ranges von Abt und Bischof bis heute das Recht auf Heirat.

Die Verurteilung der »Sünde des Fleisches« blieb der keltischen Kirche noch lange fremd, nachdem sie in der römischen Kirche bereits zum Dogma geworden war. Zu Fidelmas Zeit lebten beide Geschlechter in Abteien und Klöstern zusammen, die als conhospi-tae oder Doppelhäuser bekannt waren, und erzogen ihre Kinder im Dienste Christi.

Fidelmas eigenes Kloster der heiligen Brigitta in Kildare war solch eine Gemeinschaft beider Geschlechter. Als Brigitta sie in Kildare (Cill-Dara = die Kirche der Eichen) gründete, lud sie einen Bischof namens Conlaed ein, sich mit ihr zusammenzutun. Ihre erste Biographie wurde 650 von einem Mönch in Kildare mit Namen Cogitosus geschrieben, der keinen Zweifel daran läßt, daß es auch zu seiner Zeit eine gemischte Gemeinschaft war.

Zum Beweis für die gleichberechtigte Stellung der Frauen wäre noch darauf hinzuweisen, daß in der keltischen Kirche jener Zeit Frauen auch Priester werden konnten. Brigitta selbst wurde von Patricks Neffen Mel zur Bischöfin geweiht, und sie war nicht die einzige. Rom protestierte im sechsten Jahrhundert schriftlich gegen die keltische Praxis, Frauen die heilige Messe zelebrieren zu lassen.

Damit sich der Leser besser im Irland des siebenten Jahrhunderts und mit den Eigennamen zurechtfindet, habe ich eine Kartenskizze und eine Liste der Hauptpersonen beigefügt.

Im allgemeinen habe ich es aus naheliegenden Gründen abgelehnt, anachronistische Ortsnamen zu verwenden, habe jedoch einige wenige moderne Bezeichnungen übernommen wie Tara statt Teamhair, Cashel an Stelle von Caiseal Muman und Armagh für Ard Macha. Hingegen bin ich bei dem Namen Mu-man geblieben und habe nicht die Form »Munster« vorweggenommen, bei der im neunten Jahrhundert das nordische »stadr« (Ort) an den irischen Namen Muman angehängt und die dann anglisiert wurde. Ähnlich habe ich das ursprüngliche Laigin beibehalten statt der anglisierten Form Leinster, die aus dem nordischen Laigin-stadr hervorging.

Mit diesem Hintergrundwissen können wir uns nun in Fidelmas Welt begeben. Die Handlung spielt in dem Monat, der bei den Iren damals Boidhmhis hieß, der Monat des Wissens. Später erschien er in den Kalendern als Iüil oder Juli, nach Julius Cäsar benannt, der den römischen Kalender reformierte. Man schreibt das Jahr 666.

Hauptpersonen

Schwester Fidelma von Cashel, eine dalaigh oder Anwältin bei Gericht im Irland des siebenten Jahrhunderts

Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham, ein angelsächsischer Mönch aus dem Lande des Südvolks

In Cashel

Colgü von Cashel, König von Muman und Fidelmas Bruder

Segdae, Bischof von Imleach, Comarb von Ailbe

In Gleann Geis

Laisre, Fürst von Gleann Geis

Colla, Tanist oder Thronfolger von Laisre

Murgal, Laisres Druide und Brehon

Mel, Murgals Schreiber

Orla, Laisres Schwester und Collas Ehefrau

Esnad, Tochter von Orla und Colla

Artgal, Krieger und Schmied in Gleann Geis

Rudgal, Krieger und Wagenbauer in Gleann Geis

Marga, Apothekerin

Cruinn, Verwalterin des Gästehauses in Gleann Geis

Ronan, Krieger und Bauer in Gleann Geis

Bairsech, seine Frau Nemon, Prostituierte

Bruder Solin, ein Kleriker aus Armagh

Bruder Dianach, sein junger Schreiber

Ibor von Muirthemne Mer, ein Bote

An anderen Orten

Mael Düin von den nördlichen Ui Neill, König von Ailech

Ultan, Bischof von Armagh, Comarb von Patrick

Sechnassach von den südlichen Ui Neill, Großkönig in Tara

Kapitel 1

Jäger näherten sich. Menschen auf der Jagd. Das Bellen ihrer Hunde schallte schreckenerregend durch das enge Tal. Ein Brachvogel flog rasch von dem kleinen See in der Mitte des Tals auf, der gefleckte Vogel mit dem weißen Rumpf schwang sich empor und gab seinem Ärger darüber, auf eine leckere Krabbenmahlzeit verzichten zu müssen, mit einem klagenden Ruf aus seinem langen gekrümmten Schnabel Ausdruck: »Kuu-li! Kuu-li!« Er stieg immer höher hinauf in die Lüfte, bis er nur noch ein schwarzer Punkt war, der sich in immer größeren Kreisen bewegte und gegen den wolkenlosen azurblauen Himmel abzeichnete. Sonst war an diesem Himmelszelt nichts weiter zu sehen als der große, leuchtende Sonnenball, der sich langsam in die westliche Hälfte des Himmels hinabsenkte und dessen Strahlen das indigofarbene Wasser des Sees wie glitzernde Edelsteine funkeln ließen.

Es war ein heißer, ermüdender Tag. Doch jetzt geriet die träge Luft in Bewegung, eine allgemeine Unruhe brach aus. Ein Fischotter mit seinem langen Körper und kräftigen Schwanz brachte sich geduckt schleichend rasch in Deckung. Auf einem Bergpfad verhoffte ein Damhirsch mit einem breiten Schaufelgeweih, noch vom Bast bedeckt, das er bald mit Beginn der Brunftzeit abwerfen würde, und schnupperte mit zitternden Nüstern. Hätte ihn nicht das Hundegebell gewarnt, hätte ihn allein schon der Geruch nach Menschen, den einzigen Raubtieren, die er zu fürchten hatte, zur Flucht über den Höhenrücken hinweg, fort von der nahenden Bedrohung, veranlaßt. Nur ein einziges Tier knabberte weiter an Ginster und Heidekraut, anscheinend ungerührt von der Angst, die die anderen Tiere ergriffen hatte. Auf einem Felsvorsprung stand eine kleine zottige, trittsichere Wildziege mit langen Hörnern. Rhythmisch kauend behielt sie ihre gleichgültige, teilnahmslose Haltung bei.

In der Tiefe war das Tal teilweise mit einem Dickicht aus Büschen und Bäumen bedeckt. Es erstreckte sich vom Nordende des Tals herab und reichte bis auf fünfzig Meter ans Seeufer heran, während niedriger Ginster und Heide den übrigen Talboden bedeckten. Das Dik-kicht bestand weitgehend aus dem dornigen Gestrüpp des Schlehdorns mit seinen gezähnten harten Zweigen, die sich kaum von den Kirsch-Pflaumen unterschieden, die dazwischen wuchsen und sich mit den dicken Stämmen, starken Ästen und ausladenden Kronen der Zwergeichen vermischten. Von dem schmalen, dunklen Pfad durch dieses Dickicht kam ein Geräusch, das anzeigte, daß sich jemand rasch durch die hinderlichen Zweige und fesselnden Ranken zwängte.

Aus dem Dickicht stürmte ein junger Mann. Er blieb stehen und bemühte sich vergeblich, den unregelmäßigen, keuchenden Atem zu beruhigen, der seinen Brustkorb hob und senkte. Entsetzen weitete seine Augen, als er das breite, deckungslose Tal überblickte, dessen Seiten sanft zu den felsübersäten Hügeln anstiegen. Mit einem leisen verzweifelten Stöhnen sah er sich in der kahlen Landschaft nach einem Versteck um. Er wandte sich wieder dem Dik-kicht zu, doch die Verfolger waren darin zwar noch nicht in Sicht, aber deutlich zu hören. Das Bellen der Hunde ging in aufgeregtes Jaulen über, als sie spürten, wie nahe sie ihrer Beute waren.

In düsterer Hilflosigkeit lief der junge Mann stolpernd weiter. Er trug ein langes Gewand aus grobem braunem Wollstoff, eine Mönchskutte. Es war zerfetzt, und ein paar Dornenranken hingen daran, die sich in dem festen Stoff verfangen hatten, ohne ihn zerreißen zu können. Schmutz und auch Blut aus den von Dornen verletzten Stellen befleckten die Kleidung. Noch zwei Dinge außer der Kutte wiesen den jungen Mann als Mönch aus. Erstens trug er das Haar von der Stirn bis zu einer Linie von Ohr zu Ohr geschoren und hinten lang, nach der Tonsur des heiligen Johannes, wie sie die Mönche in Irland bevorzugten. Zweitens hing ihm eine Silberkette mit einem silbernen Kruzifix um den Hals.

Er mochte Anfang zwanzig sein und wäre hübsch gewesen, wenn nicht die Angst seine Züge verzerrt und sein Gesicht nicht die Kratzwunden des Dik-kichts getragen hätte. Seine roten Wangen bluteten. Vor allem aber war es die Panik in seinen großen dunklen Augen, die sein Gesicht entstellte. Er hatte sich völlig der Furcht überlassen, die ebenso aus seinem Körper quoll wie der Schweiß.

Mit einem erstickten Schrei drehte er sich um und lief mit hochgerafftem Gewand auf den See zu. Seine Sandalen hatte er längst verloren. Seine bloßen, aufgerissenen Füße starrten von Schmutz und Blut. Auf die Schmerzen achtete er nicht, der Schmerz erreichte sein Denken nicht mehr. Um den linken Knöchel trug er einen eisernen Ring, wie er bei Geiseln oder Sklaven üblich war, denn an der Seite hatte er eine Öse, durch die eine Kette oder ein Strick geführt werden konnte.

Schon nach wenigen Schritten merkte der junge Mann, daß der See ihm keinen Schutz bot. Dort wuchsen nur ein paar Büsche, nichts weiter. Er hatte so lange den Tieren als Tränke gedient, daß nicht einmal langes Gras oder Ginster übriggeblieben waren. Alles war zu kurzen Stoppeln abgeweidet worden. Nirgends gab es ein Versteck.

Mit einem seltsamen, verzweifelten Klagelaut blieb der junge Mann stehen und hob hilflos die Arme. Dann lief er auf den Berghang zu, auf dem die Wildziege immer noch ungerührt dastand. Beim Emporklettern trat er sich auf den zerrissenen Saum seiner Kutte und stürzte schwer zu Boden. Benommen blieb er liegen.

In diesem Augenblick kamen die ersten Verfolger aus dem Wald hervor.

Drei Männer liefen voran, jeder mit einer großen Bulldogge an der Leine, die ihn mit triefenden Lefzen vorwärtszog und eifrig jaulte beim Anblick des gehetzten Wildes. Die drei Jäger verteilten sich etwas, aber der junge Mann war zu erschöpft zu weiterer Flucht. Er stützte sich auf einen Arm und sah halb liegend, halb sitzend und außer Atem den Männern entgegen. Furchtsame Resignation spiegelte sich in seinen Zügen.

»Laßt die Hunde nicht los«, rief er mit schwacher, angstvoller Stimme. »Ich laufe nicht mehr weg.«

Keiner der drei Männer gab eine Antwort, doch blieben sie vor ihm stehen, die Leinen mit festem Griff so haltend, daß die mächtigen Hunde ihn beinahe berührten. Sie drängten nach vorn in ihrem Jagdeifer, ihre rauhen Zungen und der Geifer aus ihren Lefzen erreichten ihn fast. Er spürte ihren heißen Atem und krümmte sich zusammen.

»Um Gottes willen, haltet sie zurück!« schrie er, als sie seinem Ausweichen mit schnappenden Kiefern folgten.

»Keine Bewegung!« fuhr ihn einer der Jäger an. Mit einem raschen Zug an der Leine brachte er sein Tier unter Kontrolle. Auch die anderen beruhigten ihre Hunde.

Nun kam eine vierte Gestalt zu Pferde aus dem Dickicht. Bei ihrem Anblick flackerten die Augen des jungen Mannes nervös. Sein Mund verzog sich, als fürchte er sie noch mehr als die Bulldoggen vor ihm. Es war eine schlanke Person, sie saß lässig im Sattel, hielt die Zügel locker und ließ das Pferd trotten, als sei sie auf einem gemütlichen Morgenritt. Einen Moment hielt sie an und betrachtete die Szene.

Es war eine junge Reiterin. Ein glänzender Bronzehelm umschloß ihr Gesicht so eng, daß kein Haar darunter hervorlugte. Ein schmaler Silberreif auf dem Helm umfaßte in der Mitte einen leuchtenden Halbedelstein. Sonst trug sie keinen Schmuck. Kein Mantel zierte ihre Schultern, und ihr einfaches safrangelbes Leinenkleid wurde von einem schweren ledernen Männergürtel mit Tasche gehalten, an dem rechts ein kunstvoller Dolch in einer Lederscheide hing, während an ihrer linken Seite aus einer längeren Scheide der fein gearbeitete Griff eines Schwertes herausragte.

Ihr Gesicht war leicht gerundet, fast herzförmig und nicht unansehnlich. Ihr Teint war blaß, doch die Wangen leicht gerötet. Ihre Lippen waren wohlgeformt, doch etwas farblos, die Augen kalt und glitzernd wie Eis. Auf den ersten Blick hätte man sie für eine junge und auf unschuldige Art hübsche Frau gehalten, aber beim näheren Hinsehen bemerkte man die Härte des Mundes und ein seltsam bedrohliches Funkeln in den unergründlichen Augen. Ihre Mundwinkel verzogen sich leicht, als sie sah, wie die Jäger und ihre Hunde wachsam vor dem liegenden jungen Mann standen.

Der Anführer der Jäger blickte über die Schulter zurück, als sie im Schritt auf sie zu ritt, und lächelte zufrieden.

»Wir haben ihn, Lady«, stellte er mit Genugtuung fest.

»Das sehe ich«, erwiderte sie mit soviel Fröhlichkeit in der Stimme, daß ihre Worte um so gefährlicher klangen.

Der junge Mann war wieder etwas zu Atem gekommen. Seine rechte Hand drehte unsicher an dem silbernen Kruzifix, das er am Halse trug.

»Um Himmels willen habt Mitleid ...«, setzte er an, doch die Frau brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen.

»Mitleid? Wieso erwartest du Mitleid, Priester?« fragte sie in drohendem Ton. »Ich habe selbst genug Leid zu tragen und jammere nicht nach dem Mitleid eines anderen.«

»Ich bin doch nicht für dein Leid verantwortlich«, verteidigte sich der junge Mann.

Die Frau stieß ein kurzes, abgehacktes Lachen aus, bei dessen unerwartet mißtönendem Klang selbst die Hunde ihre Köpfe wandten.

»Bist du nicht ein Priester des christlichen Glaubens?« höhnte sie.

»Ich bin ein Diener des wahren Glaubens«, erwiderte der junge Mann trotzig.

»Dann gibt es für dich keine Gnade in meinem Herzen«, erklärte die Frau harsch. »Auf die Füße, Priester von Christus. Oder willst du deine Reise in die Andere Welt im Liegen antreten? Mir soll es gleich sein.«

»Hab Erbarmen, Lady. Laß mich in Frieden aus diesem Lande ziehen, und ich schwöre dir, du siehst mein Gesicht nie wieder!«

Der junge Mann rappelte sich hoch und hätte sich an ihrem Steigbügel bittend vor ihr niedergeworfen, wenn ihn die Hunde nicht wütend zurückgescheucht hätten.

»Bei der Sonne und dem Mond« - die Frau lächelte spöttisch -, »du bringst mich fast dazu, kein Wasser auf eine ertrinkende Maus zu gießen! Genug jetzt! Nichts ermutigt so sehr zu Missetaten wie Erbarmen. Bindet ihn!«

Dieser Befehl galt den Jägern. Einer von ihnen reichte seine Hundeleine einem anderen, zog ein großes, dolchartiges Messer, ging zum nächsten Schlehdorngebüsch und schnitt einen kräftigen Ast von anderthalb Meter Länge ab. Er kam zurück, nahm einen Strick, den er um die Schulter geschlungen trug, und winkte den jungen Mann zu sich heran. Der gehorchte zögernd. Der Ast wurde ihm hinter dem Rücken zwischen den Ellbogen hindurchgeschoben, und dann wurden die Arme so daran festgebunden, daß das Holz wie ein schmerzender Halfter wirkte.

Die Frau schaute anerkennend zu. Nun beendete man die Fesselung und band dem jungen Mann einen anderen Strick um den Hals, dessen freies Ende ein Jäger hielt. Die Frau nickte zufrieden. Sie blickte zum Himmel und dann auf die Gruppe vor ihr. Die Hunde hatten sich beruhigt, nachdem die Aufregung der Hetzjagd vorbei war.

»Los, wir haben noch einen weiten Weg vor uns«, sagte sie, wendete ihr Pferd und ritt im Schritt den Pfad durchs Dickicht entlang.

Der Jäger, der den Gefangenen führte, folgte ihr, während die beiden anderen mit den Hunden den Schluß bildeten.

Vorwärtsstolpernd schrie der junge Mann noch einmal auf.

»Um der Liebe Gottes willen, habt ihr denn kein Erbarmen?«

Der Jäger zog rasch den Strick fester um den Hals des unglücklichen jungen Mannes. Er drehte sich mit einem Lachen aus einem Mund voller schwarzer Zähne zu ihm um.

»Du lebst länger, Christ, wenn du deinen Atem sparst.«

Vor ihnen ritt die Frauengestalt ungerührt weiter. Mit starrer Miene schaute sie nach vorn. Die ihr folgten, schienen für sie nicht zu existieren.

Oben auf dem Hügel stand die Wildziege und beobachtete ihr Verschwinden im Dickicht mit demselben Gleichmut, mit dem sie die Vorgänge betrachtet hatte.

Später schraubte sich auch der Brachvogel in Kreisen wieder herunter zum See und setzte seine unterbrochene Mahlzeit fort.

Kapitel 2

Der Mönch saß auf einem kleinen Felsen im rauschenden Bergbach und hielt mit glückseliger Miene auf dem emporgewandten Gesicht die Füße in das frische, kalte Wasser. Er hatte seine Kutte aus braunem

Wollstoff bis zu den Knien hochgestreift und die Ärmel aufgekrempelt und genoß die heiße Sommersonne, während das Wasser um seine Füße gurgelte und schäumte. Er war jung, untersetzt und trug die corona spina, die kreisrunde Tonsur des heiligen Petrus von Rom, die in sein sonst volles, lockiges braunes Haar geschnitten war.

Plötzlich öffnete er die Augen und schaute vorwurfsvoll eine andere Gestalt an, die am Ufer des Baches stand.

»Ich glaube, dir gefällt das nicht, Fidelma«, beklagte er sich bei der hochgewachsenen rothaarigen Nonne, die ihn beobachtete. Die hübsche junge Frau betrachtete ihn mit Augen unbestimmbarer Farbe, die blau oder grün sein mochten, das war schwer zu sagen. Ihre herabgezogenen Mundwinkel ließen ihr Mißfallen erkennen.

»Wir sind dem Ziel unserer Reise so nahe, daß ich meine, wir sollten lieber weiterreiten, anstatt unsere Körper zu verwöhnen, als hätten wir alle Zeit der Welt.«

Der junge Mann lächelte verschmitzt.

»Voluptates commendat rarior usus«, zitierte er zu seiner Rechtfertigung.

Schwester Fidelma schnaufte verärgert.

»Vielleicht ist das Verwöhntwerden selten und deshalb besonders schön«, gab sie zu, »trotzdem, Eadulf, sollten wir unsere Reise nicht länger verzögern als unbedingt nötig.«

Widerwillig seufzend erhob sich Bruder Eadulf von seinem Sitz und watete zum Ufer. Seine Miene strahlte jedoch Befriedigung aus.

»O si sic omnia«, stellte er fest.

»Wenn alles so wäre«, entgegnete Fidelma spitz, »dann gäbe es keinen Fortschritt im Leben, denn dann wäre es alles eine einzige Hingabe an das körperliche Vergnügen. Gott sei Dank, daß er den Winter ebenso schuf wie den Sommer, damit sich unsere Empfindlichkeiten ausgleichen.«

Eadulf trocknete sich die Füße flüchtig mit dem Saum seiner Kutte ab und schlüpfte in seine Ledersandalen.

Sie hatten an dieser Stelle gerastet, um ihr Mittagsmahl einzunehmen und ihre Pferde am grünen Ufer des Baches grasen zu lassen. Fidelma hatte die Essensreste weggeräumt und die Satteltaschen neu gepackt. Die pralle Mittagssonne hatte Eadulf veranlaßt, seine Füße in dem kalten Bergbach zu kühlen. Er wußte auch, daß es nicht dieses kleine Vergnügen war, was Fidelma beunruhigte. Er hatte während der letzten vierundzwanzig Stunden ihre wachsende Besorgnis bemerkt, obwohl sie sich nach Kräften bemüht hatte, ihre Befürchtungen vor ihm zu verbergen.

»Sind wir unserem Ziel wirklich schon so nahe?« fragte er.

Zur Antwort zeigte Fidelma auf die hohen Spitzen der Berge, in deren Ausläufer sie am Morgen eingeritten waren.

»Das sind die Cruacha Dubha, die Schwarzen Berge. Sie bilden die Grenze des Landes des Clans Duibhne. Am späten Nachmittag sollten wir das Gebiet erreichen, über das Laisre herrscht. Es ist ein fast verborgenes Tal unterhalb des hohen Gipfels dort, der als der höchste Berg unseres Landes gilt.«

Bruder Eadulf starrte empor zu dem kahlen Horn, das die anderen überragte.

»Tut es dir schon leid, daß du das Angebot deines Bruders, uns Krieger mitzugeben, abgelehnt hast?« fragte er schüchtern.

In Fidelmas Augen blitzte es einen Moment auf, doch dann wurde ihr klar, daß Eadulf es gut meinte, und sie schüttelte den Kopf.

»Was hat die ganze Reise für einen Sinn, wenn Krieger uns beschützen müssen? Wenn wir unsere Lehren und unseren Glauben mit blankem Schwert verbreiten, dann müßten ja diese Lehren und unser Glaube es wohl nicht wert sein, daß man darüber spricht.«

»Manchmal sind die Menschen wie die Kinder und sitzen erst still und hören zu, wenn man sie dazu zwingt«, meinte der Angelsachse gelassen. »Man braucht einen Stock für Kinder und ein Schwert für Erwachsene. Das hilft ihnen, sich zu konzentrieren.«

»Da ist schon was dran«, gestand Fidelma. Dann fügte sie hinzu: »Ich kenne dich zu lange, Eadulf, als daß ich dir die Wahrheit verschweigen wollte. Ich hege tatsächlich Befürchtungen. Laisre regiert selbstherrlich. Nach Ehre und Pflicht ist er meinem Bruder in Cashel verantwortlich, aber Cashel ist für ihn sehr weit weg.«

»Es ist kaum zu glauben, daß es noch eine Gegend in diesem Land gibt, in der das Christentum unbekannt ist.«

Fidelma schüttelte den Kopf.

»Nicht eigentlich unbekannt; es ist bekannt, wird aber abgelehnt. Der Glaube erreichte diese Küsten erst vor knapp zweihundert Jahren, Eadulf. Es gibt immer noch viele abgelegene Gegenden, in denen der alte Glaube nur langsam abstirbt. Wir sind ein konservatives Volk und hängen an unseren alten Bräuchen und Vorstellungen. Du hast selbst an unseren kirchlichen Hochschulen studiert. Du weißt, wie viele noch an der alten Weise festhalten und an den alten Göttern und Göttinnen ...«

Eadulf nickte nachdenklich. Erst vor einem Monat war er mit Fidelma nach Cashel zurückgekehrt, nachdem sie kurze Zeit im Tal von Araglin verbracht hatten. Dort hatten sie Gadra kennengelernt, einen Einsiedler, der fest bei der alten Religion geblieben war. Doch auch in vielen anderen Ländern war der Glaube noch jung. Eadulf selbst war erst im frühen Mannesalter bekehrt worden. Einst war er der erbliche gerefa oder Friedensrichter des Thans von Seaxmund’s Ham im Lande des Südvolks gewesen, bevor er sich einem Iren namens Fursa anschloß, der den heidnischen Sachsen das Wort Christi und die neue Religion brachte. Bald darauf hatte Eadulf den finsteren Göttern seiner Väter abgeschworen und war ein so guter Schüler geworden, daß Fursa ihn nach Irland an die großen kirchlichen Hochschulen von Durrow und Tuam Brecain entsandte.

Eadulf hatte schließlich den Weg nach Rom eingeschlagen und nicht den nach Iona. Bei der Teilnahme an der Debatte zwischen den Vertretern der römischen Liturgie und denen der Regeln Columbans, die in Whitby abgehalten wurde, hatte es sich zum erstenmal ergeben, daß Eadulf mit Fidelma zusammenarbeitete, die nicht nur Nonne war, sondern auch Anwältin bei den irischen Gerichten. Sie hatten mehrere Abenteuer gemeinsam bestanden. Jetzt war er wieder zurück in Irland als Sondergesandter des neuen Erzbischofs von Canterbury, Theodor von Tarsus, bei Fidelmas Bruder, König Colgü von Muman.

Eadulf wußte wohl, wie sehr die Menschen lieber an den alten Bräuchen und Vorstellungen hingen, statt sich dem Unerprobten und Unbekannten zu öffnen.

»Hat dieser Fürst Laisre, zu dem wir wollen, solche Angst vor dem neuen Glauben?« erkundigte er sich.

Fidelma zuckte die Achseln.

»Vielleicht ist es nicht Laisre, den wir fürchten müssen, sondern seine Ratgeber«, vermutete sie. »Laisre herrscht über sein Volk und respektiert Rang und Status. Er ist bereit, sich mit mir zu treffen und die Einrichtung einer ständigen Vertretung des Glaubens in seinem Gebiet zu besprechen. Das deutet auf eine offene Gesinnung hin.«

Sie hielt inne und dachte über die Ereignisse der vorigen Woche nach, über den Tag, an dem ihr Bruder Colgü von Cashel, der König von Muman, sie zu einem Gespräch in sein Privatzimmer gebeten hatte .

Es gab keinen Zweifel daran, daß Colgü von Cashel und Fidelma verwandt waren. Sie besaßen beide die gleiche hohe Gestalt, das gleiche rote Haar, die wandelbaren grünen Augen, die gleiche Gesichtsform und die gleichen unverwechselbaren Bewegungen.

Der junge König lächelte seine Schwester an, als sie das Zimmer betrat.

»Stimmt es, was ich höre, Fidelma?«

Fidelma schaute ihn ernst an, ihre Mundwinkel zogen sich herab.

»Ehe ich nicht weiß, was du gehört hast, Bruder, kann ich es weder bestätigen noch dementieren.«

»Bischof Segdae hat mir berichtet, du habest deine Zugehörigkeit zum Haus der heiligen Brigitta aufgegeben.«

Fidelma verzog keine Miene. Sie ging ans Feuer und setzte sich. Sie besaß das Recht, sich in Gegenwart eines Provinzkönigs, auch wenn er nicht ihr Bruder war, ohne vorherige Erlaubnis niederzulassen. Dies Recht verlieh ihr nicht nur ihre Herkunft als Prinzessin der Eoghanacht, obwohl sie es noch verstärkte, sondern ihre Stellung als Anwältin bei Gericht im Range eines anruth, und deshalb durfte sie sich sogar in Gegenwart des Großkönigs setzen, wenn er sie dazu einlud.

»Das hast du richtig gehört aus dem Munde deines >Grenzlandfalken<«, antwortete sie ruhig.

Colgü lachte. Bischof Segdaes Name bedeutete »falkenartig«, und er stand der Abtei von Imleach vor, des »Grenzlandes«. Imleach war das große kirchliche Zentrum von Muman und wetteiferte mit Armagh um die Stellung als das wichtigste christliche Zentrum Irlands. Von Kindheit an hatte Fidelma Worte und Bedeutungen geliebt und oft mit ihnen gespielt.

»Dann hat Bischof Segdae also recht?« fragte Colgü etwas überrascht, als er ihre Worte begriff. »Ich dachte, du hättest dich darauf festgelegt, dem Haus der heiligen Brigitta zu dienen?«

»Ich habe mich aus dem Haus der heiligen Brigitta in Kildare zurückgezogen, Bruder«, bestätigte Fidelmamit hörbarem Bedauern in der Stimme. »Ich konnte der Äbtissin Ita nicht länger die Treue halten. Es war eine Frage der . der Integrität. Mehr möchte ich nicht sagen.«

Colgü saß ihr gegenüber, mit ausgestreckten Beinen in seinen Sessel zurückgelehnt, und sah seine Schwester nachdenklich an. Wenn sie sich zu etwas entschlossen hatte, war es zwecklos, weiter darüber mit ihr zu reden.

»Hier bist du immer willkommen, Fidelma. Du hast mir und diesem Königreich mehrfach einen Dienst erwiesen, seit du Kildare verlassen hast.«

»Der Gerechtigkeit einen Dienst erwiesen«, verbesserte ihn Fidelma sanft. »Ich habe einen Eid geschworen, daß ich vor allem anderen dem Gesetz dienen will. Damit diene ich zugleich dem rechtmäßigen König und somit auch diesem Königreich.«

Colgü lächelte; es war dasselbe rasche spitzbübische Grinsen, mit dem auch Fidelma oft einen gelungenen Scherz quittierte.

»Dann habe ich ja Glück, daß ich der rechtmäßige König bin«, meinte er trocken.

Fidelma begegnete dem Blick ihres Bruders mit stillem Humor.

»Ich freue mich, daß wir uns darin so einig sind.«

Doch Colgü wurde wieder ernst.

»Möchtest du nun in Muman bleiben, Fidelma? Hier gibt es genug religiöse Häuser, in denen du willkommen wärst. Imleach zum Beispiel oder auch Lios Mhor. Und solltest du hier im Palast von Cashel wohnen wollen, dann wär mir das mehr als recht. Hier bist du geboren, und dies ist dein Zuhause. Ich wüßte täglich deinen Rat zu schätzen.«

»Ich werde dort sein, wo ich dir am besten dienen kann, Bruder. Das wäre mein Wunsch.«

Ihr Bruder sah sie einen Moment forschend an und sagte dann: »Als Bischof Segdae erwähnte, daß du Kildare verlassen hast, dachte ich zunächst, du hättest vielleicht die Absicht, ins Königreich von Ecgberht von Kent zu reisen.«

Unwillkürlich hob Fidelma vor Überraschung die Brauen.

»Kent? Das Königreich der Jüten? Warum dorthin, Bruder? Wie kommst du denn darauf?«

»Weil Canterbury in Kent liegt. Ist das nicht der Ort, zu dem Bruder Eadulf zurückkehren muß?«

»Eadulf?« Fidelma errötete, hob aber trotzig das Kinn. »Was willst du damit andeuten?«

»Ich will gar nichts andeuten«, erwiderte Colgü mit einem wissenden Lächeln. »Ich habe nur bemerkt, daß du viel Zeit in Gesellschaft des Angelsachsen verbringst. Ich sehe, wie ihr beide miteinander umgeht. Bin ich nicht dein Bruder? Ich habe keinen Grund, dafür blind zu sein.«

Fidelmas Gesicht wurde verlegen.

»Das ist dummes Gerede.« Ihr heftiger Ton klang etwas gezwungen.

Colgü sah sie lange nachdenklich an.

»Auch Mönche und Nonnen müssen heiraten«, meinte er ruhig.

»Nicht alle«, widersprach Fidelma nervös.

»Stimmt«, antwortete ihr Bruder, »aber das Zölibat gilt nur für die, die wie Asketen und Einsiedler leben wollen. Du gehörst zu sehr dieser Welt an, als daß du jenen Weg gehen wolltest.«

Fidelma hatte nun ihre Verlegenheit überwunden und ihre Fassung wiedererlangt.

»Nun, ich habe jedenfalls keine Pläne, ins Königreich der Jüten zu reisen oder überhaupt in ein fremdes Land.«

»Dann wird vielleicht Bruder Eadulf seine Stellung in Canterbury aufgeben und sich bei uns niederlassen?«

»Ich bin nicht in der Lage, vorherzusagen, was Ea-dulf tun wird, Bruder«, antwortete Fidelma so gereizt, daß Colgü sie entwaffnend anlächelte.

»Du bist mir böse, weil ich so dreist frage, Schwester. Aber ich komme nicht aus bloßer Neugier auf dieses Thema. Ich möchte nur wissen, wie es dir geht und ob du vorhast, Muman zu verlassen.« »Ich habe schon gesagt, daß ich das nicht beabsichtige.«

»Ich würde es dir nicht verübeln. Dein angelsächsischer Freund gefällt mir. Es ist gut mit ihm auszukommen, wenn er auch ein Sohn seines Volkes ist.«

Fidelma gab keine Antwort. Sie schwiegen eine Weile, Colgü streckte sich lässig in seinem Sessel aus; dann wurde seine Miene plötzlich besorgt.

»Ehrlich gesagt, Fidelma«, meinte er schließlich, »ich brauche deine Hilfe.«

Fidelmas Gesicht blieb ernst.

»So etwas habe ich erwartet. Um was handelt es sich?«

»Du hast das Geschick, Probleme zu lösen, Fidel-ma, und dieses Talent möchte ich mir wieder einmal zunutze machen.«

Fidelma neigte den Kopf.

»Mein Talent steht dir immer zur Verfügung, Colgü. Das weißt du doch.«

»Dann muß ich dir gestehen, daß ich dich mit einer ganz bestimmten Absicht hergebeten habe.«

»Daran hatte ich keinen Zweifel«, erwiderte sie ruhig. »Aber ich wußte, daß du das Thema auf deine Art anschneiden würdest.«

»Kennst du die Berge im Westen, die Cruacha Dubha genannt werden?«

»Ich bin noch nie dort gewesen, aber ich habe sie aus der Ferne gesehen und Geschichten über sie gehört.«

Colgü beugte sich vor.

»Hast du auch Geschichten über Laisre gehört?«

Fidelma runzelte die Stirn.

»Laisre, den Fürsten von Gleann Geis? Über ihn wurde neulich unter den Mönchen und Nonnen hier in Cashel geredet.«

»Was hast du gehört? Du kannst frei sprechen.«

»Daß sein Volk immer noch den alten Göttern und Göttinnen anhängt. Daß Fremde in seinem Land nicht willkommen sind und daß die Brüder und Schwestern des Glaubens auf eigene Gefahr dorthin gehen.«

Colgü seufzte und senkte den Kopf.

»Da ist etwas Wahres dran. Doch die Zeiten ändern sich rasch, und Laisre ist anscheinend ein intelligenter Mann. Er sieht jetzt ein, daß er dem Fortschritt nicht ewig im Wege stehen kann.«

Fidelma war überrascht.

»Heißt das, daß er sich zum Glauben bekehrt hat?«

»Nicht ganz«, gestand Colgü. »Er hält immer noch verbissen an den alten Bräuchen fest. Doch er ist bereit, die Argumente beider Seiten offen abzuwägen. In seinem Volk gibt es aber noch viel Widerstand dagegen. Der erste Schritt wäre also zu verhandeln ...«

»Zu verhandeln?«

»Laisre hat uns wissen lassen, daß er bereit ist, mit mir darüber zu verhandeln, daß er Glaubensleuten die Erlaubnis erteilt, auf seinem Gebiet eine Kirche und eine Schule zu errichten, die späterhin die alten heidnischen Kultstätten ersetzen sollen.«

»Der Ausdruck >verhandeln< läßt darauf schließen, daß er etwas dafür haben will. Wie hoch ist sein Preis für die Erlaubnis, eine Kirche und eine Schule auf seinem Gebiet zu bauen?«

Colgü zuckte leicht mit den Schultern.

»Den Preis müssen wir ermitteln. Ich brauche jemanden, der sowohl für dieses Königreich als auch für die Kirche sprechen kann.«

Fidelma schaute ihren Bruder nachdenklich an.

»Willst du damit sagen, daß ich in die Cruacha Dubha gehen und mit Laisre verhandeln soll?« fragte sie überrascht. Sie hatte gedacht, Colgü wolle nur ihren Rat in dieser Sache hören.

»Wer ist geschickter im Verhandeln und wer kennt dieses Königreich und seine Bedürfnisse besser als du?«

»Aber .«

»Du kannst in meinem Namen sprechen, Fidelma, und auch im Namen von Bischof Segdae. Finde heraus, was Laisre will, was er erwartet. Wenn die Bedingungen vernünftig sind, kannst du ihnen zustimmen. Sind sie unzumutbar, kannst du ihm erklären, der König und sein Rat müßten sie erst noch prüfen.«

Fidelma überlegte.

»Weiß Laisre, daß ich komme?«

»Ich wagte nicht, davon auszugehen, daß du zustimmst, Fidelma.« Colgü lächelte. »Er bat nur darum, daß ein Abgesandter des Glaubens zum Anfang der nächsten Woche in sein Gebiet kommen möge und daß er meines Ranges würdig wäre. Nimmst du an?«

»Wenn es denn dein Wunsch ist, daß ich dich und Bischof Segdae vertrete. Übrigens, warum ist der gute Bischof nicht hier und sagt uns seine Meinung dazu?«

Colgü schmunzelte.

»Er ist hier. Ich habe den alten >Grenzlandfalken< draußen warten lassen, bis ich die Sache mit dir besprochen habe. Er wird dir seine Meinung später mitteilen.«

Fidelma sah ihren Bruder mißtrauisch an.

»Du warst also sicher, daß ich gehen würde?«

»Niemals«, versicherte ihr Colgü mit einem Lächeln, das seine Antwort nicht glaubwürdiger machte. »Doch wenn du nun gehst, dann nimm einen Trupp meiner Elitekrieger mit, meiner Ritter vom Goldenen Halsreif.«

»Und was würde Laisre sagen, wenn ich an der Spitze eines Trupps von Niadh Nasc in sein Gebiet geritten käme? Wenn ich Gesandte sein soll, muß ich auch als Gesandte auftreten. Er würde die Kriegerschar nur als Beleidigung und als Einschüchterung bei den Verhandlungen betrachten. Krieger sind fehl am Platz, wenn über die Errichtung einer Kirche oder einer Schule verhandelt wird. Ich reite allein.«

Colgü schüttelte heftig den Kopf.

»Allein in die Cruacha Dubha? Nein, das tust du nicht. Nimm wenigstens einen Krieger mit.«

»Ob ein Krieger oder zehn, sie sind eben Krieger und erregen Unwillen. Nein, ich werde nur noch einen Vertreter des Glaubens mitnehmen und damit unsere friedlichen Absichten bekunden.«

Colgü blickte ihr forschend ins Gesicht und gab nach. Er wußte, sie hatte sich entschlossen, und wenn seine Schwester einen Entschluß gefaßt hatte, das war

Colgü klar, hatte es keinen Zweck, ihn umstoßen zu wollen.

»Dann nimm deinen Angelsachsen mit«, beharrte er. »Er ist ein guter Mann an deiner Seite.«

Fidelma blickte ihren Bruder rasch an, doch diesmal errötete sie nicht.

»Bruder Eadulf hat vielleicht anderes zu tun - es ist doch sicher an der Zeit, daß er zum Erzbischof von Canterbury zurückkehrt, der ihn dir als Gesandten schickte?«

Colgü lächelte sanft.

»Ich denke, du wirst feststellen, daß Bruder Eadulf bereit ist, noch etwas länger in unserem Königreich zu verweilen, Schwester. Trotzdem wünschte ich, du würdest dich von meinen Kriegern begleiten lassen.«

Fidelma blieb hart.

»Wie können wir beweisen, daß der Glaube der Weg des Friedens und der Wahrheit ist, wenn wir mit Gewalt bekehren? Nein, ich sage dir nochmals, Bruder, wenn ich ausgesandt werde, um mit Laisre und seinem Volk zu verhandeln, dann muß ich sie davon überzeugen, daß ich auf meinen Glauben vertraue und mich auf eine Zunge verlasse, die die Wahrheit spricht, und nicht auf ein Schwert. Vincit omnia Veritas!«

Colgü war belustigt.

»Es mag schon sein, daß die Wahrheit alles besiegt, doch das Geheimnis besteht darin, zu wissen, wann und zu wem man diese Wahrheit sagt. Da du lateinische Sprichwörter so gern magst, Fidelma, gebe ich dir diesen Rat: cave quid dicis, quando et cui.«

Fidelma senkte ernst den Kopf.

»Das ist ein Rat, den ich beherzigen werde.«

Colgü erhob sich und ging zu einem Schrank. Ihm entnahm er einen kleinen Stab aus Ebereschenholz, auf dem eine kleine goldene Figur befestigt war. Es war das Abbild eines Hirsches mit Geweih, das Symbol des Fürstengeschlechts der Eoghanacht von Cashel. Feierlich überreichte ihn Colgü seiner Schwester.

»Hier ist das Wahrzeichen deiner Gesandtschaft, Fidelma. Dieser Stab verleiht dir meine Autorität und das Recht, in meinem Namen zu sprechen.«

Fidelma stand auf. Sie kannte den Symbolgehalt des Stabes gut.

»Ich werde dich nicht enttäuschen, Bruder.«

Colgü sah seine Schwester liebevoll an und legte ihr dann beide Hände auf die Schultern.

»Da ich dich nicht dazu überreden kann, einen Trupp meiner Krieger mitzunehmen, biete ich dir den zweitbesten Beistand an.«

Fidelma sah gespannt zu, wie Colgü sich umwandte und in die Hände klatschte. Die Tür öffnete sich, und sein Brehon und sein Kämmerer traten ein. Ihnen folgte Bischof Segdae, ein älterer Mann mit Hakennase, dessen Gesicht seinem Namen zu entsprechen schien. Offensichtlich hatten sie draußen auf diesen Moment gewartet. Sie verneigten sich kurz und respektvoll vor Fidelma. Dann trat der Kämmerer wortlos an Colgüs linke Seite. Er trug ein kleines Kästchen aus Holz, das er nun dem König darbot.

»Ich wollte dies schon seit einiger Zeit tun«, gestand Colgü vertraulich, während er das Kästchen öffnete. »Besonders, seitdem du die Pläne der Ui Fid-gente zum Sturz meines Königreichs zunichte gemacht hast.«

Er nahm eine goldene Kette heraus. Sie war einfach gearbeitet und etwa zwei Fuß lang.

Fidelma hatte gesehen, wie andere Könige von Cashel diese Auszeichnung vornahmen, und begriff plötzlich, was bevorstand. Dennoch war sie überrascht.

»Du willst mich in die Niadh Nasc aufnehmen?« flüsterte sie.

»Das will ich«, bestätigte ihr Bruder. »Kniest du nieder und sprichst den Eid?«

Die Niadh Nasc, der Orden der Goldenen Kette oder des Goldenen Halsreifs, war eine ehrwürdige Adelsbruderschaft in Muman, die aus Mitgliedern der Elitekriegergarde der Könige von Cashel hervorgegangen war. Die Ehre wurde von den Eoghanacht-Königen von Cashel persönlich verliehen, und jeder Träger verpflichtete sich ihnen zur persönlichen Treue. Dafür trug er ein Kreuz, das einem alten Sonnensymbol nachgebildet war, denn die Ursprünge des Ordens sollten auch bis in tiefe Vorzeit zurückreichen. Manche Chronisten behaupteten, er sei tausend Jahre vor Christi Geburt gegründet worden.

Langsam sank Fidelma auf die Knie.

»Schwörst du, Fidelma von Cashel, bei allem, was du verehrst, den rechtmäßigen König von Muman, das Oberhaupt deines Hauses, zu verteidigen und zu be-schützen und deine Gefährten des Ordens der Goldenen Kette in brüderlicher und schwesterlicher Verbundenheit anzunehmen?«

»Ich schwöre es«, flüsterte Fidelma und legte ihre rechte Hand in die ihres Bruders, des Königs Colgü.

Er nahm die goldene Kette und wand sie um ihre verschlungenen Hände als einem symbolischen Akt der gegenseitigen Verpflichtung.

»Im Bewußtsein deiner Treue gegenüber unserer Person, unserem Hause und unserem Orden und des feierlichen Eides, den du geschworen hast, ihnen zu gehorchen, sie zu verteidigen und zu beschützen, binden wir dich nun mit dieser Kette in unseren Dienst ein und nehmen dich in die Niadh Nasc auf. Möge nur der Tod und niemals die Unehre diese Kette zertrennen.«

Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann löste Colgü mit einem verlegenen Lachen die Kette, hob seine Schwester auf und küßte sie auf beide Wangen. Darauf entnahm er dem Kästchen eine andere Goldkette. An ihrem Ende war ein eigenartig geformtes Kreuz befestigt, ein weißes Kreuz mit gerundeten Enden, in das ein einfaches Kreuz eingefügt war. Es war das Abzeichen des Ordens, älter als die christlichen Symbole. Ernst legte es Colgü seiner Schwester um den Hals.

»Jeder Mensch in den fünf Königreichen von Ei-reann kennt dieses Zeichen«, sagte er feierlich. »Du hast zwar den Schutz durch die Personen meiner Krieger abgelehnt, doch dies wird dir ihren Schutz im Geiste gewähren, denn wer ein Mitglied des Ordens kränkt, kränkt damit zugleich die Könige von Cashel und die Bruderschaft der Niadh Nasc.«

Fidelma wußte, daß dies kein eitles Versprechen ihres Bruders war. Nur wenige wurden in den Orden aufgenommen, und noch seltener wurde Frauen diese Auszeichnung zuteil.

»Ich werde das Zeichen in Ehren tragen, Bruder«, sagte sie ruhig.

»Möge es dir Schutz bieten auf deiner Reise ins Verbotene Tal und bei deiner Verhandlung mit Laisre. Und, Fidelma, denke an meine Mahnung: Cave quid dicis, quando et cui

Bedenke, was du sagst, wann und zu wem.

Der Rat ihres Bruders klang in Fidelma nach, als sie ihre Aufmerksamkeit wieder den düsteren, drohenden Gipfeln der Bergkette vor ihr zuwandte.

Kapitel 3

Der Aufstieg in die Berge dauerte länger, als Eadulf erwartet hatte. Der Weg drehte und wendete sich wie eine unruhige Schlange durch steile Fels- und Erdwälle hindurch, kreuzte schäumende Bäche, die von den mächtigen Gipfeln herabstürzten, und führte durch dunkle, bewaldete Täler und über offene, felsige Strecken. Eadulf fragte sich, wie jemand in so einer einsamen Gegend leben konnte, denn Fidelma versicherte ihm, dies sei der einzige Weg von Süden her in dieses Gebiet.

Als er hinaufspähte zu den schwindelerregenden Höhen, sah er etwas kurz aufblitzen. Er blinzelte. Er hatte dieses Aufblitzen schon zwei- oder dreimal beim Aufstieg bemerkt und zunächst gedacht, er habe es sich nur eingebildet. Seine Besorgnis mußte irgendwie erkennbar geworden sein, vielleicht durch eine Anspannung der Nackenmuskeln oder eine zu starre Kopfhaltung in einer Richtung, denn Fidelma sagte gelassen: »Ich sehe es auch. Jemand beobachtet unsere Annäherung seit mindestens einer halben Stunde.«

Eadulf war gekränkt.

»Warum hast du es mir nicht gesagt?«

»Was gesagt? Es dürfte nicht überraschen, wenn jemand auf Fremde achtet, die durch dieses Gebirge reiten. Bergbewohner sind ein mißtrauisches Volk.«

Eadulf schwieg. Dennoch behielt er die sie umgebenden Hügel wachsam im Auge. Seiner Meinung nach entstand das Aufblitzen durch das Auftreffen von Sonnenstrahlen auf Metall. Metall bedeutete Waffen oder Rüstungen. Das hieß, es könnte Gefahr drohen. Sie ritten schweigend weiter und kamen dabei immer höher. An einer Stelle wurde der Weg so steil und steinig, daß sie absteigen und ihre Pferde führen mußten.

Schließlich wollte Eadulf Fidelma schon fragen, ob es denn noch viel höher ginge, als der Weg plötzlich um eine Bergkante bog und sich überraschend ein breites Tal vor ihnen auftat. Es war mit Heidekraut und Mengen von rotem, orangefarbenem und grünem Stechginster bewachsen und bot ein seltsam liebliches Bild. Die höheren Berggipfel schienen noch so entfernt wie zuvor.

»Dieser Ritt nimmt gar kein Ende«, murrte Eadulf.

Fidelma hielt an, wandte sich im Sattel um und sah den Angelsachsen streng an.

»So ist es nicht. Wir müssen nur noch dieses weite Tal durchqueren und zwischen den Gipfeln dort hindurch. Dann sind wir in Laisres Gebiet, in Gleann Geis.«

Eadulf runzelte die Stirn.

»Ich dachte, du wärst hier noch nie gewesen?«

Fidelma unterdrückte einen Seufzer.

»Das war ich auch nicht, allerdings bin ich schon mal vorbeigekommen.«

»Woher weißt du dann ...«

»Aber Eadulf! Meinst du denn, unsere Leute hätten keine Ahnung vom Kartenzeichnen? Wenn wir uns in unserem eigenen Land nicht zurechtfänden, wie könnten wir dann Missionare in die riesigen Länder im Osten entsenden?«

Eadulf kam sich ein wenig töricht vor. Er wollte etwas sagen, doch plötzlich bemerkte er, daß Fidelma angespannt über das Tal vor ihnen schaute und dann zum Himmel aufsah. Er folgte ihrem Blick.

»Vögel«, stellte er fest.

»Die Raben des Todes«, sagte sie leise.

Die dunklen Punkte kreisten vor dem blauen Himmel und schienen sich in Spiralen abwärts zu senken.

»Zweifellos ein totes Tier«, meinte Eadulf und setzte hinzu: »Ein großes, wenn es so viele Aasfresser anlockt.«

»Sicherlich groß«, bestätigte Fidelma. Dann trieb sie ihr Pferd an und ritt entschlossen los. »Komm, es liegt auf unserem Wege, und ich möchte wissen, was so viele Vögel anzieht.«

Widerwillig folgte ihr Eadulf. Manchmal wünschte er sich, seine Gefährtin wäre nicht so wißbegierig. Er würde lieber der Hitze des Tages ausweichen und ihr Ziel so schnell wie möglich erreichen. Mehrere Tage im Sattel waren genug für ihn. Er würde allmählich einen bequemen Stuhl und einen im eisigen Bergbach gekühlten Krug Met vorziehen.

Fidelma mußte ihr Pferd vorsichtig lenken, denn der eben scheinende Talboden täuschte. Heidekraut und Dorngestrüpp überwuchsen tief die Unebenheiten. In dem Heidekraut und dem Ginster hätte sich eine ganze Armee verbergen können. Ihr Erscheinen hatte ein warnendes Krächzen unter den Vögeln ausgelöst, die ihre Kreise nun widerwillig wieder höher zogen.

Plötzlich parierte Fidelma ihr Pferd und starrte auf den Boden vor ihr.

»Was ist?« fragte Eadulf und schob sich neben sie. Sie schwieg und saß mit totenblassem Gesicht reglos im Sattel.

Eadulf folgte ihrem entsetzten Blick.

Auch er erbleichte.

»Deus miseratur ...«, begann er die erste Zeile des 67. Psalms und brach dann ab. Der Text schien ihm unpassend. Denen, die diesen seltsamen Altar des Todes bildeten, war niemand gnädig gewesen. Auf dem rauhen Boden lagen über zwanzig Leichen, nackte Leichen junger Männer in einem grotesken Kreis. Es war offenkundig, daß sie einen gewaltsamen Tod gefunden hatten.

Fidelma und Eadulf saßen still auf ihren Pferden, schauten auf diesen Kreis nackter Leichen und konnten nicht begreifen, was ihre Augen sahen.

Noch immer sprachlos, glitt Fidelma schließlich aus dem Sattel und trat ein oder zwei Schritte vor. Eadulf schluckte schwer, stieg ab, nahm die Zügel beider Pferde und band sie locker an einen nahen Busch. Dann ging er zu Fidelma.

Sie stand da, die Hände vor sich gefaltet, die Lippen zu einem Strich zusammengepreßt. Das leichte Zuk-ken eines Nervs an ihrem Kiefer verriet die Gefühle, die sie verbarg.

Sie trat noch einen Schritt vor und sah sich aufmerksam prüfend in diesem Kreis des Todes um. Es war keine Frage, daß die nackten männlichen Leichen nach dem Tode sorgfältig hier hingelegt worden waren.

Fidelma straffte die Schultern und schob das Kinn vor, als rüste sie sich für eine schwere Aufgabe.

»Sollten wir uns nicht entfernen, falls die Täter zurückkehren?« fragte Eadulf beunruhigt und schaute sich um. Doch im Tal schien sich kein Leben zu regen außer der Schar nachtschwarzer Raben, die sich weiter am Himmel sammelten und eine ungeordnete krächzende Wolke bildeten. Einige senkten sich zögernd herab, als seien sie dessen unsicher, was ihre Sinne ihnen verrieten, daß es hier reiche Beute gab, Aas in Hülle und Fülle. Doch sie spürten auch, daß sich etwas zwischen den Leichen bewegte, lebende Menschen, die ihnen schaden könnten. Ein paar von ihnen, kühner als die anderen, landeten dicht außerhalb des Kreises. Als sie vorsichtig näher hüpften, um die nächsten Leichen zu untersuchen, nahm Eadulf angewidert einen Stein auf. Er traf den häßlichen Vogel nicht, auf den er gezielt hatte, aber der flog mit einem ärgerlichen Krächzen auf und warnte die anderen, daß hier Gefahr lauere. Einige weitere landeten, doch außer Reichweite, und schauten mit hungrig funkelnden Augen zu.

»Komm weg, Fidelma«, drängte sie Eadulf. »Das ist kein Anblick für dich.«

Fidelmas grüne Augen blitzten gefährlich auf.

»Für wen wäre es dann ein Anblick?« Ihr Ton war scharf. »Für wen, wenn nicht für eine Anwältin, die geschworen hat, die Gesetze der fünf Königreiche zu wahren?«

Eadulf zögerte verlegen.

»Ich meine nur . «, wandte er ein, doch Fidelma unterbrach ihn mit einer scharfen Handbewegung.

Sie wandte sich ab, kniete bei der nächsten Leiche nieder und untersuchte sie. Langsam wiederholte sie das bei einer nach der anderen, wobei sie bei einer Leiche länger verweilte. Eadulf zuckte innerlich die Schultern, und während seine Augen immer wieder über die Umgebung glitten, versuchte er zugleich, irgendeinen Sinn in dem düsteren Leichenhaufen zu entdecken.

Als erstes fiel ihm auf, daß es alles junge Männer waren, der jüngste vielleicht sechzehn oder siebzehn, der älteste nicht über fünfundzwanzig. Alle waren sie nackt, doch ihre blasse Haut, weiß wie Pergament, verriet, daß sie im Leben nicht nackt gegangen waren. Er bemerkte auch, daß die Leichen im Kreis angeordnet waren, mit den Füßen zum Mittelpunkt hin. Jede Leiche lag auf der linken Seite. Er stellte zudem fest, daß der Boden um den Kreis herum weder blutig noch aufgewühlt war. Das bewies ihm, daß die jungen Männer nicht an dieser Stelle umgebracht worden waren. Diese Schlußfolgerung gefiel ihm.

Fidelma hatte ihre Untersuchung beendet und stand auf. Ungefähr zehn Meter entfernt floß ein kleiner Bach, und wortlos und zielsicher ging sie dort hin. Sie wusch sich Hände, Arme und Gesicht mit dem kalten Wasser.

Eadulf wartete geduldig, bis sie fertig war. Er war lange genug in den fünf Königreichen von Eireann, um zu wissen, wie genau es die Iren mit der Reinlichkeit nahmen. Als sie zurückkam, war ihre Miene noch finster, und sie blieb vor dem Kreis der Toten stehen.

»Nun, Eadulf, was ist dir aufgefallen?« fragte sie.

Eadulf fuhr überrascht auf. Er hatte nicht gedacht, daß sie bemerkt hatte, daß er alles genau betrachtete. Er überlegte rasch.

»Es sind nur junge Männer«, erklärte er.

»Das stimmt.«

»Sie sind in einem Kreis angeordnet, und sie wurden nicht hier getötet.«

Fidelma hob fragend eine Braue.

»Woraus schließt du das?«

»Wenn sie hier umgebracht worden wären, hätte es einen Kampf gegeben. Der Boden ist weder aufgewühlt noch blutig. Sie wurden woanders getötet und hierhergebracht.«

Sie nickte anerkennend.

»Und ihre Füße?«

Eadulf sah sie verblüfft an.

»Was ist mit ihren Füßen?« stammelte er.

Sie wies darauf.

»Wenn du dir ihre Füße ansiehst, stellst du fest, daß sie alle Hornhaut, Wunden und Blasen haben, als ob sie meilenweit über rauhen Boden laufen mußten. Die Spuren sind noch frisch. Widerspricht das nicht deiner Behauptung, sie wären hierhergebracht worden?«

Eadulf dachte schnell nach.

»Nicht notwendigerweise«, entgegnete er. »Sie mußten vielleicht weit laufen bis zu dem Ort, wo sie getötet wurden, und dann brachte man sie her und legte sie auf diese merkwürdige Art hin.«

Fidelma war mit ihm zufrieden. »Gut gemacht, Ea-dulf. Aus dir wird noch mal ein dalaigh. Sonst noch was? Du hast die Male von Fußfesseln an ihren linken Knöcheln noch nicht erwähnt.«

Diese Abschürfungen hatte Eadulf nicht bemerkt, doch als Fidelma ihn darauf hinwies, sah er sie auch. Sie fuhr fort: »Hast du die Leichen gezählt?«

»Ungefähr dreißig, glaube ich.«

Einen Augenblick wirkte sie verärgert.

»Darin sollte man genauer sein. Es sind dreiunddreißig.«

»Na, ich war doch nahe dran«, verteidigte er sich.

»Nein, das warst du nicht«, konterte sie scharf. »Doch darauf kommen wir gleich. Du sagtest, sie seien irgendwie angeordnet worden. Hast du dazu noch etwas zu ergänzen?«

Eadulf betrachtete den Kreis und verzog das Gesicht.

»Nein.«

»Du folgerst nichts aus der Tatsache, daß sie alle auf der linken Seite liegen, die Füße zur Mitte des Kreises? Sagt dir das nichts?«

»Nur, daß es sich um so etwas wie ein Ritual handeln muß.«

»Aha, ein Ritual. Schau noch mal hin. Die Leichen liegen auf ihrer linken Seite. Fang oben am Kreis an und zieh ihn nach ... Ihre Gesichter zeigen nach rechts, mit anderen Worten, nach dem Sonnenlauf, was wir deisiol nennen.«

»Ich bin nicht sicher, ob ich dich verstanden habe.«

»In heidnischen Zeiten vollzogen wir bestimmte Riten deisiol oder nach dem Sonnenlauf. Selbst jetzt gibt es noch viele, die darauf bestehen, bei einer Beerdigung den Friedhof mit dem Sarg dreimal nach dem Sonnenlauf zu umschreiten.«

»Du meinst, das hier könnte ein heidnisches Symbol sein?« Eadulf erschauerte und hob die Hand, um sich zu bekreuzigen, ließ es aber lieber sein.

»Nicht unbedingt«, versicherte ihm Fidelma. »Als der heilige Patrick in Armagh Land geschenkt bekam, auf dem er später seine Kirche erbaute, mußte er, heißt es, es mit seinem Krummstab deisiol umschreiten und es so feierlich dem Dienst Christi weihen, indem er unsere alten Bräuche und Riten vollzog.«

»Was meinst du also?« fragte Eadulf.

»Daß diese Leichen als Teil eines Rituals so hingelegt wurden, doch was für eines Rituals - eines heidnischen oder christlichen -, das müssen wir durch andere Beobachtungen herausbekommen.«

»Welche zum Beispiel?«

»Hast du bemerkt, auf welche Weise diese Unglücklichen aus dem Leben befördert wurden?«

Eadulf gestand, daß er es nicht wußte.

»Hast du schon mal vom Dreifachen Tod gehört?«

»Nein.«

»Es gibt eine alte Sage, daß vor langer Zeit einmal unser Volk vom alten Moralsystem unserer Druiden abfiel und zur Verehrung eines großen goldenen Idols überging, das Cromm Cruach, der Gott des Blutigen Halbmonds, genannt wurde und dem Menschenopfer dargebracht wurden. Es wurde auf der Ebene der Anbetung, Magh Slecht, verehrt, und das geschah zur Zeit des Großkönigs Tigernmas, des Sohnes Follachs. Sein Name bedeutete schon >Herr des Todes<.«

»Von dieser Sage habe ich noch nichts gehört«, erklärte Eadulf.

»Es ist ein Abschnitt in unserer Geschichte, auf den wir nicht stolz sein können und von dem wir nicht gern sprechen. Das Volk hatte schließlich von Tigern-mas genug, und er wurde während der wüsten Anbetung des Idols auf geheimnisvolle Weise erschlagen. Danach kehrte unser Volk zu den Göttern seiner Vorfahren zurück.«

Eadulf schnaufte mißbilligend.

»Ich sehe keinen großen Unterschied zwischen der Verehrung eines Idols und der Verehrung der heidnischen Götter. Keiner von ihnen war der wahre Gott.«

»Da hast du schon recht, Eadulf, aber wenigstens verlangten die alten Götter keine Blutopfer wie Cromm Cruach.«

Eadulf fuhr sich mit der Hand durchs Haar.

»Aber was hat das zu tun mit dem . Was war das noch? . Mit dem Dreifachen Tod?«

»Das war der Tod, wie ihn - laut Tigernmas - der Cromm Cruach forderte.«

»Das verstehe ich immer noch nicht.«

Fidelma deutete auf die Leichen.

»Jeder dieser jungen Männer ist erstochen worden. Jeder ist erdrosselt worden, und jedem wurde der Schädel eingeschlagen. Sagt dir das etwas?«

Eadulfs Augen weiteten sich.

»Ist das dein Dreifacher Tod?«

»Genau. Erstechen, Erdrosseln, Erschlagen - jedes führt zum Tod. Jeder junge Mann trägt die Spuren dieser Todesarten. Hast du außerdem die Male an ihren Handgelenken bemerkt?« »Male?«

»Die Abschürfungen von Stricken. Sie waren an den Händen gefesselt, wahrscheinlich zum Zeitpunkt ihres Todes, und danach wurden die Stricke gelöst.«

Eadulf erschauerte und bekreuzigte sich.

»Meinst du, daß sie Opfer eines Todesritus wurden?«

»Ich zähle nur die Tatsachen auf. Jede Schlußfolgerung wäre reine Spekulation.«

»Aber wenn es stimmt, was du sagst, dann deutest du doch an, hier sei ein heidnisches Opfer vollzogen worden und die Verehrung des Idols Cromm gebe es noch.«

Fidelma schüttelte den Kopf.

»Tigernmas soll der sechsundzwanzigste König nach der Ankunft der Söhne von Mile, die die Kinder Gaels nach Eireann führten, gewesen sein. Er herrschte tausend Jahre vor dem Kommen Christi in diese Welt. Wegen seiner üblen Handlungsweise wandten sich selbst die Druiden gegen ihn. Es wäre unlogisch, anzunehmen, die Verehrung von Cromm existiere noch weiter.«

Eadulf verzog den Mund.

»Doch irgendein Teufelswerk ist hier im Gange.«

»Damit hast du recht. Ich erwähnte die Zahl der Leichen - im ganzen dreiunddreißig .«

»Und du meintest, diese Zahl habe ihre Bedeutung ...«, warf Eadulf rasch ein.

»Als die bösen Götter der Fomorii gestürzt wurden, hieß es, sie seien von zweiunddreißig Fürsten und dazu von ihrem Großkönig befehligt worden. Der große Held Cüchulainn aus Ulaidh erschlug dreiunddreißig Krieger im Schloß einer bösen Fee. Als die Desi von Cormac Mac Art aus Irland vertrieben wurden, mußten sie dreiunddreißig Jahre wandern, ehe sie sich niederlassen konnten. Dreiunddreißig Helden einschließlich des Königs starben in Bricrius Halle . Soll ich noch mehr aufzählen?«

Eadulf staunte.

»Meinst du, daß die Zahl dreiunddreißig in den heidnischen Traditionen deines Volkes eine besondere Bedeutung hat?«

»Ja. Was wir hier sehen, ist ein altes Ritual. Der Dreifache Tod, die Anordnung der Leichen im Kreis nach dem Sonnenlauf und die Zahl der Leichen zeugen davon. Aber die Bedeutung des Rituals müssen wir erst noch ergründen. Eine andere wichtige Tatsache hast du auch nicht erwähnt.«

Eadulf sah sich im Kreis um.

»Was meinst du?« fragte er unsicher.

»Sieh dir den da an und sag mir, was du findest«, antwortete sie und wies mit der Hand auf einen bestimmten Leichnam.

Angewidert stieg Eadulf über die Toten und schaute hinunter. Er schluckte und bekreuzigte sich.

»Ein Bruder«, flüsterte er. »Ein Glaubensbruder. Er trägt die Tonsur des heiligen Johannes.«

»Im Unterschied zu den anderen hat er Schnitt-und Rißwunden an den Beinen, den Armen und im Gesicht.«

»Heißt das, daß er gefoltert wurde?«

»Wahrscheinlich nicht. Es sieht eher so aus, als sei er durch Dorngestrüpp gelaufen und habe sich dabei die Wunden zugezogen.«

»Doch dieser Bruder in Christus wurde rituell hingeschlachtet.« Eadulf war entsetzt. »Sein geistliches Gewand hat ihn nicht vor diesem schlimmen Tod bewahrt. Du hast schon gesagt, was das bedeutet.«

Fidelma sah ihn einen Moment unsicher an.

»So?«

»Es ist offenkundig.«

»Wenn das so ist, dann sag’s mir.«

»Wir wollen in dieses Verbotene Tal, wo ein heidnischer Fürst regiert, der nach deinen eigenen Worten der Wahrheit der Lehre Christi Widerstand entgegensetzt. Du zitierst doch gern lateinische Sprichwörter, Fidelma. Ich nenne dir eins: Cuius regio, eius religio.«

Zum erstenmal, seit sie diesen schrecklichen Anblick vor sich hatten, umspielte Fidelmas Mund ein Lächeln bei Eadulfs Worten.

»Der Herrscher eines Landes bestimmt seine Religion«, übersetzte sie.

»Fürst Laisre ist Heide«, fuhr Eadulf eilig fort. »Und ist dies hier nicht eine heidnische Symbolik, die uns einschüchtern und abschrecken soll?«

»Abschrecken wovon?« wollte Fidelma wissen.

»Nun, davon, daß wir nach Gleann Geis gehen, um über die Gründung einer christlichen Kirche und Schule dort zu verhandeln. Ich denke, daß es als eine Beleidigung deines Bruders als König und des Bischofs Segdae als Bischof von Imleach gemeint ist. Wir sollten diesen Ort sofort verlassen. Uns umdrehen und in ein christliches Land zurückkehren.«

»Unseren Auftrag vergessen?« fragte Fidelma. »Meinst du das wirklich? Von hier fliehen?«

»Um später mit einem Heer zurückzukommen und diesen Heiden, die uns absichtlich beleidigt haben, die Furcht Gottes einzubleuen. Ja, das sollten wir tun. Ich würde mit einer Streitmacht wieder herkommen und dieses Nest heidnischer Schlangen vom Erdboden vertilgen.«

Wenn man hier neben den Leichen stand, konnte man leicht in Erregung geraten. So erging es Eadulf, dessen Gesicht sich vor Zorn rötete.

Fidelma beruhigte ihn.

»Mein erster Gedanke, Eadulf, war der, dem du eben so beredten Ausdruck verliehen hast. Es ist ein naheliegender Gedanke, eine naheliegende Reaktion. Wenn dieser Anblick für unsere Augen bestimmt ist, dann liegt er vielleicht zu nahe. Denk an die Schatten, die helle Laternen werfen.«

Eadulf wurde trotz seiner Furcht und seines Zorn ruhiger, als er versuchte, den Sinn ihrer Worte zu ergründen.

»Was meinst du damit?«

»Es war ein Spruch meines Lehrers, des Brehon Morann von Tara. Die naheliegenden Dinge sind oft Täuschungen, und die Wirklichkeit liegt hinter ihnen verborgen.«

Sie kniff die Augen zusammen und spähte nach einem Gegenstand, der ein Stück weit entfernt am Boden lag.

»Was ist das?« fragte Eadulf, der sich, ihrem Blick folgend, rasch umgewandt hatte, weil er eine neue Gefahr vermutete.

Die Sonnenstrahlen waren auf etwas gefallen, was mehrere Meter entfernt im Ginster lag, und wurden von ihm zurückgeworfen.

Wortlos ging Fidelma durch das Gestrüpp, bückte sich und kam mit dem Gegenstand zurück.

Eadulf hörte, wie sie tief Luft holte.

Rasch trat er zu ihr und betrachtete das Stück.

»Der Halsring eines Kriegers«, stellte sie fest. Auch Eadulf erkannte den goldenen Halsreif, der einst vielfach von den Elitekriegern der Iren und Briten und ganz früher auch der Gallier getragen wurde. Er hatte einen Durchmesser von etwa zwanzig Zentimetern und bestand aus acht verflochtenen Drähten, die in gegossene Endstücke eingelötet waren. Er war mit komplizierter Perlverzierung, gegossenen Erhebungen und winzigen gepunzten Vertiefungen in konzentrischen Ringen geschmückt. Das Material war poliertes Gold und noch so blank, daß das Stück nicht lange dort gelegen haben konnte.

Fidelma untersuchte die Verzierungen genau und reichte dann Eadulf den Reif.

Er fand ihn überraschend leicht, denn er hatte zuerst geglaubt, er sei aus massivem Gold. Doch die Endstücke waren hohl, und die geflochtenen Drähte wogen nicht viel.

»Gibt es da eine Beziehung?« erkundigte er sich und wies mit dem Kopf auf die Leichen.

»Vielleicht, aber vielleicht auch nicht.«

Fidelma nahm den Reif zurück und steckte ihn vorsichtig in ihr marsupium, den Tragebeutel an ihrem Gürtel.

»Ob oder ob nicht, eins ist klar. Dieser Ring hat nicht lange hier gelegen, dafür ist er zu blank. Und zweitens, er gehörte einem Krieger von höherem Rang.«

»Einem Krieger von Muman?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Es gibt feine Unterschiede in den Verzierungen, die die Künstler von Muman oder die anderer Königreiche anbringen«, erläuterte sie. »Ich würde sagen, dieser Reif wurde in Ulaidh irgendwo im Norden hergestellt.«

Sie wollte sich schon abwenden, als etwas anderes ihre Aufmerksamkeit erregte. Ein Schatten finsterer Befriedigung glitt über ihr Gesicht.

»Hier ist der Beweis für deine Behauptung, Ea-dulf«, sagte sie und zeigte auf einen Flecken Erde.

Eadulf sah ihn sich genauer an. Es war eine morastige Stelle in dem sonst steinigen Boden, auf dem der Ginster ungleich wuchs. Er bemerkte, daß sie von Wagenspuren durchzogen war.

»Das beweist, daß die Leichen auf Wagen hergebracht wurden. Siehst du die tieferen Furchen? Und die anderen, weniger tiefen? Die tieferen stammen von den beladenen Wagen und die flacheren von den entladenen.«

Sie betrachtete die Spuren und folgte ihnen ein kurzes Stück. Widerstrebend blieb sie stehen.

»Wir können sie jetzt nicht weiter verfolgen. Unsere wichtigste Aufgabe ist es, nach Gleann Geis zu reisen.« Sie starrte in die Richtung, in die die Spuren führten. »Sie scheinen aus dem Norden zu kommen, sind aber auf dem steinigen Boden schwer auszumachen. Ich denke, die Wagen kamen über jene Berge

Sie zeigte in die Richtung, die sie meinte. Einen Augenblick blieb sie unschlüssig stehen und blickte angewidert auf die ständig wachsende Schar ungeduldig krächzender Krähen und Raben.

»Für diese armen Teufel können wir sehr wenig tun. Wir haben weder die Zeit noch die Kraft, noch die Werkzeuge, um ihnen ein ordentliches Begräbnis zu bereiten. Doch vielleicht hat Gott die Aasfresser gerade zu diesem Zweck erschaffen.«

»Wenigstens sollten wir ein Gebet für die Toten sprechen, Fidelma«, wandte Eadulf ein.

»Sprich dein Gebet, Eadulf, und ich sage amen dazu. Aber wir müssen so bald wie möglich weiter.«

Manchmal hatte Eadulf den Eindruck, Fidelma nehme den religiösen Teil ihres Lebens weniger ernst als ihre Pflichten als Anwältin. Er warf ihr einen mißbilligenden Blick zu, segnete dann den Kreis der Toten vor ihm und rezitierte in sächsischer Sprache:

»Zu Staub, Erde und Asche wird unsere Stärke,
Unser Ruhm ist vergänglich und eitel;
Aus der Erde kommen wir, zur Erde müssen wir
Schließlich zurückkehren.
Im Leben ernähren wir uns vom Fleisch der Tiere,
Der Vögel und mancher Fische;
Doch im Tode werden wir selbst
Zur Speise für kriechende Würmer.«

Plötzlich flogen zwei große Krähen, die mutiger waren als die anderen, auf und senkten sich dann auf eine der Leichen herab, in deren weißes Fleisch sie ihre Krallen bohrten. Eadulf schluckte, brach sein poetisches Gebet ab, murmelte einen raschen Segen für die Ruhe der Seelen der jungen Männer und machte sich eilig auf den Weg.

Fidelma hatte ihre Pferde von dem Busch losgebunden und hielt die unruhigen Tiere an den Zügeln. Nicht nur der Verwesungsgeruch störte die Pferde, sondern auch die gierigen Laute der Vögel, die nun über ihre Beute herfielen. Fidelma und Eadulf saßen auf und ritten los.

»Sobald es geht, möchte ich hierher zurückkehren und die Spuren verfolgen, um zu sehen, ob wir dadurch mehr erfahren können«, erklärte sie und blickte über die Schulter zu den fernen Bergen.

Eadulf schüttelte sich.

»Wäre das klug?«

Fidelma schmollte.

»Klugheit hat wenig damit zu tun.« Dann lächelte sie. »Nach meiner Berechnung sind wir nicht mehr weit von Gleann Geis entfernt. Es liegt hinter den nächsten Bergen, westwärts von hier durch dieses Tal. Wir werden hören, was Laisre dazu zu sagen hat. Wenn er behauptet, er wüßte nichts davon, können wir unsere Verhandlung dort schnell abschließen, zurückkommen und den Spuren nachgehen.«

»Vielleicht regnet es bald, und sie werden weggespült«, meinte Eadulf prompt und mit leiser Hoffnung in der Stimme.

Fidelma blickte zum Himmel auf.

»Bis übermorgen regnet es nicht«, erklärte sie zuversichtlich. »Wenn wir Glück haben, bleibt es noch ein paar Tage trocken.«

Eadulf hatte es längst aufgegeben, sie zu fragen, wie sie denn das Wetter vorhersagen könne. Sie hatte ihm oft erläutert, daß sie die Pflanzen und die Wolken beobachtete, aber das überstieg seinen Verstand. Jetzt ging er einfach davon aus, daß sie unweigerlich recht hätte. Er schaute zurück auf die sich vollstopfenden Raben, und es schauderte ihn sichtlich.

Fidelma bemerkte den Abscheu in seiner Miene und sagte: »Sieh es gelassen an, mein Bruder in Christo. Sind nicht Raben und Krähen auch ein Teil der großen Schöpfung, und hat nicht der Schöpfer diesen Aasfressern auch eine Rolle zugedacht?«

Eadulf war nicht überzeugt.

»Das sind Schöpfungen des Satans, nichts weiter.«

»Wieso?« fragte Fidelma spöttisch. »Zweifelst du an den Lehren deines eigenen Glaubens?«

Eadulf schaute sie verständnislos an.

»Erstes Buch Mose«, zitierte Fidelma. »>Und Gott schuf große Walfische und allerlei Getier, das da lebt und webt, davon das Wasser sich erregte, ein jegliches nach seiner Art, und allerlei gefiedertes Gevögel, ein jegliches nach seiner Art. Und Gott sah, daß es gut war. Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllet das Wasser im Meer; und das Gefieder mehre sich auf Erden.<« Fidelma hielt inne und verzog das Gesicht. »>Und allerlei gefiedertes Gevögel<«, wiederholte sie mit Betonung. »Die Schöpfungsgeschichte sagt nicht, allerlei Gevögel mit Ausnahme der Aasfresser.«

Eadulf schüttelte den Kopf und wollte ihr Zitat nicht anerkennen.

»Es steht mir nicht zu, die Schöpfungsgeschichte in Frage zu stellen. Aber Gott hat uns den freien Willen gegeben, und damit erlaubt er mir, meinen Abscheu gegen solche Tiere kundzutun.«

Fidelma konnte sich ein spöttisches Lächeln nicht verkneifen. Doch wollte sie ehrlich sein, mußte sie zugegeben, daß sie solche Diskussionen über den Glauben mit Eadulf genoß.

Sie hatten die dichte schwarze Masse der krächzenden Aasfresser, die nun den Boden bedeckte, weit hinter sich gelassen und spornten ihre Pferde zu schnellerer Gangart an.

»Was willst du tun, wenn wir diesen Laisre treffen?« erkundigte sich Eadulf. »Ich meine wegen der Leichen? Willst du eine Erklärung von ihm verlangen?«

»Das hört sich an, als ob du ihn für schuldig hältst.«

»Die Annahme erscheint mir logisch.«

»Annahmen sind keine Tatsachen.«

»Was willst du dann tun?«

»Tun?« Einen Moment überlegte sie. »Nun, den Rat meines Bruders befolgen. Darauf achten, was ich sage, wann ich es sage und zu wem!«

Kapitel 4

Sie waren kaum eine Meile weit durch das Tal geritten, da hörten sie den Hufschlag nahender Pferde. Unmittelbar vor ihnen lag der Eingang in eine Schlucht, die sich zwischen zwei Granitbergen erstreckte und in der der Weg, den sie nehmen wollten, verschwand. Aus dieser Richtung kamen die deutlich vernehmbaren Geräusche der Reiter.

Eadulf litt noch unter dem Entsetzen des Anblicks von vorhin und sah sich sofort nach einer Deckung um. Es gab keine.

Fidelma parierte ihr Pferd und wartete, locker im Sattel sitzend, auf das Erscheinen der Reiter. Sie befahl ihm kurz, sich genauso zu verhalten.

Gleich darauf stürmte eine Schar von ungefähr zwanzig Kriegern aus der Schlucht heraus auf die Ebene gerade vor ihnen. Ihre Anführerin, eine schlanke Gestalt, erblickte sie sofort und preschte ohne Zögern an der Spitze der Kolonne in scharfem Tempo dicht an sie heran. Dann parierten alle wie auf ein unsichtbares Zeichen hin ihre Pferde, und die kamen, schnaubend und einige ärgerlich wiehernd, in einer Wolke von Staub zum Stehen.

Fidelma musterte die Reiterin mit zusammengekniffenen Augen. Es war eine schmächtig gebaute Frau von etwa dreißig Jahren. Dunkles, fast schwarzes Haar fiel ihr in dichten Locken auf die Schultern, von einem schmalen geflochtenen Silberreif um die Stirn gehalten. Sie trug einen Mantel, eine lange Scheide mit einem gut gearbeiteten Schwert und an der rechten Seite einen reich verzierten Dolch. Ihr Gesicht war leicht gerundet, fast herzförmig und nicht unschön. Der Mund war voll und rot, der Teint blaß, die Augen waren dunkel. Sie blitzten herausfordernd.

»Fremde!« Ihre Stimme war rauh und paßte nicht zu ihrer Erscheinung. »Und noch dazu Christen. Das sehe ich an eurer Kleidung. Ich sage euch, ihr seid in diesem Lande nicht willkommen!«

Fidelmas Mund wurde schmal bei dieser unhöflichen Begrüßung.

»Der König dieses Landes wäre nicht erfreut, wenn er hörte, ich wäre hier nicht willkommen«, erwiderte sie sanft.

Nur Eadulf spürte den unterdrückten Zorn in ihrem ruhigen Ton.

Die dunkelhaarige Frau zog leicht die Brauen zusammen.

»Das glaube ich nicht, Frau des Gottes Christus. Du sprichst mit seiner Schwester.«

Fidelma machte ein spöttisch zweifelndes Gesicht.

»Du behauptest, du wärst die Schwester des Königs dieses Landes?« fragte sie ungläubig.

»Ich bin Orla, die Schwester von Laisre, der über dieses Land herrscht.«

»Ach so.« Fidelma begriff, daß die Frau den Titel König anders interpretiert hatte. »Ich spreche nicht von Laisre, dem Fürsten von Gleann Geis; ich spreche vom König von Cashel, vor dem Laisre niederknien muß.«

»Cashel ist weit von hier«, gab die Frau verärgert zurück.

»Aber Cashel reicht weit, und es übt Gerechtigkeit bis in alle Enden des Königreichs.«

Fidelma sprach mit einer ruhigen Festigkeit, die Orla stutzig machte. Sie war es anscheinend nicht gewohnt, daß ihr jemand mit Zuversicht und auf gleicher Rangstufe entgegentrat.

»Wer bist du, Frau, daß du so unbesorgt in Laisres Land reitest?« Ihre dunklen Augen funkelten Eadulf böse an, der gelassen im Sattel saß. »Und wer bist du, daß du es wagst, einen fremden Geistlichen in dieses Land zu bringen?«

Ein stämmiger Krieger schob sein Pferd aus der Kolonne nach vorn. Er war ein häßlicher Kerl mit einem buschigen schwarzen Bart und der Narbe einer alten Wunde über einem Auge.

»Lady, du brauchst diese Leute, die die weibische Kleidung ihrer fremden Religion tragen, nicht weiter zu fragen. Sie sollen verschwinden, oder ich mache ihnen Beine.«

Orla warf dem Krieger einen zornigen Blick zu.

»Wenn ich deinen Rat brauche, Artgal, dann frage ich dich danach.« Nach dieser Abfuhr wandte sie sich wieder Fidelma zu. Ihre feindselige Miene hatte sich nicht verändert. »Sprich, Frau, und erkläre mir, wer es wagt, die Schwester des Fürsten von Gleann Geis über die Pflichten ihres Bruders zu belehren.«

»Ich bin Fidelma ... Fidelma von Cashel.«

Absichtlich oder zufällig machte Fidelma eine Bewegung im Sattel, durch die die in den Falten ihres Gewandes verborgene Goldene Kette herausglitt und im Sonnenlicht glitzerte. Orlas dunkle Augen weiteten sich, als sie sie erkannte.

»Fidelma von Cashel?« wiederholte Orla zögernd. »Fidelma, die Schwester von Colgü, dem König von Muman?«

Fidelma gab keine Antwort, in der Annahme, daß Orla sie ohnehin wüßte.

»Dein Bruder Laisre erwartet mich als Abgesandte von Cashel«, fuhr sie fort, als sei ihr die Reaktion auf ihre Worte gleichgültig. Sie langte in ihre Satteltasche und nahm den weißen Stab mit dem goldenen Hirsch darauf heraus, das Zeichen ihrer Gesandtschaft vom König von Cashel.

Es trat eine Pause ein, in der Orla ihn wie gebannt anstarrte.

»Nimmst du den weißen Stab an oder wählst du das Schwert?« fragte Fidelma mit dem Anflug eines Lächelns. Abgesandte, die in ein feindliches Land kamen, wiesen entweder den Stab oder das Schwert vor als symbolische Verkündigung von Frieden oder Krieg.

»Mein Bruder erwartet einen Vertreter aus Cashel«, gab Orla langsam zu und blickte vom Stab auf und Fidelma unsicher ins Gesicht. In ihrem Ton schwang widerwilliger Respekt mit. »Aber es sollte ein Vertreter sein, der die Vollmacht besäße, mit Laisre über kirchliche Fragen zu verhandeln. Jemand mit der Vollmacht .«

Fidelma unterdrückte einen Seufzer der Ungeduld.

»Ich bin Anwältin bei den Gerichten der Brehons und besitze den Grad eines anruth. Ich bin der Vertreter, den er erwartet, und ich spreche für meinen Bruder Colgü, seinen König.«

Orla vermochte ihre Überraschung nicht zu verbergen. Der Grad eines anruth war der zweithöchste, den die kirchlichen und weltlichen Hochschulen Irlands zu vergeben hatten. Fidelma konnte mit Königen verkehren, sogar mit dem Großkönig, von kleinen Fürsten ganz zu schweigen.

Die Dunkelhaarige schluckte schwer und war spürbar beeindruckt, doch ihre Miene blieb hart und unfreundlich.

»Im Namen von Laisre von Gleann Geis heiße ich dich willkommen, techtaire.« Eadulf brauchte einen Augenblick, um das alte Wort für Gesandter zu verstehen. Orla fuhr fort: »Doch dir als einer Vertreterin der neuen Religion von Christus sage ich, du bist hier nicht willkommen. Der Fremde, den du mitbringst, ist es auch nicht.«

Fidelma beugte sich vor und fragte klar und deutlich: »Soll das eine Drohung sein? Sind die geheiligten Gesetze der Gastfreundschaft im Lande Laisres abgeschafft? Nimmst du das Schwert anstatt dieses Zeichens hier?«

Sie erhob den weißen Stab und hielt ihn Orla fast kampfbereit entgegen. Die Sonne glänzte hell auf der goldenen Figur des Hirsches.

Orlas Wangen röteten sich, und sie hob trotzig das Kinn.

»Ich bedrohe dein Leben nicht. Nicht einmal sein Leben.« Sie wies mit einer Kopfbewegung auf Eadulf. »Dir wird nichts geschehen und dem Fremden auch nicht, solange er unter deinem Schutz steht. Wir sind keine Barbaren hier in Gleann Geis. Gesandte gelten nach dem Gesetz als geheiligt und unantastbar und werden mit äußerstem Respekt behandelt, auch wenn sie unsere bittersten Feinde sind.«

Eadulf machte eine unsichere Bewegung, denn hinter ihren Worten lauerte eine tödliche Drohung.

»Das ist gut zu wissen, Orla«, antwortete Fidelma ruhig, entspannte sich und steckte den Stab wieder in ihre Satteltasche. »Ich habe nämlich gesehen, was mit Leuten geschieht, denen solcher Schutz vor dem Tod nicht gewährt wird.«

Eadulf sank der Kiefer herab, und Angst überfiel ihn. Wenn Orla und ihre Krieger am Tod der jungen Männer da hinten im Tal schuld waren, dann brachte Fidelma mit dem Eingeständnis, daß sie davon wußten, ihr Leben in beträchtliche Gefahr. Er hatte gedacht, sie würde vorsichtiger mit diesem grauenvollen Fund umgehen. Da vernahm er plötzlich das ferne Krächzen der Vögel und schaute sich furchtsam um. Es war offenkundig, daß im fernen Teil des Tals, in dem die Leichen lagen, sich etwas Ungewöhnliches abspielte, und die Krieger von Orlas Leibwache mußten die Aasfresser ohnehin schon erkannt haben.

Doch Orla schaute Fidelma etwas verblüfft an. Sie hatte die kreisende Wolke ferner Raben anscheinend noch nicht bemerkt.

»Ich weiß nicht, was du damit meinst.«

Fidelma deutete mit dem Arm lässig über das Tal.

»Siehst du dort die schwarzen Todesvögel? Sie fressen an Leichen.«

»Leichen?« Orla fuhr auf und erblickte die Vögel wohl zum erstenmal.

»Dreiunddreißig junge Männer, die den Dreifachen Tod gestorben sind.«

Orla biß plötzlich die Zähne zusammen; sie war bleich und zwang sich, Fidelma anzuschauen. Sie brauchte einen Moment, um eine Antwort zu finden.

»Soll das ein Scherz sein?« fragte sie kühl.

»Ich scherze nicht.«

Orla wandte sich an den schwarzbärtigen Krieger, den sie vorher wegen seiner Einmischung getadelt hatte.

»Artgal, nimm die Hälfte unserer Männer und sieh nach, was diese üble Versammlung zu bedeuten hat.«

Artgals finstere Miene verriet sein Mißtrauen.

»Es könnte eine Hinterlist der Christen sein, Lady.«

Die Augen der Frau blitzten zornig auf.

»Tu, was ich dir sage!« Die Worte trafen wie ein Peitschenhieb.

Ohne ein weiteres Wort winkte Artgal einem Teil der Krieger, ihm zu folgen, und ritt los in die Richtung der kreisenden und niederstoßenden Vögel.

»Den Dreifachen Tod, behauptest du?« fragte die Frau fast flüsternd, als sie fort waren. »Bist du sicher, daß das die Todesart war, Fidelma von Cashel?«

»Ich bin sicher. Und Artgal wird bei seiner Rückkehr bestätigen, was ich gesagt habe.«

»Die Schuld dafür kann man nicht den Leuten Lais-res geben«, verwahrte sich die Frau. Ihr Gesicht zeigte einen merkwürdigen Ausdruck, als kämpfe sie mit der Furcht. »Wir wissen nichts von dieser Sache.«

»Wie kannst du so sicher sein und für alle Leute Laisres sprechen?« fragte Fidelma harmlos.

»Da bin ich sicher. Ich spreche nicht nur für meinen Bruder, sondern auch als Ehefrau seines Tanist, seines erwählten Nachfolgers, Colla. Du kannst dich auf mein Wort verlassen.«

»Eine schlimme Tat ist in diesem Tal begangen worden, Orla. Mein Eid verpflichtet mich dazu, festzustellen, welche Ursache sie hatte und wer daran die Schuld trägt. Das werde ich auch tun.«

»Aber die Antwort darauf wirst du nicht in Gleann Geis finden«, erwiderte Orla mürrisch.

»Doch nach Gleann Geis müssen wir jetzt«, erklärte Fidelma mit Bestimmtheit. »Je eher wir dorthin kommen, desto besser. Also werden mein Gefährte und ich dich hier verlassen, während du auf die Rückkehr deiner Männer wartest, und weiterreiten.« Sie sah Eadulf an und gab ihm ein knappes Zeichen, ihr zu folgen, dann trieb sie ohne ein weiteres Wort ihr Pferd an und ritt an Orla und den restlichen Kriegern vorbei. Eadulf schloß sich ihr fast ohne Zögern an. Die Krieger starrten verblüfft Orla an, die aber nichts tat, um die beiden zu hindern.

Zuversichtlich ritt Fidelma im Schritt in die Schlucht hinein, in der der Boden steinig wurde. Er wurde vom Bett eines Flusses gebildet, der vor langer Zeit ausgetrocknet sein mußte, vielleicht vor Jahrhunderten. Die Schlucht wand sich hin und her zwischen steilen, über dreißig Meter hohen Granitwänden, die beinahe alles Licht nahmen. Sie gerieten sogleich in ein Halbdunkel. An ihrem Anfang war die Schlucht etwa zehn Meter breit, dann verengte sie sich so, daß zwei Pferde gerade noch nebeneinander Platz fanden.

Erst nachdem sie ein ganzes Stück zurückgelegt hatten, brach Eadulf das Schweigen.

»Meinst du .?« setzte er an, hielt aber sofort inne, als das Echo seiner Stimme von den Wänden der engen Schlucht zurückschallte. Dann sprach er leise weiter, doch selbst dieses Flüstern hörte sich noch wie ein Grabesecho an. »Meinst du, daß diese Orla und ihre Krieger die jungen Männer getötet haben?«

Fidelma zuckte die Achseln, antwortete jedoch nicht. Ihre Miene blieb starr und ernst.

»Die Überraschung in Orlas Gesicht wirkte echt«, fuhr Eadulf hartnäckig fort.

»Trotzdem, wäre ich nicht die, die ich bin, hätten wir unsere Reise wohl kaum fortgesetzt. Orla und ihre Krieger haben für Leute unseres Glaubens wenig übrig.«

Eadulf erschauerte, hob die Hand, um sich zu bekreuzigen, und ließ sie wieder sinken. Eine Handlung aus Gewohnheit verlor ihre Bedeutung.

»Ich wußte nicht, daß in diesem Land noch solche heidnischen Gebiete existieren. Hier gibt es viel Anlaß zur Furcht.«

»Furcht ist selbstzerstörerisch, Eadulf. Und du solltest nicht jemanden fürchten, nur weil er deinen Glauben nicht teilt«, tadelte ihn Fidelma.

»Wenn sie bereit sind, das Schwert gegen die zu gebrauchen, deren Glaube nicht der ihrige ist, dann sind sie doch zu fürchten«, entgegnete Eadulf beinahe heftig. »Wir haben da hinten im Tal zweifellos ein bizarres rituelles Opfer gesehen, das diese Heiden dargebracht haben. Ich fürchte für unsere Sicherheit.«

»Furcht ist nicht nötig, Vorsicht allerdings schon. Weißt du noch, was Äschylos sagte? Übermäßige Furcht macht die Menschen unfähig zu handeln. Also befreie dich von aller Furcht und sei wachsam und vorsichtig, auf diese Weise werden wir die Wahrheit entdecken.«

Eadulf schnaufte abfällig.

»Vielleicht bietet die Furcht auch Schutz«, wandte er ein, »denn die Furcht macht uns vorsichtig.«

»Die Furcht bewirkt niemals etwas Vernünftiges. Ich zitiere dir einen Ausspruch von Publilius Syrus: Was wir befürchten, tritt viel schneller ein, als was wir erhoffen. Wenn du dich hier fürchtest, erzeugt deine Furcht das Unnennbare, was du fürchtest. Du hast nichts zu fürchten als die Furcht selbst. Hier gibt es nichts zu fürchten als die bösen Taten von Männern und Frauen, und wir haben uns früher schon bösen Männern und Frauen entgegengestellt und sind siegreich geblieben. So wollen wir es auch jetzt halten.«

Sie brach ab und neigte den Kopf zur Seite.

Sie vernahmen das Geräusch eines Pferdes, das sich hinter ihnen schnell durch die Schlucht bewegte.

»Sie kommen uns nach«, zischte Eadulf und drehte sich im Sattel um. Doch die Schlucht wand sich so stark hin und her, daß man einen Reiter erst sehen konnte, wenn er dicht heran war.

Fidelma schüttelte den Kopf.

»Sie? Da siehst du, wie Furcht das Urteilsvermögen trübt. Es ist nur ein Pferd, das uns nachkommt, und das gehört zweifellos Orla.«

Eadulf hatte gerade den Mund zur Antwort geöffnet, als die Dunkelhaarige plötzlich um eine Felsecke bog, sie erblickte und ihr Pferd parierte.

»Ich konnte euch nicht ohne ein schickliches Geleit nach Gleann Geis reiten lassen. Ich habe es meinen Männern überlassen, dieses ...« Sie zögerte und machte eine Handbewegung, die den schrecklichen Kreis der Leichen hinter ihnen beschreiben sollte. »Artgal wird über alles berichten, was er findet und was zur Aufklärung dieses Massakers beitragen kann. Ich begleite euch zum rath meines Bruders.«

Fidelma neigte dankend den Kopf.

»Wir wissen deine Höflichkeit zu schätzen, Orla.«

Die Dunkelhaarige lenkte ihr Pferd an die Spitze, und sie ritten im Schritt weiter.

Fidelma begann eine Unterhaltung.

»Habe ich richtig verstanden, daß du nicht der Meinung deines Bruders Laisre bist, daß der Glaube in diesem Land anerkannt werden sollte?«

Orla lächelte säuerlich.

»Mein Bruder hat sich damit abgefunden, daß das Wort eures Glaubens in den fünf Königreichen stark geworden ist. Es gibt kaum noch ein Kleinkönigreich oder einen Fürsten, der die Botschaft dieses fremden Gottes in Zweifel zieht. Laisre ist unser Fürst, aber wir sind vielleicht nicht alle mit seiner Haltung einverstanden.«

Eadulf wollte etwas sagen, ging aber zu einem Hüsteln über, als er Fidelmas warnenden Blick auffing.

»Ach ja? Ihr meint also, Christus sei ein fremder Gott und nicht der eine Gott der ganzen Welt?« erkundigte sich Fidelma verwundert.

»Wir haben seit dem Anfang aller Zeiten unsere eigenen Götter gehabt, die uns geholfen haben. Warum sollen wir sie jetzt aufgeben, zumal für einen Gott, der in dieses Land kam auf den Zungen der Römer und römischer Sklaven, die uns im Krieg nie besiegen konnten, aber uns jetzt mit ihrem Gott erobern?«

»Das ist eine eigenwillige Art, die Dinge zu betrachten«, meinte Fidelma. »Doch ihr vergeßt, daß unsere Leute zwar einen Gott aus dem Osten als den universalen Gott angenommen haben, daß wir ihn aber auf unsere Art verehren, nicht in der Art, die uns Rom vorschreibt.«

Orla verzog spöttisch den Mund.

»Das ist nicht das, was ich höre. Es gibt zwar welche eures Glaubens, die, wie du richtig sagst, die Befehle aus Rom nicht befolgen, aber viele andere tun es doch. Wie Ultan von Armagh zum Beispiel, der behauptet, er besitze die geistliche Oberhoheit in allen fünf Königreichen. Er schickt seine Vertreter in alle Ecken des Landes und fordert Gehorsam.«

Fidelmas Stirnrunzeln verschwand so schnell, daß es kaum bemerkt wurde.

»Sind solche Abgesandten Ultans auch zu euch gekommen?«

»Ja«, gestand Orla freimütig. »Von Ultan, der sich Comarb, Nachfolger Patricks nennt, der damals den Glauben an Christus in dieses Land brachte. Ultan behauptet auch, daß alle Abgaben des neuen Glaubens ihm zustehen.«

Fidelma fühlte sich gedrängt, darauf hinzuweisen, daß die Chronisten von Imleach Patricks Anspruch, er habe als erster den Glauben nach Eireann und insbesondere nach Muman gebracht, bezweifelten. War Muman nicht von dem heiligen Ailbe, dem Sohn von Olcnais, bekehrt worden, der im Hause eines Königs diente? Hatte Ailbe nicht Patrick unterstützt und ermutigt? Hatten nicht Patrick und Ailbe gemeinsam Oengus Mac Nad Froich, den König von Cashel, zum Glauben bekehrt? Und Patrick hatte zugestimmt, daß die Königsstadt Cashel der Sitz von Ailbes Kirche in

Muman werden sollte. All das lag ihr auf der Zunge, doch sie schwieg. Man konnte viel erfahren, indem man nichts sagte.

»Ich habe nichts für euren Glauben übrig und auch nicht für die, die ihn vertreten«, erklärte Orla offen. »Euer Patrick hat die Menschen durch Furcht bekehrt.«

»Wie das?« fragte Fidelma betont ruhig.

Orla schob das Kinn vor, um ihre Worte zu unterstreichen.

»Wir mögen in einem entlegenen Winkel der Welt leben, aber wir haben Barden und Chronisten, die aufgezeichnet haben, wie euer Glaube verbreitet wurde. Wir wissen, daß Patrick nach Tara ging und den Druiden Luchet Mael auf einem Scheiterhaufen verbrennen ließ, und als der Großkönig Laoghaire dagegen protestierte, verursachte Patrick noch den Tod anderer, die sich weigerten, den neuen Glauben anzunehmen. Selbst dem Großkönig Laoghaire wurde gesagt, er werde auf der Stelle sterben, wenn er sich nicht zum neuen Glauben bekenne. Hat nicht Laoghaire seine Ratgeber zusammengerufen und ihnen erklärt: >Es ist besser für mich, zu glauben statt zu sterben.< Ist das die richtige Art, Menschen zu einem Glauben zu führen?«

»Falls das, was du sagst, der Wahrheit entspricht, dann ist es nicht die richtige Art«, stimmte ihr Fidelmazu, wobei sie das »falls« leicht betonte.

»Lügen denn Männer deines Glaubens, Fidelma von Cashel?« höhnte die Frau. »Ultan von Armagh schickte meinem Bruder als Geschenk ein Buch, eine Lebensbeschreibung Patricks, geschrieben von einem, der ihn kannte, mit Namen Muirchü, und darin sind diese Wahrheiten enthalten. Nicht nur das, sondern es heißt darin auch, daß Patrick zu der Burg Miliucc von Slemish reiste, wo er gewohnt hatte, bevor er davonlief nach Gallien und sich dem neuen Glauben zuwandte. Als der Fürst der Burg hörte, daß Patrick sich näherte, geriet er in solche Furcht vor ihm, daß er seine Wertsachen und seine Familie, seine Frau und seine Kinder, nahm, sich mit ihnen in seinem rath einschloß und ihn in Brand setzte. Wie konnte ein Mensch bei einem anderen solche Furcht auslösen, daß er seinem Leben ein so schreckliches Ende setzte? Leugnest du, daß es so verzeichnet steht?«

Fidelma seufzte leise.

»Ich weiß, daß es so verzeichnet steht«, gab sie zu.

»Und wie es niedergeschrieben ist, so ist es geschehen?«

»Wir haben gelernt, den Worten von Muirchü zu trauen, doch es war die Entscheidung des Fürsten, lieber sein Leben zu beenden als zu glauben und dem ewigen Gott zu dienen.«

»Nach den alten Gesetzen haben wir gelernt, daß das, was wir glauben, allein eine Sache unseres Gewissens ist. Wir können wählen, was wir glauben wollen, solange wir nicht andere dadurch schädigen. Euer Patrick bekehrte die fünf Königreiche durch eine einfache Wahl: Glaube oder stirb von meiner Hand.«

»Von der Hand Gottes!« fauchte Eadulf, der nicht länger schweigen konnte.

Erstaunt drehte sich Orla im Sattel um.

»Nanu? Der Fremde spricht unsere Sprache. Ich dachte schon, du würdest sie nicht beherrschen oder du wärst stumm. Aus welchem Land kommst du denn?«

»Ich bin Eadulf von Seaxmund’s Ham im Lande des Südvolks.«

»Und wo ist das?«

»Es ist eins der angelsächsischen Königreiche«, erklärte Fidelma.

»Ach so. Von den Angelsachsen habe ich schon gehört. Du sprichst unsere Sprache aber gut.«

»Ich habe mehrere Jahre in diesem Lande studiert.«

»Bruder Eadulf steht unter dem Schutz der Gastfreundschaft meines Bruders Colgü von Cashel«, warf Fidelma ein. »Er ist Gesandter des Erzbischofs von Canterbury im Lande der Angelsachsen.«

»Aha. Und der gute Bruder bezweifelt, daß ich Mu-irchüs Lebensbeschreibung von Patrick richtig verstehe?«

»Manche Dinge darf man nicht so wörtlich nehmen«, meinte sich Eadulf verteidigen zu müssen.

»Dann ist das Buch also nicht wahr?«

Fidelma stöhnte leise, während Eadulf vor Zorn errötete.

»Es ist wahr, aber .«

»Wie kann es denn wahr und doch nicht wörtlich zu nehmen sein?« fragte Orla mit eisigem Lächeln. »Dann muß hier wohl Zauberei im Spiel sein?«

»Manche Dinge sind symbolisch zu verstehen, sie vermitteln Auffassungen in Form einer Legende.«

»Also wurde keiner der Leute, die Patrick umgebracht haben soll, tatsächlich getötet?«

»Das meine ich nicht ...«

Fidelma unterbrach sie.

»Wir kommen ans Ende der Schlucht«, verkündete sie erleichtert, als sie ein breites Tal vor ihnen erblickte. »Ist das Gleann Geis?«

»Es ist das Verbotene Tal«, bestätigte Orla, wandte sich von Eadulf ab und schaute zu der Felskante über ihnen empor. Plötzlich stieß sie einen schrillen Pfiff wie einen Vogelruf aus. Sofort antwortete darauf ein tieferer Pfiff. Hoch über ihnen tauchte die Gestalt eines Wachpostens auf und sah zu ihnen hinunter. Da wurde es Fidelma klar, daß der Zugang zu Gleann Geis gut gesichert war, denn niemand konnte hinein oder heraus ohne Erlaubnis derer, die diesen engen Paß kontrollierten.

Kapitel 5

Gleann Geis bot einen prachtvollen Anblick. Den Talboden bildete eine Ebene, die von einem mittelgroßen, behäbigen Fluß durchzogen wurde. Er entwickelte sich offensichtlich am anderen Ende aus einem wilden Bergbach, der über unglaubliche Höhen in Wasserfällen herabstürzte. Dann nahm er seinen Lauf zu einer anderen Felsspalte, die der ausgetrockneten Schlucht ähnelte, durch die sie hereingekommen waren. Durch eine Lücke in der Granitwand verließ er das Tal. Den Talboden bedeckten weithin Kornfelder, sich gelb färbende Vierecke mit Hafer und Weizen, und dazwischen Weideland, auf dem sich die Rinderherden braun, weiß und schwarz von dem grünen Teppich abhoben. Zwischen ihnen waren kleine weiße Herden von Schafen und Ziegen auszumachen.

Eadulf erkannte sofort, daß vor ihnen ein fruchtbares Tal lag, reich an Weideland und Äckern. Es war von einer natürlichen Befestigung umgeben. Die Berge ringsum erhoben sich zu ihrer erhabenen, unüber-steigbaren Höhe, die das Tal vor den Winden schützte. Er konnte Gebäude erspähen, die sich an die Flanken der Berge zu klammern schienen. Die meisten waren anscheinend auf kleinen Terrassen erbaut. Die gleichen blaugrauen Granitblöcke, die die Mauern der Gebäude bildeten, waren auch zur Anlage der Terrassen verwendet worden.

Man brauchte sich nicht zu fragen, welches unter den vielen Gebäuden im Tal der rath von Laisre war. Am oberen Ende des Tals standen in vornehmer Abgeschiedenheit auf einem einzigen runden Berg die Mauern eines großen rath oder einer Burg, die sich den Konturen des Berges anpaßten. Eadulf war sich nicht sicher, ob der Berg - oder besser gesagt der Hügel, denn nach seiner Schätzung ragte er weniger als dreißig Meter über den Talboden auf - eine natürliche Erhebung war oder nicht. Eadulf wußte, daß manche der Erhöhungen, auf denen solche Burgen erbaut wurden, von Menschen geschaffen worden waren, und er fragte sich, welch ein unglaublicher Aufwand an Zeit und Arbeit in früheren Zeiten dafür erforderlich war. Diese Burg war zu weit entfernt, als daß er Einzelheiten erkennen konnte, doch er wußte, daß ihre Mauern mindestens sechs Meter hoch sein mußten.

Ja, dieses Tal bot ein eindrucksvolles Bild, doch trotz seiner Weite und Länge wurde Eadulf von einer überwältigenden Klaustrophobie gepackt, als er zu den Bergen ringsum aufblickte. Er hatte das Gefühl, eingeschlossen, eingesperrt zu sein. Er schaute Fidelmaan und sah, daß auch sie die atemberaubende Landschaft eingehend betrachtet hatte. Ihre Miene zeigte denselben Respekt.

Orla hatte ihre Gesichter bei dieser Umschau mit einem leicht spöttischen Lächeln der Befriedigung beobachtet.

»Jetzt werdet ihr verstehen, warum dies das Verbotene Tal heißt«, bemerkte sie.

Fidelma sah sie ernst an.

»Unzugänglich - ja«, antwortete sie, »doch weshalb verboten?«

»Die Barden unseres Volkes singen von der Vorzeit. Es soll in jenen Tagen gewesen sein, als Oillil Olum als Richter in Cashel herrschte und wir außerhalb dieses Bereichs wohnten. Wir lebten im Schatten eines mächtigen Lords der Fomorii, der mit seiner Habgier und seiner Wollust unser Land und unser Volk verheerte. Schließlich beschloß unser Fürst, mit unserem Volk aus dem Machtbereich des Tyrannen der Fomorii fortzuziehen und sich ein neues Land als Wohnsitz zu suchen. So kamen wir schließlich hierher. Wie ihr seht, fanden wir hier einen natürlichen Schutz vor unseren Feinden. Es gibt nur einen Weg hinein in dieses Tal und denselben Weg hinaus .«

»Außer den Fluß«, warf Eadulf ein.

Die Frau lachte.

»Nur wenn du ein Lachs bist, kannst du auf diesem Weg in das Tal gelangen. Der Fluß bricht durch den Felsen und stürzt über viele Schnellen und Wasserfälle. Da kommt kein Boot hinauf oder hinunter. Nein, dies ist eine natürliche Festung, und es darf nur hinein, wen wir einladen. Für die, die wir nicht in Freundschaft begrüßen wollen, bleibt es das Verbotene Tal. Ein paar tüchtige Krieger können die Schlucht sperren, wie ihr gesehen habt.«

»Ich habe auch gesehen, daß ihr sehr viele Krieger besitzt, ungewöhnlich viele für so einen kleinen Clan«, meinte Fidelma.

Orla wies das zurück.

»Es sind keine Berufskrieger, wie ihr sie in Cashel habt. Dafür ist unser Clan zu klein. Jeder unserer Krieger hat noch andere Aufgaben zu erfüllen. Artgal zum Beispiel ist Schmied und hat außerdem einen kleinen Bauernhof. Jeder Mann tut abwechselnd Dienst, um unsere Sicherheit vor möglichen Feinden zu gewährleisten. Doch meist sind wir von der Hand der Natur geschützt.«

»Ein abgeschiedenes Dasein.« Eadulf seufzte. »Wie viele Menschen leben hier unter Laisres Herrschaft?«

»Fünfhundert«, gestand Orla.

»Wenn ihr hier schon seit Generationen lebt, muß das nicht euer Wachstum als Volk begrenzen?«

Orla versuchte vergeblich, Eadulfs umständlich umschriebene Frage zu verstehen.

»Was mein Bruder in Christo meint«, schaltete sich Fidelma ein, die wußte, worauf er hinauswollte, »bezieht sich auf den Inzest.«

Orla sah überrascht drein.

»Aber Inzest ist durch das Gesetz verboten.«

»Doch in einer kleinen Gemeinschaft, die seit Jahren in diesem abgeschlossenen Tal wohnt ...«, erklärte Eadulf.

Jetzt begriff Orla und schaute ihn mißbilligend an.

»Das Cdin Ldnamna legt fest, daß es nur neun Arten von Heiraten geben darf, und daran halten wir uns. Wir sind nicht so primitiv, wie du uns hinstellst, Angelsachse. Unsere Barden führen sorgfältige Geschlechtsregister, und wir bedienen uns eines Heiratsvermittlers, der für uns auf Reisen geht.«

»Wer spricht Recht bei euch?« fragte Fidelma interessiert.

»Murgal, der Druide meines Bruders. Er ist unser Brehon und zugleich unser geistlicher Ratgeber. Sein Ruf hat nicht seinesgleichen in diesem Teil des Landes. Ihr werdet ihn bald kennenlernen, denn er wird für Laisre die Verhandlung führen. Doch wir verlieren Zeit, laßt uns weiterreiten zum rath meines Bruders.«

Fidelma sah die Frau verstohlen an. Sie empfand Achtung vor Orlas festem Sinn und ihrer natürlichen Autorität, wenn sie auch mit ihren Auffassungen nicht übereinstimmte.

Ihr Weg führte von der Schlucht leicht abwärts auf ein Feld mit verstreuten Felsbrocken zu. In ihrer Mitte erhob sich am Wege eine mächtige gemeißelte männliche Figur in fast dreifacher Lebensgröße. Sie saß mit gekreuzten Beinen da, ein Bein etwas unter den Körper gezogen. Auf dem Kopf trug sie ein ausladendes Geweih, um den Hals den Goldreif eines Helden. Die Arme waren so weit erhoben, daß die Hände sich in Schulterhöhe befanden. Die linke Hand hielt einen zweiten Reif, die rechte Hand hatte eine lange Schlange dicht hinter dem Kopf erfaßt.

Eadulf fielen beinahe die Augen aus dem Kopf, als er das große heidnische Idol erblickte.

»Soli Deo gloria!« keuchte er. »Was ist denn das?«

Fidelma blieb ungerührt.

»Das ist Lugh Lamhfada - Lugh mit der Langen Hand -, der in alten Zeiten verehrt wurde .«

»Und hier weiter verehrt wird«, ergänzte Orla finster.

»Eine böse Erscheinung«, brummte Eadulf.

»Keineswegs«, erwiderte Orla scharf. »Er ist der Gott des Lichts und der Gelehrsamkeit, berühmt für sein glänzendes Antlitz, der Gott aller Künste und Handwerke, der Vater des Helden Cüchulainn von der sterblichen Frau Dechtire. Ihn feiern wir beim Fest Lughnasadh, das im nächsten Monat abgehalten wird, wenn wir die Ernte einbringen.«

Eadulf bekreuzigte sich rasch, als sie die unbewegliche Steinfigur passierten, deren graue steinerne Augen sie gleichmütig anstarrten.

Sie ritten schweigend das Tal entlang auf den rath zu. Eadulf fand seinen ersten Eindruck bestätigt, daß es eine reiche Enklave war. Die Berge schützten das Tal vor den Winden, fingen aber zugleich die Regenwolken ab, die es fruchtbar machten. Hier und da hatten die schweren Regenfälle über die Jahrtausende hinweg kleine sumpfige Flächen gebildet, doch im ganzen war es ein ertragreiches Land für Obstbäume wie für Ackerbau. Schafe, Ziegen und Rinder grasten an den Hängen.

Ab und zu starrten Leute sie an, an denen sie vorüberkamen; manche begrüßten Orla mit einer Vertraulichkeit, die sie erwiderte. Fidelma hatte den Eindruck, daß hier trotz der Verschiedenheit in der Religion ein zufriedenes und selbstgenügsames Volk lebte. Das verblüffte sie, denn es paßte nicht zu dem schrecklichen Bild, das sich ihren Augen draußen vor diesem Tal dargeboten hatte.

Als sie sich den grauen Granitmauern des rath näherten, sah Fidelma, daß es sich nicht um eine zur Zierde errichtete Burg handelte. Trotz des natürlichen Schutzes des Tals waren ihre Mauern und Zinnen in einer Weise aufgeführt, daß selbst im Falle eines Einbruchs einer feindlichen Macht in das Tal die Burg noch von wenigen Kriegern gegen ein ganzes Heer verteidigt werden konnte. Sie war von Kennern der Kriegskunst erbaut worden. Wieder stellte sich Fidelmadie Frage, warum so ein kleiner Clan solche Verteidigungsanlagen brauchte, wenn das Tal schon von Natur aus geschützt war.

In den alten Zeiten, als Stamm gegen Stamm um das beste Land und um die Vergrößerung seines Reichtums kämpfte, waren solche Festungen natürlich in den fünf Königreichen weit verbreitet. Cashel selbst war errichtet worden, um die Eoghanacht vor ihren neidischen Nachbarn zu schützen, und ebenso die anderen Hauptburgen wie Tara, Navan, Ailech, Crua-chan und Ailenn. Diese Burg besaß zwar bei weitem nicht die Größe der anderen, doch es war eine starke und gut konstruierte Festung mit mehreren zwei- und sogar dreistöckigen Gebäuden. Auch ein mächtiger Wachturm war zu erkennen.

Sie bemerkte mehrere Wachposten, die von den Mauern des rath herab ihre Annäherung beobachteten. Auch neugierige Männer und Frauen drängten sich dort. Zwei Krieger standen am offenen Tor der Burg. Es hatte schwere Eichenholzflügel, mit Eisen verstärkt und mit eisernen, gut geölten Angeln, und obwohl es weit offen stand, diente es augenscheinlich nicht nur zur Zierde. Über dem Torweg wehte ein Banner aus blauer Seide im Wind. Eine Hand mit erhobenem Schwert war darauf gestickt, das Wappen der Fürsten von Gleann Geis.

Ein hochgewachsener blonder Krieger am Tor hob die Hand zu respektvollem Gruß.

»Du kommst ohne deine Begleiter zurück, Orla, doch mit zwei Fremden. Ist etwas nicht in Ordnung?«

»Ich bringe die Gesandten aus Cashel zu meinem Bruder, Rudgal. Artgal und die anderen werden bald folgen. Es gab . Es gab etwas, was sie untersuchen müssen.«

Der blonde Krieger musterte erst Fidelma und dann Eadulf mit mißtrauischen Blicken, trat jedoch höflich beiseite, als Orla sie durchs Tor auf einen weiten gepflasterten Hof führte, den eine große Gebäudegruppe umgab. Es war der übliche Hof, in dessen Mitte eine große Eiche stand. Eadulf verstand inzwischen so viel von den Traditionen, daß er wußte, daß dies der crann betha oder Baum des Lebens, das Totem des Clans war. Er war das Symbol für das moralische und materielle Wohlergehen des Volkes. Wenn es Streit gab zwischen zwei Clans, konnte einem Clan nichts Schlimmeres widerfahren, als daß der andere Clan in sein Gebiet einfiel und seinen heiligen Baum fällte oder niederbrannte. Nach einer solchen Tat war der eine Clan demoralisiert, und der andere konnte sich des Sieges über ihn rühmen.

Zwei Knaben liefen herbei, als Orla vom Pferd glitt.

»Die Stallburschen kümmern sich um eure Pferde«, erklärte Orla, als Fidelma und Eadulf ihrem Beispiel folgten und abstiegen. Die Jungen nahmen ihnen die Zügel ab, während sie ihre Satteltaschen abschnallten.

»Ich nehme an, ihr wollt euch nach eurer anstrengenden Reise erfrischen, bevor ihr euch mit meinem Bruder und den anderen trefft?« fuhr die Frau des Ta-nist fort. »Ich zeige euch unser Gästehaus. Wenn ihr gebadet und gegessen habt, wird euch mein Bruder Laisre sicherlich in der Ratshalle begrüßen wollen.«

Fidelma gab zu verstehen, daß ihnen dies sehr recht sei. Ein oder zwei Leute, die den Hof überquerten, grüßten Orla und betrachteten Fidelma und Eadulf mit unverhohlenem Interesse. Orla machte sich nicht die Mühe, sie vorzustellen. Ein junges Mädchen kam angerannt.

»Warum kommst du so früh zurück, Mutter?« wollte sie wissen. »Wer sind diese Fremden?«

Fidelma war die Ähnlichkeit zwischen Orla und dem Mädchen sofort aufgefallen. Das Mädchen war kaum über vierzehn. Der Stil ihrer Kleidung und des Schmucks verriet, daß sie über das Alter der Wahl hinaus war und somit als Erwachsene galt. Sie hatte das dunkle, volle, lockige Haar ihrer Mutter und ihre funkelnden Augen. Sie war hübsch und sich ihrer Reize voll bewußt, denn sie zeigte eine kokette, selbstbewußte Haltung.

Orla begrüßte ihre Tochter mit zerstreuter Zurückhaltung.

»Wer sind diese Christen, Mutter?« beharrte das Mädchen, das sie anscheinend an ihrer Kleidung erkannt hatte. »Sind sie Gefangene?«

Orla runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf.

»Sie sind Gesandte aus Cashel, Esnad, Gäste deines Onkels. Nun mach dich fort, du kannst sie später begrüßen.«

Esnad betrachtete Eadulf mit einem offen prüfenden Blick.

»Der da ist zwar ein Fremder, aber dafür ist er ganz ansehnlich«, verkündete sie mit koketter Miene.

Fidelma versuchte ihre Belustigung zu verbergen, während Eadulf heftig errötete.

»Esnad!« fauchte ihre Mutter verärgert. »Jetzt aber fort mit dir!«

Das Mädchen wandte sich um, lächelte Eadulf über die Schulter zu und ging, sich aufreizend in den Hüften wiegend, langsam über den Hof davon. Orla seufzte erbittert auf.

»Deine Tochter ist im Alter der Wahl?« fragte Fidelma.

Orla nickte.

»Es ist schwer, einen Mann für sie zu finden. Ich fürchte, sie hat da ihre eigenen Vorstellungen. Sie kann einem schon auf den Geist gehen.«

Orla führte sie zu einem großen zweistöckigen Gebäude, das an eine der Außenmauern des rath stieß. Sie öffnete die Tür und trat beiseite.

»Ich schicke euch die Verwalterin des Gästehauses, und wenn ihr euch erfrischt habt, wird sie euch zu Laisres Ratshalle bringen.«

Sie verneigte sich knapp vor Fidelma und überließ die beiden sich selbst.

In der Sicherheit des Hauptraums des Gästehauses, in dem offensichtlich die Speisen der Gäste zubereitet und von ihnen eingenommen wurden, warf Fidelma ihre Satteltaschen auf den Tisch, sank auf den nächsten Stuhl und stieß einen tiefen Seufzer der Erschöpfung aus.

»Ich habe zuviel Zeit im Sattel verbracht, Eadulf«, meinte sie. »Ich habe vergessen, wie man sich auf einem Stuhl ausruht.«

Eadulf sah sich in ihrer Unterkunft um. Es war ein freundlich geschmückter Raum, in dem bereits ein Feuer brannte, über dem ein Kochkessel dampfte und angenehme Gerüche verbreitete.

»Wenigstens werden Laisres Gäste anscheinend gut versorgt«, murmelte er. Der Raum erstreckte sich über die ganze Länge des Gebäudes, und an jeder Seite standen ein langer Tisch und ein paar bequeme Holzstühle. Das war offensichtlich der Speisebereich. Am hinteren Ende, nahe dem Feuer, hingen alle Utensilien fürs Kochen. Vier Türen führten zu anderen Räumen in diesem unteren Stockwerk. Eadulf legte seine Satteltaschen ab, ging zu jeder Tür und warf einen kurzen Blick in den Raum dahinter.

»Zwei Badezimmer«, verkündete er. Er öffnete die anderen Türen, knurrte angewidert und bekreuzigte sich. »Diese hier sind fialtech.« Das irische Wort ging ihm glatt von der Zunge, denn »Schleierhaus« war ein volkstümlicher Ausdruck für einen Abort und von der römischen Auffassung abgeleitet. Viele Mönche und Nonnen glaubten, der Teufel wohne darin, und es war üblich geworden, sich zu bekreuzigen, bevor man hineinging.

Eine Holztreppe führte ins obere Stockwerk. Hier gab es vier kleine Zimmer wie Zellen, stellte Eadulf fest. Er schaute nacheinander in jede hinein und sah, daß die hölzernen Bettgestelle schon mit Strohmatratzen, Wolldecken und Leinentüchern belegt waren. Gleich darauf kam er wieder herunter zu Fidelma, die sich noch in ihrem Sessel ausstreckte.

»Es gibt anscheinend zwei weitere Gäste«, bemerkte er. »Reiche Gäste, nach dem Gepäck in ihren Zimmern zu urteilen. Einer davon ist offenbar ein Geistlicher.«

Fidelma blickte überrascht auf.

»Ich wußte nicht, daß noch jemand an dem Treffen teilnehmen sollte. Wer könnte das sein?«

»Vielleicht hat Bischof Segdae noch jemanden geschickt, der ihn und die Abtei vertreten soll?« vermutete Eadulf.

»Kaum, denn er hat zugestimmt, daß Colgü mich entsendet. Nein, aus Imleach kann kein Geistlicher hier sein.«

Eadulf zuckte die Achseln.

»Hat Orla nicht gesagt, Ultan von Armagh hätte ihnen einen Gesandten geschickt? Nun, wir werden bald erfahren, wer der Geistliche und sein Begleiter sind. Wir ...«

Hier wurde er unterbrochen, denn die Tür des Hauses flog auf, und eine füllige ältere Frau kam geschäftig herein. Sie lächelte strahlend und lief mit raschen Schritten, die Hände vor sich gefaltet. Sie knickste rasch vor Fidelma und dann auch vor Eadulf. Ihre Augen blinzelten aus tiefen Fleischfalten hervor. Ihr Leib schien beinahe kugelförmig.

»Bist du die Verwalterin des Gästehauses?« fragte Eadulf beeindruckt, denn ihre Gegenwart schien den ganzen Raum zu füllen.

»Das bin ich, Fremder. Ich heiße euch willkommen. Sagt mir, was ich für euch tun kann?«

»Ein Bad«, verlangte Fidelma sofort. »Und dann ...«

»Etwas zu essen«, warf Eadulf ein, für den Fall, daß sie seine bevorzugte Bestellung vergaß.

Die Fleischringe erbebten.

»Ein Bad sollst du haben, Lady, und zwar sogleich. Da wir bereits Gäste haben, ist das Wasser schon heiß. Und das Essen ist auch vorbereitet.«

Fidelma erhob sich und drückte ihre Befriedigung aus.

»Dann kannst du für mich ein Bad richten ... Wie ist dein Name?«

Die Verwalterin knickste wieder.

»Ich heiße Cruinn, Lady.«

Fidelma bemühte sich krampfhaft, eine ernste Miene zu bewahren, denn der Name bezeichnete jemanden, der rund war, und paßte ausgezeichnet zu der kugeligen Figur der Verwalterin. Die Frau lächelte und merkte anscheinend nichts von Fidelmas Ringen um Fassung.

»Sag mal, Cruinn«, schaltete sich Eadulf ein, der die Frau ablenken wollte für den Fall, daß Fidelma ihren inneren Kampf verlor, »wer wohnt denn außer uns noch im Gästehaus?«

Die Dicke wandte sich ihm zu.

»Ach, auch jemand, der an euren Gott glaubt. Ein Edelmann aus dem Norden, glaube ich.«

»Ein Edelmann aus dem Norden?« fragte Fidelma, die plötzlich ernst geworden war.

»Nun, er ist reich gekleidet und trägt viel schönen Schmuck.«

»Weißt du, wie er heißt?«

»Nein, das weiß ich nicht. Aber der andere, sein Begleiter, der wird Bruder Dianach genannt und ist wohl sein Diener.«

»Sie sind aus dem Norden, sagst du?« wiederholte Fidelma, wie um sicherzugehen.

»Aus dem weit entfernten Königreich Ulaidh, habe ich gehört.«

»Wenn das Ultans Abgesandter ist, dann frage ich mich, was Armagh sucht in diesem .« Fast hätte Fidelma»gottverlassenen Land« gesagt, aber da die Leute hier nicht an Gott glaubten, war das wohl nicht die richtige Beschreibung. Orla hatte erwähnt, daß Ultan von Armagh dem Fürsten Laisre Geschenke geschickt hatte. Geschenke von Armagh. Aber das ergab keinen Sinn. Warum sollte Armagh einem heidnischen Fürsten Geschenke machen, dessen Herrschaftsbereich nicht in seine Zuständigkeit fiel und in dem die Menschen nicht einmal dem Glauben anhingen? Die füllige Verwalterin unterbrach ihr Grübeln.

»Ich habe keine Ahnung, wer sie sind oder was sie hier wollen. Ich weiß nur, daß Gäste kommen und gehen und ich meine Arbeit damit habe. Besser wäre es, wenn sie da blieben, wohin sie gehörten, statt herumzureisen.« Cruinn seufzte tief, ein merkwürdig keuchendes Geräusch, bei dem ihre Figur gefährlich ins Wackeln geriet. »Na, es steht mir nicht zu, mich zu beklagen, aber das ist meine Meinung. Komm, Lady, ich bereite dir zuerst das Bad.«

»Ich warte hier«, erbot sich Eadulf, »und vielleicht kann ich mich mit etwas Met erfrischen, solange ich warte?«

»Den findest du in dem Fäßchen dort«, antwortete Cruinn und wies über die Schulter zurück, während sie Fidelma zu einem der Badezimmer brachte. »Aber das zweite Bad ist auch schon fertig, wenn du jetzt baden willst.«

Eadulf fing Fidelmas Blick auf und biß sich auf die Lippen.

»In dem Fall spart es Zeit, wenn ich auch gleich bade.« Widerwillig gab er nach.

Als Angelsachse fand er die Badesitten der Leute von Eireann etwas übertrieben. Sie wuschen sich zweimal am Tag, wobei die zweite Wäsche aus einem Vollbad bestand. Jedes Gasthaus besaß ein oder mehrere Badezimmer, jeweils mit einer großen Wanne oder Tonne, für die es mehrere Namen gab, die aber meist dabach genannt wurden. Nach dem Bad pflegte man sich mit süß duftenden Kräutersäften einzureiben.

Dieses abendliche Vollbad, das fothrucud hieß, reichte den Leuten von Eireann aber offenbar nicht, denn sie wuschen sich außerdem morgens unmittelbar nach dem Aufstehen das Gesicht und die Hände. Beim Baden wie beim Waschen bedienten sie sich eines Täfelchens einer wohlriechenden fettigen Substanz, die sie sleic oder Seife nannten, mit einem Leinentuch auftrugen und zu Schaum rieben. Zu gewissen Zeiten nahmen sie sogar rituelle Dampfbäder in kleinen Steinhütten, die Tigh ’n alluis oder »Schwitzhäuser« hießen. Darin wurden große Feuer entzündet, bis der Raum so heiß war wie ein Ofen, dann traten die Badenden ein und blieben darin, bis sie schwitzten, worauf sie herauskamen und sich sofort in einen kalten Bach stürzten. Dieses Verfahren mißbilligte Eadulf heftig. So etwas konnte doch nur in ein frühes Grab führen. Sein eigenes Volk war nicht so versessen aufs Baden.

Die oberen Klassen der Angelsachsen badeten einmal in der Woche, wobei Schwimmen in einem Fluß oder See als hinreichende Reinigung galt. Eadulf war weder körperlich, in seinen Manieren oder in seiner Kleidung schmutzig, doch die Badegewohnheiten in Eireann hielt er für überzogen.

Eine Stunde später, sie beendeten gerade ihre Mahlzeit, da öffnete sich die Tür des Gästehauses und ein breitgesichtiger Mann trat ein. Er war unverkennbar ein Geistlicher. Er trug die Tonsur des heiligen Petrus, doch nicht die einfachen Kutte der meisten Mönche, sondern er war in elegante Seide und besticktes Leinen gekleidet und mit einem edelsteinbesetzten Kruzifix geschmückt, wie es Fidelma und Eadulf nicht mehr gesehen hatten, seit sie zusammen in Rom waren. Fidelmabetrachtete ihn mißbilligend. Sein Reichtum widersprach völlig der Lehre Christi.

Die Augen des Mannes waren dunkel und wachsam. Sie besaßen die merkwürdige Eigenschaft, starr zu blicken, ohne zu blinzeln, wie die Augen eines Tieres, das seine Beute beobachtet. Sie erschienen klein in dem breiten Gesicht. Der Mann war nicht groß, eher untersetzt als dick, obgleich das fleischige Gesicht dazu verleitete, ihn für beleibt zu halten, bis man seine muskulösen Schultern und kräftigen Arme bemerkte.

»Ich bin Bruder Solin«, verkündete er wichtig, »Sekretär des Erzbischofs Ultan von Armagh.« Seine Sprechweise bei dieser Vorstellung bestätigte, daß er aus dem Königreich der Ui Neill von Ulaidh kam. Etwas an ihm ließ Fidelma sofort einen Widerwillen gegen ihn fassen. Vielleicht war es die Art, in der er sie beinahe abschätzend anstarrte und die keinen Zweifel daran ließ, daß er sie als Frau beurteilte und nicht als Person. »Orla hat mich von eurer Ankunft unterrichtet. Du bist Schwester Fidelma, und du mußt der fremde Geistliche sein.«

»Du bist weit entfernt von Armagh, Solin.« Fidelmaerhob sich, ungern zwar, doch die Höflichkeit gebot es in Anbetracht der Stellung des Geistlichen aus dem Norden.

»So wie du von Cashel«, erwiderte der untersetzte Mann ungerührt, trat zu ihnen und setzte sich.

»Cashel ist der Königssitz dieses Reiches, Solin«, entgegnete Fidelma kühl.

»Armagh ist der Königssitz des Glaubens für alle fünf Königreiche«, wehrte der Mann lässig ab.

»Das ist durchaus umstritten«, gab Fidelma zurück. »Der Bischof von Imleach erkennt solchen Vorrang keineswegs an.«

»Nun, das ist eine so heikle Frage, daß wir sie der Zukunft überlassen sollten.« Solin schob das Thema wie gelangweilt beiseite.

Fidelma ließ sich nicht ablenken. Sie beschloß, direkt zu werden.

»Wozu hält sich der Sekretär Ultans von Armagh in diesem kleinen Winkel des Königreichs meines Bruders auf?«

Solin goß sich einen Becher Met aus dem Krug auf dem Tisch ein.

»Verbietet Cashel sein Land wandernden Geistlichen?«

»Das ist keine Antwort«, konterte Fidelma. »Ich meine, du fällst wohl kaum in die Kategorie eines pe-regrinatorpro Christo.«

Ein zorniges Funkeln trat in Solins Augen.

»Schwester, ich glaube, du vergißt dich. Als Sekretär Ultans ...«, protestierte er.

»Du hast mir gegenüber keinen Anspruch auf einen höheren Rang. Ich bin hier als Gesandte meines Bruders, des Königs von Cashel. Wozu bist du hier?«

Einen Moment wich das Blut aus Solins Gesicht, aber er bezwang seine Wut über diese direkte Frage. Er gewann die Fassung zurück und lächelte dünn.

»Ultan von Armagh entsendet mich in die entfernten Winkel der fünf Königreiche, um zu erfahren, wie es mit dem Glauben vorangeht. Er hat mir Geschenke mitgegeben, die ich verteilen soll .«

Plötzlich öffnete sich die Tür.

Es war Orla. Sie trat mit verärgerter Miene ein.

»Was soll das heißen?« fauchte sie. »Man läßt meinen Bruder warten. Ist das die Höflichkeit, die Cashel seinen Fürsten erweist?«

Solin erhob sich mit schmierigem Lächeln.

»Ich war gerade dabei, die gute Schwester zu überreden, mich in die Ratshalle des Fürsten zu begleiten«, erklärte er kriecherisch. »Sie schien mehr interessiert an den Gründen für meinen Aufenthalt in Gleann Geis.«

Fidelma öffnete den Mund, um diese Lüge zu widerlegen, schloß ihn jedoch wieder. Sie wandte sich zu Orla um und begegnete ihrem Zorn mit steinerner Miene.

»Ich bin bereit. Geh uns voran.«

Orla stutzte einen Moment vor Fidelmas hochmütigem Ausdruck, denn sie war es nicht gewohnt, ihre Autorität in Frage gestellt zu sehen. Dann führte sie sie ohne ein weiteres Wort aus dem Gästehaus. Eadulf und Solin folgten ihnen.

Laisres Gemächer befanden sich im größten Gebäude des rath. Man betrat das zentral gelegene dreistöckige Gebäude durch eine große Tür und gelangte in eine weite Empfangshalle, von der Gänge nach rechts und links und eine Steintreppe zu den oberen Stockwerken abgingen. Eine hohe Tür im Inneren führte in einen großen, verräucherten Raum mit hoher Decke. Dort waren mehrere Personen versammelt. Teppiche schmückten die Wände, und Hängelampen spendeten Licht, außerdem ging vom Kamin in der Mitte, in dem Scheite brannten, ein hell glühender Schein aus. Der Kamin war auch die Ursache für die rauchige Luft.

Zwei Jagdhunde lagen ausgestreckt vor diesem Kamin. An einer Seite stand ein großer geschnitzter Eichensessel. Um ihn drängten sich mehrere Männer und Frauen, der engere Kreis des Fürsten. Zwei Krieger bewachten die Tür, ein dritter stand direkt hinter dem Amtssessel. In ihm erkannte Fidelma den Schwarzbärtigen namens Artgal, der Orla begleitet hatte, als sie ihr zuerst begegneten.

Es bedurfte keiner Vorstellung, um Laisre, den Fürsten von Gleann Geis, zu erkennen, selbst wenn er sich nicht in dem großen Eichensessel geräkelt hätte. Die wirklich erstaunliche Ähnlichkeit mit seiner Schwester Orla verriet ihn sofort. Er besaß denselben Gesichtsschnitt, dieselben dunklen Augen und die gleiche Ausdrucksweise. Hätte er nicht einen langen dünnen Schnurrbart getragen, hätte Fidelma gemeint, sie glichen sich wie ein Ei dem anderen. Bei näherem Hinsehen wurde ihr klar, daß sie Zwillinge sein mußten. Er war schlank und gutaussehend und wußte es vermutlich auch. Er entsprach in keiner Weise dem Bild, das sich Fidelma in Cashel von einem heidnischen Fürsten gemacht hatte, Sie hatte sich einen wilden, ungezügelten Mann vorgestellt. Laisre mochte Heide sein, doch er besaß Haltung, untadelige Manieren und vollendete Höflichkeit.

Als Orla sie in den Raum führte, erhob sich Laisre aus seinem Amtssessel und kam Fidelma entgegen, um sie entsprechend ihrem Rang, den er wohl von Orla erfahren hatte, zu begrüßen. Er streckte ihr die Hand entgegen.

»Du bist sehr willkommen an diesem Ort, Fidelma von Cashel. Ich hoffe, dein Bruder, der König, ist wohlauf?«

»Das ist er, dank der Gnade Gottes«, antwortete Fidelma automatisch.

Von einem der Männer im Raum kam ein unterdrückter Ausruf. Fidelma richtete einen forschenden Blick auf die Gruppe.

Laisre lächelte entschuldigend. In seinen Augen blitzte der Schalk.

»Manch einer hier könnte fragen, dank der Gnade welchen Gottes?«

Fidelmas Augen fanden den Mann, von dem der Laut gekommen war. Er war hochgewachsen und schmal, mit eisengrauem Haar und auffallend bunter, goldbestickter Kleidung. Er trug eine goldene Amtskette um den Hals. Ihrem Blick begegnete er mit unverhohlener Feindseligkeit. Sein Gesicht wirkte beinahe vogelartig, spitz mit einem hervorstehenden Adamsapfel, der sich heftig bewegte, wenn er schluckte, was er beständig tat. Seine tiefliegenden schwarzen Augen, starr wie die einer Schlange, verhüllten starke Empfindungen.

»Murgal hat das Recht, seine Meinung kundzutun«, bemerkte sie kühl und wandte sich wieder Laisre zu.

Fidelma merkte, daß der dünne Mann überrascht aufgefahren war. Selbst Laisre staunte, daß sie Murgal entdeckt hatte.

»Kennst du Murgal?« fragte der Fürst zögernd, ohne die einfache Logik zu erraten, mit der sie ihn herausgefunden hatte.

Fidelma unterdrückte ein selbstzufriedenes Lächeln über die Wirkung, die sie erzielt hatte.

»Sicher kennt doch jeder den Ruf Murgals als den eines Mannes von Grundsätzen und Gelehrsamkeit -und von Schicklichkeit«, erwiderte sie ernsthaft, um einen möglichst großen Vorteil zu gewinnen, bevor sie in die Verhandlung mit Laisre eintrat. Es war immer gut, den Gegner gleich zu Anfang in eine ungünstige Position zu manövrieren. Sie hatte lediglich Schlüsse gezogen. Orla hatte mit Murgal, dem Druiden und Brehon ihres Bruders, geprahlt. Fidelma hatte vorher noch nie von Murgal gehört. Aber wer sonst sollte so dicht neben dem Fürsten stehen und eine solche Amtskette tragen? Es war ein reiner Bluff, und er war ihr gelungen. Der Kenntnisreichtum der Gesandten aus Cashel würde sich nun aus dem Ratssaal von Gleann Geis herumsprechen.

Murgal hatte den Mund zusammengekniffen. Seine Augen verschleierten sich, als schätze er ihre Fähigkeiten als seine Gegenspielerin ab.

Die Bedeutung dieses Vorgeplänkels entging allen außer Fidelma und Murgal.

»Tritt vor, Murgal, und begrüße die Abgesandte und Schwester von Colgü von Cashel«, befahl Laisre.

Der hochgewachsene Mann kam herbei und verneigte sich leicht vor Fidelma.

»Auch ich habe von Fidelma gehört, der Tochter von Failbe Fland von Cashel«, begrüßte er sie mit einer merkwürdig keuchenden hohen Stimme, als leide er an Asthma. »Dein Ruf eilt dir voraus. Die Ui Fid-gente haben ein gutes Gedächtnis und schreiben ihre Niederlage im vorigen Winter dir zu.«

Lag in seinen Worten eine versteckte Drohung?

»Die Niederlage der Ui Fidgente, als sie versuchten, den rechtmäßigen König von Cashel zu stürzen, wurde von ihrer eigenen Eitelkeit und Habgier verursacht«, erwiderte Fidelma ruhig. »Dafür sind sie zu Recht bestraft worden. Doch als eine getreue Dienerin von Cashel freut es mich, wenn jeder, der Verrat an Cashel plant, entlarvt wird, und ich bin sicher, daß es Laisre als einen treuen Diener von Cashel ebenso freut.«

Murgal blinzelte langsam, seine Lider senkten sich, als wäre er müde und müßte die Augen schließen. Er begriff jetzt, daß er eine Gegnerin mit Geist und Scharfsinn vor sich hatte, die er mit Geschick und Vorsicht behandeln mußte.

»Deine Grundsätze sind zu bewundern - die Gewißheit, einer gerechten Sache gegen eine ungerechte zu dienen, ist doch sicherlich ein Trost?« antwortete er.

Fidelma setzte zu einer Entgegnung an, doch Laisre nahm lächelnd ihren Arm, wandte sie von Murgal weg und sagte: »Nun, an Grundsätzen ist nichts verkehrt, obgleich es oft leichter ist, für Grundsätze zu kämpfen, als sie zu befolgen. Komm, Fidelma, ich möchte dir meinen Tanist vorstellen, Colla, den Gatten meiner Schwester Orla.«

Der Mann neben Orla trat einen Schritt vor und neigte grüßend den Kopf. Der Tanist war der erwählte Nachfolger bei jedem Stamm und in jedem Königreich. Colla war ebenso alt wie Laisre, doch gut einen Kopf größer als der Fürst. Es gab kaum Zweifel, daß er ein Mann der Tat war. Er hatte den Körperbau eines Kriegers. Seine Haut war von der Sonne gebräunt und stand im Gegensatz zu seinem feuerroten Haar und seinen hellblauen Augen. Er war nicht schön, doch hatte er eine feine männliche Anziehungskraft, die Fidelma nicht entging. Vielleicht war es seine Haltung, eine innere Stärke oder das stille Lächeln in seinem Gesicht, was den Eindruck von Unbeschwertheit und Umgänglichkeit hervorrief, doch die stählerne Härte seines Charakters dem geübten Blick nicht verbergen konnte. Er trug die Tracht eines Kriegers und sein Schwert griffbereit.

»Ich freue mich, daß du gut hier angekommen bist, Fidelma«, grüßte er sie mit einer tiefen, dröhnenden Stimme, die Fidelma leicht zusammenfahren ließ. »Meine Frau, Orla, hat mir von dem schrecklichen Anblick berichtet, den ihr im jenseitigen Tal angetroffen habt, und ich kann dir nur versichern, daß ich alles in meiner Macht Stehende tun werde, um die Schuldigen zu finden und der Gerechtigkeit zuzuführen. Der Grund für dieses sinnlose Morden muß aufgedeckt werden, denn es gereicht unserem Volk nicht zur Ehre.«

Fidelma sah ihn einen Moment ernst an und fragte dann harmlos: »Warum sagst du, es sei ein sinnloses Morden gewesen?«

»Ich verstehe nicht, was du meinst«, erwiderte der Tanist überrascht.

»Wenn du den Grund dafür nicht kennst, warum sagst du, es sei ein sinnloses Morden gewesen?« erklärte sie ihre Frage.

Nach einer verlegenen Pause zuckte Colla die Achseln.

»Das war nur so dahergeredet ...«

Er wurde von Gelächter unterbrochen. Laisre war außer sich vor Vergnügen.

»Du hast einen scharfen Verstand, Fidelma. Unsere Verhandlung wird interessant werden. Aber im Ernst, als Orla und Artgal die Sache berichteten, waren wir alle ratlos. Die Ui Fidgente haben Ruhe gegeben, seit das Heer deines Bruders sie voriges Jahr am Berg Äine schlug. Bis dahin waren sie die einzigen, die in feindlicher Absicht in dieses Land einfielen. Manche der Stämme jenseits dieses Tals verloren dadurch Teile ihrer Herden. Doch warum jene Fremden töten und noch dazu auf die Art? Woher kamen sie? Bisher scheint niemand eine Antwort auf diese verwirrenden Fragen zu kennen.«

Fidelma war plötzlich interessiert.

»Sind wir sicher, daß es sich um Fremde handelt?«

Laisre hatte keinen Zweifel.

»Artgal hat sich das Gesicht jeder Leiche angesehen. Wir sind keine so große Gemeinschaft, daß dreißig unserer jungen Männer verschwinden könnten, ohne daß wir es wüßten. Er hat keinen erkannt.«

»Dreiunddreißig, genau gesagt«, antwortete Fidelmaund wandte sich bewußt Murgal zu. »Dreiunddreißig Leichen. Dreiunddreißig ist eine eigenartige Zahl. Dreiunddreißig in einem Sonnenkreis abgelegt. Jeder auf dreierlei Art getötet - der Dreifache Tod.«

Eisiges Schweigen herrschte in der Ratshalle; es war so still, daß man das leise Schnarchen eines der Jagdhunde durch das Knistern des Feuers hindurch hören konnte. Niemand antwortete. Alle verstanden, was sie damit sagen wollte. Denen, die der alten Art der Götterverehrung anhingen, bedeutete diese Symbolik viel. Schließlich trat Murgal zornig einen Schritt vor.

»Sprich weiter, Gesandte von Cashel. Ich meine, es steckt eine Anklage hinter deinen Worten.«

Laisre schaute seinen Brehon verlegen an.

»Ich habe keine Anklage gehört, Murgal«, wies er ihn zurecht. Dann wandte er sich an Fidelma und fuhr höflich fort: »Die Vorstellung, daß wir, die wir bei der alten Religion bleiben, Menschen opfern, wie es dem Vernehmen nach einige eurer Geistlichen predigen, ist Unsinn. Selbst in den alten Sagen über die Verehrung des Idols Cromm waren es die Druiden, die sich gegen den König Tigernmas gestellt haben sollen, der diese Verehrung eingeführt hatte, und sie waren es auch, die seinen Sturz herbeiführten und diesem üblen Kult ein Ende bereiteten.«

»Dennoch«, beharrte Fidelma, »muß ich auf den Symbolgehalt dieser Tötungen hinweisen. Er fordert unweigerlich Fragen heraus, die beantwortet werden müssen.«

Orla hatte sich neben ihren Gatten gestellt, jetzt schnaufte sie verächtlich.

»Ich habe Fidelma von Cashel bereits erklärt, daß sie die Verantwortung für diese Morde nicht Gleann Geis anlasten kann.«

»Ich habe nicht behauptet, daß die Verantwortung Gleann Geis trifft. Aber irgendwo liegt sie. Ich bitte um die Erlaubnis, mich für ein paar Tage von den Beratungen zurückzuziehen und unverzüglich mit der Untersuchung zu beginnen, bevor Wind und Regen die Spuren verwischen.«

Es war offensichtlich, daß Laisre von diesem Vorschlag nicht erbaut war. Doch es war Colla, der an seiner Stelle das Wort nahm.

»Es gibt sicherlich zwischen Gleann Geis und Cashel viel zu besprechen«, schaltete er sich ein, an Laisre gewandt. »Diese Verhandlungen sind wichtig. Es ist keine Zeit zu verlieren. Aus diesem Grunde möchte ich einen Vorschlag machen, mein Fürst. Gib mir die Erlaubnis, mit einem halben Dutzend Krieger auszureiten und an Stelle von Fidelma von Cashel die Untersuchung vorzunehmen. Während sie den Auftrag erfüllt, der sie nach Gleann Geis geführt hat, stelle ich fest, was über diese Morde in Erfahrung zu bringen ist, und kehre zurück und berichte ihr.«

Laisre nahm diesen Vorschlag mit Erleichterung auf.

»Eine ausgezeichnete Idee. Wir sind einverstanden.«

Fidelma wollte schon ihre Unzufriedenheit kundtun und darauf hinweisen, daß sie als ausgebildete dalaigh erfahrener in solchen Dingen war als Laisres Tanist, doch der Fürst fuhr fort: »Ja, mach dich bereit, Colla. Nimm Artgal mit und so viele Männer, wie du für nötig hältst. Du brauchst erst morgen bei Tagesbeginn aufzubrechen. Heute abend feiern wir unser Fest zum Willkommen der Gesandten aus Cashel, wie wir es geplant hatten.« Lächelnd wandte er sich an Fidelma. »Ein löbliches Vorgehen, meinst du nicht auch, Fidelma von Cashel?«

Fidelma wollte noch weiter widersprechen, doch Murgal unterbrach sie im Ton der Befriedigung.

»Ich bin sicher, daß Colla feststellen wird, daß Gleann Geis keine Schuld trifft.«

Fidelma sah ihn verärgert an.

»Ich bin auch sicher, daß euer Tanist zu diesem Ergebnis gelangt.«

Murgal erwiderte ihren Blick und verstand, was sie damit andeutete. Er überlegte anscheinend einen Moment, ob er ihre Worte übelnehmen sollte, doch sie wandte sich ab und verbarg ihren Groll darüber, daß sie so von ihrem Ziel abgebracht worden war.

Eadulf war etwas besorgt und fragte sich, ob Fidelmadas Thema noch weiter verfolgen würde. Es war unschwer zu erkennen, daß sie auf keinen Fall die Erlaubnis des Fürsten von Gleann Geis erhalten würde, die Verhandlungen zu vertagen und eine Untersuchung der Morde durchzuführen. Eadulf war es nur recht, daß Fidelma das anscheinend auch einsah, denn schließlich neigte sie zum Zeichen ihres Einverständnisses den Kopf.

»Nun gut, Laisre«, sagte sie, »ich nehme den Vorschlag an. Bei meiner Rückkehr nach Cashel werde ich meinem Bruder einen ausführlichen Bericht über diese Angelegenheit zu erstatten haben, deswegen interessiert mich alles, was Colla feststellen kann, auch das, was ihm unwesentlich erscheinen mag.«

»Dann werde ich mit meinen Männern bei Tagesanbruch aufbrechen, Fidelma von Cashel«, versicherte ihr der Tanist.

Laisre strahlte vor Zufriedenheit.

»Ausgezeichnet. Jetzt wollen wir uns anderen Dingen zuwenden. Ich habe meine Pflichten als Gastgeber versäumt. Hat man dir Solin vorgestellt, den Sekretär Ultans von Armagh, einen führenden Geistlichen deines Glaubens?«

Fidelma machte sich nicht die Mühe, sich zu Bruder Solin umzudrehen. Aus dem Augenwinkel hatte sie gesehen, daß Solin bei Eadulf stand und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Eadulf schien es unbehaglich zu sein, denn er hatte sich ein oder zwei Schritte abseits gestellt.

»Ich habe Bruder Solin bereits kennengelernt«, antwortete sie in einem Ton, der keine Freude an dieser Bekanntschaft verriet.

»Und Bruder Dianach, meinen Schreiber?« erkundigte sich Solin vortretend. »Ich glaube, ihn kennst du noch nicht?«

Es lag etwas Hochtrabendes in der Art, in der er es sagte, als wolle er darauf hinweisen, er sei ein so wichtiger Mann, daß er einen Schreiber brauche. Fidelma wandte sich um und musterte den schmächtigen, etwas weichlichen jungen Mann, den Solin nun nach vorn schob. Er war kaum zwanzig, hatte ein blasses, fleckiges Gesicht und eine schlecht geschnittene Tonsur nach römischer Art. Der junge Mann war aufgeregt, und seine dunklen Augen wichen ihrem Blick aus, wodurch er verschlagen wirkte. Der linkische Bursche tat ihr leid.

»Salve, Bruder Dianach«, begrüßte sie ihn nach römischer Weise und versuchte, ihm seine Unsicherheit zu nehmen.

»Pax tecum«, stotterte er als Antwort.

Fidelma wandte sich wieder Laisre zu.

»Ich möchte auch die Gelegenheit benutzen und Bruder Eadulf vorstellen, den Gesandten des Erzbischofs Theodor von Canterbury im Lande Kent.«

Eadulf trat einen Schritt vor und neigte leicht den Kopf, erst vor dem Fürsten und dann vor der Versammlung im allgemeinen.

»Du bist willkommen an diesem Ort, Eadulf von Canterbury«, begrüßte ihn Laisre, der einige Schwierigkeiten mit der Aussprache der fremden Namen hatte. »Zu welchem Zweck beehrst du unser kleines Tal mit deinem Besuch? Der Erzbischof Theodor des fernen Landes, aus dem du kommst, hat sicher kein Interesse an dem, was in diesem Teil der Erde vor sich geht?«

Eadulf drückte sich diplomatisch aus.

»Ich wurde als Gesandter nur zum König von Cashel geschickt. Doch da ich seine Gastfreundschaft genieße, nutze ich die Gelegenheit, auch die entlegenen Gegenden seines Königreiches zu besuchen, um festzustellen, wie es den Menschen geht und wie sie leben.«

»Dann bist du dreifach willkommen, um das bei uns zu studieren«, erwiderte Laisre würdevoll. Er schaute Fidelma an. »Und nun ...«

»Nun«, sagte Fidelma und holte aus ihrer Kutte den weißen Amtsstab und ihren Dolch hervor, »nun müssen wir dem Brauch genügen.« Mit einer Hand hielt sie Laisre den Griff des Dolches entgegen und mit der anderen den Stab mit dem Hirschkopf.

Laisre kannte die Formalitäten. Er streckte die Hand aus und klopfte mit dem Zeigefinger leicht auf den Stab.

»Wir empfangen dich als die Gesandte Colgüs«, verkündete er feierlich. Dann trat er zurück und winkte den Dienern im Hintergrund, die Stühle herbeibrachten und im Halbkreis vor seinem Amtssessel aufstellten. Mehrere seiner Leute blieben stehen, während Laisre Fidelma und Eadulf bedeutete, Platz zu nehmen. Außer ihnen setzten sich nur Murgal, Colla, Orla und Solin, und der Fürst kehrte zu seinem Sessel zurück.

»Was nun den Zweck unserer Verhandlungen angeht ...«, begann Laisre.

»So wie ich ihn verstehe«, schaltete sich Fidelma ein, »besteht er darin, Übereinstimmung darüber zu erzielen, daß der Abt-Bischof von Imleach hier in Gleann Geis eine Kirche unseres Glaubens sowie eine Schule errichten kann. Sehe ich das richtig?«

Einen Moment schien diese knappe Zusammenfassung Laisre zu verwirren.

»Das stimmt«, gab er dann zu.

»Und welche Gegenleistung erwartest du von Im-leach?« fragte Fidelma.

»Wieso nimmst du an, daß wir irgend etwas von Imleach erwarten?« erkundigte sich Murgal mißtrauisch.

Fidelma lächelte ihn mit einer Miene an, die wenig Belustigung verriet.

»Schon das Wort, mit dem wir unser Vorhaben beschreiben - Verhandlung -, läßt mich das annehmen. Verhandlung schließt einen Handel ein. Ein Handel bedeutet, zu einer Übereinkunft zu kommen, die einen Kompromiß darstellt. Oder irre ich mich?«

»Du irrst dich nicht, Fidelma«, antwortete Laisre. »Der Handel ist ganz einfach: Als Gegenleistung für die Erlaubnis, hier in Gleann Geis eine Kirche zu bauen und Kinder zu unterrichten, erwarten wir die Zusicherung, daß das religiöse Leben in Gleann Geis nicht gestört wird, daß wir nicht daran gehindert werden, dem Glauben unserer Vorväter zu folgen und an unseren alten Überzeugungen festzuhalten.«

»Ich verstehe.« Mit leichtem Stirnrunzeln überdachte Fidelma den Vorschlag. »Doch weshalb sollen wir eine Kirche und eine Schule bauen, wenn uns nicht gestattet wird, Menschen zu unserem Glauben zu bekehren? Wozu überhaupt eine Kirche und eine Schule, wenn niemand sie betreten darf?«

Laisre wechselte einen Blick mit Murgal und schien seine Worte sorgfältig abzuwägen.

»Tatsache ist, Fidelma von Cashel, daß es bereits eine christliche Gemeinde hier in Gleann Geis gibt.«

Fidelma bemühte sich, ihre Überraschung nicht zu zeigen.

»Das verstehe ich nicht. Ich habe immer gehört, Gleann Geis sei eine Bastion des alten Glaubens und der alten Sitten. Ist das nicht richtig?«

»Das ist richtig«, warf Murgal mit brüchiger Stimme ein, »und so sollte es auch bleiben.«

»Das ist eine falsche Einstellung«, wies ihn Laisre zurecht. »Die Zeiten haben sich geändert, und wir müssen mit ihnen gehen, oder wir gehen unter.«

Fidelma betrachtete ihn mit Interesse. Sie fragte sich, ob sie den Fürsten nicht unterschätzt hätte. Es war klar, daß manchen seiner Leute sein Kontakt mit dem Bischof von Imleach mißfiel, doch jetzt bewies er seine Fähigkeiten als ein kraftvoller Führer seines Volkes.

Mit einem lauten Zischen bekundete Murgal seine Verärgerung.

Es trat ein unbehagliches Schweigen ein, bevor Laisre fortfuhr.

»Im Laufe der Jahre sind unsere Männer und Frauen Ehen mit Mitgliedern anderer Clans eingegangen, und auf diese Weise haben wir unsere Kraft als Volk bewahrt. Wir haben den alten Gesetzen gegen Inzest gehorcht und sind stark und gesund geblieben. Doch die Ehefrauen und Ehemänner, die so zu uns gekommen sind, gehörten oft der neuen Religion an. Sie haben den neuen Glauben nach Gleann Geis mitgebracht, und viele haben auch ihre Kinder darin erzogen. Diese Gemeinschaft ist nun so angewachsen, daß sie eine Kirche und einen Priester des Glaubens für ihre geistlichen Bedürfnisse fordern und eine Schule, in der sie im Glauben unterwiesen werden.«

Colla murmelte etwas Unverständliches.

Laisre ging nicht auf ihn ein. Er wandte sich direkt an Fidelma.

»Einige von uns erkennen den unvermeidlichen Sieg eures Glaubens an. In den letzten beiden Jahrhunderten haben sich die fünf Königreiche verändert, ob manchen von uns das gefällt oder nicht.«

»Ein Grundgesetz unseres Glaubens besagt, daß niemand uns vorschreibt, welche Götter oder Göttinnen wir verehren«, schaltete sich Murgal ein. »Seit der Zeit, als die Anhänger des neuen Glaubens unsere Könige davon abspenstig machten, wird uns befohlen, zu welchen Göttern wir zu beten haben. Es heißt, wir dürfen nur zu dreien beten .«

»Es gibt nur einen Gott!« platzte Eadulf heraus, der sich dem Gespräch nicht mehr fernhalten konnte.

»Einer?« höhnte Murgal. »Kennst du deinen eigenen Glauben nicht? Es sind drei, die ihr die heilige Dreieinigkeit nennt. Und betet ihr nicht auch zu einer Göttin, der Mutter eures Christus?«

Fidelma schüttelte den Kopf.

»So sehen wir, die Vertreter des Glaubens, die Sache nicht, Murgal«, wandte sie höflich ein. Dann sagte sie zu Laisre: »Aber hier ist sicherlich nicht der Ort, theologische Fragen zu erörtern, und zu diesem Zweck bin ich auch nicht nach Gleann Geis gekommen.«

Der Fürst senkte einen Moment nachdenklich den Kopf, dann nickte er.

»Über die Freiheit des einzelnen und die Freiheit der Religion können wir zu anderer Zeit einmal reden«, fügte Fidelma hinzu.

»Dann denke daran«, mahnte Murgal, »wenn du von Freiheit sprichst, daß unsere Religion mit dem Boden dieser Gegend verbunden ist; es ist die Religion unserer Vorfahren seit unzähligen Generationen, zurück bis in die Dunkelheit der Vorgeschichte. Bedenke, daß es schwer ist, etwas völlig aus dem Boden auszurotten, auf dem es gewachsen ist, aus dem es sich gespeist und auf dem es Frucht getragen hat. Denke daran, daß Freiheit von der Bindung an den Boden keine Freiheit für den Baum bedeutet.«

Fidelma wurde klar, daß Murgal kein blind ergebener Vertreter des sterbenden Glaubens war, sondern ein in geistigen Dingen tief nachdenkender Mann. Fidelmabegriff, daß sie in ihm einen nicht zu unterschätzenden Gegner hatte.

»Ich werde an das denken, was du sagst, Murgal«, versprach sie ihm. »Doch unsere unmittelbare Aufgabe besteht darin, zu einer Übereinkunft zu gelangen, das heißt, wenn ihr wirklich eine Kirche und eine Schule in diesem Tal haben wollt. Ich hatte den Eindruck, daß euer Rat dem bereits zugestimmt hätte, denn ich bin nicht hergekommen, um nur über theologische Fragen zu debattieren.«

Laisre errötete leicht.

»Ich habe dich hierher eingeladen, Fidelma, weil es mein Wunsch ist, daß mein Volk diese Dinge erhält, damit alle seine religiösen Bedürfnisse befriedigt werden können. Während einige Mitglieder meines Rates sich unweigerlich gegen Veränderungen stemmen, muß ich mich vom größeren Wohlergehen des größeren Teils meines Volkes leiten lassen.«

»Dann bin ich bereit, diese praktischen Fragen zu besprechen.«

Laisre stand unvermittelt auf.

»Ich habe beschlossen, daß die erste Sitzung unserer Verhandlungen morgen früh mit einem Hornsignal eröffnet wird. Wir treffen uns hier im Ratssaal und erörtern die anstehenden Fragen. Doch für heute abend habe ich ein Festmahl und eine Feier vorgesehen, um euch in unserem Tal willkommen zu heißen. Das Horn wird euch zu diesem Fest in den Ratssaal rufen.«

Kapitel 6

Es hatte Fidelma überrascht, daß sie nicht zu einem persönlichen Gespräch mit Laisre geladen wurde, um die eigenen Ansichten des Fürsten kennenzulernen. Es waren noch mehrere Stunden bis zum Beginn des abendlichen Fests, und Fidelma meinte, man hätte sie nutzbringend zu Vorgesprächen über die beiderseitige Haltung verwenden können. Anscheinend waren die Führer des Clans in dieser Sache gespalten. Man hatte ihr höflich bedeutet, daß weder Laisre noch Colla zu Vorgesprächen zur Verfügung standen. Deshalb fanden sie und Eadulf sich selbst überlassen und freundlich ignoriert, denn alle Bewohner des rath einschließlich Bruder Solin und seines jungen Schreibers schienen verschwunden.

Es war Fidelma, die vorschlug, sie könnten sich zweckmäßigerweise die Burg und ihr Gelände ansehen. So beschlossen sie also, eine Runde um die Befestigungen des rath zu machen, auf dem hölzernen Umgang an der Innenseite der Granitmauern. Sollte die Burg jemals angegriffen werden, konnten Krieger hier Verteidigungspositionen beziehen und mit ihren Bogen das Vorland beherrschen.

»Es ist der einzige Ort, der mir bisher aufgefallen ist, an dem uns keiner belauschen kann«, meinte Fidelmaund sah sich um. »Den sollten wir uns merken, wenn wir uns mal ungestört unterhalten wollen.«

Sie standen an einer offenen Stelle der Mauer, weit weg von dem Wachposten über dem Tor.

»Beunruhigt dich denn etwas, weshalb du einen solchen Platz suchst?« erkundigte sich Eadulf.

»Ein paar Dinge beunruhigen mich«, gab Fidelma zu. »Vergiß nicht, daß das Rätsel der dreiunddreißig Leichen noch gelöst werden muß.«

»Du traust also Colla nicht zu, daß er wirkliche Beweise für das Morden mitbringt?«

»Das ist doch völlig klar«, erwiderte sie spitz. »Vielleicht hat Laisre einen triftigen Grund, uns hier zu behalten, aber ich habe das Gefühl, daß er uns nicht weiter nachforschen lassen will. Ich habe den Eindruck, man treibt ein Spiel mit uns. Warum läßt man uns untätig herumsitzen und kostbare Zeit vergeuden, in der wir den Zweck unserer Reise hierher recht gut erfüllen könnten?«

»Nun, wir können wenig tun, denn Laisre hat den Termin der Verhandlungen schon festgesetzt. Zu der Zeit ist Colla bereits unterwegs.«

Fidelma hob eine Schulter und ließ sie ausdrucksvoll wieder sinken.

»Ich fürchte, der Bericht, den er erstattet, wird uns wenig neue Erkenntnisse bringen. Aber etwas Näherliegendes macht mich besorgt, nämlich die Anwesenheit dieses Geistlichen aus Armagh. Es ist seltsam, daß er gerade jetzt hier auftaucht. Und wo sind er und sein junger Schreiber in diesem Moment? Bespricht er etwas mit Laisre, was ich nicht erfahren soll, und wenn ja, was?«

»Aber seine Anwesenheit kann doch keine schlimme Bedeutung haben?« Eadulf war überrascht von ihrem Verdacht.

»Natürlich kann sie das«, erwiderte Fidelma ernst. »Dies ist eine abgelegene Gemeinschaft, die normalerweise die Vertreter des Glaubens abweist. Doch jetzt lassen sie nicht nur eine Gesandtschaft von Im-leach kommen, dem Hauptzentrum des Glaubens in Muman, sondern wir treffen hier auch einen Geistlichen aus Armagh an. Keinen einfachen Geistlichen, sondern den Sekretär Ultans von Armagh. Du weißt, daß Armagh das Hauptzentrum des Glaubens in Ulaidh ist. Vor dreißig Jahren erbat sich Cummian, der damals dort Bischof war, den Segen Roms dafür, daß er sich Erzbischof und oberster Bischof aller fünf Königreiche nennen dürfe. Imleach erkennt dieses Amt nicht an. Es stimmt zwar, daß Ultan als Comarb, also Nachfolger, Patricks anerkannt wird, aber hier hat Armagh keine Rechte. Und dieser Bruder Solin gefällt mir gar nicht. Wir müssen auf der Hut sein, denn ich fürchte, hier ist etwas nicht in Ordnung.«

Ihre Auffassung setzte Eadulf in Erstaunen, aber er stimmte ihr darin zu, daß Bruder Solin kein liebenswerter Mensch war.

»Er ist kein angenehmer Zeitgenosse. Er ist hinterhältig.«

»Hinterhältig? Inwiefern?« fragte Fidelma rasch. »Hast du deine Gründe, das zu sagen?«

»Er sprach im Ratssaal mit mir, während du mit Laisre beschäftigt warst.«

»Das habe ich bemerkt. Ich sah, wie du dich von ihm entferntest, als habe er dich beleidigt.«

Eadulf kannte Fidelma zu gut, um sich zu ihrer scharfen Beobachtung zu äußern.

»Er versuchte, mich zu überzeugen, daß ich mich an Armagh als die höchste Autorität des Glaubens in den fünf Königreichen zu halten habe, und meinte, er und ich seien brüderlich verbunden durch die Tatsache, daß wir beide die Tonsur des heiligen Petrus von Rom tragen.«

Fidelma kicherte leise.

»Und was hast du dazu gesagt?«

»Nicht viel. Ich dachte, ich lasse ihn reden, damit ich erfahre, worauf er hinaus will. Es lag ihm viel daran, mich dahin zu bringen, daß ich Ultan von Armagh als den obersten Bischof von ganz Irland anerkenne.«

»Wie ich schon sagte, ist Armagh nicht allen übergeordnet, wenn auch sein Bischof sich den Titel >Erz-bischof< beigelegt hat. Der Titel, den unser Volk dem Bischof von Armagh zuerkennt, lautet Comarb von Patrick, das heißt Nachfolger Patricks, so wie der Bischof von Imleach den Titel Comarb von Ailbe führt. Armagh und Imleach haben den gleichen Rang unter den Zentren des Glaubens in diesem Land.«

»Bruder Solin ist anscheinend nicht dieser Meinung. Er hat mir erklärt, daß jeder, der die römische Tonsur trägt, keine Gemeinschaft mit denen halten sollte, die die Autorität von Armagh nicht anerkennen.«

Fidelma ärgerte sich.

»Ich weiß, daß Ultan einen Ehrgeiz für seine paru-chia hegt, aber das ist blanker Unsinn. Was hast du darauf geantwortet?«

Eadulf schob das Kinn vor.

»Ich habe mich beherrscht und ihm nicht gesagt, was ich darüber denke. Ich habe nur darauf hingewiesen, daß mich Erzbischof Theodor von Canterbury als Gesandten an den Hof Colgüs von Cashel geschickt hat und zu keinem anderen König oder Bischof in den fünf Königreichen.«

Fidelma lächelte kurz.

»Und wie hat Bruder Solin darauf reagiert?«

»Er blies die Backen auf wie ein Fisch und lief vor Zorn rot an. Dann trat ich von ihm weg, und damit endete das Gespräch.«

»Trotzdem ist es seltsam, daß er gedacht hat, er könnte auf diese Weise mit dir reden«, überlegte sie.

Eadulf errötete leicht.

»Ich nehme an, er wollte uns trennen«, gestand er.

»Wie meinst du das?«

»Ich glaube, er weiß nicht, daß wir alte Freunde sind, und dachte, ich reiste lediglich mit dir zusammen. Ich vermute, er wollte dich in deiner Mission hier isolieren.«

»Zu welchem Zweck?«

»Das weiß ich nicht genau. Ich glaube, er wollte mich warnen, daß es für mich besser wäre, wenn ich allein weiterreiste als mit dir zusammen.«

»Hat er dir gedroht?« fragte Fidelma.

»Ich meine nicht, daß es eine Drohung war - nicht ganz.«

»Was war es dann - genau?«

»Er sprach in Andeutungen, so daß ich seine wirkliche Meinung nicht ergründen konnte. Ich weiß nur, daß er dir nicht wohl will.«

»Dann werden wir also Bruder Solin gründlich beobachten. Wir müssen herausbekommen, was er vorhat.«

»Daß er etwas vorhat, daran gibt es keinen Zweifel, Fidelma«, versicherte Eadulf.

Nach kurzem Schweigen sagte Fidelma: »Das Fest heute abend wird eine förmliche Angelegenheit, habe ich gehört. Du weißt, daß es dabei eine Rangfolge der Plätze gibt?«

»Ich bin lange genug in Eireann, um das zu wissen«, bekannte er.

»Sehr gut. Ich werde bei Laisre und seinen nächsten Verwandten sitzen, aus dem einfachen Grunde, weil ich die Schwester des Königs von Cashel bin. Ich nehme an, Bruder Solin wird bei den ollamhs und den Gelehrten wie Murgal sitzen. Du findest deinen Platz wahrscheinlich am selben Tisch wie Bruder Solins junger Schreiber, Bruder Dianach. Der ist nicht nur jung, sondern auch naiv. Versuche, aus ihm etwas über die Vorhaben seines Herrn und Meisters herauszuholen. Mir ginge es besser, wenn ich genau wüßte, was Solin in Gleann Geis sucht.«

»Ich werde tun, was ich kann, Fidelma. Überlaß das mir.«

Fidelma schwieg nachdenklich.

»Ich dachte erst, diese Verhandlung wäre eine einfache Sache, Eadulf. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Hier spielt sich etwas Seltsames ab, etwas unter der Oberfläche, was wir ergründen müssen. Ich spüre das.«

Ein Räuspern unterbrach sie. In ihr Gespräch vertieft, hatten sie nicht bemerkt, daß sich ein blonder Krieger ihnen genähert hatte. Der Mann stand in ein paar Metern Entfernung und betrachtete sie forschend. Es war derselbe Krieger, der Orla am Tor der Burg begrüßt hatte.

»Ich sah dich und den Bruder hier stehen, Schwester, und fragte mich, ob ihr etwas braucht?« sprach er sie an.

»Nein, wir genießen nur die Abendluft vor dem Fest«, erklärte Eadulf.

Fidelma musterte den Krieger interessiert. Er wirkte kräftig, das blonde Haar hatte die Farbe reifen Korns, und seine Augen waren hellblau. Er war Anfang dreißig. Sein altmodischer langer Schnurrbart, der neben dem Mund bis fast zum Kinn reichte, ließ ihn älter erscheinen. Er hielt sich sehr gut.

»Warum redest du mich mit >Schwester< an?« fragte Fidelma plötzlich. »Wer nicht dem Glauben angehört, tut das gewöhnlich nicht.«

Der Krieger schaute ihr lange ins Gesicht, warf einen kurzen Blick auf Eadulf und senkte die Augen. Dann sah er sich auf dem Umgang um, als fürchte er Zeugen, schob die Hand unter das Hemd und holte einen Gegenstand an einer Lederschnur hervor. Es war ein kleines Kruzifix aus Bronze.

Fidelma betrachtete es nachdenklich.

»Du bist also Christ?«

Der Mann nickte rasch und verbarg das Kruzifix wieder unter dem Hemd.

»Es gibt mehr von uns hier, als der Druide Murgal zugeben möchte, Schwester«, antwortete er. »Meine Mutter kam her, um einen Mann aus Gleann Geis zu heiraten, und als ich geboren wurde, erzog sie mich heimlich im Glauben.«

»Als Laisre sagte, er brauche eine Kirche und eine Schule für die hiesige christliche Gemeinde, für die bereits im Glauben Aufgewachsenen«, meinte Eadulf, »da hat er also nicht gelogen?«

Der Blonde schüttelte den Kopf.

»Nein, Bruder. Unsere Gemeinde hat unseren Fürst und seinen Rat viele Jahre gedrängt, einen Priester für uns kommen zu lassen. Bis vor kurzem haben sie sich geweigert. Dann hörten wir zu unserer Freude, daß Laisre zu diesem Zweck in Imleach und Cashel angefragt habe.«

»Wie heißt du?« fragte Fidelma.

»Mein Name ist Rudgal, Schwester.«

»Und du bist Krieger, wie ich sehe.«

Rudgal lachte leise.

»Es gibt keine Berufskrieger hier in Gleann Geis. Ich bin Wagenbauer, aber ich folge Laisres Ruf, so oft er die Dienste von Kriegern braucht. Jeder Mann geht hier seiner Arbeit nach. Selbst Artgal, den Laisre als den Anführer seiner Leibwache betrachtet, ist gelernter Schmied.«

Fidelma erinnerte sich an das, was Orla ihr erzählt hatte.

»Und warum gibst du dich uns zu erkennen, Rud-gal?« fragte Eadulf.

Rudgal blickte rasch von einem zum anderen.

»Für den Fall, daß ich euch irgendwie zu Diensten sein kann. Laßt es mich wissen, wenn ihr etwas braucht, was ich euch besorgen kann.«

In der Nähe ertönte ein Hornstoß. Rudgal verzog das Gesicht.

»Ach, das Horn! Wir werden zum Fest gerufen.«

Eadulf stellte fest, daß sich Laisre, wie Fidelma vorausgesagt hatte, streng an die Tradition hielt. Alles war im großen Vorraum vor dem Ratssaal der Burg versammelt, den man in den Festsaal verwandelt hatte. Drei Mitglieder aus Laisres Hofhaltung gingen zuerst in die Halle: Murgal als sein Ratgeber, dann ein bolls-care oder Hofmarschall, der die Rangfolge der Plätze zu regeln hatte, und der Hornist oder fearstuic. Nach dem nächsten Hornsignal marschierten Laisres Schildträger und andere Träger von Schilden oder Wappen von Laisres Kriegern hinein. Die Schilde wurden entsprechend dem Rang über den Stühlen aufgehängt.

Beim dritten Hornstoß wurden die Embleme der anderen Ränge hineingetragen und an den Plätzen aufgestellt, die für diese Gäste vorgesehen waren. Nach dem vierten Signal gingen alle Gäste gemütlich hinein, und jeder suchte sich den Platz, den ihm sein Zeichen anwies. Auf diese Weise wurde ungehöriges Streiten oder Gerangel um Plätze vermieden. Kein Mann und keine Frau saß einem oder einer anderen gegenüber, denn es wurde nur eine Seite der Tische besetzt. Dieses starre Festhalten an der Rangfolge war, wie Eadulf wußte, eine strenge Regel.

In der Halle waren große Holztische aufgestellt worden. Laisres Hofmarschall lief noch eifrig umher und vergewisserte sich, daß jeder den seinem Rang gemäßen Platz gefunden hatte. Es war schon vorgekommen, so hatte Eadulf gehört, daß über die Sitzordnung bei einem Fest ernsthafte Streitigkeiten ausgebrochen waren.

Am obersten Tisch saß Fidelma als Eoghanacht-Prinzessin neben Laisre. An ihrer anderen Seite hatte sie Colla, den Tanist, danach seine Frau Orla und ihre Tochter Esnad. Weitere Familienmitglieder des Fürsten folgten auf beiden Seiten. Die Krieger saßen an einem anderen Tisch, an wieder einem anderen die geistigen Häupter wie Solin und Murgal und andere, die Eadulf nicht kannte. An Eadulfs Tisch waren anscheinend die niederen Ränge der geistigen Berufe versammelt. Unterfürsten und Inhaber kleiner Ämter besetzten einen weiteren Tisch.

Eadulf sah, daß Bruder Solins Schreiber, Bruder Dianach, tatsächlich links neben ihm saß, wie Fidelma es vorausgesagt hatte. Eadulf eröffnete das Gespräch mit der Bemerkung, daß ihm dieses Bestehen auf einer strengen Sitzordnung als ein merkwürdiger Brauch erscheine. Der junge Kleriker überwand seine spürbare Schüchternheit so weit, daß er über Eadulfs angedeutete Kritik den Kopf schüttelte.

»Zur Zeit meines Vaters war der Mißgriff, daß Congal Cloen beim Bankett von Dün na nGeid tiefer eingeordnet wurde, als es seinem Rang entsprach, der Hauptgrund für die Schlacht von Magh Rath«, erklärte er mit ruhigem Ernst.

Eadulf führte das Gespräch gern fort.

»Was für eine Schlacht war das?«

»Es war die Schlacht, in der der Großkönig Dom-nall mac Aedo den Congal und seine Verbündeten, die Dal Riada von jenseits des Meeres, vernichtete«, antwortete der junge Schreiber.

Ein älterer Mann an der anderen Seite von Dianach, der sich als Mel, der Schreiber Murgals, vorgestellt hatte, griff ins Gespräch ein.

»Um die Wahrheit zu sagen, war es diese Schlacht, die den Untergang der alten Religion bei den großen Königen im Norden besiegelte.« Mißfallen schwang in seinem Ton mit. »Gewiß, es gab Streit über die Beleidigung, die man Congal mit der Sitzordnung beim Fest zugefügt hatte. Aber die großen Fürsten von Ulaidh hatten sich lange gegen den neuen Glauben gewehrt, und der christliche König Domnall mac Aedo war entschlossen, ihn ihnen aufzuzwingen. Mit ihrer Niederlage gegen Domnall mac Aedo in der Schlacht von Magh Rath brach ihr Widerstand zusammen. Der alte Glaube ist seitdem auf kleine, abgelegene Clans beschränkt.«

Der junge Schreiber, Bruder Dianach, bemühte sich, ein Schaudern zu unterdrücken, und bekreuzigte sich.

»Es stimmt, daß der christliche Glaube nach der Schlacht von Magh Rath triumphierte«, gab er zu, »und Gott sei dafür gedankt. Es wurde erzählt, daß kurz vor dem Festmahl zwei schreckliche schwarze Gespenster den Versammelten erschienen, ein männliches und ein weibliches, die unheimliche Mengen an Essen vertilgten und dann verschwanden. Sie hinterließen einen bösen Einfluß. So kam es, daß König Domnall die Scharen Christi gegen die Scharen des Teufels führen mußte. Er besiegte sie, Deo favente!«

Der ältere Schreiber, Mel, stieß ein höhnisches Lachen aus.

»Wann hat sich das ereignet, sagtest du?« Eadulf ignorierte ihn und sprach zu dem jungen Mann, als sei er auf seiner Seite.

»Das war zur Zeit meines Vaters, vor knapp dreißig Jahren, als er noch ein junger Krieger war. Er verlor seinen rechten Arm bei Magh Rath.«

Erst jetzt begriff Eadulf, daß er von der Schlacht schon einmal gehört hatte. Er hatte in Tuam Brecain studiert, und an dieser kirchlichen Hochschule gab es einen älteren Lehrer namens Cenn Faelad. Er unterrichtete irisches Recht, hatte aber auch eine Grammatik der Sprache des Volkes von Eireann geschrieben, die Eadulf beim Erlernen dieser Sprache geholfen hatte. Cenn Faelad hinkte, und als Eadulf ihn befragte, hatte er gestanden, daß er als junger Mann in einer Schlacht verwundet worden war, deren Ort Eadulf falsch als »Moira« verstanden hatte. Da Tuam Brecain damals neben der Rechtsschule und der kirchlichen Abteilung schon eine hervorragende medizinische Schule besaß, hatte man Cenn Faelad dorthin gebracht, und der Abt, selbst ein geschickter Chirurg, hatte ihn geheilt. So war Cenn Faelad dort geblieben, hatte das Recht statt der Kriegskunst studiert und war einer der größten Brehons der fünf Königreiche geworden. Eadulf wollte das gerade als seinen Beitrag zur Unterhaltung seinem Nachbarn berichten, als er unterbrochen wurde.

Laisre war aufgestanden, und ein neuer Hornstoß hatte Stille geboten. Eadulf fragte sich schon, ob Lais-re tatsächlich ein Deo gratias zum Segen vor dem Mahl sprechen wollte, doch sogleich erkannte er seinen Irrtum. Laisre entbot lediglich seinen Gästen das übliche formelle Willkommen.

Die Diener trugen nun große Tabletts mit Speisen und Krüge mit Wein und Met auf. Eadulf bemerkte, daß die Teller mit warmem Fleisch ebenfalls förmlich der Rangordnung gemäß gereicht wurden. Besondere Stücke waren bestimmten Adligen, Amtsträgern und geistigen Persönlichkeiten vorbehalten, entsprechend ihrem Rang. Die ddilemain, die Vorschneider und Verteiler, gingen die Tische entlang und boten jedem ein Stück an. Man faßte das Stück mit der linken Hand und schnitt es mit dem Messer in der rechten Hand ab. Jeder hatte darauf zu achten, daß er sich sein Stück an der richtigen Stelle abschnitt. Es war eine schwere Beleidigung, wenn man sich versehentlich an einem falschen Stück bediente. Bruder Dianach war jetzt ganz gesprächig geworden und erklärte Eadulf, es gebe sogar eine gesetzliche Strafe für den, der sich das curath-mir oder Heldenteil nahm, ein erlesenes Stück, das für den reserviert war, der nach allgemeiner Meinung von allen Gästen die tapferste und größte Tat vollbracht hatte.

Nach dem warmen Fleisch wurden Brot, Fisch und kaltes Fleisch aufgetragen, auch viele Schalen mit Obst, und dazu Krüge mit importiertem Wein und heimischem Met und Ale. Die Tatsache, daß Gleann Geis Wein einführte, wenn es auch nach Eadulfs Einschätzung kein besonders guter Wein war und er die Fahrt von Gallien nicht recht vertragen hatte, wies darauf hin, daß der Fürst auf eine gute Tafel Wert legte. Eadulf hatte zwei Tonbecher Wein genossen. Er merkte, daß er einen bitteren Nachgeschmack hinterließ, und ging lieber zum heimischen kräftigen Ho-nigmet über.

Jeder Gast erhielt ein lambrat, ein Tuch, mit dem er sich nach dem Mahl die Hände säubern konnte.

Im Verlaufe des Mahls tat Eadulf sein Bestes, den jungen Kleriker über die Gründe seiner Reise mit Bruder Solin auszuhorchen. Doch mit einer Naivität, von der Eadulf nicht wußte, ob es nicht Verschmitztheit war, erkundigte sich der junge Mann ausführlich nach dem Leben in den angelsächsischen Königreichen, und als er erfuhr, daß Eadulf tatsächlich in Rom gewesen war, beantwortete er keine Frage, ehe ihm Eadulf nicht von der Stadt und ihren großen Kirchen berichtet hatte. So brachte Eadulf nur sehr wenig aus ihm heraus, und nach dem sauren Weingeschmack im Mund trank er mehr Met, als ihm guttat. Der junge Kleriker hatte klugerweise mit einem Becher Ale begonnen, an dem er den ganzen Abend über nur nippte.

»Mein Vater war ein Krieger der Dal Fiatach im Königreich Ulaidh, bis er bei Magh Rath seinen Arm verlor«, erklärte Bruder Dianach schließlich als Antwort auf Eadulfs hartnäckiges Fragen. Mit jedem Becher stellte Eadulf seine Fragen weniger schlau. »Doch das war lange vor meiner Geburt. Ich wurde nach Armagh auf die Klosterschule geschickt und dort zum Schreiber ausgebildet.«

»Aber wie kamst du hierher?« »Mit Bruder Solin«, erwiderte der junge Mann unschuldig und brachte Eadulf fast zur Verzweiflung.

»Das weiß ich, doch warum wurdest du als Begleiter für Bruder Solin ausgewählt?«

»Vermutlich, weil ich ein guter Schreiber bin«, antwortete Bruder Dianach. »Auch, weil ich leistungsfähig bin. Es ist eine weite Reise von Armagh bis in dieses Königreich.«

»Wozu wurde Bruder Solin überhaupt hergeschickt?« wollte Eadulf wissen.

Der junge Mann seufzte, da Eadulf diese Frage ständig wiederholte.

»Das weiß nur Bruder Solin allein. Mein Vorgesetzter befahl mir, mich mit meinem Schreibzeug bei Bruder Solin zu melden und alles zu tun, was er mir aufträgt.«

»Sicherlich hat man dir doch mehr mitgeteilt?« vermutete Eadulf, dessen Ton durch den Alkohol forscher wurde.

»Nur, daß es eine weite Reise würde und ich mich darauf vorbereiten solle. Es hieß, ich würde ein gutes Werk für Gott und für Armagh tun.«

»Und Bruder Solin hat dir nichts über den Zweck der Reise eröffnet? Nicht mal eine zufällige Bemerkung auf dem Wege gemacht?«

Bruder Dianach schüttelte nachdrücklich den Kopf.

»Aber du warst doch bestimmt neugierig?« Eadulf ließ so wenig davon ab wie ein Hund von einem Knochen.

»Warum interessierst du dich so sehr für Bruder Solins Auftrag?« fühlte sich der junge Mann schließlich gedrängt zu fragen. »Bruder Solin sagt, Neugier und Ehrgeiz seien die beiden Geißeln einer unruhigen Seele.«

Eadulf war verzweifelt, aber er merkte, daß er zu weit gegangen war.

»Doch wer nicht neugierig ist, bleibt der nicht ein Feind des Wissens? Wie kann man etwas lernen, wenn man nicht neugierig ist?« verteidigte er sich.

Mit Widerwillen betrachtete Bruder Dianach das gerötete Gesicht Eadulfs. Er sagte nichts mehr zu diesem Thema und wandte sich Mel zu, dem älteren Schreiber an seiner anderen Seite. Eadulf ignorierte er, und dieser kam sich plötzlich etwas töricht vor. Er stand nicht so weit unter Alkohol, daß er alles Feingefühl verloren hätte. Er verwünschte es, daß er schlechten Wein mit starkem Met gemischt hatte.

Fidelma am obersten Tisch wußte, daß es sich nicht geziemte, Laisre oder seinen Tanist noch weiter zu den bevorstehenden Verhandlungen zu befragen. Die Festhalle war ein Ort, an dem Waffen, Politik und Geschäfte traditionell draußen vor der Tür blieben. So hatte Fidelma das Gespräch auf die Geschichte des Volkes von Gleann Geis gelenkt, denn sie erfuhr gern so viel wie möglich über die verschiedenen Teile des Landes. Doch die Unterhaltung war vorsichtig und steif.

Deshalb war sie dankbar, als Musikanten die Halle betraten. Laisre hatte verkündet, daß er im Gegensatz zu den meisten Fürsten während der Mahlzeit keine Musikanten zuließ. Erst nach Beendigung des Mahls durften sie hereinkommen.

»Musik während des Essens kränkt sowohl den Koch als auch die Musiker und tötet das Gespräch«, erklärte er.

Während nun Wein und Met bei den Gästen kreisten, trat ein Harfenspieler vor. Er trug eine cruit, eine kleine Handharfe, und setzte sich mit gekreuzten Beinen vor dem Fürsten auf der anderen Seite des Tisches auf den Boden. Er spielte eine energische Melodie, seine flinken Finger bewegten sich erstaunlich rasch und geschickt, vollführten schwierige Modulationen in perfekter Harmonie und vollendeten die Kadenzen auf volle, doch zugleich zarte Weise. Der helle Klang der hohen Noten über den tieferen Tönen der Baßsaiten schmeichelte den Ohren.

Am Ende des Stückes beugte sich Orla zu Fidelma hinüber. »Wie du siehst, können selbst wir armen Heiden uns an unserer Musik erfreuen.«

Fidelma überhörte Orlas verborgene Spitze.

»Mein Mentor, der Brehon Morann von Tara, sagte einmal, wo Musik ist, kann es nichts Böses geben.«

»Eine weise Bemerkung«, stimmte ihr Laisre zu. »Nun wähle ein Lied, Fidelma, und meine Musiker werden dir eine Probe ihres Könnens geben.«

Zu dem Spieler der cruit hatte sich ein weiterer Harfenspieler mit einer ceis, einer kleineren, viereckigen Harfe, gesellt, mit der er die cruit begleitete. Die Gruppe wurde vervollständigt durch ein timpan, ein Instrument mit acht Saiten, das mit Bogen und Plek-tron gespielt wurde, und einen Pfeifer mit seinem cruisech.

Bei einem Festmahl wurden vorzugsweise drei Arten von Musik vorgetragen. Gen-traige regte die Zuhörer zu Fröhlichkeit und Lachen an und schloß auch lebhafte Tanzweisen ein; gol-traige drückte Kummer und Klage aus, hier vernahm man unter anderem traurige Lieder auf den Tod von Helden; süan-traige war eine sanftere Art von Musik, dazu gehörten Liebesund Schlaflieder.

Die Musik war ein wesentlicher Teil von Fidelmas Kindheit gewesen. Im Palast von Cashel mangelte es nie an Musikanten, Sängern und Balladendichtern.

Sie dachte noch über die Wahl eines Liedes nach, als Murgal, der neben Bruder Solin am Nebentisch saß, sich mühsam auf die Füße stellte. Sein Gesicht war gerötet, und Fidelma sah sofort, daß er dem Wein reichlich zugesprochen hatte.

»Ich kenne ein Lied, das nach dem Geschmack einer Eoghanacht-Prinzessin sein wird«, spottete er. »Das werde ich singen:

>Die Burg auf dem großen Felsen von Muman,
Einst gehörte sie Eoghan, einst gehörte sie Conall,
Sie gehörte Nad Froich, sie gehörte Feidelmid,
Sie gehörte Fingen, sie gehörte Failbe Fland,
Jetzt gehört sie Colgü;
Die Burg überlebt einen jeden und seine Zeit
-Und die Könige schlafen in der Erde.<«

Die Krieger an ihrem Tisch brüllten vor Lachen, und manche klopften vor Begeisterung mit ihren Messergriffen auf die Holzplatte.

Es war unzweifelhaft, was Murgal damit sagen wollte: Die Autorität der Könige von Cashel bestand nur vorübergehend.

Laisres Gesicht drückte Zorn aus.

»Murgal, der Wein steckt in dir, und dein Verstand ist draußen! Willst du deinen Fürsten beleidigen, indem du ihn in den Augen seiner Gäste herabsetzt?«

Murgal wandte sich seinem Fürsten zu und lächelte einfältig. Der Wein machte ihm Mut.

»Deine Besucherin von den Eoghanacht wollte ein Lied hören. So habe ich eins zu Ehren ihres Bruders in Cashel gesungen.«

Noch immer lächelnd, ließ er sich schwerfällig nieder. Fidelma sah, daß Bruder Solin über ihre vermeintliche Verlegenheit schmunzelte. Ihr fiel eine junge Frau an der anderen Seite Murgals auf, eine schlanke, recht attraktive blonde Frau. Sie verzog keine Miene und schaute vor sich auf den Tisch, sichtlich peinlich berührt von ihrem betrunkenen Nachbarn.

Laisre wollte sich bei Fidelma entschuldigen, doch sie hatte sich erhoben. Sie lächelte leise, als genieße sie Murgals Scherz.

»Murgal hat ein hübsches Lied gedichtet«, erklärte sie den Anwesenden, »wenn ich auch schon bessere gehört habe und vor allem besser gesungene. Vielleicht darf ich darauf mit der jüngsten Komposition der Barden von Cashel erwidern?«

Ohne sich zu zieren, warf sie das Haar zurück und sang, zuerst leise, dann mit größerer Klangfülle. Fidelmawar musikalisch begabt, und ihr heller Sopran ließ es in der Festhalle ganz still werden.

»Er ist kein Ast an einem dürren Baum,
Colgü, der Prinz der Eoghanacht,
Der Sohn Failbe Flands von den edlen Taten, Erhabener Abkomme von Eoghan Mor,
Sproß des Geschlechts von Eber dem Schönen,
Der über Eireann herrschte vom Ufer des Boyne Nach Süden bis zur Woge von Cliodhna.
Er ist vom Stamm eines echten Prinzen,
Ein Baum erwachsen aus den Wurzeln Des heiligen Forsts von Eireann,
Der rechtmäßige Erbe von Milesius,
Frucht der großen Ernte vieler Bäume,
Deren jeder so alt wie die älteste Eiche,
Die Krone über einer Vielzahl von Zweigen.«

Sie setzte sich inmitten eines verlegenen Schweigens. Eadulf hatte nicht alle Nuancen dieses Wechselspiels begriffen und nur gehört, daß Fidelma ein wunderschönes Lied gesungen hatte, und nun, vom Alkohol beflügelt, begann er laut zu klatschen. Sein Applaus veranlaßte Laisre schließlich, seinem Beispiel zu folgen, und bald erschallte höflicher Beifall in der Halle. Als er erstarb, gab Laisre den Musikern ein Zeichen, leise aufzuspielen.

Mit ihrem Lied hatte Fidelma Murgal geantwortet, der höhnisch darüber gespottet hatte, daß die Könige von Cashel sterblich seien und ihre Macht von kurzer Dauer sei. Sie hatte darauf hingewiesen, daß die Eog-hanacht ihre Herkunft auf Eber, den Sohn von Mile-sius, zurückführten, den Anführer der Milesier, die als erste Gälen in Irland gelandet waren. Von Eber stammte Eoghan Mor ab, der Begründer des Königshauses der Eoghanacht. Auf geschickte Weise erinnerte das Lied ihre Zuhörer daran, welchen Rang sie besaß.

Laisre schaute sie reuig an.

»Ich entschuldige mich für Murgals Mangel an Takt.«

Er meinte damit die strenge Regel, daß ein Gast in der Festhalle nicht gekränkt werden durfte.

Fidelma antwortete ohne Groll.

»Wie du richtig bemerkt hast, Laisre, war es der Wein, der ihn sich vergessen ließ. Allerdings, wie Theognis einmal sagte, der Wein enthüllt das Wesen eines Menschen.«

Der Schall einer Ohrfeige kam so unerwartet, daß die leise Musik des cruit-Spielers verebbte, denn es folgten weitere Geräusche rasch aufeinander. Erst stürzte ein Stuhl rücklings um, Geschirr zerschellte am Boden und ein unterdrückter Zornesruf war zu hören. Alle Augen in der Festhalle richteten sich auf den Tisch, an dem Murgal wieder schwankend stand, doch jetzt hielt er sich mit einer Hand die sich rötende Wange, und seine Blicke funkelten wütend die blonde Frau an, die neben ihm gesessen hatte und die jetzt auch aufgesprungen war und dem Druiden gegenüberstand.

Es war die schlanke Frau, die Fidelma aufgefallen war. Ihr Gesicht war von Zorn verzerrt.

»Schwein und Schweinesohn!« zischte sie, drehte sich abrupt um und stürmte aus der Halle, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Eine rundliche Frau erhob sich an einem anderen Tisch, schaute Murgal ärgerlich an und trottete ebenfalls hinaus. Fidelma erkannte in ihr die Gästehausverwalterin Cruinn.

Murgal schien vor Zorn zu beben und verließ dann auch die Halle. Einen Moment später stand einer der Krieger auf, der blonde Rudgal, und folgte Murgal eilig.

Fidelma wandte sich mit einem fragenden Blick an Laisre.

»Eine Familienangelegenheit, vermute ich?« erkundigte sie sich unschuldig.

»Nein, Marga ist nicht Murgals Frau«, warf Orla boshaft ein, bevor ihr Bruder antworten konnte. »Aber Murgal schaut gern nach anderen.«

Esnad, Orlas junge Tochter, fing an zu kichern, doch als sie die grimmige Miene ihres Vaters Colla bemerkte, schmollte sie und verstummte.

Laisre war leicht errötet. »Das ist nichts, worüber man vor Gästen bei einem Fest redet«, fuhr er seine Schwester an. Orla schnitt ihrem Bruder eine ärgerliche Grimasse und lehnte sich zurück. Laisre wandte sich in ruhigerem Ton an Fidelma.

»Sagen wir, der Wein kann auch die Besten von uns zu Flegeln machen«, meinte er und versuchte den Vorfall ins Scherzhafte zu ziehen.

»Wein ist wie Regen. Fällt er in den Sumpf, macht er ihn noch schlimmer, fällt er aber auf guten Boden, läßt er ihn erblühen und erstrahlen«, bemerkte Colla, der seit einiger Zeit geschwiegen hatte. Es war klar, daß er nicht viel von Murgal hielt.

»Diese Marga ist eine attraktive Frau«, meinte Fidelma. »Wer ist sie?«

»Sie ist unsere Apothekerin«, antwortete Laisre zurückhaltend. Fidelma nahm die Röte auf seinen Wangen wahr. Dann fügte er wie zur Antwort auf ihre Worte hinzu: »Ja, eine attraktive Frau.«

Fidelma war überrascht.

»So jung und schon Apothekerin!«

»Sie hat alle gesetzlichen Bedingungen erfüllt«, rechtfertigte sich Laisre.

»Das hätte ich auch nicht anders erwartet.« Fidel-mas sanfte Erwiderung hatte einen leicht tadelnden Unterton. »Wohnt sie im rath?«

»Ja. Warum fragst du?« schaltete sich Colla ein.

»Ach«, wechselte Fidelma das Thema angesichts des Mißtrauens, das aus Collas Worten sprach, »es ist immer gut, zu wissen, wo man einen Apotheker findet.«

Einer der Musiker hatte das endlos lange Lied wieder aufgenommen, in dem er unterbrochen worden war. Er sang es ohne Instrumentalbegleitung, seine Stimme hob und senkte sich. Es war ein uraltes Lied von einem jungen Mädchen, das von unsichtbaren Mächten auf einen Berggipfel gelockt wurde, wo sie das Schicksal fand, das die Götter ihr bestimmt hatten. Fidelma verspürte plötzlich Mitgefühl mit der Heldin des Liedes. Etwas hatte sie in dieses Tal gezogen, und anscheinend waren unsichtbare Mächte dabei, ihr Schicksal zu bestimmen.

Kapitel 7

Es war noch früh, als Fidelma beschloß, die Festhalle zu verlassen. Die Musik spielte, und Wein und Met machten die Runde. Sie entschuldigte sich bei Laisre und erklärte ihm, sie sei ermüdet von der langen Reise von Cashel hierher. Er erhob keinen Einwand. Als sie durch die Halle ging, gab sie Eadulf ein heimliches Zeichen, ihr zu folgen. Er stand etwas unsicher und unwillig auf und kam ihr nach. Ihm war bewußt, daß er ein bißchen mehr getrunken hatte, als für ihn gut war, und er versuchte es dadurch zu verbergen, daß er sich langsam und bedächtig bewegte.

Draußen war es überraschend hell. Der Mond war voll und hing wie eine leuchtende weiße Kugel am wolkenlosen Himmel. Das Himmelszelt funkelte vom Licht zahlloser Sterne. Fidelma wartete an der Tür auf ihn. Ihr war sein unsicherer Gang nicht aufgefallen.

»Wir laufen um die Mauern des rath herum.« Es war mehr ein Befehl als ein Vorschlag. Sie ging voran, die Stufen zu dem Umgang hinauf. Ein sanfter Nachtwind fuhr ihr durchs Haar. Sie bemerkte schattenhafte Gestalten ein Stück weiter auf dem Umgang, junge Männer und Frauen, die sich vom Fest entfernt hatten, um ihren Liebschaften zu frönen, deshalb blieb sie stehen und schaute zum Nachthimmel auf. Gedämpft vernahm man Gelächter und den leisen Klang der Musik. Unten auf dem Hof lachte eine Frau lüstern auf, und ihr männlicher Gefährte stimmte in tieferer Tonlage ein. Fidelma verbannte die äußerlichen Geräusche aus ihrem Sinn, atmete leise und genoß den atemberaubenden Anblick des prachtvollen Nachthimmels.

»Caeli enarrant gloriam Dei«, flüsterte sie.

Eadulf lehnte neben ihr an der Mauerbrüstung und erfaßte ihre Worte. Er rieb sich die Stirn und versuchte sich zu konzentrieren. Er wußte, sie stammten aus einem Psalm.

»Die Himmel erzählen die Ehre Gottes«, übersetzte er beifällig und bemühte sich, die Worte nicht zu ver-schleifen.

»Psalm neunzehn«, bestätigte Fidelma und blickte weiter zum Himmel. Doch dann wandte sie sich plötzlich ab. »Ist dir was, Eadulf? Deine Aussprache klingt merkwürdig.«

»Ich fürchte, ich habe etwas zuviel Wein getrunken, Fidelma.«

Sie schnalzte mißbilligend mit der Zunge.

»Na, ich laß dich nicht eher gehen, als bis du mir berichtest, was du von Bruder Solins Schreiber, dem jungen Dianach, erfahren hast.«

Eadulf verzog ärgerlich den Mund. Dann stöhnte er, als sich die Welt für einen Moment um ihn drehte.

»Was ist?« fragte Fidelma besorgt, als er sich über die Stirn strich.

»Schlechter Wein und noch schlechterer Met.«

»Erwarte kein Mitleid von mir«, belehrte ihn Fidelma. »Nun rede von Bruder Dianach.«

»Entweder ist er ein sehr naiver junger Mann oder aber ein vollendeter Schauspieler. Er ließ sich nicht entlocken, wozu Solins Besuch hier dient. Er behauptet, Bruder Solin habe ihm das nicht anvertraut.«

Enttäuscht schob Fidelma die Unterlippe vor.

»Glaubst du ihm das?«

»Wie gesagt, es ist schwer zu entscheiden, ob er ganz harmlos oder ein raffinierter Schwindler ist.«

»Bruder Solin behauptet, er sei lediglich von Armagh hergekommen, um die Stärke des Glaubens in den entlegenen Gegenden der fünf Königreiche zu prüfen«, überlegte Fidelma laut.

»Warum sollte das nicht wahr sein?«

»Warum schickt Ultan dann nicht jemanden zu den kirchlichen Zentren der fünf Königreiche und läßt bei den Äbten und Bischöfen nachfragen? Die könnten alles berichten, was er wissen will, und er hätte in einer Woche, wozu Bruder Solin hier ein Jahr braucht. Das ist doch unlogisch.«

Eadulf war noch zu benommen vom Wein, um sich andere Möglichkeiten auszudenken, und ging nicht weiter darauf ein.

»Ich wußte gar nicht, daß du so gut singen kannst«, wechselte er plötzlich das Thema.

»Es kam nicht auf mein gesangliches Können, sondern auf die Bedeutung des Liedes an«, antwortete Fidelmamit grimmiger Befriedigung. »Hast du die Szene mit Murgal bemerkt? Ich meine den Zwischenfall mit der Frau, nicht das Lied.«

»Ich glaube kaum, daß irgend jemand im Saal das nicht mitbekommen hat. Sie ist recht hübsch.«

»Hast du den Grund für die Auseinandersetzung erkannt?«

»Ich denke, Murgal hat versucht, sich der jungen Frau zu freundschaftlich zu nähern, und ihr war seine Lüsternheit zuwider.«

Das paßte ganz gut zu Orlas bissiger Bemerkung über Murgal.

Fidelma starrte hinaus auf das schattenhafte, vom Mond beschienene Tal. Es war ein unheimlicher und doch auch schöner Anblick.

»Was hältst du von dieser heidnischen Welt, Ea-dulf?« fragte sie nach einer Weile.

Eadulf überlegte einen Moment, bevor er antwortete. Er bemühte sich, seine benebelten Gedanken zu ordnen.

»Nicht mehr und nicht weniger als von jeder anderen Welt. Hier gibt es Menschen, ob nun Heiden oder nicht, mit demselben schlechten Benehmen, denselben Eifersüchteleien und Anmaßungen wie an jedem Ort der Christenheit. Aber je eher du deinen Auftrag erfüllst, desto eher können wir von hier fort. Ich ziehe die lockere Fröhlichkeit im Palast deines Bruders in Cashel vor.«

»Hast du nicht etwas vergessen?« Fidelma klang leicht belustigt.

»Vergessen?« Eadulf stöhnte, er dachte mehr an sein Bett als an alles andere. »Was vergessen?«

»Dreiunddreißig junge Männer, die am Eingang zu diesem Tal hingeschlachtet wurden.«

»Ach so, das!« Eadulf schüttelte den Kopf. »Nein, das habe ich nicht vergessen.«

»»Das!« ahmte ihn Fidelma nach und fuhr dann fort: »Es mag hier Leute geben mit denselben Gefühlen wie überall in der Christenheit, aber es gibt auch etwas Böses, was diesen Ort überfallen hat, und ich werde nicht ruhen, bis ich entdeckt habe, was es ist.«

»Ich dachte, du willst abwarten, was Colla, der Ta-nist, feststellt«, erwiderte Eadulf und versuchte vergeblich, ein Gähnen zu unterdrücken.

»Ich traue Colla nicht zu, mir einen genauen Bericht zu liefern. Allerdings« - sie hob den Blick wieder zu dem nächtlichen Himmelszelt - »sollten wir uns vielleicht zurückziehen und auf den morgigen Tag vorbereiten. Es hat keinen Zweck, übereilte Folgerungen zu ziehen, bevor wir genaue Kenntnis haben.«

Sie wandte sich um und ging voran, die Holztreppe hinunter. Eadulf folgte ihr und verschluckte ein Stöhnen, als sich die Welt wieder um ihn drehte. Er klammerte sich an das Geländer. Fidelma tat so, als habe sie nichts gehört, während er hinter ihr her stolperte. Sie achtete aber besorgt darauf, daß ihr Gefährte sicher sein Bett im Gästehaus erreichte. Als sie dort angekommen waren und Eadulf in sein Zimmer getorkelt war, wartete Fidelma eine Weile und spähte dann vorsichtig hinein.

Eadulf lag voll angekleidet bäuchlings auf dem Bett und schnarchte leise. Normalerweise mochte Fidelma keine Leute, die weniger Alkohol vertrugen, als sie tranken, doch hatte sie noch nie erlebt, daß Eadulf sich damit übernahm. Sie ließ es ihm durchgehen, zog ihm die Sandalen aus und legte eine Decke über ihn.

Wie gewohnt stand Fidelma früh auf. Sie stellte fest, daß sie von den vier Gästen die erste war, die ein Bad nahm. Fertig und angezogen ging sie hinunter in den Hauptraum, wo Cruinn, die rundliche Verwalterin, die erste Mahlzeit bereitete. Zu ihrer Überraschung fand sie dort auch Eadulf. Unrasiert und zerzaust saß er da, den Kopf in die Hände gestützt, und litt offensichtlich unter den Nachwehen der gestrigen Feier. Als sie sich ihm gegenübersetzte, hob er stöhnend den Kopf und sah sie schläfrig blinzelnd an.

»Gott verdamme alle Hähne!« knurrte er. »Ich war kaum eingeschlafen, als dieser verfluchte Hahn anfing zu krähen und meine Ruhe störte. Er hörte sich an wie ein Teufelschor aus der Unterwelt.«

Fidelma unterließ es, ihn darauf hinzuweisen, daß er den größten Teil der Nacht in alkoholisiertem Tiefschlaf verbracht hatte. Mit gespielter Mißbilligung runzelte sie die Stirn.

»Es überrascht mich, daß du Gott bittest, ausgerechnet den Hahn zu verfluchen, der doch dem Glauben heilig ist.«

»Wieso das denn?« fragte Eadulf und rieb sich verschlafen die Stirn.

»Erinnerst du dich nicht an die Geschichte, wie nach der Kreuzigung Jesu die römischen Soldaten einen Hahn kochten? Einer von ihnen erzählte den anderen, es gäbe ein Gerücht bei den Anhängern Christi, daß er am dritten Tage wieder lebendig würde. Ein anderer Soldat spottete darüber und meinte im Scherz, das würde ebensowenig geschehen, wie der tote Hahn krähen würde. Worauf sich der tote Vogel aus dem Kessel erhob, mit den Flügeln schlug und ausrief: >Der Sohn der Jungfrau ist sicher<!«

Trotz seiner Kopfschmerzen mußte Eadulf zugeben, daß die irischen Worte mac na hoighe sldn gut zum Krähen eines Hahns paßten. Dann kam ihm eine dunkle Erinnerung.

»Eine ähnliche Geschichte habe ich in einem griechischen Evangelium gelesen, dem Evangelium des Nikodemus. Nur war es da die Frau des Judas Ischa-riot, die den Hahn kochte und den Verräter Christi beruhigen wollte. Der Vogel schlug mit den Flügeln und krähte dreimal, gab aber keine verständlichen Wörter von sich.«

Fidelma lachte belustigt.

»Du mußt unseren alten Barden schon die Freiheit lassen, die Geschichten so zu gestalten, daß sie unserem Volk etwas bedeuten.«

Eadulf spürte wieder seinen Kopf und stöhnte.

»Ich brauche keinen Hahn, der mich in meinem Glauben bestätigt. Dafür brauche ich einen Hahn, der still ist, wenn ich ruhen will, oder wie soll ich einen klaren Kopf bekommen, um meinem Glauben zu folgen?«

»Hahn hin oder her, ich meine, dein Mangel an Schlaf hat andere Ursachen. Kennst du nicht den Spruch, daß Wein am Abend Gold ist, am Morgen aber Blei?«

Eadulf wollte etwas erwidern, als Bruder Dianach, der junge Schreiber, sich zu ihnen gesellte. Im stillen verwünschte Eadulf sein frisch gewaschenes, fröhliches Gesicht und seine überschwengliche Begrüßung Fidelmas, während er dem verkaterten Eadulf einen mißbilligenden Blick zuwarf. Seine frühere Schüchternheit schien völlig verflogen.

Nach der morgendlichen Begrüßung fragte Fidel-ma, wo sich denn sein Herr und Meister, Bruder Solin aus Armagh, derzeit aufhalte.

»Er war nicht in seinem Zimmer«, antwortete Bruder Dianach, »also nehme ich an, er ist schon aufgestanden und ausgegangen.«

Fidelma blickte Eadulf an, doch der angelsächsische Mönch war zu sehr mit seinem eigenen Jammer beschäftigt.

»Dann ist er aber wirklich früh auf den Beinen. Ist das so üblich bei ihm?«

Der junge Mönch bestätigte es mit einem gleichgültigen Nicken und schnupperte die Wohlgerüche aus der Küche.

Die rundliche Cruinn eilte herbei und brachte ein Tablett mit frisch gebackenem Brot, duftend und gerade aus dem Ofen, geronnener Sahne, Obst und kaltem Fleisch und dazu einen Krug Met. Danach bat die füllige Verwalterin um Erlaubnis, zu ihrem eigenen Haus zurückzukehren, denn, wie sie sagte, hatte sie ihrer Tochter versprochen, mit ihr Heilkräuter sammeln zu gehen. Fidelma übernahm es, sie mit Dank zu entlassen, und meinte, sie würden auch allein zurechtkommen. Als Cruinn ging, langte Eadulf sofort mit zitternder Hand nach dem Krug Met. Er lächelte schwach, als er Fidelmas warnenden Blick auffing.

»Similia similibus curantur«, murmelte er und goß sich einen Becher ein.

»Aber nein, Bruder«, wandte der junge Bruder Dianach vorwurfsvoll ein. »Gleiches wird nicht von Gleichem geheilt. Da bist du völlig im Irrtum.«

Der junge Mann sah so ernst aus, daß Eadulf den Becher noch einmal absetzte. Fidelma grinste schelmisch.

»Und welchen Rat würdest du geben, Bruder Dianach?« lockte sie ihn.

Der junge Mann schaute Fidelma an und überlegte sich den Fall gründlich.

»Contraria contrariis curantur ... Gegensätzliches wird durch Gegensätzliches geheilt. Diesen Grundsatz lehrt man in Armagh. Man bedenke, welche Wirkung es hat, wenn man das, was dieselbe Krankheit hervorruft, dem gibt, der sie schon hat. Es verschlimmert die Krankheit nur. Die Grundlage jeder Medizin muß doch darin bestehen, der Krankheit mit dem zu begegnen, was die entgegengesetzte Wirkung hat, und nicht mit dem, was sie noch verstärkt?«

»Was meinst du dazu, Eadulf?« lachte Fidelma. »Du hast schließlich in Tuam Brecain Medizin studiert.«

Als schweigende Antwort stürzte Eadulf den Becher hinunter, schloß die Augen und erschauerte mit einer Miene aus Todesqual und Ekstase. Er holte tief und erleichtert Luft.

Bruder Dianach starrte ihn verblüfft an.

»Ich wußte nicht, daß der angelsächsische Bruder an einer unserer großen medizinischen Hochschulen studiert hat«, sagte er verletzt. »Das hast du mir gestern abend nicht verraten. Immerhin solltest du wissen, daß du deine Unmäßigkeit nicht mit Alkohol kurieren kannst. Das ist schandbar, Bruder.«

Eadulf schloß die Augen, stöhnte, goß sich einen zweiten Becher ein und gab keine Antwort. Während Fidelma und Bruder Dianach ihre erste Mahlzeit des Tages beendeten, rührte Eadulf kaum etwas von den Speisen an. Nachdem der junge Mönch sich entschuldigt hatte und in sein Zimmer zurückgekehrt war, beugte sich Fidelma vor und faßte Eadulf am Arm.

»Halt mir keine Predigt«, knurrte Eadulf, bevor sie noch etwas sagen konnte. »Laß mich in Frieden sterben.«

»Trotzdem, Eadulf, der Junge hat recht«, meinte sie ernst. »Du brauchst heute deinen Verstand. Zuviel Met stumpft ihn ab.«

Eadulf riß die Augen auf.

»Ich schwöre, das ist alles, was ich heute trinke. Ich brauche es nur, um in Gang zu kommen. Wenigstens hat der Met meinen Brummschädel geheilt - zumindest für den Augenblick.«

»Dann machen wir jetzt einen Spaziergang und bereiten uns auf die Verhandlungen vor. Hast du übrigens gehört, was Bruder Dianach über Bruder Solin sagte?«

Eadulf erhob sich langsam. Er überlegte.

»Nur, daß er früh ausgegangen ist. Wieso? Kann man daraus noch auf anderes schließen?«

»Er ist nicht früh ausgegangen, sondern über Nacht gar nicht hereingekommen.«

Eadulf sah sie gespannt an.

»Woher weißt du das?«

»Ich war schon auf, bevor dein schrecklicher Hahn krähte. Bruder Solins Tür stand ebenso offen wie am Abend, als ich in mein Zimmer ging. Die Bettdecke war so unberührt wie am Abend zuvor. Daraus folgt logisch, daß er nicht ins Gästehaus zurückkam.«

Eadulf fuhr sich nachdenklich durchs Haar.

»Er war noch in der Festhalle, als wir sie verließen, nicht wahr? Nein, Moment mal. Bruder Dianach hatte sich früh zurückgezogen. Das ist ein frommer, nüchterner Bursche. Wenn ich mich recht erinnere, ging Bruder Solin bald danach, noch vor uns. Das muß gleich nach Murgals dramatischem Abgang gewesen sein.«

»Wo war er also die ganze Nacht?«

»Meinst du, das hängt mit dem zusammen, was er hier zu tun hat?«

»Das weiß ich nicht. Aber wir müssen auf Bruder Solin achten. Er gefällt mir nicht.«

Sie wollten gerade das Gästehaus verlassen, als sich die Tür öffnete und der Gegenstand ihres Gesprächs eintrat. Er schien zu erschrecken, als er sie stehen sah, als erwarteten sie ihn, doch dann verzog er rasch das Gesicht zu einem ausdruckslosen Lächeln und wünschte ihnen einen guten Morgen.

»Wir waren noch nicht draußen, um zu sehen, ob er gut ist oder nicht«, antwortete Fidelma harmlos. »Ist er schön?«

»Ihr solltet so früh aufstehen wie ich«, erwiderte Bruder Solin ungerührt, ging zum Tisch und setzte sich. Er bediente sich reichlich bei den Speisen und Getränken, die auf dem Tablett standen. Offensichtlich hatte er einen guten Appetit.

»Stehst du immer so früh auf?« fragte Fidelma unschuldig. »Mir fällt das schwer, dir nicht auch, Eadulf?«

»O ja, sehr sogar«, stimmte ihr Eadulf zu und spielte mit. »Besonders heute morgen. Mich hat dieser verflixte Hahn mit seinem Krähen gestört. Hat er dich auch aus dem Schlaf gerissen, Bruder Solin?«

»Nein, ich war schon früher wach. Ich stehe von jeher früh auf.«

Eadulf wechselte einen Blick mit Fidelma, doch sie schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht, daß Eadulf Bruder Solin offen der Lüge bezichtigte.

»Ich nehme an, es tut gut, den Tag mit einem tüchtigen Spaziergang vor dem Frühstück zu beginnen?« meinte sie, kehrte zum Tisch zurück und setzte sich wieder.

»Es gibt nichts Besseres«, antwortete Bruder Solin selbstzufrieden, brach ein Stück Brot ab und nahm sich eine weitere Scheibe Käse.

Eadulf hüstelte, um seine Empörung zu verbergen. Ihm war aufgefallen, und er war sich sicher, daß Fidelmadas auch bemerkt hatte, daß nämlich Bruder Solin dieselbe Kleidung trug wie am vorigen Abend beim Fest. Ein Mann vom Rang Bruder Solins führte immer besondere Kleidung mit, die er bei speziellen Gelegenheiten anlegte.

Auch Fidelma hatte gesehen, daß Solin die Kleidung seit dem Abend nicht gewechselt hatte, und sagte schnell, damit Eadulf nicht darauf anspielen konnte: »Vielleicht gehst du in meine Zelle und suchst das Material zusammen, daß ich für die Verhandlung mit Laisre und seinem Rat mitgebracht habe?«

Eadulf verstand den Wink und ging hinauf zu den Schlafräumen. Oben an der Treppe blieb er stehen und lauschte der weiteren Unterhaltung.

»Findet man hier in der Gegend gute Wege zum Spazierengehen, Bruder Solin?« hörte er Fidelma fragen.

»Einigermaßen«, antwortete der Kleriker.

»Wohin bist du gegangen?«

»Bis über eine Gruppe von Häusern an der Gabelung des Flusses hinaus, etwa eine Viertelmeile vom Tor des rath«, kam die rasche Antwort.

Sie wurde mit solcher Sicherheit gegeben, daß Ea-dulf wußte, Fidelma würde Solins Behauptung, er habe nur einen frühen Spaziergang gemacht, nicht erschüttern können. Was mochte der Geistliche aus Armagh nur vorhaben? Oder taten sie ihm unrecht, wenn sie ihn verwerflicher Absichten verdächtigten?

Als habe sie seine Gedanken erraten, hörte Eadulf, wie Fidelma leise und vertraulich sagte: »Da wir nun unter uns sind, Bruder Solin, möchte ich dich ganz privat fragen, zu welchem Zweck bist du wirklich hier?«

Es trat eine Pause ein, und dann lachte Bruder Solin.

»Das habe ich dir schon erklärt, Schwester Fidelma, und trotzdem glaubst du mir nicht.«

»Ich würde gern die Wahrheit hören.«

»Wessen Wahrheit? Meine Wahrheit gefällt dir nicht, was soll ich also sagen?«

»Würdest du beim Leibe Christi schwören, daß du von Ultan von Armagh lediglich dazu hergeschickt wurdest, um die Stärke des Glaubens in den fünf Königreichen zu erkunden? Wozu? Armagh hat hier keine Oberhoheit. Das Gebiet untersteht dem Bischof von Imleach.«

Bruder Solin verfiel in ein keuchendes Lachen.

»Du hast in Tara studiert, Fidelma von Cashel. Sogar Ultan hat mir von dir erzählt. Der Brehon Morann von Tara war dein Lehrer. Im Glauben hat dich Abt Laisran von Durrow unterwiesen, und du warst Novizin in Kildare. Du hast Äbtissin Étain von Kildare als Beraterin zur Synode von Whitby begleitet. Dort hat dich Ultan von Armagh gebeten, eine Gesandtschaftsreise nach Rom zu unternehmen. Erst seit deiner Rückkehr von dort hast du es vorgezogen, unter dem Schutz deines Bruders in Cashel zu leben.«

Fidelma war verblüfft, wieviel der Mann über sie wußte.

»Du scheinst gut unterrichtet zu sein, Bruder So-lin«, gab sie zu.

»Ich bin Ultans Sekretär, wie ich schon sagte. Ich muß gut Bescheid wissen.«

»Doch das beantwortet meine Frage noch nicht. Armagh wird nicht als die Mutterkirche dieses Königreichs anerkannt.«

»Was ich damit meinte, Schwester, ist, daß du weit genug gereist bist, um etwas von den Rechten der Könige der Ui Neill zu wissen. Und so, wie die Könige der Ui Neill ihr Recht auf das Großkönigtum und die Herrschaft über die fünf Königreiche beanspruchen, so beansprucht Armagh sein Recht auf die kirchliche Herrschaft über ganz Irland.«

Fidelma blieb gelassen.

»Ich weiß von den Meinungsverschiedenheiten zwischen den Ui Neill und den Eoghanacht über die Bedeutung des Großkönigtums«, bestätigte sie vorsichtig. »Nur wenige Einwohner der fünf Königreiche wissen nicht davon. Die Ui Neill behaupten seit vielen Jahren, das Königtum in Tara solle Macht über alle fünf Königreiche besitzen. Als die Könige von Irland zum ersten Mal zusammentraten und beschlossen, aus ihren Reihen einen Großkönig zu wählen, verstanden sie das nicht als ein autokratisches Amt, sondern als einen >Ehrenvorrang<. Jeder Großkönig sollte aus einer königlichen Dynastie und von ihnen allen abwechselnd gewählt werden. Es war eine Ehre, ein Zeichen der Hochachtung, aber keine Übertragung von Macht. Schau in den Gesetzen der fünf Königreiche nach und sieh dir die Gesetze über das Königtum an. Zeig mir ein Gesetz, das zugesteht, es gäbe ein Amt in den fünf Königreichen, das höher ist als das eines Provinzkönigs?«

Bruder Solin lehnte sich mit einem verächtlichen Lächeln zurück.

»Ich hatte erwartet, daß eine Eoghanacht-Prinzessin aus dem Gesetz zitieren kann, wenn es zugunsten von Cashel lautet.«

»Ich spreche als eine dalaigh«, erwiderte Fidelma bestimmt. »Spräche ich als Eoghanacht-Prinzessin, würde ich das Gesetz des Uraiccecht Bec zitieren: >Höchster über den Königen ist der König von Muman.<«

»Dem stimmen die Ui Neill nicht zu.«

»Natürlich nicht.« Fidelma konnte den Spott nicht aus ihrer Stimme verbannen.

»Trotzdem habt ihr in der Vergangenheit Sesnas-sach als Großkönig anerkannt. Bist du nicht in Tara gewesen und hast an seinem Hof gedient? Du hast sogar Ultan als Erzbischof anerkannt.«

»Ich wurde nach Tara gerufen, um den Diebstahl des Schwertes des Großkönigs aufklären zu helfen. Ich erkenne das Großkönigtum an aus Achtung für die priesterliche Ehre, wie es von den Königen vorgesehen war. Aber kein Eoghanacht ist der Ansicht, daß der König, der in Tara residiert, Oberhoheit über diese südlichen Reiche besitzt. Und als ich Ultan mit dem griechischen Titel archiepiskopos ansprach, tat ich nicht mehr, als unseren irischen Titel Comarb von Patrick zu übersetzen. Denn ein Erzbischof beaufsichtigt die Bischöfe seiner Provinz, so wie es der Comarb von Ailbe in Imleach hier in Muman tut.«

Bruder Solin schüttelte langsam den Kopf.

»Es kommt eine Zeit, Fidelma, in der das Großkönigtum nicht mehr nur ein leerer Titel sein wird. Der einzige Weg, dieses Land groß zu machen, nicht nur zu einem Land sich streitender Provinzkönigreiche, führt über einen starken Großkönig, der alle Königreiche in seinem Griff vereint.«

Fidelmas Augen funkelten gefährlich.

»Und dieser Großkönig wäre natürlich ein Ui Neill?«

»Wer könnte das Land besser voranbringen als die Nachkommen von Niall von den Neun Geiseln? Gestern abend hast du behauptet, die Eoghanacht stammten von Eber ab, dem Sohn des Milesius. Aber besitzen nicht die Ui Neill einen ähnlichen Anspruch durch Eremon, den älteren Sohn des Milesius, der im Norden herrschte? Hat nicht Eremon Eber erschlagen, als der versuchte, diese Macht an sich zu reißen?«

Trotz der Erregung Bruder Solins hatte Fidelma während dieser Auseinandersetzung ihre Stimme nicht erhoben. Sie blieb leise und unbewegt.

»Ich habe Sechnassach, den Sohn von Blathmaic, kennengelernt, der den Thron in Tara innehat. Er ist ein Mann von Grundsätzen und würde nie so nach Macht gieren, wie du es beschreibst. Er beansprucht Tara entsprechend dem Brauch des Vorrangs. Er gehorcht den Gesetzen der fünf Königreiche.«

»Sechnassach? Dieser Abkömmling von Blathmaic mac Aedo Slaine!« Es war ein unwillkürlicher, verächtlicher Ausruf. Dann veränderte sich Bruder Solins Miene jäh. Er schien seinen Ausbruch zu bereuen. Seine ganze Haltung änderte sich.

»Du hast recht, Fidelma.« Seine Stimme klang plötzlich einschmeichelnd. »Manchmal lassen meine Träume von einem besseren System des Königtums in diesem Land mich die Wirklichkeit vergessen. Du hast natürlich recht. Absolut recht. Sechnassach würde sein Amt nie mißbrauchen.«

Fidelma wußte, daß Bruder Solin begriffen hatte, daß er zuviel gesagt hatte. Doch es war nicht genug, um sie erkennen zu lassen, weshalb der Kleriker nach Gleann Geis gekommen war.

»Du hast mir immer noch nicht erklärt, wozu Ultan einen Vertreter zu diesem einsamen Vorposten des Christentums schicken sollte?« drängte sie ihn. »Er könnte den Zustand des Glaubens viel einfacher erfahren.«

Bruder Solin zuckte ausdrucksvoll die Achseln.

»Vielleicht hat er von den Schwierigkeiten gehört, denen sich Imleach bei der Bekehrung dieses Gebiets zum wahren Glauben gegenübersieht, und mich gebeten, hierher zu reisen und zu schauen, was sich machen läßt? Möglicherweise ist es auch reiner Zufall, daß ich gerade in dem Augenblick angekommen bin, in dem du über die Mittel verhandelst, durch die Im-leach Licht in dieses dunkle Tal bringen könnte.«

»Drei falsche Feststellungen.« Fidelma funkelte ihn an und zitierte einen der Dreisätze von Eireann: »>Vielleicht<, >möglicherweise< und >ich vermute<!«

Bruder Solin lachte anerkennend über ihre Gelehrsamkeit.

»Nun, Schwester, wenn ich dir sonst noch einen Rat geben kann ...?«

Eadulf beugte sich vor, um dem Gespräch besser folgen zu können, als er ein hohles Hüsteln hinter sich vernahm.

»Geht es dir nicht gut, Bruder?«

Mit rotem Gesicht richtete sich Eadulf auf und sah sich dem jungen Bruder Dianach gegenüber, der ihn neugierig betrachtete. Er hatte völlig vergessen, daß Dianach in seinen Schlafraum gegangen war.

»Mir war ein wenig schwindlig«, murmelte er und suchte nach einer Erklärung für seine Haltung. »Dafür ist es gut, wenn man den Kopf zwischen die Knie nimmt.«

»Das hast du also versucht?« Eadulf wußte nicht, ob ihn Bruder Dianach aufzog oder nicht. »Das ist gefährlich, wenn man es an der Treppe macht. Ich hoffe, es geht dir besser, aber ich fürchte, du hast eine falsche Auffassung davon, wie man sich gesund erhält. Entschuldige, Bruder Eadulf.«

Damit ging der junge Mann die Treppe hinunter, bevor Eadulf eine passende Antwort gefunden hatte. Er ärgerte sich über sich selbst. Bruder Dianach faßte nun sicher den Verdacht, daß Eadulf an der Treppe gehockt hatte, um dem Gespräch unten zu lauschen.

Bruder Solin blickte auf, als er seinen Schreiber sah, und lächelte kurz.

»Guten Morgen, Bruder Dianach. Hast du deinen Griffel und die Tontäfelchen bereit?«

»Ja«, antwortete der junge Mann.

Bruder Solin blickte wieder Fidelma an.

»Ich meine, wir brauchen nichts weiter zu diesem Thema zu sagen, nachdem wir alles klargestellt haben?« fragte er mit leichter Betonung.

Fidelma erwiderte gelassen seinen Blick.

»Dem stimme ich zu«, sagte sie. »Jedenfalls für den Augenblick.«

Bruder Solin stand auf und wischte sich den Mund.

»Komm mit, Bruder Dianach«, befahl er und schritt zur Tür. »Wir müssen uns auf die Beratungen am Vormittag vorbereiten.« Er warf Fidelma einen Blick zu, den diese nicht deuten konnte.

Sobald sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, stolperte Eadulf die Treppe herab.

»Dianach hat mich überrascht, wie ich oben an der Treppe zuhörte ...«, begann er.

»Hast du mitbekommen, was zwischen uns vorging?« unterbrach ihn Fidelma.

»Ja. Ich dachte .«

»Bruder Solin verbirgt uns offensichtlich etwas«, erklärte Fidelma. »Ultan von Armagh hätte sonst kein Interesse an dieser abgelegenen Gegend. Hier geht irgend etwas anderes vor. Aber was? Das macht mir zu schaffen. Was führt Solin wirklich im Schilde?«

»Es gibt eine Ansicht, daß man, wenn man schon lügen muß, möglichst viel Wahrheit in die Lüge einbauen soll«, gab Eadulf zu bedenken.

Fidelma schaute Eadulf einen Moment an und lächelte dann erfreut.

»Manchmal erinnerst du mich an das Offenkundi-ge, Eadulf«, sagte sie. Dann überlegte sie. »Er hat uns zweifellos darüber belogen, wo er sich die Nacht über aufgehalten hat. Doch als ich ihn fragte, wo er heute morgen spazierengegangen sei, konnte er mir das ohne Zögern genau beschreiben. Vielleicht war er wirklich dort? Ich denke, wenn die Verhandlungen an diesem Vormittag beendet sind, erholen wir uns dadurch, daß wir einen Gang in diese Richtung unternehmen und sehen, was wir entdecken können.«

Sie blickte aus dem Fenster. Es wurde spät.

»Wir haben nicht mehr viel Zeit, bis der Rat zusammentritt. Ich meine, wir sollten jetzt noch einen kurzen Gang machen, um unsere Köpfe klar zu bekommen.«

Bruder Eadulf zog ein schmerzvolles Gesicht.

»Ich fürchte, meinen Kopf klar zu kriegen, erfordert mehr als einen Spaziergang, Fidelma. Der miese Wein hat meinen Körper vom Kopf bis zum Fuß durchdrungen. Ich habe den Eindruck, daß ich mehr als nur frische Luft brauche, um den Vormittag zu überstehen.«

So schlecht er sich auch fühlte, Eadulf ließ sich dennoch von Fidelma überreden, sie zu begleiten. Lieber hätte er sich wieder aufs Bett geworfen und geschlafen. Er empfand Übelkeit und Schwäche. Seine Haut schwitzte und juckte, und sein Mund war trok-ken.

In der Burg waren schon einige Leute auf den Beinen und eilten an ihre Tagesarbeit, obwohl das Fest für viele von ihnen erst beim Morgengrauen geendet hatte. Eadulf und Fidelma wurden ohne ein Zeichen von Feindseligkeit gegrüßt, von manchen sogar ganz freundlich. Alle aber betrachteten Fidelma mit Neugier. Ihre Antwort auf Murgals Lied war anscheinend Tagesgespräch geworden.

Als sie den Hof der Burg zum Tor hin überquerten, blieb Fidelma stehen und zeigte auf einen Karren, den ein kleiner, stämmiger Esel gerade durchs Tor hereinzog. Er war anscheinend mit Pflanzen aller Art beladen. Geführt wurde der Esel von einer großen schlanken Frau.

Fidelma stieß Eadulf leicht an.

»Ist das nicht Murgals Nachbarin vom gestrigen Fest?« flüsterte sie. Eadulf hob seine trüben Augen und erkannte die Frau sofort, obwohl sie jetzt Mantel und Kapuze trug. Sie hatte ein schlichteres Kleid als am Abend zuvor an.

Fidelma ging sofort auf sie zu, und Eadulf folgte ihr.

»Du bist Marga, nicht wahr?«

Die Frau wandte sich ihr zu. Fidelma schaute in hellblaue Augen, so hell, daß sie sie an Eis erinnerten. Das blasse Gesicht war ausdruckslos. Das lange Haar hatte die Farbe reifen Korns. Fidelmas Urteil vom vorigen Abend erwies sich als richtig. Die Frau war hübsch. Dabei blieb es. Marga war groß, und trotz des langen, weiten schwarzen Mantels, der ihre Blässe und ihr blondes Haar noch betonte, wußte Fidelma vom Vorabend, daß ihr Körper geschmeidig und wohlgeformt war und sie sich katzenhaft leicht bewegte.

Ihre Stimme klang wie ein zischendes Flüstern.

»Ich kenne dich nicht, Fidelma von Cashel. Wieso ist dir mein Name geläufig?«

»Deinen Namen hat man mir genannt, so wie man dir meinen genannt hat, und also begrüße ich dich. Irre ich mich, wenn ich dich für die Apothekerin Marga halte?«

»Ich heiße Marga und heile im Namen der Göttin Airmid, die Dian Cechts geheime Quelle der Heilung hütet.«

Diese Aussage sollte Fidelma herausfordern, doch die ging nicht darauf ein.

Airmid war eine der alten Göttinnen. Fidelma kannte die Geschichte gut. Sie war die Tochter des Gottes der Heilkunst, Dian Cecht, und die Schwester von Miach, der auch Arzt und Gott war. Als Miach sich als ein besserer Arzt erwies als sein Vater, erschlug der zornige Gott seinen Sohn. Aus seinem Grabe erwuchsen dreihundertundfünfundsechzig heilende Kräuter. Airmid soll die Kräuter vom Grabe ihres Bruders gesammelt und auf ihrem Mantel in der Reihenfolge ihrer verschiedenen heilenden Eigenschaften ausgelegt haben. Doch Dian Cecht war immer noch eifersüchtig auf Miach, kehrte den Mantel wütend um und warf die Kräuter hoffnungslos durcheinander, damit kein Mensch das Geheimnis erfahre, wie man durch ihren Gebrauch unsterblich werden könne.

»Möge dir Gesundheit beschieden sein, Heilerin Marga«, antwortete Fidelma ernst. »Ich hoffe, du hast einige der Geheimnisse gelernt, die dein Gott Dian Cecht uns vorenthalten wollte.«

Margas Augen weiteten sich leicht.

»Stellst du mein Wissen in Frage, Fidelma von Cas-hel?« flüsterte sie drohend.

»Warum sollte ich das?« fragte Fidelma harmlos. Sie merkte, wie leicht erregbar das Mädchen war. »Meine Kenntnis der alten Sagen ist bescheiden. Doch jeder weiß, was Dian Cecht im Zorn tat, um zu verhindern, daß die Sterblichen die Heilkunde in ihrem ganzen Umfang beherrschen. Ich dachte ...«

»Ich weiß, was du dachtest«, fauchte Marga und griff dem Esel ins Geschirr. »Entschuldige mich, ich habe viel zu tun.«

»Das haben wir alle, jeder auf seine Weise. Doch es gibt ein paar Fragen, die ich dir stellen möchte.«

Marga brauste sofort auf.

»Aber ich möchte sie nicht beantworten. Und jetzt .«

Sie wollte gehen, Fidelma streckte jedoch lächelnd die Hand aus und hielt sie zurück. Fidelma hatte einen festen Griff, und Marga zuckte leicht zusammen.

»Ich wüßte nicht, wann ich dir meine Fragen sonst stellen sollte.« Fidelma musterte den Karren. »Du hast anscheinend Kräuter und Pflanzen zum Heilen gesammelt?«

Marga blieb unzugänglich.

»Wie du deutlich sehen kannst«, erwiderte sie steif.

»Und du übst deine Heilkunst im rath aus?«

»Ja.«

Ihre Augen suchten unwillkürlich die andere Seite des Hofes ab und blieben an einem hohen, dreistök-kigen Gebäude hängen, das an einer Seite einen eigenartigen niedrigen Turm besaß. Fidelma war ihrem Blick gefolgt und sah an einer Ecke einen Laden. Außen an der Tür hingen Bündel getrockneter Kräuter.

»Ist das deine Apotheke?«

Marga zuckte fast unverschämt die Achseln, doch Fidelma schien das nicht zu rühren.

»Ich sehe nicht ein, was diese Fragen für einen Zweck haben«, sagte die blasse Kräutersammlerin ungeduldig.

»Verzeih mir«, erwiderte Fidelma reuig. »Es geht um meinen Freund hier .«

Die hellblauen Augen glitten über ihn hinweg, ohne ihren Ausdruck zu verändern.

»Sieh mal«, fuhr Fidelma vertraulich fort, »mein Freund hat sich gestern abend zuviel Rebensaft einverleibt.«

»Wein aus Gallien!« Marga rümpfte die Nase. »Er verdirbt beim Transport, wenn er nicht sehr gut ist. Aber Laisre kann sich keinen besseren leisten, außer für sich und seine Familie. Na, es gab noch viele andere, die mehr davon getrunken haben, als ihnen guttat.«

»Meinst du Murgal?« fragte Fidelma rasch.

Es trat eine Pause ein.

»Du hast scharfe Augen, Christin. Ja, ich meine Murgal. Aber das geht dich nichts an .«

»Natürlich nicht«, lächelte Fidelma. »Mein Freund hier braucht ein Kräutermittel gegen sein Unwohlsein. Er dachte, er könnte bei dir eins kaufen.«

Eadulf war überrascht von dieser Lüge, denn er wußte mehr über Kräutermittel als die meisten anderen, er hatte ja Medizin studiert. Marga schaute ihn säuerlich an. Eadulf errötete unter ihrem vernichtenden Blick.

»Ich nehme an, du hast Kopfschmerzen und Magenbeschwerden?«

Eadulf nickte, er traute sich nicht zu sprechen.

Die Apothekerin drehte sich um und suchte in ihrem Karren. Sie zog einen Stengel mit ein paar grundständigen, lanzettförmigen Blättern hervor, die weiter oben am Stengel immer kleiner wurden. Eadulf erkannte sie sofort: Fingerhut. Er war häufig genug in Hecken, Gräben und an bewaldeten Abhängen zu finden.

»Verwende nur die Blätter, koche sie in Wasser. Den Aufguß trinkst du. Er schmeckt sehr bitter, aber später wirst du die lindernde Wirkung spüren. Hast du das verstanden, Angelsachse?«

»Ja«, antwortete Eadulf ruhig.

Er nahm die Blätter entgegen und langte in seinen Beutel.

»Ein screpall ist die kleinste Münze, die ich habe«, murmelte er und reichte sie ihr. Marga wehrte ab.

»Für Münzen haben wir keine Verwendung in unserem Tal, Angelsachse. Wir verlassen uns hauptsächlich auf den Tauschhandel, auch im Verkehr mit der Welt da draußen. Behalte deine Münze und nimm die Blätter als milde Gabe einer Heidin an einen Christen.«

Eadulf wollte sich bedanken, doch Fidelma unterbrach ihn mit einem Lächeln.

»Ich vermute, eine Reihe von Leuten leiden unter den Folgen des schlechten Weins?«

»Nicht viele. Wer lieber Wein trinkt als Met, hat auch die Fähigkeit entwickelt, seine Wirkung abzuschätzen.«

»Waren gestern abend trotzdem einige davon betroffen?«

Marga zuckte die Achseln.

»Einige wenige. Die meisten dieser Schweine liegen jetzt herum und schlafen sich aus.«

»Trinkt Murgal immer so viel?«

Margas Brauen zogen sich aufgebracht zusammen, doch dann beruhigte sie sich offenbar.

»Nun, er hat mich nicht um Hilfe gebeten, und ich hätte sie ihm auch nicht gewährt. Dafür spende ich dir Beifall, Fidelma von Cashel: Gestern abend hast du es dem Schwein richtig gegeben.«

»Du magst ihn nicht?«

»Ist dir das nicht aufgefallen?« fragte Marga spöttisch.

»Allerdings.«

»Murgal denkt, er kann sich alles nehmen, was er will. Er hat es gewagt, mich mit seinen schweißigen Pfoten anzufassen. Jetzt weiß er wohl, daß er sich solche Freiheiten nicht erlauben darf.«

»Ich verstehe«, sagte Fidelma ernst.

Marga starrte sie mißtrauisch an »Ist es das, was du wissen wolltest?« fragte sie mürrisch.

»Nicht alles.« Fidelma lächelte. »Eadulf brauchte wirklich etwas, was ihm seine Niedergeschlagenheit austreibt.«

Marga sah sie einen Moment argwöhnisch an, dann packte sie den Esel am Kopf und führte ihn über den Hof fort. Plötzlich blieb sie stehen und wandte sich Eadulf zu.

»Sei vorsichtig mit dem Aufguß dieser Blätter, Angelsachse«, rief sie ihm zu. »Wenn man ihn nicht richtig einnimmt, kann er giftig wirken. Die genaue Dosis ist für jeden verschieden. Bei dir würde ich sagen, nur ein paar Schlucke.«

Dann drehte sie sich wieder um und zog den Esel hinter sich her zur Apotheke.

Eadulf seufzte erleichtert und wischte sich die Stirn.

»Ich bin froh, daß sie das noch gesagt hat«, meinte er ruhig und betrachtete die Blätter mit Widerwillen.

»Wieso?« fragte Fidelma interessiert.

»Weil mir meine Kräuterkenntnis sofort verriet, daß sie ihr Bestes tat, mich zu vergiften. Hätte sie mich nicht gewarnt und hätte ich diese Blätter nicht gekannt, könnte ich bald nach dem Trinken des Aufgusses tot sein. Ein Schluck ist eine Sache, aber der ganze Aufguß eine andere.«

Fidelma wandte sich um und sah der Apothekerin aufmerksam nach.

»Vielleicht gefielst du ihr anfangs nicht, Eadulf.« Sie lächelte spitz.

»Als Fremder, als Christ oder als Mann?« überlegte der Angelsachse laut.

Fidelma kicherte.

»Nun, jedenfalls gefällst du ihr jetzt zumindest so gut, daß sie dich vorm vorzeitigen Ableben bewahren will.«

Kapitel 8

Ein Hornstoß erschütterte die Luft.

»Das ist das Signal für den Beginn der Ratssitzung«, erklärte Fidelma. »Leg die Blätter weg, Eadulf, wir müssen dort erscheinen.«

Eadulf stöhnte laut.

»Ich glaube nicht, daß ich solch eine Sitzung überstehe«, wandte er ein. »Mir ist zum Sterben zumute.«

»Du kannst nach der Sitzung sterben«, erwiderte sie fröhlich. Widerwillig folgte ihr Eadulf zum Gebäude des Fürsten im rath.

Mehrere Leute strebten ihm zu, gingen aber höflich beiseite und ließen Fidelma und Eadulf den Vortritt. Im Vorraum erwartete sie Rudgal, der große blonde Krieger. Als sie eintraten, kam er auf sie zu und begrüßte Fidelma feierlich.

»Komm bitte mit, Schwester«, sagte er und fügte nach einem Moment hinzu: »Du auch, Bruder.«

Er führte sie durch die Tür in den Ratssaal, wo Laisre bereits in seinem Amtssessel Platz genommen hatte. Die Spuren des Fests vom vorigen Abend waren beseitigt, und vor Laisre waren Stühle im Halbkreis aufgestellt. Zur Rechten des Fürsten blieb ein Platz frei, den sonst der Tanist eingenommen hätte. Colla war offensichtlich zu seiner Untersuchung aufgebrochen. Hinter Collas leerem Stuhl saß Orla, doch ihre Tochter Esnad war nicht zu sehen.

Zur Linken stand ein Sessel, in dem sich Murgal lümmelte. Er sah so schlecht aus, wie sich Eadulf fühlte, hatte ein blasses Gesicht und rot umränderte Augen. An einem kleinen Tisch hinter ihm saß der ältliche Schreiber Mel, mit dem sich Eadulf am Abend zuvor unterhalten hatte; er hielt Griffel und Schreibtäfelchen bereit.

Fidelma wurde zu einem Stuhl in der Mitte des Halbkreises geleitet. Daneben war ein Stuhl für Eadulf aufgestellt, dahinter saßen Bruder Solin und Bruder Dianach. Die anderen Plätze wurden von den geringeren Würdenträgern von Gleann Geis eingenommen, und im Hintergrund drängten sich Leute aus dem Volk des Tals, die hören wollten, was ihr Fürst mit der Vertreterin des weit entfernten Königs von Cashel aushandeln würde. Das Stimmengewirr war laut und erstarb erst nach dem nächsten Hornsignal.

Murgal erhob sich langsam.

»Der Rat ist nun zusammengetreten, und als Druide und Brehon meines Fürsten habe ich das Recht, als erster zu sprechen.«

Eadulf fuhr auf, überrascht von der Unhöflichkeit des Mannes, der erklärte, er werde noch vor seinem Fürsten reden. Fidelma bemerkte seine Verwunde-rung, beugte sich zu ihm und flüsterte: »Das ist sein Recht nach dem Gesetz, Eadulf. Ein Druide darf vor einem König sprechen.«

Murgal hatte diese Worte anscheinend nicht wahrgenommen, denn er stellte sich neben Laisres Amtssessel.

»Ihr wißt sicher, daß ich gegen diese Verhandlung bin. Mein Widerspruch möge verzeichnet werden.«

Er blickte Laisre an, der nickte und für den Schreiber Mel hinzufügte: »So wurde es gesagt, so werde es aufgeschrieben.« Er wandte sich wieder Murgal zu und gab ihm das Zeichen weiterzusprechen.

»Laisres Vorfahren haben uns gut regiert. Über die Jahre hinweg haben sie uns vor Schaden von draußen bewahrt, indem sie sich weigerten, irgend etwas mit denen zu tun zu haben, die mit Neid auf unser schönes Tal blickten. Es ist ein reiches, fruchtbares Tal. Es ist nicht verdorben. Warum? Weil wir denen den Zutritt zu ihm verboten haben, die uns Veränderungen von draußen hereinbringen wollten. Drei Jahre sind vergangen, seit wir Laisre als unseren Fürsten anerkannten, denn seine derbfhine hatten ihn auf rechtmäßige Weise an die Spitze seiner Sippe gewählt und ihn zum Herrn über uns gesetzt.

Doch jetzt hat es mein Fürst für angebracht gehalten, nach Cashel zu schicken und um eine Gesandtschaft zu bitten zu dem Zweck, über die Einführung einer fremden Religion in unserem Land zu beraten.«

So unwohl er sich auch fühlte, das konnte Eadulf nicht unwidersprochen hinnehmen.

»Eine Religion, die alle Könige von Eireann angenommen haben und die seit über zweihundert Jahren frei in den fünf Königreichen ausgeübt wird«, spottete er, unfähig, seine Empörung zu bezähmen. »Was für eine fremde Religion!«

Ein Murmeln des Entsetzens durchlief die Versammlung, sogar Fidelma war unangenehm berührt. Murgal hatte sich verärgert zu Laisre umgewandt. Er wollte etwas erwidern, doch der Fürst hielt ihn mit erhobener Hand zurück. Laisre beugte sich in seinem Sessel vor und sagte zu Eadulf: »Diesmal werde ich deinen Ausbruch übergehen, Angelsachse, weil du fremd bist in diesem Land und seine Sitten nicht genügend kennst, um deine Zunge im Zaum zu halten. Du hast kein Recht, in diesem Rat zu sprechen. Nur weil du als Begleiter von Fidelma von Cashel reist, darfst du überhaupt in dieser Halle sitzen. Auch wenn du das Recht hättest zu sprechen, dürftest du nicht die Eröffnungsreden unterbrechen. Erst wenn die einleitenden Argumente vorgebracht wurden, werden die bevollmächtigten Delegierten über ihren Wert diskutieren.«

Eadulf errötete vor Beschämung und sank auf seinen Stuhl zurück. Fidelma schaute ihn mißbilligend an.

Murgal lächelte triumphierend und fuhr fort.

»Wir haben gesehen, was diese fremde Religion uns bringt. Ausländer von jenseits des Meeres, die unsere Lebensweise und unsere Bräuche nicht kennen und uns etwas vorschreiben wollen. Fremde, die gegen unsere Regeln verstoßen und zurechtgewiesen werden müssen.«

Eadulf knirschte mit den Zähnen über die Art, in der Murgal seinen Mangel an Kenntnis des Protokolls für seine Argumentation benutzte.

»Unsere Brüder außerhalb des Schutzes dieser Berge mögen vielleicht den fremden Lehren erlegen sein. Das beweist noch nicht ihre Richtigkeit und spricht auch nicht dafür, daß wir diese Religion ebenfalls annehmen müssen. Ich sage, wir müssen sie zurückweisen und unsere Bergwälle dazu gebrauchen, ihre verderblichen Lehren von uns fernzuhalten. Das ist meine Meinung als Druide, Brehon und Ratgeber des Fürsten von Gleann Geis.«

Murgal setzte sich unter dem beistimmenden Murmeln vieler Anwesender.

Laisre nickte dem Bläser zu, der mit einem neuerlichen Stoß ins Horn Ruhe in der Halle forderte.

»Murgal hat das Recht, vor allen anderen zu sprechen. Danach steht das Recht zu sprechen mir zu. Wie Murgal bin auch ich ein Anhänger der wahren Gottheiten unseres Volkes, der Götter und Göttinnen, die unsere Vorfahren verehrten und die uns von Anbeginn der Zeiten beschützt haben. Doch es ist meine Pflicht als Fürst, meine schützende Hand über alle Menschen dieses Clans zu halten. Bevor ich mich an den Bischof von Imleach wandte mit dem Vorschlag, eine Vereinbarung auszuhandeln für diejenigen in unserem Clan, die den neuen Glauben angenommen haben, habe ich mir die Sache reiflich überlegt. Ich meinte, er solle jemanden senden, mit dem wir besprechen können, wie wir am besten zu einer solchen Vereinbarung gelangen. Imleach hegt seit langem den Wunsch, in unserem Tal eine christliche Kirche und eine Schule zu errichten. Aber ich denke pragmatisch. Weil viele aus unserem Volk außerhalb dieses Tals geheiratet haben, müssen wir uns damit abfinden, daß einige von uns dem neuen Glauben anhängen. Einige haben sich bemüht, dies zu verbergen, weil sie glaubten, es würde mir mißfallen. Ich bin auch nicht erfreut darüber, das leugne ich nicht. Man hat mir geraten, den neuen Glauben zu unterdrücken. Doch die Menschen von Gleann Geis sind alle meine Kinder.«

Murgal sah ihn trotzig an, schwieg aber. Laisre hielt einen Moment überlegend inne und fuhr dann fort.

»Das wäre ein kurzsichtiges Vorgehen gewesen, denn was verboten ist, das wird um so eifriger begehrt. Also sollen sie haben, was sie wollen. Ich hoffe, sie verschwinden dann auf natürliche Weise.«

Nach Laisres Rede brach erneut leises Gemurmel aus.

Fidelma erhob sich etwas verwundert.

»Ich bin nicht hier, um für den neuen Glauben oder gegen den alten zu streiten. Ich bin hier als Abgesandte von Cashel, um mit euch über Dinge zu verhandeln, über die ihr euch, wie mir berichtet wurde, bereits geeinigt habt.« Zu Eadulfs Verblüffung setzte sie sich wieder hin. Die Kürze ihrer Stellungnahme überraschte auch Laisre, der verwirrt dreinschaute.

»Du willst doch sicher eine Begründung für deinen Glauben abgeben?« stammelte er.

Selbst Murgal war ratlos.

»Vielleicht kann sie ihn nicht begründen?« höhnte er.

Eadulf beugte sich vor.

»Du kannst doch unseren Glauben nicht von diesen Heiden herabsetzen lassen«, flüsterte er. Er benutzte den irischen Ausdruck pagdnach.

Murgal hatte ein scharfes Gehör.

»Stimmt es, daß der christliche Angelsachse uns soeben Heiden genannt hat?« rief er mit lauter Stimme.

Eadulf wollte schon antworten, als ihm einfiel, daß ihm das Sprechen verboten war. Er schwieg.

»Laß ihn bestätigen, daß er uns Heiden genannt hat, Lord«, drängte Murgal.

»Du hast es ebenso gut gehört wie wir alle«, erwiderte Laisre. »Es ist ein Ausdruck, mit dem uns die Anhänger des Glaubens häufig belegen.«

»Das weiß ich«, erklärte Murgal. »Und selbst das Wort pagdnach stammt nicht aus der Sprache der Kinder Eireanns. Was gibt es für einen besseren Beweis für ihre fremden Anschauungen als den Gebrauch dieses Wortes?«

»Wir behaupten nicht, daß pagdnach ein Wort ist, das in unsere Sprache übernommen wurde«, schaltete sich Bruder Solin keuchend ein. »Es kommt vom lateinischen paganus

Murgal lächelte breit.

»Genau! Selbst im Lateinischen beschreibt es richtig das, was ich bin: ein Mensch vom Lande, pagus, im Gegensatz zu den milites oder Soldaten, die durchs Land marschieren und es verwüsten. Ihr Christen nennt euch stolz milites, Soldaten im Dienste Christi, und ihr schaut herab auf den Zivilisten oder paganus, auf dem ihr herumtrampelt. Ich bin stolz darauf, pagan genannt zu werden! Es ist ein ehrenvoller Stand.«

Fidelma hatte gewußt, daß Murgal ein kluger Mensch war, doch es überraschte sie, daß er eine so gute Kenntnis des Lateinischen besaß. Sie erhob sich erneut.

»Ich wiederhole, ich bin nicht hier, um über theologische Fragen zu diskutieren. Ich bin lediglich hier, um zu besprechen, wie wir in einer praktischen Frage zu einer Vereinbarung kommen.«

Plötzlich stand Orla hinter Collas leerem Stuhl auf. Ihm machte das Streitgespräch sichtlich Spaß.

»Wenn mein Ehemann hier wäre, würde er der Vertreterin von Cashel sicherlich entgegentreten. Aber ich habe ebenfalls das Recht, im Rat zu sprechen, nicht nur anstelle meines Ehemanns, sondern auch als Schwester des Fürsten.«

»Laßt Orla sprechen!« ertönte ein Ruf, der bei den sitzenden Würdenträgern und den hinter ihnen Stehenden Widerhall fand.

Laisre winkte seine Schwester Orla nach vorn.

»Es ist kein Geheimnis, daß ich und mein Ehemann Colla nicht derselben Meinung sind wie mein Bruder Laisre. Er hat jahrelang die Versuche Imleachs, das Christentum in dieses Tal zu bringen, abgewehrt, und jetzt hat er Anhänger dieses Glaubens eingeladen, ihre fremden Lehren hier zu verbreiten. Mein Bruder Lais-re handelt töricht, wenn er annimmt, die Erlaubnis, diesen neuen Glauben hier auszuüben, würde zu seinem raschen Ende führen. Seht euch die Stellung des Glaubens in den fünf Königreichen an. Vor zweihundert Jahren war Laoghaire von Tara der Auffassung, es gebe immer Platz für eine weitere Religion im Land und ihre Unterdrückung würde sie nur um so schneller anwachsen lassen. Er gewährte den Anhängern des Briten Patrick die Freiheit, ihrem Gott zu dienen. Zwei Jahrhunderte später existieren nur noch ein paar winzige Ecken in den fünf Königreichen, in denen wir die Götter unserer Vorfahren verehren. Die neue Religion herrscht überall. Gib ihr Raum zum Atmen, und sie erstickt uns alle.«

Füßescharren und Beifall begleiteten Orla zu ihrem Platz.

Zu Fidelmas Verärgerung hatte sich Bruder Solin erhoben.

»Da Fidelma von Cashel nicht mit euch debattieren will, bin ich als Vertreter des Comarb von Patrick mit Sitz in Armagh bereit, die Aufgabe zu übernehmen, die sie so leichtfertig von sich weist. Ich bitte um eure Erlaubnis, vor diesem Rat zu sprechen.«

Fidelmas Miene hatte sich versteinert, und sie starrte vor sich hin. Das war nicht die Verhandlung, die sie erwartet hatte. Niemand hatte sie darauf vorbereitet, daß hier eine theologische Diskussion zu führen wäre, bei der sie die Aufgabe hätte zu bekehren. Sie hatte das Gefühl, man wolle sie zur Ablenkung in diese Debatte hineinmanövrieren. Doch aus welchem Grunde?

Laisre bat Bruder Solin vorzutreten und erteilte ihm das Wort.

Bruder Solin warf Fidelma einen triumphierenden Blick zu.

»Was befürchtet ihr denn von der Religion Christi?« fragte er und schaute Murgal dabei an.

»Einfach, daß sie die alte Religion zerstört.«

»Und wäre das denn so schlecht?«

Murgal lächelte bedrohlich.

»Wir verehren die alten Götter und Göttinnen, die Ewigen. Euer Christus wurde hingerichtet und starb. War er denn ein mächtiger Krieger? Haben Tausende ihn verteidigt? Nein, er war ein niedriger Zimmermann, der, welch Gipfel der Ironie, an einem Baum starb!«

Murgal schaute sich mit einem selbstzufriedenen Grinsen um und fügte hinzu: »Du siehst, ich habe mich ein wenig mit dieser Religion von Christus beschäftigt.«

Bruder Solin lief rot an bei diesem Spott.

»Es war so bestimmt, daß Christus, der Sohn Gottes sterben mußte, um der Welt den Frieden zu bringen. Gott liebt diese Welt so sehr, hat man uns gelehrt, daß er seinen einzigen Sohn für sie in den Tod gab.«

»Was für ein Gott!« höhnte Murgal. »Er mußte seinen eigenen Sohn umbringen, um seine Liebe zu zeigen! War er eifersüchtig auf seinen Sohn? Der Sohn eures Gottes ist ebenso armselig wie sein Vater!«

Bruder Solin erstickte fast vor Zorn.

»Wie kannst du es wagen ...?«

»Ein Wutausbruch ist kein Argument.« Murgal hatte sichtlich seinen Spaß. »Erzähl uns doch, was euer Gott gelehrt hat. Das würden wir gern hören. War er ein starker Gott? Hat er gelehrt, denen Widerstand zu leisten, die andere versklaven wollen? Hat er gelehrt, sich auf sich selbst zu verlassen und das zu tun, was gut und gerecht ist? Hat er gelehrt, denen zu widerstehen, die unrecht tun? Nein, ich habe es mit eigenen Ohren gehört. Er hat Armut im Geiste gelehrt. So steht es in euren heiligen Schriften: >Selig sind, die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihr.< Der Himmel eures Gottes ist nicht die Andere Welt, in der Gerechtigkeit, Anständigkeit und männliches Selbstvertrauen ihren Lohn finden in der Halle der Helden, die bei den Ewigen sitzen.

Tatsächlich hat euer Gott gelehrt, wenn jemand einen Menschen auf eine Wange schlägt, dann soll der ihm auch die andere Wange hinhalten, womit er zu weiterer Beleidigung und Unterdrückung einlädt und zu falschem Handeln verleitet. Die Brehons lehren doch wohl, daß diejenigen, die Unterdrückung herausfordern, sich an diesem Verbrechen mitschuldig machen? Wenn die Menschen geistlich arm sind, dann werden die Stolzen und Hochmütigen sie unterdrük-ken. Wenn die Menschen den richtigen Geist besitzen und entschlossen sind, Unrecht zu verhindern, dann nützt das allen Menschen. Bist du nicht auch der Meinung, Bruder Solin?«

Bruder Solin kochte vor Wut. In seinem Zorn stand er kläglich und sprachlos vor der Versammlung. Fidelmahatte erfaßt, daß es eines schärferen Intellekts als Bruder Solins bedurfte, um sich mit dem glattzüngigen Murgal zu messen. Sie schüttelte leicht den Kopf und flüsterte Eadulf zu: »Ein Dreisatz von Ei-reann besagt, es gebe drei lächerliche Menschen auf der Welt: den Eifersüchtigen, den Geizhals und den Wütenden. Bruder Solin ist geradewegs in die Falle gegangen, die Murgal ihm gestellt hat.«

Bruder Solin redete, ohne zu merken, welchen Eindruck er hinterließ.

»Christus sagte: >Selig seid ihr, die ihr hier weinet; denn ihr werdet lachen. Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer.<«

»Schöne Versprechungen, aber sie sollen erst in der Anderen Welt erfüllt werden«, spottete Murgal. »Für diese Welt ist es eine jämmerliche Lehre. Armut der Person resultiert aus der Armut des Geistes. Diese Religion wurde offensichtlich von einem Tyrannen erfunden, der die Armen weiterhin in Armut halten wollte, während er durch ihr Elend reich und fett wurde.«

»Keineswegs, keineswegs ...«, rief Bruder Solin und verlor vollends die Beherrschung.

Fidelma stand abrupt auf.

Sie sprach kein Wort, doch allein die Tatsache, daß sie sich erhoben hatte, und ihr Schweigen brachten alle nach und nach zum Verstummen, bis im Raum Stille eintrat. Sie wartete, bis sie so vollständig wurde, daß man auch das leiseste Flüstern hören konnte. »Ich bin falsch informiert worden«, begann sie ruhig. »Mir wurde gesagt, es gehe um eine Verhandlung über praktische Dinge, nicht um eine theologische Debatte. Suchtet ihr Vertreter, um mit ihnen über Theologie zu diskutieren, dann hättet ihr das dem Bischof von Im-leach mitteilen sollen, der euch Gelehrte geschickt hätte, die es mit euren Gelehrten aufnehmen könnten. Ich bin nur eine einfache Dienerin des Gesetzes dieses Landes. Ich werde heute nachmittag die Rückreise nach Cashel antreten und die Botschaft mitnehmen, daß der Fürst von Gleann Geis sich außerstande sah, eine Entscheidung in der anstehenden Frage zu treffen. Cashel wird erst dann wieder jemanden nach Gleann Geis entsenden, wenn es sicher sein kann, daß eine Entscheidung gefällt wurde.«

Als sie sich abwandte, erhob sich Eadulf unsicher. Er stöhnte innerlich auf bei dem bloßen Gedanken, in seinem Zustand auf die Reise zu gehen.

»Gibst du dich geschlagen?« rief Murgal. »Gestehst du ein, daß Christen nicht logisch mit einem Druiden argumentieren können?«

Fidelma blieb stehen und sah ihn an.

»Ich nehme an, du kennst die Dreisätze von Ei-reann?«

»Ich wäre ein schlechter Brehon, wenn ich sie nicht kennte«, erwiderte Murgal selbstzufrieden.

»Drei Kerzen erhellen jede Dunkelheit: die Wahrheit, die Natur und das Wissen«, zitierte sie und wandte sich zur Tür.

Diesmal blieb sie selbst dann nicht stehen, als sie Laisre dazu aufforderte.

Mit verlegener Miene trat ihr der Krieger Rudgal in der Tür entgegen, die Hand leicht an den Schwertgriff gelegt. Entschuldigend murmelte er: »Mein Fürst verlangt, daß du bleibst, Schwester. Ihm muß man gehorchen.«

Er fuhr zurück vor dem grünen Feuer, das in Fi-delmas Augen glühte.

»Ich bin Fidelma von Cashel, Prinzessin der Eog-hanacht. Ich bleibe für niemanden!«

Wie sie es fertigbrachte, wußte nicht einmal Eadulf, aber vor der reinen Macht ihrer Persönlichkeit prallte Rudgal einen Schritt zurück, und schon war sie durch die Tür und draußen im Hof. Sie schaute sich nicht um, ob Eadulf ihr folgte, sondern ging rasch über den Hof des rath zum Gästehaus. Drinnen nahm sie einen Krug Wasser und goß sich einen Becher ein.

Eadulf eilte ihr nach und schloß die Tür. Er sah sie nervös an und stellte fest, daß ihr Gesicht von Lach-fältchen durchzogen war. Verwirrt schüttelte er den Kopf.

»Das verstehe ich nicht.«

Fidelma war in bester Stimmung.

»Ob Laisre das beabsichtigt hat oder nicht, diese Ratssitzung war eine Farce. Sie wurde abgehalten, um entweder Zeit zu vergeuden oder uns von der Verhandlung abzulenken, zu der wir hergeschickt wurden. Ich muß noch klären, aus welchem Grunde und wer dafür verantwortlich ist. Außerdem, ob dieser blöde Bruder Solin bei dieser Täuschung mitwirkte.«

»Das verstehe ich immer noch nicht.«

»Statt die Dinge zu besprechen, über die wir hier verhandeln sollten, hat Murgal absichtlich versucht, uns in den Sumpf einer zeitverschwendenden Debatte über unsere unterschiedlichen Anschauungen zu lok-ken. Wenn ich das als Ausgangspunkt akzeptiert hätte, könnten wir uns hier noch wochenlang streiten. Warum? Welchem Zweck sollte das dienen? Es blieb mir gar nichts anderes übrig, als mich so zu verhalten, wie ich es getan habe, und ihren Schwindel auffliegen zu lassen.«

»Fliegt ihr Schwindel auf?« wollte Eadulf wissen.

Draußen näherten sich Stimmen.

Eadulf blickte aus dem Fenster.

»Es sind Bruder Solin und sein Schreiber. Er scheint nicht gerade in bester Laune zu sein.«

Einen Moment darauf stürmte Bruder Solin in den Raum. Sein Gesicht war noch rot vor Beschämung.

»Wenig genug hast du mich dabei unterstützt, den Glauben zu verbreiten«, fuhr er Fidelma ohne Vorrede an. »Du hast weiter nichts erreicht, als unsere Gastgeber zu beleidigen und alle Wege zu verbauen, auf denen wir den Glauben in dieses Tal bringen könnten.«

»Es ist nicht meine Aufgabe, dir in einer theologischen Debatte beizuspringen«, entgegnete Fidelma, und Solin zuckte zusammen bei ihrem scharfen Ton. Wenn er erwartet hatte, sie werde sich seiner Führungsrolle beugen, wußte er es jetzt besser. Sie wandte sich an Eadulf. »Sattle bitte unsere Pferde, ich komme gleich nach. Ich packe inzwischen unsere Taschen und bringe sie mit.«

Zögernd ging Eadulf an die Ausführung seines Auftrags.

Bruder Solin schaute entgeistert drein.

»Willst du das wirklich tun? Du kannst doch jetzt nicht abreisen!«

Sie sah ihn kalt an.

»Wer will mich daran hindern? Und was geht das dich überhaupt an?«

»Du willst von hier fort, nachdem du den Fürsten und seinen Rat auf diese Art beleidigt hast?«

»Der Fürst und sein Rat haben mich beleidigt, indem sie nicht das besprochen haben, was vereinbart worden war.«

In hilfloser Aufregung breitete Bruder Solin die Hände aus.

»Aber man muß doch in allen Dingen geben und nehmen können? Diese Leute erwarten Versicherungen über unseren Glauben, und es ist unsere moralische Pflicht, sie ihnen zu geben. Jedem etwas vom Glauben und ...«

»Armer Bruder Solin«, sagte Fidelma, und die Härte ihres Tons verriet keinerlei Mitleid. »Du siehst nicht oder willst nicht sehen, daß man dich in eine endlose Debatte hineinzuziehen versuchte, bei der auf kleine theologische Einzelheiten viel Zeit vergeudet werden würde. Ich bin nicht sicher, ob du ein Schurke oder ein Trottel bist. Warum willst du Zeit verschwenden, die woanders besser angewendet werden könnte? Meinst du wirklich, dies wäre der geeignete Moment gewesen für den Versuch, Murgal und seine Anhänger zum Glauben zu bekehren? Du hättest an den weisen Spruch denken sollen: fere libenter homines quod volunt credunt - die Menschen glauben gewöhnlich das, was sie glauben wollen.«

»Ich weiß nicht, was du damit meinst«, wich Bruder Solin aus.

Sie musterte ihn eingehend.

»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ich möchte nicht annehmen, daß du bewußt eine Rolle bei dieser Ablenkung gespielt hast.«

Sie wandte sich ab, eilte die Treppe hinauf, nahm ihre Satteltaschen und holte die Eadulfs aus dessen Zimmer. Dann kehrte sie in den Hauptraum zurück.

»Möglicherweise kreuzen sich unsere Pfade wieder einmal, Bruder Solin, aber ich hoffe, der Tag kommt nicht so bald«, sagte sie eisig, und ehe er antworten konnte, hatte sie das Gästehaus verlassen und schritt zu den Ställen.

Eadulf erwartete sie mit ihren Pferden. Er sah blaß aus, und es ging ihm offensichtlich nicht gut. Fidelma tat er leid, aber alles hing jetzt von dem ab, was sie tat.

»Was machen wir nun?« murmelte er. »Wir werden von einer Gruppe an der Ratssaaltür beobachtet.«

»Dann reisen wir ab, genau wie wir es gesagt haben.«

Fidelma schwang sich aufs Pferd. Eadulf folgte ihrem Beispiel, und Fidelma ritt voran zum Tor des rath. Die Krieger, die dort standen, schauten ihnen entgegen und blickten nervös zur Tür des Ratssaals, unsicher, wie sie sich verhalten sollten. Schließlich traten sie beiseite und ließen Fidelma und Eadulf durch.

Draußen stöhnte Eadulf auf.

»Ich werde nicht weit reiten können, ohne mich auszuruhen, Fidelma. Mir ist immer noch übel von dem schlechten Wein.«

»Das wirst du auch nicht brauchen«, beruhigte sie ihn.

»Ich wünschte, du würdest mir sagen, was genau du vorhast«, murrte er.

»Genau? Das kann ich dir nicht sagen. Möglicherweise muß ich meinen Plan von Minute zu Minute ändern.«

Eadulf unterdrückte ein neues Stöhnen. Er hätte alles für eine Stunde im Bett getan. Sogar für eine halbe Stunde.

»Du hast jedenfalls einen Plan?« fragte er hoffnungsvoll.

»Natürlich. Soll ich mit dir um einen screpall gegen einen sicuil wetten? Siehst du die Häusergruppe bei der Gabelung des Flusses?«

Eadulf schaute nach vorn und bejahte es.

»Das ist genau der Ort, zu dem Bruder Solin heute früh gegangen sein will«, fuhr Fidelma fort. »Nun, meine Wette lautet: Bevor wir dorthin gelangen, wird uns ein Reiter aus dem rath einholen, uns im Namen Laisres bitten zurückzukehren und unsere Verzeihung erflehen für die Ereignisse dieses Vormittags.« »Da ich dich kenne, Fidelma« - Eadulf rümpfte resigniert die Nase -, »werde ich mich hüten, auf deine Wette einzugehen. Aber manchmal wünschte ich mir, wir hätten einen leichteren Weg vor uns.«

Es war Laisre selbst, der sie kurz vor der Holzbrücke erreichte, die über den Fluß zu der Häusergruppe führte, die die Siedlung bildete, die dem rath am nächsten lag. Der Fürst von Gleann Geis blickte hinlänglich reumütig drein.

»Fidelma von Cashel, ich entschuldige mich. Es war mein Fehler, daß ich die Ratsversammlung außer Kontrolle geraten ließ.«

Sie hielten vor der Brücke, einander gegenüber.

Fidelma gab keine Antwort.

»Du hattest recht, Fidelma«, fuhr Laisre fort. »Du bist nicht hergekommen, um eine philosophische Debatte zu führen, sondern um praktische Vereinbarungen zu besprechen. Es war Murgal, der sich von seiner Feindseligkeit so weit fortreißen ließ, daß .«

Fidelma hob die Hand.

»Willst du damit sagen, daß du den Rat erneut einberufst, um die praktischen Fragen zu erörtern?«

»Natürlich«, stimmte Laisre sofort zu.

»Dein Druide und dein Rat sind sich anscheinend nicht mit dir einig in der Frage, den Bau einer christlichen Kirche in diesem Tal zu gestatten.«

»Komm zurück, und du wirst es sehen.« Laisres Ton war fast bittend.

»Wenn ich zurückkomme . « Fidelma legte eine bedeutungsvolle Pause ein. »Wenn ich zurückkomme, dann unter bestimmten Bedingungen in dieser Sache.«

Laisres Miene wurde mißtrauisch.

»Was für Bedingungen?« wollte er wissen.

»Dein Rat muß zusammentreten und eine Entscheidung fällen, ehe ich in Verhandlungen mit dir eintrete, eine Entscheidung darüber, ob ihr diese Kirche und diese Schule haben wollt oder nicht. Ist die Antwort negativ, wie es im Moment den Anschein hat, dann kehre ich ohne weiteren Zeitverzug nach Cashel zurück. Ist die Antwort bejahend, dann können wir uns den praktischen Dingen zuwenden. Aber diese Verhandlungen werden von dir und mir geführt und keinem anderen Mitglied deines Rates. Ich will Murgal nicht die Bühne bieten, auf der er seine Fähigkeiten als Schauspieler unter Beweis stellen kann.«

Laisre hob die Brauen.

»Dafür hältst du Murgal?« fragte er überrascht.

»Kann es sein, daß du das nicht tust?« gab sie zurück.

Einen Moment sah Laisre betroffen aus, doch dann begann er auf einmal herzlich zu lachen. Schließlich schüttelte er den Kopf.

»Es ist etwas dran an dem, was du sagst, Fidelma, das gebe ich zu. Aber unterschätze nicht seine ernsthafte Entschlossenheit.«

»Nein«, antwortete Fidelma ruhig. »Das tue ich nicht.«

»Dann bist du also bereit, zurückzukehren? Ich kann dir nicht garantieren, daß Murgal sich bei dir entschuldigt.«

»Das verlange ich auch nicht von ihm. Ich erwarte nur, daß alle Diskussionen, die dein Rat in dieser Frage führen will, abgeschlossen sind, bevor ich mit dir über praktische Vereinbarungen verhandle.«

»Dafür gebe ich dir mein Wort.« Laisre streckte ihr die Hand entgegen. »Meine Hand darauf, Fidelma von Cashel.«

Fidelma sah ihn fest an, nahm die Hand aber nicht.

»Bevor wir zum Schluß kommen, und da wir in aller Offenheit sprechen, Laisre - was macht Bruder So-lin aus Armagh hier?«

Laisre fuhr überrascht auf.

»Ich dachte, er wäre auf dein Geheiß hier? Er kam her und brachte Geschenke von Armagh.«

»Mein Geheiß?« Fidelma faßte sich. »Hat er dir das gesagt?«

»Nein, aber er ist von deinem Glauben. Ich bin wohl davon ausgegangen ...« Er zuckte die Achseln. »Dann weiß ich nur, daß er als Reisender um unsere Gastfreundschaft bat. Die verweigern wir ihm nicht, nur weil er einem anderen Glauben angehört.«

Erst jetzt nahm sie Laisres Hand an.

»Ich traue deinem Wort, Laisre. Eadulf und ich werden bald zurückkehren.«

Laisre schien verwundert.

»Ihr reitet jetzt nicht mit mir zurück?«

»Wir möchten uns noch etwas in eurem schönen Tal umsehen. Wir kommen bald nach.«

Laisre zögerte und zuckte dann die Achseln.

»Na gut. Vielen Dank für deine Zustimmung.« Er trieb sein Pferd an und ritt in leichtem Galopp in Richtung rath davon.

Eadulf schaute ihm sehnsüchtig nach.

»Ich würde jetzt gern eine Weile schlafen«, klagte er. »Ich sehe nicht ein, wozu diese Spielchen gut sind, Fidelma.«

»Man nennt das Diplomatie, Eadulf.« Seine Gefährtin lachte. »Das Problem ist, daß mir nicht klar ist, wer dabei was spielt. Wollen wir mal schauen, ob diese Häusergruppe uns das verrät, was ich wissen möchte.«

Sie ritten über die Brücke auf einen winzigen Platz, der von einem halben Dutzend Heimstätten umgeben war. Die größte davon war ein stattliches Bauernhaus, die anderen nur Hütten, die entweder Bauern mit wenig Land oder Landarbeitern auf dem größeren Hof gehörten.

Eine große rotgesichtige Frau lehnte an der Tür des Bauernhauses und beobachtete ihr Näherkommen mit unverhohlener Neugier. Fidelma war sie schon aufgefallen, als sie noch an der Brücke mit Laisre sprachen. Sie sah wie eine typische Bauersfrau aus, untersetzt, mit muskulösen Armer und zu jeder Feldarbeit fähig. Sie musterte sie gründlich und mit etwas feindseliger Miene.

»Ich wünsche dir Gesundheit, gute Frau«, grüßte Fidelma.

»Mein Mann ist beim Rat«, gab die Frau in unfreundlichem Ton zurück. »Er heißt Ronan, und ihm gehört dieser Hof.«

»Ich komme selbst aus der Ratssitzung.«

»Ich weiß, wer du bist.«

»Das ist gut.« Fidelma schwang sich vom Pferd. »Dann muß ich es dir nicht erklären.«

Die Miene der Frau blieb abweisend.

»Ich hab dir schon gesagt, daß mein Mann nicht da ist.«

»Ich wollte auch nicht zu deinem Mann. Du sagst, du weißt, wer ich bin. Gut. Wie ist dein Name?«

Die Frau schaute sie mißtrauisch an.

»Bairsech. Weshalb willst du das wissen? Was willst du?«

»Mit dir reden, weiter nichts, Bairsech. Wohnen viele Leute hier in dieser Siedlung?«

»Vierzig«, antwortete die Frau gleichgültig.

»Hattet ihr gestern abend einen Besucher?«

»Einen Besucher? Wir hatten mehrere. Mein Mann war beim Fest, wie es sein gutes Recht ist, und drei Vettern übernachteten bei uns, die vom Tal zum Fest heraufgekommen waren. Der Rückweg ist lang in der Nacht, besonders, wenn man was getrunken hat.«

Fidelma lächelte und versuchte die immer noch feindselige Frau zu beruhigen.

»Du bist klug, Bairsech. Aber gab es noch andere Besucher außer euren Vettern, die hier übernachtet haben? Ich meine« - nun wurde sie direkt - »einen untersetzten Mann, der zur Zeit als Gast im rath weilt.«

Die Frau kniff die Augen zusammen.

»Untersetzt? Ein Mann mit so einem lächerlichen Haarschnitt, wie ihn dein Gefährte trägt?«

Eadulf errötete vor Ärger über diese Beschreibung seiner Tonsur, schwieg aber.

»Genau der.«

»Ein Mann in vornehmer Kleidung? Ach ja, der war hier. Ich sah ihn heute morgen weggehen, als ich aufstand, um die Kühe zu melken, und meinen Mann im Bett weiterschnarchen ließ. Ja, der war hier.«

»Dann kennt er wohl deinen Mann - kennt Ronan?«

»Ich sagte, er war hier in der Siedlung. Er hat nicht bei uns übernachtet.«

Sie wies mit einer Kopfbewegung auf ein kleines Gebäude abseits von den anderen mit einem eigenen Stall und einer angrenzenden Wiese, auf der ein halbes Dutzend Kühe friedlich grasten.

»Dort hat er sich aufgehalten.«

Fidelma betrachtete das kleine Gebäude mit Interesse.

»Und wer wohnt da?«

»Eine fleischliche Frau«, antwortete die andere mißbilligend. Das war eine beschönigende Bezeichnung für eine Prostituierte.

Fidelmas Augen weiteten sich vor Erstaunen. Sie hatte nicht erwartet, daß es eine Prostituierte in diesem abgelegenen Tal gab, geschweige denn in so einem kleinen Weiler.

»Hat sie auch einen Namen, diese fleischliche Frau?«

»Sie heißt Nemon.«

»Nemon? Der Name paßt nicht zu einer ihres Berufs, scheint mir.«

Nemon war der Name einer der alten Kriegsgöttinnen. Er bedeutete »Schlachtenfurie«.

»Ich spucke auf den Namen«, sagte die stämmige Frau und tat es, »ich habe meinem Mann gesagt, sie müßte von hier fortgejagt werden. Aber der Bauernhof gehört ihr, und sie steht unter Murgals Schutz.«

»Tatsächlich? Und du sagst, der Mann, den ich beschrieben habe, hat die vorige Nacht bei ihr verbracht?«

»Ja.«

»Dann werden wir mal hingehen und hören, was Nemon dazu zu sagen hat. Vielen Dank, Bairsech, für deine Zeit und deine Höflichkeit.«

Sie verließen die Frau, die ihnen finster und mißtrauisch nachschaute.

Eadulf war inzwischen auch abgestiegen, und sie führten ihre Pferde durch die Siedlung.

»Wer hätte gedacht, daß unser frommer Bruder aus dem Norden ein eifriger Besucher fleischlicher Frauen ist«, kicherte er.

»Das wissen wir noch nicht mit Sicherheit«, tadelte ihn Fidelma. »Wir wissen nur, daß er nicht ins Gästehaus zurückkehrte und anscheinend die Nacht über im Haus einer Prostituierten blieb. Das bedeutet nicht, daß er ein eifriger Besucher solcher Orte ist. Die Tatsache, daß Nemon unter dem Schutz Murgals steht, ist in diesem Zusammenhang noch interessanter.«

Sie gingen zur Tür der Hütte und klopften an.

Einen Moment später öffnete sich die Tür, und eine Frau erschien und betrachtete sie mit der gleichen Feindseligkeit wie die Bauersfrau. Es war eine füllige Frau in den Dreißigern mit strohblondem Haar und rötlichem Gesicht. Sie war dick geschminkt, die Brauen waren mit Beerensaft gefärbt und die Lippen rot angemalt. Sie war einmal hübsch gewesen, doch das mußte schon einige Zeit her sein. Jetzt besaß sie eine Lüsternheit, die eher obszön als anziehend wirkte. Sie musterte Fidelma und Eadulf einen Augenblick mit ihren dunklen Augen und blickte dann über sie hinweg dorthin, wo Bairsech, die Frau Ronans, jede ihrer Bewegungen mit unverhohlener Neugier beobachtete.

»Deren Nase wird auch jeden Tag länger«, murmelte die Frau. »Der Name Bairsech paßt gut zu ihr.« Fidelmafiel ein, daß er zänkische Frau bedeutete. Dann trat Nemon beiseite und winkte sie hinein. »Kommt rein und macht ihr nicht das Vergnügen, uns noch weiter begaffen zu können.«

Sie banden ihre Pferde an einen kleinen Pfahl vor den Haus und gingen hinein.

Der Raum war behaglich, aber nicht einladend.

»Bist du Nemon?«

Die Frau nickte.

»Ihr seid fremd in diesem Tal.« Das war eine Feststellung, keine Frage.

»Du weißt nicht, weshalb wir hier sind?«

»Ich weiß nichts und kümmere mich auch um nichts. Mich interessiert nur mein Verdienst, und meine Zeit zählt nach dem, was sie mir einbringt.«

Fidelma wandte sich an Eadulf.

»Gib Nemon einen screpall«, wies sie ihn an.

Widerwillig nahm Eadulf die Münze aus seinem Beutel und reichte sie der Frau. Sie riß sie ihm fast aus der Hand und prüfte sie mißtrauisch.

»Geld ist rar in diesem Tal. Meist treiben wir Tauschhandel. Deswegen ist Geld dreifach willkommen.«

Sie vergewisserte sich, daß die Münze echt war, ehe sie die beiden fragend ansah.

»Was wollt ihr? Nicht meine Dienste«, fügte sie mit einem lüsternen Lachen hinzu, »da bin ich sicher.«

Fidelma schüttelte den Kopf und verbarg ihren Ekel über die Anspielung.

»Wir brauchen ein paar Augenblicke deiner Zeit, das ist alles. Und Antworten auf ein paar Fragen.«

»Na schön. Stellt eure Fragen.«

»Ich habe gehört, du hattest vorige Nacht einen Gast hier.«

»Ja.«

»Einen Mann aus dem rath? Untersetzt, trägt vornehme Kleidung und eine Tonsur, die so geschnitten ist wie bei meinem Freund hier?«

»Was ist mit ihm?« Nemon machte keinen Versuch, die Tatsache zu leugnen.

»Wann ist er gekommen?«

»Spät. Nach Mitternacht, glaube ich. Ich mußte auf zwei Kunden verzichten, um ihm gefällig zu sein.«

»Warum?«

»Er hat mich bezahlt.«

»Aber ein Fremder ... Wäre es für dich nicht nützlicher gewesen, deine hiesigen Kunden zu bedienen als einen Fremden, der dich vielleicht nur einmal aufsucht?«

Nemon rümpfte die Nase.

»Stimmt schon. Aber Murgal begleitete ihn und sagte mir, ich hätte dadurch keinen Verlust.«

»Murgal?«

»Ja. Er brachte den Mann zu mir. Solin hieß der Mann. Jetzt fällt’s mir wieder ein.«

»Also Murgal, der Druide Laisres, brachte den Mann aus dem rath zu dir und bat dich . ihm deine Gunst zu erweisen?«

»Ja.«

»Hat dir Murgal einen Grund genannt, weshalb du das tun solltest?«

»Meinst du, die Leute geben mir Gründe an, weshalb sie etwas tun? Ich stelle keine Fragen, solange ich Geld für meine Dienste bekomme.«

»Kennst du Murgal schon lange?«

»Er ist mein Pflegevater. Er sorgt für mich.«

»Dein Pflegevater? Er sorgt für dich?« Fidelmas Ton wurde spöttisch. »Hast du je ein anderes Leben kennengelernt als das, was du jetzt führst?«

Nemon lachte verächtlich.

»Dir gefällt das nicht? Meinst du, ich sollte lieber so sein wie Ronans Frau da drüben? Schau sie dir an, sie ist jünger als ich, aber sieht aus, als könnte sie meine Mutter sein. Vor der Zeit alt geworden, weil sie dazu verdammt ist, beim ersten Tageslicht aufs Feld zu gehen und die Kühe zu melken, während ihr Mann seinen Rausch ausschläft. Sie muß pflügen und graben und säen und ernten, während er umherreitet und so tut, als wäre er ein großer Krieger. Er ist kein Lord, wie er behauptet, sondern bloß der Unterfürst dieser jämmerlichen Ansammlung von Hütten. Nein, ich will kein anderes Leben als das, was ich habe. Wenigstens schlafe ich in feinem Leinenzeug und so lange, wie ich will.«

Der Hohn in der Miene der Frau war deutlich.

»Doch wie ich sehe, bewirtschaftest du auch einen kleinen Hof«, warf Eadulf ein. »Da draußen stehen Kühe, die gemolken werden wollen. Wer macht diese Arbeit, wenn du es nicht tust?«

Nemon verzog das Gesicht zu einer bösen Grimasse.

»Ich halte sie nur, weil sie auch Geld wert sind. Ich würde sie jederzeit verkaufen, wenn der Preis stimmt. Sie machen zu viel Arbeit. Aber wie ich sagte, in dem Tal wird meistens Tauschhandel getrieben, also muß ich Kühe, Ziegen, Hühner, Eier und dergleichen anstelle von Geld annehmen.«

»Vielen Dank, daß du mit uns gesprochen hast«, sagte Fidelma und stand abrupt auf.

»Nichts zu danken. Ihr habt mich für meine Zeit bezahlt. Kommt wieder, wenn ihr mehr Unterhaltung braucht.«

Vor Nemons Hütte wechselte Eadulf einen schrägen Blick mit Fidelma.

»Meinst du, daß Murgal damit Bruder Solin günstig stimmen wollte?«

»Du meinst, daß er ihn bestochen hat? Er hat Nemon benutzt, um Solin dafür zu gewinnen, daß er heute vormittag bei der Farce in der Ratssitzung mitspielte?«

Eadulf nickte.

»Vielleicht«, stimmte ihm Fidelma zu. »Möglicherweise kann Bruder Solin der Erquickung nicht widerstehen, die eine Frau wie Nemon zu bieten hat. Vielleicht hat er Murgal gefragt, wo eine solche Frau zu finden sei. Murgal scheint selbst Neigungen dieser Art zu haben.«

»Du spielst auf den Zwischenfall mit der Apothekerin Marga an?«

Fidelma antwortete nicht, sondern schwang sich aufs Pferd.

Bairsech, Ronans Frau, stand noch immer vor ihrer Tür, die kräftigen Arme verschränkt, und beobachtete sie mit heftiger Abneigung, als sie gemeinsam langsam von dem Weiler weg über die Brücke in Richtung rath ritten.

»Ich frage mich, ob Ultan von Armagh weiß, daß sein Sekretär zu den Leuten gehört, die fleischliche Frauen besuchen?« überlegte Eadulf laut.

Fidelma blieb ernst.

»Das bezweifle ich. Ultan vertritt die neuen Ansichten aus Rom über das Zölibat von Klerikern.«

»Die werden sich nie durchsetzen«, behauptete Ea-dulf. »Es wird zwar immer ein paar Asketen geben, aber wenn alle christlichen Geistlichen ein solches Gelübde ablegen sollen, dann verlangt man Übermenschliches von ihnen.«

Fidelma sah ihn von der Seite an.

»Ich dachte, du billigst das Zölibat?«

Eadulf errötete, gab aber keine Antwort. »Na, wenigstens haben wir das Geheimnis gelüftet, wo sich Bruder Solin letzte Nacht aufgehalten hat«, sagte er eilig.

»Ja, aber nicht, warum. Wir werden sowohl auf Murgal als auch auf Bruder Solin ein Auge haben müssen«, erwiderte Fidelma.

Eadulf seufzte.

»Alles, was ich im Augenblick will, ist, mich ausstrecken und schlafen, bis das Hämmern in meinem Kopf aufhört.«

Kapitel 9

Langsam ritten sie zurück zum rath. Nur wenige Leute waren dort zu sehen. Es war Mittagszeit, und die meisten saßen bei Tisch. Eadulf klagte immer noch über Kopfschmerzen, und Fidelma hatte schließlich Mitleid mit ihm und schlug vor, er solle gleich zum Gästehaus gehen und sie werde die Pferde in den Stall bringen. Er nahm den Vorschlag ohne Zögern an. Fidelmaführte die beiden Pferde in den Stall und zu den hintersten Boxen, die als einzige leer waren. Von den beiden Stalljungen, die sich gewöhnlich um die Pferde kümmerten, war nichts zu sehen, aber sie brauchte nicht lange dazu, die Pferde abzusatteln und ihnen Futter und Wasser zu geben.

Sie stand gerade in einer Box und beugte sich nieder, um die abgelegten Satteltaschen aufzunehmen, als sie hörte, wie jemand den Stall betrat. Sie wollte sich aufrichten, da vernahm sie Bruder Solins Stimme. Er schien sich zu rechtfertigen. Nach kurzem Zögern ließ sie sich instinktiv im Schutz der Box auf die Knie sinken.

Es waren zwei Stimmen. Das zischende Keuchen Bruder Solins war unverkennbar, doch die zweite Stimme war ihr unbekannt. Sie war jung und männlich und hatte ebenfalls einen nördlichen Akzent. Fidelmaschob sich vorsichtig zum Eingang der Box und spähte kurz um die Ecke. Bruder Solin und ein junger Mann standen an der Stalltür. Sie zog sich wieder in die Deckung der Box zurück.

»Hier«, meinte Bruder Solin, »sind wir endlich unbeobachtet.«

»Es spielt keine Rolle, ob wir beobachtet werden oder nicht«, erwiderte die jüngere Stimme zornig.

»Im Gegenteil«, erklärte Bruder Solin verbindlich, »wenn jemand wüßte, daß du zum Spionieren hier bist, würden die Leute das nicht sehr freundlich aufnehmen. Sie würden vielleicht etwas dagegen tun - sagen wir, etwas Drastisches?«

»>Spionieren< ist ein hartes Wort, besonders wenn es von jemandem wie dir kommt«, höhnte der junge Mann. »Wie würdest du denn deinen eigenen Auftrag hier bezeichnen?«

»Bestreitest du mir das Recht, mich hier aufzuhalten?«

»Recht? Welches Recht? Ich bestreite jedenfalls deine Absichten.«

»Hör mal, mein junger Freund«, antwortete Bruder Solin ungerührt, »und hör mir gut zu. Ich rate dir, dich aus den Angelegenheiten von Armagh herauszuhalten. Glaubst du, du wärst unangreifbar wegen des Mannes, dem du dienst? Nun, es gibt stärkere Mächte als deinen Herrn, und sie werden sich keine Einmischung gefallen lassen.«

Der jüngere Mann holte zornig Luft.

»Komm mir nicht mit leeren Drohungen, du eingebildeter Kleriker, denn dein Kleid wird dich nicht vor dem Grimm dessen schützen, dem ich diene.«

Dann war es auf einmal still.

Vorsichtig schaute Fidelma über den Rand der Box und sah nur noch die stämmige Gestalt Bruder Solins an der Tür stehen und hinausstarren. Sein Gegner mußte wohl gegangen sein. Bruder Solin verharrte noch, anscheinend tief in Gedanken, dann zuckte er die Achseln und ging ebenfalls weg.

Fidelma verließ die Box und blieb unschlüssig stehen. Sie versuchte das, was sie gehört hatte, zu entschlüsseln, gab es aber seufzend auf. Sie nahm die Satteltaschen, schritt zur Tür und schaute hinaus, ob sie beobachtet würde. Sie sah noch, wie Bruder Solin in den Apothekerladen auf der anderen Seite des Hofes trat.

Sie eilte über den Hof zum Gästehaus.

Cruinn, die füllige Verwalterin, bereitete gerade das Mittagsmahl. Sie blickte mit einem breiten Lächeln auf, als Fidelma hereinkam.

»Dein Gefährte, der Ausländer, ist zu Bett gegan-gen«, verkündete sie vergnügt. »Aber das werden heute wohl viele Männer im rath machen. Bleibst du zum Essen?«

Fidelma bejahte und meinte, sie wolle vorher noch sehen, wie es Eadulf ginge. Sie wollte hinaufgehen, als die Dicke sich verlegen räusperte.

»Kann ich dich einen Moment sprechen, Lady, da wir gerade allein sind?«

Neugierig kam Fidelma zu ihr zurück.

»Sprich dich frei aus«, lud sie sie ein.

»Ich habe gehört, du bist eine dalaigh und mit unseren Gesetzen vertraut. Stimmt das?«

Fidelma nickte.

»Weißt du auch alles über die Ehegesetze?«

Diese Frage hatte Fidelma nicht erwartet und hob überrascht die Brauen.

»Ja, ich kenne den Text des Cain Lanamna.« Sie lächelte die nervöse Frau ermutigend an. »Hast du vor, dich zu verheiraten, Cruinn? Dann wendest du dich am besten an Murgal. Er weiß sicher über eure heidnischen Bräuche Bescheid.«

Die Verwalterin schüttelte den Kopf und wischte sich die Hände an ihrer großen safrangelben Schürze ab.

»Nein, den nicht. Ich brauche einen Rat. Ich zahle auch dafür, wenn ich auch nicht viel besitze.«

Ihr Gesicht war so besorgt, daß Fidelma sie am Arm nahm und zu einer der Bänke am Tisch führte. Sie ließ sich ihr gegenüber nieder.

»Du kannst meinen Rat umsonst bekommen, Cru-inn, wenn er für dich so wichtig ist. Wie kann ich dir helfen?«

»Ich möchte wissen ...«, Cruinn zögerte und sprach dann vorsichtig weiter. »Ich möchte wissen, ob eine Frau von niederem Stande einen Mann von fürstlichem Geblüt heiraten kann. Besteht die Gefahr, daß die Ehe nicht gültig ist?«

Im stillen amüsierte sich Fidelma. Sie wollte schon fragen, welchen Fürsten Cruinn denn heiraten wollte, unterließ es aber, denn sie wollte ihr Gegenüber nicht verspotten.

»Es hängt von der Stellung des Fürsten ab. Ist er königlicher Abstammung?«

»Nein, er ist ein aire coisring, der Fürst eines kleinen Clans«, antwortete Cruinn sofort.

»Aha. Nun, gewöhnlich sollten die formelleren Ehen zwischen Partnern von gleichem sozialem Stand geschlossen werden. Selbst von einem bo-aire erwartet man, daß er die Tochter eines Mannes von gleichem Rang heiratet. Aber Ehen zwischen Angehörigen niederen und höheren Rangs gibt es durchaus.«

Cruinn blickte rasch auf.

»Und ist eine solche Heirat gültig?«

»Ja, natürlich. Doch ich muß dich warnen: die finanzielle Last einer sozial gemischten Ehe fällt schwerer auf die Familie des Partners von niederem Rang. Wenn es die Frau ist, die von niederem Rang ist, wie du andeutest, dann muß ihre Familie zwei Drittel der Rinder zum gemeinsamen Vermögen beisteuern. Es ist ein schwerwiegender Schritt, und du solltest es dir gut überlegen, Cruinn, ehe du eine solche Bindung eingehst.«

Cruinn schüttelte den Kopf und lächelte dünn.

»O nein, es handelt sich nicht um meine Heirat, denn ich war sehr glücklich verheiratet und habe ein Kind. Mein Mann ist zwar schon tot, aber ich bin zufrieden. Nein, ich erkundige mich für eine Bekannte, die es selbst nie wagen würde, danach zu fragen.«

Fidelma verbarg ihr Lächeln. Cruinn stellte solche Fragen sicher nicht für eine Freundin. Fidelma war sich sicher, daß es sich um eine persönliche Angelegenheit handelte, konnte sich aber nicht vorstellen, wie Cruinn das Herz selbst des geringsten Lords eines Clans erobert haben sollte. Das war natürlich voreingenommen, was sie aber nicht daran hinderte, ein spöttisches Vergnügen dabei zu empfinden.

»Sag deiner Freundin, sie soll gut darüber nachdenken, denn es gibt einen alten Dreisatz, der besagt, es sei ein Unglück für die Nachkommen eines einfachen Mannes, nach einer Heirat mit den Nachkommen selbst des geringsten Lords zu trachten.«

Cruinn stand auf und knickste dankbar.

»Ich werde das beherzigen, und ich danke dir für deinen Rat, Lady. Nun bereite ich dir das Essen.«

Die Welt ist schon merkwürdig, dachte Fidelma und eilte die Treppe hinauf, um ihre Satteltaschen in ihrem Zimmer abzulegen und Eadulfs in sein Zimmer zu bringen.

Eadulf lag mit geschlossenen Augen auf dem Bett ausgestreckt.

»Wie geht es dir?« fragte sie mitfühlend und legte die Taschen auf den nahen Tisch.

Eadulf zuckte beim Klang ihrer Stimme zusammen und öffnete die Augen nicht.

»Ich glaube, es ist an der Zeit, daß du ein cepoc für mich singst, aber sing es bitte nicht so laut.«

Fidelma schmunzelte. Ein cepoc war ein Grabgesang, die Klage um jemanden, der in die Andere Welt gegangen war.

»Hast du den Aufguß probiert, den Marga dir gegeben hat?« erkundigte sie sich fürsorglich.

»Das mache ich, sobald die dicke Walküre aus der Küche verschwunden ist.«

»Meinst du Cruinn?«

»Genau die.« Eadulf seufzte. »Sie wollte mir eine klebrige Masse zum Essen aufdrängen, als ich hereinkam, noch so ein Kräutermittel. Ich schwöre, sie wollte mich umbringen. Sie erklärte, damit würde es mir besser gehen und sie müsse wissen, was gut ist, denn sie sammle oft Kräuter für die Apothekerin.«

»Im Moment bist du zu nichts zu gebrauchen, Ea-dulf«, sagte Fidelma. »Ich gehe jetzt hinunter und esse. Erhol dich, so schnell du kannst.«

Unten saß Bruder Dianach schon beim Mittagessen. Cruinn war nicht mehr da. Fidelma begrüßte den jungen Mönch und setzte sich. Von Bruder Solin oder dem Neuankömmling im rath war nichts zu sehen.

»Ist Bruder Solin krank?« fragte sie, denn ihr fiel ein, daß sie ihn zuletzt hatte in den Apothekerladen gehen sehen.

Bruder Dianach schaute überrascht auf.

»Krank? Nein. Wie kommst du darauf?«

Fidelma beschloß, das für sich zu behalten.

»So viele Leute leiden anscheinend unter den Nachwirkungen des schlechten Weins gestern abend.«

Bruder Dianach rümpfte mißbilligend die Nase.

»Ich habe Bruder Eadulf heute morgen gewarnt, daß Gleiches nicht gegen Gleiches hilft.«

»Das hast du allerdings«, erwiderte Fidelma und stocherte zerstreut in ihrem Essen. »Ich dachte, ich hätte gehört, es sei ein weiterer Gast im rath eingetroffen?«

Auch darauf ging Bruder Dianach nicht ein.

»Davon weiß ich nichts.«

»Noch ein Reisender aus Ulaidh.«

»Nein. Da irrst du dich bestimmt.«

Auf der Treppe gab es ein Geräusch. Eadulf kam blaß und matt herunter und bereitete sich wortlos einen Aufguß aus Kräutern, die er gewöhnlich in einem kleinen Beutel bei sich trug. Fidelma bemerkte, daß er die Fingerhutblätter, die Marga ihm gegeben hatte, nicht verwendete. Eadulf war in der Kräuterkunde sehr bewandert und wußte, was er tat.

Nach einer Weile kam er mit einem Becher Tee zu ihnen an den Tisch und fing an, mit geschlossenen Augen daran zu nippen.

»Similia similibus curantur?« spottete Bruder Dia-nach verächtlich.

»»Contraria contrariis curantur«, erwiderte Eadulf. »Ich sehe euch später.« Er erhob sich unsicher, nahm seinen Becher und zog sich in sein Zimmer zurück.

Die Tür ging auf, und Bruder Solin kam herein. Er wirkte erhitzt und erregt.

»Ist die Verwalterin nicht da?« fragte er. »Ich habe Hunger.«

Fidelma wollte ihm schon sagen, er könne sich selbst bedienen, als Bruder Dianach aufsprang.

»Ich bringe dir das Essen, Bruder Solin.«

Fidelma schaute den Sekretär mißbilligend an.

»Deine Nase blutet, Solin«, stellte sie sachlich fest. Sie bemerkte auch, daß sein Leinenhemd auf der Brust mehrere Rotweinflecke hatte, und ein paar Spritzer auf seiner Stirn waren angetrocknet. Irgend jemand hatte Solin vor kurzem Rotwein ins Gesicht geschüttet, dessen war sie sich sicher.

Solin schnitt eine Grimasse, zog ein Tuch hervor und hielt es sich an die Nase. Er gab kleine Erklärung, sondern sah sie tadelnd an.

»Ich hoffe, heute nachmittag machen wir größere Fortschritte bei der Verbreitung des Glaubens an diesem Ort.«

»Du warst schuld daran, daß der Vormittag vergeudet wurde«, erwiderte Fidelma kalt.

Bruder Dianach eilte mit einem gefüllten Teller für seinen Herrn herbei und nahm mit unglücklicher Miene wieder am Tisch Platz.

Solin sah Fidelma finster an.

»Vergeudet? Es ist keine Zeitvergeudung, wenn man das Wort Gottes verkündet. Da du deinen Glauben nicht vor diesen Heiden verteidigen wolltest, war es an mir, das zu tun.«

Solin hatte anscheinend immer noch nichts begriffen.

»Hast du nicht bemerkt, daß Murgal mich in die Falle einer theologischen Debatte locken wollte, um damit Zeit zu verschwenden und den Hauptzweck meines Besuchs hier zu vereiteln?« fragte sie.

»Ich sah nur, daß du, statt für deinen Glauben einzutreten, dich aus der Halle entfernt und den Heiden den Sieg überlassen hast!« fauchte Solin. »Und das werde ich Ultan von Armagh übermitteln; du wirst dich vor ihm verantworten müssen.«

»Dann bist du ebenso blind wie blöd, Solin. Diese meine Meinung kannst du Ultan auch gleich übermitteln.«

Fidelma hatte ihr Mahl beendet, erhob sich und verließ das Gästehaus. Sie wollte in Erfahrung bringen, wer der geheimnisvolle junge Mann aus Ulaidh war, durfte aber keine Aufmerksamkeit erregen.

Einer der beiden Krieger, die am Tor standen und sich unterhielten, war der blonde Rudgal, der heimliche Christ. Sie ging über den Hof zu ihm, begrüßte ihn mit Namen und nickte dem anderen freundlich zu.

»Wie ich höre, ist im rath noch ein Besucher aus dem Norden angekommen?« begann sie das Gespräch.

Rudgal warf ihr einen anerkennenden Blick zu.

»Dir entgeht aber auch nichts, Fidelma von Cas-hel«, antwortete er. »Ja, während du und der Angelsachse unten in Ronans Weiler wart, traf ein Kaufmann ein.«

»Ein Kaufmann? Womit handelt er denn?«

Rudgal schien das nicht sonderlich zu interessieren.

»Er ist Pferdehändler, glaube ich«, meinte er gleichgültig.

Rudgals Kamerad grinste spöttisch, was von Fidelmanicht unbemerkt blieb.

»Du bist anderer Meinung?« fragte sie ihn.

»Pferdehändler?« erwiderte der Mann zweifelnd. »Der sieht ganz wie ein Berufskrieger aus.«

Fidelma blickte Rudgals Kameraden interessiert an.

»Du hast ihn dir anscheinend genau angeschaut. Warum hältst du ihn für einen Berufskrieger?«

Rudgal räusperte sich kräftig. Das war offenbar ein Signal. Der andere Krieger zuckte die Achseln, murmelte etwas der Art, daß er woanders gebraucht werde, und ging weg.

Rudgal wollte sich auch entfernen, doch Fidelma hielt ihn zurück.

»Was hat dein Kamerad damit gemeint?«

»Nur, daß ein Mann vielerlei sein kann«, erwiderte er gleichmütig. »Wie du weißt, Schwester, bin ich Wagenbauer von Beruf und diene doch auch in Gleann Geis als Krieger, wenn es nötig ist. So wie Ronan zugleich Bauer und Krieger ist.«

»Ist dieser Pferdehändler weitergezogen oder wohnt er im rath

»Wir haben im Moment keinen Platz mehr im Gästehaus, deshalb hat Laisre vorgeschlagen, daß der Händler auf Ronans Hof übernachten soll.«

»Ist er jetzt dort?« »Er ist zum rath zurückgekommen und hat gerade eine Unterredung mit Laisre im Ratssaal.«

»Aha. Und wo hat er seine Pferde? Sind die auch auf Ronans Hof?«

Rudgal sah sie verständnislos an.

»Seine Pferde?«

Fidelma bewahrte Geduld.

»Wenn er Pferdehändler ist, muß er doch Pferde zum Verkauf mitführen. Ich bin an Pferden interessiert. Ich würde gern sehen, was er anzubieten hat. Von hier aus können wir Ronans Koppeln da unten überblicken. Ich sehe keine Pferdeherde zwischen den Kühen grasen.«

Einen Moment schien Rudgal verblüfft.

»Das weiß ich nicht. Vielleicht sprichst du mit ihm selbst.«

Fidelma schaute Rudgal nach, der rasch vom rath fort den Berg hinunterschritt.

Sie merkte plötzlich, daß jemand an ihr vorbeieilen wollte, drehte sich um und blickte in das zornerfüllte Gesicht Orlas, der Frau des Tanist, die einem Gebäude nahe dem Tor zustrebte.

»Du siehst bedrückt aus, Orla«, rief sie ihr zu und zwang sie damit, stehenzubleiben, »kann ich dir helfen?«

Orla starrte sie einen Moment an und schluckte schwer, doch der Zorn wich nicht aus ihrem Gesicht.

»Möge die Göttin des Todes und der Schlachten euch Christen alle verfluchen«, sagte sie giftig. »Ihr wollt fromm, keusch und demütig sein, aber ihr seid nichts anderes als Tiere!«

Fidelma war verblüfft.

»Ich weiß nicht, was du meinst. Vielleicht kannst du’s mir erklären.«

Orla schob das Kinn vor. »Ich bringe dieses fette Schwein, diesen Solin, um, wenn er mir noch mal zu nahe kommt!«

»Ich hoffe, du hast nicht guten Wein an ihn verschwendet.« Fidelma lächelte, denn ihr fiel plötzlich ein, wie Bruder Solin ausgesehen hatte.

Orla starrte sie an.

»Wein?«

»Ich nehme an, du warst es, die Bruder Solin Rotwein ins Gesicht gekippt hat?«

Orla schüttelte den Kopf.

»Ich nicht. An dieses Schwein würde ich nicht einmal schlechten Wein verschwenden.« Ohne ein weiteres Wort setzte sie ihren Weg fort. Fidelma schaute ihr nachdenklich hinterher. Dann wandte sie sich zum rath zurück und ging über den Hof.

Jemand rief ihren Namen.

Es war Marga, die Apothekerin, die auf sie zu kam.

»Hältst du mich für blöd?«

Fidelma bewahrte Fassung. Zwei wütende Frauen hintereinander!

»Wieso meinst du, daß ich das tue?« fragte sie interessiert zurück.

»Heute morgen verlangtest du ein Mittel gegen den Kater deines ausländischen Freundes von mir. Wolltest du mich auf die Probe stellen?«

»Weshalb sollte ich das?«

»Wer weiß, was du wolltest? Dein angelsächsischer Freund besitzt selbst genügend Kenntnisse, um sich zu kurieren. Ich habe erfahren, daß er in Tuam Bre-cain studiert hat und so in der Medizin bewandert ist, daß er mich nicht um Rat zu fragen braucht.«

Fidelma schwieg einen Moment.

»Von wem hast du erfahren, daß er in Tuam Bre-cain studiert hat?« erkundigte sie sich nach kurzer Überlegung.

Marga war empört.

»Auf jede meiner Fragen antwortest du mit einer Gegenfrage! Bilde dir doch nicht ein, du könntest etwas geheimhalten an einem so kleinen Ort wie dem rath von Laisre.«

»Entschuldige.« Fidelma lächelte sanft. »Das ist eine Angewohnheit. Ich bin schon zu lange dalaigh, um sie noch abzulegen. Ach, ich glaube, ich weiß es. Heute morgen hat dich Bruder Solin aufgesucht.«

Offensichtlich hatte Bruder Dianach es Solin erzählt und Solin es weitergegeben, als er vormittags in Margas Apotheke ging.

Marga warf ihr einen Blick voller tiefer Abneigung zu, drehte sich auf dem Absatz um und schritt davon.

Fidelma sah ihr kurz nach und setzte dann ihren Weg fort zum Hauptgebäude des rath, in dem sich der Ratssaal befand.

An der Tür traf sie auf Murgals düstere Gestalt.

»Du hast dich also entschlossen, zurückzukehren?«

Offensichtlich war er nicht erfreut darüber.

»Wie du siehst, Murgal. Warum machst du deinem Fürsten seine Aufgabe so schwer?«

Murgal lächelte dünn.

»Du weißt doch schon, daß ich nicht einverstanden bin mit dem, was mein Fürst tut. Warum sollte ich ihm da den Weg ebnen?«

»Man hatte mir zu verstehen gegeben, daß bereits eine Entscheidung gefallen war. Wenn das so ist, solltest du dich an diese Entscheidung halten.«

»Eine willkürlich gefällte Entscheidung ist nicht für alle bindend.«

»Willst du damit sagen, daß Laisre die Entscheidung, Imleach und Cashel einzuladen, getroffen hat, ohne sie mit seinem Rat zu besprechen?«

Murgal zögerte, öffnete schon den Mund und überlegte es sich dann anders.

Fidelma wartete ab, doch da Murgal weiter schwieg, setzte sie hinzu: »Wir stimmen nicht in der Religion überein, Murgal, aber an eines glauben wir beide, und das ist die Herrschaft des Gesetzes. Das Wort deines Fürsten, wenn er es einmal gegeben hat, ist unantastbar. Du bist ein Brehon, Murgal. Du hast einen Eid geschworen, einen heiligen Eid, den Eid, das Gesetz aufrechtzuerhalten.«

Murgal schüttelte verächtlich den Kopf.

»Doch nach deinem Glauben ist mein Eid nicht gültig, weil er nicht bei deinem Gott geschworen wurde.«

»Du sprichst nicht mit einem fremden Kleriker, Murgal. Ob Christin oder nicht, ich stamme in gerader Linie von Eber dem Schönen ab. Du hast deinen Eid geschworen, ob auch das Meer steige und dich verschlinge oder der Himmel einfalle und dich erschlage. Du hast geschworen, am Gesetz festzuhalten. Das wirst du auch tun.«

»Du bist eine seltsame Frau, Fidelma von Cashel.«

»Ich bin ein Kind meines Volkes, genau wie du.«

»Ich bin ein Feind deines Glaubens.«

»Aber du bist kein Feind unseres Volkes. Wenn Laisre sein Wort entsprechend dem Gesetz gegeben hat, dann weißt du, daß du geschworen hast, es zu halten.«

Die Türen des Ratssaals öffneten sich, und Laisre trat heraus. Ihm folgte der junge Mann, den Fidelma am Tor des Pferdestalls gesehen hatte. Sie musterte den Neuankömmling eingehend.

Er war ungefähr dreißig, nicht groß, aber muskulös, das sah man trotz seiner lockeren Kleidung. Es war nicht die Kleidung eines Kriegers und schon gar nicht die reiche Tracht eines Adligen. Ihre scharfen Augen erkannten auch, was dem Krieger am Tor des rath offenbar aufgefallen war: die eigentümliche Haltung des jungen Mannes. Er trug ein Schwert an der Hüfte und einen Dolch im Gürtel, und beide Waffen sahen nicht wie Schmuckstücke aus. Die tiefbraunen Augen des Mannes waren unruhig, sie beobachteten und prüften wie die Fidelmas. Sein braunes Haar war gut geschnitten, sein Schnurrbart gestutzt. Die Kleidung schien überhaupt nicht zu ihm zu passen, sie wirkte wie aus Versehen angelegt.

Laisre hatte offensichtlich nicht erwartet, Fidelma und Murgal beisammen zu sehen.

Er blieb stehen, sein Blick wanderte fragend zwischen ihnen hin und her, und als er dann merkte, daß sie sich nicht gerade stritten, kam er mit einem gezwungenen Lächeln näher.

»Wir haben noch einen Fremden hier, der durch unser Land reist. Fidelma von Cashel, Murgal, darf ich euch Ibor von Muirthemne vorstellen?«

Der junge Mann trat einen Schritt vor und machte eine kurze, ruckartige Verbeugung.

»Lady, dein Ruf eilt dir voraus. Dein Name wird selbst in Tara mit Achtung und Zuneigung genannt.«

»Du bist sehr freundlich, Ibor«, erwiderte Fidelma. »Und du bist auch viele Meilen entfernt von deinem Heim in Muirthemne.«

»Es ist das Los des Kaufmanns, daß er nur selten seine Glieder am eigenen Herd ausstrecken kann, Lady.«

»Ich habe gehört, du bist Pferdehändler.«

Der junge Mann nickte. Er hatte ein warmes, offenes Gesicht, fand Fidelma, fast jungenhaft.

»Das hat man dir richtig berichtet, Lady.«

»Dann würde ich mir gern deine Pferde ansehen, denn Pferde interessieren mich sehr. Wo grast denn deine Herde?«

»Ich habe keine Herde«, antwortete der junge Mann ohne Verlegenheit.

Murgal nahm nun das Wort und formulierte die Frage, die Fidelma hatte stellen wollen.

»Ein Pferdehändler ohne Pferde? Das verlangt nach einer Erklärung.«

Uneingeschüchtert lachte der junge Mann.

»Ach, ein Pferd habe ich aber bei mir. Ein Pferd habe ich zum Verkauf mitgebracht.«

»Nur eins?« fragte Murgal etwas überrascht. »Es ist ein weiter Weg von Muirthemne hierher, nur um ein einziges Pferd zu verkaufen.«

»Das stimmt«, meinte Ibor. »Aber was für ein Pferd und was für ein Preis, den ich dafür erzielen will! Ich erwartete, es für dreißig seds zu verkaufen.«

»Dreißig seds?« rief Murgal aus. »Eine große Summe für ein Pferd.«

»Du sagtest - du erwartetest?« fragte Fidelma rasch.

»Ich hatte gehört, daß Eoganan, der Fürst der Ui Fidgente, ein Vollblutpferd suchte und für ein hochwertiges Tier einen Preis zu zahlen bereit sei, der meine Reise lohnenswert machen würde. Ich hatte ein solches Pferd gefunden, es war bei den Briten gezüchtet worden, und das brachte ich nach Eireann. Ich dachte, ich würde das Geld von Eoganan bekommen und das allein würde mich für die weite Reise entschädigen.«

Fidelma sah ihn mißtrauisch an.

»Aber Eoganan fiel schon vor sechs Monaten beim Berg Äine.«

Ibor von Muirthemne hob die Hände.

»Das erfuhr ich erst, als ich im Land der Ui Fidgen-te ankam. Dort traf ich den neuen Fürsten, Donen-nach, der sich bemüht, seinem besiegten Volk wieder zu Wohlstand zu verhelfen ...«

»Besiegt von Fidelmas Bruder, Colgü von Cashel«, warf Murgal boshaft ein.

»Nachdem die Ui Fidgente unter Eoganan versucht hatten, Cashel zu erobern«, erwiderte Fidelma verärgert. Es war nicht das erste Mal, daß Murgal sich bemühte, die Niederlage der Ui Fidgente gegen Cashel so darzustellen, als sei Cashel schuld daran.

»Ja, aber davon wußte ich nichts«, erklärte Ibor von Muirthemne.

»Neuigkeiten brauchen doch sicher nicht so lange, um nach Muirthemne zu gelangen?« forschte Fidelma.

»Ich war im Königreich Gwynedd bei den Briten, als sich das alles ereignete«, wandte Ibor ein. »Ich war mit dem Einkauf von Pferden beschäftigt. Ungefähr vor einem Monat kehrte ich nach Ulaidh zurück, und da war die Neuigkeit so alt, daß sich niemand die Mühe machte, sie mir zu erzählen. Ich nahm das Pferd, das ich ausgesucht hatte, und machte mich auf den Weg ins Land der Ui Fidgente ...«

»War es nicht schwierig, ein Vollblutpferd aus Ulaidh herauszubringen, da doch das Gesetz des All-muir Set vorschreibt, es nur innerhalb der Grenzen von Ulaidh zu verkaufen?« fragte Fidelma harmlos.

Der junge Mann zögerte und zuckte dann die Achseln.

»Ich hatte eine besondere Genehmigung vom König von Ulaidh«, erläuterte er eilig. »Ich erfuhr von der Niederlage der Ui Fidgente erst, als ich in ihr Land kam, wo ich gehofft hatte, Eoganan anzutreffen.«

»Was führte dich dann hierher? Die Ui Fidgente leben ja jenseits der Berge im Norden«, fragte Fidelma.

»Ich sagte doch schon«, erklärte der junge Mann etwas ungehalten, »dort herrschten Verwüstung und Zerstörung. Keiner wollte ein Vollblutpferd erwerben, nachdem ihre Rinderherden zur Strafe fortgetrieben worden waren. Ich wollte das Pferd nicht wieder zurück nach dem Norden mitnehmen, deshalb kam ich hierher. Einer der Ui Fidgente erzählte mir, Laisre von Gleann Geis sei ein Pferdekenner.«

Fidelma wandte sich neugierig an Laisre.

»Hast du dir schon ein Urteil über das Pferd gebildet?«

»Ich habe es noch nicht gesehen. Ibor ist gerade erst angekommen, und das Pferd steht unten auf Ronans Hof. Ich werde es mir in den nächsten Tagen anschauen, wenn sich unser Gast von der Reise erholt hat.«

»Ja«, stimmte ihm Ibor zu. »Ich habe Bairsech, Ronans Frau, versprochen, daß ich zurückkomme, um zu baden und mich zu erfrischen, und ich bin schon spät dran. Also entschuldigt mich, ich muß gehen.«

»Ich begleite dich bis Ronans Hof«, verkündete Murgal. »Ich muß auch in die Richtung. Meine . Meine Pflegetochter wohnt in Ronans Weiler.«

»Das ist nett von dir, Murgal.« Doch ganz offensichtlich war der junge Mann nicht erfreut über Mur-gals Gesellschaft. Er wandte sich höflich an Fidelma. »Es ehrt mich, dich kennengelernt zu haben, Fidelma von Cashel.«

»Ich bin immer daran interessiert, einem Pferdehändler zu begegnen, besonders einem, der so weit reist, um in diesen kleinen Winkel des Königreichs von Cashel zu kommen.«

Gemeinsam verließen Ibor und Murgal den rath.

»Ein ansehnlicher junger Mann«, bemerkte Laisre, während er und Fidelma ihnen nachschauten.

Fidelma blieb skeptisch.

»Ein törichter junger Mann.« Als Laisre sie fragend ansah, fuhr sie fort: »Nur ein Tor reitet in diesen unruhigen Zeiten allein mit einem wertvollen Pferd durchs Land der Ui Fidgente.«

»Vielleicht ist das Land der Ui Fidgente nicht so gefährlich, wie du denkst«, meinte Laisre. »Bruder Solin und sein junger Gefährte waren vor ein paar Tagen auch dort.«

Fidelma machte kein Hehl aus ihrer Überraschung.

»Bruder Solin kam durchs Land der Ui Fidgente hier her? Ist das nicht eine eigenartige Wahl des Reisewegs?«

»Es ist der nächste Weg von den nördlichen Königreichen her«, entgegnete Laisre.

»Das ist er wohl«, gestand Fidelma widerwillig, »aber ich würde es nicht wagen, ihn einzuschlagen.«

»Mein Rat und ich kommen heute nachmittag zusammen, um unsere Meinungsverschiedenheiten auszuräumen, und wir werden wahrscheinlich morgen vormittag unsere Verhandlungen wieder aufnehmen können. Ich entschuldige mich noch einmal für heute vormittag. Murgal ist ein ehrlicher Mann, aber er ist noch nicht davon überzeugt, daß die Duldung des neuen Glaubens zu etwas anderem führen wird als zum Verschwinden unseres Volkes. Er fürchtet die Veränderungen, die sich daraus ergeben.«

»Seine Haltung ist verständlich«, gab Fidelma zu. »Doch Heraklit sagte schon, daß in diesem Leben nichts beständig ist außer dem Wechsel.«

Laisre lächelte schwach.

»Ein weiser Spruch, aber es wird schwer werden, Murgal umzustimmen.« Er hielt inne und fügte dann hinzu: »Heute abend werden wir ein weiteres Fest feiern.«

Fidelma zuckte leicht zusammen.

»Vielleicht kannst du Bruder Eadulf und mich dabei entschuldigen?«

Der Fürst runzelte leicht die Stirn. Die Weigerung, an einem Fest teilzunehmen, grenzte schon an Beleidigung. Fidelma kannte die Gesetze der Gastfreundschaft. Sie fuhr eilig fort: »Ich stehe unter einem geis, der Verpflichtung, an jedem Tag nach dem Vollmond den Abend mit einfachem Essen und Meditieren über meinen Glauben zu verbringen.«

Laisres Augen weiteten sich leicht.

»Ein geis, sagst du?«

Fidelma nickte ernst. Ein geis war eine alte Verpflichtung, ein Tabu oder Gelöbnis, das jemandem auferlegt wurde und ihn zwang, die Vorschrift zu erfüllen. Der Begriff des geis lebte in den Brehon-Gesetzen fort. Der legendäre Kriegsheld von Ulaidh, Cüchulainn, hatte ein geis erhalten, niemals das Fleisch eines Hundes zu essen. Von seinen Feinden in eine Falle gelockt, mußte er schließlich doch Hundefleisch essen, und dieser Verstoß führte unweigerlich zu seinem Tode. Ein solches Verbot nicht zu beachten oder es zu übertreten bedeutete für den, der unter dem geis stand, aus der Gesellschaft und ihrer Ordnung ausgestoßen zu werden.

Fidelma hatte die Lüge nach einem ganz kurzen Kampf mit ihrem Gewissen ausgesprochen. Hatte nicht Brehon Morann gesagt: »Wer nie lügt, hat kein Schloß an der Tür seines Hauses. Unwahrheit ist zulässig als ein Mittel, sich vor einem größeren Übel zu schützen.« Sie wußte, daß Laisre es verstehen und eine solche Verpflichtung nicht in Zweifel ziehen würde.

»Nun gut, Fidelma. Ich will dich nicht weiter drängen.«

»Da wäre allerdings noch eins ...« Fidelma hielt ihn zurück.

»Du brauchst nur zu fragen.«

»Gibt es im rath eine Bibliothek?«

»Natürlich.« Einen Moment schien Laisre entrüstet. »Es sind nicht nur die Christen, die Bibliotheken besitzen.«

»Das wollte ich damit auch nicht unterstellen«, besänftigte ihn Fidelma. »Wo finde ich diese Bibliothek?«

»Ich zeige sie dir. Sie wird von Murgal als meinem Druiden und Brehon geführt.«

»Hätte er etwas dagegen, daß ich sie mir ansehe?«

»Ich bin sein Fürst«, erwiderte Laisre.

Er ging voran über den Hof zu dem Gebäude, in dem sich der Apothekerladen befand. Vom Haupteingang neben dem Laden führte eine Holztreppe zu den anderen Stockwerken. Laisre stieg sie empor bis zum dritten und letzten Stock und schritt einen Korridor entlang in den viereckigen, gedrungenen Turm, der den rath beherrschte.

»Das ist Murgals Wohnung.« Laisre zeigte auf einen angrenzenden Raum. »Und dies hier ist die Bibliothek.«

Fidelma betrat das kleine Zimmer, dessen Wände Reihen von Holzpflöcken zierten, an denen die Buchtaschen hingen. Jede Tasche enthielt einen ledergebundenen Band.

»Suchst du etwas Bestimmtes?« erkundigte sich Laisre, als Fidelma die Reihen entlangging und die Buchtitel einzeln musterte.

»Ich suche Gesetzbücher.«

Laisre wies auf mehrere Werke in einer Ecke. Er blieb zögernd stehen, als sie sie prüfend betrachtete. Fidelma achtete nicht weiter auf ihn, und schließlich räusperte er sich.

»Wenn du mich nicht weiter brauchst ...?« sagte er.

Fidelma schaute auf, als habe sie seine Anwesenheit vergessen, und lächelte entschuldigend.

»Es tut mir leid. Es dauert nicht lange, mir die Stelle anzusehen, die ich benötige. Aber du brauchst nicht auf mich zu warten. Ich finde selbst den Weg zurück.«

Laisre zögerte, dann nickte er.

»Wenn sich unsere Wege nicht früher kreuzen, sehe ich dich morgen vor dem Mittag im Rat.«

Er ging, und Fidelma wandte sich wieder den Buchtaschen zu. Sie suchte einen bestimmten Gesetzestext und fragte sich, ob der Brehon ihn wohl in seiner Sammlung von ungefähr zwanzig Texten besaß.

Schließlich fand sie das Gesuchte. Es war eine Abhandlung mit dem Titel Allmuir Set und betraf den Verkauf ausländischer Waren. Sie verbrachte eine halbe Stunde damit, den Text zu lesen, dann verstaute sie ihn wieder in seiner Tasche und hängte sie an den Pflock.

Mit nachdenklicher Miene verließ sie den Raum, stieg die Treppe hinab zum Hof und ging zuversichtlich zum Gästehaus.

Kapitel 10

Fidelma überquerte gerade den Hof, als Hufschlag am Tor des rath sie sich umwenden ließ. Er kündigte eine Reiterschar an, und Fidelma erkannte sofort Colla und Artgal an ihrer Spitze. Sie hielten und stiegen ab. Fidelma ging hinüber zu Colla, der seinen Sattelgurt lockerte.

»Also, Colla, was gibt es Neues?« fragte sie ohne Vorrede.

Der Tanist von Gleann Geis schaute mit säuerlicher Miene auf. Er war anscheinend wenig erfreut, sie zu sehen.

»Eine vergebliche Jagd«, verkündete er. »Ich hatte auch kaum etwas anderes erwartet.«

»Was hast du gefunden?« drängte sie.

»Sehr wenig«, meinte er wegwerfend. »Die Raben hatten sich satt gefressen. Kaum noch was zu sehen. Meine Männer und ich folgten einigen Spuren, aber die verloren sich bald auf dem steinigen Boden. Ich konnte lediglich feststellen, daß sie nach Norden führten.«

»Und?« forschte Fidelma. »Seid ihr ihnen nachgeritten?«

»Der Boden war steinig, wie ich schon sagte. Die Spuren waren bald verschwunden. Wir sahen uns so lange um, wie wir konnten, aber dann blieb uns weiter nichts übrig, als zurückzukehren.«

Unzufrieden kniff Fidelma die Augen zusammen.

»Soll ich das so nach Cashel berichten? Daß dreiunddreißig junge Männer hier in einem Ritualmord umgebracht wurden und nichts darüber festgestellt werden konnte?«

Colla richtete sich auf und blickte sie trotzig an.

»Ich kann keine Begründung aus dem Nichts hervorzaubern, Fidelma von Cashel. Selbst du hättest eine nicht vorhandene Spur nicht weiter verfolgen können.«

»Aber du sagst, die Spuren führten nach Norden? Wie weit seid ihr ihnen gefolgt?«

»Bis zu dem Ort, an dem sie nicht mehr sichtbar waren.«

»Welches Land liegt nördlich davon?« wollte Fidelma wissen.

»Die Corco Dhuibhne wohnen direkt nördlich von diesen Tälern.«

Fidelma preßte die Lippen zusammen.

»Sie sind ein ganz angenehmer Clan, und Fathan, ihren Fürsten, kenne ich. Diese Untat trägt nicht ihre Handschrift. Welche Länder liegen jenseits davon?«

»Nun, im Nordosten das Land deines Vetters, Congal von den Eoghanacht von Loch Lein, des Königs von Iarmuman. Findest du seine Handschrift darin?«

Fidelma mußte zugeben, daß sie das nicht tat.

»Aber dahinter liegt das Land der Ui Fidgente«, meinte sie nachdenklich.

Collas Augen verengten sich.

»Suchst du einen Sündenbock?« fragte er. »Die Ui Fidgente liegen zur Zeit am Boden. Dein Bruder hat sie bei Cnoc Äine besiegt. Sie sind schwach und zu keiner feindseligen Handlung fähig. Willst du sie bis zu ihrer Vernichtung verfolgen?«

»Nur, wenn sie für diese Übeltat verantwortlich sind«, erklärte Fidelma.

»Na, noch eins - sie sind ein christliches Volk, also sind sie doch wohl über jeden Verdacht erhaben?« höhnte Colla.

Artgal kam herbei, nahm das Pferd des Tanist und führte es in den Stall. Er entließ die anderen Krieger zu ihren Wohnungen.

Fidelma schaute Colla einen Moment an und sagte dann, wobei sie jedes Wort abwog: »Im Augenblick und ohne Beweise, Colla, können wir nicht sagen, wer den Mord an den jungen Männern begangen hat, außer daß die Art, in der die Leichen angeordnet wurden - unabsichtlich oder absichtlich - jeden, der sie fand, auf heidnische Symbolik hinweisen sollte.«

Sie dankte ihm kühl für seine Bemühungen und ging weiter ins Gästehaus.

Dort traf sie nur Eadulf an. Er saß am Tisch und bediente sich reichlich aus einem Krug mit kaltem Wasser.

»Geht es dir schon besser?« fragte sie aufmunternd.

Er zwang sich zu einem Lächeln. Sein Gesicht war noch blaß.

»Ein bißchen, aber nicht viel.«

»Hast du Lust, eine Einladung Laisres zu einem weiteren Fest anzunehmen?« fragte sie mit ernster Miene.

Eadulf stöhnte laut und stützte den Kopf in die Hände.

Fidelma lächelte schelmisch.

»Das dachte ich mir. Hab keine Angst, ich habe schon für uns beide abgelehnt.«

»Deo gloria!« intonierte er fromm.

»Wir brauchen einen ruhigen Abend, meine ich. Morgen sollten wir unsere Verhandlungen hier abschließen können, und dann brechen wir auf, suchen die Ebene ab und sehen zu, was wir über die hingeschlachteten jungen Männer herausfinden können.«

Eadulf war nicht begeistert.

»Ich dachte, wir warten auf Colla?« wandte er ein.

»Der ist schon zurück«, erklärte Fidelma kurz. »Er hat nicht mehr festgestellt, als wir schon wußten.«

Eadulf hob den Kopf und brachte es trotz seines Zustands fertig, interessiert auszusehen.

»Hat er die Spuren verfolgt?«

»Er sagt, sie hätten sich in den Bergen weiter nördlich verloren.«

»Aber du glaubst ihm das nicht?«

Fidelma setzte sich und goß sich einen Becher kaltes Wasser ein.

»Ich weiß es nicht. Er könnte die Wahrheit sagen. Das Tal hat steinigen Boden. Doch warum kommt er mit dieser Nachricht so bald zurück? Gäbe es ein Komplott, uns noch eine Weile zu beschäftigen, hätte er leicht ein paar weitere Tage mit einer vorgetäuschten Suche verbringen können, bevor er zurückkehrte.«

»Das ist wohl so«, gab Eadulf zu.

Bruder Dianach kam herein. Er wünschte ihnen höflich einen guten Abend.

»Geht ihr heute abend zum Fest?« fragte er unschuldig und blickte dabei den leidenden Eadulf direkt an.

»Nein«, erwiderte Fidelma kurz.

»Wenn ihr mich entschuldigt, dann nehme ich gleich ein Bad vor dem Fest.«

Sie antworteten nicht, und er zögerte nur kurz, bevor er in den Baderaum ging.

»Ein weiterer Gast ist im rath angekommen«, sagte Fidelma zu Eadulf, nachdem sie es im Nebenraum plätschern hörten.

»Ja? Wer denn?« Eadulf wunderte sich über ihren geheimnisvollen Ton.

»Ein junger Mann aus Ulaidh.« »Noch ein Besucher aus Ulaidh?« Eadulf war überrascht.

»Genauso habe ich auch reagiert. Er nennt sich Ibor von Muirthemne und sagt, er sei ein cennaige, ein Pferdehändler.«

»Das klingt so, als ob du ihm nicht glaubst?«

Fidelma nickte.

»Er kennt das Gesetz über den Handel mit Pferden aus Übersee nicht.«

»Müßte er das?«

»Jeder bewanderte Händler kennt die grundlegenden Gesetze.«

»Also ist er kein Pferdehändler. Wer ist er dann, und wozu ist er hier?«

»Ich wünschte, ich wüßte das. Seine Haltung ist die eines waffengewohnten Mannes. Und denke daran, bei den Leichen der jungen Männer haben wir den Halsreif eines Kriegers gefunden, und der war im Norden hergestellt worden. Ich vermute ...«

Die Tür ging geräuschvoll auf, und Cruinns korpulente Gestalt erschien.

»Ich höre, heute abend gibt es wieder ein Fest«, sagte sie zur Begrüßung. »Ich wollte sehen, ob ihr vorher noch etwas von mir braucht.«

»Bruder Eadulf und ich gehen nicht zu dem Fest«, erklärte ihr Fidelma.

Cruinns Augen verrieten ihre Überraschung. »Ihr geht nicht?« wiederholte sie, als wäre das etwas ganz Unerhörtes. »Aber es ist Laisre, der das Fest gibt.«

»Wir wollen deine Dienste nicht zu sehr in Anspruch nehmen«, versicherte ihr Fidelma, ohne auf ihr Mißfallen einzugehen. »Wenn du uns ein Essen mit kaltem Fleisch und Brot auf den Tisch bringen kannst, genügt das.«

Cruinn schaute in Eadulfs abgezehrtes Gesicht.

»Ich könnte auch eine heiße Brühe kochen, aus Lauch und Hafermehl, mit Kräutern daran.«

Eadulf leckte sich erwartungsvoll die Lippen.

»Das wäre genau das richtige, um einen rebellischen Magen zu beruhigen«, meinte er.

Die rundliche Frau eilte davon in die Küche, um das Essen zuzubereiten, während Fidelma und Eadulf am Tisch sitzen blieben.

»Ich nehme an, die anderen - Solin und der junge Mann - gehen zum Fest?« rief Cruinn über die Schulter zurück.

»Bruder Dianach ist im Baderaum. Er sagte aber, daß er geht«, erklärte ihr Fidelma. »Bruder Solin haben wir heute nachmittag noch nicht gesehen. Ich bin sicher, er wird auch hingehen.«

Fidelma erhob sich, stellte sich neben Cruinn und sah zu, wie sie mit geschickten Händen das Mahl bereitete.

»Hast du immer in Gleann Geis gelebt, Cruinn?« fragte sie plötzlich und setzte hinzu: »Ich habe gehört, es gibt viele Zugezogene im Tal.«

»Ich habe immer hier gelebt«, bestätigte die Frau. »Die du meinst, das sind die christlichen Frauen und ein paar Männer aus der Umgebung, die bei den ursprünglichen Siedlern im Tal eingeheiratet haben.«

»Magst du die Christen?«

Die füllige Frau lachte.

»Du könntest genausogut fragen, ob ich die Berge mag. Sie sind eben da. Was soll man weiter machen, als mit ihnen leben?«

»Du bist klug.« Fidelma lächelte. »Sehen alle Leute im Tal das so philosophisch wie du?«

Das verstand die Dicke nicht.

Fidelma versuchte, ihr die Frage einfacher zu stellen.

»Sind alle anderen im Tal derselben Meinung wie du? Oder fühlen sie sich den Christen gegenüber unsicher?«

»Wir sind sehr sicher hier in diesem Tal, denn es gibt nur zwei Wege hinein und zwei Wege hinaus«, erwiderte Cruinn, die die Frage mißverstanden hatte.

Fidelma wollte ihr schon erklären, daß sie nicht körperliche Furcht gemeint hatte, als ihr aufging, was Cruinn gesagt hatte.

»Zwei Wege? Ich dachte, es gäbe nur den einen Weg durch die Schlucht?«

»O nein, es gibt noch den Pfad am Fluß.«

»Doch mir wurde gesagt, der Fluß sei durch die Stromschnellen unpassierbar.«

»Das stimmt, aber es gibt einen kleinen Fußpfad neben dem Fluß. Er ist schwierig und stellenweise versteckt, weil er durch Höhlen verläuft, aber wer gut zu Fuß ist, kann es schaffen. Er führt in das Tal dahinter. Als Kinder haben ihn die meisten von uns ausprobiert. Aber niemand könnte .«

Die Frau hielt inne und kniff die Augen zusammen.

Sie hatte wohl plötzlich gemerkt, daß sie zu offen sprach. Ihre Verlegenheit wurde dadurch verdeckt, daß Bruder Dianach aus dem Baderaum kam und bestätigte, daß er auf das Fest gehen werde. Nach Bruder Solins Absichten gefragt, erwiderte er, daß er den Geistlichen eine Weile nicht gesehen hätte, aber davon ausginge, daß er auch teilnehmen werde.

Fidelma verkündete, sie werde vor ihrem abendlichen Bad noch einen kleinen Spaziergang machen. Sie versprach, bald zurück zu sein, und verließ das Gästehaus, während Cruinn das Abendessen vorbereitete.

Etwas widerstrebend entschloß sich Eadulf, nun ein Bad zu nehmen. Vielleicht würde ihn das ein wenig munterer machen.

Fidelma hatte inzwischen den rath verlassen. Sie wußte genau, wohin sie wollte. Sie brauchte fünfzehn Minuten bis hinunter zu Ronans Weiler. Vorher hatte sie sich beim Posten am Tor vergewissert, daß sowohl Ibor von Muirthemne als auch Murgal zum abendlichen Fest in den rath zurückgekehrt waren. Auf der Wiese neben Ronans Hof grasten zwei Pferde. Sie kletterte über die niedrige Steinmauer und gelangte auf die Wiese. Fidelma kannte sich mit Pferden aus. Sie hatte beinahe eher reiten als laufen gelernt. In dem berühmten Cuirrech, wo man seit unvordenklichen Zeiten jährlich große Pferderennen abhielt, wurde ihr Name immer noch mit Hochachtung genannt. Vor ein paar Jahren hatte sie dort den Mord an dem preisgekrönten Rennpferd des Königs von Laigin und seinem Jockey aufgeklärt.

Auf der Wiese befanden sich ein schwarzer Hengst und eine weiße Stute. Die Stute war scheu, doch der Hengst blieb brav stehen, als Fidelma ihm über Bug und Fesseln strich. Sie streichelte ihm sanft das Maul, bis er ihr erlaubte, es zu öffnen und seine Zähne zu besehen. Mit der Stute war es schwieriger, aber nach einer Weile schaffte es Fidelma, sie so weit zu beruhigen, daß sie sie sich ebenfalls genauer anschauen konnte.

»Was machst du da?« rief eine barsche Stimme.

Bairsech, Ronans Frau, stand in der Tür des Bauernhauses und betrachtete sie mit säuerlicher Miene.

»Ich sehe mir die Pferde an, Bairsech«, erwiderte Fidelma ungerührt. »Sind das die Pferde, die Ibor von Muirthemne gehören?«

Die Frau erkannte Fidelma, und ihre Miene verfinsterte sich noch mehr.

»Ja, das sind seine«, antwortete sie unwillig.

Fidelma spitzte die Lippen und betrachtete die Pferde.

»Hat er keine anderen bei sich?«

»Warum fragst du? Wenn du sie kaufen willst, er ist jetzt nicht hier, sondern oben im rath.«

»Tu mir den Gefallen«, antwortete Fidelma geduldig. »Hat er noch andere Pferde mitgebracht?«

»Nein, bloß diese beiden.« Bairsech war nach wie vor mißtrauisch. »Was geht dich das an?«

»Nichts«, erwiderte Fidelma. »Gar nichts. Ich sehe ihn sicher später im rath.«

Sie verließ die Wiese und machte sich an den Aufstieg zu Laisres Burg.

Als sie sie erreichte, hatte Eadulf inzwischen sein Bad genommen. Cruinn stellte gerade das Abendessen auf den Tisch. Von Bruder Dianach war nichts zu sehen. Eadulf berichtete ihr, Dianach sei zum Fest gegangen und Bruder Solin noch nicht ins Gästehaus zurückgekehrt. Fidelma überlegte einen Moment, ob sie erst ihr abendliches Bad nehmen sollte, entschied sich aber dafür, die Suppe nicht kalt werden zu lassen und später zu baden.

Cruinn fragte, ob sie noch etwas brauchten. Als sie das verneinten, wünschte sie ihnen einen guten Abend und ging.

Fidelma aß schweigend, Eadulf langte nur mäßig zu und trank nur Wasser, während Fidelma an einem Becher Met nippte.

»Worüber grübelst du nach, Fidelma?« brach Ea-dulf schließlich das Schweigen. »Ich weiß, daß deine Gedanken arbeiten, wenn du diesen abwesenden Blick hast.«

Sie holte ihren Blick aus der Ferne zurück.

»Ich denke an weiter nichts als daran, morgen vormittag die Angelegenheit mit Laisre abzuschließen, vorausgesetzt, Murgal und Solin sorgen nicht für weitere Verzögerung. Danach, wie ich schon sagte, müssen wir uns dem Geheimnis der hingemordeten jungen Männer zuwenden.«

»Meinst du wirklich, du kannst noch Hinweise finden, die Colla entgangen sind?«

»Ich meine gar nichts, bevor ich nicht die Beweislage geprüft habe. Dort jenseits der Schlucht lauert ein unheildrohendes, bedrückendes Geheimnis - eines, das mir ins Gesicht starrt und das ich trotzdem nicht lösen kann. Allerdings habe ich gerade etwas herausgefunden, was den seltsamen jungen Mann betrifft, der behauptet, er wäre Pferdehändler.«

Eadulf blickte interessiert auf.

»Außer der Tatsache, daß er das Handelsgesetz nicht kennt?« fragte er gespannt.

»Er hat nicht nur keine Ahnung vom Handelsgesetz, sondern das Vollblutpferd aus Britannien, das er angeblich hergebracht hat, um es zu einem hohen Preis zu verkaufen, das ist überhaupt kein Vollblutpferd.«

»Hast du es gesehen?«

»Ich bin zu Ronans Hof gegangen, wo Ibor untergekommen ist. Ich habe mir die beiden Pferde angesehen, die er mitführt, eine Stute und einen Hengst. Es sind beides keine jungen Pferde, sondern tüchtige Arbeitspferde. Sie sind ausgebildet, und zwar gut ausgebildet, als Kriegspferde. Beide tragen Narben und haben anscheinend schon in Schlachten Dienst getan.«

»Meinst du, daß er ein Betrüger ist?«

»Ich sage nur, daß keins der beiden Pferde das ist, für was er es ausgibt. Er sagt, er hätte ein Vollblutpferd aus Gwynedd, einem Königreich der Briten, mitgebracht. Solche Pferde sind kurzbeinig, haben einen breiten Bug, ein dickes, drahtiges Fell und ein dichtes Unterfell zum Schutz gegen die strengen Winter. Aber die Pferde, die er hier hat, sind überhaupt nicht reinrassig. Sie haben lange Beine und gehören zu der Art, wie sie aus Gallien eingeführt werden als Rennpferde oder für den Krieg. Seine Pferde sind zu alt, als daß sie einen Wert besäßen, der es rechtfertigen würde, daß er mit ihnen die weite Reise von Ulaidh in diesen entlegenen Winkel unseres Königreichs unternimmt. Mit anderen Worten: Ibor von Muirthemne ist ein Lügner!«

Sie beendeten die Mahlzeit in nachdenklichem Schweigen. Gedämpft klangen die Geräusche des Festes aus Laisres Halle herüber. Fidelma schlug vor, falls Eadulf es sich zutraue, sollten sie noch einmal eine Runde um die Mauern des rath machen, bevor sie sich schlafen legten. Eadulf hätte es vorgezogen, gleich zu Bett zu gehen, denn immer noch war ihm ein wenig schwindlig. Doch sein Schuldbewußtsein ließ ihn Fidelmas Vorschlag zustimmen. Wenigstens bestand zwischen ihnen eine Übereinstimmung, die es ihnen erlaubte, auch ohne Worte im Denken so verbunden zu sein, als ob jeder sofort wüßte, was dem anderen durch den Kopf ging.

Vom Gästehaus schlugen sie den Weg zu der Treppe ein, die zu dem Umgang auf der Mauer führte.

Oben an der Treppe bewegte sich ein Schatten. Sie hörten ein verlegenes Kichern, und die schlanke, kleine Gestalt eines jungen Mädchens verschwand in der Dunkelheit. Ein zweiter Schatten erschien, und eine barsche männliche Stimme rief sie an. Als sie sich zu erkennen gaben, tauchte die Gestalt Rudgals im flak-kernden Licht einer brennenden Fackel auf.

»Ihr seid also nicht auf Laisres Fest?« Der Wagen-bauer und zeitweilige Krieger schien durch ihr Auftauchen unangenehm berührt.

»Eins von Laisres Festen reicht mir«, beklagte sich Eadulf.

Rudgals Miene drückte Mitgefühl aus.

»Schlechter Wein«, lautete sein Urteil. »Das kommt zuweilen vor.« Dann wandte er sich an Fidelma und wechselte rasch das Thema. »Ich hörte von Artgal, daß auf der Ebene, wo ihr die Leichen entdeckt habt, nichts mehr zu finden war, jedenfalls nichts, was erklären würde, wie es zu dem schrecklichen Vorfall kam.«

Fidelma lehnte an den Zinnen und schaute hinaus in das abendliche Dunkel.

»Du bist Christ, Rudgal. Was hältst du von dieser Mordtat?«

Rudgal hüstelte nervös und sah sich um. Er senkte verschwörerisch die Stimme.

»Wie du sagst, Schwester, ich gehöre dem Glauben an. Das Leben war schwierig für diejenigen von uns, die in Gleann Geis diesen Weg gehen. Dann wurde es offenbar, daß wir zu einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung in diesem Tal geworden sind, und wir drängten den Fürsten und seine Versammlung, unsere Existenz anzuerkennen. Jahrelang wurden wir von ihm und seinem Rat abgewiesen. Dann schien ihm plötzlich eine Erleuchtung gekommen zu sein, denn er überstimmte seinen Rat und sandte eine Botschaft nach Cashel. Ich hätte nie gedacht, daß ich das noch erlebe. Es gibt aber nach wie vor viele hier, die den alten Bräuchen anhängen. Ich sage nur eins zu dieser Angelegenheit ...« Er hielt inne. »Zu diesem Ritualmord, wie ihr es nennt. Es gibt viele Leute, die es gern sehen würden, wenn die Anhänger des Glaubens entmutigt werden und die alten Bräuche sich wieder durchsetzen.«

Fidelma versuchte, in der Dunkelheit in Rudgals Miene zu lesen.

»Meinst du, die Tat wurde begangen, um die christliche Gemeinschaft hier einzuschüchtern?«

»Wozu sonst? Sie dient keinem anderen Zweck.«

»Aber wer waren die Opfer? Laisre sagt, in Gleann Geis werde niemand vermißt.«

»Das stimmt. Wir würden es bald merken, wenn einer aus unserem Volk fehlte. Vielleicht waren die Opfer Reisende, die abgefangen und niedergemacht wurden? Wer hat sie umgebracht? Ich denke, die Antwort liegt nicht weit von dem Ort, von dem das Lachen herüberschallt.«

Gerade hatte sich in der Festhalle brüllendes Gelächter erhoben.

»Wen beschuldigst du? Laisre? Oder Murgal?« forschte Eadulf. »Oder gibt es noch jemand anderen?«

Rudgal sah Eadulf kurz an.

»Es steht mir nicht zu, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Frag dich nur selbst: Wessen Interessen dient diese Tat? Laisre war derjenige, der gegen den Willen seines Rats dem Glauben etwas Freiheit gewähren wollte. Bedenke, wer sich gegen Laisre stellt. Mehr kann ich nicht sagen. Gute Nacht.«

Rudgal verschwand in der Dunkelheit.

»Es liegt eine gewisse Logik in dem, was er sagt«, meinte Eadulf nach kurzem Schweigen.

»Cui bono? >Wem nutzt das?< lautet eine alte Rechtsfrage. Cicero stellte sie einem Richter im alten Rom. Sie ist logisch, aber ist sie nicht zu logisch?«

Eadulf schüttelte verwirrt den Kopf.

»Das ist mir zu spitzfindig. Logik ist doch die Kunst, der Wahrheit zum Sieg zu verhelfen?«

»Aber die Logik kann oft auch die Wahrheit vor uns verbergen. Die Logik hemmt oft das Schöpferische des Verstandes, so daß wir einen geraden Weg entlanglaufen, während die Antworten auf unsere Fragen im Schatten der Waldlichtungen neben dem Weg liegen. Logik allein engt uns ein.«

»Denkst du, daß es noch eine andere Erklärung gibt?«

»Eins fällt mir auf: Wenn die Mordtat nur verübt wurde, um die Christen von Gleann Geis einzuschüchtern und niederzuhalten, warum hat man dann nicht ein paar Christen aus diesem Tal umgebracht? Warum vollzieht man das Ritual in dem Tal da draußen und benutzt die Leichen von Fremden? Warum verleiht man der Drohung nicht noch mehr Gewicht? Wie du siehst, hat die logische Deduktion ihre Schwächen.«

»Nun, dieselben Erkenntnisse immer wieder hin und her wenden, ohne etwas Neues hinzuzufügen, macht den Geist stumpf«, bemerkte Eadulf.

Fidelma lachte.

»Manchmal brauche ich deine Weisheit, Eadulf«, sagte sie. »Vollenden wir unseren Rundgang und gehen dann schlafen.«

Eadulf zögerte.

»Vielleicht will uns Rudgal auf eine falsche Fährte locken? Mit wem war er vorhin hier oben im Komplott?«

»Komplott ist kaum der richtige Ausdruck«, erwiderte Fidelma belustigt. »Selbst du mußt doch Orlas Tochter erkannt haben.«

Sie gingen rund um die Mauern und die Treppe wieder hinunter. Sie überquerten den Hof und lauschten den Geräuschen des Festes und der Musik, die aus der Festhalle drangen. Plötzlich trat Stille ein, und man hörte deutlich eine zornige Stimme und das Zuschlagen einer Tür. Fidelma zog Eadulf am Ärmel in den Schatten eines Gebäudes.

»Was ist?« flüsterte der Angelsachse verblüfft.

Fidelma schüttelte den Kopf und legte den Finger an die Lippen.

Auf der anderen Seite des Hofes öffnete sich die Tür des Gebäudes, in dem sich Murgals Wohnung und die Bibliothek befanden, und es war unverkennbar die untersetzte Gestalt Bruder Solins, die heraustrat und die Tür wieder zuschlug. Er hielt sich eine Wange, als schmerze sie ihn. Einen Moment blieb er im Lichtkreis der Öllampe über der Tür stehen, die sein zornerfülltes Gesicht beleuchtete. Er schaute sich um und prüfte, ob ihn jemand beobachtete. Seine Haltung verriet Anspannung und Ärger. Dann ordnete er seine Kleidung und fuhr sich durch sein zerzaustes Haar. Er reckte die Schultern und schritt zielbewußt über den Hof zur Festhalle.

Fidelma und Eadulf hatten sich tief in den Schatten gedrückt, so daß Bruder Solin sie nicht bemerkte. Sie warteten schweigend, bis er im Haus des Fürsten verschwunden war.

Eadulf schnitt eine Grimasse.

»Es war nur dieser eingebildete Trottel«, meinte er. »Vor dem hätten wir uns nicht zu verstecken brauchen.«

Fidelma seufzte leise.

»Manchmal erfährst du etwas, wenn jemand nicht ahnt, daß du da bist.«

»Nämlich?«

»Zum Beispiel stand Bruder Solin dort im Licht der Lampe. Was hast du bemerkt?«

»Daß er zornig war.«

»Stimmt. Was noch?«

Eadulf dachte einen Moment nach. »Sonst nichts, meine ich.«

»Ach, Eadulf! Ist dir nicht aufgefallen, daß anscheinend jemand Bruder Solin kräftig ins Gesicht geschlagen hatte? Hast du nicht den kleinen Blutfleck im Mundwinkel gesehen?«

Eadulf verneinte es.

»Und wenn das so ist, was sagt uns das?« wollte er wissen.

»Vorhin hatte Bruder Solin eine blutige Nase. Ich denke, jemand hatte ihn darauf geschlagen. Das sagt uns, daß jemand hier Bruder Solin aus Armagh nicht mag.«

Eadulf brach in ein spöttisches Gelächter aus.

»Das hätte ich dir auch so sagen können. Ich zum Beispiel mag ihn nicht.«

Fidelma schaute Eadulf belustigt an.

»Wohl wahr. Aber du bist nicht so weit gegangen, unseren frommen Kleriker tätlich anzugreifen. Zweimal hat er geblutet. Man hat ihm Wein ins Gesicht geschüttet. Schauen wir mal, ob wir den finden können, der das getan hat.«

Sie ging voran über den Hof zu der Tür, aus der Bruder Solin gekommen war. Sie wollte sie gerade öffnen, als sie aufflog und Orla heraustrat. Sie blieb verblüfft stehen.

»Was macht ihr denn hier?« fragte sie unfreundlich.

»Wir haben uns anscheinend verlaufen«, antwortete Fidelma gelassen. »Wohin führt diese Tür?«

Laisres Schwester sah sie finster an.

»Jedenfalls nicht ins Gästehaus, das ist sicher«, erwiderte sie. »Den Weg dahin konntet ihr kaum verfehlen. Man sieht es von hier.«

Fidelma wandte sich um und heuchelte Überraschung.

»Tatsächlich.« Unbeeindruckt fuhr sie fort: »Sag mal, hast du Bruder Solin gesehen? Ich möchte ihn sprechen.«

Orla warf verärgert den Kopf zurück.

»Ich habe ihn nicht gesehen. Ich will ihn auch nicht sehen. Ich habe dir schon heute nachmittag gesagt, daß mir dieses Schwein nicht zu nahe kommen soll. Wenn ihr mir jetzt Platz machen würdet ...?« »Wohnst du hier?« Mit dem vagen Gefühl, er müsse auch etwas sagen, versuchte Eadulf sie aufzuhalten.

Orla ignorierte seine Frage einfach.

»Ich habe zu tun, im Gegensatz zu euch«, sagte sie, drängte sich an ihnen vorbei und lief zur Festhalle.

Fidelma und Eadulf warteten, bis sie fort war.

»Sie muß Bruder Solin gesehen haben«, vermutete Eadulf.

»Vielleicht.«

»Aber sie kamen doch beide aus dieser Tür.«

»Sicher, doch die Tür führt in ein großes Gebäude mit mehreren Wohnungen, darunter auch Murgals. Außerdem befindet sich hier auch die Apotheke.«

Sie traten durch die offene Tür und standen in einem schwach erleuchteten Flur, in dem eine Öllampe tanzende Schatten warf. Die Türen an der einen Seite führten vermutlich in Wohnungen. Fidelma schaute hinüber zu der Treppe, die sie am Nachmittag mit Laisre zur Bibliothek hinaufgestiegen war.

Sie wollte schon vorschlagen, umzukehren, als von dort Schritte zu hören waren. Laisre bog plötzlich um die Ecke. Als er sie erblickte, blieb er überrascht stehen.

»Sucht ihr mich?« begrüßte er sie. Er hatte sich schnell gefaßt. »Oder braucht ihr noch mehr Bücher?«

Fidelma ließ sich schnell etwas einfallen.

»Ich wollte Bruder Eadulf nur zeigen, wo sich die Bibliothek befindet, falls wir morgen noch etwas nachschlagen müssen.«

»Ach so.« Laisre zuckte die Achseln. »Morgen ist genug Zeit zum Arbeiten. Ihr solltet beim Fest sein. Ja, ich weiß«, fuhr er hastig fort, »du hast mir von deinem religiösen geis erzählt.«

»Ich dachte, du wärst auf dem Fest«, konterte Fidelma. »Ich höre die Musik, also ist es noch im Gange.«

»Ich mußte das Fest für kurze Zeit verlassen«, erwiderte Laisre, »Murgal brauchte noch eine Anweisung für morgen. Er ist so früh nach Hause gegangen, daß ich sie ihm vorhin nicht mehr geben konnte. Ich gehe jetzt zurück zur Festhalle. Seid ihr sicher, daß ihr nicht mitkommen wollt?«

Fidelma schüttelte den Kopf.

»Das geis dauert vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung«, erwiderte sie und wünschte, Ea-dulf würde nicht so verständnislos dreinschauen. »Wir hätten uns schon zur Ruhe begeben sollen, wollten nur noch einen Blick in das Haus mit der Bibliothek werfen.«

»Dann wünsche ich euch eine gute Nacht.«

Laisre nickte ihnen freundlich zu und verließ das Gebäude.

Fidelma und Eadulf standen am Fuße der Treppe. Laisre hatte die Tür nicht geschlossen, und so konnten sie sehen, wie er den gepflasterten Hof überquerte. Er war noch nicht weit gegangen, als eine rundliche Person aus dem Schatten auftauchte und sich ihm in den Weg stellte. Fidelma und Eadulf erkannten sofort Cruinn, die Verwalterin des Gästehauses. Sie schien aufgeregt und faßte den Fürsten sogar am Arm. Ihm war das anscheinend unangenehm, er blickte sich zur Tür um, doch Fidelma und Eadulf standen tief im Schatten. Laisre zog die dicke Verwalterin rasch zur Seite. Sie hörten noch, wie er leicht die Stimme hob, als wolle er sie beruhigen.

Fidelma legte den Finger an die Lippen und winkte Eadulf, ihr zu folgen. Sie wollte sich der Stelle nähern, an der Laisre und Cruinn miteinander sprachen. Doch da drang von irgendwo aus dem Gebäude eine andere Frauenstimme an ihre Ohren. Eine Tür öffnete sich im Flur und wurde wieder zugeschlagen. Fidelma schob Eadulf rasch hinaus in die Nacht und schloß die Tür hinter ihnen.

Laisre und Cruinn waren inzwischen verschwunden, und sie hatten sich erst wenige Schritte entfernt, als sich die Tür hinter ihnen öffnete und Rudgal herausgeeilt kam. Er zögerte und blieb stehen, als er sie erblickte.

»Ist Murgal hier eben vorbeigekommen?« fragte er atemlos.

»Nein, wir haben Murgal heute nachmittag noch gar nicht gesehen«, antwortete Fidelma.

Rudgal hob kurz dankend die Hand und stürmte davon.

»Das scheint hier ein ziemlich unruhiger Ort zu sein«, murmelte Eadulf und unterdrückte ein Gähnen.

Fidelma stimmte ihm zu, ohne es spaßig zu finden. Es wurde Zeit, schlafen zu gehen. Vielleicht war Bruder Solins nächtliches Abenteuer für sie ohnehin unwichtig.

Sie gingen zurück zum Gästehaus. Immer noch drangen die Geräusche des Festes von der Halle herüber. Eadulf wünschte Fidelma eine gute Nacht und begab sich sofort in seinen Schlafraum. Fidelma blieb noch eine Weile im Hauptraum des Gästehauses sitzen. Sie trank einen Becher Met und ließ sich alles noch einmal durch den Kopf gehen. Am Ende mußte sie einsehen, daß Eadulf recht hatte. Es nützte nichts, dieselben Erkenntnisse immer wieder hin und her zu wälzen, ohne etwas hinzufügen zu können, was einen neuen Weg eröffnete. Schließlich ging sie zu Bett und schlief bald ein.

Kapitel 11

Etwas hatte sie geweckt.

Sie war sich nicht sicher, was es war. Es war noch dunkel. Sie lag auf ihrem Bett und horchte gespannt. Dann erkannte sie die Ursache. Es waren flüsternde Stimmen. Sie waren leise, doch eindringlich genug, um ihren unruhigen Schlaf zu stören.

»Nun gut. Es muß geschehen.«

Sie versuchte die Stimme zu erkennen. Nach einigen Augenblicken wurde ihr klar, daß sie Bruder Dia-nach gehörte und daß die Stimmen aus seinem Schlafraum kamen. Die Räume waren nur durch Bretterwände abgeteilt, die den Schall nicht sehr dämpften.

Sie bewegte sich nicht, sondern lauschte aufmerksam auf die andere Stimme. Sie ahnte schon, wer die zweite Person war. Und richtig.

»Gib mir das Pergament, und ich reiche es an ihn weiter.«

Das war Bruder Solins Stimme.

»Ich habe es hier.«

Solin zischte: »Nicht so laut, Junge, sonst weckst du noch unsere anderen Gäste. Das wollen wir doch vermeiden.«

Bruder Dianach stieß ein eigenartiges Lachen aus.

»Der Angelsachse wird nicht wach. Der hat genug Met und Wein intus, daß er eine Woche lang schläft. Horch mal, dann kannst du ihn schnarchen hören wie ein Schwein!«

»Rasch jetzt!« Bruder Solin wurde ungeduldig. »Es ist wichtig, daß ich die Verabredung einhalte.«

»Hier ist das Pergament, Bruder.«

Es trat Stille ein, als prüfe Solin das, was man ihm übergeben hatte.

»Gut. Jetzt schlaf weiter. Morgen früh berichte ich dir. Wenn alles gut geht, fällt Cashel uns zu, bevor der Sommer herum ist.«

Fidelma fuhr mit einem Ruck auf. Es war eine unwillkürliche Reaktion. Glücklicherweise ging sie in Solins Aufbruch unter. Mit klopfendem Herzen saß Fidelma einen Moment da. An den leisen Schritten konnte sie hören, wie Solin auf Zehen an ihrem Schlafraum vorbeischlich. Sie schwang sich aus dem Bett und zog ihre Kutte und ihre lederbesohlten Schuhe an.

Als sie am oberen Ende der Treppe war, hatte Solin bereits das Gästehaus verlassen, aber sie durfte nicht zu schnell hinunterlaufen, um nicht Bruder Dianach zu alarmieren. Es blieb keine Zeit, Eadulf zu wecken, der im Raum gegenüber schlief. So schnell es ging, glitt sie die Treppe hinunter und lief hinaus in die kalte Dunkelheit des frühen Morgens.

Die Nacht war still, so ruhig. Doch der Mond, nicht mehr ganz voll, schien hell mit einem weißen Licht, das den Hof in einen unheimlichen Glanz tauchte. Bruder Solin eilte leise über den Hof. Sie konnte sehen, daß er etwas Weißes zusammengerollt in der Hand trug. Sie mußte im Schatten der Tür des Gästehauses warten, denn das Mondlicht war zu hell, als daß sie sich gleich hinter ihm über den Hof wagen konnte.

Bruder Solin verschwand um die Ecke des Gebäudekomplexes, dem sie und Eadulf wenige Stunden zuvor einen Besuch abgestattet hatten. Erst als er außer Sicht war, ging sie ihm nach. An der Ecke blieb sie stehen und spähte vorsichtig um sich. Vergeblich, denn von Bruder Solin war nichts zu sehen, es gab kein Anzeichen, welchen Weg er eingeschlagen hatte. Im ganzen rath brannten Fackeln und verstärkten das eigenartige flackernde Halblicht auf den Gebäuden. Die stämmige Figur Bruder Solins war nirgends zu entdecken, es gab auch keine Möglichkeit, sich zu verstecken. Der Hauptweg führte direkt zu den Pferdeställen, sie machte ein paar zögernde Schritte in diese Richtung, blieb dann stehen und zuckte die Achseln.

Es hatte keinen Zweck, Solin weiter zu suchen. Er hatte sich verkrochen. Es blieb ihr kaum etwas anderes übrig, als zum Gästehaus zurückzukehren. Was hatte Bruder Solin gemeint? Cashel würde jemandem zufallen, bevor der Sommer herum ist. Das hatte er gesagt. Der Sommer dauerte nur noch einen Monat. Welche Bedrohung gab es und welchen Anteil hatte Solin daran? Daß der Schlüssel zu dem Geheimnis bei Solin lag, das war ihr nun völlig klar. Doch zu welchem Geheimnis?

Plötzlich hörte sie ein Geräusch wie von einem Handgemenge. Sie lauschte angestrengt. Es kam aus der Richtung der Pferdeställe. Leise bewegte sie sich auf den Eingang des Stalls zu. Über der Tür brannte eine Fackel und warf einen zuckenden Lichtkreis.

Hatte sie einen erstickten Schrei gehört, langgezogen wie im Todeskampf? Sie wartete ein paar Augenblicke auf ein weiteres Geräusch.

Plötzlich trat eine Gestalt aus der Stalltür und sah sich vorsichtig um. Sie war von Kopf bis Fuß in einen langen Kapuzenmantel gekleidet und hielt die Kapuze mit einer Hand vor den unteren Teil des Gesichts. Nur Augen und Nase waren sichtbar. Es war eine schlanke Gestalt, das konnte Fidelma erkennen trotz des verhüllenden Mantels. Als die Gestalt den Weg entlangschaute, fiel das Licht der Fackel auf den sichtbaren Teil ihrer Züge - nur für einen Moment und mit tanzenden Schatten, die die genauen Umrisse verbargen. Dennoch hatte Fidelma keinen Zweifel, daß sie die unverwechselbaren dunklen Augen und Gesichtszüge Orlas erblickt hatte.

Die schlanke Gestalt eilte plötzlich fort in die Dunkelheit in Richtung auf das Gebäude, in dem sich Murgals Wohnung und noch andere befanden.

Fidelma blieb unschlüssig stehen. Sollte sie dieser verstohlenen Gestalt folgen und wenn ja, zu welchem Zweck? Sie mußte immer noch Bruder Solin finden. Er wäre sicher der letzte, mit dem sich Orla mitten in der Nacht heimlich verabreden würde, nachdem sie gedroht hatte, ihn umzubringen.

Vielleicht war Bruder Solin woanders hingegangen? Warum sollte die Schwester des Fürsten und Frau seines Tanist nicht die Ställe im rath zu jeder Zeit aufsuchen, die ihr beliebte? Das ging Fidelma nichts an, und doch ... Doch war es klar, daß Orla nicht gesehen werden wollte. Warum? Als Fidelma das Problem erwogen hatte, war die Gestalt in der Dunkelheit verschwunden, und Fidelma stand allein in der Stille der Nacht.

Sie unterdrückte einen Seufzer und wandte sich ab. Wenn das Unwahrscheinliche eingetreten war und So-lin sich mit Orla im Stall getroffen hatte, dann mußte er ihn durch einen anderen Ausgang verlassen haben.

Das Stöhnen war so leise, daß sie einen Moment glaubte, es sei der Nachtwind. Da war es wieder. Es war ein menschlicher Laut, erkannte sie sofort, und er drang aus dem Stall.

Sie wandte sich um, eilte zur Tür und spähte in die Dunkelheit drinnen. Es war ein Keuchen im Todeskampf.

Sie sah nur die schattenhaften Umrisse der Pferde, die sich unruhig bewegten. Sie nahm die Fackel über der Tür aus ihrem Halter, hob sie hoch und betrat vorsichtig den Stall.

Jemand lag am anderen Ende des Stalls ausgestreckt auf dem Rücken, eine Hand auf der Brust, die andere unter dem Kopf.

Ohne Mühe erkannte Fidelma Bruder Solin.

Ein Blick auf das stoßweise aus seiner Brust fließende Blut, das seine Hand vergeblich zu stillen suchte, zeigte ihr, daß Bruder Solin im Sterben lag. Seine Augen waren geschlossen, sein Mund schmerzverzerrt.

»Solin!« sagte sie scharf. »Wer hat das getan?«

Er bewegte den Kopf, doch die Augen vermochte er nicht zu öffnen. Der Mund verzog sich noch mehr.

»Solin, ich bin’s, Fidelma. Wer hat das getan?«

Die Lippen öffneten sich, und Fidelma beugte sich tief hinunter, um den krampfhaft gehenden Atem zu hören.

»Suaviter... suaviter in modo ...«

Der Kopf fiel zurück. Bruder Solin aus Armagh war tot.

Fidelma seufzte und vollendete den Spruch: »forti-ter in re.«

Mit zusammengepreßten Lippen starrte sie auf die Leiche hinab. Was sollte das heißen? »Sanft in der Art«, hatte Solin begonnen, und der Spruch ging weiter: »Hart in der Sache.« Nun, sein Mörder war hart zur Sache gegangen, aber gewiß nicht auf sanfte Art. Orla hatte gesagt, sie würde Solin umbringen, wenn sie ihn noch einmal sähe, und anscheinend hatte sie Wort gehalten.

Da Solin nun nicht mehr zu helfen war, durchsuchte sie rasch seine Leiche. Das Stück Pergament, das Bruder Dianach ihm gegeben und das sie bei ihm gesehen hatte, war nirgends zu finden. Sie hielt die Fak-kel hoch und schaute sich sorgfältig um. Keine Spur von etwas, was auch nur entfernt einem Pergament ähnlich sah. Hatte Orla es mitgenommen? Wenn ja, warum? Und was hatte Orlas Zorn auf Solin mit So-lins Drohung zu tun, daß Cashel fallen werde, bevor der Sommer vergangen wäre?

Fidelma erhob sich langsam, die Fackel in der Hand, und spürte plötzlich einen harten Gegenstand an ihrem Rücken. Eine rauhe Männerstimme zischte: »Keine weitere Bewegung, Lady.«

Sie erkannte Artgals Stimme.

Sie stand still.

»Ich mache keine Bewegung«, versicherte ihm Fidelma. »Was willst du von mir?«

Der Mann lachte schrill auf.

»Du hast einen komischen Sinn für Humor, Lady. Steh still.«

Zu Fidelmas Überraschung rief er plötzlich laut nach seinen Kameraden von der Wache.

»Was hast du vor?« fragte sie, etwas weniger selbstsicher.

»Du kannst dich zu mir umdrehen«, erwiderte Artgal, »aber langsam.«

Fidelma tat es und stand nun dem finsteren Krieger und Grobschmied gegenüber, der das Schwert auf sie gerichtet hielt. In der Ferne hörte sie antwortende Rufe.

»Was hast du vor?« fragte sie erneut.

»Leicht zu sagen.« Artgal lächelte säuerlich. »Was tut man, wenn man eine Mörderin findet, die sich gerade über die Leiche ihres Opfers beugt?«

»Aber ich habe Bruder Solin nicht ...«, protestierte sie, konnte aber nicht weitersprechen, weil Rudgal und ein weiteres Mitglied der Wache hereinpolterten, auf dem Fuße gefolgt von Laisre selbst. Der Fürst hatte sich einen schweren Mantel umgeworfen, als sei er gerade aus dem Bett geholt worden. Artgal nahm respektvoll Haltung an vor seinem Fürsten.

»Was hat das zu bedeuten, Artgal?« forschte Laisre und sah sich im Stall um.

»Ich hatte Nachtwache, Laisre. Ich kam am Stall vorbei und mir fiel auf, daß die Fackel, die gewöhnlich die Tür beleuchtet, fort war. Im Stall war Licht. Ich ging hinein und sah diese Frau .«

Er wies mit dem Kopf auf Fidelma. Laisre mißfiel Artgals Unhöflichkeit, und er unterbrach ihn.

»Du meinst Fidelma von Cashel?«

Artgal ließ sich davon nicht ablenken.

»Ich sah, wie diese Frau sich über die Leiche des christlichen Priesters Solin beugte. Sie hat ihn ermordet.«

»Das stimmt nicht!« protestierte Fidelma, entsetzt über diese Anschuldigung.

Laisre erblickte jetzt die Leiche am Boden. Er stieß einen Ruf der Überraschung aus und beugte sich vor.

»Bei der langen Hand von Lugh«, flüsterte er. »Das ist tatsächlich der christliche Abgesandte aus Armagh!« Er richtete sich auf und starrte Fidelma verblüfft an. »Was hat das zu bedeuten?«

»Ich habe ihn nicht getötet«, erklärte Fidelma.

»Nicht?« höhnte Artgal. »Ich kann die Tat bezeugen. Lügen hilft dir nicht.«

»Du bist ein Lügner«, erwiderte Fidelma. »Hast du etwa gesehen, daß ich ein Messer in diesen armen Mann gestoßen hätte.«

Artgal zuckte zusammen bei ihrer heftigen Zurückweisung.

»Ich kam herein und sah, daß du dich über ihn beugtest. Es war niemand anders hier.«

»Was hast du dazu zu sagen, Fidelma?« fragte Lais-re, der sie verwirrt betrachtete.

»Ich folgte Bruder Solin«, erklärte Fidelma. »Auf dem Weg draußen verlor ich ihn aus den Augen. Ich wollte zurück zum Gästehaus, als ich ein Geräusch aus dem Stall hörte. Eine Gestalt kam heraus und verschwand in der Dunkelheit. Dann hörte ich ein Stöhnen. Ich ging hinein und fand Bruder Solin. Er lag im Sterben. Er flüsterte etwas, was keinen Sinn ergab. Es war lateinisch. Dann hauchte er sein Leben aus. Ich wollte gerade die Wache rufen, als Artgal mir die Spitze seines Schwertes in den Rücken drückte.«

Artgal lachte verächtlich.

»Es war niemand anders hier als du«, wiederholte er.

»Du hast das Wort einer dalaigh an den Gerichten der Brehons für die Wahrheit dessen, was ich sage, ebenso wie das Wort einer Eoghanacht-Prinzessin.«

»Das genügt vielleicht nicht«, erwiderte Artgal, der sich von ihr nicht einschüchtern ließ.

Laisre hob die Hand und gebot Schweigen.

»In diesem Fall, Fidelma von Cashel, hat Artgal recht. Dein Wort genügt nicht. Warum bist du Solin überhaupt gefolgt?«

»Weil . «, Fidelma zögerte, denn sie wollte ihren Verdacht nicht enthüllen. Wenn es eine Verschwörung zum Sturz von Cashel gab, dann wußte sie nicht, wer sonst noch daran beteiligt war. Artgal mißdeutete ihr Zögern als Schuldgeständnis und freute sich über seinen Triumph.

»Weil sie sich über seine Anwesenheit ärgerte«, schaltete er sich ein. »Wir alle haben ihren Zorn in der Ratssitzung gestern erlebt. Es gibt immer Konflikte zwischen diesen Christen. Ich habe gehört, wie sie gesagt hat, Armagh und Imleach seien Rivalen, die beide Macht über unser Leben erstreben. Sie streiten miteinander über das Recht, uns Vorschriften machen zu können. Das ist der tiefere Grund, das könnt ihr mir glauben.«

Jeder wußte von der Gegnerschaft zwischen Solin und Fidelma. Laisre warf ihr einen zweifelnden Blick zu.

»Das ist ein einleuchtendes Motiv.«

»Nein. Der Grund für meinen Verdacht auf Bruder Solin war ganz einfach.« Fidelma hatte blitzschnell nachgedacht. »Er stand mitten in der Nacht auf und verließ das Gästehaus. Warum sollte das jemand in guter Absicht tun? Das weckte meinen Verdacht. Deshalb bin ich ihm gefolgt.« »Du behauptest, du hättest jemanden aus dem Stall kommen sehen?« überlegte Laisre laut. »Ich nehme an, du weißt nicht, wer es war?«

»Natürlich weiß sie das nicht!« rief Artgal.

»Laß sie antworten«, wies ihn Laisre zurecht und schaute Fidelma eindringlich an.

Fidelma war sich uneins, denn sie wollte Orlas Anwesenheit nicht preisgeben, ehe sie selbst mehr herausgefunden hatte, doch ihr war klar, daß sie sich vor Laisre rechtfertigen mußte.

»Ja, ich weiß es«, antwortete sie zu Laisres sichtlicher Überraschung. »Aber ich möchte den Namen nicht nennen, bevor ich nicht die Gelegenheit habe, selbst den Fall zu untersuchen.«

»Untersuchen?« Erstaunt vernahmen sie die Stimme Murgals, der unbemerkt den Stall betreten hatte. »Wenn es eine Untersuchung gibt, dann bist nicht du es, Lady, die sie führt. Ich bin hier der Brehon.«

Laisre sah seinen Druiden an, als wolle er widersprechen, zuckte dann aber die Achseln.

»Murgal hat recht, Fidelma von Cashel. Du stehst unter Mordverdacht. Du kannst nicht mehr als dalaigh handeln. Du mußt jetzt mit uns zusammenarbeiten. Nenne uns den Namen der Person, die du hast aus dem Stall kommen sehen.«

»Wenn du es kannst«, setzte Artgal spöttisch hinzu.

»Ich sah Lady Orla«, sagte Fidelma ruhig.

Laisre zog scharf den Atem ein. Seine Miene zeigte Verblüffung.

»Was ist das für eine Hinterlist?« fragte Artgal zornig. »Sie will die Schuld an ihrer Untat der Schwester unseres Fürsten in die Schuhe schieben! Der Frau unseres Tanist!«

»Ich suche nur die Wahrheit«, antwortete Fidelma fest.

Murgal starrte sie mit offenem Mißtrauen an.

»Bringt uns das der Wahrheit näher, wenn du deinen Gastgeber, den Fürsten von Gleann Geis, damit beleidigst, daß du Lady Orla des Mordes beschuldigst?«

»Ich sagte, ich sah sie aus dem Stall herauskommen ...«

»Ausgerechnet Lady Orla!« fauchte Artgal. »Das ist eine Beschimpfung unseres ganzen Volkes, Laisre!«

Laisres Gesicht wirkte angespannt.

»Wenn du irgendeinen anderen Namen genannt hättest, Fidelma, wäre ich zur Milde geneigt gewesen und hätte dir vielleicht sogar geglaubt.«

Fidelma hob trotzig das Kinn.

»Ich kann nur die Wahrheit sagen. Hole Orla her und laß sie meine Wahrheit leugnen.«

Laisre stand einen Moment unentschlossen da.

»Das ist eine schlimme Geschichte, Fidelma von Cashel. Doch die besprechen wir lieber in meinem Ratssaal. Artgal, geh in die Wohnung von Colla und Orla und bitte meine Schwester um ihr Erscheinen. Mach aber keine Andeutung, was geschehen ist oder weshalb sie gerufen wird.« Abrupt wandte er sich an Murgal. »Du bist mein Brehon. Du kommst mit und berätst uns über das Verfahren und das Urteil.«

Murgal neigte ernst den Kopf. Er winkte Rudgal und den anderen Wachposten heran.

»Einer von euch bleibt hier bei der Leiche und sorgt dafür, daß nichts angerührt wird, bis ich es erlaube. Der andere kommt mit.«

»Wartet!« rief Fidelma, als Rudgal an sie herantrat und sie am Arm faßte.

Laisre war schon in der Tür, drehte sich aber um und schaute Fidelma fragend an.

»Was ist? Willst du deine Aussage ändern?« wollte er wissen.

»Wie kann ich das ändern, was die Wahrheit ist?« erwiderte Fidelma gereizt. »Nein. Wenn ich Solin getötet haben soll in dem Moment, als Artgal den Stall betrat, dann müßte ich ein Messer dazu benutzt haben. Untersuche die Wunde, Murgal. Du bist ein Bre-hon. Woran ist er gestorben?«

Murgal nahm ihr die Fackel aus der Hand, beugte sich über die Leiche und prüfte sie sorgfältig.

»Eine Wunde, ein Einstich in den unteren Brustkorb«, verkündete er.

»Es ist nicht strittig, daß Bruder Solin erstochen worden ist«, erklärte Laisre mit einem raschen Blick zu Artgal, der nach Fidelmas Ausruf ebenfalls stehengeblieben war.

»Artgal sagt, er habe gesehen, wie ich mich über Bruder Solins sterbende Gestalt beugte; er sah, wie ich mich aufrichtete, und glaubte, ich hätte den Mann soeben getötet.«

»Genauso habe ich es gesehen«, bestätigte Artgal.

»Nun gut. Ich verlange, daß man mich nach dem Messer durchsucht.«

»Was?« fragte Murgal stirnrunzelnd.

»Durchsucht mich nach der Waffe, mit der ich Bruder Solin getötet habe. Ich habe mich nicht vom Fleck gerührt, seit Artgal hier auftauchte. Ich hatte auch keine Zeit, die Waffe zu verstecken oder sie wegzuwerfen.«

Laisre zögerte und wechselte einen Blick mit Murgal.

Der finstere Druide erhob sich und reichte Rudgal die Fackel.

»Also dann, mit deiner Erlaubnis, Fidelma von Cashel ...?«

Er trat heran und durchsuchte mit den Händen sachlich ihre Kleidung. Seine Durchsuchung war gründlich, systematisch und nüchtern.

»Sie hat keine Waffe an ihrer Person verborgen«, gab er bekannt.

»Nun seht auf dem Boden neben der Leiche nach«, ordnete Fidelma an. Sie wußte, daß dort kein Messer zu finden war, denn sie hatte sich rasch danach umgesehen, als sie erkannte, auf welche Weise Bruder Solin die Todeswunde zugefügt worden war.

Laisre seufzte tief.

»Wir werden danach suchen, Fidelma. Obgleich du wohl schon weißt, daß wir nichts finden werden.«

»Ich weiß nur, daß ich diesen Mord nicht begangen habe.«

Murgal wandte sich an Rudgals Kameraden, denn Rudgal selbst hatte sich wie ein Wächter unmittelbar hinter Fidelma gestellt.

»Such also danach, und wenn du etwas findest, bringe es zu uns in den Ratssaal. Artgal, du hast deine Anweisungen. Führe Orla in den Saal. Rudgal, du bewachst Fidelma von Cashel.«

Mit Laisre an der Spitze und Murgal dahinter machten sie sich auf den Weg über den Hof. Nur wenige Leute waren durch Artgals Alarmruf geweckt worden und hatten sich im Hof versammelt. Sie flüsterten untereinander. Fidelma sah sich suchend nach Eadulf um, aber er war nicht da. Sie erblickte nur den bleichen Bruder Dianach an der Tür des Gästehauses.

Rudgal neigte sich zu Fidelma und flüsterte ihr entschuldigend zu: »Ich hoffe, wir können dieses Rätsel schnell lösen, Schwester. Aber deine Beschuldigung Orlas schafft viel böses Blut. Sie ist in Gleann Geis sehr beliebt.«

Im Ratssaal klatschte Laisre in die Hände, und ein Diener kam herein, entzündete die Öllampen und stocherte in der Asche des grauen Feuers, bis Funken sprühten und er Holz nachlegen konnte.

Laisre saß in seinem Amtssessel und winkte Murgal neben sich. Fidelma ließ er vor ihnen Platz nehmen. Rudgal stellte sich diskret hinter ihren Stuhl.

»Das ist eine sehr schlimme Geschichte, Fidelma«, murmelte Laisre verlegen. »Dabei wollten wir heute vormittag eine Vereinbarung abschließen.«

»Das ist mir völlig klar.« Fidelmas Ton war kühl.

»Vielleicht ist das kein Zufall? Wir wurden schon einmal an einer solchen Besprechung gehindert.«

Bei diesen Worten sah sie Murgal direkt ins Gesicht. Seine Miene verriet Zorn, als er ihre Anspielung begriff.

»Mein Fürst«, sagte er barsch, »als dein Brehon sollte ich von jetzt an die Untersuchung in diesem Fall führen.«

Mit einer Geste gab Laisre zu verstehen, daß er das Murgal überließ. Der Brehon schenkte Fidelma ein fahles Lächeln.

»Im Augenblick steht es nicht gut um deine Sache, Fidelma. Was hast du zu dem zu sagen, was Artgal als dein Motiv angab?«

»Kein theologischer Streit ist es wert, mit einer Gewalttat entschieden zu werden«, erwiderte Fidelma.

»Dennoch ist es nicht unbekannt, daß es unter den Leuten deines Glaubens gewaltsame Auseinandersetzungen über Dinge gibt, die für die meisten Menschen bedeutungslos sind. Wir wissen zum Beispiel, daß viele Kleriker in diesem Land die Autorität Roms bestreiten, und nun hören wir sogar, daß Imleach sich nicht der Autorität von Armagh beugt. Ihr verehrt doch sicher alle denselben Gott?«

Fidelma lächelte dünn.

»Selbst darüber läßt sich streiten.«

»Bruder Solin war völlig davon überzeugt, daß er den wahren Weg zu eurem Gott vertritt und alle anderen in Unwissenheit leben. Ich nehme an, du hältst deinen Weg ebenfalls für den einzig richtigen?«

Fidelma schüttelte den Kopf.

»So unbescheiden wäre ich nicht, Murgal. Es gibt viele Wege zu demselben Ziel. Absolut sicher sein können wir nur in Dingen, die wir nicht wirklich verstanden haben. Ein als sicher erklärter Weg durchs Leben ist das, was sich die meisten Menschen in dieser unklaren und unsicheren Welt wünschen. Aber Sicherheit ist oft eine Illusion. Wir sind geboren, um zu zweifeln. Wer nichts weiß, bezweifelt auch nichts.«

Murgals Miene drückte sein Erstaunen aus.

»Wenn ich bei dir nicht die Symbole des neuen Glaubens erblicken würde, Fidelma von Cashel, könnte ich schwören, du gehörtest zum alten Glauben. Vielleicht trägst du den falschen Mantel?«

»Mein Glaube ist die beste Rüstung, um durchs Leben zu gehen, aber er ist der schlechteste Mantel.«

Es trat Schweigen ein, währenddessen sie versuchten, die Bedeutung ihrer Worte zu ergründen. Es wurde von Stimmen draußen unterbrochen, und dann riß Artgal die Tür auf. Colla kam herein, einen Mantel umgeworfen, als sei er gerade aus dem Bett aufgestanden. Ihm folgte Orla, schlaftrunken und mit zerzausten Haaren. Fidelma war überrascht von Orlas unordentlicher Erscheinung, sie sah aus, als hätte man sie gerade aus einem tiefen Schlaf geweckt. Sie trug ebenfalls einen Mantel über ihrem Nachthemd.

»Was ist los?« wollte Colla wissen. »Wer verlangt unsere Anwesenheit mitten in der Nacht? Was ist geschehen? Im Hof stehen Leute in Gruppen herum und flüstern.«

Fidelma bemerkte, daß Artgal an der Tür zufrieden grinste.

»Hat Artgal euch nicht berichtet, was sich ereignet hat?« fragte Fidelma mißtrauisch.

Colla schüttelte nachdrücklich den Kopf.

»Er hat uns bloß geweckt und gesagt, Laisre möchte uns sofort im Ratssaal sehen.«

Murgal schaltete sich verärgert ein.

»Ich leite hier die Befragung«, verkündete er, »und zwar kraft meines Amtes als Brehon.« Er wandte sich an Orla. »Orla, warst du innerhalb der letzten Stunde im Pferdestall?«

Orlas verblüffte Miene konnte kaum geheuchelt sein. Fidelma bekam ein flaues Gefühl. Sollte sie sich getäuscht haben? Nein, sie war sich sicher.

»Soll das ein Scherz sein, Murgal? Wenn ja, dann ist es ein schlechter.«

»Ich scherze nicht. Wo hast du die vergangene Stunde verbracht?«

»An demselben Ort, zu dem ich nach dem Fest gestern abend zurückgekehrt bin«, antwortete Orla verwirrt. »Im Bett meines Ehemanns. Wir haben uns nicht gerührt, bis Artgal an unsere Tür klopfte.«

Die Frau des Tanist wirkte sehr überzeugend.

»Und Colla wird das zweifellos bestätigen?« Murgal lächelte grimmig.

»Natürlich tue ich das«, fauchte Colla gereizt. »Wir haben uns in den letzten paar Stunden nicht von der Stelle bewegt. Was soll das hier heißen?«

»Ich kann deinen Ärger verstehen, Colla«, erwider-te Murgal. »Aber es kommt noch schlimmer. Der Kleriker aus Armagh, Solin, ist innerhalb dieser letzten Stunde im Pferdestall erstochen worden.«

Colla stieß einen leisen, erstaunten Pfiff aus, und Orlas Miene schien noch verständnisloser zu werden.

»Aber was hat das mit uns zu tun? Warum fragst du, ob ich im Stall war? Ach so!« Mit großen Augen starrte sie Fidelma an. »Ich hatte zu dir gesagt, ich würde das Schwein umbringen! Jetzt denkst du ... Aber das war doch nur eine Redensart. Ich habe es nicht getan.«

Laisre schaltete sich diplomatisch ein.

»Jemand glaubt, dich dort gesehen zu haben.«

»Nun, das war ich nicht«, entgegnete Orla bestimmt.

»Ich kann das bestätigen«, ergänzte Colla.

Murgal schaute Fidelma an.

»Ich glaube nicht, daß es zu etwas führt, diese Sache weiter zu verfolgen, Fidelma. Was meinst du?«

Fidelma wandte sich jedoch an Orla.

»Du erinnerst dich daran, daß du zu mir sagtest, wenn dir Bruder Solin noch einmal begegnete, würdest du ihn umbringen? Das war gestern nachmittag?«

Orla errötete.

»Ja, aber wie ich schon sagte, ich meinte nicht ...«

»Du sagtest, du würdest ihn umbringen«, wiederholte Fidelma nachdrücklich. »Warum das?«

Orla biß sich auf die Lippen und schaute Colla von unten an.

»Er hat mich beleidigt.«

»Auf welche Art?« beharrte Fidelma.

»Er . Er machte mir einen unsittlichen Antrag.«

Colla fuhr zornig auf bei diesem Geständnis seiner Frau.

»Was? Davon hast du mir nichts gesagt.«

Orla schob das beiseite.

»Mit dem geilen Schwein konnte ich allein fertig werden. Ich hab ihn kräftig geohrfeigt. Als ich sagte, ich würde ihn umbringen, wenn ich ihn noch einmal sehe .«

»Da hast du das nicht ernst gemeint?« unterbrach sie Laisre. »Natürlich, das verstehen wir.« Er blickte Fidelma an. »Tatsache ist, daß nun hinreichend belegt ist, wo sich meine Schwester zur Todeszeit von Bruder Solin aufhielt, unabhängig davon, was für eine Meinung sie von ihm hatte.«

Fidelma öffnete den Mund zu einem Einspruch, gab sich aber mit einem Achselzucken geschlagen.

Die Worte Collas und das anscheinend echte Erstaunen in Orlas Miene hatten sie überzeugt, daß kein noch so langes Befragen etwas an ihrer Geschichte ändern würde. Fidelma dachte pragmatisch. Sie wußte, daß es keinen Zweck hatte, auf einen unbeweglichen Gegenstand einzuhämmern, selbst wenn sie eine unwiderstehliche Kraft auf ihrer Seite hätte, und die hatte sie nicht. Sie allein wußte, daß das, was sie an der Stalltür gesehen hatte, eine Tatsache war.

»Ich verfolge diese Angelegenheit im Augenblick nicht weiter. Orla und ihr Mann können wieder schlafen gehen.«

Colla zögerte. Er blickte Murgal und Laisre forschend an. Als er sprach, lag in seinem Ton eine leichte Herausforderung.

»Was geht hier eigentlich vor? Warum beschuldigt Fidelma von Cashel meine Frau dieser Tat, abgesehen von den unüberlegten Worten, die sie geäußert hat?«

Murgal hob besänftigend die Hand.

»Wir wissen noch nicht sicher, wer Solin getötet hat, Colla. Anscheinend hat Fidelma Orla mit einer anderen Person verwechselt. Am besten geht ihr jetzt zu Bett, und wir sprechen morgen früh weiter darüber.«

Widerstrebend führte Colla seine Frau aus dem Raum.

Artgal stand immer noch mit gekreuzten Armen da und grinste Fidelma selbstzufrieden an.

»Ich hatte von Anfang an recht, was?« höhnte er. »Deine List hat nichts bewirkt.«

Diese Haltung des Kriegers schien Murgal zu ärgern.

»Ich würde an deiner Stelle wieder an deine Aufgaben gehen, Artgal. Du kannst Fidelma von Cashel uns überlassen, und denke daran, sie ist immer noch die Schwester des Königs von Cashel. Was sie auch getan haben mag, sie kann Respekt beanspruchen.«

Artgal knirschte mit den Zähnen bei dieser Zurechtweisung, drehte sich aber um und ging.

Murgal sah Fidelma beunruhigt an.

»Artgal ist in mancher Hinsicht primitiv in dem Maße, daß er wenig Achtung vor allem hat, was ihm nicht schaden kann. Cashel und die Macht des Königs sind für ihn eine zu abstrakte Vorstellung. Er respektiert dich erst, wenn er die Macht zu spüren bekommt, die dein Bruder repräsentiert.«

Fidelma zuckte gleichmütig die Achseln.

»Wenn du Anstand besitzt, unterläßt du es, den toten Löwen am Bart zu zupfen.«

»Ein interessanter Gedanke«, erwiderte Murgal. »Stammt das Epigramm von dir?«

»Von Martial, einem lateinischen Dichter. Aber ich erwarte keinen Respekt für das, was meine Vorfahren oder Verwandten sind, sondern nur für das, was ich selbst bin.«

»Dieses Argument würde Artgal kaum beeindruk-ken«, warf Laisre ein. »Im Augenblick bist du jemand, der unter Mordverdacht steht.«

Fidelma fand, sie hätten genug drum herum geredet.

»In einem bin ich sicher, nämlich daß ich Orla am Stall gesehen habe.«

»Das kann nicht sein«, tadelte Laisre sie, »es sei denn, du beschuldigst sowohl Orla als auch Colla zu lügen.«

»Ich kann nur sagen, was ich gesehen habe«, be-harrte Fidelma.

»Orla ist meine Schwester«, erwiderte Laisre ein wenig unglücklich. »Ich kann dir versichern, daß sie nicht zur Lüge neigt. Colla ist mein Tanist, mein gewählter Nachfolger. Beschuldigst du ihn, zum Schutz seiner Frau zu lügen? Wenn das deine ganze Verteidigung ist, dann solltest du noch einmal gründlich nachdenken.«

»Also habt ihr beide entschieden, daß ich schuldig bin, wie Artgal behauptet?«

Murgals Miene wurde mürrisch.

»Du bist eine dalaigh, Fidelma. Du kennst das Verfahren, das wir nun einhalten müssen. Sag mir, was ich sonst aus dem schlußfolgern soll, was ich gehört habe. Wir haben einen Zeugen, nämlich Artgal. Im Gegenzug hast du die Schwester unseres Fürsten beschuldigt. Ihr Ehemann bezeugt, daß sie nicht dort war, wo sie nach deiner Behauptung gewesen sein soll. Und dein einziges Argument besteht darin, sie und ihren Mann als Lügner zu bezeichnen.«

Laisre war rot geworden. Anscheinend war ihm erst jetzt das Beleidigende an Fidelmas Beschuldigung bewußt geworden. Er konnte den Zorn nicht aus seiner Stimme verbannen.

»Ich muß dich warnen, Fidelma von Cashel. Bei allem Respekt vor deinem Rang, wenn du meine Schwester des Mordes und der Lüge bezichtigst, gehst du zu weit.«

»Ich weiß, was ich gesehen habe«, erwiderte Fidelmastörrisch.

»Fidelma von Cashel, ich bin der Fürst meines Volkes. Wir haben keine gemeinsame Religion, aber ein gemeinsames Recht, ein Recht, das viel älter ist als die Zeit, in der man Patrick dem Briten gestattete, in Laog-haires Rat zu sitzen, es zu studieren und zu überarbeiten. Das Recht leitet mich als Fürsten auf dem Weg, den ich gehen muß. Du kennst diesen Weg so gut wie ich. Der Fall liegt nun ganz in der Hand meines Bre-hons Murgal.«

Laisre stand abrupt auf und verließ den Raum.

Fidelma hatte sich ebenfalls erhoben und trat Murgal gegenüber.

»Ich habe Bruder Solin nicht getötet«, beharrte sie.

»Das mußt du beweisen. Wie das Gesetz es vorschreibt, werden wir hier in neun Tagen von heute an zusammentreten, und dann mußt du dich gegen diese Beschuldigung verteidigen. Inzwischen wirst du in unserer Einzelhaftkammer unter Bewachung stehen.«

»Neun Tage?« Fidelma stockte der Atem vor Entsetzen. »Was kann ich denn tun, wenn ich eingesperrt bin?«

»So schreibt es das Gesetz vor, wie du sehr wohl weißt«, sagte Murgal. »In einem Mordfall kann ich nichts anderes machen.«

Fidelma hatte plötzlich eine eisige Vorahnung.

»Wie kann ich meine Unschuld beweisen, wenn ich mich nicht einmal innerhalb des rath bewegen darf?« fragte sie.

»Du mußt einen Brehon finden, der für dich handeln darf, so wie es jeder andere in deiner Lage auch tun muß. Wegen deines Ranges oder deiner Vorrechte können wir keine Ausnahmen machen.«

»Ein Brehon?« fragte Fidelma spöttisch. »Ich nehme an, in Gleann Geis gibt es Anwälte nicht gerade im Überfluß?«

Murgal zog es vor, nicht darauf zu antworten. Er winkte Rudgal, der hinter ihrem Stuhl stand.

»Bringe Fidelma von Cashel in die Einzelhaftkammer. Behandle sie auf jeden Fall mit Respekt und erfülle ihre Wünsche, was Behaglichkeit anbelangt, und verschaffe ihr Zugang zu allem, was ihr bei ihrer Verteidigung hilfreich sein kann - das heißt, in vernünftigen Grenzen.«

Rudgal trat vor und berührte sie am Ellbogen. Er schaute sie einen Moment mitfühlend an, dann richtete er den Blick auf einen Punkt über ihrem Kopf.

»Komm mit, Schwester Fidelma«, sagte er leise.

Fidelma sah Murgal noch einmal an, doch der strenge Druide hatte sich abgewandt und betrachtete, die Hände auf dem Rücken, eingehend die Flammen in dem eisernen Feuerkorb, der den Raum heizte. Jegliche Bitte würde bei Murgal, dem Brehon von Gleann Geis, auf keinerlei Mitgefühl stoßen.

Kapitel 12

Rudgal ging voran aus dem Saal, und Fidelma folgte ihm wortlos. Es gab nichts mehr zu sagen. Ihr Leben war schon bei anderen Gelegenheiten bedroht gewesen, doch nun hatte Fidelma zum erstenmal ein Gefühl, das sie nur als an Panik grenzend beschreiben konnte. Neun Tage in einer Zelle eingesperrt, mit einer Mordanklage drohend über ihrem Haupt, und außerstande, irgend jemanden zu befragen oder Beweismittel für ihre Verteidigung zu sammeln, das war eine schreckliche Aussicht.

Rudgal geleitete sie schweigend über den gepflasterten Hof. Die Leute, die sich in Grüppchen versammelt hatten, flüsterten nicht mehr, sondern diskutierten laut. Zorn war zu spüren. Fidelma schaute sich vergeblich nach Eadulf um. Rudgal brachte sie zu einem Gebäude an der gegenüberliegenden Seite des rath, hinter den Ställen. Es war ein niedriges, einstöckiges Bauwerk aus grauem Granit. Sein einziger Eingang war eine große Holztür. Rudgal öffnete sie, und Fidelma schlugen aus dem Innern laute, heftige Stimmen, vermischt mit rauhem Gelächter, entgegen. Rudgal schien zu ahnen, was ihr durch den Kopf ging.

»Dies ist das Quartier für diejenigen von uns, die freiwillig die Leibwache des Fürsten bilden, Schwester Fidelma. Wenn wir uns im rath aufhalten, dient es uns als Schlafraum, und es ist das einzige Gebäude, in dem wir jemanden einsperren können, der gegen die Gesetze verstoßen hat. Es gibt eine einzelne Zelle in der hinteren Ecke des Gebäudes. Sie wird die Einzelhaftkammer genannt. Achte nicht auf den Lärm. Ich fürchte, ein paar von den Männern sind noch etwas betrunken von dem Fest gestern abend.«

Rudgal benahm sich ihr gegenüber sehr förmlich. Das gefiel ihr. Sie war froh, daß ihm die unangenehme Aufgabe zugefallen war, sie ins Gefängnis zu bringen, und nicht Artgal.

Fidelma ging voran in das Gebäude. Er folgte ihr und schloß die Tür, dann führte er sie einen kurzen Gang entlang, an dem Raum vorbei, in dem die Wache immer noch lärmend feierte, und danach im rechten Winkel davon abzweigend zu einer Tür mit einem schweren eisernen Schlüssel im Schloß.

»Es ist eine armselige Unterkunft, fürchte ich, Schwester Fidelma«, sagte Rudgal und öffnete.

»Ich werde mich schon einrichten«, antwortete Fidelmamit mattem Lächeln.

Rudgal schaute verlegen drein.

»Du brauchst mich nur zu rufen, und ich tue alles für dich, was in meiner Macht steht, solange du nicht verlangst, daß ich meinen Treueid gegenüber meinem Fürsten breche.«

Fidelma sah ihn ernst an.

»Ich verspreche dir, daß ich nicht von dir verlangen werde, deinen Eid zu brechen - es sei denn, es geht um einen höheren Eid.«

Der Krieger und Wagenbauer runzelte fragend die Stirn.

»Ein höherer Eid? Meinst du die Pflicht gegenüber dem Glauben?«

»Nein, nicht einmal die. Dein Fürst hat Cashel einen Eid geschworen. Cashel geht vor allen anderen Dingen. Wenn dein Fürst seinen Eid gegenüber Cashel bricht, dann bist du von deinem Eid ihm gegenüber entbunden, denn dann befindet er sich in Rebellion gegen seinen rechtmäßigen König. Verstehst du das?«

»Ich denke schon. Ich werde für dich tun, was ich kann, Schwester Fidelma.«

»Ich werde deine Dienste zu schätzen wissen, Rudgal.«

Angewidert untersuchte sie ihre Zelle. Sie war kalt und feucht und enthielt kaum mehr als einen Stroh-sack auf dem Fußboden. Sie roch übel und war offensichtlich eine Weile nicht benutzt worden. Es gab nur einen winzigen Fensterschlitz hoch oben an einer Wand. Rudgal fand eine Öllampe und entzündete sie. Er schaute sich um und fühlte sich ebenfalls abgestoßen.

»Mehr kann ich nicht für dich tun, Schwester«, entschuldigte er sich noch einmal.

Fidelma mußte bei seiner traurigen Miene beinahe lächeln.

»Du bist nicht dafür verantwortlich, daß ich mich hier befinde, Rudgal. Das Unglück hat mich hergebracht, und nun muß ich meinen Verstand anstrengen, daß ich wieder herauskomme.«

»Brauchst du etwas, Schwester?« fragte er nochmals.

Fidelma überlegte rasch.

»Ja. Ich benötige ein paar persönliche Dinge aus dem Gästehaus, zum Beispiel mein marsupium. Würdest du bitte dorthin gehen und Bruder Eadulf, der wahrscheinlich noch schläft, darum bitten, daß er es mir gleich bringt.«

»Den Angelsachsen herholen ...?« Rudgal schien zu zögern.

»Sei unbesorgt, Rudgal. Bruder Eadulf muß als mein dalaigh fungieren, da ich mich nun nicht mehr frei bewegen kann. Ich habe das Recht, ihn als meinen Vertreter zu benennen, und als mein dalaigh kann er mich ungehindert besuchen.«

»Sehr wohl, Schwester, ich bringe den Angelsachsen her.«

Er ging und schloß die mächtige Holztür hinter sich. Fidelma hörte, wie sich der Schlüssel in dem großen eisernen Schloß drehte, und verspürte eine ungewohnte Verzagtheit. Solche Verzweiflung hatte sie bisher nicht an sich gekannt.

Sie versuchte, ihre Gedanken auf die unmittelbare Frage des Überlebens zu konzentrieren. Mit Abscheu sah sie sich in der dunklen, muffigen Zelle um. Es roch widerlich hier. Sie erschauerte und schlang die Arme um sich, als biete das einen Trost.

Etwas bewegte sich in dem Strohsack. Eine dunkelgraue Ratte kam heraus und verschwand in einem Loch zwischen den Granitsteinen. Fidelma schüttelte sich heftig und schritt hin und her. Sie hoffte, Eadulf würde bald kommen. Nachdem sie ihm ihre Anweisungen gegeben hätte, wollte sie versuchen, sich mit Hilfe des dercad, der Kunst der Meditation, von ihrer Niedergeschlagenheit zu befreien. Generationen irischer Mystiker hatten damit äußerliche Gedanken und geistige Irritationen beruhigt und den Zustand des sit-chain, des Friedens, erlangt. Sie hatte diese alte Kunst in Zeiten der Bedrängnis regelmäßig geübt. Doch nie in ihrem Leben hatte Fidelma das Meditieren so nötig gehabt wie jetzt.

Nach fünfzehn Minuten, die ihr wie mehrere Tage vorkamen, betrat ein blasser Eadulf mit besorgter Miene die Zelle, gefolgt von Rudgal.

»Fidelma, was für ein Unglück hat dich hierhergebracht? Ach, von Rudgal habe ich bisher nur ganz wenig darüber erfahren. Sag mir, wie ich deine Freilassung erreichen kann?«

Fidelma stand mitten im Raum und lächelte besänftigend, um Eadulfs Befürchtungen zu mildern.

Rudgal sprach, bevor sie antworten konnte.

»Während du dem Angelsachsen deine Anordnungen gibst, sehe ich zu, daß ich dir etwas bringen kann, was das Leben in diesem Loch ein wenig erträglicher macht.« Er verließ sie und schloß die Tür hinter sich ab.

»Was kann ich tun?« fragte Eadulf in so angstvollem Ton, daß seine Stimme in dem hallenden Raum unnatürlich klang. »Mein Gott, was für Vorwürfe mache ich mir. Ich war wie benommen, ich bin erst wach geworden, als Rudgal kam und mir sagte, du bist hier. Warum hast du mich nicht geweckt, als du das Gästehaus verlassen hast? Ich hätte das hier vielleicht verhindern können. Wenn ich bei dir gewesen wäre .«

»Vor allem mußt du ruhig bleiben, Eadulf«, befahl ihm Fidelma. »Du bist der einzige, der meine Freilassung bewirken kann.«

Eadulf schluckte schwer.

»Sag mir, was ich tun muß.«

»Ach, ich kann dir hier nicht einmal etwas zum Sitzen anbieten, denn der Strohsack ist voller Ungeziefer und kein angenehmer Ruheplatz. Also müssen wir stehen bleiben, während ich dir erkläre, was passiert ist.«

Sie hatte ihren Bericht fast beendet, als sich die Tür wieder öffnete. Rudgal brachte eine Holzbank herein.

»Verzeih, Schwester, daß ich so lange fort war, aber ich habe ein Bett und eine Sitzgelegenheit gesucht.

Das Bett hole ich gleich, damit du nicht auf diesem feuchten, kalten Boden liegen mußt. Inzwischen mußt du mit der Bank auskommen.«

Fidelma dankte ihm herzlich.

»Rudgal hat mir seine Hilfe angeboten, und ich meine, ihm können wir vertrauen«, fügte sie für Ea-dulf hinzu.

Eadulf nickte ungeduldig.

Rudgal schob die Bank an eine trocknere Wand der Zelle und ging wieder.

Fidelma setzte sich und erzählte weiter. Eadulf stöhnte angstvoll, als sie fertig war, und breitete die Hände in einer hoffnungslosen Geste aus.

»Wenn du sowohl Laisre als auch Murgal gegen dich hast, weiß ich nicht, was ich tun soll.«

»Du mußt einen Weg finden«, sagte Fidelma fest. »Schließlich ist das die Aufgabe eines dalaigh.«

»Aber ich bin doch kein in eurem Recht ausgebildeter Anwalt«, protestierte Eadulf.

»Ich bin es aber. Ich berate dich, und du mußt eine Möglichkeit finden, die Wahrheit dessen, was ich sage, zu beweisen. Die Sache ist verworren. Orla und ihr Ehemann Colla wirken so überzeugend mit ihren Aussagen. Aber ich schwöre, Eadulf, daß ich Orla aus dem Stall herauskommen sah. Sie und Colla müssen lügen. Daß ich sie erkannt habe, scheint ihren Bruder Laisre sehr zu beunruhigen. Vermutlich sieht er darin eine Kränkung seiner Familienehre, doch ich glaube, wenn es nur um eine Meinungsverschiedenheit zwischen Artgal und mir ginge, hätte Laisre Artgals Aussage weniger ernst genommen. Die Tatsache, daß ich seine Schwester belastet habe, hat ihn ziemlich wütend auf mich gemacht.«

»Ich verstehe nicht, weshalb er so zornig ist, daß er dir eine faire Anhörung verweigert.«

»Ach, Familienehre ist immer eine komplizierte Angelegenheit. Ich kann nicht sagen, daß sein Verhalten unfair wäre. Und was Murgal tut, ist es übrigens auch nicht. Beide bewegen sich im Rahmen des Gesetzes.«

»Nun, ich muß dich hier herausholen. Aber wie fange ich das an?«

»Ich muß meinen Ruf wiederherstellen und herausfinden, wer Bruder Solin ermordet hat. Das kann ich nicht tun, solange ich in dieser Zelle bin. Murgal sagt, ich muß nach dem Gesetz neun Tage hierbleiben bis zu meiner Gerichtsverhandlung.«

Eadulf fuhr sich nachdenklich durchs Haar.

»Aber wenn ich mich recht erinnere, können vor euren Gerichten Leute von Rang, die eine Kaution bezahlen, freigelassen werden, wenn sie schwören, daß sie zur Verhandlung wieder vor dem Gericht erscheinen werden.«

Fidelma lächelte anerkennend.

»Du erinnerst dich richtig. Solch ein Gesetz gibt es. Du mußt sehen, ob du dies Gesetz benutzen kannst, um meine Freilassung zu erwirken. Es gibt hier eine Bibliothek. Sie untersteht Murgal. Weißt du noch, daß ich dir das Gebäude gezeigt habe, in dem sie sich befindet?«

Eadulf nickte.

»Dann mußt du das entsprechende Gesetz nachlesen. Danach wende dich an Murgal, denn denke daran, Murgal ist der Brehon für dieses Tal. Verlange eine Anhörung, ob ich nicht nach dem Gesetz freikomme, um nach neun Tagen wieder zu erscheinen. Wenn ich in Freiheit bin, haben wir die Chance, zu beweisen, wessen Hand das Messer führte, mit dem Bruder Solin das Leben genommen wurde.«

»Sollte es hier eine solche Sammlung von Gesetzbüchern geben?« fragte Eadulf zweifelnd. »Murgal ist Heide.«

Trotz ihrer Lage mußte Fidelma leise lachen.

»Heiden oder Christen, wir sind ein gebildetes Volk, Eadulf. Die Druiden schrieben Bücher, lange bevor Patrick kam und das lateinische Alphabet übernommen wurde. Verehrten wir nicht Ogma, den Gott der Gelehrsamkeit und der Schrift, nach dem unser erstes Alphabet benannt wurde? Und das Gesetz war Gesetz schon ganze Zeitalter, bevor der neue Glaube auf diese Insel gelangte.«

Eadulf verzog mißbilligend den Mund.

»Schlägst du vor, daß ich Murgal frage, ob er solche Gesetzbücher hat?«

»Heide oder Christ, Berater Laisres oder nicht, Murgal ist Brehon und hat geschworen, getreu dem Gesetz zu handeln.«

Eadulf schüttelte zweifelnd den Kopf.

»Wenn er es also erlaubt, nach welchem Buch sollte ich suchen?«

»Als erstes mußt du den Text mit dem Titel Coic Conara Fugill studieren, das heißt >Fünf Wege zum Urteil<. Schau dir ferner das Berrad Airechta an. Ich meine, in diesen beiden Werken findest du die notwendigen Verfahren für meinen Fall. Mach dich mit der Verfahrensweise vertraut und suche den Weg, der nach dem Gesetz zu meiner Freilassung führt.«

»Ich muß dich daran erinnern, Fidelma, daß ich nicht das Recht dieses Landes studiert habe«, wandte Eadulf ein. »Ich habe Theologie studiert und Medizin.«

»Du hast mir oft erzählt, daß du in deinem Land von deinem Vater das Amt des Friedensrichters geerbt hattest, Eadulf. Jetzt ist es an der Zeit, daß du dein Talent nutzt. Du kennst meine Methoden und hast mich oftmals vor den Gerichten plädieren hören. Halte dich an die >Fünf Wege zum Urteil< und sieh dir das Bürgschaftsgesetz arach an. Ich verlasse mich auf dich, Eadulf.«

Eadulf erhob sich unsicher.

»Ich werde versuchen, dein Vertrauen nicht zu enttäuschen.«

Er streckte beide Arme aus und faßte sie sanft an den Schultern. Ihre Blicke begegneten sich, und dann wandte sich Eadulf mit leicht geröteten Wangen zur Tür um. Die öffnete sich sofort, als habe Rudgal dahinter gestanden und gewartet. Er trat beiseite und ließ Eadulf vorbei.

Darauf trug Rudgal ein Holzbett in die Zelle. Anschließend brachte er Decken und einen Krug Wasser herein. Der Krieger und Wagenbauer schaute besorgt drein.

»Der angelsächsische Bruder sieht etwas gedankenverloren aus, Schwester Fidelma«, murmelte er, während er das Bett an die richtige Stelle schob. Bevor sie antworten konnte, fügte er hinzu: »Das wird dir den Aufenthalt hier ein bißchen erleichtern, hoffe ich.«

»Mir zuliebe, Rudgal, oder auch dem Glauben zuliebe, würdest du bitte ein wachsames Auge auf Bruder Eadulf haben? Er wird vielleicht Hilfe brauchen. Hilf ihm so, wie du mir helfen würdest.«

»Das werde ich tun, Schwester Fidelma. Das kannst du mir überlassen.«

Ohne ein weiteres Wort setzte sich Fidelma auf die Bank und sammelte sich für das dercad. Sie hörte schon nicht mehr, wie Rudgal ging und die Tür ins Schloß fiel.

Es waren noch mehrere Stunden bis zum Morgengrauen, und Eadulf begriff, daß er bis dahin warten mußte, ehe er Murgal um Erlaubnis bitten konnte, seine Bibliothek benutzen zu dürfen. Wahrscheinlich war Murgal nach den Aufregungen der Nacht gerade erst zu Bett gegangen. Eadulf wußte, wenn er Fidelma helfen wollte, mußte er hellwach sein. Zwei Nächte hatte er nicht gut geschlafen, deshalb beschloß er, sich noch ein oder zwei Stunden ins Bett zu legen. Trotz seiner Gemütsverfassung hatte er sich kaum ausgestreckt, als er schon tief schlief.

Er erwachte von Geräuschen, die aus dem Haupt-raum des Gästehauses zu ihm drangen. Einen Moment konnte sich Eadulf nicht an die Geschehnisse der vergangenen Nacht erinnern. Dann brachen sie wie eine Sturzflut über ihn herein. Er erhob sich und ging hinunter.

Cruinn war da und starrte ihn feindselig an, als sie ihn erblickte. Der junge Mönch, Bruder Dianach, saß traurig und bekümmert in einer Ecke. Sobald er Ea-dulf bemerkte, machte er ein zorniges Gesicht. Es war klar, daß der Tod Bruder Solins und die Verhaftung Fidelmas heute morgen die Gespräche im rath beherrschten.

»Warum hat sie das getan?« Bruder Dianachs anklagende Worte trafen Eadulf wie ein Peitschenhieb. Der junge Mann stand auf, als wolle er auf Eadulf losgehen. »Hat sie ihn derart gehaßt?«

Eadulf blieb am Fuße der Treppe stehen und blickte Bruder Dianach mitfühlend an.

»Schwester Fidelma hat Bruder Solin nicht getötet«, erwiderte er ruhig.

Cruinn murmelte in unterdrücktem Zorn etwas vor sich hin. Die rundliche Frau wirkte jetzt nicht mehr fröhlich, sie hatte sich in eine wütende Hexe verwandelt.

Eadulf schaute vom einen zum anderen und zuckte die Achseln. Er merkte, daß beide nicht gewillt waren, sich Fidelmas Seite der Geschichte anzuhören. Er wandte sich ab und ging in den Baderaum. Als er seine Toilette beendet hatte, war von Cruinn und Bruder Dianach nichts mehr zu sehen. Er begab sich hinauf in sein Zimmer und zog sich an. Als er zurückkam, stellte er fest, daß Cruinn ihm kein Frühstück hingestellt hatte. Das war anscheinend ihre Art des Protests. Ea-dulf seufzte und suchte sich etwas zu essen.

Nach einem bescheidenen Mahl aus trockenem Brot, kaltem Fleisch und Met unternahm er seinen ersten Vorstoß. Vor dem Gebäude, das Fidelma ihm als Ort der Bibliothek Murgals gezeigt hatte, begegnete er zuerst der hübschen Apothekerin Marga. Nach dem, was ihm Fidelma über ihren Ausbruch berichtet hatte, als sie erfahren hatte, daß er sich in der Kräutermedizin auskannte, erwartete er, daß sie ihn nicht beachten würde, doch sie blieb vor ihm stehen.

»Ich kann nicht behaupten, daß es mir leid tut«, erklärte sie ohne Vorrede. Offenkundig hatte auch sie die Neuigkeit vernommen. »Weder für Solin, dieses Schwein, noch für deine christliche Freundin. Sie haben es verdient, miteinander in die Andere Welt zu fahren. Ich kann verstehen, daß jede Frau, die Solin begegnet ist, den Wunsch hat, ihm das Leben zu nehmen.«

Eadulf blieb standhaft.

»Das mag deine Meinung sein, Marga. Aber Fidelmahat Bruder Solin nicht getötet.«

Die Augen der jungen Frau verrieten ihren Unglauben.

»So? Und das willst du beweisen?«

»Das werde ich beweisen«, verbesserte er sie. »Ich werde die Wahrheit herausbekommen.«

Marga verzog höhnisch das Gesicht.

»Ach ja. Da du gerade von Wahrheit redest - ich habe dir die Fingerhutblätter geschenkt, weil ich dachte, ich helfe jemandem, der keine Ahnung von Medizin hat. Da du mich belogen hast, schuldest du mir jetzt etwas dafür. Du siehst, ich lege Wert auf Wahrheit, Angelsachse. Ich denke, unser Brehon wird auch wissen wollen, welchen Wert du der Wahrheit beimißt.«

Eadulf errötete. Er holte einen screpall aus seiner Börse und hielt ihn ihr hin.

»Nimm ihn und laß es dir damit gut gehen«, sagte er kurz.

Marga nahm die Münze, prüfte sie und ließ sie dann mit Bedacht fallen. Sie lächelte verächtlich. Anscheinend erwartete sie, daß sich Eadulf hastig danach bük-ken würde. Eadulf starrte ihr einen Moment in die kalten Augen und ging dann in das Gebäude.

Er hatte keine leichte Aufgabe vor sich, denn offenbar hatten die Leute im rath Laisres alle schon vor der Verhandlung entschieden, daß Fidelma schuldig wäre.

Er machte sich auf den Weg nach oben in den Turm, wo nach Fidelmas Auskunft Murgals Wohnung und Bibliothek lagen. Doch dort gab es mehrere Türen. Er zögerte und überlegte, was er tun sollte.

»Ach, der Angelsachse! Was machst du denn hier?«

Eadulf schaute in das kokette Gesicht von Esnad, der Tochter Orlas. Sie stand in der Tür einer Wohnung, gegen den Pfosten gelehnt, und betrachtete ihn mit einem verführerischen Lächeln.

»Ich suche Murgals Bibliothek«, antwortete er.

Sie schmollte.

»Och, Bücher! Warum kommst du nicht rein und spielst eine Partie Brandub mit mir? Wenn du nicht weißt, wie das geht, bringe ich dir’s bei.« Sie wies mit einer einladenden Geste auf den Raum hinter ihr. »Dies ist meine Wohnung.«

Eadulf errötete verwirrt.

»Ich habe viel zu tun, Esnad«, sagte er respektvoll, denn schließlich war sie die Tochter des Tanist. »Wenn du mir sagen könntest, wo ich Murgals Bibliothek finde ...?«

»Was willst du in meiner Bibliothek, Angelsachse?« ertönte die tiefe Stimme des Druiden. Murgal erschien unten an der Treppe.

Esnad zischte enttäuscht, verzog sich in ihre Wohnung und knallte die Tür zu.

Merklich erleichtert wandte sich Eadulf an den Druiden.

»Eigentlich suchte ich dich und wollte dich um die Erlaubnis bitten, mich in deiner Bibliothek umzusehen.«

Murgal hob leicht die Brauen.

»Und wozu kann sie dir dienen?«

»Ich brauche zwei Gesetzestexte. Es könnte sein, daß du sie besitzt.«

Murgal war sichtlich verwundert.

»Wozu brauchst du Gesetzestexte?«

»Du hast Fidelma von Cashel in Haft genommen.«

»Ja«, antwortete Murgal einfach.

»Sie hat mich zu ihrem Brehon ernannt.«

Das schien Murgal zu überraschen.

»Du wirst sie vor Gericht vertreten? Aber du bist Ausländer und nicht als dalaigh ausgebildet.«

»Auch jemand, der nicht juristisch ausgebildet ist, hat das Recht, einen Fall vor einem Brehon zu vertreten, wenn er bereit ist, das Risiko auf sich zu nehmen«, erklärte Eadulf. »Selbst ein Ausländer darf das. So viel verstehe ich vom Recht, um mich darauf zu berufen.«

Murgal überlegte einen Moment und stimmte ihm dann zu.

»So eine Person wird >zungenlos< genannt, doch wenn sie nur die Zeit des Gerichts vergeudet, kann sie mit einer hohen Geldstrafe belegt werden. Bist du gewillt, dieses Risiko einzugehen?«

»Ja.«

»Nun«, gestand Murgal, »es überrascht mich nicht, daß du Fidelma von Cashel vertreten willst. Doch da wird dir nicht viel zu tun bleiben. Der Fall ist völlig klar. Ihre Schuld ist offenkundig.«

Eadulf verbarg seine Empörung.

»Hast du auch schon geklärt, welches Motiv Fidelmafür den Mord an Bruder Solin hatte?« erkundigte er sich.

»O ja. Christen bekämpfen sich immer untereinander, wenn sie niemand anderes zu bekämpfen finden. Wie nennt ihr Anhänger Roms das doch gleich? Odium theologicum? Es gibt viel gegenseitigen Haß unter euch.«

»Ich verstehe. Als Brehon hast du auch schon das Urteil gefällt«, knurrte Eadulf. »Vielleicht sollte ich deine Kenntnis des Lateinischen um den Spruch erweitern: maxim audi alteram partem - man höre auch die andere Seite.«

Murgal stutzte, und einen Augenblick dachte Ea-dulf, er würde vor Wut platzen. Doch zu Eadulfs Überraschung fing er an zu lachen.

»Gut gesagt, Angelsachse, gut gesagt! Du darfst dir die Gesetzbücher in meiner Bibliothek ansehen, und ich wünsche dir Glück dabei.«

»Ich hätte noch eine zweite Bitte.«

»Welchen anderen Dienst soll ich dir noch leisten?«

»Fidelma von Cashel bleibt in Haft bis zu ihrer Verhandlung.«

»Ja. Das Gesetz sieht neun Tage vor, bei einem Mordprozeß«, erklärte Murgal. »Danach muß sie sich vor dem Gericht verantworten. Da gibt es für niemanden eine Ausnahme.«

»Aber Fidelma von Cashel kann ihre Verteidigung nicht vorbereiten, wenn sie nicht in Freiheit ist.«

»Gesetz ist Gesetz, Angelsachse. Selbst ich kann das Gesetz nicht zugunsten eines einzelnen ändern.«

Eadulf nickte.

»Gesetz ist Gesetz«, wiederholte er leise. »Aber oft gibt es noch Möglichkeiten der Auslegung. Sicherlich genügt doch das Wort Fidelmas von Cashel, einer Person von Rang in diesem Land, als arach oder Bürgschaft, um ihre Freilassung bis zur Verhandlung zu gestatten. Ihre Inhaftierung ist nicht gerecht.«

Murgal betrachtete ihn nachdenklich.

»Du kennst anscheinend unser Recht gut genug, um mit Begriffen wie arach umzugehen, Angelsachse.«

Eadulf meinte, hier mit Ehrlichkeit am weitesten zu kommen.

»Ich kenne es wenig genug. Deshalb muß ich mir ein paar Gesetzestexte ansehen. Doch da ich Fidelma von Cashel vertrete, möchte ich offiziell für morgen eine Anhörung vor dir beantragen, so daß ich für Fi-delmas Freilassung noch vor ihrer Verhandlung plädieren kann.«

»Welche Gesetzbücher brauchst du?« fragte Murgal interessiert.

Eadulf nannte die Texte, zu denen Fidelma ihm geraten hatte. Murgal dachte nach.

»Du hast eine kluge Wahl getroffen, Angelsachse«, gab er widerwillig zu.

Er winkte Eadulf, mitzukommen, und führte ihn die Treppe hinauf in einen Raum im Turm. Eadulf sah zu seiner Überraschung, daß er mit ganzen Reihen von Pflöcken und Buchtaschen ausgestattet war. Es gab sogar ein paar Ständer mit Stäben, die er von früheren Gelegenheiten her als »Stäbe der Dichter« wiedererkannte, Texte in der alten irischen Ogham-Schrift, die aus den Jahrhunderten vor der Ankunft des Glaubens in Irland stammten. Ohne zu zögern, ging Murgal zu zwei Taschen und nahm die Bände heraus.

»Dies sind die Texte, die du brauchst. Nimm sie ins Gästehaus mit und studiere sie, aber du mußt sie so bald wie möglich zurückbringen«, ordnete er an und reichte sie Eadulf.

»Ich werde sie sorgsam behandeln, hab keine Sorge.«

Murgal geleitete ihn aus dem Raum und schloß die Tür wieder ab.

»Und die Anhörung?« drängte ihn Eadulf. »Wirst du mein Plädoyer für Fidelmas Freilassung bis zu ihrem Gerichtstermin zulassen?«

»Das ist eine Frage, die ich nicht sofort beantworten kann. Das muß überdacht werden. So eine Anhörung erfordert neue Argumente und könnte den Wünschen meines Fürsten Laisre widersprechen.«

»Steht das Gesetz nicht über den Wünschen eines Fürsten?«

Murgal lächelte dünn.

»Ist das dein einziges Argument?« fragte er Eadulf.

»Nein. Es gibt das unbestreitbare Argument, daß Fidelma von Cashel nicht einfach nur eine Nonne ist oder eine Anwältin. Sie ist auch die Schwester des Königs von Muman und besitzt als solche einen Rang, der respektiert werden muß. Es ist ihr Recht, dazu gehört zu werden, ob sie nicht auf Grund ihrer eigenen Sicherheitsleistungen auf freien Fuß gesetzt werden kann.«

»Ich werde dir meine Entscheidung noch vor Ende dieses Tages mitteilen. Sie wird auch davon abhängen, ob du mir sagen kannst, daß du in diesen Gesetzbüchern hier den richtigen Weg zum Urteil gefunden hast. Möge die Gerechtigkeit dich bei deiner Suche leiten, Angelsachse.«

Auf diese Weise entlassen, machte sich Eadulf auf den Weg zum Gästehaus. Aus Vorsicht hielt er sich dicht an der Mauer unter dem Umgang des rath, als ein sechster Sinn ihn veranlaßte, ein wenig vom Weg abzuweichen. Er wußte nicht, warum er das tat. Vielleicht, weil er den Bruchteil einer Sekunde ein leises Geräusch wahrnahm. Ein großer schwerer Stein löste sich aus den Zinnen und landete krachend vor seinen Füßen, so dicht, daß er den Luftzug spürte. Wäre sein Fuß nur ein paar Zentimeter weiter vorn gewesen, er wäre zerschmettert worden.

Eadulf schrie erschrocken auf und sprang zurück; die Gesetzbücher fielen zu Boden. Mit klopfendem Herzen spähte er rasch nach oben. Ein Schatten verschwand, ehe er Genaueres erkennen konnte.

Einen Moment stand er da, und der Schweiß trat ihm auf die Stirn.

Dann bemerkte er eine Gestalt, die die Stufen von den Zinnen herunterkam und auf ihn zu eilte. Er tat einen Schritt zurück und war bereit, sich zu verteidigen.

Es war Rudgal. Er machte ein seltsames Gesicht.

»Bist du unverletzt, Bruder?« fragte er besorgt.

Eadulf faßte sich.

»Das Herz schlägt mir bis zum Halse«, gestand er.

Rudgal bückte sich und hob die Gesetzbücher auf.

»Das war knapp, Bruder. Solche Unfälle können gefährlich sein.«

Eadulf kniff die Augen zusammen.

»Das war ein Unfall, meinst du?«

»Meinst du das nicht?« fragte Rudgal harmlos.

»Manche der Steinblöcke auf den Zinnen sind schlecht eingefügt und ziemlich lose.«

»Da oben auf den Zinnen war jemand, der diesem speziellen Stein etwas nachgeholfen hat.«

Rudgal war entsetzt.

»Bist du sicher, Bruder? Hast du jemanden erkannt?«

»Ich konnte niemanden erkennen«, gab Eadulf zu. »Aber du warst doch oben auf den Zinnen. Du mußt gesehen haben, wer es war.«

Rudgal schüttelte den Kopf.

»Da waren ein paar Leute unterwegs. Ich ging oben entlang und hörte deinen Schrei. Als ich hinunterblickte, sah ich dich und den Stein vor deinen Füßen. Du schienst erschrocken. Ich hab niemanden bemerkt .«

Er verstummte und dachte nach.

»Was hast du gesehen?« fragte Eadulf rasch.

»Wahrscheinlich nichts. Da war der junge Bruder, wie heißt er gleich - Dianach? Ja, ich sah ihn in die andere Richtung gehen mit Esnad, und dann war Artgal in der Nähe mit Laisre, der mit ihm sprach. Vielleicht ist ihnen etwas aufgefallen, doch glaube ich eher nicht, denn sonst wären sie gekommen, um nachzuschauen, was passiert ist. Anscheinend hat niemand weiter deinen Schrei gehört.«

»Ich glaube nicht, daß uns das sehr weit bringt«, überlegte Eadulf laut und nahm Rudgal die Bücher ab. »Artgal ist der Hauptzeuge gegen Fidelma, und Bruder Dianach hat heute morgen sehr deutlich gemacht, daß er mich nicht mag. Nein, reden wir nicht mehr darüber.«

Er ließ Rudgal stehen und ging weiter zum Gästehaus. Drinnen legte er die Bücher sorgfältig auf den Tisch und setzte sich davor. Er gähnte und wünschte, er hätte etwas länger schlafen können. Dann dachte er an Fidelma in ihrer Zelle und empfand Reue, denn sie würde, wohl allein an diesem unfreundlichen Ort, kaum Schlaf finden. Auch das Gästehaus war nun verlassen. Weder Cruinn noch Bruder Dianach waren zurückgekehrt. Es war klar, daß sie ihn mieden.

Langsam schlug er Seite um Seite der Gesetzestexte um.

Die Zeit verging, die Zeichen auf den Seiten wurden lebendig, sie verwirrten sich und verschwammen vor seinen Augen. Er schien unfähig, die einfachsten Begriffe zu verstehen. Seine Augenlider wurden immer schwerer, und sein Kopf sank herab.

Er mußte wohl eingeschlafen sein.

Plötzlich vernahm er ein Geräusch an der Tür.

Eadulf fuhr von dem Manuskript hoch, blinzelte und wußte für einen Augenblick nicht, wo er sich befand.

Da erblickte er Rudgal auf der Schwelle.

»Was ist?« fragte Eadulf, gähnte und schämte sich, weil er eingeschlafen war. Er schob das Gesetzbuch beiseite.

»Ich komme mit einer Botschaft von Murgal, Bruder. Es geht um die Anhörung, die du beantragt hast.«

»Und?« Eadulf war nun hellwach und erhob sich. »Wird er mir morgen eine Anhörung gewähren?«

»Murgal sagt, dir steht das Recht zu, solch eine Anhörung vor ihm als dem Brehon von Gleann Geis zu verlangen. Ich soll ihm die Bücher wiederbringen - er meinte, du weißt, welche Bücher das sind. Und wenn du ihm durch mich versichern kannst, daß du das gesetzlich vorgeschriebene Verfahren einhalten kannst, dann wird er eine solche Anhörung zulassen. Aber die Anhörung muß im Ratssaal des Fürsten heute nachmittag noch vor dem Abendessen stattfinden.«

Eadulf erschrak.

»Wie spät ist es jetzt?« fragte er und fühlte sich, als spiele Murgal Katz und Maus mit ihm.

»Fast eine Stunde nach dem Mittagessen.«

»Das heißt, ich habe nur ein paar Stunden, um mich darauf vorzubereiten.« Er bemühte sich, die in ihm aufsteigende Panik zu unterdrücken. Rudgal beobachtete ihn mit ausdrucksloser Miene.

»Murgal sagt, wenn du nicht in der Lage bist, deinen Antrag heute nachmittag zu stellen, hast du das entsprechende Gesetz nicht verstanden.«

Eadulf fuhr sich verzweifelt durchs Haar.

»Wenigstens ist Murgal bereit, die Anhörung abzuhalten«, räumte er ein. »Du mußt ihm sagen, daß ich die Bücher noch etwa eine Stunde brauche. Ich gebe sie ihm später zurück.«

Besorgt blickte er auf das Gesetzbuch, das offen auf dem Tisch lag.

»Anscheinend besteht meine einzige Hoffnung darin, daß er Schwester Fidelmas Eid als Bürgschaft anerkennt und ihren Rang und ihre Stellung als Eog-hanacht-Prinzessin dabei berücksichtigt. Vielleicht läßt er sie ja daraufhin bis zur Gerichtsverhandlung frei.«

Rudgal lächelte freudig.

»Es wäre gut für Schwester Fidelma, wenn sie aus der Einzelhaftkammer herauskäme, Bruder. Es gehört sich nicht, daß jemand wie sie dort eingekerkert ist.«

»Ich wünschte, ich hätte größere Zuversicht, was das Ergebnis der Anhörung betrifft.«

Rudgal kniff die Augen zusammen.

»Du glaubst nicht, daß du rechtskundig genug bist, um Schwester Fidelma die Freiheit zu verschaffen?« fragte er. Er wies auf die Bücher auf dem Tisch. »Was sagen dir die Bücher, was du tun sollst?«

Eadulf lachte schmerzlich.

»Sie sagen mir, daß meine Kenntnis der Gesetze gering ist und daß das wenige, was ich weiß, nicht ausreicht, um ihre Freilassung zu sichern.«

»Aber irgend etwas kannst du doch tun?«

»Außer, daß Murgal Schwester Fidelmas Eid als Schwester des Königs von Cashel als Bürgschaft für ihr Erscheinen zur Gerichtsverhandlung anerkennt, gibt es nur noch eine Möglichkeit.«

»Welche ist das?« erkundigte sich Rudgal.

»Ich müßte beweisen können, daß Artgal als Zeuge nicht glaubwürdig ist.«

Rudgal rieb sich nachdenklich das Kinn.

»Er ist ehrgeizig. Ein erstklassiger Grobschmied und ein guter Krieger, das weiß ich.«

»Möglicherweise hat er irgendein Geheimnis. Hat er vielleicht einen Kameraden in der Schlacht im Stich gelassen?«

Rudgal lachte.

»Such dir etwas anderes, Bruder. Wir haben im vorigen Jahr gemeinsam gekämpft, Seite an Seite, am Berg Äine gegen die Arada Cliach. Er bewies seine Tapferkeit in der Schlacht.«

Eadulf starrte ihn überrascht an.

»Ihr habt dort gegen die Arada Cliach gekämpft? Aber das bedeutet doch, daß ihr gegen das Heer des Königs von Cashel gefochten habt?«

Rudgal schob das mit einem grimmigen Lächeln beiseite.

»Wir gehorchten dem Ruf unseres Fürsten Laisre, der seinerseits Eoganan von den Ui Fidgente diente. Doch jetzt ist Eoganan tot, und es herrscht wieder Frieden zwischen den Ui Fidgente und Cashel. Deshalb herrscht auch Frieden zwischen Laisre und Cashel. Aber Artgals Ehrgeiz gilt nicht dem Krieg. Das weiß ich, denn er hat gesagt, sein Ehrgeiz werde sich bald im Frieden erfüllen.«

»Also eure interne Politik verstehe ich wirklich nicht«, murrte Eadulf. »Und wenn ich es täte, würde mir das auch nichts helfen. Abgesehen von Artgals Tüchtigkeit als Grobschmied und Krieger, kannst du mir weiter nichts über ihn verraten? Wie war das noch mit Artgals Ehrgeiz?«

»Ehrgeiz ist kein Verbrechen.«

»Aber du hast gesagt, er habe angedeutet, sein Ehrgeiz werde sich erfüllen.«

»Ja, das hat er heute morgen behauptet.«

»Welcher Ehrgeiz?« forschte Eadulf.

»Er will seinen kleinen Bauernhof und seine Schmiede vergrößern und einen Lehrling beschäftigen, damit er sich eine Frau leisten kann. Daran ist doch nichts Verdächtiges.«

»Richtig, das ist harmlos. Wieso ist das sein Ehrgeiz?«

»Er war nicht in der Lage, so viel zu sparen, daß er sich Milchkühe als Grundlage für eine Herde kaufen konnte. Als Schmied hat er nicht viel zu tun, weil Go-ban hier der führende Schmied ist. Die meisten Leute gehen zu ihm, wenn sie anspruchsvolle Arbeit brauchen. Artgals Bauernhof ist arm, und meistens ist er auf der Suche nach Arbeit. Sein Auskommen hat er hauptsächlich durch Laisres Zuwendungen für seinen Dienst in der Leibwache. Doch kürzlich konnte er sich zwei Milchkühe kaufen.«

»Nun, daraus ergibt sich nichts, womit ich beweisen könnte, daß seinem Wort nicht zu trauen ist.«

Rudgal nickte.

»Stimmt schon. Obgleich ich nicht glaube, daß er tatsächlich etwas gespart hat, um die Kühe zu kaufen. Vor zwei Tagen hatte er noch kein Geld. Wir spielten auf Ronans Hof, und Artgal verlor viel. Einmal bot er sogar seinen Hof und seine Schmiede als Sicherheit für seinen Einsatz an.«

»Dann hat er also die Kühe oder das Geld dafür beim Glücksspiel gewonnen. Das ist auch nicht strafbar.«

Rudgal schüttelte den Kopf.

»So war es nicht. Er gewann gerade so viel, daß er seinen Hof nicht verlor. Zu Geld kam er bei dem Spiel nicht. Er verließ es so mittellos, wie er es begonnen hatte. Er holte nur soviel heraus, wie er eingesetzt hatte.«

Jetzt erwachte Eadulfs Interesse.

»Womit hat er dann die beiden Kühe bezahlt, und wie hast du davon erfahren?«

»Ich habe zufällig mitbekommen, wie Artgal zu Ronan sagte - und das habe ich deutlich gehört -, daß das Glück ihm gerade hold sei, denn er habe zwei Milchkühe als Belohnung dafür erhalten, daß er die Wahrheit gesagt habe.«

Eadulf blickte rasch auf.

»Hat er genau diese Worte benutzt?«

»Genau diese Worte. Er sagte weiter, in neun Tagen würde er noch eine Milchkuh erhalten, das wären dann drei. Mit drei Milchkühen wäre er auf der sicheren Seite.«

Eadulf sah den blonden Krieger scharf an, den die Wirkung seiner Worte anscheinend nicht kümmerte.

»Wiederhole das noch mal - du sagst, du hast gehört, wie Artgal sagte, er habe zwei Milchkühe als Belohnung dafür erhalten, daß er die Wahrheit gesagt habe und daß er in neun Tagen noch eine erhalten würde? Sind das seine genauen Worte?«

Rudgal kratzte sich den Kopf, als helfe ihm das, sich zu konzentrieren.

»Ja. Das sind die Worte, die er benutzt hat.« »Bist du sicher, daß er wirklich sagte, >in neun Ta-gen< werde er noch eine Kuh erhalten? Hat er sich tatsächlich so ausgedrückt?«

»O ja. Von neun Tagen hat er gesprochen.«

Eadulf lehnte sich zurück und trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte.

»Ist das hilfreich?« fragte Rudgal einen Moment später, nachdem Eadulf nichts weiter bemerkt hatte.

Zerstreut schaute Eadulf den Mann vor ihm an.

»Wie? Hilfreich? Ja - vielleicht, ich weiß es noch nicht. Ich muß drüber nachdenken.«

Rudgal hüstelte nervös.

»Dann gehe ich wieder zu Murgal? Was für eine Antwort soll ich ihm bringen?«

Eadulf zögerte einen Augenblick und lächelte dann breit.

»Sag Murgal, daß ich jetzt bereit bin. Ich werde meine Argumente dem Verfahren entsprechend vortragen und sie begründen. Nimm die Bücher mit und richte ihm das aus.«

»Ich dachte, du brauchst sie noch eine Stunde oder so?«

»Jetzt nicht mehr. Ich glaube, ich weiß nun, welchen Weg ich einschlagen muß.«

»Und du erklärst, daß du heute nachmittag vor Murgal plädieren kannst?«

»Das erkläre ich«, sagte Eadulf mit Betonung.

Rudgal nahm die Bücher, und Eadulf begleitete ihn bis zur Tür.

»Sobald ich Murgal verständigt habe«, meinte Rud-gal, »bringe ich Schwester Fidelma diese Nachricht. Ich wünsche dir Glück, Bruder, für dein Bemühen, sie freizubekommen.«

Eadulf hob die Hand zum Zeichen des Dankes, aber es war deutlich, daß er mit den Gedanken woanders war. Nach einer Weile richtete er den Blick auf die Notizen, die er sich aus den Gesetzestexten gemacht hatte. Er setzte sich wieder an den Tisch und verfiel in tiefes Nachdenken.

Kapitel 13

Eadulf war sichtlich nervös, als er seinen Stehplatz vor dem Brehon Murgal einnahm, der traditionell links neben Laisre saß. Der Fürst sah keineswegs glücklich aus; er hing schweigend in seinem Sessel lag und hatte Murgal die Verhandlungsführung überlassen. Fidelma war von Rudgal aus ihrer Haftkammer geholt worden; er stand dicht hinter ihrem Stuhl, der vor Laisre und Murgal aufgestellt war.

Wie es schien, hatten sich sämtliche Einwohner des rath eingefunden, um das Ereignis mitzuerleben. Eadulf erkannte den Tanist Colla und seine Frau Orla an der rechten Seite des Fürsten. Auch der junge Bruder Dianach war anwesend, seine Miene war finster. Neben ihm saß Esnad. Artgal stand im Hintergrund, immer noch verächtlich grinsend. Die hübsche Apothekerin Marga war da, und an ihrer Seite saß der ansehnliche junge Pferdehändler Ibor von Muirthemne.

Sogar Cruinns umfängliche Gestalt war im Hintergrund zu erblicken. Es herrschte erwartungsvolle Spannung.

Murgal hatte Ruhe gefordert, aber das war kaum nötig. Eine tiefe Stille war eingetreten in dem Augenblick, als Fidelma hereingeführt und ihr bedeutet wurde, sie dürfe sich setzen.

Noch nie war dem Clan von Gleann Geis ein solches Schauspiel geboten worden, wie Colla hinterher zugab.

Murgal eröffnete in aller Form die Anhörung.

»Mir ist der Wunsch Fidelmas von Cashel übermittelt worden, den Antrag zu stellen, daß sie auf Grund ihrer eigenen Sicherheitsleistungen freigelassen werden und in Freiheit bleiben solle bis zu dem Zeitpunkt in neun Tagen, an dem sie, wie vom Gesetz vorgeschrieben, sich gegen die Beschuldigung des Mordes an Solin aus Armagh zu verantworten hat. Ist das richtig?«

»Das ist richtig«, bestätigte Eadulf. »Ich spreche an dieser Stelle für sie.«

Laisre war unzufrieden.

»Hat der Angelsachse das Recht dazu, Murgal?« wollte der Fürst wissen.

»Das hat er, Lord.« Murgals Antwort klang beinahe entschuldigend.

Laisre preßte den Mund zu einer dünnen, geraden Linie zusammen, gab aber das Zeichen, die Anhörung fortzusetzen.

»Verzeih mir, Laisre von Gleann Geis«, begann Ea-dulf stockend und verließ den Verfahrensweg, den Fürsten direkt ansprechend. »Vielleicht darf ich dich über meine Stellung beruhigen. Du nennst mich zu Recht einen Angelsachsen; es stimmt, daß ich nicht in diesem Land geboren wurde. Ich war gerefa in meinem Land, ein Amt, das ich von meinem Vater erbte, ein Friedensrichter ähnlich einem Brehon, und habe nach den Gesetzen meines Volkes Recht gesprochen. Zu dem Weg Christi wurde ich von einem Mann namens Fursa bekehrt, einem Mann aus Eireann, der gekommen war, um die neue Religion in meinem Lande des Südvolks zu predigen. Er überredete mich, meine Ausbildung hier in Eireann fortzusetzen, und ich studierte in Dur-row und Tuam Brecain, obgleich meine Kenntnis eurer Sprache und eurer Gesetze noch lückenhaft ist.«

Murgal antwortete für den finster dreinblickenden Fürsten.

»Deine Rede beweist, daß du dich sehr streng beurteilst, Angelsachse. Du machst dem Vertrauen Fursas in dich alle Ehre. Du brauchst dieses Gericht nur darum zu bitten, dann werden wir dich mit Nachsicht in unseren Gesetzen anleiten. Aus welchen Gründen hast du uns hier zusammenkommen lassen, um darüber zu entscheiden, ob Fidelma von Cashel bis zu ihrer Verhandlung in Freiheit zu setzen sei?«

Eadulf blickte Fidelma kurz mit einem aufmunternden Lächeln an, denn sie saß blaß und steif da in der ungewohnten Rolle als Angeklagte vor einem Brehon. Sie schaute mit ausdrucksloser Miene in die Ferne. Eadulf fuhr fort.

»Ich bin hier, um für die Freilassung Fidelmas von Cashel auf Grund ihres Ranges zu plädieren.«

Laisre schüttelte den Kopf und lehnte sich zu Murgal hinüber.

»Tut er das zu Recht?«

Murgal ignorierte die Frage des Fürsten. Schließlich war er der Brehon und hatte hier den Vorsitz.

»Das ist ein ungewöhnlicher Schritt, Angelsachse. Fidelma von Cashel wird des Mordes beschuldigt. Selbst hoher Rang gewährt in dieser Hinsicht nicht automatisch solche Rechte.«

»Dem möchte ich widersprechen. Das Berrad Ai-rechta sagt, wenn ich den Text richtig verstanden habe, daß selbst bei einer Anklage wegen Mordes der Verdächtige, wenn er von prinzlichem Rang ist und einen guten Ruf hat und die Beweislage unklar ist, durch Entscheidung eines Brehons auf freien Fuß gesetzt werden kann, bis die neun Tage abgelaufen sind, nach denen die Verhandlung stattfinden muß.«

Fidelma sah Eadulf anerkennend an. Er hatte die Zeit gut genutzt. Allerdings zweifelte sie, ob dieses Gesetz unter den gegebenen ungünstigen Umständen genügen würde, um ihr die Freiheit zu verschaffen.

»Du hast dich gut belesen«, sagte Murgal, ebenfalls voller Anerkennung. »So lautet das Gesetz tatsächlich. Nun erkläre mir, weshalb du meinst, ich sollte es in diesem Fall anwenden.«

Eadulf machte eine nervöse Kopfbewegung.

»Du wirst mich verbessern, wenn ich mich irre?« fragte er.

»Worauf du dich verlassen kannst«, versicherte ihm Murgal mit grimmigem Humor.

»Die Kommentare zu dem Gesetz, so wie ich sie verstehe, besagen, daß der Status und der Ruf des Verdächtigen bei der Entscheidung zu berücksichtigen sind. Will jemand vor diesem Gericht bestreiten, daß Schwester Fidelma hochadligen Status und Rang besitzt, nicht nur durch ihre Abstammung, sondern auch durch ihre Ausbildung als dalaigh?«

Es entstand Bewegung unter den Menschen im Saal.

»Das haben wir nie bestritten«, erwiderte Murgal mit müder Stimme.

»Will jemand vor diesem Gericht die Tatsache in Zweifel ziehen, daß Schwester Fidelma einen untadeligen Ruf besitzt und ihr Name nicht nur in Cashel, sondern auch in den Hallen von Tara mit Hochachtung genannt wird?«

Wieder schallte seine Stimme herausfordernd durch den Raum, und es herrschte Schweigen.

»Niemand bezweifelt das«, bestätigte Murgal.

»Dann müßt ihr nach dem Gesetz einwilligen, wenn Schwester Fidelma den Eid fir testa ablegt, wie ihr ihn nennt, dann müßt ihr ihr Wort als Sicherheit akzeptieren, falls nicht beschworene Beweise gegen sie vorliegen. Daraufhin kann Schwester Fidelma das Gericht auf Grund ihrer eigenen Sicherheitsleistung verlassen.«

Laisre sah Murgal scharf an, eine Augenbraue fragend hochgezogen, doch Murgal schüttelte den Kopf und sagte zu Eadulf: »So lautet das Gesetz. Wie du sagst, können wir ihren Eid akzeptieren, wenn nicht ein beschworener Beweis gegen sie vorliegt. Aber wir haben einen Zeugen, dessen Aussage ihren Eid ungültig macht.«

Fidelma hatte das kommen sehen. Sie hatte genug Fälle erlebt, die vor sachkundigen Brehons verhandelt wurden, und war sich sicher gewesen, daß Murgal wußte, daß eine entsprechende Aussage eines Augenzeugen des Mordes den Eid, auf den sich Eadulf berufen hatte, ungültig machte. Auch wenn der Zeuge oder die Zeugin nur berichtete, was er oder sie gesehen zu haben glaubte, so wurde dadurch die Aussage nicht anfechtbar, falls nicht während der Anhörung bewiesen wurde, daß sie falsch war.

Eadulfs Blicke suchten Artgal, der grinsend im hinteren Teil des Saals stand.

»Dann laß deinen Zeugen vortreten«, forderte Ea-dulf kühl. »Laß ihn aussagen.«

»Er wird in der Verhandlung in neun Tagen aussagen«, erwiderte Murgal scharf. »Jetzt ist nicht die Zeit dafür.«

»Er muß jetzt aussagen!« beharrte Eadulf und erhob die Stimme, um das Gemurmel der Leute zu übertönen. »Heute geht es um die Gültigkeit von Fi-delmas Eid, und wenn sein Zeugnis diesen Eid ungültig macht, dann muß er es jetzt ablegen.«

Murgal schluckte schwer. Er starrte den Angelsachsen mit einer Mischung aus Überraschung und wachsender Bewunderung an. Der hatte einen juristischen Kniff angewendet, um Artgals Aussage zu prüfen, ohne auf die Verhandlung zu warten.

Artgal stolzierte nach vorn, noch bevor Murgal ihn dazu aufforderte.

»Hier bin ich, Angelsachse«, verkündete er prahlerisch, »und ich ändere meine Aussage nicht, auch wenn du noch so angibst und tust, als wärst du ein dalaigh

Murgal war das feindselige Auftreten Artgals offensichtlich unangenehm.

»Artgal«, verwarnte er ihn scharf, »der Angelsachse ist fremd in unserem Land. Wir wollen ihm beweisen, daß wir die Gesetze der Gastfreundschaft achten, indem wir ihn achten.«

Artgals Miene blieb höhnisch. Er schwieg.

Eadulf blickte den Brehon dankbar an, dann wandte er sich dem Krieger zu.

»Ich verlange nicht von dir, daß du deine Aussage änderst, Artgal«, begann er ruhig. »Ich betrachte das, was du berichtet hast, als das, was du zu sehen geglaubt hast.«

Mehrere Leute holten überrascht Luft, und selbst Fidelma schaute Eadulf verwundert an und fragte sich, was er mit dieser Taktik bezweckte.

»Warum willst du ihn dann vernehmen?« wollte Murgal wissen und stellte damit die Frage, die sich ihr auch aufgedrängt hatte.

»Entschuldige, Murgal«, - Eadulf bat ihn geradezu -, »ich brauche an dieser Stelle einen Rat zu diesem Gesetz.«

Fidelma war nicht die einzige, die sich fragte, ob Eadulf nicht merkte, welchen Vorteil er damit aus der Hand gab, daß er Artgals Aussage nicht weiter verfolgte und zu erschüttern suchte. Fidelma schien das der einzig logische Weg zu sein.

Murgal räusperte sich vernehmlich.

»Nun, mein Rat lautet, wenn du Artgal nicht vernehmen willst, um ihn zur Änderung seiner Aussage gegen Fidelma zu veranlassen, dann muß er nicht vorgeladen werden, und seine Aussage gegen Fidelma bleibt bestehen. Wenn das so ist, entfällt damit auch dein Antrag auf Freilassung Fidelmas.«

Artgal lachte spöttisch auf und wollte zu seinem Platz zurückgehen.

»Bleib, wo du bist!« rief Eadulf scharf.

Dieser Ton kam so überraschend, daß Artgal verblüfft stehenblieb. Alle Blicke richteten sich auf Ea-dulf, als könne niemand glauben, daß der Bittsteller von eben so hart reden könne. Selbst Fidelma war einen Augenblick verwirrt von seinem strengen Befehlston.

Eadulf wandte sich wieder an Murgal.

»Ich habe meine Frage noch nicht gestellt«, sagte er ruhig, wenn auch ein leichter Vorwurf mitschwang.

Murgal blinzelte überrascht.

»Dann sprich weiter«, forderte er ihn auf.

»Ich weiß nicht viel über die Verfahrensweise bei Gericht, aber ich habe den Text >Fünf Wege zum Ur-teil< zu Rate gezogen. Artgal gilt als ein Zeuge der Art, die ihr fiadü nennt, >einer, der sieht<.«

»Das ist richtig«, bestätigte Murgal.

»Der Text besagt, daß ein solcher Zeuge vernünftig,

ehrlich, gewissenhaft und von gutem Gedächtnis sein muß.«

»Das bin ich alles, Angelsachse«, schaltete sich Artgal ein und entspannte sich lächelnd. »Also, was soll’s?«

Eadulf ignorierte ihn und fuhr fort: »Erklär mir, gelehrter Richter, was bedeutet der gesetzliche Grundsatz im Text, der da lautet: foben inracus accobar?«

Die Frage hörte sich ganz harmlos an, aber plötzlich trat Stille im Saal ein.

»Er bedeutet, daß >Gier die Ehrlichkeit vermindert««, übersetzte Murgal, obgleich jeder ahnte, daß Eadulf das genau wußte.

»Das heißt also, daß eine Person nicht aussagen kann, wenn ihr das einen Vorteil bringt, nicht wahr? Ihr Zeugnis wird dann nicht angenommen wegen dieses gesetzlichen Grundsatzes.«

Die Stille war so tief geworden, daß Fidelma meinte, man könne es hören, wenn ein Sandkorn zu Boden fiele. Sie fragte sich, zu welchem Ziel Eadulf mit seiner Argumentation gelangen wolle. Er hatte sich jetzt Artgal zugewandt, dessen Miene nicht mehr verächtlich war. Sein Gesicht war ernst und etwas blaß geworden.

»Artgal, ziehst du einen Nutzen aus deiner Aussage gegen Fidelma von Cashel?«

Artgal gab keine Antwort. Das Sprechen schien ihm schwerzufallen.

Nach einigen langen Augenblicken sagte Murgal langsam und deutlich: »Zeuge, du mußt antworten -und denke daran, du stehst unter Eid nicht nur als Angehöriger des Clans, sondern auch als ein bevorzugtes Mitglied der Leibwache unseres Fürsten.«

Artgal merkte, welch schlechten Eindruck sein Zögern machte, und versuchte, seine Haltung zurückzugewinnen.

»Weshalb sollte ich daraus einen Nutzen ziehen?«

»Eine Gegenfrage ist keine Antwort auf die Frage, die ich dir gestellt habe«, fuhr ihn Eadulf an. »Hast du einen Nutzen von deiner Aussage?«

»Nein.«

»Nein? Du hast einen Eid geleistet.«

»Nein.«

»Wieder nein? Muß ich dich daran erinnern, daß ein Betrag von zwei seds bereits den Besitzer gewechselt hat und ein weiterer sed in deine Hände gelangt, wenn Fidelmas Verhandlung vorbei ist? Wobei jeder sed den Wert einer Milchkuh darstellt?«

Ein Murmeln lief durch den Saal.

»Diese Beschuldigung wirst du beweisen müssen, Angelsachse«, rief Murgal.

»O ja, die werde ich beweisen, keine Angst«, erwiderte Eadulf mit grimmigem Lächeln. »Soll ich den Namen der Person nennen, von der dieser Reichtum kam, Artgal?«

Vor Eadulfs zuversichtlicher Haltung schien der Krieger zusammenzuschrumpfen. Er schüttelte den Kopf.

»Dann sag uns, wofür du dieses Geld erhalten hast beziehungsweise noch erhalten sollst?«

»Es war keine Bestechung«, protestierte Artgal.

»Keine Bestechung?« Nun war es an Eadulf zu spotten. »Warum solltest du dann für deine Aussage bezahlt werden, wenn es keine Bestechung war?«

»Ich habe doch Fidelma im Stall gesehen. Ich habe wirklich gesehen, wie sie sich über Solin beugte. Sie muß ihn getötet haben.«

»Muß? Das ist etwas anderes, als was du gesagt hast, nämlich daß du sie tatsächlich dabei gesehen hast«, warf Murgal ernst ein.

»Eins folgt aus dem anderen«, wehrte sich der Krieger und Grobschmied.

»Muß bedeutet nur >sollte< oder >könnte<, aber nichts, was tatsächlich war«, stellte Eadulf fest.

»Das Gericht kennt die Bedeutung des Wortes«, erklärte Murgal gereizt. »Und wir nehmen zur Kenntnis, daß Artgal seine Aussage geändert hat. Aber, Artgal, gibst du auch zu, daß du für sie bezahlt wurdest?«

»Nicht dafür, daß ich sie gemacht habe«, widersprach Artgal. »Nur dafür, die Aussage nicht zu ändern.«

Eadulf atmete tief durch und warf erst jetzt Fidelma einen triumphierenden Blick zu. Sie starrte auf den Boden, die Schultern angespannt und gebeugt.

»Ich verstehe das nicht«, sagte Murgal. »Warum hättest du deine Aussage ändern sollen?«

»Das wollte ich ja auch nicht. Sie ist wahr. Aber ein paar Stunden nach Fidelmas Verhaftung kam ein Mann zu mir und bot mir zwei seds, wenn ich bei meiner Aussage bliebe. Die wollte er gleich zahlen und noch einen sed, wenn die Verhandlung gegen Fidelmavon Cashel vorbei war. Mit Geld kann man in Gleann Geis nicht viel anfangen, und so stimmte ich zu, daß er mir statt dessen drei Milchkühe überlassen wollte. Die nahm ich als Zahlung an. Das bedeutet für mich Sicherheit für den Rest meines Lebens.«

»Wer war dieser Mann, der dir das Geld anbot?« fragte Laisre ernst.

»Das weiß ich nicht, Lord. Es war dunkel, und ich habe ihn nicht gesehen. Ich hörte nur seine Stimme.«

»Und wie hörte die sich an?« forschte Murgal.

Artgal hob hilflos die Hand.

Etwas ließ Eadulf ein Risiko eingehen.

»Du hast die Stimme des Mannes deutlich genug vernommen, Artgal«, hakte er nach. »Sprach er mit nördlichem Akzent?«

Artgals Miene war kläglich geworden. Die Prahlerei war völlig daraus verschwunden.

»Sprach er mit einem Akzent wie ein Mann aus Ulaidh?« beharrte Eadulf.

Artgal nickte trübsinnig.

Alle Blicke richteten sich dahin, wo Ibor von Mu-irthemne saß. Dessen Gesicht hatte sich gerötet, aber er starrte mit steinerner Miene vor sich hin.

»Was hat diese Stimme dir gesagt?« fragte Murgal grimmig.

»Der Mann sagte mir, wenn ich heute morgen hinausginge, würde ich dicht bei meinem Hof zwei Milchkühe angebunden finden. In neun Tagen würde ich eine dritte vorfinden, vorausgesetzt, ich änderte meine Aussage gegen Fidelma nicht. Ich schwöre, ich hatte keine Wahl, als darauf einzugehen. Er stand in der Dunkelheit an meinem Bett. Er hätte mir ebensogut einen Dolch in die Kehle stoßen können, statt mir Geld anzubieten.«

»Und du bist am Morgen, am heutigen Morgen, hinausgegangen und hast die Milchkühe vorgefunden?« fragte Murgal.

»Ja.«

»Kurzum, deine Aussage wurde erkauft«, faßte Ea-dulf triumphierend zusammen.

»Ich hatte meine Aussage schon gemacht, bevor ich die Kühe bekam«, wandte Artgal ein.

Laisre wandte sich fast eifrig an Murgal.

»Darin hat er recht. Das kann man doch nicht als Bestechung zur Aussage werten?«

Eadulf wollte schon Einspruch erheben, doch Murgal rieb sich nachdenklich das Kinn, bevor er dem Fürsten antwortete.

»Es bedeutet, daß wir nach dem Gesetz Artgals Aussage gegen Fidelma nicht verwenden können. Er hat seine Ehre verwirkt und ist nicht mehr glaubwürdig. Einen anderen Beweis gegen Fidelma von Cashel außer seiner Aussage gibt es nicht.«

Mit kaum unterdrückter Wut wandte sich Laisre an Artgal.

»Der Mann, der dir die Kühe anbot, sprach mit dem Akzent des Königreichs im Norden, sagst du?«

»Ja, Lord.«

»Bist du sicher, daß er mit nördlichem Akzent sprach? Könnte es nicht zum Beispiel ein angelsächsischer Akzent gewesen sein?«

Ein lautes Gemurmel erhob sich, als die Versammelten mit Staunen die offene Beschuldigung des Fürsten vernahmen.

»Mein Fürst«, mahnte Murgal besorgt, »man kann nicht einfach unterstellen, daß der Angelsachse Artgal in eine Falle lockte, um ihn unglaubwürdig zu machen und damit diese Entscheidung zu erreichen.«

Laisre schaute Eadulf finster an.

»Warum nicht? Die eine Erklärung ist so gut wie die andere.«

»Lord, überdenke deine voreiligen Worte noch einmal. Die Beweislage ist klar. Artgal kann einen nördlichen Akzent von einem angelsächsischen unterscheiden und hätte das auch gesagt. Wenn du das bestreitest, bringst du dein Amt in schlechten Ruf.«

Laisre sah aus, als hätte er die Auseinandersetzung gern noch weitergeführt, doch wegen Murgals Ablehnung seines Einspruchs konnte er das nicht tun.

»Nun gut. Wir müssen jetzt wohl alle mit nördlichem Akzent befragen, nehme ich an.«

Bruder Dianach stand auf und erhob Protest. Selbst Eadulf war überrascht von seinem plötzlich veränderten Verhalten, denn er war immer scheu und unsicher gewesen. Doch Zorn und vielleicht auch Furcht brachten ihn dazu, aus sich herauszugehen.

»Ihr wißt alle, daß außer Bruder Solin nur ich und der Pferdehändler aus dem Norden hier sind. Ich verwahre mich gegen jede Beschuldigung!«

Seine Stimme hatte sich fast zum Falsett gesteigert. Sein Gesicht war feuerrot.

»Der Junge war es nicht«, erklärte Artgal hastig. »Es war eine tiefere Männerstimme.«

Nur Fidelma bemerkte, daß Laisres Besorgnis für einen Moment der Befriedigung gewichen war.

Die Blicke richteten sich auf den Platz, an dem Ibor von Muirthemne gesessen hatte. Er war nicht mehr da.

»Gelehrter Richter«, schaltete sich Eadulf eilig ein, »ehe wir das Hauptthema dieser Verhandlung aus dem Auge verlieren: Dieser Zeuge hat genug gesagt, um meine Behauptung zu bestätigen, daß seine Annahme des Geldes seine Aussage entwertet.«

Murgal stimmte düster zu.

»Das ist richtig. Artgal, du darfst diesen Raum verlassen, aber halte dich im rath auf. Ich muß überlegen, was mit dir geschehen soll. Du hast deinem Fürsten und deinem Clan Schande bereitet.«

Artgal hatte kaum seinen Platz im Zeugenstand verlassen, als Eadulf wieder das Wort ergriff.

»Ich schlage vor, da Artgals Aussage hinfällig ist, daß Schwester Fidelma auf fir testa hin sofort freigelassen wird.«

Murgal wollte schon zustimmen, als Laisre überraschend die Hand hob und sich zu Eadulf vorbeugte.

»Eine Beschuldigung verhindert das, Angelsachse.« Sein Ton war scharf. »Als Fidelma von Cashel dieses Verbrechen angelastet wurde, hat sie ihren guten Ruf dadurch geschädigt, daß sie die Schuld auf jemand anders zu schieben versuchte - nämlich auf meine Schwester Orla. Sie schwor, sie habe Orla aus der Stalltür kommen sehen. Orla war jedoch durch das Zeugnis ihres Ehemannes Colla in der Lage zu beweisen, daß sie nicht im Stall war. Nun genügt das Ablegen eines falschen Eides, wie ich das Gesetz verstehe, um Fidelma von Cashel hinter Schloß und Riegel zu halten, bis wir sie für schuldig befinden oder nicht. Ich sage das ungeachtet der Unehrlichkeit Artgals.«

Die meisten Leute erschraken über die harte und unfreundliche Haltung ihres Fürsten. Eadulf ließ das Gemurmel im Raum verebben, bevor er wieder sprach.

»Fürst, du kannst mir glauben, wenn ich dir sage, daß ich verstehe, wie sehr du dich von einer Behauptung beleidigt fühlst, die deiner Meinung nach deine Familie falsch beschuldigt. Dennoch erkläre ich, daß das kein Grund ist, das zu übergehen, was heute hier geschehen ist.«

Nun wandte er sich an Murgal, denn der hatte das endgültige Urteil zu fällen und würde sicherlich Lais-re hinsichtlich der Gesetzeslage beraten.

»In den Lehren der Druiden«, fuhr Eadulf ruhig fort, »so habe ich gehört, gibt es immer einen Mittleren Weg zum Herangehen an die Dinge, einen dritten Weg. Vielleicht war Schwester Fidelma im Irrtum, als sie Orla zu erkennen glaubte. Das kann in der Dunkelheit leicht passieren. So wie Artgal, bevor er ein Opfer seiner Habgier wurde, sich irrte, als er meinte, da Fidelma sich über die Leiche Solins aus Armagh beugte, müsse sie ihn auch getötet haben. Fidelma und Artgal zogen voreilige Schlüsse. Der dritte Weg wurde nicht gegangen.«

Murgal war sichtlich beeindruckt von Eadulfs Ausführungen.

»Gibt es noch einen anderen Grund, weshalb wir deiner Argumentation folgen sollten?« fragte er.

»Da sind natürlich noch die praktischen Beweise.«

»So?«

»Die Tatsache, daß Fidelma auf ihren Hinweis hin durchsucht wurde und nicht im Besitz der Mordwaffe war. Auch als der Stall abgesucht wurde, fand man diese Waffe nicht. Daraus folgt, daß der Mörder oder die Mörderin die Waffe mitnahm. Vielleicht kann man ihn oder sie daran erkennen. Laisre wird bestätigen, daß seine Krieger sorgfältig nachgeforscht haben. Es gab keine Möglichkeit, die Waffe zu verbergen, zwischen dem Zeitpunkt, als Artgal eintrat, und dem, an dem er Fidelma sich aufrichten sah, wie er behauptet. Mit anderen Worten, die Fakten passen genau zu Schwester Fidelmas Darstellung - mit einer Ausnahme: Sie glaubte, Orla gesehen zu haben. Ich bitte dich, zu glauben, daß sie irgend jemanden gesehen hat.«

Murgal beugte sich zu Laisre hinüber und flüsterte eine Weile mit ihm. Laisre wandte anscheinend etwas ein, doch Murgal blieb beharrlich, und schließlich gab der Fürst widerwillig nach. Murgal lehnte sich zurück.

»Du hast gut argumentiert, Angelsachse. So gut, daß du bei deinem Antrag, Fidelma von Cashel möge bis zu ihrer Verhandlung in Freiheit gesetzt werden, alle Beweise gegen sie widerlegt hast. Mir scheint, wenn wir den Mann finden, der Artgal bestach, dann finden wir vielleicht auch die Waffe, mit der Solin getötet wurde. Es ist uns nicht entgangen, daß Artgal sagte, der Mann habe mit dem Akzent von Ulaidh gesprochen, und daß der Pferdehändler Ibor von Mu-irthemne diese Versammlung verlassen hat. Die Tatsache, daß Solin ebenfalls aus Ulaidh kam, könnte darauf hindeuten, daß die Tragödie aus einem persönlichen Streit entstand. Es gibt keinen Grund, Fidelma noch länger in Gewahrsam zu nehmen.«

Lautes Stimmengewirr brauste durch den Raum.

Eadulf wandte sich mit einem aus Erleichterung und Triumph gemischten Lächeln zu Fidelma um. Fidelmaerhob sich zum erstenmal, ihr Gesicht war nach wie vor ernst.

»Murgal«, sagte sie mit lauter und fester Stimme, »ich danke dir und ebenso Laisre für die Gerechtigkeit, die ihr heute geübt habt. Aber der Mörder Bruder Solins muß noch gefaßt werden. Ich bitte um eure Erlaubnis, diesen Mord untersuchen zu dürfen. Wenn Ibor von Muirthemne der Schuldige ist, dann laßt mich ihn vor Gericht bringen. Ich behaupte, daß eine Verbindung besteht zwischen dem Tod Bruder Solins und dem eigenartigen Ritual mit den dreiunddreißig toten jungen Männern.«

Laisre schaltete sich ein, bevor Murgal antworten konnte.

»Ich würde es vorziehen, daß wir die Verhandlungen zu Ende führen, zu denen du hergekommen bist, und daß du dann so schnell wie möglich nach Cashel zurückkehrst. Du kannst versichert sein, daß wir unser Bestes tun werden, um Ibor von Muirthemne zu finden, der einen meiner besten Krieger bestochen und entehrt hat.«

»Ist das ein Befehl?« fragte Fidelma zu Eadulfs Überraschung, denn wenn er zu entscheiden gehabt hätte, dann hätten sie Gleann Geis so schnell wie möglich verlassen.

»Sagen wir, es wäre mein Wunsch, Fidelma von Cashel. Das Wichtigste, was wir miteinander zu regeln haben, ist, daß wir unsere Vereinbarungen abschließen. Jede weitere Beziehung zwischen uns ist kein Anlaß zur Freude. Je eher du aus diesem Tal fort bist, desto besser, denn ich kann die Kränkung meiner Familie nicht vergessen - selbst wenn ich die Erklärung des Angelsachsen akzeptiere, daß du dich dabei geirrt haben magst. Wir wollen uns diese Nacht ausruhen und morgen mit unseren Beratungen beginnen. Jetzt ... Ich meine, wir haben unsere heutige Aufgabe erfüllt.«

Laisre stand auf und verließ den Saal. Er wirkte nicht gerade glücklich. Orla und Colla folgten ihm rasch. Es blieb Murgal überlassen, die Verhandlung für beendet zu erklären. Eadulf sah, daß Bruder Dia-nach davoneilte. Sein Gesicht war gerötet von Besorgnis. Von Artgal war keine Spur. Eadulf wollte zu Fidelmagehen, als er merkte, daß Esnad ihn anlächelte. Orlas Tochter zeigte ein warmes, anziehendes Lächeln, und als er ihrem Blick begegnete, schlug sie nicht mädchenhaft die Augen nieder, sondern sah ihn offen und provozierend an. Verlegen senkte Eadulf als erster den Blick.

Die vierzehnjährige Tochter von Orla und Colla flirtete ganz bewußt mit ihm.

Kapitel 14

Sobald Fidelma und Eadulf im Gästehaus allein waren, wandte sich Fidelma mit einem warmen Lächeln zu dem angelsächsischen Mönch und faßte seine beiden Hände.

»Du warst brillant!« erklärte sie begeistert.

Eadulf errötete heftig.

»Ich hatte eine gute Lehrerin«, murmelte er verlegen.

»Aber du hast die richtigen Gesetze für deine Beweisführung gefunden! Und wie du Artgal in die Falle gelockt hast! Ich habe noch nie erlebt, daß ein Anwalt einen Zeugen so gut manipuliert hat. Es war großartig, wie du das Gesetz für deinen Antrag benutzt hast. Du solltest dir den Grad eines dalaigh verleihen lassen.«

»Ich hatte ein bißchen Hilfe von Rudgal«, gab Ea-dulf zu. »Ohne seine Informationen hätte ich Artgal nicht als unbrauchbaren Zeugen überführen können.«

Fidelma wurde ernst.

»Willst du damit sagen, daß Rudgal dich auf die Belohnung, die Artgal bekommen sollte, hingewiesen hat?«

»So war es. Er erwähnte, daß Artgal die Kühe erhalten hatte. Den Rest konnte ich mir zusammenreimen.«

Fidelma holte einen Krug Met und zwei Becher, denn sie brauchte eine Stärkung nach dem, was sie durchgemacht hatte.

»Dann sollten wir uns bei Rudgal bedanken. Du hast seinen Hinweis gut verwendet. Die Art, wie du Artgal gezwungen hast, einzugestehen, daß er bestochen wurde, ohne daß du den Beweis dafür erbringen mußtest, die bewundere ich.«

Eadulf lachte zweifelnd.

»Wenn ich meine Behauptung hätte beweisen müssen, das wäre schiefgegangen, fürchte ich. Gott sei Dank glaubte Artgal, ich wüßte mehr, als es der Fall war.«

Fidelma setzte den Becher ab.

»Du hattest doch Beweise für die Bestechung, nicht wahr?« fragte sie zögernd. »Ich meine, Beweise für deine Behauptung?«

Mit gezwungenem Lächeln gestand Eadulf die Wahrheit.

»Es war ein Bluff.«

Fidelma starrte ihn entgeistert an. Langsam sank sie auf einen Stuhl.

»Ein Bluff? Das mußt du mir erklären.«

»Das ist leicht. Rudgal hatte gehört, wie Artgal mit seinem neuen Besitz von zwei Milchkühen prahlte. Artgal gab an, verplapperte sich aber nicht. Er erwähnte jedoch, daß er in neun Tagen eine dritte Milchkuh erhalten werde. Der Zusammenhang ging mir sofort auf. Rudgal hatte mir das erzählt, aber die Bedeutung nicht erkannt.«

Fidelma wurde ganz schlecht bei dem Gedanken, was alles hätte passieren können.

»Und das war alles, was du wußtest, als du ihn vor dem Gericht herausgefordert hast?« fragte sie zaghaft.

Eadulf breitete die Arme aus.

»Es schien mir hinreichend Grund zu geben für die Annahme, daß Artgals neuer Reichtum etwas mit seiner Aussage gegen dich zu tun hatte. Ich bin einfach ein Risiko eingegangen.«

Fidelma starrte ihn entsetzt an.

»Aber kein Brehon hätte es gewagt, zu riskieren, etwas vor Gericht zu behaupten, ohne sichere Kenntnis davon oder einen Beweis zu haben. Hast du noch nie den Satz gehört: sapiens nihil affirmat quod non probat? Ein weiser Mann gibt nie etwas für wahr aus, was er nicht beweisen kann? Wenn Artgal nun nicht gestanden hätte? Wenn du aufgefordert worden wärst, deine Beschuldigung zu beweisen?«

Eadulf machte ein reuiges Gesicht.

»Dann, wie gesagt, wäre es für uns schiefgelaufen. Artgal hätte mich einfach einen Lügner nennen und damit durchkommen können. Aber sein schlechtes Gewissen ließ ihn gestehen, und darauf hatte ich gerechnet.«

Verblüfft schüttelte Fidelma den Kopf.

»So etwas habe ich in all meinen Jahren als Anwältin noch nicht erlebt«, meinte sie schließlich.

»Dann erwidere ich auf deinen lateinischen Spruch mit einem anderen. Si finis bonum est, totum bonum erit«, sagte Eadulf mit selbstzufriedenem Lächeln.

Fidelma lächelte ebenfalls, als sie wiederholte: »Wenn das Ende gut ist, wird alles gut. Ich kann nicht behaupten, daß Ende gut auch alles gut bedeutet, aber erzähle diese Geschichte niemand anderem, vor allem nicht Murgal oder Laisre. Ein durch Täuschung erlangtes Geständnis ist in den Gesetzen der fünf Königreiche nicht vorgesehen.«

»Ich schwöre, es bleibt ein Geheimnis zwischen uns beiden! Aber das ändert nichts an der Tatsache: Artgal wurde bestochen.«

Fidelma schaute in ihren leeren Becher, als suche sie dort nach der Wahrheit.

»Das ist es, was ich nicht verstehe. Man mußte ihn doch nicht bestechen. Ich denke, er hat ehrlich geglaubt, was er zu sehen meinte. Er hätte seine Aussage sowieso nicht geändert. Warum hat Ibor von Muirthemne es riskiert, ihm eine so hohe Summe anzubieten?«

»Wir müssen Ibor von Muirthemne finden«, meinte Eadulf. »Er kann uns sicher weiterhelfen.«

Fidelma sah ihn resigniert an.

»Hast du nicht gehört, was Laisre gesagt hat? Mir sind weitere Nachforschungen verboten.«

»Wann hat dich das je daran gehindert, Nachforschungen anzustellen?« konterte Eadulf belustigt.

»Nun, morgen schließen wir unsere Verhandlungen hier ab, und dann können wir uns mit der Angelegenheit befassen. Die Lösung des Rätsels liegt sicher teilweise oder ganz in Ulaidh, im Norden. Erinnerst du dich, daß wir bei den Leichen im Tal den Halsreif eines Kriegers fanden, der im Norden hergestellt war?«

»Das habe ich nicht vergessen«, antwortete Eadulf.

»Aber wir müssen nicht bis morgen warten. Es ist erst später Nachmittag, und da sind noch die beiden Milchkühe auf Artgals Hof. Selbst stumme Tiere können etwas aussagen.«

Fidelma verstand ihn nicht gleich.

»Tiere fallen nicht vom Himmel«, erläuterte Eadulf. »Sie kommen von irgendwoher. Vielleicht haben sie Brandzeichen. Daraus können wir ersehen, woher sie stammen. Wir könnten dann Ibor selbst nachspüren und feststellen, wen er vertritt und zu welchem Zweck er hier ist.«

Fidelma betrachtete ihn mit zufriedener Anerkennung.

»Manchmal ist man so damit beschäftigt, den Baum zu untersuchen, daß man den Blick auf den Wald verliert. Eine glänzende Idee, Eadulf. Du beweist immer mehr, daß du fast ein dalaigh bist. Aber wir müssen vorsichtig vorgehen. Laisre wird unsere Nachforschungen nicht billigen.«

»Laisre wird nichts davon erfahren. Er und seine Freunde werden bald beginnen zu feiern«, erklärte Eadulf. »Rudgal erzählte mir heute morgen, daß diese abendlichen Feste regelmäßig stattfinden. Ich glaube«, fügte er mit grimmigem Humor hinzu, »es dauert eine Weile, bis ich noch einmal freiwillig zu so einem Fest gehe.«

Fidelma wurde bewußt, daß die Zeit fürs Abendessen nahte und sie die einzigen im Gästehaus waren.

»Wo ist denn Cruinn? Sie müßte doch hier sein und unser Abendessen vorbereiten?« fragte sie.

»Ich fürchte, Cruinn wird das nicht tun. Sie hat anscheinend eine persönliche Abneigung gegen uns gefaßt und verweigert uns den Dienst. Wir müssen selber für uns sorgen. Bruder Dianach ist auch nicht zu sehen. Ich vermute, er akzeptiert die Entscheidung des Gerichts ebenfalls nicht.«

Fidelma war erstaunt.

»Ich kann verstehen, daß Bruder Dianach gegen uns ist. Aber bei Cruinn ist mir diese Feindseligkeit unverständlich. Selbst wenn ich schuldig wäre, was geht sie Bruder Solin an?«

»Sie nimmt dir wahrscheinlich übel, daß du Orla beschuldigt hast. Orla ist hier in Gleann Geis sehr beliebt.«

»Na ja, vielleicht ist es ganz günstig, daß sie nicht da ist. Das gibt uns freie Hand. So können wir uns ohne die Zurückhaltung bewegen, die sie uns auferlegen würde .«

Sie hatte den Satz noch nicht vollendet, als die Tür sich öffnete und Rudgal eintrat. Er wirkte leicht verlegen.

»Ich muß euch leider mitteilen, daß Cruinn sich weigert, für euch zu kochen. Sie ist ziemlich altmodisch .«

»Darüber haben wir gerade gesprochen«, erklärte ihm Fidelma.

»Aber Fidelma wurde doch von Murgal freigesprochen«, meldete sich Eadulf empört zu Wort. »Wie kann Cruinn es da wagen, ihren Pflichten nicht nachzukommen?«

Rudgal zuckte die Achseln.

»Sie ist der Ansicht, wo Rauch ist, da sei auch Feuer. Sie weigert sich, das Gästehaus zu betreten, ehe ihr nicht abgereist seid. Selbst die Ermahnungen Murgals, die zugegeben nicht sehr nachhaltig waren, konnten sie nicht umstimmen. Deshalb bin ich hier, um euch meine Dienste anzubieten, wenn ich auch kein guter Koch bin.«

»Ich danke dir, Rudgal«, sagte Fidelma lächelnd. »Wir können uns gut selbst behelfen, wenn wir nur etwas zu essen und zu trinken bekommen. Wir sind schließlich nur noch einen Tag hier. Und ich bin sicher, Bruder Dianach kann sich auch selbst versorgen. Wo ist er übrigens?«

»Ich habe ihn nicht gesehen.«

Fidelma bedauerte das sehr. Sie erinnerte sich an das geflüsterte Gespräch zwischen Solin und Dianach, bevor Solin zum Stall und in den Tod ging. »Wenn alles gut geht«, hatte Solin zu Dianach gesagt, »fällt Cashel uns zu, bevor der Sommer herum ist.« Uns? Wer war das? Es war klar, daß Dianach an dem feindlichen Komplott beteiligt war, das da geschmiedet wurde. Sie wollte so bald wie möglich mit dem linkischen jungen Schreiber darüber reden, zumal er sich jetzt nicht mehr hinter Bruder Solin verschanzen konnte. Doch wenn er nicht da war, dann gab es genügend anderes zu tun; Eadulf hatte einen guten Vorschlag gemacht.

»Wir haben noch eine Bitte an dich, Rudgal«, sagte Fidelma, die nun wußte, wie sie vorgehen wollte. »Wir möchten zu Artgals Hof und uns die beiden Milchkühe ansehen, mit denen er bestochen wurde.«

Rudgal schaute sie unsicher an.

»Ist das klug, Schwester? Laisre hat weitere Nachforschungen verboten.«

»Klug oder nicht, wir möchten, daß du uns zu Art-gals Hof führst, damit wir die Kühe in Augenschein nehmen können. Selbst ein König kann einem dalaigh nicht verbieten, ein Verbrechen zu untersuchen. Ein König ist ein Diener des Gesetzes, nicht sein Herr.«

»Ich bezweifle nicht, daß es klug ist, der Sache weiter nachzugehen, aber du solltest wissen, daß trotz Laisres Anordnung, Artgal dürfe den rath nicht verlassen, er es doch getan hat. Er ist nirgends zu finden. Artgal könnte die Absicht hegen, dir zu schaden, wegen des Unglücks, das du über ihn gebracht hast.«

Fidelma stand entschlossen auf.

»Meinst du, er ist zu seinem Hof gegangen, um dort die Beweise für sein Fehlverhalten zu vernichten? In dem Fall müssen wir unbedingt nach ihm suchen, denn er ist unsere einzige Verbindung zu Ibor von Muirthemne, und die beiden Kühe sind die Bestätigung seiner Tat.«

»Aber er könnte auch woanders hingegangen sein«, warf Eadulf ein. »Irgendwohin, um Laisres Gerechtigkeit zu entgehen.«

»Das glaube ich nicht«, widersprach Rudgal. »Seine Hütte steht ein kleines Stück oberhalb des Weilers, in dem sich Ronans Hof befindet. Ronan wurde nach Hause geschickt, um Ibor von Muirthemne zu verfolgen. Ibor ist offenbar aus dem Tal geflohen. Als Ronan vorhin zurückkam, hat er mir erzählt, er hätte Artgal gesehen, wie er den Berg hinauf zu seiner Hütte ging. Er hielt es nicht für seine Pflicht, ihn daran zu hindern, denn er hatte nur den Auftrag, Ibor zum rath zurückzubringen. Außerdem ist Artgal Ronans Freund und Vetter. Ronan wird Laisre nichts davon sagen, wenn er nicht direkt danach gefragt wird.«

»Also, Ibor ist aus dem Tal geflohen?« wiederholte Fidelma ruhig. »Nun, das war zu erwarten.«

»Ibor von Muirthemne und seine Pferde müssen den rath verlassen haben, bevor Murgal die Anhörung beendet hatte«, meinte Rudgal. »Doch was Artgal anbetrifft, so glaube ich nicht, daß er sich freiwillig von den Rindern trennt, wo er sie nun einmal hat. Sollte er aus dem Tal verschwinden, um Laisres Zorn zu entgehen, dann wird er sie mitnehmen.«

»Stellen wir also erst mal fest, ob er sich noch auf seinem Hof aufhält«, beharrte Fidelma und schritt zur Tür.

Sie verließen ungehindert den rath. Wie Eadulf vermutet hatte, waren, obwohl es an diesem warmen Sommerabend noch lange hell bleiben würde, anscheinend schon alle in der Festhalle. Lachen und Festlärm schallten herüber. Niemand war draußen oder am Tor des rath. Rudgal schlug vor, lieber zu Fuß zu gehen, denn als Reiter wären sie früher zu sehen, falls Artgal ihnen nicht begegnen wollte.

Es war auch kaum eine Meile bis zu seiner Hütte. Rudgal ging mit ruhigem Schritt voran, und Fidelma und Eadulf folgten ihm.

Außerhalb der schützenden Mauern des rath war es noch warm, denn es war ein heißer Tag gewesen. Bis zum Dunkelwerden blieben noch mindestens zwei Stunden, doch ein paar düstere Gewitterwolken hingen über den Bergen und drohten mit Regen. Sie hörten das entfernte Grollen des Donners jenseits des Gipfels.

Rudgal fing Eadulfs besorgten Blick auf und lachte leise.

»Mit Gottes Hilfe wird das Unwetter auf der anderen Seite der Berge vorbeiziehen.«

Sie umgingen Ronans Hof und Nemons Häuschen und stiegen dann den Berg hinauf zu der kleinen Hütte weiter oben. Der Weg war steil, zur Erleichterung des Aufstiegs hatte man darauf große Steine zu einer Art Treppe ausgelegt. Die drei sprachen kaum, außer wenn Rudgal auf gefährliche Stellen des Weges hinwies, sumpfigen Rasen oder von Ginster verdeckte Löcher.

Sie kamen zu einem leicht abfallenden Stück Land mit kleinen, von Steinmauern eingefaßten Feldern und einer grauen Steinhütte in der Mitte. Sie war einfach, wie ein Bienenkorb geformt, hatte ein Strohdach und einen Zaun ringsherum. Angebaut war eine Schmiede, doch das Feuer darin war erloschen. Es sah aus, als hätte es schon lange nicht mehr gebrannt. Einige Werkzeuge waren verrostet.

Fidelma konnte keine Rinder in der Nähe erblikken.

Sie blieben am Eingang der Hütte stehen, um Atem zu schöpfen. Dann rief Fidelma laut: »Artgal!«

Es kam keine Antwort. Eine seltsame Stille lastete auf dem Ort.

»Artgal!« wiederholte Rudgal noch lauter. Entschuldigend sagte er nun: »Ich war mir sicher, daß er hierher gehen würde. Vielleicht war er schon hier, hat die Kühe geholt und ist geflohen. Aber mit den Kühen kann er nicht weit gekommen sein. Wir hätten ihn bestimmt gesehen.«

Als auch Rudgals zweiter Ruf unbeantwortet blieb, stieß er die Tür der Hütte auf und ging hinein. Die anderen folgten ihm. Es war niemand da, doch die wenigen Habseligkeiten befanden sich ordentlich an ihrem Platz. Nichts deutete darauf hin, daß Artgal die Hütte fluchtartig verlassen hatte. Nur ein Stück Tuch lag auf dem Boden. Fidelma hob es auf. Es war eine Schürze. Sie hängte sie an einen Haken und wunderte sich, daß ein Mann wie Artgal so etwas besaß. Aber es schien zu der Ordnung und Sauberkeit der Hütte zu passen. Wenn Artgal so peinlich sauber war, trug er vielleicht auch so eine große Schürze.

»Ich habe mich wohl geirrt«, murmelte Rudgal. »Er muß woanders hingegangen sein, doch ich wüßte nicht, wohin.«

»Aber die Kühe sind weg«, bemerkte Eadulf.

»Wenn er sie weggetrieben hat, dann hätten wir ihn sicherlich gesehen«, meinte Rudgal noch einmal. »Ein einzelner Hirt und zwei Kühe sind in dieser Gegend leicht auszumachen.«

Das stimmte, denn im Tal standen nur wenige Bäume.

»Aber eine andere Erklärung gibt es anscheinend nicht«, fügte er hinzu. »Artgal muß fort sein und die Kühe mitgenommen haben. Ich sehe mal nach, ob ich Spuren entdecke, die wir verfolgen könnten.«

Rudgal verließ die Hütte. Fidelma verharrte in der Mitte des einzigen Raumes, ihr scharfer Blick wander-te umher und spähte aufmerksam in jeden Winkel. Auf dem Tisch standen zwei Steingutbecher. Anscheinend hatte Artgal vor kurzem Besuch bekommen und keine Zeit mehr gehabt wegzuräumen.

Sie besah sich die Becher und roch vorsichtig daran, um festzustellen, was sie enthalten hatten. Diesen würzigen Duft hatte sie schon einmal gerochen.

»Artgal ist ein sehr sauberer Mann für einen Grobschmied und Krieger«, sagte sie leise.

Eadulf schmunzelte.

»Sind denn Grobschmiede und Krieger unweigerlich unsauber?«

»Du hast Artgal gesehen. Ich hätte nicht erwartet, daß er so pingelig ist. Welchen Wert eine Person auf ihre Kleidung legt, sagt viel über sie aus. Die Hütte ist jedoch makellos sauber.«

»Ich kenne Leute, die schlampig gekleidet sind, aber ihre Wohnungen peinlich sauberhalten, und umgekehrt«, meinte Eadulf.

Plötzlich ertönte draußen ein Aufschrei.

»Schwester! Bruder!« Rudgals Stimme überschlug sich fast vor Entsetzen.

Eadulf und Fidelma wechselten einen Blick und eilten hinaus. Rudgal stand an der Rückseite der Hütte und starrte auf etwas am Boden. Es war der Leichnam Bruder Dianachs.

»Ich ging um die Hütte herum, um nach Spuren zu suchen, und da stieß ich auf die Leiche«, erläuterte Rudgal überflüssigerweise.

Eadulf bekreuzigte sich, während sich Fidelma neben der Leiche auf ein Knie niederließ.

Der junge Mönch lag auf der Seite, die Füße und die untere Körperhälfte in dem kleinen Schuppen, der Oberkörper draußen, das Gesicht nach unten, ein Arm ausgestreckt. Blut bedeckte den Boden. Vorsichtig drehte Fidelma den Leichnam auf den Rücken. Überall war Blut. Jemand hatte Bruder Dianach die Kehle durchgeschnitten, ein langer, tiefer Schnitt hatte den Hals fast bis zur Rückseite durchtrennt.

Fidelma fielen die Lippen und das Zahnfleisch des toten Mönchs auf. Sie zeigten eine leichte bläuliche Verfärbung, die sie sich nicht erklären konnte. Offensichtlich hatte der Messerschnitt den Tod verursacht; die Wunde blutete noch. Angewidert befühlte sie die Haut. Sie war noch warm. Bruder Dianach war erst vor kurzem gestorben, wahrscheinlich zu der Zeit, als sie die Hütte betraten.

Sie sprang auf und suchte mit Blicken die Umgebung ab.

»Hast du jemanden gesehen, Rudgal?«

Der sah sie verwirrt an.

Fidelma wurde ungeduldig.

»Dianach ist gerade erst getötet worden, vielleicht in dem Moment, als wir in der Hütte waren. Sieh mal, der Schuppen ist klein, man muß sich bücken, um hineinzuschauen. Kann sein, daß sich Dianach darin versteckte, als wir uns der Hütte näherten. Sein Mörder muß ihn so überrascht und ihm die Kehle durchgeschnitten haben. Das war erst vor wenigen Augenblicken.«

Rudgal stieß einen leisen Pfiff aus.

»Ich ging um die Hütte herum, aber da war niemand. Erst als ich nach Spuren der Rinder zu suchen begann, sah ich plötzlich die Leiche.«

Eadulf war auf eine Steinmauer geklettert. Aufmerksam schaute er in die Runde.

»Kannst du etwas sehen?« fragte Fidelma.

Eadulf schüttelte enttäuscht den Kopf.

»Nein«, erwiderte er. »Es gibt hier herum so viele Rinnen und Mauern, daß sich jeder, der die Gegend kennt, leicht vor uns verbergen kann.«

»Und was ist mit den Rindern?«

»Ich kann sie nicht entdecken. Ein Mensch kann sich hinter einer Steinmauer verstecken, aber Rinder nicht, würde ich sagen.«

Ratlos wandte sich Fidelma wieder der Leiche zu.

»Warum wurde er umgebracht, frage ich mich?« sagte Rudgal. »Und was machte er überhaupt hier oben?«

»Als Artgal bei der Anhörung sagte, die Bestechungssumme sei ihm von jemand mit nördlichem Akzent angeboten worden, fuhr Dianach hoch«, überlegte sie laut. »Er sprang auf und bestritt, daß er es gewesen war.«

»Und Artgal bestätigte Dianachs Worte mit der Behauptung, er habe eine tiefere Stimme gehört, worauf Ibor von Muirthemne aus dem rath verschwand, ohne die logische Folgerung zu leugnen, daß er es war, der Artgal bestochen hatte«, rief Eadulf von der Mauer her. »Und jetzt ist Ibor aus dem Tal geflohen.«

»Wenn Ibor von Muirthemne nicht derjenige war, der versuchte, Artgal zu bestechen, warum hat er sich dann davongemacht?« fragte Rudgal.

Dieser Logik war nicht zu widersprechen. Eadulf sprang von der Mauer herab und trat zu ihnen.

»Außerdem, warum sollte Artgal überhaupt flüchten?« fragte er. »Laisres Zorn ist sicherlich nicht so furchtbar. Artgal hätte nach eurem Gesetz eine Strafe zahlen müssen, um seine Ehre wiederzuerlangen, aber das wäre doch besser, als vom Clan ausgestoßen zu werden und ein Leben lang heimatlos umherzuirren?«

Fidelma rieb sich nachdenklich das Kinn.

»Die Überlegung hat viel für sich, Eadulf. Ich fürchte, wir haben etwas übersehen. Haben die Rinder tatsächlich jemals existiert?«

»Die Frage verstehe ich nicht«, murmelte Rudgal. »Artgal hätte eine solche Geschichte doch nicht erfunden.«

»Denk mal drüber nach«, schlug ihm Fidelma vor. »Es hieß, Artgal habe zwei Milchkühe erhalten von ... Sagen wir einfach, von einem Mann mit nördlichem Akzent. Hat dieser Mann sie von einem Bauern in diesem Tal gekauft? Es ist klein, und die Nachricht von einem solchen Kauf müßte sich schnell herumgesprochen haben, denn Klatsch braucht keine Flügel, um weite Strecken zurückzulegen.«

»Vielleicht wurden sie von draußen ins Tal gebracht«, vermutete Eadulf.

»Dann gilt das gleiche. Ein Mann, der zwei oder drei Milchkühe ins Tal treibt, wäre kaum zu übersehen gewesen.«

Eadulf fing an, den Boden hinter der Hütte sorgfältig zu untersuchen.

Fidelma blickte Rudgal an. Der Krieger wartete geduldig auf Anweisungen.

»Ich meine, du solltest zum rath zurückgehen und Murgal berichten, was wir hier gefunden haben.«

»Wird Laisre nicht mit dir zürnen, weil du sein Verbot weiterer Nachforschungen in dieser Sache nicht beachtet hast?« fragte er.

»Das ist mein Problem«, versicherte ihm Fidelma. »Wichtiger ist, daß Dianach außerhalb von Laisres rath getötet wurde und der Mord somit ein Fall ist, für den ich zuständig bin. Mach dich rasch auf den Weg.«

Rudgal entfernte sich eilig den Berg hinunter in Richtung auf den rath.

Fidelma wandte sich Eadulf zu, der jetzt grübelnd auf der Steinmauer saß. Den Blick hatte er immer noch auf den Boden hinter der Hütte gerichtet.

»Was gibt es da Interessantes?« erkundigte sich Fidelma.

Eadulf schaute zögernd in ihre Richtung und zeigte dann auf den Boden.

»Mich beschäftigt das, was du gesagt hast. Wenn Artgal die Kühe nicht bekommen hat, warum sollte er dann die Geschichte erfinden? Wir müssen darüber nachdenken. Wenn jemand Artgal zwei Kühe gegeben hat, hat er sie jedenfalls nicht hier gehalten.«

»Woher weißt du das?«

»Hast du schon mal ein Stück Erde gesehen, auf dem Kühe gestanden haben?«

»Ich weiß nicht, worauf du hinauswillst.«

»Sieh dir diesen Boden an, Fidelma. Wo sind hier Spuren von Rinderhufen - und wo sind die Kuhfladen, die sich nirgends verbergen lassen? Nein, selbst wenn Artgal die Kühe erst heute morgen vorfand und sie hier den Tag über gestanden hätten, würde man etwas davon sehen. Falls Artgal die Rinder wirklich besaß, hat er sie woanders untergebracht.«

Kapitel 15

Fidelmas Miene wechselte rasch, als sie seine Worte überdachte.

»Was ist?« fragte Eadulf.

»Du hast gerade das Offensichtliche festgestellt, Eadulf. Ich glaube, ich weiß, wo wir die Kühe finden.«

Eadulf war überrascht.

»Komm mit«, sagte Fidelma, wandte sich um und ging voran, von Artgals Hof fort. Verwundert folgte ihr Eadulf, als sie zuversichtlich den Weg bergab ein-schlug und auf die Gruppe von Gebäuden zuging, die von Ronans Hof beherrscht wurde. Sie liefen schweigend den Berg hinab, denn Fidelma schien in tiefes Sinnen versunken. Eadulf wußte, daß er sie lieber nicht störte, wenn sie in so nachdenklicher Stimmung war.

Er war erstaunt, als sie am Fuße des Berges vom Weg abbog, auf das kleine Haus der Prostituierten Nemon zusteuerte und dort anklopfte.

Nemon kam sofort heraus und sah sie überrascht an. Dann rang sie sich ein schiefes Lächeln ab, das nicht gerade einladend wirkte.

»Ihr beide schon wieder? Es heißt doch, du hättest den Mann umgebracht, nach dem du gefragt hast -wie war doch gleich sein Name? Solin?«

»Das ist ein Irrtum«, erklärte ihr Fidelma mit Bestimmtheit.

»Na, ich kann euch nicht mehr über Solin sagen, als ich euch schon gesagt habe«, erklärte die Frau naserümpfend und wollte die Tür schließen.

»Nicht wegen Solin möchte ich dich sprechen. Dürfen wir reinkommen?« Fidelma hatte bemerkt, daß Bairsech, die stämmige Frau Ronans, auch wieder vor ihrem Haus erschienen war, die Arme verschränkt und damit ihre Lieblingsstellung eingenommen hatte und sie unverhohlen mit feindseliger Neugier beobachtete.

Nemon blieb gleichmütig. Sie trat zur Seite und ließ Fidelma und Eadulf durch.

»Zeit ist Geld«, meinte die fleischliche Frau und sah Eadulf bedeutungsvoll an.

»Wie du uns beim vorigen Mal schon sagtest«, stimmte ihr Fidelma freundlich zu. »Aber diesmal untersuche ich als dalaigh einen Mordfall. Welchen Preis hast du für deine drei Milchkühe verlangt?«

Eadulf war verblüffter als Nemon, denn die Frau zeigte keine Reaktion.

»Ich habe den gängigen Preis verlangt, einen sed pro Kuh, einen cumal für alle drei. Ich gebe das Geld nicht zurück, und ich melke die Kühe auch nicht mehr. Artgal hätte sie abholen sollen, oder jedenfalls die beiden, die er heute morgen haben sollte. So war es vereinbart.«

Fidelma schaute aus dem Fenster und sah die Kühe auf der Wiese grasen.

»Aus welchem Grund hast du Geld angenommen? Ich dachte, hier würde man gewöhnlich Tauschhandel treiben?«

»Ich will nicht mein ganzes Leben an diesem Ort verbringen. Geld kann mir die Freiheit außerhalb von Gleann Geis verschaffen.«

»Das stimmt allerdings. Was hast du vereinbart? Daß du die Kühe versorgen würdest, bis Artgal sie abholen und auf seinen Hof bringen würde?«

Nemon nickte.

»Er sollte sie heute nach dem Melken abholen, jedenfalls zwei davon. Die dritte sollte ich noch eine Woche behalten und sie dann ihm ebenfalls überlas -sen.«

»Du wurdest im voraus bezahlt?«

»Natürlich. Ich bin doch nicht blöd.«

»Das hat auch keiner behauptet, Nemon. Hat Ibor von Muirthemne dir sonst noch Anweisungen gegeben?«

Zum erstenmal sah Nemon verwirrt aus.

»Ibor von Muirthemne? Was hat der damit zu tun?«

»Hat er dir denn nicht die Kühe abgekauft?« fragte Fidelma zögernd.

»Der? Na! Der hat mich ja nicht mal besucht. Der blieb da drüben bei Ronan und seiner Frau. Ich traf ihn auf dem Weg, aber er war an meinen Diensten nicht interessiert. Das war das erstemal, daß mir ein Kaufmann begegnet ist, der weit weg von seiner Heimat war und die Dienste einer Frau nicht annehmen wollte. Warum sollte der mir die Kühe abkaufen?«

Fidelma hatte geduldig das Ende ihrer Rede abgewartet.

»Wenn es nicht Ibor von Muirthemne war, der deine Kühe kaufte, wer war es dann?«

»Der Junge natürlich.«

»Der Junge?«

»Der Junge, wie heißt er doch gleich? Er ist einer von euch - er hat das Haar geschnitten wie dieser Fremde hier. Ich habe ihn mit Solin zusammen gesehen.«

»Bruder Dianach?« fragte Eadulf langsam.

»Dianach, so heißt er«, bestätigte Nemon.

Fidelma starrte sie verblüfft an.

»Wann kam denn Bruder Dianach her und kaufte die Kühe?«

Nemon dachte nach.

»Mitten in der Nacht war es. Na, jedenfalls nicht lange nach Tagesanbruch. Ich schlief fest, als er klopfte. Ich dachte, er wünschte meine Dienste, aber er ging vor Schreck fast in die Luft, als ich das vorschlug. Was ist bloß los mit den Männern, die eurem Gott anhängen? Warum sind sie so kleinlich und so prüde? Sind denn keine richtigen Männer darunter?« Sie hielt inne und lächelte verächtlich. »Na, den Untersetzten, der Solin, den konnte man nicht prüde nennen. Über den kann ich mich in dieser Hinsicht nicht beklagen.«

»Du wolltest uns von Bruder Dianach erzählen«, unterbrach sie Eadulf hastig.

»Von dem jungen Burschen? Der weckte mich früh am Morgen und sagte, er wollte meine drei Milchkühe kaufen. Dann erklärte er mir die Bedingungen. Ein cumal ist schwer zu kriegen, damit kann ich viel anfangen. Außerdem habe ich nie gern Kühe gemolken.«

»Also hat Bruder Dianach die Kühe gekauft. Wie hat er dir das begründet? Hat er einen Grund genannt, weshalb er plötzlich Kühe kaufen und sie Artgal schenken wollte? Ich nehme an, er hat dir gleich gesagt, daß sie für Artgal bestimmt sind?«

»Ja. Artgal ist Ronans Vetter. Ich sehe ihn nur, wenn er beim Glücksspiel gewonnen hat. Als der Junge mir sagte, die Kühe wären für Artgal, dachte ich, er hätte Schulden bei Artgal wegen einer Wette oder so. Mir war das sowieso egal. Der Junge erklärte mir einfach, Artgal würde zwei der Kühe heute später am Tag abholen, die dritte ungefähr in einer Woche. Bald danach kam Artgal zu mir, um sich zu überzeugen, daß ich die Kühe auch hatte. Er gestand mir, daß er zuerst gedacht hatte, der Junge mache einen Scherz mit ihm. Er war überrascht, daß ich wirklich die Kühe hatte, die er geschenkt kriegen sollte. Er sagte, er würde sie im Laufe des Tages abholen, aber seitdem habe ich nichts mehr von ihm gesehen.«

Eadulf verzog vor Ärger den Mund.

»Also wußte Artgal die ganze Zeit, wer in Wirklichkeit sein geheimnisvoller Wohltäter war. Er hat das Gericht angelogen, als er sagte, es wäre nicht Bruder Dianach gewesen.«

»Das ist offensichtlich.« Fidelma blieb gelassen. »Was wichtiger ist, Bruder Dianach hat gelogen. Warum wollte er sichergehen, daß ich eingesperrt oder für schuldig befunden würde?« Sie wandte sich wieder an Nemon. »Hast du Bruder Dianach nach diesem Geschäftsabschluß im Morgengrauen noch einmal gesehen?«

Nemon schüttelte den Kopf.

»Und wann hast du Ibor von Muirthemne zuletzt gesehen?«

»Das war vor ein paar Stunden. Ich sah, wie er drüben auf Ronans Feld sein Pferd sattelte«, erwiderte die Frau. »Er ritt mit seinen beiden Pferden fort. Er jagte davon, als ob die Hunde von Goll von den Fomorii hinter ihm her wären. Dann kam Ronan und suchte nach ihm. Worum geht’s hier eigentlich?«

Draußen war Hufschlag zu hören.

Fidelma blickte zur Tür hinaus.

»Murgal und Rudgal sind da. Eadulf, sag Murgal Bescheid, daß wir hier sind. Ich möchte ihn sprechen, ehe er zu Artgals Hof weiterreitet.«

Eadulf eilte hinaus und hielt die Reiter an, bevor sie vorbei waren.

Nemon war verwundert.

»Was soll das alles? Was bedeutet der ganze Trubel?«

»Bist du sicher, daß du Artgal nicht mehr gesehen hast, seit er heute morgen kam, um sich die Kühe anzuschauen, die ihm Bruder Dianach geschenkt hatte?«

»Das habe ich dir doch schon gesagt. Nun erklär mir, was eigentlich los ist!«

»Artgal scheint verschwunden zu sein.«

Nemon zeigte keine Überraschung.

»Hauptsache, er taucht wieder auf und holt seine Kühe ab.«

»Vielleicht mußt du sie länger behalten, als du gedacht hast. Nicht nur, daß Artgal verschwunden ist, Bruder Dianach ist auf seinem Hof ermordet aufgefunden worden.«

Nemons Miene blieb steinern.

»Na, wenn ich die Kühe behalte«, meinte sie schließlich, nachdem sie einen Moment überlegt hatte, »dann brauche ich jedenfalls das Geld nicht zurückzugeben. Tote treiben keine Forderungen mehr ein.«

Fidelma verschlug diese gefühllose Haltung die Sprache. Sie wußte nicht, was sie weiter sagen sollte, und verließ die Hütte. Draußen sprach Eadulf mit Murgal und Rudgal, beide noch im Sattel.

Murgal drückte Fidelma mit seiner Begrüßung gleich sein Mißfallen aus.

»Du solltest doch den rath nicht verlassen, ehe nicht deine Verhandlungen mit Laisre abgeschlossen sind.«

»Hat man dir gesagt, daß Bruder Dianach tot ist?« fragte sie und ging auf seinen Tadel nicht ein.

»Rudgal brachte mir die Nachricht.«

»Du findest die Leiche auf Artgals Hof. Artgal selbst ist verschwunden. Es war übrigens Bruder Dia-nach, der Artgal die Kühe als Bestechung schenkte, und nicht Ibor von Muirthemne. Deine Pflegetochter Nemon kann das bezeugen. Die Kühe stehen noch dort auf ihrer Wiese, weil Artgal sie nicht abgeholt hat.«

Murgal sah sie mit zusammengekniffenen Augen an.

»Willst du damit behaupten, daß Artgal den jungen Mönch getötet hat?«

»Ich will überhaupt nichts behaupten«, erwiderte Fidelma ernst. »Wie du gerade festgestellt hast, darf ich keine Nachforschungen anstellen, wenn es nach dir und deinem Fürsten geht. Also untersuche du den Fall, wie du willst. Eadulf und ich kehren jetzt zum rath zurück.«

Sie wandten sich von Murgal ab, der vor Wut kochte, und machten sich auf den Weg zum rath.

Offensichtlich hatte Rudgal außer Murgal niemandem erzählt, daß sie Bruder Dianach tot aufgefunden hatten. Es waren nur wenige Leute draußen, doch niemand schien sich für sie zu interessieren, und aus der Halle drang der Lärm des Festes herüber.

Es dunkelte schon, als sie das Gästehaus betraten. Es war niemand da. Fidelma entzündete die Lampen und suchte nach etwas zu essen. Während sie das Abendbrot vorbereitete, saß Eadulf am Tisch, das Kinn in die Hände gestützt.

»Ich verstehe das nicht«, brach er schließlich das Schweigen. »Warum wollte Bruder Dianach eine so hohe Summe an Artgal zahlen, nur damit der seine Behauptung, du hättest Bruder Solin getötet, nicht änderte?«

Fidelma stellte altbackenes Brot und Käse auf den Tisch, mehr hatte sie nicht finden können, und holte einen Krug Met herbei.

»Ich glaube, wir können nur Vermutungen anstellen. Dianach war in alles verwickelt, was Solin plante. Wenn wir wüßten, was das war, würden wir auch wissen, weshalb er soviel riskierte, um sicherzugehen, daß ich eingesperrt oder des Mordes angeklagt würde. Ich meine, es gibt ein notwendiges Verbindungsstück in der Kette der Ereignisse vom Mord an den jungen Männern bis hin zu Dianachs Ermordung. Aber ich weiß nicht einmal, wo diese Kette ihren Anfang hat. Warum wollte Dianach mich so sehr schädigen?«

Eadulf schnitt sich eine Scheibe Käse ab.

»Vergeltung? Er glaubte, du hättest Bruder Solin umgebracht. Vielleicht hing er gefühlsmäßig so stark an Solin, daß er Rache wollte?«

Sie schüttelte entschieden den Kopf.

»Nein. Das ergibt keinen Sinn. Dann hätte er das Ergebnis der Anhörung abgewartet. Warum sollte er einen ganzen cumal als Bestechungsgeld zahlen, wenn es gar nicht nötig war? Artgal war sowieso bereit, auch unter Eid gegen mich auszusagen.«

Eadulf verzog zweifelnd das Gesicht.

»Das weiß ich nicht.«

Fidelma blieb bei ihrer Meinung.

»Ich habe mir überlegt, was wir tun müssen«, verkündete sie. »Es ist zu wichtig, als daß wir bis nach den Verhandlungen damit warten dürften. Ibor von Muirthemne bildet ein Glied in der Kette. Wenn wir ihn finden, sind wir auf dem Weg zu einer Lösung. Zu Ibor gelangen wir, wenn wir die Spuren verfolgen, die vom Ort des rituellen Massakers ausgehen, da bin ich ganz sicher.«

»Was machen wir also?«

»Wir brechen morgen früh vor Tagesanbruch auf, wenn alles noch schläft, und reiten zum Tatort.«

»Laisre wird darüber nicht glücklich sein«, sagte Eadulf seufzend.

»Es ist besser für ihn, wenn er unglücklich ist und die ganze Sache aufgeklärt wird, damit es kein böses Blut zwischen Cashel und Gleann Geis gibt«, erwiderte Fidelma mit Bestimmtheit. »Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, daß die Lösung dieses Rätsels für Cashel wichtiger ist als Laisres Zustimmung zur Errichtung einer Kirche und einer Schule hier im Tal.«

Eadulf machte eine unsichere Bewegung.

»Wichtiger als die Bekehrung dieser Ecke des Königreichs zum wahren Glauben?« zweifelte er. »Segdae von Imleach wird dir darin wohl kaum zustimmen?«

Fidelma schüttelte den Kopf.

»Ich fürchte, die Lösung schließt alles ein, was hier geschehen ist. Solin war, seinen eigenen Worten nach, in etwas verwickelt, was den Sturz Cashels noch vor Ende des Sommers herbeiführen sollte. Mein Eid gegenüber meinem Bruder und den Gesetzen dieses Landes verbieten es mir, eine solche Drohung unbeachtet zu lassen.«

Jemand klopfte an die Tür, und bevor einer von ihnen antworten konnte, wurde die Tür geöffnet, und Orlas Tochter trat ein. Sie trug einen Korb am Arm. Als sie Fidelma erblickte, verdüsterte sich ihre Miene für einen Moment, doch ihre Augen leuchteten auf, sobald sie sich auf Eadulf richteten.

»Ich wußte, daß Cruinn nicht hier ist«, sagte sie mit dunkler Stimme, »deshalb komme ich, um euch etwas zum Abendbrot zu bringen.« Sie schaute Fidelma kurz an und fügte hinzu: »Euch beiden.«

Eadulf erhob sich und blickte auf das altbackene Brot und den Käse, die er zu verzehren gedachte. Er lächelte.

»Es ist uns sehr willkommen, Esnad.«

Das Mädchen stellte den Korb auf den Tisch und packte frisches Brot, kaltes Fleisch, gekochte Eier und Gemüse aus. Sogar einen Henkelkrug mit Wein hatte sie mitgebracht.

»Wissen deine Mutter und dein Vater, daß du hier bist?« erkundigte sich Fidelma.

Esnad hob trotzig das Kinn.

»Ich habe das Alter der Wahl erreicht«, erwiderte sie gereizt. »Ich bin schon vierzehn.«

»Aber deine Eltern könnten es dir übelnehmen, wenn du dich mit uns einläßt nach dem, was vorgefallen ist.«

»Sollen sie doch«, erklärte das Mädchen wegwerfend. »Mir macht das nichts aus. Ich bin alt genug, für mich selbst zu entscheiden.«

»Dem kann man nicht widersprechen«, meinte Fidelma.

Das Mädchen hatte den Korb geleert. Nun war genug da für ein annehmbares Abendessen.

Es war offensichtlich, daß sich Esnad in Fidelmas Gegenwart gehemmt fühlte und daß sie anscheinend mit Eadulf allein sprechen wollte. Das reizte Fidelmas Neugier, und zugleich amüsierte es sie, daß Eadulf durch Esnads Aufmerksamkeiten in Verlegenheit geriet. Trotzdem hoffte sie, Eadulf würde merken, daß Esnad mit ihm reden wollte.

Sie erhob sich lächelnd.

»Ich habe Murgal versprochen, etwas mit ihm zu bereden«, sagte sie mit einem bedeutungsvollen Blick zu Eadulf.

Der Angelsachse sah sehr beunruhigt aus, begriff aber wohl, daß er bleiben und herausbekommen sollte, was Esnad von ihm wollte.

Esnad war sichtlich erfreut.

»Ich hoffe, ich störe euch nicht in euren Plänen«, meinte sie kokett.

»Überhaupt nicht«, antwortete Fidelma. »Ich bin bald zurück, also hebt mir etwas von diesem ausgezeichneten Abendbrot auf.«

Sie verließ das Gästehaus und trat auf den Hof hinaus, auf dem es bereits zu dunkeln begann.

Einige Augenblicke wanderte sie ziellos umher und überlegte, ob Esnad etwas zur Aufklärung der geheimnisvollen Vorfälle in Gleann Geis beitragen könnte. Dann nahm sie denselben Weg, auf dem sie in der vorigen Nacht Bruder Solin gefolgt war. Sie war noch nicht weit gekommen, als sie sah, wie eine rundliche Frauengestalt das Gebäude verließ, in dem sich Murgals Wohnung befand. Sie eilte über den Hof. Die Gestalt war unverkennbar. Fidelma beschleunigte ihren Schritt.

»Cruinn!«

Die Verwalterin blieb stehen und blickte sich um. Als sie Fidelma erkannte, wollte sie weitergehen, doch Fidelma vertrat ihr den Weg.

»Cruinn, warum kommst du nicht ins Gästehaus?« fragte Fidelma vorwurfsvoll. »Warum bist du derart wütend auf mich?«

Cruinn schaute sie finster an.

»Du solltest die Gesetze der Gastfreundschaft kennen, du bist doch eine dalaigh. Du hast deinen Gastgeber beleidigt, weil du seine Schwester beleidigt hast.«

»Das ist ungerecht«, erklärte Fidelma. »Ich weiß, daß Orla hier sehr geachtet ist, aber ich konnte nur die Wahrheit sagen. Ich wurde selbst zu Unrecht beschuldigt.«

»Du bist der Gerechtigkeit nur durch eine geschickte Auslegung des Gesetzes entgangen«, entgeg-nete Cruinn scharf, sehr zu Fidelmas Erstaunen.

»Du scheinst auf einmal viel vom Gesetz zu verstehen, Cruinn«, erwiderte sie. »Wo hast du das gelernt?«

Selbst im Dämmerlicht sah Fidelma, daß Cruinn einen Moment verlegen wurde.

»Ich wiederhole nur, was alle sagen. Wäre Artgal nicht so töricht gewesen, die Kühe anzunehmen, hätte sich seine Aussage beweisen lassen.«

»Ich habe Bruder Solin nicht getötet.«

Cruinn wandte sich rasch ab.

»Ich habe viel zu tun«, murmelte sie. »Aber im Gästehaus brauchst du nicht auf mich zu warten. Es gibt nur wenige Leute, die deine Anwesenheit hier gutheißen, Fidelma von Cashel. Je eher du Gleann Geis verläßt, desto besser.«

Cruinn eilte davon in die Dunkelheit. Fidelma sah ihr nach. Es war entmutigend, wie schnell manche Leute aufgrund von falschen Informationen und Vorurteilen ihre Haltung änderten.

Eine Tür öffnete sich, und ein Lichtschein fiel auf den Hof, er kam aus Margas Apotheke. Zwei Personen standen in der Tür, Marga und Laisre. Der Lichtschein erfaßte Fidelma. Laisre erstarrte, als er sie bemerkte. Dann verbeugte er sich vor Marga.

»Vielen Dank, Marga. Wie oft muß ich den Aufguß trinken?«

»Nur einmal abends, Laisre.«

Die hübsche Apothekerin ging ins Haus und schloß die Tür, so daß kein Licht mehr den Hof erhellte.

Laisre kam auf Fidelma zu.

»Nun, Fidelma von Cashel«, begrüßte er sie kühl, »ich habe gerade von Murgal gehört, daß du dich meinem Befehl widersetzt und vorhin den rath verlassen hast.«

»Es war kein Befehl, wenn ich mich recht erinnere. Du sagtest nur, es wäre dein Wunsch«, erwiderte Fidelmatrocken.

Laisre schnaubte zornig.

»Werde nicht spitzfindig. Ich billige es nicht, daß du den rath verläßt.«

»Wenn ich den rath nicht verlassen hätte, meinst du, daß Bruder Dianach dann noch leben würde?«

»Du bringst den Tod mit. Die Raben des Todes kreisen ständig über deinem Kopf«, knurrte Laisre säuerlich.

»Glaubst du wirklich, daß ich für sämtliche Todesfälle der letzten Tage hier verantwortlich bin?«

»Ich weiß nur, daß es solche Todesfälle in unserer Gemeinschaft nie gegeben hat, bevor du herkamst. Je eher du verschwindest, desto besser.«

Er drehte sich abrupt um und eilte zur Festhalle.

Fidelma seufzte und beschloß, ins Gästehaus zurückzukehren. Sie hatte Esnad sicher genug Zeit gelassen, Eadulf alles zu sagen, was sie auf dem Herzen hatte.

Sie wollte gerade die Tür öffnen, als diese aufflog und Esnad herausstürmte; beinahe hätte sie Fidelma umgerannt.

Einen Augenblick später stürzte eine andere Person aus dem Gästehaus und rief: »Esnad! Warte doch!«

Rudgal eilte vorbei, ohne Fidelma zu bemerken.

Fidelma starrte ihm verblüfft nach. Sie ging ins Haus und schloß die Tür hinter sich. Eadulf saß noch dort, wo sie ihn verlassen hatte. Das Essen hatte er kaum angerührt.

Er blickte mit sichtlicher Erleichterung auf.

»Was ist passiert?« fragte Fidelma. »Esnad kam heraus und hat mich fast umgerannt. Dann kam Rudgal, er lief ihr anscheinend nach.«

»Ich habe keine Ahnung«, gestand Eadulf. »Langsam glaube ich, daß hier der Wahnsinn umgeht.«

»Warum war Esnad so scharf darauf, dich allein zu sprechen? Ich dachte, sie hätte dir etwas Wichtiges mitzuteilen, was uns weiterhelfen könnte.«

Eadulf schüttelte den Kopf.

»Sie war mehr darauf aus, mir Fragen zu stellen. Sie wollte wissen, wer ich sei, wo ich herkomme und wie das Leben im Land des Südvolks so ist.«

Fidelma war enttäuscht.

»Das war alles?«

Eadulf wurde verlegen.

»Nein, nicht ganz. Sie wollte wissen, warum ich mit dir unterwegs bin und wie unser Verhältnis ist.«

Fidelma lächelte schelmisch. »Unser Verhältnis?«

»Du weißt schon«, antwortete er lahm.

Fidelma beschloß, ihn nicht weiter zu necken.

»Was meinst du, weshalb sie sich danach erkundigte? Verfolgte sie einen bestimmten Zweck?«

Eadulf war ratlos.

»Ich konnte keinen feststellen. Wenn sie älter wäre ...«

Fidelma schaute ihn scharf an. In ihren Augen blitzte immer noch der Schalk.

»Wenn sie älter wäre?« fragte sie. »Denk dran, sie ist bereits über das Alter der Wahl hinaus.«

Eadulf, rot vor Verlegenheit, wandte ein: »Sie ist doch noch ein Kind.«

»Vierzehn ist in diesem Land das Alter der Reife, Eadulf. In dem Alter kann ein Mädchen heiraten und seine eigenen Entscheidungen treffen.«

»Aber .«

»Du hattest das Gefühl, daß sie dir mehr als nur Freundschaft entgegenbrachte?«

»Ja, das hatte ich. Um die Wahrheit zu sagen, mir ist schon früher aufgefallen, daß sie ziemlich kokett ist und gern mit mir anbändeln würde. Na, das ist wahrscheinlich nur eine vorübergehende Verliebtheit«, schloß er. Es klang nicht sehr überzeugt.

Fidelma konnte nicht umhin, über seine Verwirrung zu lächeln.

»Wichtige Mitteilungen hatte sie also nicht? Na gut. Aber was wollte Rudgal hier und was bedeutete die Szene eben?«

»Er kam wohl her, weil er versprochen hatte, uns was zum Abendessen zu bringen. Er weiß ja, daß Cruinn sich weigert, das Gästehaus zu betreten.« »Und warum ist er Esnad hinterhergerannt?«

»Keine Ahnung. Er kam herein, und als er sah, daß sie uns bereits versorgt hatte, war er sehr verärgert.«

»Wie hat sie reagiert?«

»Ich glaube, sie war nicht sonderlich erfreut, ihn zu sehen. Sie ging sofort weg.«

»Und er lief ihr nach«, überlegte Fidelma laut. »Sehr interessant.«

Eadulf stand auf.

»Ich verstehe das alles nicht, aber essen wir endlich. Es wird spät, und wenn du immer noch meinst, wir sollten uns morgen auf die Suche nach Ibor von Mu-irthemne machen ...?«

Fidelma bestätigte mit einem Nicken, daß sie das vorhatte.

»In dem Fall sollten wir etwas essen und früh zu Bett gehen. Wer weiß, was der morgige Tag uns bringt.«

Kapitel 16

Es war noch dunkel, als Fidelma Eadulf weckte und ihn aufforderte, sich fertig zu machen. Sie war bereits angekleidet, und während er ihrem Beispiel eilig folgte, ging sie hinunter und packte die Reste des Abendessens in ihre Satteltaschen. Als Eadulf bereit war, schlichen sie sich aus dem Gästehaus und über den Hof. Sie hielten sich dabei im Schatten, fern von dem flackernden Licht der Fackeln, damit kein herumwan-dernder Wachposten sie bemerkte. Fidelma wollte möglichst jedem wachsamen Auge entgehen. Ein Posten stand auf der Mauer, aber der schien zu dösen.

Sie sattelten ihre Pferde, so leise es ging, und führten sie vorsichtig aus dem Stall heraus.

Eadulf stöhnte leicht, denn das Klappern der Hufe auf den Pflastersteinen konnte Tote auferwecken. Zumindest weckte es den Posten, der auf der Mauer eingenickt war. Er kam die Treppe herunter und trat ans offene Tor. Fidelma erkannte, daß es nicht möglich war, unbeachtet hinauszugelangen. Ihr mußte etwas einfallen.

»Wer ist da?« fragte der Posten mit rauher, schläfriger Stimme.

»Fidelma von Cashel«, erwiderte sie in hochmütigem Ton.

»Na! Es ist ja noch nicht mal hell«, stellte der Posten das Offenkundige fest. »Warum wollt ihr den rath zu so früher Zeit verlassen?«

Seine Frage klang unsicher, offenbar wußte er nicht recht, wie er sich verhalten sollte.

»Ja, Bruder Eadulf und ich verlassen den rath für kurze Zeit.«

»Weiß Laisre davon, Lady?« erkundigte sich der Posten zögernd.

»Ist Laisre nicht der Fürst von Gleann Geis und weiß, was innerhalb seines eigenen rath geschieht?« konterte sie und versuchte den schmalen Grat zu finden, der ihr eine direkte Lüge ersparte.

Der Ton des Postens war nun gekränkt.

»Mach mir keinen Vorwurf, Lady, weil ich nicht Bescheid weiß. Keiner hat mir gesagt, daß du ausreitest.«

»Dann sag ich dir’s jetzt.« Fidelma bemühte sich, gereizt zu klingen. »Tritt beiseite und laß uns durch. Falls jemand nach uns fragt, wir sind bald zurück.«

Zögernd gab der Posten den Weg frei, und Fidelma und Eadulf trabten durch das offene Tor in die Dunkelheit hinaus.

Erst als sie ein ganzes Stück vom rath entfernt und auf dem Weg waren, der aus dem Tal zu der Schlucht führte, durch die man Gleann Geis verlassen konnte, erlaubte es Eadulf sich, tief und erleichtert Luft zu holen.

»War das klug, Fidelma? Die Andeutung, du hättest Laisres persönliche Erlaubnis für diesen Ausritt, wird den Zorn des Fürsten nur vergrößern, wenn wir zurückkehren.«

»Klugheit entsteht auf den Trümmern der Torheit.« Fidelma lachte. »Ich habe den Mann nicht belogen. Wir kehren so bald wie möglich zurück.«

Es zeigten sich schon erste helle Streifen am Himmel, als sie das düstere Granitstandbild des Gottes Lugh mit der Langen Hand erreichten, das den Eingang zum Tal zierte. Im grauen Zwielicht sah es bedrohlich aus, als sie daran vorbeiritten. Eadulf bekreuzigte sich nervös bei seinem Anblick, doch Fidelmalachte fröhlich.

»Habe ich dir nicht erzählt, daß Lugh für unsere Vorfahren der Gott des Lichts war, der Sonnengott?

Du solltest dich nicht vor ihm fürchten, er war ein guter Gott.«

»Wie kannst du so ruhig über solche schrecklichen Geister reden?« wandte Eadulf ein. »Götter mit Geweihen auf dem Kopf und Schlangen in den Händen!« Er erschauerte.

»Hat dein Volk nicht auch solche Götter verehrt, bevor es zum Christentum bekehrt wurde?« fragte Fidelma.

»Jedenfalls keine mit Geweihen auf dem Kopf«, versicherte ihr Eadulf.

Sie gelangten zum Eingang der Schlucht und ritten in die enge, felsige Klamm hinein.

»Wer da?« rief sie eine Stimme von hoch oben an.

Fidelma stöhnte innerlich. Sie hatte die Posten vergessen, die die Schlucht bewachten. Doch was einmal gelungen war, konnte vielleicht noch einmal gelingen.

»Fidelma von Cashel«, rief sie zurück. Dann kam ihr ein Gedanke, und sie fügte hinzu: »Hast du gestern nachmittag hier auch Wache gehabt?«

Ein Schatten bewegte sich oben und wurde im frühen Licht der Morgendämmerung schemenhaft sichtbar.

»Ich nicht. Weshalb fragst du?«

»Ich möchte wissen, ob der Pferdehändler Ibor von Muirthemne oder Artgal hier durchgekommen sind.«

»Uns entgeht keiner, der diese Schlucht passiert. Der Pferdehändler ritt am Nachmittag hier entlang, da hatte mein Bruder die Wache. Aber Artgal . Nein, das hätte er mir erzählt, wenn der hier durchgekommen wäre. Wir haben gehört, daß er seine Ehre verloren hat.«

Fidelma hatte kaum damit gerechnet, mehr zu erfahren.

»Sehr gut. Dürfen wir weiter?«

»Zieht in Frieden«, wünschte ihnen der Posten.

Als sie aus der Schlucht herauskamen, hatte die Morgendämmerung orangefarbene, goldene und gelbe Streifen auf die Berge gezaubert, und das Land erwachte ringsum vom lärmenden Gesang der Vögel. Zielsicher strebte Fidelma der Stelle zu, an der sie die Leichen der niedergemetzelten jungen Männer gefunden hatten. Als sie sie erreichten, war es völlig hell geworden. Der Blick ging ungehindert in alle Richtungen. In den zwei vergangenen Tagen hatten die Raben ganze Arbeit geleistet. Die weißen Knochen der Skelette lagen verstreut, und es waren kaum noch Reste von Fleisch daran. Eadulf schüttelte sich, als er all die Knochen sah, die im matten Licht schimmerten.

Fidelma warf kaum einen Blick darauf, sondern ritt sofort dorthin, wo nach ihrer Erinnerung Spuren sein mußten. Sie konnte sie aber nicht finden.

»Gestern hat es zwar in Gleann Geis nicht geregnet, wohl aber hinter den Bergen. Es könnte sein, daß die Spuren fortgewaschen wurden«, meinte Eadulf Fidelmasuchte den Boden noch sorgfältiger ab.

»Aber nicht völlig«, rief sie triumphierend. »Hier sind noch schwache Umrisse der Wagenspuren.«

Eadulf ließ den Blick über die Umgebung schweifen, um eventuelle Gefahren auszumachen, denn er hielt das, was sie taten, immer noch für unklug. Wer nicht gezögert hatte, dreiunddreißig junge Männer hinzuschlachten, hätte auch keine Hemmungen, einen Mönch und eine Nonne zu töten, wenn sie zur Bedrohung wurden.

»Komm«, rief Fidelma, »die Spuren führen nach Norden.«

Sie ritt im Schritt weiter.

»Wie weit willst du noch?« murrte der Angelsachse. »Colla sagte, die Spuren seien bald verschwunden.«

Fidelma zeigte nach vorn auf die Hügel am Nordrand des Tals.

»Ich will bis zum Rand der Senke, bis dort, wo die Hügel beginnen. Wenn wir dort nichts mehr finden, reiten wir am Talrand zurück zur Schlucht, die nach Gleann Geis führt, und schließen unsere Angelegenheiten dort ab.«

»Mißtraust du Colla so sehr? Meinst du wirklich, daß er versucht hat, uns irrezuführen?«

»Ich ziehe es vor, mich auf meine eigenen Augen zu verlassen«, erwiderte Fidelma leichthin. »Und vergiß nicht, ich habe Orla vor dem Stall gesehen, das weiß ich. Daraus schließe ich, daß Colla gelogen hat, um seine Frau zu beschützen. Damit jedoch hat er mich in Gefahr gebracht. Was er einmal tat, kann er wieder tun.«

Schweigend ritten sie langsam weiter, ab und zu hielt Fidelma an und suchte nach den Wagenspuren. Die waren bald verschwunden. Sie waren schon nicht mehr zu erkennen gewesen, lange bevor der steinige Boden alle Anzeichen verbarg. Fidelma mußte zugeben, daß Colla die Wahrheit gesagt hatte. Sie waren noch reichlich eine Meile vom Fuß der Hügel entfernt, als keine Spur mehr zu entdecken war.

»Vielleicht hast du Colla doch unrecht getan?« vermutete Eadulf trocken.

Fidelma würdigte ihn keiner Antwort.

»Wenn wir ohne neue Erkenntnisse zurückkommen, wie willst du Laisre das erklären?« bohrte Ea-dulf.

Fidelma schob verärgert die Unterlippe vor.

»Ich habe nicht die Gewohnheit, Erklärungen abzugeben«, erwiderte sie mürrisch. »Er hat kein Recht, meine Handlungen als dalaigh in Frage zu stellen.«

Sie zügelte ihr Pferd und beschattete die Augen mit der Hand. Dann atmete sie ärgerlich aus.

»Wenn ich wenigstens eine Ahnung hätte, wonach wir eigentlich suchen«, knurrte Eadulf mißgelaunt. »Ich glaube nicht, daß wir auf diesem Boden noch weitere Spuren finden. Was willst du sonst noch?«

Eine Weile gab Fidelma keine Antwort. Sie ritten schweigend weiter, bis der steinige Boden der Talsohle zu den umgebenden Hügeln anstieg. Aber die Suche blieb vergeblich. Etwa nach einer Stunde hielt Fidelma an und wies mit der Hand nach Süden.

»Wenn wir uns nach Süden wenden, kommen wir zu ein paar Grasflächen. Vielleicht finden wir dort noch etwas«, meinte sie hoffnungsvoll. »Dieser nördliche Weg gibt nichts mehr her.«

Eadulf unterdrückte einen Seufzer und folgte ihr.

Er hatte das Gefühl, daß die ganze Sucherei nichts brachte. Hier waren keine Wagenspuren, aber Fidelma gab nicht auf. Eadulf wollte schon stärkere Einwände erheben und sagen, sie würden nur Zeit verschwenden und sollten endlich nach Gleann Geis zurückkehren, als Fidelma plötzlich hielt.

»Spuren von mehreren Pferden«, rief sie triumphierend und zeigte auf ein aufgewühltes Stück Rasen.

Eadulf bestätigte es mit säuerlichem Blick.

»Das bedeutet wenig ohne Wagenspuren. Viele Reiter könnten hier entlangkommen.«

Es geschah so plötzlich, daß Fidelma und Eadulf keine Zeit blieb zu reagieren.

Wie aus dem Nichts tauchte ein halbes Dutzend Reiter mit gezogenen Schwertern auf und umringte sie.

»Rührt euch nicht, wenn euch euer Leben lieb ist!« schrie ihr Anführer, ein großer Mann mit einem buschigen roten Bart und einem polierten Bronzehelm, der mit roten Emailstücken verziert war.

Fidelma wurde von Furcht erfaßt, als ihr bewußt wurde, daß er mit nördlichem Akzent sprach.

Ein zweiter Mann ritt an sie heran, und ehe sie sich wehren konnten, band er ihnen geschickt die Handgelenke auf dem Rücken zusammen. Binden wurden ihnen über die Augen gelegt. Hände ergriffen die Zügel ihrer Pferde, und sie wurden in schnellem Trab davongeführt. Sie hatten alle Mühe, sich auf den sich rasch bewegenden Pferden zu halten, und fanden keinen Atem, zu protestieren oder eine Erklärung zu ver-langen. Beide konnten nicht abschätzen, wieviel Zeit verging, bis die, die sie gefangen hatten, ihr Ziel erreichten.

Der Ritt endete so plötzlich, wie er begonnen hatte.

Die Pferde hielten, Befehle wurden gerufen, und starke Arme hoben sie aus den Sätteln. Die Binden wurden ihnen abgenommen, und sie standen blinzelnd inmitten einer Kriegerschar. Fidelma bemerkte, daß sie sich in einer Schlucht befanden, kaum mehr als ein Felsspalt, in dem gerade vier Männer nebeneinander stehen konnten. Ringsum erhoben sich Felswände, der Himmel war kaum sichtbar. Es war eher ein enger, dunkler Gang.

Der Anführer der Krieger, der Rothaarige mit der grimmigen, fast zornigen Miene, stand vor ihnen, und seinem forschenden Blick entging nichts.

»Ihr kommt aus Gleann Geis.« Es war eher eine Feststellung als eine Frage.

»Das bestreiten wir nicht«, bestätigte Fidelma kühl. »Wo kommt ihr her?«

Das Gesicht des Mannes zeigte keine Reaktion. Seine blauen Augen musterten sie eingehend und erfaßten Fidelmas Kreuz des Ordens der Goldenen Kette und Eadulfs ausländisches Aussehen. Er gab einem seiner Männer ein Zeichen. Schweigend reichte der ihm ihre Satteltaschen. Der rothaarige Anführer schaute erst in Eadulfs Satteltaschen und nahm danach Fidelmas.

»Dann seid ihr also gewöhnliche Diebe und Räuber?« höhnte sie. »Wenn ihr Reichtümer sucht, werdet ihr keine finden, denn ...«

Der Mann ignorierte ihre Worte und durchsuchte die Tasche. Er fischte den Goldreif heraus. Seine Augen funkelten.

»Wer bist du?« wollte er wissen.

»Ich bin Fidelma von Cashel.«

»Eine Frau aus Muman, die den goldenen Halsreif von Ailech trägt?« Er lachte spöttisch. Er ließ ihn in die Tasche fallen und warf sie sich über die Schulter.

Als Fidelma den Namen Ailech hörte, fuhr sie zusammen.

Ailech war die Hauptstadt der nördlichen Ui-Neill-Könige, die in Feindschaft mit den südlichen Ui-Neill-Königen lebten, die in Tara herrschten.

Der Rothaarige bewegte sich auf eine der glatten Felswände zu. Seine Männer hatten einen Ring um Fidelma und Eadulf gebildet. Bevor sie noch Einspruch erheben oder Forderungen stellen konnten, wurden sie auf diese hoch aufragende Wand zu gedrängt. Das ging so schnell, daß Eadulf unwillkürlich die Augen schloß, weil er einen Augenblick lang glaubte, sie sollten getötet werden, indem man sie einfach mit Gewalt gegen den Granitfelsen laufen ließ. Dann fühlte er sich plötzlich von Kälte und Dunkelheit umgeben. Er wagte die Augen aufzuschlagen und fand sich in einer Höhle wieder, die von einer einzigen Fackel schwach erhellt wurde. Irgendwie waren er und Fidelma durch einen verborgenen Höhleneingang geschleust worden.

Der Anführer lief weiter voran durch einen dunklen Tunnel. Weder Fidelma noch Eadulf erhoben Protest, das hätte wenig Zweck gehabt. Die Krieger zogen sie schnell und gekonnt mit sich. Es ging durch eine Reihe von Höhlen und engen Gängen. Dann machten sie plötzlich halt.

»Verbindet ihnen wieder die Augen«, befahl der Anführer.

Erneut befanden sie sich in völliger Dunkelheit.

Nach kurzer Pause wurden sie weiter vorwärtsgeschoben. Es dauerte nicht lange, bis sie wieder anhielten. Die Luft war auf einmal wärmer. Fidelma spürte auf den Wangen den Hauch eines Feuers.

»Wir haben zwei Spione aus Gleann Geis gefangen, Lord«, erklärte der Anführer der Schar.

»Spione, meinst du?« Diese Stimme kannten Fidelmaund Eadulf. »Löst ihnen die Binden, damit sie sehen können.«

Rauhe Hände nahmen ihnen die Binden von den Augen.

»Vorsichtig!« tadelte die Stimme. »Tut unseren geehrten Gästen nicht weh.«

Fidelma schaute blinzelnd in die rauchige, große Höhle, die von flackernden Fackeln erhellt wurde. Sie bemerkte Schlafdecken, ein Feuer in einer Ecke, günstig angelegt unter einer Art natürlichem Schornstein; über ihm hing ein Kessel, in dem es brodelte. Eadulf hatte Schwierigkeiten mit seinen Augen und nahm die Umgebung noch nicht wahr. Außer den Männern, die sie hergebracht hatten, hockte ein halbes Dutzend weiterer Krieger auf den Decken; einer hütete den Kessel. Auf einem Stuhl saß eine bekannte Person: Der Pferdehändler.

Fidelma lächelte grimmig.

»Ich habe mir gedacht, daß sich unsere Wege noch einmal kreuzen, Ibor von Muirthemne.«

Der junge Mann lachte gutmütig.

»Macht ihnen die Hände los und laßt sie sich setzen«, befahl er.

»Aber, Lord ...«, wandte der Rothaarige ein, der sie gefangengenommen hatte. »Schau her!« Er nahm den Goldreif und hielt ihn Ibor hin. »Das führt die Frau mit sich, und das beweist ihre Schuld.«

Ibor nahm den Reif und untersuchte ihn. Dann hob er den Blick.

»Macht sie sofort los!« sagte er bestimmt.

Widerwillig zog der Rothaarige sein Messer und durchschnitt erst Fidelmas Fesseln und dann die Schnur um Eadulfs Handgelenke. Einen Moment rieben sie ihre wundgescheuerten Handgelenke und musterten Ibor neugierig. Er war jetzt als Krieger gekleidet, was besser zu ihm paßte als seine vorige Kostümierung. Das bestätigte Fidelmas früheren Eindruck, Ibor sehe mehr wie ein Krieger als wie ein Pferdehändler aus. Der einstige Kaufmann aus Muirthemne war offensichtlich ein Kriegsmann.

»Setzt euch und nehmt meine Gastfreundschaft an«, lud Ibor sie so höflich ein, als heiße er sie in seinem rath willkommen. »Es ist zwar etwas bescheiden hier, da wir draußen kampieren .«

»Auf der Flucht vor Recht und Gesetz«, warf Ea-dulf säuerlich ein.

Ibor schüttelte den Kopf und lächelte noch breiter.

»Nicht auf der Flucht, nur möchten wir unsere Gegenwart nicht öffentlich machen. Kommt, setzt euch. Es wird euch nichts geschehen, solange ihr meine Gäste seid.«

Zögernd ließen sich Fidelma und Eadulf auf den Decken nieder, auf die er gedeutet hatte. Sie hatten keine andere Wahl.

»Warum hast du die Leute von Gleann Geis in dem Glauben gelassen, daß du es warst, der Artgal bestochen hat?« fragte Fidelma ohne weitere Vorrede.

»Ich dachte, das hätten sie schon ohne mein Zutun beschlossen«, erwiderte Ibor belustigt.

»Durch dein Fortlaufen hast du sie darin bestärkt.«

»Es war ein strategischer Rückzug zu meinen Männern.«

»Und was genau hast du vor?«

Ibor zuckte die Achseln und lächelte immer noch.

»Wer weiß? Vielleicht muß man dieses Nest von Ungeziefer ausrotten.«

»Bruder Dianach ist tot. Ich weiß, daß er derjenige war, der die Kühe kaufte, um Artgal damit zu bestechen, und nicht du.«

Der junge Mann schien nicht überrascht.

»Und Artgal? Was sagt der jetzt dazu?«

»Artgal ist verschwunden.«

Es trat Schweigen ein, doch Ibor blieb weiterhin die Ruhe in Person.

»Sobald Artgal anfing zu lügen, was Bruder Dia-nach betraf, wußte ich, daß der Verdacht auf mich fallen würde. Ich wäre ergriffen worden für etwas, was ich nicht getan hatte ... Genauso, wie es dir erging, Fidelma.«

»Dir war bekannt, daß ich unschuldig bin?« fragte Fidelma erstaunt.

»Mir war klar, daß du wohl kaum einen Grund hattest, Bruder Solin umzubringen«, bestätigte er. »Ich hoffte, ich könnte herausfinden, wer es tat, bevor es für mich notwendig wurde, mich aus Laisres rath zu entfernen.«

»Schwer zu glauben, daß du nichts mit dem Mord an Solin zu tun hast«, meinte Fidelma skeptisch. »Wer bist du und was machst du hier?«

»Du weißt bereits, daß ich Ibor bin; Ibor, Lord von Muirthemne.«

»Das ist ein stolzer Titel. Es ist nicht der Titel eines Pferdehändlers.«

»Ich bin stolz darauf, ihn zu tragen. Er ist von alter Herkunft. Mein Vorfahr war Setanta von Muirthemne, den die Leute Cüchulainn nannten, den Jagdhund von Culainn.«

Fidelma sah Ibor in die Augen und erblickte darin den Stolz auf seine Ahnen.

»Du hast uns noch nicht erklärt, warum sich der Lord von Muirthemne in der Verkleidung eines Kaufmanns nach Gleann Geis hineinschlich. Das ist ein eigenartig abgeschiedener Winkel, in den eine Kriegerschar aus dem Norden wohl kaum zufällig und ohne eine böse Absicht hineinstolpert?«

»Es stimmt, wir sind nicht hineingestolpert, und wir sind mit einer bestimmten Absicht hergekommen.«

»Wenigstens sprichst du jetzt ehrlich mit mir. Warum?«

Ibor lächelte entwaffnend.

»Ich muß dich bitten, vorsichtig mit dem umzugehen, was ich dir sage.«

Fidelma hielt den Kopf leicht zur Seite geneigt. Ihre Miene verriet Neugier.

»Vorsichtig? Du forderst keine Geheimhaltung?«

Ibor schüttelte den Kopf.

»Ich vertraue auf deine Vorsicht und Ehrlichkeit, so wie ich hoffe, daß du auf meine vertraust, wenn du meine Geschichte gehört hast. Ich kenne deinen Ruf. Das sagte ich dir schon einmal. Ich sehe auch, daß du das Kreuz des Ordens der Goldenen Kette trägst. Deshalb setze ich mein Vertrauen in dich.«

Fidelma schaute ihn weiter nachdenklich an.

»Ich antworte darauf, daß ich in allen Dingen vorsichtig verfahre, doch ob ich von deiner Ehrlichkeit ausgehen kann, das bleibt abzuwarten.«

»Mehr kann ich unter den gegebenen Umständen nicht verlangen.« Der junge Lord von Muirthemne warf einen raschen Blick auf Eadulf. »Sprichst du auch für deinen angelsächsischen Bruder?«

»Du kannst dich auf Bruder Eadulfs Vorsicht ebenso verlassen wie auf meine.«

»Vorsicht ist alles, was ich fordere.«

»Mehr ist auch nicht möglich, besonders wenn du den Goldreif in der Hand hältst, den ich auf dem Schauplatz des Gemetzels an den dreiunddreißig jungen Männern gefunden habe«, fügte Fidelma ruhig hinzu.

Ibor blickte auf den Reif in seiner Hand und nickte zerstreut.

»Es ist ein Reif, wie er für die Krieger von Ailech angefertigt wird«, bemerkte er nachdenklich. »Ich erkläre dir gleich alles. Die Sache fängt damit an, daß meine Männer und ich Bruder Solin aus Armagh die ganze vorige Woche nachgeritten sind.«

»In wessen Auftrag?« fragte Fidelma sofort.

»Im Auftrag Sechnassachs, des Großkönigs in Tara.«

»Zu welchem Zweck?«

»Zu dem Zweck, festzustellen, aus welchem Grunde sich Solin nach Gleann Geis aufmachte.«

»Du sagst das so, als hättest du ihn im Verdacht gehabt, irgendwie gegen das Gesetz zu verstoßen?« schaltete sich Eadulf ein.

Der Lord von Muirthemne lachte grimmig.

»Es war weit mehr als ein bloßer Verdacht. Er hat gegen jede moralische Vorschrift verstoßen, die ich kenne.«

»Das verstehe ich nicht«, sagte Fidelma. »Du bist ein Mann des Nordens, und dennoch behauptest du, ein Feind Bruder Solins zu sein. Wie kommt das? Ist nicht Bruder Solin nicht nur ein Mann des Nordens, sondern auch ein Geistlicher? Er erklärte, er befände sich auf einer Mission für den Glauben.«

»Auf einer Mission für den Teufel!« fauchte Ibor. Dann beugte er sich vor und wurde ernst. »Du weißt doch sicher etwas von der Zwietracht zwischen den Königen des Nordens? Du warst in Tara, und du warst auch in Armagh.«

»Ist es ein Zufall, daß Bruder Solin mir genau dieselbe Frage gestellt hat? Ich war in Tara, und ich war in Armagh, aber ich bin nicht in die internen Zwistigkeiten dort eingeweiht.«

Ibor lehnte sich zurück.

»Ich will dir die Streitpunkte so einfach erklären, wie ich kann. Zuerst mußt du wissen, daß ich Abgesandter des Großkönigs Sechnassach bin. Er gehört den südlichen Ui Neill an, den Nachkommen von Aedo Slaine. Hier ist sein königliches Siegel zum Beweis meiner Worte.« Er langte unter sein Hemd und zog ein goldenes Siegel an einer goldenen Kette hervor und hielt es ihr zur Prüfung hin. »Du warst in Tara und kennst es gut.«

Fidelma besah sich das goldene Medaillon. Darauf eingeprägt war eine aufrecht stehende Königshand als Symbol für die Pflicht des Königs, seine Hand zum Schutz seines Volkes zu erheben. Fidelma erkannte das Siegel der Ui Neill sofort.

»Sprich weiter«, forderte sie ihn auf. »Erzähl uns deine Geschichte.«

»Bruder Solin war Sekretär bei Ultan von Armagh.«

»Das weiß ich«, sagte Fidelma mit leichter Ungeduld.

»Ultan hat insgeheim geschworen, die Ansprüche der Dynastie der nördlichen Ui Neill zu unterstützen, der Könige, die in Ailech residieren.«

Fidelma hatte noch nie mit dem nördlichen Königreich der Ui Neill zu tun gehabt. Sie wußte nur, daß Ai-lech eine Stadt und Festung im äußersten Nordwesten des Landes war und daß dort zur Zeit Mael Düin als König herrschte, der sich ebenfalls rühmte, vom alten Großkönig Niall von den Neun Geiseln abzustammen.

»Dein Mann sagte, der Reif sei in Ailech gefertigt worden«, bemerkte sie ruhig.

Ibor nickte.

»Die beiden Dynastien der Ui Neill, die nördliche und die südliche, leben in Feindschaft«, erläuterte er. »Mael Düin ist nicht der erste König der nördlichen Linie, der behauptet, seine Dynastie sei die wahre Erbin der Königsherrschaft über den ganzen Norden, und zwar nicht nur im Königreich Ulaidh, sondern er erhebt den Anspruch auf den Titel des Großkönigs in Tara. Er fordert darüber hinaus, das Großkönigtum solle nicht nur eine von den Provinzkönigen übertragene Ehre sein, sondern eine tatsächliche, daß also der Großkönig echte Macht über alle fünf Königreiche von Eireann ausüben solle.«

Fidelma musterte ihn mißtrauisch.

»Und was sagt Sechnassach dazu?«

»Du kennst Sechnassach«, erwiderte Ibor. »Er hält sich streng an das Gesetz. Er ist König der südlichen Ui Neill von Tara und erkennt die Ehre des Großkönigtums dankbar an, die ihm nach dem Gesetz Miads-lechta zusteht. Doch wie das Miadslechta sagt: Warum stehen die Provinzkönige höher als der Großkönig?«

»Weil sie den Großkönig bestimmen und ernennen«, unterbrach ihn Fidelma und zitierte den Text, »während der Großkönig nicht die Provinzkönige bestimmt.«

Ibor nickte anerkennend.

»Du hast recht, dalaigh von Cashel. Sechnassach würde seinen vollen Sühnepreis von vierzehn cumals verwirken, wenn er dieses Gesetz jemals bräche.«

»Besteht die Möglichkeit, daß er das tut?«

»Nicht, solange er lebt. Aber von den nördlichen Ui Neill kann man das nicht sagen, auch nicht von Mael Düin von Ailech. Er ist sehr ehrgeizig. Sein Ehrgeiz ist noch gewachsen, seit er eine Pilgerfahrt nach Rom unternahm, bevor er die Krone von Ailech erhielt.«

»Wie das? Was hat eine Pilgerfahrt nach Rom damit zu tun?«

»Er sah die Größe Roms und wurde angezogen von der römischen Art des Glaubens. Er ging zu einem in Rom ausgebildeten Beichtvater und Priester, und der berichtete ihm von den großen weltlichen Reichen und den Völkern, die unter die Oberherrschaft der römischen Kaiser gerieten.«

»Es gibt manche in den fünf Königreichen, die sich Rom ergeben zeigen«, meinte Fidelma. »Aber Ergebenheit gegenüber Rom ist doch wohl eine Sache des persönlichen Gewissens? Mein Gefährte Eadulf hält der römischen Glaubensart die Treue, im Gegensatz zu mir, die ich mich der Kirche Colmcilles verbunden fühle. Wir streiten uns nicht, sondern führen fruchtbare und freundschaftliche Gespräche.«

»Das ist in Ordnung, Fidelma von Cashel. Jeder geht seinen eigenen Weg. Aber wenn man auf einen Weg gezwungen wird, den man nicht gehen will, entsteht Zwietracht.«

»Dann denkt dieser Mael Düin also, er könne seinen Glauben anderen aufzwingen?«

»Ja, das tut er, und zwar auf zweifache Weise. Erstens, was die Religion angeht, und zweitens hat er sich dafür begeistern lassen, auf dieser Insel ein Feudalreich zu schaffen von der Art, wie er es in Rom kennengelernt hat, ein zentrales Reich, das von einem Kaiser regiert wird. Und dieser Kaiser möchte er selbst werden.«

Fidelma atmete tief durch.

»Ich begreife langsam, worauf du hinauswillst. Mael Düin von Ailech möchte zuerst die südlichen Ui Neill in sein Königreich von Ailech einbeziehen. Dann will er Anspruch auf das Großkönigtum erheben und es von einem Ehrentitel, der zwischen den Provinzkönigen wechselt, in eine einzige Dynastie verwandeln, die die Oberhoheit über alle fünf Königreiche behält und so herrscht wie einst die römischen Kaiser?«

»Das ist genau das, was er anstrebt«, bestätigte Ibor.

»Dann müssen die Könige der Provinzen vor dem Ehrgeiz Mael Düins gewarnt werden. Sie würden einen solchen Eingriff in Recht und Moral niemals dulden.«

»Aber es geht um noch mehr.«

»Wie das?« Fidelmas Miene war finster.

»Wie ich schon sagte, hat sich Mael Düin die Unterstützung Ultans von Armagh gesichert.«

»Ich weiß, daß Ultan seit langem die Übernahme der Regeln Roms für unsere Kirche befürwortet und es vorzieht, den Titel archiepiskopos zu führen an Stelle von Comarb. Aus Höflichkeit nennen ihn viele so, ich selbst auch. Ich weiß, daß er unsere Kirche nach dem Muster Roms umgestalten möchte, aber selbst Ultan kann doch nicht glauben, daß er das Gesetz unseres Königtums verändern könnte.«

»Warum nicht? Wenn Mael Düin von Ailech meint, er könne das, warum nicht auch Ultan? Wenn Mael Düin ein mächtiges Großkönigtum in Tara errichten kann, das den römischen Ritus und die römische Organisation bevorzugt, dann wird auch Armagh groß werden, weil es zur puruchia des Großkönigs gehört. Ultan will das Oberhaupt des Glaubens in Irland werden, so wie Mael Düin ein Großkönig mit wirklicher zentraler Macht werden will.«

Beunruhigung ergriff Fidelma, als sie über das ganze Ausmaß dessen nachdachte, was Ibor ihnen da enthüllte.

»Das erklärt viel von dem, womit Bruder Solin sich brüstete. Also will Ultan die mächtige zentrale Autorität Mael Düins dazu benutzen, die Oberherrschaft von Armagh über alle anderen Kirchen in den fünf Königreichen durchzusetzen?«

»Genau das.«

Eadulf schaltete sich zum erstenmal ein.

»Eins vergißt du dabei«, sagte er bedächtig. »Selbst wenn dieser König von Ailech die südlichen Ui Neill überwindet, könnte er sich in Tara nicht lange an der Macht halten. Cashel und mit ihm Imleach wären die ersten, die sich gegen solche unsinnigen Ansprüche wehren würden.«

Ibor schaute ihn beinahe traurig an.

»Deshalb müßten Cashel und Imleach geschwächt werden«, erklärte er.

Fidelma warf den Kopf hoch, ihre blitzenden Augen suchten Ibors Blick.

»Du hast von solch einem Komplott gehört?«

»Das Komplott ist bereits geschmiedet worden, und sein Ausgangspunkt ist Gleann Geis«, erwiderte er. »Es sind Mael Düin und Ultan, die dahinter stek-ken. Wenn die nördlichen Ui Neill in voller Stärke vorgehen, könnten die südlichen Ui Neill sie nicht lange aufhalten. Es gibt zu viele Bande der Verwandtschaft und des Blutes zwischen Mael Düin und Sech-nassach, die einen ernsthaften Kampf ausschließen. Wenn das geschieht ...« Ibor breitete resigniert die Arme aus.

»Aber Cashel würde es nicht dazu kommen lassen«, versicherte Fidelma. »Vom Wunsch, Cashel zu schwächen, wird es noch nicht schwach.«

»Stimmt. Also muß man es schwach machen. Cashel bildet das größte Hindernis für den Ehrgeiz der nördlichen Ui Neill, das Großkönigtum zu übernehmen. Mael Düin sucht schon eine ganze Zeit nach den Schwachpunkten von Cashel. Und wo liegt Cashels größte Schwäche?«

Fidelma überlegte einen Moment.

»Nun, bei den Ui Fidgente im nordwestlichen Muman«, sagte sie nachdenklich. »Und bei den Clans westlich des Shannon. Sie gehören zu den unruhigsten Clans von Muman. Die Ui Fidgente haben schon oft-mals versucht, die Könige von Cashel zu stürzen und das Königreich zu spalten.«

»Darin besteht die Schwäche von Muman - in den Ui Fidgente«, erklärte Ibor wie ein Lehrer, der seine Lektion zusammenfaßt.

»Also wurde Bruder Solin hierher geschickt, um neue Streitigkeiten zwischen den Ui Fidgente und den Eoghanacht von Cashel zu entfachen? Meinst du das?« fragte Eadulf.

»Er wurde als Ultans Agent ausgesandt und durch Ultan auch als Sendbote Mael Düins.«

»Und wozu wurdest du hergeschickt? Um Bruder Solin umzubringen?«

»Nein. Ich sagte schon, daß ich mit seinem Tod nichts zu tun habe. Ich habe ihn nicht getötet. Doch ich wurde ausgesandt, um die Einzelheiten von Mael Düins Komplott zu entdecken.«

Fidelma fiel es schwer, zu begreifen, welch ein teuflisches Vorhaben der Lord von Muirthemne da enthüllte. Sie schaute Ibor direkt an.

»Was ist mit der Niedermetzelung der dreiunddreißig jungen Männer? Mit dem Ritualmord?«

»Du stehst doch im Ruf, Rätsel lösen zu können. Du kamst als Abgesandte von Cashel und Imleach und stießest auf etwas, was du für einen Ritualmord hieltest. Wer hätte einen Nutzen davon gehabt, wenn du so reagiert hättest, wie es zu erwarten stand?«

Einen Moment starrte sie ihn verständnislos an.

»Wie hätte ich denn reagieren sollen?« fragte sie unsicher.

»Die Verantwortlichen für dieses Hinschlachten wußten nur, daß eine Nonne nach Gleann Geis kommen würde. Sie richteten das rituelle Blutbad an in der Überzeugung, daß diese Nonne die heidnische Symbolik darin erkennen und nicht weiter nachforschen würde.«

Fidelma begann zu begreifen.

»Sie dachten, die Nonne würde in Panik geraten, nach Cashel zurückreiten und zum Religionskrieg aufrufen, um die Barbaren von Gleann Geis auszurotten, die solch ein Verbrechen begangen hatten?«

»Genau das«, stimmte ihr Ibor zu. »Cashel hätte in diesem Fall all seine Macht aufgeboten, um Rache an Gleann Geis zu üben. Gleann Geis hätte seine Unschuld beteuert, und man hätte den Freunden von Gleann Geis Beweismittel in die Hände gespielt, die darauf hindeuteten, daß Cashel selbst hinter dem Verbrechen steckte. Den Clans der Umgebung hätte man dann mitgeteilt, daß Cashel der Übeltäter wäre und das Blutbad dazu benutzen wollte, die Vernichtung von Gleann Geis zu rechtfertigen. In ihrer Empörung wären diese Clans Gleann Geis zu Hilfe geeilt. Die Ui Fidgente könnte man ohne Schwierigkeit dazu überreden, sich noch einmal gegen Cashel zu erheben. Ein Bürgerkrieg würde das Land zerreißen.«

»Aber die meisten Clans in diesem Königreich würden Cashel unterstützen«, wandte Eadulf ein.

»Möglich. Doch die nördlichen Ui Neill würden ihren Abscheu über solche Taten zum Ausdruck bringen«, fuhr Ibor fort, »und dann ihre Verbündeten dazu ermuntern und ihnen helfen, auf Cashel zu marschieren. Wäre Cashel erst vernichtet, könnte Mael Düin damit beginnen, das Großkönigtum zu erlangen und seinen Einfluß auf alle Königreiche auszudehnen. Wären die Eoghanacht von Cashel gestürzt, gäbe es niemanden mehr, der sich gegen die Ui Neill stellen könnte.«

Fidelma schien das unglaublich. Doch hinter dem, was Ibor sagte, steckte eine finstere Logik.

»All das hätte leicht passieren können«, murmelte sie.

Sie brauchte Eadulf nicht anzusehen, um ihn in Verlegenheit zu bringen. Er senkte betreten den Kopf in Erinnerung an das, was er ihr geraten hatte, als sie die Leichen entdeckten und die symbolische Bedeutung des Massakers begriffen. Er spürte wachsendes Entsetzen.

»Habe ich dich richtig verstanden?« fragte er Ibor. »Die dreiunddreißig jungen Männer wurden zu keinem anderen Zweck niedergemacht als zu dem, uns zu beeindrucken? Es wurde ein groteskes Schauspiel arrangiert mit dem Ziel, uns in Panik nach Cashel zurückzujagen und zu einem heiligen Krieg gegen die Heiden von Gleann Geis aufrufen zu lassen?«

Ibor betrachtete den Angelsachsen mit ernstem Spott.

»Das ist genau das, was ich erläutert habe.«

»Und diese Söhne Satans haben uns die ganze Zeit beobachtet«, murmelte Eadulf nachdenklich. »Erinnerst du dich«, wandte er sich an Fidelma, »daß wir das Sonnenlicht auf Metall aufblitzen sahen, als wir zu diesem Tal aufstiegen? Wir wurden belauert. Sie müssen unser Näherkommen verfolgt und gewußt haben, welchen Weg wir nach Gleann Geis einschlugen, so daß sie ihre grausige Darbietung dort vollführen konnten, wo wir mit Sicherheit darauf stoßen mußten.«

Ibor von Muirthemne lächelte Fidelma düster an.

»Ein Krieg, wie sie ihn planten, hätte leicht ausbrechen können, wenn du so reagiert hättest, wie sie es erwarteten. Doch, Gott sei Dank, das tatest du nicht. Du bewahrtest einen kühlen Kopf und gingst nach Gleann Geis, um die Wahrheit zu suchen.«

Es trat Schweigen ein, während sie bedachten, welch eine plötzliche Wendung des Schicksals den erhofften Erfolg des sorgfältig geplanten Komplotts verhindert hatte.

»Sechnassach sagte mir einmal, du seist eine Individualistin, Fidelma«, fuhr Ibor anerkennend fort. »Er behauptete, du lehntest dich auf gegen die herkömmliche Weise, Dinge zu tun.«

»Es war ein gut durchdachtes Komplott«, gab sie zu. »Aber, Ibor, du hast uns noch nicht gesagt, wer die jungen Männer ermordet hat?«

Ibor antwortete ohne Zögern.

»Krieger aus Ailech. Ausgesuchte Männer aus Mael Düins Leibgarde, die ihm und niemand anderem Treue geschworen haben.«

»Hast du das Abschlachten beobachtet?« fragte Ea-dulf.

»Nein, wir haben es nicht gesehen, sonst hätten wir unser Bestes getan, es zu verhindern«, erwiderte Ibor ruhig.

»Woher weißt du dann, daß es Männer aus Ailech waren, die die Untat begangen haben?« forschte Ea-dulf.

»Ganz einfach. Unsere kleine Schar, es sind zwanzig Krieger und ich selbst, folgte Bruder Solin und Bruder Dianach. Wir wußten, daß sie uns zum Kern von Mael Düins Komplott führen würden. Von Armagh ritten wir ihnen auf ihrem Wege nach Süden viele Tage nach. Dann traf sich Bruder Solin mit einer seltsamen Reitertruppe. Es war eine Schar von Kriegern aus Ailech. Sie geleiteten einen Zug von Gefangenen. Jeder von denen war ...«

»Mit Beinschellen gefesselt?« unterbrach ihn Fidelma.

»Woher weißt du das?« fragte Ibor. »Ich sah die Leichen; die Männer aus Ailech hatten alle Erkennungsmerkmale entfernt: Beinschellen, Kleidung, alles, was die Täter verraten könnte.«

»Ich bemerkte die Abschürfungen und Narben, die die Beinschellen an den Fußgelenken der Opfer hinterlassen hatten. Mir fiel auch auf, daß ihre Fußsohlen mit Blasen und Schürfwunden bedeckt waren. Daraus schloß ich, daß man die Männer gezwungen hatte, eine lange Strecke zu Fuß zurückzulegen.«

Diese Schlußfolgerung schien den Lord von Mu-irthemne nicht zu überraschen.

»Sie waren tatsächlich den ganzen Weg von Ailech her marschiert. Möge dieser Ort verflucht sein. Es müssen spezielle Gefangene gewesen sein, die der Tyrann Mael Düin zusammengetrieben und allein zum Zweck dieses schrecklichen Verbrechens nach Süden geschickt hat. Bei den Reitern befanden sich auch Leute zu Fuß, die mehrere große Hunde führten, wahrscheinlich, um jedes Entkommen zu verhindern. Eine interessante Einzelheit, die mich damals verwunderte, war, daß der seltsame Zug zwei leere Wagen mit sich führte, große Heuwagen.«

»Ach ja.« Fidelma nickte. »Die Wagen. Die mußten ja auch dabei sein. Was geschah bei diesem Zusammentreffen, das du beobachtet hast?«

»Bruder Solin und der Befehlshaber der Krieger aus Ailech begrüßten sich freundlich, und sie lagerten einen Tag zusammen, ehe Solin mit Bruder Dianach weiterreiste .«

»Hast du den Befehlshaber der Krieger erkannt?« unterbrach ihn Eadulf.

»Mit Namen kenne ich ihn nicht, aber er ist sicher im Umkreis von Mael Düin zu finden. Über eine Person bei diesen Kriegern kann ich mehr sagen .«

Er hielt inne, wie um die Spannung zu erhöhen, doch als er Fidelmas Verärgerung spürte, fuhr er eilig fort.

»Es war eine Frau, die in ihr Lager geritten kam. Sie wurde offensichtlich erwartet und höflich begrüßt. Eine solche Frau habe ich in Gleann Geis gesehen. Eine schlanke Frau mit gebieterischer Haltung.«

Fidelma hob den Kopf und lächelte befriedigt.

»War es Orla, Laisres Schwester?«

»Mir fällt keine andere Frau in Gleann Geis ein, die der Person ähnelt, die ich sah, als sie sich mit den Männern aus Ailech und mit Bruder Solin traf«, antwortete Ibor ernst.

Kapitel 17

»Orla!« seufzte Fidelma befriedigt. »Ich war sicher, daß sie es war, die ich aus dem Pferdestall kommen sah.«

»Ich möchte aber ganz korrekt sein«, fügte Ibor rasch hinzu. »Ich könnte nicht beschwören, daß es Orla war, die sich mit Solin und den Männern von Ai-lech traf. Wir beobachteten die Szene aus der Ferne, vergiß das nicht. Zu der Zeit kannte ich Orla noch nicht. Doch ich bin niemand anderem in Gleann Geis begegnet, der solche Kleidung trug und solche Befehlsgewalt ausübte wie die Frau, die ich gesehen habe. Einen interessanten Vorfall kann ich noch berichten. Während des Treffens gab es eine Störung. Anscheinend war es einem der Gefangenen gelungen zu fliehen. Die Männer mit den Hunden machten sich an die Verfolgung, und die Frau sprach mit ihrem Anführer. Sie verlangte anscheinend, selbst die Jagd zu übernehmen, denn gleich darauf ritt sie mit drei Jägern und ihren Hunden fort.«

»Habt ihr versucht, den entflohenen Gefangenen zu retten?« fragte Eadulf.

Ibor zuckte resigniert die Achseln.

»Das war unmöglich, ohne unsere Anwesenheit zu verraten. Innerhalb einer Stunde wurde er wieder eingeholt und zurückgebracht. Erst da merkten wir, daß es sich um einen Priester handelte, denn er trug eine Tonsur. Das mögliche Geschick der Gefesselten kam mir damals nicht in den Sinn, sonst hätten wir versucht, sie alle zu befreien. Mir ging es mehr darum, Solin zu verfolgen, und ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich sie ihrem Schicksal überließ, ohne zu ahnen, welch ein Verbrechen später an ihnen begangen werden würde.«

»Tatsächlich hätte niemand vermuten können, was für ein schreckliches Morden stattfinden würde«, versicherte ihm Fidelma. »Dich trifft keine Schuld. Was habt ihr dann weiter getan?«

»Es hat nicht lange gedauert, bis sie den armen Gefangenen aufgespürt hatten. Nachdem die Frau wieder im Lager war, redete sie noch eine Weile mit den Kriegern dort und ritt dann mit Bruder Solin und Bruder Dianach und zwei Kriegern aus Ailech los in Richtung Gleann Geis. Bruder Solin und Bruder Dia-nach bogen direkt in die Schlucht ein, die Frau aber nicht. Mit den zwei Kriegern aus Ailech durchquerte sie das Tal bis zu der Stelle, an der später die Leichen niedergelegt wurden. Es könnte sein, daß die Frau den Kriegern den Ort gezeigt hat. Die Krieger kehrten zu ihrer Truppe zurück, und die Frau verschwand in den Bergen.«

»Das ist schade«, sagte Fidelma seufzend.

»Wieso?«

»Das ist schade«, wiederholte sie, »daß die Frau nicht zusammen mit Solin und Dianach nach Gleann Geis geritten ist.«

»Warum das?«

»Weil wir dann leicht hätten die Bestätigung dafür erhalten können, daß es Orla war, wenn wir uns bei den Wachposten erkundigt hätten, wer Solin und Dianach in das Tal geleitet hat.«

»Ich fragte mich, weshalb Bruder Solin nach Gleann Geis weitergereist war«, fuhr Ibor fort, »denn ich hatte noch nicht alle Verwicklungen des Komplotts durchschaut. Während dieser Zeit fanden meine Männer und ich dieses Versteck und beschlossen, es zu unserem Stützpunkt zu machen, bis wir mehr wußten. Dann traten zwei Ereignisse ein.«

»Welche?«

»Erstens meldeten meine Späher, während wir uns noch in den Bergen verborgen hielten, daß die Krieger aus Ailech die Gefangenen niedergemetzelt hatten. Das geschah in den Untiefen eines Flusses hinten in den Bergen, wahrscheinlich, um die Tat zu verschleiern, denn das Blut wurde vom Wasser weggeschwemmt. Als meine Späher mich herangeholt hatten, waren die Leichen bereits entkleidet, auf die Wagen geladen und durch das Tal gefahren worden - wie gesagt, zu der Stelle, wohin die Frau die beiden Krieger vorher geführt hatte. Wir wollten ihnen folgen, doch dann sahen wir die Wagen leer zurückkommen zusammen mit den Kriegern von Ailech. Die Leichen waren fort. Der eine Wagen war mit den blutigen Kleidungsstücken der Opfer beladen. Beide Wagen fuhren mit ihrer Eskorte nach Norden.«

Angeekelt von der Erinnerung, strich er sich mit der Hand über den Mund.

»Sprich weiter«, drängte ihn Eadulf, gefesselt von der schrecklichen Schilderung.

»Dann berichteten meine Späher, daß ihr auf der Ebene angekommen wart und dort hieltet, wo die Leichen abgeladen worden waren. Nach einer Weile konnten wir von unserem Beobachtungspunkt in den Bergen aus sehen, daß du und Bruder Eadulf die Ebene durchquertet und von einer Kriegerschar mit einer Frau an der Spitze begrüßt wurdet. Dem Anschein nach war es dieselbe Frau, die sich vorher mit Mael Düins Kriegern getroffen hatte.«

Nun fragte Fidelma: »Was geschah dann?«

»Ich überlegte noch, wie ich weiter vorgehen sollte, als meine Männer meldeten, daß einer der Krieger, von dem ich jetzt weiß, daß es Artgal war, zu der Stelle ritt, an der die Leichen lagen, und diese untersuchte. Ihr beide und die Frau wart in der Schlucht verschwunden. Zu dem Zeitpunkt wußte ich noch nicht, wer ihr wart oder wonach Artgal suchte. Ich wußte nicht einmal genau, was vorgegangen war. Erst als Artgal und seine Männer fort waren, wagten wir uns zu dem Ort hin.«

Er erschauerte unwillkürlich.

»Ich habe im Krieg viele üble Taten erlebt, die die Menschen im Fieber des Kampfes verübten, aber ich kann mich an keine erinnern, die diesem Greuel nahe-kam. Ich ging mit meinen Spähern hin und sah, daß die Leichen verstümmelt worden waren - es war der Dreifache Tod, mit dem die Geschichtenerzähler uns als Kinder erschreckten. Erst als ich erkannte, wie die Leichen angeordnet waren, ging mir auf, welche Bedeutung das hatte.«

»Warum hast du mir nicht gesagt, was du wußtest, als du nach Gleann Geis kamst, anstatt so zu tun, als wärest du ein Pferdehändler?« erkundigte sich Fidel-ma. »Es war eine schlechte Verkleidung, die leicht zu durchschauen war.«

Ibor lächelte schief.

»Es war die einzige Verkleidung, die mir einfiel, um in das Tal zu gelangen. Aber warum ich dir nichts sagte - ich wußte nicht, wer du warst. Als Laisre uns einander vorstellte, kannte ich nur deinen Ruf. Doch ich hörte, dein Begleiter sei ein römischer Mönch.« Er schaute Eadulf an. »Er hätte einer von Mael Düins Leuten sein können oder ein Anhänger Ultans. Ich konnte dir nicht trauen. Ich konnte nicht wissen, ob du zu den Komplizen des Komplotts gehörtest oder nicht. Ich hatte jedoch den Verdacht, daß Orla dazugehörte, denn sie war es, die sich mit Bruder Solin und den Schlächtern aus Ailech getroffen hatte. Je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, daß Mael Düin ein solches Komplott nicht allein oder nur mit Solins Unterstützung schmieden oder durchführen konnte. Wenn es zum Erfolg führen sollte, brauchte er wenigstens einen Verbündeten in Gleann Geis.«

Eadulf nickte langsam.

»Was geschah, als Colla später an den Ort das Massakers kam? Habt ihr beobachtet, was er tat?« fragte er.

»Wir versteckten uns vor Colla und seinen Leuten. Ich hatte zwei Männer ausgesandt, die die Spuren der Krieger aus Ailech verfolgen sollten. Sie taten das bis zur Grenze der Ui Fidgente und kehrten dann zurück mit der Nachricht, daß diese Abkömmlinge des Bösen eindeutig auf dem Rückweg zu ihrem Herrn und Meister in Ailech waren. Wir sahen zu, wie Colla das Tal eine Weile absuchte. Er ritt bis zu den Vorbergen, in denen wir uns verborgen hielten. Danach kehrte er um nach Gleann Geis.«

Fidelma lehnte sich zurück.

»Darauf hast du beschlossen, als Pferdehändler verkleidet nach Gleann Geis zu kommen, um zu sehen, was dort vor sich ging?«

Ibor bejahte es mit einer Geste.

»Dann fügte sich alles zu einem Bild zusammen, so schien es mir jedenfalls. Ein großes Schauspiel war aufgeführt worden, um einen schrecklichen Krieg in Gang zu bringen. Nur weil du dich nicht in Panik versetzen ließest und nicht bei erster Gelegenheit >Haltet den Dieb!< gerufen hast, kam es nicht zum sofortigen Ausbruch von Feindseligkeiten. Mein Problem bestand darin, daß Bruder Solin mich als Krieger aus Ulaidh im Dienste Sechnassachs erkannte.«

»Ich habe euer Gespräch im Pferdestall mit angehört. Warum hat er dich nicht verraten?«

»Das hätte er wohl getan, wenn ich nicht seinen Bluff aufgedeckt und gedroht hätte, ich würde ihn auch bloßstellen. Anscheinend gibt es viele in Gleann Geis, die nicht in dieses Komplott eingeweiht sind. Ich versuchte, herauszufinden, wer auf welcher Seite steht, als Solin ermordet wurde und du angeklagt wurdest.«

»Und da bist du geflohen!« spottete Eadulf. »Dadurch hast du den Verdacht auf dich selbst gelenkt.«

»Was hätte ich unter den gegebenen Umständen denn sonst tun sollen?« wollte Ibor wissen. »Jemand mußte doch in Freiheit bleiben und Sechnassach unterrichten.«

»Mit Bruder Solins Tod hattest du nichts zu tun?«

»Das ist doch offensichtlich.«

Nachdenklich erwog Fidelma, was Ibor berichtet hatte.

»Es sind noch viele Fragen offen«, grübelte sie laut.

»Zum Beispiel, woher Mael Düin in Ailech im fernen Norden wußte, daß Laisre Geistliche aus Cashel zu Verhandlungen über den Glauben einladen würde? Wie hat er erfahren, daß diese Abgesandten an einem bestimmten Tag eintreffen würden, so daß seine Männer angewiesen werden konnten, wo und wann sie die Leichen hinzulegen hatten?« warf Eadulf ein.

»Mael Düin muß genau darüber informiert worden sein, was vor sich ging«, stimmte Ibor ihm zu. »Orla zeigte seinen Leuten die Stelle, an der ihr die Leichen finden solltet. Handelte sie allein? Das ist eher unwahrscheinlich. Aber wer ist noch mit ihr verbündet?«

Fidelma nickte.

»Bestimmt gehört sie zu den Verschwörern. Aber -und das ist die Frage, auf die wir unbedingt eine Antwort finden müssen -, wenn Orla auf diese Weise mit Bruder Solin im Bunde war, weshalb hat sie ihn dann umgebracht?«

Ibor fuhr überrascht auf.

»Das ist mir noch gar nicht aufgefallen. Bist du sicher, daß du sie hast aus dem Stall kommen sehen? Wenn ja, bedeutet das, daß Colla auch ihr Komplize ist?«

Fidelma schwieg einen Moment.

»Ja. Aber ein Rätsel bleibt: Wenn man mit diesem schrecklichen Komplott einen Bürgerkrieg herbeiführen wollte, warum wendet sich ein Verbündeter gegen einen anderen? Warum wurde Bruder Solin umgebracht und danach Dianach? Das ergibt keinen Sinn.«

Ibor breitete hilflos die Arme aus.

»Ich habe gehofft, du könntest diesen Knoten auflösen.«

»Auch ich kann keine Wunder vollbringen, Ibor«, erwiderte Fidelma düster. »Ich habe noch keinen Fall erlebt, bei dem alle Wege derart ins Nichts führen, bei dem es so viele Verdachtsmomente gibt, aber keine greifbaren Tatsachen. Ich fürchte, die Antworten liegen im rath von Gleann Geis.«

Eadulf erschauerte leicht.

»Besser, wir reiten gleich nach Cashel und berichten deinem Bruder, was wir schon wissen.«

Ibor stimmte ihm zu.