/ Language: Deutsch / Genre:det_history, / Series: Schwester Fidelma ermittelt

Tod in der Königsburg

Peter Tremayne

Peter Tremayne ist das Pseudonym eines anerkannten Historikers, der sich auf die versunkene Kultur der Kelten spezialisiert hat. In seinen im 7. Jahrhundert spielenden historischen Romanen löst Schwester Fidelma, eine irische Nonne von königlichem Geblüt und gleichzeitig Anwältin bei Gericht, auf kluge und selbstbewußte Art die schwierigsten Fälle. Seit Jahrhunderten kommt es zwischen den Königen von Cashel und dem Volk der Ui Fidgente immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Nun wollen die Herrscher beider Völker endlich Frieden miteinander schließen. Als sie gemeinsam auf den Marktplatz der Stadt unterhalb von Cashel reiten, trifft Colgü, den König von Cashel, ein Pfeil. Der zweite Pfeil verletzt seinen hohen Gast gefährlich. Wer war Ziel dieses Attentats und wer steckt dahinter? Die Ui Fidgente, wie alle vermuten, weil sie in Wirklichkeit den Frieden gar nicht wollen? An Fidelma und ihrem angelsächsischen Gefährten Eadulf ist es, Beweise dafür zu bringen, anderenfalls verliert Fi-delmas Bruder sein Königreich. Die Originalausgabe unter dem Titel »The Monk Who Vanished« erschien 1999 bei Headline Book Publishing, London.

Für Mary Mulvey und die Mitarbeiter des Cashel Heritage Centre zum Dank für ihre begeisterte Unterstützung Schwester Fidelmas.

Historische Anmerkung

Die Kriminalromane um Schwester Fidelma spielen um die Mitte des siebenten Jahrhunderts n. Chr.

Schwester Fidelma ist nicht nur eine Nonne, die früher der Gemeinschaft der heiligen Brigitta von Kildare angehörte. Sie ist auch eine anerkannte dalaigh, eine Anwältin an den Gerichten des alten Irland. Da dieser Hintergrund nicht allen Lesern vertraut sein mag, soll dieses Vorwort einige wesentliche Punkte erläutern und damit zu einem besseren Verständnis ihrer Abenteuer beitragen.

Im siebenten Jahrhundert bestand Irland aus fünf Hauptprovinzen, in denen Könige herrschten. Selbst das heutige irische Wort für Provinz lautet cüige, wörtlich: ein Fünftel. Vier dieser Provinzkönige - von Ulaidh (Ulster), von Connacht, von Muman (Munster) und von Laigin (Leinster) - erkannten mit Einschränkungen die Oberhoheit des Ard Ri oder Großkönigs an, der in Tara residierte, in der »königlichen« fünften Provinz von Midhe (Meath), deren Name »mittlere Provinz« bedeutet. Innerhalb dieser Provinzkönigreiche gab es eine Aufteilung der Macht in Kleinkönigreiche und Stammesgebiete.

Die Primogenitur, das Erbrecht des ältesten Sohnes oder der ältesten Tochter, war in Irland unbekannt. Das Königtum vom geringsten Stammesfürsten bis zum Großkönig war nur zum Teil erblich und überwiegend ein Wahlamt. Jeder Herrscher mußte sich seiner Stellung würdig erweisen und wurde von den derbfhine seiner Sippe gewählt, von der mindestens drei Generationen versammelt sein mußten. Wenn ein Herrscher nicht für das Wohl seines Volkes Sorge trug, wurde er angeklagt und seines Amtes enthoben. Deshalb ähnelte das monarchische System des alten Irlands mehr einer heutigen Republik als den feudalen Monarchien des europäischen Mittelalters.

Im Irland des siebenten Jahrhunderts gab es ein wohldurchdachtes Rechtssystem, welches das Gesetz der Fenechus, der Landbebauer, genannt wurde, doch besser bekannt ist als das Gesetz der Brehons, abgeleitet von dem Wort breitheamh für Richter. Nach der Überlieferung wurden diese Gesetze zuerst im Jahre 714 v. Chr. auf Befehl des Großkönigs Ollamh Fodhla zusammengefaßt. Im Jahre 438 n. Chr. berief der Großkönig Laoghaire eine Kommission von neun Gelehrten, die die Gesetze prüfen, überarbeiten und in die neue lateinische Schrift übertragen sollte. Dieser Kommission gehörte auch Patrick an, der später zum Schutzheiligen Irlands wurde. Nach drei Jahren legte die Kommission den geschriebenen Gesetzestext vor, die erste bekannte Kodifizierung.

Die ältesten vollständig erhaltenen Texte der alten Gesetze Irlands finden sich in einem Manuskript aus dem elften Jahrhundert. Erst im siebzehnten Jahrhundert gelang es der englischen Kolonialverwaltung in Irland schließlich, die Anwendung der Gesetze der Brehons zu unterbinden. Selbst der Besitz eines Gesetzbuchs wurde bestraft, oft mit dem Tode oder der Verbannung.

Das Rechtssystem war nicht statisch. Alle drei Jahre kamen die Rechtsgelehrten und Richter beim Feis Teamhrach (Fest von Tara) zusammen und prüften und verbesserten die Gesetze, ausgehend von der sich verändernden Gesellschaft und ihren Bedürfnissen.

Dieses Gesetz wies der Frau eine einzigartige Stellung zu. Die irischen Gesetze gaben den Frauen mehr Rechte und größeren Schutz als irgendein anderes westliches Gesetzeswerk jener Zeit oder seitdem. Frauen konnten sich gleichberechtigt mit den Männern um jedes Amt bewerben und jeden Beruf ergreifen, und sie taten es auch. Sie konnten politische Führer werden, Krieger in Schlachten befehligen, Ärzte, Friedensrichter, Dichter, Handwerker, Anwälte und Richter werden. Wir kennen die Namen vieler Richterinnen aus Fidelmas Zeit: Brig Briugaid, Äine Ingine Iugaire, Dari und viele andere. Dari zum Beispiel war nicht nur Richterin, sondern verfaßte auch einen berühmten Gesetzestext, der im sechsten Jahrhundert aufgezeichnet wurde. Die Gesetze schützten die Frauen vor sexueller Belästigung, vor Diskriminierung und vor Vergewaltigung. Sie konnten sich auf gleicher rechtlicher Basis gesetzlich von ihren Ehemännern scheiden lassen und dabei einen Teil des Vermögens des Mannes als Abfindung verlangen. Sie konnten persönliches Eigentum erben und hatten Anspruch auf Krankengeld. Aus heutiger Sicht beschrieben die Gesetze der Brehons ein beinahe feministisches Paradies.

Diesen Hintergrund und seinen starken Gegensatz zu den Nachbarländern Irlands sollte man sich vor Augen halten, um Fidelmas Rolle in den Romanen zu verstehen.

Fidelma wurde im Jahre 636 in Cashel geboren, der Hauptstadt des Königreichs Muman (Munster) im Südwesten Irlands. Sie war die jüngste Tochter des Königs Failbe Fland, der ein Jahr nach ihrer Geburt starb, und wuchs unter der Aufsicht eines entfernten Vetters auf, des Abts Laisran von Durrow. Als sie mit vierzehn Jahren das »Alter der Wahl« erreichte, ging sie wie viele irische Mädchen zum Studium an die Schule des Brehon Morann von Tara. Nach acht Jahren Studium erlangte Fidelma den Grad eines anruth, den zweithöchsten, den die weltlichen oder kirchlichen Hochschulen im alten Irland zu vergeben hatten. Der höchste Grad hieß ollamh, und das ist noch heute das irische Wort für Professor. Fidelma hatte die Rechte studiert, sowohl das Strafrecht Senchus Mor als auch das Zivilrecht Leabhar Acaill. Deshalb wurde sie dalaigh, Anwältin bei Gericht.

In jener Zeit gehörten die meisten Vertreter der geistigen Berufe den neuen christlichen Klöstern an, so wie in den Jahrhunderten davor alle Vertreter der gei-stigen Berufe Druiden waren. Fidelma trat in die geistliche Gemeinschaft in Kildare ein, die im späten fünften Jahrhundert von der heiligen Brigitta gegründet worden war.

Während das siebente Jahrhundert in Europa zum »finsteren Mittelalter« gerechnet wurde, galt es in Irland als ein Zeitalter der »goldenen Aufklärung«. Aus allen Ländern Europas strömten Studierende an die irischen Hochschulen, um sich dort ausbilden zu lassen, unter ihnen auch die Söhne der angelsächsischen Könige. An der großen kirchlichen Hochschule in Durrow sind zu dieser Zeit Studenten aus nicht weniger als achtzehn Nationen verzeichnet. Zur selben Zeit brachen männliche und weibliche Missionare aus Irland auf, um das heidnische Europa zum Christentum zu bekehren. Sie gründeten Kirchen, Klöster und Zentren der Gelehrsamkeit bis nach Kiew in der Ukraine im Osten, den Färöer-Inseln im Norden und Tarent in Süditalien im Süden. Irland war der Inbegriff von Bildung und Wissenschaft.

Die keltische Kirche Irlands lag jedoch in einem ständigen Streit über Fragen der Liturgie und der Rituale mit der Kirche in Rom. Die römische Kirche hatte sich im vierten Jahrhundert reformiert, die Festlegung des Osterfests und Teile ihrer Liturgie geändert. Die keltische Kirche und die Orthodoxe Kirche des Ostens weigerten sich, Rom hierin zu folgen. Die keltische Kirche wurde schließlich zwischen dem neunten und elften Jahrhundert von der römischen Kirche aufgesogen, während die orthodoxen Ostkirchen bis heute von Rom unabhängig geblieben sind. Zu Fidelmas Zeit wurde die keltische Kirche Irlands von dieser Auseinandersetzung stark beansprucht.

Ein Kennzeichen sowohl der keltischen wie der römischen Kirche im siebenten Jahrhundert war die Tatsache, daß das Zölibat nicht allgemein üblich war. Es gab zwar in beiden Kirchen immer Asketen, die die körperliche Liebe zur Verehrung der Gottheit vergeistigten, doch erst auf dem Konzil von Nizäa im Jahre 325 wurden Heiraten von Geistlichen verurteilt, aber nicht verboten. Das Zölibat in der römischen Kirche leitete sich von den Bräuchen der heidnischen Prieste-rinnen der Vesta und der Priester der Diana her. Im fünften Jahrhundert hatte Rom den Geistlichen im Range eines Abts oder Bischofs untersagt, mit ihren Ehefrauen zu schlafen, und bald danach die Heirat gänzlich verboten. Den niederen Geistlichen riet Rom von der Heirat ab, verbot sie ihnen aber nicht. Erst der Reformpapst Leo IX. (1049-1054) unternahm ernsthaft den Versuch, den Klerikern der westlichen Länder das allgemeine Zölibat aufzuzwingen. In der östlichen Orthodoxen Kirche haben die Priester unterhalb des Ranges von Abt und Bischof bis heute das Recht zur Heirat.

Die Verurteilung der »Sünde des Fleisches« blieb der keltischen Kirche noch lange fremd, nachdem sie in der römischen bereits zum Dogma geworden war. Zu Fidelmas Zeit lebten beide Geschlechter in Abteien und Klöstern zusammen, die als conhospitae oder Doppelhäuser bekannt waren, und erzogen ihre Kinder im Dienste Christi.

Fidelmas eigenes Kloster der heiligen Brigitta in Kildare war solch eine Gemeinschaft beider Geschlechter. Als Brigitta sie in Kildare (Cill-Dara - die Kirche der Eichen) gründete, lud sie einen Bischof namens Conlaed ein, sich mit ihr zusammenzutun. Ihre erste Biographie wurde 650, zur Zeit Fidelmas, von einem Mönch in Kildare mit Namen Cogitosus geschrieben, der keinen Zweifel daran läßt, daß es eine gemischte Gemeinschaft war.

Zum Beweis für die gleichberechtigte Stellung der Frauen wäre noch darauf hinzuweisen, daß in der keltischen Kirche jener Zeit Frauen auch Priesterinnen werden konnten. Brigitta selbst wurde von Patricks Neffen Mel zur Bischöfin geweiht, und sie war nicht die einzige, die ein solches Amt innehatte. Rom protestierte im sechsten Jahrhundert schriftlich gegen die keltische Praxis, Frauen die heilige Messe zelebrieren zu lassen.

Damit sich der Leser in Fidelmas Irland des siebenten Jahrhunderts, dessen geopolitische Einteilung ihm kaum vertraut sein wird, besser zurechtfindet, habe ich eine Kartenskizze beigefügt und dazu eine Liste der Hauptpersonen.

Im allgemeinen habe ich es aus naheliegenden Gründen abgelehnt, anachronistische Ortsnamen zu verwenden, habe jedoch einige wenige moderne Ausdrücke übernommen wie Tara statt Teamhair, Cashel an Stelle von Caiseal Muman und Armagh für Ard Macha. Hingegen bin ich bei dem Namen Muman geblieben und habe nicht die Form »Munster« vorweggenommen, bei der im neunten Jahrhundert das nordische »stadr« (Ort) an den irischen Namen Muman angehängt und die dann anglisiert wurde. Ähnlich habe ich das ursprüngliche Laigin beibehalten statt der anglisierten Form Laigin-stadr, aus der Leinster wurde.

Mit diesem Hintergrundwissen ausgerüstet, betreten wir nun Fidelmas Welt. Die Ereignisse dieses Romans spielen sich im September ab, dem Monat, den die Iren des siebenten Jahrhunderts den Mittelmonat (Meadhon) der Erntezeit (Fogamar) nannten und der im modernen Irisch immer noch Mean Fhomhair heißt. Es ist das Jahr 666.

Die Geschichte von der Verschwörung und Rebellion der Ui Fidgente ist in dem Roman »Die Tote im Klosterbrunnen« erzählt worden.

Der Leser möchte vielleicht wissen, was aus der großen Abtei und Kathedrale des heiligen Ailbe in Imleach Iubhair geworden ist, dem »Grenzland der Eibenbäume« oder Emly (in der Grafschaft Tipperary), wie es jetzt anglisiert heißt. Heute ist es ein kleines Dorf acht Meilen westlich von Tipperary (dem »Brunnen von Ara«). Eine Kirche steht noch an der Stelle. Emly blieb der führende Bischofssitz in Munster bis 1587, als seine Diözese mit der von Cashel vereinigt wurde. Der katholische und der protestantische Bischof führen sowohl Emly wie Cashel in ihrem Titel.

Die alten Abteigebäude wurden im dreizehnten Jahrhundert durch eine Kathedrale ersetzt, die im Krieg von 1607 zerstört wurde. Am Ende jenes Jahrhunderts wurde die Kirche neu erbaut, als anglikanische Bischofskirche geweiht, verfiel aber bald. Sie wurde 1827 wiedererrichtet, doch vierzig Jahre später abgerissen, hauptsächlich wegen der Entstaatlichung der anglikanischen Kirche in Irland. Ein Kaufangebot der katholischen Kirche wurde abgelehnt, und viele der Steine wurden zum Neubau der anglikanischen Kirche in Monard verwendet. Die moderne katholische Kirche wurde 1882 errichtet. Sie lohnt einen Besuch schon um ihrer schönen farbigen Glasfenster willen, von denen eines den berühmten König und Bischof von Cashel, Cormac Mac Cuileannain (836908), verewigt, der Dichter, Schriftsteller und Lexikograph war. Auf dem Kirchhof, in dessen Mitte immer noch ein Eibenbaum wächst, befinden sich der Brunnen des heiligen Ailbe und die Reste eines alten, verwitterten Steinkreuzes, das das Grab des Heiligen bezeichnen soll. Man trifft noch immer Gläubige, die dem Schutzheiligen des großen Königreichs der Eoghanacht treu bleiben und am Festtag des heiligen Ailbe, am 12. September, den Brunnen besuchen und seinen himmlischen Beistand erbitten.

Es gibt nicht weniger als fünf geheiligte Brunnen in Emly, doch Tobair Peadair (Peters Brunnen) wurde zur Gefahr und ist nun zugedeckt. Von seinem Schacht aus soll ein unterirdischer Gang zum Berg Knockcarron (dem Berg des Cairn) führen.

Hauptpersonen

Schwester Fidelma von Cashel, dalaigh oder Anwältin an den Gerichten Irlands im siebenten Jahrhundert

Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham, ein angelsächsischer Mönch aus dem Lande des Südvolks

In Cashel

Colgü von Cashel, König von Muman und Fidelmas Bruder

Donndubhain, Tanist oder erwählter Thronfolger Colgüs

Donennach mac Oengus, Fürst der Ui Fidgente

Gionga, Kommandeur der Leibwache Donennachs

Conchobar, Astrologe und Apotheker

Capa, Hauptmann in Colgüs Leibwache

Brehon Rumann von Fearna

Brehon Dathal von Cashel

Brehon Fachtna von den Ui Fidgente

Osloir, ein Stallknecht

Della, eine zurückgezogen lebende Frau

Am Brunnen von Ara

Aona, der Gastwirt

Adag, sein Enkel

In Imleach

Segdae, Abt und Bischof von Imleach, Comarb

Bruder Mochta, Bewahrer der heiligen Reliquien

Bruder Madagan, der rechtaire oder Verwalter

Bruder Tomar, der Stallwärter

Schwester Scothnat, die domina des Gästehauses

Finguine mac Cathal, Fürst von Cnoc Äine

Bruder Daig

Bruder Bardan, der Apotheker

Nion, der bo-aire (Dorfschulze) und Schmied

Suibne, sein Gehilfe

Cred, eine Gastwirtin

Samradan, ein reisender Kaufmann aus Cashel Solam, ein dalaigh der Ui Fidgente

Kapitel 1

Ein hochgewachsener Mönch eilte den dunklen Korridor entlang. Die Sohlen seiner Sandalen klatschten so laut auf die Granitsteine des Bodens, daß man hätte glauben können, davon würde die ganze Abtei erwachen. Er hielt den dicken Stumpf einer Talgkerze in der Hand, deren Flamme in den zugigen Durchgängen flackerte und tanzte, ihm aber gerade noch den Weg erleuchtete. Ihr Licht verzerrte seine hageren Züge und ließ sein Gesicht eher wie die alptraumhafte Vision eines der Hölle entsprungenen Dämons erscheinen denn als das eines Dieners Gottes.

Die Gestalt verhielt vor einer dicken Holztür und zögerte einen Moment. Dann ballte der Mann die freie Hand zur Faust und schlug zweimal dagegen. Ohne auf eine Antwort zu warten, hob er die eiserne Klinke und trat ein.

Der Raum lag im Dunkeln, denn noch hüllte Nacht die Abtei ein. Er blieb auf der Schwelle stehen und hob die Kerze. In einer Ecke ruhte eine Gestalt auf einem niedrigen Bett, in eine Decke gewickelt. Ihr schwerer, gleichmäßiger Atem verriet dem Mönch, daß sein Klopfen und plötzliches Eintreten den einzigen Bewohner des Raums nicht geweckt hatte.

Er ging zum Bett und stellte die Kerze auf den danebenstehenden Tisch. Dann beugte er sich vor und rüttelte den Schläfer kräftig an der Schulter.

»Pater Abt!« rief er laut mit vor Erregung fast brüchiger Stimme. »Pater Abt! Du mußt aufwachen!«

Der Schlafende stöhnte einen Augenblick und kam dann widerwillig zu sich, blinzelte und versuchte im Dämmerlicht etwas zu erkennen.

»Was ...? Wer ...?« Er drehte sich herum und sah zu dem langen Mönch auf, der an seinem Bett stand. Dieser warf seine Kapuze zurück, und das scharfgeschnittene Gesicht des im Schlaf Gestörten verfinsterte sich. »Bruder Madagan. Was ist los?« Mühsam setzte er sich auf und erblickte den Nachthimmel im Fenster. »Was ist denn? Habe ich verschlafen?«

Der hochgewachsene Mönch schüttelte rasch den Kopf. Seine Miene erschien düster im Kerzenschein.

»Nein, Pater Abt. Erst in einer Stunde ruft uns die Glocke zum Morgengebet.«

Das Morgengebet fand zur ersten Stunde des kirchlichen Tages statt. Zu ihm versammelten sich die Brüder der Abtei Imleach und sangen die Lobpsalmen, mit denen die Andachtsübungen des Tages begannen.

Segdae, der Abt und Bischof von Imleach und der Comarb, also der Nachfolger, des heiligen Ailbe, sank mit gefurchter Stirn auf sein Lager zurück.

»Was ist denn geschehen, daß du mich vor der rechten Zeit weckst?« fragte er ärgerlich.

Bruder Madagan senkte den Kopf bei dem scharf tadelnden Ton des Abts.

»Pater Abt, weißt du, welcher Tag heute ist?«

Segdae starrte Bruder Madagan an, und seine Verärgerung ging in Verwirrung über.

»Was soll diese Frage und weshalb weckst du mich deswegen? Es ist der Feiertag des Gründers unserer Abtei, des heiligen Ailbe.«

»Vergib mir, Pater Abt. Aber wie du weißt, nehmen wir an diesem Tag die Reliquien des heiligen Ailbe aus unserer Kapelle und tragen sie zu seinem Grab, wo du sie segnest und wir Dankgebete für das Leben Ailbes und seine Bekehrung dieses Teils der Welt zum rechten Glauben sprechen.«

Abt Segdae zeigte wachsende Ungeduld. »Komm zur Sache, Bruder Madagan, oder hast du mich nur geweckt, um mir zu sagen, was ich längst weiß?«

»Bona cum venia, mit Verlaub, ich kann das erklären.«

»Dann tu es auch!« fauchte der Abt gereizt. »Und zwar mit guten Gründen.«

»Als Verwalter der Abtei machte ich meinen nächtlichen Rundgang. Dabei ging ich in die Kapelle.« Der Mönch hielt inne, als wolle er seinen Worten einen dramatischen Effekt verleihen. »Pater Abt, das Reli-quiar des heiligen Ailbe ist nicht mehr in der Nische, in der es aufbewahrt wurde!«

Abt Segdae war hellwach und sprang aus dem Bett.

»Ist nicht mehr da? Was soll das heißen?«

»Das Reliquiar ist fort. Verschwunden.«

»Es war doch noch da, als wir zum Vespergebet zusammenkamen. Wir alle haben es gesehen.«

»Sicher war es da. Aber jetzt ist es weg.«

»Hast du Bruder Mochta schon gerufen?«

Bruder Madagan zog die Brauen zusammen, als habe er die Frage nicht verstanden. »Bruder Mochta?«

»Als Bewahrer der Reliquien des heiligen Ailbe hätte er als erster geholt werden müssen«, erklärte Segdae, dessen Verärgerung sich wieder verstärkte. »Geh . nein, warte! Ich komme mit.«

Er schlüpfte in seine Sandalen und nahm seinen wollenen Mantel vom Haken. »Nimm die Kerze und geh mir voran zu Bruder Mochtas Kammer.«

Bruder Madagan ergriff die Talgkerze und ging hinaus auf den Korridor, dicht gefolgt von dem aufgeregten Abt.

Draußen war Wind aufgekommen, er säuselte und heulte um den Berg, auf dem die Abtei stand. Sein kalter Hauch drang in die dunklen Gänge des Gebäudes, und Abt Segdae spürte schon fast den Regen, den der Wind mitbrachte. Aus langer Erfahrung wußte der Abt, daß der Wind vom Süden kam und die Wolken herantrieb, die am vorigen Abend noch über den Bergen von Ballyhoura gehangen hatten. Bei Tagesanbruch würde es regnen.

»Was kann nur mit den heiligen Reliquien geschehen sein?« Bruder Madagans Stimme unterbrach seine Gedanken mit einem Verzweiflungsschrei, während sie den Gang entlangeilten. »Kann ein Dieb in die Abtei eingebrochen sein und sie gestohlen haben?«

»Quod avertat Deus!« betete der Abt und bekreuzigte sich. »Hoffen wir, daß Bruder Mochta einfach früh aufgestanden ist und die Reliquien geholt hat, um den Gottesdienst vorzubereiten.«

Noch während der Abt sprach, wurde ihm klar, daß dies eine vergebliche Hoffnung war, denn jeder kannte den Ablauf des Gedenkgottesdienstes für den heiligen Ailbe. Die Reliquien blieben bis nach dem Morgengebet in der Kapelle. Danach nahm der Bewahrer sie heraus und trug sie, gefolgt von der Prozession der Brüder und Schwestern, erst zu dem heiligen Brunnen, wo der Abt frisches Wasser schöpfte und die Reliquien segnete, so wie der heilige Ailbe einst vor über hundert Jahren seine neue Abtei gesegnet hatte. Dann wurden das Reliquiar und ein Kelch mit geweihtem Wasser zu dem Steinkreuz getragen, das das Grab des Gründers der Abtei bezeich-nete, und dort fand dann der Gedenkgottesdienst statt. Warum sollte also der Bewahrer der Reliquien sie zu so früher Stunde aus der Kapelle entfernt haben?

Der Abt und der besorgte Verwalter standen nun vor der Tür, und Bruder Madagan wollte anklopfen. Ungeduldig schob ihn Abt Segdae beiseite und riß die Tür auf.

»Bruder Mochta!« rief er und trat in die kleine Kammer. Dann blieb er stehen, und seine Augen weiteten sich. So verharrte er einige Augenblicke, und Bruder Madagan versuchte vergeblich, ihm über die Schulter zu sehen. Ohne sich umzuwenden, sagte der Abt merkwürdig ruhig: »Halte die Kerze höher, Bruder Madagan.«

Der Verwalter hob sie hoch über die Schulter des Abts.

Das flackernde Licht ließ erkennen, daß sich die winzige Zelle in völliger Unordnung befand. Kleidungsstücke waren auf dem Fußboden verstreut. Die Strohmatratze war halb von dem niedrigen hölzernen Bettgestell heruntergerissen. Ein Kerzenstummel lag in einer kleinen Talgpfütze auf dem Boden, der hölzerne Ständer ein Stück weiter. Hier und da fanden sich persönliche Toilettenartikel.

»Was hat das zu bedeuten, Pater Abt?« flüsterte Bruder Madagan entsetzt.

Abt Segdae schwieg. Seine Augen verengten sich, als sein Blick auf die Matratze fiel. Er bemerkte eine Verfärbung, die er sich nicht erklären konnte. Er nahm Bruder Madagan die Kerze aus der Hand, trat vor und beugte sich nieder, um den Fleck zu untersuchen. Vorsichtig berührte er ihn mit dem Finger. Er war noch feucht. Im flackernden Kerzenlicht besah er seine Fingerspitze.

»»Deus misereatur...«, flüsterte er. »Das ist Blut.«

Bruder Madagan verbarg den Schauer nicht, der ihn plötzlich überlief.

Abt Segdae blieb wie erstarrt stehen. Es dauerte einige Zeit, bis er sich regte.

»Bruder Mochta ist nicht hier«, stellte er überflüssigerweise fest. »Geh, Bruder Madagan, und wecke die Abtei. Wir müssen uns sofort auf die Suche machen. Es ist Blut auf seiner Matratze, seine Zelle ist in Unordnung, und die Reliquien des heiligen Ailbe sind fort. Geh und läute die Sturmglocke, denn das Böse geht um in dieser Abtei heute nacht!«

Kapitel 2

Die Nonne blieb auf der letzten Stufe stehen, bevor sie den Wehrgang hinter den Zinnen der Burg betrat, und blickte mißbilligend zum Morgenhimmel auf. Ihr junges hübsches Gesicht mit den rebellischen roten Haarsträhnen, die ihr in die Stirn geweht waren, und den hellen Augen, in denen sich jetzt der düstere graue Himmel spiegelte, trug eine strenge Miene, mit der sie das Wetter des Tagesanbruchs betrachtete. Mit kaum merklichem Achselzucken machte sie den letzten Schritt hinauf zu dem steinernen Umgang, der innen an den mächtigen Mauern der Burg entlanglief, die zugleich der Palast der Könige von Muman war, des größten und südwestlichsten Königreichs in Ei-reann.

Cashel erhob sich beinahe drohend an die sechzig Meter hoch auf einem Kalksteinfelsen, der die Ebene ringsum beherrschte. Den einzigen Zugang gewährte eine steile Straße von dem Marktflecken herauf, der sich in seinem Schatten angesiedelt hatte. Außer dem Königspalast standen noch viele Gebäude auf dem Felsen. Die große Kirche, der Sitz des Bischofs von Cashel, war nach Art der meisten Kirchen hoch und rund erbaut und durch Gänge mit dem Palast verbunden. Daneben gab es Stallungen, Vorratshäuser, Gästehäuser, Kasernen für die Leibwache des Königs und ein Kloster für die Mönche und Nonnen, die in der Kathedrale Dienst taten.

Schwester Fidelma bewegte sich mit einer jugendlichen Lebhaftigkeit, die nicht zu ihrem Beruf zu passen schien. Ihr Nonnengewand ließ ihre hochgewachsene, wohlgebildete Gestalt erkennen. Mit leichtem Schritt stieg sie zu den Zinnen hinauf und prüfte wieder den Himmel. Ein kleiner Schauer überlief sie, als ein kalter Windstoß über die Gebäude fegte. Offensichtlich hatte es in der Nacht etwas geregnet, denn die Luft war noch feucht, und ein feiner silberner Schimmer lag auf den Feldern, auf denen sich das Licht des frühen Morgens in Tautropfen spiegelte.

Das Wetter war ungewöhnlich. Der Tag des heiligen Matthäus, der die herbstliche Tagundnachtgleiche mit erstem Frühfrost und sinkenden Nachttemperaturen verkündigte, war noch nicht gekommen. Die Tage in diesem Monat waren schön, aber kühl. Den Himmel bedeckte eine einförmige graue Wolkenschicht, nur wenige hellere Stellen zeigten, wo die Sonne sie zu durchdringen versuchte. Die Wolken ballten sich über den Bergen im Südwesten, jenseits des Tales, in dem sich das breite Band des Flusses Suir von Nord nach Süd schlängelte.

Als Fidelma sich von der Betrachtung des Himmels löste, erblickte sie ein kleines Stück entfernt einen älteren Mann. Anscheinend beobachtete auch er den Morgenhimmel. Sie ging zu ihm und begrüßte ihn lächelnd.

»Bruder Conchobar! Du schaust heute morgen so traurig drein«, sagte sie fröhlich, denn Fidelma ließ ihre Stimmung nicht vom Wetter beeinflussen.

Der alte Mönch hob sein langes Gesicht und setzte eine trübe Miene auf.

»Dazu habe ich auch allen Grund. Heute ist kein glückverheißender Tag.«

»Ein kalter Tag, das gebe ich zu, Bruder«, antwortete sie. »Doch die Wolken können sich verziehen, denn der Wind kommt aus Südwesten, wenn er auch kühl ist.«

Der Alte schüttelte den Kopf und ging nicht auf ihren Frohsinn ein.

»Es sind nicht die Wolken, die mir sagen, wir sollten uns an diesem Tag in acht nehmen.«

»Hast du wieder deine Himmelskarten studiert, Conchobar?« schalt ihn Fidelma, denn sie wußte, daß Bruder Conchobar nicht nur der Arzt von Cashel war, dessen Apotheke im Schatten der königlichen Kapelle stand, sondern daß er auch Schlüsse aus den Konstellationen der Sterne zu ziehen vermochte und viele einsame Stunden in der Betrachtung des Himmelsgewölbes verbrachte. Oft verbanden Ärzte die Medizin und die Astrologie in der Ausübung ihrer Kunst.

»Studiere ich die Karten nicht jeden Tag?« erwiderte der Alte mit düsterer, monotoner Stimme.

»Wie ich seit meiner Kindheit weiß«, bestätigte Fi-delma feierlich.

»Allerdings. Früher habe ich versucht, dir die Himmelskarten zu erklären«, seufzte der Alte. »Du wärst eine ausgezeichnete Deuterin der Vorzeichen geworden.«

Fidelma verzog freundlich das Gesicht. »Das bezweifle ich, Conchobar.«

»Verlaß dich drauf. Habe ich nicht bei Mo Chuaroc mac Neth Semon studiert, dem größten Astrologen, den Cashel hervorgebracht hat?«

»Das hast du mir oft erzählt, Conchobar. Aber nun sag mir, warum dieser Tag kein Glück verheißt?«

»Ich fürchte, heute geht das Böse um, Fidelma von Cashel.«

Der alte Mann redete sie nie mit ihrem religiösen Titel an, sondern betonte stets, daß sie die Tochter eines Königs und die Schwester eines Königs war.

»Kannst du das Böse genau erkennen, Conchobar?« fragte Fidelma mit plötzlich erwachtem Interesse. Sie hatte kein großes Vertrauen zu Astrologen, denn ihre Wissenschaft schien allein von den Fähigkeiten des einzelnen Kenners abzuhängen, sie gestand sich aber ein, daß man von den klügsten unter ihnen etwas lernen konnte. Das Studium des Himmels, nemgnacht, war eine alte Kunst, und wer es sich leisten konnte, ließ sich bei der Geburt eines Kindes ein nemindithib, ein Horoskop, stellen.

»Das kann ich leider nicht genau sagen. Weißt du, wo heute der Mond steht?«

In einer so naturverbundenen Gesellschaft mußte man schon völlig unwissend oder ein Trottel sein, wenn man die Stellung des Mondes nicht kannte.

»Wir haben abnehmenden Mond, Conchobar. Er steht im Haus des Steinbocks.«

»Ja, und der Mond steht in Opposition zum Merkur, in Konjunktion zum Saturn und im Sextilschein zum Jupiter. Und wo steht die Sonne?«

»Das ist leicht, sie steht im Haus der Jungfrau.«

»Und in Opposition zum nördlichen Knoten des Mondes. Die Sonne steht in Opposition zum Mars. Saturn steht in Konjunktion zum Mond im Haus des Steinbocks, doch er steht in Opposition zum Merkur. Jupiter steht in Konjunktion zum Mittelpunkt des Himmels, aber in Opposition zur Venus.«

»Und was bedeutet das alles?« drängte ihn Fidelma und versuchte ihm mit ihren mageren Kenntnissen in dieser Kunst zu folgen.

»Es bedeutet, daß dieser Tag nichts Gutes bringt.«

»Für wen?«

»Hat dein Bruder Colgü die Burg schon verlassen?«

»Mein Bruder?« Fidelma runzelte überrascht die Stirn. »Er brach schon vor der Morgendämmerung auf, um sich, wie verabredet, beim Brunnen von Ara mit dem Fürsten der Ui Fidgente zu treffen und ihn hierher zu geleiten. Siehst du eine Gefahr für meinen Bruder?« Plötzlich überkam sie Furcht.

»Das kann ich nicht sagen.« Der Alte breitete verlegen die Arme aus. »Ich bin mir nicht sicher. Die Gefahr könnte sich auf deinen Bruder beziehen, doch wenn es so ist und ihm ein Leid zugefügt wird, dann wird der, der es verursacht, am Ende nicht triumphieren. Das ist alles, was ich weiß.«

Fidelma sah ihn mißbilligend an.

»Du sagst zu viel oder zu wenig, Bruder. Es ist unrecht, Leute zu verunsichern, ohne ihnen genug mitzuteilen, damit sie das Unheil abwehren können.«

»Ach, Fidelma, sagt nicht das Sprichwort, daß ein schweigender Mund am lieblichsten klingt? Es wäre leichter für mich, nichts zu sagen und die Sterne ihren Lauf nehmen zu lassen, als zu versuchen, ihnen ihre Geheimnisse zu entreißen.«

»Du hast mich verstimmt, Bruder Conchobar. Jetzt werde ich mir Sorgen machen, bis mein Bruder heil zurück ist.«

»Es tut mir leid, daß ich dich beunruhigt habe, Fi-delma von Cashel. Ich bete, daß sich alles als ein Irrtum herausstellt.«

»Die Zeit wird es uns sagen, Bruder.«

»Die Zeit enthüllt alles«, stimmte ihr Conchobar ruhig zu und zitierte damit ein altes Sprichwort.

Er neigte zum Abschied den Kopf und ging vorsichtig von den Zinnen hinunter, mit gebeugtem Rük-ken und auf einen kräftigen Weißdornstock gestützt. Fidelma blickte ihm nach, sie vermochte ihre Unruhe nicht abzuschütteln. Sie kannte Bruder Conchobar, seit sie vor dreißig Jahren auf die Welt gekommen war. Er hatte schon bei ihrer Geburt geholfen. Er schien seit ewigen Zeiten in der alten Burg von Cashel zu wohnen. Er hatte ihrem Vater, König Failbe Fland mac Aedo, gedient, an den sich Fidelma nicht erinnerte, denn er war noch in dem Jahr ihrer Geburt gestorben. Er hatte auch ihren drei Vettern gedient, die ihm in der Königswürde gefolgt waren. Nun diente er ihrem Bruder Colgu, der vor kaum einem Jahr zum König von Muman ausgerufen worden war. Bruder Con-chobar galt als einer der gelehrtesten unter den Männern, die den Himmel beobachteten und Karten der Sterne und ihrer Bahnen zeichneten.

Fidelma kannte Conchobar gut genug, um zu wissen, daß man seine Voraussagen nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte.

Sie blickte zum trüben Himmel auf, erschauerte und stieg von den Zinnen hinab. Auf dem großen Palastgelände auf dem Kalksteinfelsen gab es viele kleine Höfe und noch kleinere Gärten. Der ganze Gebäudekomplex war von hohen Verteidigungsmauern umgeben.

Fidelma schritt über die gepflasterten Höfe zum großen Eingang der königlichen Kapelle. Der Lärm spielender Kinder ließ sie aufblicken. Sie lächelte, als sie sah, daß einige Knaben die Wand der Kapelle für ein Spiel benutzten, das roth-chless oder »Radwerfen« genannt wurde. In ihrer Kindheit war es ein Lieblingsspiel ihres Bruders gewesen, denn es war das einzige Spiel, bei dem Colgu sie mit Sicherheit besiegen konnte. Es kam dabei auf die Stärke des Arms an, denn es galt, eine schwere runde Scheibe an einer hohen Wand hochzuschleudern. Wer am höchsten kam, war Sieger. Der Legende nach warf der große Krieger Cuchullain eine Scheibe so hoch, daß sie über die Mauer und das Dach des Gebäudes hinwegflog.

Das Freudengeschrei der Kinder zeigte an, daß einem von ihnen ein besonders guter Wurf gelungen war. Ein ergrauter Stallknecht, der gerade vorbeikam, blieb stehen und wies sie zurecht.

»Ein schweigender Mund klingt am lieblichsten«, ermahnte er sie mit erhobenem Finger und demselben Sprichwort, das Bruder Conchobar vorhin zitiert hatte. Als er weiterging, sah er Fidelma und grüßte sie. Fidelma bemerkte, daß ein paar Jungen ihm hinter seinem Rücken Gesichter schnitten, tat aber so, als sähe sie es nicht.

»Ach, Lady Fidelma, diese jungen Burschen«, seufzte der alte Diener und gebrauchte die Anrede ihres königlichen Standes, wie alle in Cashel. »Wahrhaftig, Lady, ihr Lärm zerreißt die Stille der Stunde.«

»Es sind doch nur Kinder beim Spiel, Osloir«, erwiderte sie. Fidelma legte Wert darauf, alle Bediensteten im Palast ihres Bruders mit Namen zu kennen. »Ein griechischer Philosoph hat einmal gesagt: >Spielt, damit ihr ernst werdet.< Also laß sie spielen, solange sie jung sind. Sie haben noch viele Jahre vor sich, in denen sie ernst sein müssen.«

»Aber Stille ist doch der Idealzustand?« protestierte der Diener.

»Das kommt darauf an. Zuviel Stille kann auch schmerzen. Man kann von allem zuviel bekommen, selbst vom Honig.«

Sie lächelte den Kindern zu, wandte sich zum Eingang der königlichen Kapelle und wollte gerade die Stufen hinaufgehen, als eine der Türen sich öffnete und ein junger Mönch in einer braunen wollenen Kutte heraustrat. Es war ein stämmiger junger Mann, in dessen üppiges braunes Haar die corona spina eingeschnitten war, die runde Tonsur der römischen Kirche. Seine dunkelbraunen Augen funkelten humorvoll in seinem angenehmen und beinahe hübschen Gesicht.

»Eadulf!« begrüßte ihn Fidelma. »Dich suche ich gerade.«

Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham, der aus dem Königreich des Südvolks stammte, war als Gesandter keines geringeren als Theodors, des Erzbischofs von Canterbury, an den Hof des Königs von Cashel gekommen. Er begrüßte sie mit fröhlicher Miene.

»Ich hatte dich heute morgen beim Gottesdienst erwartet, Fidelma.«

Fidelma schmunzelte verschmitzt. »Höre ich da eine Kritik heraus?«

»Sicher gehört es doch zu den wichtigsten Pflichten einer Nonne, den Gottesdienst am Sabbatmorgen zu besuchen.« Die irische Kirche hielt am Sonnabend als dem Sabbattag fest.

»Ich war allerdings beim Morgengebet heute in aller Frühe«, erwiderte Fidelma spitz. »Das war vor Sonnenaufgang, als du, wie ich hörte, noch geschlafen hast.«

Eadulf errötete leicht.

Sofort empfand Fidelma Reue und berührte ihn leicht am Ärmel.

»Ich hätte dir vorher sagen sollen, daß es in unserem Hause üblich ist, am Feiertag des heiligen Ailbe ganz früh zum Dankgebet für sein Leben zu gehen. Außerdem mußte mein Bruder schon vor Tagesanbruch Cashel verlassen und zum Brunnen von Ara reiten. Wir sind früh aufgestanden.«

Eadulf war noch nicht besänftigt, ging aber mit Fi-delma zurück über den Hof zum Eingang der großen Festhalle von Cashel.

»Was ist so Besonderes an diesem Feiertag?« fragte er etwas gereizt. »Alle preisen den heiligen Ailbe, doch ich gestehe offen, daß ich weder von seinem Leben noch von seinem Werk etwas gehört habe.«

»Ein Fremder muß auch nicht unbedingt etwas von ihm wissen«, bemerkte Fidelma. »Er ist unser Schutzheiliger, der himmlische Beschützer des Königreichs Muman. Dies ist der Tag, an dem das Gesetz Ailbes unserem Volk verkündet wurde.«

»Ich verstehe«, meinte Eadulf, »weshalb dieser Tag ein besonderer ist. Aber nun sag mir, warum er als Schutzheiliger Mumans gilt und was es mit dem Gesetz Ailbes auf sich hat.«

Gemeinsam schritten sie durch den Empfangsraum des Palastes und durch die große Festhalle, die zu dieser Tageszeit fast verlassen dalag. Nur wenige Bedienstete waren unauffällig dabei, Feuer in den Kaminen zu machen, die Zimmer zu säubern und die Steinfußböden mit Reisigbündeln zu fegen.

»Ailbe stammte aus Muman, er wurde im Nordwesten des Landes geboren, am Hofe Cronans, eines Fürsten des Volkes der Cliach.«

»War er ein Sohn des Fürsten?«

»Nein. Er war der Sohn einer Dienerin des Fürsten, die bei der Geburt starb. Wer der Vater war, ist umstritten. Der Fürst war so erzürnt darüber, daß seine Geburt ihn einer bevorzugten Dienerin beraubte, daß er das Kind ersticken lassen wollte. Der Sage nach wurde es in der Wildnis ausgesetzt, aber von einer alten Wölfin aufgezogen.«

»Ach, solche Geschichten habe ich schon öfter gehört«, bemerkte Eadulf spöttisch.

»Da hast du allerdings recht. Wir wissen nur, daß Ailbe, als er erwachsen war, ins Ausland ging und in Rom zum neuen Glauben bekehrt und getauft wurde. Der Bischof von Rom schenkte ihm ein wunderschönes silbernes Kruzifix als Zeichen seines Amtes und sandte ihn nach Irland zurück, damit er Bischof der dortigen Christen würde. Das war noch bevor der heilige Patrick seinen Fuß in unser Land setzte. Mein Ahnherr, der erste christliche König von Mu-man, Oenghus mac Nad Froich, wurde von Ailbe zum Glauben bekehrt. Ailbe und Patrick nahmen beide an der Taufzeremonie des Königs hier auf diesem Felsen von Cashel teil. König Oenghus ordnete danach an, daß Cashel hinfort der Sitz des Primas von Muman sei und zugleich die königliche Hauptstadt, und Ailbe solle der erste Oberhirte des Königreichs werden.«

Sie setzten sich an ein Fenster der Großen Halle, das auf den westlichen Teil der Stadt unter ihnen hinausging, und blickten über die Ebene zu den entfern-ten Bergen im Südwesten. Eadulf reckte sich und unterdrückte rasch ein Gähnen. Fidelma sollte sich nicht gekränkt fühlen. Sie hatte es nicht bemerkt, denn ihr Blick ruhte auf den schimmernden Wäldern des fernen Tals. Mit ihren Gedanken war sie noch bei dem alten Bruder Conchobar und seiner düsteren Vorhersage. Sie fragte sich, ob sie sich auf ihren Bruder Colgü bezog. Es war kein Geheimnis, daß er sich zum Brunnen von Ara, einer Furt durch den Fluß Ara, begeben hatte, um sich mit den Erzfeinden der Könige von Cashel zu treffen. Solange sie denken konnte, waren die Fürsten der Ui Fidgente ihrer Familie feind gewesen. Gewiß, Colgü hatte seine Leibwache mitgenommen, konnte ihm dennoch Gefahr drohen? Beinahe hätte sie Eadulfs Frage überhört.

»Wie kommt es dann, daß er Ailbe von Imleach genannt wird und nicht Ailbe von Cashel? Und was besagt dieses Gesetz Ailbes?«

Eadulf wollte immer möglichst viel über das Königreich Muman erfahren.

Fidelma blickte ihn an und entschuldigte sich mit einem Lächeln für ihre Abwesenheit.

»Die Könige von Cashel gingen davon aus, daß nur Ailbe die kirchliche Oberhoheit in unserem Königreich besaß. Armagh, das im nördlichen Königreich der Ui Neill von Ulaidh liegt, versucht jetzt durchzusetzen, daß es die kirchliche Oberhoheit über ganz Irland erhält. Wir in Muman bestehen darauf, daß unsere Oberhoheit in Imleach bleibt. Deshalb ist Ailbe so wichtig für uns.«

»Aber du sagtest doch, Cashel wäre der Ort der Oberhoheit«, warf Eadulf ein.

»Es heißt, als Ailbe alt wurde, erschien ihm ein Engel und sagte ihm, er solle ihm nach Imleach Iubhair folgen, das nicht weit von hier liegt, und dort würde er den Ort seiner Auferstehung sehen. Das war symbolisch gemeint, denn Imleach war die alte Hauptstadt des Königreichs, bevor König Corc noch in heidnischen Zeiten Cashel dazu machte. Es hat seinen Namen von dem heiligen Eibenbaum, der das Totem unseres Königreichs ist.«

Eadulf schnalzte mißbilligend mit der Zunge wegen dieser heidnischen Symbolik. Als ein zum Christentum Bekehrter hing er wie die meisten Bekehrten dem Glauben besonders eifrig an.

»Ailbe verließ Cashel, ging nach Imleach und errichtete eine große Abtei«, fuhr Fidelma fort. »Es gab dort einen alten heiligen Brunnen, den er segnete und dem Dienst Gottes weihte. Er segnete sogar den heiligen Eibenbaum. Nach der Gründung der Abtei durch Ailbe entstand in Imleach eine blühende Gemeinschaft. Als Ailbe sein Werk vollendet hatte, ging er in den Himmel ein. Seine Gebeine ruhen in Imleach. Es gibt eine Legende ...«

Fidelma brach ab, lächelte und zuckte entschuldigend die Achseln. In Wahrheit redete sie nur davon, um sich von der Sorge um die Sicherheit ihres Bruders beim Brunnen von Ara abzulenken, die beständig an ihr nagte.

»Sprich weiter«, drängte Eadulf, denn er genoß die Leichtigkeit, mit der Fidelma die Legenden ihres Volkes erzählte und die alten Götter und Helden zum Leben erweckte.

Fidelma schaute wieder über das Tal zur Straße, die den Fluß Suir kreuzte, und weiter in Richtung auf den Brunnen von Ara. Nichts bewegte sich auf der Straße. Sie wandte sich wieder Eadulf zu.

»Man sollte es nicht billigen, aber viele in unserem Volk glauben fest daran, daß im Fall eines Diebstahls der Reliquien Ailbes nichts unser Land davor bewahren könnte, in die Hände seiner Feinde zu fallen. In den alten Sagen ist Ailbe ein Hund, der die Grenzen des Königreichs bewacht. Manche meinen, der Heilige sei nach diesem Hund benannt worden, deshalb betrachten sie ihn als eine Verkörperung des Hundes, der immer noch unsere Grenzen beschützt. Sollten seine Reliquien aus Imleach verschwinden, dann würde die Dynastie der Eoghanacht in Cashel gestürzt, das Königreich Muman zerrissen, und es gäbe keinen Frieden mehr im Land.«

Eadulf war sichtlich beeindruckt von dieser Legende.

»Ich hatte keine Ahnung, daß so etwas noch in deinem Volk lebendig ist«, meinte er mit leichtem Kopfschütteln.

Fidelma verzog das Gesicht.

»Ich unterstütze solchen Aberglauben nicht. Doch die Menschen glauben so fest daran, daß ich ihn lieber nicht auf die Probe stellen möchte.«

Sie blickte auf und erkannte eine Bewegung am Rande des fernen Waldes. Ein Lächeln froher Erleichterung breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

»Sieh nur, Eadulf! Dort kommt Colgü, und der Fürst der Ui Fidgente ist bei ihm.«

Kapitel 3

Eadulf blickte aus dem Fenster über die weiten bestellten Äcker zwischen der Stadt und dem ungefähr vier Meilen entfernten Fluß. Er konnte gerade wahrnehmen, daß auf dem Weg eine Reiterschar aus dem Wald hervorkam. Er warf Fidelma einen raschen Blick zu und bewunderte im stillen ihre Sehschärfe, denn außer der Tatsache, daß es Berittene waren, konnte er noch nichts ausmachen. Daß sie unter ihnen ihren Bruder zu erkennen vermochte, war ihm kaum vorstellbar.

Sie beobachteten schweigend, wie sich die Kolonne auf die Stadt unterhalb der Burg zu bewegte. Nun sah Eadulf das bunte Banner des Königs von Muman und ein anderes, das ihm nicht bekannt war, aber wohl dem Fürsten der Ui Fidgente gehörte.

Plötzlich ergriff Fidelma seine Hand und zog ihn fort vom Fenster.

»Gehen wir hinunter in die Stadt und sehen uns ihre Ankunft an, Eadulf. Dies ist ein großer Tag für Muman.«

Eadulf lächelte leise über ihre aufschäumende Begeisterung und ließ sich von ihr durch die Große Halle führen.

»Das verstehe ich nicht so ganz. Warum ist die Ankunft des Fürsten der Ui Fidgente so wichtig?« fragte er, während sie den Hof überquerten.

Fidelma ließ seine Hand los, sobald sie sicher war, daß er ihr folgte, und fiel in den würdigeren Schritt einer Nonne.

»Die Ui Fidgente sind einer der größeren Clans in Muman und leben westlich des Flusses Maigne. Ihre Fürsten haben sich oft geweigert, den Eoghanacht von Cashel Tribut zu zahlen oder sie überhaupt als Könige von Muman anzuerkennen. Sie erheben sogar selbst Anspruch auf die Königsherrschaft in Muman, mit der Begründung, daß ihre Fürsten ebenfalls von unserem gemeinsamen Ahnherrn Eoghan Mor abstammen.«

Sie ging rasch voran über den Hof, an der Kapelle vorbei und durch das Haupttor. Der wachhabende Krieger lächelte und grüßte sie. Colgüs Schwester war sehr angesehen in ihrem Volk. Eadulf hielt leicht Schritt mit ihr.

»Ist ihr Anspruch berechtigt?« fragte er.

Fidelma verzog schmollend den Mund. Sie war stolz auf ihre Sippe, und darin, das wußte Eadulf aus Erfahrung, unterschied sie sich nicht von den meisten irischen Adligen, die er kennengelernt hatte. Jede Sippe beschäftigte einen professionellen Genealogen, um sicherzugehen, daß alle Generationen und ihre vielfachen Verwandtschaftsverhältnisse genau und deutlich aufgezeichnet wurden. Nach dem Brehon-Gesetz wurde die Nachfolge durch den Beschluß eines Wahlmännerkollegiums geregelt, das aus bestimmten Generationen, derbfhine genannt, bestand, deshalb war es wichtig, die Generationen und ihr Verhältnis zueinander zu kennen.

»Fürst Donennach, der heute mit meinem Bruder herkommt, beruft sich darauf, in gerader männlicher Linie in der zwölften Generation von Eoghan Mor abzustammen, den wir als den Begründer unseres Hauses betrachten.«

Eadulf entging ihr sarkastischer Unterton, er schüttelte verwundert den Kopf darüber, mit welcher Leichtigkeit der irische Adel seine Verwandtschaftsbeziehungen bestimmen konnte.

»Also dieser Fürst Donennach entstammt einer jüngeren Linie deines Hauses?« fragte er.

»Wenn die Genealogen der Ui Fidgente die Wahrheit sagen«, erwiderte Fidelma mit Betonung. »Allerdings jünger nur entsprechend den Beschlüssen der derbfhine, die die Könige einsetzen.«

Eadulf seufzte tief.

»Dieses Verfahren ist mir schwer verständlich. Bei den Angelsachsen erbt immer das älteste männliche Kind der ältesten Linie, der Erstgeborene, wie gut oder schlecht das auch immer ist.«

Fidelma fand das nicht richtig.

»Eben. Wenn nun dieser Erstgeborene sich als ungeeignet erweist, geistesgestört ist oder schlecht beraten regiert, dann läßt die angelsächsische Sippe ihn umbringen. Bei uns wird der Mann gewählt, der sich am besten für die Aufgabe eignet, ob es nun der älteste Sohn, der Onkel, der Bruder, der Vetter oder der jüngste Sohn ist.«

»Wenn sich aber herausstellt, daß er schlecht regiert«, konterte Eadulf, »laßt ihr ihn dann auch töten?«

»Nicht nötig«, antwortete Fidelma achselzuckend. »Die derbfhine der Sippe treten zusammen, entheben ihn seines Amtes und setzen einen Fähigeren ein. Nach dem Gesetz darf er gehen und ihm niemand etwas tun.«

»Ruft er dann nicht seine Anhänger zur Rebellion auf?«

»Er kennt das Gesetz, und seine möglichen Anhänger kennen es auch. Sie wissen, daß sie für immer als unrechtmäßige Machthaber gelten würden.«

»Aber es wäre doch menschlich. Es kommt doch sicher vor.«

Fidelmas Miene war ernst. Sie neigte zustimmend den Kopf.

»Es kommt tatsächlich manchmal vor. Deshalb ist die Aussöhnung mit den Ui Fidgente so wichtig. Sie haben immer wieder gegen Cashel rebelliert.«

»Warum?«

»Sie begründen es mit dem, worüber wir eben sprachen. Unsere Sippe, die Colgüs und meines Vaters Failbe Fland, führt ihre Abstammung auf Conall Corc zurück, den Sohn des Luigthech, der ein Sohn von Ai-lill Flann Bec war, welcher wiederum ein Enkel von Eoghan Mor war, dem Gründer unseres Hauses.«

»Das glaube ich dir aufs Wort«, lächelte Eadulf. »Diese Namen sagen mir nichts.«

Fidelma bewahrte ihre Geduld.

»Die Linie der Ui Fidgente leitet sich von Fiachu Fidgennid her, dem Sohn des Maine Munchain, der ein weiterer Sohn von Ailill Flann Bec, dem Enkel von Eoghan Mor, war. Falls ihre Genealogen recht haben, wie ich sagte.« Sie verzog das Gesicht. »Unsere Genealogen meinen, sie hätten ihre Stammbäume gefälscht, damit sie Anspruch auf den Königssitz von Cashel erheben können. Doch an diesem glücklichen Tag werden wir uns nicht mit ihnen streiten.«

Eadulf bemühte sich, ihr zu folgen.

»Ich glaube, nun verstehe ich dich. Die Spaltung zwischen deiner Sippe und den Ui Fidgente begann zwischen zwei Brüdern, Luigthech, dem ältesten, und Maine Munchain, dem jüngeren.«

Fidelma lächelte mitfühlend und schüttelte den Kopf.

»Wenn ihre Genealogen recht haben, war Maine Munchain, der Stammvater der Ui Fidgente, der älteste Sohn von Ailill Flann Bec. Unser Ahnherr Luigthech war sein zweiter Sohn.«

Eadulf hob ratlos die Arme.

»Es ist schon schwer genug, eure irischen Namen zu behalten, aber erst die Generationenfolge ... Sagst du jetzt, daß die Ui Fidgente einen besseren Anspruch auf die Königswürde haben, weil sie von dem ältesten Sohn abstammen?«

Fidelma ärgerte sich über sein Unverständnis.

»Inzwischen solltest du unsere Thronfolgegesetze kennen, Eadulf. Sie sind doch so einfach. Maine Mun-chains Nachkommen wurden von den derbfhine der Sippe als ungeeignet für die Königswürde bezeichnet.«

»Es fällt mir trotzdem schwer, dir zu folgen«, gestand Eadulf. »Nach dem, was du sagst, stammen die Ui Fidgente nach den Regeln des Erstgeburtsrechts von einer älteren Linie ab und sind deshalb nicht bereit, die Herrschaft deiner Familie in Cashel anzuerkennen?«

»Ob ältere Linie oder nicht, unser Rechtssystem kennt kein Erstgeburtsrecht«, klärte ihn Fidelma auf. »Außerdem ereignete sich das alles vor fast zehn Generationen. Das ist so lange her, daß unsere Genealogen meinen, die Ui Fidgente seien überhaupt keine richtigen Eoghanacht, sondern stammten von den Dairine ab.«

Eadulf blickte zum Himmel auf.

»Und wer sind nun wieder die Dairine?« stöhnte er entmutigt.

»Ein altes Volk, das sich vor fast tausend Jahren das Königreich Muman mit den Eoghanacht teilte. Es gibt im Westen von hier noch einen Clan namens Corco Loigde, der behauptet, von den alten Dairine abzustammen.«

»Na, mein einfacher Verstand hat nun genug Genealogie und zu viele Namen aufgenommen.«

Fidelma kicherte leise über seine komische Leidensmiene, doch ihre Augen blieben ernst.

»Trotzdem ist es wichtig, daß du die politische Lage in diesem Königreich verstehst, Eadulf. Du erinnerst dich doch, daß wir im vorigen Winter ein Komplott der Ui Fidgente aufdeckten, die eine Rebellion anzetteln wollten, und daß mein Bruder ihnen ein Heer entgegenführen und sie bei Cnoc Äine zur Schlacht stellen mußte? Das war vor knapp neun Monaten.«

»Daran erinnere ich mich natürlich. Wie sollte ich das vergessen? Die Verschwörer hatten mich damals gefangengenommen. Aber fiel nicht der Herrscher der Ui Fidgente in der Schlacht?«

»Ja. Jetzt ist sein Vetter Donennach der Fürst der Ui Fidgente, und eine seiner ersten Amtshandlungen bestand darin, Gesandte zu meinem Bruder zu schik-ken, um einen Vertrag auszuhandeln. Donennach kommt nach Cashel, um Frieden zu schließen. Es ist der erste Friede zwischen den Ui Fidgente und Cashel seit Jahrhunderten. Deshalb ist der heutige Tag so bedeutend.«

Sie waren vom Tor der Burg den steilen Pfad hinuntergegangen, der zum Fuß des Felsens von Cashel führte, und dem Weg um ihn herum bis zum Rand des Marktfleckens gefolgt. Die Stadt lag knapp eine Viertelmeile vom großen Felsen entfernt.

Die Einwohner der Stadt versammelten sich bereits, um den Einzug ihres Königs mit dem Fürsten der Ui Fidgente und seinem Gefolge anzuschauen. Die Reiterkolonne erreichte das Westtor der Stadt, als Fidel-ma und Eadulf sie durch das Osttor betraten und sich mit anderen zusammen an einer Seite des weiten Marktplatzes aufstellten.

Eine Gruppe von sieben Kriegern ritt an der Spitze des Zuges. Dann kam Colgüs Bannerträger. Das flatternde blaue Seidentuch zeigte den goldenen Hirsch, das Königswappen der Eoghanacht von Cashel. Dahinter ritt in guter Haltung der König selbst, ein hochgewachsener Mann mit rötlich glänzendem Haar. Nicht zum erstenmal fiel Eadulf die Ähnlichkeit der Gesichtszüge zwischen Colgü und seiner Schwester Fidelma auf.

Als nächster kam ein weiterer Bannerträger. Die über ihm flatternde weiße Seide zeigte in der Mitte einen roten Eber. Eadulf nahm an, dies sei das Wappen der Fürsten der Ui Fidgente. Hinter diesem Bannerträger ritt ein junger Mann mit vollem Gesicht und dunklem Haar, der jedoch auf seine Art ebenso gut aussah wie der rothaarige König von Muman. Trotz der behaupteten gemeinsamen Abstammung konnte Eadulf keine Spur von Verwandtschaft zwischen dem Fürsten der Ui Fidgente und dem König von Muman entdecken.

Den führenden Reitern folgten viele Krieger, von denen einige die Abzeichen des Ordens der Goldenen Kette trugen, der ausgewählten Leibwache der Eog-hanacht-Könige. An ihrer Spitze ritt ein junger Mann, der nur wenig jünger schien als Colgü und ihm leicht ähnelte. Allerdings waren seine Züge etwas grober geschnitten, und sein Haar war so schwarz wie das des Fürsten der Ui Fidgente. Er saß lässig, aber stolz im Sattel. Auch seine Kleidung verriet Eitelkeit: Er trug einen langen Mantel aus blaugefärbter Wolle, der auf der Schulter von einer glitzernden Spange gehalten wurde. Sie war aus Silber und zeigte die Sonnenscheibe, von der fünf Strahlen ausgingen, deren Enden jeweils ein kleiner roter Granat zierte.

Das war Donndubhain, wie Eadulf wußte, der Ta-nist oder erwählte Nachfolger des Königs von Cashel, ein Vetter Colgüs und Fidelmas.

Die Freude der Menschen beim Anblick des Reiterzuges war unverkennbar, sie jubelten und klatschten Beifall. Für die meisten bedeutete der gemeinsame Einritt des Königs von Cashel und des Fürsten der Ui Fidgente das Ende von jahrhundertelangen Fehden und Bluttaten und den Beginn eines neuen Zeitalters des Friedens und des Wohlstands für alle Völker in Muman.

Colgü wirkte entspannt und dankte winkend dem Jubel, während Donennach steif und anscheinend nervös im Sattel saß. Seine dunklen Augen spähten von einer Seite zur anderen, als halte er Ausschau nach Anzeichen von Feindseligkeit. Nur gelegentlich huschte ein Lächeln über sein Gesicht, und er neigte kurz und knapp den Kopf zum Dank für den Applaus der begeisterten Menge.

Die Reiterschar überquerte den Marktplatz und näherte sich dem Pfad, der zu dem hohen Felsen mit dem Sitz der Könige von Cashel hinaufführte. Selbst Do-nennach von den Ui Fidgente schaute mit Bewunderung empor zu der Burg und dem Palast von Cashel.

Donndubhain hob den Arm, als wolle er dem Kriegertrupp signalisieren, auf den Weg zur Burg einzuschwenken.

Fidelma hatte sich durch die Menge nach vorn geschoben, von dem besorgten Eadulf gefolgt, weil sie ihren Bruder begrüßen wollte.

Als Colgü sie erblickte, verzog sich sein Gesicht zu einem jungenhaften Grinsen, wie es auch Fidelma in Augenblicken höchsten Vergnügens aufsetzen konnte.

Colgü zügelte sein Pferd und beugte sich tief vor, um seine Schwester zu begrüßen.

Diese Bewegung rettete ihm das Leben.

Mit einem eigenartigen dumpfen Laut bohrte sich der Pfeil in seinen Oberarm. Er schrie auf vor Schmerz und Schock. Hätte er nicht angehalten und sich niedergebeugt, hätte der Pfeil ein tödliches Ziel gefunden.

Vor Schreck waren alle wie erstarrt. Es schien ihnen eine lange Zeit, doch vergingen nur wenige Sekunden, bis ein zweiter Schmerzensschrei ertönte. Donennach, der Fürst der Ui Fidgente, schwankte im Sattel, ein Pfeil steckte in seinem Oberschenkel. Entsetzt sah Eadulf, wie er wankte und dann aus dem Sattel in den Straßenstaub stürzte.

Der Aufprall brachte alles in Bewegung und Aufruhr.

Ein Krieger der Ui Fidgente zog sein Schwert, brüllte »Mörder!« und sprengte auf eine Gebäudegruppe auf der anderen Seite des Marktplatzes zu. Einige seiner Männer folgten ihm, während andere zu ihrem gestürzten Fürsten eilten und sich mit gezogenen Schwertern um ihn scharten, als erwarteten sie einen Angriff auf ihn.

Eadulf sah, daß Donndubhain, Colgüs designierter Nachfolger, ebenfalls mit gezogenem Schwert den Kriegern der Ui Fidgente nachsetzte.

Fidelma war eine der ersten, die wieder zur Besinnung kam. Ihre Gedanken wirbelten. Zwei Pfeile waren auf ihren Bruder und seinen Gast abgeschossen worden, und beide hatten wie durch ein Wunder nicht tödlich getroffen. Anscheinend hatte der Krieger der Ui Fidgente die Flugbahn beobachtet und die Gebäude erkannt, in denen sich der Schütze verbarg, der den König von Cashel und den Fürsten der Ui Fidgente niederstrecken wollte. Nun, im Augenblick brauchte sie nicht darüber nachzudenken, weshalb auch Donn-dubhain auf die Jagd nach den Attentätern gegangen war.

»Kümmere dich um Donennach«, rief sie Eadulf zu, der sich bereits den Weg durch die widerstrebende Leibwache des Fürsten bahnte. Sie wandte sich ihrem Bruder zu, der noch im Sattel saß, leicht verstört, und den Pfeil umfaßt hielt, der in seinem Arm stak.

»Steig ab, Bruder«, drängte sie ihn leise, »sonst bleibst du weiter eine Zielscheibe.«

Sie half ihm vom Pferd, wobei er sich mühte, nicht vor Schmerzen zu stöhnen.

»Ist Donennach schwer verletzt?« fragte er mit zusammengebissenen Zähnen. Er umklammerte immer noch seinen blutenden und schmerzenden Arm.

»Eadulf sieht nach ihm. Setz dich hier auf den Stein, und ich ziehe den Pfeil heraus.«

Beinahe widerwillig ließ sich ihr Bruder nieder. Zwei seiner Gefolgsleute, darunter auch Capa, der Befehlshaber seiner Leibwache, waren inzwischen herbeigeeilt, doch ihre gezückten Schwerter waren nicht nötig. Die Menschen um den König herum hatten nur Fragen und Ratschläge zur Hand. Fidelma winkte sie ungeduldig zurück.

»Ist ein Arzt unter euch?« erkundigte sie sich, nachdem sie die Wunde untersucht und festgestellt hatte, daß die Pfeilspitze tief eingedrungen war. Sie wollte den Pfeil nicht herausreißen, um nicht Muskeln zu durchtrennen und den Schaden noch größer zu machen.

Die Antwort bestand aus Murmeln und Kopfschütteln.

Vorsichtig betastete sie den Pfeil. Es würde zu lange dauern, den alten Conchobar herbeiholen zu lassen.

»Warte, Fidelma«, rief Eadulf und schob sich durch die Menge.

Fidelma seufzte beinahe vor Erleichterung, denn sie wußte, daß Eadulf eine Ausbildung an der großen medizinischen Hochschule in Tuaim Brecain erhalten hatte.

»Wie geht es Donennach?« fragte ihn Colgü, dessen Gesicht von der Anstrengung, sich zu beherrschen, grau geworden war.

»Konzentriere dich jetzt nur auf dich, Bruder«, ermahnte ihn Fidelma.

Colgüs Miene war düster.

»Ein guter Gastgeber sollte sich zuerst um seinen Gast kümmern.«

»Es ist eine schlimme Wunde«, gab Eadulf zu und beugte sich nieder, um die Stelle zu untersuchen, an der die Pfeilspitze in Colgüs Arm steckte. »Donen-nachs Wunde meine ich, allerdings ist deine eigene auch nicht bloß ein Kratzer. Ich lasse eine Trage bauen, damit wir Fürst Donennach in den Palast hinaufschaffen können, wo er besser versorgt werden kann als hier auf der staubigen Straße. Ich fürchte, der Pfeil ist in einem ungünstigen Winkel in Donennachs Schenkel eingedrungen. Aber er hatte noch Glück -wie du auch.«

»Kannst du den Pfeil aus meinem Arm herausziehen?« drängte ihn Colgü.

Eadulf hatte ihn genau untersucht und lächelte düster. »Das kann ich, aber es würde sehr weh tun. Ich würde lieber damit warten, bis wir dich in den Palast geschafft haben.«

Der König von Muman schnaubte verächtlich.

»Mach es hier und jetzt, damit meine Leute sehen, daß die Wunde nicht tief ist und ein König aus den Eoghanacht Schmerzen ertragen kann.«

Eadulf wandte sich an die Menge. »In welchem der Häuser hier brennt ein Herdfeuer?«

»In der Schmiede dort drüben, Bruder Angelsachse«, antwortete eine alte Frau und wies hinüber.

»Nur noch einen Augenblick, Colgü«, sagte Eadulf und ging hinüber zur Schmiede. Der Schmied befand sich in der Menge und begleitete Eadulf interessiert.

Eadulf zog sein Messer. Der Schmied sah überrascht zu, wie der angelsächsische Mönch das Messer eine Weile über den glühenden Kohlen hin und her drehte, bevor er zu Colgü zurückkehrte.

Colgü hatte die Zähne zusammengebissen, und Schweißperlen standen auf seiner Stirn. »Mach es so schnell wie möglich, Eadulf.«

Der angelsächsische Mönch nickte kurz.

»Halte seinen Arm fest, Fidelma«, sagte er leise. Dann beugte er sich vor, packte den Pfeil am Schaft, lockerte ihn mit der Messerspitze und zog ihn rasch heraus. Colgü stöhnte auf, seine Schultern sanken ein, als wolle er fallen, doch er hielt sich aufrecht. Er biß die Zähne so fest zusammen, daß sie knirschten. Ea-dulf nahm ein sauberes Leinentuch, das ihm jemand reichte, und legte einen festen Verband an.

»Das hält, bis wir in die Burg kommen«, stellte er befriedigt fest. »Ich muß die Wunde noch mit Kräutern behandeln, damit sie sich nicht entzündet.« Leise setzte er, zu Fidelma gewandt, hinzu: »Zum Glück ging die Pfeilspitze glatt durch.«

Fidelma nahm ihm den Pfeil ab und betrachtete ihn eingehend. Dann schob sie ihn in den Gürtel und trat zu ihrem Bruder, um ihm zu helfen.

Der junge rotgesichtige Thronfolger drängte sich durch die Menge. Er war jetzt zu Fuß. Besorgt betrachtete er Colgü, der auf Fidelma gestützt dastand.

»Ist deine Wunde schlimm?«

»Schlimm genug«, antwortete Eadulf an Stelle des Königs, »aber er wird’s überleben.«

Donndubhain atmete tief aus.

»Die Attentäter sind von Fürst Donennachs Leuten gestellt worden.«

»Dann können wir uns mit ihnen befassen, sobald wir meinen Bruder und den Fürsten der Ui Fidgente in den Palast geschafft haben«, erwiderte Fidelma. »Komm, hilf mir dabei.«

Eadulf begab sich zu der Tragbahre, die man inzwischen für den verwundeten Fürsten der Ui Fidgente gebaut hatte, der darauf lag und sich vor Schmerzen wand. Eadulf hatte ihm den Oberschenkel verbunden. Er prüfte die Tragbahre noch einmal und gab den Kriegern der Ui Fidgente ein Zeichen, sie vorsichtig aufzunehmen und der Gruppe zu folgen, die Colgü half, den Weg hinauf zum Palast zu bewältigen.

Kaum hatten sie sich in Bewegung gesetzt, als Hufschlag und Rufe ertönten.

Die Berittenen aus Donennachs Leibwache kamen über den Platz zurück. Sie zogen auf dem Boden zwei Männer hinter sich her, die mit einem Seil um die Handgelenke am Sattelknopf des ersten Reiters festgebunden waren.

Fidelma sah es und wandte sich zornig von ihrem Bruder ab, um solche Grausamkeit zu unterbinden. Niemand, auch kein Attentäter, sollte so behandelt werden. Doch der Protest erstarb ihr in der Kehle, als die Reiter anhielten. Schon ein flüchtiger Blick auf die blutbefleckten Körper zeigte ihr, daß die beiden Männer bereits tot waren.

Der vorderste Reiter, ein Mann mit einem ausdruckslosen runden Gesicht und schmalen Augen, schwang sich vom Pferd und trat zu der Tragbahre, auf der sein Fürst lag. Er salutierte kurz mit seinem blutigen Schwert.

»Mein Fürst, ich meine, du solltest dir diese Männer ansehen«, sagte er rauh.

»Siehst du nicht, daß wir deinen Fürsten zum Palast schaffen, damit seine Wunde behandelt werden kann?« fragte ihn Eadulf wütend. »Belästige uns nicht, ehe nicht das Dringlichste erledigt ist.«

»Halt den Mund, Fremder«, fuhr ihn der Krieger hochmütig an, »wenn ich mit meinem Fürsten rede.«

Colgü hörte das und kam, auf Donndubhain gestützt, zurück. In seiner Miene mischten sich Ärger und Schmerz.

»Du hast hier keine Befehle zu erteilen, in Cashel regiere ich!« knurrte er.

Der Krieger der Ui Fidgente verzog keine Miene. Er schaute bewußt nur in das bleiche, schmerzverzerrte Gesicht Donennachs, der auf der Trage vor ihm lag.

»Mein Fürst, die Sache eilt.«

Donennach richtete sich auf und stützte sich auf einen Ellbogen.

»Was soll ich mir ansehen, Gionga?«

Der Krieger namens Gionga winkte einem seiner Männer, der inzwischen die beiden Leichen losgeschnitten hatte. Eine davon zog er jetzt hinüber zu der Trage.

»Das sind die beiden Hunde, die auf dich geschossen haben, mein Fürst. Schau dir diesen hier an.«

Er hielt den Kopf des Toten an den Haaren hoch.

Donennach beugte sich vor. Seine Mundwinkel verzogen sich. »Den kenne ich nicht«, brummte er.

»Brauchst du auch nicht, Fürst«, erwiderte Gionga. »Aber vielleicht erkennst du, was er am Hals trägt.«

Donennach sah genau hin und stieß einen lautlosen Pfiff aus.

»Was hat das zu bedeuten, Colgü?« fragte er und blickte den König von Muman an.

Colgü musterte die Leiche. Fidelma und Eadulf standen bei ihm. Keiner von ihnen kannte den Toten, doch es war klar, welchen Grund die Aufregung hatte.

Der Mann trug den Halsring des Ordens der Goldenen Kette, der Leibgarde der Könige von Cashel.

Mit vor Erregung rauher Stimme rief Donennach: »Das ist eine merkwürdige Gastfreundschaft, die du mir entgegenbringst, Colgü von Cashel. Deine Elitekrieger haben auf mich geschossen. Sie wollten mich töten!«

Kapitel 4

Langes Schweigen trat ein, nachdem der Fürst der Ui Fidgente diese Anschuldigung erhoben hatte.

Es war Fidelma, die schließlich die bedrohliche Stille brach, indem sie mit dem Kopf auf ihren Bruder wies, der mühsam seine Schmerzen zu verbergen versuchte.

»Colgüs Krieger haben nicht nur auf dich geschossen und dich zu töten versucht, Donennach, sondern sie versuchten auch, den König von Cashel niederzuschießen.«

Donennachs dunkle Augen sahen sie forschend an.

Es war sein Leibwächter Gionga, der seine stumme Frage aussprach.

»Wer bist du, Frau, daß du in Gegenwart von Fürsten zu sprechen wagst?« Sein Ton war immer noch arrogant.

Colgü antwortete mit ruhiger Stimme: »Das ist meine Schwester Fidelma, die spricht, und sie hat ein größeres Recht dazu als jeder andere hier, denn sie ist eine dalaigh bei Gericht und zugleich eine Nonne. Sie besitzt den Grad eines anruth

Giongas Augen weiteten sich sichtlich, denn er wußte, daß nur der Rang eines ollamh, der höchste Grad, den die weltlichen und kirchlichen Hochschulen Irlands zu vergeben hatten, höher war als der eines anruth.

Donennach war offenbar nicht so beeindruckt. Seine Augen verengten sich leicht.

»Ach so? Du bist Fidelma von Cashel? Schwester Fidelma? Man kennt dich im Land der Ui Fidgente.«

Fidelma begegnete seinem forschenden Blick mit einem düsteren Lächeln.

»Ja, ich war schon dort - einmal. Ich wurde gerufen, um einen Giftmord zu untersuchen.«

Sie ließ sich nicht weiter darüber aus, denn sie wußte, daß Donennach die Einzelheiten der Geschichte bekannt waren.

»Meine Schwester hat recht«, schaltete sich Colgü ein und kam auf den Ausgangspunkt zurück. »Jeder Vorwurf, ich hätte bei dieser bösen Tat die Hand im Spiel gehabt, ist falsch!«

Eadulf beschloß, sich erneut einzumischen, denn er fand die Verwundungen beider Männer beunruhigend.

»Jetzt ist nicht die Zeit, darüber zu reden. Ihr beide müßt eure Wunden richtig versorgen lassen. Sie können sonst gefährlich werden. Verschieben wir die Diskussion auf eine passendere Zeit.«

Ein Schmerz durchzuckte Colgüs Arm, und er biß sich auf die Lippen. »Einverstanden, Donennach?« fragte er.

»Einverstanden.«

»Ich nehme die Sache in die Hand, Bruder«, erklärte Fidelma, »während Eadulf sich um euch kümmert.«

Gionga trat mit verärgertem Gesicht vor, doch bevor er noch etwas sagen konnte, hob Donennach die Hand.

»Du bleibst bei Schwester Fidelma, Gionga«, wies er ihn leise an, »und hilfst ihr dabei.«

Das Wort »hilfst« schien er unnötig zu betonen. Gionga neigte den Kopf und trat zurück.

Die Träger hoben die Trage mit dem Fürsten der Ui Fidgente auf und folgten Colgü, der mit der Hilfe von Donndubhain den steilen Weg zum Königspalast in Angriff nahm. Eadulf blieb besorgt an seiner Seite.

Fidelma stand einen Moment mit sittsam gefalteten Händen da. In ihren hellen Augen funkelte ein Feuer, das allen, die sie kannten, verriet, daß sie in einer gefährlichen Stimmung war. Äußerlich war ihre Miene gelassen.

»Nun, Gionga?« fragte sie ruhig.

Gionga trat von einem Fuß auf den anderen, er fühlte sich nicht besonders wohl in seiner Haut. »Nun?« fragte er zurück.

»Lassen wir die Leichen der beiden Männer zu unserem Apotheker bringen? Wir können sie später untersuchen, und zwar unter besseren Bedingungen.«

»Warum untersuchen wir sie nicht gleich?« fragte der Krieger der Ui Fidgente etwas widerborstig, doch er kannte nun ihren Rang und hatte anscheinend begriffen, daß er seine Arroganz zügeln mußte.

»Weil du mir erst zeigen sollst, wo und wie ihr die Attentäter gestellt habt und warum ihr sie töten mußtet, anstatt sie gefangenzunehmen. Wir hätten sie über ihre Absichten verhören können.«

Ihr Ton war ruhig und ohne jeden Vorwurf, doch Giongas Gesicht rötete sich, und er schien sich weigern zu wollen. Aber dann zuckte er die Achseln und winkte zwei seiner Männer heran.

Mit einem lauten Ruf und besorgter Miene kam Donndubhain den Berg heruntergeeilt.

»Colgü meinte, hier könnte ich mich eher nützlich machen«, erklärte er. Er wollte offenbar andeuten, daß Colgü seine Schwester nicht gern allein bei den Kriegern der Ui Fidgente zurückließ. »Capa und Eadulf kümmern sich um ihn.«

Fidelma lächelte dankbar. »Ausgezeichnet. Giongas Männer schaffen die beiden Leichen zu Conchobar. Hast du jemanden, der ihnen den Weg zeigt?«

Donndubhain rief einen vorbeikommenden Krieger heran.

»Bring die Männer der Ui Fidgente mit den Leichen zu ...« Fragend zog er die Brauen hoch.

»Zu der Apotheke von Bruder Conchobar. Sag ihm, er soll meine Anordnungen abwarten. Ich möchte die Leichen selbst untersuchen.«

Der Krieger grüßte und winkte den beiden Kriegern der Ui Fidgente, ihm mit den Leichen zu folgen.

»Fangen wir an der Stelle an, wo Colgü und Do-nennach getroffen wurden«, verkündete Fidelma.

Gionga und Donndubhain begleiteten Fidelma schweigend zurück zum Marktplatz. Die Bürger von Cashel hatten sich noch nicht entfernt, sondern standen in Gruppen zusammen und unterhielten sich flüsternd. Manche warfen verstohlene Blicke auf den Krieger der Ui Fidgente. Fidelma spürte die Abneigung in ihren Mienen. Generationenlange Kriege und Überfälle ließen sich nicht so schnell aus dem Gedächtnis tilgen, wie sie zunächst gedacht hatte.

Sie erreichten die Stelle, an der die Pfeile Colgü und Donennach getroffen hatten. Gionga wies quer über den Platz auf eine Gruppe von Gebäuden auf der anderen Seite.

»Als der erste Pfeil traf, schaute ich mich um, woher er gekommen war. Ich sah einen Mann auf dem Dach des Gebäudes da.«

Das Gebäude, auf das er zeigte, stand fünfzig Meter entfernt auf der anderen Seite des Marktplatzes. Es hatte ein flaches Dach.

»In dem Moment schoß er den zweiten Pfeil ab, ich schrie, aber mein Warnruf kam zu spät für Donen-nach.«

»Ach so«, meinte Fidelma. »Und dann gabst du deinem Pferd die Sporen und rittst auf das Haus zu?«

»Ja. Zwei meiner Krieger jagten mir nach. Als wir das Gebäude erreichten, war der Schütze schon vom Dach gesprungen, den Bogen hatte er noch in der Hand. Neben ihm stand ein zweiter Mann mit einem Schwert. Ich schlug sie beide nieder, bevor sie ihre Waffen gegen uns gebrauchen konnten.«

Fidelma wandte sich an Donndubhain.

»Ich erinnere mich, daß du ihnen dichtauf gefolgt bist, Vetter. Stimmt die Darstellung mit dem überein, was du gesehen hast?«

Der Thronfolger meinte achselzuckend: »Mehr oder weniger.«

»Das ist eine ziemlich ungenaue Antwort«, bemerkte Fidelma.

»Ich meine, ich sah, daß der Bogenschütze herabsprang zu seinem Gefährten, aber ich sah nicht, daß sie ihre Waffen hoben. Sie schienen die Krieger zu erwarten.«

»Du meinst, sie wollten uns herankommen lassen, um ein sicheres Ziel zu haben?« schnaubte Gionga verächtlich.

Fidelma ging ohne Kommentar auf das Gebäude zu.

»Schauen wir mal, was wir dort finden.«

Donndubhain sah sie verständnislos an.

»Was sollen wir dort finden? Die Attentäter wurden beide getötet und ihre Leichen weggeschafft. Was suchst du noch?«

Fidelma ersparte sich eine Antwort.

Das Gebäude, das Gionga und Donndubhain ihr gezeigt hatten, war niedrig und einstöckig und hatte ein flaches Dach. Es war aus Holz gebaut und sah wie ein Stall aus mit zwei großen Türen in der Vorderfront und einer kleinen an der Seite. Fidelma hatte zwar ihre Kindheit in Cashel verbracht, mußte aber überlegen, wem es gehörte. Es war kein Stall, erinnerte sie sich, sondern eine Art Lagerhaus.

Sie betrachtete es genau.

Türen und Fenster waren verschlossen, und nichts regte sich darin.

»Donndubhain, weißt du, was das für ein Gebäude ist?«

Der Tanist überlegte.

»Es ist ein Lagerhaus und gehört dem Kaufmann Samradan. Ich glaube, er lagert Weizen darin.«

»Wo ist Samradan?«

Ihr Vetter zuckte die Achseln.

»Mach ihn ausfindig und bring ihn zu mir.«

»Jetzt gleich?« fragte Donndubhain überrascht.

»Sofort«, bestätigte Fidelma.

Der Thronfolger von Cashel machte sich auf die Suche nach dem Kaufmann, denn selbst ein Fürst hatte einer dalaigh bei Gericht zu gehorchen, ganz abgesehen davon, daß Fidelma die Schwester des Königs war. Fidelma ging prüfend um das Gebäude herum. Auch die kleine Seitentür war verschlossen, doch an der Rückseite lehnte eine Leiter an der Wand, mit deren Hilfe man auf das Dach gelangen konnte.

»Dort habe ich die Attentäter gefunden«, erklärte ihr Gionga.

Fidelma warf ihm einen raschen Blick zu. »Aber hier konntest du sie doch nicht sehen, als du auf die Vorderseite des Gebäudes zugeritten bist.«

»Nein, ich sah nur den Schützen mit dem Bogen in der Hand. Er stand auf dem Dach und verschwand dann nach hinten. Ich ritt an der Seite entlang, als die beiden Männer, einer mit dem Bogen und der andere mit gezogenem Schwert, hinter dem Gebäude hervorkamen.«

»Und wo hast du sie niedergeschlagen?«

Gionga wies mit der Hand auf die Stelle.

Die Blutlachen auf dem Boden waren noch nicht eingetrocknet. Sie befanden sich an der Rückseite des Gebäudes, waren aber zu sehen, wenn man vom Marktplatz her kam.

Fidelma stieg die Leiter empor auf das flache Dach. An der Vorderseite des Gebäudes lagen hinter einer niedrigen hölzernen Brüstung zwei Pfeile. Sie waren nicht hastig weggeworfen, sondern sorgfältig bereitgelegt worden. Vielleicht hatte das der Bogenschütze getan, damit er mehrmals schnell hintereinander schießen konnte. Fidelma hob die Pfeile auf und prüfte sie genauer. Sie verglich sie mit dem Pfeil, der in ihrem Gürtel steckte und den Eadulf aus Colgüs Arm gezogen hatte. Ihre Miene verdüsterte sich. Sie kannte die Kennzeichen.

Gionga war zu ihr getreten und schaute sie mißmutig an. »Was hast du da?«

»Nur Pfeile«, antwortete Fidelma rasch.

»Fidelma!«

Fidelma spähte über die Brüstung auf Donndub-hain hinunter.

»Hast du Samradan gefunden?«

»Er ist heute nicht in Cashel. Er ist in Imleach mit Waren für die Abtei.«

»Dieser Samradan wohnt wohl nicht hier?«

Donndubhain streckte den Arm aus. »Vom Dach aus müßtest du sein Haus sehen können. Es ist das sechste in der Hauptstraße. Ich kenne ihn und habe auch schon bei ihm gekauft.« Zerstreut langte er nach der Silberspange auf seiner Schulter. »Ich bin sicher, daß er damit nichts zu tun hat.«

Fidelma schaute die Straße entlang auf das Haus, auf das der Tanist gezeigt hatte.

»Na, wir brauchen ihn auch nicht, um zu wissen, was vorgefallen ist«, schaltete sich Gionga ein. »Die Attentäter erkannten, daß dieses Flachdach eine strategisch günstige Position darstellt, um auf Donennach zu schießen. Sie sahen, daß es ein Lagerhaus ist, suchten sich eine Leiter, stiegen hinauf und warteten auf die Ankunft meines Fürsten. Sie dachten, in dem Durcheinander könnten sie entkommen.«

Er drehte sich um und betrachtete das Land hinter dem Gebäude.

»Sie hätten leicht in das Wäldchen da hinten flüchten können. Übrigens -« seine Miene hellte sich auf -»ich wette, dort finden wir ihre Pferde angebunden.«

Er wollte sich schon zum Wäldchen aufmachen, als Fidelma ihn mit einem ruhigen »Einen Moment mal« zum Bleiben veranlaßte.

Sie hatte mit zusammengekniffenen Augen die Entfernung zwischen dem Dach und der Stelle abgeschätzt, an der ihr Bruder und der Fürst der Ui Fid-gente getroffen wurden.

»Eins kann ich dir über unseren Bogenschützen verraten«, meinte sie grimmig.

Gionga runzelte die Stirn, schwieg aber.

»Er war kein guter Schütze.«

»Wieso?« fragte der Ui Fidgente mißtrauisch.

»Von hier aus und auf diese Distanz ist es nicht leicht, das Ziel zweimal hintereinander zu verfehlen. Beim erstenmal konnte er wohl danebenschießen, aber nicht beim zweitenmal, als das Ziel sich nicht bewegte.«

Sie erhob sich und ging, gefolgt von Gionga, zur Leiter. Die Pfeile nahm sie mit. Unten wartete ihr Vetter auf sie.

»Hast du gehört, wo Gionga die Pferde vermutet?« fragte sie ihn.

»Ja«, antwortete Donndubhain nur. Fidelma hatte den Eindruck, daß er nicht viel von Giongas Vermutungen hielt.

Sie gingen zu dem kleinen Wäldchen. Von angebundenen Pferden war nichts zu sehen.

»Vielleicht hatten sie noch einen Komplizen«, mutmaßte Gionga, um seine Enttäuschung zu verbergen. »Er sah die beiden fallen und flüchtete mit den Pferden.«

»Vielleicht«, meinte Fidelma, die den Weg auf der anderen Seite des Wäldchens untersuchte. Hier gab es zu viele Huf- und Wagenspuren, als daß man etwas daraus hätte schließen können.

Gionga sah sich mit finsterer Miene um, als hoffte er, die Pferde würden plötzlich vom Himmel fallen.

»Was nun?« fragte Donndubhain und verbarg seine Befriedigung darüber, daß der Ui Fidgente unrecht behalten hatte.

»Jetzt«, seufzte Fidelma, »gehen wir zu Bruder Conchobar und sehen uns die Leichen der Attentäter genauer an.«

Bruder Conchobar stand an seiner Tür. Er trat beiseite und ließ sie ein.

»Ich habe dich erwartet, Fidelma«, sagte er. »Habe ich dir nicht vorausgesagt, daß dieser Tag uns nichts Gutes bringen würde?«

Gionga hörte das und fuhr ihn an: »Was meinst du damit, du alter Ziegenbart? Heißt das, du hast vorher von dem Überfall gewußt?«

Donndubhain ergriff Giongas Arm, denn der Krieger hatte den Alten grob an der Schulter gepackt.

»Laß ihn in Ruhe. Er ist ein alter Mann und ein treuer Diener Cashels«, sagte er scharf.

»Er hat eine solche Behandlung nicht verdient«, fügte Fidelma hinzu. »Er las Böses in den Sternen, weiter nichts.«

Gionga ließ die Hand verächtlich fallen. »Ein Astrologe?« Sein halblauter Pfiff klang ebenso spöttisch wie sein Tonfall.

Der alte Mönch zog seine verrutschte Kleidung mit ernster Würde zurecht.

»Sind dir die beiden Leichen gebracht worden?« fragte ihn Fidelma.

»Ich habe sie entkleidet und auf den Tisch gelegt, sie sonst aber nicht angerührt, so wie du es befohlen hattest.«

»Wenn wir fertig sind und nicht feststellen können, wer sie sind, dann kannst du sie waschen und in Leichentücher hüllen, aber wo du ihre Gräber absteckst, das weiß ich nicht.«

»Irgendwo ist immer Platz in der Erde, selbst für Sünder«, erwiderte Conchobar ernst. »Allerdings wird man nicht lange um sie klagen.«

In Irland dauerten die Begräbnisfeierlichkeiten oft zwölf Tage und Nächte, man trauerte und weinte neben dem Leichnam. Sie wurden laithi na caoinnti genannt, die Tage der Wehklage. Erst danach wurden die Leichen bestattet.

In der Apotheke stand ein großer Holztisch, mehr als breit genug für die Leichen der beiden Erschlagenen. Es war nicht das erstemal, daß Conchobar ihn zur Aufbahrung benutzte, denn oft hatte er die Pflichten des Leichenbestatters zu übernehmen. Die Leichen lagen nebeneinander und waren nackt, nur ihre Genitalien hatte der alte Mönch anstandshalber mit einem Leinentuch bedeckt.

Fidelma stellte sich an die Fußseite des Tisches, die Hände gefaltet, ihren leicht zusammengekniffenen Augen entging nichts.

Als erstes fiel ihr auf und belustigte sie auf makabre Weise, daß der eine Mann groß, dürr und fast kahl war, nur mit wenigen langen blonden Haaren im Nacken wie zum Ausgleich, während der zweite klein und füllig war mit einem dichten Schopf wirrer grauer Locken. Wie sie so nebeneinanderlagen, wirkten ihre körperlichen Unterschiede beinahe komisch. Doch die tödlichen Wunden, die Giongas Schwert ihnen geschlagen hatte, wandelten die Komik ins Groteske.

»Welcher von beiden war der Bogenschütze?« fragte Fidelma leise.

»Der Kahlköpfige«, antwortete Gionga sofort. »Der andere war sein Komplize.«

»Wo sind die Waffen, die sie führten?«

Aus einer Ecke holte Conchobar den Bogen und den Köcher mit einigen wenigen Pfeilen sowie ein Schwert herbei.

»Das hier brachten die Krieger zusammen mit den Leichen«, erklärte er.

Fidelma winkte ihm, er möge die Waffen hinlegen. »Ich sehe sie mir gleich an ...«

»Moment mal!« fuhr Gionga dazwischen. »Bring den Köcher mit den Pfeilen her.«

Bruder Conchobar blickte Fidelma an, aber sie erhob keinen Einspruch. Sie wußte, was Gionga auf dem Dach des Lagerhauses gesehen hatte, und sie hielt es nicht für klug, das hinauszuzögern, was er unweigerlich beweisen würde. Der Apotheker reichte Gionga den Köcher. Der hochgewachsene Krieger nahm wahllos einen Pfeil heraus und hielt ihn ihnen hin.

»Was meinst du, woher dieser Pfeil stammt, Tanist von Cashel?« fragte Gionga mit gespielter Harmlosigkeit.

Donndubhain nahm den Pfeil und untersuchte ihn gründlich.

»Das weißt du sehr gut, Gionga«, unterbrach Fi-delma die Prozedur, denn sie kannte sich ebenfalls mit Pfeilen aus.

»So?«

Donndubhain sah verlegen aus.

»Die Lenkfedern tragen die Kennzeichen des Volkes unseres Vetters, der Eoghanacht von Cnoc Äine.«

»Genau«, schnurrte Gionga sanft. »Alle Pfeile im Köcher des Attentäters tragen die Kennzeichen der Pfeilschmiede von Cnoc Äine.«

»Hat das was zu bedeuten? Schließlich ...« Fidelma schaute den Krieger unschuldig an, »... kann man Pfeile leicht erwerben.« Sie holte ein kleines Messer aus ihrem marsupium, dem Tragebeutel. »Dieses Messer wurde in Rom hergestellt. Ich kaufte es dort auf einer Pilgerfahrt. Deshalb bin ich noch keine Römerin.«

Gionga wurde rot vor Ärger und stieß den Pfeil zurück in den Köcher.

»Versuch nicht, mich zu veralbern, Schwester Colgüs. Die Herkunft der Pfeile ist klar. Ich werde das in meinem Bericht an meinen Fürsten erwähnen.«

Donndubhain errötete bei dieser direkten Beleidigung seiner Kusine. »Es gibt nur eine dalaigh unter uns, Gionga, und sie wird den Bericht erstatten«, fuhr er ihn an.

Gionga bleckte höhnisch die Zähne.

Fidelma achtete nicht auf ihn, nahm den Köcher und untersuchte ihn. Von den Kennzeichen auf den Lenkfedern der Pfeile abgesehen, unterschied er sich in nichts von Hunderten anderer solcher Köcher. Sie ließ sich von Conchobar den Bogen reichen. Er war gut und solide gearbeitet und wies keine Besonderheiten auf. Dann nahm sie sich das Schwert vor. Es war von schlechter Qualität, rostete an den Verbindungsstellen und war nicht einmal geschärft. Der Griff war auf eigenartige Weise mit geschnitzten Tierzähnen verziert. Fidelma hatte Schwerter in diesem Stil schon gesehen - sie wurden claideb det genannt und ihres Wissens nur in einer Gegend Irlands hergestellt, sie konnte sich aber nicht erinnern, in welcher.

»Also, Gionga«, meinte sie schließlich, »die Waffen haben wir nun untersucht. Bist du soweit zufrieden?«

»Insofern wir die Herkunft der Pfeile festgestellt haben - ja!« erwiderte der Krieger.

Plötzlich öffnete sich die Tür, und Bruder Eadulf kam herein. Er blieb höflich auf der Schwelle stehen.

»Ich hörte, ihr wollt die Leichen untersuchen«, sagte er etwas atemlos. Offenbar war er schnell gelaufen.

Fidelma fragte ihn besorgt: »Wie geht es meinem Bruder . und Fürst Donennach?«

»Recht gut. Es besteht keine Lebensgefahr, aber sie werden noch ein paar Tage Schmerzen haben. Mach dir keine Sorgen, ihre Wunden sind verbunden, und sie sind in guter Pflege.«

Fidelma lächelte beruhigt. »Du kommst gerade zur rechten Zeit, Eadulf. Ich kann deine kundigen Augen brauchen.«

Gionga protestierte ärgerlich: »Der Fremde hat hier nichts zu suchen.«

»Dieser Fremde«, erwiderte Fidelma in gemessenem Ton, »ist Gast meines Bruders und hat in Tuaim Bre-cain die ärztliche Kunst erlernt. Seine geschickte Behandlung hat wahrscheinlich deinen Fürsten vor Schlimmerem bewahrt. Außerdem benötigen wir seinen erfahrenen Blick bei der Untersuchung dieser beiden Leichen.«

Giongas Miene zeigte seine Mißbilligung, aber er erhob keine weiteren Einwände.

»Komm näher, Eadulf, und erkläre uns, was du siehst«, forderte Fidelma ihn auf.

Eadulf trat an den Tisch. »Zwei Männer, der eine klein, der andere groß. Der Große .« Eadulf beugte sich vor und betrachtete ihn genauer. »Der Große starb an einer einzigen Wunde, anscheinend einem Schwertstoß zum Herzen.«

Gionga lachte spöttisch. »Das hätte ich dir auch sagen können, denn den Stoß führte meine Hand.«

Eadulf beachtete ihn nicht. »Der andere Mann, der Kleine, starb an drei Hieben. Er wandte dem Angreifer den Rücken zu, als dieser zuschlug. Die Halswunde sieht gefährlich aus. Die Stichwunde unter dem Schulterblatt halte ich nicht für tödlich, doch außerdem wurde ihm noch der Hinterkopf eingeschlagen, wahrscheinlich mit dem Schwertgriff. Ich nehme an, der Mann flüchtete und wurde von jemandem aus höherer Position niedergehauen, vermutlich einem Reiter.«

Fidelma sah den Krieger der Ui Fidgente durchdringend an. In ihrem stummem Blick lag ein Vorwurf. Gionga schob trotzig das Kinn vor.

»Es ist gleichgültig, wie ein Feind erschlagen wird, wenn man ihn nur als Bedrohung ausschaltet.«

»Hast du nicht gesagt, der Mann hätte dich mit dem Schwert bedroht?« fragte Fidelma ruhig.

»Zuerst«, fauchte Gionga. »Als ich dann seinen Gefährten niederschlug, lief er davon.«

»Und du hast ihn nicht gefangengenommen?« Jetzt wurde Fidelmas Ton scharf. »Du mußtest ihn töten, obwohl er uns wertvolle Auskünfte über den Anschlag hätte geben können?«

Gionga trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. »Daran denkt man im Kampf nicht gleich. Der Mann war eine Bedrohung und mußte erledigt werden.«

»Eine Bedrohung!« wiederholte Fidelma. »Er sieht schon ziemlich alt aus, und bei seinem Leibesumfang wäre es einem jungen Krieger wie dir sicher leichtgefallen, ihn zu entwaffnen. An eins möchte ich dich noch erinnern, Gionga von den Ui Fidgente: wenn eine dalaigh eine Frage stellt, dann will sie die Wahrheit hören, keine Lüge zur Rechtfertigung einer Tat.«

Gionga gab ihr einen trotzigen Blick zurück, sagte aber nichts.

Eadulf hatte sich inzwischen über die Leiche des kleineren Mannes gebeugt. Verblüffung spiegelte sich in seinem Gesicht.

»Was ist?« fragte ihn Fidelma.

Wortlos winkte Eadulf sie zu sich heran.

Gionga und Donndubhain folgten ihr neugierig.

Eadulf hob den Kopf der Leiche etwas an, so daß man die Schädeldecke sehen konnte. Getrocknetes Blut bezeichnete die Stelle, an der Giongas Hieb mit dem Schwertgriff die Hirnschale eingeschlagen hatte.

Fidelmas Augen weiteten sich.

»Was ist denn?« fragte Gionga. »Ich sehe nur die Wunde, die ich ihm beigebracht habe. Das gebe ich offen zu. Was sonst?«

Fidelma sprach sehr ruhig. »Worauf uns Bruder Ea-dulf hinweist, Gionga, ist der Unterschied im Haarwuchs des Toten auf der Schädeldecke und in ihrer Umgebung. Wie du siehst, ist das Haar ringsum dicht und lockig. Auf einem Kreis in der Mitte ist es aber kaum zwei oder drei Zentimeter lang.«

Gionga begriff immer noch nicht, worum es ging.

Donndubhain erkannte es zuerst. »Bedeutet das, der Mann war bis vor kurzem Mönch?«

»Was?« Gionga war verblüfft. Er starrte auf das Haar des Toten.

»Die corona spina der römischen Kirche«, erklärte Eadulf, der dieselbe Tonsur trug.

»Meinst du damit, daß dieser Mann Ausländer war«, fragte ihn Gionga.

Fidelma schloß einen Moment die Augen. »Es gibt viele Mönche in den fünf Königreichen, die die Tonsur des heiligen Johannes mit der des heiligen Petrus vertauscht haben«, erläuterte sie. »Die Tonsur verrät uns lediglich, daß er ein Mönch ist . oder war.«

»Wir wissen auch, daß er bis vor ungefähr zwei Wochen die Tonsur trug. So lange, denke ich, brauchte das Haar, um diese Länge zu erreichen«, fügte Ea-dulf hinzu.

»Zwei Wochen?« fragte Fidelma.

Eadulf nickte bestätigend.

Sie traten zurück, und Eadulf untersuchte die Leiche weiter. Er wies auf den linken Unterarm. »Habt ihr diese merkwürdige Tätowierung gesehen?«

Sie betrachteten sie genau.

»Sie stellt eine Art Vogel dar«, vermutete Donn-dubhain.

»Clamhan«, erklärte Fidelma.

»Ein was?« fragte Eadulf.

»Eine Art Habicht«, erläuterte sie.

»Na, ich habe so etwas noch nicht gesehen«, meinte Gionga.

»Nein«, bemerkte Fidelma, »kannst du auch nicht, wenn du noch nicht in den nördlichen Gegenden gewesen bist.«

»Aber du warst wohl schon dort?« höhnte der Krieger.

»Ja. Ich habe den Vogel in Ulaidh und im Königreich Dal Riada gesehen auf meiner Reise zu dem großen Konzil, das Oswy von Northumbria einberufen hatte.«

»Ach!« strahlte Eadulf. »Jetzt erkenne ich den Vogel. Lateinisch heißt er buteo, der Bussard. Eine seltsame Unterarmtätowierung für einen Mönch.«

Er fuhr mit seiner Untersuchung fort und nahm sich besonders die Hände und Füße vor.

»Dieser Mann ist kein Mönch, der Krieger geworden ist, und auch kein Krieger, der Mönch geworden ist«, verkündete er. »Seine Hände und Füße sind weich und nicht schwielig. Sieh dir mal die rechte Hand an, Fidelma, besonders zwischen Zeige- und Mittelfinger.«

Fidelma nahm die schlaffe, kalte Hand und unterdrückte ein Schaudern bei der Berührung des weichen Fleisches, das sich so biegsam anfühlte, als enthalte es keine Knochen.

Sie warf Eadulf einen raschen, verständnisvollen Blick zu und ließ die Hand wieder sinken.

»Was ist denn jetzt?« fragte Gionga zornig, weil er wieder nichts begriffen hatte.

»Er hat Tintenflecken an den Fingern«, beantwortete Eadulf seine Frage. »Das bedeutet, daß unser ehemaliger Mönch ein scriptor war. Merkwürdig, daß aus ihm ein Attentäter wurde.«

Gionga war auf Streit aus. »Na, der andere Mann war ja auch der Bogenschütze, und er trug das Zeichen der Leibgarde des Königs von Cashel, und seine Pfeile wurden von den Leuten von Cnoc Äine hergestellt, deren Gebiet von Colgüs Vetter regiert wird.«

Fidelma ersparte sich einen Kommentar dazu. »Und nun kommen wir zu dem Bogenschützen selbst. Was kannst du uns über ihn sagen, Eadulf?«

Eadulf nahm sich Zeit mit der Untersuchung der Leiche des größeren Mannes, dann trat er zurück und berichtete.

»Der Mann ist muskulös, und seine Hände sind an Arbeit gewöhnt, allerdings gut gepflegt. Es gibt keine Schmutzränder wie bei Bauern oder Landarbeitern. Die Fußsohlen sind verhärtet. Der Körper ist ge-bräunt und trägt zwei alte Narben von verheilten Wunden. Eine befindet sich an der linken Seite nahe den Rippen, die andere am linken Oberarm. Der Mann hat in Schlachten mitgefochten. Außerdem ist er ein berufsmäßiger Bogenschütze.«

Bei dieser letzten Feststellung brach Gionga in höhnisches Gelächter aus. »Bloß weil du gehört hast, wie ich sagte, er war Bogenschütze, brauchst du uns nicht mit deinen Künsten zu beeindrucken, als wärst du ein Zauberer, Angelsachse.«

Eadulf ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Ich berichte nur, was ich sehe.«

Fidelma lächelte. »Vielleicht erklärst du es Gionga, denn deine Logik versteht er anscheinend nicht.«

Eadulf blieb geduldig.

»Komm her«, winkte er dem Krieger der Ui Fid-gente. »Erst sehen wir uns die linke Hand an, mit der er den Bogen hielt. Hier siehst du die Schwielen an den Fingern. An der rechten Hand gibt es die nicht. An der rechten Hand erkennst du die kleineren Schwielen an den Spitzen von Daumen und Zeigefinger, mit denen er oft die Schaftenden von Pfeilen faßte. An der Innenseite des linken Unterarms findest du alte Verbrennungsnarben, wo die Bogensehne manchmal das Fleisch berührt. Das kommt vor, wenn der Schütze schnell hintereinander Pfeile abschießen will und den Bogen nicht immer genau richtet.«

Gionga suchte zu verbergen, wie beeindruckt er war. »Na gut, Angelsachse. Ich gebe zu, daß Logik in deinen Tricks steckt. Trotzdem hätte ich dir sagen können, daß er Bogenschütze war, denn als ich ihn niederschlug, hatte er noch den Bogen in der Hand, mit dem er meinen Fürsten hatte töten wollen.«

»Und den König von Muman ebenfalls«, fügte Donndubhain hinzu. »Das scheinst du immer wieder zu vergessen.«

»Seht euch doch die Kleidung der Attentäter an«, knurrte Gionga. »Erklär mir mal, wie das Zeichen des Ordens der Goldenen Kette, der Leibwache deines Vetters, dahin kommt.«

Auf einem anderen Tisch hatte Conchobar die Kleidung und die Waffen zur Untersuchung bereitgelegt.

Fidelma nahm das Kreuz an der Goldkette in die Hand, das Zeichen des alten Ordens, der mit den Eoghanacht-Königen von Cashel verbunden war. Es besaß keine besonderen Merkmale. Es war dem ähnlich, das sie selbst am Hals trug als Ausdruck der Dankbarkeit ihres Bruders für ihre Verdienste um das Königreich.

»Donndubhain, du standest doch deinem Vater nahe, König Cathal, der vor meinem Bruder König von Cashel war. Du kanntest die Mitglieder der Leibwache der Könige so gut wie kein anderer. Erkennst du diesen Bogenschützen?«

»Nein«, erklärte ihr Vetter. »Ich habe ihn noch nie in der Leibwache gesehen, Fidelma.«

Fidelma hielt ihm das Kreuz hin. »Hast du das schon mal gesehen ... Ich meine, dieses besondere Stück?«

»Es sieht wie alle Kreuze aus, die die Mitglieder des Ordens der Goldenen Kette tragen, Kusine. Du kennst es auch, denn du trägst selbst eins. Es ist unmöglich, sie voneinander zu unterscheiden.«

Gionga blieb skeptisch. »Na, das müßt ihr ja wohl sagen, nicht wahr? Ihr könnt ja nicht zugeben, daß einer aus eurer Leibwache ein Attentäter war.«

Donndubhain fuhr zornig herum, die Hand am Schwertgriff, doch Fidelma hielt ihn zurück.

»Ruhe! Ob du es glaubst oder nicht, Gionga, dieser Mann ist nicht als Mitglied des Ordens der Goldenen Kette bekannt. Ich kenne ihn nicht, und mein Vetter kennt ihn auch nicht. Darauf schwören wir dir jeden Eid.«

»Das habe ich mir gedacht, daß ihr das sagt«, erwiderte Gionga mit kein bißchen weniger Mißtrauen in der Stimme.

»Vielleicht trug er das Kreuz absichtlich, um dich irrezuführen?« vermutete Eadulf.

Gionga lachte mißtönend. »Du meinst, der Attentäter wollte getötet werden, damit wir sein Kreuz finden und uns irreführen lassen?« höhnte er.

Fidelma bemerkte Eadulfs beschämte Miene und kam ihm zu Hilfe.

»Vielleicht wollte der Attentäter es da fallenlassen, wo wir es finden würden«, sagte sie, wenn auch ohne Überzeugung, und wandte sich rasch den Kleidungsstücken zu.

»Grober Stoff. Nichts deutet auf die Herkunft hin. Sie könnten überall hergestellt worden sein. Zwei Le-derbeutel. Ein paar Münzen darin, doch von geringem Wert. Die Attentäter waren anscheinend arm. Und .«

Sie hielt inne, als ihre Finger in dem Beutel, der laut Bruder Conchobar dem älteren, fülligen Mann gehörte, einen Gegenstand erfaßten. Langsam holte sie ihn hervor.

Es war ein Kruzifix, etwa acht Zentimeter lang an einer langen Kette, beides aus funkelndem Silber. Die vier Arme des Kreuzes waren mit je einem Edelstein besetzt, ein größerer Stein zierte die Mitte. Es waren Smaragde. Das Kreuz war keine irische Arbeit, das sah man sofort, denn es war einfacher, weniger kunstvoll ziseliert als die Erzeugnisse irischer Goldschmiede.

Eadulf schaute ihr über die Schulter.

»So ein Kreuz trägt kein gewöhnliches Mitglied einer religiösen Ordensgemeinschaft«, bemerkte er.

»Auch kein Priester. Es ist bestimmt ein Bischofskreuz«, erwiderte Fidelma ehrfürchtig. »Es könnte sogar noch wertvoller sein als ein übliches Bischofskreuz.«

Kapitel 5

Colgü ruhte in einem geschnitzten Holzsessel mit hoher Lehne und streckte seine langen Beine dem Feuer im großen Kamin entgegen. Sein rechter Arm war mit weißem Leinen verbunden, doch sah Colgü viel wohler aus als vorhin.

»Was macht deine Wunde, Bruder?« fragte Fidelma zur Begrüßung, als sie mit Bruder Eadulf sein Privatzimmer betrat.

»Sie schmerzt gar nicht mehr, dank der Heilkunst unseres angelsächsischen Freundes«, antwortete Colgü lächelnd. Er wirkte noch etwas blaß. Er winkte ihnen, auf den Stühlen ihm gegenüber Platz zu nehmen. »Was hört man von Donennachs Verwundung?«

Die Frage galt Eadulf.

»Im wesentlichen eine Fleischwunde«, erwiderte er. »Der Pfeil drang in den Oberschenkel ein, zerriß aber keine Muskeln. Ein paar Tage wird er Schmerzen haben, aber weiter nichts.«

»Jedenfalls wird die Wunde keinen Makel hinterlassen«, kicherte Colgü vergnügt.

»Das stimmt«, bestätigte Eadulf leicht verwundert. »Warum ist das so wichtig?«

»Du bist die Rechtsgelehrte in der Familie, Fidel-ma«, schmunzelte Colgü. »Erklär du es unserem Freund.«

Fidelma wandte sich Eadulf zu.

»Nach unserem Gesetz muß der König einen makellosen Körper besitzen, Eadulf. Er darf von keiner Behinderung oder Entstellung betroffen sein.«

»Wird ein König tatsächlich seines Amtes enthoben, wenn er als König eine entstellende Verletzung erleidet?« fragte Eadulf verblüfft.

»Ich kenne nur den einen Fall des Königs von Ulaidh, Congal Caech, der eine Zeitlang auch als Großkönig herrschte. Durch den Stich einer Biene wurde er auf einem Auge blind und mußte deshalb die Herrschaft in Tara abgeben«, berichtete Fidelma.

»In seiner eigenen Provinz konnte er aber König bleiben«, wandte Colgü ein, »und er herrschte in Ulaidh, bis er in einer Schlacht fiel.«

»Wann war das?« erkundigte sich Eadulf.

»Er fiel bei Magh Rath in dem Jahr, als meine Schwester geboren wurde«, antwortete Colgü lächelnd. »Aber was hast du herausgefunden, Fidelma? Wer ist verantwortlich für diesen Anschlag auf Do-nennach und mich?«

Fidelmas Miene wurde ernst, und sie schwieg eine Weile, die Hände im Schoß.

»Das sieht nicht gut aus«, begann sie schließlich. »Es handelt sich um versuchten Mord. Nach dem Ge-setz ist es das schwere Verbrechen Duinethdide, auf dem eine doppelt so hohe Strafe steht wie gewöhnlich.«

»Doppelt so hoch wie gewöhnlich?« fragte Eadulf verständnislos.

»Eine ungesetzliche Tötung wird, wie du weißt, mit dem Verlust der Rechte und der Zahlung einer Entschädigung in festgesetzter Höhe an die Sippe des Getöteten bestraft. Duinethdide, was wörtlich Personendiebstahl heißt, wie zum Beispiel die Ermordung eines Fürsten, gilt als ein schwereres Verbrechen.«

Colgü beugte sich vor. »Wir kennen die Art des Verbrechens, Fidelma, aber warum meinst du, daß es nicht gut aussieht? Die Attentäter sind tot - erschlagen von Gionga von den Ui Fidgente. Man muß doch nur feststellen, wer sie sind und ob andere an dem Verbrechen beteiligt waren.«

Fidelma seufzte schwer und schüttelte den Kopf. »Wie du weißt, trug einer der Erschlagenen das Zeichen des Ordens der Goldenen Kette, das Kreuz des Adelsordens der Könige von Cashel.«

Colgü hob ungeduldig die Hand. »Gewiß, aber hat man herausgefunden, wer er ist? Ich kenne ihn nicht, und wie ich höre, kennt ihn Donndubhain auch nicht. Ich habe außerdem Capa, den Kommandeur der Leibwache, beauftragt, sich die Leiche in Conchobars Apotheke anzusehen, und er meldet, daß er diesen Mann auch nicht kennt. Daraus folgt doch mit Sicherheit, daß er nicht unserer ausgesuchten Kriegerschar angehört.«

»Es stimmt, daß ihn anscheinend niemand kennt«, seufzte Fidelma. »Doch seine Pfeile tragen die unverwechselbaren Zeichen der Eoghanacht von Cnoc Äi-ne.«

Colgü zog ein langes Gesicht. »Meinst du damit, daß die Attentäter im Dienst unseres Vetters Finguine, des Fürsten von Cnoc Äine, standen?«

»Ich sage nur, daß einer von ihnen Pfeile bei sich führte, die von einem Pfeilschmied von Cnoc Äine gefertigt wurden, denn die Lenkfedern tragen das Zeichen dieses Gebiets. Eadulf und ich haben die Leiche sorgfältig untersucht. Sie weist weiter keine Merkmale auf als das Kreuz der Goldenen Kette und die Pfeile. Ein ddlaigh könnte das für hinreichende Beweise für die Herkunft des Mannes ansehen. Gionga behauptet bereits, es handele sich um eine Verschwörung Cas-hels mit dem Ziel, den Fürsten der Ui Fidgente herzulocken und umzubringen.«

»Das ist Unsinn!« zürnte Colgü. »Das kann doch nicht sein Ernst sein. Ein Pfeil der Attentäter hat auch mich getroffen.«

»Das stimmt«, gab Fidelma zu, »aber Gionga dreht das zu seinen Gunsten um mit der Behauptung, du wärest nicht ernsthaft verletzt worden ...«

»Ernsthaft genug«, warf Eadulf ein, »und zwar schwerer als der Fürst der Ui Fidgente.«

»Aber nicht so schwer, daß Gionga nicht verbreiten würde, der Pfeilschuß auf meinen Bruder sei nur ein Täuschungsmanöver gewesen. Es sollte so aussehen, als hätte der Angriff beiden gegolten, während Do-nennach das wahre Opfer gewesen wäre. Er sagt, hätte er nicht so schnell gehandelt, hätten die Attentäter erneut geschossen und wären verschwunden und wir hätten nie erfahren, daß es Männer von Cashel waren.«

»Solche Hirngespinste habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehört«, brummte Colgü und lehnte sich in seinen Sessel zurück, denn in seinem Zorn hatte er sich unwillkürlich vorgebeugt, und seine Wunde schmerzte wieder. Er blickte düster drein. »Was meinst du, Fidelma? Du hast Erfahrung mit solchen Geschichten. Wie können wir Giongas falsche Anschuldigungen zurückweisen?«

»Wenn Gionga seine Behauptung beweisen kann, die Attentäter hätten im Solde Cashels gestanden, dann bist du, mein Bruder, nach dem Gesetz verantwortlich und mußt die Entschädigung zahlen. Du würdest das Königsamt verlieren. Ich fürchte, die Beweislast liegt bei uns. Wir müssen Giongas Beschuldigung widerlegen, denn er kann sich auf das Kreuz des Ordens und die Herkunft der Pfeile berufen. Wir müssen den Gegenbeweis liefern, um seinen Anspruch abzuweisen.«

Ein langes Schweigen trat ein.

»Wenn ich für schuldig befunden werde, dann, das weißt du auch, wird Cashel niemals zum Frieden mit den Ui Fidgente kommen«, seufzte der junge König. »Du mußt mir helfen, Fidelma. Wie können wir diese Anschuldigungen entkräften?«

»Wir können Giongas Behauptungen nur widerlegen, indem wir Gegenbeweise beibringen«, wiederholte Fidelma. »Wir müssen herausfinden, wer die Attentäter wirklich waren. Hat der Bogenschütze den Orden der Goldenen Kette zu Recht getragen? Warum sollte er ihn bei einem solchen Unternehmen tragen? Wenn er unerkannt entkommen wollte, wie Gionga behauptet, warum hat er dann zwei Pfeile sorgfältig auf dem Dach abgelegt, damit man ihre Herkunft leicht feststellen konnte?«

»Vielleicht hatte er es einfach zu eilig?« vermutete Eadulf. »Nachdem er geschossen hatte, sah er Gionga über den Platz geritten kommen und floh vom Dach.«

Fidelma schaute ihn beinahe mitleidig an. »Der Mann war, wie du richtig festgestellt hast, ein berufsmäßiger Bogenschütze. So einer gerät nicht so schnell in Panik, er behält seine Waffen bei sich. Ich meine, er wollte uns diese Pfeile finden lassen.« Dann kam ihr ein neuer Gedanke. »Und wenn er ein berufsmäßiger Bogenschütze war, warum hat er dann nicht besser getroffen?«

Sie stand erregt auf und schloß die Augen, als wolle sie sich die Szene ins Gedächtnis zurückrufen.

»Colgü parierte plötzlich sein Pferd und beugte sich hinunter, um mich zu begrüßen. Hätte er das nicht getan, wäre er tödlich verletzt worden. Warum, frage ich mich, hat der Bogenschütze mit dem zweiten Pfeil Donennach nicht besser getroffen? Er bot doch ein stehendes Ziel.«

»Ich vermute, auch ein geübter Schütze hat mal einen schlechten Tag«, meinte Eadulf.

Colgü beugte sich zu Fidelma vor.

»Denkst du, daß die Ui Fidgente die Hand im Spiel hatten? Daß sie das einfädelten, um Cashel die Schuld daran zuzuschieben, daß der Krieg weiterginge?«

»Bevor ihr die Ui Fidgente verdächtigt«, wandte Eadulf ein, »denkt daran, daß es Gionga war, der die Attentäter niedermachte. Das hätte er kaum getan, wenn es Leute gewesen wären, die seinen eigenen Plänen dienten.«

»Ich meine, es gibt viele Dinge, die erst geklärt werden müssen, bevor wir zu einer Entscheidung kommen«, erwiderte Fidelma. »Wir haben festgestellt, daß der Begleiter des Bogenschützen ein ehemaliger Mönch war. Er trug früher die Tonsur des heiligen Petrus, ließ aber in den letzten Wochen das Haar wachsen. Die Tintenmale an seinen Fingern weisen darauf hin, daß er ein scriptor war. Und schließlich hatte er dies bei sich .«

Sie holte das kunstvolle silberne Kruzifix hervor und zeigte es ihrem Bruder.

Colgü nahm es und betrachtete es stirnrunzelnd.

»Das ist eine schöne Arbeit, Fidelma. Es ist sehr wertvoll. Ich glaube nicht, daß es in unserem Königreich angefertigt wurde. Die Verzierungen sind anders.« Er überlegte. »Ich könnte schwören, daß ich es schon einmal gesehen habe. Aber wo?«

Fidelma horchte auf. »Versuch dich zu erinnern, Bruder. Und denk mal darüber nach, weshalb ein früherer Mönch zum Attentäter werden und dabei ein so kostbares Stück bei sich führen sollte?«

Colgü sah seine Schwester nachdenklich an.

»Meinst du, daß es in dieser Angelegenheit verborgene Tiefen gibt?«

»Ja. Irgend etwas stimmt da nicht«, erwiderte sie. »Das, was wir bisher wissen, macht einfach keinen Sinn.«

Es wurde an die Tür geklopft, und auf Colgüs Ruf hin wurde sie geöffnet.

Donndubhain trat ein und sprach, ohne die Erlaubnis Colgüs abzuwarten. Das war sein Recht. Er sah nicht sehr glücklich aus.

»Der Fürst der Ui Fidgente verlangt dich zu sprechen. Sein Hauptmann Gionga hat ihm eingeredet, daß Cashel ihn zu ermorden beabsichtigte.«

Colgü reagierte mit einem ausdrucksvollen Fluch. »Können wir ihn ein wenig hinhalten? Wir sind noch zu keinem Schluß gekommen in dieser Sache.«

Donndubhain schüttelte den Kopf. »Der Fürst erwartet dich bereits in der Großen Halle. Ich habe nicht mal gewagt, ihm sein Benehmen vorzuwerfen, denn er ist in äußerst schlechter Stimmung.«

Nach dem Protokoll hatte selbst ein Fürst zu warten, bis man ihn hineinbat, ehe er die Große Halle in Cashel betrat, in der der König offizielle Besucher und Gäste empfing. Gäste hatten sich in den Vorräumen aufzuhalten, wenn sie um eine Audienz beim König nachsuchten.

Der König erhob sich vorsichtig. Er verstand die Erregung, die seinen Gast das Protokoll vergessen ließ.

»Dann gehen wir lieber zu ihm und hören, was er von uns will«, meinte er resigniert. »Kommt mit, du auch, Eadulf. Ich brauche vielleicht deinen starken Arm.«

Als sie die Halle betraten, hatte sich der Fürst der Ui Fidgente bereits niedergelassen. Sein Gesicht war schweißbedeckt, und er wechselte unruhig die Haltung. Auch wenn es nur eine Fleischwunde war, sie bereitete ihm sichtlich Schmerzen. Hinter ihm stand Gionga mit finsterer Miene. Sonst befand sich niemand in der Halle, außer Capa von der Leibwache des Königs, der hinter dem Thron Aufstellung genommen hatte.

Donennach wollte sich erheben, doch Colgü, der es mit dem Protokoll nicht übermäßig genau nahm, winkte ihn zurück in seinen Sessel, ging zu seinem Amtssessel und setzte sich vorsichtig. Fidelma ließ sich links von ihm nieder, Donndubhain zu seiner Rechten. Eadulf gesellte sich zu Capa.

»Nun, Donennach, womit kann ich dir dienen?«

»Ich kam hierher als dein Gast, Colgü«, begann der Fürst. »Ich kam her in dem Wunsch, daß wir Ui Fidgente zu einem dauerhaften Frieden mit den Eogha-nacht von Cashel gelangen würden.«

Er hielt inne. Colgü wartete höflich. Dieser Feststellung war nichts hinzuzufügen.

»Aus diesem Attentat auf mich .« Donennach zögerte, »auf uns beide«, verbesserte er sich, »ergeben sich bestimmte Fragen.«

»Du darfst versichert sein, daß wir alle dringend die Antworten auf diese Fragen suchen«, warf Fidelma leise ein.

»Davon gehe ich auch aus«, fauchte Donennach. »Aber von Gionga höre ich Dinge, die mich beunruhigen. Er erklärt mir, daß die Attentäter, die er erschlagen hat, Männer aus Cnoc Äine sind, dem Land, in dem dein Vetter Finguine herrscht. Deshalb sind es Männer, für die du die Verantwortung trägst, Colgü von Cashel. Ich sah mit eigenen Augen an der Leiche des einen Attentäters das Kreuz deiner Elitetruppe.«

»Du kennst sicher das Sprichwort, Donennach, fronti nulla fides?« fragte ihn Fidelma ruhig.

Donennach schaute sie finster an. »Was meinst du damit?« knurrte er.

»Daß man sich auf den Anschein nicht verlassen darf. Jemandem eine goldene Kette mit einem Kreuz daran umzuhängen ist ebenso leicht, wie ihm einen Mantel um die Schultern zu werfen. Der Mantel oder das Kreuz verraten dir noch nicht, wer derjenige wirklich ist, sondern nur, für wen er gehalten werden möchte«, erwiderte Fidelma gelassen.

Donennach kniff die Augen zusammen. »Vielleicht überläßt du es lieber deinem Bruder, dem König, sich zu verteidigen?«

»Verteidigung setzt Anklage voraus«, tadelte ihn Colgü milde. »Wir sollten uns nicht gegenseitig anklagen, sondern uns bemühen, die Wahrheit zu ergründen.«

Donennach machte eine gleichgültige Handbewegung. »Du gibst also zu, daß du mir eine Erklärung schuldig bist?«

»Wir geben zu«, erwiderte Colgü vorsichtig, »daß einer der beiden Männer, die Gionga tötete, das Kreuz des Ordens von Cashel trug. Das bedeutet jedoch nicht, daß er in meinem Dienst stand. Wie meine Schwester bereits sagte, ist es leicht, einem Mann etwas anzuhängen, um andere zu täuschen.«

Donennach wirkte plötzlich verlegen, er sah Gion-ga an.

»Woher weiß ich, daß dies nicht ein Versuch Cas-hels ist, die Ui Fidgente zu vernichten?« fragte er.

Das ließ Donndubhain im Zorn hochfahren. Er sprang auf, die Hand an der Hüfte, wo sonst die Schwertscheide hing. Aber es gab eine Vorschrift, daß niemand die Große Halle bewaffnet betreten durfte.

»Das ist eine Beleidigung Cashels!« schrie er. »Das muß der Ui Fidgente zurücknehmen!«

Gionga hatte sich vor seinen Fürsten gestellt, auch seine Hand am leeren Schwertgurt.

Mit einer Handbewegung hielt Colgü seinen Tanist zurück.

»Beruhige dich, Donndubhain«, befahl er. »Donennach, schicke deinen Mann zurück. Niemand tastet dich an, solange du in Cashel bist, das schwöre ich beim heiligen Kreuz.«

Donndubhain sank auf seinen Stuhl zurück, und auf eine Handbewegung Donennachs hin stellte sich Gionga wieder hinter ihn.

Ein eisiges Schweigen trat ein.

Colgü hatte den Blick fest auf das Gesicht des Fürsten der Ui Fidgente gerichtet. »Du sagst, du weißt nicht, ob das, was geschehen ist, nicht ein Versuch

Cashels war, dich umzubringen? Kann ich denn sicher sein, daß es nicht eine Verschwörung einiger Ui Fid-gente gegen mein Leben war?« fragte er ruhig.

»Eine Verschwörung von mir? Hier in Cashel? Ich wurde doch von dem Pfeil des Attentäters beinahe getötet.« Donennach klang zunehmend gereizt.

»Anstatt uns gegenseitig zu beschuldigen, sollten wir uns gemeinsam bemühen, festzustellen, wer die Schuldigen waren«, wiederholte Colgü und unterdrückte mühsam den Ärger über seinen Gast.

Donennach antwortete mit einem spöttischen Lachen.

Fidelma erhob sich plötzlich und stellte sich zwischen die beiden, jedem in symbolischer Haltung eine Handfläche zukehrend.

Beide verstummten, denn auf diese Art konnte ein dalaigh selbst Königen Schweigen gebieten.

»Es gibt hier einen Streitfall«, sagte sie ruhig. »Doch beide Streitenden besitzen nicht genügend Beweise, um ihre Argumente logisch und überzeugend zu begründen. Wir brauchen ein Schiedsgericht. Wir müssen das Geheimnis dessen, was hier geschehen ist, aufdecken und feststellen, wer dafür verantwortlich ist. Stimmt ihr dem zu?«

Sie schaute Donennach an.

Mit zusammengepreßten Lippen erwiderte der Fürst ihren Blick. Dann zuckte er die Achseln. »Ich will weiter nichts, als daß die Tatsachen untersucht werden.«

Fidelma sah nun ihren Bruder fragend an.

»Ich bin für ein Schiedsgericht. Wie soll das vor sich gehen?«

»Das Bretha Crolige genannte Gesetz legt die Bedingungen fest«, antwortete Fidelma. »Es sind drei Richter erforderlich, einer aus Cashel, einer von den Ui Fidgente und einer, der nicht aus diesem Königreich kommt. Ich würde einen Richter aus Laigin vorschlagen, denn das ist weit genug entfernt, so daß er nicht befangen wäre. Die Richter sollen laut Gesetz in neun Tagen zusammentreten. Dann werden ihnen die Tatsachen vorgelegt, und wir alle haben uns nach ihrem Spruch zu richten.«

Donennach wechselte einen Blick mit Gionga, bevor er sich Fidelma zuwandte und sie mißtrauisch ansah. »Wirst du der Richter von Cashel sein?« fragte er spöttisch. »Du bist die Schwester des Königs und solltest hier nicht zu Gericht sitzen.«

»Wenn du damit sagen willst, daß ich befangen bin, so weise ich das zurück. Ich werde jedoch nicht der Richter von Cashel sein. Es gibt Berufenere als mich. Ich ersuche darum, daß Brehon Dathal gebeten wird, als Richter zu amtieren. Allerdings erbiete ich mich, die Erlaubnis des Königs vorausgesetzt, die Beweise für Cashel zu sammeln und als sein Anwalt zu fungieren. In gleicher Weise kannst du, Donennach, einen dalaigh benennen, der die Beweise für deine Behauptungen erbringt.«

Der Fürst der Ui Fidgente überlegte; er fürchtete anscheinend eine Falle.

»Also dann in neun Tagen. Das Gericht tritt am Feiertag des heiligen Matthäus zusammen. Ich werde meinen dalaigh und meinen Richter holen lassen. Wenn du willst, Colgü, kannst du deine Schwester als deine Anwältin nehmen.«

Colgü lächelte Fidelma zu. »Es soll so sein, wie es meine Schwester sagt. Sie ist die Anwältin für Cashel.«

»So sei es denn«, pflichtete Donennach ihm bei und fügte nachdenklich hinzu: »Aber welcher Richter aus Laigin soll kommen?«

»Denkst du an einen bestimmten?« fragte Colgü.

»An den Brehon Rumann«, antwortete Donennach sofort, »Rumann von Fearna.«

Colgü kannte ihn nicht. »Hast du schon von einem Richter namens Rumann gehört, Fidelma?« erkundigte er sich.

»Ja, er hat einen guten Ruf. Ich habe nichts dagegen, wenn er gebeten wird, als dritter Richter den Vorsitz zu führen.«

Mit Giongas Hilfe erhob sich Donennach.

»Das ist gut. Als unseren Richter benenne ich den Brehon Fachtna. Er ist schon in Cashel, er kam in meinem Gefolge her. Unser dalaigh wird Solam sein. Ich werde ihn gleich holen lassen. Ich hoffe auf gute Zusammenarbeit, wenn er hier ist und unsere Beweise vorträgt.«

»Darauf kannst du dich verlassen«, erwiderte Colgü kühl. »Du hast unsere volle Unterstützung, wenn es darum geht, dieser Angelegenheit auf den Grund zu kommen. Unsere Schreiber werden ein Protokoll über das Verfahren aufsetzen, wir werden es unterschrei-ben und dafür Sorge tragen, daß am festgelegten Tag alle hier versammelt sind.«

Als der Fürst der Ui Fidgente gegangen war, lehnte sich Colgü sichtlich beunruhigt zurück. »Ich weiß, dein Vorschlag war korrekt, Fidelma, aber wie du schon sagtest, die Beweise sprechen gegen Cashel.«

Donndubhain schüttelte den Kopf. »Keine gute Taktik, Kusine.«

Fidelma lächelte dünn. »Zweifelst du an meinen Fähigkeiten als Anwältin?«

»Nicht an deinen Fähigkeiten, Fidelma«, warf Colgü ein. »Aber ein Anwalt ist gewöhnlich nur so gut wie das Beweis material, das ihm zur Verfügung steht. Kennst du den Anwalt der Ui Fidgente, diesen ... wie heißt er doch?«

»Solam. Ich habe von ihm gehört. Er soll tüchtig, aber von reizbarem Temperament sein.«

»Wie wirst du Cashel verteidigen?« erkundigte sich Donndubhain.

»Ich weiß, daß dies kein Versuch von Cashel war, Donennach zu ermorden. Bleiben also drei Möglichkeiten«, erwiderte Fidelma.

»Nur drei?« fragte Donndubhain düster.

»Nur drei, die eine gewisse Logik besitzen. Erstens könnten die Ui Fidgente einen Plan gegen Cashel geschmiedet haben und dies eine raffinierte Täuschung gewesen sein, um uns die Schuld zuzuschieben. Zweitens wäre es möglich, daß die Attentäter Blutrache üben wollten und es darum auf Colgü oder Donen-nach abgesehen hatten. Drittens könnten die Attentäter allein gehandelt haben mit dem einzigen Ziel, den bevorstehenden Friedensschluß zwischen den Ui Fid-gente und Cashel zu verhindern.«

»Bevorzugst du eine dieser Theorien, Fidelma?« fragte Colgü.

»Ich bin für alle offen, würde aber sagen, daß die erste Möglichkeit unwahrscheinlich ist.«

»Die Möglichkeit, daß die Ui Fidgente hinter den Attentätern stecken? Warum? Weil auch auf Donen-nach geschossen wurde?« erkundigte sich Colgü.

»Weil ich zwar Donennach nicht mag, er aber das Schiedsgericht anerkannt und ohne Zögern den Brehon Rumann benannt hat. Ich kenne Rumann und seinen Ruf. Er ist fair und nicht bestechlich. Wenn es eine Verschwörung wäre, hätten die Ui Fidgente versucht, sich Vorteile zu verschaffen, denn auf den Spruch dieses dritten, unabhängigen Richters wird es sehr ankommen.«

Colgü wandte sich an Donndubhain. »Du läßt am besten das Protokoll aufsetzen, und ich und Donen-nach unterschreiben es. Dann müssen wir Boten zu Rumann nach Fearna schicken und ebenso zu Solam von den Ui Fidgente.«

Als Donndubhain gegangen war, um diesen Auftrag auszuführen, sagte Colgü besorgt zu Fidelma: »Das alles gefällt mir trotzdem nicht, Fidelma. Die Beweislast liegt immer noch bei uns, wir müssen die Anschuldigungen der Ui Fidgente entkräften.«

Fidelma konnte ihn nicht trösten. »Dann, Bruder, muß ich als deine dalaigh bald etwas finden, womit wir die Anklage abweisen können.«

IOI

»Aber die Tatsachen liegen uns alle vor ... Es sei denn, du findest einen Zauberer, der die Attentäter wieder lebendig macht.«

Eadulf, der an diesen Humor nicht gewöhnt war, bekreuzigte sich rasch. Weder Colgü noch Fidelma achteten darauf.

»Nein, Bruder. Ich fange da an, wo unser einziger wirklicher Anhaltspunkt ist.«

Ihr Bruder runzelte die Stirn. »Und wo ist das?«

»Im Lande unseres Vetters Finguine von Cnoc Äi-ne, wo sonst? Vielleicht kann ich herausbekommen, wer die Pfeile hergestellt hat. Daraus kann ich dann womöglich ermitteln, wer der Bogenschütze war.«

»Dir bleiben nur neun Tage.«

»Das weiß ich«, meinte Fidelma.

Plötzlich erhellte sich Colgüs Miene. »Du könntest Abt Segdae von Imleach aufsuchen, er ist ein Kenner sakraler Kunst. Er kann dir vielleicht etwas über das Kruzifix sagen. Ich bin sicher, daß ich es kenne, aber ich weiß nicht, wo ich es schon mal gesehen habe.«

Daran hatte Fidelma auch schon gedacht, sagte das aber nicht laut, sondern lächelte und nickte nur.

»Allerdings kann ich zwar einen der Pfeile mitnehmen«, antwortete sie, »aber nicht das Kruzifix, das muß als Beweisstück für Donennachs dalaigh hierbleiben. Nähme ich es mit, würde man mich beschuldigen, Beweismaterial unterschlagen zu haben. Ich will mir vom alten Conchobar, der auch ein hervorragender Zeichner ist, eine Skizze davon machen lassen.«

»Sehr gut. Vielleicht gibt es in all diesem Durcheinander doch noch einen Hoffnungsschimmer«, meinte Colgü. »Wann willst du nach Imleach aufbrechen?«

»Wenn Conchobar es schafft, kann ich mich in einer Stunde auf den Weg machen.«

Eadulf hüstelte diskret.

Fidelma verbarg ihr Lächeln. »Ich hoffe natürlich, daß Bruder Eadulf es möglich machen kann, mich nach Imleach zu begleiten.«

Colgü wandte sich an Eadulf. »Würdest du dich überreden lassen .?« Die Frage blieb unvollendet im Raum stehen.

»Ich werde mein Bestes tun, um Fidelma alle Unterstützung zu geben, die in meiner Macht steht«, versicherte Eadulf feierlich.

»Dann ist das geklärt.« Colgü lächelte seiner Schwester zu. »Meine besten Pferde stehen euch zur Verfügung, damit ihr schnell vorankommt.«

»Wie weit ist es bis Imleach?« fragte Eadulf. Er befürchtete, sich auf eine lange Reise eingelassen zu haben.

»Ungefähr einundzwanzig Meilen«, beruhigte ihn Fidelma, »aber der Weg verläuft gerade. Wir können noch vor Abend dort sein.«

»Je eher also Bruder Conchobar eine Zeichnung von dem Kruzifix machen kann, desto früher könnt ihr aufbrechen.« Colgü reichte seiner Schwester die gesunde Hand. »Ich brauche dir nicht zu sagen, daß du auf dich aufpassen sollst, Fidelma«, sagte er ernst. »Wer den Tod von Königen nicht scheut, nimmt auch keine Rücksicht auf die Schwester eines Königs. Die Zeiten sind gefährlich.«

Fidelma erwiderte tröstend den Händedruck ihres Bruders.

»Ich passe schon auf, Bruder. Aber deinen Rat mußt du auch selbst befolgen. Was einmal mißlang, kann erneut versucht werden. Solange wir nicht wissen, wer hinter dem Anschlag steckt, achte sehr darauf, mit wem du dich umgibst. Ich spüre, daß auch hier Gefahr lauert, Bruder, hier in den Gängen unseres Palastes von Cashel.«

Kapitel 6

Fidelma begegnete ihrem Vetter Donndubhain auf dem Wege zu den Ställen, als sie die Pferde für den Ritt nach Imleach besorgen wollte. Normalerweise reisten Mönche oder Nonnen unterhalb des Ranges eines Bischofs oder Abts nicht zu Pferde, doch Fidel-ma besaß diesen Rang nicht nur als Schwester des Königs, sondern auch als dalaigh. Der Thronfolger von Muman hielt verschiedene Dokumente in der Hand.

Lächelnd wies er sie seiner Kusine vor. »Das Protokoll ist aufgesetzt, wie Colgü es angeordnet hat«, erklärte er. »Ich halte das allerdings für Papierverschwendung.«

Papier, eine fernöstliche Erfindung und erst ein paar Jahrhunderte alt, war noch selten und so teuer, daß nur wenige Könige in Eireann es einführten. Gutes Pergament entsprach eher ihrem Status.

Fidelma blieb ernst. »Ich hoffe nicht, daß es verschwendet ist, Vetter«, antwortete sie.

»Willst du das Protokoll durchlesen? Du verstehst mehr von Juristerei als ich.«

»Du bist der Tanist, Vetter. Ich bin sicher, daß alles seine Richtigkeit hat. Außerdem muß ich fort. Uns bleiben nur neun Tage, um die Wahrheit herauszubekommen.«

»Die werden schon ausreichen«, beruhigte sie Donndubhain. »Ich kenne dich, Fidelma. Du hast das Talent, einen Haufen Sand durchzusieben und das eine Korn darin zu finden, das du suchst.«

»Du hast eine zu hohe Meinung von meinen Fähigkeiten.«

Donndubhain war zwei Jahre jünger als Fidelma. Als Kinder hatten sie in Cashel zusammen gespielt, bis Fidelma zum Studium fortgeschickt wurde.

Seither hatte Fidelma Donndubhain nur selten gesehen, bis sie voriges Jahr nach Cashel zurückgekehrt war, nachdem ihr Bruder König geworden und ihr Vetter zu seinem Nachfolger ernannt worden war. Sie wußte, daß Donndubhain auf ruhige und verläßliche Art ihren Bruder unterstützte. Er mochte über das Protokoll lästern, aber er verstand viel vom Rechtswesen, und die Texte waren sicher in Ordnung.

Donndubhain sah sich plötzlich um, als wolle er sich vergewissern, daß sie allein seien.

»Manchmal«, sagte er leise, »fürchte ich, daß dein Bruder sein Amt nicht ernst genug nimmt.«

»Wie meinst du das?«

»Er verläßt sich zu leicht auf das Wort anderer, ohne es zu prüfen. Er ist anständig und glaubt deshalb, alle anderen seien es auch. Er ist zu vertrauensvoll. In dieser Sache mit den Ui Fidgente zum Beispiel ist er viel zu schnell bereit, Donennach zu trauen.«

»Ach«, fragte Fidelma gespannt, »traust du ihm nicht?«

»Das kann ich mir nicht erlauben. Wenn nun Colgü zu vertrauensselig ist und Fürst Donennach plant, ihn ermorden zu lassen? Irgend jemand muß doch in der Lage sein, deinen Bruder und Cashel zu schützen.«

Fidelma mußte sich eingestehen, daß sie an so etwas auch schon gedacht hatte. Sie erinnerte sich, daß nur neun Monate zuvor die Ui Fidgente versucht hatten, Cashel zu stürzen. Das Blut in Cnoc Äine war noch kaum getrocknet, und dieser Gesinnungswandel, diese Bereitschaft, Frieden zu schließen, kam so plötzlich, so unvermutet, daß sie das Mißtrauen ihres Vetters teilte.

»Mit dir als Tanist, Vetter, hat mein Bruder nichts zu befürchten«, versicherte sie ihm.

Donndubhain blieb skeptisch. »Ich wünschte, ich könnte dir einen Trupp Krieger mitgeben«, sagte er.

»Das habe ich meinem Bruder bereits ausgeredet«, erwiderte Fidelma fest, »also nehme ich sie auch nicht von dir. Eadulf und ich haben schon gefährlichere Reisen gemacht.«

Donndubhain runzelte einen Moment die Stirn, dann breitete sich ein Lächeln über sein Gesicht. »Da hast du natürlich recht. Unser angelsächsischer Freund ist eine gute Stütze in Zeiten der Gefahr. Er hat Cashel gute Dienste geleistet, seit er hier ist. Aber er ist kein Krieger. Er ist zu langsam, wenn du einen schnellen Schwertarm brauchst.«

Fidelma errötete, als sie sich genötigt sah, Eadulf zu verteidigen. Zugleich ärgerte sie sich darüber.

»Eadulf ist ein guter Mann. Auch ein langsamer Jagdhund hat seine Vorteile«, zitierte sie ein altes Sprichwort.

»Das stimmt. Aber nimm dich vor diesem Ui Fid-gente Gionga in acht. Der gefällt mir gar nicht. Mir ist er verdächtig.«

»Da bist du nicht der einzige, Vetter«, lächelte Fi-delma. »Hab keine Angst. Ich sehe mich vor.«

»Wenn du unseren Vetter Finguine von Cnoc Äine siehst, bestell ihm Grüße von mir.«

»Das mache ich.« Fidelma wollte schon zu den Ställen gehen, wandte sich aber noch einmal um. »Hast du gesagt, daß dieser Kaufmann Samradan auf Handelsreise in der Abtei Imleach ist?«

»Ja. Er tätigt dort oft Geschäfte. Aber die Attentäter haben sich das Dach seines Lagerhauses sicher rein zufällig ausgesucht. Er kann mit der Sache nichts zu tun haben.«

»Ich glaube, das sagtest du schon mal. Bist du Kunde bei ihm?«

»Ja, ich habe ein paar silberne Schmuckstücke von ihm gekauft.« Er berührte seine Silberspange. »Warum?«

»Ich kenne den Mann nicht. Stammt er von hier?«

»Er wohnt hier seit ein paar Jahren. Wie lange genau, weiß ich nicht, auch nicht, wo er herkommt.«

»Es ist nicht wichtig«, meinte Fidelma. »Wie du schon sagst, er kann mit der Sache nichts zu tun haben. Jetzt muß ich fort. Wir sehen uns alle in neun Tagen wieder.«

Donndubhain hielt die Papiere hoch und lächelte.

»Wir passen auf deinen Bruder auf, bis du zurück bist. Das verspreche ich dir. Sichere Reise, Kusine, und komm bald wieder.«

Die Wolken, die am Vormittag den Himmel bedeckten, hatten sich gelichtet. Nun trieben nur noch lockere weiße Schäfchenwolken langsam im Himmelsblau dahin und ließen ab und zu die Nachmittagssonne durch, die die Wiesen erwärmte. Es wehte eine leichte Brise, doch die Luft war angenehm und mild.

Fidelma und Eadulf hatten eine Gabelung des Flusses Suir ungefähr vier Meilen westlich von Cashel erreicht. Dort führte eine Holzbrücke über den schnell dahinströmenden Wasserlauf. Sie stützte sich auf eine kleine Insel in der Mitte des Flusses, die auch eine winzige befestigte Ansiedlung trug, die diesen Zugang nach Cashel deckte. Sie war jetzt nicht bewohnt, denn seit vielen Jahren hatte sich kein feindliches Heer mehr der Hauptstadt der Eoghanacht so weit genähert. An beiden Enden der Brücke bedeckte Wald die Ufer des Flusses. Soviel Eadulf wußte, war dies die einzige Straße von Cashel nach Westen. Jenseits des Flusses kreuzte sie die großen Straßen nach Norden und Süden.

Fidelma ritt ihre weiße Stute aus dem Stall ihres Bruders, Eadulf folgte ihr auf einem jungen Rotfuchs. Mitten auf der Brücke parierte Fidelma ihr Pferd.

»Was ist?« fragte Eadulf.

Fidelma hatte eine Bewegung in der Befestigung erspäht. Dort, wo die Brücke die Insel erreichte, traten zwei Bogenschützen mit gespannten Bogen aus dem Schatten der Bäume. Ihre Pfeile waren auf sie gerichtet. Ein dritter Krieger, dessen Schild das Wappen eines aufgerichteten Ebers trug, stellte sich zwischen die Bogenschützen, das Schwert lässig in der rechten Hand, doch sorgfältig darauf bedacht, den Schützen nicht das Schußfeld zu versperren.

Fidelma kniff die Augen zusammen.

»Paß auf, Eadulf«, sagte sie leise. »Der Krieger trägt das Wappen der Ui Fidgente.«

Sie ritt ein paar Schritte vor.

»Halt!« rief der Krieger in der Mitte und hob das Schwert. »Keinen Schritt weiter!«

»Wer erteilt hier Befehle auf dieser Brücke in Sicht des Palasts des Königs von Cashel?« fragte sie zornig.

Der Krieger lachte grimmig. »Einer, der Leute daran hindert, sie zu passieren, Schwester«, erwiderte er spöttisch.

»Laß dir sagen, daß ich eine dalaigh bin und du kein Recht hast, mir den Übergang zu verweigern«, rief sie verärgert.

Der Mann änderte seine Haltung nicht. »Ich weiß sehr wohl, wer du bist, Schwester Colgüs. Und ich kenne auch den Lümmel von Angelsachsen da neben dir.«

»Wenn du das weißt, Ui Fidgente, dann mußt du auch wissen, daß du kein Recht hast, eine offene Straße in diesem Königreich zu sperren.«

Der Krieger wies auf die Bogenschützen neben ihm. »Die geben mir das Recht.«

»Und wer gibt dir den Befehl dazu?«

»Lord Gionga, der Kommandeur der Leibwache des Fürsten Donennach. Niemand passiert diese Brücke bis zur Verhandlung in Cashel. So lautet der Befehl meines Herrn, um neue Verschwörungen gegen den Fürsten der Ui Fidgente zu verhindern.«

Fidelma überlegte sehr schnell. Also hatte Gionga eine Wache aufgestellt, damit sie nicht nach Imleach gelangen konnte? Über die Brücke führte der einzige kurze Weg nach Imleach. Woher wußte Gionga von ihrer Reise und warum wollte er sie vereiteln? Was für Entdeckungen hatte er zu fürchten?

»Die Brücke ist für euch gesperrt«, erklärte der Krieger ohne weitere Begründung. »Reitet zurück nach Cashel.«

»Die Wache meines Bruders wird diese Barriere bald öffnen«, entgegnete sie.

Mit ausdrucksvoller Pantomime schaute der Krieger in alle Richtungen. »Ich sehe nichts von der Wache deines Bruders«, spottete er.

Fidelma hatte sich nicht nur die Bogenschützen und ihren Kommandeur genau angesehen, sondern auch bemerkt, daß sich anscheinend mehr als ein Dutzend andere Krieger der Ui Fidgente in der Befestigung aufhielten. Es hatte keinen Zweck, sich weiter mit ihnen zu streiten.

Sie wendete ihre Stute vorsichtig auf der Brücke und ritt im Schritt zurück zu Eadulf. Die Hufe klangen auf den Holzbohlen wie Trommelschlag.

»Folge mir«, sagte sie leise. »Hast du alles gehört, was zwischen mir und dem Krieger der Ui Fidgente gesprochen wurde?«

Eadulf bestätigte das und ritt ihr widerspruchslos nach. Er hatte ein unbehagliches Gefühl in seinem Rücken, den er den schußbereiten Bogenschützen als Ziel darbot.

»Das scheint die Annahme zu bestätigen, daß es sich um eine Verschwörung der Ui Fidgente handelt«, flüsterte er, als sie außer Reichweite waren. »Gionga will wohl mit allen Mitteln verhindern, daß wir in Cnoc Äine nach Beweisen suchen. Damit ist seine Schuld eigentlich schon erwiesen.«

»Das ist es eben, was mir Sorgen macht. Gionga muß doch wissen, daß es nicht lange dauern würde, bis unsere Krieger in Cashel alarmiert werden und die Männer hier verjagen. Die logische Folgerung wäre, daß die Ui Fidgente mit diesem Vorgehen ihre Schuld eingestanden haben.«

»Nun, sie haben jedenfalls eins erreicht, daß wir nämlich heute abend nicht mehr nach Imleach gelangen. Es sind vier Meilen zurück nach Cashel.«

»Wir werden heute abend dort sein«, erklärte Fi-delma fest und zuversichtlich. »Wenn wir die Wegbiegung dort passiert haben und außer Sicht der Männer auf der Brücke sind, kommen wir an einen Weg, der rechts abgeht und nach Süden führt. Den schlagen wir ein.«

»Nach Süden? Ich dachte, das wäre meilenweit die einzige Brücke über den Fluß?«

Fidelma kicherte. »Das ist sie auch.«

»Also dann ...?«

»Rasch, hier ist der Weg.«

Mit der Bezeichnung Weg tat man ihm zuviel Ehre. Es war nichts weiter als ein schmaler Pfad, den ein Pferd mit Mühe beschreiten konnte, wobei es an jeder Seite Büsche und Zweige streifte. Er führte mitten in den dichten Waldstreifen am Ufer des Flusses hinein.

»Was jetzt?« fragte Eadulf, als er sein junges Pferd in die dunkle Pflanzenwirrnis hineintrieb.

»Ungefähr eine halbe Meile weiter südlich kommen wir aus dem Wald heraus in offenes Bruchland. Ich gehe voran, denn dort müssen wir unsere Pferde führen. Noch eine halbe Meile weiter südlich erreichen wir eine Furt, die nicht viele Leute kennen. Sie heißt Atha Asail, die Eselsfurt. Der Übergang ist schwierig, aber wir schaffen es schon. Dadurch verzögert sich unsere Reise kaum.«

»Bist du sicher, daß das der beste Weg ist?« jammerte Eadulf und dachte an die strudelnden Wasser des schnellen Flusses. Er hatte zwar schon zahllose gefährliche Situationen gemeistert, aber er suchte die Gefahr nicht. Er glaubte nicht an das angelsächsische Sprichwort, daß Gefahr und Vergnügen auf demselben Stengel wachsen. Eadulf hielt es mehr mit Lucretius: Er fand es angenehm, wenn Stürme die Wogen aufwühlten, vom sicheren Land aus die Gefahren anderer zu betrachten.

»Ich habe die Eselsfurt schon als Kind benutzt«, versicherte ihm Fidelma. »Sie ist nicht gefährlich, wenn man sich in acht nimmt. Wenn du dich ablenken willst, denk doch mal darüber nach, wie Gionga herausbekommen haben könnte, daß wir nach Imleach wollen.«

Eadulf runzelte die Stirn. Die Überlegung hatte er noch nicht angestellt. »Vielleicht hat er mitgehört, wie wir mit deinem Bruder darüber sprachen? Oder er hat gehört, wie du beim alten Bruder Conchobar eine Zeichnung des Kruzifixes bestellt hast? Oder er hat nur gesehen, wie wir die Pferde sattelten, und einfach gut geraten?«

Fidelma schnalzte mißbilligend mit der Zunge. »Du bist keine große Hilfe«, schalt sie ihn, »denn du sprichst nur die Fragen aus, die ich mir auch schon gestellt habe. Ich brauche aber Antworten. Deine letzte Frage habe ich bereits verneint, denn in dem Fall hätte er weder die Zeit gehabt, seine Leute zu der Brücke zu schicken, noch sie durch einen Boten zu warnen, falls sie schon da waren. Er wußte schon eine Weile vor unserem Aufbruch, wohin wir wollten.«

»Dann brauchst du einen Propheten, der dir die Antworten gibt«, brummte Eadulf, verärgert durch die an ihm zerrenden Dornen und Zweige und durch seine Furcht vor dem Übergang über den rauschenden Fluß. »Du hättest deinen alten Freund und Zauberer Bruder Conchobar danach fragen sollen.«

»Warum nennst du ihn einen Zauberer?« fragte Fi-delma.

Eadulf stöhnte, als eine Dornenranke ihm den Knöchel ritzte. »Weil er aus den Sternen weissagt - das tut er doch? Wie kann er ein Christ sein wollen und so etwas tun?«

»Liegt darin ein Widerspruch?« überlegte Fidelma.

Eadulf reagierte zunehmend gereizt. »Was denn sonst?«

»Karten der Sterne zeichnen und ihre Bedeutung erforschen ist eine alte Tradition in diesem Land.«

»Der neue Glaube sollte solche heidnischen Überlieferungen auslöschen. Heißt es nicht im Buch Jesaja:

>Laß hertreten und dir helfen die Meister des Himmelslaufs und die Sterngucker, die nach den Monaten rechnen, was über dich kommen werde.

Siehe, sie sind wie Stoppeln, die das Feuer verbrennt; sie können ihr Leben nicht erretten vor der Flamme; denn es wird nicht eine Glut sein, dabei man sich wärme, oder ein Feuer, darum man sitzen möge.

... und du hast keinen Helfer.<«

Fidelma lächelte leise, wie immer, wenn Eadulf theologisch argumentierte, denn da er der neuen Lehre Roms anhing, ergaben sich viele Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen in ihrer Einstellung zum Glauben. Fidelma blieb bei ihrer eigenen Kultur.

»Du zitierst aus den alten Texten des jüdischen Glaubens«, erklärte sie.

»Aus dem unser Herr als Messias kam«, entgegnete Eadulf spitz.

»Genau. Er kam als Messias, als Erlöser, um ihnen einen neuen Weg zum Verständnis Gottes zu weisen. Wer waren laut Matthäus die ersten, die nach der Geburt Christi nach Jerusalem kamen?«

»Wer?« fragte Eadulf ratlos. Er wußte nicht, worauf sie hinauswollte.

»Astrologen aus dem Osten, die den Heiland suchten, denn sie hatten sein Kommen in ihren Himmelskarten gelesen. Hat nicht König Herodes versucht, ihnen ihre Kenntnis zu entlocken? Astrologen waren die ersten, die nach Bethlehem kamen und den Heiland anbeteten und ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe brachten. Hätte Gott die Astrologie verdammt, wäre es dann Astrologen erlaubt worden, Ihn als erste auf Erden zu begrüßen?«

Eadulf errötete gereizt. Fidelma wußte stets ein gutes Gegenargument, wenn er etwas zu behaupten versuchte, womit sie nicht übereinstimmte.

»Nun«, fuhr er störrisch fort, »im fünften Buch Mose heißt es deutlich: >. daß du auch nicht deine Augen aufhebest gen Himmel und sehest die Sonne und den Mond und die Sterne, das ganze Heer des Himmels, und fallest ab und betest sie an und dienest ihnen ...<«

»>. welche der Herr, dein Gott, verordnet hat allen Völkern unter dem ganzen Himmel<«, fügte Fidelma mit Betonung hinzu. »Du wolltest doch sicher den ganzen Vers aus dem fünften Buch Mose zitieren, Ea-dulf? Jedenfalls beten Astrologen die Sonne, den Mond und die Sterne nicht an und dienen ihnen nicht, sondern benutzen sie als Führer. Unsere Astrologen meinen, wir könnten den Lauf unserer Sterne ebensowenig ändern wie unsere Gesichtszüge und die Farbe unserer Haare und Augen. Doch wir besitzen den freien Willen, nach Belieben mit den Dingen zu verfahren, die uns gegeben sind.«

Eadulf seufzte tief. Er hatte genug von dem Thema und wünschte, er hätte es nicht aufgegriffen. Fidelma hingegen genoß solche Dispute und scheute sich nicht, dabei auch den Anwalt des Teufels zu spielen.

»Es widerspricht der Lehre ...«, begann er.

»Zeig mir einen klaren Hinweis in der Heiligen Schrift, der es Christen verbietet, sich dieser alten Wissenschaft zu widmen, abgesehen von ein paar obskuren Stellen .«

»Jeremia«, erinnerte sich Eadulf plötzlich.

»>Höret, was der Herr zu euch vom Hause Israel redet.

So spricht der Herr: Ihr sollt nicht der Heiden Weise lernen und sollt euch nicht fürchten vor den Zeichen des Himmels, wie die Heiden sich fürchten ...<«

»Was Israel tat, bevor der Messias kam, ist Israels Sache. Aber wir kommen von den Heiden her, und Je-remia gesteht immerhin ein, daß es Zeichen des Himmels gibt, wenn wir uns auch nicht vor ihnen fürchten, sondern sie lediglich zu deuten und zu verstehen suchen. Doch wenn es Zeichen des Himmels gibt, wer hat sie dort gesetzt? Wäre es nicht Blasphemie zu behaupten, eine andere Hand als die Gottes habe das getan?«

Eadulfs Gesicht war rot vor Ärger. Er wollte schon zornig auffahren, doch statt dessen begann er plötzlich zu lachen. »Wie komme ich nur darauf, daß ich einen Disput mit einer Anwältin gewinnen könnte?« meinte er kopfschüttelnd.

Nach einem Moment des Zögerns stimmte Fidelma in sein Lachen ein. »Castigat ridendo mores«, brachte sie leise eins ihrer Lieblingszitate an. Man verbessert die Sitten, indem man über sie lacht.

Plötzlich kamen sie aus dem Wald heraus auf ein weites Röhricht. Ihre Pferde scheuchten eine Schar kleiner Vögel auf, die geschlossen aufflogen und mit klingenden »pingping«-Lauten davonschossen. Sie sammelten sich zu einer ganzen Wolke, kreisten niedrig über dem Schilf, um die Gefahr abzuschätzen, und ließen sich dann wieder auf den hohen fiedrigen Schilfhalmen mit ihren dunkelbraunen Blüten und scharfkantigen Blättern nieder.

»Schilfmeisen«, erklärte Fidelma. »Unsere Pferde haben sie gestört.«

Eadulf hörte das Rauschen des Flusses ganz in der Nähe.

»Können uns die Krieger von der Brücke her sehen?« fragte er, denn wenn auch das Schilf stellenweise drei Meter hoch war, so wuchs es an dem Pfad, der sich zum offenen Fluß schlängelte, viel niedriger, und die Ufer waren von Rohrglanzgras gesäumt, einer kleineren Art.

»Nein. Der Fluß macht eine leichte Biegung, und die verbirgt uns. Außerdem werden sie glauben, wir wären nach Cashel zurückgekehrt, um die Krieger meines Bruders zu holen.«

Vorsichtig ritt sie an Eadulf vorbei und übernahm die Führung.

»Halte dich genau hinter mir und komme nicht vom Pfad ab. Der Grasboden sieht zwar fest aus, ist aber Morast, und es sind schon mal Leute darin versunken.«

Eadulf konnte ein Schaudern nicht unterdrücken, als er sich umsah.

Fidelma verzog das Gesicht, als er blaß wurde.

»Das Leben beschert uns immer wieder Risiken und Gefahren, also faß Mut«, riet sie ihm fröhlich und ritt zuversichtlich los. Ihr Pferd suchte sich den Weg durch das hohe, schwankende Schilf, das gegen den Himmel so wild und dramatisch wirkte. Eadulf erkannte, daß das Bruch aus einem Wirrwarr von Pflanzen bestand. Was er für reines Schilf gehalten hatte, war untermischt mit Riedgras, Sumpfbinsen und lange abgeblühten Rohrkolben. Das Ganze schimmerte in eigenartigen grünen, braunen und gelben Farben.

Die Schilfmeisen flogen nur noch in kleinen Gruppen von ihren Nestern auf. Ihre winzigen hellbraunen Körper, selbst die Männchen mit ihrer schwarzen Zeichnung, waren kaum auszumachen.

Das Rauschen des Flusses wurde immer lauter, und Eadulf begriff, daß das Wasser hier über eine Reihe flacher Stellen schoß und die Strömung sich an Felsen mitten im Flußbett brach.

Fidelma lenkte ihr Pferd vorsichtig den Pfad entlang. Selbst im Sattel spürte Eadulf den federnden Boden unter den Hufen, und er betete, sein Pferd möge nicht stolpern und ihn in den dunklen Morast zu beiden Seiten des Weges schleudern. Fidelma, eine ausgezeichnete Pferdekennerin, hatte ihm den jungen Rotfuchs ausgesucht, weil er eins der lammfrommsten Tiere im Stall ihres Bruders war und weil sie wußte, daß Eadulf kein besonders guter Reiter war.

Sie kamen aus dem schwankenden Schilf auf das üppige Grün der Uferböschung hinaus, dessen Grasboden auch noch stark federte. Vor sich sahen sie den breiten Suir.

Sorgenvoll betrachtete Eadulf das schnell dahinströmende Wasser, das gelblich um die Felsen im Flußbett schäumte.

»Wie tief ist es?«

Fidelma lächelte ihm ermutigend zu. »Es reicht deinem Pferd bis zur Brust. Laß die Zügel locker und versuch das Pferd nicht zu lenken. Der Fuchs hat Verstand, er sucht sich seinen Weg durch die Schnellen. Ich reite voraus.«

Sogleich trieb sie ihre Stute ins Wasser. Anfangs war das Tier unsicher, schüttelte den Kopf und rollte die Augen. Dann ging es vorsichtig los, stolperte ein paarmal, fing sich aber sofort wieder. In der Strommitte wirbelte ihm das Wasser bis zur Brust und Fi-delma um die Unterschenkel.

Sie wandte sich im Sattel um und winkte Eadulf, ihr zu folgen.

Eadulf blickte auf das wilde, weiß schäumende Wasser und war beinahe gelähmt von Furcht. Er sah Fidelma energisch winken und merkte, wie seine Hände zitterten. Er wollte nicht in diese tobende Sintflut. Er spürte Fidelmas Blick und hatte nicht den Mut, seine Feigheit zuzugeben.

Kapitel 7

Mit einem Stoßgebet lenkte Eadulf seinen Rotfuchs in den Fluß und trieb ihn in seiner Erregung zu schnell an. Die Hinterbeine glitten aus, und Eadulf glaubte sich schon abgeworfen. Er klammerte sich fest, und schnaubend und keuchend fand das Pferd wieder Halt auf dem felsigen Boden. Eadulf ließ die Zügel los, saß mit geschlossenen Augen im Sattel und wünschte sich heil auf dem anderen Ufer.

Ab und zu rüttelte ihn das Pferd durch, wenn es auf dem Felsboden ins Stolpern kam. Dann umspülte ihm das eiskalte Wasser des Flusses erst die Füße, danach die Knie. Plötzlich umschäumte es ihn bis zum Gürtel, und er rang nach Atem und klammerte sich am Sattelknopf fest. Schließlich arbeitete sich das Pferd aus der tiefsten Stelle heraus, und als er die Augen öffnete, sah er das jenseitige Ufer wenige Meter vor sich. Fidelma hielt schon dort, leicht im Sattel vorgebeugt, und erwartete ihn.

Mit einer letzten Anstrengung kletterte sein Pferd die Uferböschung hinauf und kam neben ihr zum Stehen.

Dankbar tätschelte Eadulf ihm den Hals.

»Deo gratias«, betete er erleichtert.

»Wir bringen am besten schnell einige Entfernung zwischen uns und diesen Ort«, meinte Fidelma. »Je eher wir Imleach erreichen, desto besser.«

»Können wir uns nicht einen Moment trocknen? Ich bin vom Gürtel ab naß«, wandte Eadulf ein.

»Mach dir nichts draus, vielleicht müssen wir noch einmal ins Wasser. Wir haben noch einen kleineren Fluß zu überqueren, den Fidhaghta. Wenn die Ui Fid-gente auch noch Krieger am Brunnen von Ara stationiert haben, an der Hauptfurt über den Fluß, haben wir wieder ein Problem.«

Eadulf stöhnte hörbar.

»Wie weit ist es bis zum Brunnen von Ara?«

»Höchstens sieben Meilen. Wir sind bald da.«

Sie wendete ihr Pferd und ritt in den Wald hinein, in genau westlicher Richtung. Ohne sich umzusehen, rief sie über die Schulter zurück: »Hier wird der Weg breiter, und wir können ein Stück weit traben.«

Sie grub ihrem Pferd die Hacken in die Seiten, und die mächtige weiße Stute reagierte so kraftvoll, daß Fidelma sie zügeln mußte, damit sie in einen stetigen leichten Trab fiel.

Eadulf folgte ihr auf den Fersen. In seiner nassen Kleidung fühlte er sich elender und unbehaglicher als je in seinem Leben.

Ihm schien es eine Ewigkeit, bis sie über einen kleinen Hügel ritten, hinter dem sich der Weg senkte und auf einen anderen größeren Fluß zulief, der dort, wo an seinem Ufer eine Gruppe von Gebäuden stand, eine fast rechtwinklige Biegung machte. Der Fluß kam anscheinend von Westen und bog hier nach Süden ab.

»Das ist der Brunnen von Ara.« Fidelma lächelte zufrieden. »Hier ist der Übergang, und Imleach liegt nur ein paar Meilen weiter. Wir können dem Nordufer des Flusses noch eine Weile folgen. Hier sehe ich keine Krieger Giongas.«

Eadulf schnaufte mißbilligend. »Hier gibt es Häuser und Rauch. Können wir nicht ausruhen und uns trocknen?«

Fidelma sah zum Himmel. »Wir haben nicht viel Zeit. Wir müssen vor dem Dunkelwerden in Imleach sein. Wenn sich hier keine Krieger der Ui Fidgente herumtreiben, kannst du dich in der Herberge am Übergang umziehen und deine Kleidung trocknen.«

Ohne weitere Worte ritt sie auf eine Gruppe von Gebäuden zu, die sich über beide Ufer verteilten. Auch hier floß das Wasser über Schnellen, doch bei weitem nicht so wild und gefährlich wie bei der Furt durch den Suir.

Ein paar Jungen saßen am Flußufer und hatten ihre Angeln ausgeworfen. Als Fidelma sich ihnen näherte, holte einer von ihnen gerade triumphierend eine braune Bachforelle aus dem Wasser.

»Ein guter Fang«, rief ihm Fidelma anerkennend zu und hielt an.

Der Junge, nicht älter als elf, lächelte unbeeindruckt. »Ich hab schon bessere gemacht, Schwester«, antwortete er mit Respekt vor ihrer Kutte.

»Das glaube ich dir«, erwiderte sie. »Wohnst du hier?«

»Wo sonst?« fragte er großspurig.

»Sind Fremde in eurem Dorf?«

»Gestern abend waren Fremde hier. Der Fürst der Ui Fidgente, sagt mein Vater. Er und seine Leute. Aber heute morgen sind sie fort, als der große König von Cashel sie abholte.«

»Sind jetzt keine Fremden mehr im Dorf?«

»Nein, sie sind alle nach Cashel.«

»Gut. Wir danken dir.«

Fidelma wendete ihr Pferd und ritt zum Fluß, Ea-dulf folgte ihr. Hier reichte das Wasser den Pferden gerade bis zu den Fesseln, als sie den Ara durchquerten. Die Herberge war nicht zu verfehlen, sie stand direkt an der Furt, und ihr Zeichen hing über der Tür.

Dankbar glitt Eadulf aus dem Sattel und band das Pferd an einem Pfosten an. Er nahm die Satteltasche ab, in der sich seine Kleidung zum Wechseln befand, und hoffte auf eine Gelegenheit, sich umzuziehen.

Die Tür der Herberge öffnete sich, und ein älterer Mann trat heraus.

»Seid mir gegrüßt, Reisende, ich heiße euch ...« Er brach ab, als er Fidelma erblickte. Ein freudiges Lächeln breitete sich über sein Gesicht, und er eilte hinzu, um ihr vom Pferd zu helfen.

»Es ist schön, dich wiederzusehen, Lady. Erst heute morgen war ja dein Bruder hier, um .«

»Um sich mit Donennach von den Ui Fidgente zu treffen«, ergänzte Fidelma und begrüßte den Mann mit einem freundlichen Lächeln. »Ich weiß, mein lieber Aona. Wir haben uns lange nicht gesehen.«

Der Mann strahlte vor Freude darüber, daß sie sich an seinen Namen erinnerte. »Ich habe dich nicht mehr gesehen, seit du das Erreichen des Alters der Wahl gefeiert hast. Das muß mindestens zwölf Jahre her sein.«

»Es ist lange her, Aona.«

»Sehr lange, und doch hast du meinen Namen behalten.«

»Du warst immer ein treuer Gefolgsmann meiner Familie. Nur ein schlechtes Mitglied der Eoghanacht würde den Namen Aonas vergessen, des einstigen Kommandeurs der Leibwache von Cashel. Ich hatte gehört, daß du in den Ruhestand getreten warst und eine Herberge übernommen hattest, aber ich wußte nicht, daß es diese hier war.«

»Du ...«, sagte er und ergänzte nach einem raschen Blick auf Eadulf, seine Kleidung und seine römische Tonsur, »du und dein angelsächsischer Begleiter, ihr seid mir höchst willkommene Gäste.«

»Ich muß mich umziehen und mich trocknen«, murmelte Eadulf beinahe im Beschwerdeton.

»Bist du vom Pferd in den Fluß gefallen?« fragte Aona.

»Nein«, fauchte Eadulf ohne weitere Erklärung.

»Drinnen brennt ein Feuer«, meinte Aona. »Kommt rein, kommt beide rein.« Er schob die Tür auf und trat beiseite, um sie einzulassen.

»Leider können wir nicht lange bleiben. Ich muß vor Dunkelheit in Imleach sein«, erläuterte ihm Fi-delma.

Eadulf ging geradewegs zu dem lodernden Feuer, das von mächtigen Scheiten genährt wurde.

»Aber für eine Mahlzeit könnt ihr doch bleiben?«

Eadulf wollte schon bejahen, doch Fidelma schüttelte mit Bestimmtheit den Kopf. »Dazu reicht die Zeit nicht. Wir wärmen uns auf, trinken etwas, Bruder Eadulf zieht sich um, und dann müssen wir weiter.«

In Aonas Gesicht spiegelte sich Enttäuschung.

Fidelma berührte seinen Arm. »Wir wollen hoffen, daß wir auf unserer Reise bald hierher zurückkommen, und dann werden wir deine Gastfreundschaft richtig genießen. Aber es geht um eine dringende Angelegenheit, die für die Sicherheit unseres Königreichs wichtig ist, es ist keine bloße Laune.«

Aona richtete sich straff auf. »Wenn das Königreich in Gefahr ist, Lady, wie kann ich ihm am besten dienen?«

Fidelma wandte sich Eadulf zu, der unglücklich vor dem Feuer stand und aus dessen nasser Kleidung Dampf aufstieg.

»Hast du ein Zimmer, in dem Bruder Eadulf sich umziehen kann?«

Aona wies auf eine Seitentür.

»Dort hinein, Bruder. Bring deine nassen Sachen raus, wir trocknen sie vor dem Feuer.«

»Die Zeit drängt«, erklärte Fidelma zur Entschuldigung für ihre kurz angebundene Art.

Als Eadulf mit seiner Satteltasche verschwunden war und Aona zwei Becher mit corma, einem kräftigen Ale, gefüllt hatte, setzte sich Fidelma auf einen Stuhl und hielt den Saum ihrer Kutte ans Feuer.

»Wie haben sich die Ui Fidgente benommen, während sie auf meinen Bruder warteten?« fragte sie den Herbergswirt.

Aona runzelte die Stirn. »Benommen?«

»Ja. Waren sie freundlich oder bösartig und unhöflich? Wie war’s?«

»Sie benahmen sich ganz anständig, meine ich. Warum fragst du?«

»Hast du Gerüchte gehört, daß es Unzufriedenheit unter ihnen gab? Anzeichen dafür beobachtet, daß sie eine Verschwörung anzettelten?«

Der alte Wirt schüttelte verneinend den Kopf und reichte Fidelma einen Becher.

Sie nippte zerstreut daran und fragte: »Und alle Mitglieder von Donennachs Gefolge sind mit ihm nach Cashel gegangen? Sie haben sich hier mit niemand anderem getroffen?«

»Davon habe ich nichts gesehen. Was hat das zu bedeuten?«

»Es gab einen Mordanschlag auf meinen Bruder und Donennach, gleich als sie in Cashel einritten.«

Der Alte fuhr vor Schreck zusammen. »Wurde der König . wurde er schwer verwundet?«

»Beide haben nur Fleischwunden«, beruhigte ihn Fidelma. »Die Wunden sind schlimm genug, aber sie werden bald heilen. Doch einige Krieger der Ui Fid-gente beschuldigen Cashel der Hinterlist und behaupten, mein Bruder stecke hinter dem Anschlag, obgleich er selbst verwundet wurde.«

Eadulf kam in trockener Kleidung wieder und trug die nassen Sachen über dem Arm.

Der Wirt nahm sie ihm sofort ab und hängte sie an einen Pfosten vor dem Feuer. »Sie sind bald trocken«, erklärte er und reichte Eadulf den anderen Becher mit Ale. Dann wandte er sich wieder an Fidelma. »Die Ui Fidgente müssen verrückt sein, so etwas zu behaupten ... falls es nicht zu ihrem Plan gehört.«

Eadulf leerte seinen Krug auf einen Zug und fing an zu husten, als er die Wirkung des starken Getränks verspürte.

Aona bedachte ihn mit einem trüben Lächeln. »Mein corma trinkt man nicht wie Wasser, Angelsachse«, tadelte er ihn. »Möchtest du etwas Wasser hinterher?«

Eadulf nickte und japste.

Aona füllte den Becher mit Wasser aus einem Krug, und Eadulf trank ihn sofort aus.

Fidelma hatte nicht auf ihren Begleiter geachtet und gedankenverloren ins Feuer gestarrt. Nun sah sie den Alten an.

»Bist du sicher, Aona, daß du nichts Ungewöhnliches, nichts Seltsames beobachtet hast?«

»Gar nichts, Lady, darauf gebe ich dir mein Wort«, versicherte ihr der alte Krieger. »Donennach und sein Gefolge kamen gestern abend hier an. Der Fürst der Ui Fidgente und seine persönlichen Bediensteten schliefen in der Herberge. Seine Krieger kampierten auf dem Feld am Ufer. Sie benahmen sich ordentlich. Heute morgen kam dein Bruder an, und alle zusammen brachen nach Cashel auf. Weiter weiß ich nichts.«

»Folgte ihnen niemand? Zum Beispiel ein großer Mann, ein Bogenschütze, oder ein kleiner, dicker Mann?«

Aona schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Solche Leute habe ich nicht gesehen, Lady.«

»Nun gut, Aona. Aber paß gut auf in den nächsten Tagen. Ich traue den Ui Fidgente nicht.«

»Und wenn ich etwas bemerke?«

»Kennst du Capa?«

Aona lachte vergnügt. »Alles, was der Bursche weiß, hat er von mir gelernt. Er war noch ein halber Knabe, als er in die Leibwache des Königs von Cashel eintrat. Er verstand nicht mehr vom Kriegführen als .«

Fidelma unterbrach ihn sanft in seinen Erinnerungen. »Dein Schüler ist jetzt Kommandeur der Leibwache des Königs, so wie du es einst warst, Aona. Wenn du etwas über Bewegungen der Ui Fidgente erfährst, schick Nachricht an Capa in Cashel. Hast du mich verstanden?«

Aona nickte. »Das habe ich, Lady. Was kann ich sonst noch für dich tun?«

Eadulf hüstelte höflich. »Vielleicht noch etwas von dem Getränk, das du corma nennst. Diesmal werde ich es mit Respekt behandeln.«

Aona ging zu einem Eichenfaß und füllte Eadulfs Becher nach. Als er zurückkam, sah er aus, als sei ihm etwas eingefallen.

Fidelma bemerkte es sofort und fragte: »Ist etwas, Aona?«

Der Herbergswirt kratzte sich den Kopf. »Ich versuche mich an etwas zu erinnern. Du hast nach einem großen Bogenschützen und einem kleinen Mann gefragt?«

»Sind sie hier durchgekommen? Man kann sie kaum vergessen, wenn man sie zusammen gesehen hat. Nebeneinander wirken sie ziemlich komisch.«

»Ich hab sie gesehen«, bestätigte der Herbergswirt.

Fidelma setzte eine triumphierende Miene auf. »Wirklich? Als ich vorhin fragte, sagtest du, du wärst sicher, daß sie nicht hier waren.«

Aona schüttelte den Kopf. »Das kam, weil du mich gefragt hast, ob sie gestern mit den Ui Fidgente hier waren. Das Paar hab ich vor einer Woche gesehen.«

»Vor einer Woche?« warf Eadulf enttäuscht ein. »Dann sind es wohl nicht die Schurken, die wir suchen.«

»Kannst du die beiden beschreiben?« forschte Fi-delma.

Aona rieb sich das Kinn, als helfe das seinem Gedächtnis nach. »Also der kleine dicke Mann sah so aus wie er.« Mit dem Daumen zeigte er auf Eadulf.

Eadulf stand vor Empörung der Mund offen. »Willst du damit sagen, daß ich klein und dick bin?« fragte er. »Also ...«

Fidelma hob ungeduldig die Hand.

»Das mußt du erklären, Aona«, sagte sie ruhig. »Da mein Begleiter weder klein noch dick ist, erhebt sich die Frage, wie der Mann, den du beschreibst, nun wirklich gebaut war.«

Aona verzog das Gesicht. »Ich meinte nicht, daß er in der Statur oder im Aussehen dem Angelsachsen ähnelte, sondern daß er ein Mönch war und sein Haar ebenso geschnitten war, anders als die Tonsur unserer irischen Mönche. Das fiel mir besonders auf.«

Fidelma kniff die Augen zusammen.

»Du meinst, er trug eine Tonsur von derselben Art wie die meines Begleiters?«

»Hab ich das nicht gesagt?« erwiderte der Wirt. »Was mir besonders ins Auge fiel und mir merkwürdig vorkam, war, daß sie nicht mehr ausrasiert war, sondern aussah, als habe er das Haar wieder wachsen lassen, um die Tonsur zu verdecken.«

»Was kannst du uns sonst noch über den kleinen Mann sagen?«

»Daß er klein und beleibt war und sein Haar sonst grau und lockig. Er stand im mittleren Alter und trug keine Mönchskleidung, benahm sich aber wie ein Mönch.«

Eadulf blickte zu Fidelma. »Das hört sich nach dem einen Attentäter an.« Er fragte den Wirt: »Und was ist mit dem anderen?«

Aona überlegte einen Moment. »Ich denke, der andere war blond. Das Haar trug er hinten lang, aber da bin ich nicht sicher, denn er hatte eine Mütze auf und ein Lederwams an. Er hatte Köcher und Bogen bei sich, und deshalb hielt ich ihn für einen berufsmäßigen Bogenschützen.«

Fidelma war zufrieden. »Das trifft’s ziemlich gut, meine ich. Und du sagst, die beiden waren vor einer Woche hier in dieser Herberge?«

»Soweit ich mich erinnere. Ich hab sie deshalb noch so deutlich vor Augen, weil sie so unterschiedlich gebaut waren. Grad so, wie du gesagt hast.«

»Du weißt nicht, wo sie herkamen oder wo sie hinwollten?«

»Nein«, erwiderte der Wirt.

Eadulf zog ein langes Gesicht. »Das heißt, wir sind auch nicht klüger als zuvor.«

Fidelma preßte enttäuscht die Lippen zusammen.

Plötzlich ging die Tür auf, und der Junge, mit dem Fidelma beim Angeln gesprochen hatte, kam herein.

Aona winkte ihn heran. »Mein Enkel Adag kann euch vielleicht weiterhelfen. Er hat sie bedient, während ich mich um ihre Pferde kümmerte.«

Bevor Fidelma etwas sagen konnte, fragte ihn Aona: »Adag, erinnerst du dich noch an die beiden Männer, über die du dich so lustig gemacht hast, als sie vor einer Woche hier einkehrten?«

Der Junge legte Angel und Fischnetz auf den Tisch und sah Fidelma und Eadulf unruhig an. Er antwortete nicht.

»Komm schon, Adag, du brauchst keine Angst zu haben. Du erinnerst dich doch, daß du es so komisch fandst, weil der eine lang und dürr und der andere klein und dick war und sie so ein merkwürdiges Paar abgaben.«

Widerwillig nickte der Knabe.

»Kannst du uns sonst noch was über sie sagen, Adag«, fragte Fidelma. »Abgesehen von ihrer Erscheinung.«

»Bloß, daß der eine dick war und der andere ein Bogenschütze.«

»Na, das wissen wir schon. Aber was weiter?«

Adag zuckte gleichmütig die Achseln. »Weiter nichts. Ich hab sie bedient, während mein Großvater ihre Pferde versorgte.«

»Also kamen sie zu Pferde«, triumphierte Eadulf. Zu Fidelma gewandt, setzte er hinzu: »Ungewöhnlich, daß ein Mönch zu Pferde reist.«

Der Junge sah ihn neugierig an. »Na, du und die Schwester, ihr reist doch auch zu Pferde.«

»Das ist, weil ...«, wollte Eadulf erklären, doch Adags Großvater unterbrach ihn.

»Das mußt du noch lernen, mein Junge, daß manche Mönche und Nonnen nicht mehr an die allgemeine Regel, die ihnen Reiten untersagt, gebunden sind, wenn sie einen gewissen Rang besitzen. Das erkläre ich dir später. Jetzt beantworte die Fragen der Lady.«

Adag zuckte die Achseln. »Ich erinnere mich, daß der Dicke dem Bogenschützen einen Lederbeutel gab, während sie zusammen tranken. Das ist alles.«

»Weiter nichts?«

»Bloß, daß der Dicke ein Fremder war.«

»Ein Ausländer?«

»Nein, aus Eireann war er wohl, aber nicht aus dem Süden, glaube ich, das hörte man an seinem Akzent. Der Bogenschütze war aus dem Süden, das weiß ich, aber nicht der Mönch.«

»Hast du nicht verstanden, worüber sie sich unterhalten haben?«

Der Junge schüttelte den Kopf.

»Hat jemand gesehen, aus welcher Richtung sie kamen?«

»Nein, aber der Dicke kam zuerst«, ergänzte Aona.

»Ach? Sie kamen also nicht zusammen an?«

»Nein, daran erinnere ich mich jetzt. Der Dicke tauchte als erster auf, und sein Pferd mußte versorgt werden. Nur ich und mein Enkel waren hier. Also kümmerte ich mich um das Pferd, und Adag setzte dem Mönch Essen vor. Danach traf der Bogenschütze ein. Ich sah nicht, aus welcher Richtung, weil ich im Stall war.«

»Und an den Pferden fiel euch nichts auf?« bohrte Fidelma weiter.

Aona schüttelte den Kopf, doch dann leuchtete es in seinen Augen auf. »Das Pferd des Bogenschützen hatte Narben. Es war ein Schlachtroß, ein Brauner, schon ziemlich alt, mit mehreren verheilten Wunden. Dem Sattel nach ein Kriegerpferd. Am Sattel hing ein zweiter Köcher. Sonst trug er alle seine Waffen bei sich. Das Pferd des Dicken war in gutem Stande, Geschirr und Sattel von guter Qualität, so wie man sie eher bei einem Kaufmann erwartet. Mehr weiß ich nicht.«

Fidelma erhob sich, nahm eine Münze aus ihrem marsupium und reichte sie Aona.

»Ich denke, deine Kleidung ist jetzt trocken, Ea-dulf«, sagte sie bestimmt.

Aona bedankte sich bei Fidelma, während Eadulf seine Kutte vom Pfosten nahm und in seiner Satteltasche verstaute.

»Soll ich also nach diesen beiden Fremden Ausschau halten, Lady?« fragte Aona. »Soll ich Capa von ihnen Nachricht geben?«

Fidelma lächelte trocken. »Wenn du diese beiden Fremden siehst, Aona, dann brauchst du eher einen Priester als Capa. Sie wurden heute morgen getötet, nachdem sie versucht hatten, meinen Bruder und Fürst Donennach zu ermorden.«

Sie hob die Hand zum Gruß und wandte sich zur Tür, gefolgt von Eadulf.

Als sie aufgesessen waren, sahen sie Aona und seinen Enkel in der Tür stehen und ihnen nachblicken.

»Seid wachsam!« rief sie ihnen zu und lenkte ihr Pferd aus dem Hof heraus auf den Weg nach Imleach.

Eine Weile ritten sie schweigend weiter. Der Weg führte am Nordufer des Ara entlang, und der Himmel verfinsterte sich merklich. Südlich von ihnen zeichnete sich der lange Höhenzug des Slievenamuck gegen den helleren Horizont ab, und vor ihnen versank die Sonne im Westen. Der Weg war gut und verlief fast gerade durch das höhere Gelände hinter der Niederung um den Brunnen von Ara. Nördlich von ihnen erhob sich einige Meilen entfernt ein anderer Höhenzug. Als Eadulf nach seinem Namen fragte, erklärte ihm Fidelma, das seien die Slieve-Felim-Berge, ein rauhes, unwirtliches Gebiet, hinter dem das Land der Ui Fidgente lag.

Die meiste Zeit ritten sie schweigend dahin, denn Eadulf sah, daß Fidelma in Nachdenken versunken war, und er wußte, daß man sie dabei lieber nicht störte. Sicherlich überdachte sie das, was sie erfahren hatten.

Nach ungefähr acht Meilen hob Fidelma plötzlich den Kopf. Die Umgebung kam ihr vertraut vor.

»Ach, jetzt ist es nicht mehr weit. Wir sind gleich da«, erklärte sie zufrieden.

Kurz darauf kamen sie aus dem Wald auf ein offenes, hügliges Gelände hinaus. Eadulf erkannte das große, von einer Steinmauer umgebene Gebäude als die Abtei St. Ailbe. Sie dominierte die kleine Stadt, die sich vor ihr ausbreitete, allerdings in einigem Abstand von den Abteimauern. Umgeben waren Abtei und Stadt von Weideland, das von Eibenwäldern gesäumt wurde. Es waren aber Eiben der irischen Art, deren gebogene Nadeln sie von den Eiben unterschieden, die es in seiner Heimat gab. Die Bäume waren hoch und trugen runde Wipfel. Einige schienen aus mehreren alten verflochtenen Stämmen emporzuwachsen.

»Dies ist Imleach Iubhair«, seufzte Fidelma, »das >Grenzland der Eibenbäume<. Hier herrscht mein Vetter Finguine von Cnoc Äine.«

Die Stadt lag still da. Sie war viel kleiner als Cashel, und sie als Stadt zu bezeichnen schien geschmeichelt.

Doch Fidelma wußte, daß durch die Abtei und ihre Kirche hier ein blühender Markt entstanden war. Der Ort schien verlassen, und sie vermutete, daß alle beim Abendessen saßen. Die Zeit für das Verspergebet war bereits vorüber.

Der Marktplatz war offensichtlich das freie Gelände direkt vor den Toren der Abtei. Auf der entgegengesetzten Seite sah man eine Reihe von Gebäuden, die wohl die Stadt bildeten. Die beiden anderen Seiten waren spärlich bebaut, deshalb schien der Marktplatz zu groß. In der Mitte des freien Platzes stand eine mächtige Eibe, über zwanzig Meter hoch, deren dunkelbraunes Holz und grüne gebogene Nadeln wie eine ehrwürdige Skulptur wirkten. Sie überragte selbst die grauen Mauern der Abtei.

»Na, das ist ein Baum, vor dem man Respekt haben muß«, meinte Eadulf, der sein Pferd gezügelt hatte und ihn betrachtete.

Fidelma wandte sich im Sattel um und lächelte ihrem Begleiter zu. »Weshalb sagst du das, Eadulf? Kennst du diesen Baum?«

»Kennen? Nein, ich sage das nur wegen seiner Größe und seines Alters.«

»Das ist der heilige Totembaum der Eoghanacht. Davon habe ich dir in Cashel erzählt.«

»Ein Totembaum! Was für eine alberne heidnische Vorstellung.«

»Was ist denn das Kruzifix anderes als ein Totem? Jeder Clan und jede Sippe besitzen einen heiligen Baum des Lebens, wie wir ihn nennen. Dies hier ist unserer. Wenn ein neuer König der Eoghanacht in sein Amt eingeführt wird, muß er hierherkommen und unter der großen Eibe den Eid ablegen.«

»Der Baum muß bestimmt ein paar hundert Jahre alt sein.«

»Über tausend Jahre«, erklärte Fidelma stolz. »Er soll von Eber Fionn, dem Sohn des Milesius, von dem die Eoghanacht abstammen, mit eigener Hand gepflanzt worden sein.«

Die Dunkelheit brach herein, und sie hörten das ferne Geheul der Wölfe und das Bellen und Winseln der Wachhunde, die für die Nacht hinausgelassen wurden, und ritten weiter zum Tor der Abtei.

Fidelma parierte ihre Stute und zog an dem Seil, das neben dem Tor hing. Innen erklang das dumpfe Anschlagen einer Glocke.

Eine Holzplatte hinter dem Metallgitter in einem der Torflügel wurde geräuschvoll zurückgeschoben. Ein Stimme rief: »Wer läutet zu dieser Stunde die Glocke der Abtei?«

»Fidelma von Cashel begehrt Einlaß.«

Sofort schien eine lebhafte Geschäftigkeit hinter dem Tor einzusetzen. Die Holzplatte flog mit einem Knall zu. Riegel wurden lärmend zurückgezogen, ihr Metall quietschte. Dann schwangen die hohen hölzernen Torflügel langsam nach innen.

Bevor Fidelma oder Eadulf sich in Bewegung setzen konnten, kam eine weißhaarige Gestalt auf sie zugerannt.

Eadulf hatte Abt Segdae schon ein paarmal gesehen.

Aus Cashel hatte er den Prälaten als einen hochgewachsenen, würdevollen Mann von ruhiger Autorität in Erinnerung. Doch der Mann, der jetzt zur Begrüßung auf sie zueilte, schien zerzaust und wie von Sinnen. Seine sonst so heiteren, scharfgeschnittenen Züge wirkten ausgezehrt. Er bleib an Fidelmas Sattel stehen und starrte zu ihr empor wie ein Gläubiger, der an einem Schrein Trost sucht.

»Gott sei Dank! Du bist die Antwort auf unsere Gebete, Fidelma! Gott sei dafür gedankt, daß du gekommen bist!«

Kapitel 8

Bruder Eadulf streckte sich behaglich in seinem Sessel vor dem wärmenden Feuer im persönlichen Zimmer des Abts von Imleach. Er fühlte sich immer noch müde und steif. Eadulf liebte anstrengende Reisen nicht, und wenn auch der Ritt von Cashel nach Imleach verhältnismäßig kurz gewesen war, so war er doch beschwerlich gewesen. Mit Genuß nippte er an dem Becher roten Glühwein, den Abt Segdae angeboten hatte. Dankbar sog er den Duft ein. Wer auch den Wein für die Abtei einkaufen mochte, er verstand etwas davon.

Ihm gegenüber an der anderen Seite des großen Kamins saß Fidelma. Sie hatte ihren Wein noch nicht angerührt, beugte sich etwas im Sessel vor, die Hände im Schoß, und starrte tief in Gedanken auf die funkensprühenden Scheite. Der Abt saß zwischen ihnen direkt vor dem Feuer.

»Ich betete um ein Wunder, Fidelma, und dann hörte ich, daß du vor dem Tor der Abtei standest.«

Fidelma riß sich von ihrem Nachdenken los.

»Ich habe volles Verständnis für deine Notlage, Segdae«, sagte sie schließlich. Es war ihre erste Äußerung, seit Abt Segdae ihr und Eadulf erklärt hatte, daß die Reliquien des heiligen Ailbe samt ihrem Bewahrer, Bruder Mochta, verschwunden waren. Sie hatte zwar diese Reliquien nie gesehen, kannte aber natürlich ihre Bedeutung. »Doch in erster Linie muß ich die Frage der Schuld an dem Mordversuch in Cashel klären. Dafür stehen mir nur neun Tage zur Verfügung.«

Abt Segdaes Gesicht zog sich vor Entsetzen in die Länge. Fidelma hatte ihm bereits berichtet, wie die Dinge in Cashel lagen. Es gab keine Schranken der Konvention zwischen dem Abt und der Schwester des Königs. Segdae hatte als Priester im Dienst ihres Vaters gestanden und kannte Fidelma von ihrer Kindheit an.

»Das hast du mir erzählt. Aber, Fidelma, du weißt genausogut wie ich, daß der Verlust der Reliquien des heiligen Ailbe unser ganzes Volk in Furcht versetzen wird. Ihr Verschwinden kündigt den Untergang des Königreichs Muman an. Wir haben Feinde genug, die sich dieses Unglück zunutze machen werden.«

»Diese Feinde haben schon versucht, meinen Bruder und den Fürsten der Ui Fidgente zu ermorden. Sobald ich das geklärt habe, Segdae, das verspreche ich dir, werde ich mich um diese Angelegenheit kümmern. Es ist mir vielleicht mehr als anderen bewußt, welche Bedeutung die Reliquien des heiligen Ailbe besitzen.«

Eadulf setzte seinen Becher ab.

»Du meinst also nicht, daß diese beiden Ereignisse irgendwie in Verbindung stehen?« fragte er nachdenklich.

Fidelma sah ihn überrascht an.

Gelegentlich war Eadulf dazu fähig, das Nächstliegende festzustellen, das die anderen übersahen.

»Eine Verbindung zwischen dem Verlust der heiligen Reliquien und dem Mordversuch an meinem Bruder ...?« Sie verzog das Gesicht und überlegte. Es war richtig, was der Abt gesagt hatte, daß nämlich das Volk von Muman glaubte, die Reliquien des heiligen Ailbe beschützten das Wohl des Königreichs. Ihr Verlust würde zu Beunruhigung und Verzweiflung führen. Sollte der gleichzeitige Mordversuch ein bloßer Zufall sein? »Es könnte eine Verbindung bestehen«, gab sie zu. »Wie könnte man ein Königreich leichter stürzen, als wenn man gleich zu Anfang das Volk entmutigt und den König ermordet?«

»Und vergiß nicht, daß einer der Attentäter ein früherer Mönch war«, erinnerte sie Eadulf. »Er könnte von der Bedeutung der Reliquien gewußt haben.«

Abt Segdae fuhr auf, denn davon hörte er zum erstenmal.

»Willst du damit sagen, daß ein Geistlicher die Waffe gegen den König erhob? Wie könnte das geschehen? Daß ein Mann des Glaubens zum Mörder würde ... Das ist unvorstellbar!« Ihm schienen die Worte zu fehlen.

Eadulf antwortete mit einer gelassenen Geste. »Es wäre nicht das erste Mal, wie man weiß.«

»Aber nicht in Muman«, betonte Segdae. »Wer war dieser Sproß des Satans?«

»Er stammte zweifellos nicht aus unserem Königreich«, erwiderte Fidelma und kostete zum erstenmal von ihrem Wein. »Aona, der Herbergswirt am Brunnen von Ara, meint, er habe mit nördlichem Akzent gesprochen.«

Eadulf stimmte ihr zu. »Wir können mit Sicherheit annehmen, daß er aus dem Norden kam. Selbst die merkwürdige Vogeltätowierung auf seinem Unterarm wird nur an der Nordostküste vorgenommen und ist im Süden ganz unbekannt. Also stammt der Mönch nicht aus dieser Gegend.«

Abt Segdae schien plötzlich in seinem Sessel erstarrt. Er war sichtlich blaß geworden und wirkte noch hagerer als sonst. Er sah Fidelma mit beinahe entsetzter Miene an. Mehrmals setzte er zum Sprechen an, ehe die Worte aus seiner trockenen Kehle kamen.

»Hast du gesagt, der Attentäter hatte einen Vogel auf dem Unterarm eintätowiert? Und er sprach mit nördlichem Akzent?«

Fidelma bestätigte das und wunderte sich, was in den alten Abt gefahren war.

»Kannst du den Attentäter beschreiben?« fragte Segdae.

»Ein rundes Gesicht, klein, mit dichtem lockigem grauem Haar. Ein fülliger Mann von ungefähr fünfzig Jahren. Die Tätowierung hatte er auf dem linken Unterarm. Der Vogel war ein Bussard.«

Abt Segdae schlug plötzlich die Hände vors Gesicht und beugte sich stöhnend vor.

Fidelma erhob sich und trat unsicheren Schritts auf den zusammengesunkenen alten Mann zu.

»Was ist?« fragte sie. »Bist du krank?«

Nach einigen Augenblicken hatte der Abt die Fassung wiedererlangt.

»Die Person, die du beschreibst, ist Bruder Mochta, unser Bewahrer der heiligen Reliquien. Der Mönch, der aus der Abtei verschwunden ist.«

Eine Weile herrschte Schweigen.

»Bist du sicher?« fragte Eadulf und kam sich selber dumm vor dabei, denn die Beschreibung ließ keinen Zweifel zu. Es konnte keine zwei Menschen geben, auf die sie paßte.

»Mochta stammt aus dem Clan Brasil in Ulaidh«, begann Segdae zögernd.

»Einem nördlichen Königreich«, ergänzte Fidelma für Eadulf.

»Er hatte dieselbe unverwechselbare Tätowierung auf seinem linken Unterarm.«

Fidelma dachte einen Moment nach.

»Dann wird die Sache nur noch rätselhafter, Segdae«, meinte sie schließlich. Ohne auf seinen verständnislosen Blick zu achten, fragte sie: »Wann hast du Bruder Mochta zuletzt gesehen?«

»Gestern abend beim Vespergebet.«

Das war das Gebet zur sechsten Stunde des kirchlichen Tages, es fand bei Aufgang des Abendsterns statt.

»Hat er die Abtei oft verlassen?« wollte Fidelma wissen.

Segdae schüttelte den Kopf. »Soviel ich weiß, hat er sie kaum je verlassen, seit er vor zehn Jahren als scrip-tor herkam.«

Eadulf zog die Brauen hoch und schaute Fidelma bedeutungsvoll an. »Sagtest du, er war euer scriptor?« fragte er rasch.

Segdae bejahte mit einer Geste. »Er kam her, um unsere Annalen zu führen, und wurde dann Bewahrer der heiligen Reliquien.«

»In Anbetracht des Wertes und der Bedeutung dieser Reliquien«, forschte Eadulf, »war es doch eigenartig, daß ein Mann aus einem anderen Königreich zu ihrem Bewahrer bestellt wurde?«

»Bruder Mochta war ein frommer und gewissenhafter Mann, der seine religiösen Pflichten gut und ohne Rücksicht auf regionale Interessen erfüllte. Er war der Abtei und seiner neuen Heimat treu.«

»Bis jetzt«, ergänzte Eadulf trocken.

»Er ist seit zehn Jahren bei uns, sechs davon als Bewahrer der Reliquien. Willst du behaupten, daß er die Reliquien stahl und gestern abend nach Cashel ging, um König Colgü zu ermorden? Das ist nicht zu glauben.«

»Aber wenn er so aussah, wie auch du ihn beschreibst, bis hin zu der Tätowierung des Bussards auf seinem linken Unterarm, dann liegt er jetzt als Leiche in Cashel und wurde erschlagen, als er vom Schauplatz des Überfalls flüchten wollte«, erwiderte Eadulf.

Abt Segdae ließ die Schultern hängen. »Doch wie erklärt sich dann seine blutverschmierte und verwüstete Zelle? Bruder Madagan, mein Verwalter, und ich nahmen an, daß Mochta von demjenigen, der die Reliquien stahl, angegriffen und verwundet wurde.«

Fidelma schaute nachdenklich drein. »Das ist ein Rätsel, das wir lösen müssen. Anscheinend haben wir damit wenigstens den Namen eines der toten Attentäter in Cashel.«

»Aber ein noch größeres Rätsel als vorher«, seufzte Eadulf. »Wenn dieser Bruder Mochta die Reliquien gestohlen hat und ...«

Fidelma unterbrach ihn, langte in ihr marsupium, den kleinen Lederbeutel an ihrem Gürtel, und reichte dem Abt ein Stück Papier. »Sieh mal, ob du das erkennst, Segdae.« Es war die Zeichnung, um die sie Bruder Conchobar gebeten hatte. Sie glättete das Papier für den Abt.

Aufgeregt nahm er es entgegen.

»Was hat das zu bedeuten?« fragte er nach einem flüchtigen Blick.

»Erkennst du es?« forschte Fidelma.

»Natürlich.«

»Dann sag uns, was auf der Zeichnung ist.«

»Es ist eine der Reliquien des heiligen Ailbe. Er wurde in Rom zum Bischof geweiht, heißt es. Der Bischof von Rom, Zosimus der Grieche, soll ihm dieses Kruzifix geschenkt haben, das von den besten Künstlern Konstantinopels angefertigt wurde. Es ist aus Silber und mit fünf großen Smaragden besetzt. Wer hat diese Zeichnung gemacht und warum?«

Sorgfältig faltete Fidelma das Papier zusammen und steckte es wieder in ihr marsupium. »Dieses Kreuz wurde bei der Leiche des rundlichen Attentäters gefunden, nachdem Gionga, der Kommandeur der Leibwache der Ui Fidgente, ihn erschlagen hatte.«

Eadulf klopfte sich befriedigt auf den Schenkel. »Nun, damit ist ein Rätsel gelöst. Euer Bruder Mochta stahl die Reliquien und versuchte danach, Colgü und Donennach umzubringen.«

»Ist das Kruzifix in Sicherheit?« erkundigte sich Segdae besorgt.

»Es wird in Cashel verwahrt als Beweismaterial für die kommende Verhandlung.«

Abt Segdae seufzte tief. »Dann ist wenigstens ein Stück der heiligen Reliquien geborgen. Aber wo sind die anderen? Habt ihr sie gefunden?«

»Nein.«

»Wo mögen sie dann sein?« Der Abt jammerte beinahe in seiner Verzweiflung.

»Das müssen wir noch herausbekommen«, erklärte Fidelma. Sie leerte ihren Becher und stand entschlossen auf. »Sehen wir uns jetzt Mochtas Zelle an. Ich nehme an, ihr habt nichts darin verändert, seit ihr sie heute morgen untersucht habt?«

Der Abt schüttelte den Kopf.

»Es ist alles noch so, wie wir es vorgefunden haben«, versicherte er und erhob sich ebenfalls. »Aber ich bin entsetzt und verwundert, daß ein Mann wie Bruder Mochta so etwas getan haben soll. Er war ein so ruhiger Mensch, der nicht viel sprach, nicht einmal in eigener Sache.«

»Altissima quaeque flumina minimo sono labi«, zitierte Eadulf.

Fidelma verzog das Gesicht. »Vielleicht hast du recht. Die tiefsten Flüsse strömen mit dem geringsten Geräusch. Allerdings hinterlassen sie dabei doch Spuren, und die müssen wir entdecken. Führe uns zu Bruder Mochtas Zelle, Segdae.«

Der Abt nahm eine Lampe und ging ihnen voran. Als sie die Gänge durchschritten, hörten sie leise Töne in der Ferne.

»Die Brüder sind beim clais-cetul«, erklärte Abt Segdae, als Eadulf stehenblieb und lauschte.

Der Ausdruck war Eadulf neu.

»Sie singen im Chor«, erläuterte Segdae. »Der Begriff bedeutet Harmonie der Stimmen. Wir singen hier die Psalmen in der Art der Gallier, mit denen wir verwandt sind, und nicht in der Art der römischen classis

Eadulf bemerkte einen seltsamen akustischen Effekt in diesem Winkel der Abtei. Die Stimmen der singenden Mönche drangen klar aus der Kapelle auf der anderen Seite des Kreuzgangs herüber. Er konnte selbst die Worte unterscheiden.

Regem regum rogamus in nostris sermonibus, anacht Noe a luchtlach Diluvii temporibus ...

»In unseren beiden Sprachen«, übersetzte Fidelma nachdenklich, »beten wir zum König der Könige, der Noah und die Seinen in den Zeiten der Sintflut beschützte .«

»So etwas habe ich noch nie gehört«, gestand Ea-dulf. »Dieses Nebeneinander von Latein und Irisch in einer Strophe ist ganz seltsam.«

»Es ist eins der Lieder von Colman moccu Cluasaif, dem Lektor von Cork. Er komponierte es vor zwei Jahren, als wir unter der schrecklichen Gelben Pest litten«, erklärte Segdae.

Sie blieben einen Moment stehen und horchten, denn es lag etwas Hypnotisches in dem Steigen und Fallen des Gesangs.

»Es beruht, glaube ich, auf dem Gebet im Brevier für die Seelenmesse«, vermutete Fidelma.

»Genau so ist es, Fidelma«, bestätigte Segdae anerkennend. »Es freut mich, daß du deine religiösen Studien nicht vernachlässigst, trotz deines wachsenden Rufs als dalaigh.«

»Was uns auf den Zweck unseres Besuches zurückbringt, Segdae«, erwiderte Fidelma.

Der Abt führte sie weiter durch die dunklen Gänge der Abtei. Fackeln entlang der Steinmauern verbreiteten ein unsicheres, flackerndes Licht. Von dieser täuschenden und stark riechenden Beleuchtung abgesehen, lag die Abtei in Dunkelheit gehüllt.

»Vielleicht wäre es klüger gewesen, bis morgen zu warten«, murmelte Eadulf, nachdem er sich umgesehen hatte. »Ich glaube nicht, daß wir bei diesem Licht viel erkennen können.«

»Vielleicht«, gab Fidelma zu. »Es stimmt, daß künstliches Licht trügerisch sein kann, aber ich möchte doch einen ersten Blick in die Zelle werfen, denn je länger die Dinge sich selbst überlassen bleiben, desto eher kann etwas verändert werden.«

Schweigend schritten sie durch die hallenden Gänge der Abtei und durch den Kreuzgang.

»Der Wind kommt wieder aus Südwest«, murmelte der Abt, als die Fackeln besonders stark flackerten. Er blieb vor einer Tür stehen, öffnete sie, trat zur Seite und hob die Lampe hoch.

Das Licht fiel in die durchwühlte Zelle.

»Es ist alles noch so, wie Bruder Madagan und ich es heute früh vorfanden. Übrigens« - Segdae wandte sich entschuldigend an Eadulf - »wollte ich dich noch fragen, ob du diese Nacht mit in Madagans Zelle schlafen würdest, denn unser Gästehaus ist überbelegt. Nur die eine Nacht, wohlgemerkt. Eine Schar Pilger auf dem Weg zur Küste übernachtet hier. Sie wollen sich dort einschiffen für die Fahrt zum Schrein des heiligen Jakob von dem Sternenfeld.«

»Ich habe nichts dagegen, das Zimmer mit Bruder Madagan zu teilen«, antwortete Eadulf.

»Gut. Morgen wird unser Gästehaus wieder nahezu leer sein.«

»Soll ich heute auch bei jemandem übernachten?« fragte Fidelma zerstreut, während sie sich in der Zelle umschaute.

»Nein, dir habe ich ein eigenes Zimmer reservieren lassen, Fidelma«, versicherte ihr Segdae.

Fidelma betrachtete das Chaos. Sie gab es ungern zu, aber Eadulf hatte vollkommen recht. Bei dem künstlichen Licht war kaum etwas festzustellen.

Wichtige Gegenstände konnten im Schatten verborgen bleiben. Sie seufzte und wandte sich um.

»Wir sehen uns wohl den Raum am besten im Morgenlicht an«, meinte sie, ohne Eadulf dabei anzublik-ken.

»Sehr gut«, stimmte ihr der Abt zu. »Ich sorge dafür, daß niemand etwas anrührt.«

Während er die Zelle verschloß, fragte Fidelma: »Du sagtest, daß die Pilger euer Gästehaus belegen. Halten sich auch andere Reisende dort auf?«

»Nur die Pilger.«

»Niemand anderes?«

»Nein. Ach doch, der Kaufmann Samradan. Den müßtest du kennen. Er kommt aus Cashel.«

»Ich kenne ihn nicht, habe aber gehört, daß mein Vetter Donndubhain ihn kennt. Was kannst du mir über ihn sagen?«

»Ziemlich wenig«, meinte der Abt achselzuckend. »Er treibt Handel mit der Abtei, seit ungefähr zwei Jahren. Ich weiß nur, daß er aus Cashel stammt und oft mit seinen Wagen herkommt. Er ist dann unser Gast.«

Fidelma nickte nachdenklich. »Wagen, sagst du? Wer fährt sie?«

»Er hat drei Gehilfen, aber die bleiben lieber in der Herberge der Stadt außerhalb der Abtei.« Der Abt rümpfte mißbilligend die Nase. »Nicht das beste Haus, es steht in keinem guten Ruf. Es ist keine rechtmäßige Herberge, denn sie hat keine Lizenz vom bo-aire, dem Ortsvorsteher. Ich mußte schon ein- oder zweimal ge-gen die Herbergswirtin vorgehen, eine Frau namens Cred, wegen ihrer lockeren Moral ...«

Fidelma war nicht an der Moral von Frau Cred interessiert und unterbrach ihn: »Seit wann hält sich Samradan diesmal schon bei euch auf?«

Segdae rieb sich die Nase, als helfe dies seinem Gedächtnis nach. »Du scheinst sehr interessiert an diesem Samradan. Steht er irgendwie unter Verdacht?«

Fidelma machte eine abwehrende Handbewegung. »Nein. Aber ich kenne die meisten Einwohner von Cashel, Samradan jedoch kenne ich nicht. Seit wann ist er in der Abtei, sagst du?«

»Seit ein paar Tagen. Nein, eher wohl seit einer Woche. Du siehst ihn sicher morgen beim Frühstück. Vielleicht sagt er dir, was du wissen mußt. Sollte ich euch jetzt eure Nachtquartiere zeigen?«

Eadulf lächelte erfreut. »Ein guter Vorschlag, Lord Abt. Ich bin erschöpft. Es war ein langer Tag voller Anstrengungen.«

»Nachdem ihr euch erfrischt habt«, fuhr der Abt fort, »werdet ihr euch sicher den Brüdern zum Mitternachtsgottesdienst anschließen wollen.«

Ihm fiel die Leidensmiene des Angelsachsen nicht auf, als er sie weiter einen Gang entlang und über den Hof mit dem Kreuzgang führte.

»Dies ist unser Gästehaus«, sagte er, wies auf eine Tür und klopfte an.

Die kleine, schattenhafte Gestalt, die auf der Schwelle erschien, war an ihrer Silhouette deutlich als weiblich auszumachen.

»Hier ist unsere domina, Schwester Scothnat.«

Eadulf wurde erst jetzt klar, daß die Abtei Imleach ein conhospitae war, ein gemischtes Haus, in dem Mönche und Nonnen gemeinsam wohnten und arbeiteten. Solche »Doppelhäuser« waren bei seinem Volk selten, doch er wußte, daß bei den religiösen Gemeinschaften der Briten und Iren solches Zusammenleben üblich war.

»Dies ist Schwester Fidelma, Scothnat.«

Schwester Scothnat knickste aufgeregt, denn sie wußte, daß Fidelma die Schwester des Königs war.

»Ich habe dein Zimmer fertig, Lady«, verkündete sie atemlos. »Als mir der Abt deine Ankunft mitteilte, habe ich es gleich vorbereitet.«

Fidelma legte Schwester Scothnat leicht die Hand auf den Arm. Normalerweise machte sie unter Nonnen keinen Gebrauch von ihrer Verwandtschaft mit dem König von Muman. Nur wenn sie besondere Autorität benötigte, griff sie darauf zurück.

»Ich heiße Fidelma. Schließlich sind wir alle Schwestern im Glauben, Scothnat.« Sie wandte sich an Segdae und Eadulf. »Dann also bis zum Mitternachtsgottesdienst. Dominus vobiscum.«

»Dominus tecum«, antwortete Segdae feierlich.

Der Abt ging mit Eadulf wieder zurück über den Hof zu einem Gang auf der anderen Seite, wo sie ein hochgewachsener Mönch begrüßte.

»Madagan«, stellte der Abt ihn vor. »Das trifft sich gut, wir suchten dich gerade. Dies ist Bruder Eadulf. Weil diese Nacht die Pilger das Gästehaus belegen, schlage ich vor, daß du ihn in deiner Zelle aufnimmst, denn du hast ja noch ein zweites Bett.«

Bruder Madagan maß Eadulf mit einem forschenden Blick, als wolle er ihn abschätzen. Seine Augen waren kalt, und von seinem Lächeln ging keine Wärme aus.

»Du bist höchst willkommen, Bruder.«

»Gut.« Das Wort paßte nicht zu Segdaes unglücklichem Ton. »Dann sehe ich dich beim Mitternachtsgottesdienst, Bruder Eadulf.« Mit niedergeschlagener Miene verschwand der Abt.

»Ich bin der Verwalter der Abtei«, erklärte Mada-gan vertraulich und führte Eadulf zu einer Tür auf dem Gang. »Meine Zelle ist größer als die meisten anderen, ich hoffe, du findest sie auch bequem.«

Sie enthielt zwei kleine Betten, zwei Tische und einen Stuhl. Auf dem Tisch stand eine Kerze, sonst lag darauf nur ein kleines ledergebundenes Buch. Auf einem zweiten Tisch hinter der Tür befanden sich ein Wasserkrug, eine Schüssel und ein paar Handtücher. Alles war sehr sauber und ordentlich.

Bruder Madagan wies auf eins der Betten: »Das ist dein Lager, Bruder . entschuldige, ich kann deinen angelsächsischen Namen nicht aussprechen, er ist zu schwer für mich.«

»E-a-dulf«, wiederholte Eadulf geduldig.

»Hat er eine Bedeutung?«

»Er bedeutet >edler Wolf<«, erklärte Eadulf nicht ohne Stolz.

Bruder Madagan rieb sich nachdenklich das Kinn.

»Ich überlege, wie man das in unsere Sprache übersetzen könnte - vielleicht Conri, König der Wölfe?«

Eadulf schnaufte mißbilligend. »Der Name eines Menschen braucht nicht übersetzt zu werden. Er ist, wie er ist.«

»Da hast du wohl recht«, gab der Verwalter zu. »Darf ich dir sagen, daß du unsere Sprache gut sprichst?«

Eadulf hatte sich zur Probe auf das Bett gesetzt. »Ich habe in Durrow und Tuaim Brecain studiert.«

Madagan war überrascht. »Trotzdem trägst du die Tonsur eines Ausländers?«

»Ich trage die Tonsur des heiligen Petrus«, verbesserte ihn Eadulf mit Bestimmtheit, »so wie sie zum Gedenken an die Dornenkrone unseres Heilands geschnitten wird.«

»Aber das ist nicht die Tonsur, die wir in den fünf Königreichen tragen oder die Briten oder die Männer von Alba und Armorica.«

»Es ist die Tonsur aller derer, die der Regel Roms folgen.«

Bruder Madagan zog eine säuerliche Miene. »Du bist stolz auf deine Tonsur, Edler Wolf der Angelsachsen«, bemerkte er.

»Ich möchte keine andere tragen.«

»Natürlich nicht. Nur wirkt sie auf die Brüder hier absonderlich.«

Eadulf wollte das Gespräch schon abbrechen, als ihm plötzlich ein Gedanke kam. »Aber du mußt sie doch schon oft gesehen haben«, entgegnete er langsam.

Bruder Madagan goß gerade Wasser zum Händewaschen in eine Schüssel. Er wandte sich zu Eadulf um und schüttelte den Kopf. »Die Tonsur des heiligen Petrus? Das kann ich nicht sagen. Ich habe Im-leach kaum jemals verlassen, bin hier in der Nähe am Hang des Cnoc Loinge geboren, im Süden von hier. Sie nennen ihn den Schiffsberg, weil er die Form hat.«

»Wenn du sie noch nie gesehen hast, wie würdest du dann die Tonsur Bruder Mochtas beschreiben?« wollte Eadulf wissen.

Bruder Madagan zuckte verwundert die Achseln. »Wie ich die beschreiben würde?« wiederholte er langsam. »Ich verstehe dich nicht.«

Eadulf stampfte beinahe mit dem Fuß auf vor Ärger. »Wenn meine Tonsur dir seltsam vorkommt, dann könntest du doch sicher etwas dazu sagen, daß Bruder Mochta dieselbe Tonsur trug, bis er vor kurzem sein Haar wieder wachsen ließ?«

Nun war Bruder Madagan völlig verwirrt. »Aber Bruder Mochta trug doch keine Tonsur wie deine, Bruder Edler Wolf.«

Eadulf bezwang seinen aufsteigenden Zorn und erklärte: »Bruder Mochta trug, soviel ich weiß, die Tonsur des heiligen Petrus bis vor ein paar Wochen.«

»Da irrst du dich, Edler Wolf. Bruder Mochta trug die Tonsur des heiligen Johannes, die wir hier alle tragen, den Kopf rasiert bis zu einer Linie von Ohr zu Ohr, damit man die Dornenkrone sehen kann, wenn man einen Bruder anblickt.«

Nun war die Reihe an Eadulf, völlig verwirrt zu sein. Er setzte sich auf sein Bett.

»Damit ich dich ganz richtig verstehe, Bruder Ma-dagan. Willst du mir sagen, daß Bruder Mochta nicht so eine Tonsur trug wie ich?«

»Ganz bestimmt nicht«, bekräftigte Bruder Mada-gan.

»Und er ließ auch nicht sein Haar wachsen, um sie zu verdecken?«

»Noch viel weniger. Jedenfalls war es so, als ich ihn gestern abend beim Vespergebet sah. Er trug die Tonsur des heiligen Johannes.«

Eadulf saß da und starrte ihn an, während ihm aufging, was der Mann da sagte.

Wer der erschlagene Mönch in Cashel auch sein mochte, trotz der passenden Beschreibung bis hin zur Tätowierung konnte er nicht Bruder Mochta von Im-leach sein. Er konnte es wirklich nicht sein. Aber wie war so etwas möglich?

Kapitel 9

Fidelma betrachtete Eadulf über den Tisch im Speisesaal hinweg, an dem sie ihr Frühstück einnahmen, mit einem leichten Lächeln.

»Dieses Geheimnis um Bruder Mochta beunruhigt dich anscheinend«, bemerkte sie und brach sich ein Stück Brot von dem Laib vor ihr ab.

Eadulf riß verblüfft die Augen auf. »Dich etwa nicht? Das grenzt doch an ein Wunder. Wie kann es denn derselbe Mann sein?«

»Beunruhigt bin ich nicht. Sagte nicht schon der Römer Tacitus, daß das Unbekannte immer für das Wunderbare gehalten wird? Sobald also diese Sache nicht mehr unbekannt ist, hört sie auch auf, wunderbar zu erscheinen.«

»Meinst du damit, daß es eine logische Erklärung für dieses Geheimnis geben muß?«

Fidelma sah ihn vorwurfsvoll an. »Gibt es die nicht immer?«

»Na, ich sehe keine«, erwiderte Eadulf und schob das Kinn vor. »Für mich riecht das nach Zauberei.«

»Zauberei!« spottete Fidelma. »Wir haben schon mit anderen Geheimnissen zu tun gehabt und keins dabei gefunden, das sich nicht von uns ergründen ließ. Denk daran, Eadulf, vincit quipatitur.«

Eadulf neigte den Kopf, um seinen Ärger zu verbergen. »Gewiß kommt man mit Geduld ans Ziel, aber wir haben noch nie vor solch einem Rätsel gestanden.« Er blickte auf und sah Bruder Madagan kommen. Leise sagte er: »Das ist der Bruder, der Alarm schlug, als Mochta verschwunden war. Er ist der Verwalter der Abtei, Bruder Madagan.«

Der hochgewachsene Mönch trat lächelnd zu ihnen.

»Ein schöner Morgen«, sagte er, setzte sich und stellte sich Fidelma vor. »Ich bin der rechtaire der Abtei und heiße Madagan. Ich habe schon viel von dir gehört, Fidelma von Cashel.«

Fidelma erwiderte den forschenden Blick des Mannes und stellte sofort fest, daß sie ihn nicht mochte, wenngleich sie nicht hätte sagen können, weshalb. Er hatte ein freundliches, etwas kantiges und hageres Gesicht, in dem nichts abstoßend wirkte. Auch seine Art war zuvorkommend. Sie konnte sich ihre Abneigung nicht erklären.

»Guten Morgen, Bruder Madagan.« Höflich neigte sie den Kopf. »Wie ich hörte, hast du als erster festgestellt, daß die heiligen Reliquien fehlten?«

»Ja, das war so.«

»Was waren die näheren Umstände dabei?«

»Es war der Feiertag des heiligen Ailbe, also stand ich früh auf, denn an dem Tag ...«

»Ich kenne die Ordnung des Feiertages«, unterbrach ihn Fidelma rasch.

Bruder Madagan blinzelte.

In dem Moment erkannte Fidelma, was ihn ihr unangenehm gemacht hatte. Wenn er blinzelte, senkten sich seine Augenlider schwer und bedächtig und blieben den Bruchteil einer Sekunde geschlossen, bevor sie sich wieder hoben. Es war, als verhüllten sie die Augen, wie bei einem Habicht. Ihr wurde klar, daß sie kalt waren trotz der Maske der Freundschaft. Die Persönlichkeit hinter diesem Gesicht blieb verborgen und war nur mit äußerstem Scharfblick zu durchschauen.

»Nun gut«, fuhr er fort, »es gab viel zu tun mit den Vorbereitungen .«

»Sag mir, wie du festgestellt hast, daß die heiligen Reliquien fort waren.«

Diesmal ließ sich Bruder Madagan von ihrem scharfen Einwurf nicht beirren.

»Ich ging zur der Kapelle, in der die heiligen Reliquien aufbewahrt wurden«, antwortete er ruhig.

»Du bist aber nicht der Bewahrer der Reliquien des heiligen Ailbe. Warum gingst du hin?« Ihre Stimme war sanft, aber die Frage bohrend.

»Weil ich Nachtwache hatte. Da gehörte es zu meinen Pflichten, die Runde zu machen und zu sehen, daß in der Abtei alles in Ordnung ist.«

»Ich nehme an, du fandest, daß alles in Ordnung war?«

»Anfangs schon .«

»Bis du zur Kapelle kamst?«

»Ja. Da fiel mir auf, daß das Reliquar nicht in seiner Nische stand.«

»Wann war das?«

»Ungefähr eine Stunde vor Sonnenaufgang.«

»Wann hatte man das Reliquar zuletzt an seinem Platz gesehen?«

»Beim Vespergebet. Da haben es alle gesehen. Bruder Mochta war auch da.«

Eadulf hüstelte leicht, bevor er fragte: »Was genau enthielt dieses Reliquar?«

Bruder Madagan machte eine weit ausholende Handbewegung. »Die Reliquien unseres geliebten heiligen Ailbe.«

»Nein, so meine ich das nicht. Was gehörte alles zu diesen Reliquien? Wir wissen nur, daß das Kruzifix, das er aus Rom mitbrachte, darunter war.«

»Ach so, ich verstehe.« Bruder Madagan lehnte sich nachdenklich zurück. »Außer dem Kruzifix gehörten dazu sein Bischofsring, sein Messer, ein von seiner eigenen Hand geschriebenes Exemplar des Gesetzes Ailbes und seine Sandalen. Ach, und dann natürlich sein Kelch.«

»Ist es hier üblich, daß die Leute wissen, was sich in einem Reliquar befindet?« fragte Eadulf plötzlich. »In vielen Kirchen, die Reliquien von Heiligen besitzen, ist das Reliquar geschlossen, damit niemand die Stük-ke sehen kann.«

Bruder Madagan lächelte. »In diesem Fall wissen die Leute, was im Reliquiar ist, Edler Wolf der Angelsachsen«, scherzte er. »Der Inhalt wird jedes Jahr bei der Feiertagszeremonie gezeigt und von der Kapelle zu Ailbes heiligen Brunnen getragen, wo er gesegnet wird, und von dort zu dem Stein, der sein Grab bezeichnet.«

»Ihr materieller Wert war nicht sehr hoch, von dem Kruzifix abgesehen?« forschte Eadulf.

»Das Kruzifix und der Ring sind ein Vermögen wert«, erwiderte Madagan. »Der Ring ist aus Gold und mit einem Edelstein besetzt, der Smaragd heißt, ein seltsamer grüner Stein, der in Ägypten gefunden wird und den die Chaldäer verarbeitet haben sollen. Dieser Ring war ein Geschenk von Zosimus an Ailbe, wie auch das Kruzifix. Das ist aus Silber, aber ebenfalls mit Smaragden besetzt.«

»Also war der materielle Wert doch hoch?« beharr-te Eadulf.

»Ziemlich hoch, aber gering im Vergleich zu dem symbolischen Wert dieser Reliquien für unsere Abtei und das Königreich Muman.«

»Diese Bedeutung der Reliquien habe ich Bruder Eadulf schon erklärt«, bestätigte Fidelma.

Bruder Madagan senkte den Kopf. »Dann wirst du verstehen, Edler Wolf, daß die Wiedererlangung des Reliquars und der heiligen Reliquien für das Wohl unseres Königreichs unerläßlich ist. Unsere Menschen glauben an Symbole. Deshalb befürchten sie, daß der Verlust der Reliquien Unheil über unser Land bringen würde.«

»War der Kelch wertvoll?« fragte Eadulf.

»Er ist aus Silber und mit Halbedelsteinen besetzt. Ja, er hat großen materiellen Wert.«

»Wer in der Abtei weiß vom Verschwinden der Reliquien?« erkundigte sich Fidelma.

»Vor denen, die in der Abtei wohnen, haben wir es leider nicht geheimhalten können. Schließlich war gestern der Tag, an dem sie den Brüdern hätten gezeigt werden sollen. Der Abt bemüht sich zwar, die Kunde nicht über die Mauern der Abtei hinausgelangen zu lassen, aber das wird nicht lange gelingen. Die Pilger brechen heute vormittag zur Küste auf. Sie werden zweifellos darüber reden. Dann ist da dieser Kaufmann aus Cashel mit seinen Gehilfen. Die halten auch nicht den Mund. Ich meine, in einer Woche wird es sich im ganzen Königreich herumgesprochen haben, vielleicht sogar in ganz Eireann. Eine gefährliche Zeit bricht an für unser Volk.«

Fidelma wußte sehr wohl, was das hieß. Es gab viele Neider, die den Sturz der Eoghanacht von Cashel begrüßen würden. Insbesondere, das mußte sie zugeben, Donennach von den Ui Fidgente. Ihm täte es nicht leid, wenn das Königreich zerfiele. Wenn das Volk durch den Verlust der Reliquien entmutigt wurde, sich in sein Schicksal ergab und keinen Willen zur Verteidigung aufbrachte, dann mußte Cashel mit Angriffen von außen und Umsturz im Innern rechnen. Plötzlich spürte sie die Last der Verantwortung auf ihren Schultern. Wenn sie dieses Rätsel nicht löste, und zwar bald löste, konnte das für Cashel zur Katastrophe führen.

»Als du nun sahst, daß das Reliquar fehlte, was tatest du da?« fragte sie.

»Ich ging sofort zum Abt und weckte ihn«, antwortete Bruder Madagan.

»Du wecktest sofort Abt Segdae? Warum?«

Bruder Madagan schaute sie verständnislos an. »Warum?« wiederholte er.

»Ja. Warum gingst du nicht Bruder Mochta wek-ken? Schließlich war er doch der Bewahrer der Reliquien?«

»Ach so! Im nachhinein erscheint die Frage logisch. Der Abt hat sie mir auch schon gestellt. Ich muß gestehen, daß ich unter dem Schock meiner Entdeckung nicht logisch gehandelt habe. Ich dachte, als ersten müßte ich den Abt benachrichtigen.«

»Nun gut. Was geschah dann?«

»Der Abt meinte, wir sollten Bruder Mochta holen. Wir gingen zu seiner Zelle und stellten fest, daß er verschwunden war. Die Zelle war durchwühlt, und wir sahen Blutflecke.«

Fidelma erhob sich mit einer Plötzlichkeit, die sowohl Bruder Madagan als auch Bruder Eadulf überraschte.

»Vielen Dank, Bruder. Wir gehen jetzt zu Bruder Mochtas Zelle und sehen sie uns genauer an«, verkündete sie.

Bruder Madagan stand ebenfalls auf. »Der Abt hat mich gebeten, euch dorthin zu führen«, sagte er. Er hatte den Schlüssel mitgebracht und ging ihnen voran. Unterwegs unterhielt er sie mit unaufhörlichem Geplauder über die Sehenswürdigkeiten der Abtei, die er ihnen zeigte. Fidelma und Eadulf waren sich darüber einig, daß sein Redefluß sie wohl habe ablenken sollen.

Fidelma stand auf der Schwelle von Bruder Mochtas Zelle und betrachtete das Durcheinander darin. Ihren aufmerksamen Blicken entging nichts. Der Raum befand sich in völliger Unordnung. Kleidungsstücke waren auf dem Boden verstreut. Die Strohmatratze war halb von dem kleinen Holzbettgestell heruntergezerrt. Ein Kerzenstummel war in einer Talgpfütze auf dem Boden erloschen, der hölzerne Kerzenhalter stand daneben. Selbst ein paar persönliche Toilettenartikel lagen hier und da herum. Der Tisch neben dem Bett war seltsamerweise nicht umgestoßen. Auf ihm befand sich ein einziger Gegenstand, das hintere Ende eines Pfeils. Die Zeichen auf den Lenkfedern erkannte sie sofort. In einer Ecke lagen Schreibzeug und ein paar Blätter Pergament.

Bruder Madagan schaute ihr über die Schulter. »Dort, Schwester, da auf der Matratze. Das sind die Blutflecke, die der Pater Abt und ich bemerkten.«

»Ich sehe sie«, erwiderte Fidelma kurz. Sie ging nicht hin, sondern wandte sich an Bruder Madagan.

»Sag mal, die Zellen rechts und links von dieser -sind die bewohnt?«

Bruder Madagan nickte. »Ja, aber die Brüder, die darin schlafen, sind jetzt im Wald und sammeln Kräuter. Der eine ist unser Apotheker, der andere sein Gehilfe.«

»Heißt das, daß zu der Zeit, als Bruder Mochta aus diesem Raum verschwand, sich in den Zellen zu beiden Seiten jemand aufhielt?«

»Das stimmt.«

»Und dir oder dem Abt wurde nichts Ungewöhnliches gemeldet?« Ihr Blick streifte durch die verwüstete Zelle.

»Nichts.«

Fidelma schwieg einen Moment und sagte dann: »Wir möchten dich nicht länger von deinen Pflichten abhalten, Bruder Madagan. Wo finden wir dich, wenn wir hier fertig sind?«

Bruder Madagan bemühte sich, seine Enttäuschung über die plötzliche Verabschiedung zu verbergen. »Im Speisesaal. Wir sagen heute vormittag den Pilgern Lebewohl.«

»Sehr gut. Wir kommen bald nach.«

Eadulf schaute Bruder Madagan nach, bis er verschwunden war, und sah dann Fidelma fragend an. Sie blickte schweigend in die Zelle, und Eadulf wußte, daß er sie nicht in ihren Gedanken stören durfte. Nach einer Weile betrat sie den Raum und postierte sich neben der Tür.

»Komm, Eadulf, stell dich auf die Schwelle, wo ich gestanden habe. Was hast du für einen Eindruck?«

Verwundert tat Eadulf, wie sie ihm geheißen. Er ließ den Blick durch den verwüsteten Raum wandern. Das Chaos war nicht zu verkennen.

»So wie die Zelle aussieht, könnte man annehmen, daß Mochta nach heftiger Gegenwehr herausgeschleppt wurde.«

Fidelma neigte zustimmend den Kopf. »So wie die Zelle aussieht«, wiederholte sie leise. »Aber die Bewohner der Nachbarzellen haben nichts bemerkt.«

Eadulf sah sie rasch an und verstand, worauf sie hinauswollte. »Du meinst, man hat das ...« er suchte nach dem richtigen Ausdruck, »absichtlich so arrangiert?«

»Das meine ich. Sieh mal, wie alles im Raum verstreut liegt. Wie die Matratze und die Kleidung vom Bett gerissen wurden. Alles deutet auf eine tätliche Auseinandersetzung, die zwischen dem Vespergebet und der Zeit etwa eine Stunde vor Sonnenaufgang stattgefunden haben muß. Wenn es wirklich so eine tätliche Auseinandersetzung gab, wie man uns hier glauben machen will, dann hätte der Lärm die Bewohner der Nebenzellen selbst aus dem tiefsten Schlaf reißen müssen. Doch niemand hat eine Störung gemeldet.«

»Wir sollten sichergehen und die Bewohner der Zellen befragen«, meinte Eadulf.

Fidelma lächelte. »Mein Mentor, der Brehon Mo-rann, sagte immer: >Wer nichts weiß, zweifelt an nichts.< Gut gesprochen, Eadulf. Wir müssen tatsächlich mit ihnen reden. Aber ich gehe davon aus, daß sie wahrscheinlich wirklich nichts gehört haben.«

Eadulf machte eine hilflose Geste. »Nehmen wir mal an, Bruder Mochta hat diese Unordnung absichtlich hinterlassen? Doch zu welchem Zweck?«

»Vielleicht war es auch jemand anderes. Noch wissen wir es nicht.«

»Wenn der tote Mönch in Cashel wirklich Bruder Mochta wäre, dann ergäbe das einen Sinn. Aber Bruder Madagan bleibt dabei, daß Mochta eure irische Tonsur trug und nicht die römische. Haar kann nicht an einem Tag so wachsen oder sich verändern. Außerdem sagte der Herbergswirt am Brunnen von Ara, daß der Mönch das Haar wachsen ließ, als er vor einer Woche dort vorbeikam.«

»Wohl wahr. Doch hast du eine Erklärung dafür, daß die Beschreibung des Leichnams in Cashel und die von Bruder Mochta so genau übereinstimmen, bis hin zu der Tätowierung auf dem Arm?« Fidelmas Augen funkelten einen Moment. »Das ist auch eine Sicherheit. Ganz sicher können wir nur der Dinge sein, die uns unverständlich sind.«

Eadulf verdrehte die Augen. »Zweifellos ein Ausspruch Brehon Moranns?« fragte er spöttisch.

Fidelma würdigte ihn keiner Antwort, sondern sah sich noch einmal im Raum um.

»Ich glaube, wer das hier getan hat, ob nun Bruder Mochta oder jemand anders, hat es sorgfältig getan. Schau mal, die Matratze wurde so hingelegt, daß nur ein Blinder den Blutfleck übersehen könnte. Zwar kann eine Matratze durchaus so verrutschen, aber es wirkt doch sehr gestellt. Und warum sollte man bei einer tätlichen Auseinandersetzung Kleidungsstücke aus dem Schrank nehmen und sie im Zimmer herumwerfen?«

Eadulf nickte begreifend.

»Hast du den Pfeil auf dem Tisch am Bett bemerkt?« fragte ihn Fidelma.

Eadulf stöhnte innerlich.

Er hatte ihn registriert, aber nur als Teil des allgemeinen Durcheinanders. Als er nun genauer hinsah, fiel ihm das Zeichen auf den Lenkfedern auf. Es war dieselbe Art von Pfeil, die der Bogenschütze bei dem Mordversuch in Cashel benutzt hatte, dieselbe Art von Pfeil, wie Fidelma sie im Beutel trug und die den Pfeilschmieden von Cnoc Äine zugeschrieben wurde.

»Ich sehe ihn«, antwortete er kurz.

»Und was hältst du davon?«

»Was ich davon halte? Es ist der Schaft eines entzweigebrochenen Pfeils, das hintere Ende mit den Lenkfedern, das auf den Tisch gefallen ist.«

»Gefallen?« Fidelma hob ungläubig ein wenig die Stimme. »Es liegt so offen da, daß es anscheinend jeder sehen soll. Wenn der Pfeil bei einer Auseinandersetzung zerbrochen sein soll, wo ist dann die andere Hälfte?«

Eadulf suchte mit dem Blick den ganzen Fußboden ab, sah aber nichts. »Was bedeutet das?«

»Das weißt du so gut wie ich«, erwiderte Fidelma gleichmütig. »Wenn der Raum sorgfältig für uns hergerichtet wurde . jedenfalls für den Betrachter hergerichtet wurde . Welchen Eindruck soll er dann vermitteln?«

Eadulf verschränkte die Arme, bevor er antwortete: »Bruder Mochta ist verschwunden. Wer das heute sieht, soll denken, er sei nach einem heftigen Kampf aus seiner Zelle geschleppt worden. Darauf verweisen der Blutfleck auf der Matratze und das Durcheinander. Dann liegt da ein zerbrochener Pfeil auf dem Tisch am Bett . Ach, das könnte heißen sollen, der Pfeil sei zerbrochen, als einer der Angreifer damit auf Mochta einstach. Der Teil mit der Spitze steckt noch in Mochta, während das Schwanzende mit den Lenk-federn abbrach und auf den Tisch geworfen wurde.« Er schaute Fidelma fragend an.

»Ausgezeichnet, Eadulf. Das ist genau das, was man uns glauben machen will. Doch da die Szene so sorgfältig gestellt wurde, müssen wir dahinter schauen und sehen, was der Raum wirklich aussagt.«

Schritt für Schritt suchte sie ihn nun ab. Dann nahm sie das Pfeilende und steckte es in ihr marsupium.

»Ich glaube nicht, daß er uns viel zu sagen hat, ehe wir nicht mehr Tatsachen in Erfahrung gebracht haben.«

Dann besah sie sich das Schreibgerät und die Pergamentblätter.

»Bruder Mochta schrieb eine schöne Handschrift. Anscheinend verfaßte er ein >Leben Ailbes<.« Sie las von einem der Pergamentblätter ab: »>Er wurde von Christus zur ewigen Ruhe abberufen im hundertsten Jahr seines Lebens, wie es in den Annalen von Imleach verzeichnet steht, die im Jahre des Herrn 522 begonnen wurden.<« Sie hielt inne. »Der Rest scheint zu fehlen. Aber hier gibt es noch ein Fragment.« Sie las erneut vor: »>Die Ruhestätte Ailbes ist von Schreibern des Nordens falsch angegeben worden, denn sie wollen nicht eingestehen, daß er früher in Muman war als Patrick von Armagh.<«

»Haben diese Aufzeichnungen irgendeine Bedeutung?« fragte Eadulf.

»Vielleicht«, erwiderte sie, rollte die Blätter zusammen und steckte sie ebenfalls in ihr marsupium. Dann blickte sie sich noch einmal um. »Ich glaube, weitere Geheimnisse enthüllt uns diese Zelle nicht. Gehen wir.«

Sie verschlossen den Raum, nachdem sie ihn verlassen hatten; Bruder Madagan hatte den Schlüssel stek-kenlassen. Dann kehrten sie in den Speisesaal zurück. Davor hatte sich ein reichliches Dutzend Mönche und Nonnen versammelt. Sie waren in lange Mäntel gehüllt, und jeder trug ein Bündel und hielt einen Pilgerstab in der Hand. Abt Segdae stand vor ihnen, die rechte Hand erhoben, Daumen und Mittelfinger gegeneinander gelegt, so daß die drei anderen Finger auf irische Art die heilige Dreieinigkeit symbolisierten.

Er sprach den Segen über sie in Griechisch, das man für die Sprache der Evangelien hielt.

Dann schulterten die Pilger ihre Bündel und machten sich, immer zu zweit, auf den Weg zum offenen Tor der Abtei. Dabei erhoben sie ihre Stimmen zu einem freudigen Lobgesang.

Cantemus in omni die concinentes varie, conclamantes Deo dignum hymnum sanctae Mariae

»Wir wollen jeden Tag singen, gemeinsam in verschiedenen Melodien, und Gott eine würdige Hymne für die heilige Maria darbringen«, murmelte Eadulf die Übersetzung.

Bald hatte der singende Pilgerzug das Tor der Abtei passiert und setzte draußen seinen Weg fort. Langsam verklangen die Stimmen.

Sie schauten ihnen noch nach, als ein stämmiger Mann auf sie zukam. Er war mittelgroß, muskulös, kräftig gebaut mit ordentlichem, ergrauendem braunem Haar. Er trug ein Lederwams über seiner Arbeitskleidung und ein kurzes Schwert am Gürtel. Seine Augen waren hell und stechend. Er hatte ein gerötetes Gesicht, das ein wenig zu fleischig geworden war, als daß es das gute Aussehen seiner Jugend ganz bewahrt hätte. Er erweckte den Eindruck von erworbenem Reichtum; erworben, weil er ihn offen zur Schau trug. Sein Schmuck stach von seiner Kleidung ab. Wer solchen Reichtum von Hause aus besaß, hätte ihn nicht so geschmacklos gezeigt. Fidelma unterdrückte ein Lächeln. Sie hatte plötzlich die Vorstellung, dieser Angeber trüge ein Schild um den Hals mit der Aufschrift Lucri bonus est odor - Geld riecht süß. Sie fragte sich, woher diese Zeile kam, und dann fiel ihr ein, daß sie aus Juvenals »Satiren« stammte. Sie war überzeugt, daß dieser Mann nichts gegen den Satz einzuwenden hätte.

»Bist du Lady Fidelma?« fragte er. Seine hellen Augen zogen sich leicht zusammen, als er sie musterte.

Fidelma neigte grüßend den Kopf. »Ich bin Fidelma von Cashel«, antwortete sie.

»Ich habe gehört, daß du nach mir gefragt hast. Mein Name ist Samradan von Cashel.«

Fidelma sah ihm fest in die blassen hellen Augen, bis der Kaufmann aus Cashel den Blick abwandte.

»Kann ich etwas für dich tun?« Samradan trat unruhig von einem Fuß auf den anderen.

Fidelma lächelte plötzlich entwaffnend. »Kanntest du Bruder Mochta?«

Der Kaufmann schüttelte den Kopf. »Den Mönch, der verschwunden ist? Alle reden davon hier in der Abtei. Nein, den kannte ich nicht. Ich mache nur mit Bruder Madagan, dem Verwalter, Geschäfte und natürlich mit dem Abt selbst. Bruder Mochta habe ich nicht kennengelernt, jedenfalls sagt mir der Name nichts, wenn ich ihm vielleicht auch in der Abtei begegnet bin.«

»Du hast ein Lagerhaus in Cashel?«

Der Kaufmann nickte vorsichtig. »Am Marktplatz, Lady. Mein Haus steht auch in der Stadt.«

»Vom Dach deines Lagerhauses aus wurde gestern früh ein Mordanschlag auf meinen Bruder, den König, und den Fürsten der Ui Fidgente verübt.«

Der Kaufmann erblaßte. »Ich bin seit mehreren Tagen hier in Imleach. Ich weiß nichts davon. Außerdem kann jeder auf das Dach meines Lagerhauses gelangen. Auf das flache Dach kommt man leicht.«

»Ich beschuldige dich auch gar nicht, Samradan«, verwies ihn Fidelma. »Aber es ist besser, wenn du das weißt.«

Der Kaufmann nickte eilig. »Natürlich ... ich dachte nur .«

»Treibst du auch Handel mit den Leuten von Cnoc Äine?«

»Nein, nur mit der Abtei hier.«

»Das begrenzt ja deinen Wirkungskreis sehr stark«, lächelte Fidelma. »Du mußt mit der Abtei hier große Geschäfte machen, wenn du so oft kommst und so lange bleibst.«

Samradan sah sie unsicher an.

»Ich meine, ich handele in dieser Gegend nur mit der Abtei. Ich treibe auch mit den Abteien in Cill Da-lua nördlich von hier und Lios Mhor im Süden Handel. In den letzten Monaten war ich sogar weit im Norden, in der Abtei Armagh. Das war eine mühselige Reise. Aber ich habe sie in den letzten zwei Monaten zweimal gemacht.«

»Mit was für Waren handelst du?«

»Hauptsächlich tauschen wir Getreide und Gerste gegen Wolle. In der Gegend von Cill Dalua gibt es ausgezeichnete Gerber und Lederarbeiter. Deshalb kaufen wir dort Jacken und Flaschen aus Leder, Schuhe und andere Lederwaren und verkaufen sie im Süden.«

»Wie interessant. Handelst du auch mit Metallwaren?«

Davon wollte Samradan nichts wissen. »Metallwaren zu transportieren ist zu mühsam für unsere Pferde. Sie sind schwer, und wir könnten nur langsam fahren. Gute Schmiede gibt es überall im Land.«

»Also handelst du auch nicht mit Silberwaren? Im Süden gibt es doch Bergwerke, die Silber und andere Edelmetalle fördern.«

Samradan schüttelte heftig den Kopf. »Mag der Handel gut oder schlecht sein, durch Erfahrung lernt man ihn«, antwortete er mit einem alten Sprichwort. »Ich bleibe bei dem, was ich kann. Von Silber verstehe ich nichts.«

»Da hast du recht«, stimmte ihm Fidelma freundlich zu. »Wenn man einen Handel nicht richtig gelernt hat, kann man mit ihm auch keinen Erfolg haben. Du wohnst wohl noch nicht sehr lange in Cashel?«

»Erst seit drei Jahren«, erwiderte Samradan.

»Und bevor du nach Cashel kamst, von wo aus hast du da dein Geschäft betrieben?«

Wurde der Blick des Kaufmanns etwas verschlagen? »Ich lebte im Land der Corco Baiscinn.«

»Stammst du dorther?« hakte Fidelma nach.

Samradan hob das Kinn mit einer unwillkürlichen Geste des Trotzes. »Ja.« Seine Bestätigung klang wie eine Herausforderung, doch Fidelma ging nicht darauf ein.

Als das Schweigen anhielt, räusperte sich der Kaufmann. »Ist das alles?«

Fidelma lächelte, als habe sie das schon angedeutet und er es nur nicht verstanden.

»Ja, natürlich. Wenn du nach Cashel zurückkommst, wirst du allerdings wohl noch zu diesem schrecklichen Ereignis befragt werden. Du kannst sagen, daß du schon mit mir gesprochen hast. Die Bre-hons in Cashel werden sicher deine Zeugenaussage verlangen.«

Samradan schien erschrocken. »Weshalb sollte ich befragt werden?« wollte er wissen.

»Aus dem Grund, den ich dir nannte: Die Attentäter benutzten dein Lagerhaus. Niemand beschuldigt dich, aber es ist klar, daß du deswegen befragt wirst. Sag ihnen dasselbe, was du mir gesagt hast, daß du nichts darüber weißt.«

Der Kaufmann schaute besorgt drein. »Ich werde in den nächsten Tagen nicht nach Cashel kommen, Lady«, murmelte er. »Ich muß vorher noch ins Gebiet der Arada Cliach fahren. Ich breche schon morgen früh auf.«

»Dann wünsche ich dir eine gute Reise.« Fidelma wandte sich ab und winkte Eadulf, ihr zu folgen.

»Was wolltest du von ihm wissen?« fragte er, als sie außer Hörweite waren.

Fidelma sah ihn mit leisem Vorwurf an. »Nicht mehr, als es den Anschein hatte«, antwortete sie. »Ich wollte nur sehen, wer dieser Samradan ist.«

»Hast du festgestellt, daß er nicht mehr ist, als er zu sein scheint?«

»Nein.«

Diese rätselhafte Antwort verblüffte Eadulf.

Fidelma bemerkte seinen fragenden Blick. »Samra-dan mag schon der sein, als der er sich darstellt, aber er gibt zu, daß er zu den Corco Baiscinn gehört.«

»Ich kenne diese Leute nicht«, erwiderte Eadulf. »Hat das etwas zu bedeuten?«

»Sie sind eins der Völker, über die die Ui Fidgente herrschen. Sie behaupten auch, von Cas abzustammen.«

»Dann könnte er durchaus in eine Verschwörung verwickelt sein?« meinte Eadulf.

»Ich traue ihm nicht«, erwiderte Fidelma. »Wenn er sich aber an einer Verschwörung beteiligt, dann wohl kaum zusammen mit den Ui Fidgente. Er hätte nicht sofort zugegeben, daß er zu den Corco Baiscinn gehört. Doch es ist besser, Leuten zu mißtrauen, als leichtgläubig zu sein.«

Eadulf erwiderte nichts.

Sie trafen Bruder Madagan am Tor der Abtei im Gespräch mit dem Abt.

»Seid ihr schon zu irgendwelchen Ergebnissen gelangt?« erkundigte sich Abt Segdae eifrig.

»Für Ergebnisse ist es noch viel zu früh«, antwortete Fidelma und gab Bruder Madagan den Schlüssel von Bruder Mochtas Zelle zurück. »Sobald ich etwas Sicheres erfahre, lasse ich es dich wissen.«

»Ich habe wohl auf ein Wunder gehofft«, stellte Abt Segdae bekümmert fest. »Wenigstens ist von den heiligen Reliquien das Kruzifix Ailbes wieder in Sicherheit.«

Fidelma legte dem alten Mann beruhigend die Hand auf den Arm. Sie wünschte, sie könnte mehr tun, um diesem alten Freund und Anhänger ihrer Familie Mut zu machen.

»Sorg dich nicht unnötig, Segdae. Wenn es eine Lösung für das Rätsel gibt, dann finden wir sie.«

»Kann ich sonst noch etwas für euch tun, ehe ich wieder an meine anderen Aufgaben gehe?« fragte Bruder Madagan.

»Vielen Dank, aber im Augenblick nicht. Bruder Eadulf und ich gehen in die Stadt und kommen viel-leicht erst spät zurück.« Sie zögerte. »Ach, du erwähntest, daß die Zellen neben der Mochtas bewohnt sind. Wo findet man ihre Bewohner?«

Bruder Madagan schaute über Fidelmas Schulter zum offenen Tor der Abtei. »Du hast Glück, da kommen die beiden Brüder gerade zurück.«

Fidelma und Eadulf wandten sich um und erblickten zwei Mönche, die dem Tor zustrebten. Der eine schob eine Schubkarre mit Kräutern und anderen Pflanzen, die sie offensichtlich an dem Vormittag gesammelt hatten.

Als Fidelma und Eadulf ihnen entgegengingen, sagte Eadulf leise: »Hätten wir ihnen nicht einen Gefallen getan, wenn wir ihnen unsere bisherigen Schlußfolgerungen mitgeteilt hätten?«

Fidelma zog die Brauen hoch. »Unsere Schlußfolgerungen? Ich glaube nicht, daß wir schon welche gezogen haben.«

Eadulf drückte seine Verwirrung mit einer Handbewegung aus. »Ich dachte, wir wären uns einig, daß Bruder Mochta seine Zelle absichtlich in Unordnung gebracht hat, um die anderen irrezuführen?«

Fidelma sah ihn vorwurfsvoll an. »Was wir entdeckt haben, bleibt unter uns, bis wir es einigermaßen erklären können. Was hat es für einen Zweck, unser Wissen preiszugeben? Möglicherweise gelangt es dann zu den Verschwörern - wer sie auch sein mögen - und hilft ihnen, ihre Spuren zu verwischen. Wir reden nicht darüber, bis die rechte Zeit dafür gekommen ist.«

Sie rief die beiden Männer an. »Guten Morgen, Brüder. Ich bin Fidelma von Cashel.«

Ihre Antwort verriet, daß beide schon von ihr gehört hatten. Die Kunde von ihrer Ankunft in der Abtei mußte sich schnell verbreitet haben.

»Ich habe gehört, ihr schlaft in den Zellen zu beiden Seiten von Bruder Mochtas Raum.«

Der ältere der beiden Mönche war nur wenig älter als Fidelma, der andere noch keine zwanzig Jahre alt, ein blonder Jüngling mit frischem Gesicht. Er hatte wohl gerade erst das »Alter der Wahl« erreicht. Sie wechselten unsichere Blicke.

»Gibt es eine Nachricht von Bruder Mochta?« fragte der Jüngere. »Die ganze Abtei weiß, daß er samt den heiligen Reliquien verschwunden ist.«

»Es gibt keine Nachricht, Bruder ...?«

»Ich heiße Daig, und dies ist Bruder Bardan, unser Apotheker und Bestatter.« Der junge Mann sagte das mit einem Stolz, als stelle er jemanden vor, der würdiger sei als er selbst. Eifrig fuhr er fort: »Alle in der Abtei haben von deiner Ankunft geredet, Lady.«

»Schwester«, verbesserte ihn Fidelma sanft.

»Womit können wir dir helfen?« unterbrach ihn der ältere Mönch mit geringerem Eifer.

»Ihr wißt, daß Bruder Mochta irgendwann in der Zeit nach dem Vespergebet und vor dem Morgengrauen des Feiertags des heiligen Ailbe aus seiner Zelle verschwunden ist?«

»Das wissen wir«, erklärte Bruder Bardan kurz und schien Fidelma mißtrauisch zu mustern. Er hatte einen dunklen Teint und rabenschwarzes Haar mit einem bläulichen Schimmer. Seine Augen fuhren rasch und unruhig hin und her wie auf der Suche nach verborgenen Feinden. Er war glattrasiert, doch der Bartansatz ließ seine untere Gesichtspartie dunkler erscheinen als seine hellen Wangen.

»Habt ihr in der Nacht in euren Zellen geschlafen? Ich meine die Nacht, in der Mochta verschwand.«

»Ja.«

»Und ihr habt in der Nacht nichts gehört?«

»Ich schlafe fest, Schwester«, antwortete Bruder Bardan. »Ich glaube nicht, daß mich irgend etwas wecken würde. Ich habe nichts gehört.«

»Nun, ich wurde gestört«, erklärte Bruder Daig.

Fidelma wandte sich ihm zu. Diese Antwort hatte sie nicht erwartet. Aus dem Augenwinkel sah sie, daß Bruder Bardans Miene zornig wurde und er seinen Gefährten anblickte. Er öffnete den Mund, und sie glaubte, er werde den Jungen anfahren, doch er schwieg.

»Hast du das gemeldet?« wollte sie wissen.

»Ach, so schlimm war es nicht«, erwiderte der Jüngling.

»Wie war es dann?«

»Ich schlafe leicht und erinnere mich, daß ich nachts wach wurde, weil eine Tür zufiel. Ich glaubte, es sei der Wind gewesen, denn kein Bruder schließt auf diese Art eine Tür. Sie knallte zu.«

»Was geschah dann?« fragte Fidelma.

»Nichts«, gestand Bruder Daig. »Ich drehte mich um und schlief wieder ein.«

Fidelma war enttäuscht. »Du weißt nicht, welche Tür zuknallte?« drang sie in ihn.

»Nein, aber eins weiß ich: Es soll um diese Zeit in Mochtas Zelle einen Kampf gegeben haben. Ich sage, das ist unmöglich.«

»Ja?« ermunterte Fidelma ihn, fortzufahren.

»Wenn es einen solchen Kampf gegeben hätte, dann hätte ich es bestimmt gehört. Ich wäre wach geworden. Außer dem Zuschlagen der Tür hat mich in der Nacht nichts geweckt.«

Bruder Bardan lächelte skeptisch. »Ach, Daig, man weiß doch, daß junge Menschen manchmal große Ereignisse verschlafen. Wie willst du so sicher sein, daß in der Nacht nichts Schlimmes in Mochtas Zelle geschehen ist? Nach dem, was wir gehört haben, beweist der Zustand der Zelle das Gegenteil.«

»Von solch einem Kampf wäre ich wach geworden«, erklärte Daig empört. »Ich wurde aber nur vom Türenknallen geweckt.«

»Na, ich muß zugeben, ich habe nichts gehört«, versicherte Bardan.

Fidelma dankte beiden, ließ sie am Tor der Abtei stehen und ging, von Eadulf gefolgt, über den Platz auf die Stadt zu. Nach einigen Schritten schaute sie rasch über die Schulter zurück. Bruder Bardan stand noch an derselben Stelle und redete lebhaft auf den jüngeren Mönch ein. Anscheinend machte er ihm heftige Vorwürfe.

Eadulf hatte das nicht bemerkt und sagte im Weitergehen: »Na, beweist das nicht deine Theorie? Es gab keine Auseinandersetzung in Mochtas Zelle.«

»Aber hilft uns das weiter?« überlegte Fidelma, als sie an der großen Eibe vorbeigingen.

»Wie meinst du das?« fragte Eadulf.

»Es würde uns weiterhelfen, wenn wir mit Sicherheit wüßten, daß Bruder Mochta derselbe Mann ist, der in Cashel getötet wurde. Doch nach Madagan und den anderen hier beschreiben wir zwar denselben Mann, aber mit einem Unterschied, der nicht zu erklären ist.«

Eadulf breitete die Hände aus. »Ich weiß. Die Tonsur. Ich habe immer wieder versucht, eine vernünftige Erklärung dafür zu finden, aber es gibt keine. Bruder Mochta wurde hier zuletzt vor weniger als achtundvierzig Stunden gesehen mit einer frisch geschorenen Tonsur des heiligen Johannes. Der Mann, den wir für Mochta hielten, wurde vor vierundzwanzig Stunden in Cashel gefunden mit einer Tonsur des heiligen Petrus, aber mit einem Haarwuchs von einigen Wochen auf dem Schädel. Wie paßt das zusammen?«

»Du hast noch etwas übersehen«, ergänzte Fidelma.

»Nämlich?«

»Aona sah den Mann mit der Tonsur des heiligen Petrus vor einer Woche am Brunnen von Ara. Segdae sagte, Mochta habe die Abtei kaum jemals verlassen. Auch das spricht dagegen, daß der Tote in Cashel Mochta ist.«

Eadulf schüttelte verärgert den Kopf.

»Ich finde keine vernünftige Erklärung dafür.«

»Verstehst du jetzt, warum es zwecklos wäre, Abt Segdae unsere Vermutungen mitzuteilen? Ehe wir nicht ein paar Antworten haben, sind es Vermutungen und keine Schlußfolgerungen.«

Das sah Eadulf ein.

Sie hatten den Platz überquert und erreichten die Gruppe von Häusern, Scheunen und anderen Gebäuden, die das Städtchen Imleach bildeten. Es war in den letzten hundert Jahren im Schatten der Abtei und ihres Bischofssitzes entstanden. Vorher war es einfach der Versammlungsplatz um den heiligen Eibenbaum gewesen, zu dem die Eoghanacht-Könige kamen, um ihren Eid abzulegen und ihr Amt anzutreten. Die Abtei hatte Kaufleute, Baumeister und andere angelockt, und nun gab es eine Ansiedlung von mehreren hundert Menschen vor den Mauern der Abtei.

Fidelma blieb stehen und sah sich um.

»Wohin gehen wir jetzt?« fragte Eadulf.

»Wir suchen einen Schmied«, antwortete Fidelma kurz. »Was sonst?«

Kapitel 10

Sie brauchten sich nicht nach der Schmiede zu erkundigen, denn das Keuchen der Blasebälge und das Schlagen von Eisen auf Eisen waren deutlich zu hören, als Fidelma und Eadulf sich der Gruppe von Häusern näherten, die sich entlang der Hauptstraße unweit des Tors der Abtei erstreckten. Die Schmiede war aus Stein erbaut, der Herd stand auf mächtigen Steinplatten. Eine der Platten hatte ein kleines Loch, durch das ein Rohr den Luftstrom aus den Blasebälgen ins Feuer leitete.

Das Keuchen kam von einem imponierenden vier-kammerigen Blasebalg. Eadulf hatte gehört, daß es solche großen Blasebälge gab, hatte aber noch nie einen gesehen. Er wußte, daß sie das Schmiedefeuer gleichmäßiger mit Luft versorgten als die üblichen zweikammerigen. Sie verlangten aber auch härtere Arbeit. Sie sahen, wie ein stämmiger Schmiedegehilfe auf zwei kurzen Brettern stand und wie ein Fußgänger im Wechsel die Füße hob und senkte und auf diese Weise den Blasebalg trat. Je schneller er die Füße bewegte, desto stärker arbeitete der Blasebalg.

Der Schmied stand schwitzend am Feuer, ein kräftiger Mann in den Dreißigern. Er trug Lederhosen und statt des Hemds eine Lederschürze, die ihn vor den Funken schützte. Er hielt ein rotglühendes Stück Eisen in einer tennchair, einer Schmiedezange, auf dem Amboß. Mit der anderen Hand schwang er den Hammer und formte das Eisen mit dröhnenden Schlägen, bis er es in einen telchuma genannten Wassertrog steckte.

Der Schmied sah sie kommen und hielt bei seiner Arbeit inne. Er spuckte auf die glühenden Kohlen, daß es zischte.

»Suibne, hol noch mehr Holzkohle«, befahl er seinem Gehilfen, ohne den Blick von ihnen zu lassen.

Der Blasebalgtreter sprang von den Brettern herunter und verschwand in einem Schuppen.

Der Schmied wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß aus dem Gesicht, als sie vor ihm stehenblieben.

»Was kann ich für euch tun?« fragte er und sah sie prüfend an. »Sucht ihr mich als Schmied auf oder als bo-aire dieser Gemeinschaft?«

Ein bo-aire war ein Ortsvorsteher, ein Häuptling ohne Landbesitz, dessen Reichtum früher an der Zahl der Rinder, die er besaß, gemessen wurde und der deshalb »Kuhhäuptling« hieß. Kleine Gemeinschaften wie diese wurden gewöhnlich von einem bo-aire geleitet, der einem höheren Fürsten unterstand.

»Ich bin Fidelma von Cashel«, stellte sich Fidelma vor. Sie sprach förmlicher mit dem Mann, da sie nun wußte, daß er ein Amt innehatte. »Wie ist dein Name?«

Der Schmied richtete sich merklich auf. Wer hatte noch nicht von der Schwester des Königs gehört? Der Fürst, dem er unterstand, war Fidelmas Vetter, Fin-guine von Cnoc Äine.

»Ich heiße Nion, Lady.«

Fidelma holte die Pfeile aus ihrem marsupium, den einen aus dem Köcher des Attentäters und den zerbrochenen aus Mochtas Zelle.

»Sag mir, was du davon hältst, Nion«, wollte sie ohne nähere Erklärung wissen.

Der Schmied wischte sich die Hände sorgfältig an der Schürze ab, nahm die Pfeile und besah sie sich genau.

»Ich bin kein Pfeilschmied, habe allerdings auch schon Pfeilspitzen gemacht. Die hier sind gut gearbeitet. Die Spitze des einen ist aus Bronze und besitzt, wie du siehst, eine hohle cro ...«

»Eine was?« fragte Eadulf und beugte sich vor.

»Eine Höhlung. Siehst du, wo der hölzerne Schaft eingepaßt wird? Hier kannst du besonders gut erkennen, wie die Spitze mit einem winzigen Metallniet befestigt wird.«

»Und was würdest du vermuten, wo sie hergestellt wurden?« fragte Fidelma.

»Da brauche ich nicht zu raten«, erwiderte der Schmied lächelnd. »Siehst du die Lenkfedern? Sie tragen das Zeichen eines Pfeilschmieds von Cnoc Äine, und du befindest dich in diesem Gebiet, wie du sicher weißt, Lady.«

Fidelma lächelte dünn. »Könntest du mir einen Schmied nennen, Nion, der solche Pfeile herstellt?«

Unerwartet lachte der Schmied laut auf. »Siehst du meinen Nachbarn dort ...«, sagte er und wies auf eine nahe Zimmermannswerkstatt. »Er fertigt die Schäfte und die Lenkfedern an, und ich mache die Pfeilspitzen und setze sie auf. Dieser Pfeil gehört zu einem Bündel, das ich vor knapp einer Woche gemacht habe, das sehe ich deutlich. Weshalb fragst du, Lady?« fügte er hinzu und gab ihr die Pfeile zurück.

Sein Gehilfe kam wieder, schüttete einen Beutel Holzkohle ins Schmiedefeuer und schürte es mit einem Eisenstab.

»Ich würde gern etwas über den Mann erfahren, dem du diese Pfeile verkauft hast.«

Sofort kniff der Schmied mißtrauisch die Augen zusammen. »Warum?«

»Wenn du nichts zu verbergen hast, Nion, dann sagst du es mir. Denk daran, du beantwortest die Fragen einer dalaigh, und ich erinnere dich daran, daß du Ortsvorsteher bist.«

Nion starrte sie an, als wolle er ihre Absichten ergründen, dann zuckte er die Achseln. »Dann werde ich dir als dalaigh wie ein bo-aire antworten. Ich kenne den Mann nicht. Ich nannte ihn lediglich Saigteoir, weil er wie ein berufsmäßiger Bogenschütze aussah und sich auch so benahm. Er kam vor mehr als einer Woche in meine Schmiede und bestellte zwei Dutzend Pfeile. Er bezahlte gut dafür. Ein paar Tage später holte er die Pfeile ab, und das ist alles, was ich weiß.«

Eadulf war enttäuscht, aber Fidelma gab noch nicht auf.

»Manchmal muß man etwas aus seinem Gedächtnis herauslocken«, meinte sie. »Du sagst, der Mann sah aus wie ein berufsmäßiger Bogenschütze. Beschreibe ihn mir.«

Nach einigem Zögern beschrieb der Schmied Nion den Bogenschützen, den Gionga erschlagen hatte. Es war eine gute Beschreibung, und sie ließ keinen Zweifel an der Identität des Mannes.

»Du hast mit ihm geredet. Wie sprach er?«

Der Schmied rieb sich das Kinn, dann hellte sich sein Blick auf. »Er sprach rauh wie ein Berufssoldat, aber er gehörte nicht der Kriegerkaste an, war nicht für das edle Waffenhandwerk geboren.«

»Hast du ihn nicht gefragt, was er hier zu tun hatte?« schaltete sich Eadulf ein.

»Nein, das tat ich lieber nicht. Man fragt einen Krieger nicht, wozu er Waffen braucht, wenn er es nicht von sich aus sagt.«

»Ich kann dich verstehen«, stimmte ihm Fidelma bei. »Er hat also nichts gesagt?«

Der Schmied schüttelte den Kopf.

»Hatte er einen Gefährten bei sich?«

»Nein.«

»Da scheinst du dir sicher zu sein. Ritt er ein Pferd?«

»O ja. Er ritt eine kastanienbraune Stute. Das habe ich mir gemerkt, denn eins ihrer Hinterbeine mußte neu beschlagen werden. Ein Stein hatte das Hufeisen gelockert. Das sah ich sofort.«

»Ist dir an dem Pferd etwas aufgefallen?« Fidelma wußte, daß ein kundiger Schmied erkennen konnte, auf welche Weise das Pferd beschlagen worden war und in welcher Gegend.

»Es war offensichtlich zuletzt im Norden beschlagen worden«, erwiderte der Schmied sofort. »Ich kenne die Art und weiß, daß die Schmiede des Clan Brasil Pferde so beschlagen. Das Pferd war auch über seine besten Jahre hinaus. Ein Krieger von Stand würde so ein Pferd nicht mehr reiten, obgleich es ein Streitroß war.«

»Was ist dir noch aufgefallen?«

»Nichts. Was ging mich das an?«

»Du bist der bo-aire«, erklärte ihm Fidelma. »Du bist auch dafür verantwortlich, zu wissen, was auf deinem Gebiet vor sich geht. Die Pfeile, die du diesem Bogenschützen verkauft hast, wurden bei einem Attentatsversuch auf meinen Bruder, den König, und den Fürsten der Ui Fidgente verwendet. Hast du noch nichts davon gehört?«

Nion starrte sie sprachlos an.

»Damit habe ich nichts zu tun, Lady«, sagte er. »Ich habe bloß die Pfeile hergestellt und sie ihm verkauft. Ich wußte nicht, wer der Mann war .«

Fidelma hob die Hand, um ihn zu beruhigen.

»Ich sage dir das nur, um dir zu beweisen, daß es dich doch manchmal etwas angeht, was hier geschieht, Ortsvorsteher von Imleach. Fällt dir daraufhin noch etwas zu dem Bogenschützen ein, was du mir sagen solltest?«

Zweifellos gab sich Nion nun alle Mühe, nachzudenken, und er kratzte sich zur Unterstützung den Kopf.

»Ich kann dir nichts weiter sagen, Lady. Aber wenn der Bogenschütze hier fremd war, muß er sich ein paar Tage in der Nähe aufgehalten haben, um auf die Pfeile zu warten. Vielleicht weiß man in der Herberge mehr über ihn?«

»Wo wäre diese Herberge?«

»Falls er nicht in der Abtei selbst übernachtet hat, bleibt nur Creds Herberge. Sie hat keinen guten Ruf und auch keine Lizenz von mir, übrigens auf Wunsch des Abts. Er möchte sie aus moralischen Gründen schließen lassen. Aber es ist die einzige Herberge in der Stadt. Ich nehme an, dort hat der Bogenschütze gewohnt. Wenn nicht, dann weiß ich auch nichts weiter.«

Fidelma dankte dem Schmied. Er stand breitbeinig da, die Hände in den Hüften, und sah ihnen mißtrauisch nach, als sie weitergingen.

»Wenn der Bogenschütze sein Pferd von einem Schmied im Gebiet des Clan Brasil beschlagen ließ«, meinte Eadulf nachdenklich, »vielleicht kannte er dann Bruder Mochta? Hat der Abt nicht gesagt, der stamme aus dem Clan Brasil?«

»Gut geschlußfolgert, Eadulf. Aber wenn auch Bruder Mochta aus dem Clan Brasil kommt und das Pferd des Bogenschützen dort beschlagen wurde, so haben wir doch gehört, daß seine Sprechweise ihn nicht als Bewohner der nördlichen Gebiete ausweist.«

Fidelma schwieg eine Weile und überlegte. »Wir haben noch keine Verbindung zwischen Bruder Mochta und diesem Bogenschützen hergestellt, falls wir das Rätsel um die Tonsur überhaupt lösen können.«

»Die Verbindung zwischen ihnen liegt so klar auf der Hand, nur das Rätsel der Tonsur stört.«

Sie waren die Straße entlang weitergegangen bis ans andere Ende des Ortes. Dort standen abseits von den anderen ein paar kleine Gebäude.

»Das sieht nach Creds Herberge aus«, sagte Fidel-ma. Sie blickte die Straße zurück. »Nun ja, sie ist etwas abgelegen, so daß der Bogenschütze hier gewohnt haben kann, ohne daß der Schmied wissen müßte, ob er von hier kam oder nicht.«

»Heißt das, daß du den bo-aire im Verdacht hattest, uns zu belügen?«

»Eigentlich nicht«, erwiderte Fidelma. »Aber man sollte trotzdem alles doppelt prüfen. Gehen wir hinein und sprechen wir mit dieser Cred, die in der Gemeinde anscheinend so schlecht angesehen ist.«

Eadulf hielt Fidelma zurück und wies auf das Herbergsschild. Es zeigte einen muskulösen Schmied, der mit einem Hammer auf einen Amboß schlug.

»Ist das Zufall?« fragte er.

»Wohl kaum«, lächelte Fidelma. »Creidne Cred war der Handwerker unter den alten Göttern Irlands, der mit Bronze, Messing und Gold arbeitete. Er war es auch, der Schwertgriffe, Speernieten und Buckel und Ränder für Schilde herstellte im großen Krieg zwischen den heidnischen Göttern und ihren Feinden.«

»Dann noch eins, ehe wir hineingehen. Ich hörte sowohl den Abt als auch den Schmied sagen, daß dieses Haus keine Lizenz besitzt. Was bedeutet das?«

»Es ist anscheinend ein Gasthaus, das sein eigenes Ale braut, aber kein gesetzliches, das wir dligtech nennen.«

»Dann könnte es der bo-aire als örtlicher Vertreter des Gesetzes doch schließen?«

Fidelma schüttelte lächelnd den Kopf. »Das bedeutet nicht, daß das Gasthaus im Widerspruch zum Gesetz steht, sondern nur, daß das Gesetz es nicht anerkennt. Wenn sich zum Beispiel ein Streit erhebt, muß der, der in ein ungesetzliches Gasthaus geht, wissen, daß er keine gesetzliche Handhabe hat, Klage zu erheben.«

»Ich bin nicht sicher, daß ich dich verstanden habe«, antwortete Eadulf.

»Die Getränke eines gesetzlichen Gastwirts müssen drei Qualitätsprüfungen bestehen. Schenkt er schlechtes Ale aus, kann er verklagt werden. Wenn sich jemand in einem ungesetzlichen Gasthaus über die Qualität des Ales beschwert, kann er nach dem Gesetz keine Entschädigung verlangen. Aber nun genug, schauen wir uns diese Cred an.«

Sie betraten die Gaststube. Sie schien leer bis auf zwei Männer, die in einer Ecke saßen und Ale tranken. Sie waren einfach gekleidet, bärtig und sahen wie Arbeiter aus. Sie blickten Fidelma und Eadulf gleich-gültig an und fuhren fort zu trinken und sich leise zu unterhalten.

Dann entstand Bewegung hinter einem Vorhang, der einen Durchgang verdeckte. Sie wandten sich um, der Vorhang wurde zur Seite geschoben und gab den Blick auf eine wohlbeleibte Frau frei, die offensichtlich bessere Tage gesehen hatte. Sie kam eifrig herbei, doch ihr Gesicht zog sich in die Länge, als sie ihre Kleidung bemerkte.

»Für Mönche und Nonnen bietet die Abtei bessere Unterkunft«, erklärte sie mit Bestimmtheit. »Dieses Haus ist nicht gut genug eingerichtet für so wohlerzogene und fromme Leute.«

Einer der beiden Männer lachte meckernd über das, was er für einen guten Witz der Wirtin hielt.

»Wir brauchen keine Unterkunft«, antwortete Ea-dulf sofort mit fester Stimme. »Wir brauchen eine Auskunft.«

Die Frau rümpfte die Nase und kreuzte die schlaffen Arme über dem umfangreichen Busen. »Und warum sucht ihr die hier?«

»Weil wir glauben, daß du sie uns geben kannst«, erwiderte Eadulf ebenso bestimmt.

»Auskünfte sind teuer, besonders für einen ausländischen Geistlichen«, antwortete die Frau, die Eadulfs Akzent bemerkt hatte. Sie musterte ihn, als wolle sie abschätzen, wieviel Geld er wohl bei sich führen mochte.

»Dann wirst du mir die Auskunft geben«, sagte Fi-delma ruhig.

Die Frau fuhr herum, und ihre Augen verengten sich.

Fidelma und Eadulf merkten, daß die beiden Männer ihre gemurmelte Unterhaltung eingestellt und sich umgewandt hatten. Beide musterten sie, ohne die Neugier in ihren Mienen zu verbergen.

»Vielleicht möchte ich gar keine Auskunft geben, selbst wenn ich etwas weiß«, sagte die Frau störrisch.

»Vielleicht«, lächelte Fidelma. »Aber vor einem dalaigh die Aussage verweigern kann auch teuer werden.«

Die Frau kniff die Augen noch enger zusammen. Ihre Mundwinkel zogen sich herab. Die Spannung im Raum war zu spüren, und die Männer wandten sich wieder ihren Bechern zu, folgten aber sichtlich dem Gespräch.

»Wo ist denn der dalaigh, der eine Aussage von mir verlangt?« höhnte die dralle Frau.

»Der bin ich«, erklärte Fidelma leise. »Ich nehme an, du bist Cred, die Besitzerin dieses unlizenzierten Gasthauses?«

Die Frau ließ die Arme sinken. Ihre Mienen wechselten rasch, als könne sie sich nicht darüber klarwerden, ob Fidelma es ernst meinte oder nicht.

Dann errötete sie vor Ärger. »Ich bin die Gastwirtin Cred. Ich führe ein gutes und anständiges Haus, ob mit oder ohne Lizenz.«

»Das mußt du mit deinem bo-aire ausmachen. Ich brauche eine Auskunft. Ungefähr vor einer Woche kam ein Mann durch diesen Ort. Er sah aus wie ein berufsmäßiger Bogenschütze. Er ritt eine kastanienbraune Stute, bei der ein Hufeisen lose war, deshalb mußte er zum Schmied.«

Die beiden Männer hatten ihr Gespräch nicht wieder aufgenommen und horchten gespannt auf Fidel-mas Worte. Aus dem Augenwinkel sah sie, daß ein dritter Mann das Gasthaus von der Rückseite her betreten hatte. Sie wandte sich nicht nach ihm um, weil sie das Gesicht der Wirtin beobachtete, um ihre Reaktion abzuschätzen. Doch sie spürte, daß der dritte Mann stehengeblieben war und zu ihnen herüberschaute.

Cred starrte Fidelma immer noch trotzig an. »Woher weiß ich, daß du eine dalaigh bist?« konterte sie. »Ich brauche keine Fragen von einem jungen Mädchen zu beantworten, ob Nonne oder nicht.«

Fidelma langte in ihre Kutte und zog ein Kreuz an einer goldenen Kette hervor. Dessen symbolische Bedeutung war in ganz Muman bekannt. Der Orden der Goldenen Kette war eine ehrwürdige Adelsbruderschaft in Muman, die aus der Mitgliedschaft der alten Kriegergarde der Könige von Cashel entstanden war. Seine Mitglieder wurden von den Eoghanacht-Königen persönlich ernannt. Fidelmas Bruder hatte sie mit dieser Ehre ausgezeichnet als Anerkennung ihrer Verdienste um das Königreich. Creds Augen weiteten sich, als sie das Zeichen erkannte.

»Wer bist du?« fragte sie nun in verbindlicherem Ton.

»Ich bin ...«, begann sie.

»Fidelma von Cashel!« Die Worte kamen respektvoll von dem dritten Mann.

Der dicken Frau sank der Unterkiefer herab.

Fidelma schaute sich nun den Mann an. Er war in so einfacher Arbeitskleidung wie die beiden anderen, und seine wettergegerbten Züge zeugten von einer Tätigkeit an frischer Luft. Er machte eine ungeschickte Verbeugung vor ihr.

»Ich bin auch aus Cashel, Lady. Ich arbeite für .«

Fidelma hatte rasch geschaltet. »Für den Kaufmann Samradan? Ihr drei seid seine Kutscher?«

Der Mann nickte eifrig. »So ist es, Lady.« Zu der Wirtin gewandt, fügte er rasch hinzu: »Fidelma von Cashel ist nicht nur eine dalaigh, sondern auch die Schwester des Königs.«

Cred verneigte sich widerwillig. »Verzeih mir, Lady. Ich dachte .«

»Du dachtest, du könntest mir helfen, indem du meine Fragen beantwortest«, fuhr Fidelma scharf dazwischen und verabschiedete den Mann, der sie erkannt hatte, mit einem Nicken. Er gesellte sich zu seinen Gefährten, und sie flüsterten miteinander und warfen verstohlene Blicke herüber.

»Ich ... ach so ... ja. Den Saigteoir nannten wir ihn. Er blieb hier zwei oder drei Nächte, ungefähr vor einer Woche. Ein hochgewachsener blonder Mann. Er sprach etwas abgehackt und mochte keine Fragen. Er trug einen langen Bogen und weiter keine Waffen.«

Das sprudelte die Frau nur so heraus.

»Aha. Hast du sonst noch etwas über ihn erfahren?«

Cred schüttelte heftig den Kopf. »Wie ich schon sagte, er redete nicht gern«, meinte sie. »Er wählte seine Worte mit Bedacht und äußerte seine Wünsche so knapp wie möglich, und die waren ebenso selten wie seine Worte.«

»Hatte er in der Schmiede zu tun?«

»Du sagst es. Bei seinem Pferd war ein Hufeisen lose, und ich glaube, er kaufte auch Pfeile beim Schmied, denn als er kam, hatte er nur wenige Pfeile im Köcher, und als er fortritt, war sein Köcher voll.«

»Du hast scharfe Augen, Cred«, stellte Fidelma fest.

»Die braucht man in diesem Beruf, Lady. Gäste kommen und verschwinden, ohne zu bezahlen. Man muß schon aufpassen.«

»Hat er alles bezahlt?«

»O ja. Er hatte anscheinend genug Geld, trug viele Gold- und Silbermünzen bei sich.«

»Ging er noch woanders hin? In die Abtei zum Beispiel?« fragte Eadulf.

Die Frau schnaufte vernehmlich. »Er war nicht der Typ, der Abteien oder Kirchen liebt. Überhaupt nicht. Er hatte den Geruch des Todes an sich.«

»Was meinst du damit?« wollte Eadulf wissen. »Geruch des Todes? War er krank?«

Cred sah ihn an, als sei er begriffsstutzig. »Manche gehen in die Schlacht, weil ihnen nichts anderes übrigbleibt«, ließ sie sich zu einer Erläuterung herab. »Andere gehen in den Kampf und merken, daß ihnen Tod und Vernichtung liegen, also ziehen sie im Lande umher und verkaufen ihre Fähigkeiten als Krieger an jeden, der sie dafür bezahlt, damit sie das eine Handwerk treiben können, das sie beherrschen: Tod und Vernichtung über andere bringen. Sie werden selbst zum Tod. Der Saigteoir hatte diesen Geruch des Todes an sich. Er war ohne Gefühl, ohne Seele.«

Zu ihrer Überraschung bekreuzigte sich die dicke Wirtin.

»Bei solchen Menschen hab ich das Gefühl, daß ihre Seelen schon tot sind und sie dem Blutvergießen so lange folgen, bis ihre Zeit gekommen ist.«

»Also in der Abtei verbrachte er seine Zeit nicht?« fragte Eadulf noch einmal nach. »Wo dann? Wenn er zwei oder drei Tage hier war, wo hielt er sich denn auf? Dieser Ort ist doch nicht so groß, als daß man es nicht bemerken würde.«

»Im Ort verbrachte er auch nicht viel Zeit«, antwortete die Frau.

»Du scheinst dir da sicher«, meinte Fidelma.

»Sicher aus dem Grunde, den du schon genannt hast. Abends aß er hier und nachts schlief er hier. Er ging gleich morgens los und kam erst am späten Nachmittag wieder. Einer meiner Nachbarn sah ihn in den Bergen im Süden reiten, nachdem sein Pferd neu beschlagen war.«

»Was gibt es da? Einen Bauernhof? Ein Gasthaus?«

Die Frau zuckte die Achseln. »Nichts. Vielleicht ging er auf die Jagd.«

»Und an all den Tagen, an denen er hier war, hat er nie seinen Namen genannt oder etwas über sich erwähnt?«

»Und keiner wagte ihn danach zu fragen«, bestätigte die Wirtin.

Fidelma unterdrückte einen Seufzer der Enttäuschung darüber, daß sie so wenig in Erfahrung gebracht hatte. »Ich bin dir sehr verbunden, Cred.«

»Hat er was gegen das Gesetz getan? Was hat er angestellt?« fragte sie eifrig. »Wirtsleute erzählen gern Geschichten über Gäste, die bei ihnen übernachtet haben.«

Fidelma sah sie einen Augenblick an und sagte dann ruhig: »Er hat das erreicht, worauf er deiner Meinung nach gewartet hat.«

Die Wirtin schaute verständnislos drein.

Eadulf erklärte es ihr. »Er hat den Tod gefunden, den er, wie du meinst, gesucht hat.«

Fidelma wandte sich an die drei Kutscher, die nun ihrem Blick auswichen. »Ich wünsche euch eine angenehme Fahrt ins Land der Arada Cliach.«

Der Mann, der sie erkannt hatte, runzelte die Stirn. »Warum meinst du, daß wir dorthin wollen, Lady?«

»Das hat mir Samradan gesagt.«

Die drei wechselten Blicke, und dann sagte der Sprecher mit einem unsicheren Lächeln: »Na klar, Lady. Auch dir eine gute Reise.«

Sie verließen die Herberge »Zum Handwerker der Götter« und gingen langsam zurück zur Abtei.

»Na«, meinte Eadulf, »über den Bogenschützen haben wir nichts Wesentliches erfahren. Anscheinend haben wir überhaupt nichts Wesentliches erfahren.«

Er war überrascht, als ihn Fidelma am Ellbogen nahm und von der Straße weg hinter die Ecke eines Gebäudes steuerte.

»Im Gegenteil, ich meine, wir haben eine ganze Menge erfahren«, erwiderte sie und spähte zurück. »Wir warten hier einen Moment.«

Eadulf sah sie verblüfft an.

»Wir haben erfahren, daß er ein berufsmäßiger Bogenschütze war, aber nicht dem Kriegerstand angehörte. Er war also nicht adlig. Wir haben erfahren, daß er sein Pferd beim Clan Brasil beschlagen ließ. Wir haben erfahren, woher er seine Pfeile hatte. Wir haben erfahren, daß er eine kastanienbraune Stute ritt. Wir haben erfahren, daß er reichlich mit Geld versehen war. Wir haben erfahren, daß er ein paar Tage lang in den Bergen südlich von hier unterwegs war.«

Eadulf hakte die Punkte im Geiste ab. »Aber das ist wenig genug. Das alles wußten wir mehr oder weniger schon, als wir Cashel verließen, nicht wahr?«

Fidelma hob verzweifelt die Augen zum Himmel. »Denk mal nach, Eadulf! Drei wichtige Dinge haben wir über diesen Bogenschützen herausgefunden. Zwei davon ziehen ernste Fragen nach sich, die wir beantworten müssen.«

»Du meinst, weshalb er in die Berge im Süden ritt?«

»Ja, das muß festgestellt werden. Aber was noch?«

Eadulf schlug sich vor die Stirn. »Natürlich! Wo ist die kastanienbraune Stute geblieben? Er hatte kein Pferd bei sich, als er getötet wurde.«

Fidelma lächelte und unterdrückte einen Seufzer. »Du bist der eigenartigste Mensch, den ich kenne.

Manchmal weist du auf das Naheliegendste hin, das alle übersehen haben. Dann wieder übersiehst du das Naheliegendste. Ja, ich meine die Stute des Bogenschützen. Wo ist sie? Anscheinend wartete irgendwo ein dritter Komplize mit den Pferden der beiden Attentäter. Dieser Komplize ritt weg und versteckte die Pferde, sobald er wußte, daß Gionga den Bogenschützen und seinen Freund getötet hatte.«

»Was bedeutet, daß sich der dritte Attentäter noch in Cashel aufhält?«

»Vielleicht noch mehrere. Bisher wissen wir nicht, wie viele Personen an dem Anschlag beteiligt waren. Was haben wir noch erfahren?« drängte ihn Fidelma.

Eadulf dachte scharf nach, ihm fiel aber nichts ein.

»Der Bogenschütze und sein Freund hatten kaum Geld bei sich, als sie getötet wurden. Cred sagte uns, daß der Bogenschütze genug Geld besaß. Wo verbarg er es?«

Eadulf preßte die Lippen zusammen und ärgerte sich, daß er nicht selbst darauf gekommen war. »Noch eine Frage«, sagte er. »Auf was warten wir hier?«

Fidelma lächelte geheimnisvoll und lugte um die Hausecke. »Die Antwort darauf ist schon unterwegs.«

In diesem Moment kam einer der Kutscher aus Creds Herberge, der aus Cashel, der Fidelma erkannt hatte, eilig die Straße entlang und sah sich suchend um.

»Man kann mit den Augen ebensogut etwas mitteilen wie mit Mund und Händen«, flüsterte Fidelma Eadulf zu.

Als der Kutscher auf gleicher Höhe mit ihnen war, hüstelte Fidelma. Er warf ihnen einen erschrockenen Blick zu, ließ sich auf ein Knie nieder und begann an seinem Schuh zu nesteln.

»Tut so, als ob ihr nicht mit mir sprecht«, flüsterte er ihnen zu, den Blick auf den Boden gerichtet. »Es gibt überall Augen und Ohren.«

»Was willst du von uns«, fragte Fidelma abgewandt, als spräche sie mit Eadulf.

»Darüber kann ich hier nicht reden. Kennt ihr den Brunnen von Gurteen, in dem kleinen bestellten Feld?«

»Nein.«

»Er befindet sich eine knappe Meile nordöstlich von hier. Ihr nehmt den Pfad zum Eibenwald und kommt an ein Feld mit einer Trockenmauer. Der Brunnen ist gleich dahinter. Ihr könnt ihn nicht verfehlen.«

»Wir werden ihn finden.«

»Seid bei Anbruch der Dunkelheit dort, dann können wir reden. Sagt keinem was davon. Es ist gefährlich für uns alle.«

Dann stand der Kutscher wieder auf und ging weiter, als habe er nur etwas an seinem Schuh in Ordnung gebracht.

Eadulf wechselte einen Blick mit Fidelma.

»Eine Falle?« vermutete er.

»Warum sollte uns der Kutscher in eine Falle lok-ken wollen?«

»Er und seine Freunde denken vielleicht, wir wüßten mehr, als wir in Wirklichkeit wissen«, meinte Ea-dulf.

Fidelma dachte eine Weile nach. »Nein, das glaube ich nicht. Seine Furcht, beobachtet zu werden, als er mit uns sprach, war echt.«

»Na, ich halte es für gefährlich, dorthin zu gehen, noch dazu in der Dunkelheit. Es ist eine Falle für einen Fuchs.«

Fidelma schmunzelte. »Der Fuchs hatte nie einen besseren Boten als mich«, antwortete sie.

Eadulf stöhnte, als er diese weitere Redensart von Fidelma zu hören bekam.

»Habt ihr in eurem Land nicht auch den Spruch: Zeige nie die Zähne, bevor du auch beißen kannst?« fragte er spöttisch.

Fidelma kicherte. »Gut gesagt, Eadulf. Du lernst schnell. Aber heute abend sind wir am Brunnen von Gurteen.«

Kapitel 11

Die Dunkelheit brach herein, als Fidelma und Eadulf die Abtei verließen. Sie achteten darauf, daß niemand sie sah, und folgten dann der Beschreibung des Weges zum Brunnen von Gurteen, die Samradans Kutscher ihnen gegeben hatte. Der Tag war warm gewesen, die anbrechende Nacht aber versprach kalt zu werden, und ein schwacher Bodennebel stieg bereits von den Feldern auf. Er bewegte sich nicht, denn es ging kein Wind, nicht einmal eine Abendbrise ließ die Blätter der Bäume und Büsche rascheln.

Sie hatten beschlossen, lieber zu Fuß dorthin zu gehen als zu reiten, denn Fidelma meinte, so würde ihr Ausflug weniger Aufmerksamkeit erregen. Eadulf nahm einen kräftigen Knüttel mit, einen Pilgerstab, den jemand in der Abtei vergessen hatte. Es war gut, etwas bei sich zu haben, womit man sich wehren konnte, wenn man so spät noch ausging. Nachts streiften Wolfsrudel umher und griffen manchmal einsame Wanderer an. In manchen Gegenden waren sie so zahlreich in den Wäldern und Bergen, daß sie, vom Hunger getrieben, ganzen Gemeinschaften gefährlich werden konnten, von den Bewohnern einsamer Höfe ganz zu schweigen.

Als sie den Weg entlanggingen, zerriß ein Heulen nicht weit entfernt die Stille. Eadulf packte seinen Knüttel fester und spähte in die Richtung, aus der der klagende Schrei gekommen war.

»Jetzt verstehe ich, weshalb das irische Wort für Wolfsrudel glademain heißt«, bemerkte er mit besorgtem Blick. Es war von glaid, »Schrei«, abgeleitet, also Wolfsgeheul.

»Sie stoßen seltsame, irgendwie verlockende Laute aus«, gab Fidelma zu. »Manchmal sind Menschen davon so fasziniert, daß sie die Gefahr vergessen. Sie sind die einzigen Tiere in diesem Land, die den Menschen gefährlich werden können. Viele Edelleute halten jährlich Wolfsjagden ab, um ihre Zahl zu verringern.«

Ein Hund bellte zur Antwort auf das Wolfsgeheul.

»Das ist eine andere Gefahr«, bemerkte Fidelma. »Nach Gewohnheit und Gesetz werden die Wachhunde der Bauernhöfe morgens angebunden, aber nach dem abendlichen Hereintreiben der Rinder freigelassen, damit sie die Hofstätten beschützen. Manchmal greifen sie ebenso wütend an wie der >Sohn des Landes<, den du gerade gehört hast.«

Eadulf wollte antworten, als der Wolf wieder seinen unheimlichen Ruf ertönen ließ. Er wartete, bis er verklang.

»Ich habe schon viele Bezeichnungen für den Wolf gehört, aber >Sohn des Landes< - wieso das?« Er erschauerte leicht.

»Mir fallen vier Namen für den Wolf ein, dazu noch ein Sammelname. Wir nennen ihn mac-tire, >Sohn des Landes<, weil er die wilden Wälder und Bergzüge bewohnt.«

Plötzlich blieb sie stehen und bedeutete ihm mit einer Geste, es ihr gleichzutun.

»Da vorn«, sagte sie leise. »Ich glaube, das ist das bestellte Feld, das Samradans Kutscher meinte. Der Brunnen muß in der Nähe sein.«

Zwielicht und Bodennebel hatten das Feld noch nicht ganz in Dunkelheit gehüllt. Der Nebel blieb dicht über dem Boden und wirbelte um ihre Beine, als wateten sie durch flaches weißes Wasser. Eadulfs Blick folgte ihrem ausgestreckten Arm, und er sah im Dämmerlicht eine rechteckige Einfriedung, die sich deutlich gegen die sie umstehenden Bäume abzeichnete.

»Das muß es sein«, stimmte er ihr zu und wies auf eine Ecke, in der er den fast drei Meter langen Brunnenschwengel erkannt hatte, an dem an einem Seil der Holzeimer hing.

Fidelma ging voran, stieg über die niedrige Steinmauer auf das Feld und schritt über den feuchten, gepflügten Acker auf den Brunnen zu.

»Es scheint noch niemand hier zu sein«, brummte Eadulf und sah sich im Halbdunkel um.

Fast im selben Moment bewegte sich etwas auf der anderen Seite der kleinen Steinmauer, die den Brunnen umgab; sie war ohne Mörtel aus Feldsteinen verschiedener Größe aufgeschichtet worden.

»Wer ist da?« fragte Fidelma.

Als Antwort ertönte ein schwaches Husten und die Stimme von Samradans Kutscher.

Sie gingen um den Brunnenschacht herum und sahen den Mann mit dem Rücken an die Mauer gelehnt sitzen, die Beine lang ausgestreckt, die Arme locker an der Seite. Sein Gesicht war im Dunkeln nicht zu erkennen.

»Ich ... ich hab gehofft, daß ihr bald kommt«, sagte er und hob den Kopf.

Fidelma schaute stirnrunzelnd auf ihn hinunter. »Ist dir nicht gut?« fragte sie, denn sie wunderte sich, daß er nicht aufstand.

»Ich hab nicht viel Zeit«, unterbrach er sie ungeduldig. »Sprecht nicht, hört mir zu.«

Fidelma und Eadulf tauschten erstaunte Blicke.

In der Nähe erklang wieder das klagende Geheul eines Wolfs. Diesmal fielen mehrere andere ein, von überallher schien Wolfsgeheul zu kommen.

»Dann sprich«, forderte ihn Fidelma auf und setzte sich auf die niedrige Mauer. »Was hast du uns zu sagen?«

Eadulf blieb stehen, die Hände am Knüttel, und starrte besorgt in die Dunkelheit. »Ein schöner Ort für ein Treffen«, murmelte er. »Könnten wir nicht von hier weggehen und uns einen geschützteren Platz suchen?«

Der Mann blieb sitzen und beachtete Eadulf nicht. »Schwester Fidelma ... ich bin aus Cashel. Lassen wir’s dabei, mein Name bedeutet dir nichts. Cred hat dir nicht die ganze Wahrheit gesagt.«

»Daran hatte ich keinen Zweifel«, erwiderte Fidel-ma gelassen. »Wir alle biegen die Wahrheit so zurecht, wie wir sie verstehen.«

»Sie log auch mit dem, was sie zugab«, sagte der Kutscher. »Ich habe gesehen, wie sich der Mann, den sie den Bogenschützen nannte, im Gasthaus mit anderen getroffen hat. Sie wußte das und belog euch.«

»Warum sollte sie das tun?«

»Hört mir zu. Der Bogenschütze traf sich mit einem Glaubensbruder. Ich sah, wie der Bruder hereinkam. Cred war auch da. Sie dachte wohl, ich hätte es nicht bemerkt, weil ich nach dem Mittag am Feuer eingenickt war. Ich war jedoch wach geworden, als der Bogenschütze eintrat, und wollte schon aufstehen, als der Mönch kam. Er war so nervös, daß ich tat, als ob ich noch schliefe, und ihn beobachtete.«

»Wer war das? Kanntest du ihn?«

»Nein. Aber ich fand es merkwürdig, daß ein Mönch ein Gasthaus der Art betrat, wie Cred es führt, wenn ihr wißt, was ich meine.«

»Du sahst also einen Mönch eintreten. War er rundlich und hatte er ein Mondgesicht?« fragte Fi-delma.

Der Kutscher nickte.

»Und ergrauendes lockiges Haar, in das früher eine römische Tonsur geschnitten war?« fragte Eadulf. »Eine Tonsur wie meine?«

»Nein«, widersprach der Mann. »Er trug die Tonsur eines irischen Mönchs, die des heiligen Johannes, wie ihr es nennt. Aber rundlich war er, und er hatte ein Mondgesicht.«

»Wann war das?«

»Vor einer knappen Woche. Genau kann ich es nicht sagen.«

»Hast du gesehen, wie der Mönch das Gasthaus verließ?«

»Einige Zeit später. Ich war inzwischen zum Schmied gegangen. An einem Wagen war die Achse gebrochen, und der Schmied machte sie heil. Als ich dort war, sah ich, wie derselbe Mönch zur Abtei eilte.«

»Bruder Mochta?« fragte Eadulf, mehr an Fidelma gewandt als an den Kutscher.

»Der Name sagt mir nichts«, erklärte der Mann.

»Woher weißt du, daß er sich mit dem Bogenschützen traf? Er hätte auch jemand anderen im Gasthaus aufsuchen können.«

»Außer mir und den beiden anderen Kutschern wohnte nur der Bogenschütze im Gasthaus. Als der Mönch hereinkam, sagte er etwas zu Cred, und die antwortete: >Er wartet oben auf dich.< Wer sollte sonst auf ihn warten als der Bogenschütze?«

»Na gut«, stimmte ihm Fidelma zu. »Dein Schluß ist nicht zu widerlegen. Also traf sich der Bruder aus der Abtei mit dem Bogenschützen.«

»Es gibt noch einen Beweis dafür, daß der Mönch den Bogenschützen aufsuchte.«

»Welchen?«

»Ein paar Tage später kam er wieder ins Gasthaus, diesmal am hellen Tage und mit einem anderen Mönch zusammen. Er fragte Cred nach dem Bogen-schützen. Der war aber nicht da, also gingen die beiden Mönche wieder weg.«

»Hast du diesen Mönch oder seinen Begleiter noch einmal gesehen?«

»Nein. Aber es gibt noch etwas anderes und Wichtigeres. Ich sah, wie sich der Bogenschütze mit einem anderen Mann traf, in derselben Nacht, in der der Mönch zum erstenmal in das Gasthaus kam. Ich wurde im Schlaf gestört und hörte Stimmen unter meinem Fenster im Hof. Aus Neugier sah ich hinaus. Dort standen zwei Männer, einer von ihnen hatte ein Pferd. Sie unterhielten sich unter der Lampe der Herberge.«

Zu den gesetzlichen Pflichten eines Wirts gehörte es auch, daß die ganze Nacht eine Lampe brennen mußte, um Reisende zur Herberge zu leiten, ob auf dem Lande oder in der Stadt.

Der Kutscher wurde plötzlich von einem Husten geschüttelt. Dann fuhr er fort: »Einer der beiden war natürlich der Bogenschütze.«

»Und der andere?« forschte Eadulf eifrig. »Hast du den anderen erkannt?«

»Nein. Er trug einen Mantel mit Kapuze. Ich kann nur sagen, daß er reich gekleidet war. Sein Mantel war aus Wolle, mit Pelz besetzt. Sonst konnte ich nicht viel ausmachen, aber auch Sattel und Zügel verrieten einen Reichtum, den sich wenige leisten können. Ich versuchte, etwas von dem Gespräch zu erfassen, verstand aber wenig. Der Bogenschütze sprach sehr respektvoll mit dem Mann im Mantel. Dann .«

Der Kutscher hielt inne und mußte erneut husten. Fidelma und Eadulf warteten geduldig.

»Dann sagte der feine Herr, also ... Ich glaube, es war ein altes Sprichwort: Rioghacht gan duadh, ni dual go bhfagthar

»Kein Königreich wird ohne Mühe gewonnen«, wiederholte Fidelma leise. »Das ist tatsächlich ein altes Sprichwort und bedeutet, daß man ohne Anstrengung nichts erreicht.«

Der Kutscher hustete wieder.

»Mit deinem bösen Husten solltest du nicht auf der feuchten Erde sitzen«, tadelte ihn Eadulf.

Der Kutscher fuhr fort, als habe er ihn nicht gehört. »Der Bogenschütze erwiderte: >An mir soll es nicht fehlen, rigdomna.< Genau das waren seine Worte.«

Fidelma beugte sich gespannt vor. »Rigdomna? Bist du sicher, daß er diese Anrede benutzte?«

»Ja, das tat er, Schwester.«

Eadulf blickte in die Dunkelheit, die sich nun über das Feld gesenkt hatte. »Das ist ein Wort für Prinz, wenn ich mich nicht irre?«

Der Ausdruck bedeutete wörtlich »Königsmaterial« und war die offizielle Anrede für den Sohn eines Königs.

Der Kutscher mußte wieder husten.

»Was ist mit dir?« fragte Fidelma, besorgt über den Zustand des Mannes.

Er rang nach Atem. »Ich glaube, ich muß euch bitten, mir zur Stadt zurück zu helfen, allein schaffe ich es wohl nicht mehr.«

Er wollte aufstehen, mußte erneut husten, stieß plötzlich einen seltsamen klagenden Schrei aus und fiel auf die Seite.

Eadulf ließ seinen Knüttel los und kniete sich hin, denn durch die Dunkelheit und den Nebel war nichts mehr zu erkennen. Er langte nach dem Kopf des Mannes und fühlte den Puls am Hals. Der Pulsschlag flatterte und setzte dann ganz aus.

»Was ist?« fragte Fidelma ungeduldig.

Eadulf blickte auf, konnte aber ihr Gesicht nicht mehr sehen. »Er ist tot.«

»Tot? Wie das?«

Eadulf spürte etwas Warmes, Feuchtes am Mundwinkel des Mannes.

»Er hat Blut ausgehustet«, sagte er überrascht. »Bei Tageslicht hätten wir es bemerkt.«

»Aber er sah doch heute nachmittag nicht krank aus. Er war nicht der Typ, der Blut spuckt.«

Eadulf beugte sich vor und versuchte den Körper des Mannes aufzurichten. Mit der linken Hand stützte er ihn von hinten und spürte eine warme, klebrige Masse am Rücken des Toten. Das Hemd hatte einen Riß, und Eadulfs Finger ertasteten zerfetztes Fleisch.

»Ach, dabit deus his quoque finem!« murmelte er.

»Was ist denn?« Fidelma ärgerte sich, daß sie in der Dunkelheit nicht sehen konnte, was Eadulf tat.

»Der Mann ist von hinten erdolcht worden. Während er hier saß und mit uns geredet hat, war er bereits tödlich verwundet. Nur Gott weiß, wie er noch so lange leben konnte. Er hatte eine Stichwunde im Rücken ...«

Eadulf überlegte. »Die Bewegung, als er aufstehen wollte, hat wahrscheinlich die Wunde weiter aufgerissen und zu seinem Tode geführt. Vielleicht hätte er noch länger gelebt, wenn er sitzen geblieben wäre. Ich weiß es nicht.«

Fidelma schwieg einen Moment.

»Er hätte es uns vorher sagen sollen«, meinte sie schließlich. »Jetzt können wir ihm nicht mehr helfen.«

Eadulf langte nach dem wassergefüllten Brunneneimer und wusch sich die Hände.

»Soll ich die Leiche zur Herberge zurücktragen?« fragte er. »Wir müßten Samradan verständigen.«

Fidelma schüttelte den Kopf. Dann wurde ihr klar, daß Eadulf das in der Dunkelheit nicht sehen konnte.

»Nein. Wenn wir bekannt werden lassen, daß wir mit diesem Mann zu tun hatten, wird man uns womöglich daran hindern, dem nachzugehen, was wir von ihm erfahren haben.«

»Wieso? Der Mann wurde hinterrücks erstochen, ermordet. Er war auf dem Wege, sich mit uns zu treffen. Als er sich heute nachmittag mit uns verabredete, fürchtete er, im Gespräch mit uns gesehen zu werden. Wen fürchtete er? Derjenige muß ihn getötet haben, um zu verhindern, daß er seine Beobachtungen weitergab.«

»Das wissen wir nicht genau, aber ich bin geneigt, dir zuzustimmen. Wenn er getötet wurde, damit er uns nicht sagen sollte, was er wußte, dann ist es klüger, seinen Mörder in dem Glauben zu lassen, er habe nicht mehr mit uns sprechen können. Man wird ihn morgen finden, wenn jemand zum Brunnen kommt. Wahrscheinlich hat man ihn getötet, um ihn zum Schweigen zu bringen. Wir sollten so tun, als habe er dieses Schweigen bewahrt.«

»Das gefällt mir nicht«, gestand Eadulf. »Mir erscheint es unchristlich, einfach wegzugehen und ihn hier zu lassen.«

»Ihm wird es nichts ausmachen, und da wir es um der Gerechtigkeit willen tun, wird auch Gott es uns nicht übelnehmen. Es könnte dazu beitragen, seine Mörder aufzuspüren, denn wenn sie mit den Attentätern von Cashel im Bunde sind, haben wir etwas Wichtiges erfahren, was uns einen kleinen Vorsprung verschafft.«

Sie kniete neben der Leiche nieder und sprach einen kurzen Segen, dann erhob sie sich.

»Sic itur ad astra«, murmelte Eadulf spöttisch. So gelangt man zu den Sternen.

Eadulf vernahm wieder das ständige Heulen der Wölfe, das in der Zeit, die sie am Brunnen verbracht hatten, näher gekommen zu sein schien. Er nahm seinen Knüttel auf und sagte zu Fidelma: »Wir gehen wohl lieber zurück.«

Fidelma stimmte ihm zu. Auch ihr war aufgefallen, daß die Wölfe immer dichter herankamen.

Sie gingen über das Feld, kletterten über die niedrige Steinmauer und erreichten den Weg. Inzwischen war der Mond aufgegangen, ein heller Mond in der Mitte des Septembers. Es war nicht mehr so dunkel. Die wenigen Wolken am Himmel beeinträchtigten den blassen hellen Schein kaum. Dunkelheit und Nebel hatten nur das Feld um den Brunnen herum bedeckt, weil es dort feucht war. Hier auf dem Weg warf das schwache Licht leichte Schatten, während sie auf die fernen Lichter des Ortes zueilten.

Das anschwellende Wolfsgeheul ließ nicht zum erstenmal einen unwillkürlichen Schauer über Eadulfs Rücken laufen.

Unruhig schaute er sich um. »Es hört sich an, als ob sie ziemlich nahe sind«, murmelte er.

»Uns kann nichts passieren«, erwiderte Fidelma zuversichtlich. »Wölfe greifen keine erwachsenen Menschen an, wenn sie nicht am Verhungern sind.«

»Wer weiß, ob diese Biester keinen Hunger haben?« knurrte Eadulf.

In Wahrheit fragte sich Fidelma das auch.

Eadulf war sich nicht sicher, ob er richtig gesehen hatte, so schnell flitzte der Schatten durch sein Blickfeld. Es war ein großer schwarzer Schatten, der zwanzig Meter vor ihnen den Weg kreuzte. Instinktiv blieb Eadulf stehen.

»Was ist?« flüsterte Fidelma. Sie stand neben ihm und spähte nach vorn.

»Ich weiß nicht genau ...«, sagte Eadulf.

Ein leises Knurren ließ ihre Glieder wie im Frost erstarren.

Der Schatten bewegte sich wieder, ein langer, niedriger, muskulöser Schatten, und plötzlich spiegelte sich das Mondlicht in zwei winzigen Punkten, aus denen Feuer zu sprühen schien. Das Knurren wurde lauter.

»Stell dich hinter mich, Fidelma«, zischte Eadulf und hob zum Schutz seinen Knüttel.

Das Tier kam knurrend einen Schritt näher.

»Ich kann nicht erkennen, ob es ein Wolf ist oder ein Wachhund von einem Bauernhof«, flüsterte Fi-delma und spähte in die Dunkelheit.

»Jedenfalls bedroht uns das Biest«, antwortete Ea-dulf.

Ohne Warnung schoß das mächtige Tier plötzlich auf sie zu. Hätte Eadulf nicht so schnell gehandelt, hätte es ihn an der Kehle gepackt. In dem Moment, als es zum Sprung abhob, schwang er seinen Knüttel und traf es mitten im Sprung, mehr mit Glück als gut zielend, genau auf die Schnauze. Er hatte seine ganze Kraft in den Schlag gelegt. Vor Schmerz jaulend, stürzte das Tier zu Boden, zog sich wimmernd ein paar Schritte zurück, doch dann verhielt es, und sein Winseln ging in ein wütendes Fauchen über.

Als Fidelma sprach, hörte Eadulf zum erstenmal, seit er sie kannte, Angst aus ihrer Stimme heraus.

»Das ist kein Hund, Eadulf, das ist ein Wolf.«

Eadulf hatte kein Auge von dem Tier gelassen, das knurrend vor ihnen hin und her lief, als suche es eine schwache Stelle zum Angriff. Es machte kurze Ansätze, kam ihnen aber nicht näher. Die funkelnden roten Augen waren beständig auf Eadulf gerichtet, der ihm mit vorgehaltenem Knüttel immer zugewandt blieb.

»Das kann nicht die ganze Nacht so weitergehen«, murmelte er.

»Wir können nirgendwo hin«, erwiderte Fidelma.

»Ein paar Meter weiter steht ein Baum . wenn ich das Tier in Schach halte, kannst du’s schaffen - hoch auf die Äste klettern .?«

»Und was willst du machen?« wandte sie ein. »Ehe du den Baum erreichst, hat dich das Biest eingeholt.«

»Welchen Ausweg haben wir sonst?« antwortete Eadulf. Die Furcht ließ seine Worte gereizt klingen. »Sollen wir beide uns hier zerreißen lassen? Ich versuche das Vieh abzulenken, damit du vorbeikommst. Dann kannst du rennen. Wenn ich rufe, dann lauf los! Sieh dich nicht um und klettere, so hoch du kannst.«

Sein Ton war so entschlossen, daß Fidelma einsah, jeder Widerspruch war zwecklos. Logisch gesehen hatte Eadulf sowieso recht. Sie hatten keine andere Wahl.

Eadulf machte ein paar Ausfallschritte gegen den knurrenden Wolf, die diesen vor Überraschung über soviel Frechheit zurückprallen ließen. Dann verengten sich seine glühenden Augen, und er bleckte wieder die großen geifernden Zähne. Er hatte sich leicht abgewandt. Eadulf ging wieder vor.

Da ertönte ein Heulen, das Fidelma und Eadulf erschauern ließ. Es kam aus der Richtung des Feldes, das sie gerade verlassen hatten.

Der angriffsbereite Wolf stand still und hob den Kopf ins Mondlicht, dessen weiche Strahlen auf seine emporgereckte Schnauze fielen. Tief aus seiner Kehle drang ein Laut, zuerst schwach, dann zunehmend an Stärke, bis sich die Kiefer öffneten und ein geisterhaft schrilles Geheul die Luft zerriß. So etwas hatte Eadulf noch nie vernommen. Dreimal hintereinander durch-bohrte der Ruf die abendliche Stille um sie her. Als er verklang, schien der Wolf abwartend zu lauschen.

Tatsächlich kam vom Feld her ein antwortender Ruf, ein fürchterlicher, klagender Schrei.

Ohne auch nur einen weiteren Blick auf Eadulf zu werfen, drehte der Wolf ab, sprang über die Steinmauer und verschwand auf dem Feld hinter ihnen.

Eadulf stand noch wie versteinert da. Der Schweiß lief ihm von der Stirn, und der Knüttel in seiner Hand war feucht.

Fidelma bewegte sich als erste.

»Komm weiter, falls noch mehr von diesen Biestern in der Nähe sind. Wir müssen uns in der Ortschaft in Sicherheit bringen.«

Als Eadulf sich nicht rührte, zog sie ihn am Ärmel.

Er faßte sich und eilte ihr mit raschen Schritten nach, wobei er unruhige Blicke zurückwarf.

»Aber sie laufen zu dem Feld, wo wir ...«

»Natürlich!« fauchte Fidelma. »Was denkst du denn, weshalb der Wolf von uns abgelassen hat? Sein Partner ...« ihre Stimme zitterte etwas, »hat die Leiche gefunden, eine leichtere Beute als wir. Das bedeuteten die furchtbaren Schreie, die sie gewechselt haben. Mit seinem Tode hat der arme Mann uns gerettet. Deo gratias!«

Übelkeit stieg in Eadulf auf, als ihm klar wurde, welch grausiges Mahl jetzt am Brunnen gehalten wurde. Aber auch sie hätten als Speise dienen können. Fi-delma hätte ... Er murmelte: »Agnus Dei ... o Lamm Gottes ...« Es war das Gebet zur Begräbnisfeier.

»Spar deinen Atem«, unterbrach ihn Fidelma gereizt. »Ehre das Opfer des Mannes, indem du dich seiner würdig erweist und in Sicherheit gelangst.«

Eadulf verstummte, von Fidelmas Schroffheit verletzt. Schließlich lag ihm ihre Sicherheit mehr am Herzen als seine eigene. Doch er begriff zum erstenmal, seit er sie kannte, daß auch sie nicht frei von Furcht war.

Sie schwiegen, bis sie den Rand der Ortschaft erreicht hatten und die Hauptstraße entlanggingen, rasch an der brennenden Lampe vor der Herberge Creds vorbei. Es waren nur wenige Leute auf der Straße, und niemand schien von ihnen Notiz zu nehmen, bis sie zur Schmiede kamen.

Trotz der späten Stunde saß der Schmied noch an einem glühenden Kohlenkorb neben seinem Amboß. Er polierte eine Schwertklinge. Er blickte auf und erkannte sie.

»Ich würde in der Dunkelheit lieber nicht mehr ausgehen, Lady«, begrüßte er sie.

Fidelma blieb vor ihm stehen. Sie hatte ihre Fassung vollständig wiedergewonnen und sah ihn gelassen an. »Warum nicht?«

Der Schmied hielt lauschend den Kopf schief. »Hast du sie nicht gehört, Lady?«

In der abendlichen Stille drang fernes Wolfsgeheul an ihre Ohren.

»Ja, wir haben sie gehört«, sagte sie gepreßt.

Der Schmied nickte langsam. Er hatte seine Tätigkeit nicht unterbrochen. »Ich habe sie selten so dicht am Ort erlebt«, bemerkte er. »An eurer Stelle würde ich schnell in die Abtei zurückkehren.«

Er vertiefte sich wieder in seine Arbeit, doch dann hob er erneut den Kopf. »Ich glaube, als bo-aire des Ortes müßte ich wohl morgen eine Jagd veranstalten und diese Halunken aus ihren Verstecken herausscheuchen.«

Eadulf schien es, als hätten diese Worte noch eine andere Bedeutung. Er fragte sich, ob das wirklich so sei oder ob er infolge der Aufregung des Abends schon Dinge hörte, die es gar nicht gab.

Fidelma schritt ohne ein weiteres Wort auf dem Weg an dem großen Eibenbaum vorbei und auf die hohen dunklen Mauern der Abtei zu. Eadulf eilte ihr nach. Als sie außer Hörweite waren, sprach er seine Gedanken aus.

»Meinst du, daß seine Worte noch eine verborgene Bedeutung hatten?«

»Ich weiß es nicht. Wohl eher nicht. In diesem Stadium sollten wir für alles offen sein.«

»Was tun wir als nächstes?«

»Ich denke, das liegt doch auf der Hand.«

Eadulf überlegte einen Moment.

»Cred, nehme ich an? Wir müssen noch einmal mit ihr reden.«

In Fidelmas Stimme lag Anerkennung. »Ausgezeichnet. Ja, wir müssen noch einmal mit ihr reden, denn wenn Samradans Kutscher recht hatte, dann weiß die Wirtin mehr, als sie uns verraten hat.«

»Nun, ich meine, die Lösung ist klar.«

Das klang so überzeugt, daß Fidelma überrascht war.

»Hast du unser Rätsel schon gelöst, Eadulf?« Der leise Spott in ihrer Stimme entging ihm. »Das ist aber klug von dir.«

»Na, du hast doch gehört, was der Kutscher sagte. Der Bogenschütze erhielt seine Anweisungen von einem Fürsten. Gibt es so viele Fürsten, die Cashel feind sind?«

»Viele«, erwiderte sie trocken. »Obgleich ich zugebe, daß mir zuerst die Ui Fidgente in den Sinn kamen. Doch wir können Donennach nicht einfach anklagen, weil der Kutscher hörte, wie der Bogenschütze einen Mann als ngdomna anredete. Viele Fürsten sähen es gern, wenn die Eoghanacht ihre Macht verlören. Die größten Feinde der Eoghanacht sind die Ui Neill, besonders Mael Düin von den nördlichen Ui Neill, der König von Ailech. Ihre Feindschaft reicht zurück bis in die Zeit von Mile Easpain, dem Ahnherrn der Gae-len. Seine Söhne Eber und Eremon stritten sich um die Aufteilung Eireanns. Eber wurde von Anhängern seines Bruders Eremon getötet. Die Ui Neill behaupten, sie stammten von Eremon ab.«

»Das weiß ich«, erklärte Eadulf ungeduldig. »Und die Eoghanacht des Südens leiten ihre Abkunft von Eber her. Aber glaubst du wirklich, daß Cashel von den Ui Neill aus dem Norden bedroht wird?«

»Was im Knochen wächst, ist dem Fleisch schwer auszutreiben«, bemerkte Fidelma, als sie vor dem Tor der Abtei standen.

»Das verstehe ich nicht«, wandte Eadulf ein.

»Seit tausend Jahren hassen die Ui Neill die Eogha-nacht und neiden ihnen ihr Königreich.«

Der diensttuende Mönch am Tor war Bruder Daig, der muntere junge Mann, den sie kurz zuvor kennengelernt hatten. Er schien erfreut, sie zu sehen.

»Gott sei Dank, daß ihr unversehrt zurück seid. Seit mehr als zwei Stunden höre ich das Geheul der Wölfe in den Bergen. An so einem Abend sollte man nicht ohne Herberge sein.«

Er zog das Tor hinter ihnen zu.

»Wir haben sie auch gehört«, bemerkte Eadulf.

»Ihr müßt wissen, daß es viele Wölfe in den Wäldern und auf den Feldern in dieser Gegend gibt«, fuhr Bruder Daig mitteilsam fort. »Sie können sehr gefährlich werden.«

Eadulf wollte gerade erwidern, daß ihm das sehr wohl bekannt sei, doch da fing er Fidelmas warnenden Blick auf.

»Du bist sehr aufmerksam, Bruder«, sagte sie. »Das nächste Mal passen wir besser auf, wenn wir uns im Dunkeln hinauswagen.«

»Es gibt noch ein kaltes Mahl im Speisesaal, Schwester, falls ihr noch nichts gegessen habt«, fuhr der junge Mönch fort. »Es ist schon so spät, daß ich fürchte, das warme Essen habt ihr versäumt.«

»Das spielt keine Rolle. Bruder Eadulf und ich gehen in den Speisesaal. Vielen Dank für deine Fürsorge. Wir wissen sie sehr zu schätzen.«

Auf dem Wege zum Speisesaal flüsterte Eadulf: »Wollen wir nach der Mahlzeit noch mit Cred reden?«

»Wie Bruder Daig schon sagte, es ist sehr spät. Cred kann warten. Sobald ich gegessen habe, gehe ich zu Bett und ruhe mich aus. Es war ein anstrengender Tag. Morgen gleich nach dem Frühstück machen wir uns auf zu Cred.«

Kapitel 12

Der Klang von Kriegshörnern weckte Fidelma nur wenige Augenblicke, bevor Schwester Scothnat, die domina des Gästehauses, in ihr Zimmer stürzte und mit lauter und angsterfüllter Stimme rief: »Steh auf und verteidige dich, Lady, wir werden angegriffen.«

Einen Moment von Panik erfaßt, sprang Fidelma auf und hörte nun deutlich das Schmettern der Hörner und die entfernten Rufe und Schreie der Menschen. Sie zündete eine Kerze an und sah in deren Licht Schwester Scothnat händeringend und heftig weinend in der Tür stehen.

Fidelma ging zu ihr und packte sie mit beiden Händen. »Nimm dich zusammen, Schwester!« rief sie. »Sag mir, was passiert ist. Wer greift uns an?«

Scothnat hielt verwirrt inne, von Fidelmas scharfem Ton zur Besinnung gebracht. Dann schluchzte sie wieder leise. »Die Abtei, die Abtei wird angegriffen!«

»Von wem?«

Sie merkte, daß Schwester Scothnat zu sehr von Angst überwältigt war, um auf ihre Frage antworten zu können.

Fidelma zog sich rasch an. Draußen war es noch dunkel, und sie hatte keine Ahnung, wie spät es war, meinte aber, die Morgendämmerung könne nicht mehr fern sein.

Sie eilte aus dem Zimmer und ließ die schluchzende Scothnat allein. Fast wäre sie mit einer dunklen, kräftigen Gestalt zusammengeprallt, die in die entgegengesetzte Richtung stürmte. Selbst in der Dunkelheit erkannte sie Eadulf.

»Ich suche dich gerade.« Er klang besorgt. »Krieger greifen die Abtei an.«

»Weißt du mehr?« fragte sie.

»Nein. Ich wurde eben erst von Bruder Madagan geweckt. Er will nachsehen, ob die Tore alle geschlossen sind, aber ich glaube, außer den Mauern und den Toren hat die Abtei nicht viel Schutz zu bieten.«

Plötzlich begann die große Glocke der Abtei zu läuten, immer lauter, da die Hände am Glockenseil nach jedem Anschlagen noch heftiger zogen. Das Läuten war eher ein verzweifelter Hilferuf denn eine feierliche Mahnung.

»Schauen wir mal, was wir herausfinden«, rief Fi-delma durch den Lärm und lief den Gang entlang in Richtung Haupttor.

Eadulf folgte ihr und protestierte: »Die anderen Frauen sind an einen sicheren Platz in den Gewölben der Abtei geführt worden.«

Fidelma ersparte sich eine Antwort. Sie war flink, und Eadulf hatte Mühe, mit ihr Schritt zu halten. Sie eilten durch die dunklen Kreuzgänge, in denen mehrere Brüder aufgeregt und ziellos hin und her rannten.

Fidelma hörte die immer lauter werdenden Kriegshörner und die Rufe und Schreie der Kämpfenden jenseits der mächtigen Mauern der Abtei. Sie erreichten den Haupthof und sahen, wie eine Gruppe junger, kräftiger Mönche versuchte, die Balken am Haupttor vorzuschieben, angeleitet vom Verwalter der Abtei, Bruder Madagan.

Fidelma rief ihn an, als sie nahe genug waren.

»Was geht hier vor? Wer greift uns an?«

Bruder Madagan hielt einen Moment inne mit seinen Anweisungen.

»Fremde Krieger, mehr wissen wir nicht. Bis jetzt haben sie die Abtei nicht direkt angegriffen. Es geht ihnen anscheinend mehr darum, die Stadt zu plündern.«

»Wo ist der Abt?«

Bruder Madagan zeigte auf den kleinen viereckigen Wachtturm, der sich neben dem Tor drei Stockwerke hoch erhob »Entschuldige, Schwester«, damit wandte er sich ab, »ich muß mich um unsere Sicherheit kümmern.«

Fidelma lief bereits auf den Turm zu, von Eadulf gefolgt.

Im Innern des Turms führte eine Treppe zu jedem der Stockwerke, gerade breit genug für eine Person. Ohne zu zögern, hastete Fidelma nach oben, und Ea-dulf eilte ihr nach.

Die unteren Stockwerke waren leer, ganz oben trafen sie auf Abt Segdae, der hinter dem stand, was man bei einer Wehranlage die Brustwehr genannt hätte. Eine brusthohe Mauer umgab das Dach, und von dort konnte man das Gelände um die Abtei herum überblicken.

Abt Segdae war nicht allein. Neben ihm stand die stämmige Gestalt des Kaufmanns Samradan. Segdae hielt sich im Schutz der Mauer und starrte über den Platz auf die Stadt. Seine Schultern waren herabgesunken, die geballten Fäuste hielt er in die Seiten gestemmt, sein Kopf war vorgeschoben, und so beobachtete er grimmig das Geschehen. Samradan schien gleichfalls von dem Schauspiel gebannt. Sie grüßten Fidelma und Eadulf nicht, als diese auf das Dach stiegen.

Fidelma und Eadulf hatten bereits ein unheimliches rotes Glühen bemerkt, ein seltsames gelbrot flackerndes Licht, das sich über die Vorderseite der Abtei ergoß. Sein merkwürdig drohender Schein wurde von den niedrig hängenden Wolken zurückgeworfen. Offensichtlich standen schon viele Häuser der Stadt in Flammen. Die Schreie der Menschen und das angstvolle Wiehern der Pferde drangen herüber. Außerhalb der Mauern der Abtei herrschte ein wildes Durcheinander. Berittene jagten hin und her über den Platz und durch die Straßen, die einen mit Brandfackeln in den Händen, die anderen Schwerter schwingend. Es war klar, daß die ungeschützten Gebäude des Ortes den ersten Ansturm auszuhalten hatten. Nachdem sich ihre Augen an das eigenartige Zwielicht der von brennenden Gebäuden und irrlichternden Fackeln erhell-ten Nacht gewöhnt hatten, konnte Fidelma noch etwas ausmachen. Hier und da lagen dunkle flache Hügel auf dem Boden, offenbar Leichen. Dann sah sie auch, wie Menschen einzeln oder in kleinen Gruppen um ihr Leben rannten, von berittenen Kriegern verfolgt. Ab und zu verriet ein Schrei, daß eine Klinge ihr Opfer gefunden hatte.

Fidelma wandte sich erbittert an Abt Segdae.

»Gibt es kein Mittel, Imleach zu retten?« fragte sie.

Der Abt schien zu benommen, um zu antworten. Er wirkte plötzlich wie ein gebrechlicher alter Mann. Fidelma schüttelte ihn ungestüm am Arm.

»Segdae, dort werden unschuldige Menschen niedergemacht. Gibt es keine Krieger in der Nähe, die wir herbeirufen können?«

Fast widerwillig wandte ihr der Abt sein spitzes Gesicht zu. Er hatte Mühe, sie zu erkennen.

»Die nächsten Krieger sind die deines Vetters, des Fürsten von Cnoc Äine.«

»Gibt es eine Möglichkeit, sie zu alarmieren?«

Abt Segdae hob die Hand, als wolle er auf den Glockenturm auf der anderen Seite der Abtei zeigen. Die Glocke läutete verzweifelt weiter. »Das ist unser einziges Mittel.«

Samradan starrte wie hypnotisiert auf das Geschehen, sein Gesicht war kalkweiß. Selten hatte Fidelma so nackte Furcht im Gesicht eines Mannes gesehen. Selbst in dieser Lage fragte sie sich: Was hatte doch Vergil geschrieben? Die Furcht verrät unwürdige Seelen. Warum war ihr das in den Sinn gekommen? Es gab nichts Häßlicheres, dachte sie, als Furcht im Gesicht eines Menschen.

Der stämmige Kaufmann wandte sich jetzt an den Abt. »Glaubst du, daß sie die Mauern der Abtei erstürmen?« In seiner Stimme lag noch mehr als Furcht.

»Dies ist keine Festung, Samradan«, erwiderte der Abt düster. »Unsere Tore sind nicht dazu geschaffen, einem Heer zu widerstehen.«

»Ich verlange Schutz! Ich bin nur ein Kaufmann. Ich habe niemandem etwas getan ... Ich bin kein Krieger, der kämpfen kann ...« Seine Stimme wurde schrill vor Panik. Das schien Abt Segdae aus seiner Lethargie aufzurütteln.

»Dann geh runter in die Gewölbe unter der Kapelle zu den Frauen!« fauchte er. »Überlaß es uns, uns zu verteidigen - und dich!«

Der Kaufmann duckte sich beinahe unter diesen Worten.

Fidelma schnaubte verächtlich. Dann sagte sie zu Eadulf: »Bring Samradan ins Kellergewölbe und bitte Bruder Madagan hierher.« Das Befehlen fiel ihr plötzlich leicht, sie gehörte zu den Eoghanacht von Cashel, und dies war ihr Volk.

Mit derbem Griff zog Eadulf den zitternden Kaufmann fort von dem Anblick von Tod und Zerstörung, der sich ihnen bot.

Fidelma blieb neben Abt Segdae stehen und betrachtete das Bild des Grauens mit wachsendem Zorn.

Sie sah, wie die Schmiede in Flammen aufging. Mehrere Gebäude waren schon niedergebrannt. Sie versuchte die schattenhaften Gestalten der Berittenen genauer in Augenschein zu nehmen, aber in der Dunkelheit war wenig zu erkennen, außer daß sie Kriegshelme und einige von ihnen Kettenhemden trugen, jedoch keine Abzeichen, die ihre Herkunft verrieten.

Sie hörte Schritte auf der Treppe, dann trat Bruder Madagan atemlos auf das Dach hinaus.

Grimmig sah er zu der brennenden Stadt hinüber.

»Sie haben sich zuerst für die leichtere Aufgabe entschieden«, meinte er. »Wenn sie die wehrlose Stadt ausgeplündert haben, werden sie zum Angriff auf die Abtei übergehen.«

Abt Segdae schrie plötzlich auf und stürzte rücklings zu Boden. Überrascht schauten sie ihn an. Er hatte eine blutende Wunde an der Stirn. Fidelma sah sich einen Moment ratlos um. Sie hatte etwas aufschlagen hören. Dann nahm sie einen Kieselstein auf.

»Von einer Steinschleuder«, stellte sie fest. »Halten wir uns lieber von der Mauer fern.«

Bruder Madagan kniete schon neben dem Abt.

»Ich lasse Bruder Bardan holen, unseren Apotheker. Das Geschoß hat ihn an der Stirn getroffen. Er ist bewußtlos.«

Fidelma schlich sich vorsichtig gebückt zur Mauer. Ein Schütze mußte im Vorbeireiten einen glücklichen Treffer erzielt haben. Von einem planmäßigen Angriff auf die Abtei war noch nichts zu bemerken. Die Reiter jagten weiterhin kreuz und quer durch den Ort.

»Wenn sie uns wirklich angreifen, halten unsere Mauern den Kriegern nicht lange stand«, murmelte Bruder Madagan, der ihrem Blick gefolgt war und ihre Gedanken erriet.

Fidelma wies auf den Glockenturm, von dem immer noch das Geläut schallte.

»Wird uns das Hilfe bringen?«

»Vielleicht, aber man kann nicht mit Sicherheit darauf rechnen.«

»Dann stimmt es also, daß es die nächsten Krieger erst in Cnoc Äine gibt?«

»Ja. Wir können nur hoffen, daß Finguine in Cnoc Äine die Glocke hört.«

»Sechs Meilen ist er entfernt, schätze ich«, sagte Fi-delma. »Ob sie das Läuten wirklich hören?«

Bruder Madagan verzog das Gesicht. »Wir können uns nicht darauf verlassen, aber es ist möglich. Es ist noch Nacht, und der Schall unserer Glocke trägt weit.«

»Aber fest rechnen können wir nicht damit«, wiederholte Fidelma bitter. Sie blickte erneut hinüber zum Schauplatz der Verwüstung. »Wer sind diese Leute? Warum sollten sie die Abtei angreifen?«

»Ich habe keine Ahnung. In der ganzen Geschichte unserer Gemeinschaft hat noch nie jemand diesen heiligen Ort angegriffen.« Plötzlich hielt er inne.

»Was ist?« fragte Fidelma.

Bruder Madagan mied ihren Blick. »Die Legende. Vielleicht stimmt sie doch?«

Einen Augenblick verstand Fidelma nicht, was er meinte, dann begriff sie.

»Das Verschwinden der Reliquien Ailbes! Aberglaube, weiter nichts.«

»Aber es paßt so gut zusammen. Die heiligen Reliquien sind verschwunden. Es heißt, wenn sie diesen Ort verlassen, stürzt Muman. Nun sind sie fort, und die Abtei wird zerstört!«

Auch Fidelma fürchtete das, und gleichzeitig machte diese Furcht sie wütend.

»Du Narr! Noch ist die Abtei nicht zerstört, und sie wird es auch nicht, wenn wir uns dazu aufraffen, sie zu verteidigen.«

Eadulf kam zurückgeeilt. Entsetzt blickte er auf die reglose Gestalt des Abts. »Ist er ...«

»Nein«, erwiderte Bruder Madagan. »Segdae ist von einem Wurfgeschoß getroffen worden. Kannst du jemand finden, der unseren Apotheker Bruder Bardan holt?«

Eadulf wandte sich wieder zur Treppe. Gleich darauf war er zurück. »Ein junger Bruder sucht den Apotheker.«

»Wie geht es Samradan?« fragte Fidelma.

»Den Kaufmann tröstet Schwester Scothnat.« Ea-dulf blickte plötzlich über die Mauer auf den Platz vor der Abtei. »Seht nur!«

Ihre Blicke folgten seiner ausgestreckten Hand.

Etwa ein halbes Dutzend Männer waren neben dem großen Eibenbaum vor den Mauern der Abtei von den Pferden gestiegen. Sie alle hatten Äxte in den Händen und fingen an, zielstrebig an dem alten Stamm herumzuhacken. Es sah nach einer sorgfältig geplanten Aktion aus und nicht nach blinder Zerstörungswut.

»Was geht da vor?« fragte Eadulf verblüfft. »War-um machen sie sich mitten im Angriff daran, einen Baum zu fällen?«

»Gott schütze uns!« rief Bruder Madagan. Es war ein beinahe verzweifelter Klageschrei. »Seht ihr es nicht? Sie hauen die heilige Eibe um.«

»Immer noch besser, als wenn sie Menschen umhauen«, bemerkte Eadulf mit schwarzem Humor, ohne die Bedeutung des Vorgehens der Angreifer zu verstehen.

»Denk an das, was ich dir erzählt habe«, erinnerte ihn Fidelma. Selbst sie war etwas blaß geworden. »Dies ist der heilige Baum, das Symbol unseres Volkes, der von Eber Fionn mit eigener Hand gepflanzt worden sein soll, dem Sohn des Milesius, dem Ahnherrn der Eoghanacht von Cashel. Es ist ein alter Glaube in unserem Volk, Eadulf, daß der Baum unser Wohlergehen symbolisiert. Solange der Baum gedeiht, gedeihen auch wir. Wird er zerstört .«

Sie beendete den Satz nicht.

Eadulf hörte ihr schweigend zu. Wiederum verwirrte ihn die seltsame Mystik dieses Landes, das er lieben gelernt hatte. Einerseits war es christlicher als alle angelsächsischen Königreiche, die er kannte, und andererseits war es viel heidnischer als die meisten christlichen Länder, die er kannte. Und Fidelma, ein Muster an Vernunft und Scharfblick, war tatsächlich beunruhigt, weil jemand den großen Eibenbaum fällen wollte.

Langsam begriff Eadulf die wahre Bedeutung dieses Symbols. Er hatte immer gedacht, in heidnischen Zeiten seien die Bäume angebetet worden. Jetzt verstand er, daß den Bäumen als den ältesten lebenden Wesen auf Erden solche besondere Verehrung galt. Lebende Wesen! Was hier durch die Zerstörung dieses Symbols, das »Der Baum des Lebens« genannt wurde, geschah, war mehr als eine Beleidigung der Eoghanacht-Dynastie von Cashel. Es war ein Mittel, sie und ihr Volk zu entmutigen.

Eadulf hielt es für klug zu schweigen.

Trotz des Läutens der großen Glocke hörten sie, wie sich die Äxte der Angreifer mit rhythmischen Schlägen, die eigenartig vom Lärm der Verwüstung und des Todes abstachen, in das alte Holz gruben.

Bruder Bardan, der Apotheker, erschien auf dem Dach, gefolgt von dem jungen Bruder Daig, seinem Gehilfen. Bardan kniete sofort bei dem Abt nieder und untersuchte seine Wunde.

»Er hat einen üblen Schlag erhalten, aber die Verletzung ist nicht lebensgefährlich«, stellte er fest. »Bruder Daig wird mir helfen, ihn in sein Zimmer zu bringen.« Er sah Bruder Madagan an. »Wie stehen unsere Chancen, Bruder?«

»Nicht gut. Noch greifen sie die Abtei nicht an, aber sie fällen den großen Eibenbaum.«

Bruder Bardan holte erschrocken Luft und bekreuzigte sich, dann schaute er über die Mauer. Einen Moment ließ ihn der Anblick erstarren. Entsetzt schüttelte er den Kopf.

»Deshalb greifen sie also die Abtei nicht direkt an«, bemerkte er leise. »Das haben sie gar nicht nötig.«

»Ach, hätten wir doch nur ein paar gute Bogenschützen«, rief Fidelma verzweifelt.

Bruder Daig blickte verstört drein. »Lady, wir sind doch Männer des Glaubens«, wandte er ein.

»Das heißt aber nicht, daß wir uns niedermetzeln lassen sollen.«

»Aber Christus hat uns doch gelehrt .«

Fidelma machte eine ungeduldige Handbewegung. »Predige mir nicht geistige Armut als eine Tugend, Bruder. Wenn die Menschen arm an Geist sind, werden sie von den Stolzen und Hochmütigen unterdrückt. Wir sollen im Geiste treu sein und der Unterdrückung entschlossen widerstehen. Nur so laden wir nicht zu weiterer Unterdrückung ein. Ich sage es noch einmal, ein guter Bogenschütze könnte diesen Tag retten.«

»Es gibt keine solchen Waffen in der Abtei«, erklärte Bruder Bardan, »und schon gar keine Männer, die sie zu führen verstehen.« Er wandte sich wieder dem bewußtlosen Abt zu. »Komm, Daig, wir müssen uns um den Abt kümmern.«

Gemeinsam hoben sie den alten Herrn auf und trugen ihn die Treppe hinunter.

Einige Zeit sahen Fidelma, Eadulf und Bruder Ma-dagan hilflos zu, wie die Angreifer auf den alten Baum einhieben. Eadulf fand sich nicht in der Lage, die ohnmächtige Wut mitzuempfinden, mit der Fidelma und Madagan das Zerstörungswerk beobachteten. Er konnte mit dem Verstand die Bedeutung des Baums begreifen, doch die dadurch hervorgerufene Besorgnis und Angst wollte sich bei ihm nicht einstellen.

Plötzlich erfaßte sein Blick eine Bewegung, und er zeigte auf den Platz.

»Schaut mal! Jemand rennt auf das Tor der Abtei zu. Eine Frau!«

Ein Schatten hatte sich von den brennenden Gebäuden gelöst und war stolpernd losgestürzt in dem offensichtlichen Versuch, in den Schutz der Mauern der Abtei zu gelangen.

»Das Tor ist geschlossen«, rief Bruder Madagan. »Wir müssen hinunter und es für das arme Geschöpf öffnen.«

Mit einem raschen Blick auf die Situation dort draußen erkannte Fidelma, daß sie hier oben nichts weiter tun konnte, wandte sich um und folgte Bruder Madagan und Eadulf auf den Hof.

Am Tor trafen sie Bruder Daig, der gerade zurückgekehrt war, nachdem er den Abt auf sein Zimmer gebracht hatte.

»Macht das Tor auf«, rief Bruder Madagan, während sie darauf zueilten. »Eine Frau will herein!«

Der junge Mann zögerte mit erschrockener Miene. »Aber dann kommen vielleicht auch die Angreifer herein«, wandte er ein.

Eadulf schob ihn einfach beiseite und zog an den hölzernen Riegeln.

Bruder Madagan kam ihm zu Hilfe.

Gemeinsam schoben sie die mächtigen Holzbalken zurück, die das Tor schlossen, sehr zum Entsetzen mehrerer anderer Brüder, die sich hinter Bruder Daig sammelten und unschlüssig dastanden. Eadulf und Madagan zogen die Torflügel auf.

Die Frau war noch ein Dutzend Schritte vom Tor entfernt. Eadulf kam sie irgendwie bekannt vor. Er feuerte sie mit Rufen an, doch dann sah er zu seinem Schrecken, daß ein Berittener die Frau verfolgte und sie fast eingeholt hatte.

Bruder Madagan lief zum Tor hinaus und hielt dem Angreifer sein Kruzifix entgegen, als wolle er ihn allein durch diesen Anblick abwehren.

»Templa insulaeque!« rief er. »Sanctuarium! Freistatt! Freistatt!«

Er hatte sich zwischen die Frau und den heranbrausenden Reiter geworfen, der das Schwert erhoben hatte. Die Klinge funkelte im Licht der Feuer jenseits des Platzes.

Der Schwertarm des Kriegers fuhr nieder, und Bruder Madagan wurde mit einer blutenden Wunde auf der Stirn halb herumgeschleudert und fiel dann vornüber zu Boden. Eadulf wollte die Frau hereinziehen, aber der Angreifer erreichte sie eher als er. Wieder schwang er das Schwert, und sie schrie auf, als es ihren Hinterkopf traf. Von ihrem eigenen Schwung getrieben, stolperte sie in den Hof der Abtei. Der volle Galopp seines Pferdes trug auch den Verfolger durch das Tor. Alles Weitere spielte sich so schnell ab, daß niemand auch nur zum Luftholen kam.

Das Pferd hatte die verwundete Frau beiseite geschleudert, sie prallte gegen die Mauer und brach zusammen. Eadulf konnte gerade noch zur Seite springen, packte instinktiv ein Bein des Reiters und zog mit aller Kraft daran. Der Schwung seines Schwertarms hatte den Reiter schon etwas aus dem Sattel gehoben, nun verlor er vollends den Halt, wurde vom Pferd gerissen und fiel schwer auf Eadulf nieder. Eadulf blieb benommen liegen.

Es war ein erfahrener Krieger. Sein Aufprall war durch Eadulf gedämpft worden, er rollte sich auf die Seite, sprang auf und stand kampfbereit da, das Schwert in der Hand.

Er war untersetzt, aber muskulös. Er war in schwarzgefärbtes Leinen gekleidet und trug ein eisernes Kettenhemd, ein luirech iairn, über einem Koller aus Rindsleder. Unterhalb der Knie waren seine Beine durch lederne, nietenbesetzte asdin geschützt, die Unterschenkel mit Lederriemen umwickelt. Sein Helm aus polierter Bronze hatte nur ein kleines Visier, so daß man in dem Licht der flackernden Fackeln im Hof von seinem Gesicht weiter nichts sah als den schmalen roten Strich eines brutalen Mundes.

Sein Schild hing noch an seinem Pferd, das ein Stück weiter auf dem Hof zum Stehen gekommen war und nach dem anstrengenden Galopp schnaufte und schnaubte.

Der Krieger stand vorgebeugt da, hatte das Schwert nun mit beiden Händen gefaßt und schwang es herum zur Abwehr drohender Gefahren. Beruhigt stellte er fest, daß nur ein halbes Dutzend sichtlich verängstigter Mönche hinter dem Tor kauerte und eine einzige Nonne ihm gegenüberstand.

Er richtete sich auf und brüllte vor Lachen, bevor er drohend mit dem Schwert fuchtelte. Das Zurückprallen der Mönche steigerte seine Heiterkeit noch. Dann merkte er, daß die Nonne ungerührt dastand und ihn ansah, die Hände züchtig vor sich gefaltet. Ihre hohe, wohlgeformte Gestalt und ihr hübsches Gesicht gefielen ihm.

»Wer bist du, Krieger?« fragte ihn Fidelma.

Die ruhige Autorität ihrer Stimme beeindruckte ihn. Dann grinste er.

»Ich bin ein Mann, keiner von den Eunuchen, mit denen du dich umgeben hast, Frau. Komm mit, und ich zeige dir, was ein Mann alles kann.«

Fidelmas Blick glitt besorgt zu Eadulf, der immer noch dalag und nach Atem rang. Vor dem Tor lag Bruder Madagan, wahrscheinlich tot. Auch die Frau regte sich nicht mehr. Mit offener Verachtung sah sie den Krieger an.

»Du hast schon bewiesen, was du kannst«, erwiderte sie ruhig, ohne die geringste Furcht zu zeigen. »Du hast den Mord an einem Glaubensbruder und einer wehrlosen Frau auf dem Gewissen. Demnach bist du überhaupt kein Mann, sondern etwas, was ich mir mit einem Stock vom Hacken kratze, wenn ich durch Morast gegangen bin.«

Ihr Ton war so gelassen, daß der Krieger noch einen Moment weiter grinste, nachdem sie gesprochen hatte. Erst dann begriff er, was sie gesagt hatte.

Sein schmaler Mund verzog sich vor Wut.

»Du kommst jetzt mit oder du stirbst!«

Er drohte ihr mit dem Schwert.

Einer der Brüder, es war der junge Daig, trat mit schamrotem Gesicht wegen seiner anfänglichen Feigheit vor, als wolle er sie beschützen. Er kam nicht einmal dazu, etwas zu sagen, denn der Krieger wandte sich sofort um und stieß ihm die Schwertspitze in die Brust. Daig stöhnte auf und brach in die Knie, das Blut strömte über seine Kutte. Er starrte auf seine Wunde, als traute er seinen Augen nicht.

»Du bist tapfer, wenn du waffenlose Knaben und Frauen vor dir hast«, schrie ihn Fidelma an und machte einen Schritt nach vorn, hielt aber inne, als er die Schwertspitze auf sie richtete. »Hast du einen Namen? Oder schämst du dich seiner?«

Der Krieger schluckte bei soviel Kühnheit.

»Meine Name geht dich nichts an, Metze. Denk nicht, weil du eine Frau bist, kannst du mich ungestraft beleidigen!«

Fidelma blickte auf den jungen Daig, der mit der Hand das Blut aus seiner Wunde zu stillen versuchte.

»Du hast schon gezeigt, wie deine Tapferkeit aussieht. Da ich auch waffenlos bin, hast du sicher Mut genug, mir zu beweisen, was für ein jämmerlicher Kerl du wirklich bist.«

Bruder Daig schaute mühsam auf. Tränen standen ihm in den Augen. Er blickte zu der Gruppe seiner verängstigten Brüder hinüber und setzte mehrmals an, ehe er sprechen konnte. »Das Tor, Brüder ... das Tor muß zu, ehe noch mehr von der Sorte hereinkommen.«

Das hatte Fidelma auch gerade erkannt. Je länger das Tor offenstand, desto eher würden es weitere Angreifer bemerken und in die Abtei eindringen. Dann könnte sie nichts mehr daran hindern, ein Blutbad unter den Mitgliedern der Gemeinschaft anzurichten.

»Laß das ja sein, Metze«, knurrte der Krieger, als er ihren besorgten Blick auf das Tor bemerkte. »Du bist tot, ehe du hinkommst. In wenigen Augenblicken sind meine Kameraden hier.«

Bruder Daig stöhnte vor Schmerzen, als er zu gehen versuchte. »Er ist nur einer allein, Brüder. Er kann nicht euch alle umbringen. Schließt das Tor und entwaffnet ihn!«

Der Krieger zischte wütend, und seine Schwertklinge traf den jungen Bruder voll am Hals.

Bruder Daig fiel hintenüber. Man brauchte nicht nachzusehen, ob er tot war, das war nur zu deutlich.

Endlich kam Eadulf wieder zu Atem. Er holte ein paarmal tief Luft und rappelte sich hoch, doch die Schwertspitze des Räubers zwang ihn sofort wieder zu Boden.

»Das Tor!« rief Fidelma den eingeschüchterten Mönchen zu. »Der letzte Befehl eures toten Bruders muß ausgeführt werden!«

»Keine Bewegung, oder der hier stirbt«, fauchte der Krieger und ritzte Eadulfs Schulter mit dem Schwert.

»Macht es!« rief Eadulf laut, dessen Zorn seine eigene Furcht überwand.

Einen Moment wurde der Blick des Kriegers abgelenkt, weil er zu den Mönchen hinüberschaute, ob sie Eadulf gehorchten. Darauf hatte Eadulf nur gewartet. Er rollte sich blitzschnell aus dem Bereich der Klinge und stürzte auf das Tor zu.

Das Schwert erhoben, wandte sich der Krieger zu ihm um, aber es war zu spät. Mit einem Wutschrei stürmte er los, während Eadulf schon das Tor zuschob. Plötzlich kam ihm Fidelma in den Weg. Er wollte sie mit dem Schwert treffen, doch plötzlich flog er durch die Luft und wußte nicht, wie.

Nur Eadulf hatte aus dem Augenwinkel gesehen, wie Fidelma lossprang. Sein Herz klopfte vor Schreck, doch irgendwie erinnerte er sich dunkel an die Körperhaltung, die sie einnahm. Er hatte schon mehrmals erlebt, wie sie das machte, das erstemal in Rom. Sie stand da, als wolle sie den Schwerthieb mit bloßem Kopf abfangen. Dann schien sie einfach zuzufassen, packte den Arm des Mannes und schleuderte ihn über ihre Hüfte mit dem Kopf gegen die Steinmauer der Abtei. Es klatschte dumpf, und der Krieger schlug ohne einen Laut auf dem Boden auf und blieb besinnungslos liegen.

Fidelma hatte Eadulf einmal erzählt, daß es im alten Irland eine Gruppe von Gelehrten gab, die Unterricht in den ehrwürdigen Lebensauffassungen ihres Volkes erteilten. Sie reisten weit umher und trugen keine Waffen zu ihrer Verteidigung, weil ihr Glaube das Töten von Menschen untersagte. Doch sie mußten sich vor Räubern und Banditen auf den Landstraßen schützen.

So waren sie gezwungen, eine troid-sciathaigid genannte Technik zu entwickeln, eine Kunst der waffenlosen Verteidigung. Viele Missionare erlernten diese Methode, bevor sie Irland verließen und in fremden Ländern den neuen Glauben predigten.

»Los, kommt! Helft Bruder Eadulf!« rief Fidelma. »Macht das Tor zu.«

Sie eilte selbst zu ihm, lief jedoch plötzlich zum Tor hinaus. Bruder Madagan lag nur wenige Schritte entfernt da draußen.

»Schnell, hilf mir, Eadulf!« rief sie ihm zu.

Er begriff sofort, was sie vorhatte, und folgte ihr. Sie packten Bruder Madagan an den Ärmeln seiner Kutte und schleiften ihn hastig hinein, kurz bevor die Brüder sich endlich ermannten und die Torflügel zuschoben. Kaum waren sie drinnen, wurden die Balken vorgelegt.

Fidelma wurde gleich wieder tätig.

»Bindet den Krieger!« rief sie den Brüdern zu, die jetzt beschämt und verlegen herumstanden, weil sie vorher nicht reagiert hatten. »Entwaffnet und fesselt ihn, damit er keinen weiteren Schaden anrichten kann.«

Sie blickte hinunter auf Bruder Madagan. Eadulf untersuchte ihn gerade.

»Er lebt noch«, stellte er befriedigt fest. »Die Wunde ist nicht so schlimm. Er ist wohl nur mit der flachen Klinge am Kopf getroffen worden. Das Blut auf der Stirn stammt von einem kleinem Schnitt. Er wird bald zu sich kommen.«

Fidelma schaute Eadulf besorgt an, denn er hatte Blut auf seiner Kutte von dem Schwertstich des Kriegers. »Und du selbst?« fragte sie schnell.

Eadulf lächelte und faßte sich an die Schulter. »Ich habe schon Schlimmeres überlebt. Das war nur ein Nadelstich. Viel schmerzhafter war es, als der Mann mit seinem ganzen Gewicht auf mich fiel. Das werde ich wohl noch eine Weile spüren.«

Fidelma eilte schon zu der reglosen Gestalt der Frau, die noch auf dem Pflaster des Hofes lag.

»Es ist die Wirtin!« Fidelma erkannte Cred erst jetzt. »Bei unserem Glauben!« rief sie, »sie scheint noch zu atmen.«

Sie beugte sich nieder und hob den Kopf der Frau ein wenig hoch.

Eadulf untersuchte rasch die Wunde, sah Fidelma an und schüttelte langsam den Kopf. Hier kam jede irdische Hilfe zu spät.

Cred öffnete noch einmal die Augen. Furcht war darin zu lesen.

»Still!« sagte Fidelma sanft. »Du bist unter Freunden.«

Cred stöhnte und rollte die Augen. Das Sprechen fiel ihr schwer. »Ich ... ich weiß ... mehr ...«, röchelte sie.

Eadulf drehte sich zu den wartenden Mönchen um. »Holt Wasser!« befahl er.

Sofort eilte einer von ihnen davon.

»Bleib ruhig«, sagte Fidelma zu Cred. »Wir sorgen für dich. Lieg still.«

»Feinde ...«, keuchte Cred. »Ich hörte, was der Bogenschütze sagte. Feinde . der Feind ist in Cashel. Der Fürst .«

Ihr Kopf sank zurück, doch ihre Augen blieben weit offen.

Eadulf bekreuzigte sich. Er hatte genug Tote gesehen, um zu wissen, daß das Leben der Herbergswirtin sein Ende gefunden hatte.

Fidelma verharrte einen Moment mit gerunzelter Stirn.

Der Mönch brachte Wasser herbei, und Bruder Ea-dulf erhob sich und machte sich daran, Bruder Mada-gan wiederzubeleben. Langsam kam der Verwalter der Abtei zu sich.

Eadulf wandte sich an die Gruppe junger Mönche, die wie eine Schafherde dastand und auf Befehle wartete.

»Hat Bruder Madagan einen Gehilfen?« fragte er. »Gibt es einen stellvertretenden Verwalter der Abtei?«

Gemurmel und Füßescharren war die Antwort.

»Das wäre Bruder Mochta gewesen«, erklärte schließlich einer. »Wer es jetzt ist, weiß ich nicht.«

»Na, bis wir das feststellen, übernehme ich die Leitung«, verkündete Eadulf. »Einer von euch bringt Bruder Madagan auf sein Zimmer. Er hat einen üblen Schlag auf den Kopf erhalten. Holt den Apotheker. Dann brauche ich Freiwillige, die die Leichen von Cred und Bruder Daig in die Totenkammer schaffen und das Blut hier beseitigen.«

»Das kannst du mir überlassen, Bruder Angelsachse«, antwortete einer der Mönche. »Aber was machen wir mit dem Krieger?«

Eadulf wandte sich nach dem Räuber um. Der war sicher verschnürt, aber wieder bei Bewußtsein. Er lag mit dem Rücken an die Mauer gelehnt, an den Füßen festgebunden und mit auf dem Rücken gefesselten Händen. Er probierte seine Fesseln, hörte aber damit auf, als Eadulf zu ihm trat.

»Du wirst dir noch wünschen, du hättest mich umgebracht, Bruder«, zischte er durch die zusammengebissenen Zähne.

»Du wirst dir das vielleicht auch wünschen, mein boshafter Freund«, erwiderte Eadulf grimmig. »Ich nehme an, deine mörderischen Freunde da draußen werden nicht mehr viel von dir halten, nachdem du dich von einer Frau hast entwaffnen und gefangennehmen lassen. Eine unbewaffnete Nonne hat dich bewußtlos geschlagen. Was für eine Grabschrift für einen Krieger wie dich: Aut viam inveniam aut faci-am, wie? Sieg oder Tod lautet das Motto des Kriegers. Du aber hast beides nicht errungen.«

Der Krieger verzog den Mund und versuchte Ea-dulf anzuspucken.

Mit breitem Lächeln wandte sich Eadulf an den hilfsbereiten jungen Mönch, der seine Anordnungen erwartete.

»Laß diesen tapferen Kämpfer da liegen, wo er ist, Bruder ...?«

»Bruder Tomar.«

»Also, Bruder Tomar, laß ihn liegen und mach dich erst an die anderen Aufgaben.«

Eadulf ging zurück zu Fidelma, die immer noch an Creds Leiche stand und sie nachdenklich betrachtete.

»Weißt du, ich glaube, Cred ist nicht zur Abtei gerannt, um Schutz zu suchen«, sagte sie und hob den Kopf. »Ich meine, sie wollte zu mir.« Sie seufzte und fügte hinzu: »Hat dir der Krieger etwas gesagt?«

»Nichts. Er gibt sich nicht zu erkennen.«

»Na, wir können ihn später in Ruhe verhören.«

Fidelma wandte sich dem Wachtturm zu. »Schauen wir erst einmal, was draußen vor sich geht. Wenn die Krieger die Abtei angreifen wollen, lassen sie sich aber viel Zeit damit. Das finde ich merkwürdig. Es wird schon hell.«

Sie stiegen auf den Turm und blickten über den Platz hinweg auf die Stadt. Die Gebäude brannten noch, doch die Flammen loderten nicht mehr so hell wie zuvor. Schwarze Rauchsäulen standen darüber. Fidelmas Blick blieb sogleich an dem Überrest des großen Eibenbaums hängen. Man hatte den Stamm mit den Äxten eingekerbt und den Baum dann mit Hilfe von Seilen umgebrochen. Den Stumpf hatte man angebrannt.

Betrübt schloß Fidelma die Augen.

»In den sechzehn Jahrhunderten, seit Eber Fionn die Eibe zum Symbol unseres Glücks erklärte, ist so etwas nie vorgekommen«, sagte sie leise.

Plötzlich kniff sie die Augen zusammen. Die Bewegungen in dem Ort ließen erkennen, daß die Angreifer sich in Gruppen sammelten.

Fidelma merkte, daß die Glocke der Abtei noch immer Sturm läutete. Sie hatte nie damit aufgehört. Sie hatte sich seltsamerweise so daran gewöhnt, daß es ihr zunächst gar nicht aufgefallen war.

»Laß das Läuten einstellen«, wies sie Eadulf an.

»Wenn es bis jetzt niemand gehört hat und uns zu Hilfe geeilt ist, dann kommt auch keiner mehr.«

»Wenn ich den jungen Bruder Tomar finde, kann er sich darum kümmern.«

Er wollte schon die Treppe hinabsteigen, als Fidel-ma ihn zurückhielt.

»Warte mal! Da in den Wäldern im Süden bewegt sich was. Ich glaube, die Räuber sammeln sich jetzt zum Angriff auf die Abtei!«

Eadulf trat vor und folgte ihrem Blick.

»Wir haben keine Verteidigungsmöglichkeit. Wenn sie diesen Eibenbaum in so kurzer Zeit fällen können, dann brechen ihre Axtträger die Eichentore der Abtei in Minuten auf.«

Fidelma mußte widerwillig zugeben, daß Eadulf recht hatte. »Vielleicht können wir mit ihnen verhandeln«, meinte sie ohne Überzeugung.

Eadulf schwieg und ließ den Blick über die brennende Stadt und die Überreste des großen Eibenbaums schweifen. Im grauen Licht der Morgendämmerung sah man zahlreiche Leichen herumliegen.

Bruder Tomar kam die Treppe heraufgeeilt.

»Ich habe alles getan, was du angeordnet hast, Bruder Angelsachse«, berichtete er. »Bruder Madagan ist wieder bei Bewußtsein, aber noch schwach. Abt Segdae hat sich auch erholt und versucht die Brüder zu sammeln, damit sie den Feinden mit größerer Fassung entgegentreten.« Verlegen schaute er Fidelma an. »Wir haben uns am Tor nicht gut verhalten, als der Krieger kam, Schwester. Dafür muß ich mich entschuldigen.«

Fidelma verzieh großmütig. »Ihr seid Glaubensbrüder und keine Krieger. Euch ist kein Vorwurf zu machen.«

Sie schaute immer noch besorgt nach Süden, wo sie inzwischen eine Reiterschar ausgemacht hatte.

Bruder Tomar folgte ihrem Blick.

»Sammeln sie sich zum Angriff auf die Abtei?« flüsterte er ängstlich.

»Ich fürchte, ja.«

»Dann warne ich lieber die anderen.«

Fidelma winkte ab. »Wozu? Es gibt keine Möglichkeit die Abtei zu verteidigen.«

»Aber vielleicht könnten wir wenigstens die Schwestern unseres Ordens in Sicherheit bringen. Ich habe mal gehört, daß der Abt von einem geheimen Gang gesprochen hat, der zu den nahen Bergen führt.«

»Ein Gang? Dann lauf gleich zu Abt Segdae. Wenn wir ein paar Nonnen retten können, bevor diese Barbaren einbrechen .«

Bruder Tomar war schon auf dem Wege, ehe sie noch den Satz beendet hatte. Eadulf berührte Fidelma am Arm und wies wortlos über die Brüstung. Sie sah, wie am Nordende der brennenden Stadt ein Trupp der Angreifer davonritt, in entgegengesetzter Richtung zu der herankommenden Reiterschar.

»Einige der Angreifer ziehen ab«, bemerkte er verwundert. »Warum wohl?«

Fidelma blickte wieder nach Süden. Die Berittenen, die sie im trüben Morgenlicht erspäht hatte, waren nun im Licht der gerade aufgehenden Sonne, das den Wald erhellte, deutlicher zu erkennen. Es waren ungefähr zwanzig bis dreißig Reiter. Über ihnen flatterte ein Banner.

Es trug einen Hirsch auf blauem Grund.

»Das ist das Banner der Eoghanacht!« rief sie aus.

Die Reiter galoppierten über die Ebene auf die Abtei zu.

Mit erleichterter Miene wandte sich Fidelma zu Ea-dulf um. »Ich glaube, das sind Männer von Cnoc Äi-ne«, sagte sie erregt. »Sie müssen die Glocke der Abtei gehört und darauf reagiert haben.«

»Das wäre die Erklärung dafür, daß die Angreifer so eilig verschwinden.«

»Gehen wir hinunter und sagen wir es den anderen.«

Am Fuße des Turms trafen sie Bruder Tomar und Abt Segdae. Letzterer sah noch erschöpft und bleich aus und hatte eine bläuliche Beule auf der Stirn, schien sich aber wieder gefangen zu haben. Ein Trompetensignal ertönte, als sich die Reiterkolonne der Abtei näherte. Abt Segdae erkannte es sofort, Fidelma brauchte ihm nichts zu erklären.

»»Deo gratias!« seufzte der Abt voller Dankbarkeit. »Wir sind gerettet! Rasch, Bruder Tomar, öffne das Tor. Die Männer von Cnoc Äine sind uns zu Hilfe gekommen.«

Als die Flügel des Abteitors aufschwangen, hielt die Reiterschar davor. Ihr Anführer war ein gutaussehender junger Krieger, reich gekleidet und gerüstet, mit ebenmäßigem Gesicht, lockigem, kurzgeschnittenem rotem Haar und dunklen Augen. Er trug einen blauen Wollmantel, der an der Schulter von einer silbernen Spange gehalten wurde. Es war ein auffallendes Schmuckstück in Gestalt einer Sonne, von der drei mit Granaten besetzte Strahlen ausgingen.

Sein Blick fiel auf Fidelma, die mit den anderen zur Begrüßung aus dem Tor trat. Sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Lächeln.

»Lamh laidir abu!« rief er und reckte die geballte Faust empor.

Eadulf hielt sich lange genug in Muman auf, um darin den Schlachtruf der Eoghanacht zu erkennen. Eine starke Hand für den Sieg!

»Du bist willkommen, Vetter Finguine«, erwiderte Fidelma und erhob ebenfalls die geballte Faust zum Gruß.

Der junge Mann sprang vom Pferd und umarmte seine Kusine. Dann trat er zurück und schaute sich traurig um.

»Aber ich bin eher zu spät gekommen«, meinte er enttäuscht. »Danke Gott, daß Er Seinen Mantel schützend über dich gehalten hat, Kusine.«

»Die Angreifer sind gerade erst nach Norden abgezogen«, erklärte Eadulf.

»Wir haben sie noch gesehen«, sagte der Fürst von Cnoc Äine, sah ihn an und erkannte seine angelsächsische Tonsur. »Mein Tanist und die Hälfte meiner Männer haben die Verfolgung aufgenommen. Waren es Ui Fidgente?«

Fidelma mußte zugeben, daß das eine logische Folgerung war. In dieser Gegend, bei Finguines eigener Hauptstadt Cnoc Äine, hatte vor kaum einem Jahr die letzte große Schlacht gegen die Ui Fidgente stattgefunden.

»Das ist schwer zu sagen, doch der Fürst der Ui Fidgente ist in Cashel und führt vermutlich Friedensgespräche mit meinem Bruder.«

»Davon habe ich gehört«, bemerkte Finguine trok-ken. Seine Miene verriet, wie sehr er dem mißtraute. Nun wandte er sich an Abt Segdae. »Bist du schwer verletzt, Pater Abt?«

Segdae schüttelte den Kopf, während er den Gruß des jungen Fürsten erwiderte. »Eine Beule, weiter nichts.«

»Ist einer der anderen Brüder zu Schaden gekommen? Seid ihr alle wohlauf?«

»Den größten Schaden hat die Stadt erlitten«, erwiderte der Abt mit sorgenvollem Gesicht. »Bei uns wurde ein Bruder getötet und einer hat eine Beule wie ich. Doch in der Stadt muß es viele Tote gegeben haben. Und sieh nur ...«

Finguine folgte wie alle seinem Blick.

»Den heiligen Eibenbaum unseres Volkes haben sie gefällt!« rief Finguine, und Entsetzen und Wut mischten sich in seiner Stimme. »Dafür werden sie mit viel Blut bezahlen. Das ist eine Kränkung aller Eogha-nacht. Das bedeutet Krieg.«

»Aber Krieg gegen wen?« fragte Fidelma ernst. »Erst müssen wir feststellen, wer dafür verantwortlich ist.«

»Die Ui Fidgente«, fauchte Finguine. »Die sind die einzigen, die daraus Nutzen ziehen könnten.«

»Das ist nur eine Vermutung«, wandte Fidelma ein. »Unternimm nichts, ehe du es nicht genau weißt.«

»Nun, wir haben ja einen der Angreifer gefangen«, erinnerte sie Eadulf. »Lassen wir uns von ihm sagen, von wem er seine Befehle erhalten hat.«

Finguine hörte das mit Überraschung. »Du hast tatsächlich einen gefangen, Angelsachse?« Er klang beeindruckt.

»Na, das hat Fidelma getan«, verbesserte ihn Eadulf mit entwaffnender Freundlichkeit.

Lächelnd wandte sich Finguine an seine Kusine. »Das hätte ich mir denken können, daß du dabei die Hand im Spiel hattest. Wo ist er denn? Schauen wir mal, was wir aus dem Schweinehund herausbekommen.«

Sie gingen in den Hof der Abtei, nachdem Finguine seinen Männern befohlen hatte, sich in der Stadt zu verteilen und zu sehen, ob sie den Verwundeten helfen und sich am Löschen der Feuer beteiligen könnten.

»Da drüben liegt er gut verschnürt«, sagte Eadulf und führte sie zu dem fremden Krieger.

Der Mann lag noch so da, wie sie ihn verlassen hatten, an die Mauer der Abtei gelehnt, die Hände auf dem Rücken gefesselt, die Beine ausgestreckt und zusammengebunden. Der Kopf war ihm auf die Brust gesunken.

»Los, Mann«, rief ihn Eadulf an. »Werd wach, du hast ein paar Fragen zu beantworten.«

Er beugte sich vor und berührte den Krieger leicht an der Schulter.

Der rollte lautlos auf die Seite.

Finguine kniete sich hin und tastete am Hals des Mannes nach dem Puls.

»Bei der Krone Corcs von Cashel! Jemand hat sich an ihm gerächt. Er ist tot.«

Mit einem überraschten Ausruf trat Fidelma neben ihren Vetter.

Auf der Brust des Kriegers war Blut. Jemand hatte ihn ins Herz gestochen.

Kapitel 13

In der Nacht hatte der Überfall viel schlimmer ausgesehen, als er in Wirklichkeit war. Ungefähr zwanzig Einwohner waren getötet und etwa ein weiteres Dutzend verwundet worden. Nur ein halbes Dutzend Gebäude waren niedergebrannt. Einige andere waren beschädigt, ließen sich aber noch instandsetzen. Trotzdem wirkte sich der Schaden bei einer so kleinen Ortschaft wie Imleach verheerend aus. Zu den wichtigsten Gebäuden, die vernichtet waren, zählten die Schmiede, ein Lagerhaus und die Herberge, die Cred gehört hatte.

Abt Segdae und Bruder Madagan, die ihre Kopfverbände wie Auszeichnungen trugen, hatten das morgendliche Lobgebet zu einem kurzen Dankgottesdienst für die Errettung der Abtei gestaltet. Selbst der dicke Samradan nahm daran teil. Er schien etwas beschämt und reizbar. Fidelma und Eadulf gingen zusammen mit ihrem Vetter, dem Fürsten von Cnoc Äi-ne, in die Stadt, um sich selbst ein Bild von den Zerstörungen zu machen.

Über den großen Eibenbaum, dessen Reste vor der Abtei noch immer schwelten, wurde wenig gesprochen. Die Trauer um ihn überstieg alle Worte.

Der erste, den sie erblickten, als sie den Platz überquerten, war der Schmied Nion, der bo-aire. Er hatte ein verbundenes Bein und stützte sich schwer auf einen Stock. Gegen die Kälte des Morgens hatte er sich in einen langen Wollmantel gehüllt, den er an der Schulter mit einer silbernen sonnenförmigen Spange mit drei roten Granatsteinen geschlossen hatte, ähnlich der, die Finguine trug. Er starrte düster auf die Ruinen seiner Schmiede, während Suibne, sein Gehilfe, den Schutt durchsuchte. Als sie näher kamen, rochen sie den beißenden Gestank von verbranntem Holz gemischt mit anderen Gerüchen, die sie nicht gleich identifizieren konnten. Die Luft drang ihnen ätzend in die Lungen.

Nion sah nicht auf, als sie sich näherten.

»Es tut gut, dich am Leben zu sehen, Nion«, begrüßte ihn Finguine. Er schien den Schmied seit langem zu kennen.

Nion schaute auf und erkannte den Fürsten von Cnoc Äine.

»Mein Fürst, Gott sei Dank, daß du rechtzeitig kamst, sonst wären wir alle erschlagen und die ganze Stadt eingeäschert worden.«

»Leider kam ich nicht rechtzeitig genug, um dir deinen Verlust zu ersparen, Nion«, erwiderte der Fürst von Cnoc Äine und betrachtete finster die Ruinen der Schmiede.

»Ich werd’s überleben, denke ich. Andere aus unserer Stadt werden das nicht schaffen. Wir werden sehen, was wir aus der Asche retten können.«

»Es wird eine Weile dauern, bis deine Schmiede wieder aufgebaut ist«, bemerkte Finguine traurig. »Schade. Ich dachte gerade daran, deine Kunst zu nutzen und noch eine dieser Silberspangen bei dir zu bestellen.« Zerstreut betastete er seine Mantelspange. Dann fiel ihm Nions Verletzung auf. »Bist du schwer verwundet?«

»Schlimm genug«, erwiderte Nion. »Eine Weile werde ich wohl mein Geld nicht als Schmied verdienen können.«

»Warst du hier, als der Überfall begann?« schaltete sich Fidelma zum erstenmal ein.

»Ja.«

»Kannst du genau beschreiben, was sich abspielte?«

»Da gibt’s nicht viel zu sagen, Lady«, meinte er trübe. »Ich wurde durch den Lärm geweckt. Ich schlief im hinteren Raum meiner Schmiede. Ich lief hinaus und sah, wie mehr als zwanzig Mann durch die Straßen ritten. Creds Herberge stand schon in Flammen. Die Leute rannten wild durcheinander. Ich konnte nicht erkennen, wer die Angreifer waren, merkte nur, daß sie es darauf abgesehen hatten, die Stadt in Brand zu stecken. Also griff ich mir eins von den Schwertern, die ich zum Schärfen da hatte. Als bo-aire hatte ich meine Pflicht zu tun. Ich lief hinaus und wollte meine Schmiede und die Stadt retten, doch so ein Feigling schlug mich von hinten nieder. Als ich am Boden lag, stieß mir ein anderer die Lanze ins Bein. Dann griffen die Flammen auf die Schmiede über. Suibne, mein Gehilfe, schleppte mich weg und brachte mich in Sicherheit.« Verlegen sah er Finguine an. »Ich bin zwar bo-aire und müßte meine Leute schützen, aber man kann nicht von mir verlangen, daß ich Selbstmord begehe. Es waren keine Krieger hier, und niemand konnte mir helfen, den Angriff abzuwehren.«

»Du hast die Angreifer nicht erkannt? Du weißt nicht, wer sie waren oder woher sie kamen?« fragte ihn Finguine.

»Sie kamen aus dem Norden und ritten auch wieder nach Norden fort.« Der Schmied spuckte auf den Boden. »Da braucht man nicht viel zu fragen, wer sie waren.«

»Aber du weißt nicht mit Bestimmtheit, wer sie waren?« beharrte Fidelma.

»Wer sonst als die Dal gCais? Wer sonst als diese mordlustigen Ui Fidgente würde einen solchen Angriff auf Imleach unternehmen und den großen Eibenbaum zerstören?«

»Aber du weißt es nicht mit Sicherheit?« betonte sie nochmals.

Der Schmied kniff die Augen in unverhohlenem Zorn zusammen. »Wenn ich wieder einem Ui Fidgen-te begegne, brauche ich keinen Beweis, bevor ich ihn totschlage. Wenn ich mich irre, dann fahre ich gern zur Hölle aus Freude darüber, daß ich einen Ui Fidgente dahin mitnehme! Seht euch an, was sie meiner Stadt angetan haben.« Mit ausholender Armbewegung wies er auf die schwelenden Ruinen.

Finguine wandte sich mit ernster Miene an seine Kusine. »Die meisten unserer Leute denken so, Kusine. Wer sollte es auch sonst gewesen sein als die Ui Fidgente?«

Fidelma führte ihn und Eadulf weg von der Schmiede, bis sie außer Hörweite von Nion waren.

»Das ist es eben, was ich herausbekommen muß«, sagte sie. »Wenn es die Ui Fidgente waren, dann gut. Aber wir müssen sichergehen. Donennach von den Ui Fidgente hält sich gegenwärtig in Cashel auf, um einen Vertrag mit meinem Bruder zu schließen. Er und mein Bruder sind bei einem Mordversuch verwundet worden. In ein paar Tagen findet eine Verhandlung statt, in der wir den Ui Fidgente Doppelzüngigkeit nachweisen müssen, oder wir stehen vor allen fünf Königreichen von Eireann als die Angreifer da. Ich brauche keine Theorien. Ich brauche Beweise dafür, daß sie daran beteiligt waren.«

Finguine stimmte ihr zu. »Schade, daß sich jemand an eurem Gefangenen gerächt hat, sonst hätten wir etwas von ihm darüber erfahren können.«

»Ich frage mich, ob wirklich Rache der Grund dafür war, daß ihm jemand ins Herz stach und ihn so schnell und lautlos erledigte«, meinte Fidelma nachdenklich.

Finguine und Eadulf sahen sie überrascht an.

»Ich weiß nicht recht, was du damit andeuten willst«, sagte der Fürst von Cnoc Äine zögernd.

»Das ist doch ganz einfach«, erwiderte sie.

»Glaubst du, er wurde ermordet, damit er uns nicht preisgeben konnte, wer die Angreifer waren?« Eadulf hatte sehr wohl begriffen, worauf sie hinauswollte.

Fidelma nickte.

»Aber das würde bedeuten ... Ja, das würde bedeuten, daß ein Mitglied der Abtei mit den Angreifern im Bunde war«, stellte Eadulf fest.

»Oder jemand, der sich in der Abtei aufhält«, verbesserte ihn Fidelma. »Ist das so schwer vorstellbar? Jede Spur dieses Geheimnisses führt in die Abtei.«

Eadulf kratzte sich nachdenklich am Ohr.

»Ich rufe mir die Situation noch einmal ins Gedächtnis zurück. Wir ließen den Krieger gefesselt liegen und stiegen auf den Turm. War er noch am Leben, als wir wieder herunterkamen, nachdem wir Finguine gesichtet hatten? Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen.«

»Ich auch nicht«, pflichtete ihm Fidelma bei. »Wurde er getötet, als wir uns auf dem Turm befanden oder als wir das Tor öffneten und hinausgingen, um Finguine zu begrüßen?«

»Nun, wenn er erstochen wurde, als wir auf dem Turm standen, dann hielten sich da noch mehrere Brüder in der Nähe des Tores auf. Es waren jene, die die Leichen von Cred und Bruder Daig in die Totenkammer schafften, und die, die Bruder Madagan auf sein Zimmer brachten.«

Fidelma überlegte.

»Als wir zurückkamen und das Tor öffneten, waren auch Bruder Tomar und Abt Segdae da. Noch ein paar andere Brüder standen dabei. Wir öffneten rasch das Tor und gingen hinaus zu Finguine. In der Zeit hätte leicht jemand den Mann erstechen können.«

»Es war jedenfalls genug Zeit, ihn zu töten, und jeder der Brüder hätte es tun können«, seufzte Eadulf.

»Das alles hilft uns nicht dabei, Kusine, herauszufinden, wer die Angreifer waren«, unterbrach ihn Fin-guine. »Tote reden nicht.«

Fidelma sah ihren Vetter einen Moment an und lächelte wissend. »Manchmal verrät ein Toter eine ganze Menge«, antwortete sie. »Der tote Krieger ist der einzige, der uns Hinweise auf die Angreifer geben kann. Ich meine, wir sollten ihn und seine Sachen untersuchen. Vielleicht ergibt das eine Spur.«

Sie waren auf dem Weg zur Abtei, als einer von Finguines Männern, der sich den gefällten Eibenbaum genauer angesehen hatte, auf sie zueilte und dem Fürsten etwas ins Ohr flüsterte. Mit einem triumphierenden Lächeln wandte sich Finguine zu ihnen um.

»Ich glaube, wir wissen jetzt, wo die Schuld zu suchen ist«, erklärte er mit Befriedigung. »Kommt mit.«

Sie folgten dem Mann zum Eibenbaum. Er wies auf ein Stück unverbranntes Holz von dem gestürzten Stamm. Darauf war etwas eingeritzt: die groben Umrisse eines Ebers.

»Das Emblem des Fürsten der Ui Fidgente«, erklärte Finguine überflüssigerweise.

Fidelma betrachtete es einen Moment.

»Es ist interessant, daß sich jemand während eines heimlichen nächtlichen Überfalls soviel Mühe machte, uns wissen zu lassen, wer die Angreifer waren«, überlegte sie.

In diesem Augenblick ertönte ein helles Trompetensignal.

Es waren Finguines Leute, die von der Verfolgung der Angreifer zurückkehrten.

Auf staubbedeckten, müden Pferden ritten sie in die Stadt ein. Ihr Anführer erblickte Finguine, kam heran, hielt und glitt vom Pferd. Seine Füße hatten kaum den Boden berührt, als er schon unzufrieden den Kopf schüttelte.

»Nichts«, brummte er. »Wir haben sie verloren.«

Finguine runzelte ärgerlich die Stirn. »Verloren? Wie denn?«

»Sie durchquerten einen Fluß, und wir verloren ihre Spur.«

»In welche Richtung ritten sie, als sie euch aus den Augen gerieten?« fragte der Fürst von Cnoc Äine.

»Nach Norden, auf die Berge zu, meine ich. Wir verloren ihre Spuren im Toten Fluß. Von dort hätten sie jede Richtung einschlagen können. Ich glaube aber, sie ritten weiter nach Norden.«

»Habt ihr denn das Nordufer nicht danach abgesucht, wo sie den Fluß verließen?« forschte Finguine.

»Wir ritten ungefähr eine Meile in beide Richtungen und suchten nach ihren Spuren, fanden aber keine. Der Boden ist dort sehr steinig.« Der Mann reagierte mit Bitterkeit auf den Vorwurf seines Fürsten.

»Ich wollte deine Tüchtigkeit nicht anzweifeln«, versicherte ihm Finguine. »Iß was und ruhe dich aus.«

Der Krieger wollte sich seinen Männer wieder anschließen, als sein Blick auf den gefällten uralten Eibenbaum fiel.

»Das ist ein schlimmes Zeichen, Finguine. Das bedeutet Unheil«, sagte er leise.

Der Mund des Fürsten von Cnoc Äine wurde zu einem schmalen Strich. »Das bedeutet weiter nichts, als daß die Täter zur Rechenschaft gezogen werden«, fauchte er.

»Einen Moment«, rief Fidelma dem Krieger nach, der sein Pferd fortführen wollte. »Weshalb meinst du, daß sie vom Toten Fluß nach Norden davonritten?«

Der Mann wandte sich um, zögerte und zuckte die Achseln. »Warum sollten sie nach Norden reiten, als wäre der Teufel hinter ihnen her, und dann am Fluß eine andere Richtung einschlagen? Sie hatten es offensichtlich eilig, sich auf ihrem eigenen Gebiet in Sicherheit zu bringen.«

»Vielleicht ritten sie zum Fluß, weil sie wußten, daß sie dort ihre Verfolger leichter abschütteln könnten?« fragte Eadulf an Fidelmas Stelle.

Der Krieger zog eine saure Miene. »Ich werde keine Predigt halten, Bruder, solange du keine Krieger in die Schlacht führst. Ich meine trotzdem, sie ritten nach Norden.«

»Vielleicht hättest du dann auch nach Norden reiten sollen?« fragte Fidelma trocken.

Der Krieger wollte antworten, aber Finguine gab ihm ein Zeichen, er möge sich entfernen.

»Er ist ein guter Mann, Kusine«, sagte Finguine entschuldigend. »Es ist schlechter Stil, die Entscheidung eines Kriegers in Zweifel zu ziehen.«

»Ich meine trotzdem, daß er falsch entschieden hat. Wenn er glaubte, sie ritten nach Norden, dann hätte er seiner Eingebung folgen müssen.« Fidelma schaute auf den gefällten Eibenbaum. »Wohin ich mich in diesem Fall auch wende, überall stoße ich auf Annahmen und Vermutungen. Ich brauche mehr als ein eingeritztes Zeichen an einem Baum. So ein bekanntes Symbol kann jeder anbringen.«

Finguine sah sie überrascht an. »Heißt das, du willst diesen Beweis ignorieren?«

»Nein, ich ignoriere niemals einen Beweis. Aber solch einer muß sorgfältig geprüft werden, man kann ihn nicht einfach übernehmen. Eine Zeichnung, die man vielleicht absichtlich hinterlassen hat, um uns glauben zu machen, es sei ein Zeichen der Angreifer, genügt mir nicht.«

»Vielleicht sollten wir nun die Leiche des Kriegers untersuchen?« schlug Eadulf vor. »Möglicherweise finden wir Hinweise auf seine Identität.«

Sie gingen zurück zur Abtei, während Finguine weiter die Schäden in der Stadt in Augenschein nahm. Eadulf fragte plötzlich: »Du glaubst nicht, daß das alles Zufälle sind, nicht wahr?«

»Daß die Ereignisse nicht zusammenhängen?« Fi-delma dachte einen Moment nach.

»Zufälle gibt es.«

»Wir sind wegen des Mordversuchs in Cashel nach Imleach gekommen, das führte uns in die Abtei. Als wir hier eintrafen, stellten wir fest, daß Bruder Moch-ta, der Bewahrer der heiligen Reliquien Ailbes, mitsamt diesen Reliquien verschwunden ist und daß sich eine der Reliquien bei einem der Attentäter befand und daß dieser für Mochta gehalten wurde, doch dann fanden wir diese seltsame Sache mit der Tonsur heraus. Der Angriff auf die Abtei und die Stadt und die Zerstörung des heiligen Eibenbaumes der Eoghanacht könnten zufällig damit zusammentreffen, doch das ist unwahrscheinlich.«

»Ich sehe da aber keinen Zusammenhang«, protestierte Eadulf, der das leichte Lächeln, das Fidelmas Mund umspielte, nicht bemerkt hatte.

»Betrachten wir also mal die Zusammenhänge«, meinte Fidelma. »Man findet die Reliquie bei dem Attentäter. Der Attentäter war ein Mönch, und seine Beschreibung paßt genau auf Bruder Mochta, bis hin zu der Tätowierung eines bestimmten Vogels auf dem Unterarm. Das sind Tatsachen, keine Zufälle.«

»Und was ist mit der Tonsur?« bohrte Eadulf. Sie waren im Kreuzgang der Abtei stehengeblieben.

»Und was ist mit der Tatsache, daß sich der andere Attentäter, der Bogenschütze, ein paar Tage hier in Imleach aufgehalten hat? Er kaufte seine Pfeile von Schmied Nion. Warum wurde Samradans Kutscher ermordet, als er uns verraten wollte, daß sich der Bogenschütze hier auch mit Bruder Mochta traf und mit einem anderen Mann, den er mit ngdomna anredete, dem Titel eines Fürsten. Das sind ebenfalls Tatsachen.«

»Stimmt. Aber ich nenne dir eine Tatsache, die keinen Sinn ergibt«, wandte Eadulf ein. »Der zeitliche Ablauf stimmt überhaupt nicht. Wie konnte dieser Bruder Mochta beim Abendgebet hier in Imleach mit einer Tonsur des heiligen Johannes gesehen werden und weniger als zwölf Stunden später in Cashel mit den Resten einer römischen Tonsur, auf der das Haar seit mehreren Wochen gewachsen war?«

Fidelma schob den Einwand beiseite. »Was besagt die Tatsache, daß der Kaufmann Samradan aus Cashel, dessen Lagerhaus der Ausgangspunkt des Mordanschlags war, sich hier in Imleach aufhält? Es war sein Kutscher, der uns von dem Bogenschützen berichtete, und er bezahlte mit seinem Leben dafür. Ist das ein Zufall?«

»Vielleicht, ich weiß es nicht. Wir müssen noch einmal mit Samradan reden.«

Fidelma lächelte. »In diesem Punkt stimme ich mit dir überein.«

»Ich glaube immer noch, wir bringen Dinge miteinander in Verbindung, zwischen denen kein Zusammenhang besteht«, beharrte Eadulf.

Fidelma unterdrückte ein Kichern. Sie genoß es, wenn Eadulf die Dinge auf den Punkt brachte, denn es half ihr beim Nachdenken. Oft benutzte sie seinen Widerspruch, um ihre eigenen Gedanken zu überprüfen, doch das durfte sie ihm nicht sagen.

»Ich meine, in einem können wir sicher sein«, faßte Eadulf zusammen. »Darin, denke ich, hat der Schmied Nion recht. Ich weiß wenig von dem Volk, das ihr die Ui Fidgente nennt, aber alle scheinen sich einig, daß die hinter dem Angriff stecken. Es können sich doch nicht alle irren.«

»Eadulf, wenn ich dem Gericht nicht Beweise, sondern nur Verdachtsmomente vorzulegen brauchte, hätte ich keinen Zweifel, daß die Ui Fidgente binnen einer Stunde verurteilt wären. Aber so arbeiten unsere Gerichte nicht. Beweise werden benötigt, und die müssen wir beschaffen, oder wir müssen die Ui Fidgente für unschuldig erklären.«

In diesem Augenblick überquerte Bruder Tomar den Hof.

»Weißt du, wo sich der Kaufmann Samradan aufhält?« rief ihn Fidelma an.

Bruder Tomar schüttelte rasch den Kopf. Wie sie inzwischen erfahren hatte, war er der Pferdewärter der Abtei. Er war ein ungehobelter Bursche vom Lande, der die Gesellschaft seiner Tiere der von Menschen vorzog.

»Er hat die Abtei verlassen.«

Bruder Tomar wollte weitergehen, doch Fidelma hielt ihn an. »Verlassen?« fragte sie. »Ist er in die Stadt gegangen?«

»Nein. Er fuhr mit seinen Wagen weg.«

»Sind denn seine Kutscher unverletzt geblieben? Ich dachte, ich hätte gesehen, daß Creds Herberge niedergebrannt ist.«

Bruder Tomar antwortete in mürrischem Ton: »Das hab ich von einem der Kutscher gehört. Anscheinend sind zwei von ihnen dem Morden entgangen, denn Samradan kam mit drei Kutschern an und ist mit zweien abgefahren. Die beiden Wagen kamen zur Abtei, jeder mit einem Kutscher, und Samradan schloß sich ihnen an. Sie haben die Straße nach Norden genommen.«

»Nach Norden«, murmelte Fidelma.

»Samradan hat dir gesagt, er wolle nach Norden«, erinnerte sie Eadulf.

»Allerdings«, sagte Fidelma langsam. »Nach Norden.«

Bruder Tomar wartete noch. »Das stimmt, Schwester. Ich hörte, wie er seine Kutscher anwies, sie sollten zur Furt des Toten Flusses fahren.«

Fidelma dankte dem Pferdewärter, dann gingen sie und Eadulf auf die Suche nach dem Apotheker.

Als sie die Totenkammer der Abtei betraten, fanden sie Bruder Bardan, den Apotheker und Bestatter der Abtei, allein dort vor. Er legte gerade letzte Hand an das Leichentuch seines Freundes, des jungen Bruders Daig. Seine Augen waren gerötet und seine Wangen feucht von Tränen.

»Was sucht ihr hier?« fragte er gereizt.

»Beruhige dich, Bruder«, versuchte Fidelma ihn zu besänftigen. »Ich verstehe, daß dir der arme Daig sehr nahe stand. Wir wollen dich auch nicht in deinem Schmerz stören, doch wir müssen uns die Leiche des Kriegers genauer ansehen.«

Verärgert wies Bruder Bardan auf die andere Seite der Kammer.

»Die Leiche liegt auf dem Tisch dort in der Ecke.

Ich bereite sie nicht zur Bestattung vor. Der hat kein christliches Begräbnis verdient«, sagte er in aggressivem Tonfall, als erwarte er Widerspruch.

»Das ist dein gutes Recht«, bestätigte Fidelma ihm ungerührt. »Wo ist Creds Leiche? Liegt sie auch hier?«

»Ihre Leiche ist schon hergerichtet, und ihre Angehörigen haben sie zum Friedhof des Ortes gebracht. Ich habe gehört, daß viele Menschen bei dem Überfall getötet wurden und heute begraben werden müssen.«

Fidelma ging hinüber zu der Leiche des Kriegers und winkte Eadulf, ihr zu folgen.

Noch hatte niemand Arme und Beine des Mannes losgebunden. Nach wie vor bedeckte der Helm seinen Kopf, und das Visier war geschlossen.

Fidelma nahm ihm den Helm ab. Der Mann war Anfang dreißig. Seine Züge waren grob und von seiner Lebensweise verhärtet. Auf der Stirn wies er die blasse Narbe eines alten Schwerthiebs auf. Seine Knollennase und sein gedunsenes Gesicht ließen vermuten, daß er dem Essen und Trinken sehr zugetan war.

»Binde ihm Hände und Füße los, Eadulf.«

Eadulf befolgte ihre Anweisung, während sie auf den Toten hinabstarrte, in der Hoffnung, irgend etwas zu finden, was Näheres über seine Person aussagte. Ihr erster Eindruck bestätigte sich, daß es sich um einen Berufskrieger handelte. Allerdings war sein Kettenhemd alt und stellenweise vom Rost angefressen.

Sie half Eadulf, dem Toten den Waffengurt abzunehmen. Dann zogen sie ihm das Kettenhemd und den Lederkoller aus. Darunter trug er ein schwarzgefärbtes Leinenhemd und einen Kilt. An all dem war nicht zu erkennen, wer er war oder woher er kam.

Sie stellte fest, daß sein Mörder ihm den Dolch unter dem Kettenhemd in die Brust gestoßen hatte. Der Tod mußte schnell eingetreten sein. Sie forderte Ea-dulf auf, ihm das Hemd und die Unterkleidung auszuziehen.

Auch der Körper wies keine besonderen Merkmale auf, nur ein paar alte Narben von Verwundungen, die zeigten, daß er sein Leben als Berufskrieger verbracht hatte.

»Allerdings war er kein guter Krieger«, ergänzte Fidelma, nachdem Eadulf das festgestellt hatte.

»Woher weißt du das?«

»Er ist zu oft verwundet worden. Der bessere Krieger ist der, der solche Wunden zufügt.«

Schweigend nahm Eadulf das zur Kenntnis.

»Es ist doch eigenartig, daß er keine Geldtasche bei sich trägt«, sagte Fidelma nach einer Weile.

Eadulf versuchte zu erraten, worauf sie hinauswollte.

»Ach so.« Sein Gesicht hellte sich auf. »Du meinst, wenn er ein Berufskrieger war, ein Söldner, würde er sich für seine Dienste bezahlen lassen?«

»Genau. Wo hätte er dann seine Geldtasche?«

»Er würde sie zu Hause lassen.«

»Und wenn er weit weg von zu Hause wäre, was dann?«

Darauf wußte Eadulf keine Antwort.

»Er könnte sie irgendwo hinterlegen und sie nach dem Überfall wieder abholen. Doch das ist gefährlich. Nein, die meisten Berufskrieger führen ihre Habe bei sich.« Plötzlich erhellte sich ihr Gesicht. »Vielleicht hatte er Satteltaschen. Ich hatte fast vergessen, daß wir ja auch noch sein Pferd haben.«

Sie sah zu Bruder Bardan hinüber, der mit seiner Arbeit fertig war. »Was willst du mit der Leiche dieses Mannes machen?«

»Meinetwegen kann sie verwesen«, erwiderte der Apotheker unversöhnlich.

»Verwesen wird sie sicher«, meinte Fidelma. »Nur wird man entscheiden müssen, ob man sie hier verwesen lassen will oder woanders.«

Bruder Bardan seufzte. »Jedenfalls wird sie nicht auf dem Gelände der Abtei begraben mit den anderen Brüdern, neben ...« Er wies auf die Leiche Bruder Daigs. »Ich werde Nion, den bo-aire, kommen lassen und ihn bitten, die Leiche zum Friedhof des Ortes schaffen zu lassen.«

»Sehr gut«, sagte Fidelma und setzte leise zu Eadulf hinzu: »Wir gehen zum Pferdestall und sehen uns Pferd und Zaumzeug des Kriegers an.«

Eadulf nahm das Schwert des Mannes auf.

»Hast du das schon untersucht?« fragte er.

Sie schüttelte den Kopf und ließ es sich reichen. Es war ungefähr neunzig Zentimeter lang, die Klinge wurde in der Mitte breiter, ehe sie sich zum Heft hin wieder verjüngte. Das Heft war mit sechs Nieten befestigt.

»Das ist nicht das Schwert eines armen Mannes«, meinte Eadulf. »Mir ist, als hätte ich kürzlich eins von ähnlicher Machart gesehen.«

»Das hast du auch«, erwiderte sie ironisch. »Es ähnelt dem des Attentäters. Erinnerst du dich? Dies ist auch ein claideb det.«

»Ein Zahnschwert?« übersetzte Eadulf wörtlich. »Ich dachte, es wäre aus Metall gemacht wie alle anderen.«

Fidelma lächelte geduldig und wies auf den Griff. »Das Heft ist mit eingeritzten Tierzähnen verziert. Ich weiß, daß nur in einer bestimmten Gegend in den fünf Königreichen Eireanns die Schmiede solchen Schmuck verwenden, wenn ich nur wüßte, in welcher. Es ist eine ganz typische Verzierung.«

»Du meinst, daran könnte man erkennen, woher dieser Mann kommt?«

»Nicht unbedingt«, erwiderte sie. »Wir wüßten nur, wo das Schwert hergestellt wurde. Aber da wir gerade von Zufällen sprachen, es ist doch wohl kaum ein Zufall, daß der Attentäter und dieser Räuber eine solche auffallende Waffe führten?«

Eadulf überlegte und nickte zustimmend. »Wie hast du es genannt - claideb det?« fragte er und betrachtete die Waffe mit neuem Interesse.

»Machaeram beluinis ornatam dolatis dentibus«, erklärte sie es ihm lateinisch. »Ein mit eingeritzten Tierzähnen geschmücktes Schwert. Behalte es, Eadulf. Es kann noch einmal wichtig werden.«

Ein letztes Mal untersuchte Fidelma die Leiche und die Kleidung des Kriegers und stellte fest: »Nein, hier gibt es keine Hinweise, die uns weiterhelfen könnten. Wir wissen nur, daß der Mann kein Amateur war, doch ob er als Berufskrieger im Dienste eines Fürsten stand oder als Bandit einfach auf Beute aus war, das läßt sich nicht sagen. Alles, was er trug, könnte aus jeder Ecke der fünf Königreiche stammen, mit Ausnahme .«

»Mit Ausnahme des Schwertes«, unterbrach sie Ea-dulf.

»Mit Ausnahme des Schwertes«, wiederholte sie. »Aber das nützt mir nichts, solange ich mich nicht erinnern kann, welcher Stamm seine Schwerter auf diese Art verziert.«

Sie wandte sich zur Tür der Totenkammer und erklärte Bruder Bardan: »Ich bin mit der Leiche des Räubers fertig.«

Der Apotheker nickte knapp. »Mach dir keine Sorgen. Die wird beseitigt.«

Draußen zog Eadulf ein mißbilligendes Gesicht. »Anscheinend nimmt Bruder Bardan die Lehre unseres Glaubens, man solle seinen Feinden vergeben, nicht sehr ernst. >Seid aber untereinander freundlich, herzlich und vergebet einer dem andern, gleichwie Gott euch vergeben hat in Christo.< Vielleicht sollte man ihn an diesen Text erinnern?«

»Epheser, Kapitel vier«, gab Fidelma das Zitat an. »Ich glaube eher, daß Bruder Bardan zu denen gehört, die ihre Feinde lieber der Vergebung Gottes anheimstellen und ihnen selbst keine bieten. Aber er ist eben ein Mensch mit all seiner Schwachheit. Daig bedeutete ihm sehr viel.«

Eadulf begriff plötzlich, was sie meinte, und sagte nichts weiter dazu.

Als sie durch den Kreuzgang zurückgingen, trafen sie Abt Segdae, der mit hängendem Kopf im Schatten saß. Er roch an einem kleinen Bündel Kräuter.

Er sah auf, als sie sich näherten, und lächelte schwach. Dann wies er auf die Kräuter.

»Bruder Bardan sagt, ihr Aroma ist gut gegen meine Kopfschmerzen.«

»Was macht deine Wunde, Segdae?« fragte Fidelma. Sie mochte den alten Abt sehr, er war seit Jahrzehnten ein enger Freund ihrer Familie.

»Die Beule soll schlimm aussehen, aber die Schleuderkugel hat glücklicherweise nicht die Haut platzen lassen. Ich habe nur eine Schwellung und schlimme Kopfschmerzen weiter nichts.«

»Du mußt dich schonen, Segdae.«

Der Abt lächelte schwach. »Ich bin ein alter Mann, Fidelma. Vielleicht sollte ich hier Platz machen für einen Jüngeren. Die Annalenschreiber werden es verzeichnen, daß während meiner Amtszeit als Comarb von Ailbe die heiligen Reliquien gestohlen wurden und der heilige Eibenbaum von Imleach zerstört wurde. Kurzum, ich habe es zugelassen, daß die Eogha-nacht entehrt wurden.«

»Du darfst nicht daran denken, dein Amt aufzugeben« widersprach ihm Fidelma. Für sie war Segdae eine der fest stehenden Säulen des Königreichs.

»Ein Jüngerer wäre vielleicht nicht so dumm gewesen sich auf den Turm zu stellen und sich von einer Schleuderkugel fällen zu lassen«, erwiderte Segdae trübsinnig.

»Segdae, wenn du ein Kriegsherr wärst, würde ich dir sofort raten, dein Amt abzugeben«, erklärte ihm Fidelma offen. »Aber du bist ein Seelenhirt. Es ist nicht deine Aufgabe die Verteidigung gegen einen Überfall zu organisieren. Du bist hier, um als Ratgeber, Lenker und Vater deiner Gemeinschaft zu wirken. Tapferkeit muß immer nach den Umständen beurteilt werden. Manchmal zeugt es schon von Tapferkeit, daß man einfach am Leben bleibt.«

Der Abt, der in Eadulfs Augen seit ihrer Ankunft in der Abtei sehr gealtert schien, schüttelte den Kopf.

»Erfinde keine Entschuldigungen für mich, Fi-delma. Ich hätte so handeln müssen, wie es die Notwendigkeit erforderte. Ich habe meine Gemeinschaft enttäuscht. Ich habe das Volk von Muman enttäuscht.«

»Du gehst mit deinem eigenen Verhalten sehr hart ins Gericht, Segdae. Deine Gemeinschaft braucht deine Weisheit mehr denn je. Keine kriegerische Weisheit, sondern die praktische Weisheit, für die du berühmt bist. Fasse keine voreiligen Entschlüsse.«

Der alte Mann seufzte und hielt sich das Bündel Kräuter vors Gesicht.

Fidelma bedeutete Eadulf mit einer Kopfbewegung, daß sie ihn seinen Gedanken überlassen sollten.

Sie fanden Bruder Tomar im Pferdestall, in dem auch ihre eigenen Pferde untergebracht waren. Er säuberte die Boxen.

Der Pferdewärter schien überrascht, daß sie ihn zum zweitenmal in so kurzer Zeit störten.

»Hast du etwas vergessen, Schwester?« fragte er.

Fidelma kam sofort zur Sache.

»Das Pferd des toten Räubers. Steht es hier im Stall?«

Bruder Tomar wies auf eine der Boxen.

»Ich habe es gut versorgt, Schwester. Ich habe es abgerieben und gefüttert. Das Pferd kann doch nichts für die Fehler seines Herrn.«

Fidelma und Eadulf gingen zu der Box. Fidelma war Pferdekennerin und hatte reiten beinahe früher gelernt als laufen. Sie musterte die junge rotbraune Stute scharf. Ihr fielen eine Narbe links an der Bugspitze und von Gebiß und Geschirr wundgeriebene Stellen auf. Offensichtlich war der Krieger kein guter Reiter gewesen, sonst hätte er die junge Stute besser gepflegt. Die Narbe bewies, daß das Pferd an Kämpfen beteiligt war. Es hatte jedoch keine frische Wunde.

Fidelma betrat die Box und untersuchte nacheinander alle Hufe. Das Tier ließ es friedlich geschehen, denn ein Pferd spürt es, wenn ein Mensch ihm nicht übelwill.

»Etwas Interessantes?« fragte Eadulf nach einer Weile.

Seufzend schüttelte Fidelma den Kopf.

»Das Pferd ist gut beschlagen, doch nichts verrät, wo es beschlagen wurde oder woher es stammt.«

»Wir könnten Nion fragen, ob er die Hufeisen erkennt«, meinte Eadulf.

Fidelma verließ die Box und untersuchte das in der Nähe hängende Geschirr.

»Ich nehme an, dieses Geschirr gehörte zu dem Pferd, Bruder Tomar?« rief sie ihm zu.

Der Pferdewärter fegte immer noch aus. Er blickte herüber. »Ja. Der Sattel dort auch.«

Das Zaumzeug war von der üblichen Art, srian genannt, mit nur einem Zügel.

Der einfache Ledersattel wurde über ein ech-dillat, eine Pferdedecke, geschnallt, wie sie Krieger bevorzugten. Fidelma bemerkte sofort die daran hängende lederne Satteltasche.

Mit einem leisen Knurren der Befriedigung hob sie sie auf und öffnete sie. Zu ihrer Überraschung erwies sie sich als leer. Sie enthielt nicht einmal Wäsche zum Wechseln. Offensichtlich hatte jemand den Inhalt entfernt.

»Bruder Tomar«, rief sie, »hast du die Stute abgesattelt?«

Neugierig schlenderte Bruder Tomar herbei, den Besen in der Hand. »Ja, habe ich.«

»Befand sich etwas in dieser Satteltasche, als du sie abnahmst?«

»Ich glaub schon, hab allerdings nicht reingesehen. Sie war aber schwer. Ich hab sie da hingestellt und danach nicht mehr angerührt.«

Fidelma starrte auf die leere Tasche.

»War jemand im Stall, seit du das Pferd hier hereingebracht hast?« fragte sie dann Bruder Tomar.

Der junge Stallwärter rieb sich nachdenklich das Kinn.

»Viele Leute«, antwortete er schließlich. »Fürst Finguine und ein paar von seinen Männern. Viele Brüder kamen aus verschiedenen Gründen.«

»Wie meinst du das?«

»Dies ist eine Abkürzung zu unseren Vorratshäusern. Viele Brüder gingen zur Stadt, um zu sehen, wie sie helfen könnten, und kamen her, um Vorräte zu holen und sie dann unter den Geschädigten zu verteilen.«

Enttäuscht preßte Fidelma die Lippen zusammen.

»Es hätte also jeder in die Satteltasche hineinsehen und etwas herausnehmen können?«

»Warum hätte er das tun sollen?«

»Ja, warum wohl?« sagte Fidelma leise, mehr zu Eadulf als zu dem Pferdewärter.

Eadulf schob das Kinn vor. »Ich verstehe. Derselbe Mensch, der den Räuber erstach, als wir gerade nicht hinsahen, nahm wahrscheinlich seine Habseligkeiten an sich? Damit können wir wieder nicht feststellen .«

Er hielt inne, denn Fidelma schaute ihn mißbilligend an.

Bruder Tomar machte neugierige Augen.

»Ein schlechter Tag«, meinte der Pferdewärter schließlich.

»Er wird aber besser«, versicherte Eadulf.

»Das bezweifle ich, Bruder Angelsachse«, erwiderte Tomar. »Es ist zuviel Blut geflossen, als daß dieser Ort wieder davon gereinigt werden kann. Vielleicht ist Imleach verflucht. Aber Rache ist verständlich. Viele in dieser Gemeinschaft waren wütend über den sinnlosen Mord an Bruder Daig.«

»Die Zeit kann Orte reinigen, an denen sinnlose Bluttaten begangen wurden«, meinte Fidelma. »Kein Ort ist verflucht, wenn nicht die Leute daran glauben.«

Sie nickte dem Pferdewärter zu, nahm Eadulf am Ellbogen und steuerte ihn nach draußen.

»Wir haben bei dem Mord an dem Krieger das Naheliegendste übersehen«, sagte sie aufgeregt.

»Was denn?« fragte Eadulf.

»Daß Bruder Bardan Bruder Daig besonders nahestand. Bruder Tomar benutzte den Ausdruck Rache. Wir sollten feststellen, wo Bruder Bardan war, als der Krieger getötet wurde.«

Kapitel 14

Als sie die Totenkammer der Abtei erneut betraten, war von Bruder Bardan nichts zu sehen. Der Raum war leer. Nur der Leichnam Bruder Daigs lag, in das leinene Grabtuch gehüllt, auf dem Tisch. Auch die Leiche des Kriegers war verschwunden. Wieder draußen, stießen sie auf Schwester Scothnat, die nach den Ereignissen der vergangenen Nacht noch recht blaß und mitgenommen wirkte.

Fidelma erkundigte sich, wo sich Bruder Bardan aufhalte. Schwester Scothnat wußte es nicht, vermutete aber, er sei zum Schmied Nion gegangen. Sie fügte hinzu, Bruder Daig solle dem Brauch gemäß bei Sonnenuntergang im Bereich der Abtei beigesetzt werden, und ein Requiem, ecnairc genannt, werde an seinem Grab gesungen.

»Was nun?« fragte Eadulf, als er Fidelma erneut zum Tor der Abtei folgte.

»Wir machen uns auf die Suche nach Bruder Bar-dan.«

An einem Feuer nahe den Überresten des alten Eibenbaums ruhten sich einige der Krieger Finguines von ihren Anstrengungen aus. Fidelma und Eadulf kamen an den schwelenden Resten von Nions Schmiede vorbei und schauten sich auf der Hauptstraße um.

Es herrschte mehr Bewegung im Ort als am Morgen. Sie hörten Lärm in der Nähe und gingen um ein Gebäude herum seinem Ursprung nach. Dort sahen sie, wie einige der Leute Finguines den überlebenden Männern halfen, auf einem Feld hinter den Häusern ein großes Grab auszuheben. Das Feld war anscheinend schon früher als Begräbnisplatz genutzt worden. An seinem Rand lag eine Reihe von Leichen, in leinene Grabtücher gehüllt, und wartete auf die Beisetzung. Eine kleine Gruppe von Frauen umgab sie, stieß die üblichen Klageschreie aus und klatschte in die Hände, um so ihren Schmerz auszudrücken.

An anderen Stellen waren Männer, Frauen und Kinder damit beschäftigt, den Schutt zerstörter Gebäude zu durchwühlen. Von diesen verzweifelten Bemühungen abgesehen, hatte sich im Ort nicht viel verändert.

»Bruder Bardan kann ich nirgends entdecken«, bemerkte Eadulf.

»Hier irgendwo sollte er aber sein«, versicherte ihm Fidelma, während sie zur Ruine von Nions Schmiede zurückgingen und dann die geschwärzten Mauern von Creds Herberge betrachteten. »Wir versuchen es noch in dieser Straße, da hinten scheint sich eine Menschenmenge gesammelt zu haben.«

Sie waren noch nicht weit gegangen, als ihnen klar wurde daß die Leute einen Mann umdrängten, der gerade in das Ende der Straße eingebogen war. Die Menge schrie zornig und schimpfte. Vor Fidelmas und Eadulfs überraschten Blicken ergriffen die Vordersten den Mann und zogen ihn von dem Esel, auf dem er geritten war. Er stieß einen schrillen Schrei aus und reckte verzweifelt die Arme in die Höhe, bevor er in der Menge verschwand.

So schnell sie konnte, rannte Fidelma auf die Leute zu. In dem Augenblick kamen Finguine und zwei seiner Männer aus einem Haus an der Straße heraus. Hinter ihnen erblickte Fidelma Bruder Bardan, doch jetzt wurde ihre Aufmerksamkeit anderweitig in Anspruch genommen.

»Was ist los?« rief Finguine, als sie, gefolgt von Ea-dulf, an ihm vorbeistürmte.

»Rasch, bring deine Leute mit!« schrie sie ihm über die Schulter zu.

Sie erreichten die Menge, die den Mann in ihrer Mitte lauthals beschimpfte. Er war wieder auf die Füße gekommen, wurde aber von allen Seiten gestoßen und geschlagen. Er blutete im Gesicht.

»Hört auf! Schluß damit, sage ich!« rief Fidelma und versuchte sich einen Weg durch die Menge zu bahnen.

Nun waren auch Finguine und seine Männer heran und folgten, ohne zu fragen, ihrem Beispiel, schoben die Menschen auseinander und von ihrem Opfer fort. Die Leute erkannten den Fürsten von Cnoc Äine und seine beiden Krieger und gaben zögernd nach.

Endlich stand Fidelma vor der schmalen Gestalt des Mannes, den man umzingelt hatte.

Sein Haar wurde schon grau, seine jetzt zerrissene und blut- und schmutzverschmierte Kleidung war von guter Qualität. Sein Mantel war mit Fuchspelz besetzt. Um den Hals trug er eine goldene Amtskette. Er machte merkwürdige, ruckartige Kopfbewegungen wie ein Vogel. Sein Hals war mager, der Adamsapfel trat hervor und hüpfte vor Aufregung. Fidelma wußte nicht, ob er sie an einen Vogel oder ein Frettchen erinnerte, beiden schien er ähnlich.

Sie sah, daß er nicht schwer verletzt war, und hob die Hand, um der lärmenden Menge Ruhe zu gebieten. In den Gesichtern der Leute standen Haß und Wut, aber auch Angst.

»Was hat das zu bedeuten?« Es war schließlich Fin-guines mächtige Stimme, die das Geschrei übertönte und zum Verstummen brachte.

»Ein Ui Fidgente!« rief einer. »Seht ihn euch an! Er kommt und will sich an dem Tod und der Vernichtung weiden, die seine Leute über uns gebracht haben.«

Fidelma blickte auf den kleinen blassen Mann, in dessen blutigem Gesicht sich Furcht und Zorn spiegelten.

»Wer bist du?« fragte sie ihn. »Bist du ein Ui Fid-gente?«

Der kleine Mann richtete sich auf. Er ging ihr kaum bis zur Schulter.

»Ich bin ...«, setzte er an.

Die Leute antworteten mit einem allgemeinen Wutgeheul auf das, was sie als eine Bestätigung ansahen.

»Halt!« rief Finguine. »Laßt den Mann sprechen. Außerdem seht ihr, daß er kein Krieger ist. Letzte Nacht wurdet ihr von Kriegern überfallen, nicht von Fremden, die auf Eseln reiten. Nun sprich, Mann, und sag uns, wer du bist und was du hier tust.«

»Es stimmt, daß ich ein Ui Fidgente bin, aber ich bin kein Krieger«, antwortete der Grauhaarige schließlich. »Was sagt dieser Mann, ihr seid von Kriegern der Ui Fidgente angegriffen worden? Das kann ich nicht glauben.«

»Wie der Fürst von Cnoc Äine bereits feststellte«, erklärte ihm Fidelma ruhig, »sind wir gestern nacht überfallen worden.«

Die Antwort des Grauhaarigen ging in erneutem Rachegeschrei unter.

Der Schmied Nion hatte sich nach vorn geschoben und stützte sich schwer auf seinen Stock.

»Hört ihr? Er gibt zu, daß er ein Ui Fidgente ist. Bringen wir ihn um.«

Der kleine Mann sah beunruhigt aus und schob das Kinn vor, doch mehr aus Zorn als aus Furcht. »Was ist das für eine Gastfreundschaft, daß ihr über unschuldige Reisende herfallt? Gibt es denn keine Achtung vor dem Gesetz in diesem Ort?«

»Gesetz!« höhnte Nion. Er wies auf die schwelenden Ruinen. »Haben sich denn die Ui Fidgente, die das hier angerichtet haben, um das Gesetz geschert? Komm und zähle die Leichen auf unserem Friedhof, und dann erkläre uns, wie ihr Ui Fidgente das Gesetz hochhaltet.«

Der kleine Mann schaute verwirrt drein. »Davon weiß ich nichts. Außerdem verlange ich Beweise für eure Anschuldigungen.«

»Beweise willst du?« rief ein anderer aus der Menge, der Nion unterstützte. »Wir beweisen es dir mit einem Strick und einem Ast.«

Finguines Schwert fuhr aus der Scheide. »Niemand tastet diesen Mann an. Noch gelten Recht und Gesetz im Gebiet des Fürsten von Cnoc Äine.«

Fidelma warf ihrem Vetter einen dankbaren Blick zu.

»Geht an eure Arbeit«, befahl sie. »Dieser Mann befindet sich im Gewahrsam des Fürsten von Cnoc Äine, und wenn er in irgendeiner Weise für das verantwortlich ist, was man euch angetan hat, wird er vor Gericht gestellt.«

Zorniges Gemurmel erhob sich, doch da Finguine und seine beiden Männer mit gezogenen Schwertern dastanden, zerstreute sich die Menge widerwillig.

Der kleine Mann wischte sich das Blut vom Gesicht. Er faßte langsam wieder Mut, und sein blasses Gesicht rötete sich vor Zorn.

»Bestien! So bin ich noch nirgends empfangen worden. Dafür steht mir eine Entschädigung zu, Fürst von Cnoc Äine.«

Der letzte Satz war an Finguine gerichtet, der sein Schwert eingesteckt und sich ihm zugewandt hatte.

»Ich bin Finguine«, bestätigte er knapp. »Wer bist du?«

»Ich bin Solam von den Ui Fidgente.«

Fidelmas Augen weiteten sich leicht. »Bist du der dalaigh Solam?«

Der kleine Mann antwortete mit einem dünnen Lächeln: »Genau der bin ich, Schwester ...?«

»Ich bin Fidelma von Cashel.«

Solam vermochte seine Überraschung gut zu verbergen.

»Ach!« Dieser Ausruf konnte vieles bedeuten. »Ich hätte mir denken können, daß du hier bist, Fidelma.«

»Und was machst du hier?« wollte Finguine wissen.

Der kleine Mann wies auf Fidelma. »Sie weiß das.«

»Er ist sicherlich auf dem Weg nach Cashel zu der Gerichtsverhandlung«, erklärte Fidelma. »Fürst Do-nennach von den Ui Fidgente sagte, er werde Solam kommen lassen, damit er ihn vor den Brehons von Cashel, Fearna und den Ui Fidgente vertreten solle.«

Eadulf hatte den Esel des dalaigh eingefangen und brachte ihn herbei.

»Ich brauche ein Bad und muß mich von dieser Begrüßung erholen«, verkündete Solam gereizt. »Gibt es denn hier keine Herberge?«

»Deine Freunde haben sie niedergebrannt und die Wirtin erschlagen«, spottete einer von Finguines Männern.

Die Augen des kleinen Mannes funkelten. »Sieh dich vor, ehe du die Ui Fidgente weiter beschuldigst. Ich habe gehört, daß manche uns verdächtigen, wir hätten versucht, den König von Muman zu ermorden!«

Fidelma sah ihn ernst an und sagte: »Diese ausgebrannten Gebäude sind nicht von selbst in Flammen aufgegangen, Solam. Der große Eibenbaum, das Symbol unseres Landes, ist nicht von selbst umgefallen. Und die Leichen, die gerade in einem Massengrab beigesetzt werden sollen, stammen nicht von Selbstmördern. Möchtest du sie dir nicht genau anschauen?«

Solam machte ein angeekeltes Gesicht. »Die Ui Fidgente sind nicht verantwortlich für die Handlungen von Geächteten und Abtrünnigen. Wo ist der Beweis dafür, daß wir das getan haben?«

Finguine übernahm die Antwort. »Komm mit«, sagte er grimmig und ließ Solam keine andere Wahl.

Er führte ihn zu dem frisch ausgehobenen Grab, an dem die Frauen immer noch mit Klageschreien und Händeklathen ihre Trauer bekundeten. Einige seiner Krieger waren noch am Graben. Sie hielten inne, als Finguine mit dem Anwalt der Ui Finguine, der seinen Esel führte, herankam. Die beiden Krieger begleiteten sie, und Fidelma und Eadulf folgten ihnen.

Finguine ging zu einer Leiche, die etwas abseits lag und statt mit dem traditionellen Leinentuch mit einer alten Pferdedecke verhüllt war. Der Fürst hob mit der Schwertspitze ein Stück der Decke hoch. Er wandte keinen Blick vom Gesicht Solams.

Unter der Pferdedecke befand sich die Leiche des toten Räubers.

»Kennst du ihn?«

Solam betrachtete die Leiche eingehend und schüttelte dann den Kopf.

»Entweder sagst du die Wahrheit, oder du bist ein guter Lügner«, meinte Finguine trocken.

Mit der Schwertspitze zog er wieder die Decke über das Gesicht des Toten. »Ich würde dir raten, deine Reise nach Cashel unverzüglich fortzusetzen.«

Solam war sehr reizbar und impulsiv, sein Temperament äußerte sich nun in seiner Verärgerung. Außerdem schien er ziemlich eigensinnig zu sein.

»Unglaublich! Ich komme in diese Stadt, werde angegriffen, beleidigt, zu Unrecht beschuldigt und dann, wenn ich der mir von Rechts wegen zustehenden Gastfreundschaft bedarf, aufgefordert, weiterzureiten. Ihr verschafft mir wirklich gute Argumente für mein Plädoyer in Cashel.«

Fidelma beschloß einzugreifen.

»Solange die Beteiligung der Ui Fidgente an dem Überfall nicht erwiesen ist, hat Solam recht, Vetter«, gab sie zu bedenken. »Wir können nicht beweisen, wer die Angreifer waren. Solam kann also um Gastfreundschaft ersuchen und sich auf seiner Reise nach Cashel hier ausruhen.«

Trotzig hob Solam das Kinn. »Ich bin froh, daß es noch jemanden in diesem Land gibt, der Verstand besitzt«, bemerkte er bissig.

Fidelmas Vetter drückte seine Unzufriedenheit durch einen langen, gereizten Seufzer aus. »Na gut. Solam mag um Gastlichkeit ersuchen, aber da die Angreifer die einzige Herberge des Ortes zerstört haben, weiß ich nicht, wo er sie finden sollte.«

»In der Abtei natürlich«, erwiderte Solam.

»Du bist aber kein Mönch.«

»Das macht nichts. Die Regeln der Gastfreundschaft gelten für alle«, wandte Fidelma ein. »Geh zur Abtei, Solam, dort wirst du Unterkunft finden.«

Solam lächelte selbstzufrieden und machte sich auf den Weg. Doch nach wenigen Schritten kam er zurück, die Wirklichkeit war stärker als sein Eigensinn.

»Ihr erwartet doch wohl nicht von mir, daß ich ohne Schutz durch diesen Ort gehe?« fragte er beinahe zänkisch.

Fidelma sah Finguine an. Auch ohne Worte erfaßte ihr Vetter, was sie meinte.

Der Fürst von Cnoc Äine winkte einen seiner Krieger heran. »Bringe den dalaigh sicher hinüber zum Tor der Abtei und komm dann zu mir zurück.«

Der Mann wollte protestieren, doch als er die Miene seines Fürsten sah, zuckte er nur die Achseln.

Als Solam fort war, sagte Finguine warnend zu Fi-delma: »Ich hoffe, du weißt, was du tust. Je länger sich dieser Solam hier aufhält, desto größer wird die Gefahr für ihn. Viele im Ort haben Angehörige verloren.«

»Doch wenn nun die Ui Fidgente nicht schuld daran sind .?« fragte Fidelma.

»Glaubst du wirklich, daß Solam rein zufällig hier aufgetaucht ist?«

»Wir haben keinen Grund, etwas anderes anzunehmen - bis jetzt«, erwiderte sie.

»Ich meine doch. Warum sollte jemand, der aus dem Land der Ui Fidgente nach Cashel reist, durch Imleach kommen? Wir liegen weit südlich des Weges, der von ihrem Land nach Cashel führt.«

Fidelma lächelte. »Das weiß ich. Aber Klugheit ist der Stärke überlegen. Falls Solam herkam, um eine Niederträchtigkeit zu begehen, dann können wir ihn beobachten und sehen, was er im Schilde führt. So können wir dem Wolf eine Falle stellen.«

»Lieber den Wolf bei den Ohren packen, als ihn auf die Schafe loslassen«, konterte Finguine.

»Wir lassen ihn nicht los, wir lassen ihm nur genug Leine, damit wir sehen, was er vorhat. Mach dir keine Sorgen, ich glaube auch nicht, daß er zufällig herkam.«

Finguine öffnete den Mund, doch Fidelma hatte sich schon zum Gehen gewandt.

Eadulf eilte ihr ratlos nach.

»Das verstehe ich alles nicht. Wenn die Angreifer gestern nacht Ui Fidgente waren, warum reitet dann dieser Solam am Tag darauf hier ein?«

»Spekulationen ohne Wissen sind nutzlos«, erwiderte Fidelma kurz.

Sie gelangten wieder auf die Hauptstraße.

»Wo hatten wir doch Bruder Bardan gesehen?«

Im stillen machte sich Eadulf Vorwürfe. In der Aufregung über Solams Erscheinen hatte er ganz vergessen, wozu sie in die Stadt gekommen waren.

»Ich habe ihn nicht gesehen«, antwortete er.

Mit gespieltem Erstaunen schüttelte Fidelma den Kopf.

»Mein Vetter und seine zwei Männer kamen aus einem Haus. Hast du nicht bemerkt, daß Bruder Bardan hinter ihnen stand?«

Verlegen verneinte Eadulf das.

»Du hast ihn nicht gesehen?«

»Ich sah, aus welchem Haus dein Vetter    kam«,    er widerte Eadulf. »Das da drüben war es.«

Fidelma und Eadulf gingen hinüber.    Es    handelte sich um ein einstöckiges Steinhaus, das bei dem Überfall anscheinend gar nicht gelitten hatte. Sein Reetdach war noch heil, im Gegensatz zu den Nachbarhäusern, deren Dächer angesengt oder stellenweise verbrannt waren. Dieses Haus hatte Glück gehabt.

Fidelma schlug mit der Faust an die Tür.

Nach einer Weile hörte sie ein schlurfendes Geräusch.

Die Tür öffnete sich, und Nion, der Schmied und bo-aire des Ortes, stand im Rahmen. Er trug noch seinen langen Mantel mit der kleinen, mit drei roten Granatsteinen besetzten Silberspange. Fragend sah er Fidelma an.

»Was kann ich für dich tun, Lady?«

Wegen seines verletzten Beins stützte er sich unsicher gegen den Türpfosten.

Fidelma lächelte ihn freundlich an. »Setz dich lieber, Nion. Dann können wir reden.«

Nion sah sich gegen seinen Willen von Fidelma ins Haus gedrängt. Eadulf folgte ihnen und schloß die Tür. Nion humpelte zu einem Schemel und ließ sich darauf nieder.

»Ist das dein Haus?« fragte Fidelma und blickte sich um.

Es war ein einziges Zimmer mit einem großen Kamin am Ende. Eine Leiter führte auf den Boden zu den Schlafstätten.

»Ja. In der Schmiede arbeite ich nur.«

»Ich dachte, du hast gesagt, du schläfst in einem hinteren Raum der Schmiede?« fragte Eadulf mißtrauisch.

»Ich hab gesagt, ich schlief in der Schmiede, als der Überfall stattfand. Das mache ich manchmal, wenn ich noch spät zu tun habe. Dies Haus gehört mir als bo-aire.«

An der Antwort fand Eadulf nichts auszusetzen.

»So ist das also. Du hast Glück, daß du zwei Häuser besitzt. Dies Haus blieb unbeschädigt, während deine Schmiede zerstört wurde. Du bist nicht genötigt, dir irgendwo einen Schlafplatz suchen zu müssen, bis deine Schmiede wieder aufgebaut ist.«

»Du bist aber sicher nicht hergekommen, um mich zu meinem Haus zu beglückwünschen, Lady. Wozu bist du hier?«

»Mir war aufgefallen, als ich vorhin hier vorbeikam, daß mein Vetter und seine Krieger hier waren.«

»Sicher«, kam die Antwort sofort. »Dein Vetter wollte sich mit mir beraten. Schließlich bin ich der bo-aire

»Das ist verständlich.« Sie wartete einen Moment. »Was machte Bruder Bardan hier? Wollte er sich auch mit dir beraten - als dem bo-aire natürlich?«

Nion zwinkerte nicht einmal bei ihrem scharfen Ton.

»Natürlich«, bestätigte er.

»Aha. Verletzt es die Vertraulichkeit, wenn ich mich nach dem Zweck seines Besuchs erkundige?«

»Nein.« Nion schüttelte den Kopf. »Wenn ich auch nicht weiß, weshalb dich das interessiert. Bardan fragte mich, ob ich bereit sei, die Leiche des Räubers zu beerdigen, der gestern nacht getötet wurde. Ich gab die Erlaubnis, ihn neben dem Massengrab unserer Leute zu bestatten. Das ist alles.«

Es klang überzeugend. Trotzdem war Fidelma nicht zufrieden.

»Wo ist Bruder Bardan jetzt?«

Nion beschrieb mit der Hand einen Kreis, als wolle er sie auffordern, das Haus zu durchsuchen.

»Ich habe keine Ahnung, wo er sich aufhält. Er ging weg, als dieser hinterhältige Anwalt der Ui Fidgente hier auftauchte, um zu sehen, wieviel Schaden seine Leute angerichtet haben.«

»Du hast nicht bemerkt, wohin Bruder Bardan ging, als er dein Haus verließ?« bohrte Fidelma weiter.

»Nein. Du erinnerst dich sicher, daß ich euch folgte, weil ich sehen wollte, was der ganze Aufruhr zu bedeuten hatte.«

»Du kamst später als die meisten anderen«, erwiderte Eadulf, spürbar verärgert über die ausweichende Antwort des Schmieds.

Nion zeigte auf sein verwundetes Bein. »Ich laufe zur Zeit nicht sehr schnell«, meinte er spöttisch.

Eadulf errötete.

»Mein Gefährte wollte nicht taktlos sein«, entschuldigte sich Fidelma. »Hast du gar keine Vermutung, wohin sich Bruder Bardan gewandt haben könnte?«

»Nein. Wahrscheinlich ist er auf dem Friedhof ...«

»Von dort kommen wir gerade«, sagte Eadulf.

»Dann versucht’s mal in der Abtei.«

Fidelma ging zur Tür, und dort drehte sie sich noch einmal zu dem Schmied um.

»Solange sich Solam hier aufhält, behandelt ihn mit dem Respekt, der jedem durchreisenden dalaigh gebührt. Wir haben keine Beweise dafür, daß er etwas anderes ist, als was er zu sein vorgibt. Wenn ihm etwas zustößt, trifft den Schuldigen die Strafe des Gesetzes.«

Nion gab keine Antwort, sie schob den Riegel weg, und Eadulf folgte ihr auf die Straße.

Draußen blieben sie stehen.

»Das klang alles so, als würdest du ihn verdächtigen«, hielt ihr Eadulf vor.

»Wirklich?« meinte sie, sagte aber nichts weiter.

Schweigend gingen sie zurück zur Abtei. Fidelma schien in Gedanken versunken, und Eadulf wollte sie lieber nicht stören.

Als sie die Abtei erreichten, läutete die Glocke gerade zum mittäglichen Angelus-Gebet.

Wortlos begaben sich Fidelma und Eadulf in die Kapelle. Es war ein unwillkürlicher Entschluß, den jeder für sich faßte. Der Psalmengesang wurde von Abt Segdae angeführt, der seinen gewohnten Lebensmut wiedergefunden zu haben schien. Seine Stimme war aus dem Gesang der Gemeinde herauszuhören.

»Oculi omnium in Te aspiciunt et in Te sperant!«

Fidelma senkte den Kopf und übersetzte für sich: »Die Augen aller sind auf dich gerichtet und hoffen auf dich.« Es war, als wolle Segdae sie an ihre Verantwortung erinnern. Doch zum erstenmal in ihrem Leben war sie völlig verwirrt. Bei den früheren Untersuchungen, die sie geführt hatte, gab es gewöhnlich eine Spur, die sie verfolgen konnte. Diesmal hatte sie mehrere Spuren und viele Rätsel vor sich, die nicht notwendigerweise zusammenhingen. Oder doch? Sie war sich nicht einmal dessen sicher.

Sie nahm den Rest des Gottesdienstes kaum wahr. Als der letzte Psalm gesungen war, strömte die Gemeinde dem Speisesaal zu, um das etar-suth, das Mittagsmahl, einzunehmen. Wie üblich legte man am Eingang die Schuhe oder Sandalen ab. Sie tat es fast unbewußt, trat ein und setzte sich an einen der langen Holztische. Abt Segdae sprach das lateinische Gratias, dann erhob sich ein leises Gemurmel, und die Gemeinschaft begann zu essen.

Wie meist bestand die leichte Mittagsmahlzeit aus Brot, Käse und Obst, dazu wurde je nach Geschmack Ale oder Wasser gereicht. Während Fidelma aß, gingen ihr all die vielen quälenden Fragen durch den Kopf.

Schließlich merkte sie, daß jemand sie ansprach.

Sie blickte auf und erkannte den Verwalter der Abtei, Bruder Madagan, der immer noch ziemlich blaß aussah, aber sonst guter Stimmung zu sein schien. Im Speisesaal hielten sich nur noch wenige Leute auf, darunter Ea-dulf, der neben ihr gesessen hatte, ohne sie zu stören. Bruder Madagan setzte sich auf die Bank ihr gegenüber.

»Ich möchte mich bei dir und bei Bruder Eadulf bedanken, daß ihr mich bei dem Überfall hereingeschleppt habt«, sagte Bruder Madagan. »Ich erinnere mich kaum an das, was zwischen dem Moment, als ich getroffen wurde, und dem, als ich auf dem Hof wieder zu mir kam, geschehen ist. Bruder Tomar hat mir alles erzählt. Daß die arme Cred erschlagen und Bruder Daig getötet wurde. Ihr beide habt euer Leben gewagt, um mich zu retten.«

»Was ist mit deiner Wunde, Bruder, heilt sie?« fragte Fidelma mit einer abwehrenden Handbewegung. Obwohl der Verwalter sich bemühte, freundlich zu sein, mochte sie ihn nicht. Seine Augen blickten kalt, und Fidelma spürte etwas Unbarmherziges in ihnen.

»Gott sei Dank«, erwiderte Bruder Madagan. »Zum Glück traf der Krieger meinen Schädel nur mit der flachen Klinge. Eine Weile dröhnte mir der Kopf wie ein Schmiedehammer auf dem Amboß. Ich habe eine Beule von der Größe eines caman-Balls.«

Ein caman-Ball, liathroid genannt, hatte einen Durchmesser von etwa zehn Zentimetern und wurde aus einem leichten, elastischen Material wie Wollgarn gemacht, das gewickelt und anschließend mit Leder überzogen wurde. Damit spielte man Treibball.

»Wir dachten schon, du wärst tot«, meinte Eadulf.

»Die Gottlosen siegen nicht so leicht«, erklärte Bruder Madagan salbungsvoll. Doch in seiner Stimme lag kalter Haß.

»Sie haben aber viel Tod und Verderben gebracht«, ergänzte Fidelma.

Madagans Blick war eisig.

»Das habe ich schon von Schwester Scothnat gehört. Ach, ich hätte nicht versuchen sollen, den Angreifer mit dem Hinweis auf das Kirchenasyl aufzuhalten. Er wußte offenbar gar nicht, was das ist. Er verstand nur die Sprache des Schwerts.«

»Du kamst also wieder zu Bewußtsein, als wir dich durch das Tor hereinzogen?« fragte Fidelma.

»Ja. Allerdings ist meine Erinnerung an diese Momente wirr; ich glaube, ich war mehr bewußtlos als bei Bewußtsein. Ich besinne mich darauf, wie dankbar ich war, als das Tor der Abtei zuschlug. Dann weiß ich nicht mehr viel, bis ich Jubelrufe vernahm. Schwester Scothnat meint, das war, als dein Vetter, der Fürst von Cnoc Äine, ankam und die Angreifer vertrieb.«

Fidelma schaute nachdenklich drein.

»Erinnerst du dich daran, wie du auf dein Zimmer gebracht wurdest?« fragte sie.

Madagan nickte leicht. Dann zuckte er zusammen, denn durch die Bewegung war der Schmerz in seinem angeschlagenen Schädel augenblicklich stärker geworden.

»Kannst du dich an etwas davor erinnern?«

Der Verwalter überlegte einen Moment. »An was zum Beispiel?«

»Du sagst, du weißt noch, wie du auf den Hof gebracht wurdest?«

»Ja. Ich hab gehört, wie die Brüder den armen Bruder Daig beklagten. Er war ja erst siebzehn Jahre alt.«

»In der Nähe lag auch der gefangene Angreifer gefesselt.«

In Bruder Madagans Augen funkelte es einen Augenblick.

»Schwester Scothnat hat mir berichtet, daß er gefangen, aber nicht getötet wurde. Hätte ich zu der Zeit gewußt, was ich jetzt weiß, ich glaube, ich wäre aufgestanden und hätte ihn eigenhändig umgebracht.« Fi-delma spürte die Leidenschaft in seinem Ton. Er zögerte und wurde ruhiger. »Verurteilt ihr mich wegen solcher Gedanken? Ein Glaubensbruder sollte solche natürlichen Gefühle wie Haß und Zorn nicht äußern? Aber Daig war so ein sanftes Wesen. Er war zu keiner Gewalt fähig, und doch hat ihn diese Bestie erschlagen. Für die Seele dieses Mörders bete ich nicht, Schwester Fidelma.«

Ein kurzes Schweigen trat ein.

»Das verlange ich auch nicht von dir«, antwortete Fidelma ernst. »Worum ich dich bitte, ist nur, dir diese Augenblicke noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, Bruder Madagan. Erinnerst du dich, wie du auf dein Zimmer gebracht wurdest?«

Bruder Madagan rieb sich das Kinn.

»Schwach. Der Apotheker kam und untersuchte uns alle, glaube ich. Er beugte sich über mich. Ich war immer noch nicht ganz bei mir. Er sah, daß ich einen Schlag auf den Kopf bekommen hatte, aber keine offene Wunde hatte, und gab zwei jungen Brüdern den Auftrag, mir auf mein Zimmer zu helfen und meinen Kopf zu waschen und zu verbinden.«

»Der Apotheker?« Eadulf beugte sich interessiert vor.

»Bruder Bardan. Einen anderen Apotheker haben wir hier nicht.«

»Was geschah dann?«

»Ich wurde in meine Zelle getragen, wie er angeordnet hatte.«

»Hatte er die anderen vor dir untersucht? Oder fing er mit dir an?« fragte Fidelma.

»Soweit ich mich erinnere - ich war ja nur halb bei Bewußtsein -, untersuchte er zuerst Bruder Daig. Er war tief erschüttert, als er feststellte, daß der junge Mann tot war. Sie standen sich sehr nahe. Erst als Bruder Tomar darauf beharrte, er müsse sich um die Lebenden kümmern, kam er zu mir. Während er mich untersuchte, trugen zwei Brüder die Leiche Creds fort und zwei andere die Bruder Daigs.« Er lächelte freudlos. »Das letzte, an was ich mich erinnere, war das Ge-jammere des Kaufmanns, der sich mit Bruder Bardan zankte.«

»Des Kaufmanns? Meinst du Samradan?« fragte Fidelma schnell. »War er zu der Zeit im Hof? Er hatte sich doch mit den Frauen der Abtei in den Kapellengewölben versteckt?«

»Nein. Ich bin sicher, daß er im Hof war und sich mit Bruder Bardan stritt. Er verlangte etwas. Schutz, glaube ich. Mir fällt ein, daß Bruder Bardan ihn anschrie, er solle selbst für sich sorgen, denn hier lägen Tote und Sterbende herum. Ich fürchte, der Kaufmann ist ein eigensüchtiger Mensch.«

»Er solle für sich selbst sorgen, denn es lägen Tote und Sterbende dort? Waren das Bardans Worte?«

»Ja. Genau das sagte er, Fidelma.«

»Du wurdest also als letzter vom Hof weggebracht?«

»Mit Ausnahme des Räubers«, ergänzte Bruder Madagan.

»Nun, es freut uns, daß es dir wieder besser geht, Bruder Madagan.« Fidelma erhob sich, und Bruder Madagan folgte zögernd ihrem Beispiel.

»Schwester Scothnat meint, der Überfall wurde von den Ui Fidgente verübt. Stimmt das?«

»Das wissen wir noch nicht«, stellte Fidelma richtig. »Bisher ist es nur ein Verdacht, der ihnen das anlastet.«

Bruder Madagan seufzte.

»Wir müssen unseren Feinden mißtrauen. Das ist unser einziger Schutz gegen Betrug und Verrat.«

»Mißtrauen erweckt neues Mißtrauen, Bruder Ma-dagan«, erwiderte Fidelma. »Wenn du dem Mißtrauen Einlaß in dein Herz gewährst, läßt du alles Vertrauen daraus entweichen.«

»Vielleicht hast du recht«, sagte Bruder Madagan. »Wir dürfen zwar unser Vertrauen auf Gott setzen, doch wir sollten dafür sorgen, daß unser Pferd nachts gut angebunden ist. Ich frage nur deshalb, weil hier ein Ui Fidgente angekommen ist. Er gefällt mir nicht. Er sagt, er sei ein dalaigh.«

»Ich weiß. Er ist wirklich einer, Bruder Madagan. Er heißt Solam und reist nach Cashel, um seinen Fürsten dort vor den Brehons zu vertreten. Ich soll dort gegen ihn plädieren.«

»Tatsächlich?« Bruder Madagan schien noch etwas sagen zu wollen, doch dann lächelte er und verließ sie beinahe abrupt.

Eadulf sah Fidelma an.

»Bruder Bardan und Samradan waren also beide im Hof. Ich würde auf Bruder Bardan wetten; ich denke, er hat den Krieger erstochen, um den Tod seines Freundes Bruder Daig zu rächen.«

Fidelma überdachte das einen Moment.

»Vielleicht. Doch ich habe meine Zweifel daran. Es könnte gut sein, daß der Krieger ermordet wurde, damit er nicht enthüllen konnte, wer ihn und seine Kameraden geschickt hat. Du vergißt auch, daß der Inhalt seiner Satteltaschen verschwunden ist. Weshalb sollte Bruder Bardan sie leeren, wenn er den Krieger nur aus Rache getötet hat?«

Eadulf stöhnte. Das hatte er wirklich beinahe vergessen.

»Dann müssen wir Bruder Bardan finden«, sagte er. »Ich habe ihn weder beim Gottesdienst noch beim Essen gesehen.«

Zu seiner Überraschung antwortete Fidelma: »Im Augenblick müssen wir ihn nicht befragen. Wir wissen, wo er war, als der Krieger erstochen wurde. Wir wissen, daß er Zeit und Gelegenheit hatte, es zu tun. Aber mir ist nicht klar, wie das zu allem anderen paßt, was hier geschehen ist. Bist du sicher, daß Bruder Bardan nicht zum Essen erschienen ist?«

»Ich habe ihn jedenfalls nicht gesehen.«

»Wir werden ihn im Auge behalten, ohne ihn zu beunruhigen.«

»Es hat offenbar noch niemand die Überreste von Samradans Kutscher gefunden«, stellte Eadulf mit unwillkürlichem Schaudern fest.

»Manchmal werden die Opfer von Wölfen niemals entdeckt. Ich werde ein Gebet für die Ruhe der Seele des armen Mannes sprechen«, erwiderte Fidelma.

Sie betraten den Kreuzgang und wollten den Hof überqueren, um zum Gästehaus zu gehen, als Eadulf plötzlich Fidelma in den Schatten zog.

Sie wollte schon protestieren, doch Eadulf legte den Finger auf den Mund. Mit dem Kopf wies er auf den Kreuzgang auf der anderen Seite des Hofes.

Sie schaute hinüber.

Dort stand die kleine, blasse Gestalt Solams, des dalaigh der Ui Fidgente. Er sprach aufgeregt und fuchtelte mit den Armen. Sie konnte nicht erkennen, mit wem er redete, denn die andere Gestalt stand hinter einem Pfeiler. Daß es ein Mönch war, erkannte man an dem Stück Kutte, das gerade noch zu sehen war.

»Unser Freund, der Anwalt, scheint ziemlich aufgeregt«, murmelte Eadulf.

»Warum wohl?« überlegte Fidelma. »Können wir ungesehen näher kommen?«

»Ich glaube nicht.«

»Versuchen wir es trotzdem.«

Langsam und so leise wie möglich gingen sie den Kreuzgang an einer Seite des Hofes entlang und bogen dann in den anderen ein. Sie hörten Solams etwas erhobene Stimme, konnten aber nichts verstehen.

Dann brach er plötzlich ab.

»Ich glaube, man hat uns gesehen«, murmelte Ea-dulf.

»Geh weiter, als bemerkten wir sie nicht«, sagte Fi-delma leise. Sie schritt etwas schneller aus.

Als sie an die Ecke kamen und den anderen Gang überblicken konnten, waren die beiden Gestalten verschwunden. Solam war offensichtlich durch eine der nahen Türen ins Gästehaus gegangen. Von der anderen, davoneilenden Gestalt hörten sie noch das Klatschen der Ledersandalen auf den Steinen. Eadulf rannte los und spähte durch die steinernen Bögen über den Hof. Auf der gegenüberliegenden Seite knallte eine Tür zu.

In diesem Moment trat Abt Segdae aus einer anderen Seitentür. Er blieb stehen, als er Eadulf erblickte, der nach seinem Lauf noch etwas nach Luft rang.

»Ich hörte eine Tür zuschlagen«, bemerkte der Abt mißbilligend.

Eadulfs Miene blieb unschuldig. »Ja. Ich glaube, ein Bruder hat den Hof eilig auf der anderen Seite verlassen.«

»Schande über ihn. Selbst in Eile hat ein Mitglied der Abtei nicht eine Tür zuzuschlagen und Gottes Frieden an dieser heiligen Stätte zu stören.«

Fidelma war herangekommen und hatte die Worte des Abts gehört.

»Manchmal vergißt man die Schicklichkeit im Bestreben, seine Aufgabe gut zu erfüllen, Segdae«, meinte sie.

»Wenn ich den Schuldigen entdecke, erhält er eine Buße, die ihm eine Lehre sein wird«, brummte der Abt zornig und schritt davon.

»War es nicht Bruder Daig, der sagte, er sei nachts durch das Zuschlagen einer Tür geweckt worden?« fragte Fidelma. »Ich dachte, es sei unüblich für einen Mönch, mit der Tür zu knallen. Vielleicht war es in beiden Fällen derselbe? Schade, daß wir nicht wissen, wer mit Solam gesprochen hat.«

Eadulf lächelte selbstzufrieden.

»Wir wissen es doch.«

Fidelma sah ihn überrascht an.

»Hast du ihn erkannt? Dann sag’s mir!« rief sie ungeduldig.

»Der Mann drehte sich in der Tür halb um, als er sie schloß. In dem Moment stand er im vollen Licht. Es war Bruder Bardan.«

Kapitel 15

Fidelma hatte Eadulf zu Abt Segdae geschickt, um möglichst viel über Bruder Bardan in Erfahrung zu bringen, doch sollte er dem Abt nichts sagen, was bei Bardan den Verdacht erwecken könnte, er werde überprüft. Sie selbst machte sich auf die Suche nach dem dalaigh der Ui Fidgente.

Sie fand ihn schließlich in der tech screpta, der Bibliothek der Abtei. Imleach besaß eine der großen Bibliotheken im Lande mit mehr als zweihundert handgeschriebenen Büchern. Die meisten von ihnen lagen nicht in Regalen, sondern wurden in Ledertaschen aufbewahrt, die an Haken ringsum an den Wänden hingen. Jede Tasche enthielt einen handgeschriebenen Band. Eine Abteilung der Bibliothek beherbergte ein paar kunstvoll gearbeitete und wunderschön verzierte, ledergebundene und silberbeschlagene Werke. Für einige dieser wertvollen Stücke hatte man kleine Metallkästchen, la-bor-chomet oder Buchbehälter genannt, angefertigt. Dazu gehörten das »Bekenntnis Patricks«, die frühesten »Annalen von Imleach« und ein »Leben Ailbes«.

In der Bibliothek von Imleach gab es auch Plätze, an denen Schreiber arbeiten und studieren konnten. Als Fidelma eintrat, waren mehrere Mönche damit beschäftigt, Bücher zu kopieren. Sie saßen vor langen, dünnen, glatten rechteckigen Brettern, auf die das Pergament gespannt wurde. Es wurde aus den Häuten von Schafen, Ziegen oder Kälbern hergestellt. Die Schreiber verwendeten Tinte, die aus Kohle gemacht und in Kuhhörnern aufbewahrt wurde, und schrieben mit Gänse-, Schwanen- oder sogar Krähenfedern.

Einige wenige der Schreiber lasen auch aus den flesc filidh, den Stäben der Dichter, die aus Eibenholz oder Apfelbaumholz gefertigt wurden und auf denen Texte in Ogham, dem alten irischen Alphabet, eingeritzt waren.

Fidelma genoß einen Augenblick die Atmosphäre des großen Bibliotheksraums der Abtei. Sie hielt sich gern in Bibliotheken auf; sie fühlte sich darin sowohl mit der Vergangenheit wie auch mit der Zukunft verbunden, denn hier wurde in der Gegenwart das Wissen der Vergangenheit von den Schreibern in die Zukunft übertragen. Jede Bibliothek, die sie betrat, erfüllte sie mit einem kindlichen Staunen.

Sie erblickte Solam sofort; er saß abseits von den Schreibern in einer Ecke der Bibliothek und las. Leise ging sie hinüber zu seinem Tisch.

»Wie ich sehe, hast du dich ausgeruht, Solam, und dein Mißgeschick unbeschadet überstanden«, sagte sie etwas ironisch und ließ sich ihm gegenüber nieder.

Er blickte auf, sichtlich verärgert über die Unterbrechung.

»Ich hatte Glück, daß ich nicht verletzt wurde, Schwester«, erwiderte er ebenfalls leise, um die anderen Leser nicht zu stören. »Trotzdem werde ich eine Beschwerde beim Oberrichter der fünf Königreiche einreichen. Glaube ja nicht, daß du mich davon abbringen kannst.«

Trotzig schob er das Kinn vor.

»Das würde mir nicht einmal im Traum einfallen«, antwortete Fidelma. »Immerhin wirst du als ein dalaigh von nicht geringem Ruf ...« Sie legte eine bedeutungsvolle Pause ein. »Ich weiß, du wirst die Aufgeregtheit der Leute in Anbetracht dessen, was gestern hier geschah, berücksichtigen.«

Solam ließ sich nicht besänftigen. »Das verringert nicht die Schwere des Falls, denn auch nachdem ich mich zu erkennen gegeben hatte, versuchten diese Leute, mich umzubringen.«

»Sie haben dich aber nicht umgebracht«, erinnerte ihn Fidelma. »Dennoch würde ich dich nie und nimmer davon abhalten wollen, eine Beschwerde einzureichen.«

Solam schnaubte verächtlich. »Das würde dir auch nicht gelingen.«

»Natürlich hast du nur einen Anspruch auf Entschädigung, wenn deine Beschwerde berechtigt ist. Das heißt, wenn die Leute keinen echten Grund hatten, dich zu fürchten. Wenn sie nicht wirklich glaubten, sie seien von den Ui Fidgente angegriffen worden, dann gäbe es wahrlich keinen Grund für den Zorn, der sich gegen dich richtete. Falls sie jedoch tatsächlich glaubten, sie seien überfallen worden .«

Mit einer Handbewegung schloß sie das Thema ab.

»Du brauchst mich nicht in der Rechtskunde zu unterweisen«, fauchte Solam und erhob dabei die Stimme so sehr, daß manche der Schreiber aufblickten. Die Stentorstimme des Hauptbibliothekars, der an seinem Tisch in der Mitte des Raumes saß, verlangte zischend Ruhe.

»Wie gut kennst du Bruder Bardan?« fragte Fidel-ma unschuldig.

Der kleine Mann sah sie geringschätzig an.

»Hältst du es für angemessen, daß wir als Anwälte gegnerischer Parteien etwas besprechen, was mit der Anhörung in Cashel zu tun hat?«

Fidelma merkte, daß sie allmählich wütend wurde, bezwang sich aber.

»Ich hatte nicht den Eindruck, daß wir das tun«, entgegnete sie und bemühte sich, ihrer Stimme die Schärfe zu nehmen. »Nach dem, was du mir gesagt hast, bist du über alle Einzelheiten des Falls unterrichtet, also können wir uns doch einfach unterhalten.«

»Als dalaigh habe ich die Aufgabe, jeden zu befragen, bei dem ich das für angebracht halte. Donennach, mein Fürst, forderte mich durch einen Boten auf, nach Cashel zu kommen, und der Bote brachte eine Kopie des Protokolls mit, das Donndubhain, der Tanist von Cashel, aufgesetzt hatte. Deshalb machte ich mich sofort auf den Weg.«

Fidelma lächelte. »Vermutlich hat dir der Bote aus Cashel auch gesagt, daß ich nach Imleach unterwegs bin, und deshalb kamst du her?«

Solam wurde rot.

»Ich kam her ...«, begann er und merkte dann, daß sie ihn in eine Falle gelockt hatte.

»Die Straße von Luimneach nach Cashel verläuft weiter nördlich. Daraus schloß ich, daß du es für klüger gehalten hast, erst hierher zu kommen. Stimmt das?«

Seine Augen verengten sich.

»Du bist eine sehr schlaue Dame, Fidelma«, sagte er eisig. »Ich hatte schon von deinem Ruf gehört.«

»Das ist sehr schmeichelhaft«, erwiderte Fidelma höflich und ließ die unbeantwortete Frage wirken.

»Als dalaigh«, erklärte Solam, »war es meine Pflicht, festzustellen, ob ihr das Kruzifix identifizieren konntet. Anscheinend ist euch das gelungen: Es ist das Kruzifix Ailbes, des Gründers der Abtei, das Kruzifix, das aus der Kapelle verschwand, in der es mehr als ein Jahrhundert lang aufbewahrt wurde.«

Fidelma bemühte sich, ihre Überraschung darüber zu verbergen, daß Solam das so schnell herausgefunden hatte.

Der dalaigh lehnte sich selbstzufrieden zurück.

»Ich wußte nicht, daß Bruder Bardan ein so geschwätziger Mensch ist«, sagte sie leise.

Solam leugnete nicht, daß er es vom Apotheker wußte. »Er ist jedenfalls hilfsbereiter als viele andere hier.«

»Du machst deinem Ruf Ehre, Solam«, antwortete Fidelma.

»Damit habe ich nun den Beweis, daß das Mordkomplott nicht von den Ui Fidgente ausgegangen ist, wie du behauptet hast.«

»Da bist du falsch unterrichtet worden, Solam«, konterte Fidelma. »Ich habe nichts behauptet. Du hast die Pflichten eines dalaigh erwähnt. Es ist auch meine Pflicht, Tatsachen zu sammeln und sie den Brehons vorzulegen. Andere Leute haben Behauptungen aufgestellt, nicht ich. Ich werde weiter nach der Wahrheit suchen, bis ich sicher bin, daß ich sie gefunden habe.«

»Ich meine, daß die Wahrheit viel näher bei Cashel liegt, als du denkst«, entgegnete der Anwalt der Ui Fidgente. Plötzlich beugte er sich über den Tisch vor und blickte ihr gerade ins Gesicht. Mit monotoner Stimme, kaum lauter als im Flüsterton, sagte er: »Ich glaube, dein Bruder hat vor, die Ui Fidgente zu vernichten. Er will den Sieg vollenden, den er im vorigen Jahr bei Cnoc Äine errang, als unser König Eoganan fiel. Welchen besseren Vorwand könnte er für unsere Vernichtung finden als die Behauptung, unser Fürst Donennach sei in eine Verschwörung verwickelt, ihn aus Rache zu ermorden? Wenn er den Leuten das einreden kann, dann helfen sie ihm, die Ui Fidgente zu vernichten. Nun, ich werde die Wahrheit verkünden -und die Wahrheit ist, daß dein Bruder Colgü hinter dieser Verschwörung steckt!«

Trotzig lehnte sich Solam zurück und verschränkte die Arme.

Fidelma schwieg einen Moment und gestattete sich dann ein leichtes Lächeln. Traurig schüttelte sie den Kopf.

»Deine Gerichtssaal-Taktik ist ausgezeichnet, Solam. Allerdings wäre es besser, wenn du sie dir für die Verhandlung aufheben würdest. Und denke daran, Bre-hons halten sich an Tatsachen, nicht an Vermutungen.«

Mit hochrotem Gesicht sprang Solam auf. Fidelmas hatte offenkundig recht, wenn sie ihn als reizbar und nervös einschätzte. Diese seine Eigenschaften könnten eine Waffe in ihren Händen werden, wenn sie ihre Sache vor den Brehons vertrat. Einen Moment glaubte Fidelma, Solams Wut würde sich in einem Zornesausbruch Luft machen, doch da hatte sich der kleine dalaigh schon wieder in der Gewalt.

»Das werden wir ja sehen«, knurrte er und stürmte aus dem Bibliothekssaal. Ein oder zwei Schreiber sahen bei seinem lauten Abgang von ihren Büchern auf.

Der Hauptbibliothekar erhob sich und eilte mit verärgerter Miene auf Fidelma zu.

»Der Ui Fidgente hat sein Buch nicht zurückgebracht«, erklärte er. Das Buch, in dem Solam gelesen hatte, lag noch auf dem Tisch. »Ich vermute, er ist fertig damit?«

»Davon gehe ich aus«, antwortete Fidelma.

Der Bibliothekar nahm den kleinen ledergebundenen Band in die Hand. Plötzlich ergriff Fidelma seinen Arm.

»Einen Augenblick.«

Sie drehte das Buch um, so daß sie den Titel erkennen konnte. Es war ein »Leben Ailbes«. Nachdenklich gab sie es dem Bibliothekar zurück.

Fidelma fand Abt Segdae zusammen mit Eadulf in seinem Zimmer. Beide blickten überrascht auf, als sie eintrat.

»Woher konnte Bruder Bardan wissen, daß ich dir die Zeichnung des Kruzifixes gezeigt hatte, das bei einem der toten Attentäter in Cashel gefunden wurde? Und woher wußte er, daß es eine der fehlenden Reliquien Ailbes war?« fragte sie ohne jede Einleitung.

Der falkengesichtige alte Abt blinzelte.

»Ich habe es ihm nicht gesagt«, wehrte er ab. »Aber es ist kein Geheimnis, daß die Reliquien und Bruder Mochta verschwunden sind, Fidelma.«

»Doch niemand konnte wissen, daß das Kruzifix bei der Leiche des Attentäters entdeckt wurde.«

Der Abt breitete die Hände aus.

»Ich dachte nicht, daß das für die leitenden Mönche der Abtei ein Geheimnis bleiben sollte. Die Reliquien sind unser aller Sorge. Schließlich sind wir das Hauptkloster des Königreichs. Hierher kommen die Eogha-nacht-Könige und legen am uralten Eibenbaum ihren Amtseid ab. Warum sollten wir es da geheimhalten?«

»Ich mache dir keine Vorwürfe, Segdae«, versicherte ihm Fidelma. »Aber sag mir, wem gegenüber hast du es erwähnt?«

»Ich habe es Bruder Madagan erzählt, er ist schließlich der Verwalter der Abtei.«

»Und Bruder Bardan? Hat man es ihm gesagt?«

»Die Abtei bildet eine geschlossene Gesellschaft. Neuigkeiten verbreiten sich schnell. Vor den Brüdern und Schwestern im Glauben kann man nichts geheimhalten.«

Fidelma seufzte innerlich. Damit hatte der Abt natürlich recht.

Segdae blickte sichtlich besorgt von Fidelma zu Ea-dulf.

»Warum nennt ihr beide Bruder Bardan?« fragte er. »Bruder Eadulf hat sich auch nach ihm erkundigt. Habt ihr irgendeinen Verdacht gegen ihn?«

»Ich habe dem Pater Abt gesagt, daß wir lediglich etwas mehr über ihn wissen möchten«, warf Eadulf eilig ein.

»So ist es, Segdae«, stimmte ihm Fidelma zu. »Ea-dulf hat dich sicherlich gebeten, äußerste Diskretion zu wahren. Du weißt, wenn man der Wahrheit auf den Grund kommen will, muß man oft über verschiedene Leute genau Bescheid wissen. Das zieht weder ihren Charakter in Zweifel, noch bringt es sie in den Verdacht eines Fehlverhaltens. Deshalb wären wir dir dankbar, wenn du unsere Fragen Bruder Bardan gegenüber nicht erwähnst.«

Der Abt schien verwirrt, zeigte sich aber einverstanden. »Ich spreche mit niemandem darüber.«

»Auch nicht mit deinem Verwalter, Bruder Mada-gan«, bat ihn Fidelma.

»Mit niemandem«, betonte der Abt. »Ich habe Ea-dulf schon gesagt, daß ich volles Vertrauen zu Bruder Bardan habe. Er gehört unserer Gemeinschaft seit mehr als zehn Jahren an, als unser Apotheker und Bestatter.«

»Der Abt hat mir erzählt, daß Bardan hier aus der Gegend stammt«, ergänzte Eadulf. »Er war Kräuter-sammler und besuchte dann die medizinische Schule im Kloster Tir dha Ghlas. Er wurde Apotheker und Bestatter und trat schließlich dieser Gemeinschaft hier bei.«

»War er auch einmal Krieger?« fragte Fidelma.

»Niemals«, antwortete der Abt überrascht. »Wie kommst du darauf?«

»Das ist nur so ein Gedanke. Weißt du, ob er mit Bruder Mochta enger befreundet war?«

»Wir sind alle Brüder und Schwestern in dieser Gemeinschaft, Fidelma. Bruder Bardans Zelle lag neben der Bruder Mochtas. Sicher waren sie befreundet. Auch mit Daig, dem armen Jungen, war Bardan befreundet. Er hat erst kürzlich die Erlaubnis erbeten, Daig zu seinem Gehilfen in der Apotheke auszubilden.«

»Bruder Bardan stand also dem verschwundenen Mönch nicht besonders nahe?« forschte Fidelma.

Abt Segdae schüttelte den Kopf. »Nicht, daß ich wüßte. In dieser Gemeinschaft sind wir alle eins in Gott.«

Fidelma nickte beinahe zerstreut. »Nun gut.« Sie öffnete die Tür. »Wir danken dir, Segdae.«

Der Abt sah ihr besorgt nach. »Gibt es etwas Neues?« fragte er ungeduldig.

»Ich laß es dich wissen, wenn es etwas gibt«, erwiderte Fidelma kurz.

Draußen sagte sie zu Eadulf: »Schauen wir uns doch Bruder Mochtas Zelle noch einmal an.«

»Hast du eine Idee?« fragte Eadulf, als sie den Gang entlanggingen.

»Dies ist der erste Fall, Eadulf, bei dem ich völlig ratlos bin«, erwiderte Fidelma. »Sobald ich glaube, Zusammenhänge zu entdecken, lösen sie sich in nichts auf. Es gibt nur Verdachtsmomente. Bei dieser Beweislage würde ich vor Gericht noch nicht einmal Mitleid erwecken. Uns bleibt noch eine knappe Woche, Beweise zu finden.«

»Wenn wir nicht beweisen können, wer für den Attentatsversuch verantwortlich war, dann kann die Gegenseite doch auch nichts beweisen«, meinte Eadulf.

»So läuft es aber nicht«, erklärte ihm Fidelma. »Fürst Donennach stand als Gast unter dem Schutz meines Bruders, als die Attentäter angriffen. Mein Bruder war für die Sicherheit seiner Gäste verantwortlich. Er muß jetzt den Beweis erbringen, daß er mit dem Attentat nichts zu tun hatte. Fürst Donennach muß nicht beweisen, daß mein Bruder Schuld trägt.«

»Das verstehe ich nicht ganz.«

»Nur wenn mein Bruder nachweisen kann, daß es sich um ein Komplott der Ui Fidgente oder einer anderen Gruppe gehandelt hat, ist er von der Verantwortung entbunden.«

»Das ist kompliziert«, bemerkte Eadulf.

»Dennoch ist das der Dreh- und Angelpunkt des Gesetzes.«

»Was hoffen wir jetzt in Bruder Mochtas Zelle noch zu finden? Wir haben sie doch schon einmal durchsucht.«

Sie standen nun vor ihrer Tür.

»Ich weiß auch nicht, was ich zu finden hoffe«, ge-stand Fidelma. »Irgend etwas, was uns aus diesem Sumpf herausführt.«

Sie hörten etwas fallen und sahen sich verblüfft an. Das Geräusch kam aus Bruder Mochtas Zelle.

Fidelma legte den Finger auf den Mund und packte mit der anderen Hand fest den Riegel der Tür. Dann riß sie die Tür auf. Wie sie vermutet hatte, war sie nicht verschlossen.

Finguine, der Fürst von Cnoc Äine, kniete am Boden und schaute verdutzt zu ihnen auf.

Er schwieg einen Moment, dann erhob er sich und wischte sich den Staub von den Knien.

»Du hast mich erschreckt, Fidelma«, beschwerte er sich.

»Du uns nicht weniger«, erwiderte Eadulf.

»Was machst du hier, Vetter?« fragte Fidelma und sah sich rasch im Raum um.

Finguine schaute verlegen drein. »Ich hörte vom Verwalter der Abtei ...«

»Bruder Madagan?« warf Eadulf ein.

»Genau. Er erzählte mir von dem Verschwinden des Mönchs, und ich bat ihn, mir seine Zelle ansehen zu dürfen. Es hat den Anschein, als habe hier ein Kampf stattgefunden und der arme Bruder sei gewaltsam fortgeschafft worden. Vielleicht hat man ihn gezwungen, die Reliquien aus der Kapelle zu holen, und ihn dann in die Berge entführt. Wahrscheinlich hat man ihn dort umgebracht.«

Fidelma sah ihren Vetter durchdringend an. »Ist das deine Erklärung des Geschehens, Finguine?«

»Ich glaube, man braucht nicht viel Phantasie, um sich das hier zu erklären«, meinte Finguine und wies mit der Hand in den Raum.

»Aber ...«, setzte Eadulf an, doch bemerkte er plötzlich ein böses Funkeln in Fidelmas Augen. Also schwieg er lieber.

»Was wolltest du sagen?« fragte Finguine.

Eadulf lächelte verlegen. »Ich meinte nur, daß der Anschein täuschen kann. Ich . na ja . deine Erklärung klingt logisch.«

»Da hörst du’s«, sagte Finguine zu Fidelma. »Ich fürchte, wir müssen eher nach einer Leiche suchen als nach dem lebenden Bruder Mochta. Als die Diebe die heiligen Reliquien in den Händen hatten, wozu brauchten sie da noch Bruder Mochta?«

»Warum nahmen sie ihn dann überhaupt mit?« Die Frage konnte sich Fidelma nicht verkneifen.

»Vielleicht, damit er nicht Alarm schlug?«

»Dann hätten sie ihn auch gefesselt in seiner Zelle lassen können«, wandte Eadulf ein.

»Stimmt. Aber dann wäre er vielleicht früher gefunden worden, als ihnen recht war, deshalb nahmen sie ihn lieber mit. So verloren die Mönche Zeit mit der Suche, und die Diebe hatten Gelegenheit, wegzureiten.«

»Ich glaube, mein Vetter, der Fürst von Cnoc Äine, entwickelt da eine gute Theorie, Eadulf.«

Eadulf starrte Fidelma verwundert an. In ihrem Tonfall spürte er deutlich die Warnung, Finguine nicht zu heftig zu widersprechen.

»Allerdings, Vetter«, fuhr sie fort, »läßt sich deine These nur beweisen oder widerlegen, wenn wir Bruder Mochtas Überreste in den Bergen finden.«

Finguine reckte sich und lächelte schmerzlich.

»Ich fürchte, da kann ich euch helfen.«

»Heißt das, die Überreste Bruder Mochtas wurden gefunden?« fragte Eadulf erstaunt.

»Ja.«

»Und wo hat man sie gefunden?« erkundigte sich Fidelma.

»Kommt, ich zeige sie euch«, antwortete Finguine rasch. »Einer meiner Männer machte den grauenvollen Fund auf einem Feld gar nicht weit von hier. Es war das Werk von Wölfen. Er brachte die Reste in einem Sack hier her, damit man feststellen kann, wer der Tote ist. Sie liegen beim Apotheker.«

»Bei Bruder Bardan?«

»Wenn das der Apotheker ist, ja.«

»Weiß man schon, um wen es sich handelt?«

»Noch nicht. Während Bardan damit beschäftigt war, das herauszufinden, sah ich mir Mochtas Zelle an, um zu prüfen, ob ihr Zustand zu meiner Theorie paßt.«

Sie folgten dem Fürsten von Cnoc Äine zum Bestattungsraum. Einer von Finguines Männern hockte niedergeschlagen auf einer Tischkante. Bruder Bardan beugte sich über etwas, das ausgewickelt auf dem Tisch lag.

Mit düsterer Miene sah er auf, als sie eintraten.

»Ich fürchte, da gibt es keinen Zweifel«, sagte er wie zur Antwort auf ihre stumme Frage.

»Ist das der verschwundene Mönch?« Finguine wollte es genau wissen.

Bruder Bardan nickte mürrisch. »Das hier ist ein Unterarm Bruder Mochtas. Er wurde von einem Wolf abgerissen. Man sieht noch die Spuren seines Gebisses.«

Fidelma nahm all ihren Mut zusammen und stellte sich neben ihn. Sie schaute hinunter. Es war ein zerfetzter, blutiger Unterarm, am Ellbogen abgerissen. Die Hand war noch dran. Es war ein linker Unterarm.

»Also, das löst das Rätsel, was aus dem armen Bruder geworden ist«, erklärte Finguine. »Ich denke, es bestätigt auch meine Theorie des Diebstahls.«

Fidelma schwieg. Sie starrte immer noch auf den Unterarm, dann wandte sie sich erschaudernd ab.

»Bist du sicher, daß dieser Unterarm von Bruder Mochta stammt?« fragte sie.

»Wie ich schon sagte, gibt es da keinen Zweifel«, bestätigte der Apotheker.

»Vielen Dank, Bruder.«

»Ich schicke ein paar Mann hinaus, die an der Stelle, wo das gefunden wurde, nachsuchen«, versicherte Finguine dem Apotheker. »Vielleicht finden sie die Spur der Diebe, aber das halte ich für unwahrscheinlich.«

»Laß es mich wissen, wenn noch etwas auftaucht«, bat Fidelma ihren Vetter und winkte Eadulf, ihr zu folgen.

»Nun«, sagte Eadulf langsam, als sie allein waren, »das wäre also das. Jetzt wissen wir, was mit Bruder Mochta passiert ist.«

»Eben nicht«, erwiderte Fidelma gereizt. »Wir wissen jetzt nur mit Bestimmtheit, daß Bruder Bardan uns belügt.«

Kapitel 16

»Bruder Bardan belügt uns?« Eadulf zog überrascht die Brauen hoch. »Woraus schließt du das?«

»Bruder Bardan hat entschieden und ohne jeden Zweifel behauptet, daß der Unterarm von Bruder Mochta stammt.«

»Ja. Meinst du, daß er lügt? Daß es nicht Mochtas Arm ist und der Apotheker das weiß?«

»Das hast du doch wohl gemerkt«, sagte Fidelma ungeduldig.

Eadulf schüttelte ratlos den Kopf. »Woher wissen wir, daß es nicht Bruder Mochtas Arm ist?«

»Welcher Arm ist es?«

»Der linke. Der linke Unterarm ... ach so!«

Jetzt hatte Eadulf begriffen. Nach der Beschreibung Abt Segdaes hatte Mochta auf dem linken Unterarm einen Vogel eintätowiert, genau wie die Leiche in Cashel. Bruder Bardan mußte wissen, daß auf diesem Unterarm die Tätowierung fehlte.

»Also hat er bewußt gelogen«, erklärte Fidelma.

»Aber warum? Und wessen Arm ist es?« fragte Ea-dulf.

»Der Arm des Kutschers von Samradan, den sich die Wölfe vorgenommen hatten. Warum lügt er? Vielleicht will er uns davon abhalten, weiter nach Bruder Mochta zu suchen? Kann Mochta der tote Attentäter von Cashel sein? Offene Fragen. Doch ein Stückchen weiter sind wir, glaube ich. Gehen wir.«

Sie eilte zurück zu Bruder Mochtas Zelle. Diesmal ging sie aber weiter, vergewisserte sich, daß sie unbeobachtet waren, und öffnete die Tür des nächsten Raums - der Zelle Bruder Bardans. Sie zog Eadulf mit hinein.

»Was suchen wir hier?« flüsterte er erstaunt.

»Das weiß ich nicht genau. Bleib an der Tür und sag Bescheid, wenn jemand kommt.«

Die Zelle war sparsam eingerichtet: Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl und Haken für die Kleidung. An ihnen hingen zwei Kutten zum Wechseln, ein Wollman-tel für den Winter, ein Lederhut gegen Regen und zwei Paar Sandalen, eins davon mit Nägeln beschlagen und mit grünen Flecken - dies benutzte der Apotheker wohl, wenn er draußen Wildkräuter sammelte. Auf dem Tisch lagen zwei Bücher, beide über Kräuterheilkunde. Als sie genauer hinsah, bemerkte sie, daß das eine erst geschrieben wurde, die meisten seiner Seiten waren noch leer. Die ersten Seiten zeigten eine Handschrift, die ihr irgendwie bekannt vorkam.

Sie langte in ihr marsupium und holte einige der Blätter heraus, die sie in Bruder Mochtas Zelle gefunden hatte, die Auszüge aus den »Annalen von Im-leach«. Es war dieselbe Handschrift. Hatte Bruder Mochta dem Bruder Bardan beim Schreiben seiner medizinischen Abhandlung geholfen? Wenn ja, dann hieß das, daß die beiden sich sehr gut gekannt hatten und Bruder Bardan kaum ein Irrtum bei der Identifizierung des Unterarms unterlaufen sein konnte.

Sonst gab es anscheinend nichts von Interesse in diesem Raum.

Instinktiv kniete Fidelma nieder und schaute unter das hölzerne Bettgestell. Dort lagen ein paar Gegenstände, die sie hervorholte. Es waren ein aufgerolltes Seil, eine gefüllte Öllampe mit frisch geputztem Docht und ein großer Beutel, der Lebensmittel und eine kleine Amphore mit Wein enthielt.

Fidelma betrachtete den Beutel und seinen Inhalt einen Moment, dann nickte sie düster, als habe sie erwartet, so etwas zu finden.

Sie legte alles sorgfältig zurück und trat dann mit Eadulf wortlos auf den Gang hinaus. Er folgte ihr schweigend durch die Tür zum Kreuzgang gegenüber dem Gästehaus. An der anderen Seite stand die Kapelle der Abtei, an der dritten führte eine Pforte in einen kleinen Garten.

»Dort zieht Bruder Bardan seine Kräuter«, erklärte sie. »Sehen wir uns das einmal an.«

Eadulf folgte ihr über den Hof und durch den Bogengang in den kleinen Kräutergarten.

»Aha!«

Fidelma schritt sofort auf eine kleine Holztür an der gegenüberliegenden Seite zu. Sie war verriegelt. Rasch zog sie den Riegel zurück und öffnete die Tür.

»Wohin führt sie?« brach Eadulf neugierig sein Schweigen.

Fidelma trat stumm zur Seite.

Eadulf sah, daß hinter der Tür ein freundliches, von Eiben gesäumtes Feld lag. Die Tür führte aus der Abtei heraus auf der Seite, die von der Stadt abgewandt war. Fidelma schloß die Tür wieder und schob den Riegel vor. Plötzlich beugte sie sich vor und betastete etwas am Pfosten.

Eadulf blickte ihr über die Schulter.

»Das sieht wie getrocknetes Blut aus«, vermutete er. »Was bedeutet das?«

»Das bedeutet«, antwortete Fidelma und richtete sich auf, »daß wir heute nacht aufbleiben und das Treiben unseres Freundes Bruder Bardan beobachten müssen. Ich glaube, da zeichnet sich etwas ab.«

»Etwas, an dem du mich teilhaben lassen kannst?« Eadulf ärgerte sich ein wenig über ihre Geheimnistuerei.

»Zu gegebener Zeit«, erwiderte sie. »Vor dem Abendessen sollten wir noch etwas ruhen. Die Nacht könnte lang werden.«

Als sie aus dem Kräutergarten zurückkamen, sah sie sich im Kreuzgang um, als suche sie etwas. Dann zeigte sie auf eine kleine Nische.

»Das ist eine gute Stelle zum Beobachten. In der Nacht liegt sie im Schatten, und von hier aus können wir den Hof bequem überblicken.«

»Und auf wen warten wir?«

»Auf Bruder Bardan, wen sonst?«

Die Glocke rief zum letzten Gottesdienst des Tages. Eadulf eilte den Gang entlang zur Kapelle. Fidelma hatte beschlossen, selbst den Beobachtungsposten zu beziehen, aber darauf bestanden, daß Eadulf zum Gottesdienst ging, damit ihre Abwesenheit nicht zu sehr auffiel.

Sollte ihn jemand nach ihr fragen, sollte er sagen, sie sei müde und habe sich niedergelegt. Eadulf war froh, daß er zum Gottesdienst gehen konnte, denn ihn plagte das Gewissen, weil er seit ihrer Ankunft in der Abtei so viele versäumt hatte.

Er gesellte sich zu den Brüdern, die sich in der Kapelle versammelten. Er fand einen guten Platz in einer Bank vor dem Hochaltar und sank auf die Knie, die Hände zum Gebet ausgestreckt. Er öffnete den Mund, brachte aber kein Wort heraus und schluckte schwer.

Er hatte Bruder Bardan in einer kleinen Nische an der Seite der Kapelle erspäht. Bruder Bardan schien etwas zu erklären und unterstrich seine Worte ausdrucksvoll mit Gesten. Als er sich leicht abwandte, wurde die Person sichtbar, mit der er sich so angeregt unterhielt. Der Anblick hatte Eadulf die Sprache verschlagen.

Es war Fidelmas Vetter Finguine, der Fürst von Cnoc Äine. Die Tatsache, daß Bruder Bardan mit ihm sprach, war an sich nicht verdächtig, doch die Art und Weise, in der er es tat, war merkwürdig. Die beiden lächelten sich verschwörerisch an.

Bruder Bardan merkte wohl plötzlich, daß der Gottesdienst gleich beginnen würde, denn er sagte etwas zu Finguine, wandte sich ab und ging rasch durch das Seitenschiff der Kapelle davon, die Hände vor der Brust gefaltet und den Kopf gesenkt.

Finguine zögerte, sah sich um, ob er beobachtet würde, und verließ die Kapelle durch eine Seitentür.

Abt Segdae begann mit der Liturgie.

Eadulf wäre beinahe ein Fluch entfahren. Reuevoll bekreuzigte er sich. Wenn er nur Bruder Bardan und Finguine erkannt hätte, bevor er seinen Platz einnahm. Jetzt konnte er die Kapelle nicht vor Ende des Gottesdienstes verlassen. Er hätte viel darum gegeben, zu erfahren, was sie besprochen hatten.

Der Gottesdienst zog sich unendlich in die Länge. Als Eadulf schließlich die Kapelle verließ, suchte er unverzüglich Fidelma auf, die im dunklen Schatten der Nische des Kreuzgangs saß. Rasch blickte er sich um, stellte fest, daß niemand in der Nähe war, und huschte zu ihr. Eilig berichtete er ihr, was er gesehen hatte.

Sie nahm es gelassen auf.

»Es ist das zweitemal, daß wir Bruder Bardan und Finguine zusammen gesehen haben, erst kamen sie gemeinsam aus Nions Haus und jetzt hier. Auffällig daran ist nur, daß sie sich dabei recht verschwörerisch benehmen. Das und Bruder Bardans Lüge über Moch-ta macht die Sache interessant.«

»Was tun wir also?« fragte Eadulf.

Fidelma schaute auf und lächelte in der Dunkelheit.

»Wir verfolgen unseren Plan weiter. Wir bleiben hier und sehen, ob mein Verdacht begründet ist. Ich meine, Bruder Bardan könnte seinen Kräutergarten aufsuchen, ehe die Nacht herum ist.«

»Das ist ja lächerlich«, stöhnte Eadulf nicht zum erstenmal. »Er kommt nicht mehr. Es ist viel zu spät.«

Sie saßen immer noch in der Nische im Kreuzgang. Es war kühl, und Eadulf hatte es längst aufgegeben, die Stunden zu zählen, die vergangen waren, seit die Mitternachtsglocke geläutet hatte und es in der Abtei still geworden war. Es müßte doch bald Zeit zum Morgengebet sein? Der neue Tag müßte bald anbrechen.

»Still. Du mußt Geduld haben«, ermahnte ihn Fi-delma.

»Aber ich bin müde. Ich friere. Ich will ins Bett. Ich brauche meinen Schlaf und .«

Ein kräftiger Rippenstoß Fidelmas brachte ihn jäh zum Schweigen.

Es kam jemand. Sie sahen den dunklen Schatten den Kreuzgang entlanggleiten, bis er in den mondlichtgesprenkelten Hof hinaustrat. Die Gestalt trug eine Lampe, die aber nicht angezündet war. Befriedigt stellte Fidelma fest, daß sie auch einen großen Beutel und ein Seil auf dem Rücken hatte. Sie ging vorgebeugt, als spähte sie nach den Hindernissen auf ihrem Weg aus.

Zielsicher eilte die Gestalt auf den Bogengang zu und hinaus in den Kräutergarten. Fidelma stand sofort auf und zog Eadulf mit sich. Katzengleich schlichen sie hinterher. Sie sahen gerade noch, wie die Gestalt die Außentür der Abtei erreichte, und hörten, wie sie die Riegel zurückschob. Die metallenen Angeln quietschten leise, als sich die Tür öffnete und wieder schloß.

Fidelma flüsterte sofort: »Rasch! Wir dürfen ihn nicht aus den Augen verlieren.«

Eadulf folgte ihr und äußerte flüsternd seine Einwände. Er wollte nicht aus dem Schutz der Abtei heraus, und er hatte seinen Pilgerstab nicht bei sich, auf den er sich seit der Auseinandersetzung mit dem Wolf gern verließ. Zu dieser Nachtwache hatte er ihn aber nicht mitgebracht.

»Bist du sicher, daß es Bruder Bardan ist? Müssen wir ihn auch außerhalb der Abtei verfolgen? Wenn wir nun auf Wölfe stoßen?«

Fidelma würdigte ihn keiner Antwort und durchquerte den Kräutergarten mit einer Schnelligkeit, die Eadulf verblüffte. Er konnte kaum mit ihr Schritt halten. Die Tür war nicht verriegelt, und sie gelangten rasch hinaus auf das nächtliche Feld.

Der Mond stand noch am Himmel und war fast voll, so daß außerhalb des Schattens der Abtei eher Zwielicht als das Dunkel der Nacht herrschte. Es war wolkenlos, und am dunkelblauen Himmelszelt funkelten Myriaden von Sternen. Eine leichte Helligkeit auf den Spitzen der Berge im Osten kündigte den nahen Morgen an. Fidelma zog Eadulf in den Schatten der Abtei zurück und wies hinaus.

Bruder Bardan war jetzt deutlich zu erkennen, wie er in einiger Entfernung mit gesenktem Kopf schnell über das Feld lief. Fidelma sah sich nach einer Dek-kung um, fand aber keine. Bruder Bardan entfernte sich von allen Bäumen und Gebäuden und überquerte eine offene Heidefläche.

Mit einem Seufzer winkte Fidelma Eadulf, ihr zu folgen, und eilte der rasch verschwindenden Gestalt hinterher. Hätte sich Bruder Bardan umgesehen, hätte er sie zweifellos erspäht, und sie hätten ihm ihre Verfolgung wohl nur schwer erklären können.

Nach einer Weile wurde klar, daß Bruder Bardan auf die dunkle Silhouette eines Gebäudes zusteuerte, das an einer Ecke der freien Fläche hinter den Eiben stand. Es war eine kleine Steinkapelle. Sie lag im Dunkeln, und sie konnten nur erkennen, daß sie kaum fünf Meter hoch und sechs Meter lang war, eher ein winziges Bethaus als eine Kapelle.

Bruder Bardan war in dem Gebäude verschwunden.

Fidelma blieb stehen und schaute sich im Mondlicht um.

»Wenn er herauskommt, sieht er uns bestimmt«, erklärte Eadulf das Offenkundige.

Fidelma wies auf eine nahe Baumgruppe.

»Das ist unsere einzige Deckung. Wir warten hinter den Bäumen, bis er herauskommt.«

»Meinst du, Bruder Bardan trifft sich dort mit jemandem?« fragte Eadulf, als sie es sich in der Dek-kung bequem machten.

»Spekulation ohne Kenntnis ist gefährlich«, antwortete Fidelma mit einem ihrer Lieblingssprüche.

»Du vermutest, daß er nichts Gutes im Schilde führt?«

»Ich urteile nicht über ihn.«

»Aber du mußt doch eine Vorstellung davon haben, was er vorhat?« wandte Eadulf ein.

»Publilius Syrus schrieb, ein voreiliges Urteil sei der erste Schritt dazu, es korrigieren zu müssen. Wir warten ab, was geschieht.«

Eadulf seufzte und lehnte sich an einen Baumstamm. Mit Anbruch des Morgens wurde der Boden feucht, und er suchte nach einem trockenen Baumstumpf, auf dem er sitzen konnte. Fidelma setzte sich so, daß sie den Eingang des Gebäudes im Blick hatte.

Eadulf lehnte sich zurück und seufzte tief. Dann schloß er die Augen.

Nur einen Augenblick später, schien es ihm, öffnete er sie wieder und sah zu seiner Überraschung, daß ihn das graue Licht der Morgendämmerung umgab. Der pelzige Geschmack in seinem Mund verriet ihm, daß er geschlafen haben mußte. Er gähnte und blinzelte, fühlte sich steif und unbehaglich. Er schaute Fidelma an.

Sie saß immer noch auf dem Baumstumpf, leicht vorgebeugt, die Arme um die Knie geschlungen. Sie erwiderte seinen Blick.

»Wie lange ...?« Die Worte kamen nur schwer aus seinem trockenen Mund.

»Wie lange du geschlafen hast? So lange, bis der Morgen graute.«

In ihrer Stimme lag kein Tadel.

»Was hat sich ereignet?«

Fidelma öffnete die Arme und reckte sich.

»Nichts. Bruder Bardan ist nicht wieder aufgetaucht.«

Eadulf blickte hinüber zu der Kapelle, die nun im Dämmerlicht klar zu erkennen war.

Die Trockenmauern des rechteckigen Gebäudes waren leicht schräg, um den Regen abzuleiten. Seine Größe hatte er im Mondlicht richtig geschätzt.

»Es ist eine kleine Kapelle«, meinte Eadulf.

»Ja«, stimmte ihm Fidelma zu. »Ein Bethaus zur stillen Andacht.«

»Bruder Bardan ist nicht wieder herausgekommen? Was macht er dort die ganze Zeit?«

»Wie du schon sagtest, trifft er sich vielleicht dort mit jemandem. Hab Geduld.«

Eadulf unterdrückte einen Seufzer. Er hatte fürchterlichen Durst, und sein Magen knurrte.

»Ich wünschte, ich hätte mir was zu essen und zu trinken mitgenommen.«

»Geduld«, wiederholte Fidelma ungerührt.

Eadulf hatte die Nase voll. »Geduld!« brummte er. »Geduld kann auch eine Entschuldigung für mangelnde Zielstrebigkeit sein, die sich als Tugend ausgibt.«

Fidelma biß nicht darauf an, sie schwieg.

Die Zeit verging, und bald erschien die Sonne am Osthorizont. Ihre Strahlen fielen anfangs noch blaß und schwach über die Ebene. Von Bruder Bardan gab es noch immer keine Spur. Die Abteiglocke läutete zum ersten Gottesdienst des Tages.

Fidelma stand entschlossen auf.

»Was jetzt?« fragte Eadulf verwundert.

»Bruder Bardan ist nicht wieder aufgetaucht. Gehen wir hinein und sehen nach, was er treibt. Er muß uns wohl doch bemerkt haben, als wir ihm folgten. Deshalb ist er in der Kapelle geblieben.«

Fidelma eilte über das Feld auf das Gebäude zu, Eadulf blieb an ihrer Seite.

Durch die Tür der Kapelle konnte man nur einzeln eintreten, und auch das nur in gebückter Haltung. Fenster besaß sie nicht und war vollkommen dunkel. Fidelma ging voran und mußte etwas warten, bis sich ihre Augen auf das wenige Licht eingestellt hatten, das durch die Tür hereindrang. Eadulf kam ihr nach.

Sie sahen sich verwirrt um.

Das Bethaus war leer.

Kapitel 17

Im Innern der Kapelle konnte man sich nirgends verstecken. Der Boden war mit Steinplatten ausgelegt, und es gab nur einen kleinen Altartisch mit einem holzgeschnitzten Kreuz darauf. Links und rechts des Kreuzes stand je eine Talgkerze in einem Metallhalter, vor dem Kreuz eine Vase mit vertrockneten Blumen.

Das Bethaus war offensichtlich verlassen. Eadulf bemühte sich, seine Befriedigung zu unterdrücken, als er sagte: »Er muß sich herausgeschlichen haben, ohne daß du ihn sahst.«

»Ich hatte den Eingang die ganze Zeit im Auge. Er ging hinein, kam aber nicht wieder heraus«, entgegne-te Fidelma mit Bestimmtheit und musterte ungläubig den Raum.

»Aller Anschein spricht dagegen.«

Ihr Blick funkelte zornig. »Im Gegensatz zu dir habe ich die Augen nicht zugemacht.«

Eadulf gestattete sich ein überlegenes Lächeln, sagte aber nichts.

Fidelma war sichtlich verwirrt. Als einzige Erklärung bot sich an, daß Bruder Bardan das Bethaus auf einem anderen Wege als durch die Tür verlassen hatte. Es gab aber keinen anderen Ausgang.

Mit einem Seufzer ließ sie davon ab, das Unergründliche ergründen zu wollen.

»Gehen wir zurück zur Abtei. Dieses Problem läßt sich nicht mit leerem Magen lösen«, schlug Eadulf vor.

Die Sonnenstrahlen fielen nun stärker auf den Tau, und stellenweise erhob sich ein leichter Nebel. Bald waren sie über das Feld zur Abtei zurückgekehrt. Die kleine Holztür zum Kräutergarten stand noch offen.

Fidelma blieb nachdenklich stehen und besah sich den Riegel.

»Nun, das beweist jedenfalls eines.«

Eadulf blickte sie fragend an und musterte dann Riegel und Tür. »Ist mir etwas entgangen?«

»Die Tatsache, daß der Riegel nicht vorgeschoben wurde, beweist, daß Bruder Bardan nicht auf diesem Wege zurückgekommen ist.«

»Woher weißt du das?«

»Weil Bruder Bardan durch diese Tür hinausgegangen ist und sie aufgeriegelt hat. Natürlich konnte er den Riegel nicht von außen vorschieben. Wäre er aber durch diese Tür zurückgekehrt, hätte er sie von innen verriegelt. Bruder Bardan ist noch da draußen.« Sie nickte in Richtung des Bethauses. »Doch ich verstehe nicht, wie er uns entwischt ist.«

Eadulf hatte keine Antwort darauf.

Sie gingen durch den Kräutergarten, über den Hof und in den Kreuzgang. Die Abtei erwachte zum Leben.

Mit düsterem Falkengesicht tauchte Abt Segdae vor ihnen auf.

»Ihr wart nicht beim Morgengebet«, begrüßte er sie. In seiner Stimme schwang ein leichter Tadel mit.

»Nein«, bestätigte Fidelma eilig. »Wir hatten viel zu tun. Kannst du uns sagen, wo sich Bruder Bardan aufhält? Ich wollte mit ihm sprechen, aber anscheinend ist er nicht in der Abtei.«

Abt Segdae schien nicht überrascht davon. »Er geht oft früh hinaus und sammelt Heilkräuter. Wahrscheinlich ist er deshalb schon unterwegs.«

»Dann ist es also ganz normal, daß Bruder Bardan so früh die Abtei verläßt?«

»Ja.«

»Neulich fiel mir eine kleine Kapelle auf, die ein Stück entfernt von der Abtei steht und die ich noch nie gesehen hatte«, bemerkte Fidelma, während sie neben Segdae durch den Kreuzgang ging.

Eadulf folgte ihnen widerwillig. Ihn zog es zum Speisesaal, er wollte endlich etwas essen und trinken.

»Ach, du meinst die kleine Kapelle des heiligen Ail-be?«

»Ein altes Bethaus aus Trockenmauern?«

»Das ist es. Es steht in einem Heidefeld«, bestätigte Segdae. »Das ist merkwürdig.«

»Was ist merkwürdig?« fragte Eadulf.

»Der dalaigh von den Ui Fidgente ... Wie heißt er doch gleich? Solam? Solam erkundigte sich gerade nach derselben Kapelle.«

»Solam?« fragte Fidelma aufgeregt, doch Segdae schien es nicht zu merken.

»Der Ort heißt Gort na Cille«, antwortete er.

»>Kirchenfeld< ist wohl ein passender Name«, meinte Fidelma. Sie hatte sich wieder gefangen. »Warum fragte Solam danach?«

»Das weiß ich nicht. Manche Leute glauben, man fände Heilung, wenn man sich mit dem Wasser von dort wäscht; man muß es vor Tagesanbruch holen«, erwiderte der Abt.

Eadulf stöhnte. Hätte er gewußt, daß es dort einen Bach gab, brauchte er jetzt nicht so zu leiden. Er konnte sich aber an keinen Bach erinnern.

»Von wo holen, Pater Abt?« fragte er harmlos. »Ich habe dort keinen Bach entdeckt.«

Abt Segdae schüttelte den Kopf. »Es gibt keinen Bach, nur einen Brunnen. Er heißt Tobar na Cille, der Kirchenbrunnen, weil die Kapelle darüber errichtet wurde. Der Brunnen befindet sich im Bethaus selbst.«

Fidelma blieb plötzlich stehen.

»Meinst du damit, es gibt einen Brunnen unter den Bodenplatten der Kapelle?« fragte sie langsam.

Segdae sah sie belustigt an.

»Aber ja. Eine der Platten hat ein Scharnier und läßt sich hochklappen. Sie befindet sich hinter dem Altartisch.«

Sie hatten die Tür zu seinen Zimmern erreicht. Mehrere Mönche erwarteten ihn und wollten ihn sprechen.

»Weißt du, wo sich der Anwalt von den Ui Fidgen-te jetzt aufhält?« fragte Fidelma.

»Vor einer Viertelstunde sah ich ihn vom Morgengottesdienst kommen, aber ich weiß nicht, wo er hingegangen ist.«

Fidelmas bedankte sich beim Abt und eilte mit entschlossener Miene davon. Eadulf folgte ihr.

»Hier geht es aber nicht zum Speisesaal, Fidelma«, protestierte er atemlos.

Sie brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. »Begreifst du denn nicht?« fragte sie.

Er schüttelte verwirrt den Kopf. »Was soll ich begreifen?«

»Das Rätsel von Bruder Bardans Verschwinden ist gelöst.«

Er überlegte einen Moment, dann wurde ihm klar, was sie meinte.

»Willst du damit sagen, daß sich Bruder Bardan vor uns in einem Brunnenschacht versteckte?«

»Vielleicht erfüllt der Brunnenschacht noch einen anderen Zweck. Wir müssen sofort hin und ihn uns genauer ansehen. Es gefällt mir nicht, daß sich auch Solam nach dem Bethaus erkundigt hat. Was weiß er darüber?«

Eadulf blieb plötzlich mit trotziger Miene stehen.

»Ich gehe nicht wieder dorthin, ohne Essen und Trinken mitzunehmen.«

Also ließ sich Fidelma zum Speisesaal mitziehen. Die langen Tische waren fast leer, denn die Gemeinschaft hatte schon gefrühstückt und ging nun ihrer täglichen Arbeit nach.

»Wir können uns etwas zu essen mitnehmen«, schlug Fidelma vor. »Wir dürfen keine Zeit verlieren. Solam hat irgendwas vor, dessen bin ich mir sicher.«

Eadulf griff sich zwei frische, noch warme Brotlaibe und ein paar Scheiben kaltes Fleisch, Käse und Obst. Er stopfte alles in einen Beutel, den er von der Wand holte. Fidelma fand ein Wassergefäß, füllte es und reichte es ihm.

»Jetzt auf nach Gort na Cille«, sagte sie, als er zu erkennen gab, daß er fertig sei.

Im Hinausgehen konnte Eadulf der Versuchung nicht widerstehen, er langte sich noch ein Stück Brot und Fleisch und steckte es in den Mund. Ach, das tat gut!

Es war schon recht warm geworden, als sie das kleine Bethaus wieder erreichten. Sie hatten die Abtei erneut durch die Tür zum Kräutergarten verlassen und waren, so schien es ihnen, von niemandem beobachtet worden. Eadulf hatte einen beträchtlichen Teil seiner Portion aus dem Beutel verzehrt. Fidelma hingegen hatte sich mit einem Schluck Wasser begnügt.

Das Bethaus lag düster und verlassen da.

Eadulf zündete eine der Kerzen auf dem Altartisch an, damit sie die Steinplatte finden konnten, die den Brunnenschacht abdeckte. Sie war leicht zu erkennen, wenn man wußte, was man suchte. An der Platte befand sich ein kleiner eiserner Ring. Eadulf beugte sich nieder und zog daran. Er fiel beinahe auf den Rücken, denn die Platte war auf Zapfen gelagert und ließ sich mit wenig Mühe anheben.

Darunter erblickten sie ein großes schwarzes Loch.

Eadulf hielt die Kerze darüber. Das half wenig, denn sie erhellte nur ein kleines Stück.

»Völlig dunkel«, murmelte er. »Da drin kann sich niemand verstecken.«

»Schau dir mal deine Kerze an«, riet ihm Fidelma.

Eadulf verstand sie nicht. »Meine Kerze ...? Was meinst du damit?«

»Deine Kerze flackert, wenn du sie über die Öffnung hältst. Was sagt dir das?«

Eadulf betrachtete still die tropfende Kerze. Dann sah er zur Tür. Jetzt begriff er, worauf sie ihn hinauswollte.

»In dem Schacht kommt Luft hoch. Das heißt, daß da unten nicht nur Wasser ist?«

Fidelma zeigte auf den Schacht. »Es kommt noch eins dazu. Siehst du dort an der Seite die Holzleiter? Warum führt eine Leiter in einen Brunnenschacht?«

Eadulf spähte zweifelnd hinunter. »Es ist dunkel dort unten. Ich steige lieber hinab und sehe nach.«

Er hielt Fidelma die Kerze hin, doch sie schüttelte den Kopf.

»Ich bin leichter als du. Wir wissen nicht, wie stabil die Leiter ist.«

Bevor er protestieren konnte, hatte sie sich über den Rand geschwungen und kletterte hinunter in das Dunkel.

»Sie scheint ziemlich stabil zu sein«, rief sie kurz danach hinauf.

Eadulf verlor sie aus den Augen.

»Du brauchst die Kerze, damit du etwas siehst«, rief er ihr nach.

Sie gab keine Antwort.

»Fidelma!« schrie Eadulf besorgt.

Diesmal ließ sie sich sofort hören.

»Alles in Ordnung. Ich habe einen unterirdischen Gang gefunden. In dem scheint ein schwaches Licht.«

»Ich komme herunter«, erwiderte Eadulf, schwang sich den Beutel auf den Rücken und stieg in den Brunnenschacht hinein, in der einen Hand die Kerze und mit der anderen Hand sich an der Leiter festhaltend.

Nach etwa drei Metern erblickte er die Öffnung, die Fidelma entdeckt hatte. Sie war schon von der Leiter in den Gang gekrochen und hielt ihm die Hand entgegen, um ihm die Kerze abzunehmen, damit er leichter in den Eingang gelangte. Er reichte sie ihr.

»Der Gang ist weit genug«, versicherte sie ihm.

Sie hatte recht. Er war fast einen Meter breit und anderthalben Meter hoch, so daß Eadulf sich nur ein wenig zu bücken brauchte und aufpassen mußte, daß er nicht mit dem Kopf gegen die Felsdecke stieß. Der geheimnisvolle Tunnel schien sich vielfach zu winden, weil er einer natürlichen Aushöhlung des Kalksteins durch das Wasser folgte. Es war sehr feucht hier, und die Luft war abgestanden. Wie Fidelma bemerkte auch er, daß weiter hinten ein schwaches Licht glomm, das keine natürliche Quelle zu haben schien.

»Was ist das?« flüsterte er.

»Ich habe so etwas schon einmal gesehen. Es ist ein Stoff, der im Dunklen leuchtet, eine merkwürdige wachsartige Masse, mit der manche Handwerker Feuer machen. Sie ist brennbar. Ich glaube, die Griechen benannten sie nach dem Morgenstern.«

Wortlos folgten sie weiter dem Gang. Nach einiger Zeit hörte Eadulf einen unterdrückten Ausruf Fidel-mas, die plötzlich gemerkt hatte, daß sie sich aufrichten konnte. Der Gang mündete in eine leidlich große Höhle, ungefähr drei Meter hoch, rund und mit einem Durchmesser von sechs oder acht Metern.

»Hier ist niemand«, murmelte Eadulf überflüssigerweise beim Anblick der leeren Höhle.

Wie der Gang war auch die Höhle sehr feucht, in der Mitte stand eine kleine Pfütze, in die es ständig von der Decke tropfte. Echos vervielfältigten dieses Geräusch, das Eadulf auf die Dauer unerträglich vorkam.

»Hier würde niemand bleiben wollen«, meinte Fi-delma, die seine Gedanken erraten hatte. Dann wies sie auf zwei schwarze Löcher auf der anderen Seite, die Eingänge zu anderen Tunnels erkennen ließen.

»Zwei Eingänge. Welchen nehmen wir?« fragte sie.

»Den rechten«, erwiderte Eadulf, ohne nachzudenken.

Fidelma schaute ihn an, doch das unsichere Licht verbarg ihre Miene.

»Warum den rechten?« Sie hörte sich belustigt an.

Eadulf zuckte die Achseln. »Warum nicht?«

Sie schritten über den Höhlenboden, der von Flechten und Moosen glitschig war, und betraten den Gang.

Bald weitete er sich zu einer größeren Kammer. Sie war trocken und staubig. Eadulf spürte beim Einatmen den Staub im Mund und in der Luftröhre. Er mußte husten.

Staub und Steinbrocken bedeckten den Boden. Fi-delma blieb stehen und hob ihre Kerze so hoch wie möglich.

»An der Felswand wurde gearbeitet«, stellte Eadulf fest. »Wo sind wir hier gelandet? In einem Bergwerk?«

Fidelma wollte erwidern, das sei doch offensichtlich, doch sie hielt sich zurück. Sie kannte ihre scharfe Zunge. Eadulf hatte es nicht verdient, daß er sie so oft zu spüren bekam. Sie hatte in letzter Zeit oft über ihr Verhältnis zu Eadulf nachgedacht. Seine Schwächen gingen ihr zunehmend auf die Nerven. Seit neun Monaten waren sie nun zusammen unterwegs und hatten gemeinsam viele Gefahren bestanden. Dennoch war sie mit ihrer Freundschaft unzufrieden und wußte doch nicht, warum. Sie schien ständig darauf zu warten, daß er einen Fehler machte. Wie lautete der alte Spruch? Das Aufrechnen ist das Ende der Freundschaft?

Ihre Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück.

»Der Felsen hier besteht mehr aus Granit als aus Kalkstein. Ungewöhnlich. Sieh mal, diese Adern im Granit, das ist Silberglanz.«

Stirnrunzelnd schaute ihr Eadulf über die Schulter.

»Silber? Ist das ein richtiges Silberbergwerk?«

»Jemand hat hier gearbeitet, und zwar erst kürzlich.«

Sie wies auf ein kaputtes Werkzeug am Boden. Nach der frischen Bruchstelle des Stils der Spitzhacke zu urteilen, lag sie nicht länger als ein paar Tage hier.

Inzwischen hatte Eadulf einen Gesteinsklumpen aufgehoben und rieb daran. Im Licht der Kerze erkannten sie die Adern weißen Erzes.

»Gehen wir weiter«, bestimmte Fidelma. »Vielleicht erfahren wir dort vorn mehr.«

Der Gang war wieder so eng, daß sie nur hintereinander gehen konnten. Bald kamen sie nur noch in gebückter Haltung vorwärts. Nach einer Weile hörten sie Wasser rauschen.

»Da vorn ist Licht zu sehen«, sagte Fidelma plötzlich. »Diesmal ist es Tageslicht. Wir sind fast am Ausgang.«

Nur auf Händen und Knien gelangten sie nach draußen. Als sie sich erhoben, standen sie unter einem überhängenden Kalksteinfelsen und sahen einen Teich, der von Wasser gespeist wurde, das rauschend aus dem Felsen hervorsprudelte.

»Eine Quelle«, erklärte Fidelma laut, um sich in diesem Lärm verständlich zu machen.

Sie sahen sich um. Sie hatten anscheinend einen Halbkreis beschrieben, denn das Bethaus und sein Brunnen lagen nördlich von der Abtei, und jetzt waren sie auf ihrer Südseite herausgekommen. Fidelma schätzte, daß es nur vierhundert Meter bis zur Abtei waren. Ihre Mauern wurden von einem Kiefernwäldchen verdeckt. Nur die Türme waren zu sehen.

»Hätte Bruder Bardan diesen ganzen Weg zurückgelegt, wo er doch leicht die Abtei verlassen und über die Felder hierher laufen könnte?« fragte Eadulf. »Und wozu? Meinst du, es gibt da eine Verbindung zu dem Silberabbau?«

Fidelma schwieg. Vermutungen waren zwecklos.

Da erblickte Eadulf etwas auf dem Boden dicht am Ausgang. Er hob es auf.

Es war ein abgerissenes Stück brauner Stoff mit frischen Blutflecken darauf.

»Stammt das vielleicht von Samradans Kutscher? Könnten es die Wölfe hergeschleppt haben?«

Bei der Erinnerung an ihr Zusammentreffen mit den Wölfen lief es ihm kalt den Rücken hinunter. Er schaute sich rasch um, ob der Höhleneingang Spuren eines Wolfslagers erkennen ließe.

Fidelma nahm ihm das Stück Stoff ab und betrachtete es. Mit düsterer Miene schüttelte sie den Kopf.

»Samradans Kutscher trug keine Kleidung dieser Art. Solchen Stoff tragen gewöhnlich Mönche und Nonnen.«

Sie schaute sich um. Vom Höhleneingang her fiel der Boden leicht ab. Das Gras war von weidenden Tieren kurz gehalten. Fidelma zeigte nach unten.

»Der Erdboden ist weich und morastig. Hier haben kürzlich viele Pferde und schwere Wagen gestanden. Sieh dir die tiefen Spuren an.«

»Woher weißt du, daß es erst kürzlich war?« fragte Eadulf.

»Die Spuren bleiben auf solchem Boden nicht länger als vierundzwanzig Stunden sichtbar ...« Sie ließ sich rasch auf ein Knie nieder. »Schau dir diesen Blutfleck an, er ist noch nicht trocken. Es dürfte dasselbe Blut sein wie auf dem Stoff.«

Eadulf bestätigte das mit einem Kopfnicken.

»Nicht älter als ein paar Stunden. Das schließt Sam-radans Kutscher aus.«

»Und die Leute aus dem Städtchen, die bei dem Überfall getötet wurden«, ergänzte Fidelma. »Anscheinend haben Reiter oder die Kutscher der schweren Wagen hier einen Mann in Mönchskleidung aufgenommen. Es gibt keine Fußspuren, also ist er mit ihnen fort. Ich bezweifle, daß er ihnen freiwillig folgte.«

»Sprechen wir von Bruder Mochta?«

»Oder von unserem Freund, dem Apotheker, der so beharrlich behauptete, Bruder Mochta wäre schon tot.«

Fidelma prüfte den Boden eine Weile, in der Hoffnung, Antworten auf die Fragen zu finden, die sie bewegten. Feststellen konnte sie nur die Spuren von mehr als einem Wagen und mehreren Pferden. Dann erkannte sie, daß die Spuren beschlagener Pferde die Wagenspuren überlagerten. Gut beschlagene Pferde deuteten meist auf Krieger hin, denn sonst ritt kaum jemand in Gruppen und hatte so sorgfältig gepflegte Pferde.

»Nachdem die Wagen hier waren«, meinte sie langsam, »muß noch eine Gruppe Reiter vorbeigekommen sein.«

Eadulf rieb sich nachdenklich das Kinn. »Also sind wir mit unseren Nachforschungen in eine Sackgasse geraten?«

»Nicht unbedingt.« Fidelma wickelte das blutbefleckte Stück Stoff vorsichtig ein und verstaute es in ihrem Tragebeutel. »Ich meine, wir sollten in die Höhle zurückgehen und sehen, wohin der andere Gang führt, bevor wir aufgeben.«

Eadulf war nicht gerade begeistert davon. »Ich habe befürchtet, daß du das sagen würdest. Ist das nicht reine Zeitverschwendung? Was auch geschehen ist, es muß hier gewesen sein.«

Fidelma schenkte ihm eins ihrer spöttischen Lächeln.

»Nach rechts gehen bedeutet nicht immer recht gehen. Wir probieren den linken Gang, bevor wir in die Abtei zurückkehren«, erklärte sie mit Bestimmtheit und verschwand wieder in dem Felsen.

Nach kurzer Zeit hatten sie wieder die große feuchte Höhle erreicht, wo das Wasser so ekelhaft in die Pfütze tropfte. Sie stiegen nun in den anderen Gang ein. Er ähnelte sehr dem ersten, den sie in dem Bethaus entdeckt hatten. Sie kamen in ihm schneller voran als in dem, der zu dem Silberbergwerk geführt hatte. Eadulf fiel auf, daß sich der Boden merklich hob wie zu einem steilen Anstieg. Es war ziemlich anstrengend, und sie legten wie auf Verabredung eine Pause ein, hockten sich auf den jetzt trockenen, staubigen Boden, der aus Schiefer zu bestehen schien.

»Wieso können wir so lange aufwärts gehen?« überlegte Eadulf laut. »So tief unter der Erdoberfläche waren wir doch gar nicht.«

»Ich nehme an, dieser Gang führt in einen der Berge rings um die Abtei. Es gibt in der Nähe einen hohen Berg namens Hill of the Cairn.« Plötzlich schnippte sie mit den Fingern. »Das ist es. Ich hatte es nur vergessen. Was sagte Bruder Tomar, als die Abtei angegriffen wurde? Er hätte von einem geheimen Gang gehört, der zum Hill of the Cairn führt.« Sie überlegte angestrengt. »Genau. Er hatte es von Abt Segdae. Er meinte, auf diese Weise könnten die Frauen in der Abtei den Angreifern entkommen.«

»Das müßte dann dieser Geheimgang sein?«

»Anscheinend ja. Falls die Berge nicht von mehreren solcher Gänge durchzogen sind. Das wäre allerdings möglich. Es soll verschiedene Höhlensysteme in dieser Gegend geben, mit unterirdischen Flüssen und Seen.«

»Heißt das, wir gehen in einen Berg hinein?« fragte Eadulf beunruhigt. Er wollte möglichst schnell wieder ans Tageslicht. »Wir haben nur noch einen Kerzenstummel, der uns bis zum Ausgang leuchten soll. Wollen wir hoffen, daß der Gang überhaupt ins Freie führt.«

Fidelma blickte auf die flackernde Kerze in ihrer Hand. Sie war kaum noch drei Zentimeter lang. In ihrem Eifer hatte sie vergessen, weitere Kerzen mitzunehmen.

»Gehen wir so schnell weiter, wie wir können«, erwiderte sie. »Mir ist aufgefallen, daß es hier diesen merkwürdigen leuchtenden Stoff nicht gibt.«

Die Vorstellung, sie könnten sich in völliger Dunkelheit unter der Erde bewegen müssen, beschleunigte ihr Tempo. Der ungleichmäßige Verlauf des Gangs bestärkte Fidelma in der Annahme, er sei früher ein unterirdischer Wasserlauf gewesen, der vom Berg herabkam und Brunnen im Tal speiste, von denen die meisten nicht mehr existierten oder deren Wasser jetzt aus anderen Quellen kam.

Plötzlich flackerte die Kerze in ihrer Hand hell auf und erlosch. Nachtschwarzes Dunkel umgab sie.

Eadulf erschauerte und blieb stehen. Er hoffte, seine Augen würden sich an die Dunkelheit gewöhnen, doch dem war nicht so.

»Eadulf«, kam Fidelmas Stimme von irgendwoher, »streck die Hand aus.«

Er tat es. Etwas streifte sie, dann spürte er den warmen Druck ihrer Hand.

»Gut. Wir dürfen uns nicht loslassen. Ich gehe langsam voran.«

»Wie willst du sehen, wohin du gehst?«

»Ich fühle es mit einer Hand. Ich kann die Decke erreichen und mich vorwärtstasten.«

Vorsichtig schoben sie sich durch die Schwärze weiter.

»Na, eins ist sicher«, meinte Fidelma fröhlich.

»Was nämlich?«

»Zurück können wir auf diesem Wege nicht - es sei denn, wir finden am anderen Ende eine Laterne.«

Es war ein schwacher Versuch, den Humor zu bewahren, und beide schwiegen wieder. Ein oder zweimal schrammte Fidelma mit dem Arm an der Felswand entlang, und Eadulf stolperte über Gesteinsbrocken. Sie kamen langsam voran, immer noch allmählich aufwärts. Dann blieb Fidelma stehen.

»Was ist?« fragte Eadulf.

»Siehst du es nicht?« flüsterte sie erregt.

Eadulf kniff die Augen zusammen und erkannte es dann auch.

»Da vorn wird es hell«, bestätigte sie. »Es ist Tageslicht. Aber da ist noch etwas anderes.«

Sie gingen ein Stückchen weiter, um eine Biegung des Ganges herum. Das Licht wurde heller, ein düsteres graues Licht, das in den Tunnel drang. In der Stille vernahmen sie das Knistern eines Feuers.

Fidelma brachte den Kopf dicht an Eadulfs Ohr. Er spürte, wie ihre Lippen seine Wange berührten.

»Keinen Ton«, flüsterte sie. »In der Höhle vor uns ist jemand.«

Fast lautlos bewegte sie sich vorwärts. Nach einer Weile wurde das Licht stärker, sie blieb stehen und ließ seine Hand los, denn jetzt konnten sie einander deutlich sehen. Vor ihnen öffnete sich eine ziemlich große Höhle, deren Eingang von einer Holzbarriere versperrt wurde, über der man ein Stück blauen Himmel erblickte. Sonnenlicht erfüllte die Höhle.

Sie war groß und trocken, nur an einer Seite lief ein kleiner Bach entlang. In der Mitte prasselte ein Feuer. Verschiedene Gegenstände lagen verstreut herum. Nahe dem Feuer ruhte auf einem Strohsack ein älterer, fülliger Mann in Mönchskleidung. Sein linker Arm und sein linker Fuß waren verbunden. Ein Stab neben ihm diente ihm offensichtlich als Krücke. Weiter befand sich niemand in der Höhle.

Mit wachsendem Erstaunen betrachteten Eadulf und Fidelma den Mann.

Eadulf betrat als erster die Höhle, und der Mann fuhr auf, stützte sich auf einen Ellbogen und langte nach dem Stab, als wolle er sich damit verteidigen. Als er Eadulfs Kutte erkannte, hielt er inne.

»Wer seid ihr?« rief er mit vor Furcht brüchiger Stimme.

Verblüfft blieb Eadulf stehen.

Fidelma schob sich an Eadulf vorbei und fand mühsam die Sprache wieder. »Hab keine Angst, Bruder Mochta. Ich bin Fidelma von Cashel.«

Der rundliche Mönch sank mit einem Seufzer auf seinen Strohsack zurück.

Eadulf blickte immer noch mit furchtsamem Staunen auf die liegende Gestalt. »Aber du bist doch tot!« entfuhr es ihm.

Der rundgesichtige Mann stützte sich wieder auf einen Ellbogen. In seinem Gesicht spiegelten sich Schmerzen, aber auch Belustigung wider.

»Da bin ich anderer Meinung, mein angelsächsischer Bruder«, entgegnete er. »Aber wenn du es beweisen kannst, unterwerfe ich mich deinem Urteil. Bei Gott, ich fühle mich dem Tode so nahe, daß ich mich nicht mit dir streiten möchte.«

Eadulf trat vor und schaute ihm prüfend ins Gesicht.

Es gab keinen Zweifel. Der Mann, der auf einen Ellbogen gestützt vor ihm lag und ihn angrinste, war derselbe mondgesichtige Mönch, den er zuletzt tot in der Leichenkammer von Cashel gesehen hatte. Es war genau derselbe Mann, bis hin zu der Vogeltätowierung, die Eadulf jetzt auf dem linken Unterarm erkannte.

Kapitel 18

Fidelma setzte sich neben Mochta auf den Strohsack. Sie schien nicht übermäßig überrascht vom Anblick des rundgesichtigen Mönchs, den sie allem Anschein nach vor ein paar Tagen als Leiche bei Bruder Con-chobar in Cashel gesehen hatte.

»Wie schlimm sind deine Wunden, Bruder Moch-ta?« erkundigte sie sich besorgt.

»Sie sind schmerzhaft, aber man hat mir gesagt, daß sie heilen«, antwortete er.

»Das hat dir Bruder Bardan gesagt, nicht wahr?«

Er bestätigte es mit einer Geste.

Eadulf konnte den Blick nicht von dem Mann wenden, dessen Züge nicht im geringsten von denen des toten Attentäters abwichen, ausgenommen ... Eadulf konnte es nicht ergründen. Dann war da noch etwas. Dieser hier trug die irische Tonsur des heiligen Johannes, die Stirn geschoren bis zu einer Linie von Ohr zu Ohr. Doch gab es noch einen anderen Unterschied.

»Ich nehme an, Bruder Bardan hat deine Wunden behandelt, seit du dich hier versteckt hältst? Du hast niemandem getraut?«

»Es ist schwer, jemandem zu vertrauen, besonders wenn du von einem betrogen worden bist, den du dein ganzes Leben lang gekannt hast, von deinem eigenen Fleisch und Blut, mit dem du aufgewachsen bist. Wenn dich deine Verwandten betrügen, wem kannst du dann noch trauen?«

Fidelma winkte Eadulf, er möge sich setzen. Er tat es widerwillig, ohne die Augen von dem fülligen Mönch zu lassen.

»Du sprichst von deinem Zwillingsbruder, nicht wahr?« fragte Fidelma.

»Natürlich.«

»Zwillingsbruder?« wiederholte Eadulf begriffsstutzig.

Bruder Mochta nickte traurig. »Mein Zwillingsbruder! Du brauchst nicht drum herumzureden, Schwester. Bruder Bardan hat mir berichtet, wie er in Cashel getötet wurde. Ja, es war mein Zwillingsbruder Ba-oill.«

»Der Verdacht war mir schon vor einer Weile gekommen«, sagte Fidelma. »Ein Mensch kann nicht an zwei Orten zugleich sein oder zwei verschiedene Tonsuren tragen. Die Lösung des Rätsels konnte nur darin bestehen, daß es sich um zwei Personen handelt. Wie können sie dann so gleich aussehen? Nur wenn sie eng verwandt sind, Geschwister oder gar Zwillinge.«

Bruder Mochta nickte traurig. »Ja, wir sahen uns täuschend ähnlich«, bestätigte er. »Wie habt ihr mich hier gefunden? Hat euch Bardan gesagt, wo ich bin? Wir sprachen gestern darüber, nach dem Überfall. Er begann zu glauben, daß wir euch trauen könnten. Doch dann sah er dich im Gespräch mit Solam, dem Anwalt von den Ui Fidgente. Auch Solam möchte gern wissen, wo ich mich aufhalte.«

»Hat Bardan deshalb die Überreste einer unbekannten Leiche als von dir stammend identifiziert?« fragte Fidelma.

»Ich fand den Einfall nicht gut, aber Bardan meinte, es wäre das einzige Mittel, Solam davon abzubringen, weiter nach mir zu suchen. Er wollte Zeit gewinnen, damit wir uns absprechen könnten, was zu tun sei.«

»Du erzählst uns wohl am besten, wie du in diese Lage geraten bist«, forderte ihn Fidelma auf.

Bruder Mochta sah sie nachdenklich an. »Kann ich dir vertrauen?«

»Die Frage kann ich dir nicht beantworten«, erwiderte Fidelma. »Ich kann dir nur sagen, daß ich Colgüs Schwester bin und meine Treue Muman gehört. Ich bin dalaigh und habe geschworen, das Recht zu wahren und über alles andere zu stellen. Wenn das nicht ausreicht, mir zu vertrauen, kann ich nichts weiter hinzufügen.«

Bruder Mochta schwieg und schien mit einer Entscheidung zu ringen.

»Wieviel weißt du von der Geschichte?« fragte er schließlich.

Fidelma zuckte die Achseln. »Sehr wenig. Ich weiß, daß du dein Verschwinden vorgetäuscht und die meisten der heiligen Reliquien mitgenommen hast. Ich nehme an, dein Bruder hat eine davon stehlen können, nämlich Ailbes Kruzifix, und bei dem Kampf wurdest du verletzt. Du trautest niemandem und verstecktest dich hier, und Bruder Bardan versorgte dich mit Nahrung und Heilmitteln. Wo ist er jetzt eigentlich?«

Bruder Mochta war ratlos.

»Bruder Bardan? Ich habe ihn seit gestern abend nicht gesehen. Hat er euch denn nicht hergeschickt?«

Fidelma beugte sich vor. Ihre Stimme gewann an Schärfe.

»Heißt das, er ist den ganzen Vormittag nicht hier gewesen?«

Der Mönch schüttelte verwundert den Kopf. »Ich warte auf ihn, denn gestern abend haben wir besprochen, daß wir Schutz suchen sollten, besonders nach dem Überfall.«

»Schutz bei wem?«

»Bardan wollte zum Fürsten von Cnoc Äine gehen und ihm die Geschichte erzählen. Wir wußten, daß Finguine der Abtei freundlich gesonnen und ein treu ergebener Vetter des Königs ist. Wir wollten ihm die Sache vorstellen, und Finguine sollte dann entscheiden, ob wir dich in Kenntnis setzen. Als ihr jetzt kamt, dachte ich, Finguine oder Bardan hätten euch geschickt ...« Beunruhigt brach er ab. »Wie habt ihr mich denn gefunden?« forschte er.

»Mit Glück«, brummte Eadulf, noch immer verwirrt von der ganzen Angelegenheit.

»Warum habt ihr mir nicht vertraut und mir nicht gesagt, daß du in Sicherheit bist, sobald ich in die Ab-tei kam?« grollte Fidelma. Sie ärgerte sich über den Zeitverlust durch diese Geheimniskrämerei.

Bruder Mochta lächelte dünn und schmerzlich. Er verlagerte das linke Bein, um die Wunde zu schonen.

»Wir wußten nicht, ob wir dir trauen konnten, Schwester. Wir wußten nicht, wer unsere Freunde und wer unsere Feinde sind.«

»Ich bin die Schwester des Königs von Cashel«, wiederholte Fidelma.

»Aber eine Schwester, die lange außer Landes war und ...« Bruder Mochta blickte auf Eadulf. »Du kamst in Begleitung eines Mönchs der römischen Kirche.«

Eadulf errötete vor Zorn. »Macht einen das verdächtig in diesem Land?«

»Es ist eine Tatsache, daß die Befürworter der römischen Ordnung denen, die wie wir den Regeln unserer Väter folgen, nicht immer wohlgesonnen sind.«

»Habt ihr, du oder Bardan, wirklich geglaubt, ich könnte meinen Bruder und dieses Land verraten?« unterbrach Fidelma.

»Blut verbindet nicht zu gemeinsamen Zielen«, erwiderte Mochta ruhig. »Das habe ich zu meinem Schaden erfahren.«

»Vielleicht hast du recht. Aber warum habt ihr euch nicht Abt Segdae anvertraut, der doch euer natürlicher Beistand in einer Notlage gewesen wäre.«

»Der Pater Abt ist ein ehrenhafter Mann. Er hätte meinen Plan, die heiligen Reliquien zu verbergen, nicht gutgeheißen. Er hätte sie in der Kapelle behalten im Glauben, dort wären sie sicher. Aber was dann? Das hätte geradezu zu einem Angriff auf die Abtei eingeladen. Was meint ihr, warum die Räuber nicht die Abtei selbst überfallen haben? Weil sie wußten, daß die heiligen Reliquien nicht mehr da waren.«

»Du weißt, wer die Angreifer waren?« forschte Fi-delma.

»Ich habe eine starke Vermutung.«

»Na gut. Erzähl uns deine Geschichte von Anfang an«, forderte ihn Fidelma auf. »Dein Bruder Baoill war beteiligt an einer Verschwörung, das Königshaus von Cashel zu stürzen. Wie kam es dazu?«

Bruder Mochta legte sich zurück und sammelte seine Gedanken.

»Am besten fange ich ganz von vorn an. Ich wurde im Gebiet des Clans Brasil geboren .«

»Das wissen wir bereits«, unterbrach ihn Eadulf. Fidelmas Blick hieß ihn schweigen.

»Sprich weiter, Mochta«, sagte sie.

»Ich stamme also aus dem Norden. Mein Bruder und ich waren Zwillinge, wie ihr wißt. Wir waren uns so ähnlich, daß uns niemand auseinanderhalten konnte, zuweilen nicht mal unsere Mutter. Wir wuchsen wild und ungezügelt auf. Als wir uns dem Alter der Wahl näherten, bezahlte unser Vater einen wandernden Tätowierer dafür, daß er uns ungleiche Male auf die Unterarme zeichnete, damit wir zu unterscheiden seien. Wir bestachen den Tätowierer, und er brachte bei jedem von uns genau denselben Raubvogel auf dem Unterarm an .«

»Einen Bussard«, lächelte Fidelma. »Wie kamt ihr gerade auf diesen Vogel?«

»Er lebt nur an unserer wilden Nordostküste, und dem Tätowierer, der auch von dort stammte, war er wohlvertraut. Einen anderen Grund gab es nicht.«

»Ich verstehe. Sprich weiter.«

»Unser Vater war wütend auf uns, als er den Streich entdeckte. Unser jugendlicher Übermut und unsere Aufsässigkeit störten ihn schon seit einiger Zeit. Als wir das Alter der Wahl erreichten, sagte er uns, daß wir mit unserem Leben anfangen könnten, was wir wollten, vorausgesetzt, wir gingen beide aus dem Hause fort und fielen ihm nicht mehr zur Last.«

»Also gingt ihr ins Kloster«, ergänzte Eadulf, als der Mönch nachdenklich schwieg. »Ein merkwürdiges Leben für so mutwillige junge Männer. Gab es keine Berufe, für die ihr besser geeignet wart?«

»Unser Mutwille wurde spürbar gedämpft, als sich die Tür des Vaterhauses hinter uns schloß, mein angelsächsischer Bruder. Irgendwie kamen wir beide zu dem Entschluß, in die Abtei Armagh einzutreten, die auf dem Land unseres Clans steht, wo der heilige Patrick .«

»Wir kennen die Geschichte von Armagh«, versicherte ihm Fidelma kurz.

»Nun, dort wurden wir beide zum scriptor ausgebildet. Dann trennten sich unsere Wege. Mein Bruder entschied sich, der römischen Ordnung zu folgen, die in Armagh bevorzugt wird. Ich fand unsere traditionellen Regeln besser, lehnte mich gegen Armagh auf und ließ mir die Tonsur des heiligen Johannes schnei-den. Meine Schreibkunst genoß einen guten Ruf, und so verabschiedete ich mich von meinem Bruder und ging eine Weile auf Wanderschaft. Ich diente in mehreren Abteien und sogar an Fürstenhöfen, wo Schreiber gebraucht wurden. Auf diese Weise kam ich schließlich in dieses Land und trat der Gemeinschaft von Imleach bei. Das war vor zehn Jahren.«

»Bist du in dieser Zeit mit deinem Bruder in Verbindung geblieben?«

Mochta schüttelte den Kopf. »Nur ein oder zweimal habe ich von ihm gehört. Durch ihn erfuhr ich, daß unsere Eltern gestorben waren. Wir hatten einen älteren Bruder, der den Bauernhof übernahm, aber wir waren uns alle fremd geworden.«

»Und du hast deinen Bruder in jüngster Zeit wiedergesehen?«

»Ja. Baoill hing Rom nun anscheinend noch fanatischer an, was auch verständlich ist, denn Ultan, der Comarb von Patrick, sein Abt und Bischof von Armagh, strebt die Ausdehnung dieser Ordnung auf alle fünf Königreiche an.«

»Ich kenne Ultans Ehrgeiz, alle Kirchen der fünf Königreiche nach der Art Roms zu vereinigen, mit einem zentralen Oberhirten an der Spitze«, bestätigte Fidelma. »Aber das geht hier nicht, es widerspricht unserer Tradition. Ich vermute, du warst anderer Meinung als dein Bruder?«

»Du sagst es, Schwester. Ich glaube an die Traditionen unseres Volkes und nicht an diese neuen Ideen aus fremden Ländern.«

»Wie kam es, daß du deinem Bruder wieder begegnet bist?«

»Wie du vielleicht weißt, war ich vom scriptor zum Bewahrer der heiligen Reliquien Ailbes aufgestiegen. Ich brauche dir wohl nicht zu erklären, was diese Reliquien für dieses Königreich bedeuten?«

»Nein, das brauchst du wahrlich nicht«, meinte Fi-delma.

»Nun, vor ein oder zwei Wochen kam ein Mann in die Abtei und fragte nach mir. Er sah aus wie ein Berufskrieger. Groß, mit langem blondem Haar und ...«

»Mit einem Bogen bewaffnet?« fiel Eadulf ein. »Ein Bogenschütze?«

Mochta nickte. »Ja. Er sah aus wie ein berufsmäßiger Bogenschütze. Er sagte, er brächte mir eine Botschaft von meinem Bruder Baoill, der sich mit mir treffen wolle. Er betonte, daß aus verschiedenen Gründen, die er nicht näher erläuterte, Baoill sich mit mir allein und insgeheim treffen wolle. Der Bogenschütze wohnte in Creds Herberge. Also ging ich hin. Zum Glück sah mich niemand dort, denn dem Pater Abt war dieser Ort zuwider. Sein Zorn wäre groß gewesen, wenn er erfahren hätte, daß ich dort jemanden besuchte. Cred, die Herbergswirtin, sagte mir, der Bogenschütze erwarte mich in einem Zimmer im oberen Stockwerk. Dort fand ich auch meinen Bruder Baoill. Nachdem wir uns begrüßt hatten, wie es zwei Brüder tun, die sich lange nicht gesehen haben, redeten wir über Politik - hauptsächlich über Kirchenpolitik. Dabei wurden mir seine Ansichten deutlich. So bald er meine kannte, mied er plötzlich dieses Thema. Er war ein schlauer Bursche, mein Bruder. Er lenkte das Gespräch in eine andere Richtung, indem er sagte, er habe gehört, daß ich einer der Schreiber sei, die an den >Annalen von Imleach< arbeiteten. Das bejahte ich. Er fragte mich, für welches Jahr ich die Gründung von Armagh ansetzte. Ich erklärte, daß ich sie in das Jahr unseres Herrn vierhundertvierundvierzig datierte. Weiter fragte er, für wann ich das Hinscheiden des heiligen Patrick verzeichnet habe. Ich nannte das Jahr unseres Herrn vierhundertundzweiundfünfzig. Diese Daten waren nicht strittig.

Erst als er sich nach den Lebensdaten des heiligen Ailbe und der Gründung von Imleach erkundigte, merkte ich, worauf er hinauswollte. Er erklärte mir, die Schreiber im Norden gingen davon aus, Ailbe hätte Imleach erst hundert Jahre nach dem Tod des heiligen Patrick gegründet.«

»Ich habe die Notizen gesehen, die du dir zu diesem Thema für die >Annalen< gemacht hast«, sagte Fi-delma und holte das Pergament aus ihrem Tragebeutel. Mochta warf einen Blick darauf und nickte.

»Ich bleibe bei dem, was ich geschrieben habe. Als ich Baoill darauf hinwies, es sei absurd, Ailbes Lebensdaten soviel später anzusetzen, denn er habe schon vor Patrick in Muman den Glauben verkündigt und mit Patrick zusammen den König von Muman -deinen Ahnherrn Oenghus Nad Froich - in Cashel getauft, begann sich Baoill wieder mit mir zu streiten.«

»Aber was hat dieses ganze Hickhack um Daten zu bedeuten?« fragte Eadulf, der dem Gespräch zu folgen versuchte, doch immer mehr durcheinandergeriet.

»Mein Bruder wollte mich überreden, Ailbe als nach Patrick kommend einzuordnen und niederzulegen, daß Ailbe und seine Anhänger Imleach erst gründeten, nachdem Armagh schon bestand. Er wollte sogar, ich solle behaupten, daß Ailbe nicht als Schutzpatron von Muman zu betrachten sei und Cashel die Bezeichnung >Felsen Patricks< zu tragen habe. Ich sollte in meiner Chronik den Anspruch von Armagh unterstützen, es habe nach historischem Recht den Vorrang im Glauben in allen fünf Königreichen.«

Fidelma schaute düster drein. »Ich kenne den Ehrgeiz Ultans von Armagh. Er ist nicht der erste Co-marb von Patrick, der für Armagh die führende Stellung in allen fünf Königreichen beansprucht und alle Kirchen der Ordnung Roms unterwerfen möchte. Dazu muß er zuerst dafür sorgen, daß Imleachs Anspruch auf die führende Stellung in Muman in Zweifel gezogen wird. Aber darum geht es doch wohl nicht bei all diesen Ereignissen?«

»Das weiß ich selber kaum, Schwester«, gestand Bruder Mochta. »Ich weiß nur, daß mein Bruder das Thema noch einmal wechselte und auf die heiligen Reliquien Ailbes zu sprechen kam. Wie schlau er das anstellte! Er machte sich meine Eitelkeit zunutze. Ich hatte ihm erzählt, daß einige der Reliquien Daten trugen, aus denen hervorging, wann Ailbe Bischof wurde. Er meinte, das würde er mir erst glauben, wenn er die Reliquien gesehen hätte. Ich sagte ihm, er solle in die Abtei kommen, doch er weigerte sich mit der Begründung, es sei nicht schicklich, wenn mein Zwillingsbruder mit römischer Tonsur in Imleach gesehen würde. Es war ein dummer Vorwand, aber ich dachte mir nichts dabei. Also schlug ich vor, er solle sich am nächsten Abend heimlich an der Tür einstellen, die in Bardans Kräutergarten führt, und dort würde ich ihm die Reliquien zeigen. Er erklärte sich einverstanden und versicherte, das würde den Streit zwischen Armagh und Imleach entscheiden.«

»Es war naiv von dir, ihm das zu glauben«, meinte Fidelma nachdenklich.

»Er war mein Bruder. Selbst da durchschaute ich seine Verschlagenheit noch nicht.«

»Was geschah dann?«

»Am nächsten Abend ging ich zur verabredeten Zeit in die Kapelle und holte unbemerkt das Reliquiar. Ich wollte es zum Treffpunkt mitnehmen, überlegte es mir aber anders. Vielleicht war mir doch ein Verdacht gekommen, denn ich nahm nur Ailbes Kruzifix zum Beweis mit, weil auf seiner Rückseite das Datum, wann Ailbe Bischof wurde, eingeritzt ist. Damit ging ich zur Tür des Kräutergartens. Draußen stand mein Bruder mit dem Bogenschützen ... Gott vergebe Ba-oill! Er riß mir das Kruzifix aus der Hand und wollte wissen, wo die übrigen Reliquien wären. Als er begriff, daß ich sie nicht mitgebracht hatte, geriet er völlig außer sich. Er schlug mich so, daß ich gegen den Pfosten fiel und mir eine blutende Wunde zuzog.«

»Das erklärt das getrocknete Blut an dem Türpfosten«, stellte Eadulf fest.

»Da wurde mir klar, daß mein Bruder von Anfang an die Absicht gehabt hatte, die Reliquien zu stehlen.«

»Meinst du, daß es sein eigener Plan war oder daß ihn jemand damit beauftragt hatte?« fragte Fidelma. »Ultan von Armagh zum Beispiel? Offensichtlich sollten sowohl Ailbe als auch Imleach in Verruf gebracht werden.«

»Ich weiß nur, daß mein Leben in Gefahr war. Ich glaube, mein Bruder hätte mich getötet. Dann kam Bruder Bardan dazu. Er wollte Kräuter sammeln gehen. Er sah, daß ich angegriffen wurde, und mit seinem Stab wehrte er meinen Bruder und seinen Gefährten ab. Ailbes Kruzifix hatten sie. Als Bardan die Tür verriegelte, drohte mein Bruder, daß andere kommen und das holen würden, was ich nicht herausgeben wollte.«

»Das deutet darauf hin, daß dein Bruder Baoill und sein Freund, der Bogenschütze, nicht aus eigenem Antrieb handelten.«

Bruder Mochta nickte.

»Das ist richtig. Ich war zu erschüttert, um das zu dem Zeitpunkt zu begreifen. Bardan brachte mich zurück in meine Zelle, und ich erzählte ihm die Geschichte so, wie ich sie verstand. Er drängte mich, Abt Segdae sofort mitzuteilen, daß Ailbes Kruzifix gestohlen worden sei. Dazu konnte ich mich nicht durchringen, denn ich wollte Baoill Zeit lassen, über sein Verbrechen nachzudenken und das Kruzifix zurückzubringen. Ich wollte immer noch nicht glauben, daß mein Bruder so ein verruchter Mensch geworden sei.«

»Offensichtlich brachte er es aber nicht zurück«, warf Eadulf ein.

»Ein paar Tage vergingen. Er ließ sich nicht blicken. Ich beschloß, nach ihm zu suchen.«

»War das nicht gefährlich?«

»Ich bat Bruder Bardan, mich zu begleiten. Wir gingen zu Creds Herberge. Dort trafen wir einen der Kutscher des Kaufmanns aus Cashel, der mich merkwürdig musterte.«

»Weil er dich einige Tage zuvor hatte in die Herberge kommen sehen«, brummte Eadulf.

»Ich hatte ihn nicht gesehen.«

»Er hatte dich aber gesehen.«

»Nun, Cred kam heraus, und ich erklärte ihr, daß ich den Bogenschützen und seinen Gefährten suchte. Sie sagte, sie wüßte nichts von einem Gefährten .«

»Damit hatte sie recht«, warf Fidelma ein. »Dein Zwillingsbruder konnte sich wegen seiner Ähnlichkeit mit dir nicht im Ort blicken lassen, denn er wäre aufgefallen. Er blieb außerhalb.«

»Cred meinte, der Bogenschütze sei auf der Jagd in den Bergen«, fuhr Bruder Mochta fort. »Bardan und ich wanderten ziellos in den Bergen umher, in der Hoffnung, den Bogenschützen zu treffen. Dann machten wir uns auf den Rückweg zur Abtei. Bardan ließ die Seitentür meist offen, und wir gingen auf den Kräutergarten zu. Wir waren bei den Eibenbäumen hinter dem Heidefeld, nicht weit von der Tür, als mein Bruder plötzlich auftauchte. Anscheinend hatte er auf uns gewartet.

Ich verlangte das Kruzifix zurück, das er gestohlen hatte, und er wollte von mir das Reliquiar samt seinem ganzen Inhalt haben. Er drohte mir. Ich weigerte mich, und da lachte er und sagte, er wolle es mir nur leicht machen. An den nächsten Besuchern in Imleach würden wir keine Freude haben.«

»Was dann?«

»Ich erklärte ihn für verrückt. Er erwiderte, er habe die Unterstützung eines mächtigen Fürsten und Mu-man sei verrückt, wenn es sich nicht in das Unvermeidliche schicke. Es werde ein Primat für alle fünf Königreiche geben und ebenso einen weltlichen Machthaber über alles.«

Fidelmas Miene erhellte sich. »Waren das genau seine Worte?«

»Ja. Das waren genau seine Worte.«

»Ich glaube, ich kann die Hand von Mael Düin, dem König von Ailech, in dieser Verschwörung erkennen. Was die Comarbs von Patrick für Armagh erstreben, das wollen die Ui-Neill-Könige für ihre Dynastie erreichen. Sie wollen das Großkönigtum von Eireann in eine starke Zentralherrschaft wie die der römischen Kaiser umwandeln. Das Geheimnis klärt sich allmählich auf. Sprich weiter, Mochta. Was geschah dann?«

»Bardan und ich, wir wandten uns angewidert ab und ließen Baoill weiter toben. Wir gingen über das Feld auf die Tür zu ...«

»Wir kennen die Stelle«, warf Eadulf ein.

»Mitten auf dem Feld hörten wir ein Pfeifen in der Luft, und im nächsten Moment durchfuhr ein Schmerz meine Schulter.« Er hob die Hand und berührte seine Wunde. »Ich fiel vornüber. Bardan sagte später, er habe den Bogenschützen, den Gefährten meines Bruders, am Rande der Eibenbäume stehen sehen, wie er gerade einen neuen Pfeil auf die Bogensehne legte. Bardan packte mich und schob und zog mich auf die Tür zu. Wir hatten sie gerade erreicht, als der zweite Pfeil mich am Bein traf.«

»Hat niemand in der Abtei das beobachtet?«

Mochta schüttelte den Kopf. »Ihr kennt die Gegend. Sie ist von keinem Fenster aus einzusehen, und meistens ist dort keiner. Bardan half mir herein, verriegelte die Tür und brachte mich in meine Zelle. Als Apotheker konnte er die Pfeile herausziehen, die Gott sei Dank nicht tief eingedrungen waren, und die Wunden verbinden.

Dann besprachen wir, was wir am besten tun sollten. Es war uns klargeworden, daß mein Bruder und sein Freund Mitglieder einer Verschwörung waren, die das Ziel hatte, Muman und Imleach in Verruf zu bringen. Doch warum? Den Zweck kenne ich nicht. Was mich unmittelbar bewegte, war die Drohung, die Abtei anzugreifen und die Reliquien zu rauben. Ich fürchtete, bei einem solchen Überfall würden viele Brüder getötet werden.

Wir redeten lange darüber, und dann entschieden wir, daß ich mit den verbliebenen Reliquien ver-schwinden sollte. Bardan würde dafür sorgen, daß am nächsten Tag die Nachricht, die Reliquien und ich seien fort, überall verbreitet würde. Dadurch hofften wir, jeden Überfall auf die Abtei abzuwenden und die Gemeinschaft zu retten.

Niemand hatte mich gesehen, als ich verwundet in die Abtei zurückkam. Nachdem meine Wunden verbunden waren, ging ich zum Abendgebet, obwohl ich starke Schmerzen hatte. Anschließend schleppte ich mich in meine Zelle zurück.

Bardan holte das Reliquiar aus der Kapelle und brachte es mir. Wir richteten meine Zelle so her, daß es aussah, als wäre ich gegen meinen Willen fortgeschleppt worden. Wir nahmen nur wenige Dinge mit. Einen der Pfeile, die mich getroffen hatten, legte ich sichtbar hin, in der Hoffnung, er werde meinen Angreifer verraten.«

»Den haben wir gefunden«, bemerkte Eadulf.

»Dann führte mich Bardan hierher. Er stammt von hier, und daher kennt er diese Höhle. Sie wird nur selten benutzt. Er meinte, hier könnte ich mich verbergen, bis Baoill und seine Freunde offen aufträten. Einen Tag später kamt ihr in die Abtei mit der Nachricht, daß mein Bruder und sein Gefährte bei dem Versuch, Colgü und den Fürsten der Ui Fidgente zu ermorden, getötet wurden. Bardan sagte, die Lage sei nicht so einfach, wie es scheine, denn die Hintermänner der Verschwörung seien noch nicht bekannt. Das bedeutete, daß wir uns unsere nächsten Schritte gut überlegen und genau abwägen mußten, wem wir trauen könnten.«

Fidelma seufzte. »Ich wünschte, ihr hättet mir eher vertraut.«

»Es hätte nichts an dem Angriff auf die Abtei geändert«, wandte Bruder Mochta ein.

»Wer, meinst du, waren die Angreifer? Krieger des Königs von Ailech, die Armaghs Plan, hier die Herrschaft zu erringen, befördern sollen?« fragte Eadulf.

»Nein, ich glaube, es waren Ui Fidgente«, erwiderte Bruder Mochta. »Anfang des Jahres gab es Gerüchte, daß die Ui Fidgente sich um ein Bündnis mit den Ui-Neill-Königen im Norden gegen Cashel bemühten. Sie haben Colgü ihre Niederlage bei Cnoc Äine und den Tod ihres Königs nicht verziehen. Sie wollten sich mit den Ui Neill und mit Armagh verbünden, um Cashel geschwächt und besiegt zu sehen. Wie kann man ein Königreich besser niederwerfen, als wenn man es teilt?«

»Da magst du recht haben, Mochta«, pflichtete ihm Fidelma bei. Sie hielt inne und überlegte. »Du bist mit Bardan eng befreundet, nicht wahr?«

»Ja, natürlich.«

»Als ein guter Schreiber hast du Bardan geholfen, ein Buch über die Heilkräfte von Kräutern zu verfassen?«

Bruder Mochta war überrascht. »Woher weißt du das?« fragte er.

»Das spielt keine Rolle. Findest du es nicht merkwürdig, daß Bardan hier noch nicht erschienen ist, obwohl es ...« sie blickte zum Himmel »fast Mittag sein muß?«

Bruder Mochta runzelte die Stirn. »Das macht mir Sorgen«, gestand er. »Er wollte heute vormittag zu Finguine gehen und ihm unsere Geschichte berichten. Mehr weiß ich nicht.«

Fidelma stand auf und trat zum Eingang der Höhle. Sie kletterte über ein paar Steine und schaute den Berghang hinunter. Am Fuße des Berges erstreckte sich bis zum Fluß Ara Wald. Entschlossen wandte sie sich um.

»Mochta, du bist ein wichtiger Zeuge für Cashel. Wir müssen dich sofort dorthin bringen, damit die Krieger meines Bruders dich schützen können. Dich und das Reliquiar.«

»Und was wird aus Bardan?« protestierte Mochta.

»Um ihn kümmern wir uns später. Kannst du schon wieder reiten?«

»Aber nicht den ganzen Weg nach Cashel«, wandte er ein.

»Dann teilen wir den Weg in mehrere kurze Etappen«, versicherte sie ihm. »Versuche, zusammen mit Bruder Eadulf die Höhle zu verlassen und den Berg hinunterzusteigen bis zu dem Wald dort hinten. Laßt euch von niemandem sehen, bis ich mit den Pferden komme«, sagte sie zu Eadulf.

Der war ganz durcheinander. »Wo willst du denn Pferde herkriegen?«

»Ich hole unsere Pferde aus der Abtei.« Sie wies auf die Lampe neben Mochtas Strohsack. »Wenn du mir die Lampe überläßt, gehe ich durch die Geheimgänge zurück und komme so schnell wie möglich auf dem Weg um den Berg herum wieder. Bring nichts weiter mit als das Reliquiar, Mochta. Du kannst Bruder Ea-dulf dein Leben anvertrauen. Darauf läuft es sowieso hinaus. Sei dir über eines im klaren, Mochta, in jeder Minute, die du hier in dieser Höhle bleibst, bist du in tödlicher Gefahr.«

Kapitel 19

Fidelma ging durch die Seitentür in den Kräutergarten. Offensichtlich war Bruder Bardan nicht auf diesem Wege zurückgekehrt, denn der Riegel war auch jetzt nicht vorgeschoben. Sie begab sich sofort zu Abt Segdaes Zimmer und klopfte vorsichtig an. Der Abt saß in seinem hochlehnigen, geschnitzten Holzsessel vor dem Feuer, das Kinn in die Hände gestützt, und starrte gedankenverloren in die Flammen. Als sie eintrat, blickte er auf. »Was gibt’s Neues, Fidelma?« fragte er voller Hoffnung.

Fidelma mochte Segdae, den sie ihr Leben lang kannte und der ihr mehr ein Onkel war als nur ein geistlicher Beistand, nicht belügen.

»Nicht viel«, antwortete sie vorsichtig.

Sein Gesicht zog sich in die Länge.

»Immerhin«, fuhr sie fort, »glaube ich, daß ich die Antworten bereit habe, wenn die Brehons in ein paar Tagen in Cashel zusammentreten.«

Segdaes Miene hellte sich auf. »Du meinst, du weißt, wo die heiligen Reliquien Ailbes geblieben sind?«

»Dafür kann ich mich verbürgen«, erwiderte sie. »Aber noch darf es niemand erfahren. Sag keinem etwas davon, nicht einmal Bruder Madagan.«

Der Abt zögerte, ihr dieses Versprechen zu geben.

»Es geht um die Moral der ganzen Abtei, Fidelma. Kann ich der Gemeinschaft nicht wenigstens ein wenig Hoffnung machen?«

Fidelma schüttelte den Kopf. »Es sind so viele dunkle Mächte am Werk, die dieses Königreich zerstören wollen. Ich brauche dein feierliches Wort, daß du schweigst, Segdae.«

»Dann sollst du es natürlich haben.«

»Bruder Eadulf und ich kehren unverzüglich nach Cashel zurück, denn hier gibt es für uns nichts mehr zu tun. Ich würde es jedoch begrüßen, wenn du deine Reise nach Cashel erst morgen antrittst.«

Der Abt blickte sie überrascht an. »Warum muß ich dorthin?«

»Hast du das Protokoll vergessen, Segdae? Du bist der Comarb von Ailbe, der höchste Abt-Bischof von Muman. Wenn das Gericht in Cashel über eine so ernste Angelegenheit verhandelt, mußt du als der erste Bischof des Königs an seiner Seite sitzen.«

Segdae seufzte leise. »Ich hatte die Verhandlung ganz vergessen. Der Verlust der Reliquien und der Angriff auf Imleach hatten sie aus meinen Gedanken verdrängt. Dann ist da noch die Sache mit Bruder Bardan.«

»Was ist mit Bruder Bardan?« fragte sie harmlos.

»Er ist den ganzen Vormittag nicht gesehen worden. Erinnerst du dich, du hast mich gefragt, wo er sich aufhält? Er scheint verschwunden zu sein - genau wie Bruder Mochta.«

Fidelma preßte die Lippen zusammen. »Ich glaube nicht, daß beide unter den gleichen Umständen verschwunden sind. Auch das wird sich in Cashel sicher aufklären.«

»Sollte ich deinen Vetter Finguine verständigen? Seine Leute sind noch in der Stadt und helfen, die Schäden des Überfalls zu beseitigen.«

»Du kannst es Finguine sagen. Wenn ich ihn nicht sehe, bevor ich abreise, dann treffe ich ihn in Cashel bei der Verhandlung. Es ist traurig, daß hier soviel zerstört wurde.«

»Nun, es gibt auch kleine Lichtblicke. Bruder Ma-dagan hat eine große Menge von Silbermünzen gespendet, die helfen sollen, den Schaden wiedergutzumachen.« Er wies auf einen kleinen Beutel auf dem Tisch.

»Darf ich?« Fidelma nahm den Beutel und schüttete sich ein paar Münzen auf die Handfläche. Verwundert schaute sie sie an. »Wie kommt Madagan zu solchem Reichtum?« fragte sie.

»Ich glaube, er sagte etwas von einem Verwandten aus dem Norden.« Segdae nahm das offenbar nicht so wichtig. »Bist du wirklich sicher, daß du eine Lösung für alle die Rätsel hast?« drang er in sie.

Fidelma tat die Münzen wieder in den Beutel und legte ihn auf den Tisch.

»Du kennst mich doch, Segdae, und weißt, daß ich mir immer erst im nachhinein sicher bin. Denke an den ersten Korintherbrief, Kapitel zehn, Vers zwölf.«

Fidelma wußte, daß Segdae absolut bibelfest war.

»Darum, wer sich läßt dünken, er stehe, mag wohl zusehen, daß er nicht falle«, zitierte er aus dem Gedächtnis.

»Deshalb will ich mich nicht festlegen, aber ich kann sagen, daß aller Wahrscheinlichkeit nach sich die Probleme lösen werden.«

»Du hast dir deinen Ruf nicht umsonst erworben«, meinte Segdae. »Wann wollt ihr, du und unser angelsächsischer Bruder, aufbrechen?«

»Ich mache mich sofort auf den Weg. Sei ohne Sorge, Segdae, alles wird gut werden - am Ende.«

»Ich werde also zum Tag der Verhandlung nach Cashel kommen.«

»Bring Bruder Madagan mit. Seine Aussage werde ich vielleicht brauchen.«

»Brauchst du auch Bruder Bardan, falls er zu finden ist?«

»Falls er zu finden ist«, wiederholte Fidelma.

Segdae erhob sich und reichte ihr die Hand. »Wo ist unser angelsächsischer Bruder?«

»Ich treffe ihn unterwegs«, erwiderte Fidelma hastig. »Leb wohl, Segdae. Wir sehen uns in Cashel wieder.«

Sie ging in das Gästehaus und verstaute ihre wenigen Habseligkeiten in ihren Satteltaschen. Eadulf war nach dem Aufbruch der Pilger in ein Zimmer neben ihr umgezogen. Rasch hatte sie auch seine Satteltaschen gepackt. Auch seinen Pilgerstab nahm sie mit, der ihm so lieb geworden war. Sie war froh, daß Schwester Scothnat nicht in der Nähe war, denn sie wollte ihr nicht erklären müssen, was sie vorhatte.

Sie ergriff die Taschen und machte sich auf den Weg zu den Ställen.

Bruder Tomar war wie immer bei der Arbeit, er fütterte die Pferde.

»Verlaßt ihr uns?« fragte er sofort mit einem Blick auf die Satteltaschen.

»Für eine Weile«, erklärte Fidelma leichthin. »Würdest du mir wohl helfen, unsere Pferde zu satteln, meins und das unseres angelsächsischen Bruders.«

Bruder Tomar ließ den Futtersack stehen und sah sie mit schiefgelegtem Kopf an.

»Das Pferd des Angelsachsen auch?« erkundigte er sich.

»Ja. Wenn du Bruder Eadulfs Pferd dort satteln würdest, mache ich inzwischen meins fertig.«

»Ihr reist also beide ab?«

»Ja«, antwortete sie geduldig.

»Ist das Rätsel des Verschwindens von Bruder Mochta denn gelöst?«

»Wir werden mehr wissen, wenn in ein paar Tagen die Brehons in Cashel zusammentreten«, erwiderte sie und warf ihrem Pferd die Zügel über den Kopf. Sie zog die Riemen fest und legte dem geduldigen Tier den Sattel auf.

Widerwillig begann Tomar auch Eadulfs Pferd aufzuzäumen.

»Wie ich hörte, ist der Anwalt der Ui Fidgente schon auf dem Wege nach Cashel.«

Deshalb also hatte sie Solam am Vormittag nicht mehr gesehen. Fidelma verbarg ihre Überraschung.

»Tatsächlich? Ich dachte, er wollte hier in Imleach noch einiges herausfinden, ehe er nach Cashel weiterreiste.«

Bruder Tomar kicherte höhnisch.

»Das wäre ihm wohl schwergefallen bei all dem Groll hier gegen die Ui Fidgente. Nein, er mußte sich Schutz vom Fürsten von Cnoc Äine erbitten, damit er überhaupt weiter konnte. Ich sah ihn erst vor einer Stunde in Begleitung Finguines von hier wegreiten.«

»Heißt das, Finguine persönlich gibt Solam das Geleit auf dem Wege nach Cashel?«

Bruder Tomar kicherte wieder. »Allein würde er wohl kaum bis zum Brunnen von Ara kommen. Ich glaube, Finguine fürchtet, Solam könnte in einen Hinterhalt geraten.«

»Wie kommst du darauf?« fragte Fidelma den Pferdewärter, nun ganz Ohr.

»Finguine und Solam sagten beim Aufbruch, sie wollten nach Cashel, schlugen aber dann den Weg nach Norden ein. Der Weg nach Cashel geht gerade nach Osten. Ich glaube, Finguine macht mit Solam einen Umweg, um die direkte Straße zum Brunnen von Ara und nach Cashel zu meiden.«

Fidelma überlegte einen Moment, dann fuhr sie fort, ihr Pferd zu satteln.

»Bist du sicher, daß sie nach Cashel wollten?« fragte sie.

Bruder Tomar lächelte nachsichtig. »Solam hat mir selber gesagt, sein Reiseziel sei Cashel.«

Fidelma äußerte sich nicht dazu. Was Solam Bruder Tomar erzählt hatte, mußte nicht stimmen. Unverständlich war für sie, daß Finguine Solam persönlich begleitete und diese Aufgabe nicht einigen seiner Krieger überließ.

Schweigend prüfte Fidelma, ob die Satteltaschen festgeschnallt waren und Eadulfs Stab an seinem Sattel befestigt war. Bruder Tomar führte Eadulfs Pferd aus dem Stall heraus.

»Wo ist denn der Angelsachse?« fragte er und sah sich suchend um.

»Ich treffe mich mit ihm in der Stadt«, log Fidelma rasch und rechtfertigte sich im stillen mit dem Sprichwort minima de malis - wähle das geringere von zwei Übeln. Sie wollte Bruder Tomar auf keinen Fall wissen lassen, was sie vorhatte.

Sie führte ihre Stute aus dem Stall, saß auf und nahm die Zügel von Eadulfs Pferd. Sie verabschiedete sich von Bruder Tomar, der ihr von der Stalltür aus neugierig zusah, und ritt im Schritt über den Hof und durch das Tor. Sie war froh, daß außer Bruder Tomar niemand ihre Abreise beobachtete. Draußen ließ sie die Pferde in Trab fallen und überquerte die Rasenfläche vor der Stadt. Einwohner und einige von Fingui-nes Kriegern waren noch dabei, Trümmer zu beseitigen.

Im Ort ließ sie die Pferde wieder im Schritt gehen. An der Schmiede bog sie in eine Nebengasse ein, um sich Späherblicken zu entziehen. Nion, der bo-aire und Schmied, war mit seinem Gehilfen Suibne beim Aufräumen. Er hob den Kopf und schaute ihr nach, aber sie tat so, als sähe sie ihn nicht. Ihr gefiel die Art nicht, wie er sie anstarrte. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, daß er etwas zu seinem Gehilfen sagte und davoneilte. Rasch ritt sie die Hauptstraße entlang auf die ausgebrannten Reste von Creds Herberge zu und dann durch eine Nebenstraße auf das offene Feld hinaus. Sie wählte ihren Weg sorgfältig.

Erst ritt sie in eine Richtung, die vom Ort und von dem Hill of the Cairn, wo sie sich mit Eadulf und Mochta treffen wollte, wegführte. Wer sie von der Abtei oder dem Ort aus beobachtete, würde wahrscheinlich annehmen, sie behielte diese Richtung bei. Es lag offenes Wiesengelände zwischen dem Ort und dem umgebenden Wald, und erst im Schutze der Bäume wollte sie im Halbkreis zu dem vereinbarten Treffpunkt gelangen.

Sobald sie in den Schutz des Waldes eingetaucht war, ließ sie auf einem schmalen Pfad ihre Stute wieder in Trab fallen, und Eadulfs Pferd lief fügsam hinterdrein. Sie war sich nicht sicher, ob sie gesehen worden war. Erst nach zehn Minuten ging sie wieder in Schritt über und erlaubte sich einen Blick zurück. Zwischen Bäumen und Büschen hindurch konnte sie den Ortsrand noch erkennen. Stadt und Abtei lagen beinahe verlassen da. Nichts regte sich dort. Fidelma entfuhr ein Seufzer der Erleichterung. Der Weg schien frei zu sein.

Sie ritt weiter auf dem Pfad und setzte zu dem Halbkreis an, der sie zum Hill of the Cairn bringen sollte. Im Wald war es kalt und feucht. Sie fragte sich, ob hier wohl die Wölfe ihre Lager hätten, und erschauerte leicht. An die Gefahren jener Nacht wollte sie nicht erinnert werden.

Sie spürte die ständige Bewegung im Wald, das Hin und Her seiner Bewohner, vom verstohlenen Trippeln der kleineren Tiere bis zum Knacken der Zweige, das das Rotwild verriet. Aus den höheren Zweigen vernahm sie das vielstimmige Konzert der Vögel.

Sie ritt so schnell, wie es der Weg erlaubte, kreuzte hin und wieder einen flachen Bachlauf und kam schließlich an einen schmalen Streifen Wiese. Sie wollte schon aus dem Wald hinaus auf die Wiese reiten, als sie einen anderen Ton hörte, der sich von den Waldgeräuschen abhob. Es war der Klang von Hufen, beschlagenen Hufen. Sie kamen rasch näher. Schnell trieb sie die Pferde zurück in den Wald und sah sich nach einer Deckung abseits vom Wege um.

Sie fand ein geeignetes Dickicht ganz in der Nähe, glitt aus dem Sattel und band die Zügel beider Pferde an Ästen fest. Dann schlich sie sich geduckt an den Weg zurück.

Ein halbes Dutzend Reiter erschien am Rande des Waldes und hielt an der Mündung des Weges, auf dem sie gekommen war.

Beim Anblick der beiden vordersten Reiter wollte sie ihren Augen kaum trauen.

Der eine war Solam, der dalaigh der Ui Fidgente, der andere ihr Vetter Finguine, der Fürst von Cnoc Äine. Die vier anderen Männer waren offensichtlich Krieger Finguines.

»Na?« hörte sie Solams hohe, quengelnde Stimme. »Haben wir nun ihre Spur verloren oder nicht?«

Die Stimme ihres Vetters klang ebenfalls angespannt und gereizt. »Mach dir keine Sorgen. Ich kenne mich hier aus. Es gibt nur wenige Stellen, an denen sie sich verstecken können. Wir werden sie schon finden.«

Ein eisiger Schauer durchlief Fidelma.