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Imperium

Robert Harris


ZUM ANDENKEN AN AUDREY HARRIS (1920-2005) UND FÜR SAM

TIRO, M. TULLIUS, Sekretär von cicero.

ER WAR NICHT NUR DER AMANUENSIS DES REDNERS UND SEIN MITARBEITER BEI DESSEN LITERARISCHEN ARBEITEN, SONDERN SELBST EIN NICHT ZU UNTERSCHÄTZENDER AUTOR UND DER ERFINDER DER KURZSCHRIFT, WELCHE ES IHM ERLAUBTE, IN DER ÖFFENTLICHKEIT GEHALTENE REDEN VOLLSTÄNDIG UND KORREKT MITZUSCHREIBEN, UNABHÄNGIG DAVON, WIE SCHNELL DER REDNER SPRACH. NACH CICEROS TOD ZOG SICH TIRO AUF EINEN BAUERNHOF IN DER NÄHE VON PUTEOLI ZURÜCK, WO ER LAUT HIERONYMUS BIS IN SEIN HUNDERTSTES JAHR LEBTE. ASCONIUS PEDIANUS (IN MILON. 38) BEZIEHT SICH AUF DAS VIERTE BUCH TIROS ÜBER CICEROS LEBEN.

Dictionary of Greek and Roman Biography and Mythology, Vol. III, herausgegeben von William L.

Smith, London 1851 [Auszug]

INNUMERABILIATUA SUNT IN ME OFFICIA, DOMESTICA, FORENSIA, URBANA, PROVINCILIA, IN RE PRIVATA, IN PUBLICA, IN STUDIIS, IN LITTERIS NOSTRIS ...

»Deine Dienste an mir sind nicht zu zählen, im Haus und auf dem Forum, in der Stadt und in der Provinz, in privaten und öffentlichen Belangen, bei meinen Studien und literarischen Arbeiten ...«

Cicero in einem Brief an Tiro, 7. November 50 v. Chr.

TEIL EINS.

SENATOR

79 v.Chr.-70 v. Chr.

URBEM, URBEM, MI RUFE, COLE ET IN ISTA LUCE VIVA!

»Rom! Bleib in Rom, mein lieber Rufus, und lebe im Licht der Öffentlichkeit!«

Cicero in einem Brief an M. Caelius Rufus, 26.Juni 50 v. Chr.

KAPITEL I

Mein Name ist Tiro. Ich war sechsunddreißig Jahre lang Privatsekretär des römischen Staatsmannes Cicero - eine anfangs aufregende, dann überraschende, später mühsame und schließlich äußerst gefährliche Aufgabe. Ich glaube, dass Cicero während dieser Jahre mehr Zeit mit mir verbrachte als mit jedem anderen Menschen, seine Familie eingeschlossen. Ich war Zeuge privater Zusammenkünfte und Überbringer geheimer Botschaften. Ich brachte seine Reden zu Papier, schrieb seine Briefe und seine literarischen Arbeiten, sogar seine Gedichte. Um dem Strom seiner Worte Herr zu werden, musste ich eine allgemein als Kurzschrift bekannte Technik ersinnen, mit der noch immer die Beratungen des Senats protokolliert werden und für deren Erfindung mir kürzlich eine bescheidene Pension bewilligt wurde. Dieser Summe, einigen Erbschaften und mir wohlgesinnten Freunden verdanke ich meinen auskömmlichen Ruhestand. Ich brauche nicht viel. Die Alten leben von Luft, und ich bin sehr alt - fast hundert, heißt es.

In den Jahrzehnten nach seinem Tod bin ich immer wieder gefragt worden, gewöhnlich im Flüsterton, wie Cicero wirklich war. Aber ich habe stets geschwiegen. Wie sollte ich wissen, wer ein Regierungsspion war und wer nicht? Jeden Augenblick war ich auf meine Liquidierung gefasst. Da mein Leben nun fast vorüber ist und ich nichts mehr zu befürchten habe - nicht einmal Folter, würde ich doch in den Händen des Scharfrichters oder seiner Folterknechte kaum eine Sekunde durchhalten -, habe ich mich entschlossen, mit dem vorliegenden Bericht eine Antwort darauf zu geben. Ich werde mich auf meine Erinnerung und die meiner Obhut anvertrauten Dokumente stützen. Da die mir verbleibende Zeit zwangsläufig kurz ist, will ich mich beeilen. Ich werde den Bericht in meiner Kurzschrift verfassen, auf einigen Dutzend Rollen feinsten Papyrus - Hieratica, das Beste vom Besten -, die ich zu diesem Zweck schon seit Längerem gehortet habe. Im Voraus bitte ich um Vergebung für stilistische Mängel und Ungeschicklichkeiten. Auch bitte ich die Götter, dass sie mich zum Ende kommen lassen, bevor das Ende mich ereilt. In seinen letzten Worten bat Cicero mich, die Wahrheit über ihn zu erzählen, und darum will ich mich bemühen. Sollte er dabei nicht immer als Muster an Tugend erscheinen, sei's drum. Die Macht beschert einem Mann allerlei Annehmlichkeiten, zwei saubere Hände gehören allerdings nur selten dazu.

Und von Macht und dem Mann werde ich erzählen. Mit Macht meine ich die offizielle, die politische Macht - was wir in der lateinischen Sprache als Imperium bezeichnen -, die Macht über Leben und Tod, wie sie vom Staat auf ein Individuum übertragen wird. Hunderte von Männern haben nach dieser Macht gestrebt. Aber Cicero war einzigartig in der Geschichte der Römischen Republik, weil ihm beim Griff nach der Macht nichts als sein eigenes Talent zur Verfügung stand. Er entstammte nicht, wie Metellus oder Hortensius, einer der bedeutenden, seit Generationen in der Politik tätigen Adelsfamilien, von deren Reputation er am Wahltag profitieren konnte. Hinter ihm stand nicht, wie bei Pompeius oder Caesar, eine mächtige Armee, die seine Kandidatur unterstützte. Er verfügte nicht wie Crassus über ein gewaltiges Vermögen, das ihm den Weg ebnete. Er hatte nur eines - seine Stimme. Und mit der schieren Kraft seines Willens machte er aus dieser die berühmteste Stimme der Welt.

*

Ich war vierundzwanzig Jahre alt, als ich in Ciceros persönlichen Dienst eintrat, ein auf seinem Familiensitz nahe Arpinum geborener Haussklave, der Rom nie zuvor gesehen hatte. Er war ein junger Rechtsanwalt, der an nervösen Erschöpfungszuständen litt und sich mit jeder Menge natürlicher Gebrechen herumschlug. Kaum jemand hätte auf meine und auf seine Zukunftschancen besonders viel gegeben.

Zu jener Zeit war Ciceros Stimme nicht das Furcht einflößende Organ, zu dem es später wurde. Sie war schroff, und er neigte zum Stottern. Ich glaube, sein Problem war, dass die in seinem Kopf brodelnde Menge an Worten sich bei nervlicher Anspannung in seinem Hals staute, als ob sich zwei von der nachdrängenden Herde vorwärtsgeschobene Schafe gleichzeitig durch ein Gatter gequetscht hätten. Wie auch immer, der Inhalt seiner Reden war oft zu hochtrabend, als dass sein Publikum ihn verstanden hätte. »Der Gelehrte« oder »der Grieche« wurde er von seinen unaufmerksamen Zuhörern genannt - was keineswegs als Kompliment gemeint war. Obwohl niemand sein rhetorisches Talent anzweifelte, so war seine Konstitution doch zu schwächlich, als dass sie seinem Ehrgeiz ebenbürtig gewesen wäre. Mehrstündige Verteidigungsreden - zu jeder Jahreszeit, oft unter freiem Himmel -beanspruchten seine Stimmbänder derart, dass er nicht selten tagelang heiser und ohne Stimme war. Zudem litt er unter chronischer Schlaflosigkeit und einer schwachen Verdauung. Kurzum: Wollte er, wie es sein sehnlichster Wunsch war, politische Karriere machen, so benötigte er professionelle Hilfe. Also beschloss Cicero, Rom für einige Zeit zu verlassen und zu reisen. Erstens, um seine Kräfte aufzufrischen, und zweitens, um die führenden Lehrmeister der Rhetorik zu konsultieren, von denen die meisten in Griechenland und Kleinasien lebten.

Als Verantwortlicher für die kleine Bibliothek seines Vaters verfügte ich über eine passable Kenntnis des Griechischen, und deshalb bat Cicero seinen Vater - ganz so, als wollte er sich ein Buch aus dem Regal nehmen -, ob er mich ausleihen und mit in den Osten nehmen könne. Meine Aufgabe würde unter anderem darin bestehen, mich um seine Termine zu kümmern, Transportmittel anzuheuern und Lehrer zu bezahlen, wobei geplant war, dass ich nach einem Jahr wieder zu meinem alten Herrn zurückkehren sollte. Am Ende sollte ich, wie so manches nützliches Buch auch, nie zurückgegeben werden.

Am Tag, als wir in See stechen wollten, fanden wir uns im Hafen von Brundisium ein. Das war im sechshundertfünfundsiebzigsten Jahr nach der Gründung Roms, in der Zeit des Konsulats von Servilius Vatia und Claudius Pulcher. Damals war Cicero noch nicht die imposante Gestalt, zu der er später wurde und deren Züge so bekannt waren, dass er nicht mal durch die ruhigste Straße spazieren konnte, ohne erkannt zu werden. (Was, so frage ich mich, ist nur mit den Tausenden seiner Büsten und Porträts geschehen, die einst so viele Privathäuser und öffentliche Gebäude geschmückt haben? Sind sie wirklich alle zerstört und verbrannt worden?) Der junge Mann, der an jenem Frühlingsmorgen am Kai stand, war schmächtig, hatte einen Rundrücken und einen unnatürlich langen Hals, in dem ein Adamsapfel so groß wie eine Kinderfaust auf und ab hüpfte. Seine Haut war blass, er hatte vorstehende Augen und eingefallene Wangen; kurz, er war das Abbild eines kränklichen Mannes. Ich weiß noch, dass ich dachte: Halt dich ran, Tiro, mach das Beste aus der Reise, lange kann sie nicht dauern.

Zuerst führen wir nach Athen, wo er sich das Vergnügen gönnen wollte, an der Akademie Philosophie zu studieren. Als ich ihm zum ersten Mal die Tasche in den Vorlesungssaal getragen hatte und mich wieder entfernen wollte, rief er mich zurück und fragte, wohin ich denn vorhätte zu gehen.

»In den Schatten zu den anderen Sklaven«, antwortete ich. »Es sei denn, Ihr benötigt noch meine Dienste.«

»Und ob ich die benötige«, sagte er. »Ich habe eine äußerst anstrengende Aufgabe für dich. Ich will, dass du hierbleibst und dir ein klein wenig Philosophie aneignest. Dann habe ich auf unseren langen Reisen jemanden, mit dem ich mich unterhalten kann.«

Also blieb ich, und mir wurde die Ehre zuteil, persönlich Antiochos aus Askalon zu hören, der die drei Grundprinzipien des Stoizismus erklärte - dass nur die Tugend zur Glückseligkeit führe, dass nichts außer der Tugend gut sei und dass man den Gefühlen nicht trauen könne. Drei einfache Regeln, die, würde der Mensch sie befolgen, die meisten Probleme der Welt lösen könnten. Später diskutierten Cicero und ich oft über derartige Fragen, und in der Welt der Gedanken vergaßen wir immer die Unterschiede unserer gesellschaftlichen Stellung. Wir blieben sechs Monate bei Antiochos und zogen dann weiter, um uns dem eigentlichen Zweck unserer Reise zuzuwenden.

Die tonangebende Schule der Rhetorik zu jener Zeit war die sogenannte »asianische« Methode. Eine kunstvolle und blumige Art des Vortrags, voller pompöser Wendungen und klingender Versformen, auf und ab schreitend zelebriert, begleitet von ausladender Gestik. Ihr führender Vertreter in Rom war Quintus Hortensius Hortalus, der allgemein als der herausragende Redner seiner Zeit betrachtet wurde und dessen fantasievolle Beinarbeit ihm den Spitznamen »der Tanzmeister« eingebracht hatte. Um Hortensius' Methode zu ergründen, legte Cicero besonderen Wert darauf, all seine Lehrmeister aufzusuchen: Menippos aus Stratonikeia, Dionysios aus Magnesia, Aischylos aus Knidos, Xenokles aus Adramyttion - allein die Namen geben eine Ahnung von ihrem Stil. Mit jedem von ihnen verbrachte Cicero Wochen. Er studierte ihre Techniken so lange, bis er glaubte, sie begriffen zu haben.

»Tiro«, sagte er eines Abends, während er in dem gedünsteten Gemüse herumstocherte, das er jeden Tag aß, »ich habe genug von diesen gelackten Gockeln. Kümmere dich um ein Boot, das uns von Loryma nach Rhodos bringt.Wir versuchen etwas anderes, wir schreiben uns in der Schule von Apollonios Molon ein.«

Und so kam es, dass an einem Frühlingsmorgen kurz nach Sonnenaufgang, als das Karpathische Meer so milchig glatt wie eine Perle vor uns lag (man muss mir die gelegentlichen gedrechselten Wendungen verzeihen: Ich habe zu viel griechische Dichtung gelesen, als dass ich den nüchternen lateinischen Stil durchhalten könnte), ein Boot uns vom Fesdand zu jener altberühmten, zerklüfteten Insel brachte, wo am Landungssteg die stämmige Gestalt von Molon höchstpersönlich wartete.

Molon war ein Rechtsgelehrter, der aus Alabanda stammte und in den Gerichtssälen Roms brilliert hatte. Ihm war sogar die beispiellose Ehre zuteil geworden, im Senat eine Rede in griechischer Sprache halten zu dürfen. Danach hatte er sich nach Rhodos zurückgezogen und seine Rhetorikschule gegründet. Seine Theorie der Redekunst, die das genaue Gegenteil der »asianischen« darstellte, war einfach: Lauf nicht zu viel herum, halt den Kopf gerade, komm schnell zum Punkt, bring deine Zuhörer zum Lachen, bring sie zum Weinen, und wenn du ihre Sympathie gewonnen hast, dann setz dich wieder hin. »Denn nichts«, so Molon, »trocknet schneller als eine Träne.« Das war weit mehr nach Ciceros Geschmack, und so begab er sich ganz und gar in die Hand von Molon.

Molons erste Handlung an jenem Abend war, dass er Cicero eine Schüssel hart gekochter Eier mit Sardellensoße auftischte. Als Cicero fertig gegessen hatte - was nicht ohne Klagen abging -, servierte er ihm noch ein großes, über Holzkohle gebratenes Stück Fleisch und einen Becher Ziegenmilch. »Du brauchst Fleisch auf den Rippen, junger Mann«, sagte er und klopfte sich auf seinen breiten Brustkorb. »Aus einer schwächlichen Rohrflöte ist noch nie ein voller Ton gekommen.« Cicero schaute ihn wütend an, aß seinen Teller aber pflichtschuldigst bis auf den letzten Bissen leer. In jener Nacht schlief Cicero zum ersten Mal seit Monaten durch. (Ich weiß das, weil ich immer auf dem Boden neben seinem Bett schlief.)

Bei Tagesanbruch begannen die Leibesübungen. »Auf dem Forum zu sprechen«, sagte Molon, »ist wie ein Wettlauf. Es verlangt Durchhaltevermögen und Kraft.« Er täuschte einen Faustschlag auf Ciceros Brustkorb an, worauf dieser ein lautes Uff! ausstieß, zurückstolperte und fast gestürzt wäre. Molon ließ ihn mit gespreizten Beinen und durchgedrückten Knien Aufstellung nehmen und mit den Fingerspitzen zwanzig Mal den Boden vor jedem Fuß berühren. Dann musste er sich mit dem Rücken auf den Boden legen, die Hände hinter dem Kopf verschränken und, ohne die gestreckten Beine vom Boden zu heben, den Oberkörper aufrichten und wieder senken. Danach befahl er ihm, sich auf den Bauch zu drehen und den Körper ausschließlich mit der Kraft seiner Arme auf und ab zu hieven, wieder zwanzig Mal und auch hier, ohne die Knie zu beugen. Das war das Programm des ersten Tages.

An den folgenden Tagen kamen weitere Übungen hinzu, und die Dauer der Übungen wurde ausgedehnt. Cicero hatte einen guten Schlaf, und auch die Mahlzeiten verursachten keine Beschwerden mehr.

Zur eigentlichen Vortragsschulung verließ Molon mit seinem eifrigen Schüler den schattigen Innenhof, ließ ihn in der Mittagshitze ohne Pause einen steilen Hügel hinaufgehen und dabei Übungspassagen rezitieren - üblicherweise eine Gerichtsszene oder einen Monolog von Menander. Ciceros stampfende Schritte verscheuchten die Eidechsen, und die zirpenden Zikaden in den Olivenbäumen waren sein einziges Publikum, während er seine Lunge kräftigte und lernte, aus einem einzigen Atemzug das Maximum an Worten herauszuholen. »Halte die Tonhöhe im mittleren Bereich«, wies ihn Molon an. »Da sitzt die Kraft. Nicht zu hoch und nicht zu tief.« Nachmittags ging Molon mit ihm hinunter an den Kiesstrand, postierte sich achtzig Schritte von Cicero entfernt (die maximale Reichweite der menschlichen Stimme) und ließ ihn zur Ausbildung des Stimmvolumens gegen das Donnern und Brausen der Brandung anreden - das komme, so sagte er, dem Gemurmel von dreitausend Menschen unter freiem Himmel oder dem Hintergrundgeräusch von ein paar hundert schwatzenden Menschen im Senat am nächsten. An derlei störende Geräusche müsse Cicero sich gewöhnen.

»Und was ist mit dem Inhalt?«, fragte Cicero. »Soll nicht in erster Linie die Kraft meiner Argumente zum Zuhören zwingen?«

Molon zuckte mit den Achseln. »Inhalt geht mich nichts an. Denk an Demosthenes: >Bei der Redekunst zählen nur drei Dinge. Der Vortrag, der Vortrag und noch mal der Vortrags«

»Und mein Stottern?«

»Auch dein St-stottern intere-ressiert mich nicht«, erwiderte Molon grinsend und zwinkerte mit den Augen. »Nein, im Ernst, Stottern ist interessant, es vermittelt den Eindruck von Ehrlichkeit, das ist von Nutzen. Demosthenes hat selbst leicht gelispelt. Das Publikum identifiziert sich mit solchen Unzulänglichkeiten. Das einzig Öde ist Perfektion. Also, geh jetzt ein Stück den Strand hinunter, und lass hören, ob ich dich noch verstehen kann.«

Und so hatte ich die Ehre, von Anfang an miterleben zu dürfen, wie der eine Meister der Redekunst dem anderen seine Kunstgriffe beibrachte. »Möglichst nicht den Kopf neigen, das macht einen unmännlichen Eindruck. Nicht mit den Fingern schlenkern und immer die Schultern still halten. Wenn du für eine Geste deine Finger brauchst, dann versuch, den gekrümmten Mittelfinger auf die Daumenspitze zu legen und die drei restlichen Finger gerade auszustrecken -genau, so ist es gut. Natürlich muss der Blick immer den Bewegungen der Geste folgen, außer bei einer zurückweisenden Bemerkung: >Die Götter mögen uns von dieser Plage verschonen< oder ich glaube nicht, dass ich diese Ehre verdiene.<«

Alles Schriftliche war verboten. Kein Redner, der diesen Namen verdiente, würde im Traum daran denken, einen Text vorzulesen oder sich mit einem Stapel Notizen zu behelfen. Molon bevorzugte die Standardmethode, um eine Rede einzustudieren: die des imaginären Rundgangs durch das Haus des Redners. »Stell dir den ersten Punkt, den du vortragen willst, im Eingangsbereich vor, den zweiten im Atrium und so weiter. Du wanderst, wie du es gewohnt bist, durchs Haus und weist nicht nur jedem Raum, sondern jeder Nische und jeder Statue einen bestimmten Abschnitt der Rede zu. Achte darauf, dass jede dieser Stellen gut beleuchtet ist, klar umrissen und unterscheidbar. Sonst wirst du herumtappen wie ein Betrunkener, der nach einem Fest sein Bett sucht.«

Cicero war nicht Molons einziger Schüler in jenem Frühling und Sommer. Nach und nach stießen Ciceros jüngerer Bruder Quintus, sein Vetter Lucius und zwei seiner Freunde zu uns: Servius, ein penibler Rechtsanwalt, der Richter werden wollte, und Atticus - der elegante, charmante Titus Pomponius Atticus -, den die Redekunst nicht interessierte, da er in Athen lebte und ganz sicher keine politische Karriere anstrebte, sondern sich einfach gern in Ciceros Gesellschaft aufhielt. Alle staunten über die Veränderungen, die Ciceros Gesundheit und Auftreten erfahren hatten, und an ihrem letzten gemeinsamen Abend - es war inzwischen Herbst geworden und Zeit, nach Rom zurückzukehren - kamen sie zusammen, um mit eigenen Ohren zu hören, wie sich Molons Bemühungen auf Ciceros Redekunst ausgewirkt hatten.

Ich wünschte, ich könnte mich erinnern, worüber Cicero an jenem Abend nach Tisch gesprochen hat, aber ich furchte, ich bin der lebende Beweis für Demosthenes' zynische Behauptung, dass -verglichen mit der Art des Vortrags - der Inhalt nichts zählt. Ich stand diskret im Schatten, außer Sichtweite, und entsinne mich nur noch an die Motten, die wie Aschepartikel um die Fackeln herumwirbelten, an die glitzernden Sterne am Himmel über dem Innenhof und an die Cicero zugewandten, vom Feuerschein geröteten Gesichter der hingerissenen jungen Männer. Allerdings erinnere ich mich noch genau an die Worte Molons, nachdem sich sein Schüler mit einer abschließenden Verbeugung zur imaginären Geschworenenbank wieder gesetzt hatte. Nach langem Schweigen erhob er sich und sagte mit heiserer Stimme: »Ich gratuliere dir, Cicero, du hast mich in Staunen versetzt. Was ich bedauere, ist Griechenland, das Schicksal Griechenlands. Der uns einzig verbliebene Ruhm war der überlegene Rang unserer Rhetorik, und diesen hast du uns jetzt auch genommen. Geh zurück«, sagte er und deutete mit jenen drei ausgestreckten Fingern über die vom Fackelschein erleuchtete Terrasse in Richtung des fernen, dunklen Meeres. »Geh zurück, mein junger Freund, und erobere Rom.«

*

Na schön. Leicht gesagt. Aber wie stellt man das an? Wie erobert man Rom, wenn einem als einzige Waffe nur seine Stimme zur Verfügung steht? Der erste Schritt ist naheliegend: Man muss Senator werden.

Um in den Senat zu gelangen, musste man mindestens einunddreißig Jahre alt und Millionär sein. Genauer gesagt: Wenn alljährlich im Juli zwanzig neue Senatoren gewählt wurden, die die im abgelaufenen Jahr gestorbenen oder inzwischen zu arm gewordenen ersetzten, hatte man sogar nur für die Kandidatur den Behörden Vermögen im Wert von einer Million Sesterzen nachzuweisen. Aber woher sollte Cicero eine Million nehmen? Sein Vater jedenfalls hatte nicht so viel Geld: Das Anwesen der Familie war klein und mit hohen Hypotheken belastet. Ihm blieben deshalb nur die drei üblichen Optionen: sich die Million zu verdienen, was zu lange dauern würde; sie zu stehlen, was zu riskant war; oder sie zu heiraten, was Cicero kurz nach seiner Rückkehr aus Rhodos tat. Terentia war siebzehn, jungenhaft flachbrüstig, und ihren Kopf zierten kurze, dichte schwarze Locken. Ihre Halbschwester war eine Vesta-Priesterin, Beleg für die hohe gesellschaftliche Stellung ihrer Familie. Wichtiger war, dass ihr zwei Straßenzüge mit Mietwohnungen in den Elendsvierteln von Rom, einige Waldgebiete vor den Toren der Stadt und dazu ein Landgut gehörten. Gesamtwert: eineinviertel Millionen Sesterzen. (Ach ja, Terentia: schlicht, distinguiert und reich - was war sie doch für ein Früchtchen! Erst vor ein paar Monaten habe ich sie gesehen, auf der Küstenstraße nach Neapel. Sie saß in einer offenen Sänfte und kreischte ihre Träger an, dass sie sich etwas beeilen sollten. Ihr Haar war weiß und die Haut walnussfarben, aber ansonsten schien sie sich nicht verändert zu haben.)

Und so wurde Cicero zur gegebenen Zeit in den Senat gewählt - tatsächlich erzielte er, der inzwischen allgemein als zweitbester Rechtsanwalt Roms nach Hortensius betrachtet wurde, das beste Stimmenergebnis. Bevor er seinen Sitz im Senat einnehmen konnte, musste er das obligatorische Jahr Regierungsdienst außerhalb Roms ableisten, was in seinem Fall die Provinz Sizilien war. Sein offizieller Titel war der eines Quästors, der die unterste Stufe in der Ämterlaufbahn darstellte. Frauen war es verboten, ihre Ehemänner auf diesen Dienstreisen zu begleiten, sodass Terentia - sicher zur großen Erleichterung Ciceros - zu Hause blieb. Ich allerdings ging mit ihm, denn inzwischen war ich für ihn zu einer Art verlängertem Arm geworden, den er, ohne darüber nachzudenken, wie seinen eigenen benutzte. Ein Grund für meine Unverzichtbarkeit war, dass ich eine Technik entwickelt hatte, die es mir erlaubte, seine Worte so schnell niederzuschreiben, wie er sie aussprach. Aus kleinen Anfängen - ich kann in aller Bescheidenheit behaupten, das Et-Zeichen erfunden zu haben - schwoll mein System schließlich zu einem Handbuch mit etwa viertausend Symbolen an. Ich fand zum Beispiel heraus, dass Cicero bestimmte Wendungen immer wieder benutzte. Diese reduzierte ich auf einen Strich oder ein paar Pünktchen und erbrachte somit den Beweis für etwas, was die meisten Menschen ohnehin schon wissen - dass nämlich Politiker im Wesentlichen immer wieder das Gleiche sagen. Er diktierte mir, während er in der Badewanne oder auf dem Sofa lag, in einer schaukelnden Karosse oder auf Landspaziergängen. Ihm gingen nie die Worte aus, und mir fehlte es nie an Symbolen, um seine durch die Luft wirbelnden Worte einzufangen und festzuhalten. Wir waren wie füreinander geschaffen.

Doch zurück zu Sizilien. Keine Angst: Ich werde über unsere Arbeit jetzt nicht in allen Einzelheiten berichten. Wie so oft in der Politik war die Tätigkeit nicht nur im Rückblick, nach über siebzig Jahren, sondern auch schon damals langweilig. Der Erinnerung wert und von Bedeutung war die Rückreise nach Rom. Um sicherzugehen, dass er genau in den Senatsferien die Bucht von Neapel erreichte, wenn sich die versammelte Politprominenz in den Mineralbädern Puteolis vergnügte, verschob Cicero unsere Abreise extra um einen Monat, von März auf April. Er wies mich an, ein Boot mit zwölf Ruderern anzumieten, das prächtigste, das ich auftreiben könnte, damit er stilvoll - zum ersten Mal würde er die Toga mit dem purpurfarbenen Saum des Senators der Römischen Republik tragen - in den Hafen einlaufen konnte.

Cicero war davon überzeugt gewesen, in Sizilien derart erfolgreiche Arbeit geleistet zu haben, dass er zu Hause in Rom unausweichlich im Mittelpunkt allen Interesses stehen würde. Auf Hundert stickigen Marktplätzen, unter Tausend staubigen, von Wespen wimmelnden Platanen hatte er unparteiisch und würdevoll römisches Recht gesprochen. Er hatte eine einmalig große Menge Getreide zu einem einmalig niedrigen Preis gekauft und für das Wahlvolk nach Rom transportieren lassen. Seine Reden bei Regierungszeremonien waren Meisterwerke an Taktgefühl gewesen. Er hatte sogar Interesse an den Gesprächen der einheimischen Bevölkerung geheuchelt. Er wusste, dass er gute Arbeit geleistet hatte, und brüstete sich mit seinen Errungenschaften in einem Strom von Berichten an den Senat. Ich muss gestehen, dass ich den Tonfall seiner Berichte gelegendich etwas abmilderte, bevor ich sie dem offiziellen Boten übergab, und dass ich ihn darauf hinzuweisen versuchte, dass nicht jeder Sizilien für den Mittelpunkt der Welt hielt. Er nahm jedoch keine Notiz davon.

Ich sehe ihn noch vor mir, wie er bei unserer Rückkehr nach Italien am Bug stand und angestrengt zur Anlegestelle von Puteoli blickte.

Was hatte er erwartet? Eine Musikkapelle, die ihn an Land geleitete? Eine Abordnung der Konsuln, die ihm einen Lorbeerkranz überreichte? Sicher, an Land war eine Menschenmenge zu sehen, aber die war nicht seinetwegen gekommen. Hortensius, der schon das Konsulat ins Auge gefasst hatte, veranstaltete auf mehreren farbenprächtig geschmückten Vergnügungsschiffen, die ganz in der Nahe festgemacht hatten, ein Bankett. Die Menschen an der Anlegestelle waren seine Gäste, die darauf warteten, übergesetzt zu werden. Cicero ging an Land - unbeachtet. Verwirrt schaute er sich um, als einigen der Festgäste sein makellos leuchtendes Senatorengewand auffiel. Sie liefen auf ihn zu, und er straffte in freudiger Erwartung die Schultern.

»Senator«, rief einer. »Was gibt's Neues in Rom?«

Cicero schaffte es irgendwie, sein Lächeln zu bewahren. »Ich komme nicht aus Rom, guter Mann. Ich bin auf dem Rückweg aus meiner Provinz.«

Ein rothaariger, eindeutig schon betrunkener Mann sagte: »Hört, hört, guter Mann! Er ist auf dem Rückweg aus seiner Provinz ...«

Der Mann machte sich kaum die Mühe, sein Lachen im Zaum zu halten.

»Was ist so lustig daran?«, fragte ein Dritter, der die Wogen glätten wollte. »Hast du das etwa nicht gewusst? Der Senator kommt aus Afrika.«

Ciceros Lächeln war heldenhaft. »Nun ja, eigentlich aus Sizilien.«

Möglich, dass es noch eine Weile in diesem Tonfall weiterging. Ich kann mich nicht erinnern. Als die Leute merkten, dass es hier keine Klatschgeschichten aufzuschnappen gab, trollten sie sich wieder. Kurz darauf erschien Hortensius und geleitete die restlichen Gäste zu ihren Fährbooten. Er hatte zumindest die Höflichkeit, Cicero mit einem kurzen Nicken zu begrüßen, war aber eindeutig nicht gewillt, ihn ebenfalls zu seinem Fest zu bitten. Wir blieben allein zurück.

Ein unbedeutender Vorfall, könnte man meinen, doch Cicero selbst pflegte später zu sagen, dass dies der Augenblick war, in dem sein Ehrgeiz so hart wie Stein wurde. Er war gedemütigt worden -gedemütigt von seiner eigenen Eitelkeit - und hatte auf brutale Art erkennen müssen, wie gering seine Stellung in der Welt war. Lange Zeit blieb er am Ufer stehen, beobachtete das festliche Treiben von Hortensius und seinen Freunden und lauschte den heiteren Flötenklängen, die über das Wasser wehten. Als er sich schließlich abwandte, war er ein anderer Mensch. Ich übertreibe nicht, ich habe es in seinen Augen gesehen. Na schön, schien sein Gesichtsausdruck zu sagen, albert nur rum, ihr Idioten, ich werde mich an die Arbeit machen.

»Ich bin geneigt zu behaupten, meine Herren, dass diese Erfahrung von größerem Wert für mich war, als wenn man mich mit Beifallsstürmen begrüßt hätte. Fortan kümmerte ich mich nicht mehr darum, was die Welt wohl von mir zu hören bekäme: Seit jenem Tag achtete ich darauf, dass man mich täglich zu Gesicht bekam. Ich lebte im Licht der Öffentlichkeit. Ich ging regelmäßig zum Forum. Weder mein Türwächter noch mein Schlaf hinderten irgendwen daran, mich in meinem Haus zu besuchen und mit mir zu sprechen. Auch wenn ich nichts zu tun hatte, hieß das nicht, dass ich nichts tat. Zeit vollkommener Muße war etwas, das ich nicht kannte.«

Erst kürzlich stolperte ich bei der Lektüre einer seiner Reden über diese Passage, für deren Richtigkeit ich mich verbürge. Wie im Dämmerzustand verließ er den Hafen, ging bergauf durch Puteoli und hinaus auf die Überlandstraße, ohne sich noch einmal umzublicken. Ich hechelte hinter ihm her, wobei ich so viel Gepäck mitschleppte, wie ich konnte. Schritt er anfangs noch langsam und voller Gedanken dahin, so ging er nach und nach immer schneller, bis er schließlich mit so großen Schritten Pachtung Rom marschierte, dass ich kaum mithalten konnte.

Und damit endet meine erste Rolle und beginnt gleichzeitig die eigentliche Geschichte des Marcus Tullius Cicero.

KAPITEL II

Der Tag, der sich als Wendepunkt erweisen sollte, begann wie jeder andere damit, dass Cicero eine Stunde vor Tagesanbruch als Erster im Haus aufstand. Ich lauschte den dumpfen Schritten auf den Holzbohlen über mir, während er die Übungen absolvierte, die er bei unserem Aufenthalt in Rhodos vor sechs Jahren gelernt hatte. Ich blieb noch kurz im Dunkeln liegen, rollte dann meine Strohmatte zusammen und wusch mir das Gesicht. Es war der erste November, ein kalter Tag.

Cicero wohnte auf dem Esquilin in einem bescheidenen zweistöckigen Haus, das zwischen einem Tempel und einem Wohnblock erbaut worden war. Wenn man sich allerdings die Mühe machte, aufs Dach zu steigen, dann wurde man mit einem herrlichen Ausblick belohnt, der in westlicher Richtung über das dunstige Tal bis zu den großen Tempeln auf dem etwa eine halbe Meile entfernten Kapitolshügel reichte. Das Haus gehörte eigentlich seinem Vater, aber da der alte Herr nicht mehr der Gesündeste war und nur noch selten vom Land in die Stadt kam, hatte es Cicero ganz für sich -zusammen mit Terentia, seiner fünfjährigen

Tochter Tullia und zwölf Sklaven: mich, den mir unterstellten Schreibern Sositheus und Laurea, dem Hausverwalter Eros, Terentias geschäftlichem Berater und Privatsekretär Philotimus, zwei Hausmädchen, einem Kindermädchen, einem Koch, einem Diener und einem Türwächter. Dann gab es da noch einen alten blinden Philosophen, den Stoiker Diodotos, der sich gelegentlich aus seinem Zimmer heraustastete und Cicero, wenn es diesem nach einem Disput verlangte, beim Abendessen Gesellschaft leistete. Macht insgesamt fünfzehn Haushaltsmitglieder. Terentia beklagte sich zwar ständig über die beengten Verhältnisse, aber Cicero wollte nicht umziehen, weil er zu jener Zeit immer noch ganz in seiner »Mann-des-Volkes-Rolle« aufging und das Haus perfekt zu seinem Ruf passte.

Wie an jedem Tag, so streifte ich mir auch an jenem Morgen als Erstes eine Kordel über mein linkes Handgelenk, an der ein kleines, von mir selbst entworfenes Notizbuch hing. Es bestand nicht aus den üblichen ein oder zwei, sondern aus vier Wachstafeln in Buchenholzrahmen, die sehr dünn und auf beiden Seiten beschreibbar waren und über Scharniere verfügten, sodass ich das Notizbuch auf- und zuklappen konnte. So konnte ich während eines Diktats weitaus mehr Text aufnehmen als ein durchschnittlicher Sekretär, dennoch steckte ich mir angesichts Ciceros gewaltigen Redeflusses immer noch ein paar Notizbücher zur Reserve ein. Dann zog ich den Vorhang des Fensters in meinem winzigen Raum auf, ging durch den Innenhof ins Tablinum, zündete die Lampen an und überprüfte, ob alles an seinem Platz war. Auf dem einzigen Möbelstück im Raum, einer Anrichte, stand eine Schale mit Kichererbsen. (Ciceros Name war vom Wort cicer abgeleitet, was Kichererbse bedeutet, und da Cicero glaubte, dass in der Politik ein ungewöhnlicher Name von Vorteil sei, achtete er sehr darauf, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken.) Wenn alles zu meiner Zufriedenheit war, ging ich durch das Atrium in den Empfangsraum, wo der Türwächter auf mich wartete. Seine Hand lag schon auf dem großen eisernen Türriegel. Mit einem Blick durch ein schmales Fenster überprüfte ich, ob es schon hell genug war. Wenn ja, gab ich dem Türwächter mit einem Nicken das Zeichen zum Öffnen.

Draußen in der Kälte wartete schon die übliche Menge an Unglücksraben und Verzweifelten. Während sie eintraten, notierte ich mir die Namen. Die meisten waren mir bekannt. Fremde fragte ich nach dem Namen. Die üblichen Versager schickte ich wieder weg. Die unumstößliche Anweisung lautete: »Wenn er wählen darf, lass ihn rein.« Folglich füllte sich das Tablinum schnell mit nervösen Klienten, von denen jeder seinen Teil an des Senators Zeit beanspruchte. Ich blieb an der Tür stehen, bis ich glaubte, dass alle Wartenden hereingekommen waren, und machte gerade den ersten Schritt zurück ins Haus, als ein Mann in Trauerkleidung bedrohlich im Türrahmen auftauchte. Ich scheue mich nicht, zu gestehen, dass er mir mit seinem verstaubten Gewand, den zerzausten Haaren und seinem unrasierten Gesicht Angst einjagte.

»Tirol«, sagte er. »Den Göttern sei Dank!« Er sank erschöpft gegen den Türrahmen und schaute mich aus blassen, leblosen Augen an. Ich schätze, er muss damals so um die fünfzig gewesen sein. Im ersten Augenblick wusste ich nicht, wer er war, aber da es zu den Aufgaben eines politischen Sekretärs gehört, Gesichtern Namen zuordnen zu können, fugten sich vor meinem geistigen Auge trotz seines Zustandes nach und nach die Teile eines Bildes zusammen: ein großes Haus mit Blick aufs Meer, ein kunstvoll angelegter Garten, eine Sammlung Bronzestatuen, eine Stadt irgendwo in Sizilien, im Norden - richtig, Thermae.

»Sthenius aus Thermae«, sagte ich und streckte die Hand aus. »Herzlich willkommen.«

Es stand mir nicht zu, sein Äußeres zu kommentieren oder ihn danach zu fragen, was er Hunderte von Meilen entfernt von zu Hause zu tun habe, und das unter so offensichtlich üblen Umständen. Ich ließ ihn im Tablinum warten und ging in Ciceros Arbeitszimmer. Der Senator, der an jenem Morgen bei Gericht einen des Vatermordes angeklagten Jugendlichen zu verteidigen hatte und außerdem zur Nachmittagssitzung im Senat erwartet wurde, knetete zur Kräftigung seiner Fingermuskeln einen kleinen Lederball, während ihm sein Diener die Toga anlegte. Er hörte dem jungen Sositheus zu, der ihm einen Brief vorlas, und diktierte gleichzeitig Laurea, dem ich die Grundzüge meiner Kurzschrift beigebracht hatte, eine Botschaft. Als ich eintrat, warf er mir den Ball zu, den ich reflexartig auffing, und bedeutete mir, ihm die Besucherliste zu geben. Er las sie begierig durch, wie jeden Morgen. Wer war ihm über Nacht ins Netz gegangen? Irgendein prominenter Bürger aus einem nützlichen Wahlbezirk? Einer aus Sabatina vielleicht? Oder Pomptina? Oder ein Geschäftsmann, der so reich war, dass er bei den Konsulatswahlen zu den ersten stimmberechtigten Zenturien gehörte? Aber heute handelte es ich nur um die üblichen kleinen Fische, sodass sein Gesicht immer länger wurde, je näher er dem Ende der Liste kam.

»Sthenius?« Er unterbrach das Diktat. »Das ist doch dieser Sizilier, oder? Der Reiche mit den Bronzestatuen? Schätze, wir hören uns mal an, was er will.«

»Sizilier dürfen nicht wählen«, bemerkte ich.

»Pro bona«, sagte er mit unbewegtem Gesicht. »Außerdem hat er Bronzestatuen. Lass ihn als Ersten rein.«

Also holte ich Sthenius, dem Ciceros Standardbegrüßung zuteil wurde - ein Lächeln, das schon zu seinem Markenzeichen geworden war; der männlich kräftige Händedruck mit beiden Händen; der lange, ernste Blick in die Augen. Dann bat er ihn, Platz zu nehmen, und fragte, was ihn nach Rom führe. Nach und nach wurden meine Erinnerungen an Sthenius wieder wach. Zwei Mal, als Cicero zur Anhörung von Streitsachen nach Thermae gereist war, hatten wir in seinem Haus übernachtet. Er war einer der führenden Bürger der Provinz gewesen, doch von der Vitalität und dem Selbstvertrauen von damals war nichts mehr zu spüren. Er brauche Hilfe, sagte er. Er stehe vor dem Ruin. Sein Leben sei in ernster Gefahr. Man habe ihn ausgeraubt.

»Tatsächlich?«, sagte Cicero. Während er mit halbem Ohr zuhörte, schaute er auf eine Urkunde, die vor ihm auf dem Schreibpult lag. Elendsgeschichten wie diese waren für einen beschäftigten Anwalt nichts Besonderes. »Du hast mein Mitgefühl. Ausgeraubt von wem?«

»Vom Statthalter in Sizilien, Gaius Verres.«

Der Senator schaute augenblicklich auf.

Danach war Sthenius nicht mehr zu bremsen. Während es nur so aus ihm heraussprudelte, bedeutete mir Cicero mit einer unauffälligen Handbewegung, dass ich mitschreiben solle. Als Sthenius seinen Redefluss kurz unterbrechen musste, um Luft zu holen, bat Cicero ihn behutsam, doch ein bisschen zurückzugehen, etwa drei Monate, bis zu dem Tag, an dem er den ersten Brief von Verres erhalten habe. »Wie hast du darauf reagiert?«

»Ich war natürlich etwas beunruhigt. Er hat schließlich einen gewissen Ruf. Verres heißt ja Eber, und die Leute nennen ihn den Eber mit der blutverschmierten Schnauze. Ich konnte mich kaum widersetzen.«

»Hast du den Brief noch?«

»Ja.«

»Und in dem Brief hat Verres deine Kunstsammlung explizit erwähnt?«

»Ja, sicher. Er hat geschrieben, dass er davon gehört hätte und dass er sie sich gern anschauen würde.«

»Und wann ist er dann gekommen und hat sich bei dir eingenistet?«

»Schon bald, höchstens eine Woche später.«

»War er allein?«

»Nein, er war in Begleitung seiner Liktoren. Die mußte ich auch unterbringen. Leibwächter sind ja immer grobe Burschen, aber so üble Schläger wie die hatte ich noch nie gesehen. Ihr Anführer Sextius ist der offizielle Scharfrichter für ganz Sizilien. Er presst seinen Opfern Bestechungsgelder ab. Wenn sie nicht wollen, dass er pfuscht - sie also vor der Exekution übel zurichtet -, dann müssen sie ihn bestechen.« Sthenius schluckte und atmete schwer. Wir warteten.

»Lass dir ruhig Zeit«, sagte Cicero.

»Ich hatte gedacht, dass er nach der Reise vielleicht erst ein Bad nehmen wollte und dass wir danach zu Abend essen würden, aber keine Rede davon, er wollte auf der Stelle die Sammlung sehen.«

»Ich kann mich an einige außergewöhnliche Stücke erinnern.«

»Die Sammlung war mein Leben, Senator, ganz einfach. Dreißig Jahre Herumreisen und Feilschen. Korinthische und delische Bronzestatuen, Gemälde, Silberzeug - jedes einzelne Stück habe ich selbst begutachtet und ausgesucht. Ich hatte Myrons Diskuswerfer und den Speerträger von Polyklet. Und ein paar Silberbecher von Mentor. Verres hat mir geschmeichelt. Er hat gesagt, dass die Sammlung ein größeres Publikum verdient hätte, sie wäre so gut, dass man sie öffentlich ausstellen sollte. Ich habe mir nichts dabei gedacht, bis ich plötzlich, als wir zusammen auf der Terrasse beim Abendessen saßen, aus dem Innenhof Geräusche gehört habe. Mein Verwalter hat mir ins Ohr geflüstert, dass ein Ochsengespann gekommen sei und Verres' Liktoren dabei wären, alles aufzuladen.«

Sthenius verstummte. Es war nicht schwer, sich die Schmach für diesen so stolzen Mann vorzustellen: die in Tränen aufgelöste Frau, die verängstigte Familie, die Staubränder an den Stellen, wo einst die Statuen gestanden hatten. Das einzig hörbare Geräusch in Ciceros Arbeitszimmer war das meines kratzenden Griffels auf der Wachstafel.

»Und du hast keinen Einspruch erhoben?«, fragte Cicero.

»Bei wem denn? Beim Statthalter?« Sthenius lachte. »Nein, Senator. Ich war am Leben, oder? Wenn es dabei geblieben wäre, hätte ich den Schmerz über den Verlust heruntergeschluckt, und du hättest nie einen Muckser von mir gehört. Aber die Sammelleidenschaft kann sich zu einer Krankheit auswachsen, und eins kann ich dir sagen: Euren Statthalter Verres hat es schwer erwischt. Erinnerst du dich an die Statuen auf dem Stadtplatz?«

»Und ob ich mich erinnere. Drei exquisite Bronzestatuen. Willst du etwa behaupten, dass er die auch gestohlen hat?«

»Er hat es versucht. Das war am dritten Tag, als er mich gefragt hat, wem die gehören. Ich habe ihm gesagt, dass sie der Stadt gehörten, schon seit Jahrhunderten. Hast du gewusst, dass die Statuen vierhundert Jahre alt sind? Er hat gesagt, dass er gern die Erlaubnis hätte, sie mit in seinen Amtssitz nach Syrakus zu nehmen, natürlich ebenfalls als Leihgabe, und er hat mich gebeten, seinen Wunsch dem Stadtrat vorzutragen. Da habe ich gewusst, was für einen Menschen ich vor mir hatte. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihm diesen Gefallen - bei aller Hochachtung - nicht tun könne. Er ist dann noch am selben Abend abgereist, und ein paar Tage später habe ich eine Vorladung für den fünften Oktober bekommen, weil ich der Fälschung beschuldigt worden sei.«

»Von wem kam die Anzeige?«

»Von einem meiner Feinde, Agathinus. Er ist ein Klient von Verres. Mein erster Gedanke war, dass ich das ausfechte. Was meine Ehre angeht, habe ich nichts zu befurchten. Nie in meinem Leben habe ich ein Dokument gefälscht. Aber dann habe ich gehört, dass Verres selbst der Richter sein würde und dass er die Strafe schon festgesetzt hätte. Für meine Dreistigkeit sollte ich vor den Augen der ganzen Stadt ausgepeitscht werden.«

»Und dann bist du geflohen.«

»Noch in derselben Nacht mit einem Boot an der Küste entlang nach Messana.«

Cicero stützte sein Kinn auf die Hand und schaute Sthenius nachdenklich an. Mir war diese Geste bekannt. Er taxierte die Glaubwürdigkeit des Zeugen. »Du sagst, dass die Verhandlung am fünften des letzten Monats war? Hast du in Erfahrung bringen können, was an dem Tag passiert ist?«

»Deshalb bin ich hier. Ich bin in Abwesenheit zu öffentlicher Auspeitschung und fünftausend Sesterzen Strafe verurteilt worden. Aber das ist nicht das Schlimmste. Bei der Verhandlung hat Verres behauptet, dass es neues Beweismaterial gegen mich gebe, diesmal wegen Spionage für die Rebellen in Spanien. Er hat für den ersten Dezember eine neue Verhandlung in Syrakus angesetzt.«

»Aber Spionage ist ein Kapitalverbrechen.«

»Du musst mir glauben, Senator, er will mich ans Kreuz schlagen lassen. Er posaunt das schon überall herum. Ich wäre ja nicht der Erste. Ich brauche Hilfe. Ich flehe dich an, bitte hilf mir!«

Ich hatte den Eindruck, er würde jeden Augenblick auf die Knie fallen und die Füße des Senators küssen. Die gleiche Ahnung hatte wohl auch Cicero, denn er stand hastig auf und fing an, im Zimmer auf und ab zu gehen. »Ich glaube, Sthenius, dein Fall hat zwei verschiedene Aspekte. Bei dem ersten, dem Diebstahl deines Eigentums, kann man ehrlich gesagt wohl nichts machen. Was glaubst du denn, warum Männer wie Verres den Statthalterposten anstreben? Weil sie wissen, dass sie sich im Rahmen gewisser Grenzen alles unter den Nagel reißen können, was sie wollen. Der zweite Aspekt, Missachtung des Rechtsweges, sieht da schon vielversprechender aus.

Ich kenne in Sizilien mehrere Männer mit exzellenten juristischen Fähigkeiten - richtig, einer lebt sogar in Syrakus. Ich werde ihm noch heute schreiben und ihn dringend bitten, mir zuliebe deinen Fall zu übernehmen. Ich werde ihm außerdem darlegen, was meiner Meinung nach zu tun ist. Er soll bei Gericht den Antrag stellen, die anstehende Klage für unwirksam zu erklären mit der Begründung, dass du dich nicht persönlich verteidigen kannst. Sollte das fehlschlagen und Verres das Verfahren durchziehen, soll dein Anwalt nach Rom kommen und die Verurteilung anfechten.«

Aber der Sizilier schüttelte den Kopf. »Wenn ich nur einen Anwalt in Syrakus brauchte, Senator, hätte ich nicht den weiten Weg bis nach Rom gemacht.«

Ich konnte sehen, dass Cicero nicht erfreut darüber war, in welche Richtung sich das Gespräch bewegte. Ein derartiger Fall könnte seine Praxis für

Tage lahmlegen, und Sizilier waren - worauf ich ihn hingewiesen hatte - in Rom nicht wahlberechtigt. Pro bono - wie wahr!

»Hör zu«, sagte er mit besänftigender Stimme. »Deine Erfolgsaussichten sind gut. Verres ist offensichtlich korrupt. Er missbraucht deine Gastfreundschaft, er stiehlt, er bringt falsche Beschuldigungen vor. Er plant einen Justizmord. Seine Position ist unhaltbar. Ein Anwalt in Syrakus wird damit leicht fertig - ganz sicher, glaub mir. Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest, auf mich warten jede Menge Klienten, außerdem habe ich in einer knappen Stunde einen Termin bei Gericht.«

Cicero nickte mir zu. Ich trat vor und legte eine Hand auf Sthenius' Arm, um ihn nach draußen zu geleiten. Der Sizilier schüttelte meine Hand ab. »Aber ich brauche dich«, sagte er hartnäckig.

»Warum?«

»Weil ich nur in Rom eine Aussicht auf Gerechtigkeit habe, nicht in Sizilien. Da kontrolliert Verres die Gerichte. Und alle Leute sagen, dass du, Marcus Tullius Cicero, der zweitbeste Anwalt Roms bist.«

»Ach ja, tun das die Leute?« Ciceros Stimme nahm einen sarkastischen Tonfall an. Er hasste dieses Attribut. »Wenn dem so ist, warum gibst du dich dann mit dem Zweitbesten zufrieden? Warum nimmst du nicht gleich Hortensius?«

»Das wollte ich ja«, sagte Sthenius arglos. »Aber er hat abgelehnt. Er vertritt Verres.«

Ich begleitete den Sizilier nach draußen und ging wieder in Ciceros Arbeitszimmer. Er war allein. Zurückgelehnt saß er auf seinem Stuhl, starrte an die Wand und warf den Lederball von einer Hand in die andere. Juristische Fachbücher lagen unordentlich auf seinem Schreibpult herum. Eins, das er aufgeschlagen hatte, hieß Juristische Verfahrensregeln und war von Hostilius. Ein anderes war Manilius' Kauf- und Verkaufsverträge.

»Erinnerst du dich an den Besoffenen am Pier von Puteoli? Den mit den roten Haaren? Als wir gerade aus Sizilien eingelaufen waren? >Hört, hört, guter Mann! Er ist auf dem Rückweg aus seiner Provinz ...

Ich nickte.

»Das war Verres.« Der Ball hüpfte von der linken in die rechte, von der rechten in die linke Hand. »Der Bursche bringt noch die gute alte Korruption in Verruf.«

»Mich überrascht, dass Hortensius sich mit ihm einlässt.«

»Das überrascht dich? Mich nicht.« Er hörte auf, mit dem Ball zu spielen. Nachdenklich betrachtete er die Lederkugel, die auf seiner ausgestreckten Hand lag. »Der Tanzmeister und der Eber ...« Eine Zeit lang brütete er vor sich hin. »Ein Mann in meiner Lage müsste verrückt sein, wenn er sich in ein Scharmützel mit dem Duo Hortensius/Verres einließe. Und das auch noch wegen eines Siziliers, der nicht mal Bürger Roms ist.«

»Wie wahr.«

»Wie wahr«, wiederholte er. Wegen der seltsam zögernden Art, wie er diese beiden Worte aussprach, frage ich mich allerdings noch heute manchmal, ob er nicht genau in dieser Sekunde eine Ahnung von der Tragweite des Falles bekommen hatte, von der außerordentlichen Palette an Möglichkeiten und daraus resultierenden Folgen, die sich plötzlich in seinem Kopf wie zu einem Mosaik zusammensetzten. Wenn ja, so habe ich es zumindest nie erfahren, denn in diesem Augenblick platzte noch im Nachthemd seine Tochter Tullia herein, um ihm eine ihrer kindlichen Zeichnungen zu zeigen. Sofort gehörte seine ganze Aufmerksamkeit ihr. Er hob sie hoch und setzte sie sich auf den Schoß. »Hast du das gezeichnet? Hast du das wirklich selbst gemacht ...?«

Ich ließ die beiden allein und ging ins Tablinum, um den Wartenden mitzuteilen, dass der Senator auf dem Weg ins Gericht sei und jetzt keine Zeit mehr habe. Der immer noch jämmerlich dreinblickende Sthenius fragte mich, wann er mit einer Antwort rechnen könne, worauf ich ihm nur sagen konnte, er müsse sich gedulden wie jeder andere auch. Kurz darauf erschien Cicero mit der kleinen Tullia an der Hand und begrüßte jeden mit Namen (»Die wichtigste Regel in der Politik, Tiro: Vergiss nie ein Gesicht!«). Wie immer war seine Erscheinung makellos: pomadisiertes, glatt zurückgekämmtes Haar, parfümierte Haut, die Toga frisch gewaschen und gebügelt, kein Staubkörnchen auf den rot glänzenden Lederschuhen, das Gesicht braun gebrannt vom jahrelangen Plädieren unter freiem Himmel. Gepflegt, schlank, fit. Kurz: ein glänzender Auftritt. Seine Gäste folgten ihm in den Flur, wo er sein kleines strahlendes Mädchen hochhob und den Anwesenden präsentierte. Dann drehte er Tullias Gesicht zu sich und küsste sie zum Abschied laut schmatzend auf die Lippen. Ein lang gezogenes »Ahh!«, vereinzeltes Klatschen war zu hören. Der Abschiedskuss war nicht nur Inszenierung - wenn er allein gewesen wäre, hätte er es nicht anders gemacht, denn sein Leben lang hat er nie jemanden mehr geliebt als seinen Liebling Tulliola. Aber er wusste auch, dass das römische Wahlvolk ein sentimentaler Haufen war, und wenn sich seine väterliche Hingabe herumsprach, würde ihm das jedenfalls nicht schaden.

Und so traten wir an diesem vielversprechenden Novembermorgen hinaus in die zum Leben erwachende Stadt. Cicero ging voraus, ich an seiner Seite, die Wachstafel einsatzbereit; hinter uns Sositheus und Laurea mit den Körben, die die Beweismittel für Ciceros Auftritt bei Gericht enthielten; und um uns herum ein bunt zusammengewürfelter Haufen von etwa zwei Dutzend Bittstellern und Anhängern, darunter Sthenius, die die Aufmerksamkeit des Senators zu erregen versuchten, aber auch schon damit zufrieden waren, sich nur in seiner Nähe aufhalten zu dürfen. Von den Höhen des schattigen, vornehmen Esquilin tauchten wir in den lärmenden, dunstigen Gestank von Subura ein. Die Mietshäuser waren so hoch, dass kein Sonnenstrahl den Boden erreichte, und die schiebenden Menschenmengen rissen immer wieder Lücken in die Schar unserer Begleiter, die es jedoch irgendwie schafften, nie den Anschluss zu verlieren. Cicero war ein bekannter Mann in diesem Viertel, er war ein Held für die Ladenbesitzer und Händler, deren Interessen er vertreten hatte und die ihn schon seit Jahren durch ihre Straßen gehen sahen. Nicht ein einziges Mal verlangsamte er seinen schnellen Schritt, und doch registrierten seine wachsamen blauen Augen jeden geneigten Kopf, jede grüßende Hand, und nie musste ich ihm einen Namen ins Ohr flüstern - er kannte seine Wähler weit besser als ich.

Ich weiß nicht, wie es heute ist, aber damals gab es sechs oder sieben Gerichtshöfe, die fast immer tagten, jeder in einem anderen Teil des Forums. Zur Stunde, wenn sie alle gleichzeitig ihre Sitzungen eröffneten, konnte man sich deshalb kaum rühren, so viele Anwälte und Gerichtsbedienstete eilten geschäftig herum. Das Gedränge wurde noch dadurch verschlimmert, dass dem Prätor jedes Gerichtshofes von seinem Wohnhaus bis zum Forum ein halbes Dutzend Liktoren voranging, die ihm den Weg bahnten, und so wollte es der Zufall, dass an jenem Tag unser kleines Gefolge genau zu jenem Zeitpunkt auf dem Forum einzog, als auch Hortensius, der damals selbst Prätor war, mit seinem Tross dem Senat zustrebte. Wir wurden von seinen Wachen zurückgehalten, damit der große Mann passieren konnte, und bis heute glaube ich nicht, dass Hortensius Cicero mit Vorsatz ignorierte, denn er war ein Mann mit kultivierten, fast femininen Umgangsformen. Ich glaube, er hat uns einfach nicht gesehen. Die Folge war jedoch, dass dem sogenannten zweitbesten Advokaten Roms der freundliche Gruß auf den Lippen erstarb und er dem sich entfernenden Rücken des sogenannten besten Advokaten mit derart tiefer Verachtung hinterherschaute, dass ich mich wunderte, warum Hortensius nicht den Arm hob und sich zwischen seinen Schulterblättern kratzte.

Unser Fall an diesem Morgen wurde vor dem obersten Strafgericht verhandelt, das vor der Basilica Aemilia zusammentrat. Der fünfzehnjährige Gaius Popillius Laenas war angeklagt, seinen Vater getötet zu haben, indem er ihm einen Schreibgriffel aus Metall ins Auge gerammt hatte. Das Podium wurde schon von einer großen Menschenmenge umringt. Ciceros Schlussrede für die Verteidigung stand auf der Tagesordnung. Das war Attraktion genug. Sollte Cicero es nicht schaffen, die Geschworenen zu überzeugen, würde Popillius als Vatermörder verurteilt. Man würde ihn nackt ausziehen, blutig peitschen und dann zusammen mit einem Hund, einem Hahn und einer Schlange in einen Sack einnähen und in den Tiber werfen. Ein Hauch Gier nach Blut hing in der Luft. Als die Zuschauer zur Seite traten, um uns durchzulassen, warf ich einen Blick auf den jungen Popillius, der berüchtigt war für seine Gewalttätigkeit. Seine Augenbrauen bildeten einen durchgehend dicken schwarzen Strich. Er saß neben seinem Onkel auf der Bank, die für die Verteidigung reserviert war, schaute finster und verächtlich in die Menge und spuckte jeden an, der ihm zu nahe kam. »Wir müssen ihn unbedingt freibekommen«, sagte Cicero zu mir. »Schon damit den armen Tieren die Tortur erspart bleibt, mit ihm in einen Sack gesteckt zu werden.« Er bestand immer darauf, dass es nicht Sache des Anwalts sei, sich den Kopf über Schuld oder Unschuld eines Mandanten zu zerbrechen: Das sei Sache des Gerichts. Seine Pflicht sei es lediglich, sein Bestes zu tun. Als Gegenleistung sähen sich die Popilii Laeni, die sich mit vier Konsuln in ihrem Stammbaum brüsten konnten, in der Pflicht, ihn zu unterstützen, wann immer er ein Öffentliches Amt anstrebte.

Sositheus und Laurea stellten die Körbe mit den Beweismitteln ab, und ich bückte mich gerade, um den ersten aufzuschnüren, als Cicero sagte: »Spar dir die Mühe.« Er tippte sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe. »Die Rede ist hier gespeichert.« Er beugte sich zu seinem Mandanten vor und begrüßte ihn höflich: »Guten Morgen, Popillius. Das haben wir gleich erledigt, glaube mir.« Dann wandte er sich wieder mir zu und sagte leise: »Ich habe eine wichtigere Aufgabe für dich. Gib mir deine Wachstafel. Ich will, dass du zum Senat gehst, den Protokollführer auftreibst und vorfühlst, ob er das hier noch auf die Tagesordnung für heute Nachmittag setzen kann.« Er schrieb schnell. »Sag unserem Freund aus Sizilien noch nichts davon. Das ist nicht ganz ungefährlich. Wir müssen behutsam vorgehen, ein Schritt nach dem andern.«

Erst als ich das Gericht verlassen und das Forum auf dem Weg zum Senat schon halb durchquert hatte, wagte ich, einen Blick auf die Wachstafel zu werfen ... dass nach Auffassung dieses Hauses in den Provinzen die Strafverfolgung von Personen, die Kapitalverbrechen beschuldigt werden, in deren Abwesenheit verboten werden sollte. Ich spürte ein Ziehen in meinem Brustkorb, weil ich sofort erkannte, was das bedeutete. Schlau, behutsam und verdeckt traf Cicero Vorbereitungen, seinem großen Rivalen den Kampf anzusagen. Ich überbrachte eine Kriegserklärung.

*

Im November führte Gellius Publicola den Vorsitz im Senat. Er war ein ungehobelter, köstlich tumber Militärführer der alten Schule. Man behauptete, oder wenigstens behauptete es Cicero, dass sich Gellius, als er zwanzig Jahre zuvor mit seiner Armee in Athen gewesen war, als Schlichter im Streit der philosophischen Schulen angeboten hatte: Er würde eine Konferenz einberufen, auf der sie ein für alle Mal den Sinn des Lebens klären könnten, dann brauchten sie ihre Lebenszeit nicht mit weiteren sinnlosen Debatten zu vergeuden. Ich kannte Gellius' Sekretär ziemlich gut, und da sich die Agenda für den Nachmittag ungewöhnlich dürftig ausnahm - außer einem Bericht über die militärische Lage war nichts vorgesehen -, setzte er Ciceros Antrag auf die Tagesordnung. »Aber du solltest deinen Herrn vorwarnen«, sagte er. »Dem Konsul ist Ciceros kleine Bosheit über den Philosophenstreit zu Ohren gekommen. Er war nicht sehr begeistert.«

Als ich wieder im Gericht eintraf, war Ciceros Verteidigungsrede schon in vollem Gang. Die Rede gehörte nicht zu denen, die er von mir archivieren ließ, deshalb habe ich unglücklicherweise den Text nicht zur Hand. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass er den Prozess mit einem schlauen Schachzug gewann: Er versprach, dass Popillius im Fall eines Freispruchs den Rest seines Lebens dem Militärdienst widmen würde - ein Gelübde, das sowohl den Ankläger wie auch die Geschworenen und erst recht seinen Mandanten völlig überraschte. Aber der Kunstgriff funktionierte. Im Augenblick der Urteilsverkündung verschwendete Cicero keine einzige Sekunde mehr an Popillius, gönnte sich nicht einmal einen Bissen zu essen, sondern verabschiedete sich umgehend Richtung Senat, der sich im westlichen Teil des Forums befand - im Schlepptau die gleiche Ehrengarde aus Bewunderern wie am Morgen. Ihre Zahl hatte sich sogar vergrößert, da das Gerücht umging, der große Advokat wolle heute noch eine zweite Rede halten.

Cicero behauptete immer, dass die eigentlichen Geschäfte der Republik nicht im Senatssaal, sondern davor, auf dem Senaculum genannten Sammelplatz der Senatoren, betrieben würden, wo diese zu warten hatten, bis die Kammer beschlussfähig war. Diese tägliche Versammlung weiß gekleideter Gestalten, die eine Stunde oder länger dauern konnte, bot eines der faszinierenden Bilder der Stadt. Während Cicero sich unter die Senatoren mischte, gesellte ich mich zusammen mit Sthenius zu der gaffenden Menge auf der anderen Seite des Forums. (Der Sizilier, der Arme, hatte immer noch keine Ahnung, was hier vor sich ging.)

Es liegt in der Natur der Sache, dass nicht alle Politiker es zu Rang und Namen bringen. Von den sechshundert Männern, die damals den Senat bildeten, konnten in jedem Jahr nur acht zum Prätor gewählt werden, und nur zwei konnten das höchste Imperium, das Konsulat, erreichen. Mit anderen Worten: Über die Hälfte derjenigen, die jetzt im Senaculum herumstanden, waren dazu verurteilt, nie in ein öffentliches Amt gewählt zu werden. Sie waren das, was die Aristokraten naserümpfend pedarii nannten: Männer, die mit den Füßen abstimmten, die bei jeder Stimmabgabe pflichtbewusst entweder zur einen oder anderen Seite des Raumes gingen. Und doch waren diese Bürger in gewisser Weise das Rückgrat der Republik: Bankiers, Geschäftsleute und Landbesitzer aus ganz Italien; wohlhabend, besonnen und patriotisch; misstrauisch gegenüber der Arroganz und dem Pomp der Aristokraten. Wie Cicero waren sie oft homines novi, neue Männer, die ersten in ihren Familien, die in den Senat gewählt worden waren. Das waren Ciceros Leute. Zu beobachten, wie er sich an jenem Nachmittag zwischen ihnen hindurchschlängelte, war, als beobachte man einen großen Künstler, einen Bildhauer an seinem Steinblock - dem einen legte er sanft die Hand auf den Ellbogen, dem anderen klopfte er kräftig auf die breiten Schultern; bei diesem Mann ein derber Scherz, bei jenem ein feierliches Wort der Anteilnahme, wobei er zur Bekräftigung seines Mitgefühls die verschränkten Hände gegen die eigene Brust drückte. Auch wenn ihn ein lästiger Schwätzer festnagelte, erweckte er den Eindruck, sich alle Zeit der Welt für dessen langweilige Geschichte zu nehmen. Plötzlich jedoch streckte er den Arm aus und hielt irgendeinen vorbeischlendernden Senator auf, entledigte sich der Klette anmutig wie ein Tänzer und ließ ihn mit dem sanftmütigsten Blick der Entschuldigung und des Bedauerns stehen, um den nächsten Kollegen zu bearbeiten. Gelegentlich deutete er in unsere Richtung, und dann blickte sein Gesprächspartner zu uns herüber und schüttelte vielleicht ungläubig den Kopf oder nickte bedächtig, um Cicero seiner Unterstützung zu versichern.

»Was erzählt er da über mich?«, fragte Sthenius. »Was geht hier vor?«

Da ich es selbst nicht wusste, konnte ich ihm diese Frage auch nicht beantworten.

Hortensius hatte inzwischen gemerkt, dass etwas in der Luft lag, aber er wusste nicht, was. Die Tagesordnung war an der üblichen Stelle neben dem Eingang zum Senat ausgehängt worden. Ich sah, wie Hortensius stehen blieb, las - in den Provinzen die Strafverfolgung von Personen, die Kapitalverbrechen beschuldigt werden, in deren Abwesenheit verboten werden sollte - und sich dann verwirrt abwandte. Umgeben von seinem Gefolge saß Gellius Publicola im Saaleingang auf seinem mit Elfenbeinschnitzereien verzierten Stuhl und wartete darauf, dass die Auguren nach Begutachtung der Eingeweide alles für ordnungsgemäß befanden, damit er die Senatoren auffordern konnte einzutreten. Hortensius ging auf ihn zu und breitete fragend die Arme aus. Gellius zuckte mit den Achseln und deutete gereizt auf Cicero. Hortensius drehte sich um und entdeckte seinen Rivalen inmitten einer Traube verschwörerisch tuschelnder Senatoren. Er runzelte die Stirn und gesellte sich zu seinen aristokratischen Freunden: den drei Metellus-Brüdern Quintus, Lucius und Marcus sowie den beiden älteren Exkonsuln Quintus Catulus, dessen Schwester mit Hortensius verheiratet war, und Publius Servilius Vatia Isauricus, der das Konsulat zweimal innegehabt hatte. Sogar beim Niederschreiben der Namen stellen sich mir nach all den Jahren noch die Nackenhaare auf, denn Männer dieses Kalibers - eisern, unnachgiebig, durchdrungen von den alten Idealen der Republik -gibt es heute nicht mehr. Hortensius musste ihnen von dem Antrag erzählt haben, denn langsam drehten sich alle fünf um und schauten zu Cicero. Unmittelbar danach ertönte das Trompetensignal, das den Beginn der Sitzung ankündigte, und die Senatoren begaben sich in den Saal.

Das alte Senatsgebäude war ein kühler, düsterer, höhlenartiger Regierungstempel, den ein breiter, in schwarzen und weißen Fliesen ausgelegter Mittelgang in zwei Hälften teilte. Auf beiden Seiten befanden sich jeweils sechs lange, einander zugewandte Reihen mit Holzbänken für die Senatoren. Auf einem Podium am Kopfende des Raumes standen die Stühle für die Konsuln. Das Licht an jenem Novembertag war fahl und bläulich. Es fiel durch die unverglasten Fenster, die sich direkt unterhalb der Dachbalken befanden, in schmalen Streifen in den Saal. Tauben gurrten auf den Gesimsen und flatterten durch den Raum, wobei sie kleine Federn und auch den einen oder anderen warmen Spritzer Exkremente auf die Senatoren herabfallen ließen. Manche behaupteten, dass es Glück brächte, wenn man während einer Rede vom Vogelkot getroffen würde, andere hielten es für ein schlechtes Omen, und einige wenige glaubten, dass das eine oder andere von der Farbe der Ausscheidungen abhinge. Die Spielarten des Aberglaubens waren so zahlreich wie deren Interpretationen. Cicero nahm davon keine Notiz. Er achtete weder auf die Lage von Schafsgedärm oder die Flugbahn eines Vogelschwarms noch darauf, ob es links oder rechts von ihm donnerte. Für ihn war das alles Unsinn - später allerdings bewarb er sich für einen Sitz im Kollegium der Auguren.

Nach den alten, damals noch befolgten Traditionen blieben die Türen während einer Senatssitzung geöffnet, damit das Volk die Debatten mithören konnte. Die Menschenmenge, darunter auch Sthenius und ich, drängte über das Forum bis zur Schwelle zum Senat, wo ihr ein einfaches Seil Einhalt gebot. Inzwischen hatte Gellius damit begonnen, die Kriegsberichte der Armeeführer vorzutragen. Die Nachrichten von allen drei Fronten waren gut. In Süditalien schlug der unermesslich reiche Marcus Crassus - der, der einmal getönt hatte, kein Mann könne sich reich nennen, wenn er nicht aus eigener Tasche eine Legion von fünftausend Mann unterhalten könne -mit äußerster Härte Spartacus' Sklavenaufstand nieder. In Spanien räumte Pompeius Magnus nach sechs Jahre andauernden Kämpfen mit den letzten Rebellenarmeen auf. Und in Kleinasien landete Lucius Lucullus einen ruhmreichen Sieg nach dem anderen über König Mithridates. Nach dem Verlesen der Berichte erhoben sich nacheinander Anhänger jedes einzelnen Heerführers, um dessen Taten zu rühmen und die seiner Rivalen auf subtile Weise herabzuwürdigen. Cicero hatte mir erklärt, was dahintersteckte, und ich gab mein Wissen in überlegenem Flüsterton an Sthenius weiter: »Crassus hasst Pompeius und ist fest entschlossen, Spartacus zu schlagen, bevor Pompeius mit seinen Legionen aus Spanien zurückkehrt und den ganzen Ruhm für sich einheimst. Pompeius hasst Crassus und will Spartacus selbst vernichten, weil er Crassus den Triumph nicht gönnt. Crassus und Pompeius hassen beide Lucullus, weil der das attraktivste Kommando hat.«

»Und wen hasst Lucullus?«

»Pompeius und Crassus natürlich, weil die beiden gegen ihn intrigieren.«

Ich freute mich wie ein kleines Kind, das soeben fehlerlos seine Lektion aufgesagt hatte. Damals war alles nur ein Spiel, und ich hatte keine Ahnung, dass wir jemals in die Sache hineingezogen werden könnten. Ohne besonderen Grund, denn es war keine Abstimmung erforderlich, schlief die Debatte plötzlich ein, und die Senatoren begannen miteinander zu reden. Gellius, der damals bereits hoch in den Sechzigern gewesen sein rnuss, hielt sich das Tagesordnungsprotokoll dicht vors Gesicht, las mit zusammengekniffenen Augen und ließ dann den Blick durch die Kammer schweifen auf der Suche nach Cicero, der als junger Senator seinen Platz auf den hinteren Bänken nahe der Tür hatte. Cicero stand schließlich auf, Gellius setzte sich, das Gemurmel erstarb, und ich zückte meinen Griffel.

Es herrschte Stille. Cicero stand stumm an seinem Platz, eine Methode, um die Spannung zu erhöhen. Als er so lange gewartet hatte, dass man glauben konnte, irgendetwas sei nicht in Ordnung, begann er zu sprechen - anfangs sehr leise und stockend, sodass die Anwesenden gezwungen waren, aufmerksam zuzuhören. Und obwohl sie die Worte kaum verstehen konnten, schlug der Rhythmus der Sprache sie in ihren Bann.

»Ehrenwerte Mitglieder des Senats, verglichen mit den soeben gehörten, aufwühlenden Nachrichten über unsere Soldaten im Feld mag euch das, was ich zu sagen habe, läppisch erscheinen.« Seine Stimme wurde jetzt lauter. »Wenn es aber so weit kommen sollte, dass dieses hohe Haus kein Ohr mehr hat für die Anliegen eines unschuldigen Mannes, dann sind all jene mutigen Taten wertlos, dann bluten unsere Soldaten vergeblich.« Von den neben ihm sitzenden Senatoren war zustimmendes Gemurmel zu hören. »So ein unschuldiger Mann suchte mich heute Morgen in meinem Haus auf. Er ist von einer Person aus unserer Mitte auf so schimpfliche, so ungeheuerliche, so grausame Weise behandelt worden, dass beim Anhören seiner Geschichte selbst den Göttern die Tränen gekommen wären. Ich spreche von dem ehrenwerten Sthenius aus Thermae, bis vor kurzem wohnhaft in unserer bedauernswerten, kläglich verwalteten und aufs Schändlichste ausgebeuteten Provinz Sizilien.«

Hortensius, der betont lässig in der vordersten Reihe neben dem Konsul saß, zuckte beim Wort »Sizilien« leicht zusammen. Ohne Cicero aus den Augen zu lassen, drehte er sich halb um und flüsterte Quintus, dem ältesten der Metellus-Brüder, etwas zu. Dieser wandte sich daraufhin Marcus zu, dem jüngsten der drei Brüder, und machte ihm ein Zeichen. Marcus ging in die Hocke, empfing seine Anweisungen und eilte, nachdem er sich knapp vor dem präsidierenden Konsul verneigt hatte, durch den Gang in meine Richtung. Einen Moment lang glaubte ich, dass es mir an den Kragen ginge - die Metellus-Brüder waren unangenehme, großmäulige Burschen -, aber er schaute mich nicht einmal an, sondern hob das Seil hoch, schlüpfte darunter hindurch und verschwand in der Menge.

Inzwischen war Cicero richtig in Fahrt gekommen. Nach unserer Rückkehr von Rhodos war ihm Molons Leitsatz der Vortrag, der Vortrag und noch mal der Vortrag nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Stundenlang hatte er im Theater die Methoden der Schauspieler studiert und ein außerordentliches Talent für Mimik und Mimikry entwickelt. Mit dem sparsamsten Einsatz von Stimme und Gestik konnte er - was er in diesem Augenblick tat - seine Reden mit den Charakteren bevölkern, die er ansprechen wollte. An jenem Nachmittag ließ er den Senat in den Genuss einer Sondervorstellung kommen: Verres' großmäuliger Arroganz stellte er Sthenius'' gelassene Würde gegenüber, dem langen Leiden der Sizilier die Schandtaten des amtlichen Scharfrichters Sextius. Sthenius konnte kaum glauben, was er da sah und hörte. Er war jetzt gerade seit einem Tag in der Stadt, und schon war er Gegenstand einer Debatte im römischen Senat. Währenddessen schaute Hortensius immer wieder zur Tür, und als Cicero dem Fazit seiner Rede entgegensteuerte - »Sthenius erbittet unseren Schutz, nicht vor irgendeinem Dieb, sondern vor genau dem Mann, der Dieben das Handwerk legen sollte!« -, sprang er schließlich auf. Gemäß den Regeln des Senats hatte ein amtierender Prätor immer Vorrang vor einem einfachen Mitglied aus den Reihen der pedarii, sodass Cicero keine andere Wahl hatte, als sich zu fügen und seine Rede zu unterbrechen.

»Senatoren«, rief Hortensius mit donnernder Stimme. »Wir haben uns das jetzt lange genug angehört! Das ist wohl eines der schamlosesten Beispiele an Opportunismus, das dieses hohe Haus je erlebt hat. Erst wird uns ein nebulöser Antrag präsentiert, und dann stellt sich heraus, dass es sich dabei um einen einzigen Mann handelt. Uns liegt kein einziges schriftliches Zeugnis vor, über das wir diskutieren könnten. Wir haben keinerlei Möglichkeit, über den Wahrheitsgehalt des Gehörten zu entscheiden. Ohne sich verteidigen zu können, wird Gaius Verres, ein verdientes Mitglied dieses Hauses, diffamiert. Ich beantrage, die Sitzung umgehend zu schließen.«

Unter lautem Getrampel der aristokratischen Senatsmitglieder setzte sich Hortensius. Cicero stand auf. Sein Gesicht war vollkommen regungslos.

»Anscheinend hat der Senator den Antrag nicht gelesen«, sagte er und spielte den Verblüfften. »Wo in meinem Antrag wird auch nur an einer Stelle der Name Gaius Verres erwähnt? Senatoren, ich ersuche dieses Haus nicht, über Gaius Verres abzustimmen. Es wäre unfair, in seiner Abwesenheit über ihn zu richten. Gaius Verres ist nicht hier, um sich zu verteidigen. Da wir somit dieses Prinzip für gültig befunden haben, möchte ich Hortensius bitten, dieses Prinzip auch auf meinen Mandanten anzuwenden und sich einverstanden zu erklären, dass auch gegen ihn in seiner Abwesenheit nicht verhandelt werden sollte. Oder wollen wir ein Gesetz für Aristokraten und ein anderes für den Rest von uns?«

Das heizte die Stimmung mächtig an und ließ die pedarii um Cicero und die Menge vor der Tür in Jubelgeschrei ausbrechen. Ich spürte Bewegung in meinem Rücken, schaute mich um und sah, wie sich Marcus Metellus grob einen Weg durch die Menge bahnte, den Saal betrat und durch den Mittelgang auf Hortensius zueilte. Cicero beobachtete ihn - erst schien er verwirrt zu sein, dann jedoch erkannte er, was vor sich ging. Schnell hob er die Hand, und es trat Ruhe ein. »Nun gut. Da Hortensius meinen Antrag für zu nebulös hält, mochte ich ihn präzisieren, damit jeder Zweifel ausgeräumt ist. Ich schlage folgende Ergänzung vor: Da Sthenius in seiner Abwesenheit angeklagt worden ist, wird festgestellt, dass in seiner Abwesenheit kein Prozess gegen ihn stattfinden darf und dass, sollte der Prozess schon stattgefunden haben, dieser für unwirksam erklärt wird. Und ich schlage vor: Lasst uns sofort darüber abstimmen. Lasst uns, gemäß den ehrwürdigsten Traditionen des römischen Senats, einen unschuldigen Mann vor der fürchterlichen Strafe der Kreuzigung bewahren.«

Unter Beifallswie Buhrufen setzte sich Cicero, und Gellius erhob sich. »Der Antrag ist hiermit gestellt«, erklärte der Konsul. »Möchte jemand das Wort?«

Hortensius, die Metellus-Brüder sowie einige andere ihrer Parteigänger - darunter Scribonius Curio, Sergius Catilina und Aemilius Alba - steckten vor der ersten Bank die Köpfe zusammen, und kurz hatte es den Anschein, als sollte das Haus unverzüglich zur Abstimmung schreiten, was Cicero am liebsten gewesen wäre. Doch als die Aristokraten wieder ihre Plätze einnahmen, blieb einer von ihnen - der dürre Catulus - stehen. »Ich werde sprechen«, sagte er. »Ich glaube, ich habe dazu etwas mitzuteilen.« Catulus war der Urururururenkel (ich glaube, das ist die korrekte Anzahl von Urs) jenes Catulus, der im Ersten Punischen Krieg über Hamilkar triumphiert hatte. Er war so hart und kalt wie Feuerstein, seine ätzend essigsaure Stimme klang wie die Essenz aus zweihundert Jahren Geschichte. »Ich werde sprechen«, wiederholte er, »und als Erstes sage ich, dass dieser junge Mann dort ...« Er deutete auf Cicero. »... nichts, aber auch gar nichts über die ehrwürdigsten Traditionen des römischen Senats< weiß. Denn wenn er etwas darüber wüsste, dann würde er auch wissen, dass kein Senator einen anderen Senator angreift - es sei denn von Angesicht zu Angesicht. Das offenbart lediglich schlechte Manieren. Ich schaue ihn mir an, wie er da auf seinem Platz sitzt, gerissen, beflissen, und wisst ihr, Senatoren, was mir dabei einfällt? Mir fallt ein altes, weises Sprichwort ein: >Ein Unze Abstammung ist so viel wert wie ein Pfund Verdiensten«

Jetzt waren es die Aristokraten, die es vor Lachen schüttelte. Catilina, zu dem ich später noch einiges mehr zu sagen habe, deutete auf Cicero und fuhr sich mit dem Finger über die Kehle. Cicero lief rot an, bewahrte aber Haltung. Er brachte sogar ein dürres Lächeln zustande. Catulus drehte sich lachend zu den Bänken hinter ihm um, sodass ich für eine Sekunde sein grinsendes, scharf geschnittenes Profil mit der Adlernase sah: wie der Kopf auf einer Münze. Er wandte sich wieder den Senatoren zu. »Als ich zum ersten Mal dieses Haus betrat«, sagte Catulus gerade, »zu Zeiten des Konsulats von Claudius Pulcher und Marcus Paperna .«

Ciceros und meine Blicke trafen sich. Er formte mit den Lippen ein Wort, schaute hinauf zu den Fenstern und deutete dann mit dem Kopf Richtung Tür. Ich verstand sofort. Als ich mich durch die Zuschauermenge aufs Forum drängelte, wurde mir klar, dass Metellus genau den gleichen Auftrag gehabt hatte. In jenen Tagen, als die Zeitmessung noch nicht so präzise war wie heute, begann die letzte Sitzungsstunde, wenn im Westen die Sonne hinter der Maenius-Säule verschwand. Ich schätzte, dass es ungefähr in diesem Moment so weit war, und tatsächlich begegnete ich dem für die Sonnenbeobachtung zuständigen Mann, der schon auf dem Weg war, um dem Konsul Bescheid zu geben. Es verstieß gegen das Gesetz, dass der Senat nach Sonnenuntergang tagte. Der Plan von Hortensius und seinen Freunden war klar: Sie wollten den Rest der Sitzung mit Reden füllen und so verhindern, dass über Ciceros Antrag abgestimmt werden konnte. Nachdem ich mich selbst vom Stand der Sonne überzeugt hatte, wieder über das Forum zurückgelaufen war und mich durch die Menschenmenge bis zur Schwelle zum Senatssaal durchgekämpft hatte, kam ich gerade noch rechtzeitig, um zu hören, wie Gellius das Wort ergriff. »Die letzte Stunde!«

Cicero sprang sofort auf, um einen Tagesordnungspunkt anzumelden, doch Gellius lehnte ab, sodass Catulus seine Rede fortsetzen konnte. Er redete und redete und erging sich -praktisch beginnend mit der Zeit der Säugung des Knaben Romulus durch die Wölfin - in einer endlosen Darlegung der Geschichte der Verwaltung der Provinzen. (Catulus' Vater, der auch Konsul gewesen war, hatte sich auf berühmt gewordene Weise das Leben genommen: Er hatte sich in einem luftdicht versiegelten Raum eingeschlossen, hatte ein Holzkohlenfeuer angezündet und war am Rauch erstickt. Cicero pflegte zu sagen, dass er das wohl getan habe, um nie wieder eine Rede seines Sohnes ertragen zu müssen.) Als Catulus schließlich zu einer Art Ende fand, übergab er das Wort umgehend an Quintus Metellus, sodass sich der gleich aufspringende Cicero wiederum dem Senioritätsprinzip beugen musste. Metellus war Prätor, und solange er das Wort nicht abgab, was er natürlich nicht tat, hatte Cicero kein Rederecht. Eine Zeit lang blieb er störrisch stehen, trotz lauter werdender Protestrufe. Schließlich jedoch zupften die Männer, die links und rechts von ihm saßen, an seiner Toga, sodass er letztendlich kapitulierte und sich wieder setzte. Einer dieser Senatoren war Servius, ein befreundeter Rechtsanwalt, dem Ciceros Wohlergehen am Herzen lag und der erkannte, dass er im Begriff war, sich lächerlich zu machen.

Es war verboten, in der Kammer eine Lampe oder eine Kohlenpfanne zu entzünden. Mit zunehmender Dunkelheit wurde es auch kühler, und die Ansammlung weiß gewandeter Gestalten, die regungslos im dämmernden Novemberlicht saß, glich einem Geisterparlament. Nachdem Metellus eine Ewigkeit schwadroniert hatte, übergab er das Wort an Hortensius - einen Mann, der sich stundenlang über jedes beliebige Thema auslassen konnte. Jedem war klar, dass die Debatte beendet war, und kurz darauf löste Gellius die Versammlung auf. Gefolgt von vier Liktoren, die seinen kurulischen Stuhl trugen, humpelte der alte Mann durch den Mittelgang seinem Abendessen entgegen. Als er durch die Tür verschwunden war, strömten auch die Senatoren aus dem Saal. Sthenius und ich entfernten uns etwas vom Eingang und warteten auf Cicero. Allmählich zerstreute sich die Menge. Der Sizilier löcherte mich mit Fragen, was hier eigentlich gespielt werde, doch ich hielt es für klüger, den Mund zu halten. Schweigend warteten wir. Ich stellte mir vor, wie Cicero allein auf seiner hinteren Bank saß, wie er abwartete, bis sich die Kammer geleert hatte, damit er beim Hinausgehen mit niemandem sprechen musste. Ich fürchtete, dass er einen schlimmen Gesichtsverlust erlitten hatte. Doch zu meiner Überraschung kam er, entspannt mit Hortensius und einem älteren, mir unbekannten Senator plaudernd, aus dem Saal spaziert. Sie blieben auf den Stufen des Senatsgebäudes stehen, unterhielten sich noch eine Weile und trennten sich dann.

»Weißt du, wer das war?«, fragte Cicero, als er zu uns herübergekommen war. Er schien bester Stimmung zu sein, alles andere als niedergeschlagen. »Das war Verres' Vater. Er hat mir versprochen, seinem Sohn zu schreiben und ihn dringend zu bitten, die Anklage fallen zu lassen, wenn wir uns einverstanden erklären, die Angelegenheit im Senat nicht wieder zur Sprache zu bringen.«

Der arme Sthenius war so erleichtert, dass ich glaubte, er würde gleich in Tränen ausbrechen vor Dankbarkeit. Er fiel auf die Knie und küsste Ciceros Hände. Cicero verzog das Gesicht und sagte, er solle aufstehen. »Mein lieber Sthenius, spar dir den Dank auf, bis ich wirklich etwas erreicht habe. Er hat nur versprochen, ihm zu schreiben. Das ist noch keine Garantie.«

»Aber du nimmst sein Angebot doch an, oder?«, fragte Sthenius.

Cicero zuckte mit den Achseln. »Habe ich eine Wahl? Selbst wenn ich den Antrag noch einmal einbringe, werden sie ihn mit ihrem Rederecht wieder scheitern lassen.«

Ich konnte nicht widerstehen zu fragen, warum Hortensius dann überhaupt so einen Handel anbot.

Cicero nickte bedächtig. »Tja, das ist eine gute Frage.« Vom Tiber stieg Nebel auf, und die Lampen in den Läden am Argiletum verströmten ein fahles gelbliches Licht. Cicero sog die feuchtkühle Luft ein. »Ich nehme an, dass ihn die Sache doch peinlich berührt hat. Was bei ihm schon einiges heißen will. Es scheint so, dass sogar ein Hortensius nicht mit einem derart schamlosen Kriminellen in Verbindung gebracht werden will. Also versucht er, die Angelegenheit geräuschlos beizulegen. Ich frage mich, wie viel er von Verres kassiert hat. Muss eine gewaltige Summe sein.«

»Hortensius war nicht der Einzige, der Verres zur Seite gesprungen ist«, warf ich ein.

»Das stimmt allerdings.« Cicero wandte sich um und schaute zum Senatsgebäude. Anscheinend war ihm gerade ein neuer Gedanke gekommen. »Die stecken da alle mit drin. Die Metellus-Brüder sind Aristokraten bis ins Mark. Die würden keinen Finger für jemanden außerhalb ihres Standes rühren, es sein denn für Geld. Was Catulus angeht, der tut für Gold alles. Das Kapitol sieht mehr nach einem Catulus-Schrein als nach einem für Jupiter aus, mit so vielen Gebäuden hat der Mann in den letzten zehn Jahren den Hügel bepflastert. Tja, Tiro, ich schätze, dass die, mit denen wir es heute Nachmittag zu tun hatten, etwa eine halbe Million Sesterzen schwer waren - und zwar an Bestechungsgeldern. Um sich Schutz solchen Kalibers zu kaufen, Sthenius - verzeih mir, wenn ich das so sage -, reichen ein paar delische Bronzestatuen nicht aus. Aber was führt Verres da unten in Sizilien im Schilde?« Plötzlich zog er seinen Siegelring vom Finger. »Lauf mit dem Ring rüber zum Staatsarchiv, Tiro. Zeig ihn einem der Sekretäre da und sag, du willst in meinem Namen Einsicht in alle offiziellen Abrechnungen zwischen Gaius Verres und dem Senat.«

Ich muss ziemlich entsetzt ausgesehen haben. »Aber im Staatsarchiv haben Catulus' Leute das Sagen. Er erfährt sicher davon.«

»Daran kann ich auch nichts ändern.«

»Aber wonach soll ich überhaupt suchen?«

»Nach allem, was irgendwie auffällig ist. Das merkst du dann schon. Los, lauf, solange es noch hell ist.« Er legte den Arm um Sthenius' Schultern. »Und du, Sthenius, du kommst doch heute Abend zum Essen zu uns, oder? Meine Frau wird sich bestimmt freuen.«

Das bezweifelte ich, aber natürlich stand es mir nicht zu, das auch zu sagen.

*

Mangels ebenbürtiger Gebäude dominierte das wuchtige Staatsarchiv, das damals erst seit sechs Jahren existierte, das Forum noch deutlicher als heute. Ich stieg die breite Treppe zur ersten Galerie hinauf und war, als ich schließlich einen Schreiber fand, schon völlig außer Atem. Ich zeigte ihm das Siegel und forderte im Namen von Senator Cicero Einsicht in Verres' Abrechnungen. Zunächst behauptete er, nie von einem Senator Cicero gehört zu haben, und außerdem würde das Gebäude gerade geschlossen. Ich deutete zum Carcer, dem Staatsgefängnis, und sagte mit fester Stimme, wenn er nicht wegen Behinderung von Amtsgeschäften einen Monat in Ketten verbringen wolle, solle er mir umgehend die Unterlagen herbeischaffen. (Eins der Dinge, die ich von Cicero gelernt hatte, war, keine Nerven zu zeigen.) Der Schreiber schaute mich finster an, dachte kurz nach und sagte dann, ich solle ihm folgen.

Das Staatsarchiv war Catulus' Reich, ein Tempel für ihn und seine Familie. Über den Bogenöffnungen stand die Inschrift Q. Lutatius Catulus, Sohn des Quintus, Enkel des Quintus, Konsul, per Senatsdekret mit der Erbauung des Staatsarchivs beauftragt und von diesem für gut befunden. Neben dem Eingang befand sich eine lebensgroße Statue von Catulus, die aber jugendlicher und heroischer aussah als der Mann an jenem Nachmittag im Senat. Die meisten Schreiber im Archiv waren Sklaven oder Freigelassene von Catulus, auf ihren Tuniken war sein Emblem, ein kleiner Hund, eingenäht. Eigentlich sollte ich jetzt erzählen, was für ein Mann Catulus war. Die Schuld am Selbstmord seines Vaters gab er dem Prätor Gratidianus - einem entfernten Verwandten Ciceros und Anhänger der Populären. Nach dem Sieg der Aristokraten im Bürgerkrieg zwischen Marius und Sulla nutzte er die Gelegenheit zur Rache. Sein junger Schützling Sergius Catilina prügelte auf sein Geheiß Gratidianus durch die Straßen Roms bis zu Catulus' Familiengruft. Dort wurden ihm die Arme und Beine gebrochen, die Nase und die Ohren abgeschnitten, die Zunge herausgerissen und die Augen ausgestochen. Derart grässlich verstümmelt, wurde ihm dann noch der Kopf abgehackt, den Catilina triumphierend durch die Stadt trug und dem auf dem Forum auf ihn wartenden Catulus übergab. Jetzt kann man sicherlich verstehen, weshalb ich so nervös war, während ich darauf wartete, ins Archiv eingelassen zu werden.

Die Dokumente des Senats wurden in brandsicheren Tresorräumen aufbewahrt, die in den Fels des Kapitols gehauen waren und denen kein Blitzschlag etwas anhaben konnte. Als die Sklaven die große Bronzetür öffneten, fiel mein Blick auf Tausende und Abertausende von Papyrusrollen, die sich im Dunkeln des heiligen Hügels stapelten. Fünfhundert Jahre Geschichte lagerten in diesem einen kleinen Gewölbe: ein halbes Millennium an Amtszeiten von Magistraten und Provinzstatthaltern, an Dekreten von Prokonsuln, an Rechtsverordnungen; von Lusitanien bis Makedonien, von Afrika bis Gallien; und in den meisten Dokumenten gaben wenige, immer gleiche Familien den Ton an - die Aemilii, Claudii, Cornelii, Lutatii, Metelli, Servilii. Aus dem, was hier vor mir lag, bezogen Catulus und seinesgleichen die Selbstgewissheit, um auf Ritter aus der Provinz wie Cicero herabblicken zu können.

Während sie nach Verres' Dokumenten suchten, ließen mich Catulus' Sklaven in einem Vorraum warten. Schließlich kehrten sie zurück und stellten mir einen einzigen Korb mit etwa einem Dutzend Papyrusrollen hin. An der Beschriftung der Rollen erkannte ich, dass die Abrechnungen alle aus seiner Zeit als Stadtprätor stammten - mit einer Ausnahme: ein mickeriges Stück Papyrus, das man kaum aufrollen musste, um dessen spärlichen Inhalt zu lesen. Es ging um seine Arbeit als Quästor zur Zeit des Krieges zwischen Sulla und Marius vor zwölf Jahren und umfasste nur drei Sätze: Ich erhielt 2 235 417 Sesterzen. Ich verausgabte für Löhne, Getreide, Zahlungen an Legate, Proquästoren, die Prätorianer-Kohorte 1 635 417 Sesterzen. In Ariminum verblieben 600 000 Sesterzen. Angesichts der Unmengen an Schriftrollen mit akribischen Berichten, die Ciceros Amtszeit auf Sizilien hervorgebracht hatte - die allesamt ich hatte niederschreiben müssen -, konnte ich nur mit Mühe ein Lachen unterdrücken.

»Ist das alles?«

Sonst sei nichts da, versicherte mir der Sklave.

»Und die Berichte aus Sizilien?«

»Die liegen der Staatskasse noch nicht vor.«

»Liegen noch nicht vor? Verres ist schon seit fast zwei Jahren Statthalter in Sizilien.«

Der Mann schaute mich ausdruckslos an, und ich erkannte, dass es keinen Sinn hatte, noch mehr Zeit mit ihm zu verschwenden. Ich schrieb die drei Sätze ab und ging.

Während meines Aufenthalts im Staatsarchiv war es in Rom dunkel geworden. In Ciceros Haus hatte sich die Familie schon zum Abendessen versammelt. Cicero hatte jedoch dem Hausverwalter Eros strikte Anweisung gegeben, mich nach meiner Rückkehr sofort ins Esszimmer führen zu lassen. Cicero hatte sich neben Terentia auf einer Speiseliege ausgestreckt. Sein Bruder Quintus und dessen Frau Pomponia waren ebenfalls anwesend. Die dritte Liege wurde von Ciceros Vetter Lucius und dem unglückseligen Sthenius belegt, dem deutlich anzumerken war, dass er sich in seiner schmutzigen Trauerkleidung äußerst unbehaglich fühlte. Ich spürte sofort die Spannung im Raum, obwohl Cicero selbst bester Laune war. Er liebte gemeinsame Abendessen. Nicht wegen des Essens oder Trinkens, sondern wegen der Gesellschaft und der Gespräche. Quintus und Lucius waren neben Atticus die Männer, die er am meisten mochte.

»Nun?«, sagte er zu mir. Ich erzählte ihm, was passiert war, und zeigte ihm die Abschrift von Verres' Quästoren-Abrechnung. Er las sie durch, brummte etwas und warf die Wachstafel über den Tisch. »Schau dir das an, Quintus. Der Dreckskerl ist sogar zu faul, um einigermaßen glaubwürdig zu lügen. Sechshunderttausend - hübsche runde Summe, kein Sesterz zu wenig, keiner zu viel. Wohin sind die wohl verschwunden? Passenderweise hatten damals die Oppositionstruppen die Stadt besetzt, kein Problem, das denen in die Schuhe zu schieben. Und keine Abrechnungen aus Sizilien - seit zwei Jahren? Ich stehe in deiner Schuld, Sthenius, dass du mich auf diesen Schurken aufmerksam gemacht hast.«

»O ja, in tiefer Schuld«, flötete Terentia in zuckersüßem Zorn. »Immerhin stehen wir jetzt mit der Hälfte aller ehrbaren Familien in Rom auf Kriegsfuß. Aber dafür können wir unser gesellschaftliches Leben ja nach Sizilien verlegen. Woher genau kommst du noch gleich?«

»Aus Thermae, Gnädigste.«

»Thermae. Nie davon gehört, aber ich bin sicher, es ist reizend dort. Du kannst vor dem Stadtrat Reden halten, Cicero. Vielleicht wählen sie dich da unten sogar, in Rom hast du dir die Türen ja selbst verrammelt. Du kannst Konsul von Thermae werden - und ich die Konsulin.«

»Eine Rolle, die du sicher mit der dir eigenen Grazie ausfüllen wirst, meine Liebe«, sagte Cicero und tätschelte ihr den Arm.

Stundenlang konnten sie sich so mit Hohn überschütten. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass ihnen das sogar Spaß machte.

»Ich sehe immer noch nicht, was du dagegen machen willst«, sagte Quintus, der gerade seinen Militärdienst abgeleistet hatte. Er war vier Jahre jünger als sein Bruder und nicht halb so schlau. »Wenn du Verres' Machenschaften im Senat anprangern willst, dann lassen sie dich mit ihrem Rederecht auflaufen. Und wenn du ihn vor Gericht bringst, dann werden sie ihn freisprechen. Wenn du mich fragst, halt dich da raus.«

»Und was meinst du, Lucius?«

»Kein Ehrenmann im römischen Senat kann derartiger Korruption tatenlos zusehen. Du kennst jetzt die Tatsachen, also hast du die Pflicht, sie Öffentlich zu machen.«

»Bravo!«, sagte Terentia. »So spricht ein wahrer Philosoph, der sich nie in seinem Leben um ein öffentliches Amt beworben hat.«

Pomponia gähnte laut. »Können wir nicht über etwas anderes sprechen? Politik ist so öde.«

Pomponia war eine einschläfernde Person, die außer ihrer beachtlichen Oberweite nur noch den Vorzug hatte, dass sie Atticus' Schwester war. Ich sah, wie sich die Blicke der beiden Cicero-Brüder begegneten und mein Herr kaum merklich den Kopf schüttelte: einfach ignorieren, bedeutete sein Gesichtausdruck, hat keinen Sinn, mit ihr zu streiten. »Einverstanden«, sagte er. »Kein Wort mehr über Politik heute Abend. Ich bringe einen Trinkspruch aus.« Er hob seinen Becher, und die anderen folgten seinem Beispiel. »Auf unseren alten Freund Sthenius. Wenn wir auch heute nichts erreicht haben, so ist doch wenigstens der erste Schritt getan, um ihn wieder in seine alten Besitzrechte einzusetzen. Auf Sthenius!«

Tränen der Dankbarkeit standen dem Sizilier in den Augen.

»Auf Sthenius!«

»Und auf Thermae, Cicero«, fügte Terentia hinzu, deren kleine dunkle Xanthippe-Augen ihn über den Rand ihres Bechers boshaft anfunkelten. »Wir wollen doch Thermae nicht vergessen.«

*

Ich aß allein in der Küche und ging dann erschöpft in mein Zimmer. Ich zündete die Lampe an, um noch in einem Philosophiebuch zu lesen, war aber zu müde. (Mir stand es frei, jedes beliebige Buch aus der kleinen Hausbibliothek auszuleihen.) Später hörte ich, wie die Gäste das Haus verließen, die Türriegel vorgeschoben wurden und wie Cicero und Terentia wortlos die Treppe hinauf und oben in verschiedenen Richtungen weitergingen. Um nicht schon vor Sonnenaufgang geweckt zu werden, schlief Terentia schon seit langem in einem anderen Teil des Hauses. Ich hörte Ciceros Schritte über mir, dann blies ich die Lampe aus. Die auf und ab gehenden Schritte Ciceros waren die letzten Geräusche, die ich vor dem Einschlafen noch wahrnahm.

Sechs Wochen später erreichten uns Neuigkeiten aus Sizilien. Verres hatte die dringende Bitte seines Vaters ignoriert. In Syrakus hatte er am ersten Dezember wie angekündigt die Verhandlung in Sthenius' Abwesenheit eröffnet, hatte ihn der Spionage für schuldig befunden, zum Tod am Kreuz verurteilt und seine Beamten nach Rom entsandt, um ihn festnehmen und zur Hinrichtung zurückbringen zu lassen.

KAPITEL III

Cicero wurde von der niederträchtigen Kampfansage des Statthalters von Sizilien überrumpelt. Er war davon überzeugt gewesen, eine Übereinkunft auf Treu und Glauben getroffen zu haben, die das Leben seines Klienten schützen würde. »Aber auf wessen Treu und Glauben kann man sich heutzutage noch verlassen?«, beklagte er sich bitter. Wutschnaubend, was völlig untypisch für ihn war, tobte er durchs Haus. Er war aufs Kreuz gelegt worden! Sie hatten ihn lächerlich gemacht! Er würde runter in den Senat marschieren und ihnen auf der Stelle ihre schändlichen Lügen ins Gesicht schleudern! Ich wusste, dass er sich schon bald wieder beruhigen würde, denn ihm war nur zu bewusst, dass sein gesellschaftlicher Rang nicht ausreichte, um einfach eine Anhörung im Senat zu verlangen: Er würde Gefahr laufen, gedemütigt zu werden.

Allerdings lastete nun unausweichlich die drückende Verpflichtung auf ihm, seinem Klienten Schutz zu gewähren. Und so berief Cicero am Morgen, nachdem Sthenius von seinem Schicksal erfahren hatte, ein Treffen in seinem Arbeitszimmer ein, um eine Gegenstrategie festzulegen. Soweit ich mich erinnern kann, war dies das erste Mal, dass die üblichen Besucher allesamt abgewiesen wurden. Zu sechst drängten wir uns in das kleine Zimmer: Cicero, Quintus, Lucius, Sthenius, ich selbst (um mitzuschreiben) und Servius Sulpicius, der schon damals allgemein als der fähigste Rechtsgelehrte seiner Generation angesehen wurde. Cicero bat als Erstes Servius, uns seine Sicht der juristischen Lage zu erläutern.

»Theoretisch«, sagte Servius, »hat unser Freund das Recht, in Syrakus Berufung gegen das Urteil einzulegen. Aber nur beim Statthalter, und das ist Verres. Das ist also kein gangbarer Weg. Klage gegen Verres selbst einzureichen ist auch keine Option: Als amtierender Statthalter genießt er politische Immunität, außerdem ist Hortensius noch bis Januar Prätor des Gerichtshofes für Erpressungen. Und abgesehen von diesen beiden Aspekten, säßen auf der Geschworenenbank ausschließlich Senatoren, die nie einen der Ihren verurteilen würden. Du könntest einen Antrag im Senat einbringen, aber da du das schon erfolglos versucht hast, würde ein erneuter Vorstoß auch kein anderes Ergebnis bringen. Weiter offiziell in Rom zu leben ist auch keine Option für Sthenius. Da eine wegen eines Kapitalverbrechens verurteilte Person automatisch der Stadt verwiesen wird, kann er unmöglich hierbleiben. Solltest du ihn unter deinem Dach beherbergen, Cicero, setzt du dich sogar selbst der Strafverfolgung aus.«

»Wie lautet also dein Rat?«

»Selbstmord«, sagte Servius. Sthenius stöhnte grässlich auf. »Ernsthaft, Sthenius, ich fürchte, du musst das in Betracht ziehen, bevor sie dich in die Finger bekommen. Oder willst du die Qualen der Peitsche, der glühenden Eisen oder des Kreuzes erdulden?«

»Ich danke dir, Servius«, unterbrach ihn Cicero schnell, bevor der junge Rechtsgelehrte noch weiter ins Detail gehen konnte. »Tiro, wir müssen für Sthenius einen Unterschlupf finden. Er kann nicht bleiben, hier schauen sie als Erstes nach. Was die juristische Lage angeht, Servius, so stimme ich mit deiner Analyse voll und ganz überein. Verres ist ein primitives Tier, aber er ist auch schlau. Er hat sich stark genug gefühlt, den Prozess bis zum Schuldspruch durchzuziehen. Um es kurz es machen: Nachdem ich die Angelegenheit in der letzten Nacht von allen Seiten beleuchtet habe, haben wir meiner Meinung nach nur eine einzige, wenn auch geringe Chance.«

»Welche?«

»Wir gehen vors Volkstribunat.«

Die Reaktion auf den Vorschlag war allgemeines Unbehagen, denn die Volktribunen hatten in jener Zeit einen äußerst zweifelhaften Ruf. Von alters her hatten sie dem Willen des gemeinen Volkes Ausdruck verliehen und so eine Kontrollfunktion gegenüber der Macht des Senats ausgeübt. Vor zehn Jahren jedoch, nach dem Sieg Sullas über Marius, hatten die Aristokraten sie ihres Einflusses beraubt. Seitdem waren sie nicht mehr befügt, Volksversammlungen einzuberufen, Gesetze zu beantragen oder Figuren wie Verres wegen schwerer Verbrechen oder Amtsvergehen anzuklagen. Die endgültige Degradierung erfolgte dann, als jeder Senator, der Volkstribun wurde, automatisch von der höheren Ämterlaufbahn ausgeschlossen wurde. Er konnte weder zum Prätor noch zum Konsul gewählt werden. Mit anderen Worten. Das Amt des Volkstribuns war zu einer politischen Sackgasse umgestaltet worden, zur Abstellkammer für die Giftspritzer und Geiferer, für die Unfähigen und Unvermittelbaren, kurz: für den Ausschuss des Politikbetriebs. Kein Senator, gleich welchen Standes oder von welchem Ehrgeiz auch immer getrieben, würde an das Amt des Volkstribunen auch nur einen Gedanken verschwenden.

»Ich kenne eure Einwände«, sagte Cicero und bedeutete den Anwesenden mit einer Handbewegung, sich wieder zu beruhigen. »Eine kleine Einflussmöglichkeit ist den Volkstribunen aber dennoch geblieben. Oder, Servius?«

»Das stimmt«, sagte Servius. »Sie verfugen noch über ein Zipfelchen ihrer potestas auxilii ferendi.« Zufrieden schaute er in unsere verständnislosen Gesichter. »Darunter versteht man«, fügte er in pedantischem Tonfall hinzu, »dass ihnen das Recht zusteht, Privatpersonen, die Opfer ungerechter Entscheidungen von Amtspersonen werden, ihren Schutz anzubieten. Aber ich muss dich warnen, Cicero. In der Wertschätzung deiner Freunde, zu denen zu zählen auch ich nun schon lange die Ehre habe, wirst du deutlich verlieren, wenn du jetzt anfängst, in der Politik des Mobs mitzumischen. Selbstmord«, wiederholte er. »Was ist dagegen einzuwenden? Wir müssen alle mal sterben. Alles nur eine Frage der Zeit, für jeden von uns. Und auf diese Weise trittst du ehrenvoll ab.«

»Was die Gefahr angeht, wenn wir uns mit den Volkstribunen einlassen, stimme ich Servius zu«, sagte Quintus. (Wenn er von seinem älteren Bruder sprach, hieß das bei Quintus in der Regel »wir«.) »Die Macht in Rom liegt in diesen Tagen nun mal in den Händen des Senats und der Aristokraten, ob uns das gefällt oder nicht. Deshalb haben wir ja auch immer die Strategie verfolgt, deinen Ruhm ganz behutsam über deine Arbeit bei Gericht aufzubauen. Bei den wirklich wichtigen Leuten wird der Schaden irreparabel sein, falls sich herumsprechen sollte, dass du ebenfalls nur so ein Krawallmacher bist. Außerdem ... ich sage das nur ungern, Marcus ... aber hast du mal daran gedacht, wie Terentia das wohl auffassen würde, wenn du bei dieser Linie bleibst?«

Servius brach in schallendes Gelächter aus. »Wie willst du Rom erobern, Cicero, wenn du nicht einmal deine Frau im Zaum halten kannst?«

»Eins darfst du mir glauben, Servius, verglichen mit meiner Frau ist Rom ein Kinderspiel.«

Und so ging die Diskussion weiter. Lucius war dafür, sich sofort an die Volkstribunen zu wenden -egal, welche Folgen das haben würde. Sthenius hatten Elend und Angst so betäubt, dass er zu keiner verständlichen Aussage fähig war. Ganz zum Schluss fragte Cicero mich nach meiner Meinung. In anderer Gesellschaft hätte seine Frage vielleicht Aufsehen erregt, da in den Augen der meisten Römer die Meinung eines Sklaven nicht viel zählte. Diese Männer jedoch waren daran gewöhnt, dass Cicero mich hin und wieder um Rat fragte. Ich könne mir nicht vorstellen, begann ich vorsichtig, dass Hortensius sonderlich erfreut über Verres' Vorgehen sei und dass die Aussicht, der Fall könne sich zu einem Skandal auswachsen, ihn vielleicht nötige, seinen Klienten durch mehr Druck zur Vernunft zu bringen. Sich an die Volkstribunen zu wenden, sei nicht ungefährlich, aber unter Berücksichtigung aller Vor- und Nachteile das Risiko wert. Die Antwort gefiel Cicero.

»Manchmal«, sagte er und fasste die Diskussion mit Worten zusammen, die ich seitdem nie mehr vergessen habe. »Manchmal, wenn man in der Politik in einer Sackgasse steckt, muss man einen Kampf anzetteln, auch wenn man sich nicht sicher ist, ob man ihn gewinnen kann. Denn erst wenn der Kampf im Gang ist und alles in Bewegung gerät, ergibt sich manchmal eine Lösung. Ich danke euch, meine Freunde.« Und damit war das Treffen beendet.

*

Es durfte keine Zeit verschwendet werden, denn da die Nachricht aus Syrakus bereits Rom erreicht hatte, war anzunehmen, dass auch Verres' Männer nicht mehr weit waren. Noch während Cicero gesprochen hatte, hatte ich mir Gedanken über ein mögliches Versteck für Sthenius gemacht. Sofort nach Ende der Konferenz begab ich mich auf die Suche nach Terentias jungem Privatsekretär Philotimus. Er war ein feister, lüsterner Bursche, der sich gewöhnlich in der Küche herumdrückte, wo er eins der beiden Hausmädchen, am liebsten aber beide, mit seinen lüsternen Nachstellungen belästigte. Ich fragte ihn, ob in einer der Mietskasernen seiner Herrin gerade eine Wohnung frei sei, und als er dies bejahte, bearbeitete ich ihn so lange, bis er mir den Wohnungsschlüssel gab. Ich überzeugte mich davon, dass auf der Straße vor dem Haus keine verdächtigen Personen herumlungerten, sagte Sthenius, dass das Haus sicher sei, und brachte ihn dann in seine neue Unterkunft.

Sthenius befand sich im Zustand tiefster Depression. Sein Traum von der Rückkehr in die Heimat war zerstört, und ihn trieb die schreckliche Angst um, jeden Augenblick verhaftet zu werden. Als er das verwahrloste Gebäude in Subura zum ersten Mal sah und ich ihm sagte, von nun an werde er hier leben müssen, hat er wahrscheinlich geglaubt, dass auch wir ihn jetzt im Stich gelassen hätten. An den Wänden des düsteren Treppenhauses befanden sich frische Brandspuren. Über wackelige Stufen stiegen wir in den fünften Stock hinauf zu einem Zimmer, das mehr einer Zelle glich. Auf dem Fußboden lag eine Strohmatte, und durch das winzige Fenster war nur ein ähnliches Zimmer auf der anderen Seite der Gasse zu sehen, und zwar so nah, dass er seinen neuen Nachbarn per Handschlag hätte begrüßen können. Als Latrine diente ein Eimer. Wenn das Zimmer auch keinen Komfort bot, so bot es ihm wenigstens Sicherheit - für völlig Fremde in diesem labyrinthischen Elendsviertel war es fast unmöglich, ihn jemals zu finden. Mit wehleidiger Stimme bat er mich, noch eine Weile bei ihm zu bleiben, doch ich musste dringend zurück, um alle den Fall betreffenden Dokumente zusammenzusuchen, damit Cicero sie den Volkstribunen vorlegen konnte. Wir befänden uns in einem Wettlauf mit der Zeit, erklärte ich ihm, und war in der nächsten Sekunde wieder weg.

Das Hauptquartier der Volkstribunen befand sich gleich neben dem Senatsgebäude, in der alten Basilica Porcia. Auch wenn das Volkstribunat einem Skelett glich, dem man alles Fleisch der Macht von den Knochen genagt hatte, so pilgerten doch immer noch viele Menschen hierher. Für die Zornigen und Enteigneten, für die Hungrigen und Kämpferischen war die Basilika der Volkstribunen eine beliebte Anlaufstelle. Als Cicero und ich das Forum überquerten, sahen wir eine ziemlich große Menschenmenge, die sich auf den Stufen zusammendrängte, um das Geschehen im Inneren mitverfolgen zu können. Mit der Aktentasche in der Hand tat ich mein Bestes, um dem Senator einen Weg durch die Menge zu bahnen. Da diese Sorte Bürger nicht zu jener gehörte, die einem Träger der purpurgesäumten Toga allzu viel Sympathie entgegenbrachte, musste ich für meine Mühen den einen oder anderen Fluch und Fußtritt einstecken. Es gab zehn Volkstribunen, die jährlich vom Volk gewählt wurden. Sie saßen in dem eher kleinen Raum auf den immer gleichen langen Holzbänken unter einem Wandgemälde, auf dem die Niederlage der Karthager dargestellt war. Es war voll, es war laut, und es war warm - trotz der Dezemberkälte draußen. Ein junger Mann, der seltsamerweise barfuß war, hielt gerade eine flammende Rede an den Mob. Der Bursche hatte hässliche, grobe Züge und eine widerwärtige, krächzende Stimme. In der Basilica Porcia trieben sich immer jede Menge Spinner herum, und für einen solchen hielt ich den Kerl zunächst, da seine Rede sich ausschließlich darum zu drehen schien, warum man eine ganz bestimmte Säule unter gar keinen Umständen abreißen oder auch nur um einen Fuß versetzen dürfe, um mehr Raum für die Volkstribunen zu schaffen. Und dennoch schenkten ihm die Anwesenden unerfindlicherweise ihre Aufmerksamkeit. Auch Cicero hörte ihm interessiert zu und erkannte schließlich - vermutlich weil der Redner sich immer wieder auf »meinen Vorfahren« bezog -, dass es sich bei dieser sonderbaren Gestalt um niemand anderen als den Urenkel des berühmten Marcus Porcius Cato handelte, den Erbauer und Namensgeber der Basilika.

Ich erwähne diesen Vorfall, weil der junge Cato, der damals dreiundzwanzig Jahre alt war, später noch eine wichtige Rolle spielen sollte - sowohl im Leben Ciceros als auch beim Niedergang der Republik. Nicht dass irgendwer das damals auch nur geahnt hätte. Er machte vielmehr den Eindruck, als würde er unausweichlich in der Irrenanstalt landen. Er beendete seine Ansprache und drängte mit wirrem Tunnelblick zum Ausgang, wobei er mich fast über den Haufen rannte. Ich erinnere mich noch an seinen animalischen Körpergeruch, an die verfilzten, schweißnassen Haare und die tellergroßen Schwitzflecken unter den Achseln seiner Tunika. Aber er hatte sein Ziel erreicht: Solange das Gebäude stand - was beklagenswerterweise nicht mehr allzu viele Jahre waren -, blieb besagte Säule an ihrem Platz.

Alles in allem jedoch - um zu meiner Geschichte zurückzukehren - waren die Volktribunen ein ziemlich armseliger Haufen. Immerhin gab es aber einen darunter, dessen Talent und Energie hervorstachen, und das war Lollius Palicanus. Er war ein stolzer Mann, wenn auch von niedriger Abstammung, gebürtig aus Picenum in Norditalien, der Machtbasis von Pompeius Magnus. Man war allgemein davon ausgegangen, dass Pompeius nach seiner Rückkehr aus Spanien seinen Einfluss nutzen würde, um seinem Landsmann den Weg zum Amt des Prätors zu ebnen. Wie jedermann sonst war auch Cicero überrascht gewesen, als Palicanus im Sommer plötzlich seine Kandidatur für das Volkstribunat verkündet hatte. An jenem Morgen schien er sich äußerst wohlzufühlen. Da die Amtszeit für die neu gewählten Volkstribunen immer am zehnten Tag im Dezember begann, musste er sein Amt gerade erst angetreten haben. »Cicero!«, brüllte er, als er uns sah. »Ich habe mich schon gefragt, wann du hier auftauchst.«

Er sagte, dass er die Neuigkeiten aus Syrakus bereits gehört habe und dass er mit uns über Verres reden wolle - aber nicht hier, vor so vielen Leuten, erklärte er geheimnisvoll, schließlich stehe mehr auf dem Spiel als nur das Schicksal eines einzelnen Mannes. Er schlug vor, dass wir uns in einer Stunde in seinem Haus auf dem Aventin treffen sollten. Cicero war einverstanden, worauf Palicanus sofort einen seiner Leute als Begleiter für uns herbeiwinkte. Er würde spater nachkommen.

Das Haus befand sich an der Porta Laverna, gleich außerhalb der Stadtmauer, es war rustikal und schlicht. Es passte zu Palicanus. Woran ich mich vor allem erinnere, ist die überlebensgroße Pompeius-Statue, die, ausstaffiert mit dem Kopfputz und der Rüstung Alexanders des Großen, das Atrium beherrschte. »Nun ja«, sagte Cicero, nachdem er sie eine Zeit lang nachdenklich betrachtet hatte. »Ist doch mal was anderes als die ewigen Drei Grazien.« Das war exakt die Sorte drolliger, aber unpassender Bemerkungen, die sich dann ihren Weg durch die ganze Stadt bahnten und schließlich unweigerlich bei ihrem Opfer landeten. Glücklicherweise war ich in diesem Fall der einzige Zeuge, nahm aber die Gelegenheit wahr, Cicero zu berichten, was mir der Sekretär des Konsuls bezüglich seines Witzes über Gellius und dessen Vermittlungsversuch zwischen den Philosophen erzählt hatte. Cicero tat peinlich berührt und versprach, in Zukunft etwas mehr Umsicht walten zu lassen, schließlich wisse er, dass das Volk seine Staatsmänner lieber etwas weniger witzig hatte. Natürlich vergaß er diesen Vorsatz bald wieder.

»Die Rede, die du letzte Woche gehalten hast, die war wirklich gut«, waren Palicanus' erste Worte, als er sein Haus betrat. »Du verstehst dein Handwerk, Cicero, wirklich ... wenn ich das so sagen darf. Aber diese aristokratischen Bastarde haben dich über den Tisch gezogen, und jetzt sitzt du in der Scheiße. Was genau willst du dagegen tun?« (So oder so ähnlich drückte Palicanus sich aus - derbe Worte in derbem Tonfall. Die Aristokraten machten sich gewöhnlich nach Kräften lustig über seine Diktion.)

Ich öffnete meine Aktentasche, gab Cicero die Schriftstücke, und er setzte Palicanus in kurzen Worten Sthenius' Lage auseinander. Als er damit fertig war, fragte er, ob irgendeine Möglichkeit bestehe, dass die Volkstribunen ihm helfen könnten.

»Kommt drauf an«, sagte Palicanus grinsend und leckte sich die Lippen. »Machen wir es uns erst mal bequem, dann sehen wir weiter.«

Er führte uns in einen anderen Raum, dessen eine Seite vollkommen von einem riesigen Wandgemälde des lorbeerbekränzten Pompeius eingenommen wurde, der sich diesmal im Gewand des Jupiter präsentierte, einschließlich der aus den Fingern hervorzuckenden Blitze.

»Und, gefällt es dir?«, fragte Palicanus.

»Bemerkenswert«, antwortete Cicero.

»In der Tat«, sagte Palicanus nicht ohne Genugtuung.

Ich setzte mich auf einen Stuhl unter das Bildnis des Göttlichen aus Picenum, während Cicero, dessen Blick ich tunlichst auswich, sich ans aridere Ende des Sofas setzte, auf dem Palicanus Platz genommen hatte.

»Was ich dir zu sagen habe, Cicero, ist nicht für Ohren außerhalb dieses Raumes bestimmt. Pompeius Magnus ...« Er nickte in Richtung des Gemäldes, für den Fall, dass wir nicht wissen sollten, wen er meinte. »... wird nach sechs Jahren Abwesenheit wieder nach Rom zurückkehren. Und zwar bald. Und damit ihn seine adligen Freunde nicht mit irgendeiner raffinierten Taktik reinlegen, wird er mit seiner Armee kommen. Er will Konsul werden, und das wird er auch werden. Und zwar ohne auf Widerstand zu treffen.«

Gespannt beugte er sich vor und wartete auf eine schockierte oder überraschte Reaktion. Aber Cicero reagierte auf die sensationelle Nachricht so gleichmütig, als plaudere Palicanus über das Wetter.

»Du willst also als Gegenleistung für deine Hilfe in Sachen Sthenius meine in Sachen Pompeius.«

»Du bist ein schlauer Kopf, Cicero, du hast es wirklich drauf. Und, was sagst du?«

Cicero stützte das Kinn auf die Hand und schaute Palicanus an. »Nun ja, erst mal wird das Quintus Metellus gar nicht freuen. Du kennst doch das alte Gedicht: >Schicksal ist in diesem Staat, der Weg der Metelli ins Konsulat.< Das steht schon seit seiner Geburt fest, dass er im nächsten Sommer an der Reihe ist.«

»Ach ja, tatsächlich? Der kann mich mal. Wie viele Legionen hat denn dieser Quintus Metellus hinter sich?«

»Die Legionen hat Crassus«, sagte Cicero. »Und Lucullus.«

»Lucullus ist viel zu weit weg, außerdem hat er alle Hände voll zu tun. Und was Crassus angeht ... stimmt, er hasst Pompeius bis aufs Blut. Aber er ist kein Soldat, das ist der entscheidende Punkt. Er ist Geschäftsmann, und die sind immer für einen Handel gut.«

»Und dann ist da noch die Kleinigkeit, dass das ganze Vorhaben gegen das Gesetz verstößt. Um zum Konsul gewählt zu werden, muss man dreiundvierzig Jahre alt sein. Und Pompeius, wie alt ist der?«

»Vierunddreißig.«

»Exakt, fast ein Jahr jünger als ich. Außerdem muss man in den Senat gewählt worden sein und das Amt des Prätors innegehabt haben. Mit beidem kann Pompeius nicht dienen. Er hat in seinem ganzen Leben keine einzige politische Rede gehalten. Einfach ausgedrückt, Palicanus, selten war ein Mann weniger qualifiziert für den Posten des Konsuls als Pompeius.«

Palicanus machte eine wegwerfende Handbewegung. »Das mag ja alles stimmen, aber schauen wir uns doch mal die Tatsachen an. Pompeius hat jahrelang über ganze Länder geherrscht, noch dazu in seiner Eigenschaft als Prokonsul. Er ist schon Konsul, außer dem Namen nach. Sei realistisch, Cicero. Du kannst von einem Mann wie Pompeius nicht erwarten, dass er nach Rom zurückkehrt, als Hinterbänkler wieder ganz von unten anfängt und sich um das Amt des Quästors bewirbt. Wie stellst du dir das vor, wo bleibt da seine Würde?«

»Seine Gefühle in allen Ehren, aber du hast mich nach meiner Meinung gefragt, und ich sage dir: Die Aristokraten spielen da nicht mit. Zugegeben, sie haben vielleicht keine andere Wahl und lassen ihn Konsul werden, wenn Zehntausend von seinen Leuten vor der Stadt stehen, aber früher oder später gehen seine Soldaten nach Hause, und wie will er dann ...? Ohooo!« Cicero warf den Kopf zurück und fing an zu lachen. »Das ist schlau, das ist wirklich schlau.«

»Na, verstehst du jetzt?«, sagte Palicanus grinsend.

»Und ob.« Cicero nickte anerkennend. »Nicht schlecht.«

»Ich biete dir die Gelegenheit, dabei zu sein. Und noch was: Pompeius Magnus vergisst keinen Freund.«

Ich hatte nicht die geringste Ahnung, worum es ging. Erst später, auf dem Heimweg, als Cicero mir alles erklärte, begriff ich. Pompeius plante, sich für die umfassende Wiederherstellung der Machtbefugnisse der Volkstribunen einzusetzen und damit seine Wahl zum Konsul zu betreiben. Deshalb also Palicanus' überraschender Schritt, sich ins Volkstribunat wählen zu lassen. Die Strategie entsprang nicht Pompeius' altruistischem Verlangen, dem römischen Volk zu mehr Freiheit zu verhelfen, nein, es handelte sich um reinen Eigennutz - obwohl ich es durchaus für möglich halte, dass er zuweilen selbstzufrieden in seinem spanischen Badewasser planschte und sich als Streiter für die Rechte des Bürgers sah. Als guter General wusste Pompeius, dass durch diesen Schachzug die Aristokraten wie bei einer Zangenbewegung in der Falle saßen, eingeklemmt zwischen seinen vor den Toren Roms lagernden Soldaten und dem gemeinen Volk auf den Straßen der Stadt. Wollten sie nicht die eigene Auslöschung riskieren, würde Hortensius, Catulus, Metellus und ihresgleichen keine andere Wahl bleiben, als sowohl Pompeius' Konsulat wie auch ein wiedererstarktes Volkstribunat anzuerkennen. Sobald das der Fall war, konnte Pompeius seine Soldaten nach Hause schicken und regieren - wenn nötig unter Umgehung des Senats, indem er sich direkt ans Volk wandte. Er wäre unantastbar. Der Plan, so wie Cicero ihn mir beschrieb, war brillant. Und Cicero hatte ihn, während er auf Palicanus' Sofa saß, blitzartig erfasst.

»Welchen Nutzen hätte ich von der Sache?«, fragte Cicero.

»Die Begnadigung deines Klienten.«

»Das ist alles?«

»Wie gesagt, das kommt drauf an . auf die Qualität deiner Bemühungen. Definitive Zusagen kann ich dir nicht machen. Das muss warten, bis Pompeius in der Stadt ist.«

»Ein ziemlich schwaches Angebot, wenn du mir die Bemerkung gestattest, mein verehrter Palicanus.«

»Nun ja, du bist in einer ziemlich schwachen Position, wenn du mir die Bemerkung gestattest, mein verehrter Cicero.«

Cicero stand auf. Ich sah ihm an, dass er verärgert war. »Ich kann ja auch gehen«, sagte er.

»Und deinen Klienten im Stich lassen, damit ihn Verres an eins von seinen Kreuzen nageln kann?« Palicanus erhob sich ebenfalls. »Das bezweifle ich, Cicero. Ich bezweifle, dass du so hart sein kannst.« Er begleitete uns nach draußen, vorbei an Pompeius alias Alexander, vorbei an Pompeius alias Jupiter. »Ich sehe dich und deinen Klienten dann morgen früh in der Basilika«, sagte er und schüttelte Cicero an der Haustür die Hand. »Danach wirst du in unserer Schuld stehen - und wir werden dich beobachten.« Selbstsicher warf er die Tür zu.

Cicero machte auf dem Absatz kehrt und trat auf die Straße. »Wenn das die Art von Ausdrucksweise ist, der er sich in aller Öffentlichkeit bedient«, sagte er, »wie führt er sich dann erst in der Latrine auf? Und spar dir die Mühe, mich zu ermahnen, Tiro, das kann von mir aus jeder hören.«

Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken und ging - den Kopf vorgebeugt, in Gedanken vertieft -vor mir durchs Stadttor. Natürlich hatte Palicanus Recht. Cicero hatte keine Wahl. Er konnte seinen Klienten nicht im Stich lassen. Ich bin mir sicher, dass er in diesem Augenblick die politischen Risiken abwog, die über ein einfaches Gesuch an die Tribunen hinaus in einer mit vollem Einsatz geführten Kampagne lägen, die die alten Rechte für die Volkstribunen zurückforderte. Das würde ihn die Unterstützung der Gemäßigten wie Servius kosten.

»Tja«, sagte er mit säuerlichem Lächeln, als wir zu Hause ankamen, »einen Kampf habe ich ja gewollt. Sieht ganz so aus, als hätte ich den jetzt.«

Er fragte den Hausverwalter Eros nach Terentia und schien erleichtert zu sein, als er hörte, dass sie in ihrem Zimmer war. Wenigstens blieben ihm so noch ein paar Stunden, bis er ihr die Neuigkeit mitteilen musste. Wir gingen in sein Arbeitszimmer, und er hatte gerade damit begonnen, mir seine Rede für die Tribunen zu diktieren - »Es ist mir eine Ehre, Tribunen, zum ersten Mal vor euch sprechen zu dürfen« -, als wir von der Haustür her laute Männerstimmen und einen dumpfen Schlag hörten. Cicero, der beim Denken immer auf und ab ging, lief aus dem Zimmer, um nachzusehen, was die Geräusche verursacht hatte. Ich folgte ihm. Sechs grob aussehende, mit Knüppeln herumfuchtelnde Männer drängten in den Hausflur. Eros krümmte sich auf dem Boden und hielt sich den Bauch. Seine Lippen waren blutig. Ein weiterer, uns unbekannter Mann, der keinen Knüppel, sondern ein anscheinend amtliches Schreiben in der Hand hielt, trat auf Cicero zu und verkündete, dass er befugt sei, das Haus zu durchsuchen.

»Befugt von wem?« Cicero war ganz ruhig -ruhiger, als ich an seiner Stelle gewesen wäre.

»Gaius Verres, Proprätor von Sizilien, hat am ersten Dezember diesen Haftbefehl verfügt.« Er hielt Cicero das Schriftstück für eine unverschämt kurze Zeit unter die Nase. »Ich suche den Verräter Sthenius.«

»Hier wirst du ihn nicht finden.«

»Das werde ich selbst feststellen.«

»Und wer bist du?«

»Timarchides, Freigelassener von Verres. Ich werde mich von dir nicht in ein Gespräch verwickeln lassen, und in der Zwischenzeit macht sich der Angeklagte aus dem Staub.« Er wandte sich an den Mann, der ihm am nächsten stand. »Du sicherst den Vordereingang. Ihr zwei schaut euch hinten um. Der Rest kommt mit mir. Wenn du keine Einwände hast, Senator, werden wir mit deinem Arbeitszimmer beginnen.«

Kurz darauf war der Lärm, den die Männer verursachten, im ganzen Haus zu hören - schwere Schritte auf Marmorfliesen und Holzdielen, Schreie von weiblichen Sklaven, rüde Männerstimmen, gelegentlich ein Krachen oder Splittern, wenn Gegenstände umfielen oder zerbrachen. Timarchides kippte einen Aktenbehälter nach dem andern aus und arbeitete sich langsam durch das Arbeitszimmer.

Cicero stand an der Tür und schaute ihm zu. »In einem von den Behältnissen wird er sich kaum verstecken«, sagte er. »So klein ist er nun auch wieder nicht.«

Nachdem sie im Arbeitszimmer nichts gefunden hatten, nahmen sie sich oben Ciceros spartanisch eingerichtetes Schlafzimmer und seinen Ankleideraum vor. »Eins kann ich dir versichern«, sagte Cicero, der sich nur noch mit Mühe im Zaum halten konnte, während er mit ansehen musste, wie man sein Bett umkippte. »Du und dein Herr werden dafür hundertfach bezahlen.«

»Wo ist das Schlafzimmer deiner Frau?«, fragte Timarchides.

»Tja«, antwortete Cicero. »Das würde ich an deiner Stelle besser nicht betreten.«

Aber Ticharmides war schon mächtig in Rage. Er hatte eine lange Reise hinter sich, er hatte noch nichts gefunden, und Ciceros Kommentare machten ihn nur noch nervöser. Er stürmte mit seinen drei Männern im Schlepptau durch den Flur und brüllte: »Sthenius! Wir wissen, dass du da drin bist!« Dann riss er die Tür zu Terentias Schlafzimmer auf. Das folgende Kreischen und die klatschende Ohrfeige, die der Eindringling hinnehmen musste, schallten durchs ganze Haus. Darauf folgte eine derart bildkräftige Flut an Unflat, in derart herrischem Tonfall und in derartiger Lautstärke, dass Terentias entfernter Verwandter, der anderthalb Jahrhunderte zuvor in Cannae die römischen Reihen gegen Hannibal befehligt hatte, sicher in die

Höhe geschossen war und jetzt aufrecht in seiner Gruft saß. »Sie kam über den erbarmungswürdigen Freigelassenen«, pflegte Cicero später zu sagen, »wie eine aus einem Baum herabstürzende Tigerin. Der Bursche hat mir fast leidgetan.« Timarchides musste wohl das Scheitern seiner Mission eingesehen haben, denn er blies die Sache ab. Zusammen mit seinen Rabauken trat er den schnellen Rückzug über die Treppe an - gefolgt von Terentia und der kleinen Tullia, die sich in den Falten von Terentias Gewand versteckte, gelegentlich daraus hervorlugte und wie ihre Mutter drohend die winzigen Fäuste schwang. Wir hörten, wie Timarchides seinen Männern etwas zurief, dann das Geräusch trampelnder Schritte und schließlich die zufallende Haustür. Abgesehen von einem Hausmädchen, das irgendwo leise wimmerte, herrschte nun wieder Stille in dem alten Gebäude.

Dann drehte sich Terentia um, holte tief Luft, wobei ihr flacher Busen sich schnell hob und senkte, und sagte zu Cicero, der oben am Treppenabsatz stand: »Und das alles nur wegen dieses langweiligen Siziliers, für den du im Senat Partei ergriffen hast?«

»Ich fürchte ja«, sagte Cicero betrübt. »Die wollen mir um jeden Preis Angst einjagen.«

»Das darfst du nicht zulassen, Marcus.« Sie ging die Treppe hinauf und umfasste mit beiden Händen -ohne jede Zärtlichkeit, sondern voller Leidenschaft -Ciceros Kopf und starrte ihm wütend in die Augen. »Du musst sie vernichten.«

Und als wir uns am nächsten Morgen auf den Weg zur Basilica Porcia machten, da ging Quintus links von Cicero und Lucius rechts, und hinter den Dreien, in einer eigens für diesen Anlass gemieteten Sänfte, folgte im feierlichen Gewand einer römischen Matrone Terentia. Es war das erste Mal, dass sie sich die Umstände machte, Cicero öffentlich reden zu hören. Ich schwöre, dass ihn die Aussicht, vor ihr zu sprechen, nervöser machte als der Auftritt vor den Tribunen. Vom Haus weg begleitete uns ein großes Gefolge an Klienten, das unterwegs immer größer wurde und nochmals anschwoll, nachdem wir auf halbem Weg das Argiletum hinunter Sthenius aus seinem Schlupfloch abgeholt hatten. Wir müssen mindestens hundert Personen gewesen sein, als wir über das Forum marschierten und schließlich in die Versammlungshalle der Tribunen einzogen. Mit etwas Abstand folgte uns Timarchides mit seiner Truppe. Angesichts unserer großen Zahl konnte er uns jedoch nichts anhaben, und in der Basilika, das wusste er genau, würde er nichts unternehmen können, ohne selbst in Stücke gerissen zu werden.

Die zehn Volkstribunen saßen auf ihrer Bank. Die Halle war voll. Palicanus erhob sich und verlas den Antrag, dass nach Meinung des Volkstribunats die Verfügung der Verbannung aus Rom auf Sthenius nicht anzuwenden sei. Dann trat Cicero vor die Tribunen. Sein Gesicht war weiß vor Anspannung. Im ersten Teil seiner Rede sagte er mehr oder weniger das Gleiche, was er schon im Senat gesagt hatte - mit dem einen Unterschied, dass er seinen Klienten diesmal nach vorn rufen und auf ihn zeigen konnte, wenn er es für angebracht hielt, an das Mitleid der Richter zu appellieren. Und zweifellos war noch nie ein vollkommeneres Abbild eines gebrochenen Opfers vor einem römischen Gericht aufgetreten als Sthenius an diesem Tag. Der Schluss von Ciceros Ausführungen hatte jedoch nichts mehr gemein mit seinen sonstigen Reden vor Gericht, er war etwas völlig Neues und bezeichnete eine entscheidende Verschiebung seines politischen Standorts. Als er diesen Punkt erreichte, war seine Nervosität verflogen und sein Vortrag voller Feuer.

»Die Händler in den Markthallen, ihr Tribunen, kennen ein altes Sprichwort: Der Fisch stinkt vom Kopf. Und wenn im Rom dieser Tage etwas stinkt -und wer würde das bezweifeln? -, dann sage ich euch, dieser Gestank kommt vom Kopf. Er kommt von oben, er kommt vom Senat.« Laute Beifallsrufe und trampelnde Füße. »Und es gibt nur eins, sagen die Händler, was man mit einem stinkenden, verrottenden Fischkopf machen kann: abschneiden. Man muss den Kopf abschneiden und auf den Müll werfen!« Noch mehr Beifall. »Aber für so einen Kopf braucht man ein scharfes Messer, das ist schließlich ein aristokratischer Kopf, und wie die sind, das wissen wir ja!« Gelächter. »Die sind aufgeschwollen vom Gift der Korruption, aufgedunsen von Hochmut und Arroganz. Und für so ein Messer braucht es eine kräftige Hand. Und Ausdauer, denn diese Aristokraten, die haben Köpfe aus Eisen, das kann ich euch sagen, Eisenköpfe, allesamt!« Gelächter. »Aber so ein Mann wird kommen. Er ist nicht mehr weit. Tribunen, eure Macht wird wiederhergestellt werden, das verspreche ich euch, egal, wie hart der Kampf auch sein wird.« Ein paar ganz Schlaue fingen an, Pompeius' Namen zu rufen. Cicero hob die Hand, wobei er drei Finger in die Luft streckte. »Ihr Tribunen müsst euch der gewaltigen Prüfung dieses Kampfes würdig erweisen. Zeigt Mut. Macht heute den ersten Schritt. Versetzt der Tyrannei einen Hieb. Befreit meinen Klienten. Und dann befreit Rom!«

Später war Cicero diese ausgesprochen demagogische Rede so peinlich, dass er mich anwies, die einzige Niederschrift zu vernichten. Ich muss also gestehen, dass ich sie hier aus dem Gedächtnis wiedergebe. Aber ich erinnere mich klar und deutlich an sie - an die Wucht der Worte; an die Leidenschaft des Vortrags; an die Erregung der von Cicero aufgepeitschten Menge; an Ciceros Augen, als er Palicanus beim Verlassen des Podiums zuzwinkerte; an die völlig regungslose Terentia, die starr geradeaus schaute, während um sie herum das gemeine Volk in Jubel ausbrach. Timarchides, der ganz hinten gestanden hatte, verschwand, noch bevor der Applaus sich gelegt hatte. Sicher machte er sich so schnell wie möglich auf den Rückweg nach Sizilien, um seinem Herrn zu berichten. Denn der Antrag, was wohl kaum noch der Erwähnung wert ist, wurde mit zehn zu null

Stimmen angenommen, und Sthenius' Sicherheit war für die Dauer seines Aufenthalts in Rom

KAPITEL IV

Eine andere von Ciceros Maximen lautete: Wenn du etwas Unpopuläres zu erledigen hast, dann erledige es gründlich, denn der Eindruck von Halbherzigkeit kommt deinem Ansehen sicher nicht zugute. Obwohl er sich vorher noch nie zu Pompeius oder den Volkstribunen geäußert hatte, gab es in den folgenden sechs Monaten niemanden, der sich mit mehr Begeisterung für deren Sache eingesetzt hätte. Die Pompeianer jedenfalls waren entzückt, in ihren Reihen einen derart fähigen Rekruten begrüßen zu dürfen. Der römische Winter in jenem Jahr war lang und kalt, vor allem für Terentia, nehme ich an. Ihr persönlicher Ehrenkodex verlangte es, dass sie ihrem Mann beistand gegen die Feinde, die in ihr Haus eingedrungen waren. Nicht nur, dass sie sich inmitten all dieser übel riechenden armen Menschen Ciceros Tiraden gegen ihre eigene Klasse hatte anhören müssen, jetzt belagerten seine neuen politischen Kumpane auch noch zu jeder Tageszeit ihren Salon und ihr Speisezimmer: Männer aus dem primitiven Norden, die mit abstoßendem Akzent sprachen, die Füße auf ihre Möbel legten und bis spät in die Nacht Ränke schmiedeten. Palicanus war ihr Wortführer. Bei seinem zweiten Besuch im Januar brachte er einen der neuen Prätoren mit, Lucius Afranius, einen Senatskollegen aus Pompeius' Heimat Picenum. Cicero bemühte sich mit besonderer Liebenswürdigkeit um ihn, und in früheren Jahren wäre es auch Terentia eine Ehre gewesen, einen Prätor in ihrem Haus begrüßen zu dürfen. Aber Afranius stammte weder aus einer ehrbaren Familie, noch verfügte er über jedwede Kinderstube. Er besaß doch tatsächlich die Unverschämtheit, sie zu fragen, ob sie gern tanze. Und als sie entsetzt zurückwich, erklärte er, dass er selbst nichts lieber täte. Dann zog er seine Toga hoch, entblößte seine Beine und wollte von ihr wissen, ob sie schon jemals ein stattlicheres Paar Waden gesehen habe.

Das waren Pompeius' Repräsentanten in Rom, und ihnen haftete immer etwas vom Geruch und den Manieren eines Feldlagers an. Sie waren ungeschlacht bis zur Brutalität - aber vielleicht musste man das sein, wenn man vorhatte, was sie vorhatten. Palicanus' Tochter Lollia - ein schlampiges junges Ding, eine Zumutung in Terentias Augen - begleitete die Gruppe gelegentlich, da sie mit Aulus Gabinius verheiratet war. Auch er gehörte zu Pompeius' Parteigängern aus Picenum und diente damals unter dem General in Spanien. Gabinius war das Verbindungsglied zu den Legionskommandeuren, die ihn mit Informationen über die Loyalität in der Truppe versorgten. Das war entscheidend, denn es hatte keinen Sinn, wie Afranius sich ausdrückte, zur Wiederherstellung der Macht des Volkstribunats eine ganze Armee nach Rom zu schaffen, nur um schließlich festzustellen, dass die Legionen freudig zu den Aristokraten überliefen, wenn nur die Höhe der Bestechungssumme stimmte.

Ende Januar traf Gabinius' Nachricht ein, dass die letzten Rebellenhochburgen in Uxama und Calagurris gefallen seien und Pompeius nun bereit sei, seine Armee in Richtung Heimat in Marsch zu setzen. Cicero hatte seit Wochen die pedarii unter den Senatoren bearbeitet, hatte sie in Senatspausen immer wieder beiseite genommen, um sie davon zu überzeugen, dass die aufständischen Sklaven im Norden Italiens eine zunehmende Gefahr für ihre Geschäfts- und Handelsinteressen darstellten. Seine Überzeugungsarbeit sollte sich lohnen. Als das Thema im Senat diskutiert wurde, stimmte das Haus trotz des erbitterten Widerstands der Aristokraten und der Anhänger Crassus' mit knapper Mehrheit dafür, Pompeius' spanische Armee nicht aufzulösen, sondern sie ins Mutterland zurückzubeordern, um Spartacus' Truppen im Norden zu zerschlagen. Mit diesem Votum hatte Pompeius das Konsulat so gut wie sicher, und Cicero kehrte am Abend jenes Tages mit einem Lächeln auf den Lippen nach Hause zurück. Gewiss, er war von den Aristokraten, die ihn inzwischen mehr verachteten als jeden anderen Mann in Rom, brüskiert worden. Der präsidierende Konsul, der unglaublich hochnäsige Publius Cornelius Lentulus Sura, hatte sogar seinen Versuch, sich zu Wort zu melden, absichtlich ignoriert. Aber was machte das schon? Er gehörte zum inneren Kreis von Pompeius Magnus, und jeder Idiot weiß, dass man in der Politik am schnellsten vorwärtskommt, wenn man sich in der Nähe des Mannes an der Spitze einnistet.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass wir in diesen hektischen Monaten Sthenius aus Thermae vernachlässigt haben. Oft tauchte er schon morgens auf und drückte sich in der Hoffnung auf eine Unterredung den ganzen Tag in der Nähe des Senators herum. Er wohnte immer noch in Terentias verwahrloster Mietskaserne, und er hatte nicht viel Geld. Rom konnte er nicht verlassen, da seine Immunität an den Stadtmauern endete. Seit Oktober hatte er sich nicht mehr rasiert, nicht mehr die Haare schneiden lassen und -nach seinem Geruch zu urteilen - auch nicht mehr die Kleidung gewechselt. Es war nicht direkt Wahnsinn, aber doch hochgradige Besessenheit, die er ausstrahlte, wenn er durch die Straßen wanderte, unablässig Papyrusfetzen zu kleinen Kügelchen zusammenknüllte, damit herumspielte und sie schließlich auf den Boden warf.

Cicero ließ sich immer neue Ausreden einfallen, um ihn nicht sprechen zu müssen. Zweifellos war er der Meinung, seiner Verpflichtung nachgekommen zu sein. Aber es war nicht nur das. Die Politik ist wie ein Hohlkopf vom Land: Sie kann sich jeweils nur auf eine Sache auf einmal konzentrieren. Der arme Sthenius war einfach unwichtig. Das im Augenblick einzig interessante Thema war die bevorstehende Auseinandersetzung zwischen Crassus und Pompeius. Im Spätfrühling hatte Crassus im Absatz Italiens die Hauptkräfte von Spartacus' Rebellen besiegt, Spartacus getötet und sechstausend Gefangene gemacht. Danach hatte er seine Truppen Richtung Rom in Marsch gesetzt. Kurz darauf überschritt Pompeius die Grenze und beendete den Sklavenaufstand im Norden. Er schickte einen Brief nach Rom, der im Senat verlesen wurde und in dem er CrassusM Leistung nur am Rande würdigte und stattdessen erklärte, dass allein ihm das Verdienst zukomme, den Sklavenaufstand »endgültig und vollständig« beendet zu haben. Das Signal an seine Anhänger hätte deutlicher nicht sein können: In diesem Jahr würde nur ein General im Triumph in Rom einziehen, und der würde nicht Marcus Crassus heißen. Und um auch noch den letzten Zweifel an seinen Absichten auszuräumen, schloss er seinen Brief mit der Ankündigung, dass auch er sich jetzt Richtung Rom in Bewegung setzen werde. Es ist kaum verwunderlich, dass bei all diesen aufregenden historischen Ereignissen niemand mehr an Sthenius dachte.

Es muss irgendwann im Mai gewesen sein, vielleicht auch Anfang Juni, das genaue Datum kann ich nicht mehr feststellen, als ein Kurier mit einem Brief an Ciceros Haustür klopfte. Der Mann übergab mir erst nach einigem Zögern das Schreiben und bestand darauf zu warten. Er habe strikten Befehl, nicht ohne Antwort zurückzukehren. Obwohl der Mann Zivilkleidung trug, war nicht zu überhören, dass er Soldat war. Ich brachte die Botschaft in Ciceros Arbeitszimmer. Während er sie las, verdüsterte sich sein Gesichtsausdruck. Er gab mir den Brief, und als ich die Anrede las, wusste ich den Grund für sein Stirnrunzeln. Marcus Licinius Crassus, Imperator, an Marcus Tullius Cicero. Sei gegrüßt... Nicht dass der Brief irgendeine Art Drohung enthielt. Er enthielt nur die Einladung, sich am nächsten Morgen an der Straße nach Rom, am Meilenstein achtzehn, in der Nähe der Stadt Lanuvium, mit dem siegreichen General zu treffen.

»Kann ich ablehnen?«, fragte Cicero und beantwortete die Frage gleich selbst. »Nein, kann ich nicht. Das würde er als tödliche Beleidigung auffassen.«

»Wahrscheinlich wird er Euch um Eure Unterstützung bitten.«

»Ach ja?«,sagte Cicero sarkastisch. »Wie kommst du denn darauf?«

»Könnt Ihr ihm nicht eine Art eingeschränkte Unterstützung anbieten, die sich nicht mit Euren Verpflichtungen gegenüber Pompeius überschneidet?«

»Nein, das ist genau das Problem. Pompeius war da unmissverständlich. Er erwartet absolute Loyalität. Crassus wird mich fragen: >Bist du für mich oder gegen mich?< Und dann wird für mich der übelste Albtraum eines jeden Politikers Wahrheit: Ich muss eine verbindliche Antwort geben.« Er seufzte. »Aber hingehen müssen wir natürlich.«

Am nächsten Tag machten wir uns kurz nach Sonnenaufgang in einer offenen zweirädrigen Kutsche auf den Weg. Ciceros Diener fuhr uns. Es war die beste Zeit des Tages zur besten Zeit des Jahres. Die Luft war schon warm genug für einen Besuch der öffentlichen Badeanstalt an der Porta Capena, aber gleichzeitig noch von erfrischender Kühle. Auf der Straße wirbelte nicht wie sonst der Staub auf. Die Blätter der Olivenbäume glänzten in einem frischen Grün. Sogar die Gräber, die auf diesem speziellen Wegstück gleich hinter der Stadtmauer dicht an dicht die Via Appia säumten, schimmerten hell und freundlich in der ersten Sonnenstunde des Tages. Normalerweise machte mich Cicero auf dieses oder jenes Monument aufmerksam und erklärte mir, was es damit auf sich hatte - auf die Statue des Scipio Africanus zum Beispiel oder auf das Grabmal der Horatia, die von ihrem Bruder ermordet worden war, weil sie den Tod ihres Liebhabers zu ausgiebig betrauert hatte. Doch an jenem Morgen war er alles andere als guter Laune. Seine Gedanken kreisten ausschließlich um Crassus.

»Halb Rom gehört ihm. Sollte mich nicht wundern, wenn ihm diese Grabmäler hier auch gehören. Da könnten ganze Familien drin wohnen! Warum eigentlich nicht? Crassus bringt das fertig! Hast du ihn mal in Aktion gesehen? Wenn er zum Beispiel hört, dass irgendwo ein Brand wütet und sich langsam durch ein ganzes Viertel frisst, dann lässt er seine Sklaven ausschwärmen und den Wohnungseigentümern lächerlich niedrige Kaufangebote machen. Und wenn die armen Burschen dann unterschrieben haben, dann schickt er Mannschaften mit Wasserwagen los, um die Brände zu löschen. Und das ist nur eine von seinen Methoden. Weißt du, wie Sicinius, der ja nun wirklich keiner ist, dem man mit irgendwas Angst einjagen kann, Crassus nennt? Er nennt ihn den gefährlichsten Bullen in der Herde.«

Das Kinn fiel ihm wieder auf die Brust, und bis zum Meilenstein acht, der sich schon weit im Landesinnern in der Nähe von Bovillae befand, sagte er kein Wort mehr. Hier lenkte er meine Aufmerksamkeit auf etwas Seltsames: auf Militärposten, die kleine Parzellen bewachten, die wie Holzlagerplätze aussahen. An vier oder fünf dieser Plätze, die in regelmäßigen Abständen von etwa einer halben Meile auftauchten, waren wir schon vorbeigekommen. Und auf jedem weiteren schien größere Betriebsamkeit zu herrschen als auf dem vorherigen. Es wurde gehämmert, gesägt, gegraben. Cicero sagte mir schließlich, worum es sich dabei handelte. Die Soldaten zimmerten Kreuze. Kurz darauf kam uns eine Kolonne von Crassus' Fußsoldaten entgegen, die Richtung Rom marschierte. Wir mussten am Straßenrand halten, um sie vorbeizulassen. Den Soldaten folgte eine lange Gefangenenprozession, Hunderte besiegter Rebellensklaven mit auf dem Rücken gefesselten Händen, eine ausgemergelte, graue Geisterarmee, die einem Schicksal entgegenstolperte, dessen Vorbereitungen wir gerade gesehen hatten, von dem sie selbst aber wahrscheinlich noch nichts wussten. Unser Kutscher murmelte einen Zauberspruch, um uns das Böse vom Leib zu halten, ließ die Peitsche über den Flanken der Pferde schnalzen, und in der nächsten Sekunde sprengten wir davon. Etwa eine Meile weiter begann das Töten; in kleinen Gruppen an beiden Straßenseiten wurden die Gefangenen an die Kreuze genagelt. Ich versuche die Bilder zu verdrängen, aber gelegentlich tauchen sie in meinen Träumen wieder auf. Vor allem ein Motiv sehe ich immer wieder vor mir: wenn die Soldaten das Holzkreuz mit dem angenagelten, schreienden Opfer mit Seilen in die Senkrechte hieven und dieses dann mit einem dumpfen Schlag in das dafür ausgehobene tiefe Loch fahrt. Außerdem erinnere ich mich an den Augenblick, als wir eine Hügelkuppe überquerten und in eine lange Allee aus Kreuzen blickten, die in der Hitze des Spätvormittags schimmerte und sich Meile um Meile schnurgerade dahinzog. Die Luft schien zu zittern von dem Stöhnen der Sterbenden, dem Brummen der Fliegen, dem Kreischen der kreisenden Krähen.

»Deshalb hat er mich also hier rausgelockt«, murmelte Cicero wütend. »Er will mich einschüchtern.« Sein Gesicht war schneeweiß. Wenn es um Schmerz und Tod ging, war Cicero sehr empfindlich, sogar bei Tieren, weshalb er es möglichst vermied, die Spiele zu besuchen. Ich nehme an, dass das auch der Grund für seine Abneigung gegen alles Militärische war. In seiner Jugend hatte er lediglich die Mindestzeit an Militärdienst abgeleistet und war kaum in der Lage, ein Schwert zu rühren oder eine Lanze zu schleudern. Während seiner ganzen Karriere musste er sich den höhnischen Vorwurf des Drückebergers gefallen lassen.

Bei Meilenstein achtzehn stießen wir auf das Kernstück von Crassus' Legionen. Wie bei jeder Armee im Feld wehte uns der Geruch von Staub, Schweiß und Leder entgegen. Das neben der Straße aufgeschlagene Lager war von einem Graben und Schutzwällen umgeben. Standarten flatterten über dem Tor, neben dem Crassus' Sohn Publius, damals noch ein forscher Jungoffizier, schon wartete, um uns zum Zelt des Generals zu geleiten. Dort verabschiedeten sich gerade ein paar andere Senatoren von dem unverwechselbaren Crassus. Der »alte Glatzkopf«, wie seine Soldaten ihn nannten, trug trotz der Hitze den scharlachroten Umhang des Befehlshabers. Er war die Leutseligkeit in Person, wünschte den scheidenden Besuchern eine sichere Heimreise und begrüßte uns ebenso freundlich - sogar mich, dessen Hand er so herzlich schüttelte, als sei ich selbst ein Senator und nicht irgendein Sklave, der unter anderen Umständen vielleicht schreiend an einem seiner Kreuze hinge. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, was genau mich damals an ihm so beunruhigt hatte, so war es vermutlich Folgendes: diese urteilslose und unvoreingenommene Freundlichkeit, mit der er dir selbst dann gegenübertreten würde, wenn er sich gerade entschlossen hätte, dich zu töten. Laut Cicero war er mindestens zweihundert Millionen Sesterzen schwer, aber er unterhielt sich mit jedermann so ungezwungen wie ein Bauer, der an seinem Weidezaun lehnte, und sein Haus in Rom war so bescheiden und schlicht wie sein Armeezelt.

Er bat uns hinein - mich auch, er bestand darauf und entschuldigte sich für das grausige Schauspiel an der Via Appia, das er aber für unumgänglich halte. Besonders stolz schien er auf die logistische Leistung zu sein, entlang dreihundertfünfzig Meilen Straße - vom Ort der siegreichen Schlacht bis vor die Tore Roms - sechstausend Männer gekreuzigt zu haben, ohne dass es, wie er sich ausdrückte, zu »gewalttätigen Zwischenfällen« gekommen sei. Siebzehn Kreuzigungen pro Meile, also alle einhundertsiebzehn Schritte ein Kreuz - er hatte ein phänomenales Gedächtnis für Zahlen. Das Kunststück dabei sei, keine Panik unter den Gefangenen aufkommen zu lassen, sonst hätte man gleich noch eine Schlacht am Hals. Man habe also jede Meile - manchmal auch alle zwei oder drei Meilen, um keinen Verdacht zu erregen - die entsprechende Zahl gefangener Sklaven anhalten lassen und dem Rest der Kolonne befohlen weiterzumarschieren, um erst, als diese außer Sichtweite gewesen sei, mit den Kreuzigungen zu beginnen. So habe man mit einem Minimum an Störungen - schließlich sei die Via Appia die meistbenutzte Straße in ganz Italien - den maximalen Abschreckungseffekt erzielt.

»Ich bezweifle, dass sich in Zukunft noch viele Sklaven gegen Rom erheben werden«, sagte Crassus und schaute mich lächelnd an. »Na, was glaubst du?«, fragte er mich. Als ich leidenschaftlich verneinte, zwickte er mich in die Backe und verstrubbelte mir das Haar. Als er mich berührte, glaubte ich, meine Haut würde verschrumpeln. »Ist er zu verkaufen?«, fragte er Cicero. »Gefällt mir, der Bursche, ich mache dir einen guten Preis. Mal sehen ...« Er nannte eine Summe, die mindestens das Zehnfache des normalen Preises betrug, und einen schrecklichen Augenblick lang fürchtete ich, Cicero würde annehmen und mich aus seinem Leben verbannen -ein Schicksal, das ich nicht ertragen hätte.

»Er ist nicht zu verkaufen, zu keinem Preis«, sagte Cicero. Die Fahrt hatte ihm zugesetzt, seine Stimme klang ein wenig heiser. »Und um jedes Missverständnis von vornherein auszuschließen, Imperator, ich habe meine Unterstützung Pompeius Magnus zugesichert.«

»Pompeius Magnus?«, frotzelte Crassus. »Pompeius der Große? Verglichen mit wem?«

»Darauf möchte ich lieber nicht antworten«, sagte Cicero. »Vergleiche können so ekelhaft sein.« Darauf zuckte sogar ein so unerbittlich leutseliger Mensch wie Crassus kaum merklich zurück.

Es gibt Politiker, die können es nicht ertragen, sich zusammen in ein und demselben Raum aufzuhalten, selbst wenn es im Interesse beider wäre, sich zu verständigen. Es wurde mir schnell klar, dass Cicero und Crassus zu dieser Sorte gehörten. Das ist eine Tatsache, die die Stoiker nicht begreifen, wenn sie behaupten, dass Vernunft und nicht Emotionen die Hauptrolle in menschlichen Beziehungen spielen sollten: Ich fürchte, dass das Gegenteil richtig ist und dass das auch immer so sein wird, sogar oder vielleicht gerade in der angeblich so kühl abwägenden Welt der Politik. Und wenn schon in der Politik keine Vernunft herrscht, wo soll man sie dann finden? Crassus hatte Cicero zu sich bestellt, um seine Freundschaft zu gewinnen. Und Cicero war mit dem Vorsatz gekommen, sich Crassus' Wohlwollen zu erhalten. Da jedoch beide ihre gegenseitige Abneigung nicht verbergen konnten, wurde das Treffen ein Desaster.

»Kommen wir gleich zur Sache, einverstanden?«, sagte Crassus, nachdem er Cicero gebeten hatte,

Platz zu nehmen. Er legte seinen Umhang ab, übergab ihn seinem Sohn und ließ sich auf dem Sofa nieder. »Zwei Dinge sind es, Cicero, um die ich dich bitten möchte. Das Erste ist die Unterstützung meiner Kandidatur für das Amt des Konsuls. Ich bin jetzt vierundvierzig, also mehr als alt genug, und ich glaube, dass ich in diesem Jahr an der Reihe bin. Das Zweite ist ein Triumph. Für beides bin ich bereit zu zahlen, egal, wie hoch dein Marktwert gerade ist. Wie du weißt, mache ich normalerweise nur Exklusivverträge, aber angesichts deiner schon eingegangenen Verpflichtungen werde ich mich wohl mit der Hälfte von dir begnügen müssen.« Dann verneigte er sich leicht und rügte hinzu: »Ein halber Cicero ist immer noch doppelt so viel wert wie bei den meisten anderen der ganze Mann.«

»Sehr schmeichelhaft, Imperator«, erwiderte Cicero, dem die Andeutung sauer aufstieß. »Vielen Dank. Meinen Sklaven kann man nicht kaufen, aber mich schon, meinst du das? Vielleicht erlaubst du mir, dass ich darüber nachdenke.«

»Was gibt es da nachzudenken? Bei den Konsulatswahlen hat jeder Bürger zwei Stimmen. Gib eine mir und die andere, wem immer du willst. Du brauchst nur dafür zu sorgen, dass deine Freunde ebenso handeln. Sag ihnen, dass Crassus nie vergisst, wer ihm gefällig war. Und genauso wenig, wer ihm nicht gefällig war.«

»Ich fürchte, ich werde dennoch Bedenkzeit brauchen.«

Wie ein Hecht durch klares Wasser huschte ein Schatten über Crassus' freundliches Gesicht. »Und der Triumph?«

»Ich persönlich bin zutiefst davon überzeugt, dass du diese Ehre verdient hast. Wie du aber sicher weißt, so ist Voraussetzung für einen Triumph, dass durch die betreffende militärische Aktion dem Staat neues Herrschaftsgebiet hinzugefügt wurde. Der Senat hat über ähnliche Fälle schon beraten. Offenbar reicht es nicht aus, lediglich zuvor verloren gegangenes Territorium zurückzugewinnen. Auch Fulvius hat man, nachdem Capua zu Hannibal übergelaufen war und er die Stadt zurückerobert hatte, keinen Triumph zugestanden.« Cicero erläuterte ihm all dies mit scheinbar tief empfundenem Bedauern.

»Das sind doch Formalitäten, meinst du nicht auch? Wenn Pompeius Konsul werden kann, ohne auch nur eine einzige der notwendigen Voraussetzungen zu erfüllen, warum kann man mir nicht wenigstens einen Triumph zugestehen? Ich weiß, dass dir die Schwierigkeiten eines militärischen Kommandos nicht geläufig sind. Oder auch die des Militärdienstes ganz allgemein«, fügte er hintersinnig hinzu. »Aber du wirst mir sicher darin zustimmen, dass ich alle anderen Voraussetzungen erfüllt habe. Ich habe im Feld fünftausend Feinde getötet, habe unter den Auspizien der Götter gekämpft, wurde von den Legionen zum Imperator ausgerufen, habe die Provinz befriedet und bin mit allen Truppen zurückgekehrt. Wenn jemand mit Einfluss, so wie du, einen Antrag im Senat einbringen würde, dann würde ich mich sehr großzügig zeigen.«

Es entstand eine lange Pause, in der ich mich fragte, wie Cicero sich aus diesem Dilemma befreien würde.

»Da draußen, Imperator, das ist dein Triumph!«, sagte er plötzlich und deutete in Richtung Via Appia. »Das ist das Monument für einen Mann wie dich! Solange Römer Zungen haben werden, um zu sprechen, werden sie sich an Crassus erinnern als den Mann, der über eine Strecke von dreihundertfünfzig Meilen, an Kreuzen im Abstand von einhundertsiebzehn Schritten, sechstausend Sklaven gekreuzigt hat. Kein anderer unserer großen Generäle wird jemals etwas Ähnliches vollbracht haben. Scipio Afficanus, Pompeius, Lucullus ...« Cicero machte eine verächtliche Handbewegung. »Keiner von denen wäre jemals nur auf die Idee gekommen.«

Cicero lehnte sich zurück und schaute Crassus lächelnd ins Gesicht. Crassus erwiderte das Lächeln. Die Zeit verstrich. Ich spürte, wie mir der Schweiß den Rücken hinunterlief. Die beiden fochten einen Wettbewerb aus: Wer würde als Erster aufhören zu lächeln? Schließlich stand Crassus auf und streckte Cicero die Hand hin. »Ich danke dir für deinen Besuch junger Freund«, sagte er.

Als der Senat wenige Tage später zusammenkam, um die Ehrungen festzulegen, stimmte Cicero mit der Mehrheit gegen einen Triumph für Crassus. Stattdessen musste sich der Bezwinger von Spartacus mit einer Ovation zufriedengeben, eine in jeder Beziehung zweitklassige Ehrung. Er zöge nicht in einem von vier Pferden gezogenen Triumphwagen in die Stadt ein, sondern würde zu Fuß gehen müssen; statt schmetternder Trompeten gäbe es trällernde Flöten, statt einem Kranz aus Lorbeer nur einen aus Myrte. »Wenn der Mann nur einen Funken Ehre im Leib hat«, sagte Cicero, »dann lehnt er ab.« Fast überflüssig zu erwähnen, dass Crassus' Zusage dem Senat kurze Zeit später vorlag.

Als man zu den Ehrungen für Pompeius kam, bediente sich Afranius eines schlauen Manövers. Er nutzte seinen Rang als Prätor, um schon zu Beginn der Debatte das Wort zu ergreifen und zu verkünden, dass Pompeius in Demut und Dankbarkeit jede Ehrung, die das Haus ihm gewähre, akzeptieren würde: Er träfe morgen mit zehntausend Mann vor den Toren der Stadt ein und hoffe, so vielen Senatoren wie möglich persönlich zu danken. Zehntausend Mann? Nach dieser Ankündigung erschien es den Aristokraten nicht mehr ratsam, den Eroberer Spaniens öffentlich zu brüskieren. Per einstimmigem Votum wurden die Konsuln angewiesen, Pompeius, so bald es diesem möglich sei, ihre Aufwartung zu machen und einen uneingeschränkten Triumph anzubieten.

Am nächsten Morgen kleidete sich Cicero mit noch größerer Sorgfalt als üblich und besprach sich dann mit Quintus und Lucius, wie weit er bei den bevorstehenden Unterredungen mit Pompeius gehen solle. Er entschied sich für die forsche Variante. Im nächsten Jahr würde er sechsunddreißig Jahre alt werden, das Mindestalter, um sich in Rom für das Amt eines der vier Ädilen zu bewerben, die jedes Jahr neu gewählt wurden. Der Aufgabenbereich des Amtes - Unterhalt der öffentlichen Gebäude, Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, Ausrichtung von Spielen, Ausstellung von Handelslizenzen etc. - konnte Cicero dabei helfen, seine politische Gefolgschaft weiter auszubauen. Die drei Männer einigten sich darauf, dass Cicero Pompeius bitten würde, seine Kandidatur zum Ädil zu unterstützen. »Ich glaube, das habe ich mir verdient«, sagte Cicero.

Nachdem das erledigt war, mischten wir uns unter die riesige Menschenmenge, die Richtung Westen zum Marsfeld drängte. Es ging das Gerücht, dass Pompeius dort seine Legionen halten lassen wolle. (Es war Gesetz, zumindest in jenen Tagen, dass man innerhalb der heiligen Mauern Roms kein militärisches Imperium ausüben konnte. Wollten also Crassus und Pompeius das Kommando über ihre Armeen behalten, so waren sie genötigt, ihre Intrigen von außerhalb der Stadttore zu steuern.) Jeden interessierte brennend, wie der große Mann aussah. Seit fast sieben Jahren hatte der römische Alexander, wie seine Anhänger Pompeius nannten, auf fernen Schlachtfeldern gekämpft. Die einen fragten sich, wie sehr er sich wohl verändert hatte, die anderen - zu denen ich gehörte - hatten ihn überhaupt noch nie gesehen. Cicero hatte schon von Palicanus erfahren, dass Pompeius sein Hauptquartier in der Villa Publica aufzuschlagen gedenke, dem Gästehaus der Regierung gleich neben dem abgesperrten Gelände für die Stimmabgabe. Dorthin waren Cicero, Quintus, Lucius und ich unterwegs.

Die Villa wurde von einer doppelten Postenkette Soldaten abgeriegelt, und als wir uns schließlich durch die Menge bis zur äußeren Mauer durchgekämpft hatten, wurde uns gesagt, dass ohne Zugangsberechtigung niemand auf das Grundstück dürfe. Cicero war äußerst beleidigt, dass keiner der Wachposten je von ihm gehört hatte, und wir konnten von Glück sagen, dass zufällig Palicanus auftauchte, der seinen Schwiegersohn, den Legionskommandeur Gabinius, holen ließ, der dann für uns bürgte. Auf dem Gelände stellten wir fest, dass sich schon die Hälfte des offiziellen Roms unter den schattigen Kolonnaden drängte. Die Luft so nah' an der Macht knisterte vor Spannung. »Wie Wespen am Honigtopf«, sagte Cicero.

»Pompeius Magnus ist heute Nacht eingetroffen«, erklärte Palicanus und fügte in feierlichem Ton hinzu: »Die Konsuln sind gerade bei ihm.« Er versprach uns, Bescheid zu geben, sobald er mehr wüsste, und eilte dann wichtigtuerisch zwischen den Wachposten hindurch ins Haus.

Mehrere Stunden vergingen, ohne dass Palicanus wieder auftauchte. Wir sahen Kuriere ein und aus gehen, sahen mit knurrenden Mägen, wie Speisen geliefert wurden, sahen, wie die Konsuln die Villa verließen und die großen alten Männer Catulus und Isauricus eintrafen. Ebenfalls wartende Senatoren, die glaubten, Cicero als leidenschaftlicher Parteigänger Pompeius' gehöre zu dessen innerem Beraterkreis, fragten ihn immer wieder, was denn da vor sich gehe. »Alles zu seiner Zeit«, sagte Cicero. »Alles zu seiner Zeit.« Schließlich muss ihm diese floskelhafte Antwort wohl selbst peinlich gewesen sein, denn er schickte mich los, ihm einen Hocker zu besorgen. Als ich zurückkam, stellte er den Hocker an eine Säule, setzte sich, lehnte sich zurück und schloss die Augen. Am Nachmittag traf Hortensius ein, der sich durch die von Soldaten zurückgehaltenen Gaffer drängte und sofort vorgelassen wurde. Als wenig später auch die drei Metellus-Brüder eingelassen wurden, konnte selbst Cicero nicht mehr umhin, dies als Demütigung aufzufassen. Sein Bruder Quintus eilte davon, um im Umkreis des Senatsgebäudes vielleicht das eine oder andere Gerücht aufzuschnappen. Währenddessen wanderte Cicero in den Kolonnaden nervös auf und ab und schickte mich zum zwanzigsten Mal los, um Palicanus oder Afranius oder Gabinius oder wen auch immer aufzutreiben, der ihm Zugang zu der Konferenz verschaffen könnte.

Ich ging vor dem umlagerten Eingang auf und ab und stellte mich gelegentlich auf die Zehenspitzen, um über das Gewirr aus Köpfen hinwegzusehen. Als ein Kurier die Villa verließ, sah ich durch die halb offene Tür weiß gekleidete Gestalten, die lachend und plaudernd um einen schweren Marmortisch herumstanden, der mit Schriftstücken übersät war. Dann wurde ich von einem Tumult auf der Straße abgelenkt. Menschen riefen »Heil Imperator!« Jubel brandete auf, das Tor wurde aufgerissen, und flankiert von seinen Leibwächtern erschien Crassus. Er nahm den mit Federn geschmückten Helm ab, gab ihn einem seiner Liktoren, wischte sich die Stirn ab und schaute sich um. Sein Blick fiel auf Cicero. Er neigte leicht den Kopf und lächelte ihn, wie es seine Art war, unbefangen an. Ich glaube, dass dies einer der seltenen Momente war, in denen ich Cicero vollkommen sprachlos sah. Dann warf sich Crassus - auf ziemlich majestätische Weise, muss ich zugeben - den scharlachroten Umhang über die Schulter und betrat mit festem Schritt die Villa Publica, während Cicero sich kraftlos auf seinen Hocker fallen ließ.

Immer wieder ist mir dieser merkwürdige Aspekt der Macht aufgefallen: Wenn man ihr körperlich am nächsten ist, weiß man oft am wenigsten, was sich gerade abspielt. Zum Beispiel habe ich erlebt, wie Senatoren sich genötigt sahen, den Senatssaal zu verlassen und ihre Sklaven auf den Gemüsemarkt zu schicken, um zu erfahren, was in der von ihnen vermeintlich regierten Stadt eigentlich vorging. Oder ich habe von Generälen gehört, die trotz zahlreicher Legaten und Kundschafter gezwungen waren, vorbeikommende Schäfer abzufangen, um sich das Neueste vom Schlachtfeld erzählen zu lassen. So erging es an jenem Nachmittag auch Cicero, der von dem Raum, in dem Rom tranchiert wurde wie ein Brathühnchen, keine zehn Schritte entfernt auf einem Hocker saß und sich von Quintus berichten lassen musste, was der von einem Beamten auf dem Forum erfahren und was dieser wiederum von einem Senatsschreiber gehört hatte.

»Sieht schlecht aus«, sagte Quintus, obwohl man das schon an seinem Gesichtsausdruck ablesen konnte. »Pompeius Konsul, die Rechte des Volkstribunats wiederhergestellt, kein Widerstand der Aristokratie. Als Gegenleistung - und jetzt pass auf - als Gegenleistung Hortensius und Quintus Metellus mit voller Rückendeckung durch Pompeius Konsuln im nächsten Jahr. Ablösung von Verres als Statthalter von Sizilien, neuer Statthalter Lucius Metellus - Lucius Metellus! Und jetzt der Gipfel: Crassus - Crassus! - zweiter Konsul neben Pompeius, Auflösung beider Armeen am Tag des Amtsantritts.«

»Aber ich hätte dabei sein müssen«, sagte Cicero und starrte tief bestürzt zur Villa. »Ich hätte dabei sein müssen!«

»Marcus«, sagte sein Bruder mit trauriger Stimme und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Keiner von denen wollte, dass du dabei bist.«

Wie betäubt war Cicero angesichts des Ausmaßes des Umschwungs - er selbst ausgeschlossen, seine Feinde belohnt, Crassus zum Konsul befördert. Doch dann schüttelte er sich, stand auf und ging wütend Richtung Tür. Vielleicht hätte einer von Pompeius' Wachsoldaten seiner politischen Karriere nur wenige Sekunden später durch das Schwert ein Ende gesetzt, denn ich glaube, in seiner Verzweiflung war er damals fest entschlossen, sich den Weg zum Verhandlungstisch zu erzwingen und seinen Anteil einzufordern. Doch es war schon zu spät. Die mächtigen Männer hatten ihren Handel besiegelt und verließen gerade die Villa. Ihre hektischen Berater kamen als Erste, dann die Wachen, die auf den Boden stampften, als ihre Herren durch die Tür traten. Crassus erschien als Nächster, dann trat Pompeius aus dem Halbdunkel. Alle wussten sofort, wen sie vor sich hatten. Nicht nur wegen der Aura der Macht, die die Luft bei jeder seiner Bewegungen aufzuladen schien, sondern auch wegen seiner Züge. Er hatte ein breites Gesicht mit weit auseinanderstehenden Backenknochen und dichtes, welliges Haar, das sich zu einer Tolle aufschwang, die an den Bug eines Schiffes erinnerte. Das Gesicht strahlte Gewicht und Führungskraft aus, es passte zu den breiten Schultern und dem kräftigen Brustkorb. Er hatte den Oberkörper eines Ringers. Mir war jetzt klar, warum man ihn in seiner Jugend, als er für seine Skrupellosigkeit berühmt war, den jungen Schlächter genannt hatte.

Und so defilierten sie an uns vorüber, der alte Glatzkopf und der junge Schlächter. Ohne ein Wort zu wechseln, ohne sich auch nur anzuschauen, gingen sie auf das Tor zu, das sich für sie öffnete. Sofort setzten sich die Senatoren in Bewegung und hefteten sich an ihre Fersen, und auch wir wurden mit der Menge auf den Platz vor der Villa Publica hinausgeschwemmt und prallten dort auf eine Wand aus Hitze und Lärm. Es waren sicher zwanzigtausend Menschen, die sich an jenem Nachmittag auf dem Marsfeld versammelt hatten und die jetzt in lautstarken Jubel ausbrachen. Soldaten, die sich an den Ellbogen untergehakt hatten und mit den Füßen in den Staub stemmten, hielten die Menge zurück und machten eine schmale Gasse frei. Sie war gerade breit genug, dass Pompeius und Crassus Seite an Seite durch sie hindurchgehen konnten. Da wir ganz hinten in der Prozession mitschwammen, konnte ich ihren Gesichtsausdruck nicht sehen und auch nicht, ob sie inzwischen miteinander sprachen. Langsam bewegten sie sich auf das Podium zu, auf dem sich am Wahltag nach altem Brauch die Würdenträger versammelten. Pompeius stieg unter erneut aufbrandendem Beifall als Erster auf das Podium, blieb dort eine Weile stehen, wandte sein breites, strahlendes Gesicht mal hierhin, mal dorthin und genoss den Jubel wie eine sich in der Sonne aalende Katze die Wärme. Dann beugte er sich nach unten und half Crassus aufs Podium. Bei dieser Demonstration der Einigkeit zwischen den beiden notorischen Rivalen brach die Menge erneut in Jubel aus, der sogar noch anschwoll, als Pompeius Crassus' Hand nahm und in die Höhe reckte.

»Was für ein ekelerregendes Schauspiel.« Cicero musste mir die Worte ins Ohr brüllen, damit ich ihn überhaupt verstand. »Ein Konsulat, das gefordert und unter Zwang bewilligt wurde. Wir sind Zeuge des Anfangs vom Ende der Republik, Tiro. Denk an meine Worte!« Unwillkürlich ging mir der Gedanke durch den Kopf, hätte er an der Konferenz teilgenommen und die gemeinsame Kandidatur mit eingefädelt, dann hätte er dieses Arrangement als meisterliche Staatskunst gepriesen.

Pompeius brachte die Menge mit einer Handbewegung zum Verstummen und begann mit seiner Exerzierplatzstimme zu sprechen. »Menschen von Rom, die Führer des Senats haben mir das großmütige Angebot unterbreitet, einen Triumph abzuhalten, ein Angebot, das ich mit Freuden annehme. Sie haben mir ebenfalls die Erlaubnis erteilt, mich für das Amt des Konsuls zu bewerben, eine Erlaubnis, die ich gleichfalls mit Freuden wahrnehmen werde. Was mich jedoch mit noch größerer Freude erfüllt, ist die Tatsache, dass mein alter Freund Marcus Licinius Crassus mich in das Amt begleiten wird.« Er schloss mit dem Versprechen, dass er im nächsten Jahr zu Ehren seiner Siege in Spanien große Spiele veranstalten und dass er diese Herkules weihen werde.

Tja, zweifellos gut gewählte Worte, allerdings viel zu schnell vorgetragen. Er vergaß die nötige Pause nach jedem Satz, was bedeutete, dass die wenigen, die seine Worte verstanden hatten, diese nicht für die hinter ihnen Stehenden, denen dies nicht möglich gewesen war, wiederholen konnten. Ich bezweifle, dass mehr als ein paar Hundert aus dieser riesigen Menschenmenge ihn überhaupt verstanden hatten. Wie auch immer, die Menge jubelte, und sie jubelte noch mehr, als Crassus, gerissen wie er war, Pompeius umgehend die Schau stahl.

»Hiermit gelobe ich feierlich«, sagte er mit der dröhnenden Stimme des geübten Redners, »dass ich zu Pompeius' Spielen ... am ersten Tag von Pompeius' Spielen ... ein Zehntel meines Vermögens ... ein Zehntel meines gesamten Vermögens ... zum Kauf für Essen und Trinken zugunsten der Menschen von Rom zur Verfügung stellen werde ... für jeden von euch freies Essen und Trinken für drei Monate ... und ein großes Bankett in den Straßen ... ein Bankett für jeden Bürger Roms ... ein Bankett zu Ehren von Herkules!«

Die Menge steigerte sich in einen Jubeltaumel. »Dieser Schurke«, sagte Cicero. »Ein Zehntel seines Vermögens, das sind zwanzig Millionen an Bestechungsgeld! Trotzdem ein günstiger Preis. Schau ihn dir an, Tiro, wie er seine schwache Position in eine starke verwandelt. Damit hast du wohl nicht gerechnet, was?«, rief er Palicanus entgegen, der sich vom Podium zu uns durchkämpfte. »Jetzt hat er sich schon auf eine Stufe mit Pompeius gestellt. Ihr hättet ihm nie diese Bühne bieten dürfen.«

»Der Imperator möchte dich sprechen«, sagte Palicanus mit atemloser Stimme. »Er will sich persönlich bei dir bedanken.« Ich spürte, dass Cicero mit sich rang, aber Palicanus ließ nicht locker, zupfte ihn beharrlich am Ärmel, und schließlich gab er nach. Wahrscheinlich wollte er wenigstens etwas von diesem Tag retten.

»Will er eine Rede halten?«, rief Cicero, als wir uns mit Palicanus zum Podium durchdrängelten.

»Er hält eigentlich nie Reden«, sagte Palicanus über die Schulter. »Jedenfalls noch nicht.«

»Das ist ein Fehler. Die Leute erwarten, dass er zu ihnen spricht.«

»Tja, dann werden sie wohl sehr enttäuscht sein.«

»Was für eine Verschwendung«, flüsterte mir Cicero ehrlich entrüstet zu. »Was würde ich für so ein Publikum nicht alles geben! Wie oft kommen schon so viele Wähler an einem einzigen Ort zusammen?«

Aber Pompeius hatte kaum Erfahrung als öffentlicher Redner. Außerdem war er es gewohnt, Männern zu befehlen, nicht, ihnen zu schmeicheln. Er winkte den Menschen ein letztes Mal zu und stieg dann vom Podium. Crassus folgte seinem Beispiel, und der Applaus verebbte allmählich. Es war deutlich spürbar, wie die Stimmung abkühlte. Die Leute standen da und wussten nicht recht, was sie tun sollten. »Was für eine Verschwendung«, wiederholte Cicero. »Was hätte ich ihnen für ein Spektakel geboten.«

Hinter dem Podium befand sich ein kleiner abgeschlossener Bereich, wo sich am Wahltag nach altem Brauch die Magistrate versammelten, bevor sie das Podium bestiegen, um ihres Amtes zu walten. Palicanus führte uns an den Wachen vorbei, und kurz darauf erschien Pompeius. Ein junger schwarzer Sklave reichte ihm ein Tuch, womit er sich den Schweiß von Gesicht und Nacken wischte. Ein Dutzend Senatoren standen schon bereit, um ihn zu begrüßen, und Palicanus schob Cicero unter die Wartenden und zog sich dann mit Quintus, Lucius und mir zurück. Pompeius, gefolgt von Afranius, der ihm die Namen zuflüsterte, schritt die Reihe ab und schüttelte jedem Senator die Hand. »Sehr erfreut«, sagte Pompeius. »Sehr erfreut. Sehr erfreut.« Als er näher kam, konnte ich ihn mir genauer ansehen. Er hatte edle Züge, keine Frage, gleichzeitig offenbarte das rundliche Gesicht aber eine abstoßende Eitelkeit, und seine pompöse, zerstreute Art verstärkte noch den Eindruck, dass es ihn augenscheinlich langweilte, all diese öden Zivilisten treffen zu müssen. Schnell hatte er Cicero erreicht.

»Marcus Cicero, Imperator«, sagte Afranius.

»Sehr erfreut.«

Er wollte schon weitergehen, als Afranius ihn am Ellbogen berührte und flüsterte: »Cicero ist einer der herausragenden Advokaten unserer Stadt, er war uns im Senat von großem Nutzen.«

»Tatsächlich? Nun, ich hoffe, du leistest auch weiterhin so gute Arbeit.«

»Das werde ich«, sagte Cicero schnell. »Ich hoffe, im nächsten Jahr das Amt des Ädils bekleiden zu können.«

»Ädil?« Bereits der Gedanke schien Pompeius zu belustigen. »Nein, nein, das glaube ich kaum. In dieser Richtung habe ich schon andere Pläne. Aber ich bin sicher, dass wir für einen fähigen Anwalt immer eine Verwendung finden.«

Und dann ging er tatsächlich weiter - Sehr erfreut... Sehr erfreut... - und ließ den starr geradeaus blickenden, schwer schluckenden Cicero einfach stehen.

KAPITEL V

Während all der Jahre in seinen Diensten erlebte ich in jener Nacht zum ersten und zum letzten Mal, dass Cicero zu viel trank. Ich hörte, wie er sich beim Abendessen mit Terentia stritt. Und das war keiner von den geistreichen, in eisiger Höflichkeit ausgetragenen Dispute wie sonst, sondern ein lärmendes Spektakel, das durch das ganze Haus hallte. Wie hatte er nur so dumm sein können, einem so offensichtlich ehrlosen Haufen sein Vertrauen zu schenken - Figuren aus Picenum, die nicht mal richtige Römer waren! »Aber du bist ja selbst kein richtiger Römer, was soll man da erwarten ...« Dieser Seitenhieb auf seine niedere ländliche Herkunft ging ihm nach wie vor unter die Haut. Es verhieß nichts Gutes, dass ich seine leise, offenbar bösartige Erwiderung darauf nicht verstand. Was immer er auch sagte, es muss verheerend gewesen sein, denn Terentia - keine Frau, die man leicht aus der Fassung bringen konnte - stürzte weinend aus dem Speisezimmer und verschwand nach oben.

Ich hielt es für das Beste, ihn in Ruhe zu lassen. Eine Stunde später jedoch hörte ich ein splitterndes Geräusch, lief ins Speisezimmer und sah, wie Cicero schwankend dastand und die Scherben eines zerbrochenen Tellers auf dem Boden anstarrte. Die Vorderseite seiner Tunika war mit Weinflecken besudelt. »Mir ist übel«, sagte er.

Ich nahm seinen Arm auf meine Schulter und half ihm nach oben - keine leichte Aufgabe, da er schwerer war als ich. Ich legte ihn aufs Bett und zog ihm die Schuhe aus. »Scheidung«, brummte er in sein Kissen. »Scheidung, das ist die einzige Lösung, Tiro, auch wenn ich dann aus dem Senat ausscheiden muss, weil ich es mir nicht mehr leisten kann. Was soll's? Kein Mensch wird mich vermissen. Halt noch ein homo novus, der es nicht geschafft hat. Ach, Tiro, mein lieber Tiro!« Mir gelang es gerade noch, ihm seinen Nachttopf unters Kinn zu halten, bevor er sich übergab. Mit herunterhängendem Kopf sprach er in sein Erbrochenes. »Wir gehen nach Athen, mein Freund, ziehen zu Atticus und studieren Philosophie. Kein Mensch wird uns hier vermissen ...« Die letzten Worte gingen in einem langen selbstmitleidigen Plappern aus vernuschelten Silben und zischenden Konsonanten unter, die ich mit keinem meiner Kurzschriftzeichen hätte wiedergeben können. Ich stellte den Topf neben das Bett, blies die Lampe aus, und noch bevor ich die Tür erreichte, hörte ich ihn schon schnarchen. Ich gestehe, dass ich mir Sorgen um ihn machte, als ich mich an jenem Abend schlafen legte.

Am nächsten Tag jedoch wurde ich wie üblich kurz vor Sonnenaufgang von den Geräuschen seiner Morgenübungen geweckt. Er bewegte sich vielleicht etwas langsamer als sonst, aber schließlich war es Hochsommer und furchtbar früh, und er hatte gerade mal ein paar Stunden geschlafen. Aber so war er: Fehlschläge befeuerten seinen Ehrgeiz. Nach jeder erlittenen Demütigung erlosch vorübergehend das Feuer in ihm, um dann umso heftiger wieder aufzulodern - ob in seinen frühen Tagen als Anwalt, wenn ihn sein Körper im Stich gelassen hatte, ob nach seiner Rückkehr aus Sizilien oder jetzt nach Pompeius' rüder Abfuhr.

»Ausdauer ist alles«, pflegte er zu sagen. »Mit Genialität kommt man nicht nach oben. Rom ist voll von verkannten Genies. Nur mit Ausdauer kommt man in dieser Welt vorwärts.« Ich hörte, wie er sich für einen weiteren Tag des Kampfes im römischen Senat vorbereitete, und spürte, wie sich der alte, vertraute Rhythmus im Haus wieder einstellte. Ich zog mich an, entzündete die Lampen, wies den Türwächter an, die Haustür zu öffnen, kontrollierte die Besucher. Dann ging ich in Ciceros Arbeitszimmer und übergab ihm die Namensliste. Weder da noch zu einem späteren Zeitpunkt fiel jemals wieder ein Wort über die Ereignisse vom Abend zuvor, und ich nehme an, dass uns das einander näherbrachte. Sicher, er sah ein bisschen grünlich aus und musste, als er die Namen durchging, die Augen zusammenkneifen, aber ansonsten machte er einen vollkommen normalen Eindruck. »Sthenius!«, stöhnte er auf, als er den Namen des Siziliers entdeckte, der sich wie üblich unter den Wartenden im Tablinum befand. »Mögen die Götter uns gnädig sein!«

»Er ist nicht allein«, warnte ich ihn. »Er hat noch zwei Landsleute mitgebracht.«

»Du meinst, jetzt vermehrt er sich schon?« Hustend räusperte er sich. »Also los, dann. Schick ihn als Ersten rein, damit wir ihn endlich ein für alle Mal loswerden.«

Wie in einem immer wiederkehrenden Traum, aus dem man nie erwacht, führte ich Sthenius aus Thermae einmal mehr in Ciceros Arbeitszimmer.

Seine Begleiter stellte er als Heraclius aus Syrakus und Epicrates aus Bidis vor. Es waren alte Männer, die wie Sthenius im dunklen Trauergewand und mit ungepflegten Haaren und Bärten erschienen.

»Ein für alle Mal, Sthenius«, sagte Cicero mit entschlossener Stimme, nachdem er dem grimmig dreinblickenden Trio die Hand geschüttelt hatte. »Das muss jetzt ein Ende haben.«

Aber Sthenius lebte schon in jenem fremdartigen, weit entfernten Königreich des obsessiv Prozessführenden, in das Geräusche von außen nur noch selten eindringen. »Vielen Dank, dass du mich empfängst, Senator. Ich bin jetzt im Besitz der Gerichtsakten aus Syrakus, sodass du dich selbst davon überzeugen kannst, was dieses Monster mir angetan hat.« Er zog ein Stück Papier aus seiner Ledertasche und drückte es Cicero in die Hand. »Das ist das Schriftstück, das vor dem Urteil der Volkstribunen ausgefertigt wurde. Und das hier«, sagte er und zog ein zweites Papier aus der Tasche, »ist das Schriftstück, das danach verfasst wurde.«

Seufzend hielt Cicero die beiden Dokumente nebeneinander und überflog sie mit zusammengekniffenen Augen. »Und, was soll das? Das ist das offizielle Urteil aus deinem Verratsprozess. Hier steht, dass du während der Verhandlung anwesend warst. Wir wissen beide, dass das Unsinn ist. Und das hier ...« Er sprach jetzt langsamer, weil ihm allmählich dämmerte, was das, was er da las, eigentlich bedeutete. »Und das hier stellt fest, dass du nicht anwesend warst.« Er hob den Kopf, und seine verhangenen Augen begannen sich aufzuklaren. »Verres hat also seine eigenen Prozessakten gefälscht, und dann hat er seine eigene Fälschung noch mal gefälscht.«

»Genau!«, schrie Sthenius. »Nachdem du mich dem Volkstribunat präsentiert hattest, da hat ganz Rom gewusst, dass ich nicht am ersten Dezember in Syrakus gewesen sein konnte. Also musste Verres den Beweis für seine Lüge vernichten. Aber das erste Schriftstück war schon auf dem Weg zu mir.«

»Gut, gut«, sagte Cicero. »Vielleicht macht er sich doch größere Sorgen, als wir annahmen. Und hier lese ich noch, dass du an jenem Tag von einem Verteidiger vertreten wurdest: >Gaius Claudius, Sohn des Gaius Claudius aus dem Wahlbezirk Palatina.< Du Glücklicher, du hattest da unten deinen eigenen römischen Rechtsanwalt. Wer ist dieser Gaius Claudius?«

»Er führt die Geschäfte von Verres.«

Cicero musterte Sthenius. »Was hast du da noch in deiner Tasche?«, fragte er.

Und dann ergoss sich an jenem heißen Sommermorgen der gesamte Inhalt von Sthenius' Tasche über den Boden von Ciceros Arbeitszimmer: Briefe, Namen, Ausschnitte aus offiziellen Akten, hingekritzelte Notizen über Gerüchte, Klatsch und Tratsch. Sieben Monate Arbeit von drei wütenden, verzweifelten Männern, denn es stellte sich heraus, dass Verres auch Heraclius und Epicrates um ihr Vermögen gebracht hatte - im Wert von sechzigtausend Sesterzen den einen, von dreißigtausend den anderen. In beiden Fällen hatte Verres sein Amt dazu missbraucht, mit falschen Vorwürfen unrechtmäßige Schuldsprüche zu erwirken. Heraclius und Epicrates waren ungefähr zur gleichen Zeit ausgeplündert worden wie Sthenius. Beide waren bis zu jener Zeit die fuhrenden Persönlichkeiten in ihren Gemeinden und mussten völlig mittellos von der Insel fliehen und Zuflucht in Rom suchen. Sie hatten von Sthenius' Auftritt vor den Volkstribunen erfahren, hatten ihn ausfindig gemacht und ihm vorgeschlagen, gemeinsam gegen Verres vorzugehen.

»Als Einzelopfer waren sie schwach«, sagte Cicero Jahre später, wenn er von dem Fall erzählte. »Aber nachdem sie sich zusammengetan hatten, merkten sie schnell, dass sie plötzlich über ein Netzwerk aus Kontakten verfügten, das sich über die gesamte Insel erstreckte: Thermae im Norden, Bidis im Süden, Syrakus im Osten. Diese Männer waren von Natur aus scharfsinnig, durch Erfahrung schlau und durch Bildung kultiviert. Ihre Landsleute offenbarten ihnen die Geheimnisse ihrer Leiden, was sie gegenüber einem römischen Senator nie getan hätten.«

Nach außen machte Cicero immer noch den Eindruck des gelassenen Advokaten. Als die Sonne schließlich aufgegangen war und ich die Lampen ausgeblasen hatte, schaute er sich die einzelnen Dokumente noch einmal an. Ich spürte seine wachsende Erregung. Hier hatte er die beeidigte Erklärung von Dio aus Halaesa, dem Verres für einen Freispruch zehntausend Sesterzen abgepresst, alle Pferde und Wandteppiche sowie alles Gold- und Silberzeug geraubt hatte. Dann die schriftlichen Aussagen von Priestern mit einer Liste der Objekte, die man aus ihren Tempeln gestohlen hatte: eine Bronzestatue von Apollo mit silberner Signatur des Bildhauers Myron, ein Geschenk von Scipio vor einhundertfünfzig Jahren, geraubt aus dem Tempel des Aeskulap in Agrigent; eine Statue der Ceres aus Catina, eine der Victoria aus Henna; der gesamte Inhalt des altertümlichen JunoTempels auf Malta. Hier die Aussagen von Bauern aus Herbita und Agyrium, die Verres' Agenten Schutzgeld gezahlt hatten, nachdem diese ihnen gedroht hatten, sie auszupeitschen. Dann die Geschichte des erbarmungswürdigen Sopater aus Tyndaris, den Verres' Liktoren mitten im Winter vor aller Augen nackt an eine Ritterstatue gefesselt hatten, bis er und seine Mitbürger sich bereit erklärten, Verres die wertvolle Bronzestatue des Merkur auszuhändigen, die der Gemeinde gehörte und im örtlichen gymnasium stand. »Das ist keine Provinz, die Verres da leitet«, murmelte Cicero, »das ist ein durchorganisierter Verbrecherstaat.«

Mit Einverständnis der drei Sizilier packte ich die Unterlagen zusammen und schloss sie in die Geldtruhe des Senators. »Es ist von entscheidender Bedeutung, dass kein Wort von all dem nach außen dringt«, schärfte Cicero ihnen ein. »Tragt auf jeden Fall weiter Aussagen und Beweise zusammen, aber geht bitte diskret vor. Verres hat schon oft zu Gewalt und Einschüchterung gegriffen, und wenn er sich schützen muss, wird er es sicher wieder tun. Wir müssen den Schurken überrumpeln.«

»Bedeutet das, dass du uns hilfst?«, fragte Sthenius, der das kaum zu hoffen gewagt hatte.

Cicero schaute ihn an, gab ihm aber keine Antwort.

*

Als der Senator am Nachmittag von seinen Gerichtsterminen wieder nach Hause kam, machte er sich daran, den Streit mit seiner Frau aus der Welt zu schaffen. Er schickte den jungen Sositheus zu dem alten Blumenmarkt, der sich vor dem Portunus-Tempel auf dem Forum Boarium befand, um einen süß duftenden Strauß Sommerblumen zu kaufen. Diesen gab er der kleinen Tullia und sagte ihr mit feierlicher Stimme, dass er einen wichtigen Auftrag für sie habe. Sie solle ihrer Mutter diesen Strauß bringen und sagen, dass er von einem ungehobelten Bewunderer aus der Provinz stamme. (»Hast du das verstanden, Tulliola? >Von einem ungehobelten Bewunderer aus der Provinz.<«) Stolz nahm sie den Strauß und verschwand in Terentias Zimmer. Die Blumen mussten wohl ihren Zweck erfüllt haben, denn an jenem Abend, als die Liegen -Cicero hatte darauf bestanden - aufs Dach getragen wurden und die Familie unter dem sternenklaren Sommerhimmel zu Abend aß, hatte der Strauß einen Ehrenplatz in der Mitte des Tisches.

Ich weiß das deshalb, weil Cicero mich nach dem Essen überraschend nach oben rufen ließ. Es war eine windstille Nacht, kein Lufthauch verwehte die Flammen der Kerzen, und der Duft der Blumen in der warmen Juniluft vermengte sich mit den Geräuschen des nächtlichen Roms unten im Tal -mit Musikfetzen und Stimmen, dem Rufen der Nachtwächter auf dem Argiletum, dem entfernten Bellen der Wachhunde auf dem Gelände des Tempels der Kapitolinischen Trias. Lucius und Quintus lachten gerade über einen Witz von Cicero, und sogar Terentia konnte nicht ganz verbergen, dass sie sich amüsierte, warf mit einer Serviette nach Cicero und ermahnte ihn scherzhaft, dass es jetzt aber genug sei. (Pomponia war glücklicherweise nicht anwesend, sie besuchte ihren Bruder in Athen.)

»Ah, da ist er ja«, sagte Cicero und drehte sich zu mir um. »Tiro, der gewiefteste Politiker von uns allen. Dann kann ich ja nun zur Verkündigung schreiten. Es ist nur recht und billig, wenn er das auch hört. Also: Ich habe mich entschieden, für das Amt des Ädils zu kandidieren.«

»Köstlich!«, rief Quintus lachend, der glaubte, das gehöre noch zu Ciceros Witz. Dann hörte er plötzlich auf zu lachen und sagte verwirrt: »Aber ... was soll daran lustig sein?«

»Gar nichts. Lustig wird's erst, wenn ich gewinne.«

»Aber du kannst nicht gewinnen. Du hast doch gehört, was Pompeius gesagt hat. Er will nicht, dass du kandidierst.«

»Wer kandidiert, hat Pompeius nicht zu bestimmen. Wir sind freie Bürger Roms, ich treffe meine eigenen Entscheidungen. Und ich habe entschieden, mich um das Amt des Ädils zu bewerben.«

»Es hat aber keinen Sinn, anzutreten, Marcus, wenn man sicher verliert. Das ist doch bloß eine von diesen sinnlosen heroischen Gesten, die unser Lucius hier so mag.«

»Ein Hoch auf sinnlosen Heroismus«, sagte Lucius und hob seinen Becher.

»Aber gegen Pompeius' Widerstand sind wir chancenlos«, wiederholte Quintus. »Welchen Sinn hat es, sich Pompeius zum Feind zu machen?«

Worauf Terentia erwiderte: »Nach gestern wäre die richtigere Frage, welchen Sinn es hat, Pompeius zum Freund zu haben.«

»Terentia hat recht«, sagte Cicero. »Der Vorfall von gestern war mir eine Lehre. Angenommen, ich hänge die nächsten ein, zwei Jahre an Pompeius' Lippen und mache den Laufburschen für ihn, immer in der Hoffnung, dass er mir irgendwann mal seine Gunst erweist. Der Senat ist voll von solchen Männern - ohne Hoffnung, alt geworden beim Warten darauf, dass die halbherzig gegebenen Versprechen, die man ihnen gemacht hat, erfüllt werden. Ohne dass sie es überhaupt gemerkt haben, war ihre Chance irgendwann dahin, und sie hatten nichts mehr in der Hand. Eher würde ich mich auf der Stelle aus der Politik zurückziehen, als das zuzulassen. Wenn du Macht willst, dann musst du sie dir nehmen, wenn die Zeit dafür reif ist. Und für mich ist sie jetzt reif.«

»Aber wie willst du das schaffen?«

»Ich werde Gaius Verres wegen Erpressung vor Gericht bringen.«

Er hatte die Katze aus dem Sack gelassen. Seit dem frühen Morgen hatte ich gewusst, dass er es wagen würde - und er auch, da bin ich mir sicher. Aber er wollte sich noch etwas Zeit zum Nachdenken geben, wollte prüfen, ob seine Entscheidung die richtige war. Und er hatte befunden, dass sie absolut richtig war. Ich hatte ihn noch nie entschlossener gesehen. Er sah aus wie ein Mann, der davon überzeugt war, dass die Kraft der Geschichte in ihm wirkte. Keiner sagte ein Wort.

»Was ist los mit euch?«, fragte Cicero lächelnd. »Zieht nicht solche Gesichter. Noch habe ich nicht verloren. Und ich glaube auch nicht, dass ich verlieren werde. Heute Morgen waren die Sizilier da. Die haben erdrückendes Beweismaterial gegen Verres zusammengetragen. Fragt Tiro. Liegt alles unter Verschluss in meinem Arbeitszimmer. Stellt euch bloß vor, ich gewinne! Hortensius in offener Gerichtsschlacht geschlagen, der ganze Schwachsinn vom >zweitbesten Advokaten< ein für alle Mal erledigt. Angesichts der traditionellen Rechte, die dem siegreichen Ankläger zustehen, fällt mir der Rang des Verurteilten zu. Mit Verres' Schuldspruch genieße ich im Senat praktisch über Nacht den Rang eines Prätors - Schluss mit dem ewigen Aufspringen von der Senatsbank, Schluss mit dem Zittern, ob man auch das Wort bekommt. Ich werde mich den römischen Bürgern als so unnachgiebig präsentieren, dass meine Wahl zum Ädil außer Frage steht. Das Beste daran ist allerdings, dass ich, Cicero, das alles schaffen werde, ohne irgendwem etwas schuldig zu sein, am wenigsten Pompeius Magnus.«

»Und wenn wir verlieren?«, fragte Quintus, der schließlich die Sprache wiedergefunden hatte. »Wir sind Verteidiger, keine Ankläger. Du selbst hast das hundertmal gesagt: Freunde macht man sich als Verteidiger, als Ankläger macht man sich nur Feinde. Wenn du Verres nicht zu Fall bringst, dann hat er gute Chancen, schließlich sogar Konsul zu werden. Und dann wird er keine Ruhe mehr geben, bis er dich vernichtet hat.«

»Das ist wahr«, gab Cicero zu. »Wenn du einen gefährlichen wilden Eber töten willst, dann musst du es mit dem ersten Hieb schaffen. Aber wenn du es schaffst ... begreift ihr denn nicht? Auf diese Weise kann ich alles auf einmal erreichen. Stellung, Ruhm, Amt, Würde, Autorität, Unabhängigkeit, einen Grundstock an Klienten in Rom und in Sizilien. Dieser eine Hieb kann mir den direkten Weg zum Konsulat ebnen.«

Das war das erste Mal, dass ich ihn dieses große ehrgeizige Ziel habe aussprechen hören. Und dass er sich stark genug glaubte, dieses Wort auszusprechen, war für mich Maßstab seines wiedererwachten Selbstbewusstseins. Das Konsulat. Für jeden Mann, der im öffentlichen Leben stand, war das die Apotheose. Die Jahre selbst wurden mit den Namen der jeweils amtierenden Konsuln bezeichnet, sie standen auf allen offiziellen Dokumenten und allen Grundsteinen. Es war auf Erden das, was der Unsterblichkeit am nächsten kam. An wie vielen Tagen und in wie vielen Nächten seit seiner bäurischen Jugend musste er daran gedacht, davon geträumt, sich daran geklammert haben? Manchmal ist es töricht, ein ehrgeiziges Ziel zu früh zu äußern - es vor der Zeit dem Gelächter und dem Zweifel der Welt auszusetzen, kann es zerstören, noch bevor es richtig geboren ist. Doch manchmal geschieht auch das Gegenteil, und die bloße Erwähnung kann es plötzlich möglich, ja sogar glaubhaft erscheinen lassen. So war es an jenem Abend. Als Cicero das Wort »Konsulat« aussprach, rammte er es in den Boden wie ein Banner, das wir fortan alle anbeteten. Einen Augenblick lang sahen wir die Zukunft so hell erstrahlen wie er und erkannten, dass er recht hatte: Brachte er Verres zu Fall, dann hätte er eine Chance, dann könnte er es mit etwas Glück tatsächlich bis zum Gipfel schaffen.

*

In den folgenden Monaten gab es viel zu tun, und wie üblich blieb ein Großteil davon an mir hängen. Als Erstes zeichnete ich ein großes Schaubild der Wählerschaft für das Ädilat. Zu jener Zeit waren alle Bürger der Römischen Republik, die in fünfunddreißig Wahlbezirke aufgeteilt war, stimmberechtigt. Cicero gehörte zum Beispiel zum Bezirk Cornelia, Servius zu Lemonia, Pompeius zu Clustumina und Verres zu Romilia. Die Bürger stimmten auf dem Marsfeld als Mitglieder ihres Bezirks ab, und das Ergebnis jedes Bezirks wurde von den Magistraten verlesen. Die vier Kandidaten, für die die meisten Bezirke gestimmt hatten, wurden als Sieger ausgerufen.

In der Zusammensetzung der Wählerschaft für diese spezielle Wahl lagen für Cicero einige Vorteile. Zum einen zählte - anders als beim System für die Wahl der Prätoren und Konsuln -unabhängig vom Vermögen des Wählers jede Stimme gleich viel. Da Ciceros Anhängerschaft vor allem aus Geschäftsleuten und der großen Masse der armen Bevölkerung bestand, würde es den Aristokraten schwerer fallen, seine Wahl zu verhindern. Zum anderen war es relativ einfach, bei dieser Wählerschaft auf Stimmenfang zu gehen. Jeder Bezirk hatte innerhalb Roms ein eigenes Hauptquartier, ein Gebäude, das groß genug war, um darin eine Veranstaltung oder ein Abendessen zu organisieren. Ich durchforstete unsere Unterlagen und erstellte eine nach den jeweiligen Bezirken gegliederte Liste mit allen Männern, die Cicero in den letzten sechs Jahren vor Gericht verteidigt oder denen er sonst wie unter die Arme gegriffen hatte. Mit diesen Männern nahmen wir Kontakt auf und baten sie, dafür zu sorgen, dass man den Senator einlud, bei anstehenden Bezirksveranstaltungen eine Rede zu halten. Es ist erstaunlich, wie viele Gefälligkeiten man nach sechs Jahren unermüdlicher Anwalts- und Beratertätigkeit einfordern kann. Ciceros Wahlkampfkalender war bald mit Terminen überfüllt, und sein ohnehin langer Arbeitstag wurde noch länger. Nach getaner Arbeit bei Gericht oder im Senat eilte er nach Hause, nahm ein schnelles Bad, zog sich um und machte sich wieder davon, um eine seiner mitreißenden Reden zu halten. Ciceros Wahlspruch lautete: »Gerechtigkeit und Reformen«.

Quintus fungierte wie üblich als Ciceros Wahlkampfleiter, und Lucius wurde mit der Aufgabe betraut, die Klage gegen Verres zu koordinieren. Der Statthalter wurde Ende des Jahres aus Sizilien zurückerwartet, worauf er - im Augenblick, da er städtischen Boden betrat - sein imperium und damit auch seine Immunität vor Strafverfolgung verlieren würde. Cicero war entschlossen, bei erster Gelegenheit zuzuschlagen und ihm möglichst keine Zeit zu lassen, Beweismittel zu beseitigen oder Zeugen einzuschüchtern. Um keinerlei Verdacht aufkommen zu lassen, besuchten die Sizilier ihn nicht mehr in seinem Haus, sondern trafen sich heimlich an wechselnden Orten in der Stadt mit Lucius, der ab sofort als Kontaktmann zwischen Cicero und den Siziliern agierte. Das war die Zeit, in der ich Lucius besser kennenlernte, und je öfter wir uns trafen, desto mehr mochte ich ihn. In vielerlei Hinsicht war er Cicero sehr ähnlich. Er war fast genauso alt, er war intelligent und geistreich und ein begnadeter Philosoph. In Arpinum waren sie zusammen aufgewachsen, hatten in Rom gemeinsam ihre Ausbildung durchlaufen und waren zusammen in den Osten gereist. Doch in einem Punkt unterschieden sie sich beträchtlich: Lucius hatte keinerlei weltliche Ambitionen. Er lebte allein, in einem kleinen, mit Büchern vollgestopften Haus und tat den ganzen Tag nichts anderes als lesen und denken - eine für einen Mann höchst gefährliche Beschäftigung, denn sie führt nach meiner Erfahrung unweigerlich zu Verdauungsstörungen und Schwermut.

Merkwürdigerweise fand er, trotz seiner Neigung zum Einzelgängertum, schnell Gefallen daran, sein Arbeitszimmer jeden Tag zu verlassen. Er steigerte sich in eine so große Wut auf Verres' Niedertracht, dass sein Eifer, ihn vor Gericht zu bringen, den von Cicero sogar noch übertraf. »Am Ende machen wir doch noch einen Anwalt aus dir«, sagte Cicero voller Bewunderung, als Lucius wieder einmal eine ganze Serie von beeidigten Erklärungen mit erdrückender Beweiskraft besorgt hatte.

Gegen Ende Dezember ereignete sich etwas, das auf dramatische Weise all die verschiedenen Stränge in Ciceros Leben zu einem einzigen zusammenfuhren sollte. Als ich eines noch dunklen Morgens die Tür öffnete, stand an der Spitze der Warteschlange der Mann, den wir erst kürzlich in der Basilika der Volkstribunen als Verteidiger der Säule seines Urgroßvaters erlebt hatten - Marcus Porcius Cato. Er war allein gekommen, ohne einen dienstbaren Sklaven, und er sah aus, als hätte er die Nacht auf der Straße verbracht. (Wenn ich jetzt darüber nachdenke, vielleicht hatte er wirklich draußen geschlafen. Allerdings sah Cato immer ziemlich abgerissen aus, wie ein Wanderprediger oder ein Mystiker, sodass man sich wirklich nicht sicher sein konnte.) Natürlich war Cicero neugierig, warum ein Mann von derart vornehmer Abstammung an seine Tür klopfte. Immerhin gehörte Cato, so bizarr er auch war, zum Kern der alten republikanischen Aristokratie, war durch Blut und Heirat eng verwoben mit den Servilii, Lepidi und Aemilii. Tatsächlich war Cicero so erfreut über seinen hochgeborenen Besucher, dass er höchstpersönlich ins Tablinum hinausging, um ihn zu begrüßen und ins Arbeitszimmer zu bitten. Er hatte schon lange davon geträumt, dass eines Morgens einmal ein Klient diesen Ranges in seinem Netz zappelte.

Ich setzte mich in eine Ecke, um Notizen zu machen, und der junge Cato, der nie ein Freund von seichtem Geplauder gewesen war, kam sofort zur Sache. Er brauche einen guten Anwalt, sagte er, und Ciceros Auftritt vor den Volkstribunen habe ihm gefallen, denn auch er halte es für eine Ungeheuerlichkeit, wenn sich ein Mann wie Verres über die altehrwürdigen Gesetze stelle. Um es kurz zu machen: Er war mit seiner Cousine Aemilia Lepida verlobt, einem bezaubernden jungen Mädchen, dessen kurzes achtzehnjähriges Leben schon von Tragödien gezeichnet war. Als sie dreizehn war, ließ sie ihr damaliger Verlobter, der arrogante junge Aristokrat Scipio Nasica auf erniedrigende Weise sitzen. Als sie vierzehn war, starb ihre Mutter, als sie fünfzehn war, ihr Vater. Als ein Jahr später auch noch ihr Bruder starb, stand sie völlig allein da.

»Das arme Mädchen«, sagte Cicero. »Wenn sie deine Cousine ist, dann war ihr Vater Aemilius Lepidus Livianus, der vor sechs Jahren Konsul gewesen ist. Und der war der Bruder deiner kürzlich verstorbenen Mutter Livia, richtig?« (Wie viele Radikale verfügte auch Cicero über erstaunlich detaillierte Kenntnisse der Aristokratie.)

»Richtig.«

»Na dann, Cato, meinen Glückwunsch zu dieser ausgezeichneten Partie. Mit dem Blut dieser drei Familien in den Adern, die nächsten Verwandten allesamt tot, ist sie sicher die reichste Erbin von ganz Rom.«

»Das stimmt«, sagte Cato bitter. »Genau das ist das Problem. Ihr ehemaliger Freier, Scipio Nasica, ist gerade aus Spanien zurückgekommen, wo er in der Armee von Pompeius-dem-sogenannten-Großen gekämpft hat. Und als er gehört hat, dass ihr Vater und Bruder gestorben sind und wie reich sie auf einmal ist, hat er gleich seinen alten Anspruch geltend gemacht.«

»Naja, aber die Entscheidung liegt ja wohl bei der jungen Dame, oder?«

»Sicher«, stimmte Cato zu. »Sie war damit einverstanden.«

»Tja«, sagte Cicero und lehnte sich zurück. »Das ist natürlich ein Problem. Aber wenn deine Cousine mit fünfzehn zur Waise geworden ist, dann hat man doch sicher einen Vormund bestellt. Rede doch mit ihm. Kraft seines Amtes kann er die Heirat wahrscheinlich verbieten.Wer ist der Vormund?«

»Ich.«

»Du? Du bist der Vormund der Frau, die du heiraten willst?«

»Ja. Ich bin ihr nächster männlicher Verwandter.«

Cicero stützte das Kinn auf die Hand und musterte seinen künftigen Klienten - das wirre Haar, die nackten schmutzigen Füße, die Tunika, die er wahrscheinlich seit Wochen nicht mehr gewechselt hatte. »Und was soll ich jetzt für dich tun?«

»Ich will, dass du rechtliche Schritte gegen Scipio und, wenn nötig, auch gegen Lepida einleitest. Der Spuk muss ein Ende haben.«

»Diese rechtlichen Schritte ... willst du die in deiner Eigenschaft als zurückgewiesener Freier oder als Vormund des Mädchens eingeleitet wissen?«

»Egal.« Cato zuckte mit den Achseln. »Beides.«

Cicero kratzte sich am Ohr. »So grenzenlos auch mein Vertrauen in die Herrschaft des Rechts ist«, sagte er vorsichtig, »so begrenzt ist doch mein Erfahrungsschatz mit jungen Damen. Aber selbst ich, Cato, selbst ich habe meine Zweifel, ob man mit einem Prozess das Herz eines Mädchens gewinnen kann.«

»Das Herz eines Mädchens?«, wiederholte Cato. »Was hat das Herz eines Mädchens damit zu tun? Das ist eine Frage des Prinzips.«

Und des Geldes, hätte man hinzufugen können, wenn es sich um irgendeinen anderen Mann gehandelt hätte. Aber Cato genoss das luxuriöseste Privileg der sehr Reichen: Geld interessierte ihn nur wenig. Er hatte jede Menge geerbt und verschenkte es, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden. Nein: Immer war es das Prinzip gewesen, das Cato getrieben hatte - das nie nachlassende Bestreben, beim Prinzip keinen Kompromiss zu dulden.

»Wir müssten zum Gericht für Veruntreuungen gehen«, sagte Cicero, »und Klage wegen Bruchs des Eheversprechens einreichen. Wir müssten beweisen, dass du mit Lepida einen Vertrag hattest und dass folglich Lepida eine Betrügerin ist. Wir müssten beweisen, dass Scipio ein hinterhältiger, geldgieriger Schuft ist. Ich müsste beide in den Zeugenstand rufen und in Stücke reißen.«

»Dann tu es«, sagte Cato mit glänzenden Augen.

»Und am Ende würden wir wahrscheinlich trotzdem verlieren. Nichts lieben Geschworene mehr als unglücklich Verliebte und Waisenkinder -und mit beidem kann Lepidia dienen. Du würdest dich nur zum Gespött von ganz Rom machen, Cato.«

»Was kümmert mich das Geschwätz der Leute?«, sagte Cato verächtlich.

»Aber auch wenn wir gewinnen ... stell dir das einmal bildlich vor: Am Ende müsstest du die kreischende und um sich tretende Lepida durch ganz Rom schleifen, aus dem Gerichtssaal bis in ihr neues eheliches Heim. Das wäre der Skandal des Jahres.«

»Sind wir also schon so tief gesunken?«, fragte Cato mit bitterer Stimme. »Der Ehrenmann muss beiseitetreten, damit der Strauchdieb triumphieren kann? Soll das römische Gerechtigkeit sein?« Er sprang auf. »Ich brauche einen Anwalt mit Eisen in den Knochen. Und ich schwöre, wenn ich keinen finde, dann werde ich selbst Klage einreichen.«

»Setz dich, Cato«, sagte Cicero sanft. Als Cato sich nicht rührte, wiederholte Cicero noch einmal: »Setz dich, Cato, ich werde dir jetzt etwas über das Gesetz erzählen.« Cato zögerte, runzelte die Stirn und setzte sich wieder. Allerdings nur auf die Kante des Stuhls, sodass er sofort aufspringen konnte, sollte man ihn nötigen, auch nur um ein Jota von seinen Überzeugungen abzugehen. »Wenn du mir als Mann, der zehn Jahre älter ist als du, einen Rat gestattest. Du darfst nicht bei jeder Gelegenheit mit dem Kopf durch die Wand wollen. Sehr oft kommen die größten und bedeutendsten Fälle nie vor Gericht. Dein Fall scheint mir auch so einer zu sein. Ich werde sehen, was ich tun kann.«

»Und wenn du keinen Erfolg hast?«

»Dann kannst du immer noch so verfahren, wie du willst.«

Nachdem Cato gegangen war, sagte Cicero zu mir: »Der junge Mann ist so begierig darauf jedem seine Prinzipientreue vor Augen zu führen, wie ein Säufer auf eine Kneipenschlägerei aus ist.« Dennoch war Cato einverstanden gewesen, dass Cicero sich in seinem Namen an Scipio wandte. Ich sah Cicero an, dass die Gelegenheit, den Aristokraten persönlich unter die Lupe nehmen zu können, ganz nach seinem Geschmack war. Es gab buchstäblich keinen Mann in Rom, dessen Stammbaum imposanter war als der des Quintus Caecilius Metellus Pius Cornelianus Scipio Nasica -Nasica bedeutet »Spitznase«, die er im Übrigen sehr hoch trug. Er war nicht nur der leibliche Sohn eines Scipiio sondern auch der Adoptivsohn von Metellus Pius, dem nominellen Oberhaupt des Geschlechts der Metelli. Vater und Adoptivsohn waren erst kürzlich aus Spanien zurückgekehrt und hielten sich derzeit auf Pius' riesigem Landgut in Tibur auf. Man erwartete, dass sie bei Pompeius' Triumph am neunundzwanzigsten Dezember direkt hinter dem General in die Stadt reiten würden. Cicero beschloss, ein Treffen für den dreißigsten zu vereinbaren.

Der neunundzwanzigste Dezember kam. Was für ein Tag! Seit Sulla hatte Rom ein solches Schauspiel nicht mehr gesehen. Ich stand am Triumphbogen. Ganz Rom schien sich an diesem grauen Morgen entlang der Strecke eingefunden zu haben. Vom Marsfeld kommend, passierten als Erste sämtliche Mitglieder des Senats einschließlich Cicero den Bogen, zu Fuß, angeführt von den Konsuln und den anderen Magistraten. Dann kamen die Trompeter mit schallenden Fanfaren. Dann die Fuhrwerke und Tragen mit der Beute aus dem spanischen Krieg - Gold und Silber, gemünzt und ungemünzt, Waffen, Statuen, Gemälde, Vasen, Möbel, Edelsteine, Wandteppiche. Anschließend Holzmodelle der Städte, die Pompeius erobert und geplündert hatte, Tafeln mit deren Namen und mit den Namen aller berühmten Männer, die er im Kampf getötet hatte. Dann die von den Opferpriestern gesteuerten mächtigen weißen Bullen, an deren vergoldeten Hörnern Bänder und Blumengirlanden hingen und die schwerfällig ihrem Opfertod entgegentrotteten. Danach stampfende Elefanten - das Wappentier der Metelli - und rumpelnde Ochsenkarren mit Käfigen voller wilder Tiere aus den Bergen Spaniens, die brüllend und tobend an den Stäben zerrten. Dann die Waffen und Insignien der geschlagenen Rebellen und dann, in rasselnden Ketten, die Gefangenen selbst, die besiegten Anhänger von Sertorius und Perperna. Anschließend die Kronen und Ehrenbezeigungen der Verbündeten, getragen von den Gesandten von etwa zwanzig Staaten. Dann die zwölf Liktoren des Imperators, deren Rutenbündel und Beile mit Lorbeer bekränzt waren. Und dann, unter dem aufbrandenden Jubel der riesigen Menge, trotteten erst die vier weißen Pferde, die den Wagen des Imperators zogen, durch das Tor, bevor schließlich Pompeius selbst auftauchte - aufrecht stehend in dem wie eine Tonne geformten, über und über mit Juwelen bedeckten Triumphwagen. Er trug einen goldbestickten Umhang und eine mit einem Blumenmuster verzierte Tunika. In der rechten Hand hielt er einen Lorbeerzweig, in der linken ein Zepter. Den Kopf zierte ein Kranz aus delphischem Lorbeer, das attraktive Gesicht und der muskulöse Körper waren - zum Zeichen, dass er an diesem Tag wahrhaftig die Verkörperung Jupiters war - mit Zinnober rot eingefärbt. Neben ihm stand sein achtjähriger Sohn, der goldlockige Gnaeus, und hinter ihm ein Staatssklave, der ihm ins Ohr flüsterte, dass er nur ein Mensch und alles vergänglich sei. Dem Triumphwagen folgte der alte Metellus Pius, der auf einem schwarzen Streitross saß. Sein bandagiertes Bein zeugte von einer im Kampf erlittenen Verwundung. Neben ihm ritt sein Adoptivsohn Scipio - ein attraktiver junger Bursche von vierundzwanzig Jahren: kein Wunder, dachte ich mir, dass er Lepida lieber war als Cato. Es folgten die Legionskommandeure, darunter Aulus Gabinius, dann alle Ritter und die Reitertruppe, deren Rüstungen in der blassen Dezembersonne schimmerten. Und schließlich die Legionen von Pompeius' Fußsoldaten: Tausende und Abertausende sonnenverbrannter Veteranen in Marschordnung, deren trampelnde Schritte die Erde erzittern ließen, die aus vollem Hals »Io Triumphe!« schrien, die Hymnen an die Götter sangen und schweinische Lieder über ihren Oberbefehlshaber grölten, was in der Stunde des Ruhmes ihr traditionelles Recht war.

Es dauerte den halben Morgen, bis alle vorübergezogen waren. Die Prozession wand sich durch die Straßen Roms dem Forum entgegen, wo Pompeius die Stufen zum Kapitol hinaufschreiten würde, um vor dem Tempel des Jupiter ein Opfer zu zelebrieren, während traditionsgemäß zur gleichen Zeit seine berühmtesten Feinde in die Gewölbe des Staatsgefängnisses hinuntergeführt würden und durch das Würgeeisen den Tod fänden. Was konnte passender sein, als dass am Tag, an dem die militärische Befehlsgewalt des Eroberers ihr Ende fand, auch das Leben der Eroberten endete? Ich hörte das ferne Jubelgeschrei in der Stadtmitte, ersparte mir aber den Anblick und blieb am Triumphbogen stehen, um mir mit der geschrumpften Menge Crassus' Ovation anzuschauen. Er machte das Beste daraus und marschierte zusammen mit seinen Söhnen durch das Tor. Seine Handlanger bemühten sich zwar, die Menge aufzuputschen, aber nach dem glanzvollen Pomp von Pompeius' Festzug war die Darbietung dürftig. Ich bin mir sicher, dass Crassus ziemlich verärgert darüber war, sich einen Weg durch die Pferde- und Elefantenscheiße bahnen zu müssen, die ihm sein Konsulatskollege hinterlassen hatte.

Und da er fast alle Sklavenrebellen an der Via Appia ans Kreuz hatte nageln lassen, konnte der Arme für seine Parade nicht mal mit einer stattlichen Anzahl Gefangener aufwarten.

Am nächsten Tag machte sich Cicero auf den Weg zu Scipios Haus. Ich begleitete ihn mit einer Aktentasche - eine seiner bevorzugten Strategien, wenn er die gegnerische Partei einschüchtern wollte. Wir hatten keinerlei Beweise, ich hatte die Mappe mit alten Quittungen vollgestopft. Scipios Anwesen lag an der Via Sacra, in der sich ein Geschäft ans andere reihte. Allerdings handelte es sich dabei natürlich nicht um normale Geschäfte, sondern um exklusive Juwelierläden, die ihre Produkte hinter Eisengittern zur Schau stellten. Da Cicero uns angemeldet hatte, wurden wir von einem Haussklaven erwartet, der uns sofort in Scipios Atrium führte. Diesem eilte der Ruf voraus, »eines der Wunder Roms« zu sein, was es tatsächlich war, schon damals. Scipios Blutlinie reichte mindestens elf Generationen zurück, von denen neun Konsuln hervorgebracht hatten. Die Wachsmasken der Scipionen, von denen manche schon mehrere Jahrhunderte alt und von Rauch und Ruß vergilbt waren, bedeckten die Wände. (Nach Scipios Adoption durch Pius waren noch einmal sechs Masken von Konsuln hinzugekommen.) Sie verströmten den Geruch von ehrwürdigem Alter -jene feine, trockene Mischung aus Staub und Weihrauch. Cicero ging von einer zur anderen und studierte die Namensschildchen. Die älteste Maske war dreihundertfünfundzwanzig Jahre alt. Aber natürlich war es die von Scipio Africanus, dem Bezwinger von Hannibal, die ihn am meisten faszinierte. Lange stand er mit vorgebeugtem Kopf davor und betrachtete sie. Das edle, sensible Gesicht war glatt und faltenlos, es wirkte vergeistigt, mehr wie das Abbild einer Seele als aus Fleisch und Blut. »Angeklagt vom Urgroßvater unseres aktuellen Klienten«, sagte Cicero, während er sich wieder aufrichtete. »Aufsässigkeit liegt den Catos im Blut.«

Der Sklave kam zurück und führte uns ins Tablinum. Der junge Scipio räkelte sich lässig auf einem Sofa, das inmitten von wertvollen, wahllos herumstehenden Kunstobjekten stand - Statuen, Büsten, Antiquitäten, Teppichrollen und Ähnlichem. Er stand nicht auf, als Cicero eintrat (eine Beleidigung gegenüber einem Senator), und bot ihm auch keinen Platz an, sondern fragte mit schleppender Stimme nach dem Grund seines Besuchs. Bestimmt, aber höflich erklärte ihm Cicero, Cato sei sowohl mit der jungen Dame offiziell verlobt wie auch ihr Vormund, sie hätten es folglich mit einem juristisch wasserdichten Fall zu tun. Er deutete auf die Aktenmappe, die ich vor dem Bauch hielt wie ein Diener sein Tablett, listete die Präzedenzfälle auf und endete damit, dass Cato entschlossen sei, vor dem Gericht für Veruntreuungen Klage zu erheben und gleichzeitig einen Antrag auf obsignandi gratia einzureichen, der der jungen Dame jeden weiteren Kontakt mit für diesen Fall relevanten Personen untersage. Er sehe nur einen sicheren Weg, diese Demütigung zu vermeiden, und der sei der, dass Scipio sein Werben umgehend einstelle.

»Was für ein Spinner«, sagte Scipio gelangweilt, ließ sich in die Polster zurücksinken, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und betrachtete lächelnd das Deckengemälde.

»Sonst hast du nichts dazu zu sagen?«, fragte Cicero.

»Nein, das ist alles«, antwortete Scipio. »Lepida!« Daraufhin trat eine ernste junge Frau, die das Gespräch offenbar mitgehört hatte, hinter einem Wandschirm hervor und ging mit grazilen Bewegungen zum Sofa. Sie legte ihre Hand in die seine. »Das ist meine Frau. Wir haben gestern Abend geheiratet. Was du hier siehst, sind die Hochzeitsgeschenke unserer Freunde. Pompeius Magnus ist direkt nach der Opferzeremonie auf dem Kapitol zu uns gekommen, er war unser Trauzeuge.«

»Und wenn Jupiter höchstpersönlich Trauzeuge gewesen wäre«, erwiderte Cicero. »Das macht die Zeremonie noch lange nicht legal.« Trotzdem erkannte ich an seinen leicht herunterhängenden Schultern, dass Ciceros Kampfgeist deutlich gelitten hatte. Besitz, sagen die Juristen, bestimmt zu neun Zehnteln das Gesetz, und Scipio hatte nicht nur Besitz, er hatte auch die eindeutige Zustimmung seiner neuen Braut. »Nun«, sagte Cicero und ließ den Blick über die Hochzeitsgeschenke schweifen.

»Da bleibt mir nur, dir zu gratulieren, Scipio, wenn auch nicht im Namen meines Klienten, nehme ich an. Vielleicht darf ich dir als mein Geschenk anbieten, Cato davon zu überzeugen, sich der Realität zu beugen.«

»Das wäre sicher das außergewöhnlichste Geschenk auf Erden«, sagte Scipio.

»Mein Vetter ist im Grunde seines Herzens ein guter Mensch«, fügte Lepida hinzu. »Würdest du ihm meine besten Wünsche ausrichten und meine Hoffnung, dass wir uns eines Tages wieder versöhnen?«

»Natürlich«, sagte Cicero, verbeugte sich feierlich und drehte sich schon um, als er abrupt innehielt. »Das ist ja wirklich ein prachtvolles Stück.«

Er meinte eine etwa halb mannshohe Bronzestatue des nackten Apollo, der auf einer Leier spielte - eine mitten im Tanz eingefangene, erhabene Darstellung maskuliner Eleganz, bei der jedes einzelne Haar auf seinem Kopf, jede Saite des Instruments exakt nachgebildet war. In den Oberschenkel war in winzigen silbernen Lettern der Name des Bildhauers eingearbeitet: Myron.

»Ach, die Statue«, sagte Scipio beiläufig. »Die hat mein berühmter Vorfahr Scipio Africanus wohl mal irgendeinem Tempel geschenkt. Warum? Kennst du sie etwa?«

»Wenn ich mich nicht irre, stammt sie aus dem Tempel des Aeskulap in Agrigent.«

»Ja, richtig«, sagte Scipio. »Aus Sizilien. Verres hat sie von den Priestern da unten bekommen und sie mir gestern Abend zum Geschenk gemacht.«

*

Auf diese Weise erfuhr Cicero, dass Gaius Verres nach Rom zurückgekehrt war und schon seine korrupten Fühler ausstreckte. »Dieser Dreckskerl!«, rief Cicero aus, während wir den Berg hinuntergingen. Immer wieder ballte er in ohnmächtiger Wut die Fäuste. »Dieser verdammte Dreckskerl!« Er hatte allen Grund, beunruhigt zu sein. Wenn der junge Scipio von Verres einen Myron bekommen hatte, dann waren die Stücke, mit denen er Hortensius, die Metellus-Brüder und seine anderen prominenten Verbündeten im Senat bestochen hatte, noch fetter gewesen. Und das waren genau die Männer, aus denen man für einen Prozess die Geschworenen auswählen würde. Dass außerdem Pompeius Gast der gleichen Hochzeitsfeier gewesen war wie Verres und die führenden Aristokraten, war ein weiterer Schlag für Cicero. Pompeius hatte schon immer enge Verbindungen nach Sizilien gehabt - als junger General hatte er die Ordnung auf der Insel wiederhergestellt und sogar einmal unter Sthenius' Dach geschlafen. Cicero hatte, wenn schon nicht auf seine Unterstützung - diese Lektion hatte er gelernt -, so doch auf wohlwollende Neutralität gehofft. Jetzt musste er auf die schreckliche Möglichkeit gefasst sein, dass alle mächtigen Gruppen in Rom sich gegen ihn verbünden würden, sollte er den Prozess gegen Verres weiter vorantreiben.

Aber er hatte jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken. Cato hatte mit Cicero vereinbart, dass er ihn nach dem Gespräch im Haus seiner Halbschwester Servilia erwarte, und das lag ebenfalls in der Via Sacra, nur ein paar Häuser von Scipios Anwesen entfernt. Als wir eintraten, kamen drei kleine Mädchen, von denen sicher keines älter als fünf war, ins Atrium gestürmt. Sofort danach erschien ihre Mutter. Das war, soweit ich mich erinnere, dass erste Zusammentreffen von Cicero und Servilia, die später unter den vielen imposanten Frauen Roms die imposanteste werden sollte. Sie war knapp dreißig, ansehnlich, aber beileibe nicht hübsch, und etwa fünf Jahre älter als Cato. Kurz vor dem Tod ihres ersten Ehemannes Marcus Brutus hatte sie als Fünfzehnjährige einen Jungen zur Welt gebracht; von ihrem zweiten Mann, dem schwächlichen Junius Silanus, hatte sie die drei Töchter bekommen. Cicero begrüßte sie, als beschwerte ihn nicht die geringste Sorge, ging in die Hocke und plauderte mit ihnen, während Servilia sie zufrieden betrachtete. Sie setzte für die Zukunft große Hoffnung in ihre Töchter und bestand darauf, dass sie jeden Besucher kennenlernten, damit sie sich an die kultivierten Umgangsformen der Erwachsenen gewöhnten.

Dann kam ein Kindermädchen und verließ mit den Kleinen das Atrium, während Servilia uns ins Tablinum führte, wo Cato schon auf uns wartete. Bei ihm war der Philosoph Athenodoros Kordylion aus Tarsos, ein Stoiker, der fast nie von Catos Seite wich. Wie nicht anders zu erwarten, reagierte Cato auf die Nachricht von Lepidas Vermählung übellaunig. Fluchend lief er im Raum umher, was mich an eine andere von Ciceros witzigen Bosheiten erinnerte - dass nämlich Cato nur so lange der vollendete Stoiker sei, wie ihm nichts gegen den Strich ginge.

»Beruhige dich, Cato«, sagte Servilia nach einer Weile. »Es ist doch offensichtlich, dass die Sache erledigt ist. Besser, du findest dich damit ab. Du hast sie nicht geliebt, du weißt doch gar nicht, was Liebe ist. Ihr Geld brauchst du auch nicht, du hast selbst jede Menge. Sie ist ein rührseliges kleines Ding, du findest hundert bessere.«

»Sie bat mich, dir die besten Wünsche auszurichten«, sagte Cicero, worauf Cato mit weiteren wüsten Beschimpfungen reagierte.

»Ich lasse das nicht auf mir sitzen!«, brüllte er.

»O doch, das wirst du«, sagte Servilia. Sie wandte sich an Athenodoros, der sie nur hasenherzig anschaute. »Sag es ihm, du bist der Philosoph. Mein Bruder glaubt, dass sein Intellekt all diese hehren Prinzipien ausgebrütet hat. Dabei sind sie nichts weiter als kindische Gefühlsduselei, die falsche Philosophen zur Mannesehre auftakeln.« Und dann, wieder an Cicero gewandt: »Wenn er mehr Erfahrung mit dem weiblichen Geschlecht hatte, dann würde er merken, wie idiotisch er sich auffuhrt. Du hast doch in deinem ganzen Leben noch keine Frau gehabt, stimmt's, Cato?«

Cicero war peinlich berührt. Was das Sexuelle anging, so war ihm immer die leichte Prüderie des Ritterstandes zu eigen gewesen. Die freizügige Art der Aristokraten war er nicht gewohnt.

»Geschlechtsverkehr schwächt die Essenz des Mannes, er trübt die Kraft des Gedankens«, sagte Cato trotzig, worauf seine Schwester in kreischendes Gelächter ausbrach und Cato so rot anlief, dass sein Gesicht aussah wie das Zinnoberrot von Pompeius gestern. Cato stampfte aus dem Raum, sein Stoiker folgte ihm auf dem Fuß.

»Ich bitte um Entschuldigung«, sagte Servilia zu Cicero. »Manchmal glaube ich fast, dass er etwas schwer von Begriff ist. Andererseits: Wenn er sich in etwas verbissen hat, dann gibt er einfach nicht nach. Das ist ja auch eine Qualität, oder? Deine Verres-Rede vor den Volkstribunen hat er in höchsten Tönen gelobt. Nach dem, was er mir erzählt hat, musst du ein ganz gefährlicher Bursche sein. Ich mag gefährliche Burschen. Wir sollten uns wiedersehen.« Sie streckte Cicero zum Abschied die Hand hin. Er nahm sie, und es kam mir so vor, als drückte Servilia sie länger, als es die Höflichkeit erfordert hätte. »Würdest du von einer Frau einen Rat annehmen?«

»Von dir«, sagte Cicero, der seine Hand schließlich aus der ihren hatte lösen können, »von dir immer.«

»Mein anderer Bruder Caepio ... mein leiblicher Bruder ... der ist mit Hortensius' Tochter verlobt. Er hat mir berichtet, dass Hortensius gestern von dir gesprochen und dabei den Verdacht geäußert hätte, dass du planst, Verres vor Gericht zu zerren. Und er hat mir erzählt, dass Hortensius irgendetwas gegen dich im Schilde führe. Das ist alles, was ich weiß.«

»Und für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich Verres vor Gericht zerren wollte«, fragte Cicero lächelnd, »was würdest du mir da raten?«

»Ganz einfach«, antwortete Servilia und schaute ihn vollkommen ausdruckslos an. »Lass die Finger davon.«

KAPITEL VI

Der Besuch bei Scipio und das Gespräch mit Servilia schreckten Cicero nicht ab, sie brachten ihn vielmehr zu der Überzeugung, dass er noch schneller als geplant vorgehen müsse. Am ersten Tag des Januars im sechshundert-vierundachtzigsten Jahr seit der Gründung Roms traten Pompeius und Crassus ihre Ämter als Konsuln an. Ich begleitete Cicero zu den Amtseinführungszeremonien auf dem Kapitol und mischte mich dann im Säulengang unter die Zuschauermenge. Zu jener Zeit stand der Wiederaufbau des Jupiter-Tempels unter Federführung von Catulus kurz vor der Vollendung. Der Marmor für die neuen Säulen stammte vom Berg Olymp, das Dach aus vergoldeter Bronze schimmerte im kalten Sonnenlicht. Traditionsgemäß wurde mit den Opferfeuern Safran verbrannt. Die knisternden gelben Flammen, der Gewürzduft, die leuchtend klare Winterluft, die goldenen Altäre, die mit scharrenden Hufen auf ihre Opferung wartenden cremefarbenen Stiere, die weißen und purpurnen Roben der zuschauenden Senatoren - all das machte einen unvergesslichen Eindruck auf mich. Ich habe ihn zwar nicht gesehen, aber Cicero erzählte mir später, dass Verres auch da gewesen sei. Er habe neben Hortensius gestanden, und die beiden hätten gelegentlich zu ihm hinübergeschaut und dabei gelacht.

Es folgten mehrere Tage, an denen Cicero nichts unternehmen konnte. Der Senat trat zusammen und hörte eine holperige Rede von Pompeius, der nie zuvor einen Fuß in die Kammer gesetzt hatte und nur mithilfe eines Leitfadens für Protokollfragen dem folgen konnte, was sich da vor seinen Augen abspielte. Den Leitfaden hatte der berühmte Gelehrte Varro zusammengestellt, der in Spanien unter Pompeius gedient hatte. Wie immer erhielt Catulus als Erster das Wort, was er zu einer bemerkenswert staatstragenden Rede nutzte. Er räumte ein (obwohl er selbst dagegen sei), dass man sich der Forderung nach Wiederherstellung der Rechte des Volkstribunats nicht widersetzen könne und dass die alleinige Schuld an ihrer Unbeliebtheit die Aristokraten selbst trügen. (»Als er das gesagt hat, da hattest du die Gesichter von Hortensius und Verres sehen sollen«, berichtete mir Cicero später.) Danach zogen nach uraltem Brauch die neuen Konsuln in die Albaner Berge, um den vier Tage dauernden Feierlichkeiten des Festes der Latiner vorzusitzen. Darauf folgten zwei Tage mit religiösen Feiern, während derer die Gerichte geschlossen waren. Cicero war also gezwungen, bis zur zweiten Januarwoche zu warten, bevor er seinen Angriff endlich starten konnte.

Am Morgen, als Cicero sein Vorhaben bekannt machen wollte, waren die drei Sizilier Sthenius, Heraclius und Epicrates zum ersten Mal seit einem halben Jahr nicht heimlich zu Ciceros Haus gekommen. Zusammen mit Quintus und Lucius eskortierten sie Cicero den Hügel hinunter aufs Forum. In ihrem Gefolge befanden sich auch einige Funktionäre aus Wahlbezirken, vor allem aus den Bezirken Cornelia und Esquilina, die Cicero besonders stark unterstützten. Einige Passanten riefen, wo er denn mit diesen drei merkwürdigen Gestalten hin wolle, und er antwortete ihnen bestens gelaunt, sie sollten doch mitkommen, dann würden sie es sehen, sicher würden sie nicht enttäuscht werden. Je größer die Menge war, desto besser, das war schon immer Ciceros Devise gewesen, und auf diese Weise stellte er sicher, dass er bei Erreichen des Gerichtshofes für Erpressungen ein stattliches Gefolge hinter sich wusste.

Damals tagte das Gericht vor dem Tempel des Castor, der sich vom Senatsgebäude aus gesehen genau am gegenüberliegenden Ende des Forums befand. Der für dieses Gericht zuständige neue Prätor war Acilius Glabrio, von dem man nicht viel wusste, außer dass er Pompeius erstaunlich nahestand. Erstaunlich sage ich deshalb, weil der junge Glabrio von Diktator Sulla gezwungen worden war, sich von seiner damals schwangeren Frau scheiden zu lassen, damit Pompeius sie heiraten konnte. Als kurz darauf die unglückliche Frau, ihr Name war Aemilia, in Pompeius' Haus im Kindbett starb, schickte Pompeius das Neugeborene - einen Sohn - zu seinem leiblichen Vater zurück. Der Junge war inzwischen zwölf Jahre alt und Glabrios ganzer Stolz. Durch diese bizarre Begebenheit, so erzählte man sich, seien die beiden Männer nicht etwa Feinde, sondern Freunde geworden, und Cicero zerbrach sich den Kopf darüber, ob das seiner Sache nun zuträglich sei oder nicht, ohne allerdings zu einem Ergebnis zu kommen.

Glabrios Stuhl war gerade auf der Plattform aufgestellt worden, die etwa auf halb er Treppenhöhe entlang der Tempelvorderseite verlief, was bedeutete, dass das Gericht bereit war, die Arbeit aufzunehmen. Es muss sehr kalt gewesen sein, denn ich erinnere mich noch genau daran, dass Glabrio Fausthandschuhe trug und sich neben seinem Stuhl eine Holzkohlenpfanne befand. Seine Liktoren standen mit geschulterten Rutenbündeln und Beilen Seite an Seite ein paar Stufen weiter unten und stampften mit den Füßen auf. Es waren viele Menschen unterwegs, denn der Tempel des Castor beherbergte nicht nur den Gerichtshof für Erpressungen, sondern auch das Eichamt, wo Geschäftsleute ihre Gewichte und Waagen überprüfen lassen mussten. Gabrio schaute überrascht, als er Cicero mit seinen Anhängern im Schlepptau auf sich zukommen sah. Viele neugierige Passanten blieben stehen und verfolgten das Schauspiel. Der Prätor wies seine Liktoren mit einer Handbewegung an, den Senator durchzulassen. Ich öffnete die Aktentasche und gab Cicero das postutatus. An seinen Augen konnte ich Angst, aber auch Erleichterung darüber ablesen, dass die Zeit des Wartens endlich vorbei war. Er stieg die Stufen hinauf und drehte sich zu den Zuschauern um.

»Bürger Roms«, sagte er. »Ich bin heute hierher gekommen, um mein Leben in den Dienst am römischen Volk zu stellen. Ich verkünde hiermit, dass ich mich um das Amt des Ädils von Rom bewerbe. Das tue ich nicht, weil ich nach persönlichem Ruhm strebe, sondern weil der Zustand unserer Republik es erfordert, dass sich ehrenhafte Männer für die Gerechtigkeit einsetzen.

Ihr alle kennt mich. Ihr wisst, woran ich glaube. Ihr wisst, dass ich schon seit Längerem ein wachsames Auge auf das Treiben gewisser aristokratischer Herren im Senat habe!« Zustimmendes Gemurmel war zu hören. »Hier in meinen Händen halte ich einen Antrag auf Strafverfolgung, ein postutatus, wie wir Juristen das nennen. Hiermit verkünde ich meine Absicht, Gaius Verres für die schweren Verbrechen und Amtsvergehen, die er als Statthalter von Sizilien begangen hat, zur Rechenschaft zu ziehen.« Er streckte den Arm in die Luft und schwenkte das Schriftstück hin und her, was schließlich einige wenige zu einem gedämpften Bravo veranlasste. »Sollte er verurteilt werden, dann wird er nicht nur alles, was er gestohlen hat, ersetzen müssen, er wird auch alle seine Rechte als Bürger Roms verlieren. Exil oder Tod, zwischen nichts anderem wird er wählen müssen. Er wird kämpfen wie ein in die Enge getriebenes Tier. Macht euch keine falschen Hoffnungen, es wird ein langer, harter Kampf werden, und auf das Ergebnis setze ich alles, was ich habe - das Amt, um das ich mich bewerbe, die Hoffnungen auf meine Zukunft, meinen Ruf, den ich mir schon in jungen Jahren mit harter Arbeit erworben habe. Aber all das setze ich ein in der festen Überzeugung, dass das Recht sich durchsetzen wird.«

Dann drehte er sich um, ging die letzten Stufen zu dem höchst verwirrt dreinblickenden Glabrio hinauf und übergab ihm den Antrag auf Strafverfolgung. Der Prätor warf einen kurzen Blick auf das Papier und reichte es dann einem seiner Sekretäre. Er schüttelte Cicero die Hand, und damit war die Angelegenheit zu Ende. Die Menge zerstreute sich, und uns blieb nichts weiter zu tun, als wieder nach Hause zu gehen. Ich fürchte, dass der ganze Auftritt ein ziemlich peinlicher Reinfall gewesen ist. Das Problem bestand nämlich darin, dass in Rom immer irgendwer seine Absicht kundtat, für das eine oder andere Amt zu kandidieren - mindestens fünfzig gab es jedes Jahr neu zu besetzen -, und dass niemand Ciceros Ankündigung den historischen Stellenwert beimaß, den er ihr selbst beimaß. Was die Anklage betraf, so lag der erste Wirbel, den er wegen Verres veranstaltet hatte, schon über ein Jahr zurück. Und die Leute, wie er selbst immer wieder sagte, haben ein kurzes Gedächtnis: Was da mit diesem kriminellen Statthalter von Sizilien gewesen war, das hatten sie alle schon wieder vergessen. Ich sah Cicero an, dass er in ein tiefes Loch gefallen war, dass er schrecklich litt. Selbst Lucius, der es sonst eigentlich immer schaffte, ihn zum Lachen zu bringen, konnte ihn nicht aufmuntern.

Zu Hause versuchten Quintus und Lucius, Cicero auf andere Gedanken zu bringen, indem sie ihm Verres' und Hortensius' Reaktion auf die Klageerhebung vorspielten: Der Sklave kommt abgehetzt aus dem Forum angelaufen, erzählt die Neuigkeit, Verres wird leichenblass, beruft sofort eine Krisensitzung ein. Es half alles nichts.

Vermutlich musste Cicero immer an Servilias Warnung und an Hortensius' und Verres' Gelächter am Tag der Amtseinführung denken. »Sie wussten, was geschehen würde«, sagte er. »Sie haben schon einen Plan. Die Frage ist: Was für einen? Vielleicht wissen sie, dass unsere Beweise ziemlich dürftig sind. Vielleicht haben sie Glabrio bestochen. Was ist es?«

Noch vor Mittag hatte er die Antwort. Sie kam, zugestellt durch einen von Glabrios Liktoren, in Form einer Vorladung vom Gerichtshof für Erpressungen. Stirnrunzelnd nahm Cicero das Schreiben entgegen, brach das Siegel auf, überflog es und sagte dann leise: »Ah ...«

»Was ist?«, fragte Lucius.

»Das Gericht hat einen zweiten Antrag auf Strafverfolgung von Verres erhalten.«

»Das ist unmöglich«, sagte Quintus. »Wer sollte denn sonst noch Interesse daran haben?«

»Ein Senator«, antwortete Cicero, während er das Schreiben genauer studierte. »Caecilius Niger.«

»Den kenne ich«, sagte Sthenius mit piepsender Stimme. »In dem Jahr, bevor ich fliehen musste, war das Verres' Quästor. Es gingen Gerüchte um, dass er und Verres sich wegen Geld gestritten hätten.«

»Hortensius hat das Gericht davon unterrichtet, dass Verres keine Einwände habe gegen eine von Caecilius vertretene Anklage. Begründung: Caecilius wolle >Wiedergutmachung< erreichen, während ich anscheinend nur >das Licht der Öffentlichkeit suche.<«

Entsetzt schauten wir uns an. Die Arbeit von Monaten schien sich in Luft aufzulösen.

»Wirklich schlau«, sagte Cicero trübsinnig. »Das muss man Hortensius lassen. Ein wirklich schlauer Kerl, dieser Hortensius. Ich hätte eher damit gerechnet, dass er den ganzen Fall ohne Anhörung niederschlägt. Nie hätte ich gedacht, dass er stattdessen versuchen würde, außer der Verteidigung auch gleich noch die Anklage für sich zu beanspruchen.«

»Aber das kann er nicht!«, platzte es aus Quintus heraus. »Das römische Rechtssystem ist das gerechteste der Welt.«

»Quintus, mein Guter«, erwiderte darauf Cicero mit derart gönnerhaftem Sarkasmus, dass es mir fast wehtat. »Wo schnappst du bloß solche Sprüche auf? In Kinderbüchern? Glaubst du etwa, Hortensius beherrscht seit fast zwanzig Jahren Roms Gerichtssäle, weil er gerecht ist? Das hier ist eine Vorladung. Ich werde für morgen früh vor den Gerichtshof für Erpressungen zitiert, um meine Gründe darzulegen, warum man mir und nicht Caecilius die Anklagevertretung übertragen soll. Ich muss vor Glabrio und einer kompletten Geschworenenbank meine Eignung unter Beweis stellen. Dabei dürft ihr eins nicht vergessen: Von den zweiunddreißig Senatoren, die da als Geschworene fungieren, haben sicherlich nicht wenige erst kürzlich ein nettes Neujahrsgeschenk aus Bronze oder Marmor erhalten.«

»Aber die Opfer sind doch wir Sizilier!«, sagte Sthenius. »Wir entscheiden, wer uns als Anwalt vertritt.«

»Ganz und gar nicht. Der Ankläger wird vom Gericht offiziell ernannt und ist als solcher Repräsentant des römischen Volkes. Eure Meinung wird gehört, Sthenius, ist aber nicht ausschlaggebend.«

»Heißt das, dass wir erledigt sind?«, fragte Quintus mit kläglicher Stimme.

»Nein«, antwortete Cicero. »Wir sind nicht erledigt.« Ich merkte sofort, dass ein Teil vom alten Kampfgeist in ihm wieder erwacht war. Nichts bewirkte einen größeren Energieschub bei Cicero als der Gedanke, von Hortensius ausgetrickst zu werden. »Und selbst wenn wir erledigt sind, lasst uns wenigstens nicht kampflos untergehen. Ich kümmere mich jetzt sofort um meine Ansprache für morgen, und du, Quintus, du sorgst dafür, dass ich jede Menge Publikum habe. Fordere jede noch ausstehende Gefälligkeit ein. Und wie wär's, wenn du mit deinem Spruch vom gerechtesten Rechtssystem der Welt ein paar angesehene Senatoren dazu überredest, mich auf dem Weg zum Forum zu begleiten? Möglich, dass dir einige von ihnen diesen Spruch sogar abnehmen. Wenn ich morgen vor den Gerichtshof trete, will ich, dass Glabrio das Gefühl hat, ganz Rom schaut ihm auf die Finger.«

*

Niemand kann behaupten, etwas von Politik zu verstehen, wenn er sich nicht einmal eine ganze Nacht um die Ohren geschlagen hat, um eine Rede für den folgenden Tag zu schreiben. Während die Welt schläft, geht der Redner bei Kerzenlicht rastlos auf und ab und fragt sich, welcher Wahnsinn ihn nur in diesen Beruf getrieben hat. Argumente werden entwickelt und wieder verworfen. Entwürfe für Eröffnungspassagen, Mittelteile und Schlussbemerkungen liegen verstreut auf dem Boden herum. Der erschöpfte Geist verweigert schließlich jeden weiteren klaren Gedanken, sodass -gewöhnlich ein oder zwei Stunden nach Mitternacht -der Zeitpunkt gekommen ist, an dem nur noch eine einzige realistische Option infrage zu kommen scheint: die Sache abzusagen und sich unter Vortäuschung von Krankheit ins Bett zu verkriechen. Und plötzlich - getrieben von Panik, das Schreckbild der Demütigung schon vor Augen -fügen sich die Teile irgendwie zusammen, alles passt, und die Rede liegt fertig vor einem. Ein zweitrangiger Redner geht jetzt dankbar schlafen. Ein Cicero bleibt auf und fängt an, die Rede auswendig zu lernen.

So in etwa muss man sich den Arbeitsprozess an jenem Abend vorstellen. Nachdem Cicero -zwischendurch stärkte er sich immer wieder mit einem Bissen Obst oder Käse und mit einem mit Wasser verdünnten Schluck Wein - die einzelnen Teile der Rede festgelegt hatte, schickte er mich zu Bett. Allerdings glaube ich, dass er selbst noch mindestens eine Stunde aufblieb, bevor er sich auch schlafen legte. Im Morgengrauen wusch er sich zum Wachwerden mit eiskaltem Wasser und kleidete sich dann sorgfaltig an. Kurz bevor wir uns auf den Weg zum Gericht machten, ging ich in sein Zimmer, und da war er so nervös wie ein Preisboxer vor dem Kampf. Er machte Lockerungsübungen, dehnte die Schultern und wippte auf den Fußballen hin und her.

Quintus hatte gute Arbeit geleistet. Als ich die Tür öffnete, begrüßte uns eine lärmende Menge von Sympathisanten, die so groß war, dass auf der Straße vor dem Haus keine Durchkommen mehr war. Außer ganz normalen Bürgern hatten sich auch drei oder vier Senatoren mit einem besonderen Interesse für Sizilien eingefunden, die so ihre Unterstützung für Ciceros Sache bekundeten. Ich erinnere mich an den wortkargen Gnaeus Marcellinus, den rechtschaffenen Calpurnius Piso Frugi - der im selben Jahr wie Verres Prätor gewesen war und diesen verabscheute - und an mindestens ein Mitglied aus dem Geschlecht der Marcelli, den traditionellen Patronen Siziliens. Cicero winkte der Menge von der Tür aus zu, hob die kleine Tullia hoch in die Luft, zeigte sie seinen Anhängern und gab ihr einen schmatzenden Abschiedskuss. Dann überreichte er sie ihrer Mutter, die er nun - was er in der Öffentlichkeit nur sehr selten tat - in seine Arme schloss, bevor er durch eine Gasse, die Quintus, Lucius und ich ihm bahnten, ins Zentrum seiner Anhängerschar vordrang.

Ich wollte ihm noch Glück wünschen, doch er war, wie so oft vor einer großen Rede, schon nicht mehr ansprechbar. Er schaute die Menschen an, aber er nahm sie nicht wahr. Er war vollkommen fixiert darauf, endlich zu agieren. In seinem Innern spulte er das seit seiner Kindheit immer wieder geprobte Drama vom einsamen Patrioten ab, der mit seiner einzigen Waffe, seiner Stimme, allem entgegentrat, was in diesem Staat verabscheuungswürdig und korrupt war. Als spürte sie, welche Rolle ihr in diesem surrealen Festzug zufiel, schwoll die Menge immer mehr an, und als wir schließlich den Tempel des Castor erreichten, begleitete Cicero das frenetische Klatschen von zwei- oder dreihundert Menschen. Glabrio saß bereits auf seinem Platz zwischen den großen Tempelsäulen, ebenso sämtliche Geschworenen, unter denen ich das Schreckgespenst Catulus höchstpersönlich entdeckte. Auf der Bank, die für die Zuschauer aus den besseren Kreisen reserviert war, sah ich Hortensius, der seine makellos manikürten Hände betrachtete und so friedlich wirkte wie ein Sommermorgen. Auch der Mann, der neben ihm saß, gab sich sehr entspannt. Er war etwa Mitte vierzig, hatte rötliches, borstiges Haar und ein Gesicht voller Sommersprossen. Das musste Gaius Verres sein. Es war ein komisches Gefühl, dieses Monster, das unsere Gedanken so lange beschäftigt hatte, mit eigenen Augen zu sehen und festzustellen, dass er ziemlich gewöhnlich aussah -eigentlich mehr Fuchs als Eber.

Für die beiden konkurrierenden Ankläger waren zwei Stühle aufgestellt worden. Caecilius, der schon Platz genommen hatte, blickte nicht mal auf, als Cicero eintraf, so vertieft war er in die Notizen, die auf seinem Schoß lagen. Die Anwesenden wurden zur Ordnung gerufen, und Glabrio sagte zu Cicero, dass er beginnen müsse, da er seinen Antrag als Erster gestellt habe - ein entscheidender Nachteil. Cicero zuckte mit den Schultern und erhob sich. Er wartete, bis absolute Stille herrschte, dann begann er wie üblich sehr langsam zu sprechen. Er sagte, dass sich die Anwesenden sicher wunderten, ihn hier in dieser Rolle zu sehen, schließlich sei er vor Gericht noch nie als Ankläger aufgetreten. Er hätte dies auch in diesem Fall nicht vorgehabt, sondern hätte vielmehr im Vorfeld die Sizilier dringend darum gebeten, Caecilius die Anklagevertretung zu übertragen. (Fast hätte ich laut aufgestöhnt, als er dies sagte.) Aber in Wahrheit seien die Sizilier nicht der einzige Grund, warum er sich zu diesem Schritt entschlossen habe. »Ich stehe hier, weil mir das Wohl unseres Landes am Herzen liegt.« Dann ging er mit sorgfältig bemessenen Schritten zu der Bank, wo Verres saß, hob langsam den Arm und zeigte auf ihn. »Wir blicken hier auf ein menschliches Ungeheuer von beispielloser Gier, Dreistigkeit und Niedertracht. Sollte ich diesen Mann seiner Strafe zufuhren, wer könnte mir das zum Vorwurf machen? Welch größeren Dienst im Namen von Gerechtigkeit und Tugend könnte ich meinem Land in dieser Zeit erweisen?« Verres war nicht im Mindesten empört, kopfschüttelnd, mit einem Grinsen auf den Lippen, schaute er Cicero herausfordernd an. Cicero musterte ihn noch eine Zeit lang voller Verachtung und wandte sich dann den Geschworenen zu. »Die Anklage gegen Gaius Verres lautet, dass er über einen Zeitraum von drei Jahren die Provinz Sizilien verwüstet hat - dass er sizilische Kommunen geplündert, sizilische Häuser, sizilische Tempel ausgeraubt hat. Könnte Sizilien mit einer einzigen Stimme sprechen, es würde sagen: >Alles Gold und alles Silber, all die herrlichen Dinge, die einst meine Städte, meine Häuser und Tempel geschmückt haben, all das hast du, Verres, mir gestohlen; und aufgrund dessen verklage ich dich in Übereinstimmung mit den Gesetzen Roms auf Zahlung von einer Million Sesterzenn!< Das wären Siziliens Worte, wenn es mit einer Stimme sprechen könnte. Da es das aber nicht kann, hat es mich dazu bestimmt, seine Sache zu vertreten. Welch unglaubliche Dreistigkeit ist es dann, dass du ,..«,und damit wandte er sich schließlich Caecilius zu, »... es wagst, für Sizilien sprechen zu wollen, wenn dieses sich schon gegen dich ausgesprochen hat.«

Dann ging er gemächlich zu Caecilius, stellte sich hinter ihn und stieß einen übertrieben traurigen Seufzer aus. »Und jetzt, Caecilius, lass mich als Freund zu dir sprechen«, sagte er und klopfte Caecilius auf die Schultern, sodass sein Rivale sich auf seinem Stuhl umdrehen musste, was ziemlich linkisch wirkte und einige Heiterkeit im Publikum hervorrief. »Ich kann dir nur den ernsthaften Rat geben, noch mal in dich zu gehen. Besinne dich. Bedenke, wer du bist und wessen du fähig bist. Eine Anklagevertretung ist ein äußerst kniffeliges und mühsames Unterfangen. Ist deine Stimme, dein Erinnerungsvermögen dafür gerüstet? Verfügst du über die Intelligenz und das Stehvermögen, einer solchen Belastung standzuhalten? Selbst wenn du dich des Vorzugs außerordentlicher natürlicher Gaben erfreutest, selbst wenn du eine gründliche Ausbildung genossen hättest, könntest du darauf hoffen, den Druck auszuhalten? Nun, heute Morgen werden wir es erfahren. Solltest du Antworten auf meine Fragen haben, solltest du mit einer einzigen Erwiderung aufwarten können, die nicht schon in irgendeinem Lehrbuch mit anderer Leute Reden enthalten ist, dann besteht vielleicht die Möglichkeit, dass du dich in dem hier anhängigen Fall nicht als Versager erweist.«

Er ging jetzt in die Mitte des Gerichtsplatzes und richtete die nächsten Worte sowohl an die Menschen auf dem Forum wie auch an die Geschworenen. »Ihr werdet euch vielleicht sagen: >Da mag er ja durchaus recht haben, aber besitzt er denn selbst all diese Fähigkeiten?< Ich wollte, es wäre so. Aber immerhin habe ich mein Bestes gegeben und von Kindesbeinen hart daran gearbeitet, um sie mir, soweit mir das möglich war, anzueignen. Jedem ist bekannt, dass das Forum und die Gerichtshöfe Roms den Mittelpunkt meines Lebens bilden, dass nur wenige Männer meines Alters, wenn überhaupt, in so vielen Fällen als Verteidiger aufgetreten sind wie ich, dass ich jede freie Minute, in der ich nicht in den Angelegenheiten meiner Freunde tätig bin, hart arbeite und studiere, um den Erfordernissen meines Berufes gerecht zu werden und meine Fähigkeiten immer weiter zu verbessern. Und trotzdem bin ich jedes Mal, wenn ich an den entscheidenden Tag denke, an dem der Beschuldigte vor den Schranken des Gerichts erscheint und ich meine Verteidigungsrede halten muss, nicht nur nervös, sondern zittere von Kopf bis Fuß. Du, Caecilius, kennst keine solchen Ängste, keine solchen Gedanken, keine solche Nervosität. Du bildest dir ein, wenn du die eine oder andere Wendung aus irgendeiner alten Rede auswendig lernst, wenn du eine Floskel wie >Beim allmächtigen und barmherzigen Jupiter ...< oder >Ich würde mir wünschen, ihr Richter, dass es möglich wäre ...< parat hast, dass du dann schon aufs Beste für deinen Auftritt vor Gericht präpariert bist.

Du bist ein Nichts, Caecilius, und du kannst nichts. Hortensius wird dich vernichten! Aber mich wird er mit seiner Gerissenheit nicht erledigen. Mich wird er mit keiner seiner Finten in die Irre rühren. Seine gewaltigen Fähigkeiten verfangen bei mir nicht, sie können mich nicht schwächen, sie können mich nicht von meinen Standpunkt abbringen.« Er schaute zu Hortensius und verbeugte sich in gespielter Demut, worauf Hortensius sich erhob und ebenfalls verbeugte, was erneutes Gelächter hervorrief. »Die Angriffsmethoden und rhetorischen Kunststücke dieses Herrn sind mir bestens vertraut«, fuhr Cicero fort. »So beschlagend er auch sein mag, wenn er gegen mich antritt, wird er zu spüren bekommen, dass in diesem Verfahren neben anderen Dingen auch seine eigenen Fähigkeiten verhandelt werden. Sollte man mich mit dem Fall betrauen, so empfehle ich diesem Herrn schon vorab, seine Verteidigungsstrategie radikal zu ändern. Wenn nämlich ich die Anklage vertrete, dann wird er keinen Grund haben zu glauben, man könne das Gericht bestechen, ohne dass sehr viele Menschen in ernste Gefahr gerieten.«

Das Wort »bestechen« rief einige heftige Unmutsäußerungen hervor und ließ den ansonsten gleichmütigen Hortensius aufspringen. Cicero bedeutete ihm mit einer lässigen Handbewegung, er solle sich wieder setzen. Cicero redete und redete. Wie ein Schmied auf sein glühendes Eisen, so hieb er mit immer wieder neuen rhetorischen Attacken auf seine Gegner ein. Ich werde hier nicht alles wiedergeben. Die Rede, die mindestens eine Stunde dauerte, ist dokumentiert und kann von jedem Interessierten nachgelesen werden. Er attackierte Verres wegen seiner korrupten Machenschaften, Caecilius wegen seiner früheren Verbindungen zu Verres und Hortensius wegen seiner Bemühungen um einen zweitrangigen Widersacher. Zum Schluss richtete er einen Appell an die Senatoren auf der Geschworenenbank. Er trat vor sie hin, schaute jedem Einzelnen in die Augen und sagte: »Es liegt in eurer Hand, ehrwürdige Richter, den Mann auszuwählen, der euch aufgrund seiner Redlichkeit, seines Fleißes, seines Scharfsinns und seiner charakterlichen Eignung am besten geeignet erscheint, vor diesem hohen Gericht einen derart bedeutenden Fall durchzufechten. Solltet ihr Quintus Caecilius meiner Person vorziehen, so glaube ich nicht, dass ich dem besseren Mann unterlegen bin. Auch die Bürger Roms könnten glauben, dass ihr einen rechtschaffenen, strengen und energischen Ankläger wie mich gar nicht wollt, dass Senatoren einen solchen Ankläger überhaupt nie wollen.« Er machte eine Pause, und sein ruheloses Auge blieb schließlich an Catulus hängen, der seinen Blick standhaft erwiderte. Dann sagte Cicero leise: »Sorgt dafür, ehrwürdige Richter, dass es nicht dazu kommt.« Lauter Beifall brandete auf.

Nun war Caecilius an der Reihe. Er war aus bescheidensten Verhältnissen aufgestiegen, weitaus bescheideneren als denjenigen Ciceros, und hatte sich einige Verdienste erworben. Man könnte sogar sagen, dass einige Punkte für ihn als Ankläger sprachen. Besonders als er auszuführen begann, dass sein Vater ein Freigelassener aus Sizilien sei, er selbst in Sizilien geboren sei und dass er keinen Ort auf der Welt mehr liebe als diese Insel. Aber seine Rede quoll über vor Statistiken über die sinkende Agrarproduktion und Verres' System der Buchführung. Er klang gereizt, es fehlte die Leidenschaft. Schlimmer noch, er las alles vom Blatt ab, und das auch noch mit so monotoner Stimme, dass Cicero, als Caecilius sich nach einer Stunde schließlich dem Fazit näherte, seinen Oberkörper auf die Seite kippen ließ und so tat, als sei er eingeschlafen. Da Caecilius, der sich den Geschworenen zugewandt hatte, nicht sehen konnte, worüber alle lachten, verlor er völlig den Faden. Er verhaspelte sich mehrmals, ehe er zum Ende seiner Rede kam, und setzte sich dann mit vor Verlegenheit und Zorn hochrotem Kopf wieder auf seinen Platz.

Rhetorisch hatte Cicero einen Sieg von erdrutschartigen Ausmaßen errungen. Aber als die Abstimmungstäfelchen an die Geschworenen ausgegeben waren und der Gerichtsdiener mit seiner Urne darauf wartete, sie wieder einzusammeln, da war er davon überzeugt, erzählte mir Cicero später, dass er verloren hatte. Von den zweiunddreißig Senatoren zählte er mindestens ein Dutzend zu seinen entschiedenen Gegnern und nur halb so viele zu seinen Freunden. Die Unentschiedenen würden wie üblich den Ausschlag geben. Cicero sah, dass viele dieser Unentschlossenen zu Catulus schielten und auf ein Zeichen von ihm warteten, um sich seiner Entscheidung anzuschließen. Catulus markierte sein Täfelchen, zeigte es den links und rechts neben ihm sitzenden Männern und warf es dann in die Urne. Als jeder abgestimmt hatte, ging der Gerichtsdiener mit der Urne zum Richterstuhl, kippte sie vor ihm aus und begann vor aller Augen, die Tafeln auszuzählen. Hortensius ließ die Maske der Gelassenheit fallen und stand ebenso wie Verres auf, um besser sehen zu können. Cicero saß starr da wie eine Statue. Caecilius kauerte auf seinem Stuhl. Zuschauer, die regelmäßig zu den Verhandlungen kamen und das Prozedere so gut kannten wie jeder Pächter, horte ich flüstern, dass es knapp sei, dass sie noch mal nachzählten. Schließlich reichte der Gerichtsdiener Glabrio das Abstimmungsergebnis. Er stand auf und bat um Ruhe. Das Ergebnis laute, sagte er, vierzehn für Cicero - mir stockte der Atem, er hatte verloren! -, dreizehn für Caecilius, fünf Enthaltungen. Somit werde Marcus Tullius Cicero zum Sonderermittler (nominis delator) für den Fall Gaius Verres ernannt. Während die Zuschauer applaudierten und Hortensius und Verres sich wie betäubt wieder setzten, ließ Glabrio Cicero aufstehen, die rechte Hand heben und den traditionellen Schwur leisten, die Anklage nach bestem Wissen und Gewissen durchzuführen.

Sofort nach Ablegung des Eids stellte Cicero den Antrag auf Vertagung. Hortensius fuhr von seinem Stuhl auf und erhob Einspruch. Warum das nötig sei, wollte er wissen. Cicero sagte, er wolle nach Sizilien reisen, um Beweismittel sicherzustellen und Zeugen zu laden. Hortensius fiel ihm ins Wort, es sei eine Ungeheuerlichkeit, für sich das Recht auf Anklage einzufordern, um dann mit dem ersten Satz zu enthüllen, dass er dem Gericht gar keinen Fall präsentieren könne. Das war ein berechtigter Einwand. Zum ersten Mal wurde mir klar, wie groß Ciceros Zweifel an der Stärke seiner eigenen Position gewesen sein mussten. Glabrio schien Hortensius zustimmen zu wollen, als Cicero ins Feld führte, dass sich erst jetzt, nachdem Verres seine Provinz verlassen habe, die Opfer sicher genug fühlten, um frei zu sprechen. Glabrio dachte darüber nach, schaute auf den Kalender und verkündete dann widerstrebend, dass der Prozessbeginn um hundertzehn Tage verschoben werde. »Aber stell sicher, dass du sofort am ersten Tag nach der Sitzungspause im Frühling zur Klageerhebung bereit bist«, sagte er mit warnendem Unterton zu Cicero. Damit war das Gericht entlassen.

*

Später stellte Cicero überrascht fest, dass er den Sieg Catulus verdankte. Der harte und hochmütige alte Senator war trotz allem ein Patriot bis ins Mark, weshalb seine Ansichten hohes Ansehen genossen. Er war der Meinung, dass das Volk gemäß der altehrwürdigen Gesetze das Recht auf die härtestmögliche Strafverfolgung von Verres habe, auch wenn dieser ein Freund von ihm war.

Die familiären Bindungen zu seinem Schwager Hortensius ließen es natürlich nicht zu, dass er direkt für Cicero stimmte; stattdessen enthielt er sich der Stimme, worauf vier Unentschlossene sich ebenfalls enthielten.

Dankbar, dass er bei der Jagd auf den Eber, wie er es nannte, noch dabei war, und entzückt darüber, dass er Hortensius ausmanövriert hatte, stürzte sich Cicero in die Vorbereitungen für die Sizilienreise. Aufgrund einer Gerichtsverfugung nach den Bestimmungen des obsignandi gratia wurden Verres' Amtsunterlagen versiegelt. Cicero stellte im Senat den Antrag auf Herausgabe aller amtlichen Finanzdokumente der letzten drei Jahre durch den früheren Statthalter Siziliens, was dieser jedoch nie tat. An jede größere Stadt der Insel gingen Briefe mit der Bitte um Beweismaterial. Da wir in allen Orten der Provinz Unterkünfte benötigten, ging ich unsere Akten durch und notierte die Namen aller bedeutenden Bürger Siziliens, die Cicero während seiner Zeit als Quästor ihre Gastfreundschaft angeboten hatten. Cicero schrieb auch einen Höflichkeitsbrief an den amtierenden Statthalter Lucius Metellus, in dem er seinen Besuch ankündigte und um Kooperation von amtlicher Seite bat - ihm war zwar bewusst, dass er lediglich auf amtliche Schikane rechnen konnte, aber er dachte sich, dass ein schriftlicher Beleg darüber, es wenigstens versucht zu haben, nicht schaden konnte. Er beschloss, seinen nun schon seit sechs Monaten mit dem Fall vertrauten Vetter mit auf die Reise zu nehmen und seinen Bruder, der sich um die Organisation seines Wahlkampfes zu kümmern hatte, in Rom zurückzulassen. Ich würde ihn ebenfalls begleiten - zusammen mit meinen beiden Gehilfen Sositheus und Laurea, da es sicher jede Menge ab- und mitzuschreiben gäbe. Der frühere Prätor Calpurnius Piso Frugi bot Cicero die Dienste seines achtzehnjährigen Sohnes Gaius an, mit dem wir uns schnell anfreundeten, da er sich als äußerst intelligenter und liebenswürdiger Bursche erwies. Auf Quintus' dringenden Wunsch kauften wir noch vier kräftige und zuverlässige Sklaven, die uns zwar auch als Träger und Kutscher, aber vornehmlich als Leibwächter dienen sollten. Die Landstriche des Südens waren gesetzlos zu jener Zeit. Viele von Spartacus' Anhängern hielten sich noch immer in den Bergen versteckt, außerdem gab es Piraten, und wer konnte schon wissen, zu welchen Mitteln Verres greifen würde?

All das musste bezahlt werden, und obwohl Ciceros Anwaltspraxis inzwischen etwas einbrachte -nicht in Form direkter Zahlungen natürlich, die waren verboten, sondern in Form von Geschenken und Vermächtnissen dankbarer Klienten -, verfügte er nicht annähernd über die Menge an Bargeld, die für die Durchfuhrung einer angemessenen Ermittlung erforderlich war. Die meisten ehrgeizigen jungen Männer in seiner Lage hätten sich nun an Crassus gewandt, der an aufstrebende Politiker immer Darlehen zu großzügigen Konditionen ausgab. Doch so offen Crassus diejenigen belohnte, die ihn unterstützten, so sehr legte er auch Wert darauf, die Menschen wissen zu lassen, dass Widerstand gegen ihn Bestrafung nach sich zog. Seit Cicero abgelehnt hatte, sich auf seine Seite zu schlagen, hatte Crassus jede Gelegenheit genutzt, ihm seine Feindschaft zu demonstrieren. Er ignorierte ihn in der Öffentlichkeit völlig. Hinter seinem Rücken verleumdete er ihn.Wenn Cicero zu Kreuze gekrochen wäre, vielleicht hätte er sich dann herabgelassen, seine Meinung zu ändern: Was seine Prinzipien anging, kannte seine Geschmeidigkeit keine Grenzen. Aber, wie ich schon erwähnt habe, fiel es den beiden schwer, sich auch nur im selben Raum aufzuhalten.

Also blieb Cicero keine andere Wahl, als sich an Terentia zu wenden, was eine für mich peinliche Szene zur Folge hatte. Ich wurde nur deshalb in diese Angelegenheit verwickelt, weil Cicero auf die ziemlich feige Idee verfiel, mich vorzuschicken, um bei Terentias Privatsekretär Philotimus in Erfahrung zu bringen, wie schwierig es wohl wäre, aus ihrem Vermögen hunderttausend Sesterzen loszueisen. Missgünstig, wie Philotimus war, lief er gleich zu seiner Herrin und erstattete Bericht. Sie stürmte die Treppe hinunter in Ciceros Arbeitszimmer und stellte mich zur Rede, wie ich es wagen könne, meine Nase in ihre Angelegenheiten zu stecken. In diesem Augenblick betrat Cicero das Zimmer und war folglich genötigt, ihr zu erklären, wofür er das Geld brauchte.

»Und wie bekomme ich mein Geld zurück?«, wollte Terentia wissen.

»Von der Strafe, die Verres' nach seiner Verurteilung zahlen muss«, sagte Cicero.

»Und du bist sicher, dass er verurteilt wird?«

»Ganz sicher.«

»Wieso? Was hast du in der Hand? Lass hören.« Sie setzte sich auf den Stuhl vor seinem Schreibpult und verschränkte die Arme. Cicero zögerte kurz. Da er seine Frau kannte und wusste, dass sie nicht so einfach ihre Meinung änderte, befahl er mir, die Beweise der Sizilier aus dem Tresor zu holen. Er ging mit ihr alles durch, Stück für Stück. Als sie fertig waren, schaute sie ihn aufrichtig bestürzt an. »Das reicht nie und nimmer, Marcus! Das da ist alles, worauf du setzt? Glaubst du im Ernst, senatorische Geschworene werden einen der ihren schuldig sprechen, nur weil er ein paar bedeutende Statuen aus irgendwelchen obskuren Provinznestern zurück nach Rom geschafft hat - wo sie ja wohl auch hingehören?«

»Gut möglich, dass du recht hast, mein Schatz«, gab Cicero zu. »Gerade deshalb muss ich ja nach Sizilien.«

Terentia betrachtete ihren Ehemann - der im Rom jener Tage unstrittig der größte Redner und klügste Senator war - mit einem Gesichtsausdruck, den eine ehrbare Dame ihrem Kind zeigt, wenn es auf dem Boden im Tablinum eine Pfütze gemacht hat. Ich bin sicher, dass sie etwas hinzugefugt hätte, wenn ihr nicht gerade noch rechtzeitig aufgefallen wäre, dass ich auch anwesend war. Wortlos erhob sie sich und verließ das Arbeitszimmer.

Am nächsten Tag übergab mir Philotimus eine kleine Geldschatulle mit zehntausend Sesterzen in bar und eine Vollmacht, bei Bedarf weitere vierzigtausend abzuheben.

»Genau die Hälfte von dem, was ich wollte«, sagte Cicero, als ich ihm die Schatulle brachte. »So, Tiro, taxiert also eine gewiefte Geschäftsfrau meine Chancen - nun ja, wer könnte es ihr verübeln?«

KAPITEL VII

Wir verließen Rom in den Iden des Januars, am letzten Tag des Festes der Nymphen. Cicero saß in einem überdachten Wagen, sodass er während der Fahrt arbeiten konnte. Ich selbst empfand bei dem Rattern, Quietschen und Schwanken der carruca schon den Versuch zu lesen, geschweige denn zu schreiben, als Qual. Die Reise war erbärmlich. Es war eiskalt, und in höheren Lagen gerieten wir sogar hin und wieder in kurze Schneeschauer. Die meisten Kreuze mit den hingerichteten Rebellensklaven an der Via Appia waren inzwischen entfernt worden. Manche hatte man jedoch zur Abschreckung stehen lassen. Die verwesten, stocksteifen Überreste der Leichen zeichneten sich gegen die weiße Landschaft ab. Bei ihrem Anblick stellte ich mir vor, wie Crassus' langer Arm von Rom aus nach mir griff und mir wieder in die Backe kniff.

Wegen der überhasteten Abreise war es uns unmöglich gewesen, schon im Voraus für jeden Abend eine Unterkunft zu besorgen, sodass wir an drei oder vier Tagen am Straßenrand übernachten mussten, weil wir keinen Gasthof fanden. Ich legte mich zusammen mit den anderen Sklaven rund ums Lagerfeuer, während Cicero, Lucius und der junge Frugi im Wagen schliefen. Wenn uns dieses Missgeschick in den Bergen traf, dann wachte ich im Morgengrauen mit steif gefrorener Kleidung auf. Als wir schließlich in Velia die Küste erreichten, entschied Cicero, dass wir schneller vorankämen, wenn wir ein Boot mieteten und an der Küste entlangsegelten - trotz des Risikos von Winterstürmen und Piraten und seiner ausgeprägten Abneigung gegen Seereisen, seit ihm eine Sibylle prophezeit hatte, dass sein Tod irgendwie in Zusammenhang mit dem Meer stehen würde.

Velia war ein Kurort mit einem bekannten Tempel zu Ehren von Apollo Oulius, einem damals sehr verehrten Gott der Heilkunst. Es war keine Saison, der gesamte Ort schien ausgestorben zu sein. Während wir hinunter zum Hafen führen, wo die Wellen der grauen See gegen die Kaimauer klatschten, bemerkte Cicero, dass er selten einen weniger verlockenden Urlaubsort als diesen besucht habe. Abgesehen von den üblichen Fischerbooten lag eine riesige Galeere im Hafen, ein Lastschiff von der Größe einer Trireme. Während wir mit den einheimischen Fischern über den Preis für unsere Reise verhandelten, fragte Cicero, wem das Schiff gehöre. Es sei, sagte man uns, ein Geschenk der Bürger der sizilischen Hafenstadt Messana an ihren früheren Statthalter Gaius Verres und läge hier seit etwa einem Monat vor Anker.

Die Aura der Bedrohung, die das große, tief im Wasser liegende Schiff umgab, war mit Händen zu greifen. Es war voll bemannt und konnte jederzeit in See stechen. Unser Auftauchen in dem verlassenen Hafen hatte an Bord unübersehbar große Unruhe ausgelöst. Als wir vorsichtig auf die Galeere zugingen, ertönten drei kurze Trompetensignale, die Ruder senkten sich ins Wasser, und langsam wie ein riesiger Wasserkäfer löste sich das Schiff von der Kaimauer. Es glitt ein kurzes Stück auf See hinaus und setzte den Anker. Als sich das Schiff in den Wind drehte, hüpften die grellen gelben Lampen an Bug und Heck im dunstigen Licht des Nachmittags auf und ab. Gestalten verteilten sich über das schwankende Deck. Cicero beriet sich mit Lucius und Frugi, was sie unternehmen sollten. Theoretisch gab ihnen die Vollmacht des Gerichtshofes für Erpressungen das Recht jedes Schiff zu durchsuchen, das möglicherweise mit dem Fall in Verbindung stand.

In der Praxis jedoch hatten sie nicht die Mittel, und bis Verstärkung eintreffen würde, wäre das Schiff längst auf und davon. Eins wusste Cicero jetzt zweifelsfrei: Die Dimensionen von Verres' Verbrechen sprengten alles, was er sich vorgestellt hatte. Er entschied, sofort aufzubrechen und mit doppelter Geschwindigkeit Richtung Süden zu reisen.

Ich schätze, von Velia bis Vibo, immer am Schienbein entlang bis zum Zeh Italiens, sind es etwa hundertzwanzig Meilen. Mit günstigen Winden und kräftiger Ruderarbeit schafften wir es in gerade mal zwei Tagen. Wir hielten uns immer in Sichtweite des Ufers, gingen für die eine Nacht an Land und schliefen am Strand. Aus Myrtesträuchern hackten wir Holz für ein Lagerfeuer, aus unseren Rudern und dem Segel bauten wir ein Zelt. Von Vibo reisten wir auf der Küstenstraße weiter bis Regium, und dort mieteten wir wieder ein Boot, um durch die schmale Meerenge nach Sizilien zu segeln. Es war neblig und nieselte stark, als wir frühmorgens aufbrachen. Wie ein trübseliger schwarzer Buckel tauchte die Insel in der Ferne aus dem Meer auf. Unglücklicherweise konnte man im Winter nur einen einzigen Hafen ansteuern, und das war Verres' Hochburg Messana. Die Loyalität ihrer Bewohner hatte sich Verres mit Steuerfreiheit für seine gesamte dreijährige Amtszeit als Statthalter erkauft. Messana war die einzige Stadt auf der Insel, die eine Zusammenarbeit mit Cicero abgelehnt hatte. Während wir auf den Leuchtturm zuliefen, erkannten wir, dass das, was wir für einen großen Masten am Hafeneingang gehalten hatten, kein Teil von einem Schiff, sondern ein Kreuz war, dessen Vorderseite der Meerenge und dem Festland zugewandt war.

»Das ist neu«, sagte Cicero mit gerunzelter Stirn und wischte sich das Regenwasser aus den Augen. »Zu meiner Zeit sind da nie Hinrichtungen durchgeführt worden.«

Wir hatten keine andere Wahl, als direkt daran vorbeizusegeln. Der Anblick legte sich wie ein Schatten auf unser vom Dauerregen beschwertes Gemüt.

Trotz der allgemein feindseligen Stimmung der Bevölkerung von Messana gegenüber dem Sonderermittler hatten sich zwei tapfere Bürger der Stadt - Basiliscus und Percennius - bereitgefunden, uns ihre Gastfreundschaft anzubieten. Sie erwarteten uns am Kai. Cicero war kaum an Land gegangen, da fragte er sie nach dem Kreuz. Sie würden seine Frage später gern beantworten, entschuldigten sie sich, aber zuerst möchten sie uns lieber von hier wegschaffen. Erst als wir uns alle innerhalb der Mauern von Basiliscus' Anwesen befanden, fühlten sie sich sicher genug, uns die Geschichte zu erzählen. Während seiner letzten Tage als Statthalter hätte sich Verres nur noch in Messana aufgehalten, damit er die Verladung seiner Diebesbeute auf das »Goldschiff« überwachen konnte, das ihm seine dankbare Stadt hätte bauen lassen. Vor etwa einem Monat sei zu seinen Ehren ein Fest veranstaltet worden, und quasi als Teil des Unterhaltungsprogramms habe man einen römischen Bürger aus dem Gefängnis geholt, auf dem Forum nackt ausgezogen, öffentlich ausgepeitscht, gefoltert und schließlich gekreuzigt.

»Einen römischen Bürger?«, wiederholte Cicero ungläubig. Er machte mir ein Zeichen, dass ich mitschreiben solle. »Es verstößt gegen das Gesetz, einen Bürger Roms ohne Prozess hinzurichten. Seid ihr sicher, dass es ein Römer war?«

»Er hat geschrien, dass er Publius Gavius heißt, dass er Kaufmann in Spanien ist und dass er Militärdienst in den Legionen geleistet hat. Während sie ihn ausgepeitscht haben, hat er nach jedem Schlag geschrien: >Ich bin ein Bürger Roms!< Nach jedem Schlag.«

»>lch bin ein Bürger Roms<«, wiederholte Cicero und ließ sich die Worte auf der Zunge zergehen. »>Ich bin ein Bürger Roms< ... Was hat man ihm vorgeworfen?«

»Spionage«, sagte unser Gastgeber. »Er wollte gerade auf ein Schiff Richtung Festland. Aber er hat einen Fehler gemacht: Er hat überall herumerzählt, dass er aus den Steinbrüchen von Syrakus geflohen sei und dass er jetzt auf direktem Weg nach Rom fahre und Verres' Verbrechen an die Öffentlichkeit bringen werde. Die Stadtväter von Messana haben ihn eingesperrt, bis Verres wieder in der Stadt war. Verres hat ihn auspeitschen, mit heißen Eisen foltern und ans Kreuz schlagen lassen - mit Blick auf Regium, damit er im Todeskampf das Festland sehen konnte. Stellt euch das vor, fünf Meilen vom sicheren Festland entfernt! Verres' Nachfolger haben das Kreuz stehen lassen, als Warnung für jeden, der versucht sein sollte, den Mund zu weit aufzumachen.«

»Gibt es Zeugen für die Kreuzigung?«

»Sicher. Hunderte.«

»Auch römische Bürger?«

»Ja.«

»Hast du welche erkannt?«

Er zögerte. »Gaius Numitorius, ein römischer Ritter aus Puteoli. Dann die Cottius-Brüder aus Tauromenium. Lucceius ... aus Regium. Es gibt sicher noch mehr.«

Ich notierte die Namen. Später nahm Cicero ein Bad, und wir saßen um die Wanne herum und besprachen die Entwicklung. »Vielleicht war dieser Gavius wirklich ein Spion«, sagte Lucius.

»Das würde ich eher glauben, wenn Verres gegen Sthenius nicht genau den gleichen Vorwurf erhoben hätte«, sagte Cicero. »Aber der ist genauso wenig ein Spion wie du oder ich. Nein, das ist einfach die bevorzugte Methode, nach der dieses Monster vorgeht: Er fingiert eine Anschuldigung, nutzt seine Stellung als oberster Richter der Provinz, um einen Prozess anzustrengen, und verkündet dann das Urteil. Die Frage ist: Warum gerade Gavius?«

Keiner wusste darauf eine Antwort. Und die Zeit, um in Messana zu bleiben und sie zu finden, hatte wir auch nicht. Wir mussten am nächsten Morgen in aller Frühe die Stadt verlassen, um in Tyndaris an der Nordküste der Insel unseren ersten offiziellen Termin wahrzunehmen. So wie dieser Besuch ablief, sollten noch viele andere ablaufen. Erst wurde Cicero vom Stadtrat mit allen Ehren empfangen, dann wurde er auf den Hauptplatz geführt. Man zeigte ihm die Standardversion der Verres-Statue, die die Bürger gezwungenermaßen auf ihre Kosten hatten aufstellen müssen und die jetzt zerstört im Staub lag. Dann hielt Cicero eine kurze Rede über die römische Rechtsprechung. Nachdem man einen Stuhl für ihn aufgestellt hatte, hörte er sich die Klagen der einheimischen Bevölkerung an und suchte die Fälle aus, die am aufsehenerregendsten oder am leichtesten zu beweisen waren - in Tyndaris war dies die Geschichte von Sopater, der so lange nackt an eine Statue gefesselt aushalten musste, bis die Stadt ihre Bronzestatute des Merkur herausgab. Der letzte Punkt war immer der, dass ich oder einer meiner beiden Assistenten die Aussagen aufnahmen und dann beglaubigen und unterschreiben ließen.

Von Tyndaris reisten wir nach Thermae, in die Heimatstadt von Sthenius, dessen Frau wir in seinem leeren Haus antrafen und die unter Tränen die Briefe ihres ins Exil gezwungenen Ehemannes entgegennahm. Zum Ende der Woche erreichten wir den Festungshafen Lilybaeum an der westlichsten Spitze der Insel. Cicero kannte die Stadt gut, während seiner Zeit als Quästor in Sizilien war dies sein Amtssitz gewesen. Wie früher schon des Öfteren wohnten wir im Haus seines alten Freundes Pamphilius. Am ersten Abend beim Essen bemerkte Cicero, dass der Tisch nicht wie sonst dekoriert war - der prächtige Krug und diverse Pokale, allesamt Familienerbstücke, fehlten. Als er fragte, was damit geschehen sei, sagte man ihm, dass Verres sie beschlagnahmt habe. Es stellte sich schnell heraus, dass den anderen Gästen Ähnliches widerfahren war. Dem jungen Gaius Cacurius war sein gesamtes Mobiliar abgepresst worden und Lutatius ein Tisch aus Zitrusholz, an dem Cicero regelmäßig gegessen hatte. Lyso war seine wertvolle Apollo-Statue und Diodorus ein Satz ziselierter Silberbecher von Mentor gestohlen worden. Die Liste war endlos, und ich muss es ja wissen, schließlich hatte Cicero mich beauftragt, alles festzuhalten. Nachdem ich die Aussagen aller Gäste und danach auch noch die ihrer Freunde aufgenommen hatte, beschlich mich der Gedanke, dass Cicero jetzt langsam nicht mehr recht bei Verstand sei. Wollte er etwa jeden Löffel und jedes Sahnetöpfchen, die man auf der Insel gestohlen hatte, katalogisieren? Aber natürlich war er, wie sich erweisen sollte, schlauer als ich.

Ein paar Tage später brachen wir wieder auf. Über unbefestigte Wege holperte unser Wagen von Lilybaeum zur Tempelstadt Agrigent und von dort in das gebirgige Inselinnere. Die Landschaft und der Himmel in diesem ungewöhnlich strengen Winter waren stahlgrau. Cicero hatte sich eine schlimme Erkältung eingefangen und saß eingewickelt in seinen Umhang hinten im Wagen. In Henna, einer Stadt, die sich an eine steile Felswand schmiegte und von Seen und Wäldern umgeben war, kamen uns die wehklagenden Priester zur Begrüßung entgegen. Sie waren in reich verzierte Gewänder gehüllt und trugen geweihte Zweige und führten uns gleich zum Tempel der Ceres, aus dem Verres die Statue der gleichnamigen Göttin geraubt hatte. Hier kam es zu ersten kleineren Reibereien zwischen unserer Eskorte und den Liktoren des neuen Statthalters Lucius Metellus. Diese brutalen Kerle mit ihren Ruten und Beilen standen auf der anderen Seite des Marktplatzes und brüllten Drohungen, dass jeder, der es wagen sollte, gegen Verres auszusagen, aufs Härteste bestraft würde. Trotzdem konnte Cicero drei prominente Bürger Hennas - Theodorus, Numenius und Nicasio - dazu überreden, die Reise nach Rom auf sich zu nehmen, um dort auszusagen.

Schließlich wandten wir uns wieder dem Meer zu und führen nach Südosten in die fruchtbaren Ebenen unterhalb des Aetna. Das Land dort befand sich in Staatsbesitz und wurde im Auftrag der römischen Staatskasse von einer Privatfirma verwaltet, die die Steuern eintrieb und dafür als Gegenleistung Pachtverträge an einheimische Bauern vergab. Bei Ciceros erstem Aufenthalt in Sizilien waren die Ebenen von Leontini die Kornkammer Roms gewesen. Jetzt führen wir an verlassenen Höfen und grauen, brachliegenden Feldern vorbei. Braune Rauchsäulen markierten die Stellen, wo ehemalige, jetzt obdachlose Pachtbauern unter freiem Himmel lebten. Verres und die mit ihm befreundeten Steuerpächter waren wie eine plündernde Armee über die gesamte Region ausgeschwärmt, hatten die Ernten und das Vieh für einen Bruchteil ihres Wertes requiriert und Pachtsätze erhoben, die die Grenze dessen, was die meisten zahlen konnten, weit überschritten. Ein Bauer, Nymphodorus aus Centuripae, hatte zu protestieren gewagt. Dafür wurde er von Apronius, der für Verres bei den Bauern den Zehnten eintrieb, auf dem Markplatz von Aetna an einem Olivenbaum aufgehängt. Solche Geschichten versetzten Cicero in Wut und ließen ihn nur noch hartnäckiger arbeiten. Ich denke immer noch gern an die Szene zurück, als dieser städtischste aller Stadtmenschen mit geraffter Toga, die feinen roten Schuhe in der einen, die Vollmacht in der anderen Hand, bei strömendem Regen mit zögerlichen Schritten durch ein schlammiges Feld stakste, um die Aussage eines pflügenden Bauern einzuholen. Als wir schließlich nach dreißig beschwerlichen Tagen, in denen wir quer durch die ganze Provinz gereist waren, in Syrakus eintrafen, hatten wir die Aussagen von fast zweihundert Zeugen.

Syrakus ist die bei weitem größte und angenehmste Stadt Siziliens. Eigentlich sind es vier Städte, die zu einer einzigen verschmolzen sind. Drei davon - Achradina, Tycha und Neapolis -gruppieren sich um den Hafen herum. Die vierte, der alte Königssitz, befindet sich mitten in der großen Bucht und wird einfach nur »die Insel« genannt. Sie ist mit den drei anderen Stadtteilen durch eine Brücke verbunden. In dieser Stadt in der Stadt, die von einer Mauer umschlossen ist und bei Nacht von Siziliern nicht betreten werden darf, befindet sich in unmittelbarer Nähe der großartigen Tempel der Diana und der Minerva der Palast des römischen Statthalters. Da es hieß, Syrakus rangiere in ihrer Loyalität zu Verres gleich hinter Massana und ihr Senat hätte ihm erst vor kurzem eine Lobpreisung gewidmet, hatten wir mit einem feindseligen Empfang gerechnet. Doch das Gegenteil war der Fall. Die Kunde von Ciceros Redlichkeit und Eifer war uns vorausgeeilt, und so wurden wir von einer jubelnden Menge durch das Agrigentinische Tor in die Stadt geleitet. (Ein Grund für Ciceros Popularität war, dass er während seiner Zeit als Quästor auf dem überwucherten städtischen Friedhof das seit einhundertdreißig Jahren verschollene Grab des Mathematikers Archimedes, des bedeutendsten Mannes in der Geschichte von Syrakus, ausfindig gemacht hatte. Er hatte irgendwo gelesen, dass das Grab mit einem Zylinder und einer Kugel gekennzeichnet sei. Als er es schließlich fand, hatte er aus eigener Tasche dafür gezahlt, dass das Unkraut und Gestrüpp entfernt wurde. Dann hatte er stundenlang neben dem Grab gesessen und über die Vergänglichkeit menschlichen Ruhmes sinniert. Seine Großzügigkeit und Rücksichtnahme waren von der einheimischen Bevölkerung nicht vergessen worden.)

Aber zurück zu unserer Geschichte: Wir nahmen Quartier im Haus eines römischen Ritters namens Lucius Flavius, eines alten Freundes von Cicero, der unserer ohnehin schon prallen Materialsammlung noch jede Menge neuer Berichte über Verres' korruptes und grausames Treiben hinzufugte. Etwa die Geschichte des Piratenkapitäns Heracleo, der es geschafft hatte, an der Spitze eines Geschwaders von vier kleinen Galeeren bis in den Hafen von Syrakus vorzudringen, die Lagerhäuser auszuräumen und wieder zu verschwinden, ohne auf den geringsten Widerstand zu treffen. Als man ihn ein paar Wochen später ein Stück weiter nördlich in Megara fasste, wurden weder er noch seine Männer als Gefangene präsentiert, was zu Gerüchten führte, dass man ihn gegen eine große Lösegeldsumme freigelassen hatte. Oder die Horrorgeschichte über den römischen Bankier aus Spanien, Lucius Herennius, den man eines Morgens aufs Forum von Syrakus geschleift, kurzerhand als Spion denunziert und auf Verres' Befehl geköpft hatte - trotz der flehentlichen Bitten von Freunden und Geschäftspartnern, die sofort zum Forum geeilt waren, als man ihnen davon erzählt hatte. Die Parallelen zwischen Herennius' Fall und dem von Gavius in Messana waren augenfällig: Beide waren Römer, beide aus Spanien, beide im Handelsgeschäft tätig, beide der Spionage beschuldigt und beide hingerichtet ohne Anhörung oder ordentlichen Prozess.

Nach dem Essen an jenem Abend brachte ein Kurier aus Rom einen Brief für Cicero. Er las ihn schnell durch, entschuldigte sich und nahm Lucius, den jungen Frugi und mich beiseite. Die Botschaft war von seinem Bruder Quintus und enthielt gewichtige Neuigkeiten. Es schien ganz so, als hatte Hortensius wieder in seine Trickkiste gegriffen. Der Gerichtshof für Erpressungen hat überraschend eine Klage gegen einen ehemaligen Statthalter von Achaea zugelassen. Der Ankläger Dasianus, ein allseits bekannter Verres-Intimus, war schon nach Griechenland abgereist und würde mit seinem Beweismaterial zwei Tage vor der für Ciceros Rückkehr festgesetzten Frist wieder in Rom sein. Quintus ersuchte seinen Bruder dringend, so schnell wie möglich nach Rom zurückzukehren, um die Situation zu retten.

»Das ist eine Falle«, sagte Lucius sofort. »Er will dich in Panik versetzen, damit du die Reise vorzeitig abbrichst.«

»Wahrscheinlich hast du recht«, stimmte Cicero zu. »Aber das Risiko kann ich nicht eingehen. Wenn das Gericht diesen anderen Fall vor unserem aufruft und Hortensius das Verfahren nach bewährter Manier in die Länge zieht, dann könnte unser Fall bis hinter den Wahltermin hinausgeschoben werden. Und dann sind Hortensius und Quintus Metellus die designierten Konsuln. Der jüngste von den Metellus-Brüdern ist der zukünftige Prätor, und der dritte ist immer noch Statthalter hier in Sizilien. Was glaubst du, wie es dann um unsere Chancen steht?«

»Also, was machen wir?«

»Wir haben schon viel zu viel Zeit mit den kleinen Fischen verschwendet«, sagte Cicero. »Wir müssen den Krieg ins Lager des Feindes tragen und denen die Zungen lockern, die wirklich wissen, was da gespielt wurde - den Römern selbst.«

»Du hast recht«, stimmte Lucius ihm zu. »Die Frage ist nur, wie?«

Cicero schaute sich vorsichtig um und sagte dann mit sehr leiser Stimme: »Wir veranstalten eine kleine Durchsuchung. Und zwar in den Geschäftsräumen der Steuerpächter.«

Lucius wurde ganz blass, als er das hörte. Außer dem Versuch, in den Palast des Statthalters zu marschieren und Metellus selbst zu verhaften, war das so ziemlich das Gewagteste an Provokation, was Cicero sich leisten konnte. Die Steuerpächter bildeten ein Syndikat aus Männern mit besten Verbindungen. Sie standen im Ritterrang, operierten unter dem Schutz des Gesetzes, und zu ihren Geldgebern gehörten einige der reichsten Senatoren Roms. Cicero selbst hatte sich als Spezialist in Handelsrecht ein Netzwerk aus Förderern aufgebaut, das exakt aus dieser Klasse von Geschäftsleuten stammte. Die Strategie war riskant, das wusste er. Trotzdem ließ er sich nicht davon abbringen. Er war davon überzeugt, dass das Zentrum von Verres' mörderischen

Machenschaften sich hier vor Ort befand. Noch in derselben Nacht schickte er den Kurier mit einem Brief zurück nach Rom, in dem er Quintus mitteilte, dass er nur noch eine einzige Sache zu erledigen habe und die Insel in den nächsten Tagen verlassen werde.

Cicero musste jetzt schnell und unter größter Geheimhaltung handeln. Den Termin für die Durchsuchung hatte er mit Bedacht ausgewählt: Sie würde in zwei Tagen zur am wenigsten erwarteten Stunde stattfinden, kurz vor Morgengrauen an Terminalia, einem bedeutenden öffentlichen Feiertag. Die Tatsache, dass dieser Tag Terminus geweiht ist, dem alten Gott der Grenzsteine und guten Nachbarschaft, machte ihn wegen seiner Symbolkraft in Ciceros Augen noch attraktiver. Unser Gastgeber Flavius erklärte sich bereit, uns zu den Geschäftsräumen der Steuerpächter zu führen. In der Zwischenzeit ging ich in den Hafen von Syrakus und machte den gleichen vertrauenswürdigen Bootsbesitzer ausfindig, den ich schon Vorjahren für jene unbedachte Rückreise Ciceros nach Italien angeheuert hatte. Von ihm mietete ich ein Schiff samt Mannschaft und wies ihn an, am Ende der Woche reisefertig zu sein. Die Beweismittel, die wir bislang gesammelt hatten, packten wir in Truhen und verstauten diese an Bord. Das Schiff wurde rund um die Uhr bewacht.

In der Nacht vor der Durchsuchung konnte keiner von uns gut schlafen. Es war noch dunkel, als wir mit unseren gemieteten Ochsenkarren beide Zufahrten in die Straße blockierten. Auf Ciceros Signal sprangen wir aus den Wagen. Der Senator hämmerte gegen die Tür, trat, ohne auf eine Antwort zu warten, zur Seite, und zwei unserer kräftigsten Helfer machten sich mit Äxten an die Arbeit. Als die Tür nachgab, quetschten wir uns hinein, stießen den nicht mehr ganz jungen Nachtwächter zur Seite und begannen die Unterlagen abzutransportieren. Wir bildeten eine Menschenkette - Cicero inklusive - und reichten die Körbe mit den Wachstafeln und Papyrusrollen von Hand zu Hand hinaus auf die Straße und warfen sie auf die Karren.

Ich lernte eine kostbare Lektion an diesem Morgen: Wenn man auf Popularität aus ist, dann funktioniert das am besten mit einer Durchsuchungsaktion bei einem Syndikat von Steuereintreibern. Als die Sonne aufging und sich im Viertel die Nachricht von unserer Aktion verbreitete, formierte sich um uns herum eine begeisterte Ehrenwache von Bürgern. Es waren so viele, dass der Direktor der Firma, Carpinatius, der mit einem von Lucius Metellus bereitgestellten Trupp Legionäre angerückt war, das Gebäude nicht wieder in Besitz nehmen konnte. Carpinatius und Cicero lieferten sich mitten auf der Straße ein hitziges Wortgefecht. Carpinatius brüllte, dass Steuerunterlagen der Provinzen per Gesetz vor Beschlagnahmung geschützt seien, worauf Cicero erwiderte, dass seine Vollmacht des Gerichtshofes für Erpressungen Vorrang habe vor derartigen Formalitäten. Tatsächlich, gestand Cicero hinterher ein, hatte Carpinatius Recht. »Aber«, fügte er hinzu, »wer die Straße kontrolliert, kontrolliert das Recht.« Und zumindest bei dieser Gelegenheit war es Cicero gewesen, der die Straße kontrolliert hatte.

Insgesamt hatten wir etwa vier Ochsenkarren voll Unterlagen zu Flavius' Haus transportiert. Wir verriegelten die Tore, postierten Wachen und machte uns dann an die beschwerliche Arbeit, die Akten zu durchforsten. Selbst heute noch, wenn ich an den schieren Umfang der Aufgabe zurückdenke, spüre ich, wie mir der Angstschweiß ausbricht. Die Unterlagen reichten Jahre zurück und umfassten nicht nur den gesamten staatlichen Grundbesitz in Sizilien, sondern listeten auch von jedem Bauern jedes Stück Weidevieh und dessen Qualität sowie jede Feldfrucht auf, die er jemals angebaut hatte, wie viel er angebaut hatte und welchen Ertrag die Ernte gebracht hatte. Hier fand sich alles im Detail: Pachtverträge, bezahlte Steuern, Briefwechsel. Schnell wurde klar, dass schon andere Hände diese Unmengen Material durchgegangen waren und dabei jede Spur von Verres getilgt hatten. Aus dem Palast des Statthalters traf eine Mitteilung ein, in der Cicero für morgen, wenn die Gerichte wieder tagten, zu Metellus zitiert wurde, um zu Carpinatius' Verfugung auf Rückgabe der Dokumente Stellung zu nehmen. Inzwischen hatte sich vor dem Haus wieder eine große Menschenmenge versammelt, die laut Ciceros Namen skandierte. Ich musste an Terentias Prophezeiung denken, dass sie und ihr Ehemann aus Rom verbannt würden und den Rest ihrer Tage als Konsul und sie als »Konsulin« von Thermae fristen müssten. Nie erschien mir eine Weissagung wahrscheinlicher als in diesem Augenblick. Nur Cicero behielt kühlen Kopf. Er hatte genügend zwielichtige Steuereintreiber vertreten und kannte die meisten ihrer Täuschungsmanöver. Als offensichtlich war, dass alle Akten mit Bezug auf Verres entfernt worden waren, grub er eine alte Namensliste mit allen höheren Angestellten aus und suchte so lange, bis er auf den Namen des Mannes stieß, der während Verres' Amtszeit auf Sizilien Finanzdirektor des Steuerpächtersyndikats gewesen war.

»Auf eins kann man sich immer verlassen, Tiro«, sagte er zu mir. »Ich habe noch keinen Finanzdirektor erlebt, der bei Übergabe der Geschäfte an seinen Nachfolger nicht ein paar ganz spezielle Unterlagen für sich behalten hätte. Nur um sicherzugehen, verstehst du?«

Und damit nahmen wir die zweite Durchsuchung an diesem Morgen in Angriff.

Unser Opfer war ein Mann namens Vibius, der gerade mit seinen Nachbarn Terminalia feierte. Er hatte in seinem Garten einen Altar aufgestellt, auf dem Weizenähren und Honigwaben lagen und ein Krug Wein stand. Vibius hatte gerade ein Ferkel geopfert. (»Sind alles fromme Menschen, diese kriminellen Buchhalter«, bemerkte Cicero.) Als Vibius erkannte, dass der Senator direkt auf ihn zusteuerte, sah er selbst ein bisschen wie ein Ferkel aus, und als er dann auch noch die Vollmacht, auf dem das Siegel des Prätors Glabrio prangte, gelesen hatte, war ihm klar, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als zu kooperieren. Er entschuldigte sich bei seinen verwirrten Gästen, bat uns ins Tablinum und öffnete seinen Tresor. Zwischen Eigentumsurkunden, Rechnungsbüchern und Schmuckstücken lag ein kleines Briefbündel mit der Aufschrift »Verres«. Als Cicero das Bündel aufschnürte, spiegelte sich blankes Entsetzen in Vibius' Gesicht. Ich schätze, dass ihm Freunde schon des Öfteren empfohlen hatten, die Briefe zu vernichten, aber er hatte es entweder vergessen oder gedacht, dass sich damit irgendwann noch etwas Geld verdienen ließe.

Auf den ersten Blick machten die Briefe nicht viel her - es schien sich lediglich um die Korrespondenz eines Steuerinspektors namens Lucius Canuleius zu handeln, der für die Erhebung von Exportzöllen auf alle Güter zuständig gewesen war, die den Hafen von Syrakus passiert hatten. In den Briefen war von einer bestimmten Schiffsladung die Rede, die Syrakus vor zwei Jahren verlassen und für die Verres keine Steuern bezahlt hatte. Die Ladeliste war angeheftet. Es hatte sich um vierhundert Fässer Honig, fünfzig Speisezimmerliegen, zweihundert Kronleuchter und neunzig Ballen Malteser Tuch gehandelt. Einem anderen Ankläger wäre das Besondere daran vielleicht nicht aufgefallen, Cicero bemerkte es sofort.

»Schau dir das mal an«, sagte er und gab mir die Liste. »Die Sachen stammen nicht von irgendwelchen bedauernswerten Einzelpersonen. Vierhundert Fässer Honig. Neunzig Ballen ausländisches Tuch.« Er drehte sich um und schaute den unseligen Vibius wütend an. »Das ist eine ganze Ladung, stimmt's? Dein Statthalter Verres hat ein ganzes Schiff gestohlen.«

Der arme Vibius hatte keine Chance. Er warf einen nervösen Blick in den Garten zu seinen bestürzten Gästen, die mit offenem Mund dastanden und in unsere Richtung schauten. Er bestätigte, dass es sich tatsächlich um eine komplette Schiffsladung gehandelt und dass man ihn angewiesen habe, nie wieder Steuern auf irgendwelche Exporte des Statthalters zu erheben.

»Wie viele solcher Lieferungen hat Verres noch abgewickelt?«, fragte Cicero.

»Das weiß ich nicht genau.«

»Ungefähr.«

»Zehn«, sagte Vibius ängstlich. »Vielleicht zwanzig.«

»Und bei keiner Ladung wurde Zoll bezahlt? Oder irgendetwas schriftlich festgehalten?«

»Nein.«

»Und woher hatte Verres die Ware?«, bohrte Cicero weiter.

Vibius war vor Angst einer Ohnmacht nahe. »Senator, bitte ...« »Ich werde dich festnehmen lassen«, sagte Cicero. »Ich werde dich in Ketten nach Rom schaffen lassen, im Zeugenstand auf dem Forum Romanum vor tausend Zuschauern in Stücke reißen und deine Überreste an die Hunde im Tempel der Kapitolinischen Trias verfüttern.«

»Von Schiffen, Senator«, sagte Vibius mit piepsender Stimme. »Die Güter stammten von Schiffen.«

»Was für Schiffen? Woher kamen die?«

»Von überall, Senator. Aus Asia, Syrien, Tyros, Alexandria.«

»Und was ist mit den Schiffen passiert? Hat Verres sie beschlagnahmen lassen?«

»Ja, Senator.«

»Mit welcher Begründung?«

»Spionage.«

»Spionage, natürlich, was sonst?«, sagte Cicero zu mir. »Hat wohl jemals ein Mann so viele Spione aufgestöbert wie unser wachsamer Statthalter Verres? Weiter«, sagte er und wandte sich wieder an Vibius. »Was ist aus den Mannschaften dieser Spionageschiffe geworden?«

»Man hat sie in die Steinbrüche gebracht, Senator.«

»Und was ist da mit ihnen passiert?«

Vibius antwortete nicht.

Die Steinbrüche waren das furchterregendste Gefängnis Siziliens, wahrscheinlich der ganzen Welt -jedenfalls habe ich von keinem schlimmeren gehört. Es war auf etwa einhundertachtzig Schritten Länge und sechzig Schritten Breite in den massiven Fels gehauen und befand sich nördlich von Syrakus auf der befestigten Hochebene von Epipolae, von der man die ganze Stadt überblicken konnte. In diesem Höllenloch, aus dem kein Schrei nach außen dringen konnte, der sengenden Sommerhitze und den kalten Winterschauern schutzlos ausgeliefert, litten Verres' Opfer sowohl unter der Grausamkeit der Wachen wie den niederen Instinkten ihrer Mitgefangenen und starben einen qualvollen Tod.

Wegen seiner allseits bekannten Abneigung gegen alles Militärische ist Cicero von seinen Feinden oft Feigheit vorgeworfen worden, und sicher hatte er nicht die stärksten Nerven und war etwas verzärtelt, aber an diesem Tag, dafür kann ich mich verbürgen, zeigte er Mut. Er ging zurück zu Flavius' Haus und holte Lucius ab, während Frugi dort blieb und weiter die Steuerunterlagen durchforstete. Dann machten wir uns auf den Weg nach Epipolae. Mit der uns inzwischen überallhin folgenden Menge Syrakuser Bürger und lediglich bewaffnet mit unseren Spazierstöcken und Glabrios Vollmacht, stiegen wir den steilen Pfad hinauf. Wie immer waren die Nachricht von Ciceros Anmarsch und der Grund seines Kommens uns schon vorausgeeilt. Cicero drohte dem Hauptmann der Wachmannschaft in einer vernichtenden Tirade die schrecklichsten Konsequenzen an, sollte er seinen Forderungen nicht nachkommen, worauf dieser das Festungstor öffnete und uns auf das Plateau ließ. Als wir erst mal drin waren, verlangte Cicero, die Steinbrüche persönlich zu inspizieren - trotz allen Warnungen unsererseits, dass dies zu gefährlich sei.

Der riesige Kerker war schon vor über dreihundert Jahren unter der Herrschaft von Dionysios, dem Tyrannen von Syrakus, erbaut worden. Wachmänner mit brennenden Fackeln schlossen ein Eisentor auf und führten uns in einen Tunnel. Schimmel wucherte an dem glänzenden, von Kalk zerfressenen Fels, Ratten huschten im Dunkel hin und her, es stank nach Tod und Verwesung, das Schreien und Stöhnen der verlorenen Seelen war zu hören - wahrhaftig, das war der Abstieg in die Unterwelt, in den Orcus. Schließlich kamen wir zu einer zweiten eisernen Tür, und als man auch diese aufgeschlossen und die Riegel zur Seite geschoben hatte, betraten wir das eigentliche Gefängnis. Was für ein Anblick! Es war, als hatte ein Riese Hunderte gefesselter Gestalten in einen Sack gestopft und diesen dann über einem Loch ausgeleert. Das Licht war trübe, fast wie unter Wasser. Gefangene, wohin man auch schaute. Manche schlurften herum, andere standen in kleinen Gruppen zusammen, die meisten jedoch, gelblich bleiche Gerippe, lagen einfach auf dem Boden. Die Toten, die jeden Tag anfielen, waren noch nicht abtransportiert worden, aber es war ohnehin kaum möglich, die lebenden Skelette von den Toten zu unterscheiden.

Wir gingen ziellos zwischen den Körpern umher -den toten wie denen, die noch auf ihr Ende warteten, aber von den Toten nicht zu unterscheiden waren. Gelegentlich blieb Cicero stehen und fragte einen Mann nach seinem Namen, wobei er sich bücken musste, da er sonst die geflüsterte Antwort nicht verstanden hätte. Wir fanden keinen einzigen Römer, nur Sizilier. »Wer von euch ist römischer Bürger?«, rief er laut. »Ist irgendwer hier, den man von einem Schiff hierher gebracht hat?« Keine Antwort. Er drehte sich um, rief den Hauptmann der Wachen zu sich und verlangte die Gefängnisunterlagen zu sehen. Wie Vibius war auch er zwischen der Angst vor Verres und der Angst vor dem Sondererermittler hinund hergerissen, gab aber dem Druck Ciceros schließlich doch nach.

In die Felswände waren separate Zellen und Stollen geschlagen, in denen gefoltert und hingerichtet wurde und wo die Wachen aßen und schliefen. (Wie wir später feststellten, war die bevorzugte Hinrichtungsart die mit dem Würgeeisen.) Hier war auch die Gefängnisverwaltung untergebracht, falls man die als solche bezeichnen wollte. Man brachte uns Körbe mit feuchten, vermoderten Papyrusrollen, auf denen die Namen der Gefangenen sowie die Daten für Anfang und Ende der Haftzeit verzeichnet waren. Manche Männer waren als entlassen aufgeführt, doch hinter den Namen der meisten stand das gekritzelte sizilische Wort edikaiothesan, was hieß: »Todesstrafe vollstreckt«.

»Ich will den Namen von jedem Zugang während der drei Jahre, als Verres Statthalter war«, sagte er zu mir. Und zum Hauptmann: »Und du wirst mir hinterher mit deiner Unterschrift die Korrektheit der Angaben bestätigen.«

Während ich mich mit meinen beiden Gehilfen an die Arbeit machte, suchten Cicero und Lucius in den Listen nach römischen Namen. Obwohl die meisten Gefangenen in den »Steinbrüchen« während Verres' Amtszeit offenbar Sizilier gewesen waren, fanden sich auch viele Namen von Männern, die aus anderen Regionen des Mittelmeerraumes stammten: aus Spanien, Ägypten, Syrien, Kilikien, Kreta, Dalmatien. Als Cicero nach dem Grund ihrer Einkerkerung fragte, hieß es, sie seien Piraten gewesen - Piraten und Spione. Alle waren als »zum Tode verurteilt« aufgeführt, darunter auch der berüchtigte Piratenkapitän Heraclio. Die römischen Bürger unter den Gefangenen jedoch waren als »entlassen« verzeichnet - auch die beiden Männer aus Spanien, Publius Gavius und Lucius Herennius, von deren Hinrichtungen man uns erzählt hatte.

»Diese Aufzeichnungen sind Unsinn«, sagte Cicero leise zu Lucius. »Sie können nur falsch sein. Kein Mensch hat gesehen, wie Heraclio hingerichtet worden ist, dabei ist die Kreuzigung eines Piraten ein Schauspiel, das sich niemand entgehen lässt. Die Hinrichtung der beiden Römer haben jede Menge Leute gesehen. Sieht ganz so aus, als hätte Verres die beiden einfach ausgetauscht - die Mannschaften der Schiffe hat er töten lassen und die Piraten gegen ein fettes Lösegeld freigelassen. Wenn Gavius und Herennius ihm auf die Schliche gekommen sind, dann würde das erklären, warum Verres es so eilig damit hatte, sie hinzurichten.«

Lucius sah aus, als müsste er sich gleich übergeben. Den Sprung vom Studium philosophischer Bücher im sonnigen Rom zum Studium von Todeslisten beim Schein tropfender Kerzen zwischen nassen Felswänden fünfundachtzig Fuß unter der Erde musste man erst einmal verkraften. Wir beendeten unsere Arbeit, so schnell wir konnten. Nie war ich erleichterter gewesen, einen Ort verlassen zu können, als in dem Augenblick, als wir durch den Tunnel nach oben stiegen und in die Welt der Menschen zurückkehrten. Ich erinnere mich an diesen Nachmittag, als wäre es gestern und nicht vor über einem halben Jahrhundert gewesen. Eine leichte, von See hereinwehende Brise war aufgekommen, und wir stellten uns instinktiv mit dem Gesicht zum Wind und atmeten dankbar die kühle, klare Luft ein.

»Eins musst du mir versprechen«, sagte Lucius. »Solltest du jemals das Imperium innehaben, nach dem du dich so sehnst, dann darfst du solche Unmenschlichkeit, solches Unrecht niemals zulassen.«

»Ich schwöre es«, erwiderte Cicero. »Und versprich du mir, mein lieber Lucius, solltest du dich jemals fragen, warum rechtschaffene Männer der Philosophie entsagen und nach Macht in der realen Welt streben, dass du dich immer daran erinnern wirst, was du in den Steinbrüchen von Syrakus gesehen hast.«

*

Zu dieser Zeit - es war später Nachmittag, als wir die Steinbrüche verließen - herrschte dank Ciceros Aktivitäten große Aufregung in Syrakus. Die Menschenmenge, die uns den steilen Weg hinauf zum Gefängnis gefolgt war, nahm uns vor den Mauern von Epiolae wieder in Empfang. Sie war sogar noch größer geworden, da sich ihr einige der angesehensten Bürger der Stadt angeschlossen hatten, darunder der Oberpriester des Jupiter, der eigens seine geweihte Robe angelegt hatte. Dieses hohe geistliche Amt, das traditionell dem ranghöchsten Bürger von Syrakus vorbehalten war, hatte zu jener Zeit niemand anderer als Ciceros Klient Heraclius inne, der aus eigenem Entschluss und unter beträchtlichem persönlichem Risiko aus Rom angereist war, um uns zu unterstützen. Er bat Cicero im Namen des städtischen Senats, ihn umgehend in die Stadt zu begleiten, damit ihn die Honoratioren förmlich willkommen heißen konnten.

Cicero wusste nicht recht, was er tun sollte. Er hatte noch viel Arbeit in viel zu kurzer Zeit zu erledigen, und außerdem verstieß es gegen das Protokoll, dass ein römischer Senator ohne die Erlaubnis des Statthalters vor einer örtlichen Kammer sprach. Andererseits eröffnete es ihm eine gute Möglichkeit, seine Nachforschungen voranzutreiben. Er zögerte kurz, erklärte sich dann einverstanden, und wenige Minuten später marschierten wir mit unserer vielköpfigen Eskorte aus ergebenen Siziliern Richtung Stadt.

Die Senat war überfüllt. Unter einer vergoldeten Statue von Verres stand der ranghöchste Senator, der ehrwürdige Diodorus, hieß Cicero in griechischer Sprache willkommen und entschuldigte sich dafür, dass sie ihm bislang noch keinen Beistand geleistet hätten: Bis zu den Ereignissen des heutigen Tages hätten sie nicht geglaubt, dass er es tatsächlich ernst meinte. Beflügelt von den Eindrücken und Erlebnissen des Tages, hielt Cicero -ebenfalls auf Griechisch - eine brillante Stegreifrede, in welcher er versprach, sein Leben ganz der Aufgabe zu widmen, das den Menschen von Sizilien zugefügte Unrecht wiedergutzumachen. Unmittelbar nach der Rede stimmten die Senatoren von Syrakus fast einstimmig dafür, ihre Lobpreisung auf Verres zu widerrufen (die ihnen, so schworen sie, von Metellus abgepresst worden sei). Unter allgemeinem Jubel schlangen mehrere junge Männer Seile um den Hals der Verres-Statue und rissen sie um. Andere präsentierten uns - was wichtiger war - aus ihrem eigenen Geheimarchiv eine Fülle an neuem Beweismaterial, das sie über Verres' Verbrechen gesammelt hatten. Dazu gehörten Ungeheuerlichkeiten wie der Diebstahl von siebenundzwanzig unschätzbaren Porträts aus dem Tempel der Minerva - sogar die üppig verzierten Türen des Heiligtums waren abtransportiert worden! - sowie ein detailliertes Verzeichnis der Bestechungsgelder, die Verres in seiner Eigenschaft als Richter für Freisprüche gefordert hatte.

Inzwischen hatte die Nachricht von der Versammlung und dass man die Verres-Statue umgestürzt hatte, den Palast des Statthalters erreicht. Als wir den Senat verlassen wollten, war das Gebäude umstellt von römischen Soldaten. Die Versammlung wurde auf Metellus' Befehl aufgelöst, Heraclius verhaftet und Cicero zum sofortigen Rapport zum Statthalter zitiert. In diesen Minuten fehlte nicht viel, und es wäre zu blutigen Unruhen gekommen. Cicero sprang jedoch auf die Ladefläche eines Fuhrwerks und forderte die Sizilier auf, Ruhe zu bewahren. Metellus würde es nicht wagen, sich an einem römischen Senator zu vergreifen, der im Auftrag eines römischen Prätors handle. Allerdings fügte er nicht nur zum Spaß hinzu, dass es vielleicht nicht falsch wäre, sollte er bei Einbruch der Nacht nicht wieder unter ihnen weilen, Nachforschungen nach seinem Aufenthaltsort anzustellen. Dann stieg er von dem Wagen herunter, und wir ließen uns widerstandslos über die Brücke auf die Insel führen.

Das Geschlecht der Metelli näherte sich zu jener Zeit dem Zenit seiner Macht. Besonders der Zweig mit den drei Brüdern Quintus, Lucius und Marcus, die damals alle in den Vierzigern waren, schien dafür ausersehen, die Geschicke Roms auf Jahre hinaus zu bestimmen. Das Trio war, wie Cicero zu sagen pflegte, ein dreiköpfiges Monster, dessen mittlerer Kopf - der zweite Bruder Lucius - in vielerlei Hinsicht der gefährlichste war. Lucius Metellus empfing uns unter Aufbietung aller Insignien seines imperium im Prunksaal des Statthalterpalastes - ein imposanter, gut aussehender Mann, der unter den marmornen Blicken eines Dutzends seiner Vorgänger auf seinem kurulischen Stuhl saß, flankiert von seinen Liktoren, hinter ihm sein Quästor und seine Sekretäre, neben der Tür eine bewaffnete Wache.

Ohne sich zu erheben und ohne ein Wort der Einleitung sagte er: »Die Anstiftung einer Rebellion in einer römischen Provinz ist Hochverrat.«

»Es ist ebenfalls Hochverrat«, erwiderte Cicero, »das Volk und den Senat Roms zu beleidigen, indem man deren offiziellen Repräsentanten daran hindert, seine Pflicht zu erfüllen.«

»Ach ja? Was ist das für ein Repräsentant Roms<, der vor einem griechischen Senat eine Rede in dessen Muttersprache hält? Du ziehst durch die Provinz und stiftest überall Unruhe. Das werde ich nicht dulden! Unsere Garnison ist zu klein, um bei so vielen Einheimischen die Ordnung aufrechtzuerhalten. Mit deiner verfluchten Agitation machst du die Insel unregierbar.«

»Ich versichere dir, dass sich der Unmut gegen Verres richtet, nicht gegen Rom.«

»Verres!« Metellus schlug mit der Faust auf die Armlehne seines Stuhls. »Warum interessierst du dich plötzlich für Verres? Ich sage dir, warum. Du benutzt ihn, weil du die Chance witterst, damit deine Karriere befördern zu können, du mieser kleiner Stänkerer.«

»Schreib das auf, Tiro«, sagte Cicero, ohne seinen Blick von Metellus abzuwenden. »Ich will einen wörtlichen Bericht von diesem Gespräch. Derartige Einschüchterungsversuche werden von jedem Gericht zur Verhandlung zugelassen.«

Doch ich hatte viel zu viel Angst, um auch nur einen Finger zu rühren. Bei Ciceros letzten Worten war nämlich Metellus aufgesprungen, und die anderen Männer machten lautstark ihrem Unmut Luft. »Ich befehle dir«, sagte Metellus, »die heute Morgen gestohlenen Dokumente zurückzugeben!«

»Und ich möchte den Statthalter mit allem gebotenen Respekt daran erinnern«, erwiderte Cicero gelassen, »dass er sich nicht auf dem Exerzierplatz befindet, dass er es mit einem freien römischen Bürger zu tun hat und dass ich die Aufgabe, mit der man mich betraut hat, erfüllen werde!«

Metellus hatte die Fäuste in die Hüften gestemmt und stand mit leicht vorgeneigtem Oberkörper und vorgerecktem Kinn vor Cicero. »Du kannst die Dokumente jetzt zurückgeben, ohne großes Aufsehen, oder das Gericht wird dich morgen vor den Augen von ganz Syrakus dazu zwingen.«

»Ich ziehe es vor, meine Sache vor Gericht auszutragen, wie immer«, sagte Cicero und neigte kaum merklich den Kopf. »Besonders, da ich weiß, welch unparteiischen und rechtschaffenen Richter ich mit dir, Lucius Metellus, würdiger Erbe des Verres, haben werde.«

Ich versichere, dass ich dieses Gespräch exakt wiedergebe, da Cicero und ich es sofort nach Verlassen des Raumes - was sehr bald nach dem letzten Wortwechsel geschah - zu rekonstruieren begannen für den Fall, dass er tatsächlich Gelegenheit erhielte, es vor Gericht verwenden zu können. (Die exakte Abschrift befindet sich bis zum heutigen Tag bei seinen Unterlagen.)

»Das ist ja prächtig gelaufen«, witzelte er, aber seine Hände und seine Stimme zitterten. Es war jetzt klar, dass die ganze Mission und vielleicht sogar seine persönliche Sicherheit in höchster Gefahr waren. »Aber wenn du die Macht willst«, sagte er halb zu sich selbst, »und wenn du ein homo novus bist, dann musst du es genau so anpacken. Keiner überreicht dir die Macht einfach so auf dem Silbertablett.«

Wir kehrten sofort zu Flavius' Haus zurück und arbeiteten beim schwachen Schein qualmender sizilischer Kerzen und flackernder Öllampen die ganze Nacht durch, um für den morgigen Auftritt vor Gericht vorbereitet zu sein. Ehrlich gesagt war mir nicht klar, was Cicero überhaupt erwarten durfte - außer einer Demütigung. Metellus würde nie zu seinen Gunsten entscheiden, und außerdem, wie Cicero unter vier Augen ja schon zugegeben hatte, war das Recht aufseiten der Steuerpächter. Aber den Tapferen hilft das Glück, wie schon der edle Terentius sagt, und in jener Nacht war es zweifelsohne mit Cicero. Es war der junge Frugi, der den Durchbruch schaffte. Ich habe Frugi in dieser Erzählung nicht so oft erwähnt, wie er es eigentlich verdient hätte. Hauptsächlich deshalb, weil er den ruhigen, anständigen Typ verkörperte, der nur selten Anlass für eine Bemerkung gibt und erst auffällt, wenn er nicht mehr da ist. Er hatte schon den ganzen Tag über den Unterlagen der Steuerpächter gesessen und wollte auch am Abend, obwohl er sich Ciceros Erkältung eingefangen hatte, keinesfalls ins Bett, sondern stürzte sich stattdessen auf die Beweismittel, die der Senat von Syrakus zusammengetragen hatte. Es muss schon weit nach Mitternacht gewesen sein, als er plötzlich laut »Na also« rief und uns zu seinem Tisch winkte. Vor ihm lag eine Reihe von Wachstafeln, auf denen die Geldbewegungen des Steuerpächtersyndikats verzeichnet waren. Für sich genommen, hatte die Auflistung der Namen, Datumsangaben und geliehenen Beträge keine Aussagekraft. Doch als Frugi sie mit der Liste verglichen hatte, die der Syrakuser Senat von den Leuten erstellt hatte, die Bestechungsgelder an Verres zahlen mussten, ergab sich eine exakte Übereinstimmung: um zahlen zu können, hatten sie sich das Geld geliehen. Noch deutlicher wurde der Sachverhalt, als Frugi eine dritte Serie Wachstafeln vor uns ausbreitete, nämlich die mit den Eingangsbelegen des Steuerpächtersyndikats. An den gleichen Tagen waren exakt die gleichen Beträge von einer Person namens »Gaius Verrucius« wieder beim Syndikat eingezahlt worden. Die Identität des Einzahlers war so primitiv gefälscht worden, dass wir alle lachen mussten. Offensichtlich hatte der ursprüngliche Name »Gaius Verres« gelautet. Man hatte einfach die letzten beiden Buchstaben weggekratzt und durch »ucius« ersetzt.

»Verres hat also eine bestimmte Bestechungssumme gefordert«, sagte Cicero, dem man die Erregung jetzt deutlich anmerkte, »und hat obendrein von seinem Opfer verlangt, dass er sich das nötige Bargeld bei Carpinatius leiht, und das sicher zu einem horrenden Zinssatz. Dann hat er das Geld bei seinen Steuerpächterfreunden reinvestiert. Damit war sein Kapital nicht nur geschützt, es hat auch noch Profit abgeworfen! Ein gerissener Schurke! Gerissen, gierig und dumm!« Er legte ein kleines Freudentänzchen hin, schlang dann die Arme um den verlegenen Frugi und küsste ihn herzhaft auf beide Wangen.

Ich kann versichern, dass von all seinen Triumphen im Gerichtssaal der am nächsten Tag gewiss zu seinen süßesten gehörte - vor allem, weil er juristisch gar kein Sieg, sondern eine Niederlage war. Er wählte die für Rom bestimmten Beweisstücke aus, die Lucius, Frugi, Sositheus, Laurea und ich in Körben hinunter aufs Forum von Syrakus trugen, wo Metellus seinen Richterstuhl hatte aufstellen lassen. Eine riesige Menge Einheimischer war zusammengeströmt. Carpinatius saß schon auf seinem Stuhl und wartete auf uns. Er hielt sich für einen ziemlich gewieften Anwalt und präsentierte seinen Fall, indem er alle relevanten, seine These stützenden Gesetzesbestimmungen und Präzedenzfälle zitierte, dass nämlich Steuerunterlagen einer Provinz nicht beschlagnahmt werden dürfen. Ganz allgemein versuchte er den Eindruck zu erwecken, er sei nichts weiter als das gedemütigte Opfer eines übermächtigen Senators geworden. Cicero stand mit gesenktem Kopf da und spielte den Niedergeschlagenen so herrlich, dass ich mir nur mit Mühe das Lachen verkneifen konnte. Als er sich schließlich erhob, entschuldigte er sich für seine Handlungsweise, gestand sein Unrecht vor dem Gesetz ein, bat den Statthalter um Vergebung und versprach freudig, die Unterlagen an Carpinatius zurückzugeben, wobei - und hier machte er eine kurze Pause - es da allerdings eine kleine Sache gebe, die er nicht ganz verstünde und für dessen Klärung er sehr dankbar wäre. Er nahm eine der Wachstafeln in die Hand und betrachtete sie mit verwirrtem Gesichtsausdruck. »Wer ist eigentlich Gaius Verrucius?«

Der bis dahin zufrieden lächelnde Carpinatius sah von einer Sekunde auf die andere aus, als hätte man ihm aus kürzester Entfernung einen Pfeil in die Brust geschossen. Cicero verwies nun - mit einem Ausdruck der Verblüffung, als hätte er es hier mit einem Rätsel zu tun, das seinen Verstand bei weitem übersteige - auf die zufällige Übereinstimmung von Namen, Daten und Beträgen in den Unterlagen des Steuerpächtersyndikats und der vom Syrakuser Senat geführten Liste mit den Bestechungsopfern.

»Und da ist noch ein Punkt«, sagte Cicero in freundlichem Tonfall zu Carpinatius. »Dieser Herr, mit dem du so rege Geschäftsbeziehungen gepflegt hast, taucht in deinen Unterlagen erst auf, als sein Fast-Namensvetter Gaius Verres in Sizilien eingetroffen war. Und er taucht gar nicht mehr auf, nachdem Gaius Verres die Insel wieder verlassen hatte. Aber in den drei Jahren von Verres' Amtszeit war er dein größter Kunde.« Er hielt die Abrechnungen in die Höhe und zeigte sie den Zuschauern. »Und es ist sicher ein dummer Zufall -hier, seht! -, dass dem Sklaven, der deine Berichte kopiert, immer der Schreibgriffel verrutscht ist, wenn er seinen Namen geschrieben hat. Naja, was soll's. Ich bin sicher, das hat nichts zu bedeuten. Aber vielleicht kannst du dem Gericht jetzt einfach mitteilen, wer dieser Verrucius ist und wo man ihn finden kann.«

Carpinatius schaute hilflos zu Metellus, als jemand aus der Zuschauermenge rief: »Den gibt's gar nicht!« Und ein anderer schrie: »Einen Verrucius hat's in Sizilien nie gegeben! Das ist Verres!« Und die Menge fing an zu skandieren: »Verres! Verres! Verres!«

Cicero hob eine Hand, und die Menge verstummte. »Carpinatius behauptet, dass ich keine Dokumente der Provinz beschlagnahmen darf. Ich gebe zu, nach dem Gesetz hat er recht. Aber an keiner Stelle in den Gesetzen steht, dass ich keine Abschriften machen kann, solange sie korrekt sind und ordnungsgemäß beglaubigt werden. Was ich brauche, ist Hilfe. Wer ist bereit, mir bei der Abschrift dieser Dokumente zu helfen, damit ich sie nach Rom bringen und dieses Schwein Verres für seine Verbrechen gegen das sizilische Volk zur Rechenschaft ziehen kann?«

Unzählige Hände schossen in die Höhe. Metellus versuchte für Ruhe zu sorgen, doch seine Worte gingen im Lärm der hilfswilligen Menge unter. Zusammen mit Flavius suchte Cicero die angesehensten Männer der Stadt aus - Sizilier wie Römer - und bat sie, nach vorn zu kommen, wo jeder Freiwillige ein Dokument sowie eine Wachstafel und einen Griffel ausgehändigt bekam. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Carpinatius verzweifelt versuchte, durch die Menge zu Metellus vorzudringen, und wie Melius selbst mit verschränkten Armen vor seinem erhöhten Sitzplatz stand und wütend auf das Chaos in seiner Gerichtsverhandlung hinunterblickte. Schließlich drehte er sich abrupt um, ging eilig die Stufen hinauf und verschwand in dem Tempel hinter ihm.

Und damit endete Ciceros Sizilienreise. Sicher hätte Metellus nichts lieber getan, als Cicero festzunehmen oder ihn zumindest am Abtransport der Beweismittel zu hindern. Aber Cicero hatte schon zu viele Menschen aus der römischen wie sizilischen Bürgerschaft auf seine Seite gezogen. Hätte Metellus ihn festgesetzt, hätte das einen Aufstand verursacht. Und er verfügte nicht, das hatte er selbst gesagt, über genügend Soldaten, um die gesamte Bevölkerung in Schach zu halten. Am Spätnachmittag waren die Abschriften der Dokumente beglaubigt und versiegelt und wurden auf unser bewachtes Schiff im Hafen gebracht, wo sie neben den schon verladenen Truhen mit den anderen Beweisstücken verstaut wurden. Cicero blieb noch eine Nacht auf der Insel, während der er an einer Aufstellung mit den Namen der Zeugen arbeitete, die er in Rom zu präsentieren gedachte. Lucius und Frugi hatten sich bereit erklärt, in Syrakus zu bleiben, um deren Reise vorzubereiten.

Am nächsten Morgen kamen die beiden an die Anlegestelle, um sich von Cicero zu verabschieden. Im Hafen drängelte sich schon eine jubelnde Menge, an die Cicero letzte Worte des Dankes richtete. »Ich bin mir bewusst, dass ich im Bauch dieses zerbrechlichen Schiffes die Hoffnungen der ganzen Provinz mit mir führe. Ich werde alles für euch tun, was in meiner Macht steht, ich werde euch nicht im Stich lassen.« Dann half ich ihm an Deck, wo er sich mit tränennassen Augen zu den Menschen umwandte. Ich wusste natürlich, dass er als der vollendete Schauspieler, der er war, jede Emotion nach Belieben abrufen konnte, aber an diesem Tag waren seine Gefühle echt, da bin ich mir sicher. Wenn ich jetzt an diesen Tag zurückdenke, frage ich mich, ob er ahnte, dass er die Insel nie mehr betreten würde. Die Ruder senkten sich ins Wasser, und das Schiff löste sich von der Kaimauer. Die Gesichter an der Anlegestelle verschwammen, die Gestalten wurden kleiner und verschwanden schließlich ganz. Langsam glitt das Schiff durch den den Hafen hinaus in die Meerenge.

KAPITEL VIII

Die Rückreise von Regium nach Rom - diesmal ganz auf dem Landweg - war angenehmer als die Hinreise. Der Frühling war inzwischen angebrochen, auf dem Festland war es mild und freundlich. Nicht dass wir viel Gelegenheit hatten, uns an den Vögeln und Blumen zu erfreuen, denn Cicero arbeitete praktisch ununterbrochen. Er saß hinten im Wagen, mit einem Polster im Rücken, und entwarf trotz des ständigen Geschaukels ein Gerüst für den Prozess gegen Verres. Wenn er Dokumente aus dem Gepäckwagen brauchte, holte ich sie ihm, und wenn er mir diktierte, trabte ich neben dem Wagen her, was ziemlich mühsam war. Falls ich es richtig verstand, hatte er vor, die Masse an Beweisen auf vier separate Anklagepunkte zu verteilen -Bestechlichkeit als Richter, Erpressung bei der Eintreibung von Steuern und offizieller Abgaben, Plünderung von privatem und städtischem Besitz und schließlich gesetzwidrige und tyrannische Bestrafungen. Entsprechend sortierte er Zeugenaussagen und Beweisstücke. Außerdem begann er schon mit der Abfassung ganzer Passagen seiner Eröffnungsrede. (All das erledigte er ungeachtet des ständig schaukelnden Wagens. Er hatte nämlich nicht nur seinen Körper dafür ausgebildet, dass er den Belastungen seines Ehrgeizes standhielt, er hatte es auch durch schiere Willensanstrengung geschafft, sich von seiner Reisekrankheit zu kurieren. Im Lauf der Jahre erledigte er Unmengen an Arbeit, während er kreuz und quer durch Italien reiste.) Auf diese Weise führen wir in knapp zwei Wochen von Sizilien nach Rom, ohne dass er unterwegs genau wusste, wo wir gerade waren. Wir erreichten Rom in den Iden des März, exakt zwei Monate nachdem wir die Stadt verlassen hatten.

Hortensius war in der Zwischenzeit nicht untätig gewesen und hatte eine komplizierte Scheinanklage auf den Weg gebracht. Wie von Cicero vermutet, war das Unternehmen zum Teil als Versuch gedacht gewesen, Cicero so früh wie möglich aus Sizilien wegzulocken. Dasianus hatte sich nicht die Mühe gemacht, wegen irgendwelcher Beweissicherung nach Griechenland zu reisen. Er hatte Rom nie verlassen. Allerdings hatte ihn das nicht daran gehindert am Gerichtshof für Erpressungen Klage gegen den früheren Statthalter von Achaea einzureichen, und der Prätor Glabrio, der vor Ciceros Rückkehr nichts unternehmen konnte, hatte kaum eine andere Wahl gehabt, als Dasianus gewähren zu lassen. Und so schwadronierte der von Hortensius aus der Bedeutungslosigkeit hervorgeholte Nichtskönner Dasianus Tag für Tag vor gelangweilten Geschworenen vor sich hin. Und wenn Dasianus erschlaffte und sein Redeschwall verebbte, sprang der »Tanzmeister« auf seine elegante Art ein und drehte auf dem Gerichtsboden mittels eigener, ausschweifend vorgetragener Argumente ein paar Pirouetten.

Quintus, schon immer ein findiger Stabsoffizier, hatte für Ciceros Wahlkampf für jeden Tag einen Terminplan entworfen. Als Cicero nach zwei Monaten Abwesenheit wieder sein Haus betrat, steuerte er als Erstes sein Arbeitszimmer an, um sich den Plan anzusehen, und erkannte mit einem Blick, was Hortensius beabsichtigte. Festtage, an denen das Gericht nicht zusammentrat, waren mit roten Punkten markiert. Zog man diese ab, blieben nur noch zwanzig volle Arbeitstage bis zum Beginn der sitzungsfreien Zeit des Senats. Die dauerte weitere zwanzig Tage, worauf direkt im Anschluss das fünftägige Fest der Flora folgte. Dann kamen der Tag des Apollo, die Tarentinischen Spiele, das Fest des Mars und so weiter. Grob geschätzt kamen auf vier Tage ein Feiertag. »Einfach ausgedrückt«, sagte Quintus, »bedeutet das Folgendes: So wie das bis jetzt läuft, schafft es Hortensius problemlos, das Gericht bis kurz vor den Konsulatswahlen Ende Juli zu beschäftigen. Danach ist deine eigene Wahl zum Ädil Anfang August. Das früheste wahrscheinliche Datum, an dem wir vor Gericht ziehen können, ist der fünfte. Und dann fangen Mitte August Pompeius' Spiele an - und die sind auf volle fünfzehn Tage angesetzt. Und dann sind da natürlich noch die Römischen Spiele und die Plebejischen Spiele ...«

»Verdammt«, rief Cicero aus und schaute sich den Kalender an. »Tut eigentlich irgendwer in dieser erbärmlichen Stadt noch was anderes, als dabei zuzuschauen, wie sich Menschen und Tiere gegenseitig abschlachten?« Die Hochstimmung, in der er sich auf dem ganzen Weg von Syrakus nach Rom befunden hatte, schien in diesem Augenblick wie weggeblasen. Es war, als hätte man mit einer Nadel in eine Blase gestochen. Er war kampfbereit nach Hause gekommen und musste nun erkennen, dass Hortensius viel zu gerissen war, um ihm in offener Gerichtsschlacht gegenüberzutreten. Abblocken und zermürben, so sah dessen Taktik aus. Eine geschickte Taktik, wusste doch jeder, dass Ciceros finanzielle Mittel bescheiden waren. Je länger er brauchte, um den Fall vor Gericht zu bringen, desto mehr Geld würde ihn das kosten. In ein oder zwei Tagen würden unsere ersten Zeugen aus Sizilien eintreffen. Sie erwarteten natürlich, dass man ihnen Reise und Unterkunft bezahlte und außerdem für ihren Verdienstausfall aufkam. Obendrein musste Cicero seinen Wahlkampf für das Ädilat finanzieren. Und angenommen, er würde die Wahl gewinnen, dann müsste er auch noch das Geld auftreiben, das ihn das eine Jahr im Amt kosten würde. Schließlich waren öffentliche Gebäude zu unterhalten und zwei weitere offizielle Spiele zu veranstalten. Er konnte es sich nicht leisten, bei diesen Aufgaben zu knausern: Einem Geizkragen verziehen die Wähler nie.

Es blieb ihm also nichts anderes als eine weitere peinvolle Sitzung mit Terentia. Am Abend seiner Rückkehr aus Syrakus aßen sie zusammen. Im Lauf des Abends ließ Cicero mich ins Speisezimmer rufen und sagte, ich solle ihm den Entwurf seiner Eröffnungsrede bringen. Terentia lag steif auf ihrer Liege und stocherte gereizt in ihrem Essen herum, während Cicero seinen Teller nicht mal angerührt hatte. Ich gab ihm die Aktentasche und war froh, dass ich gleich wieder verschwinden konnte. Schon jetzt war die Rede so ausgeufert, dass er mindestens zwei Tage gebraucht hätte, um sie vorzutragen. Später hörte ich, wie er auf und ab ging und ihr daraus vorlas. Mir wurde plötzlich klar, dass sie ihm eine Art Generalprobe des Prozesses abverlangte, bevor sie ihm noch mehr Geld vorschoss. Anscheinend hatte ihr Ciceros Vorstellung gefallen, denn am nächsten Morgen sorgte Philotimus dafür, dass uns ein Kredit von weiteren fünfzigtausend Sesterzen eingeräumt wurde. Cicero empfand den Vorgang als Demütigung, jedenfalls beschäftigte er sich nach meiner Erinnerung seit jener Zeit zunehmend mit dem Thema Geld, einem Thema, das ihn davor nie auch nur im Geringsten interessiert hatte.

Ich bin jetzt schon bei meiner achten Rolle Hieratica und habe das Gefühl, dass ich Zeit vergeude. Ich muss meiner Geschichte etwas Beine machen, sonst werde ich entweder über meiner Arbeit sterben oder langweile den Leser zu Tode. Man sehe mir also nach, wenn ich die nächsten vier Monate im Eiltempo abhandle. Cicero war genötigt, noch harter als sonst zu arbeiten. Morgens musste er sich als Erstes um seine Klienten kümmern. (Natürlich waren durch die Sizilienreise eine Menge Fälle aufgelaufen, die jetzt abgearbeitet sein wollten.) Dann musste er sowohl vor Gericht wie auch im Senat erschienen, die beide tagten. Im Senat hielt er sich bedeckt, vor allem, weil er nicht in ein Gespräch mit Pompeius Magnus verwickelt werden wollte, in dessen Verlauf dieser ihn vielleicht bitten könnte, die Anklage gegen Verres wie auch seine Kandidatur für das Ädilatsamt fallen zu lassen, oder - noch schlimmer - ihm seine Hilfe anbieten könnte, wodurch er dem mächtigsten Mann Roms zu Dank verpflichtet wäre. Und das war eine Verpflichtung, die er unbedingt vermeiden wollte. Nur wenn an öffentlichen Feiertagen und während Sitzungspausen Gerichte und Senat nicht zusammentraten, konnte er sich ganz auf den Verres-Fall konzentrieren. Dann sichtete und straffte er Beweismaterial und instruierte Zeugen. Wir schafften nach und nach über einhundert Sizilier nach Rom, die fast alle zum ersten Mal in der Stadt waren und jemanden brauchten, der sie an die Hand nahm - was meine Aufgabe war. Ich wurde zu einer Art Einmannreiseunternehmer, der dauernd in der Stadt unterwegs war, damit seine Kunden nicht Verres' Spionen in die Fänge gerieten oder sich betranken oder in Schlägereien verwickelt wurden - ein heimwehkranker Sizilier, das darf man mir glauben, ist kein einfacher Kunde. Ich war erleichtert, als Frugi aus Syrakus eintraf und mir zur Hand gehen konnte. (Vetter Lucius blieb in Sizilien, damit der Nachschub an Beweisen und Zeugen nicht ins Stocken geriet.) Und schließlich nahm Cicero auch seine Besuche in den Hauptquartieren der Wahlbezirke wieder auf, um für seine Wahl zum Ädil zu trommeln, was er meist am frühen Abend in Begleitung von Quintus erledigte.

Hortensius war ebenfalls aktiv. Mittels seines Sprachrohrs Dasianus hielt er den Gerichtshof für Erpressungen mit seiner öden Anklage auf Trab. Sein Vorrat an Gerissenheit war wirklich unerschöpflich. Zum Beispiel kannte seine Freundlichkeit gegenüber Cicero keine Grenzen. Wann immer sie im Senaculum des Senats auf die Eröffnung der Sitzung warteten, begrüßte er ihn und nahm ihn für ein paar vertrauliche Worte über die allgemeine politische Lage beiseite. Anfangs fühlte Cicero sich geschmeichelt, doch dann erfuhr er, dass Hortensius und seine Anhänger das Gerücht streuten, die Geschworenen und Cicero hätten sich mit einer riesigen Summe dafür bestechen lassen, die Anklage absichtlich scheitern zu lassen - deshalb auch die Vertraulichkeiten in aller Öffentlichkeit. Als unseren überall in der Stadt in Mietskasernen eingepferchten Zeugen die Gerüchte zu Ohren kamen, gerieten sie in Panik wie Hühner, wenn der Fuchs um den Stall streicht. Cicero musste jeden einzelnen besuchen und beruhigen. Als Hortensius das nächste Mal mit ausgestreckter Hand auf ihn zuging, drehte er sich einfach um. Hortensius lächelte und zuckte mit den Achseln - was soll's, für ihn lief ohnehin alles nach Wunsch.

Ich sollte an dieser Stelle vielleicht noch etwas mehr über jenen bemerkenswerten Mann erzählen, den »König der Gerichtshöfe«, wie ihn seine Anhänger nannten, dessen Rivalität mit Cicero die römische Anwaltschaft eine Generation lang in Atem hielt. Die Grundlage seines Erfolgs war sein Gedächtnis. In seinen mehr als zwanzig Jahren als Anwalt hatte man nie erlebt, dass er Notizen nötig gehabt hatte. Es bereitete ihm keine Mühe, eine vierstündige Rede auswendig zu lernen und perfekt vorzutragen, ob im Senat oder auf dem Forum. Und dieses phänomenale Erinnerungsvermögen war nicht das Ergebnis nächtelangen, stumpfsinnigen Paukens, er konnte es jederzeit aus dem Stand demonstrieren. Er besaß die beängstigende Fähigkeit, sich an alles, was seine Gegner gesagt hatten - sei es bei einer Zeugenaussage oder einem Kreuzverhör -, erinnern zu können, und er konnte es ihnen, wann immer es ihm nötig erschien, wieder an den Kopf schleudern. Er glich einem doppelt bewaffneten Gladiator, dessen Arena der Gerichtssaal war. Er attackierte mit Schwert und Dreizack, er schützte sich mit Wurfnetz und Schild. In jenem Sommer war er vierundvierzig Jahre alt und lebte mit seiner Frau und seinen beiden halbwüchsigen Kindern, einem Sohn und einer Tochter, auf dem Palatin in einem exquisit eingerichteten Haus direkt neben seinem Schwager Catulus. Exquisit - das war das auf Hortensius zutreffende Wort: exquisite Umgangsformen, exquisit gekleidet, frisiert, parfümiert, exquisit in seinem Geschmack bei allen schönen Dingen. Nie kam ihm ein grobes Wort über die Lippen. Aber er hatte ein gewohnheitsmäßiges Laster, und das war seine Gier, die ungeheuerliche Ausmaße angenommen hatte: der Palast in der Bucht von Neapel; der Privatzoo; der Keller, in dem zehntausend Fässer mit erlesenen Weinen lagerten; das Gemälde von Cydias, das er für hundertfünfzigtausend Sesterzen gekauft hatte; die mit Juwelen behängten Aale in seinem Fischteich; die Bäume, die er mit Wein besprengen ließ; er war der Erste, der seinen Gästen Pfau servieren ließ -alle Welt kannte die Geschichten. Diese Extravaganz hatte ihn in die Verbindung mit Verres getrieben, der ihn seitdem mit gestohlenen Geschenken überschüttete - das bekannteste war eine unschätzbar wertvolle, aus einem einzigen Stück Elfenbein geschnitzte Sphinx - und der außerdem seinen Wahlkampf für das Konsulat finanzierte.

Die Konsulatswahl war für den siebenundzwanzigsten Juli festgesetzt worden. Am dreiundzwanzigsten sprachen die Geschworenen des Gerichtshofes für Erpressungen den ehemaligen Statthalter von Achaea von allen Anklagepunkten frei. Cicero, der sich von der Arbeit an seiner Eröffnungsrede losgerissen hatte und in den Senat geeilt war, um das Urteil der Geschworenen zu hören, registrierte teilnahmslos, dass Glabrio den Beginn der Anhörungen im Fall Verres auf den fünften August festsetzte. »Ich gehe davon aus, dass deine Ausruhrungen dann etwas knapper ausfallen werden«, sagte er zu Hortensius, der diese Bemerkung mit einem blasierten Grinsen quittierte. Jetzt mussten nur noch die Geschworenen ausgewählt werden, was am folgenden Tag erledigt wurde. Das Gesetz sah vor, dass zweiunddreißig durch das Los zu bestimmende Senatoren als Geschworene fungierten. Jede Seite war berechtigt, sechs davon abzulehnen. Doch selbst als Cicero sein Kontingent aufgebraucht hatte, sah er sich immer noch einer beängstigenden Anzahl feindseliger Geschworener gegenüber, zu denen einmal mehr Catulus und dessen Schützling Catilina gehörten wie auch der andere große alte Mann des Senats, Servilius Vatia Isauricus, und zu allem Überfluss Marcus Metellus. Außer diesen verknöcherten Aristokraten konnten wir auch Zyniker wie Aemilius Alba, Marcus Lucretius und Antonius Hybrida von vornherein abschreiben, da die ihre Stimme unweigerlich an den höchsten Bieter verscherbeln würden - und Verres war nach wie vor sehr freigebig. Ich glaube, erst an jenem Tag, als ich nach der Vereidigung der Geschworenen Hortensius' Gesicht gesehen habe, ist mir die wahre Bedeutung der alten Redensart »grinsen wie ein Honigkuchenpferd« aufgegangen. Ihm würde alles in den Schoß fallen: das Konsulat und obendrein - dessen war er sich nun auch sicher -der Freispruch für Verres.

Die folgenden Tage waren die nervenaufreibendsten, die Cicero als Person des öffentlichen Lebens je durchgemacht hatte. Am Morgen der Konsulatswahlen war er so mutlos, dass er sich kaum aufraffen konnte, zur Stimmabgabe aufs Marsfeld zu gehen. Aber natürlich musste er sich den Menschen als aktiver Bürger zeigen. Schon beim ersten Trompetenstoß und dem Hissen der rote Flagge über dem Janiculum-Hügel war es keine Frage, wer die Wahl gewinnen würde. Hortensius und Quintus Metellus wurden von Verres und seinem Gold, von den Aristokraten und von Pompeius' und Crassus' Anhängern unterstützt. Dennoch herrschte zu solchen Anlässen immer eine Art Renntagsatmosphäre. Im morgendlichen Sonnenschein strömten die Kandidaten und ihre Anhänger aus der Stadt zu den Wahlurnen, und die umtriebigen Ladenbesitzer bestückten ihre Verkaufsstände mit Wein und Würsten, Würfelspielen und Sonnenschirmen und was man sonst noch alles zu einem kurzweiligen Wahltag benötigte. Wie es uralter Brauch vorschrieb, stand der scheidende erste Konsul Pompeius mit einem Auguren an seiner Seite am Eingang des Zeltes für den Wahlleiter. Als alle Kandidaten für die Konsuln-und Prätorenämter, vielleicht zwanzig Senatoren, in ihren weißen Togen Aufstellung genommen hatten, stieg Pompeius auf das Podium und sprach das traditionelle Gebet. Danach begann die Abstimmung, und die Wähler hatten nun nichts mehr zu tun, als schwatzend herumzustehen, bis sie an die Reihe kamen.

Das war die alte Republik in Aktion. Alle Männer stimmten im Verbund ihrer Zenturien ab, wie in früheren Zeiten, als sie als Soldaten ihren Heerführer gewählt hatten. Jetzt, da das Ritual bedeutungslos geworden ist, kann man kaum noch vermitteln, wie bewegend dieses Schauspiel war, selbst für einen Sklaven wie mich, der kein Wahlrecht hatte. Es verkörperte etwas Wunderbares - einen plötzlichen Impuls des menschlichen Geistes, der vor einem halben Jahrtausend in den unbeugsamen Menschen aufflackerte, die inmitten der harten Felsen und dem weichen Marschland der Sieben Hügel gelebt hatten: ein Impuls, der zum Licht der Würde und Freiheit drängte, weg von der Dunkelheit viehischer Abhängigkeit. Und diesen Impuls haben wir verloren. Nicht dass es sich dabei um eine reine Demokratie gehandelt hätte, wie sie uns Aristoteles beschrieben hatte, ganz und gar nicht. Die Rangfolge unter den Zenturien, von denen es einhundertdreiundneunzig gab, wurde durch den Reichtum ihrer Mitglieder bestimmt. Die wohlhabendsten Schichten wählten stets zuerst und verkündeten immer das Ergebnis: ein entscheidender Vorteil. Diese Zenturien profitierten auch davon, dass sie nur wenige Mitglieder hatten, während es in den Zenturien der riesigen Elendsviertel wie zum Beispiel Subura vor Menschen wimmelte. Folglich zählte die Stimme eines Reichen mehr als die eines Armen. Trotzdem, es war die Freiheit, wie sie seit Hunderten von Jahren praktiziert wurde, und an jenem Tag auf dem Marsfeld wäre niemandem im Traum eingefallen, dass er es erleben würde, sie zu verlieren.

Zwei Stunden vor Vormittag, es begann langsam heiß zu werden, wurde Ciceros Zenturie aufgerufen. Sie war eine von zwölf Zenturien, deren Mitglieder ausschließlich dem Ritterstand angehörten. Er schlenderte mit seinen Kollegen in die mit Seilen abgesperrte Zone, bearbeitete aber die Menschen jenseits der Absperrung auf die ihm eigene Art und Weise weiter - mit einem Wort hier, einer Berührung des Ellbogens dort. Dann bildeten sie eine Schlange und gingen im Gänsemarsch an einem Tisch vorbei, wo Schreiber die Namen überprüften und die Abstimmungstafeln aushändigten. Wenn es zu Annäherungsversuchen kam, dann in der Regel hier, weil die Parteigänger der Kandidaten an dieser Stelle ganz nah an die Wähler herankamen und ihnen Versprechungen oder Drohungen zuflüstern konnten. Diesmal blieb jedoch alles ruhig. Ich sah, wie Cicero über die schmale Holzbrücke ging und hinter der Bretterwand verschwand, um seine Stimme abzugeben. Als er auf der anderen Seite wieder auftauchte, ging er an den unter einem Baldachin wartenden Kandidaten und deren Freunden vorbei, blieb kurz stehen, um mit Palicanus zu plaudern -der Exvolkstribun mit der etwas derberen Ausdrucksweise kandidierte für eines der Prätorenämter -, und verließ den abgesperrten Bereich, ohne Hortensius oder Metellus eines weiteren Blickes zu würdigen.

Wie alle Zenturien vor ihr stimmte auch Ciceros Zenturie für die offizielle Kandidatenliste: Hortensius und Metellus als Konsuln, Marcus Metellus und Palicanus als Prätoren. Jetzt ging es nur noch darum, so lange zu wählen, bis eine absolute Mehrheit erreicht war. Die Ärmeren wussten natürlich, dass ihre Stimme auf den Ausgang keinen Einfluss hatte. Aber die Würde des Wahlprivilegs ließ sie geduldig den ganzen Tag in der Sonne ausharren, bis sie an der Reihe waren, um über die Holzbrücke gehen und ihre Stimme abgeben zu können. Wir wanderten an den Schlangen entlang, wobei Cicero um Stimmen für seine Wahl zum Ädil warb. Es war beeindruckend, wie viele Menschen Cicero persönlich kannte - nicht nur die Wähler selbst, er kannte auch die Namen ihrer Frauen und wie viele Kinder und welchen Beruf sie hatten: und das alles, ohne dass ich sie ihm einflüstern musste. Gegen elf Uhr, als sich die Sonne gerade dem Janiculum-Hügel zuzuneigen begann, wurde die Wahl unterbrochen, und Pompeius verkündete die Sieger. Bei der Wahl zum Konsul hatte Hortensius vor Quintus Metellus gewonnen, für das Prätorenamt hatte Marcus Metellus die meisten Stimmen erhalten. Während die Sieger von ihren jubelnden Anhängern umringt wurden, konnten wir beobachten, wie zum ersten Mal an diesem Morgen der Rotschopf des Gaius Verres in der vordersten Reihe auftauchte. »Der Puppenspieler macht seine Aufwartung«, bemerkte Cicero. Die Aristokraten schüttelten ihm die Hand und klopften ihm auf die Schultern, man hätte meinen können, er wäre gerade zum Konsul gewählt worden. Scribonius Curio, ein ehemaliger Senator, umarmte Verres und sagte so laut, dass jeder es hören konnte: »Mit dem Ergebnis der Wahl steht wohl fest, dass dein Freispruch nur noch Formsache ist.«

Nur wenigen Kräften in der Politik kann man schwerer widerstehen als dem Gefühl, dass etwas unvermeidlich ist. Die Menschen sind nun mal Herdentiere, wie Schafe zieht es sie immer in die sichere Nähe des Stärksten, des Siegers. Wohin man auch hörte, alle waren einer Meinung: Cicero war erledigt, am Ende, die Aristokraten waren wieder obenauf, kein senatorischer Geschworener würde Gaius Verres je verurteilen. Aemilius Alba, der sich für einen geistreichen Kopf hielt, erzählte jedem, dem er über den Weg lief, dass er ganz verzweifelt sei: Der Kurs für Verres-Geschworene sei so tief gesunken, dass er für seine Stimme höchstens noch dreitausend Sesterzen rausholen könne. Die Aufmerksamkeit richtete sich nun auf die bevorstehenden Wahlen zum Ädilat, und es dauerte nicht lange, bis Cicero merkte, dass Verres hinter den Kulissen auch da mitmischte. Ranunculus, ein berufsmäßiger Wahlkampfleiter, der Cicero wohlgesinnt war und später von ihm angeheuert wurde, berichtete diesem, dass Verres alle wichtigen Stimmenkäufer zu einem nächtlichen Treffen in sein Haus eingeladen und für jeden, der seinen Wahlbezirk dazu bringe, Cicero nicht zu wählen, fünftausend Sesterzen ausgelobt hätte. Ich sah Cicero und seinem Bruder an, dass sie beunruhigt waren. Aber es kam noch schlimmer. Kurz darauf, am Vortag der Wahlen, trat der Senat unter Vorsitz von Crassus zusammen, um per Losentscheid zu bestimmen, welchen Gerichtshof jeder der designierten Prätoren nach seinem Amtsantritt im Januar übernehmen würde. Bei seiner Rückkehr aus der Kammer - ich hatte ihn nicht begleitet - sah Cicero blass und müde aus.

Das Unglaubliche war geschehen: Marcus Metellus, den das Los schon zum Geschworenen im Verres-Prozess bestimmt: hatte, war auch noch der Vorsitz des Gerichtshofes für Erpressungen zugelost worden.

Selbst in seinen schlimmsten Träumen hatte Cicero damit nicht gerechnet. Er war so schockiert, dass er fast kein Wort herausbrachte. »Du hättest den Aufschrei im Saal hören sollen«, sagte er flüsternd zu Quintus. »Crassus muss die Ziehung manipuliert haben. Jeder glaubt das, aber keiner weiß, wie. Dieser Kerl gibt keine Ruhe, bis er mich als gebrochenen und zahlungsunfähigen Mann ins Exil gejagt hat.« Er schleppte sich ins Arbeitszimmer und ließ sich auf seinen Stuhl fallen. Es war der dritte August, ein drückend heißer Tag. Man wusste kaum, wo man den Fuß hinsetzen sollte, überall auf dem staubigen Boden lagen Aktenstapel aus dem Verres-Fall herum: Steuerunterlagen, eidesstattliche Erklärungen, Zeugenaussagen. (Und das war nur ein Teil des Materials: Das meiste lagerte in verschlossenen Kisten im Keller.) Die Entwürfe für seine weitschweifige Eröffnungsrede, die immer wahnwitzigere Ausmaße annahm, bedeckte in wankenden Papyrusstapeln sein ganzes Schreibpult. Sie niederzuschreiben, hatte ich schon lange aufgegeben. Nur Cicero wusste, wie man sie noch zu einem logischen Ganzen zusammenfügen konnte, wenn überhaupt. Er saß da und massierte mit den Fingerspitzen seine Schläfen. Mit krächzender Stimme bat er mich um einen Schluck Wasser. Ich wollte das Zimmer gerade verlassen, als ich ein Stöhnen und dann einen dumpfen Schlag hörte. Ich drehte mich um und sah, wie er vornübergekippt auf seinem Stuhl saß, er hatte sich an der Pultkante den Kopf angeschlagen. Im nächsten Augenblick waren Quintus und ich bei ihm. Seine Backen waren leichenblass, leuchtend rotes Blut tropfte von seiner Nase, der schlaffe Mund stand offen.

Quintus geriet in Panik. »Los, hol Terentia«, rief er. »Schnell!«

Ich lief nach oben zu ihrem Zimmer, klopfte und sagte, dass es Cicero nicht gut gehe. Sie kam sofort heraus, lief nach unten und übernahm auf bewundernswerte Weise sogleich das Kommando. Inzwischen war Cicero wieder halbwegs bei Bewusstsein und saß mit dem Kopf zwischen den Knien auf dem Stuhl. Terentia kniete sich neben ihn auf den Boden, verlangte nach Wasser, zog dann einen Fächer aus dem Ärmel und fing an, ihm heftig Luft zuzufächeln. Quintus hatte inzwischen meine beiden Gehilfen losgeschickt, um irgendwo in der Nachbarschaft einen Arzt aufzutreiben. Kurze Zeit später tauchten beide mit je einem griechischen Arzt im Schlepptau wieder auf. Die elenden Quacksalber bekamen sich augenblicklich über die Frage in die Haare, was zu tun sei: Abführmittel oder Aderlass? Terentia warf beide aus dem Haus -nicht ohne sie vorher scharf zu ermahnen, kein Wort über das Gesehene verlauten zu lassen. Sie verwarf auch Quintus' Vorschlag, Cicero sofort ins Bett zu stecken. Sollte das bekannt werden, dann würde aus der schon jetzt weitverbreiteten Annahme, ihr Mann sei am Ende, schnell eine gesicherte Tatsache. Sie fasste ihn unter, half ihm aufzustehen und führte ihren unsicher einen Fuß vor den anderen setzenden Ehemann hinaus ins Atrium, wo die Luft nicht ganz so stickig war. Quintus und ich folgten ihnen. »Du bist nicht am Ende!«, hörte ich sie mit fester Stimme sagen. »Du hast einen Prozess zu führen, reiß dich zusammen!« Cicero brummte irgendeine Antwort.

»Das ist alles gut und schön, Terentia«, platzte es aus Quintus heraus. »Aber das Neueste weißt du ja noch gar nicht.« Und dann erzählte er ihr von Marcus Metellus' Ernennung zum Vorsitzenden des Gerichtshofes für Erpressungen und welche Konsequenzen das hätte. Mit Metellus als Pächter hätten sie nicht die geringste Chance auf einen Schuldspruch, was bedeutete, dass ihre einzige Hoffnung jetzt sei, die Anhörung bis Ende Dezember abzuschließen. Das aber sei angesichts von Hortensius' Geschick, jedes Verfahren endlos in die Länge zu ziehen, so gut wie unmöglich. Für die Menge an Beweisen reiche einfach die Zeit nicht. Sie hätten bis zum Beginn von Pompeius' Spielen gerade mal zehn Gerichtstage, und die würde schon fast Ciceros Eröffnungsrede beanspruchen. Er hätte also gerade mal seinen Fall skizziert, dann würde das Gericht für den größten Teil des Monats die Verhandlung aussetzen, und danach hätten die

Geschworenen Ciceros brillante Argumente schon wieder vergessen. »Nicht dass das eine große Rolle spielte«, setzte Quintus düster hinzu. »Die meisten stehen jetzt schon auf Verres' Lohnliste.«

»Er hat recht«, sagte Cicero. Als sei er in dieser Sekunde erst wieder zu sich gekommen und würde gerade feststellen, wo er sich überhaupt befand, schaute er sich verwirrt um. »Ich muss meine Kandidatur zurückziehen«, murmelte er. »Eine Niederlage wäre schon demütigend genug, aber zu gewinnen und dann nicht die Mittel zu haben, um seinen Amtspflichten nachzukommen, das wäre noch demütigender.«

»Jammerlappen«, sagte Terentia wütend und ließ ruckartig Ciceros Arm los. »Wenn du schon beim ersten Rückschlag klein beigibst, ohne dich auch nur zu wehren, dann hast du nicht verdient, gewählt zu werden.«

»Meine Liebe«, sagte Cicero in flehendem Tonfall und drückte die Hand gegen die Stirn. »Wenn du mir erklärst, wie ich die Zeit besiegen soll, dann werde ich mich auf der Stelle wehren. Was soll ich tun, wenn ich nur zehn Tage habe, um meine Anklage vorzutragen, und die Verhandlung dann wochenlang unterbrochen ist?«

Terentia beugte sich so weit zu ihm vor, dass ihr Gesicht nur wenige Zentimeter von seinem entfernt war. »Dann streich sie zusammen, deine Rede!«, zischte sie.

*

Nachdem sich seine Frau wieder in ihre Räume zurückgezogen hatte, ging der von seinem Nervenzusammenbruch immer noch geschwächte Cicero in sein Arbeitszimmer, setzte sich auf seinen Stuhl und starrte lange Zeit die Wand an. Wir ließen ihn allein. Kurz vor Sonnenuntergang kam Sthenius zu Besuch und erzählte, dass Quintus Metellus alle Zeugen aus Sizilien zu sich bestellt habe und dass ein paar von den Ängstlichen dumm genug gewesen seien zu gehorchen. Einer hatte Sthenius ausführlich berichtet, dass Metellus versucht habe, sie unter Druck zu setzen, damit sie ihre Aussagen zurückzögen. »Ich bin der designierte Konsul«, hatte er gewettert. »Einer meiner Brüder ist Statthalter von Sizilien, der andere wird den Vorsitz im Gerichtshof für Erpressungen übernehmen. Es sind schon zahlreiche Vorkehrungen getroffen worden, die verhindern werden, dass Verres zu Schaden kommt. Wir werden nicht vergessen, wer sich gegen uns gestellt hat.« Ich notierte mir den genauen Wortlaut auf einem Täfelchen und betrat vorsichtig Ciceros Arbeitszimmer. Er saß genau so da, wie ich ihn vor Stunden verlassen hatte. Ich las ihm vor, was Metellus gesagt hatte, doch er reagierte nicht.

Sein Zustand beunruhigte mich jetzt ernsthaft, und ich hätte wohl wieder seinen Bruder oder seine Frau geholt, wäre sein Geist aus den Sphären, in denen er geschwebt hatte, nicht plötzlich wieder zu uns zurückgekehrt. Ohne den starren Blick von der Wand zu wenden, sagte er in grimmigem Tonfall: »Geh zu Pompeius und melde mich für heute Abend bei ihm an.« Als ich nicht sofort reagierte, weil mir der Gedanke kam, dass dies nur ein neues Symptom seiner Unpässlichkeit sei, herrschte er mich an: »Na los!«

Es war nicht weit bis zu Pompeius, sein Haus lag im gleichen Viertel am Esquilin wie das von Cicero. Die Sonne war gerade untergegangen, aber es war immer noch hell und schwülheiß, und von Osten blies eine bleiern sanfte Brise - die im Hochsommer schlimmstmögliche Kombination, weil so der Gestank der verwesenden Leichen vom öffentlichen Friedhof von jenseits der Stadtmauer bis in unser Viertel drang. Ich glaube, das Problem ist heute nicht mehr so akut, aber damals war die Porta Esquilina der Ort, wo man alles ablud, was tot und keiner Beerdigung wert war - Katzen, Hunde, Pferde, Esel, Sklaven, arme Leute, Totgeburten. Alles lag durcheinander und verrottete zusammen mit dem Hausmüll. Der Gestank lockte immer große Schwärme kreischender Möwen an, und ich weiß noch, dass er an diesem Abend besonders stechend war, ein ranziger, alles durchdringender Geruch, den man nicht nur roch, sondern auch auf der Zunge schmeckte.

Pompeius' Haus war viel pompöser als das von Cicero. Vor der Eingangstür waren zwei Liktoren postiert, von der anderen Straßenseite gafften ein paar Schaulustige herüber. An der Hauswand stand ein halbes Dutzend überdachter Sänften, deren Träger auf dem Boden hockten und würfelten -Hinweis darauf, dass eine große Abendgesellschaft im Gang war. Ich übergab meine Nachricht dem Türwächter, der im Haus verschwand und kurze Zeit später mit Palicanus zurückkam. Der designierte Prätor wischte sich mit einer Serviette das fettige Kinn ab. Er erkannte mich, fragte, worum es ginge, und ich übermittelte ihm Ciceros Wunsch. »Na endlich«, sagte Palicanus auf seine direkte Art. »Sag ihm, dass der Konsul ihn sofort empfangen wird.«

Cicero muss gewusst haben, dass Pompeius ihn empfangen würde, denn als ich zurückkam, hatte er sich schon umgezogen und war startbereit. Er war immer noch sehr blass. Er wechselte einen letzten Blick mit Quintus, dann gingen wir. Wir sprachen unterwegs kein Wort, da Cicero, der es hasste, an den Tod erinnert zu werden, die ganze Zeit den Ärmel auf Mund und Nase presste, um nicht den Gestank vom Campus Esquilinus riechen zu müssen. »Warte hier«, sagte er, als wir Pompeius' Haus erreichten. Es sollte einige Stunden dauern, bis ich ihn wiedersah. Das Tageslicht verblasste, das kraftvolle Purpur des Zwielichts verwandelte sich in schwarze Nacht, und die Sterne erschienen über der Stadt. Hin und wieder ging die Tür auf, und ich hörte gedämpfte Stimmen und Gelächter, und der Duft von gebratenem Fleisch und Fisch stieg mir in die Nase. Allerdings hatte ich in jener widerlichen Nacht das Gefühl, dass alles nach Tod roch. Ich wunderte mich, dass Ciceros Magen das mitmachte, denn inzwischen war klar, dass Pompeius ihn zum Essen eingeladen haben musste.

Ich vertrat mir die Beine oder lehnte einfach an der Wand, versuchte mir neue Zeichen für mein hervorragendes Kurzschriftsystem auszudenken oder meinen Geist irgendwie anders zu beschäftigen, um mir die Wartezeit zu vertreiben. Schließlich machten sich die Gäste schwankend auf den Heimweg. Viele konnten kaum noch gerade stehen, so betrunken waren sie. Es handelte sich um die übliche picenische Landsmannschaft: den ehemaligen Prätor und begeisterten Tänzer Afranius, Palicanus und Gabinius, Palicanus' Schwiegersohn, dem man ebenfalls eine Vorliebe für Weib und Gesang nachsagte. Es hatte den Anschein, als sei Cicero da in ein wahrhaftiges Veteranentreffen geraten. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass er sich in dieser Gesellschaft sonderlich wohlgefuhlt hatte. Nur der ernste und gebildete Varro - der Mann, wie Cicero einmal scharf angemerkt hatte, ohne den Pompeius nicht mal den Weg zum Senatsgebäude gefunden hätte -konnte als einigermaßen geistesverwandter Gesprächspartner für Cicero in Betracht kommen, zumal er nüchtern das Haus verließ. Cicero erschien als Letzter. Er machte sich sofort auf den Heimweg, und ich heftete mich an seine Fersen. Er hielt sich wieder die Hand vor die Nase, da weder die Hitze noch der Geruch erträglicher geworden waren. Als Pompeius' Haus in sicherer Entfernung hinter uns lag, lehnte er sich in einer Gasse an eine Hauswand und übergab sich.

Ich fragte ihn, ob ich ihm irgendwie behilflich sein könne, doch er schüttelte nur den Kopf und antwortete: »Alles in Ordnung.« Das war alles, was er sagte, und das war auch alles, was er zu Quintus sagte, der uns schon ungeduldig erwartet hatte. »Alles in Ordnung.«

*

Im Morgengrauen des folgenden Tages gingen wir wieder zum zwei Meilen entfernten Marsfeld. Die zweite Wahlrunde stand an. Obwohl diese weniger prestigeträchtig war als die für das Konsulat und die Prätur, war sie ungleich spannender. Vierunddreißig Männer waren zu wählen (zwanzig Senatoren, zehn Volkstribunen und vier Ädile), was hieß, es gab einfach zu viele Kandidaten, als dass man die Abstimmung ohne Schwierigkeiten hätte manipulieren können. Außerdem zählte die Stimme eines Aristokraten ebenso viel wie die eines Bewohners der Elendsviertel, und somit war alles möglich. Die Leitung dieser zusätzlichen Wahlgänge oblag Crassus, dem zweiten Konsul. »So eine Wahl zu fälschen, das schafft wahrscheinlich nicht mal Crassus«, sagte Cicero düster, als er seine roten Lederschuhe anzog.

Er war schon geistesabwesend und gereizt aufgestanden. Was auch immer er am Vorabend mit Pompeius vereinbart hatte, es hatte seine Nachtruhe gestört. Seinen Diener blaffte er an, er hätte seine Schuhe nicht ordentlich geputzt. Cicero zog die gleiche blütenweiße Toga an, die er an jenem Tag vor sechs Jahren getragen hatte, als er zum ersten Mal in den Senat gewählt worden war, und bevor er das Haus verließ, holte er tief Luft, als machte er sich darauf gefasst, eine schwere Bürde zu schultern. Quintus hatte einmal mehr großartige Arbeit geleistet, denn vor dem Haus wartete eine ansehnliche Menschenmenge, die uns zu den Wahlurnen begleiten würde. Da an diesem Tag auch die Bürgerlisten auf den neuesten Stand gebracht wurden, waren Zehntausende in die Stadt geströmt, um sich registrieren zu lassen, sodass es auf dem Marsfeld bis hinunter zum Fluss vor Menschen wimmelte, als wir eintrafen. Es mussten Hunderte von Kandidaten sein, die sich für die vierunddreißig Posten bewarben, und diese zogen jetzt zusammen mit ihren Freunden und Anhängern kreuz und quer über das riesige Gelände, um vor Wahlbeginn auch noch die letzte Stimme für sich zu gewinnen. Auch Verres war schon da, sein Rotschopf war nicht zu übersehen. Begleitet von seinem Vater, seinem Sohn sowie dem Freigelassenen Timarchides - der Rohling, der in unser Haus eingedrungen war -, hetzte er zwischen den Wählern hin und her und machte jedem, der nicht für Cicero stimmen würde, die fantastischsten Versprechungen. Als Cicero das sah, schien seine üble Laune wie weggeblasen. Sofort mischte er sich unters Volk und ging auf Stimmenfang. Obwohl ich einige Male befürchtete, dass sich die Wege unserer beiden Gruppen kreuzen würden, kam es doch nie so weit. Die Menschenmenge war einfach zu groß. Nachdem der Augur sein Einverständnis erteilt hatte, trat Crassus aus dem geweihten Zelt, und die Kandidaten versammelten sich vor seinem Podium. Ich sollte vielleicht erwähnen, dass einer von ihnen Julius Caesar war, der sich zum ersten Mal um einen Sitz im Senat bewarb und in diesem Moment mit Cicero plauderte. Beide Männer kannten sich schon lange, und Caesar, der sechs Jahre jünger als Cicero war, hatte auf dessen Empfehlung hin bei Apollonius Molon auf Rhodos Rhetorik studiert. Inzwischen verklären Caesars frühe Jahre ja alle möglichen Legenden. Das geht so weit, dass man glauben könnte, seine Zeitgenossen hätten schon im Säugling in der Wiege das Genie erkannt. Was aber nicht der Wahrheit entspricht. Wer ihn an jenem Morgen in seiner weißen Toga sah, wie er nervös an seinem schütteren Haar zupfte, der hätte sich schwergetan, in ihm etwas anderes zu sehen als in jedem anderen der gebildeten, jungen Kandidaten. Einen großen Unterscheid gab es allerdings: Wahrscheinlich waren nur wenige so arm wie er. Um zur Wahl antreten zu können, hatte er sich bestimmt hoch verschulden müssen, denn er lebte in sehr bescheidenen Verhältnissen in Subura, in einem Frauenhaushalt, zusammen mit Mutter, Frau und Tochter. Den Caesar von damals stelle ich mir nicht als strahlenden Helden vor, der nur darauf wartet, Rom zu erobern. Eher als einen dreißigjährigen Mann, der vor lauter Straßenlärm in seinem Armenviertel nachts keinen Schlaf findet und bitteren Gedanken darüber nachhängt, warum er, Spross der ältesten Familie Roms, in solchen Verhältnissen dahinvegetieren muss. Deshalb war seine Abneigung gegen die Aristokraten für diese weit gefährlicher, als es die von Cicero jemals war. Cicero war ein Mann, der es aus eigener Kraft geschafft hatte, deshalb ärgerte er sich über die Aristokraten und beneidete sie gleichzeitig. Caesar jedoch, der sich als direkten Nachfahren der Venus sah, betrachtete sie mit Abscheu, er hielt sie für Eindringlinge.

Aber ich greife vor, außerdem begehe ich den gleichen Fehler wie die Hagiografen, die mit dem verzerrenden Licht der Zukunft in das Dunkel der Vergangenheit leuchten. Ich will an dieser Stelle einfach festhalten, dass diese beiden herausragenden Männer, die zwar sechs Lebensjahre trennten, aber hinsichtlich Verstand und Weltanschauung viel gemein hatten, freundlich miteinander plaudernd in der Sonne standen, während Crassus das Podium bestieg und das vertraute Gebet sprach: »Möge diese Angelegenheit für mich, für meine höchsten Ziele, für mein Amt und für die Menschen Roms zu einem guten und zufriedenstellenden Ende gelangen!« Damit war die Wahl eröffnet.

Traditionell stimmten die Wähler aus dem Wahlbezirk Subura als Erste ab. Trotz seiner jahrelangen Bemühungen um ihre Belange entschieden sie sich jedoch nicht für Cicero. Das muss ein harter Schlag für ihn gewesen sein, legte er doch nahe, dass Verres' Stimmenkäufer gute Arbeit für ihr Geld geleistet hatten. Aber Cicero zuckte nur mit den Achseln: Er wusste, dass die Augen vieler einflussreicher Männer, die ihre Stimme noch abgeben mussten, auf ihn gerichtet waren und es deshalb wichtig war, den Anschein von Zuversicht zu wahren. Danach waren die drei anderen Stadtbezirke an der Reihe: Esquilina, Collina und Palatina. Cicero erhielt die Mehrheit der beiden ersten, der dritte stimmte nicht für ihn. Was kaum verwunderte, da Palatina das Viertel Roms mit den meisten aristokratisch gesinnten Wählern war. Es stand also zwei zu zwei, ein weniger spannender Auftakt wäre ihm lieber gewesen. Dann folgten nacheinander die einunddreißig ländlichen Bezirke: zuerst Aemilia, Camilia, Fabia und Galeria ... Aus unseren Akten wusste ich bestens über sie Bescheid, ich kannte die Schlüsselpersonen, wusste, wer Cicero noch eine Gefälligkeit schuldete und wem er noch eine schuldig war. Drei der vier stimmten für Cicero. Quintus flüsterte Cicero etwas ins Ohr. Zum ersten Mal durfte sich Cicero etwas entspannen, da Verres' Geld für die Wähler vom Land offenbar keine so große Versuchung gewesen war wie für die städtischen. Horatia, Lemonia, Papiria und Menenia ... ein Bezirk nach dem anderen. Die Sonne brannte, die Luft war staubtrocken. Cicero saß auf einem Hocker, erhob sich aber jedes Mal, wenn die Wähler an ihm vorbeigingen, die gerade ihre Stimme abgegeben hatten, kramte aus seinem Gedächtnis ihre Namen hervor, bedankte sich bei ihnen und ließ ihren Familien die besten Grüße ausrichten. Sergia, Voltina, Pupina, Romilia ... Wie zu erwarten unterlag Cicero in Verres' Heimatbezirk Romilia, hatte aber am Nachmittag schon sechzehn Bezirke gewonnen, sodass ihm zum Sieg nur noch zwei fehlten. Verres gab sich jedoch noch nicht geschlagen. Ich konnte sehen, wie er zusammen mit seinem Sohn und Timarchides nach wie vor Wähler bearbeitete, die noch nicht abgestimmt hatten. Eine schrecklich lange Stunde hatte es den Anschein, als könnte das Ergebnis noch kippen. Die Sabitini stimmten nicht für Cicero, und auch Publilia ging verloren. Als Cicero in Scaptia die Mehrheit nur hauchdünn verfehlt hatte, war es schließlich der Bezirk Falerna aus dem nördlichen Kampanien, der ihm den entscheidenden Sieg brachte: Dreißig Bezirke hatten bis jetzt abgestimmt, achtzehn für Cicero, fünf mussten noch an die Urnen. Unwichtig, er hatte es geschafft. Verres war nicht mehr zu sehen. Wahrscheinlich hatte er sich schon still und leise davongeschlichen und zählte jetzt irgendwo seine Verluste zusammen. Caesar, dessen Sprung in den Senat gerade verkündet worden war, schüttelte Cicero als Erster die Hand. Ich sah, wie Quintus triumphierend die Fäuste in die Luft reckte, während Crassus wütend ins Leere starrte. Ich sah jubelnde Zuschauer, die ihre eigenen Strichlisten geführt hatten und sich über das Ergebnis augenscheinlich freuten. Sie gehörten zu jener fanatischen Spezies, die den Verlauf von Wahlen so leidenschaftlich verfolgten wie andere die Wagenrennen. Der Sieger selbst war wie betäubt von dem Erfolg, den ihm nun keiner mehr streitig machen konnte. Nicht mal Crassus, der in Kürze das Ergebnis verkünden musste, auch wenn er sich lieber die Zunge abgebissen hätte. Gegen alle Widerstände hatte es Marcus Cicero zum Ädil von Rom gebracht.

*

Eine große Menschenmenge - nach einem Sieg ist sie imner größer - begleitete Cicero den ganzen Weg vom Marsfeild bis vor seine Haustür, wo die Haussklaven Aufstellung genommen hatten und ihn mit Applaus über die Schwelle gleiteten. Selbst Diodotus, der blinde Philosoph, gab ein eltenes Gastspiel. Wir waren stolz darauf, einer solch bedeutenden Person zu gehören; sein Ruhm strahlte auf jedes Mitglied seines Haushalts ab; unser Wert und unsere Selbstachtung wuchsen mit seiner Stellung. Mit einem kreischenden »Papa!« schoss Tullia aus dem Atrium auf ihn zu und schlang ihre Arme um seine Beine; sogar Terentia ging ihm lächelnd entgegen und umarmte ihn. Das Bild der drei wird mir für immer im Gedächtnis bleiben - der brillante junge Redner, mit der Linken den Kopf seiner Tochter streichelnd, mit der Rechten die Schulter seiner glücklichen Frau umfassend. Wenigstens dieses Geschenk hält die Natur für diejenigen bereit, die nur selten lächeln: Wenn sie es doch einmal tun, dann verändert sich ihr Gesichtsausdruck völlig. Trotz allen Klagen, die Terentia über ihren Mann führte, genoss sie in diesem Augenblick seinen Erfolg und sonnte sich in seinem Glanz.

Zögernd löste sich Cicero aus ihrer Umarmung. »Ich danke euch allen«, verkündete er und blickte reihum in die Gesichter, die ihn voller Bewunderung anschauten. »Aber noch ist die Zeit zum Feiern nicht gekommen. Dazu haben wir erst Grund, wenn Verres besiegt ist. Nach langem Warten werde ich morgen auf dem Forum die Anklage erheben. Mögen die Götter uns beistehen, damit dieses Haus sich schon bald an frischem und noch größerem Lorbeer erfreuen kann. Worauf wartet ihr noch?« Er lächelte und klatschte in die Hände. »An die Arbeit!«

Cicero machte sich mit Quintus auf den Weg ins Arbeitszimmer und bedeutete mir mit dem Zeigefinger, auch mitzukommen. Mit einem Stoßseufzer der Erleichterung ließ er sich auf seinen Stuhl fallen und schleuderte die Schuhe in die Ecke. Zum ersten Mal seit einer Woche schien etwas von der Anspannung von ihm abzufallen. Ich nahm an, dass er sich nun sofort der dringlichen Aufgabe widmen wollte, seiner Rede den letzten Schliff zu geben. Doch er hatte eine andere Aufgabe für mich. Ich sollte mit Sositheus und Laurea zurück in die Stadt gehen. Wir sollten uns aufteilen und allen unseren sizilischen Zeugen von seiner Wahl berichten, kontrollieren, ob auch jeder bei seiner Aussage blieb, und für morgen früh alle ins Gericht bestellen.

»Alle?«, fragte ich verwundert. »Alle hundert?«

»Genau«, antwortete er. Seine Stimme hatte wieder die alte Entschlossenheit. »Und sag Eros, er soll ein Dutzend Träger anheuern, zuverlässige Männer, die sämtliche Kisten mit unseren Beweismitteln zum Gericht tragen - und zwar morgen früh, zur gleichen Zeit, wenn auch ich gehe.«

»Alle Zeugen ... ein Dutzend Träger ... sämtliche Kisten ...« Ich notierte mir alles. »Dafür brauche ich mindestens bis Mitternacht.« Ich war außerstande, meine Verwirrung zu verbergen.

»Armer Tiro, mach dir keine Sorgen. Schlafen können wir, wenn wir tot sind.«

»Ich mache mir keine Sorgen um meinen Schlaf, Senator«, sagte ich steif. »Ich frage mich nur, wann ich dann noch die Zeit finde, Euch bei Eurer Rede zu helfen.«

»Das wird nicht mehr nötig sein«, sagte er mit einem feinen Lächeln und legte einen Finger auf die Lippen, um mir zu sagen, dass das niemand wissen dürfe. Da ich nicht die geringste Ahnung hatte, was er überhaupt meinte, war die Gefahr eines Geheimnisverrats allerdings kaum gegeben. Nicht zum ersten Mal verließ ich ihn einigermaßen verwirrt.

KAPITEL IX

Und so geschah es, dass am fünften Tag im August, während des Konsulats des Gnaeus Pompeius Magnus und des Marcus Licinius Crassus, ein Jahr und neun Monate nach Sthenius' erstem Besuch bei Cicero, der Prozess gegen Gaius Verres begann.

Das sommerlich heiße Rom wimmelte wegen der Volkszählung, der Wahlen und der bevorstehenden Spiele des Pompeius ohnehin bereits von Menschen. Dazu kamen noch die vielen Opfer von Verres, die angereist waren, um zu erleben, wie ihr Peiniger vor seine Richter tritt. Und wenn man sich dann vorstellt, dass sich an diesem Tag die beiden größten Redner ihrer Zeit ein Duell Mann gegen Mann liefern würden (»Wahrhaftig ein Zweikampf von allererster Güte«, wie Cicero später anmerkte), dann kann man vielleicht erahnen, welche Atmosphäre an jenem Morgen im Gerichtshof für Erpressungen geherrscht hatte. Um sich einen guten Platz zu sichern, hatten Hunderte Zuschauer schon auf dem Forum übernachtet. Als die Sonne aufging, gab es bereits keinen Stehplatz im Schatten mehr, und eine Stunde später gab es überhaupt keinen Stehplatz mehr. In der Säulenhalle und auf den Stufen des Castor-Tempels, auf dem Forum selbst und ringsum in den Säulengängen, auf den Dächern und Balkonen der Häuser und an den Flanken der Hügel drängten sich die Bürger Roms - jede freie Lücke, in die man sich noch quetschen, jedes freie Plätzchen, auf das man sich noch setzen konnte, war besetzt.

Wie zwei Hirtenhunde hechelten Frugi und ich herum und trieben unsere Zeugen vor Gericht. Und was für ein exotisches, farbenprächtiges Bild sie abgaben, in heiligen Roben und traditionellen Gewändern ihrer Heimat, Opfer aus allen Phasen von Verres' Laufbahn, nach Rom gelockt von der Hoffnung auf Vergeltung - Priester der Juno und Ceres, die Mystagogen der syrakusischen Minerva und der heiligen Jungfrauen der Diana; griechische Edelleute, deren Abstammung auf Cecrops oder Eurysthenes oder die großen ionischen and minoischen Häuser zurückging; Phönizier, deren Vorfahren Priester des Melkart von Tyros gewesen waren oder die behaupteten, mit dem Messias aus Sidon verwandt zu sein; Scharen ungeduldiger, verarmter Erben in Begleitung ihrer Vormünder; bankrotte Bauern, Getreidehändler und Bootsbesitzer; wehklagende Väter, deren Kinder man in die Sklaverei verschleppt hatte; trauernde Kinder, deren Eltern in den Verliesen des Statthalters den Tod fanden; Abordnungen vom Fuß des Taurusgebirges, von den Ufern des Schwarzen Meeres, aus vielen Städten des griechischen Festlandes, von den Inseln der Ägäis und natürlich aus jeder Stadt und jedem Marktflecken Siziliens.

Ich war so damit beschäftigt, dafür zu sorgen, dass jeder Zeuge eingelassen und jede einzelne Kiste mit Beweismaterial an seinen Platz gelangte und gut bewacht wurde, dass ich erst nach und nach registrierte, welches Schauspiel Cicero hier inszenierte. Besagte Kisten, zum Beispiel, enthielten die in praktisch allen sizilischen Städten von den Gemeindeältesten zusammengetragenen Aussagen. Erst als die Geschworenen sich ihren Weg durch die Menschenmenge bahnten und auf ihren Bänken Platz nahmen, wurde mir klar, warum Cicero - begnadeter Selbstdarsteller, der er war -darauf bestanden hatte, alles auf einmal an Ort und Stelle zu schaffen. Das Gericht war überwältigt. Selbst den beinharten Alten wie Catulus und Isauricus war die Überraschung anzusehen. Glabrio, der im Schlepptau seiner Liktoren aus dem Tempel kam, blieb auf der obersten Stufe der Treppe abrupt stehen und wich schwankend sogar einen halben Schritt zurück, als er auf die Wand aus Gesichtern blickte.

Cicero, der sich bis zum letzten Augenblick am Rand des Forums aufgehalten hatte, drängte sich nun durch die Menge und stieg die Stufen zu der Bank für die Anklagevertretung hinauf. Plötzlich herrschte Ruhe, ein stummes erwartungsvolles Zittern lag in der reglosen Luft. Ohne auf die ermunternden Zurufe seiner Anhänger zu reagieren, drehte er sich um, hielt gegen die Sonne die Hand über die Augen, ließ den Blick langsam über die Menge schweifen und blinzelte rechts und links nach oben in den Himmel - so stelle ich mir einen General vor, der vor der Schlacht die allgemeine Lage und den Stand der Wolken überprüft. Dann setzte er sich, und ich postierte mich in seinem Rücken, sodass ich ihm auf Verlangen jedes gewünschte Dokument reichen konnte. Die Gerichtsdiener stellten Glabrios kurulischen Stuhl auf - das war das Zeichen, dass die Sitzung eröffnet war. Alles war bereit, nur Verres und Hortensius fehlten noch. Cicero war so gelassen, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Er lehnte sich zurück und flüsterte mir zu: »Der hat das hier gesehen und ist gleich wieder abgehauen, was meinst du?« Natürlich kam Verres dann doch noch - Glabrio schickte einen seiner Liktoren, um ihn zu holen. Aber Hortensius gab uns damit bereits einen Vorgeschmack auf seine Taktik, die da lautete, so viel Zeit wie möglich zu verschwenden. Schließlich, vielleicht eine Stunde zu spät, zwängte sich die makellos gekleidete Gestalt des designierten Konsuls unter ironischem Beifall durch die Zuschauermenge. Ihm folgten sein junger Anwaltskollege Scipio Nasica, Catos Nebenbuhler, dann Quintus Metellus und schließlich Verres selbst, dessen Gesicht wegen der Hitze röter als sonst aussah. Für jeden Mann mit einem letzten Rest an Anstand wäre der Anblick des gegen ihn aufmarschierten Opfer- und Klägerheers ein Albtraum aus der Hölle gewesen. Das Monster Verres beugte jedoch lediglich freundlich den Kopf, als begrüße er gute alte Bekannte.

Glabrio rief die Anwesenden zur Ordnung. Bevor Cicero mit seiner Rede beginnen konnte, stand Hortensius auf und kam ihm mit einer Stellungnahme zur Verfahrensordnung zuvor: Nach Cornelischem Recht, erklärte er, sei es einem Klagevertreter erlaubt, bis zu achtundvierzig Zeugen zu benennen. Der Ankläger in diesem Prozess aber habe, zum ausschließlichen Zweck der Einschüchterung, mehr als doppelt so viele mitgebracht. Und dann hob er zu einer einstudierten und geschliffenen Rede über die Wurzeln des Gerichtshofes für Erpressungen an, die eine gefühlte Stunde lang andauerte, bis Glabrio ihm schließlich das Wort entzog und erklärte, das Gesetz beschränke nicht die Zahl der vor Gericht anwesenden Zeugen, es lege lediglich eine Höchstzahl fest, wie viele in den Zeugenstand gerufen werden dürfen. Dann erteilte er wieder Cicero das Wort, doch Hortensius intervenierte mit einem weiteren Kommentar zur Verfahrensordnung. Das Publikum reagierte mit höhnischen Zwischenrufen, doch Hortensius ließ sich nicht beirren und wartete jedes Mal, wenn Cicero endlich mit seiner Rede beginnen wollte, mit einer neuen Verfahrensfrage auf. Und so gingen die ersten Stunden an ärgerliche juristische Spiegelfechtereien verloren.

Es war schon weit nach Mittag, als Cicero zum neunten oder zehnten Mal überdrüssig aufstand und Hortensius endlich sitzen blieb. Cicero schaute ihn an, wartete und breitete dann in gespielter Verblüffung die Arme aus. Gelächter brandete im Forum auf. Hortensius reagierte mit einer gönnerhaften Handbewegung in Richtung Cicero, als wolle er sagen: »Bitte, bitte, keine Ursache!« Cicero verbeugte sich höflich, trat vor und räusperte sich.

Der Zeitpunkt, um eine derart gewaltige Aufgabe in Angriff zu nehmen, hätte kaum ungünstiger sein können. Die Hitze war unerträglich, die Zuschauer waren inzwischen gelangweilt und unruhig, Hortensius blickte ihn mit affektiertem Grinsen an, und es blieben höchstens noch zwei Stunden, bevor das Gericht die Sitzung für heute schloss. Und doch sollten diese Minuten zu den entscheidendsten in der Geschichte der römischen Justiz gehören - ja, es sollte mich nicht wundern, wenn sie sich als maßgeblich erwiesen für die Geschichte der Justiz ganz allgemein.

»Ehrenwerte Richter«, sagte Cicero, worauf ich mich über meine Wachstafel beugte und seine Worte in Kurzschrift festhielt. Ich wartete darauf, dass er weitersprach. Bei seinen großen Reden war es fast noch nie vorgekommen, dass ich nicht die geringste Ahnung hatte, was er sagen würde. Ich wartete auf seine nächsten Worte, spürte, wie sich mein Herzschlag beschleunigte, schaute schließlich nervös auf und sah, wie er sich von mir entfernte. Ich glaubte, er würde sich vor Verres aufbauen und ihn direkt ansprechen wollen, aber stattdessen ging er an ihm vorbei und blieb vor den Senatoren auf der Geschworenenbank stehen.

»Ehrwürdige Richter«, wiederholte er und schaute ihnen offen ins Gesicht. »In dieser schweren politischen Krise eröffnet sich euch die Gelegenheit -nicht durch menschliches Planen, sondern fast als göttliche Fügung -, genau das zu tun, was ihr jetzt am nötigsten habt; etwas, das euch mehr als alles andere dabei helfen wird, die Unbeliebtheit eures Standes und das Misstrauen gegenüber euren Gerichten zu mildern. Es hat sich nämlich eine Überzeugung eingenistet, die so schädlich für die Republik wie für euch selbst ist: Eure Gerichte, Senatoren, mit euch auf den Geschworenenbänken, werden niemals einen Mann verurteilen, und sei seine Schuld noch so offensichtlich, wenn er nur eins im Überfluss hat - Geld.«

Das letzte Wort betonte er auf eine wundervoll verächtliche Weise. »Ein wahres Wort!«, rief jemand aus der Zuschauermenge.

»Die Eigenschaften des von mir angeklagten Mannes«, fuhr Cicero fort, »erfüllen alle Voraussetzungen, dass ihr durch ihn euren eigenen guten Namen wiederherstellen könnt. Gaius Verres hat die Staatskasse geplündert und in seiner Provinz Sizilien gewütet wie ein Seeräuber und eine mörderische Pest. Ihr braucht diesen Mann nur schuldig zu sprechen, und mit vollem Recht werdet ihr euer Ansehen wieder zurückgewinnen. Solltet ihr das nicht tun, sollte sein ungeheurer Reichtum eure Ehre zerstören, dann werde ich zumindest eines erreicht haben. Die Nation wird zwar nicht glauben, dass Verres im Recht war und ich im Unrecht, aber sie wird dann ein für alle Mal wissen, was sie von einer mit römischen Senatoren besetzten Geschworenenbank zu halten hat.«

Das war kein schlechter Hieb für den Anfang. Wie eine Windbö, die rauschend in einen Wald fuhr, erhob sich zustimmendes Gemurmel in der Zuschauermenge. Auf eine merkwürdige Weise hatte sich der Brennpunkt des Prozesses schlagartig um zwanzig Schritte nach links verlagert. Plötzlich hatte es den Anschein, als wären die in der prallen Sonne schwitzenden, auf ihren Holzbänken nervös umherblickenden Senatoren die Angeklagten und die Masse der aus jedem Winkel des Mittelmeerraumes herbeigerufenen Zeugen die Geschworenen. Nie zuvor hatte Cicero sein Wort an eine so große Menschenmenge gerichtet. Molons Übungen am Strand kamen ihm nun, da er sich an das Forum wandte, zustatten. Seine Stimme war klar und deutlich.

»Hört euch an, welch unverschämter und wahnsinniger Plan in Verres' Kopf herumspukt. Über eines ist er sich vollkommen im Klaren: Ich werde so gut vorbereitet in diesen Prozess gehen, dass er, Verres, nicht nur vor diesem Gericht, sondern auch vor den Augen aller Welt als Räuber und Verbrecher entlarvt sein wird. Und trotzdem ist seine Meinung über die Aristokratie so gering, hält er die Senatorengerichte für so durch und durch verdorben und korrupt, dass er offen damit prahlt, nicht nur den sichersten Termin für seinen Prozess, sondern auch die Geschworenen selbst gekauft zu haben. Und um ganz sicherzugehen, hat er auch noch die Konsulatswahlen für seine beiden angesehenen Freunde gekauft, die zuvor versucht hatten, meine Zeugen einzuschüchtern.«

Das wollten die Leute hören, deshalb waren sie gekommen. Aus gemurmelter Zustimmung wurde stürmische Begeisterung. Metellus und Hortensius sprangen auf - ja, sogar Hortensius, dem sonst eine spöttische Bemerkung aus der Arena höchstens die Mühsal einer gelupften Augenbraue wert war. Wütend gestikulierten sie in Richtung Cicero.

»Was ist?«, sagte er und wandte sich den beiden zu. »Habt ihr etwa erwartet, dass ich mich zu einer derart ernsten Angelegenheit nicht äußern würde, dass ich mich, wenn das Land und mein eigener guter Ruf sich in so großer Gefahr befinden, von etwas anderem würde leiten lassen als von meiner Pflicht und meiner Ehre? Ich muss mich über dich wundern, Metellus. Du hast versucht Zeugen einzuschüchtern, und zwar die ohnehin schon verängstigten und vom Elend verfolgten Sizilier. Du hast an ihre Ehrfurcht vor dir als designiertem Konsul appelliert und an die Macht deiner beiden Brüder - wenn das keine Manipulation eines Prozesses ist, was dann! Was würdest du erst alles für einen unschuldigen Blutsverwandten tun, wenn du schon alles Pflicht- und Ehrgefühl fahren lässt für einen Lumpen, der nicht mit dir verwandt ist? Weißt du eigentlich, dass Verres überall herumerzählt, dass du nur wegen seiner Bemühungen Konsul geworden bist und dass ihm ab Januar beide Konsuln und der Vorsitzende dieses Gerichtshofes zu Diensten sein werden?«

An dieser Stelle musste ich meine Aufzeichnungen unterbrechen, weil der Lärm so laut geworden war, dass ich kein Wort mehr verstand. Metellus und Hortensius hielten die Hände wie Trichter vor ihre Münder und brüllten auf Cicero ein. Verres gestikulierte wütend, um Glabrio dazu zu bewegen, endlich einzuschreiten. Die Senatoren auf der Geschworenenbank saßen wie erstarrt da - die meisten, da bin ich mir sicher, wünschten sich, sonst wo zu sein, nur nicht hier. Einzelne Zuschauer mussten von den Liktoren daran gehindert werden, das Podium des Gerichts zu stürmen. Schließlich gelang es Glabrio, die Ordnung wiederherzustellen, und Cicero setzte seine Rede in deutlich gelassenerem Tonfall fort.

»Folgenden Plan haben sie sich zurechtgelegt. Heute sind wir erst spät am Nachmittag in die Verhandlung eingetreten - den Tag können sie also schon als erledigt abschreiben. Bis zu den Spielen von Pompeius Magnus bleiben noch zehn Tage. Diese dauern fünfzehn Tage, sofort darauf folgen die Römischen Spiele. Sie rechnen also mit einer Unterbrechung von fast vierzig Tagen, bevor sie auf meine Rede werden antworten müssen. Mithilfe langer Reden und verfahrenstechnischer Manöver hoffen sie dann, in der Lage zu sein, die Verhandlung bis zum Beginn der Spiele der Victoria zu verschleppen. Direkt im Anschluss folgen die Plebejischen Spiele, nach denen entweder nur noch sehr wenige oder gar keine Sitzungstage mehr bleiben. Auf diese Weise, so ihr Kalkül, wird die Anklage um ihre Kraft und Wirkung gebracht, und die Sache kommt praktisch als neuer Fall zur Verhandlung, wenn Marcus Metellus, der jetzt noch zu den Geschworenen gehört, diesem Gericht Vorsitzen wird.

Was also soll ich tun? Wenn ich die Zeit in Anspruch nehme, die mir für meine Anklagerede nach dem Gesetz zusteht, dann laufe ich höchste Gefahr, dass mir der Angeklagte entwischt. >Streich deine Rede zusammen!<, lautete der naheliegende Rat, den man mir erst vor wenigen Tagen gegeben hat. Ein guter Rat. Ich habe darüber nachgedacht, und dabei ist mir etwas noch Besseres eingefallen. Meine Herren, ich werde auf die Anklagerede ganz verzichten!«

Verblüfft hob ich den Kopf. Cicero schaute Hortensius an, und sein Rivale erwiderte den Blick mit herrlich versteinertem Gesichtsausdruck. Er sah aus wie ein Mann, der gerade noch fröhlich und unbeschwert durch den Wald spaziert ist, dann plötzlich das Knacken eines Zweiges hört und starr vor Angst stehen bleibt.

»Du hast richtig gehört, Hortensius«, sagte Cicero. »Ich spiele dein Spiel nicht mit. Ich werde die nächsten zehn Tage nicht mit der üblichen langen Anklagerede vergeuden und zulassen, dass sich der Fall bis in den Januar hineinzieht und du und Metellus als Konsuln eure Liktoren losschicken könnt, um sich meine Zeugen zu holen und ihnen so viel Angst einzujagen, dass sie den Mund nicht mehr aufmachen. Ich werde euch, ehrenwerte Pächter, nicht den Luxus von vierzig Ruhetagen gönnen, in denen ihr all meine Anklagepunkte wieder vergessen und euch dann samt eures Gewissens im Labyrinth von Hortensius' Rhetorik verlieren könnt. Ich werde es nicht zulassen, dass der Fall erst dann entschieden wird, wenn die Menschenmassen, die wegen der Volkszählung und der Spiele nach Rom gekommen sind, sich wieder in ihre Heimatorte in alle Winkel Italiens verabschiedet haben. Ich werde meine Zeugen jetzt sofort aufrufen und dabei folgendermaßen vorgehen: Ich verlese den jeweiligen Anklagepunkt, kommentiere ihn und ziehe meine Schlussfolgerungen. Dann werde ich meinen Zeugen für diesen Anklagepunkt aufrufen und befragen. Im Anschluss daran erhältst du, Hortensius, Gelegenheit für Kommentar und Kreuzverhör. Auf diese Weise werde ich den Fall binnen zehn Tagen abhandeln.«

Mein Leben lang habe ich nicht vergessen - und werde es auch für die kurze mir noch verbleibende Spanne meines Lebens nicht vergessen -, wie Hortensius, Verres, Metellus und Scipio Nasica auf diese Worte reagierten. Natürlich war Hortensius sofort auf den Beinen und erklärte dieses mit jeder Tradition brechende Vorgehen für in jeder Hinsicht illegal. Glabrio hatte nur daraufgewartet und wies Hortensius barsch zurecht, dass es allein Ciceros Sache sei, wie er seinen Fall vortrage; außerdem habe er schon an gleicher Stelle vor den Konsulatswahlen deutlich gemacht, dass er die endlosen Reden satthabe. Auf diese Bemerkung, die sich Glabrio offensichtlich schon im Vorhinein zurechtgelegt hatte, sprang Hortensius wieder auf und beschuldigte ihn geheimer Absprachen mit der Anklagevertretung. Worauf Glabrio, den als reizbaren Charakter zu beschreiben wohlwollend gewesen wäre, ihm schroff riet, er möge seine Zunge im Zaum halten, sonst ließe er ihn -designierter Konsul hin oder her - von seinen Liktoren aus dem Gericht entfernen. Hortensius setzte sich, verschränkte die Arme und schaute wütend auf den Boden, während Cicero sich wieder den Geschworenen zuwandte und seine einleitende Rede beendete.

»Auf uns schauen heute die Augen der Welt und wachen darüber, ob jeder Einzelne von uns sich so verhält, wie sein Gewissen und das Gesetz es befehlen. So wie ihr über den Angeklagten zu Gericht sitzt, so sitzt das Volk von Rom über euch zu Gericht. Weil alle Welt weiß, dass Verres sich durch nichts auszeichnet als durch seine monströsen Verbrechen und seinen gewaltigen Reichtum, entscheidet dieser Fall darüber, ob es möglich ist, dass ein aus Senatoren zusammengesetztes Gericht einen bis ins Mark schuldigen, aber auch steinreichen Mann verurteilen kann. Und deshalb könnten die Schlussfolgerungen, die aus einem Freispruch zu ziehen wären, nur die beschämendsten sein. Deshalb rate ich euch, ehrenwerte Pächter, es schon aus eigenem Interesse nicht dazu kommen zu lassen.« Nach diesen Worten wandte er den Geschworenen den Rücken zu. »Ich rufe meinen ersten Zeugen auf: Sthenius aus Thermae.«

Ich möchte stark bezweifeln, dass auch nur einer der Aristokraten auf der Geschworenenbank - ob Catulus, Isauricus, Metellus, Catilina, Lucretius, Aemilius oder einer der anderen - sich jemals derart anmaßende Worte hatte anhören müssen. Vor allem von einem homo novus, der in seinem Atrium nicht eine einzige Maske eines Vorfahren an der Wand hängen hatte. Wie groß muss ihr Hass gewesen sein, dass sie einfach so dasitzen und das über sich ergehen lassen mussten, und um wie viel größer muss er gewesen sein, als Cicero sich unter den geradezu ekstatischen Jubelstürmen der Menschen auf dem Forum wieder auf seinen Platz setzte. Hortensius konnte einem fast leidtun. Seine gesamte Karriere fußte auf der Fähigkeit, gewaltige Reden auswendig zu lernen und dann mit dem selbstsicheren Gestus eines Schauspielers vortragen zu können. Und nun hatte man ihm per Gesetz den Mund gestopft; noch schlimmer: Er sah zehn langen Tagen entgegen, an denen er auf Ciceros Zeugenbefragungen mit vierzig oder fünfzig Minireden würde antworten müssen. Und auf diese war er nicht einmal im Ansatz ausreichend vorbereitet, was auf grausame Weise offenbar wurde, als Sthenius in den Zeugenstand trat. Als Zeichen des Respekts vor dem Urheber des wahnwitzigen Unternehmens hatte Cicero ihn als Ersten aufgerufen. Und der Sizilier ließ ihn nicht im Stich. Er hatte so lange auf seinen Tag gewartet, dass er jetzt das Beste aus sich herausholte und auf herzzerreißende Weise schilderte, wie Verres seine Gastfreundschaft missbraucht und ihn ausgeplündert hatte, wie er Anschuldigungen gegen ihn erfunden und ihn mit Strafen überzogen hatte, wie er versucht hatte, ihn zu Tode peitschen zu lassen, wie er ihn in Abwesenheit zum Tode verurteilt und dann die Akten des Gerichts von Syrakus gefälscht hatte - Akten, die Cicero als Beweismittel präsentierte und auf der Geschworenenbank herumgehen ließ.

Als Glabrio Hortensius aufrief, den Zeugen ins Kreuzverhör zu nehmen, kam der »Tanzmeister« dieser Aufforderung verständlicherweise nur zögernd nach. Die goldene Regel des Kreuzverhörs ist nämlich die, niemals, unter keinen Umständen, eine Frage zu stellen, auf die der Fragende die Antwort nicht im Voraus kennt, und Hortensius hatte schlicht keine Ahnung, was Sthenius ihm antworten würde. Er blätterte ratlos in seinen Unterlagen, besprach sich im Flüsterton kurz mit Verres und ging dann zum Zeugenstand. Was sollte er tun? Nach ein paar ungeduldigen Fragen, die andeuten sollten, dass der Sizilier dem römischen Rechtssystem ganz generell feindlich gesinnt war, fragte er ihn, warum er angesichts der vielen infrage kommenden Anwälte direkt zu Cicero gegangen sei - einem Mann, dem man allgemein als Agitator für die Interessen der unteren Schichten kenne. Offenbar habe er mit seinen Anschuldigungen von Anfang an nichts weiter im Sinn gehabt, als Unruhe zu stiften.

»Aber ich bin nicht direkt zu Cicero gegangen«, antwortete Sthenius auf seine unnachahmliche Art. »Der erste Rechtsanwalt, den ich aufgesucht habe, warst du.«

Sogar einige der Geschworenen konnten sich ein Lachen nicht verkneifen.

Hortensius schluckte und versuchte es ebenfalls auf die heitere Art. »Ach ja, wirklich? Ich kann mich gar nicht an dich erinnern.«

»Das wundert mich nicht im Geringsten. Du bist ein beschäftigter Mann, Senator. Dafür erinnere ich mich umso genauer. Du hast gesagt, dass du schon Verres' Vertretung übernommen hättest. Und dass es dich nicht interessiere, wie viel er mir geraubt habe, kein Gericht würde einem Sizilier glauben, wenn sein Wort gegen das eines Römers stünde.«

Hortensius musste sich mit seiner Antwort gedulden, bis die über ihn hereinbrechenden Buhrufe und Pfiffe wieder verstummt waren. »Ich habe keine weiteren Fragen an den Zeugen«, sagte er mit verbissener Stimme, worauf die Verhandlung bis zum folgenden Tag unterbrochen wurde.

*

Ursprünglich hatte ich geplant, den Prozess gegen Gaius Verres in allen Einzelheiten zu schildern, sehe nun aber, da ich seinen Beginn zu Papier gebracht habe, keinen Sinn mehr darin. Nach Ciceros taktischem Geniestreich vom ersten Tag erschienen mir Verres und seine Anwälte wie die Opfer einer Belagerung: eingeschlossen in einer kleinen Festung, rundum von Feinden umgeben, tagtäglich unter Dauerbeschuss, die bröckelnden Mauern von Tunneln untergraben. Sie verfügten über keinerlei Waffen, um zurückzuschlagen. Ihre einzige Hoffnung bestand darin, dem Ansturm der restlichen neun Tage irgendwie zu widerstehen und sich während der folgenden, durch die Spiele des Pompeius erzwungenen Ruhephase wieder neu zu formieren. Ciceros Ziel lag ebenfalls klar auf der Hand: Verres' Verteidigung so vollkommen zu zerstören, dass nach Darlegung des gesamten Falles kein noch so korrupter senatorischer Geschworener es wagen würde, ihn freizusprechen.

Cicero nahm seine Mission mit der ihm eigenen Disziplin in Angriff. Die Mannschaft der Anklagevertretung kam jeden Morgen noch vor Sonnenaufgang zusammen. Während Cicero seine Leibesübungen machte, sich rasierte und ankleidete, las ich ihm die Aussagen der für den Tag vorgesehenen Zeugen vor und sah mit ihm die Beweismittel durch. Dann diktierte er mir in groben Zügen, was er vorzutragen gedachte. Die nächsten ein oder zwei Stunden ging er alle Punkte durch, legte sich dazu Anmerkungen zurecht und prägte sich diese genau ein, während Quintus, Frugi und ich dafür zu sorgen hatten, dass alle seine Zeugen und alle Kisten mit den Beweisstücken abmarschbereit waren. Und dann paradierten wir den Hügel hinunter aufs Forum - und was für Paraden das waren! In Rom herrschte nämlich allgemein die Meinung, dass Ciceros Gerichtsvorstellung die beste Veranstaltung in der Stadt war. Am zweiten und dritten Tag war die Zuschauermenge so groß wie am ersten, und die Auftritte der Zeugen, die bei der Schilderung ihrer Misshandlungen nicht selten in Tränen ausbrachen, waren oft herzzerreißend. In besonders guter Erinnerung sind mir Dio aus Halaesa, den man um zehntausend Sesterzen betrogen hatte, und zwei Brüder aus Agyrium, die ihr gesamtes Erbe in Höhe von viertausend Sesterzen abliefern mussten. Es hätte noch mehr Zeugen gegeben, aber Lucius Metellus hatte einige von ihnen am Verlassen der Insel gehindert, darunter auch Heraclius aus Syrakus - ein Frevel an der Gerechtigkeit, den Cicero elegant in einen Vorteil verwandelte. »Unsere Verbündeten«, donnerte Cicero, »haben nicht einmal das Recht, wegen ihres erlittenen Unrechts Klage zu führen!« Erstaunlicherweise sagte Hortensius kein einziges Wort zu all den Anschuldigungen. Jedes Mal, wenn Cicero die Befragung eines Zeugen beendete, gab Glabrio dem König der Gerichtshöfe Gelegenheit, den Zeugen ins Kreuzverhör zu nehmen, doch jedes Mal lehnte Ihre Majestät mit einem Kopfschütteln ab oder erklärte pompös: »Keine Fragen an den Zeugen.« Am vierten Tag stellte Verres den Antrag, aus Krankheitsgründen vom Erscheinen vor Gericht befreit zu werden, was Glabrio jedoch strikt ablehnte. Falls nötig, so Glabrio, werde man ihn samt seines Krankenlagers aufs Forum schaffen lassen.

Am Nachmittag des fünften Tages kehrte Ciceros Vetter Lucius nach getaner Arbeit von Sizilien nach Rom zurück. Als Cicero ihn nach Ende des Prozesstages in seinem Haus antraf, war er außer sich vor Freude. Unter Tränen schloss er ihn in die Arme. Ohne Lucius, der permanent für Nachschub an Zeugen und Beweismitteln von Sizilien aufs Festland gesorgt hatte, wäre Ciceros Fall nicht halb so solide gewesen. Allerdings hatte die siebenmonatige Strapaze bei Lucius, der noch nie einer der Widerstandsfähigsten gewesen war, seine Spuren hinterlassen. Er war auf bestürzende Weise abgemagert und litt an einem Husten, der ihm augenscheinlich große Schmerzen bereitete. Trotzdem war sein Einsatz für die Sache, Verres seiner gerechten Strafe zuzuführen, ungebrochen -und zwar so sehr, dass er auf die Genugtuung, den Beginn des Prozesses mitzuerleben, verzichtet und einen Umweg über Puteoli gemacht hatte, um noch zwei weitere Zeugen aufzuspüren: den römischen Ritter Gaius Numitorius, der die Kreuzigung von Gavius aus Messana gesehen hatte, und seinen Freund, den Kaufmann Marcus Annius, der in Syrakus gewesen war, als Verres den Justizmord an dem römischen Bankier Herennius hatte vollstrecken lassen.

»Und wo sind die beiden jetzt?«, fragte Cicero ungeduldig.

»Hier«, antwortete Lucius. »Im Tablinum. Aber ich muss dich gleich warnen. Sie wollen nicht aussagen.«

Cicero eilte ins Tablinum und sah sich zwei stattlichen Männern mittleren Alters gegenüber -»für meine Zwecke die perfekten Zeugen«, wie er später bemerkte. »Wohlhabend, seriös, sachlich und - das vor allem - keine Sizilier.« Wie Lucius ihm prophezeit hatte, sträubten sie sich auszusagen. Sie waren Geschäftsleute, die an mächtigen Feinden kein Interesse hatten und von der Aussicht auf Hauptrollen in Ciceros antiaristokratischem Schauspiel auf dem römischen Forum alles andere als begeistert waren. Aber er konnte sie schließlich überzeugen, denn sie waren schlau genug zu erkennen, dass bei einer Gewinn-und-Verlust-Rechnung unter dem Strich am meisten herausspringen würde, wenn sie sich auf die Seite der Sieger schlügen. »Wisst ihr, was Pompeius zu Sulla gesagt hat, als der alte Mann ihm an seinem sechsundzwanzigsten Geburtstag einen Triumph abschlagen wollte?«, fragte Cicero.

»Das hat er mir erst gestern Abend beim Essen erzählt: >Die meisten Menschen huldigen der aufgehenden, nicht der untergehenden Sonne.<« Die Mischung aus prominenten Namen und Appellen an Patriotismus wie Eigennutz wirkte und stimmte sie schließlich um. Als es Zeit zum gemeinsamen Abendessen mit Cicero und seiner Familie war, hatten sie ihm ihre Unterstützung zugesichert.

»Ich wusste, wenn du sie nur ein paar Minuten in die Finger bekommst, dann tun sie, was du willst«, flüsterte Lucius ihm zu.

Ich hatte damit gerechnet, dass Cicero sie gleich am nächsten Tag in den Zeugenstand rufen würde, aber er machte es raffinierter. »Eine Vorstellung muss immer mit einem Höhepunkt enden«, sagte er. Inzwischen hatte er den Zorn der Zuschauer mit jedem neuen Anklagepunkt zu neuen Höhen geführt - von korrupter Rechtsprechung über Erpressung und offenen Raub bis hin zu grausamen und unüblichen Methoden der Bestrafung. Am achten Verhandlungstag beschäftigte er sich mit den Aussagen zweier sizilischer Kapitäne, Phalacrus aus Centuripa und Onasus aus Segesta, die schilderten, wie sie und ihre Mannschaften nur durch Bestechung von Verres' Freigelassenem Timarchides der Auspeitschung und Hinrichtung entgingen. (Timarchides war, wie ich zu meiner Genugtuung sagen kann, im Gericht anwesend und musste die Demütigung persönlich miterleben.) Schlimmer noch: Den Familien derer, die nicht die finanziellen Mittel hatten, ihre Verwandten freizukaufen, wurde gesagt, dass sie dem amtlichen Scharfrichter Sextius trotzdem Geld zu zahlen hätten, um zu verhindern, dass dieser bei den Enthauptungen absichtlich grausam vorginge. »Stellt euch die unerträgliche Seelenpein der unglückseligen Eltern vor«, erklärte Cicero, »die nicht für das Überleben ihrer Kinder, sondern für deren schnellen Tod zu zahlen hatten.« Als die Senatoren auf der Geschworenenbank das hörten, schüttelten sie den Kopf und sprachen leise miteinander. Und wenn Glabrio Hortensius aufforderte, einen der Zeugen ins Kreuzverhör zu nehmen, und dieser nur ein ums andere Mal sagte: »Keine Fragen an den Zeugen«, stöhnten sie hörbar auf. Ihre Lage wurde zunehmend unerträglicher, und an jenem Abend gingen zum ersten Mal Gerüchte um, dass Verres schon dabei sei, seinen Hausstand zusammenzupacken und sich auf seine Flucht ins Exil vorzubereiten.

So standen die Dinge, als wir am neunten Prozesstag Annius und Numitorius als Zeugen aufriefen. Wenn das überhaupt möglich war, so war die Zuschauermenge an diesem Morgen, da nur noch zwei Tage bis zum Beginn von Pompeius' Spielen blieben, noch größer als sonst. Verres kam zu spät und war offensichtlich betrunken. Er stolperte, als er die Stufen vor dem Tempel zu seinem Platz hinaufging. Hortensius musste ihn stützen, während das Publikum in Gelächter ausbrach. Als er an Cicero vorbeiging, schaute er ihn an. In den roten Augen des geschlagenen Mannes standen Angst und Wut, es war der Blick eines gejagten, in die Enge getriebenen Tieres. Cicero ging sofort zur Tagesordnung über und rief den ersten Zeugen auf. Annius schilderte, wie er eines Morgens im Hafen von Syrakus gerade eine Ladung inspiziert habe, als ein Freund auf ihn zugelaufen sei und aufgeregt erzählt habe, dass sein in Ketten gelegter Geschäftspartner Herennius auf dem Forum um sein Leben bettele.

»Was hast du daraufhin gemacht?«

»Ich bin natürlich sofort zum Forum gelaufen.«

»Und was hast du da gesehen?«

»Da waren mindestens hundert Menschen, die haben alle gerufen, >Herennius ist ein Bürger Roms, ohne fairen Prozess darf man keinen Römer hinrichten<.«

»Woher haben die Menschen gewusst, dass er Römer ist? Er war doch ein Bankier, der aus Spanien nach Sizilien gekommen war.«

»Viele von uns haben ihn persönlich gekannt. Seine Geschäfte betrieb er zwar in Spanien, aber er war der Sohn einer römischen Familie aus Syrakus. Er ist da aufgewachsen.«

»Und was hat Verres dazu gesagt?«

»Er hat Befehl gegeben, Herennius auf der Stelle zu enthaupten.«

Einige Zuschauer schrien entsetzt auf.

»Wer hat die Hinrichtung durchgeführt?«

»Sextius, der amtliche Scharfrichter.«

»Und hat er seine Arbeit sauber erledigt?«

»Ich fürchte nein.«

»Was ein klarer Hinweis darauf ist«, sagte Cicero, während er sich zu den Geschworenen umdrehte, »dass er Verres und seiner Räuberbande nicht ausreichend bestochen hatte.«

Fast während des gesamten Prozesses hatte Verres zusammengesunken auf seinem Stuhl gesessen. An diesem Morgen jedoch, aufgeputscht durch den Alkohol, sprang er auf und brüllte herum, dass er nie Bestechungsgelder angenommen habe. Hortensius musste ihn wieder auf den Stuhl ziehen. Cicero ignorierte den Zwischenfall völlig und fuhr in aller Ruhe mit der Befragung des Zeugen fort.

»Das war doch eine ziemlich ungewöhnliche Situation, oder? Da verbürgen sich hundert Menschen dafür, dass der Mann römischer Bürger ist, und Verres hat nicht mal eine Stunde Zeit, um dessen Identität zu überprüfen. Wie erklärst du dir das?«

»Das ist ganz leicht zu erklären, Senator. Herennius war Passagier auf einem Schiff aus Spanien, das Verres' Handlanger mitsamt seiner Fracht beschlagnahmt hatten. Erst landete er mit allen anderen Männern, die an Bord waren, in den Steinbrüchen, und später wurde er aufs Forum geschafft, um öffentlich als Pirat hingerichtet zu werden. Was Verres nicht wusste, war, dass Herennius nicht aus Spanien stammte und dass ihn die Römer hier in Syrakus wiedererkennen würden. Als Verres seinen Fehler bemerkte, konnte er ihn aber nicht einfach freilassen, weil Herennius zu viel über die Geschichte wusste.«

»Entschuldigung, ich verstehe nicht«, fragte Cicero und spielte den Unwissenden. »Warum sollte Verres einen unschuldigen Passagier auf einem Frachtschiff als Piraten hinrichten lassen?«

»Weil er eine bestimmte Anzahl an öffentlichen Hinrichtungen brauchte.«

»Warum das?«

»Weil die echten Piraten ihn dafür bezahlt hatten, dass er sie laufen ließ.«

Verres sprang wieder auf und brüllte: »Lüge, alles Lüge«. Diesmal ignorierte Cicero ihn nicht, sondern ging eine paar Schritte auf ihn zu. »Lüge? Alles Lüge? Warum verzeichnen dann deine eigenen Gefängnisunterlagen, dass Herennius auf freien Fuß gesetzt wurde? Und warum verzeichnen sie außerdem, dass der berüchtigte Piratenkapitän Heracleo hingerichtet wurde, obwohl kein Mensch auf der ganzen Insel Zeuge seiner Enthauptung war? Ich sage dir, warum: weil du, der Statthalter Roms, der Verantwortliche für die Sicherheit der Meere, die ganze Zeit Bestechungsgelder von eben diesen Piraten kassiert hast!«

»Cicero, der große Anwalt, der Klügste unter der Sonne«, sagte Verres verbittert, wobei ihm die Worte wegen des Alkohols nur undeutlich über die Lippen kamen. »Der glaubt, dass er alles weiß! Dann erzähle ich euch mal was, das er nicht weiß. Heracleo steht unter meinem persönlichen Schutz, in meinem Haus hier in Rom, er kann euch selbst sagen, dass alles nur Lüge ist!«

Es ist im Nachhinein faszinierend, darüber nachzudenken, wie töricht ein Mann sein muss, der so etwas ausplaudert. Die Fakten jedenfalls sind eindeutig, sie finden sich hier in meinen Unterlagen. Trotz des losbrechenden Höllenlärms im Gericht hörte ich Ciceros Stimme, der Glabrio aufforderte, seine Liktoren zu Verres' Haus zu schicken und den berühmten Piraten »im Interesse der öffentlichen Sicherheit« sofort festnehmen zu lassen. Nachdem das in die Wege geleitet worden war, rief Cicero seinen zweiten Zeugen des Tages auf, Gaius Numitorius. Ich persönlich hielt das damals für etwas voreilig: Meiner Meinung nach hätte sich aus dem Geständnis über Heracleo noch mehr herausholen lassen. Aber der große Rechtsgelehrte hatte gespürt, dass der Augenblick für den Todesstoß gekommen war. Seit Monaten schon, seit wir auf Sizilien gelandet waren, hatte er gewusst, welche Waffe er dafür verwenden würde. Numitorius schwor, dass er die Wahrheit sagen würde, trat in den Zeugenstand und wurde von Cicero ziemlich schnell durch seine Aussage geleitet, die uns mit den wesentlichen Fakten über Publius Gavius vertraut machte: dass der Kaufmann per Schiff von Spanien nach Sizilien gereist war; dass man das Schiff beschlagnahmt und sämtliche Menschen an Bord in die Steinbrüche geworfen hatte, von wo Publius Gavius irgendwie hatte fliehen können; dass er sich nach Messana durchgeschlagen hatte, um von dort mit einem Schiff aufs Festland zu gelangen, beim Betreten des Schiffes aber festgenommen und Verres bei dessen nächstem Besuch in der Stadt übergeben worden war. Atemlose Stille lag über dem Forum.

»Schildert dem Gericht, was dann passiert ist.«

»Verres ließ auf dem Forum von Messana ein Tribunal zusammentreten«, sagte Numitorius. »Gavius wurde vor das Gericht gezerrt, und Verres verkündete, dass er ein Spion sei, für den es nur eine einzige gerechte Strafe gebe. Er befahl, ein Kreuz aufzurichten mit Blick über die Meeresenge nach Regium. Der Gefangene sollte im Moment des Todes auf Italien blicken. Dann ließ er ihm die Kleider vom Leib reißen, vor aller Augen auspeitschen, mit heißen Eisen foltern und schließlich ans Kreuz schlagen.«

»Hat Gavius etwas gesagt?«

»Nur am Anfang. Er schwor, dass er zu Unrecht beschuldigt werde. Er sei kein ausländischer Spion, sondern Bürger Roms. Er sei Stadtrat von Consa und habe früher unter dem Kommando von Lucius Raecius in der römischen Reitertruppe gedient.«

»Was hat Verres dazu gesagt?«

»Er hat ihn als Lügner beschimpft und befohlen, mit der Exekution zu beginnen.«

»Kannst du uns schildern, wie Gavius seinem schrecklichen Tod gegenübergetreten ist?«

»Äußerst tapfer, Senator.«

»Wie ein Römer?«

»Ja, wie ein Römer.«

»Hat er noch irgendetwas gesagt?« (Ich wusste, worauf Cicero hinauswollte.)

»Nur während er ausgepeitscht wurde, als er sehen konnte, wie schon die Eisen erhitzt wurden.« »Was hat er gesagt?«

»Bei jedem Schlag hat er gerufen: >Ich bin ein Bürger Roms.<«

»Würdest du das wiederholen, etwas lauter, bitte, damit jeder dich hören kann.« »Er hat gerufen: >Ich bin ein Bürger Roms.<« »Das war alles?«, fragte Cicero. »Damit ich dich auch richtig verstehe ... Ein Peitschenhieb trifft also auf seinen Körper ...« Cicero legte die Handgelenke aneinander, streckte sie hoch über seinen Kopf und stieß seine Körpermitte ruckartig nach vorn, so als ob ihn ein Hieb mit der Peitsche auf dem Rücken getroffen hätte. »Und dann sagt er mit zusammengebissenen Zähnen: >Ich bin ein Bürger Roms.< Der nächste Hieb .. .« Wieder stieß sein Körper nach vorn. »>Ich bin ein Bürger Roms.< Der nächste Hieb. >Ich bin ein Bürger Roms ... <«

Meine dürren Worte können nicht annähernd wiedergeben, wie Ciceros Vorstellung auf diejenigen wirkte, die sie mit eigenen Augen sahen. Die Stille im Gericht und unter den Zuschauern verstärkte die Wirkung seiner Worte. Es war, als würden wir alle zu Zeugen dieses monströsen Justizverbrechens. Einige Männer und Frauen, ich glaube, es waren Freunde von Gavius, fingen an zu schreien, und aus allen Winkeln des Forums waren wutentbrannte Zwischenrufe zu hören. Wieder befreite sich Verres aus Hortensius' Griff und sprang auf. »Er war ein mieser Spion!«, brüllte er. »Das hat er nur gerufen, weil er seiner gerechten Strafe entgehen wollte!«

»Aber er hat es gerufen!«, rief Cicero triumphierend, wandte sich um und deutete mit dem Finger auf Verres. »Du gibst also zu, dass er es gerufen hat! Deine eigenen Worte klagen dich an: Der Mann behauptet, ein Bürger Roms zu sein, und du hast keinen Finger gerührt! Er beruft sich auf sein Bürgerrecht, und trotzdem zögerst du keine Sekunde oder verschiebst auch nur für kurze Zeit die Vollstreckung der grausamen und abscheulichen Todesstrafe. Wenn man dich, Verres, in Persien oder im hintersten Winkel Indiens auf den Hinrichtungsplatz zerrte, was würdest du denn rufen, außer dass du ein Bürger Roms seist? Und Gavius, den du gar nicht schnell genug zum Tode befördern konntest? Hat ihm die Berufung auf sein Bürgerrecht auch nur eine Stunde oder einen Tag Aufschub beschert, damit man die Wahrheit seiner Behauptung überprüfe? Nein, nicht mit dir auf der Richterbank. Noch der ärmste Mann von niederster Abstammung, egal, in welch rückständigem Land er sich auch aufhielt, hatte bis zum heutigen Tag immer die Gewissheit, dass ihm der Satz >Ich bin ein Bürger Roms« als letzte Verteidigung, als letzte Zuflucht dienen würde. Es war nicht Gavius, nicht irgendein unbedeutender Mann, den du an dieses Kreuz der Qualen genagelt hast: Es war das allgemeingültige Prinzip, dass ein Römer ein freier Mensch ist.«

Der donnernde Beifallssturm, der nach den letzten Worten von Ciceros flammender Rede aufbrandete, war furchterregend. Und er ebbte nach wenigen Augenblicken nicht etwa ab, sondern er schaukelte sich immer weiter auf, wurde immer lauter und schriller. Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte ich, dass die Menschenmenge an den Rändern des Forums in Bewegung geriet, dass sie sich auf uns zubewegte. Ich hörte ein krachendes Geräusch und sah, wie die Baldachine, unter denen viele Zuschauer Schutz vor der Sonne gesucht hatten, zusammenbrachen. Ein Mann fiel von einem Balkon und verschwand zwischen den Menschen, die darunter standen. Schreie waren zu hören. Ein wütender Mob stürmte die Stufen zum Podium des Gerichts hinauf. Hortensius und Verres sprangen in ihrer Panik so schnell auf, dass ihre Bank nach hinten umkippte. Ich hörte Glabrios kreischende Stimme. Er erklärte die Sitzung für geschlossen und eilte dann zusammen mit seinen Liktoren die restlichen Stufen zum Tempel hinauf. Dicht dahinter gaben der im Laufschritt folgende Angeklagte und sein vornehmer Anwalt ein wenig würdevolles Bild ab. Auch einige der Geschworenen suchten Schutz in den Mauern des heiligen Gebäudes. Nicht so Catulus: Ich erinnere mich noch genau an seine wie ein scharfkantiger Felsen aufragende Gestalt. Mit starrem Blick schaute er geradeaus, während sich der Menschenstrom vor ihm teilte und um ihn herumschwappte. Die schweren Bronzetüren des Tempels wurden verriegelt. Cicero unternahm einen Versuch, die Ordnung wiederherzustellen. Er stieg auf seinen Stuhl und gestikulierte beruhigend mit den Armen, wurde aber von vier oder fünf ziemlich verwegen aussehenden Burschen an den Beinen gepackt und hochgehoben. Ich fürchtete um meine wie um seine Sicherheit, doch er breitete nur die Arme aus, als wollte er die ganze Welt umarmen. Die Burschen drehten sich mit Cicero auf den Schultern um und präsentierten ihn der Menge. Der Jubelsturm blies uns ins Gesicht, als hätte man die Tür eines Ofens geöffnet. »Ci-ce-ro! Cice-ro! Ci-ce-ro!« Die Sprechchöre erfüllten den Himmel über Rom.

*

Das war das Ende von Gaius Verres. Wir erführen nie, was genau sich im Innern des Tempels abgespielte, nachdem Glabrio die Sitzung unterbrochen hatte. Cicero glaubte, dass Hortensius und Metellus ihrem Klienten klarmachten, dass eine Fortsetzung der Verteidigung sinnlos sei. Ihr eigenes Ansehen, ihre eigene Autorität hatten schwer gelitten: Sie mussten Verres loswerden, bevor er dem Ruf des Senats noch weiteren Schaden zufügen konnte. Es spielte keine Rolle mehr, mit welch irrwitzigen Summen er die Geschworenen bestochen hatte -keiner von ihnen würde es nach den gerade erlebten Szenen noch wagen, für einen Freispruch zu stimmen. Wie auch immer. Nachdem sich der Mob zerstreut hatte, stahl sich Verres aus dem Tempel und floh - manche sagen, als Frau verkleidet - bei Einbruch der Nacht aus der Stadt. Sein Ziel war Massilia im Süden Galliens, ein traditioneller Fluchtpunkt für die Exilanten aus Rom. Dort tauschten sie dann zu gegrillter Seebarbe ihre weinerlichen Geschichten aus und konnten sich vormachen, sie säßen in der Bucht von Neapel.

Jetzt blieb nur noch zu klären, wie hoch die Geldstrafe sein sollte, die man von Verres zu fordern gedachte. Als Cicero an diesem Tag nach Hause zurückkehrte, berief er eine Besprechung ein, um über die angemessene Summe zu diskutieren. Den genauen Wert dessen, was sich Verres während seiner Sizilien-Jahre ergaunert hat, wird man nie erfahren. Mir waren Schätzungen zu Ohren gekommen, die von vierzig Millionen Sesterzen sprachen. Lucius favorisierte wie immer den radikalsten Kurs: die Beschlagnahme von Verres' gesamtem Vermögen. Quintus hielt eine Summe von zehn Millionen für angebracht. Cicero war merkwürdig still für einen Mann, der gerade einen derart fulminanten Sieg errungen hatte. Er saß übellaunig vor seinem Schreibpult und spielte mit einem metallenen Griffel herum. Am frühen Nachmittag erhielten wir einen Brief von Hortensius, in dem er uns Verres' Angebot übermittelte, als Schadenersatz eine Million

Sesterzen an das Gericht zu zahlen. Vor allem Lucius war empört - »eine Beleidigung«, lautete sein einziger Kommentar. Cicero schickte den Boten auf der Stelle zurück: Er solle es nicht wagen, noch einmal mit so einem Angebot hier aufzutauchen. Ein Stunde später war er wieder da. Hortensius' neues Angebot - sein letztes, wie er hinzufügte -belief sich auf anderthalb Millionen. Diesmal bequemte sich Cicero zu einer schriftlichen Antwort:

Von: Marcus Tullius Cicero An: Quintus Hortensius Hortalus Sei gegrüßt!

Angesichts der lachhaft niedrigen Summe, die dein Klient als Schadenersatz für seine beispiellosen Schandtaten vorschlägt, werde ich Glabrio morgen bitten, mit der Verhandlung fortfahren zu dürfen, und mein Recht geltend machen, das Gericht über in Rede stehende Frage und noch andere Dinge in Kenntnis zu setzen.

»Mal sehen, was er von der Aussicht hält, dass wir ihm und seinen aristokratischen Freunden noch ein bisschen mehr von ihrem eigenen Dreck unter die Nase reiben«, sagte er zu mir. Ich versiegelte den Brief, übergab ihn dem wartenden Boten und ging zurück ins Arbeitszimmer, wo Cicero gleich damit begann, mir seine Rede für morgen zu diktieren: eine scharfe Attacke auf die Aristokraten, dass sie mit der Verteidigung solcher Lumpen wie Verres die erhabenen Namen ihrer Familien und Vorfahren besudelten. Vor allem Lucius war es, der ihn immer weiter anstachelte, seiner Abscheu freien Lauf zu lassen: »Wir sind uns sehr wohl der Tatsache bewusst, dass gewisse >edle Herren« die Verdienste und die Tatkraft der homines novi mit Missgunst und Abneigung betrachten; dass wir keine Sekunde die Augen schließen dürfen, um nicht in einen Hinterhalt gelockt zu werden; dass wir uns nicht den kleinsten Verdacht oder gar den Vorwurf eines Fehlverhaltens erlauben dürfen, ohne nicht auf der Stelle dafür büßen zu müssen; dass wir in unserer Aufmerksamkeit niemals nachlassen und uns niemals einen Tag der Erholung gönnen dürfen. Wir haben Feinde, treten wir ihnen entgegen; wir haben schwere Aufgaben zu bewältigen, erledigen wir sie. Und lasst uns dabei nie vergessen, dass ein Feind, der sich als solcher zu erkennen gibt, weniger furchteinflößend ist als einer, der sich versteckt und niemals das Wort erhebt.«

»Wieder tausend Stimmen weniger«, brummte Quintus.

Der Rest des Nachmittags verstrich, ohne dass eine weitere Nachricht von Hortensius eintraf. Kurz vor Einbruch der Dämmerung hörten wir von der Straße laute Stimmen, und Sekunden später platzte der Hausverwalter Eros in Ciceros Arbeitszimmer und meldete aufgeregt, dass Pompeius Magnus in der Vorhalle sei. Das war in der Tat eine Überraschung. Cicero und sein Bruder schauten sich an, und schon im nächsten Augenblick hörten wir die vertraute Exerzierplatzstimme durchs Haus dröhnen. »Wo ist er? Wo ist der größte Redner unserer Tage?«

Cicero stieß einen leisen Fluch aus und ging dann hinaus ins Tablinum. Quintus, Lucius und ich folgten ihm. In den bescheidenen Räumlichkeiten von Ciceros Haus wirkte die massige Gestalt des Konsuls noch größer als sonst. »Da ist er ja!«, rief er aus. »Der Mann, den dieser Tage jeder sehen will!« Er ging schnurstracks auf Cicero zu, schlang seine muskulösen Arme um ihn und klopfte ihm kräftig auf den Rücken. Ich stand direkt hinter Cicero und konnte sehen, wie Pompeius' listige graue Augen jeden einzelnen von uns taxierten. Als er den verlegenen Hausherrn aus seiner Umklammerung freigegeben hatte, bestand er darauf, jedem von uns vorgestellt zu werden -sogar mir. Der bescheidene Haussklave aus Arpinum kann sich also damit brüsten, im Alter von vierunddreißig Jahren beiden amtierenden Konsuln Roms die Hand geschüttelt zu haben.

Er hatte seine Leibwächter draußen auf der Straße gelassen und das Haus allein betreten, was als außergewöhnlicher Beweis von Vertrauen und Gunst zu deuten war. Als wie immer tadelloser Gastgeber wies Cicero Eros an, Terentia Bescheid zu geben, dass Pompeius Magnus im Haus sei, und mir befahl er, Wein einzuschenken.

»Nur einen kleinen Schluck«, sagte Pompeius und hielt seine große Hand über den Becher. »Wir haben nur kurz Zeit, wir sind auf dem Weg zu einer Abendgesellschaft. Aber wir wollten nicht am Haus unseres Nachbarn vorbeigehen, ohne kurz anzuklopfen und unsere Aufwartung zu machen. Wir haben deine Entwicklung in den vergangenen Tagen genau verfolgt, Cicero. Unser Freund Glabrio hat uns berichtet. Großartig, mein Kompliment. Lass uns auf dein Wohl trinken.« Er hob den Becher, nippte aber nicht einmal daran. »Nachdem du diese große Aufgabe erfolgreich abgeschlossen hast, hoffe ich doch, dass wir uns nun etwas öfter sehen können. Zumal ich ja in Kürze wieder Privatmann sein werde.«

Cicero verbeugte sich leicht. »Ich würde mich sehr freuen.«

»Übermorgen zum Beispiel, hast du da schon irgendwelche Pläne?«

»Das ist doch der Eröffnungstag deiner Spiele, da wird man dich sicher sehr beanspruchen. Vielleicht passt es ein andermal ...«

»Ach was. Ich lade dich ein, in unsere Loge. Schau dir die Eröffnung mit uns zusammen an, wird sicher nicht zu deinem Nachteil sein. Alle Welt soll sehen, dass wir Freunde sind«, fügte er pompös hinzu. »Du magst doch die Spiele, oder?«

Cicero zögerte. Ich konnte förmlich sehen, wie sein Gehirn die Folgen eines Jas oder eines Neins durchspielten. Aber eigentlich hatte er keine Wahl. »Die Spiele faszinieren mich«, antwortete er. »Ich wüsste nicht, was ich lieber täte.«

»Ausgezeichnet«, sagte Pompeius mit seiner dröhnenden Stimme. In diesem Augenblick betrat

Eros das Atrium und richtete aus, dass Terentia unpässlich sei, sie habe sich hingelegt und lasse sich entschuldigen. »Schade«, sagte Pompeius leicht verstimmt. »Naja, es wird sich sicher noch eine Gelegenheit finden.« Er gab mir seinen vollen Becher. »Wir müssen uns jetzt verabschieden. Du hast sicher noch viel zu tun. Da fällt mir ein ...«, sagte er und drehte sich auf der Schwelle des Atriums noch einmal um. »Habt ihr euch schon über die Höhe der Strafe geeinigt?«

»Noch nicht«, antwortete Cicero.

»Was haben sie dir angeboten?«

»Anderthalb Millionen.«

»Nimm das Angebot an«, sagte Pompeius. »Du hast die hohen Herren schon tief genug in die Scheiße geritten, zwing sie nicht auch noch, sie zu fressen. Es wäre mir persönlich unangenehm und der Stabilität des Staates abträglich, wenn sich dieser Prozess noch länger hinzieht. Wir verstehen uns?« Er nickte freundlich und verließ das Atrium. Wir hörten, wie die Haustür geöffnet wurde und der Kommandeur seine Leibwache strammstehen ließ. Dann wurde die Tür geschlossen. Eine Zeit lang sprach keiner ein Wort.

»So ein Dreckskerl«, sagte Cicero. »Bring mir noch was zu trinken.« Als ich mich umdrehte, um den Krug zu holen, sah ich, dass Lucius verärgert die Stirn runzelte.

»Was gibt ihm das Recht, so mit dir zu sprechen?«, fragte er. »Ein Höflichkeitsbesuch, von wegen.«

»Höflichkeitsbesuch? Ach, Lucius«, widersprach Cicero und fing an zu lachen. »Das war der Besuch vom Mieteintreiber.«

»Mieteintreiber? Was bist du ihm denn für Miete schuldig?« Lucius war vielleicht Philosoph, aber er war kein vollkommener Idiot. Er begriff jetzt, was geschehen war. »Ah, so ist das, jetzt verstehe ich.« Angewidert verzog er das Gesicht und drehte sich um.

»Verschon mich mit deiner Überheblichkeit«, sagte Cicero und fasste ihn am Arm. »Ich hatte keine Wahl. Marcus Metellus war gerade der Gerichtshof für Erpressungen zugelost worden. Die Geschworenen waren bestochen. Das Vorverfahren war eine abgekartete Sache. Ich war so nah dran ...« Er hielt seinem Vetter Daumen und Zeigefinger mit so geringem Abstand unter die Nase, dass die beiden Finger sich fast berührt hätten. »... dass ich die ganze Anklage fallen gelassen hätte. Und dann kommt Terentia und sagt, >Streich deine Rede zusammen!<«, und ich hab gewusst, das ist die Lösung. Fahr jedes einzelne Beweisstück auf, jeden einzelnen Zeugen, und das alles in zehn Tagen. Und stell sie an den Pranger! Das war der Punkt, Lucius, verstehst du? An den Pranger, vor ganz Rom, vor aller Augen, sodass sie gar keine andere Wahl hätten, als ihn schuldig zu sprechen.«

Als habe er ein Gericht mit nur einem Geschworenen vor ich, den es zu überzeugen gelte, redete Cicero unter Aufbietung seines ganzen rhetorischen Arsenals auf seinen Vetter Lucius ein.

Er las in dessen Gesicht und suchte nach Hinweisen für die passenden Worte und Argumente, um ihn auf eine Seite zu ziehen.

»Aber ausgerechnet Pompeius«, sagte Lucius verbittert. Nach allem, was er dir vorher angetan hat.«

»Ich habe nur eine einzige Sache gebraucht, Lucius, nur eine winzige Gefälligkeit, und das war die Zusicherung, dass ich den Prozess so durchziehen kann, wie ich das will, und die Zeugen sofort aufrufen kann. Da war keine Bestechung im Spiel, keine Korruption, nichts. Aber ich musste im Voraus wissen, dass Glabrio da mitspielt. Aber als Anklagevertreter konnte ich ja wohl kaum selbst auf den Prätor zugehen. Also habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen, wer das für mich tun könnte.«

Quintus sagte: »Da kam in ganz Rom nur ein Einziger infrage, Lucius.«

»Genau«, rief Cicero. »Ein Mann, dem Glabrio moralisch so verpflichtet ist, dass er ihm sein Ohr nicht verweigern konnte. Und das ist der Mann, der ihm nach dem Tod seiner geschiedenen Frau seinen Sohn zurückgegeben hat - Pompeius.«

»Das war keine winzige Gefälligkeit«, sagte Lucius. »Das war ein schwerwiegender Eingriff, für den ein hoher Preis bezahlt werden muss - aber nicht von dir, sondern von den Bewohnern Siziliens.«

»Von den Bewohnern Siziliens?«, wiederholte Cicero, der langsam die Geduld verlor. »Die Bewohner Siziliens haben nie einen aufrichtigeren

Freund als mich gehabt. Ohne mich hätte es gar keinen Prozess gegeben. Ohne mich kein Angebot von anderthalb Millionen. Um Himmels willen, Lucius, ohne mich wäre Gaius Verres in spätestens zwei Jahren Konsul geworden. Du kannst mir nicht ernsthaft vorwerfen, dass ich die Bewohner Siziliens im Stich gelassen hätte.«

»Dann weigere dich, die Miete zu zahlen«, sagte Lucius und packte Ciceros Hand. »Zieh morgen vor Gericht und hol das Maximum an Entschädigung raus. Zur Hölle mit Pompeius. Ganz Rom steht auf deiner Seite. Die Geschworenen werden es nicht wagen, sich gegen dich zu stellen. Wer schert sich noch um Pompeius? Er hat es selbst gesagt, in fünf Monaten gibt es keinen Konsul Pompeius mehr. Los, versprich mir, dass du kämpfst.«

Cicero umfasste Lucius' Hand mit beiden Händen und schaute ihm tief in die Augen - die alte Doppelgriff-Masche, deren Zeuge ich in diesem Raum schon so oft geworden war. »Ich verspreche dir ...«, sagte er, »ich verspreche dir, dass ich darüber nachdenken werde.«

*

Vielleicht hat er darüber nachgedacht. Wer bin ich, dass ich mir ein Urteil erlauben dürfte? Aber ich möchte doch bezweifeln, dass ihn die Frage länger als eine Sekunde beschäftigte. Cicero war nie daran gelegen, sich an die Spitze eines Mobs zu setzen, der diesen Staat beseitigen wollte: Und nur das hätte ihm den Hals gerettet, hätten sich Pompeius und die Aristokraten gegen ihn gewandt. »Das Problem mit Lucius ist«, sagte er und legte, nachdem sein Vetter gegangen war, die Füße auf das Schreibpult, »dass er glaubt, Politik sei ein Kampf für Gerechtigkeit. Aber Politik ist ein Beruf.«

»Denkst du, dass Verres Pompeius bestochen hat, um die Summe im Rahmen zu halten?«, fragte Quintus und sprach damit exakt den Gedanken aus, der auch mir schon durch den Kopf gegangen war.

»Durchaus möglich. Aber ich glaube eher, dass er einfach vermeiden will, in einen Bürgerkrieg zwischen Volk und Senat zu geraten. Wenn es nach mir ginge, ich würde nichts Lieber tun, als Verres' gesamtes Vermögen einzuziehen. Von mir aus könnte der Lump für den Rest seines Lebens gallisches Gras fressen. Aber dazu wird es nicht kommen«, sagte er seufzend. »Also los, lasst uns mal überschlagen, wie weit wir mit den anderthalb Millionen Sesterzen kommen.«

Cicero, Quintus und ich verbrachten den Rest des Abends damit, eine Liste der Personen mit den höchsten Wiedergutmachungsansprüchen zusammenzustellen. Nachdem Cicero seine eigenen Kosten von knapp hunderttausend Sesterzen abgezogen hatte, kamen wir zu dem Ergebnis, dass er seinen Verpflichtungen so eben nachkommen konnte, zumindest gegenüber Sthenius und seinesgleichen sowie den Zeugen, die eigens die lange Reise nach Rom gemacht hatten. Aber was sollte man den Priestern sagen? Wie sollte man den Wert einer Tempelstatue schätzen, deren Edelsteine und wertvolle Metalle Verres' Goldschmiede schon vor langer Zeit herausgebrochen beziehungsweise eingeschmolzen hatten? Und mit welcher Summe konnte man die Familien und Freunde von Gavius, Herennius und all den anderen Ermordeten entschädigen? Diese Fragen gaben Cicero zum ersten Mal einen Geschmack davon, wie es war, wenn man Macht besaß - eine Macht, die einem, wenn es hart auf hart ging, gewöhnlich nur die Wahl ließ zwischen zwei gleichermaßen widerwärtigen Optionen.

Am nächsten Morgen war fast alles wie an allen anderen Prozesstagen zuvor: das übliche Gefolge, die übliche Menschenmenge, die uns an den üblichen Stellen erwartete. Nur zwei Dinge waren anderes. Verres war nicht da, und zwanzig oder dreißig Wachposten schirmten das Podium des Gerichts ab. Glabrio eröffnete die Sitzung und wies in einer kurzen Rede daraufhin, dass er Störungen wie die von gestern nicht noch einmal dulden werde. Dann erteilte er Hortensius das Wort.

»Aufgrund seiner schlechten gesundheitlichen Verfassung ...«, begann Hortensius, wurde aber schon nach diesen ersten Worten von schallendem Gelächter unterbrochen. Es dauerte eine Zeit lang, bis er fortfahren konnte. »Aufgrund seiner schlechten gesundheitlichen Verfassung«, wiederholte er, »hervorgerufen durch die Belastung der letzten Tage, und weil ihm daran gelegen ist, die Geschäfte des Staates nicht weiter zu beeinträchtigen, verzichtet mein Klient Gaius Verres auf die weitere Verteidigung gegen die durch den Sonderermittler vorgebrachten Beschuldigungen.«

Er setzte sich wieder. Im Gegensatz zu den Siziliern, die den Rückzug mit Beifall aufnahmen, zeigten die Zuschauer kaum eine Reaktion. Sie warteten darauf, dass Cicero wieder die Initiative ergriff. Er stand auf und bedankte sich bei Hortensius für dessen Erklärung - »ein klein bisschen kürzer, als wir sie in dieser Umgebung von dir gewöhnt sind« - und forderte die Höchststrafe nach Cornelischem Recht: die dauerhafte Aberkennung aller Bürgerrechte, »auf dass Gaius Verres weder für seine früheren Opfer noch für eine korrekte Verwaltung der römischen Republik je wieder zur Gefahr werden kann«. Zum ersten Mal an diesem Morgen brandete Jubel auf.

»Ich wünschte«, fuhr Cicero fort, »dass ich seine Verbrehen ungeschehen machen und Menschen wie Göttern all das ersetzen könnte, was er ihnen gestohlen hat. Ich wünschte, ich könnte den Schreinen der Juno auf Malta und Samos ihre Opfergaben und Schmuckstücke zurückgeben. Ich wünschte, Minerva könnte die Verzierungen ihres Tempels in Syrakus wiedersehen. Ich wünschte, ich könnte der Stadt Segesta ihre Statue der Diana und den Menschen von Tyndaris die ihre des Merkur zurückgeben. Ich wünschte, ich konnte das der Ceres zugefügte doppelte Unrecht ungeschehen machen, als man ihre Statuen sowohl aus Henna wie aus Catina geraubt hat. Aber der Schurke ist über alle Berge, zurückgelassen hat er nur die leeren Wände und nackten Böden seiner Häuser hier in Rom und auf dem Land. Nichts weiter kann beschlagnahmt und verkauft werden. Sein Anwalt taxiert den Wert auf anderthalb Millionen Sesterzen, und so kann ich als Wiedergutmachung für Verres' Verbrechen auch nur diese Summe fordern.«

Einige Zuschauer buhten, einer anderer rief: »Viel zu wenig!«

»Das ist zu wenig, ganz meine Meinung. Vielleicht sollen einige von denen, die heute hier zu Gericht sitzen und Verres früher, als er noch ein aufgehender Stern war, verteidigt haben, und einige von denen, die ihm für den Fall, dass sie zu den Geschworenen gehören sollten, ihre Unterstütung zugesagt haben, vielleicht sollten die einmal ihr Gewissen prüfen ... oder auch den Inhalt ihrer Villen!«

Hortensius sprang auf und legte Einspruch ein: Der Vertreter der Anklage spreche in Rätseln.

»Seltsam«, erwiderte Cicero schlagfertig. »Verres hat ihm doch eine Elfenbeinsphinx verehrt, da müsste unserem designierten Konsul das Lösen von Rätseln doch leicht von der Hand gehen.«

Das war kein geplanter Scherz, da Cicero nicht im Voraus wissen konnte, wie Hortensius auf seine Worte reagieren würde. Allerdings - nachdem ich den Satz niedergeschrieben habe und jetzt noch einmal darüber nachdenke - komme ich mir doch etwas blauäugig vor. Vielleicht gehörte die Antwort zu dem Fundus an geistreichen Spontanbemerkungen, die Cicero bei Kerzenlicht regelmäßig durchging, um sie bei passender Gelegenheit parat zu haben. Wie auch immer, die Episode beweist jedenfalls, wie wichtig Humor bei einem öffentlichen Auftritt sein kann. Das Einzige von diesem letzten Verhandlungstag, woran sich die Menschen noch erinnern, ist Ciceros Bemerkung über die Elfenbeinsphinx. Jetzt, im Nachhinein, weiß ich allerdings gar nicht mehr, was so besonders lustig daran war. Jedenfalls entfesselte der Satz Lachstürme und verwandelte eine unangenehme in eine weitere triumphale Rede. Setz dich schnell wieder hin! So hatte Molons Rat gelautet, wenn alles bestens lief, und genau das tat Cicero. Ich reichte ihm ein Handtuch, mit dem er sich unter dem Beifall der Menschen das Gesicht abtupfte und die Hände trocknete. Seine Arbeit im Fall Gaius Verres war damit beendet.

*

Bevor sich der Senat wegen der Spiele des Pompeius in eine fünfzehn tägige Sitzungspause verabschiedete, trat er an jenem Nachmittag zu einer letzten Sitzung zusammen. Da er noch einige Dinge mit den Siziliern zu klären hatte, eilten wir im Laufschritt vom Tempel des Castor über das Forum zum Senat, kamen aber dennoch zu spät.

Crassus als der in diesem Monat präsidierende Konsul hatte das Haus schon zur Ordnung gerufen und verlas gerade Lucullus' neuesten Kriegsbericht über die Fortschritte im Osten. Um nicht zu stören, blieb Cicero an der Schranke stehen, und von dort verfolgten wir Lucullus' Bericht. Der aristokratische General hatte nach eigener Aussage eine Serie triumphaler Siege errungen: Er war ins Königreich des Tigranes einmarschiert, hatte den König im Kampf bezwungen und Zehntausende seiner Soldaten hingeschlachtet, war daraufhin tiefer ins Land des Feindes vorgestoßen, hatte die Stadt Nisibis erobert und den König des Bruders als Geisel genommen.

»Wundert mich, dass es Crassus nicht übel wird dabei«, flüsterte Cicero mir fröhlich zu. »Sein einziger Trost dürfte sein, dass Pompeius noch mehr von Neid zerfressen wird.« Tatsächlich starrte Pompeius, der mit verschränkten Armen neben Crassus saß, düster und geistesabwesend vor sich hin.

Als Crassus fertig war, nutzte Cicero die plötzliche Stille und betrat den Saal. Alle Augen wandten sich zu ihm um. Es war ein heißer Tag, und die Lichtstreifen, die durch die schmalen Fenster unter dem Dach ins Innere fielen, verwandelten die winzigen Mücken in wirbelnde, glitzernde Punkte. Mit entschlossenem Schritt und erhobenem Kopf ging er an seinem alten, unauffälligen Platz neben der Tür vorbei und weiter durch den Mittelgang und blieb vor dem Podium der Konsuln stehen. Die Bank der Prätoren war voll besetzt, doch Cicero wartete geduldig auf seinen ihm nun rechtmäßig zustehenden Platz. Er wusste, und alle Mitglieder des Hauses wussten es auch, dass ihm als siegreichem Ankläger nach alter Überlieferung der Rang des von ihm besiegten Mannes zufiel. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie lange die Stille andauerte, aber sie kam mir ewig vor, und ich weiß noch, dass ich das Gurren der Tauben unter dem Dach hörte. Es war Afranius, der sich schließlich erhob und Cicero mit dem Finger bedeutete, sich neben ihn zu setzen. Grob stieß Afranius seinen Nebenmann zur Seite und schaffte auf der Holzbank Platz. Cicero stieg über ein halbes Dutzend ausgestreckter Beinpaare und quetschte sich dreist in die schmale Lücke. Er schaute nach links und nach rechts, sah jedem seiner Rivalen in die Augen und hielt jedem ihrer Blicke stand. Keiner sagte ein Wort. Schließlich stand jemand auf und sprach Lucullus und den siegreichen Legionen mit mürrischer Stimme seinen Dank aus. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, könnte das Pompeius gewesen sein. Allmählich machte sich im Saal wieder das übliche Gemurmel breit.

Ich schließe die Augen, sehe die Gesichter im goldenen Licht der Spätnachmittagssonne vor mir -Cicero, Crassus, Pompeius, Hortensius, Catulus, Catilina, die Metellus-Brüder - und kann es kaum glauben, dass sie alle, ihre ehrgeizigen Ziele und selbst das Gebäude, in dem sie damals saßen, heute nur noch Staub sind.

TEIL ZWEI.

PRÄTOR

68 v.Chr.-64 v.Chr.

NAM ELOQUENTIAM QUAE ADMIRATIONEM NON HABET NULLAM IUDICO.

»Redekunst, die nicht aufrüttelt, ist für mich keine Redekunst.«

Cicero in einem Brief an Brutus, 48 v. Chr.

KAPITEL X

Ich schlage vor, dass ich meinen Bericht zwei Jahre nach den Ereignissen am Ende der letzten Schriftrolle wieder aufnehme. Ich fürchte, dass diese Auslassung viel über die Natur des Menschen aussagt. Würde man mich nämlich fragen: »Warum, Tiro, überspringst du eine solch lange Periode in Ciceros Leben?«, dann käme ich nicht umhin zu antworten: »Weil das glückliche Jahre waren, mein Freund, und was ist langweiliger, als von glücklichen Zeiten zu erzählen?«

Sein Jahr als Ädil war für den Senator eine äußerst erfolgreiche Zeit. Seine Hauptverantwortung bestand darin, die Stadt mit billigem Getreide zu versorgen, und hierbei konnte Cicero die reiche Ernte seiner Anklage gegen Verres einfahren. Die Bauern und Getreidehändler Siziliens zeigten ihre Dankbarkeit für seinen Rechtsbeistand nicht nur, indem sie ihm mit günstigen Preisen entgegenkamen: Einmal überließen sie ihm eine gesamte Schiffsladung sogar ohne Bezahlung. Cicero war schlau genug, an der öffentlichen Anerkennung dafür auch andere teilhaben zu lassen. Vom Hauptquartier der Ädile, dem Tempel der Ceres, ließ er die großzügige Spende zur Weiterverteilung an diejenigen liefern, die eigentlich für das reibungslose Funktionieren der Stadt sorgten: die etwa hundert Vorsteher der Stadtbezirke. Aus Dankbarkeit wurden viele von ihnen zu seinen Klienten. Mit ihrer Hilfe baute sich Cicero in den folgenden Monaten eine Wahlkampfmaschine auf, die ihresgleichen suchte (Quintus pflegte zu tönen, dass er jederzeit binnen einer Stunde eine zweihundertköpfige Menschenmenge auf die Straße brächte). Fortan geschah kaum noch etwas in der Stadt, über das die Cicero-Brüder nicht Bescheid wussten. Wenn zum Beispiel ein Bauunternehmer oder ein Ladenbesitzer eine bestimmte Genehmigung oder einen Wasseranschluss benötigte oder besorgt war über den baulichen Zustand eines Tempels in der Nachbarschaft, dann erfuhren die beiden Brüder früher oder später davon. Neben seinem außergewöhnlichen Redetalent war es diese unermüdliche Konzentration auf die eintönige Kleinarbeit, die Cicero zu einem derart eindrucksvollen Politiker machte. Er veranstaltete sogar gute Spiele - oder vielmehr Quintus veranstaltete sie in seinem Namen. Als auf dem Höhepunkt des Festes der Ceres traditionsgemäß Füchse mit brennenden Fackeln auf dem Rücken in den Circus Maximus getrieben wurden, erhoben sich alle zweihunderttausend Zuschauer von ihren Sitzen, um Cicero in seiner offiziellen Loge zuzujubeln.

»Dass so viele Menschen so viel Vergnügen an einem derart abstoßenden Schauspiel haben können«, sagte Cicero zu mir, als wir an jenem Abend nach Hause zurückkehrten, »lässt einen fast an den grundlegenden Voraussetzungen der Demokratie zweifeln.« Trotzdem war er hocherfreut, dass ihn die Massen nun nicht mehr nur als »Gelehrten« und »Griechen«, sondern auch als Mann aus ihrer Mitte betrachteten.

Die Geschäfte seiner Anwaltspraxis entwickelten sich ebenso gut. Nach einem ereignislosen Jahr als Konsul verbrachte Hortensius zunehmend mehr Zeit in der Bucht von Neapel, wo er mit seinen juwelenbehängten Fischen und weinbesprengten Bäumen kommunizierte und die Hoheit über die Gerichtssäle Roms vollkommen Cicero überließ. Dieser wurde dermaßen von Geschenken und Vermächtnissen dankbarer Klienten überhäuft, dass er seinem Bruder sogar die obligatorische Million Sesterzen für den Einzug in den Senat vorstrecken konnte. Quintus hatte, obwohl er nur ein mäßiger Redner war, schließlich doch noch seine Begeisterung für eine politische Karriere entdeckt. Cicero selbst war allerdings der Meinung, dass das Soldatische dem Wesen seines Bruders mehr entsprach. Trotz wachsenden Wohlstands und Ansehens lehnte Cicero es ab, aus dem väterlichen Haus auszuziehen. Er fürchtete, es könnte seinem Ansehen als Fürsprecher des Volkes schaden, wenn er sich auf dem protzigen Palatin niederließe. Stattdessen nahm er ohne Rücksprache mit Terentia in Erwartung zukünftiger Einnahmen einen hohen Kredit auf und kaufte in den Albaner Bergen in der Nähe vonTusculum - dreizehn Meilen entfernt von den neugierigen Augen seiner städtischen Wähler - eine prachtvolle Villa. Als er Terentia den Landsitz zeigte, spielte sie die Verärgerte und behauptete, das Klima in den Bergen sei schlecht für ihr Rheuma. Aber ich sah ihr an, dass sie sich insgeheim freute über diesen noblen Zufluchtsort nur eine halbe Tagesreise von Rom entfernt. Das Nachbaranwesen gehörte Catulus, und auch Hortensius besaß ganz in der Nähe ein Haus. Und obwohl Cicero lange Sommertage lesend und schreibend in den kühlen Lichtungen der Pappelhaine seines Landsitzes verbrachte, saß die Feindschaft zwischen ihm und den Aristokraten doch so tief, dass sie ihn nicht ein einziges Mal zu sich zum Essen einluden. Cicero störte das nicht. Im Gegenteil, es belustigte ihn, denn das Haus hatte einst Sulla gehört, dem größten Helden der Aristokraten, und er wusste, wie sehr sie die Tatsache reizen musste, dass es sich jetzt im Besitz eines homo novus aus Arpinum befand. An der Villa waren über zehn Jahre lang keine Veränderungen vorgenommen worden, und als er sie erworben hatte, war eine ganze Wand von einem Gemälde bedeckt gewesen, das den Diktator bei einer militärischen Ehrung durch seine Truppen zeigte. Cicero sorgte dafür, dass alle seine Nachbarn erfuhren, was er in seiner Eigenschaft als neuer Besitzer als Erstes getan hatte: nämlich die gesamte Wand weiß überstreichen zu lassen.

Im Herbst seines neununddreißigsten Lebensjahres war Cicero ein glücklicher Mann: wohlhabend, populär, nach einem Sommer auf dem Land bestens erholt und gespannt den Wahlen im kommenden Juli entgegenblickend, wenn er das Alter erreicht haben würde, um sich der Wahl zum Prätor zu stellen - dem letzten Schritt auf dem Weg zum höchsten Lorbeer, dem Konsulat.

An diesem entscheidenden Punkt seines Schicksals, kurz bevor das Glück ihn im Stich ließ und sein Leben wieder spannend wurde, fahre ich mit meiner Erzählung fort.

*

Ende September feierte Pompeius seinen Geburtstag, und zum dritten Mal hintereinander erhielt Cicero die Einladung, an einer Abendgesellschaft zu dessen Ehren teilzunehmen. Seufzend öffnete Cicero die Botschaft, denn er wusste inzwischen, dass es nur wenige Segnungen im Leben gibt, die lästiger sind als die Freundschaft eines großen Mannes. Anfangs hatte er sich geschmeichelt gefühlt, in Pompeius' inneren Kreis aufgenommen zu werden. Doch schon bald waren ihm die immer gleichen militärischen Anekdoten auf die Nerven gegangen, zu deren Illustrierung bei Tisch gewöhnlich Bildtafeln und bemalte Karaffen herumgereicht wurden. Sie handelten davon, wie der junge General bei Auximum drei Armeen des Marius überlistet, im Alter von vierundzwanzig Jahren an einem einzigen Nachmittag siebzehntausend Numidier getötet oder bei Valencia die spanischen Rebellen endgültig besiegt hatte. Seit seinem siebzehnten Lebensjahr gab Pompeius Befehle, und vielleicht war das der Grund dafür, dass sich bei ihm nichts hatte ausbilden können, was Ciceros geschliffenem Intellekt vergleichbar war. Spontaner Witz, Klatschgeschichten, scharfe Beobachtungen, die sich sowohl in tiefgründige wie spintisierende Betrachtungen über das Wesen des menschlichen Zusammenlebens verlieren konnten -Konversation also, wie Cicero sie schätzte - waren Pompeius vollkommen fremd. Der General liebte es, sich vor respektvoll schweigenden Zuhörern in Plattheiten zu ergehen, um sich dann zurückzulehnen und an den Schmeicheleien seiner Gäste zu ergötzen. Cicero sagte des Öfteren, dass er sich lieber von einem volltrunkenen Barbier auf dem Forum Boarium alle Zähne ziehen lassen wolle, als sich noch ein weiteres Mal diese Tischmonologe anhören zu müssen.

Der Kern des Problems war der, dass Pompeius sich langweilte. Nach seinem Konsulat hatte er sich wie angekündigt mit seiner Frau, seinem kleinen Sohn und seiner Tochter, die noch ein Säugling war, ins Privatleben zurückgezogen. Aber was nun? Da er über keinerlei Redetalent verfügte, kamen die Gerichtshöfe für ihn nicht infrage. Literarische Arbeit interessierte ihn nicht. Er konnte nichts tun, als vor Neid kochend Lucullus' fortschreitenden Feldzug gegen Mithridates zu verfolgen. Mit den Worten eines alten Sprichworts: Mit vierzig hatte er seine Zukunft schon hinter sich. Gelegentlich verließ er seinen Landsitz zu einem Ausflug in den Senat, wo er jedoch nicht das Wort ergriff, sondern den Debatten nur zuhörte. Allerdings legte er Wert darauf, dass ihn bei diesen Ausflügen immer ein riesiger Tross aus Freunden und Klienten begleitete. Cicero fühlte sich verpflichtet, zumindest einen Teil des Weges mitzugehen. Pompeius kam ihm vor wie ein Elefant, der versuchte, in einem Ameisenhaufen heimisch zu werden.

Und trotzdem war er immer noch einer der einflussreichsten Männer der Welt. Er verfügte über eine gewaltige Anhängerschaft unter den Wählern, und es war nicht ratsam, ihm in die Quere zu kommen, zumal binnen Jahresfrist wieder Wahlen anstanden. Erst in diesem Sommer hatte er seinem Günstling Gabinius zu einem der Volkstribunenämter verholfen. Kurz: Er mischte in der Politik immer noch mit. Also ging Cicero wie üblich am dreißigsten September zu Pompeius' Geburtstagsfest und berichtete nach seiner Rückkehr Quintus, Lucius und mir von den Ereignissen. Über Geschenke freute sich Pompeius wie ein Kind. Cicero hatte ihm einen zweihundert Jahre alten und äußerst wertvollen Originalbrief von Zeno, dem Begründer des Stoizismus, mitgebracht, den ihm Atticus in Athen gesorgt hatte. Liebend gern hätte Cicero den Brief für seine eigene Bibliothek in Tusculum behalten, aber er hatte gehofft, mit seiner Gabe des Generals Interesse an Philosophie wecken zu können. Pompeius hatte jedoch nur einen flüchtigen Blick daraufgeworfen, ihn gleich beiseitegelegt und sich stattdessen mehr für Gabinius' Geschenk interessiert: ein versilbertes Rhinozeroshorn, das mit einem ägyptischen, aus Pavianexkrementen hergestellten Aphrodisiakum gefüllt war. »Wie gern hatte ich den Brief zurück!«, sagte Cicero seufzend, ließ sich auf das Sofa fallen und legte seine Hand auf die Stirn. »Wahrscheinlich zündet das Küchenmädchen gerade ihr Herdfeuer damit an.«

»Wer war sonst noch da?«, fragte Quintus neugierig. Er war erst vor ein paar Tagen aus Umbrien zurückgekehrt, wo er das Quästorenamt innegehabt hatte, und lechzte nach dem neuesten Klatsch.

»Nur die übliche Klientel. Unser frischgebackener Volkstribun natürlich, der ehrenwerte Gabinius; sein Schwiegervater Palicanus, die Koryphäe auf dem Gebiet der schönen Künste; Roms anmutigster Tänzer, Afranius; dann Baibus, dieses spanische Geschöpf von Pompeius' Gnaden; und Varro, das Universalgenie des pompeianischen Haushalts. Tja ... und Marcus Fonteius«, fügte Cicero beiläufig hinzu - allerdings nicht so beiläufig, dass Lucius nicht sofort bemerkt hätte, dass da etwas vorgefallen sein musste.

»Und worüber hast du mit Marcus Fonteius gesprochen?«, fragte Lucius. Sein eigener Versuch, beiläufig zu klingen, war nicht weniger durchsichtig.

»Über alles Mögliche.«

»Seinen Prozess?«

»Sicher, auch.«

»Und wer verteidigt den Schurken?«

Cicero machte eine Pause und sagte dann ruhig: »Ich.«

Für diejenigen, die mit dem Fall nicht vertraut sind, sollte ich hinzufügen, dass Fonteius fünf Jahre zuvor Statthalter der Provinz Narbonensis im südlichen Gallia Transalpina gewesen war. Er hatte Pompeius, als dieser in einem Winter beim Kampf gegen die Rebellen in Spanien besonders unter Druck stand, frischen Nachschub und Soldaten geschickt, wodurch der General bis in den Frühling hatte durchhalten können. Seit jener Zeit waren sie Freunde. Fonteius hatte es in den folgenden Jahren zu außerordentlichem Reichtum gebracht - und zwar nach Art des Verres, indem er die einheimische Bevölkerung mittels verschiedenster illegaler Steuern ausgepresst hatte. Die Gallier hatten zunächst klein beigegeben und sich damit getröstet, dass Raub und Ausbeutung seit jeher Begleiterscheinungen der Zivilisation seien. Nach Ciceros triumphaler Klage gegen den Statthalter von Sizilien war Indutiomarus, der Anfuhrer der in der Provinz Narbonensis ansässigen Gallier, nach Rom gereist und hatte den Senator gebeten, sie im Gerichtshof für Erpressungen zu vertreten. Lucius hatte das Anliegen nach Kräften unterstützt, tatsächlich war er es gewesen, der Indutioniarus an Cicero verwiesen hatte. Der Gallier hatte abenteuerlich ausgesehen, als er an jenem Morgen in seinem barbarischen Aufzug aus Jacke und Hose vor unserer Tür stand. Ich war richtiggehend schockiert gewesen. Cicero hat sein Anliegen aber höflich abgelehnt. Seitdem war ein Jahr vergangen, und die Gallier hatten in dem designierten Prätor Plaetorius und seinem jungen Mitarbeiter Marcus Fabius seriösen Rechtsbeistand gefunden. Der Fall würde in Kürze vor Gericht kommen.

»Das ist ja ungeheuerlich«, sagte Lucius empört. »Wie kannst du so einen Kerl verteidigen? Der ist genauso schuldig wie Verres.«

»Unsinn. Er hat niemanden getötet, und er hat niemanden unter falschen Anschuldigungen eingesperrt. Das Schlimmste, was man über ihn sagen kann, ist, dass er ein einziges Mal den Weinhändlern von Narbonne überhöhte Steuern und ein paar Einheimischen überhöhte Gebühren für die Reparatur ihrer Straßen abgeknöpft hat. Außerdem«, fügte Cicero schnell hinzu, bevor Lucius ihn auf seine etwas wohlwollende Interpretation von Fonteius' Aktivitäten festnageln konnte, »wer sind wir, dass wir ihn jetzt schon schuldig sprechen dürften? Das ist Sache des Gerichts, nicht unsere. Oder willst du etwa der Tyrannei das Wort reden und ihm den Rechtsbeistand verweigern?«

»Ich würde ihm deinen Rechtsbeistand verweigern«, erwiderte Lucius. »Du hast doch Indutioniarus gehört, er hat dir die Beweise vorgelegt. Zählen die etwa nichts, nur weil Fonteius ein Freund von Pompeius ist?«

»Das hat mit Pompeius nichts zu tun.«

»Womit dann?«

»Mit Politik«, antwortete Cicero, setzte sich ruckartig auf, schwang den Oberkörper herum und stellte die Füße auf den Boden. Er schaute Lucius fest in die Augen und sagte ernst: »Weißt du, was das Schlimmste ist, was einem Staatsmann passieren kann? Dass seine Landsleute ihn verdächtigen, und sei es auch nur für einen Augenblick, er könnte die Interessen von Ausländern über die seines eigenen Volkes stellen. Genau diese Lüge verbreiten nämlich meine Gegner, seit ich die Sizilier gegen Verres vertreten habe. Und diese Verleumdung kann ich im Keim ersticken, wenn ich jetzt Fonteius' Verteidigung übernehme.«

»Und die Gallier?«

»Die werden von Plaetorius bestens vertreten.«

»Nicht so gut wie von dir.«

»Aber du sagst doch selbst, dass Fonteius' Fall auf schwachen Beinen steht. Der mit dem schwächsten Fall soll den stärksten Anwalt bekommen. Was könnte gerechter sein?«

Cicero strahlte ihn mit seinem bezauberndsten Lächeln an, doch Lucius ließ sich diesmal nicht einwickeln. Ihm war wohl klar, dass er einer Niederlage in einem Streitgespräch gegen Cicero nur dadurch entgehen konnte, dass er das Gespräch einfach abbrach. Also stand er auf und humpelte wütend in Pachtung der Tür zum Atrium. Erst jetzt fiel mir auf, wie krank er noch aussah, wie dünn er war, wie gebückt er ging. Er hatte sich von den Strapazen seiner Arbeit in Sizilien nie richtig erholt. »Worte, nichts als Worte«, brummte er bitter. »Hört das denn nie auf mit diesen Praktiken, mit denen du die anderen nach deiner Pfeife tanzen lässt? Da bist du genau wie alle anderen, Marcus: Deine große Stärke ist auch deine Schwäche. Du tust mir leid, wirklich, es dauert nämlich nicht mehr lange, dann kannst du zwischen deinen Winkelzügen und der Wahrheit nicht mehr unterscheiden. Und dann bist du verloren.«

»>Die Wahrheit<«, sagte Cicero lachend. »Ziemlich schwammiger Begriff für einen Philosophen!« Aber seine Spitze ging ins Leere, denn Lucius hatte den Raum bereits verlassen.

»Er kommt schon zurück«, sagte Quintus.

Aber er kam nicht zurück, und in den folgenden Tagen erledigte Cicero die Vorbereitungen für seinen Prozess mit dem entschlossenen Gesichtsausdruck eines Mannes, der sich ergeben in eine unappetitliche, aber unumgängliche Arbeit vertieft. Und was seinen Mandanten betrifft: Fonteius hatte schon seit drei Jahren mit dieser Anklage gerechnet und die Zeit gut genutzt, indem er für seine Verteidigung Unmengen an Beweismaterial zusammengetragen hatte. Er hatte Zeugen aus Spanien und Gallien, darunter Offiziere aus Pompeius' Lager sowie gerissene und gierige Steuerpächter und Kaufleute - allesamt Mitglieder der römischen Gemeinde in Gallien, die geschworen hatten, dass Nacht Tag sei und Land Meer, Hauptsache der Preis stimmte. Es gab nur ein Problem, das Cicero klar vor Augen stand, als sein fertiger Schriftsatz vor ihm auf dem Schreibpult lag: Fonteius war hundertprozentig schuldig. Cicero saß lange in seinem Arbeitszimmer und starrte an die Wand, während ich mich auf Zehenspitzen um ihn herumschlich. Ich erzähle das, weil es notwendig ist zum Verständnis seines Charakters. Cicero versuchte nämlich nicht nur, wie das vielleicht ein zynischer oder zweitklassiger Anwalt getan hätte, sich irgendeine kluge Taktik auszudenken, mit der er den Ankläger aufs Kreuz legen konnte. Er versuchte etwas zu finden, an das er glauben konnte. Das war der Kern seiner Genialität, sowohl als Rechtsanwalt wie als Staatsmann. »Wenn man selbst überzeugt ist, überzeugt man auch andere«, pflegte er zu sagen. »Du musst an das Argument glauben, das du vorbringst, sonst bist du verloren. Mit keiner Beweisführung, und sei sie noch so logisch oder geschliffen oder brillant, gewinnst du den Prozess, wenn deine Zuhörer spüren, dass dir der Glaube fehlt.« Er brauchte nur einen einzigen Punkt, an den er glauben konnte. An ihm konnte er sich festklammern, konnte darauf aufbauen, konnte ihn ausschmücken und für den Zeitraum von ein oder zwei Stunden in das wichtigste Thema der Welt verwandeln und dieses mit einer Leidenschaft darbieten, die die fadenscheinige Rationalität seiner Widersacher zertrümmerte. Oft verschwand dieser Punkt nach der Rede vollkommen aus seinem Kopf. Und woran glaubte er nun im Fall von Marcus Fonteius? Stundenlang starrte er an die Wand und verfiel schließlich nur darauf: dass sein Mandant in seiner eigenen Stadt von Roms traditionellem Erzfeind, den Galliern, attackiert worden sei und dass dieser Umstand, ungeachtet aller Fragen von Recht oder Unrecht, eine Art Verrat sei.

Darauf konzentrierte er sich, als er einmal mehr in der vertrauten Umgebung des Gerichtshofes für Erpressungen vor dem Tempel des Castor auftrat. Der Prozess dauerte von Ende Oktober bis Mitte November. Es wurde hart gekämpft, bei jedem einzelnen Zeugen, bis zum allerletzten Tag, an dem Cicero seine abschließende Rede für die Verteidigung hielt. Von meinem Platz im Rücken des Senators hatte ich vom ersten Tag an Ausschau nach Lucius gehalten. Aber erst an diesem letzten Morgen bildete ich mir ein, ihn in der Zuschauermenge gesehen zu haben, einen blass aussehenden Mann, der ganz hinten an einem Pfeiler lehnte. Ich habe mich oft gefragt - falls er es tatsächlich gewesen ist, wessen ich mir nicht sicher bin -, was Lucius wohl von seinem Vetter gehalten haben mochte, als dieser die Beweise der Gallier zerfetzte und dabei mit dem Finger auf Indutiomarus zeigte. »Weiß er wirklich, was es bedeutet, eine Zeugenaussage vor diesem Gericht zu machen? Verdient es selbst der größte Anführer der Gallier, auf die gleiche Stufe gestellt zu werden wie der geringste Bürger Roms?« Ob er wirklich annehme, dass ein römisches Geschworenengericht dem Wort eines Mannes glaube, dessen Götter Menschenopfer forderten? »Schließlich weiß doch jeder, dass die Gallier bis zum heutigen Tag an dem ungeheuerlichen und barbarischen Brauch festhalten, Menschen zu opfern.« Was hätte Lucius zu Ciceros Darstellung der gallischen Zeugen gesagt, die »mit hochmütigem und unerschütterlichem Gesichtsausdruck auf dem Forum herumstolzieren und barbarische Drohungen ausstoßen«? Und was hätte er von Ciceros brillantem und überraschendem Kunstgriff gehalten, als er dem Gericht am Ende seiner Rede Fonteius' Schwester präsentierte, eine VestaPriester in, die von Kopf bis Fuß in ein fließendes weißes Gewand gehüllt und um deren Schultern ein weißer Leinenschal geschlungen war? Was hätte er davon gehalten, als diese ihren weißen Gesichtsschleier lüftete und den Geschworenen ihre Tränen zeigte, bei deren Anblick ihr Bruder ebenfalls in Tränen ausbrach, worauf Cicero seinem Mandanten besänftigend die Hand auf die Schulter legte?

»Ehrwürdige Richter, gewährt einem ritterlichen und untadeligen Bürger unserer Stadt euren Schutz. Zeigt der Welt, dass ihr dem Zeugnis eines Landsmannes mehr Vertrauen entgegenbringt als dem von Ausländern, dass ihr dem Wohlergehen unserer Bürger größere Beachtung schenkt als den Winkelzügen unserer Feinde, dass ihr dem Flehen derer, die über eure Opferstätten wachen, mehr Gewicht beimesst als den Unverschämtheiten derer, die überall auf der Welt Krieg führen gegen Opferstätten und Heiligtümer. Und abschließend, meine Herren, ein Punkt, der die Ehre des römischen Volkes in besonderer Weise berührt: Stellt unmissverständlich klar, dass die Bitten einer vestalischen Jungfrau schwerer wiegen als die Drohungen von Galliern.«

Diese Rede gab zweifellos den Ausschlag: sowohl für Fonteius, der freigesprochen wurde, als auch für Cicero, in dem man fortan nichts weniger als den glühendsten Patrioten Roms sah. Nachdem ich meine Aufzeichnungen abgeschlossen hatte, hob ich den Kopf. Es war unmöglich, noch einzelne Individuen auszumachen. Die Menge hatte sich in ein einziges, aufgeputschtes Wesen verwandelt, das sich ekstatisch jubelnd dem Rausch der nationalen Selbstglorifizierung hingab. Jedenfalls hoffe ich aufrichtig, dass Lucius nicht anwesend war. Eine begründete Hoffnung, denn nur wenige Stunden später wurde er tot in seinem Haus aufgefunden.

*

Cicero und Terentia saßen allein beim Abendessen, als die Meldung eintraf. Der Bote war einer von Lucius' Sklaven, noch ein halbes Kind, das völlig in Tränen aufgelöst war. Es fiel mir zu, dem Senator die Nachricht zu überbringen. Er schaute von seinem Teller auf, starrte mich ausdruckslos an und sagte: »Nein« - als hätte ich ihm bei Gericht ein falsches Schriftstück gereicht. Eine Zeit lang konnte er nichts anderes sagen als immer wieder: »Nein, nein, nein.« Er bewegte sich nicht, er blinzelte nicht mal mit den Augen. Es hatte den Anschein, als hätte sein Gehirn aufgehört zu arbeiten. Es war schließlich Terentia, die als Erste etwas sagte. Sie schlug in sanftem Ton vor, dass er zu Lucius' Haus gehen und herausfinden solle, was passiert sei, worauf er aufstand und wie in Trance nach seinen Schuhen suchte. »Pass auf ihn auf, Tiro«, flüsterte Terentia mir zu.

Trauer tötet jedes Zeitgefühl. Was mir von jenem Abend und den folgenden Tagen in Erinnerung geblieben ist, sind bruchstückhafte Szenen, die gespenstisch gleißenden Halluzinationen aus einem Fiebertraum gleichen. Ich erinnere mich an Lucius' dürre und ausgezehrte Gestalt, als wir ihn fanden; daran, dass er auf der rechten Seite lag, in seinen eigenen Exkrementen, die Knie hochgezogen, die linke Hand auf die Augen gedrückt. Ich sehe noch vor mir, wie Cicero sich über ihn beugte, ihm mit einer Kerze ins Gesicht leuchtete und immer wieder seinen Namen rief, als ob er ihn so ins Leben zurückholen könnte. »Was hat er gesehen?« Das sagte Cicero immer wieder. »Was hat er gesehen?« Wie ich schon berichtet habe, war Cicero kein abergläubischer Mensch, aber er konnte sich einfach den Gedanken nicht aus dem Kopf schlagen, dass Lucius vor seinem Ende eine beispiellos schauerliche Vision gehabt haben müsse, die ihn zu Tode erschreckt habe. Was die Ursache seines Todes betrifft, so muss ich gestehen, dass ich all die Jahre ein Geheimnis mit mir herumgetragen habe, von dessen Bürde ich mich hiermit nur zu gern befreie. In einer Ecke des kleinen Raumes lagen ein Mörser, ein Stößel und etwas, das Cicero - und zunächst auch ich - für einen Bund Fenchel hielt. Eine logische Annahme, da zu Lucius' zahlreichen chronischen Leiden auch Verdauungsbeschwerden gehörten, die er mit einer Fencheltinktur zu lindern suchte. Erst später, als ich das Zimmer ausräumte und ein paar der gefiederten Blätter mit dem Daumen auf meiner Handfläche zerrieb, stieg mir ein grässlicher Geruch nach Moder und toten Mäusen in die Nase: Schierling. Da wusste ich, dass Lucius aus welchen Gründen auch immer - Verzweiflung über die Ungerechtigkeit der Welt oder die Schmerzen, die ihm seine Krankheiten bereiteten - vom Leben genug gehabt und den gleichen Tod gewählt hatte wie sein Idol Sokrates. Obwohl ich vorgehabt hatte, Cicero und Quintus von meiner Entdeckung zu erzählen, brachte ich es in diesen Tagen der Trauer nicht über mich, und schließlich schien mir der passende Moment verstrichen zu sein, und ich hielt es für besser, die beiden im Glauben zu lassen, Lucius sei nicht freiwillig aus dem Leben geschieden. Ich entsinne mich auch noch daran, dass Cicero viel Geld für Blumen und Weihrauch ausgegeben hatte. Lucius lag in seiner besten Toga, gewaschen und gesalbt, die schmalen Füße Richtung Tür, auf der Totenbahre, und obwohl es ein grauer Novembertag war, duftete es wie in einem elysischen Wäldchen. Ich erinnere mich an die für einen Mann, der so zurückgezogen gelebt hatte, große Zahl an Freunden und Nachbarn, die ihm die letzte Ehre erwiesen und sich dem Leichenzug hinaus zum Campus Esquilinus anschlossen. Ich sehe noch den jungen Frugi vor mir, der nicht aufhören konnte zu weinen. Ich erinnere mich an die Klagelieder und die Musik, an die respektvollen Blicke der Bürger am Wegesrand -schließlich handelte es sich um einen Cicero, der nun auf dem Weg zu seinen Vorfahren war, und der Name galt inzwischen etwas in Rom. Auf dem gefrorenen Feld lag der Körper auf dem Scheiterhaufen, und der große Redner versuchte sich an einer kurzen Lobrede. Doch die Worte wollten ihm nicht gehorchen, und er verstummte. Er war nicht einmal in der Lage, das Holz zu entzünden. Er gab die Fackel an Quintus weiter, der das für ihn erledigte. Als die Flammen hoch aufloderten, streuten die Trauernden duftende Gewürze ins Feuer, und der parfümierte, von orangen Funken durchsetzte Rauch stieg hinauf zur Milchstraße. An jenem Abend diktierte mir der Senator in seinem Arbeitszimmer einen Brief an Atticus, und es ist sicher der Zuneigung geschuldet, die Lucius auch in dessen Herzen entfacht hatte, dass dies der erste von den Hunderten von Ciceros Briefen war, den Atticus aufbewahrte.

»Du kennst mich so gut, dass du besser als die meisten ermessen kannst, wie tief mich der Tod meines Vetters Lucius trifft, welchen Verlust er für mein öffentliches wie privates Leben bedeutet. All die Freude, die einem Menschen Freundlichkeit und Wärme bereiten können, habe ich von ihm empfangen.«

*

Obwohl Lucius viele Jahre in Rom gelebt hatte, war es immer sein Wunsch gewesen, dass seine Asche in der Familiengruft in Arpinum beigesetzt werden sollte. Also machten sich die Cicero-Brüder, die ihren Vater schon vorab über ihr Kommen informiert hatten, am Morgen nach der Einäscherung zusammen mit ihren Frauen auf die Dreitagesreise Richtung Osten. Trauerzeit hin oder her, Cicero konnte es sich nicht erlauben, seine anwaltschaftliche und politische Korrespondenz zu vernachlässigen, sodass ich mit nach Arpinum fuhr. Trotzdem war es das erste und, soweit ich mich erinnern kann, auch das einzige Mal in all unseren gemeinsamen Jahren, dass Cicero auf einer Reise keine offiziellen Geschäfte erledigte. Er saß, das Kinn auf die Hand gestützt, auf seinem Platz und tat nichts, als auf die vorüberziehende Landschaft zu starren. Er und Terentia führen in einer Kutsche, Quintus und Pomponia in einer anderen. Die beiden stritten pausenlos, sodass Cicero - wie ich einmal zufällig mitbekam - seinen Bruder beiseite nahm und ihn anflehte, er solle doch, und sei es nur um Atticus' willen, endlich seine Ehe in Ordnung bringen. »Wenn dir Atticus' Meinung so wichtig ist«, erwiderte Quintus mit einigem Recht, »dann heirate du sie doch.« Die erste Nacht verbrachten wir auf Ciceros Landsitz in Tusculum. Am nächsten Tag hatten wir auf der Via Latina gerade Ferentium erreicht, als ein Bote aus Arpinum den Brüdern die Nachricht überbrachte, dass ihr Vater gestern einen Kollaps erlitten habe und gestorben sei.

Angesichts der Tatsache, dass der Vater bereits über sechzig gewesen war und schon seit vielen Jahren gekränkelt hatte, war sein Tod ein geringerer Schock als der von Lucius (die Nachricht von dessen Tod hatte der fragilen Gesundheit des alten Mannes wohl den letzten Schlag versetzt). Trotzdem, das eine mit Pinien- und Zypressenzweigen geschmückte Trauerhaus zu verlassen, um wenige Tage später ein ebenso geschmücktes Haus zu betreten, bildete den Gipfel an Schwermut, die noch verschlimmert wurde durch den unglücklichen Zufall, dass wir in Arpinum am fünfundzwanzigsten November eintrafen, dem Tag, der Proserpina geweiht war, der Königin des Hades, die die Flüche des Menschen über die Seelen der Toten bringt.

Die Cicero-Villa lag drei Meilen außerhalb der Stadt, am Ende einer steinigen, gewundenen Straße, in einem von hohen Bergen gesäumten Tal. Es war kalt in dieser Höhenlage, die Gipfel ringsum steckten schon unter jungfräulichen Hauben aus Schnee, die sie bis in den Mai hinein tragen würden. Ich war seit zehn Jahren nicht mehr hier gewesen, und alles genau so vorzufinden, wie ich es in Erinnerung hatte, rief seltsame Gefühle in mir hervor. Anders als Cicero hatte ich das Leben auf dem Land dem in der Stadt immer vorgezogen. Ich war hier geboren, meine Mutter und mein Vater hatten hier gelebt und waren hier gestorben. Im ersten Vierteljahrhundert meines Lebens hatten diese sanft hügeligen Wiesen und kristallklaren Flüsse mit ihren hohen Pappeln und grünen Ufern die Grenzen meiner Welt markiert. Als Cicero sah, wie bewegt ich war, und weil er wusste, wie ergeben ich meinem alten Herrn gedient hatte, bot er mir an, ihn und Quintus zur Totenbahre zu begleiten, um Abschied zu nehmen. Auf gewisse Weise schuldete ich ihrem Vater genauso viel wie sie. Ich war ihm von klein auf sympathisch gewesen, er hatte mich unter seine Fittiche genommen und mir eine Ausbildung zukommen lassen, sodass ich ihm mit seinen Büchern helfen konnte. Und er hatte mir die Möglichkeit geboten, mit seinem Sohn auf Reisen gehen zu dürfen.

Als ich mich nach vorne beugte, um seine kalte Hand zu küssen, hatte ich das starke Gefühl, nach Hause zurückgekehrt zu sein, und mir kam der Gedanke, dass ich vielleicht ganz hierbleiben könnte, dass ich als Verwalter arbeiten, ein Mädchen meines Standes heiraten und Kinder haben könnte. Meine Eltern waren beide, obwohl sie Haussklaven und keine Arbeitssklaven auf dem Feld gewesen waren, schon mit Anfang vierzig gestorben. Ich musste damit rechnen, dass auch mir nur noch zehn Jahre blieben, höchstens. Die Vorstellung tat weh, dass ich diese Welt vielleicht ohne Nachkommen verlassen würde. Ich nahm mir vor, Cicero bei erstbester Gelegenheit darauf anzusprechen.

Und so kam es, dass ich ein ziemlich tiefgründiges Gespräch mit ihm führte. Am Tag nach unserer Ankunft wurde mein alter Herr in der Familiengruft beigesetzt, die Alabasterurne mit Lucius' Asche stellte man neben ihn, und zum Abschluss wurde, um diesen Ort zu weihen, ein Schwein geopfert. Am nächsten Morgen unternahm Cicero einen Rundgang über sein frisches Erbe. Ich begleitete ihn für den Fall, dass er mir etwas diktieren wollte, denn das Anwesen, das so hoch beliehen war, dass es fast keinen Wert mehr darstellte, war völlig heruntergekommen und bedurfte dringend der Renovierung. Cicero sagte, dass ursprünglich seine Mutter den Besitz verwaltet habe, dass sein Vater ein Träumer gewesen und den Gutsverwaltern oder Lieferanten nie gewachsen gewesen sei und dass deshalb nach dem Tod seiner Mutter alles nach und nach verrottet sei. Das war, glaube ich, nach zehn Jahren in seinen Diensten das erste Mal, dass er mir gegenüber seine Mutter erwähnte. Sie hatte Helvia geheißen und war schon vor zwanzig Jahren gestorben, etwa um die Zeit, als er als junger Mann zur Ausbildung nach Rom geschickt worden war. Ich selbst konnte mich kaum noch an sie erinnern außer daran, dass sie im Ruf stand, eine äußerst harte und bösartige Frau gewesen zu sein - die Art von Herrin, die die Krüge markierte, damit niemand etwas stahl, und die einen Sklaven, den sie des Diebstahls verdächtigte, mit dem größten Vergnügen auspeitschte.

»Nie kam ihr ein lobendes Wort über die Lippen, Tiro«, sagte er. »Weder für mich noch für meinen Bruder. Und trotzdem habe ich alles versucht, ihr zu gefallen.« Er blieb stehen und schaute wehmütig über die Felder zu dem schnell fließenden, eiskalten Fluss, der Fibrenus heißt und in dessen Mitte sich eine winzige Insel mit einem Wäldchen und einem kleinen, halb zerfallenen Pavillon befindet. »Da bin ich als Junge oft gewesen«, sagte er. »Wie viele Stunden ich da gesessen habe! Ich habe davon geträumt, ein zweiter Achilles zu werden, wenn auch im Gerichtshof, nicht auf dem Schlachtfeld. Du kennst ja deinen Homer: >Alle übertrumpfen, besser sein als alle anderen!<«

Er schwieg eine Zeit lang, sodass ich die Gelegenheit nutzte und ihm von meinem Plan erzählte. Ich plapperte einfach drauflos und sagte ihm, dass ich vielleicht hierbleiben und für ihn das Gut wieder auf Vordermann bringen könnte. Währenddessen starrte er weiter hinüber auf die Insel aus seinen Kindertagen. »Ich kann dich sehr gut verstehen«, sagte er seufzend, als ich fertig war. »Ich fühle ganz genauso. Dies ist für mich und meinen Bruder die wahre Heimat. Wir stammen hier aus der Gegend, aus einer sehr alten Familie. Hier sind die Wurzeln unserer Bräuche und unseres Geschlechts, vieles hier erinnert mich an meine Vorväter. Was soll ich dir noch sagen?« Er drehte sich um und schaute mich an. Mir fiel auf, wie klar und blau seine Augen waren, trotz der vielen Tränen, die er in den letzten Tagen vergossen hatte. »Aber bedenke, was wir in dieser Woche gesehen haben - die leeren, fühllosen Hüllen derer, die wir geliebt haben -, und bedenke die schreckliche Prüfung, die der Tod einem Menschen auferlegt.« Er verstummte und schüttelte plötzlich heftig den Kopf, als wolle er einen Albtraum verscheuchen, und wandte dann seine Aufmerksamkeit wieder der Landschaft zu. »Eins ist sicher, Tiro, ich für meinen Teil habe nicht vor zu sterben, ohne auch die letzte Unze meines Talents genutzt zu haben, ohne auch noch die letzte Meile marschiert zu sein, die die Kraft meiner Beine mir ermöglicht. Die Menschen werden sich an mich erinnern, Tiro - das ist meine Bestimmung, und nicht, hier herumzusitzen und zu träumen. Und deine Bestimmung, teurer Freund, ist es, mir dabei behilflich zu sein. Wo gibt es noch einen zweiten Sekretär, der meine Worte so schnell niederschreibt, wie ich sie ausspreche? Das ist eine Gabe, die man nicht mit Schafezählen in Arpinum vergeuden darf. Also, Schluss jetzt mit dem törichten Gerede.«

Und damit war mein pastorales Idyll zu Grabe getragen. Wir gingen zum Haus zurück, und später am Nachmittag - vielleicht war es aber auch erst am nächsten Tag: die Erinnerung spielt einem manchmal solche Streiche - hörten wir von der Straße, die in die Stadt führte, das schnell lauter werdende Geräusch von Pferdehufen. Es hatte angefangen zu regnen, daran kann ich mich noch erinnern, und wir waren alle gereizt, weil wir das Haus nicht verlassen konnten. Cicero las, Terentia nähte, Quintus machte Fechtübungen, und Pomponia hatte sich mit Kopfschmerzen auf das Sofa gelegt. (Sie behauptete hartnäckig, dass Politik »grässlich langweilig« sei, was Cicero in stumme Raserei versetzte. »Wie kann man bloß so einen Unsinn reden?«, sagte er einmal zu mir. »Politik und langweilig? Politik ist Geschichte in Aktion. Welcher andere Bereich des Lebens weckt so das Erhabenste wie das Niederträchtigste im Menschen? Oder ist so aufregend? Oder entblößt so anschaulich unsere Stärken und Schwächen? Langweilig! Genauso gut könnte man sagen, das Leben sei langweilig.«) Als das lärmende Hufgeklapper verstummte, ging ich in den Hof, und der Reiter übergab mir einen Brief, der das Siegel von Pompeius Magnus trug. Cicero öffnete das Schreiben und stieß einen überraschten Schrei aus. »Rom ist angegriffen worden!«, rief er laut, was sogar Pomponia dazu brachte, sich von ihrem Sofa zu erheben. Er las hastig weiter. Man habe die Kriegsflotte der Konsuln in ihrem Winterhafen in Ostia in Brand gesteckt. Zwei Prätoren, Sextilius und Bellinus, seien zusammen mit ihren Liktoren und ihrem Gefolge entfuhrt worden. Die Täter seien Seeräuber, die nichts anderes im Sinn hätten, als Angst und Schrecken zu verbreiten. In Rom herrsche Panik, das Volk rufe nach Gegenmaßnahmen. »Pompeius will, dass ich sofort zu ihm komme«, sagte Cicero. »Er hat für übermorgen auf seinem Landsitz einen Kriegsrat

KAPITEL XI

Wir ließen die anderen in Arpinum zurück und fuhren in einer zweirädrigen Kutsche (Cicero setzte sich nur dann auf ein Pferd, wenn es sich nicht vermeiden ließ), so schnell wir konnten, zurück nach Tusculum und erreichten Ciceros Villa bei Sonnenuntergang des nächsten Tages. Pompeius' Anwesen lag nur fünf Meilen entfernt in südlicher Richtung auf der anderen Seite der Albaner Berge. Die faulen Haussklaven, die von der frühen Rückkehr ihres Herrn offensichtlich überrascht worden waren, stoben auseinander, um das Haus in Ordnung zu bringen. Cicero nahm ein Bad und ging sofort zu Bett. Allerdings glaube ich nicht, dass er besonders gut schlief, denn mitten in der Nacht bildete ich mir ein, Geräusche aus der Bibliothek zu hören, und tatsächlich fand ich am nächsten Morgen Aristoteles' Nikomachische Ethik halb entrollt auf seinem Schreibpult. Aber Politiker sind unverwüstlich. Als ich sein Zimmer betrat, war er schon angezogen, und es trieb ihn einzig die Frage um, was Pompeius vorhatte. Als es hell wurde, machten wir uns auf den Weg. Wir folgten der Straße, die um den Albaner See herumführte, und als die ersten violetten Sonnenstrahlen über die schneebedeckten Gipfel lugten, konnten wir die Silhouetten der Fischer sehen, die auf dem glitzernden See ihre Netze einholten. »Gibt es etwas Schöneres auf der Welt als Italien?«, murmelte Cicero und atmete tief ein. Er brauchte gar nicht auszusprechen, was er dachte, weil mir das Gleiche durch den Kopf ging: dass es eine Erleichterung war, der erdrückenden Schwermut Arpinunis entkommen zu sein und dass nichts die Lust am Leben so steigerte wie der Tod.

Wir bogen schließlich von der Straße ab und gelangten durch ein imposantes Tor auf eine lange, von Zypressen gesäumte Auffahrt aus weißem Kiesel. In den architektonischen Gärten zu beiden Seiten standen zahlreiche Marmorstatuen, die zweifellos Beutestücke des Generals aus seinen diversen Feldzügen waren. Gärtner rechten das Winterlaub auf und beschnitten die Buchsbaumhecken. Das Anwesen verströmte eine Atmosphäre unermesslichen, friedlichen und selbstbewussten Reichtums. Als Cicero mit festem Schritt das Haus betrat, flüsterte er mir zu, dass ich immer dicht bei ihm bleiben solle, und so schlüpfte ich, die Aktenmappe unter den Arm geklemmt, in seinem Schlepptau unauffällig mit ins Haus (nebenbei bemerkt, kann ich nur jedem raten, der nicht auffallen will, immer Schriftstücke mit sich zu führen: Sie machen den, der sie trägt, praktisch unsichtbar. Die Methode kann mit allem, was man aus der griechischen Mythologie kennt, locker mithalten.) Bei der Begrüßung seiner Gäste im Atrium gab Pompeius den vornehmen Landedelmann. Er war in Begleitung seiner dritten Frau Mucia, seines Sohnes Gnaeus, der damals etwa elf Jahre alt gewesen sein muss, und seiner Tochter Pompeia, die eben erst laufen gelernt hatte. Mucia war attraktiv, eine Frau wie eine Statue. Sie stammte aus dem Geschlecht der Metelli, war Ende zwanzig und augenscheinlich erneut schwanger. Wie ich später herausfand, war eine von Pompeius' Eigenheiten, dass er seine Frauen - mit welcher auch immer er gerade verheiratet war - wirklich zu lieben schien. Mucia lachte bei unserem Eintreten über irgendetwas, und als der Urheber der witzigen Bemerkung sich umdrehte, war es zu meiner Überraschung Caesar. Ziemlich sicher war auch Cicero sehr überrascht, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir nur das vertraute Trio aus Picenum zu Gesicht bekommen: Palicanus, Afranius und Gabinius. Außerdem war Caesar seit über einem Jahr Quästor in Spanien. Aber da stand er, geschmeidig und gut gebaut, die amüsierten braunen Augen blickten aus seinem hageren, intelligenten Gesicht, und die dünnen dunklen Haarsträhnen waren mit äußerster Sorgfalt quer über den sonnenverbrannten Schädel gekämmt. (Aber was mache ich mir die Mühe, ihn zu beschreiben? Alle Welt weiß, wie er aussah.)

Insgesamt acht Senatoren waren an diesem Morgen anwesend: Pompeius, Cicero und Caesar; das schon erwähnte Trio aus Picenum; Pompeius' Hausintellektueller Varro, der damals etwa fünfzig Jahre alt war; und Gaius Cornelius, der unter Pompeius als Quästor in Spanien gedient hatte und inzwischen wie Gabinius designierter Volkstribun war. Ich fiel nicht so auf, wie ich befürchtet hatte, denn viele der Hauptdarsteller hatten ebenfalls ihre Sekretäre oder Aktenträger mitgebracht; wir standen alle ehrerbietig in einer Ecke zusammen. Nachdem man Erfrischungen aufgetragen hatte, die Kindermädchen ihre Schützlinge abgeholt hatten und auch Mucia sich taktvoll von allen Gästen ihres Mannes - besonders ausgiebig von Caesar, wie mir auffiel - verabschiedet hatte, brachten die Haussklaven Stühle für die Senatoren herein. Ich wollte mich gerade mit den anderen Sekretären zurückziehen, als Cicero Pompeius vorschlug, ob ich als in Rom allseits bekannter Erfinder der neuen hervorragenden Kurzschriftmethode - exakt das waren seine Worte - nicht bleiben und Protokoll führen solle. Ich errötete, so verlegen war ich. Pompeius warf mir einen argwöhnischen Blick zu, und ich war darauf gefasst, dass er ablehnen würde, doch er zuckte nur mit den Achseln und sagte: »Na gut, das könnte ganz nützlich sein. Aber er soll nur eine einzige Abschrift machen, und die verbleibt in meinen Händen. Sind damit alle einverstanden?« Alle murmelten ihre Zustimmung, worauf ein Hocker geholt wurde und ich mich mit aufgeklapptem Notizbuch und gezücktem Griffel in der schweißnassen Hand in eine Ecke setzte.

Als alle auf den im Halbkreis aufgestellten Stühlen Platz genommen hatten, erhob sich Pompeius. Wie schon erwähnt, war Pompeius vor großem Publikum kein guter Redner. Doch in vertrauter Umgebung, vor Menschen, die er als seine Leutnants betrachtete, strahlte er Kraft und Autorität aus. Obwohl ich das wortgetreue Protokoll abgeben musste, kann ich mich an das meiste noch gut erinnern, da ich ja meine Kurzschriftnotizen immer in eine Endfassung zu übertragen hatte, wobei mir große Teile des Gesagten im Gedächtnis haften blieben. Pompeius begann seine Rede mit den neuesten Einzelheiten über den Überfall der Seeräuber auf Ostia: Neunzehn Triremen aus der Kriegsflotte der Konsuln waren zerstört, ein paar hundert Mann getötet, die Getreidelager abgefackelt, zwei Prätoren in ihren Amtsroben -einer hatte die Kornspeicher, der andere die Flotte inspiziert - samt Liktoren und deren symbolischen Rutenbündeln und Beilen verschleppt. Die Lösegeldforderung war gestern in Rom eingetroffen. »Ich für meinen Teil«, sagte Pompeius, »glaube nicht, dass wir mit solchen Leuten verhandeln sollten, das ermuntert sie nur in ihrem kriminellen Tun.« (Alle nickten zustimmend.) Der Überfall auf Ostia, fuhr er fort, sei ein Wendepunkt in Roms Geschichte. Man habe es hier nicht mit einem Einzelfall zu tun, sondern nur mit einer besonders dreisten Aktion in einer langen Reihe ähnlich empörender Vorfälle, wie zum Beispiel der Entführung der erlauchten Antonia aus ihrer Villa in Misenum (deren eigener Vater eine Strafexpedition gegen die Seeräuber angeführt habe!), der Plünderung der Tempelschätze von Croton und den Überraschungsangriffen auf Brundisium und Caieta. Wo würden sie das nächste Mal zuschlagen? Rom sehe sich einer Bedrohung gegenüber, die sich von der durch einen konventionellen Gegner deutlich unterscheide. Diese Seeräuber verkörperten einen neuen Typus von skrupellosem Feind, hinter dem keine Regierung stünde, dessen man mit keinem Vertrag Herr werden könne, dessen Stützpunkte sich nicht nur in einem einzigen Staat befänden. Sie hätten keinen zentralen Kommandostand. Sie seien eine weltumspannende Pest, eine parasitäre Plage, die ausgemerzt werden müsse, sonst könne Rom -trotz seiner überwältigenden militärischen Überlegenheit - nie wieder in Sicherheit und Frieden leben. Das bestehende nationale Sicherheitssystem, das Männern im Konsulrang für begrenzte Zeit nur ein Kommando für einen Kriegsschauplatz zuweise, sei der Herausforderung nicht mehr angemessen.

»Schon lange vor Ostia habe ich mich ausführlich mit diesem Problem befasst«, erklärte Pompeius. »Ich bin der festen Überzeugung, dass dieser einzigartige Feind nach einzigartigen Maßnahmen verlangt. Jetzt ist unsere Zeit gekommen.« Er klatschte in die Hände, und zwei Sklaven trugen ein Gestell mit einer großen Landkarte des Mittelmeerraumes herein, das sie neben Pompeius aufstellten. Seine Zuhörer beugten sich vor, um die geheimnisvollen senkrechten Linien, die über Land wie See verliefen, besser erkennen zu können. »Die Grundlage unserer Strategie muss lauten: Verknüpfung der militärischen und politischen Interessensphären. Wir attackieren sie mit allem, was wir haben.« Er nahm einen Zeigestock und klopfte damit auf die farbige Karte. »Ich schlage vor, den gesamten Mittelmeerraum in fünfzehn Zonen aufzuteilen, von den Säulen des Herkules im Westen, hier, bis zu den Gewässern Ägyptens und Syriens im Osten, hier. In jede Zone schicken wir einen Legaten, dessen Aufgabe es sein wird, sein Gebiet von Seeräubern zu säubern und dann mit den regionalen Herrschern Verträge abzuschließen, die sicherstellen sollen, dass nie wieder ein Seeräuberschiff in diese Gewässer eindringen kann. Jeder gefangene Seeräuber ist der römischen Rechtsprechung zu überantworten. Jeder regionale Herrscher, der die Zusammenarbeit verweigert, wird als Feind Roms betrachtet. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Alle fünfzehn Legaten sind einem einzigen Oberkommandierenden unterstellt, der von jeder Küste bis fünfzig Meilen ins Landesinnere über die absolute Befehlsgewalt verfugt. Und dieser Kommandierende werde ich sein.«

Lange herrschte Schweigen. Es war Cicero, der als Erster das Wort ergriff. »Das ist ohne Zweifel ein mutiger Plan, Pompeius, doch konnte ihn mancher -angesichts des Verlusts von neunzehn Triremen -für eine übertriebene Reaktion halten. Dir ist sicher bewusst, dass eine derartige Konzentration von Macht in den Händen eines einzigen Mannes ohne Beispiel in der gesamten Geschichte der Republik ist.«

»In der Tat, dessen bin ich mir durchaus bewusst«, erwiderte Pompeius. Er versuchte, Cicero mit regungslosem Gesicht anzuschauen, konnte dann aber doch nicht an sich halten und verfiel in ein breites Grinsen, worauf sofort alle anderen in Gelächter ausbrachen - bis auf Cicero, der aussah, als wäre seine Welt in die Brüche gegangen. Was in gewisser Weise auch zutraf, denn Pompeius' Plan, so erklärte mir Cicero später, bedeute nichts weniger als die Herrschaft eines Mannes über die Welt, und da habe er doch einige Bedenken anzumelden, wohin das führen könne. »Vielleicht hätte ich auf der Stelle aufstehen und gehen sollen«, sagte er auf der Heimreise nachdenklich zu mir. »Das hätte sicher der arme rechtschaffene Lucius von mir verlangt. Aber Pompeius hätte sich ohnehin nicht beirren lassen, ob ich nun für oder gegen ihn gewesen wäre, ich hätte mir nur seine Feindschaft eingehandelt und meine Chancen auf die Prätur ruiniert. Alles, was ich derzeit tue, muss sich auf diese Wahl ausrichten.«

Und so war er natürlich sitzen geblieben. In stundenlangem Palaver gelangte die Diskussion schließlich von der pompösen Strategie zur knallharten Politik. Der Plan sah vor, dass Gabinius nach seiner Amtseinführung ins Volkstribunat, was etwa in einer Woche sein würde, dem römischen Volk unverzüglich ein neues Gesetz zur Schaffung des Oberkommandos und dessen Übertragung auf Pompeius vorlegen sollte. Dann würden er und Cornelius versuchen, die anderen Volkstribunen einzuschüchtern, damit keiner ein Veto einlegte. (Man darf nicht vergessen, dass in den Tagen der Republik nur die Volksversammlung die Macht hatte, Gesetze zu erlassen. Die Stimme des Senats hatte Einfluss, war aber nicht die entscheidende. Der Senat hatte den Willen des Volkes auszuführen.)

»Was sagst du dazu, Cicero?«, fragte Pompeius. »Du hast die ganze Zeit über geschwiegen.«

»Rom kann sich wahrhaft glücklich schätzen, in der Stunde größter Gefahr einen Mann von deiner Erfahrung und Weitsicht zu Hilfe rufen zu können«, antwortete Cicero vorsichtig. »Aber wir müssen realistisch sein. Es wird großen Widerstand im Senat geben. Vor allem die Aristokraten werden behaupten, dass das Gesetz lediglich ein Vorwand sei, um unter dem Deckmantel der patriotischen Notlage nach der nackten Macht zu greifen.«

»Das ist eine bösartige Verleumdung«, sagte Pompeius.

»Nun ja, das kannst du behaupten, sooft du willst, aber du musst erst einmal das Gegenteil beweisen«, erwiderte Cicero. Er wusste, dass merkwürdigerweise der sicherste Weg, das Vertrauen eines bedeutenden Mannes zu gewinnen, harscher Widerspruch ist: Er vermittelt den Anschein uneigennütziger Aufrichtigkeit. »Sie werden außerdem behaupten, dass die Vollmacht zur Bekämpfung der Seeräuber nur ein Sprungbrett für dein wahres Ziel sei, nämlich Lucullus als Befehlshaber der Legionen im Osten abzulösen.« Darauf war vom bedeutenden General nur ein Brummen zu hören - was hätte er auch sagen sollen, das war ja tatsächlich sein wahres Ziel. »Und schließlich werden sie versuchen, den einen oder anderen Volkstribunen aufzutreiben, der gegen Gabinius' Gesetzesvorlage sein Veto einlegt.«

»Das klingt ganz so, Cicero, als wärst du hier fehl am Platz«, sagte Gabinius höhnisch. Er hatte etwas von einem Gecken. Das dichte, gewellte Haar hatte er wie sein Chef zu einer glatten Tolle aufgekämmt. »Um unser Ziel zu erreichen, werden wir Kühnheit, möglicherweise harte Fäuste benötigen, aber sicher nicht die Haarspaltereien gerissener Anwälte.«

»Du wirst Kühnheit, Fäuste und Anwälte benötigen, glaub mir, Gabinius«, erwiderte Cicero. »In dem Augenblick, da mit dem Ende deines Amtes als Volkstribun auch deine Immunität erlischt, werden dich die Aristokraten vor Gericht zerren, und du wirst um dein Leben kämpfen. Du wirst einen gerissenen Anwalt benötigen, Gabinius, wie sonst nichts auf der Welt. Und du auch, Cornelius.«

»Lasst uns fortfahren«, sagte Pompeius. »Die Probleme liegen also auf der Hand. Hast du uns auch Lösungen anzubieten?«

»Als Erstes«, antwortete Cicero, »empfehle ich dringend, dass in dem Gesetz für das neue Oberkommando nirgendwo dein Name auftaucht.«

»Aber das Ganze war meine Idee!«, protestierte Pompeius.

»Sicher, aber ich halte es dennoch für klüger, am Anfang keinen bestimmten Namen für den Oberkommandierenden zu nennen. Der Senat würde kochen vor Neid und Zorn. Selbst die Vernünftigen, auf deren Unterstützung wir normalerweise zählen können, würden davor zurückschrecken. Die Bekämpfung der Seeräuber muss das zentrale Thema sein, nicht die Zukunft von Pompeius Magnus. Jeder weiß doch, dass der Posten wie maßgeschneidert ist für dich, warum dann groß darüber reden?«

»Aber was soll ich dem Volk sagen, wenn ich das Gesetz einbringe?«, fragte Gabinius. »Dass jeder Idiot von der Straße für das Amt taugt?«

»Natürlich nicht«, erwiderte Cicero und gab sich alle Mühe, seine Ungeduld zu zügeln. »Streich den Namen >Pompeius< aus und setz stattdessen die Worte >Senator im Range eines Konsuls< ein. Das grenzt den Kreis der Anwärter auf fünfzehn oder zwanzig noch lebende Exkonsuln ein.«

»Wer sind dann die potenziellen Rivalen?«, fragte Afranius.

»Crassus«, antwortete Pompeius sofort. »Vielleicht Catulus. Dann Metellus Pius - der ist zwar alt, aber immer noch eine einflussreiche Größe. Hortensius hat auch noch viele Anhänger. Isauricus. Gellius. Cotta. Curio. Vielleicht noch die Lucullus-Brüder.«

»Nun ja«, sagte Cicero. »Wenn du dir so große Sorgen machst, dann könnten wir den Kreis noch weiter einschränken, auf einen Exkonsul, dessen Namen mit einem >P< beginnt.« Keiner reagierte darauf, und einen Augenblick lang glaubte ich, dass Cicero zu weit gegangen sei. Doch dann warf Caesar den Kopf in den Nacken und fing an zu lachen, worauf auch die anderen - als sie sahen, dass Pompeius gequält lächelte - in das Gelächter einstimmten. »Im Ernst, Pompeius«, fuhr Cicero fort. »Die meisten sind viel zu alt und träge, um dir noch gefährlich werden zu können. Der Gefährlichste ist Crassus, er ist reich, und er ist eifersüchtig auf dich. Aber wenn es zur Abstimmung kommt, wirst du ihn sicher haushoch schlagen, glaub mir.«

»Cicero hat recht«, stimmte Caesar zu. »Eins nach dem andern: Erst das Oberkommando im Allgemeinen, dann die Person.« Ich war beeindruckt von der Autorität, mit der er sich zu Wort meldete. Schließlich war er der Jüngste in der Runde.

»Einverstanden«, sagte Pompeius und nickte bedächtig. »So machen wir es. Das zentrale Thema ist die Bekämpfung der Seeräuber, nicht die Zukunft von Pompeius Magnus.« Und damit zog sich die Runde zum Essen zurück.

*

Kurz darauf wurde ich Zeuge eines erbärmlichen Vorfalls, der mir noch in der Erinnerung peinlich ist, den ich mich im Interesse der Geschichtsschreibung aber dennoch verpflichtet fühle wiederzugeben. Während die Senatoren zu Mittag aßen und sich danach im Garten die Beine vertraten, arbeitete ich mehrere Stunden lang an der Übertragung meiner Kurzschriftnotizen in ein korrektes Protokoll für Pompeius. Als ich damit fertig war, kam mir der Gedanke, Cicero noch einen Blick darauf werfen zu lassen. Vielleicht hätte er irgendwelche Einwände. Der Raum, in dem die Konferenz stattgefunden hatte, war leer, ebenso das Atrium. Aber ich hörte die unverwechselbare Stimme des Senators und ging in die Richtung, aus der sie kam. Ich durchquerte einen von Kolonnaden gesäumten Innenhof mit einem sprudelnden Springbrunnen und gelangte durch einen Säulengang in einen weiteren Innengarten. Die Stimme war inzwischen verstummt. Ich blieb stehen und lauschte angestrengt. Vogelgezwitscher und Wassergeplätscher waren die einzigen Geräusche. Plötzlich hörte ich ganz nah und so laut, dass ich zusammenfuhr, eine wie unter Schmerzen stöhnende Frau. Idiotischerweise drehte ich mich um, ging auf eine offene, nur ein paar Schritte entfernte Tür zu und blieb dann wie angewurzelt stehen, als ich Caesar und Pompeius' Frau Mucia erblickte. Mucia konnte mich nicht sehen. Sie stand vornübergebeugt vor einem Tisch, mit dem Gesicht nach unten, das Kleid bis zur Hlüfte hochgeschoben und umklammerte mit den Händen so fest die Tischkante, dass die Knöchel weiß hervortraten. Caesar allerdings sah mich sehr wohl. Er stand mit dem Gesicht zur Tür und stieß von hinten in sie hinein. Seine echte Hand umfasste ihren geschwollenen Bauch, die linke Hand lag lässig auf der Hüfte. Ich weiß nicht genau, wie lange wir uns anschauten, aber er blickte mir direkt in die Augen, amüsiert, unerschrocken, herausfordernd, mit jenen unergründlichen dunklen Augen, die in den folgenden Jahren noch so viel Rauch und Chaos sehen sollten. Ich machte mich davon.

Inzwischen hatten sich die Senatoren schon wieder im Konferenzraum versammelt. Cicero führte philosophische Gespräche mit Varro, dem renommiertesten Gelehrten Roms, dessen Werke über Philologie und Altertumskunde mir die größte Ehrfurcht einflößten. Bei jeder anderen Gelegenheit hätte ich mich geehrt gefühlt, ihm vorgestellt zu werden, doch mit meinen Gedanken war ich immer noch bei der Szene, deren Zeuge ich gerade geworden war, sodass ich mich an kein Wort aus Varros Mund erinnern kann. Ich übergab Cicero das Protokoll. Er überflog es kurz, griff nach dem Griffel in meiner Hand und nahm eine kleine Korrektur vor, ohne deshalb seine Unterhaltung mit Varro auch nur für eine Sekunde zu unterbrechen. Pompeius musste ihn dabei beobachtet haben, denn er gesellte sich breit grinsend zu uns, nahm Cicero das Protokoll aus der Hand und sagte, dass er da doch sicher gerade ein paar Zusagen in den Text eingeschmuggelt habe, die er nie und nimmer gemacht habe. »Naja, meine Stimme für die Prätur kriegst du trotzdem«, fuhr er lachend fort und klopfte ihm auf den Rücken. Noch vor wenigen Minuten hatte ich Pompeius als eine Art Gott unter Menschen betrachtet, einen vor Selbstbewusstsein strotzenden Kriegshelden, aber nun, mit meinem frischen Wissen, betrachtete ich ihn auch mit einem traurigen Auge. »Das ist wirklich beachtlich«, sagte er zu mir und fuhr mit seinem riesigen Daumen über die Wortkolonnen. »Du hast meinen Ton exakt getroffen. Wie viel willst du für ihn, Cicero?«

»Ich habe schon eine Riesensumme von Crassus ausgeschlagen«, antwortete Cicero.

»Wenn es aber doch einmal zur Versteigerung kommt, denkt an mich, ich bin dabei«, sagte Caesar mit seiner krächzenden Stimme und trat von hinten auf uns zu. »Ich würde Tiro liebend gern unter meine Fittiche nehmen.« Er brachte das auf so freundliche Art vor und schickte obendrein noch ein Zwinkern hinterher, dass niemandem der drohende Unterton auffiel - außer mir, der ich fast in Ohnmacht gefallen wäre vor Angst.

»Der Tag, an dem ich mich von Tiro trenne, ist der Tag, an dem ich mich aus dem Öffentlichen Leben zurückziehe«, sagte Cicero und sollte damit, wie sich herausstellte, recht behalten.

»Jetzt will ich ihn erst recht haben«, entgegnete Caesar, und Cicero fiel in das allgemeine Gelächter ein.

Nachdem man Stillschweigen und ein weiteres Treffen in wenigen Tagen in Rom vereinbart hatte, ging die Runde auseinander. Sobald wir das Tor passiert hatten und auf die Straße nach Tusculum eingebogen waren, ließ Cicero seiner aufgestauten Enttäuschung und Wut freien Lauf, stieß einen lauten Schrei aus und schlug mit der Faust gegen die Seitenwand der Kutsche. »Eine kriminelle Verschwörung!«, sagte er und schüttelte verzweifelt den Kopf. »Schlimmer: eine kriminelle und eine dumme Verschwörung! Das ist das Problem, Tiro, wenn Soldaten meinen, sie müssten in die Politik gehen. Sie bilden sich ein, sie brauchten nur einen Befehl zu erteilen, und schon springen alle. Sie werden nie begreifen, dass genau das, was sie populär macht - ihre Reputation als angeblich hehre Patrioten, die über den schmutzigen Niederungen der Politik schweben -, dass ihnen genau das letztlich zum Verhängnis wird: Weil sie entweder wirklich über den Niederungen der Politik schweben, dann erreichen sie gar nichts, oder sie gehen in die Politik und erweisen sich als genauso käuflich wie alle anderen.« Er schaute hinaus auf den See, der im matten Winterlicht dunkel schimmerte. »Was hältst du von Caesar?«, fragte er plötzlich, worauf ich mit ein paar unverbindlichen Floskeln über dessen anscheinend großen Ehrgeiz antwortete. »Natürlich ist er ehrgeizig. Ein paar Mal ist mir sogar der Gedanke durch den Kopf geschossen, dass sich nicht Pompeius diesen fantastischen Plan ausgedacht hat, sondern er. Das würde zumindest erklären, warum Caesar überhaupt anwesend war.«

Ich machte Cicero darauf aufmerksam, dass Pompeius den Plan als seinen eigenen bezeichnet hatte.

»Woran er sicher auch fest glaubt. Aber so ist der Mann nun mal. Erzähl ihm irgendwas, und es dauert nicht lange, dann kommt das eben Gesagte zu dir zurück, und zwar so, als hätte er es sich ausgedacht. >Das zentrale Thema ist die Bekämpfung der Seeräuber, nicht die Zukunft von Pompeius Magnus.< Manchmal habe ich, nur zu meinem Spaß, gegen meine eigene ursprüngliche Behauptung argumentiert, nur um zu sehen, wann mir auch noch mein eigenes Gegenargument um die Ohren fliegt.« Er runzelte die Stirn und nickte. »Ich bin sicher, dass ich richtigliege. Caesar ist schlau genug, um die Saat auszubringen und dann einfach abzuwarten, bis sie aufgeht. Ich frage mich, wie viel Zeit er mit Pompeius verbringt. Er scheint da schon ziemlich gut eingebunden zu sein.«

Es lag mir auf der Zunge, die Gartenszene, doch schließlich hielt ich den Mund: aus Angst vor Caesar, aus Schüchternheit und aus dem Gefühl heraus, dass es Cicero missfallen hätte, wenn ich mich als Spitzel entlarvt hätte, ich mich durch die Schilderung der schmutzigen Geschichte quasi selbst beschmutzt hätte. Erst viele Jahre später -nach Caesars Tod, als er mir nicht mehr schaden konnte und ich auch selbstbewusster war - erzählte ich ihm die Geschichte. Cicero, damals schon ein alter Mann, schwieg lange. »Ich verstehe deine Zurückhaltung«, sagte er schließlich. »Und in vielerlei Hinsicht stimme ich deiner Scheu ausdrücklich zu. Aber ich muss auch sagen, mein lieber Freund, dass ich wünschte, du hättest mich damals informiert. Vielleicht hätten sich die Dinge dann anders entwickelt. Zumindest wäre mir dann früher klar geworden, mit welch atemberaubend skrupellosem Menschen wir es zu tun hatten. Denn als ich es schließlich erkannt hatte, war es schon zu spät.«

*

Als wir einige Tage später nach Rom zurückkehrten, kamen wir in eine nervöse, von Gerüchten brodelnde Stadt. Das Feuer von Ostia war in ganz Rom als rotes Leuchten am wesdichen Nachthimmel deutlich sichtbar gewesen. Eine derartige Attacke auf die Hauptstadt war ohne Beispiel, und als Gabinius und Cornelius am zehnten Dezember ihr Volkstribunat antraten, hatten sie nichts Eiligeres zu tun, als die Nervosität zur Panik aufzustacheln. Sie veranlassten, dass an den Stadttoren zusätzliche Posten aufgestellt wurden. Wahllos wurden Fuhrwerke und Fußgänger, die in die Stadt wollten, auf Waffen durchsucht. An den Kaianlagen und Lagerhäusern am Fluss gingen Wachen Tag und Nacht Streife. Wer Getreide hamsterte, wurde mit harten Strafen bedroht, was unausweichlich dazu führte, dass auf den drei großen Lebensmittelmärkten, dem Emporium, Macellum ind Forum Boarium, sofort das Angebot knapp wurde. Die energischen neuen Volkstribunen zerrten den aus dem Amt scheidenden, glücklosen Konsul Marcius Rex vor die Volksversammlung und unterzogen ihn einem gnadenlosen Kreuzverhör über die Sicherheitsmängel, die zum Fiasco von Ostia geführt hatten. Man trieb weitere Zeugen auf, die die Bedrohung durch die Seeräuber schilderten, eine Bedrohung, die mit jeder weiteren Schilderung an Stärke zunahm. Sie hatten tausend Schiffe! Es handelte sich nicht um vereinzelte Plünderer, sondern um eine konspirative Organisation! Sie operierten in Flottenverbänden, hatten Admiräle und verfügten über furchterregende Waffen wie vergiftete Pfeile und Griechisches Feuer! Aus Angst, als unzuverlässig verschrien zu werden, wagte niemand im Senat zu widersprechen - auch dann nicht, als entlang der Straße zum Meer eine Serie von Leuchttürmen gebaut wurde, deren Signalfeuer angezündet werden sollten, falls auf die Mündung des Tiber zuhaltende Piratenschiffe gesichtet würden. »Das ist absurd«, sagte Cicero an jenem Morgen zu mir, als wir hinausfuhren, um uns diese sichtbarsten Symbole der nationalen Bedrohung anzuschauen. »Als ob ein Seeräuber mit Verstand auch nur im Traum daran dächte, zwanzig Meilen einen offenen Fluss hochzusegeln, um eine befestigte Stadt anzugreifen!« Bestürzt schüttelte er den Kopf darüber, wie mühelos skrupellose Politiker eine verängstigte Bevölkerung steuern konnten. Aber was konnte er tun? Seine Nähe zu Pompeius verurteilte ihn zum Schweigen.

Am siebzehnten Dezember begannen die Saturnalien, das Fest des Saturn, das eine Woche dauerte. Es war aus naheliegenden Gründen nicht der fröhlichste Feiertag, und obwohl die CiceroFamilie an den üblichen Ritualen festhielt, Geschenke verteilte, uns Sklaven sogar einen Tag freigab und ein gemeinsames Mahl mit uns einnahm, war doch keiner mit dem Herzen bei der Sache. Lucius war immer die Seele solcher Festtage gewesen, und er war jetzt nicht mehr unter uns. Ich glaube, Terentia hatte die Hoffnung gehegt, schwanger zu sein, was sich aber nicht bewahrheitet hatte, und sie machte sich ernstlich Sorgen darüber, dass sie keinen Sohn mehr bekommen würde. Pomponia nörgelte wie üblich an Quintus herum und ließ keinen Zweifel daran, dass sie ihn als Ehemann für einen hoffnungslosen Fall hielt. Sogar die kleine Tullia konnte die Stimmung nicht heben.

Cicero selbst verbrachte fast die ganzen Saturnalien in seinem Arbeitszimmer und brütete über Pompeius' ungeheurem Ehrgeiz und dessen Folgen für das Land und seine eigene politische Karriere. Bis zu den Wahlen für die Prätur waren es kaum noch acht Monate, und er hatte zusammen mit Quintus schon eine Liste mit den wahrscheinlichen Kandidaten zusammengestellt. Wer von diesen Männern auch immer gewählt werden würde, mit den gleichen Rivalen musste Cicero im Kampf ums Konsulat rechnen. Die beiden Brüder diskutierten stundenlang alle möglichen Varianten, und dabei gewann ich den Eindruck, den ich allerdings nicht zum Ausdruck brachte, dass sie die Weisheit ihres Vetters doch sehr vermissten. Cicero hatte zwar oft gewitzelt, er bäte Lucius schon deshalb gern um einen politisch klugen Ratschlag, um dann das genaue Gegenteil zu tun, aber Lucius war doch auch eine Art Fixstern gewesen, an dem sich Cicero hatte orientieren können. Jetzt hatten die beiden Brüder nur sich selbst, und trotz ihrer gegenseitigen Wertschätzung trafen sie zusammen nicht immer die klügsten Entscheidungen.

In dieser Atmosphäre - es war der achte oder neunte Januar, das Fest der Latiner war vorüber, und der ernsthafte Politikbetrieb kam wieder in Gang - stieg Gabinius schließlich auf die Rostra und forderte ein neues Oberkommando. Ich spreche hier, das sollte ich vielleicht erklären, von der alten Rostra der Republik, die sich sehr von dem erbärmlichen verzierten Fußschemel unterschied, der heute in Gebrauch ist. Diese uralte, inzwischen zerstörte Plattform war das Herz der römischen Demokratie: eine lange, geschwungene Rednerbühne, etwa zwölf Fuß hoch, voller Statuen von Helden aus dem Altertum. Von dieser Rostra sprachen die Volkstribunen und Konsuln zum Volk. Die Rückseite war dem Senatsgebäude zugewandt, die Vorderseite blickte kühn über die größte freie Fläche des Forums hinweg. Aus dem wuchtigen Mauerwerk ragten die Rammsporne oder »Schnäbel« von sechs Schiffen - jene rostra, die der Bühne ihren Namen gegeben hatten (die Schnäbel waren Beutestücke aus einer Seeschlacht gegen die Karthager vor dreihundert Jahren). Die gesamte Rückseite bildete eine Treppe. Wenn also ein Magistrat das Senatsgebäude oder das Hauptquartier der Volkstribunen verließ, ging er etwa fünfzig Schritte, stieg die Stufen hinauf und stand dann auf der Rostra vor Tausenden von Menschen, die links und rechts von den zwei großen Basiliken und dahinter vom Tempel des Castor eingerahmt wurden. An dieser Stelle stand an jenem Januarmorgen Gabinius und erklärte auf seine ruhige und selbstsichere Art, dass Rom einen starken Mann benötige, der das Kommando im Krieg gegen die Seeräuber übernehmen könne.

Trotz seiner Zweifel hatte Cicero mithilfe von Quintus sein Möglichstes getan, um für Gabinius eine stattliche Menschenmenge auf die Beine zu bringen. Auf Pompeius' Anhänger aus Picenum konnte man sich ebenfalls immer verlassen, wenn es galt, ein paar Hundert Veteranen zusammenzutrommeln. Wenn ich jetzt noch die übliche Anzahl Menschen hinzuzähle, die immer im Dunstkreis der Basilica Porcia zu finden sind, und die Bürger, die ihren normalen Geschäften in der Stadt nachgingen, dann konnte man sagen, dass fast tausend Menschen anwesend waren, die sich anhörten, was nach Gabinius' Auffassung nötig sei, um der Seeräuber Herr zu werden - nämlich ein Oberbefehlshaber im Konsulrang mit einem auf drei Jahre festgesetzten Imperium über ein Territorium, das von der Küste fünfzig Meilen ins Inland reichte, fünfzehn dem Oberbefehlshaber zuarbeitende Legaten im Rang eines Prätors, freier Zugriff auf Roms Staatskasse, fünfhundert Kriegsschiffe und das Recht, bis zu einhundertzwanzigtausend Fußsoldaten und fünftausend Reitersoldaten auszuheben. Die schwindelerregenden Zahlen und die ganze Erklärung sorgten für großes Aufsehen. Als Gabinius die erste Verlesung seines Gesetzesantrags beendet und das Dokument einem Sekretär übergeben hatte, damit dieser es außen an der Basilika der Volkstribunen anschlagen konnte, hatten Catulus und Hortensius schon von der Sache gehört, und sie eilten aufs Forum, um selbst herauszufinden, was da vorging. Pompeius war natürlich nirgendwo zu sehen. Die anderen Mitglieder der Gruppe der Sieben, wie sich die Senatoren um Pompeius selbst nannten, hatten sich wohlweislich über das ganze Forum verteilt, um erst gar keinen Verdacht aufkommen zu lassen, dass da eine abgekartete Sache im Gang war. Aber die Aristokraten ließen sich nicht für dumm verkaufen. »Wenn das dein Werk ist, Cicero«, sagte Catulus wutschnaubend, »dann kannst du deinem Herrn sagen, dass er sich gerade großen Ärger eingehandelt hat.«

Die Reaktion der Aristokraten sollte sich als noch heftiger herausstellen, als Cicero prophezeit hatte. Nach der ersten Verlesung eines Gesetzesantrags mussten drei der einmal wöchendich stattfindenden Markttage vergehen, bevor das Volk über ihn abstimmen konnte (die Frist sollte Landbewohnern die Zeit geben, in die Stadt zu kommen und sich über die Vorlage zu informieren). Die Aristokraten hatten also für die Organisation ihres Widerstands bis Anfang Februar Zeit, und sie verloren keine Sekunde. Schon zwei Tage später wurde der Senat einberufen, um über die lex Gabinia, wie das Gesetz inzwischen genannt wurde, zu beraten. Obwohl Cicero ihn davon abzubringen versucht hatte, hielt Pompeius es für seine Ehrenpflicht, zu der Sitzung zu erscheinen und seinen Anspruch auf den Posten anzumelden. Er bestand auf einer ansehnlichen Eskorte, die ihn zum Senat begleitete, und da die sieben Senatoren weitere Geheimniskrämerei für überflüssig hielten, bildeten sie die Ehrengarde. Quintus schloss sich ihnen in seiner brandneuen Senatorentoga an: Es war erst das dritte oder vierte Mal, dass er die Kammer aufsuchte. Wie üblich hielt ich mich dicht hinter Cicero. »Wir Dummköpfe«, lamentierte er nach der Sitzung. »Wir hätten wissen müssen, dass es Ärger gibt, da sich kein einziger der anderen Senatoren unserer Eskorte angeschlossen hat.«

Der Marsch den Esquilin hinunter zum Forum verlief nach Wunsch. Die Vorsteher der Stadtteile hatten ganze Arbeit geleistet und auf den Straßen für jede Menge Begeisterung gesorgt. Die Menschen forderten Pompeius lautstark auf, ihnen die Bedrohung durch die Seeräuber vom Hals zu schaffen. Er winkte ihnen zu wie ein Hausbesitzer seinen Mietern. Doch in dem Augenblick, als wir den Senat betraten, hagelte es von allen Seiten Hohn und Spott. Quer durch den Saal flog sogar eine faule Frucht, die auf Pompeius' Schulter zerplatzte und einen leuchtend braunen Fleck hinterließ. So etwas war dem großen General noch nie widerfahren. Er blieb abrupt stehen und schaute sich verblüfft und bestürzt um. Sofort schlossen Afranius, Palicanus und Gabinius die Reihen und stellten sich, so als seien sie wieder auf dem Schlachtfeld, schützend vor ihn. Ich sah, wie Cicero mit den Armen wedelte und alle vier zu ihren Plätzen scheuchte. Sicher dachte er, je schneller sie alle auf ihren Plätzen säßen, desto schneller wäre die Demonstration vorbei. Ich stand zusammen mit den anderen Schaulustigen hinter dem vertrauten Absperrseil, das am Saaleingang zwischen den beiden Türpfosten gespannt war. Natürlich waren wir alle Anhänger von Pompeius, und je mehr die Senatoren ihn verhöhnten, desto lauter bejubelten wir ihn. Es dauerte eine Zeit lang, bis der präsidierende Konsul für Ruhe gesorgt hatte.

Die neuen Konsuln in jenem Jahr waren Pompeius' alter Freund Glabrio und der Aristokrat Calpurnius Piso (nicht zu verwechseln mit dem anderen Senator gleichen Namens, der erst später eine tragende Rolle in unserer Geschichte spielen wird -falls mir die Götter die Kraft schenken, sie zu vollenden). Wie verzweifelt Pompeius' Lage war, konnte man daran erkennen, dass Glabrio es vorgezogen hatte, der Sitzung fernzubleiben, als sich in offenen Widerspruch zu dem Mann zu begeben, von dem er seinen Sohn zurückerhalten hatte. Also führte Piso den Vorsitz. Ich sah ihren Gesichtern an, dass Hortensius, Catulus, Isauricus, Marcus Lucullus - der Bruder des Befehlshabers über die Legionen im Osten - und alle anderen Mitglieder der patrizischen Fraktion angriffsbereit waren. Die Einzigen, die keinen Widerstand mehr leisten konnten, waren die drei Metellus-Brüder: Quintus diente als Statthalter auf Kreta, und seine beiden jüngeren Brüder waren - als wollte das Schicksal seine Gleichgültigkeit gegenüber dem kleinlichen Ehrgeiz des Menschen demonstrieren -kurz nach dem Verres-Prozess am Fieber gestorben.

Am beunruhigendsten war jedoch, dass sogar die pedarii - die anspruchslose, geduldige, schwerfällige Masse der Senatsmitglieder, auf deren Wohlwollen Cicero besondere Mühe verwendet hatte - auf Pompeius' Größenwahn feindselig oder im besten Fall mit trägem Desinteresse reagierten. Was Crassus anging, der lümmelte mit verschränkten Armen und lässig ausgestreckten Beinen gegenüber auf der Konsulnbank in der ersten Reihe und betrachtete Pompeius mit bedrohlich gelassenem Gesichtsausdruck. Der Grund für seine Kaltblütigkeit lag auf der Hand. Direkt hinter ihm saßen - wie zwei Preisbullen, die er gerade auf einer Auktion ersteigert hatte - zwei der in diesem Jahr amtierenden Volkstribunen, Roscius und Trebellius. Das war Crassus' Art, aller Welt zu zeigen, dass er mit seinem Geld nicht nur eine, sondern gleich zwei Vetostimmen eingekauft hatte, und dass die lex Gabinia, egal, wie sehr Pompeius und Cicero sich auch bemühen mochten, nie durchgehen würde.

Piso nahm sein Privileg, als Erster reden zu dürfen, in Anspruch. »Als Redner der behäbige, gelassene Typ«, wie ihn Cicero viele Jahre später gönnerhaft beschrieb. An jenem Tag klang er allerdings weder behäbig noch gelassen. »Wir wissen genau, was du im Schilde fuhrst!«, sagte er gegen Ende seiner flammenden Rede mit donnernder Stimme zu Pompeius. »Du setzt dich über deine Kollegen im Senat hinweg und inthronisierst dich als eine Art zweiter Romulus - du tötest den Bruder, um allein herrschen zu können. Aber du tätest gut daran, dich an Romulus' Schicksal zu erinnern, der seinerseits von seinen eigenen Senatoren ermordet wurde, die seinen Körper zerstückelten und die Leichenteile mit sich nach Hause trugen.« Die Aristokraten sprangen begeistert auf, und ich erwischte gerade noch einen Blick auf Pompeius' massiges Profil. Stocksteif schaute er geradeaus, offenbar unfähig zu begreifen, was da vor sich ging.

Als Nächster sprach Catulus, dann Isauricus. Der Übelste war allerdings Hortensius. Nach dem Ende seiner Amtszeit als Konsul vor knapp einem Jahr hatte er sich kaum noch auf dem Forum blicken lassen. Sein innig geliebter Schwiegersohn Caepio, Catos älterer Bruder, war vor kurzem im Militärdienst in Kleinasien verstorben und hatte Hortensius' Tochter als Witwe zurückgelassen. Es hieß, dass den »Tanzmeister« und seine Beine allmählich die Kräfte verließen. Jetzt erweckte er allerdings den Eindruck, als ob ihn Pompeius' übers Ziel hinausschießender Ehrgeiz wiederbelebt und in die Arena zurückgetrieben habe. Seine Rede erinnerte mich daran, wie grandios er bei einem sorgfältig geplanten Anlass wie diesem auftrumpfen konnte. Er drosch keine Phrasen und ließ sich auch nicht zu Pöbeleien hinreißen, sondern formulierte in wohlgesetzten Worten die alten Grundsätze der Republik: dass die Macht immer geteilt werden müsse, dass ihr Grenzen zu setzen seien und dass sie jährlich von Neuem durch Wahlen bestätigt werden müsse. Und obwohl er persönlich nichts gegen Pompeius habe, ihn im Gegenteil für das Amt eines Oberbefehlshabers befähigt erachte wie keinen anderen Mann im Staat, so werde durch die lex Gabinia doch ein gefährlicher, ganz und gar unrömischer Präzedenzfall geschaffen. Man könne nicht einfach uralte Freiheitsrechte vom Tisch fegen, nur weil irgendwelche Seeräuber vorübergehend Panik verbreiteten. Cicero rutschte nervös auf seinem Platz herum, und unwillkürlich ging mir der Gedanke durch den Kopf, dass er, hätte er die Möglichkeit gehabt, seine Meinung frei zu äußern, exakt die gleiche Ansprache gehalten hätte.

Hortensius kam gerade zum Schluss seiner Rede, als sich im hinteren Teil des Saales - in der Nähe der Tür, wo einst auch Cicero unter all den anderen unbedeutenden Senatoren gesessen hatte - Caesar von seinem Platz erhob und Hortensius bat, das Wort ergreifen zu dürfen. Mit der respektvollen Stille, in der man dem großen Advokaten zugehört hatte, war es schlagartig vorbei. Man muss Caesar zugutehalten, dass Mut dazugehörte, es in dieser Atmosphäre mit Hortensius aufzunehmen. Caesar blieb eisern stehen, bis wieder Ruhe eingekehrt war, und begann dann auf seine klare, unwiderstehliche und rigorose Art zu sprechen. Seeräuber, den Abschaum der Meere, zurückschlagen zu wollen, sagte er, sei ganz und gar nicht unrömisch. Unrömisch sei, eine Sache beenden zu wollen, aber nicht die dafür nötigen Mittel bereitzustellen. »Wenn die Republik so perfekt funktioniert, wie Hortensius sagt, warum hat sie dann zugelassen, dass die Bedrohung so groß werden konnte? Und nun, da sie zu so monströser Größe angewachsen ist, wie soll man ihrer jetzt Herr werden?« Er selbst sei vor einigen Jahren auf dem Weg nach Kreta Seeräubern in die Hände gefallen und erst nach einer Lösegeldzahlung freigekommen. Bis zum letzten Mann habe er diesen Abschaum gejagt und zur Strecke gebracht, wie er es ihnen noch als ihr Gefangener prophezeit habe. Jeder Einzelne habe am Kreuz sein Ende gefunden! »Das, Hortensius, ist die römische Art, mit Seeräubern umzugehen. Und deshalb brauchen wir die lex Gabinia.«

Er beendete unter Buhrufen und Pfiffen seine Rede und setzte sich gerade mit einem unnachahmlichen Ausdruck von Verachtung im Gesicht wieder auf seinen Platz, als es am anderen Ende der Kammer zu Handgreiflichkeiten kam. Ich glaube, ein Senator verpasste Gabinius von hinten einen Faustschlag, worauf dieser herumfuhr, zurückschlug und sich daraufhin binnen Sekunden in höchsten Schwierigkeiten befand, weil sich nun auch andere Senatoren auf ihn stürzten. Krachend, untermalt von einigen Schreien, kippte eine der Bänke um. Ich verlor Cicero aus den Augen. Eine Stimme hinter mir kreischte, dass man Gabinius ermorde. Sofort wurde von hinten gedrängt und gestoßen, das Absperrseil schnalzte aus seinen Halterungen, und wir fielen vornüber in den Saal. Glücklicherweise konnte ich noch rechtzeitig auf die Seite robben, bevor mehrere Hundert von Pompeius' plebejischen Anhängern (ein zugegebenermaßen ziemlich grobschlächtiger Haufen) in den Gang stürzten, zum Podium der Konsuln liefen und Piso von seinem kurulischen Stuhl zerrten. Einer der Kerle packte den Konsul am Hals, und einen Augenblick lang sah es so, als würde tatsächlich noch ein Mord geschehen. Doch dann schaffte es Gabinius, sich zu befreien, und er kletterte auf eine Bank, sodass alle sehen konnten, dass er - wenn auch etwas angeschlagen - noch am Leben war. Er appellierte an die Demonstranten, Piso loszulassen, und nach einem kurzen Wortgefecht ließen diese widerwillig von ihm ab. Piso rieb sich den Hals und erklärte mit krächzender Stimme, dass die Sitzung ohne Abstimmung vertagt sei. Und so war das römische Gemeinwesen um Haaresbreite - zumindest für den Augenblick - der Anarchie entgangen.

*

Derartige Gewalttätigkeiten hatte man im Herzen von Roms Regierungsviertel seit mehr als vierzehn Jahren nicht mehr erlebt. Sie hinterließen tiefe Spuren bei Cicero, auch wenn er dem Gewühl fast ohne Knitterfalte auf seiner makellosen Toga hatte entkommen können. Gabinius tropfte das Blut von Nase und Lippe, sodass Cicero ihn aus der Kammer geleiten musste. Ein gutes Stück vor ihnen ging Pompeius, der starr geradeaus blickte und mit dem gemessenen Schritt eines Trauergastes den Saal verließ. Woran ich mich am besten erinnere, ist die Stille, als sich der bunte Haufen aus Senatoren und Plebejern teilte, um ihn durchzulassen. Es war, als ob die beiden Parteien erkannt hätten, dass sie sich am Rand des Abgrunds bekämpften und, im allerletzten Augenblick zur Besinnung gekommen, innehielten. Wir traten hinaus aufs Forum. Als Pompeius ohne ein weiteres Wort in die Argiletum-Straße einbog und sich auf den Heimweg machte, folgten ihm alle seine Anhänger - die meisten wohl einfach deshalb, weil sie nicht wussten, was sie sonst hätten tun sollen. Afranius, der neben Pompeius ging, gab die Order weiter, dass der General ein Treffen in seinem Haus wünsche. Ich fragte Cicero, ob er etwas brauche, und er antwortete mit einem bitteren Lächeln: »Ja, die Ruhe von Arpinum.«

Quintus stieß zu uns und sagte mit eindringlicher Stimme: »Pompeius muss zurückrudern, sonst wird er öffentlich gedemütigt!«

»Das hat er schon hinter sich«, erwiderte Cicero. »Und wir auch. Soldaten!«, sagte er angewidert zu mir. »Was habe ich dir gesagt? Im Traum würde es mir nicht einfallen, denen auf dem Schlachtfeld Ratschläge zu erteilen. Aber die glauben, dass sie sich in der Politik besser auskennen als ich.«

Wir gingen den Hügel hinauf zu Pompeius' Haus, traten ein und ließen die verstummte Anhängerschar draußen auf der Straße stehen. Seit der ersten Konferenz war ich als Protokollführer der Gruppe akzeptiert, sodass ich mich ganz selbstverständlich auf meinem gewohnten Platz in der Ecke niederließ. Die Senatoren setzten sich um einen großen Tisch, an dessen Kopfseite Pompeius Platz nahm. Aus der massigen Gestalt war jeder Stolz gewichen. Wie er da so zusammengesunken auf seinem Stuhl saß, erinnerte er mich eher an ein großes wildes Tier in der Arena - von kleineren Kreaturen gefangen und gefesselt, genarrt und verhöhnt. Er war pessimistisch und wiederholte ein ums andere Mal, dass alles vorbei sei - der Senat würde seine Berufung niemals befürworten, nur der Abschaum der Straße unterstütze ihn noch, die Crassus willfährigen Volkstribunen würden in jedem Fall ihr Veto gegen das Gesetz einlegen, der einzige Ausweg sei das Exil. Caesar widersprach vehement -Pompeius sei immer noch der populärste Mann der Republik, er solle sich aufmachen und in den ländlichen Gebieten Italiens die benötigten Legionen rekrutieren, mit seinen alten Kampfgefährten verfüge er über das Rückgrat für eine neue Armee, der Senat werde schon einlenken, wenn er erst mal die nötigen Truppen um sich geschart habe. »Wenn man beim ersten Wurf verliert, kann es nur eine Reaktion geben: den Einsatz verdoppeln und noch einmal würfeln. Kümmere dich nicht um die Aristokraten, wenn nötig, regierst du mithilfe des Volkes und der Armee.«

Ich sah Cicero an, dass er nur auf den passenden Augenblick wartete, um seine eigene Beurteilung vorzutragen, und in der, da war ich mir sicher, würde er weder dem einen noch dem anderen Extrem das Wort reden. Eine Konferenz mit zehn Leuten zu steuern, erfordert ebenso viel Geschick wie die Manipulation einer Versammlung mit hundert Leuten. Und so wartete Cicero, bis der Letzte am Tisch seine Meinung geäußert und die Diskussion sich erschöpft hatte, bevor er voller Kampfeslust das Wort ergriff. »Wie du weißt, Pompeius, hatte ich von Anbeginn einige Befürchtungen, was diese Operation betrifft. Nachdem ich jedoch Zeuge der heutigen Debatte im Senat gewesen bin, muss ich zugeben, dass diese verflogen sind. Es bleibt uns jetzt nichts anderes mehr übrig, als diesen Kampf zu gewinnen -zu deinem Besten, zu Roms Besten und für die Würde und Autorität von uns allen, die wir dich unterstützen. Es darf jetzt nicht den geringsten Gedanken an Kapitulation geben. Auf dem Schlachtfeld bist du berühmt für deinen löwenhaften Kampfesmut; du kannst jetzt nicht in Rom auftreten wie ein Mäuschen.«

»Achte auf deine Worte, advocatus«, sagte Afranius, doch Cicero beachtete ihn gar nicht.

»Kannst du dir vorstellen, was passiert, wenn du jetzt aufgibst? Die Gesetzesvorlage ist veröffentlicht. Falls du den Posten nicht annimmst, dann wird es jemand anderer tun, und ich kann dir schon jetzt sagen, wer das sein wird: Crassus. Du sagst selbst, dass er zwei willfährige Volkstribunen hat. Er wird dafür sorgen, dass das Gesetz angenommen wird, nur dass anstatt deines Namens seiner in der Vorlage stehen wird. Wie, Gabinius, willst du ihn daran hindern? Indem du ein Veto gegen deine eigene Vorlage einlegst? Unmöglich! Versteht ihr? Wir müssen uns dem Kampf jetzt stellen.«

Ein hervorragendes Argument, denn wenn es etwas gab, das Pompeius garantiert zum Kampf anstacheln würde, dann die Aussicht, Crassus den Ruhm streitig zu machen. Pompeius richtete sich auf, streckte das Kinn vor und starrte wütend in die Runde. Ich sah, wie Afranius und Palicanus ihm aufmunternd zunickten. »Wir haben in unseren Legionen Kundschafter, Cicero, die finden ihren Weg in schwierigstem Gelände«, sagte Pompeius. »Prachtvolle Burschen, die in Sumpfgebiete, Gebirge und Wälder vordringen, die seit Beginn der Zeit kein menschliches Wesen betreten hat. Die Politik jedoch stellt jedes Hindernis in den Schatten, das mir bis jetzt untergekommen ist. Wenn du mir einen Weg aus dem Chaos weisen kannst, Cicero, wirst du keinen treueren Freund mehr finden als mich.«

»Und du vertraust dich voll und ganz meiner Führung an?«

»Du bist der Kundschafter.«

»Also gut«, fuhr Cicero fort. »Morgen, Gabinius, wirst du Pompeius auf die Rostra rufen und ihn fragen, ob er gewillt ist, als Oberbefehlshaber zu dienen.«

»Gut«, sagte Pompeius angriffslustig und ballte eine seiner klobigen Fäuste. »Und ich werde >Ja< sagen.«

»Nein, nein«, widersprach Cicero. »Du wirst entschieden ablehnen. Du wirst sagen, dass du schon genug getan hast für Rom, dass du keinerlei Ambitionen mehr auf ein Öffentliches Amt hast und dass du dich auf deinen Landsitz zurückziehst.« Pompeius schaute ihn mit offenem Mund an. »Ich werde für dich die Rede ausarbeiten. Du wirst noch morgen Nachmittag die Stadt verlassen und nicht mehr zurückkommen. Je zögerlicher du erscheinst, desto verzweifelter werden die Leute nach deiner Rückkehr schreien. Du wirst unser Cincinnatus sein, den man von seinem Pflug losreißt, um das Land vor der Katastrophe zu bewahren. Das ist einer der wirksamsten Mythen in der Politik überhaupt, glaube mir.«

Einige der Anwesenden waren gegen eine derart theatralische Taktik, sie erschien ihnen zu riskant. Aber die Vorstellung vom bescheidenen Bauern schmeichelte Pompeius' Eitelkeit. Ist das nicht der Traum eines jeden stolzen und ehrgeizigen Mannes? Anstatt sich in den Schmutz werfen und um die Macht kämpfen zu müssen, würde das Volk angekrochen kommen und darum betteln, den Oberbefehl als Geschenk zu akzeptieren. Je mehr Pompeius darüber nachdachte, desto besser gefiel ihm der Plan. Seine Würde und Autorität bliebe unbefleckt, er hätte obendrein ein paar angenehme Wochen, und falls doch etwas schiefging, könnte man ihm nicht die Schuld geben.

»Hört sich ziemlich klug an«, sagte Gabinius und tupfte sich mit dem Finger auf die geplatzte Lippe.

»Aber du scheinst zu vergessen, Cicero, dass nicht das Volk das Problem ist, sondern der Senat.«

»Wenn der Senat erst mal begreift, welche Auswirkungen Pompeius' Rückzug hat, wird er sich schon wieder beruhigen. Die Senatoren werden sich vor die Wahl gestellt sehen, entweder gar nichts gegen die Seeräuber zu unternehmen oder das Oberkommando Crassus zu übertragen. Beides wäre für die große Mehrheit nicht akzeptabel. Wenn man sie ein bisschen schmiert, werden sie schon geschmeidig werden.«

»Schlau, sehr schlau«, sagte Pompeius bewundernd. »Ist er nicht klug, meine Freunde? Hab ich's nicht immer gesagt?«

»Ein Wort zu den fünfzehn Legaten«, sagte Cicero. »Ich schlage vor, wenigstens die Hälfte der Posten für die Mehrheitsbeschaffung im Senat abzuzweigen.« Palicanus und Afranius, die ihre lukrativen Ämter bedroht sahen, protestierten lautstark, wurden aber von Pompeius mit einer einzigen Handbewegung zum Schweigen gebracht. »Du bist ein Nationalheld«, fuhr Cicero fort. »Ein Patriot, der über dem kleinlichen politischen Gezänk und Intrigenspiel steht. Das Recht auf Ämterbesetzung solltest du nicht zur Versorgung von Freunden nutzen, sondern um die Gegnerschaft zu spalten. Nichts wird einen verheerenderen Keil in die aristokratische Fraktion treiben, als wenn man einige Patrizier dazu überreden könnte, unter dir zu dienen. Sie werden sich gegenseitig die Augen auskratzen.«

»Ganz meine Meinung«, sagte Caesar und nickte energisch. »Ciceros Plan ist besser als meiner. Hab Geduld, Afranius. Das ist ja nur der erste Schritt. Wir kassieren unseren Lohn später.«

»Außerdem sollte uns allen die Niederlage der Feinde Roms Lohn genug sein«, erklärte Pompeius scheinheilig. Ich sah ihm an, dass er sich im Geiste schon am Pflug bei der Feldarbeit sah.

Hinterher auf dem Nachhauseweg sagte Quintus: »Ich hoffe, du weißt, was du tust.«

»Das hoffe ich auch«, sagte Cicero.

»Das Kernproblem ist Crassus mit seinen beiden Volkstribunen«, sagte Quintus. »Mit denen kann er das Gesetz kippen. Was willst du dagegen machen?«

»Keine Ahnung. Wir können nur hoffen, dass von irgendwoher eine Lösung auftaucht. Meistens ergibt sich ja was.«

Da wurde mir klar, wie sehr er sich einfach nur auf sein altes Diktum verließ, dass man manchmal eben einen Kampf anzetteln muss, um währenddessen herauszufinden, wie man ihn gewinnen kann. Er verabschiedete sich von Quintus und ging allein weiter, den Kopf gesenkt, in Gedanken vertieft. Hatte er sich anfangs nur zögernd auf Pompeius' hochfliegende Pläne eingelassen, so war er nun zu seinem Cheforganisator aufgestiegen, und er wusste, dass ihn das in eine schwierige Lage brachte, nicht zuletzt bei seiner eigenen Frau. Nach meiner Erfahrung sind Frauen weit weniger bereit als Männer, Kränkungen aus der Vergangenheit zu vergessen. Für Terentia war es unbegreiflich, dass ihr Mann immer noch um den »Prinzen von Picenum«, wie sie Pompeius höhnisch nannte, herumscharwenzelte, vor allem nach jenen Vorfällen im Senat, die inzwischen Stadtgespräch waren. Als wir nach Hause kamen, wartete sie schon im Tablinum und ging sofort zum Angriff über. »Ich kann einfach nicht glauben, wie sich das alles derart zuspitzen konnte. Da ist der Senat auf der einen Seite und der Pöbel auf der anderen -und auf welche Seite schlägt sich mein Herr Gatte? Natürlich wie gehabt auf die des Pöbels! Ich hoffe doch wohl, dass du jetzt endlich die Verbindung zu diesem Menschen abbrichst?«

»Er wird morgen seinen Rückzug ins Privatleben bekannt geben«, sagte Cicero besänftigend.

»Was?«

»Du hast richtig gehört. Ich selbst werde noch heute Abend die Erklärung für ihn aufsetzen. Was bedeutet, dass ich wohl im Arbeitszimmer zu Abend essen werde. Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest.« Er drückte sich an ihr vorbei und ging ins Arbeitszimmer. Als er die Tür hinter uns geschlossen hatte, fragte er mich: »Meinst du, sie glaubt mir?«

»Nein«, sagte ich.

»Ich auch nicht«, sagte er kichernd. »Dafür sind wir schon zu lange verheiratet.«

Wenn er gewollt hätte, reich genug war er inzwischen, hätte er sich von ihr scheiden lassen können. Er hätte eine bessere Partie machen können, ganz sicher eine wesentlich schönere. Er war enttäuscht, dass Terentia ihm keinen Sohn geboren hatte. Doch trotz ihrer ewigen Streitereien blieb er bei ihr. Liebe ist nicht das passende Wort, das seine Beziehung zu ihr beschreibt - jedenfalls nicht in dem Sinn, in dem die Dichter es benutzen. Etwas Ungewöhnlicheres, Stärkeres hielt sie zusammen. Dazu gehörte, dass sie sein Zuchtmeister war: Sie war die Peitsche, die ihn auf Trab hielt. Jedenfalls störte Terentia uns den ganzen Abend nicht mehr, und Cicero diktierte mir Pompeius' Erklärung. Er hatte noch nie eine Rede für jemand anderen geschrieben, was eine eigenartige Erfahrung war. Heutzutage beschäftigen die meisten Senatoren ein oder zwei Sklaven, die ihnen ihre Reden ausarbeiten. Ich habe sogar von einigen Senatoren gehört, die überhaupt keine Ahnung haben, was sie sagen werden, bis man ihnen den Text hinlegt: Wie sich diese Burschen Staatsmänner nennen können, übersteigt meine Vorstellungskraft. Aber Cicero sagte, dass es ihm Spaß machte, für jemand anderen zu schreiben. Er fand den Gedanken amüsant, dass große Männer, solange sie nur etwas Hirn besaßen, das vortragen würden, was er sich ausgedacht hatte. In späteren Zeiten setzte er die Technik, Leuten seine Worte in den Mund zu legen, mit großem Erfolg in seinen Büchern ein. Er dachte sich sogar eine Wendung für Gabinius aus, die später ziemlich berühmt werden sollte: »Pompeius Magnus wurde nicht um seiner selbst willen geboren, sondern um Rom zu dienen.«

Wir hatten die Arbeit an der Erklärung, die mit Absicht kurz gehalten war, schon weit vor Mitternacht beendet und verließen früh am nächsten Morgen, nachdem Cicero seine Übungen gemacht und nur die wichtigsten Besucher empfangen hatte, das Haus und gingen zu Pompeius, um die Rede abzuliefern. Pompeius hatte sich über Nacht eine üble Erkältung eingefangen und machte jetzt seiner Sorge darüber Luft, ob das mit dem Rückzug aufs Land eine so gute Idee gewesen sei. Aber Cicero erkannte sofort, dass er einfach nervös war vor seinem Gang auf die Rostra, und als Pompeius den Redetext in Händen hielt, beruhigte er sich schnell wieder. Cicero gab auch Gabinius, der ebenfalls schon eingetroffen war, einige Zeilen, doch der Volkstribun ärgerte sich darüber, wie ein Schauspieler einen fremden Text aufsagen zu sollen, und fragte, ob er wirklich sagen solle, dass Pompeius geboren sei, um Rom zu dienen. »Warum nicht?«, stichelte Cicero. »Bist du etwa anderer Meinung?« Worauf Pompeius Gabinius anfuhr, er solle endlich mit dem Gejammer aufhören und den Text genau so vortragen, wie er da stehe. Gabinius entgegnete nichts mehr, bedachte aber Cicero mit einem wenig freundlichen Blick und war seit jener Zeit, so zumindest meine Vermutung, insgeheim Ciceros Feind - ein perfektes Beispiel dafür, wie der Senator mit seiner sorglosen Schlagfertigkeit jemanden vor den Kopf stoßen konnte.

Auf dem Forum hatte sich schon eine große Zuschauermenge eingefunden, die gespannt auf die Fortsetzung der gestrigen Vorstellung wartete. Wir hörten den Lärm, als wir von Pompeius' Haus kommend den Hügel hinuntergingen - dieses eigentümliche, furchteinflößend anschwellende Geräusch einer erregten Menschenmenge, das mich immer an eine riesige Welle erinnert, die gegen eine weit entfernte Küste brandet. Die Spannung ließ mein Herz höher schlagen. Fast der gesamte Senat war versammelt. Die Aristokraten hatte mehrere Hundert ihrer Anhänger mobilisiert, einerseits zu ihrem eigenen Schutz, andererseits um Pompeius niederzubrüllen, sobald er, wie sie erwarteten, seine Absicht erklärte, den Oberbefehl zu übernehmen. Wie gestern wurde der General von Cicero und den mit ihm verbündeten Senatoren begleitet. Er hielt sich am Rand des Forums und ging dann gleich zur Rückseite der Rostra. Dort marschierte er auf und ab, gähnte, blies auf seine kalten Finger und zeigte auch sonst alle Anzeichen von Nervosität, während der Lärm der Menge immer lauter wurde. Cicero wünschte ihm Glück, begab sich dann zur Vorderseite der Rostra und gesellte sich zu den anderen Mitgliedern des Senats, weil er deren Reaktion beobachten wollte. Die zehn Volkstribunen betraten nacheinander das Podium und setzten sich auf ihre Bank. Dann trat Gabinius vor und rief theatralisch: »Ich rufe vor das Volk ... Pompeius Magnus.«

Wie wichtig doch das Auftreten in der Politik ist und wie vorzüglich doch Pompeius von der Natur ausgestattet worden war, um den Anschein von Größe zu vermitteln. Als die breite und vertraute Gestalt mit schwerfälligen Schritten die Stufen emporstieg und ins Blickfeld der Menge trat, brachen Pompeius' Anhänger in frenetischen Jubel aus. Unerschütterlich wie ein Bulle, den wuchtigen Kopf auf den muskulösen Schultern leicht nach hinten geneigt, stand er da und schaute auf die ihm zugewandten Gesichter hinunter. Als atmete er den Applaus tief in die Lunge ein, hoben und senkten sich die Nasenflügel. Normalerweise nahmen es die Menschen übel, wenn ein Redner vom Blatt ablas, anstatt scheinbar aus dem Stegreif zu sprechen, doch bei diesem Anlass verstärkte die Art, wie Pompeius seinen kurzen Text entrollte und in die Höhe hielt, die gespannte Erwartung, dass das Gewicht der Worte dem des Mannes ebenbürtig sei -eines Mannes, der über den aalglatten rhetorischen Tricks von Justiz und Politik stand.

»Bürger Roms«, dröhnte es in die Stille. »Im Alter von siebzehn Jahren habe ich in der Armee meines Vaters Gnaeus Pompeius Strabo für die Einheit unseres Staates gekämpft. Mit dreiundzwanzig Jahren habe ich eine Truppe von fünfzehntausend Soldaten aufgestellt, habe die vereinigten Rebellenarmeen des Brutus, Caelius und Carrinas geschlagen und wurde auf dem Schlachtfeld als Imperator ausgerufen. Mit vierundzwanzig Jahren habe ich Sizilien erobert, mit fünfundzwanzig Afrika, und an meinem sechsundzwanzigsten Geburtstag wurde mir ein Triumph gewährt. Als ich dreißig und noch nicht einmal Senator war, übernahm ich, ausgestattet mit der Amtsgewalt eines Prokonsuls, das Kommando über unsere Streitkräfte in Spanien, bekämpfte sechs Jahre lang die Rebellen und besiegte sie. Mit sechsunddreißig kehrte ich nach Italien zurück, jagte die letzten Überreste von Spartacus' Sklavenarmee und siegte. Mit siebenunddreißig wurde ich zum Konsul gewählt, und mir wurde ein zweiter Triumph gewährt. Als Konsul setzte ich eure Volkstribunen wieder in ihre alten Rechte ein und ließ für euch Spiele durchfuhren. Wann immer dem Staat Gefahr drohte, habe ich ihm gedient. Mein ganzes Leben ist nichts anderes gewesen als ein einziges langes Sonderkommando. Und nun droht unserem Staat eine neue, nie da gewesene Gefahr. Um dieser Bedrohung begegnen zu können, wird zu Recht der Vorschlag unterbreitet, ein Amt mit neuen, nie da gewesenen Befugnissen zu schaffen. Wen immer ihr auswählt, diese Bürde zu schultern, er muss sich der Unterstützung aller Stände und aller Klassen sicher sein, denn es erfordert nahezu grenzenloses Vertrauen, einen einzigen Mann mit so großen Machtbefugnissen auszustatten. Seit der gestrigen Sitzung des Senats ist mir klar, dass ich dieses Vertrauen nicht besitze. Deshalb möchte ich euch sagen, dass ich, sosehr man mich auch bitten mag, einer Nominierung für dieses Amt nicht zustimmen und dieses, sollte ich dennoch nominiert werden, nicht annehmen werde. Ich habe in meinem Leben genug Sonderkommandos innegehabt. Ich gebe hiermit bekannt, dass ich auf jedes weitere öffentliche Amt verzichte und der Stadt den Rücken kehre, um wie meine Vorväter den heimatlichen Boden zu bestellen.«

Ein furchtbares Stöhnen der Enttäuschung ging durch die Menge, und sofort eilte Gabinius nach vorn zum unbewegt am Rand der Rednertribüne stehenden Pompeius.

»Das können wir nicht zulassen!«, rief Gabinius. »Pompeius Magnus wurde nicht um seiner selbst willen geboren, sondern um Rom zu dienen.«

Natürlich brach nach diesem Satz ein Jubelsturm ohnegleichen los, und die Sprechchöre, die unaufhörlich »Pompeius! Pompeius! Pompeius!« skandierten, hallten von den Mauern der Basiliken und Tempel wider, bis einem die Ohren schmerzten. Es dauerte eine Zeit lang, bis Pompeius sich wieder Gehör verschaffen konnte.

»Eure Freundlichkeit, meine Mitbürger, rührt mich zutiefst, doch mein weiterer Aufenthalt in der Stadt ist euren Beratungen nur hinderlich. Trefft eine kluge Wahl, ihr Bürger Roms, im Senat sitzen viele fähige Männer, die euch als Konsuln gedient haben. Und auch wenn ich Rom jetzt für immer verlasse, vergesst nie, dass mein Herz eure Häuser und Tempel nie verlassen wird. Lebt wohl!«

Wie einen Marschallsstab hob er die Papyrusrolle in die Höhe, salutierte vor der traurig johlenden Menge, drehte sich um und stapfte zur Rückseite der Plattform, wobei er unnachgiebig alles Bitten, noch zu bleiben, ignorierte. Den Volkstribunen stand die Verblüffung ins Gesicht geschrieben, als Pompeius die Stufen hinabstieg, wobei erst die Beine, dann der Oberkörper und schließlich der stattliche Kopf mit der Haartolle aus dem Blickfeld verschwanden. Einige Menschen, die in meiner Nähe standen, fingen an zu weinen und rissen an ihren Haaren und Kleidern. Und obwohl ich wusste, dass die ganze Vorstellung ein Täuschungsmanöver gewesen war, hätte nicht viel gefehlt, und ich wäre selbst in Tränen ausgebrochen. Die versammelten Senatoren sahen aus, als hätte in ihrer Mitte ein Wurfgeschoss eingeschlagen - in den Gesichtern einiger weniger spiegelte sich Verachtung, viele waren erschüttert, die meisten aber einfach nur sprachlos. In der Erinnerung aller war Pompeius immer der herausragende Mann im Staat gewesen. Und jetzt verließ er einfach so die Stadt. Besonders Crassus' Gesicht bot ein Schauspiel widerstreitender Gemütsbewegungen, das kein Künstler jemals hätte einfangen können. Einerseits wusste er, dass jetzt er die besten Aussichten auf das Sonderkommando hatte; andererseits aber war er so klug zu erkennen, dass das Ganze nur eine Finte sein konnte und seiner Position irgendeine noch nicht absehbare Gefahr drohte.

Cicero blieb gerade so lange, um die Reaktion auf sein Werk abschätzen zu können, und eilte dann davon, um Bericht zu erstatten. Hinter der Rostra trieben sich Pompeius' Leute aus Picenum und die üblichen Klienten herum. Eine geschlossene Sänfte aus blauem und goldenem Brokat stand bereit, um den General, der gerade einsteigen wollte, zur Porta Capena zu bringen. Er war nicht anders als viele andere Männer, die ich erlebt habe, nachdem sie gerade eine große Rede gehalten hatten: arrogant in ihrer Hochstimmung und gleichzeitig gierig nach Bestätigung. »Das ist ja ganz hervorragend gelaufen«, sagte er. »Was meinst du?«

»Süperb«, antwortete Cicero. »Crassus' Gesichtsausdruck ist nicht von dieser Welt.«

»Wie hat dir das am Ende gefallen ... >dass mein Herz eure Häuser und Tempel nie verlassen wird<?«

»Das war das Sahnehäubchen.«

Pompeius grunzte höchst befriedigt und sank in die Kissen der Sänfte. Er ließ den Vorhang herunter, schob ihn jedoch gleich wieder zur Seite. »Und du bist sicher, dass das klappen wird?«

»Unsere Widersacher hat es jedenfalls ziemlich aufgeschreckt. Das ist ein Anfang.«

Der Vorhang fiel, ging aber sofort wieder auf.

»Wann wird über das Gesetz abgestimmt?«

»In fünfzehn Tagen.«

»Halte mich auf dem Laufenden. Wenigstens einmal täglich.«

Cicero trat zur Seite, als die Sänfte auf die Schultern seiner Träger gewuchtet wurde. Kräftige Burschen, die trotz Pompeius' Gewicht im Eilschritt am Senatsgebäude vorbeiliefen und kurz darauf das Forum verlassen hatten - im Schlepptau des Himmlischen der Kometenschweif seiner Klienten und Bewunderer. »>Wie hat dir das am Ende gefallen .. .?<«, äffte Cicero ihn nach und schüttelte den Kopf. »Klar, hat's mir gefallen, du Trampeltier, ich hab's ja geschrieben.« Ich schätze, dass es ziemlich schwer für ihn gewesen sein muss, so viel Energie an einen Gebieter zu verschwenden, den er nicht bewunderte, und an eine Sache, die er für höchst fragwürdig hielt. Die Reise in die Spitzenpositionen der Politik sperrt einen Mann oft mit widerwärtigen Mitreisenden zusammen und führt ihn durch seltsame Landschaften. Aber Cicero wusste auch, dass es jetzt kein Zurück mehr gab.

KAPITEL XII

In den nächsten zwei Wochen gab es nur ein Thema in Rom - die Seeräuber. Gabinius und Cornelius »lebten auf der Rostra«, wie das zu jener Zeit genannt wurde - was heißt: Täglich bombardierten sie das Volk mit neuen Erklärungen und neuen Augenzeugen zum Thema Seeräubergefahr. Ihre Spezialität waren Horrorgeschichten. Zum Beispiel berichteten sie, dass die Piraten ihre Gefangenen verhöhnten, falls diese erklärten, sie seien Bürger Roms: Die Seeräuber gäben sich zu Tode erschrocken und bettelten um Vergebung, zögen ihren Gefangenen sogar eine Toga und Schuhe an und verbeugten sich jedes Mal, wenn sie an ihnen vorbeigingen. Dieses Spiel spielten sie, bis sie schließlich auf offener See seien, eine Leiter am Schiffsrumpf herunterließen und ihnen sagten, sie seien nun frei und könnten gehen, wohin sie wollten. Wenn ein Opfer sich weigerte, die Leiter hinunterzusteigen, warfen sie es einfach über Bord. Derartige Geschichten versetzten die Zuschauer auf dem Forum in Rage; sie waren daran gewohnt, dass die magische Formel »Ich bin ein Bürger Roms« überall auf der Welt Ehrerbietung garantierte.

Cicero selbst sprach nicht auf der Rostra. Seltsamerweise hatte er dort noch nie eine Rede gehalten. Er hatte schon früh entschieden, sich so lange zurückzuhalten, bis er den passenden Augenblick in seiner Karriere für gekommen sah, um die größtmögliche Wirkung zu erzielen. Er war natürlich versucht, bei diesem Thema sein Schweigen zu brechen, denn er hatte einiges dazu zu sagen und es würde einen idealen pompistischen Knüppel abgeben, um damit auf die Aristokraten einzudreschen. Schließlich jedoch entschied er sich dagegen mit dem Argument, dass die Gesetzesvorlage in den Straßen ohnehin schon überwältigenden Zuspruch fände und dass seine Dienste hinter den Kulissen - strategische Aufgaben und Beeinflussung der noch schwankenden Senatoren - wertvoller seien. So spielte er zur Abwechslung mal den Moderaten, Pausenlos streifte er auf seine altbekannte Art durchs Senaculum, hörte sich die Klagen der pedarii an, versprach, Bekundungen des Bedauerns und Bittgesuche an Pompeius weiterzuleiten, und machte Männern von Einfluss - allerdings nur gelegentlich - vage Hoffnung auf höhere Ämter. Jeden Tag traf ein Bote von Pompeius' Landsitz in den Albaner Bergen ein und überbrachte die neuesten Beschwerden, Nachfragen oder Anweisungen des Generals (»Die Feldarbeit scheint unseren neuen Cincinnatus ja nicht gerade auszulasten«, bemerkte Cicero mit gequältem Lächeln), und jeden Tag diktierte mir der Senator ein besänftigendes Antwortschreiben, worin er Pompeius häufig Namen von Männern nannte, die zu einem Gespräch einzuladen vielleicht ganz nützlich wäre. Das war eine heikle Angelegenheit, denn es musste unbedingt der Schein gewahrt werden, dass sich Pompeius nicht mehr in der Politik betätigte. Trotzdem trieb eine Mischung aus Gier, Anbiederung, Ehrgeiz, die Erkenntnis, dass man um die Schaffung eines wie auch immer gearteten Sonderkommandos nicht herumkomme, sowie die Angst, dass dieses dann Crassus zufallen könne, etwa ein halbes Dutzend Senatoren in Schlüsselstellungen in Pompeius' Lager. Der wichtigste war Lucius Manlius Torquatus, der gerade seine Amtszeit als Prätor beendet hatte und im nächsten Jahr mit Sicherheit für das Konsulat kandidieren würde.

Wie immer stellte Crassus die größte Gefahr für Ciceros Plane dar, und natürlich war er nicht untätig. Auch Crassus war unterwegs, machte Versprechungen für lukrative Posten und versuchte Anhänger zu gewinnen. Für den Liebhaber des politischen Geschäfts war es faszinierend, das Kopf-an Kopf-Rennen der Dauerrivalen Crassus und Pompeius zu beobachten. Beide hatten zwei Volkstribunen auf ihrer Seite, die jeweils mit ihrer Stimme das Gesetz zu Fall bringen konnten und die jeweils über eine Reihe geheimer Parteigänger im Senat verfügten. Crassus hatte gegenüber Pompeius den Vorteil, dass ihn die meisten Aristokraten unterstützten, weil sie Pompeius mehr fürchteten als jeden anderen in der Republik; Pompeius' Vorteil gegenüber Crassus war seine Popularität beim Mann auf der Straße. »Die beiden sind wie zwei Skorpione, die sich gegenseitig belauern«, sagte Cicero eines Morgens, als er sich auf dem Stuhl vor seinem Schreibpult zurücklehnte, nachdem er mir eine Botschaft an Pompeius diktiert hatte. »Keiner kann den anderen ganz ausschalten, und doch kann jeder den anderen töten.«

»Wie soll dann einer von beiden gewinnen?«

Er schaute mich an, schoss dann so plötzlich mit dem Oberkörper nach vorn und schlug mit der flachen Hand auf die Pultplatte, dass ich vor Schreck zusammenzuckte. »Nur durch einen Überraschungsangriff.«

Ab jenem Morgen blieben noch vier Tage, bis das Volk über die lex Gabinia abstimmte. Und bisher war Cicero nichts eingefallen, wie er Crassus' Veto umgehen könnte. Er war müde und mutlos und sinnierte wieder einmal darüber nach, ob wir uns nicht nach Athen zurückziehen und Philosophie studieren sollten. Der Tag verging, ebenso der nächste und übernächste, und noch immer war keine Lösung aufgetaucht. Am letzten Tag vor der Abstimmung stand ich wie üblich bei Morgengrauen auf und ließ Ciceros Klienten ein. Da allgemein bekannt war, wie nahe er Pompeius stand, hatte sich die Zahl der Besucher im Gegensatz zu früher verdoppelt. Sehr zu Terentias Ärger wimmelte es im Haus jetzt den ganzen Tag über von Bittstellern und Sympathisanten. Darunter waren durchaus bekannte Männer, wie zum Beispiel an jenem Morgen Antonius Hybrida. Er war der zweite Sohn des großen Redners und Konsuls Marcus Antonius Orator und hatte gerade eine Amtszeit als Volkstribun hinter sich: Er war ein Schwachkopf und Säufer, musste aber als Erster vorgelassen werden. Der Himmel war grau, und es regnete, sodass die Besucher den moderigen Geruch von klammen, muffigen Kleidern und feuchtem Haar mit ins Haus geschleppt hatten. Der schwarz-weiße Mosaikboden war dreckverschmiert, und ich überlegte gerade, ob ich einen der Haussklaven zum Aufwischen rufen sollte, als die Tür noch einmal aufging und Marcus Licinius Crassus höchstpersönlich vor mir stand. Ich war so verblüfft, dass mich sein Anblick nicht im Geringsten beunruhigte und ich ihn so selbstverständlich begrüßte wie jeden x-beliebigen Klienten, der wegen eines Empfehlungsschreibens vorsprach.

»Einen wunderschönen guten Morgen, Tiro«, sagte er. Er erinnerte sich an meinen Namen, obwohl er mich nur einmal gesehen hatte, was mir jetzt doch gehörige Angst einjagte. »Wäre es möglich, dass ich kurz mit deinem Herrn spreche?« Crassus war in Begleitung des Senators Quintus Arrius, der ihm wie ein Schatten überallhin folgte und dessen lachhaft blasierte Ausdrucksweise vom grausamsten aller Dichter, Catull, aufs Unvergesslichste parodiert werden sollte - Arrius fügte jedem Vokal am Wortanfang eine Aspirata hinzu, seinen eigenen Namen sprach er »Harrius« aus. Ich lief ins Arbeitszimmer, wo Cicero gerade seine beiden Schreiber auf die übliche Weise auf Trab hielt: Während er dem einen, Sositheus, einen Brief diktierte, zeichnete er gleichzeitig dem anderen, Laurea, Schriftstücke so schnell ab, wie der sie ihm vorlegen konnte.

»Ihr erratet nie, wer da ist!«, rief ich aufgeregt.

»Crassus«, sagte er, ohne auch nur den Kopf zu heben.

Ich war schlagartig ernüchtert. »Ihr seid nicht überrascht?«

»Nein«, sagte Cicero und unterzeichnete den nächsten Brief. »Er wird uns gleich ein großmütiges Angebot unterbreiten, das natürlich ganz und gar nicht großmütig ist, sondern nur dem Zweck dient, ihn in dem Augenblick in besserem Licht dastehen zu lassen, wenn bekannt wird, dass wir abgelehnt haben. Er hat allen Grund, Entgegenkommen zu zeigen, wir haben keinen einzigen. Egal, führ ihn am besten gleich rein, sonst besticht er mir noch alle meinen Klienten aus dem Haus. Und bleib dann im Zimmer und mach dir Notizen, nicht dass er mir das Wort im Mund umdreht.«

Ich ging, um Crassus zu holen. Und tatsächlich: Er arbeitete sich schon überschwänglich Hände schüttelnd durchs Tablinum, sehr zur Verwunderung der eingeschüchterten Betroffenen. Ich geleitete ihn ins Arbeitszimmer. Die beiden Schreiber verließen den Raum, sodass wir zu viert waren: Crassus, Arrius und Cicero saßen, ich stand zum Mitschreiben in einer Ecke.

»Du hast ein sehr schönes Haus«, sagte Crassus freundlich wie immer. »Klein, aber reizend. Wenn du mal ans Verkaufen denken solltest, gib mir Bescheid.«

»Falls es jemals in Flammen aufgehen sollte«, erwiderte Cicero, »bist du der Erste, der es erfährt.«

»Köstlich«, sagte Crassus, klatschte in die Hände und brach in launiges Gelächter aus. »Nein, im Ernst. Ein bedeutender Mann wie du sollte sich ein größeres Haus zulegen, in einer besseren Gegend.

Auf dem Palatin. Ich könnte das arrangieren. Nein, warte«, fügte er schnell hinzu, als Cicero mit dem Kopf schüttelte. »Lehn mein Angebot nicht gleich ab. Sicher, wir hatten unsere Differenzen, gerade deshalb liegt mir ja an einer Geste der Versöhnung.«

»Das ist wirklich sehr nobel von dir«, sagte Cicero. »Aber ich fürchte, die Interessen eines gewissen Herrn stehen zwischen uns.«

»Nicht unbedingt. Ich verfolge mit Bewunderung deine Karriere, Cicero. Du verdienst den Platz, den du dir in Rom erarbeitet hast. Meines Erachtens solltest du im Sommer zum Prätor und in zwei Jahren zum Konsul gewählt werden. Tja, jetzt ist es raus. Möglicherweise könntest du auf meine Unterstützung zahlen. Nun, was sagst du dazu?«

Das war wirklich ein fantastisches Angebot, und in jenem Augenblick lernte ich eine wichtige Lektion über kluge Geschäftsleute - dass nicht konsequente Hinterhältigkeit sie so erfolgreich macht (wie viele ganz selbstverständlich annehmen), sondern eher die Fähigkeit, wenn nötig eine überraschende ja verschwenderische Großzügigkeit an den Tag zu legen. Cicero geriet völlig aus dem Gleichgewicht. Man bot ihm praktisch auf dem Silbertablett das Konsulat an, seinen Lebenstraum, den offen auszusprechen er nicht mal Pompeius gegenüber gewagt hatte aus Angst, er könnte das Misstrauen des großen Mannes erregen.

»Du überwältigst mich, Crassus«, sagte er. Seine Gefühle hatten ihn so übermannt, dass er sich erst mal räuspern musste, bevor er weitersprechen konnte. »Aber das Schicksal hat uns einmal mehr Plätze in verschiedenen Lagern zugewiesen.«

»Nicht unbedingt«, wiederholte Crassus. »Der Tag vor der Abstimmung ist doch sicher der geeignete Zeitpunkt für einen Kompromiss, meinst du nicht auch? Ich erkenne an, dass das Oberkommando Pompeius' Idee ist. Aber warum sollten wir das Amt nicht aufteilen?«

»Ein aufgeteiltes Oberkommando ist ein Widerspruch in sich.«

»Pompeius und ich haben uns auch schon das Konsulat geteilt.«

»Sicher, aber das Konsulat ist ein gemeinsames Amt, das auf dem Prinzip der Teilung der Macht basiert. Einen Krieg zu führen, wie du selbst viel besser weißt als ich, ist etwas vollkommen anderes. Im Krieg ist schon die kleinste Uneinigkeit an der Spitze tödlich.«

»Das Kommando ist so riesig, da ist doch leicht Platz für zwei«, sagte Crassus aufgeräumt. »Pompeius bekommt den Osten, ich den Westen. Oder Pompeius das Meer und ich das Land. Oder umgekehrt, mir völlig egal. Der Punkt ist, dass wir zusammen die Welt beherrschen können, wenn wir dich, Cicero, als Verbindungsglied haben.«

Ich bin mir sicher, dass Cicero mit einem drohenden, aggressiven Crassus gerechnet hatte, also einer Taktik, mit der umzugehen er in seiner langen Tätigkeit in den Gerichtshöfen gelernt hatte. Die unerwartete Großzügigkeit dagegen brachte ihn völlig durcheinander, nicht zuletzt deshalb, weil Crassus' Vorschlag sowohl vernünftig wie auch patriotisch war. Zudem wäre er auch für Cicero die ideale Lösung, weil er sich so die Freundschaft aller Lager sichern könnte. »Ich werde ihm dein Angebot auf jeden Fall unterbreiten«, versprach Cicero. »Noch vor Einbruch der Dunkelheit wird er es in Händen halten.«

»Das bringt mir überhaupt nichts«, sagte Crassus gereizt. »Wenn ich nur einen Boten bräuchte, dann hätte ich auch Arrius in die Albaner Berge schicken können. Hab ich recht, Arrius?«

»Habsolut.«

»Nein, Cicero, du musst es ihm persönlich beibringen.« Er beugte sich vor und leckte sich mit der Zunge über die Lippen; wenn Crassus über Macht sprach, klang er immer irgendwie lüstern. »Ich bin ganz offen zu dir. Mein ganzes Herz hängt an einer militärischen Karriere. Ich habe alles Geld, das ein Mann sich nur wünschen kann, aber das kann immer nur Mittel sein, nie Zweck. Welche Nation hat einem Mann eine Statue errichtet, nur weil er reich war? Welches der zahllosen Völker auf dieser Erde hat jemals in seine Gebete den Namen eines schon lange toten Millionärs mit eingeschlossen, nur weil er irgendwann mal viele Häuser besessen hat? Den einzig dauerhaften Ruhm gibt es nur auf Papyrus oder auf dem Schlachtfeld - und ein Dichter bin ich ganz sicher nicht. Du siehst also, wenn aus unserem Geschäft etwas werden soll, dann musst du persönlich Pompeius' Einverständnis einholen.«

»Pompeius ist kein Maultier, das man so einfach zum Markt treibt«, wandte Cicero ein, dem ich ansah, dass ihn die grobe Plumpheit seines alten Feindes schon wieder abstieß. »Du kennst ihn doch.«

»Allerdings, nur zu gut. Aber du bist ein Überredungskünstler wie kein Zweiter. Du hast ihn dazu gebracht, Rom zu verlassen - versuch erst gar nicht, es abzustreiten. Und du kannst ihn auch dazu überreden, wieder zurückzukommen.«

»Er kommt als alleiniger Oberbefehlshaber zurück, oder er kommt gar nicht zurück. Das ist sein Standpunkt.«

»Dann wird Rom ihn nie wiedersehen«, blaffte Crassus, von dem die freundliche Schale abblätterte wie die billige Farbe von einem seiner feuchten Mietshäuser. »Du weißt ganz genau, was morgen passieren wird. Das ist so vorhersehbar wie ein Possenspiel im Theater. Gabinius wird euer Gesetz einbringen, und Trebellius wird in meinem Auftrag sein Veto einlegen. Dann wird Roscius, ebenfalls auf meine Anweisung, eine Ergänzung zu der Vorlage einbringen, die ein gemeinsames Kommando fordert, und nicht ein Volkstribun wird es wagen, dagegen sein Veto einzulegen. Sollte Pompeius sich dagegen sperren, dann wird er dastehen wie ein trotziges, gefräßiges Kind, das lieber den ganzen Kuchen zermatscht, als auch nur ein Stück abzugeben.«

»Da bin ich anderer Meinung. Das Volk liebt ihn.«

»Das Volk hat auch Tiberius Gracchus geliebt, und genutzt hat es ihm am Ende gar nichts. Das war ein schreckliches Schicksal für einen patriotischen Römer, du tätest gut daran, dies nicht zu vergessen.« Crassus stand auf. »Behalte deine eigenen Interessen im Auge, Cicero. Begreifst du denn nicht, dass du mit Pompeius im politischen Abseits landest? Noch nie hat es ein Mann gegen den geballten Widerstand der Aristokraten zum Konsul gebracht.« Cicero stand ebenfalls auf und nahm vorsichtig die Hand, die Crassus ihm hinhielt. Der Altere packte kräftig zu und zog Cicero nah zu sich heran. »Zwei Mal, Marcus Tullius Cicero, habe ich dir in Freundschaft die Hand gereicht«, sagte er sehr leise. »Ein drittes Mal wird es nicht geben.«

Und damit marschierte er aus dem Haus - und zwar in einem Tempo, dass ich es nicht mehr schaffte, ihn zur Haustür zu geleiten, geschweige sie ihm zu öffnen. Ich ging wieder ins Arbeitszimmer, wo Cicero genau an der Stelle stand, an der ich ihn zurückgelassen hatte. Mit gerunzelter Stirn betrachtete er seine Hand. »Fühlt sich an, als ob man Schlangenhaut anfasst«, sagte er. »Noch mal, Tiro, hab ich ihn richtig verstanden, hat er wirklich angedeutet, dass Pompeius und ich das gleiche Schicksal wie Tiberius Gracchus erleiden könnten?«

»Ja: >ein schreckliches Schicksal für einen patriotischen Römer<«, las ich ihm aus meinen Notizen vor. »Was war das Schicksal von Tiberius Gracchus?«

»Die Aristokraten haben ihn in die Enge getrieben wie eine Tempelratte und dann ermordet - und das, während er ein vermeintlich unantastbarer Volkstribun war. Das ist mindestens sechzig Jahre her. Tiberius Gracchus!« Er ballte eine Hand zur Faust. »Einen Augenblick lang, Tiro, hatte er mich fast so weit, dass ich ihm geglaubt hätte. Aber ich schwöre dir, eher werde ich niemals Konsul, als dass ich es mit Crassus' Hilfe werde.«

»Ich glaube dir, Senator, Pompeius ist zehnmal so viel wert wie er.«

»Eher hundertmal - egal, wie viel Unsinn er redet.«

Ich räumte das Schreibpult auf und ging dann ins Tablinum, um die Besucherliste für heute Morgen zu holen. Als ich zurückkam, stand Cicero immer noch am selben Fleck, allerdings lag jetzt ein merkwürdiger Ausdruck auf seinem Gesicht. Ich gab ihm die Liste und erinnerte ihn daran, dass das ganze Haus voller Klienten sei, die er empfangen müsse, darunter auch ein Senator. Geistesabwesend suchte er ein paar Namen aus, zu denen auch Hybrida gehörte, aber dann sagte er plötzlich: »Hol Sositheus, er soll hier weitermachen. Für dich habe ich eine andere Aufgabe. Geh ins Staatsarchiv, und schau dir die Annalen für das Konsulatsjahr von Mucius Scaevola und Calpurnius Piso Frugi an. Schreib alles auf, was mit Tiberius Gracchus' Volkstribunat und seinem Ackergesetz in Zusammenhang steht. Sag keinem ein Wort. Wenn dich jemand fragt, erzähl ihm irgendwas. Alles klar?« Zum ersten Mal seit einer Woche lächelte er, dann fuchtelte er mit den Händen herum, dass ich endlich verschwinden solle. »Komm schon, setz dich in Bewegung!«

Nach so vielen Jahren in seinen Diensten hatte ich mich an diese Art verwirrender und herrischer Befehle gewöhnt. Ich vermummte mich gegen die Kälte und Nässe und lief den Hügel hinunter. Noch nie hatte ich die Stadt in einer derart schweren Krise erlebt - unter dunklen Wolken herrschte ein eiskalter Winter, Lebensmittel waren knapp, an jeder Ecke lief man Bettlern über den Weg, manchmal stolperte man sogar über die Leiche eines armes Teufels, der in der Nacht zuvor gestorben war. Ich hastete durch die trübseligen Straßen, dann über das Forum und schließlich die Stufen zum Staatsarchiv hinauf, in dem ich schon die spärlichen offiziellen Unterlagen über Gaius Verres aufgestöbert hatte. Seitdem hatten mich -vor allem während Ciceros Amtszeit als Ädil - viele Botengänge hierher geführt, sodass mein Gesicht den Angestellten dort vertraut war. Anstandslos brachten sie mir die Papyrusrolle, die ich haben wollte. Ich trug sie zu einem Lesetisch am Fenster und entrollte sie. Das Morgenlicht war trübe, und es zog so stark, dass ich meine Handschuhe anbehielt. Ich hatte keine Ahnung, wonach ich überhaupt suchte. Die Annalen lieferten - zumindest in den Zeiten, bevor Caesar sie in die Finger bekam -einen zuverlässigen und vollständigen Bericht über jedes Jahr. Sie verzeichneten die Namen der Magistrate, die neuen Gesetze, die Kriege und Hungersnöte, die Sonnen- und Mondfinsternisse sowie alle anderen Naturereignisse. Die Angaben folgten dem offiziellen Register, das der Pontifex maximus jedes Jahr erstellte und an eine weiße Tafel am Amtssitz des Priesterkollegiums anschlagen ließ.

Geschichte hat mich schon immer fasziniert. Cicero schrieb einmal: »Wer nicht weiß, was vor seiner Geburt geschehen ist, wird auf immer ein Kind bleiben. Was ist das menschliche Leben wert, wenn es nicht durch die Zeugnisse der Geschichte mit dem unserer Ahnen verwoben wird?« Ich spürte plötzlich die Kälte nicht mehr und hätte mich glücklich den ganzen Tag in die Ereignisse vertiefen können, die sich vor mehr als sechzig Jahren zugetragen hatten. Ich fand heraus, dass in jenem Jahr, dem sechshunderteinundzwanzigsten seit der Gründung Roms, König Attalos III. von Pergamon gestorben war und sein Reich den Römern vermacht hatte, dass Scipio Africanus der Jüngere die spanische Stadt Numantia zerstört und bis auf fünfzig, die in Ketten gelegt an seinem Triumph in Rom teilnehmen mussten, alle fünftausend Einwohner getötet hatte und dass Tiberius Gracchus, der berühmte reformerische Volkstribun, ein Gesetz eingebracht hatte, das die Verteilung von öffentlichem Land an gewöhnliche Bürger vorsah, die damals - wie immer - große Not gelitten hatten. Es ändert sich nie etwas, dachte ich. Gracchus' Gesetz versetzte die um ihre Besitzungen fürchtenden Aristokraten im Senat so in Wut, dass diese einen Volkstribun namens Marcus Octavius dazu überredeten oder mittels Bestechung dazu brachten, sein Veto gegen das Gesetz einzulegen. Da das Volk das Gesetz jedoch einmütig befürwortete, argumentierte Gracchus auf der Rostra, verletze Octavius seine heilige Pflicht, die Interessen des Volkes zu vertreten. Er forderte das Volk auf, Octavius abzuwählen - was das Volk sofort in die Tat umsetzte, Wahlbezirk für Wahlbezirk. Nachdem sich die ersten siebzehn der fünfunddreißig Bezirke mit überwältigender Mehrheit für Octavius' Amtsenthebung ausgesprochen hatten, unterbrach Gracchus die Abstimmung und forderte Octavius auf, sein Veto zurückzuziehen. Dieser lehnte ab, worauf Gracchus »die Götter als Zeugen anrief, dass es nicht seine Absicht gewesen sei, seinen Kollegen aus dem Amt zu entfernen«, dann den achtzehnten Bezirk abstimmen ließ und wieder die Mehrheit erzielte. Daraufhin wurde Octavius als Volkstribun abgesetzt (»... zurückgestuft auf den Status des Privatmannes, verschwand Octavius unbemerkt aus der Stadt ...«) und das Ackergesetz verabschiedet. Aber die Aristokraten nahmen wenige Monate später Rache - woran Crassus Cicero erinnert hatte. Gracchus wurde im Tempel der Fides umzingelt, mit Stöcken und Knüppeln zu Tode geprügelt und seine Leiche in den Tiber geworfen.

Ich löste die kleine, mit einer Kordel befestigte Wachstafel von meinem Handgelenk und zückte den Griffel. Ich weiß noch, dass ich mich umschaute, bevor ich anfing, die relevanten Stellen aus den Annalen abzuschreiben. Ich verstand jetzt, warum Cicero so viel Wert auf Geheimhaltung gelegt hatte, und wollte sichergehen, dass ich auch wirklich allein war. Meine Finger waren eiskalt, und das Wachs war hart; ich produzierte eine grässliche Kritzelei. Einmal stand plötzlich der Patron des Archivs, Catulus höchstpersönlich, in der Tür und schaute in meine Richtung. Im ersten Augenblick glaubte ich, mein rasendes Herz würde mir die Rippen zerbrechen. Aber dann fiel mir ein, dass der alte Mann kurzsichtig war und dass er ohnehin zu der Sorte Politiker gehörte, die jemanden wie mich nie wiedererkennen würde. Er sprach ein paar Minuten mit einem seiner Freigelassenen und ging dann wieder. Ich beendete meine Abschrift und musste mich zusammenreißen, das Gebäude normalen Schrittes zu verlassen. Ich stieg die vereisten Treppenstufen hinunter, überquerte das Forum und ging weiter in Richtung Ciceros Haus, wobei ich die ganze Zeit die Wachstafel fest an meine Brust drückte. Ich hatte das Gefühl, in meinem ganzen Leben noch keine wichtigere Arbeit erledigt zu haben.

Als ich wieder nach Hause kam, saß Cicero in seinem Arbeitszimmer noch gemütlich mit Antonius Hybrida zusammen, beendete allerdings das Gespräch, als er mich neben der Tür stehen sah.

Hybrida war einer jener gebildeten, feingliedrigen Burschen, die sich und ihr Aussehen mit Wein ruiniert hatten. Obwohl ich an der Tür stand, stieg mir sein Atem in die Nase: Er roch wie verfaultes Obst im Rinnstein. Man hatte ihn vor einigen Jahren aus dem Senat geworfen: weil er pleite gewesen war und wegen seiner lockeren Sitten, die sich im Wesentlichen in Korruption, Trunkenheit und dem Umstand niederschlugen, dass er eine wunderschöne junge Sklavin ersteigert hatte, die als seine Mätresse offen mit ihm zusammenlebte. Aber das Volk auf seine eigentümliche Art hatte einen Narren an seiner Liederlichkeit gefressen, und nachdem er ihm ein Jahr lang als Tribun gedient hatte, hatte er es wieder geschafft, in den Senat einzuziehen. Ich wartete, bis er gegangen war, bevor ich Cicero meine Aufzeichnungen gab. »Was hat er gewollt?«, fragte ich.

»Meine Unterstützung für seine Kandidatur zum Prätor.«

»Der hat vielleicht Nerven.«

»Kann man wohl sagen. Trotzdem habe ich ihm meine Hilfe zugesichert«, sagte er unbekümmert. Als er mein erstauntes Gesicht sah, fügte er hinzu: »Wenn er Prätor wird, habe ich jedenfalls einen Rivalen weniger fürs Konsulat.«

Er legte meine Notizen auf sein Schreibpult und las sie aufmerksam durch. Dann stützte er die Ellbogen auf, legte das Kinn auf die Hände, beugte sich vor und las sie ein zweites Mal. Ich stellte mir seine Gedanken als einen schnellen, schmalen Wasserstrom vor, der sich durch die Fugen eines gefliesten Bodens bewegte - erst vorwärts, dann nach links und rechts ausgreifend, an einem Punkt kurz innehaltend, in eine andere Richtung weiter vorstoßend, sich immer weiter ausbreitend und verzweigend und dabei in seiner schimmernden, flüssigen Bewegung all die kleinen Möglichkeiten, Konsequenzen und Wahrscheinlichkeiten bedenkend. Schließlich sagte er, halb zu sich selbst, halb zu mir: »Gracchus war der Erste, der es mit dieser Taktik versucht hat - und der Letzte. Kein Wunder. Was für eine Waffe in der Hand eines einzelnen Mannes! Egal, ob man damit durchkommt oder nicht, mit den Konsequenzen müsste man noch Jahre leben.« Er hob den Kopf und schaute mich an. »Ich weiß nicht, Tiro. Vielleicht wäre es besser, wenn du das gleich wieder vernichtest.« Aber als ich die Hand nach meinen Aufzeichnungen ausstreckte, sagte er schnell: »Vielleicht auch nicht.« Stattdessen trug er mir auf, Laurea und ein paar andere Sklaven zusammenzutrommeln, sie zu allen Senatoren aus Pompeius' innerem Kreis zu schicken und anfragen zu lassen, ob sie heute Nachmittag nach ihren Amtsgeschäften Zeit für ein Treffen hätten. »Aber nicht hier«, fugte er noch schnell hinzu. »In Pompeius' Stadthaus.« Dann schrieb er eigenhändig eine Botschaft und schickte einen Reiter mit der Anweisung, auf Antwort zu warten, zu Pompeius' Landsitz in die Albaner Berge. »Wenn Crassus den Geist von Gracchus heraufbeschwören will ...«, sagte er grimmig, »das kann er haben!«

Selbstredend waren die anderen ganz begierig darauf zu erfahren, warum Cicero sie zusammenrief. Kurz nachdem die Gerichte und Ämter ihre Pforten geschlossen hatten, tauchten sie nacheinander in Pompeius' Haus auf. Alle Plätze rund um den großen Tisch waren besetzt bis auf den thronartigen Stuhl des abwesenden Hausbesitzers, der aus Gründen der Ehrerbietung frei blieb. Es mag seltsam erscheinen, dass so intelligente und erfahrene Männer wie Caesar und Varro über die Taktik, die Gracchus als Volkstribun angewandt hatte, nicht genau Bescheid wussten. Aber man darf nicht vergessen, dass Gracchus damals schon seit dreiundsechzig Jahren tot war, dass es seitdem andere große geschichtliche Ereignisse gegeben hatte und dass man sich damals noch nicht so besessen mit der jüngeren Geschichte beschäftigte wie in den folgenden Jahrzehnten. Selbst Cicero hatte die Turbulenzen um Gracchus vergessen, bis er sich durch Crassus' Drohung wieder verschwommen daran erinnerte, dass er sich während seines Advokatenstudiums mal damit beschäftigt hatte. Solange er meine Auszüge aus den Annalen vortrug, war es still im Raum, aber sobald er seine Ausführungen beendet hatte, setzten sofort aufgeregte Diskussionen ein. Nur der weißhaarige Varro, der Alteste in der Runde, erinnerte sich aus Erzählungen seines Vaters an das Chaos von Gracchus' Volkstribunat und meldete Vorbehalte an. »Du würdest einen Präzedenzfall schaffen«, sagte er. »Jeder Demagoge, der glaubt, eine Mehrheit der Wahlbezirke hinter sich zu haben, könnte dann das Volk anrufen und damit drohen, einen seiner Kollegen absetzen zu lassen. Und warum eigentlich beim Volkstribun aufhören? Warum nicht auch einen Prätor, einen Konsul absetzen?«

»Das wäre kein Präzedenzfall«, widersprach Caesar ungehalten. »Das hat schon Gracchus für uns erledigt.«

»Genau«, sagte Cicero. »Auch wenn die Aristokraten ihn ermordet haben sollten, seine Gesetzgebung haben sie nicht für illegal erklärt. Ich weiß, was Varro meint, und bis zu einem gewissen Grad teile ich sein Unbehagen. Aber wir befinden uns in einem äußerst harten Kampf, wir müssen ein paar Risiken eingehen.«

Zustimmendes Gemurmel wurde laut, die entscheidenden Prostimmen waren aber die von Gabinius und Cornelius. Schließlich mussten sie sich vor das Volk stellen und die Gesetzgebung durchfechten, und folglich würden vor allem sie, sowohl physisch wie juristisch, die Vergeltung der Aristokraten zu spüren bekommen.

»Das Volk in seiner überwältigenden Mehrheit will dieses Oberkommando, und es will, dass Pompeius es bekommt«, erklärte Gabinius. »Die Tatsache, dass Crassus sich mit seinen tiefen Taschen zwei Volkstribune kaufen kann, darf nicht dazu führen, dass der Wille des Volkes blockiert wird.«

Afranius wollte wissen, ob Pompeius sich schon dazu geäußert habe.

»Hier ist die Botschaft, die ich ihm heute Morgen habe überbringen lassen«, sagte Cicero und hielt sie hoch. »Auf der Rückseite steht seine Antwort, die er mir sofort zurückgeschickt hat. Sie ist zur gleichen Zeit hier eingetroffen wie ihr alle.« Jeder konnte sehen, was Pompeius in seiner großen deutlichen Schrift auf die Rückseite gekritzelt hatte. Es war nur ein einziges Wort: Einverstanden. Damit war das Thema erledigt. Hinterher wies Cicero mich an, den Brief zu verbrennen.

*

Am Morgen der Volksversammlung war es bitterkalt. Der eisige Wind, der durch die Kolonnaden und zwischen den Tempeln hindurchpfiff, konnte die Menschen jedoch nicht davon abhalten, in Massen aufs Forum zu strömen. An größeren Abstimmungstagen wechselten die Volkstribunen von der Rostra zum Tempel des Castor, wo man mehr Platz für den Wahlvorgang hatte. Arbeiter hatten während der Nacht an den hölzernen Stegen gezimmert, über die die Bürger im Gänsemarsch zur Stimmabgabe gehen würden. Cicero verließ das Haus früh und ohne großes Gefolge - nur Quintus und ich begleiteten ihn. Er sei -so sagte er uns, als wir den Hügel hinuntergingen -nur der Inspizient der Aufführung, nicht einer der Hauptdarsteller. Er unterhielt sich kurz mit ein paar Funktionären aus verschiedenen Wahlbezirken, dann zog er sich mit mir in den Säulengang der Basilica Aemilia zurück, von wo er einen guten Überblick über das Geschehen hatte und wenn nötig Anweisungen geben konnte.

Vermutlich bin ich einer der wenigen noch Lebenden, die Zeuge dieses dramatischen Anblicks waren: Die zehn Volkstribunen saßen nebeneinander auf ihren Plätzen, darunter wie angeheuerte Gladiatoren die beiden gegnerischen Pärchen Gabinius und Cornelius (pro Pompeius) sowie Trebellius und Roscius (pro Crassus); auf den obersten Tempelstufen standen die Priester und Auguren; das orangefarbene Altarfeuer bildete einen flackernden Farbklecks auf diesem ansonsten grauen Bild; auf dem Forum verteilte sich die Masse der vor Kälte rotgesichtigen Wähler, die sich um die zehn Fuß hohen Fahnen ihres jeweiligen Bezirks scharten. Auf jeder Fahne prangte in großen Buchstaben ein Name, AEMILIA, CAMILIA, FABIA etc., sodass umherstreunende Männer immer wussten, wo ihr Platz war. Zwischen den Gruppen wurde gewitzelt und um Stimmen gefeilscht, bis die Trompete des Herolds sie zur Ordnung rief. Der amtliche Ausrufer absolvierte mit scharfer Stimme die zweite Lesung des Gesetzes, danach trat Gabinius vor und hielt eine kurze Rede. Er habe eine erfreuliche Nachricht, sagte er, eine Nachricht, für die das Volk Roms gebetet habe. Pompeius Magnus, tief berührt vom Leid der Nation, habe seine Position nochmals überdacht und sei gewillt, seinem Volk als Oberbefehlshaber zu dienen - aber nur, wenn es der einstimmige Wille von ihnen allen sei. »Ist das euer Wille?«, rief er laut, worauf ihm begeisterter Jubel entgegenschlug. Dank der Arbeit der Funktionäre aus den Wahlbezirken ging das noch eine Zeit lang so weiter. Wann immer Cicero den Eindruck hatte, dass die Lautstärke etwas abflaute, gab er einigen dieser Funktionäre ein diskretes Zeichen, das diese augenblicklich weiterleiteten, und sofort wurden wieder eifrig Fahnen geschwenkt, um den Applaus von Neuem anzufachen. Schließlich rief Gabinius sie mit einer Handbewegung zur Ruhe. »Dann lasst uns zur Wahl schreiten!«

Langsam - und man musste seinen Mut bewundern, dass er überhaupt aufstand angesichts so vieler tausend Menschen - erhob sich Trebellius von seinem Platz auf der Bank der Volkstribunen und trat vor - mit erhobener Hand, zum Zeichen seines Einspruchs. Gabinius betrachtete ihn voller Verachtung und brüllte dann in die Menge: »Bürger Roms, wollt ihr ihn sprechen lassen?«

»Nein!«, kreischte die Menge.

Worauf Trebellius mit vor Anspannung schriller Stimme rief: »Dann lege ich hiermit mein Veto ein!«

An jedem anderen Tag in den vergangenen vierhundert Jahren, außer im Jahr von Tiberius Gracchus' Volkstribunat, wäre mit diesem Satz das Gesetzgebungsverfahren beendet gewesen. An diesem schicksalhaften Morgen jedoch brachte Gabinius die höhnisch johlende Menge mit einer Handbewegung zum Schweigen und sagte: »Stimmt ihr Trebellius zu?«

»Nein!«, brüllten die Menschen. »Nein! Nein!«

»Gibt es irgendeinen unter euch, der ihm zustimmt?« Nur der Wind war zu hören. Selbst die Senatoren, die Trebellius unterstützten, wagten es nicht, ihre Stimme zu erheben; sie standen schutzlos inmitten der anderen Mitglieder ihres Wahlbezirks und fürchteten, dass der Mob über sie herfallen würde. »Dann beantrage ich gemäß dem von Tiberius Gracchus geschaffenen Präzedenzfall, dass Trebellius wegen Missachtung seines Amtseides, der ihn zur Vertretung der Interessen des Volkes verpflichtet, als Tribun abgesetzt wird, und beantrage weiter, dass sofort darüber abgestimmt wird.«

Cicero sah mich an. »Jetzt fängt das Schauspiel an«, sagte er.

Sekundenlang schauten sich die versammelten Bürger nur stumm an. Dann begannen sie zu nicken, begriffen allmählich, und die Erkenntnis äußerte sich in einem langsam ansteigenden Geräuschpegel. Es war die Erkenntnis - zumindest bin ich heute dieser Ansicht, da ich mit geschlossenen Augen in meinem kleinen Arbeitszimmer sitze und mich erinnere -, dass sie jetzt abstimmen konnten und die hohen Herren im Senat nicht die Macht hatten, sie daran zu hindern. Catulus, Hortensius und Crassus bahnten sich aufgeschreckt einen Weg nach vorn und forderten eine Anhörung, doch Gabinius hatte einige von Pompeius' Veteranen vor den untersten Tempelstufen postiert, die die protestierenden Senatoren aufhielten. Vor allem der sonst so beherrscht wirkende Crassus war außer sich. Mit vor Zorn rot angelaufenem und verzerrtem Gesicht versuchte er vergeblich, das Podium zu stürmen. Er entdeckte Cicero, zeigte auf ihn und brüllte etwas, doch er war zu weit weg und es war zu viel Lärm, als dass wir ihn hätten verstehen können. Cicero bedachte ihn mit einem freundlichen Lächeln. Der Ausrufer verlas Gabinius' Antrag - »... dass Trebellius nach dem Willen des Volkes als dessen Tribun abgesetzt werden soll ...« -, und die Wahlhelfer begaben sich zu ihren Arbeitsplätzen. Wie üblich stimmten die Bürger des Wahlbezirks Subura als Erste ab: In Zweierreihen bewegten sie sich den Holzsteg hinauf, gaben ihre Stimme ab und gingen die Steinstufen an der Seite des Tempels wieder hinunter aufs Forum. Ein Bezirk nach dem anderen schritt zur Wahl, und jeder stimmte dafür, Trebellius seines Amtes zu entheben. Dann kamen die ländlichen Bezirke an die Reihe. Das Prozedere beanspruchte mehrere Stunden, währenddessen sich Trebellius, dem die Angst ins graue Gesicht geschrieben stand, immer wieder mit seinem Leidensgenossen Roscius besprach. Einmal verschwand er vom Podium. Wohin, habe ich nicht gesehen, aber ich nehme an, dass Trebellius Crassus gebeten hat, ihn von seiner Verpflichtung zu entbinden. Überall auf dem Forum standen Senatoren nach der Stimmabgabe ihrer Bezirke in kleinen Gruppen zusammen. Ich sah, wie Catulus und Hortensius mit verbissenen Gesichtern von Gruppe zu Gruppe gingen. Während ich an meinem Platz blieb, tauchte auch Cicero in die Menge ein und drehte seine Runden. Er sprach mit den Senatoren, darunter Torquatus und sein alter Verbündeter Marcellinus, die er heimlich dazu überredet hatte, in Pompeius' Lager zu wechseln.

Als siebzehn Bezirke für Tribellius' Absetzung votiert hatten, ordnete Gabinius eine Unterbrechung der Abstimmung an. Er zitierte Trebellius an den vorderen Rand des Podiums und fragte ihn, ob er sich nun dem Willen des Volkes beugen und so sein Amt als Tribun retten wolle oder ob er den achtzehnten Wahlgang für nötig halte, der ihn mit Sicherheit das Amt kosten werde. Das war Trebellius' Gelegenheit, als heldenhafter Kämpfer für seine Sache in die Geschichte einzugehen, und ich habe mich oft gefragt, ob er später, als alter Mann, seine Entscheidung jemals bereut hat. Wahrscheinlich hat er sich noch Hoffnungen auf eine politische Karriere gemacht. Jedenfalls gab er nach kurzem Zögern seine Zustimmung und zog das Veto zurück. Ich brauche wohl kaum hinzufügen, dass er fortan von beiden Lagern mit Verachtung gestraft wurde und nie mehr in Erscheinung trat.

Alle Augen richteten sich nun auf Roscius, Crassus' zweiten Tribun. In diesem Augenblick, es war wohl am frühen Nachmittag, erschien Catulus ein zweites Mal an den Tempelstufen, wölbte die Hände vor dem Mund und rief laut zu Gabinius hinauf, dass er eine Anhörung verlange. Wie ich schon erwähnte, genoss Catulus wegen seines Patriotismus großen Respekt in der Bevölkerung. Gabinius konnte ihn nur schwerlich abweisen, nicht zuletzt deshalb, weil er der Ranghöchste der Exkonsuln im Senat war. Er machte den Veteranen ein Zeichen, Catulus durchzulassen, worauf dieser trotz seines hohen Alters wie eine Eidechse die Stufen hinaufschoss. »Das ist ein Fehler«, flüsterte mir Cicero zu.

Hinterher sagte Gabinius zu Cicero, dass er geglaubt habe, angesichts ihrer Niederlage seien die Aristokraten zum Wohle der nationalen Einheit zu Zugeständnissen bereit. Dem war aber ganz und gar nicht so. Catulus wetterte gegen die lex Gabinia und die illegalen Methoden, derer man sich bedient habe, um das Gesetz durchzupeitschen. Es sei Wahnsinn, erklärte er, die Sicherheit der Republik in die Hände eines einzigen Mannes zu legen. Krieg sei ein riskantes Geschäft, vor allem der zur See: Was geschähe mit dem Oberbefehl, wenn Pompeius getötet würde? Wer würde an seine Stelle treten? Ein Mann schrie »du!«, eine Reaktion, so schmeichelhaft sie auch gewesen sein mochte, die überhaupt nicht im Sinn von Catulus war. Er wusste sehr gut, dass er für den Krieg viel zu alt war. Was er eigentlich im Sinn hatte, war ein gemeinsames Kommando von Crassus und Pompeius. Obwohl er den Menschen Crassus verachtete, ging er doch davon aus, dass der reichste Mann Roms zumindest ein Gegengewicht zu Pompeius' Macht bilden würde. Inzwischen hatte Gabinius erkannt, dass es ein Fehler gewesen war, Catulus das Wort zu erteilen. Die Wintertage waren kurz, und der Wahlgang musste bis Sonnenuntergang abgeschlossen sein. Er schnitt dem ehemaligen Konsul rüde das Wort ab und sagte, er habe seinen Standpunkt klargemacht, und es sei nun an der Zeit, die Angelegenheit an der Wahlurne zu einem Ende zu bringen. Daraufhin sprang Roscius auf und versuchte den formalen Antrag zu stellen, das Oberkommando zu teilen. Das Volk war jedoch inzwischen so aufgebracht, dass es ihm die Anhörung verweigerte. Es entstand ein derart ohrenbetäubendes Geschrei, dass - so erzählte man sich später - ein gerade über das Forum fliegender Rabe tot vom Himmel fiel. Angesichts des Aufruhrs konnte Roscius nichts weiter tun, als mit zwei erhobenen Fingern sein Veto gegen das Gesetz einzulegen und gleichzeitig zum Ausdruck zu bringen, dass er zwei Oberbefehlshaber bevorzuge. Beim Versuch, per Abstimmung einen zweiten Volkstribun aus dem Amt jagen zu wollen, darüber war sich Gabinius im Klaren, würde ihm nicht nur das Sonnenlicht abhanden kommen, sondern auch die Möglichkeit, das Oberkommando noch heute beschließen zu lassen. Und wer konnte wissen, was die Aristokraten aus dem Hut zauberten, wenn man ihnen die Gelegenheit gab, ihre Kräfte über Nacht neu zu formieren? Also wandte er Roscius einfach den Rücken zu und gab die Gesetzesvorlage ungeachtet des Einspruchs zur Abstimmung frei.

»Das war's«, sagte Cicero zu mir, während die Wahlhelfer wieder zu ihren Plätzen zurückliefen. »Die Sache ist durch. Lauf zu Pompeius' Haus und sag Bescheid, dass sofort jemand zum General rausreiten soll. Und zwar mit folgender Botschaft, schreib auf: >Das Gesetz ist angenommen. Der Oberbefehl geht an dich. Sofortige Rückkehr nach Rom erforderlich, noch heute Abend. Zur Stabilisierung der Lage ist deine Anwesenheit unerlässlich. Gezeichnet, Cicero.<« Ich kontrollierte, ob ich auch alles richtig notiert hatte, und machte mich dann schleunigst auf den Weg, während Cicero sich erneut unter die Menschen mischte und ohne Zweifel wieder voll in seinem Element war. Er schmeichelte, floss über vor Liebenswürdigkeit, platzierte das eine oder andere mitfühlende Wort und gelegentlich wohl auch eine Drohung -entsprechend seiner Philosophie, dass es nichts gab, was man mit Worten nicht aus der Welt schaffen oder wieder ins Lot bringen konnte.

*

Und so wurde mit der von allen Wahlbezirken einstimmig beschlossenen lex Gabinia ein Gesetz verabschiedet, das gewaltige Auswirkungen haben sollte - für alle persönlich Betroffenen, für Rom, für die Welt.

Mit Einbruch der Dunkelheit leerte sich das Forum, und die Kämpfer zogen sich in ihre jeweiligen Hauptquartiere zurück - der harte Kern der Aristokraten in Catulus' Haus auf der Kuppe des Palatin, die Anhänger von Crassus in dessen bescheidenere Behausung ein Stück weiter unten am selben Hügel, und die siegreichen Pompeianer in die Villa ihres Anführers auf dem Esquilin. Wie üblich hatte der Erfolg seine fruchtbare Zauberkraft entfaltet, und so drängelten sich nach meiner Schätzung mindestens zwanzig Senatoren in Pompeius' Tablinum, tranken seinen Wein und erwarteten seine siegreiche Rückkehr. Kandelaber tauchten den Raum in helles Licht. Alkohol, Schweiß, laute Männergespräche - es herrschte eine Atmosphäre wie so oft, wenn sich große Spannungen lösen. Caesar, Afranius, Palicanus, Varro, Gabinius und Cornelius hatten sich eingefunden, waren aber in der Minderzahl gegenüber den neuen Gesichtern. Ich kann mich nicht mehr an alle Namen erinnern. Lucius Torquatus und sein Vetter Aulus waren bestimmt anwesend, ebenso Metellus Nepos und Lentulus Marcellinus, zwei weitere angesehene junge Aristokraten. Cornelius Sisenna (der einer der leidenschaftlichsten Anhänger von Verres gewesen war), die Exkonsuln Lentulus Clodianus und Gellius Publicola (jener Gellius, der immer noch unter Ciceros Witz über die Athener Philosophenkonferenz litt) hatten die Füße hochgelegt und fühlten sich schon ganz wie zu Hause. Cicero selbst saß in einem angrenzenden Zimmer über der Dankesrede, die Pompeius morgen halten würde. Damals wunderte ich mich darüber, dass er so still war, aber im Nachhinein glaube ich, dass er vielleicht intuitiv spürte, dass sich ein Riss im Gefüge des Staates aufgetan hatte, den selbst er mit seinen Worten nur schwer würde kitten können. Alle paar Minuten schickte er mich in den Flur, um nachzusehen, ob Pompeius schon eingetroffen war.

Kurz vor Mitternacht erschien ein Bote mit der Nachricht, dass Pompeius auf der Via Latina Richtung Rom unterwegs sei. Für den Fall, dass seine Feinde eine letzte verzweifelte Aktion planten, standen etwa zwanzig von Pompeius' Veteranen an der Porta Capena bereit, um ihn mit Fackeln nach Hause zu geleiten. Eine überflüssige Vorsichtsmaßnahme, denn Quintus, der mit den Vorstehern der Stadtteile fast die ganze Nacht auf den Beinen gewesen war, berichtete seinem Bruder, dass es auf den Straßen ruhig sei. Schließlich kündigten Bravorufe seine Ankunft an, und im nächsten Augenblick stand Pompeius mitten unter uns - größer denn je, grinsend, Hände schüttelnd, Schultern klopfend; sogar ich bekam einen freundlichen Klaps ab. Die Senatoren forderten lautstark eine Ansprache, worauf Cicero eine Spur zu laut anmerkte: »Er kann noch nicht sprechen, ich habe die Rede noch nicht fertig.« Einen Augenblick lang verdunkelte sich Pompeius' Gesicht, aber wieder war es Caesar, der Cicero zu Hilfe eilte, indem er in brüllendes Gelächter ausbrach. Pompeius fing an zu grinsen und drohte Cicero gespielt vorwurfsvoll mit dem Finger, worauf sich die Atmosphäre augenblicklich entspannte und in die spöttelnde Stimmung einer Offiziersmesse verwandelte, wo der triumphierende Kommandeur gar nichts anderes erwartet, als auf den Arm genommen zu werden.

Bei dem Wort Imperium muss ich immer an Pompeius denken - an den Pompeius, der sich in jener Nacht über eine Karte des Mittelmeerraumes beugte und Herrschaftsbefugnisse über Land- wie Seegebiete so beiläufig verteilte, wie er seinen Wein ausschenkte (»Marcellinus, du kannst das Libysche Meer haben, und du, Torquatus, nimmst dann Ostspanien ...«); und an den Pompeius, der am nächsten Morgen zum Forum ging, um seine Beute einzufordern. Die Chronisten schätzten später, dass etwa zwanzigtausend Menschen ins Zentrum Roms geströmt waren, um seine Weihe zum Oberbefehlshaber der Welt mitzuerleben. Angesichts der riesigen Menge wagten nicht einmal Catulus und Hortensius eine letzte Aktion des Widerstands, obwohl sie, da bin ich mir sicher, gern noch einen weiteren Versuch unternommen hatten. Stattdessen waren sie und die anderen Senatoren genötigt, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Bezeichnenderweise war Crassus nicht einmal dazu in der Lage, er kam erst gar nicht. Pompeius sagte nicht viel, er begnügte sich mit einigen von Cicero formulierten Beteuerungen demütiger Dankbarkeit und einem Appell, die Einheit der Nation zu bewahren. Allerdings waren viele Worte auch nicht nötig: Allein seine Anwesenheit und das in ihn gesetzte Vertrauen hatten dafür gesorgt, dass der Getreidepreis auf den Märkten um die Hälfte gefallen war. Er beschloss seine Rede mit einigen herrlich theatralischen Sätzen, die nur Ciceros Geist entsprungen sein konnten: »Ich werde nun wieder jene Rüstung anlegen, die mir einst so teuer und vertraut gewesen ist, und den geweihten roten Umhang des römischen Befehlshabers im Felde. Und ich werde ihn erst wieder ablegen, wenn Rom siegreich aus diesem Krieg hervorgegangen ist -oder ich werde diesen Kampf nicht überleben!« Er hob seine Hand zum Gruß und verließ das Podium -wurde auf einer Woge stürmischen Beifalls vom Podium getragen, das trifft es wohl besser. Der Applaus war noch nicht verklungen, da tauchte seine Gestalt hinter der Rostra plötzlich wieder auf: Mit festen Schritten stieg er die Stufen zum Kapitol hinauf. Er trug das paludamentum, den leuchtend scharlachroten Umhang, der das Kennzeichen jedes römischen Prokonsuls im aktiven Dienst ist. Während die Menschen vor Begeisterung außer Rand und Band gerieten, schaute ich zu der Stelle, wo Cicero und Caesar standen. Cicero schien gleichzeitig belustigt wie angewidert zu sein, Caesar hingegen sah dem Treiben völlig verzückt zu, als täte er einen Blick in seine eigene Zukunft. Pompeius verschwand im Tempel der Kapitolinischen Trias, wo er Jupiter einen Bullen opferte, um danach sofort, ohne sich von Cicero oder sonst jemandem zu verabschieden, die Stadt zu verlassen. Es sollte sechs Jahre dauern, bis er nach Rom zurückkehrte.

KAPITEL XIII

Bei den jährlichen Wahlen für die Prätur in jenem Sommer hatte Cicero am besten abgeschnitten. Als Folge des Gezerres um die lex Gabinia war das Vertrauen der politischen Parteien untereinander völlig zerstört, sodass der Wahlkampf hässlich und rüpelhaft gewesen war. Ich habe Ciceros Brief an Atticus vor mir liegen, in dem er seinen Ekel über alle Aspekte des öffentlichen Lebens zum Ausdruck brachte: »Du würdest es nicht glauben, wie schnell und wie verwahrlost sie alle seit deiner Abreise geworden sind.« Zweimal hatten die Wahlen abgebrochen werden müssen, weil es auf dem Marsfeld zu wüsten Schlägereien gekommen war. Cicero hatte Crassus im Verdacht, Unruhestifter angeheuert zu haben, um die Wahlen zu sabotieren, konnte aber nichts beweisen. Was auch immer dahintersteckte, es dauerte jedenfalls bis September, bevor die acht gewählten Prätoren im Senat zusammenkamen, damit festgelegt werden konnte, wer im kommenden Jahr für welchen Gerichtshof den Vorsitz übernehmen würde. Die Entscheidung wurde wie üblich durch das Los getroffen.

Das begehrteste Amt war das des Stadtprätors, der in jenen Tagen die gesamte Gerichtsbarkeit unter sich hatte, hinter den beiden Konsuln der dritte Mann im Staat und außerdem für die Ausrichtung der Spiele des Apollo verantwortlich war. War das der Haupttreffer unter den zu verteilenden Posten, so war der Gerichtshof für Veruntreuungen der, den man unter allen Umständen vermeiden wollte: Er war geradezu niederschmetternd langweilig. »Natürlich wäre mir die Stadtprätur am liebsten«, vertraute mir Cicero auf dem Weg zum Senat an. »Ganz ehrlich, wenn ich bei >Veruntreuungen< ein Jahr lang Akten wälzen muss, dann hänge ich mich auf. Mit allem anderen kann ich leben.« Er war aufgeräumter Stimmung an jenem Morgen. Die Wahlen waren endlich vorbei, und er hatte die meisten Stimmen bekommen. Pompeius hatte nicht nur Rom, sondern inzwischen auch Italien verlassen, sodass Cicero von keinem mächtigen Mann mehr überragt wurde. Er war dem Konsulat jetzt sehr nah - so nah, dass er es fast berühren konnte.

Wenn Ämterverlosungen anstanden, sich also die hohe Politik mit dem Glücksspiel verband, war der Senat immer bis auf den letzten Platz besetzt. Als wir eintrafen, befand sich die Mehrheit der Senatoren schon im Saal. Cicero wurde ein lautstarker Empfang bereitet: Seine alten Anhänger unter den pedarii bejubelten ihn, die Aristokraten wurden ausfallend. Crassus, der wie üblich mit ausgestreckten Beinen auf der Konsulnbank in der ersten Reihe saß, beobachtete seinen Einzug mit halb geschlossenen Augen - wie eine große Katze, die sich schlafend stellt, während ein kleiner Vogel vorbeitrippelt. Die Wahl war im Großen und Ganzen so ausgegangen, wie Cicero erwartet hatte. Wenn ich nun die Namen der gewählten Prätoren nenne, so glaube ich, dass man dadurch einen guten Eindruck bekommt, wie es zu jener Zeit um die Politik bestellt war.

Neben Cicero gab es nur noch zwei Männer mit unbestrittenen Fähigkeiten, die gelassen daraufwarteten, ihr Los zu ziehen. Der bei weitem fähigste war Aquilius Gallus, der schon ein angesehener Richter war und den so mancher für einen noch besseren Rechtsanwalt als Cicero hielt. Tatsächlich war er eine Art Vorbild für Cicero -brillant, bescheiden, gerecht, freundlich, ein Mann von exquisitem Geschmack, der in einer prächtigen Villa auf dem Viminal lebte. Cicero spielte mit dem Gedanken, den Älteren zu fragen, ob er mit ihm zusammen für das Konsulat kandidieren wolle. Gleich nach Gallus, zumindest was Würde und Gesetztheit anging, kam Sulpicius Galba, der aus einer distinguierten Aristokratenfamilie stammte und in dessen Atrium die Masken von so vielen Konsuln hingen, dass er sicher einer von Ciceros Rivalen um das Konsulat sein würde. Aber so rechtschaffen und fähig er war, so schroff und arrogant war er auch, was sich bei einem knappen Rennen als Nachteil erweisen würde. Meiner Meinung nach der Viertbeste war Quintus Cornificius, auch wenn Cicero gelegentlich über seine Albernheiten lauthals lachte. Er war ein religiöser Fundamentalist, der sich endlos darüber auslassen konnte, dass man unbedingt etwas gegen den Sittenverfall in Rom unternehmen müsse - der »Kandidat der Götter«, wie Cicero ihn nannte. Was die Eignung der anderen betrifft, fürchte ich, ging es nun steil bergab: Bemerkenswerterweise waren die vier anderen gewählten Prätoren allesamt Männer, die man schon einmal aus dem Senat ausgeschlossen hatte, entweder wegen finanzieller oder moralischer Defizite. Der älteste war Varinius Glaber, einer jener schlauen, verbitterten Männer, die glauben, ein erfolgreiches Leben vor sich zu haben, und dann fassungslos vor dessen Trümmern stehen. Vor sieben Jahren war er schon einmal Prätor gewesen und hatte vom Senat das Kommando über eine Armee bekommen, um den Aufstand des Spartacus niederzuschlagen. Seine schwachen Legionen waren jedoch von den aufständischen Sklaven wiederholt besiegt worden, worauf er sich gedemütigt aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen hatte. Dann war da der von einem großen Wählerverein unterstützte Gaius Orchivius -»jede Menge Tatendrang, null Talent«, wie Cicero ihn charakterisierte. Den siebten Platz in meiner Fähigkeitenrangliste nahm Cassius Longinus ein, »das Schmalzfass auf zwei Beinen« oder, wie manche behaupteten, der dickste Mensch Roms. Bleibt Nummer acht, der kein anderer war als Antonius Hybrida, der Säufer mit dem Sklavenmädchen, dem Cicero seine Hilfe bei den Wahlen mit dem Hintergedanken zugesagt hatte, dass er sich dann wenigstens um den Ehrgeiz dieses einen Prätors keine Sorgen mehr zu machen brauchte. »Weißt du, warum man ihn >Hybrida< nennt?«, fragte mich Cicero einmal. »Weil er halb Idiot, halb Mensch ist. Ich persönlich würde ihm nicht mal die eine Hälfte zubilligen.«

Die Götter jedoch, denen Cornificius so zugetan war, wissen solche Hybris zu strafen, und so ließen sie Cicero die ihm gebührende Strafe an jenem Tag zukommen. Die Lose lagen in einer antiken Urne, die schon seit Jahrhunderten für diesen Zweck benutzt wurde, und der präsidierende Konsul Glabrio rief die Kandidaten in alphabetischer Reihenfolge auf, was bedeutete, dass Antonius Hybrida als Erster das Los zog. Er steckte seine zitternde Hand in die Urne, nahm ein Täfelchen heraus, gab es Glabrio, der eine Augenbraue lupfte und dann sagte: »Stadtprätor.« Einen Augenblick lang herrschte Stille, doch dann brach ein derart brüllendes Gelächter los, dass die unter dem Dach hockenden Tauben in einer spritzenden Wolke aus Kot und Federn davonstoben. Hortensius und einige andere Aristokraten, die gewusst hatten, dass Cicero Hybrida unterstützt hatte, zeigten auf ihn und stießen sich gegenseitig höhnisch grinsend in die Rippen. Crassus wäre vor Wonne fast von seiner Bank gefallen, während Hybrida selbst - der nun bald der dritte Mann im Staat sein würde - in den Saal strahlte und das Hohngelächter fälschlicherweise als Freude über sein Losglück deutete.

Ich konnte Ciceros Gesicht nicht sehen, aber ich konnte mir denken, was ihm durch den Kopf ging: dass sein Pech nun sicher auch noch dadurch gekrönt würde, dass er »Veruntreuungen« erhielt. Gallus zog als Nächster und bekam das Gericht, das für das Wahlrecht zuständig war; Longinus, der Fette, zog Landesverrat, und als Götterkandidat Cornificius das Gericht für Strafsachen zufiel, sahen Ciceros Chancen allmählich ziemlich schlecht aus -und zwar dermaßen schlecht, dass ich nun mit dem Schlimmsten rechnete. Glücklicherweise erhielt der Nächste an der Urne, Orchivius, das Gericht für Veruntreuungen. Nachdem Galba mit der Prozessführung von Verbrechen gegen den Staat betraut worden war, blieben für Cicero nur noch zwei Möglichkeiten - das vertraute Terrain des Gerichtshofes für Erpressungen oder der Posten des Fremdenprätors, als der er im Grunde nichts weiter als Hybridas Stellvertreter wäre: ein bitteres Schicksal für den schlauesten Mann der Stadt. Als er auf das Podium stieg, um sein Los zu ziehen, schüttelte er kläglich den Kopf - da kannst du planen, was du willst, schien die Geste zu besagen, aber am Ende hängt in der Politik doch alles am Glück. Er griff in die Urne und zog - Erpressungen.

Es lag eine gewisse wohltuende Symmetrie darin, dass es Glabrio war, der frühere Vorsitzende ebenjenes Gerichtshofes, in dem Cicero sich seinen Namen gemacht hatte, der die Ernennung verlas. Das Amt des Fremdenprätors ging folglich an das Spartacus-Opfer Varinius. Damit war die Leitung der Gerichtshöfe für das kommende Jahr festgelegt und das vorläufige Starterfeld für das Rennen um das Konsulat abgesteckt.

*

Im Trubel der politischen Ereignisse habe ich versäumt zu erwähnen, dass Pomponia im Frühjahr schwanger geworden war - ein Beweis, wie Cicero triumphierend anmerkte, als er Atticus die Neuigkeit in einem Brief mitteilte, dass die Ehe zwischen Pomponia und Quintus doch funktioniere. Kurz nach den Wahlen zur Prätur wurde das Kind geboren, ein gesunder Junge. Es erfüllte mich mit großem Stolz und war ein Zeichen für die wachsende Bedeutung meiner Stellung innerhalb der Familie, dass man mich zu den Feierlichkeiten am dies lustricus einlud, dem Tag der rituellen Waschung neun Tage nach der Geburt. Die Zeremonie fand direkt neben Ciceros Haus im Tempel der Tellus statt. Ich bezweifle, ob es jemals einen vernarrteren Onkel gegeben hat als Cicero, der als Geschenk zur Namensgebung seines Neffen einen Silberschmied mit der Anfertigung eines prächtigen Amuletts beauftragte. Erst nachdem der Priester den kleinen Quintus mit geweihtem Wasser gesegnet und Cicero den Säugling auf den Arm genommen hatte, wurde mir erst richtig bewusst, wie gern er selbst einen Sohn gehabt hätte. Ein Großteil seiner wie auch jedes anderen Mannes Motivation, das Konsulat anzustreben, hat sicher darin gelegen, dass dadurch sein Sohn, sein Enkel und alle weiteren Nachkommen bis in alle Ewigkeit das ius imaginum besaßen und nach seinem Tod sein Porträt im Atrium des Familiensitzes ausstellen konnten. Was hatte es für einen Sinn, ein ruhmreiches Geschlecht zu begründen, wenn es wieder ausstarb, bevor es sich richtig entfalten konnte? Ich warf einen kurzen Blick hinüber zu Terentia, und mir fiel auf, dass sie sehr genau beobachtete, wie Cicero mit dem Rücken seines kleinen Fingers die Wange des Säuglings streichelte. Da wusste ich, dass ihr genau die gleichen Gedanken durch den Kopf gingen.

Die Geburt eines Kindes führt oft zu einer gründlichen Neubewertung der Zukunft, und ich bin sicher, dass Cicero deshalb schon kurz nach der Geburt seines Neffen die Verlobung Tullias zu betreiben begann. Sie war jetzt zehn Jahre alt und nach wie vor sein ganzer Augenstern. Trotz aller Beanspruchung durch seine Arbeit als Anwalt und Politiker verging kaum ein Tag, an dem er sich nicht zumindest kurz freimachte, um ihr vorzulesen oder mit ihr irgendein Spiel zu spielen. Mit der für ihn typischen Mischung aus Zartgefühl und Gerissenheit besprach er seinen Plan zuerst mit ihr selbst und nicht mit Terentia. »Ich möchte dich was fragen, Tulla«, sagte er eines Morgens, als wir drei allein in seinem Arbeitszimmer waren. »Möchtest du eigentlich mal heiraten?« Als sie antwortete, dass sie sehr gern heiraten würde, fragte er, wen sie denn von allen Menschen auf der Welt am liebsten heiraten würde.

»Tiro!«, schrie sie und schlang mir die Arme um die Hüfte.

»Ich fürchte, Tiro hat gar keine Zeit für eine Frau, er muss mir doch dauernd helfen«, sagte er ernst. »Wen noch?«

Da sie nur über einen begrenzten Bekanntenkreis aus männlichen Erwachsenen verfügte, dauerte es nicht lange, und sie nannte Frugi, der seit der Verres-Geschichte so viel Zeit mit Cicero verbracht hatte, dass er fast schon zur Familie gehörte.

»Frugi!«, rief Cicero, als wäre ihm selbst der Gedanke noch nicht gekommen. »Eine wundervolle Idee! Und du bist dir ganz sicher, dass er der Richtige ist? Ehrlich? Also los, dann gehen wir gleich zur Mama und sagen es ihr.«

Und so fand sich Terentia auf ihrem ureigenen Terrain von ihrem eigenen Mann so kunstfertig ausgetrickst, als sei sie irgendein Aristokraten-Hohlkopf aus dem Senat. Nicht dass sie an Frugi etwas auszusetzen gehabt hätte, er war eine selbst nach ihren Maßstäben mehr als angemessene Partie - ein sanftmütiger und gewissenhafter junger Mann, einundzwanzig Jahre alt, aus äußerst vornehmer Familie. Aber sie war natürlich viel zu intelligent, um nicht zu erkennen, dass Cicero eben die zweitbeste Möglichkeit ergriff, wenn er schon keinen eigenen Sohn haben konnte - nämlich einen Ersatzmann auszubilden, dem er eine Karriere im öffentlichen Leben ebnen konnte. Diese Erkenntnis empfand sie zweifellos als Bedrohung, und Terentia war ein Mensch, der auf Bedrohungen immer sehr heftig reagierte. Die Verlobungszeremonie im November ging noch glatt über die Bühne: Unter den zustimmenden Blicken beider Familien und deren Haushaltsmitgliedern streifte der schüchterne Frugi seiner Verlobten, die er im Übrigen sehr mochte, den Ring über den Finger, und man legte fest, dass die Hochzeit in fünf Jahren stattfinden würde, wenn Tullia in die Pubertät käme. Aber noch am gleichen Abend lieferten sich Cicero und Terentia eines der heftigsten Wortgefechte ihrer Ehe. Es begann im Tablinum, und es fing so plötzlich an, dass ich mich nicht mehr rechtzeitig verdrücken konnte. Cicero hatte irgendeine harmlose Bemerkung darüber gemacht, wie herzlich die Frugis Tullia aufgenommen hätten, worauf die schon eine ganze Zeit lang bedrohlich schweigsame Terentia erwidert hatte, dass sie sich tatsächlich sehr gut benommen hätten - in Anbetracht der Umstände.

»In Anbetracht welcher Umstände?«, fragte Cicero verdrossen. Offensichtlich hatte er sich damit abgefunden, dass ein Streit mit Terentia so unausweichlich sei wie ein verdorbener Magen nach einer schlechten Auster und dass er die Angelegenheit am besten gleich heute Abend hinter sich brachte.

»In Anbetracht der Verbindungen, die sie hergestellt haben«, erwiderte sie und kam dann sehr schnell zu den Themen, über die sie sich am leidenschaftlichsten erregen konnte - die schändliche Art, wie sich Cicero Pompeius und seiner Provinzsippschaft an den Hals werfe, dass sich deshalb die Familie in Widerspruch zu den ehrenwertesten Familien im Staat befände, und die zunehmende Macht des Pöbels, die erst durch die gesetzwidrige Annahme der lex Gabinia möglich geworden sei. Ich kann mich zwar nicht mehr an alles erinnern, aber was spielt das schon für eine Rolle? Wie bei den meisten Ehestreitigkeiten ging es nicht um die Sache selbst, sondern um etwas völlig anderes - nämlich um ihr Versagen, keinen Sohn geboren zu haben, und die daraus resultierende, fast väterliche Zuneigung Ciceros zu Frugi. Allerdings entsinne ich mich an Ciceros schroffe Reaktion: dass Pompeius vielleicht nicht ohne Fehler, aber unbestritten ein herausragender Soldat sei und dass er, nachdem man ihm das Sonderkommando übertragen habe, eine Kriegsflotte aufgestellt und die Seeräubergefahr in nur neunundvierzig Tagen aus der Welt geschafft habe. Genauso gut erinnere ich mich aber auch an Terentias vernichtende Replik, dass, wenn man die Piraten tatsächlich in sieben Wochen völlig vernichtet habe, die Bedrohung vielleicht gar keine so große gewesen, sondern diese von Cicero und seinen Freunden nur aufgebauscht worden sei. An dieser Stelle schaffte ich es, unbemerkt aus dem Zimmer und in mein Kämmerchen zu schleichen, sodass ich über den Rest der Unterhaltung keine Auskunft geben kann. Allerdings blieb in den folgenden Tagen die Stimmung im Haus so zerbrechlich wie neapolitanisches Glas.

»Siehst du jetzt, unter was für einem Druck ich stehe?«, jammerte Cicero mir am nächsten Morgen vor und massierte sich mit den Handknöcheln die Stirn. »Nirgendwo lässt man mich in Ruhe, nicht in der Politik und in meiner Freizeit auch nicht.«

Was Terentia anging, so steigerte sie sich immer mehr in ihre vermeintliche Unfruchtbarkeit hinein. Sie ging jetzt täglich zum Beten in den Tempel der Bona Dea auf dem Aventin. Auf dem Gelände, dessen innerstes Heiligtum kein Mann betreten durfte, wimmelte es von harmlosen Schlangen, die die Fruchtbarkeit fordern sollten. Eins ihrer Mädchen erzählte mir, dass sie in ihrem Schlafzimmer einen kleinen Schrein für die Göttin Juno aufgestellt hatte.

Ich glaube, dass Cicero insgeheim Terentias Meinung über Pompeius teilte. So ruhmreich sein Sieg war, so verdächtig schnell lief die Operation ab (»am Ende des Winters organisiert«, wie Cicero formulierte, »Anfang Frühling begonnen, in der Mitte des Sommers abgeschlossen«). Man konnte sich schon fragen, ob ein auf dem üblichen Weg berufener Kriegsherr die Aufgabe nicht genauso gut erledigt hätte. Trotzdem gab es an Pompeius' Erfolg nichts zu rütteln. Die Piraten waren wie ein Teppich aufgerollt worden - aus den Gewässern zwischen Sizilien und Afrika Richtung Osten durch das Illyrische Meer bis nach Achaea. Dann wurden sie aus ganz Griechenland vertrieben und schließlich von Pompeius selbst in ihrer letzten großen Festung in Coracesium in Kilikien festgesetzt. In einer gewaltigen Schlacht zu Wasser und zu Land wurden zehntausend Piraten getötet, viertausend Schiffe zerstört und weitere zwanzigtausend Mann gefangen genommen. Allerdings ließ er diese nicht kreuzigen, wie es Crassus sicher getan hätte, sondern siedelte sie samt ihrer Frauen und Familien in den entvölkerten Städten im Landesinneren von Griechenland und Kleinasien wieder an. Mit der ihm eigenen Bescheidenheit benannte er eine der Städte in Pompeiopolis um. Nichts von all dem tat er in Absprache mit dem Senat.

Cicero verfolgte das fantastische Vorrücken seines Gönners mit gemischten Gefühlen (»Pompeiopolis! Bei allen Göttern, wie vulgär!«). Nicht zuletzt deshalb, weil er wusste, je aufgeblasener Pompeius durch seinen Erfolg wurde, desto länger wurde der Schatten, den er auf seine eigene Karriere warf. Akribische Planung und überwältigende zahlenmäßige Überlegenheit: Das waren die von Pompeius' bevorzugten Strategien auf dem Schlachtfeld wie in Rom, und sobald Phase eins seines Feldzugs - die Vernichtung der Seeräuber -abgeschlossen war, lief auf dem Forum Phase zwei an. Gabinius begann dafür zu agitieren, Lucullus das Kommando über die Legionen im Osten zu entziehen und Pompeius zu übertragen. Dabei griff er zum gleichen Trick wie schon für seine lex Gabinia. Er nutzte seine Vollmachten als Volkstribun und ließ auf der Rostra Zeugen aufmarschieren, die dem Volk ein erbärmliches Bild vom Krieg gegen Mithridates zeichneten. Einige Legionen, die schon seit Jahren nicht mehr bezahlt worden seien, hätten sich schlicht geweigert, aus ihrem Winterlager auszurücken. Der Armut der kämpfenden Truppe stellte Gabinius den gewaltigen Reichtum ihres aristokratischen Befehlshabers gegenüber, der so viel Kriegsbeute nach Rom habe schaffen lassen, dass er sich vor den Toren der Stadt einen ganzen Hügel habe kaufen können und dort jetzt einen großen Palast baue, dessen prunkvolle Gemächer nach den Göttern benannt seien. Gabinius ließ Lucullus' Architekten vorladen und zwang sie, auf der Rostra dem Volk alle Pläne und Modelle des Palastes zu zeigen. Seit jener Zeit ist Lucullus' Name ein Synonym für unverschämten Luxus. Die aufgebrachten Bürger verbrannten auf dem Forum eine Puppe von ihm.

Im Dezember schieden die Tribunen Gabinius und Cornelius aus ihren Ämtern aus, und eine neue Pompeius-Marionette, der designierte Volkstribun Gaius Manilius, wahrte von nun an dessen Interessen in den Volksversammlungen. Als Erstes brachte er ein Gesetz ein, das vorsah, Pompeius den Oberbefehl im Krieg gegen Mithridates sowie die Verwaltung der Provinzen Asia, Kilikien und Bithynien zu übertragen - die beiden letzteren wurden von Lucullus verwaltet. Sollte sich Cicero auch nur leise Hoffnungen gemacht haben, das Thema möge unbemerkt an ihm vorüberziehen, so wurden sie zerstört, als Gabinius ihn mit einer Botschaft von Pompeius aufsuchte. Darin brachte der General knapp seine besten Wünsche zum Ausdruck sowie die Hoffnung, dass er, Cicero, die lex Manilia »mit all ihren Bestimmungen« nicht nur hinter den Kulissen, sondern in aller Öffentlichkeit -auf der Rostra - unterstützen möge.

»Mit all ihren Bestimmungen«, wiederholte Gabinius und grinste hochnäsig. »Du weißt, was das bedeutet.«

»Ich nehme an, das schließt eine Verfügung ein, dir das Kommando über die Legionen am Euphrat zu übertragen, was wiederum bedeutet, dass du nach Ablauf deiner Amtszeit als Volkstribun Immunität vor jeglicher Strafverfolgung genießt.«

»In der Tat.« Gabinius streckte grinsend die Brust vor und lieferte mit schnaufender Stimme eine passable Pompeius-Imitation ab. »>Ist er nicht klug, meine Freunde? Hab ich's nicht immer gesagt?<«

»Reg dich wieder ab, Gabinius«, sagte Cicero verdrossen. »Du kannst sicher sein, dass ich mir niemanden vorstellen kann, den ich lieber am Euphrat sähe.«

Den Prügelknaben für einen großen Mann abzugeben ist in der Politik eine gefährliche Rolle. Aber genau die musste Cicero jetzt spielen.

Männer, die sich offen nie ausfällig oder kritisch gegenüber Pompeius äußern würden, konnten ungestraft auf sein Advokatensprachrohr eindreschen, und jeder würde wissen, wer gemeint war. Aber vor dem direkten Befehl eines Oberkommandierenden gab es kein Entkommen, und so erhielt Cicero zum ersten Mal Gelegenheit, auf der Rostra zu sprechen. Er gab sich enorm viel Mühe mit der Rede, diktierte sie mir schon mehrere Tage vorher und gab sie dann Quintus und Frugi zur Stellungnahme. Er war umsichtig genug, sie Terentia nicht zu zeigen, denn er wusste, dass er vorab eine Abschrift an Pompeius schicken und deshalb tief in den Honigtopf greifen musste. (Beispielsweise sehe ich anhand des vor mir liegenden Manuskripts, dass Pompeius' »überirdische Genialität als Heerführer« auf Quintus' Empfehlung hin in »überirdische und unglaubliche Genialität als Heerführer« abgeändert wurde.) Um Pompeius' Erfolgsbilanz auf den Punkt zu bringen, fiel ihm ein brillanter Slogan ein - »ein Gesetz, ein Mann, ein Jahr«. Mit dem Rest der Rede plagte er sich noch stundenlang herum. Wenn er auf der Rostra versagte, das wusste er sehr genau, bedeutete das einen Rückschlag für seine Karriere. Seine Feinde würden behaupten, ihm fehle einfach die Volkstümlichkeit, um das Herz des einfachen Mannes anzurühren. Am Morgen der Rede wurde ihm vor Aufregung schlecht. In der Latrine stand ich mit dem Handtuch neben ihm, während er sich ein ums andere Mal übergab. Er war so weiß und sah so zerschlagen aus, dass ich mich wirklich fragte, ob er es bis aufs Forum schaffen würde. Aber er glaubte fest daran, dass ein großer Redner vor dem Betreten der Bühne, und sei er noch so erfahren, immer Angst haben muss - »die Nerven müssen gespannt sein wie Bogensehnen, wenn die Pfeile fliegen sollen«. Als wir die Rückseite der Rostra erreichten, war er bereit. Selbstredend hatte er keine Notizen dabei. Wir hörten, wie Manilius ihn ankündigte und dann Applaus ertönte. Es war ein herrlich klarer und heller Morgen; die Menschenmenge war riesig. Er zupfte die Ärmel zurecht, richtete sich auf und stieg langsam hinauf in den Lärm und in das Licht.

Wieder waren es Catulus und Hortensius, die die Opposition gegen Pompeius anführten. Aber sie hatten keine anderen Argumente anzubieten als die schon gegen die lex Gabinia vorgebrachten, sodass Cicero sich ausgiebig über sie lustig machen konnte. »Was will uns Hortensius denn nun sagen?«, fragte er spöttisch. »Dass, wenn man nur einen Mann mit dem Oberkommando betraue, Pompeius genau der Richtige sei, dass man aber das Oberkommando nicht nur einem Mann übertragen dürfe? Diese Art Argumentation ist erledigt, sie ist widerlegt, und zwar nicht durch Worte, sondern durch die Ereignisse. Du warst es, Hortensius, der den mutigen Gabinius dafür gescholten hat, ein Gesetz eingebracht zu haben, das für den Kampf gegen die Piraten einen alleinigen Befehlshaber forderte. Und jetzt frage ich dich im Namen der Götter: Wenn das römische Volk damals deiner Meinung und nicht seinem eigenen Wohl und seinen wahren Interessen gefolgt wäre, könnten wir dann heute den gleichen Ruhm genießen, und könnten wir dann auch behaupten, die Herrscher über ein weltumspannendes Reich zu sein?« Und wenn Pompeius, so Cicero weiter, Gabinius zu einem seiner Legionskommandeure machen wolle, dann solle er es werden, denn kein Mann, außer Pompeius selbst, habe so viel zum Sieg über die Piraten beigetragen wie Gabinius. »Und was mich betrifft«, schloss er seine Rede, »so werde ich die mir zur Gebote stehende Hingabe, Weisheit, Tatkraft und Begabung sowie das ganze Gewicht meines Amtes als Prätor, das ihr mir übertragen habt, dafür einsetzen, dieses Gesetz zu unterstützen. Und ich rufe alle Götter als Zeugen an - vor allem die Hüter dieses geheiligten Ortes, die tief in die Herzen all derer blicken, die ins öffentliche Leben eintreten -, dass ich weder so handle, um Pompeius gefällig zu sein, noch in der Hoffnung, irgendwelche Gefälligkeiten von ihm zu erhalten, sondern ausschließlich, um meinem Land zu dienen.« Damit verließ er unter respektvollem Beifall die Rostra. Das Gesetz wurde angenommen, Lucullus seines Kommandos enthoben und Gabinius damit betraut. Was Cicero betraf, so hatte er zwar ein weiteres Hindernis auf dem Weg zum Konsulat genommen, war den Aristokraten aber nun noch verhasster als je zuvor.

In einem Brief an Cicero schilderte Varro Pompeius' Reaktion auf die Nachricht, dass er nun die vollständige Kontrolle über die römischen Streitkräfte im Osten habe. Als sich die Offiziere in seinem Hauptquartier in Ephesus um ihn drängten, um ihm zu gratulieren, verzog er das Gesicht, schlug sich auf die Oberschenkel und sagte (laut Varro »mit überdrüssiger Stimme«): »Eine Mühsal nach der anderen lädt man mir auf die Schultern. Und da soll man nicht schwermütig werden? Wenn einem gar keine Erholung vom Militärdienst vergönnt ist, wenn man nie dem Neid entfliehen und nie darauf hoffen kann, mit seiner Frau ein ruhiges Landleben zu führen, dann wäre ich lieber einer der vielen Menschen, die niemand kennt.« Seine Scheinheiligkeit war nur schwer zu ertragen, vor allem weil alle Welt wusste, wie begierig er auf das Kommando gewesen war.

*

Der gesellschaftliche Aufstieg, den das Amt des Prätors mit sich brachte, bedeutete auch, dass Cicero zu seinem Schutz jetzt sechs Liktoren hatte, die ihn auf jedem Weg begleiteten. Er machte sich nicht das Geringste aus ihnen. Liktoren waren grobschlächtige Kerle, man heuerte sie an, weil sie kräftig waren und ihnen Gewalttätigkeiten leicht von der Hand gingen: Wenn ein römischer Bürger zu einer Strafe verurteilt wurde, dann führten sie sie aus. Was Auspeitschungen und Enthauptungen anging, waren sie sehr geschickt. Weil sie fest angestellt waren, hatten sich manche von ihnen über die Jahre so an ihre Macht gewöhnt, dass sie auf die Magistrate, zu deren Schutz sie abgestellt waren, herabschauten - vorübergehende Erscheinungen, Politiker, heute noch wichtig, morgen schon nicht mehr. Cicero hasste es, wenn sie ihm rüde den Weg freimachten oder Männern befahlen, in Gegenwart eines Prätors die Kopfbedeckung abzunehmen oder vom Pferd zu steigen. Schließlich waren die so gedemütigten Leute allesamt Wähler. Er wies die Liktoren an, höflicher zu sein, was sie dann eine Zeit lang auch waren, um schon bald wieder in ihre alten Gewohnheiten zu verfallen. Ihr Anführer, der proximus lictor, der dazu verpflichtet war, nie von Ciceros Seite zu weichen, war besonders widerwärtig. Sein Name fällt mir gerade nicht ein, aber er erzählte Cicero immer den neuesten Klatsch über die anderen Prätoren und merkte gar nicht, dass ihn das in Ciceros Augen zutiefst verdächtig machte. Die Geschichten wurden ihm natürlich von seinen Kollegen hinterbracht, und Cicero wusste nur zu gut, dass Klatsch Handelsware war und das Zahlungsmittel dafür Berichte über seine eigene Person waren. »Diese Leute«, klagte Cicero eines Morgens mir gegenüber, »sind eine Warnung für jeden Staat, der einen festen Beamtenstab unterhält. Am Anfang sind sie unsere Diener, und am Ende bilden sie sich ein, sie seien unsere Herren.«

Mit Ciceros Status verbesserte sich auch meiner. Wenn man der bekannte Privatsekretär eines Prätors war, so stellte ich fest, legten die Leute, selbst wenn man Sklave war, eine ungewohnte Höflichkeit an den Tag. Cicero hatte mir schon im Voraus erzählt, dass Bittsteller mir sicher Geld anbieten würden, damit ich meinen Einfluss geltend machte. Als ich leidenschaftlich beteuerte, dass ich mich nie bestechen lassen würde, fiel er mir gleich ins Wort. »Du solltest ruhig etwas eigenes Geld haben, Tiro. Warum nicht? Ich bitte dich nur, mir zu erzählen, wer dir etwas bezahlt, und jedem, der dir etwas anbietet, klarzumachen, dass man mein Urteil nicht kaufen kann und ich meine Entscheidung immer aufgrund sachlicher Erwägungen fälle. Alles andere überlasse ich deinem Urteilsvermögen.« Diese Unterhaltung bedeutete mir sehr viel. Ich hatte immer gehofft, dass Cicero mich eines Tages in die Freiheit entlassen würde; dass er mir erlaubte, etwas eigenes Geld zu sparen, betrachtete ich als Vorbereitung auf diesen Tag. Die einlaufenden Beträge waren klein - fünfzig Sesterzen hier, hundert da. Als Gegenleistung erwartete man zum Beispiel von mir, dass ich dem Prätor ein bestimmtes Dokument zur Kenntnis brachte oder ein Empfehlungsschreiben aufsetzte und ihm zur Unterschrift vorlegte. Die Münzen wanderten in eine kleine Geldbörse, die ich hinter einem losen Stein in der Wand meiner Schlafkammer aufbewahrte.

Als Prätor wurde von Cicero erwartet, dass er vielversprechende Schüler aus guten Familien aufnahm, die bei ihm die Rechte studierten. Im Mai, nach der Sitzungspause des Senats, kam ein neuer Schüler ins Haus. Es war der sechzehnjährige Marcus Caelius Rufus aus Interamnia, der Sohn eines reichen Bankiers und prominenten Funktionärs des Wahlbezirks Velina. Politische Gefälligkeit, das war wohl der Hauptgrund, warum Cicero sich bereitfand, für zwei Jahre die Ausbildung des Jungen zu beaufsichtigen. Danach, so kam man überein, würde der junge Mann für den Rest seiner Lehrzeit in einen anderen Haushalt wechseln - und zwar, wie es der Zufall wollte, in den von Crassus, der ein Geschäftspartner von Caelius' Vater war. Der Bankier war sehr darauf bedacht, dass sein Sohn lernte, wie man ein großes Vermögen verwaltete. Der Vater war einer von diesen abscheulichen Geldverleihertypen, klein und verschlagen, der seinen Sohn anscheinend für eine Investition hielt, die keinen angemessenen Profit abwarf. »Er braucht regelmäßig seine Prügel«, verkündete er, kurz bevor er seinen Sohn in Ciceros Arbeitszimmer rief. »Intelligent ist er, aber auch widerspenstig und leichtlebig. Du hast meine Erlaubnis, ihn, sooft du willst, die Peitsche spüren zu lassen.« Cicero schaute den Bankier argwöhnisch an, in seinem ganzen Leben hatte er noch niemanden mit der Peitsche malträtiert.

Glücklicherweise stellte sich heraus, dass er gut auskam mit dem jungen Caelius, der seinem Vater nicht unähnlicher hätte sein können. Er war groß und attraktiv und stand allem, was mit Geld und Geschäften zu tun hatte, entschieden gleichgültig gegenüber. Cicero fand das komisch, ich weniger. Denn in der Regel blieben all die öden Arbeiten, die eigentlich Caelius hätte ausfuhren müssen, vor deren Erledigung er sich aber drückte, an mir hängen. Trotzdem, rückblickend muss ich zugeben, dass er ein liebenswürdiger Bursche war.

Ich werde mich nicht lange mit den Einzelheiten von Ciceros Prätur aufhalten. Schließlich ist das hier kein Lehrbuch für Juristen, und ich spüre schon, wie man förmlich danach giert, dass ich endlich zum Höhepunkt meiner Geschichte komme - der Konsulatswahl. Es genügt wohl, wenn ich sage, dass man Cicero für einen unparteiischen und rechtschaffenen Richter hielt und dass er der Aufgabe mit seinen Fähigkeiten mühelos gewachsen war. Stieß er doch einmal auf ein besonders sperriges Thema der Jurisprudenz und benötigte eine zweite Meinung, dann wandte er sich entweder an seinen alten Freund und Kommilitonen aus gemeinsamen Studientagen bei Molon, Servius Sulpicius, oder suchte den angesehenen Prätor des Gerichtshofes für Wahlrecht, Aquilius Gallus,in dessen Villa auf dem Viminal auf. Der größte Fall, dem er vorzusitzen hatte, war der von Gaius Licinius Macer, einem Verwandten und Parteigänger von Crassus, der wegen seiner Taten als Statthalter von Makedonien angeklagt war. Am Ende der Anhörung, die sich über mehrere Wochen erstreckt hatte, zog Cicero ein gerechtes Fazit, konnte sich aber eine witzige Bosheit nicht verkneifen. Der Kern der Anklage war, dass Macer sich widerrechtlich eine halbe Million Sesterzen in die Tasche gesteckt hatte. Anfangs leugnete Macer. Die Anklagevertretung konnte beweisen, dass exakt die gleiche Summe bei einer von Macer kontrollierten Kreditfirma eingezahlt worden war. Darauf änderte Macer seine Geschichte und behauptete, ja, er erinnere sich an die Geldzahlung, habe aber geglaubt, sie sei legal gewesen. »Nun, es mag ja sein«, sagte Cicero zu den Geschworenen, während er auf einige Beweispunkte hinwies, »dass der Angeklagte das geglaubt hat.« Er machte eine gerade so lange Pause, dass ein paar vereinzelte Lacher zu hören waren, worauf er ein gespielt strenges Gesicht aufsetzte. »Nein, nein, vielleicht hat er es geglaubt. In welchem Fall ...« Wieder eine kurze Pause. »... man allerdings mit einiger Logik folgern kann, dass er vielleicht für den Posten eines römischen Statthalters zu dumm war.« Ich hatte in genügend Gerichtssälen gesessen, um an dem stürmischen Gelächter sofort erkennen zu können, dass Cicero den Mann gerade so sicher verurteilt hatte, als wenn er selbst der Vertreter der Anklage gewesen wäre. Macer war keineswegs dumm, im Gegenteil, er war sogar sehr schlau, so schlau, dass er jeden anderen für einen Idioten hielt. Jedenfalls erkannte er die Gefahr nicht und ging tatsächlich, während die Geschworenen über das Urteil abstimmten, nach Hause, um sich für die fest eingeplante abendliche Siegesfeier umzuziehen und die Haare schneiden zu lassen. Während seiner Abwesenheit wurde er verurteilt, und er wollte gerade wieder ins Gericht zurückkehren, als Crassus ihn an der Haustür abfing und ihm erzählte, was geschehen war. Manche sagen, Macer sei so geschockt gewesen, dass er auf der Stelle tot umgefallen sei, andere behaupten, er sei sofort wieder ins Haus zurückgegangen und habe sich umgebracht, um seinem Sohn die Schande seines Exils zu ersparen. Wie auch immer, jedenfalls starb er, und Crassus hatte - als ob es dessen noch bedurft hätte - einen weiteren Grund, Cicero zu hassen.

*

Am 6. Juli, dem ersten Tag der Spiele des Apollo, begann traditionell der Wahlkampf, obwohl man in jener Zeit den Eindruck hatte, dass immer Wahlkampf herrschte. Kaum war einer zu Ende, fieberten die Kandidaten schon dem nächsten entgegen. Cicero witzelte, dass das eigentliche Regierungsgeschäft lediglich die Zeit zwischen den Wahltagen füllte. Vielleicht ist das einer der Gründe für den Niedergang der Republik gewesen: Sie hat mit den vielen Wählen die Bürger völlig überfordert, und die Republik hat sich letztendlich zu Tode gewählt. Wie auch immer, das öffentliche Unterhaltungsprogramm zu Ehren Apollos oblag dem Stadtprätor, und das war in jenem Jahr Antonius Hybrida.

Niemand hatte sich große beziehungsweise überhaupt irgendwelche Hoffnungen auf einigermaßen zufriedenstellende Spiele gemacht, denn jedermann wusste, dass Hybrida sein ganzes Geld versoffen und verspielt hatte. So war es eine große Überraschung, dass er nicht nur eine Serie wunderbarer Theateraufführungen auf die Beine stellte, sondern auch verschwenderische Spektakel im Circus Maximus, wobei zwölf Wagenrennen, athletische Wettkämpfe und eine Tierhetze mit Panthern und allen Arten von exotischen Tieren stattfanden. Ich selbst bin nicht dort gewesen, aber Cicero berichtete mir ausführlich, als er an jenem Abend nach Hause kam. Er ließ sich auf eine der Liegen im leeren Speisezimmer fallen - Terentia war mit Tullia aufs Land gefahren - und erzählte mir von der Parade in den Circus: von den Wagenlenkern und halb nackten Athleten (Boxer, Ringer, Läufer, Speer- und Diskuswerfer), den Flöten- und Leierspielern, den als Bacchanten und Satyren verkleideten Tänzern, den Weihrauchfässern, den Stieren, Ziegen und Färsen, die mit vergoldeten Hörnern ihrer Opferung entgegentrotteten, den Käfigen mit den wilden Tieren, den Gladiatoren ... Er schien noch ganz benebelt zu sein von dem Schauspiel. »Was das wohl alles gekostet hat? Die Frage hat mich die ganze Zeit nicht losgelassen. Anscheinend rechnet Hybrida fest damit, dass er das später in seiner Provinz alles wieder reinholen kann. Du hättest hören sollen, wie sie ihm zugejubelt haben beim Einzug und hinterher beim Auszug aus dem Circus. Ich kann an dem Ganzen nichts finden, Tiro.Tja, kaum zu fassen, aber es bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als unsere Liste zu ergänzen. Los, komm mit.«

Zusammen gingen wir in sein Arbeitszimmer, wo ich die Geldtruhe öffnete und alle Unterlagen herausnahm, die in Zusammenhang mit Ciceros Wahlkampf für das Konsulat standen. Dazu gehörten jede Menge geheimer Listen - von Förderern und Geldgebern, von Sympathisanten, die er aber noch auf seine Seite ziehen musste, von Städten und Regionen, in denen er stark, und solchen, in denen er schwach war. Die Schlüsselliste war jedoch die, auf der die möglichen Rivalen einschließlich aller über sie bekannten Informationen - pro und contra - verzeichnet waren. Ganz oben stand Galba, als Nächster kam Gallus, dann Cornificius und schließlich Palicanus. Cicero nahm mir die Schreibfeder aus der Hand und schrieb in seiner akkuraten, winzigen Handschrift einen fünften Namen dazu, den ich nie auf dieser Liste erwartet hätte: Antonius Hybrida.

*

Und dann, ein paar Tage später, geschah etwas, das Ciceros Schicksal und die Zukunft des Staates in vollkommen neue Bahnen lenkte - obwohl Cicero das zu jener Zeit nicht erkannte. Dabei fällt mir die mitunter erzählte Geschichte von dem harmlos aussehenden Fleck ein, den ein Mann eines Morgens auf seiner Haut entdeckt, sich nichts weiter dabei denkt, der sich aber in den folgenden Monaten zu einem riesigen Tumor auswächst. In unserem Fall war der Fleck eine Botschaft, die aus heiterem Himmel ins Haus flatterte und in der Cicero aufgefordert wurde, beim Pontifex maximus Metellus Pius vorstellig zu werden. Pius war sehr alt (vierundsechzig, mindestens) und eine so hochstehende Persönlichkeit, dass er sich bislang noch nie dazu herabgelassen hatte, mit Cicero ein Wort zu wechseln, geschweige denn ihn zu einem Gespräch einzubestellen. Cicero war folglich äußerst neugierig, und so machten wir uns mit den Liktoren, die für freie Bahn sorgten, sofort auf den Weg.

In jenen Tagen befand sich der Amtssitz des Oberhaupts der Staatsreligion in der Via Sacra, neben dem Haus der Vestalinnen, und ich kann mich noch erinnern, wie erfreut Cicero war, dass die Leute ihn dort eintreten sahen. Das Gebäude war das geistliche Zentrum Roms, und nicht viele Menschen erhielten jemals die Chance, einen Fuß über dessen Schwelle zu setzen. Man führte uns eine Treppe hinauf und dann durch eine lange Galerie, von wo man in den Garten der Vestalinnen hinunterblicken konnte. Insgeheim hoffte ich, einen Blick auf eine jener sechs geheimnisvollen, in weißes Tuch gekleideten Jungfrauen werfen zu können, aber der Garten lag verlassen da. Stehen bleiben konnten wir auch nicht, denn am Ende der Galerie wartete schon der obeinige Pius auf uns, der, flankiert von mehreren Priestern, ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden stapfte. Er war sein Leben lang Soldat gewesen, und sein Gesicht hatte das rissige, aufgeraute Aussehen von Leder, das jahrelang bei Wind und Wetter vor der Tür gelegen hatte und erst kürzlich ins Trockene geholt worden war. Ohne Cicero die Hand anzubieten oder einen Stuhl, ohne jede Höflichkeitsfloskel kam er sofort zur Sache und sagte mit heiserer Stimme: »Prätor, ich muss mit dir über Sergius Catilina sprechen.«

Bei der bloßen Erwähnung des Namens versteifte sich Ciceros Körper. Catilina war der Mann, der seinen entfernten Vetter, den populären Politiker Gratidianus, zu Tode gefoltert hatte, indem er ihm die Knochen gebrochen, die Augen ausgestochen und die Zunge herausgerissen hatte. Catilina war, als wäre ihm ein gezackter Blitz ins Hirn gefahren, von einem gewalttätigen Wahnsinn besessen. Er war liebenswürdig, kultiviert und freundlich, dann machte jemand eine scheinbar harmlose Bemerkung oder warf ihm einen scheinbar respektlosen Blick zu, und schon verlor er jede Selbstbeherrschung. In der Zeit von Sullas Proskriptionen, als auf dem Forum Todeslisten aushingen, war Catilina unter den sogenannten percussores einer der geschicktesten Mörder mit Hammer und Messer gewesen und hatte aus den Gütern der von ihm Exekutierten jede Menge Geld herausgepresst. Zu den Opfern gehörte auch sein eigener Schwager. Allerdings verfügte Catilina zweifellos über Charisma. Auf jeden, den seine Barbarei anwiderte, kamen drei oder vier, die er mit seiner ebenso unmäßig zur Schau gestellten Freigebigkeit anzog. Außerdem führte er ein sexuell ausschweifendes Leben. Vor sieben Jahre hatte man Catilina wegen der sexuellen Beziehung zu einer vestalischen Jungfrau angeklagt, bei der es sich um niemand anderen als Terentias Halbschwester Fabia gehandelt hatte. Das war ein Kapitalverbrechen, nicht nur von ihm, auch von ihr, und wäre Fabia schuldig gesprochen worden, hätte sie die traditionelle Strafe für eine Vestalin, die ihr heiliges Keuschheitsgelübde brach, erleiden müssen: Man hätte sie in einer eigens dafür bestimmten winzigen Kammer neben der Porta Collina lebendig begraben. Doch die Aristokraten hatten sich unter Catulus' Führung um Catilina geschart und seinen Freispruch gesichert, sodass er seine politische Karriere nahtlos fortsetzen konnte. Vor zwei Jahren war er Prätor und danach Statthalter in der Provinz Afrika gewesen, sodass er den Aufruhr um die lex Gabinia nicht miterlebt hatte. Er war gerade erst nach Rom zurückgekehrt.

»Seit mein Vater vor fünfzig Jahren Statthalter von Afrika war«, sagte Pius, »sind die Mitglieder meiner Familie immer die wichtigsten Patrone der Provinz gewesen. Die Menschen dort wenden sich an mich, wenn sie Schutz suchen, und ich kann dir sagen, Prätor, dass kein Mann sie je so erzürnt hat wie Sergius Catilina. Er hat die Provinz vollkommen ausgeplündert - hat den Bürgern Steuern abgepresst, hat gemordet, hat die Tempelschätze geraubt, hat Frauen und Töchter vergewaltigt. Diese Sergii!«, rief er angeekelt, würgte einen großen gelben Schleimbatzen aus seinem Rachen nach oben und spuckte ihn auf den Boden. »Nennen sich protzig Nachfahren der Trojaner, aber seit zweihundert Jahren war kein Einziger mehr unter ihnen, der einen Funken Anstand im Leib hatte. Ich höre, du bist der verantwortliche Prätor, der solche Kreaturen zur Rechenschaft zieht.« Er musterte Cicero von Kopf bis Fuß. »Erstaunlich! Ich kann nicht behaupten, dass ich wüsste, wer du überhaupt bist. Aber gut, was gedenkst du also zu unternehmen?«

Cicero behielt immer die Ruhe, wenn jemand versuchte ihn zu beleidigen. Er sagte nur: »Haben die Afrikaner schon eine Anklage vorbereitet?«

»Ja. Eine Abordnung befindet sich bereits in Rom und sucht nach einem geeigneten Ankläger. An wen sollen sie sich wenden?«

»Ich kann dir da kaum weiterhelfen. Schließlich bin ich der Vorsitzende des Gerichts und habe unparteiisch zu bleiben.«

»Blabla. Erspar mir das Advokatengewäsch. Privat, von Mann zu Mann.« Pius winkte ihn mit dem Finger näher heran. Die meisten seiner Zähne waren auf diversen Schlachtfeldern geblieben, und er machte ein pfeifendes Geräusch, als er versuchte zu flüstern. »Du kennst dich in den Gerichtshöfen besser aus als ich. Wer ist der Richtige dafür?«

»Ehrlich gesagt, das wird nicht ganz leicht werden«, sagte Cicero. »Catilinas Gewalttätigkeit ist allgemein bekannt. Der Mann braucht Mut, der Klage gegen einen derart schamlosen Mörder einreicht. Und vermutlich wird Catilina sich im nächsten Jahr um das Konsulat bewerben. Da wächst ein mächtiger Feind heran.«

»Konsulat?« Pius schlug sich plötzlich heftig auf die Brust. Der dumpfe Schlag ließ seine priesterlichen Begleiter zusammenzucken. »Sergius Catilina wird nicht Konsul werden, nicht im nächsten und auch in keinem anderen Jahr, nicht solange noch ein Rest von Leben in diesen alten Knochen steckt. Es muss doch in dieser Stadt jemanden geben, der Manns genug ist, diesen Schurken vor seinen Richter zu bringen. Und wenn nicht ... nun, ich bin noch lange kein so seniler Trottel, als dass ich nicht mehr wüsste, wie man in dieser Stadt einen Kampf durchficht. Und du, Prätor, hast nichts weiter zu tun, als in deinem Kalender genügend Platz freizuhalten, damit dieser Fall zur Anhörung kommt.« Mit diesen Worten drehte er sich um und schlurfte mürrisch vor sich hinbrummelnd, mit seinen priesterlichen Adjutanten im Schlepptau, den Gang hinunter.

Während er ihm hinterherschaute, runzelte Cicero die Stirn und schüttelte den Kopf. Da ich nicht annähernd so viel von Politik verstand, wie ich nach dreizehn Jahren in seinen Diensten eigentlich hätte verstehen müssen, war mir vollkommen unbegreiflich, was an dieser Unterhaltung so beunruhigend gewesen sein sollte. Aber Cicero war ohne Frage erschüttert. Sobald wir wieder draußen auf der Via Sacra waren, zog er mich außer Hörweite der scharfen Ohren unseres proximus lictor und sagte: »Das ist eine Entwicklung, Tiro, die wirklich ernst ist. Ich hätte das kommen sehen müssen.« Als ich ihn fragte, was es ihn kümmere, ob man Catilina anklage oder nicht, antwortete er in vernichtendem Tonfall: »Weil es dir verboten ist, du Spatzenhirn, dich zu einer Wahl zu stellen, wenn gegen dich ein Verfahren läuft. Das heißt: Wenn die Afrikaner einen Fürsprecher finden und Anklage gegen Catilina erhoben wird und wenn sich der Fall bis in den nächsten Sommer hineinzieht, dann bleibt Catilina von der Teilnahme an der Konsulatswahl ausgeschlossen, bis der Fall entschieden ist. Was weiter heißt: Sollte Catilina durch irgendeinen Zufall freigesprochen werden, ist er mein Gegner in meinem Jahr.«

Ich bezweifle, ob irgendein anderer Senator in Rom versucht hätte, so weit in die Zukunft zu blicken - wer würde schon so viele Wenns aufeinanderschichten und dann daraus einen Grund ableiten, um in Panik auszubrechen. Quintus jedenfalls, nachdem Cicero ihm seine Ängste auseinandergesetzt hatte, lachte seinen Bruder aus: »Und wenn dich ein Blitz träfe, Marcus, und wenn Metellus Pius sich noch an den Wochentag erinnern würde ...« Aber Cicero machte sich weiter Sorgen und zog heimlich Erkundigungen darüber ein, wie die afrikanische Abordnung bei ihrer Suche nach einem glaubwürdigen Anwalt vorankam. Allerdings taten sie sich dabei so schwer, wie Cicero vermutet hatte - trotz der gewaltigen Menge an Beweisen, die sie über Catilinas Verfehlungen zusammengetragen hatten, und trotz der Tatsache, dass Pius eine Resolution durch den Senat gebracht hatte, in der dem früheren Statthalter eine Rüge erteilt wurde. Niemand lechzte danach, es mit einem derart gefährlichen Gegner aufzunehmen und das Risiko einzugehen, eines späten Abends mit dem Gesicht nach unten im Tiber zu treiben. Und so dümpelte die Anklage erst mal vor sich hin, und Cicero brauchte sich nicht weiter darum zu kümmern. Unglücklicherweise war ihm das nicht lange vergönnt.

KAPITEL XIV

Am Ende seiner Amtsperiode als Prätor hatte Cicero das Recht, außer Landes zu gehen und für ein Jahr eine Provinz zu regieren. Das war gängige Praxis in der Republik. Es gab einem Mann Gelegenheit, Erfahrungen in der Verwaltungsarbeit zu sammeln und außerdem seine wegen der Auslagen für das

Amt strapazierte Kasse wieder aufzufüllen. Nach der Rückkehr verschaffte man sich einen Eindruck von der politischen Stimmung, und wenn diese einem vielversprechend erschien, bewarb man sich im folgenden Sommer um das Konsulat. Antonius Hybrida, zum Beispiel, dem mit den Kosten für die Spiele des Apollo offensichtlich gewaltige Verbindlichkeiten entstanden waren, machte in Kappadokien Jagd auf Beute. Cicero schlug einen anderen Weg ein, er verzichtete auf sein Recht, eine Provinz zu verwalten. Zum einen wollte er von vornherein die Möglichkeit ausschließen, dass man ihm eine fingierte Anklage anhängte und sich ihm auf Monate ein Sonderermittler an die Fersen heftete. Zum anderen erinnerte er sich ungern an das Jahr, das er als Quästor auf Sizilien verbracht hatte. Seitdem hasste er es, Rom für länger als ein oder zwei Wochen verlassen zu müssen. Es hat wohl selten einen eingefleischteren Stadtmenschen als Cicero gegeben. Aus der Geschäftigkeit auf den Straßen und in den Gerichten, im Senat und auf dem Forum sog er seine Kraft. Die Aussicht auf ein Jahr öder Provinzgesellschaft in Kilikien oder Makedonien, und sei sie noch so lukrativ, war ihm ein Gräuel.

Außerdem hatte er jede Menge Arbeit als Anwalt. Als Erstes stand die Verteidigung von Pompeius' ehemaligem Volkstribunen Gaius Cornelius an, den die Aristokraten wegen Hochverrats angeklagt hatten. Nicht weniger als fünf bedeutende aristokratische Senatoren - Hortensius, Catulus, Lepidus, Marcus Lucullus und sogar der alte Metellus Pius - taten sich gegen Cornelius zusammen wegen der Rolle, die er zugunsten der Gesetze von Pompeius gespielt hatte. Sie warfen ihm vor, das Veto eines anderen Volkstribunen gesetzwidrig missachtet zu haben. Angesichts eines derart schwerwiegenden Vorwurfs war ich mir sicher, dass man Cornelius ins Exil schicken würde. Er war offenbar der gleichen Meinung, denn er hatte seinen Hausstand schon zusammengepackt und war bereit zur Abreise. Wie immer jedoch, wenn seine Gegner Hortensius und Catulus hießen, lief Cicero zu Hochform auf und hielt zum Abschluss seiner Verteidigung eine äußerst eindrucksvolle Rede. »Sollen wir uns tatsächlich über die traditionellen Rechte von Volkstribunen von fünf hochgestellten Senatoren belehren lassen«, fragte er, »die allesamt die Gesetze Sullas unterstützt haben, mit denen dieser eben jene Rechte abgeschafft hat? Ist einer von diesen illustren Senatoren aufgestanden und hat den tapferen Gnaeus Pompeius unterstützt, als dieser in seiner ersten Amtshandlung als Konsul das Vetorecht der Tribunen wiederhergestellt hat? Die entscheidende Frage lautet doch: Ist es wirklich die plötzliche Sorge um die Traditionen des Volkstribunats, die diese Senatoren dazu bewegt hat, die Fischteiche und Säulengänge ihrer Landsitze zu verlassen und vor Gericht zu ziehen? Oder sind es nicht vielmehr gewisse andere >Traditionen<, die ihnen viel mehr am Herzen liegen - nämlich ihr traditionelles Eigeninteresse und ihr traditionelles Verlangen nach Rache?«

In ähnlichem Ton ging es noch eine Zeit lang weiter, und als Cicero schließlich zum Ende kam, hatte es den Anschein, als seien die fünf berühmten Klageführer (die den Fehler gemacht hatten, nebeneinander Platz zu nehmen) auf die Hälfte ihrer Größe geschrumpft - vor allem Pius, der mit gewölbter Hand am Ohr auf seinem Platz hin und her rutschte und anscheinend Schwierigkeiten hatte, den Ausführungen seines umherwandernden Peinigers zu folgen. Dies sollte einer der letzten öffentlichen Auftritte des alten Soldaten gewesen sein, bevor sich die lange Dämmerung seiner Krankheit endgültig auf ihn herabsenkte. Nachdem die Geschworenen Cornelius von allen Anklagepunkten freigesprochen hatten, verließ Pius unter höhnischem Gelächter das Gericht. Dabei war sein Gesicht gezeichnet von seniler Verwirrung, welche heute, so fürchte ich, auch der naturgemäße Ausdruck meiner eigenen Züge ist. Als wir uns für den Heimweg fertig machten, sagte Cicero mit gewisser Befriedigung: »Jedenfalls wird er jetzt wohl wissen, wer ich bin.«

Ich werde nicht alle Prozesse erwähnen, die Cicero in dieser Zeit führte, denn es müssen Dutzende gewesen sein. Alle aber waren Teil seiner Strategie, sich möglichst viele einflussreiche Männer zur Unterstützung seiner Konsulatskandidatur zu verpflichten und dafür zu sorgen, dass sein Name in den Köpfen der Wähler immer präsent blieb. Seine Klienten suchte er natürlich sehr sorgfältig aus. Unter ihnen waren wenigstens vier Senatoren: Fundanius, der einen großen Wählerverein kontrollierte; Orchivius, der einer seiner Prätorenkollegen gewesen war; Gallius, der seine Kandidatur zum Prätor betrieb; und Mucius Orestinus, der sich Hoffnung auf den Posten eines Volkstribunen machte, aber im Augenblick noch des Raubes angeklagt war und dessen Fall unsere Kanzlei für viele Tage vollauf beschäftigte.

Ich glaube, dass nie zuvor irgendein Kandidat das Geschäft der Politik als genau das betrieben hat -als Geschäft nämlich. Jede Woche gab es eine Sitzung in Ciceros Arbeitszimmer, um den Verlauf des Wahlkampfs zu überwachen. Verschiedene Teilnehmer kamen und gingen, aber der harte Kern bestand aus den immer gleichen fünf Personen: Cicero, Quintus, Frugi, mir und Ciceros Lehrling Caelius Rufus, der, obwohl noch sehr jung (vielleicht aber auch gerade deswegen), ein Meister darin war, in der Stadt umlaufende Gerüchte aufzuspüren. Quintus fungierte einmal mehr als Wahlkampforganisator. Er bestand darauf, die Sitzungen zu leiten. Mit einem nachsichtigen Lächeln oder einer hochgezogenen Augenbraue deutete er gelegentlich an, dass Cicero, so genialisch er auch sein mochte, eben doch etwas von einem intellektuellen Luftikus an sich hatte, der den nüchternen und gesunden Menschenverstand seines Bruders benötigte, damit er nicht die Bodenhaftung verlor. Cicero machte dieses Spiel seines Bruders mehr oder weniger bereitwillig mit.

Falls mir in meinem Leben noch genügend Zeit dafür bliebe, dann wäre es eine interessante Aufgabe, eine Studie über Brüder in der Politik zu schreiben. Als Erstes böten sich natürlich Tiberius und Gaius Gracchus an, die mit ihren Ackergesetzen den Besitzlosen Eigentum verschaffen wollten und die dafür beide mit einem gewaltsamen Tod bezahlten. Aus meinen eigenen Lebzeiten sind Marcus und Lucius Lucullus zu nennen, Aristokraten, die ebenso wie eine Vielzahl von Brüdern aus dem Geschlecht der Metelli und der Marcelli in aufeinanderfolgenden Jahren Konsuln waren. In einem Milieu menschlichen Handelns, in dem Freundschaften flüchtig sind und Bündnisse nur geschlossen werden, um sie wieder zu brechen, muss das Wissen darum, dass ein anderer Mann durch seinen Namen auf immer mit einem verbunden bleibt, egal, wie das Schicksal einem auch mitspielt, ein starker Quell der Kraft sein. Die Beziehung der beiden Ciceros war - wie vermutlich bei den meisten Brüdern - geprägt von einer komplizierten Mischung aus Zuneigung und Feindseligkeit, Eifersucht und Treue. Ohne Cicero wäre aus Quintus erst ein guter und fähiger Offizier in der Armee und dann ein guter und fähiger Bauer in Arpinum geworden, während aus Cicero ohne Quintus der gleiche Cicero geworden wäre. Weil er das wusste und weil ihm bewusst war, dass auch sein Bruder das erkannt hatte, war Cicero um größtmögliche Harmonie bemüht und bot Quintus großzügig Platz unter dem glitzernden Mantel seines Ruhmes.

In jenem Winter verwandte Quintus viel Zeit darauf, ein Wahlhandbuch zusammenzustellen, ein Destillat seiner brüderlichen Ratschläge an Cicero, aus dem er bei jeder sich bietenden Gelegenheit zitierte, als sei es Platons Politeia. Es begann so: Vergiss nie, wer du bist, wo du bist und was du willst. Jeden Tag auf dem Weg zum Forum sage dir immer wieder: »Ich bin ein homo novus, ich bin in Rom, ich will das Konsulat.« An ein paar von diesen kleinen Moralpredigten kann ich mich noch immer erinnern. Überall lauern Betrug, Fußangeln, Verrat. Halte dich immer fest an den Ausspruch von Epicharmos, dass alle Weisheit auf einem Grundsatz fußt: »Vertraue niemals vorschnell.« Sorge dafür, dass jeder sieht, wie viele und vor allem wie viele unterschiedliche Freunde du hast. Ich werde penibel darauf achten, dass du immer von Menschen umgeben bist. Wenn dich jemand um etwas bittet, lehne nie ab, auch wenn du seinen Wunsch nicht erfüllen kannst. Sorge dafür, dass deine Kampagne gute Unterhaltung ist: Glanz, Pracht, Populismus; und sorge - falls machbar -auch dafür, dass über deine Widersacher skandalöse Geschichten über deren Verbrechen, Ausschweifungen und Bestechungen im Umlauf sind.

Quintus war sehr stolz auf sein Handbuch, und viele Jahre später veröffentlichte er es sogar. Zum Entsetzen von Cicero, der daran glaubte, politischer Erfolg hänge wie die Wirkung großer Kunst davon ab, dass die dahinterstehende Methode verborgen bliebe.

*

Im Frühjahr feierte Terentia ihren dreißigsten Geburtstag, und Cicero arrangierte zu ihren Ehren eine kleine Abendgesellschaft. Quintus und Pomponia waren eingeladen, Frugi mit seinen Eltern und der penible Servius Sulpicius mit seiner überraschend hübschen Frau Postumia. Sicher waren noch andere Gäste gekommen, aber der Strom der Zeit hat meine Erinnerung an sie fortgespült. Der Hausverwalter Eros hatte die Mitglieder des Haushalts kurz zusammengerufen, damit wir Terentia unsere Glückwünsche übermitteln konnten. Ich erinnere mich noch daran, dass sie mir an jenem Abend so gut aussehend und in so fröhlicher Stimmung wie noch nie zuvor erschienen war. Das kurze dunkle Lockenhaar glänzte, die Augen leuchteten, und die eigentlich magere Figur kam mir voller und weicher vor.

Nachdem Cicero und seine Frau die Gäste ins Speisezimmer geführt hatten, machte ich eine diesbezügliche Bemerkung zu Terentias Mädchen. Sie schaute sich nach allen Seiten um, ob uns auch niemand beobachtete, und machte dann vor dem Bauch mit verschränkten Händen eine kreisende Bewegung. Erst verstand ich nicht, worauf sie einen Kicheranfall bekam, und erst nachdem sie immer noch lachend die Treppe hinaufgelaufen war, begriff ich, was für ein Esel ich war - und nicht nur ich. Einem normalen Ehemann wären die Anzeichen sicher schon früher aufgefallen, aber Cicero war jeden Tag bei Sonnenaufgang auf den Beinen, kam erst wieder nach Hause, wenn es bereits dämmerte, und dann gab es immer noch eine Rede zu schreiben oder einen Brief zu diktieren - das Wunder war, dass er überhaupt die Zeit gefunden hatte, seinen ehelichen Pflichten nachzukommen. Wie auch immer, irgendwann ließen laute, erregte Stimmen und Applaus aus dem Speisezimmer vermuten, dass Terentia die feierliche Gelegenheit genutzt und ihre Schwangerschaft verkündet hatte.

Später am Abend betrat Cicero breit grinsend das Arbeitszimmer. Meinen Glückwunsch nahm er mit einer dankbaren Verbeugung entgegen. »Sie ist sicher, dass es ein Junge wird. Anscheinend hat die Bona Dea sie mittels bestimmter übernatürlicher Zeichen, die nur die Frauen verstehen, von dieser Tatsache unterrichtet.« Erwartungsfroh rieb er sich die Hände und konnte einfach nicht aufhören zu grinsen. »Ein neugeborenes Kind, Tiro, das ist in Wahlzeiten immer eine herrliche Zugabe - es steht für einen virilen Kandidaten und respektablen Familienmenschen. Sag Quintus Bescheid wegen der Wahlkampftermine für den Kleinen.« Er zeigte auf meine Wachstafel. »Das war ein Witz, du Trottel!«, lachte er, als er mein fassungsloses Gesicht sah, und tat so, als wolle er mir eine Ohrfeige verpassen. Ich bin mir nicht sicher, über wen von uns beiden das mehr aussagt, über ihn oder über mich, dass ich bis heute noch nicht vollkommen davon überzeugt bin, ob er damals wirklich nur Spaß gemacht hat.

Seit dieser Zeit hielt sich Terentia noch strikter an ihre religiösen Rituale. Am nächsten Tag bat sie Cicero, mit ihr auf das Kapitol zum Tempel der Juno zu gehen, wo sie ein Lamm kaufte, das sie zum Zeichen der Dankbarkeit für ihre Schwangerschaft und Ehe von den Priestern opfern ließ. Cicero begleitete sie mit Freuden, denn er war zutiefst beglückt von der Aussicht auf ein zweites Kind. Außerdem wusste er, wie begierig die Wähler derartige öffentliche Zurschaustellungen von Frömmigkeit aufnahmen.

*

Wohl oder übel muss ich mich jetzt wieder dem wuchernden Tumor namens Sergius Catilina zuwenden.

Ein paar Wochen nachdem Metellus Pius Cicero zu sich zitiert hatte, fanden die Konsulatswahlen jenes Jahres statt. Der Einsatz von Bestechungsgeldern seitens der Sieger war jedoch dermaßen schamlos, dass die Wahlen sofort annulliert und für Oktober neu angesetzt wurden. Catilina nutzte die Gelegenheit und meldete seine Kandidatur an. Der alte Kämpfer Pius machte jedoch Catilinas Hoffnungen in seiner wahrscheinlich letzten siegreichen Schlacht zunichte: Der Senat legte fest, dass nur die Kandidaten wieder antreten konnten, die auch schon bei der ersten Wahl zur Abstimmung gestanden hatten. Die Folge war einer von Catilinas berüchtigten Wutausbrüchen. Auf dem Forum stieß er zusammen mit seinen Schlägerfreunden die wüstesten Drohungen aus, die der Senat so ernst nahm, dass er den Konsuln eine bewaffnete Leibwache zur Seite stellte. Was die Klage der Afrikaner anging, so hatte - wie nicht anders zu erwarten - niemand den Mut gehabt, ihren Fall vor dem Gerichtshof für Erpressungen zu vertreten. Einmal deutete ich Cicero gegenüber an, ob das nicht etwas für ihn wäre, der Fall sei doch populär genug, um sich dafür einzusetzen -schließlich habe ihn der Sieg über Verres zum berühmtesten Anwalt der Welt gemacht. Doch Cicero schüttelte den Kopf. »Verglichen mit Catilina war Verres ein Kätzchen. Außerdem war Verres ein Mann, den kaum jemand mochte, während Catilina durchaus Anhänger hat.«

»Warum ist der nur so beliebt?«, fragte ich.

»Gefährliche Männer scharen immer Verehrer um sich, aber das ist es nicht, was mir Sorge macht. Wenn es nur um den Pöbel ginge, wäre er keine so große Gefahr. Sorge macht mir seine breite Anhängerschaft unter den Aristokraten - Catulus unterstützt ihn, was heißt, dass er wahrscheinlich auch Hortensius auf seiner Seite hat.«

»Hortensius und der primitive Catilina?«

»Wenn die Situation es erfordert, weiß Hortensius solch einen Straßenkämpfer sehr wohl für sich einzusetzen. So manch kultiviertes Haus leistet sich einen bissigen Wachhund. Außerdem ist Catilina auch ein Sergius, vergiss das nicht, sie akzeptieren ihn schon aus reinem Snobismus. Die Massen und die Aristokraten, in der Politik ist das eine einflussreiche Verbindung. Wir können nur hoffen, dass ihn bei den Konsulatswahlen im nächsten Sommer irgendwer aufhält. Ich bin schon dankbar, dass es bis jetzt nicht so aussieht, als ob das an mir hängen bleiben würde.«

Damals glaubte ich, dass derartige Bemerkungen nur die Götter verlockten, ihre Existenz nachzuweisen. Weil sie sich nämlich immer dann, wenn ihnen auf ihren himmlischen Bahnen derart selbstzufriedene Reden zu Ohren kommen, einen Spaß daraus machen, ihre Macht zu demonstrieren. Und tatsächlich hatte Caelius Rufus nicht lange nach dieser Unterhaltung beunruhigende Neuigkeiten für Cicero. Caelius war damals siebzehn und, wie sein Vater schon gesagt hatte, ziemlich unbotmäßig. Er war groß und gut aussehend und ging mit seiner tiefen Stimme und dem kleinen Spitzbart, der bei ihm und seinen eleganten Freunden gerade in Mode war, leicht als Mann von Anfang zwanzig durch. Abends, wenn Cicero noch über seiner Arbeit saß und alle anderen bereits schliefen, schlich er sich im Dunkeln aus dem Haus und kehrte oft genug erst kurz vor Morgengrauen wieder zurück. Er wusste, dass ich mir ein wenig Geld zusammengespart hatte, und versuchte dauernd, mich anzupumpen. Eines Abends, nachdem ich wieder einmal Nein gesagt hatte, ging ich in meine Kammer und stellte fest, dass er mein Versteck gefunden und ausgeplündert hatte. Nach einer elenden Nacht, in der ich kein Auge zugetan hatte, stellte ich ihn am nächsten Morgen zur Rede und drohte, alles Cicero zu erzählen. Da traten ihm die Tränen in die Augen, und er versprach, alles zurückzuzahlen, was er, das muss ich gerechterweise sagen, mit großzügigen Zinsen auch tat. Ich suchte mir daraufhin ein anderes Versteck für mein Geld und erzählte niemandem von diesem Vorfall.

Bei seinen nächtlichen Steifzügen zog Caelius saufend und hurend mit einer Gruppe übel beleumundeter junger Adliger durch die Stadt. Einer von ihnen war Gaius Curio, der einundzwanzigjährige Sohn eines ehemaligen Konsuls, der ein großer Förderer von Verres gewesen war. Ein anderer war Hybridas Neffe Marcus Antonius, der damals achtzehn Jahre alt gewesen sein muss. Der eigentliche Anführer der Bande, vor allem weil er der Älteste und Reichste unter ihnen war und die anderen zu Dummheiten verführte, die ihnen nicht einmal im Traum eingefallen waren, war Clodius Pulcher. Er war etwa Mitte zwanzig und hatte im Osten acht Jahre Militärdienst abgeleistet, wobei er in alle Arten von Schwierigkeiten geraten war - unter anderem hatte er eine Meuterei gegen Lucullus angezettelt, der zufällig sein Schwager war, und war dann von den Seeräubern, die er eigentlich bekämpfen sollte, gefangen genommen worden. Aber jetzt war er wieder in Rom, suchte nach einer Möglichkeit, sich einen Namen zu machen, und hatte eines Abends verkündet, dass er jetzt wisse, wie er das anstellen würde. Es sei eine verwegene und riskante, aber auch spaßige und unterhaltsame Unternehmung (das waren laut Caelius exakt seine Worte) - er würde die Klage gegen Catilina einreichen.

Als Caelius am nächsten Morgen in Ciceros Arbeitszimmer stürmte, um ihm die Geschichte zu erzählen, wollte der sie zunächst nicht glauben. Was er von Clodius wusste, war nur das überall umlaufende skandalöse Gerücht, dass er mit seiner eigenen Schwester geschlafen hatte. Allerdings hatte das Gerücht erst kürzlich dadurch Substanz erhalten, dass Lucullus selbst dies als einen der Gründe für die Scheidung von seiner Frau angeführt hatte. »Was hat so eine Kreatur in einem Gerichtssaal verloren«, höhnte Cicero, »außer als Angeklagter?« Worauf Caelius auf seine freche Art nur erwiderte, Cicero brauchte in den nächsten ein, zwei Stunden nur kurz beim Gericht vorbeizuschauen, dann hätte er den Beweis. Da würde nämlich Clodius seinen Antrag auf Klageerhebung vorlegen. Selbstredend konnte Cicero einem solchen Schauspiel nicht widerstehen. Sobald er seine wichtigeren Klienten empfangen hatte, eilten wir - Cicero, Caelius und ich - hinunter zu seinem alten Lieblingsspielplatz am Tempel des Castor.

Mysteriöserweise, wie es Dramatik verheißende Ereignisse so an sich haben, hatte sich die Neuigkeit schon verbreitet, sodass vor den Tempelstufen bereits mehr als hundert Schaulustige zusammengeströmt waren. Der amtierende Prätor, ein Mann namens Orbius, der später Statthalter von Asia wurde, hatte gerade auf seinem kurulischen Stuhl Platz genommen und schaute sich angesichts des Menschenauftriebs verwundert um, als sechs oder sieben hochnäsig grinsende junge Männer vom Palatin kommend völlig unbefangen auf ihn zuschlenderten. Unübersehbar legten sie Wert auf die neueste Mode, und ich vermute, dass sie mit ihren langen Haaren, den gestutzten Bärtchen und den breiten, bestickten Gürteln, die lässig auf ihren Hüften lagen, dieser auch entsprachen. »Was für ein Schauspiel!«, murmelte Cicero, während sie an uns vorbeigingen und uns in eine nach Kokosöl und Safranbalsam duftende Wolke einhüllten. »Sehen aus wie Frauen, die Burschen.« Einer löste sich aus der Gruppe und stieg die Treppe zum Prätor hinauf. Auf halber Höhe blieb er stehen und wandte sich zu der Menge um. Er war, wenn ich mich so gewöhnlich ausdrücken darf, »ein hübscher Junge« mit langen blonden Locken, vollen, feuchten Lippen und bronzefarbener Haut - eine Art junger Apollo. Als er jedoch anfing zu sprechen, klang seine Stimme überraschend hart und maskulin, nur dass sie verunstaltet wurde durch seinen pseudoplebejischen Akzent, in dem sich sein Familienname wie »Clodius« statt »Claudius« anhörte - was ebenfalls zu seinen modischen Geziertheiten gehörte.

»Mein Name ist Publius Clodius Pulcher, Sohn des Konsuls Appius Claudius Pulcher, Nachfahre von Konsuln in direkter Linie seit acht Generationen. Ich habe mich heute Morgen hier eingefunden, um vor diesem Gericht Klage einzureichen gegen Sergius Catilina wegen seiner in Afrika verübten Verbrechen.«

Bei der Erwähnung von Catilinas Namen waren vereinzelt murrende Stimmen und Pfiffe zu hören, und ein großer, grobschlächtiger Mann, der neben uns stand, rief: »Dann pass mal gut auf deinen Hintern auf, mein Schätzchen.«

Clodius schien das nicht im Geringsten zu irritieren. »Möge der Segen meiner Vorfahren und der Götter das Vorhaben begleiten und zu einem erfolgreichen Abschluss verhelfen.« Mit energischen Schritten ging er die restlichen Stufen hinauf und übergab Orbius unter lautem Beifall seiner Anhänger das sauber zusammengerollte, mit Siegel und rotem Band versehene postulatus. Zu den Klatschenden gehörte auch Caelius, bis Cicero ihn mit einem Blick zur Ordnung rief. »Los, such meinen Bruder«, befahl er ihm. »Sag ihm, was passiert ist und dass ich ihn sofort sprechen muss.«

»Das ist Sklavenarbeit«, erwiderte er beleidigt. Zweifellos befürchtete er, vor seinen Freunden das Gesicht zu verlieren. »Das kann doch auch Tiro machen, oder nicht?«

»Tu, was ich dir gesagt habe«, fuhr Cicero ihn an. »Und wenn du schon dabei bist, mach auch gleich noch Frugi ausfindig. Sei froh, dass ich deinem Vater noch nichts von deiner anrüchigen Gesellschaft erzählt habe.« Das überzeugte ihn, und er machte sich Richtung Tempel der Ceres davon, wo normalerweise um diese Stunde des Morgens die plebejischen Ädilen anzutreffen waren. »Ich habe ihn zu sehr verwöhnt«, sagte Cicero bekümmert, als wir den Hügel hinauf nach Hause gingen. »Und weißt du, warum? Weil er von angenehmer Wesensart ist. Das ist die verfluchteste von allen Eigenschaften, jemandem wie ihm lasse ich einfach alles durchgehen.«

Als Strafe und auch, weil er ihm nicht mehr vollkommen vertraute, schloss Cicero Caelius von der am gleichen Tag stattfindenden Wahlkampfsitzung aus und beauftragte ihn stattdessen mit der Abfassung eines Schriftsatzes. Er wartete, bis Caelius das Arbeitszimmer verlassen hatte, und berichtete dann Quintus und Frugi, was am Morgen geschehen war. Quintus neigte zu einer zuversichtlichen Einschätzung der Lage, während Cicero jetzt vollkommen davon überzeugt war, dass Catilina einer seiner Rivalen im Kampf um das Konsulat sein würde. »Ich habe mir den Terminkalender des Gerichtshofes für Erpressungen angeschaut - ihr wisst, wie das laufen kann. Und tatsächlich: Die Wahrscheinlichkeit, dass der Fall bis Juli zur Anhörung kommt, ist gleich null. Also kann er in diesem Jahr nicht mehr fürs Konsulat kandidieren. Und deshalb rutscht er unausweichlich ins nächste Jahr, also in meins.« Plötzlich schlug er mit der Faust auf sein Schreibpult - ein Gefühlsausbruch, zu dem er sich nur selten hinreißen ließ. »Genau das habe ich vor einem Jahr prophezeit - Tiro ist meine Zeuge.«

»Vielleicht wird Catilina ja verurteilt und muss ins Exil?«, sagte Quintus.

»Mit diesem parfümierten Gockel als Ankläger? Von dem jeder Sklave in ganz Rom weiß, dass er der Liebhaber seiner eigenen Schwester war? Nein, nein, du hast ganz recht gehabt, Tiro. Ich hätte -als sich mir die Gelegenheit dazu auftat - Catilina vor Gericht in die Knie zwingen sollen. Das wäre einfacher gewesen, als ihn an der Wahlurne zu bezwingen.«

»Vielleicht ist es noch nicht zu spät«, sagte ich. »Vielleicht kann man ja Clodius dazu überreden, die Anklagevertretung an Euch abzutreten.«

»Das macht er nie«, widersprach Cicero. »Du hast ihn doch gesehen, er ist die Arroganz in Person, ein typischer Claudius. Hier bietet sich ihm die Aussicht auf Ruhm, und die lässt er sich nicht entgehen. Hol lieber die Liste mit den potenziellen Kandidaten, Tiro. Wir müssen unbedingt einen glaubwürdigen Mann finden, der mit mir zusammen ins Rennen geht - und zwar schnell.«

In jenen Tagen stellten sich Kandidaten für das Konsulat in der Regel als Pärchen dem Wähler. Man betrachtete es als gute Strategie, ein Bündnis mit einem Mann einzugehen, der im Wahlkampf die eigenen Stärken abrundete. Cicero brauchte als Partner einen Mann mit hochangesehenem Namen und großer Zugkraft innerhalb der Aristokratie, damit er auch die aristokratischen Wähler ansprechen konnte. Als Gegenleistung konnte Cicero seine Popularität unter den pedarii und den unteren Schichten bieten sowie die Unterstützung durch den Wahlkampfapparat, den er sich in Rom geschaffen hatte. Er hatte immer gedacht, dass zu gegebener Zeit der zweite Mann kein großes Problem darstellen würde. Als wir jedoch die Liste durchgingen, begriff ich, warum er so besorgt war. Palicanus würde Ciceros Bewerbung nichts Brauchbares hinzufügen. Cornificius war Gift an der Wahlurne, und Hybrida war nur halb zurechnungsfähig. Blieben nur Galba und Gallus. Galba war ein Aristokrat bis ins Mark, er würde sich unter keinen Umständen mit Cicero einlassen, und Gallus hatte trotz aller Bitten Ciceros definitiv erklärt, dass er nicht das geringste Interesse daran habe, Konsul zu werden.

»Ist das zu fassen?«, jammerte Cicero, während wir uns um sein Schreibpult drängten und die Liste der möglichen Mitkandidaten studierten. »Da biete ich Gallus den besten Posten der Welt an, und zum Dank dafür erklärt er sich dazu bereit, dass er mir vielleicht den einen oder anderen Tag beistehen würde. Er wolle sich lieber auf die Juristerei konzentrieren!« Cicero nahm seinen Stift, strich Gallus' Namen durch und setzte unten auf die Liste den von Catilina. Träge klopfte er mit dem Stift auf das Verzeichnis, unterstrich den Namen, machte einen Kreis darum, hob dann den Kopf und schaute uns der Reihe nach an. »Einen möglichen Partner, vom dem wir noch gar nicht gesprochen haben, gibt es natürlich noch.«

»Und der wäre?«, fragte Quintus.

»Catilina.«

»Marcus!«

»Das ist mein voller Ernst«, sagte Cicero. »Denken wir das einmal durch. Nur mal angenommen, ich würde, anstatt zu versuchen, Clodius die Anklage abzujagen, Catilina anbieten, seine Verteidigung zu übernehmen. Wenn ich einen Freispruch erreichen kann, dann wäre er verpflichtet, mich bei den Konsulatswahlen zu unterstützen. Falls er aber schuldig gesprochen wird und ins Exil gehen muss, dann ist das sein Ende. Also ... mit beidem könnte ich gut leben.«

»Du würdest tatsächlich Catilina verteidigen?« Quintus kannte seinen Bruder sehr gut. Der musste sich schon einiges leisten, bevor Quintus schockiert war. An diesem Tag aber war er fast sprachlos.

»Wenn er einen Anwalt nötig hätte, würde ich sogar den schwärzesten Dämon aus der Unterwelt verteidigen. Das ist der Kern unseres Rechtssystems.« Cicero runzelte die Stirn und schüttelte gereizt den Kopf. »Das haben wir doch alles schon durchgekaut, weißt du nicht mehr, kurz vor Lucius' Tod? Erspar mir bitte diesen vorwurfsvollen Blick, Bruderherz. Was steht in deinem schlauen Buch? Ich bin ein homo novus, ich bin in Rom, ich will das Konsulat. Genau die drei Punkte sagen doch alles. Ich bin ein homo novus, deshalb können nur ich selbst und ihr paar Freunde mir helfen. Wir sind in Rom und nicht an irgendeinem abstrakten Ort in einem philosophischen Werk. Rom ist eine ruhmreiche Stadt, die auf einem Haufen Dreck erbaut ist. Und ich will das Amt, das Unsterblichkeit bedeutet, das Konsulat. Gibt es einen besseren Grund zu kämpfen? Meine Antwort lautet: ja, ich werde Catilina verteidigen, wenn nötig, und dann werde ich so schnell wie möglich wieder mit ihm brechen. Und er wird genau das Gleiche machen. Das ist die Welt, in der wir leben.« Cicero lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und hob beide Hände. »Das ist Rom.« im.

Cicero unternahm nicht sofort etwas, er wollte abwarten, ob die Anklage gegen Catilina tatsächlich vorangetrieben wurde. Viele waren der Ansicht, dass Clodius sich nur wichtig machen oder von der Schande der Scheidung seiner Schwester ablenken wollte. Aber der Sommer brach an, und schwerfällig, wie die Justiz nun einmal war, durchlief das Verfahren seine verschiedenen Stadien, postulatio, divinatio, nominas dilatio, bis schließlich die Geschworenen ausgewählt wurden und der Beginn des Prozesses auf die letzte Juliwoche festgesetzt wurde. Damit gab es keine Möglichkeit mehr, dass Catilina den Prozess rechtzeitig bis zu den Konsulatswahlen überstehen würde. Die Frist für die Nominierungen wäre dann schon abgelaufen.

In diesem Stadium entschloss sich Cicero, Catilina wissen zu lassen, dass er an der Übernahme seiner Verteidigung interessiert sei. Er zerbrach sich ausgiebig den Kopf darüber, wie er ihm das Angebot zukommen lassen solle, denn erstens wollte er bei einer Ablehnung nicht sein Gesicht verlieren, und zweitens wollte er sich für den Fall, dass er im Senat unter Druck geriet, die Möglichkeit offenhalten, jede Kontaktaufnahme zu Catilina abzustreiten. Schließlich entschied er sich für ein Vorgehen, dessen Gewitztheit typisch für ihn war. Er ließ Caelius in sein Arbeitszimmer rufen, schwor ihn auf absolute Vertraulichkeit ein und eröffnete ihm dann seinen Plan, Catilina zu verteidigen: Was er davon halte? (»Aber zu niemandem ein Wort, verstanden?«) Das war genau die Art Klatsch, die Caelius so liebte. Natürlich konnte er der Versuchung nicht widerstehen und gab die vertraulichen Informationen an seine Freunde weiter - darunter auch Marcus Antonius, der nicht nur Hybridas Neffe, sondern auch der Adoptivsohn von Catilinas engem Freund Lentulus Sura war.

Ich schätze, es dauerte gerade mal anderthalb Tage, dann stand ein Bote mit einem Brief von Catilina vor der Tür. Er ließ anfragen, ob Cicero ihn nicht mal besuchen wolle, und schlug einen Termin nach Einbruch der Dunkelheit vor - wegen der Vertraulichkeit. »Der Fisch hat also angebissen«, sagte Cicero und zeigte mir den Brief. Er schickte den Sklaven mit der mündlichen Antwort zurück, dass er Catilina noch heute Abend in dessen Haus besuchen werde.

Terentia stand inzwischen kurz vor der Niederkunft und fand die Julihitze in Rom unerträglich. Sie lag unruhig stöhnend im stickigen Speisezimmer auf einer Liege, flankiert von Tullia, die ihr mit piepsender Stimme vorlas, und einem Hausmädchen, das ihr Luft zufächelte. Ihre Laune, die auch im günstigsten Fall immer unter leicht erhöhter Temperatur litt, bewegte sich in diesen Tagen permanent im Fieberbereich. Als bei Einbruch der Dunkelheit die Kandelaber angezündet wurden und Cicero sich zum Ausgehen fertig machte, wollte sie sofort wissen, wohin er ginge. Als er nur ausweichend antwortete, warf sie ihm unter Tränen vor, dass er sich eine Konkubine genommen habe - warum sonst sollte ein respektabler Mann um diese Stunde noch außer Haus gehen? Also erzählte er ihr widerwillig die Wahrheit, dass er auf dem Weg zu Catilina sei. Natürlich besänftigte sie das nicht im Mindesten, im Gegenteil, es brachte sie nur noch mehr in Rage. Wie könne er auch nur eine Sekunde die Gesellschaft dieses Monsters ertragen, das ihre eigene Schwester, eine vestalische Jungfrau, verführt habe, worauf Cicero nur spöttisch anmerkte, Fabia sei schon immer »mehr vestalisch als Jungfrau« gewesen. Terentia versuchte vergeblich, sich aufzusetzen, und so geleiteten den amüsiert lächelnden Cicero und mich nur ihre wütenden Beschimpfungen bis zur Haustür.

Die Nacht ähnelte sehr jener Nacht kurz vor den Ädilswahlen, als Cicero Pompeius besucht hatte: die gleiche drückende Hitze, der gleiche fiebrige Mondschein und die gleiche sanfte Brise, die den Verwesungsgestank vom Friedhof jenseits der Porta Esquilina über die ganze Stadt wehte. Wir gingen hinunter aufs Forum, wo Sklaven die Straßenlaternen anzündeten, vorbei an den stumm und dunkel daliegenden Tempeln und dann den Palatin hinauf, wo Catilinas Haus stand. Ich trug eine Aktentasche, wie immer, und Cicero hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und hing mit gesenktem Kopf seinen Gedanken nach. Damals war der Palatin noch nicht so dicht bebaut wie heute, die Häuser standen weiter auseinander. Ich hörte das Plätschern eines Baches und roch den Duft von Geißblatt und Heckenrosen. »Das ist der richtige Ort zum Leben, Tiro«, sagte Cicero und blieb auf der Treppe stehen. »Wenn es keine Wahlen mehr gibt, die ich gewinnen muss, und ich nicht mehr so darauf achten muss, was die Leute über mich denken, dann werden wir hier leben. Ein Haus mit einem Garten, wo ich lesen kann und -stell dir das bloß vor! - die Kinder spielen können.« Er drehte sich um und schaute in Richtung Esquilin. »Wenn das Kind endlich da ist, wird es für uns alle leichter werden. Es ist, als wartete man darauf, dass ein Sturm losbricht.«

Catilinas Haus war problemlos zu finden, denn es befand sich in unmittelbarer Nähe des Tempels der Luna, der nachts zu Ehren der Mondgöttin immer von Fackeln beleuchtet wurde. Vor der Tür wartete ein Sklave, der uns in die Vorhalle der Villa der Sergii führte, wo Cicero von einer wunderschönen Frau begrüßt wurde. Dabei handelte es sich um Catilinas Frau Aurelia Orestilla, deren Tochter Catilina zuerst verführt haben soll, bevor er sich dann an ihre Mutter herangemacht hatte, um deretwegen er danach, so das Gerücht, seinen Sohn aus erster Ehe ermordet hatte (der Junge hatte gedroht, eher würde er Aurelia töten, als eine derart berüchtigte Kurtisane als seine neue Mutter zu akzeptieren). Cicero wusste das alles und schnitt Aurelias überschwängliche Begrüßung schroff ab. »Ich bin gekommen«, sagte er, »um mit deinem Mann zu sprechen, nicht mit dir.« Sie biss sich auf die Lippen und verstummte. Das Haus war eines der ältesten von ganz Rom. Die Bodendielen knarrten unter unseren Schritten, während wir dem Sklaven ins Innere des Hauses folgten, das nach verstaubten alten Vorhängen und Weihrauch roch. Ich erinnere mich noch an den merkwürdigen Umstand, dass das Haus anscheinend erst kürzlich fast vollständig ausgeräumt worden war. An den Wänden zeichneten sich da, wo einmal Bilder gehangen hatten, rechteckige Umrisse ab, und auf dem Boden markierten Staubringe die Stellen, an denen vorher Statuen gestanden hatten. Im Atrium hingen nur noch die schäbigen, vom Rauch der Öllampen gelb eingefärbten Wachsmasken von Catilinas Ahnen an den Wänden. Hier erwartete uns Catilina. Er war überraschend groß, mindestens einen Kopf größer als Cicero. Die zweite Überraschung war, dass hinter ihm Clodius stand. Für Cicero muss das ein gewaltiger Schock gewesen sein, was er sich als disziplinierter Anwalt allerdings nicht anmerken ließ. Er schüttelte geistesgegenwärtig erst Catilina, dann Clodius die Hand. Nachdem er höflich den Wein, den man ihm anbot, abgelehnt hatte, kamen die drei Männer ohne Umschweife zur Sache.

Rückblickend fällt mir auf, wie ähnlich sich Catilina und Clodius waren. Es war das einzige Mal, dass ich sie zusammen in einem Raum gesehen habe, und mit ihrer schleppenden Sprechweise und der Art, wie sie so lässig nebeneinanderstanden, als gehörte ihnen ganz selbstverständlich die Welt, sahen sie aus wie Vater und Sohn. Das nennt man wohl »Zucht«. Ehen innerhalb der edelsten Familien Roms über vierhundert Jahre hinweg waren nötig gewesen, um diese beiden Schurken hervorzubringen, die so reinrassig waren wie Vollblutaraber und genauso schnell, eigensinnig und gefährlich.

»Unserer Meinung nach sollte die Sache so ablaufen«, sagte Catilina. »Unser junger Clodius hier hält eine brillante Rede für die Anklagevertretung, und jeder wird sagen, das ist der neue Cicero, jetzt ist Catilina fällig. Aber dann kommst du, Cicero, und konterst mit einer noch brillanteren Rede für die Verteidigung, sodass es anschließend keinen Menschen mehr überrascht, wenn ich freigesprochen werde. Das Ende der Geschichte ist, dass wir den Leuten ein gutes Spektakel geliefert haben und jeder von uns danach besser dasteht als vorher. Ich werde vor dem Volk Roms für unschuldig erklärt, Clodius bekommt seinen Lorbeer als der tapfere kommende Mann, und du hast einen weiteren fulminanten Sieg vor Gericht errungen, für einen Mandanten, der noch eine Spur nobler ist als deine übliche Klientel.«

»Und wenn die Geschworenen anders entscheiden?«

»Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen.« Catilina klopfte auf seine Tasche. »Um die Geschworenen habe ich mich gekümmert.«

»Das Recht ist ja so teuer heutzutage«, sagte Clodius lächelnd. »Der arme Catilina musste sogar seine Familienerbstücke versilbern, damit ihm Gerechtigkeit widerfährt. Das ist wirklich ein Skandal. Was macht da bloß das gemeine Volk?«

»Ich muss die Prozessakten einsehen«, sagte Cicero. »Wann beginnt die Anhörung?«

»In drei Tagen«, sagte Catilina und machte dem Sklaven, der an der Tür stand, ein Zeichen. »Reicht das, damit du dich ausreichend vorbereiten kannst?«

»Wenn man die Geschworenen schon überzeugt hat, dann reichen mir für meine Rede zwei kurze Sätze: >Das hier ist Catilina! Schickt ihn nach Hause.<«

»O nein, so kommst du mir nicht davon. Ich will die komplette ciceronische Aufführung!«, sagte Catilina. »Ich will von dir: >Dieser nnnoble Mmman ... das Bbblut von Jahrhunderten ... seht die Tränen seiner Fffrau und seiner Fffreunde ... <« Er wedelte mit seinem Arm überschwänglich in der Luft herum und machte auf primitive Weise Ciceros kaum noch hörbares Stottern nach. Clodius lachte. Beide waren schon leicht angetrunken. »Ich will Sprüche wie >Bbbarbaren aus Afrika bbbesudeln die Ehre dieses altehrwürdigen Gggerichts .. .< Ich will, dass du vor unseren Augen Karthago und Troja heraufbeschwörst, dass du Dido und Aeneas ...«

»Ja, ja, schon gut«, schnitt ihm Cicero kühl das Wort ab. »Du wirst professionelle Arbeit bekommen.« Der Sklave war inzwischen mit den Gerichtsunterlagen zurückgekehrt. Ich stopfte sie hastig in meine Dokumententasche, da ich spürte, dass die alkoholisierte Stimmung umzukippen drohte, und es mir angeraten schien, Cicero so schnell wie möglich von hier wegzuschaffen. »Wir müssen uns noch einmal treffen, um die Beweislage durchzusprechen«, fuhr Cicero in unverändert kühlem Tonfall fort. »Am besten gleich morgen, wenn dir das recht ist.«

»Absolut, ich habe nichts Besseres vor«, sagte Catilina. »Ich hatte eigentlich vor, wie dir natürlich bekannt sein dürfte, diesen Sommer zur Konsulatswahl anzutreten, bis dieser junge Übeltäter hier mir einen Strich durch die Rechnung gemacht hat.«

Für einen Mann seiner Größe war Catilina unerhört behände. Er machte plötzlich einen Satz nach vorn, schlang seinen muskulösen rechten Arm um Clodius' Hals und drückte den Kopf des Jüngeren so weit nach unten, dass dieser wehrlos in seinem Klammergriff hing. Der arme Clodius -der, nebenbei bemerkt, auch kein Schwächling warstöhnte dumpf auf und krallte halbherzig seine Finger in Catilinas Arm. Catilina verfügte über erschreckende Kräfte. Heute frage ich mich, ob er nicht im nächsten Augenblick mit einer ruckartigen Aufwärtsbewegung seines Unterarms Clodius' Genick gebrochen hätte, wenn Cicero nicht mit ruhiger Stimme gesagt hätte: »Als dein Verteidiger, Catilina, erlaube ich mir den Hinweis, dass es ein schwerwiegender Fehler wäre, deinen Ankläger zu ermorden.«

Catilina wirbelte herum und starrte Cicero mit finsterem Blick an - als hätte er für einen Augenblick vergessen, wen er vor sich hatte. Dann fing er an zu lachen. Er fuhr durch Clodius' blondes Lockenhaar und gab ihn frei. Clodius stolperte hustend zurück und massierte seine Schläfen und seine Kehle. Er warf Catilina einen Blick zu, in dem die pure Mordlust stand, doch auch er fasste sich sofort wieder, fing an zu lachen und richtete sich auf. Sie umarmten sich, Catilina rief nach mehr Wein, und wir überließen sie ihrem Gelage. »Ein reizendes Pärchen«, sagte Cicero, als wir am Tempel der Luna vorbeigingen. »Mit ein bisschen Glück haben sie sich bis morgen früh gegenseitig umgebracht.«

Als wir Ciceros Haus erreichten, lag Terentia in den Wehen. Es gab keinen Zweifel. Ihre Schreie waren bis auf die Straße zu hören. Cicero stand im Atrium und war weiß vor Panik und Entsetzen. Bei Tullias Geburt war er nicht in Rom gewesen, und seine philosophischen Bücher hatten ihn nicht auf das vorbereitet, was sich da abspielte. »Allmächtiger Himmel, das hört sich an, als würde sie gefoltert. Terentia!« Er lief zur Treppe, wurde aber von einer der Hebammen aufgehalten.

Eine quälend lange Zeit warteten wir im Speisezimmer. Cicero bat mich, bei ihm zu bleiben, war aber zunächst zu nervös, um zu arbeiten. Er legte sich auf die Liege, auf der Terentia gelegen hatte, als wir zu Catilina gegangen waren, sprang aber immer wieder auf und lief unruhig hin und her, sobald er Terentias Schreie hörte. Die Luft war heiß und drückend, die schwarzen Rauchfäden der ruhig brennenden Kerzenflammen sahen aus wie Senkbleischnüre, die starr von der Decke hingen. Ich machte mich daran, die Gerichtsunterlagen, die mir der Sklave in Catilinas Haus gegeben hatte, auf dem Boden auszubreiten und nach bestimmten Kategorien zu ordnen - Anklagepunkte, Zusammenfassungen von Urkundenbeweisen, eidliche Aussagen. Um sich abzulenken, fing Cicero schließlich an zu lesen. Auf dem Bauch liegend hob er eine Papyrusrolle nach der anderen auf, hielt sie neben die Lampe, die ich ihm hingestellt hatte, und vertiefte sich in die Unterlagen. Immer wieder stöhnte er kurz auf, aber ich wusste nicht, ob das an dem nicht nachlassenden Schreien oder an den grauenhaften Anschuldigungen gegen Catilina lag. Die enthielten tatsächlich die entsetzlichsten Schilderungen von Brutalität und Vergewaltigung aus fast jeder Stadt in Afrika, von Urica bis Thaenae, von Thapsus bis Thelepte. Nach ein oder zwei Stunden warf er die Rollen angeekelt beiseite und bat mich, Papier zu holen, er wolle ein paar Briefe diktieren. Der erste war für Atticus. Er legte sich auf den Rücken, schloss die Augen und konzentrierte sich. Ich habe die Abschrift des Briefes hier vor mir liegen.

Es ist lange her, dass ich eine Zeile von dir in Händen hielt. Über meinen Wahlkampf habe ich dir schon ausführlich berichtet. Im Augenblick bereite ich die Verteidigung meines Mitkandidaten Catilina vor. Wir haben geneigte Geschworene, und die Anklagevertretung wird in jeder Hinsicht kooperieren. Im Fall eines Freispruchs sollte Catilina einer Zusammenarbeit mit mir im Wahlkampf wohlwollender gegenüberstehen. Das ist zumindest meine Hoffnung. Sollte es anders ausgehen, werde ich es philosophisch nehmen.

»Ha! Was bleibt mir auch übrig?« Er schloss die Augen.

Ich brauche dich hier, und zwar bald. Jeder scheint der festen Meinung zu sein, dass deine adeligen Freunde sich große Mühe geben werden, um meine Wahl zu verhindern ...«

An dieser Stelle bricht der Brief ab, denn von oben war anstatt eines weiteren Schreis nun ein ganz anderes Geräusch zu hören - nämlich das krähende Kreischen eines Neugeborenen. Cicero sprang auf und stürmte die Treppe hinauf. Als er kurze Zeit später wieder zurückkam, nahm er mir schweigend Brief und Stift aus den Händen und schrieb eigenhändig oben auf die Seite:

Ich habe die Ehre, dir mitteilen zu können, dass ich Vater eines Sohnes geworden bin. Terentia ist wohlauf.

*

Wie die Anwesenheit eines gesunden Neugeborenen ein Haus doch verwandelt. Ich glaube, das liegt daran, obwohl das nur selten zugegeben wird, dass es einen doppelten Segen darstellt. Die unausgesprochenen, alle Geburten begleitenden Ängste - die vor Schmerzen, Tod und Missbildungen -sind gebannt, und an ihre Stelle tritt das Wunder eines neuen Lebens. Erleichterung und Freude sind ineinander verflochten.

Natürlich war es mir nicht gestattet, Terentias Zimmer zu betreten, aber ein paar Stunden nach der Geburt brachte Cicero seinen Sohn nach unten und präsentierte ihn stolz den Mitgliedern des Haushalts und seinen Klienten. Viel zu sehen gab es nicht, um ehrlich zu sein, ein kleines rötlich wundes Gesicht und einen schwarzen Tupfer aus feinen Härchen. Er war eingewickelt in dieselben Wolltücher, die schon vor über vierzig Jahren bei Cicero ihren Dienst getan hatten. Aus seiner Zeit als Kleinkind hatte der Senator auch noch eine Silberrassel aufgehoben, die er jetzt über dem winzigen Gesicht hin und her wedelte. Vorsichtig trug er seinen Sohn ins Atrium und zeigte ihm die Stelle an der Wand, wo eines Tages, falls seine Träume sich bewahrheiteten, sein eigenes Bildnis als Konsul hängen würde. »Und dann«, flüsterte Cicero, »bist du Marcus Tullius Cicero, Sohn des Konsuls Marcus Tullius Cicero. Na, hört sich nicht schlecht an, was? Mit spöttischen Bemerkungen von wegen homo novus brauchst du dich nicht mehr herumzuärgern. Hier, Tiro, fühl mal, wie das ist, wenn man den Begründer einer neuen Politdynastie im Arm hält.« Er reichte mir das Bündel, und ich hielt es so linkisch in meinen Händen, wie es Kinderlose eben tun, wenn man ihnen ein Neugeborenes in den Arm drückt. Ich war erleichtert, als mir das Kindermädchen den Junior wieder abnahm.

Cicero betrachtete inzwischen wieder versonnen den leeren Fleck an der Atriumwand und schwelgte in einem seiner Tagträume. Ich frage mich, was er da wohl gesehen haben mochte: seine Totenmaske, die ihn wie ein Spiegelbild anstarrte? Als ich mich nach Terentias Befinden erkundigte, sagte er zerstreut: »Was, ja, ja, alles in Ordnung. Du weißt ja, sie ist eine starke Frau. Zumindest ist sie schon wieder so weit bei Kräften, um mich wegen meines Bündnisses mit Catilina zu nerven.« Widerwillig wandte er den Blick von der leeren Wand. »Also dann, Tiro«, sagte er seufzend. »Unser Schurke wartet, den Termin halten wir besser ein.«

Als wir an jenem Morgen bei Catilina eintrafen, war der ehemalige Statthalter von Afrika die Liebenswürdigkeit in Person. Später machte Cicero eine Aufstellung von Catilinas »widersprüchlichen Eigenschaften«, aus der ich hier zitieren möchte, da sie dessen Wesen gut beschreibt: ... viele Menschen mit seiner Freundschaft für sich einzunehmen und sie durch Treue an sich zu binden;. seinen Besitz mit allen zu teilen und in Notzeiten all seinen Freunden zu Diensten zu sein, mit Geld, Einfluss, harter Arbeit und - falls nötig - rücksichtslosen Verbrechen; ... die ihm eigenen Launen je nach Situation unter Kontrolle zu halten, sie mal in diese Richtung zu lenken, mal in jene; ... sich seriös zugeben bei den Strengen, nachsichtig bei den Freisinnigen, würdevoll bei den Alten, jovial bei den Jungen, dreist bei den Kriminellen, zügellos bei den Lasterhaften ... Und das war der Catilina, der uns an jenem Morgen empfing: Die Geburt von Ciceros Sohn hatte man ihm offenbar schon zugetragen, denn er schüttelte seinem Advokaten herzlich die Hand, zog eine wunderschöne Kassette aus Kalbleder hervor und bestand darauf, dass Cicero sie sofort öffnete. Zum Vorschein kam ein Amulett für ein Neugeborenes aus Silber, das Catilina aus Utica mitgebracht hatte. »Nur ein kleines Schmuckstück der Eingeborenen dort, es soll Krankheit und böse Geister abwehren«, sagte er. »Mit meinen besten Wünschen für deinen Jungen.«

»Das ist sehr großzügig von dir, Catilina«, sagte Cicero. Das Amulett zierte eine ziemlich erlesene Gravur und war sicher kein gewöhnliches billiges Schmuckstück. Als Cicero es gegen das Licht hielt, sah ich, dass darauf alle Arten sich gegenseitig jagender, exotischer wilder Tiere zu sehen waren, die von zahlreichen sich windenden Schlangen miteinander verbunden waren. Einen Augenblick lang drehte er es noch zwischen den Fingern und wog es auf der Handfläche, legte es dann jedoch zurück in die Kassette und gab es Catilina zurück. »Ich fürchte, das kann ich nicht annehmen.«

»Warum?«, fragte Catilina und lächelte verblüfft. »Weil du mein Anwalt bist, und Anwälte keine Bezahlung annehmen dürfen? Das nenne ich Integrität! Es ist doch bloß eine Kleinigkeit für ein Neugeborenes.«

»Nun«, erwiderte Cicero und atmete langsam ein. »Eigentlich bin ich nur gekommen, um dir mitzuteilen, dass ich den Fall nicht übernehmen werde.«

Ich war gerade damit beschäftigt gewesen, sämtliche Unterlagen auf dem kleinen Tisch, der zwischen den beiden Männern stand, auszubreiten, und hatte sie aus den Augenwinkeln im Blick behalten. Jetzt senkte ich schnell den Kopf und tat geschäftig. Nach einer Ewigkeit, wie mir schien, in der keiner von beiden etwas sagte, hörte ich Catilinas Stimme, die leise fragte: »Und warum nicht?«

»Ich will ganz ehrlich sein: Weil du einfach zu offensichtlich schuldig bist.«

Wieder herrschte Stille. Dann Catilinas Stimme, die immer noch sehr gelassen klang. »Auch Fonteius war der Erpressung der Gallier schuldig, und trotzdem hast du ihn verteidigt.«

»Ja. Aber es gibt verschiedene Stufen von Schuld. Fonteius war korrupt, aber harmlos. Du bist korrupt und noch etwas vollkommen anderes.«

»Das zu entscheiden, ist Sache des Gerichts.«

»Normalerweise würde ich dir zustimmen. Aber du hast das Urteil schon im Voraus gekauft, und bei dieser Posse möchte ich nicht mitspielen. Du hast es mir unmöglich gemacht, mich selbst davon zu überzeugen, dass mein Handeln ehrenhaft wäre. Und wenn ich mich selbst nicht überzeugen kann, dann kann ich auch niemand anderen überzeugen -nicht meine Frau, nicht meinen Bruder und - was mir vielleicht noch wichtiger ist - auch nicht meinen Sohn, wenn er mal alt genug sein wird, um das alles zu verstehen.«

In diesem Augenblick riskierte ich einen Blick auf Catilina. Er stand vollkommen regungslos da, die Arme hingen locker an ihm herunter. Er erinnerte mich an ein Tier, das plötzlich einem Rivalen begegnet, an die lauernde, kampfbereite Ruhe des Raubtiers kurz vor dem Sprung. Als er antwortete, kam mir die Beiläufigkeit seines Tonfalls etwas zu angestrengt vor. »Dir ist klar, dass diese Entscheidung für mich keine, für dich aber sehr wohl Folgen haben wird? Es spielt keine Rolle, wer mich vertritt. Für mich ändert sich gar nichts. Man wird mich freisprechen. Aber du wirst statt meiner Freundschaft meine Feindschaft haben.«

Cicero zuckte mit den Achseln. »Ich dränge mich nach keines Mannes Feindschaft. Sollte sie sich aber nicht vermeiden lassen, so werde ich sie ertragen.«

»Du hast noch nie eine Feindschaft wie die meine ertragen müssen, da kannst du sicher sein. Frag die Afrikaner.« Er grinste. »Frag Gratidianus.«

»Du hast ihm die Zunge herausgeschnitten, Catilina. Die Konversation dürfte sich schwierig gestalten.«

Catilina beugte sich leicht vor, und der Gedanke schoss mir durch den Kopf, er könnte Cicero antun, was er bei Clodius am Abend zuvor nur angedeutet hatte. Aber das wäre Wahnsinn gewesen, und Catilina war nie vollständig von Sinnen: wenn ja, wäre alles viel einfacher gewesen. Stattdessen beherrschte er sich und sagte: »Nun, dann muss ich dich wohl gehen lassen.«

Cicero nickte. »Das musst du wohl. Lass die Unterlagen hier, Tiro. Wir brauchen sie nicht mehr.«

Ich kann mich an kein weiteres Wort zwischen den beiden erinnern. Ich glaube, es fiel auch keins mehr. Catilina und Cicero wandten sich einfach den Rücken zu, die traditionelle Geste zur Besiegelung gegenseitiger Feindschaft, dann verließen wir die alte, leere, knarzende Villa und traten hinaus in die Hitze des römischen Sommers.

KAPITEL XV

Es folgte ein höchst schwieriger und unruhiger Abschnitt in Ciceros Leben, in dem er sicher oft bereut hat, sich Catilina zu einem derart erbitterten Feind gemacht und sich nicht einfach mit irgendeiner Ausrede aus seiner Verpflichtung herausgewunden zu haben. Es kamen nämlich, wie er oft genug sagte, nur drei Ergebnisse für die anstehende Konsulatswahl infrage, und die waren alle drei nicht angenehm. Entweder er würde Konsul und Catilina nicht, dann wäre völlig offen, was sein geschlagener Rivale in seinem Groll unternehmen und wie weit er gehen würde. Oder Catilina würde Konsul und er nicht, dann würde er mit der ganzen Macht seines Amtes gegen ihn vorgehen. Oder - und das versetzte ihn meiner Meinung nach am meisten in Panik - er und Catilina würden gemeinsam Konsul, dann würde sein Traum vom höchsten Imperium zu einer einjährigen Dauerschlacht degenerieren, und die Staatsgeschäfte würden durch ihre erbitterte Feindschaft paralysiert.

Der erste Schock traf Cicero ein paar Tage später bei der Eröffnung des Prozesses gegen Catilina. Der leitende Anwalt der Verteidigung war nämlich kein anderer als einer der Konsuln, Lucius Manlius Torquatus, das Oberhaupt eines der ältesten und angesehensten Patriziergeschlechter Roms. Catilina wurde von der gesamten alten Aristokratengarde ins Gericht begleitet - darunter natürlich Catulus, aber auch Hortensius, Lepidus und Curio der Ältere. Trost fand Cicero nur darin, dass sich Catilinas Schuld ohne jeden Zweifel offenbarte und dass Clodius, der auf seinen eigenen Ruf achten musste, anständige Arbeit leistete und alles aus den Beweismitteln herausholte. Torquatus war zwar ein weltgewandter und präziser Anwalt, aber er konnte auch nichts anderes tun als den - um eine damals gebräuchliche, ziemlich rüde Wendung zu benutzen -Scheißhaufen mit Parfüm zu beträufeln. Die Geschworenen waren zwar bestochen worden, aber die Zeugnisse von Catilinas Verhalten in Afrika waren derart schockierend, dass die Richter ihn fast schuldig gesprochen hätten. Allerdings wurde er nur per infamiam freigesprochen - das heißt, er wurde vom Gericht unehrenhaft entlassen. Aus Angst vor der Rache Catilinas und seiner Anhänger verließ Clodius kurze Zeit später die Stadt und trat in die Dienste von Lucius Murena ein, dem neuen Statthalter der Provinz Narbonensis in Gallia Transalpina. »Hätte ich Catilina doch selbst verteidigt«, stöhnte Cicero. »Dann säße er jetzt mit Verres am Strand von Massilia.«Wenigstens hatte er die Schande vermieden, Catilina als Verteidiger dienstbar gewesen zu sein - was er übrigens zum großen Teil Terentia zugutehielt. Seitdem legte er deutlich mehr Wert auf ihren Rat.

Ciceros Wahlkampfstrategie sah vor, dass er Rom nun für vier Monate den Rücken kehrte und im Norden, bis hinauf zur Grenze Italiens mit Gallia Cisalpina, auf Stimmenfang ging. Soweit mir bekannt, hatte das noch kein Kandidat vor ihm getan, und obwohl Cicero die Stadt nur äußerst ungern für so lange Zeit verließ, war er davon überzeugt, dass es die Mühe wert war. Bei seiner Kandidatur für das Ädilat hatte es etwa vierhunderttausend registrierte Wähler gegeben. Inzwischen jedoch waren die Listen von den Zensoren aktualisiert und die Gebiete mit Wahlrecht bis zum Po ausgedehnt worden, sodass es nun fast eine Million Stimmberechtigte gab. Nur sehr wenige von diesen Bürgern würden jemals die weite Reise in Erwägung ziehen, um in Rom persönlich ihre Stimme ab zu geben. Wenn er es aber schaffte, so Ciceros Kalkulation, nur einen von zehn, mit denen er auf seiner Wahlkampfreise sprach, zu der Mühe überreden zu können, dann könnte ihm das auf dem Marsfeld den entscheidenden Vorteil bringen.

Er setzte die Abreise auf den Tag nach den Römischen Spielen fest, die in jenem Jahr wie üblich am fünften September begannen. Und da traf Cicero der zweite . nun ja, ich würde es nicht gerade Schock nennen, aber es war doch entschieden beunruhigender als eine simple Überraschung. Die Römischen Spiele wurden wie immer von den kurulischen Ädilen veranstaltet, von denen einer Caesar war. Wie bei Antonius Hybrida setzte man auch in ihn keinerlei Erwartungen, weil jeder wusste, dass er sich immer in finanziellen Engpässen befand. Aber Caesar riss das Spektakel gleich ganz an sich und verkündete auf seine arrogante Art, dass diese Spiele nicht nur zu Ehren Jupiters, sondern auch zu Ehren seines toten Vaters stattfänden. Schon Tage vorher errichteten seine Arbeiter auf dem Forum Kolonnaden, wo die Menschen flanieren und staunen konnten, welche wilden Tiere er importiert und welche Gladiatoren er eingekauft hatte - nicht weniger als dreihundertzwanzig Kampfpaare in Silberrüstungen: so viele wie nie zuvor bei öffentlichen Spielen. Er veranstaltete Bankette, hielt Umzüge ab, führte Theaterstücke auf, und am Morgen der eigentlichen Spiele erwachten die Bürger Roms und stellten fest, dass er auf dem Gelände des Kapitols über Nacht eine Statue von Marius, dem Helden der Populären, hatte aufstellen lassen - der großen Hassfigur der Aristokraten.

Catulus ließ daraufhin umgehend den Senat einberufen und stellte den Antrag auf sofortige Entfernung der Statue. Caesar war jedoch dermaßen populär in Rom, dass es der Senat nach seiner ätzenden Gegenrede nicht wagte, die Angelegenheit weiter zu verfolgen. Jedem war klar, dass es nur einen Mann gab, der Caesar das Geld für eine derartig verschwenderische Inszenierung hatte leihen können: Crassus. Ich weiß noch, dass Cicero nach den Römischen Spielen in genauso niedergeschlagener Stimmung nach Hause kam wie nach Hybridas Spielen des Apollo. Das lag nicht an Caesar, denn es war unwahrscheinlich, dass der sechs Jahre Jüngere jemals in einer Wahl gegen ihn antreten würde, sondern daran, dass Crassus eindeutig etwas im Schilde führte und Cicero keine Ahnung hatte, was das war. In jener Nacht schilderte mir Cicero eine Nummer des Unterhaltungsprogramms. »Ein bedauernswerter Bursche, irgendein Krimineller, wurde nackt in die Mitte der Arena geführt. Seine einzige Waffe war ein Holzschwert. Dann haben sie einen Panther und einen Löwen auf ihn losgelassen, die sicher seit Wochen kein Stück Fleisch mehr gesehen hatten. Der Bursche hat den Leuten wirklich eine anständige Vorstellung geboten. Er hat sich den einzigen Vorteil zunutze gemacht, den er hatte -seinen Verstand. Er ist hierhin gesaust, dahin gesaust, und eine Zeit lang hat es ganz so ausgesehen, als könnte er es schaffen, dass die beiden Raubtiere nicht ihm, sondern sich gegenseitig an die Gurgel gingen. Die Menge hat ihn angefeuert. Aber dann ist er ein einziges Mal gestolpert, und die beiden Bestien haben ihn in Stücke gerissen. Ich habe nach links geschaut, zu Hortensius und den anderen Aristokraten, alle haben gelacht und applaudiert, und dann nach rechts, wo nebeneinander Crassus und Caesar gesessen haben. Und ich habe mir gedacht: Tja, Cicero, der Mann da unten, das bist du.«

Seine persönlichen Beziehungen zu Caesar waren immer freundlich, nicht zuletzt deshalb, weil Caesar seine Witze mochte. Aber er hatte ihm nie vertraut, und jetzt, da er ihn verdächtigte, mit Crassus zu paktieren, begann er etwas mehr Abstand zu halten. Es gibt noch eine Geschichte über Caesar, die ich erwähnen sollte. Etwa um die gleiche Zeit wurde Palicanus bei Cicero mit dem Anliegen vorstellig, ihn bei seiner eigenen Bewerbung für das Konsulat zu unterstützen. Ach ja, der arme Palicanus! Er war ein warnendes Beispiel dafür, wie einem die Politik mitspielen kann, wenn man zu sehr von der Gunst eines bedeutenden Mannes abhängt. Er war erst Pompeius' treuer Volkstribun und dann sein treuer Prätor gewesen, hatte aber -nachdem Pompeius das Sonderkommando erhalten hatte - nie seinen Anteil an der Beute bekommen. Aus einem einfachen Grund: Es gab nichts mehr, was Palicanus dafür noch hätte anbieten können; er war einfach leer, ausgepresst. Ich stelle mir vor, dass er Tag für Tag in seinem Haus saß und seine monströse Pompeius-Büste anschaute oder allein vor seinem Wandgemälde von Pompeius als Jupiter zu Abend aß - im Ernst, seine Chancen auf das Konsulat waren ungefähr so groß wie meine. Aber Cicero wollte ihm die Abfuhr so freundlich wie möglich beibringen. Er sagte, er könne kein Wahlbündnis mit ihm eingehen, aber er würde versuchen, ihm in der Zukunft anderweitig behilflich zu sein (was er natürlich nie tat). Am Ende des Gesprächs, Palicanus hatte sich bereits erhoben, wollte Cicero noch eine freundliche Bemerkung machen und bat ihn, doch seine Tochter (die schlampige Lollia, die Frau von Gabinius) von ihm zu grüßen.

»Lass mich bloß mit dieser Hure in Ruhe!«, sagte er. »Du musst doch davon gehört haben? Die ganze Stadt redet schon darüber. Sie lässt sich jeden Tag von Caesar vögeln.«

Cicero versicherte ihm, dass er das nicht gewusst habe.

»Caesar«, sagte Palicanus bitter. »Dieser falsche Bastard. Ich bitte dich, genau dann mit der Frau eines Kameraden ins Bett zu gehen, wenn der tausend Meilen weit weg für sein Vaterland kämpft.«

»Eine Schande«, pflichtete Cicero ihm bei. »Nicht dass ich in solchen Dingen Experte wäre«, sagte er zu mir, nachdem Palicanus gegangen war. »Aber wenn man schon so was macht, dann ist das doch genau der richtige Zeitpunkt.« Er schüttelte den Kopf. »Allerdings ... da kommt man schon auf Gedanken. Wenn dir ein Mann deine Frau ausspannt, was würde er dir noch alles abknöpfen?«

Wieder einmal hätte ich ihm fast erzählt, was ich in Pompeius' Haus gesehen hatte. Und wieder besann ich mich eines vermeintlich Besseren.

An einem klaren Herbstmorgen verabschiedete sich Cicero unter Tränen von Terentia, Tullia und dem kleinen Marcus, und wir verließen die Stadt, um auf große Wahlkampfreise in den Norden zu gehen. Wie üblich blieb Quintus zurück und nahm sich der politischen Interessen seines Bruders an, während Frugi mit dem juristischen Tagesgeschäft betraut wurde. Der junge Caelius Rufus nahm die Abreise zum Anlass, Cicero endlich zu verlassen, um seine Ausbildung im Haushalt von Crassus zu vervollständigen.

Wir reisten in einer Kolonne aus drei vierrädrigen Kutschen, die von jeweils zwei Maultieren gezogen wurden - in einer schlief Cicero, eine andere war zum Arbeitszimmer umgebaut worden, und die dritte war bis unters Dach vollgestopft mit Gepäck und Unterlagen. Danach kamen kleinere Wagen, in denen das Gefolge des Senators untergebracht war: Sekretäre, Diener, Maultiertreiber, Köche und Wer-weiß-ich-noch-alles, darunter mehrere stämmige Männer, die als Leibwachen dienten. Niemand wünschte uns Lebewohl, als wir durch die Porta Fontinalis aus der Stadt hinausfuhren. In jenen Tagen waren die Hügel nördlich von Rom noch ganz mit Pinien bedeckt - abgesehen von dem einen, auf dem Lucullus gerade seinen berüchtigten Palast vollendete. Der patrizische General war inzwischen aus dem Osten zurückgekehrt, konnte die Stadt aber nicht betreten, ohne sein militärisches Imperium und damit auch sein Recht auf einen Triumph zu verwirken. Also wartete er hier draußen inmitten all seiner Kriegsbeute darauf, dass seine aristokratischen Kumpane eine Mehrheit im Senat zustande brächten, die dafür stimmte, dass er als Triumphator in Rom einziehen konnte -was aber Pompeius' Anhänger, darunter auch Cicero, nach wie vor verhinderten. Allerdings schaute Cicero kurz von seinen Briefen auf, um im Vorbeifahren einen Blick auf den gewaltigen Palast zu werfen, dessen Dach zwischen den Baumwipfeln hervorlugte. Insgeheim hoffte ich, dass wir vielleicht den großen Mann selbst zu Gesicht bekämen, aber natürlich war das nicht der Fall. (Nebenbei bemerkt: Auch der gerade aus Kreta zurückgekehrte Quintus Metellus, der einzige noch lebende der drei Metellus-Brüder, saß vor den Toren Roms fest und wartete auf die Bewilligung seines Triumphes, den ihm der ewig eifersüchtige Pompeius aber ebenso verweigerte. Lucullus' und Metellus' missliche Lage war für Cicero Quell ständigen Vergnügens: »Generäle im Verkehrsstau«, nannte er sie. »Beide wollen unbedingt durch den Triumphbogen nach Rom ziehen.«) An der Milvischen Brücke hielten wir an, und Cicero setzte schnell noch einen letzten Abschiedsgruß an Terentia auf. Dann überquerten wir den angeschwollenen Tiber und führen auf der Via Flaminia Richtung Norden.

An jenem ersten Tag kamen wir sehr gut voran und erreichten kurz vor Einbruch der Dunkelheit das etwa dreißig Meilen nördlich von Rom gelegene Ocriculum. Wir wurden von einem prominenten Bürger, der Cicero seine Gastfreundschaft angeboten hatte, empfangen, und am nächsten Morgen auf dem Forum eröffnete der Senator seinen Wahlfeldzug. Das Geheimnis eines effizienten Wahlkampfs liegt in der Qualität der Arbeit, die der Mitarbeiterstab des Kandidaten schon im Voraus geleistet hat. Cicero hatte das große Glück, zwei Könner auf diesem Gebiet angeheuert zu haben, Ranunculus und Filum, die ihm vorausreisten und dafür sorgten, dass er in jeder Stadt von einer ansehnlichen Anhängerschar erwartet wurde. Für die beiden Haudegen gab es keinen einzigen weißen Fleck auf der Wahlkreislandkarte Italiens. Sie wussten, wer von den lokalen Rittern es Cicero übel nähme, wenn er ihnen nicht seinen Respekt zollte, und wem man besser aus dem Weg ging; welche die bedeutendsten Wahlbezirke und Zenturien in jeder Region waren und welche höchstwahrscheinlich einmal wichtig werden könnten; welche Themen die Bürger am meisten bewegten und welche Zusagen sie als Gegenleistung für ihre Stimmen erwarteten. Obwohl sie kein anderes Gesprächsthema als Politik kannten, konnte Cicero mit ihnen bis spät in die Nacht hinein Fakten und Geschichten austauschen und war dabei so glücklich, als unterhielte er sich mit einem Philosophen oder sonst einem geistreichen Menschen.

Selbst wenn ich mich noch an alle Einzelheiten der Kampagne erinnerte, ich hätte nicht vor, sie hier aufzuzählen. Bei allen Göttern, ein Haufen Asche wäre alles, was bei näherer Betrachtung von den meisten politischen Karrieren übrig bliebe. Früher hätte ich die Namen aller Konsuln der letzten hundert und die der meisten Prätoren der letzten vierzig Jahre auswendig gewusst. Inzwischen haben sie sich fast alle aus meinem Gedächtnis verabschiedet, ausgelöscht wie die Lichter in der Bucht von Neapel um Mitternacht. Kein Wunder, dass die Städte und Menschenmengen aus Ciceros Wahlkampf zu einem einzigen allgemeinen Eindruck verschmolzen sind, der aus geschüttelten Händen, gehörten Geschichten, ertragenem Stumpfsinn, empfangenen Petitionen, erzählten Witzen, gegebenen Garantien sowie besänftigten und umschmeichelten Lokalgrößen besteht. Der Name Cicero war damals berühmt, sogar außerhalb Roms. Die Leute strömten in Massen herbei, um ihn zu sehen, besonders in den größeren Städten mit eigener Rechtsprechung, wo seine Anklagereden aus dem Fall Verres - selbst diejenigen, die er gar nicht gehalten hatte - in zahllosen Kopien im Umlauf waren. Er war ein Held für die unteren Schichten wie für die angesehenen Ritter, die ihn als einen Streiter gegen die Habgier und den Snobismus der Aristokratie betrachteten. Aus diesem Grund öffneten sich ihm auch nur sehr selten die Türen der großen patrizischen Familien. Wenn wir an deren Anwesen vorbeikamen, wurden wir oft verhöhnt und gelegentlich auch mit diversen Gegenständen beworfen.

Wir eilten weiter Richtung Norden, widmeten entlang der Via Flaminia jeweils einen Tag jeder etwas größeren Stadt - Narnia, Carsulae, Mevania, Fulginia und Tadinum - und erreichten etwa zwei Wochen nach unserer Abreise aus Rom schließlich die Adriatische Küste. Es lag schon einige Jahre zurück, dass ich das Meer zum letzten Mal gesehen hatte, und als hinter dem Staub und Gestrüpp das glitzernde Blau auftauchte, war ich so aufgeregt wie ein kleines Kind. Es war ein wolkenloser und milder Nachmittag, der verirrte Nachzügler eines schon lange verblassten Sommers. Spontan ließ Cicero anhalten, sodass wir alle an den Strand gehen konnten. Merkwürdig, welche Dinge einem unauslöschlich in Erinnerung bleiben. Während ich die politischen Details jener Reise fast alle vergessen habe, so erinnere ich mich immer noch genau an jede Einzelheit dieser einstündigen Rast -an den Geruch des Seegrases und den Geschmack der salzigen Gischt auf meinen Lippen; an die Wärme der Sonne auf meinen Wangen; an das Klackern der Kiesel, wenn die Wellen auf den Strand schlugen, und das Rauschen, wenn sie sich wieder zurückzogen; und an Ciceros Lachen, als er zu demonstrieren versuchte, wie Demosthenes angeblich seine Sprechtechnik verbessert haben soll, indem er nämlich seine Reden mit dem Mund voller Kieselsteine einstudierte.

Ein paar Tage später, in Ariminum, bogen wir auf die Via Aeinilia ein und wandten uns nach Westen, weg vom Meer in die Provinz Gallia Cisalpina. Ab jetzt spürten wir den schneidenden Wind des nahenden Winters. Zu unserer Linken ragten steil die schwarzpurpurnen Berge des Apennin auf, zu unserer Rechten erstreckte sich das Delta des Po grau und flach bis zum Horizont. Ich hatte das seltsame Gefühl, dass wir uns in der Ecke eines großen Raumes befanden und wie Insekten am Fuß einer Wand entlangkrabbelten. Das zu jener Zeit alles beherrschende politische Thema in Gallia Cisalpina war das Wahlrecht. Wer südlich des Po lebte, durfte wählen, wer nördlich davon lebte, nicht. Die von Pompeius und Caesar angeführten Populären waren dafür, das Bürgerrecht über den Fluss bis zu den Alpen auszudehnen; die Aristokraten und ihr Wortführer Catulus witterten eine Verschwörung, die ihre Macht weiter schmälern sollte, und waren dagegen. Cicero befürwortete natürlich eine Ausdehnung des Wahlrechts so weit wie möglich - das war seine zentrale Wahlkampfaussage.

Nie zuvor hatte man in dieser Gegend einen Wahlkämpfer fürs Konsulat gesehen. In jedem kleinen Ort kamen Hunderte von Menschen, um Cicero zu hören. Normalerweise stand er hinten auf einem unserer Wagen und sprach von dort zu den Leuten. Er hielt überall die gleiche Rede, sodass ich schon bald meine Lippen synchron mit seinen bewegen konnte. Er brandmarkte eine Logik als Unsinn, die behauptete, dass ein Mann, der auf einer Seite eines Wasserlaufes wohne, ein Römer sei, sein Vetter auf der anderen Seite aber ein Barbar, obwohl beide Latein sprächen. »Rom, das ist nicht nur eine Sache der Geografie«, rief er aus. »Rom wird nicht bestimmt durch Flüsse, Berge oder gar Meere; Rom ist keine Frage des Blutes, der Rasse oder Religion; Rom, das ist ein Ideal. Seit unsere Vorfahren vor zehntausend Jahren aus diesen Bergen hinunter in die Ebenen zogen und lernten, als Gemeinschaften unter der Herrschaft des Rechts zu leben, ist Rom die vollkommenste Verkörperung von Freiheit und Recht, die die Menschheit je gesehen hat.« Wenn also seine Zuhörer eine Stimme hätten, so schloss er, dann müssten sie sie zum Wohl derer verwenden, die keine hätten, denn das sei ihr Anteil an der Zivilisation, ihr besonderes Geschenk, das so wertvoll sei wie das Geheimnis des Feuers. Jeder Mann solle zumindest einmal in seinem Leben Rom gesehen haben. Und sie sollten gleich im nächsten Sommer, wenn das Reisen bequem sei, nach Rom kommen und auf dem Marsfeld ihre Stimme abgeben, und falls sie jemand fragte, warum sie die weite Reise auf sich genommen hätten, »dann antwortet, weil Marcus Cicero uns geschickt hat!«. Daraufhin sprang er vom Wagen, bahnte sich seinen Weg durch die applaudierende Menge und verteilte dabei aus einem Sack, den einer seiner Helfer trug, mit vollen Händen Kichererbsen, und ich folgte ihm wie ein Schatten, nahm seine Anweisungen entgegen und notierte Namen.

Während des Wahlkampfs lernte ich viel über Cicero. Trotz der vielen Jahre, die wir bereits zusammen verbracht hatten, behaupte ich sogar, dass ich in diesen Kleinstädten südlich des Po -Faventia etwa oder Claterna - sein Wesen erst richtig kennenlernte. In den Momenten, wenn die spätherbstliche Sonne langsam zu verblassen begann und ein kalter Wind von den Bergen herunterwehte, wenn die Lichter in den kleinen Läden entlang der Hauptsraße entzündet wurden und die Augen der einheimischen Bauern ehrfürchtig hinaufblickten zu dem berühmten Senator, der, die drei Finger ausgestreckt, auf seinem Wagen stand und von den Errungenschaften Roms erzählte, da erkannte ich, dass er trotz all seiner Kultiviertheit immer noch einer von ihnen war - ein Mann aus einer kleinen Provinzstadt mit einem idealisierten Traum von der Republik und davon, was es bedeutete, ein Bürger zu sein. Dieser Traum loderte umso heftiger in ihm, weil auch er ein Außenseiter war.

In den nächsten zwei Monaten widmete sich Cicero voll und ganz den Wählern in Gallia Cisalpina, vor allemjenen in der Gegend um die Provinzhauptstadt Placentia, die direkt am Po liegt und in der die Diskussion um das Bürgerrecht ganze Familien entzweite. Sein Wahlkampf wurde entschieden unterstützt vom Statthalter Piso -merkwürdigerweise jener Piso, der Pompeius das Schicksal von Romulus angedroht hatte, sollte er weiter seine Pläne nach dem alleinigen Oberbefehl verfolgen. Aber Piso war Pragmatiker, und außerdem hatte seine Familie wirtschaftliche Interessen jenseits des Po. Deshalb befürwortete er die Ausdehnung des Wahlrechts. Er stattete Cicero und sein Gefolge sogar mit besonderen Befugnissen aus, damit sie sich freier bewegen konnten. Die Saturnalien verbrachten wir in Pisos eingeschneitem Amtssitz. Der Statthalter fand mehr und mehr Gefallen an Ciceros Umgangsformen und Intelligenz, sodass er ihm eines Abends, als er schon ziemlich viel Wein getrunken hatte, auf die Schulter klopfte und verkündete: »Cicero, du bist ja doch ein ganz anständiger Bursche. Ein anständigerer Bursche und ein anständigerer Patriot, als ich geglaubt hätte. Wenn es nach mir ginge, hätte ich nichts gegen einen Konsul Cicero einzuwenden. Jammerschade, dass es nie dazu kommen wird.«

Cicero schaute ihn betroffen an. »Warum bist du dir da so sicher?«

»Weil die Aristokraten das nie zulassen werden, sie kontrollieren die Mehrheit der Wähler.«

»Sicher, ihr Einfluss ist groß«, räumte Cicero ein. »Aber ich habe die Unterstützung von Pompeius.«

Piso brach in brüllendes Gelächter aus. »Na, das wird dir ja viel nutzen! Der spielt am anderen Ende der Welt den großen Herrn. Außerdem: Ist dir noch nie aufgefallen, dass Pompeius außer für sich selbst für niemanden sonst die Hand rührt? Weißt du, auf wen ich an deiner Stelle ein Auge haben würde?«

»Auf Catilina?«

»Ja, auf den auch. Um wen ich mir allerdings wirklich Sorgen machen würde, das ist Antonius Hybrida.«

»Aber der Mann ist ein Schwachkopf.«

»Cicero jetzt enttäuschst du mich aber. Seit wann steht denn Dummheit einer politischen Karriere im Weg? Hör auf meinen Rat: Hybrida ist der Mann, um den sich die Aristokraten scharen werden, dann bleibt für dich und Catilina nichts weiter als der Kampf um den zweiten Platz. Und vergiss Pompeius, er wird dir keine Hilfe sein.«

Cicero lächelte und spielte den Unbekümmerten. Tatsächlich hatten ihn Pisos Worte ins Mark getroffen, und sobald Tauwetter einsetzte, brachen wir auf und reisten auf schnellstem Weg zurück nach Rom.

*

Wir kamen Mitte Januar an, und zunächst schien alles gut zu laufen. Cicero stürzte sich wieder in die Hektik seiner anwaltlichen Tätigkeit in den Gerichtshöfen, und der Wahlkampfstab traf sich wieder wöchentlich unter der Leitung von Quintus, der Cicero versicherte, dass seine Anhängerschaft nach wie vor fest zu ihm stehe. Der junge Caelius gehörte nicht mehr zum Kreis, wurde aber mehr als ersetzt von Ciceros ältestem und engstem Freund Atticus, der nach zwanzig Jahren in Griechenland nach Rom zurückgekehrt war.

Atticus, dessen Bedeutung für Ciceros Leben ich bislang nur gestreift habe, begann nun eine äußerst bedeutsame Rolle für ihn zu spielen. Ohnehin schon ein reicher Mann, hatte er erst kürzlich ein prächtiges Haus auf dem Quirinal plus zwanzig Millionen Sesterzen in bar geerbt, und zwar von seinem Onkel Quintus Caecilius, der einer der verhasstesten und menschenfeindlichsten Geldverleiher Roms gewesen war. Es sagt viel über Atticus, dass er der Einzige war, der mit dem widerwärtigen alten Mann bis zu dessen Tod einen einigermaßen normalen Umgang gepflegt hatte. Obwohl einige hinter diesem Verhalten Opportunismus zu erkennen glaubten, hatte es sich Atticus in Wahrheit aufgrund seiner Lebensphilosophie zum Prinzip gemacht, sich niemals mit einem Menschen zu streiten. Er war ein begeisterter Anhänger der Lehren von Epikur -»Anfang und Ende jeden glücklichen Lebens ist das Vergnügen« -, wobei ich anmerken möchte, dass er nicht zu der Sorte von Epikureern gehörte, die im Allgemeinen als Luxussüchtige missverstanden werden, sondern ein Anhänger der wahren Lehre war, die danach zu trachten sucht, was die Griechen ataraxia oder unerschütterliche Seelenruhe nennen. Er ging Streitigkeiten und unerfreulichen Dingen jeder Art konsequent aus dem Weg (selbstredend war er unverheiratet) und wollte nichts anderes vom Leben, als sich tagsüber mit Philosophie zu beschäftigen und abends zusammen mit seinen kultivierten Freunden zu speisen. Er glaubte, dass die gesamte Menschheit das anstreben sollte, und wunderte sich darüber, dass sie das nicht tat. Cicero erinnerte Atticus gelegentlich an eine Tatsache, die er gern vergaß: dass nämlich nicht jeder ein Vermögen geerbt hatte. Er zog nie auch nur eine Sekunde etwas so Enervierendes oder Gefährliches wie eine politische Karriere in Erwägung. Dennoch hatte er sich die Mühe gemacht, gleichsam als Versicherung gegen die Wechselfälle des Lebens, zu jedem Aristokraten, der jemals nach Athen gekommen war, freundschaftlichen Kontakt zu suchen - was im Lauf von zwei Jahrzehnten eine stattliche Anzahl gewesen war. Von jedem Besucher hatte er den Fanilienstammbaum aufgezeichnet, hatte diesen von seinen Sklaven mit herrlichen Illustrationen versehen lassen und hn dann als Geschenk überreicht. Außerdem konnte Attikus hervorragend mit Geld umgehen. Kurz: Es dürfte wohl nie jemanden gegeben haben, der sich mit so weltlichen Mitteln von allem Weltlichen zu lösen trachtete wie Titus Pomponius Atticus.

Er war drei Jahre älter als Cicero, der großen Respekt vor ihm hatte, nicht nur wegen seines Reichtums, sondern auch wegen seiner gesellschaftlichen Verbindungen. Denn wenn ss einen Mann gibt, dem man quasi automatisch Zugang zu den gut unterrichteten Kreisen gewährt, dann ist es jemand wie der vermögende und geistreiche Junggeselle von Mitte vierzig, der aufrichtiges Interesse an der Ahnentafel seines Gastgebers und seiner Gastgeberin bekundet. Das machte Atticus zur unschätzbaren Quelle politischer Informationen, und es waren seine Auskünfte, die Cicero allmählich vor Augen führten, wie ernst zu nehmend der Widerstand gegen seine Kandidatur war. Als Erstes erfuhr Atticus bei einem Tischgespräch von seiner berühmten Freundin Servilia, der Halbschwester Catos, dass Antonius Hybrida definitiv in den Wahlkampf einsteigen würde. Ein paar Wochen später berichtete er Cicero von einer Bemerkung, in der Hortensius (ebenfalls einer seiner Bekannten) angedeutet habe, dass Hybrida und Catilina planten, gemeinsam anzutreten. Das war ein herber Schlag. Obwohl Cicero so tat, als nähme er es auf die leichte Schulter - »ist doch bestens, ein doppelt so großes Ziel kann man auch doppelt so leicht treffen« -, spürte ich, dass er angeschlagen war. Er selbst hatte keinen Mitkandidaten, und im Augenblick gab es auch niemanden, der ernsthaft dafür infrage gekommen wäre.

Aber die wirklich schlechte Nachricht erreichte uns erst im späten Frühjahr nach der Sitzungspause des Senats. Atticus ließ den beiden Cicero-Brüdern eine Nachricht zukommen, dass er sie dringend sprechen müsse, und so machten wir drei uns nach Schließung der Gerichte sofort auf den Weg. Atticus' Haus, das auf einem Felsvorsprung neben dem Tempel des Salus stand, war die perfekte Junggesellenbehausung - nicht zu groß, aber mit dem herrlichsten Ausblick auf die Stadt, vor allem von der Bibliothek aus, die Atticus zum Herzstück des Hauses gestaltet hatte. Büsten der bedeutendsten Philosophen hingen an den Wänden, und es standen überall kleine gepolsterte Bänke herum, da Atticus es sich zur festen Regel gemacht hatte, nie ein Buch zu verleihen, aber jedem seiner Freunde erlaubte, ihn jederzeit zu besuchen und ein Buch vor Ort zu lesen oder sich sogar eine Abschrift davon zu machen. Als wir die Bibliothek an jenem Nachmittag betraten, lag Atticus in der weiten weißen Tunika eines Griechen unter dem Kopf von Aristoteles auf einer Liege und las, wenn ich mich recht erinnere, in einer Ausgabe von Kyriai doxai, der zentralen Lehre von Epikur.

Er kam sofort zur Sache. »Ich war gestern auf dem Palatin, zum Abendessen im Haus von Metellus Celer und seiner Frau Clodia. Einer von den anderen Gästen war ein ehemaliger Konsul, ein Aristokrat von feinstem Geblüt ...« Er blies auf einer imaginären Trompete. »Und zwar kein Geringerer als Publius Cornelius Lentulus Sura.«

»Himmel noch mal«, sagte Cicero lächelnd. »Mit wem du alles verkehrst.«

»Hast du gewusst, dass Lentulus noch einmal antreten will? Er will sich im Sommer zum Prätor wählen lassen.«

»Ach, tatsächlich?« Cicero schaute finster drein und rieb sich die Stirn. »Er ist ein Busenfreund von Catilina. Dann stecken beide wohl unter einer Decke. Allmählich finden sie alle zusammen, die Halunken.«

»Kann man wohl sagen, das ist eine ganz hübsche politische Bewegung - er, Catilina, Hybrida, und ich hatte den Eindruck, dass da noch andere dabei sind. Aber er hat sonst keine Namen genannt. Irgendwann hat er uns allen einen Papyrus mit der Prophezeiung eines Orakels unter die Nase gehalten, er würde der dritte Cornelier sein, der als Diktator über Rom herrschen würde.«

»Die alte Schnarchnase? Diktator? Du hast ihm hoffentlich ins Gesicht gelacht?«

»Nein, das habe ich nicht«, sagte Atticus. »Ich habe ihn sehr ernst genommen. Das solltest du zur Abwechslung auch mal versuchen, Cicero, anstatt nur immer deine vernichtenden Sticheleien abzuschießen, nach denen kein Mensch mehr den Mund aufmacht. Nein, ich habe ihn ermutigt, doch weiterzuerzählen, und er trank noch einen kleinen Becher von Celers exzellentem Wein, und ich hörte weiter zu. Und er trank und trank, bis er mich schließlich zur Verschwiegenheit verpflichtete und mir sein großes Geheimnis anvertraute.«

»Und das ist?«, fragte Cicero und beugte sich auf seinem Stuhl vor, denn Atticus hatte sie bestimmt deshalb hierher zitiert.

»Sie haben Crassus.«

Stille.

»Crassus' Stimme?«, fragte Cicero. Soweit ich mich erinnern kann, war dies das erste Mal, dass ich Cicero etwas derart Idiotisches habe sagen hören: Ich schreibe es dem Schock zu.

»Nein«, antwortete Atticus gereizt. »Er unterstützt sie. Du weißt, was ich meine. Er finanziert sie. Kauft ihnen einfach die komplette Wahl - sagt Lentulus.«

Vorübergehend schien Cicero seiner Sprache beraubt. Nach einer langen Pause war es Quintus, der als Erster wieder das Wort ergriff: »Das glaube ich nicht. Lentulus muss ganz schön gebechert haben, wenn er dermaßen lächerliche Sprüche von sich gibt. Was sollte Crassus für einen Grund haben, solche Leute an die Macht zu bringen?«

Cicero fand seine Stimme wieder. »Um mich fertigzumachen«, sagte er.

»Blödsinn!«, rief Quintus verärgert. (Warum war er so verärgert? Ich nehme an, weil er befürchtete, die Geschichte könnte stimmen. Dann würde er wie ein Idiot dastehen, vor allem weil er seinem Bruder immer wieder versichert hatte, dieser hätte die Wahl schon so gut wie gewonnen.) »Kompletter Blödsinn!«, rief er noch einmal, allerdings nun etwas weniger selbstsicher. »Wir wissen doch, dass Crassus bereits kräftig in Caesars Zukunft investiert. Zwei Konsulate plus eine Prätur zusätzlich, das kostet. Nicht nur eine Million Sesterzen, sondern vier oder fünf. Er hasst dich, Marcus, das weiß jeder. Aber ob er dich mehr hasst, als er sein Geld liebt? Da habe ich meine Zweifel.«

»Nein«, sagte Cicero mit fester Stimme. »Ich glaube, du liegst falsch, Quintus. Die Geschichte hört sich verdammt wahr an. Es ist meine Schuld, dass ich die Gefahr nicht früher erkannt habe.« Er war jetzt auf den Beinen und ging hin und her, wie immer, wenn er angestrengt über etwas nachdachte. »Angefangen hat alles mit Hybridas Spielen des Apollo - die muss schon Crassus bezahlt haben. Mit den Spielen ist Hybrida von den politischen Toten auferstanden. Und Catilina? Konnte der mit den paar Statuen und Bildern so viel Geld flüssig machen, um eine ganze Geschworenenbank zu bestechen? Bestimmt nicht. Und selbst wenn, wer bezahlt jetzt seinen Wahlkampf? Ich habe sein Haus von innen gesehen, und eins ist sicher: Der Mann ist bankrott.« Cicero fuhr herum, sein geistesabwesender Blick ging nach links, nach rechts, so schnell, wie in seinem Kopf die Gedanken aufblitzten. »Irgendwie habe ich immer gewusst, dass mit der Wahl irgendetwas nicht stimmt. instinktiv. Ich habe gespürt, dass da von Anfang eine unsichtbare Macht gegen mich am Werk ist. Hybrida und Catilina! Keine Wahl hat solche Kreaturen als Kandidaten verdient, geschweige denn als Spitzenkandidaten. Werkzeuge anderer Leute, nichts weiter.«

»Dann kämpfen wir also gegen Crassus?«, fragte Quintus. seine Stimme klang, als hätte er schon aufgegeben.

»Crassus, ja. Oder ist es in Wirklichkeit Caesar, der mit Crassus' Geld agiert? Jedes Mal, wenn ich mich umschaue, bilde ich mir ein, ich sähe gerade noch einen Zipfel von Caesars Umhang hinter einer Ecke verschwinden. Er glaubt, er ist klüger als alle anderen, und vielleicht ist er das ja auch. Aber nicht in diesem Fall. Atticus ...« Er blieb vor seinem Freund stehen und umfasste mit beiden Händen dessen Hände.». mein alter Freund, ich kann dir gar nicht genug danken.«

»Wofür? Ich habe bloß einen faden Schwätzer abgefüllt, und der hat mir dann etwas erzählt. Nicht der Rede wert.«

»Ganz im Gegenteil, um die Geschichten von faden Schwätzern zu ertragen, braucht man Stehvermögen. Und Stehvermögen ist ein elementarer Bestandteil von Politik. Es sind die Schwätzer, von denen man die wichtigen Sachen erfährt.« Cicero drückte Atticus herzlich die Hände und wandte sich dann an seinen Bruder. »Wir brauchen ein paar Beweise, Quintus. Ranunculus und Filum sind dafür genau die Richtigen, die stöbern schon was auf für uns. Es gibt wahrscheinlich nicht viel in diesen Wahlkampfzeiten, über das die beiden nicht Bescheid wissen.«

Quintus war seiner Meinung, und so endete schließlich das Schattenboxen im Vorfeld dieser Konsulatswahl, und der echte Kampf konnte beginnen.

KAPITEL XVI

Um herauszufinden, was da vor sich ging, dachte sich Cicero eine Falle aus. Anstatt sich einfach danach zu erkundigen, welche Pläne Crassus verfolge - was nicht nur zu nichts führen, sondern Ciceros Gegner obendrein darauf aufmerksam machen würde, dass er einen Verdacht hatte -, rief er Ranunculus und Filum zu sich. Er trug ihnen auf, in der Stadt das Angebot zu streuen, dass sie im Auftrag eines anonymen Senators, der seine Chancen bei den anstehenden Konsulatswahlen bedroht sehe jedem Wählerverein pro Stimme fünfzig Sesterzen zahlen würden.

Ranunculus war ein gnomenhaftes, irgendwie unfertig aussehendes Wesen, auf dessen schwächlichem Körper ein Kopf mit einem platten, runden Gesicht saß. Den Spitznamen »Kaulquappe« trug er zu Recht. Filum sah aus wie eine Riesenspindel, wie ein mit Leben erfüllter Holzstock.

Schon die Väter und Großväter der beiden waren Stimmenkäufer gewesen. Sie kannten das Spiel. Sie verschwanden in den Seitenstraßen und Weinschenken und konnten Cicero eine Woche später berichten, dass etwas sehr Seltsames im Gang war. Keiner der bekannten Stimmenkäufer war zur Zusammenarbeit bereit. »Was heißt«, wie es Ranunculus mit seiner piepsigen Stimme ausdrückte, »dass Rom zum ersten Mal seit dreihundert Jahren nur von ehrbaren Männern bevölkert ist oder dass alle Stimmen, die zu kaufen waren, schon aufgekauft worden sind.«

»Es muss doch einen geben, der umfällt«, sagte Cicero. Wir erhöhen den Preis! Macht euch wieder auf die Beine, bietet diesmal hundert.«

Also zogen sie erneut los, kamen aber nach einer weiteren Woche mit dem gleichen Ergebnis wieder zurück. Die anscheinend schon an die Stimmenkäufer ausbezahlte Summe musste so groß gewesen sein, dass sich keiner den geheimnisvollen Klienten zum Feind machen wollte. Es war keine einzige Stimme mehr auf dem Markt, und es lief nicht einmal die Andeutung eines Gerüchts um, wer dieser Klient sein könnte. Nun stellt sich die Frage, wie eine derart umfassende Operation, bei der es um Tausende von Stimmen ging, abgewickelt werden konnte, ohne dass auch nur das Geringste durchsickerte. Die Antwort lautet, dass alles sehr gut organisiert war, dass vielleicht nur ein Dutzend Vermittler - Interpreter, wie sie genannt wurden - eingeschaltet waren, die die Identität des Käufers kannten (ich muss gesehen, dass in der Vergangenheit auch Ranunculus und Fiulum als interpretes tätig gewesen waren). Diese Leute kontaktierten die Funktionäre des Wählervereins und handelten den Preis aus - die und die Summe für, sagen wir, fünfzig oder fünfhundert Stimmen, je nachdem wie groß der Verein war. Weil natürlich keiner in diesem Spiel dem anderen aber den Weg traute, wurde das Geld danach an den Sequester übergeben, eine weitere Mittelsperson, die das Bargeld zur Überprüfung durch die Stimmenkäufer aufbewahrte. Und schließlich gab es für die Auszahlung nach der Wahl eine dritte Spezies Dunkelmänner, die sogenannten divisores, die das Geld verteilten. Deshalb war die erfolgreiche Bekämpfung dieser Art von Korruption äußerst schwierig, denn selbst wenn man einen Mann bei der Übergabe von Bestechungsgeldern festnehmen konnte, war es gut möglich, dass der keine Ahnung hatte, wer der eigentliche Auftraggeber für den Stimmenkauf war. Und dennoch wollte Cicero einfach nicht hinnehmen, dass niemand das Schweigen brach. »Wir haben es hier nicht mit einem altehrwürdigen römischen Ritterorden zu tun«, brüllte er in einem seiner seltenen Wutanfälle. »Das sind Stimmenkäufer. Irgendwo sitzt einer, der sogar einen so gefährlichen Zahlmeister wie Crassus betrügt, wenn das Geld stimmt. Also los, findet den Kerl, und findet raus, wie hoch sein Preis ist - oder muss ich etwa alles selbst machen?«

Um diese Zeit - das muss in der zweiten Junihälfte gewesen sein, etwa einen Monat vor dem Wahltermin - wusste die ganze Stadt, dass etwas Seltsames vor sich ging. Es bahnte sich eine der denkwürdigsten und am härtesten umkämpften Wahlen der jüngeren Geschichte an, mit nicht weniger als sieben Kandidaten für das Konsulat, was hieß, dass sich in jenem Jahr viele Männer gute Chancen ausrechneten. Die Spitzenkandidaten, so die allgemeine Erwartung, würden Catilina, Hybrida und Cicero sein. Dahinter sah man den arroganten und schroffen Galba und den tiefreligiösen Cornificius. Für chancenlos hielt man den korpulenten Exprätor Cassius Longinius sowie Gaius Licinius Sacerdos, der noch vor Verres Statthalter von Sizilien gewesen und mindestens zehn Jahre älter als seine Rivalen war. (Sacerdos war einer jener irritierenden Kandidaten, die »keine persönlichen Ziele verfolgten«, wie sie gern sagten, sondern denen es ausschließlich um »Sachfragen« ging. Über solche Leute pflegte Cicero zu sagen: »Vor Männern, die behaupten, dass sie ein Amt nicht für sich selbst anstreben, muss man sich immer in Acht nehmen. Das sind die eitelsten von allen.«) Einige der Kandidaten, denen die ungewöhnliche Umtriebigkeit der Stimmenkäufer nicht verborgen geblieben war, konnten den Konsul Marcius Figulus dazu bewegen, im Senat einen scharfen Gesetzesentwurf gegen illegale Wahlkampfpraktiken einzubringen, der unter dem Namen lex Figula bekannt wurde. Es war einem Kandidaten schon vorher verboten gewesen, Bestechungsgeld anzubieten; das neue Gesetz stellte auch unter Strafe, wenn ein Wähler Bestechungsgeld annahm.

Am Tag der Senatsaussprache über den Gesetzesantrag bat der Konsul zuerst reihum die Kandidaten um ihre Meinung. Sacerdos, dem als ältesten Kandidaten das erste Rederecht zustand, sprach sich scheinheilig für das neue Gesetz aus; ich konnte sehen, wie Cicero sich vor Ärger wand angesichts der Phrasen, die Sacerdos von sich gab. Hybrida sprach sich natürlich dagegen aus, stümperhaft und geistlos, wie man es von ihm gewohnt war - niemand wäre auf den Gedanken gekommen, dass sein Vater einmal der begehrteste Anwalt Roms gewesen war. Der ohnehin chancenlose Galba nutzte die Gelegenheit, um seine Kandidatur zurückzuziehen und hochmütig zu erklären, dass die Teilnahme an einem derart erbärmlichen Schauspiel nur die Erinnerung an seine Vorfahren besudele. Catilina sprach sich aus naheliegenden Gründen ebenfalls gegen die lex Figula aus. Allerdings muss ich zugeben, dass er ein beeindruckendes Bild abgab, wie er seelenruhig und hoch aufragend zwischen seinen Banknachbarn stand. Als er zum Schluss seiner Ausführungen kam, deutete er auf Cicero und donnerte, dass die Einzigen, die von einem weiteren neuen Gesetz profitieren würden, die Anwälte seien, was die Aristokraten mit den üblichen Bravorufen quittierten. Als Cicero sich erhob, war ich gespannt, was er sagen würde. Er befand sich in einer heiklen Lage, denn er wollte natürlich nicht, dass das Gesetz scheiterte, aber so kurz vor dem wichtigsten Wahlgang seines Lebens wollte er genauso wenig bei den Wählervereinen anecken, die das Gesetz natürlich als Angriff auf ihre Ehre betrachteten. Er zog sich geschickt aus der Affäre.

»Im Prinzip befürworte ich das Gesetz«, sagte er. »Denn es kann nur den Schuldigen zur Last werden. Der ehrenhafte Bürger hat von einem Gesetz gegen die Bestechung nichts zu befürchten, und der unehrenhafte sollte daran erinnert werden, dass eine Stimme eine heilige Verpflichtung ist und kein Gutschein, den man einmal im Jahr zu Geld machen kann. Aber es gibt etwas, das nicht stimmt an diesem Gesetz: ein Ungleichgewicht, das ins Lot gebracht werden muss. Wollen wir wirklich, dass der arme Mann, der der Versuchung erliegt, schärfer zu verurteilen ist als der reiche Mann, der den Armen vorsätzlich dieser Versuchung ausgesetzt hat? Ich will das Gegenteil: Wenn das Gesetz gegen den einen vorgeht, dann müssen die Strafen für den anderen verschärft werden. Mit deiner Erlaubnis, Figulus, möchte ich deshalb eine Ergänzung zu deinem Gesetz vorschlagen: Jede Person, die einem Bürger gegen Geld dessen Wählerstimme abkauft, abzukaufen versucht oder deren Kauf veranlasst, soll mit zehn Jahren Exil bestraft werden.« Ein aufgeregtes und lang gezogenes »Oooh« schwappte durch die gesamte Kammer.

Von meinem Standpunkt aus konnte ich Crassus nicht sehen, aber Cicero versicherte mir hinterher entzückt, dass sein Gesicht knallrot angelaufen sei, denn die Wendung oder deren Kauf veranlasst war direkt auf ihn gemünzt, und jeder wusste das. Seelenruhig akzeptierte der Konsul den Zusatz und fragte, ob ein Mitglied des Hauses Einwände habe. Die Mehrheit der Senatsmitglieder war zu überrascht, um überhaupt reagieren zu können, und diejenigen, die am meisten zu verlieren hatten, wie Crassus, wagten es nicht, sich in aller Öffentlichkeit zu entlarven, indem sie dagegen Stellung bezogen. Folglich wurde der Zusatz ohne Gegenrede zugelassen, und als das Haus über das Gesetz abstimmte, wurde es mit großer Mehrheit angenommen. Angeführt von seinen Liktoren, verließ Figulus die Kammer. Die Senatoren marschierten hinter ihm hinaus auf das sonnenbeschienene Forum, wo Figulus die Stufen zur Rostra hinaufstieg und das Gesetz zur sofortigen ersten Lesung dem Herold überreichte. Ich sah, dass Hybrida sich Crassus zuwenden wollte, aber von Catilina am Arm festgehalten wurde. Crassus verließ überstürzt das Forum, um nicht zusammen mit seinen Kandidaten gesehen zu werden. Jetzt mussten wie üblich die drei einmal wöchentlich stattfindenden Markttage verstreichen, bevor über das Gesetz abgestimmt werden konnte, was bedeutete, dass das Volk unmittelbar vor den Konsulatswahlen sein Urteil fällte.

Cicero war hochzufrieden mit seinem Tagewerk. Sollte nämlich die lex Figula angenommen werden und er die Wahl wegen der Bestechungen verlieren, dann eröffnete ich ihm die Möglichkeit, Klage anzustrengen - und zwar nicht nur gegen Catilina und Hybrida, sondern auch noch gegen seinen Erzfeind Crassus höchstpersönlich. Immerhin war es erst zwei Jahre her, dass zwei designierte Konsuln wegen illegaler Wahlkampfpraktiken ihrer Ämter enthoben worden waren. Für eine solche Klage brauchte Cicero allerlings Beweise, und der Druck, diese aufzutreiben, wurde immer größer. Von morgens bis abends war er auf Stimmenfang, wobei er zwar immer mit einer großen Anhängerschar unterwegs war, aber nie mit einem nomendator, der ihm die Wählernamen einflüstern musste: Anders als seine Gegner war Cicero sehr stolz auf seine Fähigkeit, Tausende von Namen zu wissen. Und falls er, was selten genug vorkam, einmal einen Namen nicht parat hatte, schaffte er es immer, sich durch das Gespräch hindurchzumogeln.

Zu jener Zeit war meine Bewunderung für ihn riesengroß. Er hat sicher gewusst, dass die Aussichten ziemlich schlecht für ihn standen und er wahrscheinlich verlieren würde. Pisos Vorhersage bezüglich Pompeius hatte sich vollauf bestätigt. Der hohe Herr hatte keinen Finger gerührt, um Ciceros Wahlkampf zu unterstützen. Er hatte sich am Ostufer des Schwarzen Meeres eingerichtet, in Amisus - dem am weitesten von Rom entfernten Ort im ganzen Imperium -, und ließ sich dort wie ein orientalischer Potentat von nicht weniger als zwölf regionalen Königen huldigen. Syrien war dem Römischen Reich einverleibt worden, und Mithridates war Hals über Kopf geflohen. Pompeius' Haus auf dem Esquilin war mit den erbeuteten Rammspornen von fünfzig Piratentriremen dekoriert worden und wird heute domus rostra genannt - ein Schrein für seine Bewunderer aus ganz Italien. Was kümmerten Pompeius lächerliche Zivilistenscharmützel? Ciceros Briefe blieben unbeantwortet. Während Quintus sich über Pompeius' Undankbarkeit ereiferte, nahm Cicero es fatalistisch: »Wenn du Dankbarkeit willst, dann kauf dir einen Hund.«

*

Drei Tage vor den Konsulatswahlen, am Vorabend der Abstimmung über das Bestechungsgesetz, gab es endlich einen Durchbruch. Ranunculus stürzte mit der Nachricht in Ciceros Arbeitszimmer, dass er einen Stimmenkäufer namens Gaius Sarinator gefunden habe, der behaupte, er habe noch dreihundert Stimmen für einhundertzwanzig Sesterzen das Stück anzubieten. Er sei der Besitzer einer Weinschenke namens Bacchante in Subura und er, Ranunculus, habe für heute Abend ein Treffen vereinbart, um ihm den Namen des Kandidaten zu nennen, für den die bestochenen Wähler zu stimmen hätten, und um das Geld an einen der sequestres zu übergeben, dem beide vertrauten. Als Cicero das hörte, wurde er ganz aufgeregt und bestand darauf, Ranunculus zu begleiten - inkognito, mit einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze, um seine Identität zu verbergen. Quintus hielt das für zu gefährlich, doch Cicero ließ sich nicht beirren, er brauche unbedingt Beweise aus erster Hand. »Ranunculus und Tiro sind ja zu meinem Schutz dabei«, sagte er zu Quintus, was ich für einen seiner Scherze hielt. »Aber du kannst ja noch ein paar unserer Anhänger als anonyme Zecher hinschicken, nur für den Fall, dass wir doch mehr Hilfe brauchen.«

Um diese Zeit war ich fast vierzig, und nach einem ausschließlich mit Schreibarbeit verbrachten Leben waren meine Hände so weich wie die eines Mädchens. Wenn es wirklich Ärger geben sollte, dann würde der durch seine täglichen Übungen mit einer beeindruckenden Physis ausgestattete Cicero mich beschützen müssen. Nichts desto trotz öffnete ich die Geldtruhe in seinem Arbeitszimmer und zählte die benötigte Summe in Silbermünzen ab. (Er hatte eine von seinen Bewunderern gut gefüllte Wahlkampfkasse, aus der er etwa Ausgaben wie die für die Reise nach Gallia Cisalpina bestritt: Es handelte sich dabei nicht um Bestechungsgelder als solche, obwohl Ciceros Ruf, niemals einen Namen zu vergessen, für die Spender natürlich beruhigend war.) Die Silbermünzen wurden in einem Geldgürtel verstaut, den ich mir um die Hüfte schlingen musste, und bei Einbruch der Dunkelheit ging ich schweren Schrittes - in der doppelten Bedeutung der Wortes - zusammen mit Cicero in die Subura hinunter. Es war ein sehr warmer Abend, sodass er unter der Kapuze der Tunika, die er sich von einem seiner Sklaven ausgeliehen hatte, eine komische Figur abgab. Aber in den übervölkerten Elendsvierteln war absonderliche Kleidung ein ganz normaler Anblick.Wenn die Menschen jemanden mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze sahen, dann machten sie einen großen Bogen um ihn aus Angst, er könnte die Lepra haben oder irgendein anderes entstellendes Leiden, mit dem sie sich anstecken könnten. Wir folgten Ranunculus, der sich wie eine Kaulquappe durch das Labyrinth seines aus schmalen, verdreckten Gassen bestehenden Wohnviertels schlängelte, bis wir schließlich zu einem Haus kamen, vor dem neben dem Eingang ein paar Männer saßen und einen mit Wein gefüllten Krug kreisen ließen. Über ihren Köpfen prangte ein Wandgemälde von Bacchus, der sich mit vorgestreckter Leibesmitte erleichterte. Der Geruch in dem Laden passte zu dem Bild. Ranunculus ging vor, führte uns hinter die Theke und über eine schmale Holztreppe hinauf in einen niedrigen Raum unter dem Dach. Dort warteten Salinator und der Sequester, dessen Namen ich nie erfuhr.

Sie waren so gierig auf das Geld, dass sie den Kapuzenmann hinter mir kaum beachteten. Ich nahm den Gürtel ab und zeigte ihnen eine Handvoll Münzen, worauf der Sequester eine kleine Waage auspackte und anfing, die Silbermünzen zu wiegen. Salinator, eine schwabbelige Kreatur mit glatten Haaren und Schmerbauch, schaute sich das eine Zeit lang an und sagte dann zu Ranunculus: »Das reicht. Gib mir jetzt den Namen deines Klienten.«

»Ich bin sein Klient«, sagte Cicero und zog sich die Kapuze vom Kopf. Natürlich erkannte Salinator ihn sofort. Erschrocken wich er einen Schritt zurück und stieß dabei gegen den Sequester. Noch im Rückwärtsstolpern versuchte er verzweifelt, die Situation zu retten, verbeugte sich ein ums andere Mal und versicherte dem Senator, was für eine Ehre es sei, seinen Wahlkampf unterstützen zu dürfen und so weiter und so fort, bis ihm Cicero barsch über den Mund fuhr. »Von Lumpen wie dir brauche ich keine Hilfe. Was ich brauche, sind Informationen.«

Salinator hatte gerade mit seiner Jammerarie begonnen, dass er absolut nichts wisse, als der Sequester plötzlich die Waage fallen ließ und zur Treppe stürzte. Allerdings prallte er schon nach den ersten paar Stufen auf den muskulösen Quintus, der ihn oben und unten an seiner Tunika packte, ihn wieder zurückschleifte und einfach ins Zimmer warf Als ich hinter Quintus auch noch ein paar stämmige Burschen, die Cicero des Öfteren zu Diensten waren, die Treppe hinaufkommen sah, fiel mir ein Stein vom Herzen. Beim Anblick so vieler kräftiger Männer und eines der berühmtesten Anwälte Roms begann Salinators Widerstand zu bröckeln. Und als Cicero auch noch drohte, ihn Crassus zu übergeben, weil er versucht habe, die gleichen Stimmen zweimal zu verkaufen, brach er vollends zusammen. Die Aussicht, Crassus und seiner Rache ausgeliefert zu werden jagte ihm mehr Angst ein als alles andere. Mir fiel wieder ein, was Sicinius schon vor Jahren über den »alten Glatzkopf« gesagt hatte - Cicero hatte den Ausspruch mir gegenüber mehrfach wiederholt - »... der gefährlichste Bulle in der Herde«.

»Dann ist dein Klient also Crassus?«, fragte Cicero. »Denk gut nach, bevor du leugnest.«

Salinators Kinn zuckte leicht: Zu mehr als einem angedeuteten Nicken reichte sein Mut nicht.

»Die dreihundert Stimmen waren also für Hybrida und Catilina bestimmt, richtig?«

Wieder die Andeutung eines Nickens. »Ja«, sagte er. »Und für die anderen.«

»Die anderen? Wen meinst du? Lentulus Sura für die Prätur?«

»Ja, auch. Und für die anderen.«

»Die anderen, die anderen«, wiederholte Cicero gereizt. »Wer sind die anderen?«

»Halt den Mund!«,brüllte der Sequester, wofür ihm Quintus in den Magen trat. Stöhnend krümmte er sich zusammen.

»Hör nicht auf den«, sagte Cicero leutselig. »Ich kenne diese Typen, die stürzen dich nur ins Unglück. Also ...« Er drückte ihm ermunternd den Arm. »Wer sind die anderen?«

»Cosconius«, sagte Salinator und warf einen kurzen nervösen Blick auf die sich windende Gestalt auf dem Boden. Dann holte er Luft und sagte schnell: »Pomptinus, Baibus, Caecihus, Labienus, Faberius, Gutta, Bulbus, Calidius, Tudicius, Valgius und Rullus.«

Bei jedem neuen Namen schaute Cicero ein bisschen erstaunter. »Sind das alle?«, fragte er, als Salinator fertig war. »Du bist sicher, dass du keinen Senator vergessen hast?« Er blickte zu Quintus, der ebenso verblüfft war wie er selbst.

»Da geht's also nicht nur um zwei Kandidaten fürs Konsulat«, sagte Quintus. »Das sind noch drei für die Prätur und zehn fürs Volkstribunat. Crassus versucht sich eine ganze Regierung zu kaufen.«

Cicero war nicht der Mann, der gern zeigte, dass ihn etwas überraschen konnte. Doch an jenem Abend stand auch ihm die Verblüffung ins Gesicht geschrieben. »Aber das ist vollkommen absurd«, sagte er aufgebracht. »Was haben die einzelnen Stimmen gekostet?«

»Fünfhundert fürs Konsulat, zweihundert für die Prätur, hundert fürs Volkstribunat«, sagte Salinator, als handelte es sich um Schweine auf dem Viehmarkt.

»Du willst mir also tatsächlich weismachen«, fragte Cicero, während er mit gerunzelter Stirn die Gesamtsumme überschlug, »dass Crassus allein für die dreihundert Stimmen in deinem Wahl verein eine dreiviertel Million zahlen will?«

Salinator nickte, dieses Mal heftiger, ja sogar befriedigt, mit einem gewissen professionellen Stolz. »Das ist der grandioseste Wahlkampf seit Menschengedenken.«

Cicero drehte sich zu Ranunculus um, der am Fenster stand und auf verdächtige Bewegungen auf der Straße achtete. »Wie viele Stimmen hat Crassus deiner Meinung nach zu diesen Preisen gekauft?«

»Also, wenn er auf Nummer sicher gehen will«, sagte Ranunculus, dachte eine Zeit lang angestrengt nach und fuhr dann fort, »schätze ich, so sieben- bis achttausend.«

»Achttausend?«, wiederholte Cicero.

»Achttausend würden ihn zwanzig Millionen Sesterzen kosten. Ist dir so etwas schon mal untergekommen? Und am Ende hat er nicht einmal selbst einen Posten, sondern hat nur solche Trottel vie Hybrida und Lentulus Sura in Amt und Würden gebracht.« Er drehte sich wieder zu Salinator um. »Hat er dir gegenüber mal Andeutungen über die Gründe für diese Gewaltoperation gemacht?«

»Nein, Senator. Crassus ist nicht der Mann, der gern Fragen beantwortet.«

Quintus fluchte. »Jetzt wird er wohl ein paar Fragen beantworten müssen, der Schweinehund.« Und wie um seinem Ärger Luft zu verschaffen, trat er dem Sequester, der gerade dabei war, sich wieder aufzurichten, noch einmal in den Magen, worauf dieser erneut stöhnend zusammenklappte.

*

Quintus war unbedingt der Meinung, auch noch das letzte bisschen Information aus den beiden unglückseligen Kreaturen herauszuprügeln und sie dann entweder zu Crassus' Haus zu schaffen und den Halunken aufzufordern, seine Intrigen sofort einzustellen, oder sie vor den Senat zu zerren, ihre Geständnisse zu verlesen und die Verschiebung der Wahlen zu fordern. Cicero behielt einen kühleren Kopf. Mit regungslosem Gesicht dankte er Salinator für seine Ehrlichkeit, empfahl Quintus, sich einen Becher Wein einzuschenken und wieder abzuregen, und befahl mir, die Silbermünzen einzusammeln. Später saß er zu Hause im Arbeitszimmer, warf seinen kleinen Übungslederball von einer Hand in die andere, während Quintus sich nach wie vor darüber aufregte, was für ein Idiot sein Bruder gewesen sei, die beiden Stimmenkäufer einfach so gehen zu lassen, sie würden jetzt sicher Crassus alarmieren oder wären schon aus der Stadt verschwunden.

»Weder noch«, sagte Cicero. »Wenn sie Crassus alles erzählen, da könnten sie genauso gut ihr eigenes Todesurteil unterschreiben. Derart belastende Zeugen würde Crassus niemals am Leben lassen, und das wissen die beiden auch. Flucht liefe auf dasselbe hinaus, Crassus brauchte nur etwas länger, bis er sie zu fassen bekäme.« Hin und her flog der Ball, von links nach rechts, von rechts nach links. »Außerdem: Niemand hat ein Verbrechen begangen. Bestechung lässt sich sogar im günstigsten Fall nur schwer beweisen - wenn noch gar keine Stimme abgegeben worden ist, ist es völlig unmöglich. Crassus und der Senat würden uns auslachen. Nein, am besten lassen wir die beiden in Freiheit. Da wissen wir wenigstens, wo wir sie finden können, und wenn wir die Wahlen verlieren, können wir sie immer noch vorladen lassen.« Er warf den Ball hoch in die Luft und fing ihn mit einer schwungvollen Armbewegung wieder auf. »Aber eine Sache, Quintus, hast du völlig richtig eingeschätzt.«

»Ach ja, hab ich?«, sagte Quintus bitter. »Sehr freundlich, danke.«

»Crassus' Operation hat nichts mit seiner Feindschaft mir gegenüber zu tun. Er würde nicht zwanzig Millionen ausgeben, nur um meine Hoffnungen zu zerstören. Für zwanzig Millionen Sesterzen muss er etwas wirklich Gewaltiges im Auge haben. Aber was? Ich muss gestehen, dass auch ich da ratlos bin.« Er starrte eine Zeit lang die Wand an. »Tiro, du bist doch immer ganz gut mit Caelius Rufus ausgekommen, oder?«

Ich musste an die Aufgaben denken, vor denen er sich gedrückt hatte und die ich für ihn hatte erledigen müssen, an die Lügen, die ich erzählt hatte, um ihm Ärger zu ersparen, an den Tag, als er mir meine Ersparnisse gestohlen und mich beschwatzt hatte, Cicero nichts davon zu sagen. »So einigermaßen«, sagte ich vorsichtig.

»Besuche ihn morgen früh, und rede mit ihm. Aber behutsam. Vielleicht kannst du ihm irgendwelche Andeutungen darüber entlocken, was Crassus im Schilde führt. Schließlich lebt er in seinem Haus, irgendwas muss er doch wissen.«

In jener Nacht lag ich lange wach, und je mehr ich über die jüngsten Ereignisse nachdachte, desto besorgter wurde ich, was die Zukunft anging. Auch Cicero konnte nicht schlafen. Ich hörte, wie er im Zimmer über mir auf und ab ging, und hatte das Gefühl, als durchbohre die konzentrierte Kraft seiner Gedanken die Bodendielen. Ich fand schließlich doch noch ein wenig Schlaf, der jedoch unruhig und von bösen Vorahnungen erfüllt war.

Am nächsten Morgen beauftragte ich Laurea, sich um die zahlreichen Besucher Ciceros zu kümmern, und machte mich auf den Weg zu Crassus' Haus, das etwa eine Meile entfernt war. Selbst heute noch flüstere ich leise: »Aah, Wahlwetter!«, wenn keine Wolke am Himmel steht und die Julihitze schon vor Sonnenaufgang drückend auf dem Land lastet, und spüre sofort wieder die Aufregung, das vertraute Ziehen in der Magengegend. Vom Forum hörte ich das Hämmern und Sägen der Arbeiter, die die Rampen und Absperrgitter rund um den Tempel des Castor aufbauten, denn es war der Tag, an dem das Volk sein Urteil über das Bestechungsgesetz fällen würde. Ich nahm die Abkürzung, die an der Rückseite des Tempels entlangführte, und machte eine kurze Pause am Brunnen der Juturna-Quelle, um einen Schluck von dem lauwarmen Wasser zu trinken. Ich hatte keine Ahnung, worüber ich mich mit Caelius unterhalten sollte. Ich bin ein schlechter Lügner, war es immer gewesen, und mir fiel plötzlich ein, dass ich Cicero hatte fragen sollen, wie ich das Gespräch anfangen sollte. Jetzt war es zu spät. Ich ging den Weg zum Palatin hinauf, und als ich Crassus' Haus erreichte, sagte ich dem Türwächter, ich hätte eine dringende Nachricht für Caelius Rufus. Er bot mir an, im Haus zu warten, aber ich blieb lieber draußen. Während er im Haus verschwand, um Caelius zu holen, ging ich auf die andere Straßenseite und versuchte so wenig wie möglich aufzufallen.

Wie Crassus selbst, so gab sich auch sein Haus den Anschein von äußerster Bescheidenheit. Allerdings hatte ich gehört, dass der Eindruck täuschte; hatte man es erst einmal betreten, zeigte sich seine schier unendliche Größe. Die dunkle Tür war zwar niedrig und schmal, wirkte aber stabil. Links und rechts davon befanden sich kleine, vergitterte Fenster. Efeu rankte sich an der Außenwand empor, von der die ockergelbe Farbe abblätterte. Auch das Terrakotta dach war nicht mehr neu, die Ränder der oberhalb des Mauerwerks vorstehenden Dachziegel waren schon schwarz und bröckelig. Sie sahen aus wie eine verrottete Zahnreihe. Es hätte das Haus eines Bankiers sein können, der ein paar schlechte Geschäfte gemacht hatte, oder eines verarmten Patriziers vom Land, dessen Stadthaus nach und nach zerfiel. Crassus wollte auf diese Art wohl sagen: Seht her, ich bin so sagenhaft reich, ich hab's nicht nötig, auf schönen Schein zu achten. Aber natürlich machte er dadurch in dieser Straße der Millionäre erst recht auf seinen Reichtum aufmerksam, und der gewollte Mangel an Protz hatte schon wieder etwas Prahlerisches. Die dunkle kleine Tür war immer in Bewegung, ständig kamen und gingen Besucher; es war offensichtlich, dass im Innern geschäftiges Treiben herrschte: Ich musste an ein summendes Wespennest denken, das sich nur durch das winzige Loch in der Mauer zu erkennen gab. Julius Caesar war der Erste, den ich kannte. Er verließ das Haus, ohne mich zu bemerken, und ging, gefolgt von einem Sekretär mit Aktentasche, sofort die Straße hinunter Richtung Forum. Kurze Zeit später tauchte Caelius auf. Er blieb auf der Türschwelle stehen, hielt sich gegen die Sonne die Hand über die Augen und blinzelte in meine Richtung. Ich sah sofort, dass er wie üblich die ganze Nacht unterwegs gewesen und offensichtlich wenig erbaut davon war, dass man ihn geweckt hatte. Ein dichter Stoppelbart bedeckte sein gut geschnittenes Kinn. Ständig steckte er die Zunge heraus, schluckte und verzog das Gesicht, als wäre der Geschmack in seinem Mund so grässlich, dass er ihn nicht mehr lange aushalten würde. Mit vorsichtigen Schritten kam er zu mir herüber, und als er mich fragte, was um alles in der Welt ich denn wollte, stammelte ich, dass er mir unbedingt etwas Geld leihen müsse.

Er blinzelte mich ungläubig an. »Wofür?«

»Na ja, es gibt da ein Mädchen«, sagte ich linkisch. Das Gleiche hatte er mir immer geantwortet, wenn er mich um Geld angepumpt hatte, und mir fiel einfach nichts anderes ein. Ich fasste ihn am Arm und versuchte mit ihm ein Stück die Straße hinunterzugehen, weil ich befürchtete, Crassus könnte plötzlich in der Tür auftauchen und uns zusammen sehen. Aber er zog seinen Arm weg und blieb schwankend stehen, wo er war.

»Ein Mädchen?«, wiederholte er. »Du?« Dann fing er an zu lachen. Aber anscheinend bekam er solche Kopfschmerzen davon, dass er gleich wieder aufhörte und sich mit den Fingern über die Schläfen fuhr. »Wenn ich Geld hätte, Tiro, würde ich es dir sofort geben. Ich würde es dir sogar schenken, einfach weil ich dich zu gern mal mit einem anderen Lebewesen als mit Cicero sehen würde. Aber das wird wohl nie passieren, du bist nicht der Typ für Mädchen. Soweit ich das beurteilen kann, mein armer Tiro, bist du für gar nichts der richtige Typ.« Er schaute mich scharf an. »Wofür brauchst du das Geld wirklich?« Warmer Atem, der nach abgestandenem Wein roch, stieg mir in die Nase. Unwillkürlich schüttelte es mich, was er sofort als Geständnis missdeutete. »Du lügst«, sagte er. Langsam breitete sich ein Grinsen auf seinem Stoppelgesicht aus. »Cicero hat dich hergeschickt, weil er irgendwas wissen will.«

Wieder zupfte ich ihn am Ärmel, und diesmal ging er mit. Allerdings nur ein paar Schritte, denn die plötzliche Bewegung schien ihm nicht zu bekommen. Er blieb auf einmal stehen, wurde kalkweiß im Gesicht und hielt warnend einen Finger in die Luft. Dann traten ihm die Augen aus den Höhlen, der Hals schwoll an, und nach einem besorgniserregenden Würgen schoss ihm ein Schwall zähflüssigen Breis aus dem Mund, der mir sofort ein anderes Bild in Erinnerung rief: das von einem Zimmermädchen, das aus dem ersten Stock einen vollen Eimer auf die Straße leert. (Man möge mir die Einzelheiten verzeihen, aber diese Szene ist mir eben zum ersten Mal seit sechzig Jahren wieder eingefallen, und ich musste dermaßen lachen.) Jedenfalls schien Caelius das gut getan zu haben, denn die Farbe kehrte in sein Gesicht zurück, und er war gleich viel munterer und fragte, was Cicero denn nun von ihm wissen wolle.

»Das liegt doch auf der Hand«, erwiderte ich leicht gereizt.

»Ich wünschte, ich könnte euch helfen, Tiro«, sagte er und wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab. »Du weißt, dass ich euch helfen würde, wenn ich könnte. Bei Crassus ist es nicht halb so angenehm wie bei Cicero. Der alte Glatzkopf ist vielleicht ein Ekel - noch schlimmer als mein Vater. Buchführung von morgens bis abends, das ist so ziemlich das Langweiligste, was es gibt auf der Welt, bis auf Handelsrecht vielleicht, damit hat er mich den ganzen letzten Monat geknechtet. Aber was Politik angeht, die ich ja ganz unterhaltsam finde, da hält er mich von allem fern.«

Ich versuchte es noch mit ein paar Fragen, zum Beispiel über Caesars Besuch an jenem Morgen, aber es zeigte sich schnell, dass er über Crassus' Pläne nicht das Geringste wusste. (Natürlich kann er auch gelogen haben, aber angesichts seiner notorischen Geschwätzigkeit bezweifelte ich das.)

Nachdem ich mich dennoch bei ihm bedankt und schon "halb zum Gehen gewandt hatte, hielt er mich am Ellbogen fest. »Cicero muss wirklich verzweifelt sein, wenn er mich im Hilfe bittet«, sagte er und schaute mich mit ungewohnter Ernsthaftigkeit an. »Sag ihm, dass es mir leidtäte, wenn er in Schwierigkeiten stecken sollte. Er ist ein Dutzend Mal mehr wert als Crassus und mein Vater zusammen.«

*

Ich nahm nicht an, dass ich Caelius Rufus so bald wiedersehen würde. Den ganzen Tag, der vollkommen im Zeichen der Abstimmung über das Bestechungsgesetz stand, dachte ich nicht mehr an ihn. Cicero war auf dem Forum unermüdlich tätig. Mit seinem Gefolge ging er von einem Mitglied eines Wahlbezirks zum nächsten und setzte sich nachdrücklich für Figulas Gesetzesentwurf ein. Am meisten freute ihn, dass er unter der Flagge mit dem Namen VETURIA einige Hundert Bürger aus Gallia Cisalpina antraf, die als Reaktion auf seine Wahlkampfreise zum ersten Mal nach Rom gekommen waren, um ihre Stimme abzugeben. Lang und breit sprach er mit ihnen darüber, wie wichtig es sei, den Stimmenkauf bei Wahlen auszumerzen. Als er sich schließlich von ihnen verabschiedete, hatte er feuchte Augen. »Ein Jammer«, murmelte er. »Da reisen die armen Leute von so weit her an und müssen sich von Crassus und seinem Geld verhöhnen lassen. Aber wenn wir das Gesetz durchbekommen, dann habe ich vielleicht die Waffe in der Hand, mit der ich den Schurken zur Strecke bringen kann.«

Ich hatte den Eindruck, dass Ciceros Arbeit Früchte trug und die lex Figula angenommen werden würde, denn die Mehrheit der Wähler war nicht korrupt. Aber nur weil eine gesetzliche Maßnahme redlich und vernünftig ist, hat man noch keine Garantie, dass sie auch angenommen wird; nach meiner Erfahrung trifft sogar das Gegenteil zu. Am frühen Nachmittag trat der populäre Volkstribun Mucius Orestinus - der, des Raubes angeklagt, einmal Ciceros Klient gewesen war - an die Rampe der Rostra und verunglimpfte das Gesetz als Angriff der Aristokraten auf die Integrität des Volkes. Er hob sogar Cicero als Einzigen namentlich hervor und bezeichnete ihn als einen Mann, der - so seine Worte - »für das Amt des Konsulats ungeeignet« sei und sich als Freund des Volkes aufspiele, aber nie etwas für das Volk getan habe, es sei denn, er habe damit auch seine eigenen Interessen fördern können. Die eine Hälfte der Menge quittierte diese Äußerung mit Buhrufen und Hohngelächter, die andere - vermutlich die, die ihre Stimme regelmäßig verkaufte und das auch weiter so halten wollte - jubelte begeistert.

Das war zu viel für Cicero. Schließlich hatte er erst im Jahr zuvor einen Freispruch für Mucius erreicht. Wenn diese aalglatte Ratte jetzt sein sinkendes Schiff verließ, dann musste es jeden Augenblick auf den Meeresgrund aufschlagen. Cicero bahnte sich mit vor Zorn hochrotem Kopf einen Weg durch die Menge und forderte, antworten zu dürfen. »Was ist mit deiner Stimme, Mucius, wer hat die gekauft?«, brüllte er, doch Mucius stellte sich taub. Die Menschen um uns herum zeigten auf Cicero, stießen ihn nach vorn zu den Tempelstufen und riefen dem Volkstribun zu, er solle ihn sprechen lassen, aber das war augenscheinlich das Letzte, was Mucius wollte. Er wollte überhaupt nicht, dass über das Gesetz abgestimmt wurde, weil er fürchtete, dass es angenommen werden könnte. Er hob den Arm und verkündete, begleitet von tumultartigen Szenen und Handgreiflichkeiten zwischen den beiden rivalisierenden Fraktionen, mit feierlicher Stimme, dass er sein Veto gegen die Vorlage einlege. Damit war die lex Figula gestorben. Figulus erklärte daraufhin, dass er für den morgigen Tag eine Sitzung des Senats einberufe, damit über das weitere Vorgehen beraten werden könne.

Das war ein bitterer Augenblick für Cicero. Als wir wieder zu Hause waren und ich es schließlich geschafft hatte, die Tür vor der nachdrängenden Anhängerschar zu schließen, fürchtete ich, er würde wie damals am Tag vor den Wahlen zum Ädilat einen Zusammenbruch erleiden. Er war sogar zu erschöpft, um mit Tullia zu spielen. Und auch als Terentia ihm vorführte, wie der kleine Marcus seine ersten wackeligen Schritte ohne fremde Hilfe machte, hob er seinen Sohn nicht hoch, um ihn in die Luft zu werfen, wie er es sonst zur Begrüßung immer tat, sondern tätschelte ihm nur die Wange, zwickte ihn geistesabwesend am Ohr und ging dann gleich weiter Richtung Arbeitszimmer - auf dessen Schwelle er überrascht stehen blieb, weil da niemand anderer als Caelius Rufus vor seinem Schreibpult saß.

Laurea, der neben der Tür stand, entschuldigte sich bei Cicero. Er habe Caelius gesagt, dass er wie alle anderen Besucher im Tablinum warten solle, aber der habe sich nicht abweisen lassen; was er mitzuteilen habe, sei so vertraulich, dass er von Fremden lieber nicht gesehen werden wolle.

»Ist schon gut, Laurea. Unser junger Freund Rufus ist immer willkommen. Allerdings fürchte ich«, setzte Cicero hinzu, während er Caelius die Hand schüttelte, »dass ich nach dem langen und deprimierenden Tag heute einen ziemlich trübseligen Unterhalter abgebe.«

»Vielleicht muntern dich die Neuigkeiten, die ich habe, ja ein bisschen auf«, sagte Caelius und fing an zu grinsen.

»Ist etwa Crassus gestorben?«

»Ganz im Gegenteil«, erwiderte Caelius lachend. »Er ist sogar quicklebendig. Angesichts des zu erwartenden Triumphs bei den Wahlen hat er für heute Abend schon mal eine große Konferenz einberufen.«

»Ach, tatsächlich?«, sagte Cicero. Ich sah sofort, dass diese Information ihn wieder etwas belebte wie ein kurzer Nieselregen eine verwelkte Blume. »Und wer nimmt da teil, an dieser Konferenz?«

»Catilina, Hybrida, Caesar. Wer sonst noch kommt, weiß ich nicht. Als ich aus dem Haus bin, haben sie gerade die Stühle aufgestellt. Einer von Crassus' Sekretären, der in der Stadt unterwegs war, um die Einladungen zu überbringen, hat mir das erzählt. Da lief die Volksversammlung noch.«

»Interessant«, murmelte Cicero. »Was würde ich dafür geben, da Mäuschen spielen zu können.«

»Kein Problem«, sagte Caelius. »Das Treffen findet in dem Raum statt, in dem Crassus auch seine geschäftlichen Besprechungen abhält. Dabei hat er oft - aber nicht heute Abend, wie mir mein Informant versichert - einen Sekretär dabei, der Notizen von dem Gesprochenen macht, aber so, dass die andere Person nichts davon mitbekommt. Dafür hat er sich einen kleinen Horchposten einbauen lassen, ein Kämmerchen, das sich hinter einem Wandteppich befindet. Er hat mir das mal gezeigt, als er mir von seinen Tricks als Geschäftsmann erzählt hat.«

»Du willst sagen, dass Crassus sich selbst abhören lässt?«, fragte Cicero erstaunt. »Welcher Politiker macht denn so was?«

»>Wer glaubt, dass er keine Zeugen hat, macht schnell unüberlegte Versprechungen< - Crassus' Worte.«

»Du vermutest also, dass du dich da drin verstecken und mitschreiben kannst?«

»Ich nicht«, widersprach Caelius spöttisch. »Ich bin doch kein Sekretär. Ich hab an Tiro gedacht«, sagte er und klopfte mir auf die Schulter, »unseren Meister der Kurzschrift.«

*

Ich würde mich ja gern damit brüsten, dass ich mich, ohne zu zögern, zu diesem Selbstmordkommando bereit erklärt hätte. Aber dem war nicht so. Ganz im Gegenteil, ich habe mich mit allen praktischen Einwänden, die mir in den Sinn kamen, gegen Caelius' Plan ausgesprochen. Wie sollte ich unbemerkt in Crassus' Haus gelangen? Wie sollte ich es wieder verlassen? Wie sollte ich, verborgen hinter dem Wandteppich, bei dem Durcheinander an Stimmen erkennen, wer gerade sprach? Aber Caelius wusste auf alle meine Fragen eine Antwort. Ich fühlte eine panische Angst in mir hochsteigen. »Was, wenn man mich schnappt und foltert?«, fragte ich Cicero. Das war der Kern aller meiner Ängste. »Ich kann nicht beschwören, dass ich so mutig wäre, Euch nicht zu verraten.«

»Cicero kann einfach leugnen, dass er davon gewusst hat«, sagte Caelius - eine von meinem Standpunkt aus wenig hilfreiche Lösung. »Außerdem ist allgemein bekannt, dass unter Folter abgepresste Aussagen nicht verlässlich sind.«

»Ich glaube, ich falle in Ohnmacht«, witzelte ich matt.

»Reiß dich zusammen, Tiro«, ermahnte mich Cicero, der umso aufgeregter wurde, je länger er zuhörte. »Niemand wird dich foltern, und niemand wird dich vor Gericht zerren. Dafür werde ich schon sorgen. Wenn du entdeckt wirst, werde ich deine Freilassung aushandeln, ich werde jeden Preis zahlen, damit dir nichts zustößt.« Mit seinem charakteristischen Doppelgriff drückte er meine beiden Hände und schaute mir tief in die Augen. »Du bist mehr ein zweiter Bruder für mich als mein Sklave, Tiro. Schon seit wir damals vor vielen Jahren in Athen zusammen die Philosophen studiert haben - erinnerst du dich? Ich hätte bereits viel früher mit dir über das Thema Freilassung sprechen sollen, aber irgendwie ist immer eine neue Krise dazwischengekommen, die mich abgelenkt hat. Also sage ich dir jetzt, und Caelius ist mein Zeuge, dass es meine feste Absicht ist, dir die Freiheit zu schenken - und das einfache Leben auf dem Land, nach dem du dich schon immer gesehnt hast. Und ich sehe den Tag vor mir, wenn ich von meinem Haus zu deinem kleinen Gehöft hinüber reite und wir dann zusammen in deinem Garten sitzen und die über einem Olivenhain oder Weinberg untergehende Sonne beobachten und uns über all die Abenteuer unterhalten, die wir zusammen erlebt haben.« Cicero ließ meine Hände los, und ich sah die in der warmen Abendluft flirrende ländliche Idylle noch einen Augenblick vor mir, dann verblasste sie. »Und«, sagte er forsch, »das Angebot ist in keiner Weise daran gebunden, ob du diese Aufgabe nun übernimmst oder nicht, das möchte ich noch einmal deutlich betonen. Du hast es dir jetzt schon mehr als genug verdient. Ich würde dir nie befehlen, dich in Gefahr zu begeben. Du weißt, wie schlecht es im Augenblick um meine Sache bestellt ist. Du allein musst tun, was du für richtig hältst.«

Das waren fast genau seine Worte. Wie hätte ich sie auch jemals vergessen können?

KAPITEL XVII

Die Konferenz sollte bei Einbruch der Dunkelheit beginnen, was bedeutete, dass wir keine Zeit mehr zu verlieren hatten. Als die Sonne hinter dem Kapitolshügel versank und ich zum zweiten Mal an diesem Tag den Palatin hinaufging, hatte ich das beunruhigende Gefühl, in eine Falle zu tappen. Wie konnte ich mir oder in diesem Fall auch Cicero sich sicher sein, dass Caelius Rufus nicht die Seiten gewechselt hatte und seine Loyalität jetzt Crassus gehörte? War »Loyalität« nicht ohnehin ein absurdes Wort angesichts des auf wechselhafte, flüchtige Vergnügungen ausgerichteten Charakters meines jungen, launenhaften Begleiters? Jedenfalls konnte man jetzt sowieso nichts mehr ändern. Caelius bog gerade vor mir in einen schmalen Weg ein, der zur Rückseite von Crassus' Haus führte. Er drückte einen dichten Vorhang aus dicken, verschlungenen Efeuranken zur Seite, hinter dem eine winzige eisenbeschlagene Tür zum Vorschein kam, die vollkommen zugerostet aussah. Trotzdem schwang sie nach einem kurzen, kräftigen Stoß von Caelius' Schulter geräuschlos auf. Wir sprangen in einen leeren Kellerraum.

Wie Catilinas Haus war auch dieses sehr alt und im Lauf der Jahrhunderte immer wieder erweitert worden, sodass ich in den labyrinthischen Gängen schon nach kurzer Zeit die Orientierung verlor. Crassus war berühmt dafür, dass er viele äußerst gut ausgebildete Sklaven besaß, die er übrigens als eine Art Arbeitsvermittler auch außer Haus vermietete. Er hatte so viele Sklaven, dass es mir unmöglich erschien, unentdeckt bis in besagten Raum vorzudringen. Aber wenn Caelius in seinen Jahren der juristischen Ausbildung in Rom etwas gelernt hatte, dann war es, wie man irgendwo gesetzwidrig rein- und wieder rauskam. Wir durchquerten einen Innenhof, schlüpften kurz in ein Vorzimmer, um ein Hausmädchen vorbeizulassen, und betraten schließlich einen großen leeren Raum, der mit erlesenen Wandteppichen aus Babylon und Korinth geschmückt war. In der Mitte standen im Halbkreis etwa zwanzig vergoldete Stühle, darum herum zahlreiche schon entzündete Lampen und Kandelaber. Caelius nahm eine der Lampen, ging zügig zu einem schweren wollenen Wandteppich, auf dem Diana mit einem Speer einen Hirsch erlegte, und hob ihn am Rand an. Dahinter verbarg sich eine Nische wie für eine Statue, gerade hoch und tief genug für einen einzelnen Mann, mit einem kleinen, etwa in Mannshöhe vorstehenden Sims, auf den Caelius die Lampe stellte. Als ich laute Männerstimmen hörte, schlüpfte ich schleunigst in die Nische. Caelius legte den Finger an die Lippen, zwinkerte mir zu und hängte den Wandteppich wieder vor die Öffnung. Schnell verklangen seine Schritte, ich war allein.

Erst war ich vollkommen blind, doch allmählich gewöhnte ich mich an das schwache Licht der Öllampe, die direkt hinter meiner Schulter stand. Vor mir entdeckte ich mehrere winzige Gucklöcher, die man in das dicke Wollgewebe gebohrt hatte und durch die ich den ganzen Raum überblicken konnte. Ich hörte jetzt Schritte, die rasch näher kamen, und plötzlich schob sich vor meine Augen etwas Dunkles, das ich verschwommen als die Rückseite eines verrunzelten, rosafarbenen Glatzkopfes ausmachte. In der nächsten Sekunde dröhnte Crassus' Stimme so laut in meinen Ohren, dass ich fast nach vorn gestolpert wäre. Er bat seine Gäste mit freundlicher Stimme, doch einzutreten. Dann gab er meine Gucklöcher frei, und andere Männer gingen an mir vorbei und nahmen auf den Stühlen Platz: der behände Catilina, Hybrida mit seinem Säufergesicht, der geschniegelt und gleichgültig-arrogant wirkende Caesar, der untadelige Lentulus Sura, Mucius, der Held des Nachmittags, und zwei berüchtigte Stimmenkäufer. Außerdem erkannte ich einige Senatoren, die das Volktribunat anstrebten. Sie alle schienen bester Laune zu sein, waren zu Scherzen aufgelegt, und Crassus musste erst ein paar Mal in die Hände klatschen, um die Besprechung eröffnen zu können.

»Meine Herren, vielen Dank, dass ihr gekommen seid«, sagte er, wobei er mit dem Rücken zu mir stand. »Es gibt viel zu besprechen, und wir haben nicht viel Zeit. Also gleich zum ersten Punkt: Ägypten. Caesar?«

Crassus setzte sich, und Caesar stand auf. Mit dem Zeigefinger strich er sich eins seiner dünnen Haare hinter das Ohr. Vorsichtig, um ja kein Geräusch zu machen, zog ich mein Notizbuch und meinen Schreibgriffel hervor. Und als Caesar mit seiner unverwechselbar scharfen Stimme zu sprechen begann, begann ich zu schreiben.

*

Meine Kurzschrifttechnik ist - wenn ich mir an dieser Stelle diese unbescheidene Zwischenbemerkung erlauben darf - eine ganz wunderbare Erfindung. Auch wenn ich zugeben muss, dass Xenophon schon knapp vierhundert Jahre vor mir eine primitive Spielart davon entwickelt hatte, die aber mehr ein privates Hilfssystem zur Abfassung von Texten als eine richtige Kurzschrift war. Außerdem funktionierte sein System nur auf Griechisch, während meins die gesamte lateinische Sprache mit ihrem riesigen Wortschatz und ihrer komplexen Grammatik zu viertausend Symbolen verdichtete. Und das obendrein auf eine Weise, die es jedem willigen Schüler erlaubt, meine Kurzschrift zu erlernen. Theoretisch könnte sogar eine Frau Stenografin werden.

Wer das System beherrscht, weiß, dass in der Praxis kaum etwas so verheerende Folgen hat wie eine zitterige Hand. Angst macht aus geschickten Fingern lukanische Würste, und ich hatte befürchtet, dass ich an jenem Abend vor lauter Nervosität nicht schnell genug würde schreiben können. Aber als ich erst einmal mit meinen Notizen begonnen hatte, hatte das eine merkwürdig beruhigende Wirkung auf mich. Für einen Gedanken, was ich da überhaupt schrieb, blieb mir keine Zeit. Ägypten, Kolonisten, öffentliches Land, Regierungsbeauftragte - ich hörte die Worte, ohne ihre Bedeutung auch nur ansatzweise zu verstehen; mein einziger Ehrgeiz bestand darin, sie so schnell niederzuschreiben, wie sie ausgesprochen wurden. Eigentlich war die Hitze das größte Problem: Ich kam mir in meinem kleinen Gefängnis vor wie in einem Backofen. Der Schweiß lief mir von der Stirn und juckte in den Augen; meine Handflächen waren so feucht, dass es mir schwerfiel, den glitschigen Schreibgriffel richtig zu halten. Nur ab und zu, wenn ich mich vorbeugte und ein Auge an ein Guckloch in dem Teppichgewebe presste, um mich zu vergewissern, wer da gerade sprach, wurde ich mir des gewaltigen Risikos bewusst, das ich eingegangen war. Das Gefühl äußerster Verwundbarkeit wurde noch durch die Tatsache verstärkt, dass ich oft den Eindruck hatte, einer oder mehrere aus der Runde würden genau in meine Richtung blicken. Vor allem Catilina schien die Szene auf meinem Wandteppich zu faszinieren. Der schlimmste Augenblick kam ganz zum Schluss, als Crassus die Besprechung für beendet erklärte. »Wenn wir das nächste Mal zusammenkommen«, sagte er, »wird unser aller Schicksal und das von Rom auf immer eine neue Wendung genommen haben.« Als der Beifall verklungen war, stand Catilina auf und ging direkt auf mich zu. Ich schrak zurück, drückte mich gegen die Wand und sah, wie seine Finger höchstens eine Handbreit von meinem schweißnassen Gesicht entfernt über das Gewebe des Teppichs strichen. Die vor meinen Augen hin-und herwandernde Delle besitzt noch heute die Macht, mich mitten in der Nacht schreiend aus dem Schlaf hochfahren zu lassen. Aber Catilina hatte nichts weiter im Sinn, als Crassus ein paar Komplimente über die herrliche Handwerkskunst zu machen, worauf eine kurze Unterhaltung darüber folgte, wo Crassus den Teppich gekauft und -unausweichlich bei Crassus - was er für ihn bezahlt hatte. Dann verschwanden die beiden aus meinem Blickfeld.

Ich wartete. Als ich schließlich einen Blick durch eins der Gucklöcher wagte, war niemand mehr da. Nur die unordentlich herumstehenden Stühle wiesen daraufhin, dass überhaupt eine Besprechung stattgefunden hatte. Ich musste mich sehr beherrschen, um nicht einfach den Teppich zurückzuschlagen und zur Tür zu stürzen. Aber wir hatten vereinbart, dass ich in der Nische bliebe, bis Caelius mich holte. Also kauerte ich mit dem Rücken zur Wand und mit um die hochgezogenen Knie geschlungenen Armen in meinem engen Versteck und wartete. Ich habe keine Ahnung, wie lange die Konferenz gedauert hatte, doch da die vier Notizbücher, die ich mitgebracht hatte, fast vollgeschrieben waren, muss sie viel Zeit in Anspruch genommen haben. Ich weiß auch nicht mehr, wie lange ich auf Caelius wartete. Möglich, dass ich eingeschlafen war, denn als er endlich kam, war es vollkommen dunkel. Sämtliche Lampen und Kerzen, einschließlich meiner Öllampe, waren heruntergebrannt. Als er den Teppich zur Seite zog, zuckte ich zusammen; wortlos hielt er mir die Hand hin und half mir auf. Zusammen schlichen wir durch das schlafende Haus in den Kellerraum und krabbelten ins Freie. Als ich mit steifen Knochen in der Gasse stand, bedankte ich mich flüsternd.

»Keine Ursache«, flüsterte er zurück. Im schwachen Mondschein konnte ich das aufgeregte Leuchten in seinen Augen sehen - Augen, die so weit aufgerissen, so hell waren, dass mir klar wurde, das waren nicht nur die Worte eines törichten Großmauls, das war ernst gemeint, als er hinzufügte: »War mir ein Vergnügen.«

*

Es war weit nach Mitternacht, als ich schließlich wieder zu Hause war. Alle schliefen schon bis auf Cicero, der im Speisezimmer auf mich gewartet hatte. Nach den Büchern zu urteilen, die neben der Liege auf dem Boden herumlagen, musste er mich schon seit Stunden erwartet haben. »Und?«, sagte er. Als ich nickte und damit den Erfolg meiner Mission signalisierte, kniff er mir in die Wange und erklärte, dass ich der mutigste und schlaueste Sekretär sei, den je ein Staatsmann gehabt habe. Ich gab ihm die Notizbücher, er schlug das erste auf und hielt es ans Licht. »Klar, deine verdammten Hieroglyphen«, sagte er und zwinkerte mir zu. »Also los, setz dich hin, ich hol dir einen Becher Wein, und dann kannst du mir alles erzählen. Willst du was essen?« Er schaute sich unbeholfen um; die Rolle des Dieners war ihm nicht gerade angeboren. Kurz darauf saß ich ihm gegenüber, vor mir ein voller Becher Wein, ein Apfel und meine Notizbücher - wie ein Schuljunge, der seine Lektion aufsagen soll.

Die Wachstafeln selbst sind nicht mehr in meinem Besitz, aber Cicero hat die Abschriften, die er davon anfertigen ließ, zusammen mit seinen vertraulichsten Unterlagen aufgehoben. Während ich sie mir jetzt anschaue, wundert es mich nicht mehr, dass ich der Diskussion damals nicht hatte folgen können. Die Verschwörer hatten sich offenbar vorher schon mehrere Male getroffen, denn ihre Beratungen an jenem Abend setzten einiges an Vorwissen voraus. Es wurde viel über Gesetzgebungspläne, Ergänzungen zu Gesetzesentwürfen und Aufteilungen von Verantwortungsbereichen gesprochen. Man darf sich das nicht so vorstellen, dass ich Cicero einfach meine Aufzeichnungen vorlas und wir damit alles verstanden hätten. Wir brüteten viele Stunden über rätselhaften Bemerkungen, die wir drehten und wendeten, bis wir uns schließlich ein klares Bild machen konnten. Immer wieder rief Cicero: »Diese durchtriebenen Schurken, schlau, verdammt schlau!«, stand dann auf, drehte ein paar Runden im Zimmer und setzte sich wieder. Kurz gesagt gliederte sich die Verschwörung, an der Caesar und Crassus seit vielen Monaten gezimmert haben mussten, in vier Teile. Als Erstes strebten sie die Kontrolle über den Staat an, und zwar mit Siegen in allen allgemeinen Wahlen, die ihnen nicht nur beide Konsulate, sondern auch alle zehn Volktribunate plus ein paar Präturen bescheren sollten; Angesichts der täglich schwindenden Unterstützung für Cicero, so die Stimmenkäufer, sei dieses Ziel mehr oder weniger eine vollendete Tatsache. Der zweite Schritt sah vor, dass die Volkstribunen im Dezember ein Gesetz für eine umfassende Landreform einbringen sollten, welches die Auflösung der großen staatlichen Ländereien beinhaltete - vor allem in den fruchtbaren Ebenen Kampaniens - sowie deren sofortige Verteilung als Ackerland an fünftausend städtische Plebejer. Im dritten Schritt sollten im März zehn von Crassus und Caesar angeführte Regierungsbeauftragte gewählt werden, die die Vollmacht erhielten, eroberte Gebiete im Ausland zu verkaufen und mit den daraus erzielten Erlösen per Zwangsenteignung weitere riesige Landgebiete in Italien zu erwerben, um damit ein noch größeres Besiedlungsprogramm zu starten. Als letzte Stufe stand für kommenden Sommer nichts Geringeres als die Annektierung Ägyptens auf dem Programm. Als Vorwand würde das umstrittene, vor etwa siebzehn Jahren verfasste Testament eines seiner toten Herrscher, König Ptolemaios des Soundsovielten, dienen, in dem er angeblich sein gesamtes Herrschaftsgebiet dem römischen Volk vermachte; die Profite auch daraus würden zu weiterem Landerwerb in Italien besagten Regierungsbeauftragten zur Verfügung stehen.

»Bei allen Göttern, das ist ein als Landreform getarnter Staatsstreich!«, rief Cicero erregt, nachdem wir meine Aufzeichnungen komplett durchgegangen waren. »Diese zehn Regierungsbeauftragen unter Crassus und Caesar, das sind dann die wahren Herren des Landes. Die Konsuln und die anderen Magistrate, degradiert zu Nullen. Mit den im Ausland erplünderten Geldern können sie ihre Herrschaft zu Hause auf unbegrenzte Zeit absichern.« Er lehnte sich zurück und saß mit verschränkten Armen, das Kinn auf der Brust, lange Zeit schweigend da.

Ich war erschöpft von den Strapazen und wollte nur noch schlafen. Wir hatten die ganze Nacht durchgearbeitet, und die ersten Sonnenstrahlen fielen ins Zimmer: Der letzte Tag vor den Wahlen war angebrochen. Draußen stimmten die Vögel ihr morgendliches Konzert an, und kurz darauf hörte ich, wie jemand die Treppe herunterkam. Es war Terentia. Sie trug noch ihr Nachthemd, um die schmalen Schultern hatte sie sich einen Schal geschlungen; die Haare waren ungekämmt, und sie schaute uns aus ihrem ungeschminkten Gesicht verschlafen an. Ich erhob mich respektvoll und blickte verlegen zur Seite. »Marcus!«, rief sie, ohne mich zu beachten. »Was um alles in der Welt machst du so früh hier unten?«

Er erklärte ihr missmutig, was passiert war. Wenn es um politische oder finanzielle Dinge ging, konnte man Terentia nichts vormachen - wäre sie keine Frau und schon einigermaßen wach gewesen, dann weiß ich nicht, wie sie reagiert hätte. Terentia war durch und durch Aristokratin, und als sie begriff, was er gerade gesagt hatte, war sie natürlich entsetzt. Der Gedanke, staatliches Land zu privatisieren und dem Volk zu überlassen, war für sie der erste Schritt zur Zerstörung Roms.

»Du musst an vorderster Stelle dagegen ankämpfen«, bedrängte sie Cicero. »Das kann dir den Wahlsieg bringen. Jeder ehrbare Mann wird sich dir anschließen.«

»Ach ja, tatsächlich?« Cicero nahm eins der Notizbücher vom Tisch. »Offener Widerstand dagegen könnte übel auf mich zurückfallen. Ein großer Block im Senat war schon immer für eine Annexion Ägyptens - die eine Hälfte aus patriotischen Gründen, die andere aus reiner Geldgier. Und da draußen auf den Straßen, da wird der Ruf >Kostenloses Land für alle!< Catilina und Hybrida wahrscheinlich mehr Stimmen einbringen als kosten. Nein, ich sitze in der Falle.« Er starrte das Konferenzprotokoll an und schüttelte langsam den Kopf wie ein Künstler, der trübsinnig über das Werk eines begabten Rivalen nachdenkt. »Das ist ein wahrhaft außerordentliches Komplott, ein politischer Geniestreich. Das kann sich nur Caesar ausgedacht haben. Und was Crassus angeht - für eine Anzahlung von gerade mal zwanzig Millionen Sesterzen kann er sich fast ganz Italien und Ägypten unter den Nagel reißen. Eine ziemlich lukrative Investition, das musst selbst du zugeben.«

»Aber du musst etwas dagegen unternehmen«, sagte Terentia. »Irgendwas.« Sie ließ nicht locker. »Du kannst das doch nicht einfach so zulassen.«

»Und was genau, schlägst du vor, soll ich unternehmen?«

»Und dich halten die Leute für den schlauesten Mann von ganz Rom?«, fragte sie wütend. »Das liegt doch auf der Hand. Du gehst als Erstes heute Morgen in den Senat und deckst das Komplott auf. Stell die Verschwörer an den Pranger!«

»Hervorragende Taktik«, erwiderte Cicero sarkastisch. (Ich begann mich in meiner Rolle als Zuhörer zunehmend unwohl zu fühlen.) »Ich enthülle die Existenz einer populären Gesetzesinitiative, und gleichzeitig verurteile ich sie auch noch. Du hörst mir nicht zu, Terentia: Die Menschen, die davon am meisten profitieren, sind meine Anhänger.«

»Nun ja, die Schuld, dass du von solchem Abschaum überhaupt abhängig bist, liegt ja wohl ganz allein bei dir. Das ist das Problem mit der Demagogie, Marcus - du denkst vielleicht, dass du den Pöbel kontrollieren kannst, aber am Ende ist es doch immer der Pöbel, der dich verschlingt. Hast du im Ernst geglaubt, du könntest es mit Männern wie Crassus und Catilina aufnehmen, wenn es darum geht, Prinzipien meistbietend zu verhökern?« Cicero brummte gereizt, hatte bemerkenswerterweise aber kein Gegenargument zur Hand. »Und sag mir doch bitte noch eins«, fuhr sie unbarmherzig fort. »Wenn dieses außergewöhnliche Komplott, wie du es nennst - ich würde es eher als >Kriminelles Unternehmen< bezeichnen -, wirklich so populär ist, wie du sagst, warum dann diese Heimlichtuerei mitten in der Nacht? Warum sagen sie es dann nicht ganz offen?«

»Weil, meine liebe Terentia, die Aristokraten alle so denken wie du. Die würden das niemals unterstützen. Erst sind es die großen Staatsgüter, die zerschlagen und verteilt werden, und dann nehmen sie sich die privaten Ländereien der Herren vor. Mit jedem Stück Land, das Caesar und Crassus unter die Leute bringen, haben sie einen Klienten mehr. Wenn den Patriziern erst mal die Kontrolle über das Land entgleitet, dann sind sie am Ende. Außerdem, was glaubst du wohl, wie Catulus oder Hortensius darauf reagieren würden, von einer Zehnerkommission herumkommandiert zu werden, die das Volk gewählt hat? Das Volk! Das wäre für die Herren gleichbedeutend mit Revolution -Tiberius Gracchus, das gleiche Spiel noch mal von vorn.« Cicero warf das Notizbuch wieder auf den Esstisch. »Nein, um den Status quo zu erhalten, würden die Aristokraten das tun, was sie schon immer getan haben - intrigieren, bestechen, meucheln.«

»Und zwar mit vollem Recht!« Terentia schaute ihn finster an. Ihre Fäuste waren geballt. Fast rechnete ich damit, dass sie ihn schlagen würde. »Sie hatten recht, als sie die Volkstribunen entmachtet haben, genauso wie es richtig war, zu versuchen, Pompeius, diesem Emporkömmling aus der Provinz, Einhalt zu gebieten. Und wenn du noch etwas Verstand hast, dann gehst du jetzt zu den Aristokraten und sagst: >Das hier sind Crassus' und Caesars Pläne - unterstützt mich, und ich werde dem ein Ende machen.<«

Cicero stöhnte wütend auf und ließ sich auf die Liege fallen. Eine Zeit lang schwieg er. Plötzlich hob er den Blick und schaute Terentia an. »Himmel, Terentia«, sagte er leise, »du bist tatsächlich ein schlaues Weib.« Er sprang auf und küsste sie auf die Wange. »Mein wunderbares, schlaues Weib - du hast völlig recht. Oder besser, halb recht, es ist gar nicht nötig, dass ich irgendetwas unternehme. Ich überlasse das einfach Hortensius. Tiro, wie lange brauchst du, um eine saubere Abschrift von deinem Protokoll anzufertigen - nicht vom ganzen Protokoll, nur von den wichtigsten Punkten, gerade so viel, dass Hortensius' Neugier geweckt wird?«

»Ein paar Stunden«, antwortete ich. Sein dramatischer Stimmungsumschwung verwirrte mich.

»Schnell, schnell!«, sagte er. Ich konnte mich nicht erinnern, ihn jemals so überdreht gesehen zu haben. »Los, hol mir Feder und Papyrus!«

Ich holte ihm beides, er tauchte die Schreibfeder ins Tintenfass, dachte kurz nach und fing dann an zu schreiben, wobei Terentia und ich ihm über die Schulter schauten.

Von: Marcus Tullius Cicero An: Quintus Hortensius Hortalus Sei gegrüßt!

Meine patriotische Pflicht gebietet mir, dir vertraulich das Protokoll eines Treffens zukommen zu lassen, das am gestrigen Abend im Hause des M, Crassus stattgefunden hat, an dem neben dem Hausherrn. G. Caesar, L. Catilina, G. Hybrida, P. Sura und einige Kandidaten für das Volkstribunat teilgenommen haben, deren Namen dir allesamt bekannt sind. Ich werde heute im Senat das Wort ergreifen und einige dieser Personen zur Rede zu stellen. Solltest du an einer eingehenden Erörterung der Angelegenheit interessiert sein, so stehe ich dir hinterher im Haus unseres gemeinsamen Freundes T. Pomponius Atticus zur Verfügung.

Das sollte reichen«, sagte er und blies über die feuchte Tinte. »Und du, Tiro, machst jetzt eine so vollständige Kopie deiner Notizen, wie es dir in der kurzen Zeit möglich ist. Wichtig sind die Passagen, bei denen ihnen mit Sicherheit das Patrizierblut in den Adern gefriert. Bis spätestens eine Stunde vor Sitzungsbeginn bringst du deine Abschrift zusammen mit meinem Brief persönlich Hortensius -persönlich, ist das klar, keinem Sekretär. Und dann schick einen von deinen Burschen zu Atticus, und lass ihm ausrichten, dass ich ihn noch kurz sprechen möchte, bevor ich in den Senat gehe.« Er gab mir den Brief und eilte aus dem Zimmer.

»Soll Sositheus oder Laurea die Klienten einlassen?«, rief ich ihm hinterher, denn ich hörte schon Stimmen auf der Straße. »Und wann sollen die Türen geöffnet werden?«

»Keine Klienten heute Morgen!«, rief er zurück, als er schon halb die Treppe oben war. »Wenn sie wollen, können sie mich in den Senat begleiten. Du hast jetzt genug zu tun, und ich muss mich um meine Rede kümmern.«

Seine Schritte hallten durchs Haus, bis er in seinem Zimmer verschwunden war. Terentia berührte die Stelle auf ihrer Wange, wo Cicero sie geküsst hatte, und schaute mich verwirrt an. »Rede?«, sagte sie. »Welche Rede?«

Ich musste ihr gestehen, dass ich selbst keine Ahnung hatte und deshalb auch nicht für mich in Anspruch nehmen kann, bei diesem außergewöhnlichen Beispiel einer Schmährede, die heute unter dem Namen In toga candida aller Welt bekannt ist, meine Hände im Spiel oder gar schon vorher Kenntnis davon gehabt zu haben.

*

Ich schrieb so schnell und so akkurat, wie es mir angesichts meiner Müdigkeit möglich war. Ich verfasste das Protokoll in Form eines Dramas, notierte erst den Namen der Person und dann, was sie sagte. Vieles von dem, was ich für belanglos hielt, ließ ich weg, obwohl mich während der Arbeit öfter die Frage quälte, ob ich dafür überhaupt die nötige Urteilskraft besaß. Aus diesem Grund beschloss ich, die Notizbücher mitzunehmen, für den Fall, dass ich im Lauf des Tages auf sie zurückgreifen musste. Als ich fertig war, versiegelte ich das Schriftstück, schob es in eine Rolle und machte mich auf den Weg. Ich musste mich durch eine dichte Menschentraube aus Klienten und Sympathisanten drängeln, wobei ich mehrmals an meiner Tunika festgehalten und gefragt wurde, wo denn der Senator bleibe.

Hortensius' Villa auf dem Palatin wurde viele Jahre später von unserem teuren und geliebten Kaiser in Besitz genommen, woran man schon ersehen kann, wie prächtig sie war. Ich war noch nie dort gewesen und musste deshalb mehrmals nach dem Weg fragen. Das Haus stand genau auf der Hügelkuppe, von wo man in südwestlicher Pachtung auf den Tiber hinunterschauen konnte. Beim Anblick der dunkelgrünen Bäume, die die sanfte Biegung des silbrigen Flusses säumten, und der dahinterliegenden Felder hatte man glauben können, man befinde sich irgendwo auf dem Land anstatt mitten in der Stadt. Wie ich wohl schon an anderer Stelle erwähnt habe, gehörte Hortensius' Schwager Catulus das Nachbaranwesen. Das ganze, nach Geißblatt und Myrte duftende und bis auf das Zwitschern der Vögel vollkommen ruhige Viertel atmete den Geist von gutem Geschmack und altem Geld. Sogar Hortensius' Verwalter sah aus wie ein Aristokrat. Als ich ihm sagte, ich hätte für seinen Herrn eine persönliche Botschaft von Senator Cicero, da hätte man glauben können, ich hätte gefurzt, ein derart angewiderter Ausdruck bemächtigte sich seines hageren Gesichts. Als ich mich weigerte, ihm die Rolle zu geben, ließ er mich im Atrium warten, wo die leeren, toten Augen der Masken aller Konsuln aus Hortensius' Ahnenreihe auf mich herabstarrten. Auf einem dreibeinigen Tisch in der Ecke stand eine aus einem einzigen riesigen Stück Elfenbein geschnitzte Sphinx, die genau die Sphinx sein musste, die Verres vor so vielen Jahren seinem Anwalt geschenkt und über die Cicero sich lustig gemacht hatte. Ich beugte mich gerade vor, um sie mir genauer anzuschauen, als hinter mir Hortensius den Raum betrat.

»Wer hätte das gedacht?«, sagte er, während ich mich schuldbewusst aufrichtete. »Unter dem Dach meiner Vorfahren mal einen Abgesandten von Marcus Cicero begrüßen zu dürfen, damit hätte ich nicht gerechnet. Worum geht es?«

Offensichtlich machte er sich gerade fertig für die morgendliche Senatssitzung, denn er war schon mit seiner Senatorentoga bekleidet - allerdings noch ohne Schuhe, seine Füße steckten in gewöhnlichen Sandalen. Außerdem empfand ich es als seltsam, den alten Feind so ungeschützt außerhalb der Arena zu sehen. Ich gab ihm Ciceros Brief, den er sofort öffnete und in meiner Gegenwart las. Als er zu den Namen gelangte, warf er mir einen scharfen Blick zu. Ich spürte, dass er angebissen hatte, aber natürlich war er zu gut erzogen, um es sich anmerken zu lassen.

»Richte ihm aus, dass ich mir den Bericht anschaue, sobald es mir meine Zeit erlaubt«, sagte er und nahm die Rolle entgegen. Dann ging er, als hätte er in seinem ganzen Leben noch nichts in seinen manikürten Händen gehalten, was uninteressanter gewesen wäre, gemächlich auf dem gleichen Weg zurück, den er gekommen war. Allerdings bin ich mir sicher, dass er in der Sekunde, als ich ihn nicht mehr sehen konnte, in seine Bibliothek gerannt ist und das Siegel aufgerissen hat. Was mich betraf, so ging ich wieder hinaus an die frische Luft und nahm für den Rückweg in die Stadt die Caci-Treppe, da mir bis zum Sitzungsbeginn des Senats noch Zeit zur Verfügung stand und mich der andere Weg näher an Crassus' Haus vorbeiführte, als mir lieb war. Über die Treppe gelangte ich in die Gegend um die Via Etrusca, wo sich alle Parfüm- und Weihrauchgeschäfte befanden. Die Wohlgerüche versetzten meinen durch Schlafentzug geschwächten Körper fast in einen Rauschzustand. Meine Stimmung war seltsam losgelöst von der realen Welt und ihren Sorgen. Ich weiß noch, was mir damals durch den Kopf ging: Morgen um diese Zeit ist die Wahl auf dem Marsfeld schon in vollem Gange, und wahrscheinlich wissen wir auch schon, ob Cicero Konsul wird oder nicht, aber ob er es nun wird oder nicht, ändert nichts daran, dass die Sonne scheinen und dass es im Herbst wieder regnen wird. Ich trieb mich auf dem Forum Boarium herum und schaute den Leuten zu, die ihre Blumen und ihr Obst einkauften, und fragte mich, wie es wohl wäre, wenn man sich nicht im Geringsten für Politik interessierte, sondern - wie die Dichter sagen - »ein Leben im Schatten« genießt, vita umbratilis. Das genau hatte ich vor, wenn Cicero mir die Freiheit und einen Bauernhof schenkte. Ich würde die Früchte essen, die ich anbaute, und die Milch der Ziegen trinken, die ich aufzog; abends würde ich meine Tür zumachen und mich keinen Deut mehr um irgendeine Wahl scheren. Nie fühlte ich mich weiser als in diesen Augenblicken.

Als ich schließlich das Forum erreichte, hatten sich im Senaculum schon gut zweihundert Senatoren eingefunden, die von einer neugierigen Menschenmenge begafft wurden - nach ihrer bäuerlichen Kleidung zu urteilen Leute vom Land, die für die Wahlen nach Rom gekommen waren. Flankiert von den Auguren saß Figulus auf seinem Konsulsstuhl in der Eingangstür zum Senatsgebäude und wartete darauf, dass die zur Beschlussfähigkeit erforderliche Anzahl an Senatoren zusammenkam. Hin und wieder gab es einen kleineren Aufruhr, wenn ein Kandidat samt seiner Anhängerschaft auf dem Forum einzog. Ich sah Catilina kommen samt seiner wunderlich bunten Corona aus junger Aristokratie und Abschaum der Straße und später dann Hybrida, dessen lärmende Truppe aus Schuldnern und Spielern wie Sabidius und Panthera im Vergleich dazu noch einigermaßen respektabel aussah. Die Senatoren begaben sich nun in den Sitzungssaal, und ich fragte mich schon, ob Cicero etwas zugestoßen sei, als vom Argiletum her Getrommel und Flötenmusik zu hören war und zwei Kolonnen junger Männer, die frisch geschnittene Zweige in die Luft reckten und um die fröhlich aufgeregte Kinder herumtollten, auf das Forum einbogen. Dann zog eine von Atticus angeführte Gruppe angesehener römischer Ritter ein, auf die Quintus mit etwa einem Dutzend Hinterbänkler aus dem Senat folgte. Einige Mädchen liefen vor der Parade her und streuten Rosenblätter auf den Boden. Ciceros Einzug stellte den seiner Rivalen bei weitem in den Schatten, und von der Menge wurde er mit entsprechendem Applaus empfangen. Im Mittelpunkt des Trubels, wie im Auge eines Tornados, marschierte der Kandidat selbst, der in die leuchtende toga candida gehüllt war, die er schon bei seinen drei erfolgreichen Wahlen zuvor getragen hatte. Da ich ihn normalerweise immer begleitete, kam es nur selten vor, dass ich ihn aus der Distanz beobachten konnte, und so fiel mir heute zum ersten Mal auf, dass er der geborene Schauspieler war, der, wenn er sein Kostüm angelegt hatte, erst zu seinem wahren Charakter fand. Als die kräftige Gestalt mit festem Blick an mir vorbeischritt, erschien er mir wie die Verkörperung all der Werte, die das traditionelle Weiß seiner Toga symbolisieren sollten - Klarheit, Redlichkeit, Reinheit. An seinem Gang und abwesenden Gesichtsausdruck erkannte ich, dass er schon vollkommen auf seine Rede konzentriert war. Ich schloss mich der Prozession an, und als er die Kammer betrat, brandete der Jubel seiner Anhänger auf, auf den seine Gegner umgehend mit Buhrufen antworteten.

Man hielt uns zurück, bis der letzte Senator eingetreten war, dann ließ man uns bis zur Zuschauerschranke vor. Kaum hatte ich mir meinen guten Stammplatz am Türpfosten gesichert, als sich jemand zu mir vordrängelte. Es war Atticus, der vor Aufregung ganz bleich war. »Woher nimmt er bloß die Nerven, sich so was zu trauen?«, fragte er. Bevor ich antworten konnte, erhob sich Figulus und berichtete der Kammer über das Scheitern seines Gesetzesantrags in der Volksversammlung. Nachdem er eine Zeit lang auf seine leiernde Art gesprochen hatte, forderte er Mucius auf zu erklären, warum er gegen das vom Senat beschlossene Gesetz sein Veto eingelegt habe. Es herrschte eine drückende, nervöse Stimmung in der Kammer. Catilina und Hybrida saßen bei den Aristokraten, direkt vor ihnen auf der Konsulnbank saß Catulus, ein paar Plätze weiter Crassus und auf der gleichen Seite der Kammer, auf einem der für die ehemaligen Ädilen reservierten Plätze, Caesar. Mucius stand auf und erläuterte in würdevollen Worten, dass sein heiliges Amt von ihm verlange, den Interessen des Volkes zu dienen. Und Figulus' Gesetz sei weit davon entfernt, diesen Interessen zu dienen, es bedrohe vielmehr die Sicherheit des Volkes und beleidige dessen Ehre.

»Blödsinn«, tönte es von der anderen Seite des Ganges. Ich erkannte Ciceros Stimme sofort. »Die haben dich gekauft!«

Atticus packte meinen Arm. »Jetzt geht's los!«,flüsterte er.

»Mein Gewissen ...«, fuhr Mucius fort.

»Dein Gewissen hat damit gar nichts zu tun. Du bist ein Lügner, du hast dich verkauft wie eine Hure!«

Plötzlich erfüllte den Saal das dumpf grollende Geräusch, das entsteht, wenn ein paar Hundert Menschen gleichzeitig ihrem Nebenmann etwas zuflüstern. Cicero sprang auf und signalisierte mit ausgestrecktem Arm, dass er das Wort wünsche. In diesem Augenblick hörte ich hinter mir eine Stimme, die Durchlass verlangte. Wir drängten uns zur Seite, um dem unpünktlichen Senator Platz zu machen, der sich ein paar Sekunden später als Hortensius entpuppte. Er eilte den Gang hinunter, verbeugte sich vor dem Konsul und setzte sich auf seinen Platz neben Catulus, den er umgehend in eine geflüsterte Unterhaltung verstrickte. Inzwischen forderten Ciceros Anhänger unter den pedarii lautstark das Wort für ihren Fürsprecher, was ihm als ehemaligem Prätor und damit gegenüber Mucius Ranghöherem auch unbestreitbar zustand. Nur sehr zögernd ließ sich Mucius von den Senatoren neben ihm dazu bewegen, sich zu setzen. Cicero zeigte auf ihn - mit dem geraden, starr ausgestreckten Arm in der weißen Toga sah er aus wie eine Statue der rächenden Justitia - und erklärte: »Du bist eine Hure, Mucius, jawohl, und obendrein ein Verräter, denn erst gestern hast du vor der Volksversammlung erklärt, dass ich ungeeignet sei für das Konsulat, ich, der erste Mann, an den du dich gewandt hast, als man dich des Raubes anklagte! Gut genug für deine Verteidigung, Mucius, aber nicht gut genug, das römische Volk zu verteidigen, hast du das gemeint? Aber was soll ich mich um dein Gerede scheren, wenn doch die ganze Welt weiß, dass man dich f