/ Language: Deutsch / Genre:thriller

Stark

Stephen King


Stark

Stephen King

1989

1

Dieses Buch ist Shirley Sonderegger,

die mir hilft, mich um meinen Job zu kümmern,

und ihrem Mann Pete zugeeignet.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

I  Metzgerfüllsel

People berichtet

 1

 2

Haushaltsauflösung

 1

 2

 3

Friedhofs-Blues

 1

 2

Tod in einer kleinen Stadt

 1

 2

 3

96529 Q

Tod in einer großen Stadt

Polizeiangelegenheiten

 1

 2

 3

 4

 5

Pangborn kommt zu Besuch

 1

 2

 3

 4

 5

Die Invasion des Kriechozoiden

 1

 2

 3

 4

Später am gleichen Abend

 1

 2

 3

 4

Endsville

 1

 2

 3

Miriam

Panik

 1

 2

 3

 4

 5

 6

Metzgerfüllsel

 1

 2

 4

 5

 6

 7

 8

II  Stark wird aktiv

Ungläubigkeit

 1

 2

 3

Stark ruft an

 1

 2

 3

 4

 5

 6

 7

Wendy fällt

 1

 2

 3

Automatisches Schreiben

 1

 2

 3

Stark kauft ein

 1

 2

 3

 4

 5

 6

Die Frist ist abgelaufen

 1

 2

 3

 4

 5

 6

 7

 8

 9

Stark wird aktiv

 1

 2

 3

 4

 6

 7

 8

 9

 10

III  Die Sperlinge fliegen

Thad auf der Flucht

 1

 2

 3

 4

Zwei Anrufe für Pangborn

 1

 2

 3

 4

 5

 6

Die Sperlinge kommen

 1

 2

 3

 4

 5

 6

 7

 8

 9

Steel Machine

 1

 2

 3

 4

 5

 6

 7

 8

 9

Die Sperlinge fliegen

 1

 2

 3

 4

 5

 6

 7

 8

 9

 10

 11

IV  Epilog

Vorbemerkung des Verfassers

Für seine Mithilfe und Anregung bin ich dem verstorbenen Richard Bachman Dank schuldig. Ohne ihn hätte dieser Roman nicht geschrieben werden können.

S. K.

Prolog

»Schneide ihn«, sagte Maschine. »Schneide ihn, solange ich hier stehe und zusehe. Ich will Blut fließen sehen. Lass es nicht dazu kommen, daß ich es zweimal sagen muss.«

Machine’s Way

Von Georg Stark

Das Leben der Menschen — ihr wirkliches Leben im Gegensatz zu ihrer simplen physischen Existenz — beginnt zu unterschiedlichen Zeiten. Das wirkliche Leben von Thad Beaumont, einem Jungen, der in Bergenfield, New Jersey, geboren wurde und dort aufgewachsen war, begann im Jahre 1960. In diesem Jahr widerfuhren ihm zwei Dinge. Das erste formte sein Leben; das zweite hätte es beinahe beendet. 1960 war Thad Beaumont elf Jahre alt.

Im Januar nahm er mit einer Kurzgeschichte an einem von der Zeitschrift American Teen ausgeschriebenen Wettbewerb teil. Im Juni erhielt er einen Brief vom Chefredakteur der Zeitschrift, in dem es hieß, ihm sei in der Kategorie Belletristik des Wettbewerbs eine Ehrenvolle Erwähnung zuteil geworden. Weiterhin hieß es in dem Brief, die Juroren hätten ihm den zweiten Preis zuerkannt, wenn aus seinem Begleitschreiben nicht hervorgegangen wäre, daß er zwei Jahre zu jung war, um tatsächlich ein »American Teen« zu sein. Dennoch sei seine Kurzgeschichte »Outside Marty’s House« ein außerordentlich reifes Werk, zu dem man ihm gratulieren müsse.

Zwei Wochen später traf eine Urkunde von American Teen ein. Per Einschreiben. Auf der Urkunde stand sein Name in Buchstaben, die so verschnörkelt waren, daß er sie kaum lesen konnte: am unteren Ende befand sich ein goldenes Siegel mit dem eingeprägten Symbol von American Teen — den Silhouetten eines kurzhaarigen Jungen und eines Mädchens mit Pferdeschwanz, die Jitterbug tanzten.

Seine Mutter nahm Thad, einen stillen, ernsten Jungen, der anscheinend nie etwas in der Hand behalten konnte und oft über die eigenen Füße stolperte, in die Arme und erstickte ihn beinahe mit Küssen.

Sein Vater war unbeeindruckt.

»Wenn die Geschichte tatsächlich so gut war, warum haben sie ihm dann nicht ein bisschen Geld gegeben?« knurrte er aus der Tiefe seines Sessels heraus.

»Glen…«

»Aber lassen wir das. Vielleicht kann mir unser Ernest Hemingway ein Bier holen, wenn du damit fertig bist, ihn abzuknutschen.«

Seine Mutter sagte nichts weiter — aber sie ließ den Brief und die Urkunde rahmen, bezahlte dafür mit ihrem Taschengeld, und hängte sie in seinem Zimmer über dem Bett auf. Wenn Verwandte oder andere Besucher kamen, führte sie sie hinauf und zeigte sie ihnen. Thad, erklärte sie ihren Gästen, würde einmal ein großer Schriftsteller werden. Sie hatte immer gespürt, daß er zu Großem bestimmt war, und hier war der erste Beweis dafür. Das machte Thad verlegen, aber er liebte seine Mutter zu sehr, um es ihr zu sagen.

Doch ungeachtet seiner Verlegenheit kam Thad zu dem Schluss, daß seine Mutter zumindest teilweise recht hatte. Er wußte nicht, ob er so begabt war, daß er ein großer Schriftsteller werden konnte, aber Schriftsteller würde er auf jeden Fall werden. Schließlich konnte er schreiben. Und was noch wichtiger war — er hatte Spaß daran, zumal, wenn sich die richtigen Worte einstellten. Und man würde ihm nicht immer aus einem formellen Grund sein Geld vorenthalten können. Er würde nicht ewig elf Jahre alt sein.

Die zweite wichtige Sache, die ihm 1960 widerfuhr, begann im August. Das war die Zeit, in der seine Kopfschmerzen anfingen. Anfangs waren sie nicht schlimm, aber als Anfang September die Schule wieder losging, hatten sich die leisen, lauernden Schmerzen in seinen Schläfen und hinter seiner Stirn zu einem monströsen Marathon von Qualen weiterentwickelt. Wenn ihn diese Kopfschmerzen überfielen, konnte er nichts tun, als in seinem abgedunkelten Zimmer zu liegen und darauf zu warten, daß er sterben würde. Ende September hoffte er, daß er sterben würde. Und Mitte Oktober waren die Schmerzen so unerträglich geworden, daß er Angst davor hatte, am Leben zu bleiben.

Das Herannahen der entsetzlichen Kopfschmerzen kündigte sich gewöhnlich durch ein Phantomgeräusch an, das nur er hören konnte — es klang wie das ferne Tschilpen von Tausenden kleiner Vögel. Manchmal bildete er sich ein, diese Vögel, vermutlich Sperlinge, sehen zu können; sie hockten, wie sie es im Frühjahr und im Herbst oft taten, auf Telefonleitungen und Dachfirsten.

Seine Mutter brachte ihn zu Dr. Seward.

Dr. Seward untersuchte seine Augen mit einem Ophthalmoskop und schüttelte den Kopf. Dann zog er die Vorhänge zu, schaltete die Deckenbeleuchtung aus und forderte Thad auf, den Blick auf eine weiße Wandfläche im Sprechzimmer zu richten. Er nahm eine Taschenlampe und ließ in rascher Folge helle Lichtkreise aufleuchten und wieder verlöschen.

»Bewirkt das, daß dir irgendwie komisch zumute ist, Junge?«

Thad schüttelte den Kopf.

»Dir wird nicht schwindlig? Als ob du ohnmächtig werden würdest?«

Thad schüttelte abermals den Kopf.

»Riechst du etwas? Faules Obst zum Beispiel oder brennende Lumpen?«

»Nein.«

»Was ist mit deinen Vögeln? Hast du sie gehört, während du das Licht beobachtet hast?«

»Nein«, sagte Thad ratlos.

»Es sind die Nerven«, sagte sein Vater später, nachdem Thad ins Wartezimmer geschickt worden war. »Der Junge ist das reinste Nervenbündel.«

»Ich nehme an, es ist Migräne«, teilte Dr. Seward ihnen mit. »Ungewöhnlich bei einem so jungen Menschen, aber es hat schon solche Fälle gegeben. Und ich habe den Eindruck, daß er — sehr empfindsam ist.«

»Das ist er«, sagte Shayla Beaumont nicht ohne eine gewisse Genugtuung.

»Vielleicht kann man eines Tages etwas dagegen tun. Aber ich fürchte, fürs erste wird er es durchstehen müssen.«

»Ja«, sagte Glen Beaumont, »und wir auch.«

Aber es waren nicht die Nerven, und es war keine Migräne, und er konnte es nicht durchstehen.

Vier Tage vor Halloween hörte Shayla Beaumont, wie eines der Kinder, die zusammen mit Thad auf den Schulbus warteten, plötzlich aufschrie. Sie schaute aus dem Küchenfenster und sah ihren Sohn in Krämpfen auf dem Gehsteig liegen. Neben ihm lag seine Frühstücksdose; ihr Inhalt aus Obst und Sandwiches war auf den Asphalt der Straße geflogen. Sie rannte hinaus, scheuchte die anderen Kinder beiseite und stand dann hilflos da und wagte nicht, ihn anzurühren.

Wenn der große gelbe Bus mit Mr. Reed am Steuer nur etwas später gekommen wäre, wäre Thad möglicherweise auf dem Gehsteig gestorben. Aber Mr. Reed war in Korea Sanitäter gewesen. Er schaffte es, den Kopf des Jungen Zurückzubiegen und ihm Luft zu verschaffen, bevor er an seiner eigenen Zunge erstickte. Thad wurde mit einem Krankenwagen ins Bergenfield County Hospital gefahren, und als er in die Notaufnahme gebracht wurde, hielt sich dort zufällig ein Arzt namens Hugh Pritchard auf, um mit einem Freund eine Tasse Kaffee zu trinken und Golflügen auszutauschen. Und außerdem war Hugh Pritchard zufällig der beste Neurologe im Staat New Jersey.

Pritchard ließ Röntgenaufnahmen machen und betrachtete sie eingehend. Er zeigte sie den Eltern und forderte sie auf, ihre Aufmerksamkeit auf einen undeutlichen Schatten zu richten, den er mit einem gelben Wachsstift eingekreist hatte.

»Das hier«, sagte er. »Was ist das?«

»Woher zum Teufel sollen wir das wissen?« fragte Glen Beaumont. »Schließlich sind Sie der Arzt.«

»So ist es«, sagte Pritchard trocken.

»Meine Frau sagt, es hätte ausgesehen wie ein epileptischer Anfall«, sagte Glen.

Dr. Pritchard sagte: »Es war ein Anfall, ja, aber ich bin ziemlich sicher, daß es sich nicht um Epilepsie handelt. Bei einem so schweren Anfall denkt man natürlich immer zuerst an Epilepsie, aber auf den Litton-Lichttest hat Thad überhaupt nicht reagiert. Wenn Thad tatsächlich Epilepsie hätte, würden Sie keinen Arzt brauchen, der Sie darauf hinweist. Er würde sich jedes Mal, wenn das Bild auf dem Fernsehschirm flackert, in Krämpfen auf dem Wohnzimmerteppich winden.«

»Aber was ist es dann?« fragte Shayla Beaumont schüchtern.

Pritchard wendete sich wieder den im Lichtkasten aufgehängten Röntgenaufnahmen zu. »Was ist das?« wiederholte er und tippte abermals auf die eingekreiste Stelle. »Das plötzliche Aufkommen der Kopfschmerzen in Verbindung mit dem völligen Fehlen früherer Krampfanfälle deutet darauf hin, daß Ihr Sohn einen Gehirntumor hat, wahrscheinlich noch klein und hoffentlich gutartig.«

Glen Beaumont starrte den Arzt wie versteinert an, während seine Frau neben ihm stand und in ihr Taschentuch weinte. Sie weinte lautlos, und dieses lautlose Weinen war ein Ergebnis vieler Jahre ehelicher Erziehung. Glens Fäuste waren schnell und schmerzhaft, auch wenn sie fast nie Spuren hinterließen, und nach zwölf Jahren lautlosen Kummers hätte sie vermutlich gar nicht laut weinen können, selbst wenn sie es gewollt hätte.

»Bedeutet das, daß Sie ihm das Gehirn aufschneiden müssen?« fragte Glen mit dem für ihn typischen Mangel an Takt und Feingefühl.

»Ganz so würde ich es nicht ausdrücken, Mr. Beaumont, aber eine Untersuchungsoperation ist erforderlich.« Und er dachte: Wenn es wirklich einen Gott gibt, und wenn er uns wirklich nach Seinem Bilde geschaffen hat, dann möchte ich wissen, warum es so verdammt viele Männer gibt wie diesen hier, die herumlaufen und das Schicksal so vieler anderer in ihren Händen halten.

Glen schwieg eine ganze Weile mit gesenktem Kopf und gerunzelter Stirn. Endlich hob er den Kopf und stellte die Frage, die ihm am meisten zu schaffen machte.

»Sagen Sie mir die Wahrheit — was wird das alles kosten?«

___________

Die Schwester, die bei der Operation assistierte, sah es zuerst.

Ihr Aufschrei war schrill und zerriss die Stille des Operationssaals, in dem in den letzten fünfzehn Minuten die einzigen Laute die gemurmelten Anweisungen Dr. Pritchards gewesen waren, das Zischen der Kontrollapparaturen und das kurze, hohe Heulen der Neglisäge.

Sie taumelte zurück, prallte gegen einen Wagen, auf dem fast zwei Dutzend Instrumente säuberlich bereitgelegt worden waren, und kippte ihn um. Er landete mit nachhallendem Scheppern auf dem gekachelten Boden; dem Scheppern folgte eine Reihe leiserer, klirrender Geräusche.

»Hilary!« schrie die Oberschwester. Ihre Stimme verriet Entsetzen und Überraschung. Sie vergaß sich so sehr, daß sie tatsächlich einen halben Schritt in Richtung der Schwester tat, die mit wehendem grünem Kittel die Flucht ergriffen hatte.

Dr. Albertson, der bei der Operation assistierte, versetzte ihr einen Tritt gegen das Schienbein. »Vergessen Sie nicht, wo Sie sich befinden.«

»Ja, Doktor.« Sie drehte sich sofort wieder um und warf nicht einmal einen Blick auf die Tür, durch die Hilary, noch immer kreischend, von der Bühne abging.

»Stecken Sie das Zeug in den Sterilisator«, sagte Albertson. »Und zwar sofort. Dalli, dalli.«

»Ja, Doktor.«

Sie machte sich daran, die Instrumente aufzusammeln, schwer atmend, offensichtlich nervös, aber trotzdem beherrscht.

Dr. Pritchard schien das alles nicht zur Kenntnis genommen zu haben. Er blickte hingerissen in das Fenster, das er in Thad Beaumonts Schädel geöffnet hatte.

»Unglaublich«, murmelte er. »Einfach unglaublich. Das ist ein Fall für die Literatur. Wenn ich es nicht mit eigenen Augen sähe…«

Das Zischen des Sterilisators schien ihn aufzuwecken, und er wendete sich an Dr. Albertson.

»Wir müssen absaugen«, sagte er scharf. Er warf einen Blick auf die Oberschwester. »Und was zum Teufel machen Sie da? Lösen Sie Kreuzworträtsel? Setzen Sie Ihren müden Arsch in Bewegung!«

Sie kam und brachte die Instrumente in einer frischen Schale mit.

»Ich brauche die Pumpe, Lester«, sagte Pritchard zu Albertson. »Wir müssen absaugen. Und dann werde ich Ihnen etwas zeigen, was Sie — außer vielleicht in einem Raritätenkabinett — noch nie gesehen haben.«

Albertson rollte die Saugpumpe heran, ohne Rücksicht auf die Oberschwester, die beiseite sprang, die Schale mit den Instrumenten aber trotzdem nicht fallen ließ.

Pritchard wendete sich an den Anästhesisten: »Wie ist der Blutdruck? Ein guter Blutdruck ist alles, was ich verlange.«

»Eins-null-fünf über achtundsechzig, Doktor. Stabil wie ein Felsen.«

»Seine Mutter hat gesagt, wir hätten den nächsten William Shakespeare hier auf dem Tisch, also sorgen Sie dafür, daß es so bleibt. Saugen Sie, All— Sie sollen ihn mit dem verdammten Ding nicht nur kitzeln.«

Albertson saugte, beseitigte das Blut. Im Hintergrund piepte stetig, monoton, beruhigend die Überwachungsmaschinerie. Dann hielt er plötzlich den Atem an. Ihm war, als hätte ihm jemand einen Schlag in die Magengrube versetzt.

»Großer Gott. Großer Gott.« Er fuhr kurz zurück — dann beugte er sich vor. Seine Augen über der Maske und hinter den horngefaßten Brillengläsern waren vor Neugier und Faszination geweitet. »Was ist das?«

»Ich nehme an, Sie sehen, was es ist«, sagte Pritchard. »Man braucht ein paar Sekunden, um sich daran zu gewöhnen. Ich habe darüber gelesen, aber nie erwartet, dergleichen je zu Gesicht zu bekommen.«

Thad Beaumonts Gehirn hatte die gleiche Farbe wie der äußere Rand einer Schneckenmuschel — mittelgrau mit einem ganz leichten Anflug von Rosa.

Aus der glatten Oberfläche der Dura ragte ein einzelnes, blindes und missgebildetes Auge heraus. Das Gehirn pulsierte leicht. Das Auge pulsierte mit ihm. Es sah aus, als versuchte es, ihnen zuzublinzeln. Dieses Blinzeln war es gewesen, das die assistierende Schwester zu ihrer Flucht aus dem OP veranlasst hatte.

»Großer Gott, was ist das?« fragte Albertson noch einmal.

»Es ist nichts«, sagte Pritchard. »Früher einmal war es vielleicht ein Teil eines lebenden, atmenden Menschenwesens. Jetzt ist es nichts. Außer einem Problem. Und zwar einem Problem, mit dem wir fertig werden.«

Dr. Loring, der Anästhesist, sagte: »Darf ich auch einen Blick darauf werfen, Dr. Pritchard?«

»Ist er immer noch stabil?«

»Ja.«

»Dann kommen Sie. Das ist etwas, was Sie Ihren Enkelkindern erzählen können. Aber machen Sie schnell.«

Während Loring seinen Blick darauf warf, wendete sich Pritchard an Albertson. »Ich brauche die Negli«, sagte er. »Ich muss ihn noch etwas weiter aufmachen. Dann sondieren wir. Ich weiß nicht, ob ich alles herausholen kann, aber ich will so viel wie möglich herausholen.«

Albertson, der jetzt die assistierende Schwester vertrat, gab Pritchard die frisch sterilisierte Sonde in die Hand, als dieser danach verlangte. Pritchard, der nun leise die Titelmelodie von Bonanza vor sich hinsummte, untersuchte schnell und fast mühelos die Wunde und warf nur hin und wieder einen Blick auf den am Ende der Sonde sitzenden Spiegel. Die meiste Zeit verließ er sich auf seinen Tastsinn. Später erklärte Albertson, er hätte in seinem ganzen Leben noch keine derart faszinierende und souveräne Operation gesehen.

Außer dem Auge fanden sie noch einen Teil eines Nasenflügels, drei Fingernägel und zwei Zähne. In einem der Zähne war ein kleines Loch. Das Auge pulsierte weiter und versuchte weiter zu blinzeln, bis Dr. Pritchard das Nadelskalpell ansetzte und es erst durchstach und dann herausschnitt. Die gesamte Operation, vom ersten Sondieren bis zur endgültigen Exzision, dauerte nur siebenundzwanzig Minuten. Fünf Fleischbröckchen landeten in der Edelstahlschale hinter Thads kahlrasiertem Kopf.

»Ich glaube, wir haben alles«, sagte Pritchard schließlich. »Das ganze Fremdgewebe war offenbar durch rudimentäre Ganglien miteinander verbunden. Selbst wenn tatsächlich noch etwas da sein sollte, sind die Aussichten, daß wir es abgetötet haben, recht gut.«

»Aber — wie ist das möglich, daß das Kind trotzdem noch am Leben ist? Ich meine, das sind doch Teile von ihm?« fragte Loring verblüfft.

Pritchard deutete auf die Schale. »Wir finden im Kopf dieses Jungen ein Auge, Zähne und ein paar Fingernägel, und Sie glauben, es wären Teile von ihm gewesen? Haben Sie festgestellt, daß ihm Fingernägel fehlen? Wollen Sie nachsehen?«

»Aber selbst Krebs ist nichts anderes als ein Teil eines Patienten…«

»Dies war kein Krebs«, erklärte Pritchard ihm geduldig. Seine Hände setzten ihre Arbeit fort, während er redete. »Bei vielen Entbindungen, bei denen die Mutter ein Kind zur Welt bringt, hat das Kind seine Existenz als Zwilling begonnen — möglicherweise sogar in zwei von zehn Fällen. Was passiert mit dem anderen Fetus? Der stärkere absorbiert den schwächeren.«

»Er absorbiert ihn? Sie meinen, er verzehrt ihn?« fragte Loring. Er sah ein wenig grünlich aus. »Reden wir hier von Kannibalismus in utero?«

»Nennen Sie es, wie Sie wollen; es kommt ziemlich oft vor. Wenn es eines Tages so weit ist, daß wir tatsächlich über dieses Sonargrammgerät verfügen, von dem bei Tagungen immer die Rede ist, werden wir vielleicht sogar herausfinden, wie oft es vorkommt. Aber so oft es auch vorkommen mag das, was wir heute gesehen haben, ist viel seltener. Ein Teil des Zwillings dieses Jungen ist nicht absorbiert worden und zufällig in seinen Stirnlappen gewandert. Es hätte ebenso gut in seine Därme, seine Milz oder sein Rückgrat wandern können. Normalerweise sind die einzigen Ärzte, die so etwas zu sehen bekommen, die Pathologen — es stellt sich bei Autopsien heraus, und ich habe nie von einem Fall gehört, in dem das fremde Gewebe die Todesursache gewesen ist.«

»Und was ist hier passiert?« fragte Albertson.

»Irgend etwas hat diese Gewebsmasse, die vermutlich vor einem Jahr nur unter dem Mikroskop zu erkennen gewesen wäre, wieder in Bewegung versetzt. Die Wachstumsuhr des absorbierten Zwillings, die zumindest einen Monat vor Mrs. Beaumonts Entbindung ein für allemal hätte stehen bleiben müssen, wurde irgendwie von neuem aufgezogen — und das verdammte Ding begann tatsächlich zu laufen. An dem, was dann passierte, ist nichts absonderlich. Schon der Schädelinnendruck reichte aus, die Kopfschmerzen und den Anfall auszulösen, der ihn hergebracht hat.«

»Ja«, sagte Loring leise, »aber warum ist das passiert?«

Pritchard schüttelte den Kopf. »Wenn ich in dreißig Jahren noch mit anspruchsvolleren Dingen beschäftigt bin als mit meinen Golfschlägern, können Sie mir diese Frage nochmals stellen. Vielleicht weiß ich dann eine Antwort. Im Augenblick weiß ich nur, daß ich eine sehr spezielle, sehr seltene Art von Tumor entfernt habe. Einen gutartigen Tumor. Und solange es keine Komplikationen gibt, brauchen die Eltern meiner Meinung nach nicht mehr zu wissen als eben das. Wenn ich den Vater des Jungen vor mir sehe, muss ich immer an einen Neandertaler denken. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, ihm erklären zu müssen, daß ich bei seinem elfjährigen Sohn eine Abtreibung vorgenommen habe. Und nun wollen wir ihn wieder zumachen, Al.«

Dann setzte er, an die Oberschwester gewandt, liebenswürdig hinzu: »Ich möchte, daß diese dämliche Ziege, die hinausgerannt ist, entlassen wird. Bitte notieren Sie das.«

»Ja, Doktor.«

___________

Dreiundzwanzig Tage nach der Operation verließ Thad Beaumont das Krankenhaus. Noch fast sechs Monate danach war seine linke Körperhälfte beängstigend schwach, und gelegentlich, wenn er sehr erschöpft war, sah er merkwürdige, nicht ganz willkürliche Muster aus Lichtblitzen vor seinen Augen.

Seine Mutter hatte ihm als Genesungsgeschenk eine alte Remington-32-Schreibmaschine gekauft, und die Lichtblitze kamen zumeist dann, wenn er in der Stunde vor dem Zubettgehen darübergebeugt dasaß, sich abmühte, die richtigen Worte zu finden, oder sich vorzustellen, was in der Geschichte, die er schrieb, als nächstes passieren sollte. Aber allmählich verschwanden auch die Lichtblitze.

Das unheimliche Phantomgeräusch — das Tschilpen und Zwitschern von ganzen Schwadronen von Sperlingen — hörte er nach der Operation überhaupt nicht mehr.

Er schrieb weiter, gewann Selbstvertrauen, entwickelte mit der Zeit seinen eigenen Stil und verkaufte seine erste Geschichte — an American Teen — sechs Jahre nach Beginn seines wirklichen Lebens. Danach schaute er einfach nicht mehr zurück.

Soweit seinen Eltern und ihm selbst bekannt war, war im Herbst seines zwölften Lebensjahrs ein kleiner, gutartiger Tumor aus dem Stirnlappen seines Gehirns entfernt worden. Wenn er überhaupt darüber nachdachte (was er um so seltener tat, je mehr Zeit darüber vergangen war), dann dachte er nur, daß er geradezu unverschämtes Glück gehabt hatte.

Er hatte die Operation überlebt — im Gegensatz zu vielen anderen Patienten, die sich in jenen noch relativ primitiven Zeiten einer Gehirnoperation unterziehen mussten.

Teil I

Metzgerfüllsel

Langsam und bedächtig bog Machine die Büroklammer mit seinen langen, kraftvollen Fingern auf. »Halt seinen Kopf fest, Jack«, sagte er zu dem Mann hinter Halstead. »Halt ihn gut fest.«

Halstead begriff, was Machine vorhatte, und als Jack Rangely seinen Kopf zwischen seine beiden großen Hände nahm und ihn unverrückbar festhielt, begann er zu schreien. Die Schreie widerhallten in dem verlassenen Lagerhaus. Der riesige leere Raum wirkte wie ein natürlicher Verstärker. Halstead hörte sich an wie ein Opernsänger, der sich für eine Premiere einsingt.

»Ich bin zurückgekommen«, sagte Machine. Halstead kniff die Augen zu, aber es half ihm nichts. Das Stück Stahldraht durchdrang mühelos das linke Augenlid und bohrte sich in den darunterliegenden Augapfel. Klebrige, gallertartige Flüssigkeit begann herauszusickern. »Ich bin von den Toten zurückgekehrt, und du undankbarer Hurensohn scheinst dich überhaupt nicht darüber zu freuen.«

Riding to Babylon

VON GEORGE STARK

People berichtet

1

Die Ausgabe der Zeitschrift People vom 20. Mai war typisch für dieses Blatt.

Den Einband schmückte die tote Berühmtheit der Woche, ein Rock’n Roll-Star, der sich in seiner Zelle erhängt hatte, nachdem er wegen des Besitzes von Kokain und diverser anderer Drogen verhaftet worden war. Drinnen fand sich der übliche Gaumenkitzel: neun unaufgeklärte Sexualmorde im öden Westen von Nebraska; ein Guru für gesunde Ernährung, der aufgeflogen war, als er Kinderpornos verkaufte; eine Hausfrau in Maryland, die einen Kürbis geerntet hatte, der einer Büste von Jesus Christus ähnelte — allerdings nur, wenn man ihn in einem düsteren Zimmer mit halbgeschlossenen Augen ansah; ein tapferes, querschnittgelähmtes Mädchen, das für das Big Apple-Rollstuhl-Marathon trainierte; eine Hollywood-Scheidung; eine Hochzeit in den besseren New Yorker Kreisen; ein Ringer, der sich von einer Herz-Attacke erholte; ein Komiker, der sich gegen eine Anzeige wegen übler Nachrede zur Wehr setzte.

Außerdem eine Geschichte über einen Unternehmer in Utah, der eine tolle neue Puppe unter dem Namen Yo Mamma! auf den Markt gebracht hatte. Yo Mamma! sah angeblich aus wie »jedermanns geliebte (?) Schwiegermutter«. In die Puppe war ein Tonband eingebaut, das Sätze von sich gab wie »In meinem Haus ist ihm nie kaltes Essen vorgesetzt worden, meine Liebe« oder »Dein Bruder behandelt mich nie wie den letzten Dreck, wenn ich für ein paar Wochen zu Besuch komme«. Der eigentliche Heuler war jedoch, daß man, um Yo Mamma! zum Reden zu bringen, nicht an einer Schnur in ihrem Rücken zog, sondern dem Ding mit aller Kraft einen Tritt versetzte. »Yo Mamma! ist gut gepolstert und garantiert unzerbrechlich; außerdem garantieren wir, daß sie weder Wände noch Möbel beschädigt«, erklärte ihr stolzer Erfinder, Mr. Gaspard Wilmot (der, wie in dem Artikel beiläufig erwähnt wurde, einmal wegen Steuerhinterziehung vor Gericht gestanden hatte — die Anklage wurde fallengelassen).

Und die Seite dreiunddreißig dieser amüsanten und informativen Ausgabe von Amerikas führender amüsanter und informativer Zeitschrift trug eine der typischen People-Kopfzeilen: kurz, knapp und prägnant. Sie lautete BIO.

»People«, erklärte Thad Beaumont seiner Frau Liz, als sie nebeneinander am Küchentisch saßen und den Artikel zum zweiten Mal lasen, »kommt gern direkt zur Sache. BIO. Punktum. Wer kein BIO will, blättert weiter zu In Nöten und liest die Geschichte von den Mädchen, die tief im Herzen von Nebraska um die Ecke gebracht wurden.«

»Wenn man es recht bedenkt, ist das eigentlich nicht so lustig«, sagte Liz Beaumont und verdarb dann die Wirkung ihrer Worte, indem sie unwillkürlich in eine geballte Faust hineinkicherte.

»Nicht gerade zum Hellauflachen, aber gewiss absonderlich«, sagte Thad und begann, sich wieder mit dem Artikel zu beschäftigen. Dabei rieb er, ohne sich dessen bewusst zu sein, über die kleine weiße Narbe auf seiner Stirn.

Wie die meisten BIOS von People war dies der einzige Artikel in der Zeitschrift, bei dem der Text mehr Raum einnahm als die Fotos.

»Bereust du, daß du es getan hast?« fragte Liz. Mit einem Ohr horchte sie auf die Zwillinge, aber bisher verhielten sie sich ganz brav und schliefen wie die Lämmchen.

»Zuerst einmal«, sagte Thad, »habe nicht ich es getan. Wir haben es getan. Einer für beide und beide für einen, wie du dich vielleicht erinnerst.« Er tippte auf ein Foto auf der zweiten Seite des Artikels, das seine Frau zeigte, die ihm einen Teller voll Schokoladenkekse anbot; er saß vor seiner Schreibmaschine, in die ein Blatt Papier eingespannt war. Was auf dem Papier stand — und ob überhaupt etwas darauf stand —, war nicht zu erkennen, was vermutlich nur gut war; höchstwahrscheinlich war es nur blanker Unsinn. Schreiben war für ihn immer Schwerarbeit gewesen, und es war keinesfalls etwas, das er vor Publikum tun konnte — schon gar nicht, wenn zu diesem Publikum eine Fotografin von People gehörte. George war es wesentlich leichter gefallen, aber Thad Beaumont fiel es verdammt schwer. Liz störte ihn nicht, wenn er es versuchte — und es ihm manchmal tatsächlich gelang. Sie brachte ihm nicht einmal Telegramme, geschweige denn Schokoladenkekse.

»Ja, aber…«

»Und zweitens …«

Er betrachtete das Foto von Liz mit den Keksen. Er sah zu ihr auf, und sie grinsten beide. Dieses Grinsen nahm sich einigermaßen merkwürdig aus auf den Gesichtern von Leuten, die, obwohl umgänglich, selbst beim Austeilen so gewöhnlicher Dinge wie einem Lächeln recht zurückhaltend waren. Er erinnerte sich an die Zeit, in der er in Maine, New Hampshire und Vermont als Führer auf dem Appalachian Trail gearbeitet hatte. In dieser fernen Vergangenheit hatte er einen zahmen Waschbären namens John Wesley Harding gehabt. Nicht, daß er irgendwelche Versuche unternommen hätte, John zu zähmen; der Waschbär hatte sich ihm einfach angeschlossen. Der alte J. W. liebte es, in kalten Abenden ein Schlückchen zu trinken, und wenn er etwas zu tief in die Flasche geschaut hatte, dann pflegte er genau so zu grinsen.

»Und zweitens, was?«

Und zweitens finde ich es höchst komisch, daß ein Mann, der vor langer Zeit einmal für den National Book Award nominiert worden ist, und seine Frau einander angrinsen wie zwei betrunkene Waschbären, dachte er und konnte sein Gelächter nicht mehr unterdrücken; es wallte einfach aus ihm heraus.

»Thad, du weckst die Zwillinge auf!«

Er versuchte, ohne viel Erfolg, die Lautstärke zu dämpfen.

»Und zweitens sehen wir aus wie zwei Idioten, und das stört mich überhaupt nicht«, sagte er, zog sie an sich und küsste ihre Kehlgrube.

Im Nebenzimmer begannen erst William und dann Wendy zu weinen.

Liz versuchte, ihn vorwurfsvoll anzusehen, brachte es aber nicht fertig. Es tat zu gut, ihn lachen zu hören. Vielleicht deshalb, weil er es nicht in ausreichendem Maße tat. Das Geräusch seines Lachens hatte für sie einen fremdartigen, exotischen Reiz. Thad Beaumont war nie ein Mann des Lachens gewesen.

»Meine Schuld«, sagte er. »Ich hole sie.«

Er wollte aufstehen, stieß gegen den Tisch und hätte ihn beinahe umgekippt. Er war ein sanfter Mann, aber seltsam tollpatschig — ein Überbleibsel von dem Jungen, der er einst gewesen war.

Liz konnte den Krug mit Blumen, der auf dem Tisch stand, gerade noch festhalten, bevor er über den Rand rutschen und auf dem Boden zerschellen konnte.

»Aber Thad!« sagte sie vorwurfsvoll, doch dann begann sie gleichfalls zu lachen.

Er setzte sich für einen Moment wieder hin und streichelte ihre Hand sanft zwischen seinen Händen. »Sag, Baby, stört es dich?«

»Nein«, sagte sie. Eine Sekunde lang dachte sie daran, zu sagen: Aber es flößt mir ein unbehagliches Gefühl ein. Nicht, weil wir ziemlich blöd aussehen, sondern weil — nun, eigentlich kenne ich den Grund nicht. Ich habe nur ein unbehagliches Gefühl dabei.

Sie dachte daran, aber sie sagte es nicht. Es tat einfach zu gut, ihn lachen zu hören. Sie ergriff eine der sie sanft streichelnden Hände und drückte sie kurz. »Nein«, sagte sie, »es stört mich nicht. Ich finde es spaßig. Und um so besser, wenn es The Golden Dog hilft, falls du dich endlich dazu entschließen kannst, dich ernsthaft an die Arbeit zu machen.«

Sie erhob sich, fasste ihn bei den Schultern und drückte ihn nieder als er versuchte, ihrem Beispiel zu folgen.

»Du holst sie das nächste Mal«, sagte sie. »Du bleibst hier sitzen, bis du deinen unbewußten Drang, meinen Krug zu zerschmeißen, wieder, losgeworden bist.«

»Okay«, sagte er und lächelte. »Ich liebe dich, Liz.«

»Ich dich auch.« Sie ging, um die Zwillinge zu holen, und Thad Beaumont begann, sich wieder seinem BIO zuzuwenden.

Anders als bei den meisten People-Artikeln nahm das Aufmacherfoto in dem Thaddeus Beaumont-BIO nicht die ganze Seite ein, sondern weniger als ein Viertel. Dennoch lenkte es die Aufmerksamkeit auf sich, weil ein Layouter mit einem Blick für das Ungewöhnliche das Foto, das Thad und Liz auf einem Friedhof zeigte, schwarz umrahmt hatte. Der Text darunter bildete einen fast brutalen Kontrast dazu.

Auf dem Foto hatte Thad einen Spaten und Liz eine Spitzhacke. Seitlich stand eine Schubkarre mit weiterem Totengräber-Werkzeug. Auf dem Grab selbst waren mehrere Blumensträuße arrangiert worden, aber die Aufschrift auf dem Grabstein war trotzdem gut zu lesen.

GEORGE STARK

1975-1988

Kein angenehmer Zeitgenosse

In auffallendem Kontrast zu dem Ort und dem offenkundigen Akt (der gerade erfolgten Beisetzung von etwas, das, zumindest den Daten zufolge, der Leichnam eines dreizehnjährigen Jungen gewesen sein musste) schüttelten die beiden falschen Totengräber einander über den gerade wieder aufgelegten Grassoden die Hand — und lachten vergnügt.

Das Ganze war natürlich gestellt. Sämtliche Fotos, mit denen der Artikel illustriert war — das Leichenbegängnis, die Darbietung der Schokoladenkekse und Thad selber, wie er einsam wie eine Wolke auf einem menschenleeren Waldweg bei Ludlow entlang wanderte und vermutlich »eine Inspiration« hatte —, waren gestellt. Es war komisch. Liz hatte in den letzten fünf Jahren People im Supermarkt gekauft, und sie hatten sich darüber lustig gemacht, aber sie hatten es beide beim Abendessen durchgeblättert oder auf der Toilette, wenn gerade kein vernünftiges Buch zur Hand war. Thad hatte sich von Zeit zu Zeit über den Erfolg der Zeitschrift gewundert und sich gefragt, ob es die eingehende Beschäftigung mit Prominenten war, der sie ihre Faszination verdankte, oder nur die Art, wie sie aufgemacht war, mit all diesen großen Schwarzweißfotos und dem fettgedruckten Text, der überwiegend aus simplen Aussagesätzen bestand. Aber auf die Idee, daß die Fotos womöglich gestellt waren, war er nie gekommen.

Die Fotos hatte eine Frau namens Phyllis Myers gemacht. Sie hatte Thad und Liz erzählt, sie hätte zahlreiche Aufnahmen von Teddybären in Kindersärgen gemacht, wobei alle Teddies Kinderkleidung trugen. Sie hoffte, die Serie an einen der großen New Yorker Verlage verkaufen zu können. Erst am zweiten Tag der Foto-und-Interview-Sitzung hatte Thad begriffen, daß die Frau sondierte, ob er den Text dazu schreiben würde. Der Tod der Teddybären würde, so sagte sie, »der endgültige, vollkommene Kommentar zum Sterben in Amerika« sein, »finden Sie nicht, Thad?«

Angesichts ihrer makabren Interessen war es wohl nicht verwunderlich, daß diese Frau Georges Grabstein bestellt und aus New York mitgebracht hatte. Er bestand aus Pappmaché.

»Es macht Ihnen doch nichts aus, sich vor diesem Grabstein die Hände zu schütteln«, hatte sie mit einem Lächeln gefragt, das schmeichlerisch und zuvorkommend zugleich gewesen war. »Das gibt eine wundervolle Aufnahme.«

Liz hatte ihn angesehen, fragend und ein wenig entsetzt. Dann hatten sie den imitierten Grabstein, der aus New York City (wo die Zeitschrift People ganzjährig zu Hause war) nach Castle Rock in Maine (wo die Beaumonts im Sommer zu Hause waren) gereist war, beide mit einer Mischung aus Verwunderung und nachdenklichem Staunen betrachtet. Es war die Inschrift, die Thads Blick immer wieder auf sich lenkte.

Kein angenehmer Zeitgenosse.

Allen schmückenden Beiwerks beraubt, war die Geschichte, die People den hingerissenen Lesern von Prominentenklatsch erzählen wollte, ganz simpel. Thad Beaumont war ein angesehener Schriftsteller, dessen erster Roman, The Sudden Dancers, 1972 für den National Book Award nominiert worden war. Dergleichen hatte zwar bei den Literaturkritikern einiges Gewicht, aber für die hingerissenen Leser von Prominentenklatsch war das völlig belanglos. Der Mann, für den sie sich interessierten, war überhaupt kein wirklicher Mann. Thad hatte einen Bestseller, der ein Riesenerfolg gewesen war, und drei weitere, gleichfalls überaus erfolgreiche Romane, unter einem anderen Namen geschrieben. Und dieser Name war George Stark gewesen.

Jerry Harkavay, aus dem das gesamte Büro von Associated Press in Waterville bestand, hatte die George-Stark-Story als erster aufgegriffen, nachdem Rick Cowley, Thads Agent, mit Thads Erlaubnis Louise Booker von Publisher’s Weekly angerufen hatte. Allerdings hatten weder Harkavay noch Louise Booker die vollständige Story bekommen schon deshalb nicht, weil es Thad widerstrebte, Frederick Clawson, diesen schleimigen kleinen Widerling, auch nur zu erwähnen —, aber sie war trotzdem gut genug gewesen, um eine weitere Verbreitung zu verdienen, als die Agenturdienste von AP oder das Fachblatt der Buchindustrie ihr bieten konnten. Clawson, hatte Thad Liz und Rick erklärt, war nicht die Story — er war lediglich das Arschloch, das ihn zwang, sie an die große Glocke zu hängen.

Im Verlauf dieses ersten Interviews hatte Jerry ihn gefragt, was für ein Typ George Stark war. »George«, hatte Thad erwidert, »ist kein angenehmer Zeitgenosse.« Dieses Zitat hatte Jerry die Schlagzeile für seinen Bericht geliefert, und es hatte die Fotografin auf die Idee gebracht einen Grabstein aus Pappmaché zu bestellen, auf dem diese Worte standen. Die Welt war schon komisch. Wirklich komisch.

Ganz plötzlich musste er wieder lachen.

2

Auf dem schwarzen Feld unter dem Foto, das Thad und Liz auf einem der Friedhöfe von Castle Rock zeigte, standen in weißer Schrift zwei Zeilen Text.

DER TEURE VERBLICHENE STAND DIESEM MANN UND DIESER FRAU SEHR NAHE, lautete die erste.

WARUM ALSO LACHEN DIESE BEIDEN? lautete die zweite.

»Weil es in der Welt total verrückt zugeht«, sagte Thad und brach oder in Gelächter aus. Liz Beaumont war nicht die einzige, die angesichts dieser seltsamen Art von Publicity Unbehagen empfand.

Auch er verspürte einen Anflug von Unbehagen. Dennoch fiel es ihm schwer, mit dem Lachen aufzuhören. Er schaffte es ein paar Sekunden lang, und dann brach ein frischer Schwall von Gelächter aus ihm heraus, als sein Blick wieder auf die Zeile Kein angenehmer Zeitgenosse fiel. Der Versuch, aufzuhören, glich dem, die Löcher in einem schlecht gebauten Damm zu verschließen sobald man ein Leck zugestopft hatte, entdeckte man an einer anderen Stelle ein neues.

Thad argwöhnte, daß bei einem solchen Lachanfall irgendetwas nicht Ordnung war — er war eine Form von Hysterie. Er wußte, daß solchen Anfällen nur selten, wenn überhaupt jemals, etwas Komisches zugrunde lag. Man konnte sogar davon ausgehen, daß es sich dabei um das genaue Gegenteil von etwas Komischem handelte.

Vielleicht um etwas, wovor man Angst hatte.

Angst wegen eines blöden Artikels in People? Ist es das? Unsinn. Angst, dich lächerlich zu machen, zu denken, daß deine Kollegen in der Englischen Fakultät diese Fotos sehen und glauben, du hättest auch noch das letzte bisschen Verstand verloren?

Nein, von seinen Kollegen hatte er nichts zu fürchten, nicht einmal von denen, die schon dagewesen waren, als die Dinosaurier noch auf der Erde herumwanderten. Er hatte es zu einem Haus gebracht und auch zu genügend Vermögen, um ein Leben als — Trompetenstoß bitte! — freier Schriftsteller führen zu können, wenn ihn danach verlangte (und er war nicht sicher, ob er das wollte; die administrativen Aspekte seines Jobs waren zwar verdammt langweilig, aber das Unterrichten machte m Spaß). Und außerdem nein, weil es ihm schon seit etlichen Jahren ziemlich gleichgültig war, was seine Kollegen von ihm dachten. Nicht gleichgültig war ihm allerdings, was seine Freunde dachten, und in einigen Fällen waren seine Freunde, Liz’ Freunde und ihre gemeinsamen Freunde zugleich Kollegen, aber wie er glaubte, konnten auch diese Leute sich vorstellen, daß das Ganze eine Art Spaß war.

Wenn ihn irgendetwas ängstigte, dann war das …

Schluss damit, kommandierte sein Verstand in dem trockenen, strengen Ton, der geeignet war, selbst die aufmüpfigsten seiner Schüler verstummen zu lassen. Schluss mit diesem Unsinn, und zwar sofort.

So wirksam das bei seinen Schülern auch sein mochte — auf Thad selbst übte es keinerlei Wirkung aus.

Er blickte wieder auf das Foto, und diesmal war es nicht das Gesicht seiner Frau und sein eigenes — Gesichter, die einander frech angrinsten wie Kinder, die eine Mutprobe ablegen.

GEORGE STARK

1975-1988

Kein angenehmer Zeitgenosse

Das war es, was ihm Unbehagen einflößte.

Dieser Grabstein. Dieser Name. Diese Daten. Vor allem dieser bittere Zusatz, der ihn laut herauslachen ließ, aber aus irgendeinem Grunde jenseits allen Gelächters ganz und gar nicht komisch war.

Dieser Name.

Dieser Zusatz.

»Macht nichts«, murmelte Thad. »Der Scheißkerl ist jetzt tot.«

Aber das Unbehagen blieb.

Als Liz zurückkam, auf jedem Arm einen frisch gewickelten und umgezogenen Zwilling, hatte sich Thad wieder in den Artikel vertieft.

___________

»Ob ich ihn ermordet habe?«

Thaddeus Beaumont, einst als einer der vielversprechendsten amerikanischen Romanciers gefeiert und 1972 mit The Sudden Dancers für den National Book Award nominiert, wiederholt nachdenklich die Frage des Interviewers. Er blickt ein wenig erstaunt drein. »Ermordet«, sagt er leise, als wäre er nie auf dieses Wort gekommen — obwohl seine »dunkle Hälfte«, wie Beaumont George Stark nennt, kaum jemals an etwas anderes als an Mord gedacht hat.

Aus dem Steinzeugtopf neben seiner altmodischen Remington-32-Schreibmaschine holt er einen Berol-Black-Beauty-Bleistift (Beaumont zufolge das einzige Instrument, mit dem Stark schreiben wollte) und beginnt daran zu knabbern, allem Anschein nach, ohne sich dessen bewusst zu sein. Dem Aussehen des runden Dutzend von Bleistiften in dem Topf nach zu urteilen, ist das Knabbern eine Gewohnheit.

»Nein«, sagt er schließlich und steckt den Stift wieder in den Topf, »ich habe ihn nicht ermordet.« Er schaut auf und lächelt. Beaumont ist neununddreißig, und wenn er auf diese offene Art lächelt, könnte man ihn für einen seiner eigenen Studenten halten. »George ist eines natürlichen Todes gestorben.«

Beaumont sagt, auf die Idee mit George Stark wäre seine Frau gekommen, Elizabeth Stevens Beaumont, eine kühle und reizende Blondine, lehnt es ab, dieses Verdienst für sich in Anspruch zu nehmen. »Ich habe«, sagt sie, »lediglich vorgeschlagen, daß er einmal einen Roman unter einem anderen Namen schreibt und zusieht, was dabei herauskommt. Thad litt unter einer schweren Schreibblockierung, und er brauchte etwas, das ihn wieder in Gang brachte. Und im Grunde war George Stark bereits vorhanden. Schon in einigen der unvollendeten Sachen, die Thad hin und wieder geschrieben hatte, habe ich Hinweise auf ihn entdeckt. Im Grunde ging es nur darum, ihn dazu zu bringen, daß er aus dem Schrank herauskam.«

Viele Leute sind jedoch der Ansicht, daß Beaumonts Probleme über eine bloße Schreibblockierung ein wenig hinausgingen. Zumindest zwei wohlbekannte Autoren (die nicht zitiert werden wollten) erklärten, sie hätten sich in dieser kritischen Zeit zwischen seinem ersten und seinem zweiten Buch große Sorgen um seine geistige Gesundheit gemacht. Der eine meinte, Beaumont hätte in dem Jahr nach der Veröffentlichung von The Sudden Dancers, das ihm mehr lobende Worte als Tantiemen einbrachte, sogar einen Selbstmordversuch unternommen.

Gefragt, ob er an Selbstmord gedacht hätte, schüttelt Beaumont nur den Kopf und sagt: »Das ist absurd. Öffentliche Anerkennung war nicht das eigentliche Problem; es war die Schreibblockierung. Und ein toter Autor kann dieses Problem nicht mehr aus der Welt schaffen.«

Indessen kam Liz Beaumont immer wieder auf die Idee eines Pseudonyms zurück. »Sie sagte, ich könnte mich zusammenreißen und es tun, wenn ich nur wollte. Irgendetwas schreiben, wozu ich gerade Lust hatte, ohne das Gefühl, daß mir die New York Times Book Review beim Schreiben ständig über die Schulter schaute. Sie sagte, ich könnte einen Western schreiben, eine Gespenstergeschichte, einen Science Fiction-Roman. Oder einen Krimi.«

Thad Beaumont lächelt.

»Ich glaube, den hat sie ganz absichtlich als letztes genannt. Sie wußte, daß ich mit dem Gedanken an einen Kriminalroman gespielt hatte; allerdings war es mir nicht gelungen, die Sache in den Griff zu bekommen.

Irgendwie faszinierte mich der Gedanke an ein Pseudonym. Es bedeutete so etwas wie Freiheit — eine Art geheimer Notausgang, wenn Sie verstehen, was ich damit meine.

Aber da war noch etwas anderes — und das ist sehr schwer zu erklären.«

Beaumont streckt eine Hand in Richtung auf die säuberlich gespitzten Berols dem Steinzeugtopf aus und zieht sie dann zurück. Dann blickt er durch das große Fenster seines Arbeitszimmers auf die Frühlingspracht der Bäume in ihrem frischen Grün.

»Die Vorstellung, ein Pseudonym zu benutzen, war fast so, als stellte man sich vor, man wäre unsichtbar«, sagt er schließlich fast zögerlich. »Je mehr ich mich mit dem Gedanken an ein Pseudonym befasste, desto stärker hatte ich das Gefühl, mich — ja — neu erfinden zu können.«

Seine Hand geht wieder auf Wanderschaft, und diesmal gelingt es ihr, einen der Bleistifte aus dem Steinzeugtopf zu stibitzen, während er mit seinen Gedanken ganz woanders ist.

Thad schlug die nächste Seite auf und schaute dann zu den Zwillingen in ihrem hohen doppelten Kinderstuhl. Bruder-und-Schwester-Zwillinge waren immer zweieiig, doch Wendy und William waren einander so ähnlich, wie zwei Kinder es überhaupt sein können, ohne tatsächlich eineiige Zwillinge zu sein.

William lächelte Thad mit der Flasche im Mund an.

Wendy lächelte gleichfalls mit ihrer Flasche im Mund, aber sie besaß etwas, das ihrem Bruder fehlte — einen einzigen Zahn, der völlig schmerzlos erschienen war und die Oberfläche des Zahnfleischs so lautlos durchbrochen hatte wie das Periskop eines Unterseeboots die Wasseroberfläche.

Wendy löste ein Patschhändchen von ihrer Plastikflasche. Öffnete es. Ballte es. Öffnete es. Ein Wendy-Winken.

Ohne sie anzusehen, löste William eines seiner Händchen von seiner Flasche, öffnete es, ballte es, öffnete es. Ein William-Winken.

Thad hob eine seiner eigenen Hände vom Tisch, öffnete sie, ballte sie, öffnete sie.

Die Zwillinge lächelten mit den Flaschen im Mund.

Er richtete den Blick wieder auf die Zeitschrift. Oh, People, dachte er, wo wären wir ohne dich, was würden wir ohne dich anfangen? Die neuesten Nachrichten über sämtliche Stars in Amerika, Leute. Der Interviewer hatte die gesamte schmutzige Wäsche ans Licht gezogen, die sich herausziehen ließ — in erster Linie die vier schlimmen Jahre, nachdem er für The Sudden Dancers den National Book Award nicht bekommen hatte — aber das war zu erwarten gewesen, und er stellte fest, daß ihn die Zurschaustellung nicht sonderlich störte. Erstens einmal war die Wäsche nicht übermäßig schmutzig, und zweitens war er immer der Ansicht gewesen, daß es sich mit der Wahrheit besser leben ließ als mit einer Lüge. Zumindest auf lange Sicht.

Vorbei sich natürlich die Frage ergab, ob die Zeitschrift People und die »lange Sicht« irgendetwas gemeinsam hatten.

Und wenn schon. Jetzt war es ohnehin zu spät.

Der Bursche, der den Artikel geschrieben hatte, hieß Mike — daran erinnerte er sich, aber Mike wie? Wenn man nicht gerade ein Earl war, der über Fürstenhäuser plauderte, oder ein Filmstar, der sich über andere Filmstars ausließ, dann stand in People der Name des Verfassers am Ende des Artikels. Thad musste vier Seiten weiterblättern (zwei davon waren ganzseitige Anzeigen), um den Namen zu finden. Mike Donaldson. Er und Mike hatten bis in die Nacht hinein zusammengesessen und geredet, und als Thad gefragt hatte, ob die Tatsache, daß er ein paar Bücher unter Pseudonym geschrieben hatte, überhaupt jemanden interessierte, hatte Mike etwas gesagt, das Thad hell auflachen ließ. »Umfragen haben ergeben, daß die meisten Leser von People extrem enge Nasen haben. In ihnen läßt sich schwer bohren, und deshalb bohren in den Nasen so vieler anderer Leute, wie sie nur können. Sie möchten alles über Ihren Freund George wissen.«

»Er ist nicht mein Freund«, hatte Thad lachend erwidert.

Nun fragte er Liz, die jetzt am Herd stand: »Kommst du zurecht, Baby? Oder brauchst du Hilfe?«

»Alles bestens«, sagte sie. »Ich mache gerade ein bisschen Brei für die Kinder. Du bist nach wie vor mit dir selbst beschäftigt?«

»Das bin ich«, sagte Thad, ohne sich zu schämen, und wendete sich wieder dem Artikel zu.

___________

»Das schwierigste an der ganzen Sache war, einen Namen zu finden«, fährt Beaumont fort und knabbert dabei am Bleistift. »Aber es war sehr wichtig. Ich wußte, daß es funktionieren konnte. Ich wußte, daß es die Schreibblockierung lösen würde, mit der ich mich herumschlug. Wenn ich eine Identität hatte. Die richtige Identität, eine von meiner eigenen getrennte Identität.«

Und wie ist er auf George Stark gekommen?

»Es gibt da einen Kriminalschriftsteller namens Donald E. Westlake«, erläutert Beaumont. »Wenn er unter seinem eigenen Namen schreibt, benutzt Westlake die Form des Kriminalromans zum Schreiben amüsanter Gesellschaftskomödien über das amerikanische Leben und die amerikanischen Sitten.

Aber von Anfang der sechziger bis um die Mitte der siebziger Jahre schrieb er eine Reihe von Romanen unter dem Namen Richard Stark, und diese Bücher sind völlig anders. Sie handeln von einem Mann namens Parker, der ein Brandstiftverbrecher ist. Er hat keine Vergangenheit, keine Zukunft und — in den besten Büchern — keine Interessen außer Rauben und Stehlen.

Wie dem auch sei — aus Gründen, nach denen sie Westlake selbst fragen müssen, hörte er um 1975 herum auf, über Parker zu schreiben, aber ich habe nie vergessen, was er sagte, nachdem er das Pseudonym gelüftet hatte. Er erklärte, er hätte seine Bücher an sonnigen Tagen geschrieben, und an Regentagen hätte Stark das Schreiben übernommen. Das gefiel mir, denn die Zeit damals, von 1973 bis Anfang 1975, bestand für mich nur aus Regentagen.

In den besten dieser Bücher hat Parker mehr Ähnlichkeit mit einem mordenden Roboter als mit einem Menschen. Der seiner Beute beraubte Räuber ist ein immer wiederkehrendes Thema. Und Parker bewegt sich durch die bösen Buben — die anderen bösen Buben, meine ich — haargenau wie ein Roboter, der nur auf ein einziges Ziel programmiert ist. ›Ich will mein Geld‹, sagt er und sonst gar nichts. ›Ich will mein Geld. Ich will mein Geld.‹ Erinnert Sie das an etwas?«

Der Interviewer nickt. Beaumont beschreibt Alexis Machine, die Hauptperson des ersten und des letzten George Stark-Romans.

»Wenn Machine’s Way so geendet hätte, wie es begann, dann hätte ich es in die Schublade gesteckt und nie wieder herausgeholt«, sagt Beaumont. »Wenn ich es veröffentlicht hätte, wäre es ein Plagiat gewesen. Aber als ich ungefähr ein Viertel geschrieben hatte, hatte es seinen eigenen Rhythmus gefunden, und alles weitere ergab sich von selbst.«

Der Interviewer fragt, ob Beaumont damit sagen will, dass, nachdem er eine Zeitlang an dem Buch gearbeitet hatte, George Stark erwachte und zu reden begann.

»Ja«, sagt Beaumont. »Das kommt der Sache ziemlich nahe.«

_____________

Thad schaute auf und hätte beinahe wieder unwillkürlich gelacht. Die Zwillinge bemerkten sein Lächeln und erwiderten es durch das Erbsenpüree hindurch, mit dem Liz sie gerade fütterte. Soweit er sich erinnerte, hatte er in Wirklichkeit gesagt: »Himmel, wie melodramatisch. Das hört sich an wie eine Stelle in Frankenstein, wo der Blitz schließlich in den Blitzableiter auf der höchsten Zinne der Burg einschlägt und das Ungeheuer zum Leben erweckt!«

»Es ist unmöglich, sie zu füttern, wenn du nicht damit aufhörst«, bemerkte Liz. Sie hatte einen kleinen Spritzer Erbsenpüree auf der Nasenspitze, und Thad verspürte den absurden Drang, ihn wegzuküssen.

»Womit soll ich aufhören?«

»Wenn du grinst, grinsen sie auch. Und ein grinsendes Baby kann man nicht füttern.«

»Entschuldigung«, sagte er demütig und blinzelte den Zwillingen zu. Einen Augenblick lang wurde ihr grünumrandetes Lächeln breiter.

Dann senkte er den Blick und las weiter.

»Nachdem ich den Namen hatte, fing ich noch am selben Abend mit der Arbeit an Machine’s Way an; aber da war noch etwas. Ich spannte ein Blatt Papier in meine Schreibmaschine, wie immer, wenn ich schreiben will — und dann zog ich es wieder heraus. Ich habe all meine Bücher mit der Maschine geschrieben, aber George Stark hielt offenbar nichts von Schreibmaschinen.«

Für einen Moment erscheint wieder das Lächeln auf seinem Gesicht.

»Vielleicht deshalb, weil es in den staatlichen Hotels, in denen er seine Strafen absaß, keine Schreibmaschinenkurse gab.«

Beaumont spielt auf George Starks »Schutzumschlag-Biographie« an, in der es heißt, der Autor wäre neununddreißig Jahre alt und hätte dreimal im Gefängnis gesessen: wegen Brandstiftung, wegen Bedrohung mit einer tödlichen Waffe und wegen Überfalls mit mörderischer Absicht. Der Text auf dem Schutzumschlag ist jedoch nur ein Teil der Geschichte; Beaumont holt eine Autoreninformation der Darwin Press aus der Schublade; dort ist der Lebenslauf von George Stark bis ins kleinste Detail wiedergegeben — nur ein guter Romancier kann einen Charakter auf diese Art quasi aus dem Nichts erschaffen. Von seiner Geburt in Manchester, New Hampshire, bis zu seinem letzten Wohnsitz in Oxford, Mississippi, ist alles vorhanden, ausgenommen George Starks Beisetzung in Castle Rock, Maine.

»In einer meiner Schreibtischschubladen fand ich ein altes Notizbuch, und ich benutzte die hier.« Er deutet auf den Steinzeugtopf mit den Bleistiften und scheint etwas überrascht, als er feststellen muss, daß er einen davon in der Hand hält. »Ich fing an zu schreiben, und auf einmal stand Liz an der Tür, sagte, es wäre Mitternacht, und fragte, ob ich überhaupt nicht ins Bett wollte.«

Liz Beaumont hat ihre eigenen Erinnerungen an diesen Abend. Sie sagt: »Ich wachte um viertel vor zwölf auf und sah, daß er nicht im Bett war, und ich dachte, nun ja, er schreibt. Aber ich hörte die Schreibmaschine nicht, und da bekam ich es ein wenig mit der Angst zu tun.«

Ihr Ausdruck läßt vermuten, daß es mehr als nur ein wenig war.

»Als ich hinaufkam und ihn in dieses alte Notizbuch schreiben sah, war ich sprachlos.« Sie lacht. »Seine Nase berührte fast das Papier.«

Der Interviewer fragt, ob sie erleichtert gewesen war.

Mit leiser, gemessener Stimme sagt Liz Beaumont: »Ich war sehr erleichtert.«

»Ich blätterte in dem Notizbuch zurück und stellte fest, daß ich sechzehn Seiten geschrieben hatte, ohne etwas durchgestrichen zu haben«, sagt Beaumont, »und ich hatte drei Viertel eines brandneuen Bleistifts im Anspitzer in Späne verwandelt.« Er mustert den Steinzeugtopf mit einem Ausdruck, bei dem es sich ebenso gut um Melancholie wie um hintergründigen Humor handeln kann. »Vielleicht sollte ich jetzt, wo George tot ist, diese Bleistifte in den Müll werfen. Ich selbst brauche sie nicht. Ich habe es versucht. Es funktioniert einfach nicht. Ich bin auf die Schreibmaschine angewiesen. Sonst werden meine Hände lahm und dumm. Bei George war das nie der Fall.«

Er schaut auf und bedenkt den Interviewer mit einem mysteriösen Zwinkern.

_____________

»Liebling?« Er richtete den Blick auf seine Frau, die sich gerade bemühte, den Rest Erbspüree in William hineinzubekommen. Ein beträchtlicher Teil davon schien auf seinem Lätzchen gelandet zu sein.

»Ja?«

»Sieh mich einen Moment an.«

Sie tat es.

Thad zwinkerte.

»War das mysteriös?«

»Durchaus nicht.«

»Es kam mir auch nicht so vor.«

Der Rest der Story ist ein ironisches Kapitel in der größeren Geschichte dessen, was Thad Beaumont als »das, was die Spinner den Roman nennen« bezeichnet.

Machines Way wurde im Juni 1976 von der relativ kleinen Darwin Press herausgebracht (Beaumonts »eigene« Bücher werden von Dutton verlegt), wurde zum Überraschungserfolg des Jahres, kletterte auf den ersten Platz sämtlicher Bestsellerlisten von Küste zu Küste und lieferte das Drehbuch für einen Film, der ein Kassenschlager wurde.

»Lange Zeit habe ich darauf gewartet, daß jemand herausfand, daß ich George war und George ich«, sagt Beaumont. »Das Copyright lautete auf George Stark, aber mein Agent wußte es, seine Frau — sie sind geschieden, aber sie ist trotzdem noch seine Geschäftspartnerin — und natürlich die Leute in der Geschäftsleitung von Darwin Press und der Rechnungsprüfer. Er musste es wissen, denn George konnte zwar Romane mit der Hand schreiben, aber beim Indossieren von Schecks hatte er gewisse Schwierigkeiten. Und natürlich die Steuerbehörde. Also rechneten Liz und ich ungefähr anderthalb Jahre täglich damit, daß jemand die Katze aus dem Sack ließ. Aber es ist nie herausgekommen. Was nur beweist, daß alle den Mund halten, wenn man glaubt, es könnte gar nicht ausbleiben, daß sich jemand verplappert.«

Und es kam auch die nächsten zehn Jahre nicht heraus, in denen der unauffindbare Mr. Stark, ein weitaus produktiverer Autor als seine andere Hälfte, drei weitere Romane veröffentlichte. Keiner von ihnen war so ein Riesenerfolg wie Machine’s Way, aber alle drei erschienen auf den Bestsellerlisten.

Nach einer langen, nachdenklichen Pause beginnt Beaumont über die Gründe zu sprechen, die ihn dazu veranlassten, diese einträgliche Fiktion aus der Welt zu schaffen. »Sie müssen bedenken, daß George Stark letzten Endes nur ein Mann auf dem Papier war. Ich habe mich seiner lange Zeit erfreut — und er brachte Geld ins Haus.

Schon der Gedanke, daß ich, wenn ich wollte, mit dem Unterrichten aufhören und trotzdem weiterhin meine Hypothek abzahlen konnte, übte eine unvorstellbar befreiende Wirkung auf mich aus.

Aber ich wollte wieder meine eigenen Bücher schreiben, und Stark ging allmählich der Stoff aus. So einfach war das. Ich wußte es, Liz wußte es, mein Agent wußte es, und ich glaube, sogar Georges Lektor bei Darwin Press wußte es. Aber wenn ich das Geheimnis gewahrt hätte, wäre die Versuchung, einen weiteren George Stark-Roman zu schreiben, einfach zu groß gewesen. Der Sirenengesang des Geldes ist für mich ebenso verlockend wie für jeden anderen Menschen. Die einzige Lösung bestand darin, ihm ein für allemal einen Pflock ins Herz zu schlagen.

Mit anderen Worten, die Sache publik zu machen. Was ich, wie die Dinge liegen, hiermit tue.«

_____________

Thad blickte mit einem kleinen Lächeln von dem Artikel auf. Plötzlich kam ihm seine Verwunderung über die gestellten Fotos in dem Artikel ein bisschen heuchlerisch vor. Weil Zeitschriften-Fotografen nicht die einzigen Leute waren, die die Dinge manchmal so hinstellten, daß sie so aussahen, wie die Leser es wünschten und erwarteten. Er nahm an, daß die meisten Leute, die interviewt wurden, mehr oder minder dasselbe taten. Aber er vermutete, daß er dabei Besseres geleistet hatte als andere. Schließlich war er Schriftsteller, und ein Schriftsteller ist ein Mann, der dafür bezahlt wird, daß er lügt. Je besser die Lügen, desto höher das Honorar.

Stark ging allmählich der Stoff aus. So einfach war das.

Wie direkt.

Wie überzeugend.

Und eine Lüge, wie sie im Buche stand.

»Liebling?«

»Ja?« Sie versuchte, Wendy das Gesicht abzuwischen. Wendy legte keinen besonderen Wert darauf. Sie drehte immer wieder den kleinen Kopf zur Seite, plapperte entrüstet, und Liz versuchte, ihr mit dem Waschlappen zu folgen. Thad glaubte zwar, daß es seiner Frau schließlich gelingen würde, sie zu erwischen, obwohl durchaus damit zu rechnen war, daß Liz als erste aufgab. Es hatte den Anschein, als rechnete auch Wendy damit.

»War es falsch, über Clawsons Anteil an der ganzen Sache zu lügen?«

»Wir haben nicht gelogen. Wir haben ihn nur aus der Geschichte herausgehalten.«

»Und er ist ein Spinner, nicht wahr?«

»Nein.«

»Er ist kein Spinner?«

»Nein«, sagte Liz gelassen. Jetzt beschäftigte sie sich damit, William das Gesicht abzuwischen. »Er ist ein schmutziger kleiner Kriechozoide.«

Thad kicherte. »Ein Kriechozoide?«

»So ist es. Ein Kriechozoide.«

»Ich glaube, dieses Wort ist mir noch nie begegnet.«

»Ich las es neulich, als ich in der Videothek nach einem Film zum Ausleihen suchte. Ein Horrorfilm mit dem Titel Die Kriechozoiden. Und ich dachte: Grandios. Jemand hat über Frederick Clawson und seine Angehörigen einen Film gedreht. Das muss ich Thad erzählen. Aber dann habe ich es wieder vergessen.«

»Also hast du in dieser Beziehung keinerlei Gewissensbisse?«

»Keine Spur«, sagte sie. Sie deutete mit der Hand, in der sie den Waschlappen hielt, zuerst auf Thad und dann auf die aufgeschlagene Zeitschrift. »Du hast aus dieser Sache dein Pfund Fleisch herausgeholt, Thad. Und People hat sein Pfund Fleisch herausgeholt. Und Frederick Clawson hat nichts bekommen als einen Scheißdreck, und das geschieht ihm recht.«

»Danke«, sagte er.

Sie zuckte die Achseln. »Manchmal hast du einfach ein zu dünnes Fell, Thad.«

»Ist das das Problem?«

»Ja — das ganze Problem… William! Lass das! Thad, kannst du nicht mal mit anfassen?«

Thad klappte die Zeitschrift zu und folgte Liz, die Wendy trug, mit William auf dem Arm ins Kinderzimmer. William war warm und angenehm schwer, hatte die Arme um Thads Hals geschlungen und beäugte alles mit seinem üblichen Interesse. Liz legte Wendy auf einen Wickeltisch; Thad legte Will auf den anderen. Sie vertauschten schmutzige Windeln gegen saubere, womit Liz etwas früher fertig war als Thad.

»Nun ja«, sagte Thad, »People hat über uns geschrieben, und damit hat es sich. Richtig?«

»Ja«, sagte sie und lächelte. Irgendetwas an diesem Lächeln kam Thad nicht ganz echt vor, aber er erinnerte sich an den merkwürdigen Lachanfall, den er selbst gehabt hatte, und beschloss, nicht nachzuhaken. Manchmal war er sich seiner Sache nicht recht sicher — es war eine Art geistiger Analogie zu seiner körperlichen Tollpatschigkeit, und dann ließ er es an Liz aus. Sie fuhr ihn deshalb nur selten an, aber manchmal, wenn er es zu weit getrieben hatte, bemerkte er eine gewisse Verdrossenheit in ihren Augen. Manchmal hast du einfach ein zu dünnes Fell. Wahrscheinlich hatte sie recht damit.

Er machte Wills Windel mit einer Sicherheitsnadel fest und versuchte, ständig mit einer Hand auf den Bauch des vergnügten Säuglings zu drücken, damit Will nicht vom Tisch herunterrollte und sich umbrachte, wozu er entschlossen zu sein schien.

»Baggariah!« krähte Will.

»Ja«, pflichtete Thad ihm bei.

»Diwit!« krähte Wendy.

Thad nickte. »Auch das.«

»Es ist gut, daß er tot ist«, sagte Liz plötzlich.

Thad schaute auf, dachte einen Moment nach, dann nickte er. »Ja.«

»Ich konnte ihn nie recht leiden, Thad.«

Wie kann man so etwas über seinen Ehemann sagen, hätte er fast erwidert, aber er tat es nicht. Es war nicht erforderlich; sie meinte ja nicht ihn. George Starks Art zu schreiben war nicht der einzige grundlegende Unterschied zwischen ihnen gewesen.

»Ich auch nicht«, sagte er. »Was gibt’s zum Abendessen?«

Haushaltsauflösung

1

In dieser Nacht hatte Thad einen Alptraum, aus dem er den Tränen nahe und zitternd wie ein junger Hund im Gewitter erwachte. In dem Traum war er mit George Stark zusammen gewesen, aber George war kein Autor, sondern ein Grundstücksmakler, und er hatte immer so dicht hinter Thad gestanden, daß er nicht mehr war als eine Stimme und ein Schatten.

2

In der Autoreninformation von Darwin Press — die Thad kurz vor Beginn der Arbeit an Oxford Blues, dem zweiten George Stark-Roman, geschrieben hatte — hieß es, daß Stark »einen 1967er Pickup« fuhr, der »nur von Gebeten und Rostschutzfarbe zusammengehalten wurde«. Im Traum dagegen waren sie in einem kohlschwarzen Tornado gefahren, und Thad wußte, daß er sich, was den Pickup betraf, geirrt hatte. Das war das Auto, das Stark fuhr. Ein Leichenwagen mit Düsenantrieb.

Der Toronado war hinten hochgelagert und sah ganz und gar nicht aus wie der Wagen eines Grundstücksmaklers. Er sah aus wie etwas, an dem ein Gangster der dritten Garnitur seine Freude gehabt hätte. Thad warf einen Blick über die Schulter, während sie auf das Haus zugingen, das Stark ihm aus irgendeinem Grund zeigen wollte. Er glaubte, er würde Stark sehen, und Furcht drang ihm wie ein scharfer Eiszapfen ins Herz. Aber jetzt stand Stark hinter seiner anderen Schulter (obwohl Thad sich nicht vorstellen konnte, wie er so schnell und lautlos seine Position geändert haben konnte), und er sah nichts außer dem Wagen, der im Sonnenlicht funkelte wie eine stählerne Tarantel. Auf der Hochgelagerten hinteren Stoßstange war ein Aufkleber. GRANDIOSER HURENSOHN stand darauf. Ein Totenkopf und gekreuzte Knochen flankierten rechts und links die Worte.

Das Haus, zu dem Stark ihn gefahren hatte, war sein Haus — nicht das Winterhaus in Ludlow, vom dem aus er es nicht weit zur Universität hatte, sondern das Sommerhaus in Castle Rock. Hinter dem Haus erstreckte sich die Nordbucht des Castle Lake, und Thad konnte das leise Plätschern der Wellen ans Ufer hören. Auf der kleinen Rasenfläche neben der Zufahrt stand ein Schild: ZU VERKAUFEN.

Hübsches Haus, nicht wahr? sagte Stark fast flüsternd hinter seiner Schulter. Seine Stimme war rau und dennoch zärtlich, wie das Lecken einer Katzenzunge.

Es ist mein Haus, erwiderte Thad.

Da irren Sie sich. Der Besitzer dieses Hauses ist tot. Er hat zuerst eine Frau und seine Kinder umgebracht und dann sich selbst. Er hat Schluss gemacht. Einfach peng! und gehabt euch wohl. Er hatte so eine Ader in sich. Man brauchte gar nicht genau hinzusehen, um das zu erkennen. Es war ganz deutlich zu sehen.

Sollte das komisch sein? wollte er fragen — es erschien ihm sehr wichtig, Stark zu zeigen, daß er keine Angst vor ihm hatte. In Wirklichkeit war es wichtig, weil er sich entsetzlich fürchtete. Aber bevor er die Worte formen konnte, langte eine große Hand, die überhaupt keine Linien zu haben schien (was sich kaum mit Gewissheit sagen ließ, weil die Finger Schatten auf fast die gesamte Handfläche warfen), über seine Schulter und ließ ein Schlüsselbund vor seinem Gesicht baumeln.

Nein — nicht baumeln. Wenn es nur das gewesen wäre, hätte er vielleicht trotzdem gesprochen, hätte die Schlüssel beiseite geschoben, um diesem furchteinflößenden Mann, der immer hinter ihm stand, zu beweisen, wie wenig er ihn fürchtete. Aber die Hand beförderte die Schlüssel auf sein Gesicht zu, und Thad musste sie ergreifen, um zu verhindern, daß sie gegen seine Nase prallten.

Er steckte einen davon ins Schloss der Haustür. Sie bestand aus massiver Eiche, und der Klopfer war aus Messing und hatte die Form eines kleinen Vogels. Der Schlüssel drehte sich ganz leicht, und das war seltsam, denn es war überhaupt kein Türschlüssel, sondern eine Schreibmaschinentaste am Ende einer stählernen Stange. Bei allen anderen Schlüsseln an dem Bund schien es sich um Dietriche zu handeln, von der Art, wie Einbrecher sie benutzen.

Er ergriff den Türknopf und drehte ihn. Als er es tat, schrumpfte das eisenbeschlagene Holz der Tür und zog sich mit einer Reihe von explosionsartigen Geräuschen, so laut wie Knallfrösche, in sich zusammen. Licht fiel durch die frischen Risse zwischen den Brettern. Staub puffte heraus. Es gab ein sprödes Knacken, und einer der dekorativen Eisenbeschläge löste sich und klirrte vor Thads Füßen auf die Stufen.

Er trat ein.

Er wollte es nicht; er wollte auf dem Vorplatz stehen bleiben und mit Stark reden. Mehr! Protestieren, ihn fragen, warum in Gottes Namen er das tat, denn das Betreten des Hauses war noch beängstigender als Stark selbst. Aber dies war ein Traum, ein böser Traum, und das Wesen eines bösen Traums bestand darin, daß man die Kontrolle verloren hatte. Es war, als säße man in einer Berg-und-Talbahn, die gleich eine Kuppe erreichen würde und einen dann hinabrasen und gegen eine Mauer prallen ließ, wo man sterben würde wie ein Insekt, das mit der Fliegenklatsche erschlagen wurde.

Die vertraute Diele war zu etwas Unvertrautem, fast Feindseligem geworden — und zwar nur durch das Fehlen des verblichenen, türkisch gemusterten Läufers, den Liz seit längerer Zeit durch einen neuen ersetzen wollte —, und obwohl ihm dies im Traum als Kleinigkeit erschien, kehrten seine Gedanken später immer wieder zu dieser Kleinigkeit zurück, vielleicht deshalb, weil es tatsächlich beängstigend war, das heißt, beängstigend auch außerhalb des Traums. Wie sicher konnte man sich im Leben fühlen, wenn schon eine derartige Belanglosigkeit wie das Verschwinden eines Dielenläufers ein so starkes Gefühl von Isolierung und Desorientierung, von Angst und Trauer auslösen konnte?

Es gefiel ihm nicht, wie seine Schritte auf den nackten Dielen widerhallten, nicht nur, weil sie den Anschein erweckten, als hätte der Dreckskerl hinter ihm die Wahrheit gesagt — daß das Haus unbewohnt war, erfüllt vom stillen Schmerz der Leere. Das Geräusch gefiel ihm nicht, weil sich seine eigenen Schritte verloren und entsetzlich unglücklich anhörten.

Er wollte kehrtmachen und gehen, aber er konnte es nicht, weil Stark hinter ihm war. Irgendwie wußte er, daß Stark Alexis Machines Rasiermesser mit dem Perlmuttgriff in der Hand hielt, das Rasiermesser, das seine Geliebte am Ende von Machine’s Way dazu benutzt hatte, dem Bastard das Gesicht zu zerschlitzen.

Wenn er kehrtmachte, würde George Stark seinerseits ein bisschen Schlitzarbeit verrichten.

Die Bewohner mochten das Haus verlassen haben, aber abgesehen von den Teppichen (auch der lachsfarbene Teppichboden im Wohnzimmer war verschwunden) war die gesamte Einrichtung noch vorhanden, und die Vase mit Blumen stand auf dem kleinen Kiefernholztisch am Ende der Diele, wo man entweder geradeaus in das hohe Wohnzimmer mit Ausblick auf den See gehen konnte oder nach rechts in die Küche. Thad berührte die Vase, und sie zersprang in Scherben und eine Wolke aus ätzend riechendem Keramikpulver. Abgestandenes Wasser strömte heraus, und das halbe Dutzend Gartenrosen, eben noch blühend, war tot und grauschwarz, bevor es in der Lache aus stinkendem Wasser auf dem Tisch landete. Dann berührte er den Tisch selbst. Das Holz gab ein hohles, ausgedörrtes Ächzen von sich, und der Tisch spaltete sich und landete dann, eher hinsinkend als fallend, in zwei Teilen auf den nackten Dielen.

Was haben Sie mit meinem Haus gemacht? schrie er den Mann hinter sich an — aber ohne sich umzudrehen. Er brauchte sich nicht umzudrehen, er wußte auch ohne das, das Rasiermesser war da, das Machine selbst dazu benutzt hatte, seinen »Geschäftsrivalen« die Nasen aufzuschlitzen, bevor Nonie Griffith es bei ihm angesetzt und dafür gesorgt hatte, daß seine Wangen nur noch aus roten und weißen Fleischfetzen bestanden und ein Auge aus seiner Höhle heraushing. Nichts, sagte Stark, und auch um sich von dem Lächeln zu überzeugen, das er in der Stimme des Mannes hörte, brauchte Thad sich nicht umzudrehen. Du machst es, alter Freund. Und dann waren sie in der Küche.

Thad berührte den Herd, und er zerbarst mit einem dumpfen, mahlenden Geräusch, das sich anhörte wie das Läuten einer großen, mit Erde gefüllten Glocke. Die Heizschlangen sprangen hoch und hingen dann schief da wie im Sturm verrutschte Hüte. Aus dem dunklen Loch in der Mitte des Herdes drang ein widerwärtiger Gestank, und als er hineinschaute, sah er einen verwesenden Truthahn. Eine schwarze Brühe, in der nicht identifizierbare Fleischbrocken schwammen, sickerte aus der Bauchhöhle des Truthahns.

Hier unten nennen wir das Metzgerfüllsel, bemerkte Stark hinter ihm.

Wie meinen Sie das? fragte Thad. Was meinen Sie mit hier unten?

Endsville, sagte Stark gelassen. Der Ort, an dem alle Züge enden.

Er fügte noch etwas hinzu, aber Thad entging es. Liz’ Handtasche lag auf dem Boden, und Thad stolperte darüber. Als er am Küchentisch Halt suchte, um nicht zu fallen, sank der Tisch in Form von Splittern und Sägemehl auf das Linoleum. Ein funkelnder Nagel flog mit einem kleinen, metallisch zirpenden Geräusch in eine Ecke.

Schluss damit, und zwar sofort! schrie Thad. Ich will aufwachen! Ich hasse es, Sachen kaputtzumachen!

Du bist schon immer ein Tollpatsch gewesen, sagte Stark in einem Ton, als hätte Thad einen ganzen Haufen Geschwister, die sich alle so anmutig bewegten wie die Gazellen.

Aber ich bin nicht immer tollpatschig, erklärte Thad mit nervöser, fast quengelnder Stimme. Ich mache nicht ständig etwas kaputt. Wenn ich vorsichtig bin, passiert nichts.

Ja — nur hast du leider aufgehört, vorsichtig zu sein, sagte Stark im gleichen Ich-sag-ja-nur-wie-die-Dinge-liegen-Ton. Und sie waren im hinteren Flur.

Hier saß Liz mit gespreizten Beinen in der Ecke neben der Tür zum Schuppen, einen Schuh an, einen aus. Auf ihrem Schoß lag ein toter Sperling. Sie trug Nylonstrümpfe, und Thad konnte in einem von ihnen eine Laufmasche sehen. Ihr Kopf war gesenkt, das etwas grobe honigblonde Haar verdeckte das Gesicht. Er wollte das Gesicht nicht sehen. Genau so, wie er weder das Rasiermesser noch Starks Rasiermesserlächeln hatte sehen müssen, um zu wissen, daß sie vorhanden waren, so brauchte er auch Liz’ Gesicht nicht zu sehen, um zu wissen, daß sie nicht schlief oder bewusstlos war, sondern tot.

Mach Licht, dann siehst du besser, sagte Stark in dem gleichen Ich-sag-dir-ja-nur-guten-Tag-mein-Freund-Ton. Seine Hand erschien über Thads Schulter und deutete auf die Beleuchtung, die Thad selbst installiert hatte. Sie war natürlich elektrisch, sah aber genau so aus wie zwei auf eine hölzerne Spindel montierte Sturmlaternen. Sie wurden über einen Dimmerschalter an der Wand bedient.

Ich will es nicht sehen!

Er versuchte, seine Stimme hart, selbstsicher klingen zu lassen, aber das fing an, ihm zuzusetzen, und er hörte ein Stocken und Schwanken heraus, was bedeutete, daß er nahe daran war, zu schluchzen. Und was er sagte, schien auch nichts zu ändern, denn er griff nach dem runden Regler an der Wand. Als er ihn berührte, schoss schmerzloses, blaues elektrisches Feuer zwischen seinen Fingern hervor, so dick, daß es mehr Ähnlichkeit mit Gelee als mit Licht hatte. Der runde, elfenbeinfarbene Knopf des Reglers wurde schwarz, flog von der Wand und sauste durch den Raum. Er zerschlug das kleine Fenster am anderen Ende des Flurs und verschwand in einem Tag, der jetzt in ein gespenstisches grünes Licht von der Farbe oxidierten Kupfers getaucht war.

Die elektrischen Sturmlaternen leuchteten übernatürlich hell auf, und die Spindel begann sich zu drehen und wickelte die Kette auf, an der die Fassungen hingen. Die Zylinder der Lampen zerbarsten, erst die eine, dann der andere, und überschütteten Thad mit Scherben.

Ohne nachzudenken, sprang er vor und packte seine hingesunkene Frau, um sie wegzuziehen, bevor die Kette reißen und die schwere Spindel auf sie herabstürzen konnte. Der Impuls war so stark, daß er alles andere verdrängte, eingeschlossen sein eindeutiges Wissen, daß sie tot war, daß Stark das Empire State Building hätte hochreißen und auf sie niederstürzen lassen können, ohne daß es etwas ausgemacht hätte.

Ihr jedenfalls hätte es nicht das mindeste ausgemacht.

Als er seine Arme unter die ihren schob und die Hände hinter ihren Schulterblättern verschränkte, rutschte ihr Körper vorwärts, und ihr Kopf kippte zurück. Die Haut ihres Gesichts zerriss wie die Oberfläche einer Ming-Vase. Ihre blicklosen Augen explodierten plötzlich. Eine widerlich grüne, widerlich warme Gallerte spritzte ihm ins Gesicht. Ihr Mund fiel auseinander, und ihre Zähne flogen in einem weißen Sturm heraus. Er konnte spüren, wie die kleinen, harten, weißen Dinger seine Wangen und seine Stirn trafen. Aus ihrem löchrigen Zahnfleisch schoss halbgeronnenes Blut. Ihre Zunge kam zum Vorschein und riss ab, fiel in ihren Schoß wie ein blutiges Stück Schlange.

Thad begann zu schreien — im Traum, Gott sei Dank nicht in Wirklichkeit, sonst hätte er Liz einen gewaltigen Schrecken eingejagt.

Wir sind noch nicht fertig miteinander, alter Freund, sagte George Stark hinter ihm leise. In seiner Stimme schwang kein Lächeln mehr mit. Seine Stimme war so kalt wie der Castle Lake im November. Denk daran. Komm nicht auf die Idee, dich mit mir anzulegen, denn wenn du dich mit mir anlegst…

3

Thad erwachte ruckartig; sein Gesicht war Naß, das Kissen, das er umkrampft und an sein Gesicht gedrückt hatte, gleichfalls.

»… dann legst du dich mit dem Besten an«, beendete er den Satz in sein Kissen, und dann lag er mit zur Brust hochgezogenen Knien da und zitterte krampfhaft.

»Thad?« murmelte Liz verschlafen aus den Tiefen eines eigenen Traums. »Zwillinge okay?«

»Okay«, brachte er heraus. »Ich — nichts. Schlaf weiter.«

»Ja, es ist alles…« Sie sagte noch etwas, aber Thad bekam es ebenso wenig mit, wie er das mitbekommen hatte, was Stark gesagt hatte, nachdem er ihm erklärt hatte, das Haus in Castle Rock wäre Endsville, der Ort, an dem alle Züge enden.

Thad lag schweißgebadet da, ließ langsam sein Kissen los, wischte mit dem nackten Arm über sein Gesicht, wartete darauf, daß der Traum ihn losließ, wartete darauf, daß das Zittern ihn losließ. Es geschah, aber sehr, sehr langsam. Zumindest war es ihm gelungen, Liz nicht aufzuwecken.

Er starrte gedankenlos in die Dunkelheit, versuchte nicht, den Traum zu deuten oder zu analysieren, sondern wünschte sich nur, daß er verblassen würde, und eine endlose Weile später wachte Wendy im Nebenzimmer auf und weinte, weil sie eine frische Windel wollte. Natürlich wachte William nur Augenblicke später gleichfalls auf und kam zu dem Schluss, daß er auch eine frische Windel brauchte (obwohl seine völlig trocken war, wie Thad feststellte, als er sie abnahm).

Liz erwachte sofort und wanderte im Halbschlaf ins Kinderzimmer. Thad ging mit, wesentlicher wacher und ausnahmsweise einmal dankbar dafür, daß sie sich um die Zwillinge kümmern mussten, auch wenn es mitten in der Nacht war. Zumal mitten in dieser Nacht. Er wickelte Will, während Liz Wendy wickelte, wobei keiner von ihnen viel sprach, und als sie ins Bett zurückgekehrt waren, war Thad dankbar dafür, daß er wieder dem Schlaf entgegendriftete. Ihm war zumute, als würde er in dieser Nacht nicht mehr schlafen können, aber auch das war schon ein Fortschritt gewesen, denn als er aufgewacht war und das Bild von Liz’ explosiver Zersetzung ihm noch frisch vor Augen stand, hatte er geglaubt, er würde nie wieder schlafen können.

Am Morgen wird er fort sein, wie alle Träume.

Das war sein letzter Gedanke in dieser Nacht, aber als er am nächsten Morgen aufwachte, erinnerte er sich an alle Einzelheiten des Traums (und besonders deutlich an das verlorene und einsame Widerhallen seiner Schritte auf den nackten Dielen), und er verblich auch nicht im Laufe der nächsten Tage, wie Träume es normalerweise tun.

Er war einer der seltenen Träume, die ihn nicht losließen, so real wie eine Erinnerung. Der Schlüssel, der eine Schreibmaschinentaste war, die linienlose Handfläche und die trockene, fast unmodulierte Stimme von George Stark, der ihm über die Schulter hinweg erklärte, sie seien noch nicht fertig miteinander, und wenn man sich mit diesem grandiosen Hurensohn anlegte, dann legte man sich mit dem Besten an.

Friedhofs-Blues

1

Der Chef der dreiköpfigen Mannschaft, die für die Instandhaltung der öffentlichen Anlagen in Castle Rock verantwortlich war, hieß Steven Holt, aber natürlich wurde er von jedermann nur Digger genannt. Das ist ein Spitzname, den Tausende von Anlagenwärtern in Tausenden von neuenglischen Kleinstädten gemeinsam haben. Wie die meisten von ihnen hatte auch Holt alle Hände voll zu tun, schon weil er nur zwei Mitarbeiter hatte. Die Stadt besaß zwei Sportplätze, die in Ordnung gehalten werden mussten, einen in der Nähe der Eisenbahnbrücke zwischen Castle Rock und Harlow, den anderen in Castle View; es gab eine Gemeindewiese, die im Frühjahr nachgesät, im Sommer gemäht und im Herbst saubergeharkt werden musste (ganz zu schweigen von den Bäumen, die beschnitten und gelegentlich gefällt werden mussten, und der Instandhaltung des Orchesterpodiums und der dazugehörigen Sitze); es gab zwei städtische Parks, einen am Castle Stream in der Nähe der alten Sägemühle, den anderen bei Castle Falls, wo Mädchen aus dem Ort seit Urzeiten zahllose Kinder der Liebe empfangen hatten.

Dies alles hätte zu seinem Aufgabenbereich gehören können, und er wäre trotzdem bis ans Ende seiner Tage einfach der alte Steve Holt geblieben. Aber Castle Rock hatte außerdem drei Friedhöfe, und auch für sie waren er und seine Leute zuständig. Das Begraben der Toten war ein kleiner Job im Vergleich zum Instandhalten der Anlagen, dem Pflanzen und Harken, dem Beseitigen von Abfällen, dem Wegräumen der verwelkten Blumen und der ausgeblichenen Fähnchen nach den Feiertagen — die Hauptmenge fiel nach dem Memorial Day an, aber auch der vierte Juli und der Mutter- und der Vatertag hinterließen ihre Spuren. Außerdem musste er die respektlosen Kommentare beseitigen, die Kinder hin und wieder auf die Grüfte und Grabsteine kritzelten.

All das spielte für die Leute in der Stadt natürlich nicht die geringste Rolle. Was Leuten wie Holt ihren Spitznamen eingetragen hatte, war das Begraben der Toten. Seine Mutter hatte ihn auf den Namen Steven taufen lassen, aber er war Digger Holt, seit er 1964 den Job bekommen hatte, er würde bis zum Tag seines Todes Digger Holt bleiben, selbst wenn er den Beruf wechseln würde — was er, einundsechzig Jahre alt, nicht vorhatte.

Am 1. Juni, einem sonnigen Mittwoch, kam Digger um sieben Uhr morgens mit seinem Lastwagen am Homeland-Friedhof an und stieg aus, um die Eisentore zu öffnen. Es war ein Schloss daran, aber das wurde nur in der Nacht der Schulabschlussfeier und zu Halloween benutzt. Sobald die Tore offen standen, fuhr er langsam den Mittelweg entlang.

An diesem Morgen wollte er lediglich Bestandsaufnahme machen. Er hatte ein Clipboard bei sich, auf dem er notieren wollte, wo auf dem Friedhof bis zum Vatertag noch etwas getan werden musste. Wenn er mit Homeland fertig war, würde er quer durch die Stadt zum Grace-Friedhof fahren und dann hinaus zum Stackpole-Friedhof an der Kreuzung der Stackpole Road und der Town Road Nr. 3. Am Nachmittag würden er und seine Leute dann damit anfangen, das zu tun, was getan werden musste. Es sollte eigentlich nicht sonderlich viel sein; die Hauptarbeit hatten sie bereits Ende April erledigt, das, was Digger den Frühjahrsputz nannte.

In diesen zwei Wochen hatten er und Dave Philipps und Deke Bradlurd Zehn-Stunden-Tage eingelegt, wie in jedem Frühjahr; sie hatten Verstopfte Abflusskanäle gesäubert, neue Soden verlegt, wo Frühlingsregen den alten Rasen weggespült hatte, und Grabsteine aufgerichtet, die der Frost aus dem Boden gehoben hatte. Im Frühjahr gab es tausend Dinge zu tun, größere und kleinere, und wenn Digger abends nach Hause kam, war er kaum noch imstande, die Augen lange genug offen zu halten, um sich eine kleine Mahlzeit zuzubereiten und ein oder zwei Dosen Bier zu trinken, bevor er ins Bett fiel. Der Frühjahrsputz endete immer am gleichen Tag: dem Tag, an dem er das Gefühl hatte, daß eine ständigen Rückenschmerzen ihn um den Verstand bringen würden.

Die Juni-Überholung war bei weitem nicht so schlimm, aber sie war wichtig. Ende Juni würden die Sommergäste wie üblich in Massen eintreffen, und mit ihnen frühere Einwohner (und ihre Kinder), die in wärmere oder einträglichere Gegenden gezogen waren, aber immer noch Grundbesitz in der Stadt hatten. Das waren die Leute, die Digger am meisten auf die Nerven gingen, diejenigen, die ihm die Hölle heiß machten, wenn an dem alten Schöpfrad unten an der Sägemühle eine Schaufel fehlte oder wenn Onkel Reginalds Grabstein umgekippt war.

Nun, es wird auch wieder Winter, dachte er — damit tröstete er sich das ganze Jahr hindurch, und so auch jetzt, wo der Winter so fern schien wie ein Traum.

Homeland war der größte und hübscheste der städtischen Friedhöfe. Den breiten Mittelweg kreuzten vier schmalere Wege, kaum mehr als Fahrspuren, zwischen denen säuberlich gemähtes Gras wuchs. Digger fuhr den Mittelweg entlang, erreichte die erste Kreuzung, die zweite, die dritte — und trat auf die Bremse.

»Oh, verdammt!« sagte er, schaltete den Motor ab und stieg aus. Er ging den Weg entlang auf das ausgefetzte Loch im Rasen zu, ungefähr fünfzehn Meter entfernt und rechts vom Querweg. Braune Klumpen und Erdhaufen lagen um das Loch herum wie das Schrapnell nach der Explosion einer Granate. »Verdammte Bande!«

Er stand vor dem Loch, die großen schwieligen Hände auf die mit einer ausgeblichenen grünen Arbeitshose bekleideten Hüften gestemmt. Das war eine schöne Schweinerei. Er und seine Mitarbeiter hatten mehr als einmal Ordnung schaffen müssen, nachdem ein paar Jungen am Werk gewesen waren, die sich nach ausgiebigem Reden oder Trinken zu ein bisschen mitternächtlicher Buddelei entschlossen hatten — es war gewöhnlich eine Mutprobe oder das Werk von etwas älteren Schwachköpfen, die sich, geil vom Mondlicht, die Hörner abstoßen wollten. Soweit Holt sich erinnerte, hatte keiner von ihnen je einen Sarg ausgegraben oder, was Gott verhüten möge, einen der teuren Dahingeschiedenen aus der Erde geholt — aber so betrunken oder geil diese glücklichen Idioten auch sein mochten, gruben sie doch gewöhnlich schlimmstenfalls ein halbmetertiefes Loch, bevor sie des Spiels überdrüssig wurden und wieder abzogen. Und obwohl das Buddeln von Löchern auf einem der städtischen Friedhöfe eine Ungehörigkeit war (das heißt, sofern man nicht ein Mann wie Digger war, der dafür bezahlt wurde, daß er die Toten unter die Erde brachte), war der angerichtete Schaden zumeist nicht sonderlich groß. Gewöhnlich.

Dies jedoch war alles andere als gewöhnlich.

Das Loch hatte keine festen Umrisse. Es sah ganz und gar nicht aus wie ein Grab mit säuberlich begradigten Ecken und von rechteckiger Form. Es war tiefer als das, was die Trunkenbolde und die Jungen von der High School gewöhnlich schafften, aber die Tiefe war uneinheitlich. Das Loch hatte eher die Form eines Kegels, und als Digger klar wurde, wie das Loch in Wirklichkeit aussah, überlief ihn von den Hoden bis zum Kopf ein kalter Schauer.

Es sah aus, wie ein Grab aussehen würde, in dem jemand begraben wurde, bevor er tot war, und der dann wieder zu sich gekommen war und sich mit bloßen Händen aus der Erde herausgebuddelt hatte.

»Blödsinn«, murmelte Digger. »Scheißstreich. Scheißbande.«

Musste so sein. Es gab keinen Sarg da unten und keinen umgestürzten Grabstein, und das war nur logisch, weil es hier überhaupt kein Grab gab. Er brauchte nicht erst in den Werkzeugschuppen zu gehen, wo ein detaillierter Friedhofsplan an der Wand hing, um das zu wissen. Diese Stelle war ein Teil der Sechser-Grabstelle, die Danforth »Buster« Keeton gehörte, dem Vorsitzenden des Stadtrats, und bisher waren nur Busters Vater und Onkel hier begraben worden, ein Stück weiter rechts. Ihre Grabsteine standen aufrecht und unversehrt da.

Digger erinnerte sich noch aus einem anderen Grund an diese Stelle. Hier hatten diese Leute aus New York für ihren Artikel über Thad Beaumont ihren imitierten Grabstein aufgestellt. Beaumont und seine Frau hatten hier ein Sommerhaus, am Castle Lake. Dave Philipps hielt es in Ordnung, und letzten Herbst hatte Digger selbst Dave geholfen, die Zufahrt neu zu teeren, bevor das Laub fiel und er wieder alle Hände voll zu tun hatte. Und im Frühjahr hatte Beaumont ihn etwas verlegen gefragt, ob er etwas dagegen hätte, wenn ein Fotograf für etwas, was er »eine Trickaufnahme« nannte, einen imitierten Grabstein aufstellen würde.

»Wenn es Ihnen nicht recht ist, dann sagen Sie es«, hatte Beaumont erklärt, und die Verlegenheit war nicht zu überhören gewesen. »So wichtig ist die Sache nicht.«

»Von mir aus gern«, hatte Digger freundlich erklärt. »Die Zeitschrift People, sagten Sie?«

Thad nickte.

»Na so was! Das ist ja ein tolles Ding. Jemand von hier in People. Die Nummer muss ich mir unbedingt kaufen!«

»Ich bin nicht sicher, ob ich das tun werde«, hatte Beaumont gesagt. »Danke, Mr. Holt.«

Digger mochte Beaumont, obwohl er Schriftsteller war. Digger hatte es in der Schule gerade bis zur achten Klasse gebracht, und nicht jeder in der Stadt nannte ihn »Mister«.

»Diese Zeitschriftenleute würden Sie am liebsten splitterfasernackt fotografieren, wie Sie einem Schäferhund ihren Fummel hinten reinstecken, stimmt’s?«

Beaumont brach in brüllendes Gelächter aus. »Ja, ich glaube, das täten sie nur zu gern«, hatte er gesagt und Digger auf die Schulter geklopft.

Wie sich herausstellte, war der Fotograf eine Frau, obendrein eine von der Sorte, die Digger als Edelnutten aus der Großstadt bezeichnete. Und in diesem Fall war die Großstadt natürlich New York. Sie ging, als hätte sie eine Achse im Hintern und eine weitere in der Möse, die sich beide munter drehten. Sie fuhr einen Kombi, den sie am Portland Jetport gemietet hatte und der mit Kameras und Zubehör dermaßen voll gestopft war, daß man sich wundern musste, daß sie und ihr Assistent überhaupt noch hineinpassten. Wenn der Wagen zu voll geworden wäre und sie sich zwischen ihrem Assistenten und einem Teil ihrer Ausrüstung hätte entscheiden müssen, dann hätte, vermutete Digger, der tuntige junge Mann zusehen müssen, wie er per Anhalter zum Jetport zurückkam.

Die Beaumonts, die in ihrem eigenen Wagen folgten und hinter dem Kombi parkten, wirkten verlegen und amüsiert zugleich, aber da sie die Edelnutte aus der Großstadt offenbar aus freien Stücken begleitet hatten, nahm Digger an, daß das Amüsiertsein noch die Oberhand hatte. Dennoch steckte er den Kopf in den Wagen und fragte: »Alles in Ordnung, Mr. Beaumont?«

»Keine Spur, aber es wird schon gehen«, hatte er entgegnet und Digger zugeblinzelt. Digger hatte das Blinzeln erwidert.

Nachdem er zu dem eindeutigen Schluss gekommen war, daß die Beaumonts die Sache durchstehen wollten, hatte Digger sich gemütlich hingesetzt, um zuzuschauen — gegen eine kostenlose Vorstellung hatte er nichts einzuwenden. Zusammen mit all dem anderen Zeug hatte die Frau einen großen Grabstein aus Pappmaché im Wagen, einen runden, der mit denen, die Charles Addams in seinen Cartoons zeichnete, wesentlich mehr Ähnlichkeit hatte als mit denen, die Digger in letzter Zeit aufgestellt hatte. Sie ließ ihn von ihrem Assistenten immer wieder anders hinstellen. Digger war einmal herangekommen und hatte gefragt, ob er helfen könnte, aber sie hatte auf ihre hochnäsige New Yorker Art »Nein, danke« gesagt, und daraufhin hatte sich Digger wieder zurückgezogen.

Schließlich war er da gewesen, wo sie ihn haben wollte, und dann musste der Assistent die Beleuchtung arrangieren. Darüber verging eine weitere halbe Stunde. Und die ganze Zeit hatte Mr. Beaumont dagestanden und zugesehen und hin und wieder auf die ihm eigentümliche Art über die kleine weiße Narbe auf seiner Stirn gerieben. Seine Augen faszinierten Digger.

Dieser Mann macht seine eigenen Fotos, dachte er. Und vermutlich welche, die besser sind als ihre und außerdem dauerhafter. Er verleibt sie sich ein, um sie eines Tages in einem Buch zu verwenden, und sie hat keine Ahnung davon.

Endlich war die Frau bereit gewesen, ein paar Aufnahmen zu machen. Sie verlangte, daß sich die Beaumonts ein Dutzend Mal über dem Grabstein die Hände reichten, und es war ein verdammt ungemütlicher Tag gewesen. Kommandierte sie ebenso herum wie diesen affigen, geschniegelten Jüngling, den sie mitgebracht hatte. Zwischen dieser schrillen New Yorker Stimme und den ständigen Anweisungen, es noch einmal zu machen, weil das Licht gerade nicht stimmte oder ihre Gelichter nicht stimmten oder vielleicht ihr eigenes verdammtes Arschloch nicht stimmte, hatte Digger die ganze Zeit darauf gewartet, daß Mr. Beaumont, der nach allem, was er gehört hatte, nicht gerade der allergeduldigste Mensch war, in die Luft ging.

Aber Mr. Beaumont — und auch seine Frau — machten den Eindruck, als seien sie eher vergnügt als angekotzt, und sie taten genau das, was die Edelnutte aus der Großstadt von ihnen verlangte, obwohl es ein verdammt ungemütlicher Tag gewesen war. Digger war überzeugt, wenn er es gewesen wäre, dann hätte er nach einer gewissen Zeit von der Dame die Nase voll gehabt. Nach etwa fünfzehn Sekunden.

Und sie hatten den Pappmaché-Grabstein genau hier aufgestellt, genau hier, wo jetzt das gottverdammte Loch war. Wenn er einen weiteren Beweis gebraucht hätte — da waren noch immer runde Löcher im Rasen, Löcher, die die Absätze dieser Edelnutte hinterlassen hatten. Kein Wunder, sie war eine New Yorkerin gewesen, und nur eine New Yorkerin war imstande, gegen Ende der Matschzeit in Schuhen mit hohen Absätzen aufzukreuzen, um Fotos zu machen. Wenn das nicht…

Seine Gedanken brachen ab, und wieder überlief ihn dieser kalte Schauder. Er hatte die sich verwischenden Löcher, die die hohen Absätze der Fotografin hinterlassen hatten, betrachtet, und erst dann fiel sein Blick auf andere, frischere Spuren.

2

Fußabdrücke? Waren das Fußabdrücke?

Natürlich sind es keine, der Blödmann, der dieses Loch gebuddelt hat, hat nur ein paar Klumpen etwas weiter geworfen als die restliche Erde. Das ist alles.

Aber es war nicht alles, und Digger Holt wußte, daß es nicht alles war. Noch bevor er sich dem ersten Klumpen auf dem grünen Gras nähern konnte, entdeckte er in der gleich neben dem Grab aufgehäuften Erde den Abdruck eines Schuhs.

Na schön, da sind Fußabdrücke. Hast du etwa geglaubt, derjenige, der das getan hat, wäre mit einer Schaufel in der Hand in der Luft herumgeschwebt?

Es gibt Menschen, die sind Meister darin, sich etwas vorzulügen, aber Digger gehörte nicht zu ihnen. Die nervöse, höhnende Stimme in seinem Kopf vermochte gegen das, was seine Augen sahen, kaum etwas auszurichten. Er war in seinem Leben oft auf die Jagd gegangen und den Fährten von Tieren gefolgt, und diese Zeichen waren nur allzu leicht zu deuten. Er wünschte bei Gott, es wäre anders.

Hier in diesem Erdhaufen dicht beim Grab war nicht nur ein Fußabdruck, sondern außerdem links davon eine runde Vertiefung von der Größe eines Suppentellers. Und beiderseits der runden Vertiefung und des Fußabdrucks, aber etwas weiter hinten, waren Kratzspuren — Rinnen in der Erde, die ganz offensichtlich von Fingern stammten, Fingern, die abgeglitten waren, bevor sie Halt gefunden hatten.

Er blickte über den Fußabdruck hinweg und sah einen weiteren. Dahinter, auf dem Rasen, die Hälfte eines dritten, entstanden, als sich von dem Schuh, der dort auftrat, ein Klumpen Erde löste. Er war abgefallen, aber so feucht geblieben, daß sich der Abdruck gehalten hatte — und genau das war auch bei den drei oder vier anderen Spuren, die er zuerst bemerkt hatte, der Fall. Wenn er nicht so früh am Morgen gekommen wäre, solange das Gras noch feucht war, dann hätte die Sonne diese Klumpen in nichts sagende lockere Krümel zerfallen lassen.

Er wünschte sich, er wäre später gekommen, wäre zuerst zum Grace-Friedhof gefahren, wie er es eigentlich vorgehabt hatte.

Aber das hatte er nicht getan, und damit hatte es sich.

Etwa drei Meter von dem

(Grab)

Loch in der Erde verloren sich die unvollständigen Fußabdrücke, weil bis dahin von den Schuhen des Mannes, der sie hinterlassen hatte, alle Erde abgefallen war. Digger nahm an, daß auch in dem taufeuchten Gras noch Abdrücke zu erkennen sein würden, und wahrscheinlich würde er das überprüfen, obwohl er keinerlei Lust dazu verspürte. Fürs erste jedoch richtete er seinen Blick wieder auf die deutlichsten Spuren, die in dem kleinen Erdhaufen direkt neben dem Loch.

Kratzspuren; runde Vertiefung etwas weiter vorn; Fußabdruck neben der Vertiefung. Was für eine Geschichte erzählte das?

Diese Frage brauchte sich Digger kaum erst zu stellen. Er sah es so deutlich, als wäre er dabei gewesen, und genau das war der Grund, weshalb er mit der ganzen Sache nichts zu tun haben wollte. Verdammt unheimlich, das Ganze.

Denn schau her: da steht ein Mann in einem frisch ausgehobenen Loch in der Erde.

Ja, aber wie ist er hineingekommen?

Ja, aber hat er das Loch gegraben, oder hat jemand anders es getan?

Ja, aber wie kommt es, daß die Würzelchen an den Rändern alle zerfetzt und zerrissen sind, als wären die Soden nicht säuberlich mit einem Spaten abgestochen, sondern mit den bloßen Händen auseinandergezerrt worden?

Unmöglich, Antworten auf diese Fragen zu finden. Und vielleicht besser, sie gar nicht erst zu stellen. Sich lieber auf den Mann beschränken, der da in dem Loch steht, ein bisschen zu tief, als daß er einfach herausspringen könnte. Also was tut er? Er legt die Handflächen auf den nächstgelegenen Erdhaufen und stemmt sich heraus. Kein großes Kunststück, das heißt, wenn es ein Erwachsener war und kein Kind. Digger betrachtete die paar deutlichen und vollständigen Fußabdrücke, die er sehen konnte, und dachte: Wenn das ein Kind war, dann hatte es verdammt große Füße. Das ist mindestens Größe fünfundvierzig.

Hände raus. Den Körper hochstemmen. Während des Stemmens geraten die Hände auf der lockeren Erde ein wenig ins Rutschen, also gräbst du die Finger ein und hinterläßt diese kurzen Kratzspuren. Dann bist du draußen, und du balancierst dich auf einem Knie aus, wobei die runde Vertiefung entsteht. Du setzt einen Fuß neben das Knie, auf dem du dich ausbalanciert hast, verlagerst dein Gewicht vom Knie auf den Fuß, stehst auf und gehst davon. So simpel wie Kirschenessen.

Also hat sich irgendein Bursche aus seinem Grab herausgebuddelt und ist einfach davonmarschiert, ja? Hat da unten vielleicht ein bisschen Hunger bekommen und beschlossen, sich im Schnellimbiss einen Cheeseburger und ein Bier einzuverleiben?

»Verdammt noch mal, das ist kein Grab, das ist nur ein Scheißloch im Boden«, sagte er laut und fuhr dann ein wenig zusammen, als ein Sperling ihn beschimpfte.

Ja, nichts als ein Loch im Boden — hatte er das nicht selbst gesagt? Aber wieso sah er dann keine Spuren von der Sorte, die ein Spaten hinterläßt? Und wieso gab es nur die paar Fußabdrücke, die von dem Loch wegführten, und keine nach innen zeigenden in seiner Umgebung, wie es sie geben müsste, wenn jemand da gegraben hätte und hin und wieder auf die von ihm ausgeworfene Erde getreten wäre, was beim Graben von Löchern kaum zu vermeiden war?

Dann begann er sich zu fragen, was er in dieser Sache unternehmen sollte; er hatte keinen blassen Schimmer. Er nahm an, daß, rein technisch gesehen, eine kriminelle Handlung vorlag, aber keine Leichenschändung, da hier nie jemand in der Erde gelegen hatte. Schlimmstenfalls konnte man die Sache als Vandalismus bezeichnen, und wenn mehr dahintersteckte, dann wollte Digger Holt nicht derjenige sein, der das ans Licht zerrte.

Vielleicht war es am besten, das Loch einfach wieder zuzuschaufeln, die heilen Soden, die er finden konnte, wieder zu verlegen, die erforderliche Menge neue zu holen, den Platz wieder in Ordnung zu bringen und das Ganze dann zu vergessen.

Schließlich, erklärte er sich zum dritten Mal, ist es ja nicht so, daß hier tatsächlich jemand begraben worden ist.

Vor seinem inneren Auge erschien kurz das Bild des regnerischen Frühlingstages. Dieser Grabstein hatte wahrhaftig echt ausgesehen! Wenn man sah, wie dieser schmächtige Assistent ihn herumtrug, dann wußte man, daß es nur eine Attrappe war, aber als sie ihn aufgestellt hatten, mit all diesen künstlichen Blumen davor, da hätte man schwören können, daß er echt war und daß tatsächlich jemand…

Er hatte eine Gänsehaut auf den Armen.

»Jetzt aber Schluss damit«, befahl er sich streng, und als der Sperling wieder schimpfte, war Digger dieses wenig schöne, aber vollkommen reale und vollkommen normale Geräusch willkommen. »Kreisch nur weiter, wenn es dir Spaß macht«, sagte er und ging auf den letzten, bruchstückhaften Fußabdruck zu.

Dahinter konnte er, wie er mehr oder minder geargwöhnt hatte, weitere Abdrücke im Gras erkennen. Die Abstände zwischen ihnen waren groß. Als er sie betrachtete, kam Digger zu dem Schluss, daß der Bursche nicht gerade gerannt war, aber auch keine Zeit vergeudet hatte. Vierzig Meter weiter entdeckte er noch einen Hinweis auf den Weg, den der Mann eingeschlagen hatte. Ein großer Kübel mit Blumen war umgestürzt. Obwohl er auf diese Entfernung keine Fußabdrücke erkennen konnte, befand sich der umgestürzte Kübel doch genau in der Verlängerung der Abdrücke, die er sehen konnte. Der Mann hätte dem Kübel ausweichen können, aber er hatte es nicht getan. Er hatte ihn einfach mit einem Tritt aus dem Weg befördert und war weitergegangen.

Männer, die dergleichen taten, gehörten nach Diggers Erfahrung nicht zu der Sorte, mit denen man sich anlegte. Es sei denn, man hätte einen verdammt guten Grund dazu.

Der Mann hatte sich schräg über den Friedhof bewegt, auf die niedrige Mauer zu, die das Gelände von der Hauptstraße trennte. Hatte sich bewegt wie ein Mann, der bestimmte Ziele erreichen und bestimmte Dinge erledigen will.

Obwohl Digger ebenso wenig dazu neigte, sich etwas einzubilden, wie sich selbst zum Narren zu halten (beides geht schließlich oft Hand in Hand), sah er doch einen Augenblick lang diesen Mann, sah ihn buchstäblich: einen großen Burschen mit großen Füßen, der im Dunkeln durch diese stille Stadt der Toten schritt, sich auf seinen großen Füßen zuversichtlich und zielstrebig bewegte, mit einem Tritt den Blumenkübel aus dem Weg räumte, ohne auch nur einen Moment innezuhalten. Und dieser Bursche hatte keine Spur von Angst, denn wenn es hier Dinge gab, in denen noch Leben steckte, dann würden sie vor ihm Angst haben. Er bewegte sich, ging, schritt aus — und Gott steh den Leuten bei, die sich ihm in den Weg stellten.

Der Sperling schimpfte.

»Vergiss es, Alter«, befahl er sich noch einmal. »Schaufle das verdammte Loch einfach wieder zu, und lass dir deswegen keine grauen Haare wachsen!«

Er schaufelte es wieder zu, und er hatte auch die Absicht, es zu vergessen, aber am späten Nachmittag fand Deke Bradford ihn auf dem Friedhof an der Stackpole Road und erzählte ihm die Sache mit Homer Gamache, den man am Vormittag kaum eine Meile von Homeland entfernt an der Route 35 gefunden hatte. Die ganze Stadt schwirrte von Gerüchten und Spekulationen.

Daraufhin hatte Digger widerstrebend Sheriff Pangborn aufgesucht. Er wußte nicht, ob das Loch und die Spuren irgendetwas mit dem Mord an Homer Gamache zu tun hatten, aber er hielt es für das beste, alles zu erzählen, was er wußte. Dann sollten diejenigen, die dafür bezahlt wurden, zusehen, was sie daraus machten.

Tod in einer kleinen Stadt

1

Castle Rock war, zumindest in den letzten Jahren, ein vom Unglück verfolgter Ort.

Wie um zu beweisen, daß die alte Redensart, der Blitz schlüge nicht mehrmals hintereinander an derselben Stelle ein, nicht immer stimmt, hatten sich im Verlauf der letzten acht oder zehn Jahre in Castle Rock wiederholt schlimme Dinge ereignet — Dinge, die so schlimm waren, daß sie im ganzen Land Schlagzeilen machten. Als sich diese Dinge ereigneten, war George Bannerman Sheriff von Castle Rock. Aber Big George, wie er liebevoll genannt wurde, hatte mit dem Mord an Homer Gamache nichts zu tun, denn Big George war tot. Er hatte das erste der schlimmen Dinge überlebt, eine Reihe von Sexualmorden, begangen von einem seiner eigenen Leute, aber zwei Jahre später war er draußen an der Town Road Nr. 3 von einem tollwütigen Hund getötet worden — nicht einfach getötet, sondern buchstäblich in Stücke gerissen. Beide Fälle waren überaus seltsam gewesen, aber die Welt ist ein seltsamer Ort. Und ein harter.

Der neue Sheriff Alan Pangborn (er war seit fast sieben Jahren im Amt, aber er hatte inzwischen begriffen, daß er mindestens bis zum Jahre 2000 »der neue Sheriff« bleiben würde — vorausgesetzt, wie er zu seiner Frau sagte, daß er so lange immer wieder gewählt wurde) war damals nicht in Castle Rock gewesen; bis 1980 war er Chef der Verkehrspolizei in einer knapp mittelgroßen Stadt in der Nähe von Syracuse im Staate New York gewesen.

Jetzt blickte er auf Homer Gamaches zerschmetterten Körper herunter, der in einem Graben am Rand der Route 35 lag, und wünschte sich, er hätte Syracuse nie verlassen. Es hatte den Anschein, als wäre das Unglück von Castle Rock nicht mit Sheriff Bannerman gestorben.

Blödsinn. Du möchtest nirgendwo anders auf Gottes grüner Erde sein. Also behaupte nicht, du wärest lieber nicht hier, denn dann bricht das Unglück wirklich herein und schaut dir über die Schulter. Dies ist ein verdammt guter Ort für Annie und die Jungen, und auch für dich ist es ein verdammt guter Ort. Also hör auf, dich zu bemitleiden.

Ein guter Rat. Der Kopf, hatte Pangborn festgestellt, erteilte den Nerven immer gute Ratschläge. Sie sagten Ja, jetzt, wo du es sagst, sehen wir ein, daß du völlig recht hast. Und dann zuckten und zischten sie einfach weiter.

Dennoch — irgend etwas von dieser Art war fällig gewesen, oder etwa nicht? Im Laufe seiner Amtszeit als Sheriff von Castle Rock hatte er die Überreste von fast vierzig Leuten von den Straßen geschabt, in unzählige Schlägereien eingegriffen und es mit vielleicht hundert Fällen von Frauen- und Kindesmißhandlung zu tun gehabt — und das waren nur die, die zur Anzeige gebracht wurden. Doch irgendwie hatten die Dinge einen Hang zum Ausgleich; für eine Stadt, die vor nicht allzu langer Zeit einen Massenmörder hervorgebracht hatte, war es, was Morde anging, eine ausgesprochen friedliche Zeit gewesen. Nur vier, und nur einer der Täter war geflüchtet — Joe Rodway, nachdem er seiner Frau das Gehirn herausgepustet hatte. Da der Sheriff die Dame gekannt hatte, tat es ihm fast leid, als er von der Polizei in Kingston, Rhode Island, ein Fernschreiben erhielt, in dem stand, daß man Rodway in Gewahrsam hatte.

Einer der anderen war fahrläßige Tötung gewesen, die restlichen beiden Morde zweiten Grades, einer mit einem Messer und einer mit der bloßen Faust — der letztere war ein Fall von Ehegattenmißhandlung, der einfach zu weit gegangen war, wenn auch mit einer ungewöhnlichen Variante: die Frau hatte den Mann erschlagen, während er stockbetrunken war, und ihm auf diese Weise heimgezahlt, was er ihr im Verlauf von fast zwanzig Jahren angetan hatte. Die Spuren der letzten Prügel, die sie bezogen hatte, waren noch leuchtend gelb, als sie verhaftet wurde. Pangborn war vollauf einverstanden gewesen, als der Richter sie lediglich zu sechs Monaten in einer Besserungsanstalt für Frauen und anschließend sechs Jahren Bewährung verurteilte. Richter Pender hatte das vermutlich nur getan, weil es unklug gewesen wäre, der Frau das zu geben, was sie in Wirklichkeit verdient hatte, nämlich eine Medaille.

Kleinstadtmorde im wirklichen Leben, hatte er festgestellt, hatten nur selten Ähnlichkeit mit den Kleinstadtmorden in Agatha Christies Romanen, wo sieben Menschen nacheinander auf den bösen alten Colonel Storping-Goiter in seinem Landsitz in Puddleby-on-the-Marsh einstachen, während draußen ein Wintergewitter tobte. Pangborn wußte, daß man im wirklichen Leben fast immer den Täter noch an Ort und Stelle vorfand, der auf sein Opfer herabschaute und sich fragte, wie das alles mit so tödlicher Schnelligkeit hatte passieren können. Selbst wenn sich der Täter verzogen hatte, war er gewöhnlich nicht weit fort, und es gab zwei oder drei Augenzeugen, die genau berichten konnten, was passiert war, wer es getan hatte und wohin er verschwunden war. Und das war gewöhnlich die nächste Kneipe. In der Regel waren Kleinstadtmorde im wirklichen Leben simpel, brutal und zweckbezogen.

In der Regel.

Aber Regeln sind dazu da, gebrochen zu werden. Manchmal schlägt der Blitz tatsächlich zweimal an derselben Stelle ein, und von Zeit zu Zeit werden in kleinen Städten Morde begangen, die nicht sofort aufgeklärt werden können — Morde wie dieser.

Pangborn hätte gern noch länger auf einen solchen Mord gewartet.

2

Officer Norris Ridgewick kam von seinem Streifenwagen zurück, der hinter dem von Pangborn parkte. Aus den Funkgeräten der beiden Wagen knisterten Meldungen in die warme Spätfrühlingsluft.

»Kommt Ray?« fragte Pangborn. Ray war Ray van Allen, Amtsarzt und Coroner von Castle Rock.

»Ja«, sagte Norris.

»Was ist mit Homers Frau? Hat es schon jemand seiner Frau gesagt?«

Pangborn verscheuchte die Fliegen von Homers Gesicht. Es war nicht viel mehr davon übrig als die große Hakennase; wäre da nicht die Armprothese gewesen und die Goldzähne, die jetzt zersplittert auf seinem faltigen Hals und auf seinem Hemd lagen, hätte ihn, wie Pangborn vermutete, nicht einmal seine eigene Frau wieder erkannt.

Ridgewick scharrte mit den Füßen und richtete den Blick dann auf seine Schuhe, als wären sie für ihn plötzlich überaus interessant geworden. »Also — John fährt oben in Castle View Streife, und Andy Clutterbuck ist in Auburn, beim Bezirksgericht…«

Pangborn seufzte und erhob sich. Gamache war siebenundsechzig Jahre alt gewesen. Er hatte mit seiner Frau in einem kleinen, ordentlichen Haus beim alten Eisenbahndepot gelebt, keine zwei Meilen von hier entfernt. Ihre Kinder waren erwachsen und fortgezogen. Es war Mrs. Gamache gewesen, die früh an diesem Morgen im Büro des Sheriffs angerufen hatte, nicht tatsächlich weinend, aber fast; sie sagte, sie wäre um sieben aufgewacht und hätte festgestellt, daß Homer, der, weil sie schnarchte, gelegentlich in einem der früheren Kinderzimmer schlief, nicht nach Hause gekommen war. Er war am Abend zuvor gegen sieben zum Kegeln gefahren, ganz wie immer, und hätte um Mitternacht, spätestens halb eins, wieder zu Hause sein müssen, aber alle Betten waren leer, und sein Pickup stand weder auf dem Hof noch in der Garage.

Sheila Brigham, die im Revier Telefondienst tat, hatte Pangborn über den Anruf informiert, und er hatte vom Münztelefon in Sonny Jacketts Garage, wo er gerade zum Auftanken Station gemacht hatte, zurückgerufen.

Mrs. Gamache konnte ihm alles sagen, was er über den Wagen wissen musste — Chevrolet Pickup, Baujahr 1971, weiß, stellenweise mit rotbrauner Rostschutzfarbe übermalt und einem Gewehrständer auf der Ladefläche. Maine-Zulassungsnummer 96529Q. Er hatte die Beschreibung über Funk an seine Leute weitergegeben (nur drei von ihnen, weil Glut in Auburn vor Gericht aussagte) und Mrs. Gamache gesagt, er würde sich melden, sobald er etwas wüsste. Er war nicht sonderlich beunruhigt gewesen. Gamache schmeckte das Bier, besonders an seinen Kegelabenden, aber er war kein Idiot. Wenn er so viel getrunken hatte, daß er das Gefühl hatte, nicht mehr sicher fahren zu können, dann hätte er auf der Couch im Wohnzimmer eines seiner Kegelbrüder schlafen können. Er hätte seinen künstlichen Arm vermutlich abgelegt und unter der Couch deponiert, um sicher zu sein, daß die Kinder des Kegelbruders, wenn sie vor Homer aufwachten, ihn nicht mit nach draußen nahmen und als Baseballschläger benutzten.

Doch wenn er das getan hatte, warum hatte er dann seine Frau nicht angerufen? Wusste er nicht, daß sie sich Sorgen machte? Nun, es war spät, und vielleicht wollte er sie nicht stören. Das war eine Möglichkeit. Eine bessere, dachte Pangborn, war die, daß er angerufen hatte und sie tief und fest schlafend im Bett lag, eine geschlossene Tür zwischen sich und dem einzigen Apparat im Haus, unten im Wohnzimmer am Ende der Diele. Und außerdem musste man die Möglichkeit bedenken, daß sie so laut schnarchte, daß sich die Balken bogen.

Pangborn verabschiedete sich von der besorgten Frau und legte den Hörer auf; er war überzeugt, daß ihr Mann spätestens gegen elf auftauchen würde, beschämt und mehr als nur ein bisschen verkatert. Und wenn er auftauchte, würde Ellen dem alten Tunichtgut gründlich den Marsch blasen. Pangborn dagegen würde es sich angelegen sein lassen, Homer — unter vier Augen — zu belobigen, weil er so vernünftig gewesen war, in betrunkenem Zustand die dreißig Meilen zwischen South Paris und Castle Rock nicht zu fahren.

Ungefähr eine Stunde nach Ellen Gamaches Anruf kam ihm der Gedanke, daß an seiner ersten Beurteilung der Situation etwas nicht stimmte. Wenn Gamache im Haus eines Kegelbruders übernachtet hatte, so musste es, wie Pangborn vermutete, das allererste Mal gewesen sein; andernfalls wäre seine Frau selbst auf diese Idee gekommen und hätte erst einmal abgewartet, bevor sie beim Sheriff anrief. Außerdem kam Pangborn der Gedanke, daß Homer Gamache ein bisschen zu alt war, um von seinen Gewohnheiten abzugehen. Wenn er die letzte Nacht in irgendeinem Haus verbracht hatte, konnte man davon ausgehen, daß er das schon öfter getan hatte, aber seine Frau hatte nichts dergleichen erwähnt. Wenn er schon früher nach Hause gefahren war, obwohl er einen über den Durst getrunken hatte, dann hätte er das auch gestern Abend getan. Aber er war nicht nach Hause gekommen.

Also hat der alte Hund trotz alledem noch ein neues Kunststück gelernt, dachte er. Das kommt vor. Vielleicht hat er auch mehr als gewöhnlich getrunken. Es kann natürlich auch sein, daß er ungefähr so viel getrunken hat wie sonst auch, aber stärker betrunken war. Es heißt, der Alkohol könnte einen einholen.

Er versuchte, Homer Gamache zu vergessen, zumindest fürs erste. Er hatte einen Haufen Papierkram zu erledigen, und nun saß er an seinem Schreibtisch, rollte einen Bleistift hin und her und dachte über den komischen alten Kauz nach, der mit seinem Pickup irgendwo stecken musste, den alten Kauz mit dem weißen, kurz geschnittenen Haar und dem künstlichen Arm. Seinen eigenen hatte er an einem Ort namens Pusan verloren, in einem unerklärten Krieg, der stattgefunden hatte, als der größte Teil der heutigen Vietnam-Veteranen noch in die Windeln schiß. Aber all das bewegte nicht das Papier auf seinem Schreibtisch, und Gamache fand er damit auch nicht.

Trotzdem war er in Sheila Brighams kleines Büro gegangen, um sie zu bitten, mit Norris Ridgewick Verbindung aufzunehmen, damit er Norris fragen konnte, ob er etwas erfahren hatte. In diesem Moment hatte Ridgewick sich selbst gemeldet. Was Norris zu berichten hatte, ließ Pangborns Rinnsal von Unbehagen zu einem kalten, stetigen Strom anschwellen. Er lief durch seine Eingeweide und bewirkte, daß er sich leicht benommen fühlte.

Er spottete über die Leute, die in den Hörerprogrammen der Rundfunkanstalten über Telepathie und Vorahnungen redeten, spottete wie jemand, bei dem eine Art sechster Sinn so sehr Teil seines Lebens geworden ist, daß er sich dessen kaum noch bewußt ist. Aber wenn man ihn gefragt hätte, wovon er in diesem Augenblick überzeugt war, dann hätte er erwidert: Als Norris sich meldete — ja, da wußte ich, daß der alte Mann schwer verletzt oder tot war. Vermutlich letzteres.

3

Ridgewick hatte zufällig bei der Farm der Arsenaults an der Route 35 angehalten, ungefähr eine Meile südlich des Homeland-Friedhofs. Er hatte nicht einmal an Homer Gamache gedacht, obwohl die Arsenault-Farm und Homers Haus weniger als drei Meilen voneinander entfernt lagen und Homer, wenn er am Abend zuvor die übliche Strecke von South Paris nach Hause gefahren war, am Anwesen der Arsenaults hätte vorbeikommen müssen. Ridgewick hielt es für unwahrscheinlich, daß einer der Arsenaults Homer gesehen hatte; wenn das der Fall gewesen wäre, hätte Homer zehn Minuten später zu Hause eintreffen müssen.

Ridgewick hatte bei der Farm der Arsenaults nur deshalb angehalten, weil sie den besten Straßenverkaufsstand in den drei Ortsteilen hatten. Er war einer der seltenen Junggesellen, die gerne kochten, und hatte großen Appetit auf frische Zuckererbsen. Er wollte sich erkundigen, wann er bei den Arsenaults welche kaufen konnte. Erst als er bereits im Begriff war, wieder in seinen Streifenwagen zu steigen, kam er auf die Idee, Dolly Arsenault zu fragen, ob sie am Vorabend zufällig Homer Gamaches Wagen gesehen hätte.

»Also wissen Sie«, hatte Mrs. Arsenault gesagt, »ich finde es merkwürdig, daß Sie darauf kommen. Ich habe ihn tatsächlich gesehen. Gestern am späten Abend. Nein, wenn ich es recht bedenke, es war nach Mitternacht, denn Johnny Carson war noch auf dem Bildschirm, aber er war fast fertig. Ich wollte mir noch eine Portion Eis holen, mir noch eine Weile die David-Letterman-Show ansehen und dann zu Bett gehen. Ich schlafe in letzter Zeit nicht gut, und dieser Mann auf der anderen Straßenseite hat mich irgendwie nervös gemacht.«

»Was war das für ein Mann, Mrs. Arsenault?« fragte Norris interessiert.

»Ich weiß es nicht. Irgendein Mann. Er gefiel mir nicht. Konnte ihn kaum sehen, und trotzdem gefiel er mir nicht, wie finden Sie das? Hört sich blöd an, aber die Klapsmühle in Juniper Hill ist gar nicht so weit weg, und wenn man um ein Uhr nachts einen Mann allein auf einer Landstraße stehen sieht, dann reicht das aus, einen nervös zu machen, auch wenn er einen Anzug trägt.«

»Was war das für ein Anzug, den er getragen hat?« fragte Ridgewick, aber es war sinnlos. Mrs. Arsenault war eine der Frauen, die sich gerne reden hören, und sie überfuhr Ridgewick mit einem unerbittlichen Wortschwall. Er beschloß, sie ausreden zu lassen und nur festzuhalten, was von Belang war. Er zog sein Notizbuch aus der Tasche.

»Irgendwie«, fuhr sie fort, »machte mich der Anzug noch nervöser. Es kam mir nicht richtig vor, daß ein Mann um diese Zeit einen Anzug trägt, wenn Sie verstehen, was ich meine. Wahrscheinlich verstehen Sie es nicht, wahrscheinlich glauben Sie, ich wäre nur ein dummes altes Weib, und das bin ich wohl auch, aber bevor Homer auftauchte, hatte ich ein oder zwei Minuten lang das Gefühl, daß der Mann vielleicht zum Haus herüberkommen würde, und ich stand auf und sah erstmal nach, ob die Tür abgeschlossen war. Er schaute in diese Richtung, weil er sehen konnte, daß bei uns noch Licht brannte. Wahrscheinlich konnte er auch mich sehen, weil wir nur ganz dünne Gardinen haben. Sein Gesicht konnte ich nicht erkennen — der Mond hat nicht geschienen, und ich glaube nicht, daß wir hier draußen jemals Straßenlaternen bekommen werden, vom Kabelfernsehen ganz zu schweigen —, aber ich konnte sehen, wie er den Kopf drehte. Dann sah es aus, als wollte er tatsächlich die Straße überqueren — zumindest glaube ich, daß er es tat oder tun wollte, wenn Sie verstehen, was ich meine —, und ich dachte, er würde herüberkommen und an die Tür klopfen und sagen, sein Wagen hätte eine Panne und ob er das Telefon benutzen dürfte, und ich überlegte, was ich tun sollte, wenn er das tat, und ob ich überhaupt an die Tür gehen sollte. Wahrscheinlich bin ich ein dummes altes Weib, aber ich mußte an all die Alfred Hitchcock Presents-Sendungen denken, in denen ein Irrer vorkommt, der zuerst ganz reizend ist, dann aber zur Axt greift und jemanden in Stücke haut und die Stücke in den Kofferraum packt und nur erwischt wird, weil eines seiner Rücklichter nicht brennt oder so etwas — aber andererseits…«

»Mrs. Arsenault, können Sie mir sagen…«

»… wollte ich auch nicht so sein wie der Philister oder Sarazene oder der Mann aus Gomorra oder wer immer das war, der in der Geschichte vom Barmherzigen Samariter einfach auf der anderen Straßenseite vorüberging«, fuhr Mrs. Arsenault fort. »Irgendwie wußte ich nicht recht, wie ich mich verhalten sollte. Aber ich sagte mir…«

Jetzt dachte Ridgewick nicht mehr an die Zuckererbsen. Endlich gelang es ihm, Mrs. Arsenaults Wortschwall zu stoppen, indem er ihr erklärte, der Mann, den sie gesehen hatte, könnte »in einer gegenwärtig laufenden Untersuchung« eine Rolle spielen. Er brachte sie wieder zum Anfang zurück und bat sie, ihm alles zu erzählen, was sie gesehen hatte, und dabei nach Möglichkeit auf Alfred Hitchcock Presents und die Geschichte vom Barmherzigen Samariter zu verzichten.

Die Geschichte, die er über Funk an Sheriff Alan Pangborn weitergab, war diese: Mrs. Arsenault hatte sich The Tonight Show allein angesehen; ihr Mann und ihre Söhne waren schon im Bett gewesen. Ihr Stuhl stand an dem Fenster, das auf die Route 35 hinausging. Die Jalousie war nicht heruntergelassen. Um 0.30 oder 0.40 Uhr hatte sie aufgeschaut und gesehen, daß auf der anderen Straßenseite ein Mann stand — das heißt, auf der Seite des Homeland-Friedhofs.

War der Mann aus dieser oder aus der entgegengesetzten Richtung gekommen?

Sie wußte es nicht. Sie vermutete zwar, daß er vielleicht aus der Homelandrichtung gekommen sein könnte, was hieß, daß er auf dem Weg aus der Stadt heraus war, aber sie konnte nicht mit Gewißheit sagen, wie sie auf diesen Gedanken gekommen war, weil sie einmal aus dem Fenster geschaut und nur die Straße gesehen hatte, und dann hatte sie noch einmal hinausgeschaut, bevor sie sich ihr Eis holte, und da war er dagewesen. Hatte einfach dagestanden und das erleuchtete Fenster beobachtet — und sie vermutlich. Sie glaubte, er würde die Straße überqueren oder war im Begriff, sie zu überqueren (vermutlich hat er nur dagestanden, dachte Pangborn; der Rest war nichts als Nervosität), als auf der Hügelkuppe Lichter erschienen. Als die Lichter auftauchten, hatte der Mann in dem Anzug in der zeitlosen, weltweit üblichen Geste des Anhalters den Daumen hochgereckt.

»Es war Homers Wagen, und Homer saß am Steuer«, berichtete Mrs. Arsenault. »Zuerst dachte ich, er würde einfach weiterfahren, wie es jeder vernünftige Mensch getan hätte, der mitten in der Nacht einen Anhalter sieht, aber dann leuchteten seine Bremslichter auf, und der Mann lief zur Beifahrerseite der Kabine und stieg ein.«

Mrs. Arsenault, die sechsundvierzig war und zwanzig Jahre älter aussah, schüttelte den Kopf.

»Homer muß voll gewesen sein«, erklärte sie Ridgewick. »Voll oder schwachsinnig. Aber ich kenne Homer seit fast fünfunddreißig Jahren. Schwachsinnig ist er nicht.«

Sie hielt einen Moment nachdenklich inne.

»Jedenfalls im allgemeinen nicht.«

Ridgewick versuchte, von Mrs. Arsenault nähere Angaben über den Anzug zu erhalten, den der Mann getragen hatte, aber er hatte damit kein Glück. Zu dumm, daß die Straßenbeleuchtung am Homeland-Friedhof endete, aber die finanziellen Möglichkeiten von Kleinstädten wie Castle Rock waren beschränkt.

Es war ein Straßenanzug gewesen, dessen war sie sich sicher, kein Sportjackett oder irgendeine andere Jacke, und er war nicht schwarz gewesen, aber das ließ ein ganzes Spektrum von anderen Farben offen. Mrs. Arsenault glaubte nicht, daß der Anzug weiß gewesen war, sie war lediglich bereit zu schwören, daß er nicht schwarz gewesen war.

»Kein Mensch verlangt von Ihnen, daß Sie schwören, Mrs. A.«, sagte Ridgewick.

»Wenn man mit einem Polizeibeamten in einer offiziellen Angelegenheit spricht«, erwiderte Mrs. A., wobei sie die Arme verschränkte und die Hände unter die Ärmel ihres Pullovers schob, »dann läuft es auf dasselbe hinaus.«

Was sie wußte, war im Grunde nur, daß sie gesehen hatte, wie Homer Gamache um Viertel vor eins einen Anhalter mitgenommen hatte. Nichts, um dessentwillen man das FBI anrufen mußte, hätte man meinen sollen. Ominös wurde die Sache erst, wenn man die Tatsache hinnahm, daß Homer seinen Passagier kaum drei Meilen von seiner eigenen Haustür entfernt hatte einsteigen lassen — und nicht zu Hause angekommen war.

Auch was den Anzug betraf, hatte Mrs. Arsenault recht. Das Auftauchen eines Anhalters mitten in der Nacht und so weit draußen war an sich schon merkwürdig genug — um Viertel vor eins hätte jeder gewöhnliche Landstreicher in einer verlassenen Scheune oder im Schuppen irgendeines Farmers geschlafen —, aber wenn man die Tatsache hinzunahm, daß er außerdem einen Anzug und eine Krawatte getragen hatte (»Irgendeine dunkle Farbe«, hatte Mrs. A. gesagt, »aber verlangen Sie nicht von mir, daß ich schwöre, welche dunkle Farbe sie hatte, denn das kann ich nicht und das will ich nicht«), dann wurde die Sache immer ominöser.

»Was soll ich nun tun?« hatte Ridgewick über Funk gefragt, nachdem er seinen Bericht durchgegeben hatte.

»Bleiben Sie dort«, sagte Pangborn, »und lassen Sie sich von Mrs. Arsenault Alfred Hitchcock Presents-Geschichten erzählen. Die meisten sind ziemlich spannend.«

Doch noch bevor er eine halbe Meile zurückgelegt hatte, hatte der Ort seines Zusammentreffens mit Ridgewick von der Arsenault-Farm zu einer etwa eine Meile westlich davon gelegenen Stelle gewechselt. Ein Junge namens Frank Gavineaux, der unten am Strimmer’s Brook geangelt hatte, hatte zwei Beine entdeckt, die an der Südseite der Route 35 aus dem hohen Unkraut herausragten. Er war nach Hause gerannt und hatte es seiner Mutter erzählt. Sie hatte das Büro des Sheriffs angerufen. Sheila Brigham hatte die Nachricht an Alan Pangborn und Norris Ridgewick weitergegeben. Sheila hielt sich an die Vorschriften und nannte keinen Namen — es gab zu viele Neugierige mit großen Cobras und Bearcats, die ständig den Polizeifunk abhörten —, aber der betroffene Ton ihrer Stimme verriet Pangborn, daß sie sich gut vorstellen konnte, wem diese Beine gehörten.

So ziemlich das einzig Gute, das an diesem Morgen passierte, war, daß Ridgewick mit dem Entleeren seines Magens fertig war, bevor Pangborn ankam, und daß er noch soviel Verstand besessen hatte, sich an der Nordseite der Straße zu übergeben, weit weg von der Leiche und von allen Spuren, die vielleicht in ihrer näheren Umgebung zu finden waren.

»Was jetzt?« fragte Ridgewick und unterbrach damit den Lauf seiner Gedanken.

Pangborn seufzte schwer und hörte auf, die Fliegen von dem zu verscheuchen, was von Homer übrig geblieben war. Er kam nicht gegen sie an. »Jetzt gehe ich die Straße hinunter und bringe Ellen Gamache bei, daß letzte Nacht der Witwenmacher ihren Mann besucht hat. Sie bleiben hier bei der Leiche. Versuchen Sie, die Fliegen von ihm fernzuhalten.«

»Es sind verdammt viele, Sheriff. Und außerdem ist er…«

»Tot, ja, da haben Sie verdammt recht. Ich weiß nicht, warum. Aber ich habe das Gefühl, wir müssten es tun. Den Arm können wir ihm nicht wieder anschnallen, aber wir können zumindest verhindern, daß die Fliegen auf das scheißen, was von seiner Nase noch übrig ist.«

»Okay«, sagte Ridgewick demütig. »Okay, Sheriff.«

»Norris, glauben Sie, daß Sie mich ›Alan‹ nennen könnten, wenn Sie sich sehr anstrengten? Wenn Sie üben würden?«

»Natürlich, Sheriff, ich denke schon.«

Pangborn stöhnte leise und warf noch einen letzten Blick auf das Stück Straßengraben, das, wenn er zurückkam, höchstwahrscheinlich mit leuchtendgelben, an Vermessungsstangen befestigten Warnbändern abgesperrt sein würde. Der County Coroner würde da sein. Henry Payton von der Kriminalabteilung der Staatspolizei würde da sein. Die Fotografen und die Techniker von der Abteilung Kapitalverbrechen der Staatsanwaltschaft vermutlich noch nicht — es sei denn, ein paar von ihnen wären eines anderen Falles wegen bereits irgendwo in der Nähe —, aber sie würden wenig später eintreffen. Gegen dreizehn Uhr würde auch das fahrbare Labor der Staatspolizei da sein und mit ihm eine Horde von Sachverständigen einschließlich eines Typs, der die Aufgabe hatte, Gips anzurühren und Abgüsse von den Reifenabdrücken herzustellen, über die Ridgewick intelligenter- oder glücklicherweise nicht mit seinem Streifenwagen hinweggefahren war (Pangborn entschied sich, etwas zögernd, für glücklicherweise).

Und worauf würde alles hinauslaufen? Auf nicht mehr als das: Ein halbbetrunkener alter Mann hatte angehalten, um einem Fremden einen Gefallen zu tun. (Springen Sie rein, mein Junge, konnte Pangborn ihn sagen hören. Ich fahre zwar nur ein paar Meilen, aber damit kommen Sie wenigstens ein Stückchen weiter), und der Fremde hatte es ihm gedankt, indem er den alten Mann erschlug und den Wagen stahl.

Er vermutete, daß der Mann in dem Straßenanzug Homer gebeten hatte, an den Straßenrand zu fahren — der wahrscheinlichste Vorwand war, daß er sagte, er müsste pinkeln. Und dann, als der Wagen stand, hatte er den alten Mann k.o. geschlagen, ihn herausgezerrt und…

Ja, und da war es schlimm geworden. Verdammt schlimm.

Pangborn warf noch einen letzten Blick in den Straßengraben, dorthin, wo Ridgewick neben dem blutüberströmten Stück Fleisch hockte, das einmal ein Mensch gewesen war, und von dem, was Homers Gesicht gewesen war, mit seinem Clipboard geduldig die Fliegen verscheuchte — und dabei spürte, wie sich ihm wieder der Magen umdrehte.

Er war nur ein alter Mann, du Dreckskerl — ein alter Mann, der einen über den Durst getrunken hatte und überdies nur noch einen richtigen Arm hatte, ein alter Mann, dessen einziges Vergnügen sein allwöchentlicher Kegelabend war. Also warum hast du ihn nicht einfach in der Kabine seines Wagens k.o. geschlagen und es dabei belassen? Es war eine warme Nacht, und selbst wenn es ein bisschen kühl gewesen wäre, so hätte ihm das wahrscheinlich nicht viel ausgemacht. Ich wette meine Uhr darauf, daß wir eine Menge alkoholischer Frostschutzmittel in seinem Körper finden werden. Und die Zulassungsnummer seines Pickup geht ohnehin in die Fahndung. Also warum dies? Mann, ich hoffe, ich bekomme Gelegenheit, dich das zu fragen.

Aber spielte der Grund eine Rolle? Das einzige, was Pangborn wußte, war, daß es für Homer Gamache keine Rolle mehr spielte. Für Homer Gamache würde nie mehr etwas eine Rolle spielen. Denn nachdem er ihm diesen ersten Schlag versetzt hatte, hatte der Anhalter ihn aus der Kabine und in den Graben gezerrt, wahrscheinlich, indem er ihn unter den Achselhöhlen packte. Um die Spuren deuten zu können, war Pangborn nicht auf die Leute vom Dezernat für Kapitalverbrechen angewiesen. Irgendwann hatte der Anhalter Homers Behinderung entdeckt. Und auf dem Grund des Grabens hatte er dem alten Mann die Armprothese vom Körper gerissen und ihn damit zu Tode geknüppelt.

96529 Q

»Moment. Moment mal«, sagte Connecticut State Trooper Warren Hamilton laut, obwohl er ganz allein in seinem Streifenwagen saß. Es war der Abend des 2. Juni, rund dreißig Stunden nach der Entdeckung von Homer Gamaches Leiche in einer kleinen Stadt in Maine, deren Namen Hamilton noch nie gehört hatte.

Er befand sich auf dem Parkplatz von MacDonald’s an der südwärts führenden Spur der 1-95 in Westport. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, die Imbiss- und Tankstellenparkplätze zu kontrollieren, wenn er auf der Interstate Streife fuhr; wenn man nachts an der letzten Reihe der geparkten Fahrzeuge entlangkroch, machte man manchmal einen guten Fang. Besser als gut. Beeindruckend. Wenn er das Gefühl hatte, auf etwas gestoßen zu sein, führte er oft Selbstgespräche. Sie begannen häufig mit Moment. Moment mal, und dann kam so etwas wie Das sollten wir uns doch ein bisschen genauer ansehen oder Frag Mama, ob so was möglich ist.

»Was haben wir denn hier?« murmelte er in diesem Fall und wendete den Streifenwagen, an einem Camaro vorbei, an einem Toyota vorbei, der im Licht der starken Natriumdampflampen aussah wie ein betagtes Stück Scheiße. Und — jawohl! Ein alter CMC Pickup, der im gleißenden Licht orangefarben aussah, was bedeutete, daß er weiß oder hellgrau war.

Er griff nach seiner Taschenlampe und richtete ihren Strahl auf das Nummernschild. Die Nummernschilder wurden, nach Trooper Hamiltons bescheidener Ansicht, allmählich besser. Ein Staat nach dem anderen setzte ein kleines Bild darauf. Dadurch ließen sie sich nachts besser identifizieren, wenn die tatsächlichen Farben je nach Beleuchtung die unmöglichsten Töne annahmen. Und die schlimmste Beleuchtung, die man sich zum Identifizieren von Nummernschildern überhaupt vorstellen konnte, waren diese verdammten Natriumdampflampen mit ihrem orangegelben Licht. Er wußte nicht, ob sie Vergewaltigungen und Überfälle vereitelten, wozu sie eigentlich installiert worden waren, aber er war sich ganz sicher, daß sie schuld daran waren, daß sich schwer arbeitende Cops wie er bei der Identifizierung gestohlener oder flüchtiger Wagen unzählige Male geirrt hatten.

Die kleinen Bilder trugen sehr viel dazu bei, daß derartige Irrtümer seltener wurden. Eine Freiheitsstatue war sowohl in hellem Sonnenlicht als auch im orangegelben Gleißen dieser verdammten Lampen eine Freiheitsstatue. Und das bedeutete New York.

Genau so, wie dieses blöde Krabbeltier, auf das er jetzt den Strahl seiner Taschenlampe gerichtet hatte, Maine bedeutete. Man brauchte sich nicht mehr die Augen zu verderben, um VACATIONLAND zu entziffern oder zu überlegen, ob das, was rosa oder orange oder stahlblau zu sein schien, in Wirklichkeit weiß war. Man hielt einfach Ausschau nach dem blöden Krabbeltier. Es handelte sich um einen Hummer, das wußte Hamilton, aber ein blödes Krabbeltier blieb auch unter einem anderen Namen ein blödes Krabbeltier. Er hätte eher Scheiße gefressen, als eines dieser blöden Krabbeltiere in den Mund zu stecken, aber er war trotzdem heilfroh, daß es sie gab.

Zumal wenn er nach einem Wagen mit einem Krabbeltiernummernschild fahndete, wie es heute Abend der Fall war.

»Frag Mama, ob so was möglich ist«, murmelte er und schaltete seinen Streifenwagen auf Parken. Er löste sein Clipboard aus der Halterung, die es unmittelbar über dem Tunnel der Antriebswelle in der Mitte des Armaturenbretts festhielt, schlug das leere Vorladungsformular zurück, das alle Polizisten zum Abdecken ihrer Fahndungslisten benutzten (damit nicht Krethi und Plethi Gelegenheit hatten, auf die Liste der Nummernschilder zu gaffen, für die die Cops sich interessierten, während der Cop, dem die Liste gehörte, sich einen Hamburger einverleibte oder einen schnellen Abstecher zur Toilette einer gerade am Wege liegenden Tankstelle machte), und ließ den Daumennagel über die Liste gleiten.

Da war es. 96529 Q, Staat Maine, Heimat der blöden Krabbeltiere.

Im Vorbeifahren hatte Trooper Hamilton festgestellt, daß niemand in der Fahrerkabine saß. Er hatte einen Gewehrständer gesehen, aber der war leer. Es war möglich — nicht wahrscheinlich, aber immerhin möglich —, daß sich auf der Ladefläche des Pickup jemand aufhielt. Es war sogar möglich, daß dieser Jemand das Gewehr in der Hand hielt, das in den Ständer gehörte. Wahrscheinlicher war, daß der Fahrer entweder längst fort war oder im Restaurant einen Hamburger aß. Trotzdem…

»Es gibt alte Cops und kühne Cops, aber keine alten kühnen Cops«, sagte Trooper Hamilton leise. Er schaltete die Taschenlampe aus und fuhr langsam an den geparkten Fahrzeugen entlang. Er machte noch zweimal halt, ließ die Taschenlampe noch zweimal aufblinken, machte sich aber gar nicht erst die Mühe, die Wagen, die er anleuchtete, genauer zu betrachten. Es bestand immerhin die Möglichkeit, daß Mr. 96529Q gerade auf dem Rückweg aus dem Restaurant oder von der Toilette gewesen war und gesehen hatte, wie Hamilton seine Taschenlampe auf den gestohlenen Wagen richtete, und wenn er nun sah, daß der Streifenwagen weitergefahren war und andere Wagen aufs Korn nahm, dann würde er vielleicht nicht nervös werden.

»Sicher ist sicher«, stellte Trooper Hamilton fest. Auch das war eine Redewendung, die er liebte; er gebrauchte sie nicht ganz so oft wie Frag Mama, ob so was möglich ist, aber viel fehlte daran nicht.

Er lenkte den Streifenwagen in eine Parklücke, von der aus er den Pickup im Auge behalten konnte. Er meldete sich bei seiner Basis, die keine vier Meilen entfernt war, und berichtete, daß er den GMC Pickup gefunden hätte, den Maine in einem Mordfall suchte. Er forderte Verstärkung an und wurde informiert, daß sie bald eintreffen würde.

Hamilton bemerkte niemanden, der auf den Pickup zuging, und gelangte zu dem Schluß, daß es nicht übermäßig kühn wäre, wenn er sich dem Wagen vorsichtig näherte. Im Gegenteil — seine Kollegen würden ihn für einen Waschlappen halten, wenn sie ankamen und er immer noch in sicherer Entfernung im Dunkeln saß.

Er stieg aus, öffnete das Holster, in dem sein Revolver steckte, zog ihn aber nicht heraus. Er hatte die Waffe bisher nur zweimal gezogen und noch nie abgefeuert, und er hatte auch jetzt nicht die Absicht, sie tu ziehen. Er näherte sich dem Pickup in einem Winkel, der es ihm erlaubte, sowohl den Wagen — insbesondere die Ladefläche des Wagens — als auch den Zugang von MacDonald’s her im Auge zu behalten. Er blieb stehen, als ein Mann und eine Frau herauskamen und auf eine drei Reihen näher zum Restaurant hin geparkte Ford-Limousine zugingen, und setzte sich wieder in Bewegung, als sie eingestiegen waren und auf die Ausfahrt zusteuerten.

Hamiltons rechte Hand lag auf dem Kolben seines Dienstrevolvers., die linke ließ er auf die Hüfte fallen. Auch die Dienstgürtel wurden nach Hamiltons bescheidener Ansicht, allmählich besser. Seit seiner Kindheit war er ein begeisterter Fan von Batman gewesen — er argwohnte sogar, daß Batman zu seinem Entschluß beigetragen hatte, zur Polizei zu gehen (ein Umstand, den er natürlich bei seiner Bewerbung unerwähnt gelassen hatte). Batmans tollstes Ausrüstungsstück war für ihn jedoch nicht der Batpole oder der Batarang gewesen, nicht einmal das Batmobile, sondern der Vielzweckgürtel. Dieses wunderbare Ding hatte etwas von einem guten Laden für Geschenkartikel an sich, den es enthielt für alle Gelegenheiten etwas, sei es ein Seil, eine Nachtsichtbrille oder ein paar Kapseln Betäubungsgas. Sein Dienstgürtel reicht da bei weitem nicht heran, aber an seiner linken Seite waren drei Schlaufen angebracht, in denen drei sehr nützliche Dinge steckten. Eines davon war ein batteriebetriebener Zylinder mit der Markenbezeichnung Nieder, Hund! Wenn man auf den roten Knopf an der Oberseite des Gerätes drückte, gab Nieder, Hund! einen Ultraschallpfiff von sich der selbst wildgewordene Stiere in schlaffe Spaghetti verwandelte. Daneben hingen eine Sprühdose mit Mace (dem Äquivalent der Staatspolizei von Connecticut zu Batmans Betäubungsgas) sowie eine starke, von vier Batterien gespeiste Handlampe.

Hamilton zog die Lampe aus der Schlaufe, schaltete sie ein und schirmte einen Teil des Lichtstrahls mit der linken Hand ab. Die rechte Hand lag nach wie vor auf dem Kolben seines Revolvers. Alte Cops, kühne Cops, aber keine alten kühnen Cops.

Er ließ den Lichtstrahl über die Ladefläche des Pickup wandern. Ein Stück Segeltuch lag darauf, sonst nichts. Die Ladefläche war so leer wie die Fahrerkabine.

Die ganze Zeit hatte Hamilton sicheren Abstand von dem GMC mit den Krabbeltiernummernschildern gehalten — das war ihm so in Fleisch und Blut übergegangen, daß er es ganz unbewußt getan hatte. Jetzt bückte er sich und leuchtete unter den Wagen. Das war für jemanden der ihm Böses wollte, das unwahrscheinlichste Versteck, aber er wollte nicht riskieren, daß der Geistliche beim übernächsten Gottesdienst seine Predigt mit den Worten begann: »Liebe Freunde, wir sind heute hier zusammengekommen, um das unerwartete Hinscheiden von Tropper Hamilton zu betrauern.« Das wäre einfach zu blöd.

Er ließ den Lichtstrahl schnell von links nach rechts wandern und entdeckte nichts außer einem rostigen Auspufftopf, der vermutlich demnächst abfallen würde — aber wenn er es tat, würde der Fahrer kaum einen Unterschied bemerken.

»Ich glaube, wir sind unter uns«, sagte Trooper Hamilton. Er untersuchte ein letztes Mal die Umgebung des Wagens und achtete abermals besonders auf den Zugang vom Restaurant. Er bemerkte niemanden, der ihn beobachtete, und so trat er ans Fenster der Fahrerkabine und leuchtete hinein.

»Heiliger Strohsack!« murmelte Hamilton. Er war plötzlich sehr dankbar für die Natriumdampflampen, die ihr orangegelbes Licht über den Parkplatz und in die Fahrerkabine ergossen, denn sie gaben dem, wovon er wußte, daß es rotbraun war, einen fast schwarzen Farbton, wodurch das Blut eher aussah wie Tusche. »Er ist so damit gefahren! Großer Gott, ist er etwa die ganze Strecke von Maine bis hierher so damit gefahren? Frag Mama…«

Er lenkte den Lichtstrahl abwärts. Der Sitz und der Boden des GMC waren ein Saustall. Er sah Bierdosen, Coladosen, leere oder fast leere Tüten von Kartoffelchips und Knusperschwarten, Schachteln, die Big Macs und Whoppers enthalten hatten. Ein Klumpen von etwas, das aussah wie Kaugummi, klebte auf dem metallenen Armaturenbrett oberhalb des Loches, in dem einst ein Radio gesessen hatte. Im Aschenbecher lagen zahlreiche Stummel von filterlosen Zigaretten.

Aber vor allem war Blut da.

Es waren Blutflecke auf dem Sitz. Blut war ins Lenkrad eingerieben. Ein angetrockneter Blutfleck klebte auf dem Hupenring und verdeckte das Chevrolet-Emblem fast vollständig. Blut war auf dem Türgriff an der Fahrerseite und Blut war auf dem Rückspiegel — dieser Fleck war ein kleiner Kreis, der ein Oval sein wollte, und Hamilton dachte, daß Mr. 96529Q möglicherweise einen fast perfekten Daumenabdruck im Blut eines Opfers hinterlassen hatte, als er den Spiegel zurechtrückte. Auch auf einer der Big-Mac-Schachteln war ein großer Blutfleck; außerdem schienen ein paar Haare darauf zu kleben.

»Was hat er der Bedienung im Drive-In erzählt?« murmelte Hamilton. »Dass er sich beim Rasieren geschnitten hat?«

Hinter sich hörte Hamilton ein scharrendes Geräusch. Er wirbelte herum, hatte das Gefühl, zu langsam zu sein, hatte das Gefühl, daß er trotz all seiner routinemäßigen Vorsichtsmaßnahmen zu kühn gewesen war, um jemals alt zu werden, denn hieran war nichts routinemäßig, ganz und gar nicht, der Kerl war hinter ihm, und bald würde noch mehr Blut in der Kabine des alten Chevrolet-Pickup sein, sein Blut, weil ein Kerl, der es fertig brachte, in einem derartigen Schlachthaus den ganzen Weg von Maine bis fast an die Grenze des Staates New York zu fahren, ein Psychopath war, die Art von Mann, die einen State Trooper umbringen und sich so wenig dabei denken wie beim Kauf einer Tüte Milch.

Zum dritten Mal während seiner gesamten Dienstzeit zog Hamilton seinen Revolver, spannte den Hahn und hätte fast einen Schuss (oder zwei oder drei) auf nichts als die Dunkelheit abgegeben; seine Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt. Aber es war niemand da.

Hamilton stand da, ließ langsam den Revolver sinken, und das Blut hämmerte in seinen Schläfen.

Ein leichter Windstoß fegte durch die Dunkelheit. Wieder das scharrende Geräusch. Auf dem Gehweg sah er eine Hamburger-Schachtel — aus diesem MacDonald’s, kein Zweifel, wie schlau Sie sind, Holmes, nicht der Rede wert, Dr. Watson, es war wirklich ganz simpel—, die einen oder anderthalb Meter weit rutschte und dann wieder still dalag.

Hamilton ließ langsam und zittrig den angehaltenen Atem entweichen und sicherte seinen Revolver wieder. »Da hätten Sie sich fast ein Ding geleistet, Mr. Holmes«, sagte er mit einer Stimme, die nicht ganz stetig war. »Hätten sich beinahe ein CR-14 aufgehalst.« CR-14 war ein »Schuss/Schüsse abgegeben«-Formular.

Er dachte daran, seinen Revolver wieder ins Holster zu stecken, da jetzt feststand, daß es nichts zu erschießen gab außer einer leeren Hamburger-Schachtel, doch dann beschloss er, ihn in der Hand zu behalten; bis die anderen Streifenwagen eingetroffen waren. Er fühlte sich gut an in seiner Hand. Beruhigend. Weil es nicht nur das Blut war oder die Tatsache, daß der Mann, den irgendein Cop in Maine wegen Mordes suchte, in dieser Schweinerei in aller Gemütsruhe an die vierhundert Meilen gefahren war. Von dem Wagen ging ein Geruch aus, der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem hatte, der eine Stelle umgab, an der ein Auto einen Skunk überfahren und zermalmt hatte. Er wußte nicht, ob seine Kollegen, wenn sie ankamen, diesen Geruch auch wahrnehmen würden oder ob nur er es tat, aber das kümmerte ihn wenig. Es war nicht der Geruch nach Blut oder verdorbenem Essen oder Körperausdünstungen. Es war, dachte er, der Geruch von etwas Bösem. Etwas sehr, sehr Bösem. Etwas so Bösem, daß er seinen Revolver nicht einstecken mochte, obwohl er fast sicher war, daß der Mann, von dem dieser Geruch ausging, verschwunden war, vermutlich schon vor Stunden von dem tickenden Geräusch eines noch warmen Motors war nichts zu hören. Aber das spielte keine Rolle. Es änderte nichts an dem, was er wußte. Eine Zeitlang hatte ein schreckliches Tier in dem Pickup gehaust, und er wollte nicht das geringste Risiko eingehen, daß das Tier womöglich zurückkam und ihn unvorbereitet antraf. Worauf Mama sich verlassen konnte.

Er stand da, den Revolver in der Hand und ein Kribbeln im Nacken, und es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis die Verstärkung endlich eintraf.

Tod in einer großen Stadt

Dodie Eberhart war stocksauer, und wenn Dodie Eberhart stocksauer war, dann gab es in der Stadt Washington D.C. eine Frau, mit der man sich besser nicht anlegte. Sie stieg die Treppe in dem Mietshaus an der L-Street mit der Schwerfälligkeit (und fast der Masse) eines Nashorns hinauf, das eine offene Savanne durchquert. Ihr marineblaues Kleid spannte und entspannte sich über einem Busen, der fast zu groß war, als daß man ihn einfach als üppig hätte bezeichnen können. Ihre fleischigen Arme schwangen wie Pendel.

Vor einer ganzen Reihe von Jahren war diese Frau eines der tollsten Callgirls von Washington gewesen. Damals hatten ihre Größe — eins-fünfundachtzig — und ihr gutes Aussehen sie zu mehr gemacht als einer gewöhnlichen Hure; sie war so gefragt, daß eine Nacht mit ihr fast den gleichen Wert hatte wie eine Trophäe im Zimmer eines jagdliebenden Gentleman, und wenn sich jemand die Mühe machte, die Fotos von den zahlreichen fêtes und soireés zu betrachten, die während der zweiten Johnson-Administration und der ersten Nixon-Administration aufgenommen wurden, dann würde er auf vielen von ihnen Dodie Eberhart entdecken, gewöhnlich am Arm eines Mannes, dessen Name häufig in politischen Berichten und Artikeln erschien. Schon ihre Größe verhinderte, daß man sie übersah.

Dodie war eine Hure mit dem Herzen eines Bankangestellten und der Seele einer räuberischen Küchenschabe. Zwei ihrer Stammkunden, der eine ein Senator von den Demokraten, der andere ein Abgeordneter der Republikaner, beide erheblich älter als sie, hatten ihr so viel Geld vermacht, daß sie sich aus dem Geschäft zurückziehen konnte. Beide hatten es nicht ganz aus freien Stücken getan, aber Dodie war sich klar darüber, daß das Krankheitsrisiko nicht gerade geringer wurde (und alle Regierungsbeamte waren für AIDS und Geschlechtskrankheiten ebenso anfällig wie gewöhnliche Sterbliche); außerdem wurde sie nicht länger. Sie hatte sich nicht darauf verlassen, daß die beiden Herren sie in ihrem Testament bedachten, was beide versprochen hatten. Tut mir leid, hatte sie zu ihnen gesagt, aber ich glaube nicht mehr an den Weihnachtsmann. Little Dodie muss zusehen, wie sie zurechtkommt.

Mit dem Geld hatte Little Dodie drei Mietshäuser gekauft. Die Jahre waren vergangen. Aus den fünfundachtzig Kilo, die starke Männer auf die Knie gezwungen hatte (wobei sie gewöhnlich nackt vor ihnen stand), waren fast hundertfünfzig geworden. Investitionen, die in den siebziger Jahren einträglich gewesen waren, waren in den achtzigern zerfallen, obwohl es schien, als ob alle anderen Leute, die ihr Geld in Aktien gesteckt hatten, gut zurechtkämen. Zu ihren Kunden hatten zwei hervorragende Börsenmakler gehört; es gab Zeiten, in denen sie siech wünschte, sie hätte auch nach ihrem Rückzug ins Privatleben mit ihnen Verbindung gehalten.

Ein Haus war sie 1984 losgeworden, das zweite 1986 nach einer verheerenden Buchprüfung durch die Steuerbehörde. An diesem in der L Street hatte sie festgehalten, weil sie überzeugt war, daß es in einer Gegend lag, in der sich etwas tun würde. Aber bisher hatte sich noch nichts getan, und sie glaubte auch nicht, daß sich in absehbarer Zeit etwas tun würde. Wenn es doch geschah, würde sie ihre Koffer packen nach Aruba ziehen. Bis dahin würde sie zusehen müssen, wie sie zurechtkam.

Was sie seit jeher getan hatte.

Was sie auch weiterhin tun würde.

Und Gott helfe jedem, der sich ihr in den Weg stellte.

Wie zum Beispiel Mr. Frederick »Großmaul« Clawson.

Sie erreichte den Treppenabsatz im zweiten Stock. Aus der Wohnung er Shulmans dröhnte Guns ’n’ Roses.

»DREHT DAS SCHEISSDING LEISE!« brüllte sie aus voller Lunge — und wenn Dodie Eberhart ihre Stimme auf höchste Lautstärke erhob, dann zerbarsten Fensterscheiben, platzte kleinen Kindern das Trommelfell, und Hunde fielen tot um.

Sofort verwandelte sich das Kreischen der Musik in ein Flüstern. Sie konnte direkt spüren, wie sich die Shulmans zitternd aneinanderdrückten wie zwei verängstigte junge Hunde im Gewitter und beteten, daß nicht sie es waren, denen die böse Hexe einen Besuch abstatten wollte. Sie hatten Angst vor ihr, und sie taten gut daran. Shulman war Anwalt und arbeitete bei einer einflußreichen Firma, aber er war noch zwei Magengeschwüre weit davon entfernt, selbst so einflußreich zu sein, daß Dodie sich vorsehen mußte. Wenn er ihr in diesem Stadium seines jungen Lebens in die Quere kam, würde sie Kleinholz aus ihm machen, er wußte es, und das war sehr befriedigend.

Wenn sowohl die Bankkonten als auch die Börsenkonten in die roten Zahlen rutschten, dann mußte man zusehen, wo man seine Befriedigung herbekam.

Ohne innezuhalten, bog Dodie um die Ecke und begann, die Treppe zum dritten Stock emporzusteigen, wo Mr. Frederick »Großmaul« Clawson in einsamer Höhe residierte. Sie bewegte sich nach wie vor wie ein Nashorn in der Savanne, mit hoch erhobenem Kopf, nicht im mindesten außer Atem trotz ihres Gewichts, das die solide gebaute Treppe leicht erbeben ließ.

Sie freute sich auf die Begegnung mit ihm.

Clawson stand noch nicht einmal auf einer der unteren Stufen einer Firmenleiter. Bisher stand er noch auf überhaupt keiner Stufe.

Wie alle Jurastudenten, die sie je kennen gelernt hatte (zumeist als Mieter; zu ihrem Kundenkreis in dem, was sie jetzt ihr »anderes Leben« nannte, hatte ganz bestimmt keiner gehört), bestand auch er überwiegend aus hochgesteckten Zielen und leerem Portemonnaie, die beide auf einem reichlichen Quantum heißer Luft schwebten. In der Regel wußte Dodie durchaus, was sie von diesen Elementen zu halten hatte. Auf das Geschwätz eines Jurastudenten hereinzufallen, war ihrer Ansicht nach ebenso blöd, wie einen Kunden umsonst ranzulassen. Wenn man erst einmal damit anfing, konnte man sich gleich aufhängen.

Aber Mr. Frederick »Großmaul« Clawson war es gelungen, eine Bresche in ihre Verteidigungsanlagen zu schlagen. Er war viermal nacheinander mit der Miete im Rückstand gewesen, und sie hatte es ihm durchgehen lassen, weil sie überzeugt war, daß in seinem Fall die abgedroschene alte Masche tatsächlich der Wahrheit entsprach (oder entsprechen würde): er würde zu Geld kommen.

Er hätte das nicht bei ihr geschafft, wenn er bewiesen hätte, daß Sidney Sheldon in Wirklichkeit Robert Ludlum oder Victoria Holt in Wirklichkeit Rosemary Rogers war, denn diese Leute und ihre Milliarden von Kollegen waren ihr scheißegal. Sie stand auf Kriminalromane, besonders solche, in denen es wirklich hart auf hart ging. Sie nahm an, daß es massenhaft Leute gab, die das romantische Geschwätz und das Spionagegeschwätz lasen, wenn man den Bestsellerlisten der Post glauben durfte; Elmore Leonard dagegen hatte sie schon Jahre vor seinem Auftauchen auf den Listen gelesen, und auch für Jim Thompson, David Goodis, Horace McCoy, Charles Willeford und die anderen dieser Männer hatte sie sehr viel übrig. Kurzum, Dodie Eberhart liebte Romane, in denen Männer Banken ausraubten, sich gegenseitig erschossen und Zuneigung bewiesen, indem sie ihre Frauen windelweich prügelten.

George Stark war, wie sie meinte, der beste von ihnen — oder war es gewesen. Sie hatte all seine Bücher verschlungen. Von Machine’s Way und Oxford Blues bis hin zu Riding to Babylon, das nun offenbar das letzte gewesen war.

Das Großmaul im dritten Stock war von Notizen und Büchern umgeben gewesen, als sie zum ersten Mal erschien, um die Miete einzufordern (die erst seit drei Tagen überfällig war, aber wenn man den Kerlen den kleinen Finger reichte, nahmen sie gleich die ganze Hand), und nachdem sie sich um ihr Geschäft gekümmert und er versprochen hatte, bis Mittag des folgenden Tages zu bezahlen, hatte sie ihn gefragt, ob die gesammelten Werke von George Stark neuerdings zur Pflichtlektüre für Jurastudenten gehörten.

»Nein«, hatte Clawson mit einem strahlenden, fröhlichen und ausgesprochen räuberischen Lächeln geantwortet, »aber vielleicht werden sie einen finanzieren.«

Mehr als alles andere war es dieses Lächeln gewesen, das sie in seinen Bann geschlagen und sie veranlasst hatte, in diesem Fall die Leine länger zu lassen, die sie in allen anderen Fällen brutal straffgezogen hatte. Sie hatte es schon viele Male gesehen — in ihrem Spiegel. Damals hatte sie geglaubt, daß man ein derartiges Lächeln nicht vortäuschen konnte, und sie glaubte es nach wie vor. Clawson hatte Thaddeus Beaumont tatsächlich die Daumenschrauben angelegt; sein Fehler war nur gewesen, daß er so zuversichtlich geglaubt hatte, Beaumont würde mitspielen. Und das war auch ihr Fehler gewesen.

Nachdem Clawson ihr von seiner Entdeckung erzählt hatte, hatte sie einen der beiden Beaumont-Romane — Purple Haze — gelesen und war zu dem Schluß gekommen, daß es ein ausgesprochen dämliches Buch war.

Ungeachtet der Briefe und Fotokopien, die das Großmaul ihr gezeigt hatte, wäre es ihr schwer gefallen oder sogar unmöglich gewesen, zu glauben, daß beide Autoren ein und dieselbe Person waren. Nur — als sie ungefähr drei Viertel des Buches gelesen hatte und nahe daran war, dieses langweilige Stück Scheiße in die Ecke zu werfen und zu vergessen, war sie auf eine Szene gestoßen, in der ein Farmer ein Pferd erschoß. Das Pferd hatte zwei Beine gebrochen und mußte erschossen werden, aber der Punkt war, daß der alte Farmer John es genossen hatte. Er hatte dem Pferd den Gewehrlauf an den Kopf gesetzt und dann onaniert und in dem Moment auf den Abzug gedrückt, indem er zum Orgasmus gelangte. Es war, dachte sie, als wäre Beaumont hinausgegangen, um sich eine Tasse Kaffee zu holen, als er an dieser Stelle angekommen war — und George Stark hätte übernommen und diese Szene geschrieben wie ein literarisches Rumpelstilzchen. Jedenfalls war sie das einzige bisschen Gold in diesem speziellen Strohhaufen.

Aber das spielte jetzt keine Rolle mehr. Es bewies nur, daß jeder einmal aufs Kreuz gelegt werden konnte. Das Großmaul hatte sie vor seinen Karren gespannt, aber es war eine kurze Fahrt gewesen. Und jetzt war sie vorüber.

Dodie Eberhart erreichte den Absatz im dritten Stock, und ihre Hand ballte sich schon zu der harten Faust, die sie immer machte, wenn nicht höfliches Anklopfen, sondern Hämmern angesagt war, und dann sah sie, daß Hämmern nicht erforderlich war. Die Tür des Großmauls stand offen.

»Auch das noch«, murmelte Dodie wütend. Dies war nicht gerade die Gegend, in der es von Junkies wimmelte, aber wenn sich Gelegenheit bot, die Wohnung eines Idioten auseinander zunehmen, waren die Junkies gern bereit, Grenzen zu überschreiten. Dieser Kerl war noch dämlicher, als sie gedacht hatte.

Sie klopfte mit den Knöcheln an die Tür, und sie schwang auf. »Clawson!« rief sie mit einer Stimme, die Unheil und Verderben verhieß.

Es kam keine Antwort. Sie warf einen Blick in den kurzen Korridor und sah, daß im Wohnzimmer die Jalousien geschlossen waren und die Deckenlampe brannte. Aus einem Radio kam leise Musik.

»Clawson, ich muss mit Ihnen reden!«

Sie betrat den kurzen Korridor — und blieb stehen.

Eines der Sofakissen lag auf dem Boden.

Das war alles. Keinerlei Anzeichen dafür, daß ein hungriger Junkie die Wohnung durchwühlt hatte, aber ihre Instinkte waren immer noch scharf, und sie hatte ein ungutes Gefühl. Sie roch etwas. Der Geruch war sehr schwach, aber er war vorhanden. Ungefähr so wie Essen, das verdorben, aber noch nicht verrottet ist. Nicht ganz so, aber näher heran kam sie nicht. Hatte sie das schon früher gerochen? Ihr war so.

Und dann war da noch ein anderer Geruch, aber sie hatte nicht den Eindruck, daß es ihre Nase war, die sie auf ihn aufmerksam machte. Diesen Geruch kannte sie recht gut. Sie und Trooper Hamilton in Connecticut wären sich sofort einig gewesen, was für ein Geruch das war: der Geruch des Bösen.

Sie stand vor dem Wohnzimmer, betrachtete das auf dem Boden liegende Kissen, lauschte dem Radio. Was das Hinaufsteigen der drei Treppen nicht bewirkt hatte, war diesem einen, unschuldig aussehenden Kissen gelungen — ihr Herz hämmerte wie wild unter ihrer massigen linken Brust, und aus ihrem Mund kamen flache Atemstöße. Irgend etwas stimmte hier nicht. Stimmte ganz und gar nicht. Die Frage war, ob sie hineingezogen werden würde oder nicht, wenn sie hier blieb.

Der gesunde Menschenverstand wies sie an, zu verschwinden, solange es noch möglich war, und er war sehr stark. Die Neugier wies sie an zu bleiben und sich umzusehen — und sie war stärker.

Sie schob den Kopf so weit vor, daß sie ins Wohnzimmer hineinblicken konnte, und schaute erst nach rechts, wo sich ein imitierter Kamin befand, zwei auf die L Street hinausgehende Fenster und sonst nichts. Sie schaute nach links, und ihr Kopf kam schließlich zum Stillstand. Er schien regelrecht einzurasten. Ihre Augen weiteten sich.

Dieser eingerastete Blick dauerte nicht länger als drei Sekunden, aber die Zeit kam ihr wesentlich länger vor. Und sie sah alles, bis hin zur kleinsten Kleinigkeit; ihr Verstand machte sein eigenes Foto von dem, was sie sah, so klar und scharf wie die Fotos, die die Polizeifotografen bald machen würden.

Sie sah die zwei Flaschen Amstel-Bier auf dem Couchtisch, eine leer, die andere halbvoll, noch mit einem Schaumkragen im Flaschenhals. Sie sah den Aschenbecher, auf dessen gerundeter Oberfläche CHICAGOLAND! stand. Sie sah zwei Zigarettenstummel ohne Filter, auf der vorher makellos weißen Fläche des Aschenbechers ausgedrückt. Das Großmaul rauchte nicht — jedenfalls keine Zigaretten. Sie sah, daß die kleine Plastikdose, die einst voll Reißzwecken gewesen war und noch einige wenige enthielt, umgekippt zwischen dem Aschenbecher und den Bierflaschen lag. Der größte Teil der Reißzwecken, die das Großmaul dazu benutzt hatte, Gegenstände an seine Merktafel in der Küche zu heften, war auf der Glasplatte des Couchtisches verstreut.

Sie sah, daß ein paar davon auf einem aufgeschlagenen Exemplar der Zeitschrift People lagen, der Nummer, in der die Thad Beaumont/George Stark-Story erschienen war. Sie sah Mr. und Mrs. Beaumont, wie sie sich über Starks Grabstein die Hände reichten, obwohl sie, von hier aus gesehen, auf dem Kopf standen. Es war die Geschichte, die, wie Frederick Clawson behauptet hatte, nie gedruckt werden, sondern ihn zu einem wohlhabenden Mann machen würde. Darin hatte er sich geirrt. Offenbar hatte er sich in jeder Beziehung geirrt.

Sie sah Frederick Clawson, der nun kein Großmaul mehr war, in einem seiner beiden Wohnzimmersessel sitzen. Er war darauf festgebunden. Er war nackt, seine Kleider lagen in einem unordentlichen Haufen unter dem Couchtisch. Sie sah das blutige Loch in seinen Lenden. Die Hoden waren noch da, wo sie hingehörten, aber sein Penis war amputiert und ihm in den Mund gestopft worden. Dort war reichlich Platz, denn der Mörder hatte ihm auch die Zunge herausgeschnitten. Sie war an die Wand geheftet. Die Reißzwecke war so tief in das rosa Fleisch hineingetrieben worden, daß sie nur noch als grinsender Halbmond aus leuchtendem Gelb zu sehen war, und ihr Verstand fotografierte erbarmungslos dieses Detail. Blut war an der Tapete heruntergesickert, als hätte der grausige Fleischlappen geweint.

Der Mörder hatte noch eine weitere Reißzwecke benutzt, in diesem Fall eine mit einer leuchtendgrünen Oberfläche, um die zweite Seite des People-Artikels auf die nackte Brust des Ex-Großmauls zu heften. Sie konnte das Gesicht von Liz Beaumont nicht erkennen — es war von Clawsons Blut verschmiert —, wohl aber die Hände der Frau, die Beaumont einen Teller mit Schokoladenkeksen hinhielt. Sie erinnerte sich, daß sich Clawson über dieses Foto ganz besonders geärgert hatte. So ein Blödsinn, hatte er gesagt. Sie hasst das Kochen und Backen — das hat sie in einem Interview gesagt, nachdem Beaumonts erster Roman erschienen war.

Über der an die Wand gehefteten Zunge standen, mit in Blut getauchten Fingern geschrieben, vier Worte:

DIE SPERLINGE FLIEGEN WIEDER

Großer Gott, dachte ein entlegener Teil ihres Verstandes, das ist fast so wie in einem George Stark-Roman — so etwas hätte Alexis Machine tun können.

Hinter sich hörte sie ein leise klappendes Geräusch.

Dodie Eberhart schrie auf und fuhr herum. Machine kam mit seinem fürchterlichen Rasiermesser auf sie zu, dessen stählernes Glitzern jetzt von Frederick Clawsons Blut getrübt war. Sein Gesicht war die verzerrte Maske aus Narben, das, was Nonie Griffith davon übriggelassen hatte, als sie am Schluss von Machine’s Way darüber hergefallen war, und…

Und es war überhaupt niemand da.

Die Tür war ins Schloss gefallen, das war alles, wie Türen es gelegentlich tun.

Wirklich? fragte der entlegene Teil ihres Verstandes — doch jetzt war er näher gekommen, erhob seine Stimme, eindringlich vor Angst. Sie stand eindeutig offen, als du die Treppe heraufkamst. Nicht weit offen, aber doch so weit, daß man sehen konnte, daß sie nicht geschlossen war.

Jetzt kehrten ihre Augen zu den Bierflaschen auf dem Couchtisch zurück. Eine leer. Eine halbvoll, noch mit einem Schaumkragen an der Innenseite des Halses.

Der Mörder hatte hinter der Tür gestanden, als sie hereinkam. Wenn sie den Kopf gedreht hätte, dann hätte sie ihn höchstwahrscheinlich gesehen und wäre jetzt gleichfalls tot.

Und während sie dagestanden und die Überreste von Mr. Frederick »Großmaul« Clawson betrachtet hatte, war er einfach hinausgegangen und hatte die Tür hinter sich zugemacht.

Die Kraft wich aus ihren Beinen, und sie sank mit einer Art seltsamer Anmut auf die Knie, fast wie ein Mädchen, das im Begriff ist, das heilige Abendmahl zu nehmen. Durch ihren Kopf rannte immer wieder der gleiche Gedanke wie ein Hamster in seinem Laufrad: Oh, ich hätte nicht schreien dürfen, er wird zurückkommen, oh, ich hätte nicht schreien dürfen, er wird zurückkommen, oh, ich hätte nicht schreien dürfen

Und dann hörte sie ihn, das gemessene Stampfen seiner großen Füße auf dem Flurteppich. Später war sie davon überzeugt, daß die verdammten Shulmans ihre Stereoanlage wieder aufgedreht hatten und daß sie das Stampfen der Bässe für Fußtritte gehalten hatte, aber in diesem Augenblick war sie ganz sicher, daß es Alexis Machine war und daß er zurückkam — ein Mann, so zielstrebig und mordgierig, daß nicht einmal der Tod ihn aufhalten würde.

Zum ersten Mal in ihrem Leben fiel Dodie Eberhart in Ohnmacht.

Kaum drei Minuten später kam sie wieder zu sich. Da ihre Beine sie immer noch nicht tragen wollten, kroch sie auf den Korridor hinaus. Die Haare hingen ihr ins Gesicht. Sie dachte daran, die Tür zu öffnen und hinauszuschauen, aber sie brachte es nicht fertig. Statt dessen drehte sie das Drückerschloss, schob den Riegel vor, legte die Sperrstange in ihre Halterung. Als sie das geschafft hatte, lehnte sie sich gegen die Tür und rang nach Atem; alles um sie herum war grau verschwommen. Sie war sich vage der Tatsache bewusst, daß sie sich zusammen mit einem verstümmelten Leichnam eingeschlossen hatte, aber das war nicht so schlimm. Ganz und gar nicht so schlimm, wenn man die Alternativen betrachtete.

Ganz allmählich kehrte ihre Kraft zurück, und sie war imstande, wieder auf die Füße zu kommen. Sie bog um die Ecke am Ende des Korridors und betrat die Küche, in der das Telefon stand. Sie hielt die Augen von dem abgewendet, was von Mr. Großmaul noch übrig war, aber das nützte nicht das mindeste; das Foto, das ihr Verstand aufgenommen hatte, würde sie noch lange in seiner grauenhaften Deutlichkeit vor sich sehen.

Sie rief die Polizei an, und als sie kam, wollte sie sie nicht einlassen bis einer der Beamten seine Dienstmarke unter der Tür hindurch geschoben hatte.

»Wie heißt Ihre Frau?« fragte sie den Polizisten, dessen Dienstmarke ihn als Charles F. Toomey jr. auswies. Ihre Stimme war hoch und zittrig, ihrer normalen völlig unähnlich. Gute Freunde (wenn sie welche gehabt hätte) hätten sie nicht erkannt.

»Stephanie, Madam«, erwiderte die Stimme auf der anderen Seite der Tür geduldig.

»Ich kann das Revier anrufen und das nachprüfen, das wissen Sie doch!« kreischte sie fast.

»Ich weiß, daß Sie das können, Mrs. Eberhart«, entgegnete Stimme, »aber Sie werden sich schneller sicher fühlen, wenn Sie einlassen, meinen Sie nicht?«

Und weil sie immer noch fähig war, eine Polizistenstimme so mühelos zu identifizieren, wie sie den Geruch des Bösen identifiziert hattest schloss sie die Tür auf und ließ Toomey und seinen Kollegen ein. Sobald sie drinnen waren, tat sie etwas, was sie in ihrem ganzen Leben noch nie getan hatte: sie bekam einen hysterischen Anfall.

Polizeiangelegenheiten

1

Als die Polizei kam, saß Thad in seinem Arbeitszimmer und schrieb.

Liz war im Wohnzimmer und las, während sich Wendy und William m ihrem großen Laufstall miteinander vergnügten. Sie ging zur Tür und schaute durch eines der schmalen Seitenfenster hinaus, bevor sie öffnete. Das war eine Gewohnheit, die sie seit Thads »Debüt in People«, wie sie es scherzhaft nannten, angenommen hatte. Alle möglichen Leute — zum größten Teil flüchtige Bekannte, dazu eine gute Portion neugieriger Ortsansässiger und sogar ein paar völlig Fremde (übrigens ausschließlich Stark-Fans) — waren an ihrer Haustür aufgetaucht. Thad hatte es das »Besichtigungs-Syndrom des lebendigen Krokodils« genannt und vorausgesagt, daß es sich in ein bis zwei Wochen wieder geben würde. Liz hoffte, daß er recht hatte. Dennoch fürchtete sie, könnte es sich bei einem der fremden Besucher um einen irren Krokodiljäger handeln, einen von der Sorte des Mörders von John Lennon, und deshalb schaute sie zuerst durch das Seitenfenster hinaus. Sie wußte nicht, ob sie einen echten Irren erkennen würde, wenn sie ihn vor sich sah, aber sie konnte zumindest dafür sorgen, daß Thads Gedanken während der zwei Stunden, die er jeden Vormittag am Schreibtisch verbrachte, nicht abschweiften. Danach ging er selbst zur Tür, wobei er ihr immer einen Blick zuwarf, der sie an einen schuldbewußten kleinen Jungen erinnerte und bei dem sie nicht recht wußte, wie sie reagieren sollte.

Bei den drei Männern, die an diesem Samstagvormittag vor der Tür landen, handelte es sich allem Anschein nach weder um Fans von Beaumont oder Stark noch um Irre — es sei denn, sie wären neuerdings dazu übergegangen, Streifenwagen der Staatspolizei zu benutzen. Sie öffnete die Tür und verspürte das leise Unbehagen, das die meisten unbescholtenen Bürger empfinden, wenn die Polizei erscheint, ohne gerufen worden zu sein. Wenn sie Kinder gehabt hätte, die bereits so groß waren, daß sie an diesem regnerischen Samstagvormittag draußen herumtollten, hätte sie sich vermutlich schon jetzt gefragt, ob ihnen vielleicht etwas passiert war.

»Ja?«

»Sind Sie Mrs. Elizabeth Beaumont?« fragte einer von ihnen.

»Ja, die bin ich. Kann ich Ihnen helfen?«

»Ist Ihr Mann zu Hause, Mrs. Beaumont?« fragte ein zweiter. Diese beiden trugen identische graue Regenmäntel und Polizeimützen.

Nein, das ist der Geist von Ernest Hemingway, den Sie da oben auf der Schreibmaschine hämmern hören. Diese Antwort kam ihr in den Sinn, aber natürlich sprach sie sie nicht aus. Zuerst kam die Angst, ob jemand einen Unfall gehabt hatte, denn das Phantom-Schuldbewusstsein, das einen drängte, etwas Grobes oder Sarkastisches zu sagen, etwas, das ungeachtet der tatsächlich ausgesprochenen Worte besagte: Verschwinden Sie. Sie sind hier unerwünscht. Wir haben nichts verbrochen. Verschwinden Sie und suchen Sie sich jemanden, der es getan hat.

»Darf ich fragen, warum Sie ihn sprechen möchten?«

Der dritte Polizist war Alan Pangborn.

»Polizeiangelegenheiten, Mrs. Beaumont«, sagte er. »Können wir ihn bitte sprechen?«

2

Thad Beaumont führte nicht regelmäßig Tagebuch, aber manchmal notierte er Ereignisse in seinem Leben, die ihn interessierten, belustigten oder ängstigten. Er hielt derartige Dinge in einer gebundenen Kladde fest, und seiner Frau war, obwohl sie es nie ausgesprochen hatte, beim Gedanken an diese Notizen immer etwas unbehaglich zumute. Die meisten von ihnen waren seltsam leidenschaftslos und erweckten fast den Eindruck, als stünde ein Teil von ihm abseits und kommentierte sein Leben so, wie es sich seinem eigenen, fast gleichgültigen Blick darbot. Nach dem Besuch der Polizei am Vormittag des 4. Juni schrieb er eine längere Passage mit einer starken und recht ungewöhnlichen Unterströmung von Gefühlen.

»Jetzt verstehe ich Kafkas Prozess und Orwells 1984 ein wenig besser. Es ist ein grober Fehler, sie ausschließlich als politische Romane zu verliehen. Ich vermute, die Depression, in die ich verfallen bin, nachdem ich The Sudden Dancers beendet und festgestellt hatte, daß ich nichts mehr schreiben konnte, war — von Liz’ Fehlgeburt abgesehen — die schwerwiegendste emotionale Erfahrung, die ich in meinem Leben durchmachen musste; aber das, was heute passiert ist, kommt mir schlimmer vor. Vielleicht, rede ich mir ein, liegt es daran, daß die Erinnerung noch ganz frisch ist, aber es steckt doch wesentlich mehr dahinter. Ich glaube, wenn diese dunkle Zeit und der Verlust meiner ersten Zwillinge im vierten Schwangerschaftsmonat verheilte Wunden sind, von denen nur Narben zurückblieben, dann kann ich davon ausgehen, daß auch diese Wunde verheilen wird, aber ich glaube nicht, daß die Zeit imstande ist, sie wieder vollständig zu glätten. Auch dies wird eine Narbe hinterlassen, die zwar kürzer, aber auch tiefer ist — wie die Hinterlassenschaft eines plötzlichen Messerhiebs.

Ich bin sicher, daß sich die Polizisten so benahmen, wie es ihr Eid verlangt (wenn sie überhaupt einen ablegen müssen, was vermutlich der Fall ist). Dennoch hatte ich das Gefühl und habe es noch, daß ich Gefahr lief, in eine gesichtslose bürokratische Maschine hineingezerrt zu werden, eine Maschine, die ganz methodisch zu Werke gehen und mich in Fetzen reißen würde, weil diese Maschine dazu da ist, Menschen in Fetzen zu reißen. Mein Aufschrei würde die Reaktion der Maschine weder beschleunigen noch verlangsamen.

Ich spürte, daß Liz nervös war, als sie nach oben kam und mir sagte, die Polizei wollte mich wegen irgend etwas sprechen, sich aber weigerte tu sagen, um was es sich handelte. Sie sagte, einer der Polizisten wäre Alan Pangborn, der Sheriff von Castle County. Ich bin ihm vielleicht ein- oder zweimal begegnet, aber wieder erkannt habe ich ihn nur, weil der Castle Rock Call von Zeit zu Zeit sein Foto gebracht hat.

Ich war neugierig und dankbar, eine Pause einlegen und meine Schreibmaschine verlassen zu können, wo meine Romanhelden die ganze letzte Woche darauf bestanden haben, Dinge zu tun, die sie nicht tun sollten. Wenn ich überhaupt etwas dachte, dann vielleicht, daß es sich um Frederick Clawson handeln könnte oder um irgend etwas anderes im Zusammenhang mit dem People-Artikel. Und so war es auch, allerdings nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Ich weiß nicht, ob es mir gelingt, die Atmosphäre der Begegnung, die dann erfolgte, richtig darzustellen. Ich weiß nicht einmal, ob es eine Rolle spielt, aber es erscheint mir wichtig, daß ich es versuche. Sie standen in der Diele, nicht weit von der Treppe entfernt, drei große Männer (kein Wunder, daß manche Leute sie Bullen nennen), und von ihren Regenmänteln tropfte das Wasser auf den Teppich.

›Sind Sie Thaddeus Beaumont?‹ fragte einer von ihnen — es war Sheriff Pangborn, und das war der Augenblick, in dem der emotionale Umschwung einsetzte, den ich zu beschreiben (oder zumindest anzudeuten) versuche. In die Neugier und die Freude, von der Schreibmaschine erlöst zu sein, und sei es auch nur für kurze Zeit, mischte sich Verwunderung. Und ein bisschen Unbehagen. Mein voller Name, aber kein ›Mister‹. Wie ein Richter, der einem Angeklagten sein Urteil verkünden will.

›Ja, der bin ich‹, sagte ich, ›und Sie sind Sheriff Pangborn. Das weiß ich, weil wir ein Haus am Castle Lake haben.‹ Dann streckte ich, wie jeder wohlerzogene Amerikaner es getan hätte, die Hand aus.

Er sah sie nur an, und auf seinem Gesicht erschien ein Ausdruck, als hätte er gerade die Tür seines Kühlschranks geöffnet und festgestellt, daß der Fisch, den er fürs Abendessen eingekauft hatte, verdorben war. ›Ich habe nicht die Absicht, Ihnen die Hand zu geben‹, sagte er. ›Sie können sie also zurückziehen und uns beiden die Peinlichkeit ersparen.‹ Das war eine überaus seltsame Bemerkung, eine regelrechte Grobheit, aber es störte mich weniger als die Art, auf die er es sagte. Es hörte sich an, als glaubte er, ich hätte den Verstand verloren.

Und das bewirkte, daß ich es mit der Angst zu tun bekam. Noch jetzt fällt es mir schwer zu glauben, wie rapide, wie unvorstellbar rapide meine Gefühle das ganze Spektrum von gewöhnlicher Neugier und einer gewissen Freude über die Unterbrechung der gewohnten Routine zu nackter Angst durchliefen. In diesem Moment wußte ich, daß sie nicht gekommen waren, um mit mir über irgend etwas zu sprechen, sondern weil sie glaubten, daß ich etwas verbrochen hatte, und im ersten Augenblick des Entsetzens — ›Ich habe nicht die Absicht, Ihnen die Hand zu geben‹ — war ich sicher, daß das der Fall war.

Das war es, was ich festhalten muss. In dem Augenblick der Totenstille, die auf Pangborns Weigerung, mir die Hand zu geben, folgte, dachte ich tatsächlich, daß ich alles verbrochen hatte — und mir nichts, übrig blieb, als meine Schuld einzugestehen.«

3

Thad ließ seine Hand langsam sinken. Aus dem Augenwinkel heraus sah er Liz, deren zusammengekrampfte Hände wie ein harter weißer Ball zwischen ihren Brüsten lagen, und plötzlich wäre er gern wütend gewesen auf diesen Cop, der anstandslos in sein Haus eingelassen worden war und sich dann weigerte, ihm die Hand zu geben. Den Cop, dessen Gehalt, zumindest zu einem kleinen Teil, aus den Steuern bezahlt wurde, die die Beaumonts auf ihr Haus in Castle Rock zahlten. Den Cop, der Liz ängstigte. Den Cop, der ihn ängstigte.

»Wie Sie wollen«, sagte Thad gelassen. »Wenn Sie mir schon nicht die Hand geben wollen, dann erklären Sie mir vielleicht wenigstens, warum Sie hier sind.«

Im Gegensatz zu den Staatspolizisten trug Alan Pangborn keinen Regenmantel, sondern eine wasserdichte Jacke, die ihm nur bis zur Hüfte reichte. Er griff in die Innentasche, zog eine Karte heraus und begann, sie abzulesen. Es dauerte einen Moment, bis Thad begriffen hatte, daß er eine Version der vom Gesetz vorgeschriebenen Warnung hörte.

»Wie Sie sagten, ist mein Name Alan Pangborn, Mr. Beaumont. Ich bin Sheriff von Castle County, Maine. Ich bin hier, weil ich Sie im Zusammenhang mit einem Kapitalverbrechen verhören muss. Das Verhör wird auf dem Revier der Staatspolizei in Orono geführt. Sie haben das Recht, die Aussage zu verweigern…«

»Großer Gott«, sagte Liz, und praktisch gleichzeitig hörte Thad sich sagen: »Moment mal. Einen Moment.« Er beabsichtigte, die Worte herauszubrüllen, aber obwohl sein Gehirn seine Lungen aufforderte, die Lautstärke auf das Gedröhn zu steigern, mit dem er im Hörsaal für Ruhe sorgte, brachte er nicht mehr hervor als einen sanften Einwand, den Pangborn mühelos beiseite wischte.

»… und Sie haben das Recht auf juristischen Beistand. Wenn Ihre Mittel das nicht erlauben, wird Ihnen ein Anwalt gestellt.«

Er steckte die Karte wieder in die Tasche.

»Thad?« Liz drängte sich an ihn wie ein kleines Kind, das Angst vor einem Gewitter hat. Ihre weit aufgerissenen Augen starrten Pangborn an. Zwischendurch wanderte ihr Blick immer wieder zu den Staatspolizisten, die ihr so groß vorkamen, daß sie als Verteidiger in einer Profi-Football-Mannschaft hätten spielen können, aber die meiste Zeit ruhte er auf Pangborn.

»Ich gehe mit Ihnen nirgendwo hin«, sagte Thad. Seine Stimme bebte, zitterte auf und ab, schlug um wie die eines Jungen im Stimmbruch. Er versuchte immer noch, wütend zu sein. »Ich glaube nicht, daß Sie mich dazu zwingen können.«

Einer der Staatspolizisten räusperte sich. »Die Alternative, Mr. Beaumont«, sagte er, »besteht darin, daß wir zurückfahren und uns einen Haftbefehl holen. In Anbetracht der Informationen, über die wir verfügen, wäre das eine Kleinigkeit.«

Er warf einen Blick auf Pangborn.

»Vielleicht ist es nur fair zu sagen, daß Sheriff Pangborn von uns verlangt hat, daß wir den Haftbefehl gleich mitbringen. Er hatte gute Argumente dafür, und wahrscheinlich hätte er seinen Willen durchgesetzt, wenn Sie nicht — eine so bekannte Persönlichkeit wären.«

Pangborn blickte angewidert drein, vielleicht wegen dieses Umstands, vielleicht deswegen, weil der Staatspolizist Thad über diesen Umstand informierte, wahrscheinlich wegen beidem.

Der Staatspolizist bemerkte den Blick, scharrte mit den nassen Füßen, als wäre er verlegen, sprach aber trotzdem weiter. »Wie die Dinge liegen, macht es mir nichts aus, Sie das wissen zu lassen.« Er schaute fragend zu seinem Partner, der nickte. Pangborn blickte weiter angewidert drein. Und wütend. Er sieht aus, dachte Thad, als würde er mir am liebsten mit den Fingernägeln den Bauch aufreißen und mir die Därme um den Kopf wickeln.

»Das klingt sehr professionell«, sagte Thad. Die Feststellung, daß er aber zumindest einen Teil seiner Fassung zurückgewonnen hatte, erleichterte ihn. Er wollte wütend sein, weil Wut die Angst gemildert hätte, aber er kam über den Zustand der Bestürzung nicht hinaus. »Aber es läßt die Tatsache, daß ich keine Ahnung habe, welche Dinge wie liegen, völlig außer acht.«

»Wenn wir glaubten, daß das der Fall ist, wären wir nicht hier, Mr. Beaumont«, sagte Pangborn. Der Ausdruck des Abscheus auf seinem Gesicht schaffte, was Thad von sich aus nicht gelungen war. Jetzt war Thad plötzlich wütend.

»Was Sie glauben, ist mir völlig egal!« sagte Thad. »Ich habe Ihnen gesagt, daß ich weiß, wer Sie sind, Sheriff Pangborn — meine Frau und ich haben ein Sommerhaus in Castle Rock, seit 1973 — also seit lange vor der Zeit, zu der Sie zum ersten Mal von diesem Ort gehört haben. Ich weiß nicht, was Sie hier wollen, an die hundertsechzig Meilen von Ihrem Bezirk entfernt, oder weshalb Sie mich mustern, als wäre ich ein Spritzer Vogeldreck auf einem neuen Wagen, aber eines kann ich Ihnen sagen — solange ich das nicht weiß, begleite ich Sie nirgendwo hin. Wenn Sie meinen, einen Haftbefehl zu brauchen, dann ziehen Sie los und besorgen Sie einen. Aber dann werden Sie feststellen, daß Sie bis zum Hals in einem Kessel mit heißer Scheiße sitzen, und ich sitze darunter und schüre das Feuer. Weil ich nämlich nichts verbrochen habe. Das ist unerhört. Das ist — verdammt — unerhört!«

Jetzt hatte seine Stimme die volle Lautstärke erreicht, und die beiden Staatspolizisten schauten ein wenig verschüchtert drein. Pangborn nicht. Er fuhr nur fort, Thad auf diese beunruhigende Art zu mustern.

Im Nebenzimmer begann eines der Kinder zu weinen.

»Großer Gott«, stöhnte Liz. »Was soll das alles? Sagen Sie es uns!«

»Kümmere dich um die Kinder, Baby«, sagte Thad, ohne den Blick von Pangborn abzuwenden.

»Aber…«

»Bitte«, sagte er, und nun weinten beide Kinder. »Das kommt schon in Ordnung.«

Sie bedachte ihn mit einem letzten unsicheren Blick, ihre Augen sagten Versprichst du mir das?, dann ging sie ins Wohnzimmer.

»Wir müssen Sie im Zusammenhang mit dem Mord an Homer Gamache verhören«, sagte der zweite Staatspolizist.

Thad hörte auf, Pangborn anzustarren, und wendete seinen Blick dem Staatspolizisten zu. »An wem?«

»Homer Gamache«, wiederholte Pangborn.

»Wollen Sie etwa behaupten, der Name sagt Ihnen nichts, Mr. Beaumont?«

»Natürlich nicht«, sagte Thad verblüfft. »Homer bringt unseren Müll auf den Schuttabladeplatz, wenn wir in Castle Rock sind. Macht kleine Reparaturen an unserem Haus. Er hat in Korea einen Arm verloren und dafür den Silver Star bekommen.«

»Den Bronze Star«, sagte Pangborn eisig.

»Homer ist tot? Wer hat ihn umgebracht?«

Jetzt sahen sich die beiden Staatspolizisten überrascht an. Nach Kummer ist Verblüffung vielleicht das Gefühl, das sich am schwersten umtauschen läßt.

Der erste Staatspolizist erwiderte mit seltsam sanfter Stimme: »Wir haben allen Grund zu der Annahme, daß Sie es getan haben, Mr. Beaumont. Deshalb sind wir hier.«

4

Thad sah ihn einen Augenblick lang völlig fassungslos an, dann lachte er. »Himmel. Herr im Himmel. Das ist ja Wahnsinn.«

»Wollen Sie sich einen Mantel holen, Mr. Beaumont?« fragte der andere Staatspolizist. »Draußen regnet es ziemlich stark.«

»Ich gehe nirgendwo mit hin«, wiederholte Thad geistesabwesend, ohne den Ausdruck von Wut und Erbitterung, der plötzlich auf Pangborns Gesicht erschienen war, zur Kenntnis zu nehmen. Er dachte nach.

»Das werden Sie leider müssen«, sagte Pangborn. »Auf diese oder auf die andere Art.«

»Dann muss es eben die andere sein«, sagte er, und dann löste er sich aus seiner Gedankenversunkenheit. »Wann ist das passiert?«

»Mr. Beaumont«, sagte Pangborn. Er sprach langsam und sorgfältig formulierend, als wendete er sich an einen Vierjährigen, und zwar einen nicht sonderlich intelligenten. »Wir sind nicht hier, um Ihnen Informationen zu geben.«

Liz kehrte mit den Zwillingen zurück. Aus ihrem Gesicht war alle Farbe gewichen; ihre Stirn leuchtete grellweiß. »Das ist Irrsinn«, sagte sie. Sie ließ den Blick von Pangborn zu den Staatspolizisten und wieder zurück zu Pangborn wandern.

»Totaler Irrsinn. Wissen Sie das nicht?«

»Hören Sie«, sagte Thad, trat zu Liz und legte einen Arm um sie, »ich habe Homer nicht umgebracht, Sheriff Pangborn, aber ich verstehe jetzt, warum Sie so wütend sind. Kommen Sie mit in mein Arbeitszimmer. Dort können wir uns hinsetzen und zusehen, ob wir etwas Licht in diese Angelegenheit bringen…«

»Holen Sie Ihren Mantel«, sagte Pangborn. Dann wendete er sich an Liz. »Entschuldigen Sie die harten Worte, aber inzwischen habe ich so ziemlich allen Scheiß gehört, den ich an einem regnerischen Samstagvormittag verkraften kann. Mr. Beaumont, Sie kommen mit.«

Thad schaute zu dem älteren der beiden Staatspolizisten. »Können Sie diesen Mann nicht zur Vernunft bringen?

Ihm sagen, daß er sich eine Menge Ärger und Peinlichkeit ersparen kann, nur indem er mir mitteilt, wann Homer ermordet wurde. Und wo. Wenn es in Castle Rock war — und ich kann mir nicht vorstellen, was Homer hier zu suchen gehabt hätte —, so kann ich nur sagen: ich bin die letzten zweieinhalb Monate nicht aus Ludlow herausgekommen, ausgenommen meine Fahrten zur Universität.« Er sah zu Liz hinüber, die nickte.

Der Staatspolizist dachte kurz nach, dann sagte er: »Entschuldigen Sie uns ein paar Minuten.«

Die drei Männer durchquerten die Diele. Es hatte fast den Anschein, als würde Pangborn von den beiden Staatspolizisten geführt. Sie gingen durch die Vordertür hinaus. Sobald sie ins Schloss gefallen war, überschüttete ihn Liz mit einer Fülle fassungsloser Fragen. Thad kannte sie gut genug, um zu wissen, daß ihre Bestürzung die Form von Empörung über die Cops — sogar Wut auf sie — angenommen hatte, wenn sie nicht erfahren hätte, daß Homer Gamache ermordet worden war. Sie war den Tränen nahe.

»Das kommt schon wieder ins Lot«, sagte er und küsste sie auf die Wange. Dann küsste er auch William und Wendy, die aussahen, als fühlten sie sich nicht wohl in ihrer Haut. »Ich glaube, die Staatspolizisten wissen bereits, daß ich die Wahrheit sage, oder sind zumindest halbwegs davon überzeugt. Pangborn — nun ja, er kannte Homer. Du hast ihn auch gekannt. Er hat einfach eine Mordswut.« Und seinem Verhalten nach zu urteilen, muss er irgendwelche unumstößlichen Beweise haben, die mich mit dem Mord in Verbindung bringen, dachte er, sprach es aber nicht aus.

Er durchquerte die Diele und blickte wie zuvor Liz durch das kleine Seitenfenster hinaus. Unter anderen Umständen wäre das, was er da sah, komisch gewesen. Die drei Männer standen auf dem Vorplatz, fast, aber nicht ganz vor dem Regen geschützt, und diskutierten hitzig. Thad konnte zwar ihre Stimmen hören, aber nicht verstehen, was gesprochen wurde. Die beiden Staatspolizisten redeten auf Pangborn ein, der den Kopf schüttelte und eine wütende Erwiderung von sich gab.

Thad kehrte zu Liz zurück.

»Was machen sie?« fragte sie.

»Ich weiß es nicht«, sagte Thad, »aber ich glaube, die beiden Staatspolizisten versuchen, Pangborn dazu zu bringen, daß er mir sagt, warum sie so sicher sind, daß ich Homer Gamache ermordet habe. Oder zumindest einen Teil des Warum.«

»Armer Homer«, sagte sie. »Das Ganze kommt mir vor wie ein böser Traum.«

Er nahm ihr William ab und sagte ihr noch einmal, sie solle sich keine Sorgen machen.

5

Ungefähr zwei Minuten später kamen die Polizisten wieder herein. Pangborns Gesicht war eine Gewitterwolke. Thad vermutete, daß die Cops Pangborn gesagt hatten, was er bereits wußte, aber nicht zugeben wollte: der Schriftsteller zeigte keine Spur jener Nervosität, die auf Schuld hindeutete.

»Also gut«, sagte Pangborn.

Er versucht, Schroffheit zu vermeiden, dachte Thad, und es gelingt ihm halbwegs. Nicht ganz, aber immerhin halbwegs. Eine gute Leistung in Anbetracht der Tatsache, daß er seinen Hauptverdächtigen für den Mord an einem einarmigen alten Mann vor sich hat. »Diese Herren wünschen, daß ich Ihnen hier wenigstens eine Frage stelle, Mr. Beaumont, und das werde ich tun. Können Sie mir sagen, wo Sie sich in der Zeit vom 31. Mai, 23 Uhr, bis zum 1. Juni, 4 Uhr morgens, aufgehalten haben?«

Thad und Liz wechselten einen Blick, und Thad spürte, wie sich ein großes Gewicht auf seinem Herzen lockerte. Es fiel nicht ganz ab, noch nicht, aber ihm war, als wären alle Riemen, die dieses Gewicht hielten, gelöst worden. Jetzt fehlte nur noch ein kräftiger Stoß.

»War es der Tag?« fragte er seine Frau. Er glaubte, daß er es war, aber er hatte das Gefühl, daß es einfach zu gut war, um wahr zu sein.

»Ich bin ganz sicher«, erwiderte Liz. »Der einunddreißigste, sagten Sie, Sheriff?« Sie sah Pangborn mit hoffnungsvollem Lächeln an.

Pangborn erwiderte ihren Blick voller Argwohn. »Ja, Madam. Aber ich fürchte, Ihre unbewiesene Aussage wird nichts…«

Sie achtete nicht auf seine Worte, sondern zählte an den Fingern rückwärts. Plötzlich grinste sie. »Dienstag! Dienstag war der einunddreißigste!« rief sie. »Er war es, Gott sei Dank!«

Pangborn blickte verwirrter und wütender drein als je zuvor; die Staatspolizisten waren nur verwirrt. »Wollen Sie uns sagen, was Sie meinen, Mrs. Beaumont?«

»Am Abend des einunddreißigsten hatten wir hier eine Party!« erwiderte sie und bedachte Pangborn mit einem Blick, der Triumph und heftige Abneigung verriet. »Wir hatten das ganze Haus voller Gäste. War es nicht so, Thad?«

»Es war so.«

»In einem Fall wie diesem ist ein gutes Alibi eher eine Veranlassung zum Argwohn«, sagte Pangborn, aber er blickte noch verwirrter drein.

»Was sind Sie doch für ein törichter, arroganter Mann!« rief Liz. Ihre Wangen waren jetzt lebhaft gerötet. Die Angst war gewichen, Zorn trat an ihre Stelle. Sie wendete sich an die Staatspolizisten. »Wenn mein Mann kein Alibi für die Tat hat, die er begangen haben soll, nehmen Sie ihn mit aufs Revier! Wenn er eines hat, dann sagt dieser Mann, das bedeutete wahrscheinlich nur, daß er es trotzdem getan hat! Was ist los — fürchten Sie sich vor ein bisschen ehrlicher Arbeit? Weshalb sind Sie überhaupt hier?«

»Lass das, Liz«, sagte Thad ruhig. »Sie haben gute Gründe für ihr Hier sein. Wenn Sheriff Pangborn sich seiner Sache nicht so sicher wäre und nur auf blauen Dunst hin handelte, wäre er allein gekommen.«

Pangborn bedachte ihn mit einem verdrossenen Blick, dann seufzte er. »Erzählen Sie uns von der Party, Mr. Beaumont.«

»Wir haben sie für Tom Carroll gegeben«, sagte er. »Tom hat neunzehn Jahre lang der Englischen Fakultät der Universität angehört und war in den letzten fünf Jahren ihr Chairman. Am 27. Mai, an dem das akademische Jahr offizielllendete, ist er in Pension gegangen. Deshalb haben wir für ihn und seine Frau eine Abschiedsparty gegeben.«

»Wie lange hat die Party gedauert?«

Thad grinste. »Nun, sie war vor vier Uhr morgens zu Ende, aber nicht viel früher. Wenn sie einen Haufen Englischprofessoren mit einem fast unerschöpflichen Vorrat an Getränken zusammenbringen, können Sie ein ganzes Wochenende auf den Kopf hauen. Die ersten Gäste trafen gegen acht ein, und wer waren die letzten, Liebling?«

»Rawlie DeLesseps und diese junge Geschichtsprofessorin, mit der er liiert ist«, sagte sie. »Die, die allen Leuten verkündet ›Nennen Sie mich einfach Billy, das tut jeder‹.«

»Stimmt«, sagte Thad. »Widerliche Person.«

Er lügt, und wir wissen es beide, besagte Pangborns Blick ganz deutlich. »Und wann sind diese Freunde gegangen?«

Thad schauderte ein wenig. »Freunde? Rawlie, ja. Aber diese Person ganz bestimmt nicht.«

»Gegen zwei«, sagte Liz.

Thad nickte. »Es muss mindestens zwei Uhr gewesen sein, als wir sie zur Tür brachten. Es fehlte nicht viel, daß wir sie hinauswarfen. Wie ich bereits andeutete — ich werde dem Wilhelmina-Burks-Fanclub erst beitreten, wenn es in der Hölle schneit, aber ich hätte trotzdem darauf bestanden, daß die beiden bei uns übernachteten, wenn sie mehr als drei Meilen zu fahren gehabt hätten oder es früher gewesen wäre. Aber um diese Zeit sind an einem Dienstagabend — Entschuldigung, Mittwochmorgen — die Straßen völlig leer. Abgesehen vielleicht von ein paar Rehen, die über die Gärten herfallen.« Er machte abrupt den Mund zu. Vor Erleichterung wäre er fast ins Schwatzen geraten.

Es folgte ein Moment der Stille. Die beiden Staatspolizisten betrachteten den Fußboden. Auf Pangborns Gesicht lag ein Ausdruck, den Thad nicht recht deuten konnte — er glaubte nicht, ihn je zuvor wahrgenommen zu haben. Nicht Enttäuschung, obwohl Enttäuschung ein Teil davon war.

Was zum Teufel geht hier vor sich?

»Nun, das ist recht überzeugend, Mr. Beaumont«, sagte Pangborn schließlich, »aber noch lange nicht hieb- und stichfest. Was die Zeit angeht, zu der Sie dieses letzte Paar zur Tür brachten, haben wir Ihre Behauptung und die Ihrer Frau — beziehungsweise Ihre Schätzung. Wenn Ihre letzten Gäste so voll waren, wie Sie zu glauben scheinen, dürften sie kaum in der Lage sein, Ihre Aussage zu bestätigen. Und wenn dieser DeLesseps wirklich ein guter Freund von Ihnen ist, dann erklärt er vielleicht … wer weiß?«

Dennoch verlor Pangborn den Wind aus den Segeln. Thad sah es und glaubte — nein, wußte — es, und den Staatspolizisten erging es nicht anders. Dennoch war der Mann nicht bereit aufzugeben. Die Angst, die Thad zuerst gefühlt hatte, und die Wut, die darauf gefolgt war, verwandelten sich in Faszination und Neugierde. Ihm war, als hätte er noch nie erlebt, wie Unsicherheit, Verwirrung und felsenfeste Überzeugung dermaßen miteinander im Kampf lagen. Die Tatsache der Party — und er musste sie als leicht zu überprüfende Tatsache akzeptieren — hatte ihn erschüttert, aber nicht überzeugt. Auch die Staatspolizisten waren nicht voll und ganz überzeugt. Der Unterschied bestand nur darin, daß sie der Angelegenheit gelassener gegenüberstanden. Sie hatten Homer Gamache nicht gekannt und nahmen deshalb nicht persönlich Anteil. Pangborn hatte ihn gekannt und war unmittelbar betroffen.

Ich habe ihn auch gekannt, dachte Thad. Also bin ich vielleicht auch unmittelbar betroffen. Abgesehen davon natürlich, daß es um meine Haut geht.

»Sehen Sie«, sagte er geduldig. Er sah Pangborn unverwandt in die Augen und versuchte, dessen Feindseligkeit nicht mit gleicher Münze heimzuzahlen. »Machen wir Nägel mit Köpfen, wie meine Studenten immer zu sagen pflegen. Sie haben gefragt, ob wir eindeutig beweisen können, wo wir uns in der Nacht vom einunddreißigsten Mai auf den ersten Juni aufgehalten haben…«

»Wo Sie sich aufgehalten haben, Mr. Beaumont«, sagte Pangborn.

»Okay, wo ich mich aufgehalten habe. Fünf ziemlich problematische Stunden, in denen die meisten Leute im Bett liegen. Durch nichts als pures Glück sind wir — bin ich, wenn Ihnen das lieber ist — in der Lage, über mindestens drei dieser fünf Stunden Rechenschaft abzulegen. Vielleicht sind Rawlie und seine widerliche Freundin um zwei gegangen, vielleicht auch halb zwei oder Viertel nach zwei. Auf jeden Fall war es sehr spät. Das werden sie bestätigen, und die Burks würde mir bestimmt kein Alibi zurechtlügen. Ich glaube, wenn Billie Burks mich halb ertrunken am Strand liegen sähe, würde sie mir noch einen Eimer Wasser über den Kopf gießen.«

Liz bedachte ihn mit einem eigentümlich verschmitzten Lächeln, als sie ihm William abnahm, der unruhig zu werden begann. Anfangs verstand er nicht, was dieses Lächeln zu bedeuten hatte, doch dann fiel es ihm ein. Es waren natürlich die Worte ein Alibi zurechtlügen, eine Redewendung, deren sich Alexis Machine, der Erzschurke der George Stark-Romane, gelegentlich bediente. Das war wirklich merkwürdig; er konnte sich nicht erinnern, jemals eine der für Stark typischen Formulierungen in einem Gespräch verwendet zu haben. Aber andererseits war er ja auch nie des Mordes beschuldigt worden, und Mord war nun einmal George Starks Domäne.

»Selbst wenn wir annehmen, daß wir uns um eine Stunde geirrt haben und sie schon um eins gegangen sind, und wenn wir weiter annehmen, daß ich eine Minute — eine Sekunde, nachdem sie um die Ecke gebogen waren, in meinen Wagen gesprungen und wie ein Wahnsinniger nach Castle Rock gerast wäre, hätte ich keinesfalls vor halb fünf oder fünf dort eintreffen können. In Richtung Westen gibt es keine Schnellstraße, wie Sie wissen.«

Einer der Staatspolizisten sagte: »Und diese Mrs. Arsenault sagte, es wäre Viertel vor eins gewesen, als sie…«

»Das tut hier nichts zur Sache«, unterbrach ihn Pangborn schnell.

Liz gab einen erbitterten Laut von sich, und Wendy horchte interessiert auf. William auf ihrem anderen Arm war in die Betrachtung seiner Finger versunken. Zu Thad sagte sie: »Um eins war noch ein ganzer Haufen Leute da.«

Dann holte sie zum Schlag gegen Pangborn aus.

»Was ist eigentlich los mit Ihnen, Sheriff? Warum sind Sie so finster entschlossen, meinem Mann diesen Mord anzuhängen? Sind Sie beschränkt? Oder faul? Oder boshaft? Sie machen nicht den Eindruck, als wären sie etwas von alledem, aber Ihr Verhalten ist mir schleierhaft. Vielleicht war es eine Lotterie. War es das? Haben Sie seinen Namen aus irgendeinem Zylinder gezogen?«

Pangborn fuhr ein wenig zusammen, von ihrer wütenden Attacke offensichtlich überrascht und bestürzt. »Mrs. Beaumont…«

»Ich fürchte, ich befinde mich im Vorteil, Sheriff«, sagte Thad. »Sie glauben, ich hätte Homer Gamache ermordet…«

»Mr. Beaumont, wir haben keine Anklage erhoben …«

»Nein. Aber Sie glauben es, nicht wahr?«

Massive Ziegelröte — nicht von Verlegenheit, sondern von Enttäuschung hervorgebracht — war langsam auf Pangborns Wangen hochgestiegen, wie die Quecksilbersäule in einem Thermometer.

»Ja«, sagte er, »das glaube ich. Trotz allem, was Sie und Ihre Frau gesagt haben.«

Diese Antwort verblüffte Thad. Was mochte vorgefallen sein, daß sich dieser Mann (der, wie Liz gesagt hatte, ganz und gar keinen beschränkten Eindruck machte) seiner Sache so sicher war? So verdammt sicher?

Thad spürte, wie ihn ein Schauder überlief — und dann geschah etwas Seltsames. Einen Augenblick lang erfüllte ein Phantomgeräusch sein Denken — nicht seinen Kopf, sondern sein Denken. Es war ein Geräusch, mit dem sich ein fast schmerzhaftes Empfinden von déjà vu verband, denn es war fast dreißig Jahre her, seit er es zum letzten Mal gehört hatte. Es war das gespenstische Tschilpen von Hunderten, vielleicht Tausenden von kleinen Vögeln.

Er hob eine Hand zur Stirn und berührte die kleine Narbe, die sich dort befand, und wieder überkam ihn das Schaudern, diesmal stärker, wie ein Draht, der durch sein Fleisch fuhr. Lüg mir ein Alibi zurecht, George, dachte er. Ich stecke in der Klemme, also lüg mir ein Alibi zurecht.

»Thad?« fragte Liz. »Fehlt dir etwas?«

»Wie bitte?« Er drehte sich zu ihr um.

»Du bist so blaß.«

»Es ist alles in Ordnung«, sagte er, und so war es. Das Geräusch war verschwunden. Wenn es überhaupt dagewesen war.

Er wendete sich wieder an Pangborn.

»Wie ich schon sagte, befinde ich mich in dieser Sache in einem gewissen Vorteil. Sie glauben, ich hätte Homer ermordet. Aber ich weiß, daß ich es nicht getan habe. Außer in Büchern habe ich noch nie einen Menschen umgebracht.«

»Mr. Beaumont…«

»Ich verstehe Ihre Empörung. Er war ein netter alter Mann unter dem Pantoffel seiner Frau, mit einem trockenen Sinn für Humor und nur einem Arm. Auch ich bin empört. Ich werde Ihnen helfen, wo ich nur kann, aber dazu müssen Sie auf diese Polizei-Heimlichtuerei verzichten und mir sagen, warum Sie hier sind — und wie Sie ausgerechnet auf mich gekommen sind. Das verstehe ich einfach nicht.«

Pangborn musterte ihn lange Zeit schweigend und sagte dann: »Meine sämtlichen Instinkte erklären mir, daß Sie die Wahrheit sagen.«

»Gott sei Dank«, sagte Liz. »Der Mann kommt zur Vernunft.«

»Und wenn das der Fall ist«, fuhr Pangborn fort und sah dabei nur Thad an, »dann knöpfe ich mir den Kerl bei A.S.R. and I, der diesen Mist gebaut hat, persönlich vor und ziehe ihm das Fell über die Ohren.«

»Was ist das?« fragte Liz.

»Armed Services Records and Identification«, sagte einer der Staatspolizisten. »In Washington.«

»Ich habe noch nie erlebt, daß dort jemand Mist gebaut hat«, fuhr Pangborn fort, ebenso nachdenklich wie zuvor. »Es heißt, für alles gäbe es ein erstes Mal, aber… wenn diese Leute keinen Mist gebaut haben und wenn bei Ihnen tatsächlich eine Party stattgefunden hat, dann verstehe ich überhaupt nichts mehr.«

»Können Sie uns nicht sagen, um was es eigentlich geht?«

Pangborn seufzte. »Warum nicht, nachdem wir nun schon so weit sind? Wann Ihre letzten Gäste gegangen sind, spielt keine große Rolle. Wenn Sie um Mitternacht hier waren, wenn es Zeugen gibt, die das beschwören können…«

»Mindestens fünfundzwanzig«, sagte Liz.

»… dann sind Sie aus der Sache heraus. Anhand des Augenzeugenberichts der Dame, die mein Kollege erwähnte, und der Autopsie des Gerichtsmediziners können wir ziemlich sicher sein, daß Homer zwischen ein und drei Uhr nachts ermordet wurde. Er wurde mit seiner eigenen Armprothese zu Tode geprügelt.«

»Großer Gott«, murmelte Liz, »und Sie haben geglaubt, daß Thad…«

»Homers Wagen wurde vorgestern Abend auf dem Parkplatz einer Raststätte an der I-95 in Connecticut gefunden, nicht weit von der Grenze des Staates New York entfernt.« Er hielt einen Moment inne. »Er war voller Fingerabdrücke. Einige davon stammten von Homer. Und eine ganze Menge von dem Täter. Etliche seiner Fingerabdrücke waren hervorragend. Einer hatte fast die Qualität eines Gipsabdrucks und befand sich auf einem Klumpen Kaugummi, den der Kerl aus dem Mund genommen und mit dem Daumen aufs Armaturenbrett gedrückt hat, wo er hart wurde. Der beste von allen befand sich auf dem Rückspiegel. Er stand einem auf dem Revier abgenommenen Fingerabdruck in nichts nach. Nur daß der auf dem Rückspiegel mit Blut gemacht wurde statt mit Tinte.«

»Aber wieso Thad?« fragte Liz entrüstet. »Party oder nicht Party — wie sind Sie auf den Gedanken gekommen, daß Thad…«

Pangborn sah sie an und sagte: »Als die Leute von A.S.R. and I. die Fingerabdrücke in ihren Computer eingaben, kamen die Militärdienstunterlagen Ihres Mannes heraus. Um ganz genau zu sein — die Fingerabdrücke Ihres Mannes kamen heraus.«

Einen Moment lang konnten Thad und Liz sich nur sprachlos anstarren. Dann sagte Liz: »Das muss ein Irrtum sein. Die Leute, die diese Dinge überprüfen, machen doch gewiss hin und wieder Fehler.«

»Ja, aber kaum Fehler dieser Größenordnung. Gewiss, bei der Identifizierung von Fingerabdrücken gibt es Grauzonen. Die Leute, die sich im Fernsehen Kojak und Barnaby Jones ansehen, halten die Identifizierung von Fingerabdrücken für eine exakte Wissenschaft; das ist sie nicht. Aber die Computer haben einen großen Teil der Grauzonen beseitigt, und in diesem Fall hatten wir besonders gute Abdrücke. Wenn ich sage, daß es die Abdrücke Ihres Mannes waren, dann weiß ich, was sich sage. Ich habe die Computer-Ausdrucke gesehen, und auch die Vergleichsbilder. Sie sind sich nicht nur ähnlich.«

Jetzt richtete er den Blick auf Thad und fixierte ihn mit seinen unerbittlichen blauen Augen.

»Sie stimmen genau überein.«

Liz starrte ihn mit offenem Mund an, und auf ihren Armen begannen zuerst William und dann auch Wendy zu weinen.

Pangborn kommt zu Besuch

1

Als noch am selben Abend gegen Viertel nach sieben die Türglocke anschlug, war es wieder Liz, die zur Tür ging, weil sie mit William fertig war und Thad mit Wendy noch nicht. In allen Büchern hieß es, Kinderpflege wäre eine erlernbare Fähigkeit, die nichts mit dem Geschlecht der Eltern zu tun hätte, aber Liz hatte ihre Zweifel. Thad war guten Willens und stets bemüht, seinen Teil zu tun, aber er war langsam. Er konnte an einem Samstagnachmittag zum Supermarkt fahren und im Handumdrehen wieder zurücksein, aber wenn es darum ging, die Zwillinge zum Schlafengehen fertig zu machen… William war gebadet und frisch gewickelt; er saß in seinem grünen Schlafanzug im Laufstall, während sich Thad noch immer mit Wendys Windeln abmühte (und er hatte es auch nicht geschafft, ihr die Seife aus dem Haar zu spülen, aber in Anbetracht des Tages, den sie hinter sich hatten, beschloß sie, nichts zu sagen und sie später selbst mit einem Waschlappen zu entfernen).

Liz ging durch das Wohnzimmer zur Haustür, schaute durch das Seitenfenster und sah Sheriff Pangborn draußen stehen. Diesmal war er allein, aber dieser Umstand trug nicht viel zu ihrer Beruhigung bei.

Sie drehte den Kopf und rief quer durchs Wohnzimmer in das untere Badezimmer, das gleichzeitig Kinderpflegestation war: »Er ist wieder da!« Die Bestürzung in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

Es folgte eine lange Pause, und dann erschien Thad in der Tür am anderen Ende des Wohnzimmers. Er war barfuß und trug Jeans und ein weißes T-Shirt. »Wer?« fragte er mit gepreßter Stimme.

»Pangborn«, sagte sie. »Thad, fehlt dir etwas?« Wendy saß auf seinem Arm, nur mit ihrer Windel bekleidet, und ihre Hände waren überall in seinem Gesicht — aber das wenige, was sie davon sehen konnte, sah irgendwie aus, als wäre etwas nicht in Ordnung.

»Nicht das geringste. Laß ihn herein. Ich stecke Wendy in ihren Schlafanzug.« Und bevor Liz etwas sagen konnte, hatte er abrupt kehrtgemacht und war wieder verschwunden.

Pangborn stand geduldig auf dem Vorplatz. Er hatte gesehen, wie Liz herausgeschaut hatte, und nicht noch einmal geläutet. Er sah aus wie ein Mann, der sich wünschte, er hätte einen Hut, den er in der Hand halten und vielleicht sogar ein wenig wringen konnte.

Langsam und ohne die Spur eines Willkommenslächelns öffnete Liz die Tür und ließ ihn ein.

2

Wendy war zappelig und übermütig. Thad schaffte es, ihre Füße in den Schlafanzug zu stecken, dann ihre Arme: schließlich gelang es ihm, ihre Hände durch die Bündchen herauszuziehen. Sofort streckte sie eine davon aus und packte seine Nase. Er fuhr zusammen, anstatt wie sonst zu lachen, und Wendy blickte vom Wickeltisch etwas verwundert zu ihm auf. Er griff nach dem Reißverschluß, der vom linken Bein bis zum Hals des Schlafanzugs verlief, hielt dann inne und streckte die Hände aus. Sie zitterten. Es war ein ganz leichtes Zittern, aber es war deutlich zu sehen.

Wovor zum Teufel hast du Angst? Hast du wieder Schuldgefühle?

Nein, keine Schuldgefühle. Er wünschte sich fast, es wäre so. Tatsache war, daß er Angst hatte. Wieder Angst an einem Tag, der angefüllt gewesen war mit Ängsten.

Zuerst waren die Polizisten gekommen mit ihren verrückten Anschuldigungen und ihrer noch verrückteren Gewissheit. Dann dieses unheimliche, tschilpende Geräusch. Er hatte nicht gewusst, was für ein Geräusch es war — nicht genau; aber es war ein vertrautes Geräusch gewesen.

Nach dem Essen war es wieder da gewesen.

Er war in sein Arbeitszimmer hinaufgegangen, um noch einmal zu überlesen, was er an diesem Tag an dem neuen Buch, The Golden Dog, geschrieben hatte, und plötzlich, als er sich über das Manuskript beugte, um eine kleine Korrektur vorzunehmen, erfüllte das Geräusch seinen Kopf. Tausende von Vögeln, die alle gleichzeitig tschilpten und zwitscherten, und diesmal kam mit dem Geräusch ein Bild.

Sperlinge.

Tausende und Abertausende, aufgereiht auf Dachfirsten, auf Telefondrähten miteinander um Plätze kämpfend, wie sie es im zeitigen Frühjahr taten, wenn der letzte Märzschnee noch in schmutzigen Haufen auf der Erde lag.

Jetzt kommen die Kopfschmerzen, dachte er bestürzt, und die Stimme, mit der dieser Gedanke sprach — die Stimme eines verängstigten Jungen —, stellte eine Verbindung her zwischen Vertrautheit und Erinnerung.

Ist es der Tumor? Ist er wiedergekommen? Ist er jetzt bösartig?

Das Phantomgeräusch — die Vogelstimmen — wurde plötzlich lauter, last ohrenbetäubend. Hinzu kam ein rauschendes Flügelschlagen. Jetzt konnte er sehen, wie sie sich in die Luft schwangen, alle auf einmal —

Tausende von Vögeln, die einen weißen Frühlingshimmel verdunkelten.

»Müssen uns auf den Weg nach Norden machen, alter Freund«, hörte er sich selbst mit leise, gutturaler Stimme sagen, einer Stimme, die nicht seine eigene war.

Und dann waren die Vögel und ihre Geräusche plötzlich verschwunden. Es war 1987, nicht 1960, und er saß in seinem Arbeitszimmer. Er war ein Erwachsener, mit einer Frau, zwei Kindern und einer Remington-Schreibmaschine.

Er hatte tief und keuchend Atem geholt. Er hatte keine Kopfschmerzen bekommen. Weder vorhin noch jetzt. Er fühlte sich wohl. Aber…

Aber als er den Blick wieder auf das Manuskript richtete, sah er, daß etwas geschrieben hatte. Mit Großbuchstaben quer über die säuberlich getippte Seite.

DIE SPERLINGE FLIEGEN WIEDER, hatte er geschrieben.

Offenbar hatte er den Kugelschreiber beiseite gelegt und mit einem der Berol-Black-Beauty-Bleistifte geschrieben; aber er konnte sich nicht erinnern, den einen Stift gegen den anderen ausgetauscht zu haben. Er benutzte die Bleistifte überhaupt nicht mehr. Sie gehörten einem vergangenen Zeitalter an — einem dunklen Zeitalter. Er hatte den Bleistift, mit dem er geschrieben hatte, wieder in den Steinzeugtopf gesteckt und diesen dann in einer Schublade verstaut. Die Hand, mit der er das getan hatte, war nicht ganz sicher gewesen.

Dann hatte Liz gerufen und ihn gebeten, ihr zu helfen, die Zwillinge bettfertig zu machen, und er war hinuntergegangen. Er hatte ihr erzählen wollen, was passiert war, musste aber feststellen, daß ihm Angst — die Angst, daß der Tumor aus seiner Kinderzeit wieder da war, die Angst, daß er jetzt bösartig war — die Lippen versiegelte. Vielleicht hätte er es ihr trotzdem erzählt — aber dann hatte es geläutet, Liz war zur Tür gegangen, und dann hatte sie die falschen Worte im falschen Ton gesprochen.

Er ist wieder da! hatte Liz in völlig verständlicher Erregung und Bestürzung gerufen, und das Entsetzen war durch ihn hindurchgefahren wie eine klare, kalte Bö. Entsetzen und ein Wort: Stark. In der einen Sekunde, bevor die Wirklichkeit wieder durchdrang, war er fest davon überzeugt, daß er es war. George Stark. Die Sperlinge flogen, und Stark war wiedergekommen. Er war tot und offiziell begraben. Er hatte überhaupt nie existiert, aber das spielte keine Rolle; ob real oder nicht — er war wieder da.

Schluss damit, befahl er sich. Du bist kein Nervenbündel, und es besteht keine Veranlassung, daß du dich von dieser bizarren Situation ernsthaft irritieren läßt. Das Geräusch, das du gehört hast —das Vogelgeräusch — ist lediglich ein psychisches Phänomen, das man als »Erinnerungsbarriere« bezeichnet. Es wird durch Stress und seelischen Druck ausgelöst. Also nimm dich zusammen.

Dennoch verließ ihn das Entsetzen nicht vollständig. Mit dem Vogelgeräusch war nicht nur ein déjà vu gekommen, diese Empfindung, etwas schon einmal erlebt zu haben, sondern auch ein presque vu. Presque vu: ein Gefühl, etwas zu erleben, das noch nicht passiert ist, aber passieren wird. Nicht eigentlich eine Vorahnung, sondern eher eine verschüttete Erinnerung.

Verschütteter Unsinn, nichts anderes.

Er hielt die Hände ausgestreckt und richtete seinen Blick fest darauf. Das Zittern ließ immer mehr nach, dann hörte es ganz auf. Als er sicher war, daß er Wendys baderosa Haut nicht in den Reißverschluss einklemmen würde, zog er ihn zu, trug sie ins Wohnzimmer, setzte sie neben ihren Bruder in den Laufstall. Dann trat er in die Diele, wo Liz mit Pangborn stand. Davon abgesehen, daß er allein gekommen war, hätte die Situation dieselbe sein können wie am Vormittag.

Jetzt haben wir die rechte Zeit und den rechten Ort für ein kleines vu der einen oder anderen Art, dachte er, aber der Gedanke hatte nichts Belustigendes. Dazu war dieses andere Gefühl in ihm noch zu stark — und das Geräusch, das die Sperlinge gemacht hatten. »Was kann ich für Sie tun, Sheriff?« fragte er, ohne zu lächeln.

Oh, noch etwas, das jetzt anders war. Pangborn hielt einen Sechserpack in der Hand. Jetzt hob er ihn hoch. »Ich dachte, wir könnten vielleicht ein kaltes Bier zusammen trinken«, sagte er, »und die Sache durchsprechen.«

3

Liz und Pangborn tranken Bier; Thad hatte sich eine Cola aus dem Kühlschrank geholt. Während sie sich unterhielten, sahen sie zu, wie die Zwillinge auf ihre seltsam ernsthafte Art miteinander spielten.

»Eigentlich dürfte ich gar nicht hier sein«, sagte Alan Pangborn. »Ich sitze hier mit einem Mann zusammen, der jetzt nicht nur Verdächtiger in einem Mordfall ist, sondern in zweien.«

»Zwei?« rief Liz.

»Darauf komme ich noch. Ich komme auf alles. Ich habe vor, die ganze Geschichte auszubreiten, zum einen, weil ich sicher bin, daß Ihr Mann auch für diesen zweiten Mord ein Alibi hat. Den Leuten von der Staatspolizei geht es nicht anders. Sie rennen stillschweigend im Kreis herum.«

»Wer ist ermordet worden?« fragte Thad.

»Ein junger Mann namens Frederick Clawson in Washington D. C.« Er beobachtete Liz, die auf ihrem Stuhl zusammenfuhr und dabei etwas er auf ihren Handrücken verspritzte. Ohne jede Ironie setzte er hinzu: »Ich sehe, der Name ist Ihnen bekannt, Mrs. Beaumont.«

»Was geht da vor?« fragte sie kraftlos flüsternd.

»Ich habe nicht die geringste Ahnung, was da vorgeht. Schon der Versuch, das herauszufinden, macht mich wahnsinnig. Ich bin nicht hier, um Sie zu verhaften oder in die Enge zu treiben, Mr. Beaumont, aber es will mir nicht in den Kopf, wie jemand anders diese beiden Morde begangen haben soll. Ich bin hier, um Sie um Hilfe zu bitten.«

»Warum nennen Sie mich nicht Thad?«

Alan rutschte eine wenig verlegen auf seinem Stuhl. »Ich glaube, es wäre mir angenehmer, wenn ich vorerst bei Mr. Beaumont bleibe.«

Thad nickte. »Wie Sie möchten. Also Clawson ist tot.« Er schaute ein paar Sekunden nachdenklich auf den Fußboden, dann richtete er den Blick wieder auf Pangborn. »Waren auch im Fall Clawson meine Fingerabdrücke vorhanden?«

»Ja — und in mehr als einer Hinsicht. Kürzlich ist ein Artikel über Sie in der Zeitschrift People erschienen, nicht wahr?«

»Vor gut zwei Wochen«, präzisierte Thad.

»Das Heft wurde in Clawsons Wohnung gefunden. Eine Seite aus dem Artikel wurde bei einem auf höchst rituelle Weise begangenen Mord offenbar als eine Art Symbol benutzt.«

»Großer Gott«, sagte Liz. Ihre Stimme klang erschöpft und entsetzt zugleich.

»Wollen Sie mir erzählen, in welchem Verhältnis Sie zu diesem Mann standen?« fragte Alan.

Thad nickte. »Es gibt nichts, was dagegen spräche. Haben Sie den Artikel zufällig gelesen, Sheriff?«

»Meine Frau bringt die Zeitschrift immer aus dem Supermarkt mit«, sagte er, »aber ich sage Ihnen lieber die Wahrheit — ich habe mir nur die Bilder angesehen. Wenn ich wieder daheim bin, werde ich ihn schleunigst lesen.«

»Sie haben nicht viel versäumt — aber Frederick Clawson hat den Anstoß dafür gegeben, daß dieser Artikel geschrieben wurde. Sehen Sie…«

Alan hob die Hand. »Später. Lassen Sie uns vorher noch einmal auf Homer Gamache zurückkommen. Wir haben A. S. R. and I. um nochmalige Überprüfung gebeten. Die Abdrücke in Gamaches Wagen — und auch die in Clawsons Wohnung, die allerdings nicht so musterhaft sind wie der Kaugummi-Abdruck und der auf dem Rückspiegel — stimmen mit den Ihren genau überein. Was bedeutet, wenn Sie es nicht getan haben, dann haben wir hier etwas völlig Neues in den Annalen der Kriminologie: zwei Menschen mit genau den gleichen Fingerabdrücken. Das gehört ins Guinness-Buch der Rekorde.«

Er warf einen Blick auf William und Wendy, die versuchten, in ihrem Laufstall Backe-backe-Kuchen zu spielen, wobei sie gegenseitig ihre Augen in Gefahr brachten. »Sind sie eineiig?« fragte er.

»Nein«, sagte Liz. »Sie sehen sich zwar sehr ähnlich, aber sie sind Junge und Mädchen. Zwillinge verschiedenen Geschlechts sind immer zweieiig.«

Alan nickte. »Nicht einmal eineiige Zwillinge haben identische Fingerabdrücke«, sagte er. Er hielt einen Moment inne und fragte dann mit einer Beiläufigkeit, die Thad für gespielt hielt: »Sie haben nicht zufällig einen Zwillingsbruder, Mr. Beaumont?«

Thad schüttelte langsam den Kopf. »Nein«, sagte er. »Ich habe überhaupt keine Geschwister, und meine Eltern sind tot. William und Wendy sind meine einzigen lebenden Blutsverwandten.« Er lächelte die Kinder an, dann richtete er den Blick wieder auf Pangborn. »Liz hatte 1974 eine Fehlgeburt«, sagte er. »Diese — diese ersten waren gleichfalls Zwillinge, aber bei einer Fehlgeburt im vierten Monat gibt es keine Möglichkeit herauszufinden, ob es eineiige Zwillinge gewesen sind. Und selbst wenn es sie gäbe — was hätte das geändert?«

Alan zuckte die Achseln. Er wirkte ein wenig verlegen.

»Es geschah beim Einkaufen. Bei Filene’s in Boston. Jemand hat sie gestoßen. Sie stürzte die Rolltreppe hinunter. Sie hat sich den Arm aufgerissen — wenn der Hausdetektiv nicht dagewesen wäre und den Arm sofort abgebunden hätte, dann hätte auch ihr Leben auf Messers Schneide gestanden. Und sie hat die Zwillinge verloren.«

»Steht das in dem People-Artikel?« fragte Alan.

Liz lächelte humorlos und schüttelte den Kopf. »Als wir uns zu dem Interview bereiterklärten, haben wir uns das Recht vorbehalten, unser Leben so darzustellen, wie wir es für richtig hielten. Natürlich haben wir das Mike Donaldson, dem Mann, der uns interviewt hat, nicht ausdrücklich gesagt, aber wir haben es getan.«

»Hat sie jemand absichtlich gestoßen?«

»Es gab keine Möglichkeit, das festzustellen«, sagte Liz. Ihre Augen ruhten auf William und Wendy, musterten sie nachdenklich. »Es kann sein, daß ich zufällig angestoßen wurde, aber es war ein verdammt harter Stoß. Ich flog durch die Luft und kam erst ein ganzes Stück tiefer wieder mit der Rolltreppe in Berührung. Trotzdem habe ich mir einzureden versucht, daß es unabsichtlich geschehen ist. Auf diese Weise wird man leichter damit fertig. Der Gedanke, daß jemand auf die Idee kommt, eine Frau eine steile Rolltreppe hinabzustoßen, nur um zu sehen, was dann passiert — das ist ein Gedanke, der einem schlaflose Nächte bereiten kann.«

Alan nickte.

»Die Ärzte, die wir konsultiert haben, sagten, Liz würde wahrscheinlich nie wieder Kinder bekommen können«, sagte Thad. »Als sie dann mit William und Wendy schwanger wurde, meinten sie, sie würde sie wahrscheinlich nicht austragen können. Aber sie hat es geschafft. Und ich habe nach zehn Jahren endlich mit der Arbeit an einem neuen Roman unter meinem eigenen Namen angefangen. Es wird mein dritter.«

»Der andere Name, unter dem Sie geschrieben haben, war George Stark?«

Thad nickte: »Aber das ist jetzt vorbei. Es ging aufs Ende zu, als Liz im achten Monat war, immer noch heil und gesund. Ich kam zu dem Schluss, wenn ich noch einmal Vater werden sollte, dann müsste ich auch wieder damit anfangen, ich selbst zu sein.«

4

Die Unterhaltung stockte einen Moment — es war nicht ganz eine Pause. Dann sagte Thad: »Gestehen Sie, Sheriff Pangborn.«

Alan hob die Brauen. »Wie bitte?«

Um Thads Mundwinkel spielte ein kleines Lächeln. »Ich will nicht behaupten, daß Sie das Szenario schon fertig ausgearbeitet hatten, aber es war zumindest in breiten Strichen angelegt. Wenn ich einen eineiigen Zwillingsbruder hätte, dann hätte vielleicht er bei der Party den Gastgeber, gespielt. Auf diese Weise hätte ich in Castle Rock sein und Homer Gamache ermorden und meine Fingerabdrücke in seinem Wagen hinterlassen können. Aber damit hätte es nicht sein Bewenden gehabt, nicht wahr? Mein Zwilling schläft mit meiner Frau und hält meine Vorlesungen, während ich Homers Wagen zu dieser Raststätte in Connecticut fahre, einen anderen Wagen stehle, nach New York fahre, den heißen Wagen stehen lasse und den Zug oder das Flugzeug nach Washington besteige. Sobald ich, dort bin, bringe ich Clawson um die Ecke und kehre eilends heim nach Ludlow, schicke meinen Zwillingsbruder dorthin zurück, wo er hergekommen ist, und wir beide nehmen unser gewohntes Leben wieder auf. Oder wir alle drei, wenn Liz in der Sache mit drinsteckt.«

Liz starrte ihn einen Moment an, dann begann sie zu lachen. Sie lachte nicht lange, aber solange das Lachen dauerte, war es heftig. Es hatte, nichts Gezwungenes an sich, doch es war ein widerstrebendes Lachen, der Ausdruck der Belustigung bei einer Frau, die verblüfft worden ist.

Alan musterte ihn mit unverhohlener Überraschung. Die Zwillinge lachten einen Moment lang ihre Mutter an — vielleicht lachten sie auch mit ihr —, dann beschäftigten sie sich erneut damit, einen großen gelben Ball im Laufstall hin und her zu rollen.

»Thad, das ist ja fürchterlich«, sagte Liz, als sie sich wieder in den Griff bekommen hatte.

»Mag sein«, sagte er. »Wenn du es so empfindest, dann bitte ich um Entschuldigung.«

»Es ist — ziemlich weit hergeholt«, sagte Alan. Thad lachte. »Anscheinend gehören Sie nicht zu den begeisterten Anhängern des verstorbenen George Stark.«

»Offen gesagt, nein. Aber ich habe einen Deputy, Norris Ridgewick, der ein Stark-Fan ist. Er musste mir erst erklären, was diesen ganzen Wirbel ausgelöst hat.«

»Nun, Stark hat sich auch ein bisschen mit den Konventionen des Kriminalromans herumgeschlagen. Nichts, was sich wie das Bild, das ich eben gezeichnet habe, mit Agatha Christie vergleichen ließe, aber das bedeutet nicht, daß ich nicht auf diese Weise denken kann, wenn ich mich ein bisschen anstrenge. Also, Sheriff — ist Ihnen diese Idee durch den Kopf gegangen?«

Alan schwieg einen Moment, lächelte und dachte offensichtlich nach. Endlich sagte er: »Vielleicht habe ich tatsächlich einige Überlegungen in dieser Richtung angestellt. Nicht ernstlich und auch nicht ganz so, aber doch so ungefähr. Aber Sie brauchen ihre Frau nicht um Entschuldigung zu bitten. Seit heute morgen bin auch ich willens, selbst die absurdesten Möglichkeiten in Erwägung zu ziehen.«

»Wie die Dinge liegen.«

»So ist es — wie die Dinge liegen.«

Thad sagte, gleichfalls lächelnd: »Ich wurde in Bergenfield, New Jersey geboren, Sheriff. Sie brauchen sich nicht auf mein Wort zu verlassen — Sie können jederzeit das Geburtsregister auf etwaige Zwillingsbrüder hin überprüfen, die ich vielleicht vergessen habe.«

Alan schüttelte den Kopf und trank einen Schluck Bier. »Es war eine verrückte Idee, und ich komme mir ein wenig wie ein Idiot vor, aber das ist kein ganz neues Gefühl. Ich habe es, seit Sie uns heute morgen mit der Party kamen. Wir haben uns übrigens bei Ihren Gästen erkundigt. Und sie bestätigen Ihre Aussage.«

»Natürlich tun sie das«, sagte Liz mit einem Anflug von Schroffheit.

»Und da Sie ohnehin keinen Zwillingsbruder haben, dürfte das Thema erledigt sein.«

»Nehmen wir einen Augenblick lang an«, sagte Thad, »nur um der Erörterung willen, daß es sich tatsächlich so verhalten hat, wie ich sagte. Es gäbe eine hübsche Story — von einem Punkt abgesehen.«

»Und welcher Punkt wäre das?« fragte Alan.

»Die Fingerabdrücke. Weshalb sollte ich mir die Mühe machen, mir hier mit einem Mann, der genauso aussieht wie ich, ein Alibi zu verschaffen, während ich dort war — und dann alles zu verderben, indem ich an beiden Tatorten meine Fingerabdrücke hinterlasse?«

»Ich wette, Sie werden das Geburtsregister tatsächlich überprüfen, Sheriff«, sagte Liz.

Alan sagte unerschüttert: »Die Grundlage jeder Polizeiarbeit besteht darin, daß man einer Sache nachgeht, bis sie nichts mehr hergibt. Aber ich weiß schon jetzt, was ich finden werde.« Er zögerte, dann setzte er hinzu: »Es war nicht nur die Party. Sie benahmen sich wie ein Mann, der die Wahrheit sagt. Ich habe einige Erfahrung auf diesem Gebiet. Soweit ich in meiner Zeit als Polizeibeamter feststellen konnte, gibt es auf der Welt nur sehr wenige gute Lügner. Vielleicht kreuzen sie von Zeit zu Zeit in den Kriminalromanen auf, von denen Sie gesprochen haben, aber im wirklichen Leben sind sie ziemlich rar.«

»Also weshalb dann überhaupt die Fingerabdrücke?« fragte Thad. »Das ist es, was mich interessiert. Ist derjenige, den Sie suchen, einfach ein Amateur mit meinen Abdrücken? Ich bezweifle es. Ist Ihnen schon der Gedanke gekommen, daß allein die Qualität der Abdrücke verdächtig ist? Bei den paar Recherchen, die ich für die Stark-Romane angestellt habe, habe ich einiges über Fingerabdrücke gelernt, aber in dieser Beziehung bin ich ziemlich faul — es ist viel einfacher, sich an die Schreibmaschine zu setzen und sich Lügen auszudenken. Aber müssen Fingerabdrücke nicht eine bestimmte Zahl von Vergleichsmerkmalen aufweisen?«

»In Maine sind es sechs«, sagte Alan. »Sechs vollkommene Übereinstimmungen müssen vorliegen, bevor ein Fingerabdruck vor Gericht als Beweis zugelassen wird.«

»Und trifft es nicht zu, daß in den meisten Fällen die Fingerabdrücke unvollständig sind — oder nur verwischte Spuren mit ein paar Schleifen und Windungen?«

»So ist es. Tatsächlich werden Verbrecher nur selten auf der Basis von Fingerabdrücken verurteilt.«

»Aber hier haben Sie einen Abdruck auf dem Rückspiegel, von dem Sie sagten, er wäre so gut wie einer, der auf dem Polizeirevier abgenommen wurde, und einen weiteren, der in ein Stück Kaugummi regelrecht eingeprägt wurde. Irgendwie ist es dieser Abdruck, der mir zu schaffen macht. Es ist fast so, als wäre er absichtlich hinterlassen worden, damit Sie ihn finden.«

»Der Gedanke ist uns auch schon gekommen.« In Wahrheit hatte dieses Problem sie sehr eingehend beschäftigt. Es war einer der seltsamsten Aspekte des Falles. Der Mord an Clawson sah aus wie die klassische Bandenrache an jemandem, der gesungen hatte: Zunge herausgeschnitten, Penis im Mund des Opfers, massenhaft Schmerzen, massenhaft Blut, aber niemand im Hause hatte etwas gehört. Aber wenn es Profi-Arbeit gewesen war — weshalb war dann die Wohnung mit Beaumonts Fingerabdrücken übersät? Konnte etwas, das so sehr wie eine Verdachtsfalle aussah, keine Verdachtsfalle sein? Unmöglich, sofern nicht jemand eine brandneue Masche erfunden hatte. Vorerst blieb Alan Pangborn nichts anderes übrig, als sich an die bewährte Maxime zu halten: wenn etwas watschelt wie eine Ente, quakt wie eine Ente und schwimmt wie eine Ente, dann ist es auch höchstwahrscheinlich eine Ente.

»Können Fingerabdrücke manipuliert werden?« fragte Thad.

»Können Sie ebenso gut Gedanken lesen wie Bücher schreiben, Mr. Beaumont?«

»Gedanken lesen und Bücher schreiben, ja. Aber Fenster putzen kann ich nicht.«

Alan hatte den Mund voll Bier, und das Lachen attackierte ihn so unvermutet, daß er es beinahe auf den Teppich gespritzt hätte. Es gelang in, es hinunterzuschlucken, aber etwas davon geriet ihm in die Luftröhre, und er begann zu husten. Liz sprang auf und klopfte ihm mehre Male kräftig auf den Rücken. Das war vielleicht eine seltsame Handlung, aber ihr kam sie nicht seltsam vor — das Leben mit zwei kleinen Kindern hatte sie daran gewöhnt. William und Wendy starrten aus in Laufstall herüber, der gelbe Ball kam zum Stillstand und lag vergessen zwischen ihnen. William begann zu lachen. Wendy folgte seinem Beispiel.

Aus irgendeinem Grund mußte Alan daraufhin noch heftiger lachen.

Thad stimmte in das Lachen ein, und auch Liz, die ihm immer noch auf seinen Rücken klopfte, begann zu lachen.

»Geht schon wieder«, sagte Alan, immer noch hustend und lachend. »Wirklich.«

Liz klopfte ihm ein letztes Mal auf den Rücken. Bier schoß aus dem Hals als von Alans Flasche heraus wie ein Dampf ablassender Geysir und ergoß sich über den Schritt seiner Hose.

»Kein Problem«, sagte Thad. »Windeln haben wir genug.« Und dann brachen sie alle wieder in Gelächter aus, und irgendwann zwischen dem Augenblick, in dem Alan zu husten begann, und dem, in dem er endlich aufhören konnte zu lachen, waren die drei zumindest zeitweise Freunde geworden.

5

»Soweit ich weiß oder feststellen konnte, kann man Fingerabdrücke nicht manipulieren«, sagte Alan einige Zeit später — inzwischen waren sie bei der zweiten Lage angekommen, und der peinliche Fleck im Schritt seiner Hose begann zu trocknen. Die Zwillinge schliefen.

»Natürlich sind die Ermittlungen noch im Gang; bis heute morgen hatten wir keine Veranlassung zu argwöhnen, daß in diesem Fall etwas derartiges versucht worden wäre. Ich weiß, daß es einmal versucht wurde: vor etlichen Jahren nahm ein Entführer seinem Opfer die Fingerabdrücke ab, bevor er es umbrachte, machte von ihnen Matrizen, so nennt man das wohl — und prägte sie auf dünnes Plastik. Dann zog er diese Plastikkuppen über seine eigenen Fingerspitzen und versuchte die Abdrücke überall in der Berghütte des Opfers zu hinterlassen, damit die Polizei denken sollte, die ganze Entführung wäre nur vorgetäuscht gewesen, und der Mörder hätte nichts damit zu tun gehabt.«

»Es hat nicht funktioniert?«

»Die Cops bekamen einige wundervolle Abdrücke«, sagte Alan. »Vom Täter. Die natürlichen Fette in seiner Haut flachten die aufgesetzten Fingerabdrücke ab, und da das Plastik sehr dünn und so beschaffen war, daß es selbst die zartesten Formen abzeichnen konnte, prägten sich die eigenen Abdrücke des Täters ein.«

»Vielleicht ein anderes Material…«

»Sicher, kann sein. Dies ist um die Mitte der fünfziger Jahre passiert und wahrscheinlich sind seither Hunderte von neuen Materialien erfunden worden. Vorerst können wir nur sagen, daß kein Kriminalexperte je von einem Fall gehört hat, in dem Fingerabdrücke manipuliert wurden, und dabei wird es wohl auch bleiben. Aber daneben gibt es noch andere Dinge, die zu berücksichtigen sind, Thad.«

Thad und Liz warfen sich die Andeutung eines Blickes zu, so schnell, daß Alan es nicht bemerkte. Er hatte Thad zum ersten Mal beim Vornamen genannt. Nun zog er ein mitgenommen aussehendes Notizbuch aus der Gesäßtasche und schlug es auf.

»Rauchen Sie?« fragte er.

»Nein.«

»Er hat vor sieben Jahren damit aufgehört«, sagte Liz. »Es ist ihm sehr schwer gefallen, aber er hat durchgehalten.«

»Es gibt Kritiker, die behaupten, die Welt wäre ein besserer Ort, wenn ich einfach abkratzen würde, aber da bin ich anderer Ansicht«, sagte Thad. »Warum?«

»Aber Sie haben früher geraucht?«

»Ja.«

»Pall Mall?«

Thad hatte gerade nach seiner Coladose gegriffen. Sie kam fünfzehn Zentimeter von seinem Mund entfernt zum Stillstand. »Woher wissen sie das?«

»Ihre Blutgruppe ist A Rhesus-negativ?«

»Allmählich verstehe ich, warum Sie heute morgen fest entschlossen waren, mich zu verhaften«, sagte Thad.

»Wenn ich kein so eindeutiges Alibi gehabt hätte, säße ich jetzt im Gefängnis, nicht wahr?«

»Höchstwahrscheinlich.«

»Sie hätten seine Blutgruppe aus seinen Militärpapieren bekommen können«, sagte Liz. »Wie Sie auch seine Fingerabdrücke bekommen haben.«

»Aber nicht, daß ich an die zwanzig Jahre lang Pall Mall geraucht habe«, sagte Thad. »Soweit ich weiß, gehört das nicht zu den Dingen, die in den Unterlagen festgehalten werden.«

»Das ist Material, das seit heute Vormittag hereingekommen ist«, teilte Alan ihnen mit.

»Der Aschenbecher in Homer Gamaches Wagen war voll von Pall-Mall-Stummeln, obwohl der alte Mann nur gelegentlich eine Pfeife rauchte. Auch im Aschenbecher in Frederick Clawsons Wohnung lagen zwei Stummel. Dicht neben dem Ermordeten. Er hat überhaupt nicht geraucht, außer hin und wieder einen Joint. Das jedenfalls hat seine Wirtin ausgesagt. Die Blutgruppe des Täters haben wir aus dem Speichel an den Zigarettenstummeln. Der Serologe hat eine Menge Fakten festgestellt, die besser und zuverläßiger sind als die Fingerabdrücke.«

Jetzt lächelte Thad nicht mehr. »Ich verstehe das nicht. Ich kann das alles einfach nicht verstehen.«

»Nur eines ist merkwürdig«, sagte Alan. »Blonde Haare. Wir haben ein halbes Dutzend in Homers Wagen gefunden und ein weiteres auf der Lehne des Sessels, in dem der Mörder in Clawsons Wohnung gesessen hat. Ihr Haar ist dunkel, und ich habe nicht den Eindruck, daß Sie eine Perücke tragen.«

»Nein, Thad nicht — aber vielleicht hat der Mörder eine getragen«, sagte Liz tonlos.

»Vielleicht«, sagte Alan. »Aber wenn, dann war sie aus Menschenhaar gemacht. Und weshalb sollten Sie sich die Mühe machen, Ihre Haarfarbe zu ändern, wenn Sie ohnehin überall Fingerabdrücke und Zigarettenstummel hinterlassen wollen? Entweder wollte der Kerl Sie in die Sache hineinreißen, oder er ist saublöd. Das blonde Haar passt so oder so nicht ins Bild.«

»Vielleicht wollte er einfach nicht erkannt werden«, meinte Liz. »Schließlich ist es noch keine zwei Wochen her, daß People Fotos von Thad gebracht hat.«

»Ja, das wäre eine Möglichkeit. Aber wenn dieser Kerl außerdem aussieht wie Ihr Mann, Mrs. Beaumont…«

»Liz.«

»Okay, Liz. Wenn er aussieht wie Ihr Mann, dann würde er aussehen wie Thad Beaumont mit blondem Haar, nicht wahr?«

Liz musterte Thad einen Moment und begann dann zu kichern.

»Was ist denn so lustig?«

»Ich versuche mir vorzustellen, wie du in Blond aussehen würdest«, sagte sie noch immer kichernd. »Ich glaube, du würdest aussehen wie ein sehr verkommener David Bowie.«

»Ist das lustig?« fragte Thad Alan. »Ich finde das gar nicht lustig.«

»Nun…« sagte Alan lächelnd.

»Aber das spielt keine Rolle. Nach allem, was wir wissen, könnte er außer einer blonden Perücke auch eine Sonnenbrille getragen und sich mit einem Tuch maskiert haben.«

»Nicht, wenn der Mörder der gleiche Mann ist, den Mrs. Arsenault am ersten Juni um Viertel vor eins in Homers Wagen einsteigen sah«, sagte Alan.

Thad beugte sich vor. »Sah er tatsächlich so aus wie ich?« fragte er.

»Sie konnte nicht viel mehr über ihn sagen, als daß er einen Anzug trug. Ich habe einen meiner Männer, Norris Ridgewick, heute Mittag mit Ihrem Foto zu ihr geschickt. Sie sagte, der Mann, der in Homers Wagen einstieg, wäre ihr größer vorgekommen.« Dann setzte er trocken hinzu: »Sie gehört zu der Sorte Frauen, die nicht vorsichtig genug sein können.«

»Sie konnte den Größenunterschied anhand eines Fotos beurteilen?« fragte Liz zweifelnd.

»Sie hat Thad öfter gesehen, wenn er den Sommer über in der Stadt war«, sagte Alan. »Außerdem sagte sie, sie wäre sich nicht sicher.«

Liz nickte. »Natürlich kannte sie ihn. Uns beide. Wir haben oft genug an ihrem Gemüsestand eingekauft. Dumm von mir. Entschuldigung.«

»Das ist nichts, wofür Sie sich entschuldigen müssten«, sagte Alan und warf einen Blick auf den Schritt seiner Hose. Trocken. Gut. Nur ein leichter Fleck war zurückgeblieben, der außer seiner Frau niemandem auffallen würde. »Aber das bringt mich auf den letzten Punkt — oder Aspekt oder wie immer Sie es nennen wollen. Ich bezweifle, ob es überhaupt zur Sache gehört, aber Nachfragen hat noch nie geschadet. Welche Schuhgröße haben Sie, Mr. Beaumont?«

Thad warf einen Blick auf Liz, die die Achseln zuckte. »Für jemanden, der knapp einsachtzig groß ist, habe ich wohl ziemlich kleine Füße. Ich trage Größe neununddreißig, aber eine halbe Nummer größer oder kleiner…«

»Die Abdrücke, die wir haben, sind mindestens Größe fünfundvierzig«, sagte Alan. »Aber ich glaube ohnehin nicht, daß die Fußabdrücke etwas mit der Sache zu tun haben. Übrigens lassen sich Fußabdrücke nicht fälschen. Man braucht nur ein bisschen Papier in die Kappen von Schuhen zu stopfen, die einem zwei oder drei Nummern zu groß sind, und schon ist die Sache gelaufen.«

»Um was für Fußabdrücke handelt es sich?« fragte Thad.

»Das ist nicht von Belang«, sagte Alan und schüttelte den Kopf. »Ich Denke, jetzt liegt alles auf dem Tisch, was drauf gehört, Thad. Ihre Fingerabdrücke, Ihre Blutgruppe, Ihre Zigarettenmarke…«

»Er hat das Rauchen…«, setzte Liz ein.

Alan hob beschwichtigend die Hand. »Ihre frühere Zigarettenmarke. Vielleicht ist es Wahnsinn, Sie das alles wissen zu lassen — und in mir wispert eine leise Stimme, daß es tatsächlich Wahnsinn ist —, aber nachdem wir nun einmal so weit gekommen sind, wäre es sinnlos, den Wald außer acht zu lassen, wenn wir ein paar Bäume betrachten. Außerdem stehen Sie auch in anderer Hinsicht mit dem Fall in Verbindung. Castle Rock ist Ihr legaler Wohnsitz, ebenso wie Ludlow, da Sie an beiden Orten Steuern zahlen. Homer Gamache war mehr als ein flüchtiger Bekannter von Ihnen; er arbeitete hin und wieder für Sie — könnte man es so ausdrücken?«

»Ja«, sagte Liz. »In dem Jahr, in dem wir das Haus kauften, hörte er auf, regulär als Hausmeister zu arbeiten — das tun jetzt Dave Philipps und Charlie Fortin —, aber er legte auch weiterhin gern Hand an.«

»Wenn wir davon ausgehen, daß der Anhalter, den Mrs. Arsenault beobachtet hat, Homer umgebracht hat — und davon gehen wir aus —, dann erhebt sich die eine Frage. Hat der Anhalter Homer umgebracht, weil er zufällig der erste Mensch war, der dämlich — oder betrunken — genug war, um ihn mitzunehmen, oder hat er ihn umgebracht, weil er Homer Gamache, ein Bekannter von Thad Beaumont war?«

»Woher konnte er wissen, daß Homer vorbeikommen würde?« fragte Liz.

»Weil es Homers Kegelabend war. Und Homer ist — war — ein Gewohnheitstier. Er war wie eine alter Gaul, Liz; er kehrte immer auf dem gleichen Weg in den Stall zurück.«

»Sie halten es also für denkbar«, sagte Thad, »daß Homer nicht anhielt, weil er betrunken war, sondern deshalb, weil er den Anhalter erkannte. Ein Fremder, der Homer umbringen wollte, hätte es nicht mit der Anhaltermasche versucht. Er hätte sich gesagt, daß dabei zu viel vom Zufall abhängen würde, oder es von vornherein für aussichtslos gehalten.«

»Ja.«

»Thad«, sagte Liz mit einer Stimme, die nicht recht stetig klingen wollte, »hat die Polizei gedacht, er hätte nur angehalten, weil er glaubte, dich zu sehen — stimmt das?«

»Ja«, sagte Thad. Er streckte den Arm aus und ergriff ihre Hand. »Außerdem hat sie gedacht, daß nur jemand wie ich — jemand, der ihn kannte — es auf diese Weise versuchen würde. Ich nehme an, sogar der Straßenanzug passt ins Bild. Was trägt der modebewußte Schriftsteller, wenn er vorhat, um ein Uhr nachts auf dem Lande einen Mord zu begehen? Den guten Tweedanzug natürlich — den mit den Lederflecken an den Ellenbogen des Jacketts. Alle englischen Krimis sind sich darin einig, daß dies unbedingt de rigeur ist.«

Er richtete den Blick auf Alan.

»Das ist verdammt merkwürdig, nicht wahr? Diese ganze Geschichte.«

Alan Pangborn nickte. »Sie haben recht, es ist merkwürdig. Mrs. Arsenault meinte, der Mann hätte begonnen, die Straße zu überqueren, oder wäre zumindest im Begriff gewesen, es zu tun, als Homer mit seinem Pickup herankam. Aber die Tatsache, daß Sie auch diesen Clawson in Washington kannten, macht es immer wahrscheinlicher, daß Homer ermordet wurde, weil er Homer Gamache war, und nicht nur, weil er betrunken genug war, um anzuhalten. Also reden wir über Frederick Clawson, Thad. Erzählen Sie mir von ihm.«

Thad und Liz wechselten einen Blick.

»Ich glaube«, sagte Thad, »meine Frau ist imstande, das schneller und präziser zu tun, als ich es könnte. Außerdem wird sie wahrscheinlich weniger fluchen.«

»Bist du ganz sicher, daß ich die Geschichte erzählen soll?« fragte Liz ihren Mann.

Thad nickte. Liz begann zu sprechen, anfangs langsam, dann flüssiger. Zu Beginn setzte Thad ein- oder zweimal zu einer Unterbrechung an, lehnte sich dann aber zurück und begnügte sich damit, ihr zuzuhören. In der nächsten halben Stunde sprach er kaum ein Wort. Alan Pangborn zog sein Notizbuch heraus und machte sich Notizen, aber nach ein paar anfänglichen Fragen unterbrach auch er Liz nicht mehr.

Die Invasion des Kriechozoiden

1

»Ich nenne ihn einen Kriechozoiden«, begann Liz. »Es tut mir leid, daß er tot ist — aber ein Kriechozoide war er trotzdem. Ich weiß nicht, ob die echten Kriechozoiden als solche geboren werden oder sich erst später entwickeln, aber da sie in jedem Fall irgendwann ihre schleimige Position im Leben einnehmen, spielt das wohl keine Rolle. Frederick Clawson nahm diese Position zufällig in Washington D. C. ein. Er hatte sich in die größte juristische Schlangengrube der Welt begeben, um Jura zu studieren.

Thad — die Kinder werden unruhig. Machst du ihnen ihr Nachtfläschchen zurecht? Und ich möchte bitte noch ein Bier.«

Er brachte ihr das Bier und ging dann in die Küche, um die Flaschen zu wärmen. Er schob einen Keil unter die Küchentür, damit sie offen blieb und er besser zuhören konnte — und stieß sich dabei die Kniescheibe. Das war ihm schon so oft passiert, daß er es kaum mehr zur Kenntnis nahm.

Die Sperlinge fliegen wieder, dachte er und rieb über die Narbe auf seiner Stirn, während er zuerst eine Kasserolle mit warmem Wasser füllte und sie dann auf den Herd setzte. Wenn ich nur wüsste, was zum Teufel das zu bedeuten hat.

»Den größten Teil der Geschichte haben wir von Clawson selbst erfahren«, fuhr Liz fort, »aber seine Perspektive war naturgemäß ein wenig schief. Thad sagt immer, wir alle wären die Helden unseres eigenen Lebens, und Clawson hielt sich eher für einen Boswell als für einen Kriechozoiden — aber mit Hilfe der Informationen, die wir von Darwin Press erhielten, dem Verlag, der die Romane herausgebracht hat, die Thad unter Starks Namen schrieb, und anderen, die wir von Rick Cowley erhielten, konnten wir uns ein etwas objektiveres Bild machen.«

»Wer ist Rick Cowley?« fragte Alan.

»Der literarische Agent, der Thad unter beiden Namen betreut hat.«

»Und was wollte Clawson — Ihr Kriechozoide?«

»Geld«, sagte Liz trocken.

In der Küche holte Thad die Nachtfläschchen (nur halb voll, um das lästige Trockenlegen mitten in der Nacht auf ein Minimum zu reduzieren) aus dem Kühlschrank und setzte sie in die Kasserolle. Was Liz sagte, war richtig und falsch zugleich. Clawson hatte viel mehr gewollt als nur Geld.

Es war, als hätte Liz seine Gedanken gelesen.

»Nicht, daß Geld alles gewesen wäre, was er wollte. Ich bin nicht einmal sicher, ob es die größte Rolle spielte. Er wollte als der Mann gelten, der George Starks wahre Identität herausgefunden hatte.«

»Also so etwas wie der strahlende Held, der es endlich geschafft hat, den Incredible Spider-Man zu demaskieren?«

»So ist es.«

Thad steckte einen Finger in die Kasserolle, um die Wassertemperatur zu prüfen, dann lehnte er sich gegen den Herd und hörte zu. Ihm wurde bewusst, daß ihn nach einer Zigarette verlangte — zum ersten Mal seit Jahren verlangte ihn wieder nach einer Zigarette.

2

»Clawson war zu oft zur rechten Zeit am rechten Ort«, sagte Liz. »Er war nicht nur Jurastudent, er war auch Teilzeitangestellter in einer Buchhandlung. Er war nicht nur Angestellter in einer Buchhandlung, er war auch ein begeisterter Fan von George Stark. Und möglicherweise war er der einzige George Stark-Fan im ganzen Land, der auch die beiden Romane von Thad Beaumont gelesen hatte.«

In der Küche lächelte Thad etwas säuerlich und prüfte abermals die Temperatur des Wassers in der Kasserolle.

»Ich glaube, er wollte aus seinen Vermutungen eine Art großes Drama machen«, fuhr Liz fort. »Wie sich die Dinge entwickelten, musste er sich schon gewaltig anstrengen, um überhaupt aus der Masse herauszuragen. Nachdem er zu dem Schluss gekommen war, daß Stark tatsächlich Beaumont war und umgekehrt, rief er bei Darwin Press an.«

»Starks Verlag.«

»Richtig. Er schaffte es, bis zu Ellie Golden, Starks Lektorin, vorzudringen. Clawson erkundigte sich nach dem Autorenfoto auf der Rückseite des Schutzumschlags. Er wollte die Adresse des Mannes, der dort abgebildet war. Ellie erklärte ihm, sie sei nicht befugt, die Adressen von Autoren des Verlages bekannt zu geben.

Clawson sagte: ›Ich will nicht Starks Adresse, sondern die des Mannes auf dem Foto. Des Mannes, der als Stark posiert.‹ Ellie erklärte, er sollte sich nicht lächerlich machen — der Mann auf dem Foto wäre George Stark.«

»Und der Verlag hat nie verlauten lassen, daß Stark nur ein Pseudonym war?« fragte Alan, offensichtlich interessiert. »Er hat Stark all die Jahre als wirkliche Person hingestellt.«

»Ja. Thad hat darauf bestanden.«

Ja, dachte Thad. Er holte die Flaschen aus der Kasserolle und hielt sie an die Schläfe, um die Temperatur der Milch zu überprüfen. Thad hat darauf bestanden. Im nachhinein weiß Thad nicht recht, weshalb er darauf bestanden hat. Er hat nicht einmal eine Ahnung, warum er das getan hat. Aber er hat darauf bestanden.

Er kehrte mit den Flaschen ins Wohnzimmer zurück und vermied dabei nur knapp eine Kollision mit dem Küchentisch. Er gab jedem der Kinder eine Flasche. Sie hoben sie verschlafen an und begannen zu saugen. Thad ließ sich wieder nieder. Er hörte Liz zu und redete sich ein, daß ihm nichts ferner lag als das Verlangen nach einer Zigarette.

»Auf jeden Fall«, fuhrt Liz fort, »wollte Clawson noch mehr Fragen stellen — eine ganze Wagenladung voll Fragen, nehme ich an —, aber Ellie spielte nicht mit. Sie sagte, er solle doch Rick Cowley anrufen. Dann legte sie auf. Daraufhin rief Clawson Ricks Büro an und bekam Miriam an den Apparat. Sie ist Ricks geschiedene Frau und gleichzeitig seine Geschäftspartnerin. Ein etwas merkwürdiges Arrangement, aber die beiden kommen gut miteinander aus.

Clawson stellte ihr dieselbe Frage — ob George Stark in Wirklichkeit Thad Beaumont wäre. Wie Miriam uns erzählte, hat sie gesagt, so wäre es. Und sie wäre Dolly Madison. ›Ich habe mich von James scheiden lassen, Thad hat sich von Liz scheiden lassen, und im Frühjahr heiraten wir!‹ Worauf sie auflegte. Dann stürzte sie in Ricks Büro und informierte ihn, daß irgendein Typ aus Washington die Nase in Thads geheime Identität zu stecken versuchte. Dann wurde, wenn Clawson bei Cowley Associates anrief, immer sofort der Hörer aufgelegt.«

Liz nahm einen großen Schluck von ihrem Bier.

»Aber er hat nicht aufgegeben. Echte Kriechozoiden geben niemals auf. Er hatte nur begriffen, daß er auf die höfliche Tour nicht weiterkam.«

»Und er hat nicht bei Thad angerufen?« fragte Alan.

»Nein. Kein einziges Mal.«

»Ich nehme an, Ihre Nummer steht nicht im Telefonbuch.«

Thad lieferte einen seiner wenigen eigenen Beiträge zu der Geschichte. »Sie steht nicht im öffentlichen Telefonbuch, Alan, aber unser Anschluss hier in Ludlow ist im Fakultätsverzeichnis aufgeführt. Das ist unvermeidlich. Ich bin Lehrer und muss für meine Kollegen und Studenten erreichbar sein.«

»Aber in die Höhle des Löwen hat sich der Kerl nicht gewagt«, meinte Alan.

»Er hat sich mit uns in Verbindung gesetzt — brieflich«, sagte Liz. »Aber so weit sind wir noch nicht. Soll ich weiter erzählen?«

»Ja, bitte«, sagte Alan. »Es ist eine spannende Geschichte.«

»Also«, fuhr Liz fort, »es kostete unseren Kriechozoiden genau drei Wochen und vermutlich nicht einmal fünfhundert Dollar, um das herauszubekommen, wovon er ohnehin überzeugt war — daß Thad und George Stark ein und dieselbe Person waren.

Er fing mit dem Literary Market Place an, einem Verzeichnis der Namen, Adressen und Telefonnummern aller im Verlagswesen tätigen Leute — Schriftsteller, Lektoren, Verleger, Agenten. Damit und mit Hilfe der Personalnachrichten in Publisher’s Weekly ist es ihm gelungen, rund ein halbes Dutzend Angestellter von Darwin Press ausfindig zu machen, die die Firma zwischen dem Sommer 1986 und dem Sommer 1987 verlassen hatten. Eine von ihnen verfügte über die Information und war bereit, mit der Sprache herauszurücken. Ellie Golden war sich ziemlich sicher, daß es das Mädchen war, das 1985 und 1986 acht Monate als Sekretärin des Rechnungsprüfers gearbeitet hatte. Ellie beschrieb das Mädchen als ›eine Kokain schnupfende Tussie aus Vassar‹.«

Alan lachte.

»Thad glaubt auch, daß sie es war«, fuhr Liz fort, »weil sich herausstellte, daß es sich bei der rauchenden Kanone um Fotokopien von Tantiemeabrechnungen für George Stark handelte. Sie kamen aus dem Büro von Roland Burrets.«

»Dem Rechnungsprüfer von Darwin Press«, sagte Thad. Er hörte zu, behielt aber gleichzeitig die Zwillinge im Auge. Sie lagen jetzt mit erhobenen Fläschchen auf dem Rücken und drückten ihre mit den Schlafanzügen bekleideten Füße gegeneinander. Ihre Augen waren leicht glasig. Er wußte, bald würden sie endgültig einschlafen — und wenn sie es taten, würden sie es gemeinsam tun. Sie tun alles gemeinsam, dachte Thad. Die Kinder sind schläfrig, und die Sperlinge fliegen.

»Thads Name stand nicht auf den Fotokopien«, sagte Liz. »Tantiemeabrechnungen führen manchmal zu Schecks, aber sie sind keine Schecks, also brauchte der Name nicht daraufzustehen. Das ist Ihnen klar, nicht wahr?«

Alan nickte.

»Dennoch verriet ihm die Adresse das meiste von dem, was er wissen wollte. Sie lautete Mr. George Stark, P. O. Box 1642, Brewer, Maine 04412. Ein Blick auf die Karte von Maine hätte ihm verraten, daß der Ort, der unmittelbar südlich von Brewer liegt, Ludlow heißt, und er wußte, welcher angesehene, wenn auch nicht gerade berühmte Autor in Ludlow lebt. Thaddeus Beaumont. Welch ein Zufall!

Weder Thad noch ich haben ihn je persönlich kennen gelernt, aber er hat Thad gesehen. Aus den Fotokopien, die er in die Hand bekommen hatte, wußte er, wann Darwin Press die vierteljährlichen Tantiemeschecks an seine Autoren abschickte. Normalerweise gehen diese Tantiemeschecks zuerst an den Agenten des Autors. Dann stellt der Agent einen neuen Scheck über die ursprüngliche Summe abzüglich seiner Kommission aus. Aber in Starks Fall schickte der Rechnungsprüfer diese Schecks direkt an das Postfach in Brewer.«

»Und wie erhielt der Agent seine Kommission?« fragte Alan.

»Der Anteil des Agenten wurde vorher abgezogen und ihm direkt überwiesen«, sagte Liz. »Auch das wäre für Clawson ein deutlicher Hinweis gewesen, daß George Stark nicht das war, was er zu sein vorgab — aber an weiteren Hinweisen hatte Clawson keinen Bedarf. Er wollte unumstößliche Beweise und machte sich auf, sie zu beschaffen.

Um die Zeit, zu der die Tantiemeschecks verschickt wurden, setzte sich Clawson ins Flugzeug und kam hierher. Die Nächte verbrachte er im Holiday Inn, die Tage damit, das Postamt von Brewer ›abzustecken‹. Genau diesen Ausdruck gebrauchte er in dem Brief, den Thad später von ihm erhielt. Er legte sich auf die Lauer. Ganz wie in einem film noir. Allerdings musste er seine Nachforschungen mit äußerst beschränkten Mitteln anstellen. Wenn ›Stark‹ nicht am vierten Tag im Postamt von Brewer aufgetaucht wäre, um seinen Tantiemescheck abzuholen, dann wäre Clawson nichts anderes übrig geblieben, als seine Zelte abzubrechen und wieder in der Nacht zu verschwinden. Aber das wäre wahrscheinlich nicht das Ende gewesen. Wenn ein echter Kriechozoide einmal seine Zähne in etwas geschlagen hat, dann läßt er erst los, wenn er einen großen Brocken herausgebissen hat.«

»Oder wenn man ihm die Zähne herausschlägt«, knurrte Thad.

Er sah, daß Alan mit gehobenen Brauen in seine Richtung schaute, und grinste. Schlecht gewählte Worte. Irgendjemand hatte mit Liz’ Kriechozoiden offenbar genau das getan — oder Schlimmeres.

»Das ist ohnehin eine müßige Frage«, setzte Liz ihren Bericht fort, und Alan wendete sich wieder ihr zu. »So lange hat es nicht gedauert. Am dritten Tag, als er auf einer Parkbank gegenüber dem Postamt saß, sah er, wie Thads Suburban auf einen der Kurzzeitparkplätze vor dem Postamt einbog.«

Liz trank abermals einen Schluck Bier und wischte sich den Schaum von der Oberlippe. Als sie die Hand wieder senkte, lächelte sie.

»Und jetzt kommt der Teil, der mir am meisten Spaß macht«, sagte sie. »Ich finde ihn einfach köstlich. Clawson hatte eine Kamera, eine winzige, die man in der hohlen Hand verbergen kann. Wenn man eine Aufnahme machen wollte, spreizte man einfach die Finger so weit, daß die Linse freilag, und schwupp!, schon war es passiert.« Sie kicherte leise.

»In seinem Brief erklärte er, er hätte die Kamera von einer Versandfirma, die Ausrüstung für Spione verkauft — Wanzen für Telefone, eine Tinktur, die man auf Briefumschläge aufträgt, um sie zehn oder fünfzehn Minuten lang durchsichtig zu machen, Aktentaschen, die