/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen

Selma Lagerlöf


Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen

Selma Lagerlöf

Pauline Klaiber, 1920

Inhaltsverzeichnis

1 Der Junge

 1.1 Das Wichtelmännchen

 1.2 Die Wildgänse

 1.3 Das gewürfelte Tuch

2 Akka von Kebnekajse

 2.1 Der Abend

 2.2 Die Nacht

 2.3 Das Spiel der Gänse

3 Das Leben der Wildvögel

 3.1 Im Bauernhof

 3.2 Im Park von Övedskloster

4 Haus Glimminge

 4.1 Schwarze Ratten und graue Ratten

 4.2 Der Storch

 4.3 Der Rattenfänger

5 Der große Kranichtanz auf dem Kullaberg

6 Im Regenwetter

7 Die Treppe mit den drei Stufen

8 Am Ronnebyfluß

9 Karlskrona

10 Die Reise nach Öland

11 Die Südspitze von Öland

12 Der große Schmetterling

13 Die Kleine Karlsinsel

 13.1 Der Sturm

 13.2 Die Gefahr

 13.3 Das Höllenloch

14 Zwei Städte

 14.1 Die Stadt auf dem Meeresgrunde

 14.2 Die lebendige Stadt

15 Die Sage von Småland

16 Die Krähen

 16.1 Der tönerne Topf

 16.2 Von den Krähen geraubt

 16.3 Die Hütte

17 Die alte Bauernfrau

18 Von Taberg nach Huskvarna

19 Der große Vogelsee

 19.1 Jarro, die Wildente

 19.2 Der Lockvogel

 19.3 Die Trockenlegung des Sees

20 Die Wahrsagung

21 Der Rock aus Drillich und Samt

22 Die Geschichte von Karr und Graufell

 22.1 Der Kolmården

 22.2 Karr

 22.3 Graufells Flucht

 22.4 Hilflos

 22.5 Die Nonnen

 22.6 Der große Krieg gegen die Nonnen

 22.7 Die Rache

23 Der schöne Garten

24 In Närke

 24.1 Die Ysätter-Kajsa

 24.2 Der Jahrmarktsabend

25 Der Eisgang

26 Die Teilung

27 Im Bergwerkdistrikt

28 Der Eisenhammer

29 Der Dalälf

30 Der Bruderteil

 30.1 Die alte Grubenstadt

 30.2 Die Geschichte von der Grube zu Falun

31 Walpurgisnacht

 31.1 Die Geschichte der Kerstis vom Moore

32 Vor den Kirchen

33 Die Überschwemmung

 33.1 Die Schwäne in der Hjälstabucht

 33.2 Der neue Kettenhund

34 Die Sage von Uppland

35 In Uppsala

 35.1 Der Student

 35.2 Das Maienfest

 35.3 Die Probe

36 Daunenfein

 36.1 Die schwimmende Stadt

 36.2 Die Schwestern

37 Stockholm

38 Der Adler Gorgo

 38.1 Im Felsental

 38.2 Gefangen

39 Über Gästrikland hin

 39.1 Der kostbare Gürtel

 39.2 Der große Tag des Waldes

40 Ein Tag in Hälsingeland

 40.1 Ein großes grünes Blatt

 40.2 Die Neujahrsnacht der Tiere

41 In Medelpad

42 Ein Morgen in Ångermanland

 42.1 Das Brot

 42.2 Der Waldbrand

43 Västerbotten und Lappland

 43.1 Die fünf Kundschafter

 43.2 Das wandernde Land

 43.3 Der Traum

 43.4 Am Ziel

44 Das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats

 44.1 Die Krankheit

 44.2 Klein-Mats Begräbnis

45 Bei den Lappen

46 Gen Süden! Gen Süden!

 46.1 Der erste Reisetag

 46.2 Auf dem Östberge

47 Die Sage von Jämtland

48 Die Sage vom Härjedal

49 Wärmland und Dalsland

50 Ein kleiner Herrenhof

51 Das Gold auf der Schäre

52 Auf dem Wege zum Meere

53 Das Geschenk der Wildgänse

54 Silber im Meer

55 Ein großer Herrenhof

 55.1 Der alte und der junge Herr

 55.2 Die Sage von Westgötland

 55.3 Der Gesang

56 Die Reise nach Vemmenhög

57 Bei Holger Nilssons

58 Der Abschied von den Wildgänsen

Kapitel 1

Der Junge

1.1 Das Wichtelmännchen

Sonntag, 20. März

Es war einmal ein Junge. Er war ungefähr vierzehn Jahre alt, großund gut gewachsen und flachshaarig. Viel nutz war er nicht, am liebsten schlief oder aß er, und sein größtes Vergnügen war, irgend etwas anzustellen.

Es war an einem Sonntagmorgen, und die Eltern machten sich fertig, in die Kirche zu gehen. Der Junge saß in Hemdärmeln auf dem Tischrande und dachte, wie günstig das sei, daß Vater und Mutter fortgingen und er ein paar Stunden lang tun könne, was ihm beliebe. “Jetzt kann ich Vaters Flinte herunternehmen und schießen, ohne daß es mir jemand verbietet,” sagte er zu sich.

Aber es war fast, als habe der Vater die Gedanken seines Sohnes erraten, denn als er schon auf der Schwelle stand, um hinauszugehen, hielt er inne und wendete sich zu ihm. “Da du nicht mit Mutter und mir in die Kirche gehen willst,” sagte er, “so sollst du wenigstens daheim die Predigt lesen. Willst du mir das versprechen?”

“Ja,” antwortete der Junge, “das kann ich schon.” Aber er dachte natürlich, er werde gewiß nicht mehr lesen, als ihm behagte.

Dem Jungen kam es vor, als ob seine Mutter sich noch nie so rasch bewegt hätte. In einem Nu war sie am Bücherbrett, nahm Luthers Postille herunter, schlug die Predigt vom Tage auf und legte das Buch auf den Tisch am Fenster. Sie schlug auch das Evangelienbuch auf und legte es neben die Postille. Schließlich rückte sie noch den großen Lehnstuhl an den Tisch, der im vorigen Jahr auf der Auktion im Pfarrhause zu Vemmenhög gekauft worden war und in dem sonst außer Vater niemand sitzen durfte.

Der Junge dachte, die Mutter mache sich wirklich zu viel Mühe mit diesen Vorbereitungen, denn er hatte im Sinne, nicht mehr als eine oder zwei Seiten zu lesen. Aber zum zweiten Male war es, als ob der Vater ihm mitten ins Herz sehen könnte, denn er trat zu ihm und sagte in strengem Ton: “Gib wohl acht, daß du ordentlich liest! Wenn wir zurückkommen, werde ich dich über jede Seite ausfragen, und wenn du etwas übergangen hast, geht es dir schlecht.”

“Die Predigt hat vierzehn und eine halbe Seite,” sagte die Mutter, als wollte sie das Maß feststellen. “Du mußt dich gleich daran machen, wenn du fertig werden willst.”

Damit gingen sie endlich, und als der Junge unter der Tür stand und ihnen nachsah, war ihm, als sei er in einer Falle gefangen worden. “Jetzt wünschen sie sich Glück, daß sie es so gut eingerichtet haben, und daß ich, so lange sie weg sind, über der Predigt sitzen muß,” dachte er.

Aber der Vater und die Mutter wünschten sich sicherlich nicht Glück, sondern sie waren ganz betrübt. Sie waren arme Kätnerleute, und ihr Gütchen war nicht größer als ein Garten. Als sie hierhergezogen waren, hatten sie nicht mehr als ein Schwein und ein paar Hühner füttern können; aber sie waren außerordentlich strebsame und tüchtige Leute, und jetzt hatten sie auch Kühe und Gänse. Sie waren ungeheuer vorwärts gekommen und wären an dem schönen Morgen ganz froh und zufrieden in die Kirche gewandert, wenn sie nicht immer an ihren Jungen hätten denken müssen. Der Vater klagte, daßer so träg und faul sei, in der Schule habe er nicht lernen wollen, und er sei ein solcher Taugenichts, daß man ihn mit knapper Not zum Gänsehüten gebrauchen könne. Die Mutter konnte nichts dagegen sagen, aber sie war hauptsächlich betrübt, weil er so wild und böse war, hartherzig gegen die Tiere und boshaft gegen die Menschen.

“Ach, wenn Gott ihm doch die Bosheit austreiben und ihm ein andres Herz geben würde!” seufzte die Mutter. “Er bringt schließlich noch sich selbst und uns ins Unglück.”

Der Junge überlegte lange, ob er die Predigt lesen solle oder nicht. Aber schließlich hielt er es doch fürs beste, diesmal folgsam zu sein. Er setzte sich also in den Pfarrhauslehnstuhl und begann zu lesen. Aber als er eine Weile die Wörter halblaut vor sich hingeplappert hatte, war es, als schläfre ihn das Gemurmel ein, und er fühlte, daß er einnickte.

Draußen war das herrlichste Frühlingswetter. Es war zwar erst der zwanzigste März, aber der Junge wohnte weit drunten im südlichen Schonen, im Dorfe Westvemmenhög, und da war der Frühling schon in vollem Gange. Die Bäume waren zwar noch nicht grün, aber überall sproßten frische Knospen hervor. Alle Gräben standen voll Wasser, der Huflattich blühte am Grabenrande, und das Gesträuch, das auf dem Steinmäuerchen wuchs, war braun und glänzend geworden. Der Buchenwald in der Ferne dehnte sich gleichsam und wurde zusehends dichter, und über der Erde wölbte sich ein hoher, blauer Himmel. Die Haustür war angelehnt, man konnte das Trillern der Lerchen im Zimmer hören. Die Hühner und die Gänse spazierten auf dem Hofe umher, und die Kühe, die die Frühlingsluft bis in den Stall hinein spürten, brüllten hin und wieder: “Muh, muh!”

Der Junge las und nickte und kämpfte mit dem Schlafe. “Nein, ich will nicht schlafen,” dachte er, “sonst werde ich den ganzen Vormittag mit der Predigt nicht fertig.”

Aber was auch der Grund sein mochte,— er schlief dennoch ein.

Er wußte nicht, ob er kurz oder lang geschlafen hatte, aber er erwachte von einem leichten Geräusch, das hinter seinem Rücken hörbar wurde. Auf dem Fensterbrett, gerade vor ihm, stand ein kleiner Spiegel, in dem man fast die ganze Stube überschauen konnte. In dem Augenblick nun, wo der Junge den Kopf aufrichtete, fiel sein Blick in den Spiegel, und da sah er, daß der Deckel von Mutters Truhe aufgeschlagen war.

Mutter besaß eine große, schwere eichene Truhe mit eisernen Beschlägen, die außer ihr niemand öffnen durfte. Darin verwahrte sie alles, was sie von ihrer Mutter geerbt hatte und was ihr besonders ans Herz gewachsen war. Da drinnen lagen einige altmodische Bauerntrachten aus rotem Tuch mit kurzen Leibchen und gefältelten Röcken und perlenbestickten Bruststücken. Auch weiße gestärkte Kopftücher und schwere silberne Schnallen und Ketten waren darin. Die Leute wollten solche Sachen jetzt nicht mehr tragen, und Mutter hatte schon wiederholt daran gedacht, sie zu verkaufen, hatte das aber doch nie übers Herz gebracht.

Jetzt sah der Junge im Spiegel ganz deutlich, daß der Deckel der Truhe offen stand. Er konnte nicht begreifen, wie das zugegangen war, denn Mutter hatte, bevor sie fortging, den Deckel zugemacht. Das wäre Mutter nicht passiert, daß sie die Truhe offen gelassen hätte, wenn er allein zu Hause blieb.

Es wurde ihm ganz unheimlich zumute. Er fürchtete, ein Dieb könnte sich hereingeschlichen haben, und wagte nicht, sich zu rühren, sondern saß ganz still und starrte in den Spiegel hinein.

Während er so dasaß und wartete, daß der Dieb sich zeige, begann er sich zu fragen, was das wohl für ein schwarzer Schatten sei, der auf den Rand der Truhe fiel. Er sah und sah und wollte seinen Augen nicht trauen. Aber was dort im Anfang einem Schatten geglichen hatte, wurde immer deutlicher, und bald merkte er, daß es etwas Wirkliches war; und es war in der Tat nichts andres als ein Wichtelmännchen, das rittlings auf dem Rande der Truhe saß.

Der Junge hatte wohl schon von Wichtelmännchen reden hören, aber er hatte sich nie gedacht, daß sie so klein sein könnten. Das Wichtelmännchen, das dort auf dem Rande saß, war ja nur eine Spanne lang. Es hatte ein altes, runzliges, bartloses Gesicht und trug einen schwarzen Rock mit langen Schößen, Kniehosen und einen breitrandigen schwarzen Hut. Es sah sehr zierlich und fein aus, mit weißen Spitzen um den Hals und um die Handgelenke, Schnallen an den Schuhen und die Strumpfbänder in eine Schleife gebunden. Jetzt eben hatte es einen gestickten Brustlatz aus der Truhe herausgenommen und betrachtete die alte Arbeit mit solcher Andacht, daß es das Erwachen des Jungen gar nicht bemerkt hatte.

Der Junge war äußerst verdutzt, als er das Wichtelmännchen sah; aber eigentlich Angst hatte er nicht vor ihm. Vor einem so kleinen Geschöpf konnte man sich unmöglich fürchten. Und da das Wichtelmännchen von seinem eignen Tun so hingenommen war, daß es weder hörte noch sah, bekam der Junge sogleich große Lust, ihm einen Streich zu spielen, es in die Truhe hineinzustoßen und den Deckel zuzuschlagen, oder etwas Ähnliches. Aber das Wichtelmännchen mit den Händen anzurühren, das getraute sich der Junge doch nicht; und deshalb sah er sich nach etwas im Zimmer um, womit er ihm einen Stoß versetzen könnte. Er ließ die Blicke vom Kanapee nach dem Klapptisch und vom Klapptisch nach dem Herd wandern. Er musterte die Kochtöpfe und die Kaffeekanne, die auf einem Brett neben dem Herde standen, den Wasserkrug neben der Tür, und die Löffel, die Messer und Gabeln und die Schüsseln und Teller, die durch die halbgeöffnete Schranktür sichtbar waren. Er sah hinauf zu Vaters Flinte, die neben dem dänischen Königspaar an der Wand hing, und nach den Pelargonien und Fuchsien, die auf dem Fensterbrett blühten. Ganz zuletzt fiel sein Blick auf ein altes Fliegennetz, das am Fensterkreuz hing.

Kaum hatte er das Fliegennetz erblickt, als er es auch schon zu sich heranzog und das Netz nach dem Truhenrande schwang. Und er war ganz überrascht über sein Glück. Er wußte beinahe selbst nicht, wie es zugegangen war,— aber er hatte das Wichtelmännchen wirklich gefangen. Der arme Kerl lag, den Kopf nach unten, in dem langen Netze und konnte sich nicht mehr heraushelfen.

Im ersten Augenblick wußte der Junge gar nicht, was er mit seinem Fang tun solle. Er schwang nur immer das Netz sorglich hin und her, damit das Wichtelmännchen keine Zeit bekomme, herauszuklettern.

Jetzt begann das Wichtelmännchen zu sprechen; es bat und flehte um seine Freiheit und sagte, es habe der Familie seit vielen Jahren viel Gutes getan und wäre wirklich einer besseren Behandlung wert. Wenn der Junge es loslasse, wolle es ihm einen alten Speziestaler geben sowie eine silberne Kette und eine Goldmünze, die so groß sei wie der Deckel an der silbernen Uhr seines Vaters.

Dem Jungen kam zwar das Lösegeld nicht gerade groß vor; aber seit er das Wichtelmännchen in seiner Gewalt hatte, fürchtete er sich gewissermaßen vor ihm. Er fühlte, daß er sich in etwas eingelassen hatte, was fremd und unheimlich war und nicht in diese Welt gehörte; deshalb war er nur sehr froh, es loszuwerden.

Er ging also schnell auf das Angebot ein und hielt das Netz still, damit das Wichtelmännchen herauskriechen könne. Als dieses aber beinahe aus dem Netz heraus war, fiel dem Jungen ein, daß er sich größere Dinge und alles mögliche Gute hätte ausbedingen können. Jedenfalls hätte er die Bedingung stellen können, daß ihm das Wichtelmännchen die Predigt in den Kopf zaubern müsse. “Wie dumm von mir, daß ich es freiließ,” dachte er und begann das Netz aufs neue hin und her zu schwingen, damit das Wichtelmännchen wieder hineinpurzle.

Aber kaum hatte der Junge das getan, da bekam er eine fürchterliche Ohrfeige, daß ihm war, als zerspringe ihm der Kopf in tausend Stücke. Er flog zuerst an die eine Wand und dann an die andre, schließlich fiel er auf den Boden und blieb da bewußtlos liegen.

Als er wieder erwachte, war er noch in der Hütte. Von dem Wichtelmännchen war keine Spur mehr zu sehen. Der Truhendeckel war geschlossen, und das Fliegennetz hing an seinem gewöhnlichen Platz am Fenster. Wenn dem Jungen nicht die rechte Wange von der Ohrfeige so sehr gebrannt hätte, hätte er sich versucht gefühlt, alles für einen Traum zu halten. “Was aber auch geschehen sein mag, jedenfalls werden Vater und Mutter behaupten, daßes nichts gewesen sei als ein Traum,” dachte er. “Sie werden mir wegen des Wichtelmännchens sicher nichts von der Predigt abziehen, und es wird am besten sein, wenn ich mich jetzt eilig dahinter mache.”

Aber als er an den Tisch ging, kam ihm etwas sehr verwunderlich vor. Das Zimmer konnte doch unmöglich größer geworden sein. Woher kam es denn aber, daß er jetzt so viel mehr Schritte machen mußte als sonst, wenn er an den Tisch ging? Und was war denn mit dem Stuhl? Er sah zwar nicht gerade aus, als sei er größer als vorher, aber der Junge mußte zuerst auf die Leiste zwischen den Stuhlbeinen steigen und dann vollends auf den Sitz hinaufklettern. Und gerade so war es auch mit dem Tisch. Er konnte nicht auf die Tischplatte hinaufsehen, sondern mußte auf die Armlehne des Stuhles steigen.

“Was ist denn aber das?” sagte der Junge. “Ich glaube wahrhaftig, das Wichtelmännchen hat den Lehnstuhl und den Tisch und die ganze Stube verhext.”

Die Postille lag auf dem Tische, und anscheinend war sie unverändert. Aber etwas Verkehrtes mußte doch daran sein, denn er konnte kein Wort lesen, sondern mußte erst auf das Buch selbst hinaufsteigen.

Er las ein paar Zeilen, dann aber sah er zufällig auf. Dabei fiel sein Blick in den Spiegel, und da rief er ganz laut: “Ei sieh, da ist ja noch einer!”

Denn im Spiegel sah er ganz deutlich einen winzig kleinen Knirps in einer Zipfelmütze und Lederhosen.

“Der ist genau so angezogen wie ich,” sagte der Junge und schlug vor Verwunderung die Hände zusammen. Aber da sah er, daß der Kleine im Spiegel dasselbe tat.

Da begann er sich an den Haaren zu ziehen, sich in den Arm zu kneifen und sich im Kreise zu drehen, und augenblicklich tat der Kleine im Spiegel dasselbe.

Jetzt lief der Junge ein paarmal um den Spiegel herum, um zu sehen, ob vielleicht so ein kleiner Kerl hinter dem Spiegel verborgen sei, aber er fand niemand dahinter, und da begann er vor Schrecken am ganzen Leibe zu zittern. Denn jetzt begriff er, daß das Wichtelmännchen ihn selbst verzaubert hatte, und daß er selbst der kleine Knirps war, dessen Bild er im Spiegel sah.

1.2 Die Wildgänse

Der Junge wollte durchaus nicht glauben, daß er in ein Wichtelmännchen verwandelt worden war. “Es ist gewiß nur ein Traum und eine Einbildung,” dachte er. “Wenn ich ein paar Augenblicke warte, werde ich schon wieder ein Mensch sein.” Er stellte sich vor den Spiegel und schloß die Augen. Erst nach ein paar Minuten öffnete er sie wieder und erwartete nun, daß der Spuk vorbei sei. Aber dies war nicht der Fall, er war noch ebenso klein wie vorher. Sein weißes Flachshaar, die Sommersprossen auf seiner Nase, die Flicken auf seinen Lederhosen und das Loch im Strumpfe, alles war wie vorher, nur sehr, sehr verkleinert.

Nein, es half nichts, wenn er auch noch so lange dastand und wartete. Er mußte etwas andres versuchen. O, das beste, was er tun könnte, wäre gewiß, das Wichtelmännchen aufzusuchen und sich mit ihm zu versöhnen!

Er sprang auf den Boden hinunter und begann zu suchen. Er lugte hinter die Stühle und Schränke, unter das Kanapee und hinter den Herd. Er kroch sogar in ein paar Mauselöcher, aber das Wichtelmännchen war nicht zu finden.

Während er suchte, weinte er und bat und versprach alles nur erdenkliche. Nie, nie wieder wolle er jemand sein Wort brechen, nie, nie mehr unartig sein und nie wieder über einer Predigt einschlafen!

Wenn er nur seine menschliche Gestalt wieder bekäme, würde ganz gewißein ausgezeichneter, guter, folgsamer Junge aus ihm. Aber was er auch immer versprach, es half alles nichts.

Plötzlich fiel ihm ein, daß er Mutter einmal hatte sagen hören, das Wichtelvolk halte sich gern im Kuhstall auf, und schnell beschloß er, auch dort nachzusehen, ob das Wichtelmännchen da zu finden sei. Zum Glück stand die Tür offen; denn er hätte das Schloß nicht selbst öffnen können, so aber konnte er ungehindert hinausschlüpfen.

Als er in den Flur kam, sah er sich nach seinen Holzschuhen um, denn im Zimmer ging er natürlich auf Strümpfen. Er überlegte, wie er sich wohl mit den großen, schwerfälligen Holzschuhen abfinden solle, aber in diesem Augenblick entdeckte er auf der Schwelle ein Paar winzige Schuhe. Als er sah, daßdas Wichtelmännchen so vorsorglich gewesen war, auch seine Holzschuhe zu verwandeln, wurde er ängstlicher. “Dieser Jammer soll offenbar lange dauern,” dachte er.

Auf dem alten eichenen Brett, das vor der Haustür lag, hüpfte ein Sperling hin und her. Kaum erblickte dieser den Jungen, da rief er auch schon: “Seht doch, Nils, der Gänsehirt! Seht den kleinen Däumling! Seht doch Nils Holgersson Däumling!”

Sogleich wendeten sich die Gänse und die Hühner nach dem Jungen um, und es entstand ein entsetzliches Geschrei: “Kikerikiki!” krähte der Hahn. “Das geschieht ihm recht! Kikerikiki! Er hat mich am Kamme gezogen!”

“Ga, ga, ga, gag, das geschieht ihm recht!” riefen die Hühner, und sie fuhren ohne Aufhören damit fort.

Die Gänse sammelten sich in einen Haufen, steckten die Köpfe zusammen und fragten: “Wer hat das getan? Wer hat das getan?”

Aber das merkwürdige daran war, daß der Junge verstand, was sie sagten. Er war so verwundert darüber, daß er auf der Türschwelle stehen blieb und zuhörte. “Das kommt gewiß daher, daß ich in ein Wichtelmännchen verwandelt bin,” sagte er, “deshalb verstehe ich die Tiersprache.”

Es war ihm unausstehlich, daß die Hühner mit ihrem ewigen “das geschieht ihm recht” gar nicht aufhören wollten. Er warf einen Stein nach ihnen und rief: “Haltet den Schnabel, Lumpenpack!”

Aber er hatte eines vergessen. Er war jetzt nicht mehr so groß, daß die Hühner sich vor ihm hätten fürchten müssen. Die ganze Hühnerschar stürzte auf ihn zu, pflanzte sich um ihn herum auf und schrie: “Ga, ga, ga, gag! Es geschieht dir recht! Ga, ga, ga, gag! Es geschieht dir recht!”

Der Junge versuchte ihnen zu entwischen; aber die Hühner sprangen hinter ihm her und schrien so laut, daß ihm beinahe Hören und Sehen verging. Er wäre ihnen auch wohl kaum entgangen, wenn nicht die Hauskatze daher gekommen wäre. Sobald die Hühner die Katze sahen, verstummten sie und schienen an nichts andres mehr zu denken, als fleißig in der Erde nach Würmern zu scharren.

Der Junge lief schnell auf die Katze zu. “Liebe Mietze,” sagte er, “du kennst doch alle Winkel und Schlupflöcher hier auf dem Hofe? Sei lieb und teile mir mit, wo ich das Wichtelmännchen finden kann.”

Die Katze gab ihm nicht sogleich Antwort. Sie setzte sich nieder, legte den Schwanz zierlich in einem Ring um die Vorderpfoten und sah den Jungen an. Es war eine große, schwarze Katze mit einem weißen Fleck auf der Brust. Ihr Fell war glatt und glänzte im Sonnenschein. Sie hatte die Krallen eingezogen, ihre Augen waren gleichmäßig grau mit nur einem kleinen, schmalen Schlitz in der Mitte. Die Katze sah durch und durch gutmütig aus.

“Ich weiß allerdings, wo das Wichtelmännchen wohnt,” sagte sie mit freundlicher Stimme. “Aber damit ist nicht gesagt, daß ich es dir sagen werde.”

“Liebe, liebe Mietze, du mußt mir helfen,” sagte der Junge. “Siehst du nicht, wie es mich verzaubert hat?”

Die Katze öffnete ihre Augen ein klein wenig, so daß die grüne Bosheit “Soll ich dir vielleicht jetzt helfen, weil du mich so oft am Schwanz gezogen hast?” sagte sie schließlich.

Da wurde der Junge böse; er vergaß ganz, wie klein und ohnmächtig er jetzt war. “Ich kann dich ja noch einmal am Schwanz ziehen, jawohl,” sagte er und sprang auf die Katze los.

In demselben Augenblick aber war diese so verändert, daß der Junge sie kaum noch für dasselbe Tier halten konnte. Sie hatte den Rücken gekrümmt— die Beine waren länger geworden, sie kratzte sich mit den Krallen im Nacken, der Schwanz war kurz und dick, die Ohren legten sich zurück, das Maul fauchte, und die Augen standen weit offen und funkelten in roter Glut.

Der Junge wollte sich von einer Katze nicht erschrecken lassen und trat noch einen Schritt näher. Aber da machte die Katze einen Satz, ging gerade auf den Jungen los, warf ihn um und stellte ihm mit weitaufgesperrtem Maul die Vorderbeine auf die Brust.

Der Junge fühlte, wie ihm ihre Klauen durch die Weste und das Hemd in die Haut eindrangen und wie die scharfen Eckzähne ihm den Hals kitzelten. Da begann er aus Leibeskräften um Hilfe zu schreien.

Aber es kam niemand, und er glaubte schon sicher, seine letzte Stunde hätte geschlagen. Da fühlte er, daß die Katze die Krallen einzog und seinen Hals losließ.

“So,” sagte sie, “jetzt will ich es genug sein lassen. Für diesmal magst du meiner guten Hausmutter zuliebe mit der Angst davonkommen. Ich wollte nur, daß du wüßtest, wer von uns beiden der Stärkere ist.”

Damit ging die Katze ihrer Wege und sah eben so sanft und fromm aus wie vorher, als sie gekommen war. Der Junge schämte sich so, daß er kein Wort sagen konnte; er lief deshalb eiligst in den Kuhstall hinein, das Wichtelmännchen zu suchen. Es waren nur drei Kühe im Stalle. Aber als der Junge eintrat, begannen sie alle zu brüllen und einen solchen Spektakel zu machen, daß man hätte meinen können, es seien wenigstens dreißig.

“Muh, muh, muh!” brüllte Majros. “Es ist doch gut, daß es noch eine Gerechtigkeit auf der Welt gibt.”

“Muh, muh, muh!” riefen alle drei auf einmal. Der Junge konnte nicht verstehen, was sie sagten, so wild schrieen sie durcheinander.

Er wollte nach dem Wichtelmännchen fragen, aber er konnte sich kein Gehör verschaffen, weil die Kühe in vollem Aufruhr waren. Sie betrugen sich genau so, als wäre ein fremder Hund zu ihnen hereingebracht worden, schlugen mit den Hinterfüßen aus, rasselten an ihren Halsketten, wendeten die Köpfe rückwärts und stießen mit den Hörnern.

“Komm nur her!” sagte Majros. “Dann geb’ ich dir einen Stoß, den du nicht so bald wieder vergessen wirst.”

“Komm her!” sagte Gull-Lilja. “Dann lasse ich dich auf meinen Hörnern reiten.”

“Komm nur, komm, dann sollst du erfahren, wie es mir geschmeckt hat, wenn du mir deinen Holzschuh auf den Rücken warfst, was du immer tatest!” sagte Stern.

“Ja, komm nur her, dann werde ich dich für die Wespen bezahlen, die du mir ins Ohr gesetzt hast!” schrie Gull-Lilja.

Majros war die älteste und klügste von den dreien, und sie war am zornigsten. “Komm nur,” sagte sie, “daß ich dich für die vielen Male bezahlen kann, wo du den Melkschemel unter deiner Mutter weggezogen hast, sowie für jedes Mal, wo du ihr einen Fuß stelltest, wenn sie mit dem Melkeimer daherkam, und für alle Tränen, die sie hier über dich geweint hat.”

Der Junge wollte ihnen sagen, wie sehr er sein schlechtes Betragen bereue und daß er von jetzt an immer artig sein werde, wenn sie ihm nur sagten, wo das Wichtelmännchen zu finden wäre. Aber die Kühe hörten gar nicht auf ihn; sie brüllten so laut, daß er Angst bekam, es könne sich schließlich eine von ihnen losreißen, und so hielt er es fürs beste, sich aus dem Kuhstalle davonzuschleichen.

Als der Junge wieder auf den Hof kam, war er ganz mutlos. Er sah ein, daß ihm auf dem ganzen Hofe bei seiner Suche nach dem Wichtelmännchen niemand beistehen wollte. Und wahrscheinlich würde ihm auch das Wichtelmännchen, selbst wenn er es fände, wenig helfen.

Er kroch auf das breite Steinmäuerchen, das das ganze Gütchen umgab und das mit Weißdorn und Brombeerranken überwachsen war. Dort ließ er sich nieder, zu überlegen, wie es werden solle, wenn er seine menschliche Gestalt nicht mehr erlangte. Wenn nun Vater und Mutter von der Kirche heimkämen, würden sie sich baß verwundern. Ja, im ganzen Lande würde man sich verwundern, und die Leute würden daherkommen von Ost-Vemmenhög und von Torp und von Skurup, ja, aus dem ganzen Vemmenhöger Bezirk würden sie zusammenkommen, ihn anzuschauen. Und wer weiß, vielleicht würden die Eltern ihn sogar mitnehmen, ihn auf den Märkten zu zeigen. Ach, es war zu schrecklich, nur daran zu denken! Da wäre es ihm schließlich noch am liebsten, wenn ihn nur kein Mensch mehr zu sehen bekäme!

Ach, wie unglücklich war er doch! Auf der weiten Welt war gewiß noch nie ein Mensch so unglücklich gewesen wie er. Er war kein Mensch mehr, sondern ein verhexter Zwerg.

Er begann allmählich zu verstehen, was das heißen wollte, kein Mensch mehr zu sein. Von allem war er nun geschieden; er konnte nicht mehr mit andern Jungen spielen, konnte niemals das Gütchen von seinen Eltern übernehmen, und es war ganz und gar ausgeschlossen daß sich je ein Mädchen entschließen würde, ihn zu heiraten.

Er betrachtete seine Heimat. Es war ein kleines weiß angestrichnes Bauernhaus, das mit seinem hohen, steilen Strohdach wie in die Erde hineingedrückt aussah. Die Wirtschaftsgebäude waren auch klein und die Äckerchen so winzig, daß ein Pferd sich kaum darauf hätte umdrehen können. Aber so klein und arm das Ganze auch war, es war doch noch viel zu gut für ihn. Er konnte keine bessere Wohnung verlangen als ein Loch unter dem Scheunenboden.

Es war wunderschönes Wetter, rings um ihn her murmelte und knospte und zwitscherte es. Aber ihm war das Herz schwer. Nie wieder würde er sich über etwas freuen können. Er meinte, den Himmel noch nie so dunkelblau gesehen zu haben wie an diesem Tage. Zugvögel kamen dahergeflogen. Sie kamen vom Auslande, waren über die Ostsee gerade auf Smygehuk zugesteuert und waren jetzt auf dem Wege nach Norden. Es waren Vögel von den verschiedensten Arten; aber er kannte nur die Wildgänse, die in zwei langen, keilförmigen Reihen flogen.

Schon mehrere Scharen Wildgänse waren so vorübergeflogen. Sie flogen hoch droben, aber er hörte doch, wie sie riefen: “Jetzt gehts auf die hohen Berge! Jetzt gehts auf die hohen Berge!”

Sobald die Wildgänse die zahmen Gänse sahen, die auf dem Hofe umherliefen, senkten sie sich herab und riefen: “Kommt mit, kommt mit! Jetzt gehts auf die hohen Berge!”

Die zahmen Gänse reckten unwillkürlich die Hälse und horchten, antworteten dann aber verständig: “Es geht uns hier ganz gut! Es geht uns hier ganz gut!”

Es war, wie gesagt, ein überaus schöner Tag, und die Luft war so frisch und leicht, daß es ein Vergnügen sein mußte, darin zu fliegen. Und mit jeder neuen Schar Wildgänse, die vorüberflog, wurden die zahmen Gänse aufgeregter. Ein paarmal schlugen sie mit den Flügeln, als hätten sie große Lust, mitzufliegen. Aber jedesmal sagte eine alte Gänsemutter: “Seid nicht verrückt, Kinder, das hieße so viel als hungern und frieren.”

Bei einem jungen Gänserich hatten die Zurufe ein wahres Reisefieber erweckt. “Wenn noch eine Schar kommt, fliege ich mit!” rief er.

Jetzt kam eine neue Schar und rief wie die andern. Da schrie der junge Gänserich: “Wartet, wartet, ich komme mit!” Er breitete seine Flügel aus und hob sich empor. Aber er war des Fliegens zu ungewohnt und fiel wieder auf den Boden zurück.

Die Wildgänse mußten jedenfalls seinen Ruf gehört haben. Sie wendeten sich um und flogen langsam zurück, um zu sehen, ob er mitkäme.

“Wartet! Wartet!” rief er und machte einen neuen Versuch.

All das hörte der Junge auf dem Mäuerchen. “Das wäre sehr schade, wenn der große Gänserich fortginge,” dachte er; “Vater und Mutter würden sich darüber grämen, wenn er bei ihrer Rückkehr nicht mehr da wäre.”

Während er dies dachte, vergaß er wieder ganz, daß er klein und ohnmächtig war. Er sprang von dem Mäuerchen hinunter, lief mitten in die Gänseschar hinein und umschlang den Gänserich mit seinen Armen. “Das wirst du schön bleiben lassen, von hier wegzufliegen, hörst du!” rief er.

Aber gerade in diesem Augenblick hatte der Gänserich herausgefunden, wie er es machen müsse, um vom Boden fortzukommen. In seinem Eifer nahm er sich nicht die Zeit, den Jungen abzuschütteln; dieser mußte mit in die Luft hinauf.

Es ging so schnell aufwärts, daß es dem Jungen schwindlig wurde. Ehe er sich klar machen konnte, daß er den Hals des Gänserichs loslassen müßte, war er schon so hoch droben, daß er sich totgefallen hätte, wenn er jetzt hinuntergestürzt wäre.

Das einzige, was er unternehmen konnte, um in eine etwas bequemere Lage zu kommen, war ein Versuch, auf den Rücken des Gänserichs zu klettern. Und er kletterte wirklich hinauf, wenn auch mit großer Mühe. Aber es war gar nicht leicht, sich auf dem glatten Rücken zwischen den beiden schwingenden Flügeln festzuhalten. Er mußte mit beiden Händen tief in die Federn und den Flaum hineingreifen, um nicht hintüber zu fallen.

1.3 Das gewürfelte Tuch

Dem Jungen war es so wirr im Kopfe, daß er lange nichts von sich wußte. Die Luft pfiff und sauste ihm entgegen, die Flügel neben ihm bewegten sich, und in den Federn brauste es wie ein ganzer Sturm. Dreizehn Gänse flogen um ihn her, alle schlugen mit den Flügeln und schnatterten. Es schwirrte ihm vor den Augen, und es sauste ihm in den Ohren; er wußte nicht, ob sie hoch oder niedrig flogen, noch wohin er mitgenommen wurde.

Schließlich kam er doch wieder so weit zu sich, um sich annähernd klar machen zu können, daß er doch erfahren müsse, wohin die Gänse mit ihm flogen. Aber dies war nicht so leicht, denn er wußte nicht, wo er den Mut hernehmen sollte, hinunterzusehen. Er war fest überzeugt, daß es ihm beim ersten Versuche ganz schwindlig werden würde. Seinetwegen flogen sie auch etwas langsamer als gewöhnlich.

Als der Junge schließlich aber doch hinuntersah, meinte er, unter sich ein großes Tuch ausgebreitet zu sehen, das in eine unglaubliche Menge großer und kleiner Vierecke eingeteilt war. “Wohin bin ich denn gekommen?” fragte er sich.

Er sah nichts weiter als Viereck an Viereck. Die einen waren überzwerch, die andern länglich, aber überall waren Ecken und gerade Ränder. Nichts war rund, nichts gebogen.

“Was ist denn das da unten für ein großes gewürfeltes Tuch?” sagte der Junge vor sich hin, ohne von irgend einer Seite eine Antwort zu erwarten.

Aber die Wildgänse um ihn her riefen sogleich: “Äcker und Wiesen! Äcker und Wiesen!”

Da begriff der Junge, daß das große gewürfelte Tuch, über das er hinflog, der flache Erdboden von Schonen war. Und er begann zu verstehen, warum es so gewürfelt und farbig aussah. Die hellgrünen Vierecke erkannte er zuerst, das waren die Roggenfelder, die im vorigen Herbst bestellt worden waren und sich unter dem Schnee grün erhalten hatten. Die gelbgrauen Vierecke waren die Stoppelfelder, wo im vorigen Sommer Frucht gewachsen war, die bräunlichen waren alte Kleeäcker und die schwarzen leere Weideplätze oder ungepflügtes Brachfeld. Die braunen Vierecke mit einem gelben Rand waren sicherlich die Buchenwälder, denn da sind die großen Bäume, die mitten im Walde wachsen, im Winter entlaubt, während die jungen Buchen am Waldessaum ihre vergilbten Blätter bis zum Frühjahr behalten. Es waren auch dunkle Vierecke da mit etwas Grauem in der Mitte. Das waren die großen viereckig gebauten Höfe mit den geschwärzten Strohdächern und den gepflasterten Hofplätzen. Und dann wieder waren Vierecke da, die in der Mitte grün waren und einen braunen Rand hatten. Das waren die Gärten, wo die Rasenplätze schon grünten, während das Buschwerk und die Bäume, die sie umgaben, noch in der nackten braunen Rinde dastanden.

Der Junge mußte unwillkürlich lachen, als er sah, wie gewürfelt alles aussah.

Aber als die Wildgänse ihn lachen hörten, riefen sie wie strafend: “Fruchtbares, gutes Land! Fruchtbares, gutes Land!”

Der Junge war schon wieder ernst geworden. “Daß du lachen kannst,” dachte er, “du, dem das Allerschrecklichste widerfahren ist, was einem Menschen begegnen kann.”

Er war eine Weile sehr ernst, aber bald mußte er wieder lachen.

Nachdem er sich an diese Art des Reisens gewöhnt hatte, so daß er wieder an etwas andres denken konnte als daran, wie er sich auf dem Gänserücken erhalten solle, bemerkte er, daß viele Vogelscharen durch die Lüfte dahinflogen, die alle dem Norden zustrebten. Und es war ein Schreien und Schnattern von Schar zu Schar.

“So— ihr seid heute auch herübergekommen!” schrieen einige.

“Jawohl,” antworteten die Gänse. “Was haltet ihr vom Frühling?”

“Noch nicht ein Blatt auf den Bäumen und kaltes Wasser in den Seen!” erklang die Antwort.

Als die Gänse über einen Ort hinflogen, wo zahmes Federvieh umherlief, riefen sie: “Wie heißt der Hof?”

Da reckte der Hahn den Kopf in die Höhe und antwortete: “Der Hof heißt Kleinfeld, heuer wie im vorigen Jahr, heuer wie im vorigen Jahr!”

Die meisten Häuser hießen wohl nach ihren Besitzern, wie es in Schonen Sitte ist, aber anstatt zu sagen: “Dieser Hof gehört Per Matsson und jener Ole Rasson,” gaben die Hähne ihnen den Namen, der ihnen selbst am passendsten erschien. Wenn sie auf einem armen Gütchen oder Kätnerhäuschen wohnten, riefen sie: “Dieser Hof heißt ‘Körnerlos’!” Und von den allerärmlichsten schrieen sie: “Dieser Hof heißt ‘Frißwenig! Frißwenig’!”

Die großen, reichen Bauernhöfe bekamen große Namen von den Hähnen, zum Beispiel: Glückshof, Eierberg oder Talerhaus!

Aber die Hähne auf den Herrenhöfen waren zu hochmütig, sich etwas Scherzhaftes auszudenken, sie krähten nur und riefen mit einer Kraft, als wollten sie bis in die Sonne gehört werden: “Dies ist Dybecks Herrenhof! Heuer wie im vorigen Jahr, heuer wie im vorigen Jahr!”

Und etwas weiterhin stand einer, der rief: “Dies ist Swaneholm, das sollte doch jedermann wissen!”

Der Junge merkte, daß die Gänse nicht in gerader Linie weiter flogen. Sie schwebten über der ganzen südlichen Ebene hin und her, als freuten sie sich, wieder in Schonen zu sein, und als wollten sie jeden einzelnen Hof begrüßen.

So kamen sie auch an einen Hof, wo mehrere große ausgedehnte Gebäude mit hohen Schornsteinen standen und rings umher eine Menge kleinerer Häuser.

“Dies ist die Zuckerfabrik von Jordberga!” riefen die Hähne. “Dies ist die Zuckerfabrik von Jordberga!”

Der Junge fuhr auf dem Rücken des Gänserichs zusammen. Diesen Ort hätte er kennen sollen. Er lag nicht weit vom Hause seiner Eltern entfernt, und im vorigen Jahre war er dort Gänsehirt gewesen. Aber alles sah eben ganz anders aus, wenn man es von oben aus betrachtete.

Ei ei! Ob wohl das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats, seine Kameraden vom vorigen Jahre, noch da waren? Und was würden sie wohl sagen, wenn sie wüßten, daß er hoch über ihren Köpfen dahinflog!

Dann verloren sie Jordberga aus dem Gesicht und flogen nach Svedala und Skabersee und wieder zurück über Börringekloster und Häckeberga. Der Junge bekam an diesem einen Tag mehr von Schonen zu sehen als in allen übrigen seines Lebens vorher.

Wenn die Wildgänse zahme Gänse trafen, waren sie am vergnügtesten. Dann flogen sie ganz langsam und riefen hinunter: “Jetzt gehts auf die hohen Berge! Kommt doch mit! Kommt doch mit!”

Aber die zahmen Gänse antworteten: “Der Winter ist noch im Land! Ihr seid zu zeitig dran! Kehrt wieder um! Kehrt wieder um!”

Die Wildgänse senkten sich nieder, damit die zahmen sie besser verstehen konnten, und riefen zurück: “Kommt mit, dann wollen wir euch Fliegen und Schwimmen lehren!” Aber da fühlten sich die zahmen Gänse beleidigt, und sie antworteten auch nicht mehr mit einem einzigen Schnattern.

Aber die Wildgänse senkten sich noch tiefer hinunter, so daß sie beinahe die Erde berührten, und dann hoben sie sich blitzschnell in die Höhe, als wenn sie über etwas furchtbar erschrocken wären. “Oj, oj, oj!” riefen sie. “Das sind ja gar keine Gänse, es sind nur Schafe, es sind nur Schafe!”

Die Gänse auf der Erde gerieten dadurch ganz außer sich und schrieen laut: “Wenn ihr nur totgeschossen würdet! Alle miteinander, alle miteinander!”

Als der Junge dies Gezänke hörte, lachte er. Aber dann erinnerte er sich daran, wie sehr er sich ins Unglück gebracht hatte, und da weinte er. Aber nach einer kleinen Weile lachte er doch wieder.

Noch nie war er so schnell vorwärts gekommen, und schnell und wild zu reiten, das war von jeher sein Vergnügen gewesen. Und er hätte natürlich nie gedacht, daß es da droben in der Luft so erfrischend sein könnte, und daßda ein so guter Erd- und Harzgeruch heraufdränge.

Und er hatte sich auch noch nie vorgestellt, wie das wäre, wenn man hoch in der Luft dahinflöge. Das war ja gerade, als flöge man weit weg von seinem Kummer und seinen Sorgen und von allen Widerwärtigkeiten, die man sich denken konnte.

Kapitel 2

Akka von Kebnekajse

2.1 Der Abend

Der große zahme Gänserich, der mit den Wildgänsen davongeflogen war, fühlte sich sehr stolz, daß er über die Südebene in Gesellschaft der Wildgänse hin und her fliegen und mit den zahmen Vögeln Kurzweil treiben konnte. Aber so glücklich er auch war, das schützte ihn doch nicht davor, daß er am Mittag allmählich müde wurde. Er versuchte tiefer zu atmen und schneller mit den Flügeln zu schlagen, aber trotzdem blieb er mehrere Gänselängen hinter den andern zurück.

Als die wilden Gänse, die ganz hinten flogen, bemerkten, daß die zahme nicht mehr mitkommen konnte, riefen sie der, die an der Spitze flog und den keilförmigen Zug führte, zu: “Akka von Kebnekajse! Akka von Kebnekajse!”

“Was wollt ihr von mir?” fragte die Anführerin.

“Der Weiße bleibt zurück! Der Weiße bleibt zurück!”

“Sagt ihm, schneller fliegen sei leichter als langsam!” rief die Anführerin zurück und streckte sich wie vorher.

Der Gänserich versuchte es zwar, den Rat zu befolgen und seinen Flug zu beschleunigen, aber dadurch wurde er so ermattet, daß er bis auf die beschnittenen Weidenbäume, die Äcker und Wiesen einfaßten, hinuntersank.

“Akka! Akka! Akka von Kebnekajse!” riefen nun wieder die hintersten Gänse, die sahen, wie schwer es dem Gänserich wurde.

“Was wollt ihr jetzt wieder?” fragte die Anführerin und schien sehr ärgerlich zu sein.

“Der Weiße fällt! Der Weiße fällt!”

“Sagt ihm, es sei leichter, hoch zu fliegen als niedrig,” rief die Anführerin.

Der Gänserich versuchte auch diesen Rat zu befolgen; aber als er in die Höhe hinaufsteigen wollte, kam er so außer Atem, daß es ihm beinahe die Brust zersprengte.

“Akka! Akka!” riefen die hintersten.

“Könnt ihr mich nicht in Ruhe fliegen lassen?” fragte die Anführerin und schien noch ungeduldiger als zuvor zu sein.

“Der Weiße ist am Hinunterfallen! Der Weiße ist am Hinunterfallen!”

“Wer nicht mit der Schar fliegen kann, der muß wieder umkehren; sagt ihm das!” rief die Führerin. Und es fiel ihr durchaus nicht ein, langsamer zu fliegen, sondern sie streckte sich wie zuvor.

“Aha, so steht es also?” sagte der Gänserich. Es wurde ihm plötzlich klar, daß die Wildgänse ganz und gar nicht daran dachten, ihn nach Lappland mitzunehmen. Sie hatten ihn nur zum Spaß mitgelockt.

Er fühlte sich nur darüber ärgerlich, daß ihn die Kräfte gerade jetzt verließen, da konnte er diesen Landstreichern nicht zeigen, daß eine zahme Gans auch etwas leisten konnte. Und als das ärgerlichste von allem erschien ihm dieses Zusammentreffen mit Akka von Kebnekajse. Obwohl er eine zahme Gans war, hatte er doch von einer Anführerin reden hören, die Akka heiße und beinahe hundert Jahre alt sei. Sie stand so hoch in Achtung, daß sich stets nur die besten Wildgänse an sie anschlossen. Aber niemand verachtete die zahmen Gänse mehr als Akka und ihre Schar, und deshalb hätte ihnen der Gänserich jetzt gar zu gerne gezeigt, daß er ihnen ebenbürtig sei.

Er flog langsam hinter den andern drein, während er überlegte, ob er umdrehen oder weiterfliegen solle. Da sagte plötzlich der Knirps, den er auf seinem Rücken trug: “Lieber Gänserich Martin! Du wirst doch einsehen, daßeiner, der noch nie geflogen ist, unmöglich mit den Wildgänsen bis nach Lappland hinauf fliegen kann. Wäre es da nicht besser, du drehtest um, ehe du dich zugrunde richtest?”

Aber dieser kleine Knirps da auf seinem Rücken war dem Gänserich noch das unangenehmste von allem, und kaum hatte er verstanden, daß der Kleine ihm die Kraft zu der Reise nicht zutraute, als er auch schon beschloß, dabei zu bleiben.

“Wenn du noch ein Wort darüber sagst, werfe ich dich in die erste Mergelgrube, über die wir hinfliegen,” sagte er. Und vor lauter Zorn wuchsen ihm die Kräfte derart, daß er fast ebensogut fliegen konnte wie die andern.

Lange hätte er freilich so nicht mehr fortmachen können; aber es war auch nicht nötig, denn jetzt sank die Schar schnell abwärts, und gerade bei Sonnenuntergang schossen die Gänse jäh hinunter. Ehe der Junge und der Gänserich es ahnten, waren sie am Strande von Vombsee.

“Hier soll wohl übernachtet werden,” dachte der Junge und sprang vom Rücken des Gänserichs hinunter.

Er stand auf einem schmalen, sandigen Ufer, und vor ihm lag ein ziemlich großer See. Aber der See machte einen häßlichen Eindruck. Er war fast ganz mit Eis bedeckt, das schwarz und uneben und voller Risse und Löcher war, wie das im Frühling zu sein pflegt. Lange konnte es mit dem Eise nicht mehr dauern, es war schon vom Ufer abgetrennt und hatte rundherum einen breiten Gürtel von schwarzem, glänzendem Wasser. Aber das Eis war doch noch da und verbreitete Kälte und winterliches Unbehagen.

Auf der andern Seite des Sees schien freundliches, angebautes Land zu sein; aber wo die Gänse sich niedergelassen hatten, lag eine große Tannenschonung. Und es sah aus, als ob der Tannenwald die Macht hätte, den Winter an sich zu fesseln. Überall sonst war die Erde frei von Schnee, aber unter den riesigen Tannen lag er noch dicht; er war geschmolzen und wieder gefroren, geschmolzen und wieder gefroren, so daß er jetzt hart wie Eis war.

Dem Jungen war es, als sei er in eine winterliche Einöde gekommen, und es wurde ihm so bänglich zumut, daß er am liebsten laut geweint hätte.

Er war sehr hungrig, denn er hatte den ganzen Tag nichts gegessen. Aber wo hätte er etwas zu essen hernehmen sollen? Im März wächst weder auf den Bäumen noch auf den Feldern etwas Eßbares.

Ja, wo sollte er etwas zu essen hernehmen? Und wer würde ihm Obdach gewähren? Wer ihm ein Bett richten? Wer ihn an seinem Feuer niedersitzen lassen und wer ihn vor den Wildgänsen beschützen?

Denn jetzt war die Sonne untergegangen, und nun wehte es kalt vom See herüber; die Dunkelheit senkte sich vom Himmel herab, das Unbehagen schlich sich hinter der Dämmerung her, und im Walde begann es zu knistern und zu prasseln.

Jetzt war es vorbei mit dem frohen Mut, der ihn beseelt hatte, solange er da oben durch die Lüfte dahinflog, und in seiner Angst sah er sich nach seinem Reisegefährten um. Er hatte ja sonst niemand, an den er sich hätte halten können.

Da sah er, daß der Gänserich noch schlimmer daran war als er. Der lag noch immer auf demselben Fleck, wo er niedergesunken war, und es sah aus, als liege er in den letzten Zügen. Sein Hals ruhte schlaff auf der Erde, seine Augen waren geschlossen, und der Atem war nur noch ein schwaches Zischen.

“Lieber Gänserich Martin,” sagte der Junge, “versuche einen Schluck Wasser zu trinken. Es sind keine zwei Schritte bis zum See.”

Aber der Gänserich rührte sich nicht.

Der Junge war freilich bisher gegen alle Tiere, den Gänserich nicht ausgenommen, recht hartherzig gewesen, aber jetzt erschien ihm dieser als die einzige Stütze, die er noch hatte, und er bekam große Angst, er könnte ihn verlieren.

Er fing gleich an, ihn zu stoßen und zu schieben, um ihn zum Wasser hinzubringen. Das war eine harte Arbeit für den Jungen, denn der Gänserich war groß und schwer; aber schließlich gelang es ihm doch.

Der Gänserich kam mit dem Kopfe zuerst ins Wasser hinein. Einen Augenblick blieb er still liegen, bald aber streckte er den Kopf heraus, schüttelte sich das Wasser aus den Augen und schnaubte. Dann schwamm er stolz zwischen das Röhricht hinein.

Die Wildgänse lagen vor ihm im See. Sobald sie auf die Erde heruntergekommen waren, hatten sie sich ins Wasser gestürzt, ohne sich nach dem Gänserich oder nach dem Gänsereiter umzusehen. Sie hatten sich eifrig gebadet und geputzt, und jetzt schlürften sie halbverfaulte Teichlinsen und Wassergräser in sich hinein. Der weiße Gänserich hatte das Glück, einen kleinen Barsch zu entdecken, rasch ergriff er ihn, schwamm damit zum Strande hin und legte ihn vor dem Jungen nieder. “Das bekommst du zum Dank dafür, daß du mir ins Wasser hinuntergeholfen hast,” sagte er.

Dies war das erste freundliche Wort, das der Junge an diesem Tage zu hören bekam. Er wurde so froh darüber, daß er den Gänserich am liebsten umarmt hätte, aber er wagte es doch nicht. Und auch über die Gabe freute er sich. Zuerst meinte er zwar, es sei ihm ganz unmöglich, den Fisch roh zu essen, dann aber bekam er doch Lust, wenigstens den Versuch zu machen.

Er fühlte nach, ob er sein Messer bei sich hätte, und wirklich hing es noch an seinem Hosenknopf, wenn auch so verkleinert, daß es nicht größer war als ein Zündholz. Aber den Fisch konnte er damit immerhin abschuppen und reinigen; und es dauerte gar nicht lange, da war der Barsch aufgegessen.

Als der Junge gesättigt war, schämte er sich eigentlich, daß er etwas Rohes hatte essen können. “Ich bin offenbar gar kein Mensch mehr, sondern ein richtiges Wichtelmännchen,” dachte er.

Während der Junge den Fisch verzehrte, war der Gänserich ganz ruhig neben ihm stehen geblieben; aber als jener den letzten Bissen verschluckt hatte, sagte er mit leiser Stimme: “Wir sind unter ein recht eingebildetes Wildgänsevolk geraten, das alle zahmen Gänse verachtet.”

“Ja, ich hab es wohl bemerkt,” erwiderte der Junge.

“Es wäre freilich sehr ehrenvoll für mich, wenn ich bis nach Lappland mit ihnen reisen und ihnen zeigen könnte, daß auch eine zahme Gans etwas leisten kann.”

“O jaaa,” erwiderte der Junge gedehnt, denn er traute dies dem Gänserich nicht zu, wollte ihm aber nicht widersprechen.

“Ich glaube aber nicht, daß ich mich auf so einer Reise allein zurechtfinden kann,” fuhr der Gänserich fort, “deshalb möchte ich dich fragen, ob du nicht mitkommen und mir helfen möchtest?”

Der Junge hatte natürlich nichts andres gedacht, als so schnell wie möglich nach Hause zurückzukehren. Er war daher über die Maßen erstaunt und wußte nicht, was er sagen sollte. “Ich glaubte, wir beide seien nicht gut Freund miteinander,” sagte er. Aber das schien der Gänserich ganz und gar vergessen zu haben; er erinnerte sich nur noch daran, daß der Junge ihm vorhin das Leben gerettet hatte.

“Ich müßte eigentlich zu Vater und Mutter zurückkehren,” sagte der Junge.

“O, ich werde dich schon zu rechter Zeit zu ihnen zurückbringen!” rief der Gänserich. “Und ich werde dich nicht verlassen, bis ich dich wieder vor deiner eignen Schwelle niedergesetzt habe.”

Der Junge dachte, es wäre vielleicht ganz gut, wenn er seinen Eltern noch eine Weile nicht unter die Augen käme. Er war daher dem Vorschlag nicht abgeneigt und wollte gerade zustimmen, als er ein lautes Donnern hinter sich hörte. Die Wildgänse waren alle auf einmal aus dem See herausgesprungen und schüttelten jetzt das Wasser von sich ab. Dann ordneten sie sich, die Anführerin an der Spitze, in eine lange Reihe und kamen auf die beiden zu.

Als der weiße Gänserich jetzt die Wildgänse betrachtete, war ihm gar nicht behaglich zumut. Er hatte erwartet, sie mehr den zahmen Gänsen ähnlich zu sehen und sich ihnen mehr verwandt zu fühlen. Aber sie waren viel kleiner als er, und keine von ihnen war weiß, sondern alle waren grau, an einzelnen Stellen ins Braune spielend. Und vor ihren Augen hätte er sich beinahe gefürchtet, sie waren gelb und glänzten, als ob Feuer dahinter brennte. Dem Gänserich war immer eingeprägt worden, es sei schicklich, langsam und breitspurig zu gehen, aber diese hier schienen gar nicht gehen zu können, ihr Gang war ein halbes Springen. Am meisten aber erschrak er, als er ihre Füße sah, denn die waren sehr groß und die Sohlen zertreten und zerrissen. Man sah wohl, daß die Wildgänse nie darauf acht gaben, wohin sie traten, und nie einen Umweg machten. Sonst waren sie sehr zierlich und ordentlich, aber an ihren Füßen konnte man sie als arme Landstreicher erkennen.

Der Gänserich konnte dem Jungen gerade noch zuflüstern: “Rede nur keck von der Leber weg, aber sage nichts davon, daß du ein Mensch bist,” da waren auch die Gänse schon bei ihnen angelangt.

Sie blieben vor den beiden stehen und nickten viele Male mit dem Halse, und der Gänserich tat dasselbe, nur noch viel öfter. Sobald es des Grüßens genug war, sagte die Anführerin: “Jetzt sollten wir wohl erfahren, was ihr für Leute seid?”

“Von mir ist nicht viel zu sagen,” begann der Gänserich. “Ich bin im vorigen Jahre in Skanör geboren. Im Herbst wurde ich an Holger Nilsson von Westvemmenhög verkauft, und dort bin ich bis jetzt gewesen.”

“Du scheinst keine Familie zu haben, auf die du stolz sein könntest,” sagte die Anführerin. “Woher kommt es dann, daß du so keck bist, dich mit den Wildgänsen einzulassen?”

“Vielleicht, um euch wilden Gänsen zu zeigen, daß auch wir zahmen etwas leisten können,” antwortete der Gänserich.

“Ja, das wäre gut, wenn du uns das zeigen könntest,” sagte die Anführerin. “Wir haben nun schon gesehen, wie du fliegen kannst, aber möglicherweise bist du in andrer Hinsicht tüchtiger. Bist du stark im Dauerschwimmen?”

“O nein, dessen kann ich mich nicht rühmen,” antwortete der Gänserich; er glaubte zu merken, daß die Anführerin schon entschlossen war, ihn nach Hause zurückzuschicken, und es war ihm deshalb gleichgültig, was er antwortete. “Ich bin noch nie weiter geschwommen, als quer über eine Mergelgrube,” fuhr er fort.

“Dann erwarte ich, daß du ein Meister im Springen bist.”

“Noch niemals habe ich eine zahme Gans springen sehen,” antwortete der Gänserich und machte damit seine Sache noch schlimmer.

Der große weiße Gänserich war nun ganz sicher, daß die Anführerin ihn unter keiner Bedingung mitnehmen werde. Er war deshalb höchst erstaunt, als sie sagte: “Du beantwortest die an dich gestellten Fragen ja recht mutig, und wer Mut hat, kann ein guter Reisegefährte sein, wenn er auch im Anfang ungewandt ist. Hättest du nicht Lust, ein paar Tage bei uns zu bleiben, damit wir sehen können, was du leisten kannst?”

“Das ist mir sehr angenehm,” erwiderte der Gänserich äußerst vergnügt.

Hierauf streckte die Anführerin den Schnabel aus und sagte: “Aber wen hast du denn da bei dir? So einen habe ich noch nie gesehen.”

“Es ist mein Gefährte,” sagte der Gänserich. “Er ist sein Lebetag Gänsehirt gewesen und kann uns möglicherweise auf der Reise nützlich sein.”

“Ja, für eine zahme Gans mag das ganz gut sein,” antwortete die wilde. “Wie heißt er?”

“Er hat verschiedene Namen,” sagte der Gänserich zögernd. Er wußte nicht, wie er sich aus der Klemme ziehen sollte, denn er wollte nicht verraten, daß der Junge einen menschlichen Namen hatte. “Ach, er heißt Däumling,” sagte er plötzlich.

“Ist er aus dem Geschlecht der Wichtelmännchen?” fragte die Anführerin.

“Um welche Tageszeit geht ihr Wildgänse schlafen?” fragte der Gänserich hastig und versuchte so um die Antwort auf die letzte Frage herumzukommen. “Um diese Zeit fallen mir immer die Augen von selbst zu.”

Man sah wohl, daß die Gans, die mit dem Gänserich sprach, sehr alt sein mußte. Ihr ganzes Federkleid war eisgrau, ohne dunkle Streifen. Ihr Kopf war größer, ihre Beine gröber und ihre Füße mehr zertreten als die der andern. Die Federn waren steif, die Schultern knochig, der Hals mager. Alles dies kam vom Alter. Nur ihren Augen hatte dieses noch nichts anzuhaben vermocht, sie glänzten heller und sahen jünger aus als die Augen aller andern.

Jetzt wendete sie sich sehr feierlich an den Gänserich. “So wisse denn, Gänserich, daß ich Akka von Kebnekajse bin, und die Gans, die zu meiner Rechten fliegt, ist Yksi von Vassijaure, und die zu meiner Linken ist Kaksi von Nuolja. Wisse auch, daß die zweite rechts Kolme von Sarjektjåkko und die zweite links Neljä von Svappavaara ist, und daß hinter ihnen Viisi von Oviksfjällen und Kuusi von Sjangeli sind. Und wisse auch, daß die sechs jungen Gänse, die ganz zuletzt kommen, drei rechts, drei links, ebenfalls Hochlandwildgänse aus den besten Familien sind. Du darfst uns nicht für Landstreicher halten, die mit jedem, der ihnen in den Weg kommt, Kameradschaft schließen, und du darfst nicht glauben, daß wir mit jemand unsre Schlafstelle teilen, der nicht sagen will, aus welchem Geschlecht er stammt.”

Als die Anführerin Akka auf diese Weise sprach, trat der Junge hastig vor. Es hatte ihn betrübt, daß der Gänserich, der so keck für sich selbst gesprochen hatte, so ausweichende Antworten gab, als es sich um ihn handelte.

“Ich will nicht geheim halten, wer ich bin,” sagte er. “Ich heiße Nils Holgersson, bin der Sohn eines Häuslers, und bis zum heutigen Tage bin ich ein Mensch gewesen, aber heute morgen—”

Weiter kam der Junge nicht, denn niemand hörte mehr auf ihn. Kaum hatte er gesagt, daß er ein Mensch sei, als die Anführerin drei Schritte und die andern noch weiter zurückwichen. Und sie reckten alle die Hälse und zischten ihn zornig an.

“Du bist mir doch gleich verdächtig vorgekommen, als ich dich hier auf dem Strand sah, und jetzt mußt du dich schleunigst entfernen, wir dulden keine Menschen unter uns,” sagte Akka von Kebnekajse.

“Es ist doch wohl nicht möglich,” versuchte der Gänserich zu vermitteln, “daß ihr Wildgänse euch vor einem so kleinen Wesen fürchtet. Morgen soll er gewiß nach Hause zurückkehren, aber über Nacht werdet ihr ihn doch unter euch dulden müssen. Keiner von uns könnte es verantworten, einen solchen kleinen Kerl sich in der Nacht allein gegen Wiesel und Fuchs verteidigen zu lassen.”

Die Wildgans kam wieder näher heran, aber man sah deutlich, wie schwer es ihr wurde, ihre Furcht zu bezwingen. “Ich bin gelehrt worden, mich vor allem, was Mensch heißt, zu fürchten, einerlei ob klein oder groß,” sagte sie. “Aber wenn du, Gänserich, dafür einstehen willst, daß uns dieser hier nichts Böses tut, dann mag er über Nacht dableiben. Ich fürchte jedoch, unser Nachtquartier wird weder dir noch ihm passen, denn wir begeben uns auf das schwimmende Eis hinaus und schlafen dort.”

Sie dachte wohl, der Gänserich werde bei dieser Ankündigung unschlüssig werden. Er ließ sich aber nichts merken. “Ihr seid sehr klug und versteht es, einen sichern Schlafplatz auszuwählen,” sagte er.

“Aber du stehst mir dafür ein, daß er morgen nach Hause zurückkehrt.”

“Dann muß auch ich mich von euch trennen,” sagte der Gänserich, “denn ich habe ihm versprochen, ihn nicht zu verlassen.”

“Es steht dir frei, zu fliegen, wohin du willst,” entgegnete die Anführerin.

Damit hob sie die Flügel und flog auf das Eis hinaus, wohin ihr eine Wildgans nach der andern folgte.

Der Junge war betrübt darüber, daß aus seiner Reise nach Lappland nichts werden sollte, und überdies fürchtete er sich vor dem kalten Nachtquartier. “Es wird immer schlimmer, Gänserich,” sagte er. “Und das erste wird sein, daß wir da draußen auf dem Eise erfrieren.”

Aber der Gänserich war guten Mutes. “Das hat keine Gefahr,” sagte er. “Sammle jetzt nur in aller Eile so viel Stroh und Gras zusammen, als du zu tragen vermagst.”

Als der Junge beide Arme voller dürren Grases hatte, faßte der Gänserich ihn mit seinem Schnabel am Hemdkragen, hob ihn auf und flog aufs Eis hinüber, wo die Wildgänse, den Schnabel unter einen Flügel gesteckt, schon standen und schliefen.

“Breite jetzt das Gras auf dem Eis aus, damit ich etwas habe, worauf ich stehen kann, um nicht anzufrieren. Hilf du mir, dann helfe ich dir auch,” sagte der Gänserich.

Der Junge tat, wie ihm geheißen war, und sobald er fertig war, ergriff ihn der Gänserich noch einmal am Hemdkragen und steckte ihn unter seinen Flügel. “Hier liegst du warm und gut,” sagte er und drückte den Flügel an, damit der Kleine nicht herunterfallen sollte.

Er war so in Flaum eingebettet, daß er nicht antworten konnte; aber warm und schön lag er, und müde war er, und im nächsten Augenblick schlief er.

2.2 Die Nacht

Es ist eine bekannte Tatsache, daß das Eis trügerisch ist, und daß man sich nicht darauf verlassen kann. Mitten in der Nacht veränderte die vom Lande losgelöste Eisdecke auf dem Vombsee ihre Lage, so daß sie an einer Stelle den Strand berührte. Und da geschah es, daß Smirre, der Fuchs, der damals auf der östlichen Seite des Sees im Park von Övedskloster wohnte, auf seiner nächtlichen Jagd dies sah. Smirre hatte die Wildgänse allerdings schon am Abend gesehen, jedoch nicht erwartet, einer von ihnen beikommen zu können. Jetzt lief er schnell aufs Eis hinaus; als er aber den Wildgänsen schon ganz nahe war, glitt er plötzlich aus, und seine Krallen kratzten auf dem Eise. Davon erwachten die Gänse, und sie schlugen mit den Flügeln, um sich in die Luft zu erheben. Aber Smirre war ihnen zu hurtig. Er machte einen Satz, gerade als schleudere ihn jemand vorwärts, ergriff eine Gans am Flügel und stürzte wieder dem Lande zu.

Aber in dieser Nacht waren die Wildgänse nicht allein auf dem Eise draußen; sie hatten einen Menschen bei sich, wenn auch einen noch so kleinen. Als der Gänserich mit den Flügeln schlug, erwachte der Junge, er fiel aufs Eis hinunter und saß da ganz schlaftrunken; zuerst konnte er sich die Aufregung unter den Gänsen gar nicht erklären, bis er plötzlich einen kleinen, kurzbeinigen Hund mit einer Gans im Maule davonlaufen sah.

Da sprang er rasch auf, dem Hunde die Gans abzujagen. Er hörte noch, daß der Gänserich ihm nachrief: “Däumling, nimm dich in acht! Nimm dich in acht!”

“Aber vor einem so kleinen Hunde brauche ich mich doch wohl nicht zu fürchten,” dachte der Junge und stürmte davon.

Die Wildgans, die der Fuchs Smirre mit sich wegschleifte, hörte das Geklapper von des Jungen Holzschuhen auf dem Eise, und sie traute ihren Ohren kaum. “Meint der kleine Knirps, er könne mich dem Fuchse abjagen?” dachte sie. Und so elendiglich sie auch daran war, so begann sie doch ganz unten im Halse belustigt zu schnattern, beinahe als lache sie.

“Das erste, was ihm passiert, wird sein, daß er in eine Eisritze purzelt,” dachte sie.

Aber so finster die Nacht auch war, der Junge sah alle Risse und Löcher im Eise und machte große Sätze darüber hinweg. Das kam daher, daß er jetzt die guten Nachtaugen der Wichtelmännchen hatte und in der Dunkelheit sehen konnte. Nichts war farbig, sondern alles grau oder schwarz, aber er sah den See und das Ufer ebenso deutlich wie bei Tage.

Da wo das Eis ans Land stieß, sprang Smirre hinüber, und während er sich den Uferabhang hinaufarbeitete, rief der Junge ihm zu: “Laß die Gans los, du Lümmel!”

Smirre wußte nicht, wer das gerufen hatte; er nahm sich auch nicht die Zeit, sich umzusehen, sondern lief noch schneller davon. Jetzt rannte er in einen großen prächtigen Buchenwald hinein, und der Junge lief hinter ihm her, ohne an irgend eine Gefahr zu denken. Dagegen mußte er immerfort daran denken, mit welcher Mißachtung er am vorhergehenden Abend von den Gänsen behandelt worden war, und deshalb hätte er ihnen jetzt gar zu gerne bewiesen, daß ein Mensch, wenn er auch noch so klein ist, allen andern Geschöpfen überlegen sei.

Einmal ums andre befahl er dem Hunde da vor sich, seine Beute loszulassen. “Was bist du für ein Hund, der sich nicht schämt, eine ganze Gans zu stehlen?” rief er. “Lege sie sogleich nieder, sonst wirst du sehen, was für Prügel du bekommst! Laß los, sag ich, sonst werde ich deinem Herrn sagen, wie du dich benimmst!”

Als Smirre merkte, daß er für einen Hund gehalten wurde, der sich vor Prügel fürchtete, kam ihm das so komisch vor, daß er die Gans beinahe hätte fallen lassen. Smirre war ein großer Räuber, der sich nicht mit der Jagd auf Ratten und Feldmäuse begnügte, sondern sich auch in die Höfe wagte und Hühner und Gänse stahl. Er wußte, wie sehr er in der ganzen Umgegend gefürchtet war. Und jetzt diese Drohung. So etwas Verrücktes hatte er seit seiner Kindheit nicht mehr gehört!

Aber der Junge lief aus Leibeskräften; es war ihm, als glitten die dicken Buchenstämme an ihm vorüber, und der Abstand zwischen ihm und Smirre verminderte sich immer mehr. Endlich war er Smirre so nahe, daß er ihn am Schwanze fassen konnte. “Jetzt entreiße ich dir die Gans doch!” rief er und hielt Smirre am Schwanze so fest, als er nur konnte. Aber er war nicht stark genug, Smirre aufzuhalten. Der Fuchs riß ihn so heftig mit sich fort, daß die dürren Buchenblätter umherstoben.

Doch jetzt glaubte Smirre zu entdecken, wie ungefährlich sein Verfolger sei. Er hielt an, legte die Gans auf die Erde, stellte sich mit den Vorderpfoten darauf, damit sie nicht wegfliegen könne, und war auf dem Punkte, ihr den Hals abzubeißen; aber dann konnte er es doch nicht lassen, den kleinen Wicht vorher noch ein wenig zu reizen. “Ja, mach nur, daß du mich bei dem Herrn verklagst, denn jetzt beiße ich die Gans tot,” sagte er.

Wer sich aber sehr verwunderte, als er die spitzige Nase desjenigen sah, den er verfolgt hatte, und zugleich hörte, welche heisere, boshafte Stimme er hatte, das war der Junge. Er war so wütend über den Räuber, der sich über ihn lustig machte, daß gar keine Spur von Furcht in ihm aufstieg. Er packte den Schwanz nur noch fester, stemmte sich gegen eine Buchenwurzel, und gerade, als der Fuchs die offne Schnauze am Halse der Gans hatte, zog er aus Leibeskräften an. Smirre war so überrascht, daß er sich ein paar Schritte rückwärts ziehen ließ, und dadurch wurde die Wildgans frei. Sie flatterte schwerfällig empor, denn ihre Flügel waren verletzt, und sie konnte sie kaum gebrauchen; überdies sah sie in der Dunkelheit des Waldes gar nichts, sondern war so hilflos wie ein Blinder. Sie konnte deshalb dem Jungen keinerlei Beistand leisten, sondern versuchte nur, durch eine Öffnung in dem grünen Blätterdache hinauszugelangen, um den See wieder zu erreichen.

Da warf Smirre sich auf den Jungen. “Kann ich den einen nicht bekommen, so will ich wenigstens den andern haben,” fauchte er, und man hörte seiner Stimme an, wie aufgebracht er war.

“O denke doch ja nicht, daß dir das gelingen werde,” sagte der Junge. Er war ganz aufgeräumt, weil es ihm gelungen war, die Gans zu retten. Auch hielt er sich noch immer an dem Fuchsschwanze fest und schwang sich an ihm, als ihn der Fuchs zu fangen versuchte, auf die andre Seite hinüber.

Das war ein Tanz im Walde, daß die Buchenblätter nur so umherstoben! Smirre drehte sich rund, rund herum, aber der Schwanz schwang sich auch rund, rund herum, der Junge hielt sich daran fest, und der Fuchs konnte ihn nicht fassen.

Der Junge war so vergnügt über seinen Erfolg, daß er im Anfang nur lachte und den Fuchs verspottete; aber Meister Reineke war beharrlich, wie alte Jäger zu sein pflegen, und allmählich wurde es dem Jungen doch angst, er könnte schließlich noch gefaßt werden.

Da erblickte er eine kleine junge Buche, die schlank wie ein Pfahl aufgewachsen war, nur um recht bald ins Freie zu gelangen, hoch da droben über dem grünen Laubdach, das die alten Buchen über dem jungen Bäumchen ausbreiteten. In aller Eile ließ der Junge den Fuchsschwanz los und kletterte auf die Buche hinauf. Smirre aber war so im Eifer, daß er sich noch eine ganze Weile nach seinem Schwanze im Kreise drehte. “Du brauchst nicht weiter zu tanzen,” sagte der Junge plötzlich.

Der Fuchs war wütend; diese Schmach, einen so kleinen Knirps nicht in seine Macht zu bekommen, war ihm unerträglich, er legte sich deshalb unter der Buche nieder, um den Jungen zu bewachen.

Der Junge hatte es nicht übermäßig gut da oben; er saß rittlings auf einem schwachen Zweige, und die junge Buche reichte nicht hinauf bis zu dem Blätterdache, so daß er auf keinen andern Baum hinübergelangen konnte; aber er mochte sich auch nicht wieder hinunter auf den Boden wagen. Er fror gewaltig und war nahe daran, ganz steif zu werden und seinen Zweig loszulassen; auch war er entsetzlich schläfrig, hütete sich aber wohl, sich vom Schlaf übermannen zu lassen, aus Angst, dann auf den Boden hinunterzufallen.

O, es war fürchterlich, mitten in der Nacht so im Walde draußen zu sitzen! Er hatte bis jetzt keine Ahnung gehabt, was das bedeutete, wenn es Nacht ist. Es war, als sei alles versteinert und könne nie wieder zum Leben erwachen.

Dann begann der Tag zu grauen, und der Junge war froh, als alles sein altes Aussehen wieder annahm, obgleich die Kälte jetzt gegen Morgen noch durchdringender wurde als in der Nacht.

Als endlich die Sonne aufging, war sie nicht gelb, sondern rot. Dem Jungen kam es vor, als sehe sie böse aus, und er fragte sich, warum sie wohl böse sei. Vielleicht weil die Nacht, während die Sonne weggewesen war, eine solche Kälte auf der Erde verbreitet hatte.

Die Sonnenstrahlen sprühten in großen Feuergarben am Himmel auf, um zu sehen, was die Nacht auf der Erde getan hatte, und es sah aus, als ob alles ringsum errötete, wie wenn es ein schlechtes Gewissen hätte. Die Wolken am Himmel, die seidenglatten Buchenstämme, die kleinen, ineinander verflochtenen Zweige des Laubdaches, der Rauhreif, der die Buchenblätter auf dem Boden bedeckte, alles glühte und wurde rot.

Aber immer mehr Sonnenstrahlen schossen am Himmel auf, und bald war alles Grauen der Nacht verschwunden. Die Lähmung war wie weggeblasen, und gar vieles Lebendige trat zutage. Der Schwarzspecht mit dem roten Hals begann mit dem Schnabel an einem Baumstamme zu hämmern. Das Eichhörnchen huschte mit einer Nuß aus seinem Bau heraus, setzte sich auf einen Zweig und begann sie aufzuknabbern. Der Star kam mit einer Wurzelfaser dahergeflogen, und der Buchfink sang in dem Baumwipfel.

Da verstand der Junge, daß die Sonne zu allen diesen kleinen Wesen gesagt hatte: “Erwacht und kommt heraus aus eurer Behausung, jetzt bin ich hier! Jetzt braucht ihr euch vor nichts mehr zu fürchten.”

Vom See her drang der Ruf der Wildgänse, die sich zur Weiterreise rüsteten, zu dem Jungen herüber; und bald darauf flogen alle vierzehn Gänse über den Wald hin. Der Junge versuchte ihnen zuzurufen; aber sie flogen so hoch droben, daß seine Stimme sie nicht erreichen konnte. Sie glaubten wohl, der Fuchs habe ihn schon lange aufgefressen. Ach, sie gaben sich auch nicht einmal die Mühe, sich nach ihm umzusehen!

Der Junge war vor lauter Angst dem Weinen nahe; aber die Sonne stand jetzt goldgelb und vergnügt am Himmel und flößte der ganzen Welt Mut ein. “Du brauchst dich nicht zu fürchten oder vor etwas Angst zu haben, Nils Holgersson, solange ich da bin,” sagte sie.

2.3 Das Spiel der Gänse

Montag, 21. März

Alles im Walde blieb so lange unverändert, als eine Gans ungefähr braucht, um ihr Frühstück zu genießen; aber gerade um die Zeit, wo der Morgen in den Vormittag übergehen wollte, flog eine einzelne Wildgans unter das dichte Laubdach herein. Zögernd suchte sie ihren Weg zwischen Stämmen und Zweigen und flog ganz langsam. Sobald der Fuchs sie sah, verließ er seinen Platz unter der jungen Buche und schlich zu ihr hin. Die Wildgans wich dem Fuchs nicht aus, sondern flog ganz nahe heran. Smirre machte einen hohen Satz nach ihr, verfehlte sie aber, und die Gans flog in der Richtung zum See weiter.

Es dauerte nicht lange, so kam auch schon eine zweite Wildgans dahergeflogen. Sie nahm denselben Weg wie die vorige und flog noch langsamer und noch näher am Boden. Auch sie strich dicht an Smirre vorüber, und er machte einen so hohen Satz nach ihr, daß seine Ohren ihre Füße berührten; aber auch sie entkam unbeschädigt und setzte still wie ein Schatten ihren Weg nach dem See fort.

Eine kleine Weile verging, da tauchte wieder eine Gans auf, die noch langsamer, noch näher am Boden flog. Smirre machte einen gewaltigen Satz, und es fehlte nur ein Haarbreit, so hätte er sie gefaßt; aber auch diese Gans entkam ihm.

Kaum war sie verschwunden, so erschien auch schon die vierte Wildgans. Obgleich diese so langsam flog, daß es Smirre vorkam, als könne er sie ohne besondre Schwierigkeit fassen, fürchtete er sich jetzt vor einem neuen Mißerfolg und beschloß, sie unangetastet vorbeifliegen zu lassen. Aber sie nahm denselben Weg wie die andern, und gerade, als sie über Smirre hinflog, ließ sie sich so tief heruntersinken, daß er sich doch verleiten ließ, nach ihr zu springen. Er sprang so hoch, daß er sie mit der Tatze berührte; aber sie warf sich rasch zur Seite und rettete ihr Leben.

Ehe Smirre ausgekeucht hatte, erschienen drei Gänse in einer Reihe. Sie flogen ganz in derselben Weise wie die vorhergehenden, und Smirre machte hohe Sätze, sie zu erreichen; aber es gelang ihm nicht, eine von ihnen zu fangen.

Jetzt tauchten fünf Gänse auf; aber diese flogen besser als die vorhergehenden, und obgleich auch sie Smirre zum Springen verleiten zu wollen schienen, widerstand er doch der Versuchung.

Nach einer ziemlich langen Pause tauchte wieder eine einzelne Gans auf. Das war die dreizehnte. Die war so alt, daß sie ganz grau war und nicht einen einzigen dunklen Streifen auf dem Körper hatte. Sie schien den einen Flügel nicht recht gebrauchen zu können und flog erbärmlich schlecht und schief, so daß sie fast am Boden streifte. Smirre machte nicht nur einen hohen Satz nach ihr, sondern verfolgte sie auch noch springend und hüpfend nach dem See zu; aber auch diesmal wurde seine Mühe nicht belohnt.

Als die vierzehnte Gans erschien, war es ein sehr schöner Anblick, denn sie war ganz weiß, und als sie ihre großen Flügel bewegte, schien ein helles Licht in dem dunklen Wald aufzuleuchten. Als Smirre ihrer ansichtig wurde, bot er seine ganze Kraft auf und sprang halbwegs bis zum Blätterdach empor; aber die weiße Gans flog, wie alle die andern vorher, unbeschädigt an ihm vorüber.

Nun wurde es eine Weile ganz still unter den Buchen; es sah aus, als sei der ganze Schwarm Wildgänse weitergeflogen.

Da fiel Smirre plötzlich sein Gefangner, der kleine Knirps, wieder ein; er hatte keine Zeit gehabt, an ihn zu denken, seit er die erste Gans gesehen hatte. Aber natürlich war der längst auf und davon.

Doch Smirre blieb auch jetzt nicht viel Zeit, an den kleinen Kerl zu denken, denn eben kam die erste Gans wieder vom See her und flog langsam unter dem Blätterdach hin. Trotz seines Mißerfolges freute sich Smirre über ihre Rückkehr, und mit einem großen Satz stürzte er auf sie zu. Aber er war zu eilig gewesen, er hatte sich nicht die nötige Zeit zum Berechnen seines Sprunges genommen und sprang nun an ihr vorbei.

Nach dieser Gans kam wieder eine, und dann noch eine, und dann eine dritte, vierte, fünfte, bis die Reihe mit der alten eisgrauen und der großen weißen abschloß. Alle flogen langsam und nahe am Boden; und als sie über Smirre schwebten, senkten sie sich noch tiefer herab, als ob sie ihn einladen wollten, sie zu fangen. Und Smirre verfolgte sie, er machte mehrere Meter hohe Sätze, und doch konnte er keine erwischen.

Das war der schrecklichste Tag, den der Fuchs Smirre je erlebt hatte. Die Wildgänse flogen unaufhörlich über seinem Kopf weg, hin und her, hin und her. Große, herrliche Gänse, die sich auf den deutschen Äckern und Heiden fett gefressen hatten, strichen den ganzen Tag durch den Wald so nahe an ihm vorüber, daß er sie wiederholt berührte, und doch konnte er seinen Hunger nicht mit einer einzigen stillen.

Der Winter war kaum vorüber, und Smirre erinnerte sich an die Tage und Nächte, wo er meistens müßig umhergestreift war, weil er auch nicht ein einziges Wildbret erjagen konnte, denn die Zugvögel waren fortgezogen, die Ratten verbargen sich unter der gefrorenen Erde und die Hühner waren eingesperrt. Aber der Hunger des ganzen Winters war nicht so schwer zu ertragen gewesen, als der Mißerfolg dieses einen Tages.

Smirre war kein junger Fuchs mehr; oft waren ihm die Hunde an den Fersen gewesen, und die Kugeln hatten ihm um die Ohren gepfiffen. Er hatte tief drinnen in seinem Bau gelegen, während die Dachshunde in dessen Gängen waren und ihn beinahe gefunden hätten. Aber alle Angst, die Smirre während einer solchen aufregenden Jagd durchgemacht hatte, war nicht zu vergleichen mit dem Gefühl, das ihn ergriff, so oft er einen mißglückten Sprung nach den Wildgänsen machte.

Am Morgen, als das Spiel begann, war Smirre so schmuck gewesen, daßdie Gänse bei seinem Anblick gestutzt hatten; Smirre liebte die Pracht, und sein Pelz war glänzend rot, seine Brust weiß, die Tatzen schwarz und der Schwanz üppig wie eine Feder. Aber das schönste an ihm war doch die Spannkraft seiner Bewegungen und der Glanz seiner Augen. Als es jedoch an diesem Tage Abend wurde, hing Smirres Pelz in Zotteln herunter, er war in Schweiß gebadet, seine Augen waren matt, die Zunge hing ihm lang aus dem keuchenden Maule heraus, und um die Lippen stand ihm der Schaum.

Den ganzen Nachmittag war Smirre so müde, daß er wie verwirrt war. Er sah nichts andres mehr vor sich als fliegende Gänse. Er sprang nach Sonnenflecken, die auf dem Boden glänzten, und nach einem armen Schmetterling, der zu früh aus seiner Puppe geschlüpft war.

Die Wildgänse flogen und flogen unermüdlich hin und wieder; den ganzen Tag hörten sie nicht auf, Smirre zu quälen, sie fühlten kein Mitleid, als sie Smirre verwirrt, aufgeregt, wahnsinnig sahen. Unerbittlich fuhren sie fort, obgleich sie wußten, daß er sie kaum noch sah und nach ihrem Schatten sprang.

Erst als Smirre ganz ermattet und kraftlos, beinah auf dem Punkt, den Geist aufzugeben, auf einen Haufen dürren Laubes niedersank, hörten sie auf, ihn zum besten zu haben.

“Jetzt weißt du, Fuchs, wie es dem geht, der sich mit Akka von Kebnekajse einläßt!” riefen sie ihm in die Ohren; und damit ließen sie ihn endlich in Ruhe.

Kapitel 3

Das Leben der Wildvögel

3.1 Im Bauernhof

Donnerstag, 24. März

Gerade in jenen Tagen trug sich in Schonen ein Ereignis zu, das nicht allein sehr viel von sich reden machte, sondern auch in die Zeitungen kam, das aber viele für eine Erfindung hielten, weil sie es sich durchaus nicht erklären konnten.

Im Park von Övedskloster war nämlich ein Eichhornweibchen gefangen und auf einen nahegelegenen Bauernhof gebracht worden. Alle Bewohner des Bauernhofs, alte und junge, freuten sich sehr über das kleine hübsche Tier mit dem großen Schwanz, den klugen neugierigen Augen und den kleinen netten Füßchen. Sie wollten sich den ganzen Sommer an seinen flinken Bewegungen, seiner putzigen Art, Haselnüsse zu knabbern, und an seinem lustigen Spiel erfreuen. Schnell brachten sie einen alten Eichhörnchenkäfig in Ordnung, der aus einem kleinen grün angestrichenen Häuschen und einem aus Draht geflochtenen Rad bestand. Das Häuschen, das Tür und Fenster hatte, sollte dem Eichhörnchen als Eß- und Schlafzimmer dienen, deshalb machten sie ein Lager aus Laub zurecht, stellten eine Schale Milch hinein und legten einige Haselnüsse dazu. Das Rad sollte sein Spielzimmer sein, wo es spielen und klettern und sich im Kreise herumschwingen könnte.

Die Menschen glaubten, sie hätten es für das Eichhörnchen recht gut gemacht, und sie verwunderten sich sehr, daß es ihm offenbar nicht gefiel. Betrübt und mißmutig und nur ab und zu einen scharfen Klagelaut ausstoßend, saß es in einer Ecke seines Stübchens. Es rührte die Speisen nicht an und schwang sich auch nicht ein einziges Mal in dem Rad. “Es fürchtet sich,” sagten die Leute auf dem Bauernhof. “Aber morgen, wenn es an seine Umgebung gewöhnt ist, wird es schon spielen und fressen.”

In dem Bauernhofe waren aber zu der Zeit große Vorbereitungen zu einem Fest im Gang, und gerade an dem Tag, wo das Eichhörnchen gefangen worden war, war große Backerei. Zum Unglück jedoch hatte entweder der Teig nicht recht aufgehen wollen, oder die Leute waren etwas langsam bei der Arbeit gewesen, und so mußten sie noch lange nach Einbruch der Dunkelheit arbeiten.

Überall herrschte natürlich großer Eifer, und man hatte es sehr eilig in der Küche; niemand nahm sich Zeit, nachzusehen, wie es dem Eichhörnchen ging. Doch die alte Mutter des Hauses war zu bejahrt, um noch beim Backen helfen zu können; und obwohl sie das recht gut einsah, war sie doch betrübt darüber, ganz ausgeschlossen zu sein; sie ging auch nicht zu Bett, sondern setzte sich ans Fenster der Wohnstube und sah hinaus. Die Küchentür war der Wärme wegen aufgemacht worden, und durch sie fiel ein heller Lichtschein auf den Hof hinaus. Es war ein von Gebäuden umschlossener Hof, der jetzt so hell erleuchtet war, daß die Frau die Risse und Löcher in der Verkalkung an der gegenüberliegenden Wand deutlich sehen konnte. Sie sah auch den Käfig des Eichhörnchens, der gerade dort hing, wo der Lichtschein am hellsten hinfiel, und da sah sie, daßdas Eichhörnchen immerfort aus seinem Stübchen in das Rad und vom Rad wieder ins Stübchen hineinlief, ohne sich einen Augenblick Ruhe zu gönnen. Sie dachte, das Tier sei doch in einer sonderbaren Aufregung, aber sie meinte, der scharfe Lichtschein halte es wach.

Zwischen dem Kuh- und dem Pferdestall war ein großes, breites Einfahrtstor, das jetzt auch von dem Lichtschein aus der Küche hellbeleuchtet war. Als eine gute Weile vergangen war, sah die alte Mutter, daß durch das Hoftor ganz leise und vorsichtig ein winziger Knirps hereingeschlichen kam; er war nur eine Spanne hoch, hatte aber Holzschuhe an den Füßen und trug Lederhosen wie ein gewöhnlicher Arbeiter. Die alte Mutter wußte sogleich, daß dies das Wichtelmännchen war, und fürchtete sich nicht im geringsten, denn sie hatte immer gehört, daß sich ein solches auf dem Hofe aufhalte, obgleich es noch nie jemand gesehen hatte; und ein Wichtelmännchen brachte ja Glück, wo es sich zeigte.

Sobald das Wichtelmännchen auf den gepflasterten Hof kam, lief es eilig auf den Käfig zu, und da es ihn nicht erreichen konnte, weil er zu hoch hing, ging es nach dem Geräteschuppen, holte eine Stange heraus, lehnte sie an den Käfig und kletterte an ihr hinauf, gerade wie ein Seemann an einem Tau hinaufklettert. Als es den Käfig erreicht hatte, rüttelte es an der Tür des kleinen grünen Hauses, um es zu öffnen; aber die alte Mutter war ganz beruhigt, denn sie wußte, daß die Kinder ein Vorlegeschloß daran gehängt hatten, aus Angst, die Jungen vom Nachbarhof könnten versuchen, das Eichhörnchen zu stehlen. Die Frau sah, daß das Eichhörnchen, als das Wichtelmännchen die Tür nicht aufbrachte, in das Rad herauskam. Da führten nun die beiden ein langes Zwiegespräch, und nachdem das Wichtelmännchen alles wußte, was ihm das Tier zu sagen hatte, glitt es an der Stange wieder hinunter und lief eilig zum Tor hinaus.

Die Frau glaubte nicht, daß sie in dieser Nacht noch etwas von dem Wichtelmännchen zu sehen bekäme, blieb aber doch am Fenster sitzen. Nach einer Weile kam es auch richtig wieder. Es hatte es so eilig, daß seine Füße kaum den Boden zu berühren schienen, und lief spornstreichs auf den Käfig zu. Mit ihren fernsichtigen Augen sah es die Frau deutlich, auch bemerkte sie, daßes etwas in den Händen trug; aber was es war, konnte sie nicht erkennen. Jetzt legte es das, was es in der linken Hand hielt, auf das Steinpflaster nieder, aber das in seiner Rechten nahm es mit hinauf zum Käfig. Hier stießes mit seinem Holzschuh so heftig an das Fensterchen, daß die Scheibe zersprang, und durch diese reichte es nun das, was es in der Hand hielt, dem Eichhörnchen hinein. Dann rutschte es an der Stange herunter, nahm den andern Gegenstand vom Boden und kletterte auch damit zum Käfig hinauf. Schnell wie der Blitz war es wieder unten und stürmte so eilig davon, daß ihm die alte Frau kaum mit den Augen folgen konnte.

Aber jetzt litt es die alte Mutter nicht mehr im Zimmer. Ganz leise stand sie von ihrem Stuhl auf, ging auf den Hof hinaus und stellte sich in den Schatten des Brunnens, um hier das Wichtelmännchen zu erwarten. Und noch jemand war da, der auch aufmerksam und neugierig geworden war. Das war die Hauskatze; leise kam sie dahergeschlichen und blieb an der Mauer, gerade ein paar Schritte von dem hellen Lichtstreifen entfernt, stehen.

Die beiden mußten in der kalten Nacht lange warten, und die Frau überlegte sich schon, ob sie nicht lieber hineingehen sollte, als sie ein Geklapper auf dem Pflaster hörte und sah, daß der kleine Knirps von einem Wichtelmännchen wirklich noch einmal daherkam. Auch jetzt trug er in jeder Hand etwas, und was er trug, das zappelte und quietschte. Jetzt ging der alten Mutter ein Licht auf, und sie verstand, daß das Wichtelmännchen in das Haselnußwäldchen gelaufen war, dort die Jungen des Eichhörnchens geholt hatte und sie jetzt ihrer Mutter brachte, damit sie nicht verhungern müßten.

Die alte Frau verhielt sich ganz still, um das Wichtelmännchen nicht zu stören, und das schien sie auch nicht bemerkt zu haben. Es war eben im Begriff, das eine Junge auf den Boden zu legen, um zum Käfig hinaufzuklettern, als es plötzlich die grünen Augen der Katze dicht neben sich funkeln sah. Ganz ratlos blieb es stehen, in jeder Hand ein junges Eichhörnchen.

Es drehte sich um und spähte im Hof umher. Da gewahrte es die alte Mutter, und ohne sich lange zu besinnen, trat es rasch zu ihr hin und reichte ihr eines der Tierchen.

Die alte Mutter wollte sich des Vertrauens des Wichtelmännchens nicht unwürdig zeigen; sie nahm ihm das Eichhörnchen ab und hielt es fest, bis das Wichtelmännchen mit dem ersten zum Käfig hinaufgeklettert war und dann kam, das zweite, das es ihr anvertraut hatte, zu holen.

Am nächsten Morgen, als die Leute auf dem Bauernhofe beim Frühstück versammelt waren, konnte die Alte unmöglich über das Erlebnis der vergangenen Nacht schweigen. Aber alle miteinander lachten sie aus und sagten, sie habe das nur geträumt. Zu dieser Jahreszeit gäbe es ja noch gar keine jungen Eichhörnchen.

Doch sie war ihrer Sache ganz sicher und verlangte, daß man im Käfig nachsehe. Man tat es, und siehe da, auf dem Lager aus Laub, in der kleinen Stube, lagen vier halbnackte, halbblinde, erst zwei Tage alte Junge.

Als der Vater dies sah, sagte er: “Das mag nun zugegangen sein, wie es will, aber so viel ist sicher, wir hier auf dem Hofe haben uns benommen, daß wir uns vor Tieren und Menschen schämen müssen.” Damit nahm er das Eichhörnchen mitsamt den vier Jungen aus dem Käfig heraus und legte alle in die Schürze der Mutter. “Geh damit in das Haselnußwäldchen und gib ihnen ihre Freiheit wieder,” sagte er.

Dies ist das Ereignis, das so viel von sich reden gemacht hatte und sogar in die Zeitung kam, das aber die meisten nicht glauben wollten, weil sie es sich nicht erklären konnten.

3.2 Im Park von Övedskloster

Den Tag, an dem die Wildgänse ihr Spiel mit dem Fuchs trieben, verbrachte der Junge in einem verlassenen Eichhörnchennest in tiefem Schlafe. Als er gegen Abend erwachte, war er sehr betrübt. “Nun werden sie mich bald nach Hause zurückschicken,” dachte er, “und dann gibt es keinen Ausweg mehr für mich, ich muß mich Vater und Mutter so zeigen, wie ich jetzt bin.”

Aber als er zu den Wildgänsen hinkam, die im Vombsee umherschwammen und badeten, wurde kein Wort von seiner Abreise laut. “Sie meinen vielleicht, der Weiße sei zu müde, um sich heute abend noch mit mir auf den Weg zu machen,” dachte er.

Am nächsten Morgen waren die Gänse schon lange vor Sonnenaufgang munter, und der Junge war fest überzeugt, daß er und der Gänserich die Heimreise nun unverzüglich antreten mußten. Aber merkwürdigerweise durften alle beide die Wildgänse auf ihren Morgenausflug begleiten. Der Junge konnte sich durchaus nicht denken, was der Grund zu diesem Aufschub sein könnte, aber dann klügelte er sich heraus, daß die Wildgänse den Gänserich nicht auf eine so weite Reise schicken wollten, ehe er sich ordentlich sattgegessen hätte. Wie es sich aber auch verhalten mochte, der Junge war über jede weitere Stunde, die zwischen ihm und dem Wiedersehen mit seinen Eltern lag, von Herzen froh.

Die Wildgänse flogen über den Herrenhof von Övedskloster hin, der in einem herrlichen Park östlich von dem See lag, und der wundervoll aussah mit seinem großen Schloß, seinem schönen gepflasterten, von niedrigen Mauern und Lusthäusern umgebenen Hofe und seinem vornehmen altmodischen Garten mit den geschnittenen Hecken, dichten Laubgängen, Teichen, Springbrunnen, prachtvollen Bäumen und kurzgeschorenen Rasenplätzen, wo die Rabatten voller bunter Frühlingsblumen standen.

Als die Wildgänse in aller Frühe über den Herrenhof hinflogen, war noch kein Mensch zu sehen. Nachdem sie sich dessen genau versichert hatten, ließen sie sich ganz nahe zur Hundehütte hinunter und riefen: “Was ist das hier für eine kleine Hütte? Was ist das hier für eine kleine Hütte?”

Sogleich kam der Hund zornig und wütend aus seinem Hause herausgerannt und bellte aus Leibeskräften.

“Nennt ihr das eine Hütte, ihr, ihr Landstreicher? Seht ihr nicht, daßdas ein großes steinernes Schloß ist? Seht ihr nicht, was für schöne Mauern, wie viele Fenster, welche mächtigen Tore und welche prachtvolle Terrasse es hat, wau, wau, wau? Nennt ihr das eine Hütte, ihr? Seht ihr denn nicht den Hof, den Garten, die Gewächshäuser und die Marmorfiguren? Nennt ihr das eine Hütte, ihr? Haben die Hütten für gewöhnlich einen Park ringsum, wo es Buchenwälder und Haselnußgebüsch und Baumwiesen und Eichenhaine und Tannengehölze und einen Tiergarten voller Rehe gibt? Wau, wau, wau! Nennt ihr das eine Hütte, ihr? Habt ihr Hütten gesehen mit so vielen Nebengebäuden, daß sie einen ganzen Ort bilden? Ihr kennt wohl sehr viele Hütten, die eine eigne Kirche und ein eignes Pfarrhaus haben und die über Herrenhäuser und Bauernhöfe und Pachthöfe und Amtswohnungen gebieten, wau, wau, wau! Nennt ihr das eine Hütte, ihr? Zu dieser Hütte hier gehört das größte Gut in ganz Schonen, ihr Bettelvolk! Nicht ein einziges Fleckchen Erde könnt ihr da droben von eurer Höhe aus sehen, das nicht unter dieser Hütte stünde, wau, wau, wau!”

Der Hund brachte dies alles wirklich in einem Atemzug heraus; die Gänse flogen über dem Hofe hin und her und hörten ihm zu, bis er Atem schöpfen mußte, dann aber riefen sie: “Warum bist du denn so zornig? Wir haben gar nicht nach dem Schloß gefragt, sondern nur nach deiner Hundehütte!”

Als der Junge diese Neckerein hörte, lachte er zuerst, aber dann drängte sich ihm der Gedanke auf, der ihn auf einmal ernst stimmte. “Ach, wie viele solcher Scherze würdest du zu hören bekommen, wenn du mit den Wildgänsen durchs ganze Land bis hinauf nach Lappland reisen dürftest!” seufzte er leise. “Da du dir dein Leben nun doch einmal so verdorben hast, wäre eine solche Reise noch das beste, was dir widerfahren könnte.”

Die Wildgänse flogen auf einen der jenseits vom Herrenhof gelegenen großen Äcker und weideten da ein paar Stunden lang das Wintergras ab. Inzwischen ging der Junge in den an den Acker anstoßenden großen Park hinein und spähte eifrig, ob nicht an den Zweigen der Haselsträucher da und dort noch eine Haselnuß vom vergangenen Herbst zu finden wäre. Aber während er so im Parke umherstreifte, tauchte der Gedanke an die Heimreise einmal ums andre drohend vor seiner Seele auf. Immer wieder mußte er sich ausmalen, wie schön er es haben würde, wenn er bei den Wildgänsen bleiben dürfte. Hungern und frieren würde er freilich oftmals müssen, dafür aber wäre er auch aller Arbeit und allem Lernen enthoben.

Während er noch diesen Gedanken nachhing, ließ sich plötzlich die alte graue Gans neben ihm nieder und fragte ihn, ob er etwas Eßbares gefunden habe. Nein, er habe nichts gefunden, antwortete der Junge. Da versuchte Akka ihm zu helfen, aber auch sie fand keine Haselnüsse, entdeckte jedoch dafür ein paar Hagebutten, die noch an einem wilden Rosenbusch hingen. Der Junge verzehrte sie mit gutem Appetit; aber er fragte sich doch, was wohl seine Mutter sagen würde, wenn sie wüßte, daß ihr Sohn sich mit rohen Fischen und ausgefrornen Hagebutten das Leben fristete. Als die Wildgänse endlich satt geworden waren, zogen sie wieder an den See hinunter und trieben da bis zur Mittagszeit allerlei Kurzweil. Sie forderten den weißen Gänserich zum Wettbewerb in ihren Künsten heraus, im Springen, Fliegen und Schwimmen, und der große zahme tat sein Bestes, aber die flinken Wildgänse liefen ihm in allem den Rang ab. Während dieser ganzen Zeit saßder Junge auf dem Rücken des Gänserichs, feuerte diesen an und war eben so vergnügt wie die andern. Das war ein Geschrei und Gelächter und Gegacker, und es war nur zu verwundern, daß die Herrschaft auf dem Schloß nicht darauf aufmerksam wurde.

Nachdem die Wildgänse des Spielens überdrüssig geworden waren, flogen sie auf das Eis hinüber und pflegten ein paar Stunden der Ruhe. Den Nachmittag verbrachten sie fast ganz auf dieselbe Weise wie den Vormittag, zuerst weideten sie ein paar Stunden, dann badeten und spielten sie am Rande des Eises bis zum Sonnenuntergang, und dann stellten sie sich auf dem Eise auf, wo sie auch sogleich einschliefen.

“Ja, so ein Leben würde mir gerade gefallen,” dachte der Junge, als er am Abend unter den Flügel des Gänserichs kroch. “Aber morgen werde ich wohl fortgeschickt werden.”

Bevor er einschlief, überlegte er noch einmal alle Vorteile, die ihm aus der Reise mit den Wildgänsen erwachsen würden. Er würde nicht gescholten, wenn er faul wäre, den lieben langen Tag hindurch könnte er dem lieben Gott die Zeit abstehlen, und seine einzige Sorge wäre, wie er sich etwas Eßbares verschaffen könnte. Doch er brauchte ja jetzt so wenig zu seinem Unterhalt, da würde sich schon Rat schaffen lassen.

Und dann malte er sich aus, was er alles zu sehen bekäme, und wie viele Abenteuer er erleben würde. O das wäre etwas ganz anderes als die Arbeit und Schinderei daheim. “Ach, wenn ich doch die Wildgänse auf dieser Reise begleiten dürfte, dann wollte ich mich über meine Verwandlung gewiß nicht grämen!” dachte er.

Er hatte jetzt vor nichts Angst, als nach Hause geschickt zu werden; aber auch am Mittwoch mahnten die Wildgänse nicht an die Abreise. Der Tag verging wie der vorhergehende, und dem Jungen gefiel das ungebundene Leben im Freien immer besser.

Er war der Meinung, er habe den einsamen Park, der so groß war wie ein Wald, ganz für sich allein, und er fühlte durchaus keine Sehnsucht nach der engen Stube und den kleinen Äckerchen seiner Heimat.

Am Mittwoch glaubte er, die Wildgänse hätten die Absicht, ihn bei sich zu behalten, aber am Donnerstag hatte er diese Hoffnung nicht mehr. Der Donnerstag begann ganz wie der vorhergehende Tag. Die Wildgänse weideten auf den großen Äckern, und der Junge ging im Park auf die Nahrungssuche. Nach einiger Zeit gesellte sich Akka zu ihm und fragte, ob er etwas Eßbares gefunden habe. Nein, das hatte er nicht. Da stöberte Akka eine vertrocknete Kümmelstaude auf, an der noch alle die kleinen Früchte unversehrt hingen. Aber nachdem der Junge gegessen hatte, sagte Akka zu ihm, sie finde, er streife viel zu verwegen im Park umher, ob er denn nicht wisse, vor wie vielen Feinden sich so ein kleines Geschöpf, wie er eines sei, zu hüten habe? Nein, das wisse er nicht, sagte der Junge, und darauf begann Akka ihm die Feinde aufzuzählen.

Wenn er in den Wald gehe, sagte sie, solle er sich vor dem Fuchs und dem Marder in acht nehmen, wenn er sich am Ufer aufhalte, dürfe er die Fischotter nicht vergessen, wenn er auf einem Steinmäuerchen sitze, müsse er an das Wiesel denken, das durch das kleinste Loch hindurchschlüpfen könne, und wenn er sich auf einen Laubhaufen niederlegen wolle, um zu schlafen, müsse er zuerst untersuchen, ob nicht etwa eine Kreuzotter in eben diesem Haufen ihren Winterschlaf halte. Sobald er aufs offne Feld hinauskomme, solle er sich vor Habicht und Geier, vor Adler und Falken, die droben in der Luft schwebten, hüten. Im Haselnußgebüsch könne er vom Sperber gefangen werden. Dohlen und Krähen fänden sich überall, und ihnen solle er nur nicht zu viel trauen. Und sobald die Dämmerung hereinbreche, solle er die Ohren spitzen und auf die großen Eulen aufpassen, die mit lautlosem Flügelschlag daherschwebten, so daß sie schon ganz dicht bei ihm seien, ehe er ihre Nähe nur ahne.

Als der Junge von so vielen Feinden hörte, die ihm mit dem Tode drohten, erschien es ihm ganz unmöglich, mit dem Leben davonzukommen. Er fürchtete sich zwar nicht besonders vor dem Sterben, wollte aber doch lieber nicht aufgefressen werden. Er fragte deshalb Akka, was er tun müsse, um den Raubtieren zu entgehen.

Und Akka antwortete sogleich, er müsse versuchen, sich mit dem kleinen Tiervolk in Wald und Feld, mit den Eichhörnchen und den Hasen, mit den Finken, Meisen, Spechten und Lerchen auf guten Fuß zu stellen. Wenn er sich die zu Freunden mache, dann würden sie ihn vor Gefahren warnen, ihm Schlupfwinkel zeigen und in der höchsten Not sich zusammentun, ihn zu verteidigen.

Als sich dann aber der Junge später am Tag diesen Rat zunutze machen wollte und sich an Sirle, das Eichhörnchen, um gütigen Beistand wandte, da zeigte es sich, daß dieses ihm nicht helfen wollte. “Von dem kleinen Tiervolk darfst du dir keine Hoffnung auf Hilfe machen,” sagte Sirle. “Meinst du, wir wüßten nicht, daß du Nils, der Gänsejunge bist, der im vorigen Jahr die Schwalbennester herunterriß, die Stareneier zerbrach, die jungen Krähen in die Mergelgrube warf, Drosseln in Schlingen fing und Eichhörnchen in Käfige sperrte? Du mußt dir selber helfen, so gut du kannst, und mußt noch froh sein, wenn wir uns nicht zusammentun und dich zu den Deinen zurückjagen.”

Das war gerade so eine Antwort, die der Junge früher nicht ungestraft hätte hingehen lassen. Jetzt aber bekam er nur Angst, auch die Wildgänse möchten erfahren, wie böse er sein konnte. Seither war er in beständiger Angst gewesen, die Wildgänse würden ihm am Ende die Erlaubnis, bei ihnen zu bleiben, verweigern, und er hatte sich deshalb, seit er in ihrer Gesellschaft war, nicht die kleinste Unart erlaubt. Viel Böses hätte er freilich, da er doch so klein war, nicht anstellen können, aber er hätte doch Gelegenheit genug gehabt, Vogelnester auszunehmen und die Eier zu zerbrechen. So aber war er immer nur ganz artig gewesen, hatte keiner Gans eine Feder aus dem Flügel gerupft, keine einzige unhöfliche Antwort gegeben, und wenn er Akka guten Morgen wünschte, nahm er jedesmal die Mütze ab und verbeugte sich dazu.

Den ganzen Donnerstag hindurch dachte er, die Wildgänse wollten ihn gewißnur seiner Schlechtigkeit wegen nicht mit nach Lappland nehmen, und als er am Abend hörte, daß das Weibchen des Eichhörnchens Sirle geraubt worden sei und dessen neugeborenen Jungen nun verhungern müßten, beschloß er, ihnen zu helfen, und es ist schon berichtet worden, wie gut das Nils Holgersson gelang.

Als der Junge am Freitag wieder in den Park kam, hörte er die Buchfinken in jedem Gebüsch davon singen, wie das Weibchen des Eichhörnchens Sirle durch grimmige Räuber von ihren neugeborenen Jungen weg geraubt worden sei und wie der Gänsejunge Nils sich zwischen die Menschen hineingewagt und ihr ihre Kleinen gebracht hätte.

“Wer ist nun im Park von Övedskloster so gefeiert,” sangen die Buchfinken, “wie Däumeling, den alle fürchteten, so lange er der Gänsejunge Nils war? Sirle, das Eichhörnchen, gibt ihm Nüsse, die armen Hasen machen Männchen vor ihm, die Rehe nehmen ihn auf den Rücken und laufen mit ihm davon, wenn der Fuchs Smirre in seiner Nähe auftaucht, die Meisen warnen ihn vor dem Sperber, und die Finken und Lerchen singen von seiner Heldentat!”

Der Junge war ganz sicher, daß Akka und die andern Wildgänse alles dies gehört hatten, aber trotzdem verging der ganze Freitag, ohne daß ihm gesagt worden wäre, er dürfe jetzt bei ihnen bleiben.

Bis zum Samstag durften die Wildgänse auf den Äckern bei Öved weiden, ohne von Smirre gestört zu werden. Aber als sie am Samstag früh auf das Feld hinüberkamen, lag er da im Hinterhalt und verfolgte sie von einem Acker zum andern. Als nun Akka sah, daß er sie durchaus nicht in Ruhe lassen wollte, faßte sie einen raschen Entschluß, sie erhob sich hoch in die Luft und flog mit ihrer Schar mehrere Meilen weit über die Ebenen von Färs und dem Linderöder Bergrücken hin. Dort ließen sie sich in der Gegend von Vittskövle nieder. Dann wurde es wieder Sonntag. Eine ganze Woche war nun vergangen, seit der Junge verzaubert worden war, und noch immer war er ebenso klein wie am ersten Tage.

Aber es sah nicht aus, als ob ihm das großen Kummer machte. Am Sonntagnachmittag saß er auf einem großen, dichten Weidenbusch am Seeufer und blies auf einer Weidenpfeife. Ringsumher saßen so viele Meisen und Buchfinken und Stare, als auf dem Gebüsch Platz hatten, und zwitscherten ihre Weisen, die der Junge nachzublasen versuchte. Aber der Junge verstand sich nicht besonders auf diese Kunst; er blies so falsch, daß sich den kleinen Lehrmeistern alle Federn sträubten und sie in hellem Entsetzen schrien und mit den Flügeln schlugen. Der Junge aber lachte so herzlich über ihren Eifer, daß ihm die Pfeife entfiel. Wieder begann er zu blasen, aber auch diesmal ging es nicht besser, und die ganze Vogelschar jammerte: “Heute spielst du noch schlechter als sonst, Däumling! Du bringst keinen reinen Ton heraus. Wo hast du nur deine Gedanken, Däumling?”

“Die sind anderswo,” antwortete der Junge. Und das war ganz wahr. Er mußte immerfort daran denken, wie lange er wohl noch bei den Wildgänsen bleiben dürfte, und ob er am Ende schon an diesem Tage noch fortgeschickt werde.

Doch plötzlich warf der Junge die Pfeife weg und sprang von dem Weidenbusch herunter, denn er sah Akka und alle Gänse in einer langen Reihe auf sich zukommen. Sie schritten ungewöhnlich langsam und feierlich daher, und dem Jungen wurde sogleich klar, daß er jetzt erfahren werde, was sie mit ihm zu tun gedächten.

Als die Gänse schließlich vor ihm stehen blieben, sagte Akka:

“Du hast allen Grund, dich über mich zu verwundern, weil ich mich noch nicht bei dir bedankt habe, daß du mich aus Smirres Klauen errettet hast. Aber ich gehöre zu denen, die lieber mit Taten als mit Worten danken. Und ich glaube, lieber Däumling, daß es mir gelungen ist, dir einen großen Dienst zu erweisen. Ich habe nämlich an das Wichtelmännchen, das dich verzaubert hat, Botschaft geschickt. Zuerst wollte es nichts davon hören, dich wieder in deine alte Gestalt zu verwandeln, aber ich habe eine Botschaft um die andre geschickt und ihm mitteilen lassen, wie gut du dich hier bei uns aufgeführt hast. Jetzt läßt es dich grüßen und dir sagen, daß du, sobald du wieder nach Hause zurückgekehrt seiest, wieder ein Mensch werden würdest.”

Aber wie merkwürdig! Ebenso vergnügt wie der Junge gewesen war, als Akka zu sprechen angefangen hatte, ebenso betrübt war er, als sie zu sprechen aufhörte. Er sagte kein Wort, sondern wendete sich nur ab und weinte.

“Was soll denn aber das bedeuten?” fragte Akka. “Es sieht aus, als habest du mehr von mir erwartet, als ich dir jetzt geboten habe.”

Aber der Junge dachte an sorgenfreie Tage und lustige Neckereien, an Abenteuer und Freiheit und an die Reisen hoch über der Erde hin, deren er nun verlustig gehen würde, und er weinte laut vor Kummer und Betrübnis. “Ich mache mir nichts daraus, wieder ein Mensch zu werden!” schluchzte er. “Ich will mit euch nach Lappland!”

“Ich will dir etwas sagen,” erwiderte Akka. “Das Wichtelmännchen ist sehr leicht verletzt, und ich fürchte, es werde dir schwer werden, es ein andres Mal zu deinen Gunsten zu stimmen, wenn du sein Anerbieten jetzt ausschlägst.”

Es war von jeher merkwürdig gewesen, daß dieser Junge noch niemals jemand eigentlich lieb gehabt hatte, weder Vater noch Mutter, noch den Schullehrer, noch die Schulkameraden, noch die Jungen auf den Nachbarhöfen. Alles, was sie je von ihm verlangt hatten, einerlei, ob es sich um Spiel oder Arbeit handelte, war ihm langweilig vorgekommen. Deshalb gab es jetzt auch keinen Menschen, nach dem er sich gesehnt oder den er vermißt hätte.

Die einzigen, mit denen er sich einigermaßen vertragen hatte, waren das Gänsemädchen Åsa und ihr Bruder Klein-Mats gewesen, ein paar Kinder, die wie er auch Gänse hüteten. Aber auch mit ihnen verband ihn keine richtige Freundschaft. O nein, ganz und gar nicht!

“Ich will nicht wieder ein Mensch werden!” schluchzte der Junge. “Ich will euch nach Lappland begleiten! Deshalb bin ich eine ganze Woche lang artig gewesen.”

“Es soll dir nicht verweigert werden, uns zu begleiten, so lange du Lust hast,” sagte Akka. “Aber überlege dir nun zuerst, ob du nicht lieber nach Hause zurückkehren möchtest. Es könnte ein Tag kommen, wo du es bereutest.”

“Nein,” sagte der Junge, “da ist nichts zu bereuen. Es ist mir noch nie so gut gegangen, wie hier bei euch.”

“Nun, dann sei es also, wie du willst,” sagte Akka.

“Danke, danke!” rief der Junge. Und er fühlte sich so glücklich, daß er jetzt ebenso vor Freude weinen mußte, wie er vorher vor Kummer geweint hatte.

Kapitel 4

Haus Glimminge

4.1 Schwarze Ratten und graue Ratten

Im südöstlichen Schonen, nicht weit vom Meere entfernt, liegt eine alte Burg, Glimmingehaus genannt. Sie besteht aus einem einzigen hohen, großen und starken steinernen Bau, den man in der ebenen Gegend meilenweit sehen kann. Sie hat nur vier Stockwerke, ist aber so mächtig, daß ein gewöhnliches Bauernhaus, das auf demselben Gut steht, sich wie ein Puppenhäuschen dagegen ausnimmt.

Die äußern Mauern und die Zwischenwände und Wölbungen dieses steinernen Hauses sind alle so dick, daß im Innern kaum noch für etwas andres Raum ist als für die dicken Quermauern. Die Treppen sind eng, die Gänge schmal, und es sind nur wenig Zimmer da. Und damit die Mauern ihre Stärke behalten sollten, ist auch nur eine kleine Zahl Fenster in den obern Stockwerken angebracht worden, in dem untersten aber sind überhaupt nur kleine Lichtöffnungen. In den alten Kriegszeiten waren die Menschen nur zu froh, wenn sie sich in ein so großes, starkes Haus einschließen konnten, wie jemand jetzt im eisigkalten Winter froh ist, wenn er in seinen Pelz hineinkriechen kann. Aber als die gute Friedenszeit kam, wollten die Leute nicht mehr in den dunkeln, kalten steinernen Räumen der Burg wohnen; sie haben schon seit langer Zeit Glimmingehaus verlassen und sind in Wohnungen gezogen, wo Luft und Licht hineindringen können.

Zu der Zeit, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, befanden sich also keine Menschen in Glimmingehaus, aber deshalb fehlte es da doch nicht an Bewohnern. Auf dem Dache wohnte jeden Sommer ein Storchenpaar in einem großen Nest. Unter dem Dache wohnten zwei Nachteulen, in den Gängen hingen Fledermäuse, auf dem Herd in der Küche wohnte eine alte Katze, und drunten im Keller gab es Hunderte von der alten Sorte der schwarzen Ratten. Ratten stehen nicht gerade in großem Ansehen bei den andern Tieren; aber die schwarzen Ratten auf Glimmingehaus machten eine Ausnahme, und es wurde immer mit Achtung von ihnen gesprochen, weil sie im Streit mit ihren Feinden große Tapferkeit bewiesen hatten und auch sehr viel Ausdauer während der großen Unglückszeiten, die über ihr Volk hingegangen waren. Sie gehörten nämlich einem Rattenvolk an, das einmal sehr zahlreich und mächtig gewesen, jetzt aber am Aussterben war. Während einer langen Reihe von Jahren hatten die schwarzen Ratten, Landratten genannt, Schonen und das ganze Land besessen. Sie waren fast in jedem Keller zu finden gewesen, fast auf jedem Boden, in Scheunen und auf Heuböden, in Vorratskammern und Backstuben, in den Wirtschaftsgebäuden und Ställen, in Kirchen und Burgen, in Brennereien und Mühlen, sowie in allen andern von Menschen bewohnten Gebäuden; aber jetzt waren sie von allen diesen vertrieben und beinahe ausgerottet. Nur auf dem einen oder andern einsam gelegenen Platz konnte man noch einige antreffen, aber nirgends waren sie so zahlreich wie auf Glimmingehaus.

Wenn ein Tiervolk ausstirbt, beruht das meistens auf dem Vorgehen der Menschen; hier aber war das nicht der Fall gewesen. Die Menschen hatten freilich mit den schwarzen Ratten gekämpft, sie hatten ihnen aber keinen namhaften Schaden zufügen können. Wer sie besiegt hatte, das war ein Tiervolk ihres eignen Stammes gewesen, ein Volk, das man die grauen Ratten nannte. Die grauen Ratten, oder die Wanderratten, hatten nicht wie die schwarzen von Urzeiten her im Lande gewohnt. Sie stammten von ein paar armen Einwanderern her, die vor hundert Jahren von einem lübischen Schiff in Malmö ans Land gestiegen waren. Sie waren heimatlose, halb verhungerte Tröpfe, die in diesem Hafen ihren Aufenthalt nahmen, um die Pfeiler unter den Brücken herumschwammen und den Abfall fraßen, der ins Wasser geworfen wurde. Nie wagten sie sich in die Stadt hinein, die den schwarzen Ratten gehörte.

Aber allmählich, nachdem die grauen Ratten an Zahl zugenommen hatten, faßten sie Mut und gingen in die Stadt hinein. Anfangs zogen sie nur in ein paar alte verlassene Häuser, die die schwarzen Ratten aufgegeben hatten; sie suchten ihre Nahrung in Rinnsteinen und auf Misthaufen und nahmen mit allem Unrat vorlieb, den die schwarzen Ratten nicht anrühren wollten. Es waren wetterfeste, genügsame und unerschrockene Tiere; und in ein paar Jahren waren sie so mächtig geworden, daß sie es unternahmen, die schwarzen Ratten von Malmö zu verjagen. Sie nahmen ihnen Dachräume, Keller und Magazine weg, hungerten sie aus, oder bissen sie tot, denn sie fürchteten sich durchaus nicht vor Kampf und Streit.

Und nachdem Malmö genommen war, zogen sie in kleinern und größern Scharen aus, das ganze Land zu erobern. Es ist beinahe unbegreiflich, warum die schwarzen Ratten sich nicht zu einem großen gemeinsamen Heereszug versammelten und die grauen Ratten vernichteten, so lange diese noch nicht zahlreich waren. Aber die schwarzen waren wohl von ihrer Macht so überzeugt, daß sie sich die Möglichkeit, das Land zu verlieren, gar nicht vorstellen konnten. Sie saßen ruhig auf ihren Besitztümern, und inzwischen nahmen ihnen die grauen Ratten Hof um Hof, Dorf um Dorf, Stadt um Stadt weg. Sie wurden ausgehungert, verdrängt, ausgerottet. In Schonen hatten sie sich nirgends halten können, ausgenommen auf Glimmingehaus.

Das alte steinerne Haus hatte so dicke Mauern und so wenige Rattengänge führten hindurch, daß es den schwarzen Ratten gelungen war, es zu halten und die grauen Ratten am Hereindringen zu verhindern. Ein Jahr ums andre, eine Nacht um die andre war der Streit zwischen den Angreifern und Verteidigern fortgegangen; aber die schwarzen Ratten hatten treulich Wache gestanden und mit der größten Todesverachtung gekämpft, und dank dem alten, prächtigen Haus hatten sie bis jetzt immer gesiegt.

Es muß zugegeben werden, daß die schwarzen Ratten, so lange sie die Macht gehabt hatten, von allen lebenden Geschöpfen ebenso verabscheut gewesen waren, wie die grauen es jetzt sind, und das mit vollem Recht. Sie hatten sich über arme gefesselte Gefangene geworfen und sie gequält, sie hatten Leichen aufgefressen, hatten die letzte Rübe aus dem Keller der Armen wegstibitzt, schlafenden Gänsen die Füße abgebissen, den Hühnern die Eier und ihre kleinen mit zartem Flaum bedeckten gelben Kücken geraubt und tausend andre Missetaten vollführt. Aber seit das Unglück über sie gekommen war, war das alles wie vergessen, niemand konnte es unterlassen, die letzten des Geschlechts, die den grauen Ratten so lange widerstanden hatten, zu bewundern.

Die grauen Ratten, die auf dem Glimmingehof und dessen Umgebung wohnten, führten den Streit immer weiter und versuchten jede nur mögliche Gelegenheit zu benützen, sich der Burg zu bemächtigen. Man hätte meinen können, sie hätten die kleine Schar schwarzer Ratten wohl im Besitz von Glimmingehaus lassen können, da sie ja das ganze übrige Land besaßen, aber das fiel ihnen gar nicht ein. Sie pflegten zu sagen, es sei ihnen Ehrensache, die schwarzen Ratten doch noch zu besiegen. Aber wer die grauen Ratten kannte, wußte wohl, daß es einen andern Grund hatte; die Menschen benützten nämlich Glimmingehaus als Kornspeicher, und darum wollten die grauen keine Ruhe geben, bis sie es erobert hätten.

4.2 Der Storch

Montag, 28. März

Eines Morgens wurden die Gänse, die draußen auf dem Eis des Vombsee standen und schliefen, durch laute Rufe in der Luft sehr früh geweckt. “Trirop! Trirop!” erklang es. “Trianut, der Kranich, läßt die Wildgans Akka und ihre Schar grüßen! Morgen findet der große Kranichtanz auf dem Kullaberg statt!”

Akka streckte schnell den Kopf in die Höhe und antwortete: “Schönen Dank und Gruß! Schönen Dank und Gruß!”

Darauf flogen die Kraniche weiter, aber die Wildgänse hörten noch lange, wie sie über jedem Feld und über jedem Waldhügel riefen: “Trianut läßt grüßen! Morgen findet der große Kranichtanz auf dem Kullaberg statt!”

Die Wildgänse freuten sich über diese Botschaft. “Du hast Glück,” sagten sie zu dem weißen Gänserich, “daß du bei dem großen Kranichtanz anwesend sein darfst.”

“Ist es denn etwas so Merkwürdiges, die Kraniche tanzen zu sehen?” fragte der Gänserich.

“Es ist etwas, was du dir nie träumen lassen könntest,” antworteten die Wildgänse.

“Nun müssen wir überlegen, was wir morgen mit Däumling tun, damit ihm kein Unglück widerfährt, während wir nach dem Kullaberg reisen,” sagte Akka.

“Däumling darf nicht allein bleiben!” rief der Gänserich. “Wenn die Kraniche ihm nicht erlauben, ihren Tanz mit anzusehen, dann bleibe ich bei ihm.”

“Keinem Menschen ist je vergönnt gewesen, der Versammlung der Tiere auf dem Kullaberg beizuwohnen,” sagte Akka, “und ich wage es nicht, Däumling dorthin mitzunehmen. Aber wir wollen später am Tage noch weiter darüber sprechen. Jetzt müssen wir vor allem daran denken, etwas zum Essen zu bekommen.”

Damit gab Akka das Zeichen zum Aufbruch. Auch an diesem Tag suchte sie Smirres wegen das Weidefeld in großer Entfernung und ließ sich erst bei den sumpfigen Wiesen ein Stück südlich von Glimmingehaus nieder.

Diesen ganzen Tag hindurch saß der Junge am Ufer eines kleinen Teichs und blies auf einer Rohrpfeife. Er war schlechter Laune, weil er den Kranichtanz nicht sehen sollte, und konnte sich nicht überwinden, mit dem Gänserich oder mit einer der Wildgänse ein einziges Wort zu sprechen.

Ach, wie bitter war es, daß Akka ihm noch immer mißtraute! Wenn ein Junge es abgeschlagen hatte, wieder ein Mensch zu werden, weil er lieber mit einer Schar armer Wildgänse umherziehen wollte, dann müßte sie doch begreifen, daß er sie nicht verraten würde. Und ebensogut müßte sie begreifen, daß es ihre Pflicht wäre, ihn alles Merkwürdige, was sie ihm nur zeigen könnte, sehen zu lassen; er hatte doch so viel aufgegeben, um bei den Wildgänsen zu bleiben.

“Ich muß ihnen meine Meinung gerade heraus sagen,” dachte er. Aber eine Stunde um die andre verging, ohne daß er seine Absicht ausgeführt hätte. Dies klingt vielleicht etwas merkwürdig, aber den Jungen war wirklich eine Art Ehrfurcht vor der alten Akka überkommen, und er fühlte wohl, daß es nicht leicht sein würde, sich ihrem Willen zu widersetzen.

Auf der einen Seite der sumpfigen Wiese, wo die Gänse weideten, lag eine breite steinerne Mauer. Und da geschah es, daß der Blick des Jungen, als er gegen Abend den Kopf aufrichtete, um mit Akka zu sprechen, auf die Mauer fiel. Da entfuhr ihm ein kleiner Schrei der Verwunderung, so daß alle Gänse schnell aufsahen, und auch sie starrten überrascht nach derselben Stelle. Im ersten Augenblick glaubten alle, der Junge nicht ausgeschlossen, daß die grauen rundlichen Steine, aus denen das Mäuerchen bestand, Beine bekommen hätten und auf und davon gingen; aber bald sahen sie, daß es eine Schar Ratten war, die darüber hinlief. Sie bewegten sich sehr schnell und liefen dicht nebeneinander in Marschordnung vorwärts, und es waren ihrer so viele, daß sie eine gute Weile das ganze Mäuerchen bedeckten.

Der Junge hatte sich vor Ratten gefürchtet, als er noch ein großer starker Mensch gewesen war. Wie sollte er das jetzt nicht tun, wo er so klein war, daß zwei oder drei von ihnen ihn überwältigen konnten? Ein Schauder nach dem andern lief ihm den Rücken hinunter, während er den Rattenzug betrachtete.

Aber merkwürdigerweise schienen die Gänse ganz denselben Abscheu vor den Ratten zu haben. Sie sprachen nicht mit ihnen; und als die Ratten vorüber waren, schüttelten sie sich, als ob ihnen Schlick zwischen die Federn gekommen wäre.

“So viele graue Ratten unterwegs,” sagte Yksi von Vassijaure, “das ist kein gutes Zeichen.”

Jetzt wollte der Junge die Gelegenheit ergreifen und Akka sagen, daß er meine, sie müßte ihn eigentlich mit auf den Kullaberg nehmen; aber wieder wurde er daran verhindert, denn ein großer Vogel ließ sich ganz hastig mitten zwischen den Gänsen nieder.

Wenn man diesen Vogel ansah, hätte man denken können, er habe Leib, Hals und Kopf von einer kleinen weißen Gans entlehnt. Aber zu all dem hatte er sich große schwarze Flügel angeschafft, sowie lange rote Beine und einen langen, dicken Schnabel, der viel zu groß für den kleinen Kopf war und ihn herunterzog, so daß der Vogel ein etwas bekümmertes, sorgenvolles Aussehen bekam.

Akka legte in aller Eile ihre Flügel zurecht und verbeugte sich viele Male mit dem Halse, während sie dem Storch entgegenging. Sie war nicht besonders verwundert, ihn so früh im Jahr in Schonen zu sehen, weil sie wußte, daßdie Storchenmännchen zu guter Zeit eintreffen, um nachzusehen, ob das Storchennest während des Winters keinen Schaden gelitten habe, ehe die Storchenweibchen sich der Mühe unterziehen, über die Ostsee zu fliegen. Aber sie verwunderte sich doch sehr, was es zu bedeuten habe, daß der Storch sie aufsuchte, denn der Storch geht am liebsten nur mit Leuten seines eignen Stammes um.

“Ihre Wohnung wird doch nicht in Unordnung sein, Herr Ermenrich?” sagte Akka.

Nun zeigte es sich, daß es ganz wahr ist, wenn es heißt, der Storch öffne nur selten den Schnabel, ohne zu klagen. Und da es dem Storch schwer wurde, die Worte herauszubringen, so klang das, was er sagte, noch betrübter. Zuerst klapperte er eine gute Weile mit dem Schnabel, und dann sprach er mit einer heisern, schwachen Stimme. Er beklagte sich über alles mögliche; das Nest hoch droben auf dem Dachfirst von Glimmingehaus sei von den Winterstürmen ganz verdorben, und er könne keine Nahrung finden. Die Menschen eigneten sich allmählich sein ganzes Besitztum an. Sie machten seine sumpfigen Wiesen urbar und bebauten seine Moore. Er habe im Sinn, von Schonen wegzuziehen und nie wieder zurückzukehren.

Während der Storch so klagte, konnte es Akka, die Wildgans, die nirgends Schutz und Schirm genoß, nicht lassen, im stillen zu denken: “Wenn ich es so gut hätte wie Sie, Herr Ermenrich, dann würde ich zu stolz zum Klagen sein. Sie haben ein freier, wilder Vogel bleiben können und sind doch so gut bei den Menschen angeschrieben, daß keiner eine Kugel auf Sie abschießt oder ein Ei aus Ihrem Nest stiehlt.” Aber sie behielt ihre Gedanken für sich, und zu dem Storch sagte sie nur, sie könne nicht glauben, daß er ein Haus verlassen wolle, das den Störchen schon seit seiner Erbauung als Heimat gedient hätte.

Jetzt fragte der Storch schnell, ob die Gänse den Zug der grauen Ratten nach Glimmingehaus gesehen hätten, und als Akka antwortete, ja, sie hätten das Teufelszeug wohl gesehen, erzählte er ihr von den tapfern schwarzen Ratten, die seit vielen Jahren die Burg verteidigt hätten. “Aber in dieser Nacht wird Glimmingehaus unter die Herrschaft der grauen Ratten kommen,” sagte der Storch seufzend.

“Warum gerade in dieser Nacht, Herr Ermenrich?” fragte Akka.

“Weil beinahe alle schwarzen Ratten, im Vertrauen darauf, daß alle andern Tiere auch dorthin eilen würden, gestern abend nach dem Kullaberg aufgebrochen sind,” antwortete der Storch. “Aber sehen Sie, die grauen Ratten sind daheim geblieben, und jetzt versammeln sie sich, um in der Nacht in die Burg einzudringen, wenn diese nur von ein paar alten Schwächlingen, die nicht mit nach dem Kullaberg reisen können, verteidigt wird. Sie werden ja auch ihr Ziel erreichen; aber ich habe nun seit so vielen Jahren in friedlicher Nachbarschaft mit den schwarzen Ratten gelebt, daß es mir nicht gefällt, wenn ich mit deren Feinden Umgang pflegen soll.”

Jetzt verstand Akka, warum der Storch zu ihnen gekommen war; er war über die Handlungsweise der grauen Ratten so empört, daß er sich über sie beklagen wollte. Aber nach Art der Störche hätte er sicherlich nichts getan, das Unglück abzuwenden.

“Haben Sie den schwarzen Ratten Nachricht geschickt, Herr Ermenrich?” fragte Akka.

“Nein,” antwortete der Storch, “das würde nichts nützen. Ehe sie zurück sein können, ist die Burg genommen.”

“Seien Sie dessen nicht so ganz sicher, Herr Ermenrich,” sagte Akka. “Ich glaube, ich kenne eine alte Wildgans, die eine solche Schandtat gerne verhindern würde.”

Nachdem Akka dies gesagt hatte, hob der Storch den Kopf und sah sie groß an. Und das war nicht verwunderlich, denn die alte Akka hatte weder Klauen noch Schnabel, die in einem Kampf zu gebrauchen waren. Und überdies war sie ein Tagvogel, sobald die Nacht kam, schlief sie unfehlbar ein, während die Ratten gerade bei Nacht kämpften.

Aber Akka schien fest entschlossen, den schwarzen Ratten beizustehen. Sie rief Yksi von Vassijaure herbei und befahl ihr, die Gänse nach dem Vombsee zu führen, und als die Gänse Einwendungen machten, rief sie gebieterisch: “Ich glaube, es wird für uns alle das beste sein, wenn ihr mir gehorcht. Ich mußnach dem großen Steinhaus fliegen, und wenn ihr mich begleitet, ist es nicht zu vermeiden, daß die Leute vom Hofe uns sehen, und dann schießen sie auf uns. Der einzige, den ich mitnehmen will, ist Däumling. Er kann sich sehr nützlich machen, weil er gute Augen hat und bei Nacht wach zu bleiben vermag.”

An diesem Tag war der Junge in seiner störrischsten Laune, und als er hörte, was Akka sagte, richtete er sich in seiner ganzen Länge auf und trat, die Hände auf dem Rücken und die Nase in der Luft, vor, um zu erklären, daß er sich nicht dazu hergeben wolle, mit Ratten zu kämpfen, und sich Akka also nach einer andern Hilfe umsehen müsse.

Aber in dem Augenblick, wo er sich zeigte, begann der Storch sich zu regen. Er hatte nach der Gewohnheit der Störche mit gesenktem Kopf und den Schnabel gegen den Hals gedrückt, dagestanden. Jetzt begann es jedoch in seinem Hals zu gurgeln, als lache er. Er senkte den Schnabel blitzschnell, erfaßte den Jungen und warf ihn ein paar Meter hoch in die Luft hinauf. Dieses Kunststück wiederholte er siebenmal, während der Junge schrie und die Gänse riefen: “Was tun Sie denn, Herr Ermenrich, das ist kein Frosch! Es ist ein Mensch, Herr Ermenrich!”

Endlich stellte der Storch den Jungen doch wieder ganz unbeschädigt auf die Erde. Hierauf sagte er zu Akka: “Ich fliege jetzt nach Glimmingehaus zurück, Mutter Akka. Alle, die dort wohnen, waren sehr ängstlich, als ich wegflog. Sie werden sicherlich sehr froh sein, wenn ich ihnen mitteile, daß die Wildgans Akka und Däumling, der Menschenknirps, kommen werden, sie zu retten.”

Damit streckte der Storch den Hals vor, schlug mit den Flügeln und flog er sich über sie lustig machte, ließ sich das aber nicht anfechten. Sie wartete, während der Junge seine Holzschuhe suchte, die der Storch von ihm abgeschüttelt hatte, dann setzte sie ihn auf ihren Rücken und flog dem Storch nach. Und der Junge leistete seinerseits keinen Widerstand und sagte auch kein Wort, daßer nicht mitwolle. Er ärgerte sich grün und gelb und schlug ein spöttisches Gelächter auf. Dieser eingebildete Gesell mit den langen roten Beinen glaubte wohl von ihm, er sei zu nichts nütze. Aber er würde ihm schon zeigen, was der Nils Holgersson von Westvemmenhög für ein Kerl war.

Einige Augenblicke später stand Akka im Storchennest auf Glimmingehaus. Es war ein großes, prächtiges Nest. Als Unterlage hatte es ein Rad und darauf mehrere Lagen Zweige und Rasenstücke. Das Nest war so alt, daßverschiedene Büsche und Kräuter da droben Wurzel geschlagen hatten; und wenn die Storchenmutter in der runden Vertiefung mitten im Nest auf ihren Eiern saß, konnte sie sich nicht allein an der großartigen Aussicht über einen Teil von Schonen erfreuen, sondern auch an wilden Rosen und Hauslauch.

Der Junge und Akka konnten gleich sehen, daß hier etwas Außergewöhnliches vorging. Auf dem Rande des Storchennestes saßen nämlich zwei Nachteulen, eine alte graugestreifte Katze und ein Dutzend uralte Ratten mit ausgewachsenen Zähnen und triefenden Augen. Das waren nicht gerade die Tiere, die man sonst in friedlicher Gemeinschaft sieht.

Keines von ihnen wendete sich um, Akka anzusehen oder zu begrüßen. Sie hatten für nichts einen Gedanken, sondern starrten nur unverwandt auf einige lange graue Linien, die da und dort auf den kahlen Winterfeldern zu sehen waren.

Alle schwarzen Ratten saßen ganz still da. Man sah ihnen an, daß sie in der größten Verzweiflung waren und wohl wußten, daß sie weder ihr eignes Leben noch die Burg verteidigen konnten. Die beiden Eulen rollten ihre großen Augen und zuckten dabei unaufhörlich mit den Federkränzen, die diese umgaben. Dabei erzählten sie mit schauerlich krächzenden Stimmen von der Grausamkeit der grauen Ratten und sagten, derentwegen müßten sie jetzt ihre Wohnung verlassen, denn sie hätten gehört, daß diese Tiere weder Eier noch unflügge Junge verschonten. Die alte gestreifte Katze war ganz sicher, daß die grauen Ratten sie totbeißen würden, wenn sie in so großer Zahl in die Burg eindrängen, und sie keifte unaufhörlich mit den schwarzen Ratten. “Wie konntet ihr auch so dumm sein und eure besten Krieger weggehen lassen?” sagte sie. “Wie konntet ihr den grauen Ratten trauen? Es ist ganz unverzeihlich.”

Die zwölf Ratten erwiderten kein Wort; aber der Storch konnte es trotz seines Kummers nicht lassen, die Katze zu necken. “Hab keine Angst, Mausefängerin,” sagte er. “Siehst du nicht, daß Mutter Akka und Däumling gekommen sind, die Burg zu retten? Du kannst dich darauf verlassen, daß es ihnen gelingen wird. Jetzt muß ich mich zum Schlaf zurecht machen, und ich tue es ganz beruhigt. Morgen, wenn ich erwache, wird keine einzige graue Ratte auf Glimmingehaus zu finden sein.”

Der Junge warf Akka einen Blick zu, der andeutete, wie gerne er dem Storch eins auf den Rücken versetzt hätte, als dieser sich jetzt auf den äußersten Rand des Nestes, das eine Bein in die Höhe gezogen, zum Schlafen aufstellte. Aber Akka sah gar nicht beleidigt aus, sie beschwichtigte den Jungen und sagte: “Es wäre sehr schlimm, wenn jemand, der so alt ist wie ich, sich nicht aus größeren Schwierigkeiten als dieser hier heraushelfen könnte. Wenn Sie, Herr und Frau Eule, da Sie sich die ganze Nacht wach halten können, ein paar Aufträge für mich besorgen wollen, dann wird, denke ich, alles noch gut werden.”

Die beiden Eulen waren willig, die Aufträge auszurichten, und Akka befahl dem Eulenmann, die weggereisten schwarzen Ratten aufzusuchen und ihnen zu raten, so schnell wie möglich heimzukehren. Die Eulenfrau aber schickte sie zu der Turmeule Flammea, die in der Domkirche zu Lund wohnte, und zwar mit einem so geheimnisvollen Auftrag, daß Akka ihn der Eulenfrau nur mit flüsternder Stimme anzuvertrauen wagte.

4.3 Der Rattenfänger

Es war gegen Mitternacht, als die grauen Ratten nach vielem Suchen endlich ein offenstehendes Kellerloch fanden. Es saß ziemlich hoch in der Mauer, aber die Ratten stellten sich aufeinander, immer eine auf die Schultern der vorhergehenden, und so dauerte es gar nicht lange, bis die mutigste von ihnen durch das Loch springen konnte, sofort bereit, in Glimmingehaus einzudringen, vor deren Mauern so viele ihrer Vorfahren gefallen waren.

Die graue Ratte saß eine Weile im Kellerloch und wartete, daß sie angefallen werde. Das Hauptheer der Verteidiger war allerdings abwesend, aber sie nahm an, daß die zurückgebliebenen schwarzen Ratten sich nicht ohne Kampf ergeben würden. Mit klopfendem Herzen horchte sie auf das kleinste Geräusch; aber alles blieb ganz still. Da faßte der Anführer der grauen Ratten sich ein Herz und sprang in den kalten, dunklen Keller hinein.

Eine graue Ratte nach der andern folgte dem Anführer. Alle verhielten sich sehr still, und alle erwarteten, die schwarzen Ratten aus einem Hinterhalt hervorbrechen zu sehen. Erst als so viele in den Keller eingedrungen waren, daßkeine mehr Platz auf dem Boden hatte, wagten sie sich weiter.

Obgleich sie noch nie in dem Gebäude selbst gewesen waren, fanden sie den Weg doch ohne jegliche Schwierigkeit, und sie fanden auch sehr bald die Gänge in den Mauern, deren die schwarzen Ratten sich bedient hatten, um in die obern Stockwerke zu gelangen. Ehe sie diese schmalen und engen Treppen hinaufkletterten, lauschten sie wieder sehr aufmerksam nach allen Seiten. Daßsich die schwarzen Ratten so gänzlich zurückhielten, war ihnen viel unheimlicher, als wenn sie sich zu offnem Kampfe gestellt hätten. Sie konnten ihrem Glück kaum trauen, als sie das erste Stockwerk ohne Unfall erreicht hatten.

Gleich beim Eintreten schlug ihnen der Duft des Korns entgegen, das in großen Haufen auf dem Boden lag. Aber es war für sie noch nicht an der Zeit, ihren Sieg zu genießen. Mit der größten Sorgfalt durchsuchten sie zuerst die düsteren, kahlen Gemächer. Sie sprangen in der alten Schloßküche auf den Herd, der mitten auf dem Boden stand, und wären im nächsten Raum beinahe in einen Brunnen gestürzt. Keine einzige der schmalen Lichtöffnungen ließen sie unbeachtet, aber nirgends stießen sie auf schwarze Ratten.

Als nun dieses Stockwerk ganz und gar in ihrer Gewalt war, begannen sie, sich mit ganz derselben Vorsicht des zweiten zu bemächtigen. Wieder mußten sie eine mühevolle gefährliche Kletterpartie durch die Mauern machen, während sie in atemloser Angst erwarteten, daß der Feind über sie herfalle. Und obgleich sie der herrlichste Duft von den Kornhaufen lockte, zwangen sie sich doch, in größter Ordnung die frühere Gesindestube mit ihren mächtigen Pfeilern zu untersuchen, den steinernen Tisch und den Herd, die tiefen Fensternischen und das Loch im Boden, durch das man in früheren Zeiten siedendes Pech auf den eindringenden Feind hinuntergegossen hatte.

Aber die schwarzen Ratten waren und blieben unsichtbar. Die grauen suchten nun den Weg nach dem dritten Stockwerk mit dem großen Festsaal des Schloßherrn, der eben so kahl und leer war wie alle andern Gemächer des alten Hauses, und sie drangen sogar bis hinauf ins alleroberste Stockwerk, das nur aus einem einzigen großen, öden Raum bestand. Der einzige Ort, an den sie nicht dachten und den sie nicht untersuchten, war das große Storchennest auf dem Dache, wo gerade in diesem Augenblick die Eulenfrau Akka weckte und ihr mitteilte, daß die Turmeule Flammea ihrem Wunsche willfahrt habe und ihr das Erbetene schicke.

Nachdem die grauen Ratten also gewissenhaft die ganze Burg durchsucht hatten, fühlten sie sich beruhigt. Sie nahmen an, daß die schwarzen Ratten davongezogen seien, ohne an Widerstand zu denken, und frohen Herzens hüpften sie auf die Kornhaufen hinauf.

Aber kaum hatten sie die ersten Weizenkörner verzehrt, als da unten im Hof vor der Burg der weiche Ton einer kleinen scharfen Pfeife ertönte. Die Ratten hoben die Köpfe aus dem Korn, lauschten unbeweglich, sprangen ein paar Schritte vor, als wollten sie die Haufen verlassen, kehrten aber wieder um und begannen aufs neue zu fressen.

Wieder erklang die Pfeife mit starkem, durchdringendem Ton. Und jetzt geschah etwas Merkwürdiges. Eine Ratte, zwei Ratten, ja ein ganzer Trupp ließen die Körner los, sprangen aus den Kornhaufen heraus und liefen auf dem kürzesten Weg, so schnell sie konnten, in den Keller hinunter, um aus dem Hause hinauszukommen. Es waren jedoch noch viele graue Ratten zurückgeblieben. Diese dachten an die Mühe, die es sie gekostet hatte, Glimmingehaus zu erobern, und sie wollten es nicht wieder verlassen. Aber die Pfeifentöne nötigten sie noch einmal, und da mußten sie ihnen folgen. In wilder Eile stürzten auch sie aus den Kornhaufen heraus, rannten durch die engen Löcher in den Mauern und purzelten in ihrem Eifer, hinunterzukommen, übereinander.

Mitten auf dem Hofe stand ein kleiner Knirps, der auf einer Pfeife blies. Rund um sich her hatte er schon einen ganzen Kreis von Ratten, die ihm entzückt und hingerissen zuhörten, und mit jedem Augenblick strömten neue herbei. Sobald er die Pfeife nur eine Sekunde lang verstummen ließ, sah es aus, als ob die Ratten Lust hätten, sich auf ihn zu werfen und ihn totzubeißen, aber sobald er blies, waren sie unter seiner Macht.

Als der Knirps alle grauen Ratten aus Glimmingehaus herausgepfiffen hatte, begann er langsam zum Hofe hinaus und auf die Landstraße zu wandern; und alle grauen Ratten folgten ihm, weil ihnen alle die Pfeifentöne so süß in den Ohren klangen, daß sie nicht widerstehen konnten.

Der Knirps ging vor ihnen her und lockte sie mit sich auf den Weg nach Vallby. Unaufhörlich blies er auf seiner Pfeife, die aus einem Tierhorn gemacht zu sein schien, obgleich das Horn so klein war, daß es in unsern Tagen kein Tier gibt, aus dessen Stirn es hätte gebrochen sein können. Es wußte auch niemand, wer die Pfeife verfertigt hatte. Aber die Turmeule Flammea hatte das Horn in einer Nische der Domkirche zu Lund gefunden; sie hatte es dem Raben Bataki gezeigt, und diese beiden hatten miteinander ausgerechnet, daßdies eines von jenen Hörnern sein müsse, die in früheren Zeiten von den Menschen verfertigt worden waren, die sich Macht über Ratten und Mäuse verschaffen wollten. Der Rabe aber war Akkas Freund, und von ihm hatte sie erfahren, daß Flammea einen solchen Schatz besaß.

Und es war in der Tat so, die Ratten konnten der Pfeife nicht widerstehen. Der Junge ging vor ihnen her und blies so lange, als die Sterne am Himmel strahlten, und die ganze Zeit liefen die Ratten hinter ihm her. Er blies beim Morgengrauen, er blies beim Sonnenaufgang, und noch immer folgte ihm die ganze Rattenschar und wurde weiter und immer weiter von den großen Kornböden auf Glimmingehaus weggelockt.

Kapitel 5

Der große Kranichtanz auf dem Kullaberg

Dienstag, 29. März

Es muß zugegeben werden, daß in ganz Schonen, wo doch so viele prächtige Schlösser sich erheben, keines von allen so schöne Mauern hat wie der alte Kullaberg.

Der Kullaberg ist niedrig und langgestreckt, er ist durchaus kein großes mächtiges Gebirge. Auf dem breiten Bergrücken liegen Wälder und Felder, und da und dort eine mit Heidekraut bewachsene Fläche. Es ist da oben weder besonders schön noch besonders merkwürdig, und es sieht da gerade so aus wie auf jeder andern hochgelegenen Gegend in Schonen.

Wer die mitten über den Kamm des Berges hinlaufende Landstraße einschlägt, sagt sich unwillkürlich: “Dieses Gebirge verdient seine Berühmtheit gar nicht. Es gibt hier nichts Sehenswertes.”

Aber dann geschieht es vielleicht, daß er vom Wege abweicht und an den Rand des Berges tritt und über den schroffen Abhang hinabschaut, und da entdeckt er auf einmal so viel Sehenswertes, daß er kaum weiß, wie er alles auf einmal betrachten soll.

Denn der Kullaberg steht nicht wie andre Gebirge auf dem Festlande mit Ebnen und Tälern ringsherum, sondern er hat sich gleichsam so weit ins Meer hineingestürzt, als er überhaupt konnte. Nicht das kleinste Stückchen Land liegt unten am Berg, das ihn gegen die Meereswogen schützte; diese können ganz dicht bis an die Felsenwände heran, können sie auswaschen und nach Belieben formen.

Deshalb stehen die Gebirgswände dort auch so reich verziert da, wie das Meer und dessen Mithelfer, die Winde, sie zugerichtet haben. Da sind schroffe, tief in die Bergseiten hineingeschnittene Schluchten und schwarze hervorspringende Felsen, die unter den beständigen Peitschenschlägen des Windes blankgescheuert sind. Da sind einzelstehende Felsensäulen, die senkrecht aus dem Wasser aufragen, und dunkle Grotten mit engen Zugängen. Da finden sich steile nackte Felswände und sanfte bewachsene Abhänge, dann wieder kleine Felsenvorsprünge und Buchten, sowie kleine Rollsteine, die mit jedem Wogenschlag rasselnd umhergespült werden. Da sind auch stattliche Felsentore, die sich über dem Wasser wölben, und spitzig aufragende Steinblöcke, die beständig mit weißem Schaum überspritzt werden, und wieder andre, die sich in schwarzgrünem, unveränderlichem stillem Wasser spiegeln. Da gibt es in den Felsen eingemeißelte Riesenkessel und gewaltige Spalten, die den Wanderer verlocken, sich in die Tiefe des Gebirges bis zur Höhle des Kullamanns hineinzuwagen.

Und an allen diesen Schluchten und Felsen, oben darauf und an allen Seiten hin, wachsen und klettern Pflanzen und Zweige und Ranken empor. Bäume wachsen auch da, aber die Macht des Windes ist so groß, daß auch die Bäume sich in rankenartige Gewächse verwandeln müssen, damit sie sich an den Abhängen halten können. Die Eichenstämme haben sich niedergelegt und kriechen förmlich am Boden hin, während ihr Laub wie ein dichtes Gewölbe über ihnen steht, und kurzstämmige Buchen stehen wie große Laubzelte in den Schluchten.

Die merkwürdigen Bergwände mit dem weiten blauen Meer davor und der schimmernden scharfen Luft darüber, das alles zusammen macht das Kullagebirge den Menschen so lieb, daß den ganzen Sommer hindurch große Scharen von ihnen jeden Tag hinaufziehen. Schwerer wäre zu sagen, wodurch es für die Tiere so anziehend wird, daß sie sich jedes Jahr zu einer großen Spielversammlung da vereinigen. Aber dies ist eine Sitte, die seit uralten Zeiten beibehalten ist, und man hätte damals dabei sein müssen, als die erste Meereswoge am Kullaberg zu Schaum zerschellte, um erklären zu können, warum gerade er vor allen andern zum Versammlungsort gewählt wurde.

Wenn die Zusammenkunft stattfinden soll, machen die Edelhirsche, die Rehe, die Hasen, die Füchse und die übrigen wilden Vierfüßler die Reise nach dem Kullagebirge schon in der Nacht zuvor, um nicht von den Menschen gesehen zu werden. Gerade vor Sonnenaufgang ziehen sie alle nach dem Spielplatz, einer mit Heidekraut bewachsenen Ebene links vom Wege, nicht besonders weit von dem höchsten Gipfel des Gebirges entfernt.

Der Spielplatz ist von allen Seiten von runden Felskuppen umgeben, die die Tiere vor jedermann verbergen, der nicht gerade zufällig an diesen Platz gerät. Und im März ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß sich irgend ein Wanderer dorthin verirren sollte. Alle die Fremden, die sonst auf den Felsen herumstreifen und an den Gebirgswänden hinaufklettern, haben die Herbststürme schon vor vielen Monaten fortgejagt. Und der Leuchtturmwächter draußen auf dem äußersten Vorgebirge, die alte Frau im Kullahof und der Kullabauer und sein Hausgesinde gehen nur ihre gewohnten Wege und laufen nicht auf dem einsamen Heideland herum.

Wenn die Vierfüßler auf dem Spielplatz angelangt sind, lassen sie sich auf den runden Felsenkuppen nieder. Jede Tierart bleibt für sich, obgleich selbstverständlich an einem solchen Tag allgemeiner Burgfriede herrscht und kein Tier Angst zu haben braucht, von einem andern überfallen zu werden. An diesem Tag könnte ein junges Häschen über den Hügel der Füchse hinspazieren, ohne auch nur einen von seinen langen Löffeln einzubüßen. Aber die Tiere stellen sich doch in abgesonderten Scharen auf; das ist alte Sitte.

Wenn alle ihre Plätze eingenommen haben, sehen sie sich nach den Vögeln um. Es pflegt an diesem Tag immer schönes Wetter zu sein. Die Kraniche sind gute Wetterpropheten, und sie würden die Tiere nicht zusammenrufen, wenn Regen zu erwarten wäre. Obgleich aber die Luft klar ist und nichts die Aussicht hemmt, sehen die Vierfüßler doch keine Vögel. Das ist merkwürdig. Die Sonne steht schon hoch am Himmel, und die Vögel sollten doch unterwegs sein.

Was den Tieren auf dem Kullaberg dagegen auffällt, ist die eine oder andre kleine dunkle Wolke, die langsam über dem ebnen Land hinzieht. Und siehe da, eine dieser Wolken steuert jetzt plötzlich auf das Ufer des Öresund und auf den Kullaberg zu. Als die Wolke mitten über dem Spielplatz ist, hält sie an, und gleichzeitig beginnt die ganze Wolke zu zwitschern und zu klingen, als bestünde sie aus nichts als Tönen. Sie hebt und senkt sich, aber immerfort singt und klingt sie. Plötzlich fällt die ganze Wolke auf einen Hügel herab, die ganze Wolke auf einmal, und im nächsten Augenblick ist der Hügel vollständig von grauen Lerchen bedeckt, schönen rot-grau-weißen Buchfinken, gesprenkelten Staren und graugrünen Meisen.

Gleich darauf zieht noch eine Wolke über die Ebne hin. Sie hält über jedem Hof an, über jeder Arbeiterhütte und jedem Schloß, über Marktflecken und Städten, über Bauerngütern und Bahnhöfen, über Fischerdörfern und Zuckerfabriken. So oft sie anhält, saugt sie vom Boden eine kleine aufwirbelnde Säule von Staubkörnchen auf. Dadurch wächst und wächst die Wolke, und als sie endlich vollständig ist und nach dem Kullaberg steuert, ist es nicht mehr eine einzige Wolke, sondern eine ganze Wolkenwand, die so groß ist, daß sie von Höganäs bis Mölle einen Schatten auf die Erde wirft. Als sie über dem Spielplatz anhält, verdeckt sie die Sonne, und es muß eine gute Weile Sperlinge auf einen der Hügel regnen, bis die, die ganz innen in der Wolke geflogen waren, wieder einen Schimmer vom Tageslicht wahrnehmen können.

Aber jetzt taucht doch die größte von allen diesen Vogelwolken auf. Sie ist aus Scharen gebildet, die von allen Seiten herbeigeflogen kamen und sich miteinander vereinigt haben. Sie hat eine tief graublaue Färbung, und kein Sonnenstrahl dringt durch sie hindurch. Düster und schreckeneinjagend wie eine Gewitterwolke zieht sie daher, erfüllt von unheimlichstem Spuk, von gräßlichem, schreiendem, verächtlichem Gelächter und unglückprophezeiendem Gekrächze. Die Tiere auf dem Spielplatz sind froh, als sie sich endlich in einen Regen von flügelschlagenden, krächzenden Vögeln: von Dohlen, Raben und dem übrigen Krähenvolk auflöst.

Hierauf erscheinen am Himmel nicht nur Wolken, sondern eine Menge andrer Striche und Zeichen. Dann zeigen sich im Osten und Nordosten gerade punktierte Linien. Das sind die Waldvögel von den Göinger Bezirken, die Birk- und Auerhühner, die in langen Reihen, mit einem Abstand von ein paar Metern zwischen den einzelnen Vögeln daherfliegen. Und die Sumpfvögel, die sich auf Måkläppen vor Falsterbo aufhalten, kommen jetzt über den Öresund in allerlei sonderbaren Flugordnungen gezogen: in Triangeln oder langen Schnörkeln, in schiefen Haken oder in Halbkreisen.

Bei der großen Versammlung, die in dem Jahre stattfand, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, kam Akka mit ihrer Schar später als alle andern, und das war nicht zu verwundern, denn Akka hatte, um den Kullaberg zu erreichen, über ganz Schonen hinfliegen müssen. Außerdem hatte sie sich, sobald sie erwachte, zuerst nach Däumling umgesehen, der ja viele Stunden lang gegangen war, den grauen Ratten auf der Pfeife vorgeblasen und sie damit weit weg von Glimmingehaus gelockt hatte. Das Eulenmännchen war mit der Botschaft zurückgekehrt, daß die schwarzen Ratten gleich nach Sonnenuntergang daheim eintreffen würden, und es war also keine Gefahr mehr, wenn man die Pfeife der Turmeule verstummen ließ und den grauen Ratten erlaubte, zu gehen, wohin sie wollten.

Aber nicht Akka war es, die den Jungen entdeckte, wie er mit seinem langen Gefolge dahinzog, und die sich ganz schnell auf ihn herabsenkte, ihn mit dem Schnabel erfaßte und mit ihm in die Luft hinaufstieg, sondern Herr Ermenrich war es, der Storch. Denn auch Herr Ermenrich hatte sich aufgemacht, ihn zu suchen, und nachdem er ihn ins Storchennest hinaufgebracht hatte, bat er ihn um Verzeihung, daß er ihn am vorhergehenden Abend so unehrerbietig behandelt hätte.

Der Junge freute sich sehr darüber, und er und der Storch wurden recht gute Freunde. Akka war auch sehr freundlich gegen ihn und rieb ihren alten Kopf mehrere Male an seinem Arm. Aber am vergnügtesten wurde der Junge doch, als Akka den Storch fragte, ob er es für rätlich halte, daß sie Däumling mit auf den Kullaberg nähmen. “Ich glaube, wir können uns auf ihn ebensogut verlassen wie auf uns selber,” sagte sie. “Er wird uns den Menschen sicher nicht verraten.”

Der Storch riet sogleich sehr eifrig, Däumling mitzunehmen. “Gewißmüssen Sie Däumling mit nach dem Kullaberg nehmen, Mutter Akka,” sagte er. “Es ist ein Glück für uns, daß wir ihn für alles, was er heute Nacht unseretwegen ausgestanden hat, belohnen können. Und da ich mich noch immer über mein gestriges unpassendes Benehmen gräme, werde ich selbst ihn auf meinem Rücken nach dem Versammlungsort tragen.”

Es gibt nicht viel, was besser schmeckt, als von solchen gelobt zu werden, die selbst klug und tüchtig sind, und der Junge hatte sich noch nie so glücklich gefühlt als jetzt, wo die Wildgans und der Storch auf diese Weise von ihm sprachen.

Der Junge machte also die Reise nach dem Kullaberg auf dem Rücken des Storches, und obgleich er das für eine große Ehre hielt, verursachte es ihm doch viel Angst, denn Herr Ermenrich war ein Meister im Fliegen und flog mit ganz andrer Eile davon als die Wildgänse. Während Akka mit gleichmäßigen Flügelschlägen immer geradeaus flog, vergnügte sich der Storch mit einer Menge Flugkünste. Bald lag er in unermeßlicher Höhe ganz still da und schwebte durch die Luft, ohne die Flügel zu bewegen, bald ließ er sich mit solcher Eile hinabsinken, daß es aussah, als stürze er hilflos wie ein Stein auf die Erde hinunter, bald flog er zu seinem Vergnügen in großen und kleinen Kreisen wie ein Wirbelwind um Akka herum. Der Junge hatte noch nie so etwas erlebt, und obgleich er beständig von Angst erfüllt war, mußte er im stillen doch anerkennen, daß er früher nicht gewußt hatte, was man gut fliegen heißt.

Nur ein einziges Mal wurde während der Reise angehalten, das war, als Akka sich mit ihren Reisegefährten am Vombsee vereinigte und ihnen zurief, daß die grauen Ratten besiegt worden seien. Dann flogen alle miteinander geraden Wegs nach dem Kullaberg.

Hier ließen sie sich oben auf dem Hügel nieder, der den Wildgänsen aufgehoben war; und als jetzt der Junge die Blicke von Hügel zu Hügel wandern ließ, sah er, daß auf dem einen das vielzackige Geweih der Edelhirsche und auf einem andern die Nackenbüsche der grauen Habichte aufragten. Ein Hügel war rot von Füchsen, ein andrer schwarz und weiß von Seevögeln, einer grau von Ratten. Einer war mit schwarzen Raben besetzt, die unaufhörlich schrieen, einer mit Lerchen, die nicht imstande waren, sich ruhig zu verhalten, sondern immer wieder in die Luft hinaufstiegen und vor Freude jubilierten.

Wie es von jeher Sitte auf dem Kullaberg ist, begannen die Krähen die Spiele und Vorstellungen des Tages mit einem Flugtanz. Sie teilten sich in zwei Scharen, die aufeinander zuflogen, sich trafen, dann umwendeten und aufs neue begannen. Dieser Tanz hatte viele Runden und kam den Zuschauern, wenn sie die Tanzregeln nicht kannten, etwas zu einförmig vor. Die Krähen waren sehr stolz auf ihren Tanz, aber alle andern Tiere waren froh, als er zu Ende war. Er kam ihnen ebenso düster und sinnlos vor, wie das Spiel des Wintersturmes mit den Schneeflocken. Sie wurden schon vom Ansehen ganz niedergedrückt und warteten eifrig auf etwas, das sie ein bißchen froh stimmen würde.

Sie brauchten auch nicht vergeblich zu warten, denn sobald die Krähen fertig waren, kamen die Hasen dahergesprungen. In einer langen Reihe, ohne besondre Ordnung strömten sie herbei. Dazwischen kam einer ganz allein, dann wieder drei oder vier in einer Reihe. Alle hatten sich auf die Hinterläufe aufgerichtet, und sie stürmten so schnell vorwärts, daß ihre langen Ohren nach allen Seiten schwankten. Während des Springens drehten sie sich im Kreise herum, machten hohe Sätze und schlugen sich mit den Vorderpfoten gegen die Rippen, daß es knallte. Einige schlugen viele Purzelbäume hintereinander, andre kugelten sich zusammen und rollten wie Räder vorwärts, einer stand auf einem Lauf und schwang sich im Kreise, ein andrer ging auf den Vorderpfoten. Es war durchaus keine Ordnung da, aber es war viel Aufregung bei diesem Spiel der Hasen, und die vielen Tiere, die zusahen, begannen schneller zu atmen. Jetzt war es Frühling. Lust und Freude waren im Anzug. Der Winter war vorüber, der Sommer nahte. Bald war das Leben nur noch ein Spiel!

Als die Hasen ausgetobt hatten, war die Reihe des Auftretens an den großen Vögeln des Waldes. Hunderte von Auerhähnen in glänzend schwarzem Staat und mit hellroten Augenbrauen warfen sich auf eine große Eiche, die mitten auf dem Spielplatz stand. Der Auerhahn, der auf dem obersten Zweig saß, blies die Federn auf, ließ die Flügel hängen und streckte den Schwanz in die Höhe, so daß die weißen Deckfedern sichtbar wurden. Hierauf streckte er den Hals vor und stieß ein paar Töne aus dem verdickten Hals heraus. “Tjäck, tjäck, tjäck!” klang es. Mehr konnte er nicht herausbringen, es gluckste nur mehrere Male tief drunten in seiner Kehle. Dann schloß er die Augen und flüsterte: “Sis, sis, sis— hört wie schön! Sis, sis, sis!” Und zugleich verfiel er in solche Verzückung, daß er nicht mehr wußte, was rings um ihn her geschah.

Während der erste Auerhahn noch mit seinem sis, sis fortfuhr, fingen die drei, die am nächsten unter ihm saßen, zu balzen an, und ehe sie die ganze Weise durchgebalzt hatten, begannen die zehn, die etwas weiter unten saßen; und so ging es von Zweig zu Zweig, bis alle die Hunderte von Auerhähnen balzten und glucksten und sisisten. Sie fielen alle in dieselbe Verzückung während ihres Gesanges, und gerade das wirkte auf die andern Tiere wie ein ansteckender Rausch. Das Blut war ihnen vorhin lustig und leicht durch die Adern geflossen, jetzt begann es schwer und heiß zu wallen. “Ja, es ist sicherlich Frühling,” dachten die vielen Tiervölker. “Die Winterkälte ist verschwunden, das Feuer des Frühlings ist auf der Erde angezündet.”

Als die Birkhühner merkten, daß die Auerhähne so großen Erfolg hatten, konnten sie sich nicht mehr still verhalten. Da kein Baum da war, wo sie Platz gehabt hätten, stürmten sie auf den Spielplatz hinunter, wo das Heidekraut so hoch stand, daß nur ihre schön geschwungenen Schwanzfedern und ihre dicken Schnäbel hervorsahen, und begannen zu singen: “Orr, orr, orr!”

Gerade als die Birkhühner mit den Auerhähnen zu wetteifern begannen, geschah etwas Unerhörtes. Während alle Tiere an nichts andres dachten als an das Spiel der Auerhähne, schlich sich ein Fuchs ganz leise an den Hügel der Wildgänse heran. Er ging sehr vorsichtig und kam weit auf den Hügel hinauf, bevor ihn jemand bemerkte. Plötzlich entdeckte ihn doch eine Gans, und da sie sich nicht denken konnte, daß sich der Fuchs in guter Absicht zwischen die Gänse hineingeschlichen hätte, rief sie schnell: “Wildgänse, nehmt euch in acht! Nehmt euch in acht!” Der Fuchs packte sie am Halse, vielleicht hauptsächlich um sie zum Schweigen zu bringen, aber die Wildgänse hatten den Ruf schon vernommen und hoben sich in die Luft empor. Und als sie aufgeflogen waren, sahen alle Tiere den Fuchs Smirre mit einer toten Gans im Maule auf dem Hügel der wilden Gänse stehen.

Aber weil er also den Frieden des Spieltages gebrochen hatte, wurde schwere Strafe über Smirre verhängt, so daß er sein ganzes Leben lang bereuen mußte, daß er seine Rachgier nicht hatte unterdrücken können, sondern es versucht hatte, auf diese Weise Akka und ihrer Schar zu nahe zu kommen. Schnell wurde er von einer Schar Füchse umringt und alter Sitte gemäß verurteilt. Der Urteilsspruch aber lautet: “Wer immer den Frieden des großen Spieltages bricht, wird des Landes verwiesen.” Kein Fuchs wollte das Urteil mildern, denn sie wußten alle, sobald sie etwas derartiges versuchten, würden sie in demselben Augenblick vom Spielplatz verjagt und ihnen nicht erlaubt werden, ihn je wieder zu betreten. Also wurde das Verbannungsurteil ohne Widerspruch Smirre kundgetan. Es wurde ihm untersagt, in Schonen zu verbleiben. Er wurde von seiner Frau und von seinen Verwandten geschieden, von Jagdrevier, Wohnung und von den Schlupfwinkeln, die er bisher zu eigen gehabt hatte, und mußte sein Glück in der Fremde versuchen. Und damit alle Füchse in Schonen wissen sollten, daß Smirre in dieser Landschaft vogelfrei war, biß ihm der älteste von den Füchsen die Spitze seines rechten Ohrs ab. Sobald dies getan war, begannen die jungen Füchse blutdürstig zu heulen und sich auf Smirre zu werfen. Es blieb ihm nichts andres übrig, als die Flucht zu ergreifen, und mit allen jungen Füchsen an den Fersen rannte er vom Kullaberg fort.

Alles das geschah, während die Birkhühner und die Auerhähne miteinander wetteiferten. Aber diese Vögel vertiefen sich in solchem Grade in ihren Gesang, daß sie weder hören noch sehen, und sie hätten sich auch gar nicht stören lassen.

Kaum war der Wettstreit der Waldvögel beendet, als die Edelhirsche von Häckeberga vortraten, ihr Kampfspiel zu zeigen. Mehrere Paare Edelhirsche kämpften zu gleicher Zeit. Sie stürzten mit großer Kraft aufeinander los, schlugen donnernd mit den Geweihen zusammen, so daß sich deren Stangen ineinander flochten, und einer versuchte den andern zurückzudrängen. Heidekrautbüschel flogen unter ihren Hufen auf, der Atem stand ihnen wie Rauch vor dem Maule, aus ihrer Kehle drang unheimliches Gebrüll, und der Schaum floß ihnen am Bug hinunter.

Ringsum auf den Hügeln herrschte atemlose Stille, während die streitkundigen Hirsche im Treffen waren, und bei allen Tieren regten sich neue Gefühle. Alle und jedes einzelne fühlten sich mutig und stark, voll wiederkehrender Kraft, vom Frühling neu geboren, hurtig zu jeder Art Abenteuer bereit. Sie fühlten keinen Zorn gegeneinander, doch hoben sich überall Flügel, Nackenfedern sträubten sich und Krallen wurden gewetzt. Wenn die Hirsche von Häckeberga noch einen Augenblick weitergekämpft hätten, würde auf allen Hügeln ein wilder Kampf entbrannt sein, weil bei allen Tieren ein brennender Eifer um sich gegriffen hatte, zu zeigen, daß auch sie voller Leben seien, daß die Ohnmacht des Winters vorüber sei, daß Kraft ihre Adern schwelle.

Aber die Edelhirsche beendigten ihren Kampf gerade im rechten Augenblick, und schnell ging ein Flüstern von Hügel zu Hügel: “Jetzt kommen die Kraniche!”

Und da kamen die grauen wie in Dämmerung gekleideten Vögel, mit langen Federbüschen in den Flügeln und rotem Federschmuck im Nacken. Die Vögel mit ihren langen Beinen, ihren schlanken Hälsen und ihren kleinen Köpfen glitten in geheimnisvoller Verwirrung von ihrem Hügel herab. Während sie vorwärts glitten, drehten sie sich halb fliegend, halb tanzend im Kreise herum. Die Flügel anmutig erhoben, bewegten sie sich mit unfaßlicher Schnelligkeit. Es war, als spielten graue Schatten ein Spiel, dem das Auge kaum zu folgen vermochte. Es war, als hätten sie es von den Nebeln gelernt, die über die einsamen Moore hinschweben. Ein Zauber lag darin; alle, die noch nie auf dem Kullaberg gewesen waren, begriffen nun, warum die ganze Versammlung ihren Namen von dem Kranichtanz hat. Es lag eine gewisse Wildheit darin, aber das Gefühl, das diese erweckte, war eine holde Sehnsucht. Niemand dachte jetzt mehr daran, zu kämpfen. Dagegen fühlten jetzt alle, die Beflügelten und die Flügellosen, einen Drang in sich, ungeheuer hoch hinaufzusteigen, ja bis über die Wolken hinauf, um zu sehen, was sich darüber befinde, einen Drang, den schweren Körper zu verlassen, der sie auf die Erde hinabzog, und nach dem Überirdischen hinzuschweben.

Eine solche Sehnsucht nach dem Unerreichbaren, nach dem hinter dem Leben Verborgenen fühlten die Tiere nur einmal im Jahre, und zwar an dem Tag, wo sie den großen Kranichtanz sahen.

Kapitel 6

Im Regenwetter

Mittwoch, 30. März

Nun kam der erste Regentag während der Reise. Solange sich die Wildgänse in der Nähe des Vombsees aufgehalten hatten, war schönes Wetter gewesen; an demselben Tag, wo sie ihre Reise nach dem Norden fortsetzten, begann es zu regnen, und der Junge saß stundenlang tropfnaß und vor Kälte zitternd auf dem Rücken des Gänserichs.

Am Morgen, als sie fortzogen, war es hell und warm gewesen. Die Wildgänse hatten sich hoch in die Luft erhoben, gleichmäßig und ohne Eile in strenger Ordnung mit Akka an der Spitze, und die übrigen in zwei scharfen Linien hinter ihr, flogen sie dahin. Sie hatten sich keine Zeit genommen, den Tieren auf den Feldern kleine Bosheiten zuzurufen, aber da sie nicht imstande waren, sich ganz still zu verhalten, ließen sie unaufhörlich im Takt mit ihren Flügelschlägen ihren gewöhnlichen Lockruf ertönen: “Wo bist du? Hier bin ich! Wo bist du? Hier bin ich!”

Alle beteiligten sich an diesem einförmigen Rufen, das sie nur ab und zu unterbrachen, um dem zahmen Gänserich die Wegweiser zu zeigen, nach denen sie sich richteten. Die Zeichen auf dieser Reise waren die vereinzelten Erhöhungen des Sinderöder Bergrückens, der Herrenhof Ovesholm, der Kristianstädter Kirchturm, das Krongut Bäckawald, die schmale Landspitze zwischen dem Oppmannasee und dem Ivösee und dem schroffen Abhang des Ryßbergs.

Es war eine einförmige Reise gewesen; und als die Regenwolken allmählich auftauchten, dachte der Junge, das sei doch einmal eine Abwechslung. Früher, wo er die Regenwolken nur von unten gesehen hatte, waren sie ihm immer grau und langweilig vorgekommen, aber hoch droben zwischen ihnen zu sein, das war etwas ganz andres. Der Junge sah deutlich, daß die Wolken ungeheure Lastwagen waren, die berghoch beladen am Himmel hinfuhren; die einen waren mit riesigen grauen Säcken bepackt, andre mit Tonnen, die so großwaren, daß sie einen ganzen See fassen konnten, wieder andre furchtbar hoch mit großen Kesseln und Flaschen. Und nachdem so viele aufgefahren waren, daß sie den ganzen Himmelsraum füllten, war es, als habe ihnen jemand ein Zeichen gegeben, denn sie begannen alle auf einmal aus Kesseln, Tonnen, Flaschen und Säcken Wasser auf die Erde hinunterzugießen.

In dem Augenblick, wo die ersten Frühlingsgüsse auf die Erde prasselten, stießen alle die kleinen Vögel in den Gehölzen und auf den Wiesen solche Freudenrufe aus, daß die ganze Luft davon widerhallte und der Junge auf seinem Gänserücken erschreckt zusammenfuhr. “Jetzt bekommen wir Regen, der Regen bringt uns den Frühling, der Frühling gibt uns Blumen und grünes Laub, und die Blumen geben uns Raupen und Insekten, und Raupen und Insekten geben uns Nahrung! Viele und gute Nahrung ist das Beste, was es gibt!” sangen die Vögelein.

Auch die Wildgänse freuten sich über den Frühlingsregen, der die Pflanzen aus ihrem Winterschlaf weckte und die Eisdecke auf den Seen zerbrach. Es war ihnen nicht möglich, noch länger so ernst zu bleiben wie bisher, und sie fingen an, lustige Rufe auf die Landschaft unter ihnen hinabzuschicken.

Als sie über die großen Kartoffelfelder, die bei Kristianstadt besonders gut sind, und die jetzt noch schwarz und kahl dalagen, hinflogen, riefen sie: “Wachet jetzt auf und bringet Nutzen! Der Frühling ist da, der euch weckt! Nun habt ihr auch lange genug gefaulenzt!”

Wenn sie Menschen sahen, die sich beeilten, unter Dach und Fach zu kommen, ermahnten sie sie und sagten: “Warum habt ihr es denn so eilig? Seht ihr nicht, daß es Brot und Kuchen regnet? Brot und Kuchen!”

Eine große dicke Wolke bewegte sich rasch in nördlicher Richtung vorwärts und schien den Gänsen zu folgen. Sie glaubten wohl, daß sie die Wolke mit sich zögen, denn als sie jetzt gerade große Gärten unter sich sahen, riefen sie ganz stolz: “Hier kommen wir mit Anemonen! Wir kommen mit Rosen, mit Apfelblüten und Kirschenknospen! Wir kommen mit Erbsen und Bohnen, mit Weizen und Roggen! Wer Lust hat, greife zu! Wer Lust hat, greife zu!”

So hatte es geklungen, während die ersten Regenschauer fielen, wo sich noch alle über den Regen freuten. Als es aber den ganzen Nachmittag fortregnete, wurden die Gänse ungeduldig und riefen den durstigen Wäldern rings um den Ivösee zu: “Habt ihr noch nicht bald genug? Habt ihr noch nicht bald genug?”

Der Himmel überzog sich immer mehr mit einem gleichmäßigen Grau, und die Sonne verbarg sich so gut, daß niemand herausfand, wo sie steckte. Der Regen fiel dichter, er klatschte schwer auf die Gänseflügel und drang durch die eingeölten Außenfedern bis auf die Haut durch. Die Erde dampfte, Seen, Gebirge und Wälder flossen zu einem undeutlichen Wirrwarr zusammen, und die Wegzeiger waren nicht mehr zu erkennen. Die Fahrt ging immer langsamer, die lustigen Zurufe verstummten, und der Junge fühlte die Kälte immer mehr.

Aber doch hielt er den Mut aufrecht, solange er durch die Luft ritt. Auch am Abend, als sie sich unter einer kleinen Kiefer niedergelassen hatten, mitten auf einem großen Moor, wo alles naß und kalt war, wo die einen Erdhaufen mit Schnee bedeckt waren und die andern kahl aus einem Tümpel halbgeschmolzenen Eiswassers aufragten, war er noch nicht mutlos gewesen, sondern war fröhlich umhergelaufen und hatte sich Krähenbeeren und gefrorene Preißelbeeren gesucht. Aber dann wurde es Abend, und die Dunkelheit senkte sich so tief herab, daßnicht einmal solche Augen, wie der Junge jetzt hatte, hindurchdringen konnten, und das weite Land sah merkwürdig unheimlich und schreckenerregend aus. Unter dem Flügel des Gänserichs lag der Junge zwar wohl eingebettet, aber Kälte und Feuchtigkeit hinderten ihn am Einschlafen. Er hörte auch so viel Gerassel und Geprassel und drohende Stimmen ringsum, daß ihn furchtbares Entsetzen ergriff und er nicht wußte, wohin er sich wenden sollte. Wenn er sich nicht zu Tode ängstigen sollte, dann mußte er fort, dahin, wo es ein wärmendes Feuer und Licht gab.

“Wie wärs, wenn ich mich nur diese eine Nacht zu den Menschen hineinwagte?” dachte er. “Nur so, daß ich ein Weilchen an einem Feuer sitzen dürfte und einen Mundvoll zu essen bekäme. Vor Sonnenaufgang könnte ich ja zu den Gänsen zurückkehren.”

Er kroch sachte unter dem Flügel hervor und glitt auf den Boden hinunter. Weder der Gänserich noch eine der andern Gänse erwachte, und leise und unbemerkt schlich er über das Moor weg.

Er wußte nicht recht, in welchem Teil des Landes er sich befand, ob in Schonen, in Småland oder in Blekinge.

Aber gerade, bevor sich die Gänse auf dem Moor niedergelassen hatten, hatte er einen Schein von einer großen Stadt gesehen, und dorthin lenkte er jetzt seine Schritte. Es dauerte auch nicht lange, bis er einen Weg fand, und bald war er auf der langen mit Bäumen eingefaßten Landstraße, wo auf jeder Seite Hof an Hof lag.

Der Junge war in eines der großen Kirchspiele geraten, die weiter droben im Land sehr allgemein sind, die es aber unten in der Ebene gar nicht gibt.

Die Wohnhäuser waren aus Holz und sehr hübsch gebaut. Die meisten hatten mit geschnitzten Leisten verzierte Giebel, und die Glasveranden waren mit der einen und andern bunten Scheibe versehen. Die Wände waren mit heller Ölfarbe angestrichen, die Türen und Fensterrahmen leuchteten blau und grün, hin und wieder auch rot. Während der Junge dahinwanderte und die Häuser betrachtete, hörte er sogar, wie die Leute in den warmen Stuben plauderten und lachten. Die Worte konnte er nicht verstehen, aber es kam ihm sehr schön vor, menschliche Stimmen zu hören. “Ich möchte wissen, was sie sagen würden, wenn ich anklopfte und um Einlaß bäte?” dachte er.

Das war es ja, was er im Sinn gehabt hatte; aber beim Anblick der erleuchteten Fenster war seine Angst vor der Dunkelheit verschwunden. Dagegen fühlte er jene Scheu, die ihn immer in der Nähe der Menschen überkam. “Ich werde mich eine Weile in dem Dorf umsehen,” dachte er, “ehe ich bei jemand um Obdach und Speise anhalte.”

An einem Haus war ein Balkon. Und gerade als der Junge vorüberging, wurden die Balkontüren aufgemacht, und durch feine, lichte Vorhänge strömte ein gelber Lichtschein heraus. Dann trat eine schöne junge Frau heraus und beugte sich über das Geländer. “Es regnet, jetzt wird es bald Frühling,” sagte sie. Als der Junge sie sah, überkam ihn zum erstenmal ein merkwürdiges Angstgefühl. Es war ihm, als müsse er weinen. Zum erstenmal ergriff ihn eine gewisse Unruhe darüber, daß er sich selbst von den Menschen ausgeschlossen hatte. Kurz nachher kam er an einem Kaufladen vorüber. Vor dem Hause stand eine rote Sämaschine. Er blieb stehen und sah sie an und kroch schließlich auf den Bock hinauf. Als er droben saß, schnalzte er mit der Zunge und tat, als fahre er. Er dachte, welches Glück das wäre, wenn er eine so schöne Maschine über einen Acker fahren dürfte.

Einen Augenblick lang hatte er ganz vergessen, wie er jetzt aussah, aber gleich erinnerte er sich wieder daran, und eilig sprang er von der Maschine herunter. Eine immer größere Unruhe bemächtigte sich seiner. Ja, wer beständig unter Tieren leben mußte, kam doch in vielem zu kurz. Die Menschen waren wirklich recht merkwürdige und tüchtige Geschöpfe.

Er ging an der Post vorbei und dachte da an die Zeitungen, die jeden Tag mit Neuigkeiten von allen vier Enden der Welt kommen. Er sah die Apotheke und die Doktorwohnung, und da mußte er denken, welche große Macht die Menschen doch hatten, daß sie Krankheit und Tod bekämpfen konnten. Er kam an die Kirche und dachte an die Menschen, die sie erbaut hatten, um in ihr von einer andern Welt zu hören, einer Welt außerhalb der, in der sie lebten, sowie von Gott und Auferstehung und einem ewigen Leben.

Und je weiter er kam, desto besser gefielen ihm die Menschen.

Kinder können eben niemals weiter sehen, als ihre Nase lang ist. Was am nächsten vor ihnen liegt, nach dem strecken sie die Hand aus, ohne sich darum zu kümmern, was es sie kosten könnte. Nils Holgersson hatte kein Verständnis dafür gehabt, was er verloren gab, als er ein Wichtelmännchen zu bleiben wünschte; jetzt aber ergriff ihn eine furchtbare Angst, er würde am Ende nie wieder seine rechte Gestalt erlangen können.

Aber wie in aller Welt müßte er es angreifen, um wieder ein Mensch zu werden? Das hätte er schrecklich gerne gewußt.

Er kroch auf eine Haustreppe hinauf und setzte sich da mitten in den strömenden Regen, um zu überlegen. Er saß eine Stunde da, zwei Stunden, und sann und grübelte mit tiefgefurchter Stirne. Aber er wurde nicht klüger; es war, als ob sich seine Gedanken nur immer in seinem Kopf im Kreise drehten. Und je länger er dasaß, desto unmöglicher erschien es ihm, irgend eine Lösung zu finden.

“Dies ist sicherlich viel zu schwer für einen, der so wenig gelernt hat wie ich,” dachte er schließlich. “Ich werde jedenfalls zu den Menschen zurückkehren müssen. Dann muß ich den Pfarrer und den Doktor und den Schullehrer fragen, und auch noch andre, die gelehrt sind und Hilfe für so etwas wissen.”

Ja, er beschloß, dies sogleich zu tun; er stand auf und schüttelte sich, denn er war so naß wie ein Hund, der in einem Wassertümpel gewesen ist.

In diesem Augenblick sah er, daß eine große Eule daherflog und sich auf einen der Bäume an der Straße niederließ. Gleich darauf begann eine Waldeule, die unter der Dachleiste saß, sich zu bewegen und zu rufen: “Kiwitt, kiwitt, bist du wieder da, Sumpfeule? Wie ist es dir im Ausland gegangen?” “Danke der Nachfrage, Waldeule, es ist mir gut gegangen,” sagte die Sumpfeule. “Ist während meiner Abwesenheit irgend etwas Merkwürdiges passiert?”

“Nicht hier in Blekinge, Sumpfeule, aber in Schonen ist ein Junge in ein Wichtelmännchen verwandelt und so klein gemacht worden wie ein Eichhörnchen, und dann ist der Junge mit einer zahmen Gans nach Lappland gereist.”

“Das ist ja eine sonderbare Neuigkeit, eine sonderbare Neuigkeit! Kann er jetzt nie wieder ein Mensch werden, Waldeule? Sag, kann er nie wieder ein Mensch werden?”

“Das ist ein Geheimnis, Sumpfeule, aber du sollst es doch wissen. Das Wichtelmännchen hat gesagt, wenn der Junge die zahme Gans bewacht, daß sie unbeschädigt wieder heimkommen und—”

“Und was noch, Waldeule, was noch?”

“Fliege mit mir auf den Kirchturm hinauf, dann sollst du alles erfahren. Ich habe Angst, es könnte uns hier auf der Straße jemand zuhören.”

Damit flogen die beiden Eulen davon, aber der Junge warf seine Mütze hoch in die Luft. “Wenn ich nur über den Gänserich wache, damit er unbeschädigt wieder heimkommt, dann werde ich wieder ein Mensch. Hurra! Hurra! Dann werde ich wieder ein Mensch!”

Er schrie Hurra, und es war merkwürdig, daß man ihn drinnen im Hause nicht hörte. Aber das war nicht der Fall, und der Junge lief zurück zu den Wildgänsen auf das nasse Moor hinaus, so schnell ihn seine Beine tragen konnten.

Kapitel 7

Die Treppe mit den drei Stufen

Donnerstag, 31. März

Am nächsten Tag wollten die Wildgänse durch den Allbobezirk in Småland nach Norden weiterreisen und schickten Yksi und Kaksi als Kundschafter voraus; diese kamen zurück und sagten, alles Wasser sei gefroren und alle Felder seien mit Schnee bedeckt.

“Dann wollen wir lieber dableiben, wo wir sind,” sagten die Wildgänse. “Wir können nicht durch ein Land reisen, wo es weder Wasser noch Futter gibt.”

“Wenn wir bleiben, wo wir sind, werden wir vielleicht einen ganzen Monat warten müssen,” sagte Akka. “Da wollen wir lieber ostwärts durch Blekinge reisen und versuchen, ob wir nicht später über Småland durch den Mörebezirk, der an der Küste liegt und wo es frühzeitig Frühling wird, weiterkommen können.”

So ritt nun also der Junge am nächsten Tage über Blekinge hin. Jetzt wo es hell war, hatte sich sein Gemüt wieder beruhigt, und er konnte nicht begreifen, was ihn gestern abend so sehr angefochten hatte. Jetzt wollte er die Reise nach Lappland und das ungebundene Leben ganz und gar nicht mehr aufgeben.

Über der Landschaft Blekinge lag ein dichter Regennebel, und der Junge konnte nicht erkennen, wie das Land unter ihm aussah. “Ich möchte wohl wissen, ob wir hier über gutes oder schlechtes Erdreich hinfliegen?” dachte er, und er zerbrach sich den Kopf, um sich zu erinnern, was er in der Schule darüber gehört hatte. Zugleich aber wußte er auch, daß ihm dies nichts nützen konnte, weil er ja seine Aufgaben nie ordentlich gelernt hatte.

Doch plötzlich sah er die ganze Schule deutlich vor sich. Die Kinder saßen in den schmalen Schulbänken und streckten die Finger in die Höhe, der Lehrer saß auf dem Katheder und sah unzufrieden aus, er selbst aber stand vorne an der Karte und sollte Fragen über Blekinge beantworten, wußte aber kein Wort zu sagen. Mit jeder Sekunde wurde das Gesicht des Lehrers düsterer, und der Junge dachte, der Lehrer nehme es viel genauer mit der Geographie als mit irgend einem der andern Fächer. Jetzt kam er auch noch vom Katheder herunter, nahm dem Jungen den Stock aus der Hand und schickte ihn auf seinen Platz zurück. “Das nimmt gewiß kein gutes Ende,” dachte der Junge. Aber der Lehrer trat an ein Fenster und sah eine Weile hinaus, und dann begann er leise zu pfeifen, wie er zu tun pflegte, wenn er guter Laune war. Jetzt stieg er wieder auf den Katheder und sagte, er wolle ihnen etwas von Blekinge erzählen.

Und was der Lehrer dann erzählt hatte, war so unterhaltend gewesen, daß der Junge wohl aufgepaßt hatte. Wenn er nur daran dachte, wußte er jedes Wort wieder.

“Småland ist ein hohes Haus,” begann der Lehrer, “mit Tannen auf dem Dache; vor dem Hause aber ist eine breite Treppe mit drei Stufen, und diese Treppe wird Blekinge genannt.

Es ist eine Treppe, die tüchtig zugenommen hat. Sie erstreckt sich acht Meilen weit über die Vorderseite des småländischen Hauses, und wer die Treppe bis an die Ostsee hinuntergehen will, hat vier Meilen zu wandern.

Es ist auch schon recht lange her, seit die Treppe gebaut worden ist. Tage und Jahre sind vergangen, seit die ersten aus Feldsteinen gehauenen Stufen zu einer bequemen Verkehrsstraße zwischen Småland und der Ostsee eben und gleichmäßig gelegt wurden.

Da die Treppe schon so alt ist, wird man wohl begreifen, daß sie jetzt nicht mehr so aussieht wie zu der Zeit, wo sie neu war. Ich weiß nicht, wie viel man sich damals um so etwas gekümmert hat, aber jedenfalls war bei einer solchen Größe keine Kunst imstande, sie rein zu halten. Nach ein paar Jahren wuchsen Moos und Flechten darauf, Spreu und dürres Laub wurde im Herbst darüber geweht, und ihm Frühling wurde sie mit niederprasselnden Steinen und Kies überschüttet. Und da dies alles liegen blieb, sammelte sich schließlich so viel Erde auf der Treppe an, daß nicht nur Gras und Kräuter, sondern auch Büsche und große Bäume darauf Wurzel schlugen.

Aber zugleich ist zwischen den drei Stufen ein großer Unterschied entstanden. Die oberste, die Småland am nächsten liegt, ist zum großen Teil mit magrer Erde und kleinen Steinen bedeckt, und es wachsen nicht gern andre Bäume da als Weißbirken und Faulkirschen und Tannen, die die Kälte dort oben ertragen und mit wenig zufrieden sind. Am allerbesten begreift man, wie kärglich und ärmlich es da oben ist, wenn man sieht, wie klein die vom Walde urbar gemachten Äcker sind, was für winzige Häuser die Leute sich da bauen und wie weit die Kirchen voneinander entfernt sind.

Auf der mittlern Treppe gibt es bessere Erde, und es wird dort auch nicht so sehr kalt. Man sieht das gleich daran, daß die Bäume höher und von besserer Art sind. Dort wachsen Ahorn und Eichen und Linden, Hängebirken und Haselsträucher, aber keine Nadelhölzer. Und noch deutlicher sieht man es an den vielen bebauten Landstrecken und an den großen und schönen Häusern, die sich die Menschen gebaut haben. Es stehen auch viele Kirchen auf der mittlern Stufe, und große Ortschaften liegen rings um sie herum, und sie nimmt sich in jeder Beziehung besser und schöner aus als die oberste Stufe.

Aber die unterste Stufe ist doch von allen die beste. Sie ist mit guter, richtiger Erde bedeckt, und da, wo sie liegt und sich im Meere badet, hat man nicht das geringste Gefühl von der småländischen Kälte. Hier unten gedeihen Buchen und Kastanien und Nußbäume, und sie werden so groß, daßsie über das Kirchendach hinausragen. Hier sind auch die größten Ackerfelder; aber die Leute leben nicht allein vom Ackerbau und vom Ertrag der Wälder, sie beschäftigen sich auch mit dem Fischfang, mit Handel und Schiffahrt. Deshalb gibt es hier auch die kostbarsten Häuser und die schönsten Kirchen, und die Kirchspiele sind zu Handelsplätzen und Städten herangewachsen.

Aber damit ist noch nicht alles über die drei Treppenstufen gesagt. Denn man muß wohl bedenken, daß das Wasser, wenn es auf das Dach des großen Hauses in Småland regnet, oder wenn der Schnee da oben schmilzt, sich irgendwohin verlaufen muß, und da stürzt natürlich ein Teil davon die große Treppe hinunter. Im Anfang floß es allerdings über die ganze Breite der Treppe; aber dann entstanden Risse darin, und allmählich hat sich nun das Wasser daran gewöhnt, in mehreren gut ausgewaschenen Rinnen hinunterzufließen. Und Wasser ist Wasser, was man auch immer damit tun mag. Es gönnt sich nie Ruhe. An einer Stelle gräbt es sich ein, sickert in den Erdboden und verschwindet, und an einer andern Stelle nimmt es zu. Die Rinnen hat es zu Tälern ausgegraben, die Talwände hat es mit Erde bedeckt, und dann haben Büsche und Ranken und Bäume sich daran angeklammert, in so dichter und reicher Fülle, daß sie den Wasserstrom, der in der Tiefe dahinfließt, beinahe verdecken. Aber wenn die Ströme an die Absätze zwischen den Stufen kommen, müssen sie sich kopfüber hinunterstürzen, und dadurch kommt das Wasser in so schäumende Erregung, daß es die Kraft hat, Mühlräder und Maschinen zu treiben; und Mühlen und Fabriken sind denn auch rings um jeden Wasserfall her entstanden.

Aber auch damit ist durchaus noch nicht alles über das Land mit den drei Treppenstufen gesagt, sondern es muß auch noch hervorgehoben werden, daß da droben in Småland in dem großen Haus einst ein Riese wohnte, der alt geworden war. Und es ärgerte ihn, daß er in seinem hohen Alter gezwungen sein sollte, die hohe Treppe hinunterzugehen, um den Lachs im Meere zu fangen. Er dachte, es sei viel bequemer, wenn der Lachs dahin käme, wo er hauste.

Er ging daher auf das Dach seines großen Hauses und schleuderte von da mächtige Steine in die Ostsee hinein. Er warf sie mit solcher Kraft, daßdie Steine über ganz Blekinge wegflogen und wirklich ins Meer fielen. Und als die Steine hineinfielen, bekam der Lachs so große Angst, daß er aus dem Meere herausging, die Ströme von Blekinge hinauffloh, dann durch die Bäche hindurchschwamm, mit hohen Sprüngen sich die Fälle hinaufschnellte und nicht eher anhielt, als bis er weit drinnen in Småland bei dem alten Riesen war.

Und wie wahr alles das ist, das sieht man an den vielen Inseln und Schären, die vor der Küste von Blekinge liegen, die aber nichts andres sind als die vielen großen Steine, die der Riese dahingeschleudert hat.

Man erkennt es auch daran, daß der Lachs sich immer noch durch die Ströme von Blekinge und durch die Wasserfälle in die ruhig fließenden Wasser bis nach Småland hinaufarbeitet.

Aber jener Riese hat viel Dank und Ehre von den Bewohnern von Blekinge verdient, denn die Lachsfischerei in den Strömen und die Steinhauerei in den Schären ist eine Arbeit, womit sich bis zum heutigen Tag viele Menschen ihren Unterhalt verdienen.”

Kapitel 8

Am Ronnebyfluß

Freitag, 1. April

Weder die Wildgänse noch der Fuchs Smirre hatten geglaubt, daß sie je wieder zusammentreffen würden, nachdem dieser Schonen verlassen hatte. Aber nun geschah es, daß die Wildgänse ihren Weg über Blekinge nahmen, und da hatte sich Smirre auch hinbegeben. Er hatte die Zeit bis jetzt in dem nördlichen Teil dieser Landschaft verbracht und war äußerst mißvergnügt über diesen Aufenthalt. Eines Nachmittags, als Smirre in einer einsamen Waldgegend, nicht weit von dem Ronnebyfluß entfernt, umherstreifte, sah er eine Schar Wildgänse daherfliegen. Er sah sogleich, daß eine der Gänse weiß war, und da wußte er ja, mit wem er es zu tun hatte.

Und sofort begann Smirre hinter den Gänsen herzujagen, einmal, weil ihn nach einer guten Mahlzeit gelüstete, dann aber auch in der Absicht, sich für all den Verdruß zu rächen, den sie ihm bereitet hatten. Er sah sie ostwärts bis zum Ronnebyfluß fliegen; dort änderten sie die Richtung und zogen weiter nach Süden. Er erriet, daß sie sich am Flußufer eine Schlafstätte suchten, und hoffte, ohne besondre Schwierigkeit einige von ihnen erwischen zu können.

Aber als Smirre endlich den Ort erblickte, wo die Gänse sich niedergelassen hatten, entdeckte er, daß es ein sehr gut beschützter Platz war, und daß er ihnen nicht beikommen konnte.

Der Ronnebyfluß ist zwar kein großer und mächtiger Wasserlauf, aber er ist seiner schönen Ufer wegen doch sehr berühmt. Einmal ums andre zwängt er sich zwischen steilen Gebirgswänden hindurch, die senkrecht aus dem Wasser aufragen und vollständig mit Geißblatt, Faulkirschen und Weißdorn, mit Erlen, Ebereschen und Weiden bewachsen sind; an einem schönen Sommertag gibt es nicht leicht etwas Angenehmeres, als auf dem kleinen, dunklen Fluß dahinzurudern und hinaufzuschauen in all das Grün, das sich an den rauhen Felswänden festklammert.

Aber jetzt, als die Wildgänse und Smirre an den Fluß kamen, herrschte noch der kalte, rauhe Vorfrühling, alle Bäume standen noch kahl, und niemand dachte auch nur mit einem Gedanken daran, ob die Ufer schön oder häßlich seien.

Die Wildgänse waren indes sehr froh, daß sie unter einer so steilen Bergwand einen schmalen Sandstreifen sahen, gerade groß genug, um die ganze Schar aufzunehmen. Vor ihnen brauste der Fluß, der jetzt, wo der Schnee schmolz, wild und angeschwollen war, hinter sich hatten sie die unbesteigbaren Felsenwände, und herabhängende Zweige verdeckten sie; sie hätten es nicht besser haben können.

Smirre stand oben auf dem Gebirgskamm und schaute zu den Wildgänsen hinunter. “Diese Verfolgung kannst du ebensogut gleich aufgeben,” sagte er zu sich selbst. “Einen so steilen Berg kannst du nicht hinunterklettern, durch den wilden Strom kannst du nicht schwimmen, und unten am Berg ist auch nicht der kleinste Streifen Land, der zur Schlafstelle der Gänse führen würde. Diese Gänse sind dir zu klug, Reineke. Gib dir keine Mühe mehr, sie zu jagen.”

Aber wie andern Füchsen auch, wurde es Smirre schwer, ein halb ausgeführtes Unternehmen aufzugeben; er legte sich deshalb ganz außen an den Bergrand und verwandte kein Auge von den Wildgänsen. Während er sie so betrachtete, dachte er an all das Böse, das sie ihm zugefügt hatten. Ja, ihre Schuld war es, daß er aus Schonen verbannt worden war und nach Blekinge hatte flüchten müssen, wo er bis jetzt noch keinen Herrenhofpark, keine zahmen Gänse, kein Wildgehege voller Rehe und leckerer Rehzicklein gesehen hatte. Er arbeitete sich in eine solche Wut hinein, während er so dalag, daß er den Gänsen Tod und Verderben wünschte, sogar wenn er selbst nicht dazu kommen sollte, sie zu verspeisen.

Als Smirres Zorn diesen hohen Grad erreicht hatte, hörte er in einer großen Kiefer dicht neben sich ein Geraschel, und er sah ein Eichhörnchen, das von einem Marder heftig verfolgt wurde, den Baum herunterlaufen. Keines von den beiden bemerkte Smirre, der sich ganz ruhig verhielt und der Jagd zusah, die von Baum zu Baum ging. Er betrachtete das Eichhörnchen, das so leicht durch die Bäume huschte, als ob es fliegen könnte. Er betrachtete auch den Marder, der kein so kunstgerechter Kletterer war wie das Eichhörnchen, aber doch die Baumstämme hinauf und hinunter lief, als seien es ebene Waldpfade.

“Könnte ich nur halb so gut klettern wie eins von diesen beiden,” dachte der Fuchs, “dann dürften die dort drunten nicht länger in Ruhe schlafen.”

Sobald die Jagd zu Ende und das Eichhörnchen gefangen war, ging Smirre zu dem Marder hin, machte aber zum Zeichen, daß er ihn seiner Jagdbeute nicht berauben wolle, auf zwei Schritt Abstand vor ihm Halt. Er begrüßte den Marder sehr freundlich und gratulierte zu dem Ausfall der Jagd. Smirre setzte seine Worte sehr gut, wie dies beim Fuchs immer der Fall ist. Der Marder dagegen, der sich mit seinem langen, schmalen Körper, seinem feinen Kopf, seinem weichen Fell und seinem hellbraunen Fleck am Halse wie ein kleines Wunder von Schönheit ausnimmt, ist in Wirklichkeit nur ein ungeschlachter Waldbewohner und gab dem Fuchs kaum eine Antwort. “Nur eins verwundert mich,” fuhr Smirre fort, “daß sich ein solcher Jäger wie du mit der Jagd auf Eichhörnchen begnügt, wenn sich so viel besseres Wildbret in erreichbarer Nähe befindet.” Hier hielt er inne und wartete auf eine Erwiderung, aber als der Marder ihn, ohne ein Wort zu sagen, ganz unverschämt angrinste, fuhr er fort: “Wäre es möglich, daß du die Wildgänse dort unten an der Felswand nicht gesehen hättest? Oder bist du kein so guter Kletterer, daß du nicht zu ihnen hinunter gelangen könntest?”

Diesmal brauchte Smirre nicht auf Antwort zu warten. Der Marder stürzte mit gekrümmtem Rücken und gesträubtem Fell auf ihn zu. “Hast du Wildgänse gesehen?” zischte er ihn an. “Wo sind sie? Sag es schnell, sonst beiße ich dir die Gurgel entzwei.”

“Nun, nun, vergiß nicht, daß ich doppelt so groß bin als du, und sei ein bißchen höflich. Ich wünsche gar nichts weiter, als dir die Wildgänse zu zeigen.”

Einen Augenblick später war der Marder auf dem Wege den Abhang hinunter, und während Smirre zusah, wie er seinen schlangendünnen Körper von Zweig zu Zweig schwang, dachte er: “Dieser schöne Baumjäger hat das grausamste Herz der ganzen Schöpfung. Ich glaube, die Wildgänse werden mir für ein blutiges Erwachen zu danken haben.”

Aber gerade, als Smirre den Todesschrei der Gänse zu hören erwartete, sah er den Marder in den Fluß hinunterplumpsen, so daß das Wasser hoch aufspritzte. Und gleich nachher erklang starkes Flügelschlagen, und alle Gänse flogen in wilder Hast auf.

Smirre wollte den Gänsen schnell nachjagen, aber er war so neugierig zu erfahren, wie sie gerettet worden waren, daß er stehen blieb, bis der Marder wieder heraufgeklettert kam. Der Ärmste war patschnaß und hielt ab und zu an, um sich den Kopf mit den Vorderpfoten zu reiben.

“Ich habe mir doch gedacht, daß du ein Tölpel wärst und in den Flußfallen würdest,” sagte Smirre verächtlich.

“Ich habe mich nicht tölpelhaft angestellt, und du hast nicht nötig, mich zu schelten,” erwiderte der Marder. “Ich saß schon auf einem der untersten Zweige und überlegte, wie ich eine ganze Menge von ihnen töten könnte, als ein kleiner Knirps, nicht größer als ein Eichhörnchen, aufsprang und mir mit solcher Kraft einen Stein an den Kopf warf, daß ich ins Wasser purzelte, und ehe ich wieder aus dem Wasser herauskrabbeln konnte—”

Der Marder brauchte nicht weiter zu berichten. Er hatte keinen Zuhörer mehr. Smirre war schon weit weg hinter den Gänsen her.

Indessen war Akka südwärts geflogen, eine neue Schlafstelle zu suchen. Es war noch ein wenig Tagesschein vorhanden, und der Halbmond stand hoch am Himmel, so daß sie einigermaßen sehen konnte. Zum Glück kannte sie sich gut in der Gegend aus, denn es war mehr als einmal vorgekommen, daß die Gänse, wenn sie im Frühjahr über die Ostsee flogen, nach Blekinge verschlagen worden waren. Sie flog also am Fluß hin, solange sie ihn durch die mondscheinbeglänzte Landschaft wie eine schwarze, blinkende Schlange dahingleiten sah. Auf diese Weise gelangten sie bis hinunter zum Tiefen Fall, wo der Fluß sich in einer unterirdischen Rinne verbirgt und dann klar und durchsichtig, wie wenn er von Glas wäre, sich in eine enge Schlucht hinabstürzt, auf deren Boden er in glitzernde Tropfen und umherspritzenden Schaum zerschellt. Unterhalb des Falles lagen einige Steine, zwischen denen das Wasser in wilden Wirbeln aufschäumte, und hier ließ sich Akka nieder. Dies war wieder ein guter Ruheplatz, besonders so spät am Abend, wo keine Menschen mehr unterwegs waren. Bei Sonnenuntergang hätten die Gänse sich nicht gut hier niederlassen können, denn der Tiefe Fall liegt in keiner öden Gegend. Auf der einen Seite erhebt sich eine große Kartonnagefabrik, und auf der andern, die steil und mit Bäumen bestanden ist, liegt der Park von Tiefental, in dem beständig auf den schlüpfrigen und steilen Pfaden Menschen umherstreifen, die sich an dem tobenden Brausen des wilden Stromes erfreuen wollen.

Es war hier gerade wie an dem ersten Platz; keine der Gänse schenkte der Tatsache, daß sie an einen weltberühmten Platz gekommen waren, auch nur einen Gedanken. Später dachten sie freilich, es sei unheimlich und gefährlich, auf solchen glatten, nassen Steinen mitten in einem Stromwirbel zu schlafen, der vielleicht aufwallen und sie mit fortreißen würde. Aber sie mußten zufrieden sein, wenn sie nur vor Raubtieren sicher waren.

Nach einer Weile kam Smirre am Flußufer dahergerannt. Er erblickte die Gänse, die da draußen in den schäumenden Stromschnellen standen, und sah sogleich, daß er auch hier nicht zu ihnen gelangen konnte. Er fühlte sich sehr gedemütigt, ja, es war ihm, als stehe sein ganzes Ansehen als Jäger auf dem Spiel.

Während er darüber nachdachte, sah er einen Fischotter mit einem Fisch im Maul aus dem Wirbel heraussteigen. Smirre ging auf ihn zu, blieb aber mit zwei Schritt Entfernung vor ihm stehen, um zu zeigen, daß er ihm seine Jagdbeute nicht nehmen wolle. “Du bist ein merkwürdiger Kerl, daß du dich mit Fischen begnügst, wenn doch die Steine dort draußen voller Gänse stehen,” sagte Smirre. Er war so erregt, daß er sich nicht Zeit nahm, seine Worte so wohl zu setzen, wie es sonst seine Gewohnheit war.

Der Fischotter wendete nicht einmal den Kopf nach dem Strom. “Dies ist nicht das erstemal, daß wir uns begegnen, Smirre,” sagte er. Er war ein Landstreicher, wie alle Fischotter, und hatte oft am Vombsee gefischt, wo er auch mit Smirre zusammengetroffen war. “Ich weiß wohl, wie du es anfängst, dir eine Lachsforelle zu ergattern.”

“Ach, bist du es, Greifan?” sagte Smirre erfreut, weil er wußte, daßdieser Fischotter ein kühner und gewandter Schwimmer war. “Da wundert es mich nicht, daß du die Wildgänse gar nicht ansehen magst, denn du bist ja nicht imstande, zu ihnen hinzukommen.”

Aber der Otter, der Schwimmhäute zwischen den Zehen, einen steifen Schwanz, der so gut wie ein Ruder ist, und einen Pelz hat, durch den das Wasser nicht dringen kann, wollte sich nicht nachsagen lassen, daß es einen Wasserwirbel gebe, den er nicht bewältigen könne. Er wendete sich dem Strome zu, und sobald er die Wildgänse erblickte, stürzte er sich über das steile Ufer in den Fluß hinein.

Wäre der Frühling etwas weiter vorgeschritten und die Nachtigallen schon im Park von Tiefental eingetroffen gewesen, dann hätten diese sicher in vielen Nächten Greifans Kampf mit den Wasserwirbeln besungen.

Denn der Otter wurde oft von den Wogen zurückgeworfen und in die Tiefe hinuntergerissen, aber er arbeitete sich immer wieder herauf und weiter nach den großen Steinen hin. Er schwamm in das stille Wasser hinter die Steine und kam so allmählich den Gänsen immer näher. Es war ein gefährliches Werk, das wohl wert gewesen wäre, von den Nachtigallen besungen zu werden.

Smirre folgte dem Otter mit den Blicken, so gut er konnte. Er sah, daßdieser beständig näher an die Gänse herankam, und glaubte überdies zu sehen, daß er schon im Begriff war, zu ihnen hinaufzuklettern. Aber jetzt schrie der Otter plötzlich wild und gellend auf. Smirre sah, wie er rückwärts ins Wasser fiel und mitgerissen wurde wie ein blindes junges Kätzchen. Gleich darauf schlugen die Gänse hart mit den Flügeln; sie erhoben sich alle und flogen davon, sich wieder einen andern Ruheplatz zu suchen.

Bald nachher kletterte der Otter ans Ufer. Er sagte kein Wort, sondern begann nur, seine eine Vorderpfote zu lecken. Aber als Smirre ihn verspottete, weil es ihm mißglückt sei, brach er los.

“An meiner Schwimmkunst fehlte es nicht, Smirre. Ich war bis zu den Gänsen gekommen und wollte eben zu ihnen hinaufklettern, als ein kleiner Knirps auf mich lossprang und mich mit einem scharfen Eisen in den Fuß stach. Das tat mir so weh, daß ich das Gleichgewicht verlor, und dann ergriff mich der Wirbel.”

Er brauchte nicht weiter zu erzählen. Smirre war schon weg und auf dem Weg zu den Gänsen.

Noch einmal mußte Akka mit den Gänsen nächtlicherweile die Flucht ergreifen. Zum Glück war der Mond noch am Himmel, und bei dessen Schein gelang es ihr, eine von den andern Schlafstellen zu finden, die sie in dieser Gegend kannte. Sie flog wieder südwärts, den glänzenden Fluß entlang. Über dem Herrenhof von Tiefental und über Ronnebys dunklem Dach und weißem Wasserfall flog sie hin, ohne sich niederzulassen. Aber eine Strecke südlicher von der Stadt, nicht weit vom Meere, liegt die Ronnebyer Heilquelle mit ihrem Bade- und Quellenhaus, mit großen Gasthöfen und Sommerwohnungen für die Badegäste. Alles dies steht den ganzen Winter hindurch öde und leer, was alle Vögel zur Genüge wissen, und viele Vogelscharen suchen bei harten, stürmischen Zeiten auf den Altanen und Veranden der großen Gebäude Schutz.

Hier ließen sich die Wildgänse auf einem Balkon nieder, und ihrer Gewohnheit gemäß schliefen sie sogleich ein. Der Junge dagegen konnte nicht schlafen, weil er jetzt bei Nacht nicht mehr ohne weitres unter den Flügel des Gänserichs zu kriechen wagte. Wenn er da zwischen Federn und Flaum gebettet lag, konnte er gar nichts sehen und nur schlecht hören. Dann konnte er nicht über die Sicherheit des weißen Gänserichs wachen, und das war ja das einzige, was ihm wichtig war. Und wie gut war es gewesen, daß er in dieser Nacht nicht geschlafen hatte, sonst hätte er nicht den Marder und den Otter verjagen können. Nein, es mochte mit dem Schlaf gehen wie es wollte, er durfte jetzt nicht mehr an sich selbst, er mußte in erster Linie an den Gänserich denken.

Der Junge saß auf einem Balkon, der nach Süden ging, so daß er die Aussicht auf das Meer hatte. Und da er nun doch nicht schlafen konnte und das Meer mit seinen Landzungen und Buchten vor sich hatte, mußte er unwillkürlich denken, wie schön das sei, wenn Meer und Land so zusammenstießen wie hier in Blekinge.

Nach all dem, was er gesehen hatte, konnten Meer und Land auf die verschiedenste Weise zusammentreffen. An vielen Orten kam das Land zum Meer hinunter mit flachen hügeligen Wiesen, und das Meer kam ihm mit Flugsand entgegen, den es in Haufen und Wällen niederlegte. Es war, als könnten sich die beiden so wenig leiden, daß sie einander nur das Schlechteste, was sie besaßen, zeigen wollten; aber es kam auch vor, daß das Land, wenn das Meer zu ihm hinkam, eine Gebirgsmauer vor sich aufrichtete, als sei das Meer etwas Gefährliches, und wenn das Land dies tat, fuhr das Meer mit wilder Brandung darauf los, peitschte und schnaubte und schlug gegen die Klippen und sah aus, als wolle es das Hügelland zerreißen.

Hier in Blekinge aber ging es anders zu, wenn Meer und Land zusammenkamen. Hier zersplitterte das Land sich in Landzungen und Inseln und Holme, und das Meer verteilte sich in Fjorde und Buchten und Sunde, und daher kam es vielleicht, daß es aussah, als wollten die beiden einträchtig und friedlich zusammenkommen.

Jetzt dachte der Junge vor allem an das Meer. Es lag so einsam und verlassen und unendlich da und wälzte nur immerfort seine grauen Wogen. Wenn es sich dem Land näherte und auf das erste Eiland traf, überflutete es dieses, riß alles Grüne ab und machte es ebenso kahl und grau wie es selbst ist. Dann traf es wohl nochmals auf ein Eiland, und mit diesem ging es ebenso. Und abermals traf es auf ein Eiland, ja, und da ging es genau wie bei den vorigen. Auch dieses wurde entkleidet und geplündert, als ob es in Räuberhände gefallen wäre. Aber dann wurden die Schären immer dichter, und das Meer sah wohl ein, daß das Land ihm seine kleinen Kinder entgegenschickte, es zur Milde zu bewegen. Es wurde auch immer freundlicher, je weiter es hereinkam, es rollte seine Wogen weniger hoch, dämpfte seine Stürme, ließdas Grüne in den Spalten und Rinnen stehen und verteilte sich in kleine Sunde und Buchten, und am Land drinnen war es schließlich so ungefährlich, daß sich kleine Boote auf die sanfte Flut hinauswagten. Es kannte sich gewißselbst nicht mehr, so hold und freundlich war es geworden. Alsdann dachte der Junge an das Festland. Ernst lag es da und war fast überall gleich. Es bestand aus flachen Ackerfeldern, zwischen denen hier und da ein von Birken eingefriedigter Weideplatz lag, oder auch aus langgestreckten, bewaldeten Bergrücken; es lag da, als dächte es nur an Hafer und Rüben und Kartoffeln, an Tannen und Fichten. Dann kam eine Meeresbucht, die tief ins Land einschnitt. Daraus machte sich das Land aber nichts, sondern umrandete sie mit Birken und Erlen, ganz als sei sie ein freundlicher Süßwassersee. Dann schob sich noch eine Bucht hinein. Aber auch daraus machte sich das Land nichts, sie bekam dieselbe Bekleidung wie die vorige. Doch die Meerbusen begannen sich auszuweiten und sich zu teilen; sie zersplitterten die Felder und Wälder, und da konnte das Land nicht mehr anders, es mußte Notiz davon nehmen.

“Ich glaube wahrhaftig, das Meer selbst kommt daher,” sagte das Land und fing schnell an, sich zu schmücken. Es bekränzte sich mit Blumen, nahm Wellenform an und schob sogar kleine Inseln ins Meer hinein. Es wollte nichts mehr von Fichten und Kiefern wissen, sondern warf sie ab wie alte Werktagskleider und machte Staat mit großen Eichbäumen, Linden, Kastanien und mit blühenden Auen, und wurde so schön wie der Park eines Herrenhofs. Und als es mit dem Meer zusammentraf, war es so verändert, daß es sich selbst nicht mehr kannte.

So weit war der Junge in seinen Gedanken gekommen, als ihn plötzlich ein langes, unheimliches Heulen, das vom Badehauspark herklang, aufschreckte. Und als er sich aufrichtete, sah er auf dem Rasen unter dem Balkon einen Fuchs im weißen Mondschein stehen. Denn Smirre war den Gänsen noch einmal nachgegangen. Aber als er den Platz, wo sie sich niedergelassen hatten, fand, sah er ein, daß er jetzt auf keine Weise zu ihnen gelangen konnte, und da hatte er vor lauter Wut laut hinausgeheult.

Als der Fuchs so heulte, erwachte die alte Akka, und obgleich sie fast nichts sehen konnte, glaubte sie doch die Stimme zu erkennen. “Bist du es, Smirre, der heute Nacht unterwegs ist?” fragte sie.

“Ja,” antwortete Smirre, “ich bins, und ich will jetzt fragen, wie euch Gänsen die Nacht gefällt, die ich euch bereitet habe?”

“Willst du damit sagen, daß du es gewesen bist, der den Marder und den Otter auf uns gehetzt hat?” fragte Akka.

“Eine gute Tat soll man nicht leugnen,” sagte Smirre. “Ihr habt einmal das Gänsespiel mit mir getrieben, jetzt hab ich angefangen, das Fuchsspiel mit euch zu treiben; ich hab auch nicht im Sinn, es zu beendigen, solange noch eine von euch am Leben ist, und wenn ich euch durchs ganze Land verfolgen müßte.”

“Du solltest dir aber doch überlegen, ob das recht von dir ist, Smirre, wenn du, der mit Zähnen und Krallen bewaffnet ist, uns, die verteidigungslosen, auf diese Weise verfolgst,” sagte Akka.

Smirre glaubte jetzt, Akka habe Angst, und deshalb sagte er schnell: “Wenn du, Akka, mir den kleinen Däumling, der mir so in die Quere gekommen ist, herunterwirfst, dann will ich Frieden mit euch schließen und werde weder dir noch einer von den deinen je wieder etwas Böses tun.”

“Den Däumling kann ich dir nicht geben,” sagte Akka. “Von der jüngsten bis zur ältesten ist keine unter uns, die nicht gern das Leben für ihn lassen würde.”

“Wenn ihr ihn so lieb habt,” erwiderte Smirre, “dann soll er der erste sein, an dem ich meine Rache kühlen werde, das verspreche ich euch!”

Akka gab keine Antwort mehr, und nachdem Smirre noch ein paarmal aufgeheult hatte, wurde alles still. Der Junge war noch immer wach und schaute durch das Balkongeländer auf die Schären hinaus. Vorhin hatte er so angenehme und frohe Gedanken gehabt. Wie Tanz und Spiel waren sie ihm durchs Gehirn gezogen, und er wünschte, daß sie wiederkämen. Aber er konnte die Landschaft nicht mehr mit denselben Blicken betrachten wie vorher, und die schönen Gedanken wollten nicht wiederkehren. Da erkannte er, daßdie schönen Gedanken scheu und empfindlich sind, und daß Haß und Unfriede sie immer verjagen.

Kapitel 9

Karlskrona

Samstag, 2. April

Es war Abend in Karlskrona und heller Mondschein. Jetzt herrschte warmes, schönes Wetter, am Tage aber hatte es gestürmt und geregnet, und die Menschen meinten sicher, es regne und stürme noch immer, denn kaum einer von ihnen wagte sich auf die Straße hinaus.

Während die Stadt so verlassen dalag, kam die Wildgans Akka mit ihrer Schar über Vämmön und Pantarholm auf Karlskrona zugeflogen. Sie waren spät abends noch unterwegs, sich einen sichern Schlafplatz draußen auf den Schären zu suchen. Auf dem Lande konnten sie nicht bleiben, weil der Fuchs Smirre sie immer wieder aufstöberte, wo sie sich auch niederlassen mochten.

Als nun der Junge hoch oben durch die Luft ritt und auf das Meer mit seinen Schären hinuntersah, kam ihm alles merkwürdig unheimlich und gespensterhaft vor. Der Himmel war nicht mehr blau, sondern wölbte sich über ihm wie eine Kuppel aus grünem Glas. Das Meer war milchweiß, und so weit das Auge reichte, rollte es in kleinen, weißen Wogen mit silberschimmernden Schaumkronen daher. Mitten in all diesem Weiß ragten die vielgestalteten Inseln kohlschwarz heraus. Ob sie groß oder klein waren, ob eben wie Wiesen oder mit wilden Felsstücken bedeckt, alle sahen gleich schwarz aus. Ja, sogar auch die Wohnhäuser und Kirchen und Windmühlen, die gewöhnlich weiß oder rot sind, zeichneten sich schwarz von dem grünen Himmel ab. Der Junge hatte beinahe das Gefühl, als sei die Erde unter ihm vertauscht worden, so daß er in eine ganz andre Welt gekommen sei.

Er dachte eben, in dieser Nacht wolle er recht tapfer sein und sich nicht fürchten, als er etwas erblickte, was ihm einen großen Schrecken einjagte. Das war eine bergige Insel, die mit großen, scharfen Felsblöcken bedeckt war, und zwischen diesen schwarzen Blöcken glänzten funkelnde Stellen von schimmerndem Golde. Er mußte unwillkürlich an den Maglestein von dem Zauberer Ljungby denken, den der Zauberer zuweilen auf hohe goldne Säulen stellt, und er hätte gerne gewußt, ob dies etwas Ähnliches sei.

Aber die Steine da mit dem Gold wären schließlich noch angegangen, wenn es nicht rings um die Insel von lauter großen Meeresungetümen gewimmelt hätte. Sie sahen wie Wal- und Haifische und andre große Meeresungeheuer aus, aber der Junge war dafür, daß es Meergeister seien, die sich hier versammelt hatten und hinaufklettern wollten, um mit den dort wohnenden Landgeistern zu kämpfen. Und die auf dem Lande fürchteten sich sicher, denn der Junge sah einen großen Riesen ganz oben auf dem Gipfel der Insel stehen, der die Arme in die Höhe reckte wie in Verzweiflung über all das Unglück, das ihm und seiner Insel widerfahren sollte.

Der Junge erschrak nicht wenig, als er merkte, daß Akka sich gerade auf diese Insel niedersinken ließ. “Ach nein, ach nein!” rief er. “Wir werden uns doch da nicht niederlassen sollen?”

Aber die Gänse sanken immer tiefer, und jetzt war der Junge aufs höchste überrascht, daß er so verkehrt hatte sehen können. Die großen Steinblöcke waren nichts andres als Häuser. Die ganze Insel war eine Stadt; die glänzenden, goldnen Punkte waren Laternen und erleuchtete Fensterreihen. Der Riese, der ganz oben auf der Insel stand, war eine Kirche mit zwei Türmen, und alle die Meeresungeheuer und Zauberer, die er zu sehen geglaubt hatte waren Boote und große Schiffe, die rings um die Insel herum verankert waren. Auf dieser dem Lande zugelegnen Seite der Insel lagen gepanzerte Kriegsschiffe, einige mit ungeheuer dicken, nach rückwärts geneigten Schornsteinen, dann wieder länger und schmäler gebaute, die sicherlich wie Fische durchs Wasser gleiten konnten.

Welche Stadt konnte nun das wohl sein? Ja, das konnte der Junge schon herausbringen, weil er die vielen Kriegsschiffe da unten sah. Sein ganzes Leben lang hatte er Angst vor Schiffen gehabt, obgleich er nie mit andern etwas zu tun gehabt hatte als mit den kleinen Segelbooten, die er auf dem Dorfteich hatte schwimmen lassen. Er wußte wohl, daß diese Stadt, die mit so vielen Kriegsschiffen dort lag, nur Karlskrona sein konnte.

Der Großvater des Jungen war früher Matrose auf einem Kriegsschiff gewesen, und so lange er lebte, hatte er jeden Tag von Karlskrona erzählt, von der großen Werft und allem andern, was es da gab. Hier fühlte sich der Junge ganz wie zu Hause, und er freute sich, daß er jetzt das alles sehen durfte, von dem er so viel hatte erzählen hören.

Nur im Fluge sah er den Turm und die Festungswerke, die den Hafeneingang abschließen, sowie die vielen Gebäude draußen auf der Werft, denn jetzt ließ sich Akka auf einem von den flachgedeckten Kirchtürmen nieder.

Das war allerdings ein sichrer Platz für solche, die einem Fuchse entwischen wollten, und der Junge fragte sich, ob er es nicht wagen könnte, in dieser Nacht wieder unter die Flügel des Gänserichs zu kriechen. Ja, das konnte er bestimmt, und es würde ihm sicher gut tun, wenn er wieder einmal ein bißchen schlafen dürfte. Am nächsten Morgen wollte er dann versuchen, etwas mehr von der Werft und den Schiffen zu sehen.

Dem Jungen kam es selbst sonderbar vor, daß er sich nicht ruhig verhalten und still warten konnte, bis er etwas von den Schiffen zu sehen bekäme. Er hatte sicher noch keine fünf Minuten geschlafen, als er unter dem Flügel hervorglitt und am Blitzableiter und an den Dachrinnen auf den Boden hinunterkletterte.

Bald stand er auf einem großen Marktplatz, der sich vor der Kirche ausbreitete; er war mit rundlichen, oben zugespitzten Steinen gepflastert, und das Gehen darauf war ebenso beschwerlich für ihn, wie für große Leute das Gehen auf einer Wiese voll Erdschollen. Leute, die in einer unbebauten Gegend und weit draußen auf dem Lande wohnen, fühlen sich immer ängstlich, wenn sie in eine Stadt kommen, wo die Häuser steif und aufrecht dastehen und die Straßen und Plätze offen daliegen, so daß sie jeder, der vorübergeht, betrachten kann. Und wenn große Leute so denken, kann man sich leicht vorstellen, wieviel mehr es dem Däumling so gehen mußte. Als er auf dem Markt von Karlskrona stand und die Deutsche Kirche und das Rathaus und den Dom, von dem er gerade heruntergekommen war, sah, wünschte er sich unwillkürlich zu den Gänsen droben auf dem Kirchturm zurück. Zum Glück war der Marktplatz ganz leer. Kein Mensch war zu sehen, wenn man nicht etwa ein Standbild, das auf einem hohen Sockel stand, für einen solchen rechnen wollte. Der Junge betrachtete das Standbild lange und hätte gerne gewußt, wer dieser große Mann in Dreispitz, langem Rock, Kniehosen und groben Schuhen sei. Er hielt einen langen Stock in der Hand und sah aus, als mache er auch Gebrauch davon, denn er hatte ein furchtbar strenges Gesicht mit einer großen Habichtsnase und einem häßlichen Mund.

“Was hat denn dieser Lippenfritze hier zu tun?” sagte der Junge schließlich.

Noch nie hatte er sich so klein und ärmlich gefühlt wie an diesem Abend. Er versuchte sich aufzuraffen, indem er etwas Keckes sagte. Dann dachte er nicht mehr an das Standbild, sondern bog in eine breite Straße ein, die zum Meer hinunterführte. Aber er war noch nicht lange gegangen, als er hörte, daß jemand hinter ihm herkam. Vom Markt her kam jemand, der mit schweren Füßen auf das Pflaster stampfte und seinen Stock auf den Boden aufstieß. Es klang fast, als hätte der große Mann aus Bronze, der drüben auf dem Markte stand, sich auf den Weg gemacht.

Der Junge horchte auf die Schritte, während er die Straße hinunterlief, und immer deutlicher erkannte er, daß es der Mann aus Bronze sein mußte. Die Erde bebte und die Häuser zitterten, sicherlich konnte niemand anders so gehen; und der Junge erschrak, als ihm einfiel, was er vorhin über ihn gesagt hatte. Er wagte nicht einmal den Kopf zu drehen, um nachzusehen, ob er es wirklich sei.

“Er geht vielleicht nur zu seinem eignen Vergnügen spazieren,” dachte der Junge weiter. “Wegen der paar Worte, die ich über ihn gesagt habe, kann er doch unmöglich böse auf mich sein. Es war ja gar nicht schlimm gemeint.”

Anstatt nun geradeaus zu gehen, um womöglich an die Werft zu gelangen, bog der Junge in eine nach Osten führende Straße ein. Er wollte dem, der hinter ihm herkam, um jeden Preis ausweichen.

Aber gleich darauf hörte er den Bronzenen auch in diese Straße einbiegen. Da erschrak der Junge so sehr, daß er einfach nicht wußte, was er tun sollte. Und wie schwer ist es, einen Schlupfwinkel zu finden in einer Stadt, wo alle Türen fest verschlossen sind! Da sah er zu seiner Rechten eine alte aus Holz gebaute Kirche, die etwas abseits von der Straße in einer großen Anlage stand. Er bedachte sich nicht einen Augenblick, sondern stürzte auf die Kirche zu. “Wenn ich nur hineinkomme, werde ich wohl vor allem Übel beschützt sein!” meinte er.

Während er dahinstürmte, sah er plötzlich einen Mann auf einem Sandweg stehen, der ihm winkte. “Das ist gewiß jemand, der mir helfen will,” dachte der Junge; es wurde ihm ganz leicht ums Herz, und er eilte auf den Mann zu. Er hatte wirklich Herzklopfen vor lauter Angst.

Aber als er bei dem Mann angekommen war, der am Rande des Weges auf einem kleinen Schemel stand, stutzte er sehr. “Der kann mir doch nicht gewinkt haben,” dachte er; denn jetzt sah er, daß der ganze Mann aus Holz war.

Er blieb vor dem Mann stehen und betrachtete ihn. Es war ein grobgeschnittener Kerl mit kurzen Beinen, breitem rotem Gesicht, glänzendem schwarzem Haar und einem schwarzen Vollbart. Er hatte einen schwarzen hölzernen Hut auf dem Kopf, auf dem Leib einen braunen hölzernen Rock, um die Mitte eine schwarze hölzerne Schärpe, an den Beinen weite, graue hölzerne Hosen und Strümpfe und an den Füßen schwarze Holzschuhe. Er war überdies frisch gestrichen und gefirnist, so daß er im Mondschein glänzte und gleiste; und der Frühling tat auch noch das Seinige dazu und gab ihm ein so gutmütiges Aussehen, daß der Junge sogleich Vertrauen zu ihm faßte.

Neben dem Mann auf dem Wege stand eine Holztafel, und auf dieser las der Junge:

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Ach freilich, der Mann war eine Armenbüchse! Der Junge war ganz verdutzt. Er hatte geglaubt, etwas ganz besonders Merkwürdiges vor sich zu haben. Und jetzt erinnerte er sich auch, daß der Großvater von diesem hölzernen Manne gesprochen und gesagt hatte, alle Kinder von Karlskrona hätten ihn sehr gern. Und das mußte wohl wahr sein, denn auch dem Jungen fiel es schwer, sich von dem hölzernen Mann zu trennen. Er hatte etwas so Altmodisches, man konnte ihn für viele hundert Jahre alt halten, und zugleich sah er doch stark und stolz und lebenslustig aus, gerade wie die Leute in alten Zeiten gewesen sein mußten.

Es machte dem Jungen so viel Vergnügen, den hölzernen Mann anzusehen, daß er den andern, vor dem er geflohen war, ganz vergaß. Aber jetzt hörte er ihn wieder. O weh! auch er verließ die Straße und kam in den Kirchhof herein. Er ging ihm auch hierher nach! Wohin sollte der Junge nun flüchten?

Gerade in diesem Augenblick sah er, daß der Hölzerne sich verbeugte und seine breite hölzerne Hand ausstreckte. Man konnte ihm unmöglich etwas andres als Gutes zutrauen, und mit einem Satz stand ihm der Junge auf der Hand. Und der Hölzerne hob ihn zu seinem Hut empor und steckte ihn darunter.

Kaum war der Junge versteckt, kaum hatte der Hölzerne den Arm wieder an seinen richtigen Platz getan, als der Bronzene auch schon vor ihm stand und mit seinem Stock so gewaltig auf den Boden stieß, daß der Hölzerne auf seinem Schemel erzitterte. Hierauf sagte der Bronzene mit lauter metallener Stimme: “Wer ist Er?”

Der Arm des Hölzernen fuhr hinauf, daß es in dem alten Holzwerk knackte, er legte die Hand an den Hutrand und antwortete: “Rosenbom, mit Verlaub, Eure Majestät, früher Oberbootsmann auf dem Linienschiff Dristigheten, nach beendigtem Kriegsdienst Kirchenwächter bei der Admiralskirche, schließlich in Holz geschnitten und als Armenbüchse auf dem Kirchhof aufgestellt.”

Däumling fuhr zusammen, als er den Hölzernen “Eure Majestät” sagen hörte. Denn wenn er jetzt darüber nachdachte, so fiel ihm allerdings ein, daßdas Standbild auf dem Markt den vorstellen mußte, der die Stadt gegründet hatte. Es war also niemand Geringeres als Karl XI. selbst, mit dem er zusammengetroffen war.

“Er versteht es, Auskunft über sich zu geben. Kann Er mir nun auch sagen, ob Er nicht einen kleinen Jungen gesehen hat, der heute Nacht in der Stadt herumstrolcht? Es ist eine naseweise Kanaille, und wenn ich ihn fasse, werde ich ihn Mores lehren.” Damit stieß er seinen Stock noch einmal auf den Boden und sah schrecklich grimmig drein.

“Mit Verlaub, Eure Majestät, ich hab ihn gesehen,” sagte der Hölzerne; und der Junge, der unter dem Hut zusammengekauert saß und durch eine Ritze im Holz den Bronzenen sehen konnte, begann vor Angst heftig zu zittern. Aber er beruhigte sich wieder, als der Hölzerne fortfuhr: “Eure Majestät ist auf falscher Fährte. Der Junge wollte gewiß auf die Werft, um sich dort zu verstecken.”

“Meint Er das, Rosenbom? Nun, dann bleib Er nicht länger auf seinem Schemel stehen, sondern komm Er mit mir und helf Er mir, den kleinen Kerl zu suchen. Vier Augen sehen besser als zwei, Rosenbom.”

Aber der Hölzerne antwortete mit jammervoller Stimme: “Ich möchte untertänigst bitten, dableiben zu dürfen, wo ich bin. Ich sehe gesund und glänzend aus, weil man mich eben frisch angestrichen hat, aber innerlich bin ich alt und gichtbrüchig und kann keine Motion vertragen.”

Der Bronzene gehörte sicherlich zu denen, die keinen Widerspruch vertragen können. “Was sind das für Flausen! Komm Er nur, Rosenbom!” Und er streckte seinen langen Stock aus und versetzte dem andern einen dröhnenden Schlag auf die Schulter. “Da sieht Er, daß Er hält, Rosenbom.”

Die beiden machten sich also auf den Weg und wanderten stattlich und gewaltig durch die Straßen von Karlskrona, bis sie an ein großes Tor kamen, das zur Werft führte. Davor stand ein Marinesoldat Schildwache; aber der Bronzene ging wie selbstverständlich an ihm vorbei und stieß die Tür auf, ohne daß es der Matrose zu bemerken schien.

Sobald sie durch das Tor hindurchgeschritten waren, sahen sie einen weiten, durch hölzerne Brücken abgeteilten Hafen vor sich. In den verschiedenen Hafenbecken lagen Kriegsschiffe; diese erschienen in der Nähe noch größer und schreckenerregender als vorher, wo der Junge sie von oben herab gesehen hatte. “Es war doch nicht so ganz verkehrt, wenn ich sie für Meeresungeheuer hielt,” dachte er.

“Wo meint Er, daß wir zuerst suchen sollen, Rosenbom?” fragte der Bronzene.

“So einer könnte sich am allerleichtesten im Modellsaal verstecken,” antwortete der Hölzerne.

Auf einem schmalen Streifen Land, der rechts dem ganzen Hafen entlang lief, lagen altertümliche Gebäude. Der Bronzene ging auf ein Haus mit niedrigen Mauern, viereckigen Fenstern und einem ansehnlichen Dach zu. Er stieß mit seinem Stock gegen die Tür, daß sie aufsprang, und stapfte eine Treppe mit ausgetretenen Stufen hinauf. Sie kamen in einen großen Saal, der mit einer Menge bemasteter und aufgetakelter Schiffe angefüllt war. Ohne daß es ihm jemand gesagt hätte, wußte der Junge, daß er hier die Modelle zu den Schiffen sah, die für die schwedische Flotte gebaut worden waren.

Es gab viele verschiedene Arten von Schiffen. Alte Linienschiffe, deren Seiten mit Kanonen gespickt waren, die vorne und hinten mächtige Aufbauten hatten und deren Masten einen großen Wirrwarr von Segel und Tauen zeigten. Ferner kleine Küstenschiffe mit Ruderbänken an den Seiten, unbedeckte Kanonenschaluppen und reich vergoldete Fregatten; das waren die Modelle von den Schiffen, deren sich die Könige auf ihren Reisen bedient hatten. Und endlich waren da auch die schweren, breiten Panzerschiffe mit Türmen und Kanonen auf dem Verdeck, die heutigentags gebraucht werden, sowie schlanke, schwarzglänzende Torpedoboote, die wie lange schmale Fische aussahen.

Während der Junge zwischen all diesem herumgetragen wurde, wurde er ganz verdutzt. “Nein, daß so große und stolze Schiffe hier in Schweden gebaut worden sind!” dachte er.

Er hatte gut Zeit, sich umzusehen, denn als der Bronzene die Modelle sah, vergaß er alles andre. Er betrachtete sie der Reihe nach, vom ersten bis zum letzten, und ließ sie sich erklären. Und Rosenbom, der Oberbootsmann von Dristigheten, erzählte alles, was er wußte, wer die Baumeister gewesen waren, wer sie geführt hatte, und welches Schicksal sie gehabt hatten. Von Chapmann und Puke und Trolle, von Hogland und Svensksund erzählte er, bis zum Jahre 1809, denn von da an war er nicht mehr dabei gewesen.

Ihm und dem Bronzenen gefielen die alten Holzschiffe am besten. Auf die neuen Panzerschiffe schienen sie sich nicht so recht zu verstehen.

“Ich sehe, daß Er von den neuen da nichts weiß, Rosenbom,” sagte der Bronzene. “Wir wollen deshalb jetzt gehen und etwas andres ansehen, denn das macht mir Spaß, Rosenbom.”

Jetzt dachte er gewiß nicht mehr daran, den Jungen zu suchen, und dieser fühlte sich unter dem hölzernen Hut ganz sicher und behaglich.

Die beiden Männer gingen durch die großen Werkstätten, durch die Segelnähereien und die Ankerschmieden, durch die Maschinen- und Schreinerwerkstätten. Sie besahen die hohen Kranen und die Docks, die großen Vorratshäuser, den Artilleriehof, das Zeughaus, die lange Seilerbahn und das große verlassene Dock, das aus den Felsen herausgesprengt worden war. Sie gingen auf die Bohlenbrücken hinaus, wo die Kriegsschiffe verankert lagen, begaben sich an Bord der Schiffe und betrachteten sie wie zwei alte Seebären, fragten und verwarfen und billigten und ärgerten sich.

Der Junge saß sicher unter dem hölzernen Hut und hörte sie erzählen, wie auf diesem Platz gearbeitet und gestritten worden war, um die hier ausgerüsteten Schiffe fertigzustellen. Er hörte, wie man Leib und Leben aufs Spiel gesetzt hatte, wie das letzte Scherflein für diese Schiffe geopfert worden war, wie talentvolle Männer ihre ganze Kraft eingesetzt hatten, diese Fahrzeuge, die das Vaterland verteidigten und beschützten, zu verbessern und zu vervollkommnen. Dem Jungen traten ein paarmal unwillkürlich die Tränen in die Augen, als er von diesem allem erzählen hörte. Und er freute sich, daßer so genaue Auskunft darüber erhielt.

Ganz zuletzt kamen sie auf einen offnen Hof, wo die Galionsfiguren von alten Linienschiffen aufgestellt waren. Und etwas Merkwürdigeres hatte der Junge noch nie gesehen, denn die Figuren, die da hingen, hatten unglaublich große, schreckenerregende Gesichter. Groß, kühn und wild sahen sie aus, von demselben stolzen Geist erfüllt, der einst die großen Schiffe ausgerüstet hatte. Sie waren von einer andern Zeit und von andern Händen hervorgebracht worden. Dem Jungen war es, als schrumpfe er vor ihnen ganz zusammen.

Aber als sie hierhergelangt waren, sagte der bronzene Mann zu dem hölzernen: “Nehm Er vor denen, die hier stehen, den Hut ab, Rosenbom! Sie alle sind für das Vaterland im Kampf gewesen.”

Aber ebenso wie der Bronzene hatte auch Rosenbom vergessen, warum sie die Wanderung begonnen hatten. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, lüpfte er seinen Hut und rief: “Ich nehme meinen Hut ab vor dem, der den Hafen auserwählte, der den Grund zur Werft legte und eine neue Flotte schuf, vor dem König, der dies alles hier ins Leben gerufen hat!”

“Danke, Rosenbom, das war gut gesagt. Er ist ein prächtiger Mann, Rosenbom. Aber was hat Er denn da, Rosenbom?”

Denn Nils Holgersson stand mitten auf Rosenboms kahlem Schädel. Aber er hatte jetzt keine Angst mehr, sondern schwang seine weiße Mütze und rief: “Ein Hurra für dich, Lippenfritze!”

Er schrie so laut, daß er erwachte. Und da merkte er zu seiner großen Verwunderung, daß er alles miteinander geträumt hatte, und daß er noch immer bei den Gänsen auf dem Kirchendach war.

Kapitel 10

Die Reise nach Öland

Sonntag, 3. April

Am nächsten Morgen flogen die Wildgänse auf eine Schäreninsel, um dort zu weiden. Sie trafen da mit einigen Graugänsen zusammen, und diese verwunderten sich sehr, als sie die Wildgänse erblickten, denn sie wußten wohl, daß diese Verwandten von ihnen am liebsten über das Innere des Landes ihren Flug nehmen. Sie waren sehr neugierig und ließen nicht nach mit Fragen und Verwundern, bis die Wildgänse alles erzählten, was sie von dem Fuchs Smirre auszustehen gehabt hatten. Als sie fertig waren, sagte eine der Graugänse, die ebenso alt und ebenso klug wie Akka zu sein schien: “Es ist ein großes Unglück für euch, daß der Fuchs in seiner eignen Heimat für friedlos erklärt worden ist. Er wird jetzt sicher sein Wort halten und euch bis Lappland verfolgen. Wenn ich an eurer Stelle wäre, würde ich nicht nordwärts über Småland reisen, sondern den Umweg über Öland nehmen, damit er eure Spur vollständig verliert. Wenn ihr ihm ganz entgehen wollt, müßt ihr ein paar Tage auf der Südspitze der Insel verweilen. Es gibt dort Nahrung in Hülle und Fülle und auch gute Gesellschaft. Ihr werdet es gewiß nicht bereuen, wenn ihr hingeht.”

Dies war wirklich ein guter Rat, und die Wildgänse beschlossen, ihn zu befolgen. Sobald sie sich gut gesättigt hatten, traten sie die Reise nach Öland an. Keine von ihnen war zwar jemals dagewesen, aber die Graugänse erklärten ihnen den Weg. Sie sagten ihnen, sie sollten nur immer südwärts fliegen, bis sie einen großen Vogelzug erreichten, der an der Küste von Blekinge hinfliege. Alle Vögel, die an der Nordsee überwintert und ihren Sommeraufenthalt in Rußland und Finnland hätten, nähmen diesen Weg, und alle suchten Öland auf, um dort auszuruhen. Es werde den Wildgänsen gewißnicht schwer werden, die Wegrichtung zu erfahren.

An diesem Tage war es ganz windstill und so warm wie an einem Sommertage, also zu einer Seereise das beste Wetter, das es geben konnte. Das einzige Bedenkliche war, daß die Luft nicht ganz klar, sondern der Himmel grau und bedeckt war. Da und dort standen große Wolkenwände, die bis auf den Meeresspiegel heruntergingen und die Aussicht verdeckten. Als die Reisenden aus den Schären herauskamen, breitete sich das Meer so spiegelglatt vor ihnen aus, daßder Junge, als er zufällig hinabsah, meinte, das Wasser sei verschwunden. Es war kein Grund mehr unter ihm, ringsum waren nur Wolken und Himmel. Er wurde ganz verwirrt und klammerte sich ängstlich an den Gänserich an, wie damals, wo er zum erstenmal auf ihm saß. Er hatte das Gefühl, als könne er sich unmöglich da oben halten, sondern müsse auf einer Seite hinunterfallen.

Es wurde auch immer schlimmer, als die Gänse den großen Vogelweg erreichten, von dem die Graugans gesprochen hatte. Eine Schar Vögel um die andre kam dahergeflogen, und alle hielten in derselben Richtung. Sie folgten gleichsam einem vorgezeichneten Weg. Es waren Enten und Graugänse, Mantelmöwen und Lummen, Seetaucher und Eisenten, Säger und Taucher, Strandelstern und Seebirkhühner. Als sich der Junge jetzt vorbeugte und dahin sah, wo das Meer sein sollte, erblickte er den ganzen Vogelzug im Wasser widergespiegelt. Aber wie merkwürdig, er war so verwirrt, daß er gar nicht wußte, was er sah, sondern meinte, alle diese Vögel flögen mit abwärts gekehrtem Rücken daher. Er verwunderte sich auch nicht einmal besonders darüber, denn er wußte selbst nicht mehr, was unten und was oben war. Die Vögel waren ermattet und sehnten sich danach, die Insel möglichst schnell zu erreichen. Keiner schrie oder sagte ein lustiges Wort, und deshalb kam dem Jungen alles so sonderbar unwirklich vor.

“Wie, wenn wir die Erde verlassen hätten?” fragte er sich. “Wie, wenn wir geradeswegs in den Himmel hineinflögen?”

Ringsumher sah er nichts als Wolken und Vögel, und allmählich kam es ihm ganz wahrscheinlich vor, daß sie in den Himmel flögen. Da wurde er sehr vergnügt und fragte sich, was er wohl da droben sehen würde. Auf einmal fühlte er sich ganz frei von Schwindel, und der Gedanke, daß er in den Himmel fliege und die Erde verlasse, machte ihn überglücklich.

Aber da hörte er auf einmal einen lauten Schuß knallen und sah ein paar kleine Rauchwölkchen aufsteigen.

In demselben Augenblick entstand eine große Unruhe unter den Vögeln. “Schützen! Schützen! Schützen in Booten!” riefen sie. “Fliegt hoch hinauf! Fliegt außer Schußweite!”

Da sah der Junge auf einmal, daß sie noch immer über dem Meere hinflogen und durchaus nicht im Himmel waren. In einer langen Reihe lagen Boote unten auf dem Wasser, und aus ihnen sandten die Jäger Schuß auf Schuß zu ihnen herauf. Die vordersten Vogelscharen hatten die Jäger nicht beizeiten bemerkt und waren zu niedrig geflogen. Mehrere dunkle Körper fielen aufs Meer hinab, und bei jedem Körper, der hinabstürzte, stießen die Überlebenden laute Jammerrufe aus.

Für den, der sich eben noch im Himmel glaubte, war das Erwachen zu so viel Schrecken und Jammer höchst merkwürdig. Akka flog, so schnell sie konnte, hoch in die Luft hinauf, und dann zog die Schar mit der größten Eile weiter. Die Wildgänse kamen auch wirklich unbeschädigt davon, aber der Junge konnte sich von seiner Verwunderung gar nicht erholen. Wie war es nur möglich, daß jemand auf solche Vögel schoß, wie Akka, Yksi und Kaksi und den Gänserich und alle die andern! Die Menschen hatten doch wirklich gar keinen Begriff von dem, was sie taten!

Nun ging es weiter durch die ruhige Luft, und wieder war es still ringsum wie vorher, nur einige ermattete Vögel riefen ab und zu: “Sind wir noch nicht bald da? Seid ihr sicher, daß wir auf dem rechten Wege sind?”

Und darauf antworteten die an der Spitze: “Wir fliegen gerade auf Öland zu! Wir fliegen gerade auf Öland zu!”

Die Wildenten waren müde, und die Seetaucher flogen an ihnen vorbei. “Habt es doch nicht so eilig!” riefen ihnen die Enten zu. “Ihr fresset uns ja alles weg!”

“O es reicht gut für euch und uns!” erwiderten die Seetaucher.

Doch ehe sie so weit gekommen waren, daß sie die Insel sehen konnten, wehte ihnen ein leichter Wind entgegen, der etwas mit sich führte, das wie große weiße Rauchwolken aussah, die wohl von irgend einer Feuersbrunst aufstiegen.

Als die Vögel die ersten Rauchwirbel daherwogen sahen, wurden sie ängstlich und verstärkten ihre Eile. Aber das, was wie Rauch ausgesehen hatte, wallte immer dichter heran, und schließlich hüllte es sie vollkommen ein. Kein Geruch machte sich bemerkbar; der Rauch war auch nicht schwarz und trocken, sondern ganz weiß und feucht, und der Junge erkannte bald, daß es nur Nebel war.

Als der Nebel so dicht wurde, daß man keine Spanne mehr vor sich sehen konnte, begannen die Vögel, sich ganz wie verrückt zu gebärden. Alle, die vorher in so guter Ordnung geflogen waren, fingen jetzt an, einander im Nebel zu necken und zu uzen. Sie flogen kreuz und quer, um einander irrezuführen.

“Nehmt euch in acht!” riefen sie. “Ihr fliegt ja nur im Kreis herum! Auf diese Weise kommt ihr nie nach Öland!”

Alle wußten recht gut, wo die Insel lag, aber sie taten ihr möglichstes, die andern zu verwirren. “Seht doch die Eisenten!” erscholl es aus dem Nebel heraus. “Sie fliegen in die Nordsee zurück!”

“Nehmt euch in acht, ihr Graugänse!” schrie einer von einer andern Seite her. “Wenn ihr so weiter fliegt, kommt ihr nach Rügen hinunter!”

Es war, wie gesagt, keine Gefahr vorhanden, daß die fremden Vögel sich nach einer falschen Seite verlocken lassen würden. Wem es aber schwer gemacht wurde, das waren die Wildgänse. Die Schelme merkten bald, daß diese ihres Weges nicht so recht sicher waren, und taten alles, was sie konnten, sie irrezuführen.

“Wo wollt ihr hin, ihr guten Leute?” rief ein Schwan. Und mit recht teilnehmendem, ernstem Ausdruck flog er gerade auf Akka zu.

“Wir wollen nach Öland, aber wir sind noch nie dagewesen,” antwortete Akka. Sie glaubte, dies sei ein Vogel, auf den man sich verlassen könne.

“Das ist doch zu schlimm,” sagte der Schwan. “Man hat euch auf einen falschen Weg gelockt. Ihr seid ja auf dem Wege nach Blekinge. Kommt nur mit mir, ich will euch recht führen.”

Darauf flog er mit ihnen davon, und nachdem er sie von der Vogelstraße so weit weggelockt hatte, daß sie keinen Ruf mehr hörten, verschwand er im Nebel. Nun flogen die Wildgänse eine Weile ganz aufs Geratewohl weiter. Aber kaum hatten sie die andern Vögel wiedergefunden, als sich auch schon eine Ente an sie heranmachte. “Das beste wäre, ihr legtet euch aufs Wasser, bis der Nebel sich verzogen hat,” sagte die Ente. “Man merkt wohl, daß ihr nicht sehr reisegewandt seid.”

Beinahe wäre es den Schelmen gelungen, Akka verwirrt zu machen. Soweit der Junge es verstehen konnte, flogen sie eine gute Weile im Kreis herum.

“Nehmt euch in acht! Seht ihr nicht, daß ihr auf und ab fliegt?” rief ein Seetaucher im Vorbeischießen. Unwillkürlich umklammerte der Junge den Hals des Gänserichs, denn das hatte er auch schon lange gefürchtet.

Wer weiß, wann sie hingekommen wären, wenn sich jetzt nicht in der Ferne das dumpfe Rollen eines Kanonenschusses hätte hören lassen.

Da streckte Akka den Hals vor, schlug hart mit den Flügeln und flog mit voller Sicherheit weiter. Jetzt hatte sie etwas, wonach sie sich richten konnte. Die Graugans hatte ihr ja noch besonders geraten, daß sie sich nicht ganz außen auf der Südspitze niederlassen solle, weil dort eine Kanone stünde, mit der die Menschen auf den Nebel schössen. Jetzt wußte sie die Richtung, und jetzt konnte sie niemand mehr irremachen.

Kapitel 11

Die Südspitze von Öland

Sonntag, 3. bis Mittwoch, 6. April

Auf dem südlichsten Teil von Öland liegt ein altes Krongut, das Ottenby heißt. Es ist ein sehr großes Gut, das sich von einem Ufer zum andern quer über die Insel erstreckt, und das Merkwürdige an ihm ist, daß es von jeher ein Aufenthaltsort für große Tierscharen war. Im siebzehnten Jahrhundert, wo die Könige nach Öland fuhren, dort der Jagd zu pflegen, war das Besitztum ein einziger großer Wildpark. Im achtzehnten Jahrhundert war ein Gestüt dort, wo edle Rassepferde gezüchtet wurden, und außerdem noch eine Schäferei mit vielen hundert Schafen. In unsern Tagen gibt es da weder Vollblutpferde noch Schafherden. Statt ihrer sind große Scharen junger Pferde da, die für unsere Kavallerieregimenter bestimmt sind.

In dem ganzen Lande gibt es gewiß keinen Hof, der einen bessern Aufenthaltsort für Tiere aller Art böte. Die östliche Küste entlang liegt die alte Schäferwiese, die, eine Viertelmeile lang, die größte Wiese Schwedens ist, und dort können die Tiere ebenso frei weiden und spielen und sich tummeln wie in der Wildnis. Und da ist auch der berühmte Hain von Ottenby mit den hundertjährigen Eichen, die Schatten gegen die Sonne spenden und Schutz vor dem strengen Ölandswind gewähren. Und dann darf man die lange Mauer von Ottenby nicht vergessen; diese läuft quer über das Eiland hin und schließt Ottenby von der übrigen Insel ab. Diese Mauer zeigt den Tieren, bis wohin sich das alte Krongut erstreckt, und hält sie davon ab, auf fremdes Gebiet zu gehen, wo sie nicht das Recht haben, sich aufzuhalten.

Aber daß es viele zahme Tiere auf Ottenby gibt, ist noch lange nicht alles; man sollte beinahe glauben, die wilden Tiere hätten auch das Gefühl, daß auf einem alten Krongut sowohl wilde als zahme auf Schutz und Schirm rechnen dürfen, weil sie sich in so großen Scharen dahin wagen. Nicht allein Hirsche von dem alten Stamme, sowie Hasen und Brandenten und Rebhühner halten sich mit Vorliebe dort auf, sondern dieses Gut ist im Frühling und Spätsommer auch der Ruheplatz für Tausende von Zugvögeln; und auf dem sumpfigen östlichen Strand unterhalb der Schäferwiese lassen sie sich in erster Linie nieder, um da zu weiden und auszuruhen.

Als die Wildgänse und Nils Holgersson Öland schließlich erreicht hatten, ließen sie sich wie alle andern auf dem Strande unterhalb der Schäferei nieder. Der Nebel lag ebenso dicht über der Insel wie vorher über dem Meere. Aber der Junge war doch erstaunt über die vielen Vögel, die er auf dem kleinen Stückchen des Strandes, das er überschauen konnte, sah.

Es war ein langer, sandiger Strand mit Steinen und Wasserpfützen und einer großen Menge angeschwemmten Tangs. Wenn der Junge die Wahl gehabt hätte, würde er wohl nie daran gedacht haben, sich da niederzulassen; aber die Vögel hielten diesen Ort gewiß für ein wahres Paradies. Enten und Graugänse weideten auf der Wiese, am Ufer hüpften Strandläufer und andre Strandvögel umher. Die Seetaucher lagen im Wasser und fischten, aber am meisten Leben und Bewegung war doch auf den langen Tangbänken vor dem Ufer draußen. Da standen die Vögel nebeneinander und suchten Larven, von denen es eine grenzenlose Menge geben mußte, denn man hörte niemals, daß sich irgend eine Klage über Mangel an Futter erhoben hätte.

Die meisten von den Vögeln wollten weiterreisen und hatten sich nur zum Ausruhen hier niedergelassen. Sobald der Anführer einer Schar meinte, seine Reisegenossen hätten sich jetzt genug gestärkt und gelabt, sagte er: “Seid ihr jetzt fertig? Dann begeben wir uns wohl weiter?”

“Nein, warte noch, warte noch! Wir sind noch lange nicht satt!” riefen die Mitreisenden.

“Ihr meint wohl, ihr dürftet euch so vollfressen, daß ihr euch nicht mehr bewegen könnt?” erwiderte der Anführer. Dann schlug er mit den Flügeln und flog davon. Aber mehr als einmal mußte er wieder umkehren, weil die andern nicht zum Weiterfliegen zu bewegen waren.

Unterhalb der äußersten Tangbank lag eine Schar Schwäne. Sie hatten keine Lust, an Land zu gehen, sondern ruhten sich, auf dem Wasser liegend und sich leise hin und her wiegend, aus. Ab und zu tauchten sie mit dem Hals unter und holten sich Speise aus dem Meeresgrund. Wenn sie etwas besonders Gutes ergattert hatten, stießen sie einen lauten Schrei aus, der wie ein Trompetenstoß klang.

Als der Junge hörte, daß Schwäne dort unten lagen, lief er schnell auf die Tangbänke hinaus. Er hatte noch nie wilde Schwäne in der Nähe gesehen. Und er hatte Glück, denn er gelangte ganz nahe zu ihnen hin.

Der Junge war jedoch nicht der einzige, der die Schwäne gehört hatte; sowohl die Wildgänse als auch die Graugänse und die Enten und die Seetaucher schwammen zwischen die Tangbänke hinein, legten sich wie ein Ring um die Schar der Schwäne herum und schauten sie unverwandt an. Die Schwäne bliesen die Federn auf, breiteten die Flügel wie Segel aus und hoben die Hälse hoch in die Höhe. Bisweilen schwamm einer von ihnen zu einer Gans oder einem großen Seetaucher oder einer Tauchente hin und sagte ein paar Worte. Und dann war es, als ob der Angesprochene kaum den Schnabel zu einer Entgegnung zu öffnen wagte.

Doch da war auch ein kleiner Seetaucher, ein kleiner schwarzer Schlingel, dem war diese ganze Feierlichkeit unerträglich. Hurtig tauchte er unter und verschwand unter dem Wasser. Gleich darauf stieß einer der Schwäne einen lauten Schrei aus und schwamm so schnell davon, daß das Wasser hinter ihm schäumte. Dann hielt er an und versuchte, wieder majestätisch auszusehen. Aber gleich darauf schrie ein andrer wie der erste, und im nächsten Augenblick auch ein dritter.

Nun aber konnte es der kleine Seetaucher nicht länger unter dem Wasser aushalten, und er erschien wieder an der Oberfläche, klein und schwarz und boshaft. Die Schwäne stürzten auf ihn zu; aber als sie sahen, was für ein kleiner Wicht er war, machten sie rasch kehrt, als ob sie sich für zu gut hielten, mit ihm anzubinden. Der kleine Seetaucher tauchte jedoch von neuem unter und zwickte die Schwäne abermals in die Füße. Das tat ihnen sicher weh, und das schlimmste war, daß sie ihre Würde nicht aufrecht erhalten konnten. Da machten sie der Sache rasch ein Ende. Sie schlugen mit den Flügeln, daßes donnerte, jagten ein großes Stück gleichsam auf dem Wasser springend weiter, bekamen schließlich Luft unter die Schwingen und flogen davon.

Als sie fort waren, fehlten sie den andern Vögeln sehr, und die, denen das Vorgehen des kleinen Seetauchers vorher Spaß gemacht hatte, schalten ihn jetzt wegen seiner Unverschämtheit aus.

Der Junge ging wieder dem Lande zu. Hier angekommen hielt er bei den Strandläufern an und schaute ihrem Spiel zu. Sie standen in einer langen Reihe am Strand und sahen wie winzige Kraniche aus; wie diese hatten sie auch kleine Körper, hohe Beine, lange Hälse und leichte, schwebende Bewegungen, aber sie waren nicht grau, sondern braun. Da standen sie in einer langen Reihe an dem von den Wellen bespülten Uferrand. Sobald eine Woge daherrauschte, sprang die ganze Reihe rückwärts, wenn die Welle aber wieder zurückwich, liefen sie ihr nach. Und so ging es stundenlang fort.

Die schönsten von allen Vögeln waren die Brandenten. Sie waren wohl mit den gewöhnlichen Enten verwandt, denn wie diese hatten sie auch einen schweren, gedrungenen Körper, einen breiten Schnabel und Schwimmflossen, doch waren sie viel prächtiger gekleidet. Ihr Federkleid selbst war weiß, aber um den Hals hatten sie ein gelb und schwarzes Band, die Flügeldecke glänzte grün, rot und schwarz, die Flügelspitzen waren schwarz, und der Kopf war schwarzgrün und schillerte wie Seide.

Sobald sich eine von ihnen am Strande zeigte, sagten die andern Vögel: “Seht, seht! Sie versteht es, sich herauszuputzen!”

“Wenn sie nicht so schön wären, brauchten sie ihre Beine nicht in die Erde hineinzugraben, sondern könnten wie andre Vögel offen daliegen,” spottete eine braune Wildente.

“Und wenn sie sich auch alle Mühe gibt, so kann sie doch nicht schön aussehen mit so einer Nase, wie sie hat,” sagte eine Graugans.

Und das ist auch wirklich wahr. Die Brandenten haben einen großen Knorpel auf der Schnabelwurzel, der ihrer Schönheit Eintrag tut.

Vor dem Strande flogen Möwen und Seeschwalben über das Wasser hin und fischten. “Was fangt ihr da für Fische?” fragte eine Wildgans.

“Stichlinge! Die Ölandstichlinge sind die besten Fische von der Welt,” sagte eine Möwe. “Willst du sie nicht versuchen?” Mit vollem Mund flog sie zu der Gans hin und wollte ihr von den kleinen Fischen geben.

“O pfui!” rief diese. “Meint ihr, ich werde so abscheuliches Zeug fressen?”

Am nächsten Morgen war es noch ebenso nebelig. Die Wildgänse gingen auf die Wiese und weideten; der Junge aber wanderte an den Strand hinunter, sich Muscheln zu sammeln. Es gab dort sehr viele, und da er dachte, er komme vielleicht morgen an einen Platz, wo sich für ihn gar nichts zu essen fände, wollte er versuchen, sich ein Säckchen zu machen, in dem er die Muscheln mitnehmen könnte. Auf der Wiese fand er dürres Riedgras, das zäh und stark war, und aus diesem begann er ein Ränzel zu flechten. Er verbrachte mehrere Stunden mit dieser Arbeit; als aber das Ränzel fertig war, fühlte er sich auch recht befriedigt von seinem Werk.

Um die Mittagszeit liefen plötzlich alle Wildgänse eilig auf ihn zu und fragten ihn, ob er den weißen Gänserich nicht gesehen habe? “Vor ganz kurzem war er noch bei uns,” sagte Akka, “aber jetzt wissen wir nicht mehr, wo er ist.”

Heftig erschrocken fuhr der Junge auf. Er fragte die Gänse, ob ein Fuchs oder Adler gesehen worden, oder ob kürzlich irgend ein Mensch in der Nähe gewesen sei? Doch keine von den Gänsen hatte etwas Verdächtiges gesehen; der Gänserich mußte sich im Nebel verlaufen haben.

Auf welche Weise der Gänserich aber auch weggekommen sein mochte, das änderte an dem Unglück des Jungen nichts, und angstvoll lief er davon, ihn zu suchen. Der Nebel beschützte ihn, so daß er ungesehen überall hingehen konnte, aber zugleich hinderte er ihn selbst auch am Sehen. Der Junge lief südwärts die Küste entlang bis zu dem Leuchtturm und der Nebelkanone auf der äußersten Spitze. Überall war dasselbe Vogelgewimmel, aber kein Gänserich. Der Junge wagte sich sogar bis zum Ottenbyer Hof, ja er untersuchte jede einzelne der alten, hohen Eichen im Hain; aber nirgends fand er eine Spur von dem Gänserich.

Er suchte und suchte, bis es zu dunkeln anfing. Da mußte er nach dem östlichen Strand zurückkehren. Mit schweren Schritten wanderte er dahin und war sehr unglücklich. Ach, es war wohl auch dumm von ihm gewesen, zu hoffen, daß er eine zahme Gans unbeschädigt durch das ganze Land führen könnte! Und doch hatte er so sehr gewünscht, daß es ihm glücke, nicht allein seiner selbst wegen, sondern auch um des Gänserichs willen, den er ebenso lieb hatte wie sich selbst. Wie er nun so über die Schäferwiese hinwanderte, kam ihm etwas großes Weißes aus dem Nebel entgegen, und wer anders war es, als der Gänserich! Ganz unbeschädigt kam er daher und war äußerst vergnügt, daß er endlich den Weg zu den andern zurückgefunden habe. Der Nebel habe ihn so verwirrt im Kopfe gemacht, sagte er, daß er den ganzen Tag hindurch auf der Wiese umhergeirrt sei. In seiner Freude schlang der Junge die Arme um den Hals des Gänserichs und bat ihn inständig, sich doch in acht zu nehmen und nicht wieder von den andern wegzugehen. Und der Gänserich versprach hoch und teuer, es nie wieder zu tun. Nie, nie wieder!

Am nächsten Morgen jedoch, als der Junge am Ufer Muscheln suchte, kamen die Gänse wieder dahergelaufen und fragten, ob er den Gänserich nicht gesehen habe.

Nein, ganz und gar nicht. Ja, dann sei der Gänserich abermals verschwunden. Er werde sich bei dem Nebel gerade wie gestern wieder verlaufen haben.

Voll Entsetzen machte sich der Junge eilig auf die Suche. Er fand eine Stelle, wo die Mauer von Ottenby so abgebröckelt war, daß er hinüberklettern konnte. Er suchte dann unten am Strand, der sich hier ausdehnt und allmählich so groß wird, daß Platz für Äcker und Wiesen und Bauernhöfe da ist. Dann stieg er hinauf auf das flache Hochland, das die Mitte der Insel einnimmt; dort gibt es keine andern Gebäude als Windmühlen, und der Rasen ist so dünn, daß das weiße Kalkgestein darunter hervorschimmert.

Der Gänserich aber war nicht zu finden, und da es allmählich Abend wurde, mußte der Junge sich wieder dem Strand zuwenden. Er war jetzt fest überzeugt, daß er seinen Reisekameraden wirklich verloren habe, und dadurch ganz mutlos gemacht, wußte er nicht, was er tun sollte.

Schon war er wieder über die Mauer gestiegen, als er dicht neben sich einen Stein rasseln hörte, und als er sich danach umwendete, glaubte er etwas unterscheiden zu können, das sich in einem Steinhaufen dicht neben der Mauer bewegte. Er schlich näher hinzu, und da sah er, wie der weiße Gänserich mit mehreren langen Wurzelfasern mühselig den Steinhaufen hinaufkletterte. Der Gänserich sah den Jungen nicht, und dieser rief ihn nicht an, denn er wollte zuerst ergründen, warum der Gänserich auf diese Weise ein Mal ums andre verschwand.

Und er erfuhr auch bald die Ursache. Oben auf dem Steinhaufen lag eine junge Graugans, die vor Freude laut aufschrie, als sie den Gänserich erblickte. Der Junge schlich noch näher hinzu, um zu hören, was die beiden sprächen; und da hörte er, daß die Graugans einen beschädigten Flügel hatte und deshalb nicht fliegen konnte; ihre Reisegefährten waren schon weggereist und hatten sie allein zurückgelassen. Sie war am Verhungern gewesen, als der weiße Gänserich am gestrigen Tage ihr Rufen gehört und sie aufgesucht hatte. Und seither war er bemüht gewesen, ihr Nahrung zu verschaffen. Beide hatten gehofft, sie würde hergestellt sein, ehe er die Insel wieder verlassen müsse, aber sie konnte noch immer weder gehen noch stehen. Der Gänserich war sehr betrübt darüber, aber er tröstete sie damit, daß er noch lange nicht wegreisen werde. Schließlich wünschte er ihr gute Nacht und versprach, am nächsten Tage wiederzukommen.

Der Junge ließ den Gänserich vorausgehen, und sobald dieser verschwunden war, schlich er auch auf den Steinhaufen hinauf. Als er nun die junge Gans sah, verstand er, warum der Gänserich ihr seit zwei Tagen Futter gebracht hatte, und warum er nicht gestehen wollte, was er tat. Die Graugans hatte das niedlichste Köpfchen, das man sich denken konnte; ihr Federkleid war wie Seide so weich, und die Augen hatten einen sanften, flehenden Ausdruck.

Als sie den Jungen erblickte, wollte sie entfliehen, aber ihr einer Flügel war beschädigt, er schleifte am Boden und hinderte sie bei allen Bewegungen.

“Du brauchst dich nicht vor mir zu fürchten,” sagte der Junge und hielt an, um ihr zu zeigen, daß sie nicht nötig habe, vor ihm zu fliehen. “Ich bin Däumling, Gänserich Martins Reisekamerad,” fuhr er fort. Dann aber stockte er und wußte nicht, was er sagen sollte.

Tiere haben manchmal etwas an sich, was einem unwillkürlich die Frage in den Mund legt, was für Wesen sie eigentlich seien. Man fühlt sich beinahe versucht, sie für verwandelte Menschen zu halten. Und so war es auch bei dieser Graugans. Sobald Däumling gesagt hatte, wer er war, neigte sie den Hals und Kopf sehr anmutig vor ihm, und mit einer so schönen Stimme, von der der Junge kaum glauben konnte, daß sie einer Gans angehöre, sagte sie: “Ich freue mich sehr über dein Kommen. Du kannst mir gewiß helfen, der weiße Gänserich hat mir gesagt, es gäbe niemand, der so gut und klug sei wie du.”

Dies sagte sie mit einer Würde, von der der Junge ganz eingeschüchtert wurde. “Das kann doch wohl keine Gans sein,” dachte er. “Es ist gewiß eine verzauberte Prinzessin.”

Er hätte ihr schrecklich gern geholfen, und so griff er mit seinen kleinen Händen in die Federn hinein und tastete nach dem Flügelknochen. Der Knochen war nicht gebrochen, aber er war aus dem Gelenk geraten, und sein Finger kam an ein leeres Gelenkschüsselchen. “Halt nun fest!” sagte er, faßte den Röhrenknochen tapfer an und drehte ihn dahin, wo er hingehörte. Für einen ersten Versuch machte er seine Sache recht schnell und gut; aber es mußte der armen Gans doch sehr, sehr weh getan haben, denn sie stieß nur einen einzigen gellenden Schrei aus und sank dann, ohne noch ein Lebenszeichen von sich zu geben, auf die Steine nieder.

Der Junge erschrak furchtbar. Er hatte ihr ja nur helfen wollen, und jetzt war sie tot. Mit einem großen Satz sprang er von dem Steinhaufen hinunter und lief davon. Er hatte das Gefühl, als habe er einen Menschen getötet.

Am nächsten Morgen war die Luft klar und vollständig frei von Nebel, und Akka sagte, nun solle die Reise fortgesetzt werden. Alle Gänse waren sehr bereit, weiterzureisen, bloß der weiße Gänserich machte Einwendungen, und der Junge wußte den Grund wohl; er wollte nur nicht von der jungen Graugans wegreisen. Aber Akka hörte nicht auf ihn, sondern machte sich gleich auf den Weg.

Der Junge sprang auf den Rücken des Gänserichs, und der Weiße folgte der Schar, obgleich langsam und unwillig. Der Junge aber freute sich, daßman die Insel verließ. Er hatte Gewissensbisse wegen der Graugans, wollte aber dem Gänserich nicht sagen, wie es gegangen sei, als er sie hatte heilen wollen. “Es wäre am besten, wenn Martin es gar nicht erführe,” dachte er. Aber zugleich verwunderte er sich doch, daß der Weiße das Herz hatte, die Graugans zu verlassen.

Doch plötzlich machte der Gänserich kehrt. Der Gedanke an die junge Gans hatte ihn übermannt. Mit der Lapplandreise mochte es gehen, wie es wollte! Mit dem Bewußtsein, daß die junge Gans einsam und krank zurückbliebe und verhungern müsse, konnte er nicht mit den andern davonfliegen.

Mit wenigen Flügelschlägen war er an dem Steinhaufen. Aber da lag keine junge Graugans zwischen den Steinen. “Daunenfein! Daunenfein! Wo bist du?” rief der Gänserich.

“Der Fuchs wird sie wohl geholt haben,” dachte der Junge.

Aber in demselben Augenblick hörte er eine schöne Stimme dem Gänserich antworten: “Hier bin ich, Gänserich, hier bin ich! Ich habe nur ein Morgenbad genommen.” Und aus dem Wasser tauchte die kleine Graugans empor, vollständig frisch und gesund. Und nun erzählte sie, wie Däumling ihren Flügel eingerenkt habe, und daß sie ganz hergestellt sei.

Die Wassertropfen lagen wie Perlen auf ihren wie Seide schillernden Federn, und der Däumling dachte abermals, sie sei gewiß eine richtige kleine Prinzessin.

Kapitel 12

Der große Schmetterling

Mittwoch, 6. April

Die Gänse flogen die langgestreckte Insel entlang, die jetzt deutlich sichtbar unter ihnen lag. Dem Jungen war es leicht und froh ums Herz. Er war jetzt ebenso vergnügt und zufrieden, wie er gestern düster gestimmt und niedergedrückt gewesen war, wo er auf der Suche nach dem Gänserich die Insel durchstreift hatte. Es sah aus, als bestehe das Innere der Insel aus einer kahlen Hochebene mit einem Kranz von gutem, fruchtbarem Land an den Küsten hin; und jetzt begann dem Jungen der Sinn eines Gesprächs klar zu werden, das er am vorhergehenden Abend mitangehört hatte.

Er hatte sich da an einer der vielen Windmühlen auf der Hochebene ausgeruht, als zwei Schäfer, ihre Hunde zur Seite und eine große Schafherde hinter sich, dahergekommen waren. Der Junge war nicht erschrocken, denn er saß wohlgeborgen unter der Mühlentreppe; aber die Hirten ließen sich auf derselben Treppe nieder, und so hatte der Junge sich wohl oder übel mäuschenstill verhalten müssen.

Der eine Hirte war jung und sah ganz so aus, wie solche Leute meistens aussehen. Der andre dagegen war ein alter, merkwürdiger Mensch. Er hatte einen großen, knochigen Körper, aber einen kleinen Kopf, und das Gesicht zeigte weiche, sanfte Züge. Kopf und Körper schienen ganz und gar nicht zusammen zu passen.

Er saß eine Weile still da und schaute mit einem unbeschreiblich müden Blick in den Nebel hinein. Dann wendete er sich an seinen Gefährten und knüpfte ein Gespräch mit ihm an. Dieser nahm ruhig Brot und Käse aus seiner Hirtentasche heraus und begann zu essen; er gab fast keine Antwort, hörte aber sehr geduldig zu, ganz als ob er dächte: “Ich will dir eine Freude machen und dich eine Weile reden lassen.”

“Nun will ich dir etwas erzählen, Erik,” sagte der alte Schäfer. “Ich denke mir, daß in den alten Zeiten, wo die Menschen und die Tiere noch weit größer waren als jetzt, wohl auch die Schmetterlinge ungeheuer groß gewesen sind. Und da hat es wohl einmal einen viele Meilen langen Schmetterling gegeben mit Flügeln so breit wie Meere. Diese Flügel waren so wunderschön blau und silberschimmernd, daß alle andern Tiere stehen blieben und dem Schmetterling verwundert nachschauten, wenn er durch die Luft dahinflog.

Aber der Schmetterling hatte einen Fehler, er war zu groß für seine Flügel, die den Körper kaum zu tragen vermochten. Es wäre aber doch gegangen, wenn er verständig gewesen und über dem Festland geblieben wäre. Doch das war er nicht, sondern er wagte sich auf die Ostsee hinaus; aber er war noch nicht weit gekommen, als der Sturm ihm entgegenbrauste und an seinen Flügeln zerrte. Ja, ja, Erik, man kann leicht erraten, wie es gehen mußte, als der Ostseesturm seine zarten Schmetterlingsflügel zerzauste. Es dauerte nicht lange, da waren sie abgerissen und weggewirbelt, und dann fiel natürlich der arme Schmetterlingskörper hinunter ins Meer. Im Anfang schwankte er auf den Wogen hin und her, dann strandete er gerade vor Småland auf einem Felsenriff. Und da blieb er liegen, so groß und so lang als er war.

Und nun denke ich mir, Erik, wenn der Schmetterling auf Erde gelegen wäre, würde er bald verwest und auseinander gefallen sein. Da er aber ins Meer und auf den Felsen fiel, verkalkte er allmählich und wurde hart wie Stein. Du weißt ja, daß wir drunten am Strand Steine gefunden haben, die nichts andres als versteinerte Raupen waren. Und nun glaube ich, daß es bei dem Schmetterling gerade so ging. Ich glaube, daß er, als er draußen in der Ostsee lag, zu einem langen, schmalen Felsen wurde. Glaubst du das nicht auch?”

Er hielt inne, eine Antwort abzuwarten, und der andre nickte ihm zu. “Mach nur weiter, damit ich erfahre, wo du eigentlich hinaus willst,” sagte er.

“Und nun merk wohl auf, Erik, dieses Öland hier, auf dem ich und du leben, ist nichts andres als der alte Schmetterlingskörper. Wenn man es sich überlegt, merkt man bald, daß die Insel ein Schmetterling ist. Gegen Norden kommt der schmale Vorderkörper und der runde Kopf zum Vorschein, nach Süden sieht man das hintere Ende, das sich zuerst ausbreitet und dann in eine scharfe Spitze ausläuft.” Hier hielt er wieder inne und sah seinen Gefährten an, gleichsam ängstlich, auf welche Weise dieser seine Behauptung aufnehmen werde. Aber der junge Schäfer aß in größter Ruhe weiter und nickte dem Alten nur aufmunternd zu.

“Sobald der Schmetterling in einen Kalksteinfelsen verwandelt war,” fuhr dieser fort, “kamen Samenkörner mit dem Winde dahergeflogen und wollten auf dem Felsen Wurzel schlagen. Aber es wurde ihnen sehr schwer, sich auf dem kahlen, glatten Gebirge festzuhalten, und so dauerte es sehr lange, bis irgend etwas andres als Riedgras da wachsen konnte. Dann kamen Schafschwingel, Sonnenröschen und Hunderosensträucher.

Aber selbst heute noch gibt es nicht so viel Wachstum hier oben, daß das Gebirge ganz davon bedeckt wird, es schimmert da und dort noch hervor. Und von pflügen und säen kann hier oben gar keine Rede sein, dazu ist der Erdboden zu hart.

Aber wenn du mir beistimmst, daß die Heide und die Felsenmauern, die ringsum stehen, aus dem Schmetterlingskörper gebildet sind, dann hast du auch ein Recht zu fragen, wo das Land, das unter dem Gebirge liegt, hergekommen sei.”

“Ja, ganz recht,” sagte der andre, der aß, “das habe ich gerade fragen wollen.”

“Du mußt bedenken, daß Öland recht viele Jahre im Wasser gelegen hat, und während der Zeit hat sich alles das, was auf den Wogen umhertreibt, Tang und Sand und Muscheln, ringsherum angesammelt und ist da liegen geblieben. Alsdann sind im Osten und Westen vom Festland Steine und Geröll herabgestürzt. Auf diese Weise hat die Insel breitere Ufer bekommen, wo Getreide und Blumen und Bäume wachsen können. Hier oben auf dem harten Schmetterlingskörper weiden nur Schafe und Kühe und junge Pferde, hier wohnen nur Schneehühner und Brachvögel, und außer Windmühlen und ein paar ärmlichen Steinschuppen sind keine Gebäude da, wo wir Hirten Schutz finden könnten. Aber drunten am Strand liegen die großen Bauerngüter und Kirchen und Pfarrhöfe und Fischerdörfer und eine ganze Stadt.”

Er sah den andern fragend an. Dieser war mit seiner Mahlzeit fertig und packte eben seinen Schnappsack wieder zusammen. “Ich möchte nur wissen, wo du mit all diesem hinaus willst,” sagte er.

“Ja, nur das eine möchte ich wissen,” sagte der Schäfer; er senkte die Stimme, so daß die Worte fast flüsternd herauskamen, und dabei starrte er in den Nebel hinein mit seinen kleinen Augen, die von all dem, wonach er ausspähte, und was doch nicht da ist, matt geworden zu sein schienen. “Ja, nur das möchte ich wissen, ob die Bauern, die in den eingefriedigten Höfen drunten unter dem Felsengebirge wohnen, oder die Fischer, die Strömlinge aus dem Meere holen, oder die Kaufleute in Borgholm, oder die alljährlich wiederkehrenden Badegäste, oder die Reisenden, die in den Borgholmer Schloßruinen umherwandeln, oder die Jäger, die im Herbst zur Hühnerjagd hierherkommen, oder die Maler, die hier auf dem Rasen sitzen und die Schafe und Windmühlen malen— ja, ich möchte wohl wissen, ob ein einziger von ihnen weiß, daß diese Insel einst ein Schmetterling gewesen ist, der mit großen glänzenden Flügeln umherflog.” “Gewiß,” sagte der junge Hirte plötzlich, “wer einmal an einem Abend hier am Rande der Felsenmauern gesessen und die Nachtigallen im Gebüsch hat schlagen hören und hinüber nach dem Sunde von Kalmar geschaut hat, dem muß der Gedanke gekommen sein, daß diese Insel nicht wie alle andern entstanden sein kann.”

“Ich möchte wissen,” fuhr der Alte fort, “ob nicht ein einziger von ihnen den Wunsch gehabt hat, den Windmühlen so große Flügel zu geben, daß sie bis zum Himmel reichten, so große Flügel, daß sie imstande wären, die ganze Insel aus dem Meere aufzuheben und sie wie einen Schmetterling unter Schmetterlingen umherfliegen zu lassen.”

“Vielleicht ist etwas an dem, was du sagst,” fiel der junge Schäfer ein, “denn in den Sommernächten, wo sich der Himmel hoch und klar über der Insel wölbt, ist es mir manchmal gewesen, als wolle sie sich aus dem Meere erheben und fortfliegen.”

Als aber der Alte den Jungen nun endlich zum Sprechen gebracht hatte, hörte er ihm gar nicht recht zu. “Ich möchte wissen,” sagte er mit noch leiserer Stimme, “ob mir jemand erklären kann, warum hier oben auf der Felsenhöhe eine so große Sehnsucht wohnt? An jedem Tage meines Lebens habe ich sie gefühlt, und ich meine auch, jedem, der sich hier oben aufhält, müsse sie sich ins Herz hineinschleichen. Aber ich möchte wissen, ob es keinem von den andern klar geworden ist, daß diese Sehnsucht nur über uns kommt, weil die ganze Insel ein Schmetterling ist, der sich nach seinen Flügeln sehnt?”

Kapitel 13

Die Kleine Karlsinsel

13.1 Der Sturm

Freitag, 8. April

Die Wildgänse hatten auf der nördlichen Spitze von Öland übernachtet und waren nun auf dem Wege nach dem Festland. Ein recht heftiger Südwind, der über den Sund von Kalmar herfegte, trieb sie in nördlicher Richtung weiter. Trotzdem arbeiteten sie sich ziemlich schnell dem Lande zu. Als sie aber die ersten Schären erreicht hatten, hörten sie ein lautes Donnern, als ob eine Menge flügelstarker Vögel dahersauste, und das Wasser unten wurde auf einmal ganz schwarz. Akka hielt die Flügel so schnell an, daß sie beinahe ganz still in der Luft lag. Dann ließ sie sich aufs Meer hinabsinken. Aber ehe die Gänse das Wasser erreicht hatten, war der Weststurm herangekommen. Schon jagte er Staubwolken, Wogenschaum und kleine Vögel vor sich her; er riß auch die Wildgänse mit sich fort, warf sie herum und jagte sie aufs weite Meer hinaus.

Es war ein entsetzlicher Sturm. Ein Mal ums andre versuchten die Wildgänse umzudrehen; aber es war ihnen nicht möglich, und sie wurden immer weiter auf die Ostsee hinausgetrieben. Der Sturm hatte sie schon an Öland vorbeigejagt, und sie hatten jetzt nur das öde graue Meer vor sich; es blieb ihnen nichts andres übrig, als nachzugeben.

Als Akka merkte, daß kein Umdrehen möglich war, hielt sie es für unnötig, sich von dem Sturm über die ganze Ostsee jagen zu lassen, und sie ließ sich deshalb aufs Wasser hinab. Es war hoher Seegang, der mit jedem Augenblick noch zunahm. Meergrün rauschten die Wogen daher, eine immer höher als die andre, mit wilden, zackigen Schaumkronen. Es war, als wetteiferten sie miteinander, welche am höchsten und wildesten aufwallen und aufschäumen könne. Aber die Wildgänse fürchteten sich nicht vor dem Wogenschwall, er schien ihnen im Gegenteil großes Vergnügen zu machen; sie strengten sich gar nicht mit Schwimmen an, sondern ließen sich auf die Wellenkämme hinauf- und in die Wogengänge hinabgleiten, und sie waren so vergnügt wie ein Kind in einer Schaukel. Eine Weile ging es ihnen sehr gut, und ihre einzige Sorge war, die Schar könnte schließlich zerstreut werden. Die armen Landvögel, die im Sturm über ihnen dahinjagten, riefen neidisch: “Ja, wer schwimmen kann, für den hat es keine Not!”

Aber die Wildgänse waren doch nicht ohne Gefahr, denn das Schaukeln machte sie furchtbar schläfrig. Unaufhörlich wollten sie den Kopf zurücklegen, den Schnabel unter den Flügel stecken und schlafen. Aber nichts ist gefährlicher, als auf diese Weise einzuschlafen, und Akka rief daher immerfort: “Schlaft nicht, Wildgänse! Wer schläft, wird von der Schar weggetrieben! Wer von der Schar abkommt, ist verloren!”

Aber trotz aller Versuche, dem Schlaf zu widerstehen, schlief doch eine um die andre ein; selbst Akka war nahe daran, einzunicken, als sie plötzlich etwas Rundes, Dunkles aus dem Gipfel einer Woge auftauchen sah. “Seehunde! Seehunde! Seehunde!” schrie sie mit lauter, gellender Stimme und flog mit klatschenden Flügelschlägen auf. Es war die höchste Zeit; ehe die letzte Wildgans das Wasser verlassen hatte, waren die Seehunde so nahe, daß sie nach deren Füßen schnappten.

So waren die Wildgänse wieder mitten im Sturm, der sie vor sich her aufs Meer hinaustrieb. Er gönnte weder sich selbst noch den andern einen Augenblick Ruhe. Und kein Land war zu entdecken, überall ringsum nur das wilde Meer.

Sobald sie es wagen konnten, ließen sich die Gänse wieder aufs Meer hinab; nachdem sie jedoch eine Weile auf den Wogen geschaukelt hatten, wurden sie wieder schläfrig. Und sobald sie schliefen, schwammen die Seehunde heran. Wäre die alte Akka nicht so wachsam und klug gewesen, dann wäre gewiß nicht eine mit dem Leben davongekommen.

Der Sturm raste den ganzen Tag hindurch ohne Aufhören und richtete schreckliche Verheerungen unter allen den Vögeln an, die um diese Jahreszeit auf der Reise waren. Manche verloren ihre Richtung vollständig und wurden in ferne Länder verschlagen, wo sie elendiglich verhungerten; andre ermatteten so sehr, daß sie ins Meer hinunterstürzten und ertranken. Viele wurden an den Felswänden zerschmettert und viele ein Raub der Seehunde.

Der Sturm dauerte den ganzen Tag hindurch, und schließlich drängte sich Akka die Frage auf, ob sie und ihre Schar nicht am Ende noch verunglücken würden. Sie waren jetzt alle todmüde, aber so weit das Auge reichte, konnten sie keinen Platz entdecken, wo sie hätten ausruhen können. Gegen Abend wagten sie es auch nicht mehr, sich aufs Meer hinabzulassen, denn ganz plötzlich hatte es sich mit großen Eisschollen bedeckt, die sich gegeneinander auftürmten, und Akka fürchtete, sie und die andern könnten dazwischen erdrückt werden. Ein paarmal versuchten die Wildgänse, sich auf die Eisschollen zu stellen; aber einmal fegte sie der wilde Sturm ins Wasser hinein, und ein andres Mal krochen die unbarmherzigen Seehunde zu ihnen aufs Eis hinauf.

Bei Sonnenuntergang waren die Gänse wieder in der Luft. In banger Furcht vor der Nacht flogen sie weiter. Die Dunkelheit schien ihnen an diesem von Gefahren erfüllten Abend gar zu schnell hereinzubrechen.

Es war schrecklich, daß sie noch immer kein Land sahen. Wie würde es ihnen erst gehen, wenn sie die ganze Nacht da draußen bleiben müßten? Entweder würden sie