/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Flutwelle

Utta Danella


Flutwelle

Utta Danella

1980

Inhaltsverzeichnis

I  Die Reisendenen 1931

II  1931-36

III  1937-41

IV  Die Verlorenen 1942—45

Warum fliehst du nicht, Mensch

wenn die steigende Flut deine Hüften umspielt,

warum schreist du nicht, Tor

wenn deine Schultern sich neigen unter der Gischt

Und weit geöffnet sind deine Augen, Verlorener

ungläubig, noch immer nicht

hoffnungslos,

wenn die erbarmungslose Flutwelle

sich mit deinen Tränen mischt.

Teil I

Die Reisendenen 1931

»Ich«, sagte Victoria Jonkalla, »bin siebzehn.«

Sie kreuzte die Arme hinter dem Kopf und dehnte sich im Sand.

Der Mann neben ihr auf dem Korbstuhl schob sich den Strohhut tiefer in die Stirn, um sich vor dem gleißenden Widerschein der Sonne auf dem Meer zu schützen.

»Ich bitte um Verzeihung, daß ich gefragt habe. Man fragt Damen nicht nach ihrem Alter. Aber wenn eine Dame so jung ist wie Sie, darf man es wohl noch tun. Sweet and seventeen also.«

»Gerade geworden«, erklärte sie voll Stolz.

»Ich weiß auch, wann. Ich sah die Blumen auf Ihrem Tisch, das war vor zwei Tagen. Da kann man noch gratulieren. Was ich hiermit tue.«

»Danke.« Sie streckte ein Bein in die Luft und fragte kindlich:

»Ist es nicht fabelhaft?«

»Siebzehn zu sein? Gewiß.«

»Nein, ich meine, daß ich meinen Geburtstag gerade hier gefeiert habe. Am Lido. Das ist doch einfach toll.«

»Waren Sie schon öfter hier?«

»Ach wo. Das erstemal. Es ist überhaupt meine erste Auslandsreise. Und gleich nach Venedig. Die meisten kommen erst hierher, wenn sie heiraten, nicht?«

»Das ist wohl so der Brauch.«

»Ich kann gar nicht sagen, wie ich mich auf diese Reise gefreut habe. Ich dachte, ich werde verrückt, als ich hörte, daß ich mitfahren darf.«

»Es gefällt Ihnen hier?«

»Es ist einfach himmlisch. Das Meer. Und der Strand mit all den fabelhaften Leuten. Und das tolle Hotel. Alles überhaupt.«

Der Mann, er war genau sechzig Jahre alt, blickte über die Schulter zurück in die Richtung, wo sich das Hotel Excelsior befand, in dem er mindestens schon zehnmal gewohnt hatte, genau wußte er es.nicht, und versuchte, es mit den Augen einer Siebzehnjährigen zu sehen, die zum erstenmal darin wohnte. So betrachtet, war es zweifellos ein tolles Hotel, und der Lido fabelhaft und Venedig einfach himmlisch.

Er lächelte und betrachtete ungeniert die schlanke, langgliedrige Mädchengestalt, bekleidet nur mit einem hellgrünen Badeanzug. Guter Stall, dachte er. Die Figur, die Kopfform, das Gesicht. Auch wie sie sich bewegte, wie sie kam und ging. Er hatte in den letzten Tagen öfter Gelegenheit gehabt, sie zu beobachten, wenn sie durch die Halle schritt, wenn sie den Speisesaal betrat und verließ. Nichts an ihr war linkisch oder ungeschickt, sie besaß für ihr Alter eine erstaunliche Sicherheit.

Hier am Lido, wo sich die Reichen und die Schönen ihr jährliches Stelldichein gaben, europäischer Adel, amerikanische Finanzen, alte Namen und neuer Reichtum, und die meisten davon kannte er seit Jahren von hier oder von anderswo, waren ihm die beiden Frauen aufgefallen, diese so junge, die noch keine Frau war, und die andere, deren Alter sich schwer schätzen ließ, weil sie so attraktiv war, daß die Frage nach ihrem Alter unerheblich wurde. Sie war stets mit erlesener Eleganz gekleidet, wirkte manchmal ein wenig arrogant, zog dennoch alle Männerblicke auf sich und erwiderte sie auch hier und da, wie er festgestellt hatte. Ein leichter Hauch von Demimonde haftete ihr an, das fand jedenfalls er, der außerordentlich darin geübt war, Frauen zu beurteilen. Er hatte sich gefragt, ob sie wohl die Mutter dieses Mädchens sein könnte, entdeckte aber keinerlei Ähnlichkeit, wenn man von der Selbstsicherheit absah, und erfuhr vom Portier, daß die Damen verschiedene Namen trugen.

Signora Bernauer, Signorina Jonkalla, beide aus Berlin.

»Sie sind also am 28. Juli 1914 geboren«, meinte er nachdenklich. Das Mädchen lachte übermütig. »Sie haben fabelhaft gerechnet. Genau das ist der große Tag gewesen.«

»Eine sehr bewegte Zeit in der Weltgeschichte. Sie sind eine Tochter des Krieges, Signorina. Genau vier Wochen vor Ihrem Eintritt in diese Welt wurde der österreichische Thronfolger ermordet, und als Sie zwei Tage alt waren, begann der große Krieg.« »Ach ja, stimmt«, sagte sie gleichgültig. »So wie heute, nicht?« »Ja, heute. Vor genau siebzehn Jahren. Zwei Tage lebten Sie gerade noch im Frieden, der genaugenommen schon keiner mehr war. Ein niedliches kleines Baby, ahnungslos, in was für eine schreckliche Welt es hineingeboren worden war.«

Sie richtete sich auf, blickte auf das Meer hinaus, blaugrau war es, erste Schatten der Abenddämmerung verdunkelten den Horizont.

»Ich glaube, ich geh’ nochmal schwimmen.«

»Sie waren doch gerade vorhin erst im Wasser. Ihr Badeanzug ist noch nicht einmal trocken.«

»Ich könnte jeden Tag hundertmal hineingehen«, rief sie überschwänglich. »Es gibt überhaupt nichts Schöneres, als im Meer zu schwimmen. Ach, und mit dem Krieg, das ist so lange her. Wir haben einen Lehrer in der Schule, der erzählt immer und ewig von seinen Kriegserlebnissen, er war Offizier, und er fand den Krieg ganz prima. Gar nicht schrecklich. Er sagt, es sei die schönste Zeit seines Lebens gewesen!« Sie blickte ihren Gesprächspartner fragend an. »Ist doch komisch, nicht? Meine Mutter sagt auch, der Krieg war schrecklich. Aber vielleicht denken Frauen anders darüber.«

»Es gibt auch Männer, die so denken. Ich zum Beispiel.«

»Waren Sie auch im Krieg?«

»Nein.«

Er war dreiundvierzig, als Franz Ferdinand und seine Frau Sophie in Sarajevo erschossen wurden. Und er war gerade in London, reiste aber vorsorglich gleich nach Wien zurück, denn er ahnte, was kommen würde, hatte jedoch kein Verlangen, in England interniert zu werden. Daß man ihn einzog, war nicht zu befürchten. Militärdienst hatte er nie geleistet, auch warer zu alt und die Firma kriegswichtig, sein Vater fünfundachtzig und krank. Es ist so lange her, hatte dieses Kind eben gesagt — siebzehn Jahre war es her, daß der Krieg begann. Siebzehn Jahre genau auf den Tag. Und nicht einmal zwölf Jahre war es her, daß er endete.

Eine lange Zeit? Eine kurze Zeit.

Er lächelte wieder, diesmal sehr melancholisch. Wenn man siebzehn ist, kann die Welt selbst nicht älter sein als siebzehn. Das war das Geschenk und das Verhängnis zugleich.

»Gott sei Dank, jetzt wird es nie mehr Krieg geben«, sagte das Mädchen. »Das ist für alle Zeiten vorbei.«

»Wer sagt denn das?«

»Nie wieder Krieg, das sagen doch alle. Wir sind moderne Menschen. Die wollen keinen Krieg.«

»So, sind wir modern? Verändern sich die Menschen wirklich? Es wird immer Krieg geben. Nur die Toten machen keine Kriege mehr. Denken Sie nur an Ihren Lehrer, dem der Krieg so gut gefiel, daß er heute noch davon schwärmt.«

»Ach, der! Der gibt an. Damals war er jung. Heute hat er einen Bauch und eine Glatze. Der macht bestimmt keinen Krieg mehr. Wir glauben ihm sowieso nicht, daß er so tapfer war, wie er immer erzählt. Meine Freundin Elga sagt, er will uns bloß imponieren. Und wenn er ein Held gewesen wäre, sagt sie, würde er ja nicht mehr leben.«

Der Mann mußte lachen. »Was für eine erbarmungslose Schlußfolgerung.«

Sie blickte ihn unsicher an. Ihre Augen waren haselnußbraun, mit kleinen gelben Punkten darin.

»Und überhaupt, ich denke auch, daß der Krieg schrecklich war. Mein Vater ist nicht zurückgekommen.«

»Gefallen?«

»Das weiß man nicht. Er ist vermißt. In Rußland.«

Also war es immerhin möglich, daß die dunkelhaarige Signora Bernauer die Mutter des Mädchens war, es mochte eine zweite Ehe geben.

»Und Ihre Mutter? Sie hat lange auf ihn gewartet?«

»Sie sagt, sie hat gleich gewußt, daß er tot ist. Er soll ein sehr guter Mensch gewesen sein. Und Mutti sagt, die guten Menschen müssen immer zuerst daran glauben. Aber meine Großmutter, seine Mutter, die wartet immer noch, daß er wiederkommt.«

Zwölf Jahre warten. Zwölf Jahre Hoffnung und Enttäuschung, Tränen und Gebete. Die wartenden Mütter.

»Wenn man denn schon Monumente zum Andenken des Krieges bauen muß«, sagte Cesare Barkoscy langsam, »dann sollte man sie nicht stürmenden und sterbenden Soldaten errichten, sondern den wartenden Müttern.«

Das Mädchen zog bei seinem ernsten Ton unbehaglich die Schultern hoch und blickte wieder sehnsüchtig auf das Meer hinaus. Aber es war zu gut erzogen, um das Gespräch von sich aus zu beenden.

»Ist die aparte Dame, mit der ich Sie zusammen sehe, Ihre Frau Mama?«

»Marleen? Aber nein! Das ist die Schwester von Mutti.«

»Also Ihre Tante.«

»Na ja, gewissermaßen. Aber das darf man zu ihr nicht sagen, sie mag das nicht.«

»Verständlich. Sie ist absolut kein Tantentyp. Falls es so etwas gibt.«

»Sie gefällt Ihnen?«

»Eine höchst reizvolle Frau.«

Victoria seufzte. »Ja, nicht? Sie ist fabelhaft. Alle Männer sind in sie verknallt. Haben Sie den tollen Italiener gesehen, der sie schon ein paarmal abgeholt hat? Mit einem eigenen Boot? Der wohnt in einem Palazzo in Venedig, ist irgendein hohes Tier bei Mussolini.«

»Und er gefällt ihr?«

»Ach, das weiß man bei ihr nicht. Sie läßt sich den Hof machen. Sie hat Sex-Appeal, nicht?«

»Zweifellos. Aber nun willich Sie dem Meer nicht länger vorenthalten, Signorina, sonst wird es zu kühl, und Sie kommen zu spät zur cena.«

Sie sprang auf, wie von einer Feder hochgeschnellt.

»Ja, dann schwimme ich schnell noch mal.«

Er stand ebenfalls auf, nahm seinen Strohhut ab, neigte den Kopf und sagte: »Darf ich mich Ihnen vorstellen, nachdem Sie mir so ein reizendes Plauderstündchen geschenkt haben? Barkoscy ist mein Name. Cesare Barkoscy.«

Sie lächelte, ein wenig verlegen. »Ich bin Victoria Jonkalla.«

Er stutzte.

»Victoria?«

»Ja.«

»Als man Sie taufte, Signorina Victoria, hatte der Krieg sicher schon begonnen. Man muß in Ihrer Familie sehr siegessicher gewesen sein.«

»Ach«, sie lachte, »das hat mit Krieg und Sieg nichts zu tun. Meine Taufpatin heißt Victoria. Sie ist eine Freundin meiner Mutter, eine halbe Engländerin. Und darum schreiben wir auch Victoria mit c. Nach der Queen Victoria, wissen Sie.«

»Ich verstehe. Das ist natürlich etwas anderes. Sie leben in Berlin?«

»Ja. Hört man das?«

»Ein wenig.«

»Meine Mutti kommt aus Schlesien. Ich bin in Breslau geboren.«

»Nun, das ist für einen echten Berliner wohl obligatorisch.«

»Kennen Sie Berlin?«

»Wer kennt es nicht? Derzeit ist es der Nabel der Welt.«

»Aber Sie… .« Victoria sprach nicht weiter. Es gehörte sich nicht, einen Erwachsenen auszufragen.

Er verstand die unausgesprochene Frage.

»Ich bin aus Wien. Und meine Mama ist Italienerin.«

»Ach, darum heißen Sie Cesare. Ein toller Name.«

»Wie man’s nimmt. Er paßt nicht sehr gut zu mir. Aber meine Mama schwärmte für Cesare Borgia.«

Er lachte, und sie lachte mit. Cesare Borgia, ausgerechnet.

Und dazu dieser zierliche, weißhaarige Herr mit dem sensiblen Mund und den schmalen Händen, beides war ihr aufgefallen.

»Ich habe auch sonst, vom Äußeren abgesehen, keinerlei Ähnlichkeit mit ihm.«

»Und das hat Ihre Frau Mama sehr enttäuscht?« fragte sie und kam sich höchst gewandt vor bei dieser Konversation.

»Möglicherweise. Ich hatte keine Gelegenheit, sie danach zu fragen.«

Ob das hieß, daß seine Mutter früh gestorben war?

»Heute lebe ich teils in Wien, teils in Mailand.«

»Abwechselnd?«

»Abwechselnd.«

»Das finde ich fabelhaft.«

Er lächelte. »Jetzt wissen wir schon eine ganze Menge voneinander. Ich hoffe, Sie werden mir wieder einmal die Freude machen, daß ich mich mit Ihnen unterhalten darf.«

Ihr Blick war kindlich. »Aber ja. Schrecklich gern.«

»Dann viel Spaß beim Baden. Und schwimmen Sie nicht zu weit hinaus.«

Er blickte ihr nach und dachte wieder: Guter Stall. Gute Rasse. Geradezu Vollblut.

Victoria kicherte vor sich hin, als sie mit kräftigen Zügen ins Meer hinausschwamm. Wie der redete! Richtig ulkig. Das mußte sie Elga erzählen. Sie haben mir ein reizendes Plauderstündchen geschenkt. So was! Das klang wie aus dem vorigen Jahrhundert. Aber der war ja auch schon alt. Irgendwie aber nett. Und Cesare! Sie tauchte das Gesicht ins Wasser und prustete übermütig. Wie konnte ein Mensch bloß Cesare heißen!

Sie sah ihn wieder, als sie mit Marleen den Speisesaal zum Abendessen betrat. Marleen ganz in Weiß, Smaragde in den Ohren und am Hals, das Gesicht gebräunt, das dunkle Haar eng an den Kopf gebürstet, die Spitzen in die Wangen gebogen.

Sie sah hinreißend aus, sie wußte es. Keiner hätte ihr angesehen, daß sie in diesem Jahr vierzig geworden war. Aber weder ihr Aussehen noch ihr Geld ermöglichten ihr den Zugang zu der snobistischen Gesellschaft, die dem Lido sein Gepräge gab, das wußte sie auch. Sie war schon einmal hier gewesen, mit ihrem Mann, und das war ein Fiasko gewesen. Max verreiste nicht gern, es sei denn in Geschäften. So ein Hotel wie das Excelsior, die internationale Society am Strand und in der Halle machten ihn noch unsicherer, als er ohnehin schon war. Er wirkte dann noch kleiner und schmächtiger, sah noch jüdischer aus, hätte sich am liebsten den ganzen Tag in seinem Zimmer versteckt.

Mit einem Liebhaber zu fahren, erschien Marleen nicht opportun, außerdem hatte sie ihren derzeitigen satt. So war sie auf die Idee gekommen, ihre Nichte mitzunehmen — ein junges, unbefangenes Mädchen, nett anzusehen, ergab eine passende Begleitung.

Sie hatte Victoria schon als Kind gelegentlich mit an der Ostsee gehabt, es hatte nie Schwierigkeiten mit ihr gegeben, sie war anpassungsfähig, wohlerzogen und wurde niemals lästig.

Cesare Barkoscy saß bereits an seinem Ecktisch, an dem er immer allein speiste und stets mit besonderer Aufmerksamkeit bedient wurde. Er neigte grüßend den Kopf, als Marleen und Victoria vorübergingen, und Victoria schenkte ihm ein strahlendes Lächeln.

»Kennst du den?« fragte Marleen, als sie saßen.

»Habe ich heute kennengelernt. Am Strand. Er heißt Cesare Barkoscy. Cesare, wie findest du das?«

»Toll, wie du sagen würdest«, erwiderte Marleen und lachte. »Er wohnt in Wien. Und in Mailand auch. Abwechselnd, sagt er.«

»Das hat er dir alles erzählt?«

»Wir hatten ein reizendes Plauderstündchen«, sagte Victoria mit unschuldigem Augenaufschlag.

»Alter Wüstling!« Marleen naschte eine Gabel vom antipasto,

»Gar nicht. Er ist sehr vornehm. Ein richtiger Kavalier.«

Marleen nahm einen Schluck aus ihrem Glas, grüßte dann das englische Ehepaar am Nebentisch mit einem Lächeln, wobei sie den Kopf wenden und den einsamen Cesare in seiner Ecke noch einmal betrachten konnte.

»Er sieht nach Geld aus. Reicher Jude aus Wien, vermutlich ungarischer Abstammung. Versteht was von der Börse.«

»Das kannst du gleich erkennen?«

»Ich kenne einige von dieser Sorte. Es läßt sich gut mit ihnen umgehen, sie haben Manieren und verstehen zu leben. Für eine Frau sind sie sehr brauchbar.«

»Aber doch nicht für eine Frau wie dich.«

Marleen zog eine Braue hoch. »Wieso nicht? Findest du, daß ich etwas Besseres zu Hause habe?«

»Onkel Max ist doch ganz anders.«

»Eben. Mit dem da drüben wäre vermutlich schwieriger umzugehen.«

»Wie war’s denn heute mit Salvatore?«

»Das übliche. Erst hat er mir von seinem Duce vorgeschwärmt, dann wollte er mich verführen.«

»Und hast du?«

»Fragen stellst du für so ’ne kleene Göre, da muß man sich schon wundern.«

Sie lachten beide, blickten sich vertraut in die Augen. Sie hatten sich immer gut verstanden, Marleen, die Reiche, die Kapriziöse, die Egoistin, die nur sich liebte und sonst nichts auf der Welt, und Ninas junge, unbeschwerte Tochter, die sich selbst noch nicht kannte.

»Es eilt nicht«, meinte Marleen lässig. »Wir bleiben ja noch vierzehn Tage. Mit der Zeit lernt man, daß eine gut komponierte Ouvertüre den ersten Akt genußreicher macht.«

Der Doppelsinn der Worte ging Victoria nicht auf. Außerdem irritierten Marleens frivole Reden sie nicht im geringsten, im Gegenteil, sie imponierten ihr. Sie bewunderte Marleen, vor allem deswegen, weil diese besaß, was sie sich selbst so heiß wünschte: Geld.

Victoria spießte einen der Ravioli auf die Gabel und verspeiste ihn mit Genuß. Das Essen war fabelhaft. Und das alles konnte man nur haben, wenn man reich war, dieses Hotel, dieses Essen, solche Reisen, solche Kleider, die Verehrer. Und wie wurde man reich? Durch einen Mann.

Durch einen Mann, wie Marleen ihn geheiratet hatte, einen Mann, den sie nicht liebte und den sie betrog.

Das war der Punkt, an dem Victorias Gedanken eigene Wege gingen. Es gab noch eine andere Möglichkeit, reich zu werden, man konnte Karriere machen, und dann hatte manalles, Männer, Erfolg, Geld.

Männer? Erfolg, Ruhm und Reichtum, das erschien Victoria leicht zu erringen. Nur den Mann, den sie liebte, würde sie nie bekommen. Und einen anderen wollte sie nicht.

Sie seufzte. Da war der große Kummer wieder da, hatte sich ungeladen ins Hotel Excelsior geschlichen.

Marleen ist zu einem echten Gefühl nicht fähig, das sage Nina, Victorias Mutter und Marleens Schwester, denn sie kannte Marleen seit ihren gemeinsamen Kindertagen. Und sie hatte wohl recht mit diesem Urteil.

Was Marleen fehlte, besaß sie selbst im Übermaß. Nina lebte nur aus dem Gefühl heraus, war darum so schutzlos, so verletzbar.

Und darum darf sie es nie, nie erfahren, dachte Victoria.

Tagsüber, am Strand, im Meer, im Hotelgarten, noch zuletzt während des Gesprächs mit dem Fremden, war sie eigentlich sehr vergnügt gewesen, da hatte sie vergessen, was sie bedrückte.

Daß sie den Mann liebte, den ihre Mutter auch liebte. Den Nina so zärtlich und hingebungsvoll liebte, wie es nun einmal ihrem Wesen entsprach.

Sie darfes nie erfahren, und er darf es nie erfahren, es ist mein Schicksal, daß ich auf die große Liebe meines Lebens verzichten muß. So ist es und so wird es bleiben, mein ganzes Leben lang. Das weiß ich.

Allerdings wußte sie nicht, daß ihre Mutter, daß Nina, als sie so alt war wie ihre Tochter heute, genau das gleiche empfunden, daß sie genauso hoffnungslos geliebt hatte.

___________

Am gleichen Abend, zur gleichen Stunde schlenderte Nina mit Peter durch Salzburg. Er hatte seinen Arm unter ihren geschoben und redete wie meistens in den vergangenen Tagen von der Jedermann-Aufführung, die sie vor drei Tagen auf dem Domplatz gesehen hatten.

Nina hörte nur mit halbem Ohr zu, blickte an den Fassaden der Häuser in der Getreidegasse empor, warf begehrliche Blicke in Schaufenster, schaute in die Gesichter der Vorübergehenden, die genau wie sie beide an diesem milden Sommerabend durch die Stadt spazierten.

Nina verfügte nicht über den Backfisch-Wortschatz ihrer Tochter, sonst hätte sie vermutlich auch verkündet, daß sie Salzburg fabelhaft fände, die Festspiele einfach toll und ganz Österreich überhaupt himmlisch. Aber für sie war hauptsächlich und vor allem aus einem Grund alles so wunderbar: weil sie mit Peter hier war, weil er sie mitgenommen hatte auf diese Reise, weil sie ihn endlich einmal, ungestört von ihrer Familie und unbehindert von seiner Umwelt, für sich allein haben konnte.

Genau wie für Victoria war es auch für Nina die erste Auslandsreise ihres Lebens, und Berge hatte sie noch nie gesehen. Jedenfalls nicht die Alpen. Als junges Mädchen war sie einige Male im Riesengebirge gewesen, aber das war so lange her. Seit sie in Berlin lebte, hatte es keine Ferienreise für sie gegeben, und nun gleich so weit und an einen so zauberhaften Ort. Salzburg war ein großes Erlebnis für sie, sie glaubte, nie etwas Schöneres gesehen zu haben als diese Stadt, deren Gassen und Häuser Anmut und Harmonie geradezu ausstrahlten. Sie war Peter zutiefst dankbar, daß er sie mitgenommen hatte, genauso wie sie ihm für seine Liebe dankbar war.

War es Liebe? Besser gesagt, für sein Vorhandensein in ihrem Leben, sein Immer-noch-Vorhandensein.

Sie ging sehr vorsichtig, sehr behutsam mit ihrer Bindung um, und nur weil sie ihn liebte, erwartete sie nicht, daß er ihre Gefühle auf die gleiche Weise erwiderte. Sie hütete sich, ihm allzu deutlich zu zeigen, was sie für ihn empfand, was er ihr bedeutete. So war es von Anfang an gewesen, so hatte sie es gehalten in den zweieinhalb Jahren, die vergangen waren, seit er gefragt hatte, aus der Laune einer fröhlichen Nacht heraus: »Kommst du mit?«

Damals war sie mit Felix befreundet, war seine Sekretärin, falls man ihre Tätigkeit in dem kleinen Privattheater so hochtrabend bezeichnen wollte. Immer nahe an der Pleite entang machten sie mittelmäßiges Theater, eine kleine Gemeinschaft, wohl wissend, wie fragwürdig ihre Existenz war. Peter Thiede spielte bei ihnen, ein unbekannter junger Schauspieler, der von der großen Karriere träumte. Sie mochte ihn gern, doch er stand ihr nicht näher als die anderen, die dort am Abend auf die Bühne gingen.

Dann kam die Silvesternacht, in der Felix sie allein ließ, weil er mit seiner Frau feiern mußte.

Sie war sehr unglücklich gewesen, verzweifelt über ihr unerfülltes Leben, eine Frau von fünfunddreißig Jahren, der das Leben kein Glück, keine Geborgenheit schenken wollte. Sie war wütend auf Felix und voll Bitternis gegen das Schicksal, das sie so stiefmütterlich behandelte.

Nach der Vorstellung hatten sie im Theater ein wenig gefeiert, die von der Bühne und die hinter der Bühne, soweit sie nichts Besseres vorhatten, und Peter hatte mit ihr getanzt, hatte sie geküßt und dann war sie einfach mitgegangen in seine Pension und in sein Bett.

Einfach so. Von Liebe konnte keine Rede sein, zweifellos tat sie es aus Trotz gegen Felix, aus Trotz gegen die ganze Welt.

Aber dann war etwas Seltsames geschehen: zum erstenmal, seit es Nicolas nicht mehr gab, hatte sie Glück und Lust in den Armen eines Mannes empfunden.

Nur diese eine Nacht, hatte sie sich selbst geschworen, ich werde vernünftig sein.

Aber nun war er immer noch da, obwohl er vorsichtshalber gleich zu Beginn ihrer Beziehung gesagt hatte: für eine Weile möchte ich dich behalten.

Das vergaß sie nie. Nicht, wenn er sie umarmte, nicht, wenn sie ihn manchmal tagelang nicht sah, nichts von ihm hörte, auch nicht, wenn er so, wie an diesem Abend, neben ihr ging und alles sagte, was ihm am Herzen lag, was ihn bedrückte, was er sich wünschte. Sie kannte seine Wünsche so genau.

Eine gute Bühne, die großen Rollen, Erfolg, Ruhm, sich selbst und sein Talent verwirklichen.

Nichts von alledem hatte er bisher erreicht. Damals, im Frühjahr 1929, als Felix das Theater schließen mußte, weil seine amerikanische Frau ihm kein Geld mehr dafür gab, sondern bestimmte, daß er fortan mit ihr in Amerika leben sollte, standen sie alle auf der Straße. Auch Peter Thiede fand zunächst kein Engagement; es gab so unendlich viele Schauspieler in Berlin, gutaussehend wie er, begabt wie er, auf der Jagd nach dem Glück, nach einer Rolle, nach der Möglichkeit zu spielen.

Plötzlich schien es, als habe Fortuna ihre Schritte verlangsamt, um sich auch einmal nach ihnen umzublicken. Paul Koschka, der sich gerade in Berlin als Filmproduzent etablierte, engagierte Peter für eine Rolle und machte Nina Hoffnung auf Drehbucharbeit. Aber das Jahr 1929 hatte noch eine üble Überraschung parat — im Oktober der Börsenkrach in New York, der Beginn der großen Weltwirtschaftskrise.

Koschkas Filme wurden nie gedreht. Fortuna war weitergegangen.

Nina hatte nie begriffen, was da eigentlich passiert war. Sie selbst hatte nichts zu verlieren, weil sie nichts besaß, seit Kriegsende lebte sie sowieso von der Hand in den Mund. Das Schlimmste war für sie die Zeit der Inflation gewesen, die Jahre 1922 und 1923, als sie allein war mit den Kindern, mit ihrer Schwester, mit dem kranken Bruder, verantwortlich für alle. Auch damals hatte sie nicht mitbekommen, was geschah, was mit dem Geld geschah, es blieb nur die Tatsache, daß sie so bitter arm waren wie nie zuvor. Sie wußten nicht, von einem Tag zum anderen, wie und wovon sie leben sollten.

Und dennoch war selbst die Inflation in Wahrheit nicht das Allerschlimmste gewesen, sie brachte zwar Not und Sorgen, aber was bedeutete dies gegen das große, nie zu überwindende Leid ihres Lebens: Nicolas lebte nicht mehr. Nicolas war aus dem Krieg nicht zurückgekehrt.

Später dachte sie manchmal: es war ganz gut, daß ich so viele Sorgen hatte, es war wirklich gut, daß ich mich darum kümmern mußte, wie wir existieren konnten, denn wie hätte ich es sonst ertragen können, ohne Nicolas zu sein.

Dann der Sprung ins Unbekannte, der Neubeginn in Berlin und dabei ein wenig Glück am Anfang: die Begegnung mit Felix, das Theater; eine Arbeit, die zwar schlecht bezahlt wurde, aber Spaß machte. Irgendwie gelang es ihr, die klein gewordene Familie, nur noch sie, die beiden Kinder und ihre Schwester Gertrud, über Wasser zu halten. Dann verlor sie die Arbeit, und es blieb eigentlich nur noch die Hoffnung, von der sich leben ließ, und ihr Lebensmut, den sie trotz allem nicht verloren hatte.

Und plötzlich dieser junge Geliebte, in dessen Armen sie — nein, Nicolas nicht wiederfinden, aber wenigstens zeitweise vergessen konnte.

Für eine Weile möchte ich dich behalten …

Die Angst, ihn zu verlieren, ihn bald zu verlieren, war ihr ständiger Begleiter. Sie gab sich selbstsicher, selbstständig, hütete sich vor Sentimentalitäten, sprach nicht von Liebe, spielte die moderne, erfahrene Frau, die emanzipierte Frau des zwanzigsten Jahrhunderts, die Affären leicht nimmt und einen Mann nicht festhält. Spielte sie gut, wie sie selbst glaubte.

Daß die Liebe in ihren Augen geschrieben stand, daß jeder Blick, jedes Lächeln sie verriet, daß Peter genau wußte, wie es in ihr aussah, das hätte sie nicht vermutet. Er aber sagte es ihr nicht, er war froh über ihre Haltung, sie machte es ihm leicht, zu bleiben oder zu gehen, wenn er eines Tages wollte. Peter hatte sie gern, liebte sie auf seine Weise, dachte jedoch keinesfalls an eine feste Bindung, konnte gar nicht daran denken, in der Unsicherheit seines Lebens. Eine Frau mit zwei Kindern, auch wenn er die Kinder mochte, eine Frau, älter als er, arm, erfolglos und ohne Aussicht auf Erfolg oder Geld. Das alles war ihm klar, er sah das ganz nüchtern. Aber Ninas Liebe, ihre Herzlichkeit, ihre Wärme taten ihm wohl, und die schwere Zeit ließ sich gemeinsam besser überstehen. Allein, daß er darüber reden konnte, reden zu einem Menschen, der ihn verstand.

In der Wintersaison 29/30 bekam er dann eine Rolle in einer albernen Komödie, wieder in einem der kleinen, ständig von Pleite bedrohten Theater.

»Das ist mein Untergang«, sagte er düster. »Kein anständiges Haus wird mich je engagieren, wenn ich immer nur in solchen Klamotten auftrete.«

Immerhin war er bis zum März beschäftigt, war anschließend zwei Monate arbeitslos, bekam dann eine Tournee und tingelte den Sommer über mit einem Singspiel durch Bäder und Kurorte.

Es war für ihn, der vom Hamlet und vom Ferdinand träumte, eine Qual.

Doch im Herbst 1930 kam wieder ein Filmangebot, und endlich klappte es. Zuerst nur eine Nebenrolle, doch bereits in seinem zweiten Film spielte er die Hauptrolle, zwar wieder nur das, was er eine Klamotte nannte, aber es war ein hübsch gemachter Film, der ihn immerhin bekannt machte. Und vor allem hatte er endlich einmal Geld verdient.

Die neue Situation war günstig für ihn. Bei der Umstellung vom Stummfilm auf den Tonfilm waren viele Schauspieler auf der Strecke geblieben, das war seine Chance, er war ein gut ausgebildeter Schauspieler, er konnte nicht nur aussehen, er konnte auch sprechen. Aber befriedigen konnte ihn das natürlich nicht.

Jetzt, an diesem Abend auf dem Domplatz in Salzburg, wies er mit geöffneten Armen auf die Stufen des Doms.

»Warum darf ich nicht dort stehen?«

Nina stand mit dem Rücken zu den leeren Zuschauerbänken, sah sein schönes, leidenschaftliches Gesicht und dachte: wenn ich dir doch helfen könnte!

Und gleichzeitig dachte sie, wie auf einem anderen Gleis: wenn du Erfolg hast, wirst du mich verlassen.

»Es kommt schon noch«, sagte sie. »Du bist noch jung. Die anderen, die hier stehen, sind doch älter als du. Sie haben auch einmal angefangen.«

Was für ein dummes Geschwiätz, dachte sie. Ich rede, als sei ich seine Großmutter.

»Dieser Moissi…« begann er.

Und wieder, wie gestern und vorgestern, setzte er ihr auseinander, was alles ihm an Alexander Moissi, der den Jedermann gemacht hatte, nicht gefiel. Die Art, zu sprechen, die Art, sich zu bewegen, seine Stimme, sein Aussehen, sein Auftreten, eigentlich gefiel ihm gar nichts an dem berühmten Kollegen.

Das war nicht etwa pure Gehässigkeit, nicht nackter Neid; Nina wußte, daß er durchaus imstande war, große Leistungen anderer Schauspieler zu bewundern und daß es manchen berühmten Kollegen gab, den er verehrte, Ernst Deutsch zum Beispiel, Heinrich George, Werner Krauß vor allem, Bassermann, Kortner — aber wen auch immer, Alexander Moissi gehörte nicht dazu.

Über allem jedoch gab es einen fernen Gott, bei dem unweigerlich jedes dieser Gespräche landete: Max Reinhardt.

Es war Peters größter Wunsch, sein höchstes Ziel, einmal Reinhardt vorzusprechen.

Reinhardt war hier. In Salzburg. Er residierte in Schloß Leopoldskron, und die Auserwählten dieser Erde durften seine Gäste sein.

Peter Thiede, ein unbekannter und erfolgloser Schauspieler aus Berlin, gehörte nicht dazu.

Nina nahm ihn energisch am Arm.

»Komm, hör auf, dich zu zerfleischen wegen diesem Jedermann. So toll finde ich das Stück nun auch wieder nicht. Die Kulisse ist schön, der Dom, der Platz, die Burg da oben. Ohne das alles hätte es die halbe Wirkung.«

»Darum geht es nicht. Es geht darum, hier zu stehen und hier zu spielen, ganz egal, wie das Stück ist. Verstehst du das nicht? Wenn du hier dabei bist, dann bist du oben.«

»Was heißt oben, jetzt bin ich hungrig. Meinst du, wir könnten uns ein kleines Abendessen leisten?«

Sofort war er wieder der Mann, den sie kannte, liebevoll und zärtlich.

Er schloß sie in die Arme.

»Armes Ninababy, ich lasse dich verhungern.« Er küßte sie auf die Nasenspitze. »Ich werde dich jetzt gut füttern. Was darf’s sein? Ein Gulasch mit Nockerln?«

»Hatten wir gestern.«

»Ein schönes Wiener Schnitzerl, gnä’ Frau, resch gebacken, einen Häuptlsalat dazu? Ein Viertel Kremser darf’s auch sein? Und hernach am End gar Salzburger Nockerln?«

Er sprach jetzt Österreichisch, auf Dialekte verstand er sich ausgezeichnet.

»Geh, sei lieb, Herzerl, stell dich auf die Domstufn da. Ja, magst?«

»Warum denn?«

»Frag net, tu, was ich dir sag. Ich will dich runterheben, das wird mir Glück bringen.«

Er hob sie von der Stufe, nahm sie in die Arme und küßte sie.

»Verzeih mir, Nina.«

»Was hab ich dir denn zu verzeihen? Ich weiß ja, wie es in dir aussieht. Und genauso weiß ich, daß du eines Tages ganz groß wirst. Ich hab’s dir immer prophezeit.«

»Vielleicht bin ich unbegabt. Vielleicht bilde ich mir nur ein, daß ich was kann.«

»Unsinn. Du weißt sehr gut, daß du Talent hast. Wenn du dich nur entschließen könntest, ein Engagement an einem guten Stadttheater anzunehmen.«

»Ich geh nicht in die Provinz. Das kannst du mir nicht einreden.«

»Was heißt Provinz! Jeder muß richtig anfangen. Die berühmtesten Schauspieler haben in der Provinz gespielt. Es gehört dazu.«

»Ich geh’ von Berlin nicht fort. Dort sind meine Chancen.«

»Das denken viele. Und laufen dort herum und warten auf diese sogenannten Chancen. Provinz ist ein dehnbarer Begriff. Unsere Theater in Breslau sind ausgezeichnet, ich würde sie durchaus nicht als Provinz bezeichnen. Ich kenne viele, die heute in Berlin spielen und in Breslau angefangen haben.«

Er wurde ärgerlich, das wurde er immer an diesem Punkt des Gespräches, das sie nicht zum erstenmal führten.

»Du vergißt ganz, daß ich schließlich in der Provinz angefangen habe. Ich habe in Zwickau gespielt. Und in Remscheid. Und ein Jahr in Meißen. Ist das Provinz genug? Du redest von Dingen, die ich sehr genau kenne. Man muß damit aufhören, man muß dorthin, wo die großen Schlachten geschlagen werden.«

»Na, ich weiß nicht, ob es nicht besser ist, in Breslau den Hamlet zu spielen als in Berlin den Wurschtl.«

»Du mit deinem ewigen Breslau! Möchte wissen, warum du nicht dort geblieben bist, wenn es so fabelhaft ist.«

Weil ich dort nicht mehr leben konnte, weil mich jedes Haus, an dem ich vorbei kam, jedes Geschäft, das ich gern betreten hätte, und erst recht das Theater und selbst die Luft, die ich atmete, an ihn erinnert hat.

Das dachte sie, sprach es nicht aus. Denn so verständnisvoll er sich am Anfang ihr Klagelied über Nicolas angehört hatte, so ungern wollte er, daß sie noch heute von ihm sprach.

»Ich will und muß in der Großstadt leben«, fuhr er fort.

»Ich brauche Berlin. Ich liebe Berlin. Ohne Berlin gehe ich ein. Ich bin ein Junge aus dem Ruhrpott und habe es schwer genug gehabt, dort rauszukommen. Ich gehe nicht zurück. Ich will in Berlin auf der Bühne stehen oder gar nicht.«

Nina seufzte. Sie hatten das Gespräch hundertmal geführt, es kam nichts dabei heraus. Er saß in Berlin und wartete auf die große Chance. Wie so viele andere. Machte schlechtes Boulevardtheater und verbrauchte sein Talent und sein Renommee. Wie so viele andere. Von einer guten Bühne in der sogenannten Provinz, an der er ordentliche Rollen spielte, führte möglicherweise ein Weg nach Berlin in die großen Häuser. Aber bald war es so weit, daß kein angesehenes Stadttheater ihn mehr für ein ernstzunehmendes Fach engagieren würde. Für den Romeo war er schon zu alt, für den Hamlet fehlte ihm die Erfahrung.

»Ich staune nur immer, wieviel dir daran liegt, mich loszuwerden.«

Das war immer das Ende dieser Gespräche. Wenn er Berlin verließ, um ein Engagement in der Provinz anzutreten, würde es zwangsläufig das Ende ihrer Beziehung bedeuten.

Obwohl es im Grunde nichts und niemand gab, Nina in Berlin festzuhalten. Aber konnte ein Schauspieler mit seiner Freundin, deren Schwester und Kindern in Bielefeld oder Regensburg auftauchen? Das war absurd. Und daß Nina sich von ihren Kindern nicht trennen würde, das wußte er.

Einmal, das war im vergangenen Herbst, stand er in Verhandlung mit dem Theater in Freiburg und hatte sie gefragt, halb spielerisch, ob sie denn mit ihm kommen würde.

»Nur ich?«

»Natürlich. Nur du.«

»Ich kann die Kinder nicht allein lassen.«

»Also erstens sind die Kinder so klein auch nicht mehr und zweitens werden sie von deiner Schwester allerbestens versorgt.«

»Ja, schon. Aber trotzdem …ich kann sie nicht im Stich lassen.«

»Aber mich. Mich kannst du im Stich lassen.«

Es waren im Grunde sinnlose Dialoge, denn jeder wußte zuvor, was der andere sagen würde. Es war zudem ein überflüssiges Gespräch, er ging nicht nach Freiburg, denn gerade zu der Zeit kam das erste ernstzunehmende Filmangebot.

»Wenn sie dich zum Beispiel hier ans Landestheater in Salzburg engagieren würden, Provinz ist das schließlich auch, würdest du da nicht mit Freuden annehmen?« fragte Nina listig vor den Stufen des Doms.

»Vielleicht. Aber in Österreich gibt es Schauspieler genug, da brauchen sie mich bestimmt nicht. Und ich würde Salzburg, so schön es ist, auch nur als Sprungbrett für Wien betrachten. Oder lieber noch für Berlin.«

Er legte den Kopf zurück und blickte hinauf in den dunklen Himmel.

»Ich möchte nirgends sonst leben als in Berlin. Nirgends anders Theater spielen. Es gibt keine Stadt, die so lebendig ist, so abenteuerlich, so wild und so witzig zugleich. So hart und so weich in einem. So atemberaubend böse und dabei so heiter gemütvoll. Nein, nur Berlin kommt für mich in Frage. Berlin ist der Mittelpunkt der Welt.«

Nina mußte lachen über seine Ekstase. Wie konnte sie ahnen, daß nur wenige Stunden vorher ein weitgereister und welterfahrener Mann fast wörtlich das gleiche zu ihrer Tochter gesagt hatte.

»Kriege ich nun endlich etwas zu essen oder nicht?«

»Sofort, gnä’ Frau.«

Er schob seinen Arm unter ihren, sie kehrten auf den Mozartplatz zurück und machten sich auf die Suche nach einem Lokal, das nett, aber nicht zu teuer war.

»Wenn der Moissi…« fing Peter wieder an, nachdem er den dritten Bissen von seinem Tafelspitz in den Mund geschoben hatte.

»Schluß!« gebot Nina. »Wenn ich den Namen Moissi heute abend noch einmal höre, verlasse ich dich für immer und alle Zeit. Ich möchte nicht ständig mit Herrn Moissi am Tisch sitzen oder im Bett liegen. Laß uns lieber überlegen, was wir morgen machen.«

Sie hatten vor, Salzburg am nächsten Tag zu verlassen, da es für einen längeren Aufenthalt zu teuer war. Sie wollten auf gut Glück ins Salzkammergut fahren und irgendwo an einem der Seen in einer kleinen Pension einige Tage verbringen.

Fest stand nur, daß sie in acht bis zehn Tagen wieder in Salzburg sein mußten, denn Peter wollte auf jeden Fall versuchen, Karten für die Premiere der »Stella« zu erhalten, was ihm bisher nicht gelungen war.

Auch eine Reinhardt-Inszenierung natürlich.

Balser würde spielen, Helene Thimig, Reinhardts Lebensgefährtin, und vor allem Agnes Straub. Agnes Straub war für Peter die größte Schauspielerin überhaupt. Er hatte sie in Berlin schon einige Male gesehen, er hätte sie am liebsten jeden Tag gesehen, denn, so sagte er: »Diese Frau ist ein Phänomen. Sie ist das Theater persönlich. Wenn sie auf der Bühne steht, brauchst du keinen anderen mehr. Sie könnte das Telefonbuch vorlesen, es wäre ein Ereignis.«

Die »Stella«-Premiere sollte am i3. August sein, doch schien es unmöglich, dafür noch Karten zu bekommen. Die nächste Aufführung dann erst wieder am 21. August, und daswäre für Nina auf jeden Fall zu spät, bis dahin mußte sie zurück in Berlin sein.

»Du kannst ja noch bleiben«, hatte sie großmütig gesagt.

»Vergiß nicht, daß ich ein arbeitsloser Schauspieler bin, ich brauche ein Engagement. Ist sowieso leichtsinnig genug, hier herumzutrödeln.«

»Na, du bist jetzt schon fast ein Filmstar.«

Er verzog das Gesicht.

»Hat sich was. Sehr die Frage, ob die mich nochmal holen.«

Aber im Grunde hoffte er sehr darauf. Wenn er auch auf die Filmerei herabsah, so brachte sie doch Geld. Und möglicherweise Popularität. Vielleicht war es ein Weg, derihn dahin führte, wohin er wollte.

Als er sich zu dieser Reise entschloß, hatte natürlich auch der Gedanke eine Rolle gespielt, daß es vielleicht doch eine Möglichkeit gab, Reinhardt zu begegnen.

Hier hatte er allerdings schnell begriffen: Reinhardt war ein Gott.

Und die Wolken, über denen sein Thron stand, waren für einen gewöhnlichen Sterblichen nicht einmal zu sehen, geschweige denn zu erreichen.

Es sei denn, es kam jemand, der die Leiter kannte, die nach oben führte.

___________

Allein in Berlin zurückgeblieben waren Gertrud, Ninas Schwester, und Stephan, Ninas Sohn.

Beide genossen, jeder auf seine Weise, das Alleinsein. Immerhin war es das erstemal in den sechs Jahren, seit sie in Berlin lebten, daß sie die Wohnung für sich hatten.

»Werdet ihr auch zurechtkommen?« hatte Nina zwar gefragt, ehe sie abreiste, aber es war eine rein rhetorische Frage, denn besser behütet als von Trudel konnte der Junge gar nicht sein.

»Mach dir nur keine Sorgen, reis’ du nur«, war Trudels Antwort gewesen, auch wenn sie selbstverständlich, sie konnte gar nicht anders, Ninas Verhältnis zu dem Schauspieler mißbilligte.

Einige Male hatte sie vorsichtig ein paar Bemerkungen fallen lassen, was denn dies für einen Eindruck auf die Kinder machen solle, es seidoch ein schlechtes Beispiel, das sie ihnen gebe, aber Nina hatte entweder gelacht oder sich jede Einmischung verbeten. Einmal hatte sie barsch gesagt: »Was verstehstdu den du davon?«

Trudel war fünfzig. In ihrem Leben hatte es nie das gegeben, was man gemeinhin Liebe nennt, nie hatte ein Mann sie umarmt. Als sie ein junges Mädchen war, versuchte ein junger Mann, Schreiner von Beruf, sich ihr zu nähern, auf höchst ehrbare Weise, aber das hatte ihr Vater energisch unterbunden. Einen Handwerker betrachtete er nicht als geeignete Partie für eine Beamtentochter. Trudel war eine Zeitlang traurig gewesen, ein paar Tränen, doch es blieb ihr nicht viel Zeit, sich ihrem Kummer hinzugeben, dazu hatte sie viel zu viel Arbeit. Agnes Nossek, ihre Stiefmutter, kränkelte jahrelang, aufgezehrt von den vielen Geburten, und auf Trudel, der Ältesten, lag die Verantwortung für den ganzen Haushalt und vor allem war sie damit beschäftigt, die jüngeren Geschwister zu versorgen.

Sie verließ das Elternhaus nicht, pflegte den kranken Vater, dann die Mutter und erst als beide gestorben waren, zog sie zu ihrer Schwester Nina nach Breslau und widmete sich deren Kindern. Genaugenommen war ihr Leben ein Opfer für die Familie gewesen, nur daß sie es nicht so betrachtete. Es war kein leeres Leben, es war angefüllt mit Arbeit, mit Fürsorge und vor allem mit Liebe, die sie gab und erhielt. Nur die Liebe eines Mannes war es nie gewesen.

Natürlich hatte sie nie einen Beruf erlernt oder ausgeübt, dafür wäre gar keine Zeit gewesen, doch in den letzten Jahren bedauerte sie diesen Umstand in steigendem Maße, und zwar allein aus finanziellen Gründen. Immer waren sie knapp mit Geld, Nina verdiente wenig, und wäre Trudel nicht eine so geschickte Hausfrau gewesen, die es verstand, mit einem Minimum auszukommen, wäre es ihnen weit deutlicher zu Bewußtsein gekommen, wie mager ihr Budget ausfiel. Trudel war es gewöhnt, sparsam zu wirtschaften, der preußische Beamtenhaushalt, in dem sie aufgewachsen war, hatte sie das gelehrt. Sie putzte, kochte, nähte, stopfte und strickte, schneiderte einen großen Teil der Kleidung für die Kinder, besserte jedes schadhafte Stück sorgfältig aus, mit einem Wort, sie war ein Wunder an Umsicht und Sparsamkeit.

»Was täte ich ohne dich!« das hatte Nina oft gesagt in den Jahren ihres Zusammenlebens, und sie sagte es mit besonderem Nachdruck, wenn Trudel darüber klagte, wie unnütz sie sich vorkomme, wie belastend es für sie sei, daß sie gar nichts zu ihrem Auskommen beitragen könne und sich von ihrer Schwester erhalten lassen müsse.

Praktisch veranlagt wie sie war, hatte sie auf Abhilfe gesonnen, denn wenn sie auch altmodisch war und unerfahren in vielen Dingen, so war sie doch nicht weltfremd.

Ein wenig verdienen ließ sich nur mit dem, was sie konnte, das war ihr klar. Vor zwei Jahren hatte sie angefangen, sich in der Nachbarschaft nach Näh- und Flickarbeiten umzusehen, hatte im Milchladen, beim Kaufmann, die Erlaubnis erwirkt, einen kleinen Zettel anzubringen, auf dem sie ihre Dienste anbot. Als Nina davon erfuhr, empörte sie sich und verbot es.

»So arm sind wir auch nicht, daß du anderen Leuten die Socken stopfen mußt.«

Selbst Nina, so modern sie sich gab, konnte ihre Herkunft nicht verleugnen.

Doch da hatte Trudel schon die ersten Kunden gewonnen, diese brachten die nächsten, das machte ihr Mut, und sie gab kurzentschlossen eine kleine Anzeige im Lokalanzeiger auf, die nicht ohne Echo blieb.

Seitdem marschierte sie also los, holte Sachen, die auszubessern waren, änderte Kinderkleidchen, flickte Jungenhosen, verkürzte Hemdärmel und schließlich wagte sie es, der einen oder anderen Kundin ein neues Kleid zu schneidern. Sparen mußte fast jeder in der Zeit der Wirtschaftskrise, also war die Hilfe, die Trudel anbot, in vielen Fällen erwünscht, besonders, wenn Frauen und Mütter berufstätig waren oder selbst kein Talent für derartige Arbeiten hatten. Mit der Zeit ergab es sich, daß Trudel auch an der Nähmaschine in einem fremden Haushalt arbeitete, wenn es eilte oder etwas anzuprobieren war. Nur hatte sie keine Ahnung, was sie für ihre Dienste verlangen sollte, sie war anfangs viel zu billig. Das brachte ihr zwar viele Kunden, machte ihre Arbeit aber nicht gerade einträglich.

Fräulein Langdorn war in diesem Punkt hilfreich. Sie war Sekretärin in der Anwaltspraxis, die den vorderen und größeren Teil ihrer Wohnung einnahm. Man traf sich gelegentlich im Treppenhaus, und Fräulein Langdorn, ein spätes Mädchen wie Trudel, wenn auch mit einem richtigen Beruf, blieb gern zu einem kleinen Schwatz stehen.

Zu ihr sagte Trudel: »Ich weiß nie, was ich sagen soll, wenn die Leute mich fragen, was es kostet.«

»Ich werde mich erkundigen«, erklärte Fräulein Langdorn sofort, und sie tat es auch, und zwar so gründlich, wie sie alles tat. Von da an hatte Trudel eine Richtschnur, wie ihre Preise aussehen mußten. Was nicht bedeutete, daß sie sie nicht senkte, wenn sie darum gebeten wurde.

»Mein Mann ist arbeitslos.«

»Mein Mann ist abgebaut worden.«

»Mir haben sie gekündigt. Wer weiß, wann ich wieder etwas Neues finde.«

»Der Junge war so lange krank. Ich habe die Arztrechnung noch nicht bezahlt.«

»Die Schulden wachsen mir über den Kopf. Wenn ich nächste Woche nicht die Miete zahle, fliegen wir raus.«

Und immer wieder, in steigendem Maße, das eine Wort, das Leitmotiv, der Fluch, das Motto dieser Jahre: arbeitslos.

Immerhin erfuhr sie auf diese Weise, daß finanzielle Schwierigkeiten auch in anderen Familien an der Tagesordnung waren.

Aber sie hatte auch einige gute Kunden, die klaglos zahlten, was sie verlangte.

Wie auch immer, es verschaffte Gertrud Nossek Befriedigung und Selbstvertrauen, daß sie nun ein wenig zum Haushalt ihrer Schwester beitragen konnte. Nina erkannte das sehr wohl und gab es nach einiger Zeit auf, gegen die, ihrer Meinung nach, nicht standesgemäße Tätigkeit ihrer Schwester zu protestieren.

Jedoch erfuhr sie nie, daß Gertrud acht Wochen lang das Anwaltsbüro geputzt hatte, als die dort beschäftigte Putzfrau sich den Arm gebrochen hatte. Nina wunderte sich nur, wieso am letzten Weihnachtsfest vom Nachbarn ein großer Freßkorb abgegeben wurde.

»Wie kommen wir denn zu der Ehre?«

Trudel konnte zwar schlecht lügen, aber sie erklärte mit erstaunlicher Gelassenheit: »Ach, ich habe Fräulein Langdonen paar Sachen gerichtet. Und ihrer Mutter auch. Die ist ja halb gelähmt. Und Fräulein Langdorn hat wenig Zeit, sie muß viel arbeiten da vorn.«

»Und du hast es gratis gemacht, das sieht dir ähnlich.«

»Ich kann doch kein Geld von ihr nehmen, wo sie immer so nett ist.«

Stephan grinste, er und Trudel täuschten einen Blick. Er als einziger wußte, was wirklich vorgegangen war.

»Du bist ja eine ganz schöne Lügentante«, sagte er hinterher. »Mir erzählst du immer, man soll nicht lügen.«

»Das war nicht gelogen, das war geschwindelt«, klärte ihn Trudel listig auf. »Warum sollen wir deine Mutter unnötig aufregen?«

Zwischen Trudel und ihrem Neffen bestand ein sehr inniges Verhältnis, sie verwöhnte ihn, wo sie konnte, räumte ihm seine Sachen nach, denn Stephan war sehr unordentlich, kochte ihm, soweit möglich, seine Lieblingsgerichte, putzte seine Schuhe, hörte sich seine Schulsorgen an, und die hatte er ausreichend, las ihm jeden Wunsch von den Augen ab.

Auch in diesem Fall hatte Nina es aufgegeben, zu protestieren.

»Der Junge ist viel zu weich. Du darfst ihn nicht so verwöhnen. Ich erfahre ohnehin nur die Hälfte, das übrige kungelt ihr sowieso unter euch aus.«

Soähnlich hörten sich Ninas Einwände an, und Trudels Antworten darauf ähnelten sich auch.

»Laß mich doch. Das Leben wird noch schwer genug für ihn. So schreckliche Zeiten, wie wir jetzt. haben. Nichts hat seine richtige Ordnung mehr.« Oder: »Er ist so zart, so empfindlich. Wenn er größer und kräftiger sein wird, macht er dann sowieso schon alles allein.« Und, womit sie Nina mitten ins Herz traf: »Manchmal erinnert er mich an Erni. Der war auch so ein empindsames Kerlchen.«

»Red’ nicht so einen Stuß«, fuhr Nina sie an. »Erni war krank, vom Babyalter an. Stephan fehlt gar nichts, der ist nur faul. Und Erni war ein Genie. Wenn er am Leben geblieben wäre, dann…«

Nina verstummte. Den Tod ihres Bruders hatte sie nie verwinden können.

Stephan mit Trudel genoß also sein Feriendasein. Er durfte so lange im Bett bleiben, wie er wollte, Frühaufstehen war ihm verhaßt, er bekam das Frühstück ans Bett serviert und meist blieb er dann noch liegen und las, am liebsten Karl May, den auch Trudel inzwischen zu ihrer Lektüre gemacht hatte.

Bisher waren, seit ihrer Mädchenzeit, möglichst wildbewegte Liebesromane ihre Lieblingsbücher gewesen, aber Stephan zuliebe beschäftigte sie sich jetzt mit Winnetou und Old Shatterhand. Damit sie mit dem Jungele darüber reden konnte.

Mit Arbeit hatte sie sich reichlich eingedeckt; während Nina und Victoria verreist waren, hatte sie Zeit und vor allem Platz genug, keinen störte das Rattern der Nähmaschine, und sie wollte so viel verdienen, daß sie Stephan nach den großen Ferien ein neues Fahrrad schenken konnte. Sein altes war verrostet, doch Nina hatte es abgelehnt, ein neues zu kaufen.

»Das neue würde in kurzer Zeit genauso aussehen. Wenn du dein Rad nicht pflegst, bekommst du kein neues.«

»Stephan kommt immer zu kurz bei dir«, hatte sich Trudel erbittert eingemischt.

»Willst du damit sagen, daß ich meine Kinder ungerecht behandle?«

»Vicky war immer dein Liebling.«

Daraufhin schwieg Nina. Sie liebte beide Kinder, das war ganz selbstverständlich, und sie war der Meinung, daß sie jedem gerecht wurde. Nur war es mit Victoria anders, sie war ein Mensch, der, so jung sie war, immer im Mittelpunkt stand. Es ging soviel Kraft von ihr aus, soviel Lebensfreude. Ihr Charme und die lächelnde Selbstverständlichkeit, mit der sie durchs Leben ging, machten sie einfach unwiderstehlich.

Es war immer überflüssig gewesen, sie zu bemuttern oder zu verwöhnen, sie brauchte das nicht, sie wollte das nicht, sie erledigte alles, was sie anging, sei es die Schule, seien es ihre Freundschaften, den Umgang mit Menschen überhaupt, höchst selbständig und nach ihrem Geschmack. Sie ließ sich nie hineinreden in das, was sie tat oder tun wollte. Das war schon so, als sie ganz klein war, und es hatte sich nur noch verstärkt. Die Schule machte ihr keine Mühe, sie war beliebt bei Lehrern und Mitschülern und blieb doch bei allem völlig unabhängig.

Sie ist wie er, das dachte Nina oft. Sie ist seine Tochter, wie sie besser nicht geraten konnte. Nicolas wäre stolz auf sie, er würde sie lieben.

Daß sie Victoria vielleicht wirklich mehr liebte, weil sie Nicolas’ Tochter war, das wollte sie nicht zugeben, aber im Grunde mochte es so sein.

Mit diesen Gedanken war sie allein. Keiner wußte, keiner würde je erfahren, wessen Kind Victoria war. Das war sie ihrem Mann schuldig. Sie hatte ihn betrogen, ehe sie ihn heiratete. Das mochte eine Schuld sein, doch wenn es eine war, so ging es allein sie an, blieb ihre Schuld, die sie nie im Leben bereuen würde.

Kurt Jonkalla, ihr Mann, war aus dem Krieg nicht heimgekehrt. Vermißt in Rußland. Sie hatte von Anfang an nicht daran gezweifelt, daß er tot war. Aber sie hatte sich manchmal gefragt, was er wohl zu dieser erstaunlichen Tochter gesagt hätte, wenn er zurückgekehrt wäre und Victorias Heranwachsen miterlebt hätte. An diesem Punkt ihrer Überlegungen angekommen, mußte Nina jedesmal lächeln.

Kurtel hätte sich über die hübsche und gescheite Tochter gewiß nicht gewundert. Er hatte ja auch Nina, seine Frau, seine einzige Liebe, über alle Maßen hübsch und gescheit gefunden, ihm wäre es ganz selbstverständlich gewesen, daß Victoria sich so und nicht anders entwickelte.

Für Nina aber bedeutete diese Tochter die Erfüllung aller Träume, die sie einst für sich selbst geträumt hatte. Victoria würde das erreichen, was sie selbst nie erreicht hatte.

Ein wenig schlechtes Gewissen allerdings blieb ihr dennoch.

Nicht wegen Kurtel, er war ja tot, aber wegen Stephan. Sie hatte ihn nicht gewollt, sie hatte überhaupt kein Kind von Kurt Jonkalla gewollt, und so war es denn doch wohl eine Tatsache, daß sie ihre Tochter mehr liebte als ihren Sohn. Darum blieb ihr gar nichts anderes übrig, als zu erlauben, daß er von Trudel verwöhnt und verhätschelt wurde. Auch sie selbst nachsichtiger Stephan gegenüber als es für denJungen gut war, eben aus dem Schuldbewußtsein heraus, daß er ungewollt und unwillkommen auf die Welt gekommen war.

Doch so sehr sie ihre Tochter liebte, weil sie in ihr Nicolas liebte, so wenig blieb sie blind gegen Victorias Fehler:

Egoismus und eine gute Portion Rücksichtslosigkeit.

Auch das war ein Erbteil, das sie von Nicolas mitbekommen hatte.

Nina selbst waren diese beiden Eigenschaften fremd.

Auf der Rückfahrt von Salzburg nach Berlin hatte Nina Zeit genug, über sich, über ihr Leben und ihre Kinder nachzudenken.

Die Fahrt war lang und sie war allein. Peter war in Salzburg geblieben.

»Ein paar Tage noch, Ninababy. Du bist nicht böse, nein? Es ist wichtig für mich.«

Sie sah es ein, es war wichtig, und sie wünschte, daß er erfolgreich sein würde. Aber sie war bei alledem eifersüchtig und kam sich verlassen vor.

Zunächst waren sie, wie beabsichtigt, einige Tage im Salzkammergut geblieben, und zwar am Wolfgangsee. Im vergangenen Jahr war in Berlin mit großem Erfolg »Das weiße Rössl« uraufgeführt worden, und seitdem wollten viele Leute, nicht nur Nina, einmal am Wolfgangsee gewesen sein.

Der berühmt gewordene Ort war von Fremden überlaufen, aber sie fanden etwas außerhalb in einer kleinen Pension ein hübsches Zimmer und konnten mit Muße Dorf und See betrachten, spazierten in die Wälder und Berge, und Nina war wunschlos glücklich bis zu dem Tag, es war der fünfte Tag ihres Aufenthaltes, als sie Sylvia Gahlen begegneten. Sie wohnte natürlich im Hotel Weißes Rössl, allerdings nicht in Begleitung ihres Mannes, wie sich herausstellte; die beiden Herren, die bei ihr waren, um sie waren, eine Menge Trara um sie machten, wie es Nina mit einer Spur von Gehässigkeit ausdrückte, waren ein bekannter Filmregisseur und ein Drehbuchautor.

»Was willst du, sie ist eine berühmte Frau. Ein Star«, meinte Peter, nicht ohne Neid.

Sylvia, schön wie immer, gekleidet natürlich in ein echtes Salzburger Dirndl, lehnte malerisch an der Brüstung und gab Autogramme. So erblickten sie den Star das erstemal.

»Sylvia!« rief Peter erfreut.

Die große Kollegin war so natürlich und liebenswürdig geblieben wie früher auch.

»Peter, altes Haus! Mensch, was machst du hier?« so lautete ihre Begrüßung.

Dann das übliche, Umarmung, Küßchen rechts und Küßchen links, ein großes Palaver. Alldem wohnte das umstehende Fußvolk mit Neugier und Entzücken bei, dann wurde Peter sogar erkannt.

»Das ist der Peter Thiede!« rief eine Mädchenstimme, und dann mußte auch er Autogramme geben.

Es tat ihm gut. Nina sah es, gönnte es ihm, aber ein wenig schmerzte es doch, daß sie selbst nur mehr zur Statisterie gehörte.

Peter kannte Sylvia Gahlen aus seiner Anfängerzeit in Zwickau. Sie hatten damals zusammen gespielt, was sonst gewesen war zwischen den beiden, wußte Nina nicht. Sylvias Weg war steil bergauf gegangen, sie hatte Theater gespielt, gute Rollen an guten Häusern, unter anderem auch bei Reinhardt, und mittlerweile hatte sie beim Film Karriere gemacht. Am Wolfgangsee war sie für einige Tage, weil man in der Umgebung die Schauplätze für einen Film begutachten wollte, der kurz vor dem Start stand.

»Wir wollen mit den Außenaufnahmen anfangen und sie bis Anfang Oktober im Kasten haben«, erklärte ihnen der Regisseur während der Jause. »September ist wettermäßig günstig für die Gegend hier, und die Leut’ haben sich bis dahin auch schon ein bisserl verlaufen.«

Von Sylvia erhielt Peter spielend alles, was er sich wünschte.

Eine Karte für die »Stella«-Premiere, allerdings nur eine, und schließlich sogar, es kostete sie einen Anruf, eine Einladung nach Leopoldskron.

Er war selig. Und er sah nur noch Sylvia.

Das Lächeln fiel Nina schwer, neben dem Filmstar kam sie sich alt und hausbacken vor. Zwar war Sylvia freundlich, aber sie behandelte Nina doch als Nebensache, auch war nie die Rede davon, daß auch für sie eine Premierenkarte zu bekommen sei. Ihre Zeit hätte es erlaubt, sie mußte erst Montag, den 17. August, wieder in Berlin sein.

Doch dann fuhr sie schon am 13. August ab, am Tag der Premiere.

Sie hatte es selbst vorgeschlagen, hoffend, daß er widersprechen würde, aber Peter meinte liebenswürdig, daß er es gut verstehe, wenn sie noch einige ruhige Tage in Berlin haben wolle, ehe sie wieder arbeiten müsse. Es verletzte sie, denn es war offensichtlich, daß er sie ganz gern loswerden wollte.

Peter brachte sie an die Bahn, er war lieb, er küßte sie, er sagte: »Du bist doch nicht böse«, und sie sagte: »Nein, natürlich nicht, und toi-toi-toi«, und dann fuhr sie ab. Allein.

So war das eben.

Und es war auch ganz typisch für die Torheit des menschlichen Herzens, daß die schönen Tage, die sie zuvor mit ihm erlebt hatte, Salzburg, der Aufenthalt am Wolfgangsee, seine zärtlichen Umarmungen, ausgelöscht waren, als hätte es sie nie gegeben.

Jetzt galt nur noch die Tatsache, daß sie allein in diesem Zug saß und er mit Sylvia in Salzburg blieb.

Sie war früher schon auf Sylvia eifersüchtig gewesen, damals, als ihre Affäre mit Peter begann. Eines Abends war Sylvia überraschend im Theater aufgetaucht und war anschließend mit ihm weggegangen. Eine freundschaftliche Begegnung zwischen Kollegen, das konnte es sein, aber es war nur zu verständlich, daß sich Nina gegenüber dieser schönen, auch damals schon berühmten Frau wie ein Nichts und Niemand vorkommen mußte.

Im Sommer darauf hatte sie Sylvia noch einmal gesehen, bei Kempinski.

Peter hatte Nina ganz vornehm zum Abendessen eingeladen, um den Filmvertrag zu feiern, den er von Koschka bekommen hatte.

Zufällig waren Paul Koschka, Sylvia und ihr Mann an diesem Abend auch bei Kempinski.

»Da drüben sitzt mein Produzent«, hatte Peter gesagt, und später wurden sie an den Tisch gebeten.

Es war zwei Jahre her, Nina erinnerte sich genau an diesen Abend.

»Wardenburg!« sagte Koschka, als er Nina sah, und sie hatte ihn gehaßt, als er ihr erzählte, daß er Wardenburg gekauft hatte. Für’n Appel und ’n Ei, wie er sich ausdrückte.

Seine Mutter war Mamsell auf Wardenburg gewesen, als das Kind Nina seine Ferien dort verbrachte. Heute war die Mamsell die Herrin auf Wardenburg, nachdem ihr unehelicher Sohn Paule das entsprechende Geld verdient hatte und die Welt so anders geworden war.

»Die Welt hat sich verändert. Jedenfalls meine Welt. Manchmal habe ich das Gefühl, sie ist dem Untergang geweiht.«

Das hatte Nicolas von Wardenburg ihr gesagt, an jenem unvergessenen Abend, als er ihr mitteilte, daß er Wardenburg verlassen mußte, daß er tief verschuldet sei und das Gut ihm im Grunde nicht mehr gehörte.

Gadinski, der reichste Mann in Ninas Heimatstadt — er besaß eine Zuckerfabrik — wurde der neue Besitzer, das heißt seine Tochter Karoline, die dicke dumme Karoline, wie Nina sie nannte, wurde nach ihrer Heirat Herrin auf Wardenburg. Aber das war eine kurze Episode. Karoline blieb mit vier Kindern zurück, nachdem ihr Mann an den Folgen einer Kriegsverletzung gestorben und ihr Vater einem Gehirnschlag erlegen war.

Wardenburg wechselte einige Male den Besitzer, in den Nachkriegsjahren war es schwerer denn je, ein Gut zu bewirtschaften, aber Nina wollte gar nicht wissen, was mit Wardenburg geschah.

Nicolas und Wardenburg gehörten zusammen, beide waren das höchste Glück ihres Lebens gewesen, doch Nicolas war tot und Wardenburg auf immer verloren.

Und dann plötzlich im Jahr 1929 der reich gewordene Gesindejunge, der ihr prahlerisch erzählte: »Ich habe Wardenburg gekauft.« Und ob die Welt sich verändert hatte!

Auch für Paul Koschka veränderte sie sich wieder; schom im Herbst darauf verlor er bei dem großen Wirtschaftskrach in Amerika sein ganzes Geld. Er fuhr mit dem nächsten Dampfer nach New York, um zu retten, was zu retten war, und kehrte nicht nach Berlin zurück. Der Film wurde nicht gedreht, sie hörten nie wieder von ihm. Immerhin wußte Nina von ihrer Schwiegermutter, daß die alte Koschka noch auf Wardenburg lebte, verkauft worden war der Besitz nicht wieder.

Im Zug sitzend erinnerte sich Nina so lebhaft an den Abend bei Kempinski, als habe er gestern stattgefunden. Sie ohne Arbeit, Peter ohne Arbeit, doch sie waren verliebt und nun hatte er diesen Filmvertrag bekommen. Und wenn sie den dicken Koschka auch haßte, weil ihm jetzt Wardenburg gehörte, so mußte sie ihm gleichzeitig dankbar sein, weil er Peter den Vertrag gegeben hatte. Sie hatten Champagner getrunken, weil, wie Koschka sagte, Nicolas von Wardenburg auch immer Champagner getrunken hätte, woran er sich noch gut erinnern könne.

Er hatte mit großer Hochachtung von Nicolas gesprochen, und das versöhnte Nina im Laufe des Abends ein wenig mit dem Emporkömmling. Sein Wagen brachte sie nach Hause, er hoffe, sie bald wiederzusehen, sagte er beim Abschied.

Trotz aller zwiespältigen Empfindungen hatte der Abend ihr großen Auftrieb gegeben.

Sie war heimgekommen mit der festen Absicht, ihr Leben nun endlich selbst zu gestalten, etwas aus sich zu machen.

Endlich zu tun, was sie seit langem vorhatte: zu schreiben. Ein Buch oder ein Theaterstück. Oder, in Gottes Namen, ein Drehbuch, wie Koschka angeregt hatte.

Noch in derselben Nacht hatte sie angefangen. Sie saß im Wohnzimmer und schrieb und schrieb, bis plötzlich, es war drei Uhr morgens, die Tür aufging und Trudel im Nachthemd erschien. »Was machst du denn da?«

Ein paar Wochen lang hatte sie weitergeschrieben. Wardenburg war das Stichwort, das Leben von Nicolas wollte sie aufschreiben, bis sie merkte, daß sie gar nicht viel davon wußte. Nur gerade das, was sie selbst anging. Aber wie hatte sein Leben wirklich ausgesehen? Er war im Baltikum geboren und aufgewachsen, seine Mutter war gestorben, als er noch ein Knabe war, sein Vater hatte sich nicht um ihn gekümmert. Das war alles, was sie wußte. Das war zu wenig. Gut Wardenburg hatte er von seinem Großvater geerbt, und einmal machte er die Bemerkung, daß er sich anfangs aus dem bescheidenen niederschlesischen Besitz nichts gemacht habe, an baltischen Verhältnissen gemessen war Wardenburg eine Klitsche. Also hatte er sich um Wardenburg kaum gekümmert, überließ alle Arbeit dem Verwalter, reiste viel — wohin reiste er? Zu wem? Mit wem? Sie zweifelte nicht daran, daß es Frauen in seinem Leben gegeben hatte, von denen sie nichts wußte, nichts wissen konnte, ahnungsloses Kind, das sie damals war. Die einzige, die sie fragen könnte, war Alice, aber Alice würde nicht darüber reden, heute so wenig wie damals. Eins nur hatte sie vage begriffen, später, als junges Mädchen, daß Alice ihren Mann verachtete. Später, als er Wardenburg heruntergewirtschaftet und verloren hatte. Als er im Jahr vor dem Krieg jene dubiose, in Alices Augen total unmögliche Tätigkeit ausübte: eine Berliner Firma zu vertreten, die Champagner und Cognac importierte. So etwas war es doch gewesen, oder nicht?

Nina wußte zu wenig, fast nichts darüber. Sie merkte beim Schreiben, daß das Leben des Nicolas von Wardenburg, den sie so sehr geliebt hatte, ihr so gut wie unbekannt war.

Damit war der erste Schwung vorbei, ihre Gedanken zerflossen, Zweifel quälten sie, sie grübelte, verlor sich in einzelne Erinnerungen, außerdem fand sie schlecht, was sie geschrieben hatte. Es war eine Sache, seine Gedanken in der Vergangenheit spazierenzuführen, eine andere, sie aufzuschreiben. Das entdeckte sie sehr rasch.

Sie war zutiefst entmutigt. Sie dachte: ich kann es nicht.

Ich werde es nie können. Nur meine Geschichte könnte ich aufschreiben, seine und meine, aber wie kann ich schreiben, was wirklich geschehen ist, niemand kennt die Wahrheit, und wie könnte ich so schamlos sein, sie der Welt, sie meinen Kindern mitzuteilen. Wie könnte es Alice zugemutet werden, schwarz auf weiß zu lesen, was wirklich geschah.

Als sie so weit gekommen war, lachte sie. Schwarz auf weiß — keiner würde je drucken, was sie schrieb.

Sie gab das Schreiben auf.

Niemals würde sie erklären und darstellen können, was ihr Onkel Nicolas von Wardenburg für sie bedeutet hatte. Sein Einfluß auf ihr Leben hatte begonnen, als sie kaum geboren war. Er wurde ihr Pate und von ihm erhielt sie den Namen — Nicolina Natalia. Sie war sehr stolz, daß er diesen Namen für sie ausgewählt hatte. Keines ihrer Geschwister hatte so einen prachtvollen Namen. Sie war sechs Jahre alt, als sie das erste mal zu einem längeren Aufenthalt nach Wardenburg kam.

Und von da an verbrachte sie alle Ferien auf dem Gut, das waren die Tage und Wochen, auf die sie das ganze Jahr hinlebte. Dort war alles anders als in ihrem bescheidenen Elternhaus; wie sie lebten auf dem Gut, wie sie redeten und dachten, was sie aßen und tranken, wurde für sie zum Maßstab aller Dinge. Sie hatte ein eigenes Zimmer, es gab ausreichend Personal im Haus, sogar einen Diener, einen echten Russen, den großen breiten Grischa, den sie nach Onkel Nicolas am meisten liebte. Und sie bewunderte Alice, die schöne Herrin von Wardenburg, die Schwester ihrer Mutter, die so ganz anders war, als die scheue kleine Agnes Nossek. Und dann die Tiere, die Pferde vor allem, die ihr so viel bedeuteten; nie würde sie den Tag vergessen, als Nicolas sie das erstemal auf ein Pferd setzte, vor sich in den Sattel, auf seine schöne Schimmelstute Ma Belle. »Hast du Angst?« hatte er leise an ihrem Ohr gefragt. Angst? Niemals, wenn er bei ihr war. Später lernte sie dann richtig bei ihm reiten. Auch Tante Alice hatte ein eigenes Pferd, einen kastanienbraunen Wallach, und vor den Wagen wurden stets Rappen gespannt, schöne, stolze Traber, die besten Pferde im ganzen Landkreis.

Nicht nur reiten lernte sie bei ihm, so viele Dinge brachte er ihr bei, nebenbei, ohne viel Aufhebens, sein Lächeln, sein Charme, seine Gewandtheit waren ihr Vorbild, sie war noch ein Kind, da war sie bereits sein Geschöpf.

Als er ihr sagte, daß Wardenburg verloren sei — sie war fünfzehn — schien die Welt unterzugehen.

Nicolas und Tante Alice zogen nach Breslau. Als Nina neunzehn war, entschloß sie sich, frei von jeglichen Skrupeln, Kurt Jenkalla, den Jungen aus dem Nachbarhaus, zu heiraten, nur weil er eine Stellung in Breslau antrat und die Ehe mit ihm ihr die Möglichkeit gab, nicht nur dem Elternhaus zu entlaufen, sondern in Breslau zu leben, in der Nähe von Nicolas.

Und ehe sie den ihr total ergebenen Kurtel heiratete, war sie die Geliebte ihres Onkels geworden, und als sie heiratete, war Victoria bereits gezeugt.

Mit weit geöffneten Augen, die nichts sahen, starrte Nina aus dem Zugfenster und wurde sich so intensiv wie nie zuvor der Ungeheuerlichkeit jener Situation bewußt. Damals war ihr das alles ganz selbstverständlich vorgekommen. Nicolas war der Mittelpunkt ihrer Welt, er war ihr Leben, nichts gab es außer ihm, das zählte. Sie hatte nie bereut, was sie getan hatte, sie bereute es heute so wenig wie früher. Aber es kam ihr dennoch so absurd, so unwahrscheinlich vor, daß sie es war, die das erlebt hatte. Es war so lange her, und trotz allem, was sie erlebt hatte, was in den dazwischenliegenden Jahren geschehen war, kam ihr Leben ihr ereignislos und armselig vor gemessen an jener Zeit, gemessen an dem, was sie damals empfand.

Hätte sie sich nicht dem Mann gegenüber, den sie geheiratet hatte, schuldig fühlen müssen, hätte sie nicht wenigstens ein schlechtes Gewissen haben müssen — er liebte sie so sehr, er betete sie an, und sie betrog ihn auf so schamlose Weise, ohne auch nur im mindesten das Gefühl einer Schuld oder eines Unrechts z u haben. Und so war es bis heute geblieben. Sie dachte auch heute noch: es war mein Recht, Nicolas zu lieben und von ihm geliebt zu werden.

Bestraft worden war sie sowieso, sie hatte beide Männer verloren. Nicolas war 1916 gefallen, Kurt Jonkalla aus Rußland : sucht zurückgekehrt. Sie hatte von jedem der Männer ein Kind, und keiner außer ihrer Freundin Victoria wußte, daß die Kinder verschiedene Väter hatten.

Sie war blaß und müde, als sie spät am Abend in Berlin ankam. Aber sie lächelte.

Mein Leben mag nicht viel wert sein, und ich bin nicht viel wert, aus mir ist nichts geworden, aus mir wird nichts werden, ich bin nur auf die Welt gekommen, um Nicolas zu begegnen, das genügt.

Noch immer war ihr nicht klar geworden, daß Nicolas nicht nur ihr Glück, sondern auch ihr Verhängnis war. Sie hatte in seinem Schatten gelebt, sie tat es heute noch. Sie machte ihm auch heute noch keinen Vorwurf, daß er sie daran gehindert hatte, Schauspielerin zu werden, was sie sich so heiß gewünscht hatte.

»Du wirst keine Schauspielerin, sonst bist du nicht mehr meine Nina.« Die Arroganz seiner Klasse, das Gefühl seiner männlichen Überlegenheit, waren in diesen Worten enthalten, aber auch das Bewußtsein der Macht, die er über sie hatte.

»Versprichst du mir das?«

Sie hatte es ihm versprochen. Sie hätte ihrem Vater getrotzt, und zweifellos wäre es ihr auch gelungen, ihre Mutter herumzukriegen, denn Agnes Nossek ging ja selbst gern ins Theater, aber wenn Nicolas nein zu ihren Plänen sagte, dann gab es diese Pläne nicht mehr.

So war es gewesen.

Sie trat aus dem Anhalter Bahnhof ins Freie und nach kurzem Zögern leistete sie sich ein Taxi. Sie hätte die U-Bahn nehmen können, aber der Koffer war schwer, und es war schon spät.

Was sie wohl sagen würden zu Hause, daß sie heute schon kam? Schade, daß Vicky nicht da war, sie wäre bestimmt am meisten an ihrem Bericht interessiert. Aber sicher sehr enttäuscht, daß sie in Salzburg keine Opernaufführung besucht hatte, den »Rosenkavalier« oder die »Entführung«. Vicky lebte und starb für die Oper, sie sparte jeden Groschen, um sich gelegentlich einen Platz im vierten Rang leisten zu können. Manchmal nahm Marleen sie mit, auf einen erstklassigen Platz, in einem Kleid, das Marleen ihr schenkte.

Jetzt hatte sie Vicky nach Venedig mitgenommen. Dieses Kind, und dann so eine weite Reise. Hoffentlich würde Marleen gut auf sie aufpassen.

Das würde sie nicht, das wußte Nina sehr genau. Ihre Schwester Marleen, die schöne und reiche Marleen Bernauer, einst Lene Nossek, hatte in ihrem ganzen Leben immer nur an einem Menschen Interesse gehabt, an sich selbst.

Aber das machte nichts, Victoria konnte sehr gut auf sich selbst aufpassen, auch das wußte Nina genau.

Nina drückte anhaltend auf den Klingelknopf, als sie in der Motzstraße angekommen war, aber nichts regte sich, sie mußte schließlich nach dem Schlüssel in ihrer Tasche kramen.

Kaum zu glauben, daß die beiden schon fest schliefen.

»Hallo!« rief sie, als sie die Wohnungstür aufgeschlossen hatte. »Hallo, ich bin da!«

Keine Antwort.

Ungläubig ging sie durch die Wohnung, keine Trudel, kein Stephan. Waren sie im Theater?

Doch Trudels Schwarzseidenes hing im Schrank.

Bis nachts um drei saß sie untätig herum, packte nicht einmal den Koffer aus und wurde zunehmend unruhig. Es mußte etwas passiert sein. Sie waren krank. Oder verunglückt. Das gab es doch nicht, daß sie nicht zu Hause waren mitten in der Nacht.

Sie aß ein Wurstbrot, trank eine Flasche Bier, durchblätterte den Lokalanzeiger, holte sich schließlich einen von Trudels Liebesromanen und ging damit ins Bett. Dann kamen die Tränen.

Ich bin allein, allein, allein. Sie sind bestimmt tot. Ich verliere es, was ich liebe. Und nun muß etwas ganz Furchtbares geschehen sein.

Es war nichts Furchtbares geschehen, sie waren weder tot noch verunglückt, sie waren nur verreist. Auf diese Idee wäre Nina nicht gekommen, denn noch nie hatte Trudel die kleinste Reise unternommen, wozu denn auch und wohin und schließlich wovon?

Sie erfuhr es Freitag morgen vom Hausmeister, den sie nach der mit Ängsten verbrachten Nacht fragte, ob er eine Ahnung habe, wo ihre Schwester und ihr Sohn sein könnten.

Die beiden, hörte sie, seien am Donnerstag in aller Früh aus dem Haus marschiert, das Fräulein Nossek mit einer großen Tasche, der Herr Sohn mit einem kleinen Koffer.

»Det is ja woll klar wie Kloßbrühe, det se varreist sin, nich?« schloß Herr Kawelke messerscharf.

»Aber wohin denn?«

»Det ham se mir nich jesagt. Ha’ck ooch nich jefragt. Neujierig bin ick nich, det wissen Se ja woll, Frau Jonkalla.«

»Ja, ja, ich weiß«, sagte Nina beruhigend, denn Herr Kawelke war sehr darauf bedacht, daß seine Diskretion anerkannt wurde, deren er sich stets befleißigte, was allerdings durch seine Frau wettgemacht wurde, die mehr als neugierig war und ihre Nase in alles steckte. Aber offenbar hatte sie den Auszug von Trudel und Stephan nicht beobachtet, sie hätte sich bestimmt eine Frage nicht verkniffen.

»Vielleicht ham se ’ne Landpartie jemacht. Det Wetter is ja janz schnuckelig.«

Sie kamen am Sonntag nachmittag zurück, schwer beladen. Sie brachten einen Korb voll grüner Bohnen, einen anderen mit frühen Pflaumen, drei Köpfe grünen Salat, zwei grüne Gurken, ein frisch geschlachtetes Huhn, zwei dicke Würste und eine Speckseite. Sie hatten allerhand zu schleppen gehabt und kamen ziemlich erschöpft aber bester Laune in der Motzstraße an.

Zunächst waren sie sehr enttäuscht, Nina schon vorzufinden.

»Du bist schon da?« rief Trudel. »Na, so was aber auch! Ich dachte, du kommst heut abend erst.«

»So’n Mist«, ließ sich Stephan vernehmen. »Wir wollten dir das doch alles so richtig schön aufbauen, Mutti. Das sollte doch eine Überraschung sein.«

»Das war es auch. Komm ich hier an, mitten in der Nacht,und kein Mensch ist da. Ich habe gedacht, euch ist was passiert. Konntet ihr nicht einen kleinen Zettel hinlegen?«

»Hätten wir ja getan, nicht, Stephan, hätten wir getan, wenn wir gedacht hätten, du kommst. Aber du hast doch gesagt, du bleibst so lange es geht und kommst erst am Sonntag abend.«

Nina seufzte.

»Kann ich nun vielleicht erfahren, wo ihr herkommt?«

Trudel betrachtete bekümmert den bunten Blumenstrauß, der sämtliche Köpfe hängen ließ, füllte das Abwaschbecken mit Wasser und legte die Blumen hinein.

»Aus Neuruppin«, schrie Stephan begeistert. »Wir war’n in Neuruppin, Mutti, da is es prima. Und der Onkel Fritz hat einen Riesengarten, das is alles aus seinem Garten, die Pflaumen und die Gurken und die Bohnen, und wir hätten noch viel mehr mitnehmen können, wenn wir es hätten tragen können. Und das Huhn ist auch von ihm, das hat er extra geschlachtet. Ich hab’ gesagt, ich will nicht, daß er es schlachtet, lieber esse ich kein Huhn. Aber er hat gelacht und ein bißchen später kam er mit dem Huhn. Und da haben wir es eben mitgenommen. Wo es doch sowieso schon tot war, nich?«

»Neuruppin? Wie kommt ihr denn nach Neuruppin? Wo liegt denn das überhaupt?«

»Und Apfelbäume hat er auch, und Birnen, die sind jetzt bald reif, dann sollen wir wieder kommen, und da können wir mitnehmen, soviel wir wollen. Nur könn’ wir nich so viel tragen, aber Onkel Fritz sagt, er findet schon mal einen, der nach Berlin fährt mit ’nem Auto, und der bringt dann alles mit. Und ich hab’ gebadet im Neuruppiner See, der ist vielleicht prima. Der schönste See, den ich kenne. Und…«

So ging es noch eine Weile weiter, Stephan war so begeistert, wie Nina ihn kaum je erlebt hatte.

Sie setzte sich auf den Küchenstuhl und betrachtete das Stillleben auf dem Tisch, das sie gut für eine Woche ernähren würde. Das Huhn war fett und groß, es würde eine gute Brühe geben und einen Topf voll Hühnerfrikassee. Die Bohnen reichten für dreimal Mittagessen, die Würste waren beachtlich. Das beste von allem waren die Pflaumen.

Nina griff in den Korb und begann davon zu essen.

»Es sind die ersten«, sagte Trudel, »aber sie sind schon ganz süß. Ich werde einen Kuchen backen. Es ist schade, daß wir die Erdbeerzeit verpaßt haben, sagt er. Er hat zwei große Beete voller Erdbeeren, die besten, die es überhaupt gibt.«

»Wer in Gottes Namen hat Erdbeeren, Pflaumen und Birnen? Kann ich das endlich mal erfahren?«

»Onkel Fritz.«

»Herr Langdorn.«

»Herr Langdorn? Was für ein Herr Langdorn?«

Trudel blickte ihre Schwester erstaunt an.

»Na, bei dem waren wir doch.«

»Davon habt ihr bis jetzt kein Wort gehustet. Hier von unserem Fräulein Langdorn? Ich denk’, die ist nicht verheiratet.«

»Das ist doch ihr Bruder«, rief Stephan.

So langsam nahm die Geschichte Form an.

Fräulein Langdorn stammte aus Neuruppin. Aber schon um die Jahrhundertwende war Vater Langdorn mit Weib und fünf Kindern nach Berlin übergesiedelt. Er war bei der Reichsbahn, saß an der Sperre und paßte auf, daß keiner den Bahnsteig betrat oder verließ ohne gültigen Fahrtausweis oder ohne zuminindest im Besitz einer Bahnsteigkarte zu sein. Jedermann wird begreifen, welch wichtige Person Vater Langdorn im Leben seiner Kinder darstellte, noch heute hielten sie sein Andenken in hohen Ehren.

Weitaus spektakulärer jedoch war die Karriere des ältesten Langdorn-Sohnes, Friedrich mit Namen, Fräulein Langdorns großer Bruder, genannt Fritz. Er brachte es bis zum Lokomotiv-führer und hatte jahrelang die Strecke Berlin-Stettin, später Berlin-Dresden befahren.

Daß er davon auch heute noch eindrucksvoll zu erzählen wußte, erfuhr Nina im Laufe des Abendsvon ihrem Sohn. Denn nachdem Neuruppin und der See, Herrn Langdorns Häuschen und der große Garten, Hund, Hühner und das Schwein, das dort jährlich gemästet wurde, erschöpfend behandelt waren, berichtete Stephan nur noch von den Fahrten auf Fritz Langdorns Lokomotive. Erzählte so anschaulich, als habe er selbst daran teilgenommen.

Trudel, nach mehreren Wurstbroten und zwei Flaschen Bier, selig müde, sagte gerührt: »Er hat sich so viel mit dem Jungele beschäftigt. Immerzu hat er ihm erzählt und erzählt, nicht, Stephan? Auch vom Krieg.«

Stephan nickte. »Er hat ’n Eisernes Kreuz. Und einmal hat er ganz allein fünf Russen gefangengenommen. Er hat so laut geschrien, daß die gedacht haben, er is ’ne ganze Armee. Aber am Schluß war er dann bei den Russen gefangen. Das war gar nicht lustig, sagt er, In Sibirien war er, und da hat er sich die Füße erfroren. Und vorher hat er schon einen Schuß im Knie gehabt, drum kann er auch nich richtig laufen.«

»Er hinkt ein bißchen«, sagte Trudel, »ist nicht so schlimm. Mit der Zeit gewöhnt man sich dran, sagt er. Sonst könnt’ er auch nicht so viel im Garten arbeiten. Kommt aufs Wetter an, wenn’s schön trocken ist, macht das Knie nicht viel Menkenke, sagt er.«

So nach und nach bekam Nina die Lebensgeschichte von Fritz Langdorn zusammen. Zum Beispiel, daß er nach dem Krieg, als er nach den schlimmen sibirischen Jahren in die Heimat zurückkam, mitten in das Inflationsberlin hinein, von Berlin nichts mehr hatte wissen wollen. In den kalten sibirischen Nächten hatte er nur von Neuruppin geträumt, der Stätte seiner Kindkeit.

Neuruppin, wo Obst und Gemüse gedieh, wo man so schön im See schwimmen konnte, wo die warmen märkischen Sommer die kalten Glieder wieder wärmen würden. Und selbst wenn es im Winter kalt wurde, so war es doch nie so kalt wie in Sibirien.

»Lokomotive fahren konnte er ja nicht mehr, so wie er zugerichtet war«, erzählte Trudel. »Aber er kriegt ’ne ganz hübsche Pension. Und das Häuschen und der Garten, das gehörte alles seinem Onkel, und der hat ihm das vererbt, nur ihm allein, weil er doch soviel mitgemacht hat und das Eiserne Kreuz hat. Der Onkel war auch ein großer Held, schon im Siebziger Krieg.«

»Eine beachtliche Familie«, meinte Nina, ein wenig gelangweilt.

Sie hätte so gern auch von ihrer Reise erzählt, aber dafür bestand kein Interesse.

»Und nun lebt er eben da mit seinem Garten und seinen Viechern«, fuhr Trudel fort, »und ist glücklich und zufrieden, sagt er. So glücklich und zufrieden wie ein Mensch nur sein kann, der soviel mitgemacht hat, und alles ist dann doch noch gut ausgegangen, sagt er. Ist doch schön, wenn einer so was sagt. Findest du nicht auch, Nina?«

Nina nickte. »Sehr schön. Nur weiß ich immer noch nicht, wie es zu dieser Reise gekommen ist. War das die Idee von Fräulein Langdorn?«

»Ja, natürlich. Sie hat mir schon oft von ihrem Bruder erzählt. Und von Neuruppin. Seit ihre Mutter tot ist, fährt sie da fast jedes Wochenende hin. Muß sich einer um ihn kümmern, sagt sie, bißchen Ordnung im Haus machen und so. Früher hat das ihre Schwester besorgt, aber die ist jetzt mit ihrem Mann nach Stettin gezogen. Da ist der nämlich her. Und weil ihr Chef jetzt in Urlaub ist, Fräulein Langdorn ihrer, meine ich, und es sind Gerichtsferien und sie haben sowieso nicht viel zu tun, hat sie gesagt, wir könnten schon am Donnerstag fahren. Damit wir zurück sind, wenn du kommst. Wußtest du, daß Theodor Fontane in Neuruppin geboren ist?«

»Nein«, gab Nina zu, »ich wußte es nicht.«

»Siehst du«, sagte Trudel vorwurfsvoll, »so was sollte man aber wissen. Der hat so schöne Bücher geschrieben.«

»Jetzt weiß ich es«, sagte Nina und aß noch eine Pflaume.

Zu einem Bericht über Salzburg kam sie an diesem Tag nicht.

Nur gerade, daß Trudel fragte: »Wieso bist du denn schon früher zurückgekommen?« und Ninas Antwort: »Wir hatten kein Geld mehr«, kopfnickend als plausible Erklärung akzeptierte.

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»Ich weiß nicht, was ich tun muß«, sagte Victoria. »Aber ich will es einfach. Ich will es.«

»Es ist schon einmal eine ganz brauchbare Voraussetzung, wenn man etwas ernsthaft will«, gab Cesare Barkoscy zur Antwort.

»Obwohl natürlich in diesem Fall der Wille allein nicht genügt. Ein gewisses Talent dürfte eine ebenso wichtige Voraussetzung sein. Beides, Talent und Wille, muß sich dann umsetzen in Arbeit. In sehr viel Arbeit, mein Kind. Sind Sie sich darüber klar?«

»Natürlich. Aber Geld gehört eben auch dazu. Und das haben wir nicht.«

Sie waren soeben aus dem Markusdom getreten, standen noch auf den Stufen und blickten über den Platz, der voller Menschen und voller Tauben war. Vom Torre del Orologio schlug es vier Uhr nachmittags, die Tauben flogen auf, die Menschen blickten zum Turm empor.

»Jetzt gibt es drei Möglichkeiten«, sagte Cesare, nachdem die Schläge verklungen waren, »wir nehmen das nächste Schiff zum Lido, wir setzen uns drüben ins Quadri und essen ein Eis, oder wir schlendern zum Abschied noch einmal durch die Merceria bis zum Rialto.«

»Zum Abschied? Sie reisen ab?«

»Übermorgen.«

»Schade.«

»Ich bedanke mich für dieses Schade.«

Er lächelte sie von der Seite an, sie lächelte zurück.

»Wir bleiben auch nicht mehr lange. Marleen langweilt sich, seit ihr Besuch da ist.«

»Das hat der Besucher gewiß nicht beabsichtigt. Vielleicht hätten wir die beiden einmal mitnehmen sollen zu unseren Exkursionen.«

»Sie haben es nicht vorgeschlagen.«

»Das ist wahr. Aber ich glaubte, Ihre charmante Frau Tante sei allerbestens unterhalten. Ein rasanter Italiener, ein guter Freund aus Deutschland.«

Victoria lachte amüsiert. »Das ist es ja eben. Der gute Freund aus Deutschland hat ihr den Flirt mit dem Italiener vermasselt.«

»Auf jeden Fall hat es mir außerordentliche Freude gemacht, ihnen Venedig zu zeigen. Mein Venedig.«

Cesare Barkoscy hatte Victorias müßigem Herumliegen am Strand des Lido ein Ende gemacht. Nach einem weiteren Gespräch, das dem ersten gefolgt war, hatte er sich erboten, sie in Venedig herumzuführen, denn, so sagte er, wenn sie nun schon einmal hier sei, solle sie auch die Schönheit der Stadt und ihre Wunstschätze kennenlernen. Ganz nebenbei hatte Victoria auch viel über die Geschichte der Serenissima erfahren, angefangen von der ersten Besiedelung im fünften Jahrhundert, als sich die Menschen vor den Hunnen auf die Laguneninseln flüchteten, mitten in die Unwirtlichkeit dieses Schwemmlandes, das ihnen kaum Überlebenschancen bot. Und wie daraus dann die mächtige Republik San Marco entstand, eins der reichsten und erstaunlichsten Staatsgebilde, das die Weltgeschichte je gesehen hatte. Und schließlich der Niedergang, entstanden aus eben jenem Reichtum, der Luxus, Trägheit und Zynismus im Gefolge hatte.

»Venedig ist ein Beispiel vom Aufstieg und Fall einer politischen Macht, eines Landes oder eines Staates. Überall in der Geschichte bieten sich ähnliche Fälle. Als die Türken darangingen, sich Europa untertan zu machen, das Christentum auszurotten, und den Halbmond des Propheten siegreich auf der Wiener Burg zu hissen, war Venedig auf diesem Weg eins ihrer begehrtesten Ziele. Wenn sie Venedig eingenommen hätten, mit all seiner Pracht und seinem Reichtum, dann wären sie nicht mehr zu besiegen gewesen.«

»Prinz Eugen, der edle Ritter«, summte Victoria vor sich hin, »er hat es verhindert.«

»Er unter anderem, ja. Aber Venedig hat seine Rettung einem Deutschen zu verdanken. Einem Norddeutschen. Das wissen Sie nicht, Victoria?«

»Nein, das weiß ich nicht.«

»Ja, man lernt eben immer noch zu wenig in der Schule, wie lange man die Schulbank auch drückt. Das war der Graf von der Schulenburg, der 1715 als Feldmarschall in den Dienst der Republik Venedig trat, übrigens nach langen und für ihn demütigenden Verhandlungen, denn trotz aller Gefahr, die ihnen drohte, waren die Herren von Venedig voll von Hochmut und Arroganz. Dekadent bis auf die Knochen. Sechs Monate lang feierten sie damals in dieser Stadt Karneval. Sie wollten nur noch genießen, nicht mehr arbeiten, nicht mehr kämpfen. Sie waren reif für den Untergang.«

»Und dieser deutsche Graf…«

»Schulenburg rettete Venedig noch einmal. Es war eine der größten Schlachten der Weltgeschichte, die Schlacht um und auf Korfu. Schulenburg befand sich in aussichtsloser Lage, die Türken waren auf der Insel gelandet, sie waren ihm tausendfach überlegen, aber er hielt die verkommene Festung, er vertrieb die Türken von der Insel. Das war 1716. Schulenburgs Tapferkeit ermöglichte Eugen den Aufmarsch durch Ungarn, den Angriff auf die Flanke der Türken, brachte ihm den Sieg von Peterwardein und Belgrad.«

»Und dann?«

»Nun, Österreich schloß wieder einmal Frieden mit den Türken, bis zum nächsten Waffengang. Denn immer und immer wieder droht Europa Gefahr aus dem Osten. Der ewige Kampf zwischen dem Abendland und dem Morgenland wird wohl nie versiegen, solange Menschen diese Erde bevölkern. Oder, was ich durchaus für möglich halte, bis das Abendland endgültig abgetreten ist. So wie Venedig abtreten mußte. Besiegt und erledigt, und nicht zuletzt durch eigenes Versagen.«

»Aber damals haben sie gesiegt. Was wurde aus dem deutschen Feldmarschall?«

»Er bekam ein Denkmal auf Korfu. Und er blieb in den Diensten der Republik Venedig bis zu seinem Tod. Napoleon war es dann, der ein Ende mit Venedig machte.«

»Der kam aber nicht aus dem Osten.«

»Das stimmt, mein aufmerksames Fräulein. In diesem Fall kam der Eroberer vom Westen. Das nennt man die ost-westliche Schaukel der Weltgeschichte. Nach dem Wiener Kongress kam Venedig zur Habsburger Monarchie.«

»Ja, das haben Sie mir gestern schon erzählt. Das wußte ich auch nicht. Ich habe gedacht, das alles hier ist eben Italien.«

»Italien im heutigen Sinne gibt es erst seit Mitte des vorigen Jahrhunderts. Seit Cavour es einte. So wie es Bismarck einst mit dem Deutschen Reich getan hat.«

»Und jetzt haben sie hier den Mussolini. Das ist ein großer Mann, nicht wahr?«

»Wie man’s nimmt. Er ist zweifellos eine Persönlichkeit. Ein Condottiere, und das in unserer modernen Zeit. Die Frage ist nur, ob man Geschmack am Faschismus findet. Wobei ich nicht verhehlen will, daß er in mancher Beziehung für Italien ganz bekömmlich ist. Übrigens haben Sie ja in Deutschland eine faschistische Variante des Duce.«

»Ach, Sie meinen den Hitler. Dr. Binder hat mal gesagt, das ist ein harmloser Irrer, gewachsen auf dem Mist des Versailler Vertrages.«

»Gar nicht schlecht beobachtet von Dr. Binder. Ihr verflossener Deutschlehrer, war es nicht so? Ich fürchte nur, er hat diesen Mann zu harmlos beurteilt. Immerhin sind die Nationalsozialisten seit vergangenem September die zweitstärkste Fraktion im Deutschen Reichstag. Ich nehme an, Dr. Binder wird sein Urteil inzwischen revidiert haben.«

»Er ist gar nicht mehr in Deutschland.«

»Ach, er ist nicht mehr in Deutschland. Wie soll ich das verstehen? Ist er ausgewandert?«

»Er unterrichtet jetzt an einer deutschen Schule in Argentinien. Als er ging, sagte er zu uns, er müsse einmal hinaus in die Welt, ehe er zu alt dazu sei und ehe vielleicht die Türen ins Schloß fallen. Komisch, nicht?«

»Hm. Nein, nicht allzu komisch. Ist er Jude?« Die Frage kam kurz und nebenhin.

Sie verblüffte Victoria. »Das … das weiß ich nicht. Über sowas reden wir bei uns in der Schule nicht. Wir wissen es bloß von den Mädchen in der Klasse, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen. Genau wie die Katholiken. Meine Freundin Elga ist Jüdin. Aber sie sieht gar nicht so aus.«

»Wie meinen Sie das, Victoria, sie sieht nicht so aus?«

Sie errötete ein wenig. Er war wohl auch Jude, jedenfalls hatte Marleen es vermutet.

»Zum Beispiel Onkel Max, der Mann von Marleen, der sieht jüdisch aus. Das sagt jedenfalls Mutti immer. Ich weiß eigentlich auch nicht genau, was sie damit meint. Onkel Max ist sehr klein, ganz dünn und furchtbar schüchtern. Jedenfalls in der Familie. Man kann mit ihm gar kein richtiges Gespräch führen. Man hat das Gefühl, er ist froh, wenn man ihn in Ruhe läßt. Aber er ist schrecklich tüchtig, sonst würde er nicht so viel Geld verdienen, heute, wo alle Leute kein Geld haben.«

Cesare lächelte.

»Gerade dann. Irgendwo muß das Geld ja bleiben.«

»Er hat’s schon vorher gehabt, und dann noch viel in der Inflation dazu verdient, sagt Mutti. Und eigentlich nicht er, sondern sein Vater. Und sein Kompagnon. Ich kenne sie alle nicht.«

»Und womit verdienen sie das Geld?«

Victoria lachte. »Sie werden es nicht glauben, aber das weiß ich auch nicht. Geschäfte heißt es immer. Onkel Max macht Geschäfte. Können Sie sich darunter etwas vorstellen? Also ich nicht. Ich habe Marleen mal gefragt, und sie hat gesagt: keinen blassen Schimmer. Hauptsache, der Rubel rollt.«

Cesare lachte herzlich. »Der Standpunkt einer schönen, verwöhnten Frau. Es läßt sich nichts dagegen sagen.«

Noch nie in ihrem siebzehnjährigen Leben hatte sich Victoria so ausführlich und anregend mit einem Menschen unterhalten, noch dazu mit einem Mann, der so viel älter war als sie und den sie zudem nur wenige Tage kannte. Sie hatte das Gefühl, als kenne sie ihn schon lange und als gebe es keinen Menschen auf der Welt, der sie je so gut verstanden hatte. Ihre Ferien am Lido bekamen dadurch eine ganz unerwartete Bereicherung, nicht nur, weil sie soviel gelernt und gesehen hatte, sondern weil seine Art, mit ihr umzugehen und mit ihr zu sprechen, ihr ein Gefühl des Erwachsenseins und der Selbständigkeit gab.

Sie war darüber jeden Tag aufs neue erstaunt, und sie freute sich jeden Tag auf das Zusammensein mit ihm. Nachdem sie ihm nun noch von ihrem großen Herzenswunsch erzählt hatte, war ein Gefühl der Verbundenheit entstanden, das sie es wirklich bedauern ließ, wenn diese Zeit nun vorbei war.

Ohne noch viel darüber zu reden, schlenderten sie über den Platz, gingen durch den Turm und bogen in die Merceria ein.

Cesare wußte, wie gern das junge Mädchen hier spazierenging und dabei sehnsüchtige Blicke in die Schaufenster warf. Ein Eis bekamen sie schließlich am Rialto auch noch.

Er beschloß, am nächsten Tag ein Abschiedsgeschenk für sie zu kaufen, eins von diesen wunderschönen handbemalten Tüchern, die hier hinter manchen Schaufenstern lagen; er würde es sorgfältig aussuchen, es mußte die Farbe ihrer Augen und ihres Haares haben. Ein Geschenk von ihm hatte Victoria schon nach ihrem ersten Bummel bekommen, ein Buch, in dem die Geschichte Venedigs anschaulich dargestellt wurde. Es befinde sich immer in seinem Reisegepäck, wenn er nach Venedig komme, hatte er dazu gesagt, man könne nachlesen, was man möglicherweise vergessen habe.

»Aber werden Sie das Buch dann nicht vermissen? Ich gebe es Ihnen zurück, wenn ich es gelesen habe.«

»O nein, Sie behalten es zur Erinnerung an Venedig und an mich. Ich kann mir ein neues Exemplar in Wien besorgen. Auch für Sie wird es interessant sein, das eine oder andere wieder nachzulesen, wenn Sie an Venedig zurückdenken. Ich möchte nicht als Schulmeister erscheinen, aber seien Sie sich über eins klar, Fräulein Victoria: Wissen und Verstehen, das ist die größte Lust, die ein Mensch in seinem Leben empfinden kann.«

Diesen Satz hatte Victoria wörtlich an Marleen weitergegeben, die spöttisch den Mund verzog.

»Dieser Meinung wird er wohl nicht immer gewesen sein, dieser alte Wichtigtuer«, war Marleens Kommentar. »Kann ich mir gut vorstellen, wie seine Lüste früher ausgesehen haben.«

Fast war sie ein wenig eifersüchtig, daß Victoria diesmal eigene Wege ging und dies auch noch mit soviel Vergnügen.

Außerdem war die schöne Marleen Bernauer noch genauso ungebildet wie damals, als sie noch Lene Nossek hieß und knapp achtzehnjährig mit dem Tennistrainer durchbrannte. Erlebt hatte sie zwar viel, doch sie war so oberflächlich, so egozentrisch geblieben wie in den jungen Tagen ihres Lebens.

Natürlich hatte Victoria ihr Cesare Barkoscy vorgestellt, die Erlaubnis für die Rundgänge in Venedig war ganz formell eingeholt worden. Ob sie mitkommen wolle, hatte Cesare sie nicht gefragt. Er beurteilte sie sehr genau: Mode, Männer, Flirt, ihr eigenes, zweifellos sehr reizvolles Ich — mehr existierte für sie nicht auf dieser Erde, mehr interessierte sie nicht.

Dagegen rührte es ihn immer wieder, wenn Victoria spontan ausrief: »Wenn doch Mutti bloß hier wäre! Wenn sie das alles sehen und hören könnte!«

Mit den Gesprächen über Mutti, also über Nina, war ihre Bekanntschaft in ein persönliches Fahrwasser geraten. Nachdem sie eine Woche lang die Kanäle und Gassen, die Palazzi, Kirchen und Museen durchstreift hatten, wußte Victoria nicht nur über Venedig, sondern Cesare auch über die Familie Nossek-Jonkalla Bescheid.

Einmal sagte Victoria ganz verwundert: »Ich weiß gar nicht, warum ich Ihnen das alles erzähle. Ich habe noch nie mit einem Fremden soviel über mich und meine Familie geredet.«

»Mit einem Fremden?«

Etwas unsicher erwiderte sie sein Lächeln.

»Na ja, ich kenne Sie ja gerade erst zehn Tage, nicht?«

»Die Dauer einer Bekanntschaft sagt nicht viel über ihre Intensität aus. Sich mitzuteilen, ist eine Sache des Vertrauens.«

»Aber Vertrauen ist doch etwas, das man erst nach langer Zeit gewinnen kann.«

»Das kann so sein. Aber es gibt auch ein spontanes Vertrauen. Genau wie es eine spontane Freundschaft gibt.« Und spontane Liebe, fügte er für sich hinzu, doch er sprach es nicht aus. Es wäre in diesem Fall eine unpassende Bemerkung gewesen.

»Ja«, sagte Victoria verwundert, »das gibt es offenbar.«

Und dann wieder das Lächeln um seinen feingezeichneten Mund, das manchmal die dunklen Augen erreichte, manchmal nicht.

Wie schnell war es Victoria vertraut geworden. Vertraut, als kenne sie es seit langem.

Sie war stets eine gute Menschenbeobachterin gewesen, soweit dies bei ihrer Jugend möglich war. Allein deswegen, weil Menschen sie interessierten. Aber es war immer Instinkt, Gefühl, unbefangene Aufgeschlossenheit. In diesem Fall jedoch war es anders. Sie sah und erlebte diesen fremden Mann sehr bewußt — sein Gesicht war ausdrucksvoll, und was er sprach, war klug, man konnte darüber nachdenken, man behielt seine Worte.

Dazu kam, daß sie sich wie von selbst bemühte, ihre Worte klug zu wählen, um dem Gespräch mit ihm gewachsen zu sein. So etwas hatte sie noch nicht erlebt; sie kam sich neben ihm reif und erwachsen vor, was im Grunde absurd war, denn er war ja sowiel älter als sie.

Sie selbst kam nicht darauf, wo der tiefere Grund für ihr Vertrauen oder vielleicht besser gesagt, für ihre Zutraulichkeit lag, aber Cesare, nachdem er ihre Lebensgeschichte bald gut kannte, begriff sehr wohl.

Es hatte in dieser Familie nie einen Mann gegeben, keinen Vater, keinen Großvater, keinen Onkel, dieses Mädchen war nur mit Frauen aufgewachsen. Es war ihm aufgefallen, mit welcher Begeisterung sie von ihrem Musiklehrer sprach, auch von dem Deutschlehrer, Dr. Binder, aber, so sagte sie: »Leider haben wir den nicht mehr. Überhaupt sind in unserem Lyzeum hauptsächlich Lehrerinnen. Der einzige, den wir noch haben, ist der Mathematiklehrer, aber der ist gräßlich, mit dem kann man nicht reden. Außerdem bin ich in Mathe sehr schlecht, ich hab’ einfach keinen Kopf für Zahlen. Und erst Arithmetik, also das ist mir ein Greuel, ich kapiere es nicht. Da habe ich ein Brett vor dem Kopf.«

»Und was ist mit dem Lehrer, von dem Sie mir ganz zu Anfang erzählten? Der immer vom Krieg schwärmt und den Heldentaten, die er dort vollbracht hat.«

»Ach, Lüttchen. Den haben wir in Geschichte. Den finden wir ganz ulkig, aber sonst… nein, Binder war da ganz anders.«

Sie hatte überhaupt nicht mehr viel Lust, in die Schule zu gehen, das erfuhr er auch. Wozu das Abitur machen, da sie ja sowieso nicht studieren wolle, es koste nur unnötig Zeit und Geld.

Das brachte ihn auf die Frage, wie sie sich ihre Zukunft vorstelle stelle, ob sie einen Berufswunsch habe oder lieber bald heiraten wolle.

»Heiraten, ich? Nein, bestimmt nicht. Ich möchte ganz etwas anderes.«

»Und was wäre das?«

»Darüber kann ich nicht reden. Weil es ja Unsinn ist.Ich habe noch nie davon gesprochen.«

Und dann sprach sie doch davon.

Das war vor zwei Tagen, sie waren auf der Isola San Giorgio, besichtigten Palladios herrliche Kirche, und Cesare referierte eine Weile hingebungsvoll über das »Letzte Abendmahl« von Tintoretto.

Anschließend spazierten sie eine Weile auf der Insel herum, saßen dann auf einer Bank am Ufer, als sie unvermittelt sagte:

»Es ist ein Traum. Ein Wunschtraum.«

»Wovon träumen Sie, Victoria?«

»Ich möchte Sängerin werden.«

Sie hatte nicht lange überlegt, sprach es schnell aus und wartete atemlos auf seine Reaktion.

»Sie möchten singen.« Er nickte und dachte: eine gute Bühnenerscheinung wäre sie auf jeden Fall.

»Ja, ich möchte Gesang studieren. Ich weiß, es ist verrückt, wir können uns das gar nicht leisten und … und überhaupt, es ist ganz undenkbar, wie ich das schaffen sollte.«

»Haben Sie denn eine gute Stimme?«

»Ich bilde es mir ein. Und Marquard sagt es auch.« Das war der Musiklehrer, wie Cesare bereits wußte. »Ich muß immer Solo bei ihm singen. Und er gibt mir die schwersten Musikdiktate. Wenn wir ein Schulfest haben, eine Abschlußfeier oder sowas, singe ich meistens. Ich oder die Lili Goldmann aus der Parallelklasse. Die hat einen wunderschönen Alt. Und sie wird : Musik studieren, das steht schon fest. Wir beide haben schon Duette gesungen, von Brahms und von Robert Franz. Bei der letzten Abschlußfeier habe ich zwei Lieder von Schumann gesungen, ›Der Nußbaum‹ und ›Aus der Fremde‹. Alle haben gesagt, es sei sehr gut gewesen.«

Sie wartete, ob er etwas sagen würde, und als nichts kam, als er sie nur ansah, mit diesem Lächeln um den Mund und in den Augen, fuhr sie hastig fort: »Ich weiß, daß es verrückt ist. Ich weiß auch, wie teuer das ist. Lili hat es mir erzählt, was eine Gesangstunde kostet oder die Studiengebühr an der Musikhochschule. Aber sie hat reiche Eltern, ihr Vater hat ein großes Geschäft. Für uns kommt das nicht in Frage, das weiß ich selber. Aber ich wünsche es mir so sehr.«

Das war vor zwei Tagen gewesen auf der Insel San Giorgio.

Und heute, vor dem Markusdom, hatte sie bereits gesagt: ich will es.

Und Cesare Barkoscy hatte darauf klargestellt: Wille und Talent seien die beiden Voraussetzungen für diesen Beruf, die sie dann in Arbeit umsetzen müsse.

Wie immer hatte er die Tatsachen mit wenigen Worten klargemacht, das war eine seiner hervorragenden Fähigkeiten, wie Victoria bereits wußte.

Und selbstverständlich hatte Cesare auch zum Thema Musik einiges beizusteuern, was Venedig betraf. Daß Richard Wagner im Palazzo Vendramin gestorben war, hatte Victoria bereits gewußt . Aber nun erfuhr sie auch, welch große Rolle die Oper im Venedig der Vergangenheit gespielt hatte.

»Monteverdi wirkte dreißig Jahre lang in Venedig. Und man kann ihn getrost als Vater der Oper bezeichnen, auch wenn es vor ihm schon Versuche gab, die Musik zu dramatisieren. Aber Monteverdi hat die Oper geschaffen, wie wir sie kennen, die große Arie, das Ensemble, das Zusammenspiel der menschlichen Stimme mit einem Orchester. Er war übrigens hauptamtlich Kapellmeister im Markusdom. Außerdem schuf er ungezählte Opern, von denen leider viele verlorengegangen sind. Sehen Sie, Victoria, das wäre so ein Wunschtraum meines Lebens, solch eine verlorene Partitur aufzufinden.«

»Ach ja? Doch, das ist eine tolle Vorstellung.«

»Nicht wahr? Von so etwas habe ich immer geträumt. Tja, ist mir nie gelungen. ›Orfeo‹ hieß übrigens die Oper, die am Anfang aller Opern stand. 1607 hat Monteverdi sie geschrieben. In ihren Anfängen, eigentlich noch ziemlich lange, wurden Opern nur an Fürstenhöfen aufgeführt, wurden nur vor Aristokraten gespielt. Venedig öffnete die Oper auch dem Volk, die Dogen und die reichen venezianischen Handelsherren waren echte Mäzene. Und offenbar waren die Venezianer allesamt opernverrückt. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts gab es allein in dieser Stadt zehn Opernhäuser. Man stelle sich so etwas vor! Im Laufe der Zeit wurden alle Großen des italienischen Musiktheaters hier aufgeführt und gefeiert — Rossini, Bellini, Verdi, Puccini.«

Am nächsten Tag bereitete Cesare Barkoscy seiner jungen Freundin die größte Überraschung. Victoria, Marleen und Daniel hatten gerade erst gefrühstückt, als ein Page mit einer Note für Victoria klopfte.

Cesare ließ sie bitten, baldmöglichst in der Hotelhalle zu erscheinen, er habe ihr etwas mitzuteilen.

Marleen schüttelte den Kopf.

»Der hat es vielleicht wichtig. Was hat er denn nun schon wieder vor?«

»Keine Ahnung. Ich lauf schnell mal hinunter.«

Victoria, die zum Strand wollte, trug einen von Marleens schicken Strandanzügen, lange weite Hosen, ein tief ausgeschnittenes Oberteil, das Ganze in Zitronengelb.

Cesare wartete in der Halle auf sie, in einen weißen Anzug gekleidet, den Strohhut in der Hand.

»Ein Vorschlag, Victoria. Ich erzählte Ihnen ja gestern von dem Conservatorio Benedetto Marcello, der Musikhochschule Venedigs. Nun, ich habe heute morgen versucht, den professore Giamatto zu erreichen, ein alter Freund von mir aus Wien. Er war eine Zeitlang an der Wiener Oper als Korrepetitor und zweiter Kapellmeister beschäftigt; das ist lange her, noch vor dem Krieg. Jetzt unterrichtet er hier am Conservatorio. Ich habe ihn angerufen, und siehe da, ich habe ihn erreicht. Wie wäre es, wenn wir heute nachmittag zu ihm führen und Sie singen ihm vor?«

»O nein!« rief Victoria voll Entsetzen.

»Warum nicht? Ich finde, es ist eine gute Idee. Außer Ihrem Musiklehrer hat noch kein Mensch Ihre Stimme beurteilt. Warum nicht einen Fachmann fragen?«

»Ich soll… ich soll ihm vorsingen?«

»Das dachte ich.«

»Das kann ich nicht.«

»Warum nicht?« »Ich bin nicht in Übung. Ich habe gar keine Noten hier.«

»Ersteres wird man berücksichtigen, letzteres dürfte kein Hindernis sein, ich bin sicher, daß das Conservatorio die Noten besitzt, die Sie brauchen. Sagen Sie mir, was es sein soll. Ein Schubertlied, ein Schumannlied? Es wird vorhanden sein.«

»Ich würde sterben vor Angst.«

»Das glaube ich kaum. Sie haben gestern gesagt: ich will es. Ich sage heute: wagen Sie wenigstens dies. Es ist ganz unverbindlich, und wir hören einmal, was ein Fachmann zu Ihrer Stimme sagt; noch dazu ein Italiener. Sie können sicher sein, daß er ein strenges Urteil hat, wenn es um Gesang geht. Ich mache jetzt einen kleinen Morgenspaziergang in Richtung Mallomocco, in einer Stunde etwa werde ich zurück sein und dann werden Sie mir Ihren Entschluß mitteilen. Denken Sie über meinen Vorschlag nach.«

Er lächelte, hob grüßend den Strohhut, setzte ihn auf und wandte sich zum Ausgang.

Victoria starrte ihm sprachlos nach.

Aber er hatte den Hotelgarten noch nicht durchschritten, da hatte sie ihn eingeholt.

»Ja«, rief sie atemlos. »Ja, ich tue es. Ich singe ihm vor.«

Sie lächelte ihn strahlend an, selbstgewiß, siegessicher.

»Bravo, bravissimo. Denn Mut, Victoria, gehört auch zu diesem Beruf.«

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Was Marleen die Laune so verdorben hatte, war die Ankunft ihres Freundes Daniel Wolfstein. Oder besser gesagt, ihres Liebhabers Daniel, denn als Freund betrachtete sie ihn nicht, hatte sie noch nie einen Mann betrachtet. Männer waren für Geld, Bett und gesellschaftlichen Rahmen da, nicht einmal an Liebe dachte Marleen, geschweige denn an Freundschaft.

Einen echten Freund hatte sie eigentlich nie besessen, nur das, was man so gemeinhin Freunde nennt, die aber besser gesagt Bekannte waren, Gefährten für die langen Nächte bei Spiel, Tanz und Flirt.

Zu ihrer Familie, also zu ihren Schwestern, unterhielt Marleen ein ziemlich distanziertes Verhältnis; sie sahen sich nicht sehr oft, vertrugen sich aber ganz gut. Marleen beschenkte ihre Schwestern gern, besonders Nina, die fast ihre ganze Garderobe von ihr bezog, aber auch Ninas Kinder bekamen von ihr, was sie brauchten. Denn Marleen besaß nicht nur schlechte Eigenschaften, sie war bei allem Egoismus, mit dem sie ihr Leben lebte, großzügig und freigebig. Auch das Verhältnis zu ihrem Mann war, sachlich betrachtet, nicht das schlechteste. Max Berhauer war sich klar darüber, war es von Anfang an gewesen, warum sie ihn geheiratet hatte. Wäre ihm etwas unklar gewesen, so hätten die rigorosen Worte seines Vaters ihn aufgeklärt.

»ne hübsche Person isse, diese Schickse. Wirste nich denken, daß se blind is, mein Sohn. Wirdse brauchen die Penunze, an der du dranhängst.«

Max hatte sie dennoch geheiratet, und die Ehe war gar nicht einmal schlecht. Zwar betrog ihn Marleen, hatte ihn immer betrogen, und er wußte es, aber es spielte in ihrem Zusammenleben keine große Rolle, er hatte wenig sexuelle Gelüste, er war, wie auch in anderen Dingen, in diesem Punkt bescheiden und hätte nie erwartet, daß seine attraktive Frau mit ihm allein vorlieb nahm. Dazu kam, daß die Leichtfertigkeit, die Frivolität der zwanziger Jahre es als Quantité négligeable ansah, wenn Ehegatten einander betrogen. Max allerdings betrog seine Frau nicht. Trotz allem, was sie tat, bewunderte er sie nach wie vor und lebte sie auf seine stille, zurückhaltende Weise von ganzem Herzen. Das wußte Marleen, und das brachte es mit sich, daß es nie Streit oder Ärger zwischen ihnen gab, ihr Umgangston war höflich, sie konnte manchmal überraschend zärtlich und liebevoll zu ihm sein, was Max immer in Verlegenheit brachte.

Eigentlich, wenn man es genau besah, war ihr Mann der einzige wirkliche Freund, den Marleen besaß, und sie war nicht so dumm, das nicht zu erkennen.

Was nun ihre Liebhaber betraf, so war ihr im vorliegenden Fall das erstemal ein richtiger Mißgriff unterlaufen. Seit ihrer Mädchenzeit bevorzugte sie einen Männertyp: groß, blond, breitschultrig. Jung-Siegfried war ihr Männerideal, so hatte der Tennistrainer ausgesehen, mit dem sie davongelaufen war, so sahen, bis auf wenige Ausnahmen, die Männer aus, die sie sich zu Gespielen wählte. Es waren Sportler, Künstler, fesche Jungens aus den Club- und Amüsierkreisen, in denen sie verkehrte, ehemalige Offiziere, abgerutschter Adel; sie waren Tänzer, Tennisspieler, Reiter, Rennfahrer; sie sahen immer gut aus, sie hatten die besten Manieren. Skandale hatte es nie gegeben um die schöne Marleen Bernauer.

Und dann passierte ihr diese Sache mit Daniel Wolfstein! Er war weder groß und blond und breitschultrig, noch gehörte er den Kreisen an, in denen sie verkehrte. Schlimmer noch, er war ein Angestellter ihres Mannes.

Vor drei Jahren etwa war er in die Firma gekommen; Kohn, der gerissene Kohn, Kompagnon vom alten Bernauer, im Alter zwischen Vater und Sohn stehend, hatte diesen Wolfstein geholt.

Wie so oft bei Juden, waren irgendwelche entfernt verwandtschaftlichen Beziehungen der Grund, sich des jungen Mannes anzunehmen, wobei man natürlich die Qualifikation des Aspiranten sehr genau bedachte.

Wolfstein stammte aus einfachen, aber sehr ordentlichen, orthodox jüdischen Verhältnissen. Die Familie kam aus Riga, noch der Großvater Wolfstein hatte einen florierenden Handel mit Petersburg betrieben. Vater Wolfstein dagegen mußte in dem immer schwieriger werdenden Verhältnis zwischen Balten und Russen vor dem Krieg schwer arbeiten, um die große Familie einigermaßen zu erhalten. Die Zeichen der Zeit allerdings erkannte er sehr deutlich und war darum mit der gesamten Familie, der Gattin, den Eltern, den Schwiegereltern und den sechs Kindern, rechtzeitig, ehe die rote Revolution ausbrach, ins Deutsche Reich übergesiedelt.

Daniel, der heute vierunddreißig war, hatte in Riga eine gute Schule besucht. Nach dem Krieg war er dann von seinem Vater nacheinander bei einer Bank, bei einem Börsenmakler, in einer Textilfirma sowie bei einer Zeitung untergebracht und schließlich zu einem Onkel in New York geschickt worden.

Bei seiner Rückkehr vor drei Jahren wußte ersoziemlichalles, was man vom Geschäftsleben wissen mußte, sprach perfekt amerikanisch, hatte sich auch ein wenig rüde amerikanisch Umgangsformen angeeignet, was seinen Vater verärgerte, und hatte sich außerdem zu einem freidenkenden Juden gemausert, der dem alten Glauben wenig Achtung bezeugte, was seinen Vater grämte.

Sodann hatte er eine Vorliebe für gutes Essen und Trinken entwickelt und für Frauen, für schöne, teure und für ihn kaum erreichbare Frauen. Er war nämlich auf den ersten Blick keine besonders einnehmende Erscheinung, gewann aber im Gespräch durch seine Dynamik und Selbstsicherheit.

Der alte Wolfstein empfahl den weitgereisten, vielseitig gebildeten Sohn an Kohn, und so kam Daniel zu Bernauer und Co., und dort begegnete ihm das Exquisiteste an Frau, was er je gesehen hatte, Marleen Bernauer, die Frau seines Chefs.

Er war durchaus nicht Marleens Typ, untersetzt, kräftig gebaut, dunkelhaarig, dunkle Augen unter schweren Lidern, eine Hakennase, sinnliche Lippen, die Hände ein wenig zu grob; er war voll Intelligenz und Angriffslust, doch stark von seinen Gefühlen und seiner Sexualität abhängig, mit einer fatalen Neigung zur Sentimentalität.

Seit einem halben Jahr etwa war er in der Firma, als Marleen ihn zum erstenmal bei einer der abendlichen Einladungen zu sehen bekam, die Max Bernauer zwei- oder dreimal im Jahr in seiner Grunewaldvilla gab; Geschäftsfreunde, ausländische Partner, befreundete Bankiers, ein wenig Kunst und Sport dazwischen, für letzteres war Marleen zuständig. Sie war wie immer die perfekte Gastgeberin, Essen und Getränke von erster Qualität, sie selbst hinreißend anzuschauen.

Natürlich hatte Daniel von ihr gehört, gesehen hatte er sie nie, in die Büroräume der Firma kam sie nicht. Sie befanden sich noch immer am Jerusalemer Platz, noch von der Zeit her, als der alte Bernauer vor allem mit Konfektion zu tun hatte; damit befaßten sie sich heute kaum mehr, es gab nur noch drei Konfektionsfirmen, die ihnen gehörten, aber von selbständigen Angestellten geführt wurden. Heute ging es vor allem um Aktien, um Import und Export, sie besaßen einen kaum mehr übersehbaren Haus- und Grundbesitz in Groß-Berlin und waren in den letzten Jahren sehr intensiv ins Autogeschäft eingestiegen. Sie besaßen Anteile an deutschen, italienischen und amerikanischen Automobilfirmen, importierten vor allem amerikanische Wagen nach Europa. In diesem letztgenannten Geschäftszweig wurde Daniel Wolfstein hauptsächlich tätig.

Das alles wußte Marleen nicht, es interessierte sie nicht, die nebulose Firma, an der Max beteiligt war, hatte sie nie interessiert und nie hatte Max sie damit gelangweilt.

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Daniel Wolfstein war hingerissen von Marleen. Sie bemerkte wohl, daß seine Blicke ihr den ganzen Abend folgten, das beeindruckte sie nicht, sie war daran gewöhnt. Es waren auch an jenem Abend genügend Männer in ihrem Haus, die sie mit Komplimenten verwöhnten.

Das tat Daniel nicht, das hätte er zunächst nicht gewagt. Auf die Dauer jedoch wagte er mehr. Denn er wünschte sich nichts so sehnlich auf der Welt wie diese Frau, und um zu seinem Ziel zu gelangen, ging er ganz systematisch vor. So tauchte erin dem Reitstall im Grunewald auf, in dem sie ihr Pferd stehen hatte und fragte höflich, ob er sie gelegentlich bei ihren Ausritten begleiten dürfe. Das wollten andere auch, er war nie mit ihr allein. Es gelang ihm, zu ihrem Tennisclub Zutritt zu finden, und er war ein so guter Tennisspieler wie Reiter; Tennis spielen hatte er in Amerika gelernt, reiten konnte er schon seit seiner Kindheit. Marleen dagegen übte beide Sportarten nur lässig und ohne großes Engagement aus, ihr kam es mehr auf ds Amüsement an, das damit verbunden war: die Clubabende, Bälle, Flirt, Tanz, vergnügte Nächte. Allerdings ärgerte es sie, daß dieser kleine Emporkömmling ihr im Sport überlegen war. Bei anderen Männern hatte es sie nicht gestört, in diesem Fall fand sie es impertinent. Ein guter Tänzer war Daniel natürlich auch, er konnte gewandt reden und war bald bei den Damen sehr beliebt. Er fing sofort ein Verhältnis mit einer jungen Schauspielerin an, aber nur, um Marleen zu reizen.

Marleen war zu jener Zeit mit einem Stahlhelmer liiert, dessen militärisches Air sie jedoch bald langweilte. Daniels Hartnäckigkeit siegte, er wurde ihr Geliebter, und sie hätte kaum zu erklären gewußt, wie es geschah — eine lange Nacht, es war viel getrunken worden, und sie war am Ende mit in seine Wohnung gefahren, ein höchst anspruchsvoll eingerichtetes Junggesellenappartement am Hohenzollernplatz.

Denn verheiratet war Daniel Wolfstein nicht, auch ein ständiges Ärgernis für seinen Vater.

So fing das an, und von Anfang an war Marleen nicht sehr wohl bei dieser Verbindung, sie hatte gegen ihre Prinzipien, schlimmer, gegen ihren Geschmack und Stil gehandelt. Zwar war Daniel ein außerordentlich leidenschaftlicher Liebhaber, doch das änderte nichts daran, daß er ein Angestellter ihres Mannes war und daß sie diese Liaison, trotz mancher sexueller Freuden, die sie bot, als unpassend empfand. Nur — sie wurde ihn nicht wieder los. Daniel liebte sie, begehrte sie, hielt an ihr fest und bedrängte sie sogar, sich scheiden zu lassen. Er mußte nicht bei Bernauer und Co. bleiben, erklärte erihr des öfteren, es gebe Möglichkeiten genug für ihn, den Platz zu finden, an dem er soviel Geld verdiente, wie sie brauchte.

Marleen erwiderte seine Gefühle in keiner Weise und suchte seit längerer Zeit einen Ausweg aus dieser Affäre, die ihr zum Hals heraushing. So ernst, so intensiv wollte sie ihre Amouren nicht, das war lästig. Außerdem merkte sie, daß Max davon wußte, er sprach nicht darüber, aber sie spürte es. Wenn er es wußte, wußte Kohn es auch und ebenso der alte Bernauer, der seinen Sohn sowieso schlecht behandelte. Soweit aber war sie solidarisch mit ihrem Mann, lächerlich machen wollte sie ihn nicht, schon gar nicht wegen dieses raufgekommenen Judenjungen, wie sie Daniel im stillen nannte. Die Rolle, die sie in diesem Fall spielte, gefiel ihr nicht. Sie hatte sich immer an gewisse Spielregeln gehalten, diesmal hatte sie die falsche Karte erwischt.

___________

In diesem Jahr war sie viel gereist, um Daniel aus dem Weg zu gehen; im Frühling war sie an der Riviera gewesen, danach in Paris, in Begleitung ihrer Freundin Lotte Gutmann, einer ebenso reichen, verwöhnten Frau wie sie. Eine andere Beziehung zu einem Mann hatte sie nicht begonnen, sie mußte Daniel erst loswerden.

Auch diese Reise nach Venedig mit ihrer Nichte Victoria war eine Art Flucht, und nun tauchte dieser aufdringliche Bursche doch wirklich am Lido auf.

Das ging zu weit, das mußte ein Ende haben. Sie war unfreundlich zu ihm, ungnädig, zeigte deutlich ihren Ärger, er dagegen zeigte seine Liebe, umwarb sie, kniete, bildlich gesprochen, Tag und Nacht zu ihren Füßen.

Wie lästig das war!

Heiraten wollte er sie, das erklärte er ihr auch hier am Lido wieder mit aller Eindringlichkeit.

»Ich denke nicht daran, mich scheiden zu lassen«, sagte sie wütend. »Ich bin sehr zufrieden mit Max.«

»Das glaube ich gern. Mich würdest du nicht so behandeln wie ihn.«

»Es geht dich einen feuchten Kehricht an, wie ich meinen Mann behandle. Immerhin — er ist ein gentleman. Du — du bist ein Prolet.«

Daniel, zermürbt von den vorhergegangenen Debatten, unglücklich über ihre abweisende Haltung, verzweifelt darüber, daß sie nicht mehr mit ihm schlafen wollte, schlug sie daraufhin ins Gesicht.

Das war Marleen noch nie passiert. Sie wollte ihm mit allen zehn Fingern ins Gesicht fahren, beherrschte sich aber im letzten Augenblick. Sie würde sich nicht auf sein Niveau hinabbegeben. Wenn er mit zerkratztem Gesicht hier herumlief, dann hatte sie sich endgültig angepaßt. Dagegen gab ihr seine Mißhandlung endlich den gewünschten Anlaß, ihn loszuwerden. Sie nahm das Telefon und ließ sich die Rezeption geben, sagte, daß sie am nächsten Tag abreisen werde und daß man ihr eine Zugverbindung nach Berlin vermitteln und Plätze reservieren möge.

Total vernichtet hatte Daniel ihrem Gespräch zugehört, jetzt kam er, kniete vor ihr nieder, umfing ihre Hüften mit beiden Armen.

»Verzeih mir! Verzeih mir! Du hast recht, ich bin ein Prolet.«

»Schon gut«, sagte sie mit beleidigender Gleichgültigkeit, »ich wäre dankbar, wenn du mich jetzt von deinem Anblick befreien würdest.«

»Aber ihr könnt doch mit mir fahren. Ich bin ja mit dem Wagen da.«

»Wir fahren nicht mit dir. Und ich wünsche jetzt, allein gelassen zu werden.«

Ihre Stimme war eiskalt, ihr Blick ging über ihn hinweg.

Daniel fing an zu weinen, preßte sein Gesicht in ihren Schoß, sie trat nach ihm, wand sich aus seiner Umklammerung und sagte, ohne die Stimme zu heben: »Hinaus!«

Sie war nicht einmal zornig, sie war geradezu erleichtert, daß sie ihn jetzt hinauswerfen konnte, und das für immer.

Wunderschön anzusehen, perfekt geschminkt, in einem schwarzen, tiefausgeschnittenen Abendkleid saß sie in der Halle, als Victoria und Cesare Barkoscy von Professore Giamatto zurückkehrten.

Victoria hatte rote Wangen, sie war erregt und glücklich.

»Oh, Marleen!« rief sie, neigte sich und küßte Marleen auf die Wange. »Wie schön du bist! Ach, ich bin so glücklich!«

»Na, ihr beiden«, Marleen lächelte und reichte Barkoscy die Hand zum Kuß. »Welches Museum haben Sie heute mit ihr besucht, daß sie davon so glücklich ist?«

Cesare und Victoria tauschten einen Blick, dann rief Victoria stürmisch: »Ich muß es ihr erzählen.«

»Setzt euch«, sagte Marleen. »Und dann erzählst du. Und dann ziehst du dich um. Einen Cocktail zum Abschied?«

»Zum Abschied?« fragte Victoria.

»Wir reisen morgen.«

Victoria begriff sofort. Marleen war verärgert und schlecht gelaunt, seit dieser Wolfstein, den Victoria nie zuvor gesehen hatte, hier aufgetaucht war. Das schien ein Mann zu sein, von dem Marleen nichts oder nichts mehr wissen wollte. Ein Mann, der sich aufdrängte, wie gräßlich! Victoria war ganz und gar auf Marleens Seite. Wenn der nicht ging, dann gingen sie eben, ganz klar.

Auch Barkoscy war der Fall nicht rätselhaft. Wie töricht von diesem Mann! Eine Frau wie Marleen hatte das Recht ja oder nein zu sagen nach ihrem Belieben.

»Und nun erzähle, was du so Beglückendes erlebt hast.«

»Wir waren bei Professor Giamatto.«

»Aha. Und?«

»Ich habe ihm vorgesungen.«

»Was hast du?«

»Gesungen habe ich. Marleen, gesungen. Stell dir vor! Erst ›An die Musik‹ und dann ›Der Tod und das Mädchen‹. Schubert, du weißt ja. Und dann hat er gefragt, ob ich auch etwas aus der Oper kann, und da habe ich den Cherubin gesungen.«

»Würdest du mir das bitte der Reihe nach erzählen. Ich verstehe kein Wort.«

»Du holde Kunst« war noch etwas unsicher, etwas wacklig gekommen.

»Der Tod und das Mädchen«, da hatte sie sich hineingekniet. »Vorüber, ach vorüber, geh’ wilder Knochenmann…«

Marquard hatte das Lied mit ihr einstudiert, sie hatte es immer geliebt. Ihre Stimme klang fest und sicher, und sie brachte alle Intensität in die Musik und in den Text hinein, die sie aufbringen konnte.

Der professore hatte genickt, dann mit Barkoscy in raschem Italienisch gesprochen. Dann die Frage nach der Opernarie.

Natürlich sang sie zu Hause Opernarien, begleitete sich selbst auf dem Klavier, abends, wenn in der Kanzlei keiner mehr war. Manchmal beschwerten sich andere Hausbewohner. Es war alles so schwierig. Auch besaß sie ja keine Klavierauszüge. Aber den Auszug vom Figaro hatte ihr Nina einmal zu Weihnachten geschenkt.

Nachdem sie die beiden Cherubin-Arien gesungen hatte, sagte der professore: »Bene, Signorina. Ich bin kein Gesanglehrer, bin Dirigent. Meine Schülerin können Sie nicht werden. Aber wenn ich würde sein Gesanglehrer, ich würde Sie nehmen.«

Sie sei musikalisch, fügte er hinzu, habe Gefühl für Phrasierung und Darstellung, die Stimme sei unfertig, unausgebildet, aber das Material sei vorhanden.

Er sprach recht gut deutsch, er war liebenswürdig, charmant, er hätte ihr sicher auch nichts Unfreundliches gesagt, wenn ihr Gesang ihm nicht gefallen hätte, doch er hätte sie dann kaum ermutigt. Auch habe er sich, wie ihr Cesare auf der Rückfahrt erzählte, auf italienisch ihm gegenüber sehr positiv geäußert.

Das alles bekam Marleen zu hören.

Es schien sie gar nicht so sehr zu überraschen.

»Ich kenne deine Begeisterung für die Oper und für die Musik«, sagte sie. »Ich habe oft neben dir gesessen. Und ich weiß auch von deiner Singerei in der Schule, davon redest du oft genug. Ob du einen Beruf aus dem Singen machen sollst, kann ich nicht beurteilen. Mir hast du noch nie etwas vorgesungen. Zweifellos ist es ein herrlicher Beruf. Aber kein leichter Weg, nicht wahr?«

Sie blickte Cesare an, der nickte.

»Ein langer und ein schwerer Weg«, sagte er. »Eine Ausbildung von fünf, sechs, sieben Jahren, das kommt auf die Umstände an, den Fleiß, die Gesundheit, vermutlich auch auf die Qualität der Ausbildung. Wenn, das ist meine Meinung, ist die beste Ausbildung die einzig empfehlenswerte.«

»Und das ist teuer«, warf Victoria ein.

»Gewiß. Jedoch geben Akademien und Hochschulen Stipendien, wenn ein Studierender begabt und fleißig ist.«

»Mach dir um das Geld nicht allzuviel Sorgen«, sagte Marleen lächelnd. »Warum sollte sich Max nicht einmal als Mäzen betätigen? Das überlaß nur mir.« Zu Cesare gewandt fügte sie hinzu: »Max ist mein Mann. Er geht zwar sehr selten in die Oper oder ins Konzert, aber ich glaube, es würde ihn freuen, eine so talentierte Nichte zu besitzen.«

Max ging nie in die Oper und ins Konzert, und seine Nichte nahm er kaum zur Kenntnis, aber er würde wohl auch in diesem Fall tun, was Marleen wünschte.

»Mein Gott«, sagte Victoria, »ich kann es gar nicht fassen. Ich meine, daß es wirklich möglich wäre. Bisher habe ich nur davon geträumt. Und jetzt auf einmal… Kann es denn wirklich Wahrheit werden?«

Sie blickte Cesare an und sagte spontan: »Das ist alles nur passiert, weil ich Sie getroffen habe. Das ist richtig Schicksal.«

Es klang kindlich erregt und voll Begeisterung. Cesare lächelte.

»Schicksal ist ein bedeutungsvolles Wort, mein Kind. Zweifellos gibt es etwas in dieser Art, nur scheut man sich ein wenig, gleich das Schicksal zu bemühen, wenn das Ergebnis einiger Unterhaltungen erfreuliche Folgen haben sollte.«

»Doch ist es Schicksal«, beharrte Victoria. Sie kicherte albern. »Schicksalstage am Lido, das klingt wie ein Buch, das Tante Trudel gern lesen würde. Ach, es ist einfach toll.«

»Nun fahren Sie erst einmal nach Hause, denken Sie nach, sprechen Sie mit Ihrer Frau Mama, gehen Sie noch ein wenig in Schule und lassen Sie mich gelegentlich wissen, wie es weitergeht.«

»Ich darf Ihnen schreiben?«

»Es wäre mir eine große Ehre.«

In einem Sessel in der Nähe hatte sich Daniel niedergelassen, im Abendanzug, er sah aus wie ein verprügelter Hund. Sein Blick hing an Marleen, doch sie schien ihn nicht zu sehen.

Sie lächelte Cesare an.

»Es wird langsam Zeit zur Cena. Du ziehst dich jetzt um, Victoria. Mach dich hübsch. Wollen Sie heute mit uns zu Abend essen, Herr Barkoscy? Wenn Sie nun schon so schicksalhaft hier aufgetreten sind, sollten Sie doch nicht sang- und klanglos aus unserem Leben verschwinden.«

»Auch das wäre eine große Ehre, gnädige Frau, und ein unerwartetes Vergnügen dazu. Dann darf ich mich auch für kurze Zeit entfernen, um mich umzukleiden?«

Er erhob sich, sein Blick streifte Daniel, den Marleen so offensichtlich nicht beachtete.

»Ach ja«, sagte Marleen und wies mit einer Handbewegung zu Daniel hinüber, »Herr Wolfstein, ein Bekannter aus Berlin, wird ebenfalls mit uns speisen.«

Sie war ganz Herrin der Situation, sie würde es zu keinem Eklat kommen lassen, Daniel würde mit am Tisch sitzen, selbstverständlich, und das würde das letztemal in diesem Leben sein, daß er neben ihr saß.

Während des Essens fragte Cesare: »Sie reisen doch nicht auch schon ab, Herr Wolfstein? Sie sind ja erst seit wenigen Tagen hier.«

»Ich habe leider wenig Zeit«, erwiderte Daniel und bemühte sich um ein Lächeln.

»Ich würde Ihnen raten, noch zu bleiben«, meinte Marleen, »Sie haben von Venedig kaum etwas gesehen, Daniel. Lassen Sie sich von Herrn Barkoscy erzählen, was es hier alles zusehen gibt.«

Daniel war zutiefst verzweifelt. Sie würde ihm nie verzeihen.

Aber er durfte sie nicht verlieren, er konnte ohne sie nicht leben.

Daß sie ihn nicht liebte, wußte er. Hatte er immer gewußt. Aber eine Frau wie sie wurde geliebt, sie brauchte nicht selbst zu lieben. Er würde den Rest seines Lebens dazu benutzen, ihr zu dienen, sie zu verwöhnen, sie auf Händen zu tragen, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Er würde der reichste Mann der Welt werden, viel reicher als Max Bernauer. Denn er mußte ihr die Welt zu Füßen legen, damit sie bei ihm blieb.

Er stocherte in seinen Fettucine herum und versuchte vergebens, ihren Blick aufzufangen.

Victoria aß die Fettucine bis zum letzten Zipfelchen, ohne zu merken, wie gut sie schmeckten. Sie war so glücklich, so unbeschreiblich glücklich. Und sie konnte es kaum erwarten, das alles Nina zu erzählen. Was sie wohl sagen würde! Ich, deine Tochter, werde es schaffen. Ich habe dir immer gesagt, daß ich was werden will, daß ich reich und berühmt sein will. Ich will es nicht nur für mich, ich will es auch für dich.

Unsinn, das würde sie natürlich nicht sagen. So etwas sprach man nicht aus, man dachte es vielleicht. Zunächst mußte sie nur arbeiten, lernen und arbeiten.

In ihrer Kehle saß noch der Klang vom Nachmittag Voi che sapete che cosa e amor, sie konnte das noch viel, viel besser singen, wunderschön konnte sie das singen, locker, leicht, eine Reike von schimmernden Perlen, sie würde arbeiten, wie noch nie ein Mensch gearbeitet hatte.

Was ihr nicht bewußt wurde: sie hatte in den letzten Tagen nicht ein einziges Mal an ihre große Liebe, an Peter Thiede, gedacht. Sie hatte ihn glatt vergessen.

Das Gespräch am Tisch wurde fast ausschließlich von Marleen und Cesare bestritten. Daniel bemühte sich gelegentlich um eine Frage oder eine Antwort, und wenn man Victoria ansprach, blickte sie auf, wie aus einem Traum erwachend, und fragte:

»Ja?«

Cesare lächelte. In seinen dunklen Augen lag Zärtlichkeit. Er hatte dieses Kind in seinem Leben nicht zum letztenmal gesehen, das wußte er. Seine Rolle in ihrem Leben war bisher kurz und nicht unwichtig gewesen, aber sie war noch nicht zu Ende.

Teil II

1931-36

Wan mochte es betrachten, wie man wollte, auch wenn man nicht gleich das Schicksal bemühte, so begannen in diesem Sommer Entwicklungen, die für jeden in dieser Familie eine Veränderung seines Lebens einleiteten.

Zunächst war Nina betroffen. Als sie am Montag nach ihrer Rückkehr aus Salzburg an ihrem Arbeitsplatz erschien, wurde ihr eröffnet, daß sie einen Monat später keine Arbeit mehr haben würde.

Es war keine besondere Art von Schicksal, das ihr widerfuhr, sie teilte es mit Millionen. Nicht, daß ihr diese Stellung viel bedeutete, sie hatte sie vor einem Jahr nur angenommen, um überhaupt etwas zu verdienen.

An diesem Montag kam sie gegen Mittag heim, feuerte ihre Handtasche in die Ecke und rief wütend: »Oh, verdammt, verdammt, warum habe ich nicht einen vernünftigen Beruf gelernt. Keiner von uns hat was gelernt. Wenn ich denke, mit welch lächerlichem Dünkel unser Vater sich an seinem Beamtentum emporgerankt hat. ›Meine Töchter brauchen nicht zu arbeiten.‹ So ein hirnverbrannter Unsinn!«

Trudel sah und hörte ihr fassungslos zu und rief dann empört: »Wie sprichst du von unserem Vater!«

»Wie ich von ihm spreche? Wie er es verdient. Was war er denn schon groß? Dritte oder vierte Charge in diesem dämlichen Landratsamt. Auch schon was!«

»Er war Kreissekretär im Landratsamt«, sagte Trudel mit Betonung.

»Ich wiederhole: auch schon was! Wie ist es denn bei uns zugegangen? Knapp und knäpper. Mutter hat geschuftet wie ein Ochse, mußte noch pausenlos Kinder kriegen, und dann war sie frühzeitig kaputt und krank. Und du — du warst das allergrößte Schaf, das unbezahlte Dienstmädchen füralle. Und ich…« sie verstummte.

»Sehr richtig, und du? Was hast du denn schon groß getan? Geheiratet.«

»Geheiratet, ja. Und ich hatte meine Gründe dafür, ich wollte weg aus diesem Kleinstadtmief. Weg aus diesem alten kalten, widerlichen Haus.«

»Das Haus unserer Jugend«, sprach Trudel mit Rührung.

»Ach, hör auf mit deiner blödsinnigen Sentimentalität. Haus unserer Jugend, wenn ich sowas höre. Diese alte Bruchbude, dieses gräßliche Monstrum. Von Landrats Gnaden uns zugewiesen, weil sonst kein Mensch darin wohnen wollte.«

»Der schöne Garten? Hast du den vergessen?«

»Nichts habe ich vergessen. Es wird mir schlecht, wenn ich an unsere Kindheit denke.«

»Wir haben eine schöne Kindheit gehabt.«

»Haben wir das? Na, du warst ja wohl immer etwas bekloppt, daran hat sich nichts geändert. Ich habe manchmal eine schöne Kindheit gehabt, nämlich dann, wenn ich auf Wardenburg war. Da bekam ich eine Vorstellung davon, wie das Leben von Menschen aussehen kann.«

»Bis ihm von Wardenburg kein Stuhl und kein Stein mehr gehörte, deinem großartigen Herrn Onkel.«

»Laß Nicolas aus dem Spiel. Du verstehst das alles nicht.«

»Immerhin habe ich verstanden, warum du damals unbedingt nach Breslau wolltest.«

»So? Und warum?«

»Weil er dort war, dein fabelhafter Onkel Nicolas. Das war der Grund. Darum hast du den armen Kurtel geheiratet.«

Nina ließ sich auf einen Stuhl sinken und blickte ihre Schwester erstaunt an.

»Du bist gar nicht so doof, wie ich dachte.«

»Ach, das haben doch alle gewußt. Rosel, die hat das damals als erste gesagt. ›Unser Nindel muß nach Breslau machen‹, hat sie gesagt, ›damit sie bei ihrem Onkel ist. Ihr versteht das nicht, aber ich versteh’ das Kind.‹«

»Das hat sie gesagt?«

Trudel nickte mehrmals. »Rosel war nicht dumm.«

»War sie nicht. Das wußte ich früher schon.«

Rosel war das alte, etwas schiefgewachsene Dienstmädchen, das es lange, viel länger als alle anderen, im Hause Nossek ausgehalten hatte. Sie ließ sich weder von viel Arbeit abschrecken noch vom Hausherrn einschüchtern. Kurz nach Ende des Krieges war sie ganz plötzlich während einer Grippeepidemie gestorben. Danach versorgte Trudel den Haushalt mit Vater und Mutter allein, es war ja sonst keiner mehr da.

»Marleen und Hedwig, die haben es richtig gemacht, die sind rechtzeitig abgehaun. Die hatten wenigstens was von ihrem Leben.«

»Na, ja«, Trudel rümpfte die Nase. »Hedwig vielleicht, die war ja immer die Klügste von uns allen. Aber Lene? Was hat die schon groß getrieben? Möcht’ ich gar nicht wissen, was die getrieben hat.«

»Sie hat ihr Leben gelebt. Und heute ist sie eine reiche Frau.«

Ninas Zorn war verraucht, sie zündete sich eine Zigarette an.

»Haben wir noch einen Korn im Haus?«

»’n Rest ist noch da.«

Trudel ging in die Küche, holte die Schnapsflasche und goß ihnen beiden ein.

»Warum bist du denn so böse? Was ist denn passiert?«

»Ich bin arbeitslos, das ist passiert.«

»Hat er dich rausgeschmissen?«

»Rausgeschmissen? Du hast eine Ausdrucksweise! Mich schmeißt man nicht raus. Er macht den Laden zu.«

»Ziemlich alt ist er ja auch schon. Zieht er zu seiner Tochter?«

»Nein.«

»Der arme Mann, so ganz allein.«

»Ist mir ziemlich egal, was er macht. Denk lieber an uns.

Weißt du eigentlich, wie niedrig so eine Arbeitslosenunterstützung ist?«

»Soviel hast du ja auch nicht verdient.«

»Manchmal kannst du mich wahnsinnig machen.«

Trudel lächelte friedlich.

»Wir kommen schon durch. Ich hab’ eine Menge Kunden. Und wenn der Sommer vorbei ist und es kalt wird, dann brauchen sie alle wieder was.«

»Einen Beruf muß der Mensch haben. Auch eine Frau. Eine Frau erst recht. Frauen kommen sowieso immer zu kurz. Und wenn sie dann nicht mal einen vernünftigen Beruf haben, sind sie ganz verloren.«

»Ich kenn ’ne Menge Leute, die einen vernünftigen Beruf haben und trotzdem arbeitslos sind. Das ist eben heute so. Weil wir den Krieg verloren haben und weil sie uns so viel Geld mit den Reparationen abknöpfen. Das kann ein Volk nicht schaffen.«

»Seit wann interessierst du dich denn dafür?«

»Steht ja jeden Tag in der Zeitung. Die Wallstreetjuden sind schuld, die machen uns total fertig.«

»Die Wallstreetjuden? Wie kommst du denn auf so was?«

»Die Juden überhaupt. Die sind unser Unglück. Sieh doch deinen Schwager an, den Max. Woher hat der denn das ganze Geld? Eigentlich wär’s doch unser Geld.«

»Gertrud«, sagte Nina ernst, »mit wem hast du denn geredet?«

»Herr Langdorn hat mir das alles erklärt. Der weiß Bescheid. Würdest dich wundern, was der alles weiß. Wundern würdest du dich.«

»Ich wundere mich. Ich wundere mich sehr. Da habt ihr also nicht nur über den Garten und die Eisenbahn gesprochen. Ist der denn Kommunist?«

»Kommunist!« rief Trudel voll Empörung. »Kommunist! Ein Mann wie der. Mit dem Eisernen Kreuz. Nee, der ist kein Kommunist. Der ist bei den Nationalsozialisten.«

»So. Bei den Nazis. Sieh mal an! Richtig in dieser Partei?«

»Natürlich. Schon lange. Und er sagt, wenn der Hitler erst an der Regierung ist, dann wird sich hier alles ändern. Aber auch alles.«

Nina nickte. »Das glaube ich auch.« Sie goß sich einen zweiten Korn ein, dann war die Flasche leer. »Bei den Nazis. Schon wieder einer.«

»Wer denn noch?«

»Es gibt langsam eine ganze Menge davon. Dieser komische Freund von Stephan, dieser Benno … wo ist er denn überhaupt, ist er wieder bei dem?«

»Sie wollten ein bißchen mit dem Rad rausfahren.«

»Wird Zeit, daß die Schule wieder anfängt. Dieser Umgang paßt mir nicht.«

»Ich bitte dich, sein Vater ist Lehrer.«

»Und auch einer von den Braunen, nicht? Herrn Fiebigs Sohn ist auch dabei. Ich hab’ den schon ein paarmal in diessem komischen braunen Hemd gesehen. Kürzlich, ehe ich wegfuhr, hatte er eine Schramme im Gesicht, und der Alte sagte, sein Sohn hätte sich mit den Kommunisten gekloppt, in irgend so einem obskuren Lokal, wo sie zusammengetroffen sind. Statt daß sie sich aus dem Weg gehen!«

»Wohnt denn der junge Fiebig wieder bei seinem Vater?«

»Nein, der hat geheiratet, das hab’ ich dir schon erzählt. Bei seinem Vater wohnt der doch nicht. Aber er besucht ihn manchmal.«

Der alte Fiebig, Albert Fiebig, bei dem Nina seit einem Jahr tätig war, von Beruf Maler und Tapezierer, besaß in der Motzstraße, kurz vor dem Nollendorfplatz, eine Werkstatt und einen kleinen Laden, in dem ein paar Rollen altmodischer Tapeten hingen, die keiner haben wollte, in dem man aber auch Farben, Leim, Lacke und Pinsel kaufen konnte.

Der Laden ging schlecht, gelegentlich bekam Fiebig noch Aufträge, aber es gab immer weniger Leute, die es sich leisten konnten, ihre Wohnung tapezieren zu lassen. Fiebig machte es billig, rasch und ordentlich, auch wenn er schon achtundsechzig war und an Rheuma litt. Als Nina bei ihm anfing, beschäftigte er noch einen Gesellen, aber das trug das Geschäft inzwischen nicht mehr, und nun war auch eine Hilfskraft überflüssig geeworden.

»Tut mir leid, Frau Jonkalla, tut mir ehrlich leid. Ich mag Sie gern, das wissen Sie ja«, hatte Herr Fiebig an diesem Vormittag gesagt, »aber ich hör auf. Hat keinen Zweck mehr. Ich verdien’ ja nicht mal mehr die Miete für den Laden, Sie sehen es ja selbst. Ich hätt’s Ihnen schon vorher sagen können, aber ich wollt’ Ihnen den Urlaub nicht vermiesen. Für den Laden interessiert sich wer, der hat Lebensmittel, so was geht immer noch, essen müssen die Leute, auch wenn sie sonst kein Geld haben.«

»Werden Sie ausziehen, Herr Fiebig?«

»Nee, werd’ ich nich. Erstmal behalt ich ein Zimmer hinten. Und die Werkstatt. Kommt mal einer und will was gemalt oder tapeziert haben, mach ich das. Ich krieg‘ ja sowieso nur’n Auftrag, wenn ich ganz billig bin. Wissen Sie ja auch. Und denn darf er ich eben keine Kosten haben. Das verstehn Sie doch.«

»Ja, natürlich versteh ich das.«

»So ’ne hübsche Frau wie Sie und so freundlich und adrett, Sie werden bestimmt wieder was finden: Ich schreibe Ihnen ein großartiges Zeugnis, doch, det mach ick.«

Zu dieser Stellung, die Nina immer für unter ihrer Würde gehalten hatte, war sie durch eine der Fiebig-Töchter gekommen.

Rosmarie Fiebig arbeitete als Friseuse in einem Salon in der Nähe, in dem sich Nina gelegentlich die Haare schneiden ließ. Rosmarie war das, was die Berliner eine flotte Puppe nannten, hübsch, keß, mit vielen Verehrern, von denen sie auch Gebrauch machte, sofern für sie etwas dabei heraussprang. Darüber sprach sie ganz offen.

»Ich schlaf’ doch nich mit so’nem Kerl für nischt und wieder nischt. Ich bin doch nich doof. Wenn einer von mir was will, denn is es mit Liebe allein nich getan. Bei mir nich.«

Sie hatte eine sturmfreie Bude, wie sie es nannte, in einem Hinterhaus am Prager Platz, und dachte nicht im Traum daran, zu ihrem Vater zu ziehen, als der schließlich ganz allein war.

Frau Fiebig war schon vor Jahren gestorben, dann war der Sohn Fiebig ausgezogen, dann Rosmarie. Annelise, die ältere Tochter, im Gegensatz zu Rosmarie ein sehr braves, bieder wirkendes Mädchen, blieb bei ihrem Vater und versorgte Haushalt und Geschäft. Doch dann heiratete sie und bekam auch gleich ein Kind. .

»Schön blöd«, kommentierte Rosmarie. »’n Kind und das in so ’ner Zeit wie heute. Die hat se ja nich alle, sich ’n Kind machen zu lassen. Ich wollt’ ihr’ne Adresse geben, und wissen Sie, was sie gesagt hat? Nee, sagt sie, ich will das Kind. Wie finden Sie denn so was?«

Als das Kind dann da war, hatte Annelise keine Zeit mehr, zu ihrem Vater zu kommen, und so hörte sich das Gespräch beim Haarschneiden eines Tages folgendermaßen an:

»Ich weiß ja nich, wie Sie da drüber denken, Frau Jonkalla, aber Sie suchen doch ’ne Arbeit, nich?«

»Ja, sicher.«

»Also Sie könnten ja bei meinem Vater arbeiten. So’n bißchen im Laden, viel is ja da nich los, aber es muß schließlich einer da sein, wenn er auf Arbeit ist. Und Rechnungen schreiben und so was alles, das hat meine Schwester immer für ihn gemacht. Und ihm auch mal was zum Essen einkaufen.«

Sehr wohl hatte sich Nina bei dieser Arbeit nicht gefühlt. Aber es war besser als gar keine. Sie verdiente nicht viel, doch auch das war besser als gar nichts. Seit Felix das Theater zumachen mußte, hatte sie keine Arbeit mehr gefunden. Was konnte sie denn auch schon groß? Maschineschreiben, ein bißchen Stenographie, das konnten viele, und besser als sie.

Sie hatte den alten Mann ganz gern gemocht, und sie hatte im stillen immer gestaunt, was er leistete, wie flink und ordentlich er arbeitete. Aber nun konnte er nicht mehr, wollte nicht mehr.

»Wie wird er denn allein zurechtkommen?« fragte Trudel mitleidig.

»Seine Kinder werden sich um ihn kümmern müssen. Und er sagt, wenn’s gar nicht mehr geht, zieht er raus in seinen Schrebergarten.«

Mit Alfred, seinem Sohn, hatte Fiebig auch allerhand Kummer gehabt. Tapezierer hatte der nicht werden wollen, der hatte nur eins im Kopf: Autos. Er hatte eine Mechanikerlehre gemacht, dann war er einige Jahre als Privatchauffeur gefahren, und dann ging er nach Süddeutschland zu einer großen Autofabrik. Rennfahrer wollte er werden, das war sein Wunschtraum.

Er war es nicht geworden, lebte seit einiger Zeit wieder in Berlin, hatte kürzlich geheiratet und war ein begeisterter Nationalsozialist.

Von ihm erhielt Nina zu ihrem größten Erstaunen ein Angebot, kaum vierzehn Tage, nachdem der alte Fiebig ihr gekündigt hatte. Bis zum nächsten Ersten solle sie noch bleiben, hatte der Alte gemeint, es sei ja noch einiges zu tun, die Ware müsse soweit wie möglich ausverkauft werden, Rechnungen standen noch offen und mußten angemahnt werden. Also ging Nina nach wie vor jeden Morgen die Viertelstunde zu Fiebigs Geschäft.

Eines Tages tauchte Fred auf, in einer Lederjacke, die dichten blonden Haare ordentlich mit Wasser an den Kopf gekämmt, ein fröhliches Lächeln in dem offenen Jungensgesicht. Er war meist guter Laune, achtete nicht auf das Gebrumm seines Vaters.

Er sagte zu Nina: »Da sehn Sie, daß ich recht hatte, mich nicht weiter mit dem Murks hier zu befassen. Da war mein Vater nun so böse, weil ich das hier nicht machen wollte. Nee, das ist nichts für mich, anderen Leuten die Wände zu beklecksen. Alt und krumm ist er dabei geworden, und was hat er jetzt?«

Sie waren allein im Laden, Nina machte eine Aufstellung der noch vorhandenen Ware, Fred hatte sich auf den Ladentisch gesetzt, rauchte und sah ihr zu. »Zigarette?« fragte er.

Nina nahm die angebotene Zigarette, er gab ihr Feuer und fragte: »Was werden Sie denn nun machen?«

Nina hob die Schultern.

»Was die meisten machen. Stempeln gehn.«

»Wenn Sie da nicht unbedingt scharf drauf sind, wüßt ich vielleicht was für Sie.«

»So. Was denn?«

»Kommen Sie doch zu mir.«

»Zu Ihnen?«

»Ja, Sie sind ’ne nette, freundliche Frau, richtig gebildet, nicht? Büro und so was können Sie, und ich brauch’ da jemand. Meine Frau kann mir nicht helfen, die hat ’ne prima Stellung, und die behält sie auch.«

Seine Frau, das wußte Nina, war Verkäuferin im KaDeWe, und zwar Erste Verkäuferin, wie er immer betonte, bei Damenwäsche.

Sie war hochangesehen, und kündigen würde man ihr bestimmt nicht.

Nina kannte sie. Eine dunkelhaarige, energische kleine Person, recht hübsch, sehr gewandt, mit höflichen Umgangsformen. Die beiden schienen sich gut zu verstehen.

»Ich hätt’ ja nicht geheiratet«, hatte Fred einmal erklärt, »nicht irgendeine. Ich hatte immer ’ne genaue Vorstellung, wie meine sein sollte. So eine rumgewischte Pflasterbiene, wie sie zu Dutzenden rumlaufen, das wäre nichts für mich. Meine Frau ist anständig. Ich geh seit vier Jahren mit ihr, da lernt man ein Mädchen kennen. Und ’n bißchen was auf der hohen Kante hat sie auch, geerbt von ihrem Vater. Das Geld hat sie eisern gespart. da kann man was mit anfangen.«

Soweit war es jetzt, wie Nina erfuhr. Fred Fiebig war ausgebildeter Fahrlehrer und hatte die Absicht, eine Fahrschule aufzumachen, eine Reparaturwerkstatt dazu, und später würde er vielleicht noch eine Tankstelle pachten.

»Denn wissen Sie«, erklärte er begeistert, »dem Auto gehört die Zukunft. Es wird gar nicht mehr lange dauern, da fahren alle Leute mit dem Auto. Lassen Sie nur den Führer erstmal drankommen, dann wird alles anders hier. Dann kann sich jeder Mensch ein Auto leisten. Und inzwischen solln die Leute fahren lernen. Ich kenn’ mich aus. Mit meinem früheren Chef war ich viel unterwegs; in Hamburg und in Köln, und sogar mal in Paris. Was glauben Sie, was das für’n Spaß macht, solche Strecken zu fahren. Das will doch jeder mal erleben. Und der Führer wird Autos bauen. Und wir werden alle genug Geld haben, um ein Auto zu kaufen.«

Nina lachte. »Sie mit Ihrem Führer! Zaubern kann der auch nicht.«

»Nein, aber handeln, das kann er und das wird er. Warten Sie nur ab, das geht schneller, als Sie denken. Was glauben Sie denn, wie lange der Führer sich diese Zustände noch ansieht? Das ist ja die Hölle, in der wir leben. Sehn Sie sich doch diesen Brüning an mit seinen albernen Notverordnungen, was bringt denn das? Die Löhne kürzen, die Preise senken, die Gehälter abbauen — wie soll denn da eine Wirtschaft hochkommen? Sparen, erklärt der uns immerzu, wir müssen sparen. Was soll man denn noch groß sparen, wenn sowieso nichts mehr da ist? Und dazu denn der olle Hindenburg! Ich will ja nichts gegen ihn sagen, im Krieg war er ein großer Mann, aber nun ist er doch schon ziemlich vertrottelt, sonst hätte er den Brüning längst zum Teufel gejagt und unseren Adolf in die Regierung geholt. Aber nächstes Jahr ist es soweit. Dann geht’s aufwärts, dann kommen die Arbeitslosen von den Straßen. Die Klopperei auf den Straßen hört auf. Dann haben ordentliche Menschen wieder ein Recht, zu leben und zu arbeiten. Sie werden sehen.«

Nina schwieg. Was sollte sie dazu sagen? Die lange Rede bewies, daß Fred Fiebig in den Versammlungen seiner Partei gut aufgepaßt hatte, und außerdem war er einer, der bedingungslos glaubte. Einer, der Adolf Hitler glaubte und vertraute. Und er war nicht der einzige, das immerhin wußte Nina, sowenig sie sich auch mit Politik beschäftigte.

»Übrigens, Sie müßten Autofahren lernen.«

»Was soll ich?«

»Fahren lernen. Ist doch klar. Sie können nicht bei mir arbeiten, und denn nichts von Autos verstehen. Das bringe ich Ihnen bei. In Nullkommanichts bringe ich Ihnen das bei. Sie sind doch ’n intelligenter Mensch.«

Am 1. September hörte Nina beim alten Fiebig auf und fing beim jungen Fiebig an. Zwar lag die Arbeitsstelle nicht mehr so bequem in der Nähe, Werkstatt und Fahrschule befanden sich in Steglitz. Nina konnte mittags nicht mehr nach Hause kommen, und auch abends wurde es oft spät, denn die theoretischen Kurse fanden meist am Abend statt, wenn Berufstätige, die es ja immerhin auch noch gab, Zeit dafür hatten.

Im großen und ganzen aber war die neue Stellung angenehm und auch recht unterhaltsam. Fred war sehr nett zu ihr, er behandelte sie mit einer Mischung aus Achtung und Kameradschaft, er respektierte in ihr die Dame, war aber sehr offenherzig und zog sie in allen Dingen des Geschäfts ins Vertrauen.

Erstaunlicherweise ging das Geschäft nicht schlecht, offenbar wollten wirklich viele Leute Autofahren lernen, und der extrem niedrige Preis, den Fred für einen Kurs verlangte, und der erstklassige Unterricht, den er gab, brachten ihm sehr viele Schüler.

Er selber arbeitete unermüdlich von früh bis spät, war mit den Schülern unterwegs, gab den theoretischen Unterricht, und dazwischen oder spät am Abend legte er sich selbst in der Werkstatt unter ein Auto, um daran herumzubasteln. Anfangs beschäftigte er einen Mann in der Werkstatt, später zwei. Alles Parteigenossen, versteht sich, die gern für ihn arbeiteten und wenig Lohn verlangten, erstens weil sie Freunde waren und weitens weil sie froh waren, überhaupt Arbeit zu haben.

Nina lebte gewissermaßen zwischen ganz neuen Kulissen. Um sie herum gab es auf einmal nur Nationalsozialisten, nicht nur Fred selber, alle seine Freunde und Bekannten, seine Frau und die meisten seiner Schüler waren Anhänger des merkwürdigen Mannes mit dem kleinen schwarzen Bärtchen.

Für Nina war er bisher eine Unperson gewesen. So viele Politiker gab es, so viel Geschrei, Reden, Aufmärsche, Streiks, Prügeleien, Verbote, Polizeieinsätze — man war daran gewöhnt und abgestumpft, nahm es kaum zur Kenntnis. Von Politik hatte Nina sowieso keine Ahnung, auch das hatte ihrer Erziehung gefehlt, denn ihr Vater war der Meinung, daß eine Frau von Politik ohnehin nichts verstehe und darum auch nichts mitzureden habe.

Seltsam war es, daß Nina, trotz aller Ressentiments, die sie gegen ihren Vater hatte, sich dennoch an ihm orientierte, wenn es um Politik ging. Beispielsweise, wenn sie zur Wahl ging. Sozialdemokraten zu wählen ging nicht an, die hatte ihr Vater, ein kleiner preußischer Beamter, aus tiefstem Herzen verabscheut. Zentrum kam wohl auch nicht in Frage, denn von den Katholiken hatte er auch nicht viel gehalten. Mit Trudel hatte Nina schon vor Jahren ernsthaft darüber debattiert, was er wohl in dieser Republik gewählt haben würde, worauf Trudel energisch meinte: »Gar nichts. Die Brüder hätten ihm alle nicht gepaßt.«

»Aber Hindenburg doch.«

»Ja, der vielleicht.«

Sie hatten also bei der ersten Reichspräsidentenwahl, nach Eberts Tod, für Hindenburg gestimmt, so wie die meisten Deutschen es taten. Schwieriger war es bei den Landtags- und Reichstagswahlen, sie einigten sich schließlich auf die Deutschnationalen, weil die wohl am ehesten Emil Nosseks Geschmack entsprochen hätten. Also wählten seine Töchter seitdem deutschnational, ohne sich allzuviel darunter vorstellen zu können.

Trudel murrte sowieso jedesmal: »Immer diese alberne Wählerei! Muß ich da wirklich hingehen?«

Zur gleichen Zeit kamen nun die Nossek-Töchter in nähere Berührung mit Nationalsozialisten — Trudel in Neuruppin, Nina an ihrem neuen Arbeitsplatz.

Ehrlicherweise mußte Nina zugeben, daß diese Nazis, von denen man so wilde Sachen in der Zeitung las, eigentlich alles nette und ordentliche Leute waren. In dem Kreis, in dem sie sich bewegte, waren sie zumeist jung, sie waren voll Begeisterung und blickten hoffnungsvoll in die Zukunft. Alles würde gut werden, wenn erst ihr Führer, wie sie den Mann mit dem schwarzen Bärtchen nannten, das Land regieren würde.

»Und ganz demokratisch wird’s zugehen, das werden Sie sehen, Frau Jonkalla. Er kommt legal an die Regierung, da kann ihm keiner was anhaben«, behauptete Fred, und jeder seiner vielen Vorträge, die er Nina hielt, schloß mit den Worten: »Jedenfalls wissen Sie jetzt, was Sie das nächste Mal zu wählen haben. In Ihrem eigenen Interesse. Und im Interesse Ihrer Kinder.«

Wieder dachte Nina an ihren Vater. Ob der diesen Hitler gewählt hätte? Wohl kaum. Ihr Vater war für Ordnung und Recht gewesen, das ganz gewiß, er war für Deutschland, für Preußen, er für Bismarck und — aber schon mit gewissen Einschränkungen — für den Kaiser.

Aber ob ihm Hitler gefallen hätte?

»Klar«, sagte Stephan, »klar ist der Hitler richtig. Benno ist in der Hitlerjugend. Das ist knorke, sagt er, und ich soll da auch mitmachen.«

»Ich möchte nicht, daß du dich auf der Straße herumttreibst«, sagte Nina.

»Es sind ordentliche Jungen«, mischte sich Trudel ein, »sie treiben sich nicht herum wie diese Kommunistenlümmel. Sie treiben Sport und wandern und singen und außerdem lernen sie eine Menge. Wir können nur froh sein, wenn die Jugend wieder besser erzogen wird.«

»Ich wundere mich über dich«, sagte Nina darauf, aber eigentlich wunderte sie sich nicht mehr. Trudels Metamorphose war nur zu offensichtlich. Der erste wirkliche Nationalsozialist der Familie Nossek war Gertrud Nossek.

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Die brave, stille Trudel, die sich nie für Politik interessiert hatte, kaum eine Ahnung gehabt hatte, von wem das Land regiert wurde, in der Zeitung nur den Roman und die Lokalnachrichten gelesen hatte, Trudel mauserte sich im Verlauf eines Jahres zu einer Anhängerin von Adolf Hitler.

Das kam nicht von selbst, das hatte seinen Grund.

Der Grund saß in Neuruppin und hieß Fritz Langdorn.

Dem ersten Besuch in Neuruppin waren andere gefolgt. Sie bekamen ihren Anteil an der Birnen- und Apfelernte, bekamen runde rote Tomaten, erstklassige Kartoffeln, Eier und Butter, immer wieder einmal ein Huhn, zu Martini eine Ente, zu Weihnachten eine Gans, ganz zu schweigen von dem Segen, der auf sie herniederfiel, als das Langdornsche Schwein geschlachtet wurde.

Aber das war alles nichts gegen die Tatsache, daß Gertrud Nossek zum erstenmal in ihrem fünfzigjährigen Leben einen Mann hatte, der sich ernsthaft für sie interessierte, der sie immer wieder einlud, der ihr einige Male eine Karte schrieb, der sie in Berlin besuchte und dort ausführte, um mit ihr bei Meinecke ein Eisbein zu essen, wovon Trudel nach etlichen Bieren und Korn mit verschwiemelten Augen, aber selig nach Hause kam.

»Du glaubst es nicht«, sagte Victoria, »sie hüpft herum wie ein Karnickel im Frühjahr. Mutti, so was gibt’s ja nicht.«

»Offenbar doch. Ich hätte es auch nicht für möglich gehalten.«

»Und pausenlos löchert sie einen mit ihrem dämlichen Hitler. Die weiß doch gar nicht, wovon sie redet.«

»Weißt du es denn?«

»Nee«, gab Victoria zu, »aber Elga sagt, der ist ein Untermensch.«

»Elga oder ihr Bruder?«

»Klar, der auch.«

»Es sind Juden, die können ja gar nichts anderes sagen. Fred sagt, Hitler will alle Juden rausschmeißen. Mein Gott, Marleen darf nie erfahren, was Trudel da treibt. Stell dir vor, Max würde das hören.«

»Ach, sie wissen das schon.«

»Woher denn?«

»Von mir.«

»Aber Victoria!«

»Onkel Max hat neulich gesagt, der Hitler wäre gar nicht schlecht für Deutschland.«

»Na, mir soll’s recht sein. Aber mir gefällt der Hitler trotzdem nicht. Fred hat mich ja neulich mitgeschleppt auf so eine Parteiversammlung. Ich finde das Geschrei abscheulich.«

»Schreien tun sie alle«, sagte Victoria sachlich. »Das gehört zur Politik.«

»Früher nicht. Früher haben sie nicht geschrien.«

»Hat Wilhelm nicht geschrien?«

»Der Kaiser? Bestimmt nicht.«

»Hast du ihn denn mal gehört?«

»Wo sollte ich denn? Er war da, und das genügte.«

So einfach war das früher gewesen. Selbst im Krieg war es einfach gewesen. Jeder hatte gewußt, wie er dran war. Erst nach dem Krieg hatte das alles angefangen, die roten Fahnen, die Revolution, das Geschrei auf den Straßen, auch in Breslau waren sie marschiert.

Ob das nie aufhörte?

»Wenn der Hitler erstmal dran ist, hört es auf«, versprach Trudel. »Der wird für Ordnung sorgen. Gott sei Dank, dann haben wir wieder ein richtiges Vaterland.«

Fräulein Langdorn tat alles, was in ihren Kräften stand, um die Bande zwischen ihrem Bruder und dem Fräulein Nossek enger zu knüpfen. Der Bruder war allein in Neuruppin, einer mußte sich gelegentlich um ihn kümmern, genauer gesagt, eine Frau. Sie hatte schließlich jahrelang die kranke Mutter auf dem Hals gehabt, nun noch jedes Wochenende nach Neuruppin zu fahren, das war ihr einfach zu viel. Sie wollte gern am Sonntag daheim sein in ihrer kleinen, aber liebevoll eingerichteten Wohnung, wollte sich um ihren Wellensittich kümmern, mit ihrer Freundin Kaffee trinken, mal ins Theater gehen und nicht im Neuruppiner Garten Gemüse und Obst ernten, bis sie krumm war, dann noch einkochen und sich um das geschlachtete oder ungeschlachtete Schwein bemühen.

Das alles tat nun Trudel. Mit wachsender Begeisterung, sowohl für Fritz Langdorn als auch für Adolf Hitler. Es kam dahin, daß sie fast jeden Sonnabend gen Neuruppin zog, oft begleitet von Stephan, der auf diese Weise nicht nur seine Kenntnisse über die deutsche Reichsbahn, sondern auch über den zukünftigen Führer des deutschen Volkes vertiefte.

Als er einmal, zurückgekehrt von der Wochenendtour, den Ausspruch tat: »Juda verrecke!«, holte Nina aus und gab ihm eine schallende Ohrfeige.

»Du fährst mir nicht mehr mit nach Neuruppin, daß das klar ist. In meiner Wohnung werden derart haarsträubende Gemeinheiten nicht ausgesprochen. Alles, was du am Leibe trägst, ist von Onkel Max bezahlt. Und der ist Jude. Und ein verdammt anständiger Mensch.«

»Ach, und dafür soll ich wohl auch noch dankbar sein, daß der mir Klamotten schenkt? Das ist doch der beste Beweis, der hat Geld und wir nicht. Und von dem hab’ ich noch gar nichts gekriegt, der sieht uns ja kaum an. Das ist alles von Marleen, die schenkt es uns«, schrie Stephan, Tränen der Wut in den Augen, denn er war selten von seiner Mutter geschlagen worden, und jetzt, mit fünfzehn, war er eigentlich zu groß dafür. Es sah aus, als müsse er noch eine zweite Ohrfeige einstecken, doch Trudel warf sich dazwischen, wütend ebenfalls, gar nicht mehr so still und bescheiden wie sonst.

»Schlag das Kind nicht!« rief sie aufgebracht. »Wenn du noch nicht erkannt hast, was die Stunde geschlagen hat, wird es Zeit, daß du dich mal umsiehst in der Welt. So wie jetzt kann es jedenfalls nicht weitergehen.«

Nina warf Trudel nur einen zornigen Blick zu und wandte sich an ihren Sohn.

»Wenn Marleen uns etwas schenkt, dann kauft sie es mit dem Geld von Onkel Max. So alt bist du ja wohl inzwischen, daß du das kapierst. Denkst du, ich finde es lustig, wenn ich für mich oder für euch Klamotten, wie du es nennst, annehmen muß, bloß damit wir was anzuziehen haben? Seit zehn Jahren bekommen wir Geld und Geschenke von Marleen, beziehungsweise von ihrem Mann. Ihr wart noch ganz klein, da wußte ich nicht, wie ich euch ernähren und anziehen sollte. Euer Vater ist nämlich aus dem Krieg nicht zurückgekehrt, falls du das schon vergessen haben solltest. Und ich bemühe mich, so gut ich kann, ein paar Piepen zu verdienen. Aber vermutlich hätte ich besser daran getan«, jetzt hob sich ihre Stimme, von Wut übermannt, sie schrie, »euch gleich im ersten Badewasser zu ersäufen, da wäre mein Leben leichter gewesen. Die Klamotten für mich hätte ich mir notfalls allein verdienen können. Oder ich hätte einen Mann gefunden, der sie mir bezahlt. Mit zwei schlechterzogenen Kindern am Bein ist das leider unmöglich.«

Volltreffer! Trudel und Stephan starrten sie sprachlos an.

Sie waren nicht daran gewöhnt, daß Nina schrie und genausowenig, daß sie sich so drastisch ausdrückte.

»Na, weißt du«, sagte Trudel nach einer Schweigeminute erschüttert, »du hast Ausdrücke!«

Das war ein gutes Stichwort.

»So? Habe ich das?« Nina blieb bei ihrer Lautstärke. »Ich würde sagen, ich habe mich sehr milde und gepflegt ausgedrückt, gemessen an dem, was Stephan eben sagte. Juda verrecke! Das ist ja wohl das allerletzte. Ich hab das schon gelesen an Hausmauern und in der U-Bahn. Aber ich hätte es nie für möglich gehalten, daß mein Sohn sich auf dieses miese Rattenlochniveau begibt und so was ausspricht. Und das hört er bei deinem großartigen Herrn Langdorn, diesem Nazistrolch. Das letztemal, daß Stephan da draußen war.«

»Herr Langdorn würde niemals so ordinäre Ausdrücke gebrauchen«, sprach Trudel würdevoll. »So was nimmt der nicht in den Mund. Stephan, wo hast du dieses häßliche Wort her?«

»Benno sagt das immer«, knurrte Stephan.

»Hach, auch so ein brauner Weltverbesserer, der Herr Lehrer um die Ecke. Aber nicht imstande, seine Kinder anständig zu erziehen. Übrigens habe ich dir den Umgang mit diesem dämlichen Benno schon lange verboten. Soll ich dich vielleicht einsperren?«

Nina war selten so wütend geworden, und diese Wut hatte ihre Wurzel zweifellos in einer großen Unsicherheit. Von allen Seiten fühlte sie sich auf einmal von diesen Nazis eingekreist, nun stritten sie sich schon zu Hause wegen diesem gräßlichen : Hitler.

Truudel war noch nicht fertig.

»Wenn dir die Nazis so unsympathisch sind, dann möchte ich wissen, warum du dann bei einem arbeitest«, sagte sie spitz.

»Weil ich mir nicht aussuchen kann, wo ich mein Geld verdiene.«

»Sehr charakterfest finde ich das gerade nicht.«

So war das nun mit Trudel: Fritz und Adolf machten eine andere, eine ganz neue Frau aus ihr; ihre Denkweise, ihr Wortschatz, ihr Auftreten hatten sich in erstaunlich kurzer Zeit radikal verändert.

Nina stand dieser Entwicklung ebenso fassungslos wie hilflos gegenüber — ihre große Schwester Gertrud, der Fels in der Brandung gewissermaßen, die Ruhe, Güte und Fürsorge in Person, das war sie gewesen, seit Nina auf der Welt war. Nicht allein für Nina, für alle Nossek-Kinder, für ihre Mutter dazu und zuletzt für Emil Nossek, als er krank und elend geworden war. Alle waren sie von Trudel versorgt, betreut, geliebt, gestreichelt, gefüttert und, sofern es Nina und ihre Geschwister betraf, mehr oder minder aufgezogen worden.

Jetzt kam es Nina vor, als hätte sie eine Fremde vor sich.

Schließlich sprach sie doch mit Marleen darüber, als sich beide in der Vorweihnachtszeit zu einem Stadtbummel trafen, um für die Kinder Geschenke zu besorgen.

Sie saßen Unter den Linden bei Kranzler, tranken Kaffee, und Nina futterte mit ziemlich finsterer Miene ihr Schokoladentörtchen.

»Du siehst so verbiestert aus«, sagte Marleen. »Was hat dir denn die Petersilie verhagelt? Ich habe gute Nachrichten für dich. Endlich konnte ich in Ruhe mit Max über Victoria sprechen. Wenn wir ihr im Monat hundert Mark geben, meinst du, das reicht für die Gesangstunden?«

»Ich habe keine Ahnung, was das kostet. Aber ehe wir über Victoria sprechen, laß uns erst über Trudel sprechen. Die ist übergeschnappt.«

»Ach, du meinst wegen ihrem Heini da in Neuruppin? Victoria hat mir das schon erzählt. Also, ich finde das zum Schreien. Warum regst du dich auf? Laß sie doch. Was hat sie denn schon von ihrem Leben gehabt?«

»Dieser Kerl ist ein Nazi.«

»Ja, ich weiß. Was stört dich denn daran?«

»Na, hör mal, das sagst ausgerechnet du?«

»Du mußt das Geschwätz von diesen Leuten nicht so ernstnehmen. Irgendwelche blödsinnigen Parolen haben sie doch alle. Mit irgendwas müssen sie die Leute auf sich aufmerksam machen. Sicher wird der auch mal für eine Weile Reichskanzler, sagt Max, und er wird genauso schnell verschwinden wie die anderen. Wenn er nämlich merkt, daß das alles nicht so einfach geht, wie er heute herumposaunt. Max findet ihn gar nicht so übel. Das ist wenigstens einer, der noch an Deutschland denkt, sagt er, und besser als der Kommunismus ist der Faschismus auf jeden Fall. Ich hab’ das doch im Sommer in Italien gesehen, die fahren gar nicht so schlecht mit ihrem Duce. Die sind alle begeistert von ihm. Die Leute brauchen das einfach, daß sie sich wieder begeistern können. Daß ihnen nicht immer bloß alles mies gemacht wird.«

»Daß gerade du so was sagst!« wiederholte Nina.

»Gott, ich brauche das nicht. Aber mir geht’s ja gut. Und schließlich bin ich ja auch nicht Volk.«

»Und was der alles von den Juden sagt — hättest du da keine Angst?«

»Ach komm, das ist doch Laberei. Parteigerede. Die werden sich hüten und den Juden was tun. Ohne Juden geht unsere ganze Wirtschaft kaputt. Außerdem bin ich ja keine Jüdin.«

»Nein, du nicht.«

»Und Max auch nicht mehr. Er ist getauft, das weißt du doch. Der geht schon lange in keine Synagoge mehr. Sein Vater auch nicht. Denen passiert schon nichts.«

»Auf alle Fälle ärgert es mich, wenn Trudel so einen Unsinn redet. Und Stephan fängt nun auch schon damit an.«

»Stephan ist ein halbes Kind. Victoria meint, dieser Lokomomotivführer imponiert ihm ganz gewaltig.«

»Ich will nicht, daß er mit nach Neuruppin fährt.«

»Laß ihn doch. Ihm gefällt’s, und du hast am Wochenende deine Ruhe. Vielleicht kriegst du doch mal Besuch oder so. Was eigentlich mit dem Thiede?«

»Nichts weiter. Zur Zeit dreht er einen neuen Film. Ich sehe ihn selten.«

»Naja, ist ja auf die Dauer auch nicht das Richtige. Du solltest wieder heiraten.«

»Wen denn? Zur Hitlerjugend will er auch.«

»Wer? Thiede?«

»Quatsch, Stephan.«

»Ach so«, Marleen lachte erheitert, »na, das brauchst du ja nicht zu erlauben. Aber sonst, dieser Neuruppiner Genosse ist doch für euch ganz nützlich.«

Das stimmte, und das war das allerärgerlichste dabei. Nicht nur, daß Nina bei einem Nazi ihr Geld verdiente und im Grunde nichts Nachteiliges über ihn sagen konnte, sie wurden mehr und mehr von Neuruppin ernährt. Trotz ihrer zwiespältigen Gefühle war Nina auch schon zweimal mit einem von Freds Wagen draußen gewesen und vollbeladen wieder heimgekehrt. Denn Autofahren hatte sie inzwischen gelernt, und zwar schnell und gut, genau wie Fred es prophezeit hatte.

Fritz Langdorn blickte sie aus blauen Augen treuherzig an, lachte fröhlich und kochte Kaffee für sie, später humpelte er hinaus und herein und belud das Auto mit Gemüse, Salat und Obst, und als es auf den Winter zuging, mit Eingemachtem, mit Eiern, Speck, Butter und dem obligaten Huhn. Das Eingemachte war nun schon zum größten Teil von Trudels kundigen Händen zubereitet, also hatten sie sogar ein gewisses Anrecht darauf.

Und auch der kritischste Mensch hätte nichts Übles über Fritz Langdorn sagen können, er sah weder aus wie ein Randalierer noch wie ein Straßenkämpfer und schon gar nicht wie ein Judenfresser, er war ein sympathischer, biederer und fleißiger Bürger von Neuruppin. Er war freundlich, gutmütig, hilfsbereit, warmherzig, das waren die Vokabeln, die einem einfielen, wenn man ihn sah und mit ihm sprach. So einer wie er würde keinem Menschen etwas Böses tun, dessen war Nina gewiß.

Was eigentlich hatte sie gegen die Nazis? Diejenigen, die sie persönlich kannte, waren zumeist nette Leute. Und immer wieder, es war merkwürdig, dachte sie an ihren Vater. Er war sein Leben lang für Recht und Ordnung gewesen, die Juden hatte er nicht besonders geschätzt, aber Hitler hätte er abgelehnt, dessen war sie sicher. Ihr Vater hätte Brüning bevorzugt, das wäre ein Mensch nach seinem Geschmack gewesen, ein preußischer Pflichtmensch, der still seine Arbeit tat, ohne Geschrei und Effekthascherei; ein Mann, der Sparsamkeit verlangte, Bescheidenheit, Fleiß und Arbeit, der das Menschenmögliche versuchte, um das zerstörte, ausgeblutete deutsche Volk am Leben zu erhalten.

Erstmals bezog sie Nicolas in ihre politischen Überlegungen ein. Wen hätte Nicolas gewählt?

Hitler auf keinen Fall. Nicolas von Wardenburg war ein Herr, mit Leuten, die brüllend auf der Straße herumzogen, hätte er nichts gemein haben wollen. Er war von altem Adel, er war Offizier — also auch er deutschnational? Obwohl sie ziemlich sicher war, daß Nicolas auch an Hugenberg keinen großen Gefallen gefunden hätte. Ohne daß es ihr recht bewußt wurde, begann Nina über Politik nachzudenken. Das kam durch die veränderte Umgebung, sie mußte sich, ob sie wollte oder nicht, mit diesen Fragen auseinandersetzen.

Alles in allem ging es ihnen gar nicht so übel, als das Jahr 1932 begann und fortschritt. Esging ihnen viel besser als den meisten Leuten. Es gab über sechs Millionen Arbeitslose; Geschäfte und Firmen gingen täglich pleite; Wohnungen und Läden standen leer, besonders in den guten Vierteln, weil sich kein Mensch mehr die Miete leisten konnte; an den Türen klingelten ständig Bettler und Krüppel; die Selbstmordrate stieg.

In ihrer unmittelbaren Nachbarschaft hatte ein Mann seine Frau und seine drei Kinder und schließlich sich selbst umgebracht.

»Den ha ’ck gekannt«, sagte Herr Kawelke, »’n ganz braver Mann war det. Buchhalter inne große Firma. Erst hamse’n abjebaut, denn entlassen. Seit zwei Jahren ohne Arbeet. Den Jungen konnt’ er nich mehr in die Schule schicken, und det Mädchen fing an, uff der Straße die Männer anzumachen. Un denn noch’n kleenet Kind dazu, war erst vier Jahre alt, det kleene Jör.«

Reichskanzler Brüning regierte weiter mit Notverordnungen und ohne den Reichstag, der weitgehend beschlußunfähig war und meist nur zusammentrat, umsich zu vertagen. Im Volk war Brüning unbeliebt, er wurde beschimpft, denn er versprach ihnen nichts, machte ihnen keine Hoffnungen, verlangte nur immer wieder, daß sie sich einschränken sollten. Nur wenige begriffen, daß dieser Mann mit letzter Verzweiflung darum kämpfte, Deutschland vor seiner eigenen Torheit zu retten. Aber wann war es je möglich, Menschen vor ihrer Dummheit zu bewahren? Nicht den einzelnen, nicht ein Volk.

Im Februar 1932 begann der Wahlkampf für die Reichspräsidentenwahl. Sieben Jahre lang hatte der alte Feldmarschall, der im Volk so populäre Sieger von Tannenberg, das schwere Amt innegehabt. Vierundachtzig Jahre alt war Hindenburg und eigeenlich müde. Sein Ruhestand wäre wohlverdient gewesen. Brüning beschwor ihn, sich wieder zur Wahl zu stellen, denn Hindenburg war der einzige, der dem Volk noch einen gewissen Halt geben konnte.

Um die Wahl zu vermeiden, um die Unruhe, den Streit, den Lärm, den der Wahlkampf mit sich bringen würde, zu umgehen, versuchte Brüning den Reichstag zu einer Gesetzesänderung zu veranlassen, die es erlaubte, die Amtszeit des Reichspräsidenten automatisch um ein Jahr, um zwei Jahre zu verlängern.

Jedoch damit drang er nicht durch, die Wahl war unvermeidlich.

Es gab vier Gegenkandidaten, einer davon war Hitler, ein anderer der Führer der Kommunisten, Thälmann. Zunächst mußte Adolf Hitler zum Deutschen gemacht werden, er war ja noch immer österreichischer Staatsangehöriger und somit nicht wählbar.

Für die Nazis war das eine Kleinigkeit, sie waren schon so stark, ihre Anhänger in einzelnen Ländern des Reiches schon so mächtig, daß mühelos ein Weg gefunden wurde, diese Bagatelle zu erledigen.

Der 13. März war Wahltag, am 26. Februar wurde Hitler durch einen einfachen Trick deutscher Staatsbürger: er wurde in Braunschweig zum Oberregierungsrat ernannt. So simpel ging das. Und nichts konnte für den, der sehen und hören wollte, die Zustände besser charakterisieren als dieser Vorgang. Nur nahmen die meisten Menschen, der Bürger, der kleine Mann, das alles nicht zur Kenntnis. Sie waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, es ging ihnen zu schlecht.

Der erste Wahlgang brachte noch keine Entscheidung, im zweiten Wahlgang, der im April stattfand, wurde Hindenburg wiedergewählt.

Nina war von dem Ergebnis tief befriedigt. Jetzt würde es wohl ein Ende haben mit diesem Nazigeschrei. Sie saß still dabei und empfand eine ehrliche Schadenfreude, als Fred und seine Freunde schimpften und drohten. Ihr mit eurem Hitler, dachte sie, der wird bald abgewirtschaftet haben. So ein blöder Schreier, so ein hergelaufener Niemand, der wird Deutschland niemals regieren.

Gleich nach der Wahl handelte Brüning: eine neue Notverordnung verbot die Verbände der Partei, SA und SS, genauso wie Aufmärsche und Kundgebungen. Ruhe sollte jetzt im Land herrschen.

Es war ein vorübergehender Zustand. Im Juni mußte Brüning zurücktreten, Hindenburg ließ ihn fallen, beeinflußt von vielen Seiten, schlecht beraten von Brünings Gegnern. Tief verletzt, verbittert, verließ Brüning das Amt, das er so integer und mit bester Absicht zwei Jahre lang innegehabt hatte. Atemlos wartete das Volk, wartete die Welt, ob dies nun Hitlers Stunde sein würde.

Franz von Papen hieß der neue Reichskanzler, fast keiner kannte ihn, keiner wußte, wer er war, Offizier, Diplomat, ein schlanker, eleganter Herr mit verbindlichem Lächeln. Wie war der alte Feldmarschall auf den gekommen, fragten sich die Leute.

Der Chef der Reichswehr, General von Schleicher, hatte ihn ausgesucht. Schleicher hatte seit Jahren im Hintergrund die Fäden gezogen, eine graue Eminenz der Republik. Jetzt allerdings trat er aus der Dunkelheit hervor, mußte hervortreten, er wurde Reichswehrminister im Kabinett von Papen.

Und dann wurde es gleich wieder sehr stürmisch, noch im Juni wurde das Uniformverbot, das Versammlungsverbot aufgehoben, marschierten die Braunen und die Roten wieder durch die Straßen, ging alles weiter wie zuvor, es gab Tote und Verwundete, die Unsicherheit war größer denn je, der Reichstag bot ein Bild des Jammers, handlungsfähig war er nicht.

Doch dann geschah etwas Merkwürdiges: die Nationalsozialisten verloren Stimmen, ihre Anhänger wurden weniger. Es zeigte sich bei den regionalen Wahlen, es wurde noch deutlicher bei der Wahl zum neuen Reichstag im November — die fünfte Wahl in diesem Jahr — von 230 Sitzen rutschte die NSDAP auf 196.

Die Gegner der Nazis, und das waren viele, atmeten auf.

Das war der Anfang vom Ende, bald würde es mit diesem Hitler, mit diesem »böhmischen Gefreiten«, wie ihn Hindenburg nannte, mit dieser sogenannten Bewegung, vorbei sein.

Immerhin — zwölf Millionen Wähler hatte Hitler immer noch, und die Nazis blieben nach den Sozialdemokraten die zweitstärkste Partei im Reichstag.

Der neue Reichskanzler hieß Schleicher.

Lange würde er nicht Reichskanzler bleiben, aber das ahnten viele nicht, als das Jahr 1932 sich dem Ende zuneigte.

»Jetzt geht es in den Endspurt«, sagte Fred Fiebig und rieb sich die Hände. »Auf zum letzten Gefecht. Ja, Frau Jonkalla, nur den Mut nicht verlieren, paar Stimmen her oder hin, das kann uns nicht erschüttern. Jetzt kommt bald der eiserne Besen und fegt den ganzen Dreck aus diesem Land hinaus.«

Was sollte Nina dazu sagen? Sie hatte keinen Grund, sich über Fred zu beschweren, sie verdiente mehr, als sie je verdient hatte, die Arbeit war abwechslungsreich und nicht allzu mühsam, alle waren freundlich. Fred, seine Frau, seine Freunde, immer häufiger und immer zahlreicher saßen sie abends in dem Raum hinter der Fahrschule und redeten und redeten. Immer wieder kam einer mit einer Beule oder einer Platzwunde, kam hinkend oder mit blauem Auge, dann lachten sie, schlugen ihm auf die Schulter, gossen ihm einen Korn und ein Bier ein und nannten ihn einen tapferen Kämpfer.

»Hast du’s den roten Brüdern wieder mal gezeigt? Recht so. Die werden bald in den Mauselöchern verschwunden sein.«

Menschen vom gleichen Volk, dachte Nina, Menschen, die eine Sprache sprechen, die gleiche Not leiden, dieselben Sorgen haben. Warum? Warum, warum?

Ganz von selbst fand sie eine Antwort.

Der Krieg war schuld. Solange war er nun schon vorbei, aber die Saat der Gewalt war üppig aufgegangen, sie wucherte und gedieh, das Blut der Schlachtfelder hatte sie ebenso gedüngt wie die Not der vergangenen Jahre, und keinem war es gelungen, sie mit der Wurzel auszureißen. Ganz im Gegenteil, in diesem dunklen, unwegsamen Dschungel hatten sie sich ineinander verkrallt und versuchten, sich zu ersticken.

Nina lernte etwas Wichtiges in dieser Zeit: Sie lernte zu fragen, auch nach Dingen, die sie zuvor nie gekümmert hatten. Sie wurde wach, sie wurde vor allem kritisch.

Darum blieb sie oft so lange bei Fred und seinen Freunden sitzen. Sie mußte das einfach wissen. Sie hätte nach Hause gehen können, aber das Fieber, das die Menschen schüttelte, hatte sie angesteckt, sie mußte hören, sehen, lernen, erfahren, sie wollte wissen, woher es kam, und sie wollte möglichst voraussehen, wohin es ging.

Später, in den Jahren, die folgten, wunderte sie sich oft, wie ahnungslos und dumm sie in jener Zeit gewesen war. Sie hatte nichts begriffen, nichts verstanden. Genauso wenig wie Fred und seine Freunde.

Sie trank viel, sie rauchte viel, genau wie die anderen.

Sogar einen Verehrer hatte sie unter Freds Freunden, einen sehr hartnäckigen noch dazu; ein großer, schwergewichtiger Gewerbelehrer, ein lautes, raumfüllendes Mannsbild, SA-Mann der ersten Stunde, Hitler hatte ihm schon die Hand gedrückt, was ihm in diesem Kreis ein besonderes Ansehen verlieh.

Der versuchte immer wieder, Nina in eine Ecke zu drängen, sie zu küssen, ihr Knie, ihre Brust zu berühren. Einmal, ein einziges Mal, hatte sie sich von ihm nach Hause fahren lassen, das war fürchterlich gewesen, zerzaust, mit verrutschtem Rock und geöffneter Bluse gelang es ihr mit Mühe und Not, aus seinem Auto zu fliehen.

Den wollte Nina nicht. Auch wenn sie sich oft einsam fühlte, war sie zu solchen Kompromissen nicht bereit.

Von Peter Thiede hörte sie nur noch selten. Es hatte keine Trennung, keinen Abschied gegeben, er war nur langsam aus ihrem Leben hinausgeglitten. Zwei Filme hatte er in diesem Jahr gedreht, sein Name war nun bekannt, und im Herbst 1932 erfüllte sich sein großer Traum, er erhielt ein Engagement am Deutschen Theater, an Reinhardts weltbekannter Bühne. Auch wenn Reinhardt selbst dort nur noch sehr selten inszenierte, war der Ruf dieses Hauses so bedeutend wie eh und je.

___________

Von allem, was in diesem Jahr und in dieser Zeit geschah, blieb Victoria weitgehend unberührt. Sie war mit sich selbst beschäftigt. Im Frühjahr beendete sie ohne Abitur die Schule und begann mit ihren Gesangstunden. Sie folgte dem Rat ihres langjährigen Musiklehrers Marquard und ging weder in ein Konservatorium noch auf die Musikhochschule, sondern in das private Gessangstudio der Frau Professor Losch-Lindenberg; sie folgte dorthin Lili Goldmann, einem Mädchen aus der Parallelklasse, das üer eine schöne Altstimme verfügte. Marquard hatte mit beiden Mädchen Sehr ausführlich über die Gründe für seine Empfehlung gesprochen: »Ich habe in den letzten Jahren genau verfolgt, wie die Ausbildung in den verschiedenen Instituten vor sich geht. Ihr wißt ja, daß ich die menschliche Stimme für das herrlichste Instrument halte.«

Das wußten sie, er hatte es ihnen oft gesagt. Er wäre gern Sänger geworden, hatte er ihnen einmal erzählt, hatte sich auch eine Weile ausbilden lassen, aber dann erkannt, daß er, wie er sich ausdrückte, kein neuer Caruso werden würde.

Er spielte mehrere Instrumente perfekt und war ein passionierter Musiklehrer, glücklich darüber, wenn hier und da unter seinen Schülerinnen eine war, bei der sein Enthusiasmus für die Musik ein Echo fand.

In diesem Jahrgang waren es diese beiden, Victoria und Lili.

»Sänger ist so ziemlich der härteste und aufopferungsvollste Beruf, den man sich aussuchen kann. Ihr werdet auf vieles verzichten müssen, und ihr werdet mehr arbeiten müssen, als die meisten anderen Menschen. Und schafft es vielleicht dennoch nicht. Aber wenn ihr es schafft, dann gehört ihr zu den Glückskindern dieser Erde.«

Jetzt gehe es aber darum, sich über die Art der Ausbildung, ihre Dauer, ihre Intensität klar zu werden.

»Der Unterricht in den Instituten ist manchmal sehr unpersönlich, geht zu wenig auf die vorhandene Begabung, auf die individuelle Persönlichkeit des Schülers ein. Die Losch-Lindenberg dagegen gibt einen großartigen Unterricht, sehr intensiv, sehr ehrlich. Sie verlangt viel‘und sie macht keine Kompromisse. Wenn sie merkt, es wird nichts, dann sagt sie das unumwunden. Denn sie ist nicht aufs Geld aus, sie hat von ihrem Mann ein Vermögen geerbt und gibt Gesangstunden aus Freude an der Sache, nicht, um damit Geld zu verdienen. Das ist schon mal viel wert.«

Und dann lächelte ihr Lehrer und fügte hinzu: »Und da ich sie kenne und schätze und manchmal in ihr Studio komme, um zu hören, was sich da tut, werde ich euch nicht ganz aus den Augen verlieren, meine lieben Kinder.«

Lili hatte im vergangenen Winter schon mit den Stunden begonnen und war hell begeistert. Außerdem, so sagte sie offen, sei es doch von großer Wichtigkeit für sie, daß die Stunden bei der Losch-Lindenberg nicht allzu teuer seien, die meisten Gesanglehrer verlangten weitaus mehr.

Zwar hatte Victoria noch im letzten Sommer Herrn Barkoscy erzählt’ Lili sei aus vermögendem Haus, aber so ganz stimmte das inzwischen auch nicht mehr. Lilis Vater besaß ein Juweliergeschäft in der Joachimsthaler Straße — aber wer kaufte heute noch Schmuck?

Lili und Victoria trafen sich öfter bei Elga Jarow, seit vielen Jahren Victorias beste Freundin, die zwar selbst weder künstlerische noch sonstige berufliche Ambitionen hatte, aber lebhaften Anteil an Victorias Plänen nahm.

Die Jarows bewohnten eine große Villa am Rande des Grunewalds, sie waren wohlhabende, besser gesagt, reiche Leute, die von der Not der Zeit nicht berührt wurden. Elgas Vater war Anwalt, ein bekannter Strafverteidiger, und verdiente dementsprechend gut, das große Vermögen jedoch war durch Elgas Mutter in die Familie gekommen. Sidonie Jarow entstammte einer der größten jüdischen Bankiersfamilien, weltweit gesichert war das Vermögen dieses Hauses, und über Geld hatte Sidonie Jarow nie in ihrem Leben nachdenken müssen.

Sidonie war eine zierliche, anmutige Frau, blond und blauäugig, genau wie ihre Tochter Elga, selbst der penibelste Rassenforscher hätte sich schwer getan, in ihr die Jüdin zu erkennen. Abgesehen davon wußte natürlich jedermann, wer sie war. Sidonie war das vollkommen gleichgültig. Ihr war eigentlich alles egal, was auf der Welt vorging, für sie existierte nur etwas, das von Bedeutung war: ihre Pferde. Ihr Vater besaß einen berühmten Rennstall, außerdem eine eigene Vollblutzucht. Sidonie hatte als sehr junges Mädchen Theodor Jarow geheiratet. Er liebte sie und hatte sie partout haben wollen, und ihr war es im Grunde auch egal gewesen, wen sie heiratete. Obwohl sie zwei hübsche Kinder, einen Sohn und eine Tochter, zur Welt brachte, gab sie nur gelegentliche Gastspiele in ihrem großen Haus am Grunewald. Wenn sie nicht auf dem Gestüt war, reiste sie von Rennplatz zu Rennplatz, denn sie mußte dabei sein, wenn eines ihrer Pferde lief, ganz gleich in welcher Stadt Deutschlands, in welchem Land Europas das-Rennen stattfand. Sie mußte aber auch dabei sein, wenn die Stuten fohlten, wenn die Fohlen abgesetzt wurden, wenn die Jährlinge das erstemal auf die Weide gingen, wenn die Zweijährigen ins Training kamen oder ihre ersten Rennen liefen. Sie kannte jedes ihrer Pferde von den Nüstern bis zur Schweifspitze, und es waren immerhin mit den vier Hengsten und den Veteranen an die hundertzwanzig bis hundertfünfzig Stück, je nachdem, wie viele Jungtiere vorhanden waren. Sie liebte jedes ihrer Pferde aus tiefstem Herzensgrunde, und gab es einen Unfall, stürzte eines oder wurde krank oder trug eine Verletzung davon, war sie zutiefst besorgt, und geschah noch Schlimmeres, starb eines der Tiere oder mußte getötet werden, litt sie tage- und wochenlang.

Um ihren Mann und ihre Kinder dagegen kümmerte sie sich wenig, und als der Mann sich schließlich eine Freundin nahm, berührte sie das nicht im mindesten.

Elga und ihr Bruder Johannes hatten jedoch nicht das Gefühl, etwas entbehrt zu haben. Sie waren sorgfältig von ausgesuchtem Personal und Lehrern aufgezogen worden, ihr Vater liebte sie, und wenn sie ihre Mutter gelegentlich sahen, freuten sie sich, spotteten liebevoll über die pferdeverrückte Mama und gingen erleichtert zur Tagesordnung über, wenn Sidonie wieder abgereist war. Für Pferde allerdings interessierten sie sich beide nicht, es war ihnen am liebsten, wenn sie von Pferden nichts sahen und hörten.

Johannes war fünf Jahre älter als seine Schwester, und Victoria kannte ihn so lange wie sie Elga kannte, sie war mit Johannes befreundet wie. mit Elga, aber unmerklich war in den letzten zwei Jahren bei ihm aus dieser Freundschaft so nach und nach Liebe geworden.

Elga merkte es früher als Victoria selbst.

»Du bist in Victoria verliebt«‘ hatte sie ihrem Bruder gegenüber festgestellt, als Victoria im vorigen Sommer vom Lido zurückgekommen war und begeistert von einem gewissen Cesare Barkoscy berichtet hatte, worauf Johannes deutliche Anzeichen von Eifersucht erkennen ließ.

»Könnte sein«, gab Johannes leicht verlegen zur Antwort.

»Das ist prima«, meinte Elga. »Ich liebe sie auch. Du kannst sie später heiraten, dann bleibt alles in der Familie. Das mit der Singerei wird schon nicht so wichtig sein.«

»Ich nehme sie auch, wenn sie singt«, sagte Johannes.

Er war ein liebenswürdiger, junger Mann, mittelgroß, schlank vom Typ her ähnelte er seinem Vater, er hatte braune Augen und lockiges braunes Haar, er war überaus höflich und rücksichtsvoll‘ leicht verletzbar, nicht frei von Komplexen.

Er studierte Architektur.

War er auch in all den vergangenen Jahren für Victoria nichts anderes gewesen als Elgas Bruder, so fand sie sich mühelos mit der neuen Situation ab. Es war sehr angenehm, geliebt und verehrt zu werden. Daß sie immernoch in Thiede verliebt war, behielt sie für sich —- sie ging in jeden seiner Filme, himmelte ihn aus der Ferne an, aber mit Maßen, denn sie war ein realistisch denkendes Mädchen. Im übrigen ließ sie sich von Johannes verwöhnen, segelte mit seiner Jolle auf der Havel, fuhr mit seinem Auto durch die Gegend und ging mit ihm und Elga ins Theater oder ins Konzert.

Vom Elend und von der Not der Zeit merkte Victoria Jonkalla relativ wenig. Zu Hause ging es nicht mehr so knapp zu wie früher, daß sie singen würde, war inzwischen eine rundherum anerkannte Tatsache, ihre Mutter und Marleen, beziehungsweise Onkel Max würden es gemeinsam finanzieren. Durch den engen Umgang mit Elga und Johannes bewegte sich Victoria in verhältnismäßig großzügigem Rahmen, sie besuchte gute Restaurants und saß in der Oper nicht mehr im vierten Rang. Hitler, die Kommunisten, Streiks, Saalschlachten, Straßenkämpfe?

Das ging Victoria Jonkalla nichts an. Sie war wirklich ein Glückskind in dieser Zeit.

Johannes holte sie ab, als sie zu ihrer ersten Gesangstunde ging, und fuhr sie in seinem beigefarbenen Roadster nach Halensee, wo sich das Gesangstudio der Frau Professor Losch-Lindenberg befand.

Er legte den Arm um ihre Schulter, als sie ausgestiegen war.

»Toi-td-toi«, sagte er. »Ich wünsche dir, daß du eine neue Melba wirst.«

Victoria lachte. »Ausgerechnet! Dann mußt du immer Pfirsiche mit Eis essen.«

Er neigte sich zu ihr und küßte sie auf den Mund.

»Das wäre das wenigste, Was ich für dich tun würde. Verlange etwas Schwerere.u«

»Halt mir den Daumen!« .

»Das ist auch nicht schwierig. Soll ich dir nicht lieber ein Opernhaus bauen?«

»Später.«

Sie gab ihm auch einen Kuß, schlenkerte ihre Mappe und ging unbeschwert, voll Zuversicht zu ihren ersten Übungen. Atemübungen würden es sein, das wußte sie von Lili.

___________

Ende Mai kam Cesare Barkoscy nach Berlin.;

Victoria hatte schon lange auf diesen Besuch gewartet, sich darauf gefreut. Seit dem vergangenen Sommer stand sie mit ihm im Briefwechsel. Sie schrieb ihm ab und zu, berichtete, was in ihrem Leben geschah, und so hatte sie ihm auch mitgeteilt, daß sie nun mit den Gesangstunden angefangen hätte.

Cesare schrieb zurück, das sei doch nun wirklich ein Grund, sie wiederzusehen, er fühle sich als eine Art Patenonkel, was das Singen angehe, und er habe vor, falls ihr das nicht allzu lästig sei, an diesem Teil ihrer Entwicklung ein wenig Anteil zu nehmen.

Berlin präsentierte sich einigermaßen manierlich, als er kam; es war noch die Zeit des Uniform- und Aufmarschverbotes, die Zeit nach der Reichspräsidentenwahl und vor Brünings Rücktritt.

Es ging relativ friedlich zu.

»Er wird im Adlon wohnen«, verkündete Victoria stolz, und Nina meinte darauf: »Das war zu erwarten.«

Sie und Victoria wurden zum Abendessen eingeladen, eben ins Adlon, und Nina hatte direkt ein wenig Lampenfieber, diesen sagenhaften Italiener nun endlich kennenzulernen.

Aber es ging ganz leicht; vom ersten Momant an, genau wie seinerzeit ihre Tochter, faßte Nina Zutrauen zu diesem Mann.

Er kam ihnen zwischen den hohen Marmorsäulen der Halle entgegen’ küßte Nina die Hand, sein Blick war aufmerksam, dann lächelte er.

»Ich habe es mir gedacht, daß meine kleine Freundin eine hübsche und charmante Mama hat«, sagte er, als sie beim Cocktail auf den roten Ledersesseln in der Bar saßen.

Nina trug eins von Marleens hübschen Kleidern und war beim Friseur gewesen. Der ganz kurze Bubikopf war aus der Mode, sie trug ihr Haar jetzt wieder etwas länger, Rosmarie hatte es in weiche Wellen gelegt und nach hinten frisiert, Wangenlinie und Stirn blieben frei. Das Kleid war taubenblau, schräg geschnitten, ihre Figur war so mädchenhaft schlank wie die ihrer Tochter. Um den Hals trug sie eine Perlenkette, die Marleen ihr geschenkt hatte.

»Perlen passen nicht zu mir«, hatte Marleen gesagt. »Ich brauche Steine und was zum Glitzern.«

Cesare entdeckte manche Ähnlichkeit zwischen Mutter und Tochter, doch auch manchen Unterschied.

»Die Augen sind verschieden«, sagte er. »Aber die Haarfarbe ist die gleiche. Honigfarben. Venedigs Sonne zauberte wunderbare Lichter in das Haar Ihrer Tochter, gnädige Frau. Ich habe mich außerordentlich daran entzückt.«

»Das haben Sie mir nie gesagt«, meinte Victoria erstaunt und geschmeichelt.

»Nun, man muß nicht alles aussprechen, was man beobachtet. Ich tue es jetzt, und es ist für Sie und für mich auf diese Weise eine Erinnerung an Venedig. Ich stelle mir die Haarfarbe, die man der Venezianerin von einst nachsagte, so ähnlich vor. Es heißt, sie hätten sich auf die Dächer und Balkone gesetzt, das Gesicht durch einen breiten Hutrand vor der Sonne geschützt, denn die Haut mußte natürlich weiß bleiben, aber der Deckel des Hutes wurde entfernt, das Haar ausgebreitet, so daß die Sonne ihm den gewünschten Goldton verleihen konnte.«

»Ich bekomme Kopfschmerzen, wenn ich nur daran denke«, sagte Nina lächelnd.

»Venedigs Sonne wird in meinem Haar ein Gold bereiten: aller Alchemie erlauchten Ausgang«, zitierte Cesare.

Nina hob fragend die Brauen.

»Was ist das?«

»Rilke. Es gibt ein Gedicht von ihm, das so beginnt. Leider kann ich es nicht mehr auswendig, nur die erste Zeile fiel mir soeben ein.«

»Sie lieben Rilke? Ich auch. Überhaupt Gedichte«, Nina wurde lebhaft, das Gespräch mit diesem seltsamen Mann ging ihr so leicht von den Lippen wie zuvor schon ihrer Tochter. »In der Schule tat ich nichts lieber als Gedichte aufsagen. Je länger, je lieber. Ich kannte so viele auswendig. Inzwischen habe ich sie leider vergessen.«

»Das ist schade. Aber gerade im Moment habe ich mir vorgenommen, wieder häufiger Gedichte zu lesen.«

Er hätte hinzufügen mögen: der Blick in Ihr Gesicht, Nina, regt mich dazu an.

Aber wie immer sprach er nicht alles aus, was er dachte.

»Ach, Rilke«, sagte Nina. »Ich schwärmte so für den ›Cornet‹. Sicher ist das nicht sehr originell, das taten damals wohl viele junge Mädchen. ›Reiten — reiten —-‹. Einmal wäre ich beinahe gestorben, den ›Cornet‹ in der Hand.«

»Gestorben?« fragte Victoria. »Wieso denn das?«

Nina trank einen Schluck Wein. Das Essen war vorüber, es war ausgezeichnet gewesen, sie warteten auf das Dessert.

»Ungefähr eine halbe Stunde von unserem Haus entfernt gab es eine kleine Erhebung. Sonst war die Gegend ja ganz eben, dort bei uns in Niederschlesien. Ich bin nämlich keine geborene Berlinerin«, fügte sie hinzu, an Cesare gewandt.

»Das war mir bereits bekannt. Eine Berlinerin aus Breslau.«

»Nicht einmal das. Ich komme aus einer kleinen Stadt an der unteren Oder. Und wie gesagt, da gab es diesen Hügel. Wir nannten ihn den Buchenhügel, weil er mit Buchen bewachsen war, die aber sehr weit auseinander standen. Das gab so ein lichtes helles Grün im Sommer.«

Cesare nickte. »Ich kann es mir vorstellen.«

»Wirklich? Es ist eigentlich eine sehr deutsche Landschaft.«

»Sie vergessen, gnädige Frau, daß ich Österreicher bin. Auch wir haben Buchen.«

»Ach ja, stimmt. Ich bilde mir immer ein, Sie seien Italiener.«

»Nur meine Mutter war Italienerin. Und was geschah auf jenen Buchenhügel mit dem ›Cornet‹ und mit Ihnen?«

»Ich war an einem warmen Sommertag dort hinaufgegangen, allein, nur mit dem ›Cornet‹ in der Hand, ich war sehr melancholisch, eigentlich schon traurig, eine unglückliche Liebe machte mir das Herz schwer.«

»Eine unglückliche Liebe?« fragte Victoria neugierig. »Oh, Mutti, wer war es denn? Und wie alt warst du?«

Nina beantwortete nur die letzte Frage.

»Ich war sechzehn. Man kann sehr leiden in diesem Alter.«

Cesare blickte in das schmale Gesicht, in die großen graugrünen Augen.

Du bist auch heute nicht glücklich, dachte er. Du siehst aus, als seist du selten in deinem Leben glücklich gewesen. Dabei siehst du genau so aus, als seist du zur Liebe geboren. Deine Augen sind anders als Victorias Augen. In deinen Augen ist Traum, ist Sehnsucht, aber auch Resignation. Victorias Augen sind heiter, voll Zuversicht, ein wenig Härte ist vielleicht sogar darin. Deine Augen sind jünger als ihre Augen.

»Ich saß da, las im ›Cornet‹, träumte vor mich hin, ja, ich glaube, geweint habe ich auch ein bißchen«, erzählte Nina weiter, sie tat es ohne Ironie, die Wehmut, die sie gefühlt hatte, damals, an jenem Tag, schwang in ihren Worten mit.

Ihr selbst kam es vor, mochte auch noch so viel Zeit vergangen sein, als sei es gar nicht lange her. »Am liebsten wollte ich sterben. Ich merkte gar nicht, daß ein Gewitter aufzog, ich saß am Ostrand des Hügels, blickte auf die Oder hinunter, und das Gewitter kam von Westen. Es kam sehr schnell, und es war sehr heftig. Ich konnte nicht mehr nach Hause laufen, und ich weiß noch, daß ich dachte: es macht ja nichts, wenn ich sterbe. Wenn mein Leben etwas wert ist, dann wird mir nichts geschehen. Dann brach ein großer Ast von einem Baum und traf mich am Kopf.«

»Mutti, das hast du mir nie erzählt.«

»Nein. Es fiel mir gerade eben ein. Ich weiß auch nicht, warum. Ach ja, Rilke, das war das Stichwort.«

»Und dann?«

»Ich lag da ziemlich lange, bewußtlos. Kurt Jonkalla fand mich schließlich.«

»Mein Vater«, sagte Victoria befriedigt.

Nina lächelte. Sie sah ihre Tochter an. Dann nickte sie.

»War er die unglückliche Liebe?«

»Nein, er nicht. Wir waren damals nicht als Jugendfreunde. Vielleicht liebte er mich schon, ich weiß es nicht.«

Meine unglückliche Liebe war dein Vater, dachte Nina, dein wirklicher Vater. Mein Onkel Nicolas. Er war nicht mehr da, ich dachte Tag und Nacht an ihn und sehnte mich nach ihm. Wardenburg war verloren und Nicolas fort.

Sie hatte das Gefühl, wenn sie jetzt mit Victoria allein wäre, wenn nicht der fremde Mann am Tisch säße, dann hätte sie ihrer Tochter die Wahrheit sagen können.

Ob sie einmal Victoria sagen würde, wer ihr Vater war?

Später, viel später erst würde sie es Victoria sagen können.

Sie war zu jung. Sie mußte selbst geliebt haben, um zu verstehen.

»Ein junger Mann fand Sie also«, brachte Cesare ihre Erzählung wieder in Fluß, »ein junger Mann, der Ihnen zugetan war. Ein Jugendfreund.«

»Er brachte mich nach Hause. Und er mußte mich tragen. Ich war bewußtlos und naß bis auf die Haut. Kurtel war klein und nicht sehr kräftig, es muß ihn sehr ängestrengt haben. Dann mußte ich lange im Bett liegen, ich hatte eine Gehirnerschütterung und eine Platzwunde am Kopf, die genäht werden mußte. Ich könnte euch die Narbe zeigen.«

»Warum hast du mir das nie erzählt, Mutti?«

»Ich habe dir vieles nicht erzählt. Es ist Vergangenheit. Und man soll doch in der Gegenwart leben, nicht wahr?«

Cesare konnte seinen Blick kaum von ihrem Gesicht lösen. Diese weiche Linie der Wange, der sanfte Bogen der Lippen und dann diese Augen.

Ein Gesicht zum Träumen, dachte er, und ahnte nicht, wie habe er dem kam, was Nicolas einst zu der jungen Nina gesagt hatte: Du hast em Traumgesicht.

Das wäre auch eine Geschichte, die Nina ihnen erzählen könnte.

Der erste Ball ihres Lebens, das weise Ballkleid mit den rosa Röschen um den Ausschnitt, und Nicolas, der hinter ihr stand, die Hände auf ihren Armen, ihre Blicke, die sich im Spiegel begegneten.

Du hast ein Traumgesicht.

»Als ich im Bett lag«, erzählte Nina weiter, »mußte ich immer darüber nachdenken, wie mein Orakel nun ausgegangen war. Wenn mein Leben etwas wert ist, wird mir nichts passieren. Mir war etwas passiert. Aber ich lebte. Wie also lautete die Antwort?«

Sie blickte über den Tisch hinweg in Cesares Augen.

»Zu welcher Antwort kamen Sie?« fragte er.

»Eigentlich zu keiner. Heute kenne ich sie. Mein Leben war nichts wert, und ein Blitz oder auch der Ast hätten mich ruhig erschlagen können.«

»Aber Mutti!« sagte Victoria betroffen.

Cesare hielt ihren Blick fest. »Ich fürchte, gnädige Frau, Sie sind auf dem besten Weg, wieder so melancholisch zu werden wie seinerzeit mit dem ›Cornet‹ unter dem Arm. Ich schlage vor, wir löffeln unser Dessert zu Ende und setzen uns zu einer Flasche Champagner in die Bar.«

»Das wird mir guttun«, sagte Nina höflich.

Aber sie dachte: was auf Erden könnte mich melancholischer machen als Champagner. Nicolas trank Champagner, wo er ging und stand, und bei jedem Schluck werde ich an ihn denken. Aber das werde ich euch nicht erzählen. Ich verstehe überhaupt nicht, warum ich diese Geschichte erzählt habe.

Aber das würde sie noch lernen, daß man Cesare gegenüber ganz von selbst mitteilsam wurde. Diese Erfahrung hatte Victoria bereits vor einem Jahr gemacht.

Cesare blieb nur fünf Tage in Berlin, er sah Victoria noch dreimal, Nina nur noch einmal, als sie zu dritt in die Oper Unter den Linden gingen.

Leider habe er diesmal nicht mehr Zeit, sagte er, aber er werde bald wieder einmal kommen.

Gemeinsam mit ihrer Tochter überlegte Nina, ob man einmal in die Motzstraße einladen solle.

Aber Victoria entschied noch vor Nina: »Lieber nicht.«

Nina verstand sie. Sie lebten verhältnismäßig kleinbürgerlich in der Motzstraße, das Excelsior am Lido, das Adlon in Berlin, die Oper, das war jeweils ein Rahmen, der ihnen besser zu Gesicht stand, und Cesare Barkoscy ebenfalls.

Cesare sprach den Wunsch aus, Victoria singen zu hören; ob sie schon etwas gelernt hätte, das würde ihn interessieren.

»Es gibt noch nicht viel zu hören«, sagte Victoria. »Bis jetzt habe ich hauptsächlich atmen gelernt. Das ist die Voraussetzung für anständiges Singen, sagt Marietta. Marietta Losch-Lindenberg, so heißt meine Lehrerin.«

»Nennen Sie sie Marietta?«

»O nein. Kein Gedanke. Wir sagen Frau Professor zu ihr. Aber unter uns, da nennen wir sie eben Marietta. Das klingt schon so richtig musikalisch, nicht?«

»Wie viele Schüler sind es denn?«

»Zur Zeit sind wir neunzehn. Fünf Männer und alles andere Mädchen.« Sie seufzte. »Es lernen viel mehr Mädchen singen als Männer. Dabei gibt es viel mehr Männerrollen auf der Bühne als Frauenrollen. Sie behält auf die Dauer nicht jeden. Jeder hat ein Jahr lang die Chance zu zeigen, was er kann und ob er ordentlich arbeitet. Dann schmeißt sie ihn raus, wenn es nicht klappt. Das sagt sie jedem gleich zu Anfang. Ich bin das Baby, wie Marietta mich nennt. Weil ich zuletzt angefangen habe. Dabei bin ich nicht einmal die Jüngste. Wir haben eine, die ist erst siebzehn.«

»Das sind Sie doch auch, wenn ich mich recht erinnere.«

»Nicht mehr lange. Ich bin fast achtzehn. Ulrike ist erst im April siebzehn geworden.«

»Ach ja«, Cesare nickte mit ernster Miene. »Das ist natürlich ein gewaltiger Unterschied.«

»Aber mit meinem Zwerchfell ist Marietta schon sehr zufrieden: Hier, fühlen Sie mal.«

Sie stand auf, nahm seine Hand und legte sie ungeniert auf ihren Leib, atmete ein und stützte das Zwerchfell ab. Das ereignete sich bei einem Mittagessen in einem Lokal draußen an der Havel. Cesare war leicht betroffen, aber Victoria war mittlerweile so daran gewöhnt, daß man einander die Hand auf das Zwerchfell legte, daß sie nichts dabei finden konnte. Sie war sehr stolz auf ihr erfolgreiches Zwerchfell.

Sie setzte sich wieder und fuhr fort: »Das ist die Säule, auf der die Stimme ruht. Wenn das Zwerchfell nichts taugt, nützt die schönste Stimme nichts.«

»Einleuchtend«, sagte Cesare und dachte: Schade um deine schlanke Taille, die wirst du auf diese Weise nicht lange behalten. Aber das ist wohl der Preis des Ruhms. Falls es je einer werden sollte.

»Ich singe nur Excercisen und Scalen. Und Sprechübungen muß ich machen, um die Stimme nach vorn zu bringen. Richtig singen darf ich erst viel später. Am Anfang ein paar leichte Lieder. Und dann Bach. Immer wieder Bach: Der ist ganz wichtig, sagt Marietta.«

Victoria brachte Cesare an den Zug, er fuhr nach Paris, Schlafwagen, erster Klasse.

»So eine Reise möchte ich auch einmal machen«, sagte Victoria sehnsüchtig.

»Später, mein Kind, jetzt kümmern Sie sich erstmal schön um Ihr Zwerchfell. Addio, Baby.«

Victoria zog eine Schnute, er küßte sie auf die Wange.

Im Herbst, das könne sein, käme er noch einmal für ein paar Tage. Und ganz bestimmt im nächsten Frühjahr zu einem langen Besuch.

»Der is ’ne Wolke, nicht?« sagte Victoria zu Nina, als sie nach Hause kam.

»Er ist ein eigentümlicher Mensch«, meinte Nina. »Es ist schwierig, sich ein Urteil zu bilden. Da ist irgendetwas, das einen bezaubert. Was macht er eigentlich?«

»Keine Ahnung. Geschäfte, wie das immer heißt.«

»Geschäfte — was heißt das wirklich? Wir leben so abseits, wir wissen gar nicht, wo die Leute, die Geld haben, das Geld herhaben. Es muß eine ganz bestimmte Begabung sein.«

»Ich stell mir das so vor wie mit dem Singen«, sagte Victoria leichtherzig. »Einer hat die Begabung für die Musik und der andere für Geld.«

»Ja«, sagte Nina langsam, »so wird es wohl sein. Und es gibt eine Menge Menschen, die haben überhaupt keine Begabung. Ich möchte wissen, wozu die überhaupt leben.«

Aber wie immer man die Welt auch betrachtete — Begabung, Geld, Hitler, Brüning, Gesangstunden und ein prachtvolles Zwerchfell — das größte Ereignis in diesem Jahr war die Hochzeit von Trudel Nossek.

Als Nina erfuhr, was in Neuruppin bevorstand, es war an einem Tag im August, ziemlich genau ein Jahr nach Trudels erstem Besuch in Fontanes Geburtsort, schnappte sie nach Luft.

»Warum nicht?« fragte Trudel kühl und stellte den Korb mit den ersten frühen Pflaumen auf den Tisch. »Die ewige Hin- und Herfahrerei habe ich satt. Und Fritz möchte mich immer bei sich haben.«

»Du willst uns wirklich verlassen?«

»So dringend braucht ihr mich doch nicht mehr. Victoria ist so gut wie erwachsen, und das Jungele — na, der wird uns oft besuchen. Er kann in allen Ferien bei uns sein. Wir werden immer ein Zimmer für ihn bereithaben. Fritz hat Stephan sehr gern.«

Wir, uns, das sagte sie mit größter Selbstverständlichkeit, und dieser Plural bezog sich nicht mehr auf Nina und ihre Kinder, er bezog sich auf den braunen Lokomotivführer.

Am nächsten Tag kreuzte Nina bei Marleen am Kleinen Wannsee auf.

Marleen saß auf der Terrasse, sie trug kurze weiße Shorts, es war sehr warm an diesem Tag, die Beine baumelten über der Sessellehne, und sie lachte sich halbtot, als Nina ihr die Neuigkeit verkündet hatte.

»Die Welt ist voller Wunder. Trudel als Braut. Es ist zu schön, um wahr zu sein.«

»Ich finde es nicht zum Lachen.«

»Warum nicht? Glaubst du, sie hat schon mal mit einem Mann geschlafen?«

»Bestimmt nicht. Mit wem denn?«

»Nun, dann stell’ dir das vor! Das junge Paar im ersten Liebesrausch. O nein, ich kann nicht mehr. Was willst du, Tee oder lieber was Kaultes?«

»Was Kaltes. Und ich finde dich reichlich albern.«

Marleen, noch immer lachend, klingelte nach dem Mädchen.

»Ich muß ihn unbedingt kennenlernen, diesen Casanova. Einer, dem es gelingt, Trudel von ihrer Jungfräulichkeit zu erlösen, ist bestimmt sehenswert. Wenn das kein Romanstoff ist — sie liest doch so gern Romane. Wie alt ist sie eigentlich?«

»Einundfünfzig.«

»Da wird es aber wirklich Zeit. Sie kriegt von mir ein fabelhaftes Hochzeitsgeschenk. Was meinst du? Ein Doppelbett?«

»Hör doch auf, dich lustig zu machen. Ich find’s nicht lustig.«

»Aber ich. Cilly, Whisky, Wermut, Soda und Zitrone. Und viel Eis, bitte! Wann soll denn die Hochzeit sein?«

»Nächsten Monat schon. Mitte September. Und weißt du, warum?« Nina lachte jetzt auch. »Sie sind ja wohl beide praktisch veranlagte Leute. Also der Lokomotivführer hat Mitte September Geburtstag, er wird sechzig. Und Trudel meint, da könne man beide Feste zusammenlegen, das käme nicht so teuer. Da braucht man die Familie nur einmal einzuladen.«

»Wie recht sie hat. Sind wir das, die Familie?«

»Nur zum kleinen Teil. Der Bräutigam hat Schwestern und Brüder, und die sind verheiratet und haben vermutlich Kinder und sonstigen Anhang. Es wird ein großes Fest.«

»Klingt entsetzlich.«

»Nicht wahr? Das wirst du dir wohl noch mal überlegen, ob du daran teilnimmst.«

»Und ob ich das werde! So was erlebt man nur einmal.«

Später, sie rauchten und hatten jeder zwei Manhattan getrunken, blickte Marleen verträumt auf den Kleinen Wannsee hinaus.

»Paßt wunderbar zusammen. Ich bin zur Zeit nämlich auch verliebt.«

Nina blickte unwillkürlich zur Tür, die ins Haus führte, ob dort nicht etwa überraschend Max stand.

»Schon wieder mal?« fragte sie uninteressiert.

»Ja. War ich schon lange nicht mehr.«

»Freut mich für dich.«

»Ist in gewisser Weise eine genauso ulkige Angelegenheit wie der Lokomotivführer. Ein SA-Mann aus Bayern.«

»Was? Bist du verrückt?«

»Achtundzwanzig ist der. Und rasend in mich verliebt. So ein richtiger Naturbursche. Der bringt mich bald um, so potent ist der.«

»Marleen, das kann nicht dein Ernst sein.«

»Aber ja. Ich hab’ so was noch nicht erlebt. Eigentlich gar nicht mein Typ. Weißt du, so ein großer, kräftiger Bursche, naiv wie ein Kind. Manieren muß ich dem erst beibringen. Die Stirn ist ziemlich niedrig. Viel Grips hat er nicht.«

»Kann ich mir denken. Sonst wäre er ja wohl kaum bei der SA.«

»Da ist der schon lange dabei. Ganz von Anfang an. Als er neunzehn war, hat er diesen Putsch in München mitgemacht, Marsch auf die Dings, auf die …na, wie sagt er immer? Feldherrnhalle heißt das Ding, glaube ich.«

»Ich finde dich geschmacklos.«

»Ach wo. Kann ja auch ganz nützlich sein. Wenn der Hitler wirklich mal an die Macht kommt, wie die das nennen, dann habe ich einen Nazi-Goi im Hause, ist doch praktisch. Kann uns gar nichts passieren. Und wenn wir den Hitler dann los sind, stelle ich den Loisl als Chauffeur ein oder als Reitknecht. Alois heißt der, stell dir vor. Zu Hause nennen sie ihn Loisl. Ist das nicht süß?«

Nina reichte ihr leeres Glas über den Tisch.

»Gib mir noch so ’n Ding. Ist ja egal, wovon mir schlecht wird.«

»Er stammt aus irgendeinem Dorf in Bayern, sein Vater hat da ’ne Landwirtschaft. In der Nähe von Miesbach ist das Kaff. Na, das ist doch schon eine Pointe, Loisl aus Miesbach, damit schlage ich doch alle und jede.«

»Und was macht dein Loisl in Berlin?«

»No, was wird er machen, er bewegt sich in der Bewegung. Bereitet die Machtübernahme vor. Ich kenne ihn vom Reitclub.«

»Vom Reitclub?«

»Ja, sein Führer will, daß seine Trabanten die feine Lebensart lernen, unter anderem reiten. Wir haben uns schief gelacht. Hennig hat ihn vielleicht geschurigelt. Dreimal ist der arme Loisl am ersten Tag vom Pferd gefallen. So was passiert ja sonst nicht, man geht mit Anfängern immer sehr vorsichtig um, gibt ihnen en ein ganz braves Pferd. Aber du weißt ja, Hennig war Rittmeister im Krieg, und die Nazis kann er nicht ausstehen.«

»Warum darf der denn dann überhaupt bei euch reiten? Sind doch fast alles Juden in eurem Club.«

»Nee, das denkst du bloß. Halb und halb etwa. Und so gut geht das Geschäft zur Zeit auch nicht, wer kann sich denn noch Reitstunden leisten. Die Verleihpferde stehen die meiste Zeit. Da nimmt Hennig jeden, den er kriegen kann, auch einen SA-Mann aus Miesbach.«

»Mir kommt es vor, als seien zur Zeit alle Menschen verrückt«, murmelte Nina.

»Das waren sie doch immer schon. Zu jeder Zeit. Du hast momentan eine politische Neurose. Dir geht’s doch gar nicht so schlecht. Brauchst du ein neues Kleid? Wir gehen dann rauf und suchen dir eins aus, ich hab’ ein paar schicke neue Sachen da. Und nachher fahren wir in die Stadt und essen bei Borchardt. Oder lieber im Kaiserhof? Da kannst du vielleicht den Hitler sehen.«

»Ich könnte dir eine reinhaun.«

»Sei friedlich. Trudels bevorstehende Heirat hat dich total aus den Pantinen gekippt. Sei doch froh, ihr habt dann mehr Platz in der Wohnung, du braucht nicht mehr mit Victoria in einem Zimmer zu schlafen, das ist doch auch ganz angenehm. Wie geht’s denn mit den Gesangstunden?«

»Sie ist sehr zufrieden damit. Bloß immer die Schwierigkeit mit dem Üben. Solange in der Kanzlei Betrieb ist, kann sie nicht üben. Und abends beschweren sich die Leute über uns.«

»Und was macht sie da?«

»Sie übt teils bei ihrer Lehrerin und teils draußen bei Elga. Die haben einen schönen Flügel, den ohnehin keiner benutzt.«

»Na, ist doch prima. Elga, das ist die kleine Jarow, nicht? Ich kenne ihn, ist ein fescher Mann. Und er hat eine süße Freundin, die hat ’n Laden am Kudamm, ich habe da auch schon gekauft. Eine ganz temperamentvolle Schwarzhaarige. Seine Frau ist so eine fade Blonde.«

»Fad ist die nicht, jedenfalls hat Vicky das noch nicht gesagt, nur kümmert sie sich kaum um die Kinder und den Mann. Die hat nur Pferde im Kopf.«

»Ach ja, ich weiß schon, die geborene von Hertzing. Mensch, Nina, die stinken vor Geld.«

»Elga hat einen älteren Bruder, mit dem flirtet Vicky sehr heftig.«

»Fabelhaft. Den soll sie heiraten, dann ist es egal, ob sie als Sängerin Erfolg hat oder nicht.«

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Bei der Hochzeit in Neuruppin war Marleen wirklich zugegen.

Wie immer sah sie umwerfend aus, sie trug ein türkisblaues Ensemble, die Jacke hochgeschlossen, das Kleid darunter bestand im oberen Drittel nur aus Spitze, die Verwandtschaft des Lokomotivführers konnte den Blick kaum von Marleen wenden, die zudem von sprühender Liebenswürdigkeit war. Fritz Langdorn platzte bald vor Stolz über den feinen Familienzuwachs, den er vorzuführen hatte.

Marleen war in Begleitung ihres SA-Mannes, und der trug doch wirklich und wahrhaftig diese gräßliche Uniform, was Fritz Langdorn sehr entzückte.

Weniger Nina. Nur mit Mühe konnte sie sich überwinden, diesem neuen Liebhaber ihrer Schwester die Hand zu geben.

Trotz des eleganten Kleides und des echten Schmucks ist Marleen eben doch ein ordinäres Stück, dachte Nina voll Verachtung, während sie unlustig bei der Hochzeitstafel saß. Das Essen schmeckte ihr nicht, sie trank nur viel, um ihre schlechte Laune, ihren Überdruß an diesen Leuten zu überwinden.

Sie konnte sie alle nicht leiden, diese und jene Familie nicht, ihre Schwestern konnten ihr gestohlen bleiben, und die beiden neuen Schwäger, der legale und der illegale, waren ihr ein Ekel.

Sie gab sich nicht die Mühe, mit irgend jemandem ein Gespräch zu führen, sie blieb abweisend, kühl, verschlossen. Aber was wußte sie von diesem Tag an ganz genau: nie und nimmer wollte sie mit Nazis etwas zu tun haben.

Es ist kein Umgang für mich, dachte Nina hochmütig. Es ist einfach unter meinem Niveau. Es ist Plebs, der raufkommt, es ist wichtigtuends Kleinbürgertum. Nicolas, du hast mich gelehrt, was ich bin und wie ich sein soll, und ich werde immer so sein, wie du mich gewollt hast.

Über den Tisch hinweg fiel ihr Blick auf ihre Tochter. Victoria hatte eine kleine Falte auf der Stirn, und einen Mundwinkel leicht herabgezogen.

Nina öffnete den Mund vor Schreck. So, genauso ein Gesicht hatte Nicolas gemacht, wenn ihm irgend etwas nicht paßte. Sie blickte Victoria starr an, wie eine Klammer lag es um ihre Kehle.

Nicolas, deine Tochter, sie ist wie du. Wie du.

Einer klopfte an sein Glas und hielt eine Rede. Im Hintergrund an der Tür stand ein kleines Mädchen in Rosa, ein Körbchen in der Hand. Das würde der nächste Auftritt sein. All diese Langdornschen Sprößlinge, die Nina weder auseinanderhalten wollte noch konnte, mußten ein Gedicht aufsagen oder ein Lied singen oder sonst eine alberne Darbietung bringen.

Gräßlich. Es war einfach gräßlich.

Nina leerte ihr Glas, noch ehe die Rede begann. Sie würde sich jetzt betrinken. Dann aufstehen und gehen und nie mehr in ihrem Leben nach Neuruppin fahren.

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Nina

Reminiszenzen

Ist doch komisch, daß ich mich jedesmal betrinke, wenn eines von meinen Geschwistern heiratet. Bei Willys Hochzeit war es auch so, da fühlte ich mich genauso angewidert, fand die ganze Sippe, einschließlich Willy, zum Kotzen.

Genaugenommen ist mir dieser Langdorn-Mensch nicht direkt unsympathisch, er ist sogar ganz nett. Ein anständiger Mensch, wie man so sagt.

Aber es genügt eben nicht, daß einer ein anständiger Mensch ist. Das ist zu wenig. Mich stört es, daß er bei den Braunen ist. Ich kann nicht erklären, warum ich so eine Aversion gegen diese Leute habe, sie haben mir nichts getan. Aber ich mag sie nicht. Es ist mehr ein Gefühl, ich kann es nicht begründen.

Es würde mich natürlich genauso stören, wenn er bei den Roten wäre. Seltsamerweise kenne ich keine Kommunisten, dabei gibt es davon doch auch eine Menge.

Die einzig normale Hochzeit von uns vier Mädchen hatte ich, richtig in Weiß, mit Kirche und Orgel. Hede und Marleen haben das allein erledigt, ohne Beteiligung der Familie.

Aber Willy, mein Bruder, der heiratete auch mit allem Drum und Dran, und ich habe mich von Trudel überreden lassen, dabeizusein. Auch Mutter zuliebe, sie war damals schon sehr krank, und sie hatte immer darunter gelitten, daß ich mich mit Willy nicht vertrug. Als Kinder haben wir uns geprügelt, und später, als er den kleinen Hund erschlagen hatte, den ich so liebte, habe ich nie mehr ein Wort mit ihm gesprochen.

Ich verabscheute Willy und machte keinen Hehl daraus, und das verdarb das Verhältnis zwischen mir und meinem Vater vollends.

Denn Vater liebte Willy. Das einzige seiner Kinder, das er liebte.

Er hatte sich so sehr einen Sohn gewünscht. Seine erste Frau war eine Lehrerstochter, die brachte Trudel zur Welt, und bei der zweiten Geburt starb sie. Ein paar Jahre darauf heiratete mein Vater wieder, meine arme Mutter. Was für ein hilfloses kleines Ding sie war, sie tat mir immer leid, ich weiß auch nicht warum. Und sie bekam eine Tochter nach der anderen, eine starb glücklicherweise bald nach der Geburt. Mit Trudel waren es dann vier Mädchen, ich kam zuletzt auf die Welt, und mein Vater soll sich überhaupt nicht darum gekümmert haben. Irgendwie kann ich das sogar verstehen, immer nur Töchter, das ist ja langweilig. Er wollte einen Sohn.

Doch dann — dann kam Willy. Trudel hat mir erzählt, daß Vater richtig glücklich war, als Willy geboren wurde. Willy war das einzige von uns Kindern, das verwöhnt wurde, und gerade bei ihm war es fehl am Platze. Willy war böse. Brutal und gemein.

Vier Jahre nach Willy wurde Ernst geboren, mein geliebter Erni. Aber es bedeutete meinem Vater seltsamerweise nicht viel, daß er nun noch einen zweiten Sohn hatte. Vielleicht weil Erni so klein und schwächlich war und von Geburt an krank.

Er hatte häufig Anfälle, wurde blau im Gesicht, fiel um — später erfuhren wir, daß er ein Loch in der Herzwand hatte.

Als er mit fünfundzwanzig starb, sagte Dr. Menz in Breslau, es sei ein Wunder, daß er überhaupt so lange gelebt habe. Wäre er nicht krank gewesen, wäre ein großer Mann aus ihm geworden. Ein neuer Schubert, ein neuer Mozart, was weiß ich, bestimmt der größte Komponist in diesem Jahrhundert. Davon bin ich heute noch überzeugt. Ich kann nur nicht verstehen, warum der liebe Gott einem Menschen eine große Begabung mitgibt und ihn gleichzeitig krank und lebensunfähig auf die Welt kommen läßt. Das soll mir mal einer erklären.

Es ist sehr schwer, Gott zu verstehen. Trudel hat damals gesagt, man braucht ihn nicht zu verstehen, man kann ihn gar nicht verstehen, dazu ist er viel zu groß.

Ich will ihn aber verstehen. Was habe ich von einem Gott, den ich nicht verstehen kann. Der einen Krieg zuläßt. Der es zuläßt, daß die Menschen sich so grauenvoll töten. Der alles Böse geschehen läßt und dann die Bösen nicht einmal bestraft.

Am allerwenigsten habe ich Gott bei Erni verstanden. Der hatte nie etwas Böses getan, er war rein und schuldlos wie ein Engel und ein großer Künstler dazu. Und mußte sich so elend zu Tode quälen.

Seitdem kann ich nicht mehr an Gott glauben. Er hat etwas Gutes, Reines, Edles zerstört, er hat es geschaffen und dann zerstört. Ich kann nicht verstehen, warum er das getan hat.

Man könnte sagen, was er geschaffen hat, kann er auch zerstören. Aber das gibt doch keinen Sinn.

Willy war gemein und gesund. Und dumm. Vater hatte sich eingebildet, er müsse Abitur machen und studieren und dann würde etwas ganz Großartiges aus ihm werden, aber Willy war der Dümmste im Gymnasium, er blieb immer wieder sitzen, und mit sechzehn oder siebzehn haben sie ihn relegiert. Weil man ihn mit einem Mädchen erwischt hatte, nicht nur beim Knutschen oder so, sondern richtig. Er half später immer noch damit angegeben. In seiner Schule waren sie vermutlich froh, daß sie endlich einen Grund hatten, ihn loszuwerden.

Dann ging er zu einem Schlosser in die Lehre.

Ja, mein Vater, so sehen Träume aus. Von allen deinen Kindern hast du das geliebt, das am wenigsten taugte.

Erst kam Willy zum Militär, das gefiel ihm ganz gut, und dann begann der Krieg. Ihm ist natürlich nichts passiert. Nicolas fiel in Frankreich, Kurtel verschwand in Rußland, aber Willy kam ohne einen Kratzer nach Hause. Solchen wie ihm passiert nie etwas. Ihm hat der Krieg sogar Spaß gemacht, ich hörte ihn einmal prahlen, was für tolle Dinge; er erlebt hätte, besonders mit Frauen.. Mit Weibern, wie er sich ausdrückte.

Und dann hat er also geheiratet. Ich blöde Gans fuhr von Breslau zu dieser Hochzeit, weil Trudel das partout wollte. Schließlich ist er dein Bruder , und es gehört sich, und lauter solches Gewäsch.

Willy machte eine ausgesprochen gute Partie, einzige Tochter von einer Baufirma bei uns daheim.

Widerwillig bin ich zu dieser Hochzeit gefahren, es ging uns so schlecht, wir hatten kein Geld, und Nicolas war tot. Und dann diese dicke, satte, doofe Blondine, die mein Bruder heiratete, und die dicke, doofe, satte Familie dazu, so richtig spießig, und wie wichtig sie sich nahmen, und mittendrin mein Bruder Willy, groß und blond und so vital, ich haßte sie alle.

Bei dieser Hochzeit habe ich mich auch betrunken. Und merken lassen, daß ich sie nicht mochte. Sie haben mich ja auch nie wieder eingeladen, Gott sei Dank.

Trudel sagte, ich hätte mich unmöglich benommen.

Wenn schon. Es kam mir vor, als lebten sie auf einem anderen Stern. Nein, ich war es, die auf einem anderen Stern lebte, auf einem fernen, eiskalten, einsamen Stern.

Ich habe Willy dann nur noch einmal gesehen, bei Mutters Beerdigung. Bei Ernis Beerdigung wollte ich ihn nicht dabeihaben, ich habe es ihm erst danach mitgeteilt, daß er gestorben ist. Das heißt, nicht ich, Trudel hat das getan. Natürlich fand sie auch das wieder unmöglich.

Ich sagte: wenn Willy kommt, gehe ich nicht mit. Erni ist mein Toter. Ich will Willys dummes Gesicht an seinem Grab nicht sehen. Denn ich hasse Willy, weil er lebt und Erni tot ist.

Trudel verstand das nicht. Du bist ja nicht normal, sagte sie damals.

War ich auch nicht. Zu jener Zeit bestimmt nicht.

Marleen hatte Willy mal eingeladen, vor zwei oder drei Jahren, zu unserem sogenannten Familientag. Marleen nennt das so, wenn sie uns zwischen Weihnachten und Neujahr in ihr Haus zu einem festlichen Essen einlädt. Sind ja doch nur wir, Marleen, Trudel und ich, und die Kinder. Einmal war Hede da, ganz zufällig. Weil sie mit ihrem Mann gerade in Berlin war. Bin neugierig, was Marleen in diesem Jahr machen wird. Ob sie den Lokomotivführer einladen wird. Zusammen mit ihrem SA-Mann in das Haus ihres jüdischen Mannes. Es ist einfach verrückt.

Also damals hatte sie Willy eingeladen, und er schrieb, das Haus eines Juden würde er nie betreten. Marleen hat uns das erzählt und dazu gelacht. Max wird sie es ja hoffentlich nicht erzählt haben. Vermutlich ist Willy auch so ein Nazi. Das würde gut zu ihm passen. Und das erklärt ganz genau, warum es zu mir nicht paßt. Ich habe nämlich inzwischen etwas begriffen: es ist eine bestimmte Veranlagung, die einen Menschen zum Nationalsozialisten macht. Es ist gar nicht mal die Politik, es ist eine Eigenschaft.

Wenn ich Marleen das nächste Mal sehe, werde ich ihr sagen, daß sie mit diesem SA-Mann Schluß machen muß. Das ist sogar unter ihrem Niveau. Sie wird doch noch einen anderen Liebhaber finden können als ausgerechnet den.

Auf einmal bin ich rundherum von diesen Nazis umgeben. An meinem Arbeitsplatz, meine Schwestern, und um Stephan muß ich auch fürchten, daß er beeinflußt wird, teils von dem Lokomotivführer, teils von diesem gräßlichen Benno, der bei uns um die Ecke wohnt und den Stephan viel zu oft sieht.

Aber wahrscheinlich nehme ich das alles zu wichtig.

Victoria ist immun. Sie lebt in ihrer eigenen Welt. Sie ist so stark, daß sie alles von sich fernhalten kann, was ihr nicht paßt.

Warum denke ich das eigentlich immer? Bilde ich mit das ein? Nur weil ich es will?

Nicolas war nicht stark. Ich bin es auch nicht.

Aber Victoria, sie wird es sein.

Sie muß es einfach sein. Herr Gott, es muß doch in dieser Familie endlich einen geben, der stark genug ist, das Leben zu meistern, er selbst zu sein, herauszukommen aus dem Schlamm des Grundes, und der dann nicht immer wieder weggespült wird von der Flut, sondern ihr standhält.

Wenn ich schon zu feige bin und zu dumm, aus mir etwas zu machen, dann muß es Victoria gelingen…

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Anfang Oktober 1932 kam Cesare Barkoscy wieder nach Berlin, in ein unruhiges, krisengeschütteltes Berlin. Der Reichstag, der am 30. August zum erstenmal zusammengetreten war, hatte sich bereits am 12. September wieder aufgelöst, neue Wahlen standen vor der Tür. Papen regierte ohne Parlament und wieder mit Notverordnungen, sofern man überhaupt noch von regieren sprechen konnte.

Immerhin gab es zwei bedeutende Ereignisse, die in seine Kanzlerschaft fielen: Ihm gelang es, die Reparationszahlungen auszusetzen, was jedoch im Grunde nicht sein Verdienst war, ihm fiel in den Schoß, woran Brüning so mühevoll und zäh gearbeitet hatte. Das zweite Ereignis war ebenso bedeutungsvoll, es war ungeheuerlich, nur nahm fast kein Mensch davon Notiz, weil die Zeit an sich so ungeheuerlich war und eine Lähmung von ihr ausgingf die die Menschen gleichgültig werden ließ. Im Sommer des Jahres 1932 hatte Papen kurzerhand die preußische Regierung ihres Amtes enthoben.

Der preußische Landtag, von Somaldemokraten geführt, hatte bis zu dieser Zeit immer noch ordnungsgemäß und demokratisch unter seinem Ministerpräsidenten Braun gearbeitet. Nun löste Papen die preußische Regierung auf und übernahm selbstherrlich das sogenannte Amt eines Reichskommissars für Preußen.

Das war ein harter Eingriff in die Rechte der Landesregierungen und ein Schlag gegen die Sozialdemokratie. Dem Kabinett der Reichsregierung gehörten schon lange keine Sozialdemokraten mehr an, und im Reichstag, obwohl nach wie vor die stärkste Fraktion, waren sie machtlos, hilfslos dem Druck der Nationalsozialisten ausgesetzt, ausgeliefert der Torheit der Kommunisten, die verbohrt und uneinsichtig nur das Geschäft der Nazis besorgten, in ihrem blinden Haß auf die Republik.

Wenn die Sozialdemokraten überhaupt etwas erreichen wollten, mußten sie mit dem Zentrum, mit den Deutschnationalen stimmen, und das demoralisierte die einst so starke und mächtige Partei, die zu Zeiten des Reichspräsidenten Ebert auf dem besten Wege gewesen war, aus Deutschland eine Demokratie zu machen.

In Berlin tobte wieder der Wahlkampf. Am 6. November sollte die Wahl für einen neuen Reichstag stattfinden, Streiks, Straßenschlachten, Schießereien, Verhaftungen, Tote und Verwundete waren an der Tagesordnung.

Und gleichzeitig, wie auf einem anderen Stern, fand in der Staatsoper Unter den Linden die festliche Premiere der »Meistersinger« statt. Furtwängler stand am Pult, Heinz Tietjen inszenierte, Bockelmann sang den Sachs, Fritz Wolff den Stolzing, und die wundervolle Lotte Lehmann das Evchen.

Cesare hatte über das Adlon drei Karten für die Premiere bekommen.

Victoria war außer sich vor Freude.

»Das wird für Mutti das schönste Geburtstagsgeschenk«, sagte sie.

»Hat sie denn Geburtstag?« fragte Cesare.

»Am 6. Oktober.«

»Das trifft sich ja wirklich ausgezeichnet.«

Am 6. Oktober traf ein herrliches Blumenarrangement in der Motzstraße ein, am 7. Oktober trafen sie sich zum Cocktail in der Adlon-Bar, anschließend gingen sie in die Premiere.

»Im Studio sind sie ganz außer sich, daß ich heute abend hier bin«, sagte Victoria höchst befriedigt. »Ich bin natürlich die einzige, die drin ist. Alle beneiden mich.«

»Ich denke, daß man mich auch beneiden wird«, meinte Cesare. »Ich bin noch nie mit zwei so hübschen Frauen in einer so schönen Oper gewesen.«

Cesare hatte nicht übertrieben, seine Begleiterinnen waren wirklich höchst erfreulich anzusehen, natürlich von Marleen angezogen, Nina in einem jadegrünen Samtkleid mit tiefem Rückendekolleté, Victoria ganz in sahneweißem Organza.

Nach der Oper dinierten sie im Adlon. Victoria strahlte, sie sagte: »So möchte ich immer leben.«

Cesare lächelte.

»Wie?«

»So, wie hier, in diesem Hotel.«

»Wenn Sie eine berühmte Sängerin werden, Victoria, wird es für Sie der gewohnte Rahmen sein.«

»Ach ja, wenn —« seufzte Victoria, aber im Grunde ihres Herzens zweifelte sie nicht daran, daß sie berühmt sein würde. Reich, berühmt, geliebt — die Träume der Jugend — sie waren das Recht der Jugend, und das einzige Glück des Jungseins. Doch sie waren nicht mehr als eine Seifenblase.

»Das Evchen kann ich später auch singen«, verkündete Victoria bei der Vorspeise, »Marietta sagt, ich tendiere ausgesprochen zum lyrischen Sopran, soll aber zur Lockerung mit dem Soubrettenfach anfangen. Später kann ich dann steigern bis zur Eva und zur Elsa. Aber erst viel später. Sie sagt, das schlimmste, was ein Sänger machen kann, ist, wenn er zu früh an die großen Partien geht, die Stimme überfordert und sie damit kaputtmacht. Sie sagt, es hat noch keiner Sängerin geschadet, wenn sie erstmal das Ännchen singt und dann die Agathe. Man kann nicht wissen, sagt sie, ob später noch mehr drinsteckt. Vielleicht die Elisabeth oder die Senta. Aber das frühestens in zwanzig Jahren.«

Cesare lächelte ein wenig melancholisch. In zwanzig Jahren, das sagte sich leicht, wenn man so jung war.

In zwanzig Jahren, was würde dann sein? 1952 — das war noch ein langer Weg. Historisch gesehen waren zwanzig Jahre wenig, doch für ein Menschenleben war es viel Zeit.

Für mich, dachte Cesare, ist es bereits über das Ziel hinaus. Ich werde sie nicht mehr hören als Elisabeth, wie schade, Tannhäuser ist meine Lieblingsoper.

»Bekomme ich denn diesmal etwas zu hören?« fragte er.

»Ein paar Schubertlieder habeich einstudiert. Nächstes Jahr, sagt Marietta, darf ich den Cherubin probieren.«

»Marietta sagt«, das war jedes zweite Wort, Cesare kannte es schon.

»Ich singe Ihnen gern etwas vor, aber ich hätte dann gern ein wirklich gutes Instrument für die Begleitung. Ob Sie wohl einmal mit hinauskommen zu meiner Freundin Elga? Mutti, was meinst du?«

»Warum nicht? Das ließe sich doch sicher arrangieren.«

Nina war ein wenig abwesend. In der Oper hatte sie Marleen gesehen, wahrhaftig in der Begleitung ihres neuen Freundes, Loisl aus Miesbach, im Frack. Er hatte gar nicht schlecht ausgesehen, Marleen war offenbar erfolgreich mit ihrer Erziehungsarbeit.

Nina hatte Marleen, die in einem größeren Kreis stand und sich lächelnd unterhielt, rechtzeitig entdeckt. Nina hatte stracks kehrtgemacht, so, als hätte sie am anderen Ende des Foyers irgend etwas gesehen, das ihr Interesse erregte.

Seit der Hochzeit in Neuruppin hatte sie Marleen nicht gesehen, die Mißstimmung, die sie an jenem Tag empfunden hatte, war noch nicht verflogen, richtete sich auch gegen Marleen. Die Tatsache zudem, daß sie beide, Victoria und sie, in Marleens Kleidern hier paradierten, verstärkte ihr Unbehagen noch.

Victoria, die viel zu beschäftigt damit war, über die Aufführung zu reden, hatte Marleen nicht gesehen, doch Cesare, der Marleen ja vom Lido her kannte, hatte sie wohl erblickt und Ninas Manöver durchschaut. Er ließ sich nichts anmerken, Nina mochte ihre Gründe haben, die er respektierte, ohne sie zu kennen. Während des Essens sagte er: »Ich möchte gern, daß Sie mich in Wien einmal besuchen.«

»Ich?« fragte Victoria.

»Sie beide. Würden Sie mir die Freude machen, Frau Nina?«

»Wien«, Nina lächelte, »das wäre schön. Ich kenne so wenig von der Welt. Im vergangenen Jahr war ich in Salzburg. Das war meine erste Reise nach Österreich. Es war wunderschön. Ja, natürlich, ich würde gern nach Wien kommen.«

»Ich habe die Absicht, im nächsten Frühjahr wieder nach Berlin zu kommen. Vielleicht könnten wir dann zusammen von hier aus fahren. Wien ist im Frühling am schönsten.«

Am Tag bevor er abreiste, sang ihm Victoria wirklich die Schubertlieder vor, draußen in der Jarowschen Villa. Sie begleitete sich selbst, Elga konnte zwar Klavier spielen, aber sie sagte: »Victoria ist so kritisch. Ich kann es nicht gut genug.«

»Ich rede mir ja dauernd den Mund fußlig, du sollst mehr üben. Ich fände es prima, wenn du mich begleiten würdest.«

»Ich habe so wenig Zeit zum Uben«, erwiderte Elga. Sie ging noch zur Schule, sollte im nächsten Sommer ihr Abitur machen. Victoria sang drei Lieder, die »Fischerweise«, die »Forelle«, »Gretchen am Spinnrad«. Zu einer Zugabe war sie nicht zu bewegen.

»Ich singe nur, was Marietta erlaubt, keinen Ton mehr.«

Cesare fand, ihre Stimme war heller und härter geworden. In Venedig war der Ton weicher, samtener gewesen. Aber was verstand er vom Gesangstudium, es mochte verschiedene Phasen der Ausbildung geben.

Johannes war auch dabei und sehr beruhigt, daß es sich bei dieser venezianischen Bekanntschaft wirklich um einen älteren handelte. Kein Grund zur Eifersucht also, mochte sie ruhig Briefe mit ihm wechseln.

Früher als sonst kam Dr. Jarow nach Hause, Cesare wurde zum Abendessen