/ Language: Deutsch / Genre:child_prose / Series: Blitz

Blitz und Vulkan

Walter Farley


Blitz und Vulkan

Walter Farley

1992

1

Der schöne Hengst Blitz kommt zu seinem besten Freund, dem Jungen Alec, nach Amerika zurück. Der Araberscheich Abu ben Isaak hat Alec den edlen Rappen in seinem Testament vermacht. Alec ist überglücklich: zwar ist jetzt auch Vulkan da, der ein bekanntes Rennpferd geworden ist, aber Alecs Herz gehört Blitz, der ihm einst das Leben rettete, der ihn bedingungslos liebt.

Blitz und Sohn Vulkan sollen ihre Kräfte messen, sie sollen zeigen, wer das schnellste Pferd der Welt ist. Doch dann droht Gefahr — ein Waldbrand bricht aus, nähert sich den Stallungen.

Wird es Alec und Blitz gelingen, eine Schneise durch den Wald zu finden und alle Pferde in Sicherheit zu bringen?

Inhaltsverzeichnis

Die dreifache Krone

Ist Alec glücklich?

Die Wirklichkeit

Blitz

Ein schneller Ritt

Vulkan siegt wieder

Die Reporter

Scheich Abus Vermächtnis

Aufruhr um Blitz

Auf der neuen Bahn

Blitz und Vulkan

Blitz will kämpfen

Der schleichende Tod

Die Ausgestoßenen

Enge, traurige Welt

In der Falle!

Ein Rennen auf Leben und Tod!

Die »Farm der Hoffnung«

Die dreifache Krone

Alec Ramsay saß still und aufrecht im Sattel, als bemerke er die auf ihm ruhenden Blicke der Tausende von Zuschauern nicht. Er trug eine pechschwarze Jockeybluse und eine ebensolche Kappe. Die Blässe seines Gesichts bildete einen starken Kontrast dazu, zumal auch der große Hengst, den er ritt, schwarz war wie die Nacht, nur mit einem kleinen weißen Stern auf der Stirn.

Alec hatte den dritten Platz in der Reihe der für das klassische Belmont-Stakes-Rennen angetretenen Pferde. Es machte ihm Sorge, daß er die Nummer drei gezogen hatte; eine weiter außen gelegene hätte ihm besser gepaßt, weil sie weiter ab vom Zaun gewesen wäre. Sein alter Freund Henry, der Trainer seines Hengstes, hatte ihn instruiert, Vulkan bis zur Mitte der Zielgeraden zurückzuhalten; dort erst sollte er vorstoßen. Und das wäre viel leichter einzuhalten gewesen, wenn er nicht so in der Nähe des Zaunes hätte reiten müssen.

Die Pferde hatten jetzt das Klubhaus passiert und paradierten vor den Tribünen. Alec brauchte nicht hinzusehen; er wußte ohnedies, daß sie überfüllt waren von Zuschauern; das Stimmengewirr bezeugte es. Er wußte genau, daß aller Augen auf Vulkan ruhten, denn sie waren gespannt, ob der mächtige Rapphengst die Belmont Stakes ebenso leicht gewinnen würde wie in den vergangenen Wochen das Kentucky Derby und das Preakness-Rennen. Gelang es ihm, würde er zu den wenigen auserwählten Vollblütern gehören, die diese dreifache Krone des Turfs trugen! Alecs einzige Bedenken betrafen den Zustand der Bahn: nach einem langen heftigen Regen am Vormittag war sie knöcheltief aufgeweicht, und der Himmel des Junitages war immer noch grau verhangen und legte einen feinen Regenschleier über die Landschaft.

Auch die sachkundigen Zuschauer fragten sich: »Wird Vulkan in diesem Morast wie gewohnt laufen können? Seine bisherigen Siege hat er alle auf trocknem, hartem Geläuf errungen.«

Alecs Hand fuhr beruhigend den muskulösen Nacken entlang, als Vulkan plötzlich zur Mitte der Bahn ausbrach. Er sprach ihm liebevoll zu. Die schweren Ohren legten sich zurück beim Klang seiner Stimme; der Hengst beruhigte sich schnell und ließ sich ohne Widerstand zurück in die Reihe dirigieren, als das Feld die Tribünen passiert hatte.

Aus der den Zaun dicht umlagernden Menge rief eine Männerstimme herüber: »He, Ramsay, denkst wohl, hier wär ‘ne Pferdeschau?« Alec hörte die Worte, aber er hielt die Augen unentwegt auf das moorige Geläuf gerichtet, das er zwischen Vulkans gespitzten Ohren sehen konnte.

»Vielleicht ein Schönheitswettbewerb?« schrie der Mann wieder.

Da erst merkte Alec, daß er viel gerader im Sattel saß als die anderen Jockeys. In sein blasses Gesicht schoß plötzlich das Blut, aber er änderte seine Haltung nicht, denn es war die einzige Möglichkeit, sein temperamentvolles Pferd bei der Stange zu halten.

»Bring ihn nur ebenso fein vor allen anderen ins Ziel wie im Kentucky Derby und im Preakness-Rennen!« schrie eine andre Stimme.

Nachdem sie die Zuschauerplätze im Schritt passiert hatten, erlaubte Alec Vulkan einen leichten Galopp. Er hob sich in den Steigbügeln, lehnte sich vor und preßte sein Gesicht dicht an seines Pferdes Hals.

Henry hatte behauptet, das weiche Geläuf würde Vulkan nichts ausmachen, und er mußte es ja wissen, denn er hatte mit dem Hengst den Winter über und im Frühjahr bei jedem Wetter gearbeitet, während Alec die meiste Zeit auf dem College verbracht hatte. Henry hatte ihm berichtet, daß der starkknochige Hengst trockenes und nasses Geläuf gleich gut meisterte, und Alec wußte, daß er Henrys Worten vertrauen konnte. Er hatte Vulkan in diesem Jahr nur in den bereits erwähnten beiden großen Rennen laufen lassen. Jedesmal war die Bahn trocken und hart gewesen, und er hatte leicht mit mehreren Längen gesiegt.

Er nahm jetzt seinen riesigen Rappen an den Außenzaun und folgte den beiden Pferden mit den Nummern eins und zwei. Er ließ ihn weit außen um die Biegung gehen und wurde seiner Sache völlig sicher, als er merkte, wie unbeirrt der Hengst in seinen gewohnten weitausgreifenden Galopp fiel, trotz des weichen Geläufs, in das er bis zu den Sprunggelenken einsank. Sein stetes Entzücken an den schnellen, machtvollen Bewegungen der enormen Muskeln zwischen seinen Knien überfiel ihn wieder, doch schließlich hob er sich noch höher in den Bügeln und zog die Zügel an, bis Vulkan sein Tempo zu einem kurzen Trab gemäßigt hatte.

Alec wendete den Hengst und sah, daß die anderen schon auf dem Weg zum Startplatz waren, der den Tribünen gegenüberlag. Er zwang Vulkan zu einer ruhigen Gangart und streichelte sein muskelbepacktes Genick. Über seines Pferdes hochgewölbten Hals hinweg sah Alec auf dem Dach der Tribünen viele Pressekameras aufgebaut. Sie waren auf die Pferde gerichtet, die jetzt dem Start zustrebten. »Du wirst es auch diesmal schaffen, Vulkan!« sagte er. Der Starter rief ihm zu, er möge sich beeilen. Stampfend und ein wenig gegen den Zügel kämpfend ordnete sich Vulkan in der Reihe ein.

Im Augenblick hörte man nur das ungeduldige Trappeln der Pferdehufe und das beschwichtigende Zureden der Jockeys.

Von den Zuschauerplätzen tönte das aufgeregte Stimmengemurmel der Tausende herüber, die darauf warteten, daß das Startband in die Höhe schnellte. Plötzlich verstummte das aufgeregte Summen, und eine erwartungsvolle Stille breitete sich über die Tribünen.

Vulkans große Ohren spielten, erst spitzte er sie nach vorn, dann legte er sie zurück, flach an den Kopf. Alec fühlte, wie sich der riesige Körper unter ihm spannte. Er beugte sich vor und flüsterte: »Gleich geht’s los! 2200 Meter sind’s diesmal, Vulkan, etwas länger als die andren Male. Du hast also reichlich Zeit. Bleib ruhig jetzt. Warte, bis ich dir das Zeichen gebe!«

Eine Klingel schrillte. Das Startband schnellte mit einem Ruck in die Höhe. Fünfzigtausend Zuschauer schrien auf, verstummten aber gleich wieder. Nur das Stampfen der dahinstürmenden Hufe war zu hören.

Vulkan kam gleichzeitig mit den andren ab, er machte zwei schnelle Galoppsprünge, dann — geriet er ins Stolpern! Alec fühlte seines Pferdes Kopf zu Boden gehen und ließ die Zügel für einen Augenblick locker, zog sie aber gleich wieder an und half Vulkan, auf die Füße zu kommen. Unsicher suchte der Hengst in dem weichen Boden Halt zu finden. Er galoppierte mit kurzen Sätzen ohne Takt. Alec wagte nicht, sich zu bewegen, damit der Hengst nicht noch mehr aus dem Gleichgewicht geriet. Er gab ihm den Kopf völlig frei, hielt die Zügel jedoch so, daß er sie jede Sekunde anziehen konnte, falls Hilfe nötig wurde.

Gleich darauf merkte Alec, daß das Schlimmste überstanden war. Vulkan hatte sich gefangen, seine Hufe fanden Halt, seine Sprünge wurden weiter, sein Körper streckte sich.

Erst jetzt wurde Alec der vor und neben ihm galoppierenden Pferde gewahr; der Start auf dem moorigen Geläuf war für alle schwierig gewesen, jetzt jedoch hatten sich alle gefunden und ihr Galopp steigerte sich schnell. Vulkan streckte den Kopf und versuchte ihn frei zu bekommen. Alec beugte sich seitlings tief nach vorn und hielt die Zügel kurz. »Jetzt noch nicht, Vulkan!« rief er. »Jetzt noch nicht!«

Die drei an der Spitze galoppierenden Pferde gingen in den ersten Bogen, Vulkan und der Rest des Feldes folgte ihnen. Alec sah die rechts von ihm reitenden Jockeys ganz nahe an sich herankommen, offenbar waren sie bestrebt, ihre Pferde vor Vulkan in die Gerade zu werfen. Er gab daraufhin sofort mehr Zügel, und der Hengst schoß vorwärts; die anderen hielten jedoch sein Tempo und beengten ihn, als er in die Biegung ging.

Die Pferde, die die Spitze hielten, galoppierten vier Längen vor Vulkan, als er in die Gerade einbog. Alec zog die Zügel wieder an und hielt seinen Rappen gerade eben vor den ihm folgenden Pferden. »Unternimm deinen Vorstoß erst in der Mitte der Geraden!« hatte Henry gesagt. »Keinesfalls eher! Du brauchst nur wegen des Grauschimmels aufzupassen, er wird nämlich ebenfalls zurückgehalten werden, bis seine Zeit gekommen ist!«

Der Grauschimmel lag hinter ihm, genau wie Henry vorausgesagt hatte. Alec sah ihn jetzt dicht neben Vulkan den Kopf vorschieben. Er gab daraufhin seinem Schwarzen den Kopf etwas mehr frei, damit ihn der Graue nicht überholte.

Die Pferde, die bis jetzt vorn gelegen hatten, hatten sich verausgabt und fielen zurück. Vulkan zog mit weiten Sprüngen an ihnen vorbei. Ihm folgte der Graue. Zusammen passierten sie die ermüdeten Konkurrenten, die das Tempo angegeben hatten. Nebeneinander flogen sie am Tausendmeterpfahl vorbei und auf den letzten Bogen zu. Vor ihnen lief jetzt kein Pferd mehr! Nur der Grauschimmel, der neben Vulkans Schenkel galoppierte, konnte dem Rappen noch den Sieg und damit die dreifache Krone streitig machen! »Jetzt, Vulkan!« schrie Alec in den Wind und gab seinem Pferd die Zügel frei. Die Bahn flog schneller und schneller unter Vulkans Hufen fort. Alec bückte sich tief und verschwand fast in der wehenden schwarzen Mähne. Jetzt konnte Vulkan von nichts mehr aufgehalten werden, denn jetzt flog er frei dahin wie ein Wildhengst in seinem Element.

Nur eine kurze Strecke vermochte der Graue Vulkans enormes Tempo zu halten, dann fiel er zurück, machtlos gegenüber den unverbrauchten Reserven an Schnelligkeit und Kraft, die der mächtige Rapphengst entfaltete. Als Vulkan um den letzten Bogen galoppierte und mit gewaltigem Schwung in die Zielgerade hineinschoß, wandten sich ihm die Augen aller 50 000 Zuschauer zu. Er war ein Sinnbild der Kraft und Schönheit, und die Menge verhielt sich fast andächtig still, als er durchs Ziel flog — Sieger mit über zwölf Längen!

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Vom Dach der Haupttribüne aus hielt ein Mann seine Filmkamera auf Vulkan gerichtet, bis er weit hinten auf der Bahn zum Stehen gebracht werden konnte; dann sagte er zu einem anderen Bildberichterstatter: »Noch niemals in meinem Leben habe ich ein Pferd so laufen sehen! Noch nie!«

»Ich doch«, antwortete der andre, »aber nur ein einziges Mal! Das war Blitz, der Vater dieses Wunderhengstes, und Alec Ramsay ritt auch ihn. Das Leben dieses Jungen ist tatsächlich ein Roman«, setzte er kopfschüttelnd hinzu.

»Wieso?«

»Kennen Sie etwa seine Geschichte nicht? Das ist doch kaum möglich! Waren Sie nicht in den Staaten?«

»In den letzten fünf Jahren habe ich in Peru gelebt, um Inka-Ruinen zu fotografieren.«

»Daher! Dann werde ich Ihnen die Geschichte erzählen. Alec Ramsay und Blitz waren die einzigen Überlebenden bei einem Schiffsuntergang. Als der Junge heimkehrte nach Flushing, brachte er den schwarzen Hengst mit. Der Zufall fügte es, daß Henry Dailey, der alte Trainer, den beinahe alle schon vergessen hatten, Alec Ramsays Nachbar war. Als Henry den Hengst zu Gesicht bekam, wußte er gleich, was der Junge da in den Händen hatte. Sie trainierten Blitz und wagten es dann, ihn in Chicago in dem großen Wettlauf, der für Donnerkeil und Zyklon arrangiert worden war, starten zu lassen. Er lief den beiden Champions glatt davon! Ich war Augenzeuge. Es war das einzige Mal, daß Blitz auf einer Rennbahn lief, aber er ist allen Freunden des Turfs unvergeßlich.« Er wandte sich nach der Bahn und Vulkan um und fügte hinzu: »Man könnte glauben, heute sei es dasselbe Pferd gewesen.«

»Was wurde denn aus Blitz?«

»Soviel ich weiß, tauchte nicht lange nach diesem Rennen ein Araberscheich namens Abu Isaak auf, der beweisen konnte, daß der Hengst ihm gehörte. Er nahm ihn mit zurück nach Arabien.«

»Und das ist das letzte, was man von ihm gehört hat?«

»Soweit mir bekannt, ja.«

»Aber wie kam Vulkan hierher? Wie hat Alec Ramsay ihn in seinen Besitz gebracht?«

»Man erzählte mir, daß der Scheich dem Jungen versprochen hatte, ihm das erste nach Blitz fallende Fohlen zu schicken. Er hat sein Versprechen gehalten — Vulkan ist der erste Sohn von Blitz!«

»Das ist aber ein Glücksfall für den Jungen.«

»Ganz gewiß! Er zog ihn mit Hilfe von Henry Dailey in demselben alten Stall auf, in dem sie Blitz gehalten hatten. Vergangenen Herbst brachten sie ihn im The Hopeful, dem großen Zweijährigenrennen, heraus. Alles andre wissen Sie. Vulkan ist noch niemals geschlagen worden.«

»Aus dem alten Stall zum dreifach gekrönten Champion!« murmelte der andere und sah zum Siegerring hinüber, wo Alec Ramsay auf Vulkan saß, umgeben von Pressefotografen, deren Blitzlichter unaufhörlich zuckten. »Er ist auf der Höhe seines Ruhmes angelangt, jetzt gibt’s keinen alten Stall mehr für den glücklichen Alec Ramsay!«

Ist Alec glücklich?

Alec ließ die Tür des Umkleidehauses für die Jockeys hinter sich zufallen. Jetzt hörte er das laute Stimmengewirr, welches das Rauschen des Regens übertönt hatte, nur noch gedämpft. Er blieb einen Augenblick an einem Fenster stehen und blickte über den nassen Vorhof hinweg auf die einem Moor gleichende Rennbahn. Dort verweilte sein Blick, während er mit seinen langen Armen in die Ärmel seines Regenmantels fuhr und den Gürtel zuschnallte. Dann ging er die Stufen hinunter, hinaus in den gleichmäßig pladdernden Regen und auf die Tür in dem Eisenzaun zu. Unwillkürlich zog er seinen ungeschützten Kopf tief in den aufgestellten Kragen; daher sah er die hochgewachsene einsame Gestalt nicht, die im Regen stand und auf ihn wartete. »Alec!« rief der Mann, als der Junge im Begriff war, an ihm vorüberzugehen.

»Ach, Vater, du? Ich dachte, du wärest mit Mutter zu Henry in den Stall gegangen.«

»Mutter ist dort, aber sie hat mich dir mit dem Schirm entgegengeschickt«, antwortete der Vater.

Alec sah von dem am Arm hängenden Schirm zum Hut seines Vaters, von dem das Wasser herabrann. »Warum in aller Welt hast du ihn denn nicht aufgespannt?« fragte er lächelnd. »Du hast doch offenbar schon lange hier gewartet?«

»Ich habe diese Dinger nie geliebt, das weißt du doch. Willst du ihn haben?«

Alec schüttelte den Kopf. »Wir werden ihn aufspannen kurz bevor Mutter uns sehen kann«, schlug er vor.

Sie schritten hinter den leeren Tribünen vorbei, und nur die weggeworfenen Tickets und Eintrittskarten zeugten von den zahllosen Menschen, die hier vor knapp einer Stunde geweilt hatten. Die Lampen leuchteten trübe durch den Regen.

»Ich brauche dir nicht zu sagen, daß es ein großartiges Rennen war, Alec«, sagte Herr Ramsay, »ein wirklich großes Rennen. Vulkan ist unschlagbar!« Lächelnd legte er den Arm um seines Sohnes Schultern.

Alec hielt den Kopf gesenkt, seine Augen starrten auf das nasse Pflaster. »Vulkan macht keine falsche Bewegung mehr, er tut alles, was man von ihm will«, antwortete er leise. »Henry hat eine großartige Leistung vollbracht mit seinem Training, Vater. Vulkan kann jetzt von jedem geritten werden…, von jedem Reiter, der ihm zeigt, was er tun soll. Der Weg bis zu diesem Punkt war weit.«

Ramsays Gesicht verdunkelte sich. »Du hast dein gutes Teil dazu beigetragen, ihn zu dem zu machen, was er heute ist«, sagte er schnell. »Das darfst du nicht vergessen. Nicht einen Augenblick! Vulkan war anfänglich ein ganz wüster Bursche, bis du ihn gelehrt hast, Vertrauen zu Menschen zu gewinnen. Henry hat angefangen, nachdem du Vulkan so weit gebracht hattest. Er hat eine wunderbare Rennmaschine aus ihm gemacht; aber vergiß nicht: ohne deine entscheidende Hilfe hätte er das niemals zuwege bringen können.«

»Sicher, Vater, ich werde daran denken«, versprach Alec lächelnd.

Sie hatten die Tribünen passiert, und ihre Augen wanderten jetzt zu der langen Reihe der Pferdeställe, die vor ihnen lag. Sie sahen die Pferdepfleger ihre mit bunten Decken gegen Erkältungen geschützten Pferde hin und her führen. Der herbe Geruch des Rauches von den überall aufgestellten eisernen Öfen zog zu ihnen herüber.

»Wie hat Mutter das Rennen aufgenommen?« fragte Alec, als sie in die Stallgasse einbogen.

»Ganz ausgezeichnet! Mit Ausnahme von Vulkans Stolpern kurz nach dem Start. Doch sie überwand ihren Schreck zur gleichen Zeit wie der Hengst sein Aus-dem-Schritt-geraten. Und nachdem das Rennen vorbei war, hörte ich sie zu den Umsitzenden sagen, daß du mit deinen Zügelhilfen Vulkan wieder auf die Beine gebracht hast. Sie wird, scheint’s, allgemach ein tüchtiger Angeber«, fügte er stolz hinzu.

Als sie sich den Ställen näherten, sahen sie, daß sich eine Menge Menschen vor Vulkans Box versammelt hatten.

»Die Fotografen sind immer noch da, wie ich sehe«, sagte Herr Ramsay, »und da steht Mutter mit…« Er blieb stehen und spannte hastig den Schirm auf. »Den hatte ich ganz vergessen«, flüsterte er und blinzelte seinem Sohn zu.

Die Fotografen verließen den Schutz des Schuppendaches, als sie Alecs und seines Vaters ansichtig wurden, und fotografierten sie eifrig beim Näherkommen. Dann nahmen sie Alec mit Henry auf. Beide ähnelten sich sehr; sie paßten zusammen. Die Fotografen wußten das. Sie waren gleich groß, jeder hatte kräftige Schultern und Arme. Henry war in der Taille nicht so schlank wie Alec, und seine Beine waren krumm wie bei vielen alten Reitern. Man hätte sie für Vater und Sohn halten können. »Gehen Sie näher an Alec heran, Henry«, verlangten die Fotografen.

Henry zog seinen triefenden Hut tiefer ins Gesicht und brummte: »Du solltest längst weg sein, Junge! Der Tag war lang und anstrengend für dich.«

»Lachen Sie, als ob Sie sich freuten, ihn zu sehen«, forderte ein Fotograf Henry auf, »und schieben Sie Ihren Hut hoch, damit Ihr Gesicht zu sehen ist.«

Henry verzog sein verdrossenes Gesicht zu einem Grinsen, aber seinen Hut rührte er nicht an. »Sieh zu, daß du mit deinen Eltern wegkommst«, flüsterte er. »Ich folge in wenigen Minuten, ich habe meinen Wagen ganz in der Nähe geparkt.«

Alec wandte sich Vulkans Stall zu; er sah, wie einer der Pferdepfleger, die Henry angestellt hatte, Vulkan streichelte. Der Hengst hatte seinen Kopf zur Stalltür herausgestreckt. Hell hob sich der weiße Spitzstern in der Mitte seiner Stirn vor der Schwärze des Kopfes ab. Er bohrte sein Maul in die Tasche des Pflegers, nach einer Mohrrübe suchend. Dann schoben sich Neugierige vor ihn und nahmen Alec die Sicht.

»Sehen Sie bitte Henry an!« rief ein Fotograf.

»Ich möchte ein paar Minuten zu Vulkan in den Stall, bevor ich nach Hause fahre, Henry«, sagte Alec. »Henry ansehenü« hieß es energisch.

»Das läßt sich nicht machen«, sagte Henry, »die Reporter würden dir unweigerlich nachkommen. Es ist das einzig Richtige, du fährst heim! Vulkan wird gut gepflegt, mach dir keine Sorgen um ihn.«

Alecs Gesicht wurde traurig. »Sorgen mache ich mir nicht, darum handelt es sich nicht, nur daß ich…«

»Bitte recht freundlich!« riefen die Fotografen.

Alec lächelte pflichtgemäß, die Blitzlichter zuckten auf, viele Verschlüsse klickten. Dann nahm ihn Henry am Arm und schob ihn energisch den Weg entlang bis zu der Stelle, an der sein Vater den Wagen abgestellt hatte. Seine Eltern saßen bereits drinnen.

Alec setzte sich schweigend auf den Rücksitz. Herr Ramsay fuhr durch den Haupteingang hinaus und dann in Richtung Flushing, wo sie nach etwa einer Stunde anlangten. Der Himmel im Westen war hell erleuchtet von den Abertausenden von Lichtern New Yorks. Die mächtigen Silhouetten der Wolkenkratzer hoben sich vor dem Nachthimmel ab.

Vater Ramsay fuhr die stillen Vorortstraßen entlang und hielt dann vor einem zweistöckigen, braungetünchten Einfamilienhaus. »Der Regen hat aufgehört«, stellte er beim Aussteigen fest.

Seine Frau folgte ihm durch den Vorgarten zum Haus. Als sie die Veranda erreicht hatte, drehte sie sich um und sah Alec in entgegengesetzter Richtung die Straße überschreiten. Sie wollte gerade nach ihm rufen, als ihr Mann sie am Arm nahm: »Laß ihn, Belle! Er wird das Bedürfnis haben, im Stall ein paar Minuten mit sich allein zu sein.«

»Aber da ist doch nichts außer Tonys altem Pferd.«

»Das weiß er selber«, sagte Ramsay, schob sie zur Tür und schloß auf. Ein kleiner Hund mit lockigem, braunem Haar sprang heraus und strebte mit den Vorderpfoten freudig an ihnen hoch. Herr Ramsay beugte sich zu ihm hinunter und liebkoste seine langen Ohren. »Du solltest schnell Alec nachlaufen, Sebastian«, sagte er. »Er wird sich freuen, wenn du zu ihm kommst.«

Der Hund stand still und winselte, nachdem sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte. Dann drehte er sich um und erblickte Alec auf der Straße. Mit kurzem Aufbellen rannte er die Stufen hinunter, durchquerte den Vorgarten und schoß auf den Jungen zu.

Alec bückte sich, nahm den weichen kleinen Körper in die Arme und herzte ihn. Nach einigen Minuten setzte er ihn wieder auf den Boden, ging auf ein hohes eisernes Tor zu, öffnete es und ging mit dem Hund hinein.

Eine kiesbestreute Auffahrt führte zu einem etwa hundert Meter weiter hinten gelegenen alten Stall. Er ging darauf zu, während seine Augen auf dem dunklen Gebäude und dem hölzernen Zaun haften blieben, der rechter Hand davon das Gelände abgrenzte. Es war das Feld, auf dem Blitz und später Vulkan geweidet hatten…

Am Stall angekommen, schloß er die Tür auf und trat ein. Schon ehe er das Licht anknipste, war das leise Wiehern eines Pferdes zu hören. Sebastian rannte eilends zu einer der Boxen hinüber.

In das plötzlich aufflammende Licht blinzelnd, streckte ein altes Pferd seinen grauen, fast schon weißen Kopf über die halbhohe Tür seiner Box. Alec ging zu ihm hin und streichelte sein weiches Maul. Einen Augenblick stand er so und ließ seine Augen über das sorgfältig gestriegelte Fell des alten Pferdes gleiten. »Tony pflegt dich gut, nicht wahr, Napoleon?« sagte er leise. Dann sah er ein Tuch an dem Haken neben der Tür hängen. »Aber es wird dir nichts schaden, wenn ich dich auch noch ein wenig abreibe.« Er nahm das Tuch, betrat die Box und fuhr Napoleon damit über den müden alten Rücken. Das Pferd wandte sich um und versuchte ihm ins Gesicht zu sehen.

»Steh still, Nappy!« sagte er, doch dann nahm er den alten Kopf in beide Hände und preßte ihn an sich.

Der kleine Seb schlüpfte nun ebenfalls in die Box und wuselte zwischen den Beinen des Pferdes herum. Napoleon senkte den Kopf und beobachtete seinen flinken kleinen Freund.

Als Alec mit dem Abreiben des Pferdes fertig war, ging er zu seinem Wassereimer. Er fand ihn wohlgefüllt. Er goß ihn trotzdem aus und füllte ihn frisch. Dann holte er reines Stroh und breitete es auf den Boden. Da er nun beim besten Willen nichts mehr zu tun fand, konnte er nicht verhindern, daß seine Augen zu einer anderen Box hinüberwanderten und lange daran haftenblieben. Dann ging er in die Geschirrkammer am anderen Ende des Stalles, setzte sich dort auf eine Kiste und begrub sein Gesicht in den Händen.

»Eigentlich solltest du dich schämen«, sagte er nach einer Weile ärgerlich zu sich selber. »Bist doch erwachsen, Alec…«

Als er den Kopf hob, betrachtete er die drei Bilder, die an der Wand vor ihm hingen. Sie zeigten Vulkan. Auf dem ersten war er noch ein Fohlen und stand auf hohen, unverhältnismäßig dünnen Beinen. Auf dem zweiten war er ein Jährling und bereits starkknochig und viel wuchtiger als sein Vater. Die dritte Aufnahme war gemacht worden, als er zwei Jahre alt war und im Siegerring stand, nachdem er im letzten Herbst das Hopeful-Rennen gewonnen hatte. Es war der Beginn seiner meteorhaften Rennkarriere gewesen, und — wie Alec jetzt bewußt geworden war — das Ende der herrlichen Zeit, in der er ihm allein gehört hatte…

Links von Alecs Sitz war noch ein Bild an der Wand, größer als die drei anderen. Er hatte nicht nötig hinzusehen, denn er sah im Geist jede Einzelheit genau vor sich: es war ein Foto von Blitz und zeigte seinen schönen Araberkopf. Es war lange her, seit er die Aufnahme gemacht hatte. Sein Vater hatte sie vergrößern und einrahmen lassen. Der Hintergrund war der Himmel, Blitz zeichnete sich so lebensvoll davon ab, daß man das Gefühl hatte, nur hinübergreifen zu brauchen, um das feingezeichnete Maul zu berühren und es weich und bebend in der Hand zu fühlen.

Es war ein schmaler Kopf, edel und kühn, mit großen Augen, aus denen Feuer und Mut strahlten. Sein weiches Stirnhaar und die schwere schwarze Mähne waren von dem starken Wind, der an jenem Tag geweht hatte, zurückgerissen. Die kleinen Ohren hielt er so straff gespitzt, daß sie sich beinahe an den Spitzen berührten, und seine empfindsamen Nüstern waren geweitet, denn er war der Kamera gegenüber voller Mißtrauen.

Alec schloß die Augen, um in Ruhe nachzudenken. Dann öffnete er sie wieder und sprach laut vor sich hin: »Heute habe ich Vulkan geritten und mit ihm die dreifache Krone des Turfs gewonnen. Mehr kann sich kein Mensch wünschen. Ich bin der glücklichste Mensch auf der Welt!« Er wiederholte diese Worte und stand auf. Er wußte, daß er sich eben selbst belogen hatte — denn er war ganz und gar nicht glücklich…

Die Wirklichkeit

Alec schickte sich eben an, die Geschirrkammer zu verlassen, als sich die Stalltür öffnete und Henry hereinkam. Seb sprang ihm freudig bellend entgegen.

»Ich sah das Licht und dachte mir, daß du im Stall sein würdest, Alec! Ist etwas nicht in Ordnung?«

»Alles bestens! Ich hab nur mal eben nach Napoleon geschaut…«

Während beide zu dem alten grauen Wallach hinübergingen, sagte Henry: »Ich bin froh, daß du jetzt mit der Schule fertig bist. Nun kannst du doch wenigstens morgens immer mit mir auf die Rennbahn hinausfahren.«

Alec stand neben Henry, die Hand auf Napoleons Kopf. »Ich hatte das Bedürfnis, in den Stall zu gehen, von dem alles seinen Anfang genommen hat«, erwiderte er ruhig. »Ich weiß, daß wir Vulkan hier nicht mehr einstellen können, aber ich wünschte so sehr, daß es möglich wäre.«

Henry sah ihn überrascht an, lächelte dann verstehend und sagte: »Jaja, es ist auf der Rennbahn schon anders… Mich haben die Fotoreporter heute auch fertig gemacht. Aber früh morgens ist es nicht so schlimm, Alec. Natürlich sind immer Leute da, die jede Bewegung, die wir mit Vulkan machen, mit Argusaugen verfolgen, doch daran wirst du dich gewöhnen. Wir können nun einmal jetzt nichts anderes erwarten.«

»Nein, das können wir nicht«, bestätigte Alec leise, »und es ist ja auch so, wie wir es uns gewünscht haben.« Henry sah Alec lange prüfend an, bevor er sagte: ‘ »Und jetzt wünschst du es dir nicht mehr?«

»Das habe ich nicht gesagt, Henry.«

»Nein, ausgesprochen hast du es nicht, aber gedacht hast du es. Stimmt’s?«

Alec wandte sich ab. Nach mehreren Minuten nachdenklichen Schweigens antwortete er: »Ich weiß überhaupt nicht, was ich will, Henry. Ich bin ganz durcheinander…«

»Mir scheint, es ist besser, du sprichst dich aus, mein Junge«, sagte Henry liebevoll. »Wir haben es doch immer so gehalten, haben nie einer vor dem anderen etwas verborgen, nicht wahr?«

»Jawohl.«

»Nun also — was bedrückt dich?«

Alec sah den Älteren offen an. »Manchmal denke ich, ich wäre wie ein kleines Kind, dem man sein Spielzeug weggenommen hat«, sagte er ärgerlich. »Ich glaube, ich bin unglücklich, weil ich Vulkan jetzt nicht mehr allein für mich haben kann! Ich ermahne mich dauernd, endlich zur Einsicht zu kommen, daß man einen Champion nicht als Haustier halten kann, denn das ist es, was ich möchte! Ich bin glücklich, daß Vulkan genau das geworden ist, was wir erträumt haben. Ich wußte vom ersten Tag an, daß ich ihn mit anderen würde teilen müssen, wenn er wirklich ein Champion würde. Ich weiß auch, daß sein Training unentwegt fortgeführt werden muß, selbst wenn ich ihn reiten kann. Ich weiß, daß ihn andere reiten müssen, wenn ich verhindert bin. Alles das sagt mir meine Vernunft, alles ist genau so gekommen, wie ich es mir gedacht habe…« Alecs Blick wanderte von Henry zu Napoleon. Er atmete tief auf und fuhr dann fort: »Trotzdem fällt es mir nun unsagbar schwer…, viel schwerer, als ich es mir jemals vorgestellt habe.«

»Hat es dich denn nicht gefreut, Vulkan in unseren großen klassischen Rennen zum Sieg reiten zu können?« fragte Henry.

»Nein, nicht einmal das! Ich komme mir vor, als wäre ich für ihn nichts als ein Jockey. Und ich möchte mehr sein. Sehr viel mehr!« Er wandte sich Henry mit fragenden Augen zu: »Aber es wird jetzt im Sommer wieder anders sein, nicht wahr? Ich werde die ganze Zeit mit ihm Zusammensein und ihn auch selber pflegen. Wir brauchen keinen Pferdewärter. Nur wir beide mit ihm allein…, ganz wie es früher gewesen ist.«

Henry zögerte eine Weile; er betrachtete Alecs bekümmertes Gesicht. »Ich könnte dir zustimmen, Alec«, sagte er endlich, »aber ich tue es nicht.« Er verstummte vor dem erschrockenen Ausdruck, der in Alecs Augen getreten war. »Du bist offen zu mir gewesen, und ich will es dir gegenüber ebenfalls sein«, fügte er hinzu.

»Worauf willst du hinaus, Henry?« fragte Alec schnell.

»Auf etwas, was ich mir seit langer Zeit überlegt habe, etwas, was mir aufgegangen ist, nachdem ich dich die letzten sechs Monate beobachtet habe. Ich bitte dich, das, was ich dir sagen werde, in Ruhe zu überdenken und dich zu prüfen, ob ich nicht recht habe mit meiner Vermutung über die wahre Ursache deiner Traurigkeit.« Alec sah ihn an, ohne ein Wort zu erwidern.

»Du hast gesagt, daß du dir wünschst, es möchte mit Vulkan wieder so sein wie früher«, begann Henry, sorgfältig die Worte wägend. »Ich aber glaube, daß es in Wirklichkeit nicht Vulkan ist, an den du denkst, sondern Blitz!« Er wartete auf Widerspruch, aber Alec schwieg, und der alte Trainer fuhr fort: »Weder Vulkan noch irgendein anderes Pferd auf der Welt kann dir geben, was du an Blitz gehabt hast, Alec! Das mußt du begreifen, statt dauernd zu grübeln und unbewußt immer auf etwas zu warten, was helfen könnte, alles so zu machen, wie es einst war…, denn das ist vollkommen unmöglich.«

Napoleon zupfte Henry am Jackenärmel, aber dessen Augen ließen nicht von Alec, als er mit noch sanfterer Stimme fortfuhr: »Ich möchte keinesfalls dazu beitragen, daß du noch betrübter wirst, vielmehr möchte ich versuchen, dir klarzumachen, daß ein Verhältnis, wie es zwischen dir und Blitz bestanden hat, etwas ganz Einmaliges ist… Blitz war kein gewöhnliches Pferd, Alec, er war ein Wildhengst und niemals vollständig zahm. Nur aus irgendeinem geheimnisvollen Grund hat er dir zuliebe die Wildheit vergessen und dir sein ganzes Herz geschenkt… Laß uns einen Blick in die Vergangenheit tun«, sprach Henry hastig weiter. »Du warst noch ein Junge und Blitz ein ungezähmter Wildhengst, den nur du allein bändigen konntest. Deine Liebe wurde von einem Tier erwidert, das keinen anderen liebte. Blitz gehörte dir ganz und gar, Alec…, gehörte dir in einem gemeinhin nicht glaubwürdigen Ausmaß. Jeder andere an deiner Stelle würde genau so gefühlt haben wie du. Es machte dich vollkommen glücklich.«

»Und verdarb mich für alles andere. Das willst du doch sagen, nicht wahr, Henry?« Alecs Lippen verzogen sich zu einem leisen Lächeln. »Selbst für Vulkan!«

»Vielleicht meine ich das«, gab Henry zurück, »es kommt sehr viel darauf an, wie du die Dinge von jetzt ab betrachten willst.« Er machte eine Pause und trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. »Ich denke, du mußt dir jetzt vor allem darüber klar werden, was du bis heute erreicht hast und welche Zukunft vor dir und Vulkan liegt. Er wird auf seiner Ruhmesbahn fortschreiten, und du wirst mit ihm gehen. Aber Vulkan ist kein Ein-Mann-Pferd, Alec. Es ist nicht richtig von dir, das von ihm zu erwarten. Vulkan kann — wie du selbst sagst — jetzt beinah von jedem geritten werden. Dafür ist er erzogen worden, es war das Ziel unseres Trainings. Dadurch, daß wir dieses Ziel erreicht haben, ist er noch wertvoller geworden…, wertvoller als Blitz, meine ich. Er besitzt dessen Schnelligkeit und ist dabei lenkbar — das zusammen macht ihn zu dem Champion, der er ist!«

Er nahm Alec am Arm und sagte: »Komm eine Minute mit nach hinten in die Geschirrkammer«, und fügte, als sie nebeneinander gingen, hinzu: »Du mußt jetzt einmal darüber nachdenken, ob Vulkan dir nicht etwas gegeben hat, was Blitz dir schuldig bleiben mußte: Blitz hätte niemals ein wirkliches Rennpferd werden können, es wäre unmöglich gewesen, ihn auf der Bahn mit anderen Pferden zusammen laufen zu lassen. Bei jenem Wettrennen in Chicago galoppierte er ungebändigt mit dir auf dem Rücken dahin — das weißt du so gut wie ich! Aus Vulkan haben wir ein Rennpferd gemacht. Bei Blitz hättest du von einem zum anderen Rennen niemals gewußt, zu was er aufgelegt sein würde — ob zum rennen, ob zum kämpfen mit anderen Hengsten.« Sie waren an der Tür der Geschirrkammer angelangt, als Henry stehenblieb und sich zu Alec umwandte: »Und glaub’ bitte nicht einen Augenblick, daß Scheich Abu das nicht genau weiß. Deshalb hat er Blitz nicht herübergeschickt, obwohl er dir das versprach, als wir ihn im letzten Herbst nach dem Hopeful-Rennen sahen! Er ist nach Arabien zurückgefahren und hat sich die Sache überlegt. Dabei hat er erkannt, daß sein Plan unausführbar war. Ich wette, daß dies der Grund ist, warum er deine Briefe nicht beantwortet hat.« Mit diesen Worten betrat Henry die Geschirrkammer, die Hand immer noch auf Alecs Arm. Vor Blitz’ Foto blieb er stehen. »Wenn ich an deiner Stelle wäre, mein lieber Junge, würde ich dieses Bild hier wegnehmen, es in die Schublade legen und alle Gedanken an Blitz dazu. Ich würde zu mir selber sagen: Es war eine herrliche Zeit, aber sie ist vorbei, für immer vorbei.« Henry zuckte die Achseln. »Sie hst du, das ist mein freundschaftlicher Rat! Ob du ihn befolgen wirst, weiß ich nicht. Die Entscheidung liegt allein bei dir.« Damit ging er hinaus und ließ Alec allein.

Lange Zeit starrte Alec das Bild von Blitz an, ohne sich zu rühren. Dann nahm er es von der Wand, trug es zu der alten Kommode, wickelte es sorgfältig in ein Tuch, schob es in eine Schublade und schloß sie. Mit einem Ruck wandte er sich ab und ging hinaus.

Henry hatte vor der Kammertür auf ihn gewartet.

»Du hast recht«, sagte Alec mit gedämpfter Stimme. »Ich habe unentwegt an Blitz gedacht mit dem Wunsch, es könnte mit Vulkan so werden, wie es mit ihm gewesen ist. Ich habe sein Bild weggepackt… Die schöne Zeit ist vorbei! Ihr nachzutrauern, hilft nichts. Ich will jetzt nur noch an Vulkan denken.«

Henry legte den Arm um Alecs Schultern, als sie an den Boxen vorüberschritten. »Wir wollen morgen ganz früh auf die Rennbahn hinaus«, sagte er, »und zwar nicht, um Vulkan zu trainieren, sondern nur, um uns ein wenig umzuschauen.«

»Wann ist das nächste Rennen, Henry?«

»Erst in einigen Wochen, das große Rennen in Chicago. Vulkan wird dort gegen ältere Pferde antreten, aber ich glaube nicht, daß wir die geringsten Schwierigkeiten haben werden, wenn er läuft, wie er heute gelaufen ist.«

»Das wird er!« sagte Alec zuversichtlich. »Er kann gar nicht anders!«

Sie erreichten die Stalltür, und Henry hatte eben das Licht ausgeknipst, als sie Schritte herankommen hörten. Alec erkannte die schlanke Gestalt zuerst: »Es ist mein Vater«, sagte er zu Henry, der daraufhin in den Stall zurückging, um das Licht wieder einzuschalten.

Als Herr Ramsay seinen Sohn sah, rief er: »Ich habe auf dich gewartet, Alec, aber du bist so lange ausgeblieben, daß ich herübergekommen bin, um dir diesen Brief zu bringen.« Er stockte, als Henry im Türrahmen hinter Alec erschien. »Oh, ich wußte nicht, daß Henry bei dir war.«

Sie gingen in den Stall zurück, und Vater Ramsay reichte Alec den Brief, den er in der Hand hielt. »Er kommt aus Arabien«, sagte er, »er lag im Briefkasten, als wir heimkamen.«

»Von Scheich Abu?« fragte Henry rasch.

»Nein, er scheint von Abus Tochter Tabari zu sein. Jedenfalls steht dieser Name als Absender auf dem Umschlag.«

»Vielleicht hat sie nur statt seiner die Adresse geschrieben«, vermutete Henry. Er sah Alec an, der den Umschlag öffnete und den Brief herausnahm. Er glaubte nicht, daß der Scheich Blitz herüberschicken würde, aber er konnte sich irren. Und falls Blitz käme, würde sich vieles ändern…, für ihn wie für Alec…, vielleicht sogar für Vulkan. Daher beobachtete Henry Alec beim Lesen mit gespannten Blicken.

Er sah, wie Alec erblaßte, sah, wie ihm Tränen aus den Augen stürzten. Dann schlossen sich Alecs Augen, und seine sich krampfhaft schließende Hand zerknüllte den Brief.

Herr Ramsay nahm ihm den Brief aus der Hand, glättete den Bogen und hielt ihn so, daß Henry mit ihm zusammen lesen konnte:

Lieber Alec,

mein Vater ist vor drei Monaten, Anfang März, gestorben. Wir trauern tief um ihn. Er ist den Verletzungen erlegen, die er bei einem Sturz von dem Hengst erlitt, den Du Blitz genannt hast.

In seinem Nachlaß fanden wir einen Brief, der erst nach seinem Tod geöffnet werden sollte. In diesem Brief bestimmt er, daß Blitz Dir gehören soll.

Es ist eine Ironie des Schicksals zu nennen — findest Du nicht auch? daß er dir den Teufel vermacht hat, der die Ursache seines Todes ist. Ohne diese Bestimmung würden wir Blitz erschossen haben.

Ich habe den Transworld-Airlines den Auftrag gegeben, den Hengst zu Dir nach Amerika zu fliegen. Er wird in Newark in New Jersey in der Nacht des 20. Juni eintreffen. Alle notwendigen Papiere, eingeschlossen die Übertragung der Eigentumsrechte, sind in einem Extra-Umschlag abgeschickt worden. Möge Allah mit Dir sein und Dich vor dem Schicksal bewahren, dem mein Vater zum Opfer gefallen ist.

Tabari

Blitz

Es war etwas mehr als eine Woche vergangen, seit Alec Tabaris Brief erhalten hatte. Er und Henry saßen in der Fahrerkabine ihres Pferdetransportautos, das sie vor dem Newarker Flugplatz geparkt hatten, und erwarteten die Ankunft des Flugzeugs, das Blitz bringen sollte.

Henry strich mit der Hand übers Lenkrad, dann wandte er sich von Alec weg und betrachtete die Lichter des Flughafens. Gerade setzte ein großes Flugzeug auf der Landepiste auf.

»Noch einmal, Alec«, sagte Henry, »ich weiß, daß ich mich getäuscht habe, als ich annahm, die Blitz-Episode in deinem Leben gehöre der Vergangenheit an, gründlich getäuscht…«

Alec antwortete nicht.

»Aber was ich bei dieser Gelegenheit erklärte, daß Blitz nicht als Rennpferd taugt, das gilt unverändert fort«, setzte er hinzu, indem er Alec ansah.

»Ich habe nicht die Absicht, ihn auf die Rennbahn zu bringen«, erwiderte Alec. »Das habe ich dir ja schon gesagt.«

»Gut, aber sieh dich vor, wenn du jetzt mit ihm zusammentriffst! Ich weiß, daß du nie große Schwierigkeiten mit ihm gehabt hast. Da ihr aber nun so lange Zeit voneinander getrennt gewesen seid, kann sich vieles zwischen ihm und dir geändert haben.«

»Er wird mich wiedererkennen, Henry.«

»Er hat Abu ebenfalls gekannt!« antwortete der alte Trainer mit einem warnenden Unterton. Er sah nach seiner Uhr. »Es ist fast Mitternacht«, fuhr er fort, »Jetzt kann das Flugzeug jede Minute eintreffen.« Als er seine Hände vom Steuer nahm, stellte er fest, daß sie naßgeschwitzt waren. Er rieb sie zerstreut an seinen Hosenbeinen trocken.

Alec blickte in den Himmel und dachte dabei: Blitz gehört mir wieder! Und diesmal für immer! Aber es hat Scheich Abu das Leben gekostet… Wieder und wieder hatte er sich gesagt, daß Abu ja ein alter Mann gewesen war, den wohl ein schwerer Sturz von jedem Pferd getötet hätte. Es hätte also gar nicht Blitz zu sein brauchen. Tabari hatte ihm keine Einzelheiten mitgeteilt. Abu konnte auf den Kopf gefallen sein und einen Schädelbruch erlitten haben — vielerlei Möglichkeiten gab es. Vielleicht war Blitz in vollem Galopp gestolpert, und Abu war nicht darauf gefaßt gewesen. Allein, wenn dies der Fall war — warum hatte Tabari Blitz töten lassen wollen? Warum, wenn ihres Vaters Tod einem Unglücksfall zuzuschreiben war? Blitz erkannte keinen Herrn über sich an — hatte der Scheich das vergessen? Hatte er geglaubt, das stolze Selbstbewußtsein des Hengstes brechen zu können? Hatte er mit ihm gekämpft, und war er der Verlierer gewesen? War das der Grund, weswegen Tabari den Hengst hatte zum Tode verurteilen wollen?

Alec öffnete die Augen — er wollte die Antwort gar nicht wissen! Es war viel besser, nichts Näheres zu erfahren! Ich muß nur immer daran denken, sagte er sich, daß Blitz mit einem ganz anderen Maß zu messen ist als alle anderen Pferde der Welt. Wenn ich dessen stets eingedenk bleibe, habe ich nichts zu befürchten. Ich kann über ihn so wenig herrschen wie Abu das konnte, ich muß ihn bitten, ich darf ihm nicht befehlen. Er muß aus eigenem Antrieb handeln, er muß selber zu tun wünschen, was ich von ihm will. Gewiß ist das nicht so, wie es sein sollte, aber es ist nun einmal seine Art. Niemand könnte ihn jetzt noch ändern.

Sie hörten das Dröhnen des Transportflugzeugs, bevor sie seine Positionslichter von den Sternen unterscheiden konnten. Sie beobachteten, wie es einschwebte und sachte über dem Flugplatz an Höhe verlor.

»Das wird es sein«, meinte Henry.

Als die Räder des Flugzeugs die Landepiste berührten, vermochte Alec die Anschrift Transworld Airlines an seiner Seite zu erkennen. »Das ist es, Henry!« rief er. »Blitz ist angekommen!«

Sie stiegen aus und gingen zu dem Zaun, der den Flugplatz einfriedete. Das Flugzeug landete auf der Hauptpiste und rollte genau in ihrer Richtung aus. Sein silberner Rumpf glänzte auf, als die Lichter ihn trafen.

Henry prüfte die Umgebung. Glücklicherweise waren sie weit entfernt vom Mittelpunkt des geschäftigen Treibens; niemand befand sich in unmittelbarer Nähe, außer einigen Transworld-Angestellten, die das Flugzeug erwarteten. »Je weniger Getriebe wir hier herum haben, desto günstiger«, sagte er zu Alec. »Ich werde gleich noch einmal ins Büro gehen, um sicher zu sein, daß alle Papiere in Ordnung sind.« Mit diesen Worten ging er auf das erleuchtete Gebäude im Hintergrund zu, während Alec kein Auge von dem Flugzeug ließ.

Nach wenigen Sekunden kam es in ganz kurzer Entfernung von ihm zum Stehen. Er sah, wie drei Männer in weißen Overalls darauf zuschritten. Die Motoren heulten noch einmal dröhnend auf, ehe sie endgültig verstummten. Die Propeller drehten sich noch eine Weile; dann blieben sie stehen.

Mit pochendem Herzen wartete Alec, daß die großen Türen geöffnet wurden. Dann sah er unruhig zu dem Gebäude hinüber, in dem Henry verschwunden war.

Als er wieder zum Flugzeug hinüberschaute, stellte er fest, daß die Türen noch immer geschlossen waren. Doch jetzt kam Henry schnellen Schrittes herbei. »Wir können ihn sofort in Empfang nehmen, wenn er herauskommt!« rief er von weitem.

»Laß uns dann nur gleich hingehen«, erwiderte Alec und lief auf ihn zu.

»Regdich nicht so auf!« warnte ihn der Ältere. »Sie werden ihn schon ordnungsgemäß herausbringen, für sie ist der Hengst nur ein Frachtstück wie jedes andere.«

Als sie den Eingang zum Flugplatz erreichten, händigte Henry dem Pförtner den Empfangsschein aus, den er im Büro erhalten hatte. Der Mann verglich ihn mit seiner Liste. »Sie werden das Pferd gleich bringen«, sagte er.

Jetzt wurden die Türen des Flugzeugs geöffnet. Ein Mann erschien und rief die Bodenmannschaft herein. Die Leute verschwanden im Innern, erschienen aber nach wenigen Sekunden wieder, um eine lange hölzerne Rampe auszulegen, die vom Flugzeugeingang bis herab zum Boden reichte.

Plötzlich erschütterte ein langes, wildes Wiehern die Nacht, wurde aber gleich darauf vom Dröhnen der Motoren eines anderen landenden Flugzeugs übertönt.

Alecs Hand klammerte sich krampfhaft um die Kette, die den Eingang zum Flugplatz versperrte. Er wandte sich erregt zu Henry: »Vielleicht könnte ich beim Herausführen helfen!«

Henry lächelte den Pförtner an. »Wir sind ein wenig besorgt wegen unseres Pferdes«, sagte er erklärend.

»Das ist unnötig«, beruhigte ihn der Mann. »Wir haben erfahrene Spezialisten, die mit Pferden und allen möglichen anderen Tieren umzugehen verstehen. Sie sind bisher noch mit allen Schwierigkeiten fertig geworden.« Henry nickte zustimmend, aber Alec wandte seine Blicke wieder beunruhigt dem Flugzeug zu. Blitz ließ ein zweites schrilles Wiehern hören, dann hörte man seine Hufe hart gegen Metall schlagen.

»Manche sind schwerer zu behandeln als andere«, fuhr der Pförtner fort, »aber es kommt darauf an, daß man versteht, wie sie anzufassen sind. Der Mann, der sie im Flugzeug betreut, ist ein berufsmäßiger Tierpfleger; er wird mit allen Tieren fertig, die wir transportieren. Unsere Fluggesellschaft hat für jedes Transportgut besonders ausgebildete Fachleute.«

»Wie Sie richtig sagen«, stimmte Henry lächelnd zu, »kommt es einzig und allein darauf an, daß man weiß, wie sie anzufassen sind!«

»Jawohl, darauf und daß man die entsprechende Ausrüstung besitzt«, fuhr der Pförtner fort. »Wir können unsere Transportflugzeuge, wenn es erforderlich ist, in regelrechte fliegende Ställe umwandeln. Wir benutzen Boxen mit Gummimatten an den Wänden und dick mit Sägespänen angeschütteten Böden. Alles, was zur Bequemlichkeit vierbeiniger Passagiere dient, ist bei uns vorhanden, kann man sagen. Doch wenn sie irgendwelche Schwierigkeiten machen, benutzt der Pfleger einen Bauchgurt, um sie ruhig zu halten.« Er wandte sich dem Flugzeug zu. »Es mag schon sein, daß er den Gurt für Ihr Pferd gebraucht hat…, das Ihrige ist das einzige, das mit dem heutigen Nachtflugzeug transportiert worden ist. Alles andere ist Frachtgut. Jetzt müßte er es eigentlich schon draußen haben. Gewöhnlich benötigt er nicht so viel Zeit…« Er verstummte und blickte zur Tür des Flugzeugs. Blitz stand dort, noch halb drinnen. Der Pfleger hielt ihn am Kopf.

»Da kommt er ja«, sagte der Pförtner. »Jetzt werden wir ihn sogleich draußen haben.«

»Hoffentlich«, antwortete Henry mit Unbehagen, denn er sah, daß der Pfleger Schwierigkeiten hatte. Unwillkürlich packte er Alecs Arm.

Blitz schüttelte wild den Kopf, als der Mann fest an dem Führriemen zog, den er kurz gefaßt hatte. Gleichzeitig schnaubte der Hengst, und seine Augen blitzten herausfordernd; dann trat er durch die Tür auf die Rampe. Einen Augenblick verharrte er still, in das helle Lampenlicht blitzelnd, das ihn draußen empfing. Seine Ohren spitzten sich bei dem Motorengebrumm eines sich der Landepiste nähernden Flugzeugs.

Er stand dort wie eine riesige Statue. Selbstbewußt und aristokratisch, den schmalen Kopf mit der seidigen Stirnlocke hoch und majestätisch erhoben. Kein Bildhauer hätte die Biegsamkeit und Schönheit des Umrisses seines wundervoll modellierten Körpers in aller Vollendung wiederzugeben vermocht.

Der Pfleger zog erneut am Riemen und versuchte, Blitz die Rampe hinunterzuführen. Groß und langbeinig wie er war, machte der Hengst zwei Schritte, dann stieg er ohne Warnung kerzengerade in die Höhe, den Mann mit sich zerrend. Jetzt bot er nicht mehr nur einen schönen Anblick — jetzt war er ein zorniges, um seine Freiheit kämpfendes wildes Tier! Um ihn herunter zu bekommen, schlug ihn der Pfleger hart aufs Maul — mit dem Erfolg, daß des Hengstes Wut nur noch größer wurde — er riß sich los und stürzte vorwärts…

Alec sprang über die Kette und rannte auf ihn zu, ohne sich um das Geschrei des Pförtners zu kümmern. Blitz galoppierte auf die benachbarte Landepiste zu. Zum Glück brachte ihn das Aufheulen der Motoren eines Flugzeugs zum Stehen. Herumwirbelnd kam er zurück, seine Augen waren weit aufgerissen. Er schwenkte zur Seite, als er auf Alec zukam, und schoß gefährlich nahe an ihm vorbei.

Seine wirbelwindartige Attacke kam zu einem plötzlichen Halt, er schüttelte seine verwirrte Mähne, seine Nasenflügel bebten. Er wendete sich erneut, so daß er jetzt Alec gegenüberstand. Seine großen Augen trafen die des Jungen, seine Ohren zuckten beim Klang seiner Stimme. Er warf den Kopf auf und stand mit angespannten Sinnen still…

»Blitz! Blitz!« wiederholte Alec unentwegt, während seine Augen die des Hengstes zu halten suchten. Er beobachtete jedes Zeichen erwachenden Wiedererkennens; es blieb ihm ja nur übrig zu warten und zu hoffen.

Der Hengst stand jetzt gespannt, aber ruhig da; nur seine Nasenflügel zitterten. Minutenlang schien er unentschlossen, was er tun sollte, seine blitzenden Augen verließen Alec und spähten sichernd nach vorn und nach hinten. Langsam wandte er dann den Kopf, ging aber weder auf Alec zu, noch von ihm fort. Frei und stolz, auf seine Kraft vertrauend, verharrte er.

Alec redete weiter auf ihn ein, es kam nicht auf die Worte an, die er wählte, von Wichtigkeit war allein der Klang seiner Stimme! Seine Stimme und seine Witterung mußten die Erinnerung in Blitz wecken…

Und richtig, jetzt wandte der Hengst sich ihm erneut zu, spitzte die Ohren und schnupperte mit seinen weiten sensiblen Nüstern — die Witterung war ihm bekannt, er kam heran, Kopf und Schweif hoch erhoben.

Alec streckte ihm seine Hand entgegen. Das Pferd wich der Berührung nicht aus! Alec vermochte seine Seeligkeit nicht mehr zu bezähmen — er warf ihm die Arme um den Hals und vergrub das Gesicht in der langen Mähne.

Er hörte Henry erregt rufen: »Führe ihn gleich weg, jetzt, wo er sich beruhigt hat! Laß uns schnellstens hier fortgehen, bevor er sich wieder aufregt.«

Blitz bewegte sich nervös, als er Henrys Stimme hörte. Alec griff nach dem Halfter und sagte liebevoll: »Komm, mein Junge, wir wollen jetzt nach Hause gehen.« Nach kurzem Zögern folgte ihm der Hengst. Henry hatte den Tierpfleger und die Bodenmannschaft inzwischen gebeten, beiseite zu treten. Aller Blicke folgten Alec, als er den Hengst zum Tor hinausführte, hinüber zum Transportauto.

Henry kam wenige Schritte hinter ihm her. Liebevoll und voller Vertrauen geht er mit ihm mit, genau, wie er es sich gewünscht hat, sagte er zu sich selbst. Aber es hätte leicht schlimm ausgehen können. Wenn er davongelaufen oder in ein Flugzeug gerannt wäre, hätten es alle erfahren — es hätte morgen in der Zeitung gestanden! Die Transworld-Angestellten werden froh sein, daß sie ihn los sind!

Henrys Blick streifte Blitz, wie er so selbstverständlich neben Alec herging. Er war jetzt offensichtlich vollständig beruhigt, nichts erinnerte mehr an seine noch vor so wenigen Minuten gezeigte Unbändigkeit. Er war nicht im geringsten nervös, wendete nur den Kopf wachsam nach allen Seiten.

Henry blieb abwartend etwas zurück, als Alec mit dem Hengst beim Transportauto angelangt war. Blitz scheute vor der Rampe. Henrys Impuls gebot ihm, Alec zu Hilfe zu eilen, aber er unterließ es; allein würde der Junge mit dem mißtrauischen Tier besser fertig werden.

Alec führte sein Pferd geduldig nochmals im Kreis herum und sprach ihm die ganze Zeit beschwichtigend zu. Dann ging er wieder mit ihm vor die Rampe und stieg selbst hinauf. Blitz zögerte nur noch einmal kurz, dann folgte er Alec sogleich; seine Hufschläge hallten laut auf den Brettern.

Jetzt sprang Henry hinzu, schob die Rampe in den Wagen und schloß die Tür, denn Alec rief ihm von drinnen zu, daß er bei seinem Pferd bleiben wolle. Als ob ich das nicht gewußt hätte! Henry lächelte.

Eine Stunde später kam der Transporter vor dem Stallgebäude in Flushing an. Henry dirigierte den Wagen so, daß er genau vor einem grasbewachsenen kleinen Hügel zum Stehen kam, der sich an der Seite des Auffahrtweges befand. Dann sprang er aus der Fahrerkabine und öffnete die hintere Tür. Alec schob ihm von innen die Rampe entgegen, und Henry legte das Ende auf den Hügel, um die Neigung der Rampe zu vermindern. Auf diese Weise würde Alec keinerlei Schwierigkeiten haben, den Hengst herauszuführen. Er ging voraus zum Stall, öffnete die Tür weit und knipste das Licht an. Napoleon hob den Kopf und wieherte sanft. »Du wirst gleich Besuch von einem alten Freund bekommen«, erzählte ihm Henry, »vielleicht erkennst du ihn wieder!«

Alec kam mit Blitz die Rampe herunter. Augen, Ohren und Nüstern des Hengstes bewegten sich lebhaft. »Er weiß, wo er ist, Henry«, rief Alec erfreut. »Sieh ihn dir nur an, er erkennt alles wieder!«

Ohne im geringsten zu zögern, betrat Blitz den Stall. Beim Anblick Napoleons spitzten sich seine Ohren, er wieherte hell und ging schnell zu seiner Box. Napoleon streckte ihm den Kopf über die Tür entgegen, während Blitz mit eifrig witternden Nüstern dicht an ihn herantrat.

»Sei auf alle Fälle vorsichtig!« mahnte Henry und meinte damit sowohl Alec als auch Napoleon.

Aber Napoleon hatte keine Furcht vor Blitz, er hielt ihm begierig seinen grauen Kopf entgegen. Blitz stand still und betrachtete ihn aufmerksam.

Nach einigen Minuten öffnete Alec die Tür der leeren Nachbarbox. Blitz wandte sich ihr sogleich zu und ging, ohne daß es noch eines Wortes von Alec bedurft hätte, hinein.

Henry wartete, während Alec seinem Pferd Futter und Wasser gab. Als er merkte, daß der Junge bei Blitz bleiben wollte, ging er langsam zur Stalltür hinaus.

Ganz und gar, wie Alec es sich gewünscht hat! dachte er. Er und Blitz, sein geliebtes Pferd — jetzt sind sie wieder beieinander! Aber dabei würde es leider nicht bleiben. Irgendein Reporter brauchte bloß in Erfahrung zu bringen, daß Blitz wieder in Amerika war, dann würden alle Zeitungen diese Neuigkeit verbreiten. Und Gott allein wußte, zu welchem Ende das führen würde! Aber das durfte er Alec nicht sagen, jedenfalls jetzt noch nicht. Sollte er seine ungetrübte Freude haben, solange es irgend ging. Die Frist würde kurz genug sein. Leise öffnete Henry die Stalltür und trat in die Nacht hinaus, um Alec mit seinem wieder gewonnenen Liebling allein zu lassen.

Ein schneller Ritt

Alec kehrte schon sehr früh am nächsten Morgen in den Stall zurück. Ohne zu verweilen, ging er zu Blitz in die Box. Liebevoll fuhr er mit der Hand durch die dichte Mähne, um die Strohhalme zu entfernen, die sich in den Haaren verfangen hatten. »Du hast dich in der Nacht niedergelegt«, sagte er sanft.

Blitz folgte ihm zum Wassereimer, der in der einen Ecke hing. Alec nahm ihn vom Haken und verließ die Box, die Tür hinter sich schließend. Dann ging er zu Napoleon und ergriff auch dessen Eimer. Als er mit den gefüllten Eimern zurückkam, gab er erst Napoleon den seinigen, ehe er wieder zu Blitz in die Box ging. Anstatt den Eimer, an den für ihn bestimmten Haken zu hängen, hielt er ihn, auf sein Knie gestützt, während der Hengst seinen feinmodellierten Kopf zum Trinken senkte. Alecs Finger liebkosten inzwischen das seidenweiche Fell.

Danach ging Alec in die Futterkammer und füllte die Futtersäcke mit Hafer für Blitz und Napoleon. Während der Hengst fraß, reinigte er die Box und streute frisches Stroh, das er gleichmäßig über den Boden verteilte. Dann lief er schnell an die Kommode in der Geschirrkammer, entnahm ihr die Bürsten und Striegel und war gerade dabei, die Schublade wieder zu schließen, als seine Augen auf das Tuch fielen, in das er vor einiger Zeit Blitz’ Bild gehüllt hatte. Sorgsam nahm er es heraus und hängte es wieder an seinen Platz. Seine Augen glänzten hell, als er die Kammer verließ.

Blitz trat voller Unbehagen von einem Bein auf das andere, während Alec mit der Bürste über sein Fell fuhr. Alec bewegte sich immer mit ihm mit, welche Stellung er auch einnahm, ohne sich um seine wieder einmal aufflammende Ungebärdigkeit zu kümmern. Geschäftig trat er hinter ihn, entfernte die Strohhalme aus dem langen Schweif, bückte sich dann und reinigte einen Huf nach dem anderen. Erst als er sich wieder aufrichtete, bemerkte er das zornige Funkeln in den Augen des Hengstes. Daraufhin trat er noch näher an ihn heran, hob die Bürste hoch und hielt sie ihm vor die Nase. »Hier, sieh sie dir genau an«, sagte er, als Blitz sie beschnupperte, »das ist nichts, wovor du dich fürchten müßtest. Und meinetwegen bist du doch wohl nicht böse? Ich gehöre hierher zu dir.«

Er nahm ein Tuch und rieb damit erst den Hals, dann den Körper und die langen sehnigen Beine ab. Als er sich aufrichtete, sah er, daß Blitz behaglich die letzten Haferkörner aus seiner Krippe leckte. Seine Augen waren ruhig und sanft. Demnach hatte er sich wieder an das Striegeln gewöhnt. An der Hinterwand der Box befand sich eine Schiebetür. Alec ging darauf zu, um sie zu öffnen. Eben streckte er die Hand nach dem Riegel aus, als Blitz ihm bereits nachkam, die kleinen Ohren straff gespitzt, den Kopf hoch erhoben — er erinnerte sich offenbar genau. Alec schob die Tür zurück und trat zur Seite.

Blitz verharrte einige Sekunden regungslos, geblendet von der hereinflutenden Morgensonne. Er schnaubte durch die weitgeöffneten Nüstern, dann schritt er vorsichtig hinaus, die Augen in ständiger Bewegung, die Ohren gespitzt und bereit, das geringste Geräusch zu registrieren.

Ein schmaler Weg führte hinter dem Stallgebäude auf das freie Feld hinaus. Blitz ging auf das saftige grüne Gras zu, bei seinem Anblick vor Freude wiehernd. Dann trabte er leichtfüßig davon.

Alec ließ die Boxentür offen und rannte durch den Stall zurück nach draußen. Dort stellte er sich an den hohen Holzlattenzaun, um zu beobachten, wie Blitz durch den schmalen Weg aufs freie Feld hinausgelangte. Er fiel jetzt aus dem Trab in einen leichten Galopp. Alec kletterte auf den Zaun hinauf und blieb oben sitzen. Zufriedenheit erfüllte ihn bei dem Bewußtsein, daß er jetzt wieder etwas besaß, das mit nichts anderem in der Welt zu vergleichen war.

Der Hengst galoppierte an der Steinmauer entlang, blieb aber stehen, als er an die Senke am äußersten Ende des eingezäunten Geländes gelangte. Nach einem kurzen Augenblick des Verweilens schritt er auf dem Rand der Senke entlang und querte das Feld. Als er die Steinmauer an der entgegengesetzten Seite erreichte, blieb er stehen und sah durch die Bäume auf die Straße hinaus. Ein Auto fuhr vorbei, sein Motor brummte laut in der Stille des Morgens. Blitz schnaubte und wich vor dem Geräusch aufs Feld zurück. Als er den Lattenzaun an Alecs Seite erreichte, ging er an ihm entlang. In kurzer Entfernung von dem Jungen blieb er stehen. Sein schlanker Hals wölbte sich scharf, sein Kopf neigte sich leicht zur Seite.

Einen Augenblick verharrte er still, dann bäumte er sich schnaubend, warf die Hinterbeine übermütig hoch, fiel ohne Übergang in einen rasenden Galopp und erreichte schnell das Ende des Feldes. Hier blieb er stehen, legte sich nieder, rollte sich auf den Rücken, rieb seinen Körper an der weichen Erde und grunzte dabei vor Wohlbehagen mit in der Luft zappelnden Beinen. Gleich darauf sprang er hoch, fiel wieder in vollen Galopp und minderte das Tempo erst, als er sich der Steinmauer näherte. Mit erstaunlicher Gewandtheit warf er sich herum und preschte über das Feld zurück. Diesmal kam er zu Alec und blieb vor ihm stehen.

Der Junge streckte die Hand aus, um das verwirrte Kopfhaar und den Hals zu streicheln. Das Pferd stand bei ihm, so nahe, daß es die selbstverständlichste Sache der Welt war, vom Zaun herab auf seinen Rücken zu gleiten… Er saß drauf, ehe er sich dessen recht bewußt war. Rein instinktiv hatte er gehandelt; es war völlig natürlich für beide; es konnte gar nicht anders sein.

Der Hengst ging vorwärts, ohne im geringsten zu bocken. Seine schwebenden, mühelosen Bewegungen machten das Reiten zum Genuß. Wie wenig glich er darin Vulkan, dachte Alec, denn der machte seinem Reiter das Leben nur leicht, wenn er in vollem Galopp dahinjagen durfte. Nur dann verlor er die Gespanntheit, die sich bei ihm in jeder anderen Gangart bemerkbar machte.

Blitz begann zu galoppieren, Alec legte sich nach vorn und preßte seine Hände an die Seiten des Halses. Er merkte, daß er vergessen hatte, wie hoch Blitz den Kopf stets trug, selbst in vollem Galopp. Vulkan stieß statt dessen seinen Kopf immer vorwärts, seine Ohren lagen flach am Kopf an. In vielen Dingen waren die beiden Pferde verschieden, obwohl Alec zwischen seinen Knien dieselben gigantischen Muskeln arbeiten fühlte, die beide zu so enormer Schnelligkeit befähigten.

Die Galoppsprünge des Hengstes fraßen den Boden förmlich. Jetzt schwenkte er plötzlich zur Seite, um die Senke zu vermeiden. Alec paßte sich seinen Bewegungen genau an. Er frohlockte innerlich über die ungeheure Kraft des Hengstes, als er erneut angriff und über das Feld dahinflog.

Noch halb im Schlaf vernahm Henry das Stampfen galoppierender Hufe. Er drehte sich unwirsch im Bett herum und wandte dem offenen Fenster, das auf das Feld hinausging, den Rücken zu. Er hielt die Augen geschlossen und murmelte grimmig: »Andere sehen Gespenster, ich höre welche im Traum. Es ist doch Sonntag, ich brauche doch heute nicht auf die Rennbahn. Vulkan muß ja ausruhen…, meilenweit ist hier kein Pferd…, nur Napoleon, und der steht heute auch im Stall. Es muß übrigens noch früh sein, sehr früh.« Er öffnete die Augen und sah nach der Uhr. Kurz vor sechs war es! Er machte die Augen schnell wieder zu. Doch da hörte er die Hufschläge abermals. Jetzt fuhr er im Bett hoch — die Erkenntnis blitzte ihm auf: Blitz! Alec!

Er rannte zum Fenster und sah die rasch über das Feld fliegende Gestalt des schwarzen Hengstes, aber es dauerte eine Weile, bis er Alec entdeckte, denn der klebte wie eine Klette auf dem Widerrist und war von der flatternden Mähne verdeckt.

»Der närrische Kerl!« brummte er. »Konnte er denn nicht auf mich warten.«

Er griff in aller Hast nach seinen Kleidern und zog sich an, ohne einen Blick von Alec und dem dahinjagenden Pferd zu lassen.

Die Sprünge des Hengstes wurden kürzer, als er sich dem Zaun näherte, er wurde langsamer, weil er sich zurück aufs Feld wenden wollte. Jetzt entdeckte Henry, daß Alec ohne Sattel und Zügel ritt und das Pferd allein durch Berühren am Hals dirigierte. »Der Junge traut diesem Tier nichts Böses zu«, sagte er kopfschüttelnd, »er wird das niemals tun, und vielleicht ist das das Geheimnis, warum Blitz auch zu ihm unbegrenztes Vertrauen hat…« Henry zog sich jetzt langsamer an. »Es hat keinen Sinn, daß ich mich aufrege; augenscheinlich hat er nicht die geringsten Schwierigkeiten.«

Henry bewunderte Blitz’ Schnelligkeit auf der kurzen Strecke. Jede seiner Bewegungen zeugte von ungestümer Wildheit, und trotzdem schien es, als gehorche der Hengst Alecs leisestem Wink. Jetzt mäßigte er seine Gangart, Alec setzte sich zurück und nahm die Hände von seinem Hals. Henry sah Blitz nach einem Vogel ausschlagen, der sich nur wenige Schritte vor ihm vom Boden erhob, jedoch er tat das, ohne aus dem Takt zu kommen.

Kurz vor der Senke brachte Alec Blitz zum Stehen. Der Hengst senkte den Kopf zum Grasen.

Henry wandte sich vom Fenster fort und sah sich nach seinen Schuhen um. »Wenn ich ihn nur vor allen Weiterungen bewahren könnte, damit er sein Glück in Frieden genießen kann«, sagte er vor sich hin, während er die Schuhe anzog. »Doch sobald die Reporter merken, daß Blitz wieder in Amerika ist, werden sie ihr verdammtes Geschrei erheben und fordern, daß Alec ihn auf die Rennbahn bringt. Und wenn dieser Teufel auf der Bahn die Witterung anderer Hengste in die Nase bekommt, wird er völlig vergessen, daß Alec auf seinem Rücken sitzt. Das möchte ich nicht mitansehen müssen. Ich werde alle Hebel in Bewegung setzen, um das zu verhüten.«

Er starrte, tief in Gedanken versunken, auf den Boden. Als er endlich aufsah, glänzten seine Augen. »Ich glaube, ich habe eine Lösung gefunden«, murmelte er. »Ich meine, so müßte es gehen.« Eilig verließ er das Zimmer.

Alec und Blitz waren noch am hinteren Ende des Feldes, als Henry den Zaun erreichte. Errief, aber Alec hörte ihn nicht. Dann quietschte das Eisentor, und Herr Ramsay kam herbeigerannt. Offensichtlich hatte er sich genauso hastig angekleidet wie Henry, denn sein Haar war ungekämmt und an den Füßen hatte er Slipper.

Da Henry Bestürzung in seinen Augen las, beeilte er sich, ihm zu versichern: »Mit Alec ist alles in Ordnung.«

»Das will ich hoffen!« Ramsays Blick suchte Alec und Blitz, ehe er sich Henry wieder zuwandte. »Sicher hat er keine Anstände mit ihm«, fügte er hinzu, »aber, was meinen Sie, Henry, ist Blitz gefährlich?«

Der alte Trainer vermied es, Herrn Ramsay in die Augen zu sehen. »Jedes Pferd hat seine Eigenheiten, auf die man Rücksicht nehmen muß«, antwortete er ausweichend, »Alec kennt Blitz und beobachtet ihn ganz genau!«

»Das weiß ich, Henry«, antwortete Ramsay und machte eine Pause, bevor er fortfuhr: »Somit meinen Sie, daß Alec keinen Ärger mit ihm haben wird?«

Jetzt sah Henry ihn an: »Es gibt da einige Dinge, die man nicht erklären kann«, erwiderte er bedächtig. »Blitz’ Bereitwilligkeit Alec zu gehorchen, ist eins davon. Unter normalen Umständen hat Alec ihn jederzeit in der Gewalt.«

»Unter normalen Umständen? Was verstehen Sie darunter, Henry?«

Mit dem Kopf auf Reiter und Pferd deutend, erklärte Henry: »Wenn die beiden allein sind wie eben jetzt.«

»Aber so wird es doch immer sein«, meinte Herr Ramsay.

»Nicht, wenn die Presse Wind davon bekommt, daß Blitz wieder in Flushing ist«, erwiderte Henry. »Sobald die Reporter das hören, werden sie alle schreien, Blitz müsse auf die Rennbahn und gegen andere Champions laufen, vor allem gegen Vulkan. Und dann wird Alec ihn rennen lassen, um selber herauszufinden, welches das schnellere Pferd ist. Ich kenne ihn! Wahrscheinlich überlegt er schon jetzt, wie er die Probe machen könnte, und wenn ihn dann die äußeren Umstände sozusagen dazu zwingen, wird er zweifellos nicht widerstehen.«

»Und Sie meinen, Blitz sollte nicht auf die Rennbahn, nicht wahr, Henry?«

»Stimmt, denn ich weiß, daß wir dann große Schwierigkeiten haben werden, erstens wegen der Aufregung, in die ihn die ungewohnte Umgebung versetzen wird, und zweitens wegen der anderen Hengste! Und ich bezweifle sehr, ob seine Liebe zu Alec stark genug ist, seinen Kampftrieb einzudämmen. Ich mag mich irren… Genaues kann erst der Versuch lehren.«

»Ich fürchte, Sie haben recht, Henry«, sagte Herr Ramsay bekümmert, »aber schließlich braucht doch niemand zu wissen bekommen, daß er hier ist.«

»Ein so auffallendes Pferd wie Blitz können Sie nicht so versteckt halten, daß es nicht früher oder später einem Kenner auffällt«, antwortete Henry. »Aber mir ist vorhin ein rettender Gedanke gekommen, Herr Ramsay: Sie wissen doch von der Farm, die Alec und ich kaufen wollten, wenn Vulkan nicht mehr in Rennen laufen wird?«

Ramsay nickte. »Sie beide wollten sich dort ein kleines Gestüt aufbauen.«

»Jawohl. Jetzt brauchen wir aber damit nicht mehr zu warten, bis Vulkan seine Rennlaufbahn beendet hat. Jetzt haben wir Blitz. Und ich werde Alec vorschlagen, diese Farm sofort zu kaufen und Blitz dorthin zu bringen.«

»Henry, das ist eine gute Idee«, rief Herr Ramsay begeistert. »Damit wird er einverstanden sein. Dessen bin ich sicher!«

Sie wendeten sich beide dem Feld zu, und Henry wollte Alec gerade heranrufen, als er einen großen Trecker auf der Straße herankommen sah. Er entschloß sich, lieber zu warten, bis das fauchende Ungetüm vorbeigefahren war. Plötzlich knallte der Auspuff. Blitz schoß vorwärts. Alec rutschte zurück, da er auf die blitzschnelle Reaktion des Hengstes nicht gefaßt gewesen war. Er stützte seine Hände auf die Hinterschenkel des Pferdes, schwang sein rechtes Bein über dessen Rücken und glitt gewandt zu Boden.

Blitz mäßigte sein Tempo zum Schritt, als er sich dem Zaun näherte und die beiden Männer auf der anderen Seite stehen sah. Er schnaubte, schüttelte den Kopf, blickte zu Alec hin, wie er übers Feld ging, senkte dann den Kopf und graste.

Als Alec näher kam, rief Henry: »Du hast ihn nicht scharf genug beobachtet. Auf diese Weise kannst du einmal zu Schaden kommen!«

Alec blieb neben dem Hengst stehen, legte ihm die Hand auf den Rücken und kam mit ihm an den Zaun heran. »Du hast recht. Es wird nicht wieder vorkommen.«

»Hier sind viel zu viele Geräusche um ihn herum«, bemerkte sein Vater.

»Stimmt!« bestätigte Henry schnell. »Außerdem hat er nicht genug Platz, um sich auszutoben. Warum willst du ihn nicht von hier wegbringen?«

Der Junge blickte Henry erstaunt an. »Wo sollte ich ihn denn hinbringen?«

»Ich habe gerade mit deinem Vater über die Farm gesprochen, die wir kaufen wollen, um selbst züchten zu können. Ich wäre bereit, sofort damit zu beginnen, Alec. Vulkans große Renngewinne haben uns reichlich Geld dafür verschafft.«

»Ich bin gleichfalls bereit, mitzumachen!« fügte Herr Ramsay hinzu. »Das heißt, wenn ihr mich teilhaben lassen wollt.«

Alecs Blick streifte verwirrt die beiden Männer, dann den Hengst, dann wieder Henry. »Ach, du meinst, weil wir jetzt Blitz als Beschäler hätten?«

»Natürlich! Jetzt brauchen wir nicht mehr auf Vulkan zu warten!«

Alecs Augen leuchteten auf, doch dann fragte er zweifelnd: »Aber was ist mit dir, Henry? Du kannst doch jetzt noch nicht abkommen, so lange du Vulkan trainieren mußt.«

»Nein, im Augenblick nicht«, gab Henry zu, »aber das braucht doch dich nicht abzuhalten, die Sache in Angriff zu nehmen und alles für unsere gemeinsame Arbeit vorzubereiten. Die Farm für unsere Zwecke richtig in Gang zu bringen und auch schon zu überlegen, wo wir die zu Blitz passenden Stuten kaufen können. Du wirst eine Menge zu tun haben, Alec.«

»Und ich werde dir behilflich sein«, sagte sein Vater.

Henry las die Zweifel in Alecs Augen und beeilte sich hinzuzusetzen: »Ich arbeite unterdessen während des Sommers mit Vulkan weiter. Meine Aufgabe ist ja ohnehin, Pferde zu trainieren, Alec. Du gehörst ans andere Ende unserer Partnerschaft. Du hast die Aufzucht unserer Fohlen zu überwachen, mußt sie Vertrauen zu den Menschen lehren und so ihr Training vorbereiten« — Henry lächelte — »wie du es bei Vulkan getan hast.«

»Aber wenn du nicht dabei bist, ist es nicht dasselbe, Henry…«

»Ich werde ja dabeisein, Alec. Das ist selbstverständlich. Ich möchte auf der Farm eine Arbeitsbahn anlegen, auf der oberen Weide, du entsinnst dich? Damit wir die Jungpferde dort einreiten können.«

»Wenn sich das machen ließe…«, sagte Alec mit wieder aufflammendem Eifer.

»Kein Grund, warum es nicht gehen sollte! Besonders, wenn wir die Farm sofort kaufen und alles gut vorbereiten!«

»Wenn ich aber mit Blitz auf der Farm bleibe, wer soll dann Vulkan reiten, Henry?«

»Eine Menge guter Jockeys würden viel dafür geben, wenn sie auf dieses Pferd dürften. Und da Lenny Sansone ihn schon im Winter und Frühjahr gearbeitet hat, würde ich ihm Vulkan anvertrauen.« Henry machte eine Pause, bevor er fortfuhr: »Außerdem könntest du doch jedesmal, wenn er in einem großen Rennen startet, von der Farm herüberkommen und ihn reiten, ganz, wie wir es bis jetzt gehalten haben. Es sei denn…«

»Ich wollte einen klaren Schnitt machen«, beendete Alec den Satz für ihn. »Meinst du es so, Henry?«

Der alte Trainer nickte. »Das kommt nur auf dich an, Alec. Ich sehe jedoch keinen Grund, warum du nicht beides tun könntest.«

Blitz rupfte sein Gras dicht neben Alec, und der Junge legte ihm die Hand auf die Kruppe. »Ich will fortan bei ihm bleiben, Henry«, sagte er leise. »Ich gehöre jetzt ans andere Ende…«

Vulkan siegt wieder

Drei Wochen nach diesem Gespräch saß Alec vor dem Radioapparat in seinem Schlafzimmer, um das Ergebnis des Arlington-Spezial-Rennens zu erfahren, das gerade in Chicago gelaufen wurde. Vulkan nahm daran teil. Jeden Augenblick mußte die Entscheidung fallen! Wer würde siegen?

Er sah durch das offene Fenster hinüber zu Blitz, der in der späten Nachmittagssonne drüben auf dem Feld weidete. Er war froh, daß er den schnellen scharfen Schnitt zwischen sich und der Rennbahn vollzogen hatte, denn er gehörte zu Blitz, und auf diese Weise würden sie für immer beisammen bleiben. Doch das bedeutete kein Ende, durchaus nicht! Vielmehr war es ein neuer Anfang für sie beide! Er war nun kein Jockey mehr, sondern ein Pferdezüchter. Und sein Deckhengst war Blitz, das schnellste Pferd der Welt! In zwei Wochen würden sie auf ihrer neuen Farm Einzug halten. »Farm der Hoffnung« hatte er sie genannt, denn sie gingen alle mit großen Zukunftshoffnungen dorthin. Er würde der Züchter sein mit der Aufgabe, die Fohlen aufzuziehen und zu erziehen. Henry würde der Trainer sein, und sein Vater der Geschäftsführer.

Warum sollte das neue Gestüt nicht florieren? Waren Vulkans Triumphe auf der Rennbahn nicht der beste Beweis, daß Blitz seinen Nachkommen seine Schnelligkeit vererbte? Und hätten sie Vulkans Gewinne besser anlegen können als in dieser Farm, auf deren Weiden andere Söhne und Töchter von Blitz gezüchtet und aufgezogen werden würden? Im Geist konnte er jetzt schon die Fohlen neben ihren Müttern über die Koppeln springen sehen, hilflos noch und ein wenig ängstlich, während der majestätische Blitz auf der Nachbarweide stand, herüberschaute und ihnen zusah, wohl wissend, daß es seine Kinder waren.

Keines dieser Kinder würde in seinem Herzen jemals des Vaters Platz einnehmen, jedenfalls nicht in größerem Maß, als es Vulkan getan hatte. Aber sie würden sein Blut tragen, auf die Rennbahn gehen, den Namen ihres großen Vaters verkünden und seine Kraft und Schnelligkeit für immer weiterleben lassen.

Erregt von den herrlichen Aussichten, die vor ihm lagen, sprang Alec auf, trat ans Fenster und betrachtete Blitz. Bloß noch zwei Wochen, dann geht es auf die Farm hinaus, erzählte er dem Hengst in Gedanken. Dann wirst du Raum genug haben, um so weit und so schnell dahinzugaloppieren, wie du magst. Bloß zwei Wochen noch bis dahin…

Unwillkürlich dachte er an Henry, der so enttäuscht gewesen war, als er erfuhr, daß die Farm erst zum 1. August übernommen werden konnte. Er hatte durchaus Alec mit Blitz draußen wissen wollen, bevor er mit Vulkan nach Chicago fuhr. Doch die wenigen Wochen zählten wirklich nicht in Anbetracht dessen, daß es sich um einen Plan handelte, dem sie den ganzen Rest ihres Lebens widmen wollten. Das hatte Alec dem Freund gesagt, bevor er mit Vulkan die Reise nach Chicago angetreten hatte.

Alec fuhr herum, denn die Musik im Radio verstummte. Er hörte den Ansager: »Wir unterbrechen jetzt unser Programm, um Ihnen die Ergebnisse des Arlington-Spezial-Rennens, das soeben in Chicago gelaufen worden ist, durchzugeben. Alec Ramsays Hengst Vulkan hat seiner Laufbahn einen neuen großen Erfolg hinzugefügt, indem er die Bahn förmlich hinunterflog, um das Arlington-Spezial mit zehn Längen vor Star Pilot zu gewinnen, und zwar in der Rekordzeit von einer Minute und neunundfünfzig Sekunden für die 1900-m-Strecke.«

Alec stieß einen Freudenschrei aus, hörte aber gleich wieder zu, denn der Ansager fuhr fort: »Der riesige dreijährige Champion hat mit diesem Sieg bewiesen, daß er eine absolute Überlegenheit besitzt, da er viel ältere erprobte Pferde geschlagen hat, auf die er bisher noch niemals gestoßen war. Lenny Sansone, der Vulkan ritt, hat hierbei sein großes Reittalent erneut bewiesen, indem er sein scheinbar hoffnungslos im Rudel eingekeiltes Pferd herauszumanövrieren wußte, als er in die Zielgerade einbog, mit geradezu unglaubwürdigem Speed an Star Pilot, dem Sieger des Kentucky-Derbys im letzten Jahr, vorbeizog und in überlegener Manier als Erster durchs Ziel ging. Stepson, der Champion der Westküste, kam als Dritter, gefolgt von…«

Nachdem die Ansage beendet war, drehte Alec das Radio ab und trat wieder ans Fenster. Seine Augen strahlten, als er laut vor sich hinsagte: »Eine Minute und neunundfünfzig Sekunden für 1900 Meter!« Erstaunt schüttelte er den Kopf. Niemals hätte er geglaubt, daß ein Pferd so schnell laufen könnte, selbst Vulkan nicht!

Drüben auf dem Feld hörte der Hengst eben auf zu grasen und galoppierte zum Stall. Alec beobachtete seine langen mühelosen Sprünge. »Ich möchte wissen«, sagte er laut, »ob er Vulkan schlagen könnte?«

Blitz wieherte, den hocherhobenen Kopf über den Zaun streckend. Sein Schrei wurde von einem hellen Wiehern auf der Straße beantwortet, und kurz darauf sah Alec Napoleon in seinem wackeligen Trott herankommen. Tony thronte stolz oben auf dem Kutschersitz und hielt die langen Zügel locker in seinen großen Händen.

Alec rief hinüber, und Tony winkte zurück. Der Junge rannte die Treppen hinunter und durch den Vorgarten über die Straße, um das eiserne Tor für Tony zu öffnen. Die Augen des Straßenhändlers strahlten, als er sagte: »Siehst du, Alec, ich brauche Napoleon nicht im geringsten anzutreiben! Wenn er Blitz sieht, läuft er von selbst so schnell wie der Wind.«

Alec rannte neben Napoleon her die Auffahrt entlang: »Vulkan hat soeben das Rennen in Chicago gewonnen, Tony! Und zwar in Rekordzeit!«

Tony nickte bedächtig: »Na, was mich anbelangt, so bin ich darüber kein bißchen erstaunt, Alec. Ich erwarte von ihm, daß er stets gewinnt!«

Als sie den Stall erreicht hatten, sprang Tony vom Bock und schirrte Napoleon aus, während Alec einen Eimer Wasser holte. Der alte Graue bewegte sich ungeduldig hin und her, und Tony schalt: »Wirst du wohl stillstehen, Nappy. Du denkst wohl, du bist wieder ein Fohlen?«

Alec kam mit dem Wasser und hielt den Eimer hoch, damit der Wallach trinken konnte. »Aber Vulkan hat heute die besten älteren Pferde Amerikas geschlagen, Tony!«

Der Italiener zuckte die Achseln: »Vulkan ist jung und unerhört kräftig, warum sollte er die älteren Pferde nicht schlagen, Alec? Es ist seine Jugend, die ihn gewinnen läßt.« Seine schwielige, verarbeitete Hand fuhr liebevoll über Napoleons Hals, als er fortfuhr: »Nimm beispielsweise Nappy: als er jung war, konnte er die ganze Zeit schnell laufen, jetzt fühlt er sich nur hin und wieder einmal kräftig genug dazu. Oder nimm Blitz« — beide wandten sich unwillkürlich dem Hengst zu, der ungeduldig hinter dem Zaun hin- und herlief — , »er ist auch nicht mehr so schnell wie damals, als er in Chicago siegte. Vulkan könnte ihn heute ebenfalls schlagen.«

»Das glaube ich nicht!« erwiderte Alec schnell. »Blitz ist ja erst sieben Jahre alt, Tony! Er ist noch genau so schnell, wie er immer war, kann sein, noch schneller!«

»Das glaubst du, ich aber nicht.« Tony drehte sich um, streifte Napoleon das Halfter über und sagte: »Nun bringe ich ihn aufs Feld.«

Alec ging zum Zaun und schlüpfte durch die Latten. Blitz kam zu ihm und rieb sich an seinem Arm. Alec preßte seinen Kopf fest an ihn. »Stell dir vor, jeder denkt, du wärst mit deinen sieben Jahren ein alter Knabe«, flüsterte er zärtlich. »Dabei gibt es auf der ganzen Welt kein Pferd, das es mit dir aufnehmen könnte. Selbst Vulkan nicht! Er hat heute 1900 Meter in einer Minute und neunundfünfzig Sekunden bewältigt, Blitz, denke bloß. Aber, nicht wahr, du kannst noch schneller laufen?« Der Hengst wandte seinen Kopf Napoleon zu, als Tony ihn zum Tor führte. Alec lockte Blitz mit einer Mohrrübe ein Stück weiter ins Gelände und hielt ihn fest, bis Tony das Gatter wieder geschlossen hatte.

Der alte Graue ging nicht zu Blitz, sondern in einem kleinen Galopp an ihm vorbei hinaus aufs Feld. Blitz sah ihm einen Augenblick nach, dann schnaubte er und setzte hinter dem Alten her.

Alec und Tony sahen den beiden Pferden zu. Blitz lief vergnügt im Kreis um Napoleon herum, derweil dieser schwerfällig weitergaloppierte, dann anhielt und den Kopf senkte, um sich am saftigen Gras gütlich zu tun. Blitz blieb ebenfalls stehen und beobachtete seinen Freund. Er wartete eine Weile, nur seine Augen bewegten sich. Dann umkreiste er den Wallach wieder, der sich jedoch beim Grasen nicht stören ließ, sondern tat, als bemerke er die übermütigen Kapriolen nicht. Doch als Blitz sich niederwarf und sich auf dem Rücken wälzte, hob Napoleon den Kopf, als ob er meinte, das wäre eine gute Idee. Nicht lange, und er tat sich ebenfalls langsam und vorsichtig mit seinen steifen alten Knochen nieder, drehte sich herum und sielte sich seinerseits gleichfalls mit Wohlbehagen im Gras.

»Nappy fürchtet sich nicht im geringsten vor Blitz«, sagte Tony stolz mit einem Blick auf die unbekümmert in der Luft zappelnden Beine.

»Er hat dazu auch keinen Grund«, antwortete Alec. »Blitz ist sein bester Freund, und das weiß er.« Nach einem Weilchen setzte er hinzu: »Wenn du nach Hause gehen willst, so tu das ruhig, Tony, ich bringe Nappy in den Stall, wenn’s dunkel wird!«

»Das ist nett von dir, Alec«, sagte Tony, »ich habe einen schweren Tag hinter mir und gehe gern heim.«

Noch lange, nachdem Tony ihn verlassen hatte, blieb Alec an den Zaun gelehnt stehen und sah den Pferden zu. Bis heute war er vollständig sicher gewesen, daß kein Pferd der Welt Blitz’ Schnelligkeit erreichen konnte; doch nun hatte Vulkan einen neuen Rekord aufgestellt — jetzt sah sich die Sache anders an, jetzt war er seiner Sache nicht mehr sicher. Er wollte aber unbedingt darüber Gewißheit haben, noch ehe er Blitz auf die Farm brachte.

Es gab einen leichten Weg, es herauszufinden. Alec entschloß sich, den Versuch zu machen… am nächsten Morgen bei Tagesanbruch im nahe gelegenen Park.

Alec hatte seinen Wecker unter sein Kopfkissen gelegt; auf diese Weise hörte nur er die Glocke früh um Vier am anderen Morgen gedämpft klingeln. Hastig griff er zu und stellte sie ab. Ein Weilchen lag er noch reglos, dem Zirpen der Grillen drüben auf dem Feld lauschend. Demnach regnete es nicht; bei Regen hätte er seinen Plan aufschieben müssen. Leise erhob er sich, zog seine Cordhosen, den Pullover, Socken und Schuhe an und horchte während der ganzen Zeit auf die tiefen Atemzüge seiner Eltern im Nebenzimmer. Als er fertig war, ging er rasch zu der Kommode am Fenster, nahm seine Stoppuhr heraus und zog sie auf, bevor er sie bedachtsam in die Tasche steckte. Eine Minute und neunundfünfzig Sekunden für 1900 Meter — Blitz würde Vulkans Rekord unterbieten!

Vorsichtig schlich er die Treppe hinunter. Er wollte unbedingt vermeiden, daß jemand erfuhr, was er vorhatte. Der Versuch würde ja nicht viel Zeit in Anspruch nehmen. Um diese frühe Stunde würde noch kein Verkehr in den Nebenstraßen sein, und der Park würde leer und verlassen liegen. Er wußte ganz genau, an welcher Stelle er seinen Probegalopp ausführen wollte. Die Strecke des Reitwegs von der siebziger Marke des im Park gelegenen Golfplatzes bis zu der riesigen Ulme gegenüber dem 9. Loch war genau 1900 Meter lang. Er hatte das mit Henry vor einem Jahr einmal ausgemessen. Sie hatten Vulkan dort entlang allmorgendlich vor seinem Arbeitsgalopp auf der Rennbahn Trab gehen lassen. Aber heute sollte Blitz dort keineswegs traben. Heute sollte er im Galopp alles hergeben, was in ihm steckte! Es würde in ganz kurzer Zeit vorüber sein; kein Mensch würde etwas davon erfahren.

Er rannte über die Straße zu dem Eisentor, öffnete es weit und ließ es offen. Als er den Stall betrat, wieherte Blitz. Alec ging zu ihm und streichelte schnell den schmalen Kopf, ehe er den leichten Rennsattel und das Zaumzeug aus der Geschirrkammer holte.

Obwohl es dunkel war, arbeitete Alec rasch. Blitz bewegte sich unruhig, als ihm erst die Satteldecke, dann der Sattel auf den Rücken gelegt wurden. Aber er wurde still, als Alec zu ihm sprach. »Du gehst nüchtern, wie du bist«, sagte Alec, »Futter bekommst du erst, wenn wir zurückkommen.«

Nachdem Alec ihm den Zaum ins Maul geschoben hatte, führte er Blitz aus dem Stall. Seine Nüstern weiteten sich, und er schnaubte, während er neben Alec herging. Der Junge führte ihn an die Bank, die vor dem Stall stand, und stieg von ihr aus auf.

Seine Knie preßten sich fest an den muskulösen Widerrist, während er Blitz die Auffahrt entlang zum Tor lenkte. Den Bruchteil einer Sekunde zögerte er, bevor er durch das Tor auf die Straße ritt. Henry würde nicht einverstanden sein mit seinem Vorhaben, das wußte er, denn vor der Abfahrt nach Chicago hatte er ihn dringlich gewarnt, nichts zu unternehmen, was irgendjemanden auf die Vermutung bringen konnte, daß Blitz wieder in Flushing sei. Doch Henry würde ja gar nichts von diesem Probegalopp erfahren; die Sache ging nur Blitz und ihn etwas an, sonst niemanden!

Nach wenigen Minuten lenkte Alec Blitz in eine enge Seitengasse, die ungepflastert war. Als das Pferd den weichen Boden unter sich fühlte, begann es sogleich zu galoppieren.

Genau bei Sonnenaufgang würden sie im Park sein… und sehr bald danach wieder daheim im Stall. Zu Besorgnissen war also kein Anlaß. Blitz war durchaus fit für einen schnellen Arbeitsgalopp, nachdem er die letzten Wochen auf dem Gelände hinter dem Stall so oft zur eigenen Freude galoppiert war; es würde ihm nur guttun und seinem natürlichen Bedürfnis entgegenkommen… Alecs Hand fühlte nach der Stoppuhr in seiner Tasche. »Ich möchte es wissen!« sagte er laut. »Ich möchte es unbedingt wissen!«

Der Weg führte direkt in den Park. Eine Viertelstunde, nachdem sie den Stall verlassen hatten, erreichten Pferd und Reiter den Reitweg. Der Hengst war jetzt begierig, laufen zu dürfen; Alec gelang es nur mühsam und mit beständigem gutem Zureden, ihn in einem leichten Galopp zu halten. Er wußte ganz genau, daß kein Zaum diesen Wilden halten konnte, wenn sein Verlangen übermächtig wurde, und daß er dann keine Gewalt über ihn hatte, es sei denn, er vermochte ihn zu freiwilligem Gehorsam zu veranlassen. Jede Bewegung des Hengstes zeigte, daß es ihn drängte, davonzustürmen.

»Nur noch ein Weilchen«, beruhigte ihn Alec. »Nur noch ein paar Minuten, dann darfst zu laufen.« Sobald er ihm den Kopf freigab, würde er ihn erst wieder anhalten können, wenn er seine Kräfte ausgetobt hatte.

Der Reitweg führte um das Viereck des Baseballplatzes herum; genau am anderen Ende befand sich die siebziger Marke des Golfplatzes. Dort wollte er starten.

Das graue Licht der Dämmerung stieg herauf. Bis jetzt war alles genau verlaufen, wie er es berechnet hatte.

Blitz schüttelte ungeduldig den Kopf, und seine Galoppsprünge wurden länger. Alec hob sich in den Steigbügeln, so daß er fast in ihnen stand. Er wußte, daß er den Hengst jetzt nicht mehr lange in Schach halten konnte, aber sie waren ja auch unmittelbar vor dem Start, es war nicht mehr nötig. Der Baseballplatz lag hinter ihnen; sie näherten sich der siebziger Marke. Weit über die große Grünfläche des Golfplatzes hinweg konnte Alec die imposante Ulme sehen, die ihr Ziel in diesem Rennen gegen die Zeit sein sollte. Der Baum stand ihrem jetzigen Platz gegenüber. Der Reitweg umrundete die Grenzen des Golfplatzes in Hufeisenfom. Vor ihnen lag eine lange, gerade Strecke, dann kam der Bogen und hernach die lange Gerade bis zu der Ulme.

Indem er sich in den Bügeln noch weiter aufrichtete, gab sich Alec alle Mühe, das Vorwärtsdrängen des Hengstes zum Schritt herabzumindern. »Kein fliegender Start«, sagte er, »wir wollen es genau wie bei einem richtigen Rennen machen. Langsam jetzt, Bursche. Warte noch. Langsam…, so ist’s recht. Brav und ruhig.«

Jetzt waren sie genau auf der siebziger Marke. Alec nahm die Stoppuhr aus der Tasche und hielt den Daumen auf dem Knopf…, ein leichter Druck würde die Zeiger in Gang setzen…

»Sachte«, sagte Alec sanft, »bleib jetzt stehen…, wir sind am Startband…, keinen Schritt weiter…, steh still, Blitz…« Er wußte, diese Probe würde sehr verschieden von seinen Ritten auf Blitz daheim im Gelände sein, und seine Aufregung teilte sich dem Pferd mit. Seine Ohren spitzten sich, seine Augen blickten scharf geradeaus. Es war deutlich zu merken, daß er wußte, was kommen sollte, er hörte auf zu stampfen und stand ganz still. Alec legte sein Gewicht nach vorn, so daß er den Sattel nicht mehr berührte und nur seine Knie mit dem Pferdekörper Fühlung hatten. Im selben Moment, in dem er Blitz freigab, stellte er die Stoppuhr an…

Er war auf die unglaublich schnelle Reaktion gefaßt. Er hatte keinen Zweifel, daß Blitz sich schneller als Vulkan aus einem stehenden Start vorzuschleudern vermochte. Er erinnerte sich an das blitzschnelle Vorschießen, die raumgreifenden Sprünge, die ihn fast ohne Anlauf in vollen Galopp warfen. Aber als es jetzt tatsächlich soweit war, mußte er sich gestehen, daß er Blitz doch noch unterschätzt hatte. Es war, als würde der Hengst von einem riesigen Katapult nach vorn geschleudert. Stoßweise nach Atem ringend, preßte Alec seinen Kopf dicht an Blitz’ sehniges Genick. Der Hengst raste den Reitweg entlang, daß die Erdschollen unter seinen Hufen aufflogen. Er hatte im Augenblick seine Höchstgeschwindigkeit erreicht und flog in vollem Galopp dahin, nichts anderes im Sinn, wie zu laufen! Aus voller Kraft zu laufen — dafür war er geboren! Das war der Sinn seines Lebens!

Der Wind biß Alec ins Gesicht und machte seine Augen tränenblind. Zwar hielt er die Zügel fest in den Händen, doch wußte er genau, daß sie ihm jetzt nicht das geringste nützten. Der Hengst würde dem Zügel erst wieder gehorchen, wenn er sich ausgetobt hatte. Aber im Augenblick war das gleichgültig, nichts galt außer der tickenden Uhr in seiner Tasche, die die Sekunden registrierte, bis sie die große Ulme erreicht hatten.

Blitz raste jetzt um die Wende, und als er umbog, berührte Alec seinen Hals; daraufhin hielt er sich, wie sein Reiter es wünschte, nahe der Innenseite. Beim Passieren des Zeichens, das die Hälfte der Strecke markierte, spornte Alec ihn flüsternd zu noch größerer Schnelligkeit an. Jetzt lag der Weg wie die Zielgerade einer Rennbahn vor ihnen.

Die Galoppsprünge des Hengstes waren enorm und brachten sie rasch der Ulme näher. Es war nicht nötig, Blitz zuzureden, er solle noch schneller werden, denn er gab ohnehin alle seine Kräfte her. Die Riesenulme war nur noch 100 Meter vor ihnen. Dann fünfzig, zehn, fünf! Alecs Daumen drückte den Knopf der Stoppuhr, als sie vorüberflogen.

Das Rennen war vorbei, jedoch noch immer mäßigte Blitz sein Tempo nicht. Nach abermaligen dreihundert Metern zog Alec die Zügel an, aber der Hengst reagierte nicht.

Eine Parkstraße lief jetzt mit dem Reitweg parallel, doch wußte Alec, daß beide Wege länger als vier Kilometer keine Querverbindung hatten. Somit würde Blitz lange, bevor der Reitweg endete, seine Kraft ausgetobt haben und wieder in seiner Gewalt sein.

Der Hengst raste weitere 1500 Meter dahin, ohne daß sich das geringste Nachlassen in Kraft und Weite seiner Galoppsprünge bemerkbar gemacht hätte. Jetzt zog Alec erneut die Zügel an, und allmählich gab Blitz nach. Er hatte sein Pferd gerade wieder unter Kontrolle, als er ein Auto die Parkstraße entlangfahren sah. Daraufhin legte Blitz von neuem los, und erst als er es überholt und weit hinter sich gelassen hatte, gelang es Alec, ihn zu einem leichten Galopp herabzumäßigen.

Alecs Hand fuhr über den schaumbedeckten Hals. »Sei jetzt schön ruhig«, mahnte er sanft, »Jetzt ist es vorbei.« Er setzte sich im Sattel zurück, um das Zifferblatt der Stoppuhr zu betrachten, die er in der geschlossen Hand hielt. Einen Augenblick zögerte er. Hatte er Zweifel, daß Blitz Vulkans Rekord von einer Minute und neunundfünfzig Sekunden auf der gleichen Distanz gebrochen hatte? Nein! antwortete er sich selbst. Vulkan konnte nicht schneller gelaufen sein als Blitz soeben. Das war unmöglich. Seine Finger öffneten sich. Alec sah das Zifferblatt mit ungläubigen Augen an: Zwei Minuten genau zeigte die Stoppuhr! Blitz war also eine volle Sekunde hinter dem Rekord zurückgeblieben, den Vulkan gestern aufgestellt hatte.

Er betrachtete das Zifferblatt noch einmal, denn es war ihm unfaßbar, was der Zeiger sagte: Vulkan konnte unmöglich schneller gelaufen sein; es gab kein Pferd, das das fertigbrachte.

Trotzdem — Vulkan war schneller gewesen. Der Beweis war da… in seiner Hand.

Blitz ging jetzt unwillig im Schritt, den Kopf bald rechts, bald links wendend. Alec streichelte beruhigend seinen Hals, während er in Gedanken krampfhaft nach Entschuldigungen für Blitz’ Unterlegenheit gegenüber der Traumzeit, die sein Sohn gelaufen war, suchte.

Vielleicht stimmte etwas nicht mit der Uhr? Nein, das konnte es nicht sein, entschied er, er hatte sie erst vor einem Monat beim Uhrmacher gehabt. Sie war gereinigt worden und lief genau.

Wahrscheinlich war die Beschaffenheit des Reitweges schuld. Der Boden war viel zu weich, nicht für schnelles Reiten bestimmt. Vulkan aber hatte ideal hartes Geläuf gehabt, ganz wie er es liebte. Auf einer richtigen Rennbahn wäre Blitz sicherlich schneller gelaufen. Außerdem war zu bedenken, daß Blitz nicht, wie Vulkan, andere Pferde neben sich gehabt hatte, gegen die er sich behaupten mußte!

Andererseits war Vulkan auf der Zielgeraden nicht voll ausgeritten worden; der Radioansager hatte eigens erwähnt, daß Lenny Sansone ihn in keiner Weise angetrieben hatte. Vulkans Rekord wäre sonst wahrscheinlich noch erstaunlicher gewesen.

»Vulkan ist in blendender Kondition«, sagte Alec laut, »während Blitz seit Jahren keine Rennbahn gesehen hat. Er ist nicht gearbeitet, er kann infolgedessen nicht in Hochform sein.«

Allein er wußte, daß er dies alles schon vorweg in Betracht gezogen und trotzdem erwartet hatte, Blitz wäre so überlegen, daß er Vulkans Rekord noch unterbieten konnte. Jetzt wußte er, daß er sich geirrt hatte. Um Vulkan wirklich schlagen zu können, hätte Blitz zuvor trainiert werden müssen. Und selbst dann würde er ihm wohl nur wenig voraus sein, sehr, sehr wenig.

Doch ein Wettrennen zwischen beiden würde nie stattfinden. Hatte er sich nicht entschlossen, mit Blitz niemals mehr auf die Rennbahn zu gehen? Er stand ja im Begriff, ihn als Beschäler auf die Farm zu bringen.

Würde es jetzt, nach der eben stattgehabten Probe, noch dasselbe sein? Nachdem er nun Zweifel hatte, ob Vulkan nicht doch am Ende fähig war, Blitz zu schlagen?

Das schrille Wiehern des Hengstes weckte ihn aus seinen Gedanken. Es war spät geworden, er hätte sich eigentlich längst auf dem Rückweg in den Stall befinden müssen! Als er Blitz wendete, sah er ein Auto auf sich zukommen; es konnte dasselbe sein, das sie vor wenigen Minuten überholt hatten. Alecs Gesicht erstarrte, als er es stoppen sah und die Aufschrift »Polizei« entdeckte.

Die Tür öffnete sich, ein Polizist stieg aus und rief ihn an. Alec glitt aus dem Sattel und trat vor den Hengst. Blitz trat unruhig hin und her. Alec war bemüht, ihn hinter sich zu halten, als der Polizist näher kam.

»Du bildest dir wohl ein, du wärst ein berühmter Jockey, wie?« fragte der Beamte ironisch, als er ihn erreicht hatte.

Alec erwiderte nichts.

Der Polizist zog sein Notizbuch heraus. »Das Gesetz verbietet, ein Pferd in einem öffentlichen Park galoppieren zu lassen«, sagte er, »weißt du das nicht?«

»Nein, das habe ich nicht gewußt«, antwortete Alec wahrheitsgemäß. »Tatsächlich, davon ist mir nichts bekannt.«

»Na, jetzt weißt du es! Wie heißt du?«

Alec zögerte, dann sagte er: »Alexander Ramsay.«

»Alexander Ramsay?« wiederholte der Polizist. »Der Name kommt mir bekannt vor? Habe ich dich nicht schon einmal aufgeschrieben?«

»Nein, noch nie!«

Der Polizist notierte den Namen. »Und wo wohnst du?«

Alec gab Auskunft und sagte dann: »Aber es ist ja noch so früh am Morgen, Herr Wachtmeister! Es ist ja noch kein Mensch unterwegs, ich hätte doch niemanden schädigen können!«

»Das ist gleich!« antwortete der Beamte kurz. »Ausnahmen gibt es nicht! Alles weitere ist Sache des Polizeigerichts. Hier ist die Vorladung.« Er riß den Zettel aus seinem Buch und reichte ihn Alec. Dann betrachtete er Blitz. »Gehört das Pferd dir?«

Alec nickte und versuchte den Hengst etwas weiter rückwärts zu dirigieren, denn der Beamte näherte sich ihm.

»Ist etwas nicht in Ordnung mit ihm?« fragte der Polizist mißtrauisch, als er Alecs Manöver bemerkte.

»Alles ist mit ihm in Ordnung!« gab er zurück und packte den Zügel fester, denn er entdeckte das ihm nur zu gut bekannte böse Aufblitzen in den Augen des Hengstes. »Kann ich jetzt gehen?«

Doch der Polizist war noch einen Schritt näher getreten und streckte die Hand nach dem Pferd aus. Wütend schlug Blitz mit dem Vorderhuf nach ihm. Zwar traf der Schlag den Boden, aber der Polizist sprang schnell zurück, vor Schreck und Ärger ganz blaß. »Er wollte mich schlagen!« schrie er, noch weiter zurücktretend. »Bring ihn gefälligst auf dem schnellsten Weg aus diesem Park heraus und laß ihn ein für allemal draußen. Das bitte ich mir aus! Das Pferd ist bösartig, und falls ich dich noch einmal hier mit ihm treffen sollte, dann wirst du was erleben.« Er drehte sich um, ging schnell zu seinem Dienstwagen und fuhr davon.

Alec führte Blitz unter beruhigendem Zureden den Reitweg entlang, bis der Zorn wieder aus seinen Augen gewichen war. Er sah auf den Zettel in seiner Hand, faltete ihn dann ärgerlich zusammen und steckte ihn in die Tasche. Er mußte am nächsten Tag vor dem Polizeirichter erscheinen und begriff, was das eventuell auf sich haben konnte: Wahrscheinlich würden Reporter zugegen sein, denen sein Name geläufiger war als dem Polizisten. Er hatte zwar seinen Vornamen absichtlich mit Alexander angegeben, statt des geläufigeren Alec, aber die Reporter würden sich davon nicht täuschen lassen, und ihre Berichte konnten leicht Anlaß zu Nachforschungen geben, was für ein Pferd er geritten hatte. Dann würde die Öffentlichkeit bald wissen, daß Blitz wieder in den Staaten war — also gerade das, was unbedingt hatte vermieden werden sollen. So war er nun doppelt gestraft: er hatte Henrys Rat nicht befolgt und mußte befürchten, daß Weiterungen entstehen würden, hatte aber trotzdem nicht die Genugtuung zu wissen, ob Blitz Vulkan schlagen konnte. Er war verwirrt, traurig und ärgerlich über sich selbst; aber er war sich bewußt, daß er nichts ungeschehen machen konnte. Er mußte nur das Äußerste versuchen, damit die Reporter nichts von Blitz erfuhren.

Die Reporter

Am nächsten Mittag ging Alec zum Polizeigericht im Rathaus von Flushing. Sein Delikt, »ein Pferd in einem öffentlichen Park galoppieren zu lassen«, galt als Verkehrsvergehen. Infolgedessen mußte er um zwei Uhr vor dem Verkehrsrichter erscheinen. Zwei Uhr war es jetzt. Als er zögernd die Treppe hinaufging, beobachtete er die Menschen, die das gleiche Ziel hatten. Einige hielten ihre Vorladungen schon in der Hand. Alec fühlte noch einmal vorsorglich nach seinem Portemonnaie. Er hatte fünfzehn Dollar von seinen Ersparnissen eingesteckt und wußte, daß das mehr als genug war, um die Buße zu bezahlen. Noch länger zu zögern hatte keinen Zweck. Die Gegenwart seines Vaters hätte ihm die Sache erleichtert; er hatte sich jedoch entschlossen, seinem Vater nicht mitzuteilen, was vorgefallen war. Er allein hatte sich die Suppe eingebrockt, also mußte er sie auch allein auslöffeln. Wenn man ihn nicht erkannte, würde keiner etwas erfahren.

Was aber, wenn er doch erkannt wurde? Was sollte er dann machen? Was konnte er tun? Er wußte es nicht. Er mochte auch nicht darüber nachgrübeln; er würde abwarten und dann handeln müssen.

Am Kopf der Treppe stand ein Polizist, der die Ankömmlinge den Korridor entlangwies. Alec folgte den anderen in einen großen Raum, in dem der Richter an seinem Tisch hinter einer Schranke saß. Die Verhandlungen waren bereits im Gange. Alec setzte sich auf einen Stuhl im Hintergrund.

Ein Polizeisergeant stand vor der Schranke und rief die Namen der Verkehrssünder auf. Einzeln traten sie vor und mußten sagen, ob sie sich schuldig oder unschuldig bekannten gegenüber der Verfehlung, die ihnen vorgeworfen wurde. Gaben sie ihre Schuld zu, so mußten sie die ihnen auferlegte Geldstrafe an der Kasse bezahlen. Erklärten sie sich für unschuldig, so wurden sie auf die andere Seite des Zimmers geschickt, wo sie warten mußten, bis der Richter Zeit hatte, ihre Verteidigung anzuhören.

Während Alec darauf wartete, daß sein Name aufgerufen wurde, sah er sich in dem überfüllten Raum um und überlegte, ob sich wohl Zeitungsreporter in der Menge befinden mochten. Er wußte, daß die Gerichtsreporter vieler Zeitungen die Polizeigerichte in den verschiedenen Stadtbezirken regelmäßig besuchten, um womöglich interessante Stories aufzupicken. Also konnte sehr gut ein Reporter anwesend sein. Ob aber ein Gerichtsreporter seinen Namen kannte, war immerhin zweifelhaft. Gerichtsreporter schrieben keine Rennberichte. Plötzlich rief der Sergeant an der Schranke: »Alexander Ramsay!«

Alec kam es vor, als habe er seinen Namen so laut gerufen wie bisher noch keinen anderen, und als sei es obendrein in dem großen Raum ganz still. Er sprang von seinem Stuhl auf, stolperte, fing sich aber gleich und ging mit schnellen Schritten zum Richtertisch. Er sah, blaß geworden, den Sergeanten an, hinter dem der Richter saß.

»Alexander Ramsay, wohnhaft in Flushing, beschuldigt, in einem öffentlichen Park mit einem Pferd galoppiert zu haben. Schuldig oder unschuldig?« fragte der Sergeant.

»Schuldig!« antwortete Alec so leise, daß es eigentlich nur ein Flüstern war.

»Schuldig oder unschuldig?« wiederholte der Sergeant.

»Schuldig!« rief Alec diesmal vor Verwirrung und Scham überlaut.

Der Richter und der Sergeant lächelten, als Alec zur Kasse ging. Auch der Kassier lächelte, als Alec an den Schalter trat. »Fünf Dollar«, sagte er.

Alec zählte ihm das Geld hin und wandte sich hastig um. Mit niedergeschlagenen Augen ging er zur Tür, schlüpfte in den Korridor und beschleunigte seine Schritte immer mehr. Er hatte gerade die Treppe erreicht, als eine Stimme hinter ihm sagte: »Einen Augenblick mal, mein Sohn!«

Er hielt nicht an und sah sich nicht nach dem Sprecher um, bis eine Hand ihn am Ärmel packte. Ein schlanker Mann in grauem Anzug stand neben ihm. »Ich bin Reporter der Daily News«, sagte er. »Du bist doch Alec Ramsay, der Besitzer von Vulkan, nicht wahr?«

Alec schüttelte die Hand ab und rannte schnell die Treppe hinunter; aber der Reporter blieb an seiner Seite. »Warum so eilig, Alec? Das einzige, was ich wissen möchte, ist, ob du die Rennbahn aufgegeben hast, um statt dessen in öffentlichen Parks zu reiten? Das wird unsere Leser interessieren. Warum hast du Vulkan im Arlington-Spezial nicht selbst geritten? Henry Dailey hat der Presse erzählt, du wärst nicht gesund. Warum läßt du heimlich im Morgengrauen in einem öffentlichen Park ein anderes Pferd galoppieren?«

Alec lief weiter, ohne Antwort zu geben. Als er endlich die Tür erreicht hatte, blieb sein hartnäckiger Verfolger stehen, rief aber hinter ihm her: »Wir sehen uns wieder, Alec!«

Ohne nur ein einziges Mal zu verschnaufen, rannte Alec die Hauptstraße Flushings hinunter. Er wußte, was der Reporter tun würde: stehenden Fußes seine Redaktion anrufen und seinem Chefredakteur erzählen, was sich im Rathaus von Flushing begeben hatte. Daraufhin würde dieser unverzüglich seinen Sportberichterstatter auf die in Aussicht stehende Story hetzen. Irgendwie würden dann die Rennberichterstatter anderer Zeitungen und Pressedienste von der Angelegenheit Wind bekommen, und — alle würden in Windeseile in Flushing vor dem Stall erscheinen, aus dem vor Jahren das Wunderpferd Blitz und später das Wunderpferd Vulkan hervorgegangen war. Sie würden ihn festnageln, und er würde ihnen Rede und Antwort stehen müssen. Er würde nicht wieder davonlaufen können wie eben…

Er würde ihnen erzählen, daß er sich von der Rennbahn zurückgezogen hatte, daß er Vulkan nicht mehr reiten würde — punktum. Das war der Bericht, den sie seinetwegen veröffentlichen konnten. Aber er war nicht willens, ihnen auf die Nase zu binden, daß es Blitz gewesen war, den er im Park geritten hatte. Sie konnten ja nicht ahnen, welches Pferd es gewesen war, und er wollte ihnen nicht die geringste Handhabe bieten, das herauszufinden.

Zwanzig Minuten später erreichte Alec das Stallgebäude. Als er das Eisentor öffnete, war er sich darüber klargeworden, was er unternehmen wollte. Er durfte keine Zeit verlieren, die Reporter würden spätestens in einer Stunde anlangen, vielleicht sogar noch früher.

Blitz wieherte hell, als Alec im Stall erschien. Diesmal rannte Alec jedoch an seiner Box vorüber bis zum anderen Ende des Stalles, wo er vor den Strohballen stehenblieb, die dort aufgestapelt waren. Einen Ballen ergreifend, trug er ihn zur Tür der Geschirrkammer und setzte ihn dort zu Boden. Dann ging er in die Kammer, trug die alte Kommode und die Stühle hinaus und, nachdem der Raum leer war, das Stroh hinein. Er breitete es mit der Heugabel auf dem Boden aus, holte dann einen zweiten und noch einen dritten Ballen, aus denen er ein gleichmäßig dichtes Polster bereitete. Zuletzt holte er noch einen Ballen Heu, den er in die entfernteste Ecke schleppte.

Jetzt erst ging er zu Blitz in die Box. Der Hengst kam ihm sofort entgegen. »Du mußt umziehen, mein Guter! Nur für kurze Zeit! Komm schnell mit«, sagte Alec, packte das Halfter und führte ihn zur Geschirrkammer hinüber. Des Pferdes Augen wanderten neugierig umher, dann blieb er vor dem ihm unbekannten Raum stehen. Alec sprach beruhigend auf ihn ein: »Ich weiß schon, du würdest lieber grasen gehen«, sagte er beschwörend, »aber es hilft jetzt nichts, du mußt warten, es läßt sich nicht machen…, vielleicht abends noch ein Stündchen.«

Der Hengst schnaubte und machte große Augen. Alec ging in die Kammer hinein und forderte ihn von innen noch einmal auf: »Komm herein, Bursche! Du wirst es hier nicht schlecht finden, du hast mehr Platz als in deiner Box.«

Blitz gab sein Zögern auf und folgte seinem Herrn in die Kammer. Alec ließ das Halfter los und stand im Türrahmen, während Blitz neugierig umherstapfte und alles betrachtete. Der dicke Strohbelag machte seine Schritte unhörbar. Alec wartete, bis er das Heu in der hinteren Ecke gefunden hatte und zu fressen begann. Dann verließ er den Raum und schloß die Tür hinter sich. Ihm blieb noch viel zu tun! Er rannte durch den Stall nach draußen und kam kurz darauf mit einem Schubkarren zurück. In eiliger Arbeit belud er ihn hoch mit dem von Blitz benutzten Stroh und fuhr es zu dem Düngerhaufen hinter dem Stall. Dann trug er den Wassereimer hinaus und fegte die Box. Jetzt war nichts mehr davon zu sehen, daß noch vor wenigen Minuten ein Pferd in der Box gestanden hatte. Der Augenschein bewies, daß nur eine Box im ganzen Gebäude benutzt wurde, und die gehörte Napoleon. Das würde er den Reportern sagen und nötigenfalls zeigen.

Er sah nach seiner Armbanduhr, es war vier — sie konnten jede Minute ein treffen! Aber er war ja bereit, sie zu empfangen, nur ein paar Kleinigkeiten mußten noch erledigt werden. Er füllte den Wassereimer, brachte ihn in die Geschirrkammer und hängte ihn in der Nähe des Heuballens an einen Haken. Dann holte er vorsorglich noch einen zweiten Ballen Heu, um ganz sicher zu sein, daß der Hengst eine Stunde lang fressen würde.

Als er noch neben Blitz stand, hörte er das Quietschen des Eisentors. Eilends verließ er die Kammer, legte das Vorhängeschloß vor, schloß zu und steckte den Schlüssel in die Tasche. Dann rannte er zur Stalltür und hörte das Tappen von Hufen auf dem Kies… Hufe und das Knirschen von Wagenrädern — Tony kehrte von der Arbeit zurück!

»Hallo, Alec!« rief Tony, als er den Jungen vor dem Stall stehen sah. »Warum hast du denn heute Blitz noch nicht auf der Weide?«

Alec wartete, bis Tony umständlich von seinem Kutschersitz heruntergeklettert war, ehe er zu ihm trat. »Ich brauche deine Hilfe, Tony«, sagte er hastig, »ich sitze in der Tinte.«

Tonys glänzende Augen wandten sich ihm schnell zu. »Du brauchst meine Hilfe? Die sollst du haben. Aber worum handelt es sich denn?«

»Ich habe Blitz gestern morgen im Park geritten«, erklärte Alec. »Da hat uns ein Polizist erwischt und mich wegen Galoppierens in einem öffentlichen Park angezeigt… Heute Mittag mußte ich deswegen zum Polizeigericht, und dort hat mich ein Reporter erkannt. Ich bin davongerannt, aber ich bin sicher, daß er mir sehr schnell seine Kollegen auf den Pelz hetzen wird! Und du weißt, niemand soll erfahren, daß wir Blitz hier haben.« Tonys Augen wanderten von Alec zum Stall. »Ja, das weiß ich. Wenn aber die Männer kommen, wie willst du denn Blitz vor ihnen verstecken?!«

»Ich habe ihn in die Geschirrkammer gebracht«, sagte Alec. »Ich glaube nicht, daß sie sich gründlich im Stall umsehen werden. Sie werden in erster Linie darauf aus sein, mich auszufragen.«

»Gut. Und was soll ich dabei tun?«

»Ich möchte Napoleon auf die Weide bringen und möchte, daß du draußen bei mir bleibst, bis sie kommen. Wenn sie mich dann fragen, welches Pferd ich im Park geritten habe, sage ich ihnen, es wäre Napoleon gewesen, und du kannst es mir bestätigen!«

Tony schüttelte bedenklich den Kopf. »Und du denkst, das glauben sie dir?«

»Warum denn nicht?« fragte Alec. »Alles, was sie bis jetzt wissen, ist, daß ich für Galoppieren im Park eine Buße bekommen habe. Dabei kann ich doch geradesogut auf Napoleon gesessen sein wie auf jedem anderen Pferd.«

Tony zuckte die Achseln, während beide gemeinsam Napoleon ausschirrten. »Kann sein, sie kaufen dir’s ab…, kann ja sein.«

Sie hatten Napoleon gerade auf die Weide gebracht und waren eben dabei, das Lattentor wieder zu schließen, als sie sahen, daß draußen vor dem Eisentor ein Auto stoppte. »Da sind sie schon!« Alec zwinkerte Tony zu. »Und was machen wir nun?« fragte Tony.

»Gar nichts! Wir bleiben hier stehen und unterhalten uns. Laß sie nur kommen. Hauptsache ist, daß es mir gelingt, sie vom Stall wegzuhalten!«

Tony sah zur Straße hinüber. »Jetzt halten noch zwei weitere Autos hinter dem ersten«, berichtete er.

Beide schauten Napoleon beim Grasen zu, bis sich auf der Auffahrt eilige Schritte näherten und eine Stimme rief: »He, Alec! Schönen guten Tag!«

Sechs waren es, alle Sportberichterstatter. Alec kannte sie, weil er ihnen auf der Rennbahn schon Interviews gegeben hatte. Er schüttelte die Hände, die sich ihm entgegenstreckten, und begrüßte jeden, sagte aber sonst kein Wort. Die Reporter lehnten sich, als habe der Zufall sie gerade vorbeigeführt, an den Zaun und betrachteten Napoleon. Sie hatten dabei Gesichter aufgesetzt, als wäre es ihre Gewohnheit, jeden Tag mal eben bei Alec Ramsay hereinzuschauen.

Endlich sagte einer von ihnen: »Was ist das dort für ein Pferd, Alec?«

»Ein Wallach, Tonys Pferd«, gab Alec zur Antwort. Dabei wies er auf seinen Freund. Dann folgte sein Blick dem alten Grauen, der schwerfällig über das Feld stampfte zu einer besseren Weidestelle. Gerade fuhr wieder ein Auto vor. Gleich darauf hörte man rasche Schritte auf dem Kiesweg. Alle wandten sich gleichzeitig um.

Ein großer, gebräunter Herr kam auf sie zu. Alec erkannte Jim Neville, den führenden Turfberichterstatter des Landes. Jim Neville war seit langer Zeit Alecs Freund; er hatte seinerzeit das große Rennen zustandegebracht, in dem Blitz gegen die beiden besten Pferde Amerikas gelaufen war, um sie zu besiegen. Es war sein erstes und einziges Rennen auf einer amerikanischen Bahn gewesen. Jim winkte seinen Kollegen zu; dann reichte er Alec die Hand: »Habe dich lange nicht gesehen, Alec. Wie steht’s bei dir?«

»Danke, alles in Ordnung«, antwortete der Junge gleichmütig.

Der Reporter, der ihm zunächst stand, ergriff die gute Gelegenheit: »Ach, und wir glaubten, du wärst krank«, sagte er. »Dailey hat uns vorgestern in Chicago erzählt, du fühltest dich nicht wohl, deshalb habe Lenny Sansone Vulkan geritten…«

»Ich…, na, vor ein paar Tagen war ich wirklich nicht recht auf dem Posten«, antwortete Alec schnell.

»Er nimmt das immer viel zu leicht«, fiel Tony hilfreich ein.

»Dann bist du wohl gestern ein bißchen im Park geritten, um in Form zu bleiben, Alec?« erkundigte sich ein anderer.

»Ja, stimmt!« Alec nickte. »Ich reite oft dort draußen.«

»Das gibt eine gute Story… Meisterjockey wegen Renngalopps in einem öffentlichen Park in Strafe genommen. Endlich mal was anderes als die üblichen Bußen wegen zu schnellen Fahrens«, setzte der Reporter hinzu.

»Ein Renngalopp war es wirklich nicht; dazu ist Nappy zu alt.«

»Wie heißt das Pferd, Nappy?« fragte ein anderer.

Ohne zu zögern antwortete Alec: »Ja, Nappy, Napoleon, der Wallach dort!« Er wies auf die Weide hinüber.

Alle betrachteten den steifbeinigen alten Gaul, bis einer das Schweigen unterbrach: »Und der kann noch galoppieren?«

»Natürlich!« versicherte Alec mit gespielter Sicherheit. »Ein leichter Galopp macht ihm immer noch Spaß.«

»Nappy ist ein sehr schnelles Pferd«, fügte Tony gekränkt hinzu, »mag ja sein, man sieht es ihm nicht an, aber wenn er gute Laune hat, ist er sehr flink.«

»Sicher, sicher, ich will das nicht in Zweifel ziehen! Man sieht es manchem nicht an. Das weiß ich wohl.« Der Reporter lachte.

Jim Neville entfernte sich vom Zaun und trat auf Alec zu. »Ich war lange nicht hier«, bemerkte er wie nebenbei. Dabei sah er sich um.

Auch die anderen musterten jetzt die Umgebung und dann das Stallgebäude. »Wieviel Boxen sind denn dort drin, Alec?« fragte einer.

»Zwei«, antwortete Alec prompt, »aber Napoleon steht ganz allein drin!«

»Dürfen wir mal einen Blick in den Stall werfen?«

»Natürlich, gern!«

Die Gruppe ging zum Stall, Alec voran.

»Es ist ulkig, wie zerstreut Polizisten manchmal sind«, warf einer hin. »Wir haben nämlich den Mann ausfindig gemacht, der dir die Strafe aufgebrummt hat. Er behauptete, du hättest ein schwarzes Pferd geritten…, einen auffallend großen Hengst…«

Alecs Lippen schlossen sich, aber Tony erwiderte sogleich: »Der war farbenblind. Nappy ist doch nicht schwarz!«

»Ganz gewiß nicht!« bestätigte der Pressemann. »Übrigens hat der Polizist auch noch gesagt, er habe sein Lebtag lang noch nie ein Pferd so schnell laufen sehen. Es habe sein Auto glatt überholt!«

Tony verstummte. Auch Alec sprach kein Wort. Er hatte die Möglichkeit, daß die Reporter den Polizisten ausfragen könnten, bevor sie zu ihm kamen, gar nicht in Betracht gezogen. Demnach wußten die Besucher ganz genau, daß es sich nicht um Napoleon gehandelt hatte. Deshalb wollten sie den Stall sehen. Vor allem Jim Neville mochte argwöhnen, daß es Blitz gewesen war, denn welches andere Pferd außer Blitz hätte ihn davon abhalten können, Vulkan in Chicago zu reiten? Jedenfalls wußten die Reporter jetzt, daß seine angebliche Krankheit nur ein Vorwand gewesen war. Es war sehr töricht von ihm gewesen, zu denken, er könne Blitz’ Identität leugnen. Er hatte den unverzeihlichen Fehler begangen, Blitz im Park zu reiten — jetzt mußte er dafür büßen.

Alec betrat den Stall, dicht gefolgt von den Reportern. Jim Neville hielt sich an seiner Seite, aber die anderen steuerten schnurstracks auf die Box los, in der Blitz gestanden hatte. Sie warfen einen Blick auf den sauberen Boden, danach besichtigten sie Napoleons Box und schauten sich im Stall um.

Kein Laut drang aus der Geschirrkammer, doch konnte Blitz jeden Moment schnauben und damit seine Anwesenheit verraten. Alec biß sich auf die Lippe. Er fühlte Jim Nevilles Hand auf seinem Arm, wandte sich ihm aber nicht zu. Die Reporter standen jetzt vor der Kammertür, und einer von ihnen fingerte an dem Vorhängeschloß herum. Tony hatte sie begleitet, und Alec hörte ihn sagen: »Da drin ist nichts außer dem Geschirr von Nappy… Jetzt wollen wir wieder an die frische Luft gehen, nicht wahr?«

Die Presseleute rührten sich jedoch nicht vom Fleck; sie hatten das gesuchte Versteck gefunden; ihre Blicke wandten sich Alec zu; einer von ihnen klapperte beziehungsvoll mit dem Schloß.

In diesem Augenblick wieherte Blitz…

»Es ist Blitz, nicht wahr, Alec?« fragte Jim Neville leise.

Alec nickte.

»Wir alle haben es uns gedacht, denn der Polizist hat ihn genau beschrieben. Ich weiß nicht, warum du ihn versteckst. Aber es hat keinen Zweck mehr. Komm, schließ auf.«

Alec ging resigniert zur Tür, den Schlüssel in der Hand. Was jetzt noch geschah, war gleichgültig, denn in einigen Stunden würde die Welt es ja doch erfahren, daß der berühmte Hengst wieder in Flushing war.

Die Presseleute traten wohlweislich einige Schritte zurück, als er die Tür öffnete. Da stand Blitz und blickte mit großen, klugen Augen auf die Menschen. Alec hielt ihn am Halfter, während die Reporter zahlreiche Fragen stellten. Er erklärte ihnen, daß Blitz nunmehr ihm gehöre, daß Scheich Abu gestorben sei und ihm den Hengst testamentarisch vermacht habe. Nein, er habe nicht die Absicht, ihn auf die Rennbahn zu bringen; er werde ihn als Beschäler verwenden. Er habe mit Henry zusammen eine Farm gekauft, um ein Gestüt zu gründen. Dorthin würden sie in vierzehn Tagen mit Blitz übersiedeln.

Die Reporter bedankten sich und verließen dann eilends den Stall, um ihre Berichte zu schreiben. Für die Rennwelt würde die Meldung eine Sensation bedeuten.

Nur Jim Neville blieb zurück, als Alec Blitz aus der Geschirrkammer führte. Tony ging stumm nebenher. »Ich will ihn auf die Weide lassen, Tony«, sagte Alec bedrückt.

Draußen rannte der Straßenhändler voraus, um das Lattentor zu öffnen. Napoleon blickte hoch und wieherte Blitz freundlich entgegen.

Alec ließ den Hengst frei. Er brauste sofort in vollem Galopp davon, an Napoleon vor bei, der sich umdrehte und schwerfällig hinterher trottete.

»Es tut mir so leid, Alec«, murmelte Tony.

»Es war dumm von mir, zu glauben, ich könnte Blitz vor ihnen verstecken, nachdem sie die Spur aufgenommen hatten«, murmelte Alec verbittert. »Es ist ganz allein meine Schuld.«

»Und was wird nun?« fragte Tony.

»Das weiß ich nicht!«

Scheich Abus Vermächtnis

Tony trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen, denn er wußte nicht, ob Alec wollte, daß er noch länger blieb.

Der Junge starrte unentwegt auf den Hengst. Jeder Bewegung des herrlichen Tieres folgte er mit den Augen. Tony entdeckte, daß ihm Tränen die Wangen hinunterliefen. Verlegen sah er zu Jim Neville hinüber, der sich auf die Bank vor dem Stall gesetzt hatte.

»Warum verschwindet der denn nicht wie die anderen?« fragte Tony ärgerlich. »Was will er nun noch?« Ohne sich umzuwenden, sagte Alec niedergeschlagen: »Er ist nun mal Berichterstatter, Tony. Er ist auf das menschlich interessante Moment der Story aus… Die anderen wollten nur die Neugierde, aber Jim will mehr als das wissen, er will wissen, warum ich Blitz verborgen habe… Er spürt, daß etwas dahintersteckt.«

»Dann werde ich ihm Bescheid geben«, sagte Tony erbost. »Er soll dich in Ruhe lassen.«

Er wollte zu Neville gehen, aber Alec hielt ihn zurück. »Nein, warte. Ich will selbst mit ihm sprechen. Im Grunde ist er ja mein Freund. Ausweichen kann ich jetzt nicht mehr. Morgen, wenn die Berichte erschienen sind, werden wir Besucher in Massen hier haben.«

Alec ging zum Stall, Tony folgte ihm. »Soll ich hierbleiben, Alec?«

»Ist nicht nötig, Tony. Mit Jim komme ich schon zurecht. Wenn du heimgehen willst, werde ich mich um Napoleon kümmern.«

Vor dem Stall angekommen, verabschiedete sich Tony, und Alec setzte sich neben Jim Neville.

»Er sieht wundervoll aus, Alec«, begann Jim, der Blitz nicht aus den Augen ließ, »er hat sich kein bißchen verändert! Wie läuft er?«

»Genau wie früher«, antwortete Alec, die Augen eben falls auf dem Hengst, »genau wie früher.«

»Es kommt mir vor, als wäre er ein wenig schwerer.«

»Das mag sein«, erwiderte Alec, »aber es tut seiner Schnelligkeit keinen Abbruch.«

»Das scheint mir auch so«, gab Jim Neville zurück. »Sein Galopp wirkt leicht und schön. Er wird dir gute Nachkommen bringen, Alec. Vulkan ist der beste Beweis dafür.«

Alec nickte. »Ich hoffe es, Jim! Wir wollen die besten Stuten kaufen, die wir bekommen können.«

»Famos! Wo liegt die Farm?«

»Etwas hundertfünfzig Kilometer nach Norden.«

»Zyklon und Donnerkeil sind ebenfalls von der Rennbahn genommen und in den Gestüten ihrer Besitzer als Deckhengste aufgestellt worden. Ich nehme an, du weißt das schon.«

»Ja, ich weiß es.«

»Erinnerst du dich, wie Blitz sie damals in Chicago in Grund und Boden rannte! Es liegt nur vier Jahre zurück, aber es scheint mir, als wären es vierzig! Du und Henry — ihr habt es beide weit gebracht in diesen vier Jahren!«

»Aber mit Ihrer Hilfe, Jim. Sonst wären wir längst noch nicht so weit.«

Der Reporter lachte. »Na, das ist übertrieben, Alec. Alles, was ich damals getan habe, war, die Öffentlichkeit wissen zu lassen, was für einen Star ihr beide im Verborgenen topfit trainiert hattet. Natürlich wollten die Leute dann wissen, ob es stimmte, und ihr habt es ihnen in Chicago bewiesen. — Es ist zu schade, daß man Blitz nur dieses eine Mal auf einer Rennbahn sehen konnte«, fügte er gedankenverloren hinzu. »Ich glaube, daß das jeder, der Pferde liebt, bedauert. Schade! Sehr schade!« Jim nahm seinen Hut vom Kopf und legte ihn neben sich auf die Bank, dann blickte er wieder aufs Feld hinüber. »Sieh bloß, wie er dort federleicht dahingaloppiert, Alec«, sagte er, mit dem Kopf auf den Hengst weisend, der das Feld entlangjagte. »Er besitzt genau Vulkans mühelose Aktion, richtiger gesagt, Vulkan besitzt die seine.« Er schwieg eine Weile und fragte dann: »Du hast beide geritten, Alec, was ist deine Meinung?«

»In welcher Beziehung?«

»Welcher von beiden ist schneller?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen«, antwortete Alec und stand auf, »das weiß ich nicht.«

Blitz kam jetzt über das Feld zurück, und Alec ging zum Tor; Neville folgte ihm.

»Blitz dürfte als Dreijähriger in seiner Höchstform gewesen sein…«, sagte er überlegend.

»Das glaube ich nicht«, erwiderte Alec rasch und trat zum Zaun, an dem Blitz ihn erwartete. Er legte seine Hand auf des Hengstes Nase und streichelte ihn; als Jim Neville herankam, schnaubte Blitz und lief weg.

Der Zeitungsmann lehnte sich neben Alec an die hölzernen Latten. »Willst du ihn nicht noch einmal in einem Rennen laufen lassen, ehe du ihn als Deckhengst aufstellst?« fragte er.

»Nein!«

»Vielleicht solltest du es doch tun!« Der Junge wandte sich ihm ungestüm zu, aber Neville fuhr ruhig fort: »Die Presse wird dich mächtig unter Druck setzen, damit du ihn laufen läßt, das kannst du dir wohl denken. Sobald die ersten Berichte erschienen sind, wird es keinen Reiter und keinen Pferdefreund in ganz Amerika geben, der sich nicht an Blitz und seinen ans Wunderbare grenzenden Lauf in jenem einzigen Rennen damals in Chicago erinnert. Alle werden ihn unbedingt noch einmal sehen wollen, und sie werden dir keine Ruhe lassen.«

»Aber ich will ihn nicht laufen lassen, Jim«, sagte Alec entschlossen. »Ich will ihn hier wegbringen, so schnell ich kann.«

Neville blieb einige Minuten stumm; er sah immer noch den Hengst an. Dann sagte er, das Thema wechselnd: »Ich hätte nie gedacht, daß ein anderes Pferd so schnell laufen könnte wie Blitz — und doch, ich hab’s nun gesehen!«

»Sie meinen Vulkan?« fragte Alec.

Jim Neville nickte: »Es hat sich gelohnt, ihn im Arlington-Spezial zu sehen. Als er in der Zielgeraden loslegte, wußte ich, daß er ein einmaliges Pferd ist.«

»Und Sie glauben nicht, daß Blitz noch schneller sein könnte?«

»Nein! Du etwa?« Jetzt sah Neville Alec gespannt an.

»Ja! Ich glaube es!!«

»Warum bringst du ihn dann nicht noch einmal auf die Rennbahn, Alec?« Jims Worte kamen schnell. »Das möchte ich erleben! Und jeder andere Pferdenarr auch!« Er machte eine Pause, ehe er hinzusetzte: »Meinst du nicht, daß du das dem Sport schuldig bist?«

Alec antwortete nicht. Er blickte zu Blitz hinüber.

»Ich erinnere mich gut an die Zeit, da du dir nichts sehnlicher wünschtest, als mit Blitz auf die Rennbahn zu können… Gar so lange ist das noch nicht her«, fuhr Jim fort.

»Damals lagen die Dinge anders.«

»Wieso?« fragte Neville eindringlich. »Meinst du, weil du Vulkan jetzt auf der Bahn hast?«

»Nein, Jim«, antwortete Alec schnell, »aber weil ich Vulkan an die Rennbahn verloren habe. Damals wußte ich es nicht. Heute weiß ich, daß ein Rennpferd seinem Besitzer in Wirklichkeit gar nicht mehr gehört, und ich möchte Blitz nicht ebenfalls verlieren. Er ist mein, und ich habe nicht die Absicht, mich jemals von ihm zu trennen.«

»Aber du hast Vulkan doch nicht verloren«, widersprach Jim erstaunt. »Ich verstehe nicht, was du damit meinst.«

»Es ist schwer zu erklären, was ich meine. Ich will Blitz einfach für mich behalten. Ich will ihn pflegen und ständig in seiner Nähe sein. Er soll ausschließlich mir gehören und keinem anderen, auch nicht dem Sport oder der Öffentlichkeit, gleichviel, wie Sie es nennen wollen! Vielleicht schelten Sie mich selbstsüchtig, und das bin ich ja wohl auch. Aber ich fühle nun einmal so! Einen Rennchampion als Haustier zu halten, ist unmöglich. Das hat Henry mir oft genug gesagt …, und ich weiß heute, daß er recht hat. Er gehört der Allgemeinheit, deren Forderungen er erfüllen muß. Das liegt in der Natur der Sache; dagegen läßt sich nichts tun. Darum soll Blitz nicht auf die Rennbahn, denn ich will ihn auf keinen Fall verlieren, wie ich Vulkan verloren habe.«

»Demnach ist das der Grund, weshalb du ihn als Deckhengst auf die Farm bringen willst?«

Alec nickte. »Das und weil ich mehr Pferde um mich haben will, Jim! Seine Kinder! So möchte ich mir mein Leben aufbauen…«

»Klar, das verstehe ich«, sagte Jim sanft. »Ich würde vielleicht im gleichen Fall ebenso handeln. Aber schließlich kannst du doch diesen Weg gehen, und Blitz trotzdem vorher noch ein einziges Mal auf die Rennbahn bringen. Vielerlei Gründe sprechen dafür, und ich möchte dir ernsthaft dazu raten — als Freund, also nicht als Reporter, der auf eine Story aus ist.«

Alec sah Jim forschend an: »Und wozu sollte es gut sein, Jim, wenn ich ihn noch einmal auf die Bahn brächte?«

»Für sehr vieles wäre es gut! Erstens würde es die verständliche Sehnsucht vieler Menschen stillen, die ihn gern noch einmal laufen sehen möchten, und zweitens die Neugier der vielen anderen, die nur von Blitz reden hörten und doch nicht recht glauben, daß es ein solches Wunderpferd gibt. Natürlich würdest du unmißverständlich klarmachen, daß es sich unwiderruflich um sein letztes Rennen handelt, bevor er ins Gestüt geht. Damit wird sich jeder abfinden und dankbar sein, daß ihm wenigstens noch einmal die Chance geboten wird, Blitz laufen zu sehen. Die menschliche Natur ist nun einmal so, Alec! Ob Blitz siegt oder verliert — du bist der Gewinner — danach lassen sie dich dann in Frieden.«

»Halten Sie es tatsächlich für möglich, daß Vulkan ihn schlagen könnte?«

»Ja, Alec!«

Der Junge sah wieder aufs Feld hinaus, während Neville fortfuhr: »Du solltest außerdem noch etwas anderes bedenken, was sehr wichtig für dich ist, wenn du dich fortan auf die Zucht verlegen willst: daß du nämlich darauf aus sein mußt, daß auch andere Züchter ihre Stuten zu Blitz zum Belegen bringen. Wenn du ihn noch einmal auf die Rennbahn läßt, gibst du allen Rennstallbesitzern die Möglichkeit, ihn in seiner bestechenden Manier laufen zu sehen. Ist dann der Zeitpunkt gekommen, von dem ab du auch die Stuten anderer Besitzer durch Blitz decken lassen willst, so kannst du eine hohe Decktaxe fordern. An solche Dinge mußt du denken, Alec, denn sie bedeuten in dem Beruf, den du dir erwählt hast, für dich Brot und Butter und Vorwärtskommen.«

Der Hengst kam jetzt wieder übers Feld zurück auf sie zu, und Alec schlüpfte zwischen den Latten hindurch, um ihm entgegenzugehen. Er fuhr ihm mit der Hand über den Hals und hob die Mähne ein wenig, um ihn darunter zu kraulen. So stand er lange Minuten, bis er endlich Antwort gab: »Ich glaube nie und nimmer, daß Vulkan oder ein anderes Pferd an ihn heranreicht«, sagte er überzeugt.

Jim lächelte. »Um das zu beweisen, mußt du ihn laufen lassen.«

Alec schüttelte den Kopf. »Nein, Jim! Das tue ich nicht. Ich bringe ihn auf die Farm.«

Neville zuckte die Schultern und sagte: »Es ist dein Pfed, Alec. Die Entscheidung liegt bei dir.« Er schwieg einen Augenblick und fuhr dann fort: »Aber bevor ich gehe, muß ich dir noch etwas sagen, was deinen Entschluß wahrscheinlich ändern wird. Jedenfalls glaube ich das, so wie ich dich kenne…« Er zog ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus der Tasche. »Ich habe hier eine Aufstellung der für das ›Rennen um den Internationalen Pokal‹ genannten Pferde. Ich habe es fertiggebracht, diese Liste vor allen anderen Zeitungsleuten in die Hand zu bekommen — jedoch nur 24 Stunden vor ihnen. Morgen werden alle Redaktionen die Liste haben.« Jim entfaltete das Blatt. »Du weißt, Alec, daß es kein Rennen gibt, das sich mit diesem vergleichen läßt. Seit mehr als Jahresfrist ist man mit den Vorbereitungen dafür beschäftigt. Der Rennverband hat vor vielen Monaten Einladungen an die Besitzer der schnellsten Pferde in allen Ländern der Erde verschickt, und die Liste verzeichnet diejenigen, welche die Einladung angenommen haben. Soweit die Pferde aus dem Ausland kommen, werden sie alle im nächsten Monat in den Staaten eintreffen.«

»Ich weiß über das Rennen Bescheid«, warf Alec ein. »Vulkan ist ebenfalls zur Teilnahme aufgefordert worden, und wir haben das Meldegeld gleich nach dem Kentucky-Derby eingeschickt.«

»Ganz recht«, bestätigte Neville. »Er steht auf der Liste. Willst du wissen, auf welche Gegner er stoßen wird?«

»Natürlich, gern.«

»Gut. Also da ist Phar Fly, das australische Wunderpferd; dann Cavaliere, der im Mai das italienische Derby gewonnen hat. Indien schickt Kashmir, den Vorjahressieger im Epsom-Derby in England. Auch der diesjährige Gewinner des Epsom-Derbys kommt her, es ist Sea King, ein rein englisch gezogener Vollblüter, den man in England so hoch einschätzt wie bei uns Vulkan. Aus Frankreich kommt Avenger, der dieses Jahr sowohl das irische als auch das französische Derby gewonnen hat. Argentinien wird uns El Dorado schicken, der in Südamerika alle Pferde geschlagen hat, die gegen ihn angetreten sind…«

»Schön und gut, Jim. Aber was hat dieses Rennen mit Blitz zu tun?« unterbrach Alec die Aufzählung.

»Sehr viel«, erwiderte Neville, in dem er Alec in die Augen sah. »Sein Name steht nämlich ebenfalls in der Liste! Er ist von seinem damaligen Besitzer, Scheich Abu aus Arabien, vor sechs Monaten gemeldet worden.« Alles Blut wich aus Alecs Gesicht; betäubt und keines Wortes mächtig stand er da.

»Scheich Abu hat Blitz in diesem großen internationalen Rennen laufen lassen wollen, Alec! Aller Wahrscheinlichkeit nach würde er dich gebeten haben, ihn zu reiten.«

Alec wandte sich ab und starrte aufs Feld hinaus, zu Blitz hinüber.

»Du erinnerst dich sicher«, nahm Neville wieder das Wort, »daß Scheich Abu uns nach Vulkans Sieg in seinem ersten großen Rennen, dem der Scheich ja beiwohnte, versprach, Blitz wieder nach Amerika zu bringen. Hier ist der Beweis, daß er sein Versprechen halten wollte.« Neville machte eine Pause und fuhr dann mit Nachdruck fort: »Wenn diese Liste morgen nach dem Bericht über dich und Blitz veröffentlicht wird, erwartet die Öffentlichkeit selbstverständlich von dir, daß du Blitz’ Meldung im Rennen um den Internationalen Pokal aufrechterhältst. Man wird der Meinung sein, daß du es einfach allen Sportenthusiasten schuldig bist.«

Jetzt fand Alec die Sprache wieder. »Den Sportfreunden nicht, Jim«, sagte er gefaßt, »aber Scheich Abu!« Er sah Neville an und fuhr fort: »Da Scheich Abu Blitz für dieses Rennen genannt hat, besteht für mich kein Zweifel darüber, daß er wissen wollte, wer schneller ist: Blitz oder Vulkan. Eigentlich hätte ich mir denken können, daß er diesen Wunsch hegte. Aber wird der Rennverband zulassen, daß ich Blitz reite? Er gehört doch jetzt mir.«

»Da Scheich Abu Blitz für das Rennen gemeldet und noch selbst das Meldegeld bezahlt hat, bin ich sicher, daß der Rennverband ihn als Besitzer gelten lassen und gestatten wird, daß du ihn reitest, obwohl er inzwischen in deinen Besitz übergegangen ist. Jedenfalls werde ich mich dafür in meiner Zeitung einsetzen. Wirst du ihn dann laufen lassen?«

»Habe ich nun noch die Wahl? Scheich Abu wünschte, daß er an dem Rennen um den Internationalen Pokal teilnimmt. Also muß ich mich fügen, ohne Rücksicht auf meine Gefühle. Es ist das wenigste, was ich im Andenken an meinen großen alten Freund tun kann.«

Aufruhr um Blitz

Am frühen Nachmittag des nächsten Tages saß Alec in seinem Zimmer am offenen Fenster. Die Szene, die sich draußen auf der sonst so stillen, abgelegenen Vorortstraße abspielte, war völlig verschieden von allem, was er bis jetzt von diesem Platz aus zu sehen gewohnt war. Denn den ganzen Maschendrahtzaun entlang auf der Straße und bis in den Seitenweg hinein hatten sich Hun derte von Menschen angesammelt, die darauf warteten, Blitz zu sehen. Vom frühen Morgen an waren sie herbeigeströmt, und Alec hatte immer jeweils zwei Personen zum Stall geführt und ihnen gestattet, einen Blick auf Blitz zu werfen. Jetzt, während er sich ausruhte, stand sein Vater neben dem verschlossenen Tor und erklärte der Menge, daß Blitz zu erregbar wäre, um aufs Feld hinausgelassen zu werden, damit alle ihn sehen könnten, und daß Alec vorerst zu müde sei, um weitere Führungen zum Stall zu übernehmen.

Die Zeitungen, die den ganzen Aufruhr verursacht hatten, lagen auf Alecs Arbeitstisch, ein ganzer Haufen. Eine Schlagzeile lautete: »Blitz in Flushing entdeckt — der berühmte Vater Vulkans gehört jetzt Alec Ramsay!« Eine andere Zeitung schrieb: »Blitz wieder in den USA! Scheich Abus Vermächtnis an Alec Ramsay.« Und so ging es die Reihe durch; alle schrien es hinaus, daß er jetzt der Besitzer des Wunderhengstes war. Jim Neville war der einzige, der mehr als diese Tatsache brachte. Alec las seinen Bericht noch einmal durch.

»Diejenigen unter uns«, schrieb Jim, »die Augenzeugen waren, als Blitz mit Alec Ramsay im Sattel vor vier Jahren in Chicago Zyklon und Donnerkeil schlug, werden die traumhafte Schnelligkeit dieses gewaltigen Hengstes niemals vergessen. In den Jahren, die seit jenem Tag vergangen sind, ist dieser großartige Sieg über die besten Vollblüter unseres Landes etwas wie eine Sage geworden. So ist es wundervoll, daß wir die Möglichkeit haben werden, Blitz wieder laufen zu sehen, denn er wird in dem neuausgeschriebenen Rennen um den Internationalen Pokal starten, das am 28. August auf der soeben fertiggestellten Rennbahn in der Nähe von Albany gelaufen wird. Blitz wird teilnehmen! Als sein Besitzer gilt der Stall Abu Jakub Ben Isaaks, des kürzlich verstorbenen arabischen Scheichs, seines Züchters, der ihn für das Rennen gemeldet und die Gebühren entrichtet hat. Selbstverständlich wird Alec Ramsay auf ihm im Sattel sein, und es wird Blitz’ einziges Rennen sein, da Alec Ramsay, dem Scheich Abu den Hengst vermacht hat, Blitz unmittelbar danach auf seiner Farm als Deckhengst aufzustellen beabsichtigt. Ob der wunderbare Hengst die enorme Schnelligkeit, die er als Dreijähriger besaß, bis jetzt bewahrt hat, wird sich herausstellen. Seine Gegner werden die schnellsten Pferde der Welt sein, sein bis jetzt ungeschlagener Sohn Vulkan inbegriffen. Außer diesem, Phar Fly aus Australien, Avenger aus Frankreich, El Dorado aus Argentinien…« Der Bericht zählte alle Teilnehmer des Rennens auf, aber Alec las nicht weiter. Er legte die Zeitung beiseite und — nahm ein Telegramm auf, das vorhin von Henry gekommen war. Es lautete: »Bin hier auf dem Flughafen Chicago. Unternimm nichts, bevor ich dort eintreffe.« Nun, er hatte ja nichts unternommen. Er hatte zugesagt, Blitz im Rennen um den Internationalen Pokal starten zu lassen. Er bezweifelte, daß Henry Jim Nevilles Bericht gelesen hatte, ehe er das Telegramm aufgab, aber er würde ihn wahrscheinlich zu Gesicht bekommen, bevor er in Flushing anlangte.

Henry würde ihn sicher verstehen. Er tat es nur für Scheich Abu. Es war Abus Wunsch. Jedenfalls würde Blitz an diesem Rennen teilgenommen haben, wenn Abu am Leben geblieben wäre. So war es das wenigste, was er Abu zuliebe noch tun konnte; das hatte er sich selbst immer wieder gesagt.

Alec ging hinunter und traf seine Mutter im Wohnzimmer. Sie las in einer Zeitung, ließ sie aber in den Schoß sinken, als Alec eintrat. »Jim Neville schreibt hier, daß du Blitz in einem Rennen reiten willst. Stimmt das, mein Sohn?« fragte sie. Ihre Stimme und ihr Gesichtsausdruck verrieten ihre Bestürzung, obwohl sie ihre Erregung zu verbergen suchte.

»Nur das eine Mal, Mutter!«

»Aber glaubst du denn, daß…« Sie brach ab; sie wußte, daß Alec sie verstand.

Er trat zu ihr, beugte sich nieder und gab ihr einen Kuß. »…daß es gehen wird?« beendete er ihren Satz. »Selbstverständlich!«

»Und die Farm? Du wolltest doch mit Vater in wenigen Tagen dorthin übersiedeln?«

»Wir werden das bis nach dem Rennen verschieben«, erwiderte er. »Ich muß die Sache durchstehen, Mutter. Bitte, versuche doch, mich zu verstehen, wie Vater es tut.«

»Ja, ich weiß. Scheich Abu zuliebe willst du es auf dich nehmen, Alec.« Sie verstummte und versuchte zu lächeln. »Nun ja, ich glaube, ich kann’s verstehen. Du willst sein Andenken ehren.« Sie nahm ihre Zeitung wieder zur Hand, und Alec verließ das Zimmer. Er wußte nicht, daß sie die Zeitung gleich wieder weglegte, um ihm nachzusehen, als er über die Straße ging.

Die Leute drängten sich nahe an Alec heran, als er zu seinem Vater ans Tor ging.

»Immer nur zwei auf einmal«, sagte Herr Ramsay laut. »Tut mir leid, aber das ist das Äußerste, was wir zulassen können.« Er öffnete das Tor für Alec und sagte: »Diese beiden Damen sind die nächsten.«

Zwei Frauen drängten sich mit Alec durch das Eisentor und gingen neben ihm her die Auffahrt entlang. »Wir wohnen im nächsten Block«, erklärte ihm die eine. »Somit sind wir Nachbarn, Alec.«

»Es ist aufregend, ein so berühmtes Pferd so nahe zu haben, sozusagen in unserem eigenen Hinterhof«, erklärte die andere. »Du mußt doch mächtig stolz sein, daß sich so viele Leute hier eingefunden haben, um dein Pferd zu sehen.«

»Gewiß«, antwortete Alec höflich. Als er die Stalltür öffnete, fügte er hinzu: »Tut mir leid, aber ich muß Sie bitten, hier an der Tür stehenzubleiben. Blitz ist Besucher nicht gewöhnt.«

»Alles, was wir uns wünschen, ist ein kurzer Blick«, sagte die eine.

»Bloß, um sagen zu können, daß wir ihn gesehen haben«, fügte die andere hinzu.

Blitz streckte seinen Kopf über die Tür der Box und wieherte, als er Alec sah, der zu ihm hinging, ihn zwischen den Augen kraute und ihm eine Mohrrübe reichte.

Wenige Minuten später führte Alec die beiden Frauen zum Eingangstor zurück, wo sein Vater schon mit den nächsten beiden Besuchern wartete. Er wußte, daß das nun ununterbrochen so lange fortgehen würde, wie Blitz in Flushing blieb.

Es waren einige Stunden vergangen, als Alec Henry erblickte, wie er sich einen Weg durch die Menge bahnte. Sein Vater war ins Haus hinübergegangen, um sich ein wenig zu erholen, und das Tor war verschlossen.

»Alec!« rief Henry. »Laß mich hinein!«

Alec ging mit den beiden Besuchern, denen er eben einen Blick auf Blitz gegönnt hatte, rasch den Kiesweg entlang, öffnete das Tor und ließ sie hinaus. Henry schlüpfte schnell herein, schlug das Tor zu und schloß es ab. »Heute werden keine weiteren Besucher mehr eingelassen!« rief er den Leuten zu. »Der Hengst muß Ruhe haben.« Seine Stimme klang so befehlerisch, daß sich die noch Wartenden fügten. Er nahm Alec am Arm und ging rasch mit ihm die Auffahrt entlang. »Geht dieses Theater etwa schon den ganzen Tag hier vor sich?« erkundigte er sich.

Alec nickte. »Seit acht Uhr früh.«

»Wie geht es Blitz?«

»Sehr gut! Ich habe niemanden nahe an ihn herangelassen.«

Als sie beim Stall waren, fragte Henry: »Was bedeutet Jim Nevilles Bericht über den Start von Blitz im Rennen um den Internationalen Pokal?«

Alec sah Henry an und las die große Sorge in seinem Gesicht: »Scheich Abu hat ihn für das Rennen gemeldet und die Gebühr entrichtet.«

»Das weiß ich«, erwiderte Henry, »ich habe den Artikel gelesen. Aber hast du tatsächlich Neville gesagt, daß du das auf dich nehmen willst?«

»Ja, das habe ich getan, Henry. Ich habe das Gefühl, daß ich es dem Andenken Scheich Abus schuldig bin. Er hat es sich gewünscht.«

»Was sich jemand wünscht und was ausführbar ist — das sind oft zwei ganz verschiedene Sachen«, gab Henry zurück. »Ich kehre mich nicht daran, wie sehr Scheich Abu gewünscht hat, Blitz in diesem Rennen zu sehen. Er wäre doch selber nicht imstande gewesen, dieses unbändige Pferd auf der Rennbahn zu reiten. Wie oft soll ich dir denn noch sagen, Alec, daß es Wahnsinn ist, Blitz auf eine Rennbahn zu lassen, wo er auf so viele andere Hengste trifft. Glaubst du mir das denn nicht?«

Alec antwortete nicht, und Henry fuhr fort: »Du redest dir ein, du könntest mit Blitz fertig werden, allem zum Trotz: den anderen Hengsten, der Menschenmenge, dem Lärm — kurz, allem, was zu einem großen Rennen gehört. Hab ich recht oder nicht?«

»Ja, das glaube ich, Henry!«

»Vielleicht gelänge es dir auch tatsächlich«, Henrys Stimme klang jetzt milder. »Vielleicht ginge aber auch alles schief — und dabei möchte ich nicht Zeuge sein.«

»Aber es gelang mir doch in Chicago«, warf Alec ruhig ein.

»Es gelang dir ganz und gar nicht, mein Sohn«, verbesserte ihn Henry. »Du hast die Gewalt über ihn verloren, sobald er die Bahn entlangraste. Er widersetzte sich dir, das weißt du so gut wie ich. Allein Gottes Güte war es zu danken, daß du heil geblieben bist und die anderen Teilnehmer ebenfalls. Blitz hat sich seit damals um kein Jota geändert, im Gegenteil; vielleicht ist er viel schlimmer, als wir wissen. Er ist einfach zu unbändig und zu eigenwillig, um auf eine Rennbahn gelassen zu werden. Das weißt du ganz genau.«

»Demnach willst du nicht, daß ich ihn im Rennen um den Internationalen Pokal laufen lasse?«

»Blitz gehört dir, Alec. Ich kann dir nur den guten Rat geben, dies Wagnis zu unterlassen. Deinetwegen und um der anderen Rennteilnehmer willen… Und des Hengstes wegen ebenfalls. Nur Unglück kann daraus entstehen.« Henry machte eine Pause. »Er ist wahrscheinlich das schnellste Pferd der Welt, aber sein Trieb zu kämpfen ist größer als der, mit anderen Hengsten um die Wette zu laufen. Und im übrigen: Was wird mit der Farm? Du hast so sehr davon geschwärmt? Schließlich haben wir sie ja auch gekauft.«

»Mit der Farm bleibt alles so, wie wir es abgemacht haben, Henry. Ich wünsche mir nichts so sehr, wie Blitz bald auf die Farm zu bringen. Aber siehst du, inzwischen habe ich erfahren, daß Scheich Abu ihn im Rennen um den Internationalen Pokal laufen lassen wollte, daß er es versprochen hat und willens war, dies Versprechen zu halten. Ich habe daher das Gefühl, an seiner Statt sein Versprechen halten zu müssen.« Alec atmete schwer. »Jim Neville sagte sogar, ich wäre es allen Reitern und Pferdefreunden schuldig. Es wäre unrecht von mir, sie zu enttäuschen.«

»Das mag seine aufrichtige Meinung sein«, gab Henry zurück. »Aber er kennt Blitz nicht so gut, wie wir ihn kennen. Wenn er ein Gemetzel auf der Rennbahn veranstaltet, dann wird das dem Rennsport nicht zum Vorteil gereichen — im Gegenteil. In diesem Rennen laufen horrend wertvolle Pferde, Alec…, und ich möchte nicht dafür verantwortlich sein, wenn er sie zugrunde richtet.«

»Das möchte ich auch nicht, Henry«, beteuerte Alec, »aber es könnte doch sein, daß er sich überhaupt nicht aufregt, sondern alles tut, was ich von ihm will.« Alecs Gesicht rötete sich vor Eifer und Erregung, als er hinzufügte: »Und wenn ich ihn dazu bekomme, daß er läuft, so wird er allen beweisen, daß es auf der Welt kein zweites Pferd gibt wie ihn.«

Henry blickte den Jungen forschend an. »Aha, das ist der wahre Grund. Du willst wissen, ob er imstande ist, Vulkan zu schlagen, nicht wahr. Und alle anderen natürlich ebenfalls. Genau das habe ich vermutet.«

»Was meinst du, Henry, könnte Vulkan ihn schlagen?« Blitz stupfte mit dem Maul an Alecs Tasche, er wünschte eine Mohrrübe.

»Alec, es ist nicht fair, mich danach zu fragen«, sagte Henry nach langem Schweigen, »denn du weißt, wie ich zu Vulkan stehe.«

»Du meinst, er steht dir näher als Blitz?«

»Ich glaube, du kannst es so ausdrücken. Ich habe Großes mit Vulkan erreicht, er besitzt die Schnelligkeit seines Vaters, und er zeigt sie, gleich, wer ihn reitet. Dadurch ist er schwer zu schlagen — für jedes Pferd«, setzte er hinzu und wandte sich zu Blitz.

»Henry«, begann Alec leise, »laß uns Blitz auf die Rennbahn nehmen zum Training für das Internationale. Wenn er von heute an bis zum Tag des Rennens irgendwelche Schwierigkeiten macht in der Art, die du fürchtest, dann — das verspreche ich dir! — brauchst du nur ein Wort zu sagen, und ich ziehe ihn zurück!«

»So willst du mir die Entscheidung überlassen, Alec? Du versprichst mir fest, ihn nicht laufen zu lassen, wenn ich glaube, daß er… Ist dir das ernst?«

»Ja, Henry. Die Entscheidung liegt bei dir. Was du sagst, werde ich befolgen.«

»In Ordnung, Alec!« rief Henry, seine Hand ausstreckend, in die Alec einschlug. »Alle Achtung, daß du mir selbst diesen Vorschlag machst. Dann werden wir ihn gleich morgen auf die Bahn nehmen und mit dem Training beginnen. Von den anderen Pferden ist noch keines draußen. Vulkan wird erst nächste Woche von Chicago abfahren. Auf diese Weise werden wir die Bahn vollständig für uns allein haben, was ausgezeichnet ist. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, ihn fit zu machen, aber — denk immer daran, was wir abgemacht haben. Wenn ich erkläre, daß er nicht laufen darf, dann ist es aus.«

Alec nickte und wandte sich seinem Pferd zu. »Du gehst ins Rennen, Blitz! Du wirst noch einmal beweisen, daß du allen anderen die Eisen zeigen kannst. Du wirst den Menschen etwas geben, an das sie sich erinnern, noch lange, lange, nachdem du auf der Farm bist.« Der Hengst wieherte, und Alec legte ihm die Arme um den Hals.

Auf der neuen Bahn

Es war noch dunkel, als das Transportauto am anderen Morgen mit Henry am Steuer und Alec neben ihm Flushing verließ. Blitz stand mit sorgsam bandagierten Beinen kurz angebunden in der Nähe des offenen Fensterchens, durch das man von der Fahrerkabine in den Wagen sehen konnte. Alec konnte sogar mit der Hand hineingreifen, um sein Pferd zu streicheln.

Lange ehe es hell wurde, hatten sie die zu dieser Zeit leeren Straßen New Yorks passiert, und als der Morgen heraufdämmerte, hatten sie schon die Hälfte des Weges nach Albany zurückgelegt.

»Wie lange fahren wir noch, Henry?« wollte Alec wissen.

»Wir werden nicht vor Mittag anlangen«, gab Henry zurück. »Die Rennbahn für das Internationale liegt fast 70 Kilometer nördlich von Albany. Sie ist neu angelegt, wie du weißt. Sie sind gerade erst damit fertig geworden.«

»Wie ist die Rennbehörde eigentlich darauf gekommen, dieses große Rennen dort laufen zu lassen, Henry? Warum nicht in Belmont oder auf einer der anderen Bahnen, die in der Nähe einer Großstadt liegen?«

»Das weiß ich nicht. Aber ich vermute, weil die Bahn bei Albany ganz neu ist. Schließlich kann man ja einer neuen Rennbahn keinen schöneren Auftakt geben, als ihr die Patenschaft für ein Rennen von solcher Bedeutung zu übertragen.« Henry schaltete die Scheinwerfer aus, denn inzwischen war es hell genug geworden.

Gegen zehn Uhr schlängelten sie sich durch den starken Verkehr der Stadt Albany und verließen die Stadt wieder in nördlicher Richtung. Nach einem Blick auf seine Uhr sagte Henry: »Um die Mittagszeit werden wir da sein, genau, wie ich dir’s sagte.«

Die Landschaft wurde jetzt langsam hügelig, und nach kurzer Zeit sahen sie in der Ferne die gewaltigen Zacken des Adirondack-Gebirges auftauchen. Alec lehnte sich behaglich in seinem Sitz zurück. »So finde ich das Leben schön«, sagte er.

Henry warf ihm einen kurzen Blick zu und sah dann wieder auf die Landstraße.

»Ich meine, wenn wir drei wieder vereinigt sind«, erklärte Alec, »ganz wie es war, ehe die Öffentlichkeit etwas von uns wußte.«

Henry nickte: »Ich verstehe dich, Alec. Es gibt nichts Herrlicheres, als ein Pferd so vorzubereiten, wie wir es mit Blitz getan haben… und mit Vulkan ebenfalls…, um es dann in einem großen Rennen herauszubringen, ohne daß jemand ahnt, was für einen Star man in der Hand hat.« Henry machte eine Pause und sah dann Alec wieder an. »Sobald es aber einmal soweit ist, muß man sich mit der Öffentlichkeit abfinden und ihr den üblichen Tribut zahlen.«

Blitz schob seinen Kopf durch das Fenster, und Alec streichelte ihn, während er antwortete: »Mag sein! Aber jetzt bin ich erst einmal glücklich, daß wir eine Woche lang ganz für uns allein sein werden. Du hast doch gesagt, es würde gut eine Woche dauern, nicht wahr, Henry?«

»Es ist so verlautbart worden. Ich hörte, daß Phar Fly, das australische Pferd, gestern in Kalifornien angekommen ist. Doch fliegen sie es nicht vor nächster Woche nach hier. Auch El Dorado, der südamerikanische Champion, ist bereits auf dem Weg; er wird einer der ersten sein, die eintreffen. Die europäischen Pferde und Kashmir, der in England war, kommen alle zusammen auf demselben Schiff, sie werden Ende nächster Woche ankommen, wenn alles klappt. Und Vulkan lasse ich, wie ich dir schon sagte, Anfang der Woche herschicken.«

»Ich bin gespannt, ob Blitz und Vulkan sich erkennen werden?«

Henry lächelte. »Sie wissen nichts mehr voneinander. Vulkan war erst ein paar Monate alt, als man sie trennte!«

Alec drehte sich zu Blitz um. »Auf alle Fälle wird es interessant sein, die beiden zusammen zu beobachten.«

»Jaja, mächtig interessant«, brummte Henry mürrisch.

Während der nächsten Stunde fuhren sie durch viele kleine Städte im Adirondack-Vorgebirge. »Nun bloß noch einige Kilometer«, bemerkte Henry.

Alec hantierte an seiner Stoppuhr, drückte den Knopf und verfolgte den Sekundenzeiger, wie er das Zifferblatt umkreiste. Dann sah er Henry an. »Hast du deine Stoppuhr bei dir?«

Henry griff in die Tasche, holte seine Uhr heraus und gab sie Alec, der nun beide Knöpfe zu gleicher Zeit drückte.

»Ist deine Uhr nicht in Ordnung?« fragte Henry.

»Ich bin nicht ganz sicher, ich will beide rasch vergleichen.«

Als der Zeiger von Henrys Uhr zwei Minuten anzeigte, stoppte Alec beide. Er stellte fest, daß die seinige ebenfalls genau zwei Minuten registrierte.

»Wie bist du darauf gekommen, daß deine nicht stimmen könnte?« erkundigte sich Henry, ohne Alec dabei anzusehen.

»Ach, ich wollte nur einmal nachprüfen, ob sie genau geht, um sicher zu sein.«

Henry schwieg einige Minuten, dann sagte er: »Du hast mir übrigens noch gar nicht erzählt, aus welchem Grund du Blitz eigentlich an jenem Morgen im Park hast galoppieren lassen?«

»Du hast mich nicht danach gefragt, Henry«, erwiderte Alec verlegen.

»Na und?«

»Ich wollte, daß er sich einmal tüchtig auslief.« Henry blickte auf die Uhren, die Alec in den Händen hielt. »Hast du eine bestimmte Absicht dabei verfolgt?« Eine Minute lang schwankte Alec, ob er Henry gestehen sollte oder nicht, was ihn zu dem Ritt veranlaßt hatte. Aber dann sagte er ehrlich: »Er machte die 1900 Meter in genau zwei Minuten, Henry.«

»Von der siebziger Marke bis zur Ulme?«

»Ja, genau 1900 Meter, Henry, nicht wahr?«

»Genau. Wir haben die Strecke seinerzeit zusammen ausgemessen.«

»Der Reitweg ist sehr weich«, sagte Alec leise.

»Jaja, ich weiß.«

»Und es war zum erstenmal, daß er nach langer Zeit wieder einmal lief.«

»Das bedenke ich ebenfalls, Alec.«

»Nun, und was meinst du?«

»Daß sie sehr dicht nebeneinander ins Ziel kommen werden, falls Blitz das Rennen mitmacht.«

»Neben Vulkan?« fragte Alec.

»Sehr, sehr dicht«, wiederholte Henry, und das war alles, was er äußerte.

Danach schwiegen beide. Jeder war in seine Gedanken versunken. Endlich erreichten sie Saratoga und durchquerten die Stadt. Bald darauf tauchten die große Tribüne und die anderen Gebäude der neuen Rennbahn vor ihnen auf, und etwas später gelangten sie zum Haupteingang der Bahn. Henry lenkte den Wagen hinein und stoppte vor einem weißen Fachwerkgebäude. »Hier müssen wohl die Büros sein«, mutmaßte er. »Ich will mich nach den Nummern der für uns bestimmten Ställe erkundigen.«

Nachdem Henry ausgestiegen war, kniete sich Alec auf den Sitz und lehnte seine Wange an Blitz, der ihm seinen Kopf durch das Fenster entgegenhielt. Er fühlte, wie sich die Lippen des Pferdes bewegten und sagte: »Jetzt sind wir angelangt, Blitz! Du wirst schön ruhig und brav sein, nicht wahr? Du wirst mir keine Schwierigkeiten machen, wie Henry sie von dir befürchtet, wie?« Er sprach noch auf ihn ein, als Henry zurückkam und sich wieder ans Steuer setzte. »Weg C, Stall 9 und 10«, sagte er.

Sie passierten die langen Zuschauertribünen und steuerten auf die in mehreren Reihen angeordneten Ställe zu. »Wir sind die ersten, genau wie ich es mir gedacht habe«, sagte Henry.

Nachdem sie an den Tribünen vorbei waren, konnten sie die Bahn sehen. Es war ein langgestrecktes Oval, in dessen rasenbewachsener Innenfläche ein kleiner See lag, den Schwäne belebten. Am oberen Bogen der Bahn lagen die Stallungen. Sie fuhren an Weg A und B vorbei und bogen dann in den mit C bezeichneten ein. Die Ställe 9 und 10 lagen fast am Anfang des Weges.

Als der Wagen hielt, sprang Alec sogleich hinaus und ging zu den vor den Stalltüren aufgestapelten Strohballen: »In welchen Stall wollen wir Blitz einstellen?«

»Das bleibt sich gleich!« rief Henry. »Wir werden den anderen bis zu Vulkans Ankunft als Unterkunft für uns benutzen. Laß uns zuerst das Sattelzeug einräumen«, fügte er hinzu.

Sie öffneten die hintere Tür des Transporters und zogen die Rampe heraus. Blitz wieherte, trat ungeduldig hin und her und versuchte, sich nach ihnen umzudrehen, aber der Riemen hielt ihn vorn fest. Alec ging hinein und sprach beruhigend auf ihn ein. Dann nahm er den Koffer, der Sattel und Zaumzeug enthielt, und schob ihn zur Tür. Henry hob ihn herunter und beförderte ihn in den Stall 9. Alec folgte ihm, nahm die Heugabel mit, ging zu den Strohballen, nahm einen davon und breitete ihn über den Boden des Stalles 10. Als er fertig war, holte Henry die Eimer und die Futtersäcke aus dem Wagen. Alec folgte ihm mit einem Führriemen. »Holla, mein Junge!« sagte er zu Blitz. »Jetzt kannst du kommen.« Er reichte ihm ein Stück Mohrrübe und befestigte den Führriemen an dem Halfter. Langsam wendete er den Hengst und führte ihn an die Rampe. Blitz stellte die Ohren steil auf und zögerte vor der Rampe, während Alec schon einen Schritt vorwärts machte. »Hier gibt’s nichts, was dich ärgern könnte«, versicherte er ihm, brach noch ein Stück von der Mohrrübe ab und hielt sie ihm vor.

Jetzt trat der Hengst auf die Rampe, dann blieb er wieder stehen. Alec wartete geduldig und redete ihm freundlich zu. Neugierig warf der Hengst den Kopf auf und ließ die Augen mißtrauisch umhergehen. »Nein, zu Hause sind wir nicht!« sagte Alec, hielt ihm wieder ein Stück Mohrrübe vor und brachte ihn so mit Geduld und freundlichem Locken endlich über die Rampe auf den Boden, wo er zunächst wieder stehenblieb und die neue Umgebung genau beäugte.

Henry kam mit einem Eimer voll Wasser heran. Blitz wandte sich ihm mit vor Begierde bebenden Lippen zu und tauchte das Maul hinein.

Alec sagte: »Ich werde mit ihm ein wenig auf und ab gehen, es wird ihn beweglich machen und ihm die neue Umgebung zeigen.«

Henry nickte und sah zu, wie Alec den Hengst den Seitenweg bis zur Straße entlangführte. Er sah Blitz vor einem Traktor scheuen, den die Arbeiter neben einem der Ställe hatten stehen lassen. Aber Alec paßte sich geschickt seiner Bewegung an und brachte ihn schnell wieder zum Stehen. Dann führte er ihn langsam an den Traktor heran und ließ ihn daran schnüffeln, damit er sich überzeugen konnte, daß es nichts war, vor dem er sich fürchten mußte.

Henry ging inzwischen noch einmal in den Transporter, um die Schlafsäcke herauszuholen, die sie bei solchen Gelegenheiten immer benutzten. Danach nahm er die Decken aus dem Koffer und hing sie zum Lüften über eine Leine.

Als Henry sich umsah, führte Alec den Hengst gerade wieder den Weg zurück, und sowie er die Decken im Wind wehen sah, blieb er schnaubend stehen. Die Augen starr auf die Decken gerichtet, scharrte er unwillig mit dem Vorderhuf. »Das sind doch bloß ein paar Decken!« sagte Alec sanft, wartete ein Weilchen und führte ihn dann heran. Blitz wieherte mehrmals mit hochgezogenen Lippen, ging aber mit. Alec blieb genau vor den Decken stehen und ließ Blitz Zeit, sie zu betrachten. Er beschnupperte sie gründlich; dann war er beruhigt und wandte sich ab.

»Ihm ist ja alles neu und fremd«, sagte Alec zu Henry, »aber man merkt es, er wird sich schnell eingewöhnen. Ich möchte ihn jetzt mal auf die Bahn führen, damit er sie sich genau ansehen kann.«

Henry begleitete die beiden den Weg zwischen den Ställen entlang. Als sie am Ende anlangten, befanden sie sich unmittelbar am oberen Bogen des Ovals, und die Zielgerade, die an den Zuschauerplätzen und Tribünen vorbeilief, lag vor ihnen.

»Es ist eine schöne, übersichtliche Anlage«, lobte Henry. »Die Bahn gefällt mir.«

»Wollen wir sie einmal abgehen, Henry?«

»Ja! Es ist ein guter Gedanke, sich Schritt für Schritt damit vertraut zu machen.«

»Sollen wir Blitz mitnehmen?«

Henry warf einen Blick auf den Hengst, der ruhig neben Alec wartete. »Warum nicht? Je eher er sie gewohnt wird, um so besser.«

Sie verließen den Weg und gingen auf das Tor zu, durch das man auf die Bahn gelangte.

»Halte ihn jetzt gut fest«, warnte Henry, als sie das Tor durchschritten, »laß ihn unmittelbar am Innenzaun entlanggehen.«

Mit hochgewölbtem Hals tänzelte Blitz leicht neben Alec her. Manchmal stieß er ein wenig vor und zog am Führriemen. Sein Kopf und seine Augen befanden sich in ständiger Bewegung; er musterte die leeren Tribünen rechter Hand wie die mit Rasen bewachsene Innenfläche mit dem kleinen See zur Linken.

»Am liebsten würde er ein wenig laufen«, sagte Alec im Gehen.

»Der Spaziergang wird ihn beschwichtigen«, erwiderte Henry, die Augen auf der Bahn. »Wirst du ihn auf die Dauer halten können?«

»Jaja, das kann ich, aber er möchte zu gerne laufen.«

Langsam schritten sie das große Oval ab. Henrys Augen blickten vom Geläuf nur auf, wenn er sich vergewissern wollte, wie sich Blitz benahm.

»Er hat sich sehr brav betragen«, stellte Alec fest, als sie das Eingangstor wieder erreicht hatten. »Es kommt mir beinah vor, als ahnte er, was das alles zu bedeuten hat.«

»Im Augenblick scheint tatsächlich alles in Ordung zu sein«, gab Henry zu, »doch ist es natürlich noch viel zu früh, um irgendwelche Schlüsse zu ziehen.«

»Bist du einverstanden, daß ich jetzt einen kleinen Ritt mit ihm mache?« fragte Alec begierig.

»Du meinst jetzt gleich? Ohne Sattel und Zaumzeug?«

»Ihm macht das nichts aus.«

»Und dir?«

»Du weißt ja — wenn er laufen will, hält ihn kein Zügel. Deshalb kann ich ihn genausogut mit wie ohne Zaumzeug reiten.«

Henry schwieg eine Weile, dann sagte er: »Gut, laß ihn laufen, Alec, wenn du glaubst, daß es ihm guttun könnte; du kennst ihn ja besser als ich. Aber halte ihn zu einem leichten Galopp an — falls du kannst!«

Alec trat an Blitz’ Seite und Henry half ihm hinauf. Der Hengst zeigte keinerlei Unbehagen.

Die Knie fest angepreßt, lehnte sich Alec vor, knipste den Führriemen von dem Halfter und reichte ihn Henry. »Brauche ihn nicht«, erklärte er.

Der Trainer trat zurück, als der Hengst zu tänzeln begann und dann in einen leichten Trab fiel. Henry ging zum Außenzaun und lehnte sich dagegen, die Augen wie gebannt auf Roß und Reiter. Er sah, wie der Junge die Hände etwas weiter unten an den Hals des Hengstes legte, als er sich zurücklehnte. Gehorsam ging das Pferd näher an den Innenzaun heran und fiel in einen langen, weitausgreifenden Galopp, als sie die Tribünen passierten. Henry wußte, daß Alec ihn voll in der Gewalt hatte; bis jetzt entsprach er jedem Kommando.

Der Hengst legte sich in den unteren Bogen, seine Sprünge wurden immer länger. Den Kopf hielt er hoch, die Ohren straff gespitzt. Aber es war kein Zeichen seiner unbändigen Wildheit zu bemerken. »Gar nicht unmöglich, daß Alec es schafft«, murmelte Henry.

Jetzt erreichten die beiden den oberen Bogen, der in die Zielgerade führte. Henry konnte Alec nicht sehen, weil ihn die dichte flatternde Mähne verdeckte. Die Galoppsprünge des Hengstes waren raumgreifend und völlig mühelos. Sein Kopf ging immer noch neugierig spähend nach links und rechts. »Man könnte meinen, sie ritten aus Spaß und Spiellust«, murmelte Henry. »Trotzdem kommt er rasch voran, ohne sich im geringsten anzustrengen.« Seine Hand faßte nach der Stoppuhr. »Sollte Alec tatsächlich dieselbe Kontrolle über ihn haben, wenn die anderen dabei sind, dann gibt das ein Rennen, wie noch niemals eins gelaufen worden ist.«

Inzwischen waren sie beim unteren Bogen angelangt. Als sie bei Henry vorbeikamen, winkte Alec herüber. Der Hengst flog mit fast waagerecht hinterherwehendem Schweif die Gerade herunter. Als sie in den oberen Bogen gingen, bemerkte Henry, daß Blitz ernsthaft loszulegen begann, und daß Alec ihm jetzt den Willen ließ.

Das Hin- und Herwerfen des Kopfes hatte nun aufgehört; der Hengst raste in voller Karriere in die Gerade; seine Bewegungen waren atemberaubend schön. Henry drückte den Knopf seiner Stoppuhr, als Blitz die 1000-Meter-Marke passierte, und hielt die Uhr an, als er am 300-Meter-Pfahl vorbeiflog. Dann las er die Zeit ab: »Genau 43 Sekunden für 700 Meter«, sagte er laut.

Noch einmal sauste Blitz mit donnernden Hufen an Henry vorüber. Alec winkte ihm nicht zu; er war jetzt bemüht, den Hengst anzuhalten. Aber erst, als sie den unteren Bogen wieder erreicht hatten, verlangsamte sich der Galopp allmählich, ging in Trab und schließlich in Schritt über.

Henry sah noch einmal auf seine Uhr, um sich zu vergewissern, daß er sich nicht geirrt hatte. Aber es stimmte! Somit blieb jetzt kein Zweifel, daß auch Vulkan diese 700 Meter nicht schneller hätte laufen können, als Blitz sie soeben gelaufen war. Er blickte Alec entgegen, als er den Hengst jetzt langsam um den oberen Bogen brachte.

Es ist kaum zu glauben, dachte Henry, aber der Junge hat recht: Blitz besitzt noch dieselbe märchenhafte Schnelligkeit wie als Dreijähriger. Die Frage ist einzig die, ob er laufen oder ob er kämpfen wird. Und darauf kann niemand eine Antwort geben, ehe die anderen Hengste hier eingetroffen sind. Niemand! Nicht einmal Alec!

Blitz und Vulkan

Die Woche verstrich, und Henry beobachtete jeden Tag staunend, wie gut Alec mit Blitz beim täglichen Training fertig wurde. Er entdeckte, wie er selbst mehr und mehr an die Möglichkeit zu glauben begann, daß der Hengst tatsächlich das große Rennen mitmachen könnte. Es war eindrucksvoll zu sehen, wie Alec das riesige Tier in der Gewalt hatte. Die Begeisterung und der Optimismus des Jungen übertrugen sich auf Henry. Nur wenn er allein war, mahnte sich der alte Trainer immer wieder, daß es noch viel zu früh war, um optimistisch zu sein, weil des Hengstes Bereitwilligkeit, zu tun, was Alec wünschte, gar nichts zu bedeuten hatte, solange er nicht die Witterung anderer Hengste in die Nase bekam. Henry sah daher mit äußerster Spannung den kommenden Ereignissen entgegen, im Grunde jedoch mit einem Gefühl des Unbehagens. Was würde sich ereignen, wenn die anderen kamen?

Er erhielt die Antwort noch einen Tag früher, als er sie erwartet hatte.

Er war mit Alec zum Abendessen in die Stadt gefahren. Bei ihrer Rückkehr sahen sie einen Pferdetransporter vor sich herfahren. »Kann da s Vulkan sein?« fragte Alec neugierig.

»Nein! Er kommt morgen früh mit der Bahn. Es muß einer von den anderen sein, ich vermute El Dorado.«

»Der Südamerikaner?«

Henry nickte, fuhr hinter dem Wagen her bis zum Haupteingang und überholte ihn, als er vor dem Rennbüro anhielt. Sich aus der Fahrerkabine beugend, fragte er den Fahrer: »Wen habt ihr da drin?«

»El Dorado.«

»So — das ist der Anfang!« sagte Henry zu Alec. »Von jetzt an wird sich alles hier sehr schnell ändern.«

»Du meinst, weil wir die Bahn nun nicht mehr für uns allein haben?«

»Das und noch einiges andere außerdem«, murmelte Henry.

Sie hatten ihren Wagen gerade erst verlassen, als sie den Transporter mit El Dorado heranrollen und kurz vor ihnen an der gegenüberliegenden Seite halten sahen. Plötzlich zerriß Blitz’ schrilles Wiehern die Luft. Alec und Henry fuhren herum.

Da stand er, den Kopf weit über die halbhohe Stalltür gestreckt. Seine Ohren waren so straff gespitzt, daß sich die Spitzen beinahe berührten; die Augen hatte er weit aufgerissen. Er wieherte gleich noch einmal, und sein Vorderhuf schlug hart gegen das Holz der Tür.

»Soll ich den oberen Teil lieber schließen, Henry?«

»Nein, das hat keinen Sinn, Alec. Wir wollen und müssen ihn ja von jetzt ab genau beobachten, damit wir sicher sind, ob wir ihn laufen lassen können.«

Zwei Männer holten El Dorado aus seinem Transporter. Er war hellgold-kastanienfarbig und etwa mittelgroß. Ruhig ging er neben seinen Pflegern mit wundervoll leichten, geschmeidigen Bewegungen.

»Biegsam wie eine Katze«, stellte Henry fest, »und doch voller Kraft.«

»Aber seine Schnelligkeitsrekorde kommen an die Vulkans nicht heran«, antwortete Alec.

»Das stimmt«, gab Henry zu, »die der anderen Amerikaner ebenfalls nicht. Trotzdem müssen wir alle unsere Konkurrenten gut im Auge behalten. Phar Fly, der Australier, und vor allem die europäischen Pferde könnten gefährlich werden.«

El Dorado blieb stehen, als Blitz erneut wieherte. Er wendete den goldfarbenen Kopf zu Blitz herum und schnaubte voller Unbehagen. Seine Pfleger führten ihn ein Stück weiter fort, während ein Gehilfe den Stall für ihn zurechtmachte.

Alec trat zu Blitz, aber der hatte jetzt nur Augen für den anderen Hengst. Alec blieb bei seinem Pferd. Henry gesellte sich zu dem Mann, der El Dorado auf und ab führte.

Wiederholt schlug Blitz mit den Vorderhufen gegen die Stalltür. Alec bot ihm eine Mohrrübe an, aber er reagierte gar nicht darauf. Alec beobachtete besorgt, daß El Dorado durch Blitz’ wiederholtes herausforderndes Wiehern auch allmählich in Erregung geriet. Sein Pfleger führte ihn ans andere Ende des Weges; Henry ging nebenher.

Ein Weilchen darauf wurde El Dorado dann in seinen Stall gebracht, und Henry kam wieder zu Alec. »Sie machen sich ein wenig Sorge um ihn«, berichtete er. »Weshalb? Wegen Blitz?«

»Nein, weil er einige Tage nicht recht auf dem Posten gewesen ist und hohes Fieber gehabt hat.«

»Aber jetzt scheint er doch wieder in Ordnung zu sein; jedenfalls sieht er sehr gut aus?«

»Ja, sie hoffen, daß es vorüber ist; er hat kein Fieber mehr und frißt auch wieder. Trotzdem müssen sie ihn natürlich genau beobachten.«

Obwohl es nun Abend wurde und die Dunkelheit kam, verweilte Blitz unentwegt an der halboffenen Stalltür, wartete, ob er El Dorado wieder zu sehen bekäme, und wiederholte sein schrilles Wiehern. »Eigentlich sollte er es ja nun bald überwunden haben, daß er ihm nicht an den Kragen kann«, sagte Alec zu Henry, als sie beide miteinander auf einer Bank vor dem Stall saßen.

»Manchmal überwinden sie es nie…« gab Henry gedankenvoll zurück. »Jedenfalls werden wir nun in Kürze wissen, woran wir mit Blitz sind.«

»Kommt Lenny zur gleichen Zeit mit Vulkan hier an?« fragte Alec, absichtlich das Thema wechselnd.

»Ja! Es scheint mir das Beste zu sein, wenn er Vulkan gleich von Anfang an hier trainiert, denn ich nehme an, daß Blitz dich nicht auf Vulkans Rücken wird sehen wollen, selbst nicht während des Trainings.«

»Damit hast du recht, Henry, das glaube ich auch.«

Noch lange, nachdem sie sich schlafen gelegt hatten, hörte Alec Blitz’ zornige Hufschläge gegen die Tür seiner Box und sein unaufhörliches unwilliges Im-Stall-Hin-und-Herstampfen. Er wußte, daß es von morgen an noch sehr viel mehr Ursache zur Erregung geben würde, denn Vulkan würde eintreffen. Und nach ihm Phar Fly, Cavaliere, Sea King, Avenger und Kashmir. Es war, wie Henry vorausgesagt hatte: die Lage würde von jetzt ab ganz anders sein.

Am anderen Morgen fuhr Henry mit dem Transporter fort, um Vulkan von der Bahn abzuholen. Alec blieb bei Blitz. Gerade war er dabei, den Hengst zu striegeln, als einer der Pfleger El Dorados an der Tür erschien. »Würdest du uns wohl einen Wassereimer leihen?« fragte er. »El Dorado hat den unsrigen gestern zerschlagen.«

»Natürlich, gern«, sagte Alec und verließ den Stall. »Wir bekommen Ersatz; ich bringe dir den Eimer am Nachmittag zurück«, versicherte der Mann. »Dein Blitz sieht übrigens großartig aus. Ich habe viel von ihm gehört. Ist er tatsächlich so ein Wunderpferd, wie die Zeitungen glauben machen wollen?«

»Das kann man wohl sagen«, antwortete Alec lächelnd.

Blitz streckte den Kopf über die Stalltür und schrie wieder nach El Dorado, obwohl dieser gar nicht zu sehen war.

»Ist er immer so?« fragte der Mann.

»Ach wo«, sagte Alec, »es ist ihm hier nur alles zu neu.«

»Macht er dir Schwierigkeiten?«

»Nein, nein!«

Nachdem der Mann sich entfernt hatte, striegelte Alec sein Pferd fertig. Dann ging er in den Nachbarstall, in dem ihre Schlafsäcke lagen. Er wollte sie wegräumen und den Stall für Vulkan fertigmachen. Mitten in der Arbeit hielt er inne und sah gedankenvoll zu Blitz hinüber. Es war sicher nicht gut, Vulkan unmittelbar neben Blitz einzustellen. Überdies gab es keinen Grund, warum sie für Vulkan nicht Stall 8 nehmen sollten. Dann konnten sie in dem Raum zwischen beiden schlafen; das würde besser sein, bis sie festgestellt hatten, ob die beiden Hengste miteinander auskamen. Alec war sicher, daß Henry die Sache im Rennbüro in dieser Weise würde arrangieren können.

So ging er in den Stall 8 und polsterte ihn dick mit Stroh aus. Danach blieb ihm nichts mehr zu tun, und er nützte die Freizeit aus, um hinüberzugehen und El Dorado genauer zu betrachten.

Der Mann, der den Eimer geborgt hatte, war gerade dabei, den Hengst zu putzen. Er blickte hoch, als der Besucher in der Stalltür erschien. Alec fragte, wie es seinem Pflegling ginge? Henry habe ihm erzählt, daß sie sich Sorgen um ihn gemacht hätten.

»Er ist wieder auf dem Posten«, antwortete der Mann. »Nur hat ihn euer Blitz unruhiger gemacht als mir lieb ist.« Er verstummte und sah Alec forschend an. »Bist du sicher, daß du deinen Hengst bändigen kannst? Ich habe schon recht kampflustige Hengste gesehen, und ich glaube, daß Blitz einer ist.«

»Ich komme schon mit ihm zurecht«, erwiderte Alec. »Einer wie der bekommt es fertig, in anderen Hengsten ebenfalls den Teufel aufzuwecken«, sagte der Mann, von Alecs Versicherung durchaus nicht überzeugt. »Hoffentlich schaffst du es wirklich, daß er sich ausschließlich aufs Rennen konzentriert.«

Alec wollte gerade antworten, als er ein Transportauto den Weg herankommen hörte. Er verließ den Stall und sah Henry in Begleitung von Lenny Sansone und Fred, dem Pfleger Vulkans. Er winkte ihnen zu, als der Wagen vor ihren Ställen zum Halten kam.

Lenny Sansone, klein und stämmig, ungefähr 35 Jahre alt, sprang als erster aus der Fahrerkabine. Er ging mit einem breiten Lachen in seinem wind- und wettergegerbten Gesicht auf Alec zu und streckte ihm die Hand entgegen. »Freut mich sehr, dich wiederzusehen, Alec!« rief er.

»Ich freue mich gleichfalls, Len«, erwiderte Alec und schüttelte dem anderen herzlich die Hand. »Du hast Vulkan in Chicago großartig geritten.«

»Ich habe bloß auf ihm gesessen und ihn nach Herzenslust laufen lassen. Du kennst ihn ja«, meinte Lenny.

Henry und Fred waren schon dabei, die hintere Tür des Transporters zu öffnen. Alec trat zu ihnen. »Wie hat sich Vulkan auf der Fahrt nach hier benommen, Fred?« fragte er den Pfleger.

»Tadellos, Alec! Keine Klage!« Fred lachte. »Er reist jetzt so ruhig und selbstsicher, wie er alles andere tut. Andere Pferde beachtet er gar nicht mehr.«

»Henry, ich habe Stall 8 für Vulkan hergerichtet. Ich glaube, es ist besser, wenn wir beide in Stall 9 bleiben.« Henry sah ihn an. Dann nickte er.

Die Tür ging auf, und Vulkan wieherte laut. Sofort antwortete Blitz, und sein Wiehern klang so wild, wie Alec es bis dahin noch nie gehört hatte. Er sah zu ihm hin und erschrak vor der unbändigen Wut, die seine weitaufgerissenen Augen ausdrückten. Lenny Sansone, der in der Nähe stand, rief: »Er ist imstande, seine Tür einzutreten, Alec!«

Der Junge sprang schnell zu Blitz hin, doch der beachtete ihn gar nicht. Seine flackernden Augen starrte n Vulkan an, der oben auf der Rampe stand.

»Bleib bei ihm, Alec!« schrie Henry. Er und Fred hielten Vulkan an dem Halfter. Auch er stieß einen wilden Schrei aus, während sich seine Ohren flach zurücklegten wie immer, wenn er in äußersten Zorn geriet.

»So hat er sich noch nie betragen, seit ich ihn kenne«, sagte Lenny. »Daran muß Blitz schuld sein!«

Blitz schlug mit voller Wucht gegen seine Tür; man hörte das Holz splittern.

»Noch so ein Schlag, und sie geht in Stücke«, warnte Lenny.

Ohne sich zu überlegen, was er tat, stieß Alec Blitz’ Kopf zurück, riß schnell die Tür auf und schlüpfte hinein. »Mach den Riegel wieder vor, Lenny!« schrie er.

Der Hengst kam mit flammenden Augen zur Tür zurück, während Alec neben ihm stand. »Ruhig! Beruhige dich doch, Blitz!« beschwor er ihn. Jedoch der riesige Hengst bebte vor Wut, als Alec ihn streichelte und vergeblich versuchte, ihn davon abzuhalten, die Tür weiter mit seinen Hufen zu bearbeiten.

Henry führte Vulkan die Rampe hinunter. Als er entdeckte, daß Alec sich bei Blitz im Stall befand, schrie er voll Angst und Ärger: »Komm sofort da heraus, Junge!« Aber Alec hörte ihn gar nicht, denn er war krampfhaft bemüht, sich neben dem Hengst zu halten, der wie ein Rasender im Stall hin- und herlief. Er nahm nicht an, daß Blitz nach ihm schlagen würde, doch ganz sicher war er dessen nicht; deshalb hielt er sich dicht am Kopf, die Hand an dem Halfter. Unentwegt sprach er dabei auf ihn ein, schmeichelnd, nachdrücklich, beschwichtigend. Allein es hatte den Anschein, als ob Blitz gar nicht bemerkte, daß er bei ihm war; er bestand nur noch aus blindem Zorn. Blitzschnell ging er wieder zur Tür, Alec mit sich zerrend. Er riß einen Vorderhuf soweit in die Höhe, daß er über die Tür hinausschlug. Draußen bäumte sich Vulkan, ebenfalls mit allen Anzeichen der Wut.

Lenny Sansone hielt die obere Hälfte der Stalltür. »Komm heraus, Alec!« rief er. »Ich will die Tür zumachen.«

Aber Alec griff nur fester in das Halfter, denn er machte sich nichts vor: er fürchtete sich… Wenn er jetzt vor seinem Pferd floh, würde er diese Furcht für immer behalten, und alles andere glaubte er eher ertragen zu können als das. Mit klopfendem Herzen trat er vor den Hengst und versuchte, ihn von der Tür wegzuzwingen. Sein Gewicht brachte Blitz aus der Balance, und er mußte sein Vorderbein von der Tür wegnehmen. »Schließ die Tür!« schrie er Lenny zu.

»Nicht, bevor du draußen bist!«

»Mach zu!« brüllte Alec. Als das Oberteil trotzdem offen blieb, so daß Blitz die Vorgänge draußen weiter sehen konnte, zog er es von innen selber zu. Jetzt kam nur durch ein kleines hohes Fenster an der Hinterwand etwas Licht in den Stall. Alec hielt sich im Halbdunkel immer neben dem Hengst, sprach unablässig auf ihn ein und streichelte ihn. Immerfort wiederholte Blitz sein wildes Wiehern. Noch eine Weile erhielt er von draußen Vulkans nicht minder heftige Antwort. Dann endlich verstummte diese, und Alec wußte, daß es Henry und seinen beiden Helfern gelungen war, Vulkan in seinen Stall zu bringen.

Allmählich ließ Blitz nach in seinem wütenden Gebahren. Schließlich wurden seine Augen ruhiger; er wandte sich Alec zu, rieb sein Maul an ihm und suchte in seinen Taschen nach einer Mohrrübe. Alec zog eine heraus und reichte sie ihm. »Vorhin wolltest du ja keine«, sagte er, »du wolltest überhaupt nichts, bloß kämpfen. So geht es nicht, Blitz, weder für dich, noch für mich… Keiner von uns beiden kann hier bleiben, wenn du so weitermachst. Es scheint, als hätte ich mich gründlich geirrt… Wir sollten gar nicht hergekommen sein.«

In dem stillen, halbdunklen Stall neben seinem Pferd stehend, überlegte er, wie gespannt er auf den Tag gewesen war, an dem Blitz zum erstenmal seinen Sohn wiedertraf. Er hatte sich sogar vorgestellt, daß sie sich wiedererkennen würden als Vater und Sohn. Aber es war ganz anders gekommen. Von Liebe war zwischen ihnen keine Rede; beide waren nur zwei unerhört starke Hengste, die ihre Kräfte messen wollten. Nein, er hatte sich vollständig geirrt. Henry hatte recht gehabt. Was war jetzt zu tun? Oder vielmehr, was würde Henry tun? Denn bei ihm lag die Entscheidung, ob Blitz im Internationalen starten würde oder nicht.

Nach langer Zeit verließ Alec den Stall. Mit großer Sorgfalt verschloß er die Tür hinter sich, auch den oberen Teil. Stall 8 war leer. Er sah Henry vor der Tür des letzten Stalles in der Reihe. Augenscheinlich hatte er es für besser gehalten, Vulkan weit weg von Blitz unterzubringen. Er ging zu ihm und fragte ängstlich: »Was macht Vulkan?« Dabei streckte er seine Hand aus, um den Hengst zu streicheln. Aber das Pferd wich vor ihm zurück in den Hintergrund des Stalles.

»Er hat sich ziemlich rasch beruhigt«, antwortete Henry gelassen. »Ich hoffe, daß er bald wieder der alte sein wird.«

Alec nahm eine Mohrrübe aus der Tasche und hielt sie Vulkan hin. Er kam näher, den schweren Kopf vorgestreckt, blieb aber gleich darauf mit bebenden Nüstern stehen.

»Er wittert Blitz«, erklärte Henry. Alec wollte seine Hand zurückziehen, aber der Trainer meinte, er solle sie ruhig weiter hinhalten, Vulkan würde sich schon besinnen. Und richtig, nach einigen Minuten nahm der Hengst tatsächlich die Rübe von Alec an und kam an die Tür, um sich von ihm und Henry streicheln zu lassen.

»Ich bin sehr traurig, daß Blitz so wild geworden ist«, sagte Alec.

»Ich gleichfalls«, gab Henry zurück.

»Und was wirst du jetzt tun?«

»Ich weiß es noch nicht, Alec. Eben habe ich darüber nachgedacht. Leider ist es so gekommen, wie ich befürchtet habe.«

»Es könnte aber doch sein, daß Blitz sich an die anderen gewöhnt…, in ein paar Tagen, meine ich.«

»Vielleicht«, sagte Henry ohne Überzeugung.

»Wir wollen ihn also hierbehalten und abwarten?« fragte Alec gespannt.

Henry trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. »Ich weiß nicht recht, Alec… Wirklich, ich weiß nicht recht! Am besten würde es sein, wir brächten ihn gleich weg. Höchst unwahrscheinlich, daß er sich mit den anderen abfinden wird. Im Gegenteil, es könnte noch schlimmer kommen«.

»Aber vielleicht…«, begann Alec.

Henry unterbrach ihn: »Glaube mir, ich möchte ihn genauso liebend gern in diesem Rennen laufen sehen wie du. Jetzt noch lieber als vor einer Woche, nachdem ich gesehen habe, wie er läuft.« Er schwieg einen Augenblick und fuhr dann fort: »Aber du hast ja selbst festgestellt, wie er sich El Dorado und Vulkan gegenüber aufgeführt hat, und er wird gegen die anderen ebenso sein. Blitz kehrt seinen instinktiven Haß jedem Hengst gegenüber heraus, während die anderen nur eins kennen, und das ist, auf der Rennbahn zu laufen, wozu sie erzogen worden sind. Blitz weiß davon so gut wie gar nichts — er läuft aus Instinkt und er kämpft aus Instinkt. Aber der Kampftrieb ist bei ihm — dem Wildpferd — so stark, daß er im selben Moment, da er einen anderen Hengst wittert, alles andere zurückdrängt.«

»Wahrscheinlich hast du recht, Henry. Was sollen wir also tun?«

»Wir wollen noch eine Woche abwarten und Zusehen, wie er sich benimmt. Ganz ausgeschlossen ist es ja nicht, daß er sich mit der Zeit an die anderen gewöhnt. Ich würde ebenso glücklich sein wie du, wenn er es täte, Alec.«

Mit Trauer im Blick sah Henry den Weg hinunter zu Blitz’ Stall. Alec spürte, daß er sehr wenig Hoffnung hatte. Am Ende machten sie beide einen großen Fehler, wenn sie Blitz noch eine Woche hierbehielten. Denn, wie Henry gesagt hatte: es konnte noch sehr viel schlimmer kommen als bis jetzt…

Blitz will kämpfen

Ein paar Tage später waren alle Pferde eingetroffen, die in dem großen Rennen laufen sollten.

Phar Fly, der australische Champion, ein derbknochiger Hengst, dunkelbraun am Körper, Mähne, Schweif und Fesseln schwarz, kam als erster an; ihm folgten die europäischen Pferde. Der englische Hengst Sea King war grau, nicht sehr hoch, aber lang im Gebäude. Der Italiener Cavaliere war sattbraun mit weißen Strümpfen; seine ziemlich große Gestalt zeugte von Kraft und Ausdauer. Der Franzose Avenger war ein rundliches dunkelbraunes Pferd, so zierlich, daß er fast weiblich wirkte. Er galoppierte vogelleicht, ohne jedes Anzeichen von Anstrengung. Der letzte Ankömmling war der Inder Kashmir, ein kraftstrotzender Rotfuchs mit weißer Blesse und weißen Fesseln. Er wirkte munter, zutraulich und gutgelaunt, aber seiner Kraft bewußt und einem Kampf offenbar nicht abgeneigt.

Mit den Pferden kamen Besitzer, Trainer, Jockeys, Lehrlinge, Pfleger und die große Schar der Reporter. Jetzt waren die Wege vor den Ställen nicht länger ruhig und nur für Henry, Alec und Blitz da, nein, jetzt liefen vom Morgen bis zum Abend Menschen und Pferde geschäftig hin und her.

Alec ließ deshalb jetzt den oberen Teil von Blitz’ Stalltür jeden Tag nur wenige Stunden offen, und während dieser Zeit stand stets entweder er oder Henry daneben Wache, beobachteten Blitz unablässig und waren auf alles gefaßt, was er unternehmen konnte.

»Er muß sich an das Kommen und Gehen vor seinem Stall gewöhnen«, sagte Henry. »Einige Stunden am Tag sind genug, bis wir das Gefühl haben, daß es möglich ist, ihn herauszunehmen.«

Blitz’ Zorn auf die anderen Hengste ließ jedoch nicht nach; sein schrilles, herausforderndes Wiehern ertönte immer wieder, selbst hinter der ganz geschlossenen Tür.

Genau eine Woche vor dem großen Rennen stand Alec neben Henry am Außenzaun der Rennbahn, um Lenny Sansone zuzusehen, der Vulkan trainierte. Cavaliere und Avenger arbeiteten zu gleicher Zeit. Als Vulkan die Gerade entlanggaloppierte, hatte Henry seine Stoppuhr eingestellt. Der gewaltige Rappe flog nahe am Innenzaun mit donnernden Hufen in den oberen Bogen. Sansone ließ ihn in vollem Renngalopp laufen. Er hatte die Ohren flach an den Kopf gelegt, als er an Henry und Alec vorbeisauste. Henry blickte ihm mit dem stolz leuchtenden Blick des Trainers nach, der sich an der Entwicklung dieses Wunderpferdes mit Recht den entscheidenden Anteil zuschreiben durfte. Er drückte den Knopf der Uhr und las die Zeit ab. »Er ist fit! Die anderen werden sich gewaltig anstrengen müssen, wenn sie ihn schlagen wollen!«

»Wie war seine Zeit?«

»Dreiundvierzig Sekunden für 700 Meter!«

»Genau wie Blitz neulich«, erinnerte Alec den Trainer. »Ich weiß«, nickte Henry, »aber was nützt uns seine Schnelligkeit, wenn wir ihn hinter Schloß und Riegel halten müssen?«

Cavaliere galoppierte gerade vorüber. Sie beobachteten den stattlichen Gewinner des italienischen Derbys mit Spannung, als ihn sein Reiter auf der Geraden loslegen ließ.

»Sein raumgreifender Galopp ähnelt dem Vulkans sehr«, bemerkte Alec.

»Das schon«, stimmte Henry zu, »aber dort oben läuft der einzige, der uns gefährlich werden könnte. Den sieh dir an, Alec!« Er zeigte auf Avenger, der die Gerade entlanggefegt kam. »Rund und etwas mollig«, fuhr Henry fort, »aber er läuft wie der Wind. Sieh nur dieses Gangwerk. Das hat ihm dieses Jahr den Sieg im Irischen und im Französischen Derby eingetragen.«

Avenger galoppierte in so mühelosen weiten Sprüngen, wie man sie von ihm bei seiner Zierlichkeit niemals erwartet haben würde. Er flog über die Bahn; es schien, als berührten seine Hufe kaum den Boden.

»Er besitzt die Gleichmäßigkeit eines Gewinners«, stellte Henry begeistert fest. »Er macht nicht eine unnötige Bewegung, Alec. Ich muß Lenny sagen, daß er ihn dauernd im Auge behält. Er ist die Sorte Pferd, die an dir vorbeiflitzt, ohne daß du es merkst.«

Alec sah Henry an. »Alles gut und schön. Aber die wichtigste Frage ist, was wir nun mit Blitz machen? Wir können ihn ja nicht dauernd im Stall lassen. Es ist nicht fair ihm gegenüber; er muß Bewegung haben. Wir müssen uns zu irgend etwas entschließen.«

»Ja, und was sollen wir deiner Meinung nach tun?« gab Henry zurück.

»Ich weiß es selbst nicht. Manchmal denke ich, er macht bloß Lärm, und er würde gar nicht raufen, wenn wir ihn herausnähmen. Es ist doch hier völlig neu für ihn, und seine Erregung ist infolgedessen nur natürlich.«

»Daran habe ich auch schon gedacht, Alec. Aber wir können uns beide irren…«

»Oder recht haben. Alles war in Ordnung, bis die anderen kamen.«

»Aber das ist es ja gerade, Alec: bis die anderen kamen. Und sie sind noch hier.«

»Stimmt alles«, erwiderte Alec. »Vielleicht bessert er sich aber, wenn wir ihm die Chance geben, seinen Zorn zu vergessen… Er müßte wieder einmal laufen dürfen, gegen die anderen.« Er machte eine Pause und setzte dann hinzu: »Hernach wüßten wir endgültig, woran wir sind, Henry. Sind wir völlig sicher, daß es doch nichts wird, so sollten wir ihn sogleich wegbringen.«

»Willst du damit sagen, daß wir dann alles getan hätten, was auch Scheich Abu hätte tun können, wenn wir den Versuch wagen?«

»Ja, Henry, das meine ich.«

Lenny Sansone brachte gerade Vulkan herein. Sie sahen ihm entgegen. »Hat er für heute genug?« rief Lenny.

Henry nickte und wandte sich wieder zu Alec um: »Dann wollen wir ihn jetzt gleich vornehmen«, sagte er ruhig.

»Tatsächlich, Henry?« fragte Alec aufgeregt.

»Jawohl! Du wolltest es doch, oder nicht?« antwortete der Trainer und ging auf die Ställe zu.

Auf dem Weg dorthin liefen sie Jim Neville in die Arme. »Ich bin erst heute morgen angekommen«, sagte er nach einer kurzen Begrüßung. »Was höre ich da? Es geht das Gerücht, ihr wollt Blitz im Internationalen nicht starten?«

»Er hat uns große Schwierigkeiten gemacht. Wir wissen noch nicht genau, was wird«, erwiderte Henry und ging weiter.

»Wollen Sie damit sagen, daß es stimmt, was sie munkeln, daß er nämlich nicht laufen, sondern kämpfen will?« Da der Trainer stumm blieb, wandte sich Jim an Alec: »Was glaubst denn du? Was wollt ihr tun?«

»Ich weiß es auch noch nicht. Wenn er auf der Bahn Angriffslust zeigt, ziehen wir ihn zurück, Jim. Dann gäbe es nur Unheil, wenn wir ihn im Rennen ließen.«

»Wann werdet ihr euch denn entschließen?« fragte Jim.

»In wenigen Minuten«, antwortete Henry. »Bleiben Sie hier. Dann werden Sie selbst sehen, wie die Dinge stehen.«

Als sie sich Blitz’ Stall näherten, sahen sie, daß sich vor El Dorados Stall viele Menschen angesammelt hatten. Im Stall war der Rennbahntierarzt dabei, den Goldfuchs zu untersuchen. Alec hörte, wie ein Mann Henry berichtete: »Der Hengst hat in der Nacht erneut hohes Fieber bekommen; da haben sie den Tierarzt gerufen.« Alec sah zur Stalltür hinein. Der Veterinär stand neben dem Pferd, das mit tief zur Erde hängendem Kopf dauernd unruhig hin und her trat.

Wenig später verließ der Arzt den Stall und ging eilig davon. Die Männer verweilten noch etwas; Jim blieb bei ihnen stehen. Henry und Alec gingen hinüber zu Blitz.

»Was könnte denn El Dorado fehlen, Henry?« fragte Alec.

Das Gesicht des Trainers zeigte tiefe Besorgnis. Er sah Alec weder an, noch beantwortete er seine Frage. Statt dessen sagte er: »Mach die obere Hälfte seiner Tür schon auf; ich hole inzwischen Sattel und Zaumzeug.« Alec stieß die Türhälfte auf; Blitz steckte den Kopf heraus. Gleich darauf erblickte er Avenger und Cavaliere, die eben von der Bahn hereingeführt wurden. Sofort stieß er seine schrillen Schreie aus. Alec ging zu ihm hinein und fuhr streichelnd an seinem Hals entlang. »Wir gehen jetzt zusammen hinaus«, kündigte er an, »und du mußt dich ruhig und anständig benehmen, Blitz. Du mußt! Sonst bringen wir dich nach Hause.« Henry erschien und reichte Alec den Sattel, den er Blitz auflegte. Der Hengst bewegte sich ungeduldig, als er den Gurt festzog. Dann nahm Alec den Zaum und streifte ihn ihm über den Kopf. »Er weiß genau, was kommt«, sagte Alec zu Henry. Blitz schlug heftig gegen die Tür — Kashmir kam den Weg entlang in Richtung auf die Bahn. Blitz’ Augen folgten dem Rotfuchs, wobei er wieder sein herausforderndes Wiehern ausstieß.

»Alles in Ordnung, Henry!« rief Alec. »Wir sind fertig!« Henry sah mit Unbehagen, daß alle, die sich in der Nähe befanden, neugierig zu ihnen herüberstarrten. Er nahm Blitz am Zügel und öffnete die Tür.

Von Alec an der einen, von Henry an der anderen Seite gehalten, kam der Rapphengst schnell aus dem Stall heraus. Er schnaubte mehrmals, machte aber keine Anstalten zu steigen oder auszubrechen. »Ich glaube, er wird sich ruhig benehmen, Henry«, sagte Alec hoffnungsvoll.

»Wir sind ja erst am Anfang — freu dich nicht zu früh.« Blitz ging schnell den Weg entlang, als wäre er begierig, die Bahn zu erreichen. In der Nähe des Tores half Henry Alec in den Sattel. »Was hab ich dir gesagt?« rief Alec. »Nicht eine drohende Gebärde!«

Henry schüttelte den Kopf: »Tatsächlich, es scheint, als ob du recht hättest. Kaum zu glauben. Laß ihn nun laufen, aber vorsichtig, halte ihn möglichst in Schach.« Erst als sich Blitz und Alec bereits auf der Bahn befanden, schrie Henry — er hatte Kashmir erblickt, der eben um den oberen Bogen herumkam. Plötzlich wußte er, warum Blitz weder nach rechts noch nach links geschaut hatte, als er den Weg entlangging…, warum er so begierig gewesen war, auf die Bahn zu kommen — er wußte, daß Kashmir vor ihm war! Er wollte hinter dem Rotfuchs her! Henry schrie Alec zu, zurückzukommen, aber er war bereits außer Hörweite. Angstvoll beobachtete Henry, daß Blitz seine Gangart schnell zu vollem Galopp steigerte. Alec machte alle Anstrengungen, ihn zurückzuhalten, aber es war vergeblich; die Sprünge des Hengstes wurden weiter und weiter. Ohne Zweifel beabsichtigte Blitz, Kashmir niederzurennen. Henry drehte um und rannte zu den Ställen.

Alec hielt die Zügel eisern fest, eingedenk der Warnung Henrys, den Hengst nach Möglichkeit zurückzuhalten. Aber Blitz kämpfte gewaltig, seinen Kopf frei zu bekommen — er wollte laufen. Alec empfand diesen Wunsch als natürlich, nachdem der Hengst so lange hatte im Stall stehen müssen. »Immer hübsch sachte, mein Junge«, redete er ihm zu. »Es ist noch zu früh, Henry will es jetzt noch nicht.« Es half nichts, Blitz hörte nicht auf, zu drängen und so, mit seinem Reiter ringend, raste Blitz nun in den oberen Bogen, wobei er, trotz Alecs Gegenwehr, immer schneller wurde. Auf einmal erblickte Alec vor sich auf der halben Strecke der Geraden den Rotfuchs. Natürlich sah ihn Blitz auch. Ein markerschütterndes Aufwiehern — und Blitz ging durch; sein Reiter war machtlos! Schreiend stürmte der Hengst Kashmir nach und war unmittelbar hinter ihm, als dieser in den unteren Bogen einschwenkte.

Der Jockey, der Kashmir ritt, drehte sich im Sattel um. Dann klatschte seine Gerte auf Kashmirs Schenkel. Augenscheinlich hoffte er, durch größere Schnelligkeit dem rasenden Rapphengst zu entkommen. Aber der Versuch mißlang: auch der Rotfuchs wollte jetzt kämpfen, er drehte sich um und stürzte seinem Herausforderer entgegen, der ihn im Genick zu packen versuchte. Alec trachtete verzweifelt, Blitz zurückzureißen und schlug ihn in höchster Not hart übers Maul. Dadurch verfehlte Blitz sein Ziel. Er schwenkte sich so plötzlich zur Seite, daß Alec beinah aus dem Sattel gekommen wäre. Beide Hengste standen sich nun gegenüber und gingen gleichzeitig aufeinander los. Kashmirs Jockey glitt aus dem Sattel. Alec kämpfte mit Blitz, um ihn zum Weiterlaufen zu zwingen. Blitz bäumte sich steil auf — er wollte kämpfen! Endlich hatte er einen Gegner gestellt! Alec klammerte sich an seiner Mähne fest, um nicht abzurutschen. Zu seiner Erleichterung sah er in diesem Augenblick Henry und mehrere andere Männer mit Heugabeln und Schaufeln angerannt kommen. Das war die Rettung.

Der Rotfuchs wollte fort, als er die Männer sah. Sein Jockey vermochte ihn jedoch glücklicherweise gleich abzufangen. Als Blitz mit den Vorderhufen wieder zur Erde kam, wollte er im gleichen Augenblick vorwärtsstürzen, seinem Feind nach. Aber schon war Henry da, der ihn am Zügel packte und ihn zurückriß. Alecs Kopf wurde dadurch so hart gegen Blitz’ Widerrist geschleudert, daß er für einige Sekunden fast das Bewußtsein verlor. Als ihn das Schwindelgefühl wieder verließ, hatten mehrere Männer Blitz am Zügel gefaßt und einen Strick um seinen Hals geschlungen, so daß er sich ergeben mußte. Alec fühlte den riesigen Pferdekörper unter sich zittern.

Nun war alles zu Ende! Blitz hatte die unmißverständliche Antwort gegeben, ob er laufen oder kämpfen wollte — für ihn gab es kein Internationales Rennen um den Pokal!

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Eine Stunde später stand Alec ruhig neben Blitz in dem fest geschlossenen Stall. Sie waren allein, denn Henry war zum Rennsekretariat gegangen, um Blitz aus der Liste der Teilnehmer am Internationalen streichen zu lassen.

Alec stand in einer Ecke des halbdunklen Stalles und wartete, daß Blitz zu ihm kommen würde. Er hatte das Gefühl, sich bei ihm entschuldigen zu müssen, weil er ihn geschlagen, ja, und auch, weil er ihn überhaupt hierhergebracht hatte. Er sah jetzt ein, daß das unrecht gewesen war, und er nahm die Vorwürfe für alles, was passiert war, auf sich. Henry hatte ihn gewarnt, aber er hatte seinen Kopf durchgesetzt, weil er der festen Überzeugung gewesen war, Blitz in der Gewalt behalten zu können, seinem Naturtrieb, mit anderen Hengsten zu kämpfen, zum Trotz. Das war falsch gewesen.

Jetzt war alles überstanden. Er würde sogleich mit Blitz auf die Farm übersiedeln, um ihre neuen Pläne zu verwirklichen. Er hatte nicht einmal mehr den Wunsch, das große Rennen mit anzusehen — nein, er wollte mit seinem Pferd zusammen auf der Farm sein — nichts anderes mehr! »Ich weiß, ich habe viel an dir gutzumachen«, sagte er zu dem Hengst, »das alles war nicht dein Fehler, du hast nur deiner Natur entsprechend gehandelt. Du bist ja nicht zum Rennpferd erzogen worden wie die anderen. Und im Grunde bin ich froh darüber. Ich will dich haben, wie du bist, und deshalb gehen wir beide jetzt gleich von hier fort!«

Er verweilte lange bei seinem Pferd, bis er endlich den Stall verließ. Draußen sah er eine Menge Menschen vor El Dorados Stall stehen. Es schien, als wären alle auf der Rennbahn Beschäftigten hier versammelt, die Reporter eingeschlossen. Henry stand ebenfalls da. Als er Alec sah, kam er ihm entgegen.

»Geht es El Dorado schlechter?« fragte Alec voller Besorgnis, denn die bestürzten Gesichter der Menschen vor dem Stall waren ihm aufgefallen.

»Ja«, erwiderte Henry bedrückt. »Ich bin nicht erst ins Rennsekretariat gegangen. Es ist nicht mehr nötig. Die Herren von der Rennleitung befinden sich drüben im Stall, der Rennbahntierarzt und der Staatsveterinär, der gerufen worden ist, gleichfalls…«

»Ist der Hengst so schwer krank?« Alec sah auf die Menschenansammlung zurück, die sich jetzt in kleine, erregt diskutierende Gruppen aufgeteilt hatte.

»Es steht sehr schlecht, Alec«, sagte Henry ernst, und er sah dem Jungen fest in die Augen. »El Dorado hat Sumpffieber. Das ist eine schwere Pferdekrankheit. Er wird getötet werden«, fuhr er leise fort. »Diese Krankheit ist unheilbar.«

Alec war kreideweiß geworden. Erst nach Minuten war er imstande zu sprechen. »Aber sie ist doch wohl nicht ansteckend, Henry?«

Der Trainer nickte schwer. »Doch, sie ist sehr ansteckend, Alec. Sumpffieber kann sich als Epidemie ausbreiten, wenn nicht frühzeitig energische Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Wir können jetzt nicht mehr von hier weg, denn alle hier versammelten Pferde unterliegen einer Quarantäne. Für morgen früh ist im Rennbahnsekretariat eine Versammlung anberaumt worden; da werden wir die Einzelheiten erfahren. Das Rennen findet nicht statt!«

Alec sagte nichts. In den Ställen gegenüber standen Avenger, Cavaliere und Kashmir. Alle streckten ihren Kopf über die Türen. Weiter unten in ihrer Reihe standen Phar Fly, Vulkan und Sea King — und hinter ihm, ach! war Blitz… Jeder von ihnen konnte sich angesteckt haben. Und es gab kein Davonlaufen mehr — jetzt war es zu spät.

Blitz wieherte, aber Alec drehte sich nicht nach ihm um; er schlug die Hände vors Gesicht. Henry legte ihm väterlich den Arm um die Schultern, um ihn zu stützen.

Der schleichende Tod

Die Besitzer und Trainer der hier versammelten Elite der Vollblutpferde der Welt gingen mit tiefernsten Gesichtern in das Büro der Rennbahnleitung und nahmen schweigend auf den um einen großen Tisch gruppierten Stühlen Platz. Am Kopfende saß der Generalsekretär des Rennverbandes, zu seiner Rechten der Staatsveterinär, im Hintergrund harrten die Presseleute, ihre Schreibblocks in der Hand.

Alec saß neben Henry in bangem Warten wie alle anderen.

Der Sekretär erhob sich, die Augen auf das Schriftstück geheftet, das vor ihm auf dem Tisch lag. Er sagte: »Der Hengst El Dorado mußte gestern abend getötet werden. Die Autopsie hat bestätigt, daß er tatsächlich an ansteckender Pferde-Anämie, Sumpffieber genannt, erkrankt war.« Er machte eine Pause und blickte die Männer vor ihm an. »Ich weiß, daß Sie alle schon von dieser Krankheit gehört haben; aber auf einer heute in aller Morgenfrühe stattgehabten Besprechung des Direktoriums mit den Tierärzten haben wir beschlossen, den Staatsveterinär, Herrn Dr. Murray, zu bitten, Sie mit allen Begleiterscheinungen dieser Krankheit bekannt zu machen. Darf ich Sie bitten, Herr Dr. Murray!« Mit einer auffordernden Geste wandte er sich an den Herrn, der zu seiner Rechten saß.

Der Staatsveterinär erhob sich. »Meine Herren«, begann er sehr ernst, »der Erreger des Sumpffiebers ist ein Virus, welches das Blut verseucht. Es befällt vor allem Pferde und Maultiere. Ein Pferd, das sich infiziert hat, stirbt zuweilen schon beim ersten Anfall; häufiger aber erholt es sich wieder und scheint dann tagelang völlig gesund zu sein, bis der zweite Anfall kommt. Sobald die Fieberanfalle sich häufen, tritt der Tod ein. Pferde, die von Sumpffieber befallen sind, müssen sofort getötet werden, um nicht die anderen gesundgebliebenen anzustecken.« Er schwieg einen Augenblick und fuhr dann fort: »Es gibt leider zur Zeit noch kein Serum und kein anderes Mittel, um die Pferde vor einer Ansteckung zu bewahren.« Der Veterinär war ein hochgewachsener, kräftiger Mann. Er richtete sich jetzt auf und blickte rund um den Tisch. »Das Sumpffieber wird durch Fliegen und Mücken von kranken auf gesunde Pferde übertragen, auch durch im Stall benutzte Utensilien, wie Striegel, Bürsten, Sättel, Zaumzeug, Decken, alles, womit ein erkranktes Pferd in Berührung gekommen und das dann für ein gesundes gebraucht worden ist. Das Virus kann vor allem übertragen werden, wenn infizierte und gesunde Pferde aus denselben Gefäßen gefüttert oder getränkt oder irgendwie damit in Berührung gebracht worden sind.« Der Staatsveterinär sah vor sich nieder auf den Tisch; dann blickte er wieder die Zuhörer an, die ihm in bedrücktem Schweigen lauschten. »Leider besteht nach Lage der Dinge bei allen Ihren Pferden die Möglichkeit, daß sie sich auf die eine oder andere Weise infiziert haben«, fuhr er mit großem Ernst fort. »Sie können bereits das Virus in sich haben! Die Inkubationsperiode für Sumpffieber dauert etwa achtundzwanzig Tage. Während dieser Zeit müssen sich nicht notwendig bereits Symptome zeigen. Diese Symptome bestehen in sehr hohem Fieber und einem sehr deprimierten Zustand, der sich durch den tief zu Boden hängenden Kopf, beständiges Verlegen des Gewichts von einem Bein auf das andere und beschleunigte Atmung anzeigt. Ferner ist der Leib häufig aufgetrieben; es stellen sich Schwellungen an den Beinen ein, und die erkrankten Tiere verlieren an Gewicht.

Um zu verhindern, daß eine Sumpffieber-Epidemie ausgelöst wird, müssen Ihre Pferde sechs Wochen in Quarantäne bleiben. Das ist annähernd die Zeit, die wir benötigen, um festzustellen, ob eine Ansteckung vorliegt oder nicht. Die Maßnahme ist bedauerlich, aber leider die einzige Möglichkeit, einer Ausbreitung dieser entsetzlichen Krankheit vorzubeugen. Deshalb hat das Direktorium des Rennverbandes das Rennen um den Internationalen Pokal abgesagt, und ich möchte Sie bitten, meine Herren, Ihre Pferde auf eine unweit von hier gelegene Staatsfarm zu überführen, wo wir sie isolieren und ihnen Blutproben entnehmen können, um so möglichst rasch festzustellen, wer sich angesteckt hat. Wir können Sie nicht zwingen, Ihre Pferde auf die genannte Farm zu bringen und die Blutproben entnehmen zu lassen; aber uns scheint, meine Herren, daß Sie es den Hunderten von Pferden, die in Kürze auf dieser Rennbahn erwartet werden, um Rennen zu laufen, schuldig sind. In ihrem Namen bitten wir Sie, unserem Vorschlag Folge zu leisten, damit der Verbreitung der furchtbaren Seuche vorgebeugt wird.«

Der Staatsveterinär schwieg eine Weile, um seinen Zuhörern Zeit zum Überlegen zu lassen. Dann bat er alle, die mit seinem Vorschlag einverstanden waren, die Hand zu heben.

Niemand schloß sich aus, niemand stellte eine Frage, kein Wort fiel. Die Streichung des großen Rennens, auf das sie sich seit so vielen Monaten gefreut, für das sie sich in Unkosten gestürzt und für das sie gearbeitet hatten, war jetzt für keinen mehr wichtig — viel zu sehr bedrückte sie die Sorge, daß ihr Pferd angesteckt sein könnte, und daß sie ebenfalls in kurzer Zeit seiner Tötung würden zustimmen müssen. Für jeden der hier Versammelten war der Gedanke entsetzlich, handelte es sich doch um die besten Pferde der Welt — um Pferde, die in den kommenden Jahren, nachdem sie weitere Beweise ihrer enormen Schnelligkeit erbracht haben würden, ihre Fähigkeit in Gestüten weitervererben sollten. Jetzt waren sie vielleicht zum Tode verurteilt!

Der Tierarzt begann von neuem zu sprechen, sie blickten wieder zu ihm hin. »Wie ich Ihnen sagte, können Ihre Pferde von Sumpffieber befallen sein, ohne sofort die charakteristischen Symptome zu zeigen. Der einzige untrügliche Weg, es herauszufinden, ist, Ihren Pferden Blutproben zu entnehmen und diese einem völlig gesunden Pferd einzuspritzen. Wenn dieses Testpferd gesund bleibt, werden Ihre Pferde ein Gesundheitsattest erhalten und nach Ablauf der Quarantänezeit entlassen werden. Sollte das Testpferd hingegen an Sumpffieber erkranken, so muß jedes Pferd noch einmal einzeln getestet werden, damit wir herausfinden, welches das Virus in sich hat.« Der Tierarzt hüstelte. »Es liegt eine schwere Zeit vor Ihnen, meine Herren! Wir wissen die Einstimmigkeit, mit der Sie unseren Vorschlag angenommen haben, zu würdigen. Wir hoffen von Herzen, daß sich keines Ihrer Pferde infiziert hat, und daß wir allen diese Gesundheitsatteste ausstellen können. Die Kosten aller weiteren Maßnahmen trägt der Staat. Wir bitten Sie nun, Ihre Pferde bis Mittag zum Abtransport bereit zu machen. Jedes Pferd wird einzeln befördert. Wir halten Transportautos bereit für diejenigen, die keine Transporter zur Verfügung haben.«

So schweigend, wie sie ihn betreten hatten, verließen die Männer den Raum, während hinter ihnen die Reporter den Staatsveterinär umringten.

Henry und Alec gingen draußen langsam nebeneinander her. Keiner sprach, bis Henry nach einer Weile seufzte: »Es wird besser sein, wenn wir deinem Vater die traurige Neuigkeit telefonisch mitteilen, statt daß er sie aus der Zeitung erfahrt.«

»Nun ist alles aus, Henry…, alle unsere schönen Pläne«, murmelte Alec verzweifelt.

»Sei doch nicht kindisch, Alec«, erwiderte Henry ärgerlich. »Es ist doch durchaus nicht gesagt, daß es Blitz oder Vulkan erwischt hat. Wir müssen abwarten, das ist alles. El Dorado kann das Sumpffieber ja noch nicht lange gehabt haben; deshalb können wir mit gutem Grund hoffen, daß er kein anderes Pferd angesteckt hat. Es gibt doch keinen Stall in Weg C, der nicht täglich ausgesprüht worden wäre; alle haben das doch genauso getan wie wir! Ich habe kaum eine Fliege hier herumschwirren sehen, geschweige denn eine Stechmücke. — Und dann vergiß nicht, daß keiner von uns El Dorados Stallutensilien benutzt hat«, setzte er nach einer Pause hinzu. »Wir hatten alle unsere eigenen Sachen in Gebrauch, daher hatte kein Pferd — was jetzt von Wichtigkeit ist — auf irgendeine Weise Kontakt mit El Dorado!«

»Doch, da ist etwas…«, begann Alec heiser. Dann blieb ihm das Wort im Halse stecken.

»Was heißt das? Was meinst du?«

»An dem Tag, da du Vulkan von der Bahn abholtest, habe ich seinem Pfleger einen von unseren Trinkeimern geliehen…«

Henry erblaßte und blieb vor Schrecken stehen. »Aber er hat ihn dir nicht wiedergegeben, oder?«

»Doch, er hat ihn wiedergebracht, und zwar am selben Nachmittag.«

Henry ging weiter und sagte mit gespielter Unbekümmertheit: »Ich glaube kaum, daß das etwas auf sich haben kann, Alec…, das müßte ja ein ganz unglücklicher Zufall sein.«

»Aber es macht mich ganz krank, an diesen unglücklichen Zufall zu denken…«

»Hast du den Eimer denn wieder benutzt? Erinnerst du dich noch, welcher es war?«

»Ja, Henry, Blitz trinkt immer daraus…« Alecs Gesicht war vor Angst verzerrt.

»Ich bin überzeugt, daß es keine Folgen haben wird«, versicherte Henry. »Um eine Ansteckung herbeizuführen, müßte die Berührung unmittelbar gewesen sein.«

»Aber der Staatsveterinär hat extra erwähnt, daß sie nicht aus demselben Eimer trinken dürfen«, beharrte Alec.

»Sicher meinte er, sie dürften nicht zu gleicher Zeit daraus trinken«, antwortete Henry. »Jedenfalls hat es keinen Zweck, sich jetzt deswegen Sorgen zu machen. Laß uns diesen dummen Eimer vergessen. Blitz hat noch keinerlei Anzeichen der Krankheit gezeigt, und das alles liegt ja nun schon eine ganze Weile zurück.«

»Der Tierarzt sagte, manche Pferde zeigten am Anfang gar keine Symptome…«

»Schlag dir’s aus dem Sinn«, fiel Henry ärgerlich ein. »Du machst es damit weder für dich noch für mich leichter. Warum willst du dich denn durchaus schon im voraus ängstigen und aufreiben? Es bleibt uns doch gar nichts anderes übrig als abzuwarten!«

Als sie den Stall erreichten, ging Alec zu Blitz, und Henry sagte, er werde Vulkan fertigmachen. »Ich werde dir gleichen helfen kommen«, sagte Alec beherrscht. Blitz stupfte mit der Nase gegen Alecs Hand. Dem Jungen schossen die Tränen aus den Augen beim Anblick des Hengstes. Er wollte zu ihm sprechen, aber er bekam kein Wort heraus. Er wandte sich ab und sah, wie Vulkan weiter hinten seinen Kopf über die Stalltür streckte. Blitz zupfte spielerisch an Alecs Hemd, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken; aber Alec war im Augenblick nicht imstande, sein geliebtes Pferd anzuschauen.

Die Ausgestoßenen

Zwölf Uhr war eben vorbei, als die Transportautos die Rennbahn verließen. Als sie durch das Haupttor auf die Straße fuhren, sagte Henry zu Alec: »Eine Rennbahn, die nach einem Rennen benannt ist, das niemals gelaufen worden ist. Komisch, nicht?« Achselzuckend setzte er hinzu: »Aber vielleicht werden sie es nächstes Jahr neu ausschreiben. Wenigstens ist es geplant.«

»Kann sein, es kommt dazu«, murmelte Alec, »doch wie viele von den Pferden, die jetzt hier versammelt sind, werden dann noch leben?«

»Fängst du schon wieder mit deiner Schwarzseherei an«, erwiderte Henry grimmig. »Hör endlich auf damit!«

Dichtauf folgten die sieben Transporter mit den Pferden dem schweren schwarzen Wagen des Staatsveterinärs durch die Stadt. Neugierige säumten die Straßen und betrachteten die Wagenkarawane mit teilnehmenden Mienen. Henry zog eine Grimasse, als er die Leute sah. »Man könnte denken, es handle sich um einen Leichenzug«, sagte er erzürnt. »Weißt du übrigens schon« — er hielt inne und sah Alec an, um mit besonderem Nachdruck fortzufahren: »Wir haben den Tierarzt noch einmal befragt, um mehr Gewißheit zu bekommen. Er hat gesagt, die Wahrscheinlichkeit wäre sehr groß, daß sich keines der Pferde bei El Dorado angesteckt hat!«

»Das hast du mir vorhin schon erzählt, Henry«, sagte Alec müde. Ihre Augen trafen sich, aber Henry war der erste, der wieder wegsah. »Hab ich dir gesagt, daß dein Vater auf dem Wege zu uns ist?« fragte Henry, um schnell auf ein anderes Thema zu kommen.

»Ja, auch das hast du mir schon berichtet!«

»Er wollte sofort abfahren«, schwatzte Henry weiter, »ich habe ihm das Gasthaus in Mountainview als Treffpunkt vorgeschlagen; das ist eine kleine Stadt in der Nähe der Staatsfarm, so sagten sie mir jedenfalls im Rennbüro.«

Mittlerweile hatten sie die Rennbahn weit hinter sich gelassen und fuhren nun auf einer Landstraße, die auf Waldungen und Berge zuführte. In dem Transporter, der unmittelbar vor ihnen fuhr, befand sich Vulkan; der Wagen war ihnen mit dem Fahrer vom Rennverband gestellt worden. Alec fragte: »Wie haben es denn Lenny und Fred aufgenommen, daß du sie weggeschickt hast?«

»Sie wären lieber bei Vulkan geblieben, aber sie können uns ja nichts nützen«, berichtete Henry. »Wir beide schaffen die Pflege von Blitz und Vulkan ohne weiteres allein. Lenny kann sicher in Belmont einige Ritte absolvieren, und Fred wird dort ganz gewiß ebenfalls Arbeit finden. Beide brauchen ihr Geld, also wäre es töricht, wenn sie abwartend herumsäßen.«

Sie fuhren nun mehrere Kilometer, ohne sich zu unterhalten. Dann unterbrach Alec ihr Schweigen mit einer Frage: »Sag mal, Henry, wie ist das mit dem Bluttest, den sie auf der Farm vornehmen wollen. Hast du genau verstanden, wie das vor sich gehen soll?«

»Ich glaube schon! Aus dem, was der Tierarzt sagte, schließe ich, daß sie von jedem Pferd etwas Blut entnehmen, dann diese Proben von allen sieben vermischen und diese Mischung einem von dem Arzt besorgten gesunden Pferd einspritzen.«

Alec schüttelte sich: »Der arme Teufel! Ein richtiges Versuchskaninchen. Wir alle beobachten ihn dann mit tausend Ängsten, wann und ob bei ihm Sumpffieber ausbricht.«

»Und wenn das nicht der Fall ist«, ergänzte Henry schnell, »wissen wir, daß keins unserer Pferde krank ist.«

»Wenn aber doch?« fragte Alec.

»Dann weiß der Arzt, daß mindestens ein Pferd krank ist«, antwortete Henry grimmig. »Folglich wird die ganze Prozedur wiederholt, nur daß der Tierarzt dieses Mal sieben gesunde Testpferde herbeischaffen müßte — für jedes Rennpferd eins. Sie würden dann einzeln getestet werden, um so das kranke zu ermitteln.«

»Dieser Bluttest würde aber bei einem Pferd, das die charakteristischen Symptome der Krankheit zeigt, wie es bei El Dorado der Fall war, nicht nötig sein. Habe ich das richtig begriffen, Henry ?«

»Ja, so verhält es sich. Bei einem derartigen Pferd erübrigt sich der Test. Da wissen sie ohnehin, woran sie sind — es muß sogleich getötet werden.« Nach einer Pause setzte er aufatmend hinzu: »Gott sei Dank ist bei keinem der Pferde bisher das geringste Anzeichen einer Ansteckung zu entdecken, und ich glaube zuversichtlich, daß es dabei bleiben wird.«

Zwei Stunden später fuhren sie durch die sich weit hinstreckenden Felder eines Tales, in dem das Städtchen Mountainview lag. Weit im Norden ragten kahle Berggipfel in den Himmel. Im Westen und hinter dem Städtchen war das Land bergig und dicht bewaldet.

Das einzige zweistöckige Haus der kleinen Stadt war der Gasthof. Die Transportkarawane fuhr ohne anzuhalten hindurch. Ein Stück weiter wendeten sie sich scharf nach links und folgten einer schwarzgeteerten Landstraße, die auf den Wald zuführte. Sie fuhren etwa anderthalb Kilometer durch die Ebene, kamen dann über eine Brücke, die einen ziemlich breiten Fluß überquerte, und hielten weiter auf den Wald zu. Nach wiederum etwa anderthalb Kilometern endete die geteerte Straße, und ein sandiger Waldweg nahm sie auf.

»Na, die bringen uns aber gründlich weit weg«, brummte Henry.

Der Waldweg war immerhin eben und gut befahrbar, so daß sie ein gutes Tempo einhalten konnten. Etwa zwei Kilometer, nachdem sie in den Wald hineingefahren waren, schlängelte sich der Weg nach links und wand sich eine Höhe hinauf. Nach kurzer Zeit hörten die Bäume auf, und sie sahen eine weite Fläche gerodeten Landes vor sich liegen.

Der Weg mündete am oberen Ende in die Rodung ein, und genau vor sich sahen sie jetzt ein langes weißes Stallgebäude. Dahinter war ein eingezäuntes Stück Weideland, das sich am Waldrand hinzog bis zu einer steilen Erhebung im Hintergrund. Dort stand ein Steinhaus, mitten unter hohen Fichten. Der Rest der Rodung lag links vom Weg und war gleichfalls als Weide eingezäunt, die hier am Anfang am breitesten war, nach hinten aber schmaler wurde und sich einige hundert Meter hin durch eine Krümmung der Sicht entzog.

Der Staatsveterinär hielt seinen Wagen genau hinter den Stalltüren an, stieg aus und sprach mit einem Mann, der ihn offenbar erwartet hatte. Dann drehte er sich zu den Transportautos um und winkte ihnen, an den Stall heranzufahren.

Henry lenkte sein Fahrzeug vor das Stallgebäude und hielt es genau an der Seite des Transporters an, in dem Vulkan gefahren wurde. »So, nun komm, Alec«, sagte er.

Sie stiegen aus, während die anderen ebenfalls ihre Wagen abstellten. Der letzte in der Reihe war der Wagen mit den Reportern. Henry sagte nervös: »Ich will den Veterinär fragen, ob wir Blitz zuerst, vor den anderen, in den Stall bringen können. Mach ihn inzwischen schon immer fertig, Alec.«

Nachdem sich Henry entfernt hatte, öffnete Alec die hintere Tür des Transporters und ging hinein. Blitz wieherte und Alec sagte: »Jetzt darfst du gleich hinaus, mein Junge.« Er hatte ihn eben freigemacht und den Führriemen in das Halfter gehakt, als Henry auch schon mit der Meldung zurückkehrte, es wäre alles bereit. Alec wendete den Hengst vorsichtig und ging ihm auf der Rampe voraus. Blitz folgte ihm nun ohne Zögern. Er blickte auf die große, grüne Weide, die dem Stallgebäude gegenüberlag, machte aber, obwohl das Tor offen stand, keinen Versuch auszubrechen, sondern folgte Alec gehorsam in den Stall.

»Bring ihn bitte in die letzte Box an der linken Seite«, ordnete der Tierarzt an, als Alec ihn erreichte. Dann wandte er sich Henry zu: »Vulkan kommt in die übernächste Box, Herr Dailey; wir lassen jeweils eine leere Box zwischen den Pferden, doch sollen alle auf dieser Seite des Stalles untergebracht werden.«

Alec führte Blitz den langen Gang entlang, seine Hufe klapperten taktmäßig über den Holzboden. Die Wände der Boxen waren hoch und setzten sich oben mit festen Drahtgittern fort. Blitz blieb vor seiner Box stehen, ging aber dann gleich mit Alec hinein. Als Alec die Tür schloß, betrat Henry mit Vulkan den Stall. Er legte die Ohren zurück, als Blitz ihm entgegenschrie, und tänzelte aufgeregt, folgte Henry aber ohne Widerstand.

Henry hatte Vulkan gerade in seiner Box versorgt, als Phar Fly hereingeführt wurde, dichtauf gefolgt von den anderen.

Blitz schrie immer noch, als schon längst alle in ihren Boxen verschwunden waren. Mit flackernden Augen starrte er durch die Maschen des Drahtgitters zu den anderen Hengsten hinüber.

»Jetzt wird er sich damit abfinden müssen, sie in seiner Nähe zu dulden«, meinte Henry.

»Leider kommt es jetzt nicht mehr darauf an«, sagte Alec verbittert.

Die Zeitungsleute hatten sich um den Veterinär versammelt. Jim Neville verließ die Gruppe und kam zu ihnen herüber. »Es tut mir sehr leid«, sagte er zu Alec, »denn ich fühle mich zum Teil verantwortlich dafür, daß Blitz hier ist; ich habe unsere Unterredung nicht vergessen.«

»Die Entscheidung lag ja bei mir«, erwiderte Alec. »Deshalb trage ich auch die Verantwortung für alles, was kommt. Sie haben in gutem Glauben gehandelt, als Sie mir zur Teilnahme an dem Rennen rieten.«

Er verließ den Stall und betrachtete draußen den weißen Zaun, der das Weideland umgab. Schade, daß Blitz nicht hinaus darf, dachte er. Hier würde es ihm gefallen. Er stand mehrere Minuten gedankenverloren da, bis eine kleine Limousine den Weg aus dem Städtchen heraufgefahren kam. Als er sie erkannte, rannte er ihr schnell entgegen — es war der Wagen seines Vaters, der am Steuer saß, und neben ihm entdeckte er Tony. Alec sprang auf das Trittbrett, und seines Vaters Hand umschloß seinen Arm. »Wir haben uns in dem Gasthof, den Henry als Treffpunkt vorgeschlagen hat, den Weg nach hier beschreiben lassen«, erklärte Herr Ramsay.

Tony war der erste, der ausstieg. »Ich hörte von deinem Vater, was für schreckliche Sachen passiert sind, Alec«, sagte er bekümmert. »Da hatte ich bei meiner Arbeit keine Ruhe mehr und bin mitgefahren.«

»Das ist lieb von dir, Tony. Dort drin sind sie alle.« Alec machte eine Kopfbewegung zum Stall hin. »Auch Henry.«

Sein Vater ging auf den Stall zu, Alec blieb zurück.

»Ich bleibe lieber hier«, antwortete er auf seines Vaters Frage, »Henry wird euch alles Nähere berichten.«

Er ging den Weg hinauf und wartete, bis er den Staatsveterinär mit den Besitzern und Trainern aus dem Stall kommen sah. Als er sie erreichte, sagte der Arzt gerade: »Das Testpferd trifft morgen ein. Dann werden wir Ihren Pferden sogleich die Blutproben entnehmen. Nachdem das Testpferd geimpft worden ist, müssen wir abwarten, was geschieht. Sie können ruhig wegfahren und Ihre Pferde in unserer Obhut zurücklassen. Daß gut für sie gesorgt werden wird, brauche ich kaum zu versichern. Wenn das Testpferd kein Anzeichen von Sumpffieber zeigt, stellen wir Ihren Pferden in etwa sechs Wochen Gesundheitsatteste aus. Entschließen Sie sich, Mountainview zu verlassen, so geben Sie mir bitte Ihre Adressen, denn wir müssen jeden von Ihnen natürlich sofort erreichen können für den Fall, daß sich an einem Pferd Krankheitssymptome zeigen sollten. Das ist im Augenblick alles.« Der Staatsveterinär wandte sich seinen Assistenten zu, und die Gruppe zerstreute sich.

Henry nahm Alec am Arm und sagte: »Wir wollen das Sattelzeug und alles Gepäck, das wir nicht brauchen, aus dem Transporter in die leere Box zwischen Blitz und Vulkan schaffen und die beiden füttern und tränken. Hernach werden wir gerade noch Zeit genug haben, vor dem Dunkelwerden in den Gasthof zu fahren.«

»Wollen wir nicht lieber hierbleiben?«

»Nein, es ist nicht erwünscht, daß wir im Stall schlafen. Für die Nächte werden wir auch im Gasthof besser untergebracht sein. Und wir werden unseren Schlaf brauchen, nach dem, was hinter uns liegt und was uns in diesen sechs langen Wochen noch bevorsteht.«

»Die sechs Wochen Wartezeit will ich gern auf mich nehmen«, sagte Alec. »Und ich werde froh sein, wenn zwischendurch gar nichts geschieht.«

Herr Ramsay half ihnen ihr Gepäck ausladen. Tony stand im Hintergrund, von den anderen unbeachtet. Sobald er sie in Henrys Transportauto verschwinden sah, stahl er sich näher an den Veterinär heran. Er wartete geduldig, bis sich dieser von seinen Assistenten trennte und auf das Steinhaus zuging; da folgte er ihm. »Herr Doktor«, rief er, »nur einen Augenblick, bitte!« Als sich der Arzt daraufhin umwandte, fuhr er fort: »Ich bin ein guter Freund von Alec Ramsay und Henry Dailey.« Der Arzt lächelte. »Das glaube ich gern«, sagte er freundlich. »Und was kann ich für Sie tun?«

»Mein altes Pferd Napoleon ist ein sehr guter Freund von Blitz und seinem Sohn Vulkan.« Tony machte eine Pause und blickte verstohlen über die Schulter zurück zu Henrys Transportauto. »Darf ich mit Ihnen zu Ihrem Haus gehen? Das wird besser sein: denn es handelt sich um etwas sehr Privates, was ich mit Ihnen besprechen möchte.« Tony wartete, bis sie die Veranda des Hauses erreicht hatten, ehe er fortfuhr: »Dieses Testpferd, von dem ich Sie und meinen Freund Henry sprechen hörte — ihm wollen Sie Blut von Blitz und Vulkan einspritzen, stimmt das?«

»Ja, das stimmt«, bestätigte der Arzt. »Ihr Blut wird zugleich mit dem der anderen auf das Testpferd übertragen.«

»Haben Sie schon ein Testpferd?«

»Ja. Es kommt morgen früh hier an.«

»Besteht die Möglichkeit, daß Sie noch ein anderes dazunehmen, um das Blut von Blitz und Vulkan zu übertragen?«

Der Arzt sah Tony an: »Sie meinen Ihr Pferd?«

»Mein Nappy ist ein ganz gesundes Pferd«, versicherte Tony aufgeregt. »Er war noch nie im Leben krank. Nicht einmal erkältet war er!«

»Aber ich habe ja schon ein Pferd, und wir brauchen zunächst nur eins.«

»Aber wär’s nicht viel besser, Sie hätten zwei?« beharrte Tony. »Wenn Napoleon nicht davon krank wird, dann wissen Sie über unsere zwei Bescheid, und von Ihrem Pferd für die anderen fünf. Ich meine…«

»Selbstverständlich, je kleiner die Gruppe, desto besser«, antwortete der Tierarzt. »Wenn bei Napoleon nach dem Test Sumpffieber ausbrechen würde und bei dem anderen Testpferd nicht, so wüßten wir, daß Vulkan oder Blitz Träger der Krankheit ist. Möglicherweise auch beide…«

»Dann nehmen Sie Napoleon doch«, sagte Tony eifrig. »Sie machen mich damit glücklich, Herr Doktor.«

Der Tierarzt sah Tony forschend an. »Wollen Sie das Risiko wirklich freiwillig auf sich nehmen? Überlegen Sie sich, daß wir auch ohne Ihren Napoleon auskommen. Und wenn er das Unglück haben sollte, durch den Test krank zu werden — sind Sie sich darüber klar, daß das seinen sicheren Tod bedeuten würde?«

»Ja, das ist mir klar. Aber ich bin sicher, daß Napoleon es sich selber wünschen würde«, sagte Tony ernst. »Er hat viele Jahre lang mit Blitz und Vulkan zusammen gelebt. Er ist wie ihr Bruder! Und wenn Sie jetzt das Blut der beiden in seine Adern spritzen, wird er ihr Blutsbruder sein… Wirklich, Herr Doktor, das sollten Sie tun.«

»Na, gut denn«, erwiderte der Tierarzt. »Wenn Sie und Napoleon es so sehr wünschen — uns macht es den Test leichter! Wann kann er denn hier sein?«

»Morgen früh«, sagte Tony eifrig. »Ich fahre jetzt sofort nach Hause, lade ihn ein und fahre die Nacht durch. Ganz, ganz früh bin ich dann wieder hier. Danke Herr Doktor, herzlichen Dank!« Er wandte sich um und rannte wie ein Wiesel zu Henrys Transporter. Er sah eilig ins Innere, um sich zu vergewissern, daß kein Gepäck mehr drin war, dann schloß er die Tür, flitzt nach vorn, sprang in die Fahrerkabine, startete und fuhr gerade los, als Henry, Alec und Herr Ramsay aus dem Stall kamen. Er lehnte sich hinaus und winkte ihnen zu; dann gab er Gas.

»Was fallt denn dem ein?« fragte Henry verblüfft. »Wohin will er mit meinem Wagen?«

»Wahrscheinlich ins Gasthaus«, mutmaßte Herr Ramsay. »Ich begreife bloß nicht, warum er nicht auf uns gewartet hat?«

»Verstehe ich auch nicht«, stimmte Alec zu und blickte zu dem Steinhaus hinüber, wo der Staatsveterinär mit einem sonderbaren Ausdruck von Teilnahme und Rührung zugleich dem Transporter nachsah, bis er zwischen den Bäumen verschwunden war. »Mich soll’s doch wundern…«, murmelte Alec.

»Was wundert dich?« fragte Henry.

»Ach, nichts, nichts! Man hat manchmal so ausgefallene Ideen…«

Enge, traurige Welt

Sehr früh am nächsten Morgen verließen Alec, Henry und Herr Ramsay ihre Zimmer im Gasthof von Mountainview und gingen in den kleinen Speisesaal, um zu frühstücken. Der Raum war bereits von Besitzern, Trainern und Reportern überfüllt. Henry hatte Mühe, drei leere Stühle in der Nähe der Theke für sie zu finden. »Ich kann Tonys Verhalten immer noch nicht verstehen«, sagte er kopfschüttelnd, als er sich setzte.

»Vielleicht wollte er doch schnell wieder zu seiner Arbeit zurück«, meinte Vater Ramsay, nachdem sie ihre Bestellung aufgegeben hatten. »Andererseits hat er mir erzählt, er habe mit einem Freund abgemacht, daß der seine Tour übernimmt, solange er abwesend ist. Ich hatte daher durchaus den Eindruck, als ob er eine Weile hierbleiben wollte, denn er war so bekümmert wegen Blitz und Vulkan.«

»Warum bloß in aller Welt hat er meinen Transporter genommen?« beharrte Henry. »Natürlich brauche ich ihn jetzt nicht, aber er hätte mich doch schließlich um Erlaubnis fragen müssen. Ich mag so etwas nicht!«

»Da stimme ich Ihnen zu! Es sieht überdies Tony so wenig ähnlich«, sagte Herr Ramsay und sah seinen Sohn an. »Was für einen Grund mag er bloß gehabt haben? Was meinst du?«

Alec zuckte die Achseln. »Tony hat gewöhnlich sehr triftige Gründe, wenn er etwas tut… Warten wir ab, bis er sich meldet. Ich bin überzeugt, daß das sehr bald geschieht. Dann werden wir Antwort auf unsere Frage bekommen.«

»Bleibt uns nichts anderes übrig«, knurrte Henry und machte sich über die Eier mit Schinken her, die der Kellner eben serviert hatte.

Als sie mit dem Frühstück fertig waren und hinausgingen, sprach Henry mit verschiedenen Trainern, ehe er vor der Tür wieder mit Herrn Ramsay und Alec zusammentraf. »Es scheint, als ob fast alle von hier wegführen«, erzählte er beim Einsteigen in Herrn Ramsays Wagen. »Sie meinen, es hätte keinen Zweck, hier herumzusitzen. Sollte das Schlimmste eintreten, so bekämen sie es früh genug zu wissen. Sie haben recht, finde ich, zumal der Staatstierarzt und seine Assistenten alle Sorge für die Pferde übernehmen.«

»Ich will trotzdem hierbleiben«, sagte Alec, als Vater Ramsay den Wagen startete.

»Bei uns liegt die Sache ja auch anders«, gab Henry zurück. »Der Tierarzt und seine Leute könnten wohl mit Vulkan fertig werden, aber niemals mit Blitz. Den müssen wir schon selbst betreuen.«

Herr Ramsay lenkte den Wagen die geteerte Landstraße entlang, die durch die Felder führte. Sie hatten die Brücke erreicht, als er sagte: »Und das ist für uns ja nicht einmal der alleinige Grund, Henry! Die anderen besitzen alle mehrere Pferde und werden nicht so betroffen wie wir, wenn dem Pferd, das sie hier haben, etwas zustößt. Aber unser ganzer Besitz besteht aus Blitz und Vulkan…, auf die beiden haben wir unsere ganze Zukunft aufgebaut. Wenn wir sie verlieren, haben wir fast nichts mehr.«

Henry warf einen schnellen Blick auf Alec, aber dessen Augen waren starr auf die Straße vor ihnen gerichtet. Henry antwortete Vater Ramsay: »Da haben Sie natürlich recht. Aber es wird keinem der beiden etwas passieren. Auch den anderen nicht. Ich halte jede Wette, daß kein einziges Sumpffieber bekommt, denn wenn sie sich bei El Dorado angesteckt hätten, wären die Symptome längst aufgetreten. Bisher ist indessen nicht das geringste zu entdecken, und ich glaube zuversichtlich, daß es dabei bleiben wird.«

Nachdem sie die Brücke passiert hatten, fuhren sie weiter durch die Felder, bis sie den sandigen Waldweg erreichten. Der Baumwuchs war hier so dicht, daß kein Sonnenstrahl durch die Zweige bis zum Boden gelangte. Als sie die scharfe Linksbiegung hinter sich hatten und die kleine Lichtung passierten, die zur Farm führte, sahen sie schon von weitem einen Transporter vor dem Stall stehen. »Henry«, rief Alec, »es ist deiner!«

»Tatsächlich, es ist meiner«, bestätigte Henry, »selbstverständlich ist es meiner. Aber wozu hat Tony ihn denn gebraucht?«

»Sieh auf die Weide, Henry!« rief Alec.

Jetzt sahen sie alle drei den alten, senkrückigen Nappy dort gemächlich grasen.

»Also hat er Napoleon hergeholt. Aber wozu denn bloß?« fragte Herr Ramsay. »Die Sache wird immer rätselhafter.« Er hielt seinen Wagen an.

»Na, mir geht jetzt ein Licht auf«, sagte Henry leise. »Ich hatte eine Ahnung, was Tony Vorhaben konnte«, rief Alec, aus dem Wagen springend. »Aber es schien mir kaum glaublich…!«

Napoleon hob seinen schweren Kopf und wieherte leise zu ihnen hinüber, wandte sich dann aber wieder dem saftigen Gras zu.

»Was meint ihr beiden denn eigentlich?« fragte Herr Ramsay.

»Wir glauben, daß Tony Napoleon als Testpferd hierhergebracht hat«, sagte Henry und eilte ihnen voran zum Stall. »Gleich werden wir wissen, wie sich’s verhält.« Als sie den Stall betraten, kam der Tierarzt mit seinen Assistenten gerade aus Vulkans Box. Tony war bei ihnen.

Alec und Henry gingen schnell auf die Gruppe zu, und der Tierarzt empfing sie mit den Worten: »Ich bin froh, daß Sie kommen, denn Tony sagte, es wäre geraten, auf Sie zu warten, ehe wir zu Blitz gehen. Wir haben jetzt alle Blutproben in Händen, nur sein Blut noch nicht.«

Henry und Alec blickten zu Tony hinüber, der gerade den Stall verließ. »Na, das muß warten«, sagte Henry lächelnd. »Jetzt erst zu Blitz.«

»Ich werde ihn am Kopf festhalten«, meinte Alec. »Es wird sicher nicht leicht sein, mit ihm fertig zu werden.«

»Es geht sehr schnell. Dauert höchstens eine Minute«, sagte der Arzt.

»Binde ihn an den langen Lederriemen und reiche mir den durch das Drahtgitter zur Nachbarbox herein«, schlug Henry vor. »Auf diese Weise wird es leichter sein, ihn zu halten.«

Alec nahm ein Gefäß voll Hafer mit und steckte sich ein paar Mohrrüben in die Tasche, ehe er die Box betrat. Blitz kam ihm nach, als er den Hafer in seine Futterkrippe schüttete. Alec befestigte den Lederriemen am Halfter und schob das freie Ende durch das Gitter in die Nebenbox. Dann stellte er sich dicht neben den Kopf des Hengstes, der schon den Hafer fraß. Aber er hob sofort den Kopf, als der Arzt und die Assistenten hereinkamen. Er zerrte rückwärts, fand sich jedoch von Alec und dem Lederriemen festgehalten. Unglaublich schnell keilte er nach hinten aus, doch seine Hufe trafen die Boxenwand und nicht die Männer, die schon vorn an seinem Hals standen. Sie verhielten sich still und warteten ab, während Alec ihm beruhigend zuredete und ihm eine Handvoll Hafer hinhielt. Blitz nahm schließlich den Hafer; aber seine Augen suchten unentwegt die Fremden, die sich in seiner Box befanden. Der Tierarzt wartete geduldig, bis sich der Hengst wieder über die Krippe beugte. Dann griff er zu, um die Spritze anzusetzen. Sobald Blitz die fremden Hände an seinem Körper fühlte, ließ er das Futter, warf den Kopf auf und keilte erneut aus, um die Eindringlinge zu verjagen. »Ich sehe schon, wir kommen so nicht weiter«, sagte der Tierarzt, »wir müssen die Barre nehmen, um ihn still zu halten.«

Einer der Assistenten verließ die Box und holte eine lange Stange, mit der er Blitz so an die Wand preßte, daß er nicht mehr ausweichen konnte. Er drängte mit aller Wucht gegen die Stange, aber sie hielt; jetzt war er gefangen. Er versuchte wieder, den Kopf aufzuwerfen, aber vorn hielt ihn der Riemen eisern fest. Alec streichelte ihn unentwegt und redete liebevoll und tröstend auf ihn ein. Plötzlich riß Blitz so scharf an dem Riemen, daß dieser beinahe gerissen wäre — der Tierarzt hatte die Nadel eingestochen. Ein paar Sekunden später war alles vorbei. Der Veterinär verließ die Box mit der Blutprobe; die Assistenten entfernten die Barre und verschwanden ebenfalls.

Alec erlöste Blitz von dem Riemen, der seinen Kopf festgehalten hatte. Der Hengst stampfte unruhig hin und her und sah den Männern nach, die durch den Stallgang gingen. Erst als sie außer Sicht waren, drehte er sich wieder zu Alec und zu seiner Futterkrippe um. Alec blieb bei ihm stehen, während er fraß.

Draußen unterhielten sich Henry und Herr Ramsay mit Tony. Alec konnte im Stall verstehen, was sie sagten.

»Der Doktor war einverstanden, Nappy als Testpferd für Blitz und Vulkan zu benutzen, nachdem ich ihm erzählt hatte, wie sich alles verhält«, berichtete Tony. »Deshalb bin ich schnell nach Hause gefahren und habe ihn hergeholt. So ist es richtig! Nappy soll Blitz und Vulkan helfen. Du verstehst doch, was ich meine, nicht wahr, Henry?«

»Ich glaube schon«, antwortete Henry. »Ich nehme an, daß der Doktor jetzt das Blut der anderen Pferde dem Testpferd einspritzen will, das er beschafft hat. Verhält es sich so, Tony?«

»Jawohl, so will er es machen«, bestätigte Tony aufgeregt. »Das ist übrigens bereits geschehen, ehe ihr kamt. Das Pferd befindet sich auf der Weide hinter dem Stallgebäude. Sie haben es von Nappy getrennt. Wenn wirklich eins von ihnen krank werden sollte, kann es das andere nicht anstecken, sagte der Doktor.« Tony packte in seiner Erregung Henry und Herrn Ramsay am Arm: »Und jetzt spritzen sie gleich meinem Nappy das Blut von Blitz und Vulkan ein. Kommt mit und seht zu! Es ist ein großer Augenblick für Nappy. Von jetzt an ist er der Blutsbruder von Blitz und Vulkan — das ist ein Augenblick, den ich nie vergessen werde!«

Alec verließ Blitz und ging zu Vulkan hinüber, der seinen langen Hals reckte, damit Alec ihn streicheln konnte. Er tat es mit großer Zärtlichkeit, aber seine Augen ruhten auf dem Rücken des kleinen Straßenhändlers draußen neben seinem Vater und Henry, als er vor sich hinsagte: »Das ist sicher, Tony. Auch ich werde diesen Augenblick nie vergessen… Ich hoffe bloß, daß alles gut ausgeht, für dich und Napoleon genauso wie für Blitz und Vulkan… und für uns alle.«

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Von jetzt an vergrub sich Alec in seine eigene, sorgenbeschwerte Welt. Er hielt sich von allen fern, sprach selbst mit seinem Vater und Henry kaum und wartete nur immer angstvoll, ob die gefürchteten Anzeichen des Sumpffiebers an einem der Pferde auftreten würden.

Nachdem die erste Woche vorübergegangen war, ohne daß sich im Wohlbefinden der Rennpferde etwas geändert hatte, sagte Henry: »Siehst du wohl, Alec, es ist, wie ich es erwartet habe. Jetzt ist es lange genug her, seit wir in der Nähe El Dorados waren. Wenn sie sich angesteckt hätten, müßten die Symptome sich zeigen. Für mich ist die Gesundheit unserer Pferde jetzt schon erwiesen.«

Alec teilte jedoch Henrys optimistische Auffassung nicht. Er wollte sich keinen falschen Hoffnungen hingeben. Es war noch zu früh, um sichere Schlüsse zu ziehen. Sechs Wochen müsse man warten, hatte der Arzt gesagt. Sechs Wochen! Bis jetzt war erst eine kurze Woche vergangen. Also war es noch viel zu früh, um etwas zu sagen. Viel zu früh, um Henrys Optimismus zu teilen. Alec zog sich wieder in sein Schneckenhaus zurück, und jeder einzelne Tag kam ihm endlos vor.

Herr Ramsay blieb bei ihnen, Tony auch. Er fuhr jedoch ab und zu nach Flushing, um sich zu vergewissern, daß seine Kunden nicht vernachlässigt wurden. »Der Mann, der meine Tour übernommen hat, ist ein guter Freund«, erzählte er ihnen. »Aber von Zeit zu Zeit muß er mal angefeuert werden, darum fahre ich hin! Nein, Nappys wegen bin ich nicht ängstlich, daß er dieses Sumpffieber bekommen könnte; er hat nur gutes Blut von Blitz und Vulkan bekommen, und er ist hier sehr glücklich, nicht wahr? Er hat sein Leben lang schwer gearbeitet. Jetzt hat er’s endlich einmal leicht, und das ist ihm wirklich zu gönnen! Obendrein ist er auch berühmt geworden, weil jeder meinen Nappy kennt. Fein ist das, ich bin sehr stolz auf ihn.«

Fotos von Napoleon erschienen regelmäßig in den Zeitungen, denn die beiden Testpferde waren für alle am Pferdesport interessierten Menschen wichtig geworden. Die Welt wußte, daß das Schicksal der sieben unter Quarantäne stehenden berühmten Hengste von der Gesundheit dieser beiden Pferde abhing. Daher wurden jeden Tag Berichte über ihr Befinden bis in die fernsten Teile der Erde übermittelt. Bis jetzt lautete die tägliche Botschaft immer gleich: »Auch am 14. Tag keine Änderung im Wohlbefinden der Versuchspferde.« — »Keine Änderung am 15. Tag.« — »Keine Änderung am 18.«

Die dritte Woche ging dahin, und Henrys Optimismus stieg. »Nun raff dich auf, Alec«, ermunterte er seinen Freund. »Riskiere ein Lächeln! Alles kommt wieder ins Lot. Selbst der Tierarzt sagt, daß höchstwahrscheinlich alles in Ordnung ist. Wenn Napoleon oder sein Kollege infiziert worden wären, hätte es sich längst gezeigt. Aber sie sind vergnügt und munter. Napoleon ist übermütig wie ein Fohlen, sieh doch selbst!«

Alec beobachtete den alten grauen Wallach, wie er übers Feld galoppierte und sich dann genüßlich im hohen Gras wälzte. »Alles schön und gut, Henry«, sagte er. »Aber ich will völlige Sicherheit. Und das ist nicht eher der Fall, bis ich die Gesundheitsatteste von Blitz und Vulkan in der Hand halte. Erst dann kann ich wieder froh sein.«

Der Monat September näherte sich seinem Ende und verschönte die Laubbäume mit den flammenden Farben des Herbstes. Seit ihrer Ankunft auf der Staatsfarm war das Wetter gleichmäßig warm und trocken gewesen, und nirgends war ein Zeichen zu entdecken, daß es endlich einmal regnen würde. Wie nach jeder langen Trockenperiode brachten die Zeitungen Berichte über kleine Waldbrände, mit denen man im Norden und im Westen zu kämpfen hatte. Diese Berichte waren nicht dazu angetan, Alecs Unruhe und Furcht zu vermindern. Immer wieder betrachtete er die großen Wälder ringsum, wenn er bei Napoleon auf der Weide war, deren Gras die heiße Sonne mehr und mehr verdorren ließ.

Alec verbrachte täglich lange Zeit bei dem Wallach und beobachtete sein Verhalten genauer als jeder andere. Aber Napoleon blieb gesund; er war lebhafter als je zuvor. Hin und wieder folgte ihm Alec, wenn er auf dem schmalen, grün gebliebenen Grasstreifen weidete, der sich unmittelbar an der Waldgrenze des Weidegeländes hinzog. Bei dieser Gelegenheit entdeckte er einmal ein hölzernes Gattertor, das dicht von Schlingpflanzen überwuchert war. Er verweilte dort lange und überlegte, wohin die breite Schneise, die auf der anderen Seite des Gatters in den Wald geschlagen worden war, wohl fuhren mochte. Vielleicht traf sie hinten irgendwo auf den Weg, der ins Tal von Mountainview hinunter führte. Ebensogut konnte es sich aber um eine Sackgasse handeln, die an einem Farmhaus endete. Nun, was ging es ihn an? Er folgte Napoleon um die Krümmung, die das Weideland hier machte. Auch dort gab es noch ein Streifchen frisches Gras, das die sengende Sonne bisher verschont hatte.

Als der Oktober anbrach, gab sich Henry vollends seinem Optimismus hin. »Nur noch zweieinhalb Wochen, und wir sind auf dem Weg zu unserer Farm«, sagte er strahlend zu Alec. »Wir werden den Winter dort verbringen und zwei voneinander getrennte Koppeln für Blitz und Vulkan abzäunen. Es wird beiden guttun, auch über den Winter die meiste Zeit im Freien zu verbringen, wenn es das Wetter irgend erlaubt.«

»Nicht sehr weit von der Farm gibt es auch ein gutes College, Alec«, warf sein Vater ein. »Ich habe mich dieser Tage brieflich erkundigt; du kannst dort eintreten, selbst wenn das Semester schon begonnen hat.«

»Das klingt verlockend«, antwortete Alec interessiert, »da werde ich sicher …« Er verstummte jäh, und seine Augen wurden wieder teilnahmslos. »Ach, es ist ja noch zu früh, um Pläne zu schmieden«, fuhr er fort, »wir müssen noch siebzehn Tage hier überstehen.«

In der folgenden Woche wurden die Nächte kühl, doch die Tage blieben warm, und am unentwegt weiter wolkenlosen Himmel sah man immer noch kein Zeichen, daß endlich einmal Regen kommen würde.

»Ich wünschte jetzt wirklich, es würde mal regnen«, sagte Alec zu Henry. »Mir wird es langsam unheimlich zumute, wenn ich von all den Waldbränden ringsum höre. Die Farm hier wäre eine richtige Falle, wenn die Wälder in Brand gerieten.«

»Lade dir doch nicht unnötig noch eine neue Sorge auf«, erwiderte Henry vorwurfsvoll. »Es vergeht kein Jahr, ohne daß die Blätter um diese Jahreszeit über Waldbrände berichten. Wenn wirklich ein Waldbrand ausbricht, so wissen die Farmer und der Forstschutz damit fertig zu werden.«

Allmählich ging es jetzt in Mountainview und auf der Staatsfarm wieder lebhafter zu, denn jetzt, da die Testperiode kurz vor ihrem glücklichen Ende stand, kehrten die Besitzer und Trainer einer nach dem anderen zurück. Alle sprachen von den Rennen, die für das kommende Jahr in Aussicht standen, und Henry nahm eifrig an ihren Unterhaltungen teil. Aber Alec hielt sich abseits. Er zählte die Tage, die noch überstanden werden mußten.

Doch dann kam der heißersehnte letzte Tag! Am späten Nachmittag versammelte der Staatsveterinär die Besitzer, Trainer und Reporter auf der Veranda vor seinem Haus, um die Gesundheitsatteste auszuhändigen. Er begann seine Ansprache mit Dankesworten für die Anwesenden, weil sie soviel Geduld und Gemeinschaftsgeist bewiesen hatten. Nur Alec hörte ihm nicht zu; aufgeregt flüsterte er Henry ins Ohr: »Jetzt ist es überstanden! Darauf habe ich die ganze Zeit gewartet. Blitz und Vulkan sind gesund, Henry! Endlich können wir sie auf die Farm bringen. Laß uns gleich versuchen, ein paar gute Stuten zu kaufen, damit Blitz sie noch in diesem Winter belegen kann. Meinst du nicht, es wäre eine gute Idee, unverzüglich anzufangen?«

Henry sah ihn an und lachte. »Natürlich«, flüsterte er zurück. »Warum sollten wir warten? Allerdings müssen wir erst die richtigen Stuten finden.«

Der Veterinär rief jetzt Alecs Namen auf, und er ging hin, um die beiden Atteste in Empfang zu nehmen.

Kurz darauf entfernten sich die Männer, nachdem der Veterinär ihnen noch vorgeschlagen hatte, die Pferde gleich am nächsten Morgen abzutransportieren.

Sie gingen alle in den Stall, wo die Fotoreporter Aufnahmen machten. Napoleon war in die Blitz gegenüber befindliche Box gebracht worden, und Tony stand bei ihm. Alec winkte ihm schon von weitem mit den Attesten zu und rannte hin.

»Jetzt ist er ein Teil von Blitz und Vulkan«, sagte Tony mit stolzem Lächeln, als Napoleon den Jungen mit seinem dicken Kopf herausfordernd stupfte. »Siehst du, Alec, er weiß das! Doch jetzt muß er zurück an die Arbeit, das wird ihm gar nicht schmecken.«

»Tony«, sagte Alec, »ich möchte dich was fragen.« Der Straßenhändler hörte auf, Napoleon zu streicheln. »Was denn, Alec?«

»Du hast gesagt, Napoleon habe all sein Leben lang schwer gearbeitet, nicht wahr?«

»Ganz gewiß, das stimmt! Ich bekam ihn, als er drei Jahre alt war; jetzt ist er siebzehn! Also hat er insgesamt« — Tony zählte es an seinen Fingern ab — »vierzehn Jahre für mich gearbeitet.«

»Würdest du ihn da nicht gern zur Ruhe setzen?« Tony starrte Alec an. Anfangs wußte er nicht, worauf der Junge hinauswollte, aber allmählich fingen die kleinen Lichtpünktchen in seinen schwarzen Augen zu tanzen an. »Du meinst, Alec…, du willst…«

»Ich würde ihn gern auf die Farm mitnehmen, Tony. Aber er bleibt selbstverständlich dein Pferd. Dort würde er es bequem und schön haben für den Rest seines Lebens. Überdies wäre er eine große Hilfe für uns, weil er mit Blitz und Vulkan so gut auskommt. Was meinst du dazu?«

»Ich würde ihn natürlich sehr vermissen«, erwiderte Tony. »Aber wenn man ein Pferd so sehr liebt wie ich Nappy, dann muß man zuerst daran denken, was für das Pferd das Beste ist. Deshalb nehme ich dein Angebot gern an, Alec. Wie wundervoll für den alten Burschen, auf der Farm zu bleiben, sich auszuruhen und zu spielen, wenn er mag…«

»Aber du mußt mir versprechen, jedes Wochenende mit meinen Eltern zu uns herauszukommen. Das wirst du doch tun, wie?«

»Wenn du gedacht hast, mich davon abhalten zu können, euch und Nappy jede Woche einmal zu besuchen, dann hättest du dich geirrt! — Fahren wir jetzt gleich los?«

»Nein, erst morgen. Aber wir werden sehr früh aufbrechen, um vor Dunkelwerden auf der Farm einzutreffen. Gott sei Dank, Tony«, setzte er leise hinzu, »daß diese furchtbare Zeit jetzt hinter uns liegt.«

»Ja, alles ist vorbei. Jetzt können wir es vergessen!«

»So wollten wir’s halten — alles vergessen!« wiederholte Alec und streichelte Napoleons Maul, während Blitz hinter ihm aufwieherte, um Alecs Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

In der Falle!

Im Speisesaal des kleinen Gasthofs von Mountainview wurde diesen Abend ein Fest gefeiert. Von den vergangenen Wochen und der bedrückenden Furcht vor dem Sumpffieber sprach niemand mehr; der einzige Gesprächsstoff aller Pferdebesitzer und Trainer war die märchenhafte Schnelligkeit ihr er Pferde. Stunden um Stunden diskutierten sie über das Rennen, das nie gelaufen worden war — wie es wohl ausgegangen sein würde. Dann debattierten sie über die Möglichkeit, daß ihre Pferde im kommenden Winter in Florida gegeneinander laufen könnten, oder im nächsten Sommer, auf jeden Fall aber im nächsten Jahr, wenn auf der neuen Bahn bei Albany um den Internationalen Pokal gekämpft werden würde.

»Seid nicht so optimistisch«, hörte Alec Henry sagen. »Im Rennsport ist alles ungewiß. Niemand kann heute schon wissen, was in ein paar Monaten sein wird. Ich bin nicht dafür, vor der Zeit über Vulkans Rennchancen zu reden.«

»Und wie steht’s mit Blitz, Henry?« fragte jemand. »Du hast doch sicher Pläne mit ihm. Er muß richtig gearbeitet werden, wenn du ihn auf die Bahn bringen willst!«

»Alec will ihn zur Ruhe setzen«, gab Henry zurück. »Vulkan wird die Rennen für unseren Stall austragen.« Jim Neville verließ die Gruppe und trat zu Alec. »Alle haben ihre Vermutungen über das uns leider entgangene große Rennen geäußert, nur du nicht, Alec. Wie denkst du darüber?«

Alec zuckte die Achseln und antwortete: »Was kommt es denn jetzt noch darauf an, wer gewonnen haben würde? Ich habe lange Zeit überhaupt nicht mehr daran gedacht.«

»Sechs Wochen lang, wie?«

»Ja«, sagte Alec, »sechs schwere Wochen lang nicht! Es war nicht mehr wichtig und ist es jetzt auch nicht.«

»Selbstverständlich hast du damit recht«, stimmte Jim zu. »Aber jetzt, da die Gefahr vorüber ist, ist es ja nur menschlich und natürlich, zurückzudenken und den Versuch zu machen, zu erraten, was in einem Rennen dieser Art geschehen wäre.«

»Ich wäre ja sowieso nicht dabeigewesen«, erwiderte Alec.

»Hättet ihr tatsächlich Blitz streichen lassen?«

»Ganz sicher, Jim! Sie haben doch gesehen, was mit Kashmir passierte. Es wäre weder Blitz noch den anderen Hengsten gegenüber zu verantworten gewesen. Blitz ist nicht dazu erzogen.«

»Aber nehmen wir einmal an, er würde sich noch ändern?« Jim ließ nicht locker.

»Wir haben das alles gründlich überlegt und unseren Entschluß gefaßt«, erwiderte Alec ein wenig ärgerlich. »Ich will kein Rennpferd aus ihm machen, und dabei bleibt es, Jim! Die Gründe habe ich Ihnen ja schon auseinandergesetzt.«

»Jaja, ich weiß«, stimmte Neville zu. »Du könntest immerhin deinen Sinn geändert haben.«

»Ich bin im Gegenteil noch sicherer als zuvor, daß ich auf dem richtigen Wege bin«, sagte Alec entschieden.

Henry trat jetzt hinzu, und Jim Neville empfing ihn mit der Frage: »Auf der Rennbahn haben Sie mir einmal gesagt, daß Vulkan ohne jeden Zweifel das Internationale gewinnen würde, Henry. War das vor oder nach eurem Entschluß, Blitz für das Rennen streichen zu lassen? Das möchte ich gern wissen.«

Henry begegnete Alecs gespannt fragendem Blick. Daraufhin senkte er die Augen und sagte: »Was kommt’s darauf an? Sie stehen doch beide in unserem Stall.«

»Ganz gleich«, gab der Reporter zurück. »Mir fiel’s eben ein, und ich möchte es gern wissen! Erinnern Sie sich, daß Sie gesagt haben, Vulkan wäre zweifellos das schnellste Pferd auf der Bahn?«

»Richtig! Es war, ehe wir uns entschlossen, Blitz zurückzuziehen«, erwiderte Henry. »Dabei handelte es sich jedoch um meine eigene Meinung«, er sah Alec fest an, »nicht um seine.«

Jetzt kamen auch Herr Ramsay und Tony herbei; dadurch gelang es Henry, weiteren Fragen Jims zu entschlüpfen.

Nachdem das Fest zu Ende war, gingen Alec und Henry vor die Tür des Gasthofes. Die Nacht war klar, und ein lebhafter Wind wehte ihnen erfrischend in die erhitzten Gesichter. Sie setzten sich auf die Treppenstufen, und Alec sagte: »Wir werden Napoleon am besten mit zu Blitz in den Transportwagen stellen, nicht wahr, Henry?«

»Ja«, stimmte sein Freund zu. »Für Vulkan habe ich einen anderen Transporter mit Fahrer gemietet.«

»Und es bleibt, wie besprochen, wir fahren ganz früh los, ja?«

»Je früher , desto besser«, antwortete Henry, »denn es wird klug sein, Blitz aus dem Stall zu bringen, bevor die anderen ihre Pferde holen. Dann gibt es wenigstens keine unnötige Aufregung.«

»Es wird eine Erlösung sein, endlich von hier wegzukommen«, sagte Alec.

Henry lächelte. »Verstehe ich gut«, meinte er. »Aber du hast das alles von Anfang an viel zu schwer genommen; ich habe es dir ja gleich gesagt.«

»Damit hast du recht«, gab Alec zu. »Ich konnte nicht anders.«

Die Lampen waren schon alle gelöscht und die vielen Menschen in ihren Zimmern verschwunden, als ein Auto die Straße heraufkam. Es hielt vor dem Gasthof; ein Mann mit einem kleinen Handkoffer stieg aus. Alec und Henry rückten auf den Stufen zur Seite, damit er an ihnen vorbeikonnte.

»Guten Abend«, sagte Henry.

»Guten Abend«, grüßte der Mann ebenfalls, blieb stehen und deutete mit dem Finger nach Norden. »Dort ist ein neuer Waldbrand ausgebrochen! Ich bin heute nachmittag auf der Landstraße, die hier ins Tal führt, daran vorbeigekommen.«

Alec und Henry drehten die Köpfe in die angedeutete Richtung. Sie konnten einen schwachen rötlichen Feuerschein am Horizont erkennen. »Wie weit weg von uns war das denn?« fragte Henry besorgt.

»Na, so an 300 Kilometer! Hier haben wir nichts zu befürchten. Überdies hatten sie den schon unter Kontrolle.«

»Den…?« wiederholte Henry. »Waren da denn noch andere Brände?«

»Nein, so meinte ich’s nicht. Aber es ist immer bös, wenn monatelang kein Tropfen Regen gefallen ist und die Wälder so ausgedörrt sind. In der ganzen Gegend hier herum sieht es schlimm aus! Aber die Ranchbesitzer sind ja auf die Bekämpfung großer Brände eingerichtet, und sie sorgen schon dafür, daß sie sich nie allzu weit ausbreiten… Nun also — Gute Nacht!«

Nachdem der späte Gast verschwunden war, sagte Henry sarkastisch: »Ein wirklich erheiternder Zeitgenosse! So eine Meldung hat uns gerade noch gefehlt.«

»Mir gefällt der Gedanke nicht, einen Waldbrand so nahe zu haben«, meinte Alec. »Bisher waren alle Brände viel weiter weg.«

»Je nun, 300 Kilometer — nahe ist das ja gerade nicht.«

Alec schnupperte in die Luft. »Hoffentlich irrt er sich nicht mit seiner Schätzung. Diese Brände breiten sich oft sehr schnell aus. Mir kommt es so vor, als röche ich Rauch.«

Henry schnupperte ebenfalls. »Nein, ich rieche nichts. Übrigens sagte der Mann doch, daß sie den Brand bereits eingedämmt hätten.«

»Bei diesem starken Wind können Funken und glühende Asche über weite Strecken fliegen!«

»Du wirst mir keine Ruhe lassen, bevor wir mit Blitz und Vulkan endlich aus diesem Loch heraus sind«, knurrte Henry. »Vorwärts, laß uns jetzt zu Bett gehen.« Sie standen auf und gingen in ihr gemeinsames Schlafzimmer.

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Alec hatte keine Ahnung, wie lange er geschlafen hatte, als er plötzlich hellwach im Bett hochfuhr. Er griff nach dem Wecker, der auf dem kleinen Nachttisch neben ihm stand. Die Leuchtzeiger standen auf fünf Uhr; auf sechs war der Wecker eingestellt. Demnach hatte er noch eine Stunde Zeit.

Alec legte sich in die Kissen zurück und schloß die Augen, denn es gab keinen Grund, Henry jetzt schon zu stören. Im gleichen Augenblick wurde es ihm bewußt, warum er so plötzlich aufgewacht war: ein deutlicher Brandgeruch kam zum offenen Fenster herein! Das Feuer im Norden fiel ihm ein. Er setzte sich auf, und jetzt roch er es deutlich… Mit jedem Atemzug sog er den Rauchgeruch ein.

»Henry!« schrie er entsetzt, sprang aus dem Bett und schüttelte seinen Freund.

Erschrocken richtete sich Henry auf. »Eh? Was ist denn los, Junge?«

»Starker Brandgeruch! Der Wald brennt, wir müssen zu unseren Pferden!«

Henry schnupperte nur einmal — dann warf er die Decke von sich und ergriff seine Hosen. Alec, schon halb angekleidet, rannte ans Fenster. »In dieser Richtung ist es nicht«, rief er. Ihr Zimmer lag nach Osten.

»Es kann ja der Rauch von dem Feuer im Norden sein, den der Wind herüberträgt«, sagte Henry. »Von dem, das sie gelöscht haben, meine ich. Trotzdem, nichts wie los! Zu den Pferden!«

Sie waren schon im Flur, als Vater Ramsay und Tony die Tür des Nebenzimmers öffneten; auch sie waren bereits halb angezogen. »Wir haben dich rufen hören, Alec. Aus welcher Richtung kommt der Rauch?«

»Wir wollen eben nachsehen«, rief Henry, die Treppe hinunterstürzend. »Es wird gut sein, wenn Sie den Wirt und die anderen Gäste wecken.«

Als Alec Henry folgte, öffnete sich auch Jim Nevilles Tür; er rief hinter ihnen her, aber Alec hörte nicht hin.

Im Freien war der Geruch von brennendem Holz sehr intensiv. Das dunkle Rot eines ausgedehnten Waldbrandes beleuchtete den Himmel in westlicher Richtung. »Unsere Pferde!« schrie Alec mit sich überschlagender Stimme. »Das Feuer steht genau in Richtung der Farm!«

»Aber viel weiter hinten!« rief Henry. »Rasch, laß dir von deinem Vater die Wagenschlüssel geben.«

Der Junge rannte zurück. Als er die Stufen hinaufwollte, lief er Jim Neville in die Arme. »Komm mit, Alec, wir nehmen meinen Wagen!« rief Jim. »Er ist schneller.«

Alle drei setzten sich auf die Vordersitze, und der Reporter fuhr rasch davon.

Als sie die Brücke erreichten, sagte Neville erregt: »Unglücklicherweise kommt der Wind von Westen und treibt das Feuer direkt auf uns zu. Wahrscheinlich wird man es erst eindämmen können, wenn es das Tal erreicht!«

In Jims Worten lag Unheil, denn der Himmel vor ihnen wurde immer heller — und die Staatsfarm lag genau im Wege des von dem starken Wind getriebenen Feuers…

»Schneller, Jim! Wir müssen um jeden Preis früher dort sein als das Feuer!«

»Ich hole alles aus dem Motor heraus, was er hergibt!« versicherte der Reporter. Ohne die Geschwindigkeit zu mäßigen, schwenkte er von der festen Straße auf den sandigen Waldweg ab. Die Luft wurde wärmer und wärmer, je mehr sie sich der Front des Brandes näherten. Auch Rauchschwaden waren schon zwischen den Bäumen zu sehen, aber noch kein Feuerschein…

»Bis jetzt hat es den Stall noch nicht erreicht, dessen bin ich sicher!« rief Henry. »Schnell, Jim, bloß schnell! Wir schaffen es noch!«

Stoßend und springend jagte der Wagen durch den Sand. Als sie endlich nach links auf das letzte Wegstück einbogen, das unmittelbar zur Farm führte, hörten sie das Brausen des Feuers bereits unheimlich nahe. Und als sie die Farm erreichten, sahen sie es! Der große Fichtenwald hinter dem Stall begann gerade zu brennen. Flammen schossen an den Stämmen empor, bereit, alles zu verschlingen, was in ihrem Wege stand.

Die Blicke der drei im Wagen gingen von den Flammen weg zum Stallgebäude, aus dessen Tor die Pferde kamen, eines nach dem anderen.

»Sicher ist der Tierarzt drin mit seinen Gehilfen!« rief Henry.

Phar Fly kam als erster. In panischem Schrecken galoppierte er auf das geöffnete Tor des eingezäunten Weidestreifens zu. Avenger folgte ihm, und unmittelbar hinter ihnen kamen Cavaliere, Sea King und Kashmir.

»Aber sie können ja dort nicht weiter!« schrie Alec, als Jim den Wagen brüsk stoppte. »Dort werden sie vom Feuer eingeschlossen! Der einzige Ausweg ist der Weg, auf dem wir gekommen sind! Dorthin müssen wir Blitz und Vulkan und die anderen treiben.« Er sprang aus dem Wagen und rannte auf den Stall zu. Gerade kam Vulkan herausgestürmt mit geweiteten Nüstern, in der rauchgeschwängerten Luft verzweifelt schnaubend. Alec rief ihn an, aber der riesige Rappe stürzte an ihm vorbei den anderen nach auf die Weide. »Vulkan! Vulkan!« schrie Alec so lauter konnte; aber das Pferd beachtete die Rufe nicht. Jetzt verließ Napoleon den Stall, und Alec versuchte verzweifelt, ihm den Weg abzuschneiden; der alte Wallach war jedoch ganz verstört; er wich ihm aus und rannte den anderen nach auf die vom Feuer eingeschlossene Weide…

Als Alec den Stall betrat, sah er ein schweres braunes Pferd auf sich zukommen, in dem er das zweite Testpferd erkannte. Er packte es an dem Halfter und hielt es fest, bis Henry herzugesprungen kam. »Führe es auf den Weg, Henry, vielleicht findet es ins Tal!« sagte er hastig.

Drinnen war der Rauch noch dichter als draußen, und das Heulen des Feuers war schon fast über ihnen. Durch die Rauchschwaden sah Alec den Tierarzt und seine Helfer undeutlich hinten bei der letzten Box in der Reihe. Gleich darauf öffnete sich die Tür der Box und Blitz preschte laut wiehernd heraus, den Stallgang entlang. Alec stürzte auf ihn zu; er packte das Halfter mit beiden Händen und klammerte sich fest; aber Blitz rannte weiter und schleifte Alec mit.

In diesem Augenblick erreichte das Feuer das Stallgebäude.

Ein Rennen auf Leben und Tod!

Unmittelbar vor der Stalltür hielt Blitz abrupt inne, und Alec hörte Henry schreien: »Laß ihn los, ich habe ihn fest! Renn du zum Wagen! Schnell!«

Alecs Hände ließen jedoch das Halfter nicht los. Er mühte sich ab, wieder auf die Füße zu kommen.

Soeben kam der Tierarzt mit seinen Leuten aus dem Stall. Zurückblickend sah Alec bereits die Flammen aus dem Dach züngeln. Hinter dem Gebäude war alles, so weit man blicken konnte, ein die Augen blendendes Meer weißer, gelber und roter Flammen. Viele hundert Meilen weit war der Wald vom Feuer verschlungen worden, und jetzt trieb der Wind das Flammenmeer auf die Männer zu. Die ihnen entgegenwogende Luft war glühend heiß und trug Funken und brennende Holzteilchen mit sich. Alecs Gesicht stach und schmerzte, als er neben Blitz auf Jim Nevilles Wagen zurannte. Das Auto des Veterinärs schoß an ihnen vorbei, und die Insassen schrien ihnen zu, sich um Gottes willen zu beeilen. Plötzlich bäumte sich Blitz und stieß sein wildes Wiehern voll Haß und Drohung aus. Alec drehte sich um und sah die Rennpferde im Rudel um die Krümmung des Weidestreifens zurückgerast kommen. Einen Augenblick lang stieg ihm die Hoffnung auf, sie würden das Tor finden und den Weg erreichen, aber da wendeten sie in ihrer Todesangst wieder um und stürmten in der entgegengesetzten Richtung kopflos von dannen. Alec brüllte wie rasend: »Vulkan! Vulkan!« Doch der schwarze Hengst folgte den anderen.

Blitz wieherte wieder, und diesmal antwortete ein klägliches Angstwiehem seiner Herausforderung. Alec sah Napoleon von den anderen wegstreben und dann unentschlossen stehenbleiben. Seinen zerzausten Kopf schüttelnd, wieherte Blitz erneut.

Henry hielt ihn eisern fest und versuchte, ihn auf den Weg zu dirigieren. »Sieh zu, daß du ihn von hier wegbekommst, Alec! Uns bleiben nur noch wenige Minuten, bis das Feuer den Weg erreicht. Dann sind wir geliefert!«

Alec zog mit aller Kraft, um Blitz von der Stelle zu bringen. Aber Blitz rührte sich nicht. Er starrte Napoleon an. Plötzlich tauchte Vulkan an der Krümmung des Feldstreifens auf — allein, ohne die anderen. Seine riesige schwarze Gestalt bewegte sich unsicher, er schwenkte nach rechts, dann nach links, offensichtlich verzweifelnd einen Ausweg suchend. »Vulkan! Vulkan!« schrie Alec neuerdings, außer sich vor Qual. Wenn Vulkan doch nur das Tor finden und Napoleon ihm nachkommen würde! Jetzt war noch Zeit, das Feuer war noch nicht auf den Weg übergesprungen!

Doch Vulkan wich zurück, als er sich dem Tor näherte. Die furchtbare Hitze schlug ihm entgegen. Aufschreiend stürzte er in der Richtung Napoleons fort, und als er an ihm vorüberjagte, folgte ihm der alte Wallach. »Nein! Nein! Nein!« schrie Alec schluchzend.

»Großer Gott! Komm Alec, komm! Wir können ihnen nicht mehr helfen!« Henry zog und schob den Jungen und versuchte, ihn um Nevilles Auto herum zu bugsieren. »Laß Blitz vor dem Auto her galoppieren, wir kommen nach.«

Alec wandte sich noch einmal der riesigen Flammenfront zu. Der Stall sank gerade in sich zusammen, das ausgetrocknete Gras davor hatte bereits Feuer gefangen. Es konnte nur noch Sekunden dauern, dann war der Weg durch das Tor auf den noch passierbaren Fußweg für die Pferde endgültig verschlossen. Dann würden die Pferde vom Feuer eingekreist und dem Feuertod überantwortet sein…

War dieses grauenhafte Schicksal tatsächlich unausweichlich allen bestimmt, außer Blitz? Konnte er denn gar nichts für sie tun? Für Vulkan? Für den armen alten Napoleon?

Auf einmal kam ihm ein Gedanke. Gerade stieß Blitz wieder einen seiner furchtbaren Schreie aus, denn jetzt wurden die Baumkronen zu beiden Seiten des Weges von den Flammen erfaßt. Als flögen abertausend Feuerfliegen durch die Luft, stob ein Funkenregen hernieder. Die brennende Hölle streckte die Fänge nach ihnen aus und kam mit großen Sprüngen auf sie zu.

Schreiend bäumte sich der Hengst und zog Alec von Henry fort; dabei wendete er sich um, dem offenen Weideland zu. Außer sich griff Henry nach dem Jungen und jammerte: »Alec! Alec!« Aber Alec rannte neben dem Hengst her, packte die Mähne und schwang sich auf seinen Rücken. Blitz galoppierte davon, den anderen nach…

Henry rannte hinterher, stolperte und stürzte zu Boden. Da er aus eigener Kraft nicht wieder hochkam, packte ihn Jim Neville am Arm und schleifte ihn mit Gewalt zu seinem Wagen. Er redete auf ihn ein, aber das Heulen der Flammen war so laut, daß kein Wort zu verstehen war. Die Luft um sie herum schien ein einziges Flammenmeer, als sich Henry im Wagen neben Neville wiederfand. Er versuchte, die Tür zu öffnen, um hinauszuspringen, aber der Reporter hielt ihn fest und fuhr an. Als Jim ihn losließ, sah Henry nur noch Flammen um sich herum und über sich. Kraftlos fiel er in seinen Sitz zurück und barg, von Schluchzen geschüttelt, sein Gesicht in den Händen.

Alec duckte seinen Kopf in die Mähne des Hengstes, der ihn forttrug. Der Funkenflug und die Hitze waren kaum mehr zu ertragen. Er hielt Blitz nur so lange auf dem Weg, bis er in Schwung gekommen war; dann lenkte er ihn auf den Zaun des Weidelands zu. Der Hengst widerstrebte Alecs führender Hand nicht mehr; er sah den Zaun und streckte sich willig. Der Zaun war hoch, aber Alec wußte, daß Blitz ihn nehmen konnte. Er munterte ihn noch einmal auf, dann überließ er ihm das Tempo. Die mächtigen Muskeln spannten sich, er nahm einen Anlauf; Alec paßte seinen Körper der Bewegung des Hengstes an, und sie flogen über das Hindernis.

Blitz landete sicher auf der anderen Seite und fiel sofort wieder in Galopp, noch ehe Alec sich aufgerichtet hatte. Jetzt waren sie auf der Weide, und das Feuer war hinter ihnen! Der Gedanke, der Alec plötzlich gekommen war, hatte ihm eine Möglichkeit zur Rettung der Pferde gezeigt. Alles kam darauf an, ob Blitz schneller sein würde als die Flammen!

Alec sah Napoleon an der Krümmung der Weide stehen, aber er hielt nicht auf ihn zu, sondern lenkte Blitz an den Zaun, der die Weide vom Wald abgrenzte. Hier irgendwo hatte er damals das von Schlingpflanzen überwucherte Gattertor entdeckt, hinter dem eine breite Schneise durch den Wald führte. Das war es, was ihm plötzlich in den Sinn gekommen war, als er sah, daß es keinen Ausweg mehr für die vom Feuer eingekreisten Pferde gab. Das verborgene Tor hatte ihn zu dem Wagnis veranlaßt, umzukehren!

Da war das Tor, dicht vor der Krümmung der Weide. Er verlor kostbare Sekunden damit, die Latten von dem dichten Gewirr der Schlingpflanzen zu befreien, aber er schaffte es. Dann warf er Blitz’ gewaltigen Körper gegen das Tor. Latten splitterten, das Tor sprang auf; die breite Schneise lag vor ihnen! Wie sehr wünschte er jetzt zu wissen, wohin sie führte, ob ins Tal, ob auf die Fahrstraße, oder ob es eine Sackgasse war? Er bedauerte bitter, nicht ein einziges Mal dort entlang gegangen zu sein, denn jetzt hing ihrer aller Leben — das seine wie das der Pferde! — davon ab, wo diese im Augenblick noch nicht von den Flammen erfaßte Gasse durch den brennenden Wald mündete.

Doch das würde sich zeigen. Nun mußte gehandelt werden. Er wendete Blitz auf Napoleon zu, der aufwieherte, als er seinen großen Freund kommen sah. Aber er blieb verängstigt auf der Stelle stehen. Alec hielt Blitz neben dem Wallach an, griff nach dessen Halfter und führte ihn zum Tor. Der Graue wehrte sich gegen Alecs Griff, als die Hitze schlimmer wurde, denn jetzt hatte auch das dürre Gras nur hundert Meter von dem Tor entfernt Feuer gefangen. Es gelang Alec, Napoleon festzuhalten, bis sie das Tor erreicht hatten, dann trieb er ihn mit einem festen Klaps auf die Keulen an, vorwärts zu laufen. Es war jedoch nicht mehr nötig, den Alten zur Eile anzuspornen, denn als er die Schneise sah, lief er sogleich darauf zu und in ihr weiter. Blitz wollte ihm folgen, und den Bruchteil einer Sekunde zögerte Alec, denn auch in der Schneise flogen bereits Funken und brennende Holzteilchen, die Vorboten des Feuers, und hinter ihm schwoll das grauenhafte Brausen der Flammen an. Er brauchte sich nicht umzusehen, denn seine Ohren verrieten ihm, daß das Feuer unaufhaltsam näher kam. Nur noch wenige Minuten, und die Schneise würde ebenfalls ein Flammenmeer und nicht mehr passierbar sein. Würde ihm noch Zeit genug bleiben?

Im gleichen Augenblick, da er sich die Frage stellte, warf er Blitz entschlossen herum, denn — Vulkan war bei den anderen. Und Vulkan war sein Pferd — er wollte, nein, er konnte es nicht hilflos dem Flammentod preisgeben!

Er stachelte Blitz zu größerer Schnelligkeit in Richtung der Krümmung, hinter der die anderen Hengste waren. Sobald Blitz sie erspäht hatte, brauchte Alec ihn nicht mehr anzutreiben: er raste auf Vulkan los, der am äußersten Ende des Feldes ziellos umherrannte. Vor ihm her liefen die anderen, zitternd vor Furcht, in kurzen, irren Anläufen erst in der einen, dann in der anderen Richtung vergeblich einen Ausweg suchend.

Im vollen Galopp stieß Blitz sein herausforderndes Wiehern aus, erfüllt von Trotz. Alec spürte, daß er beim Anblick der Hengste das Feuer fast vergessen hatte. Er lenkte den Wutschnaubenden auf Vulkan zu in die entfernte Ecke, denn sein Plan war, alle am Zaun entlang bis zu dem offenen Tor zu treiben.

Sogar hier, einige hundert Meter vom Feuer entfernt, war die Luft so heiß, daß sein Gesicht und seine Augen schmerzten. Er sehnte sich, die Augen zumachen zu können, aber er durfte es nicht, denn jetzt jagte Blitz in wildem Tempo auf Vulkan los mit der Absicht, ihn anzugreifen.

Als er nur noch wenige Meter von Vulkan entfernt war, richtete sich Alec auf, vollführte wilde, fuchtelnde Bewegungen mit den Armen in der Luft und schrie aus voller Lungenkraft. Einen Augenblick stand Vulkan unentschlossen still; dann stürzte er hinter den anderen her in der gewünschten Richtung am Zaun entlang.

Blitz schwenkte herum und jagte hinterdrein, aber Alec drängte ihn gegen Cavaliere, der Miene machte, aus der Gruppe auszubrechen. Blitz schrie wild auf und wandte sich dem braunen Hengst zu. Alec fühlte die Wut in dem riesigen Körper. Doch selbst, wenn er es vermocht hätte, würde er nichts unternommen haben, sie zu dämpfen. Denn es war Blitz’ Zorn auf die anderen Hengste und deren Furcht vor ihm, die es ihm ermöglichten, sie zu dem Tor zu treiben.

Die Gruppe der dicht nebeneinander galoppierenden Pferde löste sich auf, als sie die wachsende Glut des Feuers spürten. Sie stürzten vom Zaun weg, und Alec wandte seinen Hengst ihnen nach. Avenger brach am weitesten aus, doch Alec schnitt ihm den Weg ab. In seiner Begierde, sich auf diesen nun leicht greifbaren Gegner stürzen zu können, schwenkte Blitz so plötzlich herum, daß Alec das Gleichgewicht verlor. Sein Herzschlag setzte aus vor Schreck; entsetzt klammerte er sich mit den Händen an die Mähne seines Pferdes und vermochte sich wieder zurechtzusetzen. Ihm war nur zu gut bewußt, daß er Blitz keinesfalls hätte wieder einfangen können, wenn er heruntergestürzt wäre.

Wieder rannten die Pferde am Zaun entlang, und Alec vermochte Blitz etwas von der Gruppe zurückzuhalten. Die Luft wurde jetzt zu heiß zum Atmen. Alecs Kehle war wie zugeschnürt; er konnte auch nicht mehr schlucken. Das Brausen des Feuers übertönte sogar das Donnern der Pferdehufe.

Blitz schrie — aber diesmal war es kein Schrei des wilden Trotzes und der Herausforderung zum Kampf mehr, sondern ein Schrei der Angst und des Grauens.

Sie befanden sich unmittelbar vor dem Tor, als Alec entdeckte, daß das Gras davor bereits in Flammen stand. Und sie mußten hindurch, um auf die Schneise zu gelangen…

Die Pferde schwenkten nach rechts daran vorbei, aber Alec trieb Blitz rücksichtslos zwischen sie. Aufschreiend vergaß der Hengst im Gedränge der schweren Körper noch einmal seine Angst vor dem Feuer. Einige Sekunden lang krachten Hufe gegeneinander, und mit gebleckten Zähnen fuhren die halb wahnsinnigen Pferde aufeinander los, um freie Bahn zu bekommen. Alec versuchte mit der Kraft, die die Todesangst verleiht, Blitz’ Kopf hierhin und dahin zu dirigieren, damit er sich nicht in ein Pferd verbiß, sondern immer wieder auf ein anderes hingelenkt wurde. Plötzlich sah Alec erleichtert Sea Kings grauen Körper aus der durcheinanderquirlenden Herde herausstürzen und mit einem schnellen Sprung über den brennenden Streifen hinwegsetzen. Avenger folgte ihm, und Alec, alle Kraft zusammennehmend, trieb Blitz gegen die anderen. Phar Fly sah Avenger durch das offene Tor jagen und sprang ebenfalls über das Feuer. Cavaliere und Kashmir waren die nächsten, die folgten. Jetzt war Vulkan allein Blitz’ wütenden Angriffen ausgesetzt. Er hob sich auf die Hinterhand, und Blitz tat dasselbe. Alec spürte die furchtbare Gewalt der schweren Körper, als sie gegeneinanderprallten und verlor fast den Halt, als sie mit den Vorderhufen wieder zur Erde kamen. Blitz stieß vor, um den Angriff zu wiederholen, aber da wirbelte Vulkan plötzlich herum, übersprang den brennenden Grasstreifen und galoppierte durch das Tor davon.

Vor Zorn aufschreiend folgte ihm Blitz.

Der Schrei, den Alec vor Erleichterung ausstieß, als er seine Pferde nun endlich dort hatte, wo er sie hatte hinbringen wollen, erstarb ihm in der Kehle, denn die Wipfel der die Schneise flankierenden Bäume hatten mittlerweile auch Feuer gefangen. Am Boden war die Schneise noch frei, doch war es nur noch eine Frage von Sekunden, bis die lodernde Hölle auch hier losbrechen würde.

Vulkan galoppierte mit mächtigen Sprüngen, um die anderen, mehr als hundert Meter vor ihm befindlichen Pferde einzuholen. Alle stürmten mit voller Kraft dahin; ihre Furcht vor Blitz hatte sich mit ihrem Entsetzen vor dem Flammenmeer vereinigt und trieb sie zu äußerster Kraftentfaltung an.

Rings um Alec herum züngelte und sprang die feurige Lohe von einem Baum zum anderen. Das Heulen und Brausen der Flammen war so gewaltig, daß er nichts mehr hörte, sondern wie in lautloser Stille dahinflog. Alles war unwirklich, ein Nachtmahr, ein Alptraum… Selbst die dort vorn galoppierenden Pferde wirkten wie Phantome, die durch den einem dichten Nebel gleichenden Rauchschleier sausten.

Aber unter ihm arbeiteten die enormen Muskeln seines Hengstes. Dies alles war doch Wirklichkeit! Der Wettlauf mit dem Feuer!

Schnaubend streckte sich Blitz in seinen gewohnten, raumgreifenden Galoppsprüngen. Vorderhand gewann er Vulkan gegenüber noch nicht an Boden. Alec spornte ihn auch nicht an. Er wußte genau, daß Blitz seine Höchstgeschwindigkeit noch nicht erreicht hatte und sie erst einsetzen würde, wenn er von sich aus seine Zeit für gekommen hielt. Das Feuer mußte niedergerannt werden, nicht Vulkan oder die anderen Pferde! Das einzige, was zählte, war, daß Blitz den Flammen entkam. Das Schicksal hatte entschieden, daß dies die Zeit und der Ort waren, das Große Internationale Rennen zwischen den besten Pferden der Welt auszutragen. Das Schicksal hatte einen furchtbaren Starter gestellt: DAS FEUER! Allein die Schnelligkeit der sieben Renner entschied über ihr Leben oder ihren Tod!

Plötzlich zerriß ein furchtbares Krachen unmittelbar hinter ihnen die Luft. Alec hatte das Gefühl, sein Trommelfell wäre geplatzt; Blitz schoß in meterlangen Sätzen vorwärts vor Schreck. Hinter ihnen waren mehrere brennende Bäume zu Boden gestürzt. Auch die Schneise war jetzt dort zum Flammenmeer geworden.

Alec spürte, daß Blitz sogleich sein Äußerstes einzusetzen begann. Es handelte sich nicht mehr darum, Vulkan einzuholen; sein Zorn auf die anderen Hengste war vergangen; nur die Furcht vor den Flammen, die ihn verschlingen wollten, war wach. Mit dem Wind, der ihnen das Feuer nachtrieb, lief er jetzt um die Wette. Er holte mehr und mehr auf. Als Vulkan die anderen einholte, war Blitz dicht hinter ihm. Und beide vereint rannten nun gegen den Wind, gegen das Feuer und gegen die schnellsten Rennpferde der Welt.

Plötzlich bog die Schneise in einem so spitzen Winkel nach links, als führe sie in derselben Richtung zurück, wieder auf das Feuer zu. Die Pferde, die am weitesten vorn liefen, schrien in Todesängsten auf, als Hitze und Flammen über ihnen zusammenschlugen. Die Luft war erfüllt von brennenden Fichtenzapfen und Zweigen, die beim Niederprasseln die Pferdeleiber versenkten. Blitz schrie und wurde langsamer angesichts der Hölle vor ihnen. Aber ein Zurück gab es nicht — er folgte Vulkan.

Von Furcht gelähmt, beobachtete Alec die an der Spitze laufenden Pferde. So lange sie weiterstürmten, war es das Zeichen, daß die Schneise vor ihnen noch passierbar war — sobald sie stoppten und wendeten, bedeutete dies das Ende für alle…

Mit der gleichen Plötzlichkeit wie vorher bog die Schneise von neuem ab, und Alec schrie vor Schrecken auf, als er sah, daß sich die Pferde von dem in Flammen stehenden Weg entfernten. Doch als Blitz seinem Sohn um die neue Biegung folgte, lag die Schneise vor ihnen wieder frei, nur noch mit einem Baldachin von springenden Flammen über ihren Köpfen. Zu seiner Linken sah Alec die geteerte Fahrstraße parallel mit der Schneise laufen. Nun gab es keinen Zweifel mehr — sie würden bald das Tal erreichen und gerettet sein!

Blitz schrie wieder, als ein glühender Fichtenzapfen auf seine Kruppe fiel, er vergrößerte seine Schnelligkeit. Wenige Galoppsprünge vor ihnen hatte Vulkan jetzt Cavaliere eingeholt und ließ ihn sogleich hinter sich. Blitz schob sich neben Cavaliere, aber nur eine Sekunde lang konnte der braune Hengst das Tempo halten, dann fiel er zurück. Vulkan lief jetzt auf gleicher Höhe zwischen Kashmir, Sea King und Phar Fly, während Avenger noch eine Länge Vorsprung hatte. Sein kleiner Körper flog dahin, fast als berührten seine Hufe den Boden nicht.

Alec wandte den Kopf und sah die Flammen gleißend hinter Cavaliere aufrauschen und sich zusammenschließen; dann blickte er wieder nach vorn. Dichter und dichter schob sich Blitz an die vor ihm galoppierende Gruppe heran, und in derselben Sekunde, da er sie eingeholt hatte, schob sich Vulkan langsam an Avenger vorbei.

Unvermittelt stieß Blitz wieder einen seiner furchterregenden Schreie aus, und Alec fühlte, wie er sich unter ihm spannte. Seine Sprünge wurden noch gewaltiger — er ging an Avenger vorbei und schob sich nun langsam auch an seinen jetzt die Spitze haltenden Sohn heran.

Vulkan schrie jetzt ebenfalls; einen Augenblick lang sah es aus, als wolle er sich auf seinen Vater stürzen. Statt dessen beschleunigte er seine Sprünge noch; offensichtlich hatte er den Ehrgeiz, sich von Blitz nicht einholen zu lassen. So stürmten sie Meter für Meter dahin; nun war es tatsächlich ein Kampf zwischen Vater und Sohn geworden, und beide gaben ihr Äußerstes her.

Alec war es, der jetzt einen Schrei der Erlösung ausstieß, denn vor ihnen endete der Wald und damit die Todeszone, und weithin streckte sich das freie Tal! Sie hatten das Feuer geschlagen! Sie waren schneller gewesen als der Wind! Alec sah sich nochmals nach den anderen Pferden um. Ja, sie würden es schaffen! Alle! Cavaliere war am weitesten zurück und den Flammen am nächsten, aber erreichen würden sie ihn nicht mehr. Nur noch hundert Meter, und sie waren in Sicherheit.

Alec blickte zu den rettenden freien Feldern vor ihm, dann auf Vulkans schweren Körper neben sich. Hals an Hals flogen Blitz und sein Sohn dahin! Alec beugte sich tief auf Blitz’ Genick. Beide Hengste schrien wieder, als ihre Nasen die frische Luft von den Feldern her witterten. Vulkans Ohren lagen flach an, als er den Kopf im Rennen streckte, so weit er konnte. Aber Blitz gewann die Oberhand. Zentimeter für Zentimeter schob er sich an Vulkan vorbei, bis seines Sohnes vorgestreckter Kopf in der Höhe seiner Hinterhand zurückblieb…

Und so war Blitz mehr als eine Länge vor Vulkan, als sie aus dem Wald herauskamen und die Böschung hinabflogen in die sichere Zone des Tales — gerettet!

Die »Farm der Hoffnung«

Fest umklammerten Henrys schwielige Fäuste das Lenkrad seines Transporters, das er dicht hinter Herrn Ramsays Auto hielt. Gewichtig saß er da auf seinem Sitz, mit seinem runden Schädel tief zwischen den hohen Schultern. Seit sechs Stunden waren sie unterwegs. Er hatte in dieser Zeit wenig mit Alec gesprochen, obwohl er ihn sehr oft angesehen und seinen Gesichtsausdruck studiert hatte, ehe er dann wieder geradeaus auf die Landstraße blickte. Alecs Wimpern und Augenbrauen waren versengt, und sein roter Haarschopf hatte wegen der abgebrannten Spitzen noch kürzer als gewöhnlich geschnitten werden müssen. Im Gesicht hatte er mehrere rote Flecken an den Stellen, wo es von umherfliegenden Funken getroffen worden war. Doch nur wegen der Verbrennungen an seinen Händen hatte er ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen müssen; sie waren dick bandagiert.

Alec hatte Henrys forschende Blicke längst wahrgenommen, aber er ließ sich nichts anmerken. Ab und zu streckte er den Kopf zum Fenster der Fahrerkabine hinaus, um Tonys Winken vorn aus dem Wagen seines Vaters zu erwidern, oder um den ihnen folgenden Transporter zu beobachten, in dem sich Vulkan befand. »Jetzt nur noch wenige Kilometer!« sagte er aufgeregt, als sie von der großen Überlandstraße abbogen und dem Wagen seines Vaters einen steilen Hügel hinauf folgten.

»Jaja!« brummte Henry zustimmend und sandte wieder einen forschenden Blick zu Alec hinüber. Dann sprach er endlich, um zu erfahren, was ihn schon lange bedrückte: »Willst du mir wirklich nicht erzählen, wie eure Flucht vor dem Feuer im einzelnen verlaufen ist?«

Alec rutschte unruhig auf seinem Sitz hin und her. »Was soll ich dir denn da noch groß berichten, Henry? Gottlob hatte ich früher einmal zufällig die durch den Hochwald geschlagene Schneise entdeckt; zu unserem Glück führte sie ins Tal hinunter. Aber das wußte ich nicht. Ich nahm nur an, daß sie einen Ausweg bieten würde. Nun, und jetzt — Blitz und Vulkan sind gerettet — , wir haben sie bei uns, und bald werden wir alle zusammen in unserer neuen Heimat sein. Was wollen wir mehr?«

Henry warf einen Blick in den Rückspiegel, dann sagte er ruhig: »Sicher, sicher, darüber bin ich ebenfalls unsagbar froh! Im Grunde ist es das einzige, was wichtig ist, selbstverständlich! Aber…« Er verstummte, offenbar unentschlossen, und fuhr dann fort: »Weißt du, es ist bloß, weil ich euch flüchtig gesehen habe, als ihr euch dem Weg, auf dem wir fuhren, nähertet… Wir waren weiter voraus, und ich konnte nichts Genaues erkennen; der Waldstreifen zwischen dem Weg und der Schneise nahm mir die Sicht… Natürlich kam es in jenen furchtbaren Minuten einzig und allein darauf an, daß du dich und die Pferde aus dem brennenden Wald herausbrachtest — und daß dir das gelang, ist das einzige, was wirklich zählt. Aber als ich euch plötzlich sah — dich auf Blitz und die anderen Pferde vor dir — , fiel mir auf einmal ein, daß das große Rennen um den Internationalen Pokal auf diese Weise und allem zum Trotz nun sozusagen doch noch gelaufen wurde…« Henry machte tief aufatmend eine Pause. »Ob das stimmt, weißt nur du. Willst du es mir nicht sagen?«

Alec blieb stumm, während Blitz drinnen im Wagen ungeduldig mit den Hufen gegen die Wände schlug und Napoleon wieherte.

»Du brauchst selbst verständlich nicht darüber zu reden, wenn es dir widerstrebt«, schloß der alte Trainer leise.

Alec wandte sich zu dem kleinen Fenster um, durch das man ins Innere des Wagens sehen konnte, streckte seine verbundene Hand hindurch und streichelte Blitz. »Gut, Henry«, sagte er dann. »Was möchtest du wissen?« Sein Freund drehte sich zu ihm um; Alec sah die kleinen Lichter in Henrys grauen Augen tanzen. »Vulkan galoppierte hinter den anderen her, als ich den flüchtigen Blick auf euch erhaschte…, hat er einige von ihnen überholt?«

»Ja, das hat er, Henry!«

»Glaubst du demnach, daß er sie in einem Rennen geschlagen haben würde?«

»Er hat sie geschlagen, Henry!«

»Willst du damit sagen, daß er den ganzen großen Vorsprung, den sie hatten, wettgemacht hat?«

Alec nickte.

»Ich war überzeugt, daß er dazu imstande sein würde«, sagte der Trainer mit großem Stolz. Gleich darauf trübte sich jedoch sein Gesicht, und gedankenverloren blickte er in den Rückspiegel nach dem Transporter mit Vulkan.

Alec beobachtete ihn und wußte genau, woran er dachte, nämlich: ob Blitz imstande gewesen war, Vulkan einzuholen? Und wenn: ob Blitz seinen Sohn etwa geschlagen hatte? Der Junge verstand des alten Mannes Freude und Stolz auf Vulkan, den er soweit gebracht hatte und über alles liebte. Die Furcht, er könnte unterlegen sein, stand deutlich in seinem gefurchten Gesicht geschrieben.

Nach langer Zeit wagte Henry die zögernde Frage: »Ist es Blitz ebenfalls gelungen, die anderen zu überholen?« Er preßte die Lippen fest aufeinander vor Spannung. »Ja, auch Blitz hat alle anderen überholt.«

Wiederum leuchtete Henrys Gesicht auf, als er sagte: »Donnerwetter! Das war eine Leistung! Er hatte ja schließlich noch dein Gewicht zu tragen!« Hastig fügte er hinzu: »Ein viel zu großes Handicap für ihn, als daß er auch Vulkan noch hätte überholen können…«, er sah Alec fast flehend an, »… nicht wahr?«

»Nein, Henry«, antwortete Alec ohne zu zögern, »nein, Vulkan hat er nicht überholt, das war unmöglich.« Henry seufzte tief auf; sein Gesicht strahlte. »Wir haben tatsächlich die besten Pferde der Welt, Alec!« sagte er feierlich. »Es wird nie bessere geben als diese zwei, das wissen wir jetzt!«

Während sie Herrn Ramsays Wagen zur Kuppe des Hügels folgten, plauderte Henry froh erregt von ihren Zukunftsplänen und den Pferden, die sie züchten wollten. Alec lehnte sich in seinen Sitz zurück, zufrieden in dem Bewußtsein, daß nur er allein von Blitz’ überlegener Schnelligkeit wußte. Tatsächlich! Kein Mensch hätte es für möglich halten können, daß sich Blitz trotz eines solchen Handicaps Vulkan überlegen gezeigt und ihn hinter sich gelassen hatte — aber es war ihm geglückt! Blitz hatte seinen Sohn mit einer Länge geschlagen. Er war das schnellste Pferd der Welt, Sieger im heimlich ausgetragenen Rennen um den Internationalen Pokal! Seine Schnelligkeit hatte ihrer aller Leben gerettet.

Von der Kuppe des Hügels aus konnten sie kurze Zeit ihr Tal mit der Farm unten liegen sehen wie einen Edelstein in der sich weit hinstreckenden wellenförmigen Landschaft. Beim Abwärtsfahren nahmen ihnen die Tannen und Fichten zu Seiten des Weges wieder die Sicht. Am Fuße des Hügels führte der Weg durch fruchtbare Felder. Ein breiter Fluß floß durch das Tal; sie überquerten ihn auf einer überdachten Holzbrücke. Auf der anderen Seite fuhren sie nach rechts am Flußufer entlang.

»Und jetzt heißt es erstklassige Stuten beschaffen«, sagte Henry ohne Übergang. »Sie sind ebenso wichtig wie ein guter Deckhengst, den wir ja mit Blitz haben. Denn der Hengst bedeutet ja nur die eine Hälfte der Erbmasse; daran muß man immer denken.«

»Wir werden mit größter Vorsicht zu Werke gehen, Henry«, antwortete Alec. »Erst wenn wir sicher sind, die richtigen Stuten gefunden zu haben, werden wir kaufen.«

»Es werden auch nicht alle Fohlen Spitzenpferde sein wie Vulkan, dessen bist du dir doch bewußt?« fuhr Henry fort. »Wahrscheinlich werden wir viele Enttäuschungen hinnehmen müssen, Alec. Ein leichtes Geschäft ist die Pferdezucht nicht.«

»Das ist mir klar, Henry«, gab der Junge zurück. »Aber es ist das, was wir uns gewünscht haben, nicht wahr?«

»Das ist es, das stimmt!« bestätigte der alte Trainer. Sie gelangten jetzt an einen weißen Holzzaun, der ein Stück weit neben dem Fahrweg herlief, und nach einer Biegung hinaus auf weite Wiesen führte. Henry lächelte, und Alec sagte durch das kleine Fenster zu Blitz: »Jetzt sind wir zu Hause, mein Junge!«

Vater Ramsay stoppte seine Wagen. Tony sprang hinaus und öffnete ein breites Tor. Vor ihnen lag die Einfahrt zur Farm der Hoffnung mit all ihren großen Erwartungen für die Zukunft!

Sie fuhren den von hohen alten Bäumen flankierten Anfahrtsweg entlang, an dessen Ende ein kleines Wohnhaus stand. Alec und Henry sahen aber nur das stattliche rote Stallgebäude an, das sich rechts vom Haus lang hinstreckte.

Blitz wieherte hell, und Alec wandte sich ihm zu, während Henry feierlich sagte: »Fortan keine Rennen mehr für ihn! Doch bald werden seine Nachkommen auf der Rennbahn laufen! Mögen sie ihm alle ähnlich werden — so wie Vulkan!«

Blitz schob seinen Kopf durch das kleine Fenster, und Alec preßte seine Wange liebevoll an ihn.

1Deutsch von Marga Ruperti