Hewlett-Packard

14.

Voller Hoffnung und Zuversicht folgte Beatrice Yassir nach Beendigung der Gebetszeit zur Bibliothek. Doch als sie dann diesen Raum betrat, traf sie fast der Schlag.

Sie stand in einer riesigen Halle. Mindestens fünfzig, vielleicht sogar noch mehr schlanke Säulen aus hellgrauem Stein stützten das hohe Deckengewölbe. Und überall standen Regale - Regale, Regale und noch mehr Regale, so weit das Auge reichte. Sie waren meterhoch und bis zum Bersten angefüllt mit Büchern, Schriften und Pergamentrollen. Beatrice schnappte mühsam nach Luft. Was hatte sie in ihrer bodenlosen Einfalt geglaubt? Sie würde hier etwas mehr als hundert Büchern gegenüberstehen? Das mussten weit über tausend sein. Diese Bibliothek hätte sich spielend mit jeder beliebigen Universitätsbibliothek des 21. Jahrhunderts messen können. Und dabei war Gazna nichts als ein Provinznest.

Ein kleiner, schmächtiger Mann in einem knöchellangen hellgrauen Gewand eilte ihr entgegen. Seine Lederpantoffeln schlurften dabei über den dunkelgrauen Boden, sodass es klang, als würde er die großen Steinfliesen mit feinem Schleifpapier bearbeiten.

»Willkommen, willkommen, welch eine Freude, ein neues Gesicht!«, rief er aus. »Ein junges Gesicht, ein sehr junges sogar, wie ich sehe. Der Friede Allahs sei mit Euch. Ich vermute, Ihr seid ...«

»Ich bin Saddin al-Assim ibn Assim«, antwortete Beatrice und verneigte sich höflich. Sie wusste nicht so recht, was sie von dem kleinen Mann halten sollte. Seine Stimme klang so übertrieben fröhlich, wie Beatrice es eigentlich nur von manisch-kranken Patienten kannte.

»Seid gegrüßt, seid gegrüßt«, erwiderte der Mann und verneigte sich ebenfalls. »Mein Name ist Reza. Ich bin der Bibliothekar.«

Beatrice war nicht überrascht, das zu hören. Sein Gesicht war voller Runzeln und hatte fast die gleiche graue Farbe wie sein Haar, sein Gewand und die Kappe auf seinem Kopf. Er sah aus, als wäre er nicht einfach nur der Bibliothekar, er schien geradezu ein Teil der Bibliothek zu sein, geschaffen aus dem gleichen hellgrauen Stein wie die Halle. War das nur ein Zufall, oder gab es hier in dieser Halle giftige mineralische Stäube, die nicht nur Haut, Haar und Kleidung färbten, sondern durch Inhalation, zum Beispiel beim regelmäßigen Abstauben der Bücher, auch schädigende Einflüsse auf die Psyche hatten? Ausgeschlossen war es nicht.

Der klassische Fall einer umweltmedizinischen Erkrankung, dachte Beatrice. Wenigstens lächelt dieser Reza freundlich.

»Gefällt sie Euch?« Er deutete mit der Hand empor und beschrieb mehrere Kreise in der Luft. »Die Bibliothek, meine ich.«

»O ja«, antwortete Beatrice und fragte sich, ob sie tatsächlich so verwirrt und desorientiert aussah, wie sie sich gerade fühlte. »Ich muss gestehen, ich bin überrascht. Die Bibliothek ist wirklich sehr groß.«

»Nun ja.« Er trat so rasch von einem Fuß auf den anderen, dass es aussah, als ob er hüpfen würde. Es war ihm deutlich anzumerken, wie geschmeichelt er sich fühlte. »Natürlich lässt sich die Bibliothek hier in Gazna nicht mit denen in Bagdad und Damaskus vergleichen. Oder gar Jerusalem!« Er rieb sich die Hände, und ein eigenartiges gieriges Funkeln trat in seine Augen, so als ob er sich gerade die Frage stellen würde, ob es nicht an der Zeit wäre, Subuktakin einen Eroberungsfeldzug vorzuschlagen, um endlich die Bibliothek von Jerusalem plündern zu können. »Wir geben uns Mühe, und die Zahl der hier aufbewahrten Bücher steigt fast wöchentlich. Unser Herr und Gebieter, der edle Mahmud ibn Subuktakin, Beschützer der Gläubigen - Allah möge ihn segnen und ihm ein langes und erfülltes Leben schenken -, unterstützt uns dabei nach Kräften.« Er räusperte sich und trat nahe an Beatrice heran. Sehr nahe. Ein eigentümlicher Geruch wie von feinen Metallspänen ging von ihm und seiner Kleidung aus und bestätigte Beatrices Vermutung. Seine Stimme senkte sich zu einem verschwörerischen Flüstern. »Ihr habt nicht zufällig ein paar Bücher aus Eurer Heimat mitgebracht, die Ihr unserer Bibliothek zur Verfügung stellen wollt? Allah wird Eure Spende segnen und Euch ein langes Leben und viele Nachkommen schenken.«

»Nein, leider habe ich gar keine Bücher bei mir«, erwiderte Beatrice hastig und wich unwillkürlich ein paar Schritte von dem kleinen Bibliothekar zurück. Da war etwas in seinen Augen, das sie anwiderte. Wenn man ihr erzählt hätte, dass schon etliche Fremde spurlos verschwunden und nichts von ihnen außer ihren Büchern zurückgeblieben wären, so hätte es sie keinesfalls überrascht. »Aufgrund der langen Reise konnte ich mich nicht mit viel Gepäck belasten. Ich war gezwungen, mich auf das Allernötigste zu beschränken. Ich habe noch nicht einmal viele Kleider bei mir.«

»Ein Gelehrter ohne Bücher, wie traurig!«, sagte er, schüttelte den Kopf und lächelte dann wieder. Doch Beatrice kam dieses Lächeln falsch vor. Falsch und gefährlich. »Dann werdet Ihr die Annehmlichkeiten unserer Bibliothek ohne Zweifei besonders zu schätzen wissen. Wenn Ihr Fragen habt, so wendet Euch getrost an mich. Ihr findet mich zu jeder Zeit hier. Ich kenne jedes Buch und jedes Pergament, das hier aufbewahrt wird.«

»Ich danke Euch vielmals für Eure Freundlichkeit«, entgegnete Beatrice und zwang sich zu einem Lächeln. Sie hoffte inständig, dass Reza ihr wirklich glaubte. Trotzdem nahm sie sich vor, vorsichtig zu sein. Wenn der Kerl wirklich alle hier stehenden Bücher kannte, so wusste er bestimmt auch eine Menge über die Zubereitung und Anwendung von Giften. »Ich werde gern darauf zurückkommen und Eure Hilfe sicher des öfteren in Anspruch nehmen.«

Der Bibliothekar verneigte sich leicht.

»Herr, es ist Zeit für das Gespräch der Gelehrten. Die Herren sind bereits alle eingetroffen und haben sich um den Tisch der Weisen versammelt, das Mahl wird gerade aufgetragen. Folgt mir, Saddin al-Assim, damit Ihr Euren Platz in ihrer Mitte einnehmen könnt.«

Der »Tisch der Weisen« entpuppte sich als ein etwa dreißig Quadratmeter großer, fensterloser Raum am gegenüberliegenden Ende der Bibliothek. Die Decke war hier niedriger, auf kleinen Mauervorsprüngen standen Lampen aus Messing und spendeten Licht. Das Mobiliar war einfach und machte einen beinahe schäbigen Eindruck. Die Steinfliesen waren mit verschlissenen Teppichen und ausgeblichenen Polstern bedeckt, die ihre besten Tage schon lange hinter sich hatten. Und die niedrigen Tische waren abgestoßen und verschrammt. Überall standen achtlos abgestellte Tabletts herum, beladen mit Obst, Gemüse und Käse, Teller mit Brot, dampfende Schüsseln und Krüge. Und daneben stapelten sich Bücher. Es waren Unmengen von Büchern - dicke, dünne, große und kleine. Etwa ein Dutzend Männer hatten sich hier versammelt. Sie diskutierten laut und hitzig, fielen einander ins Wort, blätterten dabei immer wieder in den Büchern und machten sich eifrig mit kleinen Kohlestücken Notizen, während sie sich ganz nebenbei und scheinbar wahllos die Speisen in den Mund stopften. Es war ein Bild, wie Beatrice es noch aus der Mensa im Universitätskrankenhaus in Hamburg kannte. Auch dort hatten sich die Studenten an wackligen Tischen zusammengefunden, Fälle diskutiert, die Prüfungsfragen erörtert und die Wälzer zur Inneren Medizin, Pharmakologie oder Chirurgie zu Rate gezogen und es irgendwie fertig gebracht, sich nicht an den Splittern und Rissen im Sperrholz zu verletzen. Das Essen war dabei nichts anderes als die notwendige und daher unumgängliche Nahrungsaufnahme zur Erhaltung der Gehirnfunktion. Der Geschmack des einheitlich braunen und zerkochten Breis auf den Plastiktrögen war - wenigstens beinahe - egal. Das sperrmüllreife Design des Mobiliars - Nebensache. Kein Wunder also, dass die Mensa der Mediziner in Hamburg den schlechtesten Ruf von allen hatte. Hoffentlich war hier in Gazna wenigstens das Essen besser. Immerhin war sie mit den Jahren anspruchsvoller geworden.

»Willkommen, Saddin al-Assim«, sagte Abu Rayhan so laut, dass mit einem Schlag alle Gespräche verstummten und sich ein Dutzend Augenpaare gleichzeitig auf sie richteten. Er erhob sich von seinem Platz und kam ihr sogar ein paar Schritte entgegen.

Beatrice verneigte sich.

»Ich danke Euch, dass Ihr mich eingeladen habt, an Eurer Runde teilzunehmen«, sagte sie, vermied es jedoch, jemanden dabei ins Gesicht zu sehen. Sie hatte das Gefühl, dass die Blicke der anderen Gelehrten sie förmlich durchbohrten, neugierig, fast feindselig.

»Eingeladen? Hört, hört!«, rief auch sofort ein erstaunlich korpulenter Mann mit schneidender Stimme. Seinem Akzent und seiner Kleidung nach zu urteilen stammte er aus dieser Gegend. »Ihr solltet zuerst unter Beweis stellen, dass Ihr Euch diesen Platz verdient habt, Saddin al-Assim.«

Beatrice schluckte. Auch das noch. Sollte sie jetzt etwa eine Prüfung ihres Könnens ablegen? Ihr blieb doch wirklich gar nichts erspart.

»Ein Ansinnen, das mein Verständnis und meine Zustimmung findet«, erwiderte sie und lächelte. Dieser arrogante Kerl sollte doch nicht glauben, dass sie sich von ihm einschüchtern ließe. »Bitte, stellt mir Eure Fragen, und gebt mir somit die Gelegenheit, mich Eurer Gemeinschaft würdig zu erweisen.«

Während sie sich verneigte, fragte sie sich, woher sie eigentlich diese Kaltblütigkeit nahm. Eine falsche Antwort, und ihre bisherigen Bemühungen wären umsonst gewesen. Bestenfalls würde sie dann die kommende Nacht wieder in Ma- leks Haus verbringen und von vorne anfangen. Sie warf Abu Rayhan einen kurzen Blick zu. Er lächelte zuversichtlich. Offenbar glaubte er fest daran, dass sie diese Prüfung bestehen würde. Wenn sie doch nur selbst auch so optimistisch wäre.

»Woher stammt Ihr, Saddin al-Assim?«

»Aus El-Andalus.«

»Man sagt, Ihr seid Arzt?«, fragte Abu Rayhan, und Beatrice dankte ihm im Stillen dafür. Offensichtlich hatte er die Absicht, die anderen so schnell wie möglich von dem für sie durchaus verfänglichen Thema Andalusien abzulenken.

»Ja.«

»Oh, ein Kollege! So könnt Ihr mir sicher die Doshas und ihre Merkmale nennen, nach denen sich die Menschen und ihre Erkrankungen einteilen lassen, nicht wahr?«

Der Mann, der diese Frage stellte, war sehr dünn. Und obwohl auch er auf einem der niedrigen Polster saß, war deutlich zu erkennen, dass er wesentlich größer war als die anderen. Er trug muslimische Kleidung, und sein gepflegter Vollbart reichte ihm bis zur Brust, doch seine Haut war dunkel, und er sprach mit einem so starken Akzent, dass Beatrice ihn kaum verstehen konnte. Vermutlich ein Inder, den es - aus welchen Gründen auch immer - nach Gazna verschlagen hatte.

Na wunderbar, dachte Beatrice. Das fängt ja gut an. Ausgerechnet über ayurvedische Medizin wusste sie so gut wie nichts. Trotzdem hob sie ihr Kinn und sah dem Mann gerade in die Augen.

»Ich weiß, dass man die drei Doshas Vata, Kapha und Pitta nennt und dass ein Gleichgewicht derselben anzustreben ist«, sagte sie und klaubte mühsam aus ihrem Gedächtnis zusammen, was sie in den Frauenzeitschriften gelesen hatte, die im Aufenthaltsraum der Notaufnahme auslagen. Vergeblich. Die »Gesundheitsrubriken« überblätterte sie meist. Sie waren nur selten gut recherchiert. »Allerdings endet hiermit auch schon mein Wissen über die ayurvedische Medizin.«

»Das ist nicht viel für jemanden, der von sich behauptet, Arzt zu sein«, sagte der Inder und verzog verächtlich die Mundwinkel. »Wer sich der Behandlung von Kranken widmen will, sollte wenigstens über umfangreichere Kenntnisse in der Heilkunde verfügen als ein Barbier.« Er warf einen Blick in die Runde und erntete Gelächter. Beatrice wurde wütend.

»Sofern Ihr die ayurvedische Medizin Eures Heimatlandes mit der Heilkunde im Allgemeinen gleichsetzt, mögt Ihr Recht haben. Da wo ich herkomme konzentriert man sich jedoch auf andere Aspekte der Heilkunde, wie sie zum Beispiel in der Tradition der hellenistischen und arabischen Schule gelehrt werden. Ich persönlich habe mich bei meinen Studien dem Gebiet der Chirurgie gewidmet. Ich weiß natürlich, dass die ayurvedische Medizin den Patienten in vielen Fällen Linderung ihrer Leiden und manchmal sogar Heilung bringt, doch wenn ich offen sein darf, würde ich eine Pfeilwunde lieber mit einer guten, sauberen Naht als mit einem warmen Ölguss und exotisch gewürzten Speisen behandeln.«

Ihr Blick streifte kurz die anderen Gelehrten. Einige nickten zustimmend, andere sahen sie neugierig an, gespannt darauf, wer wohl diesen Disput gewinnen würde. Das Gesicht des Inders verfinsterte sich.

»Nun, wir werden ja sehen, welche Methode der anderen überlegen ist«, sagte er. »Hochmut steht einem Gelehrten nicht gut zu Gesicht, Saddin al-Assim.«

»Ihr sagt es. Darin bin ich ganz Eurer Meinung. Allerdings sprach ich nicht von der Überlegenheit einer der beiden Behandlungsmethoden, sondern lediglich von ihren Grenzen. Und davon, dass sie sich gegenseitig vorzüglich ergänzen können. Ich bin sicher, die anwesenden Kollegen haben mich sehr wohl verstanden.«

Abu Rayhan hustete. Möglicherweise hatte er sich verschluckt, doch in Beatrices Ohren klang es eher nach einem mühsam unterdrückten Lachen. Vielleicht mochte er den Inder auch nicht.

»Will sich noch jemand ...«, begann Abu Rayhan, doch er wurde von einer klaren, angenehmen Stimme unterbrochen, und mit einem Schlag wurde es still im Raum. Es war so still, dass man Rezas schlurfende Schritte aus den Tiefen der Bibliothek hören konnte.

»Saddin al-Assim ibn Assim, Ihr sagt, Ihr hättet Euch mit der Chirurgie beschäftigt.« Beatrice war überrascht, als sie sah, dass die Stimme zu einem alten Mann gehörte. Er musste sehr alt sein, denn sein Gesicht war runzlig, und die Haut wirkte dünn und trocken wie Reispapier. Bedächtig und erstaunlich akzentuiert kamen die Worte aus seinem zahnlosen Mund. Und jeder, sogar der arrogante Inder, schien wie gebannt an seinen Lippen zu hängen. Auch Beatrice wartete voller Spannung auf die nächsten Worte des Alten, als würde das Schicksal der ganzen Menschheit von dem abhängen, was er sagen wollte. Es war wie eine Hypnose. Sie war nicht einmal mehr in der Lage, den Blick von ihm abzuwenden. In seinem weiten Gewand wirkte er klein, mager und gebrechlich, als könnte ihm bereits eine heftige Windböe gefährlich werden. Er schien sogar so schwach zu sein, dass er sich beim Sprechen auf einen Stock stützen musste, einen knorrigen, von Sand und Sonne geblichenen und durch häufige Benutzung blank polierten Ast von der Dicke eines Männerarms. Und doch ging eine Kraft und Vitalität von dem Alten aus, die beinahe erschreckend war. Es dauerte eine Weile, bis Beatrice begriff, dass es seine Augen waren, die sie irritierten. Diese Augen waren ebenso weiß wie sein Gewand, sein Haar und sein Bart. Einen derart ausgeprägten grauen Star hatte sie noch nie zu Gesicht bekommen. Rein medizinisch war es unmöglich, dass der Alte mit solch einer schweren Trübung der Linsen mehr sehen konnte als den Unterschied zwischen Licht und Schatten. Wahrscheinlich war er sogar blind. Trotzdem hatte Beatrice den Eindruck, dass er sie ansah. Nicht so wie andere Blinde oder Sehbehinderte, die sich anhand von Geräuschen, Umrissen oder Bewegungen orientierten. Nein, dieser Mann sah ihr wirklich ins Gesicht. Und Beatrice hatte den Eindruck, dass er dabei mehr erkannte als jeder andere hier im Raum.

»Ihr seid Chirurg, ist das richtig?«, fragte er. »Oder habe ich mich verhört?«

Es war eine rein rhetorische Frage. Sicher funktionierte das Gehör des Alten ausgezeichnet.

»Nein, Ihr habt es richtig verstanden, ich bin in der Chirurgie ausgebildet worden«, sagte sie und hielt dem Blick der weißen Augen stand aus Angst, er könnte sie sonst bitten, ihn wieder anzusehen.

»Nun gut, dann habe ich noch eine Frage an Euch, Saddin al-Assim ibn Assim. Eine kleine, unbedeutende Frage, lediglich dazu gedacht, die kindische Neugier eines alten Mannes zu befriedigen. Denn wer bin ich, Euer Wissen in Zweifel zu stellen, wenn Abu Rayhan Euch für würdig erachtet, in den Kreis der Gelehrten aufgenommen zu werden.« Ein seltsames Lächeln huschte über sein faltiges Gesicht. Ein fröhliches, unbeschwertes Lächeln. Ein Lächeln, das ihr den Schweiß auf die Stirn trieb. »Wer hat Euch in El-Andalus an der ehrwürdigen Universität zu Cordoba in der Chirurgie unterrichtet?«

Diese Frage traf Beatrice wie ein Peitschenhieb. Was sollte sie darauf antworten? Sie kannte doch keine arabischen Gelehrten, die in der fraglichen Zeit in Andalusien gelebt hatten. In dieser Runde konnte sie nicht einfach behaupten, dass sie den Namen ihres Lehrers vergessen habe, so wie zum Beispiel den Namen ihres Professors für Pathophysiologie. Obwohl ihr seine Arroganz und seine fehlende Bescheidenheit noch sehr gut in Erinnerung geblieben war, weil sie sich zwei Semester lang jede Woche in der Vorlesung über ihn aufgeregt hatte, fiel ihr nur noch sein Vorname ein - Andreas. Doch es war hier nicht wie in Hamburg, wo beinahe ebenso viele Dozenten wie Studenten herumliefen. Im Mittelalter herrschten andere Verhältnisse an den Universitäten. Professoren und Studenten kannten sich gut, oft nicht nur mit Namen. Sie waren so eng miteinander verbunden, dass sie beinahe eine Familie bildeten. Und wer konnte sich nicht an den Namen seines Onkels erinnern? Die Gelehrten sahen sie erwartungsvoll an. Sie musste jetzt schnell eine Antwort finden. Wie viel Zeit mochte schon seit der Frage verstrichen sein? Bald würden sie unruhig und misstrauisch werden, und dann ...

»Ich hatte eine Reihe von Lehrern, da ich mich nicht nur in einer chirurgischen Schule weiterbilden wollte«, begann sie und hoffte wenigstens etwas Zeit zu gewinnen, bis ihr die Namen von ein paar mittelalterlichen Ärzten einfielen. Oder ein Wunder geschah. »Anfangs habe ich die Werke von Hippo- krates, Asklepios und anderer großer Ärzte gelesen. Davon ausgehend wurde ich unterrichtet von ...«

»Ruhe! Haltet ein!«, ertönte plötzlich eine laute, tiefe Stimme hinter Beatrice.

Sie wandte sich um und schaffte es gerade noch rechtzeitig, zur Seite zu springen, bevor sie von dem Eindringling und seinen beiden Begleitern umgerannt wurde. Ohne auf sie zu achten, stürmten die drei an ihr vorbei. Abu Rayhan erhob sich.

»Salam, Hassan, Sohn unseres edlen Herrschers, seid gegrüßt«, sagte Abu Rayhan, verneigte sich, berührte dabei Herz, Mund und Stirn mit der rechten Hand und wirkte sichtlich überrascht. »Wir haben Euch nicht erwartet, Herr. Was kann ich ...«

»Verzeiht, dass ich Eure Runde stören muss, Abu Rayhan«, sagte Hassan mit einer Stimme, die deutlich machte, dass es sich lediglich um eine höfliche Floskel handelte. Männern wie ihm war es egal, wen sie gerade wobei störten. »Wir bringen Euch schlimme Nachrichten.« Beatrice schluckte. Waren die drei etwa wegen ihr hier? War dem Herrscher zu Ohren gekommen, dass sich eine Frau in den Kreis der Gelehrten eingeschlichen hatte? Dieser Hassan sah kräftig aus und machte wie seine Begleiter den Eindruck, dass er durchaus mit den beiden Säbeln umgehen konnte, die rechts und links von seinem Gürtel herabhingen. »Nachrichten von Verschwörung, Verrat und noch schlimmeren gottlosen Taten.« Unwillkürlich wich sie einen Schritt zurück. Gleich würde es so weit sein. Gleich würde man sie verhaften und sie vor den Richter zerren. Welche Strafe wurde wohl hier in Gazna für Betrug verhängt? Der Tod durch Steinigung? Vielleicht sollte sie fliehen, solange sie noch Zeit dazu hatte. Oder sollte sie bleiben und sich wehren? »Nuraddin, mein geliebter Bruder, ist nicht mehr. Er wurde hinterrücks ermordet.«

Einige der Gelehrten erhoben sich vor Erregung von ihren Polstern. Andere begannen zu klagen oder schlugen sich, laut um Allahs Beistand flehend, die Hände vor das Gesicht. Beatrice hingegen wurden die Knie weich - vor Erleichterung. Sie kannte diesen Nuraddin nicht. Und dass er gestorben war, tat ihr wirklich Leid. Allerdings hätte die Nachricht seines Todes zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können. Ihr hatte das den Job im Palast des Emirs gerettet, wahrscheinlich sogar das Leben.

»Ruhig, Brüder, seid ruhig«, sagte Abu Rayhan und gebot seinen Kollegen mit einer Geste zu schweigen. Dann wandte er sich wieder Hassan zu. »Mir fehlen die Worte, um Euch meinen Schmerz und meinen Zorn über diese ruchlose Tat auszudrücken, Hassan. Ich weiß, wir sind nur Gelehrte, die sich mehr auf die Schriften denn auf das Kriegshandwerk verstehen, doch solltet Ihr unsere Hilfe bei der Aufklärung dieses Verbrechens benötigen, so werden wir Euch beistehen.« Er verneigte sich.

»Ich danke dir, Abu Rayhan, aber wir kennen die Täter bereits«, sagte Hassan. Beatrice hatte den Eindruck, dass er vor Zorn fast überschäumte. »Es handelt sich um eine Verschwörung, die sich gegen alles richtet, was heilig und ehrenhaft ist. Die Ketzer haben gedungene Räuber damit beauftragt, meinem Bruder in der Wüste aufzulauern und ihn zu töten. Doch wir kennen bereits viele Namen und Gesichter der Verräter, und unter der Befragung werden diese die Namen jener preisgeben, die uns noch nicht bekannt sind. Wir haben den heiligen Schwur geleistet, dafür zu sorgen, dass sie alle für ihre ruchlosen Taten sühnen.« Er berührte kurz den goldfarbenen Griff seines Säbels. »Zum Ausdruck der Trauer über den Tod meines geliebten Bruders und zum Zeichen des heiligen Gedenkens an ihn hat mein Vater ein Schweigen angeordnet, das bis zum Sonnenaufgang andauern soll. Außerdem finden von dieser Stunde an keine Versammlungen mehr statt, die Geschäfte in den Basaren bleiben geschlossen, und die freitäglichen Besuche der Ärzte bei den Armen fallen aus. Jeder Bewohner der Stadt soll fasten, bis der schändliche Mord an meinem Bruder gerächt ist. Die ganze Stadt hüllt sich in eine heilige Trauer, bis auch der Letzte der Frevler mit seinem Blut bezahlt hat und sein Kopf die Zinnen unseres Palastes schmückt. Möge dies all jenen zur Abschreckung dienen, die es wagen, die heiligen Gebote Allahs mit Füßen zu treten.«

Welch ein Pathos, welch eine Übertreibung. Beatrice schüttelte unmerklich den Kopf und verdrehte die Augen. Hassan kam ihr vor wie einer dieser Fernsehprediger, die - mit erhobener Stimme und so viel Enthusiasmus, dass man meinen konnte, die Auferstehung aller Seelen stünde unmittelbar bevor - unablässig »Halleluja« und »Amen« riefen. Allerdings konnte ihr diese Entwicklung nur recht sein. In den nächsten Stunden würde sie Gelegenheit haben, sich in der Bibliothek umzusehen, ohne dabei lästige oder gar gefährliche Fragen beantworten zu müssen. Sogar der geschwätzige Reza würde sich an das Schweigegebot halten müssen, wenn er nicht im Kerker landen wollte. War das wirklich Glück - oder war es Fügung?

Abu Rayhan verneigte sich wieder.

»Herr, ich bin sicher, dass keiner von uns die Absicht hat, das heilige Schweigen zu brechen. Zu mächtig und zu tief ist die Trauer, die durch die Nachricht vom Tod Eures geliebten Bruders unsere Herzen ergriffen hat.«

Einige der Gelehrten stimmten durch Zwischenrufe zu, andere nickten nur beifällig.

»Das freut mich zu hören«, erwiderte Hassan. »Auf den Basaren erzählt man sich nämlich bereits, dass sich diese verfluchten Ketzer auch in den Reihen der Gelehrten von Gazna verbergen sollen. Natürlich sind das nur Gerüchte. Das Gerede von Menschen, denen Bildung fremd und die vielfältigen Künste der Gelehrten unbekannt und unheimlich sind. Doch wie Ihr wisst, enthält das Geschwätz der Händler und Barbiere oft genug auch ein Körnchen Wahrheit. Seid deshalb nicht beunruhigt, wenn ständig das wachsame Auge meiner Getreuen auf Euch ruht, denn in Zeiten wie dieser ist es unsere heilige Pflicht, auch dem geringsten Hinweis zu folgen.« Beatrice sah, dass Abu Rayhan blass wurde, und hoffte um seinetwillen, dass Hassan es nicht auch bemerkt hatte. »Zerstreut Euch jetzt. Das heilige Schweigen beginnt.«

Hassan zischte seinen beiden Begleitern einen Befehl zu, und die drei rauschten davon. Doch bevor sie den kleinen Raum verließen, streifte sein Blick Beatrice, und für einen kurzen Moment hatte sie Gelegenheit, ihm in die Augen zu sehen. Dieser Bruchteil einer Sekunde reichte aus, um sie davon zu überzeugen, dass sie sich gründlich geirrt hatte. Hassan war alles andere als ein Maulheld, Betrüger oder Schönschwätzer, der nur seinem Vater nach dem Mund redete. Jedes einzelne Wort meinte er bitterernst. Maleks vor Furcht und Entsetzen bleiches Gesicht fiel ihr wieder ein, als sie es gewagt hatte, das Wort »Fidawi« auszusprechen. Er hatte es zwar nicht deutlich gesagt, aber zwischen seinen Worten meinte sie heraushören zu können, dass er den Schlupfwinkel der Fidawi mitten in Gazna vermutete. Doch war es möglich, dass die Kontakte der Fidawi bis in den Paiast des Emirs reichten? Vielleicht gehörte Hassan sogar zu ihnen. Die Art, in der er von den Frevlern gesprochen, und die Weise, wie er den Tod seines Bruders verklärt hatte, ging über ein gewöhnliches Maß an Wut und verständlicher Trauer weit hinaus. Und dann war da sein Blick. Er hatte dunkle Augen, die vor Hass, Zorn und einem fanatischen Eifer glühten und trotzdem erschreckend kalt waren. Dieser Blick machte ihr Angst. Es war der Blick eines Mannes, der jederzeit bereit war, Flugzeuge zu entführen, Hochhäuser in die Luft zu sprengen oder Züge entgleisen zu lassen, und der es in Kauf nahm, dabei Menschen zu töten. Im Gegenteil, je mehr Leben eine Aktion forderte, umso größer war der Triumph und umso näher kam er seinem eigentlichen Ziel - der Bestrafung der Ungläubigen. Dabei war er noch jung. Beatrice wagte kaum zu atmen. Sie, die Fremde mit den blauen Augen und blonden Haaren, deren Herkunft niemand außer sie selbst bezeugen konnte, stand gewiss ganz oben auf der Liste der Verdächtigen.

Doch der kurze Moment ihrer Begegnung ging vorüber, ohne dass Hassan sie ansprach oder sie gar angriff. Beatrice war sich noch nicht einmal sicher, ob er sie auch wirklich wahrgenommen hatte. Erleichtert atmete sie wieder auf. Die Gefahr war vorüber. Fürs Erste. Doch wenn sie diesem Radikalen auch in Zukunft nicht in die Hände fallen wollte, würde sie bei ihren Nachforschungen vorsichtig sein müssen. Noch vorsichtiger, als sie ursprünglich angenommen hatte.