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16.

Beatrice stand auf einem Balkon. Dies musste wohl einer der höchsten Türme des Palastes sein, denn sie konnte den gigantischen Komplex von Kuppeln, Türmen und Mauern weit überblicken, die Palastgärten breiteten sich in ihrer ganzen Schönheit vor ihr aus, und zu ihren Füßen lag die Stadt Gazna. Alles war dunkel und still. In keinem der ungezählten Fenster brannte ein Licht, die Straßen der Stadt waren leer und verlassen, sogar die Wachfeuer auf der Palastmauer waren erloschen. Niemand schien zu dieser Stunde wach zu sein, abgesehen von ihr selbst und den Millionen von Sternen über ihr. Sie konnte sich nicht erklären, weshalb sie hier oben auf dem Turm stand. Sie konnte sich noch nicht einmal daran erinnern, wie sie überhaupt hierher gekommen war. War sie etwa im Schlaf durch den Palast gewandert? Oder hatten die gleichen giftigen Stäube, die auch Reza in der Bibliothek den Verstand geraubt hatten, sie in eine Art Trance versetzt? Noch während sie sich diese Fragen stellte, nahm sie plötzlich einen vertrauten Geruch wahr. Er umwehte sie wie eine sanfte Brise. Es war der Duft von Amber und Sandelholz - ein Duft, der eine Vielfalt von Erinnerungen weckte.

»Saddin?«, flüsterte sie und wandte sich um.

Tatsächlich, kaum einen Meter von ihr entfernt stand er. Er trug die leichte helle Kleidung der Nomaden, und sein langes dichtes Haar hatte er wie üblich im Nacken zusammengebunden. An seinem Gürtel baumelte ein schlanker Säbel. Eigentlich tat er nichts. Nichts Großartiges wenigstens. Er stand einfach nur vor ihr, sah sie mit seinen dunklen Augen an und lächelte auf diese ihm eigene, ganz besondere Art. Das war alles, doch es reichte schon aus, um ihren Puls auf schätzungsweise hundertzwanzig zu beschleunigen und ihre Knie weich werden zu lassen wie die eines Teenagers, der unerwartet auf der Straße seinem Lieblingsstar begegnet. »Saddin? Wie kommst du hierher? Warum ...«

Sie brach ab, weil sie nicht wusste, welche Frage sie zuerst stellen sollte. War er schon lange in Gazna? Und wie gelangte er in den Palast? In Buchara hatte er die Fäden der Stadt fest in seinen Händen gehalten. Nichts war geschehen, ohne dass er es gewollt oder wenigstens davon gewusst und es gebilligt hatte. Doch reichte seine Macht auch in Gazna so weit, dass er nach Belieben im Palast ein und aus gehen konnte? Woher wusste er überhaupt, dass sie jetzt hier war? Dass er sie in dieser Nacht hier auf dem Turm treffen konnte, und wieso ...

Und plötzlich begriff Beatrice. Sie stand gar nicht wirklich auf diesem Turm. Vermutlich lag sie in diesem Augenblick in ihrem Bett - und träumte. Es gab keine andere Möglichkeit. Dies war nichts weiter als ein Traum. Ein Traum wie jener, den sie in Shangdou gehabt und der sie damals vor Marco und seinen unlauteren Absichten gewarnt hatte.

»Du hast Recht, Beatrice«, sagte Saddin, als könnte er ihre Gedanken lesen. Genau wie damals in Buchara hüllte seine samtene Stimme sie ein, und wohlige Schauer rieselten ihre Wirbelsäule hinab wie ein erfrischender kühler Regen an einem heißen, schwülen Sommertag. Sie hätte ihm stundenlang zuhören können. Diese Stimme war unvergleichlich. Selbst Todesurteile klangen aus Saddins Mund süß und erstrebenswert wie Liebeserklärungen. Sie wusste genau, wovon sie sprach. »Du träumst.«

»Ja«, sagte sie und versuchte sich nicht den Verlockungen eines solchen Traums hinzugeben. In Shangdou hatte Saddin sie warnen wollen. Vielleicht gab es auch diesmal einen Grund für seinen Besuch in einem ihrer Träume. Sie wandte sich von ihm ab und drehte ihm wieder den Rücken zu. So fiel es ihr leichter, einen klaren Kopf zu bewahren. »Was willst du mir diesmal mitteilen, Saddin?«

Beatrice hörte das leise Rascheln seiner Kleidung, als er hinter sie trat, so nahe, dass sie seinen warmen Atem in ihrem Nacken spüren konnte und sein Haar ihre Wange kitzelte. Seine Hände berührten kurz ihre Schultern, während seine Nase ihr Ohrläppchen streifte. Konnten Träume so real sein? Beatrice schloss die Augen und wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher, als dass sie wieder in Buchara wäre, vor den Toren der Stadt in Saddins Zelt, auf dem weichen, mit Fellen bedeckten Bett und ...

»Du hast Recht, Beatrice.« Seine Worte holten sie so jäh aus diesem Wunschtraum zurück, als hätte man ihr kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt. Enttäuscht registrierte sie, dass Saddin jetzt neben ihr stand. Seine schlanken, mit zwei breiten Silberringen geschmückten Hände ruhten auf dem zierlichen Geländer des Balkons, als hätten sie dort schon immer gelegen. »Wir haben nur wenig Zeit. Du musst dich konzentrieren und mir zuhören. Du musst Gazna verlassen. Die Stadt ist nicht mehr sicher. Hassan ist bereits misstrauisch geworden. Er ist sich dessen zwar noch nicht bewusst, doch es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis er sein Augenmerk auf dich richtet und mit seinen Nachforschungen beginnt. Außerdem ist er Ali al-Hussein auf den Fersen und somit ...«

Die Freude durchzuckte Beatrice wie ein Blitzschlag.

»Dann ist es also wirklich wahr?«, unterbrach sie ihn. »Ali lebt?«

Saddin sah sie lange an. »Ja«, sagte er schließlich, und es klang beinahe wie ein Seufzer. »Er lebt.«

»Und?« Beatrice war jetzt so aufgeregt, dass sie Saddin am Arm ergriff. Seltsam, schoss es ihr durch den Kopf, wenn dies wirklich ein Traum ist, weshalb fühlt er sich dann so fest und warm an, so lebendig und menschlich und genau wie früher, überhaupt nicht, wie man sich ein Traumgebilde vorstellt, das sich bei Berührung doch eigentlich in nichts auflösen müsste? »Was ist mit Michelle? Ist sie bei ihm?«

»Ja. Ich selbst habe sie ...«

»Natürlich!«, rief Beatrice aus. »Der Nomade! Die Frau in Qum erzählte von einem Nomaden, der Michelle begleitet hat. Das warst du?«

»Sie wollte zu ihm«, sagte Saddin und hob die Hände, als beabsichtigte er, sich bei ihr zu entschuldigen. Doch er lächelte dabei. »Michelle ist seine Tochter. Wie hätte ausgerechnet ich ihr das ausreden können?«

»Ich wusste es!«, sagte Beatrice und ballte die Hand zur Faust. Am liebsten hätte sie vor Freude und Triumph laut geschrien. »Ich wusste, dass Michelle zu ihm will. Ich wusste, dass sie bei ihm ist. Ich muss zu ihnen.«

»Da hast du allerdings Recht«, entgegnete Saddin und wurde wieder ernst. »Und zwar so schnell wie möglich. Als ich vor einiger Zeit Michelle zu Ali gebracht habe, war dies noch der sicherste Ort für sie. Das hat sich nun geändert. Hassan sucht bereits überall nach Michelle. Und jetzt sucht er auch noch nach Ali. In seinem unbeschreiblichen Hass hat er sogar ein Porträt von ihm anfertigen lassen. Schon bald brechen Reiter auf, um im ganzen Reich die Menschen nach ihm zu befragen. Er und seine Brut jagen ihn mit allen Mitteln. Bereite dich also darauf vor, Gazna zu verlassen.«

»Einen Steckbrief?«, fragte Beatrice erstaunt. »Aber ich dachte, dass ist im Islam verboten?«

»In der Tat. Doch wie jeder Wahnsinnige ist Hassan davon überzeugt, dass sein Zweck die Mittel heiligt. Außerdem hat er jenen Mann, der das Bildnis gemalt hat, bereits mit dem Tode bestraft.« Er runzelte die Stirn. »Tariq al-Said war ein überaus tapferer Mann. Er kannte Ali und war ein Bewunderer, vielleicht sogar ein Freund von ihm. Und er war klug.«

Saddin hielt ihr ein Stück Pergament hin. Überrascht sah Beatrice sich das Bild an.

»Soll das etwa ...« Sie runzelte die Stirn. Der Mann auf dem Bild war ihr so fremd wie ein beliebiger Araber irgendwo auf den Straßen von Gazna. »Das ist doch niemals Ali al- Hussein!«

»Nein, natürlich ist er es nicht«, sagte Saddin. Er klang ein wenig ungeduldig, so als müsste Beatrice eigentlich schon längst verstanden haben, was er meinte. »Dieses Bildnis hat ebenso wenig Ähnlichkeit mit ihm wie mit mir. Allerdings glaubt Hassan, dass der Mann auf dem Bild Ali ist. Und das allein zählt. Denn eines ist sicher, mit diesem Steckbrief wird er Ali al-Hussein niemals finden.«

Nun endlich begriff auch Beatrice. Und im Stillen dankte sie dem ihr unbekannten Tariq für den Mut und die Umsicht, mit der er gehandelt hatte.

»Dann ist Ali also in Sicherheit?«

»Vorläufig. Doch Hassan ist keinesfalls dumm. Es wird nicht lange dauern, bis er dahinter kommt, dass Tariq ihn betrogen hat. Wenigstens bleibt dir noch genügend Zeit, um Ali zu warnen und mit ihm und Michelle in eine andere, eine wirklich sichere Stadt zu fliehen.«

Beatrice wandte ihren Blick wieder dem Porträt zu. Wie bewundernswert, im Angesicht des Todes den Mut aufzubringen und ein anderes Menschenleben zu retten.

»Ich wünschte, ich könnte mich bei ihm bedanken«, sagte sie leise. »Wahrscheinlich hat er Ali und Michelle das Leben gerettet.«

»Ja, das hat er. Und er hat sehr viel dabei riskiert, mehr, als du dir vorstellen kannst.« Saddin verschränkte die Arme vor der Brust und sah auf die Stadt hinab. »Es liegt jetzt an euch zu beweisen, dass Tariqs Opfer nicht sinnlos war.«

Beatrice biss sich nachdenklich auf die Lippe. Plötzlich hatte sie ein schlechtes Gewissen, und das wiederum machte sie wütend. Saddin klang beinahe so, als ob die ganze Angelegenheit ihre Schuld wäre. Aber hatte sie damals im OP die alte Frau Alizadeh darum gebeten, ihr einen der Steine der Fatima zu schenken? Nein. Sie hatte den Saphir einfach in ihrer Kitteltasche gefunden. Dadurch war sie in eine Sache hineingezogen worden, mit der sie eigentlich gar nichts zu tun hatte. Und das, obwohl es genügend Freiwillige sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart gab, die es kaum erwarten konnten, einen der Steine der Fatima in ihren Händen zu halten. Ihr jetzt daraus einen Vorwurf zu machen, war ungerecht.

»Ich weiß, dass du nicht darum gebeten hast, die Verantwortung für einen der Steine zu übernehmen - ganz im Gegensatz zu vielen anderen, die ihr Augenlicht oder mehr dafür geben würden, damit Allah sie für diese Aufgabe auserwählt«, sagte Saddin, und Beatrice war jetzt ganz sicher, er konnte wirklich ihre Gedanken lesen. »Allerdings bist du selbst ungerecht, wenn du mit deinem Schicksal haderst. Niemand hat dich gezwungen, die Verantwortung für den Stein anzunehmen. Du hättest ablehnen können. Zu jeder Zeit.«

Beatrice schnappte nach Luft. »Tatsächlich? Welche Wahl hatte ich denn? Dieser Stein hat mich förmlich überfallen. Ich fand ihn während der Arbeit in meiner Tasche. Ich hatte gerade eben einen Blick auf ihn geworfen, als er mich auch schon in die Vergangenheit katapultiert hat. Und kaum hatte ich mich damit abgefunden, fand ich mich in meiner Gegenwart wieder. Und dann ...«

»Hast du jemals daran gedacht, den Stein zu verschenken?«, unterbrach Saddin sie. Seine Stimme hatte einen spöttischen Unterton, der Beatrice endgültig auf die Palme brachte. »Oder ihn einfach irgendwo zu >verlieren< und abzuwarten, was damit geschieht?«

»Nein, verdammt!«, rief sie und stampfte vor Empörung mit dem Fuß auf. »Wie hätte ich denn guten Gewissens jemandem diesen Stein überlassen können? Einem völlig Unschuldigen, der dann das Gleiche hätte durchmachen müssen wie ich - aus heiterem Himmel in eine fremde Zeit und ein fremdes Land versetzt zu werden?«

»Trotzdem hat dich niemand gezwungen, den Stein zu behalten«, entgegnete Saddin. »Du hast es aus freien Stücken getan, weil dein Gewissen, dein Gefühl es dir gesagt hat.«

Beatrice runzelte verärgert die Stirn. »Nun, wenn das etwa für dich bedeutet, dass ich den Stein freiwillig ...«

»Freiwilligkeit hat nichts mit dem freien Willen zu tun, den Allah uns gegeben hat«, unterbrach Saddin sie. »Du hast dich entschieden - für dein Gewissen, für den Stein. Und nun hör auf darüber zu jammern, dass diese Entscheidung die eine oder andere unangenehme Konsequenz nach sich zieht.«

»Aber ...«

Er schnitt ihr mit einer Geste das Wort ab.

»Sei jetzt endlich still und hör mir zu. Die Sonne wird bald aufgehen, uns bleibt also nicht mehr viel Zeit.«

Beatrice schwieg. Sie war sauer auf Saddin. Wer gab ihm das Recht, so mit ihr zu reden?

»Verlasse Gazna in der kommenden Nacht und reite nach Qazwin. Dort lebt Ali zurzeit, und Michelle ist bei ihm. Wenn du da bist, suche gemeinsam mit Ali den Ölhänd- ler Moshe Ben Maimon auf. Ali war zwar schon bei ihm, aber ...« Er schüttelte ungeduldig den Kopf. »Du kennst ihn. Er ist ein Gelehrter, ein Büchernarr. Er stellt oft genug die falschen Fragen. Moshe ist ebenfalls ein Hüter, und er weiß mehr über die Steine der Fatima als jeder andere Mensch auf der Welt. Im Laufe der Jahre hat er so viele Reisen unternommen, dass sich die Spanne seines Lebens mindestens verdreifachen lässt. Er wird euch alles über die Steine erzählen und euch bestimmt auch erklären, wie ihr sie vor den Fidawi in Sicherheit bringen könnt. Und - selbst wenn es dir schwer fallen sollte - zögere dann nicht, sondern tue, was er sagt.«

»Werde ich Michelle wieder nach Hause holen können?«

Saddin atmete geräuschvoll ein. »Woher soll ich das wissen? Ich führe nur einen Auftrag aus. Und der lautet, auf dich, Michelle und die Steine aufzupassen. Mehr nicht.«

Und was springt für dich dabei heraus?, hätte sie ihn am liebsten gefragt. Denn umsonst oder aus reiner Menschenliebe tat dieser Mann gewiss nichts. Doch Beatrice biss sich auf die Zunge. Saddin machte ohnehin schon einen ziemlich gereizten Eindruck. Außerdem durfte sie nicht vergessen, dass dies ein Traum war und dass er nur in diesem Traum aufgetaucht war, um ihr zu sagen, wo sie Michelle und Ali finden würde. Eigentlich sollte sie ihm dankbar sein.

»Also gut, ich werde mich an deine Worte halten«, sagte sie schließlich und streckte ihm versöhnlich die Hand entgegen. »Ich verspreche es.«

»Du bist das störrischste, eigensinnigste Weib, das mir jemals begegnet ist«, erwiderte er, und ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er ihre Hand ergriff. »Aber ich wusste, dass du dich so entscheiden würdest.«

»Kannst du mir noch einen Tipp geben, wie ich mich am besten aus Gazna davonstehle, ohne gleich das Heer von Subuktakins Soldaten hinter mir herzulocken?«

»Du bist doch klug. Dir wird schon etwas einfallen, Beatrice«, antwortete er. »Da bin ich ...«

Er hielt plötzlich inne und neigte seinen Kopf, als ob er ein Geräusch gehört hätte.

»Ich muss gehen«, sagte er und drehte Beatrice zu sich um. »Denke immer an meine Worte.« Sein Zeigefinger fuhr leicht wie eine Feder die Konturen ihres Gesichts entlang - die Augenbrauen, die Wangenknochen, die Nase. Dabei sah er ihr in die- Augen. Es war ein Blick, von dem sich Beatrice nicht losreißen konnte. Sie hatte fast vergessen, wie schön seine Augen waren, sie waren fast so dunkel wie der Nachthimmel. Und nach einer Weile hatte sie sogar den Eindruck, dass sie in ihnen die Sterne sehen konnte. »Allah sei mit dir.«

Dann zog er sie näher zu sich heran und hauchte einen Kuss auf ihre Lippen.

»Werde ich dich bald wiedersehen?«, fragte Beatrice.

»Das kann ich dir nicht sagen. Aber ich verspreche dir, dass ich in deiner Nähe bleiben werde. Wahrlich, Ali kann sich glücklich schätzen.«

Und dann war er weg. Ganz plötzlich, von einer Sekunde zur nächsten und ohne Vorwarnung war er verschwunden.

»Herr? Wacht auf!«

Jemand rüttelte an ihrer Schulter, und eine leise Stimme drang an Beatrices Ohr.

»Wacht auf! Die Zeit des Morgengebets ist bereits vorbei.«

Beatrice schreckte hoch und schrie auf. An ihrem Bett stand Yassir. Der junge Diener schien über ihre heftige Reaktion erschrocken zu sein. Er wurde bleich und wich einen Schritt zurück.

»Verzeiht, Herr, dass ich Euch aus Eurem Schlaf gerissen habe«, sagte er schließlich, »doch der Tag ist schon weit fortgeschritten. Wenn Ihr nicht den Unmut unseres Herrschers, des edlen Mahmud ibn Subuktakin, Beschützer der Gläubigen, auf Euch ziehen wollt, so solltet Ihr Euch jetzt ankleiden. Außerdem hat Abu Rayhan Euch eine Nachricht geschickt. Er möchte mit Euch sprechen und erwartet Euch zu dieser Stunde in seinem Turm.«

Beatrice sah den jungen Diener verständnislos an. Der Traum war noch so real und so lebendig, dass sie sich schwer tat, in die Wirklichkeit zurückzufinden. Sie rieb sich die Augen und fuhr sich durch das kurze Haar.

»Abu Rayhan?«, fragte sie und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Wer war Abu Rayhan? Und wo war Saddin? »Was ...«

»Ihr solltet Euch zuerst erfrischen, Herr«, sagte Yassir und stellte eine große Kupferschüssel auf einen kleinen Tisch neben das Bett. »Ich habe Euch bereits Wasser gebracht. Ich habe mir erlaubt, es mit Eurem Lieblingsduft zu parfümieren. Ich hoffe, es ist Euch recht?«

Beatrice schüttelte verwirrt den Kopf. Sie fühlte sich immer noch, als hätte ihr jemand einen Knüppel über den Schädel gezogen.

»Meinen Lieblingsduft? Aber was ...«

»Amber und Sandelholz, Herr. Ich habe mir die Freiheit gestattet, das Wasser eben damit ...«

»Sagtest du Amber und Sandelholz?«, fragte Beatrice und war mit einem Schlag wach. Natürlich konnte es ein Zufall sein. Vielleicht war Amber und Sandelholz eine unter Männern dieser Gegend beliebte und daher weit verbreitete Duftmischung. Sie kannte schließlich auch mehr als einen Mann zu Hause in Hamburg, der Azzaro benutzte.

»Ja, Herr. Bislang ist es mir an Euch gar nicht aufgefallen. Doch als ich heute früh Euer Gemach betreten habe, duftete der ganze Raum danach.« Er senkte den Blick und knetete verlegen seine Hände. »Ich hoffe, ich habe in meiner Einfalt keine Torheit begangen?«

»Nein«, sagte Beatrice und stützte nachdenklich den Kopf auf die Hände. »Nein. Es ist alles bestens.« Amber und Sandelholz. Dann war Saddin also wirklich hier gewesen. Hier in diesem Zimmer. Genau wie damals in Shangdou. Aber wie war das nur möglich? Wie konnte ein Traum so real werden, dass sogar der Duft ... Egal. Noch ein Grund mehr, sich an das zu halten, was er ihr gesagt hatte. Sie musste weg von hier, heute Nacht. Und wenn der Tag bereits fortgeschritten war, so blieb ihr nicht mehr viel Zeit übrig, um sich auf die bevorstehende Reise vorzubereiten. Mit einem Ruck schwang sie sich aus dem Bett.

»Herr, soll ich Euch nicht zuerst rasieren?«, fragte Yassir und deutete auf ein Messer, das neben der Waschschüssel auf einem Handtuch lag. »Ihr könntet solange noch im Bett bleiben und Euch bequem zurücklehnen, wenn ich Euren Bart ...«

»Rasieren? Bart?« Beatrice fühlte sich, als ob sie von einem Stier gerammt worden wäre. Natürlich. Männer hatten einen Bartwuchs und rasierten sich. Das war schließlich nichts Neues oder Ungewöhnliches. Die meisten Männer taten es vermutlich jeden Morgen. Aber sie? Was sollte sie jetzt Yassir erzählen? »Ich ... Weißt du, ich habe keinen Bartwuchs«, sagte sie schließlich und versuchte das bestürzte Gesicht des jungen Dieners zu übersehen. »Eine Krankheit. Als Junge. Es ist...« Sie zuckte mit den Schultern und hoffte, dass dem Diener diese Erklärung reichen würde und er kein Interesse an medizinischen Details hatte.

»Oh, ich verstehe, Herr«, beeilte sich Yassir zu versichern. Er war bis zu den Ohren rot geworden und tat Beatrice beinahe Leid in seiner Verlegenheit. Er nahm das Handtuch und drehte es zwischen seinen Händen. »Ich ... Ich bin fürchterlich ungeschickt. Verzeiht mir, Herr, falls ich Euch durch meine Gedankenlosigkeit verletzt haben sollte. Ich wollte Euch niemals kränken und ...«

»Ist schon gut, Yassir. Ich habe mich daran gewöhnt. Aber dies Geheimnis bleibt unter uns, ja?«

»Natürlich, Herr«, sagte Yassir und nickte eifrig. »Da Ihr gerade davon sprecht. Wegen heute Nacht ...«Er knetete das Handtuch, als wollte er es erwürgen.

»Auch das bleibt unter uns. Ich habe es dir und Sala bereits heute Nacht gesagt. Und ich stehe zu meinem Wort.«

In diesem Moment ging die Sonne auf Yassirs hübschem Gesicht auf, und er strahlte sie an, als würde er direkt aus ihren Händen einen Schluck vom Wasser des Lebens empfangen. Von seinem Standpunkt aus war es vielleicht sogar tatsächlich so. Homosexuelle durften wohl kaum mit Toleranz und Verständnis rechnen. Das galt im 21. Jahrhundert und ganz gewiss im Mittelalter in einem arabischen Land.

»Herr, Eure Güte ist unermesslich, und Euer Edelmut lässt sich nicht mit Worten beschreiben. Ich danke Allah auf Knien für die Gnade, dass Er ausgerechnet mich dazu auserkoren hat, Euch dienen zu dürfen. Wenn ich nur wüsste, wie ich Euch jemals ...«

»Lass gut sein, Yassir«, unterbrach sie ihn, bevor er tatsächlich auf die Knie fallen und ihr gar die Füße küssen konnte. »Ich bin ein wenig in Eile. Lege bitte meine Kleidung zurecht und lasse mich dann allein. Ich werde mich gleich zu Abu Rayhan begeben.«

»Sehr wohl, Herr«, sagte Yassir und verneigte sich. Mit wenigen Handgriffen hatte er die Kleidung so zurechtgelegt, dass Beatrice sie sich nur noch überstreifen musste. Und dann verschwand er - leise und unauffällig, wie es sich für einen erstklassigen Diener gehörte.

Kurze Zeit später war Beatrice bereits auf dem Weg zu Abu Rayhans Turmzimmer. Während sie mit langen Schritten den Gang hinuntereilte, zog und zerrte sie an ihren Gewändern, die einfach nicht so sitzen wollten, wie sie es von ihnen erwartete. Die arabische Frauenkleidung anzulegen bereitete ihr keine Schwierigkeiten mehr. Mittlerweile schaffte sie das sogar mit verbundenen Augen. Doch mit den Kleidungsstücken der Männer war sie überhaupt nicht vertraut. Ihr fehlte die Übung, und das bekam sie jetzt zu spüren. Irgendetwas hatte sie beim Ankleiden falsch gemacht. An der rechten Schulter kniff eine Stofffalte, und sie hatte den Eindruck, dass ihr Gewand hinten kürzer war als vorne. Egal. Sie hatte jetzt keine Zeit, um sich noch einmal umzuziehen. Abu Rayhan wartete, und ihr blieben nur noch wenige Stunden bis zum Einbruch der Dunkelheit. Sie wollte noch Malek und seine Familie besuchen, Yasmina Anweisungen für Assims Pflege erteilen und sich bei der Familie für ihre Gastfreundschaft bedanken. Dann musste sie sich um Wasser und Verpflegung für ihre Reise kümmern. Sie brauchte eine Landkarte oder etwas Ähnliches, um die Stadt Qazwin, in der sie Ali treffen sollte, finden zu können. Etwas Geld wäre nicht schlecht. Und ein Pferd hatte sie natürlich auch noch nicht... Sie hatte wirklich nicht die Zeit, sich auch noch den Kopf darüber zu zerbrechen, ob ihre Kleider schief saßen oder nicht. Und mit ein bisschen Glück würde das noch nicht einmal auffallen.

»Salam, Abu Rayhan«, sagte Beatrice und verneigte sich höflich. Sala hatte ihr die Tür geöffnet und sie zu der Sitzecke geleitet, die sie bereits von ihrem letzten Besuch kannte. Es fiel ihr schwer zu glauben, dass dies wirklich erst gestern gewesen war. »Verzeiht, falls ich Euch habe warten lassen. Ich ...«

Doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. Abu Rayhan war nicht allein. Neben ihm auf den Sitzpolstern saß der weißhaarige blinde Greis. Er hockte da mit untergeschlagenen Beinen und stützte sich auf seinen knorrigen Stock. Er und Abu Rayhan blickten ernst und schweigend zu ihr auf. Beatrice schluckte. Sie hatte plötzlich das Gefühl, einen Fehler begangen zu haben. Oder war sie bereits ertappt worden? Wussten die beiden, wer sie wirklich war, und wollten sie sie zur Rede stellen, bevor die Soldaten sie in den Kerker schleiften? Vielleicht stand Hassan ja auch schon hinter einem der Vorhänge und wartete begierig auf ihr Geständnis. Verrat, Mord, Ketzerei - was würde man ihr wohl von allen Verbrechen, die Menschen begehen konnten, vorwerfen?

»Setzt Euch, Saddin al-Assim«, sagte Abu Rayhan und deutete auf eines der noch freien Sitzpolster. Erleichtert bemerkte sie, dass seine Stimme keineswegs unfreundlich klang. Vielleicht war es gar nicht so schlimm? »In Anbetracht des allgemeinen Fastens habe ich heute keine Speisen vorbereiten lassen. Doch vielleicht darf ich Euch zur Erfrischung einen Becher Wasser reichen?«

»Ja, danke«, erwiderte Beatrice und konnte die Ungewiss- heit nun nicht länger ertragen. Was wollten die beiden nur von ihr? »Weshalb habt Ihr mich rufen lassen, Abu Rayhan?«

Doch Abu Rayhan hatte mit der Antwort keine Eile. Seelenruhig, als wäre es eine Art Meditation, goss er das Wasser in einen schlichten Messingbecher, während der weißhaarige Greis Beatrice unablässig fixierte, so als könnte er mit seinen unheimlichen weißen Augen mehr sehen als gewöhnliche Menschen.

»Hier, Saddin al-Assim«, sagte Abu Rayhan. »Trinkt.«

Sie nahm den Becher an und drehte ihn argwöhnisch in den Händen. Plötzlich hatte sie einen schrecklichen Verdacht. Was, wenn man gar nicht mit ihr reden wollte, sondern ihr Todesurteil bereits beschlossene Sache war und sofort vollstreckt werden sollte?

»Trinkt«, sagte Abu Rayhan noch einmal, und diesmal huschte sogar ein Lächeln über sein Gesicht. Ein wissendes Lächeln voller Verständnis, als ob er sich gut in ihre Lage und ihre Gedanken hineinversetzen könnte. »Seid unbesorgt, das Wasser enthält kein Gift.«

Nun, vielleicht stimmte das sogar. Aber was war mit Wahrheitsdrogen? Den Arabern mit ihren Handelsbeziehungen in alle Welt waren bestimmt selbst im Mittelalter solche Substanzen bekannt.-

»Ich danke Euch, aber ich habe in diesem Augenblick keinen Durst«, erwiderte Beatrice entschlossen und stellte den Becher auf den niedrigen Tisch, der zwischen ihnen stand.

Abu Rayhan hob eine Augenbraue. »Gut, ich werde Euch nicht zwingen«, sagte er und lehnte sich ein wenig zurück. »Wie ich sehe, habt Ihr bereits dazugelernt. Das ist lobenswert. Doch tätet Ihr besser daran, Euer Misstrauen und Eure Vorsicht auch an anderen Orten zu pflegen als nur in diesem Turm.«

»Ich möchte keinesfalls unhöflich erscheinen, Abu Rayhan«, sagte Beatrice, »doch ausgerechnet heute habe ich keine Zeit für vage Andeutungen. Ich habe es ein wenig eilig. Würdet Ihr daher die Güte haben, mir ohne Umschweife zu erklären, weshalb Ihr mich zu Euch gebeten habt?«

Abu Rayhan warf dem weißhaarigen Greis einen kurzen Blick zu.

»Treibt Euch die Ungeduld der Jugend, oder wisst Ihr vielleicht schon, was wir Euch sagen wollen?«

Beatrice schloss die Augen und zählte stumm bis zehn. Es kostete sie einiges an Überwindung, nicht ungeduldig mit den Fingern auf ihren Knien zu trommeln oder aufzuspringen und im Zimmer umherzuwandern.

»Eure Studien haben Euch lange in der Bibliothek aufgehalten«, sagte der Greis und sah Beatrice unverwandt mit seinen weißen Augen an. »Sogar bis tief in die Nacht hinein, wie man uns berichtet hat.«

»Und?« Beatrice zuckte mit den Schultern. »Ich wusste nicht, dass das verboten ist. Abu Rayhan sagte, es stehe mir frei, wann und wie lange ich mich in der Bibliothek aufhalte.«

»Natürlich ist es nicht verboten, Saddin al-Assim«, sagte Abu Rayhan beschwichtigend. »Es ist nur ungewöhnlich. Alles Ungewöhnliche aber erregt Aufmerksamkeit, und das ist - wie Ihr gewiss verstehen werdet - in einer Stadt wie Gazna nicht ganz ungefährlich.«

»Außerdem hängt es davon ab, welcher Art die Studien sind«, ergriff nun auch der Greis das Wort. »Wie man uns erzählte, haben Euch hauptsächlich jene Bücher interessiert, die einst Ali al-Hussein ibn Abdallah ibn Sina gehörten. Kennt Ihr diesen Namen?«

Beatrice blinzelte. Sollte sie jetzt leugnen, irgendeine Geschichte erfinden? Sie entschied sich dagegen.

»Ja, natürlich ist er mir bekannt«, sagte sie und lachte. »Habt Ihr schon vergessen, dass ich Arzt bin? Welcher Arzt unter Allahs Sonne kennt ihn wohl nicht, den großen ibn Sina?«

»Hört auf, um den Brei herumzureden«, sagte der Greis und klopfte mit seinem Stock ungeduldig auf den Boden. »Ibn Sinas vortreffliche Schriften über die Heilkunde sind das eine. Doch die Bücher, die ihr studiert habt, hat nicht er selbst geschrieben. Sie stammen lediglich aus seinem Besitz. Es sind Schriften der alten Philosophen und Gelehrten, und wir wollen nur wissen, weshalb sie Euer Interesse fanden.«

Beatrice sah von einem zum anderen. Allmählich wurde sie wütend. Was sollte diese Schnüffelei?

»Ich wüsste nicht, was Euch das ...«

»Bitte, versteht uns nicht falsch«, fiel Abu Rayhan ihr ins Wort. »Wir erkundigen uns nicht aus Neugierde, sondern aus

Sorge um Euch. Ihr weilt noch nicht lange in Gazna, und Ihr könnt deshalb nicht wissen, dass Ali al-Hussein, so herausragend seine Fähigkeiten als Arzt auch sein mögen, sich mit Wissenschaften auseinander setzt, die vor den Augen unseres Herrschers keine Gnade finden. Um es deutlich auszudrücken ...«

»Um es beim Namen zu nennen, Saddin al-Assim«, sagte der Greis und stampfte erneut mit seinem Stock auf den Boden, »Ali al-Hussein ibn Abdallah ibn Sina gilt in dieser Stadt als ein Ketzer, der nicht nur sein Leben, sondern auch seinen Platz im Paradies verwirkt hat. Und jeder, der sich mit seinen Büchern beschäftigt, ist somit ebenfalls ein Ketzer.«

»Dass bisher weder Hassan noch Subuktakin davon wissen, ist lediglich dem glücklichen Umstand zu verdanken, dass Reza sich stets in allen Fragen zuerst an Kemal al-Fadlan wendet«, fuhr Abu Rayhan fort und deutete auf den Greis neben ihm. »Versteht Ihr uns jetzt? Junger Freund, wir wollen Euch nicht verurteilen. Aber wir fürchten um Eure Sicherheit, um Euer Leben, falls Euer Interesse für ibn Sina und seine verbotenen Wissenschaften im Palast ruchbar würde.«

Beatrice biss sich auf die Unterlippe. Die beiden hatten Recht. Natürlich hatte sie vor, noch in dieser Nacht aus Gazna zu verschwinden, doch vielleicht blieben ihr nicht einmal mehr die wenigen Stunden bis zum Einbruch der Dunkelheit. Vielleicht musste sie Gazna sofort verlassen.

»Wer weiß noch davon?«, fragte sie.

»Niemand außer Kemal, ich und der Bibliothekar«, antwortete Abu Rayhan. »Doch Reza wird misstrauisch werden, sobald er merkt, dass wir nicht die Absicht haben, Euch zu bestrafen. Deshalb ...«

»Ihr müsst Gazna verlassen, solange Ihr noch die Möglichkeit habt, es auf Euren eigenen Beinen zu tun«, sagte Kemal, der Greis. »Am besten noch heute.«

»Aber wie ...«

»Unglücklicherweise lassen uns Hassan und seine Vertrauten kaum aus den Augen. Daher sind unsere Möglichkeiten sehr begrenzt.« Abu Rayhan sprach so hastig und leise, als hätte er nur wenig Zeit und würde zugleich fürchten, belauscht zu werden. Er nahm einen Lederbeutel und eine kleine, mit dunklem Leder bespannte Röhre und drückte ihr beides in die Hand.

»Was ist das?«, fragte sie und wog den Beutel. Er war überraschend schwer. Und es klimperte. »Ist das etwa ...«

»In der Steppe vor dem Westtor gibt es einen Kaufmann. Da er sein Geschäft außerhalb der Stadt betreibt, gilt die von Subuktakin auferlegte Zeit der Trauer für ihn nicht. Bei ihm könnt ihr also ein Pferd, Wasser, Proviant und alles, was Ihr außerdem für Eure Reise benötigt, erwerben. Und darin ...«, er deutete auf die Röhre, »... befindet sich eine Landkarte. Sie umfasst das ganze Land bis zu den Bergen.«

»Außerdem möchten wir Euch raten, die Männerkleidung wieder abzulegen«, sagte Kemal so ruhig und gelassen, als würde er ihr empfehlen, den Regenschirm nicht zu vergessen. »Wenn Eure Flucht entdeckt wird, werden Hassan und die Soldaten nach einem Mann suchen. Folglich wird niemand Euch verraten können.«

»Was wollt Ihr damit sagen?«, fragte Beatrice und unternahm den schwachen Versuch, entrüstet zu wirken. Vergeblich. Kemal verzog seinen zahnlosen Mund zu einem Lächeln.

»Ich wusste es vom ersten Augenblick an. Als Allah mir vor vielen Jahren mein Augenlicht nahm, hat Er in Seiner un- ermesslichen Güte zum Ausgleich mein Gehör geschärft. Es war Eure Stimme. Sie hat Euch verraten.«

Beatrice schnappte mühsam nach Luft. Sie hatte den Eindruck, jemand hätte ihr eine Schlinge um den Hals gelegt, die sich nun langsam zuzog.

»O mein Gott!«, flüsterte sie. »Wer weiß noch, dass ich ...«

»Niemand außer uns beiden«, sagte Abu Rayhan. »Andernfalls hätte man Euch nicht so lange unbehelligt gelassen.«

Lange? Wäre dies alles nicht so beängstigend, sie hätte vermutlich über die Ironie dieser Worte lachen müssen. Sie war doch kaum mehr als vierundzwanzig Stunden hier.

»Und warum- habt Ihr mich nicht verraten?«, fragte sie. »Ihr habt eine günstige Gelegenheit verstreichen lassen, Euer Ansehen bei Subuktakin zu verbessern.«

Abu Rayhan warf dem Alten einen kurzen Blick zu.

»Wir sind keine Kleriker, deren Geist sich an jede einzelne Silbe des Korans klammert«, antwortete er. »Wir sind Gelehrte. Kemal und ich wussten zwar sofort, dass Ihr Euch verstellt habt, dass nicht einmal die Berichte über Eure Herkunft der Wahrheit entsprechen, doch in einem Punkt habt Ihr nicht gelogen. Ihr habt die Medizin studiert. Wir haben von Euren Heilkünsten erfahren. Der junge Sohn des Teppichhändlers wird dank Eurer Kunst wieder laufen können. Ein Gelehrter, der über solche Fähigkeiten verfügt, hat unseren Schutz verdient. Und dabei hat es keine Bedeutung, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt.«

Beatrice stützte den Kopf auf die Hände. Vor Erleichterung war ihr schwindlig. Trotz aller Widrigkeiten und Hindernisse, die sich ihr immer wieder in den Weg stellten, schien sie stets an die richtigen Menschen zu geraten. Immer wenn sie glaubte, es ginge nicht mehr weiter, traf sie Männer und Frauen, denen sie vertrauen konnte und die ohne Gegenleistung bereit waren, ihr zu helfen oder sie zu beschützen. Vielleicht war es Zufall oder einfach nur Glück, vielleicht war es aber auch das Wirken einer höheren Macht. Wenn sie in Qazwin ankam, würde sie so bald wie möglich den Juden aufsuchen, von dem Saddin in ihrem Traum gesprochen hatte. Sie hatte unendlich viele Fragen an ihn.

»Ihr solltet jetzt gehen«, mahnte Kemal. »Je länger Ihr in Gazna verweilt, umso größer ist die Gefahr der Entdeckung. Mein Einfluss auf Reza ist begrenzt, und ich vermag nicht abzuschätzen, wann er sich an Hassan oder Subuktakin wenden wird.«

»Ihr habt Recht«, erwiderte Beatrice und erhob sich. »Jede Stunde ist kostbar.«

»Verzeiht, dass wir nicht mehr für Euch tun können«, sagte Abu Rayhan.

»Ihr habt bereits mehr für mich getan, als ich jemals erhoffen durfte«, entgegnete Beatrice und verneigte sich vor den beiden Männern. Sie war ihnen überaus dankbar. Noch vor wenigen Minuten hatte sie nicht gewusst, wo sie Pferd und Proviant hernehmen sollte, und jetzt hatte sie quasi mit einem Schlag alles beisammen - inklusive Landkarte. »Ich weiß nicht, wie ich Euch das jemals vergelten soll.«

»Das braucht Ihr auch nicht«, sagte Abu Rayhan, ergriff ihre Hände und lächelte. »Ich wünschte nur, Euer Aufenthalt in Gazna wäre von längerer Dauer gewesen. Ich bin sicher, wir hätten viel von Euch lernen können.«

Auch Kemal erhob sich schwerfällig. Als er dann endlich vor ihr stand, legte er Beatrice eine Hand auf die Schulter. Es war eine beinahe väterliche Geste, die sie umso mehr berührte, als sie diesen alten Mann eigentlich für einen Feind gehalten hatte.

»Verlasst Gazna so bald wie möglich und reitet schnell, ohne Euch umzublicken«, sagte er, und seine Stimme klang merkwürdig heiser. »Denkt immer daran, dass es für Euch in Gazna nichts gibt, das Ihr betrauern müsstet.«

Vor ihren Augen tauchten die Gesichter von Yasmina, Malek, Assim und Yassir auf. Und da gab es noch diese beiden hier, Abu Rayhan und Kemal. Es gab hier nichts, was sie betrauern müsste? Beatrice war sich nicht so sicher. Trotzdem nickte sie.

»Allah möge Euch segnen und auf allen Euren Wegen Seine schützende Hand über Euch halten«, sagte sie und verneigte sich noch einmal tief vor den beiden Gelehrten. Dann verließ sie das Zimmer.