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17.

Beatrice genoss den Ritt durch die Steppe. Die Hufe ihres Pferdes trommelten auf den schweren Boden, der frische Wind kühlte ihre Wangen, das dürre Gras roch nach Heu und Wildkräutern, und die untergehende Sonne schien ihr ins Gesicht. Nur vereinzelt stieß sie auf Zeugnisse für die Anwesenheit von Menschen - stillgelegte Zisternen, Feldbegrenzungen aus angehäuften Steinen, halb verfallene Häuser, die von ihren Bewohnern bereits vor Jahren verlassen worden waren. Menschen hingegen sah sie nicht. Zum Glück. Bisher war ihre Flucht besser verlaufen, als sie gedacht hatte, und sie hoffte, dass es so weitergehen würde.

Gleich nachdem sie sich von Abu Rayhan und Kemal verabschiedet hatte, hatte sie sich zu Maleks Haus begeben. Sie hatte Assim noch einmal untersucht. Dem Jungen ging es erfreulich gut, er war diszipliniert und hörte aufmerksam zu, als sie ihm erklärte, wie er sich in den kommenden Wochen verhalten müsse. Beatrice wusste, dass sie kein schlechtes Gewissen zu haben brauchte. Sie konnte ihn getrost für die Zeit bis zu seiner vollständigen Genesung mit seiner Familie allein lassen. Anschließend hatte sie Yasmina aufgesucht, ihr noch Instruktionen für die Pflege von Assim gegeben und die Freundin in ihre Pläne eingeweiht. Selbst wenn man ihre Spur bis zu Maleks Haus verfolgen würde, würde sich Hassan ganz gewiss nicht die Mühe machen, auch noch die Frauen der Familie zu verhören. Sie zählten schließlich nicht. Dann hatte sie Kemals Rat befolgt und ihre Kleidung gewechselt. Als sie wenig später nach einem herzlichen und tränenreichen Abschied wieder auf die Straße getreten war, war Saddin al- Assim ibn Assim verschwunden. An seine Stelle war eine tief verschleierte Frau getreten, die sich von den anderen Frauen durch nichts unterschied. Unbehelligt war Beatrice quer durch die Stadt zum Westtor gegangen. Und obwohl viele Männer und Frauen an diesem Tag dasselbe Ziel hatten wie sie, wurde sie von niemandem beachtet. Nicht einmal die Wachen am Stadttor schenkten ihr besondere Aufmerksamkeit. Sie war nur eine von vielen, die sich an diesem Tag auf den Weg zu dem einzigen Kaufmann gemacht hatten, der trotz der Trauerzeit sein Geschäft betreiben durfte. Der kurze Fußmarsch von etwa zwei Kilometern war Beatrice vorgekommen wie eine Pilgerreise. Eine Pilgerreise zu einem gesegneten Ort, an dem man jedoch keine geweihten Kerzen, sondern Fleisch, Mehl und Hülsenfrüchte erstehen konnte.

Bei dem »Geschäft« handelte es sich um ein kleines Dorf mit einer Hand voll Wohnhäusern, einem Gasthaus, einer Schmiede und einem Stall voller Pferde und Maultiere. Sogar zwei Kamele konnte Beatrice entdecken, in dieser fruchtbaren Gegend ein seltener Anblick. Herzstück und Zentrum des Dorfs aber war der Laden, der so groß war, dass er einem modernen Supermarkt alle Ehre gemacht hätte. Bevor sie jedoch endlich in den Laden hineinging, hatte Beatrice ihren Schleier abgelegt, unter dem sie Reisekleidung trug. Der Kaufmann war ein freundlicher dicker Mann mit einem dichten grauen Bart und fröhlich funkelnden Augen. Er und seine zahlreichen Gehilfen waren geschäftig hin und her geeilt, bemüht, trotz des Andrangs jeden Wunsch zu erfüllen und Linsen, Mehl, Salz und Gewürze an jeden Kunden in den gewünschten Mengen zu verkaufen. Beatrice hatte schon begonnen, sich Sorgen zu machen, dass der Laden bald ausverkauft sein könnte. Doch als sie schließlich an der Reihe war, hatte sie trotz des Andrangs alles erhalten, was ihr Herz begehrte - ein Pferd, ausreichend Proviant für mindestens zehn Tage und zwei gefüllte Wasserschläuche. Dabei waren die Preise trotz der starken Nachfrage erstaunlich niedrig, sodass sie schließlich noch genügend Geld übrig hatte, um einen schlanken Dolch zu kaufen. Sie hoffte zwar inständig, dass sie die Waffe niemals brauchen würde, doch ausgeschlossen war es nicht. Sie musste auf alles vorbereitet sein.

Zufrieden tätschelte sie dem Pferd den Hals. Das Tier war ausdauernd und schnell. Seitdem sie das Dorf des Kaufmanns am frühen Nachmittag verlassen hatte, hatte sie weder sich noch dem Pferd eine Pause gegönnt. Trotzdem zeigte es keine Anzeichen von Müdigkeit oder Erschöpfung. Im Gegenteil, jedes Mal, wenn sie das Pferd zügelte, um es zur Erholung im Schritt gehen zu lassen, warf es den Kopf hoch und wieherte so empört, als wollte es ihr sagen, dass es dieses gemächliche Tempo als Beleidigung empfinde.

Aus den Säcken, die hinter ihr am Sattel hingen, stieg ihr der Duft der kleinen harten Dauerwürste verführerisch in die Nase und sorgte für regen Speichelfluss. Bereits im Laden hatte sie das beinahe unwiderstehliche Verlangen verspürt, in diese leckeren Würste hineinzubeißen. Doch sie musste sich noch ein wenig gedulden. Sie wollte noch bis zum Einbruch der Dunkelheit in westlicher Richtung weiterreiten, dann eine kurze Pause einlegen und essen, um schließlich im Licht der Sterne endlich die Richtung zu wechseln und nach Norden zu reiten, der Stadt Qazwin entgegen. Vielleicht war es übertriebene Vorsicht. Bisher hatte sie keine Verfolger entdecken können, und es war nicht zu erwarten, dass das Pferd auf dem harten Boden viele Spuren hinterlassen würde. Trotzdem - lieber zu vorsichtig als leichtsinnig.

Der Sonnenuntergang war ein großartiges Schauspiel. Wie ein riesiger blutroter Ball versank die Sonne direkt hinter den Hügeln, die vor ihr lagen, und ließ die Ruinen eines verlassenen Bauernhofs glühen. Dabei versteckte sie sich hinter einem grauen Nebel, als würde auch sie sich an das Verschleierungsgebot des Korans halten. Fasziniert beobachtete Beatrice, wie die Sonne immer tiefer sank und der Schleier immer dichter wurde. So etwas hatte sie noch nie zuvor gesehen. Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, dass dies kein Naturschauspiel war. Der Schleier war nichts anderes als Rauch, der von einem Feuer aufstieg. Beatrice zügelte erschrocken ihr Pferd. Kaum mehr als hundert Meter von ihr entfernt hatten zwei Männer einen riesigen Reisighaufen in Brand gesteckt. Zum Glück waren die beiden so mit ihrem Feuer beschäftigt, dass sie Beatrice noch nicht bemerkt hatten. Rasch ritt sie zu einer der Ruinen, sprang vom Pferd und versteckte sich hinter den Überresten der Mauer, die wohl einst zu einem Stall gehört hatte. Vorsichtig spähte sie durch eine der Lücken zwischen den Lehmziegeln hindurch.

Der Rauch wurde immer dichter und schwärzer, und jetzt konnte Beatrice das Feuer auch riechen. Es war ein unangenehmer, durchdringender Geruch, beißend und widerwärtig, und sofort wusste sie, worum es sich handelte. Sie kannte diesen Gestank von der Notaufnahme und aus dem OP, wenn statt mit dem Skalpell mit dem elektrischen Messer gearbeitet wurde. Es war der Geruch von verbranntem Fleisch, der sich bei jedem, dessen Nase jemals damit konfrontiert wurde, für den Rest seines Lebens in den Gehirnwindungen festsetzte.

Die beiden Männer trugen zum Schutz gegen den Qualm Tücher vor Mund und Nase. Ob es Hirten waren, die gezwungen waren, ihre Tiere zu verbrennen, um die Ausbreitung einer Seuche zu verhindern? Doch Beatrice wusste, dass diese Vermutung nur ein Wunschdenken war, denn das, was sie zwischen den brennenden Zweigen sehen konnte, hatte keine Ähnlichkeit mit Tieren. Das konnte sie trotz der Entfernung deutlich erkennen. In diesem riesigen Feuer wurden ohne Zweifel die Überreste eines Menschen verbrannt. Gut, sie war natürlich kein Experte. Sie musste nicht gleich an das Schlimmste denken, an Mord und Verschwörung. Ebenso gut konnte es sich um eine Feuerbestattung handeln. Allerdings hatte sie gelesen, dass die Moslems ihre Toten in der Erde oder in Felsenhöhlen bestatteten. Von Verbrennungen hatte sie bislang nichts gehört. Also war sie doch Zeugin eines Verbrechens?

Bestürzt sank Beatrice auf den Boden und lehnte sich gegen die Mauer. Wer hier mitten in der Steppe, weitab von jedem Dorf, eine Leiche verbrannte, war gewiss nicht erfreut darüber, dabei beobachtet zu werden. Es war wohl besser, hier in dem Versteck zu bleiben, bis die beiden Männer fertig waren, und darauf zu hoffen, dass sie nicht über sie stolperten, wenn sie wieder nach Hause ritten. Wenn wenigstens das Pferd solange ruhig blieb.

Erschrocken fuhr Beatrice hoch. Mit einem Schlag war es dunkel geworden. Über ihr wimmelte es von Sternen, deutlich war die Milchstraße zu sehen. Das Pferd neben ihr schnaubte leise und stupste sie an der Schulter an, als wollte es sie drängen, nun endlich weiterzureiten. Sie rieb sich die Augen. Es war kaum zu glauben. Sie musste tatsächlich eingeschlafen sein - trotz der Gefahr, in der sie schwebte. Ob die Männer noch da waren? Vorsichtig erhob sie sich und spähte über die Mauer.

Der Scheiterhaufen war mittlerweile in sich zusammengesunken, schwach leuchtete die Glut in der Dunkelheit. Niemand schien mehr da zu sein, weit und breit war von den beiden Männern nichts zu sehen und zu hören - keine Pferde, kein Lagerfeuer, keine Stimmen, nichts.

Du kannst nicht bis zum Tagesanbruch hier bleiben. Du musst hier weg. Beatrice nahm all ihren Mut zusammen, ergriff die Zügel ihres Pferdes und führte es aus der Ruine hinaus. Eigentlich wäre es das Klügste gewesen, sich so schnell wie möglich aus dem Staub zu machen, einfach Richtung Norden über die Hügel zu reiten und zu vergessen, was sie hier gesehen hatte. Doch sie konnte nicht. Obwohl es sie ekelte und sie sich vorkam wie ein Mitglied der gaffenden, sensationslüsternen Meute, die sich zu einer Hinrichtung auf einem mittelalterlichen Marktplatz versammelt, wurde sie geradezu magisch von dem heruntergebrannten Scheiterhaufen angezogen.

Was willst du da eigentlich?, fragte sie sich, während sie sich der Feuerstelle näherte. Helfen kannst du dem armen Kerl ohnehin nicht mehr. Willst du unbedingt in der Glut herumstochern und die verkohlten Überreste von menschlichen Knochen sehen? Was hast du davon? Du solltest dich schämen.

Sie war nur noch wenige Meter von den Überresten des Feuers entfernt, als sie abrupt stehen blieb. Vor Angst wagte sie sich nicht zu rühren. Ganz offensichtlich hatte sie sich geirrt. Die beiden Männer waren keineswegs fort. Reglos standen sie am Feuer, kaum zehn Meter von ihr entfernt, und starrten in die Glut, als könnten sie aus der Asche die Zukunft ablesen.

Ach du Heiliger!, schimpfte Beatrice mit sich und blickte sich hastig nach einem Versteck um. Da siehst du mal, wohin dich deine Neugier gebracht hat, du dämliche Kuh.

Es gab kein Versteck. Hier war nichts außer der Ruine, die sie gerade verlassen hatte. Wenn sie dorthin zurücklief, würden die Männer sie ohne Zweifel entdecken. Es gab keinen

Ausweg. Es war vorbei. Sie war verloren. Hier war nun endgültig Schluss. Wer hätte gedacht, dass es sie mitten in der Steppe erwischen würde.

Beatrice malte sich bereits aus, wie die beiden sie entdecken, sich auf sie stürzen und ermorden würden, als plötzlich der Wind auffrischte. Er blies ihr direkt ins Gesicht. Und seltsamerweise wurde der beißende Geruch der Asche überlagert von einem anderen, wesentlich angenehmeren Duft, der ihr ebenfalls bekannt vorkam. Es dauerte, bis sie ihn identifiziert hatte, weil sie alles erwartet hätte, nur nicht das, nicht hier, nicht zu diesem Zeitpunkt. Im selben Moment erkannte sie auch die Silhouette eines der beiden Männer. Das Sternenlicht schimmerte auf seinen langen schwarzen Haaren. Es gab keinen Zweifel. Hier mitten in der Steppe, keine zehn Meter von ihr entfernt stand Saddin gemeinsam mit einem anderen Mann und sah sich das Feuer an. Aber wie war das möglich? Träumte sie etwa immer noch? Stand sie gar nicht hier am Feuer, sondern lag noch zwischen den Resten der Lehmziegel in der Ruine? Oder waren er und sein Begleiter diejenigen, die das Feuer angezündet hatten? War sie Zeugin geworden, wie Saddin ein Verbrechen vertuscht hatte? War dies hier einer seiner Aufträge? Sie wusste ja, dass Saddin in kriminelle Machenschaften verwickelt war. Und sie hatte nicht vergessen, wie gefährlich er werden konnte, wenn man ihm dummerweise in die Quere kam.

Vorsichtig und wie in Zeitlupe ging Beatrice Schritt für Schritt zurück, ohne die beiden Männer aus den Augen zu lassen. In dem Bestreben, nur ja kein Geräusch zu machen, wagte sie noch nicht einmal normal zu atmen. Trotzdem waren ihre Bemühungen vergebens. Vielleicht war sie doch zu laut gewesen, vielleicht hatte er ihre Schritte gehört oder die des Pferdes. Sie hatte sich kaum drei Meter vom Feuer entfernt, als Saddin sich zu ihr umdrehte. Beatrice blieb fast das Herz stehen. Jetzt war es endgültig vorbei mit ihr.

Er sah ihr direkt in die Augen und schüttelte den Kopf - tadelnd, so als würde er ihre Gedanken kennen. Dann lächelte er. Es war wieder dieses unwiderstehliche Lächeln, für das man ihm beinahe jedes Verbrechen verzeihen konnte. Er nickte ihr kurz zu, dann wandte er sich an seinen Begleiter.

»Komm, es wird Zeit. Wir müssen gehen«, sagte er leise.

Trotzdem konnte Beatrice seine Worte so deutlich hören, als hätte er direkt neben ihr gestanden und mit ihr gesprochen. Und dann traute sie ihren Augen nicht. Vor ihnen, nur ein paar Meter jenseits des Scheiterhaufens, strahlte plötzlich ein gleißend helles Licht.

Das Licht hatte die Umrisse einer riesigen Tür. Beatrice hielt sich geblendet eine Hand vor die Augen, als der Lichtschein zunehmend heller und heller wurde, während sich langsam die beiden Flügel eines gigantischen Tors öffneten. In der Mitte konnte Beatrice die Umrisse einer Gestalt erkennen. Sie kam ihr ungewöhnlich groß vor, und sie hätte schwören können, dass sie etwas in der Hand hielt, das an eine brennende Waffe erinnerte - ein Flammenwerfer zum Beispiel, nur viel größer und irgendwie anders. Träumte sie noch? Was ging hier vor? Wurde sie etwa gerade Zeugin der Landung von Außerirdischen? Hoffentlich war Saddin nachher, wenn alles vorbei war, bereit, ihr die Fragen zu beantworten.

Doch bevor sie auch nur ein Wort sagen oder etwas tun konnte, hob das riesige Geschöpf seine seltsame Waffe empor. Im selben Augenblick wurde Beatrice schwindlig. Alles schien sich um sie herum zu drehen - die Sterne, die Überreste des Feuers, die langen dürren Grashalme, der Boden, die Dunkelheit ...

Als Beatrice wieder zu sich kam, war es immer noch dunkel.

Was für ein verrückter Traum, dachte sie und rieb sich die Augen. Offensichtlich hast du dir zu viele Mystery-Serien im

Fernsehen angeschaut. Allerdings wäre Fox Mulder bestimmt stolz auf dich. Ob die beiden Männer schon fort sind?

Beatrice setzte sich auf. Der Schrei stieg ihr so plötzlich und unerwartet in die Kehle, dass sie ihn nicht mehr unterdrücken konnte. Wenn jetzt nicht innerhalb der nächsten zehn Minuten Menschen angerannt kamen, dann gab es hier auch keine. Diesen Schrei musste jeder im Umkreis von mehreren Kilometern gehört haben.

Keuchend wischte sie sich den Schweiß von der Stirn. Sie hatte erwartet, in der Ruine zu liegen, in der sie sich versteckt hatte, als sie am frühen Abend die beiden Männer beobachtet hatte. Doch tatsächlich lag sie neben dem Feuer, fast hundert Meter von der Ruine entfernt und genau an der Stelle, wo sie im Traum Saddin und seinen Begleiter gesehen hatte und wo dieses seltsame Licht erschienen war. Hatte sie etwa so lebhaft geträumt, dass sie im Schlaf gewandert war? Oder war es am Ende doch kein Traum gewesen? Aber was hatte sie eigentlich gesehen?

Sie versuchte sich an jede Kleinigkeit ihres Traums - oder was auch immer es gewesen sein mochte - zu erinnern. Doch je mehr sie es versuchte, umso mehr verschwammen die Einzelheiten vor ihren Augen wie die Bilder eines Traums, an den man sich bereits ein paar Minuten nach dem Aufwachen nicht mehr erinnern konnte. Zu allem Überfluss begannen auch noch hinter ihrer Stirn heftige Kopfschmerzen zu pochen.

»Es hat keinen Zweck«, sagte sie leise, rieb sich die Nasenwurzel und wünschte sich nichts sehnlicher als ihre kleine rote Dose Tiger Balm, die sie zu Hause immer in ihrer Handtasche bei sich trug. Mit dem nach Kampfer und Menthol duftenden Balsam bekämpfte sie gewöhnlich ihre Kopfschmerzen erfolgreicher als mit Medikamenten. »Ich werde wohl niemals dahinter kommen.« Das Pferd schnaubte, stieß sie auffordernd an und stampfte einmal mit dem Huf auf den Boden.

»Du hast Recht«, sagte Beatrice und streichelte dem Tier über die Nase. »Wir sollten jetzt endlich aufbrechen.«

Mühsam rappelte sie sich auf. Sie fühlte sich immer noch ein bisschen schwindlig und war froh, als sie endlich im Sattel saß. Die Sterne über ihr waren in der Zwischenzeit nur unwesentlich weitergewandert. Was auch immer hier geschehen war, es hatte ganz offensichtlich nicht lange gedauert. Sie sah sich noch einmal um. Vor ihr lag die Steppe, im Hintergrund standen die Ruinen des Bauernhofs. Nichts hatte sich verändert, alles war noch genauso wie vorher. Abgesehen von der Feuerstelle, die jetzt schwarz und düster inmitten des im Sternenlicht silbrig glänzenden Grases lag wie der berühmte Tintenfleck an Martin Luthers Zellenwand. Plötzlich fröstelte es sie. Etwas in der Asche schimmerte hell, viel heller als die Asche. Und die Umrisse dieses Objekts erinnerten sie fatalerweise an die Kalotte eines menschlichen Schädels.

Beatrice riss das Pferd herum, trat ihm in die Flanken und galoppierte in Richtung Norden davon. Sie konnte sich nicht auch noch mit ihren Hirngespinsten belasten. Sie hatte Wichtigeres zu tun. Schließlich musste sie Qazwin unbedingt vor Hassan und seinen Leuten erreichen. Sie musste Michelle finden und Ali rechtzeitig vor der drohenden Gefahr warnen. Ganz gleich, was auch immer hier geschehen war oder nicht, es würde wohl ein Rätsel bleiben. Und es ging sie auch nichts an.

»Herr, da ist ...«

Weiter kam der Diener nicht. Er wurde so unsanft zur Seite gestoßen, dass er gegen die Wand prallte und vor Schmerz aufschrie.

»Beim Barte des Propheten!«, brüllte Hassan. Doch dann erkannte er den Mann, der sich auf so rabiate Weise Zutritt zu seinem Gemach verschafft hatte, und sein Zorn milderte sich. Es war Harun. Er war einer der Brüder und gleichzeitig Mitglied der Leibgarde seines Vaters. Jemand wie Harun würde es niemals wagen, ihn mitten in der Nacht zu stören - es sei denn, er hatte einen wichtigen Grund. »Was gibt es?«

Harun warf dem Diener einen misstrauischen Blick zu, und Hassan nickte.

»Geh, ich brauche dich heute nicht mehr.«

Der Diener verneigte sich und verließ das Zimmer, nicht ohne Harun zuvor hasserfüllt anzusehen und sich seine schmerzenden Rippen zu halten. Hassan wartete noch, bis sich die Tür hinter dem Diener geschlossen hatte und seine Schritte auf dem Flur verhallt waren, dann erst wiederholte er seine Frage.

»Nun, Harun, was ist so wichtig, dass du mich mitten in der Nacht in meinem Schlafgemach überfällst wie ein Dieb?«

»Verzeiht, Herr und Großmeister«, antwortete Harun und verneigte sich. Dass Hassan mit bloßem Oberkörper und nur mit einer leichten Schlafhose bekleidet vor ihm stand, schien seiner Ehrfurcht keinen Abbruch zu tun. »Ich würde es gewiss nicht wagen, Euch in Eurer wohlverdienten Ruhe zu stören, Herr, doch es ist etwas vorgefallen, das keinen Aufschub duldet. Eure Anwesenheit ist dringend erforderlich.«

»So. Und worum handelt es sich?«

»Das ... das wage ich Euch nicht zu sagen. Nicht hier. Ihr solltet es mit Euren eigenen Augen sehen, Herr. Ich muss Euch daher bitten, mich zu begleiten.«

»Darf ich wenigstens wissen, wohin ich mit dir gehen soll?«

»Natürlich, Herr!«, erwiderte Harun rasch und verneigte sich. Seine Ohren glühten wie die untergehende Sonne. Ihm war deutlich anzumerken, wie unangenehm ihm die ganze

Angelegenheit war, und trotzdem hatte Hassan den Eindruck, dass da noch etwas anderes dahinter steckte. Der Mann trieb gewiss keine Scherze mit ihm. Er sah aus, als ob er Angst hätte. »Ihr müsst mich in den Kerker begleiten.«

Hassan runzelte die Stirn. »In den Kerker?«

»Ja, Herr«, sagte Harun mit deutlich zitternder Stimme. »Der Kerkermeister hat in einer der Zellen etwas entdeckt, das Ihr Euch ansehen müsst.«

»Ich kleide mich rasch an.«

Während er mit Harun durch den Palast zum Kerker ging, fragte Hassan sich nicht, was von so großer Bedeutung sein konnte, dass seine Anwesenheit dort mitten in der Nacht von- nöten war. Solche Fragen waren überflüssig. Er würde die Antwort ohnehin erst vor Ort erfahren, und bis dahin konnte er die Zeit besser nutzen, indem er die neunundneunzig Namen Allahs rezitierte.

Als sie endlich im Kerker ankamen, merkte Hassan sofort, dass Harun nicht übertrieben hatte. Alle Wachen schienen in Aufruhr zu sein. Sie standen in kleinen Gruppen beieinander, ihre unterdrückten Stimmen klangen aufgeregt. Doch sobald sie Hassan erkannten, verstummten sie und verneigten sich.

»Was ist hier los?«, fragte Hassan, richtete sich zu seiner vollen Körpergröße auf, verschränkte die Arme vor der Brust und sah streng von einem zum anderen. »Wer will es mir erklären? Wo ist der Kerkermeister?«

»Hier bin ich, Herr.«

Der Kerkermeister trat einen Schritt vor. Obwohl er nicht zu den größten Männern zählte und sein Haar bereits grau wie Asche war, war er eine furchteinflößende Erscheinung mit seinen kräftigen, muskulösen Armen, den breiten Schultern und der quer über dem Gesicht verlaufenden Narbe.

Hassan kannte die Geschichten über diesen Mann und seine ungewöhnliche Grausamkeit gut, die vor vielen Jahren zu seiner Strafversetzung von den Soldaten in den Kerker geführt hatte. Doch diese Berichte kümmerten ihn nicht. Wer erwartete schon Barmherzigkeit und Sanftmut von einem Kerkermeister?

»Erzähle mir, was vorgefallen ist«, verlangte Hassan.

»Kommt mit mir, und seht selbst«, entgegnete der Kerkermeister statt einer Erklärung. Er riss eine der Fackeln von der Wand und ging ein paar Schritte voraus. Dann blieb er stehen und wandte sich um.

»Gut, ich komme. Harun ...«

Doch der Kerkermeister unterbrach ihn. »Allein.«

Hassan öffnete den Mund, um den Mann wegen seiner Unverfrorenheit zurechtzuweisen und ihm die angemessene Strafe anzudrohen, doch ein Blick in dessen Augen genügte, und er schwieg. Diese Augen waren kalt und dunkel wie der Tod selbst. Ein solcher Mann ließ sich nicht einschüchtern. Schon gar nicht durch Worte. Hassan nickte nur und folgte ihm.

Sie stiegen eine schmale steinerne Treppe hinab und gingen einen engen Gang entlang. Es war keinesfalls das erste Mal, dass Hassan den Kerker betrat. Er kam oft hierher, um Verhöre zu überwachen, Hinrichtungen anzuordnen oder Gefangene zu begnadigen - was allerdings nur selten geschah. Trotzdem fühlte er sich in dieser Nacht ebenso unbehaglich wie damals als Achtjähriger, als ihn sein Vater zum ersten Mal in den Kerker mitgenommen hatte, um ihm zu zeigen, wie das Strafsystem der Stadt Gazna organisiert war. Hinter den Zellentüren vor ihnen polterten und murrten die Gefangenen. Ihren Schreien entnahm Hassan, dass sie ihre abendliche Essensration nicht erhalten hatten. Doch sobald sie sich den Zellen näherten, verstummten die Gefangenen, als hätten sie die Schritte der schweren, eisenbeschlagenen Stiefel des Kerkermeisters erkannt und wollten um jeden Preis vermeiden, seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

»Es war klug von Euch, auf meinen Rat zu hören«, sagte der Kerkermeister mit seiner tiefen, rauen Stimme, deren Klang einige Gefangene dazu veranlasste, zu wimmern und zu heulen wie verwundete und verängstigte Tiere. »Ich bin sicher, es ist nicht in Eurem Sinne, dass noch mehr Augen zu sehen bekommen, was ich Euch zeigen will.«

»Und wohin führst du mich?«, fragte Hassan. Er wurde allmählich wütend. Wie kam es, dass dieser Mann, dieser alte ehemalige Soldat, der zur Strafe seinen Dienst hier im Kerker verrichten musste, anstatt zur Ehre Allahs und für Subuktakin zu kämpfen, ihn in dieser Nacht so aus der Fassung brachte? Warum ließ er es zu, dass dieser heruntergekommene Kerl, der sich gewiss nicht an das Verbot des Genusses von berauschenden Getränken hielt, so mit ihm sprach? An jedem anderen Tag hätte er ihn längst zu fünfzig Peitschenhieben verurteilt. Nicht mehr, denn schließlich war dieser Mann nützlich. Es gab nicht viele, die sich damit brüsten konnten, dass Wachen und Gefangene gleichermaßen vor ihnen zitterten. Und trotzdem, eigentlich sollte er den Kerl für seine Frechheit bestrafen. Warum tat er es nicht?

Später, dachte Hassan, später. Erst will ich wissen, was er mir zu zeigen hat.

»Ich bringe Euch nach unten«, antwortete der Kerkermeister, und ein breites Grinsen verzerrte sein entstelltes Gesicht zu einer grässlichen Fratze. »Dorthin, wo die schlimmsten Verbrecher in ihren Zellen hocken und auf ihr Ende warten - die Verräter, die Ehebrecher, die Gotteslästerer.«

Hassan schluckte. Er kannte das unterste Stockwerk des Kerkers gut. Oft war er dort, um Ketzer zu verhören oder ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Zuletzt in der vergangenen Nacht, als er Tariq aus seiner Zelle geholt und ihn in das verfallene Haus gebracht hatte.

Endlich kamen sie im untersten Stockwerk an, einem Labyrinth, verwinkelter und verwirrender als alle anderen Stockwerke des Kerkers. Der Gestank, der hier herrschte, war schier unerträglich, er raubte einem den Atem. Es roch, als hätte die Hölle einige ihrer Schleusen geöffnet, um den Gefangenen in ihren Zellen einen Vorgeschmack darauf zu geben, was sie nach ihrem Ableben erwartete. Hassan schnappte mühsam nach Luft und fragte sich, ob es hier in der vergangenen Nacht auch schon so gestunken hatte. Es war ihm nicht aufgefallen. Oder war die Hölle so zornig über die Entführung einer ihrer Söhne, dass sie die Luft verpestet hatte? Um nicht ohnmächtig zu werden oder gar zu ersticken, hielt er sich ein Tuch vor die Nase. Der Kerkermeister warf ihm einen Blick zu und grinste. Ihn schien der Gestank nicht zu stören.

Vor einer der Zellen stand ein Wachtposten. Schon von weitem erkannte Hassan, um welche Zelle es sich dabei handelte. Hier war er in der vergangenen Nacht gewesen, hier hatte er Tariq in Ketten legen und ihn dann hinausbringen lassen.

»Verschwinde«, herrschte der Kerkermeister seinen Untergebenen an. »Melde dich im Quartier. Oben gibt es genug zu tun.«

Der Wachtposten nickte und machte sich aus dem Staub, als würde ihn oben das Paradies erwarten. Und Hassan begann sich allmählich doch zu fragen, warum. Was war hier geschehen, das alle derart verängstigte und in Aufregung versetzte?

Der Kerkermeister nahm einen gewaltigen Schlüsselring von seinem Gürtel. Das rostige Schloss quietschte erbärmlich, als er den Schlüssel darin umdrehte, und nur widerwillig ließ sich die von Feuchtigkeit und Kälte verzogene Tür öffnen.

Bestialischer Gestank schlug Hassan entgegen und traf ihn wie eine ins Gesicht geschmetterte Faust, sodass er zurücktaumelte. Auch hier hatte es vergangene Nacht nicht so gestunken. Gewiss nicht. Es wäre ihm doch aufgefallen.

»Bitte, tretet ein«, sagte der Kerkermeister und machte eine Verbeugung. »Doch wappnet Euch. Wenn Ihr einen Fuß über diese Schwelle setzt, betretet Ihr das Reich des Bösen.«

Hassan schluckte. Das Grinsen des Kerkermeisters war diabolisch. War dies wirklich der Kerkermeister, den er kannte? Oder war ein Dämon, vielleicht sogar der Teufel persönlich in die Haut des Kerkermeisters geschlüpft, um ihn in eine Falle zu locken? Nur zögernd betrat er Tariqs Zelle. Schritt für Schritt ging er vorwärts und erwartete jeden Augenblick das Geräusch der hinter ihm zuschlagenden Tür zu hören, um dann den Geschöpfen der Hölle schutzlos und allein ausgeliefert zu sein. Doch nichts geschah.

Er stand in der Zelle. Der Boden des kleinen, kaum zehn mal zehn Fuß messenden Raums war mit altem schimmligem Stroh bedeckt, in dem Maden und zahllose Spinnen herumkrochen. In einer Ecke raschelte es verdächtig. Ratten. Im ganzen Kerker wimmelte es von diesen widerlichen Tieren. Sie fraßen Unrat und Insekten, von denen es hier mehr als genug gab. Sie lebten von den Nahrungsrationen der Gefangenen, den Leichen, die manchmal in ihren Zellen verwesten, unbeachtet und vergessen von den Wachen. Berichten zufolge machten sie noch nicht einmal vor den lebenden Häftlingen halt. Der Tisch im Kerker war stets reich gedeckt, die Ratten waren fett, und manche von ihnen wurden so groß wie Katzen. Doch das störte Hassan nicht. Wer hier im Kerker saß, hatte das alles verdient - die Dunkelheit, den Hunger und den Durst, den Gestank und natürlich auch die Ratten. Aber warum hatte man ihn jetzt hierher gebracht? Er konnte nichts Ungewöhnliches oder gar Beängstigendes entdecken.

»Reich mir die Fackel!«, rief er dem Kerkermeister zu. »Es ist zu dunkel.«

Das Licht der Fackel erhellte die kleine Zelle, als der Kerkermeister eintrat, und im selben Augenblick konnte Hassan sehen, weshalb man ihn gerufen hatte. Der Anblick traf ihn derart überraschend, dass ihm der Atem in der Kehle stecken blieb und seine Knie zu zittern anfingen. Wahrlich, der Kerkermeister hatte nicht übertrieben. Dies war der Vorraum zur Hölle.

Die Wände waren bedeckt mit hunderten von Gesichtern, manche groß wie Melonen, andere so klein, dass man sie kaum erkennen konnte. Sie waren verzerrt vor Angst, Wut und Hass, sie lachten irre, schrien vor Schmerz, waren in einer diabolischen Ekstase verzückt oder von ungezählten Narben entstellt. Hassan glaubte fast die Stimmen zu hören, die aus den vermutlich mit Schmutz, Ruß und Blut gezeichneten Mündern kamen. Heisere, kehlige Stimmen, die eher den Stimmen von Tieren glichen. Und dann wurde ihm plötzlich die ganze Dimension dessen, was er sah, klar. Ihm wurde speiübel. Dies waren keine verschiedenen Gesichter. Sie sahen zwar alle unterschiedlich aus, doch das lag allein daran, dass jedes einen anderen Ausdruck hatte, ein anderes Gefühl verkörperte. Letztlich handelte es sich jedoch immer um ein und dasselbe Gesicht - seins.

Hassan schluckte mehrmals, bis die bittere Galle ihren Weg wieder zurück in seinen Magen gefunden hatte.

»Beim Barte des Propheten«, flüsterte er. »Was ...«

»Ich wusste, dass es Euch interessieren würde«, sagte der Kerkermeister. Er stand lässig gegen den Türpfosten gelehnt, mit vor der Brust verschränkten Armen und übereinander geschlagenen Beinen, als hätte er schon schrecklichere Dinge gesehen.

»Erzähle mir alles, was du darüber weißt.«

Der Kerkermeister zuckte mit den Schultern. »Das ist nicht viel. Ich kümmere mich wenig um das Schicksal der Gefangenen, es ist zu anstrengend bei den vielen Neuzugängen und Abgängen, insbesondere hier unten. Hier, im untersten Stockwerk, gibt es nur zwei Arten von Gefangenen - die, die innerhalb kurzer Zeit dem Henker vorgeführt werden, und die, die vergessen werden. Dieser Gefangene war seit über sieben Jahren hier. Ein weitgehend unauffälliger Bursche, hat nie gebrüllt, niemals Ärger gemacht so wie die anderen. Kann mich nicht erinnern, dass ich ihn jemals hätte züchtigen müssen. Er war einer von denen, die hier unten vergessen werden. Trotzdem wurde er, so wie mir einer der Wachen berichtete, in der vergangenen Nacht abgeholt. Doch vielleicht wisst Ihr bereits davon?«

Hassan atmete tief ein. Er musste sich jetzt beherrschen, er durfte sich keine Blöße geben, kein falsches Wort sagen.

»Woher sollte ich das wissen?«

Doch der Kerkermeister ging nicht darauf ein.

»Er kam nicht zurück. Wahrscheinlich hat es ihn erwischt, und sein Kadaver liegt nun in irgendeiner Grube und fault langsam vor sich hin.«

»Oder seine Kumpane haben ihn befreit«, sagte Hassan und versuchte das spöttische Grinsen einfach zu übersehen. Stattdessen konzentrierte er sich schaudernd auf die Zeichnungen. Aus einer Eingebung heraus stieß er das Stroh mit dem Stiefel beiseite - um im nächsten Augenblick vor Entsetzen zurückzuweichen. Tatsächlich, seine Ahnung hatte ihn nicht getäuscht. Auch der Steinboden war mit diesen grauenvollen Zeichnungen bedeckt. »Allah!«

»Ja, der Kerl hat die Zeit, die er hier verbracht hat, ausgiebig genutzt«, sagte der Kerkermeister und warf einen gleichgültigen Blick auf den Boden.

»Bei allen Heiligen Allahs!«, rief Hassan aus. Ihm war vor Abscheu und Ekel übel geworden. »Dieser Mann muss wahnsinnig gewesen sein.«

»Wahnsinnig? Nein, ich denke ...«

»Er muss wahnsinnig gewesen sein«, unterbrach Hassan den Kerkermeister barsch. »Kein gottesfürchtiger Mann würde so etwas tun.«

Der Kerkermeister zuckte erneut mit den Schultern, gefühllos, gleichgültig. Offensichtlich hatte er keine Lust, sich mit Hassan darüber zu streiten, ob Tariq nun verrückt gewesen war oder nicht. Ihm schien das alles hier egal zu sein. Oder er wusste mehr, als er zugeben wollte.

»Was sollen wir damit machen?«, fragte er und deutete mit dem Kopf auf die Zeichnungen.

Hassan dachte kurz nach.

»Nehmt einen Gefangenen aus einer der Zellen hier unten, einen, dessen Hinrichtung unmittelbar bevorsteht. Verbindet ihm die Augen und gebt ihm Wasser und eine Bürste, um die Wände und den Boden sauber zu schrubben. Wenn keine Spuren der Zeichnungen mehr sichtbar sind, räuchert die Zelle aus. Und dann lasst einen Imam kommen, einen getreuen Diener Allahs, der die Zelle mit seinen Gebeten reinigt.«

»Sehr wohl«, sagte der Kerkermeister und deutete eine Verbeugung an. »Euer Wunsch ist mir Befehl.«

Doch der Spott in seiner Stimme war so deutlich, dass Hassan vor Wut mit den Zähnen knirschte und für einen Augenblick sogar seinen Abscheu und seine abgrundtiefe Angst vor dem Bösen vergaß, dass sich hier über Jahre hinweg in dieser Zelle versteckt gehalten hatte. Wahrlich, vielleicht sollte er den Kerkermeister doch noch angemessen bestrafen. Eine Bitte an seinen Vater, ein kurzer Befehl, und dann konnte dieser unverschämte Kerl die Zellenwände mit verbundenen Augen schrubben ...

Aber Hassan bezwang seinen Zorn. Allah würde ihm den Tag und die Stunde zeigen, an dem er den Kerkermeister für seine Frechheiten bestrafen konnte. Ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen, ging er an ihm vorbei und verließ die Zelle.

Als er schließlich in seinem Gemach angekommen war, kleidete er sich wieder aus und legte sich auf das Bett. Doch an Schlaf war nicht zu denken. Jedes Mal, wenn er die Augen schloss, sah er wieder die Gesichter vor sich. Sie grinsten ihn an, verhöhnten und verspotteten ihn. Grässliche Schreie gellten aus ihren verzerrten Mündern, und manche von ihnen lachten ihn aus und streckten ihm die Zungen heraus. Irgendwann konnte er diese albtraumhaften Bilder nicht mehr ertragen. Er stand auf und trat zum Fenster.

Er erinnerte sich an die Geschichten, die ihm seine Amme erzählt hatte. Sie war ein fettes, zahnloses Weib gewesen und so alt, dass sie bereits seinen Vater aufgezogen hatte. Es waren düstere, beängstigende Geschichten von Dämonen und Gespenstern, von den Verlockungen und Fallstricken der Hölle, den Winkelzügen des Teufels und der Bosheit der Menschen. Eine Geschichte war ihm besonders im Gedächtnis geblieben. Gerade in diesem Moment erinnerte er sich so gut daran, dass er wieder fünf Jahre alt zu sein schien. Die Amme saß an seinem Bett. In ihrer schwarzen Kleidung mit den dürren Händen und der scharf gebogenen Nase sah sie aus wie eine Krähe. Das kleine schwache Talglicht warf bizarre, heftig zuckende Schatten an die Wand seines Zimmers. Oft hatte er geglaubt, dass in diesen Schatten die beängstigenden Gestalten aus den Erzählungen der Amme zum Leben erwachten. Und dann hatte sie mit ihrer heiseren, brüchigen Stimme zu erzählen begonnen: »Es gibt Menschen, die stehen mit dem Teufel im Bunde. Sie haben von ihm persönlich die Anweisung bekommen, die Gesichter anderer zu zeichnen. Natürlich weiß jedes Kind, dass der Koran solch einen Frevel verbietet. Allah allein ist der Schöpfer allen Lebens. Aber nur wenige wissen, dass die Seele des Menschen, der gezeichnet wurde, in dem Papier gebannt wird. Sie ist dazu verdammt, für immer und ewig dort zu bleiben. Niemals wird sie den Weg ins Paradies finden. Ein Mensch, der gezeichnet wird, ist für immer verloren. Hüte dich also, Hassan! Hüte dich vor denen, die sich >Künstler< nennen und meinen, sie könnten sich über die Verbote des Korans hinwegsetzen. Hüte dich!«

Hassan spürte, wie sein Herz klopfte und dieselbe Angst ihm die Kehle zuschnürte, die ihn damals als kleiner Junge nächtelang wach gehalten hatte. »Hüte dich!«, hatte sie gesagt. Er hat sich nicht vorgesehen. Nicht genug jedenfalls. Er hätte Tariq sofort dem Henker übergeben müssen, als er ihn vor Jahren in den Kerker bringen ließ. Er hatte es nicht getan, aus Sentimentalität und der Scheu heraus, jemanden, den er einst als seinen Freund bezeichnet hatte und dessen Familie angesehen war in der Stadt, töten zu lassen. Jetzt musste er für seine Nachlässigkeit und seine törichte Gutmütigkeit teuer bezahlen. Seine Seele war für immer gefesselt, gebannt in hunderten von Zeichnungen, die im Kerker die Wände und den Boden bedeckten. Hatte Tariq deshalb im Angesicht des Todes gelächelt, weil er wusste, dass er Hassan das Schlimmste angetan hatte, das man einem Menschen antun konnte? Dass er ihm für alle Ewigkeit den Zugang zum Paradies verwehrt hatte?

Er sank auf die Knie, rang seine Hände, raufte sich die Haare und den Bart vor Verzweiflung.

»Allah, ich flehe Dich an, erhöre Deinen Diener! Sei barmherzig und gib Deinem Diener die Chance, sich reinzuwaschen von den Flecken der Sünde und des Frevels, von dem abscheulichen Gestank der Verfehlung. Lass mich im selben Maße, wie die Striche dieser Zeichnungen von den Wänden der Zelle verschwinden, vor Dir gereinigt sein. Es war nicht meine Schuld. Ich habe ihn nicht darum gebeten, mein Gesicht zu zeichnen. Und hätte ich davon gewusst, ich hätte ihn schon viel früher für seinen Frevel bestraft. Ich flehe Dich an, o großmütiger Schöpfer. Verwehre mir nicht den Zugang zu Deinem Reich. Ich folge Deinem Wort und Deinem Willen noch mehr als jemals zuvor. Ich werde alle Frevler bestrafen, Deine Feinde vernichten und jeden bis ans Ende der Welt jagen, der es wagt, gegen Dein Wort zu verstoßen. Ich werde mich für immer den Verlockungen von Ruhm und Reichtum entziehen. Ich werde niemals eine Frau berühren, das gelobe ich. Bitte ...«

Und in seiner abgrundtiefen Verzweiflung schlug Hassan die Hände vors Gesicht und weinte.