Kapitel zwölf

CAMP LEJEUNE, NORTH CAROLINA, USA

13. November, 18:26 Uhr GMT-5

 

 

Dr. Ronald Blankenship drückte die Metalltür auf, und Jon Smith folgte ihm in ein leeres Treppenhaus im Naval Hospital von Camp Lejeune.

»Also, warum interessiert sich Fort Detrick so für einen verletzten SEAL?«

Weil er keine Antwort bekam, blieb Blankenship stehen und lehnte sich gegen das Geländer. »Ich meine, ich habe mir das Krankenblatt des Burschen angesehen, und abgesehen davon, dass er aussieht, als hätte er ein paar Stunden zusammen mit seinen Bowlingkugeln in einer Waschmaschine gesteckt, ist er kerngesund. Nicht der kleinste Schnupfen oder sonst irgendwas, das euch Virusjäger alarmieren könnte.«

Smith schwieg und lächelte freundlich.

»Schau mich nicht so an, Jon. Tu ich dir damit einen Gefallen oder was?«

Sie kannten sich schon seit vielen Jahren, nachdem sie einen Teil ihrer Assistenzzeit zusammen absolviert und danach in MASH-Einheiten, den Feldlazaretten der Army, in verschiedenen Teilen der Welt gedient hatten. Smith hatte ihn vom Flughafen aus angerufen und ihn gebeten, dafür zu sorgen, dass sein Gespräch mit dem verwundeten Soldaten geheim blieb.

Diesmal war jedoch nicht seine Zugehörigkeit zu Covert One das Problem, sondern sein Alltagsjob am USAMRIID, dem militärischen Forschungsinstitut für Infektionskrankheiten. Die Einzelheiten der Operation in Uganda waren zwar streng geheim, aber vor den Ärzten, die den jungen Soldaten behandelten, ließ sich sein Aufenthalt in Afrika unmöglich verheimlichen. Das plötzliche Auftauchen eines Mikrobiologen der Army, dessen Job es war, tödliche Krankheiten und Biowaffen aufzuspüren, würde für einiges Aufsehen sorgen.

»Ja, du tust mir wirklich einen Gefallen damit«, sagte Smith. »Aber es gibt nicht viel darüber zu sagen. Nach meiner Einschätzung ist es nichts als eine Verschwendung unserer Steuerdollars.«

Blankenship zog die Stirn in Falten und ging weiter die Treppe hinauf. »Du bist wieder im Geheimdienstgeschäft, stimmt’s?«

»Nein.«

»Komm schon, Jon. Ich bin nach der letzten MASH-Einheit zu einem Leben mit drei Kindern und einem Swimmingpool gewechselt, der ständig leck ist, egal wie viel Geld ich reinstecke, um ihn zu reparieren. Weißt du, was das Aufregendste war, das ich im letzten Monat erlebt habe? Meine Frau hat mir gesagt, sie will ihren Job hinschmeißen und als freischaffende Künstlerin leben. Und das ist aufregend im weniger positiven Sinn, weißt du? Also, gib mir einen kleinen Hinweis. Erzähl mir was vom wirklichen Abenteuer.«

Smith überlegte kurz und sagte schließlich: »Ich schwöre dir, ich arbeite nicht mehr für den Geheimdienst.«

»Und dieser Typ hat nicht vielleicht irgendein supergeheimes Virus, von dem wir etwas wissen sollten?«

»Ich glaube, du bist ein bisschen paranoid, Ron.«

Blankenship drückte die Klinke einer Tür, die auf einen offenen Flur führte. »Okay, du hast gewonnen, Jon. Wie immer. Geh einfach da lang und dann links. Es ist die zweite Tür rechts.«

»Ich bin dir was schuldig, Ron.«

Sie schüttelten einander die Hände, und Blankenship klopfte ihm auf die Schulter. »Nächstes Mal, wenn du wieder in der Stadt bist, gehen wir auf einen Drink. Wenn du schon nicht so gern über die Dinge redest, mit denen du’s heute zu tun hast, dann können wir uns ja besaufen und über die alten Zeiten quatschen.«

»Klingt gut. Vielleicht können wir auch in deinen Pool hüpfen, wenn gerade Wasser drin ist.«

Sein alter Freund verzog das Gesicht und ging wieder die Treppe hinunter, während Smith den Gang entlangschritt. Er fand die Tür und zögerte mit der Hand am Türgriff, um noch einmal im Kopf die Fragen durchzugehen, die er dem Mann stellen wollte. Einmal mehr fragte er sich, wie er die Sache am besten angehen sollte.

Als er schließlich eintrat, stand der junge SEAL mühsam auf.

»Rühren, Lieutenant.«

Rivera ignorierte ihn und schwankte leicht auf seinem Gipsbein, während er zackig salutierte. »Guten Abend, Colonel.«

Smith erwiderte den militärischen Gruß. »Guten Abend. Bitte, setzen Sie sich doch.«

Der junge Soldat kam der Aufforderung nach, und Smith nahm auf dem anderen Stuhl Platz und legte Riveras Personalakte zwischen ihnen auf den Tisch. Blankenships Vergleich mit der Waschmaschine und den Bowlingkugeln war durchaus zutreffend – der junge Mann war im Gesicht mehrfach genäht worden, hatte darüber hinaus jede Menge blaue Flecken, und die linke Schulter war einbandagiert.

Dennoch trug er eine Uniform, die so geändert worden war, dass sie trotz seiner Verletzungen passte. Ein Soldat durch und durch.

»Ich weiß es zu schätzen, dass Sie so kurzfristig bereit waren, mit mir zu sprechen«, begann Smith. »Ich weiß, wie schwer es für Sie sein muss.«

»Ja, Sir.«

»Ich habe Ihren Bericht gelesen, aber es wäre mir lieber, wenn Sie mir in Ihren eigenen Worten erzählen, was passiert ist.«

»Mein gesamtes Team wurde ausgelöscht.« Bitterkeit lag in seiner Stimme. »Außer mir. Ich habe gehört, dass sie einen Film darüber gemacht haben. Sie sollten ihn sich irgendwann einmal ansehen.«

Smith blieb gelassen und sagte nichts. Schließlich war es Rivera, der das Schweigen brach.

»Ein Kind – ein Mädchen – kam auf der Straße gelaufen, und dann Leute, die hinter ihr her waren. Sie schien zu wissen, dass wir da waren. Sie wollte, dass wir ihr helfen. Sie retten.«

»Die Leute, die sie verfolgten, waren aber keine normalen Soldaten.«

»Sie waren jedenfalls nicht das, was wir uns unter Soldaten vorstellen. Sie sahen aus wie gewöhnliche Dorfbewohner.«

»Waren manche bewaffnet?«

Rivera schüttelte beschämt den Kopf. »Ein paar hatten vielleicht Stöcke, ich weiß es nicht mehr so genau. Einige waren sogar nackt, nur mit etwas beschmiert, das wie Blut aussah …« Er verstummte und starrte mit leeren Augen vor sich hin.

»Sie haben in die Menge geschossen«, versuchte es Smith erneut.

»Wir wollten sie eigentlich nicht töten, Sir. Es ging darum, sie zum Rückzug zu bewegen, damit wir verschwinden konnten. Aber sie ließen sich nicht aufhalten. Es war so, als machten ihnen unsere Schüsse überhaupt nichts aus.« Er zögerte einen Moment lang. »Ich habe gehört, Sie wissen, wer wir sind. Wer wir waren …«

»Die Besten aus unseren Special Forces in einem Eliteteam zusammengefasst.«

»Das stimmt. Und der Beste von uns war ein Junge namens Donny Praman. Er hat in der Highschool in Ohio Football gespielt – der Bursche war selbst für meine Begriffe unglaublich. Er hatte nie Angst, wurde nie müde und verletzte sich nie. Und ich sehe noch vor mir, wie eine dicke Frau über ihn herfiel, als wäre er gar nichts. Wie kann so etwas sein, Colonel? Können Sie mir das sagen?«

»Ich fürchte, ich kann es nicht. Aber ich werde es herausfinden. Was ist dann passiert? Nachdem Praman angegriffen wurde?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete er mit wachsender Bitterkeit. »Ich bin nur noch gelaufen.«

Smith sah auf seinen Kugelschreiber hinunter und rollte ihn mit dem Zeigefinger über den Tisch. »Hätten Sie sie retten können?«

Er spürte Riveras Blick auf sich, sah aber nicht zu ihm auf.

»Es ist nicht wichtig, ob ich sie hätte retten können oder nicht, Sir.«

»Das sehe ich nicht so. Wenn Sie es nicht konnten, dann war es Ihre Aufgabe, zu überleben und Bericht zu erstatten.«

»Bericht erstatten? Was soll ich denn berichten? Dass meine Leute von einer Horde unbewaffneter Frauen und Kinder getötet wurden und ich es nicht verhindert habe? Dass ich in einen Hinterhalt gelaufen bin?«

»Beruhigen Sie sich, Lieutenant.«

»Sie sehen aus wie ein Mann, den nicht so schnell etwas umwirft, Colonel. Aber bei allem Respekt, Sie sind nur ein Arzt. Sie haben keine Ahnung, wovon wir hier sprechen.«

Smith atmete leise aus. In Wahrheit wusste er genau, wovon sie sprachen. Er hatte Freunde sterben sehen, während er selbst davonkam. Nächtelang hatte ihn die Frage verfolgt, was er anders hätte machen können. Aber die Operationen, an denen er teilgenommen hatte, waren so streng geheim, dass genau genommen nicht einmal er selbst die Berechtigung hatte, davon zu wissen.

»Ich hätte die Frau in dem Dorf töten müssen«, sagte Rivera, den Blick auf die leere Wand gerichtet, so als würde er mit sich selbst sprechen. »Sie muss Bahame gesagt haben, dass wir da sind. Ich war für die Sicherheit meiner Männer verantwortlich, und ich habe versagt.«

»Eine verletzte Frau zu töten, von der Sie überhaupt nicht wissen, ob sie irgendeine Verbindung zu Ihrem Ziel hat – das ist eine verdammt schwere Entscheidung. Ich an Ihrer Stelle hätte es auch nicht getan.«

»Es ist nicht wichtig, was Sie getan hätten!«, schrie Rivera. »Ich hatte die Verantwortung! Das Miststück wäre wahrscheinlich sowieso gestorben. Und nur damit sie ein paar Stunden länger lebt, habe ich es zugelassen, dass meine Männer abgeschlachtet werden. Und weggelaufen bin ich nicht, um Bericht zu erstatten. Und auch nicht, um die Leute vielleicht von der Flanke anzugreifen. Nein, ich bin gerannt, weil ich sie gesehen habe. Ich habe in ihre Augen gesehen und bekam die Panik!«

»Es reicht!« Smith schlug mit den Händen auf den Tisch.

Rivera atmete schwer. Eine der Wunden an seiner Stirn war aufgebrochen, und das Blut lief ihm in einem dünnen Streifen über die Nase.

Smiths Handy klingelte, und er sah auf das Display hinunter. Klein.

»Ihre Selbstvorwürfe bringen uns nicht weiter«, sagte er und stand auf. »Ich muss kurz telefonieren, und Sie denken inzwischen nach, ob es noch irgendwelche Details gibt, die Sie in Ihrem Bericht vergessen haben und die mir helfen könnten, dahinterzukommen, was Ihnen und Ihren Männern passiert ist. Haben wir uns verstanden, Lieutenant?«

Die Ares Entscheidung
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