Kapitel zweiunddreißig

ANNANDALE, VIRGINIA, USA

22. November, 00:26 Uhr GMT-5

 

 

Brandon Gazenga fuhr seinen Wagen in die Garage und schloss das Tor, um den kalten Wind auszusperren, der schon seit Stunden durch die Washingtoner Gegend blies. Ein schlecht platzierter Müllsack hinderte ihn am Aussteigen, und er musste mit der Schulter gegen die Tür drücken, um aus dem Wagen schlüpfen zu können. Wenn das so weiterging, würde er in einem Monat draußen in der Auffahrt parken müssen.

Er hatte es sich schon lange vorgenommen, aber jetzt war es ihm ernst: Noch dieses Wochenende würde er einen Laster mieten und den ganzen Mist wegbringen. Und dann würde er sich einen von diesen Organisationsberatern nehmen – am besten eine strenge alte britische Lady mit einer Reitpeitsche. Es war höchste Zeit, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen.

Das Haus war in nicht viel besserem Zustand, doch zumindest war es warm. Er schaltete das Licht ein und blickte sich um, bevor er in die Küche ging. Diese Uganda-Operation lag ihm schon seit Längerem schwer im Magen, aber jetzt wurde es ihm wirklich zu viel. Smith und sein Team waren festgenommen worden – wegen einer Schlägerei am Hotelpool, so hieß es. Doch die Meldung, dass man sie zu einem streng bewachten Militärstützpunkt gebracht hatte, machte ihm sofort klar, dass das nur ein Vorwand war.

Dazu kam, dass Mehrak Omidi angeblich persönlich nach Uganda gereist war. Was ihn aber am allermeisten quälte, war seine geheime Nachricht an Randi Russell.

Hatte sie sie schon gefunden? Was würde sie von der anonymen Bitte um ein Treffen halten? Würde sie es melden?

Er musste sich eingestehen, dass er keine Ahnung hatte. Er war nur ein normaler CIA-Analytiker mit einem Hang zum Größenwahn. Das meiste, was er über Geheimtreffen wusste, hatte er aus James-Bond-Filmen, so wie jeder andere auch.

Nur war das hier kein altmodischer Action-Streifen, und er war nicht Sean Connery. Drake und Collen setzten ihre Laufbahn – vielleicht sogar ihr Leben – aufs Spiel für diese Operation, und sie würden nicht gerade begeistert sein, wenn sie erfuhren, dass irgendein Nobody im Keller von Langley hinter ihrem Rücken gegen sie vorging.

Er ging zum Kühlschrank und begutachtete verschiedene nicht mehr ganz taufrische Fast-Food-Gerichte, bis er etwas fand, was noch genießbar aussah.

Er ließ das Licht im Wohnzimmer ausgeschaltet und sank in einen Ledersessel, um mit einer schmutzigen Gabel in dem Karton mit »Huhn nach General Tso« zu stochern. Die romantischen Vorstellungen, die er bei seinem Wechsel in die Operationsabteilung gehabt hatte, waren längst verflogen. Man lief nicht mit einem Panamahut herum, man wurde nicht von Supermodels umschwärmt, und schnelle Autos gab es auch keine. Da war nur das ständige ungute Gefühl, einen schweren Fehler gemacht zu haben, für den man irgendwann würde bezahlen müssen.

Doch jetzt gab es kein Zurück mehr. Randi Russell hatte seine Nachricht, und wenn er nicht zu dem Treffen erschien, würde sie die Sache wahrscheinlich nicht einfach so auf sich beruhen lassen. Dass sie als besonders hartnäckig galt, war einer der Gründe, warum er sie ausgewählt hatte.

Er steckte sich noch eine Gabel voll Hühnchen in den Mund, obwohl er nicht hungrig war – doch wenn er noch mehr abnahm, würde er sich bald neue Anzüge kaufen müssen.

Bald würden sich die Dinge zum Besseren verändern. Randi würde ihn nicht im Stich lassen. Sie würde wissen, was zu tun war und mit wem er sprechen konnte. Aber vor allem würde er nicht länger allein damit sein.

Gazenga legte den leeren Karton auf den Beistelltisch, der bereits mit allem möglichen Kram übersät war, und ging ins Schlafzimmer. Er schloss die Tür ab und stellte eine leere Bierflasche so auf den Boden, dass sie umfallen würde, wenn jemand einzudringen versuchte. Dann zog er sich bis auf die Boxershorts aus und schlüpfte unter die traditionelle afrikanische Decke, die ihm seine Mutter geschenkt hatte. Er spürte den Colt unter dem Kissen – ein durchaus beruhigendes Gefühl – und fasste kurz an den Griff, bevor er sich auf den Rücken drehte und an die dunkle Decke starrte.

Bald würde alles besser werden.

 

Gazenga wachte schwitzend auf, sein Magen krampfte sich zusammen und er spürte eine bleierne Schwere in der Brust. Zuerst dachte er, es wäre nur ein Traum, und er schüttelte schwach den Kopf, um wach zu werden, worauf ihn eine Welle der Übelkeit überkam.

Die Leuchtziffern des Weckers verrieten ihm, dass es vier Uhr war, und er setzte sich mühsam auf und versuchte, Luft zu holen. Aufgrund seiner häufigen Afrikareisen hatte er sich in seinem Leben schon so manche Krankheit zugezogen, darunter auch Malaria und Flussblindheit. Seine Erfahrung sagte ihm, dass es etwas Ernstes sein musste.

Sein Handy war noch in der Hose, und er hob die Beine mühsam aus dem Bett, als er plötzlich erstarrte. Die Jalousien, die er erst kürzlich gekauft hatte, um besser schlafen zu können, waren ganz zugezogen, aber das Licht des Weckers genügte, um eine Form bei der Tür erkennen zu lassen, die da nicht hingehörte. Ein Stuhl? Hatte er ihn als zusätzliche Sicherheitsmaßnahme vor die Tür gestellt? Nein, dazu hatte er die Bierflasche. Der Stuhl sollte eigentlich …

»Wie fühlen Sie sich, Brandon?«

Ein Adrenalinstoß jagte durch ihn hindurch, und er griff unter sein Kissen. Nichts. Die Pistole war weg.

»Sorry. Die musste ich wegnehmen. Ich will ja nicht, dass Sie sich damit verletzen.«

Die Stimme klang vertraut, doch er brauchte trotzdem einige Augenblicke, um sie außerhalb der gewohnten Umgebung zu erkennen.

»Dave? Was zum Teufel machen Sie hier?« Gazengas anfänglicher Schock verwandelte sich in nackte Angst. Randi Russell. Ja, so musste es sein. Sie hatten es irgendwie herausgefunden.

»Gibt … gibt es irgendwelche Probleme in Uganda?«, brachte er hervor, um etwas Zeit zum Nachdenken zu gewinnen.

»Könnte man so sagen, ja.«

Gazenga griff nach der Lampe neben ihm, doch sein Arm gehorchte ihm nicht so wie er sollte, und seine Hand fuhr hilflos über den Lampenschirm.

»Sie wissen, warum ich hier bin«, sagte Collen. »Sagen Sie mir, was Sie Randi Russell gegeben haben.«

»Russell?«, stieß Gazenga hervor, als wüsste er überhaupt nicht, worum es ging, während er verzweifelt überlegte, was er tun konnte, auch wenn ihm das Denken in seiner Angst und seiner Sauerstoffnot immer schwerer fiel. »Wovon reden Sie?«

Er hob sich ganz aus dem Bett, musste aber feststellen, dass ihn seine Beine nicht mehr trugen, und er brach auf dem schmutzigen Teppich zusammen.

»Wir haben eine Videoaufnahme, auf der man sieht, wie Sie ihr im Aufzug etwas zustecken, Brandon. Sie verschwenden nur Ihre Zeit. Und viel Zeit haben Sie nicht, wenn Sie überleben wollen.«

»Was haben Sie mit mir gemacht?«

Der Schatten wuchs, als Collen aufstand und einen Schritt nach vorne machte. »Ich habe Sie bei unserer Sitzung heute Nachmittag vergiftet. Die letzte Tasse Kaffee, erinnern Sie sich? Es ist eine interessante Verbindung, die auf Botox beruht und zu Lähmungserscheinungen und Atemnot führt. Offizielle Todesursache werden die verdorbenen Lebensmittel in Ihrem Kühlschrank sein – außer Sie sagen mir schnell, was Sie wissen.«

»Ich weiß nicht, wovon Sie reden«, erwiderte Gazenga in dem verzweifelten Versuch, klar zu denken. Vergangenheit und Gegenwart begannen ineinander zu verschwimmen, der Sauerstoffmangel trübte bereits sein Denkvermögen.

»Ich frage nicht noch einmal«, sagte Collen mit einer Spur von Zorn in der Stimme.

»Ich bin Randi Russell noch nie begegnet. Sie ist doch irgendwo in Afghanistan oder im Irak.«

Collen blickte in dem schwachen Licht auf seinen am Boden liegenden Kollegen hinunter; seine fast völlig gelähmten Glieder waren unnatürlich gekrümmt und sein Gesicht wie von einem undurchdringlichen Schatten bedeckt. Es war eine frustrierende Situation. Dass Gazengas Verlust die ganze Operation gefährdete, war schon schlimm genug, aber dass er nichts anderes mehr tun konnte, als ihm mit dem Tod zu drohen, um Informationen von ihm zu bekommen, war möglicherweise eine Katastrophe. Doch ihm blieb nichts anderes übrig. Andere Techniken waren zwar wirkungsvoller, brauchten aber mehr Zeit und hinterließen deutliche Spuren  – und das konnte er sich nicht leisten. Der Tod des jungen Mannes durfte nicht den Hauch eines Zweifels wecken.

»Ich habe ein Gegengift hier, Brandon. Wir sind nicht nachtragend. Du hast Angst bekommen und einen Fehler gemacht. Das kann jedem passieren. Sag mir, was ich wissen will, und wir können die Sache klären.«

Gazenga schnappte nach Luft wie ein sterbender Fisch, nun von sichtlicher Panik ergriffen. »Ich habe ihr nichts gesagt. Es war nur eine … nur eine Zeit und ein Ort für ein Treffen.«

Collen kniete sich zu ihm und zog ein Fläschchen mit zwei großen Tabletten aus seiner Tasche. Er schüttelte das Fläschchen, damit der junge Mann das verlockende Klimpern hörte. Natürlich waren es ganz gewöhnliche Schmerztabletten, aber die Verzweiflung vermochte auch den größten Skeptiker in einen Gläubigen zu verwandeln.

»Das ist gut, Brandon. Sehr gut. Jetzt sag mir, wo und wann, und wir können die ganze Sache vergessen.«

Die Ares Entscheidung
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