Kapitel vierunddreißig

BEI LANCASTER, PENNSYLVANIA, USA

23. November, 23:31 Uhr GMT-5

 

 

Randi Russell trat aus dem Wald hervor und blieb am Rand einer zehn Meter tiefen Klippe stehen. Unter ihr strömte der schwarze Susquehanna River im Mondlicht vorbei, und auf den alten Eisenbahnschienen, die parallel zum Fluss verliefen, lag hier und dort etwas Schnee.

Es gab keinen Weg hinunter, also wandte sie sich nach Osten und huschte lautlos am Waldrand entlang. Zwei Stunden war sie durch das Gewirr der Landstraßen von Pennsylvania gefahren, bis sie endlich hier ankam. Abgesehen von drei Autos und einem Pferdewagen der Amish hatte sie niemanden gesehen. Es war elf Uhr abends, und in diesem Teil der Welt hielt man sich offenbar noch an das alte Sprichwort »Morgenstund hat Gold im Mund« und ging entsprechend früh zu Bett.

Sie hatte ihren Wagen in einiger Entfernung vom Treffpunkt an einem dunklen Waldweg abgestellt und war dann durch den Wald zum Fluss gewandert. Normalerweise bevorzugte sie für solche Treffen eher belebte Gegenden, und es kam ihr ein bisschen theatralisch vor, das Ganze auch noch um Mitternacht zu machen, doch ihre Neugier war geweckt.

Zu ihrer Linken tauchte eine schmale Wasserrinne auf. Randi versuchte abzuschätzen, wie schwierig der Abstieg hier war, und suchte nach eventuellen vereisten Stellen. Die Satellitenbilder hatten die Steilheit des Geländes nicht wiedergegeben, doch jetzt hatte sie keine Wahl mehr. Sie wollte rechtzeitig am Treffpunkt sein.

Sie setzte sich an den Rand der Klippe, drehte sich um und stieg vorsichtig auf einen schmalen Felsvorsprung hinunter. Ihre Hände wurden langsam gefühllos von der Kälte, was den Abstieg im Dunkeln ziemlich tückisch machte. Es wäre sicher klug gewesen, sich Zeit zu lassen, aber sie hatte ein ungutes Gefühl so schutzlos an der Klippe, auch wenn sie sich mit ihrer schwarzen Hose und dem schwarzen Parka kaum vom dunklen Fels abhob.

Etwas weiter unten fand sie besseren Halt und kam umso schneller voran. Sobald der Boden noch etwa drei Meter entfernt war, ließ sie los und landete auf dem Kies. Sie rührte sich nicht von der Stelle und blickte sich erst einmal um.

Als sie sicher war, dass sie keinen Angriff zu erwarten hatte, sprang sie über die alten Schienen und zuckte zusammen, als sie das unvermeidliche Knirschen ihrer Schritte hörte. Im Schutz der Bäume blieb sie wieder stehen und lauschte. Immer noch nichts. Die Nacht war völlig windstill, und die Tiere, die normalerweise durch die Gegend streiften, hatten sich alle in irgendein warmes Loch verkrochen.

Sie marschierte wieder Richtung Osten und warf gelegentlich einen Blick auf ihr iPhone, um ihre Position zu überprüfen. Die Nachricht, die sie in ihrer Jackentasche gefunden hatte, war ganz kurz gewesen – nur ein Datum, eine Uhrzeit, GPS-Koordinaten und ein äußerst interessanter Name: Colonel Jon Smith.

Der Mann, mit dem sie sich hier treffen sollte, wusste nicht, dass er nicht so anonym war, wie er dachte. Nachdem Randi ihr halbes Leben in irgendwelchen Krisengebieten verbracht hatte, wo man ständig mit Kleinkriminellen und Taschendieben rechnen musste, nahm sie ihre Umgebung stets mit einer Wachsamkeit wahr, die nicht geringer wurde, wenn sie sich gerade in Langley aufhielt. Brandon Gazenga hatte sich zwar für einen Ivy-League-Absolventen gar nicht so ungeschickt angestellt – aber mit einem irakischen Straßenjungen konnte er sich nicht messen.

Die Frage war, warum ein junger Analytiker der Afrika-Abteilung, der stets tadellos und unauffällig seine Arbeit gemacht hatte, ihr plötzlich im Aufzug eine Nachricht zusteckte. Und was noch interessanter war – warum hatte er ganz unten noch den Namen eines Virusjägers der Army hingekritzelt?

Ihr Handy zeigte an, dass sie nur noch wenige Meter von den angegebenen Koordinaten entfernt war, und sie zog eine Glock unter der Jacke hervor. Der Richtungspfeil zeigte nach links auf eine Stelle, die genau auf den Schienen zu liegen schien.

Sie wandte sich nach rechts und fand einen Felsbrocken, der groß genug war, um sich dahinter zu verstecken und abzuwarten, bis jemand kam.

Jon Smith.

Gazenga hätte kaum etwas in seine Nachricht schreiben können, das ihre Neugier stärker geweckt hätte. Sie hatte Jon Smith sehr lange die Schuld am Tod ihrer Schwester gegeben. Das war zwar, wie sie später einsah, ungerecht, doch es gab ihr etwas, das sie damals brauchte – eine Projektionsfläche für ihren Zorn, ihre Verzweiflung und ihre Hilflosigkeit. Seltsam, dass er ihr heute so nahestand wie nur irgendjemand auf der Welt.

Trotz ihrer guten Beziehung gab es vieles, was sie nicht über ihn wusste. Er gab sich zwar stets als Arzt und Wissenschaftler, doch dann tauchte er wieder an irgendwelchen Orten auf, die sicher nichts mit seinem Job in Fort Detrick zu tun hatten.

Als sie einander zum ersten Mal draußen im Feld begegnet waren, hatte sie an seinem Auftreten als »einfacher Landarzt« noch nicht den geringsten Zweifel gehegt. Und auch als sie sich ein zweites Mal über den Weg liefen, war ihr das noch nicht verdächtig erschienen – Zufälle gab es immer wieder.

Danach wurde die Sache immer merkwürdiger. Sie war sich bald sicher, dass er ein Agent war, doch er arbeitete nicht für eine der bekannten Buchstabenkombinationen.

Normalerweise traute sie solchen Leuten nicht über den Weg, aber bei Jon war es irgendwie anders. Sie musste sich eingestehen, dass er einer der wenigen Menschen war, deren Integrität für sie außer Zweifel stand. Wenn ihr das Wort nicht jedes Mal im Hals stecken bliebe, wenn sie es auszusprechen versuchte, hätte sie sogar sagen können, dass sie ihm vertraute.

Ein kurzer Blick auf ihr Telefon zeigte ihr, dass sich ihr Kontaktmann verspätet hatte. Er war schon fünf Minuten über der Zeit.

Die Kälte drang ihr allmählich in die Knochen – was ihr besonders seit einer Operation in der Arktis zu schaffen machte, die völlig außer Kontrolle geraten war. Wäre Smith nicht gewesen, so läge sie heute tot im Eis einer arktischen Insel.

Sie stand auf und schlug die Arme um sich, rührte sich aber nicht von der Stelle, um sich nicht von den Bäumen um sie herum abzuheben.

Es war möglich, dass Gazenga sich ebenfalls irgendwo verborgen hielt und abwartete, aber sie würde sicher nicht aus der Deckung kommen, nur aufgrund einer Nachricht von jemandem, den sie gar nicht kannte. Sie hatte sich über die Jahre zu viele Feinde gemacht, um es sich leisten zu können, auch nur einen Moment lang leichtsinnig zu sein.

 

Randi Russell setzte sich hinter das Lenkrad ihres Mietwagens, drehte die Heizung voll auf und vergewisserte sich, dass die Straße vollkommen dunkel war, ehe sie losfuhr.

Ihr Daumen verharrte einen Moment lang über dem Tastenfeld ihres Telefons, doch dann überlegte sie es sich anders und nahm ein Satellitentelefon, das nicht zurückverfolgt werden konnte, aus dem Handschuhfach. Lieber kein Risiko eingehen.

Sie wählte, hörte es einige Male klingeln, und als sich die Voicemail einschaltete, drückte sie die Wahlwiederholungstaste. Beim dritten Mal klappte es.

»Jaaa?«, meldete sich eine benommene Stimme. »Hallo?«

»Trip, ich bin’s, Randi.«

»Randi? Was … Weißt du, wie spät es hier in den Staaten ist?«

Es war nicht ihre Art, überall auszuposaunen, wo sie sich gerade aufhielt, und sie sah keinen Grund, ihren Freund in seiner Annahme, dass sie im Ausland sei, zu korrigieren. »Zwei Uhr, oder?«

»Ja, aber zwei Uhr in der Nacht.«

Sie kannte Jeff Tripper jetzt mehr als fünf Jahre – seit sie zusammen einen afghanischen Terroristen gejagt hatten, der über die mexikanische Grenze ins Land gekommen war. Seit damals war es mit seiner Karriere beim FBI steil nach oben gegangen, und er war erst kürzlich zum Leiter des FBI-Büros von Baltimore ernannt worden.

»Zwei Uhr in der Nacht?«, sagte sie unschuldig. »Sorry, Kumpel. Aber ist das wirklich so wichtig?«

»Für mich schon«, erwiderte er, nun wach genug, um misstrauisch zu werden. »Kann ich davon ausgehen, dass das kein Höflichkeitsanruf ist?«

»Jetzt bin ich aber beleidigt.«

»Und ich bin müde.«

»Okay, ich geb’s ja zu, es gibt auch noch einen anderen Grund. Wie sind deine Kontakte zu den Cops in Virginia?«

»Gut. Warum?«

»Du musst ihnen sagen, sie sollen einen Wagen zum Haus eines gewissen Brandon Gazenga schicken.«

»Warum?«

»Das ist egal. Sag ihnen, ein Nachbar hätte sich beschwert, dass er die Stereoanlage zu laut aufgedreht hat.«

»Ich meine, worum geht es eigentlich?«

»Ich will nur sichergehen, dass er okay ist.«

»Musst du’s jetzt gleich wissen oder reicht neun Uhr früh auch noch?«

»Muss ich dich dran erinnern, dass du mir noch einen Gefallen schuldest?«

Tripper stieß einen leisen Fluch hervor. »Ich ruf dich zurück.«

 

Randi hatte gerade die Grenze nach Maryland überquert, als ihr Satellitentelefon klingelte. Sie steckte sich das Earpiece ins Ohr und meldete sich.

»Und, was gibt’s?«

»Ich bin nicht wirklich glücklich, Randi.«

»Hast du’s schon mal mit Meditation versucht?«

»Brandon Gazengas Leiche wurde heute Vormittag gefunden.«

Randi blickte reflexartig in den Rückspiegel, registrierte drei Scheinwerferpaare hinter ihr und schätzte die Entfernungen ein. »Wie?«

»Ein Kollege fuhr zu ihm nach Hause, weil er nicht zur Arbeit erschien, und fand ihn im Schlafzimmer am Boden. Sie vermuten eine Lebensmittelvergiftung.«

»Lebensmittelvergiftung? Das ist jetzt nicht dein Ernst.«

»Klinge ich so, als würde ich Witze machen? Die Cops sagen, dass das gar nicht so selten vorkommt, wie man glaubt.«

»War da irgendetwas verdächtig an den Umständen?«

»Du meinst, außer dass mich eine CIA-Agentin um zwei Uhr nachts anruft?«

»Aber es hat dich keine CIA-Agentin um zwei Uhr nachts angerufen, okay?«

»Schon klar. Hör mal, ich habe mit dem zuständigen Officer gesprochen – der übrigens begeistert war, dass ich ihn mitten in der Nacht aus dem Bett geholt habe – und er hat mir gesagt, das Haus sei ein richtiger Saustall und der Kühlschrank voll mit verdorbenem Essen. Er hat gemeint, es ist ein Wunder, dass Gazenga überhaupt so lange überlebt hat.«

Ein neues Scheinwerferpaar tauchte hinter ihr auf und näherte sich rasch. Randi wartete bis zum letzten Moment, dann riss sie das Lenkrad herum und nahm die Ausfahrt. Das Auto hinter ihr fuhr geradeaus weiter.

»Okay. Danke, Trip.«

»Einen Moment noch. Dieser Cop hat mir auch gesagt, dass Gazenga für eine bestimmte Regierungsbehörde arbeitet, die dir auch nicht ganz unbekannt ist. Wovon reden wir hier eigentlich?«

»Wir reden überhaupt nicht, schon vergessen?«

»Das ist ja alles recht und schön, Randi, aber denk mal nach, in was für eine Situation du mich da bringst. Ich habe gerade einen ziemlich verdächtigen Anruf wegen eines CIA-Agenten gemacht, der erst seit ein paar Stunden tot ist.«

»Ich bin überzeugt, dir fällt irgendwas ein, wie du das erklären kannst.«

Einige Sekunden war Stille in der Leitung. »Hey, Randi?«

»Ja?«

»Dieser Gefallen, den ich dir geschuldet hab – jetzt sind wir quitt.«

Die Verbindung wurde getrennt, und sie wählte sofort eine andere Nummer aus dem Gedächtnis. So wie die Dinge jetzt standen, blieb ihr nichts anderes übrig.

Es klingelte zweimal, bevor sich die Voicemail einschaltete.

»Hier bei Jon Smith. Ich bin im Moment nicht zu erreichen, Sie können mir aber gern eine Nachricht hinterlassen – ich rufe so bald wie möglich zurück.«

»Hallo, Jon, hier ist Randi. Du weißt ja, dass Sophias Geburtstag nicht mehr weit ist, und ich hab grad so ein bisschen den Moralischen. Ich wollte nur ein bisschen reden. Ruf mich mal an, wenn du Zeit hast.«

Sie trennte die Verbindung und warf das Telefon auf den Beifahrersitz. Niemand, der die Nachricht hörte, würde sich etwas dabei denken. Und selbst wenn jemand überprüfen sollte, was sie gesagt hatte – der Geburtstag ihrer verstorbenen Schwester war wirklich Ende nächster Woche. Doch Jon würde Bescheid wissen. Sie hatte noch nie zur Melancholie geneigt, und ihr Anruf würde seine Alarmglocken läuten lassen.

Die Ares Entscheidung
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