Kapitel siebenundvierzig

AUSSERHALB VON WASHINGTON D.C., USA

25. November, 12:44 Uhr GMT-5

 

 

Der eisige Kies knirschte laut unter ihren Schuhen, als Randi auf die kleine Blockhütte mitten im Wald zuging, knapp zwanzig Kilometer von der nächsten asphaltierten Straße entfernt. Während der Fahrt hatte sich keine Fluchtmöglichkeit geboten, und die Lage verbesserte sich nicht gerade. Ihre Entführer gingen gut drei Meter hinter ihr – er etwa dreißig Grad links von ihr, sie dreißig Grad rechts.

Die Chancen, wegzulaufen, ohne von einer Kugel erwischt zu werden, waren verschwindend gering. Es wäre schon für jemanden, der nur halb so gut war wie diese beiden, ein einfacher Schuss gewesen. Aber selbst wenn sie sie wie durch ein Wunder verfehlen sollten, würde sie immer noch unbewaffnet mit Straßenschuhen und einem Rock bekleidet durch den Schnee laufen müssen.

Randi blieb bei der Haustür stehen und blickte unschlüssig zurück. Die Frau, die nun viel schlanker aussah, nachdem sie ihren Schaumstoffbauch entfernt hatte, bedeutete ihr mit einer Geste, hineinzugehen.

Die Bäume waren verlockend nah. Randi betrachtete sie sehnsuchtsvoll aus dem Augenwinkel, bevor sie die Tür öffnete. Im Moment kam es nur darauf an, lange genug am Leben zu bleiben, bis irgendjemand einen Fehler machte. Keine großartige Strategie, aber die einzige, die ihr im Moment blieb.

Beim Eintreten bemerkte sie zuerst das Feuer, das auf ihrer rechten Seite knisterte, und genoss einen Moment lang unwillkürlich die Wärme, die vom Kamin ausging. Die Küche im hinteren Teil der Blockhütte war durch eine Kochinsel mit Granitplatte vom Wohnbereich getrennt. Bei der Spüle stand ein Mann, der mit irgendetwas beschäftigt war, das sie nicht sehen konnte. Er war knapp eins achtzig groß, hatte schütteres Haar und trug einen zerknitterten Anzug.

»Randi.« Er blickte zu ihr auf. »Ich bin gleich bei Ihnen. Schenken Sie uns doch ein Glas Wein ein.«

Auf einem Tisch beim Kamin stand eine Karaffe, die im Licht seltsam schimmerte, genauso wie die beiden Weingläser daneben. Plastik. Sie blickte sich kurz im Raum um und stellte fest, dass alle Gegenstände, die gefährlicher waren als ein Kissen, entfernt worden waren.

Der Mann kam hinter der Arbeitsplatte hervor und stellte einen Teller mit Käse und Früchten auf den Tisch, bevor er sich auf eines der Sofas setzte. »Bitte, nehmen Sie Platz.«

Er sah alles andere als athletisch aus, doch seine Augen hinter der Brille hatten einen scharfen Blick und sprühten förmlich vor Intelligenz.

Sie hatte immer noch keine Möglichkeit gefunden, zu handeln, also setzte sie sich ihm gegenüber und schenkte Wein ein. Er griff nach einem der Gläser, nahm einen langsamen Schluck und nickte anerkennend. »Ich hatte befürchtet, dass er schon ein wenig gekippt ist, aber erfreulicherweise habe ich mich geirrt. Bitte, lassen Sie ihn nicht verderben. Wenn ich Sie tot oder bewusstlos haben wollte, wären Sie’s schon.«

Seine Feststellung klang absolut logisch, also hob sie das Plastikglas an die Lippen. Eins musste man ihm lassen – der Mann verstand etwas von Wein.

»Zuerst einmal möchte ich mich für die ganze Aktion entschuldigen. Sie werden von überraschend vielen Leuten beobachtet, und nicht alle gehören meiner Organisation an. Wir mussten den Austausch ganz schnell durchführen, damit es niemand mitbekommt.«

»Ihre Organisation?«, fragte Randi.

Der Mann zog die Stirn in Falten. »Entschuldigen Sie meine Unhöflichkeit. Mein Name ist Fred Klein.«

Randi nahm noch einen Schluck von dem Wein und dachte nach, ob ihr der Name schon einmal untergekommen war.

»Darf ich davon ausgehen, dass Sie schon von mir gehört haben?«

»Es gab mal einen Fred Klein, der eine Zeit lang für die CIA gearbeitet hat, und danach ein paar Jahre bei der NSA. Ich weiß aber nicht, was aus ihm wurde, nachdem er dort aufgehört hatte.«

»Oh, er hat ein bisschen dies und das gemacht – bis zu unserem Treffen heute.«

»Verstehe«, sagte sie mit unverhohlenem Misstrauen. Sie hatte Fred Klein nie persönlich getroffen und konnte nicht wissen, ob er es wirklich war. Allein, dass er es behauptete, war schon interessant genug. Klein genoss in Geheimdienstkreisen einen exzellenten Ruf, und sein plötzlicher Rückzug nach langjähriger Tätigkeit für die beiden Regierungsbehörden hatte zu einigen Spekulationen Anlass gegeben.

»Sie haben Jon Smith vor ein paar Tagen eine Nachricht geschickt«, sagte er. »Ich habe mit ihm darüber gesprochen, und er war besorgt.«

Smith. Wieder einmal tauchte er völlig unvermutet auf.

»Nett von ihm, dass er sich Sorgen macht, aber es war nur ein privater Anruf, weil meine Schwester nächste Woche Geburtstag hätte. Wissen Sie, wo er ist? Ich würde gern mit ihm sprechen.«

»Leider ist mein Kontakt zu ihm vor Kurzem abgerissen.«

»Das ist schade. Na ja, dann versuche ich ihn zu erreichen, wenn er wieder da ist. Danke für den Wein. Wär’s vielleicht möglich, dass Sie mich nach Hause fahren?«

Klein lächelte und spießte ein Stück Käse mit einem Zahnstocher auf. »Wissen Sie, wo Jon ist?«

»Keine Ahnung.«

»Dann ist es also reiner Zufall, dass Sie für morgen ein Flugticket nach Kapstadt gebucht haben?«

»Kompliment. Sie sind ausgesprochen gut informiert.«

»Ich muss zugeben, da war auch ein bisschen Glück dabei. Ich habe gelegentlich mit dem tschechischen Fälscher zu tun, der Ihnen diesen Pass gemacht hat. Aber leider ist Jon nicht mehr in Südafrika.«

»Nicht?«, sagte Randi und achtete darauf, selbst nichts preiszugeben, sondern Klein – oder wer immer er wirklich war – reden zu lassen.

»Er ist vor vier Tagen nach Uganda weitergeflogen.«

»Wirklich?«, erwiderte sie in neutralem Ton. »Interessant.«

Klein lehnte sich auf dem Sofa zurück.

»Vielleicht sollten wir kurz das Thema wechseln. Von der Nachricht, die Sie Jon hinterlassen haben, weiß ich nicht deshalb, weil wir ihn beobachten. Wir beobachten Sie.«

»Mich? Warum?«

»Weil gewisse Leute in höheren Regierungskreisen schon seit einiger Zeit großes Interesse haben, Sie für unsere kleine Familie zu gewinnen.«

»Um welche Leute und welche Familie geht es da genau?«

Klein ignorierte den ersten Teil ihrer Frage. »Ich arbeite für eine Organisation namens Covert One.«

»Nie gehört.«

»Weil uns keiner kennt. Wir wurden als schnelle Eingreiftruppe gebildet – klein, wendig und außerhalb der normalen Bürokratie. Ich glaube, Sie kennen einen unserer besten Leute …«

»Jon.«

Er nickte.

»Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie viel mir auf einmal klar wird …«, sagte sie, ehe es ihr selbst bewusst wurde und sie wieder verstummte.

»Und ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie streng geheim die Dinge sind, die ich Ihnen hier erzähle.«

Das war keineswegs übertrieben. Wenn herauskam, dass es Kräfte in der amerikanischen Regierung gab, die eine Gruppe für »black ops«, für »schwarze Operationen«, leiteten, eine Gruppe, die sich jeder Aufsicht entzog, dann würde das bittere Konsequenzen haben. Randi hatte jedoch lange genug im herkömmlichen Geheimdienstwesen gearbeitet, um zu wissen, wie notwendig eine solche Gruppe war.

»Kennen Sie einen Mann namens Brandon Gazenga, Randi?«

»Nie von ihm gehört«, log sie, ohne mit der Wimper zu zucken.

Klein lächelte. »Sie machen es mir nicht gerade leicht, was? Dann frage ich mich allerdings, warum Sie Ihren Freund beim FBI anrufen, damit er jemanden zu Gazengas Haus schickt.«

Diesmal konnte Randi ihr Staunen nicht mehr verbergen  – genauso wenig wie Klein seine Genugtuung darüber, dass sie endlich eine Reaktion zeigte.

»Okay, Fred. Ich bin ehrlich beeindruckt. Aber worum geht es hier wirklich? Warum wollen Sie mich gerade jetzt anheuern? Könnte es sein, dass Sie Jon mit irgendeinem Auftrag nach Afrika geschickt haben und dabei etwas schiefgegangen ist? Brauchen Sie mich vielleicht, damit ich ihm aus der Patsche helfe – und damit auch Ihnen?«

Er zog die Stirn in Falten und nahm sich noch ein Stück Käse. »Es ist ein bisschen komplizierter, aber Ihre Einschätzung ist sicher nicht ganz falsch.«

»Dann kommen wir auf den Punkt. Warum ist Jon in Afrika?«

Klein reagierte nicht sofort, sondern überlegte einige Augenblicke, bevor er zu einer Fernbedienung griff und auf dem Fernseher ein Video startete. »Das wurde vor zwei Wochen in Uganda aufgenommen. Die Männer gehörten unserer besten Black-Ops-Einheit an. Leider hat keiner von ihnen überlebt.«

Die Ares Entscheidung
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