»Schade. Ich hätte etwas für Sie.«

»Was?«

»Einen Jungen. Habe ihn erst kürzlich bekommen und ein Heidengeld bezahlt. Da stürzt mir der Bengel vom Pferde und bricht ein Bein. Er wird zwar wieder gesund, aber bis dahin habe ich ihn doch daliegen. Ich mag ihn nicht mehr sehen?«

»Wer sind seine Eltern?«

»Das geht Sie nichts an!«

»Zeigen Sie!«

»Kommen Sie!«

Er führte den Betrunkenen nach der hintersten Ecke des Stalles; dort lag auf Stroh der hübsche Knabe, den er durch den frommen Seidelmann erhalten hatte. Das Kind sah schrecklich bleich aus und wimmerte leise.

»Nun, wie gefällt er Ihnen?« fragte der Director.

»Will sehen!«

Bormann bückte sich nieder, um die Muskulatur des Knaben zu untersuchen. Dieser schrie vor Schmerz laut auf.

»Halte das Maul, Bube, sonst stopfe ich es Dir!« drohte der Betrunkene.

»Vater! Mutter!« wimmerte der Kleine in sich hinein.

»Hier hast Du eins!«

Die Hand des starken Mannes fuhr hernieder – das Kind war von jetzt an still.

»Nun?« fragte der Director.

»Nicht übel! Wie ist der Preis?«

»Ich habe ein Heidengeld gegeben; ich mag gar nicht daran denken. Es ist verloren. Was geben Sie?«

»Zehn Gulden.«

»Das ist doch ein Schundpreis! Nein!«

Bormann dachte nach.

»Hm!« brummte er. »Es ist mir lieb, daß der Junge das Bein gebrochen hat. Ich wollte, alle beide wären entzwei. Ich kann es nach meiner Weise kuriren; freilich, den Verband muß ich aufreißen. Man kann einen Kautschukmann aus ihm machen. Ich will zwanzig Gulden geben, aber keinen Kreuzer mehr!«

»Zwanzig Gulden? Wenig, verflucht wenig!«

»Der Teufel hole mich, wenn ich einen Heller mehr biete!«

»Na, ehe ich ihn so lange hier liegen habe und das Jammern anhöre, dann fort mit Schaden! Topp! Nehmen Sie ihn!«

»Topp! Heut Abend hole ich ihn ab. Das Wimmern will ich ihm schon abgewöhnen. Ich leide so etwas nicht. Bei mir heißt es arbeiten, aber nicht jammern!«

So war also dieser Handel abgeschlossen.

Unterdessen war Robert Bertram in das Haus Wasserstraße Nummer elf getreten und die Treppen empor gestiegen. Die Thür zu seiner früheren Wohnung war verschlossen. Er ging eine Treppe tiefer. Dort wohnte ja Wilhelm Fels, der Geliebte seiner Schwester Marie. Der Name stand nicht mehr an der Thür. Bertram klopfte. Es wurde geöffnet. Ein fremder Mann sah heraus und fragte:

»Was wollen Sie?«

»Ich suche den Mechanicus Fels.«

»Kenne ich nicht.«

»Er wohnte ja hier!«

»Geht mich nichts an.«

Damit machte der Mann die Thüre zu und schob den Riegel vor.

Bertram schüttelte den Kopf. Er wußte ja noch nicht, was hier geschehen war. Er stieg in das Parterre hinab zu dem Holzhacker Schubert. Das Bein desselben war noch immer nicht heil, und seine Frau, die Wäscherin, lag noch immer mit gelähmten Gliedern darnieder. Beide erkannten ihn sofort.

»Herr Bertram!« rief der Mann. »Ist’s möglich? Was führt Sie denn in dieses Unglückshaus? Herrgott! Wer hätte das gedacht? Nicht wahr? Aber nun ist Ihre Unschuld erwiesen. Wir haben es gleich gesagt!«

»Ich suche Felsens.«

»Felsens? Lieber Gott! Wissen Sie das nicht?«

»Was?«

»Der Wilhelm hat gestohlen. Er hat sechs Wochen Gefängniß erhalten. Das hat er davon!«

»Gestohlen? Unmöglich! Er muß unschuldig sein!«

»Unschuldig? Man hat ja die Sachen bei ihm gefunden.«

Bertram bedurfte seiner ganzen Selbstbeherrschung.

»Wo ist denn da seine Mutter?«

»Die haben sie in das Bezirkshaus geschafft. Sie soll nicht recht bei Sinnen sein.«

»Gott erbarme Dich! Ist das wahr?«

»Ja. Wir wissen es genau. Nämlich zu uns kommt sehr oft der ehrwürdige Herr Seidelm – – – ah, da kommt er gleich! Da können Sie ihn selber fragen!«

Bertram blickte sich um. Seidelmann, der gerade jetzt eingetreten war, stand vor ihm.

»Herr, behüte mich vor unzüchtigem Gelichte!« sagte er im Tone des Abscheues. »Herr Schubert, was haben Sie da für Besuch!«

»Herr Bertram ist’s!«

»Das weiß ich. Aber haben Sie noch nicht gehört, daß böse Buben gute Sitten verderben?«

Bertram blickte den Sprecher ruhig an. Dann sagte er:

»Mit dem Ausdruck Bube bezeichnen Sie doch wohl nur sich selbst; denn ein Bube sind Sie, und zwar der allerschlimmste, den ich jemals kennen gelernt habe. Ihre fromme Maske kann nur Blinde täuschen, mich aber nicht. Es kommt die Zeit, in welcher wir miteinander zusammenrechnen! Zur Seite! Machen Sie Platz!«

Er wollte gehen; aber Seidelmann stellte sich breitspurig vor die Thür und antwortete:

»O, Du gottloses Gezücht! Bereits schwebt Gottes Strafgericht über Dir! Du sollst hier bleiben und nicht eher gehen, als bis ich Dir gesagt habe, daß – – –«

»Machen Sie Platz!« unterbrach ihn der Jüngling drohend.

»Willst Du mich bange machen, Du Kind Belials? Einmal noch bist Du dem Grimme der Gerechtigkeit entgangen, doch hoffe nicht, daß dies zum zweiten Male geschehe. Das Gesetz hat bereits die Wurfschaufel in der Hand und wird – – Herr, mein Heiland – Himmelheiligesdonnerwetter!!!«

Bertram hatte ihm nämlich, um sich endlich den Weg frei zu machen, die Faust derart von unten herauf an die Nase gestoßen, daß aus derselben sofort das Blut herniederströmte und der Getroffene eine ganze Strecke zur Seite flog. Der junge Mann entfernte sich, während hinter ihm die Stimme des Heuchlers laut ertönte.

Er wollte nun nach Hause, nach der Siegesstraße, und benutzte diese Gelegenheit, das Haus des Obersten von Hellenbach zu passiren. Er ging auf der anderen Seite, um einen Blick nach den Fenstern werfen zu können. Er bemerkte Niemand, schien aber selbst bemerkt worden zu sein, denn es wurde ein Fenster geöffnet, und er hörte hinter sich seinen Namen rufen. Sich umdrehend, erkannte er den Obersten, welcher ihm winkte, hinaufzukommen.

Die erste Frage des alten Soldaten war:

»Haben Sie eine Forderung erhalten?«

»Nein.«

»Feigling, der! Man wird ihm zeigen, was man von ihm zu denken hat!«

Eine halbe Stunde später erhielt der Baron Franz von Helfenstein folgende Zeilen:

 

»Wenn Sie bis morgen Mittag zwölf Uhr Herrn Bertram nicht gefordert haben, veröffentliche ich Ihr Verhalten in den Blättern und haue Sie außerdem bei erster Gelegenheit mit dem Stocke durch!

v. Hellenbach, Oberst.«

 

Am nächsten Vormittag bat ein Herr, dessen Karte hinter dem Namen die Bezeichnung Lieutenant trug, den Fürsten von Befour sprechen zu dürfen. Er wurde vorgelassen.

»Verzeihung, Durchlaucht, daß ich wegen einer Bagatelle es wage, Sie zu incommodiren!« sagte er. »Ich habe mit einem Herrn Bertram zu sprechen, und es wurde mir gesagt, daß ich die Adresse desselben nur bei Eurer Hoheit erfahren könne.«

Der Fürst musterte den Mann mit kaltem Blicke und fragte:

»Sind Sie vielleicht Abgesandter des Barons von Helfenstein?«

»Allerdings.«

»So befinden Sie sich am richtigen Orte. Herr Bertram hat die Freundlichkeit gehabt, mich mit seiner Vollmacht zu beehren.«

Der Lieutenant in Civil horchte ganz erstaunt auf.

»Wie?« fragte er. »Euer Durchlaucht sind Secundant dieses, dieses – hm, dieses bürgerlichen Mannes?«

»Ja. Finden Sie darin etwas so Wunderbares?«

»Wenigstens etwas Ungewöhnliches!«

»Die Vollmacht eines Bürgerlichen, der sich wie ein Adeliger benimmt, ehrt jedenfalls mehr als das Mandat eines Adeligen, dessen Betragen ein gemeines ist!«

»Ah! Soll sich das vielleicht auf meinen Auftraggeber beziehen, Hoheit?«

»Schweifen wir nicht ab! Was haben Sie mir zu sagen?«

»Der Herr Baron fordert Herrn Bertram, ohne zu untersuchen, ob derselbe auch satisfactionsfähig ist.«

»Schön!« lächelte der Fürst. »Herr Bertram hat die Güte, die Forderung zu aceptiren, ohne seinerseits die Ehrenhaftigkeit des Barones einer Untersuchung zu unterwerfen. Nehmen Sie Platz, und lassen Sie uns das Nähere bestimmen!«

Als nach einiger Zeit der Lieutenant zu dem Baron zurückkehrte, zeigte er sich bei höchst schlechter Laune. Er warf den Hut von sich und fragte:

»Sagen Sie, Baron, haben Sie mir das Ereigniß wirklich der Wahrheit nach erzählt?«

»Natürlich!«

»Dann kann ich das Benehmen dieses Fürsten von Befour wahrlich nicht begreifen! Fast hätte ich Lust, ihn nun meinerseits zu fordern!«

»Ich habe Sie ja bereits auf diese Arroganz vorbereitet. Welche Vereinbarungen haben Sie getroffen?«

»Pistolen, zwanzig Schritt Distance.«

»Verdammt nahe!« meinte der Baron.

Der Offizier blickte überrascht auf und fragte:

»Fürchten Sie sich etwa, Baron?«

Franz von Helfenstein fühlte sich getroffen. Er antwortete daher schnell:

»Sie haben mich vollständig falsch verstanden. Wenn ich die angegebene Distance sehr nahe nannte, so that ich es vor Freude, weil mir dadurch Sicherheit wird, daß mein Gegner nicht, ohne Blut zu lassen, vom Platze kommen wird! Wann wird das Rencontre stattfinden?«

»Morgen früh acht Uhr im Birkenthale. – Arzt, Waffen und den Unpartheiischen wird der Fürst besorgen.«

»So ist der Fürst Sekundant des Gegners?«

»Zu meiner Verwunderung, ja.«

»Er ist also mehr als ein Sonderling, wofür ich ihn bisher gehalten habe. Nur ein Dummkopf kann einem Schreiber sekundiren! Darf ich hoffen, daß Sie sieben Uhr bei mir sein werden?«

»Gewiß. Haben Sie für den Fall, welchen ich allerdings nicht erwarte, mir irgend eine Anweisung zu geben?«

»Nein. Ich kann Sie nicht noch mehr belästigen, als es bereits jetzt geschieht, und werde meine Maßnahmen anderweit treffen.«

Der Offizier entfernte sich und ließ den Baron nicht in der besten Stimmung zurück. Er war keineswegs als Held angelegt, obgleich er der Dirigent einer zahlreichen Diebesbande war. Sich dem Laufe einer geladenen Pistole gegenüber zu stellen, das war ganz und gar nicht nach seinem Geschmacke. Er sah ein, daß die Beleidigung des Jünglings eine Unüberlegtheit von ihm gewesen sei. Er hätte Bertram ganz ignoriren sollen. Ein Schreiber durfte für ihn, den Baron, gar nicht anwesend sein. Und indem er sich das sagte, wurde er auf sich selbst zornig.

So traf ihn Herr August Seidelmann, welcher kam, um sich in Betreff des geheimen Auszuges, der für heute Abend beschlossen war, zu verabreden. Diesem theilte er mit, daß er für morgen einen Zweikampf zu erwarten habe, und nannte ihm auch die Personen, um welche es sich handelte.

»Aber, gnädiger Herr Baron,« sagte der Schuster, »ich muß Ihnen sagen, daß ich ganz starr vor Verwunderung bin!«

»Schweigen Sie! Was Sie mir sagen wollen, habe ich mir bereits selbst gesagt. Dieser verdammte Oberst zwingt mich zu diesem Duelle!«

»Wenn die Kugel trifft, nämlich wenn Sie getroffen werden, was wird dann aus unserem Unternehmen?«

»Hm, nicht jede Kugel trifft. Sie kennen die Bertram’sche Familie. Wissen Sie vielleicht, ob dieser Knabe schießen kann?«

»Ich glaube kaum. Er war zwar Gymnasiast, hat sich aber von allem Allotria fern gehalten.«

»Nun, so darf ich annehmen, daß er mich nicht treffen, sondern nur ein Loch in die Luft schießen kann. Da man aber auf alle Fälle gefaßt sein muß, so werde ich heute mein Testament aufsetzen und außerdem für Sie eine Schrift verfassen, welche ich Ihnen noch heute Abend gebe. Sie wird versiegelt sein und Alles enthalten, was Sie im Falle, daß ich getödtet werde, zu thun haben. Sie öffnen sie natürlich erst dann, wenn Sie ganz sicher sind, daß ich todt bin.« –

Am anderen Morgen fuhr ein Schlitten aus der Residenz, in welchem der Fürst, Bertram, ein Arzt und noch ein Herr, der Unpartheiische, saßen. Diese vier Personen stiegen aus, als sie das wohl eine halbe Stunde von der Stadt gelegene Birkenthal erreichten. Dort stand bereits ein anderer, leerer Schlitten.

»Ah!« sagte der Fürst. »Der Baron hat sich zeitig eingefunden. Er will zeigen, daß er tapfer ist. Kommen Sie, meine Herren.«

Bertram war weder bleich, noch zeigte sich sonst Etwas an ihm, welches hätte schließen lassen, daß er Furcht oder etwas Ähnliches fühle. Er nahm ein kleines Packetchen aus der Tasche, reichte es dem Fürsten und sagte:

»Durchlaucht, sollte mir etwas Menschliches passiren, so bitte ich, dieses Päckchen zu öffnen. Es enthält nebst meinen letzten Wünschen einen Gegenstand, mit dessen Hilfe ich meine mir jetzt noch unbekannte Abstammung zu ergründen hoffte.«

Sie gingen den Fußspuren nach, welche im Schnee zu sehen waren. Die beiden Kutscher, welche zurückblieben, wußten nun, um was es sich handle. Sie sprachen nicht mit einander, da ihre Herren sich ja als Feinde gegenüberstanden; aber sie lauschten.

Nach vielleicht zehn Minuten fielen zwei Schüsse, und dann nach einem kleinen Weilchen noch zwei. Dann kamen drei Personen zurück – Bertram, der Unpartheiische und der Fürst. Dieser Letztere wendete sich an den Kutscher des Barons:

»Fahren Sie unseren Spuren nach. Sie werden gebraucht. Ihr Herr ist verwundet worden!«

Die Drei stiegen ein und fuhren nach der Stadt zurück. Der Unpartheiische wohnte in einer der ersten Straßen. Er stieg vor seiner Wohnung aus und verabschiedete sich. Indem sich dann der Schlitten in Bewegung setzte, sagte der Fürst zu Bertram:

»Mein lieber, junger Freund, ich muß Ihnen das Geständniß machen, daß ich ein wenig indiscret gewesen bin. Ich war gestern bei der Baronesse Alma von Helfenstein. Sie interessirt sich für Sie und ist meine Freundin. Ich erzählte ihr von dem Duell, und sie wird um den Ausgang desselben besorgt sein. Fahren wir zu ihr, um ihr zu zeigen, daß Sie Sieger sind!«

Dies geschah. Als der Fürst sich melden ließ, kam Alma ihnen bis in das Vorzimmer entgegen. Als sie Bertram erblickte, sagte sie im Tone freudiger Genugthuung:

»Gott sei Dank! Herr Bertram ist unverwundet?«

»Ja,« antwortete der Fürst. »Er hat sich wie ein alter Soldat benommen. Der Baron aber hat einen Schuß in den Oberarm bekommen.«

»So treten Sie ein, und erzählen Sie!«

Robert Bertram sah im Laufe der Unterhaltung, daß er die aufrichtigste Theilnahme der Baronesse besaß. Da schien sich der Fürst zu besinnen. Er griff in die Tasche und gab Bertram das Packet zurück.

»Hier, mein Lieber,« sagte er. »Das ist nun glücklicher Weise nicht mehr nothwendig. Aber, sprachen Sie nicht von einem Gegenstande, welcher mit Ihrer Abstammung in Beziehung steht?«

»Ja. Ich wurde als Kind auf der Drehscheibe des Waisenhauses abgegeben. Man fand bei mir einen Zettel mit der Bemerkung, daß ich auf den Namen Robert getauft sei, und dabei eine Kette von Gold. Den Zettel behielt man, als mein Pflegevater sich meiner annahm, im Waisenhause bei den Acten zurück; die Kette aber gab man mir mit.«

»Eine goldene Kette?« fragte da Alma. »Robert heißen Sie? Gott! Beschreiben Sie mir die Kette!«

»Sie ist sehr dünn. An ihr ist ein Herz befestigt mit einer Freiherrnkrone und den Buchstaben R.v.H. darunter.«

Da stieß Alma einen Schrei aus. Sie sprang auf und rief:

»Herr Gott! Wäre es möglich! Sie haben die Kette in diesem Packetchen? Zeigen Sie, zeigen Sie!«

»Ja, öffnen Sie! Schnell, schnell!« sagte auch der Fürst, welcher ganz dieselbe Aufregung zeigte, wie die Baronesse.

Bertram konnte die Beiden nicht begreifen. Er öffnete den kleinen Karton, nahm die Kette hervor und gab sie ihnen. Beide betrachteten sie und machten dann gleiche enttäuschte Gesichter.

»Sie irren,« sagte der Fürst. »Das ist keine Freiherrn-, sondern eine Phantasiekrone. Und hier steht nicht R.v.H., sondern R.u.H. Das sind jedenfalls die Anfangsbuchstaben von den beiden Vornamen Ihrer Eltern.«

»Nein,« sagte Robert. »Es ist kein u, sondern ein v

»Da, bitte, sehen Sie selbst!«

Er gab ihm die Kette zurück. Robert betrachtete sie genauer, als es bei dem Juden geschehen war.

»Das ist meine Kette nicht,« behauptete er dann. »Das ist eine andere, die allerdings der meinigen ganz ähnlich sieht. Und das Herz ist ganz täuschend nachgemacht.«

»Wirklich, wirklich?« fragte Alma. »Also eine Fälschung? Wer ist es, der einen solchen Betrug unternommen hat?«

»Der Jude Salomon muß es gewesen sein. Der Vater und die Geschwister hungerten, und ich ging zu dem Juden, um die Kette zu versetzen. Es war das einzige Mittel, den Hunger zu stillen.«

»Und wie alt sind Sie, wie alt?« fragte sie, indem sie ihre Erregung kaum zu meistern vermochte.

»Genau weiß ich das nicht. Zwanzig Jahre habe ich hinter mir.«

»Es stimmt! Es stimmt! Durchlaucht, was sagen Sie dazu. Da sendet uns der Herrgott einen –«

Der Fürst winkte abwehrend und unterbrach sie schnell:

»Bitte, bitte, meine Gnädige! Wir stehen hier vor einer Lösung und doch wieder vor einem Räthsel. Geben wir uns also noch nicht einer vielleicht ungerechtfertigten Freude hin!«

»O, doch! Wollen wir es ihm mittheilen?«

»Noch nicht! Seien wir zunächst vorsichtig! Herr Bertram, sind Sie von dem Juden nach Ihrer Abstammung gefragt worden?«

»Ja.«

Er erzählte das Gespräch, soweit er sich auf dasselbe besinnen konnte, und dann auch die letzte Unterredung, als er sein Pfand wieder eingelöst hatte. Dann fragte der Fürst:

»Kennen Sie den Grund, welcher den Juden bewogen haben könnte, die Fälschung der Krone und der Buchstaben vorzunehmen?«

»Nein. Ich kann mir keinen Grund denken!«

»Nun, dann kommen Sie. Es gilt, keinen Augenblick zu verlieren. Wir werden sofort zu diesem Salomon Levi fahren!«

Er nahm Bertram, der das Verhalten der Beiden gar nicht begreifen konnte, bei der Hand und zog ihn mit sich fort. Alma rief ihnen noch nach:

»Ja, eilen Sie! Aber kehren Sie dann zu mir zurück, um mir Nachricht zu bringen.«

Und dann, als sich die Thüre hinter den Beiden geschlossen hatte, faltete sie die Hände und flehte wie im Gebete:

»Herr Gott, Du lieber, himmlischer Vater, erbarme Dich meiner! Ist es mein Bruder, an welchem eine so schreckliche Missethat verübt wurde, so wirf Dein helles Licht in das Dunkel, damit mein Herz endlich Frieden finde, Frieden und das Glück, eine Seele zu besitzen, die mein Eigen sein darf!« –

Der verlorne Sohn
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