Nun blickten sich die Drei an. Sie wußten zunächst nicht, welchen Ausdruck sie der gegenwärtigen Situation geben sollten. Dann aber schlug die Leda plötzlich ein schallendes Gelächter auf und rief: »Herr Balletmeister, blicken Sie einmal in den Spiegel!«

»Wozu?« brummte er zornig.

»Sie sehen so bunt aus, wie ein Stieglitz!«

»Das läßt sich denken!«

»Dort im Kienöltopfe steckt Ihre Perrücke!«

»Donnerwetter!«

Er griff nach seinem Kopfe und bemerkte erst jetzt, daß er die lockige Bedeckung seines Hauptes verloren hatte. Er sah sie aus dem Topfe hervorragen.

»O Du heiliges Pech!« rief er aus. »Die ist hin!«

»O nein,« lachte die Tänzerin, »sie ist nur mit der nöthigen Farbenpracht versehen worden!«

»Und meine Hose, meine Weste, mein Jaquet!«

»Wie ich bereits sagte: der reine Stieglitz!«

»Na, Sie sehen auch nicht anders aus!«

Jetzt erst betrachtete sie sich selbst auch. Das Haar hing ihr wirr und mit Farben beklebt, vom Kopfe. Ihr Kleid war zerrissen und beschmiert. Dennoch aber fiel es ihr nicht ein, ihr Gelächter zu mäßigen. Sie fuhr vielmehr fort: »Herrlich! Prächtig! Welch’ ein Abenteuer!«

»Danke schön!«

»Wie ist denn das gekommen?« fragte seine Frau.

»Ein Mißverständniß!« erklärte die Leda.

»Mißverständniß?« sagte er. »Das glauben Sie doch wohl selbst nicht?«

»Warum nicht? Ich hielt Sie für die – – ah, wo ist sie denn eigentlich?«

»Wer denn?« fragte die Balletmeisterin.

»Die Nähterin.«

Sie sahen sich um. Die Amerikanerin aber saß mit Hilda so, daß man sie Beide wegen der zweiten Staffelei und einem breiten Vorhange nicht sehen konnte.

»Sie ist fort!« sagte er.

»Entflohen!« nickte die Tänzerin.

»Sie wird mit der Starton gegangen sein,« bemerkte die Frau des Herrn ›Arthur‹.

»Starton?« fragte die Leda aufhorchend.

»Ja, mit der Starton.«

»Meinen Sie etwa die amerikanische Tänzerin?«

»Ja.«

»Mit dieser soll sie gegangen sein?«

»Ich vermuthe es.«

»War denn die Amerikanerin da?«

»Freilich. Sie wollte mit meinem Manne sprechen.«

»Und wo befand sie sich?«

»Hier im Zimmer. Ich nahm sie mit her, um sie anzumelden.«

»Himmel! Hier im Zimmer? So hat sie wohl auch gesehen, was da vorgekommen ist?«

»Natürlich. Sie trat mit mir zugleich ein.«

»Na, das haben Sie schön gemacht, sehr schön! Welch’ eine Blamage! Sie wird nun überall davon erzählen. Hat sie denn Alles, Alles gesehen?«

»Das weiß ich nicht. Sie wird sich aber vermuthlich gleich entfernt haben.«

»Hoffentlich kennt sie mich nicht!«

»Ich habe ihr leider gesagt, daß Sie sich bei meinem Manne befinden und daß sie also Gelegenheit finden werde, Sie kennen zu lernen.«

Da stieß die Tänzerin von neuem ein schallendes Gelächter aus.

»O weh! Oh weh!« rief sie dabei. »Da hat sie mich allerdings sogleich von einer höchst interessanten Seite kennen gelernt!«

»Vermuthlich hat sie aber nicht gedacht, daß Sie es waren, die sich da in den Farben wälzte.«

»Sie wird es aber sicher erfahren.«

»Von wem denn?«

»Von der Nähterin, die sich mit ihr entfernt hat.«

»Sie irren!« ertönte es da von der anderen Seite des Zimmers her.

Ellen war von ihrem Sitze aufgestanden und näherte sich ihnen.

»Sie sind noch da?« fragte die Balletmeisterin in höchsten Grade erschrocken.

»Wie Sie sehen!«

»Ich glaubte, Sie seien fort!«

»Konnte ich gehen? Sie versprachen, mich dem Herrn Balletmeister anzumelden. Es wäre jedenfalls eine große Verletzung aller Anstandsformen meinerseits gewesen, wenn ich mich entfernt hätte.«

Sie stand hoch, ernst und stolz vor den drei mit Farben beklebten Personen.

»Bitte, gnädige Frau, wollen Sie mich den Herrschaften vorstellen?« sagte sie.

Die Frau antwortete:

»Ihren Namen habe ich bereits genannt – mein Mann, der Herr Balletmeister und Kunstmaler – Mademoiselle Leda, von welcher ich zu Ihnen sprach.«

Sie ließ eine leichte Verbeugung sehen und sagte:

»Sie verzeihen, daß ich störte!«

»O bitte,« meinte der Balletmeister. »Ein kleines Potpourri, wie es zuweilen unter Künstlern vorkommt!«

»Jedenfalls eine Probe zu einem Ballette?«

»O nein. Nur ein kleines Mißverständniß, weiter nichts.«

»Ich glaube nicht!«

Diese drei Worte waren in einem so ernsten Tone gesprochen, daß der Maler sich davon überrascht fühlte.

»Wie meinen Sie das?« fragte er.

»Ich glaube, gehört zu haben, daß es sich um mehr als ein kleines Mißverständniß handle.«

»Ah! Eine Täuschung!«

»Sollte es wirklich ein Mißverständniß genannt werden können, wenn man ein braves, unschuldiges Mädchen zwingen will, Modell zu sitzen?«

»Zwingen?«

»Ich vermuthe das.«

Der Balletmeister sah sich im Zimmer um. Hilda stand noch hinter der Staffelei. Er konnte sie nicht sehen. Er dachte, daß sie entflohen sei, und das gab ihm den Muth zu der Antwort: »Sie irren sehr. Von einem Zwange ist keine Rede gewesen.«

»Wirklich?«

»Ja.«

»Bitte, treten Sie doch näher, Fräulein!«

Auf diesen Ruf trat Hilda herbei. Der Maler erschrak und sagte ohne Ueberlegung:

»Ich denke, Sie sind fort!«

»Wie Sie sehen, befindet sie sich noch hier.«

»Und sie ist es, die von Zwang gesprochen hat?«

»Ja.«

»Da hat sie gelogen!«

Ellen nahm Hilda bei der Hand und fragte sie:

»Haben Sie die Wahrheit gesagt, da Sie mir vorhin so angstvoll sagten, daß man Sie zwingen wolle, Modell zu sitzen?«

»Ja,« erklärte die Gefragte.

»Aber es ist ja Lüge! Habe etwa ich Sie gezwungen?«

»Mittelbar,« erklärte Hilda muthig. »Diese Dame wollte sich an mir vergreifen. Sie hat mich gescholten und beleidigt. Sie wollte mich überreden, und als das nichts fruchtete, hatte sie die Absicht, handgreiflich zu werden.«

»Was kann denn ich dafür?«

»Sie haben es stillschweigend gut geheißen, anstatt mich zu beschützen.«

»Siehe da! Dieses kleine Mädchen wagt es, mich zu beschuldigen.«

Die Leda hatte bisher kein Wort gesprochen, sondern nur ihre Rivalin scharf betrachtet. Jetzt zuckte sie geringschätzig die Achsel und sagte: »Lassen Sie doch, Herr Balletmeister! Eine solche Person, eine obscure Schneiderin, steht doch so tief unter Ihrem und meinem Niveau, daß wir mit ihr gar nicht zu verkehren haben.«

Das ergrimmte Hilda so, daß sie rasch antwortete:

»Aber vorhin haben Sie mit mir verkehrt, als Sie in schamloser Entblößung zu mir sprachen, um mich zu vermögen, es Ihnen gleich zu thun!«

»Werfen Sie doch diese Vettel hinaus,« rief die Leda im höchsten Zorne.

»Halt! Nicht so schnell!« sagte Ellen. »Die junge Dame steht unter meinem Schutze. Sie wird sich mit mir entfernen. Herr Balletmeister, ich hielt es für meine Pflicht, Ihnen meine Aufwartung zu machen, jetzt aber bedaure ich von ganzem Herzen, es gethan zu haben!«

Das hatte ihm noch Niemand gesagt. Eine Balleteuse, welche Anstellung haben wollte, wagte es, ihm eine solche Bemerkung zu machen. Das war stark, sehr stark.

»Oho!« stieß er hervor.

»Gewiß!« antwortete sie. »Es kann mir nicht angenehm sein, Zeugin von Scenen zu sein, wie sie sich hier abgespielt haben. Gestatten Sie mir also, mich zurückzuziehen.«

»Bitte, nur noch einen Augenblick!« sagte er. »Nehmen Sie nur eine einzige Minute Platz!«

»Danke!« sagte sie ablehnend.

Seine Frau machte ein höchst indignirtes Gesicht, und die Leda zuckte hohnvoll die Achsel. Dies bestärkte ihn in seinem Vorhaben, eine kräftige Entgegnung vom Stapel zu lassen.

»Nicht wahr, Sie suchen Engagement an unserer Bühne?« fragte er.

»Suchen? Dies dürfte wohl nicht ganz der richtige Ausdruck sein, mein Herr.«

»Nicht? Ah, Sie denken, man solle es Ihnen entgegengetragen bringen?«

Es lag ein solcher Hohn in seinem Ausdrucke, daß sie, Hilda bei der Hand erfassend, zu dieser sagte: »Kommen Sie, liebes Kind! Es ist hier, wie es scheint, nicht unsere Sphäre.«

»Oho!« rief der kleine Maler. »Eine Tänzerin, wie Sie ja sind, braucht nicht von Sphäre zu sprechen. Will man engagirt sein, so darf man nicht solche Voreiligkeiten begehen, wie ich sie von Ihnen höre. Verstanden!«

Sie drehte sich an der Thür noch einmal um und antwortete:

»Ob ich voreilig bin, mag der Richter entscheiden, welchem ich nun, da Sie in dieser Weise sprechen, von der Art und Weise, in welcher dieses gute Mädchen behandelt worden ist, Mittheilung machen werde!«

Sie ging. Die Drei, welche zurückblieben, blickten einander einige Momente sprachlos an; dann sagte der Maler: »Das also war die Amerikanerin!«

»Ja, das war sie!«nickte die Leda.

»Impertinentes Geschöpf!«

»Ganz Yankeese!«

»Ist mir aber doch verteufelt unlieb!«

»Unsinn! Wenn sie es überall so macht, ist sie am längsten meine Rivalin gewesen.«

»Aber sie wird sprechen!«

»Das glaube ich nicht.«

»Ich aber glaube es. Sie hat sich beleidigt gefühlt, und Sie wissen ja selbst, eine beleidigte Dame pflegt unversöhnlich zu sein.«

»Sie glauben wirklich, daß sie zum Richter geht?«

»Ich traue es ihr zu, daß sie Anzeige macht. Sie hatte ein so entschiedenes Aussehen, ein so resolutes Auftreten. Und an der ganzen Geschichte sind nur Sie schuld.«

»Schwatzen Sie nicht!«

»Schwatzen? Mäßigen Sie sich, Mademoiselle! Hätten Sie diese Schneiderin mir allein überlassen! Was ging die Sache denn Sie an.«

»Nicht viel. Aber ich wollte Ihnen behilflich sein. Leider habe ich den Dank davon.«

»Ich kann fürchterlich blamirt werden!«

»Das kann ich mir nicht denken. Aber selbst wenn dies der Fall sein sollte, ist es für Sie besser, in mir eine Verbündete zu haben, als mich mit unnützen Vorwürfen zu regaliren. Das sehen Sie doch wohl ein!«

»Hm! So ganz Unrecht haben Sie nicht. Ein ganz verteufeltes Frauenzimmer ist diese Amerikanerin. Höchst fatal, wenn sie engagirt würde!«

»Nun, so lassen Sie dies nicht geschehen.«

»Wie kann ich das?«

Sie stellte sich erstaunt und fragte:

»Ich denke, daß Sie Einfluß besitzen?«

»Allerdings.«

»Und der wird wohl so weit reichen – – –! Nicht?«

»Sie dürften sich denn doch ein Wenig irren. Daß ich Einfluß besitze, und daß man auf mich hört und hören muß, daß ist ja unbestritten; aber dieser Einfluß reicht nicht so weit, daß man auf meinen einfachen Wunsch hin eine Künstlerin fortjagt.«

»Nun, so wünschen Sie nicht!«

»Was denn?«

»lntriguiren Sie!«

»Das läßt sich leicht sagen!«

»Ist auch ebenso leicht.«

»Oho. Sind Sie vielleicht ein Wenig Intriguantin?«

»Wir Damen vom Ballet müssen ja immer mehr oder wenig Intriguantin sein!«

»Nun, so geben Sie mir einen Rath!«

»Gern!«

»Es dürfte Ihnen aber schwer werden.«

»Nicht so schwer, wie Sie zu denken scheinen. Da fällt mir gleich Etwas ein.«

»Schön! Gut! Sprechen Sie!«

»Nun, Sie wissen ja, daß wir, nämlich diese Starton und ich, die Königin der Nacht zu tanzen haben, erst ich und dann sie. Wie nun, wenn ich den größten Effect mache und sie dann – – gar nicht zur Entwickelung kommt!«

»Wie soll das ermöglicht werden?«

»Sehr einfach durch Sie und den Capellmeister.«

»Ich bin bereit dazu, ob auch der Capellmeister, das ist doch nicht ganz sicher.«

»O, was den betrifft, so habe ich ihn im Sacke!«

»Wirklich?«

»Ganz sicher!«

»Das sollte mich freuen. Aber, wie sollen wir Beide es anfangen, daß die Amerikanerin gar nicht zur Entwickelung kommt, Mademoiselle?«

»Wie nun, wenn, sobald sie auftritt, gewisse Tacte oder Stellen oder Klausen der Musikbegleitung anders wären als vorher bei mir?«

»Sapperment!«

»Was sagen Sie dazu?«

»Der Gedanke ist nicht übel!«

»Nicht wahr! Die Amerikanerin hat sich eingeübt. Sie kennt jeden Tact der Musik. Diese Veränderungen müssen sie aus der Contenance bringen.«

»Freilich, freilich!«

»Dazu gewisse Pausen ein Wenig zu lang oder zu kurz gehalten – einen Satz von acht Tacten auf zwölf verlängert – oh, es giebt solche kleine Mittel, welche aber dennoch ganz sicher wirken.«

»Natürlich! Und das Beste ist, daß sie wirken, ohne daß ein Mensch es eigentlich weiß. Der Mißerfolg fällt ganz allein auf die Künstlerin.«

»Es freut mich, daß Sie mir zustimmen.«

»Ob aber der Capellmeister sich zu solchen Änderungen verstehen wird –?«

»Ich bin davon überzeugt. Um ganz sicher zu gehen, werde ich ihn heute noch einmal besuchen. Ich benachrichtige Sie, und dann machen auch Sie ihm Ihre Aufwartung.«

»Habe denn ich mich mit ihm zu besprechen?«

»Natürlich. Sie müssen ja auch mit thätig sein. Sie sollen ihm an die Hand gehen.«

»Wie so denn?«

»Nur die Amerikanerin soll sich von den Musikänderungen verblüffen lassen; das Corps de Ballet aber muß fest sein. Daher ist es nothwendig, daß Sie sich mit dem Capellmeister besprechen und dann Ihre Leute auf die betreffenden Differenzen aufmerksam machen.«

»Famos! Mademoiselle, Sie sind wirklich eine ganz famose Intriguantin.«

»Wenigstens fühle ich mich dieser prüden Miß vollständig gewachsen!«

»Dennoch aber möchte ich Ihnen einen guten Rath geben.«

»Sprechen Sie! Für einen Rath, welcher wirklich gut ist, muß man stets dankbar sein.«

»Haben Sie bereits mit dem Chef der Claqueurs gesprochen?«

»Nein.«

»So holen Sie das schleunigst nach.«

»Ist denn die Claque hier so gut organisirt, daß man sie zu fürchten hätte?«

»So vortrefflich, daß man sehr mit ihr zu rechnen hat.«

»Was für ein Mann ist der Chef?«

»Ein höchst gefälliger Herr, der aber zu rechnen versteht.«

»Liebenswürdig?«

»Ja. Er liebt die Schönheit, das Gold aber noch mehr.«

»Hat er bestimmte Gratificationssätze?«

»Gewiß. Bei ihm giebt es feste Preise.«

»Wenn man diese erfahren könnte!«

»Ich habe seinen Tarif da. Auf demselben befindet sich auch seine Adresse. Wünschen sie das Verzeichniß?«

»Ja, bitte.«

Er zog ein Schubfach aus einem Tischchen und reichte ihr ein bedrucktes Papier hin. Dieses enthielt die Ueberschrift:

»Preise der Beifallsbezeugungen am hauptstädtischen Theater:«

 

Und dann begann das Verzeichniß:

 

»Einmaliges Händeklatschen pro Person 10 Kr.

Beifälliges Nicken des Kopfes pro Person 10 Kr.

Lauter, wohlgefälliger Seufzer pro Person 15 Kr.

Vergnügtes Stöhnen pro Person 15 Kr.

Staunendes Emporfahren pro Person 20 Kr.

Lautes ›Ach‹ oder ›Oh‹ pro Person 30 Kr.«

 

So lief das Verzeichniß fort bis zum

 

»Sensationelles in

Ohnmacht fallen pro Person 5 Gldn.

Vor Begeisterung die Krämpfe

bekommen pro Person 10 Gldn.«

 

Und am Schlusse fand sich die Bemerkung:

»Die Preise sind nach einer Person berechnet. Je mehr Claqueurs thätig sind, desto höherer Rabatt wird bei sofortiger Baarzahlung bewilligt. Hier nicht ständige Künstler haben kein Anrecht auf diese billigen Preise und müssen nach einer besonderen Vereinbarung zahlen.«

 

»Zu diesen Letzteren gehöre ich,« lachte die Leda. »Also werde ich wohl zu höheren Beträgen herangezogen werden?«

»Sicher. Doch dürfen Sie auch auf einen unausbleiblichen Erfolg rechnen.«

»Ich werde diesen Herrn also am liebsten sofort aufsuchen. Aber –«

Sie stellte sich vor den Spiegel und brach abermals in ein lautes Lachen aus.

»So darf ich mich diesem Meister des künstlichen Beifalles freilich nicht zeigen. Ist Ihr Mädchen zur Disposition, Frau Balletmeisterin?«

»Gern.«

»Ich möchte sie schicken, um mir einige andere Toilette holen zu lassen. Diese ist ruinirt für ewige Zeiten.«

»Mein Anzug wohl auch!«

»Der meinige ebenso,« bemerkte der Balletmeister mit süßsaurer Miene.

»Grämen Sie sich nicht. Ich werde Ihnen Ersatz leisten. Geben Sie mir Tinte und Feder. Ihr Mädchen muß sich doch legitimiren können.«

Nach Verlauf einiger Zeit kam die Toilette. Die Leda kleidete sich um und wollte sich entfernen, fragte aber vorher noch: »Apropos, wie hat man denn eigentlich diesen Chef der Claqueurs zu tituliren. Seine Adresse enthält keinen Hinweis darauf.«

»Hm!« lächelte der Maler. »Dieser Herr war ein armer Damenschneider; er maß einer alten, reichen Lisette ein Kleid an; sie verliebte sich in ihn, heirathete ihn, machte ihn also zum Rentier, nahm ihn mit in das Theater, wo er sich schnell zum enragirten Kunstenthusiasten entwickelte, und dann – nun ja, dann organisirte er eine Schaar gedungener Beifallsklatscher. Und man muß sagen, daß er dies mit sehr gutem Geschick gethan hat. Titel und Würden besitzt er nicht. Doch zeigt er ein sehr vornehmes Äußere und liebt es, mit Ehrfurcht behandelt zu werden. Man raunt sich in die Ohren, daß er es sehr gern höre, Baron genannt zu werden.«

»Schön! Mir soll es ganz gleich sein, ihn sogar Durchlaucht oder Majestät zu nennen. Wollen sehen, wo wir den einstigen Schneider finden. Leben Sie wohl, und zwar auf baldiges Wiedersehen!«

Sie nahm eine Droschke und ließ sich nach der Wohnung des Claqueurs fahren. Er hatte ein ganzes Haus inne, welches in Beziehung auf den Reichthum der Ausstattung mit manch’ adeligem Sitze wetteiferte. Der Kenner jedoch bemerkte sofort, daß dies freilich eben nur in Beziehung auf den Reichthum stattfand. Stil, Symmetrie, künstlerisches Ausmaß gab es nicht.

Leda gab einem befrackten Diener ihre Karte ab und wurde dann vorgelassen.

Sie fand den einflußreichen Herrn in einer Chaiselongue liegen, eine duftende Cigarette zwischen den in den feinsten Glaçeehandschuhen steckenden Fingern. Sie verbeugte sich tief. Er schob das goldene Lorgnon prätentiös auf die Nase, musterte sie vom Kopfe bis zu den Füßen herab und sagte dann: »Mademoiselle wünschen?«

»Ihren Schutz, Herr Baron.«

Er kniff das eine Auge wohlgefällig zusammen, geruhte das eine Bein von der Chaiselongue herabgleiten zu lassen, und fuhr fort: »Man hat Sie an mich gewiesen?«

»Nein.«

»Sie kommen also aus eigener Intention?«

»Gewiß. Ich habe zuwenig Selbstbewußtsein, um mir einzubilden, daß ich mir meinen Weg hier ohne Ihre gütige Beihilfe bahnen könnte.«

Da schob er auch das andere Bein von der Chaiselongue herab, richtete den Oberkörper in die Höhe, nickte ihr lächelnd zu und sagte: »Das freut mich. Ein solches Berücksichtigen der hiesigen Verhältnisse kann Ihnen nur Sympathie erwerben. Wünschen Sie die Angelegenheit geschäftlich geordnet, Mademoiselle?«

Er warf ihr dabei einen bezeichnenden, lüsternen Blick zu. Sie zog es vor, sich so zu stellen, als ob sie ihn nicht verstehe, und antwortete: »Wie sonst? Gäbe es eine andere Art und Weise, als die rein geschäftliche?«

»Gewiß.«

»Ich kann sie mir nicht denken.«

»O, Mademoiselle, dann mache ich Ihnen mein Compliment. Es finden sich außerordentlich wenig Damen vom Corps de Ballet, welche sich derselben Unkenntniß rühmen können. Wo haben Sie Ihre Ausbildung erhalten?«

»In Paris.«

»Ah, bitte, nehmen Sie doch neben mir Platz! Also in Paris machten Sie Ihre künstlerischen Studien! Paris ist die Stadt der Liebenswürdigkeit, der Vorurtheilslosigkeit. Wie kommt es da, daß Sie noch so unerfahren sind, mein schönes Kind?«

»Unerfahren?«

»Gewiß! Sonst müßten Sie ja wissen, daß man sich auch auf außergeschäftliche Weise eines trefflichen Beifalls versichern kann.«

»Mama ist sehr streng!«

»Ach so! Ihre Mutter befand sich mit in Paris?«

»Ja.«

»Ist sie auch mit hier?«

»Sie liebt mich so sehr, daß sie stets bei mir ist und mich auch nie verlassen wird«

»Das glaube ich Ihnen gern. Wer sollte eine so interessante Dame nicht lieben! Die Mutter natürlich vor allen Dingen! Doch um bei unserer Angelegenheit zu bleiben: Sie wünschen also in Geschäftsbeziehung zu mir zu treten?«

»Ja, Herr Baron.«

»Darf ich um Ihre Adresse bitten?«

»Hotel Kronprinz. Privatwohnung könnte ich natürlich erst nehmen, wenn ich das Glück hätte, engagirt zu sein.«

»Natürlich! Nun, wir wollen sehen, wie sich das arrangiren läßt, Mademoiselle. Ich höre, daß Sie zunächst als ›Königin der Nacht‹ auftreten?«

»Die Intendanz hat diese Verfügung getroffen.«

»Sie sind Ihrer Rolle sicher?«

»Vollständig.«

»Nun, wenn Sie es wünschen, werde ich auch die meinige mit Effect in die Hand nehmen.«

Er ergriff, da sie sich wirklich neben ihm niedergesetzt hatte, ihre Hand und drückte einen Kuß auf dieselbe.

»Halten Sie vielleicht diese meine Hand für Ihre Rolle, Herr Baron?« fragte sie mit gut gespielter mädchenhafter Schamhaftigkeit.

»Warum denn nicht? Lieber noch würde ich Ihre Lippen derselben substituiren.«

Dabei legte er den Arm um sie und wollte sie an sich ziehen.

»Herr Baron!« warnte sie, sich sträubend.

»Ist es verboten, aufmerksam gegen Sie zu sein?«

»Sollte dies nicht mehr sein als aufmerksam?«

»Nein, nicht mehr. Sie geben doch zu, daß ich meine Clientinnen genau kennen muß?«

»Gewiß.«

»Ich muß auch wissen, ob sie liebenswürdig sind!«

»Wirklich?«

»Ja. Nicht bloß liebenswürdig, sondern auch nachgiebig!«

»Ah!«

»Oder vielmehr hingebend!«

»Sie sind sehr anspruchsvoll!«

»Heißt das, zuviel verlangt?«

»Vielleicht.«

»Nun, für’s Erste möchte ich nur wissen, wie sich Ihre schönen, rothen Lippen küssen lassen.«

»Das weiß ich selbst noch nicht.«

»Ist auch nicht nöthig. Also – bitte, bitte!«

Sie duldete es jetzt, daß er sie an sich zog und seinen Mund auf den ihrigen drückte. Aber in demselben Augenblicke rief es am Eingange: »Die gnädige Frau!«

Der Diener, welcher diese Meldung ausgesprochen hatte, zog sich, als er die zärtliche Gruppe bemerkte, sofort zurück.

»Um Gotteswillen, meine Frau!« sagte der ehemalige Schneider. »Treten Sie zurück.«

Sie schnellte sich von der Chaiselongue empor und brachte schleunigst den Tisch zwischen sich und ihn.

»Noch weiter!« gebot er. »In eine ganz und gar achtungsvolle Entfernung!«

Sie trat noch einige Schütte zurück und nahm eine sehr devote Haltung an. Dies geschah noch zur rechten Zeit, denn die Dame trat ein.

Sie war ein Bild ausgesprochenster Häßlichkeit, lang, hager zum Zerbrechen und an der einen Schulter ausgewachsen. Diese Mängel hatte sie durch die verschiedensten Toilettenkünste zu verbergen gesucht, jedoch ohne genügenden Erfolg. Sie warf einen forschenden Blick auf die Tänzerin und trat dann zu ihrem Gemahle.

»Ich werde jetzt ausfahren, lieber Léon,« sagte sie, »und komme, mich zu verabschieden.«

Sie beugte sich zu ihm nieder und reichte ihm den Karpfenmund zum Kusse hin. Er erröthete und that, als ob er nicht bemerkte, was sie wünsche.

»Nun!« sagte sie. »Adieu!«

»Adieu, meine Liebe!«

»Doch nicht so kalt! Wie bist Du heute doch so zerstreut! Meinen Kuß! Bitte!«

Jetzt legten sich ihre umfangreichen Lippen auf oder vielmehr um die seinigen; es gab einen Knall, als ob man mit der Faust ein Loch in einen Bogen Pappe schlage, und dann hob sie den Kopf wieder empor.

»Soll ich Dir etwas mitbringen?« fragte sie zärtlich.

»Danke, danke!«

»Dann also adieu!«

Sie musterte im Gehen die Tänzerin abermals, wendete sich dann zu ihrem Manne zurück und fragte:

»Wer ist diese Dame?«

»Mademoiselle Leda.«

»Die Tänzerin?«

»Jawohl. Sie bittet mich um meine Protection.«

Die Frau warf einen eifersüchtigen, durchbohrenden Blick auf Leda und fragte diese:

»Sind Sie denn gut situirt, Fräulein?«

»Ich denke es,« antwortete die Gefragte.

»Verstehen Sie mich recht! Ich meine nämlich, ob Sie auch gut bei Casse sind?«

»Das bin ich allerdings.«

»Das freut mich. Damen Ihresgleichen leiden an der Ungezogenheit, die Bemühungen, denen sich mein Gemahl zu ihrem Besten unterwirft, immer mit anderer als mit klingender Münze bezahlen zu wollen. Das verringert die Einnahmen, beeinträchtigt unser eheliches Glück und darf also nicht geduldet werden.«

»Aber, meine Liebe!« sagte in vorwurfsvollem Tone der Chef der Claqueurs.

»Was denn?« antwortete sie. »Ich habe ein Recht, diese Damen auf die engen Schranken aufmerksam zu machen, in denen sie sich zu halten haben. Lebe wohl!«

Sie ging. Ihr Mann erhob sich und trat an das Fenster. Dort blickte er so lange wortlos auf die Straße hinab, bis sich das Rollen eines Wagens vernehmen ließ. Dann drehte er sich wieder um.

»Gott Lob! Sie ist fort!« seufzte er. »Entschuldigung, Mademoiselle, daß Sie sich durch diese kleine Scene unterbrechen lassen mußten!«

»O bitte! Es war ein allerliebstes Genrebildchen!«

Ihre Miene hatte dabei einen solchen zweifelhaften Ausdruck angenommen, daß er nicht im Unklaren darüber sein konnte, was sie sich davon dachte.

»Sie liebt mich so!« bemerkte er, als ob er sich zu entschuldigen habe, die Liebe eines solchen Wesens zu besitzen.

»Das ist leicht begreiflich!«

»Na, lassen wir es sein. Fahren wir lieber in unserer unterbrochenen Unterhaltung fort!«

»Ich stehe zu Diensten!«

Dabei trat sie so ostentativ um einen Schritt zurück, daß er sofort einfiel:

»Nein, nicht so! Nicht aus solcher Entfernung!«

»Aber der Herr Baron haben mir doch vorhin diese ganz achtungsvolle Entfernung anbefohlen!«

»Das war vorhin. Meine Frau! Wissen Sie! Oder muß ich etwa deutlicher sein?«

»Nein. Ich verstehe!« lachte sie munter.

»Nun also! Kommen Sie wieder her!«

»Aber Ihr Diener?«

»Was ist mit ihm?«

»Er scheint die sehr unangenehme Gepflogenheit zu haben, zur ungelegensten Zeit hereinzuplatzen.«

»Keine Sorge! Das wird jetzt nicht wieder geschehen. Uebrigens ist er treu und verschwiegen. Also bitte!«

Er trat zu ihr hin, ergriff sie bei der Hand und führte sie zu der Chaiselongue, wo er sie neben sich niederzog.

»Also, wo waren wir stehen geblieben?« fragte er dann.

»Bei meinen Lippen.«

»Richtig! Fangen wir da also wieder an!«

Er küßte sie von Neuem. Sie duldete es einige Augenblicke lang und entwand sich dann seiner Umarmung, indem sie erklärte: »Jetzt nun genug. Sie wissen nun vielleicht, ob ich liebenswürdig bin oder nicht.«

»Sie sind es. Aber, werden Sie es auch bleiben?«

»Das wird allein auf den Herrn Baron ankommen.«

»Nun, was an mir liegt, wird sicher nicht unterlassen werden. Bei wem haben Sie sich nach meiner Wohnung erkundigt, Mademoiselle?«

»Beim Balletmeister.«

»Schön! Dieser besitzt gedruckte Formulare von mir. Hat er Ihnen eins derselben gezeigt?«

»Ja. Ich habe es gelesen.«

»Finden Sie nicht, daß ich sehr billig bin?«

»Mit den ständigen Mitgliedern der hiesigen Bühnen, ja.«

»Sie meinen, mit den Fremden nicht?«

»Dies zu beurtheilen entgeht mir jede Unterlage.«

»Nun, fremde Künstler haben sich mit mir in separates Einvernehmen zu setzen.«

»Schön! Thun wir das also, Herr Baron!«

»Ich bin bereit. Stellen wir also fest, was Sie eigentlich von mir fordern.«

»Ich möchte gern als ständiges Mitglied von Ihnen betrachtet und behandelt werden.«

»Das ist jetzt unmöglich.«

»So sorgen Sie, daß ich engagirt werde!«

»Was bieten Sie dafür?«

»Wieviel fordern Sie?«

Er machte ein nachdenkliches Gesicht, that, als ob er nachrechne, und meinte dann:

»Ihr Fall ist ein sehr exceptioneller. Es ist da schwer, etwas Bestimmtes zu sagen. Ueberdies kenne ich Ihre Kräfte gar nicht.«

»Ich denke, daß mir ein guter Ruf vorausgegangen ist, daß ich also empfohlen bin.«

»O, Ihre künstlerischen Kräfte meine ich nicht, sondern Ihre pecuniären. Sie erklärten zwar meiner Frau, daß sie bei Mitteln seien –«

»Nur, um Ihre Frau Gemahlin zu beruhigen!«

»Ich dachte es mir. Wie aber ist es in Wahrheit?«

»Ich bin nicht reich.«

»Das giebt wenigstens einen Punkt, den man festzuhalten vermag. Sie geben vielleicht zu, daß es schwierig ist, das Publikum für eine Künstlerin so zu enthusiasmiren, daß sie sofort engagirt wird?«

»Das mag sein.«

»Zumal Sie eine solche Gegnerin haben!«

»Ich fürchte sie nicht.«

»Aber diese Amerikanerin soll eine ganz bedeutende Künstlerin sein!«

»Imponirt mir aber nicht!«

»Schön! Streiten wir uns nicht. Der Erfolg Ihrer ersten Production muß ein durchschlagender sein; ich muß also alle meine Untergebenen an ihre Plätze commandiren. Das verursacht mir nicht nur allein viel Arbeit, sondern vor allen Dingen auch eine bedeutende Ausgabe.«

»Wie hoch berechnen Sie dieselben?«

»Auf wenigstens fünfhundert Gulden.«

Sie erschrak, das war ihr deutlich anzusehen.

»Fünfhun- –«

Das Wort blieb ihr im Munde stecken.

»Ja wohl, fünfhundert Gulden.«

»Da läßt sich nichts abändern?«

»Eigentlich nicht!«

»Aber uneigentlich –?«

»Nun, ich habe kein hartes Herz und hoffe, Sie werden mir dankbar sein. Könnten Sie sofort vierhundert bezahlen?«

»Augenblicklich nicht.«

»O weh! Billiger kann ich es nicht thun.«

»Aber Sie dürfen doch Credit geben?«

»Ich würde es gern thun, aber mein Cassirer duldet das auf keinen Fall.«

»Sind Sie in dieser Weise von diesem Mann abhängig?«

»Mann?« lachte er. »Meine Frau ist mein Cassirer.«

»O weh!«

»Ja, o weh! Sie sehen also, daß ich einer milden Regung meines Herzens leider nicht zu folgen vermag.«

»Dann bin ich freilich gezwungen, auf Ihren Beistand zu verzichten, Herr Baron!«

»Aber es ist das zu Ihrem Schaden!«

»Ich weiß das. Aber ich habe nicht diese bösen vierhundert Gulden. Ich kann sie nicht zahlen.«

Er lehnte sich zurück und schien nachzudenken. Dann sagte er:

»Hm! Vielleicht giebt es doch einen Ausweg.«

»Welchen?«

»Einen, auf welchen ich nur unter einer ganz besonderen Bedingung eingehen kann.«

»Nennen Sie diese Bedingung!«

»Ich will sie aufrichtig aussprechen: Sie sind reizend; Sie gefallen mir. Ich möchte einmal ein Stündchen allein mit Ihnen sein.«

»Das sind wir jetzt.«

»O, nicht so allein, wie ich es meine.«

»Wie denn?«

»Das bedarf wohl keiner besonderen Auseinandersetzung. Uebermorgen treten Sie auf. Sind Sie nach Schluß des Ballets bereits irgendwie engagirt?«

»Nein.«

»Nun gut. Ich stelle die Bedingung, daß Sie nach dem Ballet im Costüm der Königin der Nacht bleiben –«

»Gar nicht ankleiden?«

»Nein. Sie werfen nur einen Mantel über.«

»Wozu? Weshalb?«

»Weil ich Sie in diesem reizenden Costüm eine Stunde allein betrachten will.«

»Wo soll ich Sie sehen oder treffen?«

»Ich hole Sie per Droschke ab.«

»Wohin?«

»Das weiß ich jetzt noch nicht. Jedenfalls aber suchen wir einen Ort, an welchem wir ungestört sind.«

»Meine Mutter erlaubt mir Derartiges nie!«

»Es ist Ihre Sache, sich mit Ihrer Mutter in’s Einvernehmen zu setzen. Dies ist die Bedingung, von welcher ich sprach. Wird sie von Ihnen erfüllt, so stelle ich Ihnen meine ganze Unterstützung zur Verfügung und werde auch den pecuniären Ausweg bezeichnen, von welchem wir vorhin sprachen. Also sind Sie bereit?«

»Erst bezeichnen Sie mir den pecuniären Ausweg!«

»Eigentlich sollte ich das nicht thun, doch will ich bei Ihnen eine Ausnahme machen. Sie sollen mir die vierhundert Gulden nicht zahlen; ich will warten –«

»Aber Ihr Cassirer? Ihre Frau Gemahlin!«

»Bitte, lassen Sie mich aussprechen! An Stelle dieser vierhundert Gulden, welche Sie pränumerando zu bezahlen hätten, ohne sicher zu sein, wirklich auch engagirt zu werden, zahlen Sie fünf Procent Ihres Gehaltes, und zwar an jedem Gagentage die betreffende Rate.«

»Aber das würde in Summa mehr als vierhundert Gulden sein!«

»Ich verpflichte mich aber auch, Ihnen ein ganzes Jahr lang alle meine Untergebenen zur Verfügung zu stellen!«

»Das ist freilich etwas Anderes!«

»Nicht wahr, meine Forderung ist billig?«

»Sie läßt sich wenigstens anhören.«

»Wenigstens anhören? Glauben Sie nicht, daß ich mir einen einzigen Kreuzer abdingen lasse!«

»Hm, ich bin keine große Rechenmeisterin. Zahlen sind mir höchst unbequem. Zanken wir uns also nicht!«

»Das ist sehr verständig gedacht! Also, fünf Procent?«

»Ja, meinetwegen!«

Sie reichte ihm die Hand, und er schlug ein.

»Natürlich fertigen wir einen Contract aus?«

»Contract – hu!«

»Es ist das durchaus nothwendig. Es dauert ja gar nicht lange. Ich werde sofort schreiben.«

»Thun Sie das. Ich werde Sie unterdessen um eine Ihrer Cigaretten bitten!«

»Da stehen sie. Langen Sie zu!«

Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb. Sie rauchte unterdessen in aller Gemüthsruhe. Die eingegangenen Verpflichtungen machten ihr nicht die mindeste Sorge.

»Fertig!« sagte er nach einiger Zeit. »Ich werde Ihnen vorlesen. Hören Sie!«

»O bitte, bitte,« wehrte Sie ab. »Verschonen Sie mich damit! Ich habe noch niemals einen Contract anhören können.«

»Aber Sie müssen ja unterzeichnen!«

»Das thue ich ohnedies. Geben Sie die Feder!«

Sie setzte ihren Namen auf das Papier und wendete sich dann in liebenswürdiger Nonchalance an ihn: »Jetzt sind wir zu Ende. Ein Jeder kennt seine Rechte und Pflichten. Nun aber ersuche ich Sie um eine recht aufrichtige, wahrheitstreue Antwort.«

»Auf welche Frage?«

»Kennen Sie die Starton?«

»Persönlich nicht.«

»So war sie nicht bei Ihnen?«

»Nein.«

»Aber es steht zu erwarten, daß sie sich Ihnen vorstellen wird.«

»Ich bezweifle das.«

»Haben Sie Ursache zu diesem Zweifel?«

»Hm!« räusperte er sich einigermaßen verlegen. »Man sollte nicht darüber sprechen.«

»Warum nicht? Ich bat Sie um Aufrichtigkeit.«

»Allerdings. Na, Mademoiselle, wir sind freilich jetzt nun Verbündete, und da denke ich, nicht zurückhaltend sein zu müssen. Ich will Ihnen also mittheilen, daß ich einige Zeilen aus der Hand der Amerikanerin besitze.«

»Ah! Hat sie Sie um Ihre Unterstützung gebeten?«

»Nein.«

»Warum hat sie sonst geschrieben?«

Er konnte und wollte ihr die Wahrheit nicht sagen. Er hatte so viel von den Erfolgen Ellen Startons gehört, daß er geglaubt hatte, im Vortheile zu sein, wenn er ihr selbst seine Dienste anbiete. Kaum hatte er Kenntniß erhalten, daß sie in der Residenz eingetroffen sei, so hatte er folgende Offerte an sie gerichtet:

»Mein Fräulein!

 

Eine Künstlerin von Ihrer Routine weiß sehr genau, welchen Werth der organisirte Beifall bei dem Wunsche eines neuen Engagements hat. Dieses Letztere ist ja abhängig von dem Erfolge des ersten Auftretens, und dieser Erfolg resultirt ja ganz gewiß zumeist aus den vereinten Bemühungen derjenigen Kräfte, welche zu befehligen ich seit Langem die Ehre habe.

Ich stelle ihnen hiermit mein Corps von über sechszig männlichen und weiblichen Claqueurs zur Verfügung und bin überzeugt, daß es Ihnen mit dieser Hilfe gelingen wird, Ihre Gegnerin glanzvoll aus dem Felde zuschlagen.

Mit vorzüglicher Hochachtung und Ehrerbietung

Léon Staudigel, Chef des claqueurs

 

Es fiel ihm jedoch gar nicht ein, der Leda von diesem Schreiben ein Wort zu sagen, vielmehr erklärte er ihr: »Ich war verreist, und da hat mein Stellvertreter die Dummheit begangen, dieser Amerikanerin eine Offerte zu machen. Ich war ganz wüthend darüber.«

»Das glaube ich! Nun läßt es sich denken, warum sie geschrieben hat. Sie wollte diese Offerte beantworten?«

»Ja.«

»Darf ich vielleicht erfahren, was Sie geschrieben hat?«

»Nur unter strengster Discretion!«

»Gewiß«

»Hier, lesen Sie!«

Er holte den Brief vom Schreibtische und gab ihn ihr in die Hand. Es waren folgende Zeilen:

 

»Mein Herr!

 

Ich kann mich nicht rühmen, diejenige Art der Routine zu besitzen, deren Sie Erwähnung thun. Darum ist es wohl nicht zu verwundern, daß auch im Uebrigen meine Ansicht von der Ihrigen abweicht.

Ich glaube kaum, daß der bezahlte, also betrügerische Beifall einem wirklichen Künstler ein Hinderniß zu bereiten vermag. Ich hasse alles Falsche, und darum sehe ich mich veranlaßt, auf Ihre Hilfe zu verzichten.

Ellen Starton.«

 

»Nun, was sagen Sie dazu?« fragte der einstige Schneider, als die Tänzerin den Brief gelesen hatte.

Sie zuckte verächtlich die Achseln und antwortete:

»Dumm, zu dumm!«

»Nicht wahr! Was bildet sich dieses Frauenzimmer ein!«

»Sie ist verrückt!«

»Sie ist nicht nur verrückt, sondern sie ist sogar geradezu unmöglich!«

»Natürlich werden Sie klatschen lassen, daß das ganze Haus einfällt!«

»Ein solches Zischen und Pfeifen soll noch niemals gehört worden sein. Verlassen Sie sich darauf, Mademoiselle! Das Engagement ist Ihnen sicher.«

»Ich sagte Ihnen ja bereits, daß ich diese Gans nicht fürchte. Hier, nehmen Sie den Brief zurück. Lassen Sie ihn einrahmen als Souvenir einer geradezu grandiosen Bornirtheit!«

»Das sollte man thun. Ich werde ihr diese Zeilen in die Hand spielen, wenn sie sich gezwungen sieht, die Stadt zu verlassen. Dann wird sie einsehen, wer den Künstler macht – das Genie oder die Claque!«

»Thun Sie das. Jetzt aber möchte ich Sie ersuchen, mich zu entlassen!«

»So früh?«

»Ich denke, daß unsere Angelegenheit geordnet ist?«

»Aber diese wohl noch nicht?«

Er umarmte und küßte sie.

»O, ginge es nach Ihnen, so käme sie wohl niemals in Ordnung, wie es scheint. Leben Sie wohl, Herr Baron!«

»Adieu, Mademoiselle! Betrachten Sie mich als Ihren Alliirten!«

»Mit dessen Hilfe ich die Schlacht gewinnen werde.«

»Wir werden einen Sieg davontragen, einen ganz und gar entscheidenden Sieg.«

»Um so ehrlicher werden wir uns in die Beute theilen. Ich halte mein Versprechen!«

Sie hatte vorhin den Droschkenkutscher abgelohnt. Sie wollte den Weg in’s Hotel zu Fuße zurücklegen. Als sie jetzt ging und eben aus der Hausthür trat, stand ein Herr im Begriff, vorüber zu gehen. Sie erblickten sich und blieben überrascht stehen.

»Gnädiges Fräulein,« sagte er.

»Herr Verwalter,« stieß sie hervor.

»Oder wohl nun gnädige Frau?«

»Herr Petermann!«

Er fand sich zuerst wieder, zog den Hut und meinte in höchst gemessenem Tone:

»Bitte, mich dem Herrn Gemahl zu empfehlen!«

Dies gab ihr die Herrschaft über sich zurück. Sie lachte höhnisch auf und sagte:

»Gemahl? Sie sind des Teufels!«

»Ich vermuthe, daß Sie verehelicht sind.«

»Fällt mir nicht ein!«

»So ist dieses innige Herzensbündniß dennoch zerrissen worden, gnädiges Fräulein?«

»Zerrissen? Pah! Es war ja niemals auf eine Vermählung abgesehen gewesen.«

Seine Miene zeigte eine außerordentliche Bestürzung.

»Höre ich recht? So können Sie sagen?«

»Warum nicht? Die Freiheit des Menschen ist mehr werth, als alles Andere. Ich habe niemals Lust gehabt, die Sclavin irgend eines Eheherrn zu sein.«

»Aber, gnädiges Fräulein – –«

»Gnädiges Fräulein? Das ist wirklich spaßhaft! Wissen Sie denn nicht –«

»Was denn?« fragte er beinahe angstvoll.

»Sie haben es wirklich nicht erfahren?«

»Kein Wort. Ich weiß ja gar nicht, was Sie meinen?«

»Nun, Sie hielten mich für ein Fräulein Editha von Wartensleben?«

»Natürlich.«

»Wohl auch jetzt noch?«

»Gewiß. Was denn sonst?«

»Nun, das ist allerdings mehr als spaßhaft.«

»Aber, sind Sie es denn nicht?«

»Nein. Ich bin es nie gewesen.«

»Wer oder was waren Sie denn?«

»Das ist Ihnen gleich. Sehen Sie, wir erregen die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden. Adieu!«

Sie wollte gehen. Er aber hielt sie fest und sagte:

»Bitte, Fräulein, geben Sie Antwort! Wer sind Sie?«

»Das geht Sie nichts an.«

»Sagen Sie mir Ihre Wohnung.«

»Ich wüßte nicht, wozu.«

»Ich muß mit Ihnen sprechen.«

»Und ich habe nichts mit Ihnen zu sprechen.«

Sie schüttelte seine Hand von sich ab und ging. Er wollte schnell hinter ihr her, bemerkte nun aber auch, daß die Augen der Passanten auf ihn gerichtet waren.

»Welch eine Begegnung!« flüsterte er. »Das ist ein Räthsel. Und sie will es nicht lösen! Ah, da kommt eine Droschke! Ich werde erfahren, wo sie wohnt!«

Er stieg in die Droschke und befahl dem Kutscher, der Dame, welche er ihm bezeichnete, heimlich zu folgen.

Der Weg ging nur durch zwei Straßen, dann trat die Leda in das Hotel zum Kronprinzen.

»Die Dame logirt jedenfalls im Hotel,« meinte der Kutscher.

»Wieso?«

»Der Portier grüßte sie so, wie man ansehnliche Gäste zu becomplimentiren pflegt.«

»Hier, Ihr Geld!«

Er stieg aus und schritt langsam dem Eingange des Hotels zu, unter welchem der Portier stand.

»Bitte, kannten Sie die Dame, welche soeben hier eingetreten ist?« fragte er diesen.

»Ja.«

»Wer war sie?«

»Wozu wünschen Sie, es zu erfahren?«

Petermann verstand diese Zurückhaltung und zog ein Geldstück hervor, um den verschlossenen Mund dieses Mannes zu öffnen.

»Ich interessire mich für sie,« antwortete er. »Hier, bitte, nehmen Sie! Also, der Name der Dame?«

»Es ist die Leda.«

»Die Leda?« sagte er erstaunt.

»Kennen Sie diese nicht?«

»Nein.«

»Aber gehört haben Sie doch von ihr?«

»Kein Wort!«

»Das ist kaum zu glauben.«

»Es ist aber doch so! Wer ist diese Leda, oder was ist sie?«

»Eine berühmte Tänzerin.«

»Tänz – Tänzerin?«

Er wurde leichenblaß. Es war ihm, als ob er nahe daran sei, in Ohnmacht zu fallen.

»Ja, eine sehr berühmte Tänzerin. Sie will sich hier engagiren lassen und tanzt daher übermorgen die Königin der Nacht. Es steht ja in allen Zeitungen.«

»Wohnt sie allein hier?«

»Sie hat ihre Mutter bei sich.«

»Sonst Niemand?«

»Nein.«

»Kein – keine anderen Verwandten – kein – Kind?«

»Kind? Wo denken Sie hin? Sie ist unverheirathet!«

»Ach so! Welche Zimmer hat sie?«

»Erste Etage, Nummer zehn und elf.«

»Danke!«

Er trat ein und stieg die Treppe empor. Er klopfte, ohne sich anmelden zu lassen, an die Thür von Nummer Zehn.

»Herein!« erklang es von innen.

Er trat ein und erblickte die Leda, die, als sie ihn bemerkte, in zornigem Tone sagte:

»Was wollen Sie hier? Warum laufen Sie mir nach?«

»Weil ich mit Ihnen zu sprechen habe.«

»Aber ich mag nichts von Ihnen wissen! Das habe ich Ihnen ja bereits angedeutet!«

»Ich kann mich mit dieser Andeutung nicht beruhigen. Ich bin Ihnen gefolgt, weil ich Sie sprechen muß, und ich werde nicht eher gehen, als bis Sie mir Rede und Antwort gestanden haben.«

»Und wenn ich mich weigere?«

»Nun, so werde ich anderwärts erfahren, was Sie mir vorenthalten.«

»Ich wüßte nicht, was ich Ihnen vorzuenthalten hätte.«

»Nun, Sie sind doch wohl Diejenige, welche sich eines Tages Editha von Wartensleben nennen ließ?«

»Ich leugne es nicht.«

»Sie waren die Geliebte des Herrn Lieutenants Bruno von Scharfenberg?«

»Ja.«

»Sie haben einige Zeit in Zurückgezogenheit bei mir gewohnt?«

»Auch dies ist der Fall.«

»Und dann waren Sie plötzlich verschwunden?«

»Es gefiel mir nicht mehr bei Ihnen.«

»Sie haben den Herrn Lieutenant verlassen?«

»Ja.«

»Vielleicht betrogen?«

»Herr, soll ich den Hausknecht rufen lassen, um Ihnen Ihr Fortkommen zu erleichtern?«

»Danke! Wenn die Zeit gekommen ist, gehe ich freiwillig.«

»Ich fordere Sie aber auf, jetzt zu gehen!«

»Nicht, bevor ich Auskunft erhalten habe!«

»Ich befehle Ihnen zum letzten Male, zu gehen!«

»Und ich gehe nicht eher, als bis Sie mir Rede gestanden haben.«

»So mache ich Sie darauf aufmerksam, daß ich gegenwärtig die Herrin dieses Zimmers bin. Bedenken Sie, was eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch für Sie zu bedeuten hat!«

»In wiefern gerade für mich?«

»Ich erfuhr, daß man Sie arretirte und bestrafte. Sie können erst seit Kurzem entlassen worden sein.«

Da trat er ihr einen Schritt näher. Seine Augen blitzten und seine Stimme zitterte.

»Das werfen Sie mir vor, Sie?« fragte er.

»Ja. Ein Jeder weiß es, und ein Jeder kann es Ihnen sagen und vorwerfen.«

»Sie, Sie!« fuhr er knirschend fort. »Die Schuld hat an Dem, was mir zur Last gelegt wurde!«

»Ich?« fragte sie zornig.

»Sie!« bestätigte er.

»Ah! Wenn Sie sich nicht sofort entfernen, rufe ich wirklich den Hausknecht und lasse Sie wegen Hausfriedensbruch anzeigen oder arretiren.«

Sie griff nach dem Glockenzuge.

»Ah!« sagte er im Tone der Ueberzeugung. »Das werden Sie wohl nicht thun!«

»Warum sollte ich nicht?«

»Sie wissen gar wohl, welchen Dank Sie mir schulden!«

»Dank? Ich? Ihnen?«

»Ja, gewiß!«

»Davon weiß ich kein Wort.«

»Ich habe Sie als Kind bei mir aufgenommen, als Sie verfolgt wurden. Ich habe Sie beschützt, verwahrt und gepflegt, als Ihr Zustand Ihnen nicht erlaubte, sich sehen zu lassen. Und nach Ihrer Entbindung bin ich –«

»Genug!« wehrte sie ihn mit einer gebieterischen Handbewegung ab. »Das wollen Sie gethan haben? Sie?«

»Wollen oder können Sie es bestreiten?«

»Sie wollen doch nicht etwa sagen, daß Sie das Alles aus eigenem Antriebe gethan haben?«

»Ganz gewiß!«

»Nicht auf Befehl des Herrn Lieutenants von Scharfenberg?«

»Nein.«

»Ach so! Ich verstehe Sie! Sie kommen jetzt, um sich den Lohn zu holen! Ein Zuchthäusler erhält von mir nichts!«

»Fräulein!«

»Brausen Sie nicht auf. Wollen Sie mir etwa drohen?«

»Nein, aber ich will Auskunft haben.«

»Suchen Sie sich diese anderwärts, aber nur ja bei mir nicht! Ich befehle Ihnen zum letzten Male, zu gehen!«

Er wollte Etwas entgegnen; aber als sie bereits wieder nach dem Glockenzuge griff, sagte er:

»Gut, ich gehe! Mögen Sie nie bereuen, mich heute fortgeschickt zu haben!«

»Redensart! Das verfängt bei mir nicht!«

Er ging. Er wußte kaum, wie er zur Treppe hinab kam.

»Nun?« fragte der Portier freundlich. »Haben Sie mit ihr sprechen können?«

»Ja,« antwortete er, fast wie im Traume.

»Nicht wahr, ein prächtiges Geschöpf?«

»Ja. Wo ist sie vorher gewesen?«

»Das weiß ich leider nicht.«

»Sie wird hier bleiben?«

»Wenn sie das Engagement erhält. Freilich hat sie eine tüchtige Gegnerin zu besiegen.«

»Und sie ist wirklich unverheirathet?«

»Ganz gewiß!«

»Ich danke!«

Der Portier schüttelte den Kopf über den Mann, der so ein verstörtes, bestürztes Aussehen hatte. Dieser aber wanderte langsam die Straße hinab, tief in die traurigsten Gedanken versunken. Er kam durch mehrere Straßen und Gassen, augenscheinlich, ohne es zu beachten und ohne sich bewußt zu sein, wo er eigentlich gehe oder sich befinde. Endlich aber blieb er stehen und sah sich um.

»Hier bin ich?« fragte er sich verwundert. »Es ist mir, als hätte mich Einer mit einer Keule auf den Kopf geschlagen. Aber ich muß Klarheit haben. Ich gehe nach meiner früheren Wohnung. Mag man mich immerhin abweisen oder gar hinauswerfen! Ist der alte Kreller noch da, der wird mich wohl aufnehmen.«

Er hatte früher, vor seiner Verurtheilung, im Palais der Scharfenberg’s gewohnt. Dieses war eigentlich nicht gerade ein Palais zu nennen, sondern es hatte einer Patrizierfamilie gehört und war dann in die Hände der erwähnten Familie übergegangen.

Als er es erreichte, stand der Eingang offen. Links im Flur stand an einer Thür das Wort »Hausmann« zu lesen. Er klopfte an.

»Wer da?« fragte es von innen.

Er trat ein. Der Raum war klein und einfach möblirt. An einem Tische saß der einzige Anwesende, ein hochbetagter Greis, und las mit Hilfe einer großen Brille in einem alten Buche.

»Guten Tag, Herr Kreller!«

Der Hausmann blickte von dem Buche auf und sah sich den Eingetretenen an.

»Guten Tag –« erwiderte er in gedehntem Tone. »Wer ist – was wollen – – hm!«

Er nahm die Brille von der Nase, wischte sie am Tischtuche ab, setzte sie wieder auf und sagte dann: »Man wird so alt, und das Augenlicht nimmt ab. Ich weiß gar nicht. – –«

»Sie kennen mich wohl gar nicht mehr?«

Da erhob sich der Alte vom Stuhle und sagte:

»Sollte es also doch wahr sein, was ich denke? Sind Sie wirklich Der, den ich vermuthe?«

»Nun, wen vermuthen Sie denn?«

»Herr – hm – Herr Petermann, ja?«

»Ja, ich bin es.«

»Also doch, doch, doch!«

»Ich bin Ihnen wohl unwillkommen?«

»Nein, nein! Im Gegentheile habe ich eine große Freude, Sie zu sehen! Willkommen, herzlich willkommen!«

Er reichte ihm die Hand, und Petermann sah es ihm deutlich an, daß er mit seinen Worten die Wahrheit gesagt habe.

»Setzen Sie sich nieder!« fuhr der Hausmann fort. »Sie glauben gar nicht, wie ich mich freute, als ich las –«

»Was?«

»Daß Sie begnadigt worden sind.«

»Im Blatte hat es gestanden?«

»Freilich, freilich! Meine gute Alte hat vor Freude geweint. Schade, daß sie nicht da ist!«

»Wo befindet sie sich?«

»Bei meinem Ältesten, der Kindtaufe gehabt hat. Na, es schadet nichts! Desto ungestörter können wir uns unterhalten. Warten Sie! Ich hole Etwas!«

»Bitte, keine Umstände!«

»O nein! Sie wissen, ich setze ihn selbst auf: Kalmuswurzel mit Zimmtrinde. Der beste Schnaps, den es giebt!«

Er nahm eine Flasche und zwei Gläser aus einem kleinen Wandschränkchen und schänkte ein.

»So, da, prosit! Trinken Sie! Thun Sie immer einen herzhaften Schluck! Und nun erzählen Sie mir, wie es Ihnen unterdessen ergangen ist!«

Er machte es sich im Stuhle bequem, und Petermann that ebenso. Dann antwortete Letzterer:

»Von meinen letzten Jahren kann ich Ihnen später erzählen. Jetzt möchte ich gern Anderes wissen.«

»Was denn?«

»Wohnt der gnädige Herr vielleicht jetzt hier?«

»Der alte Herr? Nein.«

»Oder der Herr Lieutenant?«

»Der wohnt jetzt freilich hier, ist aber verreist.«

»Ist Ihr Jüngster noch Diener bei ihm?«

»Der Heinrich? Freilich ist der noch bei ihm.«

»Wenn die beiden Herren nicht anwesend sind, so brauche ich mich nicht zu geniren, und –«

»Na,« fiel der Hausmann ein, »was den jungen Herrn Lieutenant betrifft, so hat es nichts auf sich; aber der Alte, sein Vater, ist höllisch schlimm auf Sie zu sprechen. Gott, der Mensch begeht einmal einen Fehler! Und Sie haben ja Alles wieder ersetzt! Es war nicht richtig von ihm, einen Petermann so hart zu behandeln!«

Petermann schüttelte traurig, fast ab-oder zurückweisend den ergrauten Kopf. Dann fragte er: »Können Sie sich noch genau an jene Zeit erinnern?«

»Sehr genau.«

»Ich möchte Sie Einiges fragen?«

»Thun Sie das, lieber Herr Petermann. Ich gebe ihnen sehr gern Auskunft. Mein Heinrich hat sich oft Gedanken gemacht, wenn er – na, das ist nun vorbei!«

»Was denn?«

»Nichts! Es ist besser, nicht davon zu sprechen!«

»Aber wenn ich Sie nun herzlich darum bitte? Sie glauben gar nicht, wie wichtig für mich die geringste Bemerkung werden kann.«

»Na, meinetwegen! Der Heinrich hat mir oft, wenn wir allein waren, gesagt, daß er gar nicht glaube, daß Sie das Geld unterschlagen haben.«

»Ah, wirklich? Hat er das gesagt?«

»Sehr oft sogar.«

»Hatte er Gründe dazu?«

»Mag wohl sein.«

»Und Ihnen hat er davon mitgetheilt?«

»Einiges wohl.«

»Dürfte ich das vielleicht erfahren? Bitte, bitte!«

»Na, was ich mir davon gemerkt habe, das können Sie ja erfahren. Aber wir wollen leise sprechen. Man könnte sonst draußen im Vorübergehen doch ein Wort aufschnappen!«

Was nun von den Beiden gesprochen wurde, das blieb für die nächste Zeit noch Geheimniß. – –

Als Ellen Starton vorhin mit Hilda die Wohnung des Balletmeisters verlassen hatte, sagte die Erstere zu der jungen Nähterin: »Sie werden mir erzählen, was Ihnen da oben geschehen ist. Zunächst aber bitte ich um Ihren Namen.«

»Ich heiße Hilda Holm.«

»Holm?«

Sie senkte ihren Blick in eigenthümlich forschender Weise auf das Angesicht ihrer Begleiterin. Dann fragte sie: »Haben Sie Eltern?«

»Nur den Vater.«

»Und Geschwister?«

»Einen Bruder.«

»Was ist er?«

»Er ist jetzt Reporter.«

»Jetzt, sagen Sie? War er vorher etwas Anderes?«

»Ach, ja wohl! Er war Musikus.«

In den Augen der Amerikanerin leuchtete es auf. Sie fragte:

»Welches war sein Lieblingsinstrument?«

»Die Violine. Er hat Concerte gegeben, sogar in Amerika.«

»Dachte es mir!« klang es durch Ellen’s Herz. »Diese große Ähnlichkeit fiel mir sofort auf.«

Laut aber sagte sie.

»Haben Sie Zeit, mich auf einige Augenblicke nach meiner Wohnung zu begleiten?«

»Ist es weit?«

»O, gar nicht! Nur unterwegs werde ich mich einige Augenblicke zu verweilen haben.«

»Dann kann ich mit.«

»So kommen Sie. Wir nehmen eine Droschke.«

Sie stiegen ein, sehr bald aber wieder aus, denn die Sängerin ließ vor der Wohnung des Capellmeisters, welche sie erfragt hatte, halten. Der Kutscher erhielt Befehl, zu warten. Hilda blieb sitzen. Ellen aber begab sich zu dem Orchesterdirigenten.

Er saß so bei der Arbeit wie vorher, als die Leda ihn besucht hatte. Er that zunächst, als ob er die Dame gar nicht bemerke. Dann erhob er sich langsam von seinem Stuhle und fragte: »Was wünschen Sie?«

»Ich hoffe, daß man Ihnen meine Karte gegeben hat!«

»Allerdings!«

»Dann nehme ich an, daß Sie wissen, weshalb ich zu Ihnen komme.«

»Keine Ahnung!«

Ein beinahe nachsichtiges Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie fragte:

»Mein Name ist Ihnen hoffentlich nicht unbekannt, Herr Capellmeister?«

»Man hat ihn mir genannt.«

»Doch wohl in Beziehung zur hiesigen Bühne?«

»Allerdings!«

»Sie wissen, daß ich Probe tanzen werde.«

»Ich habe davon gehört.«

»Davon gehört? Herr Capellmeister, das klingt, als sei von einem Gegenstand die Rede, welcher gar nicht in Ihre Sphäre gehöre und auch nicht im Bereiche der allernächsten Tage liege!«

»O, ich mache nicht viel Aufhebens von solchen Sachen.«

»Ach so! Dann kann ich auch nicht wünschen, daß Sie meinetwegen eine Arbeit unterbrechen, welche jedenfalls werthvoller ist, als der Besuch einer Tänzerin.«

Sie machte eine Verbeugung, um zu gehen.

»Bitte, Miß!« sagte er rasch. »Vorher erst einige Worte. Kennen Sie die Leda?«

»Nein.«

»Aber gehört und gelesen haben Sie von ihr?«

»Sehr wenig.«

»Sie ist eine außerordentliche Kraft.«

»Möglich.«

»Ah, Sie unterschätzen sie!«

»Ich schätze sie gar nicht, weder über noch unter.«

»So, so! Wie gedenken Sie, Ihre Vorstellungen hier zu arrangiren?«

»Wie meinen Sie das?«

»Nun, Ihr Abkommen mit mir?«

»Welches Abkommen habe ich mit Ihnen zu treffen?«

»Das wissen Sie nicht?«

»Ich denke, ich tanze, und Sie begleiten. Was weiter?«

»Ah! Weiter nichts?«

»Nicht, daß ich wüßte!«

»Hm! Sind Sie bereits diesseits des Oceans aufgetreten?«

»Nein.«

»Giebt es da drüben die sogenannten Orchestertantièmen?«

»Was habe ich darunter zu verstehen?«

»Das wissen Sie nicht? Nun, so giebt es sie da drüben auch nicht. Adieu, Miß.«

Er setzte sich schnell nieder, um sich gar nicht mehr um sie zu bekümmern. Ueber ihr schönes Gesicht glitt ein Zug des Verständnisses. Sie fragte unter einem leisen Lächeln: »Darf ich vielleicht errathen, was Sie unter diesen Orchestertantièmen meinen?«

»Das werden Sie nicht errathen,« warf er kalt hin.

»O, ich weiß sehr genau, was ich unter Orchester und unter Tantièmen zu verstehen habe. So wird es wohl auch nicht gar zu schwer sein, das ganze zusammengesetzte Wort zu definiren. Es ist eine Tantième gemeint, welche sich auf das Orchester bezieht.«

Er erhob sich sofort wieder von seinem Platze. Er begann die Hoffnung zu hegen, daß diese Tänzerin ihm vielleicht mehr bieten werde, als die Leda.

»Gewiß,« antwortete er.

»So kann sowohl eine Tantième gemeint sein, welche das Orchester zu zahlen hat, als auch eine, welche an dasselbe ausgezahlt werden muß.«

»Es versteht sich ganz von selbst, daß immer nur das Letztere der Fall sein kann.«

»Also, das Orchester empfängt die Tantième. Von wem?«

»Vom Künstler oder der Künstlerin.«

»Und wer nimmt sie in Empfang?«

»Der Dirigent natürlich.«

»Also Sie? Wird sie an die Mitglieder vertheilt?«

»Ja nach dem getroffenen Uebereinkommen.«

»Ich vermuthe, daß Mademoiselle Leda auf Zahlung einer solchen Tantième eingegangen ist?«

»Allerdings!«

»Wie hoch ist sie?«

»Das wird erst stipulirt.«

»Das heißt also, Mademoiselle hat Ihnen eine Extrasteuer versprochen, falls sie engagirt wird!«

»Bezeichnen Sie es ganz nach Belieben.«

»Und Sie erwarten von mir ein ähnliches Gebot?«

Sein Gesicht erheiterte sich zusehends. Er nickte lächelnd und sprach im Tone des Nachdruckes:

»Sie sehen doch ein, in welchem Grade das Gelingen Ihrer Productionen von dem tragenden und stützenden Einflusse des Orchesters abhängig ist.«

»Das sehe ich freilich ein.«

»So werden Sie ebenso einsehen, wie sehr es gerathen ist, für sich diesen Einfluß des Orchesters zu gewinnen.«

»Nein, das sehe ich nicht ein.«

»Ach! Nicht?«

»Nein. Ich thue meine Pflicht und werde dafür bezahlt. Sie bekommen Ihren Gehalt, um Ihre Pflicht zu thun. Andere Rechte und Pflichten giebt es nicht. Eine Orchestertantième ist ganz derselbe Consens, wie auch eine Balletprämie sein würde, welche der Dirigent an das Corps de Ballet oder an den Balletmeister zu entrichten hätte.«

Da zog sich sein Gesicht rasch wieder finster zusammen.

»Wozu dieser eigenthümliche Vergleich, Miß?« fragte er.

»Um Ihnen erklärlich zu machen, daß Sie, falls ich engagirt werde, keine Tantième von mir zu erwarten haben.«

Er nickte ihr hönisch zu und antwortete unter einer Geberde der Geringschätzung: »Habe ich auch gar nicht erwartet, da der Fall, daß Sie engagirt werden, gar nicht eintreten kann. Verlassen Sie mich; ich bin beschäftigt! Adieu.«

»Adieu!«

Er warf ihr einen Blick zu, welcher möglichst niederschmetternd wirken sollte; sie aber bemerkte ihn gar nicht. So gleichmüthig, als ob nicht das Geringste vorgefallen sei, und sie sich nicht mit Allen, außer dem Director, verfeindet habe, stieg sie die Treppe hinab und dann in den Wagen.

»Hotel Union!« befahl sie dem Kutscher.

Als die Droschke am angegebenen Orte hielt und die Kellner herbeisprangen, um den Schlag aufzureißen, als dann der Portier mit seinem großen Stocke präsentirte und Ellen vorüberrauschte, ohne den Droschkenkutscher weiter zu beachten, war es Hilda, als ob sie sich an der Seite einer Königin befinde. Dennoch aber wagte sie, um an eine vermeinte Vergeßlichkeit zu erinnern, die leise Bemerkung: »Gnädiges Fräulein, die Droschke –«

»O bitte,« lächelte die Amerikanerin, »der Kutscher wird vom Portier bezahlt. Das kommt dann auf die Rechnung zu stehen. Kommen Sie nur, liebes Kind!«

Die Nähterin erröthete theils über ihre Unwissenheit und noch mehr darüber, daß sie es gewagt hatte, dieser vornehmen Dame eine Gedankenlosigkeit vorzuwerfen.

Droben wurde eine Wohnung geöffnet, welche aus mehreren prachtvoll ausgestatteten Gemächern bestand. In einem derselben saß eine junge, vielleicht vierzehnjährige Negerin, beschäftigt, zu ihrer Unterhaltung einen Strauß der herrlichsten Treibhausblüthen zu zerpflücken.

»Was thust Du hier, Sammy?« sagte Ellen verweisend.

Die Kleine zeigte den zahngefüllten Mund, lachte von einem Ohre zum andern und antwortete:

»O, Missis! Blumen zu groß sein! Blumen klein machen! Sammy dann Blumen besser riechen können, besser in Nase stecken!«

»Kleiner Tollkopf! Gehe, den Thee zu bestellen!«

»O, Missis, Thee! Thee und viel Zucker für Sammy!«

Bei diesen Worten sprang sie davon.

Hilda stand an der Thür. Sie getraute sich nicht, weiter zu gehen. Sie hatte noch kein solches Zimmer gesehen.

»Bitte, Fräulein Holm,« antwortete die Amerikanerin. »Nehmen Sie hier neben mir Platz, damit wir bequemer plaudern können.«

Sie nahm sie bei der Hand und führte sie nach dem blausammetnen Sessel, in welchen sich die arme Nähterin niederlassen mußte. Ellen ließ nun zum ersten Male einen etwas schärferen, genau forschenden Blick über sie gleiten und sagte dann, von ihrer Beobachtung sichtlich recht befriedigt: »Wir werden den Thee bald bekommen, können uns aber bis dahin immer Einiges erzählen. Also, Ihr Vater lebt noch? Was ist er?«

»Er war Musikdirector, ist aber jetzt erwerbslos, weil er vom Schlage gelähmt worden ist.«

Ellen fragte weiter und erfuhr bald Alles, was sich auf Hilda’s Familie und deren Verhältnisse bezog.

»Warum ist Ihr Bruder jetzt Reporter?« fragte sie.

»Seine linke Hand ist beschädigt.«

Hierauf fußte Ellen weiter, und bald hatte sie das Geheimniß von der Tänzerin erfahren. Sie machte auf das arme Mädchen den Eindruck einer Göttin, einer Fee, von der bereits ein einziger Blick genügt, um unendlich glücklich zu machen.

»Kennen Sie den Namen dieser Tänzerin?« lautete die Erkundigung weiter.

»Nein. Ich habe ihn in dem Tagebuche nicht gefunden.«

»Und Ihr Bruder hat nicht von ihr gesprochen?«

»Nie!«

»So hat er sie nie wirklich geliebt, oder er hat sie längst wieder vergessen.«

»O nein! Max vergißt nie einen Menschen, dem er einmal sein Interesse gewidmet hat. Er hält diese Liebe für unglücklich; darum schweigt er.«

»So ist er wohl stets traurig?«

»Er ist ernst und mild; lustig war er früher; jetzt ist er es nie mehr. Heute habe ich ihn seit langer, langer Zeit zum ersten Male wieder glücklich lächeln sehen.«

»Worüber? Wissen Sie das?«

»Ueber das Wiedersehen eines Freundes, den er in Amerika kennen gelernt und nie wieder zu treffen erwartet hatte.«

»Hat er Ihnen den Namen dieses Freundes genannt?«

»Nein, aber in seinen Augen glänzte es wirklich wie lauter goldener Sonnenschein.«

Es wurde Ellen nicht gar zu schwer, das rege Interesse, welches sie zu diesen Erkundigungen drängte, dem befangenen Mädchen gegenüber zu verbergen.

Da riß die Negerin die Thür auf und brachte den Kellner geschleppt, welcher den Thee zu serviren hatte.

»Sammy Kuchen!« rief sie dabei. »Missis, viel Kuchen für Sammy!«

»Schon gut! Nimm Dir, und gehe an’s Fenster, um die Leute zu zählen, welche vorübergehen.«

Die Schwarze beeilte sich, die zwei größten Stücke zu erwischen und sprang damit nach dem Fenster.

»Und nun zu unserem heutigen Erlebnisse,« sagte Ellen, als der Kellner sich entfernt hatte. »Wie kam es denn eigentlich, daß Sie als Modell sitzen sollten?«

Hilda hätte sich am Liebsten vor Scham verkriechen mögen; aber der klugen Tänzerin gelang es, Alles aus ihr herauszulocken.

»Ihr Bruder weiß nichts davon?« fragte sie dann.

»O, wenn der es wüßte, gnädiges Fräulein! Ich würde vor – – o, ich würde sterben!«

»Nun, so ist es besser, Sie lassen ihm gar nichts erfahren. Ist denn die Summe hoch, welche Sie diesem habsüchtigen Juden zu entrichten haben?«

Die Gefragte gab die Höhe an.

»Und für eine solche Bagatelle wären Sie beinahe gezwungen gewesen, ein solches Opfer zu bringen! Armes Kind!«

»Gnädiges Fräulein, eine Bagatelle ist das für uns ganz und gar nicht.«

»Ich weiß das. Gott wird helfen, daß Sie nie wieder in so peinliche Sorge gerathen. Sie sind Nähterin. Fertigen Sie auch Damengarderobe?«

»Die meinige, ja. Muthiger bin ich noch nicht gewesen. Ich bin nur Weißnähterin.«

»Das kommt mir vortrefflich zu Statten. Dürfte ich Ihnen vielleicht einen Auftrag ertheilen?«

»O Gott, wie gern möchte ich für Sie arbeiten. Aber, werde ich es bringen!«

»Gewiß!«

»Ich habe noch nie so Kostbares, wie Sie tragen, genäht.«

»Nun, so arbeiten wir mit einander. Sie kommen, mich zu fragen, und vielleicht suche ich Sie auch einmal in Ihrer Wohnung auf. Haben Sie es jetzt nothwendig?«

»Nein. Der Auftrag der Balletmeisterin war der letzte.«

»Schön! So engagire ich Sie für mich – Sammy, was weinst Du denn?«

Die kleine Negerin begann nämlich gerade jetzt, am Fenster stehend, in ein bitteres Schluchzen auszubrechen. Sie antwortete: »Sammy unglücklich sein, sehr unglücklich!«

»Warum denn?«

»Sammy Leute zählen soll – aber Leute so viel! Sammy kann nur zählen eins, zwei; aber Leute kommen so viel und so schnell, daß Sammy stecken bleiben. Nun Leute fort, und Sammy nicht hat kann zählen!«

Dabei biß sie in den Kuchen und fand in diesem Genusse eine schnelle Beruhigung.

»Also, ich engagire Sie für mich,« wiederholte Ellen. »Nehmen Sie einstweilen nicht andere Anerbietungen an. Morgen werden wir gehen und Stoffe einkaufen. Darf ich Ihnen einen Theil Ihrer Rechnung, welche Sie mir machen werden, vorausbezahlen.«

»O bitte, gnädiges Fräulein! Das geht doch nicht!«

»Sehr gut sogar. Ich bin dies gewöhnt. Ich pflege nur in langen Zwischenräumen nach der Rechnung zu fragen, und da ist es wirklich nur gerecht, wenn ich einen Theil pränumerando entrichte. Haben Sie Ihr Portemonnaie mit?«

»Hier.«

Ellen nahm ohne Umstände das Geldtäschchen aus der Hand des Mädchens und ging mit demselben nach dem anstoßenden Zimmer. Als sie zurückkehrte, sagte sie: »Hier nehmen Sie, liebes Kind! Der Inhalt gehört Ihnen. Ich habe auch meine Karte beigelegt, damit Sie erfahren, wie ich heiße. Nun aber wollen wir den Thee in seine Rechte treten lassen.«

Als Hilda nach Verlauf von etwa einer Stunde sich auf dem Heimwege befand, fühlte sie sich in einer so glücklichen Stimmung wie noch nie in ihrem ganzen Leben. Sie konnte es doch nicht über’s Herz gewinnen – an einer Stelle, wo sie augenblicklich nicht beobachtet wurde, das Portemonnaie aus der Tasche zu nehmen, um es zu öffnen. Neben der Visitenkarte blitzte ihr lauter Gold entgegen.

Sie traute ihren Augen nicht. Sie zählte und fand, daß es gerade hundert Gulden seien. Und diese Summe war ihr als Vorschuß für zu liefernde Näharbeiten ausgehändigt worden! War so etwas überhaupt möglich?

»Welch ein Glück! Welch ein großes, großes Glück!« flüsterte sie erregt. »O, nun ist uns geholfen! Was wird der Bruder sagen! Und wie wird sich der Vater freuen und auch die gute Frau Nachbarin! Sie ist noch bei ihm. Sie wartet noch. Ich bin so lange fortgewesen, viel, viel länger, als ich dachte! Ich muß mich sputen, um endlich nach Hause zu kommen!« –Max Holm, ihr Bruder, war, nachdem er sie in der Wohnung verlassen hatte, in der Stadt herumgestrichen, um, seinem Berufe als Reporter gemäß, zu sehen, ob er nicht irgendein neues Ereigniß ausfindig machen könne. Diese seine Bemühung zeigte sich jedoch als vergeblich. Das stimmte ihn trübe, da er ja auf die erbärmliche Einnahme – fünfzig Kreuzer für eine sensationelle Neuigkeit – mit angewiesen war.

Er begab sich dann nach dem Local, in welchem er, sozusagen incognito, zum Tanze aufspielte, holte seine Geige und stellte sich dann zur angegebenen Zeit bei der Herrschaft ein, die ihn für heute Abend engagirt hatte.

Er sollte mit der Tochter des Hauses einige Trio’s für Pianoforte mit Violine spielen. Sein Vortrag erregte die Zufriedenheit der Gäste. Besonders fiel es auf, daß er verkehrt spielte, die Geige in der rechten und den Bogen in der linken Hand haltend.

Als die Gäste zur Tafel gingen, fand er in einem kleinen Nebencabinet auch für sich servirt. Er aß und trat dann, als er fertig war, an das Fenster und blickte gedankenvoll durch dasselbe hinab in die beschneite Straße.

Welch ein mühevolles und doch befriedigungsloses Leben er jetzt führte! Noch volle achtzehn Monate unausgesetzter und anstrengender Uebung, ehe er hoffen durfte, soweit zu sein, daß er seine unterbrochene Künstlerlaufbahn wieder aufnehmen könne! Das lag ihm bei der Nothlage, in welcher er sich mit den Seinigen befand, schwer, sehr schwer auf dem Herzen.

In diese unerquicklichen Gedanken versunken, bemerkte er gar nicht, daß ein Herr bei ihm eingetreten war, bis dieser, zu ihm kommend, ihm die Hand auf die Achsel legte.

»Herr Holm!«

Der Angeredete fuhr herum. Als er den Herrn erkannte, erröthete er, wie es schien, vor Verlegenheit. Doch verbeugte er sich tief.

»Herr Commissionsrath!«

»Habe ich Sie gestört oder gar erschreckt? Das sollte mir leid thun. Man hat drin die Tafel aufgehoben und ich benutze die Gelegenheit, einige Worte mit Ihnen zu sprechen, bevor Sie gezwungen sind, wieder zu Ihrem Instrumente zu greifen.«

»Ich stehe zur Disposition.«

Der Commissionsrath leitete die Herausgabe des Regierungsjournales, des bedeutendsten Blattes der Residenz und des ganzen Landes. Er war als eine wissenschaftliche Größe berühmt, und als Beamter und Mensch ungemein geachtet und von seinen Untergebenen geliebt.

»Setzen wir uns für einige Augenblicke!« sagte er.

Er nahm auf einem Stuhle Platz und Holm that, seiner Aufforderung gehorchend, desgleichen.

»Wissen Sie, daß Sie mich heute sehr überrascht haben, Herr Holm?« begann der Rath.

»Darf ich fragen, in wiefern?«

»Ich wußte nicht, daß Sie musikalisch sind.«

»Ich spiele seit frühester Jugend.«

»Das hört man. Sie haben Ihr Instrument in seltener Weise in der Gewalt.«

Holm lächelte trübe und bemerkte:

»Das ist ein sehr nachsichtiges Urtheil, Herr Commissionsrath. Ich spiele wie ein Stümper.«

»Nein, o nein!«

»Gewiß!«

»Dann stellen Sie aber ja die höchsten Anforderungen an sich?«

»Das thue ich allerdings.«

»Sie dürfen jedoch nicht vergessen, daß nicht ein jeder Violinist auch Virtuose werden kann.«

»Ich aber will es werden.«

Er sagte nicht, daß er es bereits gewesen sei. Der Commissionsrath kniff das eine Auge ein Wenig zusammen, betrachtete ihn mit halbem, theilnehmend prüfendem Blicke und meinte in freundlichem Tone: »Fast möchte ich glauben, daß Sie das Zeug dazu haben.«

»Ich habe es.«

Das klang einigermaßen selbstbewußt, fast selbstgefällig. Offenbar fühlte der Rath sich nicht angenehm berührt davon, denn er schüttelte leise den Kopf und sagte: »Dann setzen Sie ein großes Vertrauen in sich, mein bester Herr. Sie spielen für einen Dilettanten, auch für den ersten Violinisten eines Musikkorps ganz befriedigend, aber hätten Sie wirklich Anlagen zur Virtuosität, so müßten Sie jetzt wohl bereits weiter sein.«

»Wenn ich nicht weiter bin, so ist diese Hand daran schuld.«

Er zeigte die Linke hin. Der Rath bemerkte auf der Mitte des Handtellers eine ganz eigenthümlich geformte, hochrothe Narbe.

»Was ist das?« fragte er.

»Ich verwundete mich vor einiger Zeit.«

»Ah! Also darum geigen Sie verkehrt?«

»Ja. Ich habe von vorn anfangen müssen.«

»Dann haben Sie es allerdings bereits weit, sehr weit gebracht. Verzeihen Sie mir meine vorige Bemerkung! Spielen Sie nur bei Gelegenheiten, wie die heutige ist, oder geigen Sie auch öffentlich?«

Holm antwortete erröthend:

»Ich geige zum Tanze.«

»Wo?«

»Im Tivoli.«

»O wehe!«

»Ich muß leben, Herr Commissionsrath.«

»Sie sind ja Reporter.«

»In dieser Stellung vermag wohl Keiner sich Reichthümer zu sammeln.«

»Ich weiß das. Wie werden Sie bezahlt?«

»Verzeihung, Herr Rath! Ich weiß nicht, ob ich befugt bin, über derartige Geschäftsangelegenheiten Mittheilungen zu machen.«

»Ah, schön! Ich bin Ihr Concurrent, oder wenigstens derjenige Ihres Residenzblattes, und es freut mich, Sie so zurückhaltend zu sehen. Das ist achtenswerth. Aber, da denke ich soeben daran: Ist Ihnen nicht von einem meiner Redacteurs einmal eine Offerte gemacht worden?«

»Ja. Man wollte mich als Reporter engagiren.«

»Sie sagten aber ab.«

»Weil ich einige Tage vorher gerade meine gegenwärtige Stellung angetreten hatte.«

»Ich hörte von Ihnen als von einer sehr beachtenswerthen Kraft. Man soll die Beamten eines Andern nicht abspenstig machen; das ist gegen Luthers Auslegung des zehnten Gebotes; aber man ist vor allen Dingen Geschäftsmann, und befindet man sich in der Lage, die Existenz eines braven Mannes verbessern zu können, so mag es wohl keine unverzeihliche Sünde sein, ein offenes Wort zu sprechen. Sind Sie mit Ihrem Chefredacteur zufrieden, Herr Holm?«

Holm zuckte die Achsel.

»Nicht? Nun, haben Sie nicht vielleicht Lust, zu uns überzutreten?«

»Sie sind außerordentlich freundlich, Herr Commissionsrath; aber ich weiß wirklich nicht, ob ich vor dem Forum meines Gewissens einen solchen Uebertritt zu verantworten vermöchte.«

»Pah! Ein Jeder hat das Recht, für sich zu sorgen.«

»Auch in dieser Weise?«

»Ja. Mein Blatt und dasjenige, für welches Sie jetzt thätig sind, stehen sich ja wohl nicht gegnerisch gegenüber.«

»Ich weiß das. Ihr Journal steht in jeder Beziehung hoch über unserem Residenzblatte; dennoch aber möchte ich mich nicht gern der Untreue zeihen lassen!«

»Das heißt, Sie werden aus Ihrem gegenwärtigen Verhältnisse erst dann treten, wenn man Ihrer überdrüssig ist?«

Holm zuckte abermals statt der Antwort mit der Achsel.

»Das ist aber denn doch wohl zu viel des Zartgefühles, obgleich ich Sie inFolge dessen nur höher achten kann. Wenn Sie so sehr gewissenhaft sind, so wird mir wohl auch der andere Wunsch, welchen ich hatte, nicht in Erfüllung gehen!«

»Ich möchte gern jeden Ihrer Wünsche erfüllen, wenn es mir überhaupt möglich ist.«

»Nun, wollen sehen. Erinnern Sie sich noch der vor einigen Monaten unter dem Titel ›Künstlerbriefe aus Amerika‹ in Ihrem Blatte erschienenen Aufsätze?«

»Gewiß.«

»Sie erregten ein berechtigtes Aufsehen, nicht nur in Beziehung auf den Stoff, welchen sie behandelten, sondern meist betreffs der Art und Weise, in welcher der Verfasser diesen Stoff beherrschte und zu bearbeiten verstanden hatte. Haben Sie diese Briefe gelesen?«

Ueber die Wangen Holms hatte sich eine Röthe ausgebreitet. Er antwortete:

»Ich habe sie gelesen.«

»Wissen Sie, wer der Autor ist?«

»Ja.«

»Er war nicht genannt, und doch möchte ich seinen Namen gern kennen lernen.«

»Vielleicht ist er auf der Redaction zu erfahren.«

»Von Ihnen nicht?«

»Nein.«

»Warum nicht, da Sie ihn doch kennen?«

»Die Anonymität hat jedenfalls ihre Gründe gehabt. Entweder hat der Autor oder die Redaction gewünscht, daß der Verfasser unbekannt bleibe, und so steht es wohl nicht in meiner Macht, eine darauf bezügliche Frage zu beantworten. Doch gestehe ich sehr gern, daß es mir unendlich leid thut, Sie nicht befriedigen zu können, Herr Commissionsrath!«

»Ich dachte es mir! Sie sind von einer fast mehr als anerkennenswerthen Gewissenhaftigkeit. Solche Leute hat man gern. Sollte es Ihnen gelingen, sich frei zu machen, so kommen Sie zu mir. Ich bin stets bereit, Sie für mein Journal zu engagiren. Wollen Sie?«

»Sobald es mir möglich ist, werde ich nicht zögern, mich Ihnen zur Disposition zu stellen.«

»Gut, Herr Holm! Ah, sehen Sie, wer jetzt eintritt?«

Er deutete durch die offene Thür hinaus in den Salon.

»Ich kenne diesen Herrn nicht,« antwortete der Violinist.

»Nicht? Wirklich nicht? Und doch ist er der jetzt berühmteste Mann der Residenz!«

»Ich habe ihn noch nie gesehen!«

»Und doch sind Sie Reporter! Das ist kaum glaublich! Der am Meisten im Munde der Leute lebende Mann!«

»Dann ist er entweder –«

»Nun?«

»Es giebt Zwei, von denen man sagen kann, daß Sie jetzt im Munde Aller leben. Erstens der Hauptmann –«

»Der ist es natürlich nicht.«

»Und zweitens der Fürst des Elendes.«

»Auch dieser ist eine mystische Persönlichkeit. Es giebt außer den beiden Genannten noch einen Dritten, von welchem sich alle Welt erzählt.«

»Sie meinen den Fürsten von Befour?«

»Ja.«

»Ist er es?«

»Er ist es.«

»Das wundert mich.«

»Warum?«

»Man sagt doch, daß der Fürst keine Gesellschaften besuche.«

»Seit einiger Zeit läßt er sich doch zuweilen sehen.«

»Aber nur in hohen, exquisiten Kreisen.«

»Nun, unser Gastgeber ist ein hoher, königlicher Beamter. Ich habe gehört, daß er im Begriffe stehe, ein Rittergut an den Fürsten zu verkaufen. Das mag ihm wohl Gelegenheit und Veranlassung gegeben haben, sich mit einer Einladung an die Durchlaucht zu wagen. Apropos, tragen Sie noch einige Pieçen vor?«

»Ja, Herr Commissionrath.«

»Nun, so nehmen Sie sich zusammen. Der Fürst soll ein Kenner sein, und nicht nur das, sondern auch ein Beschützer bedrängter Künstler, ein – Mäcen.«

Er ging.

Max Holm fühlte sich eigenthümlich berührt von dem Inhalte des gehabten Gespräches. Er nahm keine Notiz von der Gesellschaft, welche sich im Salon bewegte, bis der Wirth erschien und ihn aufforderte, an das Piano zu kommen, an welchem seine Tochter Platz zu nehmen im Begriffe stand.

Während des Vortrages bemerkte Holm die Augen des Fürsten auf sich gerichtet. Dem Blicke dieser dunklen Augen war ein reges Interesse anzumerken, ja, vielleicht mehr als Interesse. Holm glaubte sogar in den Zügen des Fürsten ein kaum verhehltes Erstaunen zu erkennen.

Und als der Vortrag beendet und mit regem Beifall belohnt worden war, sah der junge Mann, daß der Fürst mit dem Commissionsrathe sprach und dabei den Blick öfters auf ihn gerichtet hielt.

Nach einiger Zeit kam der Wirth zu ihm. Er fragte:

»Herr Holm, können Sie phantasiren?«

»Hm! Wenn ich allein bin, thue ich es zuweilen!«

»Nun, denken Sie nicht, daß Sie es auch hier einmal wagen können?«

»Ein Wagniß ist es jedenfalls.«

»Die Durchlaucht von Befour scheint sich für Sie zu interessiren und hat eine freie Phantasie gewünscht.«

»Dann muß ich gehorchen!«

»Schön! Darf man Ihnen ein Thema geben?«

»Gewiß!«

»Der Fürst bittet, das Yankee-doodle zu Grunde zu legen. Wollen Sie?«

Holm erröthete. Drüben, jenseits des Oceans, war das Yankee-doodle sein Lieblingsthema gewesen, mit dem er seine Zuhörer stets in ungeheure Begeisterung versetzt hatte. Wie kam der Fürst gerade auf dieses Lied?

»Gern!« antwortete der Geiger. »Doch bitte um Nachsicht. Ich bin nicht Virtuos.«

Der Gastgeber kündigte mit lauter Stimme den Vortrag an. Holm griff zur Violine, trat an das Clavier, verbeugte sich und begann dann die Phantasie mit dem einfachen Vortrage des amerikanischen Nationalliedes.

Wie weit, wie himmelweit war sein heutiges Spiel verschieden von der Virtuosität, mit welcher er früher dieses Thema behandelt hatte, und doch riß er die Zuhörer zur Bewunderung hin. Als er geendet hatte, brach ein allgemeiner Beifallssturm los.

Nur Einer sagte kein Wort – der Fürst von Befour. Er hatte sich in eine Fensternische zurückgezogen und von da aus dem Vortrage zugehört. Alle bemerkten, daß er ruhig blieb. Das mußte um so mehr auffallen, als ja er es war, der das Thema gegeben hatte. Bald aber sah man, daß er den jungen Musiker durch einen Wink zu sich beorderte.

Holm gehorchte dieser Aufforderung und schritt zu ihm hin. Sich tief verbeugend, erwartete er die Anrede des Fürsten. Dieser streckte ihm die Hand entgegen und sagte: »Nachdem Ihnen die anderen Gäste den schuldigen Beifall gezollt haben, fühle ich mich gedrungen, Ihnen auch meinen Dank auszusprechen. Bitte, reichen Sie mir Ihre Hand! So! Sie haben Ihre Sache mehr als brav gemacht!«

»Durchlaucht beschämen mich durch diese Nachsicht.«

»O nein. Das innere Zeug haben Sie, die Fertigkeit wird sich wohl auch noch einstellen.«

»Ich hoffe es.«

»Man sagt mir, Sie heißen Holm?«

»Das ist mein Name.«

»Hm! Befinden Sie sich incognito hier?«

»Ich wohne für stets hier.«

»Sonderbar! Aber ich glaube nicht, daß ich mich irre. Oder haben Sie vielleicht einen Bruder, einen Verwandten, welcher Ihnen sehr ähnlich und Violinist ist?«

»Nein.«

»Bitte, zeigen Sie mir Ihre linke Hand!«

Er ergriff dieselbe, warf einen Blick darauf und fuhr dann fort:

»Richtig! Sie sind es!«

Holm befand sich in Verlegenheit. Er sagte zögernd:

»Durchlaucht scheinen mich zu verkennen!«

»Wohl schwerlich! Ich habe nämlich ein sehr gutes Gedächtniß für Physiognomieen. Ist ihnen vielleicht der Name Holmers bekannt, Max Holmers?«

»Ja,« gestand der Gefragte.

»Ein deutscher Violinvirtuos, welcher sich in den Vereinigten Staaten producirte?«

»Ja.«

»Nun, ich habe ihn in New-Orleans gesehen und gehört. Er war ein Künstler von Gottes Gnaden. Es gab damals zwei Größen, für welche sich das dortige Publicum begeisterte, nämlich diesen Holmers und dann Miß Ellen Starton, die berühmte Tänzerin. Haben Sie vielleicht auch von dieser gehört?«

Diese Frage wurde lächelnd ausgesprochen. Holm nickte nur. Er wußte nicht, was er sagen sollte.

»Der Name Holmers war doch nur eine Amerikanisierung Ihres deutschen Namens Holm?«

»Durchlaucht!«

»Warum wollen Sie nicht aufrichtig sein? Ich meine es gut mit Ihnen. Ich habe mit Vorbedacht dafür gesorgt, daß wir nur unter vier Augen sprechen. Also, bitte, Sie sind jener Virtuos Holmers?«

»Nun, meinetwegen, ja.«

»Ich danke! Warum aber verbergen Sie sich?«

»Weil ich jetzt übe. Ich zähle leider noch zu den Stümpern.«

»Ihrer Hand wegen. Ich habe von dem Duell gehört. War Ihre Hand denn unheilbar verletzt?«

»Ich weiß es nicht. Ich mußte flüchten und hatte keine Zeit, mich einem tüchtigen Chirurgen anzuvertrauen.«

»Ist es Ihnen unmöglich, mit der linken Hand zu greifen?«

»Ja.«

»Haben Sie Schmerzen?«

»Nein. Es fehlt dem Zeige-und dem kleinen Finger die nothwendige Beweglichkeit.«

»Vielleicht ist das eine Folge der unrichtigen Behandlung.«

»Möglich, Durchlaucht.«

»Sie haben sich vermuthlich hier an einen Arzt gewendet?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Es ist nun doch zu spät, und sodann –«

Er hielt inne, wohl aus Verlegenheit.

»Bitte, sprechen Sie weiter!«

»Nun, ich brauche mich dessen ja nicht zu schämen: Ich bin arm, sehr arm.«

»Wirklich? Ihre Einnahmen waren ja ganz bedeutend!«

»Man hat mich um diese Summe betrogen! Ich war mehr Künstler, als Geschäftsmann.«

»O weh!«

»Ich kam als Bettler und Krüppel, das heißt, ohne Subsistenzmittel und mit verletzter Hand, in die Heimath zurück, wo ich sofort für die Meinen zu sorgen hatte.«

»In welcher Weise thaten Sie das?«

»Ich bin Reporter.«

»Da giebt es freilich keine Schätze zu sammeln. Doch, sagen Sie, Sie haben doch die Starton gekannt?«

Es spielte während dieser Frage ein feines Lächeln um seine Lippen.

»Ja,« antwortete Holm erröthend.

»Wissen Sie, daß Sie hier tanzen wird?«

»Ich habe davon gehört.«

»Es steht zu erwarten, daß sie Begeisterung erntet. Bitte, zeigen Sie mir noch einmal Ihre Hand!«

Holm that es. Der Fürst betrachtete und befühlte dieselbe sehr genau; dann sagte er: »Erlauben Sie mir, Ihnen einen Rath zu geben?«

»Durchlaucht sind Chirurg?« scherzte Holm.

»Nein; aber ich kenne einen jungen, tüchtigen Arzt, welcher zwar vorzugsweise die Krankheiten des Geistes studirt hat, aber doch auch als Chirurg sehr lobenswerthe Erfolge gehabt hat. Möchten Sie sich ihm nicht einmal anvertrauen?«

»Wohnt er hier in der Residenz?«

»Nein, sondern in Rollenburg. Doch befindet er sich für kurze Zeit hier auf Besuch.«

»Wenn Durchlaucht den Herrn empfehlen, so werde ich ihn auch aufsuchen.«

»Gut. Wissen Sie, wo ich wohne?«

»Palaststraße, wie ich gehört habe.«

»Ja. Haben Sie morgen Vormittag neun Uhr Zeit?«

»Ja.«

»Kommen Sie um diese Zeit zu mir. Der Arzt wird da anwesend sein und mag Ihre Hand einmal genau untersuchen. Kann ich mich Ihnen vielleicht noch anderweit zur Verfügung stellen?«

»Durchlaucht sind zu gnädig! Ich bin höchst glücklich, Ihre Theilnahme errungen zu haben.«

»Die besitzen Sie allerdings. Ich interessirte mich bereits in New-Orleans für Sie als Deutschen und als Künstler. Ich hatte den Wunsch, Sie näher kennen zu lernen; da aber kam die Catastrophe, in Folge deren Sie verschwanden. Ich freue mich, meinen damaligen Wunsch jetzt in Erfüllung gehen zu sehen. Also, Sie werden morgen kommen?«

»Ganz gewiß.«

»Ihre Vergangenheit ist den Herrschaften hier wohl nicht bekannt?«

»Nein.«

»Darf man davon sprechen?«

»Ich möchte bitten, dies nicht zu thun.«

»Ganz wie Sie wollen. Es sollte mich herzlich freuen, wenn Doctor Zander morgen Grund fände, Sie in Beziehung auf Ihre Hand mit einer Hoffnung zu erfreuen. Ich habe nicht die Absicht, heute Abend länger hier zu bleiben. Leben Sie wohl, Herr Holm!«

Er reichte ihm die Hand und suchte dann den Gastgeber auf, um sich zu verabschieden.

Holm merkte bald, daß er durch diese sichtlich intimere Unterhaltung mit dem Fürsten bei den Gästen an Ansehen gewonnen habe. Und als er später sich bei dem Hausherrn empfahl, fragte dieser ihn: »Hat der Fürst von Befour Sie vielleicht seiner Protection versichert?«

»Ja.«

»Nun, dann gratulire ich! Ueberhaupt muß ich sagen, daß ich mit Ihren Leistungen sehr zufrieden bin. Das Honorar, welches Sie bereits erhielten, war doch wohl ein Wenig zu karg bemessen. Hier, nehmen Sie noch!«

Er drückte ihm noch eine Gratification in die Hand. Es war ein Goldstück, wie Holm unten beim Scheine der Laterne bemerkte.

So viel wie heute hatte er seit langer Zeit nicht eingenommen. Er ging erfreuten Herzens nach dem Tanzetablissement, in dessen Garderobenraum er seine Violine aufzubewahren pflegte. Es kam vor, daß er hier ganze Nächte lang übte. Zu Hause litt ja der Wirth das Tönen der Violine nicht. Dem Vater und der Schwester fiel es nicht auf, wenn er des Nachts nicht heim kam. Bei dem residenzlichen Leben, welches ja auch während der Nacht nicht ganz zur Ruhe kam, hatte er als Reporter oft Gelegenheit, gerade in der Zeit, während welcher Andere schliefen, für sein Blatt eine Ernte zu halten.

Er beschloß, auch heute nicht nach Hause zu gehen. Er ahnte ja nicht, mit welcher Sehnsucht die Schwester ihn erwartete, um ihm ihr freudiges Erlebniß mitzutheilen.

Er brannte sich eine Laterne an und begann in der Garderobe zu üben. Dies that er, bis die halbe Nacht vergangen war und draußen sich der Frühverkehr zu entwickeln begann. Da legte er die Violine fort, um die Straßen und Frühkaffeestuben nach Neuigkeiten zu durchstreifen.

In einer der Letzteren sah er dann die kaum ausgegebene Nummer des Residenzblattes liegen. Er nahm sie zur Hand und las zu seinem Erstaunen das die Tänzerin Miß Ellen Starton betreffende Referat.

Diese Lectüre versetzte ihn in die höchste Aufregung, und er konnte kaum den Augenblick erwarten, an welchem sein Chefredacteur in dem Arbeitslocale zu erscheinen pflegte. Dann ging er zu ihm, um ihn über seinen Irrthum aufzuklären, fand aber leider die erwähnte feindselige Abfertigung – er wurde entlassen, fast konnte man es nennen – fortgejagt.

Noch war es nicht neun Uhr. Dennoch schritt er dem Stadttheile zu, in welchem die Palaststraße lag. Auf diesem Wege kam er an dem Locale vorüber, in welchem das Regierungsjournal das Licht der Welt erblickte. Er dachte an seine gestrige Unterredung mit dem Commissionsrath; er wußte, daß dieser bereits um acht Uhr zu erscheinen pflegte, um seine Dispositionen zu treffen, und so kam er auf den Gedanken, sich bei ihm anmelden zu lassen.

Er wurde empfangen. Der Rath saß vor seinem Schreibtische und hatte die heutige Nummer des Residenzblattes in der Hand. Auf Holms höflichen Gruß antwortete er leutselig: »Guten Morgen! Aber, Herr Holm, was seid Ihr Leute vom Residenzblatte denn für verblendete Menschen? Haben Sie diesen unbegreiflichen Aufsatz über die Amerikanerin bereits gelesen?«

»Leider, Herr Commissionsrath.«

»Er enthält die reine Lüge.«

»O, nicht blos Lüge. Er enthält eine teuflische Machination, eine armselige, gewissenlose Verleumdung, darauf berechnet, die Künstlerin lächerlich zu machen.«

»Wer mag der Verfasser sein?«

»Jedenfalls der Chefredacteur selbst.«

»Hm! Ich kenne diesen Herrn. Die Gründe, welche ihm oder vielmehr seiner schmutzigen Feder dieses Machwerk entlockt haben, kann man sich denken. Und solchen Leuten dienen Sie in so gewissenhafter Weise?«

»Das ist aus und vorüber!«

»Wie? Sie haben abgesagt?«

»Er mir.«

»Ah! Aus welchem Grunde!«

»Eben wegen dieses Referates.«

»Sie waren deshalb bei ihm?«

»Ja. Ich bat ihn, eine Berichtigung folgen zu lassen; er aber verweigerte es.«

»Hatten Sie denn Unterlagen zu dieser Berichtigung?«

»Mehr als genug. Ich kenne Miß Ellen Starton von früher her.«

Da sprang der Commissionsrath von seinem Stuhle auf.

»Was? Sie kennen sie?«

»Ja.«

»Woher?«

»Ich habe in den Vereinigten Staaten ihre Triumphe mit angesehen. Ich habe die begeisterten Referate aller dortigen Zeitungen gesammelt. Ich wollte sie dem Chefredacteur zur Einsicht vorlegen. Er wies mich damit zurück.«

»Welch eine Dummheit! Diese Referate sind jetzt ja ein wahrer Schatz für jede Redaction.«

»Das bin ich überzeugt. Aber anstatt mir zu danken, warf er mir die gröbsten Flegeleien an den Kopf.«

»Sie ließen es sich gefallen?«

»Ich forderte ihn.«

»Wirklich? Interessant, höchst interessant! Was antwortete er?«

»Daß er sich mit einem Reporter nicht schlage.«

»Das sieht ihm ähnlich. Was haben Sie beschlossen?«

»Ich habe ihm gesagt, daß ich, da er sich vor der stählernen Genugthuung zu fürchten scheine, ihn auf eine andere Waffe fordern werde.«

»Ah, die Feder! Nicht wahr, die Feder?«

»Ja.«

»Aber dann brauchen Sie einen Kampfplatz, Herr Holm!«

»Ich hoffe, daß Sie mir das Journal zur Verfügung stellen werden, Herr Commissionsrath.«

»Sie wollen als Reporter zu mir übertreten?«

»Gern, sehr gern, wenn Sie mich engagiren.«

»Natürlich, natürlich! Also, eröffnen wir den Kampf gegen diese gewissenlosen Subjecte. Dazu aber bedarf es Ihrer Unterlagen.«

»Ich stelle sie Ihnen zur Verfügung. Ich habe sie bei mir. Hier sind sie.«

»Schön! Ich selbst schreibe nicht für das Journal; ich habe nur die Direction. Aber ich werde Einsicht nehmen und diese Arbeit dann einer geeigneten Kraft übergeben.«

»Ich hatte die Ehre, bereits zu bemerken, daß ich dem Chefredacteur diesen Kampf angeboten habe.«

»Wollen Sie damit sagen, daß Sie selbst diese Artikel schreiben wollen?«

»Ja.«

»Hm! Mein bester Herr Holm, es ist ein Unterschied zwischen Schreiben und Schreiben.«

»Ich weiß es.«

»Sie sind Reporter. Ein solcher kann seine kleinen Berichte über Arreturen, Droschkenmalheurs und Ähnliches vielleicht ganz prächtig in Façon zu bringen wissen, aber größere Einlagen verfassen, streitbare Artikel, wie die von uns beabsichtigten, aus der Feder schütteln, dazu gehört mehr, viel mehr; dazu gehört Erfahrung, Routine, Geist und vor allen Dingen die richtige – Mache!«

»Und das Alles trauen Sie mir nicht zu?«

»Aufrichtig gestanden, nein.«

»Ich bitte dennoch, es mit mir zu versuchen!«

»Später, später werde ich Sie vielleicht zu solchen Arbeiten verwenden, jetzt aber kenne ich Sie noch nicht. Es ist mir gänzlich unbekannt, welchen Bildungsweg Sie zurückgelegt haben. Ihr Chefredacteur hat Sie ja wohl deshalb für nicht satisfactionsfähig gehalten.«

»Nun, da hat er sich freilich sehr geirrt! Ich bitte den Herrn Commissionsrath zum Beispiel, diesen kurzen Bericht zu lesen, welcher in Cincinnati über Fräulein Starton erschien!«

Er zog aus den Zeitungsausschnitten, welche er vorhin dem Rathe gegeben hatte, einen hervor. Dieser las ihn und sagte dann: »Sehr gut, sehr gut! Ich verstehe genug Englisch, um beurtheilen zu können, daß der Verfasser dieser Zeilen eine tüchtige, ja, eine seltene Kraft ist. So kann nur ein Yankee schreiben, so scharf, schneidig, treffend und dabei kenntnißvoll.«

»Nun, der Verfasser würde wenigstens ebenso gut in deutscher Sprache schreiben!«

»Dann wäre er der richtige Mann für unsere Angelegenheit, und ich wollte, ich hätte ihn hier.«

»Sie haben ihn ja!«

»Ich? Hier?«

»Ja. Bitte, wollen Sie bemerken, wie er sich unterzeichnet?«

»Doctor H. Also academisch gebildet. Das konnte ich mir denken. Aber wo steckt der Mann?«

»Gegenwärtig bei Ihnen.«

»Was, Wie? Mit H fängt sein Name an, und Sie heißen Holm?«

»So ist es, Herr Commissionsrath.«

»Wollen Sie etwa sagen, daß Sie der Verfasser sind?«

»Nichts Anderes?«

»Sie scherzen! Sind Sie denn im Besitze dieses academischen Grades?«

»Ich bitte, davon überzeugt zu sein!«

»Aber, Mann, Mensch! Und Sie reportern?«

»Ich hatte meine Gründe.«

»Da geht mir ein Licht auf! Sind Sie etwa auch der Verfasser jener Künstlerbriefe aus Amerika, nach denen ich Sie gestern fragte?«

»Ja. Heute nun kann ich es eingestehen.«

»Und können Sie mir für das Journal vielleicht Ähnliches schreiben?«

»Sehr gern.«

»Da sehen Sie mich allerdings freudigst überrascht. Wie viel Honorar hat man Ihnen für die Briefe gezahlt?«

»Dreißig Gulden.«

»Welch ein Lumpengeld! Ich engagire Sie; ich engagire Sie, und Sie sollen sich nicht schlecht dabei stehen. Unter diesen Verhältnissen werden Sie allerdings diese interessante Arbeit selbst übernehmen.«

Er nahm dabei die amerikanischen Zeitungsberichte in die Hand. Sein Auge fiel auf einige Zeilen und blieb darauf haften.

»Erschossen – Violinvirtuose – ein Deutscher –« sagte er dabei. »Ah, jene Geschichte, welche damals die Runde durch alle Zeitungen machte! Ob Etwas daran ist?«

»Gewiß!«

»Nun, Sie sind ja drüben gewesen; Sie wissen das vielleicht; Sie haben davon gehört?«

»Nicht nur gehört. Ich war dabei.«

»Was Sie sagen! Sie Glückskind! Sie haben es mit angesehen?«

»Vom Anfang bis zum Ende.«

»Prächtig! Prächtig! Die Starton ist jetzt hier. Getrauen Sie sich, eine kleine Novelle zu schreiben?«

»Warum nicht?«

»Nun, so schreiben Sie! Das Sujet ist ein prächtiges! Ein deutscher Virtuos schießt sich wegen der Starton mit einem Yankee und jagt ihm eine Kugel durch den Kopf, so daß er flüchten muß. Die Tänzerin ist hier; sie sucht Engagement. Denken Sie, welches Aufsehen diese Novelle machen muß! Das Publikum wird über unser Journal förmlich herfallen.«

»Ich gebe zu, dieses Sujet ein höchst interessantes ist, möchte aber doch auf die Bearbeitung verzichten.«

»Warum? Sie als Augenzeuge sind ja ganz der richtige Mann dazu.«

»Ich weiß aber nicht, ob Miß Starton es gut heißen würde, diese Episode veröffentlicht zu sehen.«

»Warum nicht? Sie ist Amerikanerin; die Amerikaner lieben die Reclame. Und könnte es eine bessere Reclame für die Starton geben, als diese Novelle?«

»Aber jener Virtuos! Was würde er dazu sagen?«

»Pah! Der wird gar nicht gefragt.«

»Ich meine, daß er doch wohl zu berücksichtigen wäre, da sein Name ebenso wie sein Erlebniß der Oeffentlichkeit übergeben wird.«

»Man weiß ja gar nicht, wo er steckt!«

»Das dürfte doch zu erfahren sein.«

»Haben Sie denn keine Ahnung davon, da Sie ja Augenzeuge gewesen sind? Waren Sie nahe dabei?«

»So nahe, daß mir die Kugel des Amerikaners hier durch die Hand gegangen ist.«

Er hielt dem Rathe seine Hand hin. Dieser wich einige Schritte zurück, riß die Augen weit auf, machte eine Miene höchster Ueberraschung und sagte: »Wetter noch einmal! Ich beginne, zu ahnen.«

»Das sollte mir lieb sein!«

»Sie waren in Amerika – –«

»Ja.«

»Sie kennen die Tänzerin –«

»Genau.«

»Sie waren bei dem Duell zugegen –«

»Persönlich.«

»Sie spielen Violine –«

»So leidlich.«

»Mit der verkehrten Hand –«

»Nothgedrungen.«

»Die Kugel hat Sie getroffen – Mensch, Sie selbst sind jener Virtuos! Habe ich es errathen?«

»Ich muß es zugegeben.«

»Das ist ja eine förmliche Entdeckung! Violinvirtuos, Doctortitel, und macht den Reporter! Herr Holm, ich engagire Sie! Schlagen Sie ein!«

»Das kann ich nicht.«

»Warum nicht?«

»Wenigstens nicht so unbedingt. Reporter bin ich nur nothgedrungen gewesen, da ich doch leben mußte. Inzwischen habe ich mich auf der Violine fortgeübt. Sobald ich technisch das mir gesteckte Ziel erreiche, concertire ich wieder. Höchstens bis dahin könnte ich ein festes Engagement eingehen.«

»Gut! Auch das wird angenommen. Wie stehen Sie sich augenblicklich pecuniär?«

»Nicht gut, aufrichtig gestanden.«

»Ich werde ihnen unter die Arme greifen. Nehmen Sie eine Abschlagszahlung auf Späteres von mir an?«

»Oh, nur zu gern, Herr Commissionsrath.«

»Schön! Sollen Sie haben!«

Er zog ein Blanquet hervor und füllte es aus.

»Hier, haben Sie!« sagte er. »Gehen Sie dann an die Casse.«

Es war eine Anweisung auf hundert Gulden. Holm war tief gerührt. Er streckte ihm die Hand entgegen und sagte: »Herr Commissionsrath, Sie machen mich zu Ihrem großen Schuldner. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen!«

»Pah! Hundert Gulden sind kein Reichthum! Aber nun sagen Sie, wie steht es mit der Novelle?«

»Möchten wir da nicht erst Miß Starton fragen?«

»Thun Sie es, wenn Sie es für nöthig halten.«

»Ich halte es allerdings für gerathen.«

»Handeln Sie nach Belieben. Und den Angriff auf dieses noble Residenzblatt –?«

»Werde ich sofort beginnen.«

»Wann kann ich das Manuscript erwarten?«

»Baldigst.«

»Gut. Dann erlauben Sie, daß ich Sie jetzt entlasse. Ich bin sehr beschäftigt. Doch, apropos, wollen wir von unserer gegenwärtigen Unterhaltung Anderen sagen?«

»Kein Wort!«

»Das ist auch meine Meinung.«

»Der Streich, den wir führen, muß ganz urplötzlich kommen.«

»Sie haben Recht; dann trifft er desto sicherer. Also, für jetzt adieu, Herr Doctor! Baldiges Wiedersehen!«

Hundert Gulden in der Tasche, verließ Holm einige Minuten später die Kasse des Journales. Dazu das Goldstück, welches er gestern erhalten hatte; seit langer Zeit war er nicht so reich gewesen.

Er wäre am Liebsten nach Hause gegangen, um den Seinen die gute Botschaft möglichst bald zu bringen; aber es war fast neun Uhr, er mußte zum Fürsten von Befour.

Dort angekommen, wurde er sofort vorgelassen und in das Arbeitscabinet des Fürsten geführt. Bei dem Letzteren befand sich Doctor Zander, welcher bereits von Allem unterrichtet war.

Dieser Letztere untersuchte die Hand des Violinisten außerordentlich sorgfältig, erkundigte sich nach den während und nach der Verwundung stattgehabten Umständen und ließ dann jedes einzelne Glied und Gelenk der Hand in Bewegung gehen.

Holm hatte das Gefühl, als ob er einen äußerst folgenreichen Richterspruch erwarte. Auch dem Fürsten war es anzusehen, daß er sich in hoher Spannung befand. Endlich hatte der Arzt sich seine Ansicht gebildet. Er sagte: »Haben Sie vielleicht eine Idee von dem anatomischen Bau der Hand, Herr Holm?«

»So ziemlich.«

»Nun, der Zeigefinger hat einen besonderen Streckmuskel, und der Daumen und der kleine Finger besitzen außer den am Vorderarme entspringenden Streckern und Beugern noch mehrere in dem Handballen gelegene Muskeln. In den Letzteren und dem vorher erwähnten Streckmuskel liegt der Grund Ihres Leidens.«

»Ist es heilbar?«

»Gewiß. Ich unterlasse es, zu erklären, in welcher Weise die durch die Kugel theilweise zerrissenen Muskeln sich falsch verbunden haben, weil die Heilung sich selbst überlassen blieb. Wollen Sie mir die Behandlung anvertrauen?«

»Gern.«

»Sind Sie für Schmerzgefühle sehr empfindlich?«

»Ich bin kein Kind, Herr Doctor. Halten Sie eine Operation für nöthig.«

»Ja.«

»Ist sie bedeutend?«

»Nein. Die Muskeln haben sich verkürzt. Drei kleine, nicht zu tiefe Einschnitte genügen.«

»Und wie lange Zeit ungefähr wird die Heilung auf sich warten lassen?«

»Vielleicht drei Wochen.«

»Dann kann ich die Hand wieder gebrauchen?«

»Wie vor dem Schusse. Ich garantire Ihnen, daß Sie dann die Violine wie vorher beherrschen werden.«

»O, könnte ich Ihnen glauben!«

»Sie können es!«

»Wann wollen Sie die Operation vornehmen?«

»Jetzt gleich, wenn es Ihnen recht ist.«

»Hier?«

»Ich reise nachher ab.«

»Aber Durchlaucht werden incommodirt –«

»O nein!« sagte der Fürst. »Ich interessire mich für diese Operation so sehr, daß es mir höchst willkommen ist, wenn sie hier vorgenommen wird. Wir sind auf diesen Fall vorbereitet. Alles Nöthige ist beschafft.«

Holm wollte Einwendungen machen, doch sagte Doctor Zander lachend:

»Bitte keine Ueberflüssigkeiten! Entweder jetzt oder nie. Da steht der Waschtisch, und daneben liegt alles Nöthige. Bitte, kommen Sie!«

Er zog sein Besteck aus der Tasche und schob Holm an den Waschtisch. Der Fürst selbst hielt den Arm des Letzteren. Der Arzt nahm das Messer in die Rechte, die verletzte Hand in die Linke und that, als ob er die Wunde nochmals untersuchen müsse. Drei höchst rasche, unerwartete Schnitte, nicht tief und fast gar nicht schmerzhaft, dann ließ er die Hand wieder los.

»Halten Sie sie in das Wasser!« sagte er.

»Sind Sie denn schon fertig?« fragte Holm erstaunt.

»Ja. Oder denken Sie, daß ich Sie abschlachten wollte? Ein Wenig Eisenchlorid, einige Tropfen Carbol, etwas Verbandzeug, dann können Sie wieder gehen.«

Aber so schnell wurde er doch nicht entlassen. Als er verbunden war und die Hand ihre Befestigung erhalten hatte, wurde er noch zum Bleiben genöthigt. Es währte nicht lange, so war der Fürst in die Erlebnisse des Virtuosen voll eingeweiht.

Als Holm später entlassen wurde, ahnte er nicht, wie folgenschwer diese Audienz beim Fürsten später für ihn noch sein werde. Seine Hand schmerzte nicht im Geringsten, und der Arzt hatte ihm gesagt, daß er auch das Wundfieber keineswegs zu fürchten habe.

Er lenkte seine Schritte seiner Wohnung zu. Dabei kam er in die Gegend, in welcher der Intendant des Residenztheaters wohnte. Eine Strecke vor ihm trippelte ein kleines Männchen die Straße entlang.

»Der Redactionsdiener,« dachte er. »Den muß ich einholen. Ob er wohl weiß, was zwischen mir und seinem Herrn vorgefallen ist?«

Aber er war nicht weit gekommen, so trat der Kleine in ein Haus, in dessen Parterre sich ein Caffée befand.

»Er wird dort einkehren,« dachte er. »Ich folge ihm. Komme ich etwas später heim, so kann ich ja nun auch zu Hause bleiben. Mit dem Reportern ist es aus.«

Als er in das Café trat, hatte sich der Kleine soeben erst gesetzt. Es waren nur wenige Gäste vorhanden.

»Herr Holm,« sagte der Diener erfreut. »Verkehren Sie auch hier?«

»Nur zuweilen.«

»So haben Sie auch keinen Stammplatz?«

»Nein.«

»Dann bitte! Wird es Ihnen bei mir gut genug sein?«

Er rückte einen Stuhl zurecht.

»Warum denn nicht?« fragte Holm, indem er sich setzte.

»Na, das ist doch begreiflich; Sie sind Reporter und ich bin nur ein Diener!«

»Pah! Was bin ich Anderes als auch nur Diener?«

»Hm! So sagen Sie, aber die Anderen nicht. Diese zählen sich zu den berühmten Journalisten, Literaten und Dichtern. Unsereiner verschwindet da.«

»Ich wüßte nicht, was man sich auf das Zusammentragen von Neuigkeiten einbilden sollte!«

»Wichtig ist es doch! Was wäre ein Journal ohne Reporter und Berichterstatter!«

»Man scheint uns aber an gewisser Stelle doch so ziemlich entbehrlich zu halten!«

»An gewisser Stelle? Meinen Sie den Chef?«

»Ja.«

»Nun, der hält ja Alle für entbehrlich, sich selbst aber für unersetzlich.«

»Ich habe es erfahren.«

»Ach ja! Sie hatten doch wohl heute früh eine ziemlich laute Verhandlung mit einander.«

»Fast zu laut.«

»Was gab es denn?«

»Meinungsverschiedenheiten. Wissen Sie es nicht?«

»Nein.«

»Ich denke, er hat es Ihnen gesagt?«

»Kein Wort!«

»Sollte mich aber wundern!«

»Wundern? Glauben Sie, er sei so mittheilsam? Um mir solche Mittheilungen zu machen, müßte er mich für gleichwerthig mit sich halten. Ein Bureaudiener aber ist für ihn gleich Null. Sie haben sich also förmlich mit ihm gezankt?«

»Ja.«

»Darf ich fragen, worüber?«

Holm traute dem Kleinen doch nicht so recht. Er hielt es für besser, zurückhaltend zu sein. Wenn der Diener nicht wußte, daß der Reporter abgesagt hatte, so war leichter eine nützliche Mittheilung aus ihm heraus zu bringen. Darum antwortete Holm: »Der Chef hatte die Ansicht, daß ich ihn nicht mit genug Neuigkeiten versehe.«

»Unsinn! Sie können doch die Neuigkeiten nicht machen!«

»Freilich muß ich warten, bis Etwas geschieht!«

»Er freilich macht es anders.«

»Wie denn?«

»Er fertigt sich seine Neuigkeiten selbst.«

»Seeschlangen und Enten?«

»Das nicht allein, sondern noch ganz Anderes.«

»Was zum Beispiel?«

»Lebensläufe, Characteristica.«

»Das habe ich noch nicht bemerkt.«

»Nicht? Auch heute nicht?«

»Nein.«

»Haben Sie die heutige Nummer gelesen?«

»Noch nicht. Ich hatte keine Zeit.«

»Nach Neuigkeiten gejagt?«

»Diesmal nicht. Ich bin blessirt. Sehen Sie!«

»Sapperment! Eine böse Hand! Wie ist das geschehen?«

»Nur ein Wenig geschnitten. Ich war beim Arzte. – Also, was ist’s mit der heutigen Nummer?«

»Na, dort liegt sie. Die müssen Sie lesen!«

Er stand auf, holte das Blatt von einem anderen Tische herbei, schlug die betreffende Stelle auf und sagte: »Hier! Ich bin neugierig, was Sie dazu meinen.«

Holm las die Stelle so aufmerksam, als ob er sie wirklich noch nicht zu Gesicht bekommen hätte; dann schob er die Zeitung fort und zuckte die Achsel, ohne aber ein einziges Wort zu bemerken.

»Nun, was sagen Sie dazu?« fragte der Kleine ungeduldig. »Ich bin neugierig auf Ihre Meinung.«

»Ich habe gar keine Meinung.«

»Nicht? Sapperment! Wie kommt denn das?«

»Was geht mich das Ballet an? Es ist nicht mein Ressort!«

»Das mag sein. Aber die Amerikanerin dauert mich?«

»Warum?«

»Weil er sie so schlecht macht.«

»Ist es denn nicht wahr, was er sagt?«

»Ich wette um meinen Kopf, daß er lügt!«

»Sie irren. Er muß doch die Wahrheit schreiben.«

»Da kennen Sie ihn noch sehr schlecht. Er will ihr Eins auswischen, weil – hm!«

»Weil –? Nun, warum?«

»Man darf nicht aus der Schule schwatzen.«

»So halten Sie den Mund! Dann aber ist es auch nicht nöthig, daß Sie überhaupt anfangen.«

»Es wurmt Einen aber doch.«

»So lassen Sie sich’s wurmen. Mir thut es nichts.«

»So ein schönes, wunderschönes Frauenzimmer!«

»Wer denn?«

»Die Amerikanerin.«

»Haben Sie sie denn gesehen?«

»Ei freilich! Sie war ja bei uns!«

»Wann?«

»Gestern Vormittags.«

»So! Ich halte von der Schönheit der Amerikanerinnen nichts. Sie sind meist lang, schwach und haben einen Kropf.«

»Die aber nicht. Das war ein Bild von einem Frauenzimmer. Die reine Melusine, die wahre Fee, der echte Engel!«

»Sie sind ja förmlich begeistert, Alter!«

»Ist’s denn ein Wunder? Man hat auch seinen Geschmack und seine Gefühle, obgleich Andere Einem die Küsse vor dem Munde und der Nase wegschnappen!«

»Sie phantasiren.«

»Fällt mir nicht ein!«

»Ah, so haben Sie eine heimlich Geliebte und einen Nebenbuhler, von dem sie sich küssen läßt! Sie armes Wurm! Wie leid Sie mir thun! Folgen Sie meinem Rathe, und schaffen Sie sich eine Andere an.«

»Danke für den guten Rath! Habe ihn gar nicht nöthig! Ich bin in meinem ganzen Leben nur ein einziges Mal verliebt gewesen.«

»Also doch einmal?«

»Ja.«

»Wer war es?«

»Eine Ofenkehrerswittwe.«

»Puh!«

»Na, sie war nicht übel; aber einen Tag vor der Hochzeit erwischte ich sie mit ihrem Stubennachbar.«

»Das ist traurig!«

»Allerdings. Der Kerl sollte bei unserer Trauung den Brautführer machen.«

»So dürfen Sie es ihm gar nicht übelnehmen, daß er sich vorher mit ihr beschäftigt hat.«

»Aber in so eingehender Weise war es nicht nöthig!«

»Sie haben es sich natürlich verbeten?«

»Das versteht sich!«

»Und was geschah dann?«

»Was soll denn geschehen sein? Ein halbes Schock Maulschellen hat es gegeben.«

»Für den Stubennachbar natürlich?«

Der verlorne Sohn
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