»Ich kenne ihn wie Dich! Uebrigens erfuhr ich vorgestern von ihm, daß er eine Einladung nach Langenstadt erhalten habe.«
»Gut, gut! Diese Scharte wird sich auswetzen lassen. Wer aber war der andere Herr?«
»Der Secretair des Fürsten.«
»Ah! Wie heißt er?«
»Petermann.«
»Nur Petermann oder ›von‹ Petermann?«
»Nur.«
»Also nicht von Adel?«
»Leider nein.«
»Na, schadet nichts. Er war ein feiner und kenntnißvoller Mann und machte einen bedeutenden Eindruck. Ich habe wohl kaum jemals eine so hohe und breite Stirn gesehen, wie dieser Petermann hat. Und die Dame?«
»Ist seine Tochter.«
»Dachte es! Und Du kennst sie?«
»Bereits längst.«
»Wunderbar!«
»Ja, Du siehst also, daß ihr Anblick mich nicht kuriren kann. Uebrigens würde es Dir jedenfalls auch nicht erwünscht sein, mich von ihr kuriren zu lassen.«
»Hm! Ich weiß wirklich nicht, was ich thun würde! Sie hat mich wirklich geblendet; sie könnte auch ganz und gar für sich gewinnen. Er ist bürgerlich, wohl auch arm?«
»Ja, aber trotzdem sind die Persönlichkeiten von Vater und Tochter wirklich frappant aristokratische Erscheinungen. Deine Mutter ist zwar gegenwärtig, und ich sollte also schweigen; aber ich sage Dir trotzdem in aller Aufrichtigkeit, daß ich mich sehr wundere, daß Dich diese junge Dame so kalt gelassen hat.«
»Du an meiner Stelle hättest Dich wohl erwärmt gefühlt?«
»Ich glaube, ja.«
»Vielleicht noch mehr als erwärmt?«
»Hm! Ich will als vorsichtiger Gatte und Vater lieber schweigen.«
»Das möchte ich mir allerdings erbitten,« lachte die Freifrau. »Du bringst mich wahrhaftig im Spätherbst meines Lebens noch zur Eifersucht!«
»So ist es nicht gemeint! Ich will nur sagen, daß ich einer solchen Herrin auf Schloß Randau es wohl verzeihen könnte, daß sie kein Von vor ihrem väterlichen Namen hat.«
So scherzten sie weiter. Die Bedrückung war ganz von dem Lieutenant gewichen; er war mit einem Male wieder lustig, ja sogar ausgelassen lustig geworden, und seine Mutter fühlte sich ganz selig, daß der eigenthümliche Anfall von Tiefsinn so plötzlich vorübergegangen war.
Aber der Instinkt einer liebenden Mutter blickt tiefer als der Scharfsinn eines denkenden Mannes. Bei der ersten Gelegenheit, als sie sich mit dem Lieutenant allein befand, ergriff sie seine Hand und sagte: »Darf ich wohl eine Frage an Dich richten, lieber Edmund?«
»Thue es, liebe Mutter!«
»Woher kam es, daß Du vorhin so plötzlich Deine Traurigkeit vergessen konntest?«
Er antwortete erröthend:
»Muß ich Dir das mittheilen?«
»Nun, ich will nicht gewaltsam in Dich dringen. Ich gestehe Dir, daß mich eine plötzliche Angst um Dich überkommen war. Ich hatte Dich noch niemals so gesehen.«
»Es ist überwunden.«
»Aber hoffnungslos vorüber?«
»Weißt Du, Gott ist die Liebe. Wenn er eine solche Welt von Liebe in ein Menschenherz legt, so kann er nicht wollen, daß dieses Herz daran zu Grunde geht.«
»So hast Du also noch Hoffnung?«
»Ich wage es, sie noch zu hegen.«
»Aber vorhin hegtest Du sie nicht. Erst als Vater von den drei Passagieren sprach, wurde eine andere Stimmung Herr über Dich. Errathe ich recht?«
»Vielleicht. Doch lassen wir das jetzt! Es wird und mag so kommen, wie Gott es will.«
Sie drückte einen Kuß auf seine Stirn und sagte andächtig:
»Er wird es zum Besten lenken. Amen!« –
Nicht nur der Lieutenant von Randau und die erwähnten drei Passagiere befanden sich am heutigen Tage in dieser Gegend, sondern zwei Andere wurden auch ganz unerwartet nach dem kleinen Städtchen geführt.
Nämlich Doctor Zander hatte sich bald in der Residenz bekannt und gesucht gemacht. Einige glückliche Kuren und sein Umgang mit dem Fürsten von Befour und dessen Freunden waren ihm außerordentlich förderlich gewesen. Er besaß eine schöne Wohnung und trug sich sogar mit dem Gedanken, sich eine Equipage anzuschaffen.
Heute war er ungewöhnlich früh ausgegangen, und da es zufälliger Weise keinen schweren Fall zu behandeln gab, so war er mit seiner Runde viel eher als gewöhnlich zu Ende, und er schlenderte gemächlich über die Anlagen dahin, welche den Bahnhof von der Stadt trennten. Da sah er eine Person daherkommen, bei deren Anblick sein bisher nachdenklich nach innen gerichteter Blick schnell äußeres Leben bekam – Magda Weber war es.
Sie hatte eine Reisetasche in der Hand und grüßte erröthend, als sie ihn erblickte. Er trat auf sie zu, reichte ihr die Hand und fragte: »Sieht das nicht gerade aus, als ob Sie verreisen wollen?«
»Ja, Herr Doctor.«
»Wohin?«
»Nach Langenstadt.«
»Ist da oben Etwas passirt? Ich hoffe, nichts Unangenehmes!«
»Nein. Ich erhielt heute eine Depesche – – –«
»Eine Depesche? Sie?« fragte er überrascht.
»Ja.«
»So ist es am Ende doch etwas Ungutes. Wer telegraphirte?«
»Der Vater. Die Worte lauten: ›Komm sofort zu Besuch, sobald Du dies empfängst.‹ Das klingt doch nicht wie ein Unglück?«
»Allerdings nicht. Uebrigens trifft es sich recht glücklich, daß auch ich verreise.«
Sie blickte ihn fragend und ungewiß an; darum fuhr er, ihr freundlich zunickend, fort:
»Und zwar auch nach Langenstadt.«
»O, wie schön!«
Aber sofort färbten sich ihre Wangen purpurn. Sie fühlte, daß sie das nicht hätte sagen sollen.
»Wirklich? Finden Sie das schön?« fragte er.
Sie erglühte noch tiefer, antwortete aber nicht. –
Er hatte nicht die geringste Absicht gehabt, zu verreisen. Der Entschluß war ihm wie eine Eingebung gekommen. Das liebliche Mädchen stand nicht nur vor ihm, sondern sie wohnte auch tief, tief in seinem Herzen.
»Hoffentlich erlauben Sie mir, Ihr Billett mit dem meinigen zu lösen, Fräulein Weber?« fragte er.
Ein leises, schüchternes Ja war die Antwort.
Dann, als es Zeit zum Einsteigen war, führte er sie in ein Coupé erster Classe. Ein Trinkgeld sagte dem Schaffner, daß er dieses Coupé möglichst mit anderen Passagieren verschonen möge; dann setzte sich der Zug in Bewegung.
Eine kurze Zeitlang saßen sie schweigend neben einander, sie mit niedergeschlagenen Wimpern und er das Auge voll und warm auf ihr schönes, rosiges Gesichtchen gerichtet. Er hätte sie gleich küssen mögen.
»Fürchten Sie sich vor mir?« fragte er endlich.
Da schlug sie die Augen auf, lächelte ihm warm entgegen und antwortete:
»Wie sollte ich! Sie haben mir ja nichts gethan.«
»Aber dennoch fliehen Sie mich?«
»Ich?«
Diese Frage klang doch ein Wenig verlegen.
»Ja, Sie! Wissen Sie vielleicht, daß ich jetzt sehr oft die Baronesse Alma von Helfenstein besuche?«
»Ja.«
»Sie hat die Güte gehabt, mich zu ihrem Hausarzt zu ernennen. Ich habe geglaubt, daß Sie sich bei ihr befinden.«
»Und doch sehe ich Sie nicht!«
Sie senkte erröthend das Köpfchen. Er fuhr fort:
»Muß ich da nicht denken, daß Sie mich fürchten?«
»Nein.«
»Oder gar mich hassen?«
»O Gott, was denken Sie!«
»Dann bitte, legen Sie doch einmal Ihr liebes, kleines Händchen in meine Hand! Ich will sehen, ob Sie das wagen.«
Sie gab ihm ohne Zögern die Hand und schlug dabei die Augen mit einem Blicke zu ihm auf, welcher schalkhaft sagte: Siehst Du, daß ich es wage!
»Ich danke Ihnen, Fräulein Weber – oder wir sind ja Bekannte und haben uns die Kirschen durch den Gartenzaun zugesteckt – darf ich nicht lieber sagen Magda?«
»Ja, sagen Sie so!«
»Aber dann müssen Sie auch mich bei meinem Vornamen rufen!«
»O nein!«
»O doch! Kennen Sie ihn?«
»Nein.«
Das war eine kleine Lüge. Sie kannte ihn nur zu gut. Sie hatte ihn hundert-und tausendmal im Stillen vor sich hin gesagt, und es war ihr immer dabei gewesen, als ob dies der schönste aller Männernamen sei.
Da legte er seinen Finger unter ihr Kinn, hob ihr Gesicht empor und sagte:
»O weh, Sie verleugnen mich! Bitte, bitte, sagen Sie mir aufrichtig, ob Sie meinen Namen wissen!«
»Ja,« gestand sie zögernd.
»Wie heißt er?«
»Alfred.«
»Endlich, endlich! Und jetzt meine liebe Magda, bitte, sagen Sie doch einmal nicht Alfred, sondern: lieber Alfred!«
»Das – das kann ich nicht.«
»Aber wenn ich Sie recht innig darum bitte?«
»Ich – – kann nicht; es – – geht nicht, nein!« stammelte sie.
Und dabei erglühte ihr Gesicht wie eine Wolke, hinter welcher die Sonne in all ihrer Pracht und Herrlichkeit steht.
»Es geht nicht!« wiederholte er. »Also gar nicht?«
»Nein.«
»O das ist bös; das ist schlimm, sehr schlimm!«
Und als sie ihn erschrocken ansah, fuhr er fort:
»Ich habe Sie so lieb, so herzlich, so innig lieb. Ich habe an Sie gedacht immer und immerfort. Und nun wird es Ihnen so schwer, sogar unmöglich, dieses kleine Wörtchen zu sagen! Wissen Sie noch, daß ich Ihnen meinen Pelz in das Coupé gab, damit Sie nicht frieren sollten?«
»So, gerade so möchte ich Sie behüten und beschützen fort und immerfort. So möchte ich Sie umhüllen und umfangen und durch das ganze Leben tragen, damit Ihr kleines Füßchen nicht an einen Stein stoße. So möchte ich Ihr Hut und Ihr Schutz sein für jetzt und alle Zeit. Und dafür, dachte ich, solle mir das Licht Ihres Auges leuchten in Liebe, Milde und Freundlichkeit, denn mein Herz verlangt nach Liebe, aber nur nach der Ihrigen, ganz allein nach dieser!«
Er hatte den Arm um sie gelegt und sie an sich gezogen. Sie litt es ohne Widerstreben; sie hielt ihr Köpfchen an seine Brust geborgen, und er hörte ein kleines, leises Klingen, als ob ein Kindchen weine.
Da hob er ihr Gesicht empor, blickte ihr tief in die thränenden Augen, und als sie diese schloß, legte er seine Lippen leise, leise auf ihren Mund. Sie bewegte sich nicht; sie ließ ihm den Mund ohne Gegendruck, und er sah, daß ihr Gesicht leichenblaß war. Das erschreckte ihn. Er fragte: »Magda, was ist Ihnen? Zürnen Sie mir?«
Sie schüttelte leise mit dem Kopfe.
»Warum erbleichen Sie? Sind Sie krank?«
Da kehrte die Röthe in ihre Wangen zurück. Sie sah mit einem Blicke unaussprechlichen Entzückens zu ihm auf und antwortete: »O nein. Mir ist so wohl!«
»Gott sei Dank!«
»Nun möchte ich sterben!«
»Sterben? Weg, fort mit diesem Worte! Leben sollst Du, leben, mit mir und für mich, denn ohne Dich kann und mag ich doch nicht sein!«
»Wie schön! Wie herrlich!« flüsterte sie, die kleinen Händchen faltend. »Aber das geht nicht, das kann nicht sein.«
»Warum nicht?«
»Was sind Sie, und – was, ach was bin ich!«
»Du? Was Du bist? Mein Leben bist Du, mein Glück, meine Seligkeit! Ist das nicht genug?«
Und jetzt zog er sie kräftig an sich; jetzt küßte er sie innig, wieder und immer wieder. Und als er ihre Arme hob und sie sich auf die Schulter legte, da fühlte er deutlich, daß sie diese Arme fest um seinen Hals schlang. Dann aber fragte sie bebend: »Ist das Wirklichkeit? Ist das kein Traum?«
»Nein, es ist keine Täuschung, meine Magda.«
»Ich soll es glauben? Es darf so sein und bleiben?«
»Immer, immer und ohne Ende!«
»Alfred, mein lieber, lieber Alfred!«
Das rief sie laut und jubelnd aus. Jetzt warf sie die Arme um ihn, schmiegte sich an seine Brust und küßte ihn warm und innig, als ob das stets und immer so gewesen sei.
Wie kam es doch nur, daß der Schaffner so plötzlich die Thür öffnete und sein »Station Langenstadt, drei Minuten Aufenthalt!« rief? Es war ja ganz unmöglich, schon Langenstadt erreicht zu haben. Aber als die Beiden herausblickten, erkannten sie die alten, guten Häuser des Städtchens.
Und dort stand Vater Weber und sah sich nach seiner Tochter um. Er hatte freilich nur die Waggons vierter und höchstens dritter Classe im Auge. Da hörte er sich rufen, und als er nach der Stelle hinblickte, stand ein junger, vornehmer Herr an der Coupéthür und winkte ihm. Er ging hin und fragte: »Was befehlen Sie, gnädiger Herr?«
»Wen suchen Sie?«
»Meine Tochter.«
»Kennen Sie mich?«
Jetzt sah er ihn schärfer an, dann riß er die Mütze herunter und sagte:
»Herr Doctor Zander! Ist’s möglich! Wie freue ich mich! Ach, wenn doch nur meine Tochter auch gekommen wäre!«
»Die konnte nicht kommen; dafür aber habe ich Ihnen meine Verlobte mitgebracht.«
»Ihre Verlobte?«
Dabei machte er ein Gesicht, in welchem tausend Verwunderungen zu lesen waren.
»Ja,« sagte Zander. »Da, sehen Sie herein!«
Er trat zur Seite, und da erglühte dem Vater das glück-und wonnestrahlende Gesicht seines Kindes entgegen.
»Magda! Du! Erster Classe!«
»O, Alfred ist das so gewohnt. Er fährt nicht anderer Classe.«
Jetzt kam der Name so geläufig heraus, als hätte sie es seit Jahrzehnten nicht anders gewußt.
»Alfred? Wer ist das?«
»Nun, hier Alfred, mein Gelieb – mein Verlobter.«
»Ach so! Kinder, mir wird ganz dumm zu Muthe. Mir brummt der Kopf. Magda – erster Classe – Alfred – Verlobter –«
»Bitte, heraus, meine Herrschaften!« rief der Schaffner.
Die Thüren flogen zu, ein schrilles Pfeifen, ein dröhnendes Rasseln – der Zug eilte weiter. Aber der gute Papa Weber stand noch immer da und staunte die Beiden an.
»Sie machen doch blos Spaß. Herr Doctor?« fragte er.
»Da sei Gott für! Es ist mein heiligster Ernst.«
»Auf Ehre?«
»Auf Ehre!« wiederholte Zander lächelnd.
»Dann glaube ich es; dann ist es wahr. Herrgott von Mannheim! Meine Magda eine Frau Doctorin! Na, Kinder, kommt mit nach Hause! Ich wollte gerade Kartoffelbrei kochen, mit Rindstalggriefen dran, da aber die Sachen so glanzvoll stehen, so kommen eben Speckgriefen dran. Ich kann auch nobel sein, wenn es nöthig ist!«
Und als nun Zander der Geliebten seinen Arm bot, da häkelte sie ein und ging so sicher und stolz an seiner Seite, als ob sie schon zehn Jahre lang in dieser Weise mit ihrem Doctor gegangen sei. –Gegen Abend fuhr der Freiherr von Randau mit Frau und Sohn nach Schloß Langenstadt. Die Beisetzung der beiden Todten sollte nach Einbruch der Dunkelheit stattfinden. Als sie im Schloßhofe, von einem Diener empfangen, ausstiegen, eilte der Hausverwalter herbei und sagte in entschuldigendem Tone: »Verzeihung, meine Herrschaften, daß der Herr Anstaltsdirector, Hauptmann von Scharfenberg, noch nicht zu sprechen ist. Er wird vom Notar festgehalten und läßt bitten, sich nach den gewohnten Zimmern zu verfügen!«
Die Familie Randau wurde hier stets nachbarlich behandelt. Jedes Glied derselben hatte für den eventuellen Aufenthalt hier sein bestimmtes Zimmer. Der Freiherr gab also seiner Frau den Arm und sagte: »Du kommst vielleicht mit zu mir. Edmund mag über sich nach eigenem Gefallen verfügen.«
Der Lieutenant schritt also an der Hauptfront entlang, bog um die Ecke und trat dort in ein Vestibul, von welchem aus eine Steintreppe nach oben führte. Dort lag das Zimmer nebst Cabinet, welches ihm für gewöhnlich angewiesen war.
Der Schlüssel steckte bereits. Er trat ein. Es war ihm, als ob ihm ein feiner, äußerst lieblicher Duft entgegenströme. Er blickte sich um.
»Ganz wie Treibhausblumen, ah! Aber wo? Vielleicht draußen im Cabinet!«
Er sog den Duft ein. Es war wie Veilchen und Reseda. Er öffnete die Thür zum Cabinet und trat da hinaus, die Thür hinter sich schließend. Da erblickte er zu seinem Erstaunen mehrere Damengarderobestücke auf dem Bette liegen und – ein Knack, die Vorhangstange fiel herab, und vor ihm, fest an die Wand gedrückt, stand Fräulein Petermann.
Sie hatte seine Schritte gehört und sich hinter die Gardine gesteckt, denn sie hatte im Begriffe gestanden, ihre Toilette zu wechseln. Sie befand sich im bloßen Mieder und streckte ihm abwehrend die Hände entgegen, konnte aber vor Schreck und Scham kein Wort hervorbringen.
Auch Edmund war für den Augenblick bewegungslos. Er dachte gar nicht daran, daß es seine Pflicht sei, sich schleunigst zu entfernen. Er sah das schöne Mädchen vor sich, mit lang herabwallender Robe; die herrliche Büste hob sich wie Alabaster aus dem dunklen Leibchen, und die vollen, prächtigen Arme schienen ihn anzulocken, anstatt ihn fortzustoßen.
»Gott! Gehen Sie!« stammelte sie.
Da holte er tief, tief Athem, schüttelte langsam den Kopf und antwortete:
»Das kann ich nicht und das darf ich nicht!«
»Sie müssen! Sie müssen!«
»Nein, und abermals nein!«
Er trat auf sie zu und faßte ihre Hände. Sie schloß die Augen und lehnte den Kopf an die Wand, bleich wie eine Leiche.
»Gott, o Gott!« flüsterte sie. »Auch er, auch er!«
Er verstand sie augenblicklich. Er antwortete:
»Nein, beurtheilen Sie mich nicht nach dem Maaßstabe Anderer. Valeska, ich habe Sie nun doch gesehen. Was würde durch meine Entfernung daran geändert. Es ist besser, ich bleibe und gebe Ihnen die beste und einzige Genugthuung, welche möglich ist.«
»O nein, o nein!«
»Sie bangen noch immer? Ah, Sie haben mich zwar in jenem Hause gesehen, aber ich kam gezwungen hin. Lassen Sie diesen Schatten nicht auf mir ruhen bleiben. Valeska, hören Sie! Seit jenem Abende habe ich an Sie denken müssen ohne Unterlaß. Ich habe mit meinem Herzen gekämpft, tapfer und unverdrossen; doch das Herz ist stärker gewesen, als ich selbst. Es will Ihnen gehören für jetzt und immerdar. Ich kann nicht widerstreben und will auch nicht länger widerstreben! Sagen Sie mir, ob ich an dieser Liebe, welche wie eine übermächtige Lohe über mir zusammengeschlagen ist, zu Grunde gehen soll oder nicht.«
Da öffnete sie die Augen, blickte ihm starr in das erregte Angesicht, riß ihre Hände aus den seinigen, zeigte nach der Thür und rief: »Hinaus! Sofort!«
Da ließ er langsam die Arme sinken und sagte:
»Ich gehorche Ihnen. Leben Sie wohl!«
Er drehte sich um und schritt nach der Thür. Er hatte sie geöffnet und bereits den Fuß erhoben, da erklang hinter ihm ein eigenthümlicher, unarticulirter Laut. Er sah sie wanken. Im Nu stand er bei ihr und fing sie in seinen Armen auf.
Sie lag regungslos, wie ohnmächtig an seiner Brust. Er fühlte die Wärme ihres entzückenden Busens, den langsamen Hauch ihres Mundes, aber er bewegte sich nicht. Es trieb ihn, sie emporzuheben und auf das Bett zu legen, aber er verschmähte es, sie weiter zu berühren, als unumgänglich nothwendig war, ihr einen Halt zu bieten.
So stand er lange, still und mit keinem Finger zuckend. Da stieß sie einen tiefen, tiefen Seufzer aus, hob das Auge wie irre zu ihm empor, schlang den einen Arm um seinen Leib, ergriff mit der Linken seine Hand, zog sie an ihre Lippen und küßte sie zwei-, dreimal, ehe er es hindern konnte. Dann floh sie dorthin, wo ihr Mantel lag, warf ihn über sich und sagte in flehendem Tone: »Herr von Randau, Sie haben mich gerettet aus schwerer Schmach und Schande; nie werde ich es Ihnen vergessen, jetzt aber habe ich Ihnen Alles, Alles gegeben, was ich Ihnen geben darf. Bitte, lassen Sie mich allein! Ich hatte keine Ahnung von Ihrer Anwesenheit und daß Ihnen mein Zimmer bekannt ist!«
»Gut, ich gehe; vorher aber muß ich Ihnen den Irrthum, als ob ich Sie aufgesucht hätte, benehmen. Dieses Zimmer pflege ich zu bewohnen. Soeben erst bin ich hier angekommen und wurde, wie ich nun merke, irrthümlicher Weise hierhergewiesen. Ich kann Ihnen nicht verbieten, dankbar zu sein; aber Ihr Dank macht mich ärmer, als ich vorher gewesen bin. Ich habe Sie geliebt, wie man ein Idol verehrt; ich habe geträumt von Seligkeiten, eines Himmels werth; ich dachte mir kein größeres Glück, als Ihnen mein Fühlen, Denken und Wollen, mein ganzes Leben widmen und weihen zu dürfen. Ich wollte mich in Sie versenken mit Seele und Gemüth; ich wollte in meiner Liebe aufgehen, wie das Himmelsblau in Äther aufgeht. Meine Liebe war rein und heilig. Sie wären mein Ein und mein Alles, mein Anfang und mein Ende gewesen, jeder Pulsschlag, jeder Athemzug hätte Ihnen, Ihnen und immer allein nur Ihnen gegolten – es ist nun aus! Jetzt bricht mein Himmel zusammen; für mich giebt’s keine Freude, kein Glück, keine Hoffnung mehr! Wann werde ich wieder lächeln können? Wohl niemals, niemals wieder. Valeska, mein Leben und mein Verderben, gute Nacht!«
Er wollte sich entfernen, aber in demselben Augenblicke stand sie bei ihm, mit wallendem Busen und fliegendem Athem. Sie faßte ihn beim Arme und stieß hervor: »Herr von Randau, ist das Wahnsinn, was Sie hier sprechen?«
»Wahnsinn? O, ich möchte allerdings irre werden. Nein, ich habe aus der Tiefe meines Herzens und mit vollster Ueberlegung und Ueberzeugung gesprochen.«
»Sie haben mich wirklich nicht hier vermuthet?«
»Bei Gott, nein!«
»Und als Sie mich doch hier fanden, da sahen Sie nicht in mir jene – jene Wally – welche – welche –«
Sie stockte. Ihre Wangen waren jetzt nicht leichen-, sondern geisterblaß; ihre dunklen Augen blitzten erregt aus dem vollendet schönen Angesichte, und es war ihm, als ob er in dem Arme, den sie mit der Hand ergriffen hatte, ihren stürmenden Puls klopfen fühlte.
»Nein, und abermals nein, und tausendmal nein!« antwortete er. »Als ich Sie in jener Lasterhöhle traf, in welche Sie von jenen menschlichen Bestien mit Gewalt geschleppt worden waren, da erkannte ich auf den ersten Blick, daß Sie ein Diamant seien, geschleudert in den Kloakenschlamm. Ich brachte den köstlichen, unschätzbaren Stein an das Licht der Sonne, um mich an seiner Reinheit zu entzücken. Ich hätte mein Leben freudig hergegeben, um ihn vor neuer Berührung mit dem Staube zu bewahren. Ich weiß, wie schön Sie sind, wie himmlisch schön; aber als mein Auge vorhin diese Schönheit schauen durfte, da war es nur die reinste, an Anbetung grenzende Liebe, welche mir gebot, zu bleiben. Für diesen einen Blick auf das Ideal all meiner Wünsche und Träume wollte ich mich Ihnen geben, mich selbst mit meinem ganzen Leben, mit Allem, was ich habe und bin.«
»O Gott! O mein Heiland! Das Alles, Alles sollte ich besitzen? Ist’s wahr? Ist’s wahr?«
»Gott ist mein Zeuge!«
»Auch Ihren Namen? Auch ihn sollte ich besitzen?«
»Ja.«
»Edmund, Edmund, Du liebst mich? Du liebst mich?«
Das klang laut und jubilirend aus voller Brust hervor.
»Mehr als Vater und Mutter, mehr als mein Leben!« antwortete er.
»Mich, die Tochter des Gefangenen?«
»Des unschuldig Gefangenen!«
»Mich, die Prügelmagd der Melitta!«
»Die sich gegen die Schande gewehrt hat, wie kein Mann sich vertheidigen würde!«
Da legte sie die Arme um ihn, da schmiegte sie den warmen, weichen, herrlichen Leib fest und innig an ihn, da zog sie seinen Kopf zu sich herab und bedeckte seinen Mund mit heißen, glühenden Küssen.
Dann plötzlich ließ sie von ihm ab, trat zurück, faltete die Hände und sagte:
»Gott, Allgütiger und Allerbarmender, wie danke ich Dir! Diese wenigen Secunden machen Alles, Alles gut und geben mir die Kraft und den Muth zu den Jahren der Entsagung, welche ich vor mir habe!«
»Valeska!«
»Still, Edmund, still! Ich habe Dich geliebt und ich liebe Dich, wie noch nie ein Mann geliebt wurde. Du erschienst mir als Engel und Retter in tiefster Unglücksnacht, in fürchterlichster, verzweiflungsvollster Verlassenheit. Ich dachte an Dich wie an einen Gott, wie an ein Wesen, welches ich mit meinem Blicke kaum erreichen könne. Du warst ja doch, Alles nicht gezählt, der Sohn und Erbe Deines Stammes, ich aber das blutarme, niedrige Bürgerkind. Meine Zukunft, mein Leben konnte nichts, nichts weiter für Dich sein, als ein ununterbrochenes, heißes Gebet für Dein Glück und Wohlergehen. Heute nun habe ich viel, viel mehr erlangt. Ich habe an Deinem Herzen gelegen und unendliche Seligkeit von Deinen Lippen getrunken. Mehr kann ich nicht verlangen, mehr ist mir nicht beschieden. Einmal muß das Menschenherz glücklich sein; jetzt hin ich es gewesen, und von diesem kurzen Glücke werde ich zehren, bis ich das Haupt einst schlafen lege. So laß uns also scheiden, für immer, für ewig. Hab Dank, hab Dank, Du edler, heißgeliebter Mann! Wenn es einen Gott giebt, der auf das Flehen der wahren Liebe hört, so wird Dein Leben hell und sonnig sein, das meinige aber mild durchflimmert von der Erinnerung an diese eine, unvergeßliche Stunde, in welcher ich an Deinem Herzen lag, um nie, niemals einem Anderen anzugehören!«
Sie wollte ihn sanft aus dem Zimmer schieben; da aber legte er seine Arme um sie, preßte sie fest, fest an sich und sagte mit vor Bewegung fast erstickter Stimme: »Valeska, meine Valeska! Meinst Du wirklich, daß ich Dir entsagen kann?«
»Du mußt!« stöhnte sie auf.
»Wer will mich zwingen?«
»Ich!«
»Du vermagst es nicht.«
»So zwingt Dich Anderes, Dein Stammbaum, Dein Stand, Dein Rang, Deine Eltern.«
»Niemand, Niemand soll mich zwingen. Ich kann ja ohne Dich nicht leben, so wie die Brust ohne Luft nicht athmen kann.«
»Du täuschest Dich. Du darfst mich nie zu Dir erheben, denn Dein Arm würde erlahmen und mich wieder fallen lassen.«
»Nein, nein, ich lasse Dich nicht.«
»Du wirst mich gar nicht erheben, sondern Du wirst zu mir herniedersteigen. Bedenke das!«
»Valeska, ich bin nicht mehr Officier; ich werde ein einfacher Landwirth sein. Die Eltern haben es gewünscht. Auch habe ich mit den Eltern von Dir gesprochen.«
»Von Deiner Liebe zu mir?«
»So wie Du meinst, noch nicht. Kanntest Du den Herrn, der heute mit Euch bis Randau gefahren ist?«
»Nein, aber ich dachte, daß er Dir sehr ähnlich sehe.«
»Es war mein Vater. Er sprach von Dir. Du hattest ihn bezaubert, er schwärmte von Dir und sagte wörtlich, daß er einer solchen Schloßherrin es verzeihen könne, daß vor dem Namen ihres Vaters kein ›Von‹ gestanden habe.«
»Das sagte er?«
»Ja. Glaube es mir.«
»Aber von dem Anderen, von unseren Schicksalen weiß er nichts?«
»Ich habe den Eltern gestanden, daß ich ein Mädchen liebe, welches unverschuldet das tiefste Elend leiden mußte.«
»Du hast von Rollenburg gesprochen?«
»Ja.«
»O, mein Heiland! Was sagten Deine Eltern?«
»Ich betheuerte, daß ich für’s Leben ledig bleiben werde. Da meinte der Vater, das werde sich ganz anders gestalten, ich dürfe nur eine Dame sehen wie die, mit der er heute im Coupee gesprochen habe. Das warst Du.«
»Dennoch muß es so sein, wie ich gesagt habe.«
»Das ist Dein fester Wille?«
»Ja, Edmund. Das bin ich Deinem Glücke und das bin ich Deinen Eltern schuldig. Schau, laß mich aufrichtig sein! Ich fühle, daß ich zu Grunde gehen werde, denn ich kann ohne Dich nicht sein und leben. Aber es giebt Gesetze, gegen welche man nicht ungestraft sündigen darf, obgleich sie in keinem Gesetzbuche stehen. Du wirst ein Weib finden, welches Du achten, wenn auch nicht so heiß wie mich lieben kannst. Deine Eltern werden sich dessen freuen, und ihr Segen wird mir folgen, wenn ich an meiner Liebe sterbe.«
»Du hast ihn schon, diesen Segen!«
Die beiden fuhren erschrocken zusammen. Eine sanfte Frauenstimme hatte diese Worte gesprochen. Als sie sich umwandten, sahen sie die Freifrau von Randau im vorderen Zimmer stehen.
»Zürnt mir nicht,« sagte sie. »Ich suchte Dich in Deinem Zimmer, ohne grad wie Du, zu ahnen, daß dieses liebe, brave Kind hier wohnt. Ihr hörtet mich nicht eintreten, da Ihr zu laut spracht, und so habe ich denn Alles vernommen. Ihr müßt es mir verzeihen.«
Sie trat näher heran und übersah mit einem einzigen Blicke die ganze Situation. Mit dem Blicke auf die Toilettesachen sagte sie: »Sehr also hat er Sie überrascht? Doch erröthen Sie nicht. Sein Herz ist rein, und er liebt Sie wahr und treu. Nicht wahr, Sie sind die Dame, mit welcher heute mein Mann gesprochen hat?«
»Ja.«
»Sie sind aber auch Diejenige, welche mein Sohn in jenem Hause fand?«
»O Gott, gnädige Frau, ja.«
»Ich will Ihnen nicht wehe thun; ich will nur klar sehen. Ich habe Ihre Worte gehört und kenne Sie. Frauen verstehen einander ja so leicht. Kommen Sie, mein Kind, legen Sie Ihr Köpfchen an mein Herz. Sie scheinen keine Mutter zu haben; ich will von jetzt an die Ihrige sein. In meinem Herzen wohnen Sie bereits; Sie werden mir auch in meinem Hause willkommen sein. Ich will es für Sie festlich schmücken, so wie Sie es verdienen.«
»Mutter!« jubelte der Lieutenant.
»Ja, mein Sohn, das ist das rechte Wort. Ich bin Eure Mutter. Ich will über Euch wachen, bis Gott mich zu sich ruft. Und dann, wenn ich geschieden bin, wird mein Segen bei Euch bleiben, und der Blick meines unsterblichen Geistes wird auf Euch ruhen wie ein Gebet am Hochaltar, dem Gott nicht die Erhörung versagt. Geben Sie ihm Ihre Hand, meine Tochter. Sie dürfen ihm gehören, denn Sie haben sich seinen Besitz verdient, indem Sie demselben entsagen wollten.«
Es wurde still im Raume; auch dunkel war es geworden, denn der Abend war eingebrochen. Man hörte nur das Schluchzen dreier Menschen, deren Herzen sich hier in wahrhaft reiner, heiliger Liebe vereinigt hatten.
Da öffnete sich die vordere Thür. Lichtschein drang heraus in das Cabinet, und eine Stimme fragte:
»Valeska, bist Du da?«
Es war Petermann. Sie erkannte ihn sogleich an der Stimme.
»Ja, lieber Vater,« antwortete sie.
Dabei wollte sie sich der Umarmung des Lieutenants entwinden; dieser aber hielt sie fest und flüsterte ihr zu: »Bleibe, Geliebte! Er soll erfahren, was geschehen ist.«
Petermann trat, mit dem Lichte in der Hand, näher. Er fragte:
»Du wolltest Toilette machen. Bist Du fertig? Ah, Du hast ja noch gar kein Licht!«
Er leuchtete in das Cabinet und erblickte seine Tochter in den Armen des Geliebten.
»Was ist das?« fragte er, mehr erschrocken als erstaunt. »Du bist nicht allein? Kind, was muß ich sehen!«
»Sie sehen nichts Unrechtes, Herr Petermann,« antwortete Edmund von Randau.
Jetzt erst erkannte der Genannte, wen er vor sich hatte.
»Sie, Herr Lieutenant?« sagte er. »Darf ich vielleicht um eine Erklärung bitten?«
Er hatte die Stirn gerunzelt. Er konnte ja diesem vermeintlichen tête-à-tête nur eine ihm nicht willkommene und nicht wünschenswerthe Deutung geben. Da aber machte seine Tochter sich aus den sie umschlingenden Armen los, trat auf ihn zu, faßte seine Hände und sagte bittend: »Du darfst nicht bös sein, lieber Vater. Edmund meint es so ehrlich, wie Du nur wünschen kannst.«
»Edmund? Ah, Ihr nennt Euch bereits beim Vornamen! Und ich habe nicht die mindeste Ahnung gehabt!«
»Ich auch nicht. Es ist ja so plötzlich gekommen.«
»Plötzlich? Du hast auch keine Ahnung gehabt? Desto unbegreiflicher ist es mir. Herr Lieutenant, meine Tochter ist mir so lieb und so werth, wie nur jemals eine Tochter ihrem Vater sein kann. Sie ist aber das Kind eines armen Mannes, und Sie sind der Sohn eines vornehmen, reichen Hauses. Ernsthafte Wünsche sind also wohl kaum vorauszusetzen, und zu einer vorübergehenden Unterhaltung darf ich mein – –«
»Bitte, bitte,« fiel ihm Edmund in die Rede. »Ich will mich nicht selbst vertheidigen; aber hier steht mein Anwalt, dem Sie denselben Glauben schenken können wir mir.«
Er griff nach der Hand seiner Mutter, welche seitwärts im Dunkel gestanden hatte, und zog sie in den Kreis des Lichtes.
»Wer ist diese Dame?« fragte Petermann.
»Meine Mutter, welche soeben so freundlich gewesen ist, die Hand Ihrer Tochter in die meinige zu legen.«
»Die Frau Baronin von Randau?« fragte der Erstaunte. »Wie soll ich mir erklären – –«
»Die Erklärung ist sehr leicht und sehr einfach, Herr Petermann,« antwortete die Freifrau. »Mein Sohn liebt Ihre Tochter, und sie erwidert seine Liebe. Ich habe keinen Grund, dem Herzenswunsche meines Kindes entgegenzutreten, und so ist ihnen meine Einwilligung geworden.«
»Mein Gott! Höre ich recht?«
»Es ist, wie ich sage.«
Er brachte das richtige Wort nicht hervor. Es war ihm unmöglich, an die Wahrheit der Thatsache zu glauben. Die Baronin ergänzte seinen angefangenen Satz: »Mein Sohn will sich erlauben, Sie um die Einwilligung zu seiner Verlobung mit Valeska zu bitten.«
»Wie? Verlobung? Wirklich Verlobung?«
»Ja.«
»Sie sprechen im Ernste?«
»Natürlich.«
»Sie meinen eine offizielle, gesetzliche Verbindung?«
»Gewiß!«
Mutter und Sohn weideten sich an dem glücklichen Erstaunen des braven, so viel geprüften Mannes.
»Aber das ist doch eine Unmöglichkeit!« rief er aus.
»Warum?«
»Kennen Sie meine Verhältnisse, gnädige Frau?«
»So viel wie es nöthig ist, ja.«
»Und Sie halten es nicht nur für möglich, sondern wünschen es sogar von ganzem Herzen, daß – – mir ist wahrhaftig, als ob ich träume!« setzte Petermann, immer noch zweifelnd, hinzu.
»Glauben Sie immerhin an die Wirklichkeit! Sie sind ein Mann, dem meine volle Achtung gehört. Und was Ihre Tochter betrifft, so hat sie sich mein Herz im Sturm erobert. Ich überraschte diese Beiden, als sie eben den Stimmen ihrer Herzen Gehör schenkten. Valeska wollte entsagen. Sie wollte ein Opfer bringen, dessen Größe das beste Zeugniß von dem Adel ihrer Gesinnung ist. Sie hatte die muthige Selbstüberwindung, meinen Sohn an seine vermeintlichen Pflichten zu erinnern. Sie hat sich damit würdig gemacht, meine Tochter und als solche die Trägerin unseres Namens zu werden. Ich habe mich beeilt, ihr zu sagen, daß Edmund ein solches Opfer nicht annehmen wird und auch nicht anzunehmen brauche.«
»Aber der Herr Baron! Weiß er davon?«
»Noch nicht.«
»Wird er dieselbe Gesinnung hegen wie Sie?«
»Ich hoffe es.«
»Wenn aber nicht –«
»Dann wird es nur kurzer Zeit bedürfen, um ihn zu überzeugen, daß es seine Pflicht sei, vor allen Dingen nach dem Glück seines Sohnes zu trachten.«
Da stellte Petermann den Leuchter auf den Tisch, streckte ihr beide Hände entgegen und sagte, die Augen voller Thränen: »Herzlichen, innigen Dank, gnädige Frau! Sie ahnen nicht, welch ein reiches, werthvolles Geschenk Sie mir geben. Ich habe während jahrelangen Unglückes mit finsteren Geistern gerungen. Es war mir fast unmöglich, den Glauben an Gott und das Vertrauen zu den Menschen festzuhalten. Es ist unterdessen lichter geworden, lichter um mich und lichter in mir. Daß Sie sich aber nicht scheuen, Ihren Namen mit dem meinigen zu vereinen, das söhnt mich mit allem aus, was ich erlitten habe. Dennoch aber kenne ich meine Pflicht ebenso, wie Valeska erkannt hat, was Ihr zu thun übrig bleibt! Sie hatte das einzig Richtige ergriffen: die Entsagung.«
»Ja, ich wiederhole es. Valeska darf nicht die Frau Ihres Sohnes werden. Ich kenne sie; ich weiß, daß ihr Herz brechen wird; aber sie wird ihre Pflicht thun.«
»Und ich die meinige!« fiel der Lieutenant ein. »Sehen Sie, Herr Petermann, ich nehme sie in meine Arme, und nun will ich sehen, wer sie von mir trennen wird!«
»Ich, Herr Lieutenant!«
»Wie wollen Sie das anfangen?«
»Ich werde meine Tochter an ihre Pflicht erinnern, und sie wird mir gehorchen, so schwer es ihr auch fallen mag.«
»Versuchen Sie es!«
»Dessen bedarf es in diesem Augenblicke nicht. Wir Alle sind erregt. Es wird der Augenblick des ruhigen Nachdenkens kommen, und dann werden wir Alle deutlich erkennen, was zu unserem Frieden dient.«
»Das erkenne ich bereits jetzt, und darum – –«
Er wurde unterbrochen. Die Thür zu dem vorderen Zimmer ging abermals auf und eine Stimme sagte:
»Edmund, Junge, wo steckst Du?«
»Hier Vater.«
»Da draußen? Schön! Ich höre soeben, daß wir nach dem Salon kommen sollen, und – ah, Sapperment!«
Er war näher getreten und erkannte Valeska in den Armen seines Sohnes.
»Bist Du erschrocken?« fragte dieser lachend.
»Beinahe! Das ist ja – –«
»Nun, wer?«
»Die schöne Unbekannte im Coupee!«
»Ja.«
»Fräulein Petermann, wie Du sie nanntest!«
»Das ist ihr Name.«
»In Deiner Umarmung – –«
»Du wolltest es ja so!«
»Ich?«
»Ja. Du meintest doch, daß ihr Anblick mich auf andere Gedanken bringen werde.«
»Ah! Oh! Und diese anderen Gedanken sind wohl schon bereits da, wie ich sehe?«
»Ja, ich gestehe es. Ich hoffe, daß Du mir nicht zürnst!«
»Hm! Das läßt sich noch gar nicht sagen.«
Da trat Petermann zwischen den Freiherrn und seinen Sohn und sagte:
»Herr Baron, ich bin ebenso überrascht gewesen, wie Sie es jetzt sind. Ich beeile mich, Ihnen zu erklären, daß dieses außerordentliche Vorkommniß ganz ohne mein Wissen und auch ohne meine Einwilligung eingetreten ist. Ich habe bereits die Ehre gehabt, dies der gnädigen Frau zu erklären –«
»Und ich aber,« fiel die Baronin ein, »habe im Gegentheile erklärt, daß dieses nicht so ganz außerordentliche Vorkommniß meine vollste Billigung findet.«
»Wie? Was?« fragte er.
»Ich habe meine Einwilligung gegeben,« nickte sie ihm im vollen Siegesbewußtsein zu.
»Deine Einwilligung? Wozu denn?«
»Zur Verlobung.«
»Du bist des Teufels!«
»Ja, aber ein desto größerer Engel ist unsere Schwiegertochter.«
»Schwiegertochter? Das geht ja ungeheuer rasch!«
»Ja,« lachte sie herzlich auf. »Dich muß man eben überrumpeln.«
»Das halte ich nicht für nothwendig, beste Frau. Ich glaube, Du bist selbst auch überrumpelt worden.«
»Ich hatte allerdings keine Ahnung.«
»So will ich glauben, daß wenigstens der Hauptschuldige hier eine Ahnung gehabt hat!«
Er wandte sich mit diesen Worten an Edmund. Dieser lachte munter auf und antwortete:
»Eigentlich auch nicht, lieber Vater.«
»Was? Auch nicht? Also Alle ahnungslos. Du bist mir von Allen aber doch der Unbegreiflichste. Weißt Du noch, was wir heute zu Hause gesprochen haben?«
»Sehr gut.«
»Du wolltest nicht heirathen?«
»Auf keinen Fall.«
»Wegen – wegen – – na: weil die Betreffende und so weiter. Und weil ihr Vater, und so weiter!«
»Ich weiß; ich weiß. Ich glaubte natürlich, daß Du Deine Einwilligung versagen würdest.«
»Hier aber denkst Du, daß ich sie gebe?«
»Ja.«
»Warum denn, he?«
»Na, weil Dir Valeska gefallen hat.«
»Hm! Du bist ein Teufelskerl! Mußt Du das verrathen? Uebrigens habe ich mich außerordentlich in Dir geirrt. Ich hätte Deine Gefühle für anhaltender gehalten.«
»Das sind sie auch.«
»Du beweisest aber das Gegentheil. Vor wenigen Stunden konntest Du von der gewissen, betreffenden Dame unmöglich lassen, und jetzt nun – –«
»Lasse ich noch immer nicht von ihr!«
Da trat der Freiherr erstaunt zurück.
»Wie? Verstehe ich recht?« fragte er.
»Natürlich, lieber Vater.«
»Jene Dame, die ich meine, und hier Fräulein Petermann sind wohl gar identisch?«
»Gott sei Dank, ja!«
»Wußtest Du das bereits, als ich von ihr sprach?«
»Ja.«
»Duckmäuser! Heimlichthuer! Also darum gab es so plötzlichen Sonnenschein in Deinem Gesichte! Warum verschwiegst Du es?«
»Ich wollte Thatsachen sprechen lassen.«
»Wenn mir nun aber diese Thatsachen nicht gefallen!«
»Vater! Du kennst mich. Ich habe noch nie etwas gethan, was ich zu bereuen gehabt hätte.«
»Glücklicher Weise weiß ich das.«
»So wirst Du mir wohl zutrauen, daß ich auch hier nicht ohne Ueberlegung handle.«
»Pah! Hat die Liebe etwa Ueberlegung?«
»Warst Du unüberlegt und unvorsichtig, als Du die Mutter kennen lerntest?«
»Hm! Du bist der reine Advocat.«
»Lassen wir uns nicht um unser kaltes Blut bringen, Herr Baron,« sagte Petermann. »Ich gebe Ihnen die heilige Versicherung, daß es nicht meine Absicht ist, eine Einwilligung zu geben, welche Sie zu geben versagen müßten.«
Der Freiherr antwortete nicht gleich: Sein Auge ruhte auf der ehrwürdigen Gestalt des einstigen Sträflings, und glitt dann hin auf die schönen Züge von dessen Tochter. Er sah den bittenden Blick seiner Frau auf sich gerichtet. Es wurde ihm eigenthümlich warm und weich zu Muthe. Sein Herz gewann die Oberhand. Er wußte selbst nicht, wie es so schnell geschah, aber er machte gegen Petermann eine fast strenge, abwehrende Handbewegung und sagte: »Wissen Sie so genau, daß ich meine Einwilligung versage?«
»Ihr Stand, Ihre Familientraditionen, Alles, Alles zwingt Sie ja dazu.«
»Und wenn ich mich nicht zwingen lasse?«
»Vater, lieber Vater,« rief der Lieutenant erfreut.
»Nur sachte, sachte! So sanguinisch wie Du bist, darf ich als Vater nun freilich nicht sein.«
»Mutter hat bereits eingewilligt!«
»Das ist mir eben unbegreiflich.«
Bei diesen Worten wendete er sich an seine Frau. Diese meinte:
»Ich habe sie geprüft.«
»So schnell?«
»Ja. Sie wollte entsagen; sie wollte sterben, damit er seine Pflicht thun könne. Sie bat ihn, dem Rufe seines Standes zu gehorchen. Sie meinte, er werde an der Seite eines anderen Weibes wenn auch kein unendliches Glück, aber doch ein friedliches Dasein finden, und seine Eltern würden dann Diejenige segnen, deren Entsagung er diesen Herzensfrieden zu verdanken habe.«
»Ah! Das hat sie gesagt? Wirklich?« fragte der Freiherr gerührt.
»Ja, ich hörte es.«
»Und da warst Du mit Deiner Prüfung zu Ende. O, ich kenne Dich. Habe ich recht?«
»Gerade durch diese Entsagung hat sie unsere Einwilligung verdient. Müssen wir es nicht anerkennen, daß auch Herr Petermann so entschlossen ist, unseren Verhältnissen Rechnung zu tragen?«
»Ja, gewiß. Es ist ehren-und dankenswerth von ihm. Ich gebe ihm recht. Es giebt in dem nüchternen Leben Factoren zu berücksichtigen, welche man nicht ignoriren darf, wenn man es später nicht bereuen will.«
»Darum bitte ich, das gegenwärtige Gespräch fallen zu lassen,« sagte Petermann. »Ich kann nicht erklären, wie peinlich mir eine Situation sein muß, welche mein Herz mit meinem Ehrgefühl in dieser Weise in Conflict bringt.«
Da klopfte ihm der Freiherr auf die Achsel und sagte:
»Sie sind ein Ehrenmann, und diese Erkenntniß bestimmt mich, in diesem Augenblicke anders zu sprechen, als ich es sonst thun würde. Ja, lassen wir für jetzt diese Unterhaltung fallen. Wir werden zu geeigneter Zeit auf dieselbe zurückkommen. Ich werde die Verhältnisse prüfen, nicht blos mit dem Verstande, sondern auch mit dem Herzen; das verspreche ich Dir, lieber Edmund. Du hast uns heute ein großes Opfer gebracht, indem Du Deiner Carrière entsagen willst. Wir sind Dir Dank schuldig, und Du sollst meine Entscheidung also nicht hart und unbillig finden.«
»Lieber Vater! Habe Dank!« sagte der Lieutenant, ihm die beiden Hände entgegenstreckend.
»Schon gut, schon gut!«
Er schüttelte ihm die Hände und wollte sich dann abwenden, fühlte aber da seine Hand auch von Valeska ergriffen. Sie drückte ihre Lippen auf dieselbe und sagte weinend: »Herr Baron, verzeihen Sie mir! Gott ist mein Zeuge, daß ich Ihnen Ihren Sohn nicht rauben will.«
Das war für ihn ein Angriff, dem er nicht zu widerstehen vermochte. Er zog sie leise an sich und antwortete: »Ihn mir rauben? Gott bewahre! Er soll mir ja nicht geraubt werden; ich soll ihn ja gar nicht verlieren, sondern im Gegentheile eine liebe Tochter gewinnen.«
Die Baronin kannte ihren Mann. Sie ersah den Vortheil und schob ihm auch Edmund in die Arme, so daß er die beiden Liebenden umschlungen hielt, er wußte nicht wie.
»Da hast Du auch diesen!« sagte sie. »Wirst Du hart sein?«
»Gott bewahre, Gott bewahre! Aber, Frau, Du bist doch der reine Ziethen aus dem Busch!«
»Glücklich zu machen, soll man niemals zaudern.«
»Na, Du aber mußt es verantworten!«
»Gern, sehr gern! Also –«
»Das kommt ja gar nicht auf mich allein an! Lieber Herr Petermann, was sagen Sie dazu?«
Der Gefragte befand sich natürlich in einer außerordentlichen Verlegenheit. Das Glück seines Kindes war ihm ja theuer; auch konnte er die ihm bevorstehende Ehre, mit einem aristokratischen Hause verwandt zu sein, wohl schätzen und würdigen, aber er wollte doch nicht als Ein-oder vielmehr als Aufdringling gelten. Daher antwortete er: »Herr Baron, wenigstens ich darf mich nicht überraschen lassen. Ich gebe Ihnen die Vollmacht, auch für mich zu handeln. Was Sie thun, soll mir recht sein.«
»Aber Sie werden mich nicht nachträglich auszanken?«
»Nein. Sie können versichert sein, daß Ihre Entscheidung meine vollste Zustimmung finden wird.«
»Nun denn in Gottes Namen: Hast Du diese Dame denn wirklich so sehr lieb, Edmund?«
»Unendlich, lieber Vater!«
»Und Ihnen, mein Kind, ist mein Sohn ebenso theuer?«
»Ja,« flüsterte Valeska, welche sich kaum getraute, an das ihr bevorstehende Glück zu glauben.
»Soll soll es denn in Gottes Namen gewagt sein. Nehmt meine Einwilligung und meinen Segen, Kinder. Was die Mutter gut geheißen hat, darf der Vater doch nicht tadeln, oder gar rückgängig machen. Möge also die jetzige Stunde uns Allen zum Heil und Segen gereichen!«
Da wurde er von sechs Armen umschlungen, so daß er sich fast nicht zu rühren vermochte. Dann sank Valeska unter Thränen an die Brust der Freifrau.
»So mußte es kommen, meine Tochter,« sagte diese. »Gott der Herr walte über Ihnen und über uns Allen!«
Einer aber konnte nicht sprechen: Petermann. Seine Lippen zuckten unter der tiefen Bewegung seines Herzens. Er streckte dem Freiherrn die Hand entgegen und lehnte sich dabei gegen die Wand, als ob ihm die Kraft, sich auf den Füßen zu erhalten, verlorengehe. Herr von Randau legte theilnehmend den Arm um ihn und sagte: »Fassen Sie sich, lieber Freund. Ich verstehe und würdige Ihre Gefühle. Das Leben ist Ihnen viel, sehr viel schuldig geblieben; es will Ihnen jetzt diese Schuld abtragen. Die Vorsehung kann zuweilen zögern, sie mag zuweilen hart erscheinen, aber sie ist doch stets gerecht.«
Nach einiger Zeit wurden die Anwesenden in den Salon gerufen. Dort fanden sie den Fürsten von Befour und den Rechtsanwalt, mit welchem der Anstaltsdirector von Scharfenberg heute so lange Berathung gepflogen hatte.
Dieser Letztere war nicht zugegen; in den Zügen der beiden anderen Genannten sprach sich ein feierlicher, milder Ernst aus. Der Fürst begrüßte die Familie Randau und sagte: »Ich bin ebenso wie Sie zur Beisetzungsfeier der beiden verstorbenen Herren von Scharfenberg geladen. Es war mir dies überraschend, da ich in keiner näheren Beziehung zu der Familie dieses Namens stehe. Jetzt nun weiß ich, daß ich anwesend sein sollte, um Zeugenschaft zu leisten. Ich thue das mit einer Befriedigung, welche ich mit Worten nicht zu beschreiben vermag. Es steht Ihnen Allen eine sehr große, eine außerordentliche Ueberraschung bevor. Man ist bereits in der Capelle des Schlosses versammelt. Bitte, folgen Sie mir!«
Bei dem Worte Ueberraschung hatte sein Auge mit freundlichem Lächeln auf Petermann und dessen Tochter geruht. Jetzt schritt er voran und die Anderen folgten.
Die Schloßcapelle war mit schwarzem Trauerstoff behangen. Zu Seiten des Altares neigten Palmen ihre Wipfel. Vor demselben, auf hohem Katafalk, standen zwei offene Särge, in welchen die einbalsamirten Körper von Scharfenberg Vater und Sohn lagen.
Der Schein vieler Wachskerzen beleuchtete die aschfarbenen Gesichter der Leichen, zu deren Häuptern der Anstaltsdirector in schwarzem Anzuge stand.
Hinter dem Altar waren die Mitglieder des Kirchenchores von Langenstadt placirt, und an der kleinen Orgel saß der Ortskantor. Er griff, als er die Kommenden eintreten sah, in die Claviatur.
Leise, getragene Accorde schwebten durch den kleinen Raum, dann, als das Vorspiel beendet war, begann der Kirchenchor das Sterbelied:
»Meine Lebenszeit verstreicht,
Stündlich eil’ ich zu dem Grabe,
Und was ist’s, daß ich vielleicht
Noch allhier zu leben habe?
Denk, o Mensch, an Deinen Tod;
Säume nicht, denn Eins ist Noth!«
Jetzt trat der mit anwesende Pfarrer an den Altar und verkündigte in kurzen Worten Namen, Stand und Alter der Verstorbenen. Dann erklang die nächste Strophe:
»Lebe, wie Du, wenn Du stirbst,
Wünschen wirst, gelebt zu haben.
Güter, die Du hier erwirbst,
Würden, die Dir Menschen gaben,
Nichts wird Dich im Tod erfreu’n;
Diese Güter sind nicht Dein.«
Nun folgte die eigentliche Rede des Geistlichen. Er hielt sie kurz, fast karg. Es war, als habe er Grund, auf die gewöhnlichen Lobreden zu verzichten. Als er geendet hatte, trat er vom Altar fort und es folgte der Gesang:
»Tritt im Geist zum Grab’ oft hin;
Siehe Dein Gebein versenken.
Sprich: Herr, daß ich Erde bin,
Lehre Du mich selbst bedenken.
Lehre Du mich’s jeden Tag,
Daß ich weiser werden mag.«
Jetzt erfolgte eine feierliche, fast bedrückende Pause. Der Anstaltsdirector stand noch immer zu Häupten der beiden Särge, so bleich und unbeweglich, als ob er selbst auch todt sei. Jetzt erhob er leise die Hand und sagte in tiefem, ernstem Tone: »Ja, Herr, daß ich Erde bin, lehre Du mich selbst bedenken! Lehre Du mich’s jeden Tag, daß ich weiser werden mag! Diese Worte sind es, welche mir in den Ohren und im Herzen fort und fort geklungen haben, seit ich die erschütternde Nachricht von dem Tode dieser beiden Abgeschiedenen erhielt. Sie sind aus dem Leben gegangen, ohne eine Schuld gebüßt zu haben, die auf ihrem Gewissen lag. Ich als der einzige Ueberlebende der Familie ihres Namens will diese Schuld von ihnen nehmen, ehe wir ihre Körper der Erde anvertrauen.«
Er schwieg einen Augenblick. Es war ein Augenblick gespanntester Erwartung. Dann sagte er:
»Herr Petermann, kommen Sie mit Ihrer Tochter näher. Ich habe zu Ihnen zu sprechen.«
Das hatten die Beiden nicht erwartet. Sie fühlten sich fast erschrocken.
Doch ergriff der Vater die Hand seiner Tochter und trat so nahe, daß Beide in den hellen Schein der Kerzen zu stehen kamen. Jetzt nun fuhr der Sprecher fort: »Hier dieser eine der beiden Heimgegangenen hat ein schweres Verbrechen an Ihnen verübt. Er hat Sie um Ihre Freiheit und um Ihre Ehre gebracht, während es doch von ihm nur eines Wortes bedurft hätte, um Ihre vollständige Unschuld zu beweisen. Er schwieg aus Feigheit und Sie mußten büßen, ohne etwas verbrochen zu haben. Und des Anderen Pflicht wäre es gewesen, Gnade walten zu lassen, selbst wenn er von Ihrer Schuld überzeugt gewesen wäre; er aber verhärtete sein Herz und ließ Sie der ganzen Strenge des Gesetzes anheim fallen. Sie waren ein treuer Diener unseres Hauses und opferten sich, um die Ehre unseres Namens aufrecht zu erhalten. Sie wurden als Verbrecher behandelt, und Ihr einziges, unschuldiges Kind fiel in ruchlose Hände, aus denen es glücklicher Weise errettet wurde. Das Alles haben diese beiden Todten zu verantworten. Sie sind hinübergegangen, ohne Sühne leisten zu können. Ich habe die Pflicht, es an ihrer Stelle zu thun. Ich erkläre hiermit an den Särgen der Schuldigen, daß an Ihnen, Herr Petermann, nicht der mindeste Makel haftet, daß Sie vielmehr den Verstorbenen ein Opfer gebracht haben, für welches die Kräfte von Millionen Anderen nicht ausreichend sein würden. Ich bin bereit, Ihnen eine Genugthuung zu gewähren, welche mein Gewissen mir gebietet, bitte Sie aber jetzt als der Letzte meines Namens, Ihrem Werke die Krone aufzusetzen, indem Sie den Seelen der Abgeschiedenen Ihre Verzeihung in das Jenseits nachsenden. Darf ich hoffen, daß Sie mir diese Bitte erfüllen?«
Es war so still in der Capelle, daß man das Zittern einer Spinnwebe hätte hören können. Dann sagte Petermann:
»Ich verzeihe ihnen.«
»Und Ihre Tochter?«
»Sie verzeiht ebenso wie ich. Gott möge ihnen ein gnädiger Richter sein. Ich werde für sie beten.«
»Und Ihnen möge er lohnen, was die Todten Ihnen nicht mehr lohnen können! Jetzt, da sie Vergebung gefunden haben, wollen wir ihre Hüllen der Erde anvertrauen.«
Es traten die dazu bestimmten Männer herbei. Die Gruft wurde geöffnet, man verschloß die Särge, nahm sie von den Katafalken herab und ließ sie in die dunkle Vertiefung hinab, welche dann, nachdem der Geistliche den Segen gesprochen hatte, über ihnen geschlossen wurde.
Der Fürst kehrte mit den Anderen nach dem Salon zurück, wo man sich fast ganz wortlos verhielt, bis der Anstaltsdirector nachkam. Er reichte Petermann und Valeska die Hand und sagte: »Jetzt nun will ich Ihnen auch meinen Dank sagen und von der Genugthuung sprechen, welche ich Ihnen gewähren muß. Sie haben die Ehre Ihres Namens der des meinigen geopfert; die einzige Satisfaction kann nur darin bestehen, daß ich Sie Theil an meinem Namen nehmen lasse. Ich bin der Letzte meines Stammes und habe keine Kinder. Fräulein Petermann, Sie sollen meinen Namen nebst dem Ihrigen führen. Seine Majestät der König hat die Erlaubniß ertheilt, daß Sie sich Valeska von Scharfenberg-Petermann schreiben. Ich adoptire Sie. Sie sind von diesem Augenblicke an meine Tochter und meine einzige Erbin. Die Documente sind ausgestellt. Darf ich sie Ihnen übergeben, Herr Petermann?«
Der Gefragte war sprachlos, seine Tochter ebenfalls. Der Director mußte seine Frage wiederholen, ehe er die Antwort erhielt: »Das ist unmöglich, ganz unmöglich!«
»Ich erfülle eine Pflicht, Herr Petermann, und ich erfülle sie gern. Ich will Ihnen nicht Ihre Tochter rauben, ich will Ihnen auch nicht zumuthen, die Adoption als ein Äquivalent für das, was Sie erduldeten, zu betrachten, sondern ich will Ihnen damit den Beweis geben, daß Sie meine vollste Achtung besitzen. Und indem Sie in die Adoption willigen, sollen Sie mir zeigen, daß Sie den Todten wirklich verziehen haben und auch gegen mich keinen Groll hegen.«
»Da sei Gott vor!«
»Also, nehmen Sie an?«
»Es ist zu viel, zu viel!«
Da sagte der Fürst zu ihm:
»Petermann, Sie dürfen nicht allzu zart sein. Wollten Sie auch verzichten, so doch in Rücksicht auf Ihre Tochter nicht. Für diese ist es ein Geschenk des Himmels, welches Sie unmöglich zurückweisen dürfen.«
Da dachte er an die Verlobung seiner Tochter mit dem Lieutenant und schnell entschlossen wendete er sich an den Director: »Herr Hauptmann, ist es wirklich Ihr Ernst?«
»Können Sie daran zweifeln?«
»Nun gut, ich will mich nicht weigern, falls meine Tochter bereit ist, Ihren Namen zu tragen.«
»Und Sie, Fräulein Petermann?«
»Ich kann es kaum fassen,« antwortete die Gefragte.
»O, Sie werden sich schnell daran gewöhnen. Ich verlange kein persönliches Opfer von Ihnen. Sie sollen meinen Namen tragen und meine Erbin sein. Hier meine Hand; bitte, schlagen Sie getrost ein!«
Da gab sie ihre Hand hin. Sie mußte unterzeichnen, ebenso ihr Vater und dann die Zeugen auch. Noch war man damit beschäftigt, so brachte ein Diener eine an den Fürsten gerichtete Depesche. Er öffnete sie, las und sagte dann im Tone freudiger Ueberraschung: »Meine Herrschaften, eine freudige Botschaft: Franz von Helfenstein ist ergriffen worden.«
»Wo, wo?« rief es rundum.
»Droben im Walde. Er ist von einem Felsen gestürzt und hat sich nicht weiter flüchten können. Er liegt in der Hütte eines Köhlers und der Arzt giebt Hoffnung, daß man ihn am Leben erhalten könne.«
»Gott sei Dank!« sagte der Director. »Jetzt wird man ihn nun nicht wieder entkommen lassen. Er wird für lebenslang mein Zögling sein, wenn es ihm nicht ganz und gar an den Kragen geht.«
Eben als der Director diese Worte gesagt hatte, kehrte der Diener zurück und meldete, daß ein Herr den Fürsten zu sprechen verlange.
»Wer ist es?«
»Herr Doctor Zander aus der Residenz.«
»Ah, dieser ist hier! Lassen Sie ihn herein!«
Der Doctor begrüßte die Anwesenden, welche sich alle wunderten, ihn hier zu sehen, und sagte zum Fürsten: »Durchlaucht, eine Neuigkeit; der Baron von Helfenstein –«
»Ist gefangen?« fiel der Fürst ein.
»Noch nicht – oder ja: ich weiß nicht, woran ich bin.«
»Wieso?«
»Ich glaube, ihn jetzt gesehen und gesprochen zu haben.«
»Wo denn?«
»Hier in Langenstadt.«
»Wohl schwerlich. Er wurde heute ganz anderswo gefangen.«
»Das sagte allerdings der Bürgermeister auch.«
»Sehen Sie! Sie befinden sich jedenfalls im Irrthum. Aber wie kommen denn Sie herauf nach Langenstadt?«
Der Gefragte erröthete ein wenig und antwortete:
»Um mich zu verloben.«
»Sie scherzen!«
»Fällt mir gar nicht ein.«
»Aber – mit wem denn nur?«
»Mit der kleinen Magda Weber, welche Sie ja kennen.«
»Ah, richtig! Sie ist ja von hier. Das ist aber ja recht schnell und heimlich gegangen, lieber Doctor.«
»Soll aber nun desto länger währen und auch öffentlich werden. Magda erhielt eine Depesche von ihrem Vater, daß sie schleunigst kommen solle. Ich begleitete sie. Hier angekommen, hörten wir von ihrem Vater, daß er seinen Neffen aus Amerika erwarte; deshalb hatte er die Tochter zu sich gerufen. Der Neffe soll sein Glück gemacht haben. Eben als wir vor einigen Minuten beim Abendessen saßen, kam der Erwartete, in welchem ich zu meinem Erstaunen oder vielmehr zu meinem Schreck den ›Hauptmann‹ zu erkennen glaubte.«
»Sie irren sich jedenfalls.«
»Das scheint so, wie ich höre.«
»Es gab also eine Ähnlichkeit?«
»Eine bedeutende sogar.«
»Zufall! Stimmte auch das Alter?«
»Ja.«
»Sehr anständig. Doch trug er einen Tornister auf dem Rücken.«
»Das ist nichts Auffälliges. Er reist als Tourist. Haben Sie sich etwas merken lassen?«
»Ich war freilich sehr überrascht.«
»Und er?«
»Auf ihn machte mein Anblick allerdings nicht den mindesten Eindruck. Das fiel mir freilich auf. Der Baron Franz von Helfenstein kennt mich und weiß auch, daß ich ihn kenne. Er wäre jedenfalls erschrocken, mich zu sehen.«
»Da haben Sie es! Was thaten Sie?«
»Ich nahm eine Veranlassung wahr, mich zu entfernen, und ging zum Bürgermeister, als dem Oberhaupte der hiesigen Polizei. Auch er sagte mir, daß der Hauptmann heute gefangen worden sei. Alle Polizeiorgane des Landes sind sofort auf telegraphischem Wege davon benachrichtigt worden.«
»Sie haben sich also geirrt.«
»Aber diese große Ähnlichkeit!«
»Sie kann keine Veranlassung sein, diesen Mann zu belästigen.«
»Ich erfuhr beim Bürgermeister, daß Durchlaucht hier anwesend seien. Darum kam ich sogleich hierher, um Ihnen die betreffende Mittheilung zu machen und um Verhaltungsmaßregeln zu bitten.«
»Hatte der Bürgermeister die Absicht, einzuschreiten?«
»Nein.«
»So habe ich sie auch nicht.«
»Aber es handelt sich um den Hauptmann, Durchlaucht. Man kann nicht vorsichtig genug sein.«
»Sie haben da freilich recht. Wie sprach der Fremde?«
»Er gab das Deutsche mit amerikanischem Accent.«
»Hm. Diesen Accent kann man auch nachmachen. Wie lange bleiben Sie hier?«
»Bis zum letzten Zuge, mit welchem ich zurückfahre.«
»Auch ich benutze diesen Zug. Wir haben noch über zwei Stunden bis dahin. Ich werde ganz sicher gehen und direct beim Minister telegraphisch anfragen. Sie kehren wohl zu dem Vater Ihres Bräutchens zurück?«
»Ja.«
»Das ist schon aus dem Grunde nöthig, um bei dem Fremden keinen Verdacht zu erwecken. Wollen Sie mir unterwegs die Depesche besorgen?«
»Gern.«
»Es soll auf die Antwort, welche ich erhalte, ankommen, ob ich mich mit dem Amerikaner beschäftige. Ich werde das Telegramm sogleich notiren.«
Er riß ein Blatt aus dem Notizbuche und schrieb die wenigen Worte, welche nöthig waren und mit denen sich der Arzt dann entfernte. Während dieses kleine Intermezzo besprochen wurde, hatte Valeska sich an das Fenster zurückgezogen. Der Lieutenant trat zu ihr, drückte ihr innig die Hand und flüsterte ihr zu: »Wer hätte das gedacht! Du jetzt eine Baronesse!«
»Ich kann es noch nicht fassen!«
»Jetzt wirst Du wohl stolz werden!«
»O nein!«
»Und gar nicht mehr an diesen Lieutenant von Randau denken.«
»Edmund!«
»Na, zürne nicht! Ich habe eine Freude, die gar nicht zu beschreiben ist. Und weiß Du, worüber?«
»Nun?«
»Darüber, daß meine Eltern ihre Einwilligung gegeben haben, bevor sie wußten, was der Director Dir zugedacht hatte.«
»Ja, das ist es. Darüber, gerade darüber bin ich so glücklich, daß ich alle Welt umarmen möchte.«
Als man später bei der Tafel saß, kam die telegraphische Antwort aus der Residenz. Sie lautete:
»Hauptmann in Langenstadt ist großer Irrthum. Baron ganz sicher in unseren Händen.«
Aus diesem Grunde fiel es dem Fürsten gar nicht ein, sich mit dem angeblichen Amerikaner zu beschäftigen.
Dieser hinwieder hatte sich in einer nicht sehr angenehmen Situation befunden, war aber doch so kühn gewesen, das Resultat ruhig abzuwarten.
Er hatte den weiten Weg nicht ganz zu Fuß zurückgelegt, sondern streckenweise sich bietende Fahrgelegenheiten benutzt. Einige Male in Gasthöfen einkehrend, hatte er gehört, daß der Hauptmann gefangen worden sei. Das hatte ihm eine Sicherheit gegeben, welche er im anderen Falle nicht besessen hätte. –So war es Nacht geworden, als er Langenstadt erreichte. Auf seine Frage wurde ihm die Wohnung des Holzschnitzers Weber beschrieben. Er fand sie sehr leicht und wollte eben die Hausthür öffnen, als eine Frau heraustrat. Er grüßte und fragte: »Wohnt hier der Holzschnitzer Weber?«
»Jawohl.«
»Ist er zu Hause?«
»Ja. Wollen Sie zu ihm?«
»Gewiß.«
»Ich bin seine Frau.«
»Seine Frau, also meine Tante!«
»Tante! Herrgott! So bist Du der Neffe?«
»Ja, freilich. Ich komme so spät, weil ich die letzte Strecke zu Fuß gegangen bin. Habt Ihr meinen Brief erhalten?«
»Und die Kisten?«
»Kisten noch nicht. Aber komm, komm herein! Du triffst es gut. Wir haben Verlobung.«
»Sapperment! Wer verlobt sich denn?«
»Die Magda. Komm nur, komm!«
Er folgte ihr und fragte, um nur etwas zu sagen:
»Mit wem wird sie denn verlobt?«
»Mit einem Doctor, denke Dir nur! Er heißt Zander und ist aus der Hauptstadt. Hier herein!«
Sie öffnete die Stubenthür und schob ihn hinein.
Er war, als er den Namen Zander hörte, heftig erschrocken. War das vielleicht derselbe Arzt, den er kannte? Dann befand er sich ja in größter Gefahr! Aber er hatte sich unterwegs eine blaue Brille gekauft und bei einem Barbier sein Äußeres möglichst verändert. Vielleicht war die Gefahr nicht so sehr groß. Die Frau schob ihn so schnell und so resolut vor sich her, daß er den Gedanken, schnell zu entweichen, gar nicht fassen konnte. Er fand nur Zeit, sich einigermaßen zu beherrschen, dann stand er auch schon in der Stube.
Am Tisch saß Weber mit seinen Kindern, Doctor Zander bei ihnen. Sie aßen. Die Frau hatte wohl im Begriff gestanden, etwas zum Essen Nötiges herbeizuholen.
»Da kommt noch ein Gast!« sagte sie in freudigem Tone.
»Guten Abend!« grüßte der Baron.
»Guten Abend!« antwortete Weber, indem er von seinem Platze aufstand. »Wen bringst Du uns denn da?«
»Einen reisenden Handwerksburschen,« lachte die Frau.
»Als Gast? Na, heute ist uns Jeder willkommen.«
»Besonders so ein Handwerksbursche! Rathe einmal, wo er herkommt, Alter?«
»Na, allwissend bin ich nicht!«
»Weit, weit her! Gar über das Wasser herüber.«
»Sapperment! So ist es doch nicht etwa gar –«
»Na freilich ist er’s!«
»Der Neffe?«
»Ja, natürlich.«
»Das ist eine Ueberraschung! So rasch hätten wir Dich doch nicht erwartet. Willkommen, willkommen!«
Er umarmte den vermeintlichen Neffen, welcher die Begrüßung möglichst herzlich erwiderte und auch dem Arzte die Hand in möglichster Unbefangenheit reichte.
»Dieser Herr ist wohl der Bräutigam?« fragte er.
»Freilich! Woher weißt Du das?«
»Von der Tante; sie sagte es bereits draußen. Freut mich sehr, freut mich sehr! Ich hoffe, daß wir gute Verwandtschaft halten werden, Herr Doctor.«
Der Genannte war noch immer ziemlich bestürzt. Der Baron begrüßte nun auch die Kinder, fragte nach ihren Namen und den sonstigen Umständen und wurde dann, als er abgelegt hatte, an den Tisch genöthigt.
Während des Essens ließ man ihn ziemlich in Ruhe. Als es vorüber war, verließ Doctor Zander unter einem plausiblen Vorwande die Stube und das Haus, erkundigte sich auf der Straße nach dem Bürgermeister und suchte denselben auf, um ihm die überraschende Meldung zu machen.
Der Beamte schüttelte den Kopf und sagte:
»Den Hauptmann wollen Sie gesehen haben? Bei dem alten Weber? Das muß ein Irrthum sein. Was will er denn dort?«
»Er giebt sich für den Neffen aus Amerika aus.«
»Ach so! Er ist wohl heute gekommen?«
»Vor kaum einer halben Stunde.«
»Na, da will ich Ihnen sagen, daß Sie sich ganz gewaltig irren. Der Hauptmann ist gefangen worden, aber nicht hier bei uns. Es ist der sämmtlichen Landespolizei sofort telegraphirt worden. Hier bei uns kann er also nicht sein.«
»Sie irren sich jedenfalls.«
»Nicht möglich. Uebrigens weiß ich, daß der Amerikaner kommen will. In so einem kleinen Städtchen erfährt man Alles. Der Baron von Helfenstein wird nicht so dumm sein, sich hierher zu setzen.«
»Aber es ist doch ein Irrthum Ihrerseits möglich.«
»Schwerlich.«
»Aber doch! Wollen Sie sich den Mann nicht wenigstens einmal ansehen, ihn nach seinen Papieren fragen?«
»Das kann mir gar nicht einfallen. Er soll steinreich sein; er will sich hier niederlassen; die Stadt wird also großen Nutzen haben. Da wäre es die größte Dummheit von mir, wenn ich ihn sogleich mit der Frage nach seinen Legitimationen beleidigen wollte. Er würde sich hüten, bei uns zu bleiben.«
»Aber ich mache Sie verantwortlich!«
»Sehr wohl! Ich habe meine Depesche. Und – da fällt mir ein, daß sich der Fürst von Befour so viele Mühe mit dem Hauptmanne gegeben hat. Dieser Herr befindet sich heute hier auf dem Schlosse. Wollen Sie etwa –«
»Wie? Der Fürst ist hier?«
»Ja. Es muß bei der Beisetzungsfeierlichkeit noch irgend etwas Besonderes los sein. Kennen Sie ihn?«
»Sehr gut sogar.«
»So suchen Sie ihn auf und sprechen Sie mit ihm. Wenn er an Ihre Angaben glaubt, so will ich mich bereit finden lassen, sonst aber nicht.«
Der Doctor ließ sich nicht weiter mit ihm ein und eilte nach dem Schlosse. Dort wurde ihm der bereits beschriebene Empfang. Er besorgte das Telegramm und kehrte dann zu Weber zurück, wo man auf seine Abwesenheit kein Gewicht gelegt hatte, da man zu sehr mit dem Verwandten beschäftigt gewesen war.
Nur allein diesem war es beängstigend aufgefallen, daß der Arzt sich für so lange Zeit entfernt hatte. Er wußte genau, welche Absicht derselbe verfolgte, beschloß aber doch, zu bleiben, da er auf den Umstand rechnete, daß die Gefangennahme des Hauptmannes bereits überall bekannt sei.
Er hatte sich nicht getäuscht. Es kam kein Polizeibeamter; der Doctor war also abgewiesen worden.
Dieser Letztere seinerseits war nun neugierig, ob der Fürst von Befour kommen werde. Er beschloß, diesen verdächtigen Neffen nicht aus den Augen zu lassen und lenkte die Unterhaltung so, daß endlich das Gespräch auch auf den Hauptmann kam. Der Amerikaner ging darauf ein, indem er fragte: »Was für ein Mensch ist denn eigentlich dieser Spitzbube? Er hat mir heute auch Molestation verursacht.«
»Dir?« fragte Weber. »Wieso denn?«
»Ich wurde seinetwegen angehalten.«
»Nicht doch!«
»Freilich! Ich soll ihm ähnlich sehen.«
»Ja. Ich wurde schon an der Grenze veranlaßt, mich zu legitimiren, und da erhielt ich diese Passirkarte.«
Er zog sie aus der Tasche, legte sie auf den Tisch und sah zu seinem Vergnügen, wie rasch der Arzt sich ihrer bemächtigte, um sie in Augenschein zu nehmen. Dann fuhr er fort: »Es gab nämlich eine Menge Militär im Walde. Sie wollten den Hauptmann fangen. Ein Lieutenant hielt mich an. Ich gab ihm die Karte; aber erst als ich ihm auch die übrigen Documente gegeben hatte, ließ er mich fort. Hier diese.«
Dabei zog er seine Legitimationen hervor und gab sie dem Doctor. Dann sagte er weiter:
»Nur eine Minute später haben sie den Kerl auch wirklich gefunden und gefangen. So kann man einer Ähnlichkeit wegen in Verlegenheit kommen.«
»Sie sind ihm auch wirklich sehr ähnlich,« sagte Zander.
»So? Sie kennen ihn?«
»Sogar sehr genau.«
»So sind Sie freilich competent. Ist die Ähnlichkeit denn in Wahrheit so sehr bedeutend?«
»Sie ist sehr groß.«
»So hätten Sie mich ja für ihn halten können.«
»Das habe ich auch gethan.«
»Na, das ist kein Compliment für mich, Herr Doctor!«
»Ich kann nichts dafür. Ihre Documente allerdings beweisen mehr als zur Genüge, daß der Verdacht unbegründet ist.«
»Also wirklich bereits Verdacht! Hätte ich das gewußt, so wäre ich drüben geblieben.«
»Unsinn!« sagte der Onkel. »Deshalb brauchtest Du nicht drüben zu bleiben. Hoffentlich bleibst Du hier in Langenstadt?«
»Möglich. Entweder bleibe ich hier, oder ich kaufe mich in der Residenz an. Dann zieht Ihr mit.«
»Das wäre herrlich! Magda zieht ja hin. Dann wären wir Alle beisammen.«
Im Stillen aber nahm sich der Baron vor, nur die Ankunft der Kisten abzuwarten, um sich des werthvollsten Inhaltes derselben zu bemächtigen und dann für immer zu verschwinden. Er mußte erzählen und half dazwischen allerlei Luftschlösser bauen. Als so die Zeit verging, ohne daß etwas geschah, gewann er die Ueberzeugung, daß für ihn keine Gefahr vorhanden sei. Und da er zufälliger Weise auch von der Anwesenheit des Fürsten nichts erfuhr, so zeigte er eine Sicherheit des Benehmens, welche dem Doctor die volle Ueberzeugung gab, daß er sich geirrt habe.
Dieser Letztere mußte endlich aufbrechen. Weber wollte ihn nach dem Bahnhofe begleiten, doch nahm er dies nicht an. Nur Magda trat mit ihm hinaus vor die Hausthür, um ihren Abschiedskuß zu empfangen; dann begab er sich allein fort.
Als er auf dem Bahnhofe mit dem Fürsten zusammentraf, sagte dieser:
»Ich erhielt die Antwort. Der Hauptmann ist wirklich gefangen worden. Sie haben sich also geirrt.«
»Das sehe ich jetzt auch ein, obgleich es mir erst unwahrscheinlich war. Ich habe die Legitimation des Amerikaners gesehen und bin überzeugt worden.« –Um dieselbe Zeit brannte in der Stube des Kohlenbrenners Hendschel eine kleine Lampe, welche nur ein sehr spärliches Licht verbreitete. Der Verunglückte lag regungslos im Bette, an welchem eine Krankenwärterin saß, die man aus der Residenz gesandt hatte.
Auch der Staatsanwalt war gekommen. Er hatte sich überzeugt, daß der Kranke unfähig sei, zu entfliehen und war dann in die Kammer gegangen, wo er für diese Nacht schlafen sollte.
Am Tische, von dem Scheine des Lichtes nicht getroffen, saß der Köhler mit seiner Frau. Sie hatten allerlei Gedanken auszutauschen und sprachen so leise mit einander, daß die Pflegerin nichts davon hören konnte.
»Und ich behaupte doch, daß er es nicht ist,« raunte die Frau dem Manne zu, ein begonnenes Gespräch fortsetzend.
»Aber beweisen kannst Du es nicht!«
»Nein.«
»Woher willst Du das so genau wissen?«
»Ich fühle es.«
»Unsinn!«
»Das ist kein Unsinn, Alter! Wir Frauen haben so ein feines Gefühl, weißt Du. Wäre nur sein Gesicht nicht so sehr zerschunden, daß man die Züge sehen könnte.«
»Aber es waren doch seine Kleider!«
»Das ist eben das Sonderbare!«
»Auch hatte er unser Brod einstecken.«
»Daran denke ich auch. Aber ich kann mir den Kopf zerbrechen, ich finde keine Erklärung.«
»So müssen wir eben warten, bis das Gesicht wieder heil geworden ist.«
»Das kann lange dauern. Wenn es doch wenigstens ein anderes Zeichen gäbe, an welchem – Du, Vater, da fällt mir etwas ein, ah, etwas Wichtiges!«
»Was denn?«
»Weißt Du, was dieser Hirsch am Finger hatte?«
»Hm! Einen Ring.«
»An welchem Finger?«
»Am rechten, kleinen.«
»Richtig! Ich besinne mich ganz genau. Wie sah der Ring aus?«
»Er war dünn, hatte aber einen großen, rothen Stein.«
»Dieser Stein funkelte so bei Licht. Wollen wir einmal nach der Hand sehen?«
»Ja, aber nichts sagen.«
Nach einiger Zeit erhob sich die Alte, machte sich in der Nähe des Bettes zu schaffen und kehrte dann zurück.
»Er hat keinen Ring,« flüsterte sie.
»Auch an der Linken nicht? Vielleicht irren wir uns in Beziehung auf die Hand.«
»Er trägt überhaupt keinen Ring.«
»Sollte er ihn verloren haben?«
»Wohl nicht. So ein Ring pflegt fest zu stecken.«
»Du, das kommt mir allerdings nun verdächtig vor! Ich glaube, er ist von dem Sturz sofort betäubt worden, so daß er gleich regungslos gewesen ist. Und doch sah ich ganz deutlich, nachdem ich den gräßlichen Schrei gehört hatte, daß sich etwas an der betreffenden Stelle bewegte. Ob wohl Jemand dagewesen ist und ihm den Ring gestohlen hat?«
»Möglich ist es. Wer aber könnte das gewesen sein?«
»Vielleicht Der, den der Lieutenant in der Nähe getroffen hat. Weißt Du nicht, daß davon gesprochen wurde?«
»Ja. Es ist ein Amerikaner gewesen.«
»Den der Lieutenant für den Hauptmann gehalten hat.«
Es entstand eine längere Pause. Der Köhler brummte einige Male vor sich hin, kratzte sich hinter dem Ohre, brummte wieder und wieder, bis das endlich doch seiner Frau zu auffällig wurde. Sie fragte flüsternd: »Was hast Du denn?«
»Einen Gedanken.«
»Na, da giebt es doch nichts zu brummen!«
»Oho! Es ist ein ganz verzweifelter Gedanke.«
»Laß ihn doch hören!«
»Er will nur schwer heraus. Er ist so dumm, aber doch auch sehr gescheidt. Ich weiß nur nicht, welches von Beiden das Richtige ist. Es war eine verflixte Geschichte.«
»Was denn?«
»Wenn der Amerikaner der Hirsch gewesen wäre.«
»Mann, wo denkst Du hin!«
»Und der Kranke hier ist ein Unschuldiger.«
»Wie wäre das möglich?«
»Der Hirsch hätte ihn herabgestürzt.«
»Herrgott!«
»Und nachher die Anzüge gewechselt.«
»Mann, Alter! Ich fürchte mich vor Dir!«
»Na, ich habe ihn doch nicht herunter gestürzt.«
»Aber Du sinnst Dir solche Sachen aus – – Herrgott!«
Die Frau fuhr entsetzt vom Stuhle auf, ihr Mann ebenso. Der Kranke hatte nämlich in diesem Augenblicke, ohne sich nur im Geringsten dabei zu bewegen, einen fürchterlichen Schrei ausgestoßen, einen so entsetzlichen Schrei, daß auch die Krankenpflegerin laut aufgeschrien hatte.
»Mein Heiland!« sagte der Köhler. »Das ist derselbe Schrei, den ich im Walde hörte.«
Sie horchten. Der Kranke war wieder ruhig. Draußen aber knarrte die Treppe, und der Staatsanwalt, der sich nicht entkleidet hatte, trat ein.
»Wer schrie so?« fragte er.
»Hier,« antwortete die Pflegerin, auf den Kranken deutend.
»Sagte er etwas?«
»Nein. Er schrie nur auf.«
»So, so! Ich dachte, es wäre etwas geschehen.«
Es wurde, als er sich beruhigt hatte, in der Stube wieder still. Nur die alte Wanduhr ließ ihr regelmäßiges, monotones Tiktak hören. Die Wärterin nickte leise vor sich hin. Sie war nahe daran, einzuschlafen.
Da begann der Kranke, leise, ganz leise zu wimmern. Es klang fast, als ob er singen wolle. Dann plötzlich sagte er lauter und ganz verständlich: »Weber heiße ich.«
Darauf ward es wieder still. Die beiden Alten stießen sich an. Sie wollten sich eine Mittheilung zuflüstern; da aber erklang es kurz und zornig: »Aus Amerika – – nach Langenstadt.«
Die Pflegerin schüttelte verwundert den Kopf. Der Köhler aber raunte seiner Frau erschrocken zu:
»Hast Du es gehört?«
»Ja.«
»Weber heißt er!«
»Nach Langenstadt will er!«
»Aus Amerika kommt er!«
»Sollte Gevatter Weber gemeint sein?«
»Du, höre, der hat ja Verwandte drüben.«
»Und der Mann, den der Lieutenant im Walde getroffen hat, ist ein Amerikaner gewesen.«
»Hat aber dem Hauptmanne so sehr ähnlich gesehen.«
»Das kommt mir immer verdächtiger vor!«
»Horch!«
Der Kranke wimmerte leise fort, doch immer noch, ohne sich zu bewegen. Er hielt auch die Augen geschlossen. Sodann murmelte er kurze, unverständliche Worte vor sich hin, bis man endlich deutlicher hörte: »Mein Ranzen – – viel Geld – – – Holzschnitzer – – – ha, stürzt mich hinab – – –«
Das Letztere hatte er mit lauter Stimme gerufen. Dann ließ das Wimmern nach und er schlief wieder ein. Es war nichts mehr zu hören. Der Köhler wartete eine ganze Weile. Als das Schweigen andauerte, sagte er zu der Alten: »Jetzt ist es fast gewiß, daß er den Gevatter meint!«
»Denkst Du?«
»Ja. Weber – Holzschnitzer – Langenstadt. Es kann ja gar kein Anderer gemeint sein.«
»Was wollte er mit dem Ranzen?«
»Er wird einen gehabt haben und viel Geld drin.«
»Sagte er nichts vom Hinabstürzen?«
»Ja, freilich. Du, ich habe einen großen Verdacht!«
»Ich fast auch.«
»Was denkst Du denn?«
»Dieser Hirsch ist doch der Mörder gewesen.«
»Das ist’s, was auch mir nicht aus dem Sinne will.«
»Er hat den Fremden getroffen und vom Felsen gestürzt, um ihm Alles abzunehmen.«
»Das wäre schauderhaft.«
»Aber es ist doch sehr leicht möglich. Nicht?«
»Ja.«
Sie überlegten schweigend. Erst nach einer längeren Pause stieß der Köhler seine Frau an und flüsterte:
»Ich behalte es nicht auf meinem Gewissen.«
»Was willst Du denn thun?«
»Ich sage es.«
»Wem denn?«
»Dem Staatsanwalt.«
»Daß der Hirsch dagewesen ist?«
»Ja.«
»Was fällt Dir ein! Willst Du uns unglücklich machen!«
»Hm! Ja! Und den Vetter dazu! Der wird nun zu Hause in Obersberg sein. Soll ich ihn in Verlegenheit bringen, nun, da er endlich in Sicherheit ist?«
»Du darfst nichts sagen, kein Wort!«
»Aber mein Gewissen! Wenn der Hirsch eine solche Schlechtigkeit begangen hat!«
»Wir können es doch nicht mehr ändern!«
»Doch, doch! Wer weiß, was er außerdem noch vor hat! Wenn er wirklich das gethan hat, was wir denken, so ist er auf jeden Fall nach Langenstadt.«
»Zu Webers?«
»Ja. Er giebt sich dort für den Amerikaner aus.«
»Während der Unschuldige hier bei uns liegt!«
»Wenn man nur wüßte, was man am Klügsten zu thun hat! Denke Dir, daß Hirsch jetzt fort ist. Wenn er in Langenstadt ertappt würde. Das Geld, das viele Geld!«
»Zehntausend Gulden!«
»Oder fünfzehntausend!«
Es trat wieder ein längeres Schweigen ein. Dann flüsterte der Mann seinem Weibe zu:
»Jetzt weiß ich, was ich thue.«
»Was denn?«
»Hm!«
»Meinst Du nicht?«
»Ich weiß nicht, was das Richtige ist; aber mir ist ganz so, als ob ich mich für Webers ängstigen müsse.«
»Mir auch. Es kann uns ja nichts schaden, wenn ich dem Staatsanwalt meine Gedanken sagen könnte.«
»Das geht nicht.«
»Freilich nicht. Also, soll ich?«
»Thue, was Du denkst!«
»So gehe ich.«
»Aber wann denn?«
»Gleich jetzt.«
»Was? Mitten in der Nacht? Durch den Wald?«
»Was ist da weiter? Du weißt, daß ich mich nicht fürchte. Die Wege sind mir ganz genau bekannt. Je später ich von hier gehe, desto später komme ich hin.«
»Wirst Du denn fort dürfen?«
»Wer will es mir wehren?«
»Der Staatsanwalt.«
»Den frage ich gar nicht.«
»Draußen stehen die Militärwachen.«
»Ich bin doch nicht etwa ein Gefangener. Sie haben aufzupassen, daß der Kranke nicht entkommt. Ich thue, als ob ich nach dem Meiler muß. Sie können mich nicht anhalten.«
»Was sage ich denn, wenn ich nach Dir gefragt werde?«
»Das weiß ich nicht. Du mußt Dich nach den Umständen richten. Ich kann doch nicht vorher wissen, was geschehen wird.«
Sie besprachen die Angelegenheit noch eine kurze Zeit; dann war der Alte fest entschlossen, nach Langenstadt zu gehen.
Es mochte wenig über Mitternacht sein, als er aus seiner Hausthüre trat.
»Halt! Werda!« ertönte ihm eine Stimme entgegen.
»Der Köhler.«
»Stehen bleiben.«
Der Posten kam näher und überzeugte sich, daß er nur den Köhler vor sich habe. Größerer Sicherheit halber trat er an den Laden und blickte durch die Ritze desselben in die Stube, wo er den Kranken liegen sah.
»Ich denke, Sie schlafen,« sagte er.
»Das geht heute nicht. Ich muß den Meiler anbrennen.«
»Sie müssen in den Wald?«
»Ja. Oder darf ich etwa nicht?«
»Warum nicht? Wir haben nur den Kranken festzuhalten.«
»Der läuft Ihnen nicht davon. Gute Nacht.«
Der Posten lauschte, bis er die Schritte des sich Entfernenden nicht mehr hörte, und setzte dann seinen Rundgang fort.
Es waren zehn Mann Soldaten unter einem Unteroffizier eingetroffen. Sie hatten ihr Quartier hinter dem Hause in einem Waldstreuschuppen und mußten sich Zwei zu Zwei ablösen. Der Gerichtsarzt, welcher gegen Abend hier gewesen war, hatte diese Vorsichtsmaßregel für vollständig genügend erklärt, da der Kranke ja nicht im Stande sei, sein Lager zu verlassen.
Die Nacht verging, und der Tag brach an. Als der Staatsanwalt in der Stube erschien und hörte, daß der Köhler abwesend sei, hatte er nicht das Mindeste einzuwenden. Auch der Arzt, welcher im nächsten Dorfe übernachtet hatte, kam. Er fand in dem Zustande des Kranken nichts verändert. Polizisten und Gerichtsbeamte kamen und gingen. Kurz nach Mittag kam ein Reiter. Als der Staatsanwalt ihn erblickte, ging er ihm entgegen, um ihn in großer Ehrerbietung zu begrüßen. Es war der Fürst von Befour.
»Ist mein Diener hier?« fragte er.
»Welcher, Durchlaucht?«
»Anton.«
»Nein.«
»Ist er hier gewesen?«
»Sonderbar. Ich war gestern verreist, erhielt aber die telegraphische Mittheilung, daß der Hauptmann gefangen sei. Als ich heimkehrte, hörte ich, daß Anton mit dem letzten Zuge abgefahren sei, um sich diesen Hauptmann anzusehen. Ich habe geglaubt, ihn ganz sicher hier zu finden.«
»So kommt er noch. Er hat die letzte Station zwei Uhr Nachts erreicht und dann nicht weiter gekonnt, da es Nacht war und er die Wege nicht kannte.«
»Wie befindet sich der Gefangene?«
»In vollständiger Lethargie.«
»Ist es nicht vielleicht Verstellung?«
»Ganz gewiß nicht. Bitte, wollen Sie sich überzeugen!«
»Ja, gehen wir herein.«
In der ärmlichen Stube angekommen, trat der Fürst an das Bette und betrachtete den Kranken.
»Sein Gesicht ist entsetzlich zugerichtet,« meinte der Anwalt.
»Ja, es ist kein Zug zu erkennen. Woran aber hat man denn den Hauptmann erkannt?«
»An der Kleidung. Es ist diejenige, welche er bei dem Herrn von Scharfenberg mitgenommen hatte.«
»Ist sie genau als dieselbe recognoscirt worden?«
»Mit voller Sicherheit.«
»Hm!«
Der Fürst nahm die Hand des Kranken in die seinige und betrachtete sie. Er schob die Lippen des Bewußtlosen aus einander, betrachtete die Zähne und sagte dann: »Sie haben nicht den Hauptmann gefangen.«
»Nicht? Was!« rief der Anwalt.
»Ich kann es beschwören.«
»Sie erschrecken mich, Durchlaucht!«
»Das sind nicht die feinen, gelblichen Hände des Barons von Helfenstein; das sind auch nicht seine schmalen, matt schimmernden Zähne. Hier diese Zähne sind breit und kräftig, wie diejenigen eines Mannes, welcher gewöhnt ist, harte Rinden zu beißen.«
»Durchlaucht, dürften Sie sich nicht irren?«
»Nein, ich bin meiner Sache gewiß.«
»Aber er hat falsche Perrücke getragen.«
»Das ist freilich auffällig, dennoch aber ist er ein Anderer. Hat er nicht gesprochen?«
»In der Nacht.«
»Was?«
»Einige abgerissene Worte.«
»Die Sie sich natürlich notirt haben?«
»Nein. Sie waren ohne alle Bedeutung.«
»Ich glaube nicht, daß in einem solchen Falle ein Wort ohne alle Bedeutung sein kann. Wer hat gewacht?«
Er deutete auf die Pflegerin. Der Fürst fragte diese:
»Können Sie sich der Worte erinnern?«
»So ziemlich. Er stieß einen lauten Angstschrei aus. Dann sprach er von Herabgeworfenwerden, von einem Tornister, von Geld darin und nannte einige Namen.«
»Welche?«
»Das weiß ich nicht so genau. Er sprach, glaube ich, auch von Amerika und von einem – na, wie war es doch – von einem Holzschnitzer.«
Der Fürst blickte schnell auf.
»Amerika? Holzschnitzer?« fragte er. »Hat er den Namen dieses Holzschnitzers genannt?«
»Ich habe den Namen vergessen.«
»Etwa Weber?«
»Ja, ach ja, Weber in – – in – – –«
»In Langenstadt etwa?«
»Ja, so war es, in Langenstadt.«
»Alle tausend Teufel! Da kommt mir eine Ahnung! Aber wie hat man diesen Mann hier eigentlich gefunden? Wie ist man auf ihn aufmerksam geworden?«
»Durch einen Amerikaner, welcher der militärischen Patrouille begegnet ist,« antwortete der Anwalt.
»Dieser Amerikaner hat auf ihn aufmerksam gemacht?«
»Ja. Er hat erzählt, daß er ihm begegnet sei und sogleich Verdacht habe hegen müssen.«
»Wie war der Amerikaner gekleidet? Gab es an ihm irgend etwas Auffälliges?«
»Er war von dem commandirenden Offizier einer Ähnlichkeit wegen angehalten worden, hatte aber in Folge seiner ausgezeichneten Legitimationen seinen Weg dann fortsetzen dürfen.«
»Herr Staatsanwalt, man hat den Hauptmann entkommen lassen, dafür aber einen Unschuldigen festgenommen, an welchem der Erstere ein Verbrechen begangen hat.«
»Das wäre ja entsetzlich!«
»Ist es auch wirklich. Diesen armen Teufel hier brauchen Sie nicht so sorgfältig bewachen zu lassen. Er entgeht Ihnen nicht. Wir müssen sein Leben zu retten suchen, weil er ein wichtiger Zeuge gegen den Hauptmann sein wird. Daß uns aber der Letztere nicht entkommen möge, dazu will ich wenigstens den Versuch machen. Ich werde Ihnen nach hier Nachricht senden.«
Er eilte hinaus und bestieg sein Pferd. Der Anwalt kam ihm schnell aus dem Hause nach und sagte:
»Darf ich nicht Näheres erfahren, Durchlaucht?«
»Die Zeit ist zu kurz. Ich ahne, wo der Hauptmann sich befindet, und will telegraphisch Befehl zur Arretur geben. Darum muß ich schleunigst nach dem nächsten Orte, an welchem sich ein Telegraphenamt befindet.«
Er jagte davon. Im nächsten Städtchen gab es Post und Telegraph. Von da aus ließ er folgende Depesche abgehen:
»Dem Bürgermeister von Langenstadt.
Sofort Amerikaner bei Holzschnitzer Weber arretiren. Ja nicht entkommen lassen. Umgehend Rückantwort an
Fürst von Befour.«
Er ging in den Gasthof, um diese Antwort zu erwarten. Sie kam nach Verlauf von einer Viertelstunde und lautete zu seinem größten Erstaunen:
»Hat ihn schon! Mit nächstem Zuge ab nach der Residenz.
Anton.«
Das war folgendermaßen zugegangen:
Der alte, brave Köhler hatte, ohne sich im Wege zu irren, den Gebirgswald hinter sich gelegt. Es wurde Tag, als er den nächsten Eisenbahnort vor sich sah. Da kam ihm ein junger Mann entgegen, welcher ihn forschend betrachtete und dann, ihn grüßend, fragte: »Sie wohnen im Walde? Nicht?«
»Ja. Sie sehen das wohl an meinem Habitus?«
»Ja. Sie sind da zwischen den Bergen gut bekannt.«
»Ich kenne jeden Weg und Steg.«
»So ist es Ihnen vielleicht möglich, mich zurecht zu weisen. Ich suche nämlich einen Köhler, weicher Hendschel heißt.«
»So, so! Was wollen Sie bei ihm?«
»Kennen Sie ihn?«
»Ja.«
»Also, wie komme ich zu ihm?«
»Zunächst, was wollen Sie bei ihm?«
»Sie sind sehr neugierig! Aber ich kann es Ihnen ja doch sagen. Ich bin nämlich verwandt mit ihm.«
»Das ist wohl eine sehr nahe Verwandtschaft?«
»Ja.«
»Aber so nahe, daß er Sie gar nicht kennt!«
»Wie kommen Sie zu dieser Ansicht? Er wird doch seine Verwandten kennen, der gute Vetter Hendschel!«
»Er scheint Sie aber doch nicht zu kennen; denn Sie zum Beispiel hat er noch gar nicht gesehen.«
»Meinen Sie?«
»Ja, meine ich, Sie Lügenpeter, Sie!«
»Donnerwetter!« lachte Anton. »Da scheine ich ja ganz gewaltig angeflogen zu sein!«
»Ja, das sind Sie allerdings, Sie Schwindelmeier!«
»Sie sind wohl gar der Vetter Hendschel selbst?«
»Ja, aber nicht Ihr Vetter! Verstanden?«
»Sehr gut, sehr gut! Na, warum kommen Sie auch auf die Idee, mich auszufragen!«
»Und Sie mich!«
»Ich habe mich nur nach Ihrer Wohnung erkundigt. Sie aber wollten von mir noch viel mehr wissen! Also Sie sind Hendschel selbst! Hat man Sie denn fortgelassen?«
»Warum nicht?«
»Ich denke, bei Ihnen giebt es Belagerungszustand!«
»Aber ich werde nicht selbst belagert!«
»Das ist nicht so sehr sicher, wie Sie es glaublich machen. Sie werden wohl so gut sein, mich zurück zu begleiten.«
»Zurück? Wohin denn?«
»Genau bis dahin, wo Sie wohnen.«
»Fällt mir nicht ein!«
»Es wird Ihnen nicht viel Anderes übrig bleiben!«
»Was mir übrigbleibt oder nicht, das ist wohl meine Sache, aber nicht die Ihrige. Guten Morgen und guten Weg.«
Er wollte weitergehen, aber Anton nahm ihn beim Arme und sagte mit höflich impertinentem Lächeln:
»Halt, Vetter! Vorher noch ein Wort in Liebe!«
»Nun, was denn?«
»Bei Ihnen liegt ein Gefangener?«
»Und Sie reißen aus?«
»Wer sagt das?«
»Ich!«
Jetzt wurde der Alte wirklich zornig. Er antwortete:
»Hören Sie, Sie Vetter und Schwindelmeier, machen Sie sich schleunigst aus dem Staube, sonst können Sie sich nur getrost Ihre Knochen und Knöchelchen nummeriren! Ich bin Kohlenbrenner und verstehe, mit Dem da umzugehen.«
Bei diesen Worten schwang er den eichenen Spazierknüttel, den er in der Hand hatte. Anton aber ließ sich keineswegs irre machen. Er griff in die Tasche, zog seine Medaille hervor, zeigte sie ihm und fragte: »Kennen Sie das Dings da?«
»Nein.«
»Nun, so lesen Sie einmal die Schrift!«
»Wozu denn?«
»Damit Sie sehen, wer und was ich bin.«
»Wer und was Sie sind, das ist mir Schnuppe!«
»Sie aber sind mir nicht Schnuppe. Ich bin Criminalpolizist. Diese Medaille enthält meine Legitimation.«
»Was Sie sagen!«
»Lesen Sie also!«
Jetzt nahm der Köhler die Münze und buchstabirte sich mit vieler Mühe die Worte zusammen.
»Sapperment!« meinte er dann. »Das habe ich noch nicht gewußt. So eine Medaille habe ich noch nicht gesehen. Diese Bedeutung habe ich noch nicht gekannt.«
»O, ich kann mich auch noch anders legitimiren. Zum Beispiel hier, so. Sehen Sie diesen sechsschüssigen Revolver? Ihn darf ich gebrauchen, wenn ich auf Widerstand stoße!«
Da lachte der Alte lustig auf und sagte:
»Na, verlieren Sie nur die Courage nicht. Ich thue Ihnen nichts. Ich bin froh, wenn man mich in Ruhe läßt.«
»Da werden Sie meiner freilich nicht froh werden; denn ich habe keineswegs die Absicht, Sie in Ruhe zu lassen.«
»Guter Freund, wir werden schon einig werden. Was wollen Sie denn eigentlich bei mir?«
»Ich will mir Ihren Gefangenen ein Wenig betrachten. Ich hoffe, daß er noch zu finden ist.«
»O, der läuft nicht davon. Der kann kein Glied bewegen.«
»Aber Sie laufen davon!«
»In ganz guter Absicht.«
»Darf ich diese Absicht kennen lernen?«
Der Alte betrachtete ihn noch immer mit mißtrauischem Blicke. Er sagte:
»Jetzt sagen Sie mir einmal aufrichtig: Sind Sie wirklich ein Criminalpolizist?«
»Ja. Sie haben ja die Medaille gesehen!«
»Das verstehe ich nicht. Wie ein Spitzbube sehen Sie mir allerdings nicht aus. Und ich will Ihnen sehr offen sagen, daß vielleicht viel davon abhängt, daß wir uns verstehen.«
»Ich habe da hinten in dem Orte, wo ich übernachtete, gehört, daß der alte Kohlenbrenner Hendschel ein braver Mann sei. Wenn Sie wirklich Hendschel sind, so sagen Sie mir, warum Sie in so auffälliger Weise Ihre Wohnung verlassen?«
»Also Sie sind wirklich Polizist?«
»Ja doch! Ich stehe speciell im Dienste des Fürsten des Elendes. Von dem werden Sie wohl gehört haben.«
»Na und ob! Wenn das so ist, so kann ich aufrichtig gegen Sie sein. Ich bin unterwegs, um den Hauptmann zu fangen.«
»Den haben Sie ja schon!«
»Das glaube ich aber nicht.«
»Nicht? Warum nicht?«
»Ich habe einige Gründe, zu vermuthen, daß unser Gefangener ein ganz braver, unschuldiger Mensch ist. Der Hauptmann steckt jetzt wohl in Langenstadt.«
»Dort? Was Sie sagen! Der Fürst war gestern dort!«
»Ah, der hätte es wissen sollen! Ich vermuthe, daß sich der Hauptmann bei einem gewissen Holzschnitzer Weber einnisten will, der dort wohnt.«
»Holzschnitzer Weber? Ah, der hat eine Tochter in der Hauptstadt, wenn nämlich kein Anderer gemeint ist.«
»Kennen Sie etwa diese Tochter?«
»Heißt sie Magda?«
»Sapperment, ja. Sie ist mein Patenkind, die Älteste von Webers.
Ich habe nämlich früher in der Gegend von Langenstadt gewohnt. Weber ist mein Spezial.«
»Wenn das so ist, so will ich Ihnen Vertrauen schenken. Aber ich verlange ganz dasselbe von Ihnen.«
»Das versteht sich! Vielleicht ist es grad gut, daß ich Ihnen begegnet bin. Ich will Ihnen erzählen.«
Er theilte jetzt Anton seinen Verdacht und die Gründe desselben mit, ohne aber doch zu verrathen, daß der Hauptmann bei ihm sich aufgehalten hatte. Der Polizist hörte ihm sehr aufmerksam zu, überlegte eine Weile und sagte dann: »Vater Hendschel, was Sie da sagen, das klingt nicht ganz ohne. Es ist möglich, daß Sie recht haben. Der Gefangene kann uns nicht entkommen; der Andere aber, den Sie für den Hauptmann halten, ist leicht entwischt. Es ist auf alle Fälle besser, wir eilen nach Langenstadt.«
»Ja, natürlich.«
»Gut, gut! Ah, wenn wir die Prämie verdienten!«
»Ich würde nichts zu beanspruchen haben. Sie sind es ja, der den Gedanken gehabt hat. Auf welche Weise aber wollten Sie denn nach Langenstadt kommen?«
»Nun, zu Fuße. Anders nicht.«
»Da vergeht zu viel Zeit. Wir müssen fahren.«
»Haben Sie Pferde?«
»Die miethen wir uns.«
»Das können Sie sagen, aber ich nicht. Ein halber Gulden ist mein ganzes Vermögen.«
»Damit wollten Sie diesen weiten Weg machen!«
»Warum nicht? In der einen Tasche ein Stück Schwarzbrot und in der anderen einen halben Gulden, mehr braucht man doch wohl nicht. Unsereiner ist nicht auf Kibitzeier, Hummern, Austern und Caviar dressirt!«
»Desto besser! Kommen Sie also! Ich kehre wieder um. Da in der Stadt wird es wohl einen Lohnkutscher geben. Wir könnten zwar die Bahn benutzen, müßten aber einen großen Umweg machen und würden dabei sehr viel Zeit verlieren. Wie aber haben Sie sich denn eigentlich Ihr Auftreten in Langenstadt gedacht?«
»Wie? Nun ich wollte zu Weber gehen.«
»Frei und offen?«
»So, daß Derjenige, den Sie suchen, Sie hätte kommen sehen können?«
»Warum denn nicht?«
»Das ist doch klar! Wenn Ihre Vermuthung richtig ist, so hat der Hauptmann den Amerikaner von der Platte gestürzt?«
»Das meine ich.«
»Er hat sich also in jener Gegend aufgehalten.«
»Das ist freilich möglich.«
»Sogar sehr wahrscheinlich. Ich nehme sogar an, daß er Ihr Haus kennt und auch Sie selbst.«
»Ich glaube gar.«
Er hütete sich wohl, zu sagen, daß er es nicht nur glaube, sondern sogar sehr genau wisse. Anton fuhr fort: »Wenn er Sie kommen sähe, würde er sofort wissen, was seiner wartet und schleunigst die Flucht ergreifen. Das darf nicht geschehen.«
»Ich muß aber doch sehen, ob er es ist.«
»Das lassen Sie nur mir über!«
»Kennen Sie ihn denn auch?«
»Sehr genau.«
»Er wohl auch Sie?«
»Ja.«
»Nun, so dürfen Sie sich ja auch nicht sehen lassen!«
»Ich werde dafür sorgen, daß er mich nicht kennt. Zunächst müßten wir uns heimlich bei Weber nach ihm erkundigen. Das aber hat seine Schwierigkeiten.«
»Wäre es nicht gut, der dortigen Polizei zu telegraphiren?«
»Gut wäre es, wenn man sich auf ihre Schlauheit und Umsicht verlassen könnte. Da ich aber nicht weiß, ob dies der Fall ist, so wollen wir es lieber unterlassen.«
Sie fanden in dem Bahnstädtchen einen Lohnkutscher, der sie kurz vor der Mittagszeit nach Langenstadt brachte. Anton ließ das Geschirr vor dem Rathhause halten und erfuhr, daß der Bürgermeister sich in seiner Expedition befinde.
Das Oberhaupt der Stadt empfing die beiden Männer nicht eben in sehr zuvorkommender Weise, zeigte aber sofort ein anderes Wesen, als Anton sich ihm als Criminalgensdarm legitimirte. Er bot ihnen Sessel an und fragte: »Sie kommen vielleicht in einer amtlichen Angelegenheit?«
»Ja. Ich möchte mir eine Erkundigung gestatten. Ist gestern ein Fremder hier im Orte angekommen?«
»Einige Herren, welche sich nach dem Schlosse begaben, am Abende aber wieder abreisten.«
»Weiter Niemand?«
»Nein.«
»Dann merke ich, daß unsere Reise nach hier zwecklos war. Wir vermutheten nämlich, daß der Holzschnitzer Weber gestern Besuch bekommen habe.«
»Weber? Ah! Das ist ja auch der Fall.«
»Wirklich! Sie verneinten doch die Ankunft eines weiteren Fremden, Herr Bürgermeister.«
»Der Betreffende ist nicht wohl als Fremder zu betrachten.«
»Warum?«
»Er ist Verwandter Webers.«
»Woher?«
»Aus Amerika.«
»Ich pflege Amerika zur Fremde zu rechnen. Haben Sie diesen Herrn vielleicht gesehen?«
»Nein.«
»Aber von ihm gehört?«
»Sogar in höchst amüsanter Weise. Gestern am Abende war ein Mann hier, welcher behauptete, daß dieser Amerikaner der entflohene Baron von Helfenstein sei.«
»Sie untersuchten natürlich die Sache sofort?«
»Das konnte mir nicht einfallen. Ich war benachrichtigt worden, daß der Flüchtling ergriffen worden sei. Die wahnsinnige Idee dieses Doctor Zander konnte mich nicht irre machen.«
»Doctor Zander? Giebt es hier einen Herrn dieses Namens?«
»Nein. Er war aus der Residenz und nur auf Besuch anwesend.«
»Ah! Ich sage Ihnen, daß ich diesen Herrn gut kenne, und daß er nicht die Gewohnheit hat, wahnsinnige Ideen zu besitzen. Hoffentlich befindet sich der betreffende Amerikaner noch bei seinen Verwandten?«
»Auf alle Fälle.«
»Ich werde ein Wort mit ihm zu sprechen haben und ersuche Sie höflichst, mir Ihre Polizeiorgane zur Verfügung zu stellen.«
»Wie? Was? Sie denken doch nicht etwa – – –«
»Daß dieser Doctor Zander Recht gehabt habe? Das ist sehr leicht möglich. Wie wäre es wohl anzufangen, um den Holzschnitzer Weber einmal unbemerkt zu sprechen?«
»Wenn Sie es wünschen, lasse ich ihn citiren.«
»Ist dies möglich, ohne daß es seinem Gaste auffällt?«
»Ich lasse ihm sagen, daß es sich um eine Holzschnitzerei für den Rathhaussaal handelt.«
»Das mag passiren. Versuchen wir es!«
Der Amerikaner hatte ein kleines Oberstübchen als Aufenthalt bekommen. Dort befand er sich, als Weber geholt wurde. Er erfuhr also gar nicht, daß dieser sich nach dem Rathhause zu verfügen hatte.
Weber erwartete wirklich, einen Arbeitsauftrag von dem Bürgermeister zu erhalten. Daher war er nicht wenig erstaunt, bei seinem Eintritte seinen Gevatter Hendschel zu sehen.
Dieser kam sogleich auf ihn zu, begrüßte ihn und sagte:
»Ich bringe Dir diesen Herrn, welcher einmal mit Dir sprechen möchte. Er ist ein Criminalpolizist aus der Residenz.«
Weber erschrak.
»Criminalpolizist?« sagte er. »Ich wüßte nicht, was mich zur Criminalpolizei in Beziehung bringen könnte.«
»Beruhigen Sie sich!« meinte Anton. »Ich komme keineswegs in feindseliger Absicht zu Ihnen. Ich möchte Sie vielmehr vor großem Schaden bewahren. Sie haben gestern Besuch erhalten, wie ich höre?«
»Ja.«
»Wer ist dieser Herr?«
»Mein Neffe aus Amerika.«
»Hm! Haben Sie ihn früher gesehen?«
»Nein.«
»Ist er in alle Ihre Familiengeheimnisse eingeweiht?«
»Ja. Es giebt da übrigens nichts Besonderes zu wissen.«
»Wo befindet er sich jetzt?«
»In seinem Stübchen, eine Treppe hoch.«
»Wird er bei Ihnen mit zu Mittag essen?«
»Ja.«
»Wann wird das sein?«
»Halb ein Uhr.«
»Schön. Können Sie verschwiegen sein?«
»O gewiß.«
»Nun, so haben Sie die Güte, Ihrem Neffen nicht zu sagen, daß Sie hier gewesen sind und daß von ihm die Rede gewesen ist. Es handelt sich nämlich um eine Ueberraschung für ihn, die Sie ihm verderben würden, wenn Sie plauderten. Er soll nämlich mit einem guten Bekannten zusammentreffen, ohne daß er es vermuthet.«
»Ich werde schweigen.«
»Auch den Ihrigen sagen Sie nichts, überhaupt soll kein Mensch vorher Etwas erfahren. Während Sie zu Mittag essen, wird ein Handwerksbursche anklopfen und um ein Wenig Essen bitten. Sie laden ihn ein, sich mit an den Tisch zu setzen; das ist Alles, was Sie zu thun haben. Jetzt können Sie sich wieder entfernen.«
Der Holzschnitzer gab dem Köhler die Hand und fragte:
»Du kommst doch einmal hin zu mir, Gevatter?«
»Jedenfalls. Vielleicht gleich nach dem Mittagessen.«
Weber ging. Anton erkundigte sich beim Bürgermeister, ob es hier einen leidlichen Friseur gäbe und bat ihn, den Gensd’arm und die zwei Stadtpolizisten kommen zu lassen. Der Kohlenbrenner wurde in einem Zimmerchen untergebracht, wo ihn Niemand sehen konnte.
Weber war recht nachdenklich geworden, während er nach Hause ging. Ein Criminalpolizist mit einer Ueberraschung für seinen Neffen, das klang nicht sehr entzückend. Dennoch ließ er sich Daheim nichts merken. Und als seine Frau fragte, um was es sich gehandelt habe, erklärte er, daß er von dem Rathe mit einer Arbeit betraut werden solle.
Die Zeit des Mittagsmahles kam, und der Amerikaner wurde gerufen. Er erschien in der Wohnstube und nahm mit am Tische Platz. Die Unterhaltung war ebenso lebhaft wie bisher. Man erwartete natürlich, daß der Neffe sehr viel zu erzählen habe und auch sehr viel erfahren wolle, und so reihten sich Fragen und Antworten in schneller Folge aneinander, bis es an die Thür klopfte.
»Herein!« sagte Weber.
Da trat ein Handwerksbursche herein, ärmlich zwar, aber reinlich gekleidet und fragte, ob nicht vielleicht ein Wenigkeit vom Essen übrig bleiben werde.
»Wohl kaum,« antwortete der Hausherr.
Seine Frau sah den Burschen forschend an; er schien ihr zu gefallen, denn sie sagte:
»Aber Mann, vielleicht essen wir doch nicht Alles auf.«
»Das wollen wir nicht erst abwarten. Wenn dieser Mann Hunger hat, so mag er sich mit hersetzen. Zureichen wird es für Alle, wenn auch nichts übrig bleiben dürfte.«
Die Frau warf ihrem Manne einen dankbaren Blick zu, und man machte für den Fremden Platz. Er setzte sich in der Weise eines höflichen, gesitteten Menschen auf seinen Stuhl und bekam vorgelegt. Der Amerikaner war ärgerlich, einen Handwerksgesellen zum Tischgenossen zu bekommen. Er machte seiner Unzufriedenheit dadurch Luft, daß er sich an ihm zu reiben versuchte. Er fragte: »Ist denn hier zu Lande das Betteln nicht verboten?«
»Freilich wohl, lieber Herr. Aber wenn man es nicht zur Profession macht, so ist es wohl keine Schande.«
»Es ist auf jeden Fall eine!«
»Der Mensch will leben!«
»Und soll arbeiten!«
»Wenn er keine Arbeit bekommt und nicht verhungern will, so ist er gezwungen, sich an die Güte seiner Mitmenschen zu wenden. Ob sich ein Reicher bei einem Bekannten vornehm zu Gaste bittet, oder ein armer Teufel in Demuth und Bescheidenheit bei einem Unbekannten, das ist ganz dasselbe. Beide sind Gäste.«
»Ja, Beide sind Gäste, der Eine von ihnen aber ist ein Lump.«
»Neffe!« bat die Hausfrau.
»Vielleicht ist der Reiche der Lump,« sagte der Handwerksbursche in ruhigem Tone. »Sie können Recht haben.«
»So ist’s nicht gemeint. Man muß doch wenigstens wissen, mit wem man zu thun hat. Was sind Sie denn eigentlich?«
»Tischler.«
»Können Sie sich legitimiren?«
»Ja.«
»Zeigen Sie doch einmal.«
Der Fremde zog sein Wanderbuch aus der Tasche und gab es dem Amerikaner, ohne ein Zeichen des Zornes merken zu lassen. Er hatte sich das Buch eben erst in der Herberge geholt, wo ein Tischler gesessen hatte.
»Von drüben,« sagte der Baron. »Wann sind Sie zugereist?«
»Heut.«
»Etwa durch den Wald?«
»Ja, Herr.«
»Was giebt es da Neues?«
»Nicht viel Gescheidtes. Ich wäre fast arretirt worden.«
»Ah! Warum?«
»Weil man mich für einen Verbrecher hielt, welchen man suchte.«
»Wer ist das?«
»Der Hauptmann.«
»Der ist doch bereits gefangen?«
»Und dennoch ist er es nicht. Man hat ein Opfer von ihm für ihn selber gehalten.«
»Das müssen Sie mir erklären.«
»Nun, er hat einen Anderen vom Felsen gestürzt und mit dem Todten die Anzüge gewechselt.«
»Das ist doch wohl nur Vermuthung!«
»Mir hat man es als Wahrheit erzählt.«
»So ist der Andere wirklich todt?«
»Man hielt ihn für todt; aber es hat sich herausgestellt, daß Leben in ihm ist.«
»So hat er wohl erzählt, daß er von dem Hauptmann von dem Felsen gestürzt worden ist?«
»Nein. Er kann gar nicht sprechen. Er liegt in tiefster Bewußtlosigkeit.«
»So ist es eben eine grundlose Behauptung. Der Verunglückte ist der Hauptmann selbst.«
»Wohl kaum. Er ist von Leuten untersucht worden, welche den Hauptmann genau kennen und also wissen müssen, daß sie es mit einem andern zu thun haben.«
»Dumm genug von der Polizei, daß sie sich diesen sogenannten Hauptmann abermals entgehen läßt.«
»Bester Herr, Sie scheinen sich in einem großen Irrthume zu befinden, da Sie dies sagen.«
»Wieso?«
»Die hiesige Polizei ist nicht so dumm, wie Sie denken.«
»Aber entkommen hat sie ihn wieder lassen!«
»Eben nicht, denn sie wissen ganz genau, wo er steckt!«
»Was sagen Sie? So mag sie ihn doch ergreifen!«
»Das wird sie jedenfalls auch thun.«
»Sie scheinen ja außerordentlich unterrichtet zu sein!«
»Ich habe nur so nebenbei erfahren, was Andere wissen.«
»So wissen Sie vielleicht, wo er steckt?«
»Ja.«
»Ah, das ist stark! Wollen Sie es uns wohl sagen?«
»Er soll hier in Langenstadt stecken.«
»Ah so! Wohl gar in diesem Hause in dieser Stube?«
»So hörte ich.«
»Gewiß soll ich es sein?«
»So heißt es.«
»Da sagen Sie mir freilich keine Neuigkeit, denn ich wurde gestern einige Male für den Gesuchten gehalten.«
»Zuletzt von dem Herrn Doctor Zander?«
»Ja. Das ist eine zufällige Ähnlichkeit.«
»Ist der Ring, den Sie da am Finger tragen, auch zufällige Ähnlichkeit?«
»Was ficht Sie der Ring an!«
»Ich kenne ihn und zwar sehr gut.«
»Woher denn, wenn ich fragen darf?«
»Ich bin ein alter guter Bekannter des Barons Franz von Helfenstein. Als er arretirt wurde, ließ man ihm diesen Ring einstweilen am Finger, weil er so eng geworden war, daß man ihn nicht herunterbrachte.«
Der Baron erbleichte.
»Das ist ein guter Roman!« hohnlachte er. »Also Sie sind ein Bekannter von ihm? Er kennt Sie also?«
»Ja. Ich wohnte bereits beim Fürsten von Befour und hatte das Vergnügen, Sie mit gefangen zu nehmen. Man nennt mich kurzweg Anton.«
»Anton! Hallunke!« entfuhr es dem Baron.
Er fuhr von seinem Sitze auf; Anton erhob sich auch. Sie standen sich drohend gegenüber.
»Pah!« sagte der Baron, sich fassend. »Das ist ja Puppenspiel. Meine Ähnlichkeit verführt Sie nur.«
»Diese Ähnlichkeit kennt man. Sie sind mein Gefangener!«
»Was! Ich! Arretirt etwa?«
»Ja.«
»Einen freien Amerikaner arretiren!«
»Ich arretire einen entsprungenen Räuber und Mörder.«
»Das versuchen Sie?«
»Sogleich. Hier sind die Handschellen. Bitte, Ihre Hände!«
Er zog die Handschellen aus der Tasche hervor. Jetzt sah der Baron, daß es wirklich Ernst war.
»Hund, so kommst Du mir nicht! Das soll Dir nicht gelingen!«
Er drang mit gezücktem Tischmesser auf Anton ein. Dieser that einen blitzschnellen Griff in die Tasche. Es krachte dreimal hintereinander auf – der Baron ließ Hand und Messer sinken.
»So,« lachte Anton. »Drei Revolverkugeln. Die Hand ist zerschmettert. Sie wird Niemandem wieder gefährlich werden. Binden Sie ihn.«
Auf den Schall der Schüsse hin nämlich hatte sich die Thür geöffnet, und der Gensd’arm war mit den beiden Polizisten eingetreten. Sie waren im Flur postirt gewesen.
Der Baron hatte einige Augenblicke lang ganz entsetzt auf seine blutige Hand geblickt. Jetzt brüllte er auf: »Und noch habt Ihr mich nicht! Blut gegen Blut!«
Er riß das Messer mit der Linken an sich und stürzte sich auf den Gensd’arm, welcher der Thür am nächsten stand. Da aber sprang Anton blitzschnell herbei, faßte mit seiner Linken die bewaffnete Hand des Barons, richtete den Lauf des Revolvers dagegen und drückte dreimal ab.
Der Baron stieß einen Schrei aus, ähnlich demjenigen eines wilden Thieres und wurde dann zu Boden geschleudert. Man fesselte ihm die Arme und die Beine so, daß er nur kleine Schritte zu machen vermochte.
»Dem sind die Flügel für immer gestützt,« sagte der Gensd’arm, auf die beiden zerschmetterten Hände deutend. »Es war allen Ernstes auf mein Leben abgesehen.«
»Ich bin nicht gern grausam,« antwortete Anton, »aber diesem Teufel mußte ich die Macht nehmen. Es wird mich wohl Niemand darum tadeln.«
Weber war, wie sämmtliche Angehörige seiner Familie, vor Bestürzung ganz wortlos gewesen. Jetzt endlich vermochte er wieder zu reden. Er sagte: »Aber, meine Herren, mein Neffe ist ja unschuldig!«
»Ihr Neffe?« lachte Anton. »Es ist der Hauptmann, der Baron von Helfenstein, den wir suchen.«
»Aber er hat ja Legitimationen, Geld und Alles; Alles, was meinem Neffen gehört!«
»Das hat er ihm gestern früh abgenommen, als er ihn von der Felsenplatte stürzte.«