»Ah! Parterre! Wie schlau sie es angefangen haben. Na, erst esse ich, natürlich nur den Kartoffelsalat, die Wurst nehme ich mit nach Hause. Das giebt morgen noch ein Frühstück. Mit dem Arnica mag der Hausverwalter sich selbst und dann meinetwegen auch sämmtliche Ärzte einreiben. Ich werde mir mein Gedächtniß auch ohne Arnica wieder holen.«

Er setzte sich wieder in das Bett und aß den Salat. Als er damit fertig war, stieg er wieder heraus und schob den Riegel vor, um nicht überrascht zu werden. Er zog sich an, so schnell es gehen wollte, brannte sich eine der Cigarren an, steckte die anderen nebst Wurst, Uhr und Portemonnaie ein, riegelte die Thür wieder auf, blies das Licht aus, öffnete das Fenster und stieg hinaus.

Er befand sich im Garten des städtischen Krankenhauses, an welchen eine wenig belebte Straße stieß. Es war ihm ein Leichtes, über den Zaun zu springen; dann überlegte er, wohin er sich zunächst wenden werde.

»Nach Hause nicht! Ich muß gewärtig sein, der Arzt hält diesen Fall eines verloren gegangenen Gedächtnisses für so sehr interessant, daß er mich sogar durch die Polizei zurückholen läßt. Nein, nach Hause nicht. Zunächst gehe ich zu meinem Geiger. Vielleicht weiß der, wo bei mir der Hase im Pfeffer liegt.«

Der Genannte wohnte als Garçon. Er war zu Hause und saß beim Notenschreiben. Als er den Eintretenden erblickte, sagte er ganz erstaunt: »Hauck, Du! Ich denke, Du liegst ganz ohne Verstand!«

»Mensch! Was fällt Dir ein! Kann so ein Kerl, wie ich bin, jemals ohne Verstand sein?«

»Alle Welt sagte es, und es war auch in der Zeitung zu lesen.«

»Glaube nur nicht, was Dir die Blätter aufbinden! Ich bin ohnmächtig gewesen, aber Niemand kann daraus folgen, daß ich keinen Verstand gehabt habe.«

»Na, gut, daß Du wieder zu Dir gekommen bist!«

»Unsinn! Nicht zu mir, sondern zu Dir bin ich gekommen, das siehst Du doch!«

»Du bist und bleibst doch der alte Spaßvogel!«

»Das ist auch das Beste, was ich bin; alles Andere ist nicht viel werth. Laß mich setzen. Es ist wirklich nicht so leicht, wie ich dachte, nämlich das Ausreißen. Der Kopf thut mir wehe, und die Glieder sind matt.«

»Wohl gar aus dem Krankenhause?«

»Wo denn sonst. Sie wollten mich behalten, weil mein abhanden gekommenes Gedächtniß gar so sehr interessant ist. Ja, denke Dir, infolge des Hiebes, welchen ich gestern erhalten habe, kann ich mich nicht mehr auf das besinnen, was gestern geschehen ist. Ich weiß nur, daß ich im Tivoli Musik gemacht habe und dann heute vor kurzer Zeit im Krankenhaus aus der Ohnmacht erwacht bin.«

»Du weiß also nicht, wer Dich geschlagen hat?«

»Nicht die Spur. Ich weiß ja sogar nicht einmal, daß ich gestern getanzt habe. Man hat es mir gesagt.«

»Das ist freilich sehr interessant!«

»Höre, es wäre mir viel interessanter, wenn ich Alles wüßte. Ich nehme an, daß ich Dich gefragt habe, bevor ich tanzte?«

»Natürlich. Ich mußte ja die Pauken schlagen.«

»Kanntest Du meine Tänzerin?«

»Erst später. Er war Laura, die Tochter des früheren Theaterdieners Werner, welcher jetzt Cassirer ist.«

Hauck schüttelte den Kopf und meinte:

»Die kenne ich doch gar nicht!«

»Aber angeguckt hast Du sie immerfort, ja, Du warst so weg in sie, daß Du immer falsch pausirt hast und dabei aus dem Takt gekommen bist.«

»Höre, sei still! Das ist mir noch nie passirt.«

»Es war so. Du tanztest einen Walzer mit ihr und hingst auch dann noch mit den Augen in der Nebenstube, wo sie saß. Nachher hast Du noch zwei andere Mädchen beobachtet und bist wegen ihnen fortgegangen.«

»Noch zwei? Also drei! Da wäre ich doch der reine türkische Pascha gewesen! Wie kam das denn?«

Der Geiger erzählte, was er wußte.

»Höre,« sagte dann der Paukenschläger, »daraus kann ich nicht klug werden. Ich muß Klarheit haben, und da ist es am Allerbesten, ich gehe gleich einmal zu Werners.«

»Da hast Du recht. Weißt Du, wo sie wohnen? Ich weiß es: Altmarkt Nummer Dreizehn, vier Treppen hoch im Hinterhause.«

»Schön! Vielleicht finde ich mein Gedächtniß auf einer von diesen vier Treppen liegen.«

Er ging. Sein Gedächtniß fand er nicht, sondern er traf auf den intriguanten Hausverwalter Solbrig, welcher gezwungen gewesen war, auf Emilie Werner zu verzichten.

»Wohnen Sie vielleicht hier in diesem Hause?« fragte er ihn.

»Ja,« antwortete Solbrig mürrisch.

»So können Sie mir sagen, ob der Herr Theatercassirer Werner da oben wohnt.«

»Der? Was wollen Sie bei ihm?«

»Wünschen Sie das zu wissen?«

»Ja.«

»Na, da fragen Sie ihn nachher selber. Ich habe es nämlich nicht auswendig gelernt und kann es also nicht hersagen.«

Er stieg weiter und lachte über die kräftigen Ausdrücke, welche Solbrig ihm nachschickte. Als er oben eintrat, fand er die Bewohner des Logis in fröhlicher Stimmung bei einander sitzen. Adolf, Emiliens Bräutigam, befand sich bei ihnen. Auch Laura war da.

»Herr Hauck!« sagte Adolf, »Sie hier? Sie?«

Der Paukenschläger antwortete nicht. Er stand eine ganze Weile wortlos da, den Blick starr auf Laura gerichtet.

»Sapperment!« stieß er endlich hervor. »Jetzt kommt es!«

»Was kommt?« fragte Werner befremdet.

»Das Gedächtniß.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Aber ich verstehe ihn,« sagte Adolf, der Polizist.

»Sie? Mich verstehen?«

»Ja. Wenigstens glaube ich, vermuthen zu können, was Sie meinen. Sie wurden so geschlagen, daß Sie das Bewußtsein verloren.«

»Ja, so ist es. Ich wußte absolut nichts, was mit mir geschehen ist. Der gestrige Abend war aus meinem Gedächtnisse gestrichen. Man sagte mir, daß ich getanzt habe. Ich bin sogleich hierher gegangen, um vielleicht durch den Anblick meiner Tänzerin den verlorenen Faden wieder aufzufinden.«

Er hielt inne. Man sah ihm an, daß er mit sich rang. Er bemühte sich, einen Gedanken festzuhalten, welcher sich nicht ergreifen lassen wollte.

»Gönnen Sie sich Ruhe!« bat Adolf. »Setzen Sie sich bei uns nieder und trinken Sie ein Glas Grog mit uns.«

»Ja, wenn Sie es erlauben, nehme ich diese Einladung an. Vielleicht weiß das Fräulein noch, was wir miteinander gesprochen haben. Dadurch erhielte ich vielleicht einen Fingerzeig.«

Laura antwortete erröthend:

»Wir haben nur ganz gewöhnliche Worte gewechselt, Herr Hauck, so wie es unter Tänzern, welche sich nicht näher kennen, ja üblich ist.«

»Hm! Es ist mir, als hätte es einige Worte gegeben, welche ich mir besonders merken wollte.«

»Ich weiß nichts.«

»Wirklich nichts? Habe ich nicht gesagt, daß ich mich aus dem Saale entfernen wollte?«

»Nein.«

»Auch kein Wort, aus welchem Sie schließen könnten, warum ich fortgegangen bin?«

»Nein.«

»Dann bin ich freilich ganz umsonst hierhergekommen.«

»Vielleicht auch ich,« meinte der Polizist. »Sie wollen Ihrer Erinnerung zu Hilfe kommen und thun dies vielleicht auf dem verkehrten Wege. Sie wollen vorwärts und sollten vielleicht rückwärts gehen.«

»Wie meinen Sie das?«

»Sie knüpfen da an, wo das gestrige Ereigniß begonnen hat, und sollten wohl da anfassen, wo es endete.«

»Im Krankenhause?«

»Nein, sondern auf der Straße, wo man Sie fand. Wenn Sie die betreffende Stelle sehen, erinnern Sie sich vielleicht, welche Absicht Sie hatten, dorthin zu kommen.«

»Ah, das ist wahr! Das ist ein richtiger Polizeikniff. Ich werde mich sofort aufmachen, um Ihren Rath zu befolgen.«

Er stand vom Stuhle auf. Adolf aber ergriff ihn beim Arme, zog ihn wieder nieder und sagte:

»Wissen Sie den Ort genau, an welchem man Sie gefunden hat?«

»Nein. Na, da läßt sich ja helfen. Ich werde fragen.«

»Ist nicht nöthig. Ich kenne den Ort und werde Sie hinbringen, wenn Sie mir erlauben, Sie zu begleiten.«

»Natürlich sehr gern!«

»Ich habe nämlich auch bereits gesucht und geforscht, aber ohne jedes Resultat. Die Wächter haben die wenigen Passanten, die es in der späten Stunde gegeben hat, nicht erkannt. Vier Personen, welchen ein Wächter dort in der Nähe begegnete, haben seinen Gruß erwidert. Weiter wußte er auch nichts – –«

»Vier – –« sagte Hauck langsam. »Vier Personen? Das ist mir ganz so, als ob dies in Verbindung mit – – – vier Personen! Sollte man denken, daß ein Mensch so dumm sein kann, die Erinnerung an den gestrigen Abend zu verlieren?«

»Warum nicht? Eine Dummheit ist das nicht. Finden Sie den richtigen Faden, dann haben Sie das ganze Gewebe.«

»Ich werde ganz irre an mir. Da Sie von vier Personen sprechen, ist es mir ganz so, als ob ich mit ihnen zu thun gehabt habe. Und dennoch ist es mir auch genau so, als ob ich wegen Fräulein Laura hier den Saal verlassen hätte, ganz genau so.«

»Wegen mir,« fragte sie verlegen. »Ich habe keine Ahnung. Ich weiß von gar nichts.«

»Das ist richtig. Es drohte Ihnen eine Gefahr, irgend eine Gefahr, welche ich von Ihnen abwenden wollte.«

»Es ist mir nichts geschehen.«

»Es kann Ihnen aber noch geschehen. Ich hatte Etwas gehört, Worte, auf die ich mich leider nicht mehr besinnen kann. Da ging ich. Ich bin dabei niedergeschlagen worden. Das ist ein Beweis, daß die erwähnte Gefahr wirklich existirt, daß sie sogar eine sehr ernste ist.«

»Was könnte das sein?« wurde rundum gefragt.

Die Mitglieder der Werner’schen Familie begannen bereits, besorgt zu werden, wurden aber von dem Polizisten beruhigt.

»Das sind Hypothesen. Herr Hauck kämpft mit Unklarheiten, welche uns jetzt nicht stören dürfen. Warten wir, bis es klar geworden ist.«

»Aber ich bin kein Freund vom Warten,« meinte der Paukenschläger. »Was man gleich thun kann, soll man nicht aufschieben. Wollen wir gehen?«

»Bleiben wir noch,« antwortete Adolf. »Die jetzige Stunde ist unpassend.«

»Warum?«

»Wenn Sie sich beziehendlich des Geschehenen wirklich zurechtfinden sollen, dürfen Sie möglichst wenig gestört werden. Jetzt aber giebt es zu viel Verkehr. Warten wir also, bis zu späterer Zeit sich die Straßen entleert haben.«

»Sie mögen Recht haben; aber inzwischen könnte man mich hier fort holen, um mich einzusperren; denn ich habe mich ohne Erlaubniß aus dem Krankenhause entfernt.«

»Haben Sie deshalb keine Sorge. Sie können sich curiren lassen, wo Sie wollen.«

Jetzt war Hauck beruhigt. Uebrigens war es ihm mit der schnellen Entfernung von hier gar nicht so sehr Ernst gewesen. Der Anblick Laura’s hatte seine gestrigen Regungen aus dem Schlafe erweckt. Er erinnerte sich des Eindruckes, den sie auf ihn gemacht hatte, und dieser Eindruck verstärkte sich nun heute desto mehr, je länger er hier mit ihr an demselben Tische saß.

Ihre Augen waren so groß, so tief und dunkel wie ein See, welcher untergegangene Geheimnisse birgt. Es lag auf ihnen wie ein feuchter Schimmer, als ob an jedem Augenblicke die Thränen hervorbrechen wollten.

Als er diese Bemerkung im Stillen für sich machte, fuhr es ihm auf einmal wie ein heller Blitz durch den Kopf.

»Ich habe alle Ursache dazu, für mein Lebenlang dem Lachen zu entsagen!«

Das waren die räthselhaften Worte, welche sie gestern zu ihm gesprochen hatte. Jetzt wußte er sie auf einmal. Laura war unglücklich, das war gewiß. Aber aus welchem Grunde? Er nahm sich fest vor, dies zu erfahren.

Aber diese Worte waren doch nicht diejenigen, wegen deren er den Saal verlassen hatte. Sie enthielten keine Drohung. Hatte überhaupt Laura eine Drohung ausgesprochen? Konnte sie eine Drohung äußern, die doch gegen sie selbst gerichtet gewesen wäre?

Er sann und sann. Er marterte sich – vergebens. Endlich gegen Mitternacht rieth Adolf zum Aufbruche.

War es absichtlich oder unabsichtlich, Laura nahm das Licht, um die beiden Scheidenden vor die Thüre zu bringen. Adolf gab ihr zuerst die Hand und ging dann langsam fort, jedenfalls mit Berechnung. Hauck hielt ihr auch die Hand entgegen und fragte halblaut: »Haben wir gestern wirklich nur Gewöhnliches gesprochen?«

»Ja,« antwortete sie.

»Ich bitte Sie sehr, aufrichtig zu sein! Ein einziges Wort kann mir das erwünschte Licht bringen.«

»Ich kann mich wirklich auf nichts Außergewöhnliches besinnen.«

»Ein Wort aber kommt mir ungewöhnlich vor. Sprachen Sie nicht davon, daß Sie für Ihr Lebenlang dem Lachen entsagt hätten?«

»Ja, das habe ich gesagt!« antwortete sie zögernd.

»Meine Frage ist unhöflich und belästigend; ich weiß recht gut; aber ich muß mir die Antwort erbitten; ich brauche sie. Warum sagten Sie mir diese Worte?«

»Weil Sie davon sprachen, daß ich so ernst sei.«

»Aus keinem anderen Grunde?«

»Nein.«

»Nicht etwa, weil Sie glaubten, es drohe Ihnen eine Gefahr?«

»O nein. Ich habe keine Ahnung von einer Gefahr, die mir drohen könnte.«

»Das beruhigt mich einigermaßen. Aber vorhanden ist diese Gefahr; das weiß ich genau; ich habe Ihretwegen das Tivoli verlassen. Verzeihen Sie mir das unbequeme Forschen! Es geschieht wirklich zu Ihrem Besten.«

Er hielt noch immer ihre Hand in der seinigen. Er hätte sie am Liebsten für immer so festgehalten. Er sagte nichts mehr, und da Laura das Drückende der so entstandenen Pause gar wohl empfand, bemerkte sie: »Wie sollte ich Ihnen zürnen? Sie forschen ja, wie Sie sagen, zu meinem Besten. Und doch bin ich Ihnen so fremd.«

»Ja, wenn wir zusammenzählen, wie oft wir uns gesehen oder getroffen haben. Aber ich zähle nicht. Es bedarf gar nicht vieler Begegnungen, um dem Herzen nahe zu stehen.«

»Gute Nacht, Herr Hauck!« antwortete sie, indem sie sich bemühte, ihre Hand aus der seinigen zu ziehen.

»Es wird Ihnen freilich scheinen, als ob der Paukenschläger ein recht verwegener Kerl sei. Aber er ist es nicht; er ist nicht verwegen, sondern nur aufrichtig. Ich bin Ihnen so sehr schnell herzlich gut geworden; ich sage Ihnen das, ohne Sie beleidigen zu wollen. Weisen Sie mich ab, ich werde gehen, aber dennoch immer, immer an Sie denken.«

Er wollte gehen; aber da war es, als ob jetzt sie seine Hand fest halten wolle.

»Das dürfen Sie nicht, Herr Hauck!« sagte sie rasch, fast ängstlich.

»Warum? Sind Sie verlobt?«

»Nein.«

»Aber wenigstens nicht mehr frei?«

»Auch das nicht.«

»Ach, dann können Sie mich nicht leiden?«

»Gott, wie quälend ist das! Haben Sie noch nicht von mir sprechen gehört?«

»Was sollte ich von Ihnen gehört haben?«

»Etwas recht, recht Böses.«

»Unsinn! Sie und Böses! Das paßt ja gar nicht zusammen, nun und nimmermehr!«

»O doch! Es ist – – das Schlimmste, was von einem Mädchen gesagt werden kann. Sie dürfen nicht an mich denken und ich nicht an Sie – überhaupt an Keinen, an Niemand.«

»Wenn mir ein Anderer das sagte, so setzte ich ihm da meine Faust in’s Gesicht, daß ihm sein Verstand grad so abhanden kommen müßte, wie mir gestern der meinige!«

»Und doch ist es wahr!«

»Wenn ich es doch nur erfahren könnte!«

»Fragen Sie – fragen Sie dort Den! Gute Nacht!«

Sie entzog ihm jetzt die Hand, deutete auf Adolf, welcher in einiger Entfernung wartend stehen geblieben war und schloß die Hausthür zu.

»Ein ziemlich langer Abschied!« meinte der Polizist.

»Im Gegentheil zu kurz. Hätten Sie nicht auf mich gewartet, so wäre es anders gekommen.«

»Wohl zu gar keinem Abschiede?«

»Wenigstens nicht so schnell.«

»Das klingt ja fast, als ob sie beide Wohlgefallen an einander fänden.«

»Ich an ihr, ja; sie aber leider nicht an mir!«

»Sagte sie das Ihnen?«

»Sehr deutlich. Sie meinte, daß ich nicht an sie denken möge. Ist das etwa undeutlich?«

»Ganz und gar nicht. Aber das heißt doch gar nicht, daß sie nichts von Ihnen wissen mag!«

»Was heißt es denn? Etwa, daß ich nun sogleich zum Pfarrer laufen solle, um das Aufgebot zu bestellen?«

»Das jedenfalls nicht,« lachte der Polizist. »Laura ist ein braves, seelensgutes Mädchen. Sie besitzt alle Eigenschaften, einen Mann glücklich zu machen, und doch – –«

»Was für ein Doch kann es da geben?«

»Ein sehr schwer wiegendes.«

»Pah! Es wird federleicht sein. Aufrichtig gestanden, ich bin diesem Mädchen sofort herzensgut gewesen. Wenn sie mich nimmt, so heirathe ich sie.«

»Das klingt sehr bestimmt und resolut! Sie scheinen sich sehr schnell zu entscheiden.«

»Ja, ich bin eben Paukenschläger!«

»Was hat das mit dieser Schnelligkeit zu thun?«

»Sehr viel! Ich stehe da, mit dem Schlägel in der Hand. Kommt die Note dann – tsching, bum, bum! Fertig!«

»Und ich bleibe bei meinem Doch, lieber Hauck.«

»Der Teufel hole Ihr Doch? Was geht es mich an! Es scheint da etwas Geheimnißvolles zu liegen.«

»Wohl nur für Sie. Kennen Sie Laura Werner?«

»Ja, sehr gut.«

»So müssen Sie also auch wissen, was ich mit meinem Doch gemeint habe.«

»Den Teufel weiß ich! Mag gar nichts wissen. Das Mädchen ist sehr hübsch und sehr gut. Ich heirathe sie, wenn sie mir keinen Korb giebt. Halt! Da fällt mir ein, ich sollte Sie ja darüber befragen.«

»Es läßt sich denken, daß sie es nicht selbst sagt. Gestern sagte sie zu mir, sie habe alle Ursache dazu, für ihr Lebelang dem Lachen zu entsagen. Laura nimmt diese Angelegenheit wohl gar zu ernst; aber erduldet und erlitten hat sie geradezu genug!«

»Erduldet? Sakkerment! Wegen wem denn? Ich schlage den Kerl zu Brei und Kartoffelmus!«

»Sie scheinen heute sehr streitbar zu sein?«

»Ja, ich befinde mich in einer grimmigen Laune. Wenn bei mir einmal die Wuth und Rache kocht, dann quirl ich so lange in dem Topf herum, bis er überläuft. Sonst aber bin ich ein seelensguter Kerl.«

»Weiß es. Aber wären Sie so seelensgut, ein Mädchen zu heirathen, welches bereits einmal geboren hat?«

»Geboren? Wen denn?«

»Na, ein Kind! Einen Pfefferkuchenmann doch nicht!«

»Ein Kind? Donnerwetter? Hm!«

»Und dieses Kind ermordet haben soll – –?«

»Ermordet? Herrgott!«

»Und darum in Zuchthause gesessen hat?«

»Zuchthaus – –? Gesessen – –«

Hauck war stehen geblieben. Er war ganz starr vor Erstaunen.

»Ja,« meinte der Polizist. »Antworten Sie doch!«

»Was soll ich antworten?«

»Darauf bin ich eben neugierig.«

»Das Mädchen, von welchem Sie sprechen, geht mich ja ganz und gar nichts an!«

»Ich denke, Sie wollen es heirathen?«

»Fällt mir gar nicht ein! Ich habe von Laura Werner gesprochen, aber von keiner Anderen.«

»Ich auch von ihr und von keiner Anderen.«

Da trat Hauck einen Schritt zurück und sagte:

»Ich habe wirklich große Lust, Ihnen den Hut einzutreiben, obgleich Sie keinen aufhaben!«

»Das ist aber ja eben das Doch, von dem ich sprach!«

»Sind Sie des Teufels! Laura sollte schon ein – ein – Donnerwetter – ein Kind gehabt haben? Gott stehe mir bei! Sagen Sie die Wahrheit?«

»Leider ja.«

»Dann adieu mit Allem, was ich mir gedacht und vorgenommen hatte. Ich bin dem Mädchen so schnell aber auch so herzlich gut geworden. Gott weiß es, daß ich mir Mühe gegeben hätte, sie glücklich zu machen. Nun aber wollte ich, mein verloren gegangenes Gedächtniß wäre geblieben da, wo es hingelaufen ist. Aber diesen Kerl möchte ich umbringen! Wer ist denn der Vater gewesen?«

»Der Baron von Helfenstein.«

»Dieser Teufel in Menschengestalt! War es nicht genug an den Anderen, die er unglücklich gemacht, zum Beispiel jenes arme Mädchen, welches wegen der Leda, die auch seine Geliebte gewesen ist, unschuldig verurtheilt wurde!«

»Kennen Sie dieses Mädchen?«

»Ich habe erzählen hören.«

»Haben Sie auch den Namen gehört?«

»Ja, aber ihn wieder vergessen. Sie hat bei der Baronin gedient, und er hat sie überfallen und überwältigt ganz ohne ihren Willen.«

»Würden Sie dieses unglückliche Mädchen nicht heirathen, weil sie eine solche Vergangenheit hinter sich hat?«

»Herr, halten Sie mich für einen so herzlosen Menschen, für einen Schuft und Schurken? Wenn Sie mir gut wäre, würde ich sie heirathen und grad stolz auf sie sein. Ich würde sie zur Frau nehmen grad den Unverständigen zum Ärger und zum Trotz. Nicht ein Jeder kann eine Frau haben, an welcher das Gesetz so sehr viel gut zu machen hat!«

»Na, das ist brav gedacht! Aber warum wollen Sie da so plötzlich von dieser Laura nichts mehr wissen?«

»Von Laura? Ja, das ist denn doch ein anderes Ding.«

»Nein, das ist eben dasselbe Ding. Die Geschichte, welche Sie jetzt erwähnt haben, ist eben Laura’s Geschichte.«

Es dauerte eine ganze Weile, ehe Hauck sich hören ließ:

»Laura Werner! Sehen Sie mich einmal an!«

»Na warum?«

»Bin ich jetzt nicht ganz Steingut – Porzellan oder gar Marmor? Greifen Sie mich an!«

»Na, ich fühle glücklicher Weise doch Fleisch.«

»So? Ich dachte schon, daß ich aus Erstaunen eine Statue geworden sei – ungefähr eine Venus oder Minerva. Nein, nein! Also Laura war dieses Mädchen?«

»Ja, sie war es.«

»Das giebt der Sache allerdings eine ganz andere Wendung! Also darum sagte sie, daß sie für ihr Lebelang dem Lachen entsagen müsse?«

»Nur darum!«

»Hören Sie, haben Sie Zeit?«

»Warum diese Frage?«

»Weil ich wissen möchte, ob Sie heute noch sehr beschäftigt sind.«

»Gar nicht. Ich begleite Sie und gehe dann schlafen.«

»Schön, schön! Sie haben also Zeit. Bitte, warten Sie ein wenig, bis ich wiederkomme. Ich muß gleich zu Werners!«

»Wozu aber?«

»Ich muß ihr schleunigst sagen, daß sie in Gottes Namen lachen kann, so sehr und so viel sie will.«

»Ist das so eilig?«

»Natürlich. Man kann Niemand schnell genug glücklich machen.«

»Das ist wahr; aber wissen Sie denn, daß Sie es sind, von welchem Laura glücklich gemacht sein will?«

»Hm! Sapperment!«

»Na, also! Uebrigens, wie wollen Sie zu Werners kommen. Es ist Alles zugeschlossen.«

»Das wäre das Wenigste. Ich würde so lange rumoren, bis dieser liebenswürdige Inspector oder Hausverwalter käme, um mir aufzumachen. Also Sie meinen, ich solle nicht noch einmal umkehren?«

»Ja, das meine ich.«

»So werde ich aber morgen mit dem Frühesten dort sein.«

»Auch davon rathe ich ab.«

»Warum denn aber?«

»Sie sind wahrhaftig ganz Feuer und Flamme!«

»Ja, kommen Sie nicht näher, rühren Sie mich ja nicht etwa an! Wenn ich einmal einem Mädchen gut bin, so ist meine Liebe nicht von Pappe, sondern aus Dynamit.«

»Sapperment! Das ist lebensgefährlich! Aber Sie werden sich doch gedulden müssen. Es wäre lächerlich, morgen früh zu Werners zu gehen. Sie müssen zunächst erst wissen, ob Ihre Liebe erwidert wird.«

»Ganz recht! Und grad deshalb will ich morgen bereits in aller Frühe hin!«

»Das ist freilich der reine Dynamit. Aber Sie machen Sich lächerlich.«

»Meinetwegen! Laura soll ja lachen!«

»Auch ein Grund! Sie sind wirklich köstlich! Bedenken Sie, daß Laura mit dem Glücke abgeschlossen hat. Sie ist ein eigenthümlicher Character, tief angelegt und nach Innen gekehrt. So ein Wesen muß auf andere Weise angefaßt werden, als Sie es thun wollen.«

»Na, wie soll ich sie denn fassen?«

»Zarter, zarter und sanfter!«

»Hm! Sie haben nicht ganz unrecht!«

»Nicht wahr? Warum so hineinstürmen? Müssen Sie denn schon morgen das Jawort haben?«

»Nein. Ich kann bis übermorgen warten. Bis dahin will ich auf das Zarteste verfahren.«

»Wann soll denn die Hochzeit sein?«

»Das wissen die Götter! Glauben Sie, daß ich als einfacher Paukenschläger mir eine Frau nehmen kann?«

»Sie wollen warten, bis Sie doppelter werden?«

»Unsinn! Meine jetzige Einnahme reicht für mich, aber nicht für Weib und Kind.«

»Na, mit Kind hat es Zeit.«

»Kommt aber zuweilen bald! Ich muß mich also nach einer besseren Einnahmequelle umsehen, bevor ich von Hochzeit und Heirath reden kann.«

»Na, da haben wir es! Warum wollen Sie denn da heut und morgen so hineinstürmen?«

»Weil eben meine Liebe von Dynamit ist!«

»Das taugt nichts! Wenn der Dynamit verpufft ist, dann ist es alle. Die Liebe aber soll halten und andauern für das ganze Leben.«

»Ja. Aber wenn ich nicht so schnell mache, kommt schließlich ein Anderer und nimmt sie mir vor der Nase weg.«

»Hm! Sind Sie schon einmal verliebt gewesen?«

»Nein.«

»Aber zum Scherz haben Sie sich ein Mädchen angeschafft?«

»So ein Schuft bin ich nicht. Ein Mädchen betrogen? Nein!«

»Darum sind Sie so unerfahren. Haben Sie keine Sorge, es wird Niemand kommen, um Ihnen Laura grad vor der Nase wegzunehmen. Ich werde darüber wachen.«

»Das freut mich von Ihnen! Was wollen Sie da aber machen? Bei dem Mädchen oder bei meiner Nase, damit sie mir da nicht weggenommen wird?«

»Eigentlich sollte ich Ihnen jetzt etwas auf die Nase geben! Jetzt sprechen wir ernsthaft. Sie wünschen Laura besser kennen zu lernen. Ich werde Sie in der Familie einführen, und dann haben Sie ja – –«

»Danke, danke! Ist nicht nöthig! Habe mich bereits selbst eingeführt. Und nun aus mit diesem Thema! Wir stehen bereits eine Viertelstunde hier, ohne von der Stelle zu kommen.«

»Das hat auch seinen guten Grund. Gerade diese Stelle hier suchen wir ja.«

»Wie? Sollte ich hier gelegen haben?«

»Hier, und zwar konnte man aus der Körperlage entnehmen, daß Sie von dorther gekommen sind und nach dahin gewollt haben.«

Er deutete mit der Hand in die beiden angegebenen Richtungen. Hauck blickte höchst nachdenklich bald in die eine und bald in die andere, und meinte dann: »So wollen wir einmal dahin gehen, wo ich hergekommen zu sein scheine.«

Sie thaten das. An der nächsten Ecke blieb er überlegend stehen. Adolf sprach kein Wort, um seinen arbeitenden Geist nicht zu stören.

»Ja,« sagte der Paukenschläger plötzlich, »von dorther bin ich gekommen. Dort in der kleinen Kneipe war noch Licht. Ich entsinne mich dessen jetzt sehr wohl.«

»Dann also in diese Gasse hinein! Denken Sie nach!«

Sie betraten die erwähnte Gasse, und hatten sie noch nicht völlig zurückgelegt, als Hauck sagte:

»Und da vorn sind wir um die Ecke rechts gekommen. Ich mußte dort ein wenig stehen bleiben, weil die vier Männer sehr langsam – Sapperment, vier Männer! Ja, jetzt habe ich’s! Vier Männer waren es.«

»Wo aber kamen sie her?«

»Darauf kann ich mich nicht besinnen.«

»Danken Sie nach, wo Sie diese Vier zuerst getroffen haben!«

»Vielleicht finden wir es, wenn wir in dieser Richtung weitergehen. Kommen sie!«

Er schritt weiter und Adolf folgte in höchster Spannung hinter ihm. Nach einer Weile blieb Hauck stehen, deutete auf eine Hausthür und sagte: »Hier bin ich ganz sicher vorübergekommen, denn an dieser Thür arbeitete ein Betrunkener mit dem Schlüssel herum, um hinein zu kommen. Die Vier, denen ich folgte, lachten über ihn. Also weiter jetzt! Ich bin auf dem richtigen Wege.«

Sie folgten der eingeschlagenen Richtung und gelangten an den Platz, dessen eine Seite das Gerichtsgebäude bildete. Hauck blieb eine Weile wie verdutzt stehen, dann schritt er in doppelter Eile auf das Gebäude zu, trat um die eine Ecke desselben herum und sagte: »Sie wollen wissen, woher diese Vier kamen?«

»Ja, natürlich!«

»Drei kamen hier heraus und den Vierten verfolgte ich. Er trat hier um diese Ecke, blieb stehen und sagte – ah, Gott sei Dank, da kommen auch die Worte, welche er sagte, die Namen, die er nannte. Wie gut, daß Sie auf den Gedanken geriethen, mich dahin zu führen, wo ich gefunden worden bin!«

»Sie müssen sich jetzt irren!«

»O nein! Irrthum ist unmöglich!«

»Hier heraus können die Drei nicht gekommen sein.«

»Warum nicht?«

»Da ist selbst am Tage kein officieller Ein-und Ausgang.«

»Wer weiß, wie es zugegangen ist!«

»Zu dieser Thür haben nur Männer die Schlüssel, welche Niemanden niederschlagen.«

»Aber ich kann Ihnen ja die Namen nennen!«

»Gut! Thun Sie das!«

»Der Eine wurde Simeon genannt.«

»Alle Wetter! Vielleicht Simeon, der Goldarbeiter!«

»Weiß es nicht.«

»Den wir suchen und nicht erwischen können! Wie waren denn die anderen Namen?«

»Freiherr von Tannenstein.«

»Unsinn!«

»Und Fräulein, dessen Tochter.«

»Doppelter Unsinn!«

»Sie hatte auch Männerkleider an.«

»Sie haben geträumt.«

»Ich habe gewacht. Jetzt weiß ich ganz genau, was ich hier gethan habe. Ich stand da hinter der Ecke und habe Alles gehört. Der, dem ich folgte, fragte, was die Drei hier gemacht hätten. Simeon antwortete, er werde es erfahren, solle aber jetzt den Mund halten und keinen Namen nennen. Dann gingen sie dorthin, wo wir jetzt hergekommen sind.«

»Hm! Geheimniß über Geheimniß! Wenn es wirklich so ist, wie Sie sagen, so müssen die Vier bemerkt haben, daß sie verfolgt wurden. Einer oder Zwei sind im Dunkel zurückgeblieben und haben Sie niedergeschlagen.«

»Ja, so war es sicher.«

»Sie wissen also nicht, wo die Vier dann nachher hingekommen sind?«

»Nein. Wie soll ich das wissen, da ich bewußtlos war.«

»Freiherr von Tannenstein. Hm! Werde nachschlagen, ob dieser Herr überhaupt anwesend ist.«

»Gestern wenigstens ist er hier gewesen; darauf will ich schwören, so viel Sie wollen.«

»Wollen Sie das einstweilen auf sich beruhen lassen. Sagen Sie jetzt, woher Sie mit dem Vierten gekommen sind.«

»Um diese Ecke, also jedenfalls aus der Straße da.«

Er deutete in die betreffende Straße hinein.

»Wissen Sie das genau?« fragte Adolf.

»Nein. Jetzt verliert mein Wissen an Sicherheit. Aber gehen wir trotzdem weiter! Vielleicht finde ich noch, was ich suche.«

Als sie an die Ecke gelangten, meinte er:

»Dieser Brunnen giebt mir Sicherheit. Jetzt weiß ich, daß ich da links heraufgekommen bin und ganz unten um die Ecke zur rechten Hand herum.«

Er schritt jetzt rascher weiter, immer die Straße hinab und dann um die erwähnte Ecke. Dort war er noch gar nicht weit gekommen, so stieß er, stehen bleibend, einen nur halb unterdrückten Ruf der Ueberraschung aus.

»Was giebt es?« fragte Adolf.

»Wir sind hier! Hier war es, hier!«

»Was war hier?«

»Da an diesem Thor habe ich während mehrerer Stunden gestanden, um Die da oben zu beobachten und den Kerl abzulauern.«

»Wer wohnt da?«

»Ich weiß es nicht, aber ich wollte es erfahren. Er war mit ihr hineingegangen.«

»Er? Wer?«

»Das kann ich nun leider nicht sagen. Ich meine den Vierten, der dann am Gerichtsgebäude die drei Anderen anrief.«

»Und sie? Wer ist sie?«

»Auch das weiß ich nicht. Ich wollte es noch erfahren. Er ist mit ihr da hinaufgegangen, natürlich als Geliebter.«

»Wo kamen sie denn her?«

»Ach, da verläßt mich dieses niederträchtige Gedächtniß wieder, grad wo ich es am Allernöthigsten habe.«

»Vielleicht aus dem Tivoli?«

»Nein – das heißt, nicht direct aus dem Tivoli. Es war erst etwas geschehen, was mir Veranlassung gab, Mißtrauen zu hegen. Ah, kommt dort nicht Jemand leise gegangen?«

»Ja, es wird ein Wächter sein. Warten wir!«

Der Mann kam langsam näher. Er war wirklich Nachtwächter. Die Beiden hatten sich so gut an die dunkle Thür gedrückt, daß er fast vorübergegangen wäre, ohne sie zu beachten; da aber streifte er an Hauck.

»Wer da?« fragte er, stehen bleibend.

»Pst! Polizei,« antwortete Adolf.

»Oho!« meinte der Wächter in ungläubigem Tone, aber doch mit gedämpfter Stimme.

Im Augenblicke war seine kleine Blendlaterne aus der Tasche und an Adolfs Gesicht.

»Ah! Sie sind es,« meinte er. »Entschuldigung!«

»Still! Mir wäre es lieber, wenn Sie wüßten, wer da drüben wohnt.«

»Eine frühere Zofe, die Sie jedenfalls auch kennen. Sie war zuletzt bei der Baronin von Helfenstein.«

»Ah! Die habe ich ganz und gar aus der Acht gelassen.«

»Nicht möglich!« lachte der Wächter leise. »Man weiß doch, daß – daß ihr der Hof gemacht wurde, um – –«

»Gut, gut! Wie lebt sie hier?«

»Fidel. Sie kommt sehr spät nach Hause.«

»Wann gestern!«

»Das weiß ich nicht. Ich hatte gestern frei.«

»Empfängt sie Besuch?«

»Habe noch nichts bemerkt.«

»Nicht? Sehen Sie einmal an den Vorhang!«

»Ah, wirklich! Da ist eine männliche Person mit oben. Man sieht es am Schatten.«

»Ja. Der Mann ist aufgestanden, jedenfalls um zu gehen. Entfernen Sie sich schnell, Wächter! Man braucht Sie nicht zu bemerken, wenn man da drüben öffnet.«

Der Genannte ging. Droben bewegten sich ein männlicher und ein weiblicher Schatten hin und her. Adolf sagte: »Nun drücken Sie sich so fest wie möglich an die Thür, und ziehen Sie Ihr Gesicht in den Rockkragen hinein, damit man es nicht von drüben weiß glänzen sieht.«

»Ist diese Zofe denn gefährlich?«

»Sehr. Jetzt möchte ich fast an die Wahrheit der Namen glauben, welche Sie vorhin genannt haben.«

»Aha!«

»Der Tannensteiner ist nämlich ein Verwandter von dem Helfensteiner. Was hat er mit seiner Tochter im Gerichtsgebäude gewollt? Das muß ich herausbekommen! Sehen Sie! Man geht. Das Fenster wird dunkel. Passen Sie auf!«

Jetzt wurden die über der Thür befindlichen Glastafeln hell. Die Thür ging auf. Das auf der Treppe stehende Licht beleuchtete die beiden im Eingang Stehenden, welche vorsichtig auf die Straße blickten, ob Jemand zu sehen sei.

»Alle Teufel!« flüsterte Adolf überrascht.

»Kennen Sie ihn?« fragte Hauck.

»Ja, sehr gut. Horchen Sie!«

»Es ist Niemand zu sehen,« sagte Hulda, »Du kannst also unbemerkt gehen.«

»Wie schade! Ich wäre noch so gern geblieben!«

»Man darf des Guten nicht zuviel thun. Du bist übrigens reichlich genug belohnt.«

»Ja. Die beiden dummen Polizeier haben es mir freilich leicht genug gemacht, ihnen die Ringe zu verkaufen.«

»Nun den Brief an den Obergensdarm. Denkst Du, daß wir ihn gut abgefaßt haben?«

»Ei freilich!«

»Und die Handschrift so verstellt, daß Niemand den Schreiber herausbekommt?«

»Ich möchte Den sehen, der ihn entdecken will!«

»So vergiß ihn nicht!«

»Er kommt in den nächsten Briefkasten. Also gute Nacht!«

»Gute Nacht! Morgen um diese Zeit stecken die Beiden im Loche!«

»Vielleicht auch ihre Mädchen.«

»Ja, die Landrock und die Werner. Horch!«

Nämlich bei den letzten Worten hatte Hauck einen Laut der Ueberraschung nicht zu unterdrücken vermocht.

»Was ist’s?« fragte Mehnert.

»Es war ganz so, als ob ich etwas gehört hätte.«

»Es ist kein Mensch in der Nähe. Komm, noch einen Kuß!«

Sie gab einen und empfing einen; er ging, und sie verschloß die Thür.

»Um Gottes willen! Was hatten Sie?« fragte Adolf leise.

»Aus Freude! Nun endlich weiß ich Alles.«

»Sehr gut! Es gilt einen raffinirten Plan. Ich muß diesem Menschen nach, um zu sehen, in welchen Briefkasten er den Brief steckt. Sie sind im Verfolgen nicht so geübt wie Unsereiner; wir wollen uns also trennen. Aber wir müssen uns wieder treffen.«

»Wann und wo?«

»Jedenfalls in kurzer Zeit, am Brunnen auf dem Altmarkte.«

»Gut! Das ist mir der liebste Ort. Er paßt zu Dem, was ich Ihnen noch mitzutheilen habe.«

Adolf huschte lautlos Mehnert nach, und der Paukenschläger schritt auch davon, langsam sich dem Altmarkte zuwendend. Dort hatte er noch nicht lange am Brunnen gewartet, als der Polizist wieder zu ihm stieß.

»Ich weiß den Kasten,« sagte dieser.

»Auch die Wohnung des Menschen?«

»Ja. Er heißt Mehnert und ist Besitzer eines Goldwarengeschäftes, welches vorher dem flüchtigen Simeon gehörte. Er scheint jetzt der Liebhaber dieser Zofe zu sein und mit ihr einen Racheplan ausgeheckt zu haben.«

»Ahnen Sie, was für einen?«

»Klar bin ich mir nicht. Ich und College Anton haben heute bei ihm je einen Ring gekauft. Wir hielten beide für echt; er bestritt das. Wie Sie aber jetzt gehört haben, hat er sie für uns bestimmt gehabt. Und jetzt geht ein Brief an den Obergensd’arm. Das scheint so, als ob der Plan sich auf diese Ringe beziehe und gegen mich und Anton gerichtet sei.«

»Warum will man sich an Ihnen rächen?«

»Anton war zum Schein der Geliebte der Zofe, hatte aber nur die Absicht, sie betreffs ihrer Herrschaft auszuforschen.«

»Und Sie, was haben Sie verbrochen?«

»Ganz dasselbe. Ich habe ein anderes Mädchen auszuhorchen gehabt, kann aber nicht begreifen, warum ich da auch mit hineingezogen werden soll. Direct habe ich der Zofe doch nichts zu Leide gethan! Sie müßte mit der dicken Jette im Complot sein, mit der sie allerdings gestern im Tivoli lange Zeit gesprochen hatte.«

Er sagte das mehr für sich hin als für Hauck; dieser aber fragte in lebhaftem Tone:

»Die dicke Jette? Ach, nicht wahr, die Zofe war gestern im Tivoli?«

»Ja, und Mehnert machte sich viel mit ihr zu schaffen.«

»Meinen Sie mit der dicken Jette etwa die kleine Dicke, welche mit der Zofe beisammen saß?«

»Ja.«

»Und dann auch mit ihr ging?«

»Wie? Sie ist auch mit ihr gegangen?«

»Ja.«

»Ich habe aber die Dicke noch später gesehen, als die Zofe längst fort war!«

»Weil sie wiedergekommen ist.«

»So, so! Aber Sie sprechen ganz erregt. Was haben Sie? Warum konnten Sie vorhin, als Mehnert von der Zofe Abschied nahm, sich so wenig beherrschen, daß Sie beinahe ganz laut geworden wären?«

»Das geschah vor Freude, wie ich bereits sagte. Ein Wort, welches ich hörte, brachte mir die ganze Erinnerung an gestern zurück. Ich war natürlich ganz glücklich darüber.«

»Welches Wort?«

»Die Werner im Loch!«

»Ach so! Auch mir geht jetzt ein Licht auf.«

»Gestern ging ich nämlich im Tivoli an der Zofe und der Jette vorüber und hörte, daß die Werner in das Gefängniß müsse. Das waren die Worte, die mich veranlaßten, den Saal zu verlassen, und die mir heute doch gar nicht wieder einfallen wollten.«

»Sie haben natürlich geglaubt, daß diese Drohung gegen Laura gerichtet sei?«

»Jawohl.«

»Das ist nicht der Fall, sondern sie galt ihrer Schwester Emilie, meiner Verlobten. Diese beiden Mädchen wollen sich rächen, an mir und Anton, weil wir sie verlassen haben. Wie sie es anfangen wollen, das weiß ich freilich nicht. Jedenfalls aber haben die erwähnten Ringe und auch der vorhin in den Kasten gesteckte Brief darauf Bezug. Ich werde natürlich noch während der Nacht den Kasten öffnen lassen. Dann wird es sich finden, was sie beabsichtigen.«

»Vielleicht kann ich Ihnen eine Mittheilung machen, welche Ihnen schon jetzt Licht bringt.«

»Welche Mittheilung?«

»Die beiden Mädchen sind gestern Abend in dem Palais des Barons gewesen.«

»Guter Freund, da irren Sie sich sehr.«

»O nein.«

»Die Schlüssels alle, die es giebt, befinden sich in meiner und Antons Verwahrung. Wir wohnen jetzt im Palais.«

»So? Aber die Mädchens hatten auch Schlüssels.«

»Ich weiß nicht, was ich denken soll. Sie sprechen mit solcher Ruhe und Ueberzeugung; aber ich kann nicht glauben, daß Hulda – ah, als Zofe konnte sie sich freilich auf irgend eine Weise Schlüssels verschaffen!«

»Sehen Sie!«

»Sie sah mich und Anton im Tivoli; sie war also sicher, hier nicht überrascht zu werden. Was aber wollte sie?«

»Das weiß ich freilich nicht.«

»Zwei Mädels, so allein Abends in das weitläufige, finstere und verrufene Gebäude. Sie müssen sich da eigentlich ganz entsetzlich gefürchtet haben.«

»Wenn es sich um Eifersucht und Rache handelt, pflegt ein Mädchen gar nicht mehr an Furcht zu denken.«

»Das ist freilich wahr. Zu welcher Thür sollen sie aber eingedrungen sein?«

»Durch das kleine Pförtchen dort hinter der Ecke.«

»Ah! Das war die geheime Passage auch des Hauptmannes. Haben Sie sie wirklich dort eintreten sehen?«

»Eintreten nicht, aber heraus kommen. Ich ging ihnen nach. Als ich dort um jene Ecke kam, waren sie verschwunden. Es gab keine Erklärung, als daß sie durch die Pforte in das Palais gegangen seien. Ich beobachtete die Fenster und bemerkte wirklich baldigst einen Schein wie von einer schlecht verwahrten Laterne.«

»Wo?«

»Im ersten Stock, da im fünften und sechsten Fenster.«

»Dort ist das Boudoir der Baronin gewesen. Dort giebt es noch Schmuck und Geschmei – – Donnerwetter!«

»Was ist’s?«

»Mir geht da nicht nur ein Licht, sondern gleich eine ganze Stearinfabrik auf. Es ist sicher so, wie ich denke: Sie haben die beiden Ringe gestohlen, welche uns der Geliebte der Zofe in die Hand spielen mußte, damit es heißen könne, wir hätten sie unterschlagen. Gut ausgesonnen! Und dem Besuche im Gerichtsgebäude werden wir auch auf die Spur kommen. Vielleicht hängt Beides zusammen. Ich werde den Staatsanwalt wecken müssen oder den Fürsten!«

»Doch lieber den Fürsten!«

»Sie haben recht; gehen wir zu ihm!«

Es war bereits spät, aber im Zimmer des Fürsten von Befour gab es noch Licht. Als die Glocke geschellt wurde, stand der Portier auf, um nach dem Begehr zu fragen. Er erkannte Adolf und ließ ihn sofort ein. Bald stand der Letztere mit dem Paukenschläger vor dem Fürsten, um Alles zu erzählen. Der Herr hörte aufmerksam zu und fragte: »Weiß Anton bereits etwas?«

»Nein.«

»Ich hörte, daß Ihr mit der Droschke kommt. Steht sie noch unten?«

»Ja.«

»So gehe ich gleich mit. Wir wecken zunächst den Staatsanwalt.«

Eine Viertelstunde später saß auch der Anwalt mit in der Droschke, welche die vier Männer nach dem Hauptpostamte brachte, wo sie sich einen wachthabenden Beamten mitnahmen, um den betreffenden Briefkasten öffnen zu lassen. Dies geschah. Man fand den Brief. Er wurde sofort geöffnet, nachdem der Postmann entlassen und ihm noch Verschwiegenheit anbefohlen worden war. Der Inhalt lautete, wie vermuthet worden war. Es war eine Denuncation, daß Anna Landrock und Emilie Werner Ringe tragen, welche von den Geliebten der beiden Mädchen aus dem Helfenstein’schen Palais genommen worden seien.

»Wunderschön!« meinte der Fürst zum Staatsanwalte. »Haben Sie Ihre Schlüssel mit?«

»Ich habe sie den beiden Wächtern gegeben.«

»Schön! So könnten wir gleich jetzt den Inhalt der Chatouille untersuchen. Fahren wir also nach dem Palais.«

Anton schlief. Er wurde geweckt und wunderte sich nicht wenig, als er hörte, um was es sich handelte. Die Chatouille wurde geöffnet. Man hatte vermuthet, daß nur die beiden Ringe entfernt worden seien, fand aber Alles leer.

»Alle Teufel!« meinte Anton. »Das ist stark! Wir werden sofort dieses Zöfchen aufsuchen, um uns die abhanden gekommenen Sächelchen wiedergeben zu lassen.«

»Nein, das werden wir nicht,« antwortete der Fürst. »Wir werden ihr vielmehr Gelegenheit geben, ihre Rolle auszuspielen. Wir erfahren nur auf diese Weise, wie weit Mehnert mit betheiligt ist.«

»Aber wenn sie die Gegenstände unterdeß verwerthen!«

»Das geschieht nicht so schnell. Um zu erfahren, was wir wissen müssen, genügt es, uns der guten Jette Horn zu versichern. Wir nehmen Sie mit ihrer Mutter und ihren Schwestern heimlich in Gewahrsam. Die Zofe und ihr Verbündeter brauchen nicht zu erfahren, daß sie gefangen sind; sie mögen sie vielmehr für verreist halten. Ich, der Staatsanwalt und Anton genügen. Die Anderen mögen nachkommen, um die Gefangenen im Empfang zu nehmen. Sie können unauffällig vor dem Hause warten.«

Die drei Genannten stiegen wieder in die Droschke, verließen sie aber, ehe sie die betreffende Gasse ganz erreicht hatten, und begaben sich zu Fuß an das Haus des Apothekers Horn. Der Staatsanwalt und Anton lehnten sich an die Thür des Nachbarhauses, während der Fürst klopfte. Er that das anhaltend, aber so leise und vorsichtig, als ob er befürchte, daß ein Unberufener sein Klopfen hören möge. Erst nach einiger Zeit wurde oben, wo die Familie schlief, ein Fenster geöffnet.

»Wer ist unten?« fragte es leise.

»Das kann ich erst sagen, wenn ich weiß, wer es ist, der da oben fragt,« antwortete der Fürst ebenso leise.

»Ich bin Frau Horn.«

»Sehr gut! Ich bin zu Ihnen geschickt.«

»Von wem?«

»Das läßt sich unter freiem Himmel nicht gut sagen. Ich komme aus dem Gefängnisse.«

»Ah! Oh! Warten Sie; warten Sie! Wir kommen gleich!«

Es wurde oben Licht gemacht; dann hörte man von Außen die Treppenstufen knarren; die Stubenthür wurde geöffnet und dann auch die Hausthür.

»Kommen Sie!« flüsterte die Frau. »Meine Töchter sind bereits in der Stube.«

Der Fürst trat ein, zugleich aber auch die beiden Anderen, welche rasch hinzugekommen waren.

»Sie sind nicht allein?« fragte sie, Argwohn schöpfend.

»Nein, wie Sie bemerken.«

»Ich darf nur Sie einlassen!«

»Schweigen Sie. Ich lasse so Viele ein, wie mir beliebt.«

Bei diesen Worten machte er die Stubenthür auf, schob die Frau hinein und folgte ihr mit den Anderen. Da fiel der Schein des Lichtes auf ihn.

»Der Fürst!« rief die Frau erschrocken, und ihre Töchter stimmten mit ein.

»Diese beiden anderen Herren sind Ihnen jedenfalls ebenso bekannt wie ich selbst. Wir kommen, um einige Fragen auszusprechen.«

»Wir wissen nichts!« rief die Frau rasch.

»Ich habe es einstweilen nur mit Fräulein Jettchen zu thun.«

»Auch ich weiß nichts,« beeilte sich auch diese zu sagen.

»Wollen sehen. Vor allen Dingen gebe ich Ihnen die Versicherung, daß Ihnen das Leugnen nichts helfen wird. Es ist alles bereits an den Tag gekommen.«

»Herrgott, was soll es denn nun wieder geben?« jammerte die Frau. »Nimmt das Unglück gar kein Ende?«

»Sie sind selbst an Allem schuld. Wer Unrecht thut, darf sich später nicht beklagen, wenn ihm Anderes geschieht, als er erwartet hat. Also zunächst Ihre Tochter.«

Er setzte sich und nahm die kleine Dicke fest in’s Auge. Sie gab sich Mühe, diesem Blicke Stand zu halten; aber es war ihr doch anzusehen, daß sie große Angst ausstand.

»Wo waren Sie gestern Abend?« fragte er.

»Im Tivoli.«

»Sonst nirgends?«

»Nein.«

»Das scheint nicht wahr zu sein.«

»Es ist wahr. Ich kann es beweisen.«

»Wie denn?«

»Ich kann die Mädchen nennen, mit denen ich hinging und dann auch nach Hause gegangen bin.«

»Das ist kein Beweis. Sie können doch dazwischen den Saal einmal verlassen haben.«

»Das ist nicht geschehen.«

»Man will Sie aber doch anderwärts gesehen haben!«

»Das ist eine Lüge!«

»Gut! Haben Sie getanzt?«

»Sehr wenig.«

»Mit wem haben sie sich meist unterhalten?«

Sie nannte die Namen der Mädchen.

»Sind das die Einzigen?«

»Ja.«

»Es giebt doch wohl noch eine Andere!«

»Nein.«

»Sie haben sehr lange mit einer gewissen Hulda Neumann zusammen gesessen und angelegentlich geplaudert.«

»Das ist nicht wahr.«

»Unsinn! Es ist sehr dumm von Ihnen, das zu leugnen. Es sind Hundert vorhanden, welche Sie mit diesem Mädchen gesehen haben. Daß Sie es dennoch leugnen, ist eine Albernheit, die ich selbst Ihnen nicht zugetraut hätte. Wenn Sie übrigens fortleugnen, lasse ich Sie arretiren und einstecken. Die Wahrheit sagen, daß ist auch für Sie das Allerbeste.«

»Was soll ich denn gethan haben?« fragte sie eingeschüchtert.

»Sie wissen es!«

»Ich weiß es nicht!«

»Also, vor allen Dingen, haben Sie mit der Zofe gesprochen?«

»Ja,« gestand sie jetzt.

»Wovon?«

»Vom Tanz.«

»Nicht blos davon. Ich will Ihnen auf die richtige Antwort helfen. Sie haben von Ihren früheren Geliebten und dabei auch ein wenig von Rache gesprochen.«

»Davon weiß ich nichts.«

»Es kam dabei ein gewisser Mehnert mit in’s Spiel.«

»Auch das ist mir unbekannt.«

»Sie kennen ihn aber doch!«

»Nein.«

»So, so! Er ist Goldarbeiter und sollte Ihnen gewisse Ringe an gewisse Personen versorgen.«

Sie wurde bald roth und bald blaß. Woher wußte dieser fürchterliche Mann das Alles? Leugnen war wohl das Allerbeste, und so leugnete sie weiter.

»Also Sie sind nicht vom Tivoli fortgegangen?«

»Nein.«

»Nach dem Palais Helfenstein?«

»Nein.«

»Um Schmucksachen zu stehlen?«

»Herrgott! Schmucksachen stehlen, das thut die Jette nicht,« rief ihre Mutter.

Der Fürst blickte der Frau forschend in das erregte Angesicht und antwortete:

»Es ist möglich, daß Sie gar nichts wissen, daß Ihre Tochter Ihnen die Sache verheimlicht hat. Wenn sie aufrichtig sein wollte, so würde sie nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Mutter und Geschwister vor größerem Unheil bewahren. Ich bin noch jetzt bereit, anzunehmen, daß sie die Verführte ist, daß sie eigentlich gar nicht gewußt hat, was sie thut. Bleibt sie aber beim Leugnen, so wird sie so streng bestraft werden wie die Zofe. Und auch die Mutter und Geschwister muß ich arretiren lassen.«

»Mädchen, Mädchen, was hast Du gemacht!« rief die Alte.

»Nichts, gar nichts,« lautete die Antwort.

»Wir werden nach dem Geschmeide suchen müssen, welches Sie als Ihren Antheil erhalten haben,« sagte der Fürst.

»Ich habe nichts erhalten!«

Es war von ihm allerdings nur eine Vermuthung, aber er hatte doch das Richtige getroffen. Adolf und der Paukenschläger mußten kommen, und das Suchen begann. Der Erstere kannte als der frühere Anbeter der Jette einen jeden Winkel des Hauses. Er brachte bald eine uralte, zusammengebundene Haube lachend herein und sagte: »Da diese alte Ursel kommt mir verdächtig vor, Durchlaucht. Es klirrt bedeutend. Soll ich öffnen?«

»Ja.«

Der muntere Polizist machte mühsam die vielfach verschlungenen Knoten auf.

»Gold!« sagte er dann. »Geschmeide über Geschmeide! Sechs Ringe, drei Armbänder, drei Broschen, mehrere Boutons und Haarnadeln. Alles mit – – mit – – ah!«

Er hielt die Steine gegen das Licht und fuhr dann fort:

»Alles mit echten Steinen besetzt, wollte ich sagen, aber das ist nicht so. Sehen Sie her, Durchlaucht!«

Die Anderen betrachteten auch die Steine, und der Fürst sagte achselzuckend:

»Alles nur Glas. Frau Horn, wem gehören diese Sachen?«

»Ich weiß es nicht. Ich habe sie noch nicht gesehen. Ich hatte keine Ahnung, daß sie sich bei mir befinden.«

Man sah es ihr an, daß sie die Wahrheit sagte.

»Fräulein Jettchen hat Ihnen diese Sachen ins Haus gebracht.«

»Nein; das ist nicht wahr!« erklärte die Dicke.

»Leugnen Sie doch nicht länger. Sie opfern sich da nur ganz unnöthig auf, indem Sie Ihre Strafe verschlimmern, ohne einem anderen Menschen dadurch zu helfen. Sie sind von der Zofe und von Mehnert betrogen worden, schmählich betrogen. Die Baronin von Helfenstein hat nur echte Steine getragen; diese hier aber sind unecht, und was Sie für Gold ansehen, ist Messingblech, welches in einigen Wochen schwarz sein wird. Es ist klar, daß die beiden Anderen Ihren Antheil umgetauscht haben und sich nun über Ihre Dummheit lustig machen werden.«

Das wirkte. Nichts konnte sie mehr ärgern, als der Ausdruck ›dumm‹. Daß sie vorhin vom Fürsten dumm genannt worden war, das hatte sie sich gefallen lassen müssen; aber von der Zofe ausgelacht zu werden, das erregte ihren Grimm.

Ihre Verlegenheit war auf einmal verschwunden. Sie stand von ihrem Sitze auf und sagte in hitzigem Tone:

»Sind die Steine wirklich unecht?«

»Ja; es ist Glas.«

»So haben sie mich wirklich betrügen wollen!«

»Das ist sehr klar. Mehnert hat die echten Sachen behalten und Ihnen von seinen billigsten Ladenhütern gegeben. Dafür können Sie nun ins Gefängniß spazieren.«

»Ich? O nein! Sie sollen hinein, diese Beiden! Ich werde nun Alles, Alles sagen.«

Sie erzählte der Wahrheit gemäß, was geschehen war. Der Fürst hatte Erbarmen mit dem Mädchen. Sie war die Verführte, und daß Adolf von den Verhältnissen gezwungen gewesen war, ihr Liebe zu heucheln und sie zu betrügen, das war jedenfalls ein sehr gewichtiger Milderungsgrund für sie. Darum sagte er, als sie geendet hatte: »Ihr Vater hat bereits großes Elend über Sie gebracht; ich möchte dasselbe nicht gern vergrößern. Eigentlich sollten Sie arretirt werden; aber ich will davon absehen, wenn Sie mir versprechen, für’s Erste über den ganzen Vorfall zu schweigen.«

»Ich sage kein Wort!« versprach sie schnell, ganz erfreut über diese unerwartete Milde.

»Ich werde trotz dieses Versprechens Anton hier lassen, welcher hier die Aufsicht führen und bestimmen wird, mit wem Sie verkehren dürfen oder nicht. Ganz straflos werden Sie freilich nicht ausgehen, doch verspreche ich Ihnen, daß man möglichst mild gegen Sie verfahren wird. Die Schmucksachen nehme ich natürlich mit.« –Nun begaben sich die Herren außer Anton wieder nach dem Palais, wo sie die Beiden wirklich imitirten Ringe fanden, welche Hulda dort versteckt hatte. Jette hatte die Verstecke verrathen.

Bereits am Vormittage erhielt der Goldarbeiter Mehnert eine Vorladung. Er eilte zur Geliebten, um ihr dies mitzutheilen.

»Du hast doch nicht etwa gar Angst?« fragte sie.

»Angst? Ich? Wie kommst Du auf diesen Gedanken?«

»Du bist so erregt.«

»Vor Freude darüber, daß wir die Kerls nun fest in der Falle haben.«

In Wahrheit empfand er ein gutes Theil Angst, wollte aber natürlich nichts davon eingestehen.

»Ja, Die haben wir,« sagte diese auch. »Merke Dir nur jedes Wort, was gesprochen wird. Es ist ganz nothwendig, daß ich Alles erfahre.«

»Ich werde sofort kommen und Dir Alles erzählen.«

»Nein, nein! Das würde auffallen, und Du besuchst mich ja jetzt bereits zur ungewöhnlichen Zeit. Ich kann warten bis zum Abende, obgleich ich vor Neugierde brenne.«

»Hast Du die Sachen gut versteckt?«

»Versteckt? Wo denkst Du hin! Wie könnte man auf den Gedanken kommen, sie bei mir zu suchen? Anton und Adolf haben sie gestohlen; das ist doch über jeden Zweifel erhaben. Würde ich ein Versteck suchen, so würde das nur auffallen. Gar nicht verstecken, das ist das Beste und Sicherste.«

Diese Kühnheit und Zuversichtlichkeit zerstreute seine Besorgniß in der Weise, daß er am Nachmittage in größter Gemüthsruhe vor den Assessor von Schubert trat. In dem offenen Nebenzimmer saßen, von ihm unbemerkt, mehrere Herren, welche der Verhandlung zuhören wollten.

»Herr Mehnert,« sagte der Assessor im zutraulichsten Tone, »es ist mir da ein ganz eigenthümlicher und heikler Fall passirt, den ich nur mit Ihrer Hilfe werde erledigen können. Ich habe mir daher gestattet, Sie für kurze Zeit zu mir zu bitten.«

Diese Einleitung bewirkte, daß dem jungen Menschen der Kamm gewaltig schwoll. Er antwortete:

»Ich stehe gern zu Diensten. Sagen Sie mir nur, um was es sich handelt.«

»Um ein anonymes Schreiben, welches einer unserer Obergensd’arme heute früh erhalten hat. Er stellte es mir zu, um die Sache zu untersuchen. Hier sind die Zeilen. Lesen Sie sie einmal durch und sagen Sie mir dann, was Sie davon denken!«

Mehnert las seine eigene Schrift und sagte dann, wichtig den Kopf schüttelnd:

»Hier handelt es sich wohl nur um eine Mystification?«

»Das dachte ich allerdings zunächst auch, aber es war doch meine Pflicht, nachzuforschen, und da fand ich – ah, ich soll eigentlich nicht davon sprechen; aber Sie sollen mich ja aus der Verlegenheit ziehen, und so darf ich Ihnen wohl ganz unbesorgt ein wichtiges Amtsgeheimniß anvertrauen!«

»Natürlich! Es soll mir Niemand ein Wort darüber entlocken!«

»Gut! Also denken Sie sich, ich fand, daß die Chatoulle der Baronin wirklich leer ist!«

»Was Sie sagen!«

»Es ist entsetzlich!«

»Wer mag der freche Thäter sein?«

»Wer? Sie vergessen, daß hier Namen genannt sind.«

»Das sind Ehrenmänner!«

»Ich dachte es bisher auch; aber ich folgte natürlich dem mir hier gegebenen Rathe und habe bei den beiden Mädchen wirklich zwei Ringe gefunden, welche zu dem gestohlenen Geschmeide gehören.«

»O weh! Wer hätte das gedacht!«

»Jawohl! Sie haben gewiß auch keine Ahnung gehabt, warum Sie zu mir kommen sollen?«

»Nicht die geringste.«

»Das läßt sich denken. Es thut wehe, in Leuten, denen man so lange Zeit sein vollstes Vertrauen geschenkt hat, so raffinirte Diebe zu entdecken. Am Meisten aber schmerzt es mich, daß sie trotz aller Beweise doch sich auf’s Leugnen legen.«

»Sie leugnen? Und haben doch die gestohlenen Ringe an ihre Bräute geschenkt?«

»Ja.«

»Das ist freilich frech!«

»Sie geben zu, ihren Mädchen die Ringe geschenkt zu haben, behaupten aber, sie nicht gestohlen, sondern gekauft zu haben.«

»Unglaublich!«

»Und zwar wollen sie sie von Ihnen gekauft haben.«

»Von mir? Das möchte ich mir doch verbitten!«

»Sind sie denn bei Ihnen gewesen oder nicht?«

»Sie waren da, alle Beide, gestern kurz nach Mittag. Sie bestellten die Trauringe und kauften zwei Ringe mit Alençoner Bergkrystall zu zehn Gulden das Stück.«

»Aber die beiden bei den Mädchen gefundenen Ringe haben echte Diamanten!«

»So sind sie nicht von mir!«

»Hier sind sie. Sehen Sie sich dieselben einmal an.«

Mehnert betrachtete sich die beiden Ringe und sagte dann:

»Das sind echte Diamanten. Solche Ringe habe ich nie gehabt.«

»Die Ringe sind also nicht von Ihnen?«

»Nein.«

»Die beiden Angeschuldigten wollen es aber beschwören.«

»Das können sie nicht.«

»Wenn sie es aber dennoch thun?«

»So schwören Sie falsch.«

»Sie würden trotzdem darauf hin verurtheilt werden. An Ihnen wäre es, zu beweisen, daß die Beiden ganz andere, werthlose Ringe bei Ihnen gekauft haben.«

»Das kann ich; das kann ich!«

»Wieso?«

»Ich habe mir von ihnen einen Revers unterschreiben lassen, daß die Ringe, welche sie von mir gekauft haben, unecht sind. Und ferner besitze ich die Zeichnung der beiden Ringe, welche sie von mir gekauft haben. Man suche nur recht genau bei ihnen aus, so bin ich überzeugt, daß man meine Ringe bei ihnen finden wird.«

»Diesen wohlgemeinten Wink werde ich beachten. Also Sie sind im Besitze des Reverses und der Zeichnungen?«

»Ja. Ich habe sie mitgebracht.«

Der Assessor sagte in höchst vertrauensvollem, freundschaftlichem Tone zu ihm:

»Lieber Mehnert, das eilt ja nicht so sehr, das hätte recht gut Zeit gehabt bis später.«

»O nein! Wo es sich um meine Ehre handelt, da versäume ich keinen Augenblick. Ich habe Revers und Zeichnung mitgebracht, damit Sie keine Minute lang an meiner Rechtschaffenheit zweifeln sollen.«

Noch ebenso freundlich fragte der Assessor:

»Das ist sehr gut, sehr gut! Sie brachten sie also mit, um mich sogleich von Ihrer Unschuld zu überzeugen?«

»Ja, natürlich, Herr Assessor.«

Da auf einmal klang es ihm donnernd entgegen:

»Und vorhin behaupteten Sie, gar nicht gewußt zu haben, um was es sich handelte! Lügner!«

»Ah – – oh – – bitte!« stotterte der vollständig Ueberrumpelte. »Ich dachte – ich wollte – ich hatte die Absicht –«

»Die Absicht, brave, unschuldige Menschen unglücklich zu machen, die hatten Sie! Aber Sie haben es sehr, sehr verkehrt angefangen!«

»Ich bin unschuldig und bitte, nach meinen Ringen suchen zu lassen, im Palais Helfenstein, wo die Beiden wohnen.«

»Warum dort? Woher wissen Sie, daß die Ringe sich dort befinden, nicht in der Privatwohnung der Beiden?«

»Ich vermuthe es.«

»Nein, Sie wissen es! Sie wissen, daß die Ringe dort versteckt worden sind, um zwei brave Beamte zu verderben.«

»Versteckt? Ich habe keine Ahnung davon.«

»Nun, wir haben nicht die bloße Ahnung, sondern sogar die Gewißheit. Hier sind die Ringe. Sehen Sie!«

»Ja, die sind es; die sind von mir.«

»Aber nicht gekauft. Diese Ringe haben Sie Ihrer Geliebten in das Tivoli gebracht, um sie im Palais Helfenstein verstecken zu lassen.«

Mehnert taumelte vor der Wucht dieser Anschuldigung zurück, faßte sich aber und antwortete:

»Das ist elende Verleumdung!«

Der Assessor klingelte; ein Herr in Civil trat ein.

»Dort gewesen, Herr Commissar?« fragte Schubert.

»Ja.«

»Etwas gefunden?«

»Das hier.«

Er legte das Armband hin, welches Mehnert gestern von Hulda an Zahlungsstatt empfangen hatte.

»Wie kommen Sie zu diesem Gegenstande?« fragte der Assessor.

Der Goldarbeiter war todtesbleich geworden. Er stammelte:

»Dieses Armband habe – habe ich – habe –«

»Nun, heraus!«

»Ich habe es gestern gekauft.«

»Von wem?«

»Von einem Unbekannten.«

»Da endlich taucht der berühmte Unbekannte wieder einmal auf. Freut mich sehr, auf’s Neue von ihm zu hören; ich befürchtete bereits, er sei gestorben. War denn der Handel ehrlich?«

»Ja, ganz und gar.«

»Warum haben Sie da das Armband unter die alten Ziegelsteine in Ihrem Hofe versteckt, wie mir soeben der Herr Criminalcommissar hier zuflüstert?«

»Weil – weil –«

»Weil es von Ihrer Geliebten ist, die Ihnen das Armband gegeben hat für die fast werthlosen Gegenstände, mit denen Jette Horn abgefunden wurde.«

»Ich weiß davon kein Wort!«

»Pah! Hier sehen Sie die Sachen. Leugnen Sie, daß sie aus Ihrem Laden sind.«

»Ja. Sie sind nicht von mir.«

»Na, Sie werden wohl ein Lagerverzeichniß besitzen, aus welchem wir uns Sicherheit holen können. Einstweilen aber wollen wir Ihnen einen anderen Beweis bringen.«

Er klingelte. Jette Horn trat ein.

»Kennen Sie dieses Mädchen?« fragte der Assessor.

Als Mehnert die Zeugin erblickte, erschrak er. Er sagte sich zwar augenblicklich, daß nun an seiner Ueberführung kaum mehr zu zweifeln sei; aber er glaubte doch noch einen Ausweg vorhanden, nämlich den des Leugnens. Er war fest überzeugt, daß Hulda nichts gestehen werde. Es schoß ihm sogar der Gedanke durch den Kopf, die kleine Dicke, falls sie gegen ihn aussagen werde, meineidig zu machen. Darum antwortete er, seine Bestürzung beherrschend: »Nein, ich kenne sie nicht.«

»Sie sind ein sehr unvorsichtiger Mensch,« sagte der Beamte. »Es ist nicht vortheilhaft, eine offenbare Lüge zu sagen, da dann auch die Wahrheit angezweifelt wird.«

»Ich lüge nicht!«

»Bilden Sie sich doch nicht ein, mich auf das Eis zu führen! Ich fordere Sie hiermit auf, und zwar zum allerletzten Male, die Wahrheit zu gestehen!«

»Ich habe sie gesagt. Es kann doch kein Mensch von mir verlangen, daß ich wissentlich und mir zum Schaden ein falsches Zugeständniß mache!«

»Ihnen zum Schaden? Woher wissen Sie denn so gewiß, daß Ihnen dieses Zugeständniß schaden würde? Sie verrathen mit diesen Worten mehr, als Sie denken.«

»Ich vermuthe, daß es mir zum Schaden gereichen würde.«

»Wir können uns hier gar nicht mit Vermuthungen, sondern nur mit Thatsachen befassen. Also, bleiben Sie bei Ihrer Aussage?«

»Ja.«

»Das ist wieder höchst albern von Ihnen. Sie haben mit diesem Mädchen im Tivoli gesprochen.«

»Nein.«

»Sie haben sie sogar von ihrem Platze weggeholt, damit sie sich neben Ihre Geliebte setzen solle.«

»Davon weiß ich kein Wort. Auch habe ich keine Geliebte.«

»Vielleicht sind Sie gar nicht im Tivoli gewesen, ich meine nämlich vorgestern Abend.«

»Da war ich nicht dort.«

»Diese Behauptung ist wieder sehr dumm. Es stehen mir mehrere Zeugen zu Gebote, Ihnen nachzuweisen, daß Sie dort gewesen sind.«

»Das sind falsche Zeugen.«

»Hören Sie, mein Bester, glauben Sie nur ja nicht, daß Sie es in mir mit einem albernen Menschen zu thun haben! Die Zeugen, von denen ich spreche, sind Leute, bei denen ein einziges Wort mehr Gewicht hat, als bei Ihnen hundert Eide. Uebrigens mag Ihnen Fräulein Horn gleich sagen, daß Sie logen!«

Und sich an das Mädchen wendend, fragte er:

»Sie kennen doch diesen Mann?«

»Ja.«

»War er vorgestern im Tivoli?«

»Ja.«

»Er hat mit Ihnen gesprochen?«

»Er hat nicht nur mit mir gesprochen, sondern er hat auch die beiden Ringe geholt, welche wir dann versteckten. Dann führte er die Zofe nach Hause, während ich im Tivoli bleiben mußte, damit er ungestört mit ihr besprechen könne, wie ich um mein Antheil am Geschmeide betrogen werden sollte!«

»Lüge, nichts als Lüge!« behauptete Mehnert.

»Dummheit, nichts als Dummheiten von Ihnen,« sagte der Beamte. »Ich werde Ihnen noch Jemand zeigen.«

Er klingelte, und es trat abermals ein Mann ein, welcher Civilkleidung trug. Er wurde gefragt:

»Hatten Sie Erfolg?«

»Ganz bedeutenden. Erlauben Sie!«

Er ging an die Thür zurück und öffnete sie. Auf seinen Wink trat der Amtsdiener ein, mit einem Koffer in der Hand, welchen er übergab, um sich dann wieder zu entfernen. Die Herren betrachteten den Inhalt des Koffers an einem Nebentische, so daß Mehnert nichts davon bemerken konnte. Nachdem der zuletzt Eingetretene, welcher natürlich ein Detective war, leise seinen Bericht erstattet hatte, ging er wieder und schob Hulda zu der geöffneten Thür herein.

Sie sah außerordentlich blaß und verlegen aus. Man war so ganz unerwartet zu ihr aussuchen gekommen, hatte die gestohlenen Gegenstände gefunden und sie mit denselben direct hierhergebracht. Der Untersuchungsrichter wendete sich an sie, indem er auf Mehnert zeigte: »Kennen Sie diesen Mann?«

Mehnert fürchtete, daß sie bejahen werde, darum ließ er ihr nicht Zeit zur Antwort, sondern er fiel rasch ein: »Wie sollte sie mich kennen? Ich bin niemals –«

»Schweigen Sie!« herrschte ihn der Richter an. »Sie haben nur dann zu antworten, wenn man Sie fragt. Also, Fräulein Neumann, kennen Sie diesen Mann?«

»Nein.«

Sie hatte erst bejahend antworten wollen, da sie aber aus Mehnerts Verhalten bemerkte, daß er das nicht wünsche, so that sie das Gegentheil.

»Waren Sie vorgestern Abend im Tivoli?« erklang es weiter.

»Nein.«

»Wo befanden Sie sich denn?«

»Ich war während des ganzen Abend zu Hause.«

»Allein?«

»Ganz allein.«

»Wer war die männliche Person, welche Sie zwischen drei und vier Uhr aus Ihrer Thür ließen?«

»Davon weiß ich nichts. Um diese Zeit habe ich geschlafen.«

»Und wer war gestern Abend bei Ihnen? Er entfernte sich abermals erst nach Mitternacht?«

»Auch hiervon weiß ich nichts.«

»Wunderbar! Aber noch wunderbarer ist Ihre Hoffnung, sich durch solches Leugnen retten zu können. Wir haben genug Zeugen, Sie zu überführen. Man hat Schmucksachen bei Ihnen gefunden, deren rechtmäßige Eigenthümerin Sie nicht sind. Wie sind Sie denn in den Besitz derselben gelangt?«

Sie hatte sich unterwegs eine Ausrede ausgesonnen, welche sie jetzt nun vorbrachte.

»Diese Sachen sind nicht gestohlen, sondern die gnädige Baronin hat sie mir zur Aufbewahrung übergeben.«

Der Assessor war zwar an die dümmsten Ausreden gewöhnt, bei der jetzigen aber verlor er doch seinen Gleichmuth. Er fuhr empor und sagte lachend: »Prächtig! Diese Antwort ist von einer wahrhaft klassischen, von einer wirklich überwältigenden Unverfrorenheit. Wann haben Sie die Geschmeide zur Aufbewahrung von Ihrer Herrin bekommen?«

»Kurz ehe sie nach Rollenburg geschafft wurde.«

»Wie ist sie auf den Gedanken gekommen, Ihnen ihre Schmucksachen anzuvertrauen?«

»Jedenfalls, um dieselben zu retten. Sie hat wohl bereits damals ihren Mann in irgend einem Verdacht gehabt, welcher sie zu dieser Maßregel veranlaßte.«

»Und wo haben sich seitdem die Gegenstände befunden?«

»In meiner Verwahrung.«

»Und seitdem sie das Palais verlassen haben –?«

»Ich habe sie mitgenommen.«

»Sie haben sie nicht erst vorgestern Abend geholt?«

»Nein.«

»Was sind das für Schlüssel, welcher der Polizeibeamte bei Ihnen gefunden hat?«

»Der Hauptschlüssel zum Palais und der Schlüssel zu der Geschmeidechatoulle,« mußte sie gestehen.

»Warum haben Sie diese beiden Gegenstände nicht abgegeben, als Sie entlassen wurden?«

»Ich habe es vergessen.«

»So sollten Sie es später thun. Doch, hören wir jetzt auf, Comödie zu spielen. Ich habe Sie Alle jetzt nur so en passant hören wollen und also Ihre Aussagen auch gar nicht zu Protocoll genommen. Was Sie sagen, ist so lächerlich, daß es rein unsinnig sein würde, es niederzuschreiben. Sie Beide befinden sich bei so spaßhafter Laune, als glaubten Sie, in einem Lustspiele oder in einer Posse aufzutreten. Da dies aber nicht der Fall ist, werde ich Ihnen Gelegenheit geben, zu dem Ernste zu gelangen, welcher hier an dieser Stelle und nach Lage der Sache so dringend geboten ist, und von Ihnen gefordert werden muß. Wenn Sie sich dann in der hier gebräuchlichen Stimmung befinden, werde ich Sie rufen lassen. Sie werden jetzt hinter Schloß und Riegel Zeit finden, sich zu besinnen!«

Mehnert und Hulda wurden abgeführt. Dann nahm der Beamte Jette’s Aussage zu Protocoll. Sie zeigte sich wahrheitsliebend und aufrichtig. In Folge dessen befahl der Assessor dem Wachtmeister, ihr während der Zeit ihrer Haft, der sie freilich nicht entgehen konnte, möglichst Beschäftigung in seiner Familie zu geben. –Am vorigen Abende, eine Stunde nach Mitternacht, hatte sich der Freiherr von Tannenstein wieder mit seiner Tochter auf dem Altmarkte in der Nähe des Brunnens eingefunden, um auf den Goldarbeiter Jacob Simeon zu warten. Der Erstere trug ein kleines Bündel bei sich. Sie unterhielten sich leise mit einander.

»Ich bin neugierig, ob er kommen wird,« meinte der Vater. »Es wäre höchst unangenehm, wenn er ausbliebe.«

»Ist es seiner Tochter heute abermals möglich, die Schlüssel zu erwischen, so kommt er ganz sicher. Es ist ihm ja um die zweite Hälfte des Geldes zu thun.«

»Abermals fünfundzwanzigtausend Gulden! Das ist verteufelt viel verlangt!«

»Und wir haben sie nicht.«

»Er wird sie aber verlangen. Wir haben Sie ihm versprochen, und er wird nicht eher mit uns gehen wollen, als bis wir sie ihm auch gegeben haben!«

»Nein. Wir haben ausgemacht, ihm die erste Hälfte zu bezahlen, wenn er uns die Kette giebt, und die zweite, sobald wir das Kinderzeug in den Händen haben. Er muß also die letztere Bedingung erfüllen.«

»Aber dann wird er das Geld verlangen.«

»Er bekommt es nicht!«

»So können wir uns vor ihm in Acht nehmen.«

»Pah! Diesen Menschen haben wir ganz und gar nicht zu fürchten. Er wird von der Polizei gesucht. Er darf es nicht wagen, sich sehen zu lassen, oder gar gerichtlich gegen uns vorzugehen. Ich habe sogar den Gedanken, ihm das Geld, welches er erhalten hat, wieder abzunehmen.«

»Er wird sich hüten, es herzugeben.«

»Das wird er allerdings; aber giebt er es nicht freiwillig, so nehme ich es ihm eben mit Gewalt ab.«

»Jedenfalls hat er es versteckt.«

»Meinst Du? Ich denke das Gegentheil. Er hat flüchtig werden müssen. Er weiß heute nicht, wo er morgen sein wird; er ist also gezwungen, sein Geld stets bei sich zu führen.«

»Was willst Du thun, es zu bekommen?«

»Das wollen wir jetzt besprechen. Komm näher an den Brunnen. Wenn wir auf einer der Stufen sitzen, können wir nicht so gut bemerkt werden, wie hier.«

Er folgte ihr. Sie begannen, sich ihre Absichten flüsternd mitzutheilen. Nach einiger Zeit bemerkten sie eine männliche Gestalt, welche vorsichtig näher kam und dann den Brunnen suchend umschlich. Sie erkannten den Goldarbeiter und gaben ihm ihre Anwesenheit zu erkennen.

»Haben Sie die Schlüssel?« fragte der Freiherr.

»Ja. Aber haben Sie auch die Sachen?«

»Hier in diesem Bündel.«

»So sind Sie fertig geworden, Fräulein?«

»Sehr leicht. Die Arbeit war nicht schwer. Wo haben Sie sich aufgehalten? Sind Sie bei Ihrem früheren Gehilfen geblieben, den wir gestern trafen?«

»Das kann mir nicht einfallen. Der scheint auch bereits so viel Werg am Rocken zu haben, daß er schon unter heimlicher Polizeiaufsicht steht.«

»Haben Sie mit ihm von uns gesprochen?«

»Kein Wort.«

»Sie versprachen es ihm aber doch, als er uns am Gerichtsgebäude überraschte.«

»Versprechen und Halten ist Zweierlei. Es war sehr gut, daß Sie sich von uns trennten. Er hatte sehr große Lust, Sie auszuforschen. Ich habe zunächst meiner Tochter die Schlüssel zurückgebracht und dann ein Versteck aufgesucht.«

»Bei Ihrer Frau?«

»Halten Sie mich für so dumm? Meine Frau wird so gut beobachtet, daß man mich an dem Augenblicke, an welchem ich sie aufsuchen wollte, ergreifen würde. O nein, was ich ihr zu sagen habe, das erfährt sie durch meine Tochter. Diese Letztere kann ich mit weniger Gefahr sehen und sprechen, da man nicht glaubt, daß ich mich in die Wohnung des Staatsanwaltes wagen werde.«

»Aber diese Verhältnisse können doch nicht so fortdauern. Sie können doch nicht für immer von den Ihrigen getrennt sein. Das versteht sich ja ganz von selbst.«

»Natürlich! Ich warte nur, bis meine Tochter den Dienst verläßt. Sie hat bereits gekündigt. Dann verschwinden wir.«

»Wohin?«

»Ueber die Grenze hinüber.«

»Man wird Sie ergreifen.«

»Das lassen Sie nur meine Sorge sein. Die Hauptsache ist, daß ich bis dahin einen sicheren Ort habe, wo ich nicht entdeckt werden kann.«

»Ich denke, den haben Sie hier?«

»Leider nicht. Für zwei oder drei Tage geht es, aber doch länger nicht. Die Verhältnisse sind hier so, daß sich unter zehn Personen, denen man des Abends begegnet, neun heimliche Polizisten befinden. Auch draußen auf dem Lande bin ich nicht mehr sicher. Es kam heute eine Zeitung in meine Hand. Und was fand ich da? Meinen Steckbrief nebst dem ausführlichsten Signalement.«

»So machen Sie schleunigst sich aus dem Staube. Ihre Frau und Tochter können ja nachkommen. Geld zur Flucht haben Sie ja genug.«

»Ja, das habe ich freilich,« antwortete er, mit der rechten Hand nach der linken Brusttasche greifend. »Aber Geld allein thut es nicht. Klugheit ist hier wenigstens ebensoviel werth wie Geld. Um mich ist es mir nicht bange. Ich kann sehr leicht für immer verschwinden. Aber meine beiden Frauenzimmer sind zu dumm und unerfahren. Wenn sie mir nachkommen wollen, wird es der Polizei sehr leicht sein, ihnen heimlich zu folgen und mich also dann zu finden. Darum muß ich selbst dabei sein, wenn sie die Stadt und das Land verlassen. Ich bin ihnen nothwendig, wenn sie keine Spuren zurücklassen sollen. Darum handelt es sich um ein Asyl für mich.«

»Auf wie lange?«

»Nur zwei Wochen. Dann zieht meine Tochter ab.«

»Haben Sie denn keine Aussicht, ein Versteck zu finden?«

»Ich habe schon an Verschiedenes gedacht, aber noch nichts ganz Sicheres gefunden.«

Vorhin, als er mit der Hand an die Brusttasche gegriffen, hatte die Tochter ihren Vater angestoßen. Er hatte durch diese unbewachte Bewegung verrathen, daß er das Geld bei sich trage. Darum meinte jetzt Theodolinde in nachdenklichem Tone: »Hm! Das ist schlimm. Sie werden zwar für das, was Sie für uns thun, von uns bezahlt, aber es ist mir dennoch, also ob wir Ihnen Dank schuldig seien. Ich habe da einen Gedanken. Wenn ich wüßte –«

»Was?« fragte er schnell.

»Es ist nur zu gefährlich!«

»Was soll gefährlich sein? Meinen Sie etwa wegen eines Verstecks für mich?«

»Ja.«

»Wissen Sie vielleicht einen guten Ort?«

»Ich weiß einen; aber man soll niemals einem Menschen mehr Vertrauen schenken, als unumgänglich nöthig ist.«

»Das ist sehr aufrichtig, gnädiges Fräulein! Das muß ich sagen! Ich begebe mich Ihretwegen in so große Gefahr, und Sie meinen, daß Sie mir nicht trauen dürfen.«

»Nicht zu viel Vertrauen, habe ich gesagt. Uebrigens wollte ich mich anders ausdrücken. Ich hatte die Absicht, zu sagen, daß man sich nicht in zu große Gefahr begeben soll.«

»Welche Gefahr meinen Sie denn?«

»Die Gefahr, daß Sie unvorsichtig sind und dann entdeckt werden.«

»Was kann das Sie angehen?«

»Uns? Sehr viel! Wenn Sie bei uns erwischt werden, wird man sich unserer natürlich auch versichern.«

»Bei Ihnen erwischt?« fragte er. »Das klingt ja geradeso, als ob ich mich bei Ihnen verstecken solle!«

»Ja, daran dachte ich eben.«

»Ah! Sie wollten mir ein Asyl bieten? Das wäre freilich äußerst vortheilhaft für mich. Bei Ihnen kann mich ja kein Mensch suchen. Niemand hat einen Grund, zu ahnen, daß ich Ihnen bekannt bin, und noch dazu in der Weise bekannt, daß sie mir ein Versteck bieten.«

»Nun ja. Eben diese Erwägung brachte mich auf den Gedanken, Ihnen zu sagen, daß Sie bei uns bleiben möchten. Was meinst Du dazu, Vater?«

»Hm! Es geht nicht,« antwortete der Gefragte.

»Warum nicht?«

»Bedenke zunächst: Ein Freiherr und ein steckbrieflich Verfolgter! Es ist undenkbar!«

»Gerade weil es undenkbar ist, wird man ihn nicht bei uns suchen!«

»Er wird aber bei uns gesehen werden.«

»Wieso?«

»Nun, man sieht ihn doch kommen!«

»Nein. Er muß des Abends kommen, wenn es finster ist. Wir selbst lassen ihn ein.«

»Die Dienerschaft wird ihn doch bemerken. Er hat ja seine Bedürfnisse. Er will verpflegt sein.«

»Wir quartieren ihn in das kleine Zimmer hinter Deiner Bibliothek. Dort schließt er sich ein. Was er braucht, erhält er durch uns.«

»Das ist leichter gesagt, als gethan.«

Der Freiherr stellte sich natürlich nur so, als ob er gegen den Plan seiner Tochter sei. Er hatte ihn ja vorhin erst mit ihr besprochen. Jacob Simeon sah ein, daß ihm gar nichts Vortheilhafteres geboten werden könne; darum sagte er in dringlichem Tone: »Haben Sie keine Sorge, gnädiger Herr! Wenn Sie mich bei sich aufnehmen, sollen Sie nicht den mindesten Schaden davon haben, eher noch Vortheil.«

»Diese Vortheile möchte ich kennen lernen.«

»O, man kann ja gar nicht wissen, in welcher Weise ich Ihnen zu nützen vermag. Sie verfolgen ja mit der Kette eine Absicht, bei welcher – hm, wenigstens würde mich die Dankbarkeit zum tiefsten Schweigen nöthigen.«

»Pah! Schon Ihr eigenes Interesse gebietet Ihnen, zu schweigen. Durch Plaudern würden Sie nur sich selbst in Gefahr und Schaden bringen.«

Da fiel seine Tochter ein:

»Die Hauptsache ist noch unerwähnt geblieben. Nämlich wenn Simeon ergriffen würde und man unser Geld bei ihm fände, würde er angeben müssen, von wem er eine so hohe Summe empfangen hat.«

»Ich würde es nicht verrathen!« betheuerte der Genannte.

»Das glaube ich; aber man würde es dennoch entdecken. Da die Cassenscheine nummerirt sind, wird es der Polizei nicht schwer sein, zu erfragen, in wessen Hände sie sich zuletzt befunden haben. Jeder Bankier trägt die Nummern ein. Es liegt also sehr in unserem Interesse, daß der jetzige Besitzer nicht ergriffen wird. Bedenke das, lieber Vater!«

Erst nach einer Pause scheinbaren Nachdenkens antwortete der Freiherr:

»Du bist leider gewohnt, Alles bei mir durchzusetzen!«

»Also Du willigst ein?«

»Oho! So, so schnell geht das nicht!«

»Bedenke, es sind nur vierzehn Tage!«

»Diese Zeit ist lang genug!«

Da legte sich auch Simeon auf’s Bitten und da sie ihm beistand, so gab sich der Freiherr den Anschein, als ob von ihrer Dringlichkeit seine Bedenken besiegt würden.

»Na,« meinte er, »so will ich mich nicht länger weigern. Aber ich schiebe alle Verantwortlichkeit von mir!«

»Es giebt gar keine Verantwortlichkeit. Unser Schützling wird sich in acht nehmen.«

»Das versteht sich ganz von selbst!« sagte Simeon. »Also des Abends soll ich kommen?«

»Natürlich! Ich hoffe doch nicht, daß Sie sich am hellen, lichten Tage bei irm einstellen werden!«

»Nein. Ich warte die Dunkelheit ab. Bestimmen Sie mir die Zeit. Darf ich morgen kommen?«

»Morgen schon? Hm! Na, meinetwegen.«

»Wie viel Uhr?«

»Wenn Alles schlafen gegangen ist, natürlich. Sagen wir, gerade um Mitternacht.«

»Und der Ort?«

»Haben Sie die Linde gesehen, welche am Fahrwege steht, der zum Schlosse führt?«

»Ja.«

»Stellen Sie sich an diesem Baume ein. Ich werde Sie dort abholen. Aber bringen Sie keinerlei Gepäck mit. Was Sie brauchen, finden Sie Alles bei uns. Und noch eine sehr strenge Bedingung mache ich. Nämlich auch Ihre Angehörigen dürfen nicht wissen, daß Sie bei mir sind.«

»Das ist ja ganz selbstverständlich. Sie erfahren es auf keinen Fall, damit man es ihnen nicht entlocken kann. Den Frauen ist in dieser Beziehung ja niemals ganz zu trauen.«

»So sind wir also einig. Gehen wir jetzt?«

»Ja, aber vorher noch eine Frage!«

»Sprechen Sie!«

»Wie steht es mit den anderen fünfundzwanzigtausend Gulden, gnädiger Herr?«

»Die bekommen Sie.«

»Ja, bitte!«

Er streckte die Hand aus, als ob er sie jetzt gleich haben wolle, aber Tannenstein sagte:

»Sie haben sie erst dann zu fordern, wenn Alles geschehen ist, wenn wir das Wäschezeug haben.«

»Das holen wir uns doch jetzt!«

»Aber wir haben es noch nicht. Wir können gestört werden; es kann da Vieles geschehen.«

»Was soll da geschehen! Sie haben das Geld doch mit?«

Auf diese direct an ihn gerichtete Frage konnte der Freiherr mit keiner Unwahrheit antworten. Die Wahrheit wäre doch dann herausgekommen, und in diesem Falle hätte Simeon jedenfalls das Vertrauen verloren und wäre morgen nicht zu ihnen gekommen. Aus diesem Grunde antwortete Tannenstein: »Es ist Ihnen vollständig sicher!«

»Das erwarte ich natürlich. Am sichersten ist es mir, wenn Sie es mit haben; aber Ihre Worte klingen beinahe so, als ob das Gegentheil der Fall sei?«

»Sie errathen es.«

»Ah! Sie haben also kein Geld!«

»In diesem Augenblicke nicht.«

»Aber es war ja ausgemacht, daß ich es erhalten sollte.«

»Sie bekommen es ja. Und in dieser Beziehung ist es recht passend, daß Sie bei mir sein werden. Es war heute meinem Bankier nicht möglich, die Summe zu schaffen.«

»Sie sind bei keinem anderen Bankier gewesen?«

»Nein. Ich stehe nur mit diesem einen in Verbindung. Anweisung hätte ich erhalten können. Mit einer solchen kann Ihnen aber nicht gedient sein. In Ihrer Lage kann man nur baares Geld verwenden.«

»Das ist freilich wahr. Wann sollen Sie es erhalten?«

»Morgen, spätestens übermorgen.«

Simeon schien doch Verdacht gefaßt zu haben. Er fragte:

»Da er Ihnen Anweisung geben wollte, konnten Sie doch diese bei einer anderen Bank in Geld verwandeln. Nicht?«

»Ja. Aber er bat mich, davon abzusehen. Man hätte an dieser Bank gemerkt, daß er sich augenblicklich in Zahlungsebbe befindet; das kann einem jeden Geschäftsmann einmal passiren, aber er vermeidet doch, es kund werden zu lassen. Ich hoffe, Sie sehen das ein!«

»Ich gebe es zu.«

»Und da es sich doch nur um einen so kurzen Aufschub handelt, so ist es doch nicht gefährlich. Sie wohnen bei mir, also kann es Ihnen gleich sein, ob Sie das Geld heute oder morgen erhalten. Sicher ist es Ihnen ja auf jeden Fall.«

»Wenn das so ist, so muß ich mich fügen.«

Er sagte dies langsam und in einem Tone, welcher errathen ließ, daß seine Bedenken noch nicht beseitigt seien.

»Gehen wir jetzt?« fragte der Freiherr.

»Meinetwegen! Geht das Fräulein auch mit?«

»Ja.«

»Das ist eigentlich unnöthig. Ja, es ist nicht nur überflüssig, sondern sogar gefährlich. Drei Personen erregen viel eher Aufmerksamkeit, als nur zwei.«

»Ich muß dabei sein,« erklärte Theodolinde. »Bevor die Sachen vertauscht werden, ist es nothwendig, sie genau zu vergleichen. Und da ist ein Frauenauge schärfer, als der Blick von hundert Männern.«

»Mag sein! Aber dann wollen wir wenigstens nicht zusammenbleiben, sondern uns trennen. An der bekannten Seitenthür treffen wir uns.«

Simeon huschte, ohne eine Einrede abzuwarten, leise fort. Die beiden Anderen entfernten sich auch.

»Er scheint Verdacht gefaßt zu haben,« meinte die Tochter, indem sie weiter gingen.

»Es klang ganz so. Du, er wird uns doch nicht etwa einen Streich spielen!«

»Welchen Streich meinst Du?«

»Daß er gar nicht kommt.«

»Das glaube ich doch nicht.«

»Undenkbar ist es aber nicht. Ist er überzeugt, daß er das Geld nicht erhält, so wird er sich hüten, den zweiten Theil des Dienstes zu leisten.«

»Er kann wohl zweifeln, Gewißheit aber, nichts zu erhalten, kann er gar nicht haben. Es ist jedenfalls für ihn vortheilhafter, einen Tage zu warten, als ganz auf eine solche Summe zu verzichten. Und bedenke, daß er dann auch auf das Asyl verzichten muß, welches wir ihm angeboten haben!«

»Ganz richtig. Aber wie nun, wenn er uns durchschaut?«

»Dazu ist er zu dumm.«

»O, ich halte ihn gar nicht für dumm. Na, wir werden ja sehen. Komm!«

Sie fanden zwar, daß ihre Besorgniß unnütz gewesen war, aber ebenso erfuhren sie, daß der Freiherr Recht gehabt hatte, als er nicht an Simeon’s Intelligenz gezweifelt hatte, denn als sie zu diesem Letzteren kamen, sagte er: »Sie glaubten jedenfalls, ich werde nicht hier sein?«

»Wieso?« fragte der Freiherr, einigermaßen betroffen.

»Weil Sie kein Geld haben.«

»Das ist für Sie doch kein Grund, zu verschwinden.«

»Vielleicht doch!«

»Sie erhalten ja das Geld!«

»Heute nicht, und zwischen heute und übermorgen kann sehr viel passiren. Aber ich sage Ihnen aufrichtig, daß ich mich auf mich zu verlassen pflege. Ihre Gedanken mögen sein, welche sie wollen, ich weiß, daß ich das Geld erhalten werde.«

»Unsere Gedanken? Die sind natürlich ehrlich!«

»Ich hoffe es.«

»Daß wir es gut meinen, haben wir dadurch bewiesen, daß wir Ihnen ein Versteck anboten.«

»Sie können das auch in einer mir nicht sehr freundlichen Absicht gethan haben. Doch ist es ja ganz unnütz, darüber zu sprechen. Da Sie nicht bei Casse sind, werden Sie wohl die Güte haben, mir Sicherheit zu geben.«

»In welcher Weise?«

»Sie stellen mir in Wechselform eine Anweisung aus, welche übermorgen fällig ist.«

»Das ist eigentlich höchst unnöthig!«

»In Geschäften muß man exact sein.«

»Nun wohl! Sie sollen die Anweisung erhalten.«

»Schön. Kommen Sie!«

Er zog den Schlüssel heraus und öffnete. Als sie eingetreten waren, verschloß er wieder und zog, ganz so wie gestern, die Laterne hervor, welcher er anbrannte.

Sie gelangten ohne alle Störung oder Fährlichkeit in das betreffende Zimmer, wo sie mit Hilfe des zweiten Schlüssels sich des Kinderzeuges bemächtigten. Der Freiherr öffnete sein Päcktchen, und nun wurden die Originalsachen mit den nachgeahmten verglichen.

Natürlich trugen sie dabei Sorge, daß der Schein des Lichtes nicht von unten bemerkt werden konnte.

»Nun?« fragte der Tannensteiner, als seine Tochter die Vergleichung beendet hatte.

»Es ist mir ausgezeichnet gelungen,« antwortete sie. »Die Nachahmung ist so täuschend, daß man unmöglich vermuthen kann, es habe hier eine Verwechslung stattgefunden.«

»Sehr gut! Legen wir also Deine Sachen hinein. Die anderen nehmen wir mit!«

»Halt! Nicht so schnell!« sagte da der Goldarbeiter, indem er die Hand der Tochter ergriff, welche nach den Worten ihres Vaters thun wollte.

»Warum?« fragte der Freiherr.

»Es müssen alle Bedingungen ehrlich erfüllt werden.«

»Was giebt es hier noch für Bedingungen?«

»Diejenigen, welche zwischen uns festgestellt worden sind.«

»Ich weiß nicht, was Sie meinen.«

»Das ist doch sehr einfach. Sie haben mir die andere Hälfte der bedungenen Summe zu bezahlen, sobald sich diese Sachen in Ihrer Hand befinden.«

»Nun ja; das ist ja abgemacht!«

»O, noch nicht! Die Sachen befinden sich in Ihrer Hand; das Geld haben Sie nicht. An Stelle desselben soll ich einstweilen eine Anweisung erhalten. Ich habe mich da einverstanden erklärt. Also, bitte, diese Anweisung und dann nehmen Sie die Sachen!«

»Sind Sie des Teufels?« fragte der Freiherr zornig.

»Nein, aber pünktlich bin ich!«

»Sie wollen die Anweisung jetzt gleich haben?«

»Ja.«

»Wo soll ich sie denn hernehmen?«

»Es giebt hier Papier genug, Tinte und Federn auch.«

»Alle Wetter! Sie muthen mir zu, die Schrift hier anzufertigen?«

»Wie Sie hören!«

»Das ist doch unmöglich.«

»Wo soll es sonst möglich sein? Etwa unten auf der Straße?«

»Im Hotel!«

»Sie meinen, daß ich in Ihr Hotel kommen soll? Das kann mir nicht einfallen. Wir dürfen hier nur so lange beisammenbleiben, als es unumgänglich nothwendig ist. Unten auf der Straße trennen wir uns. Es giebt also nur hier die Zeit, die Schrift anzufertigen.«

»Wo denken Sie hin! Wir müssen ja doch machen, daß wir von hier fortkommen!«

»So außerordentliche Eile hat das nicht. Zeit für ein paar Zeilen giebt es ganz gut.«

»Wenn man uns erwischt!«

»Es kommt kein Mensch.«

»Wenn ich mich aber weigere?«

»So erhalten Sie diese Sachen nicht.«

Er ergriff schnell die Gegenstände und nahm sie an sich.

»Pah!« meinte der Freiherr. »Sie werden sie hergeben!«

»Das werde ich nicht, wenigstens nicht eher, als bis ich die Schuldverschreibung habe!«

»Wollen Sie es etwa darauf ankommen lassen, daß ich Sie zwinge?«

»Wenn es Ihnen beliebt, ja.«

»Also gar auf einen Kampf?«

»Ja.«

»Wir sind Zwei gegen Sie!«

»Lächerlich! Sie haben Schießwaffen, dürfen sie aber nicht gebrauchen, wenn Sie sich nicht verrathen wollen; ich aber habe hier den Todtschläger. Wollen sehen, wer den Kürzeren zieht!«

Sie standen einander so feindselig gegenüber, daß es Theodolinde angst wurde. Sie sah ein, wie nothwendig es war, den Goldarbeiter nicht mißtrauisch zu machen. Darum gab sie ihrem Vater einen schnellen, nur von ihm bemerkten Wink und sagte: »Keinen Streit! Herr Simeon hat Recht. Es ist zwar keineswegs rathsam, uns länger als unbedingt nöthig hier aufzuhalten; aber Du hast ihm die Verschreibung versprochen und mußt sie ihm also auch geben.«

»Mädchen! Hier schreiben! Bedenke doch!«

»Er kann es verlangen.«

»Er soll ja Alles bekommen. Aber es hieße doch, die Gefahr geradezu an den Hörnern herbeiziehen, wenn ich mich hierher setzen wollte, um in aller Form ein Document anzufertigen.«

»Die Gefahr ist nicht so groß, wie es den Anschein hat. Man wird das Licht nicht auf der Straße sehen. Bitte setze Dich an den Tisch und schreibe.«

»Na, ich will Dir den Willen thun. Aber wenn uns dabei der Teufel holt, so bist Du schuld!«

Er setzte sich an den Schreibtisch und Simeon leuchtete so, daß der Schein der Laterne nur auf den Tisch fiel. Tannenstein nahm einen Bogen des reichlich vorhandenen Actenpapieres und schrieb. Simeon’s Blicke folgten den aus der Feder fließenden Buchstaben.

»Sind Sie so zufrieden?« fragte der Tannensteiner, als er fertig war.

»Noch nicht ganz,« antwortete der Goldarbeiter.

»Ich denke doch nichts vergessen zu haben!«

»O doch!«

»Was denn?«

»Mit dem Inhalte des Geschriebenen bin ich ganz zufrieden. Wie aber nun, wenn Sie diese Zeilen verleugnen?«

»Fällt mir nicht ein!«

»In Geschäften kann man nicht vorsichtig genug sein! Ich kenne Ihre Handschrift nicht.«

»Hier sehen Sie sie doch!«

»Ist sie es wirklich?«

»Sapperment! Glauben Sie etwa, daß ich meine Hand verstellt habe?«

»Das will ich nicht behaupten, obgleich in der Welt sehr Vieles möglich ist. Aber ebenso möglich wäre es, daß ein Anderer behauptete, Sie hätten das nicht geschrieben, oder ich hätte Ihre Handschrift nachgemacht und gefälscht. Darum ist es zu meiner Sicherheit nothwendig, einen unanfechtbaren Beweis zu haben, daß dieses Document wirklich von Ihnen angefertigt worden ist.«

»Wollen Sie etwa meinen Stempel haben?«

»Haben Sie ihn vielleicht mit?«

»Nein. Was verlangen Sie also sonst?«

»Ihr Siegel.«

»Donnerwetter! Meinen Sie, daß ich mein Petschaft so aus langer Weile mit mir herumschleppe?«

»Das Petschaft nicht. Aber ich sehe, daß Sie einen Siegelring anstecken haben.«

»Sie sind ein rechter Satan!«

»O nein! Ich bin nur exact und vorsichtig, wie ich bereits gesagt habe.«

»Aber ich kann doch unmöglich siegeln!«

»Warum nicht? Da auf dem Schreibzeuge liegt ja eine ganze Stange Lack.«

»Wenn ich den anbrenne, leuchtet es bis hinunter auf die Straße!«

»Das wollen wir schon verhüten. Sie siegeln da unter dem Tische. Die Tischplatte dient als Schirm. Es dringt kein einziger Lichtstrahl bis an das Fenster.«

Der Freiherr hätte seinen Dränger am Liebsten gleich niedergeschossen. Das ging aber nicht. Er warf einen fragenden Blick auf seine Tochter. Diese nickte ihm ruhig zu und sagte: »Thue ihm den Willen, Vater. Er kann es verlangen, denn wir müssen ihn bezahlen.«

»Na, dann meinetwegen! Habe ich geschrieben, so kann ich auch siegeln. Also, leuchten Sie!«

Als er fertig war, gab er die Schuldverschreibung dem Goldarbeiter. Dieser steckte sie befriedigt zu sich und sagte: »Danke! Jetzt ist Alles in Ordnung, und nun machen Sie da mit den Sachen, was Sie wollen.«

Der Umtausch wurde bewerkstelligt, und dann begaben sie sich hinab nach der Thür. Dort angekommen, verlöschte Simeon das Licht, steckte die Laterne zu sich und flüsterte: »Draußen trennen wir uns sofort. Ich verlasse augenblicklich die Stadt. Sie benützen die Bahn?«

»Natürlich.«

»Bleibt es dabei, daß ich um Mitternacht kommen soll?«

»Na, eigentlich sollte ich Sie zum Teufel jagen. Sie haben da oben nicht etwa manierlich an mir gehandelt!«

»Nun, ich habe thun müssen, was ich meinem Wohle schuldig war. Wenn Sie mir darüber zürnen, so muß ich es eben tragen. Ich würde mich dann nach zwei Tagen einstellen, um das Geld gegen Rückgabe der Anweisung in Empfang zu nehmen. Besser freilich wäre es, wenn Sie mir meine geschäftliche Strenge verzeihen und mir die Erlaubniß geben wollten, Sie heute aufzusuchen.«

»Na, sei es denn. Kommen Sie um Mitternacht!«

»Gut, ich danke! Ich werde meiner Tochter die Schlüssel zustellen und mich dann sogleich auf den Weg machen; denn zu Fuß ist – halt! Still, ganz still!«

Er hatte schon im Begriff gestanden, den Schlüssel anzustecken; da aber erklangen draußen Schritte, welche grad vor der Thür anhielten. Dann hörten die inwendig stehenden Drei die Stimmen zweier Männer, welche sich halblaut unterhielten. Obgleich das Gespräch nur in gedämpftem Tone geführt wurde, war doch ein jedes Wort desselben deutlich hörbar. Man kann sich denken, wie Simeon, Tannenstein und dessen Tochter lauschten, als sie vernahmen, daß von ihnen die Rede sei.

Die beiden Männer waren nämlich Adolf und der Paukenschläger, welche die bereits erzählte Tour machten, um zu sehen, ob das entschwundene Gedächtniß des Zweitgenannten wiederkehren werde. Beide waren an der Thür stehen geblieben, weil Hauck sich erinnert hatte, daß aus derselben drei Personen getreten seien, welche sich mit der vierten dann vereinigt hatten.

Die drei Lauscher horchten in größter Spannung, ja fast athemlos auf die draußen gesprochenen Worte. Sie wagten nicht, sich zu rühren, bis sie überzeugt waren, daß die beiden Sprechenden sich entfernt hatten.

»Sapperment!« sagte nun der Goldarbeiter. »Noch einen Augenblick später, einen einzigen, so wären wir erwischt worden!«

»Wer mögen sie gewesen sein?« fragte der Freiherr.

»Wie? Das wissen Sie nicht?«

»Nein. Kann ich etwa durch das starke Holz dieser Thür hindurchblicken?«

»Das ist nicht nothwendig. Diese eine Stimme muß ich schon gehört haben. Ich denke –«

Er hielt nachdenklich inne. Tannenstein aber bemerkte:

»Ich bin hier in der Residenz fremd. Muthen Sie mir etwa zu, die Stimmen aller Bewohner zu kennen?«

»Das nicht. Aber der Inhalt des Gespräches muß es Ihnen doch sagen, mit wem wir es zu thun haben.«

»Ich habe keine Ahnung. Der Eine erzählte, daß er uns gestern gesehen habe, als wir hier herausgekommen seien. Dann ist er uns gefolgt.«

»So wissen Sie ja, wer er ist!«

»Eben nicht!«

»Nun, natürlich kein Anderer, als Derjenige, den ich dann niedergeschlagen habe.«

»Alle Teufel! Der!«

»Ja, freilich!«

»Der Paukenschläger also, der Musikus!«

»War er Musikus?«

»Ja. Es stand doch in den Blättern.«

»In den heutigen Nummern, meinen Sie. Die habe ich nicht gelesen. In meinem Versteck ist mir nur eine sehr alte Zeitung in die Hand gekommen. Was hat denn in den Blättern gestanden?«

»Daß dieser Musikus Hauck im Zustande der Besinnungslosigkeit aufgefunden worden sei, daß er noch nicht zu sich gekommen sei, daß man aber vermuthe, er habe den Schlag mit einem sogenannten Todtschläger erhalten.«

»Da hat man freilich sehr richtig vermuthet.«

»Man hoffte, daß sich bei seinem Erwachen Alles aufklären werde.«

»Also war die Verletzung nicht gefährlich?«

»Man glaubte nicht, für sein Leben besorgen zu müssen.«

»Schön! So bin ich also kein Mörder. Und wie wir gehört haben, ist er wirklich wieder zu sich gekommen. Nur die Erinnerung scheint mangelhaft zu sein. Er war also kein Spion, kein Polizist. Er folgte uns nur aus dummer, privater Neugierde!«

»Das hatte er nicht nöthig!«

»Freilich! Er hätte sich den Jagdhieb sparen können. Heute aber scheint es anders zu sein. Heute will er Entdeckungen machen, und der Andere – ah, Sapperment!«

»Was giebt’s?«

»Jetzt, jetzt besinne ich mich. Ich kenne den Anderen.«

»Wer ist es?«

»Ich habe ihn an der Stimme erkannt. Er ist ein ganz und gar gefährlicher Kerl – ein Geheimpolizist, der im Dienste des Fürsten von Befour steht. Er und ein College, diese Beiden sind es, denen der Fürst seine eclatanten criminalen Entdeckungen verdankt.«

»Verflucht!«

»Was fluchten Sie?«

»Das können Sie noch fragen?«

»Nun ja. Die Beiden sind jetzt fort; was brauchen Sie sich um sie zu scheeren?«

»Viel, sehr viel, ja außerordentlich viel. So ein Geheimpolizist hört, daß wir hier aus der Thür getreten sind. Sie haben doch vernommen, daß dieser Musikus unsere Namen nannte?«

»Leider. Er hat sie gehört, er hat sie verstanden. Gestern war dieser Mehnert so dumm, unsere Namen zu nennen.«

»So müssen Sie also einsehen, welche Gefahr uns droht. Der Polizist sagte jetzt da draußen, daß er sich erkundigen werde, ob ein Freiherr von Tannenstein sich gestern in der Residenz befunden habe.«

»Das wird er freilich erfahren.«

»Wieso denn? Woher?«

»Nun, Sie sind doch polizeilich angemeldet. Ihr Name steht ja im Fremdenbuche.«

»Meinen Sie? O, so dumm bin ich nicht gewesen.«

»Sie haben also einen falschen Namen angegeben?«

»Ja.«

»Das ist gut, sehr gut. Wie aber arrangiren Sie den Kleiderwechsel des gnädigen Fräuleins?«

»Das ist sehr leicht gegangen. Meine Tochter hat über diesen Herrenanzug einen Frauenrock und einen Damenmantel getragen. Beides ist in einer Minute abgelegt.«

»Unterwegs natürlich.«

»Freilich. Von unserem Hotel nach dem Altmarkte kommen wir an einem langen, tiefen Garten vorüber, der an der Hinterseite einer Straße liegt. Dort scheint wenig Passage zu sein. Meine Tochter legte Rock, Mantel und Hut ab. Es war mir ein Leichtes, über das niedrige, eiserne Stacket zu steigen und die genannten Gegenstände unter eine Sträuchergruppe zu verstecken. Dort hole ich sie wieder hervor. Sie werden angelegt; wir steigen in ein Droschke und kehren zurück, wie wir uns entfernt haben. Kein Mensch im Hotel ahnt, daß meine Tochter inzwischen Männerkleidung getragen hat.«

»Schlau angefangen. Aber man darf dem Teufel niemals trauen. Dieser Polizist ist uns auf der Spur. Ich mache, daß ich die Residenz hinter mich bekomme.«

»Nun, das können wir auch thun. Unser Zweck ist erreicht, und so haben wir hier nichts mehr zu suchen. Sind Sie sicher, daß die Beiden, welche da draußen standen, nun fort sind?«

»Ich hörte sie gehen; aber Vorsicht ist immer gut. Wir wollen zunächst einmal lauschen.«

Er steckte den Schlüssel ganz unhörbar in das Schloß und öffnete die Thür nur um eine schmale Lücke, dann langsam weiter und weiter, bis er hinaustrat, um sich umzuschauen.

»Sie können kommen,« sagte er dann, »die beiden Kerls sind wirklich fort.«

»Gut! Also heute Abend?«

»Ja, um Mitternacht an der Linde.«

»Da hole ich Sie ab. Gute Nacht!«

»Gute Nacht!«

Sie trennten sich. Der Freiherr nahm seine Tochter an den Arm. Die Straßen waren öde. Die Beiden begegneten nur hier und da einem Verspäteten. Und als sie den betreffenden Garten erreichten, lag er so einsam da, als ob er sich nicht mitten in einer Hauptstadt befände. Sie blieben lauschend stehen.

»Hörst Du etwas?« fragte er.

»Nein,« antwortete sie.

»Und mir war es doch so, als ob ich hätte Sand unter irgend einem Fuße knirschen gehört.«

»Du hast Dich getäuscht. Die Angst wirkt auf die Einbildung. Es war nichts.«

»Hoffentlich! Warte hier, bis ich wiederkomme! Ich hole die Sachen heraus.«

Der Freiherr hatte sich nicht getäuscht. Das Geräusch, von welchem er gesprochen hatte, war ihm nicht von seiner Einbildung vorgegaukelt worden, sondern es hatte wirklich stattgefunden. Die Beiden wurden belauscht, und zwar von Einem, der ganz und gar nichts von ihrem Vorhaben ahnen durfte.

Dieser lange, einsame Garten nämlich gehörte zu dem Gebäude, welches Alma von Helfenstein, der ›Sonnenstrahl‹, bewohnte. Seit Robert Bertram erfahren hatte, daß sie seine Schwester sei, befand er sich täglich bei ihr.

Heute hatte er während des ganzen Abends an ihrer Seite gesessen und von ihr sich erzählen lassen. Die so lange Jahre getrennten Geschwister hatten keinen Blick für die Uhr, kein Maaß für die Zeit gehabt und waren nicht wenig überrascht, als sie bemerkten, daß bereits die zweite Stunde nach Mitternacht vorüber sei.

Jetzt nun verabschiedete sich Robert. Um sich den Weg abzukürzen, beschloß er durch den Garten zu gehen. Er ließ sich den Schlüssel zu der Stacketenpforte gar nicht geben, weil er wußte, daß ein leichter Sprung ihn auf die Straße bringen werde.

In der Ecke des Gartens war der Boden erhöht worden; dort führten einige Stufen in eine offene Laube, aus welcher er in aller Gemüthlichkeit hinaus auf die Straße springen konnte. Er stand bereits im Begriff, in diese Laube zu treten, als er nahende Schritte vernahm.

Er hörte deutlich, daß es zwei Personen waren, welche kamen. Er wollte Sie vorüber lassen, ehe er den Sprung vornahm. Es brauchte ja Niemand zu wissen, daß sich Jemand hier noch so spät im Garten befand. Darum wartete er, sich ruhig verhaltend. Nur einen einzigen Schritt that er, an die Laubenbrüstung vor, ganz unwillkürlich, um einen Blick auf die Passanten zu werfen. Da knirschte der Sand unter seinem Fuße; das hatte der Freiherr gehört.

Sie blieben stehen, und er vernahm, was sie sprachen. Der eine Mann sprang über den Zaun und schritt auf eine Gruppe von Ziersträuchern zu. Noch mehr als das aber fiel Robert der Umstand auf, daß der andere Mann eine hohe, weibliche Diskantstimme hatte.

Jetzt kam der Erstere zurück, mit einem Päcktchen in der Hand; er stieg wieder auf die Straße hinaus.

»Es lag noch da, wie ich es hingelegt hatte,« sagte er. »Da, zieh zunächst den Rock an. Ich helfe.«

»Gieb her! Es wird doch Niemand kommen?«

»Wohl kaum!«

»Man ist doch immer ängstlich. Gut, daß es vorüber ist!«

»Ja, Gott sei Dank! Nun mögen sie es wagen, diesen Findling als Baron Robert von Helfenstein auszuschreien! Wir werden ihnen einen Strich durch die Rechnung machen, der gar nicht größer sein kann.«

»Wenn es nur gelingt!«

»Pah! Die echte Kette haben wir, auch das richtige Kinderzeug. Wir müssen siegen.«

»Es kostet Geld genug. Hoffentlich nehmen wir es diesem Simeon wieder ab, wenn er heute nach Grünbach kommt. Wann reisen wir?«

»Am Besten ist es sogleich. Halb vier Uhr geht der erste Zug nach Station Wildau; ihn wollen wir benutzen. Je eher wir hier fortkommen, desto früher können wir Athem holen. Es wäre doch ganz verteufelt, wenn man hier den Freiherrn von Tannenstein auf schlüpfrigen Wegen erwischt hätte. Fertig?«

»Ja. Nimm das Paket!«

»Komm!«

Sie gingen.

Kein einziges Wort war dem Lauscher entgangen. Er stand noch einige Secunden lang bewegungslos, nicht aus Berechnung, sondern aus Ueberraschung, welche man sogar hätte Bestürzung nennen können.

Was war aber gesagt worden? Er wiederholte sich die Worte. Er selbst war gemeint; da gab es keinen Zweifel. Er wußte auch, daß es einen Freiherrn von Tannenstein gebe, welcher auf Rittergut Grünbach wohnte. Er hatte vom Fürsten gehört, welches Rencontre dieser mit ihm auf Schloß Hirschenau gehabt hatte. Es durchzuckte ihn hell, wie ein Blitzstrahl, und da – hopp, stand er draußen auf der Straße und eilte den Beiden mit möglichst gedämpften Schritten nach.

Sie waren noch nicht weit entfernt. Er sah sie in ein Gasthaus mittleren Ranges treten. Dieses gehörte zu den Etablissements der Residenz, welche die Erlaubniß besaßen, während der ganzen Nacht geöffnet zu sein. So war es ihm also möglich, auch einzukehren.

Er hatte zuletzt seine Schritte so beschleunigt, daß er, als er durch die Thür trat, bemerkte, daß die Beiden die Treppe emporstiegen. Soeben kam der Hausknecht diese Treppe herab. Robert hörte, daß er einen Befehl von den Beiden bekam; dann trat er in das Gastzimmer, wo er sich eine Tasse Kaffee geben ließ. Er wollte seine Erkundigung nicht im Augenblick anbringen, weil dies zu auffällig gewesen wäre. Erst nach einer kleinen Weile ging er hinaus. Er traf den Hausknecht im Flur, wo er Stiefeln wichste. Er steckte ihm einen Gulden in die Hand und fragte: »Kennen Sie den Herrn, welcher von wenigen Minuten mit der Dame zurückkehrte?«

Der Gefragte betrachtete den Gulden, machte eine sehr tiefe, respectvolle Verbeugung und antwortete:

»Natürlich kenne ich sie. Sie logiren ja hier bei uns.«

»Seit wann?«

»Seit gestern Nachmittage.«

»Was ist der Herr?«

»Kaufmann aus Kirchenbach. Moosberg ist sein Name. Scheint reich zu sein, der Mann.«

»Ist die Dame seine Frau?«

»Gott bewahre! Seine Tochter!«

Und als ob er erst jetzt ahne, weshalb Robert Bertram sich nach den Beiden erkundige, sagte er:

»Sie ist also unverheirathet! Hübsches Mädchen! Sehr hübsch; nicht wahr?«

Dabei kniff er das eine Auge zusammen und nickte Robert höchst pfiffig zu. Dieser hielt es für das Beste, auf die Ansicht des Menschen einzugehen. Darum antwortete er: »Ja, sehr hübsch! Also reich ist sie?«

»So scheint es.«

»Wie lange bleiben sie hier?«

»Hm! Lieber Herr, Sie dauern mich!«

»Warum?«

»Weil ich Ihnen keinen guten Trost geben kann. Sie werden wohl auf das Fräulein verzichten müssen.«

»Sapperment! Hat sie schon einen Anderen?«

»Das weiß ich nicht. Aber, Sie wohnen hier?«

»Ja.«

»Da ist es schon so, wie ich dachte: Sie werden verzichten müssen, denn die Beiden reisen ab.«

»Wann?«

»In einer halben Stunde habe ich die Droschke nach der Bahn zu besorgen.«

»Das ist freilich höchst unangenehm.«

»Ja. Mir sehr oft passirt. Man muß resigniren. Andere Städtchen, andere Mädchen. Ist’s nicht die Eine, so ist es doch die Andere. So ein Herr, wie Sie es sind, bekommt allemal eine Andere. Darauf können Sie sich verlassen.«

Jetzt wußte Robert genug. Seine Tasse Kaffee hatte er gleich bezahlt. Er brauchte gar nicht wieder in das Gastzimmer zurückzukehren. Er ging.

Er befand sich ganz außer allem Zweifel über das, was er zu thun hatte.

Er blieb ein kleines Weilchen halten, nur um zu überlegen, ob er allein bleiben oder vielleicht auf der Polizei um einen Begleiter bitten solle. Nach Hause konnte er nicht erst; dazu blieb ihm keine Zeit.

Er überlegte noch. Da kam ein Herr die Straße herauf, mit einem Reisekoffer in der Hand. Die Gaslaterne brannte nicht sehr hell. Der Herr ging vorüber, ohne zu grüßen. Robert blickte auf. Diese Gestalt kam ihm bekannt vor.

»Herr Doctor sind Sie es?« fragte er.

Der Andere drehte sich um.

»Meinen Sie mich?«

»Ja. Hoffentlich irre ich mich nicht. Ja, Sie sind es!«

»Ah, Herr Bertram! Guten Morgen! Was thun Sie hier, so spät vielmehr so früh? Ich will nicht hoffen, daß Sie anfangen, über den Strang zu schlagen!«

»Nein, das thue ich freilich nicht. Sie wollen verreisen?«

»Ja, nach Reitzenhain.«

»Sapperment! Meinen Sie Bad Reitzenhain?«

»Ja.«

»Man fährt nach Station Wildau?«

»Gewiß. Von dort fährt man mit der Post nach Reitzenhain. Wollen Sie mit?«

Er fragte natürlich nur im Scherze und war daher ziemlich erstaunt, als er die Antwort hörte:

»Sehr gern. Ich will auch hin.«

»Sie nach Reitzenhain?«

»Ja, und noch weiter, nach Grünbach.«

»Haben Sie dort zu thun?«

»Ziemlich viel.«

»Wie lange?«

»Das weiß ich nicht. Ich habe mich erst vor fünf Minuten zu dieser Fahrt entschlossen.«

Sie waren neben einander her gegangen. Jetzt blieb Doctor Holm erstaunt stehen und fragte:

»So weiß man bei Ihnen daheim gar nicht, daß Sie nach Reitzenhain wollen?«

Der verlorne Sohn
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