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Man nennt sie die Spukburg. Wenn man des Abends durchs Tal reitet, mit der Sonne, die hinter den Türmen untergeht, kann man den Grund dafür sehen. Der Ort besitzt eine klassische Art unheilvoller Düsternis. Die hohen Fenster sind dunkel, die Stadt unter den Toren liegt im Schatten, die Fahnen hängen schlaff an den Masten. Irgendetwas daran erinnert mich an einen leeren Schädel, ohne das fröhliche Grinsen.

»Wie sieht der Plan aus?«, fragte Makin.

Ich schenkte ihm ein Lächeln. Wir lenkten unsere Pferde die Straße hinauf, vorbei an einem Karren, der unter einer Ladung Fässer knarrte.

»Wir scheinen rechtzeitig für ein Turnier einzutreffen«, sagte Makin. »Ist das gut oder schlecht?«

»Nun, wir sind wegen eines Kräftemessens hierher gekommen, nicht wahr?« Ich hatte versucht, die Flaggen auf den Pavillons an der Ostseite des Turnierplatzes zu erkennen. »Zunächst sollten wir besser inkognito bleiben.«

»Was den Plan betrifft …« Das lauter werdende Pochen von Hufen unterbrach Makin.

Wir sahen über unsere Schultern. Eine dicht gedrängte Gruppe von Reitern näherte sich schnell: ein halbes Dutzend, der Anführer in voller Rüstung, hinter ihnen lange Schatten.

»Hübsche Turnierrüstung.« Ich drehte mein Pferd.

»Jorg …« Makin wurde erneut unterbrochen.

»Macht Platz!« Der Anführer rief laut genug, aber ich gab vor, ihn nicht zu hören.

»Macht Platz, Bauern!« Er wich nicht aus, sondern hielt an. Fünf Reiter kamen an seine Seite, ihre Pferde schweißgebadet.

»Bauern?« Ich wusste, dass wir ziemlich verwahrlost aussahen, aber man konnte uns wohl kaum mit Bauern verwechseln. Meine Finger tasteten nach der leeren Stelle, wo mein Schwert hängen sollte. »Wem sollen wir Platz machen?« Ich erkannte die Farben; meine Frage sollte beleidigen.

Der Mann links vom Ritter ergriff das Wort. »Sir Alain Kennick, Erbe der Grafschaft Kennick, Ritter des …«

»Ja, ja.« Ich hob die Hand. Der Mann schwieg und sah mich aus hellen Augen an, die sich dicht unter dem Rand seines eisernen Helms befanden. »Erbe der Baronie von Kennick. Sohn des fetten Baron Kennick.« Ich rieb mein Kinn und hoffte, dass man den Schmutz dort im Halbdunkel für Bartstoppeln halten konnte. »Aber dies ist Renar-Land. Ich dachte, Kennicks Männer seien hier nicht willkommen.«

Alain zog seine Klinge, vier Fuß langer Erbauer-Stahl, der das blutige Licht des Sonnenuntergangs einfing.

»Ich dulde keine Frechheiten von einem Bauernlümmel!« Ein Jaulen lag in seiner Stimme. Er hob das Helmvisier und griff dann nach den Zügeln.

»Wie ich hörte, haben der Baron und Graf Renar ihre Differenzen nach Marclos’ Tod überwunden«, sagte Makin. Ich wusste seine Hand am Streitflegel, den wir zusammen mit den Pferden bekommen hatten. »Baron Kennick nahm den Vorwurf zurück, dass Renar hinter dem Niederbrennen von Mabberton steckte.«

»Eigentlich war ich es, der Mabberton niederbrannte«, sagte ich. Doch es regte sich Zweifel in mir. War es wirklich meine Hand gewesen, die die Fackel ans Strohdach gehalten hatte? Zu jenem Zeitpunkt schien es eine gute Idee gewesen zu sein. Aber wessen gute Idee war es? Meine? Oder Corions?

»Du?« Alain schnaubte.

»Ich trage auch die Verantwortung für Marclos’ Tod.« Ich hielt seinen Blick fest und brachte mein Pferd näher heran. Ohne Waffe und Rüstung stellte ich kaum eine Gefahr dar.

»Wie ich hörte, hat der Prinz von Ankrath Marclos’ Kompanie mit nur einem Dutzend Männer besiegt«, fügte Makin hinzu.

»Hatten wir ein volles Dutzend, Sir Makin?«, fragte ich mit meiner besten Hofstimme. Ich sah Alain weiter an und achtete nicht auf die anderen Reiter. »Vielleicht. Nun, es spielt keine Rolle. So wie die Dinge hier stehen, gefallen sie mir besser.«

»Was …«, begann Alain und sah nach rechts und links. Die Hecken zu beiden Seiten der Straße steckten plötzlich voller Möglichkeiten.

»Fürchtest du einen Hinterhalt, Alain?«, fragte ich. »Glaubst du, Prinz Honorous Jorg Ankrath und der Hauptmann seines Vaters Wache könnten nicht allein mit sechs Kennick-Hunden auf der Straße fertigwerden?«

Was auch immer Alain dachte, seine Männer kannten offenbar genug Norwood-Geschichten. Sie hatten vom verrückten Prinzen und seinen Straßenkämpfern gehört. Sie hatten von zerlumpten Kriegern gehört, die aus Ruinen sprangen, nicht zurückwichen und eine Streitmacht zehnmal so groß wie sie selbst niederrangen.

Etwas brummte in der Düsternis rechts von uns. Wenn Alains Männer noch daran zweifelten, dass Räuber im Dunkeln auf der Lauer lagen, so genügte das Knurren eines kleinen Tiers, um sie zu überzeugen.

»Jetzt! Greift an!«, rief ich meinen nicht existierenden Kumpanen zu, sprang aus dem Sattel und riss Alain mit mir zu Boden.

Der Kampfeswillen verließ Alain, als wir ins Gras fielen, und das war gut so, denn der Aufprall drückte mir die Luft aus der Lunge. Unsere Köpfe stießen gegeneinander, und plötzlich sah ich nur noch Sterne.

Ich hörte, wie Makin mit dem Streitflegel zuschlug. Ich hörte auch, wie sich das Pochen von Hufen entfernte. Eine Rüstung klapperte, als ich Alain zur Seite stieß und wieder auf die Beine kam.

»Wir sollten schnell von hier verschwinden, Jorg.« Makin kehrte nach einer sehr kurzen Verfolgung zurück. »Es dauert bestimmt nicht lange, bis ihnen klar wird, dass wir allein sind.«

Ich fand Alains Schwert. »Sie werden nicht zurückkehren.«

Makin sah mit gerunzelter Stirn zu mir herab. »Hat dich das Kopfstoßen mit einem behelmten Ritter den Verstand gekostet?«

Ich rieb mir die schmerzende Stelle und fühlte Blut.

»Wir haben Alain. Eine Geisel oder Leiche. Sie wissen nicht, was von beiden.«

»Für mich sieht er tot aus«, sagte Makin.

»Ich glaube, er hat sich das Genick gebrochen. Aber darum geht’s nicht. Es geht darum, dass die anderen wissen, dass sie diesen Burschen nicht heil zurückbekommen. Deshalb bleibt ihnen nur die Flucht. Für jene Soldaten gibt es kein Zurück zu Kennick.«

»Und was jetzt?«

»Wir schaffen ihn von der Straße. Der Karren mit dem Bier kommt in einigen Minuten vorbei.« Ich sah die Straße hinunter. »Leg ihn aufs Pferd. Wir bringen ihn auf das Weizenfeld dort drüben.«

In der Düsternis nahmen wir ihm die Rüstung ab, inmitten des noch regennassen Weizens. Es roch ein wenig streng - Alains Darm hatte sich im Tod entleert –, aber die Rüstung passte mir recht gut. Nur an der Hüfte bot sie etwas zu viel Platz.

»Was meinst du?« Ich trat näher, damit Makin mich bewundern konnte.

»Es ist zu dunkel.«

»Ich sehe gut aus, glaub mir.« Ich zog Alains Schwert halb aus der Scheide und stieß es dann in sie zurück. »Ich glaube, ich verzichte auf die Tjoste.«

»Sehr klug.«

»Der große Arenakampf ist eher nach meinem Geschmack. Und der Gewinner erhält die Trophäe von Graf Renar höchstpersönlich!«

»Das ist kein Plan«, sagte Makin. »Das ist eine so dämliche Selbstmordmethode, dass man während der nächsten hundert Jahre in den Bierhäusern von Ankrath darüber lachen wird.«

Ich klapperte zur Straße zurück und führte Alains Pferd.

»Du hast Recht, Makin, aber mir gehen die Möglichkeiten aus.«

»Wir könnten das Leben auf der Straße fortsetzen, ein bisschen Gold zusammenbringen, und noch ein bisschen mehr, genug für ein Leben an einem Ort, wo man noch nie etwas von Ankrath gehört hat.« Ich sah Sehnsucht in Makins Augen. Ein Teil von ihm wünschte sich das wirklich.

Ich lächelte. »Mir gehen zwar die Möglichkeiten aus, aber Weglaufen kommt deshalb nicht infrage. Nicht für mich.«

Wir ritten der Spukburg entgegen. Dem Turnierplatz wollte ich noch keinen Besuch abstatten. Wir hatten kein Zelt, das es dort aufzubauen galt, und die Kennick-Farben hätten mich unweigerlich tiefer in diese Farce gezogen, als meine schauspielerischen Fähigkeiten zuließen.

Als die Felder hinter uns zurückblieben und wir die Stadt vor den Toren der Burg erreichten, schloss ein Heckenritter zu uns auf.

»Seid gegrüßt, Sir …?« Er klang außer Atem.

»Alain von Kennick«, stellte ich mich vor.

»Kennick? Ich dachte …«

»Wir haben inzwischen ein Bündnis geschlossen. Renar und Kennick sind jetzt die besten Freunde.«

»Freut mich, das zu hören. Ein Mann braucht Freunde in diesen Zeiten«, sagte der Ritter. »Ich bin Sir Keldon und wegen des Turniers hier. Graf Renar hängt großzügig gefüllte Geldbeutel für jene auf, die sie mit einer Lanze treffen können.«

»Das habe ich gehört«, erwiderte ich.

Sir Keldon ritt neben uns. »Ich bin froh, dass die Ebene hinter mir liegt«, sagte er. »Dort wimmelt es von Ankrath-Spähern.«

»Ankrath?« Es gelang Makin nicht, die Besorgnis aus seiner Stimme zu verbannen.

»Davon wisst Ihr nichts?« Sir Keldon sah zurück in die Nacht. »Es heißt, König Olidan zieht ein Heer zusammen. Niemand ahnt, wo er zuschlagen will, aber er schickt die Waldwache los. Ich bin sicher, die meisten von ihnen sind dort unten!« Er hob die in einem Panzerhandschuh steckende Hand und deutete in die Richtung, aus der er kam. »Und es ist allgemein bekannt, was das für Gelleth bedeutete!« Er strich sich mit dem Zeigefinger über die Kehle.

Wir erreichten die Kreuzung in der Stadtmitte. Sir Keldon drehte sein Pferd nach links. »Reitet Ihr zum Turnierplatz?«

»Nein, wir müssen unseren Respekt zollen.« Ich nickte zur Spukburg. »Viel Glück für morgen.«

»Ich danke Euch.«

Wir sahen ihm nach.

Ich zog an den Zügeln und dirigierte Alains Pferd in Richtung Ebene.

»Ich dachte, wir wollten Respekt zollen«, sagte Makin.

»Das machen wir auch«, sagte ich.

Ich trieb das Pferd an. »Dem Kommandeur der Wache, Coddin.«