Sonntag & Montag

Am Montagmorgen kehrte Hackenholt erholt in den Dienst zurück, auch wenn er am Sonntagabend kurzzeitig das Gefühl gehabt hatte, in einen gigantischen Betriebsausflug geraten zu sein, an dem das gesamte Polizeipräsidium teilnahm.

Sophie und er hatten sich zunächst einen faulen Tag gegönnt: Erst waren sie an den Happurger Baggersee gefahren und am späten Nachmittag zum Luitpoldhain. Zu dem Zeitpunkt war Hackenholt schon richtig neugierig gewesen, ob all die Dinge, die ihm über das Klassik Open Air erzählt worden waren, auch wirklich stimmten. So ganz konnte er es sich noch immer nicht vorstellen, dass die auf den ersten Blick oft so spröde wirkenden Franken, die sich in einer Gastwirtschaft grundsätzlich allein an einen Tisch setzten, bei dieser Veranstaltung plötzlich über ihren eigenen Schatten springen und ihre zwischenmenschlichen Berührungsängste überwinden sollten.

Doch man hatte ihm nicht zu viel versprochen. Das Open Air war tatsächlich das von der Presse beschriebene Woodstock der klassischen Musik: Den Solisten wurde zugejubelt, den Stücken viel Applaus gespendet. Die Menschen lagen, saßen und tafelten dicht an dicht. Im Gras, auf mitgebrachten Campingstühlen oder sogar an richtigen Tischen. Man unterhielt sich und scherzte miteinander. Unbekannte wurden nicht nur zu Antipasti eingeladen, man stieß auch mit einem Glas Sekt oder Champagner mit ihnen an. Park, Picknick und Musik verschmolzen zu einer untrennbaren Einheit.

»Goudn Morng.« Saskia Baumann stand gähnend in der Verbindungstür zwischen ihrem und Hackenholts Büro. »Schäi wors gesdern, gell? Bsonders des Baroggfeierwerch. Dodaal glasse!«

Hackenholt lächelte sie an und nickte. »Ja, es war wirklich sehr schön. Da habe ich die letzten Jahre so einiges verpasst.«

»Was hast du die letzten Jahre verpasst?«, fragte Stellfeldt, der gerade zur Tür reinkam.

»Nicht so wichtig«, erstickte Hackenholt schnell den Smalltalk. »Sag du uns lieber, ob wir in den Schrebergärten etwas verpasst haben.«

Stellfeldt wiegte den Kopf hin und her. »Nicht direkt verpasst, aber ich erzähl euch alles gleich in der Morgenbesprechung.«

Pünktlich um halb neun saßen alle Beamten um den großen runden Besprechungstisch. Als Wünnenberg den ersten Kaffee des Tages ausschenkte, stürmte Christine Mur ins Zimmer und schmiss den mitgebrachten Packen Papier schwungvoll auf den Tisch, sodass die obersten Blätter über die glatte Oberfläche rutschten und fast auf den Boden gesegelt wären. Ohne innezuhalten, langte sie, Wünnenbergs Proteste ignorierend, nach seinem Humpen Kaffee und nahm sich ein Stück Kuchen von der Platte.

»Hmmm, lecker«, schmatzte sie mit vollem Mund. »Ist der von Sophie?«

Hackenholt nickte.

»Schade, dass ich euch gestern Abend nicht getroffen habe, dem Kuchen nach zu urteilen gab es bei euch einen richtigen Festschmaus.«

»Ab hundertfünfzig Gramm wird’s undeutlich«, murmelte Wünnenberg, während er sich eine neue Tasse heranzog und Kaffee eingoss.

Mur verdrehte die Augen, kaute, schluckte, trank einen Schluck Kaffee und war mit einem Mal wieder zu verstehen. »Ist ja gut, Ralph, du bist doch nur neidisch, weil wir Frauen multitaskingfähig sind. Außerdem bin ich in Eile, ich habe volles Programm und muss gleich wieder los.«

»Dann lass uns doch einfach zur Sache kommen«, schlug Hackenholt vor. »Was hast du uns da mitgebracht?« Er wies auf die Papiere, die Mur mittlerweile wieder eingesammelt und zu einem ordentlichen Stapel vor sich aufgetürmt hatte.

»Das sind die Ergebnisse der DNA-Analyse. Um es kurz zu machen und euch nicht unnötig auf die Folter zu spannen: Heinrich Gruber wurde im Gartenhaus mit der Stange bewusstlos geschlagen, das beweisen die Blutspuren. Allerdings wahrscheinlich nicht von Jonas – die Hautpartikel, die wir an ihr gefunden haben, stammen zumindest nicht von ihm. Im Klartext heißt das: Entweder hat jemand anderes den Obdachlosen geschlagen, oder Jonas hat Handschuhe getragen, und die Hautpartikel sind von demjenigen, der die Stange davor verwendet hat.« Mur wischte sich die Finger an ihrer Hose ab und schob dann die Ausdrucke zu Hackenholt hinüber. »In der Hütte und auf den Chemikalienbehältern haben wir unzählige Fingerspuren gefunden, manche verwischt, manche nur als Teilabdrücke. Selbst wenn wir die uns bisher bekannten Abdrücke von Jonas, seinem Vater, Großvater und auch die von Heinrich Gruber abziehen, sind es immer noch unzählige, die wir nicht zuordnen können. Ich denke aber, es ist sicher zu sagen, dass außer Jonas noch mindestens drei weitere Personen die Verpackungen erst unlängst in der Hand hatten.« Sie trank ihre Tasse Kaffee aus und stellte den Humpen vor Wünnenberg ab. »Eine leckere Mischung! Man könnte meinen, einen Hauch Kakao herauszuschmecken. Vielleicht solltest du die Tasse mal mit Spülmittel abwaschen und nicht immer nur mit kaltem Wasser ausschwenken?« Damit erhob sie sich. »Ich bin dann mal weg – aber keine Sorge, mein Ziel ist nicht der Jakobsweg, sondern nur die Kollwitzstraße.«

Die zurückbleibende Runde schien tief durchzuatmen, sobald sich die Tür hinter Mur schloss, allerdings machte niemand eine diesbezügliche Bemerkung.

Nach einem Moment des Schweigens ergriff Stellfeldt das Wort. »Ich war ja nun die letzten beiden Tage in den Schrebergärten unterwegs.« Während er das sagte, betastete er behutsam seine Glatze. Hackenholt bemerkte, dass sich der Sonnenbrand weiter verschlimmert hatte. »Es will niemand etwas bemerkt haben, bis auf einen Nachbarn. Dem Mann gehört der Garten, der an die Stirnseite des Petzold’schen Grundstücks angrenzt. Er hat Jonas immer wieder mal gesehen. Einmal kam er ihm in Begleitung eines Mädchens entgegen, als er mit dem Auto nach Hause fuhr. Beide Jugendlichen schleppten eine große Sporttasche und etwas, das nach einem zusammengeklappten Tapeziertisch aussah. Das war aber schon lange vor den Pfingstferien. Der Nachbar dachte, dass sie vielleicht eine Gartenparty veranstalten wollten. Aber entweder war er an dem betreffenden Abend nicht dort, oder er hat sich getäuscht, denn der erwartete Lärm blieb aus. Ein anderes Mal hat er beobachtet, wie Jonas mit einem Mann zurück in Richtung S-Bahn lief.«

»Konnte er den Mann und das Mädchen beschreiben?«

Stellfeldt schüttelte den Kopf. »Es ist zu lange her. Er konnte sich kaum noch erinnern.«

Schweigen breitete sich aus. Hackenholt wagte eine Zusammenfassung der bisherigen Geschehnisse.

»Vor ungefähr zwei Wochen, es ist entweder Sonntag oder Montag, wird Heinrich Gruber in der Gartenlaube der Familie Petzold von einer oder mehreren Personen entdeckt und niedergeschlagen. Der Bewusstlose wird in den Schubkarren gepackt und in den Wald gebracht, wo er in besonders unwegsamem Gelände abgeladen wird. In der Mulde, in die er geworfen wird, steht bereits Wasser, oder sie füllt sich durch den darauffolgenden Starkregen. Heinrich Gruber ertrinkt. Rund eine Woche später findet ihn ein aufmerksamer Spaziergänger. Am selben Tag, an dem Heinrich Grubers Bild zusammen mit dem Zeugenaufruf in der Zeitung veröffentlich wird, verschwindet Jonas Petzold nach dem Unterricht spurlos. Durch die Aussage seiner Biologielehrerin finden wir heraus, dass sich der Junge öfter im Schrebergarten seines Großvaters aufhält, obwohl die Pacht seit dem Frühjahr gekündigt ist. In der Laube stoßen wir auf Hinweise, dass dort illegal Liquid Ecstasy hergestellt wurde. Eine Substanz, die einerseits von Konsumenten stark verdünnt als Stimmungsaufheller und Kuschelsex-Droge missbraucht wird, andererseits hochdosiert bei der Begehung von Straftaten zum Einsatz kommt, um die Opfer zu betäuben und auszurauben oder sexuell zu missbrauchen.«

Hackenholt machte eine Pause und sah in die Runde. Alle nickten. Er fuhr fort. »Jonas ist ein Einzelgänger. Seine Eltern haben ein völlig falsches Bild von ihm, sei es aus Desinteresse oder weil ihr Sohn ihnen nichts erzählt. Unter seinen Klassenkameraden hat er keine Freunde. Wenn die Kontakt zu ihm suchen, dann nur, weil sie etwas von ihm brauchen. Eine Übersetzung, eine Matheaufgabe oder dergleichen. Jonas gibt Nachhilfe. Angeblich will er Geld verdienen, um anstelle seines Großvaters die Pacht für den Schrebergarten übernehmen zu können. Allerdings hat er dafür jetzt schon viel zu viel Geld auf dem Konto. Hängt Jonas wirklich an dem Großvater und dem Garten, oder braucht er Letzteren nur, um dort weiterhin Drogen herstellen zu können? Die einzige Person, der Jonas vertraut, ist ein Mädchen, das er bei den Coolridern in der Schule kennengelernt hat: Sara. Sie verhält sich uns gegenüber verschlossen und abweisend. Jonas’ Handy liefert uns keine Hinweise. Er hat es so gut wie nie verwendet und wenn, dann nur für Gespräche und Nachrichten mit seiner Mutter oder mit Nachhilfeschülern. Seine E-Mails sind genauso nichtssagend. Mit wem er sich über den auf seinem Computer installierten Messenger unterhalten hat, wissen wir nicht. Ich denke, das ist etwas, dem wir unbedingt nachgehen müssen. Bislang geben einzig die Internetseiten, die er besucht hat, darüber Aufschluss, dass er gezielt nach einer Anleitung gesucht hat, die beschreibt, wie man GHB herstellen kann.« Hackenholt nahm einen Schluck Kaffee. »Wo könnte sich Jonas versteckt halten? Bei denselben Leuten, die mit ihm in der Gartenlaube waren? Und warum ist er überhaupt verschwunden? Bislang wissen wir nur, dass sich außer ihm noch mehrere andere Personen dort aufhielten. Wovon wir keine Ahnung haben ist, was sie mit dem Liquid Ecstasy machen. Welche Vertriebsstrukturen hat die Gruppe? Geben sie das Zeug nur an Freunde ab, verkaufen sie es in Diskos, oder benutzen sie es bei ihren eigenen Beutezügen?«

Hackenholt wurde durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen.

Die Schreibkraft steckte den Kopf herein. »Christine Mur hat angerufen, du sollst mit Ralph sofort in die Kollwitzstraße kommen. Mehr hat sie nicht gesagt.«

Obwohl sie die Hausnummer nicht wussten, fanden die beiden Beamten das fragliche Anwesen auch, ohne Mur auf dem Handy anzurufen. Auf der Straße parkten in loser Reihenfolge der Kastenwagen einer Installationsfirma, zwei Streifenfahrzeuge, ein Auto, das zur städtischen Wohnungsbaugesellschaft WBG gehörte, und der VW-Bus der Spurensicherung. Wünnenberg hielt am Ende der Schlange, dann stiegen sie aus und gingen zu dem uniformierten Kollegen, der neben dem ersten Streifenwagen stand und eifrig in sein Notizbuch schrieb.

»Was gibt es denn?«, fragte Hackenholt.

Der Kollege nickte ihm zur Begrüßung zu. »Wir wurden von dem Klempner gerufen, weil aus der Souterrainwohnung Verwesungsgeruch gedrungen ist. Angeblich soll die Mieterin verreist sein, aber das überprüfe ich gerade. Jedenfalls waren alle Rollläden heruntergelassen, sodass man von außen nichts sehen konnte. Also haben wir bei der WBG angerufen und den Verwalter gebeten, jemanden mit dem Schlüssel vorbeizuschicken. Die haben gleich drüben, nur knappe hundert Meter von hier entfernt, in der Rothenburger Straße eine Zweigstelle. Es hat also nicht länger gedauert, als wenn wir die Feuerwehr gerufen hätten. Die brauchen ja auch immer eine Weile, bis sie das Schloss knacken. Als wir in die Wohnung hinein sind, hat es tatsächlich fürchterlich gestunken. Am liebsten hätten wir sämtliche Fenster aufgerissen, aber das haben wir dann doch bleiben lassen. Da drin sieht es zwar total seltsam aus, aber eine Leiche konnten wir nicht finden, obwohl wir überall nachgesehen haben: im Klo, im Bad, sogar in den Bettkästen. Nichts. Auch kein alter verfaulter Müll in der Küche, der für den Gestank verantwortlich sein könnte.«

Wünnenberg runzelte die Stirn.

»Ihr werdet schon selbst sehen. Uns kam das jedenfalls ziemlich spanisch vor, deswegen haben wir lieber den Dauerdienst und die Spurensicherung gerufen, damit die sich das alles mal anschauen.«

Hackenholt nickte und wandte sich der Wohnanlage zu. Eine lange Häuserreihe, die im rechten Winkel zur Straße stand. Ein heruntergekommenes Mehrfamilienhaus ging nahtlos in das nächste über. Insgesamt waren es drei Gebäude. In den meisten Wohnungen standen die Fenster offen. Musik dröhnte aus dem einen und lag im Wettstreit mit einem schreienden Baby aus dem nächsten, das wiederum von streitenden Stimmen aus einem anderen übertönt zu werden drohte. An manchen Fenstern hingen Fahnen anstelle von Vorhängen – ganz wie zu WM-Zeiten –, und monströse Satellitenschüsseln verunstalteten die Fassade. Neben dem Fußweg, der die Beamten an dieser Pracht vorbei zum hintersten Haus führte, erstreckte sich eine Rasenfläche, die in der sommerlichen Wärme verdorrt war und braun aussah. Darauf verteilt standen mehrere alte Sofas, anscheinend vom Sperrmüll, auf denen Männer jeden Alters saßen. Manche unterhielten sich, ein paar beschäftigten sich mit Brettspielen, andere rauchten schweigend. Eins war ihnen jedoch allen gemein: Sie beobachteten die Beamten mit unverhohlenem, allergrößtem Misstrauen.

»Reizende Gegend hier«, brummte Wünnenberg.

Vor dem letzten Haus drängten sich Kinder, die eine Streifenbeamtin in Schach zu halten versuchte, indem sie breitbeinig den Zugang zur Kellertreppe versperrte und nur Hackenholt und Wünnenberg vorbeiließ. Schon auf dem Treppenabsatz stieg Hackenholt der typische Verwesungsgeruch in die Nase, der sich mit jedem Schritt intensivierte. Vor der Wohnungstür im Souterrain blieben sie stehen und drückten auf die Klingel. Mur kam heraus und brachte ihnen Schutzanzüge. Mit Argusaugen beobachtete sie die Kollegen, während die hineinschlüpften und sich die Kapuzen über die Haare zogen, dann gab sie ihnen noch Handschuhe und Überzieher für die Füße. Ausstaffiert wie für eine Mondbegehung betraten sie schließlich einen schmalen Gang. Links führte eine Tür zur Toilette, rechts eine zum Bad, und geradeaus kamen sie in einen großen Raum, der offensichtlich Wohn- und Schlafraum in einem war. Dahinter ging es durch eine weitere Tür in die Küche.

Der Wohnraum sah aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte. Ein zerfetztes dunkelgraues Etwas war über den Boden verteilt worden. Es dauerte lange, bis Hackenholt erkannte, dass es sich dabei um die Stücke einer zersägten Mülltonne handelte. Überall lagen Betonbrocken jeglicher Form und Größe herum. In der Ecke lehnte eine sehr große Yucca-Palme ohne Blumentopf schräg an der Wand. Der Boden war mit grobkörnigem Staub und der Pflanzenerde bedeckt. Leere Zementsäcke stapelten sich in einer Ecke. Ein Stuhl mit abgebrochenen Beinen lag umgekippt unter dem Tisch, darüber hingen ein zusammengeknülltes Handtuch und eine total verschmutzte Baseballkappe. Einen krassen Gegensatz dazu bildeten die auf dem Boden verstreuten Werkzeuge. Hammer, Säge, Meißel. Alles sah auf den ersten Blick nagelneu aus, wies jedoch starke Gebrauchsspuren an den Werkzeugflächen auf. Neben dem Bett entdeckten die beiden Kriminaler, bereits eingetütet und als Asservate gekennzeichnet, eine Axt, ein Elektromesser mit einem dazugehörigen Klingenschwert, das jedoch abgebrochen war, und ein Hackmesser, das Hackenholt nur vom Metzger geläufig war. Ratlos sah er Christine Mur an. »Was ist hier passiert?«

Die Leiterin der Spurensicherung erwiderte seinen Blick. »Es ist doch wohl offensichtlich, dass hier jemand Beton aus einer Mülltonne gemeißelt hat. Ich wage allerdings keine Vermutungen darüber anzustellen, was sich sonst noch in der Mülltonne befand, solange ich die Laboranalysen nicht schwarz auf weiß vor mir liegen habe. Eins kann ich dir allerdings jetzt schon sagen.« Mit ihren behandschuhten Fingern wies sie auf ein Blatt Papier, auf dem einige durchsichtige Klebestreifen mit Graphitabdrücken befestigt waren. Eine der gesicherten Fingerspuren zeigte eine auffällige Narbe, die vom linken oberen Nagelrand bis zur Mitte der Daumenfläche verlief. »Diesen Abdruck habe ich schon einmal gesehen. Und zwar letzte Woche auf einem der leeren Putzmittelkanister in der Gartenlaube der Petzolds.«

Hackenholt stöhnte. »Das wird ja immer verworrener!«

Sie gingen zurück zum Streifenwagen, wo der Mitarbeiter der WBG noch immer wartete. Den Klempner hatten die Kollegen bereits entlassen: Er wusste nichts, war noch nie zuvor hier gewesen und hatte lediglich die Polizei verständigt.

Auch der Mann von der WBG war mit seiner Geduld am Ende. Unruhig trat er von einem Fuß auf den anderen. Während er auf seine Uhr blickte, sagte er: »Können wir uns nicht später in meinem Büro unterhalten? Ich habe dort in fünf Minuten einen Termin. Außerdem kann ich Ihnen sowieso nichts über die Mieterin sagen, ohne vorher einen Blick in die Hausakte geworfen zu haben.«

Hackenholt stimmte zu, zückte sein Notizbuch, um sich Name und Adresse aufzuschreiben, doch der Verwalter reichte ihm schnell eine Visitenkarte. Nachdem er gegangen war, wandte sich der uniformierte Kollege an Hackenholt. Er hatte in der Zwischenzeit in Erfahrung gebracht, dass in der Wohnung eine gewisse Ljudmila Orlowa gemeldet war. Allerdings vergnügte sich die zweiundzwanzigjährige ledige Russin nicht, wie ein Nachbar behauptet hatte, im Urlaub, sondern saß seit drei Wochen wegen des Verdachts auf Prostitution und illegalen Drogenbesitz in U-Haft ein. In Deutschland lebende Familienangehörige gab es nicht, die junge Frau war mit einem Studentenvisum nach Deutschland eingereist, nachdem sie sich an der Universität Erlangen-Nürnberg immatrikuliert hatte.

»Wunderbar, dann müssen wir jetzt also auch noch mit den Hausbewohnern sprechen, wenn wir erfahren wollen, wer seit ihrer Verhaftung in der Wohnung ein und aus gegangen ist. Und das können wir uns gleich sparen, weil die uns garantiert nichts sagen werden. Entweder tun sie so, als würden sie uns nicht verstehen, oder ihre Sprachkenntnisse reichen tatsächlich nicht aus«, prophezeite Wünnenberg.

Hackenholt rieb sich über das Kinn und bemerkte dabei eine raue Stelle, die er offenbar beim morgendlichen Rasieren ausgelassen hatte. »Du hast recht. Wir brauchen einen Dolmetscher.«

»Schon erledigt«, warf der uniformierte Beamte ein. »Ich habe unseren Dienstgruppenleiter angerufen und gesagt, dass er uns eine Kollegin vorbeischicken soll, die heute für den Bereich Thon eingeteilt ist. Sie spricht Russisch und kann uns sicher immens helfen. Sie ist schon unterwegs.«

Hackenholt war angenehm überrascht. Der Kollege wurde dem guten Ruf der PI West gerecht: Er hatte nicht nur innerhalb kürzester Zeit einige wichtige Informationen zusammengetragen, sondern auch Weitblick bewiesen.

Die Wartezeit nutzte Hackenholt, um im Präsidium anzurufen und Stellfeld zu beauftragen, so viel wie möglich über Ljudmila Orlowa in Erfahrung zu bringen. Insbesondere die Umstände, die zu ihrer Verhaftung geführt hatten, und welche Drogen dabei im Spiel gewesen waren, mussten geklärt werden. Auch die Zustimmung des Ermittlungsrichters zu einer Vernehmung in den Räumen der Haftanstalt sollte Stellfeldt einholen und am besten gleich an deren Torwache faxen lassen. Hackenholt gab gerade noch seine letzten Anweisungen durch, als ein weiterer Streifenwagen in die Kollwitzstraße bog. Ein Blick genügte dem Hauptkommissar, um zu sehen, dass die große, schlanke Polizeiobermeisterin mit den zum Pferdeschwanz gebundenen blonden Haaren und der ungewöhnlich hellen Haut höchstwahrscheinlich selbst deutsch-russischer Abstammung war. Er hätte es nicht benennen können, aber sie hatte etwas an sich, das sie fremdländisch wirken ließ.

Gemeinsam klingelten sie sich von Wohnung zu Wohnung. In manchen machte niemand auf, in anderen wurde ihnen, noch bevor die Beamtin auch nur die erste Frage gestellt hatte, schon gesagt, dass niemand etwas gesehen habe. Im ersten Stock öffnete ein betrunkener Mann die Tür. Als er die uniformierte Polizistin sah und sie in seiner Muttersprache auf ihn einzureden begann, beschimpfte er sie und spuckte ihr vor die Füße. Kein einziger Hausbewohner wollte Geräusche gehört oder Personen gesehen haben, die in die Souterrainwohnung gegangen waren. Auch den bestialischen Gestank habe niemand gerochen. Die Männer auf der Wiese draußen vor dem Haus hatten sich verzogen, jetzt brannte die Mittagssonne auf die leeren Sofas herab. Mühsam arbeiteten sich die Beamten auch durch die Nachbarhäuser, doch als sie endlich fertig waren, wussten sie genauso viel wie vorher: Russen lösten ihre Probleme untereinander, redeten nicht mit Fremden – und mit der Polizei schon gar nicht.

Die Streifenkollegen übernahmen die wenig aussichtsreiche Aufgabe, auch noch mit den Bewohnern der vor und hinter dem Anwesen liegenden Häuserreihe zu reden, während Hackenholt und Wünnenberg sich auf den Weg zur nahe gelegenen Zweigstelle der WBG machten.

»Frau Orlowa hat die Wohnung seit anderthalb Jahren gemietet. Sie kam mit einem Studentenvisum nach Deutschland und hat es uns vorgelegt, genauso wie die ordnungsgemäße Meldebescheinigung von der Behörde. Darauf achten wir mittlerweile.« Der Verwalter hatte in der Zwischenzeit die Akte für die Souterrainwohnung herausgesucht. Was er ihnen jetzt erzählte, wussten die Beamten jedoch bereits durch ihre eigenen Nachforschungen.

»Bezahlt Frau Orlowa die Miete selbst?«, fragte Wünnenberg nach.

Der Verwalter nickte. »Von den Sozialbehörden würde sie kein Geld bekommen. Bevor Bürger, die aus einem Nicht-EU-Staat kommen, überhaupt ein Studentenvisum für Deutschland erhalten, müssen sie der Ausländerbehörde nachweisen, dass sie über eigenes Geld verfügen und dem Staat nicht auf der Tasche liegen werden. Dafür brauchen sie ein Sparbuch mit mindestens zehntausend Euro, die sie aber nicht antasten dürfen, da sie das Geld im nächsten Jahr wieder vorweisen müssen.«

Hackenholt machte sich eine Notiz. »Sie wissen aber wahrscheinlich nicht, woher Frau Orlowa das Geld hatte, oder? Ein Grundstock von zehntausend Euro muss ja erst mal verdient sein.«

»Ich habe immer angenommen, dass sie aus einer dieser reichen russischen Familien stammt. Die ausländischen Studenten müssen Geld im Hintergrund haben, denn während ihres Aufenthalts dürfen sie auch nur eine geringe Anzahl von Stunden arbeiten.«

»Und Frau Orlowa hat die anderthalb Jahre alleine in der Wohnung gelebt und nie einen Untermieter gehabt oder einen Freund bei sich wohnen lassen?«

»Soweit ich weiß nicht. Laut Mietvertrag ist ihr eine Untervermietung sowieso untersagt, aber wir können natürlich keine Wohnungskontrollen durchführen.«

Auf dem Weg in die U-Haft zückte Hackenholt sein Handy und rief Stellfeldt an. »Hast du inzwischen schon etwas über Ljudmila Orlowa herausgefunden?«

»Ich habe mit den zuständigen Kollegen vom Dezernat 4 gesprochen. Es handelt sich um einen typischen Fall eines Verstoßes gegen das Ausländerrecht. Laut Visum darf sie nur eingeschränkt erwerbstätig sein und keiner selbstständigen Arbeit nachgehen. Festgenommen wurde sie in einem privaten Tanzclub in der Südstadt. Ein Striplokal mit angeschlossenen Zimmern, in denen die Damen Privatvorstellungen geben können, wie der Betreiber es bei seiner Vernehmung formulierte. Frau Orlowa war bei der Razzia gerade mit einem Mann zugange. Allerdings wurde sie nicht zum ersten, sondern schon zum zweiten Mal dabei erwischt. Bei ihrer Premiere hat man ihr den Pass abgenommen und ihn an die Ausländerbehörde überstellt, wo sie ihn gegen Vorlage eines Rückflugtickets hätte abholen müssen, was sie jedoch geflissentlich versäumt hat. Jetzt, beim zweiten Mal, wurde sie festgenommen und in U-Haft gesteckt, da vor der Abschiebung noch ein paar Dinge geklärt werden müssen. Sie scheint unter anderem in Drogengeschäfte verwickelt zu sein.«

»Und um welche Drogen geht es dabei?«

»Das ist genau das, was so lange dauert: Die Analyse der Pillen, die sie bei sich hatte, liegt den Kollegen noch nicht vor. Es war jedenfalls eine nicht geringe Menge: über eintausend Stück. Je nach dem, um was für ein Zeug es sich dabei handelt, wandert sie vielleicht hier in Deutschland erst noch ein paar Jahre in den Bau. Bisher hat sie allerdings zu allen Anschuldigungen geschwiegen.«

»Hast du mit dem Ermittlungsrichter gesprochen?«

»Klar. Er hat die Zustimmung zur Vernehmung direkt rüber an die Frauenanstalt faxen lassen. Ihr dürftet also keine Probleme bekommen.«

Wünnenberg bog rechts in die Mannertstraße ein, wo auch die Untersuchungshaft für Frauen untergebracht war, und Hackenholt beeilte sich, das Telefonat zu beenden.

In der Schleuse gaben sie ihre Ausweise ab. Die Beamtin an der Torwache hinter der dicken Glasscheibe wusste Bescheid, sie hatte das richterliche Schreiben bereits erhalten.

Die beiden Ermittler schalteten ihre Handys aus und versperrten diese zusammen mit ihren Dienstwaffen und sämtlichen Schlüsseln, die sie bei sich trugen, in einem Schließfach. Dann durften sie in den Besucherwarteraum links hinter der Schleuse. Es war ein winziges, fensterloses Zimmer, das mit seinen vier Stühlen schon überfüllt wirkte.

Nachdem eine Beamtin die Gefangene in einen der Besucherräume gebracht hatte, durften auch die Polizisten eintreten. Hackenholt musterte die junge Russin, die blaue Jeans und ein T-Shirt trug: normale Anstaltskleidung. Sie war fast so groß wie er und sehr schlank. Ihre langen blonden Haare mit den auffällig rostrot gefärbten Strähnchen trug sie offen. Augen und Mund waren geschminkt. Sofort fragte sie ihn nach einer Zigarette. Ihre Aussprache war geprägt von dem harten Akzent der Osteuropäer. Hackenholt schüttelte den Kopf.

Er sah sich im Zimmer um. Der Raum war in einem luftigen Zartgelb gestrichen, die Einrichtung bestand aus zwei quadratischen Tischen mit je vier Stühlen; alles aus freundlich-hellem Ahornholz. Hackenholt ging zum Fenster und blickte durch die Stäbe des noch aus Jugendstilzeiten stammenden, schön geschwungenen Gitters in den Hof. Ein Stück Rasen, schlanke Bäume und eine graue Betonmauer. Selbst der alte rote Backsteinbau hatte sich in der Hitze der letzten Tage aufgeheizt, sodass es in dem Zimmer stickig war. Im Gegenlicht des Fensters sah man winzige Staubflocken durch die Luft wirbeln. Hackenholt drehte sich wieder um.

»Wie lange sind Sie schon in Untersuchungshaft?«

»Seit drei Wochen.« Ihre eisblumenblauen Augen blitzten ihn an. »Was wollen Sie von mir?«

»Frau Orlowa, wer kümmert sich in Ihrer Abwesenheit um Ihre Wohnung?«

Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. Sie war auf der Hut. »Niemand. Warum sollte man sich auch darum kümmern müssen? Ich besitze nicht viel.«

»Haben die Nachbarn vielleicht einen Schlüssel oder ein Freund oder eine Freundin?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Aber jemand muss Ihnen doch ein paar Wäschestücke und Ihre Schminksachen vorbeigebracht haben«, insistierte Hackenholt.

Wieder schüttelte sie den Kopf, sah ihn jedoch nicht mehr an. Stattdessen malte sie gelangweilt mit dem Zeigefinger Kreise auf den Tisch. »Was wollen Sie?«, wiederholte sie.

»Wir haben Grund zu der Annahme, dass in Ihrer Wohnung eine Straftat verübt worden ist.«

Ihr Kopf schoss nach oben. »Was ist passiert?«

»Solange die Spuren nicht ausgewertet sind, können wir noch nichts mit Sicherheit sagen. Aber es wurden eine kaputte Mülltonne, einige Werkzeuge und jede Menge Zementbrocken gefunden. Außerdem stank es nach Verwesung.« Hackenholt machte eine Pause, um der jungen Frau Gelegenheit zu einer Reaktion zu geben, doch sie hatte den Kopf schon wieder gesenkt. Es war unmöglich, ihren Gesichtsausdruck zu deuten. »Nun stellt sich für uns die Frage, ob Sie etwas mit dem zu tun haben, was passiert ist, das heißt, ob die Tat begangen wurde, bevor Sie festgenommen worden sind, oder ob sie den Wohnungsschlüssel jemandem gegeben haben, der dafür verantwortlich sein könnte.«

Sie reagierte nicht.

»Frau Orlowa, Sie haben schon genug Schwierigkeiten. Wer war in Ihrer Wohnung? Wer außer Ihnen hat einen Schlüssel?«

»Ich habe nichts dazu zu sagen.« Ihre Finger malten wieder Kringel auf den Tisch.

Die jahrelange Erfahrung im Umgang mit Beschuldigten hatte Hackenholt zu erkennen gelehrt, wann er aus jemandem nichts mehr herausholen konnte. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drückte er die an der Wand angebrachte Klingel. Sogleich erschien die Beamtin, um die Inhaftierte wieder zurück in ihre Zelle zu bringen. Die beiden Ermittler holten ihre Sachen aus dem Schließfach und erhielten an der Torwache ihre Ausweise zurück. Sie waren schon fast an der Ausgangstür, als sich Hackenholt daran erinnerte, dass er die JVA-Bedienstete an der Pforte noch etwas hatte fragen wollen. Er machte kehrt.

»Sagen Sie, hatte Frau Orlowa privaten Besuch, seit sie hier ist?«

Die Beamtin schaute in den Unterlagen nach, dann schüttelte sie den Kopf. »Nein, bisher ist nur ihr Anwalt da gewesen.«