FÜNFTES KAPITEL

Der nächste Augenblick war erfüllt vom schrillen Heulen des Windes und dem heftigen Regen, bei dem man nichts mehr sehen konnte. Das Unwetter dauerte jedoch nur ein oder zwei Sekunden. Als Kit wieder sehen konnte, fand er sich auf Händen und Knien in einer anderen finsteren Gasse wieder. Sie stank nach Urin und Schmutzwasser. Und der Sturm, der sie hergebracht hatte, flaute rasch ab.

»Sind wir ...?«, begann Kit und rang nach Luft.

»Wir sind nun in Sicherheit«, beruhigte Cosimo ihn. »Wir sind ihnen entwischt. Sobald du bereit bist, sollten wir weitergehen.«

Kit spie und hob seinen Kopf. Sie befanden sich zwischen zwei Fachwerkgebäuden - die so nahe beieinander standen, dass er mit ausgestreckten Händen beide Wände berühren konnte. Der Durchgang lag in tiefer nächtlicher Dunkelheit. Kit nahm sich zusammen und stand auf. Er spürte etwas Widerliches an den Händen und wischte es an seiner Hose ab. »Wer waren diese Kerle?«

»Das wirst du alles noch erfahren, mein lieber Junge«, antwortete Cosimo. »Aber hier ist nicht der Ort dafür ... und nicht die Zeit. Das Beste ist, wenn wir uns auf den Weg machen.« Er streifte seinen Mantel ab und gab ihn Kit. »Zieh das an.«

»Ist schon in Ordnung. Ich bin nicht allzu nass geworden.«

»Er soll dich nicht wärmen, mein Junge. Wir müssen deine Kleidung verbergen.«

»Was ist denn an meiner Kleidung verkehrt?«

»Wir wollen nicht die falsche Art von Aufmerksamkeit auf uns ziehen.«

Kit zog den Mantel über, und Cosimo führte sie aus dem Durchgang heraus. Sie betraten eine Straße, die von matt glühenden Laternen beleuchtet wurde, welche recht willkürlich an Pfosten und Häuserfenstern hingen. Die meisten Gebäude bestanden aus Holz und zeichneten sich durch die alte Fachwerkbauweise aus: Sie waren schwarz und weiß und besaßen steile Giebeldächer sowie winzige Fenster mit Rautenmustern und weit unten angebrachte Traufen. Vor den Häusern hatte man schmale, hölzerne Wege errichtet. Ein Pferdekarren fuhr polternd vorbei und verschwand in der Nacht.

Irgendetwas an der Atmosphäre dieses Ortes fühlte sich für Kit auf unheimliche Weise vertraut an. »Ist das etwa London?«, fragte er.

»Gut beobachtet!«, lobte Cosimo und zog eine altmodische Uhr aus einer Innentasche heraus. »Wir sind ein wenig spät dran und müssen uns daher beeilen. Hier entlang.« Er begann die menschenleere Straße hinunterzustürmen. »Beweg dich zügig, aber mit Bedacht.«

»Nach dir.« Kit folgte ihm und spürte augenblicklich, wie sich sein rechter Schuh in etwas Weiches senkte. Sein empfindlicher Magen wurde sofort vom stechenden Geruch frischen Pferdedungs überfallen. Zu spät begriff er, was sein Urgroßvater gemeint hatte. »Oh, wirklich mit Bedacht«, murmelte er und kratzte mit dem Schuh eifrig über eine Bordsteinkante.

Sie bogen in eine größere Durchgangsstraße ein und stiefelten weiter; gelegentlich gingen sie durch dünne Nebelbänke, die mit Kohlenrauch vermischt waren. Es gab nur wenige andere Fußgänger auf der Straße. Hin und wieder ratterte eine Kutsche an ihnen vorbei, und das beruhigende Klappern von Pferdehufen erzeugte eine rhythmische Begleitmusik, während sie weitermarschierten. Kit bestaunte die monumentalen Fassaden von Gebäuden, die zwar meist aus Holz errichtet waren, ihm jedoch unter ihrer dicken schwarzen Rußschicht vage bekannt vorkamen. Er wunderte sich auch darüber, wie breit, übersichtlich und menschenleer die Allee war, die sie entlanggingen: Es fehlte das gewohnte Durcheinander und die übliche Verkehrsbelastung der übervölkerten, modernen Stadt. Verschwunden waren die blendenden Lichter der elektrischen Reklame; verschwunden die grellbunten Ladenfronten, Schaufenster und Plakatwände; verschwunden der strahlende Glanz der Straßenlaternen, Scheinwerfer und Flutlichter. Es gab ebenfalls nicht das üppige Gewirr von Strom- und Telefonleitungen, keine nach oben stechenden Fernsehantennen und keine Satellitenschüsseln, keine Strommasten und Verteilerkästen. Wie schon in dem kleinen Fischerort fuhren weder Taxis noch Busse, noch Autos, noch andere motorisierte Fahrzeuge auf den Straßen. All das führte dazu, dass die Stadt sicherlich um einiges ruhiger und leiser war, aber auch sehr viel düsterer.

So wie hier, befand Kit, hatte irgendwann einmal die alte Dame London ausgesehen. »In welchem Jahr befinden wir uns?«, wollte er wissen.

»1666«, antwortete Cosimo. »Der zweite September, um genau zu sein.«

»Also ein paar Jahre nach der Restauration der Stuart-Monarchie«, merkte Kit an. »Als Samuel Pepys sein berühmtes Tagebuch geschrieben hat.«

»Unter den Modalitäten der Heimatwelt wäre das korrekt«, pflichtete Cosimo ihm bei.

»Heimatwelt?«

»Der Ursprungswelt«, erklärte der Alte. »Oder, wie du sagen könntest, der realen Welt. Dem Ort, wo du und ich geboren wurden.«

»Aber ist das hier nicht ...?«, begann Kit und schaute sich um. »Ich dachte -«

»Nein«, fiel ihm Cosimo ins Wort und schüttelte den Kopf. »Das ist keine bloße Zeitreise, vergiss das nicht. Wir sind zu einem anderen Ort gewandelt.«

»Der sich ganz zufällig in einer anderen Zeit befindet?«

»Genau. Das ist nicht eine bloße Wiederholung der Restaurationszeit in England. Dieses spezielle England hier hat seine eigene Geschichte und entwickelt sich entlang seiner eigenen historischen Linie. Es ist ähnlich - gegeben durch einen gemeinsamen Startpunkt -, aber anders; und die Unterschiede vergrößern sich von Jahr zu Jahr.«

»Eine alternative Geschichte«, entfuhr es Kit, »in einer alternativen Welt.«

»So kann man es sagen«, räumte Cosimo ein. »In diesem speziellen England hier befinden wir uns nicht in der Restaurationszeit, weil es nie ein Ende der Monarchie gegeben hat. Karl I. ist niemals entthront, geschweige denn geköpft worden. Es gab auch keinen Bürgerkrieg.«

»Wirklich?«, staunte Kit. »Keine Royalisten, keine Parlamentarier? Kein Oliver Cromwell, der alles umnietete und jeden mit Spießen herumkommandierte?«

»Oh, die gibt es wohl. Aber in diesem England ist Cromwell ein Wanderprediger. Er geht den Leuten immer noch auf den Wecker, aber er ist relativ harmlos.«

»Sag bloß!«

»Tatsächlich ist das gesamte politische Klima völlig anders als in unserer Welt, wie du sehen wirst.« Cosimo hielt an, wühlte in einer Innentasche und holte einen Schlüsselring hervor. »Wir sind da«, sagte er, trat zum Eingang eines bescheidenen Schindelhauses und ging hinein.

Kit folgte ihm. Er stand in der Düsternis eines langen, unbeleuchteten Flurs, während sein Urgroßvater mit dem Schlüssel an einem ebenfalls im Dunklen liegenden Türschloss herumstocherte. Schließlich vernahm er ein Klicken und dann das Knarren eiserner Türangeln. In der Finsternis wehten zwei Worte zu ihm. »Warte hier.«

Ein schwerer Geruch von Moder und ranzigem Fett, das offenkundig von billigen Kerzen herrührte, lag in der abgestandenen Luft. Kit wartete und lauschte den leise kratzenden Geräuschen von Mäusen, die hinter der Vertäfelung umherhuschten. Nach wenigen Augenblicken bemerkte er ein schwaches rötliches Glimmen, das von dem Raum ausging, in dem Cosimo verschwunden war. Anschließend sah er ein weiteres Leuchten und noch eines, als nacheinander dort Kerzen angezündet wurden.

»Du kannst nun hereinkommen«, rief Cosimo ihm zu. »Und mach die Tür hinter dir zu!«

Kit trat ein und schaute sich in dem sehr spärlich ausgestatteten Raum um. Er erblickte nur ein paar Holzmöbel - einen Tisch, einen Stuhl, ein Bett und einen Kohlekasten -, und das schien schon alles zu sein, was es in diesem Zimmer gab. Am anderen Ende des Raums war eine weitere Tür, die Cosimo nun öffnete. Er verschwand durch sie und kehrte mit einem Haufen Kleidungsstücke zurück.

»Wir müssen uns umziehen«, sagte er.

»Ist das hier deine Wohnung?«

»Ja. Zum Schutz vor allen Arten von Schwierigkeiten, wie du unzweifelhaft verstehen kannst.« Cosimo warf die Kleider aufs Bett und begann, sein Hemd aufzuknöpfen. »Ich fürchte, wir können im Moment für dich nicht viel tun«, meinte er und blickte Kit an. »Aber fang damit an.« Er gab seinem Urenkel ein weißes Leinenbündel.

Kit schüttelte die Kleidung aus dem Bündel und hob ein riesiges, langärmeliges weißes Hemd hoch, das schlaff herabhing und so breit wie lang war. »Sag, dass du das nicht ernst meinst.«

»Tut mir leid, alter Kamerad. Morgen werden wir dir etwas Besseres besorgen. Doch im Augenblick müssen wir uns beeilen. Also - hopp, hopp!«

Während Cosimo sich ankleidete, legte Kit den Mantel ab, zog sein Hemd aus und streifte sich das gewaltige Gewand über, das so groß wie eine Robe war und ihm beinahe bis zu den Knien reichte. Er versuchte, die Schnürbänder an den Ärmeln festzuziehen. Das stellte sich aber als unmöglich heraus, und so gab er es auf.

»Jetzt das«, sagte sein Urgroßvater und reichte ihm eine ausgebeulte wollene Kniehose.

Nachdem Kit sich seiner Jeans entledigt hatte, stopfte er seine Beine in die Kniehose, zog sie hoch und band sie am Hosenlatz zusammen. Die Kniehose war ihm um einiges zu groß, doch schwer und warm. Als Nächstes streifte er dunkle wollene Socken über, die auf Kniehöhe verschnürt wurden.

»Annehmbar«, merkte Cosimo an, der seinen Urenkel kritisch musterte. »Ein Jammer, dass wir nichts wegen der Schuhe unternehmen können.« Er betrachtete die einfachen braunen Schnürschuhe von Kit. »Nun gut, daran lässt sich nichts ändern. Und jetzt zieh das an.« Er gab Kit eine ärmellose, hüftlange Jacke - ein Wams aus feinem Tuch mit einer dichten Reihe kleiner Silberknöpfe.

»Wirst du mir nun etwas über diese Männer erzählen?«, fragte Kit.

»Wir nennen sie die Burley-Männer«, antwortete sein Urgroßvater. »Wie kann man sie am besten beschreiben? Diebe, Schurken, Halunken und Straßenräuber. Sie stehen in Diensten eines gewissen A. P. Burley; er ist der Drahtzieher hinter ihren schändlichen Taten.« Cosimo steckte seine Arme in ein purpurfarbenes Satinwams und begann, es zuzuknöpfen.

»Organisiertes Verbrechen, was?«, hakte Kit nach.

»Genau«, pflichtete Cosimo ihm bei. »Die Burley-Männer kennen nur ihr eigenes Recht und Gesetz; und ein jeder macht einen weiten Bogen um sie. Sie fürchten weder Gott noch Teufel; jeder Einzelne von ihnen ist so heimtückisch wie ihr Anführer. Sie haben einen natürlichen Hang zu schwerer Körperverletzung, und das Morden ist ihnen zur zweiten Natur geworden.« Er zog einen kurzen Mantel an, der dem Wams ähnelte, welches er Kit gegeben hatte. »Sie sind so grausam, wie die Nacht lang ist, und treulose Unmenschen, die keinem Gutes wollen: Selbst der Beste von ihnen würde nicht zögern, seine Mutter für zwei Pence dem Teufel zu verkaufen. Sie sind genau so durchtrieben und hinterhältig wie erbarmungslos - erst recht, wenn sie glauben, dass man etwas hat, das sie besitzen wollen.«

»Wie deine Karte.«

»Eben.«

Kit dachte darüber nach, was sein Urgroßvater erzählt hatte. Es klang alles recht plausibel. »Und was war das für ein Tier? Diese verdammte große Katze?«

»Panthera leo spelaea«, erklärte Cosimo und band eine Schnur am Sockenhalter fest, der einen seiner langen schwarzen Strümpfe in Kniehöhe an seiner ebenfalls schwarzen Bundhose hochhielt. »Besser bekannt als Höhlenlöwe - eine Kreatur aus der Epoche des Pleistozäns. Er entstand vor etwa ... oh, dreihunderttausend Jahren. Oder so ungefähr.«

»Ein Höhlenlöwe«, wiederholte Kit ungläubig.

»Ja, allerdings ein kleiner«, bestätigte sein Urgroßvater. Er eilte ins andere Zimmer und kam mit einem weiten Halskragen aus Spitze zurück, den er sich umständlich im Nacken festband.

Bei dem Gedanken daran, dass sie nur mit knapper Not entkommen waren und was diese säbelförmigen Klauen womöglich angerichtet hätten, überkam Kit im nachhinein eine Gänsehaut. Rasch wechselte er das Gesprächsthema. »Das, was du da trägst, sieht aus wie die Kleidung eines wohlhabenden Mannes.«

»Eines reichen Kaufmanns, um genau zu sein«, erwiderte Cosimo und reichte Kit einen breitkrempigen Filzhut. »Die Leute hier glauben, ich sei so etwas wie ein Magnat, der ständig mit Schiffen - und was weiß ich nicht alles - reist und sich deshalb auch nicht sehr oft in der Gegend aufhält. Es ist eine recht nützliche Verkleidung. Wir werden uns etwas ausdenken müssen, um dich und deine Anwesenheit zu erklären. Doch für heute Nacht rate ich dir, nur zu reden, wenn du angesprochen wirst, und dann auch nur so wenig wie möglich zu sagen. Auf diese Weise wird es später nur wenig geben, was wir zurechtrücken müssen.« Er holte einen weiteren breitkrempigen Hut, setzte ihn sich auf und glättete die Vorderseite seines roten Satinwamses. »Fertig?«

Kit setzte sich ebenfalls den Hut auf und rückte ihn dann in einem verwegenen Winkel zurecht - oder zumindest, was er dafür hielt. »Fertig, kann losgehen.«

Alsdann verließen sie das Haus und stiefelten abermals die beinahe menschenleeren Straßen entlang. Kit versuchte gerade herauszufinden, wo sie sich im Vergleich zu dem ihm bekannten London befanden, als sie erneut anhielten.

Cosimo streckte die Hand aus und sagte: »Wollen wir da hineingehen?«

Kit sah auf und bemerkte, dass sie vor einem großen, beeindruckenden grauen Steingebäude stehen geblieben waren. Eine breite Treppe führte hoch zu einer zweiflügeligen Tür mit Messingrahmen; zu den Seiten des Eingangs brannten zwei ölig schwarze Fackeln mit lodernden Flammen.

Die beiden Männer stiegen die Steinstufen hoch und betraten eine prachtvolle Empfangshalle, in der ein mächtiger, mit Schnitzereien verzierter Treppenaufgang aus Eichenholz zu einer Galerie emporführte. In diesem Vorraum gab es drei Türen, durch die ein Besucher in verschiedene Richtungen weitergehen konnte. Cosimo wählte die mittlere und legte einen Finger auf die Lippen: eine Warnung an Kit, sich schweigsam zu verhalten. Dann öffnete der alte Mann leise die Tür und schlüpfte hindurch.

Kit folgte ihm und fand sich im hinteren Bereich eines respektablen und sehr altmodischen Vorlesungssaals wieder. Die übereinander angeordneten Reihen waren gefüllt mit bärtigen Männern, die einfache schwarze Talare und schlichte weiße Halskrausen trugen. Der Raum wurde vom funkelnden Leuchten der unzähligen Kerzen erhellt, welche in Wandhalterungen und von der Decke herabhängenden Kronleuchtern aus massivem Messing steckten. Nach Kits grober Schätzung bestand die Zuhörerschaft aus über zweihundert Männern, deren Aufmerksamkeit vollständig nach vorne auf das Podium gerichtet war.

Dort sprach ein sehr großer, schlanker Mann, der einen langen schwarzen Talar und eine eng anliegende Mütze aus schwarzer Seide trug. Unter dem gepflegten roten Bart, der wie ein Spaten geformt war, brach eine wahre Fontäne komplizierter Spitzenborten hervor. Die großen Silberschnallen auf seinen schwarzen Schuhen, die hohe Absätze besaßen, leuchteten im Licht der Kerzen, die vorne auf dem Podium in einer Reihe aufgestellt worden waren. Seine blütenweißen Socken lagen straff an den Beinen an und waren perfekt gebunden. Der Mann hielt seinen Vortrag mit dramatischer, überlauter Stimme.

»In welcher Sprache redet er?«, flüsterte Kit, nachdem er ein paar Momente lang zugehört hatte, ohne sich einen Reim darauf machen zu können, was der energiegeladene Bursche von sich gab. »Deutsch?«

»Englisch«, zischte Cosimo. »Hör einfach nur zu.« Ein weiteres Mal hob er seinen Finger an die Lippen. Dann schlüpfte er auf einen leeren Stuhl und zog Kit neben sich herab. Der Raum war warm und die Luft stickig durch den Gestank des Kerzenrauchs und der Körperhitze.

Kit lauschte dem Redefluss. Nachdem er eine Weile sehr konzentriert zugehört hatte, begann er einzelne Wörter und dann Satzteile zu verstehen. Als er sich noch ein wenig mehr anstrengte, war er in der Lage, den Sinn ganzer Sätze zusammenzufügen. Der Bursche schien sich über irgendeine Art von neuer Theorie der Energie oder über etwas Ähnliches auszulassen - jedoch in der verschachtelsten und gespreiztesten Weise, die möglich war.

»... Ihr, meine Lords und Gentlemen allhier, werdet ermessen, dass noch zahlreiche unbeantwortete Fragen zurückbleiben auf den unterschiedlichen, aber nichtsdestoweniger auf das Engste miteinander verbundenen Feldern der natürlichen Mechanik und des Tiermagnetismus. Die feinen Energien oder Kräfte unserer irdischen Welt beginnen gerade in diesem Moment, ihre Geheimnisse preiszugeben, die lange verborgen gehalten und eifersüchtig gehütet worden sind. Wir, unsere gegenwärtige Generation, stehen an der Schwelle zu einer neuen und glorreichen Morgendämmerung, alldieweil die Meisterung dieser Kräfte vollständig in greifbare Nähe gerückt ist: Das Geheimnis weicht der Nachforschung, welche wiederum dem Experimentieren weicht, und dieses führt zur Verifikation und Duplizierung, welche letzten Endes zum Wissen führt.«

Er hielt inne, um den höflichen Applaus vereinzelter Zuhörer zuzulassen, der durch das Auditorium plätscherte.

»Schlussendlich bitte ich um die Einwilligung dieser Gesellschaft, mir die Erlaubnis zu erteilen, die zentrale Prämisse meiner Vorlesung am heutigen Abend zu wiederholen, als da wäre: dass eine Forschungsreise durchgeführt werden soll, um das Experiment vorzunehmen, welches in Eurer Anhörung an diesem Abend dargestellt worden ist. Das Experiment wird beginnen, sobald das Expeditionskorps ausgewählt worden ist - dem nicht weniger als fünf und nicht mehr als acht angesehene Mitglieder der Royal Society angehören sollen - und sobald angemessene Vorbereitungen für die Reise, Beherbergung und damit einhergehende Angelegenheiten durchgeführt werden können. Aus diesem Grunde sehe ich freudig - und mit größter gespannter Erwartung - der Tatsache entgegen, dass ich in der nahen Zukunft noch einmal das Wort an diese erlauchte Versammlung richten werde, um die Ergebnisse des zuvor genannten Experiments bekanntzumachen.«

Es gab laute Rufe: »Hört! Hört!«

Der Redner ging ein paar Schritte zur anderen Seite des Podiums und sprach seine Schlussworte. »Meine Freunde, geschätzte Kollegen, edle Gönner und verehrte Gäste - ich möchte Euch mit folgender Botschaft zurücklassen: Wenn Ihr das nächste Mal Eure Augen zu den unermesslichen Weiten des Himmels erhebt, dann wäret Ihr, Gentlemen, wohlberaten, Euch zu erinnern, dass er nicht nur um ein vieles prachtvoller ist, als der menschliche Geist zu begreifen vermag, sondern auch viel subtiler. Das gesamte Universum und seine Bestandteile werden durchdrungen, aufrechterhalten, zusammengefügt, vereinigt, umgeben und umfasst von dem elementaren Äther, welchen wir als ein alles durchziehendes, reagierendes und intelligentes Kraftfeld erkennen, das ewig und unerschöpflich ist. Es ist nicht weniger als der Grund für unser aller Sein und die Quelle unserer Existenz - es ist das, was in vergangenen Epochen und in der Jetztzeit die Menschheit als Gott zu bezeichnen gefallen hat.«

Enthusiastischer Applaus beendete die Rede. Der Mann auf dem Podium verneigte sich tief und empfing die Anerkennung seiner Kollegen. Ein anderer Mann gesellte sich zu ihm auf dem Podium und sprach eine kurze Ankündigung, von der Kit kein einziges Wort verstand. Anschließend stand das Publikum auf, drängte sich in die Gänge und bewegte sich auf die Türen zu.

»Hier entlang!«, sagte Cosimo und zwängte sich in den Gang. Er schritt in Richtung Podium vor, wobei er gegen den Strom der hinausdrängenden Besucher ankämpfen musste, und zog Kit hinter sich her.

»Sir Henry!«, schrie Cosimo und winkte mit dem Arm. »Sir Henry!«

»Mister Livingstone!«, rief der große, schlaksige Mann zurück und kämpfte sich anschließend durch das Menschengewühl auf sie zu. Dabei benutzte er seinen langen schwarzen Spazierstock, um sich vorsichtig einen Durchgang zu verschaffen. »Willkommen, teurer Freund!«, begrüßte er Cosimo mit lauter Stimme und ergriff dessen Hand. »Ich will hoffen, dass es Euch so gut geht, wir Ihr ausseht.«

»Es ging niemals besser. Wie gut, Euch zu sehen, Sir Henry. Ich muss gestehen, das letzte Mal liegt schon viel zu lange zurück.«

»Ich begann schon zu befürchten, Ihr hättet unsere Verabredung vergessen«, sagte Sir Henry. »Ich bin hocherfreut zu entdecken, dass meine Ängste vollständig unbegründet waren.«

»Selbst wilde Pferde hätten mich nicht davon abhalten können«, erwiderte Cosimo und drehte sich zu dem jungen Mann an seiner Seite. »Sir Henry, ich freue mich sehr, Ihnen meinen Urenkel Christopher vorstellen zu können.«

Der Edelmann wandte seine Aufmerksamkeit Kit zu, der in keiner Weise darauf vorbereitet war, Gegenstand eines Interesses zu sein, das eine geradezu schmerzhafte Intensität aufwies. Ein Blick in diese messerscharfen Augen genügte, und Kit hatte den Eindruck, man hätte ihn bis auf die Haut entkleidet und sein Innerstes bloßgelegt.

»Es ist mir ein Vergnügen, Sir!«, rief Sir Henry, ergriff Kits Hand und drückte sie kräftig. »Ein pures Vergnügen.«

»Gleichfalls«, murmelte Kit.

»Kit«, sagte Cosimo, »ich möchte dich meinem teuren Freund und Kollegen bekannt machen: Sir Henry Fayth, Lord Castlemain. Auf vielen Gebieten ist er ein Mann von außergewöhnlichen Fähigkeiten - in der Astronomie, Chemie, Geologie und Technik, um nur einige zu nennen. Kurz gesagt, er ist ein Universalgelehrter und Wissenschaftler ersten Ranges.«

Lord Castlemain klopfte leise mit seinem Spazierstock auf den Boden und verbeugte sich tief. »Wie immer, teurer Freund, überschreiten Eure Schmeicheleien die Grenzen des Schicklichen.«

»Mitnichten. Es ist nichts anderes als die reine Wahrheit!«, entgegnete Cosimo feierlich. »Wohlan! Ich glaube, dass ich Euch um das Vergnügen Eurer Gesellschaft beim Dinner heute Abend gebeten habe. Wollt Ihr mir die Ehre erweisen und an meinem Tisch zugegen sein, Sir Henry?«

»Nichts würde mich mehr erfreuen, mein lieber Freund. Ich bin fürwahr deswegen den ganzen Tag in größter Vorfreude gewesen. Allerdings muss ich darauf bestehen, dass es in diesem Falle mir gebührt - und dieses Vergnügen werdet Ihr mir gewiss nicht nehmen wollen -, Euch zum Dinner einzuladen.« Cosimo öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch Sir Henry hob energisch die Hand. »Nein, Sir! Ein Nein will ich nicht hören. Kommt, lasst uns nicht wegen Bagatellen streiten.«

»Was kann ich darauf erwidern?« Cosimo verneigte sich aus Hochachtung vor den Wünschen seines Freundes. »Wir akzeptieren Eure Gastfreundlichkeit.«

»Hervorragend! Ich hoffe doch, dass Ihr Hunger habt, werte Sirs.«

»Einen Bärenhunger!«, brüllte Cosimo - so laut, dass Kit zusammenfuhr. Aber kein anderer schien sich auch nur im Geringsten daran zu stoßen. »Aber könnten wir vielleicht zuerst an der Pudding Lane vorbeifahren? Ich muss diese Besorgung machen, von der wir gesprochen haben.«

»Aber sicher, Sir«, antwortete Sir Henry. »Wir sollten nicht einen Moment des Aufschubs erdulden.« Mit emporgerecktem Stock drängte er sich durch die Menschenmenge. »Bitte, meine Freunde, hier entlang, wenn es Euch genehm ist. Mein Pferdewagen harrt unser.«

Kit folgte den beiden Männern. Er stand unter dem starken Eindruck, dass er mitten in einen Filmset geraten war, an dem gerade Dreharbeiten durchgeführt wurden: eine Empfindung, die ihm einige Mühe bereitete. Gleichwohl musste er sich eingestehen, dass er völlig eingenommen war von dem sehr förmlichen und altmodischen Verhalten des Mannes. Selbst in seinen wildesten Träumen hatte er sich nie vorstellen können, dass er jemals irgendjemanden tatsächlich die Worte »Mein Pferdewagen harrt unser« sagen hören würde - und zwar im buchstäblichen Sinne gemeint.

Das fragliche Gefährt erwies sich als eine gut ausgestattete Kutsche mit einer geschlossenen Karosserie und großen Fenstern. Letztere blieben geöffnet, da das Wetter in dieser Nacht recht schön war. Kit nahm gegenüber den beiden älteren Männern Platz, die sich auf die hintere Bank gesetzt hatten, und schmiegte sich in das kostbare gepolsterte Leder. Die Tür wurde geschlossen, und der Fahrer schnalzte mit der Peitsche. Bald rumpelten sie durch die verdunkelten Straßen des alten London, begleitet vom melodischen Trappeln zweier gewaltiger, zueinander passenden Fuchsstuten. Dies, dachte Kit, der sich allmählich wie ein rangniedriges Mitglied des Königshauses fühlte, ist die einzige zivilisierte Art des Reisens.

Kaum war ihm das durch den Kopf gegangen, kam ihm ein anderer Gedanke: Nichts von alledem ist wirklich.

Das führte unvermeidlich zu einer dritten Überlegung: Du bist gefallen und hast dir den Kopf an einem Felsen aufgeschlagen. Wenn du im Krankenhaus wieder aufwachst, werden drei Wochen vergangen sein; und du wirst an ein Beatmungsgerät angeschlossen sein - mit Röhren, die in deine Nase führen, und Drähten, die an deinem gebrochenen Schädel befestigt sind.

Bestimmt kam diese Erklärung der Wahrheit näher als diejenige, gemäß der er gezwungen war, sich einzugestehen, dass alles, was er hier erlebte, in irgendeiner Weise wirklich passierte.

Trotzdem - waren diese Pferde nicht ein hübscher Anblick?

Die Zeitwanderer
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