/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Der erste Mensch

Albert Camus


Der erste Mensch

Albert Camus

1960

1

»Inszeniert wie ein Roman, enthält ›Der erste Mensch‹ eine bewegte Autobiographie der algerischen Kindheit Albert Camus’: das intimste Selbstzeugnis, das der diskrete und scheue Autor hinterlassen hat« (»Der Spiegel«)

»Ein überwältigendes posthumes Comeback.« (»F.A.Z.«)

Inhaltsverzeichnis

Editorische Notiz

I  Suche nach dem Vater

Saint-Brieuc

Saint-Brieuc und Malan (J. G.)

Die Spiele des Kindes

Der Vater. Sein Tod. Der Krieg. Der Anschlag

Die Familie

Étienne

Die Schule

Mondovi: Die Kolonisierung und der Vater

II   Der Sohn oder Der erste Mensch

1. Lycée

Der Hühnerstall und das Abschlachten des Huhns

Donnerstage und Ferien

2. Sich selbst unklar

III  Anhang

Blatt I

Blatt II

Blatt III

Blatt IV

Blatt V

Der erste Mensch (Notizen und Pläne)

 I. Teil Die Nomaden

 2. Teil 3 Der erste Mensch

 3. Teil Die Mutter

Zwei Briefe

Editorische Notiz

Der erste Mensch ist das Werk, an dem Albert Camus bis zu seinem Tod arbeitete. Das Manuskript wurde bei dem tödlichen Autounfall am 4. Januar 1960 in seiner Mappe gefunden. Es besteht aus 144 mit der Hand in einer eiligen, schwer entzifferbaren Schrift heruntergeschriebenen Seiten, manche ohne Punkt und Komma, die nie überarbeitet wurden.

Der hier erstmals veröffentlichte Text wurde nach dem Manuskript und einer ersten Maschinenabschrift von Francine Camus, der Witwe des Autors, erstellt. Zum besseren Verständnis wurde die Zeichensetzung ergänzt. Die nicht eindeutig lesbaren Wörter stehen in eckigen Klammern, die Wörter oder Satzteile, die nicht entziffert werden konnten, als Leerzeichen in eckigen Klammern. Vom Verfasser über die Wörter geschriebene Varianten sind mit einem Sternchen, Zusätze am Rand mit einem Kleinbuchstaben, Anmerkungen der Herausgeberin mit einer Zahl [Anmerkungen der Übersetzerin mit Großbuchstaben] markiert und werden unten auf der Seite aufgeführt.

Im Anhang finden sich die (hier von I bis V numerierten) Blätter, die teils in das Manuskript eingelegt waren (Blatt I vor das 4. Kapitel, Blatt II vor das Kapitel 6a), teils an das Manuskriptende angefügt waren (Blatt III, IV und V).

Es folgt das Heft mit dem Titel Der erste Mensch (Notizen und Pläne), ein kleines Spiralheft mit kariertem Papier, aus dem der Leser ersehen kann, wie der Autor sein Werk weiterzuentwickeln gedachte.

Nach der Lektüre von Der erste Mensch wird man verstehen, weshalb wir auch den Brief Albert Camus’, den er nach der Verleihung des Literaturnobelpreises an seinen Volksschullehrer Louis Germain schickte, und dessen letzten Brief an ihn im Anhang abdrucken.

Mein Dank gilt Odette Diagne Créach, Roger Grenier und Robert Gallimard für ihre großzügige, beständige Freundschaft und Hilfe.

Catherine Camus

Teil I

Suche nach dem Vater

Fürsprecher: Wwe. Camus

Dir, die Du dieses Buch

nie wirst lesen können2

Über dem Karren, der auf einer steinigen Straße entlangfuhr, zogen große, dichte Wolken in der Abenddämmerung gen Osten. Drei Tage zuvor hatten sie sich über dem Atlantik aufgebläht, hatten auf den Westwind gewartet, hatten sich dann in Bewegung gesetzt, zuerst langsam und immer schneller, waren über das herbstlich phosphoreszierende Wasser geradewegs auf den Kontinent zugeflogen und an den marokkanischen Gebirgskämmen zerfleddert3 , hatten sich über den Hochebenen Algeriens wieder zusammengeschart und versuchten jetzt, im Anflug auf die tunesische Grenze, das Tyrrhenische Meer zu erreichen, um sich dort aufzulösen. Nach einer Strecke von Tausenden von Kilometern über dieser vom bewegten Meer im Norden und von den erstarrten Sandwogen im Süden geschützten Art unermeßlicher Insel, die sie über diesem namenlosen Land kaum schneller zurücklegten, als es jahrtausendelang die Reiche und Völker getan hatten, erlahmte ihr Schwung, und manche verflüssigten sich schon zu einzelnen dicken Regentropfen, die auf das Stoffdach über den vier Reisenden zu klopfen begannen.

Der Karren knirschte über die recht klar sich abzeichnende, aber kaum befestigte Straße. Hin und wieder schoß ein Funke unter der Eisenfelge oder unter dem Huf eines Pferdes hervor, und ein Feuerstein schlug gegen das Holz des Karrens oder bohrte sich im Gegenteil mit einem dumpfen Geräusch in die weiche Erde des Straßengrabens. Die beiden kleinen Pferde liefen indessen gleichmäßig, kaum einmal stolpernd, mit vorgewölbter Brust, um den schweren, mit Möbeln vollgeladenen Karren zu ziehen, und ließen mit ihrem unterschiedlichen Traben rastlos die Straße hinter sich. Das eine schnaubte mitunter laut und geriet aus dem Trab. Der Araber, der lenkte, ließ dann die abgewetzten4 Zügel flach auf seinen Rücken klatschen, und das Tier fiel brav in seinen Rhythmus zurück.

Der Mann, der auf der vorderen Bank neben dem Lenker saß, ein Franzose über dreißig, sah mit verschlossenem Gesicht auf die beiden Kruppen, die sich unter ihm auf und ab bewegten. Mittelgroß, stämmig, mit länglichern Gesicht und hoher, breiter Stirn, einem energischen Kiefer und hellen Augen, trug er trotz der vorgerückten Jahreszeit eine Drillichjacke mit drei Knöpfen, die nach der Mode der damaligen Zeit am Kragen zugeknöpft war, und auf dem kurzgeschnittenen Haar eine leichte Schirmmütze 56 Sobald der Regen auf das Verdeck über ihnen zu trommeln begann, drehte er sich ins Wageninnere um: »Geht’s dir gut?« rief er. Auf einer zwischen die erste Bank und einen Haufen alter Koffer und Möbel eingezwängten zweiten Bank lächelte eine unzureichend gekleidete, aber in einen großen Schal aus grober Wolle gehüllte Frau ihn schwach an. »Ja, ja«, sagte sie mit einer leichten, entschuldigenden Geste. Ein vierjähriger kleiner Junge schlief an sie gelehnt. Sie hatte ein sanftes, ebenmäßiges Gesicht, das schön gewellte schwarze Haar der Spanierin, eine gerade kleine Nase, schöne, warmherzige braune Augen. Aber etwas in diesem Gesicht fiel auf. Es war nicht nur das Maskenhafte, das die Müdigkeit oder ähnliches vorübergehend ihren Zügen aufprägte, nein, eher ein Ausdruck von Abwesenheit und lieblicher Zerstreutheit, wie manche Naive ihn ständig zeigen, der sich hier aber flüchtig über die Schönheit der Gesichtszüge legte. In die so auffällige Güte des Blicks mischte sich bisweilen auch ein Funke unsinniger Furcht, der sogleich wieder erlosch.

Mit der flachen, schon von der Arbeit ruinierten und an den Gelenken knotigen Hand klopfte sie leicht auf den Rücken ihres Mannes: »Es geht, es geht«, sagte sie. Und sofort hörte sie auf zu lächeln, um unter dem Verdeck auf die Straße zu blicken, wo schon Pfützen zu schimmern begannen.

Der Mann drehte sich wieder zu dem Araber um, der still unter seinem Turban mit gelben Schnürchen saß, wie aufgeplustert von derben, über den Waden zusammengebundenen Hosen mit breitem Hosenboden. »Ist es noch weit?« Der Araber lächelte unter seinem gewaltigen weißen Schnurrbart. »Acht Kilometer, und du bist da.« Der Mann drehte sich um, sah seine Frau ohne Lächeln, aber aufmerksam an. Sie hatte den Blick nicht von der Straße gewandt. »Gib mir die Zügel«, sagte der Mann. — »Meinetwegen«, sagte der Araber. Er reichte ihm die Zügel, der Mann stieg über den alten Araber hinweg, während der unter ihm auf den Platz rutschte, den er eben verlassen hatte. Mit zwei Schlägen der flachen Zügel übernahm der Mann die Pferde, die ihren Trab verschärften und plötzlich gerader zogen. »Du kennst Pferde«, sagte der Araber. Die Antwort kam knapp und ohne daß der Mann lächelte: »Ja«, sagte er.

Die Helligkeit hatte abgenommen, und auf einmal wurde es Nacht. Der Araber holte die links von ihm hängende Laterne aus ihrer Schließklappe und verbrauchte, dem Wageninnern zugedreht, mehrere dicke Streichhölzer, um ihre Kerze anzuzünden. Dann hängte er die Laterne wieder auf. Der Regen fiel jetzt sanft und stetig. Er glänzte im schwachen Licht der Lampe und erfüllte die vollständige Finsternis ringsum mit einem leisen Rauschen. Hin und wieder rollte der Karren an Dornbüschen, an sekundenlang schwach beleuchteten niedrigen Bäumen vorbei. Die übrige Zeit aber fuhr er in einem durch die Dunkelheit noch ausgedehnter wirkenden leeren Raum. Nur Gerüche von verbranntern Gras oder, plötzlich, ein starker Geruch nach Dünger erinnerten daran, daß man mitunter an bebauten Feldern entlangfuhr. Die Frau sagte etwas hinter dem Lenkenden, der seine Pferde ein wenig zügelte und sich nach hinten beugte. »Da ist niemand«, wiederholte die Frau. — »Hast du Angst?« — »Wie?« Der Mann wiederholte seinen Satz, diesmal aber schreiend. »Nein, nein, nicht, wenn du da bist.« Aber sie wirkte unruhig. »Du hast Schmerzen«, sagte der Mann. — »Ein bißchen.« Er trieb seine Pferde an, und wieder hallte nur der laute Lärm der Räder, die die Furchen durchquerten, und der acht Hufeisen, die auf die Straße schlugen, durch die Nacht.

Es war eine Nacht im Herbst 1913. Die Reisenden waren zwei Stunden zuvor vom Bahnhof von Bône abgefahren, wo sie nach einer Nacht und einem Tag Fahrt auf den harten Bänken der dritten Klasse von Algier angekommen waren. Sie hatten am Bahnhof den Wagen und den Araber vorgefunden, der sie erwartete, um sie zu dem Gut in der Nähe eines kleinen Dorfes etwa zwanzig Kilometer landeinwärts zu bringen, dessen Verwaltung der Mann übernehmen sollte. Es hatte gedauert, die Koffer und ein paar Sachen aufzuladen, und dann hatte die schlechte Straße sie noch weiter aufgehalten. Als bemerke er die Unruhe seines Mitreisenden, sagte der Araber: »Keine Angst. Hier gibt es keine Banditen.« — »Die gibt es überall«, sagte der Mann. »Aber ich habe das Nötige dabei.« Und er klopfte auf seine schmale Tasche. »Du hast recht«, sagte der Araber. »‘s gibt immer Verrückte.« In dem Augenblick rief die Frau ihren Mann. »Henri«, sagte sie, »es tut weh.« Der Mann fluchte und spornte seine Pferde noch etwas mehr an.7 »Wir sind gleich da«, sagte er. Nach einer Weile sah er wieder nach seiner Frau. »Tut es noch weh?« Sie lächelte ihn mit einer seltsamen Zerstreutheit an, jedoch ohne daß sie zu leiden schien. »Ja, sehr.« Er sah sie mit dem gleichen Ernst an. Und sie entschuldigte sich wieder. »Es ist nicht schlimm. Das kommt vielleicht von der Zugfahrt.« — »Sieh mal«, sagte der Araber, »das Dorf.« Tatsächlich konnte man links von der Straße, etwas weiter weg die im Regen verschwommenen Lichter von Solférino sehen. »Aber du nimmst die Straße rechts«, sagte der Araber. Der Mann zögerte, drehte sich zu seiner Frau um. »Fahren wir zum Haus oder ins Dorf?« fragte er. — »Oh, zum Haus, das ist besser.« Ein Stück weiter schwenkte der Wagen nach rechts in Richtung des unbekannten Hauses, das sie erwartete. »Noch einen Kilometer«, sagte der Araber. »Wir sind gleich da«, sagte der Mann zu seiner Frau hin. Sie saß zusammengekrümmt, das Gesicht in den Armen. »Lucie«, sagte der Mann. Sie regte sich nicht. Der Mann berührte sie mit der Hand. Sie weinte lautlos. Er schrie, wobei er die Silben einzeln aussprach und seine Worte mit Gebärden begleitete: »Du legst dich gleich hin. Ich hole den Doktor.« — »Ja. Hol den Doktor. Ich glaube, es ist soweit.« Der Araber sah sie erstaunt an. »Sie bekommt was Kleines«, sagte der Mann. »Gibt es im Dorf einen Doktor?« — »Ja. Ich hole ihn, wenn du willst.« — »Nein, du bleibst im Häus. Du paßt auf. Ich bin schneller. Hat er einen Wagen oder ein Pferd?« — »Einen Wagen.« Dann sagte der Araber zu der Frau: »Es wird ein Junge. Möge er schön sein.« Die Frau lächelte ihn an, ohne daß sie zu verstehen schien. »Sie hört nicht«, sagte der Mann. »Im Haus schreist du laut und machst die entsprechenden Gesten.«

Der Wagen fuhr plötzlich fast geräuschlos. Die schmaler gewordene Straße hatte eine Tuffdecke. Sie führte an ziegelgedeckten kleinen Schuppen vorbei, hinter denen man die ersten Reihen der Weinfelder sah. Ein starker Geruch nach Traubenmost schlug ihnen entgegen. Sie ließen große Gebäude mit aufgestockten Dächern hinter sich, und die Räder knirschten auf dem Schlackebelag einer Art von baumlosem Hof. Der Araber nahm wortlos die Zügel und zog sie an. Die Pferde blieben stehen, und das eine schüttelte sich.8 Der Araber zeigte auf ein weißgekalktes Häuschen. Ein kletternder Weinstock rankte sich um eine niedrige kleine Tür, deren Umkreis vom Sulfatspritzen blau verfärbt war. Der Mann sprang hinunter und lief durch den Regen zum Haus. Er öffnete die Tür, die in einen dunklen, nach leerer Feuerstelle riechenden Raum führte. Der nachfolgende Araber ging geradewegs in der Dunkelheit auf den Kamin zu, riß ein Streichholz an und zündete eine Petroleumlampe an, die in der Mitte des Raums über einem runden Tisch hing. Der Mann nahm sich kaum die Zeit, eine gekalkte Küche mit einem rot gekachelten Ausguß, einer alten Anrichte und einem aufgeweichten Kalender an der Wand wahrzunehmen. Eine ebenfalls rot geflieste Treppe führte nach oben. »Mach Feuer«, sagte er und ging wieder zum Wagen. (Er nahm den kleinen Jungen?) Die Frau wartete, ohne etwas zu sagen. Er nahm sie in die Arme, um sie herunterzuheben, hielt sie einen Augenblick an sich gedrückt und beugte ihren Kopf zurück. »Kannst du gehen?« — »Ja«, sagte sie und streichelte ihm mit ihrer knotigen Hand den Arm. Er schleppte sie zum Haus. »Warte«, sagte er. Der Araber hatte bereits das Feuer angemacht und legte mit genauen und geschickten Bewegungen Rebholz nach. Sie stand neben dem Tisch, die Hände auf dem Bauch, und ihr schönes, dem Licht der Lampe zugekehrtes Gesicht wurde jetzt von kurzen Schmerzwellen durchzogen. Sie schien weder die Feuchtigkeit noch den Geruch von Verwahrlosung und Elend zu bemerken. Der Mann machte sich oben in den Zimmern zu schaffen. Dann erschien er oben auf der Treppe. »Gibt es im Schlafzimmer keinen Kamin?« — »Nein«, sagte der Araber. »In dem anderen auch nicht.« — »Komm«, sagte der Mann. Der Araber ging zu ihm hinauf. Dann sah man ihn mit dem Rücken voran auftauchen, eine Matratze tragend, die der Mann am anderen Ende hielt. Sie legten sie neben den Kamin. Der Mann schob den Tisch in eine Ecke, während der Araber wieder nach oben ging und bald wieder mit einem Kopfpolster und Decken herunterkam. »Leg dich da hin«, sagte der Mann zu seiner Frau und führte sie zu der Matratze. Sie zögerte. Man roch jetzt den Geruch von feuchtem Roßhaar, der aus der Matratze stieg. »Ich kann mich nicht ausziehen«, sagte sie und blickte sich furchtsam um, als entdecke sie erst jetzt diese Räumlichkeiten… »Zieh aus, was du drunter hast«, sagte der Mann. Und er wiederholte: »Zieh deine Unterwäsche aus.« Dann zu dem Araber: »Danke. Spann ein Pferd aus. Ich reite ins Dorf.« Der Araber ging hinaus. Mit dem Rücken zu ihrem Mann, der sich auch umdrehte, nestelte die Frau an sich herum. Dann legte sie sich hin, und sobald sie lag und die Decke über sich zog, schrie sie ein einziges Mal, lange, aus vollem Hals, als habe sie sich mit einem Schlag von allen Schreien befreien wollen, die der Schmerz in ihr angestaut hatte. Der Mann, der neben der Matratze stand, ließ sie schreien, dann, als sie verstummte, nahm er seine Mütze ab, kniete sich auf ein Bein nieder und küßte die schöne Stirn über den geschlossenen Augen. Er setzte seine Mütze wieder auf und ging dann hinaus in den Regen. Das ausgespannte Pferd drehte sich schon um sich selbst, die Vorderbeine in die Schlacke gestemmt. »Ich hole einen Sattel«, sagte der Araber. — »Nein, laß die Zügel dran. Ich reite es so. Bring die Koffer und die Sachen in die Küche. Hast du eine Frau?« — »Sie ist tot. Sie war alt.« — »Hast du eine Tochter?« — »Nein, Gott sei Dank nicht. Aber ich habe die Frau meines Sohnes.« — »Sag ihr, sie soll kommen.« — »Mach ich. Geh in Frieden.« Der Mann sah den unbeweglich im feinen Regen stehenden alten Araber an, der ihn unter seinem nassen Schnurrbart hervor anlächelte. Er lächelte immer noch nicht, aber er sah ihn mit seinen hellen, aufmerksamen Augen an. Dann reichte er ihm die Hand, die der andere nach arabischer Sitte mit den Fingerspitzen nahm und dann an den Mund führte. Der Mann drehte sich mit einem Knirschen auf der Schlacke um, ging auf das Pferd zu, schwang sich auf dessen bloßen Rücken und entfernte sich in schwerfälligem Trab.

Nach dem Verlassen des Gutes schlug der Mann die Richtung zu der Kreuzung ein, von wo aus sie zum erstenmal die Lichter des Dorfes erblickt hatten. Sie leuchteten jetzt heller, der Regen hatte aufgehört, und die Straße, die rechts auf sie zuführte, lief schnurstracks durch Weinfelden deren Stützdrähte stellenweise glänzten. Etwa auf halbem Weg wurde das Pferd von sich aus langsamer und fiel in Schrittempo. Sie näherten sich einer Art rechteckiger Hütte, deren einer Teil, der einen Raum bildete, gemauert war, und der andere, der größere, war aus Brettern gebaut, mit einem großen Vordach, das über einer Art vorspringendem Ladentisch herabhing. Eine Tür war in den gemauerten Teil eingesetzt, über der man lesen konnte: »Landwirtschaftliche Kantine Mme Jacques«. Unter der Tür drang Licht hervor. Der Mann hielt sein Pferd dicht neben der Tür an und klopfte, ohne abzusteigen. Sofort fragte eine schallende, entschiedene Stimme von innen: »Was ist?« — »Ich bin der neue Gutsverwalter von Saint-Apôtre. Meine Frau kommt nieder. Ich brauche Hilfe.« Niemand antwortete. Nach einer Weile wurden Riegel aufgeschoben, Querbalken angehoben und dann weggezogen, und die Tür ging einen Spaltbreit auf. Man konnte den schwarzen, kraushaarigen Kopf einer Europäerin mit vollen Wangen und einer etwas platten Nase über dicken Lippen sehen. »Ich heiße Henri Cormery. Können Sie zu meiner Frau gehen? Ich hole den Doktor.« Sie sah ihn fest mit einem Blick an, der es gewohnt war, Menschen und Widrigkeiten einzuschätzen. Er hielt ihrem Blick stand, aber ohne ein Wort der Erklärung hinzuzufügen. »Ich gehe zu ihr«, sagte sie. »Machen Sie schnell.« Er bedankte sich und spornte das Pferd mit den Fersen an. Einige Augenblicke später erreichte er, zwischen so etwas wie Wällen aus trockener Erde hindurchreitend, das Dorf. Vor ihm erstreckte sich die offenbar einzige Straße, gesäumt von einstöckigen kleinen Häusern, alle gleich, an denen er bis zu einem kleinen Platz mit Tuffbelag entlangritt, auf dem überraschenderweise ein Musikpavillon mit schmiedeeiserner Verkleidung stand. Der Platz war wie die Straße ausgestorben. Cormery ritt schon auf eines der Häuser zu, als das Pferd einen Satz zur Seite machte. Ein Araber in einem dunklen, abgerissenen Burnus tauchte aus der Dunkelheit auf und kam auf ihn zu. »Das Haus des Doktors«, fragte Cormery sofort. Der andere sah den Reiter prüfend an. »Komm«, sagte er, nachdem er ihn geprüft hatte. Sie gingen die Straße in umgekehrter Richtung zurück. An einem der Häuser, das über dem Erdgeschoß um eine Etage aufgestockt war, die man über eine gekalkte Treppe erreichte, konnte man lesen: »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.« Daneben befand sich ein von verputzten Mauern umgebener kleiner Garten, in dem ein Haus stand, auf das der Araber zeigte: »Das ist es«, sagte er.

Cormery sprang vom Pferd und durchquerte mit Schritten, die keinerlei Müdigkeit verrieten, den Garten, von dem er nur, genau in der Mitte, eine Zwergpalme mit vertrockneten Zweigen und einem verfaulten Stamm sah. Er klopfte an die Tür. Niemand antwortete.9 Er drehte sich um. Der Araber wartete schweigend. Der Mann klopfte noch einmal. Auf der anderen Seite waren Schritte zu hören und verhielten hinter der Tür. Aber sie öffnete sich nicht. Cormery klopfte wieder und sagte: »Ich suche den Doktor.« Sofort wurden Riegel zurückgeschoben, und die Tür ging auf. Ein Mann mit jungem, pausbäckigem Gesicht, aber fast weißem Haar, groß und stattlich, wurde sichtbar, dessen Beine in Gamaschen steckten und der gerade eine Art Jagdrock überzog. »Nanu, wo kommen Sie denn her?« sagte er lächelnd. »Ich habe Sie noch nie gesehen.« Der Mann gab Auskunft. »Ach ja, der Bürgermeister hat mich informiert. Aber sagen Sie mal, das ist eine komische Gegend, um hier niederzukommen.« Der andere sagte, er habe das Ereignis später erwartet und sich wohl getäuscht. »Gut, das passiert jedem. Reiten Sie los, ich sattle Matador und komme nach.«

Auf der Hälfte des Rückwegs, im wieder einsetzenden Regen, holte der auf einem Apfelschimmel reitende Arzt Cormery ein, der völlig durchnäßt war, aber noch immer gerade auf seinem schweren Ackergaul saß. »Eine komische Art anzukommen«, rief der Doktor. »Aber Sie werden sehen, der Landstrich hat seine guten Seiten, abgesehen von den Moskitos und den Banditen der Gegend.« Er ritt auf gleicher Höhe mit seinem Begleiter. »Wohlgemerkt, mit den Moskitos haben Sie bis zum Frühling Ihre Ruhe. Mit den Banditen …« Er lachte, aber der andere setzte seinen Weg wortlos fort. Der Doktor sah ihn neugierig an: »Fürchten Sie nichts«, sagte er, »alles wird gutgehen.« Cormery wandte dem Doktor seine hellen Augen zu, sah ihn ruhig an und sagte mit einem Anflug von Herzlichkeit: »Ich habe keine Angst. Ich bin harte Schläge gewohnt.« — »Ist es Ihr erstes?« — »Nein, ich habe einen vierjährigen Jungen bei meiner Schwiegermutter in Algier gelassen.«10 Sie kamen an die Kreuzung und schlugen die Straße zum Gut ein. Bald flog die Schlacke unter den Füßen der Pferde. Als die Pferde anhielten und es wieder still wurde, hörte man aus dem Haus einen lauten Schrei. Die beiden Männer stiegen ab.

Ein Schatten erwartete sie im Schutz des tropfenden Weinstocks. Im Näherkommen erkannten sie den alten Araber, der einen Sack über dem Kopf trug. »Guten Tag, Kaddour«, sagte der Doktor. »Wie steht’s?« — »Ich weiß nicht, ich gehe ja nicht zu den Frauen rein.« — »Ein guter Grundsatz«, sagte der Doktor. »Besonders wenn die Frauen schreien.« Aber von innen kam kein Schrei mehr. Der Doktor öffnete die Tür und ging hinein, Cormery hinter ihm her.

Ein großes Feuer aus Rebholz loderte ihnen gegenüber im Kamin und beleuchtete den Raum noch heller als die Petroleumlampe mit Kupfer- und Perlenfassung, die in der Deckenmitte hing. Rechts von ihnen hatte sich der Ausguß mit Metallkannen und Handtüchern gefüllt. Links, vor eine wacklige Anrichte aus Fichtenholz, war der Tisch aus der Mitte geschoben worden. Eine alte Reisetasche, eine Hutschachtel und kleine Bündel lagen nun darauf. In allen Ecken des Zimmers stapelten sich überall alte Gepäckstücke und ließen nur in der Mitte, nicht weit vom Feuer, freien Raum. An dieser Stelle, auf der quer zum Kamin ausgebreiteten Matratze, lag die Frau mit etwas nach hinten auf ein Kissen ohne Bezug geneigtem Kopf und nun offenem Haar. Die Decke war jetzt nur noch über die Hälfte der Matratze gebreitet. Links von der Matratze verbarg die kniende Kantinen-Wirtin den aufgedeckten Teil der Matratze. Sie wrang über einer Schüssel ein Handtuch aus, von dem gerötetes Wasser herabtropfte. Rechts saß im Schneidersitz eine Araberin ohne Schleier und hielt in einer darbietenden Haltung eine zweite, etwas abgestoßene Emailschüssel, in der heißes Wasser dampfte. Die beiden Frauen waren an den zwei Enden eines zusammengefalteten Betttuchs, das unter der Kranken lag. Die Schatten und die Flammen des Kamins stiegen und fielen auf den Kalkwänden, den Gepäckstücken, mit denen das Zimmer vollgestellt war, und glühten, noch näher daran, auf den Gesichtern der beiden Helferinnen und dem Körper der bis zum Hals zugedeckten Kranken auf.

Als die beiden Männer eintraten, sah die Araberin sie mit einem kurzen Lachen an, während ihre dünnen braunen Arme noch immer die Schüssel darboten. Die Kantinenwirtin sah sie an und rief fröhlich: »Wir brauchen Sie nicht mehr, Doktor. Es ist von ganz allein gekommen.« Sie stand auf, und die beiden Männer sahen neben der Kranken etwas Formloses und Blutiges, das von einer Art regloser Bewegung belebt wurde und aus dem jetzt ein anhaltendes Geräusch kam, einem fast unmerklichen unterirdischen Knirschen ähnlich.11 »Das sagt man so«, sagte der Doktor. »Ich hoffe, Sie haben die Nabelschnur nicht angerührt.« — »Nein«, sagte die andere lachend. »Wir mußten Ihnen schließlich etwas übriglassen.« Sie stand auf und überließ dem Doktor ihren Platz, der das Neugeborene wieder Cormerys Blick entzog, der an der Tür stehengeblieben war und seine Mütze abgenommen hatte. Der Doktor ging in die Hocke, öffnete seine Arzttasche und nahm dann die Schüssel aus der Hand der Araberin, die sich sofort aus dem beleuchteten Bereich entfernte und sich in die dunkle Ecke des Kamins verzog. Noch immer mit dem Rücken zur Tür, wusch sich der Doktor die Hände, dann goß er Alkohol darüber, der ein wenig nach Marc roch und dessen Geruch sofort das ganze Zimmer erfüllte. Im gleichen Augenblick hob die Kranke den Kopf und sah ihren Mann. Ein wunderbares Lächeln verklärte das schöne, erschöpfte Gesicht. Cormery ging zu der Matratze hinüber. »Er ist da«, sagte sie in einem Atemzug und streckte die Hand nach dem Kind aus. »Ja«, sagte der Doktor. »Aber liegen Sie still.« Die Frau sah ihn fragend an. Cormery, der am Fuß der Matratze stand, machte ihr ein beruhigendes Zeichen. »Leg dich hin.« Sie ließ sich zurücksinken. In dem Augenblick wurde der Regen auf dem alten Ziegeldach stärker. Der Doktor hantierte unter der Decke. Dann richtete er sich auf und schien vor sich etwas zu schütteln. Ein leiser Schrei wurde hörbar. »Es ist ein Junge«, sagte der Doktor. »Und ein Prachtstück.« — »Der fängt ja gut an«, sagte die Kantinenwirtin. »Mit einem Umzug.« Die Araberin in der Ecke lachte und klatschte zweimal in die Hände. Cormery sah sie an, und sie wandte sich verwirrt ab. »Gut«, sagte der Doktor. »Lassen Sie uns jetzt einen Moment allein.« Cormery sah seine Frau an. Aber ihr Gesicht war noch immer nach hinten geneigt. Nur die entspannt auf der groben Decke liegenden Hände erinnerten noch an das Lächeln, das eben den armseligen Raum erfüllt und verschönt hatte. Er setzte seine Mütze auf und ging zur Tür. »Wie wollen Sie ihn nennen?« rief die Kantinenwirtin. — »Ich weiß nicht, wir haben nicht darüber nachgedacht.« Er sah ihn an. »Wir nennen ihn Jacques, weil Sie dabei waren.« Die andere lachte laut, und Cormery ging hinaus. Unter dem Weinstock wartete der Araber, immer noch mit seinem Sack auf dem Kopf. Er sah Cormery an, der nichts sagte. »Da«, sagte der Araber und hielt ihm ein Stück seines Sacks hin. Cormery stellte sich darunter. Er fühlte die Schulter des alten Arabers und roch den Tabakrauch, den dessen Kleidung verströmte, und spürte den Regen, der auf den Sack über ihren beiden Köpfen fiel. »Es ist ein Junge«, sagte er, ohne seinen Gefährten anzusehen. — »Gelobt sei Gott«, antwortete der Araber. »Du bist ein Chef.« Das Tausende Kilometer weit hergekommene Wasser fiel ohne Unterlaß auf die von zahlreichen Pfützen ausgehöhlte Schlacke, auf die Weinfelder weiter hinten, und die Stützdrähte glänzten noch immer unter den Tropfen. Es würde das Meer im Osten nicht erreichen und würde nun das ganze Land überschwemmen, das Sumpfgebiet am Fluß und die umliegenden Berge, das fast menschenleere, unermeßliche Land, dessen starker Geruch zu den beiden unter demselben Sack dicht nebeneinander stehenden Männern drang, während hinter ihnen dann und wann noch ein schwacher Schrei erklang.

Spätnachts betrachtete Cormery, der in langer Unterhose und im Unterhemd auf einer zweiten Matratze neben seiner Frau lag, die an der Decke tanzenden Flammen. Das Zimmer war jetzt fast eingerichtet. An der anderen Seite seiner Frau, in einem Wäschekorb, schlummerte das Kind ohne einen Laut, außer manchmal leisem Gegluckse. Auch seine Frau schlief mit ihm zugewandtem Gesicht und leicht geöffnetem Mund. Der Regen hatte aufgehört. Am nächsten Tag würde er sich an die Arbeit machen müssen. Neben ihm erinnerte ihn die schon verbrauchte, fast holzartige Hand seiner Frau ebenfalls an diese Arbeit. Er streckte seine Hand aus, legte sie sanft auf die der Kranken, ließ sich zurücksinken und schloß die Augen.

Saint-Brieuc

12Vierzig Jahre später betrachtete ein Mann im Gang des Zuges nach Saint-Brieuc mißbilligend das unter der blassen Sonne eines Frühlingsnachmittags vorbeiziehende, mit Dörfern und häßlichen Häusern übersäte herbe, flache Land, das sich von Paris bis zum Ärmelkanal erstreckt. Wiesen und Felder eines seit Jahrhunderten bis zum letzten Quadratmeter kultivierten Bodens folgten vor seinem Blick aufeinander. Ohne Kopfbedeckung, mit kurz geschnittenem Haar, länglichem Gesicht und feinen Zügen, mittelgroß, mit blauen, gerade blickenden Augen, wirkte der Mann trotz seiner Vierzig noch schlank in seinem Regenmantel. Mit fest auf die Querstange gestützten Händen, das Körpergewicht auf eine Hüfte verlagert, den Oberkörper gereckt, machte er einen ungezwungenen, energischen Eindruck. Der Zug wurde jetzt langsamer und hielt schließlich in einem schäbigen kleinen Bahnhof. Nach einer Weile ging eine recht elegante junge Frau unter der Waggontür vorbei, an der der Mann stand. Sie blieb stehen, um ihren Koffer von der einen Hand in die andere zu nehmen, und erblickte dabei den Reisenden. Der sah sie lächelnd an, und sie konnte nicht anders als zurücklächeln. Der Mann ließ das Fenster herunter, aber schon fuhr der Zug weiter. »Schade«, sagte er. Die junge Frau lächelte ihm immer noch zu.

Der Reisende ging in das Abteil dritter Klasse, wo er sich auf seinem Platz am Fenster niederließ. Ihm gegenüber saß zusammengesunken, mit geschlossenen Augen ein Mann mit schütterem angeklebtem Haar, der weniger alt war, als sein aufgedunsenes, rotgeädertes Gesicht vermuten ließ, und atmete heftig; er wurde offensichtlich von einer mühsamen Verdauung gequält und warf seinem Gegenüber hin und wieder schnelle13 Blicke zu. Auf derselben Bank am Gang schneuzte eine herausgeputzte Bäuerin, die einen erstaunlichen, mit einer Weintraube aus Wachs geschmückten Hut aufhatte, ein rothaariges Kind mit erloschenem, reizlosem Gesicht. Das Lächeln des Reisenden verschwand. Er zog eine Zeitschrift aus der Tasche und las zerstreut einen Artikel, der ihn zum Gähnen brachte.

Etwas später hielt der Zug an, und langsam kam ein kleines Schild, auf dem »Saint-Brieuc« stand, durch die Waggontür in Sicht. Der Reisende stand sofort auf, nahm ohne Anstrengung einen Koffer mit Ziehharmonikaboden aus der Gepäckablage über sich, und nachdem er seine Mitreisenden gegrüßt hatte, die seinen Gruß überrascht erwiderten, sprang er die drei Stufen seines Waggons hinunter. Auf dem Bahnsteig betrachtete er seine linke Hand, die noch schmutzig war vom Ruß auf dem kupfernen Geländer, das er gerade losgelassen hatte, zog ein Taschentuch hervor und wischte sie sorgfältig ab. Dann ging er auf den Ausgang zu, und auf dem Wege dahin schloß sich ihm eine Gruppe von dunkel gekleideten Reisenden mit unsauberem Teint an. Unter dem auf kleinen Säulen ruhenden Vordach wartete er geduldig darauf, seine Fahrkarte vorzuzeigen, wartete wieder, daß der schweigsame Beamte ihm seine Fahrkarte zurückgab, durchquerte einen Wartesaal mit schmutzigen nackten Wänden, die nur mit alten Plakaten geschmückt waren, auf denen selbst die Côte d’Azur etwas Rußiges angenommen hatte, und ging im schrägen Nachmittagslicht schnellen Schritts die vom Bahnhof in die Stadt führende Straße hinunter.

Im Hotel verlangte er das vorbestellte Zimmer, lehnte die Dienste des kartoffelgesichtigen Zimmermädchens ab, das sein Gepäck tragen wollte, und gab ihm trotzdem, nachdem es ihn zu seinem Zimmer gebracht hatte, ein Trinkgeld, das es überraschte und Sympathie auf seinem Gesicht hervorrief. Dann wusch er sich noch einmal die Hände und ging, ohne hinter sich abzuschließen, genauso schnell wieder hinunter. In der Halle begegnete er dem Zimmermädchen, fragte es, wo der Friedhof sei, bekam von ihm übertrieben ausführliche Erklärungen, hörte sie sich liebenswürdig an und schlug dann die angegebene Richtung ein. Er ging jetzt durch die von nichtssagenden Häusern mit häßlichen roten Ziegeln gesäumten tristen, schmalen Straßen. Manchmal zeigten alte Häuser mit sichtbaren Balken ihre krummen Schiefer. Die seltenen Passanten machten nicht einmal vor den Schaufenstern halt, die jene Glaswaren, jene Meisterwerke aus Plastik und Nylon und jene schauderhafte Keramik darboten, die man in allen Städten des modernen Abendlandes findet. Nur die Lebensmittelgeschäfte stellten Überfluß zur Schau. Der Friedhof war von abweisenden hohen Mauern umgeben. Am Tor Auslagen mit armseligen Blumen und Grabsteingeschäfte. Vor einem blieb der Reisende stehen, um ein Kind mit aufgewecktem Gesicht zu betrachten, das in einer Ecke auf einer noch unbeschrifteten Grabplatte seine Schulaufgaben machte. Dann trat er ein und ging zum Wärterhaus. Der Wärter war nicht da. Der Reisende wartete in dem ärmlich möblierten kleinen Büro, dann bemerkte er einen Plan, den er gerade entzifferte, als der Wärter hereinkam. Es war ein knorriger großer Mann mit kräftiger Nase, der unter seiner hochgeschlossenen dicken Jacke nach Schweiß roch. Der Reisende fragte nach dem Karree der Toten des Krieges von 1914. »Ja«, sagte der andere. »Das heißt das Karree des Souvenir français. Welchen Namen suchen Sie?« — »Henri Cormery«, antwortete der Reisende.

Der Wärter klappte ein in Packpapier eingeschlagenes großes Buch auf und fuhr mit seinem erdigen Finger eine Namenliste entlang. Sein Finger hielt inne. »Cormery, Henri«, sagte er, »lebensgefährlich verwundet in der Marneschlacht, gestorben in Saint-Brieuc am 11. Oktober 1914.« — »Das ist er«, sagte der Reisende. Der Wärter schlug das Buch zu. »Kommen Sie«, sagte er. Und er ging vor ihm her zu den ersten Reihen von Gräbern, die einen bescheiden, die anderen eitel und häßlich, alle mit diesem Schnickschnack aus Marmor und Perlen bedeckt, der jeden beliebigen Ort der Welt verschandeln würde. »Ein Verwandter?« fragte der Wärter zerstreut. »Mein Vater.« — »Das ist hart«, sagte der andere. — »Ach nein, ich war noch kein Jahr alt, als er gestorben ist. Sie verstehen also.« — »Ja«, sagte der Wärter, »trotzdem. Es hat zu viele Tote gegeben.« Jacques Cormery erwiderte nichts. Gewiß hatte es zu viele Tote gegeben, aber was seinen Vater betraf, so konnte er sich keine Pietät aus den Fingern saugen, die er nicht empfand. Seit vielen Jahren, seitdem er in Frankreich lebte, nahm er sich vor zu tun, worum seine in Algerien gebliebene Mutter, worum sie14 ihn schon so lange bat: sich das Grab seines Vaters anzusehen, das sie selbst nie gesehen hatte. Er fand, daß dieser Besuch überhaupt keinen Sinn hatte, einmal für ihn nicht, der seinen Vater nie gekannt hatte, fast nichts von ihm wußte und der konventionelle Gesten und Handlungen verabscheute, und andererseits für seine Mutter nicht, die nie von dem Verstorbenen sprach und sich von dem, was er sehen würde, nichts vorstellen konnte. Doch da sein alter Lehrer sich nach Saint-Brieuc zurückgezogen hatte und er auf diese Weise Gelegenheit fand, ihn wiederzusehen, hatte er sich entschlossen, diesem unbekannten Toten einen Besuch abzustatten und war sogar darauf aus gewesen, es zu tun, ehe er seinen alten Freund wiedersah, um sich dann ganz und gar frei zu fühlen. »Hier ist es«, sagte der Wärter. Sie waren vor einem Karree angekommen, das umgeben war von kleinen, durch eine dicke, schwarzlackierte Kette miteinander verbundenen grauen Steinpflöcken. Die zahlreichen Steine waren alle gleich — schlichte Rechtecke mit Gravur, im gleichen Abstand in fortlaufenden Reihen aufgestellt. Alle waren mit einem frischen kleinen Blumenstrauß geschmückt. »Das Souvenir français hat seit vierzig Jahren die Pflege übernommen. Sehen Sie, da ist er.« Er zeigte auf einen Stein in der ersten Reihe. Jacques Cormery blieb in einiger Entfernung von dem Stein stehen. »Ich lasse Sie jetzt allein«, sagte der Wärter. Cormery trat näher an den Stein und sah ihn zerstreut an. Ja, das war wirklich sein Name. Er blickte nach oben. An dem blasseren Himmel zogen langsam weiße und graue Wölkchen, und vom Himmel fiel abwechselnd zartes, dann dunkleres Licht. Um ihn herum auf dem weitläufigen Totenacker herrschte Stille. Nur von der Stadt her drang ein dumpfes Tosen über die hohen Mauern. Manchmal ging eine schwarze Gestalt zwischen den fernen Gräbern entlang. Den Blick auf das langsame Dahinsegeln der Wolken am Himmel gerichtet, versuchte Jacques Cormery unter dem Geruch der feuchten Blumen das Salzarorna zu wittern, das gerade vom fernen, unbewegten Meer her kam, als ihn das Klirren eines Eimers gegen den Marmor eines Grabes aus seiner Versunkenheit riß. In dem Augenblick las er auf dem Grab das Geburtsjahr seines Vaters, und er merkte, daß er es nicht kannte. Dann las er beide Jahreszahlen, »1885 – 1914«, und rechnete mechanisch: neunundzwanzig Jahre. Plötzlich überfiel ihn ein Gedanke, der ihn bis ins Mark erschütterte. Er war vierzig Jahre alt. Der unter dieser Steinplatte begrabene Mann, der sein Vater gewesen war, war jünger als er.15

Und die Welle von Zärtlichkeit und Mitleid, die auf einmal sein Herz überflutete, war nicht die Gemütsregung, die den Sohn bei der Erinnerung an den verstorbenen Vater überkommt, sondern das verstörte Mitgefühl, das ein erwachsener Mann für das ungerecht hingemordete Kind empfindet — etwas entsprach hier nicht der natürlichen Ordnung, und eigentlich herrschte hier, wo der Sohn älter war als der Vater, nicht Ordnung, sondern nur Irrsinn und Chaos. Die Abfolge der Zeit selbst zerbrach rings um ihn, den bewegungslos zwischen den Gräbern Stehenden, die er nicht mehr wahrnahm, und die Jahre hörten auf, sich jenem großen Strom folgend anzuordnen, der seinem Ende entgegenfließt. Sie waren nur mehr tosendes Hin- und Herbranden, in dem Jacques Cormery jetzt von Angst und Mitleid gepackt zappelte.16 Er sah sich die anderen Steinplatten des Karrees an und erkannte an den Lebensdaten, daß dieser Boden angefüllt war mit Kindern, die die Väter von ergrauenden Männern gewesen waren, welche in diesem Augenblick zu leben vermeinten. Denn er selbst vermeinte zu leben, er hatte sich allein aufgebaut, er kannte seine Kraft, seine Energie, er bot die Stirn und hatte sich in der Hand. Doch in dem seltsamen Taumel, in dem er sich augenblicklich befand, wurde jenes Standbild, das jeder Mensch errichtet und im Feuer der Jahre hättet, um sich ihm anzuverwandeln und in ihm das letzte Zerbröckeln abzuwarten, schnell rissig, brach schon jetzt zusammen. Er war nur mehr dieses lebensgierige, gegen die tödliche Ordnung der Welt aufbegehrende verängstigte Herz, das ihn vierzig Jahre lang begleitet hatte und noch immer mit derselben Kraft gegen die Mauer schlug, die es vom Geheimnis allen Lebens trennte, die es überwinden, über die es hinausgehen und wissen wollte, wissen, bevor es starb, endlich wissen, um zu sein, ein einziges Mal, eine einzige Sekunde, aber für immer.

Er sah wieder sein verrücktes, mutiges, feiges, hartnäckiges, immer auf jenes Ziel, von dem er nichts wußte, gerichtete Leben vor sich, und in Wirklichkeit war es die ganze Zeit über verlaufen, ohne daß er versucht hätte, sich vorzustellen, was für ein Mensch es gewesen sein mochte, der ihm eben dieses Leben geschenkt hatte, um alsbald fortzugehen, um auf einem unbekannten Boden jenseits der Meere zu sterben. War er selbst mit neunundzwanzig Jahren nicht labil, krank, angespannt, eigenwillig, sinnlich, verträumt, zynisch und mutig. Ja, er war all das und vieles mehr, er war lebendig gewesen, ein Mensch eben, und doch hatte er an den Menschen, der hier ruhte, nie wie an ein lebendiges Wesen gedacht, sondern wie an einen Unbekannten, der früher einmal auf dem Boden gewandelt war, auf dem er geboren worden war, von dem seine Mutter ihm sagte, daß er ihm ähnlich sehe, und der auf dem Feld der Ehre gestorben war. Dabei kam es ihm jetzt so vor, als sei das Geheimnis, das er begierig aus Büchern und von Menschen zu erfahren getrachtet hatte, innig mit diesem Toten, diesem jüngeren Vater verbunden, mit dem, was er gewesen und dem, was aus ihm geworden war, und als habe er selbst das in weiter Ferne gesucht, was ihm zeitlich und blutsmäßig nahe war. Offen gestanden, hatte man ihm nicht geholfen. Bei einer Familie, in der wenig gesprochen, in der weder gelesen noch geschrieben wurde, bei einer unglücklichen, geistesabwesenden Mutter, wer hätte ihn über diesen jungen, bemitleidenswerten Vater informieren sollen? Niemand hatte ihn gekannt, außer seiner Mutter, die ihn vergessen hatte. Wahrscheinlich hätte er sich selbst informieren, fragen müssen. Aber einer, der wie er nichts hat und die ganze Welt will, hat bei all seiner Energie nicht genug davon, um sich aufzubauen und um die Welt zu erobern oder zu verstehen. Schließlich war es noch nicht zu spät, er konnte noch suchen, erfahren, wer dieser Mann war, der ihm jetzt näher schien als irgendein Mensch auf der Welt. Er konnte …

Der Nachmittag ging jetzt zu Ende. Das Rascheln eines Rocks in seiner Nähe, ein schwarzer Schatten, brachte ihn in seine Umgebung von Gräbern und Himmel zurück. Er mußte gehen, er hatte hier nichts mehr zu tun. Doch er konnte sich von diesem Namen, von diesen Jahreszahlen nicht lösen. Unter dieser Steinplatte war nur Asche und Staub. Für ihn aber war sein Vater wieder lebendig, von einer seltsamen stummen Lebendigkeit, und es kam ihm so vor, als würde er ihn noch einmal verlassen, ihn in dieser Nacht wieder der endlosen Einsamkeit überlassen, in die man ihn geworfen und dann im Stich gelassen hatte. Der leere Himmel hallte von einem plötzlichen lauten Knall. Ein unsichtbares Flugzeug hatte die Schallmauer durchbrochen. Jacques Cormery kehrte dem Grab den Rücken und verließ seinen Vater.

Saint-Brieuc und Malan (J. G.)

17 Abends beim Essen beobachtete J. C., wie sein alter Freund sich mit einer Art rastloser Gier über sein zweites Stück Keule hermachte; der Wind, der sich erhoben hatte, toste leise um das niedrige kleine Haus in einem Vorort nahe der Straße zum Strand. Als J. C. ankam, hatte er in der trockenen Gosse entlang dem Bürgersteig kleine Stücke vertrockneter Algen bemerkt, die mit dem Salzgeruch als einziges die Nähe des Meeres heraufbeschworen. Victor Malan, der sein ganzes Berufsleben bei der Zollverwaltung gearbeitet hatte, war in dieser Kleinstadt, die er sich nicht ausgesucht hatte, in Pension gegangen, deren Wahl er aber nachträglich damit rechtfertigte, daß ihn hier nichts von der einsamen Meditation ablenke, weder übermäßige Schönheit noch übermäßige Häßlichkeit, noch die Einsamkeit als solche. Die Verwaltung von Sachen und die Führung von Menschen hatten ihn viel gelehrt, in erster Linie aber offenbar, daß man wenig weiß. Dabei war seine Bildung unermeßlich, und J. C. bewunderte ihn rückhaltlos, weil Malan in einer Zeit, da die Männer in höheren Positionen so banal sind, der einzige Mensch war, der unabhängig dachte, sofern dies möglich ist, und jedenfalls unter einer aufgesetzten äußerlichen Verbindlichkeit eine solche Freiheit des Urteilens hatte, daß sie der unbeugsamsten Originalität gleichkam.

»Recht so, mein Sohn«, sagte Malan. »Da Sie Ihre Mutter besuchen werden, versuchen Sie etwas über Ihren Vater zu erfahren. Und kommen Sie schleunigst wieder und erzählen Sie mir die Fortsetzung. Anlässe zum Lachen sind selten.«

»Ja, es ist lächerlich. Aber da mich diese Neugier gepackt hat, kann ich zumindest versuchen, ein paar zusätzliche Informationen zu sammeln. Daß ich mich nie darum gekümmert habe, ist ein bißchen pathologisch.«

»Ach wo, in diesem Fall ist es weise. Ich war dreißig Jahre mit Marthe verheiratet, die Sie ja gekannt haben. Eine perfekte Frau, die ich noch heute vermisse. Ich habe immer gedacht, sie liebe ihr Haus.«18

»Wahrscheinlich haben Sie recht«, sagte Malan, den Blick abwendend, und Cormery wartete auf den Einwand, der, wie er wußte, unweigerlich auf die Zustimmung folgen würde.

»Ich würde mich, und ich hätte sicher unrecht, trotzdem hüten, mehr herauszufinden, als das Leben mir beigebracht hat«, fuhr Malan fort. »Aber ich bin in dieser Hinsicht ein schlechtes Vorbild, nicht wahr? Bestimmt würde ich ja wegen meiner Fehler keinerlei Initiative ergreifen. Sie dagegen« (und in seinen Augen blitzte so etwas wie Bosheit auf), »Sie sind ein Mann der Tat.«

Mit seinem Mondgesicht, seiner etwas platten Nase, den fehlenden oder fast fehlenden Augenbrauen, der kappenartigen Frisur und einem dichten Schnurrbart, der den vollen, sinnlichen Mund nicht bedecken konnte, sah Malan aus wie ein Chinese. Selbst der Körper, mollig und rund, die fetten Hände mit den etwas wurstartigen Fingern erinnerten an einen Mandarin, der das Zufußgehen verabscheut. Wenn er mit halbgeschlossenen Augen voller Appetit aß, stellte man ihn sich unweigerlich in einer Seidenrobe und mit Stäbchen in der Hand vor. Doch der Blick änderte alles. Die dunkelbraunen Augen, fiebrig, unruhig oder plötzlich starr, als bearbeite die Intelligenz lebhaft einen bestimmten Punkt, waren die eines hochsensiblen und hochgebildeten Okzidentalen.

Das alte Hausmädchen brachte den Käse, zu dem Malan verstohlen hinschielte. »Ich habe einen Mann gekannt«, sagte er, »der, nachdem er dreißig Jahre mit seiner Frau zusammengelebt hatte …« Cormery merkte auf. Jedesmal, wenn Malan so anfing: »Ich habe einen Mann gekannt, der …oder einen Freund oder einen Engländer, der mit mir reiste …«, konnte man sicher sein, daß es sich um ihn selbst handelte »… der keinen Kuchen mochte, und auch seine Frau aß nie welchen. Jedenfalls, nach zwanzigjährigem Zusammenleben ertappte er seine Frau beim Konditor, und während er sie beobachtete, wurde ihm klar, daß sie mehrmals in der Woche hinging und sich mit Mokkaeclairs vollstopfte. Ja, er glaubte, daß sie keine Süßigkeiten mochte, und in Wirklichkeit war sie versessen auf Mokkaeclairs.«

»Folglich kennt man niemanden«, sagte Cormery.

»Wenn Sie so wollen. Aber mir scheint, es wäre vielleicht richtiger, jedenfalls möchte ich, glaube ich, lieber sagen, aber machen Sie dafür meine Unfähigkeit, irgend etwas zu behaupten, verantwortlich, ja, es genügt zu sagen, wenn zwanzig Jahre des Zusammenlebens nicht ausreichen, um einen Menschen zu kennen, besteht bei einer zwangsläufig oberflächlichen Untersuchung vierzig Jahre nach dem Tod eines Menschen die Gefahr, daß sie einem nur begrenzte Informationen, ja, man kann sagen, begrenzte Informationen über diesen Menschen erbringt. Obwohl, in anderer Hinsicht …«

Er hob eine mit einem Messer bewaffnete fatalistische Hand, die sich auf den Ziegenkäse herabsenkte.

»Entschuldigen Sie. Wollen Sie keinen Käse? Nein? Immer noch so enthaltsam! Ein hartes Geschäft, gefallen zu wollen!«

Wieder leuchtete ein boshafter Funke zwischen seinen halbgeschlossenen Lidern auf. Cormery kannte seinen alten Freund jetzt seit zwanzig Jahren (hier einfügen, warum und wie) und nahm dessen ironische Bemerkungen gutgelaunt auf.

»Ich tue es nicht, weil ich gefallen Will. Zuviel Essen macht mich schwer. Ich gehe unter.«

»Ja, Sie schweben nicht mehr über den anderen.«

Cormery sah sich die schönen Bauernmöbel an, die das niedrige Eßzimmer mit den weißgekalkten Balken füllten.

»Lieber Freund«, sagte er, »Sie haben immer geglaubt, ich sei stolz. Ich bin es. Aber nicht immer und auch nicht Ihnen gegenüber. Ihnen gegenüber, zum Beispiel, bin ich zu Stolz unfähig.«

Malan wandte den Blick ab, was bei ihm ein Zeichen von Rührung war.

»Ich weiß«, sagte er, »aber warum?«

»Weil ich Sie liebe«, sagte Cormery ruhig.

Malan zog die Schüssel mit Obstsalat zu sich heran und erwiderte nichts.

»Weil Sie sich«, fuhr Cormery fort, »als ich sehr jung, sehr dumm und sehr allein war (erinnern Sie sich, in Algier?), mir zugewandt haben und mir unmerklich die Türen zu allem, was ich auf dieser Welt liebe, geöffnet haben.«

»Oh! Sie sind begabt.«

»Sicher. Aber auch die Begabtesten brauchen einen Wegweiser. Der, den das Leben einem eines Tages in den Weg stellt, der muß für immer geliebt und geachtet werden, auch wenn er nicht verantwortlich ist. Das ist meine Überzeugung!«

»Ja, ja«, sagte Malan heuchlerisch.

»Sie zweifeln, ich weiß. Wissen Sie, Sie dürfen nicht glauben, meine Zuneigung für Sie sei blind. Sie haben große, sehr große Fehler. Zumindest in meinen Augen.«

Malan leckte seine dicken Lippen und wirkte plötzlich interessiert.

»Welche?«

»Zum Beispiel sind Sie, sagen wir, sparsam. Nicht aus Geiz, übrigens, sondern aus Panik, aus Angst vor Entbehrung usw. Trotzdem ist es ein großer Fehler, den ich im allgemeinen nicht mag. Vor allem aber können Sie nicht anders, als bei anderen Hintergedanken zu vermuten. Instinktiv können Sie nicht an ganz und gar uneigennützige Gefühle glauben.«

»Geben Sie zu«, sagte Malan, während er seinen Wein austrank, »ich sollte keinen Kaffee trinken. Und doch …«

Aber Cormery geriet nicht aus der Ruhe.19

»Ich bin zum Beispiel sicher, daß Sie mir nicht glauben könnten, wenn ich Ihnen sagte, daß ich Ihnen auf eine bloße Bitte Ihrerseits sofort meinen ganzen Besitz überlassen würde.«

Malan zögerte und sah diesmal seinen Freund an.

»Oh, ich weiß. Sie sind großzügig.«

»Nein, ich bin nicht großzügig. Ich geile mit meiner Zeit, mit meinen Leistungen, mit meiner Anstrengung, und das geht mir gegen den Strich. Aber was ich gesagt habe, ist wahr. Sie glauben mir nicht, das ist Ihr Fehler und Ihr wirkliches Unvermögen, obwohl Sie ein höherer Mensch sind. Sie haben nämlich unrecht. Auf ein Wort von Ihnen gehört im selben Augenblick mein ganzer Besitz Ihnen. Sie brauchen ihn nicht, und dies ist nur ein Beispiel. Aber kein willkürlich gewähltes Beispiel. Tatsächlich gehört mein ganzer Besitz Ihnen.«

»Vielen Dank, wirklich«, sagte Malan mit halbgeschlossenen Augen, »ich bin sehr gerührt.«

»Gut, ich mache Sie verlegen.. Sie mögen auch nicht, daß man zu deutlich redet. Ich wollte Ihnen nur sagen, daß ich Sie mit Ihren Fehlern liebe. Ich liebe oder verehre wenige Menschen. Bei allen übrigen schäme ich mich meiner Gleichgültigkeit. Aber bei denen, die ich liebe, wird nichts, weder ich selbst noch vor allem sie, bewirken, daß ich jemals aufhöre, sie zu lieben. Es hat lange gedauert, bis ich dies gelernt habe; jetzt weiß ich es. Nach diesen Worten wollen wir unser Gespräch wiederaufnehmen: Sie sind nicht damit einverstanden, daß ich versuche, mich über meinen Vater zu informieren.«

»Doch, doch, ich bin mit Ihnen einverstanden, ich fürchtete nur, daß Sie enttäuscht werden. Ein Freund von mir, der sehr an einem jungen Mädchen hing, das ihn heiraten wollte, hat den Fehler gemacht, Erkundigungen über sie einzuziehen.«

» Ein Bourgeois«, sagte Cormery.

»Ja«, sagte Malan, »ich.«

Sie lachten schallend.

»Ich war jung. Ich habe so widersprüchliche Meinungen zusammengetragen, daß meine eigene durcheinandergeriet. Ich habe gezweifelt, ob ich sie liebe oder nicht liebe. Kurzum, ich habe eine andere geheiratet.«

»Ich kann mir keinen zweiten Vater suchen.«

»Nein. Zum Glück nicht. Einer reicht, wenn ich meiner Erfahrung vertraue.«

»Gut«, sagte Cormery. »Übrigens muß ich in ein paar Wochen meine Mutter besuchen. Das ist eine Gelegenheit. Und ich habe vor allem mit Ihnen darüber gesprochen, weil mich vorhin dieser Altersunterschied zu meinen Gunsten verstört hat. Zu meinen Gunsten, ja.«

»Ja, ich verstehe.«

Er sah Malan an.

»Sagen Sie sich, daß er nicht gealtert ist. Dieses Leid ist ihm erspart geblieben, und es ist lang.«

»Mit einer gewissen Anzahl von Freuden.«

»Ja. Sie lieben das Leben. Das müssen Sie, Sie glauben ja nur daran.«

Malan setzte sich schwerfällig in einen mit Cretonne bezogenen Lehnsessel, und plötzlich wurde sein Gesicht von einem Ausdruck unsäglicher Melancholie verwandelt.

»Sie haben recht. Ich habe es geliebt, ich liebe es begierig. Und gleichzeitig erscheint es mir grauenvoll und auch unerreichbar. Deshalb glaube ich, aus Skepsis. Ja, ich will glauben, ich will leben, immer.«

Cormery schwieg.

»Mit fünfundsechzig ist jedes Lebensjahr ein Aufschub. Ich möchte ruhig sterben, und Sterben ist erschreckend. Ich habe nichts getan.«

»Es gibt Menschen, die die Welt rechtfertigen, die durch ihr bloßes Dasein leben helfen.«

»Ja, und sie sterben.«

Während sie schwiegen, wehte der Wind etwas stärker ums Haus.

»Sie haben recht, Jacques«, sagte Malan. »Machen Sie sich kundig. Sie brauchen keinen Vater mehr. Sie haben sich ganz allein erzogen. Jetzt können Sie ihn lieben, wie Sie zu lieben verstehen. Aber …«, sagte er und zögerte »Kommen Sie mich wieder besuchen. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit. Und verzeihen Sie mir …«

»Ihnen verzeihen?« sagte Cormery. »Ich verdanke Ihnen alles.«

»Nein, Sie verdanken mir nicht viel. Verzeihen Sie mir nur, daß ich Ihre Zuneigung manchmal nicht zu erwidern weiß …«

Malan sah die große antike Hängelampe über dem Tisch an, und seine Stimme wurde dumpfer, um das zu sagen, was Cormery einige Augenblicke später allein im Wind und in dem ausgestorbenen Vorort unablässig in sich hörte:

»In mir ist eine furchtbare Leere, eine Gleichgültigkeit, die mir weh tut …«20

Die Spiele des Kindes

Eine leichte, niedrige Dünung ließ das Schiff in der Julihitze schlingern. Jacques Cormery lag halbnackt in seiner Kabine und sah zu, wie die über das Meer versprengten Reflexe der Sonne auf den Kupferrändern der Bullaugen tanzten. Er sprang mit einem Satz auf, um den Ventilator abzustellen, der den Schweiß in seinen Poren trocknete, noch ehe er ihm über den Rumpf zu fließen begann, schwitzen war besser, und er ließ sich auf seine Koje fallen, die schmal und hart war, so wie er Betten mochte. Sofort stieg aus der Tiefe des Schiffes in gedrosselten Erschütterungen wie eine ständig sich in Marsch setzende riesige Armee das dumpfe Geräusch der Maschinen. Er mochte auch diesen Tag und Nacht hörbaren Lärm der großen Passagierdampfer und das Gefühl, auf einem Vulkan herumzulaufen, während ringsum das grenzenlose Meer dem Blick seine freie Ausdehnung darbot. Aber an Deck war es zu heiß; nach dem Mittagessen hatten sich vom Fressen stumpfsinnig gewordene Passagiere auf die Liegestühle des überdachten Decks gestürzt oder waren zur Zeit des Mittagsschlafs in die Laufgänge geflüchtet. Jacques hielt nicht gern Mittagsschlaf. »A benidor«, dachte er nachtragend, und das war die seltsame Ausdrucksweise seiner Großmutter, als er ein Kind in Algier war und sie ihn zwang, mit ihr Mittagsschlaf zu halten. Die drei Zimmer der kleinen Wohnung in einem Vorort von Algier waren in das gestreifte Dunkel der sorgsam geschlossenen Jalousien getaucht.21 Draußen briet die Sonne die trockenen, staubigen Straßen, und im Halbdunkel der Zimmer suchten, wie ein Flugzeug brummend, eine oder zwei dicke Fliegen unermüdlich müdlich einen Ausgang. Es war zu heiß, um auf die Straße zu den Kameraden zu gehen, die selbst zu Hause festgehalten wurden. Es war zu heiß, um Pardaillan oder L’Intrépide22 zu lesen. Wenn die Großmutter ausnahmsweise nicht da war oder mit der Nachbarin schwatzte, drückte das Kind die Nase gegen die Jalousien des Eßzimmers, das zur Straße lag. Die Fahrbahn war menschenleer. Vor den Schuh- und Kurzwarengeschäften gegenüber waren die roten und gelben Markisen heruntergelassen, der Eingang des Tabakladens war von einem bunten Perlenvorhang abgeschirmt, und der Gästeraum bei Jean, dem Schankwirt, war ausgestorben, mit Ausnahme der Katze, die wie tot auf der Grenze zwischen dem mit Sägespänen bedeckten Boden und dem staubigen Bürgersteig schlief.

Das Kind drehte sich dann zu dem fast kahlen, gekalkten Zimmer um, das in der Mitte mit einem quadratischen Tisch sowie an den Wänden mit einer Anrichte, einem kleinen Schreibtisch voller Schrammen und Tintenflecke und direkt auf dem Boden einer Matratze mit einer Decke darüber, auf der nachts der halb stumme Onkel schlief, und fünf Stühlen eingerichtet war.23 In einer Ecke, auf einem Kamin, bei dem nur der Aufsatz aus Marmor war, eine kleine Vase mit schlankem Hals und Blumen darin, wie man sie auf Jahrmärkten findet. Gefangen zwischen der Ödnis des Dunkels und der der Sonne, begann das Kind rastlos um den Tisch herumzurennen, wobei es wie eine Litanei »Ich langweile mich! Ich langweile mich!« wiederholte. Es langweilte sich, aber gleichzeitig enthielt diese Langweile ein Spiel, eine Freude, eine Art Genuß, denn wenn es das »A benidor« der schließlich zurückgekehrten Großmutter hörte, wurde es von Wut gepackt. Aber sein Protest nutzte nichts. Die Großmutter, die neun Kinder auf dem Land großgezogen hatte, hatte ihre eigenen Vorstellungen von Erziehung. Das Kind wurde mit einem Stoß ins Schlafzimmer geschoben. Es war eines der beiden Zimmer, die auf den Hof hinausgingen. In dem anderen standen zwei Betten, das seiner Mutter und das, in dem es und sein Bruder schliefen. Die Großmutter hatte Anspruch auf ein eigenes Zimmer. Aber sie nahm das Kind oft über Nacht und jeden Tag für den Mittagsschlaf mit in ihr großes, hohes Bett. Es zog seine Sandalen aus und hievte sich auf das Bett. Seit dem Tag, an dem es, während die Großmutter schlief, aus dem Bett geschlüpft war, um, seine Litanei murmelnd, seinen Rundlauf um den Tisch wiederaufzunehmen, mußte es den Platz hinten an der Wand einnehmen. Wenn es sich dort hingelegt hatte, sah es seiner Großmutter zu, wie sie ihr Kleid auszog und ihr Unterhemd aus grobem Leinen lockerte, das oben mit einem Band zugeschnürt war, welches sie dann aufmachte. Dann stieg sie ihrerseits ins Bett, und das Kind spürte den Geruch alten Fleisches neben sich, während es die dicken blauen Adern und die Altersflecken ansah, die die Füße seiner Großmutter verunstalteten. »Komm«, wiederholte sie. »A benidor«, und sie schlief sehr schnell ein, während das Kind mit offenen Augen dalag und das Hin und Her der unermüdlichen Fliegen verfolgte.

Ja, das hatte er jahrelang gehaßt, und noch später, als Mann, bis er schwer krank gewesen war, konnte er sich nicht dazu entschließen, sich bei großer Hitze nach dem Mittagessen hinzulegen. Wenn er jedoch einmal einschlief, wachte er mit Unbehagen und körperlich elend wieder auf. Erst seit kurzem, seit er an Schlaflosigkeit litt, konnte er tagsüber eine halbe Stunde schlafen und ausgeruht und munter erwachen. A benidor

Der Wind mußte, von der Sonne niedergedrückt, abgeflaut sein. Das Schiff hatte sein leichtes Schlingern verloren und schien jetzt geradlinig zu fahren, die Maschinen volle Kraft voraus, die Schiffsschraube bohrte sich gerade in das dichte Wasser, und der Lärm der Kolben war endlich so gleichmäßig, daß er sich mit dem ununterbrochenen gedämpften Kreischen der Sonne auf dem Meer vermischte. Jacques schlief halb, sein Herz war bei dem Gedanken, Algier und das ärmliche kleine Vorstadthaus wiederzusehen, von einer Art glücklicher Beklommenheit bedrängt. So war es jedesmal, wenn er Paris verließ und nach Afrika fuhr, gedämpfter Jubel, das Herz, das weit wurde, die Genugtuung dessen, der einen gelungenen Ausbruch gemacht hat und beim Gedanken an das Gesicht der Wärter lacht. Ebenso wie sich jedesmal, wenn er mit dem Auto und dem Zug hierher zurückkam, sein Herz bei den ersten Häusern der Vorstadt zusammenzog, die man erreichte, ohne gemerkt zu haben, wie, ohne Begrenzungen durch Bäume oder Wasser, wie ein unglücklicher Krebs, der seine Ganglien aus Elend und Häßlichkeit ausstreckte und den Fremdkörper allmählich verdaute, um ihn bis ins Herz der Stadt zu transportieren, dorthin, wo eine glanzvolle Kulisse ihn manchmal den Wald von Zement und Eisen vergessen ließ, der ihn Tag und Nacht gefangenhielt und der sogar durch seine Schlaflosigkeit spukte. Aber er war ausgebrochen, er atmete auf dem breiten Rücken des Meeres, er atmete in Wellen, unter dem hohen Wiegen der Sonne, er konnte endlich schlafen und in die Kindheit zurückkehren, von der er nie erlöst worden war, zu diesem Geheimnis aus Licht und warmherziger Armut, die ihm geholfen hatte zu leben und alles zu meistern. Der jetzt fast bewegungslose gebrochene Lichtreflex auf dem Kupfer des Bullauges kam von derselben Sonne, die in dem dunklen Zimmer, wo die Großmutter schlief, mit ihrer ganzen Wucht auf die gesamte Oberfläche der Jalousien knallte und durch die einzige Kerbe, die durch ein Astloch in der Fugenleiste der Jalousie entstanden war, eine einzelne, sehr dünne Klinge in das Dunkel tauchte. Die Fliegen fehlten, sie waren es nicht, die brummten und sein Dösen ausfüllten und nährten, auf See gibt es keine Fliegen, und zuerst einmal waren jene tot, die das Kind liebte, weil sie in dieser von der Hitze chloroformierten Welt laut waren und als einzige lebendig, und alle Menschen und Tiere lagen reglos auf der Seite, außer ihm allerdings, der sich im Bett auf dem schmalen ihm zwischen der Wand und der Großmutter verbleibenden Raum herumwälzte, und auch er wollte leben, und ihm schien, daß die Zeit des Schlafens dem Leben und seinen Spielen weggenommen wurde. Die Gefährten warteten ganz sicher auf ihn, an der Ecke der Rue Prévost-Paradol, die von kleinen Vorgärten gesäumt war, die abends nach der Feuchtigkeit des Besprengens rochen und nach Geißblatt, das überall wuchs, besprengt oder nicht. Sobald die Großmutter aufwachte, würde er hinuntersausen in die unter ihren Feigenbäumen noch menschenleere Rue de Lyon und zu dem Brunnen an der Ecke der Rue Prévost-Paradol rennen, würde mit voller Kraft die große gußeiserne Kurbel oben auf dem Brunnen drehen und dabei den Kopf unter den Abflußhahn halten, um den dicken Strahl abzubekommen, der ihm in Nase und Ohren schießen und durch den offenen Hemdkragen zu seinem Bauch und unter seiner kurzen Hose die Beine hinunter bis in seine Sandalen laufen würde. Dann würde er, beglückt, das Wasser zwischen seiner Fußsohle und dem Leder der Schuhsohle schäumen zu fühlen, rennen, bis er außer Atem war und bei Pierre24 und den anderen ankam, die im Eingang des einzigen zweistöckigen Hauses der Straße saßen und die Zigarre aus Holz anspitzten, um damit nachher mit dem blauen Holzschläger canette vinga25 zu spielen.

Sobald alle da waren, zogen sie los, wobei sie mit dem Schläger an den rostigen Gitterzäunen der Vorgärten entlangklapperten, ein Krach, der das Viertel weckte und die unter den staubigen Glyzinien schlafenden Katzen aufscheuchte. Sie rannten, liefen über die Straße und versuchten sich, schon ganz schön verschwitzt, zu fangen, aber immer in dieselbe Richtung, zum grünen Feld, nicht weit, vier oder fünf Straßen, von ihrer Schule. Aber es gab einen obligatorischen Halt an dem sogenannten Springbrunnen auf einem ziemlich großen Platz, einer riesigen runden, zweistöckigen Fontäne, in der kein Wasser lief, deren seit langem verstopftes Becken aber bin und wieder bis zum Rand von den ungeheuren Regenfällen des Landes voll war. Dann stand das Wasser, übersät mit altem Schaum, Melonen- und Apfelsinenschalen und allem möglichen Abfall, bis die Sonne es aufsaugte oder die Stadtverwaltung aufwachte und beschloß, es abzupumpen, und trockener, rissiger, schmutziger Schlamm blieb noch so lange am Beckenboden liegen, bis die Sonne ihn in Staub verwandelte und der Wind oder der Besen der Straßenkehrer ihn auf die lackierten Blätter der Feigenbäume wirbelte, die den Platz umstanden. Im Sommer jedenfalls war das Becken trocken und bot seinen ungeheuer breiten Rand aus dunklem glasiertem Stein an, der von Tausenden von Händen und Hosenböden geglättet worden war und auf dem Jacques, Pierre und die anderen Pferd spielten und auf ihren Hintern herumrutschten, bis unweigerlich ein Fallen sie in das wenig tiefe Becken warf, das nach Urin und Sonne roch.

Dann, immer noch in der Hitze und dem Staub rennend, der ihre Füße und Sandalen mit ein und derselben grauen Schicht bedeckte, eilten sie zum grünen Feld. Es war eine Art unbebautes Gelände hinter einer Böttcherei, wo zwischen verrosteten Eisenreifen und faulenden alten Faßböden anämische Grasbüschel zwischen Tuffplatten hervorwuchsen. Dort zogen sie unter lautem Geschrei einen Kreis auf den Tuff. Einer von ihnen stellte sich mit dem Schläger in der Hand in der Mitte des Kreises auf, und die anderen warfen nacheinander die Holzzigarre in den Kreis. Wenn die Zigarre im Kreis zu Boden fiel, nahm der Werfer den Schläger und verteidigte seinerseits den Kreis. Die Geschicktesten26 trafen die Zigarre im Flug und schlugen sie sehr weit weg. In dem Fall durften sie zu der Stelle gehen, wo sie hingefallen war, und nachdem sie mit der Schmalseite des Schlägers auf die Spitze der Zigarre geschlagen hatten, die dann hochschnellte, trafen sie sie wieder und schlugen sie noch weiter weg, und so weiter, bis sie sie verfehlten oder bis die anderen die Zigarre im Flug fingen; dann liefen sie schnell zurück, um den Kreis wieder gegen die schnell und geschickt vom Gegner geworfene Zigarre zu verteidigen. Mit einigen komplizierteren Regeln füllte dieses Tennis für Arme den ganzen Nachmittag aus. Pierre war der Geschickteste; schlanker als Jacques, auch kleiner, fast schmächtig, so blond wie er braun war, blond bis hin zu den Wimpern, zwischen denen sich seine geraden blauen Augen wehrlos darboten, etwas gekränkt, erstaunt, scheinbar linkisch, war er beim Spiel von präziser, gleichbleibender Geschicklichkeit. Jacques dagegen gelangen unmögliche Paraden, und perfekt vorgelegte Schläge verfehlte er. Wegen seiner Paraden und Glanzleistungen, die die Bewunderung der Gefährten erregten, hielt er sich für den Besten und gab oft an. In Wirklichkeit schlug Pierre ihn ständig und sagte nie etwas dazu. Aber nach dem Spiel richtete er sich zu seiner vollen Größe auf und lächelte schweigend, während er den anderen zuhörte.27

Wenn das Wetter oder die Stimmung nicht geeignet waren, kamen sie, statt auf der Straße und dem unbebauten Gelände herumzulaufen, zuerst einmal im Flur von Jacques’ Haus zusammen. Von da gingen sie durch eine Hintertür in einen kleinen Hof hinunter, der von den Wänden dreier Häuser umschlossen war. Auf der vierten Seite ragten über eine Gartenmauer die Äste eines großen Orangenbaums, dessen Duft, wenn er blühte, an den armseligen Häusern hinaufstieg, aus dem Flur drang oder sich über eine kleine Steintreppe in den Hof hinabsenkte. Auf der einen Seite und der Hälfte der anderen wohnte in einem rechtwinkligen kleinen Bau der spanische Friseur, der seinen Laden auf der Straße hatte, und ein arabisches Ehepaar28 , und die Frau röstete an manchen Abenden den Kaffee im Hof. Auf der dritten Seite hielten die Mieter Hühner in verwahrlosten hohen Käfigen aus Draht und Holz. Auf der vierten Seite schließlich, beiderseits der Treppe, öffneten sich die ins Dunkle führenden großen Eingänge der Keller des Mietshauses: Höhlen ohne Ausgang und ohne Licht, direkt in die Erde gehauen, ohne jede Trennwand, Feuchtigkeit ausschwitzend, in die man über vier Stufen aus grün gewordenem Humus hinabstieg und wo die Mieter kreuz und quer ihre überflüssigen Besitztümer aufeinandertürmten, das heißt fast nichts: alte Säcke, die dort verrotteten, Teile von Kisten, rostige alte Schüsseln mit Löchern, was eben so auf unbebautem Gelände herumliegt und was nicht einmal der Ärmste mehr gebrauchen kann. Dort, in einem dieser Keller, versammelten sich die Kinder. Jean und Joseph, die beiden Söhne des spanischen Friseurs, hatten die Gewohnheit, dort zu spielen. Vor der Tür ihres baufälligen Häuschens war es ihr privater Garten. Joseph, rund und schalkhaft, lachte immer und verschenkte alles, was er hatte. Jean, klein und dünn, hob rastlos den kleinsten Nagel, die kleinste Schraube auf, die er fand, und zeigte sich besonders sparsam mit seinen Murmeln oder mit den bei einem ihrer Lieblingsspiele29 unentbehrlichen Aprikosenkernen. Man konnte sich keine gegensätzlicheren Brüder vorstellen als diese unzertrennlichen. Mit Pierre, Jacques und Max, dem letzten Spießgesellen, stiegen sie in den stinkenden, feuchten Keller hinunter. Über rostige Eisenstreben spannten sie die am Boden verrottenden Säcke, nachdem sie kleine Schaben mit gelenkigem Panzer, die sie Meerschweinchen nannten, abgeschüttelt hatten. Und unter diesem widerlichen Zelt endlich daheim (wo sie doch nie ein eigenes Zimmer und nicht einmal ein eigenes Bett gehabt hatten), zündeten sie kleine Feuer an, die in dieser feuchten, verbrauchten brauchten Luft qualmend ausgingen und sie aus ihrer Höhle vertrieben, bis sie auf dem Hof abgekratzte Erde daraufwarfen. Dann teilten sie sich, nicht ohne Diskussion mit dem kleinen Jean, die dicken Pfefferminzbonbons, die Erdnüsse oder die getrockneten, gesalzenen Kichererbsen, die tramousses genannten Wolfsbohnen oder die grellbunten Gerstenzuckerstangen, die die Araber an den Türen des nahen Kinos auf einem Stand anboten, der von Fliegen belagert war und aus einem einfachen Holzkasten auf einem Kugellager bestand. An Tagen mit Regenschauern floß der überschüssige Regen aus dem vollgesaugten Boden des feuchten Hofs in die regelmäßig überschwemmten Keller, und sie kletterten auf alte Kisten und spielten, weit weg vom klaren Himmel und von den Meereswinden, in ihrem Königreich des Elends triumphierend, Robinson.30

Am schönsten31 waren die Sommertage, an denen es ihnen unter dem einen oder anderen Vorwand gelang, die Siesta durch eine gute Lüge abzukürzen. Dann konnten sie nämlich, da sie nie Geld für die Straßenbahn hatten, den langen Weg bis zum Versuchsgarten laufen, durch die Reihe der gelbgrauen Vorstadtstraßen, quer durch das Viertel der Pferdeställe mit den großen Remisen der Betriebe oder einzelnen Fuhrleute, die mit Pferdewagen die Ländereien im Landesinnern versorgten, vorbei an den großen Schiebetüren, hinter denen man das Stampfen der Pferde hörte, ihr Schnauben, bei dem ihre Lefzen schnalzten, das Klirren der Eisenkette, das als Halfter diente, am Holz der Futterkrippe, während sie voll Wonne den Geruch von Pferdemist, Stroh und Schweiß einatmeten, der aus diesen verbotenen Orten drang, von denen Jacques noch vor dem Einschlafen träumte. Sie hielten sich eine Weile vor einem offenen Pferdestall auf, in dem die Pferde gestriegelt wurden, dicke Tiere mit plumpen Beinen, die aus Frankreich stammten und große, vor Hitze und Fliegen abgestumpfte Augen von Verbannten auf sie richteten. Dann, herumgestoßen von den Rollwagenkutschern, liefen sie zu dem riesigen Garten, in dem die seltensten Essenzen angebaut wurden. In der großen Allee, die bis zum Meer einen weiten Ausblick auf Wasserbecken und Blumen eröffnete, nahmen sie unter dem mißtrauischen Blick der Wärter das Gehabe gleichmütiger, gesitteter Spaziergänger an. Aber bei der ersten Querallee fingen sie wieder an, zum Ostteil des Gartens zu rennen, durch Reihen gewaltiger Mangroven, die so dicht standen, daß es in ihrem Schatten fast stockdunkel war, hin zu den großen Gummibäumen32 , deren hängende Äste man nicht von den vielfältigen Wurzeln unterscheiden konnte, die von den untersten Ästen zur Erde hinuntergingen, und noch weiter, zum eigentlichen Ziel ihrer Expedition, den großen Kokospalmen, die in ihrem Wipfel Büschel runder, rötlichgelber dichtgedrängter kleiner Früchte trugen, die sie Kokosen nannten. Dort mußte zuerst in alle Richtungen abgesichert werden, daß kein Wärter in der Nähe war. Dann begann die Jagd nach Munition, das heißt nach Kieselsteinen. Wenn alle mit vollen Taschen wieder da waren, zielten sie der Reihe nach auf die Büschel; die sich über allen anderen Bäumen sanft am Himmel wiegten. Bei jedem Wurf, der traf, fielen ein paar Früchte herunter, die nur dem glücklichen Werfer gehörten. Die anderen mußten warten, bis er seine Beute aufgesammelt hatte, bevor sie ihrerseits ziehen. Im Werfen geschickt, konnte Jacques es bei diesem Spiel mit Pierre aufnehmen. Beide aber teilten ihre Beute mit den anderen, weniger Erfolgreichen. Der Ungeschickteste war Max, der eine Brille trug und schlecht sah. Untersetzt und kräftig, wurde er von den anderen jedoch seit dem Tag respektiert, an dem sie gesehen hatten, wie er sich prügelte. Während sie, und besonders Jacques, der seine Wut und sein Ungestüm nicht zügeln konnte, beiden häufigen Straßenkämpfen, in die sie verwickelt waren, die Gewohnheit hatten, sich auf den Gegner zu stürzen, um ihm so schnell wie möglich so weh wie möglich zu tun, auch auf die Gefahr hin, harte Konter einzustecken, hatte Max, der einen deutsch klingenden Namen trug, als er eines Tages von dem dicken Sohn des Metzgers mit dem Spitznamen Gigot33 als sale boche34 beschimpft worden war, in aller Ruhe seine Brille abgenommen und sie Joseph anvertraut, hatte sich mit Deckung aufgestellt, wie die Boxer es taten, die sie in der Zeitung sahen, und hatte dem anderen vorgeschlagen, er solle seine Beleidigung wiederholen. Dann war er, anscheinend ohne in Wut zu geraten, jedem Angriff Gigots ausgewichen, hatte diesen mehrfach geschlagen, ohne selbst getroffen zu werden, und hatte schließlich genug Glück, um ihm, größter Erfolg, ein blaues Auge zu schlagen. Seit jenem Tag war Max’ Popularität in der kleinen Gruppe gesichert. Mit von den Früchten klebrigen Taschen und Händen liefen sie aus dem Garten hinaus zum Meer, und sobald sie aus der Umzäunung heraus waren, schütteten sie die Kokosen auf ihre schmutzigen Taschentücher und kauten mit Genuß die faserigen Beeren, die zum Erbrechen süß und fett waren, aber leicht und köstlich wie der Sieg. Dann rannten sie zum Strand hinunter.

Dazu mußten sie die Straße überqueren, die Schafsweg genannt wurde, weil auf ihr tatsächlich oft Schafherden vom oder zum Markt in Maison-Carrée, östlich von Algier, entlangliefen. In Wirklichkeit war es eine Umgehungsstraße, die den Kreisbogen der auf ihren Hügeln wie ein Amphitheater angelegten Stadt vom Meer trennte. Zwischen der Straße und dem Meer waren Fabriken, Ziegeleien und ein Gaswerk voneinander durch mit Tonplacken oder Kalkstan bedeckten Sandflächen getrennt, auf denen Holz- und Eisenabfälle bleichten. Wenn man dieses Ödland hinter sich hatte, kam man an die Plage des Sablettes. Der Sand dort war etwas schwarz, und die vordersten Wellen waren nicht immer durchsichtig. Rechts bot eine Badeanstalt ihre Kabinen und an Feiertagen ihren Saal, eine große Holzkiste auf Grundpfählen, zum Tanzen an. In der Badesaison betrieb ein Pommes-frites-Händler täglich seinen Herd. Meistens hatte die kleine Gruppe nicht einmal Geld für eine einzige Tüte. Wenn einer von ihnen zufällig das nötige Geld35 hatte, kaufte er sich seine Tüte, ging, vom respektvollen Schwarm der Kameraden gefolgt, gemessen zum Strand und ließ sich, die Füße fest in den Sand gestellt, am Meer, im Schatten eines aus den Fugen gegangenen Bootes, auf den Hintern fallen, wobei er seine Tüte in einer Hand schön senkrecht hielt und sie mit der anderen bedeckte, um keine der dicken knusprigen Flocken zu verlieren. Der Brauch wollte es dann, daß er jedem der Kameraden eine Fritte schenkte, die den einzigen heißen, nach starkem Öl riechenden Leckerbissen, den er ihnen überließ, andächtig genossen. Dann sahen sie dem Glücklichen zu, der die übrigen Fritten eine nach der anderen bedächtig schmauste. Unten in der Tüte blieben immer Frittenreste übrig. Der Vollgestopfte wurde angefleht, sie doch bitte zu teilen. Und meistens, außer wenn es sich um Jean handelte, faltete er das fettige Papier auseinander, breitete die Frittenkrümel aus und erlaubte allen, sich nacheinander einen Krümel zu nehmen. Es mußte sich nur irgendeiner bereit finden, zu entscheiden, wer als erster zugreifen durfte und sich folglich den größten Krümel nehmen konnte. Nach beendetem Festmahl waren Lust und Frustration gleich vergessen, und sie rannten unter der grellen Sonne zum westlichen Ende des Strandes bis zu einem halbverfallenen Bau, der wohl als Fundament einer verschwundenen Hütte gedient hatte und hinter dem man sich ausziehen konnte. Im Nu waren sie nackt, im nächsten Augenblick im Wasser, schwammen kraftvoll und ungeschickt, johlten36 , spuckten und prusteten, forderten sich zum Tauchen heraus und dazu, wer am längsten unter Wasser bleiben könnte. Das Meer war ruhig, lau, die Sonne jetzt sanft auf den nassen Köpfen, und die Herrlichkeit des Lichts erfüllte diese jungen Körper mit einer Freude, die sie unaufhörlich schreien ließ. Sie herrschten über das Leben und über das Meer, und das Prachtvollste, was die Welt zu geben hat, empfingen sie und machten maßlosen Gebrauch davon, wie Herren, die sich ihrer unersetzlichen Reichtümer sicher sind.

Sie liefen vom Strand ins Meer, ließen auf dem Sand, der sie klebrig machte, das Salzwasser trocknen, wuschen im Meer den Sand ab, der sie in Grau hüllte, und vergaßen darüber die Zeit. Sie rannten, und die Mauersegler begannen mit hektischen Schreien tiefer zu fliegen über den Fabriken und über dem Strand. Der Himmel, gereinigt von der Stickigkeit des Tages, wurde klarer und dann grünlich, das Licht milder, und jenseits des Golfs wurde die bis dahin in eine Art Nebel getauchte Biegung der Häuser und der Stadt deutlicher. Es war noch hell, aber um der raschen afrikanischen Dämmerung vorzubeugen, gingen schon Lampen an. Pierre war gewöhnlich der erste, der das Signal gab: »Es ist spät«, und sofort verabschiedeten sie sich schnell und liefen auseinander. Jacques eilte mit Joseph und Jean in Richtung ihrer Häuser, ohne sich um die anderen zu kümmern. Sie rannten außer Atem. Josephs Mutter hatte ein lockeres Handgelenk. Und was Jacques’ Großmutter anging …Sie liefen noch immer in den Abend hinein, der blitzschnell hereinbrach, aufgeschreckt von den ersten Gaslaternen, den beleuchteten Straßenbahnen, die an ihnen vorbeisausten, am Boden zerstört, daß es schon Nacht war, und trennten sich an der Haustür, ohne sich auch nur zu verabschieden. An solchen Abenden blieb Jacques auf der dunklen, stinkenden Treppe stehen, lehnte sich im Dunkeln an die Wand und wartete, daß sein Wild schlagendes Herz sich beruhigte. Aber er durfte nicht warten, und das zu wissen brachte ihn noch mehr zum Keuchen. Mit drei Sprüngen war er auf dem Treppenabsatz, ging an dem Außenklosett vorbei und machte die Wohnungstür auf. Im Eßzimmer am Ende des Flurs war Licht, und erstarrt hörte er das Klappern der Löffel in den Tellern. Er ging hinein. Um den Tisch, unter dem runden Lichtschein der Petroleumlampe schlürfte der halb stumme Onkel37 weiter seine Suppe; seine Mutter, noch jung, mit üppigem braunem Haar, sah ihn mit ihrem schönen sanften Blick an. »Du weißt doch …«, begann sie. Aber, kerzengerade in ihrem schwarzen Kleid, mit festem Mund, hellen und strengen Augen, fiel die Großmutter, von der er nur den Rücken sah, ihrer Tochter ins Wort: »Wo kommst du her?« sagte sie. — »Pierre hat mir die Rechenaufgaben gezeigt.« Die Großmutter stand auf und trat zu ihm. Sie schnupperte an seinem Haar, dann fuhr sie über seine Knöchel, die noch voll Sand waren. »Du warst am Strand.« — »Dann biste ein Lügner«, brachte der Onkel hervor. Aber die Großmutter trat hinter ihn, nahm hinter der Eßzimmertür die dort hängende, Ochsenziemer genannte große Reitpeitsche herunter und zog ihm drei oder vier Hiebe über Beine und Hintern, die zum Heulen brannten. Etwas später, den Mund und die Kehle voller Tränen vor seinem Teller Suppe, den der mitleidige Onkel ihm hingestellt hatte, spannte er sich ganz an, damit die Tränen nicht überflossen. Und nach einem raschen Blick zur Großmutter wandte ihm seine Mutter das Gesicht zu, das er so sehr liebte: »Iß deine Suppe«, sagte sie. »Es ist vorbei. Es ist vorbei.« Dann erst fing er an zu weinen.

Jacques Cormery erwachte. Die Sonne spiegelte sich nicht mehr auf dem Kupfer des Bullauges, sondern war zum Horizont gesunkeh und beleuchtete jetzt die Wand gegenüber. Er zog sich an und ging an Deck. Am Ende der Nacht würde er Algier finden.

Der Vater. Sein Tod. Der Krieg. Der Anschlag

Im Wohnungseingang nahm er sie fest in die Arme, noch außer Atem davon, die Treppe in einem unfehlbaren Schwung, vier Stufen auf einmal, hinaufzusteigen, ohne eine einzige zu verfehlen, so als bewahre sein Körper noch die genaue Erinnerung an die Stufenhöhe. Beim Aussteigen aus dem Taxi auf der schon sehr belebten, stellenweise noch vom Wasser nach dem morgendlichen38 Sprengen glänzenden Straße, das die einsetzende Hitze in Dunst aufzulösen begann, hatte er sie erblickt, am selben Platz wie einst, auf dem schmalen einzigen Balkon der Wohnung zwischen den beiden Zimmern über der Markise des Friseurs — aber es war nicht mehr Jeans und Josephs Vater, der an Tuberkulose gestorben war, das liegt am Beruf, sagte seine Frau, immer Haare einatmen —, deren Wellblechverkleidung noch immer ihre Ladung an Feigen, zusammengeknülltem Papier und alten Kippen hatte. Da war sie, mit ihrem noch immer üppigen, aber seit Jahren weiß gewordenen Haar, noch immer kerzengerade trotz ihrer zweiundsiebzig Jahre, man hätte sie wegen ihrer außerordentlichen Schlankheit und ihrer noch sichtbaren Kraft für zehn Jahre jünger gehalten, und so war es mit der ganzen Familie, einer Sippe von Mageren mit lässigem Gang, deren Energie unerschöpflich war und denen das Alter nichts anhaben zu können schien. Mit fünfzig wirkte der halb stumme Onkel Émile39 wie ein junger Mann. Die Großmutter war gestorben, ohne das Haupt zu beugen. Und was seine Mutter anging, zu der er jetzt hinlief, so schien es, daß nichts ihre sanfte Zähigkeit vermindern würde, denn jahrzehntelange zermürbende Arbeit hatte die junge Frau in ihr verschont, die Cormery als Kind voller Hingabe bewunderte.

Als er vor der Tür ankam, machte seine Mutter sie auf und warf sich in seine Arme. Und wie jedesmal, wenn sie sich wiedersahen, küßte sie ihn zwei- oder dreimal, wobei sie ihn mit aller Kraft an sich drückte, und er spürte die Rippen, die harten vorspringenden Knochen der ein wenig zitternden Schultern an seinen Armen, während er den süßen Duft ihrer Haut roch, der ihn an jene Stelle unter dem Kehlkopf, zwischen den beiden Halssehnen erinnerte, auf die er sie nicht mehr zu küssen wagte, die er als Kind aber gern roch und streichelte, und die seltenen Male, da sie ihn auf ihren Schoß nahm und er so tat, als schliefe er ein, die Nase in dieser kleinen Kuhle, die den in seiner Kindheit allzu seltenen Duft der Zärtlichkeit für ihn hatte. Sie küßte ihn, und dann, nachdem sie ihn losgelassen hatte, sah sie ihn an und zog ihn wieder an sich, um ihn noch einmal zu küssen, als habe sie, nachdem sie in sich die ganze Liebe ermessen hatte, die sie für ihn hegen oder ihm gegenüber zum Ausdruck bringen konnte, entschieden, daß das Maß noch nicht voll war. »Mein Sohn«, sagte sie, »du warst weit weg.«40 Und dann, gleich darauf, abgewandt, ging sie in die Wohnung zurück, setzte sich ins Eßzimmer, das auf die Straße hinausging, und schien nicht mehr an ihn und übrigens auch an sonst nichts zu denken und sah ihn manchmal sogar mit einem seltsamen Ausdruck an, als sei er jetzt, oder zumindest hatte er den Eindruck, überflüssig und störe in dem engen, leeren, abgeschlossenen Universum, in dem sie sich einsam bewegte. An jenem Tag schien sie, nachdem er sich neben sie gesetzt hatte, überdies von einer Art Unruhe beseelt und schaute von Zeit zu Zeit mit ihren schönen dunklen und fiebrigen Augen verstohlen auf die Straße, die sich dann, wenn sie zu Jacques zurückkehrten, beruhigten.

Die Straße wurde lauter, und die schweren roten Straßenbahnen fuhren mit lautem Scheppern häufiger vorbei. Cormery betrachtete seine Mutter in ihrem grauen, von einem weißen Kragen aufgehellten Blüschen, die auf dem unbequemen Stuhl []41 , auf dem sie sich immer niederließ, seitlich vor dem Fenster saß, den Rücken ein wenig vom Alter gebeugt, aber ohne den Halt der Stuhllehne in Anspruch nehmen zu wollen, die Hände um ein kleines Taschentuch gefaltet, das sie hin und wieder mit ihren steifen Fingern zusammenknüllte und dann im Rockschoß zwischen ihren bewegungslosen Händen liegenließ, den Kopf etwas zur Straße gedreht. Sie war dieselbe wie dreißig Jahre zuvor, und unter den Falten fand er dasselbe auf wundersame Weise junge Gesicht mit den glatten, glänzenden, gleichsam in die Stirn eingelassenen Augenbrauenbögen, der geraden kleinen Nase, dem, trotz der um das Gebiß eingeschrumpften Winkel, noch schön gezeichneten Mund. Selbst der Hals, der so schnell verfällt, wahrte, trotz der knotig gewordenen Sehnen und des etwas erschlafften Kinns, seine Form.

»Du warst beim Friseur«, sagte Jacques. Sie lächelte wie ein ertapptes kleines Mädchen: »Ja, du weißt schon, wegen dir.« Sie war auf ihre Art immer kokett gewesen, fast unmerklich. Und so ärmlich sie auch angezogen gewesen war — Jacques konnte sich nicht erinnern, etwas Häßliches an ihr gesehen zu haben. Noch jetzt waren die Grau- und Schwarztöne, in denen sie sich kleidete, gut ausgewählt. Dies war ein der Familie eigener Geschmack, die immer notleidend oder arm oder manchmal, im Fall mancher Cousins, ein bißchen wohlhabend war. Aber alle, und besonders die Männer, legten wie alle Bewohner des Mittelmeerraums Wert auf weiße Hemden und auf Hosen mit Bügelfalte und fanden es selbstverständlich, daß diese wegen der Knappheit an Garderobe unaufhörliche Pflege noch zur Arbeit der Frauen — Mütter oder Ehefrauen — hinzukam. Was seine Mutter42 anging, so hatte sie immer gemeint, es genüge nicht, für andere zu waschen und zu putzen, und soweit Jacques sich überhaupt erinnern konnte, hatte er sie immer die einzige Hose seines Bruders oder seine bügeln sehen, bis er fortging und in der Welt der Frauen verschwand, die weder waschen noch bügeln. »Es ist der Italiener«, sagte seine Mutter, »der Friseur. Er arbeitet gut.« — »Ja«, sagte Jacques. Er wollte sagen: »Du bist sehr schön«, und hielt inne. Das hatte er immer von seiner Mutter gedacht und nie gewagt, es ihr zu sagen. Nicht, daß er fürchtete, zurückgewiesen zu werden, oder daß er zweifelte, ob ein solches Kompliment ihr Freude machen könnte. Sondern es wäre das Überschreiten einer unsichtbaren Schranke gewesen, hinter der er sie sein Leben lang verschanzt gesehen hatte — sanft, höflich, verbindlich, sogar passiv und dennoch von nichts und niemand eingenommen, isoliert in ihrer Halbtaubheit, mit ihren Sprachschwierigkeiten, zwar schön, aber nahezu unzugänglich, und desto unzugänglicher, je freundlicher sie war und je stärker sein Herz zu ihr hindrängte — ja, sein Leben lang hatte sie den gleichen furchtsamen, ergebenen und doch zurückhaltenden Ausdruck gehabt, den gleichen Blick, mit dem sie dreißig Jahre zuvor ohne einzugreifen mit ansah, wie ihre Mutter Jacques mit der Peitsche schlug, sie, die ihre Kinder nie angerührt, sie nie wirklich ausgeschimpft hatte, sie, bei der man keine Zweifel haben konnte, daß diese Schläge auch ihr furchtbar weh taten, sie, die es aber — wegen ihrer Müdigkeit, ihrer Schwäche im Ausdruck und der ihrer Mutter schuldigen Achtung vom Eingreifen abgehalten — geschehen ließ, es tagelang und jahrelang erduldete, das Schlagen ihrer Kinder erduldete, wie sie selbst den harten Arbeitstag im Dienste anderer erduldete, die auf Knien gescheuerten Parkettböden, das Leben ohne Mann und ohne Trost zwischen den fettigen Speiseresten und der schmutzigen Wäsche anderer, die langen Tage des Schuftens, die sich aneinanderfügten, um ein Leben zu bilden, das dadurch, daß es ohne Hoffnung war, auch ein Leben ohne jeden Groll wurde, ein unwissendes, eigensinniges und schließlich in alle Leiden, ihre eigenen und die anderer, ergebenes Leben. Er hatte sie nie klagen hören, außer daß sie müde war oder daß sie nach einer großen Wäsche Rückenschmerzen hatte. Er hatte sie nie über irgend jemanden Schlechtes sagen hören, außer, daß eine Schwester oder eine Tante nicht nett zu ihr gewesen oder »stolz« gewesen sei. Aber dafür hatte er sie selten von ganzem Herzen lachen hören. Jetzt, wo sie nicht mehr arbeitete, seit ihre Kinder für ihren Unterhalt aufkamen, lachte sie etwas häufiger. Jacques sah sich das Zimmer an, das sich auch nicht verändert hatte. Sie hatte aus dieser Wohnung, in der sie ihre Gewohnheiten hatte, aus diesem Viertel, wo alles leicht für sie war, nicht wegziehen wollen in ein anderes, bequemeres, in dem aber alles schwierig geworden wäre. Ja, es war dasselbe Zimmer. Man hatte die Möbel ausgewechselt, die jetzt anständig und weniger dürftig waren. Aber sie waren noch immer schmucklos und dicht an die Wand gestellt. »Du stöberst immer«, sagte seine Mutter. Ja, er mußte einfach die Anrichte öffnen, die immer, trotz all seiner Verweise, nur das Allernötigste enthielt und deren Kahlheit ihn faszinierte. Er öffnete auch die Schubladen des Serviertischs, in denen die zwei oder drei Medikamente, mit denen man sich in diesem Haushalt begnügte, verwahrt wurden, zusammen mit zwei oder drei alten Zeitungen, Bindfadenenden, einer kleinen Pappschachtel mit nicht zusammengehörenden Knöpfen, einem alten Paßfoto. Hier war selbst das Überflüssige arm, weil das Überflüssige nie benutzt wurde. Und Jacques wußte genau, daß seine Mutter, wäre sie in einem normalen Haushalt untergebracht, in dem die Gegenstände im Überfluß vorhanden waren, wie bei ihm zu Haus, nur eben das Allernötigste benutzen würde. Er wußte, daß er nebenan, im Schlafzimmer seiner Mutter, in dem ein kleiner Schrank, ein schmales Bett, ein Frisiertisch aus Holz und ein aus Stroh geflochtener Stuhl standen und vor dessen einzigem Fenster eine Häkelgardine hing, absolut keinen Gegenstand finden würde, außer dem zusammengerollten kleinen Taschentuch, das sie manchmal auf dem kahlen Holz des Frisiertischs liegenließ.

Was ihm aufgefallen war, als er andere Haushalte entdeckt hatte — ob die seiner Mitschüler vom Lycée oder später die einer wohlhabenderen Welt —, war gerade die Zahl von Vasen, Schalen, Statuetten, Bildern, mit denen die Zimmer vollgestopft waren. Bei ihm zu Hause sagte man »die Vase, die auf dem Kamin steht«, der Topf, die tiefen Teller, und die wenigen Gegenstände, die zu finden waren, hatten keinen Namen. Bei seinem Onkel hingegen ließ man das geflammte Steingut aus den Vogesen bewundern, aß man von dem Service aus Quimper. Er war immer inmitten einer Armut aufgewachsen, die so nackt war wie der Tod, unter Gattungsnamen; bei seinem Onkel entdeckte er die Eigennamen. Und noch heute war in dem Zimmer mit dem frisch geputzten Fliesenboden auf den schlichten, glänzenden Möbeln nichts, außer auf dem Serviertisch einem arabischen Aschenbecher aus getriebenem Kupfer, vorsorglich für ihn, und an der Wand einem Kalender der Post. Es gab hier nichts zu sehen und wenig zu sagen, und deshalb wußte er nichts von seiner Mutter, abgesehen von dem, was er selbst von ihr kannte. Und nichts von seinem Vater.

»Papa?« Sie sah ihn an und wurde aufmerksam.43

»Ja,«

» Er hieß Henri und wie noch?«

»Weiß ich nicht.«

»Hatte er keine anderen Namen?«

»Ich glaube, aber ich weiß nicht mehr.«

Plötzlich zerstreut, sah sie auf die Straße, auf die die Sonne jetzt mit voller Wucht knallte.

»Sah er mir ähnlich?«

»Ja, wie aus dem Gesicht geschnitten. Er hatte helle Augen. Und dieselbe Stirn wie du.«

»In welchem Jahr ist er geboren?«

»Weiß ich nicht. Ich war vier Jahre älter als er.«

»Und du, in welchem Jahr?«

»Weiß ich nicht. Sieh im Familienbuch nach.«

Jacques ging ins Schlafzimmer und öffnete den Schrank. Zwischen den Handtüchern auf der oberen Ablage war das Familienstammbuch, das Pensionsbuch und einige alte Papiere auf spanisch. Er kam mit den Dokumenten zurück.

»Er ist 1885 geboren und du 1882. Du warst drei Jahre älter als er.«

»Ach, ich dachte vier. Ist lange her.«

»Du hast mir gesagt, er hätte sehr früh seinen Vater und seine Mutter verloren und seine Brüder hätten ihn ins Waisenhaus gebracht.«

»Ja. Seine Schwester auch.«

»Hatten seine Eltern einen Bauernhof?«

»Ja. Das waren Elsässer.«

»In Ouled-Fayet.«

»Ja. Und wir in Cheraga. Das ist ganz nah.«

»In welchem Alter hat er seine Eltern verloren?«

»Weiß ich nicht. Oh, er war jung! Seine Schwester hat ihn im Stich gelassen. Das ist nicht gut. Er wollte sie nicht mehr sehen.«

»Wie alt war seine Schwester?«

»Weiß ich nicht.«

»Und seine Brüder? War er der Jüngste?«

»Nein. Der Zweitälteste.«

»Dann waren seine Brüder ja zu jung, um sich um ihn zu kümmern.«

»Ja. Stimmt.«

»Dann war es nicht ihre Schuld.«

»Doch, er nahm es ihnen übel. Nach dem Waisenhaus, mit sechzehn, ist er wieder auf den Bauernhof seiner Schwester gegangen. Er mußte zuviel arbeiten. Das war zuviel.«

»Er ist nach Cheraga gekommen.«

»Ja. Zu uns.«

»Und da hast du ihn kennengelernt?«

»Ja.«

Sie wandte den Kopf wieder zur Straße, und er fühlte sich ohnmächtig, auf dieser Spur weiterzufragen. Aber sie selbst schlug eine andere Richtung ein.

»Er konnte nicht lesen, weißt du. Im Waisenhaus hat man nichts gelernt.«

»Du hast mir aber doch Karten gezeigt, die er dir aus dem Krieg geschickt hat.«

»Ja, er hat es von Monsieur Classiault gelernt.«

» Bei Ricome.«

»Ja. Monsieur Classiault war der Chef. Er hat ihm Lesen und Schreiben beigebracht.«

»Wie alt war er da?«

»Zwanzig, glaube ich. Ich weiß nicht. Ist lange her, das alles. Aber als wir geheiratet haben, hatte er die Weine gut gelernt und konnte überall arbeiten. Er hatte Köpfchen.«

Sie sah ihn an.

»Wie du.«

»Und dann?«

»Dann? Ist dein Bruder angekommen. Dein Vater hat für Ricome gearbeitet, und Ricome hat ihn auf seinen Hof in Saint-Lapôtre geschickt.«

»Saint-Apôtre?«

»Ja. Und dann kam der Krieg. Er ist gestorben. Man hat mir den Granatsplitter geschickt.«

Der Granatsplitter, der den Kopf seines Vaters aufgerissen hatte, war in einer kleinen Keksdose hinter denselben Handtüchern in demselben Schrank zusammen mit den an der Front geschriebenen Karten, die er in ihrer Sprödigkeit und Kürze auswendig aufsagen konnte. »Meine liebe Lucie. Es geht mir gut. Wir wechseln morgen das Quartier. Paß gut auf die Kinder auf. Ich küsse dich. Dein Mann.«

Ja, tief in derselben Nacht, in der er während jenes Umzugs geboren worden war, ein Emigrant, ein Kind von Emigranten, richtete Europa bereits seine Kanonen aus, die einige Monate später alle zusammen losgehen und die Cormerys aus Saint-Apôtre vertreiben sollten, ihn zu seinem Armeekorps in Algier, sie in die kleine Wohnung ihrer Mutter in der armseligen Vorstadt, mit dem von der Pockenimpfung geschwollenen Kind auf dem Arm. »Machen Sie keine Umstände, Mutter. Wenn Henri wiederkommt, gehen wir wieder zurück.« Und die Großmutter, kerzengerade, das weiße Haar straff nach hinten, mit hellen, harten Augen: »Tochter, du wirst arbeiten müssen.«

»Er war bei den Zuaven.«

»Ja. Er hat den Marokkokrieg mitgemacht.«

Richtig. Das hatte er vergessen. 1905 war sein Vater zwanzig. Er hatte, wie es heißt, aktiven Dienst gegen die Marokkaner gemacht.44 Jacques erinnerte sich an das, was der Rektor der Schule ihm gesagt hatte, als er ihn vor ein paar Jahren in Algier auf der Straße getroffen hatte. Monsieur Levesque war zur selben Zeit wie sein Vater einberufen worden. Aber er war nur einen Monat in derselben Einheit geblieben. Ihm zufolge hatte er Cormery nicht gut gekannt, denn dieser sprach wenig. Ein Arbeitspferd, schweigsam, aber umgänglich und gerecht. Ein einziges Mal schien Cormery außer sich gewesen zu sein. Es war nachts, nach einem glühendheißen Tag, in jener Ecke des Atlas, wo der Trupp im Schutze eines felsigen Engpasses auf der Spitze eines kleinen Hügels kampierte. Cormery und Levesque sollten die Wache unten am Engpaß ablösen. Niemand hatte auf ihre Rufe geantwortet. Und am Fuß einer Opuntienhecke hatten sie ihren Kameraden mit zurückgelegtem, sonderbar zum Mond verrenktem Kopf gefunden. Und zuerst hatten sie sein Gesicht nicht erkannt, das eine seltsame Form hatte. Aber es war ganz einfach. Ihm war die Kehle durchgeschnitten worden, und diese fahle Geschwulst in seinem Mund war sein ganzes Geschlechtsteil. Da hatten sie den Körper mit den gespreizten Beinen, der aufgerissenen Zuavenhose gesehen und in der Mitte des Risses, im diesmal indirekten Mondschein, diese morastige Lache.45 Hundert Meter weiter, diesmal hinter einem großen Felsen, war der zweite Wachposten in derselben Weise zugerichtet worden. Man hatte Alarm gegeben, die Posten verdoppelt. Im Morgengrauen, als sie wieder ins Lager hinaufgingen, hatte Cormery gesagt, die anderen seien keine Menschen. Levesque, der überlegte, hatte erwidert, daß für sie Menschen so handeln müßten, daß man in ihrem Land wäre und daß sie alle Mittel anwendeten. Cormery hatte seine sture Miene aufgesetzt. »Vielleicht. Aber sie haben unrecht. Ein Mensch macht so was nicht.« Levesque hatte gesagt, daß für sie unter bestimmten Umständen ein Mensch sich alles herausnehmen und [alles zerstören] muß. Aber Cormery hatte geschrien, als hätte er einen Tobsuchtsanfall: »Nein, ein Mensch, der hält sich im Zaum. Genau das ist ein Mensch, oder sonst …« Und dann hatte er sich beruhigt. »Ich«, hatte er gedämpft gesagt, »ich bin arm, ich komme aus dem Waisenhaus, man steckt mich in diese Kluft, man zerrt mich in den Krieg, aber ich halte mich im Zaum.« — »Es gibt Franzosen, die sich nicht im Zaum halten«, hatte Levesque [gesagt]. — »Dann sind sie auch keine Menschen.«

Und plötzlich schrie er: »Hundsgemeines Volk! Was für ein Volk! Alle, alle …«

Und er war leichenblaß in sein Zelt gekrochen.

Als er darüber nachdachte, wurde Jacques klar, daß er von diesem jetzt aus den Augen verlorenen alten Lehrer am meisten über seinen Vater erfahren hatte. Aber nicht mehr, außer in Einzelheiten, als das, was das Schweigen seiner Mutter ihn hatte erraten lassen. Ein harter, bitterer Mann, der sein Leben lang gearbeitet, auf Befehl getötet und alles akzeptiert hatte, was sich nicht umgehen ließ, der sich aber irgendwo in seinem Innern weigerte, einbezogen zu werden. Ein armer Mann, kurz gesagt. Armut wird zwar nicht gewählt, aber sie kann beibehalten werden. Und er versuchte, sich den Mann anhand des wenigen, was er von seiner Mutter wußte, neun Jahre später vorzustellen, verheiratet, Vater zweier Kinder, der eine etwas bessere Situation erreicht hat und zur Mobilmachung46 nach Algier einberufen wird, die lange Nachtfahrt mit der geduldigen Frau und den unerträglichen Kindern, die Trennung am Bahnhof und dann, drei Tage später, die kleine Wohnung in Belcourt, sein unerwartetes Kommen in der schönen rot-blauen Zuaventracht mit Pumphosen, unter dem dicken Wollstoff schweißgebadet in der Juli47 hitze, den Strohhut in der Hand, weil er weder eine Chechia noch einen Helm hatte, nachdem er heimlich den Sammelplatz unter den Gewölben der Quais verlassen hatte und gelaufen war, um seine Kinder und seine Frau zu küssen, ehe er am Abend nach Frankreich, das er nie gesehen hatte48 , eingeschifft wurde, auf das Meer, das ihn nie getragen hatte, und er hatte sie fest und kurz geküßt und war wieder losgerannt, und die Frau auf dem kleinen Balkon hatte ihm nachgewinkt, worauf er im vollen Lauf zurückgewinkt hatte, indem er sich umdrehte, um den Strohhut zu schwenken, bevor er weiter die von Staub und Hitze graue Straße entlanglief und vor dem Kino weiter hinten im blendenden Morgenlicht verschwand, um nie wiederzukommen. Das übrige mußte er sich ausdenken. Nicht aus dem, was seine Mutter ihm sagen konnte, die nicht die geringste Vorstellung von Geschichte oder Geographie haben konnte, die nur wußte, daß sie auf einem Festland am Meer lebte, daß Frankreich jenseits dieses Meeres war, auf dem auch sie nie gefahren war, wobei Frankreich übrigens ein in unklarem Dunkel verlorener verschwommener Ort war, den man über einen Hafen namens Marseille erreichte, den sie sich wie den Hafen von Algier vorstellte, wo eine Stadt erstrahlte, von der man sagte, sie sei sehr schön, und die Paris hieß, wo es schließlich eine Elsaß genannte Gegend gab, woher die Eltern ihres Mannes kamen, die, es war lange her, vor Feinden, die Deutsche hießen, geflohen waren, um sich in Algerien niederzulassen, eine Gegend, die man denselben Feinden wieder wegnehmen mußte, die immer böse und grausam gewesen waren, insbesondere zu den Franzosen, und ohne jeden Grund. Die Franzosen waren immer gezwungen, sich gegen diese streitsüchtigen und erbarmungslosen Menschen zu verteidigen. Es war dort, neben Spanien, dessen Lage sie nicht angeben konnte, das aber jedenfalls nicht weit entfernt war, von wo ihre Eltern, Menorquiner, vor ebenso langer Zeit wie die Eltern ihres Mannes fort nach Algerien gegangen waren, weil sie auf Menorca verhungerten, von dem sie nicht einmal wußte, daß es eine Insel war, ja übrigens nicht einmal wußte, was eine Insel war, weil sie nie eine gesehen hatte. Die Namen der anderen Länder beeindruckten sie manchmal, ohne daß sie sie immer richtig aussprechen konnte. Jedenfalls hatte sie nie etwas von Österreich-Ungarn oder von Serbien gehört, Rußland war wie England ein schwieriger Name, sie wußte nicht, was ein Erzherzog war, und hätte niemals die vier Silben von Sarajewo bilden können. Der Krieg war da, wie eine von dunklen Drohungen geschwollene häßliche Wolke, die man aber ebensowenig daran hindern konnte, den Himmel zu überziehen, wie das Kommen der Heuschrecken zu verhindern war oder die verheerenden Gewitter, die über die algerischen Hochebenen hereinbrachen. Die Deutschen zwangen Frankreich wieder einmal zum Krieg, und man würde leiden — es gab keine Gründe dafür, sie kannte weder die Geschichte Frankreichs, noch wußte sie, was Geschichte war. Sie kannte ein bißchen ihre eigene und gerade eben die derer, die sie liebte, und die, die sie liebte, mußten leiden wie sie selbst. Zu der Finsternis der Welt, die sie sich nicht vorstellen konnte, und der Geschichte, die sie nicht kannte, hatte sich lediglich eine noch dunklere Finsternis hinzugesellt, geheimnisvolle Befehle waren angekommen, von einem schwitzenden, erschöpften Gendarmen mitten ins Dorf gebracht, und sie hatten den Hof verlassen müssen, wo schon die Weinlese vorbereitet wurde — der Pfarrer war zur Abfahrt der Mobilisierten am Bahnhof von Böne: »Wir müssen beten«, hatte er ihr gesagt, und sie hatte geantwortet: »Ja, Herr Pfarrer«, aber in Wirklichkeit hatte sie ihn nicht verstanden, denn er hatte nicht laut genug gesprochen, und außerdem wäre sie nicht auf den Gedanken gekommen zu beten, sie hatte nie jemanden bemühen wollen —, und ihr Mann war jetzt in seiner schönen bunten Tracht weggefahren, er würde bald wiederkommen, das sagten alle, die Deutschen würden bestraft, aber inzwischen mußte sie Arbeit finden. Glücklicherweise hatte ein Nachbar der Großmutter gesagt, daß in der Munitionsherstellung des Militärarsenals Frauen gebraucht würden und die Frauen von Mobilisierten vorgezogen würden, besonders wenn sie Familie hatten, und sie würde das Glück haben, in zehnstündiger Arbeit kleine Pappröhren nach ihrer Dicke und Farbe zu ordnen, sie konnte der Großmutter Geld nach Hause bringen, die Kinder würden zu essen haben, bis die Deutschen bestraft waren und Henri zurückkam. Natürlich wußte sie weder, daß es eine russische Front gab, noch was eine Front war, noch daß der Krieg sich auf den Balkan, den Mittleren Osten, den Planeten ausbreiten konnte, alles geschah in Frankreich, wo die Deutschen ohne Warnung und sich an den Kindern vergreifend eingerückt waren. Alles geschah nämlich dort, wo die Truppen aus Afrika und unter ihnen H. Cormery, so schnell wie möglich, so wie sie waren, hintransportiert worden waren, in eine geheimnisvolle Region, von der man sprach, der Marne, und man hatte keine Zeit gehabt, Helme für sie zu beschaffen, die Sonne war nicht stark genug, um wie in Algerien die Farben zu tilgen, so daß Wellen von grell und fesch gekleideten arabischen und französischen Algeriern mit Strohhüten auf dem Kopf als rot-blaue Zielscheiben, die man Hunderte Meter weiter sehen konnte, zuhauf ins Feuer vorrückten, zuhauf vernichtet wurden und ein begrenztes Gelände zu düngen begannen, an das sich vier Jahre lang in Löcher geduckte Männer aus der ganzen Welt Meter um Meter klammern würden, unter einem von Leuchtgranaten, von wimmernden Granaten strotzenden Himmel, während die großen Minensperren einen donnernden Lärm machten und die vergeblichen Sturmläufe ankündigten.49 Vorläufig aber gab es kein Loch, nur die Truppen aus Afrika, die unter dem Feuer schmolzen wie bunte Puppen, und jeden Tag wurden in allen Ecken von Algerien Hunderte Waisenkinder geboren, arabische und französische, Söhne und Töchter ohne Vater, die dann würden lernen müssen, ohne Unterrichtung und ohne Erbe zu leben. Ein paar Wochen, und dann, eines Sonntagmorgens, saßen Lucie Cormery und ihre Mutter auf zwei niedrigen Stühlen innen auf dem kleinen Vorplatz des einzigen Stockwerks, zwischen der Treppe und den beiden lichtlosen Aborten, auf türkische Art im Mauerwerk ausgesparten schwarzen Löchern, die ständig mit Lysol gereinigt wurden und ständig stanken, und verlasen unter dem Oberlicht über der Treppe Linsen, und das Baby in einem kleinen Wäschekorb lutschte eine von ihm vollgesabberte Möhre, als ein ernster, gutgekleideter Herr mit einer Art Briefumschlag auf der Treppe aufgetaucht war. Die beiden überraschten Frauen hatten die Teller abgestellt, in die sie die Linsen verlasen, die sie aus einem Topf zwischen sich nahmen, und wischten sich die Hände ab, als der Herr, der auf der vorletzten Stufe stehengeblieben war und sie gebeten hatte, nicht aufzustehen, nach Madame Cormery gefragt hatte. »Das ist sie«, hatte die Großmutter gesagt, »ich bin ihre Mutter.« Und der Herr hatte gesagt, er sei der Bürgermeister, er bringe eine schmerzliche Nachricht, ihr Mann sei auf dem Feld der Ehre gefallen, und Frankreich, das ihn zusammen mit ihr beweine, sei stolz auf ihn. Lucie Cormery hatte ihn nicht verstanden, war aber aufgestanden und reichte ihm sehr respektvoll die Hand, die Großmutter hatte sich, die Hand auf dem Mund, aufgerichtet und wiederholte »mein Gott« auf spanisch. Der Herr hatte Lucies Hand in der seinen gehalten, hatte sie dann noch zwischen seinen beiden Händen gedrückt, hatte Trostworte gemurmelt und ihr dann seinen Umschlag gegeben und war mit schwerem Schritt die Treppe hinuntergegangen. »Was hat er gesagt?« hatte Lucie gefragt. — »Henri ist tot. Er wurde getötet.« Lucie sah den Umschlag an, den sie nicht öffnete, weder sie noch ihre Mutter konnten lesen, sie drehte ihn ohne ein Wort, ohne eine Träne um, unfähig, sich diesen so fernen Tod tief in einem unbekannten Dunkel vorzustellen. Und dann hatte sie den Umschlag in die Tasche ihrer Küchenschürze gesteckt, war, ohne es anzusehen, an dem Kind vorbei in ihr Zimmer gegangen, das sie mit ihren beiden Kindern teilte, hatte die Tür und die Jalousien vor dem Fenster zum Hof geschlossen und hatte sich auf ihr Bett gelegt, wo sie stundenlang stumm und ohne Tränen den Umschlag, den sie nicht lesen konnte, in ihrer Tasche festhielt und im Dunkeln das Unglück anblickte, das sie nicht begriff.50

______________

» Mama«, sagte Jacques.

Sie schaute noch immer genauso auf die Straße und hörte ihn nicht. Er berührte ihren faltigen, dünnen Arm, und sie wandte sich lächelnd zu ihm hin.

» Die Karten von Papa, weißt du, die aus dem Hospital.«

»Ja.«

»Hast du sie nach dem Bürgermeister bekommen?«

»Ja.«

Ein Granatsplitter hatte ihm den Kopf aufgerissen, und er war in einem dieser von Blut, Stroh und Verbänden triefenden Sanitätszüge abtransportiert worden, die zwischen dem Gemetzel und den Feldlazaretten in Saint-Brieuc pendelten. Dort hatte er aufs Geratewohl, denn er konnte nicht mehr sehen, zwei Karten geschrieben. »Ich bin verwundet. Es ist nicht schlimm. Dein Mann.« Und dann war er nach ein paar Tagen gestorben. Die Krankenschwester hatte geschrieben: »Es ist besser so. Er wäre blind geblieben oder verrückt. Er war sehr tapfer.« Und dann der Granatsplitter.

Eine Patrouille von bewaffneten Fallschirmjägern ging unten auf der Straße nach allen Seiten Ausschau haltend im Gänsemarsch vorbei. Einer von ihnen war schwarz, groß und geschmeidig, wie ein prächtiges Tier in seiner gefleckten Haut.

»Das ist wegen der Räuber«, sagte sie. »Dann bin ich froh, daß du zu seinem Grab gefahren bist. Ich bin dazu zu alt, und außerdem ist es weit. Ist es schön?«

»Was, das Grab?«

»Ja,«

» Es ist schön. Mit Blumen darauf.«

»Ja. Die Franzosen sind sehr anständig.«

Sie sagte es und glaubte es, aber ohne noch an ihren Mann zu denken, der jetzt vergessen war, und mit ihm das Unglück von einst. Und nichts war mehr übrig, weder in ihr noch in diesem Haus, von diesem von einem weltweiten Feuer verschlungenen Mann, von dem nur eine Erinnerung blieb, so staubfein wie die Asche des Flügels eines in einem Waldbrand verbrannten Schmetterlings.

»Das Ragout brennt gleich an, warte.«

51Sie war aufgestanden, um in die Küche zu gehen, und er hatte ihren Platz eingenommen und schaute nun seinerseits auf die seit so vielen Jahren unveränderte Straße mit denselben Geschäften in von der Sonne verblaßten und abgeblätterten Farben. Nur der Tabakhändler gegenüber hatte lange bunte Plastikriemen anstelle seines Vorhangs aus hohlen Schilfröhrchen, dessen eigentümliches Geräusch Jacques noch hörte, wenn er ihn durchquerte, um in den köstlichen Geruch nach Gedrucktem und nach Tabak einzudringen und den Intrépide zu kaufen, in dem er sich an Geschichten von Mut und Ehre berauschte. In der Straße herrschte jetzt die Belebtheit des Sonntagmorgens. Die Arbeiter in ihren frisch gewaschenen und gebügelten Hemden schlenderten plaudernd auf die drei oder vier Cafés zu, die nach kühlem Schatten und Anis rochen. Araber gingen vorbei, auch sie arm, aber sauber gekleidet, mit ihren immer verschleierten, aber Schuhe mit hohen Absätzen tragenden Frauen. Manchmal gingen ganze Familien von derart sonntäglich herausgeputzten Arabern vorbei. Eine zog drei Kinder hinter sich her, von denen eines als Fallschirmspringer verkleidet war. Und gerade ging die Patrouille von Fallschirmjägern wieder vorbei, entspannt und scheinbar gleichgültig. In dem Moment, als Lucie Cormery ins Zimmer trat, dröhnte die Explosion.

Sie schien ganz nah, ungeheuer stark und hörte nicht mehr auf weiterzubeben. Es schien, daß man sie schon eine ganze Weile nicht mehr hörte, und die Glühbirne im Eßzimmer vibrierte noch in der Glasmuschel, die als Deckenleuchte diente. Seine Mutter war bleich, die schwarzen Augen von einem Schrecken erfüllt, den sie nicht beherrschen konnte, ein wenig schwankend hinten ins Zimmer zurückgewichen. »Das ist hier. Das ist hier«, sagte sie. — »Nein«, sagte Jacques und lief zum Fenster. Leute rannten, er wußte nicht, wohin; eine Araberfamilie war, die Kinder zur Eile treibend, bei dem Kurzwarenhändler gegenüber eingetreten, und der Kurzwarenhändler nahm sie auf, zog außen den Türgriff ab, schloß die Tür und blieb hinter der Scheibe stehen, um die Straße zu überwachen. In dem Moment kam die Fallschirmspringerpatrouille ganz außer Atem in die andere Richtung rennend wieder an. Autos fuhren schleunigst an den Bürgersteig und hielten an. In wenigen Sekunden hatte sich die Straße geleert. Aber als Jacques sich vorbeugte, konnte er weiter weg, zwischen dem Musset-Kino und der Straßenbahnhaltestelle, ein großes Menschengedränge sehen. »Ich gehe nachsehen«, sagte er.

An der Ecke der Rue Prévost-Paradol52 53 brüllte eine Gruppe von Männern. »Dieses hundsgemeine Volk«, sagte ein kleiner Arbeiter in einem Trikot an die Adresse eines Arabers, der sich in eine Toreinfahrt neben dem Café drückte. Und er ging auf ihn zu. »Ich habe nichts getan«, sagte der Araber. — » Ihr steckt alle unter einer Decke, ihr feigen Säcke«, und er wollte auf ihn losgehen. Die anderen hielten ihn zurück. Jacques sagte zu dem Araber: »Kommen Sie mit« und ging mit ihm in das Café, das jetzt von Jean, seinem Freund aus Kindertagen, dem Sohn des Friseurs, betrieben wurde. Jean war da, derselbe, aber mit Falten, klein und schlank, mit verschmitztem, aufmerksamem Gesicht. » Er hat nichts getan«, sagte Jacques. »Bring ihn zu dir rein.« Jean sah den Araber an, während er seine Theke abwischte. »Komm«, sagte er, und sie verschwanden nach hinten.

Als Jacques wieder herauskam, sah der Arbeiter ihn schief an. »Er hat nichts getan«, sagte Jacques. — »Man muß sie alle umbringen.« — »Das sagt man so in der Wut. Denk mal nach.« Der andere zuckte die Achseln: »Geh hin, und wenn du den Brei gesehen hast, kannst du reden.« Rasch, drängend wurden Klingeln von Krankenwagen lauter. Jacques lief zur Straßenbahnhaltestelle. Die Bombe war in dem Strommast explodiert, der neben der Haltestelle stand. Und es waren viele Leute, alle im Sonntagsstaat, die auf die Straßenbahn warteten. Das kleine Café, das sich dort befand, war von Gebrüll erfüllt, von dem man nicht wußte, ob es Wut und54 Leiden war. Er hatte sich zu seiner Mutter umgedreht. Sie stand jetzt ganz gerade und war ganz weiß. »Setz dich«, und er führte sie zu dem Stuhl ganz nah am Tisch. Er setzte sich neben sie und hielt ihre Hände. »Zweimal diese Woche«, sagte sie. »Ich habe Angst, aus dem Haus zu gehen.« — »Es ist nicht schlimm«, sagte Jacques, »das wird schon aufhören.« — »Ja«, sagte sie. Sie sah ihn seltsam unentschieden an, so als wäre sie hin- und hergerissen zwischen dem Glauben an die Intelligenz ihres Sohnes und der Gewißheit, daß das ganze Leben aus Unglück bestand, gegen das man nichts tun und das man nur erdulden konnte. »Verstehst du«, sagte sie, »ich bin alt. Ich kann nicht mehr laufen.« Das Blut kehrte jetzt in ihre Wangen zurück. In der Ferne hörte man, rasch, drängend, Klingeln von Krankenwagen. Aber sie hörte sie nicht. Sie atmete tief, beruhigte sich noch etwas mehr und lächelte ihren Sohn mit ihrem schönen, tapferen Lächeln an. Sie war wie ihre ganze Sippe in der Gefahr aufgewachsen, und die Gefahr konnte sie noch so sehr bedrücken, sie hielt sie aus wie alles übrige. Er hingegen konnte dieses Spitze Gesicht einer mit dem Tod Ringenden nicht aushalten, das sie plötzlich gehabt hatte. »Komm mit mir nach Frankreich«, sagte er, aber sie schüttelte mit entschiedener Traurigkeit den Kopf: »O nein, da ist es kalt. Jetzt bin ich zu alt. Ich will hier bei uns bleiben.«

Die Familie

»Oh, ich bin froh, wenn du da bist«, sagte seine Mutter. »Aber komm abends, damit ich mich weniger langweile. Abends ganz besonders, im Winter wird es früh dunkel. Wenn ich wenigstens lesen könnte. Ich kann bei Licht auch nicht stricken, die Augen tun mir weh. Wenn Etienne nicht da ist, lege ich mich hin und warte auf die Zeit zum Essen. Das ist lang, zwei Stunden so. Wenn die Kleinen bei mir wären, würde ich mit ihnen reden. Aber sie kommen und gehen gleich wieder. Ich bin zu alt. Vielleicht rieche ich schlecht. Jedenfalls so und ganz alleine …«

Sie redete in einem Zug, in einfachen kleinen Sätzen, die sich aneinanderreihten, als entleere sie sich von ihrem bis dahin stummen Denken. Und dann, wenn das Denken versiegt war, verstummte sie wieder und betrachtete mit zusammengepreßtem Mund, sanftem und stumpfem Blick durch die geschlossenen Jalousien des Eßzimmers das erstickende Licht, das von der Straße aufstieg, immer auf demselben Platz, auf demselben unbequemen Stuhl, und ihr Sohn lief wie früher um den Tisch in der Mitte.55

Sie sieht ihm wieder zu, wie er um den Tisch herumläuft.56

»Solferino ist schön.«

»Ja, es ist sauber. Aber es hat sich bestimmt verändert, seit du da warst.«

»Ja, es verändert sich.«

»Der Doktor läßt dich schön grüßen. Erinnerst du dich an ihn?«

»Nein, das ist lange her.«

»Niemand erinnert sich an Papa.«

»Wir sind nicht lange da gewesen. Und außerdem redete er nicht viel.«

»Mama?«

Sie sah ihn mit ihrem zerstreuten, sanften Blick an, ohne zu lächeln.

»Ich dachte, Papa und du, ihr hättet nie zusammen in Algier gewohnt.«

»Nein, nein.«

»Hast du mich verstanden?«

Sie hatte nicht verstanden, er erriet es an ihrem etwas erschreckten Ausdruck, als entschuldige sie sich, und er wiederholte seine Frage deutlich artikulierend:

»Habt ihr nie zusammen in Algier gewohnt?«

»Nein«, sagte sie.

»Ja aber, als Papa zugeschaut hat, wie Pirette der Kopf abgeschlagen wurde.«

Er schlug sich mit der Handkante an den Hals, um sich verständlich zu machen. Aber sie antwortete sofort:

»Ja, er ist um drei Uhr aufgestanden, um nach Barberousse zu fahren.«

»Dann wart ihr also in Algier?«

»Ja.«

»Wann denn?«

»Weiß ich nicht. Er arbeitete bei Ricome.«

»Bevor ihr nach Solférino gezogen seid?«

»Ja.«

Sie sagte ja, vielleicht war es nein, er mußte durch eine verfinsterte Erinnerung in der Zeit zurückgehen. Schon die Erinnerung der Armen wird weniger genährt als die der Reichen, sie hat weniger Anhaltspunkte im Raum, denn sie verlassen selten den Ort, an dem sie leben, auch weniger Anhaltspunkte in der Zeit eines eintönigen grauen Lebens. Gewiß, es gibt die Erinnerung des Herzens, von der es heißt, sie sei die sicherste, aber das Herz nutzt sich in Not und Arbeit ab, es vergißt unter der Last der Anstrengungen schneller. Die verlorene Zeit wird nur bei den Reichen wiedergefunden. Für die Armen verzeichnet sie nur die undeutlichen Spuren des Weges zum Tode. Außerdem darf man sich, um es auszuhalten, nicht allzuviel erinnern, man mußte sich ganz dicht an die Tage halten, Stunde auf Stunde, wie seine Mutter es tat, etwas gezwungenermaßen wahrscheinlich, denn nach dieser Kinderkrankheit (und zwar der Großmutter zufolge einer typhusähnlichen Erkrankung. Aber eine typhusähnliche Erkrankung hinterläßt keine derartigen Nachwirkungen. Typhus vielleicht. Oder was? Auch da wieder Dunkel), denn nach dieser Kinderkrankheit war sie taub und sprechbehindert und hatte dann nicht einmal das lernen können, was man den Benachteiligtsten beibringt, und war also zur stummen Resignation gezwungen, aber das war auch die einzige Art, auf die sie gekommen war, sich dem Leben zu stellen, und was konnte sie anderes tun, wer wäre an ihrer Stelle auf etwas anderes gekommen? Er hätte es gern gehabt, daß sie sich dafür begeisterte, ihm einen vor vierzig Jahren gestorbenen Mann zu beschreiben, dessen Leben sie fünf Jahre geteilt hatte (und hatte sie es wirklich geteilt?). Sie konnte es nicht, er war nicht einmal sicher, ob sie diesen Mann leidenschaftlich geliebt hatte, und jedenfalls konnte er sie nicht fragen, er war ihr gegenüber auf seine Weise auch stumm und behindert, eigentlich wollte er nicht einmal wissen, was zwischen ihnen gewesen war, und er mußte es aufgeben, etwas von ihr zu erfahren. Selbst jenes Detail, das ihn als Kind so stark beeindruckt hatte, das ihn sein Leben lang bis in seine Träume verfolgt hatte: sein Vater, der um drei Uhr aufgestanden war, um der Hinrichtung eines berühmten Verbrechers beizuwohnen, selbst das hatte er von seiner Großmutter erfahren. Pirette war Landarbeiter auf einem Hof im Sahel, unweit von Algier. Er hatte seine Herrschaft und die drei Kinder der Familie mit dem Hammer erschlagen. »Um zu stehlen?« hatte Jacques als Kind gefragt. »Ja«, hatte Onkel Étienne gesagt. »Nein«, hatte die Großmutter gesagt, aber ohne weitere Erklärungen zu geben. Man hatte die entstellten Leichen, das bis zur Decke mit Blut bespritzte Haus und unter einem Bett das jüngste Kind gefunden, das noch atmete und ebenfalls sterben sollte, das aber noch die Kraft gefunden hatte, mit seinem in Blut getauchten Finger an die weißgekalkte Wand zu schreiben: »Es war Pirette.« Man hatte den Mörder verfolgt und hatte ihn stumpfsinnig auf freiem Feld gefunden. Die entsetzte Öffentlichkeit forderte die Todesstrafe, zu der man ihn nur zu gern verurteilte, und die Hinrichtung spielte sich in Anwesenheit einer beträchtlichen Menschenmenge vor dem Gefängnis von Barberousse in Algier ab. Jaeques’ Vater war nachts aufgestanden und losgegangen, um der exemplarischen Bestrafung eines Verbrechens beizuwohnen, das ihn, der Großmutter zufolge, entrüstet hatte. Aber man erfuhr nie, was geschehen war. Die Hinrichtung war anscheinend ohne Zwischenfall vonstatten gegangen. Aber Jacques’ Vater war aschfahl zurückgekommen, hatte sich hingelegt, war aufgestanden, um sich mehrmals zu übergeben, hatte sich wieder hingelegt. Danach hatte er nie wieder über das, was er gesehen hatte, sprechen wollen. Und an dem Abend, als er, Jacques selbst, diese Geschichte hörte, kam ihm, zusammengekauert an der Bettkante liegend, damit er seinen Bruder nicht berührte, mit dem er zusammen schlief, ein Brechreiz des Entsetzens hoch, wenn er noch einmal die Einzelheiten wachrief, die man ihm erzählt hatte und die, die er sich ausmalte. Und sein Leben lang hatten ihn diese Bilder bis in seine Träume verfolgt, in denen von Zeit zu Zeit, aber regelmäßig ein vorrangiger Alptraum wiederkehrte, in seinen Formen verschiedenartig, aber mit einem einzigen Thema: man kam ihn, Jacques, abholen, um ihn hinzurichten. Und beim Aufwachen hatte er lange seine Angst und Beklemmung abgeschüttelt und mit Erleichterung die gute Realität wiedergefunden, in der absolut keine Aussicht bestand, daß er hingerichtet würde. Bis, als er das Mannesalter erreicht hatte, die Geschichte um ihn herum so geworden war, daß eine Hinrichtung durchaus zu den Ereignissen gehörte, mit denen zu rechnen nicht unwahrscheinlich war, und die Realität erleichterte nicht mehr von den Träumen, sondern wurde im Gegenteil sehr [präzise] Jahre hindurch von der gleichen Beklemmung genährt, die seinen Vater gequält hatte und die er ihm als einziges offensichtliches und gewisses Erbe hinterlassen hatte. Aber es war ein geheimnisvolles Band, das ihn mit dem Toten von Saint-Brieuc verband (der selbst schließlich auch nicht gedacht hatte, daß er eines gewaltsamen Todes sterben könnte), über seine Mutter hinweg, die von dieser Geschichte gewußt hatte, das Erbrechen gesehen und jenen Morgen vergessen hatte, so wie sie nicht wußte, daß die Zeiten sich geändert hatten. Für sie war es immer dieselbe Zeit, aus der das Unglück jederzeit ohne Vorwarnung hervorkommen konnte.

Was die Großmutter57 anging, so hatte sie eine richtigere Vorstellung von den Dingen. »Du wirst noch auf dem Schafott enden«, sagte sie oft zu Jacques. Warum nicht, daran war nichts Außergewöhnliches mehr. Das wußte sie nicht, aber so wie sie war, hätte nichts sie überrascht. Aufrecht in ihrem langen schwarzen Prophetinnenkleid, unwissend und stur, hatte sie wenigstens nie die Resignation gekannt. Und mehr als jeder andere hatte sie Jaeques’ Kindheit beherrscht. Von ihren menorquinischen Eltern auf einem kleinen Hof im Sahel großgezogen, hatte sie sehr jung einen anderen, zierlichen und zarten Menorquiner geheiratet, dessen Brüder schon seit 1848 in Algerien lebten, seit dem tragischen Tod des Großvaters väterlicherseits, eines Gelegenheitsdichters, der seine Verse auf dem Rücken einer Eselin verfaßte, während er zwischen den gestapelten Steinmäuerchen, die die Gemüsegärten begrenzen, über die Insel ritt. Bei einem dieser Ausritte schoß ein lächerlich gemachter Ehemann, der, von der Gestalt und dem breitrandigen Hut getäuscht, den Liebhaber zu bestrafen glaubte, die Poesie und ein Muster an familiären Tugenden in den Rücken, das seinen Kindern jedoch nichts hinterließ. Das lange zurückliegende Ergebnis dieses tragischen Mißverständnisses, bei dem ein Dichter den Tod fand, war die Niederlassung einer Brut von Analphabeten an der algerischen Küste, die sich, nur in aufreibende Arbeit unter einer unbarmherzigen Sonne eingespannt, fern von Schulen fortpflanzte. Aber der Mann der Großmutter hatte, nach den Fotos zu urteilen, etwas von dem inspirierten Großvater bewahrt, und sein hageres, schön gezeichnetes Gesicht mit träumerischem Blick und hoher Stirn bestimmten ihn nicht dazu, sich bei der schönen und energischen jungen Frau durchzusetzen. Sie gebar ihm neun Kinder, von denen zwei in zartem Alter starben, während ein anderes nur um den Preis der Behinderung gerettet wurde und das letzte taub und nahezu stumm geboren wurde. In dem dunklen kleinen Bauernhaus zog sie, ohne aufzuhören, ihren Teil der harten gemeinsamen Arbeit zu tun, ihre Brut auf, mit einem langen Stock neben sich, wenn sie am Tischende saß, was sie jeder unnötigen Mahnung enthob, da der Schuldige sofort auf den Kopf geschlagen wurde. Sie herrschte und verlangte Respekt für sich und ihren Mann, und die Kinder mußten sie nach spanischem Brauch siezen. Ihr Mann sollte diesen Respekt nicht lange genießen: Er starb von der Sonne und der Arbeit und vielleicht von der Ehe verbraucht frühzeitig, ohne daß Jacques je hat erfahren können, an welcher Krankheit er gestorben war. Allein geblieben, gab die Großmutter den kleinen Hof auf und zog mit den jüngsten Kindern nach Algier, während die anderen vom Lehrlingsalter an zur Arbeit geschickt wurden.

Als Jacques, größer geworden, sie beobachten konnte, hatten weder Armut noch Not ihr etwas anhaben können. Es lebten nur noch drei ihrer Kinder bei ihr. Catherine58 Cormery, die putzen ging, der Jüngste, der Behinderte, der ein kräftiger Böttcher geworden war, und Joseph, der Älteste, der nicht geheiratet hatte und bei der Eisenbahn arbeitete. Alle drei hatten Hungerlöhne, die, zusammengelegt, eine fünfköpfige Familie am Leben erhalten mußten. Die Großmutter verwaltete das Haushaltsgeld, und deshalb war das erste, was Jacques an ihr auffiel, ihre Gier, nicht, daß sie geizig gewesen wäre, oder höchstens so, wie man geizig mit der Luft ist, die man atmet und von der man lebt.

Sie kaufte auch die Kleidung der Kinder. Jacques’ Mutter kam spätabends nach Haus und begnügte sich damit, anzusehen und anzuhören, was gesagt wurde, und überließ der Großmutter, von deren Vitalität überrollt, alles. So kam es, daß Jacques während seiner ganzen Kinderzeit zu lange Regenmäntel tragen mußte, da die Großmutter sie so kaufte, daß sie lange vorhielten, und sich auf die Natur verließ, daß die Größe des Kindes die des Kleidungsstücks einholte. Aber Jacques wurde langsam größer und entschloß sich erst mit fünfzehn Jahren wirklich zu wachsen, und das Kleidungsstück war abgetragen, bevor es paßte. Dann wurde nach dem gleichen Sparsamkeitsprinzip ein neues gekauft, und Jacques, dessen Kameraden über den lächerlichen Aufzug spotteten, konnte sich nur noch damit behelfen, daß er seine Regenmäntel in der Taille bauschte, um originell zu machen, was lächerlich war. Im übrigen waren diese kurzen Momente der Scham im Klassenzimmer schnell vergessen, wo Jacques ihnen voraus war, und auf dem Pausenhof, wo der Fußball sein Reich war. Aber dieses Reich war verboten. Der Hof war nämlich zementiert, und die Schuhsohlen nutzten sich dort so schnell ab, daß die Großmutter Jacques verboten hatte, in den Pausen Fußball zu spielen. Sie selbst kaufte für ihre Enkel feste, dicke hohe Schuhe, von denen sie hoffte, daß sie unverwüstlich seien. Um auf jeden Fall ihre Langlebigkeit noch zu verlängern, ließ sie die Sohlen mit riesigen kegelförmigen Nägeln beschlagen, die einen zweifachen Vorzug hatten: Man mußte sie abnutzen, ehe man die Sohle abnutzte, und sie ermöglichten es, die Verstöße gegen das Fußballverbot zu kontrollieren. Vom Laufen auf dem Zementboden wurden sie nämlich schnell abgenutzt und bekamen einen Glanz, dessen Frische den Schuldigen verriet. Jeden Abend, wenn Jacques nach Haus kam, mußte er in die Küche gehen, wo Kassandra über schwarzen Kochkesseln die Messe las, und mußte mit angewinkeltem Knie, die Sohle in der Luft, in der Haltung eines Pferdes, das beschlagen wird, seine Sohlen vorzeigen. Natürlich konnte er dem Ruf der Kameraden und der Anziehung seines Lieblingsspiels nicht widerstehen, und sein ganzes Trachten galt nicht etwa der unmöglichen Durchführung eines Wohlverhaltens, sondern der Vertuschung des Vergehens. Er verbrachte also in der Volksschule und später auf dem Lycée nach dem Unterricht eine ganze Weile damit, seine Sohlen in feuchter Erde zu reiben. Manchmal hatte die List Erfolg. Aber es kam ein Moment, wo die Abnutzung der Nägel anstoßerregend wurde, wo manchmal schon die Sohle angegriffen war oder sich sogar — die schlimmste Katastrophe — infolge eines ungeschickten Tritts auf den Boden oder gegen das Schutzgitter um die Bäume vom Oberleder gelöst hatte und Jacques dann mit einem Bindfaden um den Schuh, damit er nicht aufklaffte, nach Hause kam. Das waren Abende für den Ochsenziemer. Dem weinenden Jacques sagte seine Mutter statt eines Trostes: »Das ist ja auch teuer. Warum paßt du nicht auf?« Sie selbst aber rührte ihre Kinder nie an. Am nächsten Tag bekam Jacques Espadrilles angezogen, und seine Schuhe wurden zum Schuster gebracht. Zwei oder drei Tage später bekam er sie mit neuen Nägeln geschmückt zurück und mußte wieder lernen, auf seinen glatten, wackeligen Sohlen das Gleichgewicht zu halten.

Die Großmutter war imstande, noch weiter zu gehen, und Jacques konnte nach so vielen Jahren nicht an jene Geschichte denken, ohne vor Scham und Ekel59 zusammenzuzucken. Sein Bruder und er bekamen keinerlei Taschengeld, außer manchmal, wenn sie sich bereit fanden, einen Onkel, der Geschäftsmann war, und eine gut verheiratete Tante zu besuchen. Bei dem Onkel fiel es ihnen leicht, denn sie hatten ihn gern. Aber die Tante verstand es, ihren relativen Reichtum hervorzukehren, und die beiden Kinder zogen es vor, weiter ohne Geld zu sein und ohne die Freuden, die es verschafft, als sich gedemütigt zu fühlen. Obwohl das Meer, die Sonne, die Spiele im Viertel kostenlose Vergnügen waren, brauchten sie für die Pommes frites, die Bonbons, das arabische Gebäck und Jacques vor allem für manche Fußballspiele auf alle Fälle etwas Geld, ein paar Sous wenigstens. Eines Abends kam Jacques vom Einkaufen zurück, eine Schüssel mit gratinirten Kartoffeln vor sich hertragend, die er beim Bäcker des Viertels vom Überbacken abgeholt hatte (bei ihm zu Haus gab es weder Gas noch einen Küchenherd, und es wurde auf einem Spirituskocher gekocht. Folglich keinen Backofen, und wenn etwas überbacken werden mußte, wurde es fertig zubereitet zum Bäcker des Viertels gebracht, der es für ein paar Sous in den Backofen schob und überwachte); das Gericht dampfte vor ihm durch das Tuch, das es vor dem Straßenstaub schützte und ihm erlaubte, es an den Schüsselrändern zu halten. Das Netz mit den in sehr kleinen Mengen gekauften Vorräten (ein halbes Pfund Zucker, ein Achtel Butter, für fünf Sous geriebenen Käse usw.) in seiner rechten Armbeuge war nicht schwer, und Jacques schnupperte an dem gut riechenden Gratin, schlängelte sich munter durch die Volksmenge, die um diese Zeit auf den Bürgersteigen des Viertels hin und her ging. Da fiel durch ein Loch in seiner Hosentasche ein 2-Franc-Stück klingelnd auf den Bürgersteig. Jacques hob es auf, zählte sein Wechselgeld nach, das vollständig war, und steckte es in die andere Tasche. »Ich hätte es verlieren können«, dachte er plötzlich. Und das Fußballspiel am nächsten Tag, das er bisher aus seinen Gedanken verscheucht hatte, fiel ihm wieder ein.

Eigentlich hatte niemand dem Kind beigebracht, was gut oder was böse war. Manche Dinge waren verboten, und Verstöße wurden hart bestraft. Andere nicht. Nur seine Lehrer sprachen, wenn der Lehrplan ihnen Zeit ließ, manchmal mit ihnen über Moral, aber auch da waren die Verbote deutlicher als die Erklärungen. Das einzige, was Jacques in Sachen Moral zu sehen und zu fühlen bekommen hatte, war der Alltag einer Arbeiterfamilie, in der offensichtlich niemand je daran gedacht hatte, daß es andere Wege gab, das nötige Geld zum Leben zu verdienen, als mit härtester Arbeit. Aber das war eine Lektion in Beherztheit und nicht in Moral. Dennoch wußte Jacques, daß es böse war, diese zwei Francs verschwinden zu lassen. Er wollte es nicht tun. Und er würde es nicht tun; vielleicht könnte er, wie voriges Mal, durch zwei Bretter des Stadions auf dem Exerzierplatz schlüpfen und das Spiel ohne zu bezahlen miterleben. Deshalb verstand er selbst nicht, warum er das mitgebrachte Wechselgeld nicht gleich zurückgab und warum er einen Augenblick später vom Abort zurückkam und erklärte, ein 2-Franc-Stück sei in das Loch gefallen, als er seine Hose herunterließ. Abort war noch ein zu vornehmes Wort für die Nische, die im Mauerwerk des Vorplatzes der einzigen Etage ausgespart worden war. Ohne Luft, elektrisches Licht und Wasserhahn war in einem zwischen Tür und Rückwand eingezwängten halbhohen Sockel nach türkischer Art ein Loch angebracht worden, in das man nach der Benutzung kannenweise Wasser schütten mußte. Aber nichts konnte verhindern, daß der Gestank dieser Örtlichkeit bis auf die Treppe drang. Jacques’ Erklärung war plausibel60 . Sie ersparte ihm, zur Suche nach dem verlorenen Geldstück auf die Straße zurückgeschickt zu werden, und schnitt jede weitere Entwicklung ab. Nur fühlte sich Jacques bedrückt, als er die schlechte Nachricht verkündete. Seine Großmutter war in der Küche dabei, Knoblauch und Petersilie auf dem alten Brett zu hacken, das vom Gebrauch grünlich und ausgehöhlt war. Sie hielt inne und sah Jacques an, der auf den Krach wartete. Aber sie schwieg und musterte ihn mit ihren hellen, eiskalten Augen. »Bist du sicher?« sagte sie schließlich. — »Ja, ich habe gefühlt, wie es fiel.« Sie sah ihn immer noch an. »Na gut«, sagte sie. »Wollen mal sehen.« Und voller Entsetzen sah Jacques sie den rechten Ärmel hochkrempeln, ihren knotigen weißen Arm entblößen und auf den Vorplatz hinausgehen. Er stürzte, dem Erbrechen nahe, ins Eßzimmer. Als sie ihn rief, fand er sie, den rechten Arm voll grauer Seife, vor dem Ausguß, wo sie sich mit viel Wasser abspülte. »Da war nichts drin«, sagte sie. »Du bist ein Lügner.« Er stotterte: »Aber es kann weggespült worden sein.« Sie zögerte. »Vielleicht. Aber wenn du gelogen hast, wirst du keine Freude daran haben.« Nein, er hatte keine Freude daran, denn im gleichen Augenblick begriff er, daß es kein Geiz war, der seine Großmutter dazu gebracht hatte, im Kot zu wühlen, sondern die schreckliche Bedürftigkeit, aufgrund derer zwei Francs in diesem Haus ein Betrag waren. Er begriff es und erkannte endlich mit schaudernder Scham, daß er diese zwei Francs der Arbeit der Seinen entwendet hatte. Noch heute konnte Jacques, während er seine Mutter am Fenster ansah, sich nicht erklären, wie es möglich gewesen war, daß er diese zwei Francs doch nicht zurückgab und trotzdem Freude daran hatte, bei dem Fußballspiel am nächsten Tag dabeizusein.

Die Erinnerung an die Großmutter war auch mit weniger berechtigten Gefühlen von Scham verbunden. Sie hatte Wert darauf gelegt, Henri, Jacques’ älterem Bruder, Geigenstunden geben zu lassen. Jacques war dem in Anbetracht seiner schulischen Erfolge entgangen, von denen er behauptete, er könne sie mit dieser zusätzlichen Arbeit nicht aufrechterhalten. Sein Bruder hatte auf diese Weise gelernt, einige schaurige Töne aus einer frigiden Geige herauszuholen, und konnte immerhin mit ein paar falschen Tönen die gerade modernen Chansons spielen. Zum Spaß hatte Jacques, der eine ganz gute Stimme hatte, dieselben Chansons gelernt, ohne sich die katastrophalen Konsequenzen dieser harmlosen Beschäftigung vorzustellen. Sonntags nämlich, wenn die Großmutter Besuch von ihren verheirateten Töchtern61 bekam — zwei waren Kriegerwitwen — oder von ihrer Schwester, die noch immer auf einem Hof im Sahel lebte und lieber den menorquinischen Dialekt als Spanisch sprach, und nachdem sie die großen Schalen mit schwarzem Kaffee auf den mit Wachstuch bedeckten Tisch gestellt hatte, rief sie ihre Enkel zu einem improvisierten Konzert. Bestürzt brachten sie den metallenen Notenständer und die zweiseitigen Partituren mit den berühmten Gassenhauern. Sie mußten es hinter sich bringen. Mehr schlecht als recht Henris schlingerndem Geigenspiel folgend, sang Jacques Ramona: »Ich habe wunderbar geträumt, Ramona, du und ich, wir waren vereint«, oder »Tanze, o meine Djalmé, heute nacht oder nie«, oder auch, um beim Orient zu bleiben: »Chinesische Nächte, kosende Nächte, Liebesnacht, trunkene, zärtliche Nacht …« Ein andermal wurde speziell für die Großmutter das wirklichkeitsnahe Chanson verlangt. Jacques sang also: »Bist du es wirklich, mein Mann, du, den ich so geliebt habe, du, der mir Gott weiß wie geschworen hat, mich nie zum Weinen zu bringen.« Dieses Chanson war übrigens das einzige, das Jacques mit echtem Gefühl singen konnte, da die Heldin des Chansons ihren pathetischen Refrain am Ende mitten in der Menschenmenge wiederholte, die der Hinrichtung ihres schwierigen Geliebten beiwohnte. Aber die Vorliebe der Großmutter galt einem Chanson, an dem sie wahrscheinlich das Schwermütige und Zärtliche liebte, das man in ihrem eigenen Wesen umsonst suchte. Es war die Sérénade von Toselli, die Henri und Jacques recht schwungvoll von vorn bis hinten vortrugen, obwohl der algerische Akzent wirklich nicht zu jener betörenden Stunde, die das Chanson wachruft, passen wollte. In dem sonnigen Nachmittag nickten vier oder fünf Frauen in Schwarz, die alle, außer der Großmutter, das schwarze Kopftuch der Spanierinnen abgelegt hatten und in dem armselig möblierten Zimmer mit den weißverputzten Wänden im Kreis saßen, sanft mit dem Kopf zur Gefühlsduselei der Musik und des Textes, bis die Großmutter, die nie ein C von einem H hatte unterscheiden können und übrigens nicht einmal die Notennamen der Tonleiter kannte, den Zauber mit einem kurzen »Du hast einen Fehler gemacht« unterbrach, bei dem den beiden Künstlern die Spucke wegblieb. Noch einmal von »da«, sagte die Großmutter, als die schwierige Stelle zu ihrer Zufriedenheit bewältigt war, es wurde weiter genickt, und zum Schluß gab es Applaus für die beiden Virtuosen, die in aller Eile ihr Gerät abbauten, um sich den Kameraden auf der Straße anzuschließen. Nur Catherine Cormery hatte wortlos in einer Ecke gesessen. Und Jacques erinnerte sich noch an jenen Sonntagnachmittag, als er, im Begriff, mit seinen Partituren hinauszugehen, gehört hatte, wie seine Mutter auf das Kompliment einer der Tanten über ihn antwortete: »Ja, das war gut. Er ist intelligent«, als hätten die beiden Bemerkungen einen Zusammenhang. Aber als er sich umdrehte, verstand er den Zusammenhang. Der bebende, sanfte, fiebrige Blick seiner Mutter ruhte mit einem solchen Ausdruck auf ihm, daß das Kind zurückwich und davonlief. »Sie liebt mich, sie liebt mich also«, dachte er auf der Treppe, und gleichzeitig wurde ihm klar, daß er sie rasend liebte, daß er mit aller Kraft gewünscht hatte, von ihr geliebt zu werden, und bis dahin immer daran gezweifelt hatte.

___________

Die Kinobesuche bescherten dem Kind andere Freuden …Die Zeremonie fand ebenfalls am Sonntagnachmittag statt und manchmal donnerstags. Das Kino des Viertels war nur ein paar Schritte vom Haus entfernt und hieß nach einem romantischen Dichter wie die Straße, in der es lag. Bevor man es betrat, mußte man sich durch Stände arabischer Händler hindurchschlängeln, auf denen Erdnüsse, getrocknete und gesalzene Kichererbsen, Wolfsbohnen, Zuckerstangen in schreienden Farben und klebrige saure Drops wild durcheinander lagen. Andere verkauften grellbuntes Backwerk, darunter so etwas wie Pyramiden mit gespritzter Sahne und rosa Zuckerguß, wieder andere von Öl und Honig triefende arabische Beignets. Rund um die Stände summte oder brüllte, angelockt von demselben Zucker, ein Schwarm einander nachjagender Fliegen und Kinder unter den Verwünschungen der Händler, die um das Gleichgewicht ihrer Stände bangten und Fliegen und Kinder mit ein und derselben Handbewegung verscheuchten. Einige der Händler hatten ihren Stand unter dem schützenden Glasdach des Kinos aufbauen können, das sich auf einer Seite länger hinzog, die anderen hatten ihre klebrigen Schätze in der prallen Sonne und dem vom Spielen der Kinder aufgewirbelten Staub ausgelegt. Jacques begleitete seine Großmutter, die zur Feier des Tages ihr weißes Haar geglättet und ihr ewig gleiches schwarzes Kleid mit einer Silberbrosche zugesteckt hatte. Sie schob gemessen die brüllende Schar der Kleinen auseinander, die den Eingang verstopfte, und stellte sich vor die einzige Kasse, um »Reservierte« abzuholen. Eigentlich gab es nur die Wahl zwischen diesen »Reservierten«, schlechten Holzsesseln, deren Sitze beim Herunterklappen krachten, und den Bänken, auf denen sich, um die Plätze zankend, die Kinder drängten, für die man erst im letzten Augenblick eine Seitentür öffnete. Auf beiden Seiten der Bänke hatte ein Polizist mit einem Ochsenziemer den Auftrag, in seinem Bereich für Ordnung zu sorgen, und es kam nicht selten vor, daß er einen kleinen oder erwachsenen Störenfried hinauswarf. Im Kino wurden damals Stummfilme gezeigt, zuerst die Nachrichten, eine kurze Filmkomödie, der Hauptfilm und zum Schluß ein Film in Fortsetzungen, mit einer kurzen Episode pro Woche. Die Großmutter liebte besonders diese Filme in Fortsetzungen, von denen jede in der Schwebe endete. Zum Beispiel betrat der muskulöse Held mit dem verletzten blonden Mädchen auf den Armen eine Lianenbrücke über einem reißenden Cañon. Und die letzte Aufnahme der wöchentlichen Folge zeigte eine tätowierte Hand, die mit einem primitiven Messer die Lianen der Brücke durchtrennte. Der Held schritt trotz des warnenden Gebrülls der Zuschauer auf den »Bänken«62 großartig weiter. Die Frage war dann nicht, ob das Paar davonkommen würde, denn in dieser Hinsicht war kein Zweifel gestattet, sondern nur, wie es davonkommen würde; das erklärte, warum so viele arabische und französische Zuschauer in der Woche darauf wiederkamen, um zu sehen, wie die Liebenden in ihrem tödlichen Sturz durch einen von der Vorsehung gepflanzten Baum aufgehalten wurden. Die gesamte Filmvorführung wurde auf dem Klavier von einem alten Fräulein begleitet, das den derben Späßen der »Bänke« die unbewegte Gelassenheit eines schmächtigen Rückens in Form einer Mineralwasserflasche mit einem Spitzenkragen als Kapsel entgegensetzte. Jacques betrachtete es damals als Zeichen der Vornehmheit, daß das beeindruckende Fräulein bei glühendster Hitze fingerlose Handschuhe anbehielt. Ihre Rolle war übrigens nicht so leicht, wie man hätte meinen können. Insbesondere die musikalische Kommentierung der Nachrichten zwang sie, je nach Art des vorgeführten Ereignisses die Melodie zu ändern. So wechselte sie übergangslos von einer fröhlichen Quadrille zur Begleitung der Frühlingsmodenschau über zu Chopins Marche funébre als Untermalung einer Überschwemmung in China oder des Begräbnisses einer im In- oder Ausland wichtigen Persönlichkeit. Welches Stück es auch war, der Vortrag war in jedem Fall unerschütterlich, so als führten zehn hölzerne kleine Mechanismen ein von jeher durch Präzisionsrädchen vorgegebenes Manöver auf der gelb verfärbten Klaviatur aus. In dem Saal mit den nackten Wänden und dem von Erdnußschalen übersäten Boden vermischten sich die Duftstoffe des Lysols mit einem starken Geruch nach Mensch. Sie war es jedenfalls, die den ohrenbetäubenden Lärm auf einen Schlag beendete, indem sie voll in die Pedale trat und das Präludium zu spielen begann, das der Nachmittagsvorstellung Atmosphäre geben sollte. Ein gewaltiges Brummen verkündete, daß der Projektor anlief, und dann begann Jacques’ Martyrium.

Die Filme, die ja stumm waren, enthielten nämlich zahlreiche Einspielungen von geschriebenem Text, die die Handlung erklären sollten. Da die Großmutter nicht lesen konnte, bestand Jacques’ Rolle darin, sie ihr vorzulesen. Trotz ihres Alters war die Großmutter keineswegs taub. Aber zunächst einmal mußte der Lärm des Klaviers und der Zuschauer, deren Reaktionen ausgiebig waren, übertönt werden. Dann waren, trotz der extremen Einfachheit dieser Texte, viele Wörter darin der Großmutter nicht geläufig, und manche waren ihr sogar fremd. Jacques nun, der einerseits bestrebt war, die Umsitzenden nicht zu stören und vor allem darauf aus, nicht dem ganzen Saal mitzuteilen, daß die Großmutter nicht lesen konnte (manchmal sagte sie selbst, in einem Anfall von Scham, mit lauter Stimme zu Beginn der Vorstellung: »Lies mir vor, ich habe meine Brille vergessen«), Jacques also las die Texte nicht so laut vor, wie er gekonnt hätte. Das Ergebnis war, daß die Großmutter nur zur Hälfte verstand und von ihm verlangte, es lauter zu wiederholen. Jacques versuchte, lauter zu sprechen, zischendes »Pst, pst« stürzte ihn dann in eine häßliche Scham, er stammelte, die Großmutter schimpfte, und bald kam der nächste Text, noch unklarer für die arme Alte, die den vorangegangenen schon nicht verstanden hatte. Die Verwirrung nahm immer weiter zu, bis Jacques geistesgegenwärtig genug war, um einen entscheidenden Augenblick zum Beispiel in Das Zeichen des Zorro mit Douglas Fairbanks sr. in zwei Worten zusammenzufassen. »Der Bösewicht will ihm das junge Mädchen wegnehmen«, brachte Jacques, eine Pause des Klaviers oder der Zuschauer nutzend, mit fester Stimme hervor. Alles wurde klar, der Film lief weiter, und das Kind atmete auf. Im allgemeinen hatte der Ärger damit ein Ende. Aber manche Filme in der Art von Die beiden Waisen waren einfach zu verwickelt, und zwischen den Forderungen der Großmutter und den immer gereizter werdenden Verweisen seiner Nachbarn in die Enge getrieben, hielt Jacques zuletzt den Mund. Er erinnerte sich noch an eine dieser Vorstellungen, aus der die Großmutter schließlich aufgebracht hinausgegangen war, während er weinend hinter ihr herging, verstört bei dem Gedanken, daß er eines der seltenen Vergnügen der Unglücklichen verdorben und das armselige Geld vergeudet hatte, mit dem es hatte bezahlt werden müssen.63

Seine Mutter ging nie mit ins Kino. Sie konnte auch nicht lesen, aber noch dazu war sie halb taub. Und ihr Wortschatz war noch begrenzter als der ihrer Mutter. Noch heute war ihr Leben ohne Zerstreuung. In vierzig Jahren war sie zwei- oder dreimal ins Kino gegangen, hatte nichts verstanden und hatte, um die Leute, die sie eingeladen hatten, nicht vor den Kopf zu stoßen, lediglich gesagt, die Kleider seien schön oder der mit dem Schnurrbart sehe sehr böse aus. Sie konnte auch nicht Radio hören. Und was Zeitungen anging, so blätterte sie manchmal in denen, die illustriert waren, ließ sich die Bilder von ihrem Sohn oder ihren Enkelinnen erklären, entschied, daß die Königin von England traurig war, und klappte das Magazin zu, um wieder von demselben Fenster aus das Treiben in derselben Straße anzusehen, die sie ihr halbes Leben lang angeschaut hatte.64

Étienne

In gewisser Weise nahm sie weniger am Leben teil als ihr Bruder Ernest65 , der mit ihnen zusammenlebte und der sich — seinerseits vollständig taub — genauso mit Lautnachahmungen und Gesten wie mit den etwa hundert Wörtern, über die er verfügte, ausdrückte. Aber Ernest, den man in seiner Jugend nicht zur Arbeit schicken konnte, hatte auf irgendeine Weise eine Schule besucht und gelernt, die Buchstaben zu entziffern. Er ging manchmal ins Kino, brachte Berichte von dort mit, die für diejenigen, die den Film schon gesehen hatten, verblüffend waren, denn seine reiche Phantasie glich seine Unkenntnisse aus. Im übrigen schlau und listig, ermöglichte ihm eine Art instinktive Intelligenz, sich in einer Welt und zwischen Menschen zu bewegen, die für ihn doch hartnäckig stumm waren. Dieselbe Intelligenz ermöglichte es ihm, sich täglich in die Zeitung zu versenken, deren Überschriften er entzifferte, was ihm wenigstens einen Schimmer vom Weltgeschehen vermittelte. »Hitler«, sagte er zum Beispiel zu Jacques, als dieser erwachsen war, »ist nicht gut, nich?« Nein, der war nicht gut. »Mit den Deutschen immer dasselbe«, fügte der Onkel hinzu. Nein, so war es nicht. »Ja, es gibt gute«, räumte der Onkel ein. »Aber Hitler ist nicht gut«, und gleich darauf gewann seine Lust am Ulk die Oberhand. »Lévy« (das war der Kurzwarenhändler gegenüber), »der hat Angst.« Und er lachte schallend. Jacques versuchte, es ihm zu erklären. Der Onkel wurde wieder ernst: »Ja. Warum Will er den Juden weh tun? Sie sind wie alle andern.«

Er hatte Jacques auf seine Weise immer geliebt. Er bewunderte dessen schulische Erfolge. Mit seiner harten Hand, die von den Werkzeugen und der Schwerarbeit mit einer Art Horn überzogen war, rieb er den Schädel des Kindes. »Der hat einen guten Kopf. Hart« (und er schlug mit seiner dicken Faust an seinen eigenen Kopf), »aber gut.« Manchmal fügte er hinzu: »Wie sein Vater.« Jacques hatte eines Tages die Gelegenheit genutzt, um ihn zu fragen, ob sein Vater intelligent war. »Dein Vater, ein Dickkopf. Machte, was er wollte, immer. Deine Mutter immer ja, ja.« Jacques hatte nicht mehr aus ihm herausholen können. Jedenfalls nahm Ernest das Kind oft mit. Seine Kraft und Vitalität, die sich weder im Reden noch in den komplizierten Beziehungen des sozialen Lebens ausdrücken konnten, explodierten in seinem physischen Leben und im Empfinden. Schon beim Aufwachen, wenn man ihn schüttelte und aus dem hermetischen Schlaf des Tauben holte, richtete er sich verstört auf und brüllte: »Hah, hah«, wie das prähistorische Tier, das jeden Tag in einer unbekannten und feindseligen Welt erwacht. Einmal wach, gaben ihm sein Körper und das Funktionieren seines Körpers allerdings Sicherheit auf der Erde. Trotz seiner harten Arbeit als Böttcher schwamm und jagte er sehr gern. Er nahm Jacques, als dieser ganz klein66 war, mit an die Plage des Sablettes, ließ ihn auf seinen Rücken steigen und schwamm sofort mit elementaren, aber kraftvollen Stößen weit hinaus, wobei er unartikulierte Schreie ausstieß, die zuerst die Überraschung über das kalte Wasser, dann das Vergnügen, darin zu sein, oder den Ärger über eine stürmische Welle ausdrückten. Hin und wieder sagte er zu Jacques: »Hast keine Angst.« Doch, er hatte Angst, aber er sagte es nicht, gebannt von dieser Einsamkeit, in der sie sich befanden, zwischen dem Himmel und dem ebenso weiten Meer, und wenn er sich umwandte, erschien ihm der Strand wie eine unsichtbare Linie, eine bohrende Angst befiel seinen Bauch, und er stellte sich mit einem Ansatz von Panik die gewaltigen, dunklen Tiefen unter sich vor, in denen er wie ein Stein versinken würde, wenn sein Onkel ihn losließe. Dann umfaßte das Kind den muskulösen Hals des Schwimmers etwas fester. »Hast Angst«, sagte der sofort. — »Nein, aber schwimm zurück.« Gehorsam drehte der Onkel um, verschnaufte ein wenig auf der Stelle und schwamm mit der gleichen Sicherheit zurück, wie er sie auf festem Boden hatte. Am Strand, kaum zu Atem gekommen, rieb er Jacques unter lautem Gelächter kräftig ab, drehte sich dann um, um laut zu urinieren, wobei er immer noch lachte und sich anschließend zum guten Funktionieren seiner Blase gratulierte, indem er sich auf den Bauch schlug und »gut, gut« sagte, wie bei allen angenehmen Empfindungen, zwischen denen er keinen Unterschied machte, seien sie nun mit Ausscheidung oder Nahrungsaufnahme verbunden, und bei denen er sich gleichermaßen und mit der gleichen Unschuld an der Lust weidete, die sie ihm verschafften, und ständig war er darauf aus, diese Lust seinen Angehörigen mitzuteilen, was bei Tisch den Protest der Großmutter auslöste, die wohl zuließ, daß über diese Dinge gesprochen wurde und selbst darüber sprach, aber »nicht bei Tisch«, wie sie sagte, obschon sie die Nummer mit der Wassermelone duldete, einer Frucht, die einen wohlbegründeten harntreibenden Ruf hat, die Ernest übrigens liebte und deren Verzehr er zunächst mit Lachen, schalkhaftem Zwinkern zur Großmutter, verschiedenen Saug-, Schling- und Schmatzgeräuschen begann, dann, nach den ersten Bissen direkt in die Scheibe, folgte ein ganzes Gebärdenspiel, bei dem die Hand mehrmals den Weg anzeigte, den die schöne rosa-weiße Frucht vom Mund zum Geschlechtsteil nehmen sollte, während sich das Gesicht mit Grimassen, weitaufgerissenen Augen spektakulär freute und das »Gut, gut. Das spült. Gut, gut« unwiderstehlich wurde und alle zum Lachen brachte. Dieselbe urige Unschuld ließ ihn eine Menge flüchtiger Beschwerden unverhältnismäßig wichtig nehmen, über die er mit gerunzelter Stirn, den Blick nach innen gekehrt, klagte, als erforsche er das geheimnisvolle Dunkel seiner Organe. Er erklärte, er leide an einem »Stechen«, dessen Lokalisierung sehr vielfältig war, er habe einen »Kloß«, der überall herumwanderte. Später, als Jacques das Gymnasium besuchte, zeigte er ihm, davon überzeugt, daß die Wissenschaft eins sei und für alle gelte, seine Nierengegend: »Da, da zieht’s. Ist das schlimm?« Nein, es war nicht schlimm. Und erleichtert ging er wieder, stieg mit eiligen kleinen Schritten die Treppe hinunter und schloß sich seinen Kameraden in den Cafés des Viertels an, die, mit ihrem Mobiliar aus Holz und ihrer Theke aus Zink, nach Anislikör und Sägespänen rochen und wo Jacques ihn manchmal zum Abendessen abholen mußte. Das Kind war dann nicht im geringsten überrascht, diesen Taubstummen an der Theke zu finden, wo er, umringt von einem Kreis von Kameraden, unter allgemeinem Gelächter endlos schwatzte, einem Gelächter, das kein Hohn war, denn Ernest wurde von seinen Kameraden wegen seiner guten Laune und seiner Großzügigkeit sehr gemocht.67 68 70 71

Das merkte Jacques deutlich, wenn sein Onkel ihn mit seinen Kameraden, lauter Böttchern oder Hafen- und Eisenbahnarbeitern, auf die Jagd mitnahm. Man stand im Morgengrauen auf. Jacques war beauftragt, den im Eßzimmer schlafenden Onkel zu wecken, den kein Wecker aus dem Schlaf hätte holen können. Jacques dagegen gehorchte dem Weckerläuten, sein Bruder drehte sich murrend im Bett um, und im anderen Bett regte sich seine Mutter leise, ohne aufzuwachen. Er stand tastend auf, riß ein Streichholz an und zündete die kleine Petroleumlampe an, die auf dem gemeinsamen Nachttisch zwischen den Betten stand. (Oh, die Einrichtung dieses Zimmers: zwei Eisenbetten, ein Einzelbett, in dem die Mutter schlief, das andere ein Doppelbett, in dem die Kinder schliefen, ein Nachttisch zwischen den Betten und gegenüber vom Nachttisch ein Schrank mit Spiegel. Das Zimmer hatte am Fußende des Betts der Mutter ein Fenster zum Hof. Unter diesem Fenster stand ein großer Koffer aus Vulkanfiber. Solange er klein war, mußte Jacques sich auf den Koffer knien, um die Jalousien vor dem Fenster zu schließen. Jedenfalls kein Stuhl.) Dann ging er ins Eßzimmer, schüttelte den Onkel, der brüllte, voller Schrecken die Lampe über seinen Augen ansah und endlich zu sich kam. Sie zogen sich an. Und Jacques machte in der Küche auf dem kleinen Spirituskocher einen Rest Kaffee heiß, während der Onkel den Brotbeutel mit Vorräten füllte, einem Käse, soubressades72 , Tomaten mit Salz und Pfeffer und einem aufgeschnittenen halben Brot, in dem ein von der Großmutter gebackenes dickes Omelette lag. Dann kontrollierte der Onkel ein letztes Mal die Doppelflinte und die Patronen, um die am Vorabend eine große Zeremonie stattgefunden hatte. Nach dem Essen war der Tisch abgedeckt und das Wachstuch sorgfältig abgewischt worden. Der Onkel hatte sich an eine Seite des Tischs gesetzt und im Schein der heruntergezogenen großen Petroleumlampe die Teile des auseinandergenommenen Gewehrs vor sich hingelegt, die er sorgfältig eingefettet hatte. An der Seite gegenüber saß Jacques und wartete auf seinen Einsatz. Der Hund Brillant auch. Es gab nämlich einen Hund, einen Setterbastard von grenzenloser Gutmütigkeit, unfähig, einer Fliege etwas zuleide zu tun, und der Beweis dafür war, daß er, wenn er eine im Flug erwischte, sie schleunigst mit angeekelter Miene unter Zuhilfenahme der herausgestreckten Zunge und der schnalzenden Lefzen wieder herauswürgte. Ernest und sein Hund waren unzertrennlich, und ihr Einvernehmen war vollkommen. Man konnte nicht umhin, an ein Paar zu denken (und es hieße Hunde weder kennen noch lieben, um darin eine Verhöhnung zu sehen). Und der Hund schuldete dem Mann Gehorsam und Zärtlichkeit, während der Mann es akzeptierte, nur eine Sorge zu haben. Sie lebten zusammen und trennten sich nie, schliefen zusammen (der Mann auf dem Sofa im Eßzimmer, der Hund auf einem fadenscheinigen schäbigen Bettvorleger), gingen zusammen zur Arbeit (wo der Hund auf einem eigens für ihn hergerichteten Lager; aus Spänen unter der Hobelbank der Werkstatt lag), besuchten zusammen die Cafés, wo der Hund zwischen den Beinen seines Herrn geduldig wartete, bis dessen Reden ein Ende genommen hatten. Sie unterhielten sich in lautnachahmenden Wörtern und hatten Gefallen an ihren gegenseitigen Gerüchen. Man durfte Ernest nicht sagen, sein selten gewaschener Hund rieche stark, vor allem nach Regengüssen. »Der stinkt nich«, sagte er und schnüffelte verliebt in den bebenden großen Ohren des Hundes. Die Jagd war für alle beide ein Fest, ihr fürstliches Vergnügen. Ernest brauchte nur den Brotbeutel herauszuholen, damit der Hund wie verrückt in dem kleinen Eßzimmer herumraste und dabei mit dem Hinterteil die Stühle ins Wanken brachte und mit dem Schwanz gegen die Seiten der Anrichte schlug. Ernest lachte. »Er hat verstanden, er hat verstanden«, dann beruhigte er das Tier, das daraufhin sein Maul auf den Tisch legte und die peinlich genauen Vorbereitungen betrachtete, wobei es hin und wieder gähnte, ohne aber dieses erfreuliche Schauspiel aus den Augen zu lassen, ehe es beendet war.73 74 Wenn das Gewehr wieder zusammengesetzt war, gab der Onkel es ihm. Jacques nahm es ehrfürchtig entgegen und brachte mit einem alten Wollappen die Läufe zum Glänzen. Währenddessen bereitete der Onkel die Patronen vor. Er stellte grellbunte Pappröhrchen mit Kupferböden vor sich hin, die in einem Brotbeutel waren, aus dem er noch so etwas wie Metallflakons nahm, die das Pulver und den Schrot und braune Filzwülste enthielten. Er füllte die Röhrchen sorgfältig mit Pulver und Schrot und Vorladung. Dann holte er noch eine kleine Maschine heraus, in die die Röhrchen gesteckt wurden und deren kleine Kurbel eine Kapsel in Gang setzte, die die Spitze der Pappröhrchen auf die Höhe der Vorladung drehte. Sowie die Patronen fertig waren, gab Ernest sie nacheinander Jacques, der sie andächtig in den vor ihm liegenden Patronengürtel steckte. Wenn Ernest am Morgen den schweren Patronengürtel um seinen um zwei Sweater verdickten Leib legte, war das das Zeichen zum Aufbruch. Jacques schnallte ihn in seinem Rücken zu. Und Brillant, der — abgerichtet, seine Freude zu beherrschen, um niemanden zu wecken — seit dem Aufwachen still hin und her trabte, seine fieberhafte Erregung aber auf alle Gegenstände in seiner Reichweite schnaufte, richtete sich auf, legte seinem Herrn die Pfoten auf die Brust und versuchte, indem er Hals und Rücken streckte, das geliebte Gesicht hingebungsvoll und ausgiebig abzulecken.

In der schon etwas gelichteten Dunkelheit, in der der noch frische Geruch der Feigen hing, eilten sie zur Gare de l’Agha, während der Hund in einem wilden Zickzacklauf vor ihnen herpreschte, manchmal über die von der nächtlichen Feuchtigkeit nassen Bürgersteige rutschte und dann mit sichtlicher Kopflosigkeit, er könnte sie verloren haben, genauso schnell zurückkam; Etienne trug das umgekehrte Gewehr in seinem Futteral aus grobem Leinen und einen Brotbeutel und eine kleine Jagdtasche, Jacques hatte, die Hände in den Taschen seiner kurzen Hose, einen großen Brotbeutel umgehängt. Am Bahnhof waren die Kameraden mit ihren Hunden, die nur von der Seite ihrer Herren wichen, um eine schnelle Inspektion unter dem Schwanz ihrer Artgenossen zu machen. Da waren die Brüder Daniel und Pierre75 , Arbeitskameraden von Ernest, Daniel immer zum Lachen aufgelegt und voll Optimismus, Pierre zugeknöpfter, methodischer und immer voller Ansichten und Scharfsinn über Menschen und Dinge. Dann gab es noch Georges, der in der Gasanstalt arbeitete, hin und wieder aber auch an Boxkämpfen teilnahm, mit denen er sich etwas dazuverdiente. Und oft noch zwei oder drei andere, lauter gutartige Kerle, zumindest bei dieser Gelegenheit, wenn sie glücklich waren, für einen Tag der Werkstatt, der engen, überfüllten Wohnung, manchmal der Frau zu entkommen, und erfüllt von jener Hingabe und belustigten Toleranz, die Männern eigen ist, wenn sie für ein heftiges, kurzes Vergnügen zusammenkommen. Sie stiegen schwungvoll in einen jener Waggons, deren einzelne Abteile eine Tür zum Trittbrett haben, sie reichten sich die Brotbeutel zu, ließen die Hunde einsteigen und setzten sich, endlich froh, Seite an Seite zu sein, dieselbe Wärme zu teilen. An diesen Sonntagen lernte Jacques, daß die Gesellschaft von Männern gut war und das Herz erwärmen konnte. Der Zug fuhr an, kam dann mit knappen keuchenden Geräuschen und hin und wieder einem trägen kurzen Pfiff in Fahrt. Er rollte durch ein Stück des Sahel, und seltsamerweise verstummten diese gestandenen, lauten Männer von den ersten Feldern an und sahen dem Tagesanbruch über den sorgsam bestellten Ländereien zu, wo die Morgennebel wie eine Schärpe über den Hecken aus hohen trockenen Schilfrohren hingen. Ab und zu glitten Baumgruppen durch das Fenster, zusammen mit dem weißgekalkten Bauernhof, den sie schützten und wo alles schlief. Ein aus dem Graben entlang des Bahndamms aufgescheuchter Vogel flatterte mit einem Mal bis in ihre Höhe auf, flog dann in dieselbe Richtung wie der Zug, als versuche er, mit ihm an Geschwindigkeit zu wetteifern, bis er plötzlich senkrecht zur Fahrtrichtung abbog, und da schien er sich jäh vom Fenster zu lösen und vom Fahrtwind hinter den Zug geschleudert zu werden. Der grüne Horizont wurde rosa, färbte sich dann schlagartig rot, die Sonne tauchte auf und stieg zusehends am Himmel empor. Sie saugte die Nebel auf der ganzen Oberfläche der Felder auf, stieg noch höher, und plötzlich war es heiß im Abteil, die Männer zogen erst einen und dann noch einen Sweater aus, hießen die Hunde sich hinlegen, die sich ebenfalls zu regen begannen, scherzten miteinander, und Ernest erzählte schon auf seine Weise Geschichten vom Fressen, von Krankheit und auch [von] Prügeleien, bei denen er immer die Oberhand hatte. Ab und zu stellte einer der Kameraden Jacques eine Frage zu seiner Schule, dann wurde über anderes gesprochen, oder er wurde als Zeuge für ein Mienenspiel von Ernest angerufen. »Dein Onkel ist ein As!«

Die Landschaft veränderte sich, wurde felsiger, Eichen traten an die Stelle der Orangenbäume, und der kleine Zug schnaufte immer kurzatmiger und stieß große Dampffontänen aus. Es war auf einmal kälter, denn das Gebirge schob sich zwischen die Sonne und die Reisenden, und da merkte man, daß es erst sieben Uhr war. Endlich pfiff er ein letztes Mal, verminderte seine Geschwindigkeit, nahm langsam eine enge Kurve und fuhr in einen kleinen Bahnhof ein, der einsam im Tal lag, denn er versorgte nur ferne Minen, menschenleer und still, von großen Eukalyptusbäumen umstanden, deren sichelförmige Blätter im leisen Morgenwind zitterten. Das Aussteigen vollzog sich mit dem gleichen Getöse: Die Hunde purzelten aus dem Abteil und verfehlten die beiden steilen Waggonstufen, die Männer reichten sich wieder in einer Kette die Brotbeutel und Gewehre zu. Aber am Ausgang des Bahnhofs, der unmittelbar auf die ersten Abhänge hinausging, erstickte die Stille einer wilden Natur nach und nach die Zurufe und Schreie, und der kleine Trupp kletterte schließlich schweigend die Steigung hinauf, während die Hunde unermüdliche Schleifen um sie herum beschrieben. Jacques ließ sich von seinen kräftigen Gefährten nicht abhängen. Daniel, sein Liebling, hatte ihm trotz seiner Proteste den Brotbeutel abgenommen, aber er mußte trotzdem seine Schritte verdoppeln, um auf einer Höhe mit der Gruppe zu bleiben, und die schneidende Morgenluft brannte ihm in den Lungen. Endlich, nach einer Stunde, gelangten sie an den Rand eines mit Zwergeichen und Wacholder bestandenen gewaltigen Plateaus mit wenig ausgeprägten Tälern, über dem ein kühler, leicht sonniger Himmel seine Weiten erstreckte. Das war das Jagdgebiet. Als wüßten sie Bescheid, kamen die Hunde an und scharten sich um die Männer. Es wurde ausgemacht, sich um zwei Uhr nachmittags zum Essen unter einer Piniengruppe zu treffen, wo es eine günstig am Rand des Plateaus gelegene kleine Quelle gab, von der aus der Blick über das Tal und die Ebene in der Ferne schweifte. Man stimmte die Uhren aufeinander ab. Die Jäger taten sich zu zweien zusammen, pfiffen ihre Hunde herbei und brachen in verschiedene Richtungen auf. Ernest und Daniel bildeten eine Gruppe. Jacques bekam die kleine Jagdtasche, die er sich vorsichtig umhängte. Aus der Ferne kündigte Ernest den anderen an, er werde mehr Hasen und Rebhühner zurückbringen als alle anderen zusammen. Sie lachten, winkten und verschwanden.

Dann begann für Jacques ein Rausch, den er noch voll entzückter Wehmut in Erinnerung hatte. Die beiden Männer zwei Meter auseinander, aber auf gleicher Höhe, der Hund voraus, er ständig hintenan gehalten, und der Onkel vergewisserte sich mit seinen plötzlich wilden, listigen Augen, daß er den Abstand wahrte, und der endlose schweigende Marsch durch die Büsche, aus denen manchmal mit durchdringendem Schrei ein verschmähter Vogel aufflog, der Abstieg in kleine Schluchten voller Düfte, auf deren Grund sie entlanggingen, der Wiederaufstieg dem strahlenden und immer heißeren Himmel entgegen, das Zunehmen der Hitze, die im Nu die bei ihrem Aufbruch noch feuchte Erde austrocknete. Detonationen von jenseits der Schlucht, das Knattern einer Kette staubgrauer Rebhühner, die der Hund aufgescheucht hatte, der doppelte Knall, fast sofort wiederholt, das Voranstürrnen des Hundes, der zurückkam mit Augen voller Irrsinn, das Maul voller Blut und einem Federbündel, das Ernest und Daniel ihm abnahmen und das Jacques im nächsten Augenblick mit einer Mischung aus Erregung und Grausen entgegennahm, die Suche nach den anderen Opfern, wenn man sie hatte herabfallen sehen, Ernests Kläffen, das man manchmal mit dem von Brillant verwechselte, und dann wieder das Vorwärtsgehen, wobei Jacques trotz seines Strohhütchens diesmal unter der Sonne in die Knie ging, während das Plateau ringsum unter dem Hammer der Sonne wie ein Amboß dumpf zu dröhnen anhob, und manchmal wieder ein Knall oder zwei, aber nie mehr, denn nur einer der Jäger hatte den Hasen oder das Kaninchen Reißaus nehmen sehen, das im voraus zum Tode verurteilt war, wenn Ernest es im Visier hatte, der, immer geschickt wie ein Affe, diesmal fast so schnell lief wie sein Hund, wie dieser anschlug, um das tote Tier bei den Hinterläufen hochzuheben und es von weitem Daniel und Jacques zu zeigen, die jubelnd und atemlos ankamen. Jacques machte die Jagdtasche ganz weit auf, um die neue Trophäe entgegenzunehmen, bevor er unter der Sonne, seiner Herrin, wankend weiterging, und so unbegrenzte Stunden lang in einem grenzenlosen Gelände; den Kopf im ständigen Licht und in den unermeßlichen Weiten des Himmels verloren, fühlte Jacques sich wie das reichste aller Kinder. Auf dem Rückweg zum verabredeten Mittagessen lauerten die Jäger noch auf Gelegenheiten, aber sie waren nicht mehr mit dem Herzen dabei. Sie gingen schlurfend, wischten sich die Stirn ab, sie hatten Hunger. Nacheinander kamen sie an, zeigten sich gegenseitig von weitem ihre Trophäen, machten sich über die ohne Beute lustig, wobei alle gleichzeitig über ihre Abschüsse berichteten und jeder eine Besonderheit hinzuzufügen hatte. Doch der größte Barde war Ernest, der schließlich das Wort behielt und mit einer Genauigkeit, die Jacques und Daniel gut beurteilen konnten, mit Gebärden das Auffliegen der Rebhühner nachahmte und das Reißaus nehmende, zwei Haken schlagende und wie ein Rugbyspieler, der hinter der Torlinie einen Punkt macht, über die Schultern kugelnde Kaninchen. Währenddessen goß der methodische Pierre Anislikör in Metallbecher, die er sich von jedem genommen hatte, ging und füllte sie an der Quelle, die am Fuß der Pinien schwach sprudelte, mit frischem Wasser auf. Mit Tüchern wurde eine ungefähre Tafel hergerichtet, und jeder holte seinen Proviant heraus. Aber Ernest, der Talent zum Kochen hatte (die sommerlichen Angelausflüge begannen immer mit einer Bouillabaisse, die er an Ort und Stelle zubereitete und bei der er so wenig an Gewürzen sparte, daß sie auf einer Schildkrötenzunge gebrannt hätte), spitzte dünne Stäbchen an, steckte sie in Stücke der Soubressade, die er mitgebracht hatte, und röstete sie über einem kleinen Holzfeuer, bis sie aufplatzten und ein roter Saft in die Glut lief, wo er knisterte und Feuer fing. Er offerierte die glühend heiße, duftende Soubressade zwischen zwei Stücken Brot, die alle mit Ausrufen entgegennahmen, verschlangen und mit dem Rosé herunterspülten, den sie zum Kühlen in die Quelle gelegt hatten. Dann kamen Gelächter, Geschichten von der Arbeit, Scherze, denen Jacques — Mund und Hände klebrig, schmutzig, erschöpft — kaum zuhörte, denn Müdigkeit übermannte ihn. Aber in Wirklichkeit wurden alle von Müdigkeit übermannt, und eine Zeitlang dösten sie und schauten unbestimmt auf die Ebene in der Ferne, über der ein Hitzedunst lag, oder sie schliefen tatsächlich, wie Ernest, mit einem Taschentuch über dem Gesicht. Urn vier Uhr jedoch mußten sie zum Zug hinuntersteigen, der um halb fünf fuhr. Jetzt saßen sie vor Müdigkeit zusammengesunken im Abteil, die völlig erledigten Hunde lagen unter den Bänken oder zwischen ihren Beinen in bleiernem, von blutrünstigen Träumen durchkreuztem Schlaf. Als sie sich der Ebene näherten, begann das Tageslicht zu schwinden, dann fiel die rasche afrikanische Dämmerung herein, und die über diesen großen Landschaften immer beängstigende Nacht begann ohne Übergang. Später am Bahnhof, in Eile, nach Hause zu kommen und zu essen, um wegen der Arbeit am nächsten Tag früh schlafen zu gehen, trennten sie sich schnell im Dunkeln, fast wortlos, aber mit kräftigen freundschaftlichen Klapsen. Jacques hörte sie fortgehen, er lauschte ihren rauhen, herzlichen Stimmen, er liebte sie. Dann paßte er sich Ernests noch immer schneidigem Schritt an, während er selbst schlurfte. In der Nähe des Hauses, in der dunklen Straße drehte der Onkel sich zu ihm um: »Bist du froh?« Jacques antwortete nicht. Ernest lachte und pfiff nach seinem Hund. Aber ein paar Schritte weiter schob das Kind seine kleine Hand in die harte, schwielige Hand seines Onkels, der sie fest drückte. Und so kamen sie schweigend nach Hause.

76 77Doch Ernest war zu Wutanfällen imstande, die ebenso unvermittelt und absolut waren wie seine Lüste. Die Unmöglichkeit, ihn zur Vernunft zu bringen oder auch nur mit ihm zu diskutieren, machte diese Wutanfälle ganz und gar einem Naturereignis ähnlich. Ein Gewitter sieht man entstehen und wartet, daß es ausbricht. Sonst kann man nichts tun. Wie viele Taube hatte Ernest einen hochentwickelten Geruchssinn (außer wenn es sich um seinen Hund handelte). Dieses Privileg brachte ihm viele Freuden, wenn er den Erbseneintopf roch oder die Gerichte, die er über alles liebte, Calamares in ihrer eigenen Tinte, Wurstomelett oder jenes Innereienragout aus Rinderherz und -lunge, dieses Bœuf bourguignon der Armen, das die Glanzleistung der Großmutter war und in Anbetracht seiner Preisgünstigkeit oft auf den Tisch kam, wenn er selbst sich sonntags mit billigem Eau de Cologne oder Haarwasser, genannt [Pompero], besprühte (das auch Jacques’ Mutter benutzte), dessen süßer, hartnäckiger Duft immer im Eßzimmer und in Ernests Haaren hing, und er roch mit verzückter Miene intensiv an der Flasche …Aber seine Empfindlichkeit in diesem Punkt brachte ihm auch Verdruß. Manche, für normal ausgebildete Nasen nicht wahrnehmbare Gerüche waren ihm unerträglich. Zum Beispiel hatte er sich angewöhnt, an seinem Teller zu schnuppern, ehe er zu essen begann, und er wurde rot vor Ärger, wenn er daran etwas entdeckte, von dem er behauptete, es sei Eigeruch. Die Großmutter nahm den beargwöhnten Teller, schnupperte daran, erklärte, daß sie nichts rieche, reichte ihn dann ihrer Tochter, damit diese es bezeuge. Catherine Cormery ließ ihre Zarte Nase über das Porzellan wandern und erklärte sanft, ohne überhaupt zu schnuppern, nein, das rieche nicht. Man roch an den anderen Tellern, außer an denen der Kinder, die aus Blechnäpfen aßen. (Aus übrigens mysteriösen Gründen, vielleicht aus Mangel an Geschirr oder, wie die Großmutter eines Tages behauptete, um Scherben zu vermeiden, dabei waren weder er noch sein Bruder mit den Händen ungeschickt. Aber Familientraditionen haben oft keine stichhaltigere Grundlage, und ich muß über die Ethnologen lachen, die den Grund für so viele geheimnisvolle Riten suchen. In vielen Fällen besteht das wahre Geheimnis darin, daß es überhaupt keinen Grund gibt.) Dann verkündete die Großmutter das Urteil: Es roch nicht. In Wirklichkeit hätte sie nie anders geurteilt, vor allem wenn sie am Vortag gespült hatte. Auf ihre Hausfrauenehre ließ sie nichts kommen. Aber dann brach Ernests wahre Wut aus, um so heftiger, als er nicht die Wörter fand, um seine Überzeugung auszudrücken.78 Man mußte das Gewitter sich austoben lassen, entweder endete es damit, daß er das Abendessen verschmähte oder daß er mit angewiderter Miene im Teller herumstocherte, obschon die Großmutter ihn ausgetauscht hatte, oder sogar damit, daß er vom Tisch aufstand und hinausstürzte, wobei er verkündete, er gehe ins Restaurant, ein Lokal, in das er nie den Fuß gesetzt hatte und auch sonst niemand aus der Familie, obwohl die Großmutter jedesmal, wenn bei Tisch Unzufriedenheit aufkam, unweigerlich den schicksalhaften Satz sprach: »Geh ins Restaurant.« Von daher erschien das Restaurant allen wie einer jener sündhaften Orte falscher Verlockung, wo alles leicht erscheint, sofern man bezahlen kann, wo aber die höchsten, sündigen Genüsse, die es bietet, den Magen früher oder später teuer zu stehen kommen. Jedenfalls ging die Großmutter nie auf die Wutanfälle ihres Jüngsten ein. Einerseits weil sie wußte, daß es nutzlos war, andererseits weil sie für ihn immer eine seltsame Schwäche gehabt hatte, die Jacques, sobald er ein wenig darüber gelesen hatte, der Tatsache zugeschrieben hatte, daß Ernest behindert war (während es doch so viele Beispiele gibt, wo die Eltern, entgegen dem Vorurteil, sich von dem gesundheitlich eingeschränkten Kind abwenden) und die er viel später besser verstand, als er eines Tages überrascht sah, daß die hellen Augen seiner Großmutter von einer Zärtlichkeit gemildert wurden, die er noch nie in ihnen gesehen hatte; er drehte sich um und sah seinen Onkel, der in das Jackett seines Sonntagsanzugs fuhr. Durch den dunklen Stoff noch schlanker, mit dem feinen, jungen Gesicht, frisch rasiert, sorgfältig gekämmt, ausnahmsweise mit frischem Kragen und Schlips, mit dem Gehabe eines sonntäglich herausgeputzten griechischen Hirten, zeigte sich ihm Ernest als das, was er war, nämlich sehr schön. Und da begriff er, daß die Großmutter ihren Sohn körperlich liebte, daß sie wie alle Welt in Ernests Anmut und Kraft verliebt war und daß ihre außergewöhnliche Schwäche ihm gegenüber alles in allem sehr verbreitet war, daß sie uns mehr oder weniger alle erweicht, und zwar auf köstliche Weise, und dazu beiträgt, die Welt erträglich zu machen, nämlich die Schwäche vor der Schönheit.

Jacques erinnerte sich auch an einen anderen Wutanfall von Onkel Ernest, einen schwerwiegenderen, denn er endete fast in einer Prügelei mit Onkel Joséphin, der bei der Eisenbahn arbeitete. Joséphin schlief nicht im Haus seiner Mutter (und wo hätte er dort auch schlafen sollen?). Er hatte ein Zimmer im Viertel (in das er übrigens niemanden aus seiner Familie einlud und das Jacques zum Beispiel nie gesehen hatte) und aß bei seiner Mutter, der er ein geringes Kostgeld zahlte. Joséphin war völlig anders als sein Bruder. Etwa zehn Jahre älter, mit kurzem Schnurrbart und Bürstenhaarschnitt, war er außerdem massiger, verschlossener und vor allem berechnender. Ernest warf ihm gewöhnlich Geiz vor. Offen gestanden drückte er sich einfacher aus: »Er Mzabiter.« Die Mzabiter waren für ihn die Krämer des Viertels, die tatsächlich aus dem Mzab kamen und jahrelang von nichts und ohne Frauen in ihren nach Öl und Zimt riechenden Ladenhinterzimmern lebten, um ihre Familien in den fünf Städten des Mzab zu unterhalten, mitten in der Wüste, wo der Stamm von Häretikern, so etwas wie Puritaner des Islam und von den Orthodoxen auf Leben und Tod verfolgt, vor Jahrhunderten an einem Ort gelandet waren, den sie ausgesucht hatten, weil sie ganz sicher waren, daß niemand ihn ihnen streitig machen würde, da es dort nur Kieselsteine gab, so weit von der halbwegs zivilisierten Welt an der Küste, wie ein krustiger und lebloser Planet von der Erde entfernt sein kann, und wo sie sich tatsächlich niederließen, um dort rund um knausrige Wasserstellen fünf Städte aufzubauen und sich diese sonderbare Askese auszudenken, die kräftigen Männer zum Handeltreiben in die Küstenstädte zu schicken, um diese Schöpfung des Geistes und nur des Geistes zu unterhalten, bis diese von anderen ersetzt werden und in ihre mit Erde und Schlamm befestigten Städte zurückkehren konnten, um sich an dem endlich für ihren Glauben errungenen Reich zu ergötzen. Das reduzierte Leben, die Härte dieser Mzabiter konnten demnach nur im Zusammenhang mit ihren höheren Zielen beurteilt werden. Aber die Arbeiterbevölkerung des Viertels, die vom Islam und seinen Häresien nichts wußte, sah nur den äußeren Schein. Und für Ernest, wie für jeden, hieß seinen Bruder mit einem Mzabiter vergleichen soviel wie ihn mit Harpagon vergleichen. Joséphin war wirklich ziemlich knickrig, im Gegensatz zu Ernest, der der Großmutter zufolge »das Herz auf der Hand« hatte. (Wenn sie allerdings wütend auf ihn war, beschuldigte sie ihn hingegen, »ein Loch« in der Hand zu haben.) Doch abgesehen vom unterschiedlichen Naturell war es so, daß Joséphin etwas mehr Geld verdiente als Etienne und daß Verschwendung bei Mittellosigkeit immer leichter fällt. Selten sind jene, die verschwenderisch bleiben, wenn sie es sich leisten können. Sie sind die Könige des Lebens, die man ehrerbietig grüßen muß. Joséphin schwamm zwar nicht im Geld, aber außer seinem Gehalt, das er methodisch verwaltete (er wandte die sogenannte Briefumschlagmethode an, aber zu knickrig, um richtige Umschläge zu kaufen, fabrizierte er sie selbst aus Zeitungspapier oder Einwickelpapier), verschaffte er sich mit Hilfe von gut ausgedachten Kungeleien zusätzliche Einnahmen. Als Mitarbeiter der Bahn hatte er alle vierzehn Tage Anspruch auf einen Freifahrtschein. Jeden zweiten Sonntag stieg er also in den Zug, um in das sogenannte Landesinnere, das heißt auf das platte Land zu fahren, und klapperte die arabischen Bauernhöfe ab, um zu niedrigen Preisen Eier, dürre Hühner und Kaninchen zu kaufen. Diese Waren brachte er nach Hause und verkaufte sie mit einem anständigen Gewinn an seine Nachbarn. Sein Leben war in allen Bereichen organisiert. Von einer Frau war nichts bekannt. Im übrigen fehlte es ihm zwischen der Arbeitswoche und den dem Handel gewidmeten Sonntagen bestimmt an der Freizeit, die die Ausübung der Wollust erforderte. Aber er hatte immer verkündet, er werde mit vierzig eine Frau heiraten, die ihr Auskommen habe. Bis dahin würde er in seinem Zimmer bleiben, Geld anhäufen und weiter teilweise bei seiner Mutter leben. So seltsam es erscheinen mag, wenn man seine Reizlosigkeit bedachte, er führte seinen Plan, wie er es vorhergesagt hatte, trotzdem aus und heiratete eine Klavierlehrerin, die keineswegs häßlich war und ihm, zumindest ein paar Jahre lang, zusammen mit ihren Möbeln das bürgerliche Glück brachte. Allerdings sollte Joséphin am Ende die Möbel und nicht die Frau behalten. Doch das war eine andere Geschichte, und das einzige, was Joséphin nicht bedacht hatte, war, daß er nach seinem Streit mit Etienne nicht mehr bei seiner Mutter essen konnte und die kostspieligen Genüsse des Restaurants in Anspruch nehmen mußte. Jacques erinnerte sich nicht an den Anlaß des Dramas. Obskure Streitigkeiten entzweiten manchmal die Familie, und niemand wäre wirklich in der Lage gewesen, die Ursachen dafür zu entwirren, zumal sie sich, da es allen entfallen war, nicht mehr an die Gründe erinnerten und lediglich automatisch die ein für allemal akzeptierte und wiedergekäute Auswirkung hegten und pflegten. Was jenen Tag anging, so erinnerte er sich nur an Ernest, der vor dem noch gedeckten Tisch stand und seinem Bruder, der sitzen geblieben war und weiter aß, unverständliche Beschimpfungen entgegenbrüllte, abgesehen yon der mit dem Mzabiter. Dann hatte Ernest seinen Bruder geohrfeigt, der aufgestanden und zurückgewichen war, bevor er auf ihn losging. Aber schon klammerte sich die Großmutter an Ernest, und Jacques’ Mutter, weiß vor Erregung, zog Joséphin von hinten. »Laß ihn, laß ihn«, sagte sie, und die beiden Kinder, bleich und mit offenem Mund, sahen regungslos zu und hörten sich die Flut von wutschnaubenden Verwünschungen an, die in eine Richtung strömten, bis Joséphin verdrießlich sagte : »Das ist ein dummes Vieh. Mit dem kann man nichts anfangen« und um den Tisch herumging, während die Großmutter Ernest zurückhielt, der hinter seinem Bruder herlaufen wollte. Und gleich nachdem die Tür zugeknallt war, tobte Ernest immer noch. »Laß mich, laß mich«, sagte er zu seiner Mutter, »ich tue dir noch weh.« Aber sie hatte ihn bei den Haaren gepackt und schüttelte ihn: »Du, du willst deine Mutter schlagen?« Und Ernest war weinend auf seinen Stuhl gefallen: »Nein, nein, dich nicht. Du bist für mich wie der liebe Gott!« Jacques’ Mutter war ohne fertig zu essen ins Bett gegangen, und am nächsten Tag hatte sie Kopfweh. Von dem Tag an kam Joséphin seine Mutter nicht mehr besuchen, außer manchmal, wenn er sicher war, daß Ernest nicht da war.

79Es gab noch einen anderen Wutanfall, an den Jacques sich nicht gern erinnerte, weil er den Grund dafür nicht wissen wollte. Eine ganze Zeit lang war ein Monsieur Antoine, ein entfernter Bekannter von Ernest, Fischhändler auf dem Markt, maltesischer Herkunft, von recht gutem Auftreten, schlank und groß, der immer eine Art sonderbare dunkle Melone aufhatte und ein kariertes Taschentuch unter seinem Hemd um den Hals gebunden trug, abends vor dem Essen regelmäßig zu Besuch gekommen. Als Jacques später darüber nachdachte, fiel ihm etwas auf, was er zuerst nicht bemerkt hatte, nämlich daß seine Mutter sich etwas koketter kleidete, daß sie Schürzen in hellen Farben anlegte und man sogar einen Hauch Rouge auf ihren Wangen sah. Es war auch die Zeit, als die Frauen anfingen, sich das Haar abzuschneiden, das sie bis dahin lang trugen. Jacques liebte es übrigens, seiner Mutter oder Großmutter zuzusehen, wenn sie sich an die Zeremonie des Frisierens machten. Ein Handtuch über den Schultern, den Mund voller Haarnadeln, kämmten sie ausgiebig das lange weiße oder braune Haar, schlangen es zusammen, zerrten sehr enge flache Bänder um den Knoten im Nacken, den sie dann mit Haarnadeln spickten, die sie nacheinander mit gespreizten Lippen und zusammengebissenen Zähnen aus dem Mund zogen und eine nach der anderen in die schwere Masse des Knotens steckten. Die neue Mode erschien der Großmutter zugleich lächerlich und verwerflich, die in Unterschätzung der wirklichen Macht der Mode, ohne sich um Logik zu kümmern, versicherte, nur Frauen »von zweifelhaftem Lebenswandel« seien bereit, sich derart lächerlich zu machen. Jacques’ Mutter hatte es sich gesagt sein lassen, und doch war sie ein Jahr später, etwa zur Zeit von Antoines Besuchen, eines Abends mit kurzgeschnittenem Haar, verjüngt und blühend nach Haus gekommen und hatte mit unechter Fröhlichkeit, hinter der man die Unruhe spürte, erklärt, sie habe sie überraschen wollen.

Es war tatsächlich eine Überraschung für die Großmutter, die sich, sie musternd und das nicht wiedergutzumachende Unheil betrachtend, darauf beschränkt hatte, ihr vor ihrem Sohn zu sagen, daß sie jetzt wie eine Hure aussehe. Dann war sie in die Küche zurückgegangen. Catherine Cormery hatte aufgehört zu lächeln, und das ganze Elend und die Erschöpfung der Welt hatten sich auf ihrem Gesicht abgezeichnet. Dann war sie dem starren Blick ihres Sohnes begegnet, hatte versucht, wieder zu lächeln, aber ihre Lippen bebten, und sie war weinend in ihr Zimmer aufs Bett gestürzt, das die einzige Zuflucht für ihre Ruhe, ihre Einsamkeit und ihren Kummer war. Bestürzt war Jacques zu ihr gegangen. Sie hatte das Gesicht ins Kopfkissen vergraben, die kurzen Locken ließen den Nacken und den von Schluchzen geschüttelten mageren Rücken unbedeckt. »Mama, Mama«, hatte Jacques gesagt und sie schüchtern berührt. »Du bist sehr schön so.« Aber sie hatte es nicht gehört und hatte ihn mit einer Handbewegung gebeten, sie allein zu lassen. Er war bis zur Türschwelle zurückgewichen und hatte, an die Türfüllung gelehnt, auch angefangen, vor Ohnmacht und Liebe zu weinen80 .

Mehrere Tage hintereinander hatte die Großmutter nicht mit ihrer Tochter gesprochen. Gleichzeitig wurde Antoine, wenn er kam, kühler empfangen. Vor allem Ernests Gesicht blieb verschlossen. Obwohl Antoine ein ziemlicher Angeber und Schönredner war, merkte er es wohl. Was ging damals vor? Jacques sah mehrmals Spuren von Tränen in den schönen Augen seiner Mutter. Ernest schwieg meistens und stieß sogar Brillant herum. An einem Sommerabend bemerkte Jacques, daß er vom Balkon aus auf etwas zu lauern schien. »Kommt Daniel?« fragte das Kind. Der andere brummte. Und plötzlich sah Jacques Antoine kommen, der mehrere Tage nicht dagewesen war. Ernest stürzte davon, und einige Sekunden danach drangen dumpfe Geräusche von der Treppe herauf. Jacques lief hin und sah die beiden Männer sich wortlos prügeln. Ohne die Schläge zu spüren, schlug Ernest wieder und wieder mit seinen eisenharten Fäusten, und im nächsten Augenblick wälzte sich Antoine unten an der Treppe, stand mit blutendem Mund auf, holte ein Taschentuch hervor, um sich das Blut abzuwischen, ohne Ernest aus den Augen zu lassen, der wie irre davonrannte. Als Jacques in die Wohnung zurückkam, fand er seine Mutter reglos, mit starrem Gesicht im Eßzimmer sitzen. Er hatte sich auch wortlos hingesetzt.81 Und dann war Ernest, Beschimpfungen brummend und seiner Schwester einen wütenden Blick zuwerfend, nach Hause gekommen. Das Abendessen war wie üblich verlaufen, außer daß seine Mutter nichts gegessen hatte: »Ich habe keinen Hunger«, sagte sie bloß zu ihrer Mutter, die sie bedrängte. Nach dem Essen war sie in ihr Zimmer gegangen. Als Jacques nachts wach wurde, hörte er, wie sie sich in ihrem Bett wälzte. Am nächsten Tag kehrte sie zu ihren schwarzen oder grauen Kleidern, zu ihrer strengen Armenkleidung zurück. Jacques fand sie genauso schön, noch schöner wegen einer verstärkten Entrücktheit und Zerstreutheit, nun, da sie sich in der Armut, dem Alleinsein und dem kommenden Alter82 eingerichtet hatte.

Jacques war lange böse auf seinen Onkel, ohne recht zu wissen, was genau er ihm vorwerfen konnte. Aber gleichzeitig wußte er, daß man ihm nicht böse sein konnte und daß die Armut, die Behinderung und die elementare Not, in der seine ganze Familie lebte, zwar nicht alles entschuldigten, auf alle Fälle aber verhindern, etwas an denen, die ihre Opfer sind, zu verurteilen.

Sie taten einander weh, ohne es zu wollen, und nur weil jeder dem anderen die bedürftige und grausame Not vor Augen führte, in der sie lebten. Und er konnte keinesfalls an der fast animalischen Anhänglichkeit seines Onkels für die Großmutter in erster Linie und dann für Jacques’ Mutter und für ihre Kinder zweifeln. Er hatte sie am Tag des Unfalls in der Böttcherei83 selbst zu spüren bekommen. Jeden Donnerstag ging Jacques nämlich in die Böttcherei. Wenn er Hausaufgaben aufhatte, erledigte er sie sehr schnell und rannte mit der gleichen Freude wie früher, wenn er zu seinen Kameraden auf der Straße lief, zur Werkstatt. Die Werkstatt lag in der Nähe des Exerzierplatzes. Es war eine Art Hof, vollgestopft mit Abfällen, alten Eisenreifen, Hammerschlag und Schlacke. Auf einer Seite hatte man eine Art Dach aus Backsteinen gebaut, das in regelmäßigen Abständen von Säulen aus Bruchstein gestützt wurde. Unter diesem Dach arbeiteten die fünf oder sechs Böttcher. Jeder hatte im Prinzip seinen Platz, das heißt eine Werkbank an der Mauer, vor der ein Zwischenraum war, wo die kleinen und großen Fässer aufgestellt werden konnten, und, als Trennung vom folgenden Platz, eine Art Bank ohne Lehne, in der ein ziemlich breiter Einschnitt war, um die Faßböden hineinzuschieben und per Hand mit einem Werkzeug anzupassen, das einem Hackmesser84 sehr ähnlich sah, dessen scharfe Seite aber auf der Seite des Mannes war, der beide Griffe umfaßte. Diese Anordnung war eigentlich nicht auf den ersten Blick erkennbar. Die Einteilung war zwar anfangs so gewesen, aber nach und nach waren die Bänke von ihrem Platz gerückt, hatten sich Reifen zwischen den Werkbänken angesammelt, die Kästen mit Nieten standen mal hier, mal da herum, und es waren lange Beobachtung oder, was auf dasselbe hinauslief, häufige Besuche nötig, um zu merken, daß die Bewegungen jedes Arbeiters immer in demselben Bereich stattfanden. Bevor Jacques in der Werkstatt ankam, wohin er den Imbiß für den Onkel brachte, erkannte er das Geräusch der Hammerschläge auf die Meißel, mit denen die Eisenreifen um die Fässer getrieben wurden, deren Dauben man gerade zusammengefügt hatte, und die Arbeiter schlugen auf ein Ende des Meißels, während sie das andere Ende flink rund um den Reifen führten — oder er erriet an lauteren, in größeren Abständen erklingenden Geräuschen, daß sie dabei waren, die in den Schraubstock der Werkbank eingespannten Reifen zu vernieten. Wenn er unter dem Lärmen der Hämmer in der Werkstatt ankam, wurde er freudig begrüßt, und dann ging der Tanz der Hämmer weiter. Ernest in einer alten geflickten blauen Hose, mit Sägespänen bedeckten Espadrilles, einer ärmellosen grauen Flanellweste und mit einer verwaschenen alten Chechia, die sein schönes Haar vor Spänen und Staub schützte, küßte ihn und schlug ihm vor, er solle ihm helfen. Manchmal hielt Jacques den Reifen auf dem Amboß gerade, der ihn in der Breite umspannte, während der Onkel mit aller Kraft hämmerte, um die Nieten abzuflachen. Der Reifen vibrierte in Jacques’ Händen, und jeder Hammerschlag bohrte sich ihm in die Handflächen, oder während Ernest sich rittlings auf ein Ende der Bank setzte, setzte sich Jacques in der gleichen Weise auf das andere Ende und hielt den Faßboden zwischen ihnen fest, während Ernest ihn einpaßte. Am liebsten aber brachte er die Dauben mitten auf den Hof, damit Ernest sie grob zusammenfügte, wobei ein um ihre Mitte gelegter Reifen sie zusammenhielt. In der Mitte des zu beiden Seiten offenen Fasses häufte Ernest Späne an, die Jacques anzünden mußte. Von dem Feuer weitete sich daS Eisen mehr als das Holz, und Ernest nutzte dies aus, um den Reifen mitten im Qualm, von dem ihre Augen tränten, mit festen Hammer- und Meißelschlägen weiter zu treiben. Wenn der Reifen fest saß, brachte Jacques die großen Holzeimer, die er an der Pumpe hinten auf dem Hof mit Wasser gefüllt hatte, sie wichen zurück, und Ernest schüttete das Wasser schwungvoll gegen das Faß und kühlte so, unter großer Dampfentwicklung, den Reifen ab, der sich zusammenzog und tiefer in das vom Wasser aufgeweichte Holz drang.85

Man überließ die unverrichteten Dinge dem Bruch, um etwas zu essen, und die Arbeiter setzten sich zusammen, im Winter um ein Feuer aus Spänen und Holz, im Sommer in den Schatten des Daches. Da war Abder, der arabische Hilfsarbeiter, der eine arabische Hose trug, deren Boden in Falten herabhing und deren Beine auf halber Wadenhöhe aufhörten, dazu eine alte Weste über einem zerlumpten Trikot und eine Chechia, und der Jacques mit komischem Akzent »mein Kollege« nannte, weil er die gleiche Arbeit verrichtete wie er, wenn er Ernest half. Der Chef, Monsieur []86 , in Wirklichkeit ein einfacher alter Böttcher, der mit seinen Gehilfen Aufträge für eine größere anonyme Böttcherei ausführte. Ein immer trauriger und verschnupfter italienischer Arbeiter. Und vor allem der fröhliche Daniel, der Jacques immer neben sich setzte, um mit ihm zu scherzen oder ihn zu streicheln. Jacques entzog sich, streifte in der Werkstatt umher, seine schwarze Schürze voller Sägemehl, wenn es heiß war die nackten Füße in schlechten Sandalen, die mit Erde und Spänen bedeckt waren, sog genüßlich den Geruch des Sägemehls und den frischeren der Hobelspäne ein, kehrte zum Feuer zurück, um den daraus aufsteigendenköstlichen Rauch einzuatmen, oder versuchte sich mit dem Werkzeug zur Bearbeitung der Faßböden an einem Stück Holz, das er in den Amboß einspannte, und genoß die Geschicklichkeit seiner Hände, zu der alle Arbeiter ihm gratulierten.

Während einer dieser Pausen hatte er sich törichterweise mit nassen Sandalen auf die Bank gehockt. Plötzlich rutschte er nach vorn, während die Bank hinten kippte, und fiel mit seinem ganzen Gewicht auf die Bank, während seine rechte Hand unter dieser eingeklemmt wurde. Er verspürte sofort einen dumpfen Schmerz in der Hand, stand aber mit einem Satz lachend vor den herbeigelaufenen Arbeitern auf. Aber noch bevor er aufgehört hatte zu lachen, stürzte sich Ernest auf ihn, nahm ihn auf die Arme, rannte aus der Werkstatt und stammelte im atemlosen Lauf : »Zu Doktor, zu Doktor.« Da sah er, daß der Mittelfinger seiner rechten Hand an der Spitze völlig zerquetscht war wie dicker, schmutziger, formloser Teig, aus dem Blut rann. Auf einmal wurde er schwach und fiel in Ohnmacht. Fünf Minuten später waren sie bei dem arabischen Arzt, der ihrer Wohnung gegenüber wohnte. »Nicht schlimm, Doktor, nicht schlimm, ne?« sagte Ernest, weiß wie ein Leintuch. »Warten Sie nebenan«, sagte der Arzt, »er wird tapfer sein.« Er hatte es sein müssen — davon zeugte noch heute Jacques’ merkwürdiger, zusammengeflickter Mittelfinger. Aber nachdem die Klammern und der Verband angebracht waren, überreichte der Doktor ihm zusammen mit einer herzstärkenden Arznei eine Tapferkeitsbescheinigung. Trotzdem wollte Ernest ihn noch über die Straße tragen, und in ihrem Treppenhaus begann er das Kind seufzend abzuküssen, wobei er es so fest an sich drückte, daß er ihm weh tat.

» Mama«, sagte Jacques, »es hat geklopft.«

»Das ist Ernest«, sagte seine Mutter. »Geh ihm aufmachen. Ich schließe jetzt immer ab, wegen der Banditen.«

Auf der Türschwelle stehend gab Ernest, als er Jacques erblickte, einen überraschenden Ausruf von sich, etwas, was dem englischen »how« ähnelte, richtete sich auf und küßte ihn. Trotz seinem ganz weißen Haar hatte er ein erstaunlich jugendliches, noch immer ebenmäßiges und harmonisches Gesicht behalten. Aber seine O-Beine waren noch krummer geworden,der Rücken war ganz gebeugt, und Ernest ging mit gespreizten Armen und Beinen. »Geht’s gut?« sagte Jacques. Nein, er hatte Stiche, Rheumatismus, das war schlecht; und Jacques? Ja, alles lief gut, wie stark er war, sie (und er zeigte auf Catherine) freute sich, ihn wiederzusehen. Seit dem Tod der Großmutter und seit die Kinder aus dem Haus waren, lebten Bruder und Schwester zusammen und konnten sogar nicht ohne einander auskommen. Er brauchte jemanden, der sich um ihn kümmerte, und so gesehen war sie seine Frau, die kochte, seine Wäsche wusch und bügelte und ihn bei Bedarf pflegte. Sie brauchte kein Geld, denn ihre Söhne kamen für ihren Unterhalt auf, aber männliche Gesellschaft, und er gab auf seine Weise seit Jahren auf sie acht, Jahre, in denen sie, ja, wie Mann und Frau gelebt hatten, nicht im Fleische, sondern blutsmäßig, einander zu leben halfen, während ihre Gebrechen ihnen das Leben so schwer machten, und ein stummes Gespräch fortfährten, das von Zeit zu Zeit von Satzfetzen aufgehellt wurde, doch inniger vereint und miteinander vertraut als viele normale Ehepaare. »Ja, ja«, sagte Ernest. »Jacques, Jacques, redet sie immer.« — »Nun, da bin ich«, sagte Jacques. Und tatsächlich war er wieder da, bei den beiden, wie früher, konnte ihnen nichts sagen und hörte nie auf, an ihnen zu hängen, zumindest an ihnen, und liebte sie noch mehr dafür, daß sie es ihm ermöglichten zu lieben, wo er doch so oft versagt hatte, so viele Geschöpfe zu lieben, die es verdienten.

»Und Daniel?«

»Geht’s gut, er ist alt wie ich; Pierrot, sein Bruder, Gefängnis.« ‘

»Wieso?«

»Er sagt, die Gewerkschaft. Ich glaube, er hält zu den Arabern.«

Und plötzlich unruhig:

»Sag, die Banditen, sind die gut?«

»Nein«, sagte Jacques, »die anderen Araber ja, die Banditen nicht.«

»Gut, ich habe zu deiner Mutter gesagt, die Chefs zu streng. Das war verrückt, aber die Banditen, das geht nicht.«

»Genau«, sagte Jacques. »Aber man muß etwas für Pierrot tun.«

»Gut, ich sag’s Daniel.«

»Und Donat?« (Das war der boxende Angestellte der Gasanstalt.)

»Ist tot. Krebs. Wir sind alle alt.«

Ja, Donat war tot. Und Tante Marguerite war tot, die Schwester seiner Mutter, zu der die Großmutter ihn sonntagnachmittags schleppte und wo er sich entsetzlich langweilte, außer wenn Onkel Michel, der Fuhrmann war und sich bei den Gesprächen im dunklen Eßzimmer rund um die Schalen mit schwarzem Kaffee auf dem Wachstuch des Tischs ebenfalls langweilte, ihn in seinen nahe gelegenen Pferdestall mitnahm; und dort, im Halbdunkel, während die Nachmittagssonne draußen die Straßen erhitzte, roch er zuerst den guten Geruch nach Fell, Stroh und Pferdemist, hörte die Ketten der Halfter über den Holztrog schaben, die Pferde wandten ihnen ihre Augen mit den langen Wimpern zu, und Onkel Michel — groß, hager, mit seinem langen Schnurrbart —, der selbst nach Stroh roch, hob ihn auf eines der Pferde, das friedlich wieder in seinen Futtertrog eintauchte und seinen Hafer zermalmte, während der Onkel dem Kind Johannisbrot brachte, das es genüßlich kaute und lutschte, von Freundschaft für diesen Onkel erfüllt, der in seiner Vorstellung immer mit den Pferden verbunden war, und mit ihm fuhr auch die ganze Familie am Ostermontag in den Wald von Sidi-Ferruch, um die »Mouna« zu feiern, und Michel mietete einen dieser Pferdestraßenbahnwagen, die damals zwischen dem Viertel, in dem sie wohnten, und dem Zentrum von Algier verkehrten, eine Art großer durchbrochener Käfig mit Bänken Rücken an Rücken, vor den die Pferde gespannt wurden, eines vorne an die Spitze, das Michel aus seinem Stall nahm, und frühmorgens wurden die großen Wäschekörbe aufgeladen, voll mit jenen »mounas« genannten dicken Brioches und mit leichtem Mürbgebäck, das »oreillette« hieß, die die Frauen der Familie vor dem Ausflug im Laufe zweier Tage bei Tante Marguerite herstellten; auf dem mit Mehl bestreuten Wachstuch wurde der Teig so lange ausgerollt, bis er sich fast über das ganze Tischtuch ausbreitete, und dann wurden mit einem Teigrädchen die Plätzchen ausgeschnitten, die die Kinder auf Tellern zum Herd trugen, wo sie in große Kessel mit siedendem Fett geworfen und anschließend behutsam in die großen Wäschekörbe gelegt wurden, aus denen dann der köstliche Vanilleduft aufstieg, der sie auf der ganzen Fahrt nach Sidi-Ferruch begleitete, vermischt mit dem Geruch der Gischt, der vom Meer bis hin zur Küstenstraße drang, die die vier Pferde kraftvoll hinter sich ließen; über ihnen ließ Michel87 die Peitsche knallen, die er ab und zu dem neben ihm sitzenden Jacques reichte, der fasziniert war von den vier riesigen Kruppen, die sich mit lautem Schellengeläut unter ihm wiegten oder sich öffneten, während der Schwanz sich hob, und er sah den appetitlichen Pferdeapfel sich formen und dann zu Boden fallen, während die Hufeisen glänzten und die Schellen heftiger läuteten, wenn die Pferde mit dem Kopf schlugen. Während die anderen im Wald zwischen den Bäumen die Wäschekörbe abstellten und die Tücher auslegten, half Jacques Michel die Pferde abzureiben und ihnen die Futtersäcke aus ungebleichtem Leinen umzuhängen, in denen sie tüchtig drauflos fraßen, wobei sie ihre großen brüderlichen Augen auf- und zumachten oder mit einem ungeduldigen Fuß eine Fliege verscheuchten.

Der Wald war voller Menschen, es wurde dicht an dicht gegessen, zum Klang des Akkordeons oder der Gitarre von einer Stelle zur anderen getanzt, das Meer rollte ganz nah, es war nie warm genug, um zu baden, aber immer warm genug, um barfuß durch die flachen Wellen zu laufen, während die anderen Siesta hielten und das Licht, das unmerklich milder wurde, die Weiten des Himmels noch weiter machte, so weit, daß das Kind Tränen und zugleich einen lauten Schrei der Freude und der Dankbarkeit für das wunderbare Leben aufsteigen fühlte. Aber Tante Marguerite war tot, sie, die so schön war und immer gut gekleidet, zu kokett, wie es hieß, und sie hatte recht gehabt, denn der Diabetes hatte sie auf einem Sessel festgehalten, wo sie in der verwahrlosten Wohnung allmählich ängeschwollen und so unförmig und aufgedunsen geworden war, daß sie keine Luft bekam, von nun an zum Fürchten häßlich, umringt von ihren Töchtern und ihrem hinkenden Sohn, einem Schuster, der bekümmert aufpaßte, daß ihr die Luft nicht wegblieb.88 89 Mit Insulin vollgestopft, wurde sie noch dicker, und am Ende blieb ihr tatsächlich die Luft weg.90

Aber auch Tante Jeanne war tot, die Schwester der Großmutter, jene, die bei den Sonntagnachmittagskonzerten dabei war und lange auf ihrem weißgekalkten Bauernhof inmitten ihrer drei im Krieg verwitweten Töchter ausgeharrt hatte und ständig von ihrem seit langem toten Mann sprach91 , dem Onkel Joseph, der nur Menorquinisch sprach und den Jacques wegen seines weißen Haars über einem schönen rosigen Gesicht und wegen des schwarzen Sombreros bewunderte, den er sogar mit einer Miene unnachahmlicher Vornehmheit bei Tisch trug, ein echter bäuerlicher Patriarch, dem es dennoch passierte, daß er sich während des Essens leicht erhob, um eine schallende Ungehörigkeit abzulassen, für die er sich angesichts der resignierten Vorwürfe seiner Frau höflich entschuldigte. Und die Nachbarn seiner Großmutter, die Massons, waren auch tot, zuerst die Alte und dann die älteste Schwester, die große Alexandra und []92 der Bruder mit den abstehenden Ohren, der Schlangenmensch war und bei den Nachmittagsvorstellungen im Alcazar-Kino sang. Alle, ja, sogar die jüngste Tochter Marthe, der sein Bruder Henri den Hof gemacht hatte und mehr als das.

Kein Mensch sprach mehr von ihnen. Weder seine Mutter noch sein Onkel sprachen noch von den verstorbenen Verwandten. Weder von jenem Vater, dessen Spuren er suchte, noch von den anderen. Sie lebten weiter notdürftig, obwohl sie nicht mehr bedürftig waren, aber die Gewohnheit war da und auch ein resigniertes Mißtrauen gegenüber dem Leben, das sie auf animalische Weise lichten, von dem sie aber aus Erfahrung wußten, daß es in regelmäßigen Abständen Unglück hervorbringt, ohne auch nur Zeichen von sich zu geben, daß es dieses in sich barg.93 Und so wie die beiden um ihn waren, schweigsam und in sich versunken, ohne Erinnerungen und nur einigen dunklen Bildern treu, lebten sie nun in der Nähe des Todes, das heißt immer in der Gegenwart. Er würde nie von ihnen erfahren, wer sein Vater war, und trotzdem eröffneten sie durch ihr bloßes Dasein neue Quellen in ihm, die aus einer elenden und glücklichen Kindheit heraufgekommen waren; er war nicht sicher, ob diese so reichen, so in ihm sprudelnden Erinnerungen wirklich dem Kind entsprachen, das er gewesen war. Viel sicherer hingegen, daß er auf zwei oder drei herausgehobene Bilder angewiesen war, die ihn mit ihnen verbanden, ihn mit ihnen verschmolzen, die beseitigten, was er so viele Jahre lang versucht hatte zu sein, und ihn schließlich auf den anonymen und blinden Menschen zurückführten, der sich so viele Jahre lang in Gestalt seiner Familie überlebt hatte und der seine wahre Würde ausmachte.

Wie das Bild jener heißen Abende, an denen die ganze Familie nach dem Abendessen Stühle auf den Bürgersteig vor die Haustür trug, wo sich staubige heiße Luft von den staubbedeckten Feigenbäumen herabsenkte, während die Leute des Viertels vor ihnen hin und her gingen; Jacques’94 Kopf lag auf der mageren Schulter seiner Mutter, sein Stuhl war etwas nach hinten gekippt, und er sah durch die Äste die Sterne des Sommerhimmels an, oder wie jenes andere Bild eines Weihnachtsabends, an dem sie, nach Mitternacht ohne Ernest auf dem Rückweg von einem Besuch bei Tante Marguerite, vor dem Restaurant in der Nähe ihrer Haustür einen Mann hatten liegen sehen, um den ein anderer herumtanzte. Die beiden Männer, die betrunken waren, hatten noch mehr trinken wollen. Der Wirt, ein schmächtiger, blonder junger Mann, hatte sie hinauskomplimentiert. Sie hatten die Wirtin, die schwanger war, getreten. Und der Wirt hatte geschossen. Die Kugel war in die rechte Schläfe des Mannes eingedrungen. Der Kopf lag jetzt auf der Wunde. Trunken vor Alkohol und Entsetzen hatte der andere angefangen, um ihn herumzutanzen, und während das Restaurant schloß, waren alle vor der Ankunft der Polizei geflüchtet. Und in diesem abgelegenen Winkel des Viertels, in dem sie dicht beieinanderstanden, hielten die beiden Frauen die Kinder an sich gedrückt, und das spärliche Licht auf dem vom gerade gefallenen Regen glatten Pflaster, das langsame, feuchte Vorbeigleiten der Autos, in Abständen das Näherkommen der dröhnenden, beleuchteten Straßenbahnen voll fröhlicher und gegenüber dieser Szene aus einer anderen Welt gleichgültiger Fahrgäste gruben in Jacques’ entsetzte Seele ein Bild ein, das bisher alle anderen überlebt hatte: das süßliche, nachhaltige Bild dieses Viertels, in dem er den ganzen Tag über in Unschuld und Gier geherrscht hatte, das das Tagesende aber plötzlich geheimnisvoll und beunruhigend machte, wenn sich in seinen Straßen Schatten auszubreiten begannen oder vielmehr wenn manchmal ein einzelner anonymer Schatten, von dumpfem Getrappel und Stimmengewirr angekündigt, auftauchte, im roten Licht einer Apotheke in blutige Herrlichkeit getaucht, und das plötzlich angsterfüllte Kind zu dem armseligen Haus lief, um wieder bei seiner Familie zu sein.

Die Schule

95

96Jener hatte seinen Vater nicht gekannt, aber er sprach oft in etwas mythologischer Form mit ihm über diesen, und jedenfalls hatte er in einem bestimmten Moment diesen Vater zu ersetzen gewußt. Deshalb hatte Jacques ihn nie vergessen, als habe er zuerst als Kind und dann sein ganzes Leben lang — obwohl die Abwesenheit eines Vaters, den er nicht gekannt hatte, für ihn nie wirklich spürbar gewesen war — trotzdem die einzige, zugleich bedachte und entscheidende väterliche Geste, die in seiner Kindheit vorgekommen war, unbewußt erkannt. Denn Monsieur Bernard, sein Lehrer in der letzten Volksschulklasse, hatte in einem bestimmten Moment sein ganzes Gewicht als Mann eingesetzt, um das Schicksal dieses Kindes zu ändern, und er hatte es tatsächlich geändert.

Augenblicklich stand Monsieur Bernard Jacques in seiner kleinen Wohnung an der Ecke Rovigo gegenüber, fast am Fuß der Kasbah, einem Viertel, das über der Stadt und dem Meer lag, bewohnt von kleinen Geschäftsleuten aller Rassen und aller Religionen, wo die Häuser zugleich nach Gewürzen und Armut rochen. Er stand da, gealtert, das Haar schütter, Altersflecken unter dem nun glasigen Gewebe der Wangen und Hände, bewegte sich langsamer als früher und war sichtlich froh, als er sich wieder in seinen Rohrsessel am Fenster setzen konnte, das auf die Geschäftsstraße hinausging und wo ein Kanarienvogel zwitscherte, vom Alter auch erweicht, so daß er seine Rührung zu erkennen gab, was er früher nicht getan hätte, aber noch aufrecht und mit starker, fester Stimme wie zu der Zeit, als er, vor seiner Klasse aufgebaut, sagte: »In Zweierreihen. Zu zweit! Ich habe nicht zu fünft gesagt!« Und das Durcheinander hörte auf, die Schüler, die Monsieur Bernard zugleich fürchteten und verehrten, stellten sich an der Außenwand der Klasse, in der Galerie im ersten Stock auf, bis die Reihen endlich gleichmäßig und regungslos, die Kinder still waren und ein »Geht jetzt hinein, ihr Rasselbande« sie erlöste und das Signal zur Bewegung und mäßigerer Lebhaftigkeit gab, die Monsieur Bernard — gediegen, elegant gekleidet, über dem kräftigen, ebenmäßigen Gesicht etwas schütteres, aber glattes, nach Eau de Cologne riechendes Haar — gutgelaunt und streng überwachte.

Die Schule stand in einem relativ neuen Teil jenes alten Viertels zwischen ein- oder zweistöckigen Häusern, die kurz nach dem Krieg von 1870/ 71 gebaut worden waren, und neueren Lagerhäusern, die schließlich die Hauptstraße des Viertels, in dem Jacques’ Zuhause war, mit dem Binnenhafen von Algier, wo sich die Kohlekais befanden, verbunden hatten. Jacques ging also zweimal am Tag zu Fuß in diese Schule, in die er mit vier Jahren in die Vorschulabteilung gekommen war, an die er keine Erinnerung hatte, außer an ein Waschbecken aus dunklem Stein, das den ganzen Hintergrund des überdachten Pausenhofs einnahm und in dem er eines Tages mit dem Kopf voran gelandet war, um blutüberströmt, mit aufgeplatzter Braue, umringt von den verschreckten Lehrerinnen wieder aufzustehen, und damals hatte er die Klammern kennengelernt, die kaum entfernt worden waren, als sie an der anderen Braue wieder angebracht werden mußten, weil sein Bruder zu Hause auf die Idee gekommen war, ihm eine alte Melone über den Kopf zu stülpen, die ihn blind machte, und ihm einen alten Mantel umzuhängen, der ihn beim Gehen behinderte, so daß er mit dem Kopf auf einem losen Bruchstein des Fliesenbodens aufschlug und wieder blutete. Aber schon ging er mit Pierre in die Vorschule, der ein Jahr oder fast ein Jahr älter war als er und in einer Straße in der Nähe wohnte, mit seiner Mutter, die auch Kriegerwitwe war und Postangestellte geworden war, und zwei Onkeln, die bei der Eisenbahn arbeiteten. Ihre Familien waren lose befreundet oder so, wie es in diesen Vierteln üblich ist, das heißt, daß man sich gegenseitig schätzte, ohne sich je zu besuchen, und wild entschlossen war, einander zu helfen, fast ohne jemals Gelegenheit dazu zu haben. Nur die Kinder waren seit jenem ersten Tag wirkliche Freunde geworden, als Jacques, noch im Kleidchen, Pierre anvertraut wurde, der sich seiner Hose und seiner Pflicht als Älterer sehr bewußt war, und die beiden Kinder zusammen in die Vorschule gegangen waren. Dann hatten sie zusammen die Schuljahre bis zur letzten Volksschulklasse durchlaufen, in die Jacques mit neun Jahren kam. Fünf Jahre lang waren sie viermal denselben Weg gegangen, der eine blond, der andere dunkelhaarig, der eine sanft, der andere hitzig, aber Brüder durch Herkunft und Schicksal, beide gute Schüler und gleichzeitig unermüdliche Spieler. Jacques war in bestimmten Fächern besser, aber sein Betragen und sein Leichtsinn, auch sein Wunsch aufzufallen, der ihn zu tausend Dummheiten trieb, gaben dem besonneneren und verschlosseneren Pierre wieder einen Vorsprung. So wechselten sie sich als Klassenbeste ab, ohne daß es ihnen, im Gegensatz zu ihren Familien, in den Sinn kam, sich eitel daran zu freuen. Ihre Freuden waren andere. Morgens wartete Jacques unten vor dem Haus auf Pierre. Sie gingen los, bevor die Müllfahrer kamen oder, genauer gesagt, der von einem lahmen Pferd gezogene Karren, den ein alter Araber lenkte. Der Bürgersteig war noch naß von der Feuchtigkeit der Nacht, die Luft kam vom Meer und schmeckte nach Salz. In Pierres Straße, die zum Markt führte, standen Reihen von Mülltonnen, in denen im Morgengrauen Araber oder ausgehungerte Maurinnen, manchmal ein alter spanischer Clochard herumgestochert und noch etwas von dem herausgeholt hatten, was arme und sparsame Familien genügend mißachteten, um es wegzuwerfen. Die Deckel dieser Tonnen waren gewöhnlich offen, und zu dieser morgendlichen Stunde hatten die kräftigen, mageren Katzen des Viertels den Platz der zerlumpten Menschen eingenommen. Es ging für die beiden Kinder darum, leise genug hinter die Mülltonnen zu gelangen, um plötzlich den Deckel über der Katze in der Tonne zuzuschlagen. Diese Heldentat war nicht ganz einfach, denn die in einem Armenviertel geborenen und aufgewachsenen Katzen hatten die Wachsamkeit und Flinkheit von Tieren, die es gewohnt sind, ihr Lebensrecht zu verteidigen.

Aber manchmal ließ sich eine Katze, von einem appetitlichen und schwer aus der Abfallmenge herauszuziehenden Fund gebannt, überraschen. Der Deckel schlug scheppernd zu, die Katze stieß ein Schreckensjaulen aus, tobte mit dem Rücken und den Krallen um sich und schaffte es, das Dach ihres Zinkgefängnisses anzuheben, sich mit vor Entsetzen gesträubtem Fell herauszuwinden und unter dem Gelächter ihrer Peiniger, die sich ihrer Grausamkeit sehr wenig bewußt waren, davonzurennen, als wäre ihr eine Meute von Hunden auf den Fersen.97

Eigentlich waren diese Peiniger auch sehr inkonsequent, denn sie verfolgten mit ihrem Abscheu den Hundefänger, den die Kinder des Viertels Galoufa98 nannten (was auf spanisch …). Dieser städtische Beamte ging etwa um die gleiche Zeit seiner Arbeit nach, aber bei Bedarf drehte er auch nachmittags seine Runden. Er war ein europäisch gekleideter Araber, der gewöhnlich hinten auf einem von zwei Pferden gezogenen und von einem unerschütterlichen alten Araber gelenkten Fahrzeug saß. Das Kernstück des Wagens bestand aus einer Art Holzkubus, auf dessen beiden Längsseiten eine Doppelreihe Käfige mit haltbaren Stäben untergebracht war. Insgesamt gab es sechzehn Käfige für jeweils einen Hund, der dann zwischen den Stäben und der Rückwand des Käfigs eingezwängt war. Der Fänger saß auf einem kleinen Trittbrett hinten auf dem Wagen, hatte die Nase in Höhe der Käfigdächer und konnte so sein Jagdgebiet überblicken. Der Wagen rollte langsam durch die feuchten Straßen, die sich mit Kindern auf dem Schulweg, mit Hausfrauen in heftig geblümten Moltonmorgenmänteln, die ihr Brot und ihre Milch einkaufen gingen, und mit arabischen Händlern, unterwegs zum Markt, ihre zusammengeklappten kleinen Stände auf der Schulter und in der Hand einen riesengroßen Korb aus geflochtenem Stroh mit ihren Waren, zu bevölkern begannen. Und auf einmal, auf einen Ruf des Fängers hin, zog der alte Araber die Zügel an, und der Wagen hielt. Der Fänger hatte eines seiner elenden Beutetiere erblickt, das fieberhaft in einer Mülltonne scharrte und dabei regelmäßig erschreckte Blicke hinter sich warf, oder eines, das mit jener gehetzten, unruhigen Gangart unterernährter Hunde an einer Mauer entlangtrabte. Galoufa nahm dann oben vorn Wagen einen Ochsenziemer mit einer Eisenkette daran, die durch einen Ring hindurch am Griff entlanglief. Er näherte sich dem Tier mit dem geschmeidigen, schnellen, lautlosen Schritt des Trappers, erreichte es, und wenn es kein Halsband trug — das Kennzeichen der Söhne aus gutem Hause — rannte er plötzlich blitzschnell auf ihn99 zu und legte ihm seine Waffe um den Hals, die dann wie ein Lasso aus Eisen und Leder funktionierte. Das urplötzlich gedrosselte Tier wehrte sich wie rasend und stieß unartikulierte Klagelaute aus. Aber der Mann zerrte [es[ schnell zum Wagen, öffnete eine Gittertür, hob den Hund hoch, wobei er ihn noch fester drosselte, warf ihn in den Käfig, darauf bedacht, den Griff seines Lassos durch die Stäbe hinauszuschieben. War der Hund eingesperrt, gab er der Eisenkette wieder mehr Spiel und befreite den Hals des nun gefangenen Hundes. So lief es zumindest ab, wenn der Hund nicht von den Kindern des Viertels beschützt wurde. Alle hatten sich nämlich gegen Galoufa verbündet. Sie wußten, daß die eingefangenen Hunde in den städtischen Pfandstall gebracht, drei Tage dort verwahrt wurden, und danach, wenn niemand sie abholen kam, wurden die Tiere umgebracht. Und auch wenn sie es nicht gewußt hätten, hätte das erbarmungswürdige Schauspiel des nach einer einträglichen Tour zurückfahrenden Todeskarrens, vollgeladen mit unglückseligen Tieren in allen Fellarten und in allen Größen, die voller Schrecken hinter ihren Gitterstäben saßen und im Kielwasser des Wagens ein zu Tode verzweifeltes Winseln und Jaulen hinterließen, genügt, sie zu empören. Daher alarmierten die Kinder einander, sobald der Zellenwagen im Viertel auftauchte. Sie verteilten sich in allen Straßen, um ihrerseits die Hunde aufzuspüren, aber um sie in andere Stadtgebiete zu treiben, weit weg von dem schrecklichen Lasso. Wenn der Hundefänger trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen, wie Pierre und Jacques es mehrmals erlebten, in ihrem Beisein einen streunenden Hund entdeckte, war die Taktik immer die gleiche. Bevor der Jäger sich nahe genug an sein Wild anschleichen konnte, fingen Jacques und Pierre an, so geilend und schrecklich zu brüllen: »Galoufa, Galoufa«, daß der Hund aus Leibeskräften Reißaus nahm und in wenigen Sekunden außer Reichweite war. Dann mußten die beiden Kinder selbst ihr Talent im schnellen Laufen unter Beweis stellen, denn der unglückliche Galoufa, der für jeden eingefangenen Hund eine Prämie bekam, verfolgte sie rasend vor Wut und den Ochsenziemer schwingend. Die Erwachsenen halfen ihnen im allgemeinen bei ihrer Flucht, entweder indem sie Galoufa behinderten oder indem sie ihn ganz einfach anhielten und baten, sich mit den Hunden zu befassen. Die Arbeiter des Viertels, alle Jäger, hatten Hunde gewöhnlich gern und keine Achtung vor diesem sonderbaren Beruf. Wie Onkel Ernest sagte: »Er Faulpelz!« Über all dieser Aufregung thronte der alte Araber, der die Pferde lenkte, schweigend und unerschütterlich, oder, wenn die Diskussionen sich in die Länge zogen, drehte er sich in aller Ruhe eine Zigarette. Ob sie nun Katzen eingesperrt oder Hunde befreit hatten, danach eilten die Kinder — die Pelerinen im Wind, wenn es Winter war, und mit ihren Sandalen (die Mevas hießen) klappernd, wenn es Sommer war — zur Schule und zum Arbeiten. Beim Überqueren des Marktes ein Blick auf die Obstauslagen, und je nach Jahreszeit zogen Berge von Mispeln, Apfelsinen und Mandarinen, Aprikosen, Pfirsichen, Mandarinen100 , Melonen, Wassermelonen an ihnen vorbei, ihnen, die davon nur die am wenigsten teuren und in begrenzter Menge genießen würden; zwei oder drei Pferdübungen auf dem großen glasierten Becken des Springbrunnens, ohne den Schulranzen loszulassen, und sie rannten an den Lagerhäusern des Boulevard Thiers entlang und bekamen den Apfelsinengeruch voll ins Gesicht, der aus der Fabrik strömte, in der die Apfelsinen geschält wurden, um aus ihrer Schale Likör zu machen, gingen eine kleine Straße mit Gärten und Villen hinauf und kamen endlich auf der Rue Aumerat heraus, auf der es von Kindern wimmelte, die sich miteinander unterhielten und auf das Öffnen der Türen warteten.

Dann begann der Unterricht. Bei Monsieur Bernard war der Unterricht aus dem einfachen Grund, daß er seinen Beruf leidenschaftlich liebte, ständig interessant. Draußen mochte die Sonne auf den fahlroten Wänden brüllen, während die Hitze im Klassenzimmer knisterte, obwohl es von Vorhängen mit breiten gelb-weißen Streifen abgedunkelt war. Ebensogut mochte der Regen, wie er es in Algerien tut, sintflutartig fallen und die Straßen in eine dunkle, feuchte Grube verwandeln — die Klasse war kaum zerstreut. Nur die Fliegen bei Gewitterschwüle lenkten die Kinder manchmal ab. Sie wurden eingefangen und landeten in den Tintenfässern, wo ein abscheuliches Sterben für sie begann, ein Ertrinken im violetten Schlamm in den kleinen Porzellantintenfässern mit kegelförmigem Rumpf, die in den Löchern im Tisch eingelassen waren. Doch Monsieur Bernärds Methode, die darin bestand, im Betragen nichts durchgehen zu lassen und seinen Unterricht hingegen lebendig und amüsant zu machen, triumphierte sogar über die Fliegen. Er verstand es, immer im rechten Augenblick die Mineraliensammlung, das Herbarium, die konservierten Falter und Insekten, die Karten oder aus seinem Schrank mit den Schätzen zu holen, die das nachlassende Interesse seiner Schüler wiedererweckten. Er hatte als einziger an der Schule eine Laterna magica bekommen und machte zweimal im Monat Vorführungen zu naturkundlichen oder geographischen Themen. In Arithmetik hatte er einen Wettbewerb in Kopfrechnen eingerichtet, der den Schüler zu geistiger Schnelligkeit zwang. Er gab der Klasse, die mit verschränkten Armen dasitzen mußte, die Glieder einer Division, einer Multiplikation oder manchmal einer etwas komplizierten Addition vor. Wieviel sind 1267+691. Dem ersten, der das richtige Ergebnis angab, wurde ein Pluspunkt für die monatliche Rangliste gutgeschrieben. Sonst benutzte er kompetent und präzise die Lehrbücher … Die Lehrbücher waren immer die im Mutterland gebräuchlichen. Und diese Kinder, die nur den Schirokko, den Staub, die kurzen, gewaltigen Regenschauer, den Sand der Strände und das in der Sonne ledernde Meer kannten, lasen, mit deutlich hörbaren Kommas und Punkten, voller Hingabe für sie mythische Erzählungen, in denen Kinder mit Wollmütze und -schal, die Füße in Holzschuhen, bei Eiseskälte Reisigbündel über verschneite Wege hinter sich herzogen, bis sie das schneebedeckte Dach des Hauses erblickten, dessen räuchender Schornstein ihnen mitteilte, daß die Erbsensuppe auf der Feuerstelle kochte. Für Jacques waren diese Erzählungen absolut fremdartig. Er träumte davon, bevölkerte damit seine selbstverfaßten Beschreibungen einer Welt, die er nie gesehen hatte, und hörte nicht auf, seine Großmutter über den Schnee auszufragen, der zwanzig Jahre zuvor einmal eine Stunde auf die Gegend von Algier gefallen war. Diese Erzählungen waren für ihn ein Teil der mächtigen Poesie der Schule, die auch vom Geruch des Lacks der Lineale und Federkästen gespeist wurde, vom köstlichen Aroma der Riemen seines Ranzens, auf dem er lange herumkaute, während er sich mit seiner Arbeit plagte, vom bitteren, herben Geruch der violetten Tinte, vor allem, wenn er an der Reihe war, die Tintenfässer aus einer riesigen dunklen Flasche nachzufüllen, in deren Korken ein gekrümmtes Glasröhrchen steckte, und Jacques schnupperte beglückt an der Öffnung des Röhrchens, vom weichen Anfühlen der glatten, satinierten Seiten mancher Bücher, aus denen

ein guter Geruch nach Druck und Leim aufstieg, und schließlich an Regentagen von jenem Geruch nach feuchter Wolle, der den Wollregenmänteln hinten im Klassenzimmer entstieg, gleichsam einer Ahnung von jenem paradiesischen Universum, in dem die Kinder in Holzschuhen und mit Wollmütze durch den Schnee auf das warme Haus zuliefen.

Nur die Schule schenkte Jacques und Pierre diese Freuden. Und was sie zweifellos so leidenschaftlich an ihr lichten, war das, was sie zu Hause nicht fanden, wo Armut und Unwissenheit das Leben noch härter, trüber, wie in sich selbst gekehrt machten; das Elend ist eine Festung ohne Zugbrücke.

Aber es war nicht nur das, denn Jacques fühlte sich in den Ferien als das unglücklichste aller Kinder, wenn die Großmutter, um diesen unermüdlichen Bengel loszuwerden, ihn mit etwa vierzig anderen Kindern und einer Handvoll Betreuern nach Miliana in eine Ferienkolonie in den Bergen des Zaccar schickte, wo sie in der mit Schlafräumen ausgestatteten Schule wohnten, komfortabel schliefen und aßen, den ganzen Tag von netten Krankenschwestern beaufsichtigt spielten oder spazierengingen; und bei alldem fühlte das Kind, wenn der Abend kam, wenn der Schatten im Nu die Berghänge hinaufstieg und wenn von der benachbarten Kaserne in der ungeheuren Stille der kleinen, in den Bergen verlorenen Stadt, hundert Kilometer von jedem wirklich bewohnten Ort entfernt, das Horn die schwermütigen Töne des Zapfenstreichs schmetterte, dann fühlte es in seinem Innern eine grenzenlose Verzweiflung aufsteigen, und es schrie lautlos nach dem armen, kargen Haus seiner ganzen Kindheit.101

Nein, die Schule bot ihnen nicht nur eine Ausflucht aus dem Familienleben. In Monsieur Bernards Klasse jedenfalls nährte sie in ihnen einen Hunger, der für das Kind noch wesentlicher war als für den Mann, den Hunger nach Entdeckung. In den anderen Klassen lehrte man sie wahrscheinlich vieles, aber ein wenig so, wie man Gänse mästet. Man setzte ihnen fix und fertige Nahrung vor und bat sie, sie gefälligst zu schlucken. In Monsieur Germains102 Klasse fühlten sie zum erstenmal, daß sie existierten und Gegenstand höchster Achtung waren: Man hielt sie für würdig, die Welt zu entdecken. Und ihr Lehrer ließ es sich sogar nicht nur angelegen sein, ihnen das beizubringen, wofür er bezahlt wurde, er eröffnete ihnen sogar sein Privatleben, er lebte es mit ihnen, erzählte ihnen seine Kindheit und die Geschichte von Kindern, die er gekannt hatte, legte ihnen seine Ansichten dar und nicht seine Ideen, denn er war zum Beispiel antiklerikal wie viele seiner Kollegen und sagte im Unterricht doch nie ein einziges Wort gegen die Religion oder gegen etwas, was eine Wahl oder Überzeugung betraf, aber er verurteilte um so vehementer, was indiskutabel war, nämlich Diebstahl, Denunziation, Taktlosigkeit, Unanständigkeit.

Vor allem aber erzählte er ihnen vom noch ganz nahen Krieg, den er vier Jahre lang mitgemacht hatte, von den Leiden der Soldaten, von ihrer Tapferkeit, ihrer Geduld und vom Glück des Waffenstillstands. Am Ende jedes Trimesters, bevor er sie in die Ferien entließ, und von Zeit zu Zeit, wenn der Lehrplan es erlaubte, hatte er sich angewöhnt, ihnen lange Auszüge aus den Hölzernen Kreuzen103 von Dorgelés vorzulesen. Jacques eröffnete dieses Vorlesen wieder die Tore der Fremdartigkeit, aber einer Fremdartigkeit, in der Angst und Unglück grassierten, obwohl er sie nie, höchstens theoretisch, mit dem Vater, den er nicht gekannt hatte, in Zusammenhang brachte. Er lauschte nur voller Hingabe einer Geschichte, die sein Lehrer voller Hingabe vorlas und in der er wieder vom Schnee und von seinem lieben Winter hörte, aber auch von außerordentlichen Männern in schweren, von Schlamm starrenden Stoffen, die in einer sonderbaren Sprache redeten und in Löchern unter einer Decke von Granaten, Raketen und Kugeln lebten. Er und Pierre erwarteten jedes Vorlesen mit jedesmal größerer Ungeduld. Jener Krieg, von dem alle noch sprachen (und Jacques hörte Daniel schweigend, aber ganz Ohr, zu, wenn er auf seine Weise von der Marneschlacht erzählte, die er mitgemacht hatte und von der er immer noch nicht wußte, wie er aus ihr herausgekommen war, als sie, die Zuaven, sagte er, als Schützen eingesetzt worden waren und dann zum Angriff stiegen sie in eine Schlucht zum Angriff und es war niemand vor ihnen und sie marschierten und auf einmal als sie halb unten waren fielen die MG-Schützen übereinander und der Grund der Schlucht voller Blut und die jenigen die Mama riefen es war schrecklich), den die Überlebenden nicht vergessen konnten und dessen Schatten über allem schwebte, was um sie herum entschieden wurde und über allen Plänen, die man machte, für eine faszinierende und ungewöhnlichere Geschichte als die Märchen, die in anderen Stunden gelesen wurden und denen er enttäuscht und gelangweilt zugehört hätte, wenn Monsieur Bernard auf den Gedanken gekommen wäre, sein Programm zu ändern. Aber er las weiter, amüsante Szenen wechselten ab mit schrecklichen Schilderungen, und nach und nach lernten die afrikanischen Kinder … X, Y, Z kennen, die zu ihrem Umgang gehörten, über die sie untereinander sprachen wie über alte Freunde, gegenwärtig und so lebendig, daß zumindest Jacques keine Sekunde daran dachte, sie könnten, obwohl sie im Krieg lebten, Gefahr laufen, darin umzukommen. Und an jenem Tag am Ende des Schuljahrs, als Monsieur Bernard, am Ende des Buches104 angelangt, mit gedämpfterer Stimme D.s Sterben vorlas, als er das Buch, mit seiner Bewegtheit und seinen Erinnerungen konfrontiert, schweigend zuklappte, um zu seiner benommenen und stillen Klasse aufzublicken, sah er Jacques in der ersten Reihe sitzen, der ihn mit tränenüberströmtem Gesicht starr ansah, von endlosem Schluchzen geschüttelt, das nie aufhören zu sollen schien. »Na komm, Kleiner, komm«, sagte Monsieur Bernard kaum hörbar, und er stand auf, um, der Klasse den Rücken zugekehrt, sein Buch in den Schrank zurückzustellen.

»Warte, Kleiner«, sagte Monsieur Bernard. Er stand mühsam auf, strich mit dem Nagel seines Zeigefingers über die Stäbe des Käfigs des Kanarienvogels, der um so lauter zwitscherte: »Aha! Casimir, man hat Hunger, man ruft nach seinem Vater«, und er [verbreitete] sich zu seinem kleinen Schülerpult hinten im Zimmer, neben dem Kamin. Er kramte in einer Schublade herum, schob sie wieder zu, öffnete eine andere, nahm etwas heraus. »Da, das ist für dich«, sagte er. Jacques nahm ein in braunes Einwickelpapier gebundenes Buch ohne Aufschrift auf dem Deckel. Noch bevor er es aufschlug, wußte er, daß es Die hölzernen Kreuze waren, eben das Exemplar, aus dem Monsieur Bernard der Klasse vorlas. »Nein, nein«, sagte er, »das ist …« Er wollte sagen: Das ist zu schön. Er fand keine Worte. Monsieur Bernard schüttelte sein altes Haupt. »Du hast am letzten Tag geweint, erinnerst du dich? Seit dem Tag gehört das Buch dir.« Und er wandte sich ab, um seine plötzlich getöteten Augen zu verbergen. Er ging wieder zu seinem Schreibtisch, dann kam er, die Hände hinter dem Rücken, wieder auf Jacques zu, schwenkte ein kurzes, dickes rotes Lineal105 vor dessen Gesicht und sagte lachend: »Erinnerst du dich an die Zuckerstange?« — »Ach, Monsieur Bernard«, sagte Jacques, »Sie haben sie also aufgehoben! Sie wissen doch, daß es heute verboten ist.« — »Pah, das war damals auch verboten. Dabei bist du Zeuge, daß ich sie benutzt habe!« Jacques war Zeuge, denn Monsieur Bernard war für körperliche Züchtigung. Die gewöhnliche Strafe bestand allerdings nur in Minuspunkten, die er am Monatsende von der vom Schüler gutgemachten Punktzahl abzog, wodurch dieser in der allgemeinen Rangfolge abstieg. In schweren Fällen aber dachte Monsieur Bernard gar nicht daran, den Übertreter zum Direktor zu schicken, wie seine Kollegen es oft machten. Er ging selbst nach einem immer gleichbleibenden Ritus vor. »Armer Robert«, sagte er ruhig und ohne seine gute Laune zu verlieren, »du mußt in die Zuckerstange beißen.« Niemand in der Klasse reagierte (außer um klammheimlich zu lachen, nach der festen Regel des menschlichen Herzens, laut der die Bestrafung der einen von den anderen als Freude empfunden wird106 ). Das Kind stand blaß auf, aber meistens versuchte es, Haltung zu bewahren (manche schluckten schon an ihren Tränen, wenn sie aus ihrer Bank traten und auf das Pult zugingen, neben dem Monsieur Bernard schon vor der Wandtafel stand). Wieder dem Ritus entsprechend, der an dieser Stelle eine Prise Sadismus enthielt, gingen Robert oder Joseph selbst die »Zuckerstange« vom Pult holen, um sie dem Opferpriester zu übergeben.

Die Zuckerstange war ein dickes, kurzes Lineal aus rotem Holz mit Tintenflecken, von Kerben und Einschnitten verunstaltet, das Monsieur Bernard vor langer Zeit bei einem inzwischen vergessenen Schüler beschlagnahmt hatte; der Schüler übergab es Monsieur Bernard, der es gewöhnlich mit spöttischer Miene entgegennahm und die Beine spreizte. Das Kind mußte seinen Kopf zwischen die Knie des Lehrers stecken, der ihn mit zusammengepreßten Oberschenkeln festhielt. Und auf den so dargebotenen Hintern versetzte Monsieur Bernard eine je nach Sünde variable Zahl von gleichmäßig auf jede Hinterbacke verteilten tüchtigen Schlägen mit dem Lineal. Die Reaktionen auf diese Strafe waren je nach Schüler unterschiedlich. Die einen stöhnten schon, ehe die Schläge sie trafen, und der unerschütterliche Lehrer machte sie dann darauf aufmerksam, daß sie zu früh dran seien, die anderen legten treuherzig die Hände schützend über ihren Hintern, die Monsieur Bernard mit einem lässigen Schlag entfernte. Andere traten unter den brennenden Linealschlägen wild um sich. Es gab auch solche, zu denen Jacques gehörte, die die Schläge wortlos erduldeten und, während sie auf ihren Platz zurückgingen, dicke Tränen hinunterschluckten. Insgesamt jedoch wurde diese Strafe ohne Bitterkeit hingenommen, zum einen, weil fast alle diese Kinder zu Hause geschlagen wurden und Züchtigung ihnen als normale Erziehungsmethode erschien, zum anderen, weil die Unparteilichkeit des Lehrers absolut war, weil man vorher wußte, welche Übertretungen — immer die gleichen — die Sühnezeremonie nach sich zogen, und all jene, die die Grenze der Taten überschritten, die dem Minuspunkt unterlagen, wußten, was sie riskierten, und daß der Urteilsspruch mit herzhafter Gleichheit die Besten wie die Schlechtesten traf. Jacques, den Monsieur Bernard offensichtlich sehr gern hatte, traf er genauso wie die anderen, und er traf ihn sogar einen Tag, nachdem Monsieur Bernard ihm öffentlich seine Bevorzugung gezeigt hatte. Als Jacques an der Wandtafel stand und Monsieur Bernard ihm auf eine gute Antwort hin die Wange gestreichelt hatte, hatte in der Klasse eine Stimme »Liebling« gemurmelt; Monsieur Bernard hatte ihn an sich gezogen und mit einer Art Feierlichkeit gesagt: »Ja, ich ziehe Cormery vor, wie all jene von euch, die ihren Vater im Krieg verloren haben. Ich habe mit ihren Vätern den Krieg mitgemacht, und ich lebe. Ich versuche hier wenigstens meine toten Kameraden zu ersetzen. Und wenn jetzt noch jemand meint, ich hätte ›Lieblinge‹, soll er es sagen!« Diese Standpauke wurde mit totalem Schweigen aufgenommen. Nach der Schule fragte Jacques, wer ihn »Liebling« genannt hatte. Eine solche Beleidigung ohne Reaktion hinzunehmen bedeutete nämlich, seine Ehre zu verlieren. »Ich«, sagte Munoz, ein ziemlich weichlicher und farbloser, blonder, großer Junge, der sich selten äußerte, aber schon immer seine Antipathie für Jacques gezeigt hatte. »Gut«, sagte Jacques, »dann ist deine Mutter eine Hure107 « Auch das war eine rituelle Beleidigung, die sofort zum Kampf führte, da die Beleidigung der Mutter und der Toten an den Mittelmeerküsten von jeher die schlimmste war. Munoz zögerte jedoch. Aber Ritus ist Ritus, und die anderen redeten an seiner Stelle. »Los, aufs grüne Feld.« Das grüne Feld war eine Art unbebautes Gelände nicht weit von der Schule, auf dem krustenartig kümmerliches Gras wuchs und das übersät war von alten Reifen, Konservendosen und verfaulten Fässern. Dort fanden die donnades statt. Die donnades waren ganz einfach Duelle, bei denen die Faust den Degen ersetzte, die aber einem identischen Zeremoniell gehorchten, zumindest ihrem Geist nach. Ihr Ziel war nämlich, einen Streit beizulegen, bei dem die Ehre eines der Widersacher auf dem Spiel stand, entweder weil seine direkten Vorfahren oder seine Ahnen beleidigt oder seine Nationalität oder seine Rasse herabgesetzt worden waren oder weil er denunziert worden war oder beschuldigt, es zu sein, bestohlen worden war oder beschuldigt, gestohlen zu haben, oder aus noch unklareren Gründen, wie sie täglich unter Kindern aufkommen. Wenn einer der Schüler meinte, oder vor allem wenn man an seiner Stelle meinte (und er es einsah), er sei so sehr beleidigt worden, daß die Beleidigung getilgt werden müsse, so lautete die rituelle Formel: »Um vier auf dem grünen Feld.« Sobald die Formel ausgesprochen war, legte sich die Erregung, und die Kommentare hörten auf. Jeder der Widersacher zog sich von seinen Kameraden gefolgt zurück. In den folgenden Unterrichtsstunden verbreitete sich die Nachricht von Bank zu Bank mit den Namen der Kämpfer, die von den Mitschülern aus den Augenwinkeln gemustert wurden und folglich die der Männlichkeit eigene Ruhe und Entschlossenheit zur Schau stellten. Innerlich war das etwas anderes, und die Tapfersten waren durch die Angst vor dem Moment, da sie sich der Gewalt würden stellen müssen, vom Arbeiten abgelenkt. Aber es durfte nicht sein, daß die Kameraden aus dem gegnerischen Feld feixen und dem Kämpfer vorwerfen konnten, er habe »die Hosen voll«, wie der feststehende Ausdruck hieß.

Jacques hatte sie, nachdem er seine Mannespflicht getan hatte, indem er Munoz provozierte, jedenfalls gehörig voll, wie jedesmal, wenn er sich in die Lage brachte, sich der Gewalt zu stellen und sie auszuüben. Aber sein Entschluß war gefaßt, und in seinem Kopf kam es keine Sekunde in Frage, zu kneifen. Es war unvermeidlich, und er wußte auch, daß diese leichte Übelkeit, die ihm vor der Schlacht auf den Magen drückte, im Augenblick des Kampfes, von seiner eigenen Gewalttätigkeit überflügelt, verschwinden würde, seiner Gewalttätigkeit, die ihm taktisch übrigens ebensoviel schadete, wie sie ihm nützte und die es ihm eingebracht hatte, daß108

Am Nachmittag des Kampfes mit Munoz lief alles dem Ritus entsprechend ab. Gefolgt von ihren in Betreuer verwandelten Anhängern, die schon den Ranzen des Kämpfenden trugen, trafen die Kampfhähne als erste auf dem grünen Feld ein, gefolgt von all denen, die die Prügelei anzog und die auf dem Schlachtfeld die Widersacher umringten; diese übergaben ihre Pelerine und ihre Jacke den Betreuern. Diesmal war Jacques sein Ungestüm nützlich: Er griff ohne rechte Überzeugung als erster an, brachte Munoz dazu zurückzuweichen, der, als er ungeordnet zurückwich und die Haken seines Gegners ungeschickt parierte, Jacques an der Wange traf, was ihm weh tat und mit Wut erfüllte, die von den Zurufen, dem Lachen, den Anfeuerungen der Zuschauer noch blinder wurde. Er stürzte sich auf Munoz, ließ Fausthiebe auf ihn hageln, brachte ihn aus der Fassung und hatte das Glück, einen wütenden Haken auf dem rechten Auge des Unglücklichen zu landen, der, vollends aus dem Gleichgewicht gebracht, jämmerlich auf den Hintern fiel und auf einem Auge weinte, während das andere sofort anschwoll. Das blaue Auge — der Königsschlag, sehr begehrt, weil er den Triumph des Siegers für mehrere Tage und deutlich sichtbar bestätigte — ließ das ganze Publikum in Indianergeheul ausbrechen. Munoz stand nicht gleich wieder auf, und sofort schaltete sich Pierre, der engste Freund, gebieterisch ein, um Jacques zum Sieger zu erklären, ihm seine Jacke anzuziehen, seine Pelerine umzulegen und ihn, umringt von einem Gefolge von Bewunderern, wegzuführen, während Munoz, immer noch weinend, aufstand und sich in der Mitte eines bestürzten kleinen Kreises anzog. Berauscht von der Schnelligkeit eines Sieges, den er so vollständig nicht erwartete, vernahm Jacques kaum die Gratulationen und bereits beschönigten Kampfberichte ringsum. Er wollte froh sein, war es auch irgendwo in seiner Eitelkeit, und doch, als er sich beim Verlassen des grünen Feldes nach Munoz umdrehte, legte sich ihm beim Anblick des fassungslosen Gesichts dessen, den er geschlagen hatte, plötzlich eine düstere Traurigkeit aufs Gemüt. Und so begriff er, daß der Krieg nicht gut ist, da einen Menschen zu besiegen ebenso bitter ist, wie von ihm besiegt zu werden.

Um seine Erziehung noch zu vervollständigen, wurde er unverzüglich darauf hingewiesen, daß der Tarpejische Fels nahe beim Capitol liegt. Am nächsten Tag nämlich hielt er sich unter den bewundernden Püffen seiner Kameraden für verpflichtet, sich großspurig zu geben und zu prahlen. Als Munoz sich zu Beginn des Unterrichts beim Aufrufen der Namen nicht meldete und die neben Jacques Sitzenden dieses Fehlen mit ironischem Grinsen und Gezwinker zum Sieger hin kommentierten, hatte Jacques die Schwäche, seine Wange aufzublasen, den Kameraden sein halbgeschlossenes Auge zu zeigen und, ohne zu merken, daß Monsieur Bernard ihn ansah, eine groteske Mimik vorzuführen, die im Nu verschwand, als die Stimme des Lehrers in der plötzlich stillen Klasse erscholl: »Armer Liebling«, sagte dieser trockene Witzbold, »du hast wie die anderen Anspruch auf die Zuckerstange.« Der Triumphator mußte aufstehen, das Marterinstrument holen und in dem frischen Geruch nach Eau de Cologne, der Monsieur Bernard umgab, schließlich die schmachvolle Haltung für die Bestrafung einnehmen.

Mit dieser Lektion in praktischer Philosophie sollte die Affäre Munoz nicht abgeschlossen sein. Der Junge fehlte noch zwei Tage, und Jacques war, trotz seiner Angeberei, irgendwie beunruhigt, als am dritten Tag ein großer Schüler den Klassenraum betrat und Monsieur Bernard mitteilte, der Direktor wolle den Schüler Cormery sprechen. Man wurde nur in schweren Fällen zum Direktor gerufen, und der Lehrer zog die Brauen hoch und sagte nur: »Beeil dich, Knirps. Ich hoffe, du hast keine Dummheiten gemacht.« Jacques ging mit weichen Knien hinter dem großen Schüler durch die Galerie über dem zementierten Hof mit den Abrahamsbäumen, deren dürftiger Schatten nicht vor der glühenden Hitze schützte, zum Büro des Direktors, das am anderen Ende der Galerie lag. Das erste, was er beim Eintreten sah, war Munoz, der, eingerahmt von einer Dame und einem Herrn mit verärgerter Miene, vor dem Schreibtisch des Direktors stand. Trotz des geschwollenen und völlig geschlossenen Auges, das seinen Mitschüler entstellte, verspürte er ein Gefühl der Erleichterung, ihn lebend wiederzusehen. Aber er hatte keine Zeit, diese Erleichterung zu genießen. »Hast du deinen Kameraden geschlagen?« sagte der Direktor, ein kleiner Glatzkopf mit rosigem Gesicht und energischer Stimme. »Ja«, sagte Jacques tonlos. »Ich habe es Ihnen ja gesagt, Monsieur«, sagte die Dame. »André ist kein Taugenichts.« — »Wir haben miteinander gekämpft«, sagte Jacques. — »Davon will ich nichts wissen«, sagte der Direktor. »Du weißt, daß ich jeden Kampf verboten habe, auch außerhalb der Schule. Du hast deinen Kameraden verletzt und hättest ihn noch schwerer verletzen können. Als erste Warnung wirst du eine Woche lang während der Pausen in der Ecke stehen. Wenn du es noch einmal tust, wirst du vor die Tür gesetzt. Ich werde deine Eltern von deiner Bestrafung in Kenntnis setzen. Du kannst in deine Klasse zurückgehen.« Wie vor den Kopf geschlagen blieb Jacques reglos stehen. »Geh«, sagte der Direktor. »Nun, Fantômas?« sagte Monsieur Bernard, als Jacques in die Klasse zurückkam. Jacques weinte. »Na, komm, ich höre.« Mit abgehackter Stimme berichtete das Kind zuerst von der Strafe, dann davon, daß Munoz’ Eltern sich beschwert hätten, und gestand schließlich den Kampf. »Warum habt ihr gekämpft?« — »Er hat mich ›Liebling‹ genannt.« — »Noch einmal?« — »Nein, hier in der Klasse.« — »Ach, er war das! Und du hast gemeint, ich hätte dich nicht ausreichend verteidigt.« Jacques sah Monsieur Bernard inbrünstig an. »O doch! O doch! Sie …« Und er brach in aufrichtiges Schluchzen aus. »Setz dich«, sagte Monsieur Bernard. — »Das ist nicht gerecht«, sagte das Kind unter Tränen. »Doch«, sagte er sanft109

Am nächsten Tag in der Pause stellte sich Jacques hinten auf dem Pausenhof in die Ecke, mit dem Rücken zum Hof, zum fröhlichen Geschrei der Mitschüler. Er wechselte das Standbein110 , er verging vor Lust, auch herumzulaufen. Ab und zu warf er einen Blick nach hinten und sah Monsieur Bernard, der in einer Ecke des Hofes mit seinen Kollegen promenierte, ohne ihn anzusehen. Aber am zweiten Tag, er sah ihn nicht hinter seinem Rücken ankommen, klopfte er ihm sanft auf den Nacken: »Mach nicht so ein Gesicht, Tiefflieger. Munoz steht auch in der Ecke. Komm, ich erlaube dir, hinzuschauen.« Auf der anderen Hofseite stand Munoz tatsächlich allein und mürrisch. »Deine Komplizen weigern sich, die ganze Woche, wo du in der Ecke stehst, mit ihm zu spielen.« Monsieur Bernard lachte. »Siehst du, ihr werdet alle beide bestraft. Das ist in Ordnung.« Und er beugte sich zu dem Kind, um ihm mit einem liebevollen Lachen, das eine Flut von Zärtlichkeit im Herzen des Verurteilten aufsteigen ließ, zu sagen: »Hör mal, du Knirps, wenn man dich sieht, sollte man nicht meinen, daß du so einen Schlag hast!«

Diesen Mann, der heute mit seinem Kanarienvogel sprach und ihn »Kleiner« nannte, obwohl Jacques vierzig war, hatte er nie aufgehört zu lieben, auch nicht, als die Jahre, die Entfernung, dann schließlich der Zweite Weltkrieg ihn teilweise, dann gänzlich von ihm getrennt hatten und er nichts von ihm hörte; er war hingegen glücklich wie ein Kind, als 1945 ein älterer Landsturmmann im Soldatenmantel bei ihm in Paris klingelte, und es war Monsieur Bernard, der sich noch einmal freiwillig gemeldet hatte, »nicht für den Krieg«, sagte er, »sondern gegen Hitler, und du, Kleiner, hast auch gekämpft, oh, ich wußte, daß du von echtem Schrot und Korn bist, auch deine Mutter hast du nicht vergessen, hoffe ich, gut, deine Mutter ist nämlich das Beste, was du auf der Welt hast, und jetzt fahre ich nach Algier zurück, komm mich besuchen«, und seit fünfzehn Jahren besuchte Jacques ihn jedes Jahr, wie heute, da er zum Abschied den gerührten alten Mann küßte, der auf der Türschwelle seine Hand festhielt, und er war es, der Jacques in die Welt geworfen hatte, indem er ganz allein die Verantwortung dafür übernommen hatte, ihn zu entwurzeln, damit er sich zu noch größeren Entdeckungen aufmache. 111

Das Schuljahr näherte sich seinem Ende, und Monsieur Bernard hatte Jacques, Pierre und Fleury aufgerufen, Fleury, eine Art Phänomen, der in allen Fächern gleich gut war, »er ist vielseitig begabt«, sagte der Lehrer, und Santiago, einen schönen Jungen, der weniger begabt war, es aber mit Fleiß schaffte: »So«, sagte Monsieur Bernard, als der Klassenraum leer war. »Ihr seid meine besten Schüler. Ich habe beschlossen, euch für ein Stipendium an den städtischen und staatlichen Lycées vorzuschlagen. Wenn ihr es schafft, bekommt ihr ein Stipendium und könnt das Lycée bis zur Reifeprüfung besuchen. Die Volksschule ist die beste Schule. Aber sie bringt euch nicht weiter. Das Lycée öffnet euch alle Türen. Und es ist mir lieber, wenn arme Jungen wie ihr durch diese Türen gehen. Dafür brauche ich aber die Erlaubnis eurer Eltern. Ab mit euch.«

Sie zogen verdutzt ab und gingen, ohne sich auch nur zu besprechen, auseinander. Zu Hause fand Jacques nur seine Großmutter vor, die auf dem Wachstuch des Eßzimmertischs Linsen verlas. Er zögerte und beschloß dann zu warten, bis seine Mutter kam. Sie kam sichtlich müde, band eine Küchenschürze um und half der Großmutter beim Linsenverlesen. Jacques bot seine Hilfe an, und man gab ihm den Teller aus grobem weißem Porzellan, auf dem es leichter war, die harte von der guten Linse zu unterscheiden. Das Gesicht tief über dem Teller, verkündete er die Neuigkeit. »Was ist das für eine Geschichte?« sagte die Großmutter. »Mit wieviel Jahren macht man die Reifeprüfung?« — »In sechs Jahren«, sagte Jacques. Die Großmutter schob ihren Teller weg. »Hörst du das?« sagte sie zu Catherine Cormery. Sie hatte es nicht gehört. Jacques wiederholte die Neuigkeit langsam für sie. »Ah!« sagte sie. »Weil du intelligent bist.« — »Intelligent oder nicht, er sollte nächstes Jahr in die Lehre. Du weißt doch, daß wir kein Geld haben. Er wird seinen Wochenlohn nach Hause bringen.« — »Das ist wahr«, sagte Catherine.

Der Tag und die Hitze draußen begannen sich zu entspannen. Um diese Zeit, wenn in den Werkstätten mit voller Kraft gearbeitet wurde, war das Viertel leer und still. Jacques sah auf die Straße. Er wußte nicht, was er wollte, außer daß er Monsieur Bernard gehorchen wollte. Aber mit neun Jahren konnte er der Großmutter gegenüber nicht ungehorsam sein und wußte auch nicht, wie. Sie zögerte jedoch sichtlich. »Was würdest du danach machen?« — »Ich weiß nicht. Vielleicht Lehrer, wie Monsieur Bernard.« — »Ja, in sechs Jahren!« Sie verlas ihre Linsen langsamer. »Ach!« sagte sie. »Nein, wir sind einfach zu arm. Du wirst Monsieur Bernard sagen, daß wir es nicht können.«

Am nächsten Tag teilten die drei anderen Jacques mit, daß ihre Familien einverstanden seien. »Und deine?« — »Ich weiß nicht«, sagte er, und sich auf einmal noch ärmer als seine Freunde zu fühlen bedrückte ihn. Nach dem Unterricht blieben alle vier da. Pierre, Fleury und Santiago gaben ihre Antwort. »Und du, Knirps?« — »Ich weiß nicht.« Monsieur Bernard sah ihn an. »Schön«, sagte er zu den anderen. »Aber ihr müßt nachmittags nach dem Unterricht mit mir arbeiten. Ich werde das einrichten, ihr könnt gehen.« Als sie hinausgingen, setzte sich Monsieur Bernard auf seinen Sessel und zog Jacques an sich. »Nun?« — »Meine Großmutter sagt, wir wären zu arm und ich müßte nächstes Jahr arbeiten.« — »Und deine Mutter?« — »Meine Großmutter gibt die Befehle.« — »Ich weiß«, sagte Monsieur Bernard. Er dachte nach, dann nahm er Jacques in den Arm. »Hör zu: Du mußt sie verstehen. Das Leben ist schwierig für sie. Die beiden haben euch großgezogen, deinen Bruder und dich, und sie haben die guten Jungen, die ihr seid, aus euch gemacht. Deshalb hat sie Angst, das ist normal. Trotz des Stipendiums müssen sie dich noch ein bißchen unterstützen, und in jedem Fall wirst du sechs Jahre lang kein Geld nach Hause bringen. Verstehst du sie?« Jacques nickte, ohne seinen Lehrer anzusehen. »Gut. Aber vielleicht kann man es ihr erklären. Nimm deinen Ranzen, ich gehe mit dir!« — »Nach Hause?« sagte Jacques. — »Ja, klar, ich freue mich darauf, deine Mutter wiederzusehen.«

Einen Moment später klopfte Monsieur Bernard vor Jacques’ verdutzten Augen an seine Haustür. Die Großmutter kam öffnen, während sie sich die Hände an ihrer Schürze abwischte, deren zu fest geschnürtes Band ihren Altfrauenbauch hervortreten läßt. Als sie den Lehrer sah, griff sie an ihr Haar, um es zu kämmen. »Na, Oma, mitten in der Arbeit, wie gewöhnlich?« sagte Monsieur Bernard. »Sie machen sich verdient.« Die Großmutter führte den Besucher ins Schlafzimmer, durch das man gehen mußte, um ins Eßzimmer zu kommen, ließ ihn neben dem Tisch Platz nehmen, holte Gläser und Anislikör. »Machen Sie keine Umstände, ich bin gekommen, um mich ein bißchen mit Ihnen zu unterhalten.« Zunächst stellte er ihr Fragen zu ihren Kindern, dann zu ihrem Leben auf dem Bauernhof, zu ihrem Mann, und er sprach von seinen eigenen Kindern. In dem Augenblick kam Catherine Cormery herein, erschrak, nannte Monsieur Bernard »Herr Lehrer« und ging in ihr Zimmer, um sich zu kämmen und eine frische Schürze umzubinden, kam zurück und setzte sich auf eine Stuhlkante etwas vom Tisch entfernt. »Du«, sagte Monsieur Bernard zu Jacques, »geh raus auf die Straße nachsehen, ob ich da bin. Verstehen Sie«, sagte er zur Großmutter, »ich werde Gutes über ihn sagen, und er ist imstande zu glauben, es wäre die Wahrheit …« Jacques ging hinaus, sprang die Treppe hinunter und stellte sich in die Eingangstür. Eine Stunde später war er noch immer da, und die Straße belebte sich schon, der Himmel zwischen den Feigenbäumen wurde grünlich, als Monsieur Bernard die Treppe hinunterkam und hinter ihm auftauchte. Er kraulte ihm den Kopf. »Also, es ist abgemacht!« sagte er. »Deine Großmutter ist eine brave Frau. Und deine Mutter … Oh!« sagte er, »vergiß sie nie.« — »Monsieur«, sagte plötzlich die Großmutter, die aus dem Flur auftauchte. Sie hielt ihre Schürze mit einer Hand und trocknete sich damit die Augen. »Ich habe vergessen Sie sagten, Sie würden Jacques zusätzliche Stunden geben.« — »Natürlich«, sagte Monsieur Bernard. »Und glauben Sie mir, er wird sich nicht amüsieren.« — »Aber wir können Sie nicht bezahlen.« Monsieur Bernard sah sie aufmerksam an. Er hielt Jacques bei den Schultern. »Machen Sie sich keine Sorgen«, und er schüttelte Jacques, »er hat mich schon bezahlt.« Er war schon gegangen, und die Großmutter nahm Jacques bei der Hand, um wieder in die Wohnung hinaufzugehen, und zum erstenmal drückte sie ihm die Hand, sehr fest, mit einer Art verzweifelter Zärtlichkeit. »Mein Kleiner«, sagte sie, »mein Kleiner.«

Einen Monat lang behielt Monsieur Bernard die vier Kinder täglich nach dem Unterricht zwei Stunden da und arbeitete mit ihnen. Jacques kam abends zugleich müde und aufgekratzt nach Hause und machte dann noch seine Hausaufgaben. Die Großmutter sah ihn mit einer Mischung aus Traurigkeit und Stolz an. »Er hat guten Kopf«, sagte Ernest überzeugt und klopfte sich mit der Faust an den Schädel. »Ja«, sagte die Großmutter. »Aber was soll aus uns werden?« Eines Abends fuhr sie auf. »Und seine Erstkommunion?« Eigentlich spielte die Religion in der Familie keine Rolle.112 Niemand ging zur Messe, niemand erwähnte oder lehrte die göttlichen Gebote, und es spielte auch niemand auf die Belohnungen und Strafen im Jenseits an. Wenn man der Großmutter gegenüber von jemandem sagte, er sei gestorben, sagte sie: »Gut, er wird nicht mehr furzen.« Wenn es sich um jemanden handelte, für den sie zumindest etwas Zuneigung haben sollte, sagte sie: »Der Arme, er war noch jung«, auch wenn sich herausstellte, daß der Verstorbene seit langem in dem Alter war, wo man den Tod erwartet. Das war keine Gedankenlosigkeit von ihr. Sie hatte nämlich um sich herum viele sterben sehen. Zwei ihrer Kinder, im Krieg ihren Mann, ihren Schwiegersohn und alle ihre Neffen. Aber gerade weil der Tod ihr ebenso vertraut war wie die Arbeit oder die Armut, dachte sie nicht daran, sondern lebte ihn gewissermaßen, und außerdem war die Not der Gegenwart für sie zu groß, noch größer als für die Algerier im allgemeinen, denen es aufgrund ihrer Sorgen und ihres kollektiven Schicksals an jener Friedhofsfrömmigkeit fehlte, die auf dem Höhepunkt von Zivilisationen blüht.113 Für sie war es eine Prüfung, der man sich stellen mußte, wie die vor ihnen, von denen sie nie sprachen, es getan hatten, eine Prüfung, bei der sie versuchen würden, jene Tapferkeit zu zeigen, aus der sie die Haupttugend des Menschen machten, die aber zwischendurch vergessen und weggeschoben werden mußte. (Daher der komische Aspekt, den jede Beerdigung bekam. Cousin Maurice?) Wenn man zu dieser allgemeinen Voraussetzung die Härte der Kämpfe und der täglichen Arbeit hinzurechnete, ganz zu schweigen, was Jacques’ Familie angeht, vom furchtbaren Verschleiß durch die Armut, wird es schwierig, einen Platz für die Religion zu finden. Für Onkel Ernest, der auf der Gefühlsebene lebte, war Religion das, was er sah, das heißt der Pfarrer und der Prunk. Mit seiner komischen Begabung ließ er keine Gelegenheit aus, die Zeremonien der Messe pantomimisch darzustellen und mit [gedrechselten] Lautmalereien auszuschmücken, die das Latein nachahmten, und am Ende gleichzeitig die Gläubigen zu spielen, die beim Glockenläuten den Kopf senkten, und den Priester, der diese Haltung ausnutzte, um heimlich den Meßwein zu trinken. Was Catherine Cormery anging, so war sie die einzige, deren Sanftheit an einen Glauben denken ließ, aber eben die Sanftheit war ihr ganzer Glaube. Sie leugnete weder noch stimmte sie zu, sie lachte ein wenig über die Scherze ihres Bruders, sagte aber zu den Priestern, denen sie begegnete, »Herr Pfarrer«. Sie sprach nie von Gott. Dieses Wort hatte Jacques in seiner ganzen Kindheit eigentlich nie gehört, und er selbst kümmerte sich nicht darum. Das geheimnisvolle und strahlende Leben genügte, um ihn ganz auszufüllen.

Wenn in seiner Familie von einer nichtkirchlichen Beerdigung die Rede war, kam es indes nicht selten vor, daß die Großmutter oder sogar der Onkel paradoxerweise auf einmal das Fehlen eines Priesters beklagten: »Wie ein Hund«, sagten sie. Die Religion gehörte für sie wie für die meisten Algerier nun einmal zum sozialen Leben dazu, und nur zu ihm. Man war Katholik, wie man Franzose war, das verpflichtet zu einer gewissen Anzahl von Riten. Eigentlich waren es genau vier Riten: die Taufe, die Kommunion, das Sakrament der Ehe (wenn eine geschlossen wurde) und die Letzte Ölung. Zwischen diesen zwangsläufig sehr weit auseinanderliegenden Zeremonien war man mit anderem beschäftigt, vor allem damit, zu überleben.

Demnach war es selbstverständlich, daß Jacques seine Kommunion erhalten sollte, wie vor ihm Henri, der nicht die Zeremonie selbst, aber ihre gesellschaftlichen Folgen in schlechtester Erinnerung hatte, insbesondere die Besuche, die er danach, mit der Binde am Arm, mehrere Tage hintereinander bei Freunden und Verwandten machen mußte, die verpflichtet waren, ihm kleine Geldgeschenke zu machen, die das Kind verlegen entgegennahm und deren Gesamtbetrag anschließend von der Großmutter kassiert wurde, die Henri einen ganz kleinen Teil zurückgab und den Rest behielt, weil die Kommunion »kostete«. Doch diese Zeremonie fand etwa im zwölften Lebensjahr des Kindes statt, das zwei Jahre lang zum Katechismusunterricht gehen mußte, Jacques hätte also erst in der zweiten oder dritten Klasse des Lycée Kommunion haben sollen. Aber gerade bei diesem Gedanken war die Großmutter aufgefahren. Sie hatte eine unklare und etwas erschreckende Vorstellung vom Lycée als einem Ort, wo man zehnmal soviel arbeiten mußte wie an der Volksschule, da diese Ausbildung zu besseren Positionen führte und da in ihrem Kopf keine materielle Verbesserung ohne Mehraufwand an Arbeit erreicht werden konnte. Wegen der Opfer, die sie im voraus auf sich genommen hatte, wünschte sie sich Jacques’ Erfolg mit aller Kraft und bildete sich ein, die Zeit für den Katechismusunterricht würde der Arbeitszeit entzogen. »Nein«, sagte sie, »du kannst nicht gleichzeitig zum Lycée und zum Katechismusunterricht gehen.« — » Gut. Dann gehe ich eben nicht zur Kommunion«, sagte Jacques, der vor allem daran dachte, daß er so der Fron der Besuche und der für ihn unerträglichen Demütigung, Geld geschenkt zu bekommen, entgehen würde. Die Großmutter sah ihn an: »Warum nicht? Das läßt sich einrichten. Zieh dich an. Wir gehen zum Pfarrer.« Sie stand auf und ging mit entschlossener Miene in ihr Zimmer. Als sie zurückkam, hatte sie ihr Mieder und ihren Arbeitsrock ausgezogen und ihr einziges []114 bis zum Hals zugeknöpftes Ausgehkleid angezogen und sich ihr schwarzes Seidentuch um den Kopf gebunden. Die weißen Haarsträhnen säumten das Kopftuch, die hellen Augen und der feste Mund ließen sie wie die Entschlossenheit selbst aussehen.

In der Sakristei der Saint-Charles-Kirche, einem scheußlichen neugotischen Gebäude, saß sie, Jacques’ Hand haltend, der neben ihr stand, vor dem Pfarrer, einem dicken Mann um die sechzig, mit rundem, etwas wabbeligem Gesicht, einer großen Nase und einem gutmütig lächelnden vollen Mund unter einem Kranz von silbrigem Haar, dessen gefaltete Hände auf der von seinen gespreizten Knien gespannten Robe lagen. »Ich will, daß der Kleine die Erstkommunion bekommt«, sagte die Großmutter. »Sehr schön, Madame, wir werden einen guten Christen aus ihm machen. Wie alt ist er?« — »Neun.« — »Sie haben recht, ihn sehr früh zum Katechismusunterricht zu schicken. In drei Jahren wird er ausgezeichnet auf diesen großen Tag vorbereitet sein.« — »Nein«, sagte die Großmutter schroff. »Er muß sie sofort bekommen.« — »Sofort? Aber die Kommunion findet in einem Monat statt, und er kann erst nach mindestens zwei Jahren Katechismusunterricht vor den Altar treten.« Die Großmutter legte die Situation dar. Aber der Pfarrer war überhaupt nicht von der Unmöglichkeit überzeugt, gleichzeitig die höhere Schule und den Religionsunterricht zu besuchen. Geduldig und gütig machte er seine Erfahrung geltend und erwähnte Beispiele… Die Großmutter stand auf. »Wenn es so ist, geht er nicht zur Erstkommunion. Komm, Jacques«, und sie zog das Kind hinter sich her zum Ausgang. Aber der Pfarrer stürzte ihnen nach. »Warten Sie, Madame, warten Sie.« Er führte sie sanft an ihren Platz zurück und versuchte, sie zur Vernunft zu bringen. Aber die Großmutter schüttelte den Kopf wie ein stures altes Maultier. »Entweder sofort, oder er verzichtet darauf.« Schließlich gab der Pfarrer nach. Es wurde vereinbart, daß Jacques nach einem religiösen Schnellkurs einen Monat später zur Kommunion gehen würde. Und kopfschüttelnd begleitete der Priester sie zur Tür, wo er die Wange des Kindes streichelte. »Hör gut zu, was man dir sagt«, sagte er. Und er sah ihn irgendwie traurig an.

Jacques absolvierte also gleichzeitig die zusätzlichen Stunden bei Monsieur Germain und den Katechismusunterricht am Donnerstag- und Samstagnachmittag. Die Prüfung für das Stipendium und die Erstkommunion näherten sich zur selben Zeit, und seine Tage waren mit Arbeit überlastet, so daß keine Zeit mehr zum Spielen war, nicht einmal und vor allem nicht sonntags, wenn die Großmutter, da er seine Hefte liegenlassen konnte, ihn unter Hinweis auf die künftigen Opfer, zu denen die Familie für seine Ausbildung bereit war, und auf die lange Reihe von Jahren, in denen er nichts mehr im Haushalt tun würde, ihm häusliche Arbeiten und Besorgungen auftrug. »Aber vielleicht falle ich ja durch«, sagte Jacques. »Die Prüfung ist schwierig.« Und in gewisser Weise wünschte er es sich manchmal, da er in seinem jungen Stolz die Last dieser Opfer, von denen dauernd gesprochen wurde, schon als zu schwer empfand. Die Großmutter sah ihn sprachlos an. An diese Möglichkeit hatte sie nicht gedacht. Dann zuckte sie die Achseln und sagte, unbekümmert um den Widerspruch: »Das rate ich dir nicht. Sonst bekommst du was auf den Hintern.« Die Katechismusstunden wurden von dem zweiten Gemeindepfarrer abgehalten: groß, sogar endlos lang in seiner langen schwarzen Robe, hager, mit einer Adlernase und hohlen Wangen, so streng, wie der alte Pfarrer sanft und gutmütig war. Seine Lehrmethode war das Auswendig-Aufsagen, und obwohl sie primitiv war, war sie vielleicht die einzig brauchbare bei dem unwissenden, beschränkten Völkchen, das er geistig bilden sollte. Es mußten Fragen und Antworten gelernt werden: »Was ist Gott …? …«115 Diese Wörter bedeuteten für die jungen Katechumenen rein gar nichts, und Jacques, der ein ausgezeichnetes Gedächtnis hatte, sagte sie unerschütterlich auf, ohne sie je zu verstehen. Wenn ein anderes Kind aufsagte, träumte er, hielt Maulaffen feil oder schnitt seinen Kameraden Grimassen. Bei einer dieser Grimassen ertappte ihn der große Pfarrer eines Tages und hielt es in dem Glauben, sie habe ihm gegolten, für richtig, der Heiligkeit, mit der er betraut war, Respekt zu verschaffen, indem er Jacques vor die ganze Versammlung von Kindern rief und ihm ohne weitere Erklärung mit seiner langen knochigen Hand eine weitausholende Ohrfeige gab. Unter der Wucht des Schlags fiel Jacques beinah hin. »Geh jetzt auf deinen Platz zurück«, sagte der Pfarrer. Das Kind sah ihn ohne eine Träne an (und sein Leben lang waren es Güte und Liebe, die es zum Weinen brachten, nie das Böse oder Quälerei, die seinen Mut und seine Entschlossenheit im Gegenteil verstärkten) und ging in seine Bank zurück. Die linke Hälfte seines Gesichts brannte, es hatte Blutgeschmack im Mund. Mit der Zungenspitze entdeckte es, daß seine Wange innen unter dem Schlag aufgeplatzt war und blutete. Es schluckte sein Blut hinunter.

Während der ganzen übrigen Katechismusstunden war Jacques abwesend und sah den Priester, wenn der ihn ansprach, ohne Vorwurf und ohne Sympathie ruhig an, sagte ohne einen Fehler die Fragen und Antworten zur Göttlichkeit und zum Opfer Christi auf und träumte, hundert Meilen von dem Ort entfernt, wo er aufsagte, von jener doppelten Prüfung, die letzten Endes nur eine war. In die Arbeit versunken wie in denselben Traum, der weiterging, aus dem ihn nur, aber verschwommen, die Abendmessen rüttelten, die immer häufiger in der scheußlichen kalten Kirche stattfanden, wo aber die Orgel ihn eine Musik vernehmen ließ, die er zum erstenmal hörte, da er bis dahin immer nur dumme Gassenhauer gehört hatte, und die ihn dann in einen noch intensiveren, tieferen Traum versetzte, der erfüllt war vom Schillern des Geldes im Halbdunkel der priesterlichen Gegenstände und Gewänder, endlich dem Mysterium begegnend, aber einem namenlosen Mysterium, in dem die vom Katechismus genannten und streng festgelegten Gottheiten, eine bloße Verlängerung der nackten Welt, in der er lebte, nichts zu tun und nichts zu suchen hatten; das innere und ungenaue herzerwärmende Mysterium, in das er dann eingetaucht war, vergrößerte nur das tägliche Mysterium des zurückhaltenden Lächelns oder Schweigens seiner Mutter, wenn er abends das Eßzimmer betrat und sie, allein im Haus, die Petroleumlampe nicht angezündet hatte und die Nacht allmählich in das Zimmer eindringen ließ, sie selbst gleichsam eine noch dunklere, noch dichtere Gestalt, die nachdenklich durch das Fenster auf die lebhaften, für sie aber lautlosen Bewegungen auf der Straße schaute; dann blieb das Kind beklommen auf der Türschwelle stehen, erfüllt von einer verzweifelten Liebe für seine Mutter und für das, was in seiner Mutter nicht oder nicht mehr der Welt und der Gewöhnlichkeit der Tage angehörte. Dann kam die Erstkommunion, an die Jacques sich kaum erinnerte, außer an die Beichte am Vortag, bei der er die einzigen Taten gestanden hatte, von denen ihm gesagt worden war, sie seien verwerflich, das heißt wenige, und »haben Sie keine sündhaften Gedanken gehabt?« — »Doch, mein Vater«, sagte das Kind aufs Geratewohl, obgleich es nicht wußte, wie ein Gedanke sündhaft sein konnte, und bis zum nächsten Tag lebte es in der Furcht, einen sündhaften Gedanken zu denken, ohne es zu wissen, oder, was ihm klarer war, eines jener anstößigen Wörter, die in seinem Schülerwortschatz vorkamen, und mehr schlecht als recht hielt es wenigstens die Wörter bis zum Morgen der Zeremonie zurück, an dem es in einem Matrosenanzug mit Armbinde, ausstaffiert mit einem kleinen Meßbuch und einem Rosenkranz aus kleinen weißen Kugeln — lauter Geschenke von den am wenigsten armen Verwandten (Tante Marguerite usw.) —, eine Kerze durch den Mittelgang vor sich hertrug, in einer Reihe mit anderen Kindern, die unter den verzückten Blicken der in den Bankreihen stehenden Angehörigen Kerzen trugen; und das Donnern der Musik, das in diesem Augenblick losbrach, ließ Jacques erstarren, erfüllte ihn mit Furcht und mit einer außergewöhnlichen Erregung, bei der er zum erstenmal seine Kraft, seine unendliche Fähigkeit zum Siegen und zum Leben verspürte, eine Erregung, die ihn während der ganzen Zeremonie beseelte und von allem ablenkte, was vorging, den Augenblick des Abendmahls eingeschlossen, und noch während der Rückkehr und während des Essens, zu dem die Verwandten rund um einen [üppiger] als sonst gedeckten Tisch eingeladen waren, das die Gäste, die es gewohnt waren, wenig zu essen und zu trinken, nach und nach in Stimmung brachte, bis eine ungeheure Fröhlichkeit allmählich den Raum erfüllte, die Jacques’ Erregung zunichte machte und ihn so sehr verwirrte, daß er beim Nachtisch, auf dem Höhepunkt des allgemeinen Überschwangs, in Schluchzen ausbrach. »Was ist denn mit dir los?« sagte die Großmutter. — »Ich weiß nicht, ich weiß nicht«, und die aufgebrachte Großmutter ohrfeigte ihn. »So, jetzt weißt du, warum du weinst«, sagte sie. Aber in Wirklichkeit wußte er es, während er seine Mutter ansah, die ihm über den Tisch hinweg ein trauriges kleines Lächeln schenkte.

»Das hat ja gut geklappt«, sagte Monsieur Bernard. »Gut, dann geht’s jetzt an die Arbeit.« Noch einige Tage harter Arbeit, und die letzten Stunden fanden bei Monsieur Bernard zu Hause statt (die Wohnung beschreiben?), und eines Morgens an der Straßenbahnhaltestelle in der Nähe von Jacques’ Haus standen die vier Schüler, versehen mit Schreibunterlage, Lineal und Federkasten, um Monsieur Germain herum, während Jacques seine Mutter und Großmutter auf dem Balkon seines Hauses sah, die sich vorbeugten und ihnen heftig winkten.

Das Lycée, in dem die Prüfung stattfand, lag genau auf der anderen Seite, dem anderen Ende des Kreisbogens, den die Stadt um den Golf bildete, in einem früher steinreichen und toten Viertel, das durch die spanischen Einwanderer eines der volkstümlichsten und lebendigsten von Algier geworden war. Das Lycée selbst war ein riesengroßes viereckiges Gebäude, das über die Straße hinausragte. Man erreichte es über zwei Seitentreppen und eine breite Freitreppe in der Mitte, die beiderseits von kümmerlichen, durch einen Gitterzaun vor dem Vandalismus der Schüler geschützten Gärten mit Bananenstauden und mit116 flankiert wurde. Die Haupttreppe führte zu einer Galerie, auf der die beiden Seitentreppen zusammenliefen und wo sich die bei großen Anlässen benutzte monumentale Tür öffnete, neben der eine sehr viel kleinere, zur verglasten Pförtnerloge führende Tür gewöhnlich benutzt wurde.

In ebendieser Galerie, vor der geschlossenen Tür, inmitten der ersten eingetroffenen Schüler, von denen die meisten ihr Lampenfieber hinter unbekümmertem Gehabe verbargen, außer manchen, deren erblaßtes Gesicht und Schweigen ihre Angst verrieten, warteten Monsieur Bernard und seine Schüler am frühen, noch kühlen Morgen, gegenüber der noch feuchten Straße, die die Sonne gleich mit Staub bedecken würde. Sie waren eine gute halbe Stunde zu früh da; schweigend standen sie um ihren Lehrer gedrängt, dem nichts mehr zu sagen einfiel und der sie plötzlich stehenließ, nachdem er gesagt hatte, er käme wieder. Tatsächlich sahen sie ihn gleich darauf zurückkommen, wie immer elegant mit seinem Hut mit eingedrehter Krempe und den Gamaschen, die er an jenem Tag angelegt hatte, in jeder Hand zwei Päckchen in Seidenpapier, die oben nur zusammengedreht waren, damit man sie halten konnte, und als er näher kam, sahen sie, daß das Papier Fettflecken hatte. »Hier sind Croissants«, sagte Monsieur Bernard. »Eßt jetzt eins und hebt das andere bis zehn Uhr auf.« Sie bedankten sich und aßen, aber der gekaute, schwerverdauliche Teig rutschte schlecht durch die Kehle. »Verliert nicht den Kopf«, wiederholte der Lehrer. »Lest die Fragestellung und das Aufsatzthema gut durch. Lest sie mehrmals. Ihr habt Zeit.« Ja, sie würden mehrmals lesen, sie würden ihm gehorchen, ihm, der alles wußte und in dessen Nähe das Leben ohne Schwierigkeiten war, es genügte, sich von ihm führen zu lassen. Im gleichen Moment gabe es an der kleinen Tür ein Getöse. Die jetzt versammelten etwa sechzig Schüler bewegten sich in diese Richtung. Ein Pedell hatte die Tür geöffnet und las eine Liste vor. Jacques’ Name wurde als einer der ersten aufgerufen. Er hielt die Hand seines Lehrers fest, er zögerte. »Geh, mein Sohn«, sagte Monsieur Bernard. Jacques ging zitternd auf die Tür zu und drehte sich beim Eintreten nach seinem Lehrer um. Da stand er, groß, zuverlässig, er lächelte Jacques ruhig zu und nickte.117

Mittags erwartete Monsieur Bernard sie am Ausgang. Sie zeigten ihm ihre Entwürfe. Nur Santiago hatte das Thema verfehlt. »Dein Aufsatz ist sehr gut«, sagte er kurz zu Jacques. Um ein Uhr brachte er sie zurück. Um vier Uhr war er immer noch da und begutachtete ihre Arbeiten. »Jetzt heißt es warten.« Zwei Tage darauf waren sie wieder alle fünf um zehn Uhr morgens vor der kleinen Tür. Die Tür ging auf, und der Pedell las wieder eine, diesmal viel kürzere Liste vor, die der Erwählten. In dem Lärm hörte Jacques seinen Namen nicht. Aber er bekam einen freudigen Klaps auf den Nacken und hörte Monsieur Bernard sagen: »Bravo, Knirps. Du hast bestanden.« Nur der nette Santiago war durchgefallen, und sie sahen ihn mit einer Art zerstreuter Traurigkeit an. »Das macht nichts«, sagte er, »das macht nichts.« Und Jacques wußte nicht mehr, wo er war und was vorging; sie fuhren alle vier mit der Straßenbahn zurück, »ich besuche eure Eltern«, sagte Monsieur Bernard, »ich gehe zuerst zu Cormery, weil er am nächsten wohnt«, und in dem armseligen Eßzimmer, in dem jetzt lauter Frauen waren — seine Großmutter, seine Mutter, die zur Feier des Tages frei genommen hatte (?), und ihre Nachbarinnen, die Massons —, stand er gegen seinen Lehrer gelehnt und roch, an die liebevolle Wärme dieses kräftigen Körpers geschmiegt, ein letztes Mal den Duft von Eau de Cologne, und die Großmutter strahlte vor den Nachbarmnen. »Danke, Monsieur Bernard, danke«, sagte sie, während Monsieur Bernard den Kopf des Kindes streichelte. »Du brauchst mich nicht mehr«, sagte er, »du wirst gelehrtere Lehrer haben. Aber du weißt ja, wo ich bin, besuch mich, wenn du meine Hilfe brauchst.« Er ging, und Jacques blieb allein, verloren inmitten dieser Frauen, dann stürzte er zum Fenster und sah seinem Lehrer nach, der ihn ein letztes Mal grüßte und ihn von nun an allein ließ, und statt der Freude über den Erfolg zerriß ein grenzenloser Kinderkummer sein Herz, so als wüßte er im voraus, daß er soeben durch diesen Erfolg aus der unschuldigen, warmherzigen Welt der Armen herausgerissen worden war, einer wie eine Insel innerhalb der Gesellschaft in sich abgeschlossenen Welt, in der das Elend als Familie und Solidarität dient, um in eine unbekannte Welt geworfen zu werden, die nicht mehr seine war, von der er nicht glauben konnte, daß die Lehrer gelehrter waren als dieser, dessen Herz alles wußte, und er würde in Zukunft ohne Hilfe lernen und verstehen müssen, schließlich ein Mann werden müssen, ohne den Beistand des einzigen Menschen, der ihm geholfen hatte, schließlich ganz auf seine Kosten sich allein erziehen und erwachsen werden müssen.

Mondovi: Die Kolonisierung und der Vater

118Jetzt war er groß Auf der Straße von Bône nach Mondovi begegneten dem Auto, in dem J. Cormery saß, langsam fahrende, mit Gewehren gespickte Jeeps.

»Monsieur Veillard?«

»Ja.«

Der Mann im Türrahmen seines kleinen Bauernhofs, der Jacques Cormery ansah, war klein, aber stämmig, mit runden Schultern. Mit der linken Hand hielt er die Tür auf, mit der rechten umfaßte er fest die Türverkleidung, so daß er den Weg in sein Haus öffnete und gleichzeitig versperrte. Nach seinem ergrauenden schütteren Haar zu urteilen, das ihm einen römischen Kopf verlieh, mußte er so etwa vierzig Jahre alt sein. Aber die gebräunte Haut seines ebenmäßigen Gesichts mit den hellen Augen, der etwas steife Körper, aber ohne Fett und ohne Bauch in seiner Khakihose, seine Sandalen und sein blaues Hemd mit Taschen ließen ihn viel jünger erscheinen. Er hörte sich regungslos Jacques’ Erklärungen an. Dann sagte er: »Kommen Sie herein« und trat beiseite. Während Jacques durch den kleinen Flur mit den geweißten Wänden ging, in dem nur eine braune Truhe und ein Schirmständer aus Bugholz standen, hörte er den Bauern hinter seinem Rücken lachen. »Genaugenommen eine Wallfahrt! Na, offen gesagt, genau zur rechten Zeit.« — »Wieso?« fragte Jacques. »Gehen Sie ins Eßzimmer«, erwiderte der Landwirt. »Das ist der kühlste Raum.« Das Eßzimmer war zur Hälfte eine Veranda, deren Markisen aus Bast alle außer einer heruntergezogen waren. Abgesehen von dem Tisch und der Anrichte aus Fichtenholz in modernem Stil, war das Zimmer mit Rohrsesseln und Liegestühlen möbliert. Als Jacques sich umdrehte, merkte er, daß er allein war. Er ging in Richtung Veranda und sah durch den Spalt zwischen den Markisen einen Hof mit Abrahamsbäumen, zwischen denen zwei knallrote Traktoren funkelten. Dahinter, in der noch erträglichen Elf-Uhr-Sonne, begannen die Reihen der Weinstöcke. Gleich darauf kam der Landwirt mit einem Tablett, auf das er eine Flasche Anislikör, Gläser und eine Flasche eisgekühltes Wasser gestellt hatte.

Der Landwirt hob sein Glas mit der milchigen Flüssigkeit. »Wenn Sie gezögert hätten, wären Sie Gefahr gelaufen, hier nichts mehr vorzufinden. Jedenfalls keinen Franzosen mehr, um Ihnen Auskunft zu geben.« — »Der alte Doktor hat mir gesagt, Ihr Hof sei der, auf dem ich geboren wurde.« — »Ja, er gehörte zur Domäne Saint-Apôtre, aber meine Eltern haben ihn nach dem Krieg gekauft.« Jacques blickte sich um. »Hier sind Sie bestimmt nicht geboren. Meine Eltern haben alles neu gebaut.« — »Haben sie meinen Vater vor dem Krieg gekannt?« — »Ich glaube nicht. Sie haben ganz nah an der tunesischen Grenze gewohnt, und dann wollten sie näher an die Zivilisation. Solférino war für sie die Zivilisation.« — »Haben sie nichts von dem früheren Verwalter gehört?« — »Nein. Da Sie von hier sind, wissen Sie, wie das ist. Hier wird nichts aufgehoben. Man reißt ab, und man baut wieder auf. Man denkt an die Zukunft, und man vergißt das übrige.« — » Gut«, sagte Jacques, »ich habe Sie umsonst gestört.« — »Nein, es ist mir ein Vergnügen«, sagte der andere. Und er lächelte ihn an. Jacques trank sein Glas aus. »Sind Ihre Eltern an der Grenze geblieben?« — »Nein, das ist Sperrgebiet. In der Nähe des Staudamms. Und man merkt, daß Sie meinen Vater nicht kennen.« Er trank auch aus, was noch in seinem Glas war, und als fände er darin eine zusätzliche Belebung, begann er schallend zu lachen: »Er ist ein alter Siedler. Von der alten Garde. Solche, die man in Paris beschimpft, wissen Sie. Und es stimmt, daß er immer hart war. Sechzig Jahre. Aber lang und hager wie ein Puritaner mit seinem [Pferde]kopf. Der Typ Patriarch, verstehen Sie. Er hat seine arabischen Arbeiter madig gemacht und, gerechterweise, seine Söhne ebenfalls. Deswegen war es voriges Jahr, als evakuiert werden mußte, ein richtiger Aufstand. Das Leben in der Gegend war unmöglich geworden. Man mußte beim Schlafen das Gewehr neben sich haben. Als der Raskil-Hof angegriffen wurde, erinnern Sie sich?« — »Nein«, sagte Jacques. — »Doch, der Vater und die beiden Söhne umgebracht, Mutter und Tochter lange vergewaltigt und dann getötet … Kurz … Der Präfekt war so ungeschickt gewesen, den versammelten Landwirten zu sagen, man müsse die [Kolonial]fragen neu überdenken, den Umgang mit den Arabern, und daß jetzt eine neue Seite aufgeschlagen sei. Er bekam von dem Alten zu hören, daß kein Mensch auf der Welt bei ihm das Heft in die Hand nehmen würde. Aber seitdem machte er den Mund nicht mehr auf. Es kam vor, daß er nachts aufstand und hinausging. Meine Mutter beobachtete ihn durch die Jalousien und sah ihn in seinen Feldern herumlaufen. Als der Befehl zur Evakuierung kam, hat er nichts gesagt. Seine Weinlese war beendet und der Wein in den Fässern. Er hat die Fässer aufgemacht, dann ist er zu einer Quelle mit Brackwasser gegangen, die er früher selbst umgeleitet hatte, und hat sie wieder in ihren geraden Lauf durch seine Felder gebracht, und er hat einen Rigolpflug an einen Traktor gehängt. Drei Tage lang am Steuer, ohne Kopfbedeckung, ohne etwas zu sagen, hat er auf der gesamten Fläche des Guts die Weinstöcke herausgerissen. Stellen Sie sich das vor, der spindeldürre Alte, der auf seinem Traktor auf und ab hüpfte, den Gashebel drückte, wenn die Pflugschar einen größeren Rebstock nicht schaffte, der nicht einmal zum Essen anhielt; meine Mutter brachte ihm Brot, Käse und [soubressade] die er bedächtig, wie er alles gemacht hatte, verspeiste und den letzten Brotkanten wegwarf, um wieder zu beschleunigen, das alles von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und ohne einen Blick für die Berge am Horizont oder für die Araber, die schnell informiert waren und ihm aus der Entfernung zusahen, auch sie ohne etwas zu sagen. Und als ein junger Hauptmann, von man weiß nicht wem benachrichtigt, ankam und eine Erklärung verlangte, hat der andere zu ihm gesagt: ›Junger Mann, da das, was wir hier getan haben, ein Verbrechen ist, muß es wiedergutgemacht werden.‹ Als alles erledigt war, ist er zum Haus zurückgegangen, hat den vom ausgelaufenen Wein durchnäßten Hof überquert und hat angefangen, seine Sachen zu packen. Die arabischen Arbeiter warteten im Hof. (Es war auch eine Patrouille da, die — man wußte nicht so recht, warum — der Hauptmann geschickt hatte, mit einem netten Leutnant, der Befehle erwartete.) ›Patron, was sollen wir tun?‹ — ›Ich an eurer Stelle würde in den Maquis gehen‹, sagte der Alte. ›Sie werden gewinnen. Es gibt keine Männer mehr in Frankreich.‹«

Der Landwirt lachte: »Das war deutlich, was?!«

»Sind sie bei Ihnen?«

»Nein. Er wollte nichts mehr von Algerien hören. Er ist in Marseille, in einer modernen Wohnung …Mama schreibt mir, daß er in seinem Zimmer auf und ab läuft.«

»Und Sie?«

»Oh, ich, ich bleibe, und zwar bis zum Ende. Was auch passiert, ich bleibe. Ich habe meine Familie nach Algier geschickt und werde hier verrecken. In Paris versteht man das nicht. Wissen Sie, wer außer uns die einzigen sind, die es verstehen können?«

»Die Araber.«

»Ganz genau. Wir sind geschaffen, uns zu verstehen. Genauso dumm und ungehobelt wie wir, aber der gleiche Menschenschlag. Wir werden uns gegenseitig noch ein wenig umbringen, die Eier abschneiden und ein bißchen foltern. Und dann werden wir wieder wie Menschen zusammenleben. Das Land will es so. Einen Anislikör?«

»Einen leichten«, sagte Jacques.

Etwas später gingen sie hinaus. Jacques hatte gefragt, ob noch jemand in der Gegend sei, der seine Eltern gekannt haben könnte. Nein, Veillard zufolge gab es niemanden außer dem alten Arzt, der ihn zur Welt gebracht und sich in Solférino zur Ruhe gesetzt hatte. Die Domäne Saint-Apôtre hatte zweimal den Besitzer gewechselt, viele arabische Arbeiter waren in den zwei Kriegen gestorben, viele andere waren geboren worden. »Alles verändert sich hier«, wiederholte Veillard. » Es geht schnell, sehr schnell, und man vergißt.« Allerdings, es könnte sein, daß der alte Tamzal … Das war der Wärter auf einem der Pachthöfe von Saint-Apôtre. 1913 mußte er etwa zwanzig gewesen sein. Auf alle Fälle würde Jacques die Gegend sehen, in der er geboren wurde.

Außer im Norden war das Land in der Ferne von Bergen umgeben, deren Umrisse die Mittagshitze unscharf machte, gleichsam ungeheure Blöcke von leuchtendem Stein und Nebel, zwischen denen die früher sumpfige Ebene der Seybouse sich unter dem vor Hitze weißen Himmel bis ans Meer im Norden ausdehnte; ihre schnurgeraden Weinfelder, mit ihren vom Sulfatspritzen blau angelaufenen Blättern und den schon schwarzen Trauben, wurden hier und da von Zypressenreihen oder Bukalyptushainen unterbrochen, in deren schützendem Schatten Häuser standen. Sie gingen einen Feldweg entlang, auf dem jeder ihrer Schritte roten Staub aufwirbelte. Vor ihnen, bis hin zu den Bergen, flimmerte der Raum, und die Sonne schwirrte. Als sie an einem kleinen Haus hinter einer Platanengruppe ankamen, waren sie in Schweiß gebadet. Ein Hund, der im verborgenen blieb, empfing sie mit rasendem Gebell.

Das ziemlich baufällige Haus hatte eine Tür aus Maulbeerbaumholz, die sorgfältig geschlossen war. Veillard klopfte. Das Bellen wurde noch lauter. Es schien aus einem geschlossenen kleinen Hof auf der anderen Seite des Hauses zu kommen. Aber nichts regte sich. »Hier herrscht Vertrauen«, sagte der Landwirt. »Sie sind da. Aber sie warten.«

»Tamzal!« rief er. »Ich bin’s, Veillard.«

»Vor sechs Monaten hat man seinen Schwiegersohn abgeholt, man wollte wissen, ob er den Maquis versorgt. Vor einem Monat wurde Tamzal gesagt, er habe wahrscheinlich fliehen wollen und sei getötet worden.«

»Ach«, sagte Jacques. »Und hat er den Maquis versorgt?«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Was wollen Sie, so ist der Krieg. Aber das erklärt, warum es dauert, bis die Türen im Land der Gastfreundschaft aufgehen.«

Gerade ging die Tür auf. Tamzal, klein, mit []119 Haar, einen breitrandigen Strohhut auf dem Kopf, in einem geflickten blauen Overall, lächelte Veillard zu, sah Jacques an. » Das ist ein Freund. Er ist hier geboren.« — »Komm herein«, sagte Tamzal, »du trinkst Tee.«

Tamzal erinnerte sich an nichts. Ja, vielleicht. Er hatte einen seiner Onkel von einem Verwalter sprechen hören, der ein paar Monate geblieben war, das war nach dem Krieg. »Vorher«, sagte Jacques. Oder vorher, schon möglich, er war damals ganz jung gewesen, und was war aus seinem Vater geworden? Er wurde im Krieg getötet. »Mektoub«120 , sagte Tamzal. »Aber der Krieg ist schlecht.« — »Es hat immer Krieg gegeben«, sagte Veillard. »Aber man gewöhnt sich schnell an den Frieden. Dann glaubt man, das sei normal. Nein, normal ist der Krieg.«121 — »Die Menschen, die sind verrückt« sagte Tamzal, während er ein Tablett mit Tee aus den Händen seiner Frau entgegennahm, die im anderen Zimmer den Kopf abwandte. Sie tranken den glühendheißen Tee, bedankten sich und schlugen wieder den überhitzten Weg durch die Weinfelder ein. »Ich fahre gleich mit meinem Taxi nach Solférino zurück«, sagte Jacques. »Der Doktor hat mich zum Abendessen eingeladen.« — »Ich lade mich auch ein. Warten Sie. Ich nehme Proviant mit.«

Später, im Flugzeug, das ihn nach Algier zurückbrachte, versuchte Jacques die Auskünfte, die er bekommen hatte, zu ordnen. Eigentlich war es nur eine Handvoll, und keine bezog sich direkt auf seinen Vater. Die Nacht schien seltsamerweise mit einer fast meßbaren Schnelligkeit von der Erde aufzusteigen, um schließlich nach dem Flugzeug zu schnappen, das gerade dahinsauste, ohne eine Bewegung, wie eine Schraube, die sich unmittelbar in die Dichte der Nacht bohrte. Doch die Dunkelheit verstärkte Jacques’ Unbehagen noch, der sich doppelt eingesperrt fühlte, von dem Flugzeug und von der Finsternis, und der schlecht Luft bekam. Er sah wieder das Standesamtregister vor sich und den Namen der beiden Zeugen, typisch französische Namen, wie [man] sie auf Pariser Ladenschildern sehen kann, und der alte Arzt hatte, nachdem er ihm vom Kommen seines Vaters und von seiner eigenen Geburt erzählt hatte, gesagt, es handle sich um zwei Geschäftsleute aus Solférino, die erstbesten, die bereit gewesen waren, seinem Vater gefällig zu sein, und sie hatten Namen von Pariser Vorortbewohnern, ja, aber das war nicht weiter erstaunlich, da Solférino ja von Achtundvierzigern gegründet worden war. »Ach ja«, sagte Veillard, »meine Urgroßeltern waren auch welche. Deswegen hat der Alte auch etwas von einem Revolutionär.« Und er hatte erläutert, daß der Urahn Zimmermann irn Faubourg Saint-Denis, die Urahnin Weißwäscherin waren. Es gab viele Arbeitslose in Paris, es gärte, und die Verfassunggebende Versammlung hatte fünfzig Millionen bewilligt, um eine Kolonie auf den Weg zu bringen.122 Jedem wurden eine Behausung und 2 bis 10 Hektar versprochen. »Sie können sich denken, daß es Kandidaten gab! Mehr als tausend. Und alle träumten vom Gelobten Land. Vor allem die Männer. Die Frauen dagegen hatten Angst vor dem Unbekannten. Aber die Männer! Sie hatten nicht umsonst Revolution gemacht. Sie waren der Typ, der an den Weihnachtsmann glaubt. Und für sie hatte der Weihnachtsmann einen Burnus. Na schön, sie haben ihr kleines Weihnachten gehabt. Sie sind 49 weggegangen, und das erste Haus wurde 54 gebaut. In der Zwischenzeit …«

Jacques atmete jetzt leichter. Die erste Dunkelheit hatte sich geklärt, war wie eine Ebbe zurückgeflutet, die einen Sternhaufen zurückließ, und der Himmel war jetzt voller Sterne. Nur der ohrenbetäubende Lärm der Motoren unter ihm benahm ihm noch den Kopf. Er versuchte, den alten Johannisbrot- und Futterhändler wieder vor sich zu sehen, der seinen Vater gekannt hatte, sich vage an ihn erinnerte und unentwegt wiederholte: »Nicht gesprächig, er war nicht gesprächig.« Aber das Dröhnen machte ihn stumpfsinnig, versetzte ihn in eine Art ungute Benommenheit, in der er vergebens versuchte, seinen Vater vor sich zu sehen, ihn sich vorzustellen, der hinter diesem unermeßlichen, feindseligen Land verschwand, mit der anonymen Geschichte dieses Dorfes und dieser Ebene verschmolz. Einzelheiten aus ihrem Gespräch bei dem Arzt fielen ihm in einem Zug mit jenen Schleppkähnen ein, die dem Arzt zufolge die Pariser Siedler nach Solférino gebracht hatten. In einem Zug, es gab damals keinen Zug, nein, nein, doch, aber er fuhr nur bis Lyon. Darum sechs von Treidelpferden gezogene Kähne mit der Marseillaise und dem Chant du départ natürlich, gespielt vom städtischen Blasorchester, und Segen der Geistlichkeit an den Ufern der Seine mit Fahne, auf der der Name des noch nicht vorhandenen Dorfes aufgestickt war, das die Passagiere aber wie durch Zauberei erschaffen würden. Der Kahn trieb schon vom Ufer ab, Paris glitt vorbei, verschwamm, würde gleich verschwinden, Gottes Segen sei mit Eurem Vorhaben, und sogar die Freidenker, die Hartgesottenen der Barrikaden schwiegen betrübt und hielten ihre verängstigten Frauen ganz fest; und im Laderaum mußten sie auf Strohsäcken schlafen mit dem Rauschen und dem schmutzigen Wasser in Höhe des Kopfes, aber zuerst einmal zogen sich die Frauen hinter Bettüchern aus, die sie sich nacheinander vorhielten. Wo war sein Vater bei alldem? Nirgendwo, und doch lehrten ihn diese hundert Jahre zuvor durch die Kanäle des ausgehenden Herbstes geschleppten Kähne, die einen Monat lang über die mit den letzten Laubblättern bedeckten Flüsse und Ströme trieben, eskortiert von Haselnußsträuchern und Weiden, kahl unter dem grauen Himmel, in den Städten von den offiziellen Fanfaren begrüßt und mit ihrer Ladung neuer Zigeuner wieder auf den Weg in ein unbekanntes Land gebracht — sie lehrten ihn mehr über den jungen Toten von Saint-Brieuc als die [senilen] und ungeordneten Erinnerungen, die er eingeholt hatte. Die Motoren änderten jetzt ihre Umdrehungszahl. Jene dunklen Massen, jene auseinandergerissenen, scharfkantigen Stücke; Nacht dort unten, das war die Kabylei, der wilde, blutrünstige Teil dieses lange Zeit wilden und blutrünstigen Landes, dem vor hundert Jahren die Arbeiter von 48, zusammengepfercht in einer Fregatte mit Radantrieb, der »Labrador«, sagte der alte Arzt, »so hieß sie, stellen Sie sich das vor, die Labrador, um zu den Moskitos und zur Sonne zu fahren«, die Labrador jedenfalls lief auf vollen Touren, wirbelte das eisige Wasser auf, das der Mistral stürmisch auftürmte, und ihre Decks wurden fünf Tage und Nächte von einem Polarwind gepeitscht, und die sterbenskranken Eroberer unten in ihren Laderäumen erbrachen sich einer über den anderen und wären am liebsten gestorben, bis sie in den Hafen von Bône einliefen, wo die ganze Bevölkerung auf den Kais die grünlichen, von so weit her gekommenen Abenteurer mit Musik begrüßte, die die Hauptstadt Europas mit Frauen, Kindern und Möbeln verlassen hatten, um nach fünfwöchiger Irrfahrt schwankend auf diesem Boden mit den bläulichen Fernen zu landen, dessen seltsamen Geruch aus Mist, Gewürzen und []123 sie beunruhigt vorfanden. Jacques drehte sich in seinem Sessel um; er schlief halb. Er sah seinen Vater, den er nie gesehen hatte, dessen Größe er nicht einmal kannte, er sah ihn auf jenem Kai von Bône unter den Emigranten, während die Flaschenzüge die armseligen Möbel herunterließen, die die Reise überstanden hatten, und während Streitigkeiten über die verlorengegangenen ausbrachen. Er war da, entschieden, dunkel, mit zusammengebissenen Zähnen, und war es schließlich nicht dieselbe Straße, die er vor vierzig Jahren unter dem gleichen Herbsthimmel von Bône nach Solférino auf dem Karren eingeschlagen hatte? Aber für die Emigranten existierte die Straße nicht; die Frauen und Kinder saßen zusammengedrängt auf den Munitionswagen der Armee, die Männer gingen zu Fuß und schlugen sich unter den feindseligen Blicken der hier und da auf Abstand zusammenstehenden Araber über den Daumen gepeilt quer durch die sumpfige Ebene oder das dornige Gestrüpp, fast ständig von der jaulenden Meute der kabylischen Hunde begleitet, bis sie am Ende des Tages in derselben Gegend ankamen wie sein Vater vor vierzig Jahren, die flach war, von fernen Anhöhen umgeben, ohne eine Behausung, ohne einen Brocken bebauter Erde, auf der nur eine Handvoll erdfarbene Militärzelte standen, nichts als nackter und öder Raum, was für sie das äußerste Ende der Welt war, zwischen dem öden Himmel und der gefährlichen124 Erde, und die Frauen weinten damals des Nachts vor Müdigkeit, Angst und Enttäuschung.

Die gleiche nächtliche Ankunft an einem elenden und feindseligen Ort, die gleichen Menschen, und dann, und dann … Oh! Jacques wußte es nicht von seinem Vater, aber von den anderen, das war dasselbe; sie hatten sich vor den lachenden Soldaten zusammenreißen und in den Zelten einrichten müssen. Die Häuser würden später kommen, man würde sie bauen und dann Land und Arbeit verteilen, die heilige Arbeit, die alles retten würde. »Mit Arbeiten war es erst mal nichts …«, hatte Veillard gesagt. Der Regen, der ungeheure, brutale, unerschöpfliche algerische Regen war acht Tage lang gefallen, die Seybouse war über die Ufer getreten. Die Sümpfe kamen an den Rand der Zelte, und sie konnten nicht hinaus — feindliche Brüder im schmutzigen wilden Durcheinander der riesigen Zelte, auf die endlos der Platzregen trommelte, und um den Gestank zu verringern, hatten sie hohle Schilfrohre abgeschnitten, um von drinnen nach draußen urinieren zu können, und als der Regen aufgehört hatte, ging es unter der Anleitung des Zimmermanns tatsächlich an die Arbeit, leichte Baracken zu bauen.

»Ah, die wackeren Leute«, sagte Veillard lachend. »Sie haben im Frühjahr ihre kleinen Hütten fertiggestellt, und dann wurde ihnen die Cholera beschert. Wenn ich dem Alten glauben kann, hat der Urahn und Zimmermann dabei seine Tochter und seine Frau verloren, die recht hatten, vor der Reise zurückzusehrecken.« — »Ja«, sagte der auf und ab gehende alte Doktor, den es noch immer aufrecht und stolz in seinen Gamaschen — nicht auf dem Stuhl hielt, »pro Tag starb ein Dutzend. Es war vorzeitig heiß geworden, und in den Baracken wurde man gebraten. Und dann die Hygiene, nicht wahr. Kurzum, pro Tag starb ein Dutzend.« Seine Kollegen, Militärärzte, waren überfordert. Komische Kollegen übrigens. Sie hatten ihre sämtlichen Medikamente aufgebraucht. Dann hatten sie einen Einfall. Man mußte tanzen, um das Blut in Wallung zu bringen. Und allabendlich nach der Arbeit tanzten die Siedler zwischen zwei Beerdigungen zum Klang der Geige. Nun, das war gar nicht so schlecht überlegt. Bei der Hitze schwitzten die Leute was das Zeug hielt, und die Epidemie nahm ein Ende. »Das ist ein Einfall, den man ausbeuten müßte.« Ja, das war ein Einfall. In der feuchten, heißen Nacht, zwischen den Baracken, in denen die Kranken schliefen, saß der Geigenspieler auf einer Kiste, neben sich eine von Moskitos und Insekten umschwirrte Laterne, und die Eroberer in langen Kleidern und Tuchanzügen tanzten und schwitzten gemessen rund um ein großes Feuer aus Gestrüpp, während an den vier Ecken des Lagers Wachen standen, um die Belagerten gegen Löwen mit schwarzer Mähne, gegen Viehdiebe, arabische Banden und manchmal auch gegen Beutezüge anderer französischer Siedlungen zu verteidigen, die Zerstreuung oder Vorräte brauchten. Später war endlich Land verteilt worden, verstreute Parzellen, weit weg von der Barackensiedlung. Später wurde das Dorf gebaut, mit Erdwällen. Doch hier wie in ganz Algerien waren zwei Drittel der Einwanderer gestorben, ohne Hacke und Pflug angefaßt zu haben. Die anderen blieben Pariser und bestellten mit dem Klapphut auf dem Kopf, mit geschultertem Gewehr und der Pfeife zwischen den Zähnen ihre Felder — und nur die Pfeife mit Deckel war erlaubt, niemals Zigaretten, wegen der Brände; in der Tasche hatten sie Chinin, das in den Cafés von Bône und in der Kantine von Mondovi wie eine normale Bestellung gebracht wurde, auf Ihr Wohl; bei ihnen waren ihre Frauen in Seidenkleidern. Aber immer mit dem Gewehr und den Soldaten ringsum, sogar um in der Seybouse die Wäsche zu waschen, war eine Eskorte für jene nötig, die früher, im Waschhaus in der Rue des Archives, bei der Arbeit ein friedfertiges Beisammensein pflegten, und das Dorf wurde nachts oft angegriffen, wie 51, während eines der Aufstände, als Hunderte von Reitern in Burnussen um die Wälle herumgeprescht und schließlich geflohen waren, als sie die auf sie gerichteten Ofenrohre sahen, mit denen die Belagerten Kanonen vortäuschten; sie bauten auf und arbeiteten in Feindesland, das etwas gegen die Besatzung hatte und sich an allem, worauf es stieß, rächte; und warum dachte Jacques an seine Mutter, während das Flugzeug höher und jetzt wieder tiefer flog? Er sah wieder jenen im Morast steckengebliebenen Wagen auf der Straße von Bône vor sich, auf dem die Siedler eine Schwangere zurückgelassen hatten, um Hilfe zu holen, und auf dem sie die Frau mit aufgeschlitztem Bauch und abgeschnittenen Brüsten wiederfinden sollten. »Es war Krieg«, sagte Veillard. — »Seien wir gerecht«, fügte der alte Arzt hinzu, »man hatte sie mit der ganzen Mischpoke in Grotten eingesperrt, ja wirklich, und sie hatten den ersten Berbern die Eier abgeschnitten, die dann ihrerseits …und so kommt man zurück auf den ersten Verbrecher, Sie wissen ja, er hieß Kain, und seitdem herrscht Krieg, die Menschen sind abscheulich, vor allem unter der grausamen Sonne.«

Und nach dem Essen waren sie durch das Dorf gegangen, das Hunderten anderen Dörfern überall im Lande glich, ein paar hundert kleine Häuser im bürgerlichen Stil des ausgehenden 19. Jahrhunderts, über mehrere Straßen verteilt, die sich im rechten Winkel schnitten, mit den großen Gebäuden, wie der Kooperative, der Landwirtschaftskasse und dem Festsaal, und all das lief auf den Musikpavillon mit schmiedeeiserner Verkleidung zu, der Ähnlichkeit mit einer Reitbahn oder einem großen Metro-Eingang hatte und wo jahrelang der städtische Männergesangverein oder das Militärblasorchester an Feiertagen Konzerte gegeben hatte, während sonntäglich herausgeputzte Paare Erdnüsse knackend in der Hitze und im Staub darum herumgingen. Heute war auch Sonntag, aber die psychologischen Betreuer der Armee hatten in dem Pavillon Lautsprecher angebracht, die Menge war mehrheitlich arabisch, doch sie ging nicht auf dem Platz umher, sie stand unbewegt da und lauschte der arabischen Musik, die abwechselnd mit Reden erklang, und die in der Menge verlorenen Franzosen sahen sich alle ähnlich, hatten den gleichen düsteren, der Zukunft zugewandten Ausdruck wie jene, die einst mit der Labrador hierhergekommen waren, oder jene, die unter den gleichen Umständen, mit den gleichen Leiden anderswo gelandet waren und auf der Flucht vor Elend oder Verfolgung auf Schmerz und Steine gestoßen waren. Wie die Spanier aus Menorca, von denen Jacques’ Mütter abstammte, oder jene Elsässer, die 71 die deutsche Herrschaft abgelehnt und für Frankreich votiert hatten und denen man das Land der getöteten oder im Gefängnis sitzenden Aufständischen von 71 gegeben hatte — Aufsässige, die den noch warmen Platz der Rebellen einnahmen, verfolgte Verfolger, aus deren Kreis sein Vater geboren war, der vierzig Jahre später mit dem gleichen düsteren, eigensinnigen Ausdruck an dieser Stätte angekommen war, ganz und gar der Zukunft zugewandt, wie die, die ihre Vergangenheit nicht mögen und sie verleugnen, auch er ein Emigrant, wie all jene, die auf diesem Boden lebten und gelebt hatten, ohne eine Spur zu hinterlassen, außer auf den verwitterten, grün gewordenen Steinplatten der kleinen Kolonialfriedhöfe wie jenem, den Jacques zum Abschluß, nachdem Veillard gegangen war, mit dem alten Arzt besucht hatte. Auf der einen Seite die scheußlichen neuen Anlagen nach der letzten Friedhofsmode, mit Zugaben vom Floh- und Trödelmarkt, wohin sich die zeitgenössische Frömmigkeit verirrt. Auf der anderen Seite, unter alten Zypressen, zwischen Alleen voller Piniennadeln und Zypressenzapfen oder neben den feuchten Mauern, an deren Fuß gelb blühender Sauerklee wuchs, waren alte, fast in die Erde übergehende Steinplatten unlesbar geworden.

Menschenmassen waren seit mehr als einem Jahrhundert hierhergekommen, hatten gepflügt, hatten an manchen Stellen immer tiefere, an manchen anderen Stellen immer unregelmäßigere Furchen gezogen, bis leichte Erde sie bedeckte und die Gegend zum Wildwuchs zurückkehrte, und sie hatten gezeugt und waren dann verschwunden. Ebenso ihre Söhne. Und deren Söhne und Enkel waren auf einmal auf diesem Boden dagewesen, wie er selbst auf einmal dagewesen war, ohne Vergangenheit, ohne Moral, ohne Vorschrift, ohne Religion, aber glücklich, dazusein und im Licht zu sein, voller Angst vor der Nacht und dem Tod. All jene Generationen, all jene aus so vielen verschiedenen Ländern gekommenen Menschen unter diesem wunderbaren Himmel, an dem schon das Vorzeichen der Dämmerung aufstieg, waren in sich selbst gekehrt verschwunden, ohne Spuren zu hinterlassen. Unermeßliches Vergessen hatte sich über sie gebreitet, und in Wirklichkeit war es das, was dieser Boden verkündete, das, was mit der Nacht vom Himmel stieg, dem Himmel über den drei Männern, die bedrückt von der herannahenden Nacht den Weg zurück ins Dorf einschlugen, erfüllt von jener Beklommenheit125 , die alle Menschen in Afrika überfällt, wenn der schnelle Abend sich über das Meer, über ihre zerfurchten Berge und die Hochebenen senkt, die gleiche heilige Beklommenheit, die auf den Hängen des Berges von Delphi, wo der Abend die gleiche Wirkung erzeugt, Tempel und Altäre hervortreten läßt. Aber auf dem afrikanischen Boden sind die Tempel zerstört, und übrig ist nur dieser unerträgliche und sanfte Druck auf dem Herzen. Ja, wie sie gestorben waren! Wie sie noch sterben würden! Still und von allem abgewandt — wie war sein Vater in einer unbegreiflichen Tragödie fern von seiner natürlichen Heimat gestorben, nach einem ganz und gar unfreiwilligen Leben, vom Waisenhaus bis zum Lazarett über die unvermeidliche Ehe, ein Leben, das sich um ihn herum gegen seinen Willen eingerichtet hatte, bis der Krieg ihn tötete und beerdigte, hinfort auf immer den Seinen und seinem Sohn unbekannt, auch er dem unermeßlichen Vergessen anheimgegeben, das die endgültige Heimat der Menschen seines Schlages war, der Bestimmungsort eines ohne Wurzeln begonnenen Lebens, und so viele Erinnerungen in den damaligen Bibliotheken, um die Findelkinder zur Kolonisierung dieses Landes zu benutzen, ja, alle hier sind Findelkinder und verlorene Kinder, die vergängliche Städte bauen, um dann auf immer in sich selbst und in den anderen zu sterben. Als ob die Geschichte der Menschen, diese Geschichte, die nie aufgehört hatte, über eines ihrer ältesten Länder zu schreiten und dabei so wenige Spuren zu hinterlassen, unter der unaufhörlichen Sonne verdunstete, zusammen mit der Erinnerung an jene, die sie wirklich gemacht, sie zu Krisen von Gewalt und Mord herabgewürdigt hatten, zu aufloderndem Haß, zu Strömen von Blut, die so schnell anschwollen und schnell austrockneten wie die Wadis des Landes. Die Nacht stieg jetzt selbst vom Boden auf und begann alles, Tote und Lebende, unter dem immer gegenwärtigen herrlichen Himmel zu versenken. Nein, er würde seinen Vater nie kennen, der dort drüben, das Gesicht auf immer in der Asche verloren, weiterschlafen würde. Es gab um diesen Mann ein Geheimnis, das er hatte ergründen wollen. Aber letzten Endes war es nur das Geheimnis der Armut, die Menschen ohne Namen und ohne Vergangenheit erzeugt, die sie in das unermeßliche Gewimmel der namenlosen Toten eingehen läßt, der Toten, die die Welt gemacht haben, indem sie sich für immer auflösten. Denn eben das war es, was sein Vater mit den Männern der Labrador gemeinsam hatte. Mit den Menorquinern des Sahel, den Elsässern der Hochebenen, mit dieser riesigen Insel zwischen dem Sand und dem Meer, über die sich jetzt eine ungeheure Stille zu legen begann. Das, nämlich die zugleich grausame und mitfühlende Anonymität von Blut, Tapferkeit, Arbeit und Trieb. Er, der dem namenlosen Land, der Masse und einer namenlosen Familie hatte entrinnen wollen, er, in dem irgend jemand aber nicht aufgehört hatte, hartnäckig nach Dunkel und Anonymität zu verlangen, er gehörte auch dem Stamm an, während er neben dem zu seiner Rechten schnaufenden alten Arzt blind durch die Nacht ging und Musikfetzen hörte, die vom Platz kamen, während er die harten, undurchdringlichen Gesichter der Araber rund um den Pavillon, Veillards Lachen und eigensinniges Gesicht wieder vor sich sah, auch mit einer Zärtlichkeit und einem Kummer, die ihm das Herz im Leib umdrehten, das zu Tode verängstigte Gesicht seiner Mutter bei der Explosion vor sich sah, während er durch das Dunkel der Jahre auf dem Boden des Vergessens schritt, wo jeder der erste Mensch war, wo er s