/ Language: Deutsch / Genre:prose_classic

Die Pest

Albert Camus


Die Pest

Albert Camus

1947

Zu diesem Buch

In der nordafrikanischen Stadt Oran bricht eine furchtbare Seuche aus, die längst aus zivilisierten Regionen verbannt schien. Die sich unerbittlich ausbreitende mörderische Epidemie bestimmt allmählich das gesamte Leben der von der Außenwelt abgeschnittenen Stadt und verändert es. Außerordentlich wirklichkeitsnah, ist das Werk zugleich ein großartiges Sinnbild des apokalyptischen Grauens, das den Einzelmenschen angesichts der maßlosen kollektiven Verhängnisse unserer Zeit befällt. Doch nimmt der Leser die Gewißheit mit, daß Mut, Willenskraft und Nächstenliebe auch ein scheinbar unabwendbares Schicksal meistern können.

1957 hatte Albert Camus den Nobelpreis erhalten. Am 4. Januar 1960 kam er bei einem Autounfall ums Leben. Sein Tod bedeutete das Verstummen einer der literarisch und moralisch gewichtigsten Stimmen Europas. Camus wurde am 7. November 1913 als Sohn einer Spanierin und eines Elsässers in Mondovi/Nordafrika in kärglichen Verhältnissen geboren. Als Werkstudent besuchte er die Universität Algier. In Algier gründete er auch eine einflußreiche Theatergruppe und ließ seine beiden ersten Essay-Bände “L’Envers et l’Endroit” (1937) und “Noces” (1938) erscheinen. Auf Reisen lernte er viele Länder Europas kennen. Während der deutschen Besetzung wirkte er an einer Schule in Oran und schrieb in der illegalen Widerstandspresse. Sein zeitkritisches Denken führte ihn in die Nähe Jean-Paul Sartres und seines Existentialismus.

Inhaltsverzeichnis

1 1

2 2

3 3

4 4

Es ist ebenso vernünftig, eine Art Gefangenschaft durch eine andere darzustellen, wie irgend etwas wirklich Vorhandenes durch etwas, das es nicht gibt.

(Daniel Defoe)

Kapitel 1

1

Die seltsamen Ereignisse, denen diese Chronik gewidmet ist, haben sich 194. in Oran abgespielt. Man war allgemein der Ansicht, sie gehörten ihres etwas ungewöhnlichen Charakters wegen nicht dorthin. Auf den ersten Blick ist Oran nämlich eine ganz gewöhnliche Stadt, nichts mehr und nichts weniger als eine französische Präfektur an der algerischen Küste.

Zugegeben, die Stadt selber ist häßlich. Sie sieht so gesetzt aus, daß man einige Zeit braucht, bis man merkt, was sie von so vielen anderen Handelsstädten auf dem ganzen Erdball unterscheidet. Wie soll man auch eine Stadt anschaulich beschreiben, die keine Tauben, keine Bäume und keine Gärten besitzt, in der weder Flügelschlag noch Blätterrauschen zu hören ist? Ein farblos-nüchterner Ort! Einzig am Himmel ist der Wechsel der Jahreszeiten abzulesen. Den Frühling erkennt man nur an der veränderten Luft oder an den Körben voll Blumen, die kleine Verkäufer in der Umgebung holen; der Frühling wird hier auf dem Markt verkauft. Im Sommer versengt die Sonne die ausgetrockneten Häuser und bedeckt die Mauern mit grauer Asche; dann ist das Leben nur noch im Schatten der geschlossenen Fensterladen möglich. Im Herbst dagegen überschwemmt eine Flut von Schlamm die Stadt. Erst im Winter kommen die schönen Tage.

Eine bewährte Art, eine Stadt kennenzulernen, besteht darin, herauszufinden, wie ihre Bewohner arbeiten, wie sie lieben und wie sie sterben. In unserem Städtchen vermengt sich dies alles und geschieht mit der gleichen Maßlosigkeit, doch ohne innere Anteilnahme. Das mag eine Folge des Klimas sein und bedeutet, daß man sich langweilt und sich bemüht, Gewohnheiten anzunehmen. Unsere Mitbürger arbeiten viel, aber nur, um reich zu werden. Sie befassen sich hauptsächlich mit Handel und dem, was sie Geschäfte machen nennen. Natürlich gewinnen sie auch den einfachen Freuden wie Frauen, Kino und Meerbädern Geschmack ab. Aber sie sparen das Vergnügen sehr vernünftig für den Samstagabend und den Sonntag auf und versuchen, während der übrigen Woche viel Geld zu verdienen. Wenn sie am Abend aus ihrem Geschäft kommen, versammeln sie sich zu bestimmten Stunden im Café, spazieren auf demselben Boulevard oder setzen sich auf ihren Balkon. Die Wünsche und Begehren der Jüngeren sind heftig und kurz, während die Laster der Älteren sich auf die Zusammenkünfte der fanatischen Kugelspieler beschränken, auf die Vereinsbankette und die Spielclubs, in denen, dem Glück der Karten vertrauend, hohe Einsätze gewagt werden.

Man wird zweifellos entgegnen, daß unsere Stadt darin keine Ausnahme bildet und daß eigentlich alle unsere Zeitgenossen so sind. Gewiß erscheint es einem heute nur natürlich, wenn die Leute von morgens bis abends arbeiten und dann die Zeit, die ihnen zum Leben bleibt, beim Kartenspiel, im Café und mit Geschwätz vertun. Aber es gibt doch Länder und Städte, wo die Menschen von Zeit zu Zeit eine Ahnung von etwas anderem haben. Gewöhnlich ändert sich ihr Leben deswegen nicht. Nur hat sie die Ahnung wenigstens einmal gestreift, und damit ist schon etwas gewonnen. Oran dagegen ist offensichtlich eine Stadt ohne Ahnungen, das heißt eine ganz moderne Stadt. Daher ist es nicht nötig, die Art, wie man sich bei uns liebt, näher zu beschreiben. Entweder verzehren sich Männer und Frauen hastig im sogenannten Liebesakt oder sie geraten in die Gleichförmigkeit eines langen Lebens zu zweit.

Zwischen diesen Extremen gibt es nur selten einen Mittelweg. Das ist ebenfalls nichts Besonderes. Wie anderswo ist man auch in Oran aus Zeitmangel und Gedankenlosigkeit gezwungen, sich zu lieben, ohne es zu wissen.

Eigenartig ist schon, wie schwierig das Sterben in unserer Stadt sein kann. Schwierig ist übrigens nicht das rechte Wort, ungemütlich wäre treffender. Krank sein ist nie angenehm; aber es gibt Städte und Länder, die einem in der Krankheit beistehen, wo man sich gewissermaßen gehenlassen kann. Ein Kranker braucht Freundlichkeit, er möchte sich an irgend etwas halten können. In Oran jedoch verlangt alles Gesundheit; die Maßlosigkeit des Klimas, die Wichtigkeit der Geschäfte, die abgeschlossen werden, die Nichtigkeit der Umwelt, das rasche Hereinbrechen der Dämmerung und die Art der Vergnügungen. Ein Kranker ist hier sehr allein. Nun denke man gar an den Sterbenden. Er ist gefangen hinter Hunderten von Mauern, die vor Hitze bersten, während in derselben Minute eine ganze Bevölkerung am Telefon oder in den Cafés von Tratten, Frachtbriefen und Diskonto spricht. Dann wird man verstehen, wie ungemütlich der Tod, auch der moderne Tod sein kann, wenn er einen an solch gefühllosem Ort ereilt.

Diese wenigen Angaben genügen vielleicht, um ein Bild unserer Stadt zu entwerfen. Freilich darf man auch nichts übertreiben. Hervorzuheben war das geistlose Gesicht der Stadt und des Lebens. Aber sobald man Gewohnheiten angenommen hat, verbringt man seine Tage mühelos. Da unsere Stadt die Gewohnheiten besonders unterstützt, ist nur zu sagen, daß alles zum besten bestellt ist. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet ist das Leben sicher nicht sehr fesselnd. Indessen ist bei uns wenigstens Unordnung unbekannt. Und unsere freimütige, ansprechende und arbeitsame Bevölkerung hat bei den Fremden immer die gebührende Achtung gefunden. Diese reiz-, pflanzen- und seelenlose Stadt wirkt mit der Zeit ausruhend, und zuletzt schläft man ein. Immerhin muß gesagt werden, daß sie sich in eine unvergleichliche Landschaft eingenistet hat: inmitten einer nackten Hochebene, umgeben von leuchtenden Hügeln, an einer Bucht von vollkommener Harmonie. Man kann nur bedauern, daß sie mit dem Rücken gegen diese Bucht gebaut wurde; man muß das Meer suchen, wenn man es sehen will.

Jetzt wird man ohne weiteres zugeben, daß unsere Mitbürger in keiner Weise auf die Ereignisse vorbereitet waren, die sich im Frühling dieses Jahres abspielten. Später begriffen wir, daß es Vorboten der ernsten Begebenheiten waren, von denen wir hier berichten wollen; sie werden den einen ganz natürlich, den anderen hingegen unwahrscheinlich vorkommen. Aber schließlich kann sich ein Chronist nicht auf solche Widersprüche einlassen. Seine Aufgabe ist es einzig, zu sagen: “Das ist geschehen”, wenn er weiß, daß es wirklich geschehen ist, daß es das Leben eines ganzen Volkes anging und es also Tausende von Zeugen gibt, die in ihrem Herzen die Wahrheit des Gesagten ermessen können.

Überdies hätte der Erzähler, den man noch früh genug kennenlernen wird, kaum das Recht auf ein solches Unterfangen, wenn ihm der Zufall nicht erlaubt hätte, zahlreiche Aussagen anzuhören, und wenn ihn nicht der Lauf der Dinge in alles verwickelt hätte, was er zu berichten trachtet. Das berechtigt ihn zu der Arbeit des Geschichtsschreibers. Ein Geschichtsschreiber, auch der bloße Liebhaber dieser Kunst, besitzt natürlich immer Dokumente. So hat denn auch der Erzähler dieser Geschichte die seinen: zunächst sein eigenes Zeugnis, dann dasjenige der anderen, da er dank seiner Stellung der Vertraute aller Beteiligten wurde, und schließlich die Schriftstücke, die ihm in die Hände fielen. Er hat die Absicht, sie zu verwenden, wann es ihn gut dünkt und wie es ihm gefällt. Außerdem hat er die Absicht…Aber vielleicht ist es Zeit, mit den Erläuterungen und den vorsichtigen Umschreibungen aufzuhören und die eigentliche Erzählung zu beginnen. Die Darstellung der ersten Tage verlangt Genauigkeit.

Am Morgen des 16. April trat der Arzt Bernard Rieux aus seiner Wohnung und stolperte mitten auf dem Flur über eine tote Ratte. Im Augenblick schob er das Tier beiseite, ohne es zu beachten, und stieg die Treppe hinunter. Aber auf der Straße fiel ihm ein, die Ratte sei dort oben nicht recht am Platz, und er kehrte zurück, um den Hauswart zu benachrichtigen. An der Reaktion des alten Herrn Michel merkte er erst, wie ungewöhnlich seine Entdeckung war. Ihm war die Gegenwart dieser toten Ratte nur seltsam vorgekommen, während sie für den Hauswart einen Skandal bedeutete. Seine Haltung war übrigens eindeutig: es gab keine Ratten im Haus. Der Arzt konnte ihm lange versichern, es liege eine auf dem Flur des ersten Stocks, und wahrscheinlich eine tote, Herrn Michels Überzeugung blieb unerschüttert. Es gab keine Ratten im Haus, sie mußten hereingebracht worden sein. Es konnte sich nur um einen Bubenstreich handeln.

Am selben Abend stand Bernard Rieux unten im Hauseingang und suchte seine Schlüssel, bevor er in seine Wohnung hinaufstieg. Da sah er aus dem Dunkel des Gangs eine dicke Ratte auftauchen, mit feuchtem Fell und unsicherem Gang. Das Tier blieb stehen, schien sein Gleichgewicht zu suchen, wendete sich gegen den Arzt, blieb wieder stehen, drehte sich mit einem leisen Schrei im Kreis und fiel schließlich zu Boden, wobei aus den halbgeöffneten Lefzen Blut quoll. Der Arzt betrachtete es einen Augenblick und ging hinauf.

Er dachte nicht an die Ratte. Das ausgeworfene Blut erinnerte ihn an seine größte Sorge. Seine Frau, die seit einem Jahr krank war, sollte am nächsten Tag in einen Kurort in den Bergen verreisen. Er fand sie in ihrem Zimmer im Bett, wie er es ihr vorgeschrieben hatte. So bereitete sie sich auf die anstrengende Reise vor. Sie lächelte.

“Ich fühle mich sehr wohl”, sagte sie.

Der Arzt schaute das Gesicht an, das im Schein der Nachttischlampe ihm zugewendet war. Trotz seiner dreißig Jahre und der Spuren der Krankheit war dieses Antlitz für Rieux noch immer das der Jugend, vielleicht dieses Lächelns wegen, das alles andere vergessen ließ.

“Schlaf, wenn du kannst”, sagte er. “Die Schwester kommt um elf Uhr, ich werde euch an den Mittagszug bringen.”

Er küßte ihre etwas feuchte Stirn. Das Lächeln begleitete ihn bis zur Tür.

Am nächsten Tag, dem 17. April, um acht Uhr morgens, hielt der Hauswart den Arzt beim Vorübergehen an und beklagte sich, Lausbuben hätten drei tote Ratten mitten in den Gang gelegt. Man habe die Tiere mit der Kehrschaufel aufnehmen müssen, denn sie seien voll Blut. Der Hauswart hatte eine Zeitlang unter der Tür gestanden, die Ratten in der Hand, und erwartet, die Schuldigen würden sich durch irgendeine bissige Bemerkung verraten. Aber nichts war geschehen.

“Na, die werde ich schon erwischen”, sagte Herr Michel.

Beunruhigt beschloß Rieux, seine Runde in den Außenquartieren zu beginnen, wo seine ärmsten Patienten wohnten. Die Müllabfuhr fand dort erst spät statt, und sein Auto streifte auf den geraden, staubigen Straßen dieses Viertels die Abfalleimer, die am Rand des Trottoirs standen. In einer Straße, die der Arzt so durchfuhr, zählte er ein Dutzend Ratten, die auf die Gemüseabfälle und die schmutzigen Lumpen geworfen worden waren.

Sein erster Patient lag im Bett, in einem Raum, der auf die Straße ging und als Schlaf- und Eßzimmer zugleich diente. Er war ein alter Spanier mit einem harten, zerfurchten Gesicht. Zwei Töpfe voll Erbsen standen vor ihm auf der Decke. Als der Arzt eintrat, saß der langjährige Asthmatiker halb aufgerichtet im Bett und warf sich eben nach hinten, um seinen rasselnden Atem wiederzufinden. Seine Frau brachte ein Becken.

“Ha, Herr Doktor”, sagte er während der Einspritzung, “sie kommen, haben Sie’s gesehen?”

“Ja”, sagte die Frau, “der Nachbar hat drei aufgelesen.”

Der Alte rieb sich die Hände.

“Sie kommen, man sieht sie in allen Kehrichteimern; das macht der Hunger!”

Rieux konnte nachher mühelos feststellen, daß das ganze Viertel von den Ratten sprach. Als er seine Besuche beendet hatte, kehrte er nach Hause zurück.

“Es ist ein Telegramm für Sie oben”, sagte Herr Michel.

Der Arzt fragte ihn, ob er noch mehr Ratten gesehen habe.

“O nein”, sagte der Hauswart, “ich passe auf, verstehen Sie. So getrauen sich diese Schweine nicht.”

Das Telegramm enthielt die Nachricht, daß Rieux’ Mutter am folgenden Tag ankommen werde, um während der Abwesenheit der Kranken ihrem Sohn den Haushalt zu führen. Als Rieux eintrat, war die Krankenschwester schon da. Seine Frau stand im Reisekleid vor ihm; die Schminke verlieh ihrem Gesicht einen Anflug von Farbe. Er lächelte ihr zu: “Gut”, sagte er, “sehr gut.”

Kurz darauf brachte er sie zur Bahn und setzte sie in den Schlafwagen. Sie betrachtete das Abteil.

“Es ist zu teuer für uns, nicht wahr?”

“Es muß sein”, sagte Rieux.

“Was ist das für eine Geschichte mit den Ratten?”

“Ich weiß nicht. Es ist sehr merkwürdig, aber es wird vorbeigehen.”

Dann sagte er ihr schnell, daß er sie um Verzeihung bitte, er hätte auf sie aufpassen sollen und habe sie sehr vernachlässigt. Sie schüttelte den Kopf, wie um ihn zum Schweigen zu bringen. Aber er fügte hinzu: “Wenn du zurückkommst, wird alles besser gehen. Wir werden neu anfangen.”

“Ja”, sagte sie mit glänzenden Augen, “neu anfangen.”

Einen Augenblick später drehte sie ihm den Rücken zu und schaute zum Fenster hinaus. Auf dem Bahnsteig drängten und stießen sich die Leute. Man hörte das Zischen der Lokomotive. Er rief seine Frau bei ihrem Vornamen; als sie sich umwandte, sah er, daß ihr Gesicht tränenüberströmt war.

“Nicht doch”, sagte er sanft.

Durch die Tränen hindurch erschien wieder das Lächeln, allerdings war es noch ein wenig verkrampft. Sie atmete tief.

“Geh nur, es wird alles gut werden.”

Er preßte sie an sich. Vom Bahnsteig aus sah er dann nur noch ihr Lächeln hinter den Scheiben.

“Ich bitte dich, paß auf dich auf”, sagte er.

Aber sie konnte ihn nicht hören.

Beim Ausgang stieß Rieux auf Herrn Othon, den Untersuchungsrichter, der seinen kleinen Sohn an der Hand führte. Der Arzt fragte ihn, ob er verreise. Herr Othon, der mit seiner großen dunklen Gestalt halb einem Mann von Welt, wie man früher sagte, halb einem Leichenbeschauer glich, antwortete liebenswürdig, aber kurz: “Ich erwarte Frau Othon, die meinen Angehörigen ihre Aufwartung gemacht hat.”

Die Lokomotive pfiff.

“Die Ratten…” sagte der Richter.

Rieux machte eine Bewegung gegen den Zug, kehrte sich dann aber dem Ausgang zu.

“Ja”, sagte er, “das hat nichts zu bedeuten.”

Das einzige, was ihm von diesem Augenblick haftenblieb, war das Vorbeigehen eines Arbeiters, der eine Kiste voll toter Ratten unter dem Arm trug.

Am Nachmittag des gleichen Tages empfing Rieux zu Beginn seiner Sprechstunde einen jungen Mann, von dem es hieß, er sei Journalist und sei am Morgen schon einmal dagewesen. Er hieß Raymond Rambert, war klein, hatte breite Schultern, ein entschlossenes Gesicht, helle, gescheite Augen, trug Sportkleidung und schien sich im Leben wohl zu fühlen. Er ging geradewegs auf sein Ziel los. Im Auftrag einer großen Pariser Zeitung untersuchte er die Lebensbedingungen der Araber und verlangte Auskunft über ihren Gesundheitszustand. Rieux sagte ihm, der sei nicht gut. Aber bevor er sich näher ausließ, wollte er wissen, ob der Journalist die Wahrheit schreiben dürfe.

“Natürlich”, sagte dieser.

“Ich meine, dürfen Sie selbst vernichtend urteilen?”

“Nein, das freilich nicht. Aber ich nehme an, ein solches Urteil wäre unbegründet.”

Rieux erwiderte sanft, gewiß wäre eine solche Verurteilung unbegründet. Er habe mit dieser Frage nur erfahren wollen, ob Rambert rückhaltlos Bericht erstatten könne.

“Für mich gibt es nur eine bedingungslose Stellungnahme. Ich kann also Ihre Erklärungen nicht mit Auskünften unterstützen.”

“So spricht Saint-Just”, sagte der Journalist lächelnd.

Ohne die Stimme zu erheben, erwiderte Rieux, das wisse er nicht; aber so spreche ein Mensch, der genug habe von der Welt, in der er lebe, der seine Mitmenschen jedoch liebe und entschlossen sei, für seine Person Ungerechtigkeit und Zugeständnisse abzulehnen. Rambert zog die Schultern hoch und blickte den Arzt an.

“Ich glaube, ich verstehe Sie”, sagte er endlich und erhob sich.

Der Doktor begleitete ihn zur Tür.

“Ich danke Ihnen, daß Sie die Sache so auffassen.”

Rambert schien ungeduldig.

“Ja”, sagte er, “ich verstehe Sie, entschuldigen Sie die Störung.”

Der Arzt gab ihm die Hand und bemerkte, er könnte einen eigenartigen Bericht schreiben über die Unzahl toter Ratten, die man gegenwärtig in der Stadt finde.

“Ach!” rief Rambert. “Das interessiert mich.”

Als Rieux um 17 Uhr ausging, um nochmals Krankenbesuche zu machen, traf er auf der Treppe einen noch jungen Mann von schwerfälliger Gestalt, mit einem wuchtigen, hageren Gesicht und buschigen Brauen. Er hatte ihn manchmal bei den spanischen Tänzern getroffen, die im obersten Stock seines Hauses wohnten. Herr Jean Tarrou rauchte bedächtig eine Zigarette und betrachtete die letzten Zuckungen einer Ratte, die zu seinen Füßen auf einer Treppenstufe verendete. Er erhob seine ruhigen und eindringlichen grauen Augen zu dem Arzt, grüßte und fügte hinzu, daß dieses Auftauchen der Ratten etwas Merkwürdiges sei.

“Ja”, sagte Rieux, “es wird schon langsam lästig.”

“Nur in einer Hinsicht, Herr Doktor, nur in einer Hinsicht. Weil wir noch nie so etwas gesehen haben. Aber ich finde es interessant, wirklich, geradezu interessant.”

Tarrou strich sich die Haare zurück, schaute wieder die jetzt unbewegliche Ratte an, und sagte lächelnd zu Rieux: “Aber schließlich geht es vor allem den Hauswart an, Herr Doktor.”

Den Hauswart fand der Arzt neben der Haustür an die Mauer gelehnt. Sein sonst hochrotes Gesicht schien eingefallen.

“Ja, ich weiß”, sagte der alte Michel zu Rieux, als er ihm die neue Entdeckung mitteilte. “Jetzt findet man sie zu zweien und dreien. Aber in den anderen Häusern ist es genauso.”

Er schien niedergeschlagen und sorgenvoll. Unwillkürlich rieb er sich den Hals. Rieux fragte ihn, wie es ihm gehe. Der Hauswart konnte nicht sagen, es gehe ausgesprochen schlecht. Nur fühlte er sich nicht wohl. Seiner Meinung nach kam es von seiner Gemütsverfassung. Diese Rattengeschichte hatte ihn stark mitgenommen, sobald die Tiere verschwunden seien, werde es wieder viel besser gehen. Aber als am nächsten Morgen, dem 18. April, der Doktor seine Mutter vom Bahnhof nach Hause brachte, sah Herr Michel noch abgezehrter aus: vom Keller bis zum Estrich lagen etwa zehn Ratten. Nur die Mutter des Arztes wunderte sich nicht über diese Nachricht.

“Solche Dinge kommen eben vor!”

Sie war eine kluge Frau mit silbernem Haar und schwarzen, sanften Augen.

“Ich bin so glücklich, dich wiederzusehen, Bernard”, sagte sie. “Dagegen vermögen die Ratten nichts.”

Er war der gleichen Meinung; mit ihr schien immer alles leicht.

Immerhin telefonierte Rieux mit dem städtischen Entrattungsdienst, dessen Direktor er kannte. Hatte er schon von den Ratten gehört, die in großer Zahl ins Freie kamen und starben? Direktor Mercier hatte davon reden hören, man hatte sogar in seinen eigenen Diensträumen in der Nähe des Meeres über fünfzig Stück gefunden. Doch fragte er sich, ob das Ganze ernst zu nehmen sei. Rieux wußte es nicht, aber er war dafür, daß der Entrattungsdienst einschreite.

“Ja”, sagte Mercier, “mit einem schriftlichen Befehl. Wenn du meinst, es sei der Mühe wert, kann ich versuchen, einen zu erlangen.”

“Es ist schon der Mühe wert”, sagte Rieux.

Seine Scheuerfrau hatte ihm eben erzählt, daß in der großen Fabrik, wo ihr Mann arbeitete, ein paar hundert tote Ratten zusammengelesen worden waren.

Jedenfalls begannen unsere Mitbürger ungefähr zu dieser Zeit unruhig zu werden. Denn vom 18. April an wimmelte es in den Fabriken und Lagerhäusern von Hunderten von Rattenleichen. Manchmal mußten die Tiere getötet werden, wenn ihr Todeskampf zu lange dauerte. Aber von den Außenquartieren bis ins Stadtinnere, überall, wohin Dr. Rieux kam, überall, wo unsere Mitbürger sich versammelten, stieß man auf die Ratten, die zu Haufen in den Abfalleimern oder in langen Reihen in den Straßengräben lagen. Nun bemächtigten sich auch die Abendzeitungen der Geschichte und fragten, ob die Behörden, ja oder nein, gewillt seien zu handeln und was für Sofortmaßnahmen ins Auge gefaßt worden seien, um die Bevölkerung vor dieser ekelhaften Invasion zu schützen. Die Stadtbehörde hatte gar nichts überlegt und nichts ins Auge gefaßt, berief jedoch eine Ratsversammlung ein. Dem Entrattungsdienst wurde der Befehl erteilt, die toten Ratten jeden Morgen bei Tagesanbruch einzusammeln.

Dann sollten zwei Wagen dieser Dienststelle die Tiere in die Abfallverbrennungsanstalt fahren.

Aber in den folgenden Tagen verschlimmerte sich die Lage. Die Zahl der eingesammelten Nagetiere nahm ständig zu, und die Ernte war jeden Morgen reicher. Vom vierten Tag an kamen die Ratten in Gruppen heraus und starben. Aus den Verschlagen, den Untergeschossen, den Kellern, den Kloaken stiegen sie in langen, wankenden Reihen hervor, taumelten im Licht, drehten sich um sich selber und verendeten in der Nähe der Menschen. Nachts hörte man in den Gängen und den engen Gassen deutlich ihren leisen Todesschrei. Am Morgen fand man sie in den Straßengräben der Vorstädte ausgestreckt, ein bißchen Blut auf der spitzen Schnauze, die einen aufgedunsen und faulig, die andern steif, mit gesträubten Schnauzhaaren. In der Stadt selber traf man sie in kleinen Haufen auf dem Flur oder in den Höfen. Manchmal starben sie auch einzeln in den Vorräumen der Verwaltungsgebäude, in den Schulhöfen, manchmal auf der Terrasse der Cafés. Unsere entsetzten Mitbürger entdeckten sie an den belebtesten Orten der Stadt. Der Waffenplatz, die Boulevards, die Aussichtsstraße dem Meer entlang waren ab und zu verunziert. Bei Morgengrauen wurde die Stadt von den toten Tieren gesäubert, im Laufe des Tages kamen sie langsam wieder, zahlreicher und zahlreicher. Manch ein nächtlicher Spaziergänger spürte unter seinem Fuß plötzlich die weiche Masse einer eben verendeten Ratte. Es war, als wolle die Erde, auf der unsere Häuser standen, sich selber von der Last ihrer Säfte befreien, so daß die Eiterbeulen, die sie bisher innerlich geplagt hatten, nun aufbrachen. Man stelle sich das Entsetzen in unserer kleinen Stadt vor, die bis jetzt so ruhig gelebt hatte und nun in wenigen Tagen völlig aufgewühlt wurde, einem gesunden Menschen gleich, dessen dickes Blut plötzlich in Aufruhr gerät!

Die Sache ging so weit, daß die Agentur Ransdoc (Informationen, Nachweise, Auskünfte auf allen Gebieten) in ihrer Rundfunksendung “Unentgeltliche Nachrichten” bekanntgab, daß am 25. April allein 6231 Ratten eingesammelt und verbrannt worden waren. Diese Zahl gab dem täglichen Schauspiel, das die Stadt vor Augen hatte, einen klaren Sinn und vermehrte die Verwirrung. Bis jetzt hatte man sich über einen etwas widerwärtigen Zwischenfall beklagt. Nun merkte man, daß das Geschehen, dessen ganze Tragweite noch nicht abzusehen war und dessen Ursprung unerklärlich blieb, etwas Bedrohliches hatte. Nur der alte, asthmatische Spanier rieb sich weiter die Hände und wiederholte mit kindlicher Freude: “Sie kommen, sie kommen!”

Am 28. April indessen gab Ransdoc eine Ausbeute von ungefähr achttausend Ratten bekannt, und in der Stadt erreichte die Beklemmung ihren Höhepunkt. Man verlangte durchgreifende Maßnahmen, man klagte die Behörden an, und einige, die ein Haus am Meer besaßen, spielten bereits mit dem Gedanken, sich dorthin zurückzuziehen. Aber am nächsten Tag verkündete die Agentur, die Erscheinung habe unvermutet aufgehört, und der Entrattungsdienst habe nur noch eine ganz unbedeutende Anzahl toter Ratten eingesammelt.

Am gleichen Mittag jedoch, als Dr. Rieux vor seinem Haus vorfuhr, bemerkte er den Hauswart, der an der Straßenecke mühsam vorwärtstaumelte, den Kopf gesenkt hielt und wie eine Marionette Arme und Beine spreizte. Der alte Mann stützte sich auf einen Priester, den der Arzt kannte. Es war Pater Paneloux, ein gelehrter, militanter Jesuit, den er ein paarmal getroffen hatte, und der in unserer Stadt sogar von den religiös Gleichgültigen sehr geschätzt wurde. Rieux wartete auf die beiden. Der alte Michel hatte glänzende Augen und einen pfeifenden Atem. Er hatte sich nicht wohl gefühlt und einen Augenblick an die frische Luft gehen wollen. Aber heftige Schmerzen im Hals, in den Achselhöhlen und in den Leisten hatten ihn gezwungen, umzukehren und die Hilfe von Pater Paneloux zu beanspruchen.

“Es sind Geschwülste”, sagte er. “Ich werde mich wohl überanstrengt haben.”

Der Arzt streckte den Arm aus dem Wagen und betastete Michels Hals; dort hatte sich ein holziger Knoten gebildet. “Gehen Sie zu Bett, messen Sie die Temperatur, ich komme heute nachmittag vorbei.”

Als der Hauswart gegangen war, fragte Rieux den Pater, was er von dieser Rattengeschichte halte.

“Oh”, sagte der Pater, “es wird eine Epidemie sein”, und seine Augen lächelten hinter den runden Brillengläsern.

Nach dem Mittagessen, als Rieux nochmals das Telegramm des Sanatoriums las, das die Ankunft seiner Frau bestätigte, klingelte das Telefon. Es war ein alter Patient, ein Angestellter im Rathaus, der ihn anrief. Er hatte lange unter einer Aortenstenose gelitten, und da er arm war, hatte Rieux ihn unentgeltlich behandelt.

“Ja”, sagte er, “Sie erinnern sich an mich. Aber es handelt sich um etwas anderes. Kommen Sie schnell, meinem Nachbarn ist etwas zugestoßen.”

Er war ganz außer Atem. Rieux dachte an den Hauswart und beschloß, später nach ihm zu sehen. Ein paar Minuten darauf war er in einem Außenquartier und betrat ein niedriges Haus in der Rue Faidherbe. Im kühlen, übelriechenden Treppenhaus kam ihm der Angestellte Joseph Grand entgegen. Er war in den Fünfzig, groß und gebeugt, und trug einen gelben Schnurrbart. Er hatte schmale Schultern und eine hagere Gestalt.

“Es geht besser”, sagte er, als er vor Rieux stand, “aber ich glaubte, er komme nicht davon.”

Er schneuzte sich. Im zweiten und obersten Stock las Rieux auf der linken Tür die mit roter Kreide geschriebene Inschrift: ‘Herein, ich habe mich erhängt.’ Sie traten ein. Das Seil war über einem umgeworfenen Stuhl befestigt, der Tisch in eine Ecke gestoßen. Aber der Strick baumelte ins Leere.

“Ich habe ihn noch rechtzeitig abgehängt”, sagte Grand, der immer nach Worten zu ringen schien, obwohl er eine sehr einfache Sprache gebrauchte. “Ich wollte eben ausgehen, da habe ich Lärm gehört. Als ich die Aufschrift sah, glaubte ich natürlich, es sei ein schlechter Witz. Aber er hat so merkwürdig gestöhnt, geradezu unheimlich.” Er kratzte sich am Kopf: “Meiner Meinung nach muß der Vorgang schmerzhaft sein. Ich bin natürlich hineingegangen.”

Sie hatten eine Tür aufgestoßen und befanden sich nun in einem hellen, ärmlich möblierten Zimmer. Ein kleiner, rundlicher Mann lag in einem Eisenbett. Er atmete schwer und schaute sie aus blutunterlaufenen Augen an. Der Doktor blieb stehen. Es war ihm, als höre er zwischen den Atemzügen das leise Pfeifen von Ratten. Aber nichts bewegte sich in den Ecken. Rieux trat ans Bett. Der Mann war nicht zu tief gefallen und nicht zu heftig, so daß kein Wirbel gebrochen war. Erstickungsanzeichen waren allerdings vorhanden. Man würde ihn röntgen müssen. Der Arzt gab ihm eine Spritze mit Kampferöl und sagte, in ein paar Tagen werde alles wieder in Ordnung sein.

“Danke, Herr Doktor”, sagte der Mann mit erloschener Stimme.

Rieux fragte Grand, ob er die Polizei benachrichtigt habe; betreten erwiderte der Angestellte: “Nein, o nein! Ich dachte, es sei am wichtigsten…”

“Selbstverständlich”, unterbrach ihn Rieux. “Ich werde es also besorgen.”

Aber in diesem Augenblick wurde der Kranke unruhig, richtete sich im Bett auf und beteuerte, es gehe ihm gut, es sei nicht der Mühe wert.

“Beruhigen Sie sich”, sagte Rieux. “Es hat keine Bedeutung, glauben Sie mir; nur bin ich verpflichtet, meine Anzeige zu machen.”

“Ach!” stammelte der Mann.

Er warf sich in die Kissen und schluchzte. Grand, der seit einiger Zeit an seinem Schnurrbart herumgedreht hatte, trat zu ihm.

“Aber, aber, Herr Cottard”, sagte er. “Sie müssen das begreifen. Der Herr Doktor ist sozusagen verantwortlich. Wenn Sie zum Beispiel Lust bekämen, nochmals anzufangen…”

Cottard jedoch erklärte unter Tränen, er fange nicht wieder an, es sei ein Augenblick der Verzweiflung gewesen, und er wolle nur in Frieden gelassen werden. Rieux schrieb ein Rezept.

“Gut”, sagte er, “lassen wir’s sein. Ich komme in zwei, drei Tagen wieder. Aber machen Sie keine Dummheiten.” Im Flur sagte er zu Grand, er müsse die Anzeige erstatten, werde aber den Polizeibeamten bitten, seine Untersuchung erst zwei Tage später vorzunehmen.

“Heute nacht muß man ihn überwachen. Hat er Verwandte?”

“Nicht daß ich wüßte. Doch kann ich selber bei ihm bleiben.”

Er nickte.

“Ich kann zwar nicht behaupten, daß ich ihn kenne; aber man muß sich gegenseitig helfen.”

In den Gängen schaute Rieux unwillkürlich in alle Winkel und fragte Grand, ob die Ratten gänzlich aus seinem Viertel verschwunden seien. Der Angestellte wußte es nicht. Er habe von dieser Geschichte gehört, aber er gebe nicht viel auf die Gerüchte in dieser Gegend.

“Ich habe andere Sorgen”, sagte er.

Rieux gab ihm schon die Hand. Er wollte noch schnell den Hauswart besuchen und dann seiner Frau schreiben.

Die Verkäufer der Abendzeitungen schrien aus, die Ratteninvasion sei abgestoppt. Aber als Rieux zu seinem Kranken kam, lehnte sich dieser gerade aus dem Bett, die Hand auf den Leib gepreßt, die andere am Hals, und erbrach unter Krämpfen helle, rötliche Galle in einen Abfalleimer. Außer Atem nach der großen Anstrengung legte er sich endlich ins Bett zurück. Das Thermometer zeigte 39,5 Grad; die Halsdrüse und die Glieder waren geschwollen. An seiner Hüfte breiteten sich zwei schwärzliche Flecken aus. Er klagte über innere Schmerzen.

“Es brennt”, sagte er, “der Schweinehund brennt.”

Wegen seiner schwarzen, geschwollenen Zunge konnte er nur lallen. Seine hervorquellenden, vor Kopfschmerzen tränenden Augen waren auf den Arzt geheftet. Seine Frau blickte Rieux voll Angst an, aber der Arzt blieb stumm.

“Herr Doktor”, fragte sie, “was hat er?”

“Es kann alles mögliche sein. Ich kann noch nichts Bestimmtes sagen. Bis heute abend Diät und Abführen. Er soll viel trinken.”

Das war es eben: der Hauswart kam fast um vor Durst.

Zu Hause rief Rieux seinen Kollegen Richard an, einen der bekanntesten Ärzte der Stadt.

“Nein”, sagte dieser, “ich habe nichts Besonderes gesehen.”

“Kein Fieber mit lokalen Entzündungen?”

“Ach doch, zwei Fälle mit stark entzündeten Lymphdrüsen.”

“Abnorm entzündet?”

“Na”, meinte Richard, “was heißt schon normal…”

Jedenfalls delirierte der Hauswart am Abend und klagte bei 40 Grad Fieber über die Ratten. Rieux versuchte einen Fixationsabszeß. Als das Terpentin ihn brannte, brüllte der Hauswart: “Oh, die Schweinehunde !”

Die Lymphknoten waren noch dicker, hart und holzig anzufühlen. Die Frau des Hauswarts war verzweifelt.

“Wachen Sie bei ihm”, sagte der Arzt zu ihr, “und rufen Sie mich, wenn es nötig ist.”

Am nächsten Tag, dem 30. April, wehte ein leichter, lauer Wind vom feuchtblauen Himmel. Er brachte Blumenduft aus den fernsten Gärten der Umgebung mit sich. Die morgendlichen Geräusche auf der Straße schienen lebhafter, fröhlicher als sonst. Unser ganzes Städtchen, erlöst von der dumpfen Furcht der vergangenen Woche, feierte diesen Tag wie einen Neubeginn. Auch Rieux, der einen beruhigenden Brief von seiner Frau erhalten hatte, stieg leichten Herzens zum Hauswart hinunter. Tatsächlich war das Fieber gegen Morgen auf 38 Grad gefallen. Der geschwächte Kranke lächelte in seinem Bett.

“Es geht besser, nicht wahr, Herr Doktor?” fragte seine Frau.

“Warten wir ab.”

Am Mittag schnellte das Fieber plötzlich wieder auf 40 Grad, der Patient delirierte unablässig und mußte sich von neuem erbrechen. Die Halsdrüsen schmerzten bei der Berührung, und der Hauswart schien seinen Kopf möglichst weit vom Körper entfernt halten zu wollen. Seine Frau saß am Fußende des Bettes, ihre Hände lagen auf der Decke und hielten sanft die Füße des Kranken. Sie blickte Rieux an.

Dieser sagte: “Wir müssen ihn absondern und eine Spezialbehandlung versuchen. Ich telefoniere ins Spital, wir werden ihn im Krankenwagen hinbringen.”

Zwei Stunden später beugten sich in der Ambulanz der Arzt und die Frau über den Kranken. Aus seinem von schwammigen Wucherungen verschwollenen Mund drangen Wortfetzen. “Die Ratten!” sagte er. Mit grünverfärbtem Gesicht, wachsbleichen Lippen, bleiernen Lidern, kurzem, stoßweisem Atem, von den Lymphknoten gemartert, lag er tief in seiner Matratze, als wollte er sich darin einschließen oder als riefe ihn ohne Unterlaß eine Stimme aus der Tiefe der Erde: so erstickte der Hauswart unter einem unsichtbaren Gewicht.

Die Frau weinte.

“Ist keine Hoffnung mehr, Herr Doktor? ”

“Er ist tot”, sagte Rieux.

Man kann sagen, daß der Tod des Hauswarts das Ende jener ersten, von verwirrenden Zeichen erfüllten Zeit bedeutete und den Beginn einer neuen, verhältnismäßig schwierigeren, während der die anfängliche Überraschung allmählich in Panik überging. Unsere Mitbürger merkten nun, daß sie nie auf den Gedanken gekommen wären, daß die Ratten unsere kleine Stadt besonders geeignet finden könnten, um hier an der Sonne zu sterben, und daß die Hauswarte ausgerechnet bei uns an seltsamen Krankheiten zugrunde gehen sollten. Mit dieser Ansicht befanden sie sich eigentlich im Irrtum und mußten ihre Vorstellungen deshalb berichtigen. Wenn damit alles sein Bewenden gehabt hätte, so wäre die Macht der Gewohnheit sicher stärker gewesen. Doch mußten andere Mitbürger, die nicht alle arm oder Hauswart waren, Herrn Michel auf dem Weg folgen, den er als erster gegangen war. In diesem Augenblick begann die Angst und mit ihr das Nachdenken.

Ehe der Erzähler jedoch diese Ereignisse im einzelnen schildert, hält er es für notwendig, die Ansichten mitzuteilen, die ein anderer Zeuge über den beschriebenen Zeitabschnitt äußert. Jean Tarrou, dem wir schon zu Beginn dieses Berichts begegnet sind, hatte sich seit einigen Wochen in Oran niedergelassen und wohnte in einem großen Hotel der Innenstadt. Er schien offenbar wohlhabend genug, um von seinen Einkünften leben zu können. Aber obwohl die Stadt sich allmählich an ihn gewöhnt hatte, konnte niemand sagen, woher er kam oder weshalb er hier war. Er war auf allen öffentlichen Plätzen zu treffen. Seit dem Frühlingsanfang wurde er viel am Strand gesehen, wo er häufig und mit sichtlichem Vergnügen schwamm. Gutmütig und immer lächelnd, schien er alle natürlichen Freuden zu schätzen, ohne ihnen hörig zu sein. Die einzige wirkliche Gewohnheit, von der man wußte, war sein reger Verkehr mit den in unserer Stadt ziemlich zahlreichen spanischen Tänzern und Musikanten.

Seine Aufzeichnungen bilden jedenfalls auch eine Art Chronik dieser schweren Zeit. Doch ist es eine ganz besondere Chronik, die sich scheinbar absichtlich an das Unbedeutende hält. Auf den ersten Blick könnte man glauben, Tarrou sei darauf bedacht gewesen, die Menschen und Dinge durch eine Art Verkleinerungsglas zu betrachten. Kurz, er bemühte sich, in der allgemeinen Verwirrung die Geschichte dessen zu schreiben, was keine Geschichte hat. Diese vorgefaßte Absicht kann man gewiß bedauern und darin Herzlosigkeit vermuten. Das hindert aber nicht, daß diese Tagebuchblätter zu einer Chronik jener Zeit eine große Zahl nebensächlicher Einzelheiten beitragen können, die immerhin ihre Bedeutung haben und deren Absonderlichkeit einen davor bewahren wird, voreilig über diese interessante Gestalt zu urteilen.

Jean Tarrous erste Aufzeichnungen gehen auf seine Ankunft in Oran zurück. Von Anfang an zeigt sich darin eine seltsame Befriedigung über den Aufenthalt in einer an sich so häßlichen Stadt. Sie enthalten die ausführliche Beschreibung der beiden Bronzelöwen, die das Rathaus zieren, wohlwollende Betrachtungen über das Fehlen von Bäumen, die unschönen Häuser und die widersinnige Anlage der Stadt. Tarrou streut noch ein paar Gespräche ein, die er in der Straßenbahn oder auf der Straße auffing, jedoch ohne eigene Bemerkungen hinzuzufügen, außer etwas später bei einem Gespräch, das einen gewissen Camps betraf. Tarrou hatte der Unterhaltung zweier Schaffner beigewohnt.

“Du hast doch Camps gekannt”, sagte der eine.

“Camps? Ein großer mit einem dichten schwarzen Schnurrbart?”

“Jawohl. Er war Weichensteller.”

“Natürlich kenne ich ihn.”

“Also, der ist gestorben.”

“Nein! Wann denn?”

“Nach der Rattengeschichte.”

“So, so! Und was hatte er denn?”

“Ich weiß nicht, Fieber. Er war übrigens nicht sehr kräftig. Er hatte Geschwüre unter den Armen. Er hat es nicht überlebt.”

“Dabei war ihm doch gar nichts anzusehen.”

“Doch, er war schwach auf der Brust, und er spielte in der städtischen Blasmusik. Immer das Horn blasen, greift einen an.”

“Eben!” schloß der zweite. “Wenn man krank ist, soll man nicht das Horn blasen.”

Nach diesen wenigen Angaben fragte sich Tarrou, warum Camps wohl so gegen sein eigenstes Interesse in die städtische Blasmusik eingetreten sei und welche tieferen Gründe ihn dazu bewegen haben mochten, sein Leben für sonntägliche Umzüge aufs Spiel zu setzen.

Im weiteren schien Tarrou einen angenehmen Eindruck von einem Vorgang zu haben, der sich häufig auf dem Balkon gegenüber seinem Fenster abspielte. Sein Zimmer ging gerade auf eine kleine Seitenstraße, in deren Mauerschatten Katzen schliefen. Aber jeden Tag erschien nach dem Mittagessen, wenn die ganze Stadt in der Hitze döste, ein kleines altes Männchen auf einem Balkon jenseits der Straße. Seine Haare waren weiß und sorgfältig gekämmt, seine Haltung aufrecht und streng, seine Kleidung von militärischem Schnitt. Er lockte die Katzen mit einem “Mieze, Mieze!”, das zugleich von oben herab und sanft ertönte. Die Katzen hoben ihre schlaftrunkenen Augen, ohne sich stören zu lassen. Der Alte zerriß über der Straße Papier in kleine Fetzen; angezogen von diesem Regen weißer Schmetterlinge näherten sich die Tiere der Straßenmitte und streckten zögernd eine Pfote nach den letzten Schnitzeln aus. In diesem Augenblick spuckte der Alte mit Kraft und Genauigkeit auf die Katzen. Wenn er sein Ziel traf, lachte er.

Schließlich wurde Tarrou offenbar endgültig für die Stadt eingenommen, weil sie so auf den Handel eingestellt war, daß ihr Aussehen, ihr Leben und sogar ihre Vergnügen von geschäftlichen Notwendigkeiten beherrscht schienen. Diese Eigenheit (so bezeichnet es Tarrou in seinem Tagebuch) fand seinen Beifall, und eine seiner lobenden Bemerkungen schloß sogar mit dem Ausruf “Endlich!”. Dies sind die einzigen Stellen aus jener Zeit, in denen die Aufzeichnungen des Reisenden persönliche Anteilnahme zu verraten scheinen. Es ist sehr schwierig, ihre Bedeutung und Ernsthaftigkeit richtig einzuschätzen. So erzählte Tarrou zum Beispiel, wie die Entdeckung einer toten Ratte den Kassierer des Hotels zu einem Fehler in seiner Rechnung verleitet hatte, und fügte in Schriftzügen, die weniger klar erschienen als sonst, die Bemerkung hinzu: “Frage: was tun, um seine Zeit nicht zu verlieren? Antwort: sie in ihrer ganzen Länge auskosten. Mittel: tagelang auf einem unbequemen Stuhl im Wartezimmer eines Zahnarztes sitzen; den Sonntagnachmittag auf seinem Balkon verbringen; Vorträge anhören in einer Sprache, die man nicht versteht; in der Eisenbahn die längsten und umständlichsten Strecken fahren, selbstverständlich stehend; am Vorverkaufsschalter eines Theaters Schlange stehen und keine Karte lösen usw. usw.”

Aber unmittelbar nach diesen sprachlichen oder gedanklichen Seitensprüngen bringt das Tagebuch eine eingehende Beschreibung der städtischen Straßenbahnen, ihres nachenartigen Baues, ihrer unbestimmbaren Farbe, ihrer üblichen Unsauberkeit; diese Betrachtungen schließen mit einem “Es ist bemerkenswert”, das nichts erklärt.

Auf alle Fälle folgen jetzt die Angaben Tarrous, die sich auf die Rattengeschichte beziehen:

“Heute ist das Männchen von gegenüber ganz verblüfft. Es gibt keine Katzen mehr. Sie sind tatsächlich verschwunden; die toten Ratten, die man in großer Zahl auf der Straße findet, haben sie aufgeregt. Meiner Meinung nach kommt es nicht in Frage, daß Katzen tote Ratten fressen. Ich erinnere mich, daß meine das verabscheuten. Dennoch rennen sie wohl in den Kellern umher, und der Alte ist fassungslos. Er ist weniger sorgfältig gekämmt, sieht weniger kräftig aus. Man spürt seine Beunruhigung. Er ist nach kurzer Zeit wieder hineingegangen. Aber einmal hat er doch gespuckt, ins Leere.

In der Stadt hat man heute einen Wagen der Straßenbahn angehalten, weil eine tote Ratte entdeckt wurde, die auf unbekannte Weise dort hineingelangt war. Zwei oder drei Frauen sind ausgestiegen. Die Ratte wurde entfernt. Der Wagen ist weitergefahren.

Der Nachtportier des Hotels, ein vertrauenswürdiger Mann, hat mir gesagt, mit all diesen Ratten mache er sich auf ein Unglück gefaßt. ‘Die Ratten verlassen das sinkende Schiff…’ Ich habe ihm geantwortet, daß es für die Schiffe stimmen könne, daß man es aber bei Städten noch nie nachgeprüft habe. Er bleibt jedoch bei seiner Überzeugung. Ich habe ihn gefragt, was für ein Unglück seiner Meinung nach denn bevorstehe. Er wußte es nicht, man könne es nicht vorhersagen. Aber er würde sich nicht wundern, wenn es ein Erdbeben wäre. Ich habe diese Möglichkeit zugegeben, und er hat mich gefragt, ob mich das nicht beunruhige.

Ich habe geantwortet: ‘Das einzige, was mich beschäftigt, ist, wie ich den inneren Frieden finde.’ Er hat mich vollkommen begriffen.

Im Speisesaal des Hotels ißt eine ganze Familie, die Beachtung verdient. Der Vater ist groß und mager, trägt schwarze Kleidung und einen steifen Kragen. In der Mitte des Schädels hat er eine Glatze, rechts und links ein graues Haarbüschel. Seine kleinen, runden und harten Augen, seine schmale Nase, sein waagrechter Mund verleihen ihm das Aussehen einer gut erzogenen Schleiereule. Er findet sich immer als erster an der Tür des Speisesaals ein, tritt beiseite, um seine Frau, eine kleine graue Maus, durchzulassen; dann folgt er und hinter ihm drein ein kleiner Knabe und ein kleines Mädchen, die wie abgerichtete Pudel angezogen sind. Am Tisch wartet er, bis seine Frau Platz genommen hat, setzt sich dann, und schließlich dürfen auch die beiden Hündchen auf ihre Stühle klettern. Er teilt seiner Frau höfliche Bosheiten aus und richtet an die Nachkommen Worte, die keinen Widerspruch dulden.

‘Nicole, du bist äußerst unausstehlich!’ Und das kleine Mädchen ist den Tränen nahe. Wie es sich gehört.

Heute morgen war der Junge ganz aufgeregt wegen der Rattengeschichte. Er wollte bei Tisch davon anfangen.

‘Bei Tisch spricht man nicht von Ratten, Philipp. Ich verbiete dir, in Zukunft dieses Wort auszusprechen. ’ ‘Euer Vater hat recht’, sagte die graue Maus.

Die beiden Pudel steckten ihre Nasen in den Teller, und die Schleiereule bedankt sich mit einem nichtssagenden Kopfnicken.

Trotz dieses schönen Beispiels redet man in der Stadt viel von der Rattengeschichte. Die Zeitungen haben sich eingemischt. Die lokale Chronik, die für gewöhnlich sehr abwechslungsreich ist, beschäftigt sich jetzt ausschließlich mit einem Feldzug gegen die Stadtbehörden. ‘Sind sich unsere Stadtväter bewußt, welche Gefahr die verwesten Nagetiere bedeuten können ?’ Der Hoteldirektor kann von nichts anderem mehr sprechen. Das kommt auch daher, daß er sich ärgert. Es ist ihm unfaßlich, daß man Ratten im Aufzug eines anständigen Hotels finden kann. Um ihn zu trösten, sagte ich ihm: ‘Aber es geht doch allen gleich.’ ‘Eben’, antwortete er, ‘jetzt sind wir wie die anderen.’ Er hat mir von den ersten Fällen jenes merkwürdigen Fiebers erzählt, über das man sich aufzuhalten beginnt. Eines der Zimmermädchen ist davon befallen.

‘Aber es ist ganz sicher nicht ansteckend’, hob er mit Nachdruck hervor.

Ich sagte ihm, das sei mir gleich.

‘Ach so. Der Herr ist wie ich, der Herr ist Fatalist.’ Ich hatte nichts dergleichen behauptet, und übrigens bin ich nicht Fatalist. Ich habe es ihm gesagt…”

Von diesem Augenblick an erzählen Tarrous Aufzeichnungen mit einigen Einzelheiten von dem unbekannten Fieber, das in der Öffentlichkeit schon mit Besorgnis verfolgt wurde. Tarrou berichtet, daß der kleine Alte nach dem Verschwinden der Ratten seine Katzen endlich wiedergefunden habe und seine Zielübungen geduldig vervollkommne, und fügt hinzu, daß man bereits etwa zehn Fälle dieses Fiebers zähle, von denen die meisten tödlich verlaufen seien.

Der Vollständigkeit halber kann man noch das Bild hinzufügen, das Tarrou von Dr. Rieux entwirft. Soweit der Erzähler es beurteilen kann, ist das Porträt ziemlich naturgetreu: “Scheint fünfunddreißigjährig. Mittelgroß. Breite Schultern. Beinahe rechteckiges Gesicht. Dunkle, offene Augen, hervorstechende Backenknochen. Die Nase ist groß und gerade. Schwarze, ganz kurz geschnittene Haare. Der Mund ist gewölbt, die Lippen sind voll und beinahe immer zusammengepreßt. Mit seiner verbrannten Haut, seinem schwarzen Haar, den immer dunklen, aber gutsitzenden Anzügen sieht er ein bißchen aus wie ein sizilianischer Bauer.

Er geht rasch. Er verläßt das Trottoir, ohne seinen Gang zu verlangsamen, macht aber zumeist einen kleinen Satz, wenn er das gegenüberliegende Trottoir betritt. Am Steuer seines Autos ist er zerstreut und läßt oft den Richtungszeiger draußen, wenn er schon um die Ecke gebogen ist. Immer barhäuptig. Wissende Miene.”

Tarrous Zahlen stimmten. Dr. Rieux wußte Bescheid. Er hatte die Leiche des Hauswarts absondern lassen und dann Richard angerufen, um ihn über das von Leistenschwellung begleitete Fieber auszufragen.

“Ich begreife das nicht”, hatte Richard gesagt. “Zwei Todesfälle, der eine innerhalb 48 Stunden, der andere nach drei Tagen. Der zweite schien ganz auf dem Weg zur Besserung, als ich ihn am letzten Montag verließ.”

“Benachrichtigen Sie mich, wenn Ihnen weitere Fälle vorkommen”, sagte Rieux.

Er rief noch ein paar andere Ärzte an. Seine so geführten Nachforschungen ergaben über zwanzig ähnliche Fälle innerhalb von wenigen Tagen. Fast alle waren tödlich verlaufen.

Darauf verlangte er von Richard, der Sekretär des Ärzteverbandes war, daß alle Neuerkrankten sofort abgesondert würden.

“Aber dazu habe ich keine Befugnis”, erwiderte Richard. “Dazu sind Maßnahmen des Präfekten nötig. Und überhaupt, wer sagt denn, daß Ansteckungsgefahr besteht?”

“Ich habe keine Beweise dafür, aber die Symptome sind unheimlich.”

Dennoch fand Richard, “er sei nicht dazu berufen”. Er könne einzig mit dem Präfekten darüber sprechen.

Aber während man hin und her redete, schlug das Wetter um. Am Tag nach dem Tod des Hauswarts bedeckten dichte Dunstwolken den Himmel. Sintflutartige, aber kurze Regenfälle strömten auf die Stadt herab; diesem Platzregen folgte eine gewittrige Schwüle. Selbst das Meer hatte sein tiefes Blau verloren und blitzte unter dem verhangenen Himmel auf wie Silber oder Stahl, so daß die Augen bei seinem Anblick schmerzten. Die feuchte Hitze dieses Frühlings ließ einen die Glut des Sommers herbeisehnen. In der wie ein Schneckenhaus auf ihrer Anhöhe gebauten Stadt, die sich kaum gegen das Meer öffnet, herrschte dumpfe Betäubung. Zwischen den langen, verputzten Mauern, in den Straßen mit ihren verstaubten Schaufenstern, in den schmutziggelben Wagen der Straßenbahn fühlte man sich ein wenig als Gefangener des Himmels. Einzig Rieux’ alter Patient überwand sein Asthma vor Freude über dieses Wetter.

“Es brennt”, sagte er, “das ist gut für die Bronchien.”

Es brannte tatsächlich, aber nicht mehr und nicht weniger als ein Fieber. Die ganze Stadt lag im Fieber. Dr. Rieux wenigstens wurde diesen Eindruck nicht los, als er sich eines Morgens in die Rue Faidherbe begab, um der Untersuchung über Cottards Selbstmordversuch beizuwohnen. Doch dünkte ihn dieses Gefühl unvernünftig. Er schrieb es der Übermüdung und den vielen Sorgen zu, die auf ihn einstürmten, und fand es dringend notwendig, seine Gedanken ein bißchen in Ordnung zu bringen.

Als er ankam, war der Polizeikommissar noch nicht da. Grand wartete auf dem Treppenabsatz, und sie beschlossen, zuerst bei ihm einzutreten und die Tür offen zu lassen. Der Angestellte der Stadtverwaltung bewohnte zwei nur dürftig möblierte Zimmer. Man bemerkte bloß ein Büchergestell aus rohem Holz, auf dem zwei oder drei Wörterbücher standen, und eine schwarze Wandtafel, auf der man noch die halbverwischten Worte “blühende Alleen” lesen konnte. Nach Grands Angaben hatte Cottard eine gute Nacht verbracht. Nur war er am Morgen mit Kopfschmerzen und völlig teilnahmslos erwacht. Grand schien müde und erregt. Er ging im Zimmer auf und ab, öffnete und schloß eine große Mappe, die auf dem Tisch lag und mit beschriebenen Blättern gefüllt war.

Indessen erzählte er dem Arzt, daß er Cottard schlecht kenne, jedoch vermute, er habe ein kleines Vermögen. Cottard sei ein Sonderling. Lange Zeit hätten sich ihre Beziehungen auf das Grüßen im Treppenhaus beschränkt.

“Ich habe mich nur zweimal mit ihm unterhalten. Vor ein paar Tagen habe ich im Gang eine Schachtel Kreide fallen lassen, die ich nach Hause brachte. Es waren rote und blaue dabei. In diesem Augenblick ist Cottard auf den Flur getreten und hat mir geholfen, sie aufzulesen. Er hat mich gefragt, wozu man diese verschiedenfarbigen Kreiden brauche.”

Grand hatte ihm erklärt, er versuche, sein Latein wieder ein bißchen aufzufrischen. Seit dem Gymnasium habe er viel verlernt.

“Nicht wahr”, sagte er zum Arzt, “man hat mir versichert, es helfe einem, den Sinn der französischen Wörter besser zu verstehen.”

Also schrieb er lateinische Wörter auf seine Wandtafel. Mit blauer Kreide malte er den je nach Deklination oder Konjugation wechselnden Teil des Wortes, mit roter Kreide den unveränderlichen.

“Ich weiß nicht, ob Cottard es begriffen hat, auf alle Fälle schien er sich zu interessieren, und er bat mich um eine rote Kreide. Das überraschte mich ein wenig, aber schließlich…. Ich konnte natürlich nicht ahnen, daß dies seinem Plan zustatten kommen würde.”

Rieux fragte, worüber sie bei der zweiten Unterhaltung gesprochen hätten. Aber da erschien der Kommissar in Begleitung seines Schreibers und wollte zuerst Grands Aussagen hören. Es fiel dem Arzt auf, daß Grand von Cottard immer als “Der Verzweifelte” sprach. Einmal brauchte er sogar den Ausdruck “unseliger Entschluß”. Sie erörterten den Grund des Selbstmords, und Grand zeigte sich außerordentlich heikel in der Wortwahl. Schließlich einigte man sich auf “seelischen Kummer”. Der Polizeibeamte fragte, ob Cottards Haltung in nichts “seine Entschließung”, wie er es nannte, habe voraussehen lassen.

“Er hat gestern an meine Tür geklopft”, erzählte Grand, “um mich um Streichhölzer zu bitten. Ich habe sie ihm gegeben. Er hat sich entschuldigt, weil wir doch Nachbarn seien…. Dann hat er versprochen, die Schachtel zurückzubringen. Ich habe ihm gesagt, er solle sie behalten.”

Der Beamte fragte, ob Cottard ihm nicht merkwürdig vorgekommen sei.

“Was mir merkwürdig vorkam war sein augenscheinlicher Wunsch, eine Unterhaltung anzufangen. Aber ich war an der Arbeit.”

Grand wandte sich Rieux zu und fügte verlegen hinzu: “Eine persönliche Arbeit.”

Nun wollte der Kommissar den Kranken sehen. Aber Rieux fand es besser, Cottard erst auf diesen Besuch vorzubereiten. Beim Betreten des Zimmers sah er, wie der nur mit grauem Flanell bekleidete Kranke aufrecht im Bett saß und angstvoll nach der Tür blickte.

“Die Polizei, nicht?”

“Ja”, sagte Rieux, “regen Sie sich nicht auf. Zwei oder drei Formalitäten, und dann haben Sie Ruhe.”

Aber Cottard antwortete, das sei überflüssig, und er habe die Polizei nicht gern. Rieux zeigte seine Ungeduld.

“Ich finde sie auch nicht gerade angenehm. Sie müssen ihre Fragen nur schnell und richtig beantworten, dann sind Sie sie ein für allemal los.”

Cottard schwieg, und der Arzt wandte sich der Tür zu. Aber der kleine Mann rief ihm nach und ergriff seine Hände, als er am Bett stand.

“Nicht wahr, Herr Doktor, einem Kranken, einem Mann, der sich aufgehängt hat, kann man doch nichts anhaben ? ” Rieux betrachtete ihn einen Augenblick und beschwichtigte ihn dann, es sei von nichts Derartigem die Rede gewesen, und schließlich sei er auch noch da, um seinen Patienten zu schützen. Cottard schien sich zu beruhigen, und Rieux ließ den Polizeibeamten eintreten.

Man las Cottard Grands Aussagen vor und fragte ihn, ob er seine Beweggründe nicht genauer darlegen könne. Ohne den Polizisten anzusehen, antwortete er, “seelischer Kummer” sei schon recht. Der Beamte wollte unbedingt wissen, ob er Verlangen habe, es nochmals zu versuchen. Cottard wurde lebhafter, verneinte und betonte, er möchte bloß in Frieden gelassen werden.

Etwas gereizt erwiderte der Kommissar: “Ich bitte Sie zu beachten, daß Sie es sind, der gegenwärtig den Frieden stört.”

Aber auf ein Zeichen von Rieux hin hatte es damit sein Bewenden.

“Sie können sich denken, daß wir andere Sorgen haben, seitdem von diesem Fieber gesprochen wird”, seufzte der Beamte beim Hinausgehen.

Er fragte den Arzt, ob die Krankheit ernst zu nehmen sei, und Rieux antwortete, er wisse es nicht.

“Es ist ganz einfach das Wetter”, schloß der Polizist.

Es war zweifellos das Wetter. Je weiter der Tag fortschritt, desto mehr klebte alles an den Händen, und Rieux fühlte, wie bei jedem Krankenbesuch seine Bangigkeit wuchs. Am Abend dieses selben Tages preßte ein Nachbar des alten Patienten in der Vorstadt vom Delirium gepackt die Hände auf die Leistengegend und erbrach sich. Die Lymphdrüsen waren noch dicker geschwollen als bei dem Hauswart. Einer dieser Knoten begann zu eitern und brach bald auf wie eine faule Frucht. Zu Hause angekommen, setzte sich Rieux mit der Apothekerzentrale in Verbindung. Seine beruflichen Aufzeichnungen vermerken an diesem Tag nur “negativer Bescheid”. Und schon wurde er zu ähnlichen Fällen anderswohin gerufen. Bestimmt mußten die Geschwüre geöffnet werden. Zwei kreuzweise Schnitte mit dem Messer, und aus den Lymphknoten entleerte sich eine mit Blut untermischte, breiige Flüssigkeit. Die zerfleischten Kranken bluteten. Aber am Bauch und an den Beinen erschienen Flecken, ein Knoten hörte auf zu eitern und füllte sich dann wieder. Meistens starb der Kranke in entsetzlichem Gestank.

Die Zeitungen, die so viel über die Ratten geschrieben hatten, schwiegen sich aus. Die Ratten sterben eben auf der Straße und die Menschen im Zimmer. Und die Zeitungen befassen sich nur mit der Straße. Aber die Präfektur und die Stadtbehörden begannen unruhig zu werden. Solange jeder Arzt nur von zwei oder drei Fällen wußte, war es niemandem in den Sinn gekommen, etwas zu unternehmen. Aber schließlich genügte es, daß einer ans Zusammenzählen dachte. Das Ergebnis war beängstigend. In kaum ein paar Tagen vervielfältigten sich die tödlich verlaufenden Fälle, und denen, die sich mit dieser merkwürdigen Krankheit befaßten, wurde es ganz klar, daß es sich um eine regelrechte Epidemie handelte. Diesen Augenblick wählte Castel, ein sehr viel älterer Kollege, um Rieux zu besuchen.

“Sie wissen natürlich, was es ist, Rieux?” fragte er ihn.

“Ich warte noch auf das Ergebnis der Analyse.”

“Ich weiß es. Und ich brauche keine Analysen. Ich habe einen Teil meines Lebens in China zugebracht, und vor etwa zwanzig Jahren habe ich in Paris ein paar Fälle gesehen. Nur wagte niemand, das Kind gleich beim Namen zu nennen. Die öffentliche Meinung ist heilig: nur keine Aufregung, um Himmels willen keine Aufregung. Und dann, wie ein Kollege sagte: ‘Das ist unmöglich, jedermann weiß, daß sie aus dem Abendland verschwunden ist.’ Jawohl, außer den Toten wußten es alle. Keine Ausflüchte, Rieux, Sie wissen gerade so gut wie ich, was es ist.”

Rieux überlegte. Durch das Fenster seines Arbeitszimmers schaute er auf die steinige Schulter der Klippen, die in der Ferne die Bucht umschlossen. Der Himmel war blau, hatte aber einen trüben Glanz, der im Verlauf des Nachmittags langsam milder wurde.

“Ja, Castel”, sagte er, “es ist kaum zu glauben. Aber es scheint wirklich, daß es die Pest ist.”

Castel erhob sich und ging auf die Tür zu.

“Sie wissen, was man uns zur Antwort geben wird”, sagte der alte Arzt: “Sie ist seit Jahren aus den gemäßigten Zonen verschwunden.”

“Was heißt verschwunden?” antwortete Rieux.

“Ja. Und vergessen Sie nicht: vor beinahe zwanzig Jahren noch in Paris.”

“Gut. Hoffen wir, es sei heute nicht schlimmer als damals. Aber es ist wirklich nicht zu glauben.”

Das Wort “Pest” war eben zum erstenmal ausgesprochen worden. Es sei dem Erzähler vergönnt, an diesem Punkt des Berichts, während Bernard Rieux an seinem Fenster steht, die Unsicherheit und Überraschung des Arztes zu rechtfertigen, weil seine Reaktion sich nur geringfügig von der der meisten Mitbürger unterschied. Heimsuchungen gehen tatsächlich alle Menschen gleich an, aber es ist schwer, an sie zu glauben, wenn sie über einen hereinbrechen. Es hat auf der Erde ebenso viele Pestseuchen gegeben wie Kriege. Und doch finden Pest und Krieg die Menschen immer gleich wehrlos. Dr. Rieux stand der Pest ebenso unvorbereitet gegenüber wie unsere übrigen Mitbürger, und so muß man sein Zögern verstehen. So muß man auch begreifen, daß er zwischen Besorgnis und Vertrauen hin und her gerissen wurde. Wenn ein Krieg ausbricht, sagen die Leute: “Er kann nicht lange dauern, es ist zu unsinnig.” Und ohne Zweifel ist ein Krieg wirklich zu unsinnig, aber das hindert ihn nicht daran, lange zu dauern. Dummheit ist immer beharrlich. Das merkte man, wenn man nicht immer mit sich selbst beschäftigt wäre. In dieser Beziehung waren unsere Mitbürger wie alle Leute, sie dachten an sich, oder anders ausgedrückt, sie waren Menschenfreunde: sie glaubten nicht an Heimsuchungen. Weil die Plage das Maß des Menschlichen übersteigt, sagt man sich, sie sei unwirklich, ein böser Traum, der vergehen werde. Aber er vergeht nicht immer, und von bösem Traum zu bösem Traum vergehen die Menschen, und die Menschenfreunde zuerst, weil sie sich nicht vorgesehen haben. Unsere Mitbürger waren nicht schuldiger als andere, sie vergaßen nur die Bescheidenheit und dachten, daß ihnen noch alle Möglichkeiten offenblieben, was aber voraussetzt, daß Heimsuchungen unmöglich sind. Sie schlossen auch weiterhin Geschäfte ab, bereiteten Reisen vor und hatten eine Meinung. Wie hätten sie da an die Pest denken sollen, die der Zukunft, dem Reisen und dem Gedankenaustausch ein Ende macht? Sie glaubten sich frei, und keiner wird je frei sein, solange es Geißeln der Menschheit gibt.

Und selbst nachdem Dr. Rieux vor seinem Freund zugegeben hatte, daß eine Handvoll verstreuter Kranker ohne Warnung an der Pest gestorben war, blieb die Gefahr für ihn unwirklich. Bloß hat man als Arzt einen Begriff vom Schmerz und eine etwas lebhaftere Phantasie. Wenn Rieux durch das Fenster auf seine unveränderte Stadt blickte, spürte er, wie in ihm unmerklich jenes leichte Ekelgefühl vor der Zukunft aufstieg, das man Unruhe nennt. Er versuchte im Geist alles zusammenzufassen, was er von dieser Krankheit wußte. Zahlen schwirrten ihm durch das Gedächtnis, und er sagte sich, daß die etwa dreißig großen Pestepidemien der Geschichte an die hundert Millionen Tote gefordert hatten. Aber was bedeuten hundert Millionen Tote? Wer den Krieg mitgemacht hat, weiß kaum noch, was ein Toter ist. Und da ein toter Mensch dann etwas wiegt, wenn man ihn tot gesehen hat, sind hundert Millionen über die Geschichte verstreute Leichen nichts als Rauch in der Einbildung. Der Arzt erinnerte sich an die Pest von Konstantinopel, der nach Prokop an einem Tag zehntausend Menschen zum Opfer gefallen waren. Zehntausend Tote, das macht fünfmal die Zahl der Zuschauer in einem großen Kino. Das sollte man tun. Man faßt die Besucher von fünf Kinos an den Ausgängen zusammen, führt sie auf einen Platz in der Stadt und läßt sie dort alle miteinander sterben, damit man wieder ein bißchen klarer sieht. Dann könnte man wenigstens ein paar bekannte Gesichter auf diesen namenlosen Haufen stecken. Aber das ist natürlich undurchführbar. Und wer kennt schließlich zehntausend Gesichter? Übrigens ist ja bekannt, daß Leute wie Prokop gar nicht zählen konnten. Vor siebzig Jahren waren in Kanton vierzigtausend Ratten an der Pest gestorben, ehe die Seuche sich mit den Menschen befaßte. Aber 1871 gab es keine Möglichkeit, die Ratten zu zählen. Man berechnete annähernd, summarisch. Die Wahrscheinlichkeit eines Rechenfehlers war groß. Wenn jedoch eine Ratte dreißig Zentimeter lang ist, ergäben vierzigtausend Ratten aneinandergereiht….

Aber der Doktor wurde ungeduldig. Er ließ sich gehen, und das durfte er nicht. Vereinzelte Fälle machen noch keine Epidemie, und es genügt, wenn Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden. Man mußte sich an das halten, was man sicher wußte: die Erstarrung und die Entkräftung, die geröteten Augen, die schmierig belegte Zunge, die Kopfschmerzen, die Beulen, die innerliche Zerfleischung, und am Ende von alldem…. Am Ende von alldem kam Dr. Rieux ein Satz in den Sinn, jener Satz, der in seinem Handbuch die Aufzählung der Krankheitszeichen abschloß: “Der Puls wird fadenförmig, und der Tod tritt bei irgendeiner unbedeutenden Bewegung ein.” Ja, am Ende von alldem hing man an einem Faden, und drei Viertel der Leute waren ungeduldig genug, um die unmerkliche Bewegung zu machen, die sie hinabstürzte.

Der Arzt blickte noch immer aus dem Fenster. Jenseits der Scheiben der frische Frühlingshimmel, und diesseits das Wort, das noch im Zimmer nachhallte: die Pest. Das Wort enthielt nicht nur den Sinn, den die Wissenschaft hineinzulegen beliebte, sondern eine lange Folge außerordentlicher Bilder, die nicht passen wollten zu dieser gelben und grauen Stadt, die um diese Zeit nur mäßig belebt war, mehr dumpf summend als lärmend, eigentlich glücklich, wenn es möglich ist, glücklich und glanzlos zugleich zu sein. Und eine so friedliche und teilnahmslose Ruhe strafte fast mühelos die alten Vorstellungen Lügen, die man von den Geißeln hegt: Das verseuchte und von den Vögeln verlassene Athen, die mit stummen Sterbenden erfüllten Städte Chinas, die Sträflinge aus Marseille, die die sich in Fäulnis auflösenden Leichen in Löchern aufeinanderwarfen, die große Mauer, die in der Provence erbaut wurde, um den wütenden Pestwind aufzuhalten, Jaffa und seine widerlichen Bettler, die feuchten, fauligen Betten, die im Spital von Konstantinopel am Lehmboden kleben, die Kranken, die an Haken herumgeschleppt werden, die Fastnacht der vermummten Ärzte während der schwarzen Pest, die Paarung der Lebenden in den Friedhöfen von Mailand, die Totenkarren im verstörten London, und die Tage und die Nächte, die überall und immerdar vom endlosen Schrei der Menschen erfüllt sind. Nein, das alles zusammen war noch nicht stark genug, um den Frieden dieses Tages zu töten. Jenseits der Scheiben ertönte plötzlich die Glocke einer unsichtbaren Straßenbahn und verdrängte mit einem Schlag die Grausamkeit und den Schmerz. Einzig das Meer hinter dem glanzlosen Schachbrett der Häuser zeugte von dem beklemmenden und ewig ruhelosen Teil der Welt. Und Dr.

Rieux, der den Golf betrachtete, dachte an jene Scheiterhaufen, von denen Lukrez spricht, die die Athener am Meer aufrichteten, wenn die Krankheit sie heimsuchte. Dorthin wurden des Nachts die Toten gebracht, aber es fehlte an Raum, und die Lebenden bekriegten sich mit ihren Fackeln, um den Verstorbenen, die ihnen teuer waren, einen Platz zu sichern; und lieber standen sie blutige Schlägereien durch, als daß sie ihre Leichen im Stich gelassen hätten. Man konnte sich die glühenden Scheiterhaufen vor dem ruhigen dunklen Wasser vorstellen, die Fackelkämpfe in funkensprühender Nacht, und die dicken, giftigen Dämpfe, die zum aufmerksamen Himmel emporstiegen. Man konnte befürchten….

Aber diese schwindelerregenden Vorstellungen hielten der Vernunft nicht stand. Es stimmte, daß das Wort “Pest” ausgesprochen worden war. Es stimmte, daß in derselben Minute die Seuche ein oder zwei Opfer schüttelte und niederwarf. Aber was bedeutete das schon? Das konnte ja aufhören. Was jetzt not tat, war, klar zu erkennen, was erkannt werden mußte, die unnützen Schatten endlich wegzujagen und die notwendigen Maßnahmen zu treffen. Dann würde die Pest innehalten, weil man sich die Pest nicht oder nur falsch vorstellen konnte. Wenn sie aufhörte, und das war das Wahrscheinlichste, dann würde alles gutgehen. Andernfalls wußte man, was sie war und ob es nicht eine Möglichkeit gab, sich zunächst mit ihr abzufinden, um sie dann zu besiegen.

Der Arzt öffnete das Fenster, und der Lärm der Stadt schwoll plötzlich an. Aus einer nahen Werkstatt drang das kurze, sich ständig wiederholende Kreischen einer Bandsäge. Rieux riß sich zusammen. Hier, in der täglichen Arbeit, war die Gewißheit. Das übrige hing an Fäden und unbedeutenden Bewegungen, dabei konnte man sich nicht aufhalten. Ausschlaggebend war, daß man seiner Pflicht gewissenhaft nachkam.

So weit war Dr. Rieux mit seinen Betrachtungen gekommen, als ihm Joseph Grand gemeldet wurde. Da dieser im Rathaus angestellt war, verwendete man ihn trotz seiner vielseitigen Aufgaben von Zeit zu Zeit auch auf der statistischen Abteilung des Standesamtes. So mußte er zum Beispiel die Zahl der Todesfälle zusammenrechnen. Und da er dienstfertig war, hatte er eingewilligt, selbst eine Abschrift seiner Ergebnisse zu Rieux zu bringen. Der Arzt sah Grand mit seinem Nachbarn Cottard eintreten. Der Angestellte schwenkte ein Blatt Papier.

“Die Ziffern steigen, Herr Doktor”, verkündete er, “elf Tote in 48 Stunden.”

Rieux begrüßte Cottard und fragte ihn, wie er sich fühle. Grand erklärte, Cottard habe dem Arzt danken und sich für die Mühe entschuldigen wollen, die er ihm verursacht habe. Aber Rieux betrachtete die statistischen Angaben.

“Schön”, sagte er, “jetzt muß man sich vielleicht doch dazu entschließen, diese Krankheit bei ihrem Namen zu nennen. Bis jetzt haben wir uns kaum gerührt. Aber begleiten Sie mich doch, ich muß ins Laboratorium.”

“Ja, ja”, sagte Grand, während er hinter dem Arzt die Treppe hinunterstieg. “Man muß die Dinge beim Namen nennen. Aber bei welchen Namen?”

“Ich darf es Ihnen nicht sagen, und übrigens würde es Ihnen nichts nützen.”

“Sehen Sie”, lächelte Grand. “Es ist nicht so einfach.”

Sie lenkten ihre Schritte zum Waffenplatz. Cottard schwieg immer noch. Die Straßen begannen sich zu bevölkern. Die hierzulande kurze Dämmerung wich bereits der Nacht, und die ersten Sterne erschienen am noch klaren Horizont. Ein paar Sekunden später verdunkelten die Straßenlaternen mit ihrem Licht den Himmel, und das Stimmengewirr schien um einen Ton anzuschwellen.

“Entschuldigen Sie mich bitte”, sagte Grand an der Ecke des Waffenplatzes, “aber ich muß meine Straßenbahn nehmen. Meine Abende sind mir heilig. Wie man in meiner Heimat sagt: ‘Was du heute kannst besorgen….”’ Rieux hatte schon früher bemerkt, daß Grand die Eigenheit hatte, Redensarten seiner Heimat—er kam von Montelimar—anzuführen und dann irgendeinen nichtssagenden Gemeinplatz anzuhängen, wie “ein traumhaftes Wetter” oder “eine feenhafte Beleuchtung”.

“O ja!” sagte Cottard. “Das stimmt. Nach dem Abendessen ist er nicht mehr aus seiner Klause zu bringen.”

Rieux fragte Grand, ob er für das Rathaus arbeite. Grand verneinte, er arbeite für sich.

“Ach”, sagte der Arzt, “und kommen Sie gut voran?”

“Ich muß wohl, da ich seit Jahren daran arbeite. Obwohl ich andererseits keine großen Fortschritte mache.”

“Aber worum handelt es sich eigentlich?” fragte der Arzt und blieb stehen.

Grand stammelte etwas Unverständliches und rückte seine Melone auf seinen großen Ohren zurecht. Und Rieux begriff dunkel, daß es sich irgendwie um den Aufschwung einer Persönlichkeit handeln mußte. Aber der Angestellte hatte sie schon verlassen und verschwand mit schnellen kleinen Schritten unter den Feigenbäumen des Boulevard de la Marne. An der Tür des Laboratoriums sagte Cottard zum Arzt, er möchte gern mit ihm sprechen und ihn um Rat fragen. Rieux fingerte in seiner Tasche an der Statistik herum und bat Cottard, er möge in die Sprechstunde kommen, besann sich dann eines Besseren und sagte, er werde am folgenden Tag in seinem Quartier sein und ihn gegen Abend besuchen.

Als Rieux sich von Cottard verabschiedet hatte, merkte er, daß er an Grand dachte. Er stellte sich ihn mitten in einer Pest vor, nicht in dieser, die war sicher nicht ernst zu nehmen, sondern in einer der großen Pestepidemien der Geschichte. “Er gehört zu der Art Mensch, die in solchen Fällen davonkommt.” Er erinnerte sich, gelesen zu haben, daß die Pest die Schwachen verschone und hauptsächlich die Kräftigen dahinraffe. Als er länger daran dachte, schien ihm der Angestellte irgendwie geheimnisvoll.

Auf den ersten Blick war Joseph Grand allerdings nichts anderes, als was er schien: ein kleiner Rathausangestellter. Er war groß und mager, schwamm immer in viel zu weiten Kleidern, die er in der Hoffnung kaufte, sie würden länger halten. Er besaß noch fast alle unteren Zähne, hatte aber dafür alle oberen verloren. Sein Lächeln, bei dem er hauptsächlich die Oberlippe hochzog, ließ seinen Mund deshalb als dunklen Schatten erscheinen. Um das Bild zu vervollständigen, wären noch hinzuzufügen: der Seminaristengang, die Kunst, an den Mauern entlangzustreichen und sich in Hauseingänge zu drücken, ein Geruch von Keller und Rauch, alle Züge der Nichtigkeit, und man wird zugeben, daß man sich Grand nirgends anders denken konnte als hinter einem Pult, fleißig bemüht, die Preise der städtischen Brausebäder durchzusehen oder im Auftrag eines jungen Vorgesetzten die Grundlagen zu einem Bericht über die neue Gebühr für die Müllabfuhr zusammenzutragen. Auch einem unvoreingenommenen Geist mochte es scheinen, er sei in die Welt gesetzt worden, um die bescheidenen, aber unvermeidlichen Aufgaben eines städtischen provisorischen Hilfsangestellten zu 62 Francs 30 am Tag zu erfüllen.

Das war in der Tat die Bezeichnung, die er auf den Formularen nach dem Wort “Anstellungsverhältnis” angab. Als er vor 22 Jahren nach einer ersten Prüfung aus Geldmangel seine Studien nicht hatte fortsetzen können und diese Beschäftigung annahm, machte man ihm Hoffnung auf eine baldige feste Anstellung, so sagte er. Er müsse nur während einiger Zeit beweisen, daß er von den heiklen Aufgaben unserer Stadtverwaltung etwas verstehe. Es wurde ihm versichert, daß er dann unfehlbar zum Schriftführer aufsteigen und ein gutes Auskommen finden werde. Es war sicher nicht Ehrgeiz, was Joseph Grand bewegte, dafür bürgte er mit einem traurigen Lächeln. Aber die Aussicht auf ein ehrlich verdientes, gesichertes Leben und damit auf die Möglichkeit, sich ohne Gewissensbisse seinen Lieblingsbeschäftigungen widmen zu können, verlockte ihn sehr. Wenn er das Angebot, das man ihm machte, annahm, so geschah es aus ehrenwerten Gründen und aus Treue zu einem Ideal, wenn man so sagen darf.

Dieser vorläufige Zustand dauerte nun seit vielen Jahren, die Lebenskosten waren ungeheuer gestiegen, und Grands Gehalt war trotz einigen allgemeinen Aufbesserungen immer noch lächerlich gering. Er hatte sich bei Rieux darüber beklagt, aber niemand schien sich darum zu kümmern. Hier zeigt sich Grands Eigentümlichkeit oder wenigstens eines ihrer Merkmale. Er hätte ja, wenn nicht seine Rechte, deren er nicht gewiß war, doch wenigstens die Zusicherungen geltend machen können, die man ihm seinerzeit gegeben hatte. Aber erstens war der Vorgesetzte, der ihn angestellt hatte, seit langem tot, und zudem erinnerte er sich nicht an den genauen Wortlaut des Versprechens. Und zweitens und hauptsächlich fand Joseph Grand seine Worte nicht.

Wie Rieux feststellen konnte, kennzeichnete diese Eigenheit unseren Mitbürger am besten. Sie machte es ihm immer unmöglich, den Beschwerdebrief zu schreiben, an dem er herumsann, oder den Schritt zu tun, den die Umstände erforderten. Wie er erzählte, fühlte er sich besonders gehemmt, das Wort “Recht” zu gebrauchen, weil er nicht sicher war, und das Wort “Versprechungen”, das ausgedrückt hätte, er verlange etwas, das man ihm schuldig sei. Diese Verwegenheit hätte schlecht zu dem bescheidenen Amt gepaßt, das er versah. Andererseits wollte er die Ausdrücke “Wohlwollen”, “Bitten”, “Dankbarkeit” nicht gebrauchen, da er fand, sie vertrügen sich nicht mit seiner persönlichen Würde. So kam es, daß unser Mitbürger bis in ein vorgerücktes Alter hinein weiterhin seiner ruhmlosen Beschäftigung nachging, weil er das rechte Wort nicht fand. Und übrigens, so berichtete er Dr. Rieux, merkte er mit der Zeit, daß sein Auskommen auf jeden Fall gesichert war, da er im Grunde nur seine Bedürfnisse den Einnahmen anzupassen brauchte. Er anerkannte damit die Richtigkeit eines Lieblingsausspruchs des Bürgermeisters, eines Großindustriellen unserer Stadt, der eindringlich versicherte, letzten Endes (er betonte das Wort, auf dem das ganze Gewicht seiner Überlegung ruhte), letzten Endes also, habe man noch nie jemand Hungers sterben sehen. Auf jeden Fall hatte das sozusagen mönchische Leben, das Joseph Grand rührte, ihn letzten Endes in der Tat von allen derartigen Sorgen befreit. Er suchte weiterhin seine Worte.

In gewissem Sinn ist wohl zu sagen, daß sein Leben vorbildlich war. Er gehörte zu den bei uns überall seltenen Menschen, die immer den Mut haben, zu ihren edlen Gefühlen zu stehen. Das Wenige, was er im Vertrauen über sich aussagte, zeugte tatsächlich von einer Güte und Anhänglichkeit, die heutzutage keiner mehr einzugestehen wagt. Er schämte sich nicht, zuzugeben, daß er seine Neffen und seine Schwester liebte; sie waren die einzigen Verwandten, die er noch hatte, und er besuchte sie alle zwei Jahre in Frankreich. Er bekannte, daß die Erinnerung an seine Eltern, die gestorben waren, als er noch klein war, ihn schmerzte. Er gab gerne zu, daß er in seinem Quartier eine bestimmte Glocke besonders liebte, die gegen fünf Uhr abends weich erklang. Aber jedes Wort, das er brauchte, um so einfache Gefühle wiederzugeben, kostete ihn tausend Mühen. Diese Schwierigkeit war seine größte Sorge. “Ach, Herr Doktor”, pflegte er zu sagen, “ich möchte so gerne lernen, mich auszudrücken.” Jedesmal, wenn er Rieux begegnete, sprach er davon.

Als der Arzt an jenem Abend den Angestellten weggehen sah, verstand er plötzlich, was Grand hatte sagen wollen: er schrieb sicher ein Buch oder etwas Derartiges. Das beruhigte Rieux noch im Laboratorium, das er endlich aufsuchte. Er wußte, daß dieser Eindruck dumm war, aber er konnte sich einfach nicht vorstellen, daß die Pest wirklich eine Stadt heimsuchen könnte, in der es bescheidene Beamte gab, die ehrenwerte Steckenpferde ritten. Genaugenommen konnte er sich nicht denken, wie diese Steckenpferde sich in die Pest einordnen sollten, und deshalb war er der Ansicht, die Pest könne in unserer Stadt wirklich keine Zukunft haben.

Am folgenden Tag erreichte Rieux durch sein Drängen, das man unangebracht fand, die Einberufung einer Gesundheitskommission auf der Präfektur.

“Es stimmt, daß die Leute unruhig werden”, hatte Richard zugegeben. “Und dann übertreibt das Gerede alles. Der Präfekt hat mir gesagt: ‘Handeln wir meinetwegen schnell, aber im stillen.’ Er ist übrigens überzeugt, daß es sich um einen falschen Alarm handelt.”

Bernard Rieux brachte Castel in seinem Wagen zur Präfektur.

“Wissen Sie, daß das Departement kein Serum besitzt?” fragte ihn der alte Arzt.

“Ja. Ich habe das Lager angerufen. Der Direktor ist aus allen Wolken gefallen. Man muß es von Paris kommen lassen.”

“Hoffentlich geht es nicht zu lang.”

“Ich habe schon telegrafiert”, antwortete Rieux.

Der Präfekt war liebenswürdig, aber aufgeregt.

“Wir wollen anfangen, meine Herren”, sagte er. “Soll ich die Lage zusammenfassen?”

Richard fand es überflüssig. Die Ärzte kannten die Lage. Die Frage sei nur, welche Maßnahmen zu ergreifen seien.

“Die Frage ist, ob es sich um die Pest handelt oder nicht”, platzte der alte Castel heraus.

Zwei oder drei Ärzte fuhren auf. Die anderen schienen zu zögern. Der Präfekt sprang auf und wandte sich unwillkürlich zur Tür, als wollte er sich vergewissern, daß sie diese Ungeheuerlichkeit daran hinderte, in die Gänge hinauszudringen. Richard erklärte, daß man sich seiner Meinung nach nicht ins Bockshorn jagen lassen dürfe: es handle sich um ein Fieber mit Komplikationen in den Leisten, das sei alles, was man sagen könne, da in der Wissenschaft wie im täglichen Leben alle unbegründeten Annahmen gefährlich seien. Der alte Castel, der bedächtig seinen gelben Schnurrbart kaute, blickte mit seinen hellen Augen Rieux an. Dann schaute er wohlwollend auf die Versammlung und bemerkte, er wisse ganz genau, daß es die Pest sei, aber daß natürlich eine amtliche Feststellung unerbittliche Maßnahmen zur Folge hätte. Er wisse, daß seine Kollegen sich aus diesem Grunde sträubten, und er wolle deshalb ihrer Seelenruhe zuliebe gerne zugeben, es sei nicht die Pest. Der Präfekt regte sich auf und erklärte, auf alle Fälle dürften keine solchen Schlüsse gezogen werden.

“Es kommt nicht darauf an, ob diese Art Folgerung richtig ist oder nicht, sondern ob sie zum Denken zwingt”, sagte Castel.

Da Rieux schwieg, wurde er um seine Meinung gebeten.

“Es handelt sich um ein typhoides Fieber, das aber von Beulen und Erbrechen begleitet ist. Ich habe die Beulen aufgeschnitten. So konnte ich Untersuchungen anstellen lassen, bei denen das Laboratorium den gedrungenen Pestbazillus zu erkennen glaubt. Um vollständig zu sein, ist allerdings zu sagen, daß gewisse besondere Abweichungen der Mikroben nicht mit der klassischen Beschreibung übereinstimmen.” Richard unterstrich, wie sehr dadurch das Zögern gerechtfertigt werde und daß zumindest das statistische Ergebnis der ganzen Reihe von Untersuchungen, die seit ein paar Tagen gemacht wurden, abgewartet werden müsse.

Nach kurzem Schweigen sagte Rieux: “Wenn eine Mikrobe imstande ist, in der Zeit von drei Tagen den Umfang der Milz zu vervierfachen, den Lymphdrüsen des Unterleibs die Größe einer Orange und die Festigkeit eines Breis zu verleihen, dann ist eben kein Zögern mehr gestattet. Die Ansteckungsherde nehmen ständig zu. Wenn wir die Krankheit nicht aufhalten, laufen wir bei der Geschwindigkeit, mit der sie um sich greift, Gefahr, daß sie die halbe Stadt getötet hat, bevor zwei Monate um sind. Folglich ist es ganz unwichtig, ob Sie sie Pest oder Wachstumsfieber nennen, wichtig ist nur, daß Sie sie hindern, die halbe Stadt zu töten.”

Richard fand, man dürfe nicht zu schwarz sehen, und überdies sei die Ansteckung nicht erwiesen, da die Verwandten seiner Patientin noch gesund seien.

“Aber andere sind gestorben”, bemerkte Rieux. “Und wohlverstanden ist die Ansteckung nie absolut, sonst liefe es auf eine unendliche mathematische Progression und eine jähe Entvölkerung hinaus. Es handelt sich darum, Vorsichtsmaßnahmen zu treffen.”

Richard glaubte indessen, die Lage zusammenzufassen, wenn er daran erinnerte, daß man, falls die Krankheit nicht von selbst innehalte, die schwerwiegenden Vorkehrungen anordnen müsse, die das Gesetz vorsehe; daß man, um das tun zu können, amtlich erklären müsse, es handle sich um die Pest; daß man in dieser Hinsicht seiner Sache nicht unbedingt sicher sei und daß man es infolgedessen reiflich überlegen müsse.

“Die Frage ist nicht, ob die vom Gesetz vorgesehenen Maßnahmen schwerwiegend sind, sondern ob sie nötig sind, um zu verhindern, daß die halbe Stadt getötet wird”, beharrte Rieux. “Der Rest ist Sache der Verwaltung, und unsere Verfassung sieht einen Präfekten vor, der gerade solche Fragen zu regeln hat.”

“Zweifellos”, sagte der Präfekt, “aber es ist nötig, daß Sie offiziell bestätigen, daß es sich um eine Pestepidemie handelt.”

“Auch wenn wir das nicht bestätigen, laufen wir Gefahr, daß sie die halbe Stadt tötet”, erwiderte Rieux.

Richard ergriff mit einiger Erregung das Wort: “In Wirklichkeit ist es so, daß unser Kollege an die Pest glaubt; seine Beschreibung des Krankheitsbildes beweist das.”

Rieux entgegnete, er habe nicht ein Krankheitsbild beschrieben, sondern das, was er gesehen habe. Und was er gesehen habe, seien Beulen, Flecken, Delirium und der Tod innerhalb von 48 Stunden. Konnte es Herr Dr. Richard verantworten, zu erklären, die Seuche werde auch ohne strenge Vorbeugungsmaßnahmen zum Stillstand kommen?

Richard zögerte und schaute Rieux an.

“Sagen Sie mir aufrichtig, sind Sie überzeugt, daß es die Pest ist?”

“Sie stellen die Frage falsch. Es ist nicht eine Frage der Bezeichnung, es ist eine Frage der Zeit.”

“Sie finden also”, sagte der Präfekt, “daß, selbst wenn es sich nicht um die Pest handelt, man trotzdem die Maßnahmen ergreifen sollte, die für Pestzeiten vorgesehen sind?”

“Wenn ich unbedingt etwas finden soll, dann ist es das.”

Die Ärzte berieten sich untereinander, und schließlich sagte Richard: “Wir müssen also die Verantwortung übernehmen und so handeln, als wäre diese Krankheitserscheinung eine Seuche.”

Dieser Formulierung wurde warm beigepflichtet.

“Sind Sie auch dieser Meinung, lieber Kollege?” fragte Richard.

“Die Formulierung ist mir gleichgültig”, sagte Rieux. “Sagen wir einfach, daß wir uns nicht benehmen dürfen, als liefe nicht die halbe Stadt Gefahr, getötet zu werden, denn sonst wird sie es.”

Mitten aus dieser allgemeinen Gereiztheit ging Rieux fort.

Ein paar Augenblicke später wandte sich in der nach Fisch und Urin riechenden Vorstadt eine Frau mit blutenden Leisten ihm zu und schrie in Todesangst.

Am Tag nach der Besprechung griff das Fieber noch weiter um sich. Es kam sogar in die Zeitungen; allerdings unter einer gutartigen Form, da man sich mit Andeutungen begnügte. Am übernächsten Tag konnte Rieux jedenfalls kleine weiße Anschläge lesen, die die Präfektur eilig in den verstohlensten Winkeln der Stadt hatte anbringen lassen. Es war schwierig, in dieser Bekanntmachung den Beweis dafür zu sehen, daß die Behörden der Lage ins Auge blickten. Es gab keine drakonischen Maßnahmen, und man schien dem Wunsch, die öffentliche Meinung nicht zu beunruhigen, große Opfer gebracht zu haben. Der Erlaß begann nämlich mit der Erklärung, daß in der Gemeinde von Oran einige Fälle eines bösartigen Fiebers festgestellt worden seien, von dem noch nicht gesagt werden könne, ob es ansteckend sei. Diese Fälle seien nicht ausgeprägt genug, um wirklich Besorgnis zu erregen, und die Bevölkerung werde ohne Zweifel ihre Kaltblütigkeit bewahren. Doch werde jedermann einsehen, daß der Präfekt trotzdem, und nur um alle Vorsicht walten zu lassen, einige vorbeugende Maßnahmen treffe. Richtig verstanden und angewendet, würden diese Maßnahmen genügen, um jegliche Gefahr einer Epidemie von vornherein zu bannen. Der Präfekt zweifle folglich keinen Augenblick daran, daß die Bevölkerung ihn in seiner eigenen Anstrengung mit aller Hingabe unterstützen werde.

Der Anschlag verkündete dann ein paar allgemeine Verordnungen, wie eine wissenschaftlich durchgeführte Entrattung durch Zerstäubung giftiger Gase in den Abwasserkanälen und eine sorgfältige Überwachung der Wasserverteilung. Er ermahnte die Einwohnerschaft zu peinlichster Sauberkeit und forderte die Leute, die Flöhe hatten, auf, sich in den städtischen Polikliniken einzufinden. Andererseits wurden die Familien dazu verpflichtet, die vom Arzt festgestellten Fälle anzumelden und ihre Kranken in besondere Säle des Spitals bringen zu lassen. Diese Säle seien übrigens so eingerichtet, daß die Kranken in kürzester Zeit und mit den größten Heilungsaussichten gepflegt werden könnten. Einige zusätzliche Bestimmungen befahlen die Desinfektion des Krankenzimmers und des Krankenwagens. Im übrigen beschränkte man sich darauf, den Angehörigen zu empfehlen, ihre Gesundheit ärztlich überwachen zu lassen.

Dr. Rieux wandte sich heftig von dem Aufruf ab und machte sich auf den Weg nach Hause. Joseph Grand erwartete ihn und erhob wieder die Arme, als er seiner ansichtig wurde.

“Ja”, sagte Rieux, “ich weiß, die Ziffern steigen.”

Am Vortag waren ungefähr zehn Kranke in der Stadt gestorben. Der Arzt sagte, daß er Grand vielleicht am Abend noch sehen werde, da er Cottard besuchen wolle.

“Sie haben recht”, erwiderte Grand. “Sie werden ihm gut tun, denn ich finde ihn verändert.”

“Wie meinen Sie das?”

“Er ist höflich geworden.”

“War er das denn früher nicht?”

Grand zögerte. Er konnte nicht behaupten, Cottard sei unhöflich gewesen, der Ausdruck wäre unzutreffend. Er war ein verschlossener, schweigsamer Mensch, der ein wenig einem Eber glich. Sein Zimmer, eine bescheidene Speisewirtschaft und ziemlich geheimnisvolle Gänge, das war Cottards ganzes Leben. Er galt als Vertreter in Weinen und Spirituosen. Hie und da empfing er den Besuch von zwei oder drei Männern, die seine Kunden sein mochten. Abends ging er manchmal ins Kino, das dem Haus gegenüber lag. Der Angestellte hatte sogar bemerkt, daß Cottard mit Vorliebe Verbrecherfilme anzusehen schien. Immer und überall blieb der Vertreter ein mißtrauischer Einzelgänger.

Nach Grands Aussagen hatte sich das alles beträchtlich geändert.

“Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll, aber sehen Sie, ich habe den Eindruck, daß er sich die Leute zu versöhnen sucht, daß er alle auf seiner Seite haben will. Er spricht oft mit mir, er fordert mich auf, mit ihm auszugehen, was ich ihm nicht immer abschlagen mag. Abgesehen davon interessiert er mich, und schließlich habe ich ihm das Leben gerettet.”

Seit seinem Selbstmordversuch hatte Cottard keinerlei Besuch mehr empfangen. Auf der Straße, in den Läden suchte er das Wohlwollen aller zu gewinnen. Nie hatte er mit mehr Freundlichkeit mit dem Krämer gesprochen, mit mehr Anteilnahme einer Tabakhändlerin zugehört.

“Diese Tabakhändlerin ist eine ausgemachte Schlange”, bemerkte Grand. “Ich habe es Cottard gesagt, aber er hat mir geantwortet, daß ich mich täuschte: sie habe ihre guten Seiten, man müsse sie nur zu finden wissen.”

Schließlich hatte Cottard Grand zwei- oder dreimal in die vornehmen Gaststätten und Cafés der Stadt mitgenommen, in denen er jetzt verkehrte.

“Man fühlt sich wohl dort”, pflegte er zu sagen, “und ist zudem in guter Gesellschaft.”

Es war Grand aufgefallen, mit welch ausgesuchter Zuvorkommenheit die Kellner den Vertreter behandelten; er verstand die Gründe, als er die fürstlichen Trinkgelder bemerkte, die jener austeilte. Cottard schien äußerst empfänglich für die Liebenswürdigkeiten, mit denen er deshalb bedacht wurde. Als der Ober eines Tages Cottard zur Tür begleitet und ihm in den Mantel geholfen hatte, sagte dieser zu Grand: “Ein netter Kerl, der kann es bezeugen.”

“Was bezeugen?”

Cottard zögerte.

“Nun, daß ich kein schlechter Mensch bin.”

Er hatte übrigens Launen. Einmal war der Krämer weniger freundlich als sonst, und Cottard war in einem Zustand maßloser Wut heimgekommen.

“Er hält es mit den andern, der Hund!” wiederholte er.

“Mit welchen andern?”

“Mit allen.”

Grand hatte sogar einem seltsamen Vorgang bei der Tabakhändlerin beigewohnt. Im Verlauf einer angeregten Unterhaltung hatte sie von einer Verhaftung gesprochen, die vor kurzer Zeit in Algier Aufsehen erregt hatte. Es handelte sich um einen jungen kaufmännischen Angestellten, der am Strand einen Araber getötet hatte.

“Wenn das ganze Lumpenpack ins Gefängnis gesteckt würde”, sagte die Händlerin, “dann könnten die anständigen Leute aufatmen.”

Aber sie hatte abbrechen müssen, weil Cottard in plötzlicher Aufregung ohne ein Wort der Entschuldigung aus dem Laden stürzte. Grand und die Händlerin schauten ihm sprachlos nach.

In der Folge hatte Grand Rieux noch über weitere Änderungen in Cottards Wesen zu berichten. Er hatte sich zum Beispiel in seinen Ansichten immer sehr freisinnig gezeigt. Sein Lieblingssatz “Die Großen fressen immer die Kleinen auf” bewies das zur Genüge. Aber seit einiger Zeit kaufte er nur noch das bürgerliche Blatt von Oran, und man konnte nicht umhin, zu glauben, daß er es mit einer gewissen Absicht besonders gern in der Öffentlichkeit las. Desgleichen hatte er wenige Tage, nachdem er zum erstenmal wieder aufgestanden war, Grand um die Freundlichkeit gebeten, wenn er doch gerade zur Post gehe, für ihn die 100 Francs einzuzahlen, die er jeden Monat an eine ferne Schwester sandte. Aber als Grand gehen wollte, fügte Cottard hinzu: “Schicken Sie ihr 200 Francs, das wird eine freudige Überraschung für sie sein. Sie meint, ich dächte nie an sie, aber in Wirklichkeit liebe ich sie sehr.”

Schließlich hatte er mit Grand eine seltsame Unterhaltung. Cottard war auf die kleine Arbeit neugierig geworden, der Grand sich jeden Abend widmete, und hatte diesen gezwungen, seine Fragen zu beantworten.

“Also”, hatte Cottard gesagt, “Sie schreiben ein Buch.”

“Sozusagen; aber die Sache ist viel verwickelter.”

“Ach!” hatte Cottard ausgerufen. “So etwas möchte ich auch gern machen.”

Grand hatte seine Verwunderung gezeigt, und Cottard hatte gestammelt, Künstler zu sein müsse doch vieles erleichtern.

“Weshalb?” hatte Grand gefragt.

“Nun, weil bekanntlich ein Künstler mehr Rechte hat als die anderen Leute. Man läßt ihm mehr durchgehen.”

“Ach was”, sagte Rieux zu Grand an dem Morgen, da die Verordnung erschien. “Die Rattengeschichte hat ihm wie vielen anderen den Kopf verdreht, sonst nichts. Oder vielleicht hat er Angst vor dem Fieber.”

Grand erwiderte: “Ich glaube kaum, Herr Doktor, und wenn Sie meine Ansicht wissen wollen…”

Der Wagen des Entrattungsdienstes fuhr mit großem Gepolter unter ihrem Fenster vorbei. Rieux schwieg, bis er sich wieder verständlich machen konnte und bat den Angestellten dann zerstreut um seine Meinung. Der blickte ihn tiefernst an und erklärte: “Er ist ein Mensch, der sich etwas vorzuwerfen hat.”

Der Arzt zuckte die Achseln. Wie der Polizeibeamte gesagt hatte, gab es größere Sorgen.

Am Nachmittag hatte Rieux eine Besprechung mit Castel. Der Impfstoff traf nicht ein.

“Und würde er überhaupt etwas nützen?” fragte Rieux. “Dieser Bazillus ist so merkwürdig.”

“Oh!” gab Castel zurück. “Da bin ich nicht Ihrer Meinung. Diese Viecher scheinen immer etwas Besonderes zu sein, aber im Grunde genommen ist es doch dasselbe.”

“Sie vermuten es wenigstens. In Wirklichkeit wissen wir nichts darüber.”

“Natürlich vermute ich das, aber in dieser Hinsicht geht es uns allen gleich.”

Während des ganzen Tages spürte der Arzt, wie das leise Schwindelgefühl wuchs, das ihn jedesmal ergriff, wenn er an die Pest dachte. Schließlich erkannte er, daß er Angst hatte. Zweimal betrat er ein überfülltes Café. Wie Cottard hatte auch er ein Bedürfnis nach menschlicher Wärme. Rieux fand das stumpfsinnig, aber es erinnerte ihn daran, daß er dem Vertreter einen Besuch versprochen hatte.

Am Abend fand der Doktor Cottard im Eßzimmer an seinem Tisch. Als er eintrat, lag ein Kriminalroman aufgeschlagen auf dem Tisch. Aber es war schon spät und gewiß kaum mehr möglich, in der beginnenden Dämmerung zu lesen. Vielmehr hatte Cottard noch vor einer Minute dasitzen und im Halbdunkel nachsinnen müssen. Rieux fragte ihn, wie es ihm gehe. Cottard setzte sich und brummte, es gehe ihm gut, und es ginge ihm noch besser, wenn er sicher sein könnte, daß sich niemand um ihn kümmere. Rieux gab ihm zu bedenken, daß man nicht immer allein bleiben könne.

“Oh, ich meine nicht das. Ich spreche von den Leuten, die sich darum kümmern, einem Verdruß zu bereiten.”

Rieux schwieg.

“Wohlverstanden, ich spreche nicht von mir. Aber ich las in diesem Roman. Da ist so ein armer Kerl, der wird eines Morgens einfach verhaftet. Man kümmerte sich um ihn, und er wußte nichts davon. Man sprach von ihm in den Amtsstuben, man schrieb seinen Namen auf Zettel. Finden Sie das gerecht? Finden Sie, daß man das Recht hat, einem Menschen so etwas anzutun?”

“Das kommt darauf an”, erwiderte Rieux. “In gewisser Hinsicht hat man sicher nie das Recht dazu. Aber das alles ist nebensächlich. Sie dürfen nicht zu lange abgeschlossen leben. Sie müssen ausgehen.”

Cottard schien sich aufzuregen und erklärte, er mache ja nichts anderes, und nötigenfalls könne das ganze Viertel für ihn zeugen. Selbst über sein Viertel hinaus fehle es ihm nicht an Beziehungen. “Kennen Sie Herrn Rigaud, den Architekten? Er ist ein Freund von mir.”

Die Schatten im Zimmer verdichteten sich. Draußen belebte sich die Vorstadtstraße, und ein dumpfer Ausruf der Erleichterung begrüßte das Aufflammen der Straßenlaternen. Rieux trat auf den Balkon hinaus, und Cottard folgte ihm.

Wie jeden Abend brachte die leichte Brise aus allen umliegenden Stadtvierteln Gemurmel, Bratenduft, das ganze fröhliche und würzige Summen der Freiheit, das allmählich die Straßen erfüllte, in die nun eine lärmende Jugend strömte. Die Nacht, das langgezogene Tuten der unsichtbaren Schiffe, das Rauschen des Meeres und der Menge, das auf und ab schwoll, die Tageszeit, die Rieux so vertraut und einst lieb war, schienen ihm heute bedrückend, weil er wußte.

“Können wir anzünden?” fragte er Cottard.

Als das Licht brannte, betrachtete ihn der kleine Mann mit blinzelnden Augen.

“Sagen Sie mir, Herr Doktor, würden Sie mich in Ihrer Abteilung aufnehmen, falls ich eines Tages krank würde?”

“Warum nicht?”

Darauf erkundigte sich Cottard, ob es schon einmal vorgekommen sei, daß man einen Kranken im Spital verhaftet habe.

Rieux gab zur Antwort, daß sich solches wohl schon ereignet habe, daß es aber ganz auf den Zustand des Kranken ankomme.

“Ich habe Vertrauen zu Ihnen”, sagte Cottard.

Dann bat er den Arzt, ihn in seinem Wagen in die Stadt mitzunehmen. In der Innenstadt waren die Straßen schon weniger belebt und die Lichter seltener. Kinder spielten noch vor den Häusern. Auf Cottards Wunsch hielt der Arzt seinen Wagen vor einem Trüpplein Kinder an. Sie spielten kreischend das Himmel-und-Hölle-Spiel. Nur ein Knabe mit schwarzem, dicht anliegendem, sorgfältig gescheiteltem Haar und schmutzigem Gesicht betrachtete Rieux unablässig mit seinen hellen, einschüchternden Augen. Der Arzt wandte seinen Blick ab. Cottard stand auf dem Trottoir und schüttelte ihm die Hand.

Der Vertreter sprach stoßweise, mit rauher Stimme. Zwei- oder dreimal schaute er sich um.

“Die Leute reden von einer Seuche. Stimmt das, Herr Doktor?”

“Die Leute reden immer. Das ist so ihre Art”, antwortete Rieux.

“Da haben Sie recht. Und wenn wir ein Dutzend Tote haben, wird das als Weltende betrachtet. Nein, das ist nicht, was wir brauchen.”

Der Motor brummte schon. Rieux hatte die Hand auf dem Ganghebel . Aber er schaute wieder das Kind an, das ihn die ganze Zeit ernst und ruhig gemustert hatte. Und plötzlich, ohne Überlegung, lächelte ihm der Junge strahlend zu.

“Was brauchen wir denn?” fragte der Arzt und lächelte zurück.

Da umklammerte Cottard auf einmal den Wagenschlag, und er schrie mit tränenerstickter, wuterfüllter Stimme: “Ein Erdbeben. Ein richtiges !”

Dann stürzte er davon.

Es gab kein Erdbeben, und für Rieux brachte der ganze folgende Tag nichts als Besuche an allen Ecken und Enden der Stadt, Besprechungen mit den Angehörigen der Kranken und Erörterungen mit den Kranken selber. Noch nie war Rieux sein Beruf so beschwerlich erschienen. Bisher hatten ihm die Kranken seine Aufgabe erleichtert, sie hatten sich ihm überlassen. Nun fand der Arzt sie zum erstenmal widerstrebend, mit mißtrauischem Erstaunen ganz in ihre Krankheit geflüchtet. Er war dieses Ringen noch nicht gewohnt. Und als er gegen zehn Uhr abends seinen Wagen vor dem Haus des alten Asthmatikers anhielt, den er immer zuletzt besuchte, konnte er sich nur mit Mühe von seinem Sitz losreißen. Er hielt sich damit auf, die dunkle Straße und die Sterne zu betrachten, die am Nachthimmel aufleuchteten und verschwanden. Der alte Asthmatiker saß aufrecht in seinem Bett. Er schien leichter zu atmen und zählte die Kichererbsen, die er von einem Topf in den andern füllte. Er empfing den Arzt mit fröhlichem Gesicht.

“Nun, Herr Doktor, ist es die Cholera?”

“Woher haben Sie das ? ”

“Aus der Zeitung. Und im Rundfunk haben sie es auch gesagt.”

“Nein, es ist nicht die Cholera.”

Äußerst aufgeregt stellte der Alte fest: “Jedenfalls fahren sie grobes Geschütz auf, die hohen Herren!”

“Glauben Sie das nicht”, erwiderte Rieux.

Er hatte den Alten untersucht und saß jetzt in der Mitte des armseligen Eßzimmers. Ja, er hatte Angst. Er wußte, daß ihn allein in dieser Vorstadt am nächsten Morgen ein Dutzend Kranke erwarten würden, alle über ihre Geschwüre gebeugt. Nur in zwei oder drei Fällen hätte das Aufschneiden der Beulen eine Besserung herbeigeführt. Aber für die meisten würde es nichts geben als das Spital, und er wußte, was das Spital für die Armen bedeutete. “Ich will nicht, daß er ihnen als Versuchskaninchen dient”, hatte ihm die Frau eines Kranken gesagt. Er würde ihnen nicht als Versuchskaninchen dienen, er würde ganz einfach sterben. Die Maßnahmen waren offensichtlich unzureichend. Was die “besonders dafür eingerichteten” Säle betraf, so wußte er hinlänglich Bescheid: zwei kleine Gebäude, aus denen in aller Eile die anderen Kranken entfernt worden waren. Die Fenster waren abgedichtet worden und das Ganze ringsum durch den Gesundheitsdienst abgesperrt. Wenn die Epidemie nicht von selbst aufhörte, konnten die von den Behörden ausgedachten Vorkehrungen sie nicht eindämmen.

Die amtlichen Abendnachrichten blieben indessen zuversichtlich. Am nächsten Tag meldete die Agentur Ransdoc, die Vorschriften des Präfekten seien mit Ruhe aufgenommen worden und über dreißig Kranke hätten sich bereits gemeldet. Castel hatte Rieux angerufen.

“Wieviel Betten enthalten eigentlich die beiden Hilfsspitäler?”

“Achtzig.”

“Es gibt doch sicher dreißig Fälle in der Stadt?”

“Die einen haben Angst und die anderen, die meisten, haben keine Zeit gehabt.”

“Werden die Beerdigungen überwacht?”

“Nein. Ich habe Richard am Telefon erklärt, daß durchgreifende Maßnahmen erforderlich sind, nicht Phrasen, und daß man eine richtige Mauer vor der Epidemie aufrichten oder gar nichts unternehmen soll.”

“Und dann?”

“Er hat geantwortet, er habe keine Befugnis. Ich glaube, daß sie zunehmen wird.”

Nach drei Tagen waren die beiden Hilfsgebäude tatsächlich voll. Richard glaubte zu wissen, daß eine Schule geräumt und ein Hilfsspital eingerichtet werde. Rieux wartete auf den Impfstoff und schnitt die Beulen auf. Castel kehrte zu seinen alten Büchern zurück und verbrachte oft lange Zeit in der Bibliothek.

“Die Ratten sind an der Pest gestorben oder an einer äußerst ähnlichen Krankheit”, so lautete seine Schlußfolgerung. “Sie haben Zehntausende von Flöhen ausgesät, die die Ansteckung nach den Gesetzen einer geometrischen Reihe übertragen werden, wenn ihr nicht rechtzeitig Einhalt geboten wird.”

Rieux schwieg.

Das schöne Wetter schien jetzt andauern zu wollen. Die Sonne saugte die Pfützen der letzten Regenfälle auf. Ein wunderbar blauer, von goldenem Licht überfließender Himmel, Flugzeugbrummen in der ersten Hitze, alles, die ganze Jahreszeit, lud zum Frohsinn ein. Indessen machte das Fieber in vier Tagen vier überraschende Sprünge: erst 16, dann 24, 28 und 32 Tote. Am vierten Tag wurde die Eröffnung des Hilfsspitals in einem Kindergarten angekündigt. Unsere Mitbürger, die bisher ihre Besorgnis immer noch hinter Scherzworten verborgen hatten, erschienen nun auf der Straße niedergeschlagener und schweigsamer. Rieux entschloß sich, den Präfekten anzurufen.

“Die Maßnahmen sind unzulänglich.”

“Ja”, erwiderte der Präfekt, “ich habe die Ziffern vor mir, sie sind wirklich beunruhigend.”

“Sie sind mehr als beunruhigend, sie sind eindeutig.”

“Ich werde die Landesregierung um Befehle bitten.”

Rieux hängte ein und sagte zu Castel: “Befehle? Phantasie brauchte man.”

“Und der Impfstoff?”

“Er wird im Laufe der Woche eintreffen.”

Durch Richard ließ die Präfektur Rieux beauftragen, ein Gutachten abzufassen, das in die Hauptstadt der Kolonie geschickt werden und als Grundlage für die verlangten Befehle dienen sollte. Rieux gab eine klinische Beschreibung und Zahlen. An demselben Tag verzeichnete man über vierzig Tote. Der Präfekt nahm es auf sich, wie er sich ausdrückte, die Vorschriften vom nächsten Tag an zu verschärfen. Der Meldezwang und die Absonderung wurden beibehalten. Die Häuser der Erkrankten mußten geschlossen und desinfiziert werden, die Angehörigen wurden einer vorsorglichen Quarantäne unterworfen, die Beerdigung von der Stadt organisiert; wie, wird man noch sehen. Einen Tag später traf der Impfstoff mit dem Flugzeug ein. Er mochte für die Behandlung der schon bekannten Fälle ausreichen. Er war aber ungenügend, wenn die Epidemie sich ausdehnen sollte. Auf sein Telegramm erhielt Rieux zur Antwort, die Vorräte seien erschöpft und die Neuherstellung habe begonnen.

Unterdessen strömte aus der ganzen Umgegend der Frühling auf den Markt. In den Körben der Händler am Rande der Straßen verblühten die Rosen zu Tausenden, und ihr süßer Duft durchzog die ganze Stadt. Nichts schien verändert. Die Straßenbahnen waren zu den Stoßzeiten noch immer überfüllt, tagsüber leer und schmutzig. Tarrou beobachtete den kleinen Alten, und der kleine Alte spuckte auf die Katzen. Grand kehrte Abend für Abend zu seiner geheimnisvollen Arbeit nach Hause zurück. Cottard strich herum, und Herr Othon, der Untersuchungsrichter, leitete weiter seinen Zirkus. Der alte Asthmatiker füllte seine Erbsen um, und manchmal begegnete man dem ruhigen, teilnehmenden Gesicht des Journalisten Rambert. Die gleiche Volksmenge erfüllte am Abend die Straßen, und vor den Kinos wurden die Schlangen länger. Die Seuche schien übrigens zurückzugehen, und während einiger Tage wurden kaum mehr als zehn Tote gezählt. Dann schnellte sie plötzlich wieder in die Höhe. An dem Tag, da die Todesfälle wieder auf über dreißig gestiegen waren, las Bernard Rieux die amtliche Depesche, die der Präfekt ihm mit den Worten hinstreckte: “Sie haben Angst gekriegt.” Das Telegramm lautete: “Pestzustand erklären, Stadt schließen.”

Kapitel 2

2

Man kann sagen, daß von diesem Augenblick an die Pest uns alle betraf. Bis jetzt war jeder Bürger trotz der Überraschung und der Besorgnis, die diese merkwürdigen Ereignisse mit sich brachten, an seinem gewohnten Platz seiner Arbeit nachgegangen, so gut er konnte. Und das mußte zweifellos so bleiben. Aber als nun die Tore geschlossen waren, merkten sie, daß sie alle, auch der Erzähler, in der gleichen Falle saßen und daß sie sich damit abfinden mußten. So geschah es zum Beispiel, daß ein so urpersönliches Gefühl wie das der Trennung von einem geliebten Menschen plötzlich, und schon in den ersten Wochen, ein ganzes Volk erfüllte und zusammen mit der Angst das größte Leid dieser langen Zeit der Verbannung bildete.

Eine der auffälligsten Folgen der geschlossenen Tore war in der Tat die jähe Trennung, die die Leute unvorbereitet traf. Mütter und Kinder, Ehegatten, Liebespaare, die sich vor wenigen Tagen auf kurze Zeit getrennt, die sich auf dem Bahnsteig mit zwei oder drei Ermahnungen verabschiedet hatten, in der Gewißheit, daß sie sich in ein paar Tagen oder Wochen wiedersehen würden, die sich, erfüllt vom blinden Vertrauen der Menschen, durch diese Abreise kaum von ihren gewohnten Gedankengängen ablenken ließen, sie alle waren mit einem Schlag hoffnungslos weit entfernt voneinander, unfähig, zusammenzukommen oder miteinander zu verkehren. Denn die Tore waren ein paar Stunden vor der Bekanntmachung des Präfekten geschlossen worden, und es war natürlich unmöglich, auf Einzelfälle Rücksicht zu nehmen. Man kann sagen, daß die erste Folge dieses schonungslosen Einbruchs der Krankheit unsere Mitbürger zu handeln zwang, als hätten sie keine persönlichen Gefühle. Während der ersten Stunden nach dem Inkrafttreten der Verordnung wurde die Präfektur von einem Heer von Bittstellern belagert, die telefonisch oder persönlich ihren Fall auseinandersetzten, der bei allen gleich dringlich war und gleich unberücksichtigt bleiben mußte. Wir brauchten wirklich einige Tage, ehe uns klarwurde, daß wir uns in einer ausweglosen Lage befanden, in der die Wörter “verhandeln”, “Gunst”, “Ausnahme” keinen Sinn mehr hatten.

Sogar die leichte Befriedigung des Schreibens wurde uns versagt. Einerseits war die Stadt tatsächlich nicht mehr durch die gewöhnlichen Verkehrsmittel mit dem übrigen Land verbunden, und andererseits untersagte eine neue Verordnung jeglichen Briefwechsel, um zu verhüten, daß die Briefe zu Infektionsträgern würden. Am Anfang konnten sich einige Bevorzugte an den Stadttoren mit den Wachtposten verständigen, die einwilligten, Botschaften hinauszubefördern. Aber das war in den ersten Tagen der Seuche, in einem Augenblick, da es die Wachen natürlich fanden, einem Gefühl des Mitleids nachzugeben. Als jedoch nach einiger Zeit diese gleichen Wachen fest vom Ernst der Lage überzeugt waren, weigerten sie sich, eine Verantwortung zu übernehmen, deren Tragweite sie nicht absehen konnten. Die Ferngespräche, die anfänglich erlaubt waren, hatten eine solche Überlastung der Leitungen und der öffentlichen Sprechstellen zur Folge, daß sie nach einigen Tagen gänzlich verboten und nachher streng auf die sogenannten dringlichen Fälle wie Tod, Geburt und Hochzeit beschränkt wurden. Die Telegramme blieben nun unser einziger Ausweg. Menschen, die geistig, seelisch und körperlich verbunden waren, mußten die Zeichen dieser alten Gemeinschaft in den Druckbuchstaben einer Depesche von zehn Worten zusammensuchen. Und da die Wendungen, die in einem Telegramm zu gebrauchen sind, schnell erschöpft werden, verdichteten sich lange, gemeinsam durchlebte Jahre oder schmerzliche Leidenschaften rasch zu einem regelmäßigen Austausch stehender Redensarten wie: “Bin gesund. Denke an Dich. Alles Liebe.”

Einige unter uns versteiften sich indessen aufs Schreiben; um mit der Außenwelt in Verbindung zu treten, ersannen sie unablässig Mittel und Wege, die sich zum Schluß jedoch immer als trügerisch erwiesen. Auch wenn einige dieser Wege zum Ziel führten, wußten wir nichts davon, da wir keine Antwort erhielten. Wochenlang waren wir also gezwungen, unaufhörlich denselben Brief neu anzufangen, dieselben Nachrichten und dieselben Hilferufe abzuschreiben, so daß nach einiger Zeit die Worte, die zuerst mit unserem Herzblut geschrieben waren, ihren Sinn verloren. Nun wiederholten wir sie automatisch und versuchten, mit Hilfe dieser toten Sätze ein Bild unseres schweren Lebens zu zeichnen. Und schließlich schien uns ein Telegramm mit seinem überlieferten Gruß noch besser als dieses unfruchtbare und beharrliche Selbstgespräch, diese öde Unterhaltung mit einer Wand. Als es übrigens nach einigen Tagen feststand, daß es niemandem gelingen werde, die Stadt zu verlassen, warf man die Frage auf, ob es nicht möglich wäre, denjenigen die Rückkehr zu gestatten, die vor der Seuche weggegangen waren. Nach ein paar Tagen der Überlegung antwortete die Präfektur mit ja. Aber es wurde betont, daß die Heimkehrer auf gar keinen Fall wieder aus der Stadt hinaus dürften, daß es ihnen wohl freistehe zu kommen, aber nicht, wieder zu gehen. Auch jetzt nahmen ein paar wenige Familien die Angelegenheit noch auf die leichte Schulter; da ihnen der Wunsch, ihre Verwandten wiederzusehen, über alles ging, forderten sie sie auf, die Gelegenheit zu nutzen. Aber die Gefangenen der Pest begriffen sehr schnell, welcher Gefahr sie ihre Angehörigen aussetzten, und nahmen es auf sich, die Trennung zu erdulden. Als die Krankheit am schlimmsten wütete, gab es nur einen einzigen Fall, wo die menschlichen Gefühle stärker waren als die Angst vor einem qualvollen Tod. Und es handelte sich nicht, wie man eigentlich erwartet hätte, um ein Liebespaar, das die Leidenschaft über alles Elend hinweg zueinandertrieb. Es betraf den alten Dr. Castel und seine Frau, die seit vielen Jahren verheiratet waren. Einige Tage vor der Epidemie hatte sich Frau Castel in eine benachbarte Stadt begeben. Die beiden führten nicht einmal eine jener Ehen, die der Welt das Muster eines vorbildlichen Glücks vor Augen führten, und der Erzähler darf sogar sagen, daß diese Eheleute sehr wahrscheinlich früher gar nicht sicher waren, ob ihre Ehe sie befriedigte. Aber diese plötzliche und lange Trennung hatte ihnen klargemacht, daß sie nicht ohne einander leben konnten und daß neben dieser unvermutet entdeckten Wahrheit die Pest wenig Bedeutung hatte.

Das war eine Ausnahme. In den meisten Fällen sollte augenscheinlich die Trennung erst mit der Epidemie ein Ende nehmen. Und das Gefühl, das unser Leben ausmachte und das wir so gut zu kennen vermeinten (die Oraner haben, wie gesagt, ungekünstelte Leidenschaften), bekam für uns alle ein neues Gesicht. Ehemänner und Liebhaber, die das größte Vertrauen in ihre Gefährtin hatten, merkten plötzlich, daß sie eifersüchtig waren. Männer, die glaubten, sie seien unbeständig, entdeckten ihre Treue. Söhne, die bei ihrer Mutter gelebt und sie kaum angesehen hatten, legten ihre ganze Besorgnis und Reue in eine Falte ihres Gesichts, das sie in der Erinnerung verfolgte. Diese grausame Trennung ohne absehbare Zukunft brachte uns aus der Fassung und lieferte uns wehrlos den Erinnerungen an jene noch so greifbar nahe und doch so ferne Gegenwart aus, die nun unsere Tage erfüllten. In Wirklichkeit litten wir doppelt—zuerst an unserem eigenen Schmerz und dann, indem wir uns in die Abwesenden hineinversetzten, in den Sohn, die Gattin oder die Geliebte.

Unter anderen Umständen hätten unsere Mitbürger übrigens in einem äußerlicheren und tätigeren Leben einen Ausweg gefunden. Aber die Pest überließ sie auch dem Müßiggang, zwang sie, sich in der trüben Stadt im Kreis zu bewegen und Tag für Tag die Beute der enttäuschenden Spiele der Erinnerung zu werden. Denn ihre ziellosen Spaziergänge führten sie immer wieder durch dieselben Straßen, und da die Stadt klein ist, waren es meistens Wege, die sie zu einer anderen Zeit mit dem Abwesenden gegangen waren.

So brachte die Pest unseren Mitbürgern als erstes die Verbannung. Und der Erzähler ist überzeugt, daß er hier im Namen aller berichten darf, was er selber damals empfand, da er es mit vielen unserer Mitbürger zugleich erlebte. Denn das war wirklich das Gefühl der Verbannung, jene Leere, die wir unablässig in uns trugen, diese besondere innere Unruhe, der unvernünftige Wunsch, in die Vergangenheit zurückzukehren oder im Gegenteil die Zeit vorwärts zu treiben, diese brennenden Pfeile der Erinnerung. Wenn wir uns manchmal gehen ließen und uns vorstellten, nun werde bald ein Klingeln oder ein vertrauter Schritt im Treppenhaus die Rückkehr verkünden, wenn wir uns in diesen Augenblicken erlaubten, zu vergessen, daß keine Züge fuhren, wenn wir es so einrichteten, daß wir um die Zeit zu Hause waren, da die Reisenden des Nachtschnellzugs in unserem Viertel anlangen mochten, so konnten diese Spielereien selbstverständlich nicht lange dauern. Es kam immer der Augenblick, in dem wir uns klar bewußt wurden, daß keine Züge ankamen. Dann wußten wir, daß unsere Trennung andauern würde und daß wir versuchen mußten, mit der Zeit fertig zu werden. Damit traten wir wieder in die Reihe der Gefangenen zurück, wir waren einzig auf die Vergangenheit angewiesen, und wenn auch einige unter uns versucht waren, in der Zukunft zu leben, so verzichteten sie doch schnell darauf, wenigstens so gut sie konnten, als sie die Wunden spürten, die die Einbildung schließlich denen zufügt, die sich ihr anvertrauen.

Insbesondere verzichteten alle unsere Mitbürger sehr schnell auch in der Öffentlichkeit auf die Gewohnheit, die Dauer ihrer Trennung abzuschätzen. Warum ? Wenn die größten Schwarzseher sie auf—sagen wir sechs Monate festgesetzt hatten, wenn sie im voraus die ganze Bitterkeit dieser kommenden Monate ausgekostet, ihren Mut mit großer Mühe auf die Höhe dieser Prüfung geschraubt und ihre letzten Kräfte angespannt hatten, um, ohne zu verzagen, diesem auf so viele Tage ausgedehnten Leiden gewachsen zu sein, dann kamen sie manchmal durch einen Zufallsbekannten, durch eine Zeitungsmeinung, durch einen flüchtigen Argwohn oder eine plötzliche Einsicht auf den Gedanken, schließlich sei kein Grund vorhanden, warum die Krankheit nicht länger als sechs Monate dauern sollte, vielleicht ein Jahr, vielleicht noch länger.

In diesem Augenblick war der Zusammenbruch ihres Mutes, ihres Willens und ihrer Geduld so jäh, daß es ihnen schien, sie könnten nie mehr aus diesem tiefen Brunnen herauskommen. Deshalb zwangen sie sich, nie an den Zeitpunkt ihrer Erlösung zu denken, nicht mehr in die Zukunft zu schauen und sozusagen mit niedergeschlagenen Augen zu leben. Aber diese Vorsicht, diese Art, den Schmerz zu überlisten, in Deckung zu gehen, um dem Kampf auszuweichen, wurden natürlich schlecht gelohnt. Sie vermieden zwar den Zusammenbruch, dem sie um jeden Preis vorbeugen wollten, aber gleichzeitig beraubten sie sich auch der eigentlich recht häufigen Augenblicke, da sie in den Bildern ihrer kommenden Vereinigung die Pest vergessen konnten. Und so scheiterten sie zwischen Abgrund und Gipfel, schwankten mehr als sie lebten, richtungslosen Tagen und unfruchtbaren Erinnerungen preisgegeben, irrenden Schatten gleich, und hätten nur Kraft schöpfen können, wenn sie eingewilligt hätten, im Erdreich ihres Schmerzes Wurzel zu fassen.

Sie empfanden so das tiefe Leiden aller Gefangenen und aller Ausgestoßenen, die mit unnützen Erinnerungen leben müssen. Selbst die Vergangenheit, an die sie ohne Unterlaß dachten, hatte nur den Geschmack der Reue. Sie hätten ihr alles hinzufügen wollen, was sie zu ihrem Leidwesen versäumt hatten, als sie es noch mit dem- oder derjenigen tun konnten, auf die sie jetzt warteten—so wie sie den Abwesenden mit allen, auch den verhältnismäßig glücklichen, Umständen ihres Gefangenenlebens verbanden und rückblickend mit sich selbst unzufrieden waren. Der Gegenwart überdrüssig, der Vergangenheit feind und ohne Zukunft, so glichen wir wahrhaft denen, die die Gerechtigkeit oder der Haß der Menschen hinter Gitterstäbe zwingt. Um dieser unerträglichen Leere zu entrinnen, blieb einem schließlich nur ein einziges Mittel: in Gedanken die Züge wieder fahren zu lassen und die Stunden immer wieder mit dem Glockenspiel einer Klingel zu erfüllen, die doch beharrlich schwieg.

Aber wenn es auch die Verbannung war, so war es doch in den meisten Fällen die Verbannung bei sich zu Hause. Und obwohl der Erzähler nur diese allgemeine Verbannung erlebt hat, darf er doch die Leute wie den Journalisten Rambert und andere nicht vergessen, für die die Leiden der Trennung sich vervielfachten, weil sie auf der Reise von der Pest überrascht worden waren und nun in der Stadt festgehalten wurden und auf diese Weise von dem Menschen, mit dem sie sich nicht vereinigen konnten, und von ihrer Heimat abgeschnitten blieben. In der allgemeinen Verbannung waren sie am meisten verbannt, denn wenn die Zeit bei ihnen wie bei allen anderen auch die Beklemmung hervorrief, die ihr eigen ist, so waren sie zudem noch an den Raum gebunden und stießen unablässig an die Mauern, die ihren verpesteten Aufenthaltsort von ihrer Heimat schieden. Zweifellos waren sie es, die man zu allen Tageszeiten in der staubigen Stadt herumirren sah, wo sie wortlos ihnen allein bekannte Abende und die Morgen ihres Landes heraufbeschworen. Sie nährten ihr Heimweh mit ungreifbaren Zeichen und verwirrenden Botschaften, einem Schwalbenflug, einem Abendtau oder jenen seltsamen Strahlen, die die Sonne manchmal in den verödeten Straßen zurückläßt. Jene äußere Welt, die immer vor allem erretten kann, wollte sie nicht mehr sehen; mit der gleichen Verbohrtheit hegten sie ihre allzu wirklichen Hirngespinste, jagten mit ihrer ganzen Kraft den Bildern einer Erde nach, wo ein bestimmtes Licht, zwei oder drei Hügel, der Lieblingsbaum und Frauenantlitze ein für sie unersetzliches Ganzes schufen.

Um endlich noch ausdrücklich von den Liebesleuten zu sprechen, die am anziehendsten sind und von denen zu berichten der Erzähler vielleicht besser in der Lage ist, so wurden sie noch von anderen Qualen bedrängt, unter denen man die Gewissensbisse hervorheben muß. Diese Verhältnisse erlaubten ihnen nämlich, ihre Gefühle mit einer Art fieberhafter Unvoreingenommenheit zu betrachten. Und es kam selten vor, daß ihre eigenen Fehler und Mängel ihnen bei diesem Anlaß nicht klar erschienen wären. Die erste Gelegenheit dazu fanden sie in der Mühe, die sie hatten, sich die Handlungen und Gebärden des Abwesenden genau vorzustellen. Da beklagten sie, daß sie seinen Tageslauf nicht kannten; sie machten sich ihren Leichtsinn zum Vorwurf, weil sie es versäumt hatten, sich danach zu erkundigen und vorgegeben hatten, nicht zu wissen, daß für einen Liebenden die Zeiteinteilung des geliebten Menschen die Quelle aller Freuden ist. Von dem Augenblick an war es leicht für sie, den Weg ihrer Liebe zurückzugehen und ihre Unvollkommenheiten zu prüfen. In gewöhnlichen Zeiten empfanden wir alle, bewußt oder unbewußt, daß es keine Liebe gibt, die sich nicht noch steigern kann, und doch ließen wir es mehr oder weniger gleichmütig zu, daß die unsere mittelmäßig blieb. Aber die Erinnerung ist anspruchsvoller. Und das Unglück, das von außen kam und eine ganze Stadt traf, brachte uns sehr folgerichtig mehr als nur ein ungerechtes Leiden, über das wir uns hätten empören können. Es trieb uns auch an, uns selber leiden zu machen und so in den Schmerz einzuwilligen. Das war eine der Arten, auf welche die Krankheit die Aufmerksamkeit ablenkte und Verwirrung stiftete.

So mußte jeder sich darein fügen, in den Tag hinein zu leben, allein im Angesicht des Himmels. Die allgemeine Verlassenheit, die mit der Zeit die Persönlichkeiten stählen konnte, machte sie zunächst oberflächlich. Einige unserer Mitbürger wurden zum Beispiel damals Sklaven im Dienste der Sonne und des Regens. Ihrem Verhalten nach schienen sie zum erstenmal den unmittelbaren Eindruck des Wetters zu empfangen. Bei einem einfachen Strahl goldenen Lichtes erhellte sich ihr Gesicht, während sich an Regentagen ein dichter Schleier über ihr Antlitz und ihre Gedanken legte. Noch vor wenigen Wochen entgingen sie dieser Schwäche und dieser unvernünftigen Knechtschaft, weil sie der Welt nicht allein gegenüberstanden und sich in gewissem Maß der Mensch, mit dem sie lebten, vor ihr Universum stellte. Von nun an waren sie im Gegenteil den Launen des Himmels ausgeliefert, das heißt, daß sie ohne Grund litten und hofften.

In dieser äußersten Einsamkeit konnte niemand auf die Hilfe des Nachbarn zählen, und jeder blieb mit seinen Gedanken allein. Wenn einer von uns zufällig versuchte, aus sich herauszugehen und etwas von seinen Gefühlen zu verraten, so war die Antwort, die er erhielt, fast stets verletzend, gleichgültig, wie immer sie ausfiel. Er merkte dann, daß sie aneinander vorbeiredeten. Er wollte nämlich ausdrücken, was in endlosen Tagen des Grübeins und Leidens in ihm gereift war, und das Bild, das er zu vermitteln suchte, war lange im Feuer des Wartens und der Leidenschaft geglüht worden. Der andere indessen stellte sich eine der üblichen Empfindungen vor, den Schmerz, wie man ihn auf dem Markt verkauft, eine schablonenhafte Schwermut. Die Antwort mochte wohlwollend oder feindselig ausfallen, sie traf immer daneben, man mußte darauf verzichten. Die aber das Schweigen nicht ertrugen, fügten sich wenigstens darein, die Marktsprache zu gebrauchen, da die anderen die wahre Sprache des Herzens nicht fanden, und nun verwendeten auch sie die herkömmlichen Redensarten, die Sprache der einfachen Berichterstattung und der vermischten Nachrichten, der täglichen Chronik gewissermaßen. Die zutiefst gefühlten Schmerzen wurden meistens in den nichtssagenden Ausdrucksformeln der Unterhaltung wiedergegeben. Nur so erlangten die Gefangenen der Pest das Mitgefühl des Hauswarts oder die Aufmerksamkeit ihrer Zuhörer.

So schmerzlich diese Bedrängnis auch war, so schwer das doch leere Herz auch sein mochte, so ist es dennoch sehr wichtig, zu sagen, daß in dieser ersten Periode der Pest diese Verbannten noch Bevorzugte waren. Denn im Augenblick, da die Bevölkerung anfing, die Beherrschung zu verlieren, waren ihre Gedanken ausschließlich auf den Menschen gerichtet, den sie erwarteten. In der allgemeinen Verzweiflung schützte sie die Selbstsucht der Liebe: wenn sie an die Pest dachten, so geschah es immer nur in dem Maße, als sie mit der Trennung auf ewig drohte. So boten sie auch inmitten der Seuche ein Bild heilsamer Zerstreutheit, und man war versucht, sie als Kaltblütigkeit anzusehen. Ihre Hoffnungslosigkeit rettete sie vor der Panik, ihr Unglück hatte auch sein Gutes. Wenn einer von ihnen zum Beispiel von der Krankheit dahingerafft wurde, so geschah es fast immer, ohne daß er Zeit hatte, es zu merken. Ohne Übergang wurde er aus diesem langen, inneren Gespräch mit einem Schatten herausgerissen und in das tiefe Schweigen der Erde geworfen. Er hatte zu nichts mehr Zeit gehabt.

Während unsere Mitbürger versuchten, sich an die plötzliche Verbannung zu gewöhnen, stellte die Pest Wachen an die Tore und leitete die Schiffe, die Oran anlaufen wollten, nach anderen Häfen um. Seit die Stadt geschlossen wurde, war kein einziges Fahrzeug mehr hereingekommen. Von diesem Tag an hatte man den Eindruck, die Autos begännen im Kreis herumzufahren. Auch der Hafen bot denen, die ihn von den Boulevards aus betrachteten, ein seltsames Bild. Die gewohnte Belebtheit, die ihn zu einem der wichtigsten Häfen der Küste machte, war mit einem Schlag erloschen. Man sah nur noch ein paar Schiffe, die in Quarantäne lagen. Aber in den Hafenanlagen zeugten die verlassenen Krane, die auf die Seite gestürzten Kippwagen, die Stapel Fässer oder Säcke davon, daß auch der Handel an der Pest gestorben war.

Trotz dieses ungewohnten Schauspiels hatten unsere Mitbürger offenkundig Mühe zu begreifen, was ihnen zustieß. Es gab wohl gemeinsame Gefühle, wie die Trennung oder die Angst, doch wurden auch weiterhin die eigenen Angelegenheiten am wichtigsten genommen. Noch niemand hatte die Krankheit wirklich anerkannt. Die meisten waren hauptsächlich empfindlich für alles, was sie in ihren Gewohnheiten störte oder ihren Vorteil bedrohte. Dadurch wurden sie gereizt oder aufgebracht, und das sind keine Gefühle, die man der Pest entgegenhalten könnte. So war zum Beispiel ihr erster Gedanke, die Verwaltung zu beschuldigen. Diese von der Presse aufgegriffenen Kritiken (“Könnte man keine Lockerung der vorgesehenen Maßnahmen vorsehen?”) erhielten vom Präfekten eine recht unerwartete Antwort. Bisher waren die Statistiken weder den Zeitungen noch der Agentur Ransdoc amtlich mitgeteilt worden. Nun übermittelte sie der Präfekt Tag für Tag an die Agentur mit der Bitte um wöchentliche Bekanntgabe.

Jedoch auch jetzt war keine unmittelbare Wirkung auf die Öffentlichkeit festzustellen. Die Meldung, daß die dritte Pestwoche 302 Tote gekostet habe, sprach die Einbildungskraft nicht an. Einerseits waren vielleicht gar nicht alle an der Pest gestorben, und andererseits wußte in der Stadt niemand genau, wieviel Leute in gewöhnlichen Zeiten jede Woche starben. Die Stadt hatte zweihunderttausend Einwohner. Niemand wußte, ob diese Anzahl Todesfälle den normalen Verhältnissen entsprach. Das gehört gerade zu jener Art genauer Feststellungen, um die man sich nie kümmert, obwohl sie von offensichtlicher Bedeutung sind. Irgendwie fehlte es den Leuten an Vergleichsmöglichkeiten. Die Wahrheit wurde der öffentlichen Meinung nur langsam bewußt, während sie die Vermehrung der Todesfälle feststellte. In der fünften Woche betrug die Zahl der Toten nämlich 321 und in der sechsten 345. Diese Zunahme redete wenigstens eine deutliche Sprache. Aber sie war nicht stark genug, unsere Mitbürger daran zu hindern, mitten in ihrer Besorgnis den Eindruck zu bewahren, daß es sich um einen zweifellos ärgerlichen, aber schließlich doch nur vorübergehenden Zwischenfall handle.

Also fuhren sie fort, in den Straßen zu verkehren und sich an den Tischen vor den Cafés niederzulassen. Im allgemeinen waren sie nicht feige, wechselten mehr Scherzworte als Klagen und gaben vor, die Unannehmlichkeiten, die ja nur von kurzer Dauer sein konnten, mit gutem Humor zu ertragen. Der Schein blieb gewahrt. Gegen Ende des Monats jedoch, ungefähr während der Betwoche, von der später die Rede sein wird, veränderten tiefergreifende Wandlungen das Aussehen unserer Stadt. Zunächst traf der Präfekt Maßnahmen, die den Fahrzeugverkehr und die Ernährung betrafen. Die Lebensmittel und der Treibstoff wurden rationiert. Es wurden sogar Einsparungen im Elektrizitätsverbrauch vorgeschrieben. Nur die unentbehrlichsten Güter gelangten auf dem Land- und Luftwege nach Oran. So sah man, wie der Verkehr abnahm und allmählich fast völlig aufhörte, wie Luxusgeschäfte ihre Pforten von einem Tag auf den andern schlössen. Wieder andere Läden stellten in ihren Auslagen Listen der fehlenden Waren auf, während die Käufer vor den Eingängen Schlange standen.

Das verlieh Oran ein seltsames Aussehen. Die Zahl der Fußgänger stieg beträchtlich, und selbst während der ruhigsten Tageszeit belebten viele Leute die Straßen und Cafés, weil sie durch die Schließung der Läden oder einzelner Betriebe zur Untätigkeit gezwungen wurden. Für den Augenblick waren sie noch nicht arbeitslos, sondern im Urlaub. Damals erweckte Oran zum Beispiel nachmittags gegen drei Uhr und bei schönem Wetter den trügerischen Eindruck einer Stadt, die ein Fest begeht, die den Verkehr angehalten und die Läden geschlossen hat, um eine öffentliche Kundgebung zu ermöglichen, während die Einwohner sich auf die Straße begeben, um an den Festlichkeiten teilzunehmen.

Selbstverständlich schlugen die Kinos Vorteil aus diesen allgemeinen Ferien und machten große Geschäfte. Aber der Kreislauf, den die Filme innerhalb des Departements einzuhalten pflegten, war unterbrochen. Nach zwei Wochen waren die Unternehmer gezwungen, ihre Programme untereinander auszutauschen, und einige Zeit später führte jedes Kino ständig den gleichen Film vor. Trotzdem gingen die Einnahmen nicht zurück.

Die Cafés schließlich konnten die Gäste weiterhin bedienen, weil die Vorräte in einer hauptsächlich auf Wein- und Spirituosenhandel eingestellten Stadt beträchtlich waren. Um die Wahrheit zu sagen: man trank viel. Nachdem eine Weinstube angeschlagen hatte: “Der edlen Reben Saft bricht der Mikroben Kraft”, verstärkte sich die allgemeine, den Leuten schon längst vertraute Auffassung, daß der Alkohol vor ansteckenden Krankheiten schütze. Jede Nacht, gegen zwei Uhr morgens, wurde ein beträchtlicher Schwarm Betrunkener aus den Weinstuben geworfen und ergoß sich unter optimistischen Bemerkungen in die Straßen.

Aber in gewissem Sinne waren alle diese Veränderungen so außergewöhnlich und so plötzlich eingetreten, daß es nicht leicht fiel, sie als normal und dauerhaft zu betrachten. Das Ergebnis war, daß wir fortfuhren, unsere persönlichen Empfindungen in den Vordergrund zu stellen.

Zwei Tage, nachdem die Stadt geschlossen worden war, stieß Dr. Rieux beim Verlassen des Spitals auf Cottard, dessen Gesicht vor Zufriedenheit glänzte. Rieux beglückwünschte ihn zu seinem guten Aussehen, und der kleine Mann sagte: “Ja, es geht mir ganz ausgezeichnet. Ja, Herr Doktor, diese verfluchte Pest! Es scheint wirklich ernst zu werden.”

Der Arzt gab das zu. Und der andere stellte mit einer gewissen Heiterkeit fest: “Ich sehe keinen Grund, warum sie jetzt aufhören sollte. Alles wird drunter und drüber gehen.”

Sie gingen ein Weilchen Seite an Seite. Cottard erzählte, ein reicher Delikatessenhändler seines Viertels habe Lager von Lebensmitteln angelegt, um sie zu überhöhten Preisen zu verkaufen, und es seien Konservenbüchsen unter seinem Bett gefunden worden, als man ihn ins Spital holte. “Dort ist er gestorben. Die Pest, die macht sich nicht bezahlt.” Cottard wußte zahllose wahre und erfundene Geschichten über die Pest zu erzählen. Man sagte zum Beispiel, eines Morgens sei in der Innenstadt ein von der Krankheit gezeichneter Mann im Delirium auf die Straße gestürzt, habe sich auf die erste beste Frau geworfen, sie umarmt und dazu geschrien, er habe die Pest.

“Schön”, bemerkte Cottard, “wir werden noch alle verrückt, das ist sicher.”

Und sein freundlicher Ton paßte gar nicht zu seiner Behauptung.

Desgleichen, noch am selben Nachmittag, hatte Grand sich dazu entschlossen, sich Dr. Rieux anzuvertrauen. Er hatte auf dem Schreibtisch eine Fotografie von Frau Rieux bemerkt und den Arzt fragend angeschaut. Rieux antwortete, seine Frau weile außerhalb der Stadt zur Kur, und Grand sagte: “In gewisser Hinsicht ist das ein Glück.”

Der Doktor erwiderte, es sei sicher ein Glück, und man müsse nur hoffen, daß seine Frau gesund werde.

“Ah”, sagte Grand, “ich verstehe.”

Und zum erstenmal, seit Rieux ihn kannte, begann er ausführlich zu erzählen. Obwohl er auch jetzt noch seine Worte suchen mußte, gelang es ihm fast immer, sie zu finden, als habe er schon seit langem über das nachgedacht, was er jetzt vorbrachte.

Er hatte sich sehr früh mit einem blutjungen, armen Mädchen aus seiner Nachbarschaft verheiratet. Um zu heiraten, hatte er sogar seine Studien abgebrochen und eine Stelle angenommen. Jeanne und er entfernten sich nie aus ihrem Viertel. Er besuchte Jeanne bei ihren Eltern, die sich ein wenig über diesen schweigsamen, linkischen Bewerber lustig machten. Der Vater war Eisenbahner. Während seiner Freizeit pflegte er still in einer Ecke am Fenster zu sitzen und nachdenklich das Treiben auf der Straße zu betrachten, während er seine riesigen Hände auf die Schenkel stützte. Die Mutter war ständig mit der Haushaltung beschäftigt, und Jeanne half ihr dabei. Das junge Mädchen war so zart, daß Grand sie nie ohne ein Gefühl der Angst die Straße überqueren sah. Die Fahrzeuge erschienen ihm dann immer ungeheuer groß. Einmal standen sie vor einem weihnachtlichen Schaufenster. Jeanne hatte mit staunender Bewunderung die Auslagen betrachtet, sich ihm plötzlich zugeneigt und gesagt: “Wie wunderbar!” Er hatte ihr Handgelenk gedrückt. So war die Heirat beschlossen worden.

Nach Grands Bericht war der Schluß der Geschichte sehr einfach. Es geht allen Leuten gleich: man heiratet, man liebt noch ein wenig, man arbeitet. Man arbeitet so viel, daß man das Lieben darüber vergißt. Jeanne arbeitete ebenfalls, da die Versprechen des Vorgesetzten nicht eingehalten worden waren. Hier mußte man die Phantasie ein bißchen zu Hilfe nehmen, um zu verstehen, was Grand sagen wollte. Unter der Einwirkung der Müdigkeit hatte er sich gehenlassen, sich mehr und mehr ausgeschwiegen und seine junge Frau nicht in ihrem Glauben bestärkt, daß sie geliebt werde. Ein Mann, der arbeitet, die Armut, die sich langsam verschließende Zukunft, das Schweigen der Abende am Familientisch—in solch einer Welt war kein Platz für die Leidenschaft. Wahrscheinlich hatte Jeanne gelitten. Dennoch war sie geblieben: es kommt vor, daß man lange leidet, ohne es zu wissen. Jahre waren verflossen. Später war sie fortgegangen. Natürlich nicht allein. “Ich habe Dich sehr geliebt, aber nun bin ich müde…Es macht mich nicht glücklich, fortzugehen, aber man braucht ja nicht glücklich zu sein, um neu anzufangen.” So ungefähr hatte sie ihm geschrieben.

Joseph Grand hatte seinerseits gelitten. Er hätte neu anfangen können, wie Rieux es ihm riet. Aber er hatte nun einmal kein Vertrauen.

Ganz einfach, weil er immer noch an sie dachte. Er hätte ihr einen Brief schreiben wollen, um sich zu rechtfertigen. “Aber das ist schwer”, sagte er. “Ich trage mich schon lange mit dem Gedanken. Solange wir uns liebhatten, verstanden wir uns ohne Worte. Aber man hat sich nicht ewig lieb. Der Augenblick kam, da ich das Wort hätte finden sollen, das sie zurückgehalten hätte. Aber ich habe es nicht vermocht.” Grand schneuzte sich in ein kariertes Tuch. Dann wischte er sich den Schnurrbart ab. Rieux betrachtete ihn.

“Entschuldigen Sie mich, Herr Doktor”, sagte der Alte. “Aber wie soll ich sagen….? Ich habe Vertrauen zu Ihnen. Mit Ihnen kann ich reden. Das bewegt mich dann innerlich.”

Grand war mit seinen Gedanken offensichtlich tausend Meilen von der Pest entfernt.

Am Abend telegrafierte Rieux seiner Frau, die Stadt sei geschlossen, es gehe ihm gut, sie müsse weiter für ihre Gesundheit Sorge tragen, und er denke an sie.

Drei Wochen nach der Abriegelung der Stadt traf Rieux am Ausgang des Spitals einen jungen Mann, der auf ihn wartete und ihn mit den Worten ansprach: “Ich vermute, daß Sie mich wiedererkennen.”

Rieux glaubte ihn zu kennen, doch zögerte er.

“Ich bin vor diesen Ereignissen zu Ihnen gekommen”, fing der andere wieder an, “um Sie über die Lebensbedingungen der Araber um Auskunft zu bitten. Mein Name ist Raymond Rambert.”

“Ach natürlich!” sagte Rieux. “Nun, jetzt haben Sie ja ein schönes Thema für einen Bericht.”

Der andere schien erregt. Er erklärte, es handle sich nicht darum, sondern er sei gekommen, um Dr. Rieux um einen Gefallen zu bitten. Und er fügte hinzu: “Es tut mir leid, aber ich kenne niemand in dieser Stadt, und der hiesige Mitarbeiter meiner Zeitung hat das Unglück, schwachsinnig zu sein.”

Rieux schlug vor, er solle ihn bis zu einer Poliklinik der Innenstadt begleiten, da er dort ein paar Anordnungen treffen müsse. Sie gingen die Gassen des Negerviertels hinab. Der Abend nahte. Aber die früher um diese Zeit so laute Stadt erschien seltsam verlassen. Ein paar Trompetenstöße unter dem noch goldenen Himmel zeugten allein davon, daß die Soldaten vorgaben, sie gingen ihrem Beruf nach. Während sie durch die steilen Straßen zwischen den blauen, braungelben und violetten Wänden der maurischen Häuser dahinschritten, sprach Rambert in großer Erregung. Er hatte seine Frau in Paris gelassen. Das heißt, sie war eigentlich nicht seine Frau, aber es kam auf das gleiche heraus. Er hatte ihr sofort gekabelt, als die Stadt geschlossen wurde. Zuerst hatte er geglaubt, es handle sich um ein vorübergehendes Ereignis, und hatte nur versucht, schriftlich mit ihr in Verbindung zu bleiben. Seine Kollegen in Oran hatten ihm zu verstehen gegeben, daß sie nichts unternehmen könnten. Die Post hatte ihn abgewiesen, und eine Sekretärin auf der Präfektur hatte ihn rundweg ausgelacht. Nach zweistündigem Schlangestehen hatte er es schließlich erreicht, daß ein Telegramm angenommen wurde, in dem er schrieb: “Alles in Ordnung. Bis bald.”

Aber am Morgen beim Aufstehen war ihm plötzlich eingefallen, daß er ja eigentlich gar nicht wußte, wie lange das dauern konnte. Er hatte beschlossen, abzureisen. Da er gute Empfehlungen hatte (in seinem Beruf genießt man Erleichterungen), konnte er an einen Abteilungsvorsteher der Präfektur gelangen und ihm klarmachen, daß er keine Beziehung zu Oran habe, nicht hier zu bleiben gedenke, nur zufällig hierhergeraten sei, und daß es deshalb nur gerecht wäre, wenn man ihm erlaubte, fortzugehen, selbst wenn er sich nach Verlassen der Stadt einer Quarantäne unterziehen müßte. Der Vorsteher hatte ihm versichert, er begreife ihn sehr gut, doch könne man keine Ausnahmen machen. Er werde sich seiner annehmen, aber die Lage sei eben sehr ernst, und man könne nichts mit Bestimmtheit sagen.

“Aber”, hatte Rambert eingeworfen, “schließlich bin ich doch fremd in dieser Stadt.”

“Gewiß, aber wir wollen nur hoffen, daß die Seuche nicht lange dauert.”

Endlich hatte er versucht, Rambert zu trösten, indem er ihm vor Augen hielt, daß er in Oran den Stoff zu einer Anzahl spannender Berichte finden könne und daß, genaugenommen, jedes Geschehen auch sein Gutes habe. Rambert zuckte die Achseln. Sie erreichten die Innenstadt.

“Es ist stumpfsinnig, verstehen Sie, Herr Doktor? Ich bin nicht in die Welt gesetzt worden, um Berichte zu schreiben. Aber vielleicht bin ich in die Welt gesetzt worden, um mit einer Frau zu leben. Ist das nicht natürlich?”

Rieux sagte, daß es auf jeden Fall vernünftig scheine.

Auf den Boulevards der Innenstadt sah man nicht die gewöhnliche Menschenmenge. Einige Fußgänger strebten in großer Eile fernen Behausungen zu. Keiner lächelte. Rieux dachte, dies sei die Folge der Ransdoc-Meldung, die an diesem Tag erschienen war. Nach 24 Stunden begannen unsere Mitbürger immer wieder zu hoffen. Aber am Tag selber hafteten die Zahlen noch zu frisch im Gedächtnis.

Unvermittelt fing Rambert wieder an.

“Es ist nämlich so, daß wir uns erst seit kurzem kennen und uns gut verstehen.”

Rieux schwieg.

“Aber ich langweile Sie”, fuhr Rambert fort. “Ich wollte Sie bloß fragen, ob Sie mir nicht bescheinigen könnten, daß ich diese verdammte Krankheit nicht habe. Ich glaube, das würde mir nützen.”

Rieux nickte zustimmend. Er fing einen kleinen Jungen auf, der ihm vor die Beine gelaufen war, und stellte ihn sorgfältig wieder auf die Füße. Sie gingen weiter und gelangten auf den Waffenplatz. Grau, staubbedeckt und unbeweglich hingen die Zweige der Feigenbäume und Palmen um ein verstaubtes, schmutziges Standbild der Republik. Unter dem Denkmal blieben sie stehen. Rieux klopfte seine weißlich überzogenen Schuhe am Boden ab. Er blickte Rambert an. Mit seinem leicht ins Genick geschobenen Filzhut, dem unter der Halsbinde aufgeknöpften Hemd und dem unrasierten Bart sah der Zeitungsmann eigensinnig und verdrossen aus.

“Ich versichere Ihnen, daß ich Sie verstehe”, sagte Rieux schließlich. “Aber Ihre Überlegungen sind unrichtig. Ich kann Ihnen diese Bescheinigung nicht ausstellen, weil ich in Wahrheit tatsächlich gar nicht weiß, ob Sie die Krankheit haben oder nicht, und weil es mir sogar in diesem Fall unmöglich wäre, zu bestätigen, daß Sie nicht angesteckt werden, während Sie von meinem Untersuchungszimmer zur Präfektur gehen. Und selbst wenn…”

“Und selbst wenn?” fragte Rambert.

“Und selbst wenn ich Ihnen dies Zeugnis gäbe, würde es Ihnen nichts helfen.”

“Warum nicht?”

“Weil in dieser Stadt Tausende in Ihrer Lage sind und man sie doch nicht fortgehen lassen kann.”

“Aber wenn sie selbst die Pest nicht haben?”

“Das ist kein genügender Grund. Ich weiß wohl, daß diese Geschichte unsinnig ist, aber sie betrifft uns alle. Man muß sie nehmen, wie sie ist.”

“Aber ich bin doch nicht von hier!”

“Leider werden Sie von jetzt an von hier sein wie alle anderen auch.”

Rambert eiferte: “Ich schwöre Ihnen, es ist eine Frage der Menschlichkeit. Vielleicht machen Sie sich nicht klar, was eine Trennung wie die gegenwärtige für zwei Menschen bedeutet, die sich gut verstehen.”

Rieux antwortete nicht sogleich. Dann sagte er, er glaube, sich darüber klar zu sein. Er wünsche von ganzem Herzen, daß Rambert seine Frau wiederfinde und daß alle Liebenden vereint würden; aber es gebe Erlasse und Gesetze, es gebe die Pest; seine Aufgabe bestehe darin, zu tun, was notwendig sei.

“Nein”, sagte Rambert bitter, “Sie können nicht verstehen. Sie reden die Sprache der Vernunft, Sie sind in der Abstraktion.”

Der Arzt hob die Augen zur Republik und sagte, er wisse nicht, ob er die Sprache der Vernunft rede, doch sei es wohl die Sprache der Tatsachen, und das sei nicht unbedingt das gleiche.

Der Journalist rückte seinen Schlips zurecht und antwortete: “Das heißt also, daß ich mich anders durchschlagen muß? Jedenfalls werde ich diese Stadt verlassen”, fügte er fast herausfordernd hinzu.

Der Arzt sagte, er verstehe auch das, aber es gehe ihn nichts an.

“Doch, es geht Sie an”, erklärte Rambert mit plötzlicher Heftigkeit. “Ich bin zu Ihnen gekommen, weil mir gesagt wurde, daß Sie die Verordnungen weitgehend mitbestimmt haben. Da habe ich gedacht, daß Sie wenigstens für einmal das lösen könnten, was Sie knüpfen halfen. Aber das ist Ihnen gleichgültig. Sie haben an niemand gedacht. Sie haben nicht mit denen gerechnet, die getrennt waren.”

Rieux gab zu, daß dies in gewissem Sinne wahr sei, er habe nicht damit rechnen wollen.

“Aha”, sagte Rambert, “ich verstehe. Sie wollen vom Dienst an der Öffentlichkeit sprechen. Aber das Wohl des Volkes setzt sich aus dem Glück der einzelnen Bürger zusammen.”

“Hören Sie”, sagte der Arzt, der aus seiner Gedankenverlorenheit zu erwachen schien, “es gibt außerdem noch etwas anderes. Man darf nicht richten. Aber Sie haben unrecht, wenn Sie böse werden. Wenn Sie aus dieser Sache herauskommen, werde ich sehr glücklich sein. Nur gibt es eben Dinge, die mein Amt mir untersagt.”

Der andere schüttelte ungeduldig den Kopf.

“Gewiß, ich habe unrecht, mich zu ärgern. Und zudem habe ich Sie gerade lange genug aufgehalten.”

Rieux bat, er möge ihn über seine Schritte auf dem laufenden halten und keinen Groll gegen ihn hegen. Es gebe sicher eine Ebene, auf der sie sich finden könnten. Rambert schien betroffen und sagte nach einem Schweigen: “Ich glaube es, ja, ich glaube es, ohne es zu wollen und trotz allem, was Sie mir gesagt haben.” Er zögerte: “Aber ich kann Ihnen nicht beipflichten.”

Er drückte seinen Hut in die Stirn und entfernte sich mit raschen Schritten. Rieux sah ihn das Hotel betreten, das Jean Tarrou bewohnte.

Nach einem Augenblick schüttelte der Arzt den Kopf. Rambert hatte recht mit seinem ungeduldigen Verlangen nach Glück. Aber hatte er auch recht, wenn er ihn anklagte? “Sie leben in der Abstraktion.” War das wirklich die Abstraktion, all die Tage, die er im Spital verbrachte, wo die Pest immer gefräßiger wurde und jede Woche durchschnittlich fünfhundert Opfer forderte ? Ja, es gab in dem Elend einen Teil Abstraktion und Unwirklichkeit. Aber wenn die Abstraktion anfängt, einen zu töten, dann muß man sich wohl oder übel mit ihr beschäftigen. Und Rieux wußte nur, daß es nicht leicht war. Es war zum Beispiel nicht leicht, das Hilfsspital (es gab jetzt deren drei) zu leiten, das ihm unterstellt worden war. Er hatte einen Raum, der an das Untersuchungszimmer grenzte, als Aufnahmezimmer einrichten lassen. Auf dem ausgehobenen Boden bildete die Kresollösung einen See, in dessen Mitte sich eine kleine Backsteininsel befand. Der Kranke wurde auf seine Insel getragen und rasch ausgezogen, während seine Kleider ins Wasser fielen. Dann wurde er gewaschen, abgetrocknet, mit dem groben Spitalhemd bekleidet, von Rieux übernommen und schließlich in einen der Säle gebracht. Man hatte sich gezwungen gesehen, die Nebengebäude einer Schule zu verwenden; sie enthielten nun insgesamt fünfhundert Betten, die fast alle belegt waren. Am Morgen leitete Rieux selbst die Aufnahme der Kranken, impfte sie, schnitt die Beulen auf, überprüfte noch die Statistik und empfing dann am Nachmittag die Patienten, die ihn aufsuchten. Am Abend machte er schließlich seine Besuche und kehrte spät in der Nacht zurück. Am Vorabend hatte Dr. Rieux’ Mutter ihm ein Telegramm seiner Frau hingestreckt und dabei bemerkt, wie seine Hände zitterten.

“Ja”, sagte er, “aber wenn ich nicht nachgebe, werde ich weniger nervös.”

Er war kräftig und widerstandsfähig. Und er war auch tatsächlich noch nicht ermüdet. Aber diese Besuche zum Beispiel, die wurden ihm unerträglich. Das Pestfieber feststellen hieß, den Kranken rasch abholen lassen. Dann begann allerdings die Abstraktion und die Schwierigkeit, denn die Angehörigen wußten, daß sie den Kranken nur geheilt oder tot wiedersehen würden. “Erbarmen, Herr Doktor!” sagte Frau Loret, die Mutter des Zimmermädchens aus Tarrous Hotel. Was hieß das? Natürlich hatte er Erbarmen. Aber das brachte niemand weiter. Man mußte telefonieren. Bald darauf ertönte das Bimmeln des Krankenwagens. Im Anfang öffneten die Nachbarn ihre Fenster und schauten zu. Später schlossen sie sie hastig. Dann begannen die Kämpfe, die Tränen, die Überredung, mit einem Wort: die Abstraktion. In diesen von Fieber und Todesangst überhitzten Wohnungen spielten sich Szenen des Irrsinns ab. Aber der Kranke wurde fortgetragen. Rieux konnte gehen.

Die ersten Male hatte er sich auf das Bestellen des Krankenwagens beschränkt und war, ohne auf ihn zu warten, zu anderen Kranken geeilt. Aber die Angehörigen hatten inzwischen die Tür verschlossen und zogen die Nähe der Pest einer Trennung vor, deren Ausgang sie jetzt kannten. Schreie, ausdrückliche Befehle, Eingreifen der Polizei und später der Soldaten, der Kranke wurde im Sturm genommen. Während der ersten Wochen war Rieux gezwungen, bis zum Eintreffen des Krankenwagens dazubleiben. Dann, als jeder Arzt auf seinen Besuchen von einem freiwilligen Aufsichtsbeamten begleitet wurde, konnte Rieux wieder von einem Kranken zum andern eilen. Aber in der ersten Zeit war jeder Abend wie jener, an dem er die kleine, mit Fächern und künstlichen Blumen geschmückte Wohnung von Frau Loret betrat, die ihn gezwungen lächelnd mit den Worten empfing: “Ich hoffe sehr, daß es nicht das Fieber ist, von dem alle Leute sprechen.”

Er aber schlug Bettuch und Hemd zurück und betrachtete schweigend die roten Flecken auf Bauch und Schenkeln und die Schwellungen der Lymphdrüsen. Die Mutter schaute auf die Innenflächen der Beine ihrer Tochter und schrie auf, ohne sich beherrschen zu können. Jeden Abend heulten Mütter so, mit abwesender Miene, vor Körpern, die sich mit all ihren Todesmalen darboten; jeden Abend wurden Rieux’ Arme umklammert, überstürzten sich nutzlose Worte, Versprechen, Weinen; jeden Abend lösten die Glocken der Krankenwagen Anfälle aus, die gleich vergeblich waren wie jeder Schmerz. Und nach dieser langen Folge stets gleicher Abende konnte Rieux nichts anderes erhoffen als eine lange Folge derselben Auftritte, die sich unendlich oft wiederholen würden. Ja, die Pest war eintönig wie die Abstraktion. Es gab vielleicht nur etwas, das sich änderte: Rieux selbst. Er empfand dies an jenem Abend am Fuße des Standbildes der Republik; er war sich nur noch jener schwer erringbaren Gleichgültigkeit bewußt, die ihn zu erfüllen begann, während er unverwandt auf den Hoteleingang starrte, in dem Rambert verschwunden war.

Nach diesen aufreibenden Wochen, nach all den Abenddämmerungen, da die Stadt in die Straßen strömte, um sich dort im Kreis zu bewegen, verstand Rieux, daß er sich nicht mehr gegen das Mitleid wehren mußte. Man wird des Mitleids müde, wenn das Mitleid nutzlos ist. Zu fühlen, wie sein Herz sich allmählich in sich selbst verschloß, brachte Dr. Rieux während jener erdrückenden Tage die einzige Linderung. Er wußte, daß ihm dadurch seine Aufgabe erleichtert wurde. Deshalb freute er sich darüber. Als Rieux’ Mutter ihn um zwei Uhr morgens empfing und über die Leere seines Blicks betrübt war, beklagte sie ausgerechnet die einzige Hilfe, die ihm in diesem Augenblick zuteil werden konnte. Um gegen die Abstraktion kämpfen zu können, muß man ihr ein wenig gleichen. Aber wie hätte Rambert das nachfühlen sollen? Für Rambert war alles Abstraktion, was sich seinem Glück in den Weg stellte. Und in Wahrheit wußte Rieux, daß der Journalist in gewissem Sinne recht hatte. Er wußte aber auch, daß die Abstraktion sich manchmal stärker zeigt als das Glück und daß man dann, und nur dann, mit ihr rechnen muß. Das sollte auch Rambert erfahren, und der Arzt konnte es in allen Einzelheiten aus dem entnehmen, was ihm Rambert später anvertraute. So konnte er auf einem neuen Gebiet den trostlosen Kampf verfolgen, der zwischen dem Glück jedes einzelnen Menschen und den Abstraktionen der Pest ausgetragen wurde und der während dieser langen Zeit das ganze Leben unserer Stadt ausmachte.

Aber da, wo die einen Abstraktion sahen, sahen die anderen Wahrheit. Das Ende des ersten Pestmonats wurde nämlich verdüstert durch eine deutliche Verschlimmerung der Seuche und eine heftige Predigt des Jesuitenpaters Paneloux, der damals dem alten Michel beim Ausbruch seiner Krankheit beigestanden war. Pater Paneloux hatte sich durch seine häufige Mitarbeit an der Zeitschrift der geographischen Gesellschaft von Oran ausgezeichnet, in der seine Rekonstruktionen von Inschriften hohes Ansehen genossen. Er hatte sich jedoch mit einer Reihe von Vorträgen über den modernen Individualismus eine größere Zuhörerschaft erworben, als sie ein Spezialist gewöhnlich findet. Er hatte leidenschaftlich ein anspruchsvolles Christentum gefordert, das von der modernen Freidenkerei so entfernt sein sollte wie vom Obskurantismus der vergangenen Jahrhunderte. Bei dieser Gelegenheit hatte er sich nicht gescheut, seinen Zuhörern einige bittere Wahrheiten zu sagen. Daher sein Ruf.

Nun beschlossen gegen Ende dieses Monats die Kirchenbehörden unserer Stadt, mit ihren Mitteln gegen die Pest zu kämpfen und eine Woche des gemeinschaftlichen Gebetes durchzuführen. Diese Kundgebungen der öffentlichen Frömmigkeit sollten am Sonntag mit einer feierlichen Messe zu Ehren des Pestheiligen St. Rochus ihren Abschluß finden. Man hatte Pater Paneloux gebeten, bei diesem Anlaß das Wort zu ergreifen. Seit vierzehn Tagen hatte sich dieser von seinen Arbeiten über Augustinus und die afrikanische Kirche losgerissen, dank denen er in seinem Orden eine Sonderstellung einnahm. Heftig und leidenschaftlich, wie er war, hatte er die ihm übertragene Aufgabe entschlossen angenommen. Schon lange vorher wurde in der Stadt von jener Predigt gesprochen, die auf ihre Weise einen wichtigen Tag in der Geschichte dieser Zeit bedeutete.

Die Gebetswoche wurde von vielen Leuten besucht. Nicht etwa, daß für gewöhnlich die Einwohner von Oran besonders fromm gewesen wären. Am Sonntagmorgen zum Beispiel machten die Meerbäder der Messe ernsthaft Konkurrenz. Es war auch nicht so, daß eine plötzliche Bekehrung sie erleuchtet hätte. Aber einerseits war die Stadt geschlossen und der Hafen verboten und damit das Baden unmöglich, und andererseits befanden sie sich in einem ganz besonderen Geisteszustand, in dem sie genau spürten, daß sich etwas verändert hatte, obwohl sie sich im innersten Herzen die überraschenden Ereignisse, die sie trafen, noch nicht eingestanden. Viele hofften indessen, die Seuche werde aufhören und sie und die ihren verschonen. Infolgedessen fühlten sie sich noch zu nichts verpflichtet. Die Pest war für sie bloß ein unangenehmer Besuch, der eines Tages auch wieder fortgehen mußte, wie er gekommen war. Sie waren erschreckt, aber nicht verzweifelt, und der Zeitpunkt war noch nicht erreicht, da sie in der Pest ihre eigentliche Lebensform erblicken und ihr bisheriges Dasein vergessen würden. Kurz, sie warteten. Hinsichtlich der Religion wie vieler anderer Probleme flößte die Pest ihnen eine merkwürdige Geisteshaltung ein, die weder Gleichgültigkeit noch Leidenschaft kannte und die sehr gut mit dem Wort “Unvoreingenommenheit” bezeichnet werden kann. Von den Leuten, die die Gebetswoche mitmachten, hätten zum Beispiel die meisten dem Gedanken beigestimmt, den ein Gläubiger Dr. Rieux gegenüber äußerte: “Auf jeden Fall schadet es nicht.” Tarrou verzeichnete in seinem Tagebuch zuerst, daß die Chinesen bei einer solchen Gelegenheit vor dem Genius der Pest Tamburin spielen und bemerkte dann, man könne ganz unmöglich wissen, ob das Tamburin wirksamer sei als die Vorbeugungsmaßnahmen. Er fügte nur hinzu: um das zu entscheiden, müßte man die Gewißheit haben, daß es einen Pestgenius gebe, und unsere Ungewißheit in diesem Punkt machte jede Erörterung unfruchtbar.

Auf alle Fälle war unsere Kathedrale während der ganzen Woche beinahe voll besetzt. In den ersten Tagen blieben noch viele Bewohner in den Anlagen von Palmen und Granatbäumen, die an den Vorhof grenzen, um von dort aus der Brandung der Anrufungen und Gebete zuzuhören, die bis auf die Straße hinausdrangen. Nach und nach entschlossen sich die gleichen Zuhörer, dem Beispiel der anderen zu folgen, einzutreten und schüchtern in den Antwortgesang der Gemeinde einzustimmen. Und am Sonntag füllte eine beträchtliche Menschenmenge das Kirchenschiff, drang bis in den Vorhof und stand noch auf den obersten Treppenstufen. Seit dem Vorabend hatte sich der Himmel überzogen, und es regnete in Strömen. Die draußen Stehenden hatten die Regenschirme aufgespannt. Ein Geruch von Weihrauch und feuchtem Stoff schwebte in der Kirche, als Pater Paneloux die Kanzel bestieg.

Er war mittelgroß, aber stämmig. Als er sich auf die Brüstung der Kanzel stützte und mit seinen derben Händen das Holz umschloß, sah man nur seine massige schwarze Gestalt, aus der seine hochroten Wangen unter einer Stahlbrille wie zwei Farbflecke hervorstachen. Er hatte eine kräftige, leidenschaftliche, weittragende Stimme, und die Gemeinde wurde bis auf den Vorhof hinaus von einem Schauer durchdrungen, als er sie mit einem einzigen, heftigen, hämmernden Satz ansprach: “Meine Brüder, ihr seid im Unglück, meine Brüder, ihr habt es verdient.”

Was folgte, schien logisch nicht zu diesem pathetischen Anfang zu passen. Erst im weiteren Verlauf begriffen unsere Mitbürger, daß der Pater mit einem geschickten rednerischen Vorgehen in einem Satz wie mit einem Keulenschlag das Thema der ganzen Predigt ausgedrückt hatte. Paneloux las nämlich sogleich nach diesem Anfang den Text über den Auszug aus dem von der Pest heimgesuchten Ägypten und sagte: “Das erste Mal erscheint diese Geißel in der Geschichte, um die Feinde Gottes zu strafen. Pharao widersetzt sich den Absichten des Ewigen, und die Pest zwingt ihn in die Knie. Seit allem Anfang der Geschichte wirft die Geißel Gottes die Hochmütigen und die Verblendeten zu seinen Füßen nieder. Bedenket das und fallt auf die Knie.”

Draußen strömte der Regen mit erneuter Heftigkeit nieder, und das Prasseln an den Fenstern verstärkte noch das Schweigen, in das dieser letzte Satz hineinfiel; er ertönte mit solchem Widerhall, daß nach einer Sekunde des Zögerns einige Zuhörer sich vom Stuhl auf den Betschemel gleiten ließen. Andere glaubten, sie müßten ihrem Beispiel folgen, so daß, ohne ein anderes Geräusch als das Krachen einiger Stühle, bald die ganze Gemeinde kniete. Da richtete sich Paneloux auf, atmete tief und fuhr immer eindringlicher fort: “Wenn euch heute die Pest anschaut, so deshalb, weil der Augenblick des Nachdenkens gekommen ist. Die Gerechten brauchen sich nicht davor zu fürchten, aber die Bösen haben Ursache zu zittern. In der unermeßlichen Scheuer des Weltalls wird der unerbittliche Dreschflegel das menschliche Korn dreschen, bis die Spreu vom Weizen geschieden ist. Es wird mehr Spreu geben als Weizen, mehr Berufene als Auserwählte, und dieses Unglück ist nicht von Gott gewollt. Zu lange hat diese Welt sich mit dem Bösen vertragen, zu lange hat sie sich auf das göttliche Erbarmen verlassen. Man mußte nur bereuen, dann war alles erlaubt. Und jeder war seiner Reue sicher. Wenn es darauf ankam, würde man sie gewiß empfinden. Bis dahin war es am einfachsten, wenn man sich gehen ließ, das Göttliche Erbarmen würde schon für das Übrige sorgen. Nun, das konnte nicht so weitergehen. Gott hat so lange sein Antlitz des Mitleids den Menschen dieser Stadt zugekehrt; jetzt hat er, des Wartens müde, enttäuscht in seiner ewigen Hoffnung, seinen Blick abgewandt. Des göttlichen Lichtes beraubt, sind wir jetzt für lange Zeit in die Finsternis der Pest gestürzt!”

Jemand schnaubte wie ein ungeduldiges Pferd. Nach einer kurzen Pause fuhr der Pater leiser fort: “In der Goldenen Legende steht, daß zur Zeit des Königs Humbert die Lombardei von einer so heftigen Pest verwüstet wurde, daß es kaum genug Lebende gab, um die Toten zu bestatten; und diese Pest wütete hauptsächlich in Rom und in Pavia, und ein guter Engel erschien sichtbarlich und gab dem bösen Engel, der einen Jagdspieß trug, Anweisungen und befahl ihm, an die Häuser zu schlagen, und so viele Schläge ein Haus erhielt, so viele Tote wurden hinausgetragen.”

Hier streckte Paneloux seine beiden kurzen Arme zum Vorhof aus, als zeige er auf etwas hinter dem schwanken Vorhang des Regens. “Liebe Brüder”, sagte er kraftvoll, “heute wird die gleiche tödliche Jagd in unseren Straßen gejagt. Schaut ihn, diesen Pestengel, schön wie Luzifer und strahlend wie das Böse selber. Er steht über euren Dächern, seine Rechte hält den roten Spieß erhoben, und mit der Linken deutet er auf eines eurer Häuser. Vielleicht reckt er den Finger in diesem Augenblick gegen eure Tür, der Spieß erdröhnt auf dem Holz; in dem Augenblick tritt die Pest bei euch ein, setzt sich in euer Zimmer und wartet auf eure Rückkehr. Da sitzt sie, aufmerksam und geduldig, so sicher wie die Ordnung der Welt. Keine Macht der Erde und, merkt es wohl, nicht einmal die eitle Wissenschaft der Menschen kann verhüten, daß ihr die Hand ergreift, die sie euch hinhält. Und auf der blutigen Tenne des Schmerzes gedroschen, werdet ihr zur Spreu geworfen werden.”

An dieser Stelle nahm der Pater das pathetische Bild des Dreschflegels wieder auf und malte es noch weiter aus. Er zeichnete das ungeheure Stück Holz, das über der Stadt wirbelte, blind zuschlug und blutbefleckt weiterdrehte und endlich das Blut und den Schmerz der Menschen ausstreute “für Saaten, die die Ernte der Wahrheit vorbereiten”.

Nach diesem langen Teil hielt Pater Paneloux inne; die Haare fielen ihm in die Stirn, das Zittern seines Körpers pflanzte sich in die Hände und in die Kanzel fort; dumpfer, aber in anklagendem Ton fuhr er fort: “Ja, die Zeit der Besinnung ist gekommen. Ihr habt geglaubt, wenn ihr Gott am Sonntag einen Besuch machtet, genüge das, um die übrigen Tage frei zu sein. Ihr habt gedacht, ein paar Kniebeugen entschädigten ihn wohl für eure verbrecherische Sorglosigkeit. Aber Gott ist nicht lau. Diese seltenen Bezeigungen waren nicht genug für seine verzehrende Liebe. Er wollte euch länger sehen; das ist seine Art, euch zu lieben, und in Wahrheit ist es die einzige Art zu lieben. Nun ist er es müde geworden, auf euer Kommen zu warten, darum läßt er die Geißel euch heimsuchen, wie er alle sündigen Städte heimgesucht hat, seitdem die Menschen eine Geschichte haben. Ihr wißt jetzt, was die Sünde ist, wie Kain und seine Söhne es gewußt haben, wie die Menschen vor der Sintflut, wie die in Sodom und Gomorra, wie Pharao und wie Hiob und auch wie alle Verdammten. Und wie alle diese schaut ihr mit neuen Augen auf die Menschen und die Dinge seit dem Tag, da diese Stadt ihre Mauern um euch und die Heimsuchung geschlossen hat. Jetzt endlich wißt ihr, daß es um das Letzte geht.”

Ein feuchter Wind fing sich nun im Kirchenschiff, und die Kerzenflammen neigten sich knisternd. Ein dichter Wachsgeruch, Husten, Niesen stiegen zu Pater Paneloux empor; dieser kam mit einer von vielen geschätzten Eleganz auf seine Ausführungen zurück: “Ich weiß, daß viele unter euch sich fragen, wo ich hinaus will. Ich will euch zur Wahrheit bringen und euch lehren, euch zu freuen, trotz allem, was ich gesagt habe. Die Zeit ist vorüber, da gute Ratschläge oder eine brüderliche Hand die Mittel waren, mit denen ihr auf den rechten Weg zu führen seid. Heute ist die Wahrheit ein Befehl. Und ein roter Spieß zeigt euch den Weg des Heils und stößt euch darauf. Hier, liebe Brüder, wird endlich das göttliche Erbarmen offenbar, das in jedes Ding das Gute und das Böse legt, den Zorn und das Mitleid, die Pest und das Heil. Sogar die Geißel, die euch martert, erhebt euch noch und zeigt euch den Weg.

Vor langer Zeit sahen die Christen Abessiniens in der Pest ein wirksames, gottgesandtes Mittel, um in die Ewigkeit zu gelangen. Diejenigen, die nicht angesteckt waren, wickelten sich in die Bettlaken der Pestkranken, um ganz sicher zu sterben. Zweifellos ist diese Heilssucht nicht zu empfehlen. Sie verrät eine bedauerliche Überstürzung, die an Hochmut grenzt. Man darf es nicht eiliger haben als Gott, und alles, was die unveränderliche Ordnung, die er ein für allemal festgesetzt hat, beschleunigen will, führt zur Ketzerei. Aber dieses Beispiel birgt wenigstens eine Lehre. Für uns, die wir klarer sehen, läßt es einfach jenen wunderbaren Schein der Ewigkeit hervortreten, der auf dem Grund jedes Leides ruht. Dieser Schein erhellt die dämmerigen Wege, die zur Erlösung führen. Er offenbart den göttlichen Willen, der ohne Unterlaß das Böse in Gutes verwandelt. Auch heute noch führt er uns auf diesen Pfaden von Tod, Angst und Gezeter der letzten Stille und dem Urquell allen Lebens entgegen. Liebe Brüder, darin liegt der unermeßliche Trost, den ich euch bringen wollte, damit ihr nicht nur Züchtigung von hinnen traget, sondern auch ein Wort der Linderung.” Man spürte, daß Paneloux geendet hatte. Draußen hatte der Regen aufgehört. Ein Himmel aus Wasser und Sonne verströmte ein verjüngtes Licht auf den Platz. Auf der Straße ertönten Stimmenlärm, das Gleiten von Fahrzeugen, alle Geräusche einer erwachenden Stadt. Mit gedämpfter Unruhe rafften die Zuhörer verstohlen ihre Siebensachen zusammen. Der Pater ergriff jedoch das Wort noch einmal und sagte, nachdem er den göttlichen Ursprung der Pest und die strafende Absicht der Heimsuchung aufgezeigt habe, sei er fertig und wolle in einer so tragischen Angelegenheit keine unangebrachte Beredsamkeit entfalten. Es scheine ihm, es müsse allen alles klar sein. Er erinnerte nur daran, daß anläßlich der großen Pest von Marseille der Chronist Matthias Marais sich beklagt habe, er müsse in der Hölle leben, so ohne Hilfe und ohne Hoffnung. Nun gut! Matthias Marais war blind! Pater Paneloux hatte im Gegenteil nie mehr als heute die göttliche Hilfe und die christliche Hoffnung gespürt, die allen dargeboten wurden. Er hoffte gegen jede Hoffnung, daß trotz des Entsetzens dieser Tage und der Schreie der Sterbenden unsere Mitbürger das einzige Wort an den Himmel richten würden, das christlich und deshalb ein Wort der Liebe sei. Gott werde das übrige tun.

Ob diese Predigt unsere Mitbürger beeinflußte, ist schwer zu sagen. Der Untersuchungsrichter, Herr Othon, erklärte Dr. Rieux, er habe die Ausführungen von Pater Paneloux “absolut unwiderlegbar” gefunden. Aber nicht alle waren so entschiedener Meinung. Immerhin verhalf die Predigt einigen zur Klärung des bisher verschwommenen Eindrucks, daß sie eines unbekannten Verbrechens wegen zu einer unvorstellbaren Gefangenschaft verurteilt waren. Und während die einen ihr kleines Leben weiterlebten und sich der Einkerkerung anpaßten, begann der Gedanke an Flucht aus diesem Gefängnis andere völlig zu beherrschen. Zuerst hatten die Leute ihre Abschließung von der Außenwelt hingenommen, wie sie jede andere vorübergehende Belästigung hingenommen hätten, die sie nur in einigen ihrer Gewohnheiten störte. Aber plötzlich wurden sie sich einer Art Einsperrung bewußt, und unter der Glocke des Himmels, in dem der Sommer zu knistern anfing, spürten sie verworren, daß diese Abgeschnittenheit ihr ganzes Leben bedrohte. Die Willenskraft, die sie in der Abendkühle zurückgewannen, trieb sie manchmal zu Verzweiflungstaten.

Zuallererst, sei es nun Zufall oder nicht, war von diesem Sonntag an eine Art Angst in unserer Stadt ziemlich allgemein und so groß, daß man annehmen mußte, unsere Mitbürger würden sich nun wirklich ihrer Lage bewußt. Von diesem Gesichtspunkt aus veränderte sich die Stimmung in der Stadt ein wenig. Aber die Frage ist, ob diese Wandlung in Wahrheit nur die äußere Stimmung betraf oder ob sie sich in den Herzen vollzog.

Ein paar Tage nach der Predigt war Rieux mit Grand unterwegs zur Vorstadt und besprach mit ihm dieses Ereignis. In der Dunkelheit stieß er plötzlich an einen Mann, der vor ihnen herumschlenkerte, ohne den Versuch zu machen, vorwärtszukommen. Im selben Augenblick erstrahlten plötzlich die Straßenlampen, die man nun gern später anzündete. Die Laterne hinter den Spaziergängern beleuchtete jäh den Mann, der lautlos mit geschlossenen Augen lachte. Auf seinem weißlichen Gesicht, das von dieser stummen Heiterkeit verzerrt wurde, perlten große Schweißtropfen. Sie gingen vorüber.

“Ein Verrückter”, sagte Grand.

Rieux, der den Arm des Angestellten ergriffen hatte, um ihn weiterzuziehen, fühlte, wie er vor Aufregung zitterte. “Bald wird es in dieser Stadt überhaupt nur noch Verrückte geben”, bemerkte Rieux.

Seine Müdigkeit trug dazu bei, daß er das Gefühl hatte, seine Kehle sei ausgetrocknet.

“Trinken wir etwas.”

In dem kleinen Café, das sie betraten und das von einer einzigen Lampe über dem Schanktisch erleuchtet wurde, herrschte eine dicke, rötliche Luft, und die Leute sprachen ohne ersichtlichen Grund mit unterdrückter Stimme. Zur Überraschung des Arztes bestellte Grand an der Theke einen Schnaps, den er in einem Zug hinuntertrank und als stark bezeichnete. Dann wollte er gehen. Draußen schien es Rieux, die Nacht sei von Stöhnen erfüllt. Ein dumpfes Pfeifen über den Laternen am schwarzen Himmel erinnerte ihn an den unsichtbaren Dreschflegel, der unermüdlich die heiße Luft durchwirbelte.

“Zum Glück, zum Glück”, sagte Grand.

Rieux fragte sich, was er wohl meine.

“Zum Glück”, sagte der andere, “habe ich meine Arbeit.”

“Ja”, sagte Rieux, “das ist ein Vorteil.”

Und entschlossen, nicht auf das Pfeifen zu hören, fragte er Grand, ob er von dieser Arbeit befriedigt sei.

“Nun, ich glaube, ich bin auf dem rechten Weg.”

“Bleibt Ihnen noch viel zu tun?”

Grand schien sich zu beleben, die Wärme des Alkohols verriet sich in seiner Stimme.

“Ich weiß nicht. Aber es handelt sich nicht darum, Herr Doktor, nein, darum handelt es sich nicht.”

Rieux erriet in der Finsternis, daß der andere die Arme heftig bewegte. Er schien etwas vorzubereiten, das dann mit jäher Beredsamkeit aus ihm herausbrach: “Sehen Sie, Herr Doktor, was ich will ist folgendes: am Tag, da das Manuskript zum Verleger kommt, soll der nach dem Lesen aufstehen und zu seinen Mitarbeitern sagen: ‘Hut ab, meine Herren!”’ Diese unverhoffte Erklärung überraschte Rieux. Es war ihm, als mache sein Begleiter die Gebärde des Hutabnehmens: er hob die Hand zum Kopf und streckte dann den Arm waagrecht aus. Das merkwürdige Pfeifen oben schien mit erneuter Kraft anzuschwellen.

“Jawohl”, sagte Grand, “vollkommen muß es sein.”

Obschon Rieux über die literarischen Gebräuche wenig Bescheid wußte, hatte er doch den Eindruck, es gehe nicht so einfach zu, und die Verleger säßen zum Beispiel barhäuptig in ihren Arbeitsräumen. Aber schließlich konnte man nie wissen, und Rieux zog es vor zu schweigen. Gegen seinen Willen horchte er auf die geheimnisvollen Geräusche der Pest. Die beiden Männer näherten sich Grands Viertel, und da es ein wenig höher lag, erfrischte sie eine leichte Brise, die gleichzeitig auch die Stadt von all ihrem Lärm säuberte. Grand sprach indessen immer weiter, doch erfaßte Rieux nicht alles, was er sagte. Er verstand bloß, daß das betreffende Werk schon zahlreiche Seiten umfaßte, daß es aber seinem Autor viel Mühe und Schmerzen bereite, es zur Vollkommenheit zu erheben. “Ganze Abende, ganze Wochen für ein einziges Wort…. und manchmal ein einfaches Bindewort.” An dieser Stelle hielt Grand inne und packte den Arzt bei einem Mantelknopf. Die Worte holperten aus seinem beinahe zahnlosen Mund. “Verstehen Sie mich wohl, Herr Doktor. Zur Not ist es ziemlich leicht, zwischen ‘aber’ und ‘und’ zu wählen. Schwieriger wird es schon bei ‘und’ und ‘dann’. Und noch schlimmer ist es mit ‘dann’ und ‘darauf’. Aber das allerschwerste ist ganz sicher, zu entscheiden, ob man ‘und’ setzen darf oder nicht.”

“Aha”, sagte Rieux, “ich verstehe.”

Und er ging weiter. Der andere schien verwirrt und eilte ihm nach.

“Verzeihen Sie mir”, stammelte er. “Ich weiß gar nicht, was heute abend mit mir los ist.”

Rieux klopfte ihm leicht auf die Schulter und sagte, er möchte ihm helfen, seine Geschichte interessiere ihn sehr. Der andere schien wieder etwas erleichtert, und vor dem Haus angelangt, bat er den Arzt mit leichtem Zögern, noch einen Augenblick hinaufzukommen. Rieux nahm an. Grand lud ihn ein, im Eßzimmer am Tisch Platz zu nehmen, auf dem zahllose, mit winziger Schrift bedeckte Blätter lagen, auf denen es von Streichungen wimmelte.

“Ja, das ist es”, sagte Grand auf den fragenden Blick des Arztes. “Aber wollen Sie nicht etwas trinken? Ich habe ein bißchen Wein.”

Rieux lehnte ab. Er schaute die Blätter an. “Schauen Sie nicht hin”, sagte Grand. “Das ist mein erster Satz. Er macht mir Mühe, viel Mühe.”

Er betrachtete ebenfalls all diese Blätter, und seine Hand schien unwiderstehlich von einem Papier angezogen, das er schließlich vor die schirmlose elektrische Birne hielt. Das Blatt zitterte in seiner Hand. Rieux bemerkte, daß die Stirn des Angestellten feucht war.

“Setzen Sie sich und lesen Sie mir vor”, sagte er.

Der andere blickte auf und lächelte irgendwie dankbar.

“Ja”, sagte er, “ich glaube, ich habe Lust dazu.”

Er wartete ein bißchen, schaute immer noch das Blatt an, dann setzte er sich. Rieux hörte gleichzeitig auf eine Art verworrenes Brausen, das in der Stadt dem Pfeifen des Dreschflegels zu antworten schien. In diesem Augenblick nahm er mit außerordentlicher Deutlichkeit die Stadt wahr, die sich zu seinen Füßen ausdehnte; er sah die abgeschlossene Welt, die sie bildete, und er hörte die entsetzlichen Schreie, die sie in der Nacht erstickte. Grands Stimme erhob sich gedämpft: “An einem schönen Morgen des Monats Mai durchritt eine elegante Amazone auf einer wunderbaren Fuchsstute die blühenden Alleen des Bois de Boulogne.” Die Stille kam zurück und mit ihr der undeutliche Lärm der leidenden Stadt. Grand hatte das Blatt niedergelegt und fuhr fort, es zu betrachten. Nach einer Weile hob er die Augen.

“Was halten Sie davon?”

Rieux antwortete, dieser Anfang mache ihn auf die Fortsetzung neugierig. Aber der andere sagte lebhaft, das sei nicht der richtige Standpunkt. Er schlug mit der flachen Hand auf die Papiere.

“Das ist nur eine Andeutung. Wenn ich es fertiggebracht habe, das Bild, das mir vorschwebt, vollkommen wiederzugeben, wenn mein Satz an sich die Gangart dieses Spazierrittes ausdrückt, eins zwei drei, eins zwei drei, dann wird alles übrige leichter, und vor allem wird der Eindruck von Anfang an so sein, daß man sagen kann: ‘Hut ab.”’ Aber damit hatte es noch gute Weile. Nie würde er den Satz in dieser Form dem Drucker überlassen. Denn er sei sich trotz der Befriedigung, die er ihm manchmal gewähre, klar, daß er noch nicht an die Wirklichkeit herankomme. In gewissem Grad besitze dieser Satz sogar einen zu leichten Ton, der zwar von ferne, aber doch, an eine Schablone erinnere. Das war wenigstens der Sinn seiner Worte, als sie Menschen unter dem Fenster vorbeilaufen hörten. Rieux stand auf.

“Sie werden sehen, was ich daraus mache”, sagte Grand; und gegen das Fenster gewendet fügte er hinzu: “Wenn das alles einmal fertig ist!”

Aber wieder ertönte der Lärm überstürzter Schritte. Rieux stieg schon die Treppe hinab, und als er auf der Straße war, überholten ihn zwei Männer. Sie gingen offenbar in Richtung auf die Stadttore. Es hatten nämlich einige unserer Mitbürger über der Hitze und der Pest den Kopf verloren, sich zu Gewalttaten hinreißen lassen und versucht, die Aufmerksamkeit der Wachen zu täuschen, um aus der Stadt zu fliehen.

Andere, wie Rambert, versuchten ebenfalls, aus dieser Stimmung beginnender Panik zu entfliehen. Aber sie taten es mit größerer Zähigkeit und mehr Geschick, wenn auch nicht mit mehr Erfolg. Rambert hatte zunächst seine offiziellen Schritte fortgesetzt. Wie er sagte, hatte er immer gedacht, Beharrlichkeit führe schließlich zum Ziel, und von einem gewissen Standpunkt aus war es sein Beruf, sich durchzuschlagen. Er hatte also eine große Menge Beamte und andere Leute besucht, deren Zuständigkeit für gewöhnlich unbestritten war. Aber im vorliegenden Fall nützte ihnen ihre Zuständigkeit nichts. Es waren meistens Männer, die genaue und wohlgeordnete Kenntnisse hatten in allem, was das Bankwesen oder die Ausfuhr oder die Südfrüchte oder den Weinhandel betraf; die unzweifelhaft in den Problemen der Verwaltungsstreitigkeiten oder Versicherungen bewandert waren, ganz abgesehen von ihren gewichtigen Diplomen und einem offensichtlichen guten Willen. Das war sogar bei allen am auffälligsten: dieser gute Wille. Aber über die Pest wußten sie so gut wie nichts.

Dennoch hatte Rambert vor jedem von ihnen und jedesmal, wenn es möglich war, seine Sache vertreten. Sein Hauptgrund war immer der, daß er fremd war in unserer Stadt und daß sein Fall deshalb gesondert zu prüfen sei. Im allgemeinen gaben die Leute das gern zu. Aber meistens hielten sie ihm vor Augen, daß sich noch einige andere Menschen in dieser Lage befänden und daß infolgedessen seine Angelegenheit nicht so einzig dastehe, wie er es sich vorstelle. Rambert konnte erwidern, daß sich damit an seiner Beweisführung nichts ändere, worauf er zur Antwort erhielt, es ändere aber etwas an den verwaltungstechnischen Schwierigkeiten, die sich jeder Ausnahmebehandlung entgegenstellten, da man Gefahr laufe, damit einen Präzedenzfall zu schaffen, und diesen Ausdruck gebrauchte man nur mit großem Widerwillen. Nach der Einteilung, die Rambert Dr. Rieux vorschlug, gehörte diese Art Klügler zu der Klasse der Formalisten. Außer ihnen gab es noch die Schönredner, die dem Bittsteller versicherten, das alles könne nicht lange dauern, die, wenn man Entscheidungen verlangte, von guten Ratschlägen troffen und Rambert mit der bündigen Erklärung trösteten, es handle sich nur um eine vorübergehende Unannehmlichkeit. Dann gab es die Wichtigtuer, die den Besucher baten, seinen Fall schriftlich zusammenzufassen und die ihm mitteilten, sie würden über eben diesen Fall beschließen; die Leichtfertigen, die ihm Übernachtungsgutscheine oder Adressen billiger Pensionen anboten; die Planmäßigen, die einen Zettel ausfüllen ließen, den sie nachher einordneten; die Überbeanspruchten, die die Arme gen Himmel warfen, und jene Belästigten, die ihre Augen abwandten; schließlich traf man am häufigsten die üblichen Beamten, die Rambert an ein anderes Büro wiesen oder ihm einen neuen Schritt empfahlen.

So hatte sich der Journalist in Besuchen ausgegeben und eine richtige Vorstellung von dem bekommen, was ein Rathaus oder eine Präfektur sein mochte; so lange hatte er auf Plüschbänken vor großen Anschlägen warten müssen, die einen aufforderten, steuerfreie, gut verzinste Staatsanleihen zu zeichnen oder sich in die Kolonialarmee anwerben zu lassen; so oft war er in Amtsräume eingetreten, wo Angestellte saßen, deren Gesichter ebenso leicht vorauszusehen waren wie die Ordner und die Gestelle von Aktenstöße. Rambert bemerkte mit einem Anflug von Bitterkeit zu Rieux, der einzige Vorteil sei gewesen, daß ihm dies alles die wirkliche Lage verschleiert habe. Die Fortschritte der Pest entgingen ihm fast ganz. Und außerdem verflogen die Tage so schneller, und bei den Verhältnissen, in denen sich die ganze Stadt befand, konnte man sagen, daß jeder vergangene Tag jeden Menschen dem Ende seiner Prüfung näher brachte, vorausgesetzt, daß er nicht vorher starb. Rieux mußte die Richtigkeit dieses Standpunkts zugeben, fand aber, diese Wahrheit sei doch ein bißchen zu allgemein gefaßt.

Einmal schöpfte Rambert Hoffnung. Von der Präfektur hatte er einen Schein erhalten, mit der Bitte, ihn genau auszufüllen. Dieses Formular fragte nach seinen Personalien, seinem Zivilstand, seinem früheren und gegenwärtigen Einkommen und nach dem, was man sein curriculum vitae nannte. Er bekam den Eindruck, es handle sich um eine Umfrage, die festzustellen suchte, wie viele Leute man an ihren Wohnort zurückschicken könnte. Ein paar undeutliche Angaben bestätigten diesen Eindruck. Aber nach einigen genauen Erkundigungen konnte er die Stelle herausfinden, die ihm den Zettel geschickt hatte, und dort erklärte man ihm, man habe diese Angaben gebraucht “für den Fall”.

“Für welchen Fall?” fragte Rambert.

Man setzte ihm auseinander, es sei für den Fall, daß er pestkrank werde und sterbe, damit man einerseits seine Angehörigen benachrichtigen könne und andererseits wisse, ob die Stadt die Spitalkosten bezahlen müsse oder ob mit einer Rückzahlung durch die Familie gerechnet werden könne. Das bewies natürlich, daß er nicht vollständig von der Frau getrennt war, die auf ihn wartete, da die Gesellschaft sich immerhin mit ihnen befaßte. Aber das war kein Trost. Bemerkenswerter, und Rambert bemerkte es infolgedessen, war die Art, wie inmitten einer Katastrophe ein Amt seinen Dienst weiterhin versehen und oft ohne Wissen der vorgesetzten Behörde Schritte aus einer anderen Zeit unternehmen konnte, aus dem einfachen Grund, weil es für diesen Dienst da war.

Die folgende Zeit war für Rambert am leichtesten und am schwersten zugleich. Es war eine Zeit der Erschlaffung. Er war auf allen Büros gewesen, hatte alle Schritte unternommen, für den Augenblick waren nach dieser Seite hin alle Möglichkeiten erschöpft. Nun irrte er von Café zu Café. Er setzte sich am Morgen auf die Terrasse, bestellte ein Glas lauwarmes Bier, las die Zeitung in der Hoffnung, ein paar Anzeichen des nahen Endes der Krankheit zu finden, schaute den Vorübergehenden ins Gesicht, wandte sich angewidert von ihrem traurigen Ausdruck ab, und nachdem er zum hundertstenmal die Aushängeschilder der gegenüberliegenden Geschäfte, die Reklame der großen, schon nicht mehr erhältlichen Apéritifmarken gesehen hatte, stand er auf und wanderte ziellos durch die gelben Straßen der Stadt. So vertauschte er einsame Spaziergänge mit Cafés und Cafés mit Weinstuben, bis es langsam Abend wurde. Rieux sah ihn gerade eines Abends zögernd vor der Tür eines Cafés stehen. Dann schien er sich zu entschließen, trat ein und setzte sich ganz hinten hin. Es war um die Zeit, da in den Restaurants auf höheren Befehl der Augenblick des Lichtanzündens so lange wie möglich hinausgeschoben wurde. Die Dämmerung durchflutete den Raum wie graues Wasser, das Rosa des Abendhimmels spiegelte sich in den Scheiben, und die Marmorplatten der Tische schimmerten schwach in der beginnenden Dunkelheit. Inmitten des leeren Saals erschien Rambert wie ein verlorener Schatten, und Rieux dachte, dies sei die Stunde seiner Verzagtheit. Aber es war auch der Augenblick, da alle die Gefangenen dieser Stadt die ihre fühlten, und man mußte etwas tun, um die Befreiung zu beschleunigen. Rieux wandte sich ab.

Rambert verbrachte auch viel Zeit im Bahnhof. Der Zugang zu den Bahnsteigen war untersagt. Aber die Wartesäle, die von außen zu betreten waren, blieben geöffnet, und weil sie schattig und kühl waren, ließen sich an heißen Tagen manchmal Bettler darin nieder. Rambert kam und las alte Fahrpläne, die Schilder, die das Spucken verboten, und die bahnpolizeilichen Vorschriften. Dann setzte er sich in eine Ecke. Der Raum war düster. Ein alter, gußeiserner Ofen kühlte seit Monaten ab, während der Boden ringsum die achterförmigen Spuren des Besprengens aufwies. An der Wand lockten ein paar Plakate zu einem glücklichen und freien Leben in Cannes oder Bandol. Rambert rührte hier an jene entsetzliche Freiheit, die in der tiefsten Verarmung zu finden ist. Nach dem, was er Rieux erzählte, waren die Bilder, die er damals am schwersten ertrug, die von Paris. Eine Landschaft von alten Steinen und Wasser, die Tauben des Palais Royal, der Nordbahnhof, die menschenleeren Viertel ums Panthéon und ein paar andere Orte in einer Stadt, von der er nicht gewußt hatte, daß er sie so liebte, verfolgten ihn, setzten ihn außerstande, etwas Bestimmtes zu unternehmen. Rieux dachte nur, er setze diese Bilder an die Stelle seiner Liebe. Und am Tag, da Rambert ihm sagte, er erwache gern morgens um vier Uhr, um an seine Stadt zu denken, fiel es dem Arzt aus seiner eigenen Erfahrung heraus nicht schwer, zu merken, daß er dann an die Frau dachte, die er zurückgelassen hatte. Denn das war die Stunde, da er sie fassen konnte. Bis vier Uhr morgens tut man gewöhnlich nichts, man schläft, selbst wenn es die Nacht eines Verrats war. Ja, man schläft um diese Zeit, und das ist tröstlich, weil der große Wunsch eines unruhigen Herzens darin besteht, den geliebten Menschen unaufhörlich zu besitzen oder ihn, wenn die Zeit der Trennung gekommen ist, in einen traumlosen Schlaf zu tauchen, der sein Ende erst am Tag der Wiedervereinigung fände.

Kurz nach der Predigt begann die große Hitze. Der Monat Juni ging zu Ende. Am Tag nach dem verspäteten Regen, der den Predigtsonntag gekennzeichnet hatte, brach sich mit einem Schlag am Himmel und über den Häusern der Sommer Bahn. Zuerst erhob sich ein heftiger Wind, wehte einen Tag lang und trocknete die Mauern aus. Die Sonne strahlte Tag für Tag. Von morgens bis abends überfluteten ununterbrochene Hitze- und Lichtströme die Stadt. Es war, als gebe es außerhalb der Laubengänge und der Wohnungen kein Plätzchen in der ganzen Stadt, das nicht in blendenden Glanz getaucht war. Die Sonne verfolgte unsere Mitbürger bis in den hintersten Straßenwinkel und traf sie mit voller Wucht, wenn sie still standen. Da diese erste Hitzewelle von einem jähen Ansteigen der Todesfälle begleitet war, die sich auf ungefähr siebenhundert in der Woche beliefen, bemächtigte sich eine gewisse Niedergeschlagenheit der Stadt. Aus den Vorstädten, aus den ebenen Straßen und den Flachdachhäusern schwand der Betrieb, und in dem Viertel, wo die Leute immer unter der Haustür lebten, waren alle Türen geschlossen und die Jalousien heruntergelassen, ohne daß man wußte, ob man sich auf diese Weise vor der Pest oder vor der Sonne zu schützen suchte. Aus einigen Häusern jedoch drang Stöhnen. Früher waren bei solchen Gelegenheiten oft Gaffer zu sehen, die auf der Straße standen und horchten. Aber nach dieser langen Spannung schien sich jedes Herz verhärtet zu haben, und alle schritten oder lebten an den Klagen vorbei, als wären sie die natürliche Sprache der Menschen.

Die Zusammenstöße an den Toren, in deren Verlauf die Polizei von ihren Waffen hatte Gebrauch machen müssen, schufen eine dumpfe Aufregung. Es hatte sicher Verwundete gegeben, aber in der Stadt redete man von Toten, da infolge der Hitze und der Angst alles übertrieben wurde. Auf alle Fälle stimmte es, daß die Unzufriedenheit ständig wuchs, daß die Behörden das Schlimmste befürchteten und allen Ernstes die Maßnahmen überlegten, die zu ergreifen wären, wenn die von der Seuche geknechtete Bevölkerung sich erheben sollte. Die Zeitungen veröffentlichten Bestimmungen, die das Verlassen der Stadt aufs neue untersagten und Zuwiderhandelnde mit Gefängnisstrafen bedrohten. Patrouillen durchstreiften die Stadt. In den menschenleeren, überhitzten Straßen erklang oft Hufklappern auf dem Pflaster, dann erschienen die Wachen und ritten zwischen den Reihen geschlossener Fenster hindurch. Wenn die Patrouille verschwunden war, fiel die gefährdete Stadt erneut in drückendes, mißtrauisches Schweigen. Von Zeit zu Zeit ertönten Schüsse; ein kürzlich erlassener Befehl beauftragte besondere Gruppen, die Hunde und Katzen zu töten, da sie Flöhe übertragen konnten. Dieses trockene Knallen verstärkte noch die Alarmstimmung in der Stadt.

In der Hitze und dem Schweigen und in den verängstigten Herzen unserer Mitbürger bekam übrigens alles eine größere Bedeutung. Die Farbe des Himmels und die Gerüche der Erde, die den Wandel der Jahreszeiten ausmachen, wurden zum erstenmal allen spürbar. Jeder begriff mit Schrecken, daß der Sommer da war. Das Pfeifen der Mauersegler im Abendhimmel über der Stadt wurde dünn. Es war der Junidämmerung, die bei uns den Horizont weit macht, nicht mehr gewachsen. Die Blumen kamen nicht mehr als Knospen auf den Markt, sie waren schon voll erblüht, und nach dem morgendlichen Verkauf bedeckten ihre Blütenblätter das staubige Trottoir. Man sah deutlich, daß der Frühling sich erschöpft und in Tausenden von Blüten verschwendet hatte, die nun ringsumher prangten, und daß er jetzt einschlummern werde, erdrückt von der zwiefachen Last von Pest und Hitze. Für alle unsere Mitbürger hatten dieser Sommerhimmel, diese von Staub und Langeweile weiß werdenden Straßen, den gleichen bedrohlichen Sinn wie die hundert Toten, die täglich schwer auf unsere Stadt fielen. Der unveränderliche Sonnenschein, die Stunden, die nach Schlaf und Ferien schmeckten, luden nicht wie früher dazu ein, das Wasser und den Leib zu feiern. Nein, sie erklangen hohl in der verschlossenen, schweigenden Stadt. Sie hatten den kupfernen Glanz der glücklichen Zeiten verloren. Die Sonne der Pest löschte alle Farben aus und vertrieb jede Freude.

Das war eine der großen Wandlungen der Krankheit. Gewöhnlich begrüßten alle unsere Mitbürger den Sommer mit Fröhlichkeit. Die Stadt öffnete sich dann gegen das Meer und ergoß ihre Jugend auf den Strand. Diesen Sommer hingegen war das nahe Meer untersagt, und der Körper hatte kein Recht mehr auf seine Freuden. Was tun unter diesen Umständen? Wiederum ist es Tarrou, der das getreueste Bild unseres damaligen Lebens entwirft. Wohlverstanden verfolgte er die Fortschritte der Pest im allgemeinen und bemerkte ganz richtig, daß in der Seuche eine Wendung eingetreten war, als im Rundfunk nicht mehr Hunderte von Todesfällen in der Woche bekanntgegeben wurden, sondern 92, 107 und 120 am Tag. “Die Zeitungen und die Behörden versuchen, die Pest hinters Licht zu führen. Sie stellen sich vor, daß sie ihr eine Runde abgewinnen, weil 130 eine kleinere Zahl ist als 910.” Er beschrieb auch die pathetischen oder augenfälligen Seiten der Epidemie wie das Erlebnis mit jener Frau, die in einem verlassenen Viertel mit geschlossenen Jalousien unvermittelt über ihm ein Fenster aufgerissen und zwei laute Schreie ausgestoßen hatte, ehe sie die Laden vor dem dichten Dunkel des Zimmers wieder zuschlug. Anderswo vermerkte er, daß die Pfefferminzplättchen aus den Apotheken verschwunden seien, da viele Leute sie lutschten, um sich vor einer möglichen Ansteckung zu schützen.

Er fuhr auch fort, seine Lieblingspersonen zu beobachten. Man erfuhr, daß der kleine Alte mit den Katzen ebenfalls ein tragisches Dasein führte. Eines Morgens hatten nämlich Schüsse geknallt, und das gespuckte Blei, wie Tarrou beschrieb, hatte die meisten Katzen getötet und die übrigen so erschreckt, daß sie die Straße verließen. An demselben Tag war der Alte zur gewohnten Zeit auf seinen Balkon getreten, hatte eine gewisse Überraschung gezeigt, sich hinausgebeugt, forschend die Straße hinauf- und hinabgeblickt und sich dann zum Warten entschlossen. Er hatte eine Weile gewartet, auf das Geländer getrommelt, ein wenig Papier zerfetzt, war hineingegangen, wieder herausgekommen, dann war er nach geraumer Zeit plötzlich verschwunden und hatte wütend die Fenstertüren hinter sich geschlossen. An den folgenden Tagen wiederholte sich der Vorgang, aber in den Zügen des kleinen Alten konnte man immer deutlicher Traurigkeit und Verwirrung lesen. Nach einer Woche wartete Tarrou vergeblich auf die tägliche Erscheinung, und die Fenster blieben hartnäckig vor einem gut begreiflichen Kummer geschlossen. “Verboten, in Pestzeiten auf Katzen zu spucken”, folgerte das Tagebuch.

Andererseits traf Tarrou sicher, wenn er abends heimkehrte, in der Halle des Hotels die düstere Gestalt des Nachtportiers, der auf und ab spazierte. Er erinnerte jedermann daran, daß er die Ereignisse vorausgesehen habe. Als Tarrou zugab, er habe wohl ein Unglück prophezeit, aber doch von einem Erdbeben gesprochen, antwortete der alte Nachtwächter: “Ach! wenn’s nur ein Erdbeben wäre! Ein tüchtiger Stoß und damit Schluß…. Man zählt die Toten, die Lebenden, und der Spaß ist zu Ende. Aber diese Schweinerei von einer Krankheit! Sogar die, die sie nicht haben, tragen sie im Herzen.”

Der Direktor war nicht weniger niedergedrückt. Am Anfang waren die Reisenden durch die Schließung der Stadt im Hotel festgehalten worden, da sie nicht mehr fortgehen konnten. Aber als die Seuche länger dauerte, hatten es viele allmählich vorgezogen, bei Freunden zu wohnen. Und alle Hotelzimmer blieben aus den gleichen Gründen leer, aus denen sie bisher besetzt gewesen waren, da keine neuen Reisenden mehr in die Stadt kamen. Tarrou blieb einer der wenigen Mieter, und der Direktor verfehlte keine Gelegenheit, ihm zu sagen, ohne den Wunsch, seinem letzten Kunden einen Dienst zu erweisen, hätte er seinen Betrieb seit langem geschlossen. Er bat Tarrou oft, die wahrscheinliche Dauer der Epidemie abzuschätzen. “Man sagt, daß die Kälte solchen Krankheiten unzuträglich sei”, bemerkte Tarrou. Der Direktor verzweifelte: “Aber hier wird es nie richtig kalt!” Und auf alle Fälle würde es ja noch ein paar Monate dauern. Übrigens sei er sicher, daß die Reisenden noch lange einen Umweg um die Stadt machen würden. Diese Pest sei das Ende des Fremdenverkehrs.

Im Speisesaal tauchte nach einer kurzen Abwesenheit Herr Othon, der Eulenmann, wieder auf, aber nur von den zwei abgerichteten Hunden begleitet. Erkundigungen ergaben, daß die Frau ihre eigene Mutter gepflegt und begraben hatte und jetzt ihre Quarantäne durchmachte. “Ich habe das nicht gern”, sagte der Direktor zu Tarrou. “Quarantäne hin oder her, sie ist verdächtig, und die anderen infolgedessen auch.”

Tarrou fand, daß von diesem Standpunkt aus alle Welt verdächtig sei. Aber der andere ließ keinen Einwand gelten, sondern hatte seine ganz bestimmten Ansichten in der Frage.

“Nein, Herr Tarrou, Sie und ich sind nicht verdächtig. Aber die anderen.”

Herr Othon jedoch änderte sich wegen einer solchen Kleinigkeit nicht, und diesmal hatte die Pest das Nachsehen. Er betrat den Speisesaal auf dieselbe Weise, setzte sich vor seinen Kindern und führte weiterhin vornehme und feindselige Reden. Nur der kleine Knabe hatte sich im Aussehen verändert. Er war schwarz gekleidet wie seine Schwester, ein bißchen mehr in sich zusammengesunken und erschien wie der kleine Schatten seines Vaters. Der Nachtwächter, der Herrn Othon nicht eben gern sah, hatte zu Tarrou gesagt: “Ach der, der krepiert mal in den Kleidern. Dann braucht man ihn wenigstens nicht zurechtzumachen. Der wird stracks abgehen.”

Paneloux’ Predigt war auch vermerkt, aber mit folgendem Zusatz: “Ich verstehe dieses anziehende Feuer. Am Anfang und am Schluß von Heimsuchungen macht man immer ein wenig in Rhetorik. Im ersten Fall hat man die Gewohnheit noch nicht verloren, und im zweiten hat man sie schon wieder angenommen. Im Augenblick des Unglücks allein gewöhnt man sich an die Wahrheit, das heißt ans Schweigen. Warten wir ab.”

Schließlich verzeichnete Tarrou, daß ein langes Gespräch mit Dr. Rieux gute Ergebnisse gezeigt habe; bei dieser Gelegenheit erwähnte er die hell-kastanienbraune Augenfarbe von Rieux’ Mutter, versicherte merkwürdigerweise gleichzeitig, daß ein Blick so voll Güte immer stärker sein werde als die Pest, und widmete schließlich dem alten, von Rieux behandelten Asthmatiker ziemlich lange Abschnitte.

Nach jener Unterredung hatte er den Arzt zu diesem Patienten begleitet. Der Alte hatte Tarrou spöttisch grinsend und händereibend empfangen. Er saß im Bett, an sein Kopfkissen gelehnt. Auf seinem Schoß standen die zwei Töpfe mit Erbsen. “Aha, noch einer”, hatte er gesagt, als er Tarrou sah. “Die reinste verkehrte Welt, mehr Ärzte als Kranke. Es geht schnell, ja? Der Priester hat recht, wir verdienen es nicht besser.”

Am nächsten Tag war Tarrou unangemeldet wiedergekommen.

Das Tagebuch erzählt, daß der alte Asthmatiker Kurzwarenhändler von Beruf gewesen war und mit 50 Jahren gefunden hatte, er habe genug geleistet. Er hatte sich ins Bett gelegt und war seither nicht mehr aufgestanden. Dabei hätte sein Asthma ihm das Stehen sehr wohl erlaubt. Eine kleine Rente hatte ihm das Leben ermöglicht. Nun war er 75 Jahre alt und trug nicht schwer an seinen Jahren. Er konnte den Anblick einer Uhr nicht leiden, und tatsächlich gab es im ganzen Haus keine einzige. “Eine Uhr ist etwas Teures und etwas Dummes”, pflegte er zu sagen. Er maß die Zeit, und hauptsächlich die Essenszeiten, die ihm allein wichtig waren, mit seinen zwei Töpfen, von denen der eine bei seinem Erwachen voll Erbsen war. Die füllte er mit gleichmäßigen, sorgfältigen Bewegungen in den andern um. So fand er sich in seinen Tagen zurecht, die mit dem Kochtopf eingeteilt wurden. “Alle fünfzehn Töpfe muß ich etwas zum Beißen haben”, sagte er. “Das ist ganz einfach.”

Wenn man seiner Frau glauben wollte, hatte er übrigens schon sehr früh Zeichen seiner Berufung erkennen lassen. Es hatte ihn nämlich nichts jemals interessiert, weder seine Arbeit noch die Freunde, noch das Wirtshaus, noch die Musik, noch die Frauen, noch die Spaziergänge. Er war nie aus der Stadt hinausgekommen, außer einen Tag, als er sich in Familienangelegenheiten nach Algier begeben sollte und am nächsten Bahnhof wieder ausgestiegen war, weil er es nicht über sich brachte, das Abenteuer weiterzutreiben. Mit dem ersten Zug war er zurückgekehrt.

Als Tarrou sich über sein eingesperrtes Leben wunderte, hatte er ihm im Groben erklärt, daß nach der Religion das Leben eines Menschen in der ersten Hälfte ein Aufstieg und in der zweiten ein Abstieg sei, daß während des Abstiegs die Tage nicht mehr dem Menschen gehörten und man sie ihm jeden Augenblick entreißen könne, daß er also nichts damit anfangen könne und es infolgedessen das Beste sei, nichts damit anzufangen. Er scheute sich übrigens nicht vor Widersprüchen, denn bald darauf hatte er Tarrou erklärt, es gebe sicher keinen Gott, da sonst die Priester überflüssig wären. Aber aus einigen folgenden Bemerkungen schloß Tarrou, daß diese Philosophie eng mit dem Ärger verknüpft war, den ihm die häufigen Almosensammlungen in seiner Gemeinde verursachten. Was dem Bild des Greises jedoch seine Abrundung verlieh, war ein scheinbar inniger Wunsch, den er zu wiederholten Malen vor Tarrou äußerte: er hoffte, sehr alt zu werden.

“Ist er ein Heiliger?” fragte sich Tarrou. Und er gab zur Antwort: “Ja, wenn die Heiligkeit sich aus Gewohnheiten zusammensetzt.”

Zur selben Zeit jedoch unternahm Tarrou eine ziemlich eingehende Beschreibung eines Tages in der verpesteten Stadt und vermittelte so einen richtigen Begriff von den Beschäftigungen und dem Leben unserer Mitbürger während dieses Sommers. “Niemand lacht, außer den Betrunkenen, und die lachen zuviel”, sagte Tarrou. Dann begann er seine Beschreibung: “Am frühen Morgen wehen leichte Winde durch die noch menschenleere Stadt. Es ist, als hielte zu dieser Stunde die Pest zwischen den Toten der Nacht und den Sterbenden des Tages einen Augenblick inne, um Atem zu schöpfen. Alle Geschäfte sind geschlossen. Aber an manchen bezeugen Schilder ‘Geschlossen wegen Pest’, daß sie nachher nicht mit den anderen zusammen öffnen werden. Schlafende Zeitungsverkäufer rufen noch keine Nachrichten aus, sondern lehnen an den Straßenecken und bieten ihre Ware mit nachtwandlerischen Gebärden den Laternen dar. Sobald in einem Augenblick die ersten Straßenbahnen sie wecken, werden sie sich in die ganze Stadt verteilen und Blätter auf Armeslänge vor sich hinhalten, auf denen in großen Buchstaben das Wort ‘Pest’ steht. ‘Werden wir einen Pestherbst erleben? Herr Professor B…antwortet: Nein.’—‘180 Tote, das ist die Bilanz des 94. Tages der Pest.’ Trotz des Papiermangels, der immer fühlbarer wird und einige Zeitschriften gezwungen hat, ihren Umfang zu vermindern, ist eine neue Zeitung entstanden: Der Epidemiebote. Er stellt sich die Aufgabe, ‘unsere Mitbürger mit gewissenhafter Unabhängigkeit über die Fortschritte oder das Nachlassen der Krankheit zu unterrichten; ihnen die berufensten Ansichten über die Zukunft mitzuteilen; allen Bekannten oder Unbekannten, die die Geißel bekämpfen wollen, die Unterstützung seiner Spalten zu gewähren; den inneren Halt der Bevölkerung zu kräftigen, die Anweisungen der Behörden bekanntzugeben; mit einem Wort, alle diejenigen, die guten Willens sind, zu sammeln, um wirksam gegen das Unglück, das uns trifft, zu kämpfen’. In Wirklichkeit hat sich diese Zeitung sehr schnell darauf beschränkt, Inserate von neuen, unfehlbaren Pestverhütungsmitteln zu veröffentlichen.

Gegen sechs Uhr morgens werden alle diese Zeitungen in den Schlangen verkauft, die sich mehr als eine Stunde vor der Öffnung der Geschäfte an den Eingängen bilden, und dann auch in den Straßenbahnen, die überfüllt aus den Vorstädten hereinfahren. Die Straßenbahn ist das einzige Verkehrsmittel geworden, und die Wagen mit ihren zum Bersten besetzten Trittbrettern und Schutzgittern kommen nur mühsam voran. Merkwürdig ist indessen, wie sich alle Fahrgäste nach Möglichkeit den Rücken zudrehen, um eine gegenseitige Ansteckung zu vermeiden. An den Haltestellen entläßt die Straßenbahn eine Fracht Männer und Frauen, die es eilig hat, auseinanderzugehen und allein zu sein. Es kommt häufig zu Auftritten, die einzig auf die zum Dauerzustand gewordene schlechte Laune zurückzuführen sind.

Nach der Durchfahrt der ersten Straßenbahn erwacht die Stadt allmählich, die ersten Restaurants öffnen ihre Pforten; die Schanktische hängen voller Schilder: ‘Kein Kaffee’, ‘Bringen Sie Ihren Zucker mit’ usw. Dann öffnen die Geschäfte, die Straßen beleben sich. Gleichzeitig steigt die Sonne, und die vom Julihimmel niederstrahlende Hitze wird bleiern. Das ist die Stunde, in der die Müßiggänger sich auf die Boulevards wagen. Die meisten scheinen es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, durch die Schaustellung ihres Luxus die Pest zu beschwören. Alle Tage sieht man gegen elf Uhr in den Hauptstraßen junge Männer und junge Frauen dahinschlendern, denen man die in den Zeiten großen Unglücks gedeihende Lebensgier anmerkt. Wenn die Seuche sich ausdehnt, werden auch die Sitten freier werden. Wir werden die mailändischen Saturnalien am Rand der Gräber wieder erleben.

Mittags füllen sich die Gaststätten im Nu. An den Türen bilden sich sehr schnell kleine Gruppen von Leuten, die keinen Platz mehr gefunden haben. Der Himmel wird farblos vor lauter Hitze. Am Rand der sonneberstenden Straße warten im Schatten der großen Markisen die Eßlustigen, bis die Reihe an sie kommt. Die Restaurants sind überfüllt, weil sie für viele die Ernährungsfrage vereinfachen. Hingegen lassen sie die Furcht vor Ansteckung unvermindert bestehen. Die Gäste verlieren viele Minuten mit geduldigem Abreiben ihres Bestecks. Vor kurzer Zeit schlugen gewisse Restaurants an: ‘Hier wird das Besteck ausgekocht’. Aber nach und nach haben sie auf alle Reklame verzichtet, da die Gäste ja ohnehin gezwungen waren zu kommen. Der Gast gibt übrigens gern viel Geld aus. Erlesene oder als solche verkaufte Weine, die teuersten Gerichte bilden den Anfang einer zügellosen Jagd. Es scheint auch, daß in einem Restaurant eine Panik ausgebrochen ist, weil ein Gast von Unwohlsein befallen wurde, erbleichte, aufstand, taumelte und sehr schnell hinausging.

Gegen zwei Uhr leert sich die Stadt allmählich. Nun ist der Augenblick, da die Stille, der Staub, die Sonne und die Pest sich auf der Straße begegnen. An den großen grauen Häusern entlang schleicht die Hitze. Es sind lange Stunden des Gefangenseins, und sie münden in feurige Abende, die über die volkreiche, schwatzende Stadt hereinbrechen. Während der ersten Tage der Hitze waren die Abende hie und da menschenleer, ohne daß man wußte, warum. Aber jetzt bringt die erste Kühle eine Entspannung, beinahe eine Hoffnung. Alle gehen auf die Straße hinaus, betäuben sich mit Reden, streiten oder begehren sich, und unter dem roten Julihimmel gleitet die mit Pärchen und Schreiern erfüllte Stadt in die keuchende Nacht. Vergeblich drängt sich jeden Abend auf den Boulevards ein verzückter Greis mit Filzhut und Lavallière durch die Menge und wiederholt unablässig: ‘Gott ist groß, kommt zu ihm’; alle stürzen sich im Gegenteil auf etwas, das sie schlecht kennen oder das ihnen dringender erscheint als Gott. Am Anfang, als sie glaubten, es sei eine Krankheit wie eine andere, war die Religion angebracht. Aber als sie sahen, daß es ernst war, haben sie sich an das Genießen erinnert. Die ganze Beklemmung, die sich tagsüber in den Gesichtern malt, löst sich in der glühenden und staubigen Dämmerung zu einer Art wilder Erregung, einer linkischen Freiheit, die ein ganzes Volk in Fieber versetzt.

Und ich bin auch wie sie. Aber warum denn! Der Tod ist nichts für Menschen meines Schlages. Er ist ein Ereignis, das ihnen recht gibt.” Die Unterredung mit Rieux, von der Tarrou in seinen Aufzeichnungen spricht, war auf seine Bitte hin erfolgt. An jenem Abend, als Dr. Rieux ihn erwartete, betrachtete der Arzt gerade seine Mutter, die gelassen auf einem Stuhl in einer Ecke des Eßzimmers saß. Dort verbrachte sie ihre Tage, wenn sie sich nicht mehr um den Haushalt kümmern mußte. Die Hände im Schoß wartete sie. Rieux war nicht einmal sicher, ob sie ihn erwartete. Indessen veränderte sich etwas im Gesicht seiner Mutter, wenn er erschien. Alles, was ein von Arbeit erfülltes Leben an Wortkargheit darauf gezeichnet hatte, schien sich dann zu beleben. Gleich darauf fiel sie wieder in Schweigen. An jenem Abend schaute sie durch das Fenster auf die jetzt verödete Straße. Die Nachtbeleuchtung war um zwei Drittel vermindert worden. Und nur in weiten Abständen warf hie und da eine schwache Laterne ein wenig Licht in die dunklen Schatten der Nacht.

“Wird man die herabgesetzte Beleuchtung während der ganzen Pest beibehalten?” fragte Frau Rieux.

“Wahrscheinlich.”

“Wenn es nur nicht bis in den Winter hinein dauert. Dann wäre es traurig.”

“Ja”, sagte Rieux.

Er bemerkte, wie seine Mutter ihm auf die Stirn blickte. Er wußte, daß die Unruhe und Überanstrengungen der letzten Tage sein Gesicht zerfurcht hatten.

“Ist es nicht gutgegangen heute?” fragte Frau Rieux.

“Ach, wie gewöhnlich.”

Wie gewöhnlich! Das hieß, daß das neue, von Paris geschickte Serum weniger wirksam schien als die erste Sendung und daß die Zahl der Fälle stieg. Es war noch immer nicht möglich, mehr Menschen vorbeugend zu impfen als gerade die Angehörigen der schon Erkrankten. Um eine allgemeine Impfung durchzuführen, hätte es ungeheurer Mengen Serums bedurft. Die meisten Beulen wollten nicht aufbrechen; als sei die Zeit ihrer Verhärtung gekommen, so folterten sie die Kranken. Seit dem vorhergehenden Abend war die Epidemie in der Stadt bei zwei Fällen unter einer neuen Form aufgetreten. Die Pest griff nun auf die Lungen über. Noch am gleichen Tag hatten die zermürbten Ärzte während einer Zusammenkunft von dem hilflosen Präfekten verlangt und erreicht, daß neue Maßnahmen getroffen wurden, um die Ansteckung zu verhüten, die bei der Lungenpest von Mund zu Mund geschah. Wie gewöhnlich wußte man noch immer nichts.

Er schaute seine Mutter an. Der Blick ihrer warmen braunen Augen ließ Jahre der Zärtlichkeit in ihm aufsteigen.

“Hast du Angst, Mutter?”

“In meinem Alter fürchtet man nicht mehr viel.”

“Die Tage sind so lang, und ich bin nie mehr daheim.”

“Es ist mir gleich, auf dich zu warten, wenn ich weiß, daß du einmal kommst. Und wenn du nicht da bist, denke ich an das, was du machst. Hast du Nachrichten?”

“Ja. Wenn ich dem letzten Telegramm glauben darf, geht alles gut. Aber ich weiß, daß sie das sagt, um mich zu beruhigen.”

Es klingelte an der Tür. Der Arzt lächelte seiner Mutter zu und erhob sich, um zu öffnen. Im Halbdunkel des Treppenhauses sah Tarrou aus wie ein großer, grau angezogener Bär. Rieux bat seinen Besucher, vor dem Schreibtisch Platz zu nehmen. Er selber blieb aufrecht hinter seinem Sessel stehen. Zwischen ihnen befand sich nur die Schreibtischlampe, die allein angezündet war.

Ohne weitere Einleitung sagte Tarrou: “Ich weiß, daß ich ganz offen mit Ihnen sprechen kann.”

Rieux nickte schweigend.

“In vierzehn Tagen oder in einem Monat werden Sie hier völlig überflüssig sein, die Ereignisse wachsen Ihnen über den Kopf.”

“Das stimmt”, sagte Rieux.

“Die Organisation des Sanitätsdienstes ist schlecht. Es fehlt an Leuten und an Zeit.”

Rieux gab zu, daß auch dies stimmte.

“Ich habe erfahren, daß die Präfektur eine Art Zivildienst ins Auge faßt, um alle gesunden Männer zur allgemeinen Rettung heranzuziehen.”

“Sie sind gut unterrichtet. Aber die Unzufriedenheit ist schon groß, und der Präfekt zögert.”

“Warum rufen Sie keine Freiwilligen auf?”

“Es wurde versucht, aber mit geringem Erfolg.”

“Man hat es von Amts wegen versucht, und ohne daran zu glauben. Was ihnen fehlt ist Phantasie. Sie sind nie auf der Höhe der Heimsuchungen. Und die Heilmittel, die sie erfinden, reichen knapp für einen Schnupfen. Wenn wir sie machen lassen, werden sie zugrunde gehen und wir mit ihnen.”

“Wahrscheinlich schon”, sagte Rieux. “Allerdings muß ich sagen, daß sie auch daran gedacht haben, die Gefangenen das verrichten zu lassen, was ich die groben Arbeiten nennen möchte.”

“Ich würde freie Menschen vorziehen.”

“Ich auch. Aber warum eigentlich?”

“Ich verabscheue Todesurteile.”

Rieux blickte Tarrou an.

“Und nun? ”

“Und nun habe ich einen Plan, um einen freiwilligen Sanitätsdienst zu organisieren. Erlauben Sie mir, mich darum zu kümmern, und lassen wir die Verwaltung beiseite. Sie ist sowieso überlastet. Ich habe überall ein paar Freunde. Die werden den ersten Kern bilden. Und ich werde selbstverständlich auch mitmachen.”

“Sie können sich vorstellen, daß ich natürlich mit Freuden ja sage. Hilfe ist nötig, besonders in unserem Beruf. Ich übernehme es, Ihren Gedanken von der Präfektur gutheißen zu lassen. Es bleibt ihnen übrigens gar keine Wahl. Aber…”

Rieux dachte nach.

“Aber Sie wissen, daß diese Arbeit tödlich sein kann. Jedenfalls muß ich Sie darauf aufmerksam machen. Haben Sie es sich wohl überlegt?”

Tarrou schaute ihn mit seinen grauen, ruhigen Augen an.

“Wie denken Sie über Paneloux’ Predigt, Herr Doktor?” Die Frage war natürlich gestellt, und Rieux beantwortete sie natürlich.

“Ich habe zu lange in Spitälern gelebt, um den Gedanken einer Kollektivstrafe zu lieben. Aber wissen Sie, die Christen sprechen manchmal so, ohne es je wirklich zu denken. Sie sind besser als sie scheinen.”

“Und doch glauben Sie, wie Paneloux, daß die Pest auch ihr Gutes hat, daß sie die Augen öffnet, daß sie zum Denken zwingt!”

Der Arzt schüttelte ungeduldig den Kopf.

“Wie alle Krankheiten auf dieser Erde. Aber was für die Übel dieser Welt gilt, das gilt auch für die Pest. Das kann ein paar wenigen dazu verhelfen, größer zu werden. Wer jedoch das Elend und den Schmerz sieht, die die Pest bringt, muß wahnsinnig, blind oder feige sein, um sich mit ihr abzufinden.”

Rieux hatte die Stimme kaum erhoben. Aber Tarrou machte eine Handbewegung, als wollte er ihn beruhigen. Er lächelte.

“Ja”, sagte Rieux und zuckte die Achseln. “Aber Sie haben mir nicht geantwortet. Haben Sie es sich überlegt?”

Tarrou nahm in seinem Sessel eine etwas bequemere Stellung ein und schob den Kopf ins Licht vor.

“Glauben Sie an Gott, Herr Doktor?”

Auch diese Frage war natürlich gestellt. Aber diesmal zögerte Rieux.

“Nein, aber was heißt das schon ? Ich tappe im dunkeln und versuche, dennoch klar zu sehen. Ich habe schon lange aufgehört, das originell zu finden.”

“Ist es nicht das, was Sie von Paneloux scheidet?”

“Ich glaube nicht. Paneloux ist ein Büchermensch. Er hat nicht genug sterben sehen, und deshalb spricht er im Namen einer Wahrheit. Aber der geringste Priester, der auf dem Land seine Gemeinde betreut und dem Atem eines Sterbenden gelauscht hat, denkt wie ich. Er wird dem Elend zu steuern suchen, ehe er es unternimmt, seine Vorzüge aufzuzeigen.”

Rieux erhob sich, sein Gesicht war jetzt im Schatten.

“Lassen wir das, da Sie nicht antworten wollen.”

Tarrou lächelte, ohne sich zu rühren.

“Darf ich mit einer Frage antworten?”

Der Arzt lächelte nun seinerseits und sagte: “Sie lieben das Geheimnis. Also gut.” “Sehen Sie”, sagte Tarrou, “weshalb zeigen Sie selbst so viel Aufopferung, wenn Sie doch nicht an Gott glauben ? Ihre Antwort wird mir vielleicht helfen, die meine zu finden.”

Ohne aus dem Schatten herauszutreten, erwiderte Rieux, daß er schon geantwortet habe. Wenn er an einen allmächtigen Gott glaubte, würde er aufhören, die Menschen zu heilen, und diese Sorge ihm überlassen. Aber kein Mensch auf der ganzen Welt, nein, nicht einmal Paneloux, glaube an einen solchen Gott, obwohl er daran zu glauben glaube, denn es gebe sich ihm ja niemand völlig hin, und er, Rieux, glaube, wenigstens in dieser Beziehung auf dem Weg zur Wahrheit zu sein, indem er gegen die Schöpfung, so wie sie sei, ankämpfe.

“Ah!” sagte Tarrou. “Dies ist also das Bild, das Sie sich von Ihrem Beruf machen?”

“Ungefähr”, antwortete der Arzt und trat wieder ins Licht.

Tarrou pfiff leise, und der Arzt schaute ihn an.

“Ja”, sagte er, “Sie finden, daß Stolz dazu gehört. Aber ich habe nicht mehr Stolz als notwendig ist, glauben Sie mir. Ich weiß weder, was meiner wartet, noch was nach alldem kommen wird. Im Augenblick gibt es Kranke, die geheilt werden müssen. Nachher werden sie nachdenken und ich auch. Aber dringlich ist nur, daß sie geheilt werden. Ich verteidige sie, so gut ich kann, das ist alles.”

“Gegen wen?”

Rieux kehrte sich zum Fenster. An einer dichteren Dunkelheit des Horizonts erriet er in der Ferne das Meer. Er fühlte nur seine Müdigkeit und kämpfte gleichzeitig gegen den plötzlichen und unsinnigen Wunsch, sich diesem sonderbaren Menschen, in dem er doch den Bruder spürte, ein wenig mehr anzuvertrauen.

“Ich weiß es nicht, Tarrou, ich schwöre Ihnen, ich weiß es nicht. Als ich diesen Beruf ergriff, geschah es irgendwie ohne zu überlegen, weil ich einen brauchte, weil er so gut war wie alle anderen, einer von denen, die die jungen Leute ins Auge fassen. Vielleicht auch, weil es für mich als Sohn eines Arbeiters besonders schwierig war. Und dann mußte man sterben sehen. Wissen Sie, daß es Leute gibt, die sich weigern zu sterben? Haben Sie je eine Frau ‘Nein!’ schreien hören, die im Sterben lag? Ich schon. Und dann habe ich gemerkt, daß ich mich nicht daran gewöhnen konnte. Ich war damals noch jung, und mein Ekel glaubte sich gegen die Weltordnung selber zu richten. Seither bin ich bescheidener geworden. Nur habe ich mich einfach immer noch nicht daran gewöhnt, sterben zu sehen. Mehr weiß ich nicht. Aber schließlich…”

Rieux hielt inne und setzte sich. Er hatte ein trockenes Gefühl im Mund.

“Schließlich?” sagte Tarrou sanft.

“Schließlich…” begann der Arzt, und wieder zögerte er und blickte Tarrou aufmerksam an, “ist es etwas, das ein Mann wie Sie verstehen kann, nicht wahr; aber da die Weltordnung durch den Tod bestimmt wird, ist es vielleicht besser für Gott, wenn man nicht an ihn glaubt und dafür mit aller Kraft gegen den Tod ankämpft, ohne die Augen zu dem Himmel zu erheben, wo er schweigt.”

“Ja”, stimmte Tarrou zu, “ich verstehe. Nur werden Ihre Siege immer vorläufig bleiben, das ist alles.”

Rieux’ Gesicht schien sich zu verdüstern.

“Immer, ich weiß. Das ist kein Grund, den Kampf aufzugeben.”

“Nein, das ist kein Grund. Aber nun kann ich mir vorstellen, was die Pest für Sie bedeuten muß.”

“Ja”, sagte Rieux, “eine endlose Niederlage.”

Tarrou schaute den Arzt einen Augenblick fest an, dann stand er auf und ging mit schweren Schritten zur Tür. Und Rieux folgte ihm. Er stand schon bei ihm, als Tarrou, der seine Füße zu betrachten schien, sagte: “Wer hat Sie das alles gelehrt, Herr Doktor?”

Die Antwort kam augenblicklich: “Das Elend.”

Rieux öffnete die Tür seines Arbeitszimmers und sagte im Gang zu Tarrou, daß er auch hinuntergehe, da er noch in die Vorstadt müsse, um nach einem seiner Kranken zu sehen. Tarrou bot ihm seine Begleitung an, und der Arzt nahm an. Am Ende des Ganges begegneten sie Frau Rieux, der der Arzt Tarrou vorstellte.

“Ein Freund”, sagte er.

“Ach”, sagte Frau Rieux, “ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen.”

Als sie ging, drehte Tarrou sich nochmals nach ihr um. Im Flur versuchte der Arzt vergeblich, die Treppenbeleuchtung einzuschalten. Die Stiege blieb in Finsternis getaucht. Der Arzt fragte sich, ob das die Folge einer neuen Sparmaßnahme sei. Aber das konnte man nicht wissen. Schon seit einiger Zeit ging in den Häusern und in der Stadt alles drunter und drüber. Das war vielleicht nur, weil die Hauswarte und unsere Mitbürger im allgemeinen für nichts mehr Sorge trugen. Aber Rieux hatte keine Zeit, weiter darüber nachzugrübeln, denn hinter ihm ertönte Tarrous Stimme: “Noch ein Wort, Herr Doktor, selbst wenn es Ihnen lächerlich erscheinen sollte: Sie haben vollkommen recht.”

Rieux zuckte die Achseln, für sich allein, in der Finsternis.

“Ich weiß es wirklich nicht. Aber Sie, was wissen Sie davon?”

“Oh”, sagte der andere gleichmütig, “ich habe nicht mehr viel zu lernen.”

Der Arzt blieb stehen, und Tarrou glitt hinter ihm auf einer Stufe aus. Um nicht zu fallen, packte er Rieux’ Schulter.

“Glauben Sie, das Leben ganz zu kennen?” fragte dieser.

Die Antwort kam in der Dunkelheit, von der gleichen, ruhigen Stimme getragen: “Ja.”

Als sie auf die Straße hinaustraten, merkten sie, daß es ziemlich spät war, vielleicht elf Uhr. Die Stadt war stumm, nur von einem unfaßbaren Streichen erfüllt. In weiter Ferne ertönte das Bimmeln eines Krankenwagens. Sie stiegen ins Auto, und Rieux setzte den Motor in Gang.

“Sie müssen morgen ins Spital kommen, um sich impfen zu lassen. Aber um ein Ende zu machen, und ehe wir die Geschichte anfangen, merken Sie sich, daß Ihre Chancen, davonzukommen, nur eins zu zwei stehen.”

“Diese Schätzungen haben keinen Sinn, Herr Doktor, das wissen Sie so gut wie ich. Vor hundert Jahren hat eine Pestseuche in Persien alle Bewohner einer Stadt getötet, nur ausgerechnet den Totenwäscher nicht, der nie aufgehört hatte, seinen Beruf auszuüben.”

“Ihm ist eben die dritte Chance zugefallen, das ist alles”, sagte Rieux, und seine Stimme tönte plötzlich dumpfer. “Aber es stimmt, daß wir in dieser Beziehung noch alles zu lernen haben.”

Sie gelangten jetzt in die Vorstadt. Die Scheinwerfer leuchteten in den verlassenen Straßen. Sie hielten an. Vor dem Wagen fragte Rieux Tarrou, ob er mit hineinkommen wolle, und dieser sagte ja. Ein Widerschein des Himmels erhellte ihre Gesichter. Rieux lachte plötzlich freundschaftlich und sagte: “Hören Sie, Tarrou, was treibt Sie eigentlich, sich damit zu befassen?”

“Ich weiß nicht. Meine Moral vielleicht.”

“Und die wäre? ”

“Das Verständnis.”

Tarrou wandte sich dem Haus zu, und Rieux sah sein Gesicht nicht mehr, bis sie bei dem alten Asthmatiker standen.

Gleich am nächsten Tag machte Tarrou sich an die Arbeit und stellte eine erste Gruppe zusammen, der zahlreiche andere folgen sollten.

Der Erzähler hat indessen nicht die Absicht, diesen Hilfstruppen mehr Bedeutung zu verleihen, als sie wirklich besaßen. Es ist gewiß, daß an seiner Stelle viele unserer Mitbürger heute der Versuchung erliegen würden, die Wichtigkeit ihrer Rolle zu übertreiben. Doch ist der Erzähler eher versucht zu glauben, daß man schließlich dem Bösen eine mittelbare und machtvolle Huldigung zuteil werden läßt, wenn man die guten Taten zu sehr herausstreicht. Denn man läßt in diesem Fall vermuten, daß diese guten Taten nur deshalb so viel Wert haben, weil sie selten vorkommen, und daß Bosheit und Gleichgültigkeit bedeutend häufiger die Beweggründe der menschlichen Handlungen sind. Das ist eine Ansicht, die der Erzähler nicht teilt. Das Böse in der Welt rührt fast immer von der Unwissenheit her, und der gute Wille kann so viel Schaden anrichten wie die Bosheit, wenn er nicht aufgeklärt ist. Die Menschen sind eher gut als böse, und in Wahrheit dreht es sich gar nicht um diese Frage. Aber sie sind mehr oder weniger unwissend, und das nennt man dann Tugend oder Laster. Das trostloseste Laster ist die Unwissenheit, die alles zu wissen glaubt und sich deshalb das Recht anmaßt zu töten. Die Seele des Mörders ist blind, und es gibt keine wahre Güte noch Liebe ohne die größtmögliche Hellsichtigkeit.

Deshalb müssen unsere Sanitätskolonnen, die dank Tarrou ins Leben gerufen wurden, mit sachlicher Befriedigung beurteilt werden. Deshalb wird der Erzähler auch kein Hoheslied auf den Willen und den Heroismus singen, denen er nur die ihnen gebührende Bedeutung beilegt. Aber er wird fortfahren, die Geschichte der Herzen aller unserer Mitbürger zu schreiben, die nun von der Pest zerrissen und von Verlangen erfüllt wurden.

Diejenigen, die sich dem Sanitätsdienst widmeten, hatten deshalb tatsächlich kein so großes Verdienst, denn sie wußten, daß sie gar nicht anders handeln konnten, und es wäre im Gegenteil unglaublich gewesen, wenn sie sich nicht dazu entschlossen hätten. Diese Gruppen halfen unseren Mitbürgern, weiter in die Pest einzudringen, und überzeugten sie teilweise davon, daß alles Nötige unternommen werden mußte, um die Krankheit zu bekämpfen, weil sie nun einmal da war. Wie die Pest so die Pflicht einiger einzelner wurde, erschien sie wirklich als das, was sie war: eine Angelegenheit, die alle anging.

Das ist gut so. Aber man beglückwünscht keinen Lehrer, weil er lehrt, daß zwei und zwei vier ist. Man wird ihn vielleicht dazu beglückwünschen, daß er diesen schönen Beruf gewählt hat. Sagen wir also, daß es löblich war, daß Tarrou und andere beschlossen hatten, zu zeigen, daß zwei und zwei vier ergibt und nicht etwas anderes; sagen wir aber auch, daß sie diesen guten Willen mit dem Lehrer und mit all denen gemein hatten, die das gleiche Herz haben wie der Lehrer und die, zur Ehre der Menschen sei es gesagt, zahlreicher sind, als angenommen wird. Dies ist wenigstens die Überzeugung des Erzählers. Er ist sich übrigens des Einwandes sehr wohl bewußt, der ihm entgegengehalten werden könnte, daß nämlich diese Männer ihr Leben aufs Spiel setzten. Aber es kommt immer ein Augenblick in der Geschichte, wo derjenige, der zu behaupten wagt, daß zwei und zwei vier ergibt, mit dem Tode bestraft wird. Der Lehrer weiß das wohl. Und es handelt sich nicht darum, zu wissen, welche Belohnung oder Strafe auf dieser Überlegung steht. Es handelt sich darum, zu wissen, ob, ja oder nein, zwei und zwei vier ergibt.

Für jene Mitbürger, die damals ihr Leben aufs Spiel setzten, handelt es sich darum, zu entscheiden, ob sie, ja oder nein, in der Pest waren und ob man, ja oder nein, dagegen ankämpfen mußte.

Viele neue Moralprediger verkündeten damals in unserer Stadt, daß nichts etwas tauge und man einfach auf die Knie fallen müsse. Tarrou und Rieux und ihre Freunde konnten dieses oder jenes erwidern; die Schlußfolgerung bestätigte immer, was sie schon wußten: man mußte auf die eine oder andere Art kämpfen und nicht auf die Knie fallen. Es ging ausschließlich darum, möglichst viele Menschen vor dem Sterben und der endgültigen Trennung zu bewahren.

Dafür gab es nur ein einziges Mittel, das hieß: die Pest bekämpfen. Diese Wahrheit war nicht bewundernswert, sie war nur folgerichtig.

Deshalb war es natürlich, daß der alte Castel sein ganzes Vertrauen und seine ganze Kraft daran setzte, an Ort und Stelle und mit notdürftigen Mitteln einen Impfstoff herzustellen. Rieux und er hofften, aus den Kulturen jener Mikroben, die die Stadt unsicher machten, ein Serum zu gewinnen, das unmittelbarer wirken werde als der von außen geschickte Impfstoff, da die Mikroben sich ein wenig von der klassischen Erscheinung des Pestbazillus unterschieden. Castel hoffte, sein erstes Serum ziemlich bald bereit zu haben.

Deshalb war es auch natürlich, daß Grand, der gar nichts Heldisches an sich hatte, jetzt eine Art Sekretariat des Hilfssanitätsdienstes übernahm. Einige der von Tarrou gebildeten Gruppen widmeten sich nämlich einer vorbeugenden Arbeit in den übervölkerten Stadtteilen. Man versuchte, dort die nötige Hygiene einzuführen, man zählte die Estriche und Keller, die nicht desinfiziert worden waren. Ein anderer Teil der Hilfskräfte begleitete die Ärzte auf ihren Hausbesuchen, sorgte für die Überführung der Pestkranken und lenkte später, als es an ausgebildeten Leuten zu fehlen begann, sogar die Krankenwagen. Das alles mußte verzeichnet und statistisch erfaßt werden, und Grand hatte sich zu dieser Arbeit bereit erklärt. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, erscheint es dem Erzähler, daß Grand mehr als Rieux oder Tarrou der wahre Vertreter jener ruhigen Kraft war, die alle Hilfsmannschaften erfüllte. Er hatte mit dem ihm eigenen guten Willen und ohne zu zögern ja gesagt. Er hatte nur den Wunsch geäußert, sich in kleinen Arbeiten nützlich zu machen. Für alles andere sei er zu alt. Von 18 bis 20 Uhr konnte er seine Zeit zur Verfügung stellen. Und als Rieux ihm warm dankte, verwunderte er sich: “Das ist nicht das Schwerste. Da ist die Pest, man muß sich wehren, das ist klar. Ach, wenn doch alles so einfach wäre!” Und er kam auf seinen Satz zurück. Am Abend, wenn die Zettelarbeit erledigt war, unterhielt sich Rieux manchmal mit Grand. Dann hatten sie auch Tarrou in ihre Gespräche gezogen, und Grand vertraute sich seinen beiden Gefährten mit sichtlich wachsendem Vergnügen an. Jene verfolgten mit Anteilnahme die Arbeit, die Grand inmitten der Pest geduldig fortsetzte. Schließlich fanden auch sie darin eine Art Entspannung.

“Wie geht es der Amazone?” fragte Tarrou häufig. Und Grand erwiderte unentwegt: “Sie trabt, sie trabt”, und dabei lächelte er verlegen. Eines Abends sagte Grand, er habe nun das Adjektiv “elegant” endgültig fallenlassen und bezeichnete seine Amazone von jetzt an als “schlank”. “Es ist anschaulicher”, hatte er hinzugefügt. Ein anderes Mal las er seinen beiden Zuhörern die folgende Neufassung des Satzes vor: “An einem schönen Maimorgen durchritt eine schlanke Amazone auf einer wunderbaren Fuchsstute die blühenden Alleen des Bois de Boulogne.”

“Nicht wahr”, sagte Grand, “so sieht man sie besser, und ich habe ‘an einem Maimorgen’ vorgezogen, weil ‘des Monats Mai’ den Trab etwas zu lang machte.”

Dann zeigte er sich sehr besorgt wegen des Beiworts “wunderbar”. Er fand es nicht sprechend genug und suchte den Ausdruck, der das Bild der prunkvollen Stute, das ihm vorschwebte, treffend festhielte. “Kräftig” ging nicht; es war anschaulich, aber ein bißchen herabsetzend. “Glänzend” hatte ihn einen Augenblick gereizt, aber das paßte im Klang nicht gut. Eines Abends verkündete er frohlockend, er habe gefunden: “eine schwarze Fuchsstute”. Das “schwarz” deute unaufdringlich die Eleganz an, meinte er.

“Das ist nicht möglich”, sagte Rieux.

“Und warum nicht?”

“Fuchs geht nicht auf die Rasse, sondern auf die Farbe.”

“Welche Farbe?”

“Nun, jedenfalls eine Farbe, die nicht schwarz ist.”

Grand schien sehr niedergeschlagen.

“Danke”, sagte er vor sich hin sinnend. “Ein Glück, daß Sie da sind. Aber da sehen Sie nur, wie schwierig es ist.”

“Was halten Sie von ‘prächtig’?” fragte Tarrou.

Grand schaute ihn an. Er überlegte. Dann sagte er: “Ja…ja!”

Und langsam hellten sich seine Züge auf.

Einige Zeit darauf gestand er, das Wort “blühend” setze ihn in Verlegenheit. Da er in seinem Leben nur Qran und Montelimar gesehen hatte, bat er seine Freunde manchmal, ihm zu beschreiben, wie die Alleen des Bois eigentlich blühten. Genaugenommen hatten sie in Rieux oder Tarrou gar nie diesen Eindruck erweckt, aber die Überzeugung des Angestellten machte sie schwankend. Er wunderte sich über ihre Unsicherheit. “Nur die Künstler verstehen es, zu schauen.” Aber einmal fand ihn der Arzt in großer Aufregung. Er hatte “blühend” durch “voller Blumen” ersetzt. Er rieb sich die Hände. “Endlich sieht man sie, riecht man sie. Hut ab, meine Herren!” Beglückt las er den Satz: “An einem schönen Maimorgen durchritt eine schlanke Amazone auf einer prächtigen Fuchsstute die Alleen voller Blumen des Bois de Boulogne.” Aber laut gelesen wirkte das Ende des Satzes störend, und Grand stockte ein wenig. Er setzte sich mit niedergedrückter Miene. Dann bat er den Arzt um die Erlaubnis fortzugehen. Er mußte ein wenig nachdenken.

Zu dieser Zeit begann er, wie man später erfuhr, auf dem Amt Anzeichen einer Unaufmerksamkeit zu zeigen, die man sehr bedauerlich fand, da das Rathaus gerade jetzt mit verringerten Hilfskräften erdrückenden Verpflichtungen gewachsen sein sollte. Sein Dienst litt darunter, was der Vorgesetzte ihm streng vorwarf, indem er ihn daran erinnerte, daß er bezahlt werde, um eine Arbeit zu verrichten, die er eben nicht verrichtete. Der Vorgesetzte hatte gesagt: “Es scheint, daß Sie außerhalb Ihrer Arbeitszeit freiwillig im Sanitätsdienst mithelfen. Das geht mich nichts an. Aber was mich angeht ist Ihre Arbeit. Um sich unter diesen schrecklichen Umständen nützlich zu machen, müssen Sie zuallererst einmal Ihre Arbeit gewissenhaft verrichten. Andernfalls taugt auch der ganze Rest nichts.”

“Er hat recht”, sagte Grand zu Rieux.

“Ja, er hat recht”, stimmte der Arzt bei.

“Aber ich bin zerstreut und weiß nicht, wie ich mit dem Schluß meines Satzes fertig werden soll.”

Er hatte daran gedacht, “de Boulogne” wegzulassen, im Glauben, daß jedermann es verstünde. Aber dann schien der Satz das mit “Blumen” zu verbinden, was in Wirklichkeit zu “Alleen” gehörte. Er hatte auch die Möglichkeit erwogen zu schreiben: “die Alleen des Bois voller Blumen”. Aber die Stellung von “Bois” zwischen einem Hauptwort und seiner Eigenschaftsbestimmung, die er willkürlich auseinanderriß, war ihm ein Dorn im Auge. An manchen Abenden sah er wahrhaftig noch erschöpfter aus als Rieux.

Ja, er war erschöpft von diesem Suchen, das ihn völlig in Anspruch nahm. Aber trotzdem fuhr er fort, die Additionen und Statistiken zu machen, die die Sanitätsgruppen benötigten. Jeden Abend bereinigte er geduldig die Zettel, denen er Kurven beifügte, und er war mit aller Kraft bestrebt, allmählich möglichst genaue Darstellungen anzufertigen. Ziemlich häufig suchte er Rieux in einem der Spitäler auf und bat ihn um einen Tisch in irgendeinem Arbeitsraum oder Aufsichtszimmer. Dort richtete er sich mit seinen Papieren ein, genau so, wie er sich an seinem Platz im Rathaus einrichtete, und in der von Desinfektionsmitteln und der Krankheit selbst schweren Luft schwenkte er seine Blätter, um die Tinte trocknen zu lassen. Er war dann ehrlich bemüht, nicht mehr an seine Amazone zu denken und nur das zu tun, was getan sein mußte.

Ja, wenn es stimmt, daß die Menschen daran hängen, Beispiele und Vorbilder vor Augen zu haben, die sie Helden nennen, dann schlägt der Erzähler gerade diesen unbedeutenden und bescheidenen Helden vor, der nichts für sich Tiatte als ein wenig Herzensgüte und ein offensichtlich lächerliches Ideal. Das wird der Wahrheit geben, was ihr gebührt, der Rechnung von zwei und zwei ihr Ergebnis vier, und dem Heldentum jene zweite Stelle, die ihm zukommt, unmittelbar nach, aber niemals vor der mutigen Forderung nach Glück. Das wird auch dieser Chronik den Charakter einer Berichterstattung verleihen, die mit guten Gefühlen abgefaßt ist, das heißt, mit Gefühlen, die weder sichtlich schlecht sind noch übersteigert in der abstoßenden Art eines Schaustücks.

Das war zumindest Dr. Rieux’ Ansicht, wenn er in den Zeitungen las oder am Radio hörte, wie sich die Außenwelt mit Aufrufen und Zusprüchen an die verpestete Stadt richtete. Gleichzeitig mit der Unterstützung, die auf dem Land- und Luftwege gesandt wurde, prasselten jeden Abend durch den Äther oder in den Zeitungen mitleidige oder bewundernde Erklärungen auf die nunmehr vereinsamte Stadt nieder. Und jedesmal machte der Ton den Arzt ungeduldig. Sicherlich wußte er, daß diese bewegte Anteilnahme nicht erheuchelt war. Aber sie vermochte sich nur in der hergebrachten Sprache auszudrücken, in der die Menschen das zu sagen versuchen, was sie mit der Menschheit verbindet. Und diese Sprache paßte zum Beispiel nicht auf Grands tägliche kleine Bemühungen, da sie unfähig war, wiederzugeben, was Grand inmitten der Pest bedeutete.

Manchmal, wenn Dr. Rieux sich um Mitternacht im großen Schweigen der nun menschenleeren Stadt für einen zu kurzen Schlummer niederlegte, stellte er seinen Radioapparat an. Und aus allen Enden der Welt, über Tausende von Kilometern, versuchten unbekannte und brüderliche Stimmen ungeschickt die Verbundenheit zu zeigen. Und sie zeigten sie auch, bewiesen aber gleichzeitig, wie furchtbar unfähig der Mensch ist, einen Schmerz, den er nicht sehen kann, wirklich zu teilen: “Oran! Oran!” Vergebens überquerte der Ruf die Meere, vergebens hielt sich Rieux wach; bald schwoll die Beredsamkeit an und ließ so die wesentliche Trennung noch deutlicher hervortreten, die aus Grand und dem Redner zwei Fremde machte. “Oran! Ja, Oran!”—‘Aber nein’, dachte Rieux, ‘zusammen lieben oder sterben, eine andere Hilfe gibt es nicht. Sie sind zu weit entfernt.’

Und was eben noch zu schildern bleibt, ehe wir zum Höhepunkt der Pest kommen, während die Seuche alle ihre Kräfte sammelte, um sie auf die Stadt zu werfen und sich ihrer endgültig zu bemächtigen, das sind die langwierigen, verzweifelten und eintönigen Anstrengungen, die ein paar letzte Menschen wie Rambert unternahmen, um ihr Glück wiederzufinden und der Pest jenen Teil ihres Wesens zu entziehen, den sie gegen jede Beeinträchtigung verteidigten. Es war ihre Art, die drohende Versklavung zurückzuweisen. Und obgleich diese Weigerung scheinbar nicht so wirksam war wie jene andere, ist der Erzähler der Ansicht, daß auch sie ihren Sinn hatte und bis in ihre Eitelkeit und Widersprüche hinein für den Teil Stolz zeugte, den damals jeder von uns in sich trug.

Rambert kämpfte, um nicht von der Pest verschlungen zu werden. Nachdem er den Beweis dafür hatte, daß er die Stadt nicht auf rechtlichem Wege verlassen konnte, hatte er Rieux seinen Entschluß mitgeteilt, die anderen Mittel zu gebrauchen. Der Journalist begann bei den Kellnern. Ein Kellner ist immer auf dem laufenden. Aber die ersten, die er befragte, waren vor allem über die äußerst schweren Strafen unterrichtet, die auf solchen Unternehmen standen. Einmal wurde er sogar für einen Spitzel gehalten.

Es brauchte schon die Begegnung mit Cottard, den er bei Rieux traf, um ihn ein wenig vorwärts zu bringen.

An jenem Tag hatte er mit Rieux wieder von den vergeblichen Schritten gesprochen, die er bei den Behörden unternommen hatte.

Ein paar Tage später begegnete Cottard Rambert auf der Straße und begrüßte ihn mit der Ungezwungenheit, die er jetzt in alle seine Beziehungen legte: “Immer noch nichts?”

“Nein, nichts.”

“Man kann nicht auf die Ämter zählen, sie sind nicht fähig, etwas zu begreifen.”

“Das stimmt. Aber ich suche einen anderen Weg. Es ist schwierig.”

“Aha!” sagte Cottard. “Ich verstehe.”

Er kannte einen Schleichweg, und als Rambert sich darob verwunderte, erklärte er ihm, daß er seit langer Zeit in allen Cafés von

Oran verkehre, daß er dort Freunde habe und wisse, daß eine Organisation bestehe, die sich mit solchen Geschäften abgebe. Die Wahrheit war, daß Cottard sich am Schleichhandel mit rationierten Erzeugnissen beteiligte, weil seine Ausgaben jetzt die Einnahmen überstiegen. So verkaufte er Zigaretten und schlechten Alkohol weiter, deren Preise unablässig stiegen und ihm allmählich ein kleines Vermögen eintrugen.

“Sind Sie ganz sicher?” fragte Rambert.

“Ja, denn man hat mir den Vorschlag gemacht.”

“Und Sie haben die Gelegenheit nicht benutzt?”

“Seien Sie nicht mißtrauisch”, sagte Cottard gutmütig, “ich habe sie nicht benutzt, weil ich selber keine Lust habe, fortzugehen. Ich habe meine Gründe.”

Nach einer Pause fügte er hinzu: “Sie fragen mich nicht nach meinen Gründen?”

“Ich vermute, sie gehen mich nichts an”, sagte Rambert.

“Einerseits geht Sie es tatsächlich nichts an. Aber andererseits…. Nun, das eine ist sicher, ich fühle mich hier bedeutend wohler, seit wir die Pest bei uns haben.”

Der andere hörte seinen Vortrag an.

“Wie kann ich mit der Organisation in Verbindung kommen?”

“Ach so!” sagte Cottard. “Das ist nicht leicht. Kommen Sie mit mir.”

Es war vier Uhr nachmittags. Unter einem bleischweren Himmel briet die Stadt. Alle Geschäfte hatten ihre Jalousien heruntergelassen. Die Straßen waren verödet. Cottard und Rambert wählten die Lauben und gingen lange Zeit, ohne zu sprechen. Es war eine jener Stunden, da die Pest sich unsichtbar machte. Dieses Schweigen, dieser Tod der Farben und Bewegungen konnte genauso gut vom Sommer bedingt sein wie von der Seuche. Man wußte nicht recht, ob die Luft von Drohungen oder von Staub und sengender Hitze schwer war. Man mußte beobachten und nachdenken, um wieder auf die Pest zu kommen. Denn sie verriet sich nur durch negative Zeichen. Cottard, der ihr nahestand, machte Rambert zum Beispiel auf das Fehlen von Hunden aufmerksam, die eigentlich in den Hauseingängen hätten auf der Seite liegen und nach unerreichbarer Kühlung lechzen sollen.

Sie schlugen den Boulevard des Palmiers ein, überquerten den Waffenplatz und gingen in das Marine viertel hinab. Linker Hand verbarg sich eine grüne Wirtschaft hinter einer schrägen Markise aus grobem gelbem Leinentuch. Als Cottard und Rambert eintraten, wischten sie sich den Schweiß von der Stirn. Sie nahmen an einem der grünen Eisentische auf zusammenklappbaren Gartenstühlen Platz. Der Raum war völlig menschenleer. Fliegen summten in der Luft. Auf dem schiefen Schanktisch kauerte in einem gelben Käfig ein Papagei auf seiner Stange und ließ alle Federn hängen. Alte Bilder aus dem Soldatenleben hingen an den Wänden, schmutzbedeckt und von dichten Spinnennetzen umwoben. Auf allen Eisentischen, auch vor Rambert selber, trocknete Hühnermist, dessen Herkunft er sich nicht erklären konnte, bis nach einiger Unruhe ein prachtvoller Hahn aus einer dunklen Ecke hervorschlüpfte.

Die Hitze schien sich in diesem Augenblick noch zu steigern. Cottard zog seine Jacke aus und klopfte auf den Tisch. Im Hintergrund wurde ein kleiner Mann sichtbar, der in einer langen blauen Schürze schwamm. Er begrüßte Cottard schon aus der Ferne, räumte den Hahn mit einem kräftigen Fußtritt aus dem Weg, näherte sich und fragte, während das Federvieh gackerte, was er den Herren vorsetzen dürfe. Cottard bestellte Weißwein und erkundigte sich nach einem gewissen Garcia. Nach den Aussagen des Kleinen hatte man ihn schon seit mehreren Tagen nicht mehr im Lokal gesehen.

“Glauben Sie, daß er heute abend kommen wird?”

“He!” sagte der andere. “Ich stecke nicht in seinen Kleidern. Aber Sie kennen doch seine Zeit?”

“Ja. Es ist zwar nicht sehr wichtig. Ich möchte ihm nur einen Freund vorstellen.”

Der Kellner wischte seine feuchten Hände an der Schürze ab. Er sagte: “Ach so! Der Herr befaßt sich auch mit Geschäften?”

“Ja”, antwortete Cottard.

Der Knirps meinte schnüffelnd: “Also, kommen Sie heute abend. Ich werde den Jungen zu ihm schicken.”

Beim Hinausgehen fragte Rambert, um was für Geschäfte es sich handle.

“Um Schleichhandel natürlich. Sie schmuggeln Waren in die Stadt. Sie verkaufen zu überhöhten Preisen.”

“Schön”, sagte Rambert. “Haben sie Helfershelfer?”

“Ja, eben.”

Am Abend war die Markise hochgezogen, der Papagei plapperte in seinem Käfig, und rings um die Eisentische saßen Männer in Hemdsärmeln. Einer von ihnen hatte einen Strohhut in den Nacken geschoben und trug ein weißes, offenes Hemd, das seine braungebrannte Brust freigab. Er erhob sich, als Cottard eintrat. Er hatte ein regelmäßiges, sonnenverbranntes Gesicht, kleine schwarze Augen, weiße Zähne, zwei oder drei Ringe an den Händen und schien etwa dreißig Jahre alt.

“’n Abend!” sagte er. “Wir bleiben am Ausschank.”

Sie tranken schweigend drei Runden. Dann sagte Garcia: “Wie wäre es, wenn wir gingen?”

Sie stiegen zum Hafen hinab, und Garcia fragte, was sie von ihm wollten. Cottard sagte, daß er ihm Rambert nicht eigentlich wegen Geschäften vorzustellen wünsche, sondern für das, was er einen “Ausgang” nannte. Garcia ging rauchend geradeaus. Er stellte Fragen und sagte “er”, wenn er von Rambert sprach, dessen Anwesenheit er nicht zu bemerken schien.

“Zu welchem Zweck?” fragte er.

“Er hat seine Frau in Frankreich.”

“Aha!”

Und nach einer Weile: “Was ist er von Beruf?”

“Journalist.”

“Ein Beruf, in dem man viel schwatzt.”

Rambert schwieg.

“Er ist ein Freund”, sagte Cottard.

Schweigend gingen sie weiter. Sie hatten die Hafenanlagen erreicht, deren Zugang durch große Gitter versperrt war. Aber sie begaben sich zu einer kleinen Schenke, wo gebackene Sardinen feilgehalten wurden, deren Geruch bis zu ihnen drang.

“Jedenfalls”, schloß Garcia, “geht diese Sache nicht mich an, sondern Raoul. Und den muß ich erst aufspüren. Das wird nicht leicht sein.”

“Ach”, erkundigte sich Cottard lebhaft, “versteckt er sich denn?”

Garcia gab keine Antwort. Nahe bei der Schenke blieb er stehen und wandte sich zum erstenmal Rambert zu.

“Übermorgen um elf Uhr an der Ecke der Zollkaserne, oberhalb der Stadt.”

Er schien fortgehen zu wollen, kehrte sich aber nochmals gegen die beiden Männer und sagte: “Es wird Unkosten geben.”

Das war eine Feststellung.

“Selbstverständlich”, pflichtete Rambert bei.

Kurz darauf bedankte sich der Journalist bei Cottard.

“Oh! Nicht doch”, erwiderte dieser gönnerhaft. “Es freut mich, wenn ich Ihnen behilflich sein kann. Und dann…Sie sind Journalist, eines Tages werden Sie es mir vergelten.”

Am übernächsten Tag stiegen Rambert und Cottard die breiten, schattenlosen Straßen hinauf, die zum oberen Teil der Stadt führen. Ein Flügel der Zollkaserne war in ein Krankenhaus verwandelt worden, und vor dem großen Tor stauten sich Leute, die in der Hoffnung kamen, einen Besuch machen zu dürfen, den man ihnen nicht gestatten konnte. Oder sie suchten Nachrichten zu erhalten, die von einer Stunde zur nächsten überholt waren. Jedenfalls brachte diese Ansammlung ein ständiges Kommen und Gehen mit sich, und es war anzunehmen, daß diese Überlegung bei der Wahl des Treffpunkts von Garcia und Rambert nicht ohne Einfluß gewesen war.

“Seltsam”, sagte Cottard, “wie Sie sich aufs Fortgehen versteifen. Was sich ereignet, ist doch eigentlich höchst spannend.”

“Nicht für mich”, gab Rambert zurück.

“Oh! Gewiß, man setzt etwas aufs Spiel dabei. Aber schließlich setzte man vor der Pest gerade soviel aufs Spiel, wenn man eine stark belebte Straßenkreuzung überquerte.”

In diesem Augenblick hielt Rieux’ Wagen neben ihnen. Tarrou saß am Steuer. Rieux schien halb zu schlafen. Er ermunterte sich, um die Herren vorzustellen.

“Wir kennen uns schon”, sagte Tarrou, “wir wohnen im gleichen Hotel.”

Er bot Rambert an, ihn in die Stadt zu fahren.

“Nein, ich habe eine Verabredung hier.”

Rieux schaute Rambert an.

“Ja”, erwiderte dieser.

“Ach!” verwunderte sich Cottard. “Der Herr Doktor ist also unterrichtet?”

“Da kommt der Untersuchungsrichter”, warnte Tarrou mit einem Blick auf Cottard.

Dieser wechselte die Farbe. Herr Othon kam tatsächlich die Straße herab und näherte sich ihnen mit kräftigem, doch gemessenem Schritt. Er hob den Hut, als er an der kleinen Gruppe vorbeiging.

“Guten Tag, Herr Richter”, sagte Tarrou.

Der Richter begrüßte die Insassen des Wagens und nickte Cottard und Rambert, die im Hintergrund geblieben waren, ernsthaft zu. Tarrou stellte den Rentner und den Journalisten vor. Der Richter betrachtete den Himmel eine Sekunde lang, seufzte dann auf und sagte, es sei eine recht traurige Zeit.

“Ich habe mir sagen lassen, daß Sie, Herr Tarrou, für die Anwendung der Vorbeugungsmaßnahmen besorgt sind. Ich kann Ihnen gar nicht recht genug geben. Glauben Sie, Herr Doktor, daß die Krankheit sich ausbreiten wird?”

Rieux sagte, man müsse hoffen, daß sie nicht weiter um sich greife, und der Richter wiederholte, man müsse immer hoffen, da die Beschlüsse der Vorsehung unergründlich seien. Tarrou fragte ihn, ob die Ereignisse ihm eine Mehrbelastung gebracht hätten.

“Im Gegenteil, die Fälle, die wir zum Strafrecht zählen, gehen zurück. Ich habe nur noch grobe Verstöße gegen die neuen Bestimmungen zu untersuchen. Noch nie wurden die alten Gesetze so genau geachtet.”

“Weil sie, mit den jetzigen verglichen, natürlich gut erscheinen”, sagte Tarrou.