/ Language: Deutsch / Genre:det_classic / Series: Hercule Poirot

Der Tod auf dem Nil

Agatha Christie


Der Tod auf dem Nil

Agatha Cristie Mallowan

1937

1

Death on the Nile gehört zweifellos zu den besten und erfolgreichsten Romanen Agatha Christies. Neben einer spannend erzählten Geschichte, in der es nicht nur bei einem Mord bleibt, sowie einer verblüffenden Lösung des Falles liegt der Reiz der Geschichte im Ort der Handlung begründet: dem Raddampfer Karnak während seiner Fahrt auf dem Nil.

Inhaltsverzeichnis

1.

 I

 II

 III

 IV

 V

 VI

 VII

 VIII

 IX

 X

 XI

 XII

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

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12.

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30.

31.

Für meine alte Freundin

Sybil Bennett, die auch gern

weltenbummelt.

1.

I

≫Linnet Ridgeway!≪

≫Tatsächlich, das ist sie!≪ Mr. Burnaby, Wirt des Three Crowns, verpasste seinem Gesprächspartner einen Rippenstoß.

Beide Männer starrten nach draußen, mit runden Kuhaugen und halb offenen Mündern. Ein scharlachroter großer Rolls-Royce hielt eben vor dem Postamt.

Eine sehr junge Frau sprang heraus, ein Mädchen ohne Hut, in einem Kleid, das ganz schlicht aussah (aber nur aussah). Ein Mädchen mit goldenen Haaren und einem offenen, sehr selbstbewussten Gesicht. Ein Mädchen mit einer bildhübschen Figur. Ein Mädchen, wie man es in Malton-under-Wode nur selten sah.

Mit eiligen, herrischen Schritten verschwand sie im Postamt.

≫Das ist sie?≪, sagte Mr. Burnaby noch einmal, und leise und ehrfurchtsvoll fuhr er fort: ≫Millionen hat die… Wird etliche Tausender in den Umbau stecken. Soll dann hier Schwimmbecken geben und italienische Gärten und einen Ballsaal, und das halbe Haus wird abgerissen und wieder aufgebaut…≪

≫Die bringt Geld in die Stadt≪, sagte sein Freund. Er war hager und sah heruntergekommen aus. Und er klang nach Neid und Missgunst.

Mr. Burnaby war derselben Ansicht. ≫Tja, ist ’n dolles Ding für Malton-under-Wode. ’n ganz dolles Ding.≪ Es schien ihm zu behagen. ≫Wird uns alle hier wachrütteln.≪

≫Ganz was anderes als Sir George≪, sagte der andere.

≫Tja, den haben die Pferde geschafft.≪ Mr. Burnaby klang mild. ≫Hat ja nie Glück gehabt.≪

≫Was hat der eigentlich gekriegt fürs Haus?≪

≫Satte sechzigtausend, hab ich gehört.≪

Der Hagere stieß einen Pfiff aus.

≫Und sie soll noch mal sechzigtausend los sein, bis sie alles fertig hat!≪, berichtete Mr. Burnaby triumphierend weiter.

≫Eine Schande!≪, fand der Hagere. ≫Wo hat die denn das ganze Geld her?≪

≫Amerika, hab ich gehört. Die Mutter war wohl die einzige Tochter von so ‘nem Millionen-Krösus. Wie im Kino, was?≪

Das Mädchen kam aus dem Postamt und stieg wieder ins Auto.

Der Hagere starrte ihr brummelnd nach, als sie davonbrauste. ≫Ich find das ja ganz verkehrt — dass sie so aussieht. Geld und so ’n Aussehen — das ist zu viel! Wenn eine so reich ist wie die, dann darf die doch nicht auch noch gut aussehen. Und die sieht gut aus… Alles hat die! Find ich ungerecht…≪

II

Aus der Gesellschaftskolumne des Daily Blague:

Zu den Abendgästen im Chez Ma Tante gehörte auch die bildschöne Linnet Ridgeway. Ich erspähte sie beim Souper am Tisch mit Lady Joanna Southwood, Lord Windlesham und Mr. Toby Bryce. Miss Ridgeway ist, wie allseits bekannt, die Tochter von Melhuish Ridgeway aus seiner Ehe mit Anna Hartz und damit Erbin des immensen Vermögens ihres Großvaters Leopold Hartz. Die liebreizende Linnet ist derzeit Thema Nummer eins der feinen Gesellschaft, Gerüchte wollen sogar von einer baldigst bevorstehenden Verlobung wissen. Und tatsächlich sah Lord Windlesham sehr épris aus!

III

Lady Joanna Southwood saß in Linnet Ridgeways Schlafgemach in Wode Hall. ≫Liebes, ich glaube, das alles wird einfach himmlisch!≪

Vom Fenster aus hatte man einen Blick auf die Gärten und hinaus ins weite Land mit den blauen Umrissen der Wälder.

≫Es ist schon ziemlich vollkommen, nicht wahr?≪ Linnet lehnte auf der Fensterbank. Ihr Gesichtsausdruck verriet Ungeduld, Lebenslust und Tatendrang.

Neben ihr wirkte Joanna Southwood — eine große, schlanke junge Dame von siebenundzwanzig Jahren mit einem gescheiten schmalen Gesicht und keck gezupften Augenbrauen — irgendwie blässlich. ≫Und was du alles geschafft hast in der Zeit! Hattest du viele Architekten und so?≪

≫Drei.≪

≫Wie sind denn Architekten eigentlich? Ich habe, glaube ich, noch nie einen kennen gelernt.≪

≫Ach, ganz in Ordnung. Allerdings fand ich sie manchmal ein bisschen unpraktisch.≪

≫Nun, das hast du bestimmt schnell gerade gebogen! Du bist doch das allerpraktischste Geschöpf!≪ Joanna nahm eine Perlenkette auf dem Toilettentisch in die Hand. ≫Die sind sicher echt, nicht, Linnet?≪

≫Selbstverständlich.≪

≫Ich weiß, dass so etwas für dich selbstverständlich ist, Liebes, aber bei den meisten Leuten wäre es das nicht. Dicke Zuchtperlen oder gleich Woolworth! Liebling, die sind wirklich unglaublich, so exquisit ebenmäßig. Die müssen märchenhaft viel Geld wert sein!≪

≫Ein bisschen ordinär, findest du?≪

≫Nein, überhaupt nicht — einfach die reine Schönheit. Was kosten die denn?≪

≫Rund fünfzigtausend.≪

≫Eine hübsche Stange Geld! Hast du gar keine Angst, dass sie gestohlen werden?≪

≫Nein, ich trage sie überall — außerdem sind sie ja versichert.≪

≫Darf ich sie mal ummachen, bis zum Abendessen, ja, Liebling? Ich würde eine Gänsehaut bekommen.≪

Linnet lachte. ≫Selbstverständlich, wenn du möchtest.≪

≫Ach, Linnet, ich beneide dich wirklich. Du hast einfach alles. Du bist gerade zwanzig und schon dein eigener Herr, du siehst blendend aus und strotzt vor Gesundheit. Verstand hast du obendrein. Wann wirst du eigentlich einundzwanzig?≪

≫Im nächsten Juni. Ich werde ein großes Fest in London geben, wenn ich volljährig bin.≪

≫Und dann Lord Windlesham heiraten? Diese scheußlichen Klatschreporter sind ja alle schon ganz närrisch deshalb. Und er ist dir wirklich beängstigend ergeben.≪

Linnet zuckte die Schultern. ≫Ich weiß nicht. Ich will eigentlich überhaupt noch niemanden heiraten.≪

≫Liebling, du hast ja so Recht! Hinterher ist doch alles irgendwie anders, nicht?≪

Das Telefon klingelte und Linnet nahm ab. ≫Ja?≪

Die Stimme des Butlers meldete: ≫Miss de Bellefort ist am anderen Ende. Darf ich durchstellen?≪

≫Bellefort? Oh, natürlich, ja, stellen Sie sie durch.≪

Ein Klick, dann eine ungeduldige, leicht atemlose, aber weiche Stimme: ≫Hallo, ist da Miss Ridgeway? Linnet!≪

≫Jackie, Liebling! Ich habe seit Ewigkeiten nichts mehr von dir gehört!≪

≫Stimmt. Schrecklich. Linnet, ich muss unbedingt mit dir reden.≪

≫Dann komm doch einfach her. In mein neues Spielzeug. Ich würde es dir liebend gern zeigen.≪

≫Genau das hatte ich vor.≪

≫Also, spring in den Zug oder ins Auto.≪

≫Tu ich. In meinen schrecklich klapprigen Zweisitzer. Ich hab ihn für fünfzehn Pfund gekauft, an manchen Tagen fährt er wunderbar. Aber er hat Launen. Wenn ich zum Tee nicht da bin, dann weißt du, er hatte wieder mal eine. Bis dann, Liebes.≪

Linnet legte auf und ging zurück zu Joanna. ≫Das war meine älteste Freundin, Jacqueline de Bellefort. Wir waren zusammen auf der Nonnenschule in Paris. Sie ist ein Unglücksrabe. Ihr Vater war ein französischer Graf, ihre Mutter Amerikanerin — Südstaatlerin. Der Vater ist mit einer anderen durchgebrannt und die Mutter hat ihr ganzes Geld beim Börsenkrach an der Wall Street eingebüßt. Jackie stand ohne einen Pfennig da. Ich weiß gar nicht, wie sie die letzten zwei Jahre über die Runden gekommen ist.≪

Joanna polierte ihre blutroten Fingernägel mit Linnets Nagelkissen. Dann lehnte sie sich zurück, legte den Kopf auf die Seite und betrachtete das Ergebnis. ≫Liebling≪, flötete sie schließlich, ≫ist das nicht schrecklich lästig? Wenn Freunde von mir irgendwie in die Bredouille kommen, lasse ich sie sofort fallen! Das klingt zwar herzlos, aber es erspart einem viel Ärger hinterher! Die wollen einen doch bloß anpumpen oder sie machen ein Modegeschäft auf, und dann soll man ihnen die grässlichsten Kleider abkaufen. Oder bemalte Lampenschirme und Batikschals.≪

≫Du meinst, wenn ich morgen mein ganzes Geld verliere, dann lässt du mich fallen?≪

≫Ja, Liebling, lasse ich. Man kann mir jedenfalls nicht nachsagen, ich wäre nicht ehrlich! Ich mag eben nur erfolgreiche Menschen. Übrigens wirst du feststellen, dass die meisten Leute das so sehen — nur zugeben würden sie es nicht. Die behaupten dann, sie kämen eben nicht mehr zurecht mit Mary oder Emily oder Pamela! ’Das arme Mädchen ist ja so verbittert und so komisch wegen all dem Kummer!’≪

≫Was bist du für ein Biest, Joanna!≪

≫Ich sehe nur zu, wo ich bleibe, wie alle Menschen.≪

≫Ich nicht!≪

≫Aus nahe liegenden Gründen! Man braucht sich nicht schäbig zu benehmen, wenn einem attraktive amerikanische Vermögensverwalter im besten Mannesalter alle Vierteljahre einen dicken Scheck schicken.≪

≫Und du irrst dich auch in Bezug auf Jackie≪, sagte Linnet. ≫Sie ist keine Abstauberin. Ich wollte sie unterstützen, aber sie lässt mich nicht. Sie ist höllisch stolz.≪

≫Und warum will sie dich so dringend sprechen? Ich wette, sie will etwas! Du wirst schon sehen.≪

≫Sie klang schon aufgeregt, wegen irgendetwas≪, gab Linnet zu. ≫Jackie war immer schnell aufbrausend, wegen aller möglichen Dinge. Einmal ist sie mit dem Taschenmesser auf jemanden losgegangen!≪

≫Nein, wie gruselig!≪

≫Ein Junge hat einen Hund gequält. Jackie hat versucht ihn davon abzubringen, aber er hat weitergemacht. Sie hat an ihm herumgezerrt und ihn geschüttelt, aber er war stärker; da hat sie eben ein Taschenmesser gezückt und zugestochen. Es gab einen Heidenkrach deshalb.≪

≫Das kann ich mir vorstellen. Klingt höchst unerfreulich!≪

Linnets Dienstmädchen kam herein, murmelte eine knappe Entschuldigung, nahm ein Kleid aus dem Schrank und ging damit wieder hinaus.

≫Was ist denn mit Marie los?≪, fragte Joanna. ≫Sie hat ja geweint.≪

≫Das arme Ding! Ich hatte dir doch erzählt, dass sie einen Mann heiraten wollte, der in Ägypten arbeitet. Sie wusste aber nicht viel über ihn, deshalb fand ich, ich sollte mal nachforschen, ob er in Ordnung ist. Und dann stellte sich heraus, er hat schon eine Frau — und drei Kinder.≪

≫Du machst dir ja eine Menge Feinde, Linnet.≪

≫Feinde?≪ Linnet sah sie verblüfft an.

Joanna nickte und nahm eine Zigarette. ≫Feinde, Liebes. Du bist so entsetzlich tüchtig. Und du machst so schrecklich zuverlässig immer alles richtig.≪

Linnet lachte. ≫Aber wo — ich habe keinen einzigen Feind auf der Welt.≪

IV

Lord Windlesham saß unter der Zeder und betrachtete lange den eleganten Umriss von Wode Hall. Nichts störte diese Schönheit der Alten Welt; die neuen Anbauten lagen alle dahinter und waren außer Sicht. So in die Herbstsonne getaucht, bot Wode Hall einen heiteren, friedlichen Anblick. Aber bald war, was er da betrachtete, nicht mehr Wode Hall. Stattdessen sah er ein viel imposanteres elisabethanisches Herrenhaus, einen ausgedehnten Park, eine kargere Landschaft… Es war der Sitz seiner eigenen Familie, Charltonbury, und eine Gestalt stand jetzt davor — ein Mädchen mit leuchtend goldenen Haaren und einem unduldsamen, selbstsicheren Gesicht… Linnet als Herrin von Charltonbury!

Er war sehr zuversichtlich. Der Korb, den sie ihm gegeben hatte, war keineswegs eine endgültige Absage. Er war bloß eine Bitte um etwas mehr Zeit. Und er konnte es sich leisten zu warten…

Wie erstaunlich gut sich alles fügte! Gewiss, es war ratsam, dass er reich heiratete, aber doch auch nicht so dringlich, dass er dafür seine Gefühle beiseite zu schieben gezwungen wäre. Er liebte Linnet. Er hätte sie auch heiraten wollen, wenn sie keinen Pfennig gehabt hätte, wenn sie nicht eins der reichsten Mädchen in ganz England gewesen wäre. Nun, glücklicherweise war sie eins der reichsten Mädchen in ganz England…

In Gedanken spielte er verlockende Zukunftspläne durch. Er würde die Roxdale-Fuchsjagd ausrichten und den Westflügel restaurieren können, er musste die Ländereien in Schottland nicht mehr an Moorhuhnjäger verpachten…

Charles Windlesham saß träumend in der Sonne.

V

Es war vier Uhr, als der klapprige kleine Zweisitzer knirschend auf dem Kies zum Stehen kam. Ein Mädchen stieg aus — ein schmächtiges kleines Geschöpf mit einem dunklen Wuschelkopf. Sie sprang die Stufen hinauf und riss an der Klingel.

Ein paar Minuten später wurde sie in den pompösen, lang gestreckten Salon geführt, und ein hochwürdiger Butler verkündete mit der gebührenden Feierlichkeit: ≫Miss de Bellefort.≪

≫Linnet!≪

≫Jackie!≪

Windlesham stand etwas beiseite und sah wohlwollend zu, wie das kleine Temperamentbündel sich Linnet mit offenen Armen entgegenwarf.

≫Lord Windlesham — Miss de Bellefort, meine beste Freundin.≪

Ein hübsches Kind, dachte er, obwohl eigentlich nicht hübsch, aber ausgesprochen anziehend mit ihren dunklen Locken und ihren großen Augen. Er murmelte ein paar Floskeln und ließ die beiden Freundinnen taktvoll allein.

Jacqueline bestürmte Linnet, in ihrer typischen Weise, an die Linnet sich erinnerte. ≫Windlesham? Windlesham? Das ist der Mann, von dem die Zeitungen ständig schreiben, du willst ihn heiraten? Willst du, Linnet? Willst du?≪

Linnet murmelte: ≫Vielleicht.≪

≫Liebling — ich freue mich ja so! Er sieht nett aus.≪

≫Oh, keine voreiligen Schlüsse — ich habe ja selbst noch keinen gefasst.≪

≫Natürlich nicht! Eine Königin schreitet mit Bedacht zur Wahl ihres Gefährten, wie es ihr zusteht!≪

≫Sei nicht albern, Jackie.≪

≫Du bist doch eine Königin, Linnet! Das warst du immer. Sa majesté, la reine Linette, Linette la blonde! Und ich — ich bin die Vertraute der Königin! Ihre getreue Hofdame.≪

≫Was für einen Unsinn du redest, Jackie! Wo warst du überhaupt die ganze Zeit? Du verschwindest einfach. Und schreiben tust du auch nie.≪

≫Ich hasse Briefeschreiben. Wo ich war? Ach, zu drei Vierteln ertrunken, Liebling. In ARBEIT nämlich. Grässliche Stellen mit grässlichen Frauen.≪

≫Aber du hättest doch —≪

≫Die Wohltaten der Königin annehmen sollen? Na ja, ehrlich gesagt, Liebling, deshalb bin ich hier. Nein, nicht um dich anzupumpen. So weit ist es noch nicht! Aber ich möchte dich um einen großen Gefallen bitten!≪

≫Na los.≪

≫Wenn du deinen Windlesham heiraten willst, verstehst du mich vielleicht.≪

Linnet stutzte einen Augenblick lang, dann hellte sich ihr Gesicht auf. ≫Jackie, heißt das —?≪

≫Ja, Liebling, ich bin verlobt!≪

≫Ach, das ist es! Ich dachte gleich, du siehst irgendwie besonders lebenslustig aus. Das tust du natürlich immer, aber heute noch mehr.≪

≫Genauso fühle ich mich auch.≪

≫Erzähl mir alles über ihn.≪

≫Er heißt Simon Doyle. Er ist groß und stattlich und unglaublich arglos und jungenhaft und einfach zum Anbeten! Arm ist er auch — Geld hat er nicht. Ist zwar echter ‘Landadel’, wie man so sagt — aber verarmter Adel. Er ist auch nicht der älteste Sohn und so weiter. Seine Familie stammt aus Devonshire. Er liebt das Landleben und alles, was dazugehört. Und die letzten fünf Jahre hat er in London in einem muffigen Büro gehockt, aber die entlassen jetzt Leute und er ist die Stelle los. Linnet, ich sterbe, wenn ich ihn nicht heiraten darf! Ich sterbe! Ich sterbe! Ich sterbe…≪

≫Sei nicht albern, Jackie.≪

≫Ich sterbe, ich schwörs dir! Ich bin verrückt nach ihm. Wir können ohne einander nicht leben.≪

≫Liebling, dich hats wirklich erwischt!≪

≫Ich weiß. Schrecklich, nicht? Wenn die Liebe einen mal erwischt, kann man nichts mehr machen.≪ Sie hielt einen Augenblick inne. Ihre dunklen Augen wurden noch größer und bekamen einen tragischen Blick. Sie schauderte leicht. ≫Das macht einem sogar manchmal Angst! Simon und ich sind füreinander geschaffen. Ich werde so etwas nie wieder für jemanden fühlen. Und du musst uns helfen, Linnet. Ich habe erfahren, dass du das Anwesen hier gekauft hast, und mir ist eine Idee gekommen. Hör mal, du brauchst einen Verwalter — vielleicht sogar zwei. Ich möchte, dass du eine Stelle Simon gibst.≪

≫Oh!≪ Linnet war verblüfft.

Jacqueline ließ nicht locker. ≫Er kann das alles mit links. Er weiß alles über Landgüter — er ist ja auf einem aufgewachsen. Und das Kaufmännische hat er auch gelernt. Oh, Linnet, du gibst ihm doch die Stelle, ja? Aus Liebe zu mir. Wenn er sich nicht bewährt, schmeiß ihn wieder raus. Aber er wird sich bewähren. Und wir können in ein kleines Haus ziehen und ich kann dich ganz oft sehen und der Garten wird ein einziger Traum sein.≪

Sie stand auf. ≫Sag ja, Linnet. Sag ja. Wunderschöne Linnet! Großartige, goldene Linnet! Meine einzige, ganz besondere Linnet! Sag ja!≪

≫Jackie — ≪

≫Sagst du ja?≪

Linnet fing an zu lachen. ≫Alberne Jackie! Bring ihn her, deinen Mann, ich sehe ihn mir an und dann reden wir darüber.≪

Jackie fiel über sie her und deckte sie mit Küssen zu. ≫Linnet, Liebling — du bist eine wahre Freundin! Ich wusste es. Du würdest mich nicht im Stich lassen — niemals. Du bist das Liebenswerteste auf der Welt. Adieu.≪

≫Aber, Jackie, du bleibst doch.≪

≫Ich? Nein. Ich fahre sofort zurück nach London und morgen komme ich mit Simon wieder und wir bringen alles unter Dach und Fach. Du wirst ihn anbeten. Er ist ein richtiger Schmusekater.≪

≫Kannst du denn nicht noch zum Tee bleiben?≪

≫Nein, kann ich nicht, Linnet. Ich bin viel zu aufgekratzt. Ich muss zu Simon und ihm alles erzählen. Ich weiß, ich bin verrückt, aber ich kann nicht anders. Die Ehe wird mich hoffentlich kurieren. Soll einen ja sehr ernüchtern.≪

An der Tür machte sie plötzlich kehrt, blieb einen Augenblick stehen und flatterte dann noch einmal zurück zu Linnet und umarmte sie. ≫Liebe Linnet, so jemanden wie dich gibt’s nicht noch einmal.≪

VI

Monsieur Gaston Blondin, der Wirt des mondänen kleinen Chez Ma Tante, war keiner von den Restaurantbesitzern, die jedem Gast entzückt die Honneurs machen. Selbst die Reichen und Schönen, die Prominenz und der Adel warteten gelegentlich vergebens darauf, von ihm erkannt und mit besonderer Aufmerksamkeit geehrt zu werden. Er ließ sich nur in den seltensten Fällen gnädig herab, einen Gast persönlich zu begrüßen, an einen der besseren Tische zu geleiten und ein paar wohlgesetzte Worte mit ihm zu wechseln.

An diesem Abend hatte er seine königliche Gunst allerdings schon drei Leuten erwiesen — einer Herzogin, einem berühmten adligen Rennstallbesitzer sowie einem kleinen Mann mit einem enormen Moustache, der komisch aussah und dessen Anwesenheit, so würde ein zufälliger Augenzeuge wohl schließen, dem Chez Ma Tante eigentlich nichts zu bieten hatte.

Aber gerade ihm gegenüber war Monsieur Blondin von beinah schmieriger Beflissenheit. Die ganze letzte halbe Stunde lang hatten Gäste zu hören bekommen, es sei kein Tisch mehr zu haben, aber plötzlich und unerklärlich gab es sehr wohl einen, an allerbester Stelle. Und Monsieur Blondin begleitete seinen Gast mit überaus servilen Gesten dorthin.

≫Aber natürlich, Monsieur Poirot, für Sie ist doch immer ein Tisch frei! Sie sollten uns unbedingt öfter die Ehre geben!≪

Hercule Poirot lächelte, und ein anderes Essen hier fiel ihm wieder ein, bei dem eine Leiche, ein Kellner, Monsieur Blondin und eine bildhübsche Lady eine Rolle gespielt hatten. ≫Sie sind zu liebenswürdig, Monsieur Blondin≪, sagte er schließlich.

≫Und Sie sind allein, Monsieur Poirot?≪

≫Ja, ich bin allein.≪

≫Oh, na dann wird unser Jules hier ein kleines Menü für Sie zusammenstellen, und das wird ein Gedicht — ein wahres Gedicht! Frauen, so bezaubernd sie auch sind, haben ja doch einen Nachteil: Sie lenken den Geist vom Essen ab! Es wird Ihnen munden, Monsieur Poirot, das verspreche ich Ihnen. Was den Wein angeht —≪

Es folgte ein Fachgespräch, assistiert von Jules, dem Maître d’hôtel.

Monsieur Blondin zögerte einen Augenblick, bevor er den Tisch verließ, und fragte dann vertraulich leise: ≫Haben Sie wieder wichtige Geschäfte zu erledigen?≪

Poirot schüttelte den Kopf. ≫Ich bin doch nur ein Mann der Muße≪, erwiderte er sanft. ≫Ich habe beizeiten gespart und kann es mir jetzt leisten, mich einem beschaulichen Dasein hinzugeben.≪

≫Ich beneide Sie.≪

≫Nein, nein, Sie wären töricht, wenn Sie das täten. Ich kann Ihnen versichern, es ist längst nicht so vergnüglich, wie es klingt.≪ Er seufzte. ≫Wie Recht hat doch das Sprichwort, dass der Mensch die Arbeit notgedrungen erfinden musste, um dem Zwang zum Denken zu entgehen.≪

Monsieur Blondin riss die Arme hoch. ≫Aber es gibt doch so vieles! Man kann reisen!≪

≫Ja, man kann reisen. Darin bin ich auch schon ganz gut. In diesem Winter fahre ich, glaube ich, mal nach Ägypten. Das Klima soll dort superb sein! Da kann man dem Nebel, dem Grau, der Eintönigkeit des ewigen Regens entfliehen.≪

≫Ah — Ägypten≪, hauchte Monsieur Blondin.

≫Man soll jetzt wohl sogar mit dem Zug hinkommen und sich die Seefahrerei ersparen können, außer über den Kanal natürlich.≪

≫Ja, das Meer. Meints nicht gut mit Ihnen?≪

Hercule Poirot schüttelte leise schaudernd den Kopf.

≫Geht mir genauso≪, sagte Monsieur Blondin mitfühlend. ≫Eigentlich kurios, was das Meer mit dem Magen macht.≪

≫Aber nur mit bestimmten Mägen! Es gibt Leute, die sind vom Wellengang überhaupt nicht zu beeindrucken. Die genießen ihn regelrecht!≪

≫Eine Ungerechtigkeit vom lieben Gott≪, sagte Monsieur Blondin, bevor er sich endlich zurückzog, mit bedauerndem Kopfschütteln seinen ketzerischen Gedanken nachhängend.

Flinke Kellner schwirrten auf leisen Sohlen um den Tisch, mit Toast Melba, Butter, einem Eiskübel und allen weiteren Ingredienzen eines erstklassigen Essens. Dazu spielte sich eine Negerkapelle in eine Ekstase aus eigentümlichen Missklängen. London tanzte.

Hercule Poirot sah zu und registrierte alle Eindrücke in seinem wohl sortierten, aufgeräumten Hirn. Wie gelangweilt und überdrüssig die meisten dreinsahen! Ein paar von den dickeren Männern allerdings hatten ihren Spaß. In den Gesichtern ihrer Tanzpartnerinnen dagegen stand anscheinend nur geduldig ertragene Qual zu lesen. Aber die fette Frau in Purpurrot strahlte vor Freude. Ganz offensichtlich bot das Leben Entschädigung für Fett — Vitalität, Schwung, lauter Dinge, die Leuten mit modischeren Figuren verwehrt blieben.

Ein versprengtes Häuflein junger Menschen — ein paar mit den Gedanken woanders — ein paar gelangweilt — ein paar deutlich unglücklich. Was für eine absurde Behauptung, die Jugend sei die Zeit des Glücks — die Jugend war die Zeit der größten Verletzlichkeit!

Poirots Blick wurde weicher, als er ihn auf einem Paar ruhen ließ. Zwei, die zueinander passten — groß und breitschultrig der Mann, schmal und zart das Mädchen. Zwei Körper, die sich bewegten im vollkommenen Rhythmus des Glücks. Des Glücks, hier und jetzt beieinander zu sein.

Plötzlich brach die Tanzmusik ab. Es wurde geklatscht, bis sie weiterspielte. Nach der zweiten Zugabe ging das Paar zurück an einen Tisch dicht neben dem Poirots. Das Mädchen lachte und hatte einen roten Kopf. Als sie sich gesetzt hatte, konnte er ihr Gesicht, das sie lachend ihrem Gefährten zuwandte, genauer sehen. Aus ihren Augen sprach noch etwas anderes als Lachen. ≫Sie hängt zu sehr an ihm, die Kleine≪, sagte er zu sich. ≫Das ist nicht ungefährlich. Gar nicht ungefährlich.≪

Und dann drang ihm ein Wort ans Ohr: ≫Ägypten.≪

Er konnte die Stimmen deutlich hören — die des Mädchens war jung, frisch und hochmütig mit einer winzigen Spur weicher, ausländischer Rs, die des Mannes wohlklingend, tief, bestes Englisch.

≫Ich brate keine ungelegten Eier, Simon. Ich sage nur, Linnet lässt uns nicht im Stich!≪

≫Aber vielleicht lasse ich sie im Stich.≪

≫Unsinn — das ist genau die richtige Stelle für dich.≪

≫Das ist sie, das glaube ich auch… Ich zweifle auch gar nicht an meinem Können. Ich will mich ja bewähren — deinetwegen!≪

Das Mädchen lachte sanft, das lachende reine Glück. ≫Wir warten jetzt die drei Monate ab — dann wissen wir, dass du nicht wieder entlassen wirst — und dann —≪

≫Und dann teil’ ich mit Euch mein irdisch Hab und Gut — darauf läufts hinaus, nicht?≪

≫Und in die Flitterwochen fahren wir, wie gesagt, nach Ägypten. Egal, was es kostet! Ich wollte mein Leben lang nach Ägypten. Der Nil und die Pyramiden und der Sand…≪

Seine Stimme war jetzt etwas undeutlicher. ≫Wir sehen es uns zusammen an, Jackie… Ist das nicht herrlich?≪

≫Ich bin nicht ganz sicher. Findest du das eigentlich so herrlich wie ich? Hängst du wirklich an mir — so wie ich an dir?≪ Sie klang plötzlich erregter und hatte weit aufgerissene, fast angstvolle Augen.

Seine Antwort kam schnell und scharf. ≫Red keinen Unsinn, Jackie.≪

Aber das Mädchen sagte noch einmal: ≫Ich bin nicht ganz sicher…≪ Dann zuckte sie die Schultern. ≫Lass uns tanzen.≪

Hercule Poirot murmelte in sich hinein: ≫Une qui aime et un qui se laisse aimer. Nein, sicher wäre ich da auch nicht.≪

VII

≫Und wenn er nun ein furchtbarer Grobian ist?≪, gab Joanna Southwood zu bedenken.

Linnet schüttelte den Kopf. ≫Ach, das wird er schon nicht. Auf Jacquelines Geschmack ist Verlass.≪

≫Na ja, nur —≪, murmelte Joanna, ≫wenn sie verliebt sind, sind die Leute nicht unbedingt in Hochform.≪

Linnet schüttelte den Kopf noch unwirscher und wechselte das Thema. ≫Ich muss zu Mr. Pierce wegen der Pläne.≪

≫Pläne?≪

≫Ja, ein paar furchtbar unhygienische alte Hütten. Ich lasse sie abreißen und die Leute woanders unterbringen.≪

≫Wie gesundheitsbewusst und menschenfreundlich von dir, Liebling!≪

≫Die Hütten mussten sowieso weg. Man hat von da aus Einblick in mein Schwimmbecken.≪

≫Wollen denn die Leute, die da jetzt wohnen, auch weg?≪

≫Die meisten liebend gern. Ein, zwei stellen sich ein bisschen dumm an — die sind sogar ziemlich lästig. Die wollen offenbar nicht einsehen, wie viel besser sie woanders leben könnten!≪

≫Trotzdem hast du es ganz eigenmächtig entschieden, nehme ich an.≪

≫Meine liebe Joanna, es ist tatsächlich zu ihrem Besten.≪

≫Aber ja, Liebes. Ganz bestimmt. Zwangsbeglückung.≪

Linnet runzelte die Stirn.

Joanna lachte.

≫Na komm, du bist ein Tyrann, gibs zu. Ein wohltätiger Tyrann, wenn du so willst!≪

≫Ich bin kein Tyrann, kein bisschen.≪

≫Aber du willst immer alles nach deiner Fasson machen!≪

≫Nicht unbedingt.≪

≫Linnet Ridgeway, kannst du mir in die Augen sehen und ein einziges Mal nennen, bei dem nicht alles genau so gemacht wurde, wie du es wolltest?≪

≫Dutzende.≪

≫O ja, ’Dutzende‘ — sagst du so —, aber kein einziges konkretes Beispiel. Dir fällt auch partout keins ein, und wenn du dich noch so anstrengst! Linnet Ridgeway beim Triumphzug im goldenen Wagen.≪

≫Willst du damit sagen, ich bin selbstsüchtig?≪, fragte Linnet spitz.

≫Nein — nur unwiderstehlich. Die geballte Macht von Geld und Charme. Vor dir geht alles auf die Knie. Und was du nicht mit Geld kriegst, das kriegst du mit einem Lächeln. Fazit: Linnet Ridgeway, das Mädchen, das alles hat.≪

≫Sei nicht albern, Joanna!≪

≫Wieso, hast du etwa nicht alles?≪

≫Doch, habe ich wohl. Aber das klingt so… irgendwie ekelhaft.≪

≫Natürlich ist das ekelhaft, Liebling! Wahrscheinlich langweilst du dich bald entsetzlich und wirst mit der Zeit blasiert. Bis dahin genieß nur deinen Triumphzug im goldenen Wagen. Ich weiß allerdings nicht, ich weiß wirklich nicht, was passiert, wenn du irgendwann eine Straße entlangfahren willst und da steht ein Schild: ‘Keine Durchfahrt’.≪

≫Du bist ja übergeschnappt, Joanna.≪ Linnet drehte sich um zu Lord Windlesham, der gerade dazugekommen war. ≫Joanna sagt ganz gemeine Sachen zu mir.≪

≫Die reine Bosheit, Liebling, die reine Bosheit≪, murmelte Joanna und stand auf. Sie ging ohne ein Wort aus dem Zimmer. Sie hatte das Funkeln in Windleshams Augen gesehen.

Er schwieg eine Weile und fragte schließlich ganz direkt: ≫Hast du dich entschieden, Linnet?≪

Langsam antwortete Linnet: ≫Bin ich gefühllos? Ich müsste doch wohl, wenn ich mir nicht sicher bin, nein sagen —≪

Er fiel ihr ins Wort. ≫Sags nicht. Du hast Zeit — alle Zeit, die du willst. Aber weißt du, ich finde, wir sollten miteinander glücklich sein.≪

≫Sieh mal≪, Linnet klang fast kindlich trotzig, ≫ich bin so gern allein — vor allem hier, mit alldem.≪ Sie fuhr mit der Hand durch die Luft. ≫Ich wollte mit Wode Hall mein Ideal von einem Landhaus verwirklichen, und ich finde, das habe ich doch ganz gut geschafft, oder?≪

≫Es ist wunderschön. Schön entworfen. Alles vollkommen. Du bist sehr klug, Linnet.≪

Wieder hielt er einen Augenblick inne. ≫Aber du magst doch Charltonbury auch, oder? Man müsste es natürlich modernisieren und alles — aber in solchen Dingen bist du ja sehr geschickt. Es wird dir Spaß machen.≪

≫Aber ja, natürlich, Charltonbury ist himmlisch.≪ Sie klang begeistert, aber tief innen spürte sie einen Schauder. Ein fremder Ton war da mitgeschwungen, und der trübte ihre vollkommene Zufriedenheit mit dem Leben. Sie ging dem Gefühl nicht weiter nach. Erst später, als Windlesham gegangen war, fing sie an, die geheimen Winkel ihrer Gedanken zu durchstöbern.

Charltonbury. Ja, das war es gewesen — der Name Charltonbury hatte das in ihr aufgerührt. Aber warum? Charltonbury war sogar ziemlich berühmt. Windleshams Vorfahren saßen dort seit den Zeiten von Königin Elisabeth. Herrin von Charltonbury war eine kaum zu überbietende gesellschaftliche Position. Windlesham war einer der begehrenswertesten Adligen in ganz England. Und Wode Hall konnte ihn natürlich nicht beeindrucken. Es war gar kein Vergleich mit Charltonbury.

Nein, aber Wode Hall gehörte ihr! Sie hatte es entdeckt, erworben, umgebaut, neu eingerichtet und ihr Geld mit Freuden dafür ausgegeben. Es war ihr ganz eigener Besitz — ihr Königreich.

Doch irgendwie wäre das alles nichts mehr wert, wenn sie Windlesham heiraten würde. Was sollten sie auch mit zwei Landsitzen? Aufgegeben würde natürlich Wode Hall. Und sie selbst, Linnet Ridgeway, gäbe es auch nicht mehr. Sie würde Countess of Windlesham und brächte eine hübsche Mitgift mit nach Charltonbury und zu dessen Herrn. Sie wäre die Gemahlin des Königs und nicht mehr selbst die Königin.

≫Ich bin albern≪, sagte Linnet laut zu sich.

Aber es war schon eigenartig, wie wenig ihr die Vorstellung gefiel, Wode Hall aufzugeben…

Und war da nicht noch etwas Nagendes? Jackies Stimme, mit diesem sonderbaren düsteren Ton: ≫Ich sterbe, wenn ich ihn nicht heiraten darf! Ich sterbe. Ich sterbe…≪

So gewiss, so ernst. Fühlte sie selbst, Linnet, so etwas eigentlich für Windlesham? Mit Sicherheit nicht. Womöglich würde sie nie so etwas für jemanden fühlen. Es musste wunderbar sein…

Das Geräusch eines Autos drang durch das offene Fenster herauf. Linnet schüttelte sich widerwillig. Es war bestimmt Jackie mit ihrem jungen Mann. Sie musste nach unten gehen, sie begrüßen.

Sie stand in der offenen Tür, als Jacqueline und Simon Doyle aus dem Auto stiegen.

≫Linnet!≪ Jackie kam ihr entgegengelaufen. ≫Das ist Simon. Simon, das ist Linnet. Ganz einfach der wunderbarste Mensch auf der Welt.≪

Linnet betrachtete den großen, breitschultrigen jungen Mann mit den ganz dunkelblauen Augen, den braunen Kräusellocken, dem energischen Kinn und dem anziehenden, arglosen Jungenlächeln…

Sie streckte die Hand aus. Die andere Hand, die ihre ergriff, war fest und warm… Sie mochte, wie er sie ansah, mit naiver, echter Bewunderung.

Jackie hatte ihm erklärt, Linnet sei wunderbar, und es war deutlich, dass er das auch fand…

Ein süßes warmes Rauschgefühl lief ihr durch die Adern. ≫Ist das nicht alles wundervoll!≪, sagte sie. ≫Kommen Sie herein, Simon, herzlich willkommen, mein neuer Gutsverwalter.≪

Dann drehte sie sich um, ging vor und dachte: ≫Ich bin schrecklich — schrecklich glücklich. Jackies junger Mann gefällt mir… Gefällt mir enorm…≪

Und plötzlich ein Stich: ≫Hast du ein Glück, Jackie…≪

VIII

Tim Allerton ließ sich in den Korbsessel zurücksinken und sah gähnend hinaus aufs Meer. Dann warf er einen raschen Seitenblick auf seine Mutter.

Mrs. Allerton war um die fünfzig, sah gut aus und hatte weiße Haare. Sie kniff immer, wenn sie ihren Sohn ansah, die Lippen betont streng zusammen, nur um ihre sehr innigen Gefühle für ihn zu verbergen. Aber selbst Fremde ließen sich von dieser Maßnahme selten täuschen, und Tim hatte sie komplett durchschaut.

≫Magst du Mallorca eigentlich, Mutter?≪, fragte er.

≫Na ja≪, gab Mrs. Allerton zu bedenken, ≫es ist billig.≪

≫Und kalt.≪ Tim fröstelte.

Er war groß und dünn, ein eher schmalbrüstiger junger Mann mit dunklen Haaren. Er hatte einen sehr weichen, hübschen Mund, ein Kinn, das nicht die größte Entschlussfreude verriet, und zarte, lange Hände. Er war körperlich nie der Robusteste gewesen und vor ein paar Jahren sogar fast schwindsüchtig. Allgemein hieß es, ≫er schreibt≪, aber seine Freunde wussten, dass er Fragen nach seinem literarischen Ausstoß nicht eben förderte.

≫Woran denkst du, Tim?≪ Mrs. Allerton war immer auf der Hut. Sie sah ihn an aus ihren strahlenden, aber argwöhnischen dunkelbraunen Augen.

Tim grinste zurück. ≫Gerade dachte ich an Ägypten.≪

≫Ägypten?≪ Es klang ungläubig.

≫Da ist es wirklich warm. Nur träger goldener Sand. Der Nil. Ich würde gern mal den Nil hinauffahren, du nicht?≪

≫O doch, sehr gern sogar≪, kam es trocken zurück. ≫Aber Ägypten ist teuer, mein Lieber. Nichts für Leute, die mit dem Pfennig rechnen müssen.≪

Tim lachte, stand auf und reckte sich. Er sah plötzlich hellwach und lebhaft aus. Auch seine Stimme hatte etwas Erregtes. ≫Die Kosten übernehme ich. Ja, Liebling. Ein kleines Abenteuer an der Börse. Mit durch und durch befriedigendem Ausgang. Ich habs heute Morgen erfahren.≪

≫Heute Morgen?≪, fragte Mrs. Allerton scharf. ≫Du hast doch nur den einen Brief bekommen, und der —≪ Sie schwieg und biss sich auf die Lippe.

Tim war einen Augenblick lang unschlüssig, ob er sich amüsieren oder ärgern sollte. ≫Und der war von Joanna≪, beendete er dann kühl ihren Satz. ≫Ganz recht, Mutter. Du könntest die Königin der Detektive werden. Hercule Poirot müsste um seine Lorbeeren bangen, wenn du in der Nähe wärst.≪

Mrs. Allerton sah ihn verdrießlich an. ≫Ich habe doch nur zufällig die Schrift gesehen —≪

≫Und erkannt, dass die nicht von einem Börsenmakler stammt? Ganz recht. Ich habe es in Wirklichkeit auch gestern schon erfahren. Arme Joanna, ihre Schrift sticht wirklich ins Auge — sie krakelt über den ganzen Briefumschlag, wie eine betrunkene Spinne.≪

≫Was schreibt sie denn? Irgendetwas Neues?≪

Mrs. Allerton gab sich alle Mühe, beiläufig und normal zu klingen. Die Freundschaft zwischen ihrem Sohn und seiner Cousine zweiten Grades, Joanna Southwood, war ihr ein Dorn im Auge. Nicht dass da ≫mehr dran≪ war, wie sie für sich beschlossen hatte. Da war sie ziemlich sicher. Tim hatte nie romantische Interessen an Joanna geäußert und sie an ihm auch nicht. Was sie zusammenhielt, waren wohl ihre Klatschlust und unzählige gemeinsame Freunde und Bekannte. Beide hatten gern Leute um sich und tratschten auch gern über sie. Joanna hatte Witz, allerdings durchaus beißenden.

Nicht also, dass Mrs. Allerton befürchtete, Tim könnte sich in Joanna verlieben, und deshalb immer etwas Steifleinenes bekam, sobald Joanna anwesend war oder ein Brief von ihr kam. Es war etwas anderes, schwer Definierbares — uneingestandene Eifersucht vielleicht, darauf, dass Tim offensichtlich echten Spaß an Joannas Gesellschaft fand. Mrs. Allerton und ihr Sohn waren ein so perfektes Gespann, dass sie immer nur leicht alarmiert mit ansehen konnte, wenn er sich für eine andere Frau interessierte oder sich von ihr in Anspruch nehmen ließ. Außerdem bekam sie dann auch immer das ungute Gefühl, ihre eigene Anwesenheit könnte wie eine Barriere zwischen zwei Menschen der jüngeren Generation wirken. Sie war oft dazugestoßen, wenn Tim und Joanna in ein lebhaftes Gespräch vertieft waren, und allein ihr Erscheinen hatte die Unterhaltung zuerst ins Stocken gebracht und danach hatte es geklungen, als ob sie betont mit einbezogen werden sollte, pflichtschuldig. Fest stand, Mrs. Allerton mochte Joanna Southwood nicht. Sie fand sie unaufrichtig, affektiert und zutiefst oberflächlich. Und es fiel ihr sehr schwer, das nicht in unziemlicher Deutlichkeit kundzutun.

Als Antwort auf ihre Frage zog Tim den Brief aus der Tasche und überflog ihn. Er war ziemlich lang, stellte seine Mutter fest.

≫Nichts Besonderes≪, sagte er schließlich. ≫Die Devenishs lassen sich scheiden. Den alten Monty haben sie betrunken am Steuer erwischt. Windlesham ist in Kanada. War wohl ein schwerer Schlag für ihn, dass Linnet Ridgeway ihm den Laufpass gegeben hat. Sie heiratet jetzt tatsächlich diesen Verwalter.≪

≫Wie unkonventionell! Ist er sehr schlimm?≪

≫Nein, nein, gar nicht. Gehört zu den Doyles aus Devonshire. Kein Geld, natürlich — und eigentlich war er mit einer von Linnets besten Freundinnen verlobt. Ziemlich übel, das Ding.≪

≫Ich finde so etwas überhaupt nicht nett.≪ Mrs. Allerton war zornrot geworden.

Tim warf ihr einen liebevollen Blick zu. ≫Ich weiß, meine Liebe. Du kannst es nicht ausstehen, wenn man anderen den Mann wegschnappt und solche Sachen.≪

≫Zu meiner Zeit hatte man noch Anstand≪, sagte Mrs. Allerton. ≫Und das war auch gut so! Die jungen Leute von heute scheinen zu glauben, sie dürften einfach alles machen, was ihnen in den Kopf kommt.≪

Tim lächelte. ≫Das glauben sie nicht nur. Sie machens auch. Vide Linnet Ridgeway!≪

≫Nun, ich finde es horribel!≪

Tim zwinkerte ihr zu. ≫Nicht verzagen, alter Haudegen! Vielleicht finde ich das ja auch. Jedenfalls habe ich bisher noch niemandem die Frau oder die Braut ausgespannt.≪

≫Ich bin überzeugt, so etwas würdest du auch nie tun≪, erwiderte sie und setzte resolut hinterher: ≫Ich habe dich nämlich zu Anstand erzogen.≪

≫Also ist es dein Verdienst, nicht meins.≪ Er lächelte sie liebevoll spöttisch an, faltete den Brief zusammen und steckte ihn wieder ein.

Mrs. Allerton durchfuhr ein kleiner Gedankenblitz: Meistens zeigt er mir seine Briefe. Aber aus denen von Joanna liest er mir immer nur Stückchen vor. Sie schob ihn sofort wieder beiseite und beschloss wie gewohnt Dame zu bleiben. ≫Ist denn Joanna sonst zufrieden mit ihrem Leben?≪

≫So lala. Sie schreibt, sie überlegt, ob sie ein Feinkostgeschäft in Mayfair aufmachen soll.≪

≫Sie behauptet doch ständig, sie sei abgebrannt≪, sagte Mrs. Allerton eine Spur boshaft. ≫Dabei ist sie immer überall dabei, ihre Garderobe muss eine Stange Geld kosten. Sie ist immer tipptopp gekleidet.≪

≫Tja, ja≪, sagte Tim, ≫wahrscheinlich bezahlt sie sie gar nicht. Nein, Mutter, ich meine nicht, was du jetzt denkst, mit deinen Ansichten aus dem letzten Jahrhundert. Ich meine einfach, sie bezahlt buchstäblich die Rechnungen nicht.≪

Mrs. Allerton seufzte. ≫Ich verstehe immer noch nicht, wie die Leute das hinkriegen.≪

≫Das ist eine besondere Begabung. Wenn du extravagant genug bist und Geschmack hast, aber absolut kein Gefühl für den Wert von Geld, dann geben die Leute dir jeden Kredit.≪

≫Ja, nur am Ende stehst du vor Gericht wegen Bankrott wie der arme Sir George Wode.≪

≫Du hast ein Faible für den alten Rosstäuscher — wahrscheinlich nur, weil er dich mal Rosenknospe genannt hat, beim Tanztee 1879.≪

≫1879 war ich noch gar nicht geboren≪, konterte Mrs. Allerton. ≫Sir George hat bezaubernde Manieren, und ich wünsche nicht, dass du ihn Rosstäuscher nennst.≪

≫Ich habe schräge Sachen über ihn gehört, von Leuten, die es wissen müssen.≪

≫Du und Joanna, ihr erzählt alles Mögliche über andere Leute, Hauptsache, es ist gehässig.≪

Tim zog die Augenbrauen hoch. ≫Meine Liebe, du bist ja richtig in Rage. Ich wusste gar nicht, dass der alte Wode so einen Stein bei dir im Brett hat.≪

≫Du weißt ja auch nicht, wie schwer es ihm gefallen ist, Wode Hall zu verkaufen. Er hat furchtbar daran gehangen.≪

Tim verkniff sich eine Retourkutsche. Mit welchem Recht hätte er ihn auch verurteilen sollen? Er sagte nur nachdenklich: ≫Na ja, da liegst du, glaube ich, nicht ganz falsch. Linnet hat ihn mal eingeladen, damit er sich ansehen kann, was sie daraus gemacht hat, aber er hat das ziemlich brüsk abgelehnt.≪

≫Natürlich. Sie hätte ihn gar nicht einladen dürfen.≪

≫Er ist, glaube ich, auch ziemlich sauer auf sie — er brummelt immer in seinen Bart, wenn er sie sieht. Er wird ihr nie verzeihen, dass sie ihm so einen absoluten Spitzenpreis gezahlt hat für seinen wurmstichigen Familienbesitz.≪

≫Verstehst du das etwa nicht?≪ Auch Mrs. Allerton klang sauer.

≫Offen gestanden, nein≪, antwortete Tim ruhig. ≫Warum in der Vergangenheit leben? Warum an etwas kleben, das mal gewesen ist?≪

≫Was würdest du denn an dessen Stelle setzen?≪

Er zuckte die Schultern. ≫Etwas Aufregendes vielleicht. Das Neue. Das Vergnügen, nie genau zu wissen, was so wird von einem Tag auf den anderen. Und an Stelle eines geerbten nutzlosen Stücks Land den Spaß, sein Geld selbst zu verdienen — mit dem eigenen Grips und der eigenen Tüchtigkeit.≪

≫Und erfolgreicher Börsenspekuliererei, meinst du wohl!≪

Er lachte. ≫Warum denn nicht?≪

≫Und was ist, wenn du dabei genauso tüchtig verlierst?≪

≫Das, meine Liebe, war jetzt ausgesprochen taktlos. Und heute auch ausgesprochen unpassend… Was ist denn nun mit dem Projekt Ägypten?≪

≫Nun ja —≪

Er ließ sie gar nicht weiterreden, sondern sagte lächelnd: ≫Also abgemacht. Wir wollten beide immer schon mal nach Ägypten.≪

≫Wann solls denn sein?≪

≫Na, im nächsten Monat. Januar soll da die beste Zeit sein. Wir dürfen uns also noch ein paar Wochen der reizenden Gesellschaft dieses Hotels hier erfreuen.≪

≫Tim!≪, sagte Mrs. Allerton tadelnd. Und fügte schuldbewusst hinzu: ≫Ich habe leider Mrs. Leech versprochen, dass du mit ihr auf die Polizei gehst. Sie versteht doch kein Wort Spanisch.≪

Tim verzog das Gesicht. ≫Gehts um den Ring? Den blutroten Rubin der Tochter des Hauses Leech, auch genannt Pferdeegel? Beharrt sie immer noch darauf, dass er gestohlen wurde? Ich tus, wenn du das möchtest, aber es ist Zeitverschwendung. Sie wird bloß einem armen gebeutelten Zimmermädchen Scherereien machen. Ich habe ihn mit Sicherheit an ihrem Finger gesehen, als sie an dem Tag baden gegangen ist. Er ist ihr im Wasser abgerutscht und sie hat es nicht gemerkt.≪

≫Sie sagt, sie ist ganz sicher, dass sie ihn vorher abgezogen und auf den Toilettentisch gelegt hat.≪

≫Tja, hat sie aber nicht. Ich habe ihn mit eigenen Augen gesehen. Die Frau ist überkandidelt. Jede Frau, die im Dezember ins Meer stolziert und sich einbildet, es wäre ganz warm, bloß weil zufällig gerade mal die Sonne scheint, ist überkandidelt. Mollige Frauen sollten sowieso nicht baden dürfen, die sehen in Badeanzügen einfach unappetitlich aus.≪

Mrs. Allerton brummte zurück: ≫Ich werde das Gefühl nicht los, ich soll das Baden auch bald lassen.≪

Tim lachte laut auf. ≫Du? Du steckst die meisten jungen Dinger in die Tasche.≪

Mrs. Allerton seufzte, sagte dann aber: ≫Ich fände es ja schöner, wenn hier ein bisschen mehr Jugend für dich wäre.≪

Tim Allerton schüttelte energisch den Kopf. ≫Ich nicht. Du und ich, wir kommen hier auch ohne Ablenkung von außen ganz gut zurande.≪

≫Du hättest doch Joanna gern hier.≪

≫Hätte ich nicht.≪ Es kam unerwartet heftig. ≫Da liegst du völlig falsch. Ich finde Joanna amüsant, aber ich mag sie eigentlich nicht und ihre Anwesenheit geht mir ziemlich bald auf die Nerven. Ich bin froh, dass sie nicht hier ist. Ich wäre auch nicht untröstlich, wenn ich sie nie wieder sehen dürfte.≪

Und fast unhörbar fügte er hinzu: ≫Es gibt nur eine Frau auf der Welt, für die ich wirklich Hochachtung und Respekt empfinde, und ich denke, Mrs. Allerton, Sie wissen genau, wer diese Frau ist.≪

Mrs. Allerton wurde rot und sah ziemlich verwirrt drein.

Tim erklärte ernst weiter: ≫Es gibt nicht sehr viele wirklich nette Frauen auf der Welt. Du bist nun mal eine davon.≪

IX

In einem Apartment in New York mit Blick auf den Central Park rief Mrs. Robson laut: ≫Wenn das nicht einfach wunderbar ist! Du bist wirklich ein Glückspilz, Cornelia!≪

Cornelias erste Antwort war, rot anzulaufen. Sie war dick und etwas trampelig und hatte braune Hundeaugen. ≫O ja, das wird wunderbar!≪, keuchte sie endlich.

Die alte Miss Van Schuyler neigte beifällig den Kopf, denn die armen Verwandten hatten reagiert, wie es sich gehörte.

≫Ich habe immer von einer Europareise geträumt≪, seufzte Cornelia, ≫aber ich hätte nie gedacht, dass ich wirklich mal dorthin komme.≪

≫Miss Bowers fährt natürlich auch mit, wie üblich≪, sagte Miss Van Schuyler, ≫aber als Gesellschafterin finde ich sie doch beschränkt — sehr beschränkt. Es gibt eine Menge Kleinigkeiten, die Cornelia für mich erledigen kann.≪

≫Von Herzen gern, Cousine Marie≪, sagte Cornelia beflissen.

≫Gut, gut, dann ist das abgemacht≪, sagte Miss Van Schuyler. ≫Lauf und hol Miss Bowers, meine Liebe. Es ist Zeit für meinen Eierpunsch.≪

Cornelia lief davon.

≫Meine liebe Marie≪, fing ihre Mutter an, ≫ich bin dir wirklich zutiefst dankbar! Weißt du, Cornelia leidet ja entsetzlich darunter, dass sie so ein Mauerblümchen ist. Sie ist furchtbar geknickt, irgendwie. Wenn ich mir leisten könnte, ihr Entrees zu verschaffen — aber du weißt ja, wie das ist, seit Ned tot ist.≪

≫Ich nehme sie sehr gern mit≪, sagte Miss Van Schuyler. ≫Cornelia war immer ein nettes und praktisches Mädchen, sie ist immer da, wenn es etwas zu besorgen gibt, und nicht so eigensüchtig wie manche jungen Leute heutzutage.≪

Mrs. Robson stand auf und küsste ihrer reichen Verwandten die faltigen gelblichen Wangen. ≫Ich bin dir ja so dankbar≪, erklärte sie.

Auf der Treppe kam ihr eine große, energisch aussehende Frau entgegen, in der Hand ein Glas mit einer schaumiggelben Flüssigkeit.

≫Ach, Miss Bowers, also bald gehts nach Europa?≪

≫Ja, ja, Mrs. Robson.≪

≫Was für eine wunderbare Reise!≪

≫Ja, ja, sie dürfte sehr vergnüglich werden.≪

≫Sie waren doch schon im Ausland, nicht?≪

≫O ja, Mrs. Robson. Ich war schon in Paris mit Miss Van Schuyler, im letzten Herbst. In Ägypten war ich allerdings noch nie.≪

Mrs. Robson zögerte. ≫Hoffentlich… gibts da keine… Schwierigkeiten.≪ Sie flüsterte fast.

Miss Bowers behielt ihre übliche Lautstärke bei. ≫O nein, Mrs. Robson; dafür werde ich schon sorgen. Ich habe immer ein sehr scharfes Auge auf alles.≪

Trotzdem blieb ein Hauch von Besorgtheit auf Mrs. Robsons Gesicht, als sie langsam die Treppe weiter hinunterstieg.

X

In seinem Büro in Manhattan saß Mr. Pennington über seiner Privatpost. Plötzlich ballte sich seine eine Hand zur Faust und sauste krachend auf den Schreibtisch; sein Kopf lief knallrot an und auf seiner Stirn traten zwei dicke Adern hervor. Er drückte auf einen Summer auf dem Tisch und prompt, wie es sich gehört, erschien eine aufgeweckte Stenotypistin.

≫Sagen Sie Mr. Rockford, er soll herkommen.≪

≫Ja, Mr. Pennington.≪

Ein paar Minuten später erschien Penningtons Partner, Sterndale Rockford, in seinem Zimmer. Die beiden Männer sahen sehr ähnlich aus — groß, schlaksig, mit angegrauten Haaren und schlauen, glatt rasierten Gesichtern.

≫Was gibts denn, Pennington?≪

Pennington sah von einem Brief hoch, den er gerade noch einmal gelesen hatte. ≫Linnet hat geheiratet…≪

≫Was?≪

≫Sie haben doch gehört, was ich gesagt habe! Linnet Ridgeway hat geheiratet!≪

≫Wie? Wann? Warum haben wir nichts davon gewusst?≪

Pennington sah in seinen Tischkalender. ≫Sie war noch nicht verheiratet, als sie den Brief hier geschrieben hat, aber jetzt ist sie es. Am Vierten, vormittags. Das ist jetzt.≪

Rockford sank in einen Sessel. ≫Hui! Ohne Vorwarnung? Gar nichts? Wer ist denn der Bursche?≪

Pennington sah wieder in den Brief. ≫Doyle. Simon Doyle.≪

≫Und was ist das für ein Mann? Schon mal von ihm gehört?≪

≫Nein. Sie schreibt auch nicht viel…≪ Pennington überflog noch einmal die Zeilen in der klaren, steilen Handschrift. ≫Hab das Gefühl, da ist ein Haken an der Sache… Aber das ist jetzt egal. Das Entscheidende ist, sie ist verheiratet.≪

Die Blicke der beiden trafen sich. Rockford nickte. ≫Da müssen wir uns wohl ein paar Gedanken machen≪, sagte er dann leise.

≫Was sollen wir tun?≪

≫Frage ich Sie.≪

Sie saßen schweigend da. Schließlich fragte Rockford: ≫Schon irgendeinen Plan?≪

Bedächtig antwortete Pennington: ≫Die Normandie läuft heute aus. Einer von uns könnte es gerade noch schaffen.≪

≫Sie sind ja wahnsinnig! Was haben Sie vor?≪

Pennington setzte an: ≫Diese britischen Anwälte —≪, brach aber sofort wieder ab.

≫Was ist mit denen? Sie wollen doch nicht etwa über den großen Teich, bloß um denen auf die Füße zu treten? Sie sind ja verrückt!≪

≫Ich wollte nicht vorschlagen, dass Sie — oder ich — nach England fahren.≪

≫Was haben Sie dann vor?≪

Pennington strich den Brief glatt. ≫Linnet fährt in die Flitterwochen nach Ägypten. Will da einen Monat bleiben, oder auch länger…≪

≫Ägypten — ja?≪ Rockford überlegte. Dann sah er hoch und seinem Geschäftspartner in die Augen. ≫Ägypten — also das haben Sie vor!≪

≫Ja — ganz zufällige Begegnung. Gerade auf Geschäftsreise. Linnet samt Mann in Flitterstimmung. Könnte klappen.≪

Rockford war nicht so sicher. ≫Linnet ist nicht dumm…, andererseits…≪

Pennington klang jetzt fast sanft. ≫Ich denke, es gibt da Möglichkeiten, das zu — deichseln.≪

Wieder trafen sich ihre Blicke. Wieder nickte Rockford. ≫In Ordnung, Big Boy.≪

Pennington sah auf die Wanduhr. ≫Wir müssen uns ranhalten — wer immer von uns fährt.≪

≫Sie fahren≪, sagte Rockford sofort. ≫Sie hatten immer Schlag bei Linnet, ‘Onkel Andrew’. Das ist der Türöffner.≪

Penningtons Gesicht bekam einen harten Zug. ≫Ich will hoffen, dass ich das Ding geschaukelt kriege.≪

≫Sie müssen es geschaukelt kriegen≪, sagte sein Partner, ≫die Lage ist kritisch…≪

XI

William Carmichael hatte einen Auftrag für den schmächtigen Jüngling, der fragend in der Tür stand: ≫Schick mir Mr. Jim rein, bitte.≪

Auch Jim Fanthorp sah seinen Onkel fragend an, als er eintrat. Der sah hoch, nickte kurz und grunzte: ≫Na, da bist du ja.≪

≫Du wolltest mich sprechen?≪

≫Guck dir das mal an.≪

Der junge Mann setzte sich und zog einen kleinen Stapel Papier heran. Der ältere beobachtete ihn. ≫Na?≪

Die Antwort kam prompt: ≫Sieht mir nicht sauber aus, Sir.≪

Wieder stieß der Seniorchef von Carmichael, Grant & Carmichael seinen bekannten Grunzlaut aus.

Jim Fanthorp las noch einmal genau, was eben per Luftpost aus Ägypten eingetroffen war:

≫… Es ist ja fast ein Frevel, an einem solchen Tag einen Geschäftsbrief zu schreiben. Wir waren jetzt eine Woche im Mena House und haben einen Ausflug zur Oase Fayoum unternommen. Übermorgen fahren wir mit dem Dampfer den Nil aufwärts nach Luxor und Assuan und vielleicht weiter bis nach Khartum. Heute Morgen waren wir wegen der Billette bei Cook’s, und was glauben Sie, wen ich da als Erstes treffe? — Andrew Pennington, meinen amerikanischen Treuhänder. Sie haben ihn, glaube ich, kennen gelernt, als er vor zwei Jahren in Europa war. Ich hatte keine Ahnung, dass er in Ägypten ist, und er hatte keine Ahnung, dass ich hier bin! Nicht mal, dass ich geheiratet habe! Er muss den Brief, in dem ich es ihm geschrieben hatte, gerade verpasst haben. Und er macht doch tatsächlich dieselbe Dampferfahrt den Nil hinauf wie wir. Ist das nicht ein drolliger Zufall? Herzlichen Dank für alles, was Sie in der gedrängten Zeit getan haben. Ich —≪

Der junge Mann wollte die Seite umdrehen, aber Mr. Carmichael nahm ihm den Brief aus der Hand. ≫Das reicht≪, sagte er. ≫Der Rest tut nichts zur Sache. Na, was hältst du davon?≪

Sein Neffe überlegte einen Augenblick. ≫Na ja — ich glaube nicht an den Zufall…≪

Der andere nickte zustimmend. ≫Lust auf eine Ägyptenreise?≪, bellte er dann.

≫Wäre das klug?≪

≫Wir haben, glaube ich, keine Zeit zu verlieren.≪

≫Aber warum denn ich?≪

≫Streng doch mal deinen Grips an, Junge, streng ihn mal an. Dich hat Linnet Ridgeway noch nie gesehen, Pennington auch nicht. Mit dem Flugzeug kannst du gerade rechtzeitig da sein.≪

≫Mir — mir gefällt das nicht.≪

≫Das mag wohl sein, du wirst aber müssen.≪

≫Ist das denn wirklich nötig?≪

≫Meiner Meinung nach≪, sagte Mr. Carmichael, ≫ist es sogar lebensnotwendig.≪

XII

Mrs. Otterbourne rückte den Turban aus einheimischen Stoffen, den sie um den Kopf geschlungen trug, wieder zurecht und bemerkte verdrießlich: ≫Ich weiß wirklich nicht, warum wir nicht nach Ägypten weiterfahren sollten. Von Jerusalem habe ich die Nase jedenfalls gestrichen voll.≪

Und als ihre Tochter nicht reagierte: ≫Du könntest wenigstens antworten, wenn man mit dir redet.≪

Rosalie Otterbourne war in ein Porträtfoto in der Zeitung vertieft. Darunter stand gedruckt:

Vor ihrer Hochzeit zählte Mrs. Simon Doyle zu den bekanntesten Schönheiten der Gesellschaft und hieß Miss Linnet Ridgeway. Mr. und Mrs. Doyle weilen zurzeit auf Hochzeitsreise in Ägypten.

Schließlich fand sie die Sprache wieder: ≫Du möchtest nach Ägypten weiter, Mutter?≪

≫Ja, das möchte ich≪, schnappte Mrs. Otterbourne. ≫Ich bin nämlich der Ansicht, dass man uns hier ausgesprochen geringschätzig behandelt. Wenn ich hier absteige, ist das schließlich Reklame für die — sie müssten mir eigentlich Rabatt geben. Als ich das aber nur mal zart angedeutet habe, da sind die meiner Ansicht nach sogar unverschämt geworden — ausgesprochen unverschämt. Ich habe ihnen daraufhin natürlich deutlich meine Meinung gesagt.≪

Die Tochter seufzte. ≫Hotels sind eins wie das andere. Von mir aus können wir sofort los.≪

≫Und heute Morgen≪, fuhr Mrs. Otterbourne fort, ≫hatte dieser Hotelmanager doch tatsächlich die Frechheit, mir zu erzählen, sämtliche Zimmer seien vorbestellt und er brauche unseres in zwei Tagen.≪

≫Dann müssen wir ja woandershin.≪

≫Mitnichten. Ich bin durchaus gerüstet, für mein Recht zu kämpfen.≪

≫Wir könnten aber ebenso gut gleich nach Ägypten fahren≪, murmelte Rosalie. ≫Es ist doch sowieso egal.≪

≫Eine Frage von Leben und Tod ist es jedenfalls nicht≪, pflichtete Mrs. Otterbourne bei.

Womit sie allerdings ziemlich falsch lag — denn genau das würde es sein, eine Frage von Leben und Tod.

2.

≫Das ist Hercule Poirot, der Detektiv≪, sagte Mrs. Allerton zu ihrem Sohn.

Sie saßen in scharlachrot lackierten Korbsesseln im Vorgarten des Hotel Cataract in Assuan und sahen hinter zwei Menschen her, die sich gerade entfernten — einem kleinen Mann in einem weißen Seidenanzug und einem großen, schlanken Mädchen.

Für seine Verhältnisse ungewöhnlich lebhaft schoss Tim Allerton hoch. ≫Der komische Knirps da?≪, fragte er ungläubig.

≫Der komische Knirps da!≪

≫Was um Himmels willen macht der denn hier?≪

Seine Mutter lachte. ≫Liebling, du klingst ja ganz aufgeregt. Warum finden Männer Kriminelles eigentlich so toll? Ich hasse Detektivgeschichten, ich lese sie nie. Ich glaube auch gar nicht, dass Monsieur Poirot zu einem bestimmten Zweck hier ist. Ich nehme an, er hat einfach eine Menge Geld gescheffelt und guckt sich die Welt an.≪

≫Und hat offenbar gleich ein Auge auf das hübscheste Mädchen am Platz geworfen.≪

Mrs. Allerton legte den Kopf ein wenig schräg, um die allmählich entschwindenden Rückseiten von Monsieur Poirot und seiner Begleiterin genauer betrachten zu können.

Das Mädchen überragte ihn um fast zehn Zentimeter und hatte einen anmutigen Gang, nicht gestelzt, aber auch nicht zu salopp.

≫Ich muss zugeben, ziemlich hübsch ist sie≪, sagte Mrs. Allerton mit einem kurzen Seitenblick auf ihren Sohn. Zu ihrer Belustigung biss der Fisch sofort an.

≫Mehr als ziemlich. Schade, dass sie so einen Schmollmund macht und schlecht gelaunt aussieht.≪

≫Vielleicht trägt man das heute so.≪

≫Ein fieser kleiner Teufel, finde ich. Aber ausgesprochen hübsch.≪

Der Gegenstand dieser Bemerkungen war Rosalie Otterbourne. Sie drehte, während sie langsam neben Poirot herging, an ihrem zugeklappten Sonnenschirm herum und hatte genau den Gesichtsausdruck, den Tim beschrieben hatte. Sie schien zu schmollen und schlechte Laune zu haben. Sie hatte die Augenbrauen fest in der Mitte zusammengekniffen und die scharlachroten Lippen nach unten gezogen.

Die beiden gingen jenseits des Hoteltors nach links und kamen in den kühlen, schattigen Stadtpark. Hercule Poirot redete im sanften Plauderton und sah aus, als wäre er glücklich und bester Laune. Sein weißer Seidenanzug war tadellos gebügelt; dazu trug er einen Panamahut und einen reich verzierten Fliegenwedel mit einem Griff aus Bernsteinimitat.≫… ich bin ganz hingerissen≪, sagte er eben, ≫die schwarzen Felsen auf der Insel Elephantine und die Sonne und die Boote auf dem Fluss. Ach ja, es ist schön, am Leben zu sein.≪

Er machte eine Kunstpause. ≫Finden Sie nicht, Mademoiselle?≪

≫Es ist wohl ganz in Ordnung≪, beschied Rosalie Otterbourne knapp. ≫Aber Assuan ist ein trübsinniges Pflaster, finde ich. Das Hotel ist halb leer, alle Gäste sind um die hundert —≪ Sie biss sich auf die Lippe.

Hercule Poirot zwinkerte zurück. ≫Das stimmt, ja. Und ich stehe auch schon mit einem Bein im Grab.≪

≫Ich — ich habe doch nicht Sie gemeint≪, sagte das Mädchen. ≫Entschuldigung. Das war ungezogen.≪

≫Überhaupt nicht. Es ist ganz natürlich, dass Sie sich Gesellschaft in Ihrem Alter wünschen. Nun ja, ein junger Mann ist immerhin vorhanden.≪

≫Der ständig mit seiner Mutter zusammenhockt? Sie gefällt mir, aber er sieht grässlich aus, finde ich — so eingebildet!≪

Poirot lächelte. ≫Und ich — bin ich auch eingebildet?≪

≫O nein, finde ich nicht.≪

Sie hatte deutlich kein Interesse an ihm — aber Poirot schien das nicht zu ärgern. Er gab nur gelassen und zufrieden zurück: ≫Meine besten Freunde behaupten, ich sei sehr eingebildet.≪

≫Oh — tja≪, entgegnete Rosalie zerstreut, ≫Sie haben wohl auch Grund, sich etwas einzubilden. Leider interessieren mich Verbrechen ganz und gar nicht.≪

≫Ich bin entzückt zu hören≪, erklärte Poirot formvollendet, ≫dass Sie kein schlimmes Geheimnis zu verbergen haben.≪

Einen winzigen Moment lang verschwand der Schmollmund und sie schoss ihm einen neugierigen Blick zu.

Poirot schien ihn nicht bemerkt zu haben, sondern sprach einfach weiter. ≫Ihre Mutter war heute Mittag gar nicht beim Essen. Madame ist doch hoffentlich nicht indisponiert?≪

≫Es passt ihr alles nicht hier≪, war die knappe Antwort. ≫Ich bin froh, wenn wir wegkönnen.≪

≫Wir fahren zusammen, nicht wahr? Wir machen alle denselben Ausflug nach Wadi Halfa und zum zweiten Nil-Katarakt?≪

≫Ja.≪

Sie traten aus dem schattigen Park hinaus auf ein Stück Uferstraße und gerieten prompt ins Visier von fünf Perlen-, zwei Ansichtskarten- und drei Gipsskarabäusverkäufern, ein paar Burschen auf Eseln und schmutzigen Straßenjungen, die nicht dazugehörten, sich aber auch Hoffnungen machten.

≫Sie wollen Perlen, Sir? Sehr gut, Sir. Ganz billig…≪

≫Lady, eine Skarabäus? Hier — große Königin — bringe viel Glück…≪

≫Hier sehen, Sir — Lapislazuli, echt. Sehr gut, sehr billig…≪

≫Eine Ritt auf Esel, Sir? Das sehr gute Esel. Diese Esel Whisky und Soda, Sir…≪

≫Sie wollen sehen Steinbrüche von Granit, Sir? Diese Esel sehr gut. Andere Esel sehr schlecht, Sir, immer hinfallen die Esel…≪

≫Sie wollen Postkarte — sehr billig — sehr schön…≪

≫Sehen, Lady… Nur zehn Piaster — sehr billig — Lapis — hier Elfenbein…≪

≫Hier Fliegenwedel sehr gut — alle Bernstein…≪

≫Sie wünschen Boot fahren, Sir? Ich habe sehr gute Boot, Sir…≪

≫Sie wollen zurück zu Hotel, Lady? Diese Esel erste Klasse…≪

Hercule Poirot versuchte diesen menschlichen Fliegenschwarm mit Händen und Armen zu verscheuchen. Rosalie stakste hindurch wie eine Schlafwandlerin.

≫Man tut am besten, als wäre man taub und blind≪, sagte sie.

Die schmutzigen Straßenjungen liefen jammernd und murmelnd neben ihnen her. ≫Bakschisch? Bakschisch? Hipp hipp hurra — sehr gut, sehr schön…≪

Ihre fröhlich bunten Lumpen schleiften malerisch hinter ihnen her und auf ihren Lidern klebten ganze Schwärme von Fliegen. Die Jungen waren am hartnäckigsten, die Händler dagegen ließen irgendwann ab und warfen sich mit frischer Kraft auf die nächsten Passanten.

Der Spießrutenlauf führte Poirot und Rosalie jetzt nur noch an Läden entlang — der Ton war hier auch zuvorkommender, gewinnender…

≫Möchten Sie heute mein Geschäft besuchen, Sir?≪ — ≫Wünschen Sie dieses Elfenbeinkrokodil, Sir?≪ — ≫Sie waren noch nicht in meinem Laden, Sir? Ich habe sehr wunderschöne Sachen.≪

Den fünften Laden betraten sie und Rosalie gab ein paar Filmrollen ab — der Anlass des Spaziergangs. Wieder draußen, schlenderten sie zum Nilufer. Eben legte einer der Dampfer an. Poirot und Rosalie sahen neugierig den Passagieren nach.

≫Ganz schön viele, nicht?≪, fand Rosalie. Dann drehte sie den Kopf, denn plötzlich tauchte Tim Allerton bei ihnen auf. Er war ein wenig außer Atem, als wäre er schnell gegangen.

Ein, zwei Augenblicke standen sie so da, schließlich zeigte Tim auf die Passagiere, die aus dem Dampfer kletterten, und bemerkte verächtlich: ≫Ein scheußliches Gewühl, wie immer, nehme ich an.≪

≫Normalerweise sind sie ziemlich furchtbar≪, stimmte Rosalie zu.

Alle drei strahlten die Überlegenheit derer aus, die schon länger an einem Ort sind und die Neuankommenden mustern.

≫Hoho!≪, rief Tim plötzlich aufgeregt. ≫Ich will verflucht sein, wenn das da nicht Linnet Ridgeway ist.≪

Die Information schien Poirot nichts zu sagen, erregte jedoch Rosalies Interesse. Sie lehnte sich vor und alles Schmollen war von ihr abgefallen. ≫Wo? Die da in Weiß?≪

≫Ja, die mit dem stattlichen Mann. Die gerade an Land gehen. Wahrscheinlich ist das der frisch gebackene Ehemann. Der Name fällt mir gerade nicht ein.≪

≫Doyle≪, sagte Rosalie. ≫Simon Doyle. Stand in allen Zeitungen. Sie schwimmt direkt in Geld, nicht?≪

≫Och, sie ist bloß das reichste Mädchen in ganz England≪, gab Tim fröhlich zurück.

Schweigend sahen die drei zu, wie die Passagiere an Land gingen. Poirot beobachtete höchst interessiert den Gegenstand der Bemerkungen seiner beiden Begleiter und murmelte schließlich: ≫Sie ist wunderschön.≪

≫Manche Leute haben einfach alles≪, sagte Rosalie bitter. Etwas merkwürdig Missgünstiges lag in ihrem Gesicht, während sie zusah, wie das andere Mädchen die Planken entlangging.

Linnet Doyle war perfekt aufgemacht, so als schritte sie geradewegs in eine Theaterrevue. Ihr Auftritt war souverän wie der eines Bühnenstars. Sie war gewohnt, angesehen und angehimmelt zu werden und, wo immer sie hinkam, im Mittelpunkt zu stehen.

Die neugierigen Blicke, die auf ihr ruhten, waren ihr sehr wohl bewusst und gleichzeitig auch nicht — diese Art Tribut gehörte zu ihrem Leben. Sie spielte Landgang, obwohl sie diese Rolle nur unbewusst gab. Die schöne reiche Braut der feinsten Gesellschaft auf Hochzeitsreise. Mit einem kleinen Lächeln und einer leisen Bemerkung drehte sie sich zu dem großen Mann an ihrer Seite. Er antwortete und der Klang seiner Stimme schien Poirot zu interessieren. Er bekam leuchtende Augen und kniff die Augenbrauen zusammen.

Jetzt ging das Paar dicht an ihnen vorbei und Poirot hörte Doyle sagen: ≫Wir versuchen die Zeit dafür zu finden, Liebling. Wir können doch einfach ein, zwei Wochen dableiben, wenn es dir hier gefällt.≪

Dabei sah er sie an, begehrlich, bewundernd, ein bisschen unterwürfig.

Poirot musterte ihn nachdenklich von oben bis unten — die breiten Schultern, das sonnengebräunte Gesicht, die dunkelblauen Augen, die beinah kindliche Arglosigkeit in seinem Blick.

≫So ein Glückspilz≪, sagte Tim, als sie vorbeigegangen waren. ≫Eine Millionenerbin, die weder Polypen noch Plattfüße hat, ist ein Volltreffer!≪

≫Sie sehen schrecklich glücklich aus≪, sagte Rosalie mit einem Anflug von Neid. Und gleich danach, aber so leise, dass Tim es nicht hörte: ≫Das ist nicht gerecht.≪

Poirot jedoch hatte es gehört. Er runzelte verblüfft die Stirn und sah dann kurz zu ihr hinüber.

Tim erklärte gerade: ≫Ich muss noch ein paar Sachen für meine Mutter besorgen≪, zog den Hut und ging davon.

Poirot und Rosalie schlenderten langsam, immer wieder feilgebotene Esel abwimmelnd, zurück zum Hotel.

≫Das ist also nicht gerecht, Mademoiselle?≪, fragte Poirot sanft.

Das Mädchen wurde rot und wütend. ≫Ich weiß gar nicht, was Sie meinen.≪

≫Ich habe nur wiederholt, was Sie gerade eben geflüstert hatten. O doch, das haben Sie.≪

Rosalie Otterbourne zuckte die Schultern. ≫Das ist ja wohl auch wirklich ein bisschen zu viel für einen einzigen Menschen. Geld, gutes Aussehen, tolle Figur und —≪ Sie hielt inne.

Poirot vollendete: ≫Und Liebe? Was? Und Liebe? Aber Sie wissen doch gar nicht — vielleicht ist sie ja nur wegen ihres Geldes geheiratet worden!≪

≫Haben Sie nicht gesehen, wie er sie angeguckt hat?≪

≫O doch, Mademoiselle. Ich habe alles gesehen, was es zu sehen gab — und übrigens auch etwas, das Sie nicht gesehen haben.≪

≫Was denn?≪

Bedächtig antwortete Poirot: ≫Ich, Mademoiselle, habe dunkle Schatten unter den Augen einer Frau gesehen. Ich habe eine Hand gesehen, die einen Sonnenschirm so fest umklammert hielt, dass die Knöchel ganz weiß waren…≪

Rosalie starrte ihn an. ≫Und was wollen Sie damit sagen?≪

≫Ich will nur sagen, es ist nicht alles Gold, was glänzt. Ich will sagen, auch wenn diese Lady reich und schön ist und geliebt wird, irgendetwas stimmt trotzdem nicht. Und ich weiß noch etwas.≪

≫Ja?≪

≫Ich weiß≪, Poirot runzelte wieder die Stirn, ≫irgendwo und irgendwann habe ich diese Stimme schon einmal gehört — Mr. Doyles Stimme — und ich wüsste liebend gern, wo.≪

Aber Rosalie hörte nicht mehr zu. Sie war stehen geblieben und zeichnete mit der Sonnenschirmspitze Muster in den Sand. Plötzlich brach es grimmig aus ihr heraus: ≫Ich bin abscheulich. Ich bin abscheulich. Ich bin einfach durch und durch ein Biest. Aber ich möchte ihr am liebsten die Kleider vom Leib reißen und auf ihrem hübschen, arroganten, selbstgefälligen Gesicht herumtrampeln. Ich bin eben eine eifersüchtige Zicke — aber so empfinde ich es. Sie ist so widerwärtig erfolgreich und gelassen und selbstsicher.≪

Hercule Poirot schien ein bisschen verwundert über den Ausbruch. Er packte Rosalies Arm und schüttelte sie sanft und freundschaftlich. ≫Tenez — gleich fühlen Sie sich besser, weil Sie es ausgesprochen haben!≪

≫Ich hasse sie einfach! Ich habe noch nie jemanden auf den ersten Blick so gehasst.≪

≫Großartig!≪

Rosalie sah ihn skeptisch an, verzog dann den Mund und fing an zu lachen.

≫Bien≪, sagte Poirot und lachte mit.

Wie zwei alte Freunde spazierten sie zurück zum Hotel.

≫Ich muss Mutter suchen≪, sagte Rosalie, als sie in die kühle, dämmrige Lobby traten.

Poirot ging in die entgegengesetzte Richtung, zur Terrasse mit Blick auf den Nil. Die Tischchen waren bereits für den Tee gedeckt, aber noch war es zu früh. Eine Weile sah er von oben auf den Fluss, dann bummelte er hinunter und durch den Garten.

Ein paar Leute spielten in der prallen Sonne Tennis. Er blieb stehen, sah eine Zeit lang zu und kletterte schließlich den steilen Pfad nach unten. Und dort, auf einer Bank, von der aus man den Nil sehen konnte, entdeckte er plötzlich das Mädchen aus dem Chez Ma Tante. Er erkannte sie sofort. Das Gesicht, das er an jenem Abend gesehen hatte, hatte sich fest in sein Gedächtnis eingebrannt. Es hatte jetzt einen anderen Ausdruck. Das Mädchen war auch blasser und dünner und manche Züge ließen auf eine tiefe Erschöpfung und einen elenden Gemütszustand schließen.

Er trat ein paar Schritte zurück. Sie hatte ihn nicht gesehen. Er beobachtete sie eine Weile weiter, ohne dass sie seine Anwesenheit bemerkte. Ihr einer kleiner Fuß tappte ungeduldig auf den Boden. In ihren dunklen Augen schien eine Art Glut zu schwelen, ein düsterer Triumph zu lauern. Sie sah hinaus auf den Nil, auf dem weiße Segelboote vorbeiglitten.

Ein Gesicht — und eine Stimme. An beide konnte er sich genau erinnern. Das Gesicht dieses Mädchens und die Stimme, die er vor kurzem gehört hatte, die Stimme des frisch gebackenen Ehemanns…

Und während er dastand und das ahnungslose Mädchen beobachtete, vollzog sich die nächste Szene des Dramas.

Oben wurden Stimmen laut. Das Mädchen sprang von der Bank hoch. Linnet Doyle und ihr Mann kamen den Steilpfad herunter. Linnets Stimme klang glücklich und selbstsicher. Sie sah auch nicht mehr so angespannt und verkrampft aus. Linnet war glücklich.

Jetzt ging das Mädchen vor der Bank ein, zwei Schritte auf sie zu. Die beiden blieben abrupt stehen.

≫Hallo, Linnet≪, sagte Jacqueline de Bellefort. ≫Hier seid ihr also! Wir scheinen uns ja dauernd über den Weg zu laufen. Hallo, Simon, wie gehts dir denn?≪

Linnet Doyle prallte mit einem kurzen Aufschrei zurück gegen den Felsen. Simon Doyles ebenmäßiges Gesicht war plötzlich wutverzerrt. Er schoss vor, als hätte er die schmale, mädchenhafte Gestalt am liebsten verprügelt.

Die rasche, vogelartige Drehung ihres Kopfes signalisierte, dass sie jemand Fremdes bemerkt hatte. Auch Simon drehte den Kopf herum, sah Poirot und sagte linkisch: ≫Hallo, Jacqueline, wir hatten nicht damit gerechnet, dich hier auch zu treffen.≪

Es klang höchst unglaubwürdig.

Das Mädchen bleckte strahlend weiße Zähne. ≫Eine ziemliche Überraschung, hm?≪ Dann stieg sie, mit einem kurzen Nicken, den Steilpfad hinauf.

Poirot nahm dezent die entgegengesetzte Richtung, hörte im Gehen aber Linnet Doyle noch sagen: ≫Simon — um Gottes willen! Simon — was sollen wir denn machen?≪

3.

Das Dinner war beendet, die Terrasse des Hotel Cataract sanft erleuchtet, und die meisten Hotelgäste hatten an den kleinen Tischen Platz genommen.

Auch Simon und Linnet Doyle kamen heraus, neben sich einen großen grauhaarigen Mann aus gutem Hause mit einem glatt rasierten, aufgeweckten amerikanischen Gesicht. Die kleine Gruppe stand zögernd in der Tür, als Tim Allerton aufsprang und auf sie zuging.

≫Sie erinnern sich sicher nicht mehr an mich≪, sagte er liebenswürdig zu Linnet, ≫aber ich bin Joanna Southwoods Cousin.≪

≫Natürlich — wie dumm von mir! Sie sind Tim Allerton. Mein Mann≪, ein leises Zittern in der Stimme — vor Stolz? Schüchternheit? ≫Und mein amerikanischer Treuhänder, Mr. Pennington.≪

≫Ich muss Sie mit meiner Mutter bekannt machen≪, erwiderte Tim.

Ein paar Minuten später saßen sie alle zusammen an einem Tisch — Linnet am einen Ende, eingerahmt von Tim und Pennington, die gleichzeitig auf sie einredeten und um ihre Aufmerksamkeit buhlten. Mrs. Allerton unterhielt sich derweil mit Mr. Doyle.

Die Schwingtür flog auf und das wunderschöne aufrechte Wesen zwischen den beiden Männern am Ende des Tischs schien sich jäh anzuspannen, entspannte sich aber wieder, als ein kleiner Mann heraustrat und quer über die Terrasse ging.

Mrs. Allerton sagte: ≫Sie sind nicht die einzige Prominenz hier, meine Liebe. Der komische Knirps ist Hercule Poirot.≪

Sie hatte es fast beiläufig gesagt, einfach aus Taktgefühl, um eine peinliche Pause zu überbrücken, aber Linnet war anscheinend tief beeindruckt. ≫Hercule Poirot? Natürlich — ich habe von ihm gehört…≪

Dann schien sie in Grübeln zu versinken und die beiden Männer neben ihr waren eine Zeit lang abgemeldet.

Poirot war bis zum anderen Ende der Terrasse gegangen, aber dort wurde er sofort mit Beschlag belegt.

≫Setzen Sie sich doch, Monsieur Poirot. Was für ein schöner Abend!≪

Er gehorchte. ≫Mais oui, Madame, wirklich ein wunderschöner Abend.≪ Er schenkte Mrs. Otterbourne ein höfliches Lächeln. Was für ein schwarzes Chiffon-Geschlinge, und dieser alberne Turbanstil!

Mrs. Otterbourne plapperte weiter mit ihrer hohen, nörgelnden Stimme. ≫Eine ganze Menge Berühmtheiten hier zurzeit, nicht wahr? Ich sehe uns schon alle in der Zeitung stehen. Schönheiten der ersten Gesellschaft, berühmte Roman —≪ Sie unterbrach ihre Rede für einen gespielt bescheidenen, kurzen Lacher.

Poirot spürte eher, als dass er sah, wie das Mädchen ihm gegenüber zusammenzuckte und den Schmollmund noch tiefer nach unten zog. ≫Sie haben derzeit einen Roman in Arbeit, Madame?≪, fragte er zurück.

Mrs. Otterbourne lachte noch einmal in ihrer selbstgefälligen Art. ≫Ich bin grässlich faul. Ich muss wirklich wieder dran. Meine Leser drängeln ja so schrecklich — mein Verleger auch, der arme Mann! Mahnungen mit jeder Post! Sogar telegrafische!≪

Wieder spürte er, wie das Mädchen im Dunkeln zusammenzuckte.

≫Ihnen kann ichs ja sagen, Monsieur Poirot, ich bin hier auch wegen des Lokalkolorits. ‘Schnee im Antlitz der Wüste’ — so heißt mein nächstes Buch. Stark — gefühlvoll. Schnee — in der Wüste — schmilzt beim ersten flammenden Hauch der Leidenschaft.≪

Rosalie stand auf, murmelte etwas und verschwand in den dunklen Garten.

Mrs. Otterbourne plapperte mit so nachdrücklichem Kopfnicken weiter, dass der Turban wippte. ≫Stark muss man sein. Und starker Tobak — das sind ja auch meine Bücher — darum gehts. Sie stehen auf dem Index in Bibliotheken — egal! Ich sage die Wahrheit. Sex — ja! Monsieur Poirot, warum hat alle Welt so viel Angst vor Sex? Er ist der archimedische Punkt des Universums! Haben Sie meine Bücher gelesen?≪

≫Leider nein, Madame! Sie müssen wissen, ich lese kaum Romane. Meine Arbeit —≪

Mrs. Otterbourne fuhr energisch dazwischen. ≫Ich muss Ihnen ‘Unter dem Feigenbaum’ geben. Ich glaube, Sie erkennen seine Bedeutung. Das Buch ist sehr unverblümt — aber es ist die Wirklichkeit!≪

≫Sehr freundlich von Ihnen, Madame. Ich werde es mit Vergnügen lesen.≪

Eine Weile schwieg Mrs. Otterbourne, nestelte an der doppelreihigen langen Klunkerkette, die ihr am Hals baumelte, und sah nervös um sich. ≫Ach, vielleicht — ich springe rasch und hole es Ihnen.≪

≫Was ist denn, Mutter?≪ Rosalie stand plötzlich neben ihr.

≫Nichts, Liebling. Ich will nur rasch hoch und ein Buch für Monsieur Poirot holen.≪

≫Den ’Feigenbaum’? Ich hole es.≪

≫Du weißt doch gar nicht, wo es ist, Liebes. Ich gehe schon.≪

≫Doch, weiß ich.≪ Das Mädchen lief hastig über die Terrasse ins Hotel.

≫Darf ich Ihnen gratulieren, Madame, zu einer sehr liebenswerten Tochter?≪, sagte Poirot mit einer Verbeugung.

≫Rosalie? Ja, ja — sie ist recht hübsch. Aber auch sehr hart, Monsieur Poirot. Kein Mitgefühl, wenn man mal krank ist. Sie glaubt, sie weiß alles besser. Sie findet ja auch, sie weiß besser über meine Gesundheit Bescheid als ich.≪

Poirot winkte einem Kellner, der gerade vorbeikam. ≫Einen Likör, Madame? Chartreuse? Crème de Menthe?≪

Mrs. Otterbourne schüttelte heftig den Kopf. ≫Nein, nein. Ich bin sozusagen Abstinenzlerin. Sie haben vielleicht bemerkt, dass ich ausschließlich Wasser trinke — allenfalls Limonade. Ich mag den Geschmack von Spirituosen einfach nicht.≪

≫Dann darf ich Ihnen einen Zitronensaft bestellen, Madame?≪ Für sich selbst gab er dem Kellner einen Bénédictine in Auftrag.

Die Terrassentür schwang wieder auf und Rosalie kam mit einem Buch in der Hand zurück. ≫Hier ist es≪, sagte sie. Ihre Stimme war tonlos — erstaunlich tonlos fast.

≫Monsieur Poirot hat gerade einen Zitronensaft für mich bestellt≪, erwiderte die Mutter.

≫Und Sie, Mademoiselle, was nehmen Sie?≪

≫Nichts.≪ Rosalie merkte, wie schroff es geklungen hatte, und fügte hinzu: ≫Nichts, vielen Dank.≪

Poirot nahm das Buch, das Mrs. Otterbourne ihm entgegenhielt. Es steckte noch im Originalschutzumschlag mit einer grellbunten Dame darauf, die mit einem kecken Bubikopf, scharlachroten Fingernägeln und im klassischen Evaskostüm auf einem Tigerfell thronte. Über ihr ragte ein Baum mit Eichenblättern und unglaublich bunten, riesigen Äpfeln empor. Dazu der Titel: ≫Unter dem Feigenbaum≪, sowie ≫von Salome Otterbourne≪. Der Klappentext auf der Innenseite schwelgte vor Begeisterung über den superben gewagten Realismus dieser Studie über das Liebesleben einer modernen Frau. Die Adjektive lauteten: ≫Unerschrocken, unkonventionell, lebensecht≪.

Poirot machte noch eine Verbeugung und murmelte: ≫Ich fühle mich geehrt, Madame.≪ Als er den Kopf wieder hob, traf sein Blick den der Tochter der Autorin, und er fuhr unwillkürlich zusammen vor lauter Überraschung und Bekümmerung über den Schmerz, den er darin sah.

Genau in diesem Augenblick kamen die Getränke und sorgten für eine willkommene Ablenkung. Poirot hob galant sein Glas. ≫A votre santé, Madame — Mademoiselle.≪

Mrs. Otterbourne nippte ihren Zitronensaft und brummte: ≫So erfrischend — köstlich!≪

Dann saßen alle drei da und starrten schweigend hinab auf die glänzenden schwarzen Felsen im Nil. Im Mondlicht bekamen sie etwas Fantastisches; sie sahen aus wie halb aus dem Wasser ragende prähistorische Riesenungeheuer. Eine kleine Bö kam plötzlich auf und erstarb ebenso schnell wieder. Es lag etwas in der Luft — etwas Heimliches, Dräuendes.

Hercule Poirot drehte sich wieder zur Terrasse und den Gästen. Irrte er sich oder herrschte hier dieselbe heimliche, erwartungsvolle Spannung? Es war wie im Theater, der Augenblick, in dem man weiß, dass gleich die Hauptdarstellerin die Szene betritt.

Und genau in diesem Augenblick flog wieder die Schwingtür auf, und diesmal war es, als sei das von besonderer Bedeutung. Alle hatten aufgehört zu reden und starrten auf die Tür. Heraus trat ein schlankes, dunkelhaariges Mädchen in einem weinroten Abendkleid, blieb kurz stehen, schritt dann gemessen über die ganze Terrasse und nahm an einem leeren Tisch Platz. Nichts an ihrem Verhalten war übertrieben oder abwegig, und trotzdem wirkte es wie ein wohl überlegter Bühnenauftritt.

≫Nun ja≪, Mrs. Otterbourne warf Kopf und Turban nach hinten, ≫scheint sich ja für etwas ganz Besonderes zu halten, das Mädchen!≪

Poirot sagte nichts, sondern beobachtete die Szenerie. Das Mädchen hatte sich an einen Tisch gesetzt, von dem aus sie Linnet Doyle in aller Ruhe ansehen konnte. Und die, stellte Poirot fest, beugte sich jetzt vor, sagte etwas, stand einen Augenblick später auf und wechselte den Platz. Nun saß sie mit dem Gesicht in die andere Richtung.

Poirot nickte in sich hinein und dachte nach.

Etwa fünf Minuten später wechselte auch das andere Mädchen die Stellung und nahm am anderen Ende der Terrasse Platz. Dort blieb sie sitzen, rauchte und lächelte vor sich hin, ein Bild zufriedener Nonchalance. Nur ihr Blick blieb, scheinbar ganz unabsichtlich, auf Simon Doyles Frau fixiert.

Eine Viertelstunde später stand Linnet Doyle abrupt auf und ging ins Hotel. Ihr Mann folgte fast augenblicklich.

Jacqueline de Bellefort lächelte weiter und drehte ihren Stuhl. Dann zündete sie sich noch eine Zigarette an und sah, weiter in sich hineinlächelnd, hinaus auf den Nil.

4.

≫Monsieur Poirot.≪

Poirot sprang eilig auf. Er war allein auf der Terrasse sitzen geblieben, nachdem alle anderen Gäste hineingegangen waren, und hatte in Gedanken versunken auf die schimmernden schwarzen Felsen gestarrt, als der Klang seines Namens ihn wieder zurückholte.

Die Stimme ließ auf Kultiviertheit und Selbstbewusstsein schließen, eine charmante Stimme, eine Spur arrogant vielleicht.

Gleich darauf sah er Linnet Doyle in die Augen. Ihr Blick war zwingend, sie trug einen schweren roten Samtumhang über dem weißen Satinkleid und sie war noch schöner und majestätischer, als Poirot für möglich gehalten hätte.

≫Sie sind doch Monsieur Hercule Poirot?≪ Es war nicht unbedingt eine Frage.

≫Zu Ihren Diensten, Madame.≪

≫Sie wissen vielleicht, wer ich bin?≪

≫Ja, Madame. Ich habe von Ihnen gehört. Ich weiß genau, wer Sie sind.≪

Linnet nickte. Sie hatte es erwartet. Sie fuhr in ihrer charmanten, selbstbewussten Art fort: ≫Würden Sie mir ins Spielzimmer folgen, Monsieur Poirot? Ich muss dringend mit Ihnen sprechen.≪

≫Aber sicher, Madame.≪

Sie lief voran, zurück ins Hotelgebäude. Er folgte. Sie ging in das leere Spielzimmer und bedeutete ihm, die Tür hinter sich zu schließen. Dann sank sie auf einen Stuhl an einem der Spieltische und er nahm ihr gegenüber Platz.

Ohne Umschweife kam sie zur Sache. Sie sprach flüssig und ohne zu zögern. ≫Ich habe sehr viel über Sie gehört, Monsieur Poirot, ich weiß auch, dass Sie ein kluger Mann sind. Und zufällig brauche ich dringend jemanden, der mir hilft — ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass Sie dieser Jemand sind.≪

Poirot neigte den Kopf. ≫Sie sind sehr liebenswürdig, Madame, aber sehen Sie, ich bin in den Ferien, und wenn ich in den Ferien bin, nehme ich keine Fälle an.≪

≫Das ließe sich sicher regeln.≪ Es sollte kein Affront sein — es war einfach der Hochmut einer jungen Frau, die noch immer alles zu ihrer Zufriedenheit zu regeln verstanden hatte. Im selben Ton fuhr Linnet Doyle fort: ≫Ich, Monsieur Poirot, bin Opfer einer unzumutbaren Schikane. Und das muss ein Ende haben! Ich wollte mich damit eigentlich an die Polizei wenden, aber mein — mein Mann findet, dass die Polizei in dieser Angelegenheit machtlos ist.≪

≫Wenn Sie das vielleicht ein wenig näher erklären möchten≪, murmelte Poirot höflich.

≫O ja, sehr gern. Die Sache ist sehr einfach.≪

Noch immer stockte oder stammelte Linnet Doyle nicht, sondern sprach im Tonfall des kühlen, klaren Geschäftssinns. Sie brauchte nur eine kurze Pause, um sich zu sammeln und die Fakten möglichst bündig darzustellen.

≫Bevor ich meinen Mann kennen lernte, war er verlobt mit einer Miss de Bellefort. Sie war auch eine Freundin von mir gewesen. Mein Mann hat die Verlobung gelöst, die beiden passten überhaupt nicht zusammen. Sie hat das — tut mir Leid, wenn ich das so sagen muss — sehr schwer genommen. Aber es gibt leider Dinge, die sich nicht ändern lassen. Sie hat danach gewisse — nun ja, Drohungen ausgesprochen, um die ich mich jedoch wenig gekümmert habe und die sie, das möchte ich hinzufügen, auch nicht in die Tat umzusetzen versucht hat. Stattdessen hat sie sich offenbar darauf verlegt, uns — einfach überallhin nachzufahren.≪

Poirot zog die Augenbrauen hoch. ≫Ah — eine recht — äh, ungewöhnliche Rache.≪

≫Sehr ungewöhnlich — und sehr albern! Aber eben auch — lästig.≪ Sie biss sich auf die Lippe.

Poirot nickte. ≫Ja, das kann ich mir vorstellen. Sie sind, wenn ich das richtig sehe, auf Hochzeitsreise?≪

≫Ja. Und zum ersten Mal passierte es in Venedig. Sie war auch da — im Hotel Danieli. Ich hielt es zuerst für Zufall. Ziemlich peinlich, aber mehr auch nicht. Aber dann haben wir sie in Brindisi auf dem Schiff entdeckt. Und es sah ganz so aus, als ob sie auch nach Palästina fahren wollte. Deshalb haben wir sie, so dachten wir jedenfalls, an Bord zurückgelassen und sind anders weitergefahren. Aber kaum kamen wir ins Mena House hier in Ägypten, da — da saß sie schon da und — wartete auf uns.≪

Poirot nickte. ≫Und dann?≪

≫Wir haben den Dampfer nilaufwärts genommen. Ich — ich war fast sicher, dass wir sie an Bord auch wieder sehen würden. Als sie da doch nicht war, dachte ich, sie hat ihr — ihr kindisches Benehmen vielleicht aufgegeben. Aber kaum kamen wir hier an, da — da — saß sie wieder da und wartete auf uns.≪

Poirot musterte sie eine Weile eindringlich. Sie wahrte noch immer die Contenance, aber die Knöchel der Hand, mit der sie sich an der Tischplatte festklammerte, waren weiß vor Anspannung.

≫Und jetzt fürchten Sie, das geht immer so weiter?≪, fragte er.

≫Ja.≪ Sie hielt inne. ≫Natürlich ist die ganze Sache idiotisch! Jacqueline macht sich doch höchst lächerlich! Ich muss mich sehr wundern, dass sie nicht mehr Stolz hat — mehr Würde.≪

Poirot winkte ab. ≫Es gibt Zeiten, Madame, da gehen Stolz und Würde — über Bord! Da herrschen andere, stärkere Gefühle vor.≪

≫Ja, schon möglich.≪ Linnet klang ungeduldig. ≫Aber um Himmels willen, was für einen Gewinn verspricht sie sich denn von alldem?≪

≫Es geht nicht immer um Gewinne, Madame.≪

Etwas an Poirots Ton war Linnet unangenehm. Sie wurde rot und sagte hastig: ≫Sie haben Recht. Es geht nicht darum, ihre möglichen Motive zu erörtern. Der springende Punkt ist einfach, dass dies alles endlich ein Ende haben muss.≪

≫Und was schlagen Sie zu diesem Zweck vor, Madame?≪, fragte Poirot.

≫Nun ja — es versteht sich ja wohl von selbst, dass — mein Mann und ich nicht länger Zielscheibe derartiger Belästigungen sein dürfen. Es muss doch für derlei irgendeine rechtliche Handhabe geben.≪ Sie klang wieder unduldsam.

Poirot sah sie nachdenklich an. ≫Hat sie Sie in der Öffentlichkeit verbal bedroht? Beleidigt? Körperliche Angriffe versucht?≪

≫Nein.≪

≫Dann, Madame, sehe ich offen gestanden nicht, was Sie dagegen tun könnten. Wenn eine junge Dame Gefallen daran findet, bestimmte Orte zu besuchen, und diese Orte sind zufällig die, an denen Sie und Ihr Mann sich aufhalten — eh bien — was solls? Die Luft ist für alle da! Sie dringt ja nicht in Ihre Privatsphäre ein, oder? Diese Begegnungen passieren doch immer in aller Öffentlichkeit?≪

≫Sie meinen, ich kann gar nichts dagegen tun?≪ Linnet schien es nicht fassen zu können.

≫Überhaupt nichts, soweit ich es sehe≪, bestätigte Poirot ruhig. ≫Mademoiselle de Bellefort hat das Recht auf ihrer Seite.≪

≫Aber — aber es macht einen wahnsinnig! Es ist doch eine Zumutung, dass man mich mit so etwas behelligen darf!≪

Trocken gab Poirot zurück: ≫Mein Mitgefühl, Madame — zumal ich mir vorstellen kann, dass Sie nicht sehr oft behelligt werden mit solchen Zumutungen.≪

Linnet runzelte die Stirn. ≫Es muss doch irgendwie möglich sein, das zu beenden≪, murmelte sie.

Poirot zuckte die Schultern. ≫Sie können jederzeit abreisen — woandershin fahren≪, schlug er vor.

≫Dann kommt sie hinterher!≪

≫Sehr wahrscheinlich — ja.≪

≫Das ist doch absurd!≪

≫Ganz recht.≪

≫Und überhaupt, wieso sollte ich — sollten wir denn vor ihr weglaufen? Als ob — als ob —≪ Sie schwieg.

≫Ganz recht, Madame. Als ob —! Darum gehts, nicht wahr?≪

Linnet hob den Kopf und starrte ihn an. ≫Was meinen Sie?≪

Poirot beugte sich vor und fragte in vertraulich-sanftem Ton, aber eindringlich: ≫Warum macht Ihnen das so zu schaffen, Madame?≪

≫Warum? Das macht einen doch wahnsinnig! Eine Provokation sondergleichen! Ich habe Ihnen doch erklärt, warum!≪

Poirot schüttelte den Kopf. ≫Nicht unbedingt.≪

≫Was meinen Sie?≪, fragte Linnet noch einmal.

Poirot lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und sagte fast gleichgültig, unpersönlich: ≫Ecoutez, Madame. Ich will Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Eines Abends vor einem oder zwei Monaten sitze ich in London in einem Restaurant. Am Nebentisch zwei Menschen, ein Mann und ein Mädchen. Sie sind ganz offensichtlich sehr glücklich, sehr verliebt. Sie schmieden Pläne für die Zukunft. Nicht dass ich da etwas belausche, das nicht für mich gedacht ist; den beiden ist einfach egal, wer ihnen zuhört und wer nicht. Der Mann sitzt mit dem Rücken zu mir, also kann ich das Gesicht des Mädchens genau sehen. Ein sehr ausdrucksvolles Gesicht. Sie ist verliebt — mit Herz und Leib und Seele, und sie ist keine von denen, die sich oft und leicht verlieben. Bei ihr geht es deutlich um Leben und Tod. Die beiden sind verlobt und wollen heiraten, so stellt sich heraus, und sie besprechen auch, wo sie ihre Flitterwochen verbringen werden. Sie wollen nach Ägypten.≪ Er machte eine Pause.

≫Und?≪, fragte Linnet scharf.

≫Das ist, wie gesagt, jetzt ein, zwei Monate her — aber dieses Gesicht werde ich nie vergessen. Ich weiß, ich erkenne es wieder, sobald ich es irgendwo sehe. Genau wie die Stimme des Mannes. Ich nehme an, Madame, Sie können sich denken, wo ich das eine wieder sehe und die andere wieder höre. Hier in Ägypten. Der Mann ist tatsächlich auf Hochzeitsreise — aber auf der Hochzeitsreise mit einer anderen Frau.≪

Linnets Antwort war wieder scharf. ≫Na und? Die Tatsachen hatte ich Ihnen ja genannt.≪

≫Die Tatsachen, ja.≪

≫Also — und?≪

Bedächtig fuhr Poirot fort: ≫Das Mädchen in dem Restaurant erzählte auch von einer Freundin — einer Freundin, da war sie ganz sicher, die sie nie im Stich lassen würde. Und diese Freundin waren, glaube ich, Sie, Madame.≪

≫Ja. Ich sagte bereits, wir waren befreundet.≪ Linnet wurde rot.

≫Und Sie hat Ihnen vertraut?≪

≫Ja.≪ Sie zögerte einen Augenblick und biss sich ungeduldig auf die Lippe. Als sie merkte, dass Poirot keine Anstalten machte weiterzureden, sagte sie laut und heftig: ≫Selbstverständlich ist das alles sehr bedauerlich. Aber so etwas kommt eben vor, Monsieur Poirot.≪

≫Ah ja! Doch, das kommt vor, Madame.≪ Er hielt inne. ≫Sie sind Anglikanerin, nehme ich an?≪

≫Ja.≪ Linnet sah ihn verdutzt an.

≫Dann hat man Ihnen in der Kirche sicher aus der Bibel vorgelesen. Und Sie haben von König David gehört und von dem reichen Mann mit der großen Viehherde und dem armen Mann, der nur ein einziges Jungschaf besaß — und davon, wie der Reiche dem Armen sein einziges Schaf weggenommen hat. Das ist auch etwas, das eben vorkommt, Madame.≪

Linnet schoss im Stuhl hoch. Ihre Augen funkelten böse. ≫Ich weiß schon, worauf Sie hinauswollen, Monsieur Poirot! Sie denken, ich hätte meiner Freundin, um es salopp zu sagen, den Liebhaber gestohlen. Sentimental betrachtet — und so müssen es Menschen Ihrer Generation vermutlich betrachten —, mag das sogar so sein. Aber die wirkliche und schmerzliche Wahrheit ist eine andere. Ich bestreite ja nicht, dass Jackie leidenschaftlich in Simon verliebt war, aber ich glaube, Ihnen ist bisher entgangen, dass er ihr womöglich nicht gleichermaßen zugetan war. Er mochte sie sehr gern, aber er hatte wohl schon, bevor er mich kennen lernte, das Gefühl, dass er sich geirrt hatte. Betrachten Sie das Ganze einmal mit klarem Blick, Monsieur Poirot. Simon merkt, dass er mich liebt und nicht Jackie. Was soll er machen? Den edlen Helden spielen und eine Frau heiraten, die ihm nichts bedeutet — also womöglich drei Leben zerstören? Denn ob er Jackie unter solchen Bedingungen noch glücklich machen kann, ist doch wohl fraglich. Wäre er, als er mich kennen lernte, schon mit ihr verheiratet gewesen, würde ich auch denken, es wäre seine Pflicht gewesen, bei ihr zu bleiben — obwohl ich nicht ganz sicher bin. Wenn einer von beiden unglücklich ist, leidet auch der andere. Aber eine Verlobung ist noch keine feste Bindung. Und wenn sie ein Irrtum war, dann stellt man sich dieser Tatsache doch bestimmt besser, bevor es zu spät ist. Ich gebe zu, es war sehr hart für Jackie und das tut mir auch sehr Leid — aber es ist nun mal so. Es war unausweichlich.≪

≫Wirklich?≪

Sie starrte ihn an. ≫Was meinen Sie denn damit?≪

≫Alles sehr nachfühlbar, sehr logisch, was Sie sagen! Aber eins erklärt es nicht.≪

≫Und was ist das?≪

≫Ihr eigenes Verhalten, Madame. Wissen Sie, dass Sie verfolgt werden, könnte zweierlei bei Ihnen auslösen. Es könnte Sie entweder ärgern — ja, oder Ihr Mitleid erregen, weil Ihre Freundin so tief verletzt ist, dass sie ihr gesamtes Anstandsgefühl über den Haufen wirft. Aber so reagieren Sie nicht. Sie empfinden diese Nachstellungen als Zumutung — warum eigentlich? Es gibt nur einen möglichen Grund — Sie verspüren ein Gefühl von Schuld.≪

Linnet sprang auf. ≫Was erlauben Sie sich! Wirklich, Monsieur Poirot, das geht zu weit.≪

≫Ich erlaube es mir eben, Madame! Ich werde auch weiterhin in aller Offenheit mit Ihnen sprechen. Ich behaupte, Sie haben, obwohl Sie sich alle Mühe gegeben haben, das vor sich selbst zu vertuschen, Ihrer Freundin willentlich den Mann weggenommen. Ich behaupte, Sie haben sich augenblicklich von ihm angezogen gefühlt. Ich behaupte, dass es einen Moment des Zögerns gab, in dem Ihnen klar war, dass Sie die Wahl hatten — abzulassen oder weiterzumachen. Und ich behaupte, dass die Entscheidung bei Ihnen lag — nicht bei Monsieur Doyle. Sie sind schön, Madame, Sie sind reich, Sie sind klug und intelligent — und Sie haben Charme. Mit diesem Charme können Sie jemanden für sich einnehmen, Sie können ihn aber auch zügeln. Sie hatten alles, Madame, was das Leben zu bieten hat. Das Leben Ihrer Freundin dagegen hing an einem einzigen Menschen. Das wussten Sie, und trotzdem haben Sie zwar kurz gezögert, aber nicht Ihre Hand zurückgehalten. Sie haben zugefasst und wie der reiche Mann in der Bibel dem armen sein einziges Schaf genommen.≪

Eine Zeit lang herrschte Schweigen. Schließlich riss sich Linnet zusammen und sagte kalt: ≫All das gehört wohl kaum zum Thema!≪

≫O doch, es gehört zum Thema. Ich erkläre Ihnen gerade, warum die plötzlichen Auftritte von Mademoiselle de Bellefort Sie so aus der Fassung bringen. Das liegt daran, dass Sie innerlich überzeugt sind, sie ist, auch wenn sie sich für eine Frau noch so unwürdig und unpassend benimmt, im Recht.≪

≫Das stimmt nicht.≪

Poirot zuckte die Schultern. ≫Sie weigern sich, ehrlich zu sich selbst zu sein.≪

≫Überhaupt nicht.≪

Poirot erwiderte mild: ≫Ich möchte meinen, Madame, dass Sie immer ein glückliches Leben hatten und sich gegenüber anderen immer großzügig und freundlich verhalten haben.≪

≫Ich habe es jedenfalls versucht.≪ Erbostheit und Ungeduld verschwanden aus Linnets Gesicht. Sie klang jetzt ganz einfach — fast hilflos.

≫Und deshalb bringt das Gefühl, dass Sie jemandem willentlich wehgetan haben, Sie so aus der Fassung, und Sie sperren sich so sehr dagegen, es sich einzugestehen. Verzeihen Sie, wenn ich unverschämt geworden bin, aber Psychologie ist immer der wichtigste Tatbestand bei einem Fall.≪

Langsam antwortete Linnet: ≫Selbst wenn man davon ausgeht, dass Sie Recht haben — was ich nicht tue, kein Missverständnis, bitte —, was könnte man jetzt noch machen? Man kann die Vergangenheit nicht ändern; man muss doch die Dinge nehmen, wie sie sind.≪

Poirot nickte. ≫Sie haben einen klaren Verstand, Madame. Nein, man kann Vergangenes nicht noch einmal und anders machen. Man muss die Dinge akzeptieren, wie sie sind. Und das, Madame, ist manchmal alles, was man überhaupt tun kann — die Folgen seiner vergangenen Taten auch akzeptieren.≪

≫Wollen Sie damit sagen≪, fragte Linnet ungläubig, ≫ich kann sonst nichts tun — gar nichts?≪

≫Sie müssen wohl tapfer sein, Madame; so jedenfalls sieht es für mich aus.≪

Zögernd fragte Linnet weiter: ≫Könnten Sie nicht — mit Jackie — mit Miss de Bellefort reden? Sie zur Vernunft bringen?≪

≫Doch, das könnte ich. Ich rede mir ihr, wenn Sie das möchten. Aber versprechen Sie sich nicht allzu viel davon. Ich könnte mir vorstellen, dass Mademoiselle de Bellefort so im Banne ihrer fixen Idee ist, dass nichts sie davon abbringen wird.≪

≫Aber wir müssen doch irgendetwas machen können, um aus dieser Klemme herauszukommen?≪

≫Sie könnten natürlich nach England zurückkehren, in Ihr eigenes Haus.≪

≫Selbst wenn, Jackie wäre vermutlich im Stande, sich im Ort einzuquartieren, damit ich sie jedes Mal, wenn ich mein Grundstück verlasse, sehen muss.≪

≫Richtig.≪

≫Außerdem≪, setzte Linnet langsam hinzu, ≫glaube ich nicht, dass Simon bereit wäre, vor ihr wegzulaufen.≪

≫Wie steht er denn zu der ganzen Sache?≪

≫Er ist wütend — einfach wütend.≪

Poirot nickte und dachte nach.

≫Werden Sie mit ihr reden?≪, flehte Linnet ihn an.

≫Ja, das werde ich. Aber meiner Meinung nach werde ich damit nichts ausrichten.≪

Heftig sagte Linnet: ≫Jackie ist sehr eigen! Man weiß nie, was sie als Nächstes tut!≪

≫Sie sprachen vorhin von bestimmten Drohungen, die sie ausgestoßen hat. Würden Sie mir sagen, was für Drohungen das waren?≪

Linnet zuckte die Schultern. ≫Sie hat gedroht, uns — nun ja, uns beide umzubringen. Jackie kann manchmal ziemlich — südländisch sein.≪

≫Ich verstehe≪, sagte Poirot ernst.

Linnet flehte ihn noch einmal an. ≫Wollen Sie für mich tätig werden?≪

≫Nein, Madame≪, erwiderte er fest. ≫Ich nehme keinen Auftrag von Ihnen an. Ich will gern, im Interesse der Menschlichkeit, tun, was ich kann. Das schon. Wir haben hier eine sehr schwierige und gefahrvolle Situation. Ich will gern tun, was ich kann, um sie zu klären — aber sehr zuversichtlich, was meine Erfolgschancen betrifft, bin ich nicht.≪

Langsam fragte Linnet Doyle noch einmal: ≫Und für mich tätig werden wollen Sie nicht?≪

≫Nein, Madame≪, sagte Hercule Poirot.

5.

Hercule Poirot fand Jacqueline de Bellefort auf einer Bank auf einem der Felsen, von denen aus man auf den Nil hinuntersehen konnte. Er war sicher gewesen, dass sie noch nicht schlafen gegangen war und er sie irgendwo draußen auf dem Hotelgelände finden würde. Sie saß da, das Kinn in beide Handflächen gelegt, und drehte weder den Kopf noch wandte sie sich beim Geräusch seiner Schritte um.

≫Mademoiselle de Bellefort?≪, fragte Poirot. ≫Gestatten Sie, dass ich einen Augenblick mit Ihnen rede?≪

Jetzt drehte sie leicht den Kopf. Ein schwaches Lächeln spielte um ihren Mund. ≫Sicher. Sie sind Monsieur Hercule Poirot, ja? Darf ich raten? Mrs. Doyle hat Sie beauftragt und Ihnen ein dickes Honorar versprochen, wenn Ihr Einsatz Erfolg hat.≪

Poirot setzte sich neben sie. ≫Ihre Annahme ist teilweise richtig.≪ Er lächelte. ≫Ich komme eben von Mrs. Doyle, aber ich nehme von ihr keinerlei Honorar an und bin streng genommen auch nicht von ihr beauftragt.≪

≫Oh!≪ Jacqueline musterte ihn aufmerksam und fragte dann barsch: ≫Und weshalb sind Sie dann hier?≪

Hercule Poirot antwortete mit einer Gegenfrage: ≫Haben Sie mich schon einmal gesehen, Mademoiselle?≪

Sie schüttelte den Kopf. ≫Nein, ich glaube nicht.≪

≫Aber ich habe Sie gesehen. Ich saß einmal an Ihrem Nebentisch im Chez Ma Tante. Sie waren da mit Monsieur Simon Doyle.≪

Ihr Gesicht bekam etwas eigenartig Maskenhaftes. ≫An den Abend kann ich mich erinnern…≪

≫Seitdem≪, sagte Poirot, ≫ist eine Menge passiert.≪

≫Sie sagen es, es ist eine Menge passiert.≪ Ihre Stimme war hart und hatte einen Unterton verzweifelter Bitterkeit.

≫Mademoiselle, ich spreche als Freund zu Ihnen. Begraben Sie Ihre Toten!≪

Sie sah ihn verdutzt an. ≫Was meinen Sie damit?≪

≫Lassen Sie die Vergangenheit ruhen! Wenden Sie sich der Zukunft zu! Was geschehen ist, ist geschehen. Verbitterung macht es auch nicht ungeschehen.≪

≫Das könnte der lieben Linnet so passen.≪

Poirot winkte ab. ≫Die hatte ich gerade gar nicht im Sinn. Ich denke an Sie. Sie haben viel durchlitten — ja —, aber was Sie im Augenblick treiben, wird Ihr Leid nur verlängern.≪

Sie schüttelte den Kopf. ≫Da liegen Sie ganz falsch. Es gibt Augenblicke, da fühle ich mich fast wohl.≪

≫Und das, Mademoiselle, ist das Schlimmste.≪

Sie riss den Kopf hoch. ≫Sie sind nicht dumm≪, fing sie an, und dann etwas bedächtiger: ≫Und Sie meinen es bestimmt freundlich.≪

≫Fahren Sie nach Hause, Mademoiselle. Sie sind jung, Sie haben Köpfchen, die Welt liegt vor Ihnen.≪

Langsam schüttelte Jacqueline wieder den Kopf. ≫Sie verstehen das nicht oder wollen es nicht verstehen. Simon ist meine Welt.≪

≫Liebe ist nicht alles, Mademoiselle≪, sagte Poirot sanft. ≫Das glauben wir nur, wenn wir noch jung sind.≪

Aber sie schüttelte weiter den Kopf. ≫Sie verstehen das nicht.≪ Sie funkelte ihn an. ≫Sie wissen natürlich über alles Bescheid? Sie haben mit Linnet gesprochen? Und Sie waren an jenem Abend in diesem Restaurant… Simon und ich haben uns geliebt.≪

≫Ich weiß, dass Sie ihn geliebt haben.≪

Sie begriff sofort, was er gemeint hatte, und sagte noch einmal mit Nachdruck: ≫Wir haben uns gegenseitig geliebt. Und ich habe Linnet geliebt… Ich habe ihr vertraut. Sie war meine beste Freundin. Linnet hat sich ihr ganzes Leben lang kaufen können, was immer sie haben wollte. Sie hat sich nie etwas verkniffen. Simon hat sie auch haben wollen, sobald sie ihn gesehen hatte — und ihn sich eben genommen.≪

≫Und er hat sich — kaufen lassen?≪

Wieder schüttelte Jacqueline lange den Kopf. ≫Nein, ganz so ist es nicht. Wenn es so wäre, müsste ich jetzt nicht hier sein… Sie wollen mir einreden, Simon sei es nicht wert, dass ich so an ihm hänge. Damit hätten Sie auch Recht, wenn er Linnet wegen ihres Geldes geheiratet hätte. Aber er hat sie nicht wegen ihres Geldes geheiratet. Es ist komplizierter. Es gibt ja so etwas wie Glamour, Monsieur Poirot, einen betörenden Glanz. Geld ist dabei ganz hilfreich. Und Linnet hatte immer so eine ‘Aura’, wissen Sie? Sie war die Königin eines Reiches — die junge Prinzessin — ein Luxusgeschöpf bis in die Fingerspitzen. Das war wie eine Theaterinszenierung. Die ganze Welt lag ihr zu Füßen; einer der reichsten und umschwärmtesten Adligen in ganz England wollte sie heiraten. Aber sie beugt sich hinunter zu einem Niemand, zu Simon Doyle… Wundern Sie sich wirklich, wenn ihm das zu Kopf steigt?≪ Sie schwenkte den Arm nach oben. ≫Sehen Sie sich den Mond an. Er ist ganz klar zu sehen, nicht? Er ist ganz wirklich. Aber wenn jetzt die Sonne schiene, würden sie gar nichts von ihm sehen. So etwa ist das wohl gewesen. Ich war der Mond… Und kaum kam die Sonne zum Vorschein, hat Simon mich nicht mehr gesehen… Er war geblendet. Er sah nur noch Sonne — Linnet.≪

Erst nach einer kleinen Pause fuhr sie fort. ≫Insofern war es eben — der Glamour. Linnet ist ihm zu Kopf gestiegen. Sie hat ja auch diese Selbstgewissheit — und ist gewohnt zu bestimmen. Sie strahlt eine solche Sicherheit aus, dass sich die anderen auch sicher fühlen. Simon ist vielleicht ein schwacher Mensch, aber eigentlich ist er ganz einfach. Er hätte mich geliebt, und nur mich, wenn nicht Linnet aufgekreuzt wäre und ihn in ihre goldene Kutsche gezerrt hätte. Ich weiß es — ich weiß ganz genau, er hätte sich nie in sie verliebt, wenn sie ihn nicht dazu gebracht hätte.≪

≫So sehen Sie es — ja.≪

≫Ich weiß es. Er hat mich geliebt — er wird mich immer lieben.≪

≫Auch jetzt noch?≪, fragte Poirot.

Es schien, als läge ihr eine schnelle Antwort auf der Zunge, die sie aber unterdrückte. Sie sah Poirot an. Eine brennende dunkle Röte schoss ihr ins Gesicht. Sie wandte den Blick ab und ihr Kopf sank auf die Brust. Leise presste sie schließlich hervor: ≫Sie haben Recht. Jetzt hasst er mich. Ja, er hasst mich… Er soll sich bloß vorsehen!≪

Mit hastigen Fingern nestelte sie in einem Täschchen, das neben ihr auf der Bank lag. Dann streckte sie die flache Hand vor. Eine kleine Pistole mit Perlmuttgriff lag darin — und sah aus wie ein niedliches Spielzeug. ≫Hübsches kleines Ding, nicht?≪, sagte sie. ≫Sieht viel zu läppisch aus, um echt zu sein, ist aber echt! Eine von diesen Kugeln könnte einen Mann töten, oder eine Frau. Und ich bin eine gute Schützin.≪ Sie lächelte wie in eine ferne Erinnerung versunken.

≫Immer wenn ich als Kind mit meiner Mutter in ihrer Heimat war, in South Carolina, hat mein Großvater mir Schießunterricht gegeben. Er gehörte zu der altmodischen Sorte, die an Waffen glaubt — vor allem da, wo es um die Ehre geht. Mein Vater auch; er hat sich als junger Mann noch duelliert. Er war ein guter Fechter. Er hat einmal einen Mann getötet. Da ging es um eine Frau. Sie sehen also, Monsieur Poirot≪, sie sah ihm fest in die Augen, ≫ich habe heißes Blut in den Adern! Dieses Ding habe ich gekauft, sowie das passiert war. Ich wollte einen von beiden umbringen — das Problem war nur, ich konnte mich nicht entscheiden, wen. Alle beide wäre auch nicht befriedigend gewesen. Wenn ich damit hätte rechnen können, dass Linnet Angst bekommt — aber sie ist ziemlich furchtlos. Die steht auch körperliche Auseinandersetzungen durch. Dann fiel mir ein, ich könnte ja — warten. Und das gefiel mir immer besser. Ich könnte es schließlich jederzeit tun. Es machte auch bestimmt mehr Spaß, zu warten und — weiter zu überlegen! Und dann kam mir diese Idee — ich fahre hinter ihnen her! Und kaum kommen sie an irgendeinem fernen Plätzchen an, als glückliches Paar, schon sehen sie mich! Und das funktioniert. Das hat Linnet böse getroffen — mehr als alles andere, was ich hätte machen können! Das geht ihr unter die Haut… Von da an habe ich angefangen, mich wohl zu fühlen. Sie kann nämlich nichts dagegen tun! Ich bin immer ausgesprochen nett und höflich! Kein Wort, das sie gegen mich verwenden könnten! Und das vergiftet ihr alles — alles.≪ Ihr Lachen hallte laut und hell nach.

Poirot packte ihren Arm. ≫Seien Sie doch still! Still, sage ich.≪ Jacqueline sah ihn mit einem herausfordernden Lächeln an. ≫Bitte?≪

≫Mademoiselle, ich bitte Sie inständig, lassen Sie, was Sie da tun.≪

≫Sie meinen, ich soll die liebe Linnet in Ruhe lassen!≪

≫Ich meine viel mehr. Lassen Sie nicht das Böse in Ihr Herz.≪

Sie sperrte den Mund auf und sah plötzlich bestürzt drein.

Sehr ernst sprach Poirot weiter. ≫Denn — wenn Sie es einladen — dann kommt das Böse… Ja, ganz sicher kommt das Böse dann… Es kommt herein und nistet sich ein und nach einer Weile lässt es sich nicht mehr vertreiben.≪

Jacqueline starrte ihn aus unsicher flackernden Augen an. ≫Ich — weiß nicht —≪, fing sie an, und plötzlich schrie es aus ihr heraus: ≫Sie können mich nicht aufhalten.≪

≫Nein≪, sagte Poirot, und es klang traurig, ≫ich kann Sie nicht aufhalten.≪

≫Selbst wenn ich sie — umbringen wollte, Sie könnten mich nicht aufhalten.≪

≫Nein, wenn Sie bereit sind, den Preis dafür zu zahlen, dann nicht.≪

Jacqueline de Bellefort lachte auf. ≫Oh, ich habe keine Angst vor dem Tod! Was habe ich denn noch, wofür ich leben könnte? Ich nehme an, Sie finden es ganz falsch, einen Menschen umzubringen, der einem wehgetan hat — auch wenn der Ihnen alles genommen hat, was Sie auf der Welt hatten.≪

Poirot antwortete fest: ≫Ja, Mademoiselle. Ich halte Töten für ein unentschuldbares Vergehen.≪

Wieder lachte Jacqueline. ≫Dann müssten Sie meinen gegenwärtigen Rachefeldzug ja zu schätzen wissen, denn solange der wirkt, muss ich ja nicht zur Pistole greifen… Ich fürchte allerdings — ja, manchmal fürchte ich — ich sehe rot — ich möchte ihr wehtun — ihr ein Messer in den Leib stoßen, ihr meine liebe kleine Pistole ganz dicht an den Kopf halten und dann — einfach abdrücken — oh!≪

Der Ausruf schreckte ihn auf. ≫Was ist denn los, Mademoiselle?≪

Sie drehte den Kopf und starrte ins Dunkel. ≫Jemand — da steht jemand. Jetzt ist er weg.≪

Hercule Poirot sah sich sorgfältig um. Die Umgebung schien menschenleer. ≫Außer uns scheint hier niemand zu sein, Mademoiselle.≪ Er stand auf. ≫Wie auch immer, ich habe gesagt, was ich sagen wollte. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht.≪

Auch Jacqueline stand auf. Fast flehentlich fragte sie ihn: ≫Sie verstehen doch — dass ich nicht tun kann, worum Sie mich bitten?≪

Poirot schüttelte den Kopf. ≫Nein — denn Sie könnten sehr wohl! Man hat immer einen Entscheidungsspielraum! Ihre Freundin — hatte den auch, sie hätte nicht zugreifen müssen… Aber sie hat diese Chance vorbeigehen lassen. Und wenn man das tut, ist man den Folgen ausgeliefert, es gibt dann keine neue Chance.≪

≫Keine neue Chance…≪, sagte Jacqueline. Einen Augenblick stand sie grübelnd da; dann hob sie trotzig den Kopf. ≫Gute Nacht, Monsieur Poirot.≪

Er schüttelte traurig den Kopf und stieg hinter ihr den Pfad hinauf zum Hotel.

6.

Am nächsten Morgen lief Simon Doyle hinter Hercule Poirot her, der gerade das Hotel verlassen und in die Stadt gehen wollte.

≫Guten Morgen, Monsieur Poirot.≪

≫Guten Morgen, Monsieur Doyle.≪

≫Sie gehen in die Stadt? Was dagegen, wenn ich mitschlendere?≪

≫Aber nein. Es ist mir ein Vergnügen.≪

Nebeneinander gingen die beiden Männer durch das Tor und in den schattigen Park. Schließlich nahm Simon die Pfeife aus dem Mund. ≫Soviel ich weiß, Monsieur Poirot, hat meine Frau gestern Abend mit Ihnen gesprochen?≪

≫So ist es.≪

Simon runzelte leicht die Stirn. Er gehörte zu der Sorte handfester Männer, denen es schwer fällt, ihre Gedanken in Worte zu fassen und sich prägnant auszudrücken. ≫Über eins bin ich ja froh≪, sagte er. ≫Sie haben ihr klarmachen können, dass wir in dieser Angelegenheit mehr oder weniger machtlos sind.≪

≫Es gibt eindeutig keine gesetzliche Handhabe≪, bestätigte Poirot.

≫Genau. Linnet hatte das nicht einsehen wollen.≪ Er lächelte andeutungsweise. ≫Linnet ist in dem Glauben aufgewachsen, dass man mit jedem Ärgernis automatisch zur Polizei laufen kann.≪

≫Es wäre erfreulich, wenn es so wäre≪, sagte Poirot.

Sie schwiegen eine Zeit lang. Plötzlich sagte Simon mit hochrotem Kopf: ≫Das ist — das ist niederträchtig, dass man sie so quälen darf! Sie hat doch nichts getan! Wenn mir jemand nachsagen möchte, ich hätte mich benommen wie ein Rüpel, bitte sehr, gern! Das habe ich wohl. Aber ich will nicht, dass Linnet das alles abkriegt. Sie hatte nicht das Geringste mit der Sache zu tun.≪

Poirot senkte ernst den Kopf, sagte aber nichts.

≫Konnten Sie — äh — haben Sie — gesprochen mit Jackie — Miss de Bellefort?≪

≫Ja, ich habe mit ihr gesprochen.≪

≫Haben Sie sie zur Vernunft gebracht?≪

≫Ich fürchte, nein.≪

Simon brauste auf: ≫Begreift sie denn nicht, wie sie sich blamiert? Weiß sie nicht, dass keine anständige Frau sich je so aufführen würde wie sie? Hat sie denn gar keinen Stolz, keine Selbstachtung?≪

Poirot zuckte die Schultern. ≫Vor allem hat sie einen Sinn für — Ungerechtigkeit. Wollen wir es so sagen?≪, erwiderte er dann.

≫Ja, aber verdammt und zugenäht, Mann, anständige Mädchen führen sich nicht so auf! Ich gebe ja zu, dass ich an allem schuld bin. Ich habe sie verdammt schlecht behandelt und so weiter. Ich würde es gut verstehen, wenn sie die Nase gestrichen voll hätte von mir und mich nie wieder sehen wollte. Aber dieses Hinterherfahren — das ist — das ist unanständig! Sich so in Szene zu setzen! Was zum Teufel hofft sie denn damit zu erreichen?≪

≫Vielleicht — Rache!≪

≫Idiotisch! Ich würde wirklich eher verstehen, wenn sie etwas Melodramatisches anstellen würde — zum Beispiel mir eine Kugel verpassen.≪

≫Sie finden, das sähe ihr eher ähnlich — ja?≪

≫Offen gesagt, ja. Sie ist heißblütig — und hat ein unbändiges Temperament. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn sie irgendetwas aus schierer Weißglut getan hätte. Aber dieses Hinterherspionieren —≪ Er schüttelte den Kopf.

≫Das ist subtiler — ja! Es ist schlau!≪

Doyle starrte ihn an. ≫Sie verstehen wohl nicht. Es ist die Hölle für Linnets Nerven.≪

≫Und Ihre Nerven?≪

Doyle sah ihn immer noch an, jetzt verblüfft. ≫Meine? Ich würde dem kleinen Teufel am liebsten den Hals umdrehen.≪

≫Ist denn gar nichts mehr übrig von früheren Gefühlen?≪

≫Mein lieber Monsieur Poirot — wie soll ich es sagen? Das ist wie mit dem Mond, wenn die Sonne aufgeht. Sie wissen gar nicht mehr, dass es den auch noch gibt. Als ich Linnet gesehen hatte — hat Jackie nicht mehr existiert.≪

≫Tiens, c’est drôle, ca!≪, murmelte Poirot.

≫Wie bitte?≪

≫Ihr Vergleich war interessant, sonst nichts.≪

Simon wurde wieder rot. ≫Jackie hat Ihnen wahrscheinlich erzählt, ich hätte Linnet wegen ihres Geldes geheiratet? Also, das ist eine verdammte Lüge! Ich würde keine Frau wegen Geld heiraten! Jackie versteht eben einfach nicht, dass — ein Mann kann es schwer ertragen, wenn — wenn eine Frau so an ihm hängt wie sie an mir.≪

≫So?≪ Poirot sah ihn scharf an.

Nichts ahnend tappte Simon weiter in die Falle. ≫Es — es — klingt rüpelhaft und grob, aber Jackie hat mich einfach zu gern gehabt!≪

≫Une qui aime et un qui se laisse aimer≪, brummte Poirot.

≫Was? Was reden Sie denn da? Es ist doch so, ein Mann hat nicht gern das Gefühl, dass eine Frau ihn mehr liebt als er sie.≪ Seine Stimme wurde wärmer. ≫Er mag das Gefühl nicht, mit Leib und Seele besessen zu werden. Das ist nämlich eine verdammt besitzergreifende Einstellung! Der Mann hier ist meiner der gehört mir! Ich kann so was nicht ab — kein Mann kann so was ab! Der will dann bloß noch weg — frei sein. Er will seine Frau besitzen und nicht, dass sie ihn besitzt.≪ Er brach ab und zündete sich mit zitternden Fingern eine Zigarette an.

≫Und so hat sich das für Sie angefühlt mit Mademoiselle Jacqueline?≪, fragte Poirot.

≫Was?≪ Simon starrte ihn an. ≫Äh — ja — na ja, doch≪, gab er zu, ≫ja, das hat es. Sie sieht das natürlich nicht so. Und es war auch nichts, das ich ihr hätte sagen können. Aber ich hatte ein unruhiges Gefühl — und dann sah ich Linnet und sie hat mich einfach umgehauen! Ich hatte noch nie etwas so Liebenswertes gesehen. Das war alles so unglaublich. Alle Welt lag ihr zu Füßen — und sie pickt sich ausgerechnet einen armen Tropf wie mich heraus.≪ Seine Stimme hatte jetzt etwas jungenhaft Scheues und Staunendes.

≫Ich verstehe≪, sagte Poirot und nickte nachdenklich. ≫Ja — ich verstehe.≪

≫Warum kann Jackie das nicht nehmen wie ein Mann?≪, fragte Simon vorwurfsvoll.

Ein sehr feines Lächeln kräuselte Poirots Oberlippe. ≫Tja, sehen Sie, Monsieur Doyle, zunächst mal ist sie kein Mann.≪

≫Nein, nein — ich meinte doch, warum kann sie nicht mit Anstand verlieren! Wir müssen alle mal bittere Pillen schlucken, wenn es sein muss. Den Fehler habe ich gemacht, das gebe ich ja zu. Aber das ist auch alles! Wenn man an einem Mädchen nicht mehr hängt, dann ist es einfach Wahnsinn, sie zu heiraten. Und jetzt, wo ich sehe, wie Jackie wirklich ist und wie weit sie es treiben will, habe ich das Gefühl, ich habe Glück gehabt, dass ich ihr entkommen bin.≪

≫Wie weit sie es treiben will≪, wiederholte Poirot nachdenklich. ≫Haben Sie eine Vorstellung, wie weit das ist?≪

Simon sah ihn verwundert an. ≫Nein — jedenfalls, was meinen Sie?≪

≫Sie wissen, dass sie eine Pistole mit sich herumträgt?≪

Simon runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. ≫Ich glaube nicht, dass sie die benutzt — jetzt noch. Das hätte sie längst tun können. Aber das ist jetzt, glaube ich, vorbei. Jetzt ist sie einfach bösartig — und versucht uns beide fertig zu machen.≪

Poirot zuckte die Schultern. ≫Das könnte sein≪, sagte er skeptisch.

≫Ich mache mir Sorgen um Linnet≪, fuhr Simon, eigentlich überflüssigerweise, fort.

≫Das ist mir sehr klar≪, erwiderte Poirot.

≫Ich habe nicht die Befürchtung, dass Jackie eine melodramatische Schießerei anfängt, aber dieses Nachspionieren, dieses Hinterherfahren, das hat Linnet schon völlig aufgerieben. Ich möchte Ihnen gern erzählen, was ich mir dagegen überlegt habe, vielleicht hätten Sie ja Verbesserungsvorschläge. Zunächst mal habe ich überall verkündet, dass wir zehn Tage hier bleiben. Morgen geht ein Dampfer, die Karnak, ab Shellal den Nil hinauf nach Wadi Halfa. Mein Plan sieht vor, dass wir Passagen unter falschem Namen buchen und offiziell morgen einen Ausflug nach Philae machen, Linnets Dienstmädchen die Koffer auf die Karnak bringt und wir in Shellal zusteigen. Wenn Jackie merkt, dass wir nicht ins Hotel zurückgekommen sind, ist es zu spät — wir sind weg. Sie wird annehmen, wir sind nach Kairo entwischt. Ich könnte sogar noch den Portier bestechen, damit er das behauptet. Nachfragen beim Tourismusbüro nutzen ihr auch nichts, denn unsere Namen tauchen da nicht auf. Wie kommt Ihnen das vor?≪

≫Klingt wohl überlegt, doch. Und wenn sie so lange hier bleibt und wartet, bis Sie wiederkommen?≪

≫Vielleicht tun wir das gar nicht. Wir fahren weiter nach Khartum und fliegen von da aus vielleicht nach Kenia. Über den ganzen Erdball kann sie uns ja wohl nicht hinterherfahren.≪

≫Nein. Die Finanzen werden es ihr irgendwann verbieten. Sie hat sehr wenig Geld, wenn ich es richtig sehe.≪

Simon sah ihn bewundernd an. ≫Wie klug von Ihnen. Wissen Sie, daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Jackie ist immer abgebrannt.≪

≫Und trotzdem hat sie es geschafft, Ihnen so lange nachzureisen?≪

Simon überlegte laut. ≫Sie hat natürlich ein kleines Einkommen. Keine zweihundert Pfund im Jahr, denke ich. Vermutlich — ja, vermutlich hat sie sich das Kapital auszahlen lassen, um das alles tun zu können.≪

≫Sodass sie eines Tages ihre Reserven aufgebraucht hat und so gut wie blank dasteht?≪

≫Ja…≪ Simon schien peinlich berührt. Er fühlte sich deutlich unwohl bei dem Gedanken.

Poirot beobachtete ihn aufmerksam. ≫Nein≪, befand er, ≫das ist kein schöner Gedanke.≪

Simon entgegnete ziemlich aufgebracht: ≫Tja, ich kanns nicht ändern!≪ Und fragte noch einmal: ≫Was halten Sie von meinem Plan?≪

≫Ich glaube, er könnte klappen, doch. Aber das ist natürlich ein Rückzug.≪

Simon wurde rot. ≫Sie meinen, wir laufen davon? Ja, das stimmt. Aber Linnet —≪

Poirot sah ihn an und nickte kurz. ≫Wie Sie sagen, es ist vielleicht das Beste. Aber vergessen Sie nicht, Mademoiselle de Bellefort hat Köpfchen.≪

≫Ich habe das Gefühl≪, sagte Simon düster, ≫eines Tages werden wir uns wehren und die Sache ausfechten müssen. Ihr Verhalten ist einfach unvernünftig.≪

≫Vernunft, mon Dieu!≪, rief Poirot aus.

≫Es gibt keinen Grund, weshalb Frauen sich nicht wie vernünftige Wesen benehmen sollten≪, beharrte Simon starrköpfig.

Poirot entgegnete trocken: ≫Oft genug tun sies ja. Aber das ist noch beunruhigender! Übrigens≪, fügte er hinzu, ≫ich werde auch auf der Karnak sein. Das gehört zu meiner Reiseroute.≪

≫Ach!≪ Simon zögerte und fragte dann etwas verlegen: ≫Das ist doch — ist doch nicht — äh — unseretwegen, irgendwie? Ich meine, es wäre mir unangenehm —≪

Poirot fiel ihm ins Wort. ≫Ganz und gar nicht. Die Route stand schon komplett fest, bevor ich in London losgefahren bin. Ich plane immer alles lange vorher.≪

≫Sie fahren nie einfach so von Ort zu Ort, nach Lust und Laune? Das macht doch mehr Spaß.≪

≫Vielleicht. Aber um Erfolg im Leben zu haben, sollte man jedes Detail von langer Hand vorbereiten.≪

Simon lachte auf. ≫Genauso geht auch der raffiniertere Mörder vor, nehme ich an.≪

≫Ja — obwohl ich zugeben muss, das genialste Verbrechen, an das ich mich erinnern kann, und eins der am schwersten aufzuklärenden, ist spontan, aus dem Moment heraus begangen worden.≪

Simon wurde neugierig wie ein kleiner Junge. ≫Sie müssen uns auf der Karnak unbedingt von Ihren Fällen erzählen.≪

≫Nein, nein. Das wäre Ausplaudern von — wie nennen Sie es? — Betriebsgeheimnissen.≪

≫Ja, aber Ihre Art Betrieb ist doch auch ziemlich spannend. Findet jedenfalls Mrs. Allerton. Sie lechzt geradezu nach einer Gelegenheit Sie ins Kreuzverhör zu nehmen.≪

≫Mrs. Allerton? Das ist die entzückende Dame mit den grauen Haaren und dem ungemein anhänglichen Sohn?≪

≫Ja. Sie fährt auch mit auf der Karnak.≪

≫Weiß sie, dass —?≪

≫Natürlich nicht≪, sagte Simon mit Nachdruck. ≫Niemand weiß es. Ich halte mich an das Prinzip lieber niemandem zu trauen.≪

≫Eine vortreffliche Einstellung — eine, die ich mir auch immer zu Herzen nehme. Übrigens, der Dritte in Ihrem Kreis, der große grauhaarige —≪

≫Pennington?≪

≫Ja. Reist er gemeinsam mit Ihnen?≪

Grimmig erwiderte Simon: ≫Etwas ungewöhnlich für eine Hochzeitsreise, dachten Sie wohl. Pennington ist Linnets amerikanischer Vermögensverwalter. Wir sind ihm in Kairo zufällig über den Weg gelaufen.≪

≫Ah, vraiment! Sie gestatten eine Frage? Sie ist doch volljährig, Ihre Frau?≪

Simon grinste. ≫Sie ist noch nicht ganz einundzwanzig — aber sie musste auch niemanden um Erlaubnis fragen, ob sie mich heiraten darf. Pennington war vollkommen überrascht. Er hatte, zwei Tage bevor Linnets Brief mit der Nachricht von unserer Hochzeit in New York ankam, auf der Carmanic abgelegt, deshalb wusste er von nichts.≪

≫Die Carmanic…≪, brummelte Poirot.

≫Er war auch vollkommen erstaunt, als wir in Kairo plötzlich vor ihm standen.≪

≫Das war ja wirklich Zufall!≪

≫Ja, und dann stellte sich heraus, dass er auch diese Nilfahrt machen wollte — also haben wir uns natürlich zusammengetan; anders wäre es anstandshalber auch gar nicht gegangen. Aber mal abgesehen davon, er war — na ja, eine Entlastung, gewissermaßen.≪ Wieder sah er verlegen aus. ≫Linnet war doch völlig überreizt — sie hat ja förmlich darauf gewartet, dass Jackie wieder irgendwo aufkreuzt, überall. Und solange wir allein waren, kamen wir immer wieder auf das Thema. So gesehen ist Andrew Pennington eine große Hilfe; wir müssen über ganz andere Dinge reden.≪

≫Ihre Frau hat Monsieur Pennington nicht eingeweiht?≪

≫Nein.≪ Simons Kiefer zuckte kampflustig. ≫Das geht sonst niemanden etwas an. Außerdem, als wir die Niltour antraten, dachten wir ja, die Sache sei endlich ausgestanden.≪

Poirot schüttelte den Kopf. ≫Die Sache ist keineswegs ausgestanden. Nein — da ist noch kein Ende in Sicht. Da bin ich ganz sicher.≪

≫Also, Monsieur Poirot, Mut machen Sie einem nicht gerade.≪

Poirot sah ihn an und befand leicht gereizt für sich: Der Angelsachse — nichts nimmt er ernst außer Sport und Spiel! Er wird einfach nie erwachsen.

Linnet Doyle, Jacqueline de Bellefort — die beiden nahmen die ganze Sache sehr ernst. In Simons Verhalten dagegen fand er nur männliche Unduldsamkeit und Gekränktheit. ≫Gestatten Sie mir eine unverschämte Frage? War es Ihre Idee, in den Flitterwochen nach Ägypten zu fahren?≪

Simon wurde wieder rot. ≫Nein, natürlich nicht. Im Gegenteil, ich wäre lieber woandershin gefahren, aber Linnet war absolut darauf versessen. Deshalb — deshalb —≪ Kraftlos brach er ab.

≫Natürlich≪, sagte Poirot nachdenklich.

Er war sich völlig im Klaren, dass etwas, auf das Linnet Doyle versessen war, auch zu geschehen hatte. Und er dachte bei sich: Ich habe jetzt drei verschiedene Darstellungen dieser Affäre gehört: die von Linnet Doyle, die von Jacqueline de Bellefort, die von Simon Doyle. Welche kommt der Wahrheit wohl am nächsten?

7.

Simon und Linnet Doyle brachen am nächsten Morgen gegen elf Uhr auf zu ihrem Ausflug nach Philae. Jacqueline de Bellefort sah vom Hotelbalkon aus zu, wie das malerische Segelboot ablegte. Was sie nicht sah, war ein Wagen, der — beladen mit Gepäck und einem biederen Dienstmädchen — von der Vorderseite des Hotels abfuhr. Er bog nach rechts, in Richtung Shellal.

Hercule Poirot beschloss, die verbleibenden zwei Stunden bis zum Mittagessen auf der Insel Elephantine direkt gegenüber dem Hotel zu verbringen. Er schlenderte zum Landungssteg hinunter. Gerade bestiegen zwei Männer eine der Hotel-Feluken und Poirot schloss sich ihnen an. Die beiden kannten sich offensichtlich nicht. Der jüngere war am Vortag mit dem Zug angekommen, ein großer, dunkelhaariger junger Mann mit einem schmalen Gesicht und einem Rauflust andeutenden Kinn. Er trug eine sehr schmutzige Flanellhose und einen für das Klima denkbar unpassenden Rollkragenpulli. Der andere war ein eher rundlicher Mann mittleren Alters, der sofort das Gespräch mit Poirot suchte und fließend, aber leicht gebrochen Englisch sprach. Der junge Mann zeigte nicht die geringste Neigung, in die Unterhaltung einzusteigen, sondern warf erst beiden einen finsteren Blick zu und drehte sich dann demonstrativ weg, um sich seiner Bewunderung für die Geschicklichkeit hinzugeben, mit der der nubische Bootsführer die Feluke mit den Füßen steuerte, weil er die Hände für die Segel brauchte.

Es war eine friedliche Ruhe auf dem Wasser, die weich geschwungenen, glatten schwarzen Felsen glitten an ihnen vorbei, eine sanfte Brise fächelte ihnen die Gesichter. Es war nicht weit bis Elephantine, und kaum an Land, machten Poirot und sein gesprächsfreudiger neuer Bekannter sich auf den Weg zum Museum. Letzterer hatte inzwischen eine Visitenkarte hervorgekramt und Poirot zugesteckt. Auf ihr stand: ≫Signor Guido Richetti, Archeologo.≪

Im Gegenzug verbeugte sich Poirot jetzt und zückte seinerseits eine Karte. Nach Erledigung dieser Förmlichkeitsrituale betraten beide Männer das Museum. Der Italiener sprudelte vor lauter gelehrtem Wissen. Sie unterhielten sich mittlerweile auf Französisch.

Der junge Mann in der Flanellhose strich nur desinteressiert durchs Museum, gähnte hin und wieder und flüchtete schließlich an die frische Luft.

Dort fanden ihn Poirot und Richetti etwas später wieder. Der Italiener begutachtete mit Feuereifer die Ruinen, aber Poirot entdeckte plötzlich einen grün gefütterten Sonnenschirm, den er kannte, bei den Felsen unten am Fluss und verschwand dorthin.

Mrs. Allerton saß auf einem großen Felsen mit einem Skizzenblock neben sich und einem Buch auf dem Schoß.

Poirot lüpfte artig den Hut, und Mrs. Allerton eröffnete sofort das Gespräch. ≫Guten Morgen. Es ist wohl einigermaßen unmöglich, die grässlichen Kinder hier wenigstens teilweise loszuwerden.≪

Eine Gruppe kleiner schwarzer Gestalten sprang grinsend um sie herum, vollführte Verrenkungen, streckte jammervoll die Hände aus und zischelte rhythmisch das hoffnungsvolle Wort ≫Bakschisch≪.

≫Ich hatte gedacht, die haben mich irgendwann über≪, fuhr Mrs. Allerton fort. ≫Sie belagern mich jetzt seit zwei Stunden — sie kommen Schritt für Schritt näher; und dann schreie ich sie an: ‘Imschi!’, und fuchtele mit dem Sonnenschirm und sie hüpfen davon für ein, zwei Minuten. Aber dann kommen sie wieder und glotzen und glotzen, und diese Augen sind einfach widerlich, die Nasen genauso, und ich glaube, ich mag Kinder eigentlich gar nicht — jedenfalls nicht, wenn sie nicht halbwegs gewaschen und ansatzweise gut erzogen sind.≪

Sie lachte grämlich.

Poirot versuchte galant, aber vergeblich, die Menge zu verscheuchen. Die Jungen zerstreuten sich kurz und kamen dann zurück, um sie wieder einzukesseln.

≫Wenn es doch nur Ruhe gäbe in Ägypten, dann würde es mir hier besser gefallen≪, sagte Mrs. Allerton. ≫Aber nirgends ist man allein. Irgendjemand belästigt einen immer wegen Geld oder will einem Esel oder Perlen andrehen oder eine Tour in die Eingeborenendörfer oder zum Entenschießen.≪

≫Das ist der große Nachteil, stimmt≪, sagte Poirot, breitete behutsam sein Taschentuch auf dem Stein aus und setzte sich etwas umständlich darauf.

≫Ihr Sohn ist heute Morgen nicht bei Ihnen?≪, fuhr er dann fort.

≫Nein, Tim muss noch ein paar Briefe schreiben, bevor wir abfahren. Wir machen nämlich die Tour zum zweiten Nil-Katarakt mit.≪

≫Ich auch.≪

≫Das freut mich ja so. Ich möchte Ihnen sagen, dass ich ganz gespannt war, Sie kennen zu lernen. Wir waren vorher in Mallorca, und da war auch eine Mrs. Leech und die hat uns die tollsten Sachen über Sie erzählt. Sie hatte ihren Rubinring verloren und jammerte ständig, dass Sie nicht da waren und ihn wieder fanden.≪

≫Ah, parbleu, ich bin doch kein tauchender Seehund!≪

Sie lachten beide.

≫Ich habe Sie heute Morgen vom Fenster aus gesehen≪, fuhr Mrs. Allerton fort, ≫Sie gingen mit Simon Doyle die Auffahrt hinunter. Sie müssen mir sagen, wie Sie ihn finden! Wir finden ihn ja so aufregend.≪

≫Ach? Wirklich?≪

≫Ja. Wissen Sie, seine Hochzeit mit Linnet Ridgeway war doch die Überraschung. Sie sollte eigentlich Lord Windlesham heiraten und plötzlich verlobt sie sich mit diesem Mann, von dem kein Mensch je gehört hat!≪

≫Sie kennen sie gut, Madame?≪

≫Nein, aber eine Cousine von mir, Joanna Southwood, ist eine ihrer besten Freundinnen.≪

≫Ach ja, den Namen habe ich in der Zeitung gelesen.≪ Er schwieg einen Augenblick, bevor er weitersprach. ≫Eine junge Dame, über die sehr oft berichtet wird, Mademoiselle Joanna Southwood.≪

≫Oh, sie versteht es bestens, Reklame für sich zu machen≪, sagte Mrs. Allerton bissig.

≫Sie mögen sie nicht, Madame?≪

≫Das war eine hässliche Bemerkung von mir.≪ Mrs. Allerton sah reumütig drein. ≫Wissen Sie, ich bin altmodisch. Ich mag sie nicht besonders. Tim und sie sind allerdings dicke Freunde.≪

≫Ich verstehe≪, sagte Poirot.

Mrs. Allerton schoss ihm einen kurzen Blick zu und wechselte das Thema. ≫Wie wenige junge Leute es hier unten gibt! Das hübsche Mädchen mit den kastanienbraunen Haaren und der schrecklichen Mutter mit dem Turban ist fast das einzige junge Geschöpf am Platz. Sie haben sich viel mit ihr unterhalten, habe ich bemerkt. Interessiert mich, das Kind.≪

≫Warum denn das, Madame?≪

≫Sie tut mir Leid. Man hat oft so sehr zu leiden, wenn man jung und empfindsam ist. Ich glaube, sie leidet.≪

≫Ja, glücklich ist sie nicht, die arme Kleine.≪

≫Tim und ich nennen sie ‘das schmollende Mädchen’. Ich habe ein-, zweimal versucht, mit ihr ins Gespräch zu kommen, doch sie hat mich jedes Mal abblitzen lassen. Aber sie macht, glaube ich, auch diese Nilfahrt mit, und da werden wir ja wohl alle mehr oder weniger gut miteinander auskommen müssen, nicht wahr?≪

≫Das mag schon sein, Madame.≪

≫Ich bin ja sehr gesellig — Menschen interessieren mich enorm. All die verschiedenen Typen.≪ Sie hielt inne. ≫Tim hat erzählt, diese kleine Dunkle — de Bellefort heißt sie —, die war mit Simon Doyle verlobt. Das ist doch ziemlich lästig — so aufeinander zu treffen.≪

≫Das ist lästig — ja≪, pflichtete Poirot bei.

≫Wissen Sie, es klingt vielleicht töricht, aber sie hat mir fast Angst gemacht. Sie hatte so etwas — Heftiges.≪

Poirot nickte langsam. ≫Da lagen Sie gar nicht so falsch, Madame. Ein großes, starkes Gefühl macht immer Angst.≪

≫Interessieren Sie sich auch für Menschen, Monsieur Poirot? Oder bleibt Ihr Interesse potentiellen Verbrechern vorbehalten?≪

≫Madame — aus dieser Kategorie würden nicht viele Leute herausfallen.≪

Mrs. Allerton sah ihn leicht verdutzt an. ≫Meinen Sie wirklich?≪

≫Soll heißen, wenn der nötige Anreiz gegeben ist≪, fügte Poirot hinzu.

≫Der jeweils verschieden ist?≪

≫Natürlich.≪

Mrs. Allerton zögerte — mit einem feinen Lächeln auf den Lippen. ≫Könnte vielleicht sogar ich dazugehören?≪

≫Mütter, Madame, sind besonders erbarmungslos, wenn ihre Kinder in Gefahr sind.≪

Ernst sagte sie: ≫Ich glaube, das stimmt — ja, Sie haben völlig Recht.≪ Sie schwieg eine Weile und sagte dann lächelnd: ≫Ich versuche mir für alle Leute im Hotel ein passendes kriminelles Motiv auszudenken. Das ist sehr unterhaltsam. Simon Doyle, zum Beispiel?≪

Poirot lächelte ebenfalls. ≫Ein ganz einfaches Verbrechen — der direkte, kürzeste Weg zu seinem Ziel. Keinerlei Raffinesse.≪

≫Und deshalb sehr leicht aufzuklären?≪

≫Ja. Er wäre nicht sehr ausgefuchst.≪

≫Und Linnet?≪

≫Bei ihr wärs wie bei der Königin in ‘Alice im Wunderland’: ’Kopf ab mit ihr! Ab sag ich!≪‘

≫Natürlich! Das Gottesrecht der Monarchie! Wie stiehlt man Naboth seinen Weinberg. Und das gefährliche Mädchen — Jacqueline de Bellefort — könnte sie einen Mord begehen?≪

Poirot zögerte ein paar Augenblicke, bevor er antwortete. ≫Ja, ich glaube, das könnte sie.≪

≫Aber sicher sind Sie nicht?≪

≫Nein. Sie ist mir ein Rätsel, die Kleine.≪

≫Mr. Pennington könnte, glaube ich, keinen begehen, oder? Er sieht so vertrocknet und nach saurem Magen aus — als hätte er keinen Tropfen rotes Blut.≪

≫Aber möglicherweise einen starken Selbsterhaltungstrieb.≪

≫Ja, vermutlich. Und die bedauernswerte Mrs. Otterbourne mit ihrem Turban?≪

≫Eitelkeit gehört auch dazu.≪

≫Zu den Mordmotiven?≪, fragte Mrs. Allerton skeptisch.

≫Mordmotive sind manchmal sehr banal, Madame.≪

≫Welches sind denn die üblichsten, Monsieur Poirot?≪

≫Das häufigste — Geld. Das heißt, Gewinnstreben in all seinen Verästelungen. Dann haben wir noch Rache — und Liebe und Angst und schieren Hass und Nützlichkeit —≪

≫Monsieur Poirot!≪

≫O ja, Madame. Ich habe gehört, dass jemand namens — sagen wir — A von einem B nur aus dem Weg geräumt wurde, damit C davon einen Nutzen hat. Politische Morde segeln oft unter dieser Flagge. Irgendjemand gilt als Schädling für die Gesellschaft und wird deshalb beseitigt. Wer so etwas macht, vergisst, dass Leben und Tod Sache des lieben Gottes sind.≪ Poirot klang sehr ernst.

Leise sagte Mrs. Allerton: ≫Ich bin froh, dass Sie das sagen. Wie auch immer, Gott wählt seine Werkzeuge.≪

≫So zu denken birgt eine Gefahr, Madame.≪

Sie sagte, wieder leichter: ≫Nach diesem Gespräch, Monsieur Poirot, verwundert es mich, dass überhaupt noch jemand am Leben ist.≪ Sie stand auf. ≫Wir müssen zurück. Wir sollen gleich nach dem Mittagessen losfahren.≪

Als sie zum Bootssteg kamen, nahm der junge Mann im Rollkragenpulli gerade Platz auf der Feluke. Der Italiener erwartete sie schon. Der nubische Bootsführer setzte die Segel, sie legten ab und Poirot wandte sich höflich an den fremden jungen Mann. ≫Wunderschöne Dinge, die man sich in Ägypten ansehen kann, nicht wahr?≪

Der Fremde rauchte inzwischen eine Pfeife mit ziemlich starkem Tabak. Er nahm sie aus dem Mund und gab knapp und sehr bestimmt, in erstaunlich kultiviertem Englisch, zurück: ≫Ich finde sie zum Speien.≪

Mrs. Allerton setzte ihr Pincenez auf und musterte ihn mit wohlwollendem Interesse.

≫Tatsächlich? Und warum?≪, fragte Poirot.

≫Nehmen Sie die Pyramiden. Riesenblöcke von unnützem Mauerwerk aufeinander getürmt, nur um dem Egoismus eines aufgeblasenen despotischen Königs zu frönen. Denken Sie an die schwitzenden Menschenmassen, die an den Bauten geschuftet haben und dabei gestorben sind. Ich könnte speien beim Gedanken an die Leiden und Qualen, für die sie stehen.≪

Mrs. Allerton sagte fröhlich: ≫Sie hätten wohl lieber keine Pyramiden, keinen Parthenon, keine schönen Grabmale und Tempel — Sie wären einfach zufrieden, wenn die Leute dreimal am Tag zu essen hätten und im Bett sterben dürften.≪

Der junge Mann warf ihr einen finsteren Blick zu. ≫Ich finde, dass Menschen wichtiger sind als Steine.≪

≫Aber nicht so haltbar≪, bemerkte Poirot.

≫Ich würde lieber einen wohlgenährten Arbeiter ansehen als irgendwelche so genannten Kunstwerke. Bedeutung hat die Zukunft — nicht die Vergangenheit.≪

Das war zu viel für Signor Richetti, der jetzt in einen leidenschaftlichen Wortschwall ausbrach, dem nicht leicht zu folgen war.

Der junge Mann parierte mit einem Vortrag darüber, was er vom kapitalistischen System hielt, und das klang äußerst gehässig.

Als der Schlagabtausch beendet war, lag der Landungssteg des Hotels vor ihnen. Mrs. Allerton murmelte fröhlich: ≫Tja, ja≪, und kletterte an Land. Der junge Mann sah ihr böse nach.

In der Hotellobby traf Poirot auf Jacqueline de Bellefort. Sie trug Reitsachen und vollführte eine ironische kleine Verbeugung. ≫Ich mache einen Eselsritt, Monsieur Poirot. Können Sie die Eingeborenendörfer empfehlen?≪

≫Ist das Ihr heutiger Ausflug, Mademoiselle? Eh bien, sie sind sehr malerisch — aber geben Sie nicht zu viel Geld für exotischen Trödel aus.≪

≫Der sowieso aus Europa importiert ist? Nein, so einfach bin ich nicht zu beschummeln.≪ Sie nickte kurz und ging hinaus in die strahlende Sonne.

Poirot packte zu Ende — was sehr unkompliziert war, da er seine Habseligkeiten immer in penibelster Ordnung hielt. Dann begab er sich in den Speisesaal zum frühen Mittagessen.

Nach dem Essen brachte der Hotelbus die Passagiere für die Fahrt zum zweiten Katarakt an den Bahnhof, wo sie den Eilzug Kairo-Shellal nehmen sollten, eine Strecke von zehn Minuten.

Die Gruppe bestand aus den Allertons, Poirot, dem jungen Mann in der schmutzigen Flanellhose und dem Italiener. Mrs. Otterbourne und ihre Tochter machten vorher die Tour zum Staudamm und nach Philae und sollten erst in Shellal auf den Dampfer kommen.

Der Zug aus Kairo hatte etwa zwanzig Minuten Verspätung. Aber schließlich kam er und es gab das übliche hektische Durcheinander. Eingeborene Gepäckträger, die Koffer aus dem Zug holten, kollidierten mit denen, die Koffer in den Zug brachten.

Endlich fand sich Poirot, ein bisschen außer Atem, aber mit seinem Gepäck, dem der Allertons und völlig unbekannten Koffern in einem Abteil wieder, während Tim und seine Mutter mit den restlichen vermischten Gepäckstücken irgendwo anders saßen. In Poirots Abteil thronte eine ältliche Dame mit sehr vielen Falten im Gesicht, einem steifen weißen Kragen, einem Haufen Diamanten und einem Gesichtsausdruck reptilienhafter Verachtung für den überwiegenden Teil der Menschheit. Sie schenkte Poirot einen aristokratischen Blick und zog sich hinter eine amerikanische Illustrierte zurück. Ihr gegenüber saß eine noch nicht dreißigjährige, dicke und ziemlich trampelige junge Frau. Sie hatte neugierige braune Augen, eher Hundeaugen, ungekämmte Haare und strahlte den enormen Wunsch aus, gefällig zu sein. In regelmäßigen Abständen sah die alte Lady über den Illustriertenrand und erteilte ihr Anweisungen. ≫Cornelia, leg die Decken zusammen.≪ — ≫Achte beim Aussteigen auf meinen Toilettenkoffer. Lass ihn auf gar keinen Fall von irgendjemand anders anfassen.≪ — ≫Vergiss mein Papiermesser nicht.≪

Es war eine kurze Fahrt. Nach zehn Minuten hielten sie am Pier, wo die Karnak sie erwartete. Die Otterbournes waren schon an Bord.

Die Karnak war kleiner als die beiden Dampfer Papyrus und Lotus, die nur zum ersten Katarakt fuhren, weil sie für die Schleusen des Damms von Assuan zu groß waren. Die Passagiere begaben sich an Bord und bekamen ihre Kabinen zugewiesen. Das Schiff war nicht voll, deshalb wurden die meisten Fahrgäste auf dem Promenadendeck untergebracht. Dessen gesamter vorderer Teil bestand aus einem komplett verglasten Aussichtssalon, in dem die Passagiere sitzen und den Nil betrachten konnten, der sich vor ihnen auftat. Auf dem Deck darunter befanden sich ein Rauchsalon und ein kleiner Aufenthaltsraum und noch ein Deck tiefer der Speisesaal.

Nachdem er sein Gepäck in seine Kabine dirigiert hatte, trat Poirot wieder auf das Deck und sah zu, wie das Schiff ablegte. Er stellte sich neben Rosalie Otterbourne, die über die Reling lehnte. ≫Nun denn, auf nach Nubien. Sie sind froh, Mademoiselle?≪

Das Mädchen holte einmal tief Luft. ≫Ja. Es ist, als ob man endlich wirklich alles hinter sich lässt.≪

Sie fuhr mit der Hand durch die Luft. Die riesige Fläche Wasser vor ihnen hatte etwas Wildes, wie auch die kahlen, bis ans Wasser reichenden Felsmassive — und hier und da Reste von Häusern, verlassen und verrottet infolge der Stauprojekte. Die ganze Szenerie hatte einen melancholischen, fast unheimlichen Zauber.

≫Die Leute hinter sich lässt≪, sagte Rosalie Otterbourne.

≫Außer denen unserer eigenen Gruppe, Mademoiselle.≪

Sie zuckte die Schultern. Dann sagte sie: ≫Irgendetwas an diesem Land erweckt in mir — böse Gefühle. Es bringt all die Dinge, die in einem brodeln, an die Oberfläche. Es ist alles so unfair — so ungerecht.≪

≫Ich bin da nicht sicher. Man darf nicht nach dem Anschein der Dinge urteilen.≪

Rosalie murmelte: ≫Sehen Sie sich die — die Mütter von anderen Leuten an — und dann meine. Es gibt nur einen Gott, und der heißt Sex, und Salome Otterbourne ist sein Prophet.≪ Sie hielt inne. ≫Das hätte ich wohl nicht sagen sollen.≪

Poirot winkte ab. ≫Warum denn nicht — mir? Ich gehöre zu den Menschen, die eine Menge zu hören bekommen. Wenn Sie, wie Sie sagen, innerlich brodeln — wie kochende Marmelade —, eh bien, soll doch der Abschaum ruhig nach oben kommen, dann kann man ihn mit dem Schaumlöffel abnehmen — so.≪ Er machte eine Geste, als ob er etwas in den Nil werfen wollte. ≫Und dann ist er weg.≪

≫Was für ein ungewöhnlicher Mann Sie sind!≪, sagte Rosalie. Ihr Schmollmund verwandelte sich in ein Lächeln. Aber plötzlich wurde sie starr und schrie auf: ≫O nein, da sind Mrs. Doyle und ihr Mann! Ich hatte keine Ahnung, dass die die Tour auch machen!≪

Linnet war gerade aus einer Kabine etwa in der Mitte des Decks getreten. Simon kam hinterher. Poirot war sehr verblüfft — sie strahlte, sie sah wieder sehr selbstsicher aus. Regelrecht arrogant vor lauter Glück. Auch Simon war wie ausgewechselt. Er grinste über das ganze Gesicht wie ein glücklicher Schuljunge.

≫Es ist großartig≪, sagte er und lehnte sich auch über die Reling. ≫Ich freue mich ja so auf diese Fahrt. Du doch auch, Linnet? Es kommt einem irgendwie viel weniger touristisch vor — als ob wir wirklich ins Herz von Ägypten fahren.≪

Seine Frau antwortete sofort: ≫Genau. Es ist irgendwie so viel — wilder.≪ Sie schob ihre Hand unter seinen Arm.

Er drückte sie fest an seine Rippen. ≫Wir legen ab, Lin≪, murmelte er.

Der Dampfer entfernte sich vom Pier. Die siebentägige Fahrt zum zweiten Nil-Katarakt und zurück hatte begonnen.

Plötzlich erklang hinter ihnen ein silberhelles Lachen. Linnet fuhr herum.

Da stand Jacqueline de Bellefort. Sie schien sich zu amüsieren. ≫Hallo, Linnet! Ich hatte nicht erwartet, dich hier zu treffen. Ich dachte, du hättest gesagt, du bleibst noch zehn Tage in Assuan. Das ist ja eine Überraschung!≪

≫Du — du hast nicht —≪, stammelte Linnet. Dann zwang sie sich ein gequält förmliches Lächeln ab. ≫Ich — ich hatte dich hier auch nicht erwartet.≪

≫Nein?≪ Jacqueline spazierte zum anderen Ende des Schiffs.

Linnet klammerte sich fester an den Arm ihres Mannes. ≫Simon — Simon —≪

Doyles ganze vergnügte Gutmütigkeit war verflogen. Er sah wütend aus. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, trotz aller Bemühungen um Selbstbeherrschung.

Beide gingen ein paar Schritte weiter. Ohne den Kopf zu drehen, schnappte Poirot ein paar unzusammenhängende Wortfetzen auf: ≫… zurückfahren… unmöglich… wir könnten…≪, und ein bisschen lauter die verzweifelte, aber grimmige Stimme von Doyle: ≫Wir können nicht ewig weglaufen, Lin. Wir müssen es jetzt zu Ende bringen…≪

Einige Stunden später — das Tageslicht verschwand allmählich — stand Poirot im verglasten Salon und sah nach vorn. Die Karnak fuhr eben durch eine enge Schlucht. Die Felsen fielen steil und in ihrer ganzen ursprünglichen Schroffheit hinab in den Fluss, der tief und schnell zwischen ihnen strömte. Sie waren in Nubien.

Er hörte, wie sich etwas bewegte, und dann stand Linnet Doyle neben ihm. Sie verhakte und löste ihre Finger andauernd und sie hatte einen Gesichtsausdruck, den er noch nie an ihr gesehen hatte. Sie sah aus wie ein völlig verschrecktes Kind.

≫Monsieur Poirot≪, sagte sie, ≫ich habe Angst — ich habe Angst vor allem. So habe ich mich noch niemals gefühlt. All diese wilden Felsen und diese schreckliche Härte und Kahlheit. Wohin geht die Reise? Was passiert denn noch? Ich habe Angst, das kann ich Ihnen sagen. Alle Welt hasst mich. Ich habe mich noch nie zuvor so gefühlt. Ich war doch immer nett zu allen Leuten, habe etwas für sie getan, aber sie hassen mich — ganz viele Leute hassen mich. Außer Simon. Sonst bin ich umgeben von Feinden… Das ist ein furchtbares Gefühl — dass es Leute gibt, die einen hassen…≪

≫Was ist denn los, Madame?≪

Sie schüttelte den Kopf. ≫Ich nehme an, es sind die Nerven… Ich habe einfach das Gefühl, dass alles um mich herum unsicher ist.≪ Sie warf einen raschen, nervösen Blick über seine Schulter. Dann fragte sie unvermittelt: ≫Wie wird das alles enden? Wir sitzen doch hier fest. In der Falle! Es gibt keinen Ausweg. Wir müssen weiter. Ich — ich weiß nicht, wo ich bin.≪ Sie sank auf einen Stuhl.

Poirot sah ernst auf sie hinunter; sein Blick war durchaus nicht frei von Mitleid.

≫Woher wusste sie, dass wir mit diesem Schiff fahren würden?≪, fragte Linnet. ≫Wie hat sie das erfahren können?≪

Poirot schüttelte den Kopf und erwiderte: ≫Sie hat Köpfchen, das wissen Sie doch.≪

≫Ich habe das Gefühl, ich werde ihr nie mehr entkommen.≪

Poirot sagte: ≫Es gibt etwas, das Sie hätten tun können. Ich wundere mich in der Tat, dass Sie darauf nicht gekommen sind. Denn schließlich ist Geld für Sie, Madame, doch kein Thema. Warum haben Sie sich nicht um eine eigene, private dahabiyah bemüht?≪

≫Wenn ich das alles gewusst hätte — aber wir wussten es doch nicht — vorher. Es war auch schwierig…≪ Und dann platzte sie plötzlich sehr ungehalten heraus: ≫Ach! Sie verstehen ja nicht mal die Hälfte meiner Schwierigkeiten. Ich muss behutsam sein mit Simon. Er ist — er ist wahnwitzig empfindlich — in Sachen Geld. Weil ich so viel habe! Er wollte, dass ich mit ihm in irgendein Fleckchen in Spanien fahre — er — er wollte die ganzen Flitterwochen selbst bezahlen. Als ob das eine Rolle spielt! Männer sind dumm! Er muss sich noch daran gewöhnen, ein — ein — bequemes Leben zu führen. Die bloße Idee, ein Privatboot zu mieten, hat ihn schon rasend gemacht — die — sinnlose Ausgabe. Ich muss ihn erst dazu erziehen — ganz allmählich.≪

Sie sah hoch und biss sich ärgerlich auf die Lippe, als bereue sie, sich so offen über ihre Schwierigkeiten geäußert zu haben. Dann stand sie auf. ≫Ich muss mich umziehen. Es tut mir Leid, Monsieur Poirot. Ich fürchte, ich habe eine Menge törichten Unsinn geredet.≪

8.

Mrs. Allerton wirkte gediegen und vornehm in ihrem schlichten Abendkleid aus schwarzer Spitze. Sie stieg zwei Decks hinunter zum Speisesaal.

An der Tür holte ihr Sohn sie ein. ≫Entschuldige, meine Liebe, ich dachte schon, ich komme zu spät.≪

≫Ich bin gespannt, wo wir sitzen.≪ Im Saal standen lauter kleine Tische. Mrs. Allerton blieb stehen, bis der Steward, der gerade eine Gruppe Leute auf Plätze verteilte, sich um sie kümmern konnte. ≫Übrigens≪, fuhr sie fort, ≫habe ich Hercule Poirot gebeten, an unserem Tisch zu sitzen.≪

≫O nein, Mutter!≪ Tim klang überrumpelt und ernsthaft ärgerlich.

Seine Mutter sah ihn verwundert an. Tim war eigentlich immer gelassen. ≫Mein Lieber, hast du denn etwas dagegen?≪

≫Ja, das habe ich. Das ist ein kleiner Banause durch und durch.≪

≫O nein, Tim! Das sehe ich nicht so.≪

≫Und überhaupt, wieso wollen wir uns mit einem Fremden einlassen? Zusammengepfercht auf einem kleinen Schiff ist so was immer grässlich. Der klebt morgens, mittags und abends an uns.≪

≫Das tut mir Leid, mein Lieber.≪ Mrs. Allerton sah geknickt aus. ≫Ich dachte wirklich, du fändest das amüsant. Er hat doch bestimmt die tollsten Erfahrungen. Und du liebst Detektivgeschichten.≪

Tim brummelte: ≫Mir wäre lieber, du hättest nicht solche brillanten Einfälle, Mutter. Jetzt kommen wir da nicht mehr raus, nehme ich an?≪

≫Ich wüsste wirklich nicht, wie, Tim.≪

≫Nun ja, dann werden wir uns wohl damit abfinden müssen.≪

In diesem Augenblick kam der Steward und brachte sie an einen Tisch. Mrs. Allerton folgte ihm mit einem ziemlich verwirrten Gesicht. Normalerweise war Tim so gelassen und gutmütig. Dieser Ausbruch sah ihm gar nicht ähnlich. Er war ja auch keiner von den gewöhnlichen Briten, die Ausländer nun mal nicht mögen — oder mit Misstrauen beäugen. Tim war im Gegenteil sehr kosmopolitisch. Ach ja, seufzte sie. Männer waren nicht zu verstehen! Selbst die, die einem die nächsten und liebsten waren, zeigten völlig unvermutete Reaktionen und Gefühle.

Während sie Platz nahmen, lief Hercule Poirot schweigend durch den Speisesaal. Bei ihnen blieb er stehen und legte die Hand auf den dritten Stuhl. ≫Sie gestatten wirklich, Madame, dass ich von Ihrem freundlichen Vorschlag Gebrauch mache?≪

≫Natürlich. Setzen Sie sich, Monsieur Poirot.≪

≫Sie sind überaus liebenswürdig.≪

Sie bemerkte zu ihrem Unbehagen, dass er Tim beim Hinsetzen einen raschen Blick zuwarf und dass Tim seinen ziemlich mürrischen Gesichtsausdruck nicht gerade erfolgreich hatte verbergen können. Also machte sie sich selbst daran, angenehme Stimmung zu erzeugen. Nach der Suppe griff sie zur Passagierliste, die neben ihren Teller gelegt worden war. ≫Wir wollen doch mal sehen, ob wir alle identifizieren können≪, schlug sie fröhlich vor. ≫Mir macht so etwas ja immer Spaß.≪

Dann fing sie an vorzulesen: ≫Mrs. Allerton, Mr. T Allerton. Na, das ist ja leicht! Miss de Bellefort. Die haben sie an einen Tisch mit den Otterbournes gesetzt, aha. Ich möchte ja mal wissen, was die und Rosalie miteinander anfangen können. Wen haben wir dann? Dr. Bessner. Dr. Bessner? Wer weiß, wer Dr. Bessner ist?≪

Sie richtete ihren Blick auf einen Tisch, an dem vier Männer saßen. ≫Ich vermute, das muss der Fette mit dem kahl rasierten Kopf und dem Moustache sein. Ein Deutscher, nehme ich mal an. Die Suppe scheint ihm sehr zu schmecken.≪

Gewisse Schlürfgeräusche drangen zu ihnen herüber.

≫Miss Bowers?≪, fuhr Mrs. Allerton fort. ≫Können wir die erraten? Es gibt ja drei oder vier Frauen — nein, die heben wir uns auf. Mr. und Mrs. Doyle. Tja, in der Tat die Prominenz dieser Tour. Sie ist wirklich sehr schön, und dieses bildhübsche Kleid, das sie anhat.≪

Tim wandte sich um. Linnet, ihr Mann und Andrew Pennington hatten einen Tisch in einer Ecke bekommen. Linnet trug ein weißes Kleid und eine Perlenkette.

≫Für mich sieht es nach gar nichts aus≪, befand Tim. ≫Einfach eine Stoffbahn mit einer Art Kordel in der Mitte.≪

≫Genau, Liebling≪, sagte seine Mutter. ≫Eine sehr nette Beschreibung nach Männerart für ein Modellkleid zu achtzig Pfund.≪

≫Ich begreife sowieso nicht, wie Frauen so viel Geld für Kleider ausgeben können≪, gab Tim zurück. ≫Ich finde das absurd.≪

Mrs. Allerton nahm das Studium der Mitreisenden wieder auf. ≫Mr. Fanthorp muss einer von den vieren an dem Tisch da sein. Der beeindruckend stille junge Mann, der nie etwas sagt. Eigentlich ein ganz nettes Gesicht, umsichtig und intelligent.≪

Poirot bestätigte das. ≫Intelligent ist er — ja. Er redet nicht, aber er hört sehr aufmerksam zu und er beobachtet auch. Doch, er nutzt seine Augen sehr. Eigentlich nicht der Typ, den man auf einer Vergnügungsreise in diesem Teil der Welt erwarten würde. Ich wüsste gern, was er hier macht.≪

≫Mr. Ferguson≪, las Mrs. Allerton weiter. ≫Ich nehme stark an, Mr. Ferguson ist unser antikapitalistischer Freund. Mrs. Otterbourne, Miss Otterbourne. Die kennen wir zur Genüge. Mr. Pennington? Alias Onkel Andrew. Sieht gut aus, finde ich —≪

≫Also, Mutter≪, sagte Tim.

≫Ich finde wirklich, er sieht gut aus in seiner nüchternen Art≪, erklärte Mrs. Allerton. ≫Marke unbarmherziger Hai. Vermutlich die Sorte Mann, über welche die Zeitungen schreiben, auf der Wall Street tätig — oder heißt es in der Wall Street? Ich bin ganz sicher, der ist schwerreich. Als Nächsten haben wir Monsieur Hercule Poirot, dessen Talente derzeit wirklich brachliegen. Fällt dir nicht ein Verbrechen für Monsieur Poirot ein, Tim?≪

Aber ihr gut gemeintes Witzchen schien ihren Sohn nur wieder zu verdrießen. Er zog einen Flunsch.

≫Mr. Richetti≪, las Mrs. Allerton schnell weiter. ≫Unser italienischer Archäologenfreund. Dann Miss Robson und zu guter Letzt Miss Van Schuyler. Das muss diese ungemein hässliche alte Amerikanerin sein, die auf ausgesprochen vornehm machen und mit niemandem auch nur reden wird, der ihren höchst anspruchsvollen Maßstäben nicht genügt! Die ist doch richtig herrlich, nicht? Eine Art Museumsstück. Die beiden Frauen in ihrer Begleitung sind bestimmt Miss Bowers und Miss Robson — die eine vielleicht die Sekretärin, die dünne mit dem Pincenez, die andere eine arme Verwandte, diese erbarmungswürdige junge Frau, die sich offensichtlich wohl fühlt, obwohl sie behandelt wird wie eine schwarze Sklavin. Robson ist, glaube ich, die Sekretärin und Bowers die arme Verwandte.≪

≫Falsch, Mutter≪, grinste Tim. Er hatte plötzlich seine gute Laune wiedergefunden.

≫Woher weißt du das denn?≪

≫Ich war vor dem Essen im Salon, und da hat die alte Schachtel zu der, die bei ihr war, gesagt: ’Wo ist Miss Bowers? Hol sie sofort, Cornelia.‘ Und Cornelia ist davongetrottet wie ein folgsames Hündchen.≪

≫Ich werde mich mal mit Miss Van Schuyler unterhalten müssen≪, überlegte Mrs. Allerton laut.

Wieder grinste Tim. ≫Die lässt dich abblitzen, Mutter.≪

≫Ganz und gar nicht. Ich werde mir den Weg schon ebnen. Ich setze mich in ihre Nähe und unterhalte mich leise (aber unüberhörbar) und in gewählten Worten über sämtliche hochmögenden Verwandten und Freunde, die mir einfallen. Ich denke, die beiläufige Erwähnung des Herzogs von Glasgow, immerhin dein Cousin zweiten Grades, wird der Durchbruch.≪

≫Wie skrupellos du bist, Mutter!≪

An dem, was sich nach dem Abendessen tat, hätte jeder, der die menschliche Natur studiert, seine Freude gehabt. Der sozialistische junge Mann (der sich wie vermutet als Mr. Ferguson entpuppte) zog sich in den Rauchsalon zurück und zeigte nur Verachtung für die Ansammlung von Fahrgästen im Aussichtssalon auf dem Topdeck.

Miss Van Schuyler sicherte sich, wie es ihr gebührte, den besten Platz ohne Zugluft, indem sie mit festem Schritt auf den Tisch zustrebte, an dem Mrs. Otterbourne saß, und verfügte: ≫Sie werden gewiss entschuldigen, aber ich denke, ich habe mein Strickzeug hier hingelegt.≪

Unter ihrem hypnotischen Blick erhob sich der Turban und überließ ihr das Feld. Miss Van Schuyler übernahm den Tisch mitsamt ihrem Tross. Mrs. Otterbourne fand in der Nähe Platz und riskierte ein paar Gesprächsversuche, die aber mit einer so eisigen Höflichkeit bedacht wurden, dass sie bald aufgab. Ab da thronte Miss Van Schuyler in glorioser Unnahbarkeit am Tisch.

Die Doyles saßen zusammen mit den Allertons. Dr. Bessner machte den stillen Mr. Fanthorp zu seinem Tischgenossen. Jacqueline de Bellefort saß allein mit einem Buch da. Rosalie Otterbourne war unruhig. Mrs. Allerton sprach sie ein-, zweimal an und versuchte sie in ihren Kreis zu ziehen, aber das Mädchen reagierte nur ungnädig.

Hercule Poirot verbrachte den Abend damit, sich Mrs. Otterbournes Vortrag über ihre Berufung als Schriftstellerin anzuhören.

Als er in seine Kabine zurückgehen wollte, traf er auf Jacqueline de Bellefort. Sie lehnte an der Reling, und als sie den Kopf zu ihm drehte, bekam er einen Schreck, weil in ihrem Gesicht nur das nackte Elend geschrieben stand. Nichts Unbekümmertes mehr, nichts boshaft Provozierendes, kein dunkler, flammender Triumph. ≫Gute Nacht, Mademoiselle.≪

≫Gute Nacht, Monsieur Poirot.≪ Sie zögerte, dann fragte sie: ≫Hat es Sie überrascht, dass ich auch hier bin?≪

≫Es hat mich weniger überrascht als mir Leid getan — sehr Leid.≪ Er sagte das sehr ernst.

≫Sie meinen, Leid — meinetwegen?≪

≫Genau das meinte ich. Sie haben sich, Mademoiselle, für den gefährlichen Kurs entschieden… So wie wir alle hier auf dem Schiff uns auf eine Reise begeben haben, so haben Sie sich auf Ihre eigene private Reise begeben — eine Reise auf einem reißenden Fluss, zwischen gefährlichen Felswänden hindurch, auf wer weiß welche katastrophalen Strömungen zu…≪

≫Warum sagen Sie das?≪

≫Weil es wahr ist. Sie haben die Seile, mit denen Sie im Sicheren vertäut waren, gekappt. Ich bezweifle, dass Sie jetzt noch zurückkönnten, wenn Sie wollten.≪

Sie sagte sehr langsam: ≫Das ist wahr…≪ Dann warf sie den Kopf in den Nacken. ≫Ach was — man muss seinem Stern folgen, wo immer er hinführt.≪

≫Passen Sie nur auf, Mademoiselle, dass es kein falscher Stern ist.≪

Sie lachte und machte das papageienhafte Gekrähe der Eselsjungen nach: ≫Die Stern ganz schlecht, Sir! Die Stern fallen runter…≪

Er wollte gerade einschlafen, als ein Stimmengemurmel ihn wieder wach machte. Es war Simon Doyles Stimme, und er hörte sie dieselben Worte sagen wie vorhin, als der Dampfer in Shellal abgelegt hatte: ≫Wir müssen es jetzt zu Ende bringen…≪

Ja, dachte Poirot bei sich, wir müssen es jetzt zu Ende bringen…

Er war nicht glücklich darüber.

9.

Der Dampfer kam früh am nächsten Morgen in Ez-Zebua an.

Cornelia Robson sprang als eine der Ersten an Land, mit strahlendem Gesicht und einem breiten, flatternden Hut. Cornelia konnte niemandem die kalte Schulter zeigen. Sie hatte ein freundliches Wesen und den Hang, all ihre Mitgeschöpfe zu mögen.

Sie prallte auch beim Anblick von Hercule Poirot im weißen Anzug, dazu rosa Hemd, schwarze Fliege und weißer Tropenhelm, keineswegs angewidert zurück, wie es die aristokratische Miss Van Schuyler getan hätte. Beide gingen gemeinsam die Allee aus Sphinxen entlang, und Cornelia gab auf Poirots eher konventionelle Gesprächseröffnung: ≫Die Damen in Ihrer Begleitung gehen nicht an Land und besuchen die Tempel?≪ bereitwillig Auskunft: ≫Ach, wissen Sie, Cousine Marie — das ist Miss Van Schuyler — steht nie sehr früh auf. Sie muss sich gesundheitlich sehr, sehr vorsehen. Und natürlich braucht sie Miss Bowers, das ist ihre Pflegerin, dabei. Sie hat auch gesagt, der Tempel hier gehört nicht zu den besten — aber sie war furchtbar nett und fand es völlig in Ordnung, dass ich ihn mir ansehe.≪

≫Das war ja sehr gnädig von ihr≪, sagte Poirot trocken.

Die arglose Cornelia pflichtete ihm ahnungslos bei. ≫Oh, sie ist sehr gut zu mir. Es ist einfach wunderbar, dass sie mich auf diese Reise mitnimmt. Ich habe das Gefühl, ich bin ein Glückskind. Ich konnte es kaum fassen, als sie meiner Mutter vorschlug, mich mitzunehmen.≪

≫Und Ihnen macht es Spaß — ja?≪

≫Oh, es war schon wunderbar! Ich habe Italien gesehen — Venedig und Padua und Pisa — und dann Kairo — bloß, in Kairo ging es Cousine Marie nicht sehr gut, deshalb konnte ich mir nicht viel ansehen, und jetzt diese wunderbare Tour nach Wadi Halfa und wieder zurück.≪

Poirot lächelte. ≫Sie haben ein sonniges Gemüt, Mademoiselle.≪ Nachdenklich ließ er seinen Blick von ihr zu Rosalie schweifen, die schweigend und mürrisch allein vor ihnen hertrottete.

≫Sie sieht sehr hübsch aus, nicht wahr?≪, fragte Cornelia, die seinen Blick mitbekommen hatte. ≫Nur ein bisschen herablassend. Sie ist natürlich sehr englisch. Nicht so schön wie Mrs. Doyle. Mrs. Doyle ist, glaube ich, die schönste und eleganteste Frau, die ich je gesehen habe! Und ihr Mann küsst ja geradezu den Boden, auf dem sie geht, nicht wahr? Die Dame mit den grauen Haaren sieht irgendwie sehr fein aus, finde ich. Finden Sie nicht? Sie ist, glaube ich, die Cousine von einem Herzog. Sie hat gestern Abend über ihn erzählt, ganz in unserer Nähe. Sie selbst hat aber keinen Adelstitel, oder?≪

Sie schwatzte weiter, bis der Dolmetscher ≫Halt!≪ rief und mit seinem Sermon begann: ≫Dieser Tempel war dem Gott Amun und dem Sonnengott Ra-Harachte geweiht — dessen Symbol ist der Habichtskopf…≪ So leierte er weiter.

Dr. Bessner murmelte, den Baedeker in der Hand, vor sich hin. Er zog das geschriebene Wort vor.

Tim Allerton war nicht mitgekommen. Seine Mutter taute gerade den reservierten Mr. Fanthorp auf. Andrew Pennington hörte, eingehakt bei Linnet Doyle, aufmerksam zu und schien höchst interessiert an den Maßen und Zahlen, die der Dolmetscher-Führer weiter herunterbetete.

≫Zwanzig Meter soll der hoch sein? Sieht mir ein bisschen niedriger aus. Toller Bursche, dieser Ramses. Ägyptischer Schlaukopf.≪

≫Ein großartiger Geschäftsmann, Onkel Andrew.≪

Andrew Pennington sah sie anerkennend an. ≫Du siehst gut aus heute Morgen, Linnet. Ich habe mir ja in letzter Zeit ein bisschen Sorgen gemacht. Du hattest so was Verhärmtes.≪

Plaudernd kam die kleine Gruppe zurück aufs Schiff. Dann glitt die Karnak weiter den Nil hinauf. Die Landschaft war jetzt nicht mehr so rau, sondern voller Palmen und Felder.

Es war, als hätte der Wechsel irgendeinen geheimen Druck weggenommen, der auf den Passagieren gelastet hatte. Tim Allerton hatte seinen Anfall von schlechter Laune überwunden. Rosalie sah nicht mehr so mürrisch aus. Linnet wirkte fast heiter.

Pennington sprach sie an. ≫Es ist zwar taktlos, mit einer Flitterwöchnerin über Geschäfte zu reden, aber es gibt da ein oder zwei Sachen —≪

≫Aber wo, natürlich, Onkel Andrew.≪ Linnet schaltete sofort um auf Geschäftsfrau. ≫Dass ich jetzt verheiratet bin, ändert natürlich einiges.≪

≫Genau darum gehts. Irgendwann oder so möchte ich, dass du ein paar Papiere unterschreibst.≪

≫Warum nicht gleich?≪

Andrew Pennington sah sich um. Sie waren ziemlich ungestört in ihrer Ecke des Aussichtssalons. Die meisten Leute waren draußen auf dem Stück Deck zwischen dem Aussichtssalon und den Kabinen. Im Salon waren nur Mr. Ferguson — er saß an einem Tischchen in der Mitte, biertrinkend, die Beine in der schmutzigen Flanellhose lang ausgestreckt, und pfiff, wenn er gerade keinen Schluck nahm, vor sich hin —, Monsieur Hercule Poirot am Tisch vor ihm und Miss Van Schuyler in einer anderen Ecke in ein Buch über Ägypten vertieft.

≫Ja, gut≪, sagte Andrew Pennington und verließ den Salon.

Linnet und Simon lächelten sich an — es war ein Lächeln von der lang gedehnten Art, das ein paar Minuten braucht, um sich voll zu entfalten.

≫Alles in Ordnung, Schatz?≪, fragte er endlich.

≫Ja, immer noch… Komisch, dass ich gar nicht mehr so aufgewühlt bin.≪

≫Du bist wunderbar≪, antwortete Simon im Ton tiefster Überzeugung.

Pennington kam zurück mit einem Packen eng beschriebener Papiere.

≫Himmel!≪, rief Linnet. ≫Muss ich die alle unterschreiben?≪

Andrew Pennington sagte entschuldigend: ≫Es ist ein bisschen viel verlangt, ich weiß, aber ich möchte gern, dass deine Geschäfte korrekt abgewickelt werden. Zuallererst der Pachtvertrag für das Fifth-Avenue-Anwesen… dann die Konzessionen für Western Land…≪ Er redete und redete und raschelte und wühlte dabei in den Papieren. Simon gähnte.

Die Tür zum Deck ging auf und Mr. Fanthorp trat ein, sah sich zunächst ziellos um und schlenderte dann weiter, stellte sich neben Poirot und sah hinaus auf das blassblaue Wasser und die gelben Sandflächen darum herum.

≫— du brauchst nur hier zu unterschreiben≪, schloss Pennington, legte Linnet das Dokument vor und zeigte ihr die Stelle.

Linnet nahm es und sah es durch. Dann blätterte sie zurück zur ersten Seite, nahm den Füllfederhalter, den Pennington ihr hingelegt hatte, und schrieb Linnet Doyle…

Pennington zog das Dokument weg und legte ihr ein anderes hin.

Fanthorp schlenderte in ihre Richtung und starrte durch das Seitenfenster auf irgendetwas an dem gerade vorbeiziehenden Uferstück, das ihn zu interessieren schien.

≫Das ist nur die Übertragung≪, sagte Pennington. ≫Das musst du nicht lesen.≪

Aber Linnet ging das Dokument kurz durch. Pennington legte ihr ein drittes Papier vor. Auch das sah Linnet aufmerksam durch.

≫Die sind alle korrekt≪, sagte Andrew. ≫Nichts von Bedeutung. Nur Juristenchinesisch.≪

Wieder gähnte Simon. ≫Mein liebes Mädchen, du willst doch wohl nicht den ganzen Kram durchlesen? Damit hast du bis zum Mittagessen zu tun oder noch länger.≪

≫Ich lese immer alles durch≪, sagte Linnet. ≫Das hat Vater mir beigebracht. Er sagte immer, es könnte doch ein Schreibfehler drin sein.≪

Pennington lachte rau auf. ≫Du bist eine tolle Geschäftsfrau, Linnet.≪

≫Sie ist viel gewissenhafter als ich.≪ Simon lachte jetzt auch. ≫Ich habe in meinem Leben noch kein juristisches Papier gelesen. Ich schreibe meinen Namen auf die gestrichtelte Linie, wo ich soll — und damit hat sichs.≪

≫Das ist aber schrecklich leichtsinnig≪, sagte Linnet missbilligend.

≫Ich habe nun mal keinen Geschäftssinn≪, erklärte Simon fröhlich. ≫Hatte ich noch nie. Jemand sagt mir, ich soll da unterschreiben — also unterschreibe ich. Das ist doch am einfachsten.≪

Andrew Pennington sah ihn nachdenklich an, strich sich die Oberlippe und sagte: ≫Ein kleiner Hasardeur, was, Doyle?≪

≫Unsinn≪, erwiderte Simon. ≫Ich gehöre bloß nicht zu den Leuten, die glauben, die ganze Welt will sie fertig machen. Ich bin mehr der vertrauensvolle Typ — zahlt sich übrigens aus. Ich bin eigentlich noch nie betrogen worden.≪

Plötzlich und für alle unerwartet drehte sich der schweigsame Mr. Fanthorp um und sprach Linnet an. ≫Ich hoffe, Sie nehmen es nicht als Aufdringlichkeit, aber ich muss Ihnen unbedingt sagen, wie sehr ich Ihren Geschäftssinn bewundere. Ich von meiner Berufswarte aus — ähm, ich bin Anwalt — stelle bei Damen ein trauriges geschäftliches Unvermögen fest. Kein Dokument zu unterschreiben, das man nicht genau gelesen hat, das ist bewundernswert — ausgesprochen bewundernswert.≪ Er machte eine kleine Verbeugung. Dann wandte er sich mit ziemlich rotem Kopf um und betrachtete wieder das Nilufer.

Linnet war einigermaßen verunsichert. ≫Äh — danke…≪ Sie biss sich auf die Lippe, um nicht loszukichern. Der junge Mann hatte so außergewöhnlich feierlich ausgesehen.

Andrew Pennington dagegen sah richtig ärgerlich drein.

Simon Doyle sah aus, als ob er nicht wüsste, ob er ärgerlich sein oder sich amüsieren sollte.

Mr. Fanthorps Ohrmuscheln leuchteten karmesinrot.

≫Das nächste, bitte≪, sagte Linnet lächelnd zu Pennington.

Aber Pennington war deutlich verstimmt. ≫Ich denke, es ist doch vielleicht ein andermal besser≪, sagte er steif. ≫Wie — äh — Doyle schon sagt, wenn du das alles durchlesen musst, sitzen wir heute Mittag noch hier. Wir wollen doch auch noch die Landschaft genießen. Die beiden ersten Papiere waren sowieso die dringlichsten. Den Rest der Geschäfte erledigen wir später.≪

≫Es ist schrecklich heiß hier drin≪, sagte Linnet. ≫Lass uns nach draußen gehen.≪

Alle drei verließen den Salon durch die Schwingtür. Hercule Poirot drehte den Kopf. Er ließ seinen Blick erst lange auf Mr. Fanthorps Rücken ruhen und dann zu Mr. Ferguson schweifen, der, noch immer vor sich hin pfeifend, den Kopf in den Nacken geworfen, auf dem Stuhl fläzte. Schließlich sah er hinüber in die Ecke mit der sehr gerade sitzenden Miss Van Schuyler. Die starrte ihrerseits Mr. Ferguson an.

Die Schwingtür an der Backbordseite flog auf und herein eilte Cornelia Robson.

≫Du warst sehr lange fort≪, blaffte die alte Dame. ≫Wo bist du gewesen?≪

≫Bitte entschuldige, Cousine Marie. Die Wolle war nicht da, wo du gesagt hattest. Sie war in einem ganz anderen Koffer —≪

≫Mein liebes Kind, du bist eine komplette Niete, wenns um das Finden von Dingen geht! Du bist ja willig, das weiß ich, meine Liebe, aber du musst versuchen, ein bisschen schlauer und schneller zu sein. Dazu bedarf es lediglich der Konzentration.≪

≫Bitte entschuldige, Cousine Marie. Ich fürchte, ich bin sehr dumm.≪

≫Niemand muss dumm sein, wenn er sich anstrengt, meine Liebe. Ich habe dich auf diese Reise mitgenommen und ich erwarte dafür ein wenig Bemühen.≪

Cornelia wurde rot. ≫Bitte, bitte entschuldige, Cousine Marie.≪

≫Und wo ist Miss Bowers? Die Zeit für meine Tropfen war vor zehn Minuten. Bitte lauf und hol sie sofort. Der Arzt hat gesagt, es ist äußerst wichtig —≪

An dieser Stelle erschien Miss Bowers jedoch von selbst mit einem Medizingläschen. ≫Ihre Tropfen, Miss Van Schuyler.≪

≫Ich hätte sie um elf nehmen sollen≪, blaffte die alte Dame wieder. ≫Wenn ich etwas verabscheue, dann ist es Unpünktlichkeit.≪

≫Ganz recht≪, sagte Miss Bowers und sah auf ihre Armbanduhr. ≫Es ist exakt eine halbe Minute vor elf.≪

≫Auf meiner Uhr ist es aber zehn nach.≪

≫Sie werden, denke ich, feststellen, dass meine Uhr richtig geht. Sie ist vollkommen zuverlässig. Sie geht nie vor oder nach.≪ Miss Bowers war nicht aus der Ruhe zu bringen.

Miss Van Schuyler trank das Gläschen leer. ≫Es geht mir eindeutig schlechter≪, schnappte sie dann.

≫Tut mir Leid, das zu hören, Miss Van Schuyler.≪ Nach Bedauern hörte es sich nicht an. Miss Bowers’ Stimme klang vollkommen gleichgültig. Sie gab offensichtlich mechanisch die jeweils passende Antwort.

≫Hier drin ist es zu heiß≪, blaffte Miss Van Schuyler weiter. ≫Besorgen Sie mir einen Sessel auf dem Deck, Miss Bowers. Cornelia, bring mir das Strickzeug dahin. Aber sei nicht so tollpatschig, lass es nicht fallen. Und dann wünsche ich, dass du etwas Wolle aufwickelst.≪

Die Prozession zog nach draußen.

Mr. Ferguson seufzte, lockerte seine Beine und stellte ganz allgemein fest: ≫Jessas, der Zicke könnte ich glatt die Gurgel zudrücken.≪

Neugierig fragte Poirot: ≫Sie gehört wohl zu der Sorte, die Sie nicht ausstehen können, was?≪

≫Nicht ausstehen? Das kann man wohl sagen. Was hat die Frau je Gutes bedeutet, für irgendwen oder irgendwas? Die hat nie gearbeitet oder auch nur den Finger gerührt. Die hat sich bloß immer an anderen gemästet. Das ist ein Parasit — und zwar ein verdammt widerlicher. Hier an Bord sind überhaupt eine Menge Leute, die die Welt nicht gerade braucht.≪

≫Wirklich?≪

≫Ja. Das Mädchen hier eben, verschiebt per Unterschrift Aktien und macht sich wichtig. Hunderte und tausende Arbeiter schuften für Hungerlöhne, damit die immer ihre Seidenstrümpfe und das ganze nutzlose Luxuszeug hat. Eine der reichsten Frauen in ganz England, hat mir jemand erzählt — aber nie im Leben Arbeit angefasst.≪

≫Wer hat Ihnen denn erzählt, dass sie eine der reichsten Frauen in England ist?≪

Mr. Ferguson funkelte Poirot herausfordernd an. ≫Ein Mann, mit dem Sie nicht mal öffentlich reden würden! Ein Mann, der mit seinen Händen arbeitet und sich nicht schämt deshalb! Keiner von euren aufgeputzten, nichtsnutzigen Stutzern.≪ Er sah demonstrativ auf Poirots Fliege und das rosa Hemd.

≫Ich persönlich arbeite mit meinem Hirn und schäme mich auch nicht dafür≪, sagte Poirot und funkelte zurück.

Mr. Ferguson schnaubte nur. ≫Gehören alle erschossen — die ganze Bagage!≪, eiferte er weiter.

≫Verehrter junger Mann≪, sagte Poirot. ≫Sie haben aber eine richtige Passion für Gewalt!≪

≫Können Sie mir irgendetwas Gutes nennen, das ohne Gewalt zustande kommt? Man muss einreißen und zerstören, bevor man aufbauen kann.≪

≫Jedenfalls ist es so viel leichter und viel lauter und viel spektakulärer.≪

≫Womit verdienen Sie denn Ihren Lebensunterhalt? Ich wette, mit gar nichts. Wahrscheinlich nennen Sie sich Mittelsmann.≪

≫Ich bin kein Mittelsmann. Ich bin ein Spitzenmann≪, erklärte Poirot ziemlich arrogant.

≫Was machen Sie denn nun?≪

≫Ich bin Privatdetektiv≪, sagte Poirot in der Bescheidenheit, mit der man sagt: ≫Ich bin König.≪

≫Großer Gott!≪ Der junge Mann schien ernstlich erschüttert. ≫Soll das heißen, dieses Mädchen schleppt auch noch einen dämlichen Schnüffler mit sich herum? Hat sie so viel Schiss um ihre kostbare Haut?≪

≫Ich unterhalte keinerlei Beziehungen mit Monsieur und Madame Doyle≪, gab Poirot steif zurück. ≫Ich mache Ferien.≪

≫Und genießen die Freizeit — was?≪

≫Sie nicht? Sie machen nicht selber auch Ferien?≪

≫Ferien!≪, schnaubte Mr. Ferguson und gab eine etwas kryptische Erläuterung: ≫Ich studiere Verhältnisse.≪

≫Sehr interessant≪, murmelte Poirot, bevor er hinaus auf das Deck schlenderte.

Miss Van Schuyler hatte sich in der besten Ecke niedergelassen. Cornelia kniete vor ihr mit einem Strang grauer Wolle um die ausgestreckten Hände. Miss Bowers saß kerzengerade daneben und las die Saturday Evening Post.

Poirot spazierte langsam das Steuerborddeck entlang. Als er am Achterdeck ankam und umkehren wollte, stieß er fast mit einer Frau zusammen, die ihm ein verblüfftes Gesicht zuwandte — ein dunkles, rassiges, mediterranes Gesicht. Sie trug ein adrettes schwarzes Kleid und hatte sich gerade mit einem großen, kräftigen Mann in Uniform unterhalten — dem Aussehen nach einer der Maschinisten. Beide hatten einen merkwürdigen Ausdruck im Gesicht — ein schlechtes Gewissen und gleichzeitig Erschrockenheit. Poirot hätte gern gewusst, worüber sie sich unterhalten hatten.

Er ging ums Achterdeck herum und setzte seinen Spaziergang zurück auf der Backbordseite fort. Eine Kabinentür sprang auf und Mrs. Otterbourne erschien darin und fiel ihm fast in die Arme. Sie trug einen Morgenrock aus scharlachrotem Satin.

≫Oh, Verzeihung≪, sagte sie. ≫Lieber Mr. Poirot — tut mir ja so Leid. Dieser Wellengang — nur der Wellengang, wissen Sie. War nie seefest. Wenn das Schiff bloß stillhalten könnte…≪ Sie packte seinen Arm. ≫Das Schwanken ist es, was ich nicht vertragen kann… Bin nie richtig glücklich auf dem Wasser… Und dann Stunden um Stunden hier allein bleiben müssen. Meine Tochter — kein Mitgefühl — kein Verständnis für ihre arme alte Mutter, die alles für sie getan hat…≪ Mrs. Otterbourne fing an zu schluchzen. ≫Geschuftet wie ein Sklave hab ich für sie… mich geschunden bis auf die Knochen… bis auf die Knochen. Eine grande amoureuse — das hätte ich sein können — eine grande amoureuse — alles geopfert — alles… Und kein Mensch kümmert sich! Aber ich sags allen — ich sags jetzt allen, wie sie mich vernachlässigt… wie hart sie ist, mich zu dieser Fahrt zu zwingen — tödlich langweilig… Ich gehe jetzt und sags allen —≪ Sie wollte losstürzen.

Poirot hielt sie sanft zurück. ≫Ich schicke sie zu Ihnen, Madame. Gehen Sie wieder in Ihre Kabine. Es ist das Beste —≪

≫Nein. Ich will das allen sagen — allen hier auf dem Schiff —≪

≫Das ist zu gefährlich, Madame. Das Wasser ist zu unruhig. Sie könnten über Bord gespült werden.≪

Mrs. Otterbourne sah ihn skeptisch an. ≫Glauben Sie? Glauben Sie wirklich?≪

≫Jawohl.≪

Er obsiegte. Mrs. Otterbourne schwankte, torkelte und ging zurück in ihre Kabine. Poirots Nasenflügel zuckten ein paar Mal. Dann nickte er zufrieden und ging zu Rosalie Otterbourne, die zwischen Mrs. Allerton und Tim saß. ≫Ihre Mutter hätte Sie gern bei sich, Mademoiselle.≪

Rosalie hatte gerade glücklich gelacht. Jetzt verfinsterte sich ihr Gesicht, sie schoss ihm einen argwöhnischen Blick zu und lief das Deck entlang.

≫Ich werde nicht schlau aus dem Kind≪, sagte Mrs. Allerton. ≫Sie ist so wechselhaft. Einen Tag ist sie freundlich, am nächsten regelrecht grob.≪

≫Komplett verzogen und launisch≪, sagte Tim.

Mrs. Allerton schüttelte den Kopf. ≫Das ist es, glaube ich, nicht. Ich glaube, sie ist unglücklich.≪

Tim zuckte die Schultern. ≫Gott ja, ich nehme an, wir haben alle unsere privaten Probleme.≪ Seine Stimme klang hart und schroff.

Ein Gong ertönte.

≫Mittagessen≪, rief Mrs. Allerton erfreut. ≫Ich bin fast verhungert.≪

An diesem Abend sah Poirot Mrs. Allerton in ein Gespräch mit Miss Van Schuyler vertieft. Als er an ihrem Tisch vorbeiging, zwinkerte sie ihm zu. Sie sagte gerade: ≫Natürlich in Calfries Castle — der liebe Herzog —≪

Cornelia hatte jetzt dienstfrei und stand draußen auf dem Deck. Dr. Bessner hielt ihr einen langatmigen Vortrag in Ägyptologie, den er sich aus dem Baedeker zusammengeklaubt hatte. Cornelia lauschte hingerissen.

Tim Allerton lehnte sich über die Reling und erklärte: ≫Jedenfalls, die Welt ist nun mal durch und durch schlecht…≪

Rosalie Otterbourne antwortete: ≫Ja, es ist ungerecht; manche Leute haben alles.≪

Poirot seufzte. Er war froh, dass er nicht mehr jung war.

10.

Am Montagmorgen erschollen Begeisterung und Freude in verschiedensten Tönen an Deck der Karnak. Während der Dampfer am Ufer vertäut wurde, streifte die Morgensonne ein paar hundert Meter entfernt eben einen großen, aus dem Felsen gehauenen Tempel. Vier aus einer Felswand gemeißelte kolossale Figuren sahen hier seit Ewigkeiten auf den Nil und in die aufgehende Sonne.

Cornelia Robson verschlug es fast die Sprache: ≫Oh, Monsieur Poirot, ist das nicht wunderschön? Ich meine, die sind so groß und friedlich — und wenn man die ansieht, kommt man sich so klein vor — wie ein Insekt — und hat das Gefühl, dass nichts wirklich viel bedeutet, oder?≪

Mr. Fanthorp stand in der Nähe und murmelte: ≫Sehr — ähm — eindrucksvoll.≪

≫Grandios, nicht?≪ Auch Simon Doyle kam herbeigeschlendert. Zu Poirot sagte er im vertraulichen Ton: ≫Ich bin eigentlich kein Freund von Tempeln und Besichtigungstouren und all solchen Sachen, aber so ein Ort packt einen ja doch irgendwie, wenn Sie verstehen, was ich sagen will. Diese alten Pharaonen müssen ja wunderbare Burschen gewesen sein.≪

Die anderen hatten sich verzogen. Simon senkte die Stimme. ≫Ich bin unendlich froh, dass wir diese Tour mitmachen. Sie ist — also, sie hat so manches geklärt. Erstaunlich, wieso ausgerechnet die Tour — aber es ist so. Linnet hat wieder Mut gefasst. Sie sagt, es liegt daran, dass sie sich endlich mit der ganzen Chose abgefunden hat.≪

≫Das ist, glaube ich, sehr gut möglich≪, sagte Poirot.

≫Sie sagt, zuerst, als sie Jackie auf dem Schiff sah, da hat sie sich furchtbar gefühlt — aber dann hatte es plötzlich keine Bedeutung mehr. Wir haben beide beschlossen, wir wollen gar nicht mehr versuchen, ihr aus dem Weg zu gehen. Wir werden nicht das Feld räumen, sondern ihr einfach zeigen, dass ihre alberne Schau uns gar nichts mehr ausmacht. Die ist einfach schlechtes Benehmen — sonst nichts. Jackie hat gedacht, sie hätte uns nervlich erledigt, tja, und jetzt lassen wir uns nicht mehr erledigen. Das wird ihr eine Lehre sein.≪

≫Ja≪, sagte Poirot nachdenklich.

≫Und das ist doch herrlich, oder?≪

≫O ja, ja.≪

Linnet kam das Deck entlang. Sie war in aprikosenfarbenes Leinen gehüllt. Sie lächelte. Sie begrüßte Poirot ohne sonderliche Begeisterung, nur mit einem kühlen Nicken, und zog ihren Mann fort.

Mit einem kurzen belustigten Schmunzeln verbuchte Poirot, dass er sich mit seiner kritischen Haltung nicht gerade beliebt gemacht hatte. Linnet war gewohnt, für alles, was sie war und tat, bedingungslos bewundert zu werden. Hercule Poirot hatte sich schwer versündigt an diesem Kredo.

Mrs. Allerton trat murmelnd zu ihm. ≫Hat sich ja enorm verändert, dieses Mädchen! In Assuan sah sie bekümmert und nicht gerade glücklich aus. Heute wirkt sie so überglücklich, dass man fast Angst hat, das ist reine Hoffart.≪

Bevor Poirot seine Meinung dazu äußern konnte, ertönte der Ruf zum Sammeln. Der offizielle Dolmetscher übernahm die Führung und die kleine Gruppe ging an Land zur Besichtigung von Abu Simbel.

Bei dem Fußmarsch geriet Poirot neben Andrew Pennington. ≫Das ist Ihre erste Ägyptenreise — ja?≪, fragte er.

≫Ach was, ich war 1923 schon mal hier. Das heißt, in Kairo. Diese Tour den Nil hoch habe ich noch nie gemacht.≪

≫Sie sind, glaube ich, auf der Carmanic herübergekommen — so jedenfalls erzählte mir Mrs. Doyle.≪

Pennington warf ihm einen misstrauischen Blick zu. ≫Aber ja, das stimmt≪, bestätigte er.

≫Ich habe mich gefragt, ob Ihnen da zufällig Freunde von mir begegnet sind, die dort drüben waren — die Rushington Smiths.≪

≫Ich kann mich nicht erinnern an jemanden, der so hieß. Das Schiff war voll und wir hatten schlechtes Wetter. Eine Menge Passagiere waren überhaupt nicht zu sehen und die Überfahrt ist ohnehin so kurz, dass man gar nicht mitkriegt, wer an Bord ist und wer nicht.≪

≫Ja, das ist sehr wahr. Was für eine schöne Überraschung, dass Ihnen Madame Doyle und ihr Mann über den Weg gelaufen sind. Sie hatten keine Ahnung, dass sie geheiratet hatten?≪

≫Nein. Mrs. Doyle hatte mir zwar geschrieben, aber der Brief wurde mir nachgeschickt, ich bekam ihn erst ein paar Tage nach unserer unerwarteten Begegnung in Kairo.≪

≫Sie kennen sie seit vielen Jahren, wie ich gehört habe.≪

≫Das will ich wohl meinen, Monsieur Poirot. Ich kannte Linnet Ridgeway schon, da war sie noch ein aufgewecktes kleines Ding, ungefähr so groß≪ — er streckte die Hand vor. ≫Ihr Vater und ich waren lebenslang befreundet. Ein äußerst bemerkenswerter Mann, Melhuish Ridgeway — und ein äußerst erfolgreicher.≪

≫Seine Tochter erbt ein beträchtliches Vermögen, wenn ich das richtig sehe… Oh, pardon — es ist vielleicht nicht sehr taktvoll, wenn ich das so sage.≪

Andrew Pennington schien belustigt. ≫Ach, das ist doch allgemein bekannt. Ja, Linnet ist eine vermögende Frau.≪

≫Ich nehme an, der Börsenkrach jüngst hat aber Auswirkungen auf alle Aktien, so solide sie auch sein mögen?≪

Pennington ließ sich einen Augenblick Zeit mit der Antwort. Schließlich sagte er: ≫Das stimmt natürlich bis zu einem gewissen Grad. Die Situation ist sehr schwierig dieser Tage.≪

Poirot murmelte: ≫Ich könnte mir aber vorstellen, dass Madame Doyle einen scharfen Verstand in Geschäften hat.≪

≫So ist es. Ja, so ist es. Linnet ist ein kluges und praktisches Mädchen.≪

Die Gruppe blieb stehen. Der Führer hielt einen Vortrag über den Tempel, den der große Ramses erbaut hatte; die vier kolossalen Ramsesskulpturen, ein Paar an jeder Seite des Eingangs aus dem Felsen gehauen, schauten hinab auf die kleine, durcheinander laufende Touristenschar.

Signor Richetti verschmähte die Belehrungen des Dolmetschers und untersuchte eifrig die Reliefs von schwarzen und syrischen Sklaven am Fuß der Kolosse zu beiden Seiten des Eingangs.

Im Innern des Tempels legte sich friedliches Halbdunkel über die kleine Gruppe. Die Reliefs an einigen der Wände in den noch immer lebhaften Farben wurden erklärt, aber die Besucher fingen schon an, sich in noch kleinere Grüppchen aufzuspalten. Dr. Bessner las mit wohltönender Stimme etwas Deutsches aus dem Baedeker und machte hin und wieder Pausen, um es für Cornelia zu übersetzen, die wissbegierig neben ihm ging. Lange sollte das jedoch nicht gut gehen. Miss Van Schuyler, die am Arm der phlegmatischen Miss Bowers hereingekommen war, kommandierte bald: ≫Cornelia, komm her≪, und damit war der Bildungsversuch notgedrungen vorbei.

Dr. Bessner sah ihr durch seine dicken Brillengläser wohlgefällig nach. ≫Ein sehr nettes kleines Fräulein≪, teilte er Poirot mit. ≫Sieht jedenfalls nicht so verhungert aus wie manche junge Frau heutzutage. Nein, hübsche Kurven hat sie. Hört auch sehr intelligent zu; ein Vergnügen, ihr etwas beizubringen.≪

Poirot schoss durch den Kopf, dass es offenbar Cornelias Schicksal war, entweder geschurigelt oder belehrt zu werden. Jedenfalls war sie immer diejenige, die zuhörte, nie diejenige, die redete.

Die dank der herrisch herbeizitierten Cornelia kurzfristig entlastete Miss Bowers stand in der Mitte des Tempels und sah mit ihrem kühlen, gleichgültigen Blick um sich. Ihr Kommentar zu diesen Wundern der Vergangenheit war knapp: ≫Der Führer sagt, eine von diesen Göttern oder Göttinnen heißt Mut. Nicht zu fassen!≪

Weiter innen gab es eine heilige Altarstätte mit vier sitzenden Figuren, die hier bis in alle Ewigkeit und in eigentümlich würdevoller Entrücktheit zu thronen schienen. Linnet und ihr Mann standen davor. Sie hatte ihren Arm in seinen gehängt, ihr Gesicht war nach oben gewandt — ein typisches Neue-Welt-Gesicht, intelligent, neugierig, unberührt von Vergangenem.

Simon sagte plötzlich: ≫Lass uns raus hier. Ich mag diese vier Burschen nicht — vor allem den mit dem hohen Hut.≪

≫Das ist Amun, glaube ich. Und der da ist Ramses. Warum magst du die denn nicht? Ich finde sie sehr beeindruckend.≪

≫Sie sind zu beeindruckend für eine verdammte Sehenswürdigkeit; irgendwie sind die mir nicht geheuer. Komm mit nach draußen in die Sonne.≪

Linnet lachte, gab aber nach.

Draußen vor dem Tempel schien wirklich die Sonne und der Sand unter ihren Füßen war gelb und warm. Linnet fing wieder an zu lachen. Unten zu ihren Füßen, aufgereiht und auf den ersten Blick schauerlich anzusehen, weil scheinbar von den Körpern abgetrennt, waren ein halbes Dutzend Köpfe von nubischen Jungen. Sie wiegten sich augenrollend rhythmisch von einer Seite zur anderen und aus den Mündern ertönte eine neue Beschwörungsformel: ≫Hipp, hipp, hurra! Sehr gut, sehr schön. Vielen, vielen Dank.≪

≫Wie absurd! Wie machen die das denn? Haben die sich wirklich ganz tief eingegraben?≪

Simon kramte ein bisschen Kleingeld hervor und parodierte sie: ≫Sehr gut, sehr schön, sehr teuer.≪

Zwei kleine Jungen, die die ≫Vorführung≪ überwachten, nahmen die Münzen artig entgegen.

Linnet und Simon schlenderten weiter. Sie hatten keine Lust zurück an Bord zu gehen und sie hatten auch kein Interesse mehr an Sehenswürdigkeiten. Sie setzten sich in den Sand, lehnten sich an einen Felsen und ließen sich von der warmen Sonne braten.

Wie wunderbar Sonne ist, dachte Linnet. Wie warm — wie sicher… Wie wunderbar es ist, glücklich zu sein… Wie wunderbar, ich zu sein… ich… ich… Linnet… Die Augen fielen ihr zu. Sie trieb, halb schlafend, halb wach, dahin in einem Meer aus Gedanken, die wie der Sand dahintrieben und wirbelten.

Simons Augen waren offen. Auch in ihnen lag Zufriedenheit. Was für ein Narr er gewesen war, am ersten Abend die Nerven zu verlieren… Es gab nichts, weshalb man die Nerven verlieren musste… Es war alles in Ordnung… Es war schließlich Verlass auf Jackie…

Plötzlich gab es Geschrei — Leute kamen auf ihn zugerannt, händeringend — schreiend.

Einen Augenblick lang sah Simon sie verständnislos an. Dann sprang er auf die Füße und riss Linnet mit sich.

Keine Sekunde zu früh. Ein dicker Felsblock stürzte herab und krachte neben ihnen in den Sand. Wäre Linnet geblieben, wo sie war, sie wäre in Atome zerschmettert worden. Mit bleichen Gesichtern klammerten die beiden sich aneinander.

Hercule Poirot und Tim Allerton kamen herbeigerannt.

≫Ma foi, Madame, das war knapp.≪

Alle vier sahen unwillkürlich nach oben. Aber da war nichts zu sehen. Es gab jedoch einen Pfad entlang dem Felsplateau. Poirot erinnerte sich, ein paar Eingeborene dort gesehen zu haben, als die Gruppe von Bord gegangen war. Er betrachtete das Ehepaar. Linnet sah immer noch benommen aus — bestürzt.

Simon dagegen schien sprachlos vor Wut. ≫Der Teufel soll sie holen!≪, stieß er hervor und warf hastig einen prüfenden Blick auf Tim Allerton.

Der sagte: ≫Puh, das war aber knapp! Hat irgendein Idiot das Ding da hingerollt oder hat es sich von selbst gelöst?≪

Linnet war kreidebleich und brachte nur mühsam hervor: ≫Ich glaube — irgendein Idiot muss das gemacht haben.≪

≫Hätte dich wohl zerschmettert wie eine Eierschale. Bist du sicher, dass du keinen Feind hast, Linnet?≪

Linnet schluckte zweimal, fand aber keine Antwort auf den locker gemeinten Scherz.

≫Kommen Sie mit zurück aufs Schiff, Madame≪, warf Poirot schnell dazwischen. ≫Sie brauchen etwas zum Stärken.≪

Eilig gingen sie zurück, Simon voller unterdrücktem Zorn, Tim fröhlich plaudernd, um Linnets Gedanken von der Gefahr abzulenken, der sie gerade entgangen war, Poirot mit ernstem Gesicht. Als sie an der Gangway ankamen, blieb Simon wie vom Donner gerührt stehen. Dann nahm sein Gesicht einen Ausdruck des Erstaunens an.

Jacqueline de Bellefort wollte eben an Land gehen. Sie trug ein blaues Gingankleid und sah an diesem Morgen sehr kindisch aus.

≫Lieber Gott!≪, flüsterte Simon. ≫Dann war es also doch ein Unfall.≪

Der Ärger schwand aus seinem Gesicht. Die Erleichterung war so überwältigend deutlich zu sehen, dass Jacqueline den Eindruck hatte, irgendetwas lief hier schief.

≫Guten Morgen≪, sagte sie rasch. ≫Ich fürchte, ich bin ein bisschen spät dran.≪ Dann grüßte sie alle mit einem Kopfnicken, ging von Bord und lief in Richtung Tempel.

Simon packte Poirots Arm. Die beiden anderen waren schon weg.

≫Mein Gott, das ist eine Erleichterung. Ich dachte — ich dachte —≪

Poirot nickte. ≫Ja, ja, ich weiß, was Sie dachten.≪ Trotzdem sah er noch immer ernst und besorgt aus. Er drehte den Kopf und registrierte sorgfältig, was der Rest der Reisegruppe so machte.

Miss Van Schuyler kam langsam und an Miss Bowers’ Arm zurück.

Etwas ferner stand Mrs. Allerton lachend vor der Reihe kleiner nubischer Köpfe. Mrs. Otterbourne war bei ihr.

Die anderen waren nirgends zu sehen.

Poirot schüttelte den Kopf und ging langsam hinter Simon her zurück an Bord.

11.

≫Würden Sie mir, Madame, die Bedeutung des Wortes ‘Hoffart’ erklären?≪

Mrs. Allerton sah Poirot verwundert an. Beide quälten sich langsam den Felsen über dem zweiten Katarakt hinauf. Die meisten anderen hatten dazu Kamele genommen, aber Poirot erinnerten die Bewegungen eines Kamels an die von Schiffen. Mrs. Allerton hatte ihre persönliche Würde ins Feld geführt.

Sie waren am Vorabend in Wadi Halfa angekommen. Heute Morgen hatten zwei Barkassen die ganze Reisegruppe zum zweiten Katarakt gebracht, mit Ausnahme von Signor Richetti allerdings. Der hatte darauf bestanden, seine eigene Exkursion zu einem fernen Flecken namens Semna zu machen, der, wie er erläuterte, von überragender Bedeutung als Tor nach Nubien zurzeit Amenemhets III. sei und wo es eine Stele gebe, mit der an den Umstand erinnert werde, dass Neger beim Betreten Ägyptens Zölle zu entrichten hatten. Alle Versuche, dieses Beispiel an Individualismus zu untergraben, waren vergeblich gewesen. Signor Richetti war entschlossen und hatte jeden der Einwände — 1. dass sich die Expedition nicht lohne, 2. dass die Expedition unmöglich, weil dort kein Wagen zu bekommen sei, 3. dass für die Tour überhaupt kein Wagen zu bekommen sei, 4. dass ein Wagen unerschwinglich teuer sei — vom Tisch gewischt. Nach Hohngelächter über Einwand 1, skeptischem Blick anlässlich Nr. 2, dem Angebot, für den Wagen aus Nr. 3 selbst zu sorgen, sowie Feilschen in fließendem Arabisch zu Nr. 4 war Signor Richetti schließlich abgereist — in aller Eile und Heimlichkeit, für den Fall, dass noch jemand von der Touristenschar auf die Idee käme, auch vom angezeigten Pfad der Sehenswürdigkeiten abweichen zu wollen.

≫Hoffart?≪ Mrs. Allerton legte zur Vorbereitung einer Antwort den Kopf zur Seite. ≫Nun, das ist ein etwas altmodisches Wort. Ich meinte diesen exaltierten Dünkel, der vor dem Fall in die Katastrophe kommt. Wissen Sie, dieses — zu schön und glücklich um wahr zu sein.≪ Sie hielt einen kleinen Vortrag.

Poirot hörte aufmerksam zu. ≫Ich danke Ihnen, Madame. Ich verstehe es jetzt. Merkwürdig, dass Sie das Wort gestern benutzt haben — so kurz bevor Mrs. Doyle dem Tod gerade noch entgehen sollte.≪

Mrs. Allerton schauderte leise. ≫Das muss ja wirklich knapp gewesen sein. Glauben Sie, jemand von diesen kleinen schwarzen Lumpen hat den Block aus Jux und Dollerei losgerollt? So etwas machen Jungs ja auf der ganzen Welt — und meinen vielleicht gar nichts Böses.≪

Poirot zuckte die Schultern. ≫Das kann sein, Madame.≪ Dann wechselte er das Thema, kam auf Mallorca zu sprechen und erkundigte sich nach verschiedenen praktischen Dingen für den Fall eines eventuellen Besuchs dort.

Mrs. Allerton war der kleine Mann regelrecht ans Herz gewachsen — zum Teil vielleicht aus Widerspruchsgeist. Tim, so schien ihr, versuchte immer, sie von freundlichen Gefühlen für Hercule Poirot abzubringen, er bezeichnete ihn auch stets als ≫Banause der schlimmsten Sorte≪. Sie empfand ihn nicht so; ihrer Vermutung nach war es Poirots etwas fremde, exotische Kleidung, die ihren Sohn in seinen Vorurteilen bestärkte. Sie empfand ihn als intelligenten, anregenden Gesprächspartner. Außerdem war er ausgesprochen einfühlsam. Und so vertraute sie ihm einfach plötzlich ihre Abneigung gegen Joanna Southwood an. Es war befreiend, darüber zu reden. Und warum denn auch nicht? Er kannte Joanna nicht — würde ihr wahrscheinlich auch nie begegnen. Warum sollte sie sich eigentlich nicht ein bisschen befreien von diesen andauernden, belastenden Eifersuchtsgedanken?

Just im selben Augenblick unterhielten Tim und Rosalie Otterbourne sich über sie. Tim hatte sich gerade halb scherzhaft über sein Pech mokiert. Seine angegriffene Gesundheit, weder schlecht genug, um wirklich interessant zu sein, noch gut genug, um ihm das Leben möglich zu machen, das er gern gelebt hätte. Das allzu wenige Geld, die fehlende angemessene Beschäftigung.

≫Ein zutiefst fades, gezähmtes Dasein≪, schloss er missmutig.

Rosalie warf barsch ein: ≫Sie haben etwas, worum eine Menge Menschen Sie beneiden würden.≪

≫Was denn?≪

≫Ihre Mutter.≪

Tim war überrascht und geschmeichelt. ≫Mutter? Ja, natürlich, sie ist ziemlich einzigartig. Nett, dass Sie das bemerkt haben.≪

≫Ich finde sie großartig. Sie sieht so wunderbar aus — so ausgeglichen und ruhig —, als könnte nichts ihr etwas anhaben, und trotzdem — trotzdem nimmt sie alles auch immer gern von der komischen Seite…≪ Rosalie stammelte fast vor lauter Eifer.

Tim verspürte eine Welle warmer Gefühle für das Mädchen. Er hätte das Kompliment sehr gern zurückgegeben, aber Mrs. Otterbourne entsprach bedauerlicherweise exakt seiner Vorstellung des denkbar größten Ekels. Dass er nicht ebenso freundlich antworten konnte, machte ihn verlegen.

Miss Van Schuyler war auf der Barkasse geblieben. Sie konnte den Aufstieg nicht riskieren, weder auf einem Kamel noch auf den eigenen Beinen. Also hatte sie barsch verfügt: ≫Ich muss Sie leider bitten, bei mir zu bleiben, Miss Bowers. Ich hatte ursprünglich Sie gehen lassen und Cornelia hier behalten wollen, aber junge Mädchen sind so egoistisch. Sie ist davongelaufen, ohne mir ein Wort zu sagen. Ich habe sie sogar mit diesem sehr unsympathischen und ungezogenen jungen Mann reden sehen, diesem Ferguson. Cornelia hat mich zutiefst enttäuscht. Sie hat nicht das geringste gesellschaftliche Gespür.≪

Miss Bowers antwortete jetzt auf ihre übliche sachliche Art: ≫Das ist schon in Ordnung, Miss Van Schuyler. Es wäre ein schweißtreibender Fußmarsch gewesen und ich will mir gar nicht ausmalen, wie diese Kamelsättel aussehen. Voller Flöhe, sehr wahrscheinlich.≪ Sie rückte die Brille zurecht, richtete den Blick auf die Gruppe, die den Hügel hinaufkletterte, und tat kund: ≫Miss Robson ist übrigens nicht mehr bei diesem jungen Mann. Sie ist bei Dr. Bessner.≪

Miss Van Schuyler brummelte. Seit sie herausgefunden hatte, dass Dr. Bessner eine große Klinik in der Tschechoslowakei besaß und in Europa als Modearzt berühmt war, war sie geneigt ihm gegenüber gnädig zu sein. Es konnte schließlich auch sein, dass sie seine professionellen Dienste brauchte, bevor die Reise vorbei war.

Als die Ausflugsgruppe auf die Karnak zurückkam, ertönte ein Überraschungsschrei von Linnet. ≫Ein Telegramm für mich.≪ Sie nahm es vom Brett und riss es auf. ≫Wie — das verstehe ich nicht — Kartoffeln, Rote Bete — was soll das denn bedeuten, Simon?≪

Simon wollte ihr gerade über die Schulter sehen, als eine wütende Stimme erklang: ≫Entschuldigen Sie, das Telegramm ist für mich≪, und Signor Richetti es Linnet grob aus der Hand riss und sie dabei mit einem wütenden Blick bedachte.

Linnet starrte ihn einen Augenblick lang überrascht an, dann drehte sie den Umschlag um.

≫Oh, Simon, wie töricht ich bin! Da steht Richetti — nicht Ridgeway — und mein Name ist sowieso nicht mehr Ridgeway. Ich muss mich entschuldigen.≪

Sie lief hinter dem kleinen Archäologen her bis zum Heck des Dampfers. ≫Es tut mir so Leid, Signor Richetti. Wissen Sie, ich hieß Ridgeway vor meiner Heirat und ich bin noch nicht sehr lange verheiratet, deshalb…≪

Sie hielt inne, ihr Gesicht bekam Grübchen vor lauter Lächeln, das ihm ebenfalls ein Lächeln hätte abnötigen sollen über diesen faux pas einer frisch verheirateten Frau.

Aber Richetti war offensichtlich not amused. Königin Victoria hätte bei größter Missbilligung nicht grimmiger aussehen können. ≫Namen sollte man sorgfältig lesen. Es ist unverzeihlich, in solchen Dingen nachlässig zu sein.≪

Linnet biss sich auf die Lippe und lief dunkelrot an. Sie war es nicht gewohnt, dass eine Entschuldigung von ihr auf diese Weise beantwortet wurde. Sie machte kehrt, ging zurück zu Simon und erklärte ärgerlich: ≫Diese Italiener sind wirklich unerträglich.≪

≫Mach dir nichts draus, Liebling, lass uns zu dem großen Elfenbeinkrokodil gehen, das dir so gefallen hat.≪ Gemeinsam schlenderten sie zurück an Land.

Poirot, der ihnen nachsah, wie sie über den Landungssteg gingen, hörte plötzlich jemanden tief Luft holen. Er drehte sich um, neben ihm stand Jacqueline de Bellefort. Ihre Hände umklammerten die Reling. Der Ausdruck in ihrem Gesicht, das sie ihm jetzt zuwandte, verwunderte ihn einigermaßen. Das war nicht mehr Frohlocken oder Bosheit. Jacqueline sah aus wie zerstört von einem zehrenden inneren Feuer.

≫Es macht ihnen gar nichts mehr aus.≪ Die Wörter kamen leise und hastig. ≫Sie haben mich hinter sich gelassen. Ich komme nicht mehr an sie heran… Es ist ihnen egal, ob ich auch da bin oder nicht… Ich kann — ich kann denen gar nicht mehr wehtun…≪ Ihre Hände am Geländer zitterten.

≫Mademoiselle —≪

Sie fiel ihm ins Wort: ≫Oh, jetzt ist es zu spät — zu spät für Warnungen… Sie hatten Recht. Ich hätte nicht herkommen dürfen. Nicht auf diese Reise. Wie haben Sie sie genannt? Eine Seelenreise? Ich kann nicht mehr zurück; ich muss weitermachen. Und ich mache weiter. Sie dürfen nicht zusammen glücklich sein; sie dürfen nicht. Eher bringe ich ihn um…≪ Brüsk wandte sie sich ab und ging.

Poirot starrte ihr nach und fühlte plötzlich eine Hand auf seiner Schulter.

≫Ihre kleine Freundin wirkt eine Spur durcheinander, Monsieur Poirot.≪

Poirot drehte sich um und starrte überrascht in das Gesicht seines alten Bekannten. ≫Colonel Race.≪

Der große, braun gebrannte Mann lächelte. ≫Kleine Überraschung, was?≪

Hercule Poirot hatte Colonel Race vor einem Jahr in London kennen gelernt. Sie waren beide Gäste eines sehr seltsamen Dinners gewesen — eines Dinners, das mit dem Tod jenes seltsamen Mannes geendet hatte, der ihr Gastgeber gewesen war. Poirot wusste, dass Race immer unangemeldet kam und ging und sich gewöhnlich an einem der Vorposten des Empires aufhielt, an denen sich ein Konflikt zusammenbraute. ≫Sie sind also hier in Wadi Halfa≪, stellte er fest.

≫Ich bin hier an Bord.≪

≫Sie meinen?≪

≫Dass ich die Rückfahrt nach Shellal mit Ihnen zusammen antrete.≪

Hercule Poirots Augenbrauen wanderten hoch. ≫Das ist sehr interessant. Sollen wir vielleicht eine Kleinigkeit trinken?≪

Sie gingen in den Aussichtssalon, der jetzt ganz leer war. Poirot bestellte Whisky für den Colonel und eine doppelte Orangeade mit viel Zucker für sich.

≫Sie fahren also mit uns zusammen zurück≪, sagte Poirot und nippte am Glas. ≫Schneller wären Sie aber mit dem Linienschiff da, das tagsüber und nachts fährt?≪

Colonel Race’ Gesicht legte sich in anerkennende Falten. ≫Sie treffen den Nagel wie üblich auf den Kopf, Monsieur Poirot≪, sagte er sehr freundlich.

≫Dann sind es die Fahrgäste?≪

≫Ein Fahrgast.≪

≫Wer das wohl sein mag?≪, fragte Poirot die verschnörkelte Salondecke.

≫Das weiß ich leider selbst nicht≪, sagte Race betrübt.

Poirot sah ihn neugierig an.

Race fuhr fort: ≫Ihnen gegenüber muss ich ja kein Geheimnis draus machen. Wir haben hier unten einen ziemlichen Haufen Ärger. Wir sind aber nicht hinter den Leuten her, die vermeintlich die Aufständischen anführen. Sondern hinter ein paar Männern, die höchst geschickt das Streichholz ans Pulver gehalten haben. Das waren drei. Einer ist tot. Einer im Gefängnis. Ich will den dritten Mann — der hat fünf oder sechs kaltblütige Morde auf dem Konto. Er ist einer der geschicktesten bezahlten Aufrührer, die es je gegeben hat… Und er ist auf diesem Schiff. Das weiß ich durch einen Brief, den wir abgefangen haben. Dechiffriert besagte der Absatz: ‘X macht die Karnak-Tour vom Siebten bis zum Dreizehnten mit.’ Es stand allerdings nicht drin, unter welchem Namen.≪

≫Haben Sie irgendeine Beschreibung?≪

≫Nein. Herkunft amerikanisch, irisch und französisch. Eine Art Promenadenmischung. Hilft uns nicht sehr. Fällt Ihnen dazu etwas ein?≪

≫Einfallen — das wäre schön≪, sagte Poirot grüblerisch.

Sie lagen so auf einer Wellenlänge, dass Race ihn nicht weiter bedrängte. Er wusste, Hercule Poirot sagte immer erst etwas, wenn er sicher war.

Poirot schabte sich die Nase und sagte, noch immer nicht glücklich: ≫Es geht etwas vor auf diesem Schiff, das mir große Besorgnis verursacht.≪

Race sah ihn fragend an.

≫Stellen Sie sich≪, fuhr Poirot fort, ≫eine Person A vor, die einer Person B schwer unrecht getan hat. Person B trachtet nach Rache. Person B stößt sogar Drohungen aus.≪

≫Und A und B sind beide an Bord?≪

Poirot nickte. ≫Ganz recht.≪

≫B ist eine Frau, nehme ich an?≪

≫Ganz genau.≪

Race zündete sich eine Zigarette an. ≫Dann würde ich mir keine Sorgen machen. Leute, die überall hinausposaunen, was sie alles machen wollen, machen es gewöhnlich nicht.≪

≫Und das ist insbesondere der Fall bei les femmes, würden Sie sagen! Ja, das stimmt.≪ Aber er sah nicht glücklich aus.

≫Sonst noch etwas?≪, fragte Race.

≫Ja, da ist noch etwas. Gestern ist Person A nur ganz knapp dem Tod entronnen — und zwar der Art von Tod, die man günstigenfalls als Unfall bezeichnen könnte.≪

≫Eingefädelt von B?≪

≫Nein, genau das ist der Punkt. B kann nichts damit zu tun gehabt haben.≪

≫Dann war es ein Unfall.≪

≫Das nehme ich an — aber ich mag solche Unfälle nicht.≪

≫Und Sie sind ganz sicher, dass B die Hand nicht im Spiel gehabt haben kann?≪

≫Absolut.≪

≫Tja, nun, Zufälle gibts. Wer ist A denn so? Jemand ausgesprochen Widerwärtiges?≪

≫Im Gegenteil. A ist eine bezaubernde, reiche und schöne junge Dame.≪

Race grinste. ≫Klingt nach Schnulze.≪

≫Peut-être. Aber ich sage Ihnen, ich bin nicht glücklich darüber, mein Freund. Wenn ich Recht habe, und ich habe ja nun mal die Angewohnheit, ständig Recht zu haben≪ — bei dieser für Poirot typischen Bemerkung lächelte Race in seinen Moustache — ≫dann ist das alles Anlass zu ernster Besorgnis. Und jetzt kommen Sie und fügen noch eine weitere Komplikation dazu.

Sie erzählen mir, auf der Karnak sei auch noch ein Mann, der Leute umbringt.≪

≫Aber im Allgemeinen keine bezaubernden jungen Damen.≪ Poirot schüttelte unzufrieden den Kopf. ≫Ich habe Angst, mein Freund≪, sagte er, ≫ich fürchte… Heute habe ich jener Dame, Madame Doyle, geraten, mitsamt ihrem Mann nach Khartum weiterzufahren und nicht an Bord zurückzukehren. Aber beide wollten nicht. Ich bete zum Himmel, dass wir ohne Katastrophen in Shellal ankommen.≪

≫Sehen Sie das nicht alles ein bisschen düster?≪

Wieder schüttelte Poirot den Kopf. ≫Ich habe Angst≪, sagte er schlicht. ≫Ja, ich, Hercule Poirot, habe Angst…≪

12.

Cornelia Robson stand im Tempel von Abu Simbel. Es war der Abend des nächsten Tages — ein heißer, stiller Abend. Die Karnak hatte noch einmal in Abu Simbel Anker geworfen, damit die Passagiere den Tempel ein zweites Mal besichtigen konnten, diesmal im Kunstlicht. Der Unterschied war beträchtlich, und Cornelia sprach erstaunt Mr. Ferguson darauf an, der neben ihr stand. ≫Ah, jetzt kann man das so viel besser sehen!≪, rief sie aus. ≫All diese Feinde, denen der König die Köpfe abgeschlagen hat — die heben sich jetzt viel besser ab. Da ist ja auch ein tolles Schloss, das hatte ich noch gar nicht bemerkt. Schade, dass Dr. Bessner nicht hier ist, der könnte mir erklären, was das ist.≪

≫Wie Sie den alten Trottel aushalten, ist mir ein Rätsel≪, maulte Ferguson.

≫Wieso, das ist einfach einer der freundlichsten Männer, die mir je begegnet sind.≪

≫Ein aufgeblasener alter Langweiler.≪

≫Ich finde, Sie dürfen über ihn nicht so reden.≪

Plötzlich packte der junge Mann ihren Arm. Sie traten gerade aus dem Tempel ins Mondlicht.

≫Warum liegt Ihnen so viel daran, sich von einem alten Fettsack anöden — und von einer bösartigen alten Vettel kujonieren und schikanieren zu lassen?≪

≫Aber Mr. Ferguson!≪

≫Haben Sie denn gar keinen Mumm? Wissen Sie nicht, dass Sie genauso gut sind wie die?≪

≫Bin ich doch gar nicht!≪ Cornelia sagte es aufrichtig überzeugt.

≫Sie sind nicht so reich; das ist aber auch alles.≪

≫Nein, ist es nicht. Cousine Marie hat Kultur und —≪

≫Kultur!≪ Der junge Mann ließ ihren Arm ebenso abrupt wieder los, wie er ihn gepackt hatte. ≫Bei dem Wort wird mir übel.≪

Cornelia sah ihn entsetzt an.

≫Sie mag es nicht, wenn Sie mit mir reden, nicht?≪, fragte der junge Mann.

Cornelia lief rot an und sah verlegen drein.

≫Und warum nicht? Weil sie denkt, ich bin ihr gesellschaftlich nicht ebenbürtig! Pah! Sehen Sie da nicht rot?≪

Cornelia stotterte: ≫Mir wäre es lieber, Sie würden sich nicht so aufregen.≪

≫Aber ist Ihnen denn nicht klar — Sie sind doch Amerikanerin —, dass jeder Mensch frei und gleich geboren ist?≪

≫Stimmt doch gar nicht≪, sagte Cornelia ruhig und fest.

≫Mein gutes Mädchen, das steht in Ihrer Verfassung!≪

≫Cousine Marie sagt, Politiker sind keine Gentlemen≪, erwiderte Cornelia. ≫Und Menschen sind natürlich nicht gleich. Das ist Unsinn. Ich weiß, ich sehe irgendwie hausbacken aus, und früher hat mich das manchmal beschämt, aber darüber bin ich jetzt weg. Ich wäre auch lieber so elegant und schön wie Mrs. Doyle geboren worden, bin ich aber nicht, also ist es wohl auch unnütz, sich darüber zu ärgern.≪

≫Mrs. Doyle!≪, rief Ferguson mit tiefster Verachtung. ≫Das ist die Sorte Frau, die erschossen gehört, als Exempel.≪

Cornelia sah ihn besorgt an. ≫Das ist bestimmt Ihre Verdauung≪, sagte sie fürsorglich. ≫Ich habe eine besondere Pepsin Art, die Cousine Marie mal probiert hat. Möchten Sie die auch mal versuchen?≪

Mr. Ferguson sagte nur: ≫Sie sind unmöglich!≪ Dann drehte er sich um und eilte davon.

Cornelia ging zurück zum Schiff. Als sie die Gangway betreten wollte, hatte er sie wieder eingeholt. ≫Sie sind der netteste Mensch an Bord≪, sagte er. ≫Vergessen Sie das bloß nie.≪

Cornelia wurde rot vor Freude und lief zum Aussichtssalon. Dort saß Miss Van Schuyler ins Gespräch mit Dr. Bessner vertieft — ein freundliches Gespräch über gewisse königliche Patienten, die er hatte. Cornelia sagte schuldbewusst: ≫Ich hoffe, ich war nicht zu lange weg, Cousine Marie.≪

Die alte Dame sah auf die Armbanduhr und schnarrte sie an: ≫Beeilt hast du dich nicht gerade, meine Liebe. Und was hast du mit meiner Samtstola angestellt?≪

Cornelia sah sich um. ≫Soll ich nachsehen, ob sie in der Kabine ist, Cousine Marie?≪

≫Natürlich ist sie da nicht! Ich hatte sie hier drin nach dem Dinner und ich habe diesen Raum nicht verlassen. Sie lag auf dem Stuhl da.≪

Cornelia suchte planlos herum. ≫Ich sehe sie nirgends, Cousine Marie.≪

≫Unfug!≪, sagte Miss Van Schuyler. ≫Sieh überall nach.≪ Das war ein Befehl, wie man ihn einem Hund gibt, und Cornelia gehorchte wie üblich wie ein Hündchen. Der stille Mr. Fanthorp stand vom Nebentisch auf, wo er gesessen hatte, um ihr zu helfen. Aber die Stola war nicht zu finden.

Der Tag war so ungewöhnlich heiß und drückend gewesen, dass die meisten Leute sich nach dem Besuch des Tempels zurückgezogen hatten. Die Doyles dagegen spielten mit Pennington und Race an einem Ecktisch Bridge. Der einzige weitere Gast im Salon war Hercule Poirot, der an einem Tischchen neben der Tür saß und sich die Seele aus dem Leib gähnte.

Miss Van Schuyler, eskortiert von Cornelia und Miss Bowers auf dem königlichen Rückmarsch Richtung Bett befindlich, machte neben seinem Stuhl Halt. Artig sprang er hoch und unterdrückte ein Gähnen von gargantuesken Ausmaßen.

Miss Van Schuyler erklärte: ≫Ich habe erst jetzt erfahren, wer Sie sind, Monsieur Poirot. Ich darf Ihnen sagen, dass ich über meinen alten Freund Rufus Van Aldin von Ihnen gehört habe. Sie müssen mir gelegentlich von Ihren Fällen erzählen.≪

Poirot, dessen Augen trotz Übermüdung leise blitzten, verbeugte sich übertrieben tief. Miss Van Schuyler rauschte mit einem freundlich herablassenden Kopfnicken von dannen. Poirot gähnte noch einmal. Er fühlte sich schwer und albern vor lauter Müdigkeit und konnte die Augen kaum noch offen halten. Er sah hinüber zur Bridgerunde, die völlig in ihr Spiel vertieft war, und dann zum jungen Fanthorp, der in ein Buch versunken schien. Von ihnen abgesehen war der Salon leer.

Er ging durch die Schwingtür hinaus auf das Deck. Jacqueline de Bellefort kam den Gang entlanggelaufen und stieß fast mit ihm zusammen.

≫Pardon, Mademoiselle.≪

≫Sie sehen müde aus, Monsieur Poirot≪, sagte sie.

Er gab es sofort zu: ≫Mais oui — ich bin völlig übermüdet. Ich kann kaum die Augen offen halten. Es war ein sehr schwüler, drückender Tag.≪

≫Ja.≪ Sie schien darüber zu brüten. ≫Es war die Art Tag, an dem alles Mögliche — kaputtgeht! Zerbricht! An dem man einfach nicht mehr weiterkann…≪ Ihre Stimme war leise und gefühlsgeladen. Sie sah nicht zu ihm, sondern auf den Ufersand. Ihre Hände waren verkrampft, steif…

Plötzlich löste sich die Spannung und sie sagte: ≫Gute Nacht, Monsieur Poirot.≪

≫Gute Nacht, Mademoiselle.≪

Einen ganz kurzen Moment begegneten sich ihre Blicke.

Als er am nächsten Tag darüber nachdachte, kam er zu dem Schluss, dass in ihrem Blick etwas Flehendes gelegen hatte. Er sollte sich später daran erinnern.

Jetzt ging er zu seiner Kabine und sie zum Salon.

Cornelia hatte Miss Van Schuylers diverse Wünsche und Schrullen befriedigt und kam mit Stickzeug zurück in den Salon. Sie war alles andere als müde. Sie fühlte sich im Gegenteil hellwach und leicht aufgeregt.

Die vier saßen noch immer beim Bridge. Der stille Fanthorp las immer noch sein Buch. Cornelia nahm Platz und fing an zu sticken. Plötzlich schwang die Tür auf und Jacqueline de Bellefort kam herein. Vor der Tür blieb sie stehen, den Kopf in den Nacken geworfen. Dann drückte sie eine Klingel, schlenderte auf Cornelia zu und setzte sich.

≫An Land gewesen?≪, fragte sie.

≫Ja. Ich fand es einfach hinreißend im Mondschein.≪

Jacqueline nickte. ≫Ja, wunderbare Nacht… So richtig für Flitterwochen.≪ Ihr Blick wanderte zum Bridgetisch — und ruhte einen Moment lang auf Linnet Doyle.

Der Kellner erschien auf das Klingeln hin. Jacqueline bestellte einen doppelten Gin. Während sie mit dem Kellner sprach, warf ihr Simon Doyle einen raschen Blick zu. Zwischen seinen Augenbrauen zeichnete sich ein feiner, ängstlicher Strich ab.

Seine Frau sagte: ≫Simon, wir warten auf deine Ansage.≪

Jacqueline summte vor sich hin. Als der Gin kam, nahm sie das Glas, sagte: ≫Alsdann, auf das Verbrechen≪, trank es leer und bestellte dasselbe noch mal.

Wieder sah Simon vom Bridgetisch herüber. Er war nicht mehr richtig bei der Sache. Sein Partner Pennington rief ihn zur Ordnung.

Jacqueline fing wieder an zu summen, zuerst sehr leise, dann lauter: ≫Er war ihr Mann und er tat ihr weh…≪

≫Tut mir Leid≪, sagte Simon zu Pennington. ≫War dumm von mir, Ihre Farbe nicht zurückzuspielen. So haben die anderen den Rubber gemacht.≪

Linnet stand auf. ≫Ich bin müde. Ich gehe wohl ins Bett.≪

≫Wird Zeit für eine Runde Schlaf≪, sagte Colonel Race.

≫Ich gehe auch≪, pflichtete Pennington bei.

≫Kommst du, Simon?≪

≫Jetzt noch nicht≪, sagte Doyle langsam. ≫Ich glaube, ich nehme erst noch einen Schluck.≪

Linnet nickte und ging hinaus, Race folgte ihr. Pennington trank sein Glas leer und ging ebenfalls.

Cornelia fing an ihr Stickzeug zusammenzulegen.

≫Gehen Sie noch nicht zu Bett, Miss Robson≪, sagte Jacqueline. ≫Bitte nicht. Ich habe Lust, die Nacht durchzumachen. Lassen Sie mich nicht allein.≪

Cornelia setzte sich wieder.

≫Wir Mädels müssen doch zusammenhalten≪, sagte Jacqueline. Sie warf den Kopf zurück und lachte — ein schrilles, sehr unfröhliches Lachen.

Der zweite Gin kam.

≫Trinken Sie auch etwas≪, sagte Jacqueline.

≫Nein, vielen Dank≪, antwortete Cornelia.

Jacqueline wippte mit dem Stuhl nach hinten und summte dazu sehr laut: ≫Er war ihr Mann und er tat ihr weh…≪

Mr. Fanthorp blätterte eine Seite weiter in ≫Europa von innen≪.

Simon Doyle nahm eine Illustrierte.

≫Ich glaube, ich gehe jetzt wirklich zu Bett≪, sagte Cornelia. ≫Es ist schon sehr spät.≪

≫Sie können jetzt nicht zu Bett≪, verfügte Jacqueline. ≫Ich verbiete es Ihnen. Erzählen Sie mir von sich.≪

≫Na ja — ich weiß nicht. Da gibt es nicht viel zu erzählen≪, stotterte Cornelia. ≫Ich habe immer zu Hause gewohnt, ich bin noch nicht weit herumgekommen. Das ist meine erste Reise nach Europa. Und ich liebe einfach jede Minute davon.≪

Jacqueline lachte. ≫Sie sind eine glückliche Natur, nicht? Gott, ich wäre gern Sie.≪

≫Oh, Sie? Aber, ich meine — bestimmt —≪

Cornelia war verwirrt. Miss de Bellefort trank mit Sicherheit zu viel. Für Cornelia war so etwas zwar nicht gerade sensationell, sie hatte eine Menge Trunkenheit während der Prohibition gesehen. Aber da war noch etwas… Jacqueline de Bellefort redete mit ihr — sah sie an — und trotzdem hatte Cornelia das Gefühl, als redete sie irgendwie zu jemand anderem…

Aber es gab doch nur noch zwei andere Leute im Salon, Mr. Fanthorp und Mr. Doyle. Mr. Fanthorp schien ganz in sein Buch vertieft. Mr. Doyle sah allerdings ziemlich merkwürdig aus — er hatte etwas argwöhnisch Beobachtendes im Gesicht.

Jacqueline sagte noch einmal: ≫Erzählen Sie mir von sich.≪

Die stets folgsame Cornelia versuchte es. Sie erzählte ziemlich umständlich und mit unnötigen winzigen Einzelheiten aus ihrem täglichen Leben. Sie war es überhaupt nicht gewohnt, selbst zu reden. Ihre Rolle war, ständig zuzuhören. Aber Miss de Bellefort schien alles Mögliche wissen zu wollen. Sie drängte sogar, wenn Cornelia anfing zu stottern und zu schweigen: ≫Nur zu — erzählen Sie weiter.≪

Und so erzählte Cornelia weiter (≫Natürlich ist Mutter sehr empfindlich — an manchen Tagen rührt sie nur Getreideflocken an…≪), in dem unangenehmen Bewusstsein, dass alles, was sie sagte, hochgradig uninteressant war, und gleichzeitig geschmeichelt, weil das andere Mädchen sich scheinbar dafür interessierte. Aber tat sie das wirklich? Hörte sie nicht eigentlich woanders hin — auf etwas anderes vielleicht? Sie sah zwar Cornelia an, schon, aber saß da nicht jemand anders im Raum? ≫Wir haben natürlich sehr guten Kunstunterricht und letzten Winter hatte ich —≪ (Wie spät war es eigentlich? Bestimmt sehr spät. Sie hatte ja geredet und geredet. Wenn doch nur irgendetwas Richtiges passierte -)

Und dann passierte etwas, auf der Stelle, als wäre es eine Reaktion auf ihren Wunsch. Nur dass es in diesem Augenblick völlig normal schien.

Jacqueline drehte den Kopf und sprach Simon Doyle an. ≫Drück die Klingel, Simon. Ich möchte noch etwas zu trinken.≪

Simon Doyle sah von der Illustrierten hoch und sagte ruhig: ≫Die Stewards sind schlafen gegangen. Es ist nach Mitternacht.≪

≫Und ich sage, ich möchte noch etwas zu trinken.≪

≫Du hast mehr als genug getrunken, Jackie.≪

Sie schwang herum. ≫Was geht dich das denn an?≪

Er zuckte die Schultern. ≫Nichts.≪

Sie starrte ihn lange an. Dann sagte sie: ≫Was ist denn los, Simon? Hast du Angst?≪

Simon gab keine Antwort, sondern nahm umständlich seine Illustrierte wieder zur Hand.

Cornelia murmelte: ≫Oh, Himmel — schon so spät — ich — muss —≪ Sie fing an herumzunesteln und ließ den Fingerhut fallen.

Jacqueline sagte: ≫Gehen Sie nicht zu Bett. Ich brauche eine zweite Frau hier — zu meiner Unterstützung.≪ Sie lachte auf. ≫Wissen Sie, wovor unser Simon hier Angst hat? Er hat Angst, dass ich Ihnen die Geschichte meines Lebens erzähle.≪

≫Ach, wirklich?≪ Cornelia war im Bann widersprüchlicher Gefühle. Das Ganze war ihr schrecklich peinlich, aber gleichzeitig spürte sie einen wohligen Schauer. Wie — wie finster Simon Doyle aussah.

≫Tja, das ist nämlich eine sehr traurige Geschichte≪, sagte Jacqueline mit sanfter, leiser und ironischer Stimme. ≫Er hat mich sehr schlecht behandelt, nicht wahr, Simon?≪

Simon Doyle sagte grob: ≫Geh ins Bett, Jackie. Du bist betrunken.≪

≫Wenn es dir peinlich ist, Simon, mein Lieber, dann solltest du lieber gehen.≪

Simon Doyle sah sie an. Die Hand mit der Illustrierten zitterte leicht, aber er sagte fest und hart: ≫Ich bleibe.≪

Cornelia murmelte zum dritten Mal: ≫Ich muss wirklich — es ist so spät —≪

≫Sie sollen nicht gehen≪, erwiderte Jacqueline und drückte sie in den Stuhl zurück. ≫Sie sollen dableiben und hören, was ich zu sagen habe.≪

≫Jackie≪, sagte Simon scharf, ≫du machst dich lächerlich! Geh um Gottes willen ins Bett.≪

Jacqueline schoss im Stuhl hoch. Die Wörter brachen nur so aus ihr heraus, schnell und zischend wie ein Strom. ≫Du hast Angst vor einer Szene, nicht wahr? Weil du so englisch bist — so zugeknöpft. Du willst, dass ich mich ‘anständig’ benehme, nicht wahr? Mir ist aber ganz egal, ob mein Benehmen anständig ist oder nicht! Du solltest lieber machen, dass du hier rauskommst — weil ich jetzt nämlich erzähle — und zwar eine Menge.≪

Jim Fanthorp klappte leise sein Buch zu, gähnte, sah auf seine Uhr, stand auf und ging. Ein sehr britischer und ausgesprochen unglaubwürdiger Auftritt.

Jacqueline fuhr herum und starrte Simon an. ≫Du verdammter Idiot≪, sagte sie mit belegter Stimme, ≫hast du geglaubt, du kannst so mit mir umspringen und damit durchkommen?≪

Simon Doyle machte den Mund auf, aber gleich wieder zu. Er saß einfach schweigend da, als ob er hoffte, ihr Ausbruch würde von selbst erlahmen, wenn er nichts sagte, was sie noch mehr hätte reizen können.

Jacquelines Stimme war belegt und nicht sehr deutlich. Die an schiere Emotion jedweder Art nicht gewöhnte Cornelia war fasziniert.

≫Ich habe dir erklärt≪, fing Jacqueline wieder an, ≫eher bringe ich dich um, als dass ich zusehe, wie du zu einer anderen Frau gehst… Glaubst du etwa, ich habe das nicht so gemeint? Dann irrst du dich. Ich habe bisher nur — gewartet! Du bist mein Mann! Hörst du? Du gehörst mir…≪

Noch immer schwieg Simon. Jacqueline nestelte eine Zeit lang auf ihrem Schoß herum. Dann beugte sie sich vor: ≫Ich habe dir gesagt, dass ich dich umbringe, und das habe ich ernst gemeint…≪ Und plötzlich schoss ihre Hand hoch und hielt etwas Blitzendes, Schimmerndes. ≫Ich werde dich erschießen wie einen Hund — wie der räudige Hund, der du bist…≪

Jetzt endlich handelte Simon. Er sprang auf, aber im selben Augenblick drückte sie ab…

Simon krümmte sich, stürzte — fiel auf einen Stuhl… Cornelia schrie auf und rannte zur Tür. Jim Fanthorp lehnte über der Reling an Deck. Sie rief ihn. ≫Mr. Fanthorp… Mr. Fanthorp…≪

Er lief zu ihr, sie klammerte sich an ihn. ≫Sie hat ihn erschossen —! Oh, sie hat ihn erschossen…≪

Simon Doyle lag da, wie er gefallen war, quer über dem Stuhl… Jacqueline stand wie gelähmt daneben. Sie zitterte heftig und starrte aus angstvoll aufgerissenen Augen auf den karmesinroten Fleck, der sich auf Simons Hosenbein ausbreitete, direkt unter dem Knie; er presste ein Taschentuch auf die Stelle.

≫Ich wollte doch nicht… Oh, mein Gott, ich wollte wirklich nicht…≪, stieß sie hervor.

Die Pistole entglitt ihrer bebenden Hand und fiel klappernd zu Boden. Sie schubste sie mit dem Fuß weg. Sie schlitterte unter eins der Sofas.

Simon stöhnte mit schwacher Stimme: ≫Fanthorp, um Himmels willen… da kommt jemand… Sagen Sie, es ist alles in Ordnung… ein Unfall… irgendwas. Es darf keinen Skandal deshalb geben.≪

Fanthorp begriff sofort und nickte. Er lief zur Tür, in der ein verstörtes nubisches Gesicht aufgetaucht war, und sagte: ≫In Ordnung — alles in Ordnung! War nur Spaß!≪

Das schwarze Gesicht sah erst skeptisch, dann verwirrt und schließlich beruhigt drein. Danach zeigte der schwarze Boy ein breites Grinsen, nickte und ging davon.

Fanthorp kam wieder zurück. ≫Geht in Ordnung. Glaub nicht, dass irgendjemand sonst etwas gehört hat. Klang ja auch bloß wie ein Korken. Als Nächstes muss man —≪ Er brach ab.

Jacqueline hatte plötzlich hysterisch zu wimmern angefangen. ≫O Gott, wäre ich doch lieber tot… Ich bringe mich um. Es wäre besser, wenn ich tot wäre… Oh, was habe ich getan… was habe ich getan?≪

Cornelia stürzte zu ihr. ≫Schschsch, Liebes, beruhigen Sie sich.≪

Simon drängte mit schweißüberströmtem, schmerzverzerrtem Gesicht: ≫Schaffen Sie sie weg. Schaffen Sie sie um Gottes willen hier raus! Bringen Sie sie in ihre Kabine, Fanthorp. Bitte, Miss Robson, holen Sie Ihre Pflegerin.≪ Er sah flehend von einer zum anderen. ≫Lassen Sie sie nicht allein. Sehen Sie zu, dass sie in Sicherheit ist und die Pflegerin auf sie aufpasst. Dann schnappen Sie sich den alten Bessner und schaffen ihn hierher. Und sorgen Sie um Gottes willen dafür, dass meine Frau nichts davon mitkriegt.≪

Jim Fanthorp nickte einverständlich. Im Notfall war der schweigsame junge Mann offenbar besonnen und kompetent. Cornelia und er schleppten gemeinsam die wimmernde, um sich schlagende Jacqueline aus dem Salon und übers Deck zu ihrer Kabine. Dort fing sie wieder an, Ärger zu machen, wollte sich losreißen, schluchzte noch lauter. ≫Ich gehe ins Wasser… Ich ertränke mich… Ich bin nicht lebenstüchtig… Oh, Simon — Simon!≪

Fanthorp sagte zu Cornelia: ≫Holen Sie lieber Miss Bowers. Ich bleibe so lange hier.≪

Cornelia nickte und lief los.

Kaum war sie draußen, klammerte Jacqueline sich an Fanthorp. ≫Sein Bein — es blutet — gebrochen… Wenn er nun verblutet. Ich muss zu ihm… Oh, Simon — Simon — wie konnte ich nur?≪ Sie wurde wieder lauter.

Fanthorp bat inständig: ≫Ruhig — ganz ruhig… Er wird schon wieder.≪

Sie schlug wieder um sich. ≫Lassen Sie mich los! Ich will über Bord springen… Lassen Sie mich sterben!≪

Fanthorp packte sie an der Schulter und drückte sie aufs Bett. ≫Sie müssen hier bleiben. Machen Sie nicht so viel Wirbel. Reißen Sie sich zusammen. Es ist alles in Ordnung, ganz bestimmt.≪

Zu seiner Erleichterung wurde das durchgedrehte Mädchen wirklich ein bisschen gefasster, trotzdem war er froh, als der Vorhang aufging und die tüchtige Miss Bowers hereinkam, in einem scheußlichen Kimono, aber adrett und mitsamt Cornelia.

≫Nun≪, fragte sie forsch, ≫was ist hier los?≪ Dann übernahm sie das Kommando ohne eine Andeutung von Erstaunen oder Beunruhigung.

Fanthorp überließ die völlig überreizte Jacqueline dankbar Miss Bowers’ geschulten Händen und lief zu der von Dr. Bessner bewohnten Kabine. Er klopfte und trat sofort danach ein. ≫Dr. Bessner?≪

Dem entrang sich zuerst ein gigantischer Schnarcher, dann eine verdutzte Stimme: ≫Wie? Was gibts?≪

Fanthorp hatte inzwischen Licht gemacht. Der Doktor blinzelte ihn an und sah aus wie ein riesiger Uhu.

≫Es geht um Doyle. Er wurde angeschossen. Miss de Bellefort hat geschossen. Er ist im Aussichtssalon. Können Sie mitkommen?≪

Der beleibte Doktor war sofort bereit. Er stellte ein paar kurze Fragen, zog Hausschuhe und Morgenmantel an, griff sein Köfferchen und folgte Fanthorp in den Salon.

Simon hatte es mittlerweile geschafft, das Fenster neben sich zu öffnen. Er lehnte mit dem Kopf an der Scheibe und sog frische Luft ein. Sein Gesicht war totenbleich.

Dr. Bessner ging zu ihm. ≫Ha! Na? Was haben wir denn hier?≪

Ein blutgetränktes Taschentuch lag am Boden und der Teppich hatte einen dunklen Fleck.

Der Doktor unterbrach seine Untersuchung hin und wieder mit teutonischen Grunzlauten und Ausrufen. ≫Tja, sieht böse aus… Der Knochen ist gesplittert. Viel Blutverlust. Herr Fänssorp, Sie und ich, wir müssen ihn in meine Kabine bringen. So — sehen Sie. Er darf nicht gehen. Wir müssen ihn tragen, so.≪

Sie hatten ihn gerade hochgehoben, als Cornelia in der Tür erschien. Der Doktor grunzte zufrieden bei ihrem Anblick. ≫Ach, Sie sinds? Fabelhaft. Kommen Sie mit. Ich brauche eine Assistentin. Sie können das bestimmt besser als mein junger Freund hier. Der ist schon ein bisschen blass um die Nase.≪

Fanthorp lächelte ziemlich matt. ≫Soll ich Miss Bowers holen?≪, fragte er.

≫Die junge Dame hier wird das tadellos machen≪, erwiderte Dr. Bessner. ≫Sie kippen doch nicht um oder drehen durch, hm?≪

≫Ich tue alles, wie Sie es wollen≪, sagte Cornelia eifrig.

Er nickte zufrieden. Die Prozession zog über das Deck. Die folgenden zehn Minuten waren chirurgisch drastisch und Mr. Fanthorp kam damit gar nicht gut zurecht. Er genierte sich auch, weil Cornelia in solchen Dingen offenbar stärker war.

≫So≪, verkündete Dr. Bessner endlich, ≫besser kriege ich das nicht hin. Sie waren heldenhaft, mein Freund.≪ Er klopfte Simon anerkennend auf die Schulter. Dann krempelte er die Ärmel hoch und zückte eine Spritze. ≫Ich gebe Ihnen jetzt etwas, damit Sie schlafen. Ihre Frau, was ist denn mit ihr?≪

≫Sie braucht das nicht zu wissen vor morgen früh≪, sagte Simon schwach. ≫Ich — Sie dürfen das nicht auf Jackie schieben. Es war alles meine Schuld. Ich habe sie schändlich behandelt. Das arme Kind — sie wusste doch gar nicht, was sie tat…≪

Dr. Bessner nickte verständnisvoll. ≫Ja, ja — das verstehe ich…≪

≫Meine Schuld≪, beharrte Simon. Sein Blick wanderte zu Cornelia. ≫Jemand — muss bei ihr bleiben. Sie könnte sich doch — etwas antun —≪

Dr. Bessner gab ihm die Spritze. Cornelia erklärte ruhig und sachkundig: ≫Ist schon in Ordnung, Mr. Doyle. Miss Bowers wird die ganze Nacht bei ihr bleiben…≪

Ein dankbarer Ausdruck huschte über Simons Gesicht. Sein ganzer Körper entspannte sich. Die Augen fielen ihm zu. Aber plötzlich riss er sie wieder auf. ≫Fanthorp?≪

≫Ja, Doyle?≪

≫Die Pistole… darf man da nicht… herumliegen lassen. Die Boys finden die sonst morgens…≪

Fanthorp nickte. ≫Völlig richtig. Ich hole sie sofort.≪ Er ging aus der Kabine und den Gang entlang. Miss Bowers erschien in Jacquelines Kabinentür.

≫Gleich geht es ihr besser≪, meldete sie. ≫Ich habe ihr Morphium gespritzt.≪

≫Aber Sie bleiben doch bei ihr?≪

≫Oh, ja. Morphin regt manche Leute auf. Ich bleibe die ganze Nacht.≪

Fanthorp lief weiter zum Salon. Ein paar Minuten später klopfte es an Dr. Bessners Kabinentür. ≫Dr. Bessner?≪

Der beleibte Doktor öffnete. ≫Ja?≪

Fanthorp bat ihn mitzukommen. ≫Sehen Sie doch mal — ich kann diese Pistole nicht finden.≪

≫Was meinen Sie?≪

≫Die Pistole. Sie ist ihr aus der Hand gefallen. Sie hat sie weggeschubst und sie ist unter ein Sofa gerutscht. Aber da liegt sie nicht mehr.≪

Sie sahen sich an.

≫Wer kann sie denn genommen haben?≪

Fanthorp zuckte die Schultern.

Bessner sagte: ≫Das ist ja seltsam. Aber ich wüsste nicht, was wir da machen könnten.≪

Verwundert und leicht beunruhigt verabschiedeten sich die beiden Männer.

13.

Hercule Poirot wischte sich eben den Schaum vom frisch rasierten Gesicht, als es kurz an seiner Tür klopfte und gleich danach Colonel Race eintrat, ohne sich mit Förmlichkeiten aufzuhalten.

≫Ihr Instinkt war ganz richtig≪, sagte er knapp. ≫Es ist passiert.≪

Poirot richtete sich auf und fragte harsch: ≫Was ist passiert?≪

≫Linnet Doyle ist tot — Kopfschuss, gestern Nacht.≪

Poirot schwieg eine Weile und sah zwei Szenen lebhaft vor sich — ein Mädchen in einem Garten in Assuan, atemlos und mit harter Stimme erklärend: ≫Ich möchte ihr meine liebe kleine Pistole ganz dicht an den Kopf halten und abdrücken≪, und dieselbe Stimme, die etwas später gesagt hatte: ≫Man hat das Gefühl, man kann nicht mehr weiter — das ist so ein Tag, an dem etwas zerbricht≪, dazu dieses kurze, flehende Blitzen in ihren Augen. Was war mit ihm los gewesen, dass er auf dieses Flehen nicht reagiert hatte? Er war blind, taub und verblödet vor lauter Schlafbedürfnis gewesen.

Race berichtete weiter: ≫Da ich ohnehin in dienstlichem Auftrag hier bin, haben sie mich hinzugezogen und mir die Sache übertragen. Das Schiff soll in einer halben Stunde ablegen, aber es fährt erst, wenn ich den Befehl gebe. Es ist natürlich möglich, dass der Mörder vom Land gekommen ist.≪

Poirot schüttelte den Kopf.

Race pflichtete ihm bei. ≫Sehe ich auch so. Das kann man getrost ausschließen. Tja, Mann, dann sind Sie dran. Das ist Ihre Sache.≪

Wieselflink hatte Poirot sich in seine Garderobe geworfen. ≫Ich stehe zu Ihrer Verfügung≪, sagte er nur.

Beide Männer traten hinaus aufs Deck.

≫Bessner müsste schon da sein≪, sagte Race, ≫ich habe den Steward nach ihm geschickt.≪

Das Schiff hatte vier Luxuskabinen mit Bädern. Die zwei auf der Backbordseite wurden von Dr. Bessner und Andrew Pennington bewohnt, die auf der Steuerbordseite von Miss Van Schuyler und von Linnet Doyle. Gleich daneben lag die Ankleidekabine ihres Mannes.

Vor Linnet Doyles Kabine stand ein Steward mit weißem Gesicht. Er hielt ihnen die Tür auf und sie gingen hinein. Dr. Bessner stand über das Bett gebeugt. Als die beiden eintraten, sah er hoch und grunzte etwas.

≫Was können Sie uns über die Angelegenheit sagen, Doktor?≪, fragte Race.

Bessner kratzte sich nachdenklich das unrasierte Kinn. ≫Ach! Sie ist erschossen worden — aus unmittelbarer Nähe. Sehen Sie mal — hier über dem Ohr — da ging die Kugel hinein. Eine sehr kleine Kugel — ich würde sagen Kaliber zweiundzwanzig. Der Schuss war aufgesetzt, sehen Sie hier, da ist es schwarz, die Haut ist versengt.≪

Wieder schwappte eine Erinnerungswelle hoch, die Poirot mit Unbehagen erfüllte, als er an die Worte in Assuan dachte.

Bessner fuhr fort: ≫Sie hat geschlafen; einen Kampf hat es nicht gegeben; der Mörder hat sich im Dunkeln angeschlichen und sie erschossen, so, wie sie dalag.≪

≫Ah! Non!≪, rief Poirot aus. Das alles beleidigte seinen Sinn für Psychologie. Jacqueline de Bellefort, mit einer Pistole in der Hand im Dunkeln in eine Kabine schleichend — nein, es ≫stimmte≪ nicht, dieses Bild.

Bessner starrte ihn durch seine dicken Brillengläser an. ≫Aber so ist es passiert, ich sage es Ihnen.≪

≫Ja, ja. Ich meinte auch nicht Ihre Beschreibung. Ich wollte Ihnen gar nicht widersprechen.≪

Bessner grunzte befriedigt.

Poirot kam näher und stellte sich neben ihn. Linnet Doyle lag auf der Seite. Ihre Haltung war natürlich und friedvoll. Aber oberhalb des Ohrs war ein winziges Loch mit einer Kruste aus getrocknetem Blut drum herum.

Poirot schüttelte traurig den Kopf.

Dann fiel sein Blick auf die weiße Wand genau vor ihm und er holte tief Luft. Das saubere Weiß war beschmiert mit einem großen, krakeligen J in irgendeiner bräunlich roten Farbe. Poirot starrte es an, dann beugte er sich über die Tote und hob sehr behutsam ihre rechte Hand hoch. Deren einer Finger hatte bräunlich rote Flecken. ≫Nom d’un nom d’un nom!≪, stieß er hervor.

≫Wie? Was ist?≪ Dr. Bessner sah hoch. ≫Ach! Das.≪

Race sagte: ≫Ich will verdammt sein. Was sagt Ihnen das, Poirot?≪

Poirot wippte kurz auf den Zehenspitzen. ≫Sie fragen, was mir das sagt? Eh bien, das ist doch ganz einfach, nicht? Madame Doyle liegt im Sterben; sie will aber mitteilen, wer ihr Mörder war, also schreibt sie mit einem Finger, den sie in ihr eigenes Blut getaucht hat, den Anfangsbuchstaben des Namens. O ja, das ist erstaunlich einfach.≪

≫Ach, aber — ≪

Dr. Bessner wollte lospoltern, aber eine gebieterische Geste von Race brachte ihn zum Schweigen. ≫Und das beeindruckt Sie so?≪, fragte Race langsam.

Poirot drehte sich zu ihm und nickte. ≫Ja, ja. Es ist, wie ich sagte, von erstaunlicher Einfachheit! Es ist einem so vertraut, nicht wahr? Es ist so oft passiert auf den Seiten von Kriminalromanzen! Es ist inzwischen tatsächlich ein bisschen vieux jeu! Es legt den Verdacht nahe, unser Mörder ist — altmodisch!≪

≫Ich verstehe…≪, sagte Race und pfiff durch die Zähne. ≫Zuerst dachte ich —≪

≫Dass ich auf jedes melodramatische Klischee hereinfalle?≪, unterbrach ihn Poirot mit einem flüchtigen Lächeln. ≫Aber entschuldigen Sie, Dr. Bessner, was wollten Sie gerade sagen?≪

≫Dass Ihre Theorie absurd ist! Völlig unsinnig! Die arme Frau starb sofort. Sie konnte nicht mehr ihren Finger in ihr Blut tauchen und einen Buchstaben an die Wand malen, Sie sehen selbst, dass sie kaum geblutet hat. Das Ganze ist Unsinn.≪

≫C’est de l’enfantillage≪, bestätigte Poirot.

≫Aber dahinter steckte doch eine Absicht≪, fand Race.

≫Das — natürlich≪, stimmte Poirot zu und bekam ein ernstes Gesicht.

≫Wofür steht denn das J?≪, fragte Race.

Poirots Antwort kam sofort: ≫J steht für Jacqueline de Bellefort, eine junge Dame, die mir vor nicht einmal einer Woche erklärt hat, sie täte nichts lieber als…≪ Er setzte eine Pause und zitierte dann sorgfältig:≫… ’meine liebe kleine Pistole ganz dicht an ihren Kopf halten und dann einfach mit meinem Finger —≪‘

≫Gott im Himmel!≪, rief Dr. Bessner aus.

Einen Augenblick lang herrschte Schweigen. Dann holte Race einmal tief Luft und fragte: ≫Und genau das ist hier getan worden?≪

Bessner nickte. ≫So ist es, ja. Es war eine sehr kleinkalibrige Pistole — wie ich schon sagte, wahrscheinlich eine Zweiundzwanziger. Die Kugel muss natürlich herausoperiert werden, bevor wir das endgültig sagen können.≪

Race nickte verständnisvoll. Dann fragte er: ≫Was ist mit dem Todeszeitpunkt?≪

Bessner strich sich wieder über das Kinn. Seine Finger machten ein schabendes Geräusch. ≫Ich will mich nicht zu genau festlegen. Es ist jetzt acht Uhr. Ich will mal sagen, in Anbetracht der Temperaturen in der letzten Nacht, sie ist sicher schon sechs Stunden tot und wahrscheinlich nicht länger als acht.≪

≫Das heißt, zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens.≪

≫So ist es.≪

Wieder gab es eine Schweigepause. Race sah sich um. ≫Was ist mit ihrem Mann? Ich nehme an, er schläft in der Kabine nebenan.≪

≫Im Augenblick≪, sagte Dr. Bessner, ≫schläft er in meiner Kabine.≪

Beide Männer sahen ihn überrascht an.

Bessner nickte mehrmals hintereinander. ≫Ach so. Ich sehe, Sie haben noch nicht erfahren, dass Mr. Doyle gestern Abend im Salon angeschossen wurde.≪

≫Angeschossen? Von wem?≪

≫Von der jungen Dame, Jacqueline de Bellefort.≪

Race fragte erregt: ≫Ist er schwer verwundet?≪